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Zusammenfassung Psychosoziale Medizin Kapitel 4

Aus dem Buch von Buddeberg


Fehler sind in dieser Zusammenfassung nicht ausgeschlossen. Korrekturen etc. werden
gerne über Eric.Kuhn@access.unizh.ch entgegen genommen.

Medizin als wissenschaftliche Disziplin basiert auf Erkenntnissen der


Naturwissenschaften als auch der Sozial- und Geisteswissenschaften. Vielfältigkeit der
Methoden, zur Generierung von Wissen in Medizin.

Was ist eine Wissenschaft?

Wieso ist Physik eine Wissenschaft und die Astrologie nicht? Welche Merkmale sind
entscheidend? Wissenschaft ist ein Versuch, die Welt um uns rational und systematisch
zu verstehen, zu erklären und Vorhersagen zu treffen. Religionen versuchen Welt in ihren
Erscheinungsweisen auch zu verstehen und zu erklären  Sind aber KEINE
Wissenschaften, da ihre Grundwahrheiten auf Glauben beruhen, nicht auf Beweisen.
Astrologie beruht auf unbewiesenen Voraussetzungen  Keine Wissenschaft! Ökonomie
zählt zu Wissenschaft, auch wenn Börsenkurse nicht voraussehbar sind, weil im
Nachhinein ein analysieren möglich ist.

Wichtiges Charakteristikum sind die Methoden um Probleme zu lösen.


Forschungsmethoden sind systematisch, überprüfbar und haben Beweischarakter.
Beispielsweise Experimente in Physik, Chemie usw. Geologe kann keine Platten
verschieben  Muss sich mit Messungen zufrieden geben. Wissenschaftliche Methoden
dienen der systematischen Beobachtung und Messung von Phänomenen und Vorgängen,
die in der Welt vorhanden sind, sich spontan ereignen oder gezielt, z.B. durch
Experimente, ausgelöst werden.

Konstruktion von Theorien und kritische Überprüfung des Wahrheitsgehaltes von


Theorien als Charakteristikum. Gesetze in Physik z.B. als Theorien. In Sozial- und
Geisteswissenschaften  nicht möglich Theorien auf Basis genereller Gesetzte zu
formulieren. Philosophie beschäftigt sich mit fundamentalen Aspekten der Welt.
Wissenschaftsphilosophie: Beschäftigt sich mit zentraler Frage ob Dinge wirklich
existieren oder nur Konstrukte unserer Gedankenwelt sind. Fragen zur Realität der Welt:
Ontologie
Ontologie zugeordnet, Fragen der Erkenntnis der Epistemologie.
Epistemologie

Frage, was in Medizin als gültiges Wissen anerkannt wird, ist von fundamentaler
Wichtigkeit. Wissenschaft ist der Erwerb, die Verarbeitung und die Weitergabe von
Erkenntnissen in methodischer und und kritischer Weise. Zu verantwortlicher Wissenschaft
gehört die ethische Reflexion der Mittel und der Folgen von Wissenschaft für Mensch und
Umwelt. Sie basiert auf Methoden, die systematisch und überprüfbar sind und entwickelt
Theorien und überprüft kritisch
kritisch den Wahrheitsgehalt. Theorien können lange gültig sein
oder sich entsprechend dem soziokulturellen Wandel von Zeit zu Zeit ändern.

Methoden der Generierung von Wissen

Empirismus und Rationalismus sind zwei philosophische Positionen, welche die


erkenntnistheoretischen
erkenn tnistheoretischen Diskussionen der letzten Jahrhunderte bestimmt haben.
Nach John Locke (Begründer des Empirismus) kann der primäre Zustand des
menschlichen Geistes mit einem leeren, unbeschriebenen Blatt Papier verglichen
werden. Wissen entsteht nach Locke
Locke nur aus Beobachtungen, Experimenten und
Erfahrung. Zunehmender Erfahrung  Mehr Wissen über Welt. Immanuel kant
entwickelte neue Vorstellung. Führ Kant und später Friedrich Hegel wird Wissen nur
durch eine Interaktion zwischen Verstand (Geist oder Vernunft) und Beobachtungen
(Erfahrungen) möglich. Dies ist der Rationalismus: Nicht die Erfahrung allein, sondern
Interaktionen zwischen Verstand und Erfahrung generieren Wissen.

