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Zusammenfassung Psychosoziale Medizin 1.

Jahreskurs
Aus dem Buch von Buddeberg

Diese Zusammenfassung wurde von Joel Dütschler, Thomas Kistler, Kathrin Baur, Rahel
Henn und Eric Kuhn verfasst.

Fehler sind in dieser Zusammenfassung nicht ausgeschlossen.


1. Teil: Seiten 49 – 82 | Joel Dütschler
Dütschler
5.1. Biologische Grundlagen psychischer Funktionen

Erkenntnisse in Anatomie, Physiologie und Biochemie bilden die Grundlage für das
Verständnis neuronaler Netzwerke. Deren Funktionsmuster liefern Erklärungen für die
Informationsverarbeitung im Gehirn und die Prozesse, welche die biologischen Korrelate
psychischer Funktionen wie Denken, Gedächtnis oder Emotionen darstellen.

5.1.1. Das vernetzte Gehirn

Ca. 100 Milliarden Nervenzellen im Gehrin

Vernetzung im Grossen
Einzelne Hirnareale sind durch Axone miteinander vernetzt --> Sinneseindrücke können
verarbeitet und in Handlungen umgesetzt werden.
Für die psychische Funktionen des Gehirns, ist die Verarbeitung von Informationen aus
den Sinnesorganen in der Grosshirnrinde von zentraler Bedeutung.
Wichtige psychische Grundfunktionen wie Denken und Emotionen sind über die Fasern
des autonomen NS (Sympathikus, Parasympathikus) mit den Organsystemene des
menschlichen Körpers unmittelbar verbunden.

Merke: Durch die Vernetzung der Gehirnzentren untereinander und deren Vernetzung mit
den Organsystemen sind psychische Prozesse der Grosshirnrinde immer mit
physiologischen Vorgängen in den Organsystemen gekoppelt. Diese Vernetzung ist u.a.
Eine Erklärung für die Entwicklung sogenannter psychosomatischer Störungen.

Siehe S.50 Abb. 5.1.

Vernetzung im Kleinen
Nicht nur Hirnareale sondern auch die einzelnen Nervenzellen sind eng miteinander
verbunden. Von den ca. 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns, sind ca. 20 Milliarden
in der Grosshirnrinde lokalisiert. Jede dieser Nervenzelle ist mit bis zu 10'000 anderen
Neuronen verbunden. Durch die zahlreichen Verbindungen zwischen den einzelnen
Neuronen entstehen neuronale Netzwerke.

--> neuronale Netzwerke sind informationsverarbeitende Systeme, die aus einer grossen
Zahl einfacher Schalteinheiten zusammengesetzt sind... In neuronalen Netzen wird
Information durch Aktivierung und Hemmung von Neuronen verarbeitet.

Informationsverarbeitung in neuronalen Netzen


--> Abb. 2, S.51
Information in Form eines elektrischen Reizes wird von Dendriten empfangen. Bei
genügend Reizen leitet das Neuron die Information elektrisch über ein Axon zum
nächsten Neuron weiter. Am Ende des Axons wird der Impuls mittels Synapse
weitergeleitet. --> Information gelangt an weitere Nervenzelle oder an einzelne
Endorgane.

Feinstruktur der Grosshirnrinde (Kortex)


Die Verarbeitung sensorischer Informationen erfolgt im Kortex (= vielfach gefaltetes
Gewebe mit Windungen und Furchen).
Neurone im Kortex lassen sich in zwei Haupttypen unterteilen: Pyramdien- und
Sternzellen. (Ca. 80% aller Neuronen sind Pyramidenzellen).
Neben den Neuronen gibt es noch eine grosse Zahl von Gliazellen. Diese beziehen die
Nahrung für die Neuronen (v.a. Glucose und Sauerstoff) über die Erythrozyten.
In der Hirnrinde wechseln sich Schichten, die vorwiegend Zellkörper enthalten, mit
solchen in denen vorwiegend Axone verlaufen, ab.

Areale des Kortex und ihre Funktionen


Areale lassen sich in drei Typen einteilen:
− sensorische Areale (Informationsverarbeitung des extrapersonalen Raumes und der
Umwelt)
− motorische Areale (befassen sich mit körperinternem Milieu)
− Beide Regionen kommunizieren mit den Assoziationsarealen (3. Typ).

