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Zusammenfassung Psychosoziale Medizin (3. Auflage)

Anmerkung: Diese Zusammenfassung kann und soll die Lektüre des Buches nicht ersetzen. Sie ist zur Wiederholung und Auffrischung gedacht. Die kapitelspezifische Quantität des in dieser Zusammenfassung vorhandenen Textes entspricht meiner persönlichen Gewichtung und mag sich von derjenigen anderer Leser oder von derjenigen von Herrn Buddeberg deutlich unterscheiden.

Der Autor: Marc Hinterberger

Juni 2004

1 Bedeutung und Aufgaben der psychosozialen Medizin

1.1 Was ist Psychosoziale Medizin?

sozialwissenschaftliche Aspekte der Medizin praxisnah angewandt. medizinische Psychologie, medizinische Soziologie

1.2 Wandel der Medizin => neue Anforderungsbereiche für ärztliche Tätigkeit: ethische, soziale, kommunikative und wirtschaftliche Kompetenzen.

Gründe:

- chronische, lebensbegleitende Krankheiten lösen akute, lebensbedrohliche ab.

- Zuwachs des medizinischen Wissens

- Veränderung der Bevölkerungspyramide (längere Lebenserwartung bei weniger Geburten)

- Zunahme der Informiertheit der Patienten

1.3 Ziele der Medizin

Psychologische und soziale Aspekte von Gesundheit und Krankheit kommen nach wie vor zu kurz. Soll-Vorstellung der Medizin: Gesundheitsorientierte, ganzheitliche Betrachtung der Bedürfnisse des Individuums mit Toleranz gegenüber Empirie, Komplementärmedizin.

1.4 Gesundheits- und Krankheitsrelevante Faktoren

Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Umwelt: Familiäres, soziales und berufliches Umfeld; Lebensstil, Verhalten; kulturelle und ökologische Werte; Gesundheits- und medizinische Versorgung; Erbanlagen und Biologie.

1.5 Stellung der Psychosozialen Medizin im medizinischen Ausbildungscurriculum

Konsiliararzt > Mitbehandlung von Patienten mit komplexen Krankheitsbildern. Beratung und Supervision von Abteilungsteams.

1.6 Konzeption der medizinischen Ausbildung

2 Medizinstudierende und Medizinstudium

2.1 Wer studiert Medizin?

Persönlichkeitsmerkmale von Medizinstudierenden: hohe Anforderungen an sich selbst,

höheres Selbstwert- und Kohärenzgefühl (Vertrauen in die eigen Fähigkeit Handlungsorientierung, hohe emotionale Orientierung

), hohe

2.2 Belastungen und Ressourcen im Studium

2.3 Studienerfolg

2.4 Studienreform

Eckpfeiler der Studienreform: solide Grundlagen in naturwissenschaftlichen und humanwissenschaftlichen Fächern, Förderung der Selbständigkeit und Selbstverantwortung, verschiedene Formen von Lehrveranstaltungen, Förderung der praktischen Ausbildung, Reduktion obligatorischer Unterrichtsstunden, Kern- und Mantelstudium, kontinuierliche Leistungsevaluation.

3 Die Ärztin, der Arzt

3.1 Arztberuf im Wandel der Zeit

3.2 Berufsbild – Spezialisierung – Interdisiplinarität

3.2.1 Ausbildung, Weiterbildung, Fortbildung

3.3 Geschlechtstypische Rollenbilder und Karrieremuster

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3.4 Karriereberatung und –förderung

3.5 Mentoring und berufliche Netzwerke

3.6 Stressoren und Gesundheitsrisiken von Ärztinnen und Ärzten

3.6.1 Stressoren ärztlicher Tätigkeit: Verantwortung für Patienten, Zeitfaktor, Fachliche

Kompetenz, emotionale Belastung, Administration und Management, Wirtschaftlichkeit, Rollenkonflikte.

3.6.2 Gesundheitsrisiken: Depression, Angsterkrankungen, Sucht, Beziehungsprobleme,

Burn-out-Syndrom

4 Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Medizin

4.1 Allgemeine wissenschaftstheoretische Grundlagen

4.1.1 Wissenschaft Versuch die Welt um uns rational und systematisch zu verstehen, zu

erklären und Vorhersagen zu machen.

wichtige Charakteristika:

- Methoden um Fragen zu beantworten und Probleme zu lösen

systematisch, überprüfbar, beweischarakter

- Konstruktion von Theorien und die kritische Überprüfung dieser Theorien nach Wahrheitsgehalt.

4.1.2 Methoden der Generierung von Wissen

- Wissen in der Medizin -> Rationalismus oder Empirie?

- Empirie: Vermutung muss verifizierbar sein.

- Erkenntnistheoretische Positionen: Emp.: Wissen entsteht aus Beobachtungen,

Experimenten und Erfahrung. Beweisführungen erfolgen nach der Methode der induktiven Konklusion. Theorien können jedoch mittels induktiver Konklusion nie schlüssig bewiesen werden. Rat.: Wissen entsteht aus einer Interaktion zwischen Erfahrung und Verstand. Beobachtungen werden durch vorbestehendes Wissen und Theorien des Beobachters beeinflusst. Theorien haben nur so lange Gültigkeit, als sie nicht durch Beobachtungen oder Experimente falsifiziert werden.

4.1.4 Wissenschaftliche Disziplinen und ihre Methoden

Beobachten und Messen, experimentelle Methode, empirische Methode, hermeneutische Methode

4.2 Theoriebildung in der Medizin

Theorie System von Ideen. Allgemein als gültig respektierte Annahmen resp. Gesetzmässigkeiten für die Erklärung bestimmter Tatsachen.

4.2.3 biologischer Reduktionismus

4.3 Quantitative und qualitative Forschung in der Medizin

5 Psychische Grundfunktionen

5.1 Biologische Grundlagen psychischer Funktionen

5.1.2 Bei allen psychischen Störungen spielen neben den Neurotransmittern auch nicht-

neuronale Faktoren ein wichtige Rolle.

5.1.3 Methoden zur Untersuchung zerebraler Funktionszustände: EEG, ECoG, MEG, PET,

fMRI, stereotaktische Geräte (Nadelsonden), TMS

5.2 Psychische Grundfunktionen im Einzelnen

5.2.1 Psychische Grundfunktionen: Bewusstsein, Wahrnehmung, Denken,

Lernen/Gedächtnis, Emotionen, Intelligenz?

Selbsterleben eines Menschen, Fähigkeit, mit anderen Menschen und der Umwelt in Beziehung zu treten

5.2.2 Bewusstsein > es gibt nur heterogene Bewusstseinsprozesse und –formen, „ deren

gemeinsames physiologisches Merkmal der weiträumige Erregungsanstieg und psychologisch der Übergang von nicht bewusster, ‚automatischer’ zu aufmerksamer, ‚kontrollierter’‚ Informationsverarbeitung darstellt.“

-

Bewusstsein stellt sich nur ein bei:

Lernen

neuer Fähigkeiten und Fertigkeiten,

Aufnehmen

neuer Informationen,

Abgabe

von Beurteilungen,

Nicht-Eintreffen

erwarteter Reize und Ereignisse.

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- klinisch Relevante Bewusstseinszustände und –formen: bewusst – bewusstlos (Vigilanz), bewusst – vorbewusst – unbewusst (Aufmerksamkeit, Reflexionsgrad), ICH-Bewusstsein

- Vigilanz: wach aktiv, wach Augen offen, REM, Tiefschlaf

- Bewusstseinsstörungen: Somnolenz, Sopor, Koma

- ICH-Bewusstsein: Subjekt-Objekt-Spaltung, Kulturabhängigkeit

5.2.3 Wahrnehmung

- Schritte im Wahrnehmungsprozess: 1. Sinneseindruck (z.B. Geschmack süss), 2.

Sinnesempfindung (Summe von Sinneseindrücken), 3. Wahrnehmung (Deutung, Bezug auf Gelerntes/ Erfahrenes)

- Grunddimensionen jeder Empfindung: Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Qualität, Quantität

5.3.4 Denken interpretierende, ordnungsstiftende und lösungssuchende Verarbeitung von

Informationen Vorstellung, Konzeptbildung, Problem lösen

5.2.5 Lernen und Gedächtnis

- klassische Konditionierung: neutraler Stimulus + unkonditionierter Stimulus -> zu

konditionierende Reaktion; auch zweiter oder dritter Ordnung, Generalisation, Extinktion

- operante/instrumentelle Konditionierung: zu lernende Aktion -> belohnender oder

bestrafender Reiz

- kognitiver Prozess: --> Modellernen: praktische Fertigkeiten; --> Imitationslernen:

Nachahmen von Vorbildern

5.2.6 Emotionen Reaktionsmuster auf positiv verstärkende oder aversive körperexterne/-

interne Reize, die drei Komponenten umfassen: physiologische Erregung, subjektives

Gefühl, motorischer Ausdruck

Gefühl subjektive Erfahrung emotionaler Erregung Affekt Valenzaspekt von Gefühlen Stimmungen länger anhaltende Reaktionstendenzen

- es gibt angeborene motorische Ausdrucksreaktionen

- Primäremotionen: Freude, Trauer, Furcht, Wut, Überraschung, Ekel

5.2.7 Intelligenz Fähigkeiten

Anforderungen,

zur

Anpassung an neue Situationen und sich ändernde

zur

optimalen Nutzung von Erfahrung oder Übung,

zum

Lernen oder

zum

abstrakten Denken und Gebrauch von Symbolen und Begriffen

5.3 Kognition, Emotion und Verhalten in der ärztlichen Praxis

6 Grundlagen des Sozialverhaltens Erkrankungen eines Patienten haben immer Einfluss auf seine sozialen Beziehungen.

6.1 Biologische und evolutionäre Grundlagen

Gesamtfitness wurde bedeutender als Individualfitness 6.1.1 Altruismus (evolutionsbiologisch) Fitness eines anderen Individuums vergrössern, unter Inkaufnahme einer Verringerung der eigenen Fitness

- reziproker/wechselseitiger Altruismus

6.2 Soziale Kognition Vorgang, wie Menschen soziale Informationen auswählen, interpretieren, erinnern und verwenden, um Urteile zu fällen und Entscheidungen zu treffen

- Top-down-Verarbeitung und Bottom-up-Verarbeitung -> siehe S. 75

6.2.1 Wissensstrukturen

- Kategorisierung Gruppierung von Objekten, die ein oder mehrere Merkmale gemeinsam haben. Schemata, Prototyp, Skript

- Informationsreduktion durch Kategorisierung, Gefahr von voreiligen Schlüssen

6.2.2 Stereotyp stark vereinfachte Vorstellung über eine Personenkategorie oder ein

anderes soziales Objekt (‚Clichés’)

- Stereotypen von Krankheitsbildern, Geschlechterstereotypen

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6.2.3 Einstellung relativ stabile Bereitschaft ein soziales Objekt auf eine bestimmte Art

und Weise wahrzunehmen und darauf zu reagieren kognitive Komponente (‚Meinung’), affektive Komponente, Verhaltenskomponente

- Einstellung bestimmt nicht als einzige das Verhalten

- vier Funktionen von Einstellungen: 1. Wissensfunktion, 2. instrumentelle Funktion, 3. Funktion der sozialen Identität, 4. Funktion der Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertes

6.2.4 Kognitive Dissonanz Einstellungskonträres Verhalten

6.2.5 Vorurteile stereotype, meist entwertende Einstellung die sehr starr ist und selbst bei

widersprechenden Erfahrungen kaum korrigiert wird

können das Resultat verschiedener psychologischer Abwehrmechanismen sein verwechsle nicht mit Kategorisierung, Stereotypisierung

6.2.7 Attributionsforschung Ursachen-/Kausalerklärungen von Ereignissen

internale und externale Ursachenzuschreibungen, stabil vs. variabel

6.3 Rollentheorie

6.3.1 Rollenerwartungen und rollenkonformes Verhalten

soziale Normen für soziale Positionen

6.3.2

Rollenstress und Rollenkonflikte : Intra- und Extra-Rollenkonflikte

6.3.5

Die Bedeutung der Rollentheorie für die ärztliche Praxis

Rollenprobleme (Rollenüber-/-unterlastung, Rollenkonflikte, Rollenwechsel) –?–> Krankheit/Leiden, Krankheit –?–> Rollenprobleme

6.4 Kommunikation

6.4.1 Kommunikation Austausch von Wissen, Erfahrungen, Gedanken, Meinungen und

Gefühlen zwischen zwei Menschen

direkt (personal): Reaktion des Empfängers wird live miterlebt; indirekt (medial)

- Interaktion wechselseitiger Ablauf von Mitteilungen zwischen zwei oder mehreren Personen

- Metakommunikation Kommunikation über Kommunikation

6.4.2 Grundeigenschaften menschlicher Kommunikation

fünf metakommunikative Axiome:

1. Man kann nicht nicht kommunizieren (sofern die Gegenwart einer anderen Person

wahrgenommen wird)

2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart dass

letzterer den ersten bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.

3. Die Natur einer Beziehung ist durch die Art und Weise der Kommunikationsabläufe

seitens der Partner bedingt: Ich-Du-Definitionen Bestätigung, Verwerfung, Entwertung „Du existierst nicht“

4. Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten

5. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder

komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Ungleichheit beruht.

6.4.3 Kriterien zur Beurteilung von Kommunikationsabläufen:

- Inhalt der verbalen und averbalen Kommunikation: Sachliches, Persönliches,

Gruppenbezogenes; --> Kongruenz oder Diskrepanz von Inhalts- und Beziehungsaspekten einzelner Mitteilungen

- Kommunikationsfertigkeiten: für sich selbst (in eigener Verantwortung) sprechen, eigene Gefühle ausdrücken, eigene Absichten äussern, anschauliche Beschreibungen von Verhaltensweisen geben

- Ich-Du-Definitionen: Bestätigung, Verwerfung, Entwertung

6.4.4 Kommunikationsstörungen finden sich vereinzelt in jedem Gespräch. Ausmass ist

entscheidend

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- Festhalten an einer starren Ich-Du-Definition

- Widersprüchliche Mitteilungen -> Diskrepanz zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekt

- Paradoxe Mitteilungen („sei spontan“)

6.4.5 Regeln für eine gute Kommunikation: Sprich per ICH und nicht per WIR oder MAN.

Störungen durch emotionale Spannungen haben den Vorrang. Wenn du eine Frage stellst, sage, warum du fragst, und was deine Frage für dich bedeutet. Halte dich mit Interpretationen von anderen so lange wie möglich zurück. Sprich stattdessen dein persönlichen Reaktionen aus. Sei zurückhaltend mit Verallgemeinerungen. Nur einer sollte zur gleichen Zeit sprechen.

6.5 Soziale Kompetenz Verfügbarkeit und Anwendung von kognitiven, emotionalen und motorischen Verhaltensweisen, die in bestimmten sozialen Situationen zu einem langfristig günstigen Verhältnis von positiven und negativen Konsequenzen führen.