Fragen, welche die Richtigkeit von Aussagen und die Gültigkeit von Hypothesen
tangieren, sind von zentraler Bedeutung für die Medizin. Gibt es auch psychische
Ursachen von Krankheiten? Nur subjektive Feststellungen?

Für „reinen“ Empiriker ist die sogenannte Verifizierbarkeit einer Vermutung oder einer
Hypothese durch Beobachtungen und Experimente ein zentrales Kriterium für die
Entscheidung. Nur verifizierte Fakten werden als richtig akzeptiert und in den
„medizinischen Wissenskanon“ aufgenommen. Probleme ergeben sich dadurch wie folgt:

Induktive Konklusion: Die Gültigkeit einer solchen


solchen induktiven Konklusion kann durch
Beobachtungen und Experimente aber nie mit Sicherheit bewiesen werden, da es
möglich ist, dass der nächste genau nicht auf diese Theorie passt. Unvorhersehbare
Ereignisse, wie sie in der Natur und auch im Leben eines Menschen immer wieder
eintreten, können Gültigkeit von Wissen relativieren und in Frage stellen.

Verifizierung und Falsifizierung von Theorien

Karl Popper kritisierte am reinen Empirismus diese Beweisführung durch induktive


Schlussfolgerungen: Aus einer begrenzten Anzahl von Beobachtungen lasse sich keine
generell gültige Schlussfolgerung ziehen.
ziehen Hypothesen und Theorien können mittels
Induktion nie schlüssig bewiesen werden. Popper dreht es um und stellt die Falsifizierung
in den Mittelpunkt. Hypothese ist so lange wahr, als sie nicht durch eine Beobachtung
oder ein Experiment falsifiziert ist.

Der erste Schritt in einem wissenschaftlichen Prozess ist nach Popper nicht die
Beobachtung, sondern die Generierung von Hypothesen, die durch Beobachtungen und
Experimente kritisch getestet werden. Nach Popper gibt es keine „reine Beobachtung“.
Beobachtungen und Fakten werden durch vorbestehendes Wissen und Theorien geformt
und nicht von der externen Welt auf ein „weissen Blatt“ im Gehirn geschrieben. Fakten
über externe Welt über Augen wahrnehmen. Diese visuelle Info wird im Gehirn mit
vorbestehendem, im Gedächtnis gespeichertem Wissen gekoppelt. Folgerungen sind 
Produkt aus neuer und bereits vorhandener Info.

Jede Beobachtung ist durch vorbestehende Theorien beeinflusst.


beeinflusst. In der Forschung steht
jede Hypothese in Relation zu einer vorbestehenden Theorie.

Wissenschaftliche Disziplinen und ihre Methoden

Die wichtigsten wissenschaftlichen Methoden, die in der Medizin zur Anwendung


gelangen:
 Beobachten und Messen
Exakten Naturwissenschaften und technischen Wissenschaften für neues Wissen.
Geräte oft sehr komplex. In Grundlagenfächern wie Anatomie und Physiologie
und Immunologie und Genetik häufig gebrauchte Verfahren.

 Experimentelle Methode
Physik und Chemie sowie in der Biologie. Untersuchen unter experimentellen
Bedingungen. Beobachtungen und Messungen werden erhoben.
Die experimentelle
experimentelle Methode findet heute in der medizinischen
Grundlagenforschung und der klinischen
klinischen Forschung eine breite Anwendung.