Grosshirnrinde kann als grossen assoziativen Speicher betrachtet werden, in dem unser
sprachliches und nichtsprachliches Wissen und viele unserer Fertigkeiten lokalisiert sind.
Denken besteht aus der Interaktion von Erregungsmustern zwischen den
Pyramidenzellen und ihren Dendriten in den kortikalen Assoziationsarealen.

5.1.2. Neurotransmitte und -modulatoren im ZNS

Überträgersubstanz (Transmitter)
Pyramdienzellen benutzen als Transmitter meist Glutamat (=AS).
Erregende Sternzellen: verschiedene Neuropeptide; hemmende Sternzellen: GABA
Afferenten Fasern: Noradrenalin, Dopamin, Azetylcholin, Serotonin und Histamin.

Transmittersysteme
Als Transmittersysteme bezeichnet man alle Neuronen und deren präsynaptische
Verbindungen, die einen bestimmten Transmitter oder eine Kombination von
Transmittern zum Informationsaustausch mit anderen Zellen benutzen.

Psychopharmaka und Transmittersysteme


Wirksamkeit einiger Psychopharmaka erst seit Entdeckung der Transmittersysteme
bekannt. Z.B wird das Noradrenalin-System mit depressiven Störungen oder das
Dopamin-System mit schizophrenen Erkrankungen in Zusammenhang gebracht.
Konzepte in denen EIN bestimmter Wirkstoff für die Entstehung z.T. sehr heterogener
psychischer Störungen verantwortlich gemacht wurde, erwiesen sich als falsch!
Bei allen psychischen Störungen spielen neben den Neurotransmittern auch
nichtneuronale Faktoren eine wichtige Rolle.

5.1.3. Methoden zur Untersuchung zerebraler Funktionszuständen

Funktionen des ZNS können heute mit verschiedenen Verfahren z.T. sehr genau
untersucht werden.
Einige Verfahren:
Elektroenzephalographie (EEG) und Magnetenzephalographie (MEG):
nicht-invasive Verfahren. Es lassen sich elektrische und magnetische Prozese der
Grosshirnrinde erfassen, die während Wahrnehmungen, Denken und Handeln ablaufen.
--> bilden neuronale (und somit auch psychische) Vorgänge zeitgenau ab. Genaue
Lokalisation der Impulse möglich.
--> ungeeignet für subkortikale Prozesse; keine Aussage über strukturell-anatomische
und metabolische Veränderungen während geistiger Tätigkeit. Sie werden deshalb mit
bildgebenden Verfahren kombiniert.

Positron-Emissions-Tomographie (PET) und funktionelle Magnetresonanztomographie


(fMRI)
spezifische Stoffwechsel und Transmitterprodukte in einzelnen kortikalen und
subkortikalen Hirnalrealen lassen sich beobachten und bildlich darstellen.
fMRI eignet sich v.a. zur Aufklärung der chem. Struktur biologisch interessanter Moleküle

Invasive Methoden
i.d.R. nur in Tierversuchen eingesetzt.
Beim Menschen können elekrische und magnetische Reizungen bestimmter Hirnarealen
über sogenannte stereotaktische Geräte (Nadelsonden) erfolgen. Damit lassen sich
präzise Aussagen über Störungen der Hirnaktivitäten gewinnen.
Heute lassen sich solche Untersuchungen durch an die Schädeloberfläche angebrachte
Magnete auch nicht-invasiv durchführen.

5.1.4. Neuronale Plastizität

Unter Neuroplastizität versteht man die Fähigkeit des Gehirns, sich beständig den
Erfordernissen seines Gebrauchs anzupassen. Dieser Vorgang ist nicht auf eine
bestimmte Lebensphase beschränkt, sondern läuft während des gesamten Lebens eines
Organismus ab, erst sehr schnell, später langsamer... Der Kortex erweist sich dabei als
einzigartig anpassungsfähige und sich zugleich beständig optimierende Struktur, indem
neue synaptische Verbindungen zwischen den Neuronen geknüpft und bestehende
wieder gelöst werden.

Nervenzellen können sich nicht teilen. Im Kortex hat es ca. 20 Milliarden Nervenzellen,
pro Tag sterben 10`000. Im Alter von 70 Jahren sind aber erst 1,3% der Neuronen
gestorben.