6.5.1 Merkmale sozialer Kompetenzen: erwünschte Kontakte arrangieren, unerwünschte

Kontakte beenden, auf Kontaktangebote reagieren, Gespräche beginnen, aufrechterhalten und beenden, Unterbrechungen im Gespräch unterbinden, Anerkennung aussprechen und

akzeptieren, Kritik äussern, auf Kritik reagieren, Nein sagen können, Änderungen bei störendem Verhalten verlangen, um Gefallen bitten, sich entschuldigen, Gefühle offen zeigen, Versuchungen zurückweisen (beachte: diese Merkmale gelten nur für westliche, hochentwickelte Länder)

6.5.2 Generelle Kompetenz instrumentelle Kompetenz:

- intellektuelle Aspekte:

+

soziale Kompetenz:

praktische Intelligenz, soziale Intelligenz Temperament, Charakter

Informationsverarbeitung, konzeptuelle Intelligenz körperlicher Zustand, motorische Funktionen

- nichtintellektuelle Aspekte:

6.6 Soziale Unterstützung

- Funktionen: - emotionale Unterstützung: Nähe, Vertrauen, Wertschätzung, Verständnis, Rat, Anteilnahme

- praktische Unterstützung: Geld, Gegenstände ausleihen/schenken, Hilfe, Tipps, Informationen

- soziale Integration: Zugehörigkeitsgefühl, Übereinstimmung von Werten und Lebenskonzepten, Beziehungssicherheit, Vertrauenspersonen

- Einsamkeit: emotionale E. (kein intimer Partner), soziale E. (Mangel an sozialer Unterstützung)

6.6.1 soziale Unterstützung begünstigt Gesundheit durch direkte Effekte:

gesundheitsförderliche Verhaltensweisen, Wohlempfinden, Selbstwert, Kontrollempfinden,

neuroendokrine Funktionen werden beeinflusst; Puffermodell: negative Auswirkungen von Belastungen werden vermindert

6.7 Psychologie von Kleingruppen

Kleingruppe 8-10 Personen, die sich gegenseitig kennen und Kontakte pflegen (ab 20 Personen -> Grossgruppe)

6.7.1 Merkmale von Gruppen: ein verhaltensintegrierendes Rollensystem, enge soziale

Interaktion, gemeinsame Normen und Ziele, Wir-Gefühl

- formelle Gruppen: organisiert, zweckgerichtet, planmässig geleitet, Normen und Rollen in diesen Gruppen sind klar definiert

- informelle Gruppen: nicht fest organisiert, nicht an Ordnung oder Struktur gebunden, entstehen spontan

6.7.3 häufige Rollen in einer Gruppe: Führer, Mitläufer, Experte, Aussenseiter

6.7.4 Gruppennormen entstehen durch Diffusion und Kristallisation

6.7.5 soziale Erleichterung Verbesserung individueller Leistung durch die blosse

Anwesenheit anderer Personen (tritt ein bei gut gelerntem Verhalten/Wissen. Es kann aber auch Leistungshemmung eintreten, im Falle von weniger gut gelerntem Verhalten/Wissen)

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6.7.6 konstruktive Konfliktlösung: Benennung des Problems, Klärung verschiedener

Meinungen und Interessen, Bestimmung gemeinsamer Ziele, Formulierung von Wünschen und Forderungen, Sammeln von Lösungsvorschlägen, Abwägen von pro und contra einzelner Lösungsschritte, Entscheiden und Umsetzen der gewählten Lösungsschritte

6.7.7 Führungsstile in Gruppen: Autoritärer Stil, demokratischer Stil, laissez-faire-Stil

6.8 Soziale Schichtung hierarchische Rangordnung von Individuen und Gruppen in der Gesellschaft (Einkommen, Vermögen, Beruf)

6.8.1 sozialer Status Rang eines Individuums in der sozialen Schichtung

- Unterschicht, Mittelschicht, Oberschicht

- Soziale Gleichheit und Ungleichheit

- funktionalistische Theorie der sozialen Ungleichheit, Konflikttheorie der soz. Ungl.

6.8.2 der soziale Status beeinflusst den Erwerb, den Verlauf und die Folgen einer

Krankheit: Lebensbedingungen (Wohn- und Arbeitsverhältnis), personale Ressourcen, schichtspezifisches Gesundheits- und Krankheitsverhalten, medizinische

Kenntnisse/Wahrnehmung von Symptomen, soziokulturelle Distanz zwischen ÄrztInnen und Unterschichtspatienten

6.9 Soziale Krisen

7 Soziale Systeme und ihre Regelung Systemisches Denken ist gegenwarts- und zukunftsorientiert. Wechselbeziehungen im Hier und Jetzt, ungenutzte Möglichkeiten im sozialen System?

7.1 Historische Wurzeln des systemischen Denkens

„Ist das Ganze mehr als nur die Summe seiner Teile?“

- Holistisches Prinzip: Ganzheit, übergreifende Zusammenhänge, Integration der Vielfalt

- Atomistisches Prinzip: Teile, Analyse einzelner Elemente, einfache Bestandteile

7.2 System ein aus den Wechselwirkungen seiner Elemente organisiertes Ganzes. Die Elemente beeinflussen sich gegenseitig und stehen miteinander in einer multivariablen Interaktion.

7.3 Systemtheorie – Ansätze und Konzepte

- keine lineare Kausalketten, sondern zirkuläre Reaktionen.

- Kybernetik gesamtes Gebiet der Steuerungs-, Regelungs- und Nachrichtentheorie bei

Maschinen und Lebewesen (Rückkoppelung,

->

)

das

System ist ein Instrument zur Beobachtung

7.4 Strukturelle Merkmale sozialer Systeme

- Grösse: Mikro-, Makrosysteme

- Hierarchie: Suprasystem, System, Subsystem

- Relationen: einfach – komplex, stabil – labil

- Verhältnis zur Umwelt: geschlossen, offen

- Funktionsteilung: symmetrisch, komplementär

7.5 Funktionsprinzipien

- mechanischen Systemen fehlt die Eigenschaft der Selbstentwicklung

- in organischen Systemen finden im Rahmen der Evolution Wandlungsprozesse statt

- soziale Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Mitglieder Entscheidungen fällen, Ziele formulieren und zwischen verschiedenen Zielen wählen können

7.5.2 Regelung sozialer Systeme

Störgrösse, Fühler –[Regelgrösse]–> Regler –[Stellglied]–> Stellgrösse, Einfluss auf

Regelstrecke

Grösse, welche die Homöostase aufrecht erhält

vorgegebenes System, für das Homöostase gefordert wird

- negative/kompensierende Rückkoppelung -> Aufrechterhaltung der Stabilität. Gefahr:

dysfuntionale neg. Rückkoppelung

- positive/kumulative Rückkoppelung -> hebt die Stabilität des Systems auf, Veränderung. Gefahr: Unordnung, Chaos

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7.6 Steuerung sozialer Systeme

7.7 Qualitätsförderung im Gesundheitswesen

Dimensionen der Qualität: - Zugang: Erreichbarkeit medizinischer Angebote

- Indikation: gerechtfertigt? Wirtschaftlichkeit!

-

- Prozess: Interaktionsabläufe in einem System

- Ergebnis: objektive Befunde und subjektives Befinden

-

Struktur:

betreffend

Systemen in Institutionen der Gesundheitsversorgung

Zufriedenheit:

des Patienten

7.8 Die Bedeutung des Systemdenkens für die Medizin

8 Entwicklungspsychologie Die zeitlebens fortdauernde Entwicklung verläuft in Phasen, deren Übergänge psychosoziale Krisenzeiten sind.

8.1 Entwicklungspsychologische Grundlagen und Theorien

8.1.1 Determinanten der Entwicklung: - Vererbung: strukturell- und individuell-genetische Merkmale

- Reifung und Alterung: organisches Wachstum und Alterungsprozesse

- Lernen

- soziale Normen: Rechte und Pflichten, soziale Rollen sind unterschiedlich über die Altersgruppen verteilt

- familiäre und soziale Bezugssysteme

- historischer Kontext: Weltkrieg, Globalisierung, etc.

8.1.2 Entwicklungspsychologische Theorien: - endogenistisches Theorie: alles ist genetisch vorbestimmt, sogar die Umwelteinflüsse haben nur unterstützenden Charakter

- exogenistische Theorie: Entwicklung erfolgt nur als Reaktion auf Einflüsse der Umwelt

- früh-konstruktivistische Theorien: Umwelt dient als Anregung und Matrix, die wesentlichen Impulse kommen aber vom Menschen selbst.

- Interaktionistische Theorien: der Umwelt wird gleiche Bedeutung zur

persönlichen Entwicklung beigemessen wie dem agierenden Individuum. Betrachtungsebenen des Entwicklungsprozesses: physikalisch-chemische Ebene (molekularbiologische Prozesse), Ebene der Körperfunktionen, Verhaltensebene (Sozialverhalten, interpersonelle Interaktion), intrapsychische Ebene (kognitives Verhalten, Gewissensbildung, )

8.2 Schwangerschaft und Geburt

8.2.1 Schwangerschaft als Reifungskrise

- Entwicklung der Bindung (drei Erlebnisperioden während der Schwangerschaft): 1.

Phantasien und Gefühle -> keine unmittelbaren Anhaltspunkte für die Existenz des Fötus’,

‚Akzeptieren’ der Schwangerschaft, Euphorie, Angstgefühle; 2. Erste Kindsbewegungen - > Fötus wird als eigenes Wesen wahrgenommen, Vater wird mehr einbezogen; 3. Letzte Schwangerschaftsmonate -> Ungeborenes wird immer realer, Nestbaubetrieb

- Die Beziehung zwischen Eltern und Kind entsteht schon vor der Geburt aus den

Erwartungen, Wünschen und Ängsten, aus ihren partnerschaftlichen und familiären Vorstellungen, sowie aus den Erfahrungen, welche die Eltern während der Schwangerschaft mit dem Kind und mit dem Ehepartner machen.

8.2.2 Der Vater während der Schwangerschaft

- Schwangerschaftsneid, Gefühle des Ausgeschlossenseins, Konkurrenzverhalten

- später Identifikation mit der Partnerin, Annäherung an den gleichgeschlechtlichen Elternteil

8.2.3 Sexualität während der Schwangerschaft und im ersten Jahr nach der Geburt

- Der Wunsch zum Geschlechtsverkehr lässt bei Frauen während der Schwangerschaft deutlich nach (verstärkte Selbstbezogenheit, Angst den Fötus zu verletzen)

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- ein Jahr post partum immer noch deutliche Verminderung der sexuellen Reaktionsfähigkeit v.a. bei den Frauen

8.3 Neugeborenenzeit

alle Sinnesorgane sind funktionsbereit

8.3.1 Die fünf Sinnesorgane des Neugeborenen

- Sehen: Kurzsichtigkeit, bestes Sehen 25–30cm Entfernung, sechs Monate -> volles Sehvermögen des Erwachsenen

- Hören: voll ausgebildet, deutliche Vorliebe für weibliche Stimme

- Geruchsinn

- Geschmackssinn

- Berührungssinn

8.3.2 Verhaltenszustände: 1. Tiefschlaf: fehlende Bulbusbewegungen, regelmässige

Atmung, spärliche Bewegungen, hoher Muskeltonus; 2. REM-Schlaf: REM, Gesichtsbewegungen, unregelm. Atm., häufigere Bew., tiefer Muskelt.; 3. Wachzustand A:

geöffnete Augen, regelm. Atm., keine Bew., hohe Aufmerksamkeit; 4. Wachzustand B:

geöffnete Augen, regelm. Atm., häufigere Bew. der Extremitäten, deutlicher Muskelt.; 5. Weinen und Schreien: Augen offen oder geschlossen, unregelm. Atm., unregelm. Bew., hoher Muskelt., Aufmerksamkeit herabgesetzt bis fehlend.

8.4 Säuglings und Kleinkindalter

8.4.1 Motorische Entwicklung (in Monaten): Kopfkontrolle ab 3, Beginn der

Fortbewegung auf unterschiedliche Art und Weise 4-9, erste Schritte meist 12-14.

ist ein Reifungsprozess. Das Auftreten einer motorischen Funktion kann Üben nicht beschleunigt werden. Ihre weitere Differenzierung jedoch schon.

8.4.2 Sprachentwicklung: Gurren 1-2, Lautbildung (Vokale) 2-4, Lallen (Konsonant-

Vokalverbindungen) 6-9, erste Wörter 10-14, --> ‚magische 50-Wörter-Marke’ 18, Zweiwortsätze 15-18 bis 36-42, Grammatisierung der Sprache ab 4. J (Nachahmen und Analogiebildung), weitere Differenzierung erfolgt durch operante Konditionierung, Fragealter „Was ist das?/Warum denn?“

- Gehörlosigkeit: zuerst normale Laute, verstummen aber mit der Zeit, nach einem Jahr

völliges Schweigen

- Erwerb eines eigenen sprachlichen Ausdrucks = wichtige Voraussetzung zur Entwicklung

formalen Denkens

- Mehrsprachigkeit: bis Ende 1. Jahr --> phonetische Landkarten verschiedener Sprachen überlappen im Grosshirnkortex, bis 7. Jahr problemloses lernen einer zweiten Muttersprache, jede Bezugsperson -> nur eine Sprache mit dem Kind während der ersten Jahre

- Denken und Sprache: geistige Entwicklung (Denken) -> Sprachverständnis ->

sprachlicher Ausdruck

- Weiterentwicklung im Schulalter: 1. Objektivierungsstufe (Wörter, Buchstaben) 7.-10. J,

2. Objektivierungsstufe (abstraktes Denken, Erfassen der grammatischen Gesetzmässigkeiten) 10.-12. J, 3. Objektivierungsstufe (bewusste Gestaltung der Sprache) >12. J/nie?

8.4.3 Spielentwicklung und Spielverhalten

- Sinn des Spiels = Spiel selbst. Das Kind erlebt sich als Teil der Handlung, es geht in der Tätigkeit auf, das Zeiterleben ist weitgehend ausgeschaltet

- Rolle des Erwachsenen: Vorbild zum Nachahmen, Spielpartner, Anbieten von

Spielsachen müssen dem Entwicklungsalter des Kindes gerecht werden, die Art des Spielzeuges hat grossen Einfluss auf die Ausreifung/Differenzierung bestimmter Fähigkeiten.

- Formen des Spiels und ihre Reihenfolge in der Entwicklung:

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1. Sensomotorisches Spiel (1. & 2.J): Üben von Körperbewegungen, Spiel mit Händen,

Füssen und Rasseln

2. Informationsspiel (ab ca. 12 Mte): Umgang mit Gegenständen als

Erkundungsfunktion

3. Konstruktionsspiel (ab ca. 18 Mte): Werkzeuge und Rohmaterialien, Zeichnungen,

Bauklötze

4. Sequentielles- und Symbolspiel (ab ca. 3 J): Darstellung von ganzen

Handlungsabläufen („Essen am Familientisch“, etc.)

5. Rollenspiel (ab ca. 4. J): Drehbuch, Szene

6. Regelspiel (ab ca. 4. J): soziale Formen des Spiels, fast immer Wettkampfspiele

(Hüpfspiele, Sport, Brettspiele, etc.)

