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Buddeberg

Psychosoziale Medizin
3. Auflage

Prüfungsorientierte Zusammenfassung
von Michael Frei, Sommer 2004

Diese Zusammenfassung ersetzt das Lesen des Buches von Prof. Buddeberg nicht.
Buddeberg
Psychosoziale Medizin
3. Auflage

Prüfungsorientierte Zusammenfassung
Michael Frei, Sommer 2004

1 - Bedeutung und Aufgaben der Psychosozialen Medizin

Definition: Psychosoziale Medizin

- Die Psychosoziale Medizin befasst sich mit der psychologischen und soziologischen Dimension der Medizin. Sie
betrifft die sozialwissenschaftlichen Aspekte der Medizin
- Psychosoziale Medizin ist Bindeglied zwischen medizinischen Fachrichtungen

Wichtige Änderungen in der heutigen Medizin im Vergleich zu früher:

- Multidisziplinäre Ausrichtung
- Verschiebung von akuten, lebensbedrohlichen zu chronischen, lebensbegleitenden Erkrankungen
- Mehr Prävention und Rehabilitation (wegen vermehrt chronischen, lebenslangen Krankheiten)
- Höheres Alter → Polymorbidität (v.a. Bewegungsapparat, Herz-Kreislauf, ZNS betroffen)
- Zuwachs des medizinischen Wissens und technologischer Entwicklung, Kluft zwischen Forschung und Praxis
- Von monokausalen zu systemischen Konzepten (d.h. es spielen immer mehrere Krankheitsursachen mit, Krankheit
als Folge und Ursache einer Störung von Regulationsvorgängen)
- Arzt nicht mehr Heiler und Helfer in der Not, sondern Anbieter von Dienstleistungen und Produkten
- Patient ist kritischer und oft gut informiert (Veränderung der Patientenrolle)
- Globale Verteilung von Ressourcen
- Veränderung des Morbiditätsspektrums (Chronifizierung von Krankheiten)
- Veränderungen in der Arzt-Patienten-Beziehung
- Ärztedichte, Verschiebung des Geschlechterverhältnis im Arztberuf
- Andere juristische Rahmenbedingungen
- Demographische und ökonomische Entwicklungen, Arbeitswelt, familiäre Lebensformen, Lebensstile

Hauptfaktoren für wachsende Gesundheitsausgaben:

- Wissenszuwachs, neue und teure diagnostische und therapeutische Möglichkeiten


- Wissensdefizit verursacht Kosten (Fehler wegen neuen, nicht vertrauten Methoden)
- Grosses Angebot induziert grosse Nachfrage
- Kontraproduktive Anreize seitens der Krankenkassen (z.B. keine Belohnung für gesundheitsbewusstes Leben)
- Alterung der Bevölkerung

Vier zentrale Ziele der Medizin:

- Prävention, Förderung und Erhaltung der Gesundheit


- Linderung von Schmerzen und Leiden
- Pflege und Heilung von Kranken
- Verhinderung eines vorzeitigen Todes und Ermöglichung eines angenehmen Todes

Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und Individuum sind von zentraler Bedeutung:

- Familiäres, soziales und berufliches Umfeld


- Lebensstil, Verhalten
- Kulturelle und ökologische Werte
- Gesundheitsvorsorgung, medizinische Versorgung
- Erbanlagen, Biologie

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2 - Medizinstudierende und Medizinstudium

- Rückgang der Studienanfänger in Medizin in den letzten Jahren


- Seit 1995 sind mehr als die Hälfte der Medizinstierenden Frauen;
- Gesundheitspolitische Veränderungen führen dazu, dass das Berufsbild und Prestige immer weniger den
Wunschvorstellungen junger Männer entsprechen
- Für Frauen in der Medizin gute Kompromisse zwischen Beruf und Familie möglich

Wichtigste Persönlichkeitsmerkmale Medizinstudierender:

- Hohe Anforderungen an sich selbst


- Höheres Selbstwert- und Kohärenzgefühl
- Medizinstudenten weisen hohe Handlungsorientierung auf, Medizinstudentinnen eher eine hohe
Gefühlsorientierung

3 - Die Ärztin / Der Arzt

- Ausbildung: bis zum Staatsexamen


- Weiterbildung: bis zum Facharzttitel
- Fortbildung: dient der Aufrechterhaltung der Fachkompetenz
- 50% der Ärzte arbeiten im Spital, da wegen zunehmender Spezialisierung längere Weiterbildung in Spitälern nötig
- 1.8 Ärzte auf 1000 Einwohner in der Schweiz

Die steigende Zahl von Medizinstudentinnen führt nicht unmittelbar zur Zunahme praktizierender Ärztinnen, weil:

- Mangel an Teilzeitstellen (Babypause)


- Längere Weiterbildungszeit als Männer
- Fehlende weibliche Vorbilder
- Fixierte Geschlechterrollen (Frauen glauben, Kompromiss zwischen Beruf und Familie sei nur schwer möglich)

Vorteile einer Praxisgemeinschaft:

- Verteilung hoher Investitionen und Administrationskosten


- Konsiliarischer Austausch
- Vertretung bei Abwesenheit
- Versorgungssicherheit und Vertrauen in mehrere Ärzte seitens der Patienten

Individuelle, institutionelle und gesellschaftliche Faktoren beeinflussen Berufskarrieren:

- Intrinsische (Freude, Interessen) und extrinsische (hohes Einkommen, Prestige) Karrieremotivation


- Strukturelle Merkmale des Arbeitsplatzes (Beruf und Familie)
- Lebenskonzepte (Wunsch nach Freiheit, Lebensqualität)

Modelle zur Vereinbarkeit von Berufs- und Familienarbeit:

- Lebensphasenmodell (Berufsphase - Familienphase - evtl. Wiedereinstieg; traditionelle Vorstellungen der


Geschlechterrollen)
- Kombination von Beruf und Familie mit reduziertem beruflichem Engagement der Frau
- Partnerschaftliches Vereinbarkeitsmodell (Familienarbeit und Teilzeitarbeit für beide Partner)
- Dual Career Modell (beide Partner machen Karriere, Kinderbetreuung extern)

Glass Ceiling Phänomen („gläserne Decke“):

- Frauen erhalten trotz gleich guter oder sogar besserer Qualifikation weniger Chancen für Aufstieg (später evtl.
Familie → diskontinuierliche berufliche Entwicklung → lohnt sich nicht für Chefärzte)

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Phasen der Karriereförderung:

- Informieren über Karrieremöglichkeiten


- Entwickeln von Karriereplänen
- Fokussieren auf Karriereziele
- Umsetzen von Karriereschritten
- Evaluieren von Karriereerfolgen → wieder von vorne

Stressoren ärztlicher Tätigkeit:

- Verantwortung für Patienten


- Zeitfaktor
- Fachliche Kompetenz
- Emotionale Belastung
- Administration und Management
- Wirtschaftlichkeit
- Rollenkonflikte

Gesundheitsrisiken für Ärzte:

- Depressionen, Angsterkrankungen, Drogen


- Partnerschaftsprobleme
- Burnout-Syndrom

4 - Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Medizin

Definition: Wissenschaft

- Wissenschaft ist der Erwerb, die Verarbeitung und die Wiedergabe von Erkenntnissen in methodischer und
kritischer Weise. Sie ist ein Versuch, die Welt um uns rational und systematisch zu verstehen, zu erklären und
Vorhersagen zu machen

Merkmale einer Wissenschaft:

- Basiert auf systematischen und überprüfbaren Methoden


- Entwickelt Theorien und überprüft kritisch deren Wahrheitsgehalt
- Je nach Wissenschaftsdisziplin sind Theorien lange Zeit gültig oder ändern sich mit dem soziokulturellen Wandel

Theorie des Empirismus:

- Wissen entsteht nur aus Beobachtungen, Experimenten und Erfahrung


- Beweisführungen erfolgen nach der Methode der induktiven Konklusion (von Einzelbeobachtungen zu einer
Theorie). Beweise können aber so nie schlüssig bewiesen werden

Theorie des Rationalismus:

- Nicht die Erfahrung, sondern die Interaktionen zwischen Verstand und Erfahrung generieren Wissen (nach I. Kant)
- Theorien sind nur solange gültig, bis sie durch Beobachtungen oder Experimente falsifiziert werden (induktive
Konklusion)
- Jede Beobachtung ist durch vorbestehende Theorien beeinflusst. Jede Hypothese steht in Relation zu einer
vorbestehenden Theorie. Die reine Beobachtung gibt es also nicht

Wichtigste wissenschaftliche Methoden:

- Beobachten und Messen (v.a. in exakten Naturwissenschaften, technischen Wissenschaften, Anatomie,


Physiologie, Immunologie, Genetik)
- Experimentelle Methode (v.a. in klassischen Naturwissenschaften wie Physik, Chemie, Biologie, medizinischer
Grundlagenforschung und klinischer Forschung)

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- Empirische (erfahrungsbasiert, z.B. Umfragen, Interviews, Statistiken) Methode (v.a in Sozialwissenschaften wie
Psychologie und Soziologie, Psychosoziale Medizin)
- Hermeneutische (=deuten) Methode (v.a in Geisteswissenschaften wie Geschichte und Literatur, medizinischer
Ethik und Medizingeschichte). Interpretation des Einmaligen und Individuellen. Soziale Phänomene können nur so
verstanden werden

Definition: Theorien

- Theorien sind Systeme von Ideen und allgemein als gültig akzeptierte Annahmen oder Gesetzmässigkeiten
- Theorien sind nicht ewig gültig, sondern können sich mit der Zeit ändern
- Erst Theorien schaffen Voraussetzung für erfolgreiche (theoriegeleitete) Forschung

Definition: Biologischer Reduktionismus

- Von biologischem Reduktionismus spricht man, wenn das Verständnis vom Menschen und seinen Krankheiten auf
das biologische Modell beschränkt bleibt

Definition: Biopsychosoziales Modell

- Das biopsychosoziale Modell besagt, dass der Mensch nicht nur ein biologischer Organismus ist, sondern auch ein
soziales Individuum; Krankheiten sind somit stark von seiner Umwelt und den Lebensbedingungen abhängig

Medizin als wissenschaftliche Disziplin:

- Weder reine Naturwissenschaft noch reine Geistes- oder Humanwissenschaft, da der Mensch weder ein rein
biologisches noch ein rein soziales Individuum ist

5 - Psychische Grundfunktionen

- Gehirn und Psyche bilden eine funktionelle Einheit!


- 100 Milliarden Nervenzellen im ZNS
- Gehirnzentren und Organe sind vernetzt, weshalb psychische Prozesse der Grosshirnrinde immer mit
physiologischen Vorgängen in den Organsystemen gekoppelt sind (→ psychosomatische Störungen)

Definition: Neuronale Netzwerke

- Neuronale Netzwerke sind informationsverarbeitende Systeme, bestehend aus einer grossen Zahl einfacher
Schalteinheiten

Wichtigste Untersuchungsmethoden zerebraler Funktionen:

- Elektronenenzephalographie (EEG) und Magnetenzephalographie (MEG): erfassen nur elektrische und


magnetische Prozesse
- Positron-Emissions-Tomographie (PET) und funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI): Darstellung von
Stoffwechsel und Transmitterprodukten
- Invasive Methoden: z.B. Nadelsonden

Definition: Neuronale Plastizität

- Neuronale Plastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, sich ständig den Erfordernissen seines Gebrauches
anzupassen. Stark abhängig von Stimulation durch Umwelt, Bezugspersonen und Üben

Körperliche Basisfunktionen:

- Atmung, Pulsfrequenz, Blutdruck, motorische und sensorische Funktionen etc.

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Psychische Basisfunktionen:

- Bewusstsein
- Wahrnehmung
- Denken
- Lernen und Gedächtnis
- Emotionen
- Intelligenz (Kombination versch. Basisfunktionen)

Definition: Bewusstsein

- Bewusstsein ist charakterisiert durch Erregungsanstieg und Übergang von nicht bewusster und automatischer zu
aufmerksamer und kontrollierter Informationsverarbeitung
- Ein Grossteil der Informationsverarbeitung im Gehirn läuft unbewusst ab
- Unser eigenes Verhalten wird uns erst bewusst in Situationen, die Entscheidungen erfordern, schwierig oder
gefährlich sind oder in Situationen, bei denen wir eine starke Gewohnheit überwinden müssen

Bewusstsein stellt sich nur ein bei:

- Aufnahme neuer Informationen


- Lernen neuer Fähigkeiten und Fertigkeiten
- Abgabe von Beurteilungen
- Nicht-Eintreffen erwarteter Reize und Ereignisse

Medizinisch relevante Bewusstseinszustände:

- Wachsein (Vigilanz) betreffend: bewusst vs. bewusstlos (Koma - Sopor - Somnolenz)


- Aufmerksamkeit und Reflexionsgrad betreffend: bewusst vs. vor- bzw. nicht bewusst (z.B. Autofahren geschieht
vorbewusst)
- Ich-Bewusstsein betreffend: Erfahrung und Überzeugung, mich von anderen Personen in meinem Fühlen, Denken
und Handeln zu unterscheiden

Schritte im Wahrnehmungsprozess:

- 1. Sinneseindruck: einfachstes Element der Sinneserfahrung (z.B. Geschmack "süss")


- 2. Sinnesempfindung: Summe von Sinneseindrücken (z.B. "Ich schmecke etwas Bittersüsses und es prickelt auf
der Zunge.")
- 3. Wahrnehmung: Sinnesempfindung kombiniert mit Deutung und Bezug auf Gelerntes und Erfahrenes ("Ich trinke
einen Gin-Tonic.")