Auf- und Abbauprozesse im Gehirn


Auf-und Abbau laufen parallel. Die Hirnstrukturen, insbesondere die neuronalen Netze,
passen sich während des ganzen Lebens den Anforderungen der Umwelt und Innenwelt
an – eine wichtige Voraussetzung für lebenslanges Lernen und Erleben.
Bei der Geburt ist die Wanderung der Neuronen an die Endpositionen weitgehend
abgeschlossen.

Kindliche Entwicklung und neuronale Netze


Entwicklung verläuft schrittweise. Im ersten Lebensjahr finden kognitiv, emotional und
motorisch enorme Entwicklungen statt. z.B. wird zwischen dem 7. und 10. Lebensmonat
das limbische System den kortikonalen Netzwerken zugeschaltet. Die Erlebnisse des
Kindes bekommen so eine emotionale Bedeutung. Im zweiten Lebensjahr findet eine
sprunghafte Zunahme der Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften statt -->
Informationsaustausch ist wesentlich verbessert.
In welchem Ausmass und in welcher Differenzierung sich die Verbindungen zwischen den
neuronalen Netzwerken entwickeln, hängt wesentlich von der Stimulation durch die
Umwelt, insbesondere die nächsten Bezugspersonen und das Üben neu erworbener
Fähig- und Fertigkeiten durch das Kind ab.
Funktionelle Neuroplastizität bei Erwachsenen
Fallbeispiel: Ein eindrückliches Beispiel für die Fähigkeit des Kortex, sich den Fähigkeiten
Fallbeispiel
seiner Benutzung anzupassen, lässt sich bei professionellen Musikern zeigen. Für die
Steuerung der Handfunktion bei Geigern sind neuronale Netzwerke im Handareal des
Gehrins zuständig. Musiker müssen, um ein bestimmtes Leistungsniveau zu halten,
täglich mehrere Stunden ihre musikalischen Fertigkeiten üben.
Die Untersuchung von Gehirn von Berufsgeigern mittels bildgebender Verfahren ergab
Folgendes: Streicher weisen tatsächlich eine Vergrösserung des kortikalen
somatosensorischen Areals für die Finger der linken Hand auf. Der Effekt war besonders
bei denjenigen ausgeprägt, die vor dem 12. Lebensjahr mit dem Erlernen des
Instrumentes begonnen hatten.

Diese Untersuchungen zeigen zweierlei:


− Die neuronalen Netze des Kortex entwickeln sich zeitlebens entsprechend den von
ihnen zu verarbeitenden Inputs.
− Der kortikale Auf- und Umbau geht besonders ausgeprägt in jungen Jahren
vonstatten.

Dazu: Nach Geigenlehrern lernen Schüler, die nach dem 12. Jahr begonnen hatten, das
Vibrato nie so gut beherrschen wie Schüler die früher begonnen hatten.

„Künstliche Ohren“
Patienten mit Innenohrerkrankung wird künstliches Innenohr implantiert (Chochlea-
Implantat). Wird der Hörnerv über künstliches Innenohr stimuliert, hören frisch operierte
nur rumpelnde Geräusche. Etwa ein Jahr nach der Operation zeigen sich bemerkenswerte
Veränderungen in der subjektiven Hörwahrnehmung. Patienten sind in der Lage, Sprache
zu hören und zu verstehen. --> im Gehirn haben massive Umbauvorgänge stattgefunden.

Rehabilitation nach Hirnschlag


In der Schweiz: pro 100'000 Personen erleiden 150 einen Hirnschlag (aufgrund von
plötzlicher Unterbrechung der Blutzufuhr). Kurz nach Hirnschlag sind ca. 2/3 aller
Betroffenen nicht mehr gehfähig. Nach einem Jahr ist nur noch 1/3 aller Patienten auf
fremde Hilfe beim Gehen angewiesen! --> unter gezielter Rehabilitation kommt es in den
erhaltenen Neuronen zur Bildung neuer Dendriten. Diese suchen Kontakt zu anderen
Neuronen und stellen neue Verbindungen zwischen Nervenzellen her. Wiedererlangung
eines Teils der motorischen Funktionen möglich. Für einen Rehabilitationserfolg spielt
allerdings das Ausmass der primären Schädigung eine grosse Rolle.