- Spielen = elementares Bedürfnis, emotionale, geistige und soziale Entwicklung, unbewusster Lernvorgang

8.4.4 Temperament individuelle lebenslänglich vorhandene Disposition, wie eine Person

auf bestimmte Situationen reagiert

seit früher Säuglingszeit beobachtbar

- Unterschiede im Verhaltensstil von Kindern -> neun Temperamentsdimensionen:

1. Aktivität: Niveau, Tempo und Häufigkeit bezüglich Motorik, aktives vs. passives

Verhalten

2. Regelmässigkeit

Wach-Rhythmus)

von

grundlegenden biologischen Funktionen (Stuhlgang, Schlaf-

3.

Annäherung-Rückzug: erste Reaktionen auf Neues

4.

Anpassungsvermögen

5. sensorische Reizschwelle

6.

Stimmungslage: Anzahl positive im Verhältnis Anzahl negativer Reaktionen

7.

Intensität

einer

Reaktion

8. Ablenkbarkeit

9.

Ausdauer

- Temperamentskonstellationen: easy-going 40%, einfach, flexibel, ausgeglichen;

brauchen viel Beachtung slow to warm up 15%, ängstlich, vorsichtig, scheu; brauchen

mehr Zeit und Unterstützung difficult 10%, kompliziert; flexibler Erziehungsstil erforderlich Mischtypen

- Modell der Passung: Die Entwicklung eines Individuums wird bestimmt durch die

Kompatibilität zwischen Umwelteinflüssen und Temperament (goodness/poorness of fit)

8.4.5 Ich-Entwicklung

1. autistische Phase (<2 Mte): keine Unterscheidung von zwischen sich selbst und der

Umwelt, alle Wahrnehmungen des Säuglings sind Teil seiner selbst.

2. symbiotische Phase(>2 Mte): Bezugsperson wird wahrgenommen, jedoch immer noch

nicht als abgegrenzte Person. Unterscheidung zwischen innen und aussen ist noch wenig

ausgebildet.

- während dieser Phase Ausbildung des Urvertrauens (Gefühl der inneren Gewissheit,

dass das elementare Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit befriedigt wird). Anaklitische Depression das Kind verliert das Interesse an seiner Umwelt, wird teilnahmslos und stagniert in seiner Entwicklung.

3. Phase der Differenzierung (>6 Mte): Unterscheidung zwischen eigen/innen und

fremd/aussen, Unterscheidung zwischen vertrauten und unvertauten Personen, emotionale Bindungsfähigkeit ist voll entwickelt (Eifersucht, Wunsch nach Alleinbesitz, Zärtlichkeit, körperliche Nähe, Beachtung, Anerkennung, Trennungsschmerz, Trennungsangst)

4. Trotzreaktionen (ab 2. J): Kind kann den protektiven Sinn des Verbots nicht verstehen

5. Omnipotenz und Wiederannäherung (ab 2. J): Laufen lernen -> Ausweitung des

Erfahrungshorizontes („Liebeserklärung an die Welt“), gleichzeitig Trennungs- und Verlassensängste, keine erstmalige Integration in eine Spielgruppe/Kinderkrippe

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6. Phase der ersten Verselbständigung (ab ca. 3 J): Verlässlichkeit auf Gehen und Wiederkommen von Bezugspersonen ist eine wichtige Voraussetzung für die weitere Stabilisierung des Urvertrauens. Eltern sind eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Bedürfnissen und können sich nicht immer nach dem Kinde richten. Integration in Spielgruppe möglich

8.4.6 Sexualentwicklung

- orale Phase (v.a. 1. J); anale Phase (2.-3. J): Reinlichkeit lernt das Kind den Eltern

zuliebe; phallische Phase (3.-6. J): Masturbieren und sich zur Schau stellen sind natürliche Explorationsprozesse des eigenen Körpers, schwierige Fragen -> altersentsprechende

sachlich richtige Antworten. Ödipuskonflikt; Latenzphase (6. J–Pubertät)

8.4.7 Schlafverhalten

-Pavor nocturnus: normales Schlafverhalten, kein Zeichen von psychischer Störung oder Fehlerziehung

-Angstträume

8.4.8 Risikofaktoren für die Entwicklung

- biologische und psychosoziale Risikofaktoren

- Rückstände manifestieren sich v.a. in der Sprachentwicklung und in kognitiven

Funktionen 8.4.10 Resilienz ‚psychische Widerstandsfähigkeit’, trotz ausgeprägter Belastungen und Risiken entwickeln sich manche Personen gut und bleiben gesund.

Vulnerabilität erhöhte physische und psychische Verletzlichkeit eines Individuums

8.5 Kindergarten- und Schulalter

8.5.1 Entwicklung von Gewissen (Über-Ich) mithilfe von Abwehrmechanismen (

Fähigkeit des Ichs, peinliche oder unerträgliche Vorstellungen und Affekte zu verdrängen,

um damit das Ich vor den Triebansprüchen des Unbewussten (Es) zu schützen)

8.5.2 Schulreife

Voraussetzungen für Einschulung: körperlich – motorische Reife, bes. Feinmotorik; kognitiv – klare Ausdrucksfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Zeitverständnis, u.a.; emotional – Leistungsmotivation, Frustrationstoleranz, Triebverzicht; sozial – gesunde wechselseitige Anpassung Egoismus/Altruismus

8.5.3 Kinderzeichnung und Kindermalerei

- erste Bilder (ca. 2. J) -> Ausdruck der körperlich-seelischen Einheit, Momentaufnahmen und Erinnerungen an Vergangenheit, die sich aber in der aktuellen Empfindung spiegeln

- vorfigurative Phase (2.-4. J): Kritzelknäuel: die erste Urform, Körperdarstellung?; Spirale; Kreis: Symbol für die Erfahrung der Trennung von Innenwelt und Aussenwelt; weitere Differenzierungen, Symbole: Achse (Wirbelsäule), Kreuz, Punkte (Bewegung, Rhythmus); Kasten und Rechteck: treten meist am Ende der vorfigurativen Phase auf

- Urformen des zeichnerischen Ausdrucks: Abgrenzung (Kritzeknäuel, Spirale, Kreis), Innenwelterfahrung (Zentrum, Achse, Kreuz, Pulspunkte), Expansionserfahrung (Raumbilder), Konstruktionsphase (Kasten)

- figurative Phase (>5. J)

8.6 Jugendalter – Pubertät und Adoleszenz

körperliche (Pubertät) und psychosoziale Entwicklungsschritte (Adoleszenz)

8.6.1 Zeitspanne zwischen erstmaligem Auftreten sekundärer Geschlechtsmerkmale und

Reifung der für die Fortpflanzung massgebenden Geschlechtsorgane Vorpubertät

- Gehirn: starke Gewichtszunahme und Reifung, am Ende der Pubertät ist das Gehirn am

reifsten

- Akzeleration Vorverlegung der biologischen Reifungsprozesse, Pubertät tritt zeitlich

früher ein als noch vor 100 Jahren, auch ist die Grösse bei Geburt heute durchschnittlich 8- 10cm grösser.

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8.6.3 Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen: Akzeptieren der eigenen körperlichen

Erscheinung, Aneignen der geschlechterspezifischen Rolle, Aufbau neuer und reiferer Beziehungen, emotionale Ablösung von den Eltern, Aufnahme intimer Beziehungen, Vorbereitung auf die berufliche Laufbahn, Übernahme der sozialen Rolle des Erwachsenen, Aufbau eines eigenen Wertsystems und ethischen Bewusstseins, Entwicklung einer eigenen Identität (Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?), Entwicklung einer Zukunftsperspektive.

- Selbstkonzept Beschreibung einer Person, wie sie sich selbst sieht (aktuelles Selbst, daneben existieren ein erwünschtes Selbst und ein sich darstellendes Selbst.)

- Selbstwert Bewertung der Selbstevaluation

- Peer-Gruppen: soziales Lernen

- intime Freundschaften, Liebesbeziehungen erhalten allmählich ähnliche Funktionen wie früher die Beziehung zu den Eltern. Verlässlichkeit, Offenheit, Intimität

- sexuelle Erfahrungen sind in der frühen Phase eher narzisstisch gefärbt

- erste Liebesbeziehungen: romantische Beziehungen, Zeitpunkt und Art der Annäherung werden beeinflusst durch Kultur, familiäre Normen, Normen der Peer-Gruppe, psychobiologische Reife und soziokulturelle Normen

- Sexualverhalten: biologische und soziale Sexualität

8.6.5 Problemverhalten Verhalten, das eine Gefährdung für die eigene oder die

Entwicklung anderer darstellt. Internalisierendes P. -> v.a. die betroffene Person ist in

Mitleidenschaft gezogen, oft schlecht erkennbar (depressive, Angst- und phobische, Essstörungen). Externalisierendes P. -> zieht meist grosse Aufmerksamkeit auf sich, sichtbar abweichend, normbrechend, auch für Umfeld problematisch (aggressives Verhalten, delinquentes Verhalten)

- Risikoverhalten Minderung der persönlichen Chancen für eine langfristig befriedigende Entwicklung

- Suizidalität: Suizidgedanken, Suizidversuch/Parasuizid, Todesfall durch Suizid

8.7 Interaktionelles Modell der Entwicklung

Determinanten ( siehe Abb. 8.8): genetische, perinatale und psychosoziale Risikofaktoren; Temperament, Urvertrauen, Bildung, materielle Sicherheit; Vulnerabilität Resilienz; Struktur der Systeme, Offenheit – Geschlossenheit, Qualität von Beziehungen; politisches System, kultureller Kontext, Lebensbedingungen

8.8 Entwicklung des Erwachsenen

8.8.1 Individuen können im mittleren Lebensalter am wirkungsvollsten auf ihre Umwelt

Einfluss nehmen. Nicht mehr erfährt das Ind. nur formenden Einfluss aus seiner Umwelt,

sondern es kann sie gewissermassen selbst beeinflussen.

- Konflikt zwischen Familie und Arbeit: langfristige Ziele in einer auf Kurzfristigkeit angelegten Gesellschaft verwirklichbar?

8.9 Frau und Mann in einer heterosexuellen Paarbeziehung

- für die Medizin wichtige Aspekte: biologische Asp. des Geschlechts, Bedeutung der Geschlechtsorgane, Geschlechtsidentität, Geschlechterstereotype und –rollen

8.9.1 biologische Aspekte des Geschlechts

chromosomale, gonadale, genitale Geschlechtsmerkmale

- Klinefelter-Syndrom: XXY, phänotypisch männlich, aber Hodeninsuffizienz,

eunuchoider Hochwuchs, infantile Genitalien, Intelligenzschwäche

- Turner-Syndrom: X0, phänotypisch weiblich, langsames Wachstum, kurzer Hals,

Hufeisenniere, Aortenisthmusstenose, Ovarien fehlen, keine sekundäre Geschlechtsreife

8.9.1 Geschlechtsidentität

- Transsexualismus: biologisches Geschlecht und psychologische Geschlechtsidentität stimmen nicht überein

12/40

- Phalluskult: Ausdruck z.B. im Besitz von schnellen Motorrädern, starker Aufschwung in

der gegenwärtigen Gesellschaft 8.9.5 Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen

- Im Unterschied zu ersteren befinden sich letztere, v.a. die Frauenrolle, in westlichen Gesellschaften zur Zeit in einem Wandel.

- Ursprünge der Geschlechterstereotype: traditionelle Übernahme der Kinderpflege und –

betreuung durch die Frau, geschlechtstypische Arbeitsteilung (‚sanfte’ Hausarbeit, ‚harte’ körperliche Arbeit), Machtunterschiede im Privatleben (Geld, Besitz, Sexualität),

unterschiedliche Macht der Geschlechter im öffentlichen und religiösen Leben

- Entwicklung der Geschlechtsrolleneinstellungen: Einstellung der Männer zur

Aufgabenteilung immer traditioneller mit jeder Geburt eines Kindes, Einstellung der Frau bleibt gleich bei Familiengründung, in Unterschicht und Oberschicht mehr Frauen mit

traditionellem Verständnis ihrer Frauenrolle; wichtige Determinanten: Verhalten, Kognition und Einstellung der Eltern, ausserfamiliäre Sozialisationserfahrungen, gesamtgesellschaftliche Einstellungsänderungen

- Magersucht: Ablehnung der weiblichen Geschlechtsrolle

8.10 Paarbeziehungen

8.10.1 Zweierbeziehungen im sozialen Wandel

- Zunahme gemischt- und gleichgeschlechtlicher, unverheirateter Paarbeziehungen

- wichtige Rahmenbedingungen für die Gestaltung, die Entwicklung und die

Störanfälligkeit von Beziehungen: Art der Verbindlichkeit (verheiratet?), räumliche Nähe,

zeitliche Konstanz

- früher: Ehe als gesellschaftliche Institution, Zweck: Fortbestand des (Namens-

)Geschlechtes; heute: Ehe als Gefährtenschaft mit bestmöglichen Voraussetzungen für

Selbstverwirklichung

- Gründe des Wandels: Grossfamilie -> Kleinfamilie, neue Sozialpolitik und daraus folgende Entlastung der Ehe von früheren Funktionen, Emanzipationsbewegung, Individualisierung des Menschen

- soziokulturelle Rahmenbedingungen moderner Gesellschaften haben gegensätzliche

Wirkungen auf heutige Ehebeziehungen: Individualisierung mit Verlust von Halt und Sicherheit fördert den Wunsch nach einer verlässlichen, stabilen Zweierbeziehung. Das Überangebot an Wahlmöglichkeiten im Privatleben und die Zwänge der Arbeitswelt (Mobilität, Flexibilität) erschweren und bedrohen dauerhafte Zweierberziehungen.

8.10.2 Merkmale intimer Paarbeziehungen: Identitätsreflexion und –stabilisierung,

spezifische Kommunikationsschwierigkeiten, eigene Geschichte

- stabilisierende Wirkungen: regelmässiger Austausch im gemeinsamen Gespräch,

Identifikation mit der Partnerschaft, Raum und Zeit für persönliche Entwicklung, Zärtlichkeit, befriedigende finanzielle- und Wohnsituation

- Störfaktoren: Geburt oder Tod eines Kindes, unvorhersehbare Belastungen (Krankheit,

Arbeitslosigkeit, etc.), biographische Veränderungen (Auszug der Kinder, Pensionierung), Beziehungskrisen aufgrund abgewehrter Wünsche und Bedürfnisse

- Treue impliziert Folge- und Hilfsbereitschaft aus Liebe. Sie erwartet Exklusivität der Person. Sie beinhaltet Anspruch auf Dauerhaftigkeit und Zeitlosigkeit.

- einer der Hauptgründe für die Beendigung von Paarbeziehungen ist sexuelle Unzufriedenheit

8.10.3 Entwicklung lang dauernder Paarbeziehungen

- Selbstverwirklichung als höchste Priorität ist mit einer guten Ehebeziehung auf Dauer nicht zu vereinbaren.