 Empirische Methode
Sozialwissenschaften, wie Psychologie und Soziologie verbreitet. Sowohl
beobachtbare Merkmale als auch sozialer Status oder Verhalten unter
bestimmten Fragestellungen untersucht. Mittels Befragung durch Interviews
oder Fragebogen kommt man an nicht beobachtbare Merkmale. Mit
statistischen Methoden geschieht die Auswertung.

 Hermeneutische Methode
Geisteswissenschaften wie Geschichts- und Literaturwissenschaft eine
anerkannte Methode. In der Medizin findet diese Methode vor allem
allem in der
medizinischen Ethik und der Medizingeschichte Anwendung.

Theoriebildung in der Medizin

Theorien: Systeme von Ideen und allgemein als gültig akzeptierte Annahmen
respektive Gesetzmässigkeiten für die Erklärung bestimmter Tatsachen oder
Erscheinungen.

Medizinische Theoriebildung im Wandel der Zeit

Hippokrates Theorie des Menschen, Vier-Säfte-Theorie: Mischverhältnis von Blut,


Phlegma, gelber und schwarzer Galle bestimmt die physischen und psychischen
Eigenschaften eines Menschen. Mensch gesund, wenn Säfte ausgewogen. Krankheiten
durch Verschiebungen im Säftegleichgewicht. Ursprünge der naturwissenschaftlichen
Medizin auf Beginn des 19. Jahrhunderts zurückverfolgbar. Aus Beobachtungen von
verstorbenen Patienten in Bezug zu Beobachtungen vor dem Tod setzen  Anatomische
Theorie. Spätere Generation schuf eine physiologische Theorie und definierte
Krankheiten als Folge gestörter Organfunktionen, zum Beispiel die Oberbauchschmerzen
als Folge einer Überproduktion von Magensäure. Theorien sind keine keine ewig gültigen
Gesetze, sondern sich im Lauf der Zeit ändernde Dinge. Neue Resultate und Experimente
verändern Theorien massgeblich und können sie falsifizieren. Umgekehrt schafft die
Theorie erst die Voraussetzung für eine erfolgreiche Forschung.

Prüfung
Prüfung von Behandlungsmassnahmen

Im 19. Jahrhundert entstanden die anatomische, die physiologische und die


mikrobiologische Krankheitstheorie. Erkenntnisse hatten aber keine oder nur minimale
Auswirkungen auf die Behandlung von Patienten. Diese immer noch mit Vier-Säfte-
Theorie behandelt. Pierre-
Pierre-Charles Alexander Louis, gilt als erster Arzt, der eine Therapie
einer kritischen Prüfung unterzog. Gleichen Zeit formulierte Jules Gavarett die Probleme
der damaligen Medizin aus seiner Sicht. Er schrieb dabei, dass Ärzte ihre therapeutischen
Entscheidungen nicht auf spekulativen Theorien und logischen Deduktionen basieren
sollten, sondern Untersuchungen an einer grossen Anzahl Patienten durchführen
müssten und genau zählen, wie viele Patienten sterben. Vor Jahrzenten noch wurden
Patienten nach einem Herzinfarkt mit einem Medikament behandelt, dessen Wirksamkeit
vor der Anwendung nie an Patienten kritisch überprüft worden war. Mehrere tausend
Patienten sind als Folge der Verabreichung dieses Medikamentes gestorben.

Sie erklären viel, ja sie erklären alles und gehen schnell von der Hypothese in der Praxis,
Praxis
schrieb Charles (1816-1883) über seine Medizinkollegen. Hypothesen werden einfach
ohne kritisch überprüft zu werden eingesetzt!! Im 19. und 20. Jahrhundert wurden die
normale Funktion des menschlichen Körpers und die Ursachen und Behandlungen von
Erkrankungen sehr erfolgreich erforscht. Resultat dieser Forschungen ist in erster Linie
ein biologisches Menschenmodell.