Merke: Neuronale Plastizität und „Ich“ der Person


Die dargestellten biologischen Grundlagen des ZNS und die Plastizität neuronaler Nezte
lassen sich mit dem Philosophen Karl Popper in dem kurzen Satz zusammenfassen: „
Das Ich prägt sein Gehirn.“

5.2. Psychische Grundfunktionen im Einzelnen

5.2.1. Körperliche und psychische Basisfunktionen

Körperliche Basisfunktionen
Zur Feststellung des körperlichen Zustandes und der Beurteilung ob jemand als
somatisch gesund oder krank zu betrachten ist, gibt es sogenannte körperliche
Basisfunktionen (Atmung, Pulsfrequenz, Blutdruck, Körpertemperatur,
Nahrungsaufnahme und -ausscheidung sowie motorische und sensorische Funktionen.
Psychische Basisfunktionen
Zustand und Funktion der psych. Basisfunktionen lassen sich mittels strukturiertem
Untersuchungsgespräch näherungsweise feststellen.

Für die genaue Diagnostik (somatisch und psychisch) gibt es zahlreiche differenzierte
Verfahren.

Zu den psychischen Grundfunktionen zählen:


− Bewusstsein
− Wahrnehmung
− Denken
− Lernen und Gedächtnis
− Emotionen
− und als Konstrukt einer Kombination verschiedener Basisfunktionen die Intelligenz

die einzelnen psychischen Funktionen basieren auf komplexen neurobiologischen


Korrelaten.

Selbsterleben und Beziehungsfähigkeit


die psychischen Grundfunktionen sind sowohl für das Selbsterleben eines Menschen wie
auch für seine Möglichkeiten, mit anderen Menschen und der Umwelt in Beziehung zu
treten, von zentraler Bedeutung.
Sind die Basisfunktionen gestört, wird das Ärztliche Gespräch mit einem Patienten
massgeblich beeinträchtigt und erschwert. Für die Diagnose psychische Störung spielt die
genaue Expolartion und Beurteilung der psychischen Grundfunktionen ebenfalls eine
wichtige Rolle.

5.2.2. Bewusstsein

Eine einheitliche Definition von Bewusstsein gibt es nicht, da es heterogene


Bewusstseinsprozesse und -formen gibt, „deren gemeinsames physiologisches Merkmal
der weiträumige Erregungsanstieg und psychologisch der Übergang von nicht bewusster,
„automatischer“ zu aufmerksamer, „kontrollierter“ Informationsverarbeitung darstellt.“

Bewusstsein und Aufmerksamkeit


Ein Grossteil der Informationsverarbeitung im Gehirn, läuft ohne Mitwirkung des
Bewusstseins vorbewusst ab. Z.B. Informationen über den Funktionszustand de Organe
gelangt nicht ins Bewusstsein. Nur ein Bruchteil der ankommenden Reize werden
bewusst.

Merke: Bewusstsein stellt sich nur ein


− beim Aufnehmen neuer Informationen
− beim Lernen neuer Fähigkeiten und Fertigkeiten
− bei der Abgabe von Beurteilungen
− beim Nicht-Eintreffen erwarteter Reize und Ereignisse

Auch motorische Reaktionen und Verhaltensmuster laufen überwiegend vor- oder


unbewusst ab.
Unser Verhalten wird uns erst in Situationen bewusst, die:
− eine Entscheidung zwischen Handlungsalternativen erfordert
− schwierig oder gefährlich sind
− bei Handlungen, mit denen wir eine starke Gewohnheit überwinden müssen

--> Gemeinsam ist den genannten Situationen, dass sie zu ihrer Bewältigung eine erhöhte
Aufmerksamkeit und eine Aktivierung des Arbeitsgedächtnisses erfordern.

Klinisch relevante Bewusstseinszustände und -formen


Merke: Für die Medizin relevante Zustände und Formen des Bewusstseins:
− Bewusst versus bewusstlos: das WACHSEIN betreffend
− bewusst versus unbewusst: die AUFMERKSAMKEIT und den REFLEXIONSGRAD
betreffend
− bewusst: das ICH-BEWUSSTSEIN betreffend

Wachsein (Vigilanz)
Das Wachsein unterliegt Schwankungen (Schlaf-Wach-Rhythmus). Mit dem EEG lassen
sich elektrophysologisch drei Bewusstseinszustände klar unterscheiden: Wachzustand,
leichter Schlaf, REM-Schlaf.
Einschränkungen der Vigilanz können aber auch aufgrund von Schädelhirnverletzungen
oder schweren Stoffwechselstörungen auftreten. In diesem Fall spricht man von
Bewusstseinsstörungen.