- keinen wesentlichen Einfluss von Alters- und Schichtunterschieden sowie Religion

- Was hält Paare zusammen? --> Verstandenwerden und Verbundensein, Schaffung

gemeinsamer Regeln und Wertvorstellungen, Schaffung einer eigenen familiären Welt

13/40

8.10.5 Ursachen von Paarkonflikten: äussere Belastungen, unbewusste Ängste

- Kollusionskonzept: Konzept der Entwicklung von Beziehungskonflikten und –krisen Grundhypothesen: bei Partnerwahl unbewusste Motive eine entscheidende Rolle, Dynamik der Beziehungen wird wesentlich durch unbewusste gemeinsame Phantasien und Ängste beeinflusst, Verhaltensweisen der Partner sind interdependent, Belastungen (intra- /extradyadisch) begünstigen eine zunehmende Polarisierung, starres polarisierendes Rollenverhalten dient häufig der Abwehr eines gemeinsamen Konfliktes, Paarkonflikte entwickeln sich durch Wiederkehr von abgewehrten und auf den Partner delegierten Wünschen und Bedürfnissen.

- neurotische Partnerwahl: Motive für die gegenseitige Anziehung sind Abwehr von

Ängsten und Hoffnung auf Erfüllung von unrealistischen Wünschen

- destruktive Eskalation im Paarkonflikt -> es stellt sich ein dysfunktionales Gleichgewicht ein: Partner halten sich gegenseitig in Atem und zermürben einander, eine Drittperson wird einbezogen, Partner können Krankheitssymptome entwickeln

8.11 Familienbeziehungen

8.11.1 Familie (juristisch) Vater, Mutter und (unmündiges) Kind; ohne Kind im Haus ->

Gattenfamilie; fehlt ein Elternteil -> Einelternfamilie; Anschluss von neuer Person (mit Heirat) z.B. nach Scheidung -> Stieffamilie/Fortsetzungsfamilie; Gross-/Sippenfamilie ->

Familie mit Mitgliedern aus drei Generationen; Klein-/Kernfamilien -> vollständige zwei- Generationen-Familie; unverheiratete Partner mit Kindern -> Konsensualfamilie

8.11.3 Weibliche Erwerbs- und Familienbiographien: Familienfrau: Kleinfamilie der

Mittelschicht mit traditioneller Struktur, Frauen meist niedrigeren Status als ihre Männer,

kein Wiedereinstieg ins Berufsleben; Dreiphasen-Frau: Aufgeben der Erwerbstätigkeit nach erster Geburt, beruflicher Wiedereinstieg nach Ausflug der Kinder; Wechslerin:

Phasenweise berufstätig; Doppelarbeiterin: Hausarbeit und Erwerbsarbeit gleichzeitig, ungelernte Arbeiterinnen oder alleinerziehende Mütter (schwierige finanzielle Verhältnisse), Akademikerinnen (hohe Berufsmotivation)

8.11.4 Familiäre Lebensphasen

- Phase der Paarbildung: Konkubinat, Kennenlernen, Ausdiskutieren der gemeinsamen

Lebensplanung, oft Enttäuschung der hochgesteckten Beziehungswünsche und –ideale der ersten Verliebtheit, daraus folgend eine Tendenz zum Festhalten an dieser Lebensphase und Nichtübertritt in die nächste Phase

- Anfangs- und Aufbauphase: Schwangerschaft und Geburt, Rollenfindung als Vater und Mutter, Aufbau Familiensystem

- Plateauphase: nach Schuleintritt meist Entlastung

- Krise der Lebensmitte: biologische, dynamische und psychische Veränderungen,

Ablösung der Kinder, Wechseljahre, Neudefinition von Lebenszielen, Entfremdung in der

Paarbeziehung, Bindung an die Kinder

- Altersehe: lange Zeit unterschwellige Konflikte können aufbrechen

8.11.5 Kriterien zur Beurteilung von Familiensystemen:

- soziale Situation und Entwicklungsphase der Familie: sozialer Status, Arbeit,

wirtschaftliche Lage, Wohnsituation, Belastungs- und Unterstützungsfaktoren im sozialen Umfeld, familiäre Phase 1-5

- Kommunikation: Inhalt, Kommunikationsfertigkeiten, Ich-Du-Definitionen, averbale

Kommunikation, Kongruenz/Inkongruenz von Inhalts- und Beziehungsaspekt

- System: -> Subsysteme: klare Gliederung nach Generation, Alter, Interessen, Geschlecht,

Funktion. -> Grenzen: klare durchlässige Grenzen nach aussen und nach innen. -> Hierarchie: der familiäre Lebensphase angemessen, Verteilung von Machtprivilegien und Funktionen. -> Allianzen: offen deklarierte Verbindung einzelner Familienmitglieder. -> Koalitionen: geheime Verbindung einzelner Familienmitglieder. -> Regelung: positive und negative Rückkoppelungsmechanismen

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- Psychodynamik: Abwehrverhalten zur Umgehung direkter Problemlösungen, Anpassung zur direkten Bewältigung sozialer Anforderungen, Intrdependenzen im Sinne wechselseitiger Abhängigkeiten

- Mehrgenerationenperspektive: Delegationen, Vermächtnis und Verdienst, Interaktionsmodus Bindung oder Ausstossung

8.11.6 bikulturelle Familien: (Anfangsphase) Schwierigkeiten zur interkulturellen

Kommunikation, (später) biographische Rückwende

8.11.7 Geschwisterbeziehungen sind ein wichtiges Übungsfeld für soziale Lernerfahrungen

8.11.11 Trennung und Scheidung

- Gründe für Anstieg der Scheidungsraten: gesetzliche Erleichterung, Relativierung des traditionellen Ehemodells, Normalisierung aus moralischer Sicht, höhere Scheidungsbereitschaft verringert Beziehungsengagement, Generationeneffekt,

Eigendynamik der Scheidungsentwicklung (mehr Scheidungen -> bessere Chancen zum Finden eines neuen Partners, mehr Akzeptanz von geschiedenen, etc.)

- objektive Scheidungskorrelate: niedriges (<20) Alter bei Eheschliessung, voreheliche Schwangerschaft, niedriges Bildungsniveau und Einkommen, höheres Einkommen der Frauen, Religionszugehörigkeit, Kinderlosigkeit, Geschlecht der Kinder

- Folgen von Scheidungen: höhere Morbidität und Mortalität bei geschiedenen

Erwachsenen, Schul- und Verhaltensprobleme sowie emotionale Schwierigkeiten von Scheidungskindern; beachte: neue Untersuchungen zeigen geringere Effekte (Einfluss von gesellschaftlichem Kontext und zeitbedingten Norm- und Wertvorstellungen)

- häufiger wollen Frauen die Scheidung, dabei leiden Frauen vermehrt vor, Männer eher

nach der Scheidung

- nicht die Scheidung per se, sondern vielmehr die Bedingungen, die dazu führen, die Art, wie die Scheidung vollzogen wird und der spätere Umgang bestimmen den Grad der Beeinflussung der Kinder

8.11.12 Mediation Konfliktbearbeitung unter Beizug eines neutralen Dritten als

Vermittler (Mediator), Ziel: zukunfts- und konsensorientierte Konfliktbearbeitung, die in

vertraglichen Vereinbarungen mündet

- M. steht an den Schnittstellen von Paar-/Psychotherapie und Rechtsberatung. M. ist Leitung und Vermittlung einer Reihe von Verhandlungen in verschiedenen Bereichen

8.11.13 Lebenssituation alleinerziehender Mütter

- oft nur vorübergehende Form, also neue Beziehungen, häufig Überforderung

8.11.14 „Von der Normalbiographie zur Bastelbiographie – das ist das Kennzeichen der

Moderne. Vielleicht liegt hier auch ihr identitätsstiftender Kern.“

8.12 Das Alter

8.12.1 - chronologisches Alter, biologisches, bürokratisches (Pensionierung?) und

subjektives/psychologisches Alter

- WHO: betagte Menschen > 65 Jahre, hochbetagte Menschen > 85 J.

8.12.2 - höhere Lebenserwartung -> keine Verlängerung der absoluten Lebensdauer,

sondern ein Anstieg der relativen Gesundheit und dadurch Überlebenschance bis ins hohe Alter. Aber niemand wird älter als ca. 120 Jahre (Rekord)

- gefährdende Lebenslagen im Alter begünstigende Faktoren: Armut und Isolation (v.a.

Frauen der Unterschicht), Gesundheitsbedingte vorzeitige Arbeitsunfähigkeit (gering oder unqualifizierte), ergänzende/stützende Pflegedienste werden in einkommensschwächeren Haushalten meist nicht angenommen weil kein Geld

- Probleme, die zu einem demographischen Strukturwandel führen: sinkende

Geburtenzahlen bei steigender Lebenserwartung -> beschleunigter Alterungsprozess der Gesamtbevölkerung, Abnahme der Haushaltsgrössen und Wandel der Familienformen, steigende Bedeutung der Zuwanderung, regionale Unterschiede der Bevölkerungszunahme und -struktur

15/40

- seine sozialen Folgen: Anstieg der Ausgaben für die soziale Sicherheit (Alterssicherung), Anstieg von Pflegekosten, Konzentration einkommensschwächerer Bevölkerungsgruppen in grossstädtischen Gebieten, Anstieg des Bedarfs an Versorgungsstrukturen der Altersmedizin

8.13 Sterben und Tod

8.13.2 Kriterien des klinischen Todes (nach SAMW): entweder irreversibler Herzstillstand,

der die Blutzufuhr zum Gehirn beendigt (Herztod), oder vollständiger und irreversibler Funktionsausfall des Hirns einschliesslich des Hirnstamms (Hirntod).

- absoluter/biologischer Tod: sämtliche Zellen des Organismus haben ihre Funktion definitiv verloren. Tritt immer einige Zeit nach dem klinischen Tod ein.

8.13.3 verschiedene Phasen des Sterbens: Nicht-Wahrhaben-wollen, Zorn, Verhandeln,

Depression, Zustimmung

8.13.4 Sterbebegleitung

- Ängste der Sterbenden: Schmerzen und Leiden, im Stich gelassen zu werden, Alleinsein, negative Erinnerungsbilder bei den nächsten Angehörigen

- Möglichkeit zur passiven, Ablehnung der aktiven Sterbehilfe

8.13.7 Verschiedene Phasen des Trauerns: Nicht-Wahrhaben-Wollen, aufbrechende

Emotionen, Phase des Suchens und sich-Trennens, neuer Selbst- und Weltbezug

9 Persönlichkeitspsychologie

9.1 Was ist Persönlichkeit?

- Persönlichkeit Einzigartigkeit im Vergleich zu anderen, Vielfalt charakteristischer

Merkmale von Menschen, Stabilität des Verhaltensrepertoires eines Menschen im Verlaufe

des Lebens

- vier Temperamentstypen nach Hippokrates: Choleriker, Phlegmatiker, Sanguiniker,

Melancholiker

- Begriffe für die wissenschaftliche Beschreibung der Persönlichkeit:

Temperament: siehe 8.4.4 Disposition: eine Neigung oder eine Bereitschaft in einer Person, auf eine gegebene Situation auf eine charakteristische Weise zu reagieren. Charakter: ~Persönlichkeit, bei Bewertung von Qualitäten einer Persönlichkeit -> Urteil über gewisse Attribute einer Person Zustand (state): subjektives, bewusst erlebtes Muster von bestimmten Gefühlen Stimmung: siehe 5.2.6 Werte: Etwas, was der Einzelne als wichtig und lohnend einzuschätzen vermag. Eigenschaft; Typ; Charaktertypen; Gewohnheit (habit); Einstellung

9.2 Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Paradigma einer Wissenschaft Bündel von Leitsätzen, Fragestellungen und Methoden zu ihrer Beantwortung, welches das Vorgehen von Wissenschaftlern in einer bestimmten historischen Periode der Wissenschaftsentwicklung charakterisiert

9.3 Das Eigenschaftsparadigma hat zur Entwicklung von Instrumenten geführt, die es erlauben, auf Eigenschaftsprofilen beruhende Persönlichkeitsbeschreibungen empirisch zu untersuchen.

Person = Träger von Eigenschaften, die teils vererbt, teils erworben. Eigenschaften beruhen letztlich auf neuronalen Strukturen und Prozessen, die man theoretisch beobachten und vorhersagen könne.

- Hierarchisches Persönlichkeitsmodell:

Persönlichkeitstypen Persönlichkeitsfaktoren Eigenschaften Verhaltensweisen

-> 9.3.3

-> 9.3.2 eher trait-dependent

eher state-dependent

9.3.2 Persönlichkeitsfaktoren am Beispiel des Modells „The Big five“; emotionale (In)Stabilität, Neurotizismus; Extraversion; Liebenswürdigkeit, Verträglichkeit; Gewissenhaftigkeit; Offenheit für Erfahrung, Intellekt

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9.3.3 Persönlichkeitstypenbestimmung mittels Clusteranalyse: Überkontrolliert, Resilient,

Unterkontrolliert

9.4 Das psychoanalytische Paradigma thematisiert intrapsychische, nicht direkt beobachtbare Strukturen und Prozesse der Persönlichkeit.

9.4.1 Bei der Geburt des Menschen existiert nur das Es, dem

Lustprinzip unterworfen, sucht Lust, vermeidet Schmerz; Das Ich entwickelt sich durch Kontakt mit der Umwelt, dem Realitätsprinzip verpflichtet; Das Über-Ich entwickelt sich durch Verinnerlichung kultureller Normen und Werte. --> sind aber ‚nur‘ theoretische Begriffe um Phänomene zu erklären.

9.4.3 psychoanalytisches Verständnis neurotischer Konflikte

- intrapsychischer Konflikt Widerstreit von mindestens zwei Motivationen, die im

Individuum miteinander konkurrieren

- ungelöste Konflikte bilden den Hintergrund für die Entwicklung neurotischer

Symptombildungen

- zeitlich überdauernde intrapsychische Konflikte: Abhängigkeit vs. Autonomie

(Erkrankungen schaffen willkommen Abhängigkeit oder sind existenziell Bedrohung), Unterwerfung vs. Kontrolle, Versorgung vs. Autarkie, Selbstwertkonflikte/Selbst- vs. Objektwert (Selbstwertgefühl erscheint resigniert oder die kompensatorischen

Anstrengungen zur Aufrechterhaltung des ständig bedrohten Selbstwertgefühls dominieren, pseudoselbstsicher), Über-Ich und Schuldkonflikte, ödipal-sexuelle Konflikte, Identitätskonflikte

- neurotische Konfliktlösung: unlösbar erscheinender Konflikt wird ins Unbewusste verdrängt, oft Symptombildung mit primärem und sekundärem Krankheitsgewinn (für Betroffene oft vorbewusst)

- primärer Krankheitsgewinn Scheinlösung eines unbewussten intrapsychischen

Konfliktes mittels einer Symptombildung, die den Betroffenen intrapsychisch entlastet und seine Aufmerksamkeit weg vom Konflikt lenkt.