Grunddimensionen jeder Empfindung:

- Räumlichkeit (z.B. lokalisieren eines Schmerzreizes auf der Haut)


- Zeitlichkeit
- Qualitätsdimension (z.B. süss, sauer, salzig und bitter; abhängig von verschiedenen Rezeptortypen)
- Quantitätsdimension (z.B. Lautheit eines Tones; abhängig von Amplitude bzw. Frequenz des Aktionspotentials in
den sensorischen Nerven)

Definition: Denken

- Denken kann als eine interpretierende, ordnungstiftende und lösungsuchende Verarbeitung von Informationen
verstanden werden. Die Grundbausteine des Denkens sind Vorstellungen, Konzeptbildungen und Problemlösungen

Zerebrale Lateralisation der Gehirnfunktionen (beim Rechtshänder):

- Linke Hemisphäre: sprachliche Verarbeitung (Wörter, komplexe Willkürbewegungen, Sprechen, Lesen, Schreiben,
neutrale-positive Emotionen)
- Rechte Hemisphäre: nichtverbale Reize, räumliches Denken und bildhaftes Vergleichen (Gesichter, Musik, negativ-
depressive Emotionen)

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Assoziationsareale des Kortex:

- Parietallappen: zentrales Kreuzungsareal zwischen Sehen, Hören und Somatosensorik


- Frontallappen: steuert motorisch-motivationale und exekutive Verhaltensweisen (Bewegungsabläufe, Antrieb,
Sozial- und Sexualverhalten)
- Temporallappen: Gedächtnis- und Beurteilungsfunktionen

Grundprinzipien des Lernens:

- Lernen und Gedächtnis als Konditionierung (klassisch oder instrumentell)


- Lernen und Gedächtnis als kognitive Prozesse
- Ohne Lernen und Behalten von Erlerntem (=Wissen) kein Meiden von potentiell gefährlichen und Aufsuchen von
potentiell nützlichen Situationen möglich

Definition: Konditionierung, Generalisation, Extinktion

- Bei der klassischen Konditionierung wird ein neutraler (konditionierter) Stimulus (z.B. Lichtreiz) mit einem
unkonditionierten Stimulus (z.B. Futtertrog) solange zeitlich eng gekoppelt, bis ersterer alleine die konditionierte
Reaktion (Speichelfluss nach Lichtreiz ohne Futtertrog) auslöst (die unkonditionierte Reaktion ist hier der
Speichelfluss nach Lichtreiz und Präsentation des Futtertroges)
- Bei Konditionierung zweiter und höherer Ordnung dient der ursprünglich unkonditionierte Stimulus (Futtertrog) als
konditionierter Stimulus für einen neuen, unkonditionierten Stimulus (z. B. Pfotenheben)
- Generalisation: konditionierte Reaktionen können auch durch Stimuli ausgelöst werden, die dem ursprünglichen
konditionierten Stimulus sehr ähnlich sind (z.B. leicht höherer Ton)
- Extinktion: wiederholte Darbietung eines neutralen (konditionierten) Stimulus nach erfolgter Konditionierung hat
eine Abschwächung der konditionierten Reaktion zur Folge

Definition: Instrumentelle Konditionierung

- Bei der instrumentellen Konditionierung folgt unmittelbar auf die zu lernende Reaktion ein belohnender oder
bestrafender Reiz (führt zu Häufigkeitszunahme respektiv -abnahme dieses Verhaltens)

Definition: Model- oder Imitationslernen

- Beim Model- oder Imitationslernen steht nicht Konditionierung sondern kognitive Prozesse im Vordergrund, indem
man Verhaltensweisen bei einem Vorbild beobachtet und übernimmt

Gedächtnis als Informationsverarbeitungssystem

- 1. Sensorisches Gedächtnis (Ultrakurzzeitgedächtnis): Information zunächst unbearbeitet in den sensorischen


Systemen
- 2. Kurzzeitgedächtnis (auch Arbeitsgedächtnis genannt): Aufnahme durch Musterextraktion, Erkennung der
Reizelemente, Mustererkennung, Benennung oder durch Chunking (= Gruppenbildung, dann keine Wiederholung
nötig)
- 3. Langzeitgedächtnis: deklaratives Wissen / prozedurales Wissen, Aufnahme durch wiederholtes Memorieren,
Assoziation, Organisation

- Beim Abrufen des LZG müssen Infos wieder in das KZG gebracht werden
- Stress blockiert Abrufen von Wissen aus dem Gedächtnis (durch erhöhtes Cortisol)
- Lernvorgänge werden durch Cortisol jedoch nicht blockiert

Definition: Gefühl, Stimmungen, Emotionen, primäre Emotionen

- Gefühl: subjektive Erfahrung emotionaler Erregung (Gefühl von Freude, Wut, Furcht)
- Stimmungen: länger anhaltende emotionale Reaktionstendenzen, die das Auftreten bestimmter Emotionen
wahrscheinlich machen (Ursachen relativ unklar)
- Emotionen: Reaktionsmuster auf positiv verstärkende oder aversive körperexterne oder -interne Reize, die drei
Komponenten umfassen: physiologische Erregung, subjektives Gefühl und motorischer Ausdruck (Ursachen besser
ersichtlich)
- Primäre Emotionen: angeborene Reaktionsmuster (Art, wie Freude, Trauer und Wut ausgedrückt werden)

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Gefühle entstehen in einem subkortikalen Netzwerk:

- Hypothalamus, limbisches System, Amygdalae, Teile des Frontalkortex und Basalganglien


- Zwischenposition zwischen dem phylogenetisch alten Stammhirn und den neokortikalen Hemisphären

Definition: Affektive Störungen

- Affektive Störungen: gestörtes subjektives Gefühlserleben (z.B. Depressionen)

Intelligenz:

- Umfasst die Fähigkeiten zur Anpassung, zum Lernen und zum abstrakten Denken
- Messung: grob nach Schul- und Berufserfolgen oder genauer mit psychologischen Testverfahren (Hamburg-
Wechsler-Intelligenztest, HAWIE/HAWIK)
- Fluide Intelligenz (nimmt im Alter ab): Wahrnehmungsgeschwindigkeit, Denkfähigkeit, Gedächtnis
- Kristalline Intelligenz (bis ins hohe Alter): gelernte Erfahrungen, Wissen, verbale Ausdrucksfähigkeit
- Gene begrenzen den Spielraum für das, was eine Person in ihrer Umwelt auf intellektuellem Gebiet erreichen kann

6 - Grundlagen des Sozialverhaltens

- Zwischenmenschliche Interaktionen geben die wichtigsten Anstösse für die Entwicklung der Persönlichkeit und für
deren Entfaltung
- Erkrankungen eines Individuums haben immer Einfluss auf seine sozialen Beziehungen

Definition: Fitness

- Fitness ist die Fähigkeit eines Individuums, seine Erbanlagen zu vererben


- Natürliche Selektion erhöht die Gesamtfitness, nicht die Individualfitness

Definition: Genetischer Verwandtschaftskoeffizient (r)

- Der genetische Verwandtschaftskoeffizient (r) ist ein Mass für die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gen eines
Individuums abstammungsidentisch ist mit dem Gen eines bestimmten Verwandten

Altruismus

- Verhaltensweise, bei der die Fitness eines anderen Individuums unter Inkaufnahme einer möglichen Verminderung
der eigenen Fitness vergrössert wird (z.B. Nothilfe auf der Strasse)
- Reziproker (wechselseitiger) Altruismus: Hilfeempfänger verhalten sich mit gewisser Wahrscheinlichkeit dem Helfer
gegenüber wiederum altruistisch ("eine Hand wäscht die andere")
- Leichenorganspende: Altruismus
- Lebendorganspende an Ehepartner: reziproker Altruismus

Definition: Soziale Kognition

- Soziale Kognition beschreibt den Vorgang, wie Menschen soziale Informationen auswählen, interpretieren, erinnern
und verwenden, um Urteile zu fällen und Entscheidungen zu treffen
- Kognitive Prozesse sind das Bindeglied zwischen einem Stimulus und einer Reaktion
- Die Wahrnehmung anderer Personen wird u.a. durch Stereotype, Vorurteile, Einstellungen und Werthaltungen
beeinflusst

Grundannahmen der kognitiven Psychologie:

- Soziale Urteilsprozesse sind abhängig von mentaler Repräsentation einer äusseren Reizsituation und dem
Vorwissen eines Menschen
- Menschliche Informationsverarbeitungskapazitäten sind begrenzt (nicht jede relevante Info kann berücksichtigt
werden)

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- Kognitive Prozesse unterscheiden sich hinsichtlich ihres Automatisierungsgrades und der Kontrollierbarkeit

Definition: Top-Down- und Bottom-Up-Verarbeitung

- Top-Down-Verarbeitung (theoriegesteuert): je geringer die Informationsverarbeitungskapazität und die individuelle


Motivation, desto stärker beeinflusst das Vorwissen die Informationsverarbeitungsprozesse
- Bottom-Up-Verarbeitung (datengesteuert): Veränderung von bestehendem Wissen durch Informationen aus der
Umwelt. Umso wahrscheinlicher, je grösser die Informationsverarbeitungskapazität und die Motivation

Definition: Kategorisierung

- Kategorisierung beschreibt den Prozess der Gruppierung von Objekten, die ein oder mehrere Merkmale
gemeinsam haben
- Eine Kategorie ist eine elementare Wissensstruktur
- Kategorisierung führt zu Vereinfachungen aufgrund der Informationsreduktion

Definition: Schema, Prototyp, Skript

- Das Schema erklärt, wie etwas in einer Kategorie dargestellt wird


- Der Prototyp repräsentiert eine Kategorie, er ist quasi der Mittelwert einer Kategorie
- Das Skript ist eine standardisierte Abfolge von Verhalten, Ereignissen und Zuständen (z.B. Therapieverlauf nach
einer bestimmten Diagnose)

Definition: Stereotyp

- Stereotyp: stark vereinfachte Vorstellung über ein soziales Objekt (Clichés oder Schablonen), bleibt über lange Zeit
stabil
- Stellt eine Vereinfachung dar, jedoch mit der Gefahr der Unschärfe und von Fehlern

Einstellungen:

- Eine Einstellung ist eine relativ stabile Bereitschaft, ein soziales Objekt wahrzunehmen und darauf zu reagieren.
Eine Einstellung hat drei Komponenten;
- Kognitive Komponente: gedankliche Vorstellung über das Objekt, Meinung
- Affektive Komponente: Gefühle (z.B. Sympathie oder Ablehnung)
- Verhaltenskomponente: Handlungsbereitschaft gegenüber einem Objekt

Funktionen von Einstellungen:

- Wissensfunktion (entspricht der kognitiven Komponente)


- Instrumentelle Funktion (dient z.B. der Adaptation durch Annahme von Einstellungen, die Anerkennung einbringen)
- Soziale Identität (Ausdruck einer Gruppenzugehörigkeit und Werthaltungen)
- Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertes

Definition: Kognitive Dissonanz

- Kognitive Dissonanz: einstellungskonträres Verhalten (z.B. rauchen, obwohl man genau weiss, dass es
gesundheitsschädigend ist)

Definition: Vorurteile

- Vorurteile sind stereotype, meist entwertende Einstellungen, die sehr starr sind. Sie haben die Funktion der Ich-
Verteidigung und der Identifikation mit einer sozialen Gruppe

Definition: Attributionsforschung

- Die Attributionsforschung beschäftigt sich mit Ursachenerklärungen von Ereignissen (internale [z. B.
Persönlichkeitseigenschaften] und externale [z. B. Umwelt, Glück] Ursachen)

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Definition: Kovariationsprinzip, Konfigurationsprinzip

- Kovariationsprinzip: ein Effekt wird einer auslösenden Bedingung zugeschrieben, wenn diese gleichzeitig auftritt
(z.B. Lebensmittelvergiftung als Ursache für Magen-Darm-Störungen). Datengeleitet
- Konfigurationsprinzip: Kausalattribution bei nur einmaliger Beobachtung (z.B. Schlafstörung nach besonderem
Ereignis). Theoriegeleitet

Definition: sozialen Rolle

- Unter einer sozialen Rolle versteht man die typischen, sozialnormierten Erwartungen, die an den Inhaber einer
sozialen Position gerichtet werden

Definition: Rollenstress

- Unter Rollenstress versteht man die Situation, in der eine Person die Erfüllung ihrer Rollenpflichten als belastend
empfindet

Rollenkonflikte:

- Rollenstress durch widersprüchliche Qualität der Rollenbelastung


- Intra-Rollenkonflikt: Konflikte innerhalb einer Rolle (z.B. Arzt im Spital und in seiner Praxis)
- Inter-Rollenkonflikt: Konflikte zwischen verschiedenen Rollen (z.B. Ärztin im Spital und als Mutter zuhause)
- Rollenkompetenz: soziale Kompetenz, mit Rollen umgehen zu können. Sie ist das Resultat eines lebenslangen
Lernprozesses und von Persönlichkeitsmerkmalen. Beeinflusst die soziale Mobilität (sozialer Auf- oder Abstieg)

Kommunikation:

- Kommunikation ist der Austausch von Wissen, Erfahrungen, Gedanken, Meinungen und Gefühlen und Übertragung
von Nachrichten durch Sprache, Bilder und andere Zeichen
- Unterscheidung zwischen direkter (personalen) und indirekter (medialer) Kommunikation
- Metakommunikation bedeutet Kommunikation über Kommunikation
- Formen der Gesundheitskommunikation: direkt und personal, über Massenmedien oder über interaktive Medien

Die fünf metakommunikativen Axiome:

- 1. Man kann nicht nicht kommunizieren


- 2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- (inhaltliche Fakten) und einen Beziehungsaspekt (z.B. Tonfall,
Körpersprache)
- 3. Beziehungen werden durch die Art der Kommunikation zwischen den Partnern bestimmt. Drei mögliche
Reaktionen auf eine Äusserung: Bestätigung, Verwerfung ("Das stimmt nicht!"), Entwertung (z.B. Ignorieren)
- 4. Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler (exakt und genau, sachlich) und analoger (bildhaft,
mehrdeutig) Modalitäten
- 5. Zwischenmenschliche Kommunikation ist entweder symmetrisch oder komplementär

Grundregeln der Kommunikation:

- Alles was wir tun, ist Kommunikation


- Die Art der Nachrichtenübermittlung beeinflusst immer den Empfang
- Ablauf des Gespräches wird bestimmt durch die Art und Weise der Sendung als auch durch deren Empfang
- Der Gesprächsbeginn bestimmt häufig das Ergebnis des Gespräches
- Kommunikation ist keine Einbahnstrasse, sondern ein gemeinsamer Prozess

Beurteilung von Kommunikationsabläufen

- Inhalt der verbalen und averbalen Kommunikation (worüber wird gesprochen?)


- Kommunikationsfertigkeiten (Gefühle ausdrücken, eigene Absichten äussern oder für sich selbst sprechen zu
können)
- Ich-Du-Definitionen (Bestätigen, Verwerfen, Entwerten?)