Biologischer Reduktionsprozess

Wenn Verständnis vom Menschen und seinen Krankheiten auf biologische Modell
beschränkt bleibt  mechanistisches Modell/biologischer Reduktionismus.
Reduktionismus in diesem Kontext kein Werturteil. Biologisches Verständnis erklärt den
Menschen und damit die Medizin, aber nicht in ihrer Gesamtheit. Menschen sind nicht
nur biologische Entitäten, es sind auch keine biologischen Organismen, die entweder
normal funktionieren oder defekt – und damit krank sind. Ärzte behandeln verängstigte,
leidende, kranke Menschen und nicht Krankheiten
Krankheiten an sich.
Diese nicht biologisch beschreibenden Phänomene rational anzugehen, ist eine grosse
Herausforderung. Mehrheit der Bevölkerung wünscht eine Medizin, die nicht rein
biologisch und organbezogen orientiert ist, sondern den Menschen als Ganzes sieht und
dementsprechend behandelt.

Biopsychosoziales Modell

Mensch ist biologischer Organismus und auch soziales Individuum. Das Konzept muss
um die sozialen und psychischen Dimensionen erweitert werden. Als Beispiel sei die
Tuberkulose genannt, deren Auftreten abhängig vom Vorhandensein von
Tuberkelbakterien, aber ebenso von den Lebensbedingungen der Bevölkerung und dem
Gesundheitszustand des infizierten Individuums ist. Bakterien verbreiten sich leichter,
wenn Menschen in schlechten hygienischen Verhältnissen leben.
Nachweis des Einflusses sozialer Faktoren auf die Entstehung von Krankheiten ist schön
lange nicht mehr auf die Infektionskrankheiten beschränkt. Herzinfarkten auch durch
soziale Faktoren beeinflusst. Persönlichkeitsmerkmale werden mit Entstehung eines
Herzinfarktes in Verbindung gesetzt.

Empirische Forschung – quantitativer Ansatz

Die Forschungsmethode vor allem in Sozialwissenschaften, zunehmend aber auch in der


Medizin Anwendung. Unterschiedliche Variablen (sozialer Status, Zufriedenheit,
Stresssituation) werden erfasst. Langjährige Beobachtungen. Auftreten von Krankheiten
wird registriert. Mit statistischen Verfahren wird geprüft, ob ein Zusammenhang
vorhanden ist. Puristischer Empiriker wird behaupten, dass diese Resultate zwar
interessant sind, aber ein Beweis durch statistische Verfahren allein nicht zu erbringen
sei, sondern allein durch Experimente. Im Gegensatz zu den biologischen
Grundlagenfächern, können in den sozialwissenschaftlich orientieren Disziplinen der
Medizin Experimente nur selten durchgeführt werden. Mit Statistik können signifikante
Korrelationen geklärt werden.

Empirische Forschung – qualitativer Ansatz

Unberücksichtigt bei quantitativem Ansatz bleibt, dass die beobachteten Korrelationen


und Gesetzmässigkeiten die Folgen von Einstellungen, Gefühlen, Entscheidungen und
Handlungen einzelner Individuen sind. Soziale und individuelle Phänomene können nicht
erklärt werden. Soziale Phänomene können nur mit hermeneutischen Methoden
verstanden und interpretiert werden. Hermeneutik
Hermeneutik ist eine wissenschaftliche Methode für
die Interpretation des Einmaligen und Individuellen. Ursprung der Hermeneutik aus
Versuch Bibeltexte genau so zu verstehen, wie ihn der Autor intendiert hat. Interpret
blendet dabei seine eigene Meinung und Vorwissen aus. Dieses Ausblenden ist aber
nicht möglich (Heutige Sicht). Eine Interpretation kann nur im Sinne eines Dialogs
zwischen dem Interpreten und dem Autor verstanden werden.

Medizin als wissenschaftliche Disziplin

Die Medizin kann weder als reine Naturwissenschaft noch als reine Geistes-
Geistes- oder
Humanwissenschaft klassifiziert werden. Medizin als Wissenschaft ist nicht
gleichzusetzen mit der Medizin als praktizierter Heilkunde.