- sekundärer Krankheitsgewinn Vorteile und Erleichterungen, die ein Patient mittels

Symptombildung in seinen konflikthaften zwischenmenschlichen Beziehungen erzielt, z.B. vermehrtes Beachtetwerden, Befreiung von Verantwortung, Verpflichtungen, Schonung

9.4.4 Abwehrmechanismen: Bewahrung des psychischen Gleichgewichts in einer

psychischen Überforderungssituation

- Schritte des Abwehrvorgangs: Veränderung der Wahrnehmung, Veränderung der

Bedeutung des Reizes, Neutralisierung des Reizes

- Abwehrvorgang erfolgt unbewusst auf Ich-Ebene

- einige Abwehrmechanismen:

Bewusst Ich vor-bewusst Über- Ich unbewusst Es
Bewusst
Ich
vor-bewusst
Über-
Ich
unbewusst
Es

Mechanismus

wehrt ab:

durch:

Verdrängung

innere und äussere Reize

Verdrängung ins Unbewusste

Verleugnung

äussere Reize

Nicht-wahrhaben-Wollen

Verschiebung

innere Reize

Versschiebung des Triebziels auf ein anderes Objekt

Projektion

innere Reize

Projektion eigener Treibimpulse auf andere

Rationalisierung

eigenes Verhalten

Umdeutung in akzeptables Verhalten

Reaktionsbildung

innere Reize

Verkehrung ins Gegenteil

Sublimierung

innere Reize

Befriedigung von Triebimpulsen durch akzeptable Ersatzhandlungen

Acting out

äussere Reize

Neutralisierung durch Betriebsamkeit

Regression

Trauma

Rückzug auf frühkindliche Stufe der Triebregulation

1-4 -> der unerträgliche Reiz wird verändert, 5&6 -> die Bedeutung des unerträglichen Reizes wird verändert, 7-9 -> neutralisieren den unerträglichen Reiz (Bewältigungsstrategie)

17/40

9.4.5 Übertragung Erinnerung an frühere, häufig frühkindliche Beziehungen werden in

aktuellen, ähnlichen Beziehungen reaktiviert (Gefühle, Erwartungen, Wünsche) Gegenübertragung unbewusste Reaktion derjenigen Person, auf welche die Übertragung erfolgte

- positive oder negative Übertragung/Gegenübertragung verzerrt in jedem Falle die

Wirklichkeit

9.5 Das behavioristische Paradigma fokussiert auf beobachtbares Verhalten. Ein Mensch kommt soz. als unbeschriebenes Blatt zur Welt. Einflüsse von Umweltreizen spielen ein

herausragende Rolle. Stimulus (beobachtbar und kontrollierbar) -> Organismus (black box) -> Reaktion (b. und k.)

9.5.3 Bewältigungsstrategien bewusste, kognitions-, handlungs- oder emotionsbezogene

Anstrengungen zur Verminderung von Belastungen, Auseinandersetzung mit Belastungen und Veränderung von subjektiven Bewertungen und Verhaltensmustern (

Abwehrmechanismen: unbewusst, Verminderung belastender, unerträglicher Gefühle -> Regulation der emotionalen Bedrohung)

- scharfe Abgrenzung zwischen Abwehrmechanismen und Bewältigungsstrategien nicht

sinnvoll, in konkreter Situation greifen sie ineinander

- Auswahl an Bewältigungsstrategien: Kognitionsbezogen: Ablenken (Aufmerksamkeit

auf anderes richten), Sinngebung, Religiosität; Handlungsbezogen: Konzentrierte

Entspannung (Körperübungen, mentales Training), Kompensation; Emotionsbezogen:

Optimismus, Hadern/Selbstbedauern, Resignation/Fatalismus

9.6 Humanistische und interaktionistische Theorien

9.7 Persönlichkeitsmodelle im Vergleich

Jede Theorie leistet ihren Beitrag zum Verständnis der Persönlichkeit des Menschen: Eigenschaftstheorien liefern das Werkzeug zur Beschreibung von Persönlichkeitskomponenten und –strukturen. Psychodynamische (~psychoanalytische) Theorien ergänzen diese Beschreibung, indem sie zeigen, wie Strukturen entstehen und in Aktion treten. Behavioristische Theorien liefern schlüssige Erklärungen für Lern- und Denkprozesse. Humanistische Theorien machen deutlich, dass es zu einem guten Teil die Person selbst ist, die Veränderungen und Fortschritte herbeiführen kann. Interaktionistische Theorien zeigen, dass man die Entwicklung der Persönlichkeit unter der Perspektive einer ständigen und kontinuierlichen Wechselbeziehung zwischen Individuum und Umwelt sehen sollte.

9.8 Persönlichkeit im interkulturellen Vergleich

Individualismus vs. Kollektivismus

9.9 Persönlichkeitsstörungen bestimmte Eigenschaften und Reaktionsweisen stehen bei einem Individuum dominant im Vordergrund und treten unabhängig von der Situation repetitiv in Erscheinung

- nach WHO liegt eine Pers.St. vor, wenn mind. 3 der folgenden 6 Kriterien erfüllt sind: 1. deutliche Unausgeglichenheit in den Einstellungen und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen wie Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmen und Denken sowie in den Beziehungen zu anderen. 2. Das abnorme Verhalten ist andauernd und nicht auf Episoden psychischer Krankheiten beschränkt. 3. Das abnorme Verhaltensmuster ist tiefgreifend und in vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassend. 4. Die Störungen beginnen immer in der Kindheit oder Jugend und manifestieren sich auf Dauer im Erwachsenenalter. 5. Die Störung führt zu deutlichem subjektiven Leiden, manchmal erst im späteren Verlauf. 6. Die Störung ist meistens mit deutlichen Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit verbunden.

10 Psychologische Testverfahren

10.1 Anwendungsfehler, Aufgaben und Stellenwert psychologischer Testdiagnostik

Objektivität, Therapieplanung, Verlaufsdokumentation

- Anendung nur bei klaren Fragestellungen, die mit dem Test beantwortet werden können.

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10.2 Definition, Testkonstruktion und Testgütekriterien

10.2.1 psychologischer Test wissenschaftliches Routineverfahren zur Untersuchung

eines oder mehrerer empirisch abgrenzbarer Persönlichkeitsmerkmale mit dem Ziel einer quantitativen Aussage über den relativen Grad der individuellen Merkmalsausprägung.

- Hauptgütekriterien für psychologische Tests: Objektivität, Reliabilität, Validität

- Nebengütekriterien für psychologische Tests: Nützlichkeit, Vergleichbarkeit, Ökonomie, Normierung

10.2.2 qualifizierte Testkonstruktion: Planungsphase (Art der Items, Testlänge),

Testentwurf (welcher Geltungsbereich soll der Test haben?), Itemkonstruktion, Itemanalyse (an kleiner Stichprobe von Personen), Verteilungsanalyse (Analyse der Häufigkeitsverteilung der Testwerte), Kontrolle der Gütekriterien, Eichung (Vorlegung des Tests an repräsentative Bevölkerungsstichprobe, Teststatistiken)

10.2.3 – Objektivität Unabhängigkeit der Testergebnisse von Testanwender,

Testauswerter, Testinterpret

- Reliabilität Zuverlässigkeit, Grad der Genauigkeit, mit dem ein bestimmtes psychisches Merkmal gemessen wird (gleichgültig, ob es dasjenige auch vorgibt zu messen)

0-1, 0 -> minimal, 1 -> maximal mögliche Reliabilität Retest-, Paralleltest-, Split-half-Methode, Interne Konsistenz

- Validität Gültigkeit, Grad der Genauigkeit, mit dem ein Test dasjenige misst, was er

vorgibt zu messen.

- Objektivität und Reliabilität sind notwendige (aber nicht hinreichende) Voraussetzungen für die Validität eines Tests

10.3 Klassifikation von Testverfahren

- Leistungstest (quantitative Erfassung der Leistungsfähigkeit v.a. im kognitiven Bereich):

Entwicklungstests, Intelligenztests, Schultests,

- Psychometrische Persönlichkeitstests (quantitative Erfassung psychischer Merkmale):

Persönlichkeitsstrukturtests, Einstellungs- und Interessetests, klinische Tests

- Persönlichkeitsentfaltungsverfahren (persönlicher Ausdruck mehr oder weniger vager Verhaltensaspekte des Probanden wird provoziert): Formdeuteverfahren, thematische Apperzeptionsverfahren, zeichnerische und Gestaltungsverfahren

10.4 Beispiele psychologischer Tests

10.4.1 Hospital Anxiety and Depression Scale – Deutsche Version (HADS-D)

- klinischer Test (gemäss 10.3)

- kurzer Selbstbeurteilungfragebogen als Screening zur Erfassung von Angst und Depressivität

- Angst- und Depressionsskala

- Objektivität ok, Reliabilität: 0.8, Validität ok

10.4.2 Sense of Coherence Scale (SOC)

- klinischer Test

- Kohärenzgefühl (globale Orientierung die zum Ausdruck bringt, in welchem Umfang

man ein generalisiertes, überdauerndes und dynamisches Gefühl des Vertrauens besitzt, dass die eigene innere und äussere Umwelt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit so entwickeln, wie man es erwartet)

drei Komponenten: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit

- Objektivität ok, Reliabilität: 0.8-0.85, Validität ~

10.4.3 Hamburger Persölichkeitsinventar (HPI)

- Persönlichkeitsstrukturtest basierend auf einem dimensionsanalytischen Ansatz in der Readition des Big-Five-Modells der Persönlichkeit (+ sechster Faktor: Risiko- und Kampfbereitschaft, Suche nach Wettbewerb)

- Objektivität ok, Reliabilität: 0.8-0.9, Validität ok

10.4.4 Hamburger-Wechsler Intelligenztest für Erwachsene (HAWIE-R)

- Intelligenztest

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- Verbalteil (Allgemeines Wissen, Zahlen merken, Wortschatztest, rechnerisches Denken, allgemeines Verständnis, Gemeinsamkeiten finden) und Handlungsteil (Bilder ergänzen, Bilder ordnen, Mosaiktest, Figuren legen, Zahlen Symboltest)

- IQ-Skala: Mittelwert 100, Standardabweichung 15, Personen mit IQ<70 sind IV-

berechtigt

- Objektivität ~ (z.T. ist der Verbalteil von der Interaktion zwischen Testperson und

Testinterpreten abhängig), Reliabilität z.T. vom Alter abhängig: 0.89-0.97 (für verschiedene Untertests stark unterschiedlich), Validität ok (jedoch auch Einstellungsfrage

-> Intelligenz

?)

11 Gesundheitsrelevante Lebensstile

Zigaretten rauchen, Alkohol, Ernährung, körperliche Aktivität, Medikamentenkonsum, Verkehrsverhalten, Sexualverkehr

11.1 Sozialwissenschaftliche Begriffsdefinition

- Gesundheitsrelevanter Lebensstil zeitlich relativ stabile typische Muster von gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen, Einstellungen und Ressourcen

11.2 theoretischer Bezugsrahmen des Konzepts

11.2.1 - Lebensstilkonzept -> Stilisierung des Lebens durch Lebenschancen und

Lebensführung

- unterschiedliche Soziale Gruppen -> unterschiedliche Konsumgewohnheiten

Stilisierung des Lebens: soziale Zuordnung zu unterschiedlichen Statusgruppen aufgrund ihrer Handlungsmuster Lebensführung: Handlungs- und Orientierungsmuster von sozialen Gruppen (z.B. Religionsgemeinschaften) –> Kleidung, Ernährung, Erziehung, politische/religiöse Wertvorstellungen

Lebenschancen: sozialstrukturell verankerte Bedingungen/ Möglichkeiten der Lebensführung (Bildungschancen, materielle Güter, )

11.2.2 drei zentrale Dimensionen des Lebensstils:

Ressourcen: internale (Wissen, Fähigkeiten), externe Gegebenheiten (Zugang zu gesundheitlichen Versorgungsangeboten, materielle Faktoren)

Orientierungen: Werte und Einstellungen, vorrangige Ziele Gesundheitsverhalten: Konsum von Genussmitteln, Inanspruchnahme des medizinischen Systems

11.3 Determinanten gesundheitsrelevanter Lebensstile

- Zentrale Einflussfaktoren gesundheitsrelevanter Lebensstile: soziökonomischer Status, Geschlecht, Alter

- Geschlechterunterschiede korrelieren mit Unterschieden in Rauchen, Alkoholkonsum, Essgewohnheiten, körperliche Aktivität

- Alter: komplexe Zusammenhänge

- häufig sind Kombinationen von gesundheitsschädigenden mit –förderlichem Verhalten (z.B. Rauchen und Gesundheitsbewusste Ernährung

- ebenfalls häufig: ungesunde Ernährung und ungenügende körperliche Aktivität

12 Gesundheit und Krankheit

Gesundheit Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit.

12.1 Gesundheitsmodelle und Krankheitsmodelle

- gegensätzliche Konzepte seit der Antike: Gesundheit vs. Krankheit (schwarz/weiss) und andererseits ein dynamisches Gleichgewicht mit fliessenden Übergängen

12.1.1 Gesundheit und Krankheit als Gegensätze

- Mensch als Leistungsmaschine?, Leistungsfähigkeit als Normalität

- Diagnose einer Krankheit gemäss der International Classification of Desease (ICD), oder der Diagnostic Statistical Manual der American Medical Association

- Screeninguntersuchungen

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12.1.2 Gesundheit und Krankheit als Gleichgewicht

- Krankheit = Prozess, mit komplexen Wechselwirkungen von Umwelteinflüssen und Reaktionen des Körpers

- Eukrasie > gesunder Zustand, Dyskrasie > Krankheit

- Galen: enge Beziehung zwischen Körper und Seele

- soziale Ressourcen, internale Ressourcen

- Gesundheit ist mehrdimensional bedingt, Wohlbefinden ist dabei sehr wichtig

12.1.4 Gesundheit und Wertvorstellungen

- eher positiv: Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit, Rollenerfüllung, Lebendigkeit, Sportlichkeit, Fitness, Jugendlichkeit

- eher negativ: Schmerzen, Gebrechen, Behinderungen, Störanfälligkeit, Invalidität, Alter, Todesnähe

12.1.5 Komplementärmedizin

12.1.6 Gesundheits- und Krankheitsmodelle von Laien

- Die Symptomwahrnehmung und –Interpretation hängt wesentlich von verfügbarem

Wissen, Erfahrungen, von der Differenziertheit des eigenen Körpererlebens und von normativen Orientierungen ab.