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Häufige Muster gestörter Kommunikation:

- Einseitiges Festhalten an einer Ich-Du-Definition


- Widersprüchliche Mitteilungen (Diskrepanz zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekt)
- Paradoxe Aufforderungen („Sei spontan!“)

Einige Regeln für gute Kommunikation:

- Vertritt dich selbst in deinen Aussagen, sprich per „Ich“ und nicht per „Wir“
- Störungen durch emotionale Spannungen haben Vorrang
- Sag zu jeder Frage, warum du fragst und was die Frage für dich bedeutet
- Sei echt und wähle bewusst, was du sagst
- Halte dich mit Interpretationen von anderen so lange wie möglich zurück
- Sei zurückhaltend mit Verallgemeinerungen
- Nur einer sollte zur gleichen Zeit sprechen

Definition: Soziale Kompetenz

- Soziale Kompetenz ist die Verfügbarkeit und Anwendung von kognitiven, emotionalen und motorischen
Verhaltensweisen, die in bestimmten sozialen Situationen zu einem langfristig günstigen Verhältnis von positiven
und negativen Konsequenzen führen (Beziehungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen)
- Soziale Kompetenz ist trainierbar

Merkmale sozialer Kompetenz:

- Erwünschte Kontakte arrangieren


- Unerwünschte Kontakte beenden
- Auf Kontaktangebote reagieren
- Gespräche beginnen, aufrechterhalten, beenden
- Unterbrechungen im Gespräch unterbinden
- Anerkennung aussprechen und akzeptieren
- Kritik äussern und akzeptieren
- Nein sagen können
- Sich entschuldigen
- Gefühle offen zeigen etc.

Generelle Kompetenz:

- Besteht aus instrumenteller (z.B. körperlicher Zustand, konzeptuelle Intelligenz) und sozialer Kompetenz (z.B.
praktische und soziale Intelligenz, Temperament, Charakter)
- Konzeptuelle Intelligenz: wissenschaftliches und analytisches Denken
- Siehe Grafik Seite 97

Soziale Unterstützung:

- Bezieht sich auf die Ressourcen, die von anderen Personen für ein Individuum bereitgestellt werden. Positive
Wirkung auf Gesundheit. Einteilung in drei Kategorien:
- Emotionale Unterstützung (Zuneigung etc.)
- Praktische Unterstützung (Geld etc.)
- Soziale Integration (gemeinsame Aktivitäten etc.)

Einsamkeit:

- Soziale Einsamkeit: Mangel an sozialer Unterstützung


- Emotionale Einsamkeit: Fehlen eines intimen Partners

Merkmale von Gruppen (u.a.):

- Ein verhaltensintegriertes Rollensystem


- Enge soziale Interaktion

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- Gemeinsame Normen und Ziele
- Wir-Gefühl

Klassifikation von Gruppen:

- Kleingruppe und Grossgruppe


- Formelle (organisiert und zweckgerichtet) und informelle Gruppe (spontane Bildung, nicht fest organisiert)

Phasen der Gruppenentwicklung:

- 1. Orientierung (Forming)
- 2. Auseinandersetzung (Storming)
- 3. Bindung und Vertrautheit (Norming)
- 4. Differenzierung und Festigung (Performing)
- 5. Abschluss und Auflösung

Gruppenrollen:

- Führer, Mitläufer, Experte, Aussenseiter etc.

Definition: Soziale Erleichterung

- Soziale Erleichterung nennt man die Verbesserung individueller Leistung, die allein durch die Anwesenheit anderer
zustande kommt

Definition: Soziales Bummel

- Soziales Bummel nennt man das Bummeln und Faulenzen einzelner Gruppenmitglieder (unwillkürlich)

Folgende Verhaltensweisen wirken dysfunktional in einer Gruppe:

- Aggressives, entwertendes Verhalten


- Versuche, ständig zu dominieren
- Blockieren der Gruppe durch Ablenken von Aufgaben und Ausweichen auf Randprobleme
- Selbstdarstellung
- Clownerie
- Passives, indifferentes Verhalten

Führungsprofile in Gruppen:

- Autoritär, demokratisch, laissez-fair

Problemlösung in Gruppen:

- Analysieren des Problems → Sammeln notwendiger Informationen → Erarbeiten von Lösungsmöglichkeiten →


Lösungsmöglichkeiten bewerten, Entscheidungen treffen und begründen → Ausführen der Entscheidungen →
kritische Bewertung der ausgeführten Massnahmen und Neubewertung der Situation

Soziale Krisen:

- Treten auf, wo Handlungsmöglichkeiten des Individuums im Rahmen seiner sozialen Rollen blockiert oder beendet
oder deutlich eingeschränkt werden
- Z.B. Kündigung des Arbeitsplatzes, Ausschluss aus Freundeskreisen etc.

Berufliche Gratifikationskrise:

- Hohe Verausgabung bei niedrige Belohnung

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Arbeitslosigkeit:

- Gründe: Rezession, Automatisierung, Globalisierung, Zentralisierung, Shareholder-Value


- Phasenfolge: Schock - Optimismus - Pessimismus - Fatalismus

7 - Soziale Systeme und ihre Regelung

- Systemisches Denken ist gegenwarts- und zukunftsorientiert, im Gegensatz zum kausalen Denken, das Ursachen
für Entwicklungen oder Störungen in der Vergangenheit sucht
- Humansysteme unterscheiden sich von allen anderen durch die Fähigkeit ihrer Mitglieder, Entscheidungen zu
fällen, Ziele zu formulieren und zwischen Zielen auszuwählen
- Ein System muss angesichts der Unbeständigkeit der Umwelt die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung seiner
Grundstruktur haben. Anderseits muss ein System flexibel sein
- Regelkreis siehe Seite 127
- Die Entwicklung sozialer Systeme ist dadurch gekennzeichnet, dass allmähliche Wandlungsprozesse von Zeit zu
Zeit durch rasche, phasenhafte Veränderungen überlagert werden (z.B. Heranwachsen eines Kindes)

Grundlegende, das Denken und Handeln beeinflussende Prinzipien:

- Holistische Prinzip: Orientierung an der Ganzheit; Medizin des Mittelalters


- Atomisches Prinzip: Vorrang den Teilen (Differenzierung, Analyse, Spezialisierung); heutige Medizin

Definition: System

- Ein System ist ein aus den Wechselwirkungen seiner Elemente organisiertes Ganzes
- Die Elemente eines Systems beeinflussen sich gegenseitig
- Man kann sich nicht nicht organisieren
- Es gibt keine allgemeine, umfassende Systemtheorie, die für alle Arten von Systemen zutrifft

Definition: Kybernetik

- Kybernetik umfasst das gesamte Gebiet der Steuerungs-, Regelungs- und Nachrichtentheorie bei Maschinen und
Lebewesen
- Positive und negative Rückkopplungsmechanismen sind grundlegende Funktionsprinzipien lebender Systeme. Sie
dienen der Aufrechterhaltung der Stabilität eines Systems

Strukturelle Merkmale sozialer Systeme:

- Grösse (Mikro-, Makrosysteme)


- Hierarchie (Suprasystem, System, Subsystem)
- Relationen (einfach-komplex, stabil-labil)
- Verhältnis zur Umwelt (geschlossen, offen). Lebende Systeme sind immer offen
- Funktionseinteilung (symmetrisch, komplementär)

Qualitäten zur Beurteilung von Gesundheitssystemen:

- Zugangsqualität (Erreichbarkeit der medizinischen Angebote)


- Indikationsqualität (gezieltes Einsetzten von diagnostischen und therapeutischen Methoden)
- Strukturqualität (Einrichtung und Organisation von Spitälern etc.)
- Prozessqualität (Beurteilung eines Arzt-Patienten-Gespräches etc.)
- Ergebnisqualität (Besserung des Befindens des Patienten)
- Zufriedenheitsqualität (subjektive Zufriedenheit des Patienten)

Seite 12
8 - Entwicklungspsychologie

- Der Mensch entwickelt sich ein Leben lang und in Phasen, an deren Übergängen vermehrt psychosoziale Krisen
auftreten können
- Obligatorische Rollenverpflichtungen: Schülerrolle, Berufsrolle etc.
- Fakultative Rollenerwartungen: Ehepartner, Vater etc.
- Unterscheidung biologisches Geschlecht (sex) ↔ soziales Geschlecht (gender)
- Entwicklung beeinflusst durch genetische, soziokulturelle und innerseelische dynamische Faktoren

Determinanten der Entwicklung:

- Vererbung: strukturell-genetische Merkmale (bestimmen Art der Lebewesen) und individuell-genetische Merkmale
(bestimmen Körpergestallt, Vitalität und Sensibilität)
- Reifung und Alterung: spezifische organische Veränderungen machen spezifische Fähigkeiten möglich (ohne
Lernvorgang)
- Lernen (eigene Aktivität als Reaktion auf eine Umweltsituation)

Vier theoretische Grundmodelle der Entwicklung:

- Endogenistische Theorien: Reifung des Organismus entsprechend der Genstruktur in festgelegten, nicht
umkehrbaren Reihenfolgen. Umwelt dient nur der Unterstützung
- Exogenistische Theorien: Prägung durch Umwelteinflüsse
- Früh-konstruktivistische Theorien: Umwelt dient als Matrix, wesentliche Impulse gehen aber vom Menschen selbst
aus
- Interaktionistische Theorien: Entwicklung bestimmt durch aktives Individuum und aktive Umwelt

Vier entwicklungspsychologische Betrachtungsebenen:

- Physikalisch-chemische (betrachtet molekularbiologische Prozesse)


- Körperfunktionen (Organsysteme und Strukturformationen)
- Verhaltensebene (Sozialverhalten, Umgang mit anderen)
- Intrapsychische Ebene (psychische Struktur)

Drei Erlebnisperioden während der Schwangerschaft:

- 1. Phantasien und Gefühle (euphorische und angstvolle Gefühle, Erinnerungen, Zweifel, oft fühlen sich Väter in
dieser Phase ausgeschlossen)
- 2. Erste Kindsbewegungen (Wahrnehmung als Wesen, Kind wird für Vater zur Realität)
- 3. Letzte Schwangerschaftsmonate (Namenssuche, Nestbautrieb, Organisatorisches)

Beziehung zwischen Eltern und Kind beginnt nicht erst bei der Geburt:

- Entsteht aus Erwartungen, Wünschen und Ängsten, Vorstellungen und Erfahrungen


- Pränatale Anpassungszeit der Eltern auf Kind wichtig (bei Frühgeburten oft zu kurz)
- Schon vor der Geburt verfügt der Mensch über funktionierendes Sinnessystem (Stimme der Mutter wird nach
Geburt bevorzugt)

Vater während Schwangerschaft:

- Zuerst Gefühl des Ausgeschlossenseins und Neid (Mutter im Mittelpunkt → Konkurrenzverhalten)


- Im zweiten Schwangerschaftsdrittel Identifikation mit der Partnerin und Annäherung an eigenen Vater (Frau nähert
sich eigener Mutter an)

Sexualverhalten während SS und kurz nach Geburt:

- Während SS nachlassend (Beschäftigung mit Kind, Angst vor Fruchtschäden, Prolaktin hemmt Libido)
- Nach Geburt wieder intensiver, jedoch bald wieder nachlassend wegen Ermüdung und Stress durch
Kinderbetreuung

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Die fünf Sinne des Neugeborenen:

- 1. Sehen: Neugeborenes rel. kurzsichtig, mit 6 Monaten Sehvermögen eines Erwachsenen (starkes Ansprechen
auf die glänzenden Augen, Mund und Umrisse des Gesichtes)
- 2. Hören: vom Säugling wahrgenommene Geräusche wirken sich auf Motorik und vegetative Reagibilität aus
(langsame Musik beruhigt etc.)
- 3. Geruchssinn: sehr ausgeprägt (vermutlich können Säuglinge die nahe mütterliche Brust riechen)
- 4. Geschmackssinn: sehr ausgeprägt
- 5. Berührungssinn: Berührung ist das erste Kommunikationsmittel und somit sehr wichtig

Fünf Verhaltenszustände bezogen auf Ansprechbarkeit und Wachheit:

- 1. Tiefschlaf
- 2. REM-Schlaf
- 3. Wachzustand A (Augen offen, bewegungslos, hohe Aufmerksamkeit)
- 4. Wachzustand B (häufigere Bewegungen der Extremitäten, deutlicher Muskeltonus)
- 5. Weinen und Schreien (Aufmerksamkeit herabgesetzt bis fehlend)

Säuglings- und Kleinkindalter

Motorische Entwicklung:

- Beginnt in der 8. SSW und dauert bis zur Pubertät


- Von Kind zu Kind sehr unterschiedlich rascher Reifungsprozess
- Kopfkontrolle: ab 3.-6. Monat
- Fortbewegung: ab 4.-9. Monat
- Erste Schritte: 12.-14. Monat

Sprachentwicklung:

- Mit der Sprache wächst das Kind in die menschliche Kultur hinein und bildet eine gesellschaftliche und persönliche
Identität aus
- Sprachentwicklung erfolgt durch Regelbildung (Kind leitet aus sprachlichen Erfahrungen Regeln ab) und nicht durch
Nachahmung
- Gehörlose Kinder plaudern in den ersten 5 Monaten gleich wie hörende, danach Verstummung
- Die beste Sprachförderung ist eine gute Beziehung zum Kind
- Das Denken entwickelt sich vor der Sprache (geistige Entwicklung → Sprachverständnis → sprachlicher Ausdruck)
- Sensorisches Sprachzentrum: im Temporallapen
- Motorisches Sprachzentrum: im Frontallappen
- Gurren: ab 6.-8. Woche
- Lautbildung: 2.-4. Monat
- Lallen: ab 6.-9. Monat
- Erste Wörter: 10.-14. Monat
- Satzproduktion: frühestens 15.-18. Monat, spätestens 3 bis 3.5 Jahre
- Grammatisierung der Sprache: ab 4. Lebensjahr
- Fragealter: ab 3.-4. Lebensjahr (dient dem Wissen und Verstehen einerseits sowie dem Kontakt zu den Eltern)

Spielentwicklung und Spielverhalten:

- Kind erlebt sich im Spiel selbst als Teil der Handlung, bewegt sich in einer imaginären Situation (andere Realität)
- Spiel als Ritual, dient der emotionalen, geistigen und sozialen Entwicklung
- Spiel als bewusster Lernvorgang, nicht zielorientiert und sehr gegenwartsbezogen

Formen des Spiels und ihre Reihenfolge in der Entwicklung:

- Sensumotorisches Spiel (Spiel mit Händen, Rasseln etc.)