12.1.7 Übergang Gesundheit – Krankheit

- Patientenkarriere: erstes Wahrnehmen einer Veränderung, erste Konsequenzen,

Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe, akute Krankheitsphase, Rekonvaleszenz/chronische

Krankheitsphase, Rehabilitation, terminale Phase

12.2 Salutogenese – Pathogenese

- Pathogenese: Was geht schlecht?/ falsch? Was sind die Ursachen dafür?; ‚Ohne Befund’ = gesund

- Salutogenese: Wie wird Gesundheit hergestellt? Unter welchen Bedingungen bleiben Menschen gesund? Was kann man tun um solche Bedingungen für möglichst viele Menschen herzustellen?; zieht Umfeld mit ein

12.3 Gesundheitsförderung und Prävention

12.3.2 Prävention spezifische Prophylaxe von Krankheit, Unfall, Invalidität und

vorzeitigem Tod durch Massnahmen auf individueller und kollektiver Ebene

- 3 Präventionsarten: primäre Pr. (Entstehen von Krankheiten -> Senkung der

Inzidenzrate); sekundäre Pr. (frühzeitiges Erkennen der Veränderungen, die zu Krankheit

führen; Risikosituationen -> Senkung der Prävalenzrate); tertiäre Pr. (Folgestörungen bestehender Krankheiten; auch Rückfallprophylaxe)

12.4 Gesundheits- und Risikoverhalten

- Gesundheitsverhalten entweder gesundheitsrelevante Verhaltensweisen überhaupt (+

oder –) oder Beitrag zur Entwicklung oder Förderung ihres individuellen Gesundheitspotentials

- Krankheitsverhalten all das, was ein Mensch in Bezug auf Krankheiten oder Symptome

unternimmt

- Einflussfaktoren für Gesundheits- & Krankheitsverhalten: kulturelle Faktoren (Ethnie, Gesundheitsorientierungen), demographische Faktoren (Geschlecht, Alter), soziostrukturelle Faktoren (psychische Entwicklung, soziales Umfeld), Selbst- & Fremderfahrung (mit Gesundheit & Krankheit), Angebot & Zugänglichkeit medizinischer Dienste

13 Die Arzt-Patient-Beziehung

13.1 Rahmenbedingungen und Determinanten der APB: unabhängig vom Patient:

gesetzliche Bestimmungen, ethnische Prinzipien, Standesregeln, vertragliche Vereinbarungen, systemischer Kontext, soziokultureller Kontext. abhängig vom Patienten: Behandlungsauftrag, Einstellungen und Erwartungen von Arzt und Patient, Persönlichkeitsmerkmale, Kommunikation und Interaktion

21/40

- rechtsfähig ist jedermann, unabhängig von Alter, Intellekt

- urteilsfähig (Zivilgesetz) ist jeder ausser Kind, Geisteskranker, -schwacher, Trunkenheit

- Handlungsfähigkeit besitzt, wer mündig, d.h. volljährig und urteilsfähig ist

- therapeutische Massnahmen stellen immer und ohne Ausnahme eine Körperverletzung dar. Diese kann nur vom Patienten legitimiert werden.

- Patientenrechte: sorgfältige Behandlung, Information (auch Krankengeschichte),

Selbstbestimmung, Geheimhaltung, Kontakt zur Aussenwelt, Schutz der menschlichen Würde, Beschwerde, Forschung und Lehre, Abfassung schriftlicher Verfügungen

betreffend lebensverlängernder Massnahmen/Organentnahme/Obduktion

13.1.2 – heute zunehmende moralische Konflikte zwischen Wollen, Können und Dürfen

im ärztlichen Handeln und Denken. Medizinethik hinterfragt, überprüft und reflektiert dieses Handeln und Denken.

- Der Eid des Hippokrates: Der Arzt solle in seinem Handeln

die Würde des Menschen schützen und dessen Selbstbestimmungsrecht achten,

des Patienten über sein eigenes oder das Interesse Dritter stellen,

in all seinen Formen schützen und bewahren,

dem Patienten und der Allgemeinheit bewusst sein und selbstkritisch seine Kompetenz nicht überschreiten.

ohne

Ansehen der Person

das

das Wohl

menschliche Leben

sich

jederzeit seiner Verantwortung vor

13.1.3

Standesordnung und Standesregeln

13.1.5

Die APB als soziales Mikrosystem

13.1.6

Der soziokulturelle Kontext aus welchem sowohl Patient als auch Arzt stammen ist

enorm entscheidend in der APB. -> z.B. Schmerzwahrnehmung und –interpretation,

Krankheits- und Körperkonzepte

13.2 Die Arzt- und Krankenrolle

13.2.2 typische, sozial normierte (klassische) Rollenerwartungen an den Arzt: fachliche

Kompetenz, allparteiliche Haltung, Respektierung und Beschränkung auf den gestellten

Auftrag, affektive Neutralität, auf das Wohl der Gemeinschaft ausgerichtete Haltung.

- affektive Neutralität -> objektive einfühlende Anteilnahme! nicht etwa kühle sachliche Distanz

13.2.3 neue Rollenerwartungen resultierend aus ökonomischen Gesichtspunkten im

Gesundheitswesen (Kostensteigerung) von Seiten der Patienten, Versicherungsträgern und

Politik: Wirksamkeit, Zweckmässigkeit (Nutzen <-> Schaden), Wirtschaftlichkeit

13.2.5 Krankheit ist mehr als nur ein biologischer Prozess, sie ist stets auch

Verhaltensstörung. -> Das medizinische Versorgungssystem als gesellschaftliches

Regulationssystem.

13.2.6 - ‚labeling’ – Krankheitsetikettierung -> circulus vitiosus durch Rückkoppelung

- ‚labeling-theory’: jede Krankheitsbezeichnung führt zu einem bestimmten Reaktionstyp der Umgebung (soziales Prestige von Krankheiten)

- Absentismus Kurzabsenzen vom Arbeitsplatz aus anderen als streng medizinischen Gründen. 13.2.10 - Patienten als Kunden, Konsumenten oder mündigen Partnern

13.3 Interaktion in der APB

13.3.1 wesentlich

beeinflusst durch soziokulturelle Entwicklungen und Vorstellungen

Unterteilung des Interaktionsgeschehens in drei Ebenen: Kognition, Emotion, Verhalten

- Kognitive und emotionale Aspekte werden fortlaufend kommuniziert und bilden die

Grundlage für die Kooperation zwischen Ärztin und Patientin. Somit lässt sich die Interaktion in einer APB in folgende Bereiche unterteilen: Kognitive Prozesse, Äusserung/ Beantwortung von Gefühlen und Stimmungen, Kommunikation (verbal/averbal), Kooperation (Umsetzung von ausgetauschter Information in Handeln)

13.3.2 Kognitive Prozesse in der APB

- Wahrnehmung, Bewertung, Beurteilung

22/40

- Symptome subjektive Wahrnehmungen, welche ein Patient an sich feststellt, als

Hinweise auf eine mögliche Erkrankung bewertet und gegenüber dem Arzt als Beschwerden vorbringt. Können rein subjektiv sein oder einen wirklich objektivierbaren

Hintergrund haben.

- Diskrepanz zwischen Symptomen und Befunden: Schwierigkeiten bei nicht

objektivierbaren Symptomen. Häufig bei psychosomatischen Störungen, die mittel- und längerfristig auf beiden Seiten zu deutlichen Emotionen und Schwierigkeiten führen.

-

Techniker, Erzieher, menschliches Vorbild;

Kunde mit realistischen Erwartungen, kooperativer und verantwortungsbewusster Partner

- in der Regel werden wechselseitige Erwartungen nicht offenkundig kommuniziert (Ausgehen von einem stillschweigenden Konsens)

- häufig gegenseitige Verzerrung der Wahrnehmung durch Vorurteile, stereotype Einstellungen

Erwartungen

des

Patienten: sehr unterschiedlich!, Ratgeber, Führer, Vertrauter,

des

Arztes: ehrlicher, vertrauensvoller

13.3.3 Emotionale Vorgänge in der APB

- vier Grundregeln für den Arzt: Empathie gegenüber einem Kranken/einfühlende

Anteilnahme, affektive Neutralität, emotionale Echtheit, adäquate emotionale Nähe und Distanz

13.3.4 Kommunikation in der APB

- Man kann nicht nicht kommunizieren

- beeinflusst

gegenseitige Kooperationsbereitschaft und vermeidet juristische Auseinandersetzungen.

- oft ‚missachtete’ Erwartungen der Patienten an den Arzt: offenes, wahrheitsgetreues und verständliches Informieren, schonende Mitteilung von belastenden Informationen, genügend Zeit für das Gespräch, Eingehen auf Fragen und Wünsche, Unterlassen von entwertenden und kränkenden Äusserungen

die Zufriedenheit beider Parteien, das Stellen einer Diagnose, die

13.3.5 Prototypen der APB

- Paternalistisches Modell: Patient ergibt sich passiv der professionellen Autorität des Arztes, ‚doctor knows best!’

- informatives Modell: Bereitstellung von relevanten Informationen für eine

Entscheidungsfindung von Seiten des Patienten und Wahl der Behandlungsmethoden

- Modell der gemeinsamen Entscheidungsfindung: ‚shared decision making model’, partnerschaftliche Entscheidungsfindung

13.3.6 Compliance Mitwirkung und Mitarbeit des Patienten in der Einhaltung

medizinischer Empfehlungen und therapeutischer Massnahmen.

- Gründe für eine mangelnde Compliance (Non-Compliance): Patient: mangelnder

Leidensdruck, Angst vor Schadwirkung der Therapie, Intelligenzmangel/ Vergesslichkeit/

Bequemlichkeit; Therapie: kompliziertes Therapieschema, Nebenwirkungen, Langzeittherapie; APB: unzureichendes Informieren von Seiten des Arztes, Unzufriedenheit, zu lange Konsultationsintervalle; Gesundheitsinstitution: lange Wartezeiten, schlecht organisierte Visiten

- Massnahmen zur Verbesserung der Compliance: klare und häufige Information, Einbezug des Patienten in die Verlaufsbeobachtung (z.B. selbständiges Blutdruckmessen, ), Einbezug von Angehörigen, Konsensfindung im Therapieschema

13.4 Plazeboeffekte sind therapeutische Effekte, die aufgrund der Bedeutung zustande kommen, die eine Intervention – psychologische (Tatsache der Behandlung) und/oder pharmazeutische – für eine Person hat.

13.4.2 Wirkungsmechanismen

- kognitive Umstrukturierung: es entwickelt sich eine selektive Aufmerksamkeit für

Zeichen einer Besserung im subjektiven Befinden. Jede zufällige Besserung im subjektiven

23/40

Befinden wird dadurch besonders bewertet und erlebt, und der Person der Ärztin oder der therapeutischen Massnahme zugeschrieben. Dies wiederum verstärkt den Plazeboeffekt.

- Suggestion: sowohl positive, wie auch negative (Nebenwirkungen) Effekte können durch das Plazebo hervorgerufen werden.

13.4.3 Plazebos in Medikamentenstudien

- Doppelblindversuche

- neuroendokrine Reaktionen (Dopamin, Endorphine,

13.4.4 Plazebos in der Behandlung von Problempatienten kann zu einem verminderten

Vertrauen in der APB führen. Hat für die APB mehr Nach- als Vorteile.

)

nach Plazeboapplikation

13.5 Sexuelle Belästigung in der APB

- sexuelle Belästigung von Patientinnen durch Ärzte, sowohl auch der Ärztinnen durch Patienten

- Formen: verbaler Ausdruck, physisches Verhalten, visuelles Vorgehen

- Verletzung der Würde oder physischen Integrität eines Menschen

- Risikofaktoren für sexuelle Belästigung von Patientinnen: Substanzabhängigkeit, soziale Isolation, allgemeine Lebensunzufriedenheit

- Prävention: Thematisierung während der Ausbildung, Anleitung zum Umgang mit

sexuellen Phantasien, klare ethische Richtlinien

- Vorgehen bei sexuellen Übergriffen: unabhängige Expertenkommission

- Folgetherapie für Opfer

- Missbrauch des Begriffes sexueller Missbrauch häufig bei Regenbogenpresse, TV- Serien,

13.6 schwierige APB

13.6.1 Gründe für eine schwierige APB:

- unerfüllte oder diskrepante Erwartungen

- schwierige Persönlichkeiten

- gesellschaftliche Trends: ‚fast-care’-Gesellschaft, APB zunehmend unter Zeit-, Leistungs- und Kostendruck

- Aufkommen intensiver Gefühle oft als Warnsignal vor dem Aufkommen von Schwierigkeiten

13.6.2 der schwierige Patient

- oral fordernde, vorwurfsvoll-entwertende, dramatisierende, misstrauisch abweisende,

unterwürfige, schweigende Patienten, P. mit starker Regressionstendenz, mit persistierenden Idealisierungstendenzen gegenüber dem Arzt, mit suizidalen Tendenzen, mit chronifizierten somatoformen Störungen und ausgeprägter Abwehr, selbstdestruktie P.

13.6.3 der schwierige Arzt

- Geltungsbedürfnis und Kränkbarkeit, Neigung zu Oberflächlichkeit im Gespräch und im

Handeln, Unfähigkeit zum Einfühlen und Mitfühlen, Unwilligkeit sich rational und emotional in die spezielle Lage eines Patienten zu versetzen, Kritiklosigkeit gegenüber Grenzen der eigenen ärztlichen Kompetenz, Selbstgefälligkeit und übertriebene

Selbstsicherheit

13.6.4 Konflikte in der APB

- das Helfersyndrom: Nachholen von Bedürfnissen nach Schutz und Geborgenheit

(Patient), Überspielen eigener Abhängigkeitswünsche, indem man als Helfer einem Schwächeren beistehen kann. Angst beider Parteien vor der Trennung und auf sich selbst angewiesen zu sein

- der omnipotente Helfer: regelmässiges Umgehen mit Patienten, als ob sie hilflos und abhängig wären, auch wenn sie gar keine regressiven Ansprüche erheben. Schränkt Selbständigkeit des Patienten ein

24/40

- Burn-out-Syndrom: fortdauernde Überschätzung der psychischen und physischen

Belastbarkeit (anhaltender Distress) kann zu Gespanntheit, Rigidität, Apathie und Distanzierung führen. Man wird zum hilflosen Helfer.

13.7 Interaktion Arzt-Patient-Familie

- häufige Symptombildung in sog. dysfunktionalen Familien, die Familie als Patient

- Konzentration in der Behandlung bei erkannter Symptombildung auf die Ursachen. Übergreifende Betrachtungsweisen.

- Angrenzung zu psychotherapeutischen Interventionen

- der Hausarzt als Familienarzt

14 Geschlechterfragen in der Medizin

14.1 Bedeutung des Geschlechts für die Medizin

- Kategorisierung und Generalisierung der typischen Eigenschaften des Geschlechts

14.2 Krankheiten von Männern und Krankheiten von Frauen

- Symptome von Frauen werden oft als psychosomatisch eingestuft

- deutlich mehr Todesfälle bei Männern infolge Suizid, Unfälle und Gewalt (15-30J.) und

Herzkreislauf- und Krebskrankheiten (60-80J.)

- Frauen erleiden durchschnittlich zehn Jahre später ihre Herzinfarkte als die Männer.

- Rauchen erhöht bei Frauen stärker das Risiko für einen Herzinfarkt als bei Männern und das Thromboserisiko nimmt bei gleichzeitiger hormoneller Kontrazeption sogar exponentiell zu.

14.3 Wahrnehmung und Interpretation

- vermehrte Auslegung von Symptomen, die zu einer geschlechterstereotypen Krankheit passen (Asthma bronchiale , COPD )

- häufig ist das eine Geschlecht bei klinischen Studien übervertreten

- die unterschiedlichen Geschlechter deuten Symptome an sich selbst auch nach geschlechtstypischen Krankheiten

14.4 Geschlechtsmerkmale der Kommunikation im medizinischen Setting

- Ärztinnen gestalten die APB gegenüber Patientinnen vermehrt patientenzentriert und

Ärzte häufiger Krankheitszentriert (bei männlichen Patienten gibt es keine Unterschiede).

- Ärzte agieren mehr imponierend, geben mehr Anleitungen und äussern mehr

Interpretationen.

- Ärztinnen bleiben aufmerksamer und weniger direktiv. Sie geben mehr subjektive und objektive Informationen und Bestätigungen.

14.5 Geschlechterdifferentes ärztliches Handeln

- sowohl

sowie bei sekundärprophylaktischen Massnahmen.

bei Verschreibung von Pharmaka, bei invasiven Untersuchungsmethoden,

15 Das ärztliche Gespräch – die ärztliche Untersuchung

15.1 Schwierigkeiten in der Arzt-Patienten-Kommunikation

- Mangel an kommunikativer Kompetenz: v.a. psychosoziale Beschwerden und der

Hauptgrund der Konsultation werden nicht erkannt, schlechte Informierung der Patienten

- Das ärztliche Gespräch ist DAS günstigste und einfachste Mittel zur Diagnosestellung. Es beeinflusst entscheidend das Gelingen einer Behandlung und bestimmt wesentlich die Zufriedenheit der Patienten.

- v.a. bei chronischen Krankheiten und Behandlungen spielt das ärztliche Gespräch eine

wichtige Rolle

- Schwachpunkte: Unterbrechen von Schilderung der Patienten, mangelnde Strukturierung, Einengung des Patienten durch Suggestiv- und geschlossene Fragen, Nihilierung von emotionalen Äusserungen, unklares und missverständliches Informieren des Patienten.

15.2 Zielsetzungen und Aufbau eines Anamnesegesprächs

15.2.1 Zielsetzungen: Herstellen einer Beziehung, Erheben einer biopsychosozialen Anamnese, erstes Beurteilen der relevanten Mitteilungen, Formulierung einer vorläufigen

25/40

Diagnose, Festlegen des weiteren Vorgehens, Motivieren des Patienten für weitere Kooperation

- über folgende Punkte sollte der Arzt während eines Anamnesegesprächs fortlaufend

Hypothesen aufstellen, um das Gespräch in die geeignete Richtung lenken und die richtigen Fragen stellen zu können: mögliche Schwierigkeiten, die den Fortgang des

Gesprächs stören könnten, Anamnese und Krankheitsgeschichte im engeren Sinn, mögliche Diagnosen, Persönlichkeit des Patienten

15.2.2 Aufbau eines Anamnesegesprächs

- Vorstellen, Begrüssen

- Schaffen einer günstigen Situation

- Landkarte der Beschwerden: „Was führt Sie zu mir?“

- jetziges Leiden sieben Dimensionen: Zeitlicher Ablauf, Qualität, Intensität,

verknüpfen mit persönlicher Anamnese,

Familienanamnese, psychischer Entwicklung und sozialen Umständen

- Systemanamnese

- Beendigung, Stellungnahme

Lokalisation und Ausstrahlung, Begleitzeichen, intensivierende/ lindernde Faktoren, Umstände

15.2.3 Fragetypen: offene Fragen, gezielte Fragen, geschlossene Fragen, Suggestivfragen

15.3 die PatientInn als terra incognita

- jedes Gespräch mit einem neuen Patient führt den Arzt in eine Forschungsreise auf unbekanntes Gebiet

15.4 konkrete Gesprächstechniken

15.4.1 Begrüssung: small talk, Name und Funktion, Inhalt und Zweck des Gesprächs

15.4.2 Gesprächsrahmen festlegen: Offenlegung der Zeitgrenzen, Ankündigung von

äusseren Einflüssen auf die Gesprächssituation, Gesprächsthemen definieren, Übergänge

im Thema (persönliche/Systemanamnese) und im Gesprächsstil ankündigen

15.4.3 WWSZ-Techniken: warten, wiederholen, spiegeln, zusammenfassen

veranlasst den

Patienten zu selbständiger Gesprächsführung und erleichtert es ihm emotional belastende

Themen anzusprechen.

- Warten: nur verbal!, klar sollte man mit Mimik und averbaler Kommunikation dem Patienten zu verstehen geben, dass man ihm immer noch folgt.

- Zusammenfassen: sollte immer angekündigt werden

15.4.4 Aufnehmen von Emotionen: Wahrnehmen, Akzeptieren und Verbalisieren!

- bei doppelten Botschaften (emotionale Äusserung auf sachlicher Information

schwimmend) hat immer die emotionale Ebene Vorrang

- Umgang mit offenen Emotionen: NURS (naming, understanding, respecting, supporting)

- nicht geäusserte Gefühle werden oftmals kaschiert durch plötzliche Themenwechsel,

auffallend nüchterne Erzählweise von dramatischen Ereignissen, ständig repetierte Klagen

15.4.5 Vermitteln von Informtionen

- Sprache immer dem Stand des Patienten anpassen

- komplexe Informationen in mehrere Abschnitte gliedern

- repetitives Klären, ob der Patient verstanden hat

- Gebrauch von Bildern, Analogien, Metaphern

15.4.6 Schlussevaluation: Abschliessen der gemeinsamen Arbeit, Festlegen der offenen

Punkte, Klären der Agenda für die folgende Begegnung

15.5 Besondere Gesprächssituationen

- Umstände, die eine Abweichung vom beispielhaften A-P-Gespräch (Erstgespräch) verlangen: Wiederholungsvisite, Notfallvisite, Konsiliaruntersuchungen, Prämedikationsgespräch, Konsultationen mit Dritten (Kinder, unzureichende Sprachkentnisse, )

15.6 Das Mitteilen schlechter Nachrichten

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- Grundregeln: gute fachliche und innerliche Vorbereitung auf das Gespräch, was (welche

Information) will ich sagen/bekannt geben, Drittperson?, Atmosphäre, Zeitreserve, ev. Kombination mit Überbringen von guten Nachrichten

15.7 Das Beratungsgespräch

- Ernährung, Antikonzeption, Schwangerschaft, chronische Krankheiten, Behinderungen, Erziehung, Sexualität, Beziehungen

15.8 psychologische Aspekte der Körperuntersuchung

- immer ankündigen!

- besonders während der körperlichen Untersuchung fühlt sich der Patient ungewöhnlich bedürftig und abhängig. Gefühle des Ausgeliefert seins und des Bedrängt werdens.

- Übertragung und Gegenübertragung

- Identifizierungsmerkmale (Kleidung, Schmuck,

Gruppenzugehörigkeit (u.a. Geschlecht) sollen während der A-P-Interaktion nicht preisgegeben werden. Grundsätzlich brauchen die Patienten die Privatsphäre der ÄrztInnen

nicht zu kennen.

- Bei der Ganzkörperuntersuchung sollte jeweils nur die gerade zu untersuchende Region freigelegt werden (bes. bei Frauen).

- Vermeiden von Störungen

- kein kumpelhaftes Verhalten

)

einer bestimmten

15.8.2 körperliche Untersuchung schwieriger Patienten

- die Unersättlichen: bekommen nie genug Zuwendung und sind aber v.a. bei der

Körperuntersuchung besonders kritische Beobachter. -> offenes Darlegen und Erklären der

jeweiligen Untersuchung

- die Misstrauischen: -> Toleranz gegenüber Bemerkungen und Einbezug in den weiteren

Ablauf

- die Verleugner: bagatellisieren Befunde und betonen ihre Unabhängigkeit. -> klares

Begründen und Überzeugen der Notwendigkeit der jeweiligen Untersuchung, Frage.

- die Unmöglichen: finden sich in der Patientenrolle nicht zurecht. Ihnen ist zeitweise

nichts mehr recht, v.a. nicht, dass sie sich jetzt im Spital befinden. Affektinkontinent,

weinerlich, aggressiv, Beschuldigungen, Bedrohungen -> Ruhe und Korrektheit von Seiten der Ärzte, Erklärung und Kommentieren der Untersuchung.

- die Nörgler: wollen Erklärungen für alles. Haben Angst, dem Wirken des Arztes zu vertrauen -> sachlich erklären, Gespräche anbieten

15.8.3 besondere Untersuchungssituationen

- Patienten anderen Geschlechts im selben Alter: es können besonders leicht

ausserberufliche Erwartungen und Phantasien geweckt werden. -> sachliche Distanz und

Distanzierung mittels instrumentierter Untersuchung wo möglich.

- plötzliches Weinen: während der Untersuchung können oftmals Gefühle schwieriger

zurückgehalten werden. -> Unterbrechung der Untersuchung bis sich der Patient wieder gefasst hat, ev. kurzes Gespräch im Anschluss der Untersuchung

- der sterbende Patient: häufig nimmt der präterminale Pat. eine Haltungsänderung der Ärzte wahr. -> Fragen und Gespräche über Sterben und Tod müssen in der APB platz haben, sollten aber auch nicht aufgedrängt werden.

- Körperuntersuchung während einer laufenden Psychotherapie: psychotherapeutisch behandelnder Arzt sollte niemals körperliche Untersuchungen durchführen!

15.9 Die ärztliche Untersuchung von Kindern (hier gemeint Kinder im Vorschulalter)

- Kenntnisse der Entwicklungspsychologie

- kommunikatives Anfreunden ist unerlässlich

- für die ärztliche Untersuchung gelten vergleichbare Gesichtspunkte wie für die

Erziehung: Gelegenheit, aktiv zu sein für aktive Kinder. mehr Zeit und Unterstützung für scheue Kinder

- Kinder reagieren auf ein Fehlverhalten des Arztes empfindlicher als Adulte

27/40

- Einbezug von Übergangsobjekten in die Anamnese und Untersuchung

- Spielzeug im Warteraum: altersgerechter Umgebung, Ablenkung zur Angstminderung, symbolhafter Ausdruck des Erlebens

- auf jeden Fall typische Berufskleidung anziehen

- nicht über das Kind, sondern mit dem Kind sprechen. Sprache anpassen

- freundliche Atmosphäre besonders wichtig

- Grundbedürfnisse für das Wohlbefinden sollten vor der körperlichen Untersuchung

gegeben sein

- Vermeidung rhetorischer Fragen („darf ich dir den Bauch untersuchen[?]“), weil das Kind Nein antworten könnte.

- gründliche Erklärung der Untersuchung und Instrumente

- schmerzhafte Untersuchungen immer am Schluss

- überängstliche Mütter sollten nicht auf die Kinder abfärben

- Anerkennung zum Schluss einer Untersuchung

15.10 die Untersuchung von Adoleszenten

- oftmals eine ambivalente Beziehung zu Erwachsenen

- starker Autonomiedrang, aber gleichzeitig ein sich unterordnen müssen gegenüber der Ärztin

- starke Stimmungsschwankungen

- oft ausgesprochene Scham bei körperlicher Untersuchung

- Verzerrungen in der Wahrnehmung der APB sind bei Adoleszenten häufiger, da in ihrem Denken unbewusste Phantasien eine grössere Rolle spielen 16 Subjektive Krankheitskonzepte – Krankheitsbewältigung

16.1 Subjektive Krankheitstheorien und Gesundheitsvorstellungen bilden die Grundlage für

die Krankheitsbewältigung (coping).

- kognitive Repräsentanzen einer Krankheit: Identitiät (Name, Etikett der Erkrankung), Ursache (zentraler Teil, hat Folgen für die Kognition von folgenden drei Aspekten), Auswirkungen, Zeitverlauf, Kontrollierbarkeit

16.1.2 subjektive Gesundheitsvorstellungen differieren z.T. von den gesellschaftlichen und

medizinischen Definitionen

- eine Konsensfähige Expertendefinition fehlt

- einfliessende Aspekte: körperliches und psychisches Wohlbefinden, Bewältigung von Lebensaufgaben, Rollenerfüllung, Selbstverwirklichung

- starke Unterschiede bei unterschiedlichen Ethnologien, sozialen Schichten, Lebenssituationen

16.2 psychosoziale Belastung einer Krankheit – Krankheitsbewältigungen

- gestörtes emotionales Gleichgewicht: neue oder verstärkte Gefühle

- Körperintegrität und Wohlbefinden: Verletzung, Behinderung, Schmerzen

- verändertes Selbstkonzept: Autonomie-/Kontrollverlust, Ungewissheit

- Verunsicherung hinsichtlich der sozialen Aufgaben und Rollen

- veränderte Umgebung: Medizinalpersonal, Hospitalisation

- Angst vor dem Sterben

16.3 Einflussfaktoren auf die Krankheitsbewältigung

- Krankheit/Behandlung, betroffene Person, soziale Unterstützung

- ein Teil ist persönlichkeits- (trait), ein Teil von der Krankheitssituation abhängig (state)

16.3.1 Krankheits- und Behandlungsmerkmale haben einen direkten Einfluss auf die Art

der Krankheitsbewältigung:

- Verlauf/Dauer: akut, chronisch (progredient, rezidivierend), ein unvorhersagbarer Verlauf ist besonders belastend

- betroffene Organe: Infektionen im Gesicht sind viel schlimmer als z.B. am kleinen Finger

- Symptomatik: Schmerz, Atemnot, Emesis, Müdigkeit

28/40

- Art und Ausmass der körperlichen oder psychischen Behinderung: Verlust von sozialen Rollen in Familie und Beruf sind besonders unangenehm

- Behandlung: stationär/ambulant, Abhängigkeit von Apparaten/Pflegepersonen, Nebenwirkungen der Medikamente

16.3.2 Personenmerkmale

Individuelle Voraussetzungen:

- Alter und Geschlecht, sowie von der Krankheit unabhängig belastende Faktoren: 78-

jährige Witwe verarbeitet die Diagnose eines unheilbaren, metastasierenden Mammakarzinoms besser, als eine 45-jährige, in Scheidung stehende Hausfrau mit zwei

Kindern. Personale Ressourcen:

- Dispositionaler Optimismus: bessere Lebensqualität, auch wenn sich der

Krankheitsverlauf dadurch nicht wesentlich ändert

- Kontrollüberzeugungen: internale K. (ich kann durch eigenes Verhalten Einfluss

nehmen), externale soziale K. (andere Personen beeinflussen entscheidend den Verlauf), externale fatalistische K. (der entscheidende Einfluss kommt vom Zufall oder Schicksal)

- Kohärenzsinn: setzt sich zusammen aus 1. Verstehbarkeit (von Stressoren), 2.

Handhabbarkeit (kann ich Stressoren beeinflussen?), 3. Sinnhaftigkeit (soll ich überhaupt?)

- Bindungsverhalten: Patienten mit sicherem Bindungsstil haben es leichter beim Coping, als solche mit einem unsicher-vermeidenden, oder unsicher-ambivalenten.