- Informationsspiel (Erkundung von Gegenständen): ab ca. 1 Jahr
- Konstruktionsspiel (Zeichnen, Bauklötze)
- Sequentielles (Spielen von Alltagssituationen) und Symbolspiel (Cowboy, Prinzessin etc.)
- Rollenspiel (beschreibt das Zusammenspiel verschiedener Personen)
- Regelspiel (Wettkampfspiele, z.B. Fussball): ab ca. 4 Jahren

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Definition: Temperament

- Temperament beschreibt die individuelle, lebenslang vorhandene Disposition, wie eine Person auf bestimmte
Situationen reagiert
- Temperamentsdimensionen (zum Beschreiben des Verhaltensstils von Kindern): Aktivität, Regelmässigkeit,
Annäherung, Rückzug, Anpassungsvermögen, sensorische Reizschwelle, Stimmungslage, Intensität, Ausdauer

Temperamentskonstellationen:

- Einfache, flexible, ausgeglichene Kinder


- Ängstliche, vorsichtige, scheue Kinder
- Komplizierte Kinder
- Mischtypen dieser drei Konstellationen

Phasen der Ich-Entwicklung:

- Autistische Phase (bis 2 Monate): kein Unterscheiden zwischen sich selbst und der Umwelt
- Symbiotische Phase (ab 2. Monat): wahrnehmen der Mutter, jedoch immer noch nicht als abgegrenzte Person
- Differenzierungsphase (ab 6. Monat): wahrnehmen des eigenen Körpers, Vater und Mutter nicht mehr
austauschbar
- Trotzreaktionen (ab 2. Lebensjahr): Kind erfährt seine Ich-Grenzen vorwiegend in der Auseinandersetzung mit den
von den Eltern aufgestellten Grenzen
- Gefühl der Omnipotenz (ebenfalls ab 2. Lebensjahr): parallel zum Erlernen des Gehens, Autonomieschub (Gefühl,
die ganze Welt erkunden zu können)
- Erste Verselbständigung (ab 3. Lebensjahr): weitere Stabilisierung des Urvertrauens, Anerkennung der elterlichen
Bedürfnisse

- Übergangsobjekte: z.B. Stofftier als Symbol der Mutter bei deren Abwesenheit
- Urvertrauen: Gewissheit, dass Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit befriedigt wird und man nicht alleine
gelassen wird

Sexualentwicklung:

- Orale Phase (1. Lebensjahr): Befriedigung durch Mutter, Entwicklung des Urvertrauens
- Anale Phase (2.-3. Lebensjahr): Erlernen von Reinlichkeit
- Phallische Phase (4.-6. Lebensjahr): Bewusstwerden von Geschlechtsunterschieden, eigenen Körper erkunden und
verstehen, Ödipuskonflikt (erotisch gefärbte Bindung an den gegengeschlechtlichen und Rivalität mit dem
gleichgeschlechtlichen Elternteil)

Schlafverhalten:

- In den ersten Monaten passt sich das Kind dem Tag-Nacht-Rhythmus an


- Pavor nocturnus und Angstträume gehören zum normalen Schlafverhalten

Risikofaktoren für die Entwicklung:

- Biologische: genetische Disposition, prä-, peri- und postnatale Schädigung


- Psychosoziale: schlechte familiäre Beziehungen, psychische Krankheit, schlechte Erziehung, gesellschaftliche
Belastungen, Mangel an Bezugspersonen
- Kindheitsbelastungen stören oft Gesundheit im Erwachsenenalter

Protektive Faktoren im Entwicklungsprozess:

- Individuelle: Intelligenz, soziale Kompetenz, Selbstvertrauen etc.


- Familiäre: emotionale Bindungen
- Soziale: Integration in Gruppen, Kindergarten und Schule

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Definition: Resilienz, Vulnerabilität

- Unter Resilienz versteht man die psychische Widerstandsfähigkeit


- Unter Vulnerabilität versteht man eine erhöhte psychische und physische Verletzlichkeit bzw. Labilität

Kindergarten- und Schulalter

Reifungs- und Entwicklungsschritte im Alter zwischen 5-7 Jahren:

- Wachstumsschub, Zahnwechsel
- Weg vom Egozentrismus
- Wahrnehmung differenzierter Gefühle und Fähigkeit zu deren Abwehr
- Triebhaftigkeit unter Kontrolle bringen
- Gruppenbildung mit Kollegen

Voraussetzung für Einschulung:

- Motorische Reifung
- Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer
- Frustrationstoleranz
- Gruppentauglichkeit

Kindermalerei

- Mit ca. 2 Jahren erste Zeichnungen: Ausdruck der körperlichen Einheit, Malen von Empfindungen und
Erinnerungen (vorfigurative Phase). Typisch sind Kritzeknäuel, Spirale, Kreis, Rechteck
- Ab 5 Jahren: Darstellung wichtiger Teilaspekte (Kopffüssler), verschobene Grössenverhältnisse, Hauptmotiv: Haus
(Symbol für Geborgenheit) (figurative Phase)

Jugendalter und Pubertät

Definition: Pubertät, Adoleszenz

- Pubertät: körperliche Entwicklungen


- Adoleszenz: psychosoziale Entwicklungsschritte

Merkmale der Pubertät:

- Ausreifung der sekundären Geschlechtsmerkmale


- Wachstumsschub
- Reifung des Gehirns
- Gestaltwandel (Längenverhältnisse der Extremitäten, Gewicht/Grösse etc.)
- Frau: breite Hüften, Fettpolster, grössere Brüste
- Mann: mehr Muskelmasse, Behaarung, Steigerung aller Triebregungen
- Stimmungsschwankungen, erhöhte Reizbarkeit
- Aggressionen gegen gleichgeschlechtliches Elternteil

Definition: Akzeleration

- Unter Akzeleration versteht man die Vorverlegung biologischer Reifungsprozesse


- Bedingt durch bessere Ernährung, Hygieneverhältnisse, Reizüberflutung
- Allgemein gilt eine Frühentwicklung bei Mädchen und Spätentwicklung bei Knaben als eher ungünstig

Entwicklungsaufgaben des Jugendalters:

- Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und Ausloten der körperlichen Leistungsfähigkeit
- Aneignen der männlichen bzw. weiblichen Rolle
- Aufbau neuer und reiferer Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts
- Emotionale Ablösung von den Eltern
- Aufnahme intimer Beziehungen

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- Vorbereitung auf die berufliche Laufbahn
- Übernahme der sozialen Rolle des Erwachsenen
- Aufbau eines eigenen Wertsystems
- Entwicklung einer eigenen Identität
- Entwicklung einer Zukunftsperspektive

Definition: Identität,Selbstkonzept, Selbstwert

- Identität: besteht aus zwei Komponenten: Die Person, für die man sich hält, und die Person, für die andere einen
halten
- Selbstkonzept: Beschreibung einer Person, wie sie sich selbst sieht
- Selbstwert: Wertschätzung der eigenen Person

Peers:

- Peers sind Gruppen von Gleichaltrigen


- In der Adoleszenz sind diese wichtiger als die Eltern
- Für das Erlernen sozialer Kompetenzen wichtig

Problem- und Risikoverhalten:

- 20 bis 30% der Jugendlichen gelangen in der Adoleszenz an Grenzen der Bewältigungsmöglichkeiten
- Problemverhalten: Verhalten, das eine Gefährdung für die eigene oder die Entwicklung anderer darstellt
(externalisierend [bei Männern häufiger; Normbrechen, aggressives Verhalten] oder internalisierend [bei Frauen
häufiger; Depressionen, Ess-Störungen, Angststörungen])
- Risikoverhalten: Minderung der persönlichen Chancen für eine langfristig befriedigende Entwicklung
- Dysmorphophobie: einzelne Körperteile werden als missgestaltet empfunden und abgelehnt

Entwicklung des Erwachsenen:

- Individualisierung: Biographie des Menschen wird aus traditionellen Vorgaben und Sicherheiten und Sittengesetzen
herausgelöst. Normalbiographie wird zur Wahlbiographie

Frau und Mann:

Für die Medizin wichtige Aspekte der Geschlechter:

- Biologische Aspekte des Geschlechtes


- Bedeutung der Geschlechtsorgane
- Geschlechtsidentität
- Geschlechtsstereotyp und -rollen

Symbolische Bedeutung der Geschlechtsorgane:

- Phallus-Darstellungen: Symbol für Macht und Männlichkeit


- Weibliche Brust: Symbol für Mütterlichkeit, Geborgenheit und erotische Attraktivität

- Bei Tieren Abhängigkeit zwischen Androgenausschüttung und Aggressionsverhalten, beim Menschen nicht
nachgewiesen (menschliches Verhalten mehr kognitiv gesteuert)
- Frauen leben durchschnittlich länger wegen geringerem geschlechtstypischen Risikoverhaltens, besserer
Körperwahrnehmung und protektiver Wirkung von Östrogenen

Definition: Geschlechtsstereotype, Geschlechterrollen

- Geschlechtsstereotype beschreiben typische Eigenschaften von Männern und Frauen. Früh in der Kindheit
erworben und sehr stabil (z. B. "Ein Junge weint nicht!")
- Geschlechterrollen beinhalten neben Beschreibung von Eigenschaften normative Erwartungen und
Handlungsweisen. Gegenwärtig im Wandel (liberaler, unterschiedlich zwischen Einkommens- und
Bildungsgruppen)

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Paarbeziehungen:

- Vielfalt von verschiedenen Paarbeziehungen hat zu genommen


- Die Individualisierung mit dem Verlust von Halt und Sicherheit fördert den Wunsch nach einer stabilen
Zweierbeziehung
- Das Überangebot an Wahlmöglichkeiten im Privatleben (Ferienort, Automarke etc.) und Zwänge der modernen
Arbeitswelt erschweren und bedrohen dauerhafte Zweierbeziehungen

Faktoren, die zum Bedeutungswandel der Ehe führten:

- Industrialisierung (Übergang zur Kleinfamilie)


- Entwicklung der Sozialpolitik, Hebung des Lebensstandards
- Emanzipationsbewegungen
- Individualisierung des Menschen (weg von traditionellen Bindungen und Wertsystemen)

Psychosoziale Merkmale einer Ehe:

- Höheres Durchschnittsalter bei Heirat als früher


- Vorausgehende Phase des unverheirateten Zusammenseins
- Weniger fremdbestimmt als früher
- Heute ist die Ehe mehr Partner- als Elternbeziehung (weniger Kinder)
- Das Eheideal ist v.a. eine intensive emotionale Bindung und Zufriedenheit

Potentiell stabilisierende Faktoren für Paarbeziehungen:

- Regelmässiger Austausch im Gespräch, Identifikation mit der Partnerschaft, Zärtlichkeit, befriedigende finanzielle
und Wohnsituation, hohe Qualität der elterlichen Ehe, hohe Schulbildung, guter Gesundheitszustand

Potentielle Störfaktoren:

- Geburt oder Tod eines Kindes, Krankheit, Arbeitslosigkeit, biographische Veränderungen, abgewehrte Wünsche
und Bedürfnisse, familienfeindliche Wertvorstellungen in Gesellschaft und Politik

- Neurotische Partnerwahl: Hoffnung auf Erfüllung von unrealistischen Wünschen in einer Zweierbeziehung

Definition: Kollusion

- Kollusion meint das Zusammenspiel von zwei Partnern auf der Basis gemeinsamer unbewusster Ängste und
Wünsche, deren Realisierung unrealistisch ist. Bei beiden Partnern besteht ein gleichartiger, unbewältigter
Grundkonflikt

Familienbeziehungen

Soziale Merkmale heutiger Familiensysteme:

- Diskrepanz zwischen proklamiertem Familienideal und realer Familienpolitik


- Vielfalt von Familienformen
- Konsensuales Gleichheitsprinzip zwischen Ehepartnern und zwischen Generationen
- Flexible Funktionsteilung zwischen Vater und Mutter
- Partielle Einbeziehung des Vaters in die Erziehung und Hausarbeit
- Gründung einer Familie bedeutet heute das Inkaufnehmen von Benachteiligungen im beruflichen, finanziellen und
Freizeitbereich
- Probleme in bikulturellen Familien: interkulturelle Kommunikation, später biographische Rückwende zum
Heimatland

Vier Typen weiblicher Erwerbsbiographien:

- Familienfrau (meist in Kleinfamilien der Mittelschicht): traditionelle Struktur, keine Rückkehr ins Erwerbsleben
- Dreiphasen-Frau: Wiedereinstieg ins Berufsleben meist schon vor Auszug des jüngsten Kindes

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- Wechslerin: Wechsel zwischen 100% Arbeit im Haushalt und einer Teilzeitstelle (bei finanziellen Engpässen oder
um Anschluss an Berufsentwicklungen nicht zu verpassen)
- Doppelarbeiterin (meist ungelernte Arbeiterinnen, Alleinerziehende oder Akademikerinnen): Doppelbelastung aus
finanziellen Gründen oder aus Überzeugung

Familiäre Entwicklungsphasen:

- Phase der Paarbildung (Kennenlernen, Ausdiskutieren von Lebensplanung)


- Anfangs- und Aufbauphase (Familiengründung, Rollenfindung als Vater und Mutter, Aufbau des Familiensystems)
- Plateauphase (Erholungsphase)
- Krise der Lebensmitte (biologische, soziale und psychische Veränderungen, Ablösung der Kinder, Wechseljahre
(Hormonausfall, Klimakterium), Neudefinition von Lebenszielen)
- Altersehe (Ausscheiden aus dem Berufsleben, evtl. Vereinsamung und Sinnkrise)

Beurteilungskriterien von Familiensystemen:

- A. Soziale Situation und Entwicklungsphase der Familie (Gesellschaftsschicht, momentane Lebensphase)


- B. Kommunikation (Inhalt, Fertigkeiten, Kongruenz bzw. Inkongruenz)
- C. System (Hierarchie, Subsysteme, Grenzen, Allianzen, Regelung)
- D. Psychodynamik (Abwehrverhalten, Abhängigkeiten etc.)
- E. Mehrgenerationenperspektive (gemeinsame unbewusste Ängste können von Generation zu Generation
weitergegeben werden)

Geschwisterbeziehungen:

- Wichtiges Umfeld für soziale Lernerfahrungen wie Rücksichtnahme, Zusammenspiel, Kommunikation etc.
- Einem Phasenverlauf unterworfen, mit Annäherungen und Loslösungen während des ganzen Lebens

Gründe für steigende Scheidungsraten:

- Rechtliche Erleichterung von Scheidungen


- Relativierung des traditionellen Ehemodells
- Enttabuisierung und Normalisierung der Scheidung
- Generationeneffekt: bei Scheidungen in Herkunftsfamilie steigt die Wahrscheinlichkeit einer eigenen Scheidung

Objektive Korrelate zu Ehescheidungen:

- Alter bei Eheschliessung


- Voreheliche Schwangerschaft
- Niedriges Bildungsniveau und Einkommen
- Religionszugehörigkeit
- Kinderlosigkeit
- Geschlecht der Kinder (Paare mit Knaben scheiden seltener)

Subjektive Korrelate zu Ehescheidungen:

- Unzufriedenheiten, finanzielle Probleme, Gewalt etc.