16.3.3 soziale Unterstützung als wichtigste externale Ressource

16.4 Krankheitsbewältigung und das Stresskonzept

16.4.1 das transaktionale Stressmodell von Lazarus und Folkmann

- Person interagiert mit der Umwelt. Diese stresshafte Auseinandersetzung entspricht einem dynamischen Anpassungsprozess (-> transaktional)

16.5 Bewältigung als Prozess

16.5.1 Bewältigungsvorgang

- Abwehrmechanismen und Bewältigungsstrategien

16.5.2 Wahrnehmung und Bewertung einer Krankheit

16.5.3 Effekte und Konsequenzen ungeeigneter Krankheitsbewältigung

16.6 Ziele der Krankheitsbewältigung

16.6.1 Krankheitsbewältigung und Adaptation

- Anforderungen an den Patienten: emotionale und krankheitsbezogene Aufgaben, neue Lebensorientierung

- sich ständig wandelnde Ziele bei chronischen Krankheiten

- Neubeurteilung der Lebensprioritäten

16.6.2 Adaptation und medizinische Therapie

- biologisch-somatische Perspektive bei der Behandlung chronisch und schwer Kranker ist

nicht ausreichend. Auch wenn die Symptome bald in den Griff gekriegt werden können, so stellt doch das Wissen über die Krankheit eine grosse Belastung dar.

16.6.3 systemische Perspektive zur Zielsetzung

- die Vorstellungen des medizinischen und sozialen Umfeldes bezüglich Ziele der Krankheitsbewältigung differieren häufig von denjenigen der Patientin.

- Patientin: v.a. emotionales Gleichgewicht, Wohlbefinden, Umbesinnen auf neue Lebensziele

- Medizinalpersonen (in Bezug auf Langzeitbehandlung): Kooperation in Diagnostik, aktive Zielsetzung in Rehabilitation

- soziales Umfeld: weiteres Erfüllen der sozialen Rollen (Familie, Arbeit, Beziehungen)

16.6.4 Erfolg der Krankheitsbewältigung

- Messparameter: psychische Befindlichkeit, gesundheitsbezogene Lebensqualität

- der Erfolg der Krankheitsbew. hat höchstens einen geringen Einfluss auf die Letalität

29/40

- es ist nicht einfach allgemein gültige Aussagen zu geeignetem und ungeeignetem Coping

zu sagen, denn die Bewältigungsmuster variieren bei einem chronischen Verlauf (auch in

Zusammenhang mit der Phase der Therapie,

) und haben immer deutlich unterschiedliche

Wirksamkeit. 17 Gesundheitsbezogene Lebensqualität Subjektiv wahrgenommene Gesundheit des Betroffenen

17.1 historische Entwicklung

- Lebensqualität (LQ) als unverzichtbarer Bestandteil einer demokratisch-freiheitlichen Verfassung

- auch im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel und den Änderungen, die die

heutige Entwicklung mit sich bringt (immer mehr chronische Krankheiten

Paradigmenwechsel auch in den pflegerischen Behandlungen vollzogen, welcher im die Art und Weise, wie Patienten ihre Gesundheit erleben (Lebensqualität), im Mittelpunkt hat.

- heutzutage Bewertung der medizinischen Leistungen durch Lebensqualitätsmessung

- Costs per Quality Adjusted Life Year (QALY)

), hat sich ein

17.2 Lebensqualität und Qualitätssicherung

- Strukturqualität: Qualifikation des Personals, Infrastruktur, administrative Einrichtungen, standardisierte Handlungsabläufe; Prüfung durch professionelle Kommissionen

- Prozessqualität: medizinische Versorgung an sich, Art und Weise, wie Diagnosen

gestellt/Interventionen durchgeführt werden; Prüfung durch Zufriedenheit der Patienten,

persönliche Kosten (Schmerzen, Angst oder Entwürdigung)

- Ergebnisqualität: fünf Kriterien zur Beurteilung der Ergebnisse (5 Ds): Death, Disease, Disability, Discomfort, Dissatisfaction

17.3 Definitionen und Konzepte

- nominale Definition schwierig

- operationale Definition: körperliche, psychische und soziale Dimensionen aus subjektiver Sicht des Patienten

- individualisierte Definition: Aspekte aus dem sozialwissenschaftlichen und

philosophischen Bereich -> Wünsche und Erwartungen, Lebenssituation im Kontext von Kultur und Wertsystem des Betroffenen, dessen Ziele, Wertmassstäbe und Befürchtungen, Idealzustand

- nutzentheoretische Definition: für gesundheitsökonomische Fragestellungen, Messung der durchschnittlichen Wertschätzung einer Behandlungsmethode durch Personenbefragung bei Patienten.

17.4 theoretische Grundlagen der Lebensqualitätsforschung

17.4.1 operationales Modell

- wichtigste/häufigste Methode, auch international

- SF-36 (Short Form-36 Health Survey): 36 items, ja-nein, sowie sechsstufige Antwortskalen, geeignet für klinische Studien, sowie für Einzelpersonen

17.3.2 individualisiertes Modell

- keine vollständige individuelle Wiederspiegelung der Perspektiven des Einzelnen möglich

- Messinstrumente zielen darauf, dass der Patient seine Problembereiche selbst definiert und festhält

17.3.3 nutzentheoretisches Modell

- zum Zwecke der gesundheitsökonomischen Evaluation, Gegenüberstellung von

subjektivem Nutzen (Q and QALY) und anfallenden Kosten (Costs)

- Reduktion auf eine einzige Kennziffer (1=optimaler Gesundheitszustand, 0=Tod)

- Miteinbezug der zeitlichen Dauer des Erreichten Zustandes (Quality Adjusted Life Years)

- LQ wird erfasst durch Beurteilung von simulierten Entscheidungen, die der Patient treffen soll

30/40

- Time-Trade-Off: Wählen zwischen zwei Alternativen: jetziger chronischer Zustand für

den Rest des Lebens, oder völliges Gesundwerden für eine kürzere Zeitdauer.

- Standard Gamble: Wählen zwischen zwei Alternativen: jetziger chronischer Zustand für

den Rest des Lebens, oder Operation, die völlige Genesung in Aussicht stellt, jedoch mit dem Risiko nicht zu überleben.

17.5 klinische Befunde zur Lebensqualität

- Querschnittstudien, Langzeitstudien

- bei chronischen Krankheiten häufig keine psychische Verbesserung bei Langzeitstudien

17.6 offene Fragen in der Lebensqualitätsforschung

- bedeuten Veränderungen des scores für gesundheitsbezogen LQ wirklich Veränderungen

des subjektiven Gesundheitszustandes? -> Zusammenhang zwischen objektiv medizinischen und subjektiv empfundenen Schwere einer Krankheit ist höchstens gering!

Zufriedenheitsparadoxon: gute subjektive Gesundheit bei objektiv schlechter Gesundheit. aus individuellen Adaptationsprozessen folgt ein ‚Response shift’: Veränderung der

Selbstevaluation bezüglich Gesundheit (Veränderungen in den Bereichen

Skalierung für die Beurteilung einzelner Lebensaspekte,

erachteten Dimensionen,

- führt der Einsatz der gebräuchlichen LQ-Fragebogeninstrumente zu verbesserter

klinischer Behandlungsqualität? -> kaum Effekte, individualisierte Methoden werden noch

wenig angewandt.

- Genügen die bestehenden Instrumente zur Erfassung der Lebensqualität den Ansprüchen

für einen effizienten Einsatz im klinischen Alltag, oder müssen neue Instrumente entwickelt werden? -> LQ-Instrumente sollten folgende Aspekte verbessern: Identifikation von Problemen und Prioritätssetzung bei multiplen Problemen, Kommunikation, Screening für verborgene Probleme, Erleichterung des shared-clinical-decision-making, Monitorisierung von Veränderungen bzw. Therapieeffekten.

innere

der

für die LQ als relevant

zentraler Lebensaspekt).

18 Psychophysiologie Zusammenhänge zwischen Denken, Fühlen, Verhalten und ihren physiologischen Korrelationen im menschlichen Organismus

18.1 psychophysiologische Prozesse

- körperliche Symptome/Beschwerden, denen keine krankhaften Organbefunde zugrunde liegen

- psychogenetische Theorien (innerselische Abläufe), Stress- und Lerntheorie

(intrapsychische, interpersonelle und systemische Aspekte)

- Parameter zur Messung psychophysischer Reaktionen: zentralnervös und neuromuskulär (EEG, EMG, EOG, ECoG), kardiovaskuläre Parameter (EKG, Hf, BD, Q/R), respiratorische Parameter (Af, Blutgase), intestinale Parameter (Darmmotilität, Passagezeiten), andere vegetative Parameter (Hormone, Neurotransmittersysteme)

- Biofeedback Visualisierung von physiologischen Funktionszuständen (z.B. Muskeltonus mithilfe EMG)

18.2 Psychophysiologie der Affekte und Emotionen

18.2.1 Abgrenzung von Gefühlszuständen nach Dauer und Intensität: kurzdauernde und

eher heftige Gefühle („Affekte“) vs. länger anhaltende, weniger intensive, dafür aber tiefergehende Gefühlszustände („Emotionen“). Stimmungen noch länger anhaltende Emotionsneigungen, die oft nicht erklärbar sind und das Seelenleben tiefgreifend beeinflussen.

18.2.2 neurophysiologische Grundlagen

- Amygdala: Vermittler zwischen neutralen sensorischen Reizen und vegetativen,

nozizeptiven und bereits vorhandenen gefärbten Inputs. -> affektive Färbung eigentlich neutraler Reize. Affektives Gedächtnis

- viele weiter Strukturen, v.a. Teile des limbischen Systems

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- genetische und individuumspezifische Einflüsse

- bei Angsterkrankungen oder Depression steigt die Gefahr, an einer kardiovaskulären

Krankheit (Herzinfarkt, Hirnschlag, Angina pectoris, Arteriosklerose) zu erkranken wesentlich an!

18.3 Stress aus psychosozialer Sicht

18.3.1 Stress umgangssprachlich: allgemeine, alltägliche und besondere

Belastungssituationen; wissenschaftlich: Ergebnis einer spezifischen Transaktion zwischen Umwelt und Person. Merkmale der Situation (Stressoren) lösen in einer Person etwas aus

und Merkmale der Person, die darauf reagiert.

- die Stressreaktion (Antwort auf Stressor) kann auf drei Ebenen erfolgen: 1. Ebene der

emotionalen Erfahrung und affektiven Reaktion. 2. Ebene der neuronalen, neuroendokrinen, endokrinen und immunvermittelten Aktivierung. 3. Ebene des sichtbaren Verhaltens.

- Distress: begrenzte oder nicht gegebene Kontrollierbarkeit eines Stressors. aktive oder

passive Distresserfahrung

- Eustress: Herausforderungen, die erfolgreich bewältigt werden können

- zweidimensionales Stressmodell: Belastungserfahrungen werden aus der Kombination von zwei zentralen Dimensionen von Arbeitsinhalten abgeleitet: Quantität von Anforderungen und Kontrollierbarkeit der Arbeitsaufgabe (Entscheidungsspielraum)

- Erweiterung des Modells um eine Dimension - der sozialen

Unterstützung -> ‚Modell beruflicher Gratifikationskrisen’

- berufliche Gratifikationskrisen: ungerechte Bezahlung,

ausbleibende Anerkennung und blockierte Aufstiegschancen bei hoher beruflicher Verausgabung; höheres Erkrankungsrisiko

- Persönlichkeit spielt auch eine wichtige Rolle: Situationswahl und –gestaltung,

persönliche Bewertung von Umständen/Umwelt, emotionale Stressreaktion, persönliche

Bewältigungsstrategien

Stressreaktion, persönliche Bewältigungsstrategien 18.3.2 Stress-Vulnerabilität: mehrfach psychos ozial

18.3.2 Stress-Vulnerabilität: mehrfach psychosozial belastete Personen bilden eher

Symptome aus, weil sie dazu tendieren, Anforderungen schneller als Bedrohung zu bewerten und weil sie i.d.R. nicht über ein so breites Repertoire von Abwehrmechanismen und Bewältigungsstrategien verfügen.

- ärztliche Abklärung von Stressoren: strukturelle Merkmale von Arbeitssituation und

Familiensystem. Anforderungen untersuchen nach Qualität, Quantität sowie Variabilität.

Wahrnehmungsprozesse/kognitive Bewertungen der Patienten.

18.3.5 Stressbewältigung und Stressmanagement

- auf der Ebene der Stressoren (quantitativ oder qualitativ), der Regulierbarkeit

(Verhaltens- oder Einstellungsänderung), Verbesserung der sozialen Unterstützung, Ursachen bekämpfen: Stressoren meiden oder ihre Wirkung durch Änderung des Lebensstils ändern Strategien entwickeln: Erlernen neuer Fähigkeiten Einstellungsänderungen: zu hohe Erwartungen an sich selbst mindern ausgeglichener Lebensstil: erkennen von Handlungsbegrenzungen und –möglichtkeiten

18.4 Psychophysiologie der Blutgerinnung

- Erhöhung der Blutgerinnung als Vorteil bei der Evolution (weniger Blutverlust bei einer Verletzung, die aus einem Kampf resultierte, oder ähnlichem)

- Hyperkoagulabilität (erhöhte Gerinnung und erniedrigte Fibrinolyse) bei akutem Stress ist wissenschaftlich bewiesen!

- chronischer Stress (v.a. Distress) erniedrigt die Fibrinolyse-Funktion des Blutes

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- i.v. Injektion von Katecholaminen -> Erhöhung der Blutgerinnung und der Fibrinolyse (Interaktion mit dem Endothel β2-R. und den Thrombozyten α2-R.)

18.5 Essen und Verdauung

- soziokulturelle Bedeutung

- emotionale Bedeutung: Liebe geht durch den Magen, Kummerspeck,

- Hypothalamus ist oberste neuronale Schaltstelle für Hunger und Sättigung

- niedrige Leptin- und Insulinspiegel erzeugen Hunger. Sättigung wird durch Cholezystokinin hervorgerufen

18.5.2 Determinanten des Essverhaltens

- biologische Regulation und genetische Disposition

- Lernprozesse: Konditionierung, Modellernen

- Rückwirkung von Inhaltsstoffen: Inhaltstoffe selbst lösen im Körper Essensverhalten beeinflussende Reaktionen aus

- Kognitive Prozesse: Informationen, Wissen, Einstellungen

18.5.3 Essen als biopsychosoziales Phänomen

- stete Kontinuität im Essverhalten, Veränderungen im Essverhalten erfolgen nur langsam

- detaillierte schriftliche Diätempfehlungen werden nur selten eingehalten

- kurzfristige positive Konsequenzen beeinflussen das Essverhalten stärker als langfristige Nachteile und Gefahren

- Patienten sollten den Erfolg bestimmter Massnahmen immer zeitnah miterleben können

- entmutigenden Misserfolge sind verheerend

- Essen ist ein wichtiges emotionales Erlebnis

18.6 Sexualität

18.6.1 Die Tabuisierung sexueller Fragen in der APB

- nach wie vor werden sexuelle Fragen in der Anamnese nur selten angesprochen

- die Vermarktung der Intimität in Boulevard-Medien steht im Gegensatz zu den deutlichen Schwierigkeiten, die Partner haben über ihre sexuelle Unzufriedenheit zu sprechen

18.6.2 Was ist Sexualität?

- Sexualität eine im biologischen verankerte, aber nicht notwendig manifest werdende Möglichkeit des Erlebens. Biologische Körperreaktion und psychische Funktion

- Männer haben eher biologistische, mechanische und genitalorientierte Sexualitätskonzepte,

- Frauen betonen mehr die atmosphärische, psychologische Seite.

18.6.3 Psychophysiologie der Sexualität