- Frauen leiden eher vor, Männer eher nach der Scheidung
- Entscheidend dafür, ob eine Scheidung für die Kinder schädlich ist, ist eigentlich nicht die Scheidung als solche,
sondern die Bedingungen und die Art der Scheidung

- Die Mediation dient der zukunfts- und konsensorientierten Konfliktbearbeitung

Das Alter

- Betagt: 65 Jahre und mehr


- Hochbetagt: 85 Jahre und mehr
- Unterscheidung zwischen biologischem, bürokratischem und psychologischem Alter

Seite 19
- Bis zum 40. Lebensjahr (Entwicklungslebenslänge) wird der Organismus wesentlich mehr durch genetische
Steuerung beeinflusst als in der zweiten Lebenshilfe (Postentwicklungslebenslänge)
- Ab dem 40. Lebensjahr ändern sich die biologischen und physiologischen Vorgänge des Organismus
- Früher: Alte waren angesehen, mächtig und weise. Heute: mangelndes Wissen, diskriminiert, Belastung für andere
- Demographischer Strukturwandel (immer mehr Alte → viele gesellschaftliche und politische Probleme)
- Nur ein kleiner Teil des Anstiegs der Gesundheitskosten ist auf die Überalterung zurückzuführen!

Gründe für mangelndes Interesse Medizinstudierender an der Geriatrie:

- Andersartigkeit der Lebenswelt


- Diskrepanz zwischen Idealvorstellungen und realen Grenzen
- Konfrontation mit Sinnfragen des Lebens
- Gefühl von Rat- und Hilflosigkeit bei chronisch Erkrankten
- Sichtbarwerden von Grenzen der Medizin

Theorien des Alterns:

- Entwicklungsprogrammiert: Altern als Sequenz von genetisch programmierten Ereignissen


- Stochastisch: Altern als Folge biologischer Fehlerkatastrophen und Mutationen (freie Radikale als wichtiger Faktor)

Intelligenz älterer Menschen:

- Fluide oder flüssige Intelligenz: Denkfähigkeit, Gedächtnis, Wahrnehmungsgeschwindigkeit (nimmt im Alter ab)
- Kristalline Intelligenz umfasst gelernte Fähigkeiten, Erfahrungen, Wissen (nimmt nicht zwingend ab im Alter)

Faktoren des subjektiven Wohlbefindens im Alter

- Subjektiv bewertete Gesundheit


- Zufriedenheit mit finanzieller Situation
- Zufriedenheit mit sozialen Beziehungen
- Männliches Geschlecht
- Subjektives Sehvermögen
- Zufriedenheit mit sozialer Partizipation

Wichtigste psychosoziale Anforderungen an ältere Menschen:

- Ausscheiden aus dem Berufsleben


- Abnahme von psychischer und physischer Vitalität
- Verlust von Bezugspersonen
- Vermehrte Abhängigkeit
- Vereinsamung und Isolation in Heimen

Alltagskompetenz im Alter:

- Basale (Bako): Einkaufen, anziehen, essen etc.


- Erweiterte (Erko): Sporttreiben, tanzen, Bildung, reisen etc.

Sterben und Tod

- Geburt und Sterben oft im Krankenhaus → Tod ist etwas Fremdes in unserer Kultur
- Thanatopsycholgie befasst sich mit dem Erleben und Bewältigen des Sterbens

Phasen des Sterbens:

- Nichtwahrhabenwollen (Abwehr, Verleugnung)


- Zorn ("Warum gerade ich?")
- Verhandeln (Akzeptieren, Hoffnung auf Wunder)
- Depression (Verlust der Vitalität wird bemerkt, Hoffnungslosigkeit, Angst, Traurigkeit)
- Zustimmung

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Wovor Sterbende Angst haben:

- Schmerz und Leiden


- Im Stich gelassen zu werden
- Alleinsein
- Negative Erinnerungsbilder bei Angehörigen zu hinterlassen

Richtlinien zur Sterbehilfe:

- In berechtigten Leidenssituationen kann auf ausserordentliche Massnahmen zur Lebenserhaltung verzichtet


werden (passive Sterbehilfe)
- Kein Massnahmen zum Zwecke der Lebensbeendigung (aktive Sterbehilfe)

Vier Trauerphasen:

- Nichtwahrhabenwollen
- Aufbrechende Emotionen (Schmerz, Verzweiflung, Angst, Zorn etc.)
- Suchen und Sich-Trennen
- Neuer Selbst- und Weltbezug

9 - Persönlichkeitspsychologie

Definition: Persönlichkeit

- Unter der Persönlichkeit eines Menschen versteht man seine einzigartigen psychologischen Merkmale, die das
Verhalten beeinflussen. Sie beinhaltet Einzigartigkeit, Vielfalt charakteristischer Merkmale, Stabilität des
Verhaltensrepertoires
- Zum Teil genetisch bedingt und durch Lernprozesse und Erfahrungen ausgebildet

Temperamentstypen nach Hippokrates:

- Choleriker (neigt zu impulsiven Ausbrüchen)


- Phlegmatiker (Schwerfälligkeit)
- Sanguiniker (unbeschwertes, lebhaftes Temperament)
- Melancholiker (neigt zu Schwermut)

Definition: Temperament, Eigenschaft, Typ, Disposition, Charakter, Gewohnheit, Paradigma, Zustand

- Temperament: Biologisch gegebene typische Reaktionsweise


- Eigenschaft: Konstante, überdauernde und spezifische Art des Verhaltens
- Typ: Abgegrenzte Kategorie, der Menschen zugeordnet werden können, die ein bestimmtes Muster von
Eigenschaften aufweisen
- Disposition: Neigung, auf eine bestimmte Situation in einer charakteristischen Weise zu reagieren
- Charakter: Entspricht Persönlichkeit; Urteil über die Moral, die Werte und andere Attribute einer Person
- Gewohnheit: Erlernte Verhaltensweise, die in bestimmten Situationen mit hoher Verlässlichkeit auftritt
- Paradigma: Beispiel oder Muster
- Zustand: Ein subjektives, bewusst erlebtes Muster von Gefühlen

Big Five (wichtigste Beurteilungsfaktoren in der Persönlichkeitspsychologie):

- Emotionale (In)stabilität, Neurotizismus (= emotionale Labilität, die den Menschen dafür anfällig macht, bei grosser
Belastung neurotische Symptome zu entwickeln)
- Extraversion
- Liebenswürdigkeit, Verträglichkeit
- Gewissenhaftigkeit
- Offenheit für Erfahrung, Intellekt

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Verarbeitung psychischer Vorgänge durch drei Instanzen geregelt (Strukturmodel):

- Es (bei Geburt des Menschen nur das Es vorhanden. Dem Lustprinzip unterworfen)
- Ich (durch den Kontakt mit der Umwelt im Verlaufe der Entwicklung gebildet. Dem Realitätsprinzip unterworfen)
- Über-Ich (entwickelt sich durch Verinnerlichung der kulturellen Normen und Werte, welche dem Kind durch
elterliche Erziehung beigebracht werden)

Definition: Intrapsychischer Konflikt

- Unter einem intrapsychischen Konflikt versteht man den Widerstreit von mindestens zwei Motivationen, die im
Individuum miteinander konkurrieren
- Häufiger in kritischen Zeiten und während Phasenübergängen

Neurotische Konfliktlösung:

- Der unlösbar scheinende Konflikt wird ins Unbewusste verdrängt und somit einer Bearbeitung und Lösung nicht
zugänglich
- Durch Symptombildung ist eine neurotische Konfliktlösung möglich, welche den gegensätzlichen Motivationen eine
Teilbefriedigung bietet

Definition: Primärer und sekundärer Krankheitsgewinn

- Primärer Krankheitsgewinn: Scheinlösung eines intrapsychischen Konfliktes durch Symptombildung,


Aufmerksamkeit wird vom Konflikt auf das Symptom gelenkt
- Sekundärer Krankheitsgewinn: Vorteile, die ein Patient mittels Symptombildung in seinen konflikthaften
Beziehungen erzielt (z.B. mehr Beachtung, Befreiung von Pflichten oder Schonung)

Schritte eines Abwehrvorgangs:

- Veränderung der Wahrnehmung des unerträglichen Reizes


- Veränderung der Bedeutung des Reizes
- Neutralisierung des Reizes

- Abwehrvorgänge stellen einen Schutz dar gegen Überforderung in gewissen Lebenssituationen

Einige Beispiele für Abwehrmechanismen:

- Verdrängung, Verleugnung, Verschiebung, Projektion, Acting out

Definition: Übertragung, Gegenübertragung

- Übertragung: Erinnerungen an frühere Beziehungen werden in aktuellen ähnlichen Beziehungen reaktiviert.


Aktuelle Bezugspersonen werden werden in Erinnerung an frühere Beziehungserfahrungen verzerrt
wahrgenommen. Es werden ihnen Gefühle, Erwartungen und Wünsche angetragen, die eigentlich gegenüber
früheren Bezugspersonen bestehen (z.B. sieht der Patient den Arzt als strenge, autoritäre Erziehungsperson)
- Gegenübertragung: unbewusste Reaktion des Arztes/Therapeuten auf die Übertragung des Patienten. Sie kann
auch beim Arzt zur Verzerrung und unangemessenen Reaktionen führen, im Zusammenhang mit eigenen früheren
Beziehungserfahrungen

Behavioristische Paradigma:

- Fokussiert auf beobachtbares Verhalten von Personen und Situationen, die bestimmte Reaktionen auslösen
- Stimulus → Organismus → Reaktion

Bewältigungsstrategien:

- Im Bewusstsein stattfindende Anstrengungen zur Verminderung von Belastungen


- Z.B. Ablenken, Problemanalyse, Entspannung, Optimismus, Fatalismus

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Abwehrmechanismen:

- Im Unbewussten ablaufende Bemühungen zur Verminderung belastender, unerträglicher Gefühle und


Wahrnehmungen (siehe oben)
- Siehe Tabellen Seiten 268 und 269

Paradigmen der Persönlichkeitsforschung nochmals zusammengefasst:

- Eigenschaftsparadigma (siehe oben)


- Psychoanalytisches Paradigma (siehe oben)
- Behavioristisches Paradigma (siehe oben)
- Humanistisches Paradigma (personenzentrierte Persönlichkeitstheorie, Selbstverwirklichung des Menschen im
Mittelpunkt)
- Interaktionistisches Paradigma (Entwicklung der Persönlichkeit als Resultat einer kontinuierlichen Wechselwirkung
zwischen Person und Umwelt

10 - Psychologische Testverfahren

- Psychologische Testverfahren sind wichtige diagnostische Methoden (z.B. Screening für psychische Erkrankungen)
- Bieten Objektivität und Vergleichbarkeit

Definition: Psychologische Test

- Ein psychologischer Test ist ein wissenschaftliches Routineverfahren zur Untersuchung eines oder mehrerer
empirisch abgrenzbarer Persönlichkeitsmerkmale mit dem Ziel zur quantitativen Aussage über den relativen Grad
der individuellen Merkmalausprägung

Phasen der Testentwicklung:

- Planung
- Testentwurf
- Itemkonstruktion (einzelne Fragen und Aufgaben)
- Itemanalyse
- Verteilungsanalyse (Normalverteilung nach Gauss)
- Kriterienkontrolle (Reabilität, Validität)
- Eichung (Mittelwert und Streuung ermitteln durch Testpersonen)

Testgütekriterien:

- Objektivität: Unabhängigkeit der Testergebnisse vom Testanwender, Testauswerters, Testinterpreten


- Reabilität (Zuverlässigkeit): Grad der Genauigkeit, mit dem er ein bestimmtes psychisches Merkmal misst
- Validität (Gültigkeit): Grad der Genauigkeit, mit dem ein Test das misst, was er messen soll (wichtigstes
Gütekriterium)

Klassifikation von Testverfahren:

- Leistungstests (Erfassen der Leistungsfähigkeit vor allem im kognitiven Bereich): z.B. Hamburg-Wechsler-
Intelligenztest oder Schultests
- Psychometrische Persönlichkeitstests (Erfassung psychischer Merkmale wie Einstellungen, Interessen etc.): z.B.
Hamburger Persönlichkeitsinventar
- Persönlichkeits-Entfaltungstests (Bilder deuten, Zeichnung von Menschen anfertigen etc.): z. B. Rorschach-Test

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11 - Gesundheitsrelevante Lebensstile

Definition: Gesundheitsrelevante Lebensstile

- Gesundheitsrelevante Lebensstile sind zeitlich relativ stabile typische Muster von gesundheitsrelevanten
Verhaltensweisen, Einstellungen und Ressourcen, welche unter den gegebenen sozialen und soziokulturellen
Lebensbedingungen entwickelt werden können

Lebensstil

- Zusammengesetzt aus Lebensführung und Lebenschancen


- Lebensführung: Handlungs- und Orientierungsmuster (z.B. Kleidung, Ernährung)
- Lebenschancen: Soziokulturell verankerte Bedingungen bzw. Möglichkeiten der Lebensführung (z.B.
Bildungschancen, finanzielle Möglichkeiten)
- Lebensstile beeinflussen die Gesundheit und umgekehrt
- Lebensstile stiften Identität, fördern Gruppenzugehörigkeit und Stabilität in der Lebensführung

Aspekte des gesundheitsrelevanten Lebensstils:

- Ressourcen (eigene Fähigkeiten, Umweltbedingungen, finanzielle Möglichkeiten etc.)


- Orientierung (Werte und Einstellung gegenüber der Gesundheit)
- Gesundheitsverhalten (Konsum von Genuss- und Suchtmitteln, Inanspruchnahme des medizinischen Systems,
gesundheitsförderndes Verhalten)

Wichtige Einflussfaktoren auf gesundheitsrelevante Lebensstile:

- Sozioökonomischer Status (Beruf, Bildung, Einkommen)


- Geschlecht (z.B. anderes Ess-, Trink- und Rauchverhalten)
- Alter (z.B. je älter desto weniger körperlich aktiv)
- Diese drei Faktoren begrenzen die Handlungsfreiheit eines Einzelnen, sein Leben gesundheitsorientiert zu
gestalten

12 - Gesundheit und Krankheit

Definition: Gesundheit

- Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die
Abwesenheit von Krankheit
- Definition von Gesundheit abhängig von Normvorstellungen und Wertvorstellungen
- Sensitivität: misst bei einem Testverfahren, wieviele der tatsächlich Infizierten richtig erkannt wurden
- Spezifität: misst bei einem Testverfahren, wieviele der tatsächlich Nichtinfizierten richtig erkannt wurden

Einige Gesundheitsmodelle der Komplementärmedizin:

- Homöopathie
- Anthroposophische Medizin (gegründet von Rudolf Steiner; Heilen durch Pflanzen, anstreben eines Einklanges mit
dem Rhythmus der Natur)
- Akupunktur (will energetisches Gleichgewicht wiederherstellen)

Patientenkarriere oder der Prozess des Krankwerdens:

- Erstes Wahrnehmen einer Veränderung (Laiendiagnose)


- Erste Konsequenzen (Abwarten, Informationssuche, Selbstbehandlung mit Hausmitteln)
- Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe
- Akute Krankheitsphase (akzeptieren der Krankheit, sich anpassen)
- Rekonvaleszenz (Gesundung, neue Ziele setzten)
- Chronische Krankheitsphase, Rehabilitation (psychosoziale und körperliche Einschränkungen akzeptieren)
- Terminale Phase vor dem Tod (Ungewissheit und multiple Verluste annehmen)

Seite 24
Sichtweisen von Beschwerden und Symptomen:

- Pathogenetische: Wie entsteht Krankheit? Wie kann sie verhindert werden? Abklärung von Ursachen, Ausschalten
der Ursachen
- Salutogenetische: Wie entsteht Gesundheit? Wie kann sie gefördert werden? Abklärung auf ungenutzte Fähigkeiten
und Ressourcen und deren Stärkung

Definition: Gesundheitsförderung, Prävention

- Gesundheitsförderung: Stärkung persönlicher und sozialere Gesundheitskompetenz und Beeinflussung von


Gesundheitsdeterminanten
- Prävention: Auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet (Verhütung von Krankheiten und Bekämpfung von Risikofaktoren),
auf individueller oder Umweltebene (kollektiv)

Präventionsarten:

- Primäre: Erfolgt vor der Krankheit; Ausschaltung ursächlicher Faktoren, Erhöhung der Resistenz, Veränderung von
Umweltfaktoren
- Sekundäre: Möglichst frühzeitige Erfassung von Veränderungen, die zu Krankheiten führen können
- Tertiäre: Prävention von Folgestörungen und Rückfallprophylaxe
- Primordiale Prävention: Verhütung von Risikofaktoren bei Gesunden

Soziales Geschlecht und Gesundheitsverhalten:

- Frauen bezeichnen sich häufiger als krank, v.a. weil sie öfter sozial benachteiligt sind
- Frauen gehen öfter zum Arzt (Vorsorgeuntersuchungen schon ab Pubertät)
- Frauen haben anderes Risikoverhalten (z.B. weniger Rauchen aber auch weniger Sport)

Einflussfaktoren für Gesundheits- und Krankheitsverhalten:

- Kulturelle Faktoren
- Demographische Faktoren (Geschlecht, Alter)
- Soziostrukturelle Faktoren (soziale Schicht)
- Psychosoziale Faktoren
- Selbst- und Fremderfahrungen mit Gesundheit und Krankheit
- Angebot und Zugänglichkeit medizinischer Dienste

13 - Die Arzt - Patienten - Beziehung (APB)

Patientenrechte:

- Recht auf sorgfältige Behandlung, Information, Selbstbestimmung, Geheimhaltung, Kontakt zur Aussenwelt, Schutz
der Würde, Recht auf Beschwerde etc.

Ethik in der Medizin:

- Immer wichtiger, da technisch immer mehr möglich ist, was Konflikte zwischen Wollen, Können und Dürfen
generiert
- Der Eid des Hippokrates fordert: Autonomie des Patienten, sein Wohl, das Fernhalten von Schaden und die
Gerechtigkeit

- Standesordnung: Regelt die Beziehung des Arztes zu seinen Patienten und seinen Kollegen sowie das Verhalten in
der Öffentlichkeit und gegenüber Partnern im Gesundheitswesen
- Die APB ist auch eine Geschäftsbeziehung

- Kulturtypische Symptompräsentation: Wie Beschwerden präsentiert werden, welche Organe dabei im Vordergrund
stehen und mit welchen Emotionen Unwohlsein vorgetragen wird, ist sehr kulturabhängig

Seite 25
- Kulturabhängig ist auch die Vorstellung, wie Krankheiten entstehen und behandelt werden sollen
- Krankheit ist ein Teil sozialen Zusammenlebens, wobei das verhalten in der Krankheit als Sonderfall des
Sozialverhaltens allgemein erklärt wird
- Der Patient ist gegenüber der Gesellschaft verpflichtet, alles in seiner Möglichkeit stehende zur Gesundung
beizutragen
- Der biophysische Teil einer Krankheit ist durch naturwissenschaftliche Kenntnisse relativ gut abgesichert und somit
ziemlich unabhängig von willkürlicher Bewertung
- Der psychosoziale Teil einer Krankheit ist dagegen wesentlich durch die sozialen Verhältnisse bestimmt und kann
je nach dem verschieden gewichtet werden
- Wandlung der Krankenrolle vom hilfsbedürftigen Bittsteller zum Kunden oder mündigen Partner (ausser z.B. in
Notfallsituationen)

Rollenerwartungen an den Arzt:

- Fachliche Kompetenz
- Allparteiliche Haltung
- Respektieren und Beschränkung auf den Auftrag
- Affektive Neutralität
- Auf das Wohl der Gemeinschaft ausgerichtete Haltung
- Wirksamkeit der Behandlung
- Wirtschaftlichkeit

Differenzierung der Krankenrolle nach sozialer Legitimität:

- Illegitim (stigmatisiert): z.B. Stotterer, Epilepsie (verhaltensbedingt geringes Gesellschaftliches Ansehen, keine
Privilegien)
- Bedingt legitim: z.B. Erkältung, Lungenentzündung
- Bedingungslos legitim: z.B. Pockennarben, Krebs (Anteilnahme, Privilegien, Mitleid)

Bereiche der Interaktion in einer APB:

- Kognitive Prozesse: Analyse und Bewertung von Krankheitssymptomen


- Äusserung und Beantwortung von Gefühlen und Stimmungen
- Kommunikation
- Kooperation

Wechselseitige Erwartungen:

- Patient erwartet vom Arzt: Ratgeber, Führer, Vertrauter, Techniker, Erzieher, menschliches Vorbild, offene und
wahrheitsgetreue Information, genügend Zeit für Gespräch, auf Fragen und Wünsche eingehen etc.
- Arzt erwartet vom Patienten: Ehrlicher, vertrauensvoller Kunde mit realistischen Erwartungen, kooperativer und
verantwortungsbewusster Partner

Vier Grundregeln für eine APB im emotionalen Bereich:

- Empathie (Eindrucksempfänglichkeit, einfühlendes Verständnis)


- Affektive Neutralität
- Emotionale Echtheit
- Adäquate emotionale Nähe und Distanz

Prototypen der APB:

- Paternalistisches Modell (Arzt entscheidet alles)


- Informatives Modell (Arzt informiert, Patient entscheidet, was er will)
- Modell der gemeinsamen Entscheidungsfindung

Definition: Compliance

- Compliance bedeutet Mitwirkung und Mitarbeit des Patienten in der Einhaltung therapeutischer Massnahmen

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- Gründe für mangelnde Compliance: Mangel an Leidensdruck und Intelligenz, Angst, Nebenwirkungen, wenig
Informationen, kompliziertes Therapieschema

Folgende Verhaltensweisen eines Arztes fördern das Vertrauen in einer APB:

- Konstante, sachliche und wohlwollende Grundhaltung


- Klärung der Verantwortungen (zwischen Patient, Hausarzt und Facharzt)
- Vermeidung kränkender Bemerkungen
- Fortlaufende Information über therapeutische und diagnostische Schritte
- Vermeidung von vorschnellen Versprechungen, Überengagement und unvermitteltem Rückzug
- Schaffung von Spielraum für eigenständige Entscheidungen und Aktivitäten des Patienten

Schwierige Patienten aus Sicht des Arztes:

- Süchtige, depressive, dramatisierende, misstrauische, abweisende, unterwürfige, schweigende, selbstdestruktive


Patienten, Patienten mit suizidalen Gedanken, mit Idealisierungstendenzen gegenüber dem Arzt und viele andere

Der schwierige Arzt:

- Geltungsbedürftig, kränkbar, neigt zu Oberflächlichkeit im Gespräch und im Handeln, kein Einfühlungsvermögen,


kritiklos gegenüber eigenen Fähigkeiten, selbstgefällig, übertriebene Selbstsicherheit und Unwilligkeit, sich in die
Lage des Patienten zu versetzen

Gründe für eine schwierige APB:

- Unerfüllte und diskrepante Erwartungen


- Unbewusste Konflikte
- Schwierige Persönlichkeiten
- Gesellschaftliche Trends ("fast-care"-Gesellschaft)

14 - Geschlechterfragen in der Medizin

- Mit dem Geschlecht verknüpfte Einstellungen, Stereotype und Vorurteile sind Teil des Alltagswissens in jeder Kultur
- Wahrnehmung, Interpretation und Kommunikation sind stark vom Geschlecht abhängig
- Übersterblichkeit von Männern gegenüber Frauen im Alter von 15-30 Jahren (Unfälle, Gewalt, Suizid) und von 60-
80 Jahren (Herzkreislauf- und Krebskrankheiten)
- Den Frauen werden vermehrt soziale Faktoren, den Männern vermehrt biologische Faktoren zugewiesen, wenn es
um Gründe für Krankheiten oder frühzeitiges Sterben geht
- Interpretation von Symptomen und diagnostisch-therapeutische Vorgehen stark mit dem Geschlecht verknüpft, zu
Ungunsten der Frauen (Yentl Syndrom)

Gesprächsverhalten:

- Frauen geben mehr Informationen über sich Preis, haben einen wärmeren verbalen und nonverbalen
Gesprächsstil, achten besser auf den Gesprächspartner
- Männer sprechen bestimmter (Intonation) und eher ohne zu zögern, benutzen eher eine Fachsprache
- Ärztinnen sprechen mehr patientenzentriert, wenn sie mit anderen ÄrztInnen sprechen, aber meist nur, wenn der
Patient eine Frau ist
- Ärztinnen thematisieren im Arzt-Patienten-Gespräch öfter psychosoziale Faktoren

15 - Das ärztliche Gespräch - die ärztliche Untersuchung

Probleme in der Arzt-Patienten-Kommunikation:

- Psychosoziale Probleme werden nicht erkannt


- Uneinigkeit über hauptsächliches Gesundheitsproblem

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- Mangelnde kommunikative Kompetenz der Ärzte
- Kunstfehler in der Behandlung kommen nicht zur Sprache
- Patienten erinnern sich nach einer Konsultation häufig nicht mehr daran, was ihnen der Arzt gesagt hat

- Erfolg der Behandlung sehr weit abhängig von der Kommunikation

Was Ärzte häufig falsch machen in der Arzt-Patienten-Kommunikation:

- Unterbrechen, wenn der Patient spricht


- Mangelnde Strukturierung des Gespräches
- Einengung des Patienten durch Suggestiv- und geschlossene Fragen
- Nichteingehen auf emotionale Äusserungen
- Unklare und missverständliche Erklärungen

Ziele eines Gespräches bei Erstuntersuchung:

- Herstellen einer Beziehung zum Patienten


- Erheben einer biopsychosozialen Anamnese
- Erstes Beurteilen der relevanten Mitteilungen eines Patienten
- Formulieren einer (vorläufigen) Verdachtsdiagnose
- Festlegen des weiteren diagnostischen und therapeutischen Vorgehens
- Motivieren des Patienten für die weitere Kooperation

Anamnese:

- 1. Vorstellen, Begrüssen
- 2. Schaffen einer günstigen Situation (Lagerung, Sitzposition)
- 3. Landkarte der Beschwerden
- 4. Jetziges Leiden
- 5. Persönliche Anamnese
- 6. Familienanamnese
- 7. Psychische Entwicklung
- 8. Soziales
- 9. Systemanamnese
- 10. Beendigung, Stellungnahme

Vier Fragetypen:

- Offene Fragen: Sie geben dem Patienten die Möglichkeit, seine Beschwerden in eigenen Worten zu beschreiben
("Wie geht es Ihnen?")
- Gezielte Fragen ("Können Sie mir Ihren Schwindel genauer beschreiben?")
- Geschlossene Fragen: Antwort nur mit JA oder NEIN möglich
- Suggestive Fragen: Arzt gibt vor, was er als Antwort hören möchte ("Es geht Ihnen doch besser, oder?)

Konkrete Gesprächstechniken:

- Begrüssung: Name, Funktion, Zweck


- Strukturieren: Offenlegen der Zeitgrenzen, Ankündigung von äusseren Einflüssen auf die Gesprächssituation
- Gesprächsthemen definieren
- Übergänge gestalten: Übergänge im Thema und im Gesprächsstil explizit ankünden
- WWSZ-Techniken (siehe unten)
- Aufnehmen von Emotionen (siehe unten)
- Schlussevaluation: Abschluss der gemeinsamen Arbeit, Agenda für nächstes Treffen definieren

WWSZ-Techniken; Möglichkeiten, den Patienten zu ermuntern, die Führung des Gespräches selbst zu übernehmen:

- Warten
- Wiederholen (von einzelnen Worten des Patienten)
- Spiegeln (Arzt spiegelt dem Patienten zurück, zu was sich dieser gerade geäussert hat)
- Zusammenfassen (ankündigen!)

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Aufnehmen von Emotionen:

- Bei gemischten Botschaften mit emotionalem Inhalt hat die emotionale Ebene Vorrang
- Adäquater Umgang mit offen geäusserten Emotionen: Emotionen benennen, Verständnis zeigen (wenn möglich),
Anerkennung (der Emotionen und der Bemühungen im Umgang mit diesen), Unterstützung anbieten

Hinweise auf nicht geäusserte Gefühle seitens des Patienten:

- Plötzlicher Themenwechsel
- Auffallend nüchterne Erzählweise von dramatischen Ereignissen
- Ständig repetierte Klagen

Mitteilung von schlechten Nachrichten (drei Möglichkeiten):

- Kurze und knappe Mitteilung des Unvermeidbaren (ganzer Schock auf einen Schlag)
- Sanfte und empathische Art (Ansprechen von Gefühlen und deren Zulassung)
- Offene und vollständige Information

Grundregeln zum Überbringen schlechter Nachrichten:

- Gute Vorbereitung
- Sich überlegen, was wie mitgeteilt werden soll
- Evtl. Drittpersonen einladen (Angehörige)
- Ungestörte Atmosphäre für das Gespräch suchen
- Kein Zeitdruck
- Wenn möglich mit positiver Nachricht kombinieren

Wichtige Punkte im Beratungsgespräch:

- Äussere Rahmenbedingungen
- Zielsetzungen für das Gespräch
- Klärung von Erwartungen, informieren, ermutigen
- Aufzeigen der Möglichkeiten und Grenzen der Beratung
- Aufzeigen alternativer Möglichkeiten

Körperliche Untersuchung schwieriger Patienten:

- Die Unersättlichen
- Die Misstrauischen
- Die Verleugner (von Beschwerden)
- Die Unmöglichen
- Die Nörgler

Psychologische Gesichtspunkte der körperlichen Untersuchung

- Stellt hohe Anforderungen an den Arzt


- Korrekte Anwendung der Untersuchunstechnik
- Beurteilung von Interaktionen
- Erkennen von (unbewussten) Wünschen und Ängsten des Patienten
- Adäquater Umgang mit schwierigen Konstellationen der APB

Untersuchung von Kindern:

- Kenntnisse der Enwicklungspsychologie unerlässlich


- Kommunikatives Anfreunden von Vorteil
- Sich dem Temperament des Kindes anpassen
- Soziokulturelle Gesichtspunkte (andere Sprache, Religion etc.)
- Miteinbeziehen von "Übergangsobjekten" (Stofftiere etc.)
- Mit dem Kind und nicht über das Kind sprechen
- Vermeiden von rhetorischen Fragen

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- Erklärungen vor und während des Untersuches
- Ankündigen unangenehmer Handlungen
- Anerkennung zum Schluss
- Abschliessende, verständliche Erklärungen

Untersuchung von Adoleszenten:

- Verleugnung oder Überbewertung von Beschwerden kommt oft vor


- Schamhaftes Verhalten des jungen Patienten
- Kontinuierliche Erklärungen während der Untersuchung
- Kompromisse in der Compliance

16 - Subjektive Krankheitskonzepte - Krankheitsbewältigung

- Subjektive Krankheitstheorien (Laientheorien), welche die Patienten entwickeln, bilden die individuelle Grundlage
für den Umgang mit der Krankheit (Krankheitsbewältigung = Coping)
- Glauben an geringe Auswirkung und grosse Kontrollierbarkeit der Krankheit beeinflusst den Bewältigungsprozess
positiv
- Objektive Krankheits- und Behandlungsmerkmale haben im Vergleich zum Einfluss der Person sowie des sozialen
Umfeldes erstaunlich geringe Bedeutung für die Krankeitsbewältigung
- Eine gute Krankheitsbewältigung hat eine bessere Compliance in der Therapie und somit bessere Heilungschancen
zur Folge

Kognitive Wahrnehmung von Krankheit:

- Identität (Name der Krankheit)


- Ursache (Überzeugung zu den Ursachen des Problems)
- Auswirkungen (Annahmen zu den Folgen der Krankheit)
- Zeitverlauf (akut, chronisch, zyklisch)
- Kontrollierbarkeit (Überzeugung, ob Patient oder die Medizin das Problem lösen kann)

In Krankheit zu bewältigende psychosoziale Belastungen:

- Gestörtes emotionales Gleichgewicht (durch neue Gefühle oder Bedrohung)


- Veränderte Körperintegrität und Wohlbefinden (durch Behinderung, Schmerz etc.)
- Verändertes Selbstkonzept (durch Autonomie- und Kontrollverlust, Ungewissheit über Zukunft)
- Verunsicherung hinsichtlich der sozialen Rollen und Aufgaben (Trennung von Nahestehenden, soziale
Abhängigkeit)
- Veränderte Umgebung (Spital)
- Bedrohung des Lebens, Angst vor dem Sterben

Definition: Krankheitsbewältigung (Coping)

- Krankheitsbewältigung (Coping) kann als das Bemühen definiert werden, bereits bestehende oder erwartete
Belastungen durch Krankheit innerpsychisch (kognitiv und emotional) auszubalancieren, zu verarbeiten oder zu
meistern
- Beeinflusst durch Krankheit/Behandlung, betroffene Person, soziale Unterstützung, Verlauf/Dauer der Krankheit,
betroffene Organe, Symptomatik, Art und Ausmass der Behinderung

Personale Ressourcen:

- Schutzfaktoren oder Hilfsmittel, die einer Person zur Verfügung stehen, wenn Belastungen auftreten (stabile
Eigenschaften der Person)
- Dispositionaler Optimismus (relativ stabile und generalisierte Erwartung positiver Ereignisse)
- Kontrollüberzeugungen (Selbstbeeinflussung wichtiger Ereignisse (internale Kontrolle, positiv), hoffen auf externe
Faktoren (externale Kontrolle)
- Kohärenzsinn (Fähigkeit, grossen Belastungen psychisch zu widerstehen)
- Bindungsverhalten (Bindung zu Bezugspersonen ist fördernd für Krankheitsbewältigung)
- Soziale Unterstützung ist die wichtigste externale oder soziale Ressource

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Krankheitsbewältigung und Stress:

- Krankheit ist ein stressreiches Lebensereignis und mit anderen Stressoren vergleichbar, somit ist
Krankheitsbewältigung auch Stressbewältigung
- Problembezogene Stressbewältigung: Person befasst sich direkt mit Bedingungen, die Stress verursachen
- Emotionsbezogene (palliative) Stressbewältigung: Anstrengung zur Emotionsregulierung
- Ziel des Bewältigungsvorgangs ist eine möglichst gute Anpassung der Person an die Anforderungen des durch die
Krankheit veränderten Zustandes
- Gute Bewältigung setzt aktives Verhalten des Kranken voraus und die Fähigkeit, soziale und emotionale
Ressourcen zu mobilisieren. Zudem ist eine realistische Einschätzung des Problems sowie das Akzeptieren
unveränderlicher Bedingungen günstig
- Ungeeignete Bewältigung zeichnet sich durch eine passive, grüblerische, selbst- oder fremdanklagende, oft auch
resignative Haltung aus, wobei der soziale Rückzug Hilfe von aussen (Arzt, Familie) erschwert

17 - Gesundheitsbezogene Lebensqualität

Definition: Qualität

- Qualität ist die Beschaffenheit einer Einheit bezüglich ihrer Eignung, festgelegte und vorausgesetzte Erfordernisse
zu erfüllen
- Strukturqualität: Qualifikation von medizinischem Personal, Infrastruktur
- Prozessqualität: Qualität der medizinischen Versorgung an sich, Qualität der Diagnosen und Interventionen
- Ergebnisqualität: Hält Effekte fest aus oben genannten Prozessen (z.B. Linderung von Schmerzen,
Lebensverlängerung, Lebensqualität)

- Lebensqualität kann am besten durch den Betroffenen selbst beurteilt werden


- Vier Dimensionen der Lebensqualität (physische und psychische Lebensqualität, soziale Beziehungen und Umwelt)
sind je nach Krankheit mehr oder weniger beeinträchtigt
- Objektive medizinische und subjektiv empfundene Schwere einer Krankheit nur sehr schwach korrelierend
- Messung der Lebensqualität hat bisher kaum einen Effekt auf die klinische Behandlungsqualität, jedoch wichtig für
Forschung

Modelle zur Erforschung der Lebensqualität:

- Operationelles Model: Fragebogen (heute das wichtigste Modell)


- Individualisiertes Modell: Individuelle Bestimmung der beeinträchtigten Lebensbereiche, Lebensqualität ist nur
intraindividuell beschreibbar
- Nutzentheoretisches Modell: Präferenzen des Patienten geben Rückschluss auf Lebensqualität, gute
Vergleichbarkeit (Einteilung in einer Skala)

18 - Psychophysiologie

- Die Psychophysiologie befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Denken, Fühlen, Verhalten und ihren
physiologischen Korrelationen mit dem menschlichen Organismus

Physiologische Parameter zur Messung psychophysischer Reaktionen:

- Zentralvenöse und neuromuskuläre Parameter (EEG, EMG etc.)


- Kardiovaskuläre Parameter (EKG, HF, BD etc.)
- Respiratorische Parameter (AF, Blutgase)
- Intestinale Parameter (Darmmotilität, Passagezeiten)
- Andere vegetative Parameter (Hautdurchblutung, Hautwiderstand etc.)
- Endokrine Parameter (Hormone, Transmitter etc.)

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Definition: Biofeedback, Affekte, Emotionen, Stimmung

- Biofeedback dient dazu, physiologische Funktionszustände (z.B. Muskeltonus) zu visualisieren (Bildschirm). Dient
vor allem der Rehabilitation und Entspannung
- Affekte: kurzdauernde und eher heftige Gefühle (Ärger, Angst, Freude etc.)
- Emotionen: etwas länger anhaltende, weniger intensive dafür tiefgehende Gefühlszustände, auf konkretes Ziel
gerichtet, stark
- Stimmung: langfristig, umfassendere Beeinflussung des gesamten Seelenlebens, wenig intensiv, unspezifischer
Auslöser, ungerichtet, eher schwach

Psychophysiologische Reaktionsmuster:

- Alters- und situationsabhängig


- Das Prinzip der individualspezifischen Reaktion auf einen emotionalen Stressor betont, dass psychophysiologische
Reaktionsmuster vorwiegend individualspezifisch ist
- Das Prinzip der stimulusspezifischen Reaktionsweise dagegen schreibt bestimmten Emotionen ein spezifisches
psychophysiologisches Reaktionsmuster zu
- Psychophysiologische Reaktionsmuster werden früh in der Kindheit erlernt und geprägt, wobei genetische und
konstitutionelle Faktoren wichtig sind

Stress:

- Ergebnis einer spezifischen Transaktion zwischen Umwelt und Person


- Stressor: jeder stressauslösende Faktor
- Stressreaktion: Antwort auf Stressor (erfolgt auf emotionaler Ebene, neuronaler, endokriner, immunvermittelter
Ebene und auf der Ebene des sichtbaren Verhaltens)
- Distress: negativer Stress. Ist umso grösser, je höher quantitative Anforderungen und je geringer
Entscheidungsspielraum/Kontrolle (z.B. Fliessbandarbeit)
- Eustress: positiver Stress

Zusammenhänge zwischen Stress und Persönlichkeit:

- Situationswahl und -gestaltung (risikofreudige oder vorsichtige Personen)


- Persönlichkeit und Bewertung (Beurteilung der eigenen Situation und der Ressourcen)
- Persönlichkeit und emotionale Stressreaktion (psychophysiologische Reaktionen sehr individuumspezifisch)
- Persönlichkeit und Bewältigung (welche Bewältigungsstrategien einer Person in einer bestimmten Situation zur
Verfügung stehen, ist sehr abhängig von Persönlichkeitsmerkmalen)

- "Live-Event-Forschung": Einteilung biologischer Ereignisse in einer Skala nach Belastungsgrad (1-100), viele
Mängel
- Menschen mit erhöhter Stress-Vulnerabilität tendieren dazu, Anforderungen schneller als Bedrohung
wahrzunehmen und haben in der Regel ein kleineres Spektrum an Abwehrmechanismen und
Bewältigungsstrategien
- Je niedriger die berufliche Position und damit höher die Distress-Erfahrung, umso höher ist die Mortalitätsrate
- Akuter Stress erhöht die Neigung zur Blutgerinnung

Stressbewältigung und Stressmanagement:

- Mildern von Distress-Erfahrungen auf Ebene der Stressoren (reduzieren oder qualitativ verändern) oder der
Regulierbarkeit (durch Einstellungsänderung die Kontrollierbarkeit verbessern) und auf der Ebene der sozialen
Unterstützung (Anerkennung verbessern)
- Stressmanagement durch Ursachenbekämpfung, Entwicklung von Strategien, Einstellungsänderungen,
ausgeglichener Lebensstil

Essen und Verdauung

- Das Essverhalten eines Menschen wird neben den biologischen Mechanismen durch Lernerfahrungen (Erziehung)
geprägt und durch kognitive Prozesse (z.B Einstellung zum eigenen Körper) beeinflusst
- Essen und Trinken sind wichtige emotionale Erlebnisse

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Sexualität:

- Sexualität ist eine im Biologischen verankerte, aber nicht notwendig manifest werdende Möglichkeit des Erlebens
- Männer haben im allgemeinen grössere Hemmungen, über sexuelle Fragen zu sprechen (sexuelle Störungen
werden als Bedrohung für die Männlichkeit aufgefasst)
- Sexualitätskonzept der Männer eher biologisch, mechanisch und genital orientiert. Bei Frauen eher psychologische
und atmosphärische Aspekte der Sexualität
- Wichtigste somatische Ursachen für sexuelle Funktionsstörungen: Allgemeinerkrankungen, Medikamente
- Wichtigste psychosoziale Ursachen für sexuelle Funktionsstörungen: Angst vor Defizit an Lernerfahrung und
Fertigkeiten und irrationale Vorstellungen (unmittelbare, relativ oberflächliche Gründe), tiefliegende Ängste und
Konflikte (intrapsychische Ursachen) und partnerschaftsbezogene Gründe

Schlaf:

- Schlaf ist ein reversibler Verhaltenszustand, der sich durch eine fehlende Wahrnehmung der Umwelt und fehlende
Interaktion mit ihr auszeichnet
- Bei 7h Schlaf ist die Sterblichkeitsrate am geringsten

Schlafstadien:

- Wachzustand
- Schlafstadium 1 (oberflächlicher Schlaf)
- Schlafstadium 2 (Muskelspannung sinkt)
- Schlafstadium 3
- Schlafstadium 4 (niedrigste HF und AF)
- REM-Schlaf (hoch aktiver Zustand)

Schlafstörungen:

- Weniger als 6.5h Schlaf, unabhängig von äusseren Gegebenheiten


- Unregelmässiger oder verschobener Schlafzyklus
- Störungen bestimmter Schlafstadien
- Einschlaf- und Durchschlafstörungen

Definition: Insomnie, Hypersomnie, Parasomnie

- Insomnie: ungenügende Dauer oder Qualität des Schlafs


- Hypersomnie: übermässige Tagesschläfrigkeit und Schlafanfälle (Schlaf-Abnoe-Syndrom, Narkolepsie)
- Parasomnie: Störungen des Schlaf-Wach-Übergangs (Schlafwandeln, Pavor nocturnus)
- Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus (z.B. Jet-Lag)

Funktionstheorien des Traums:

- Reinigung des Gehirns von Informationen


- Erinnerungen erhalten
- Lernprozess, der das Lösen von Problemen im Wachzustand erleichtern soll
- Stimmungsregulierende Funktion

Körperschema:

- Zentrale Repräsentation des Körpers und seiner motorischen Funktionen als auch das Bewusstsein der räumlichen
Ausdehnung unseres Körpers in der Umwelt

Körperbild:

- Subjektives Bewusstsein der eigenen Körperlichkeit (psychologische Dimension)

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Geschlechtstypische Unterschiede in der Körperwahrnehmung: Frauen...

- sind stärker auf den eigenen Körper bezogen


- haben klarere Vorstellungen vom eigenen Körper
- haben in der Sexualität ausgeprägtere Zärtlichkeitsbedürfnisse

Störungen der Körperwahrnehmung:

- Verminderte Körperwahrnehmung (bei psychosomatischen Störungen und sexuellen Funktionsstörungen)


- Gesteigerte Körperwahrnehmung (bei Krankheit, Missbildungen, Verstümmelungen)
- Veränderte Körperwahrnehmung (bei psychischen Krankheiten)

19 - Psychosomatische und somatopsychische Störungen

- Gesundheit und Krankheit haben immer multifaktorielle Ursachen und Auswirkungen


- Psychosomatische Störungen werden jene Störungen genannt, bei denen psychosoziale Aspekte eine bedeutende
Rolle bei der Verursachung und Aufrechterhaltung einer Erkrankung spielen
- Psychosoziale Faktoren können bei chronischen Erkrankungen ursächlich mitwirken und den Verlauf einer
chronischen Erkrankung mitbestimmen. Psychosoziale Verhaltensauffälligkeiten können aber auch Folge der
Erkrankung sein
- Biopsychosoziales Krankheitsmodell: Bei der Entstehung von Krankheiten sind soziale Einflüsse (Familie etc.),
gelernte Verhaltensmuster und Umwelt genauso wichtig wie genetische oder organ-pathologische Gegebenheiten
- Hypochondrie: Überzeugung, an einer Krankheit zu leiden und krankhaftes Interesse an Beschwerden und
Gesundheitsfragen

Zusammenhang seelischer Befindlichkeit oder Störung mit körperlichen Beschwerden und Organläsionen:

- Konversion: Umsetzten eines unbewussten Konfliktes in Körpersprache (Symbolisierung), um das Bewusstsein von
belastenden Gefühlen freizuhalten
- Somatisierung: das natürlich vorhandene gemeinsame Erleben eines Affekts (z.B. von Angst) und der
dazugehörigen körperlichen Manifestationen (z.B. Herzrasen) fehlt. Das seelisch konflikthafte Gefühl wird
abgewehrt, es verbleiben nur die körperlichen Beschwerden

Somatoforme Störungen:

- Auch funktionelle Störungen genannt, weil eine Störung der körperlichen Funktion besteht, ohne dass ein
krankhafter organpathologischer Befund erhoben werden kann (körperliche Leiden, die nicht durch medizinische
Untersuchungsbefunde erklärt werden können)
- Vielfältige Beschwerden und Leidenszustände, kein einheitliches Krankheitsbild (Somatisierungsstörung)
- Beschwerden auf ein oder wenige Organsysteme beschränkt
- Diagnose immer interdisziplinär (psychologisch und organisch)
- Behandlungen v.a. durch psychoedukative, verhaltensmedizinische und psychotherapeutische Verfahren
- Neuste Erkenntnisse zeigen, dass eine Psychogenese bei Tumorerkrankungen kaum vorhanden ist. Dafür spielen
psychosoziale Faktoren für die Entstehung (Risikofaktoren, Lebensbedingungen), für die Verarbeitung und allenfalls
für den Verlauf der Erkrankung (Krankheitsverarbeitung) eine wichtige Rolle
- Siehe Tabelle Seite 507

Ursachen somatoformer Störungen:

- Genetische Faktoren
- Störung der Aufmerksamkeitsfokussierung (Hypersensitivierung gegenüber Wahrnehmungen)
- Endokrinologische Faktoren
- Familiäre Häufung (soziales Lernen oder Modelllernen)
- Belastende Lebensereignisse
- Kulturelle Einflüsse

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20 - Rehabilitation

- Behinderungen und chronische Krankheiten stellen besondere psychische Belastungen dar


- Ziel der Rehabilitation ist es, die Auswirkungen von Behinderungen und chronischen Krankheiten im Bereich der
funktionalen Einschränkung und der psychosozialen Belastung zu minimieren
- Soziale und berufliche (Re-) Integration von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen ist
abhängig von der Sozialgesetzgebung und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
- Psychologische Massnahmen sind wichtiger Bestandteil der Rehabilitation
- Unterscheidung von chronischer Krankheit und Behinderung nicht eindeutig möglich
- Rehabilitation muss auf medizinischer, beruflicher, schulischer und psychologischer Ebene erfolgen
- Psychische Rehabilitation kann nach verschiedenen Kriterien differnziert werden: Zielperson (Patient, Angehörige),
Anlass (Krankheitsbewältigung, Partnerschaft), Methode (Beratung, Schulung), Zeitpunkt (vor, während oder nach
Rehabilitation), Intensität (einmalig, mehrmalig), Setting (einzeln, paarweise, Gruppe)
- Verlagerung zu immer mehr chronischen Krankheitsbildern macht Rehabilitation immer wichtiger

Merkmale von Behinderungen und chronischen Krankheiten:

- Kausale Therapie und vollständige Heilung nicht möglich


- Minderung der Leistungsfähigkeit (Arbeit)
- Normabweichung, Diskriminierung
- Besondere Anforderungen an Familie und Selbstversorgung
- Bedrohung der Lebensperspektive und sozialen Integration
- Normalität wird neben der Gestaltung des Miteinanders von Behinderten und Nichtbehinderten ebenso von den
(technischen) Möglichkeiten und den soziökonomischen Gegebenheiten bestimmt (z.B. Prothesen ermöglichen
eine gewisse Normalität)

Hilfreiche Faktoren für Behinderte und chronisch Kranke:

- Emotionale Unterstützung und Zuwendung


- Informieren von anderen und sich selbst
- Aufrechterhalten sozialer Identität (Gruppenzugehörigkeit etc.)
- Aufbau neuer Kontakte, Verhinderung von sozialer Isolation
- Möglichst weitreichende Erhaltung der Selbstverantwortung, der Privatsphäre und der Unabhängigkeit

Dimensionen von Behinderung:

- Dimension des Gesundheitsschadens (Schädigung)


- Dimension der Funktionseinschränkung (mögliche Aktivität)
- Dimension der Benachteiligung (Ausmass der Partizipation)

Einflussfaktoren auf Krankheitsverarbeitung:

- Personenmerkmale
- Krankheitsbezogene Ereignis- und Situationsmerkmale (Schweregrad der Erkrankung, Kontrollierbarkeit etc.)
- Psychosoziales Umfeld
- Institutionelles Umfeld

Aspekte der Motivation eines Patienten für eine Rehabilitation

- Leidensdruck
- Hoffnung auf gutes Behandlungsergebnis
- Wissen über Rehabilitation
- Einstellung zur Rehabilitation
- Ausmass an Eigeninitiative
- Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit
- Bereitschaft zur Änderung des Lebensstils
- Gesundheits- und Krankheitskonzepte

Seite 35
Erfolgskriterien der Rehabilitation:

- Medizinische Indikatoren: Diagnose, Krankheitsdauer, Schweregrad, Prognose, Funktionskapazität


- Sozialmedizinische Indikatoren: z.B. Leistungsfähigkeit im Erwerbsleben, Leistungsbild, soziale Folgen
- Sozialepidemiologische Indikatoren: z.B soziale Integration, Rückkehr zur Arbeit etc.
- Versicherungsrechtliche Indikatoren: z.B Erwerbsfähigkeit, Grad der Behinderung, Invalidität
- Gesundheitsökonomische Indikatoren: z.B. Behandlungskosten, Arbeitsausfallzeiten
- Subjektive Indikatoren und Lebensqualität: z.B. Wohlbefinden, Patientenzufriedenheit, Beschwerden etc.

21 - Sondersituationen des Krankseins

Notfallsituation:

- Tritt unvorbereitet ein, Ereignisse überstürzen sich, erzeugen beim Betroffenen und seinen Angehörigen Angst
- Beschwerden werden gezielt erfragt: Wann sind welche Beschwerden in welcher Körperregion aufgetreten? Gibt es
Begleitsymptome, verstärkende oder mildernde Faktoren und Umstände, unter denen die Beschwerden aufgetreten
sind?
- Haltung des Arztes möglichst ruhig und überlegt
- Belastend für Patienten auf der Intensivstation ist: Unbekannte Aufenthaltsdauer, ungenügende Information über
Krankheit und Prognose, zu kurzer Kontakt zu den Ärzten, fehlende Information über nächste Behandlungsschritte

Abwehrmechanismen des Behandlungsteams (z.B. bei einem Todesfall):

- Vermeidung von Patientenkontakten durch vermehrte Zuwendung zu den Apparaten


- Verdrängung von Gefühlen und Überspielen von Unzufriedenheit mit distanziert-unterkühltem Ton oder Sarkasmus
- Diagnostischer und therapeutischer Aktivismus

Akute und chronische Krankheit:

- Unterscheidung chronischer Krankheiten nach vier Kriterien: Krankheitsbeginn (bei Geburt, schleichend),
Heilungschancen, Ausmass der Lebensbeeinträchtigung, Verlauf (stationär oder schleichend progressiv)
- Behandlungsmodell des Arztes bei akuter und chronischer Krankheit verschieden (siehe Tabellen Seiten 542 und
543)

Häufigste Ursachen, wieso hochbetagte Menschen einer vorübergehenden oder langfristigen stationären
Behandlung bedürfen:

- Immobilität
- Inkontinenz
- Demenz
- Instabilität, Stürze und Unfälle

Beurteilung geriatrischer Patienten nach drei Ebenen von Kompetenzen in den Alltagsaktivitäten:

- AADL-Funktionen (Advanced Activities of Daily Living): Freizeitgestaltung, soziale Kompetenz


- IADL-Funktionen (Instrumental Activities of Daily Living): Entscheidet über Entlassungsfähigkeit aus der stationären
Behandlung und den Unterstützungsbedarf zu Hause
- BADL-Funktionen (Basic Activities of Daily Living): sind diese Aktivitäten nicht mehr möglich, muss der Patient in
ein Pflegeheim (Essen, Waschen, Toilette etc.)

- Multimorbidität bei alten Patienten

Abhängigkeit

- Vor allem Menschen mit ungenügend ausgebildetem Selbstwertgefühl tendieren zu komplementären


Beziehungskonstellationen oder zur Abhängigkeit von Substanzen

Seite 36
Terminale Krankheit und Sterben

- Bedürfnis unheilbar Kranker nach offener Kommunikation über ihre Situation


- Erwartung von unheilbar Kranken an ärztliche Behandlung: Leid und Schmerzen möglichst gering halten
- Erwartung an Pflege und Betreuung: Grundbedürfnisse stillen und grosses Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit,
emotionale Zuwendung

Risikofaktoren für die Bewältigung des eigenen Sterbens können sein:

- Nichtannahme der tödlichen Krankheit


- Pessimistische Lebensphilosophie
- Frühere psychische Erkrankungen
- Schwierige soziale und familiäre Verhältnisse
- Unerledigte Geschäfte
- Bedrohliche Sterbe- und Todesphantasien

22 - Informationsmodelle und Informationsstrategien in der Medizin

Modelle moderner Gesundheitskommunikation:

- Direkte, personale Kommunikation (Direktheit, Vertraulichkeit)


- Kommunikation über Massenmedien (Internet, Fernsehen, Telefon)
- Kommunikation über interaktive Medien (Gesundheitstelematik und E-Health)

Definition: Patientenschulung

- Patientenschulung als Informationsstrategie wird definiert als eine Massnahme, die Patienten darin unterstützt, ihr
Verhalten so zu ändern, dass es ihre Gesundheit fördert
- Im Zentrum der Patientenschulung steht die Vermittlung von Fähigkeiten, ein selbstbestimmtes Leben mit einer
Erkrankung zu führen
- Zu Prävention siehe Kapitel 12

Elemente der Patientenschulung:

- Aufklärung über die Krankheit


- Aufbau einer adäquaten Einstellung zur Krankheit und deren Bewältigung
- Verbesserung der Körperwahrnehmung (frühzeitiges Erkennen von Warnsignalen)
- Selbstmanagementkompetenz (Entscheidungskompetenz bei Applikation und Dosierung von Medikamenten etc.)
- Anfallsprophylaxe und Sekundärprävention (Vermeiden spezifischer Symptomauslöser, z.B. Rauchstopp)
- Training sozialer Kompetenz und soziale Aktivierung

Definition: Telemedizin

- Austausch klinischer Daten über Distanz (Operationsroboter, Fernüberwachung, KGs austauschen etc.)

26. Juni 2004, Michael Frei


michael@frei.com

Seite 37