Merke: Bewusstseinsstörungen werden nach ihrem Schweregrad eingeteilt in:


Koma = Bewusstlosigkeit
Sopor = tiefe Benommenheit
Somnolenz = leichte Benommenheit

Einschränkungen werden begleitet u.a. von fehlender Aufmerksamkeit, reduziertem


Muskeltonus, Veränderung des Atemrhythmus etc. Im Gegensatz zu schlafenden
Personen, sind Patienten mit schweren Bewusstseinsstörungen nicht weckbar!

Reflexionsfähigkeit: bewusst versus vor- bzw. nicht bewusst


Reflexionsfähigkeit basiert auf der Fähigkeit zu abstraktem Denken. Ein typisches
Beispiel für vorbewusstes Handeln ist das Autofahren. (Z.B. Schalten wird nur z.T.
bewusst gemacht).
In der Beurteilung der Schuldfähigkeit einer Person spielt die Einschätzung des
Reflexionsvermögens eine grosse Rolle. Oft geht es bei Straftaten um die Frage, ob eine
Täter in der Lage war, das Unrecht seiner Tat zu erkennen.

Das Unbewusste
In der Tiefenpsychologie, speziell der Psychoanalyse wird von der Existenz „des
Unbewussten“ ausgegangen. Nach Freud sind die Inhalte des Unbewussten vor allem
Triebwünsche, welche das bewusste Ich nicht akzeptieren kann und deshalb ins
Unbewusste verdrängt.

Ich-Bewusstsein
Zum Ich-Bewusstsein gehört die Erfahrung und Überzeugung, dass ich mich von anderen
Personen in meinem Fühlen, Denken und Handeln unterscheide und dafür selbst
verantwortlich bin. Ich-Bewusstsein ist u.a. kulturabhängig. Beispiel: schizophrene
Psychose = Störung des Ich-Bewusstseins.
5.2.3. Wahrnehmung

Wahrnehmung basiert auf vielfältigen und komplexen sinnesphysiologischen Vorgängen.


Sie kommen als eine Art Abbildung von neuronalen Impulsmustern im Kortex zustande.

Leistungen der Sinnesorgane.


Wichtigste Sinnesorgane: Augen, Ohren, Geschmacksorgan auf der Zunge, Riechorgan
der Nase, Tast- und Temperaturorgan der Haut, „Schmerzorgan“ (nozizeptives System).
Die Sinnesorgane sind mit speziellen Rezeptorzellen (Sensoren) ausgestattet, welche von
aussen oder innen kommende Reize in neuronale Impulsmuster umsetzen.

Eindruck, Empfindung, Wahrnehmung.


Es werden drei Abbildungsprozesse unterschieden, welche die Aufnahme von Reizen in
den Sinnesorganen bis zu deren Verarbeitung und Deutung im Kortex beschreiben.

Merke:
Sinneseindruck: Ein Eindruck ist das einfachste Element der Sinneserfahrung. Ein solcher
Eindruck wäre z.B. der Geschmack „süss“.
Sinnesempfindung: Darunter versteht man eine Summe von Sinneseindrücken. Die
Feststellung „Ich schmecke etwas Bittersüsses und verspüre ein Prickeln auf der Zunge.“
beschreibt eine solche Sinnesempfindung.
Wahrnehmung: In der Regel kommt zur reinen Sinnesempfindung eine Deutung, ein
Bezug auf Gelerntes und Erfahrenes hinzu: „Ich trinke einen Gin-Tonic.“ wäre die
Wahrnehmung, welche aus den beiden vorangegangenen Schritten resultiert.

Grunddimension der Empfindun.


Jede Sinnesempfindung hat vier Dimensionen: Räumlichkeit, Zeitlichkeit, die Qualitäts-
und Quantitäsdimension.

Qualität von Sinnesempfindungen.


Die unterschiedlichen Qualitäten werden i.d.R. über verschiedene Rezeptortypen eines
Sinnesorgans vermittelt. Z.B. Der Geschmackssinn hat die Qualitäten süss, sauer, salzig
und bitter. (siehe s.57, abb. 5.3.)

Quantität von Sinnesempfindungen.


Das physiologische Korrelat der Quantität einer Sinnesempfindung ist die Amplitude des
Rezeptorpotentials bzw. die Frequenz der Aktionspotentiale in den sensorischen Nerven.
Bsp. Gehör: die Lautheit eines Tones.

Kooperation von Sinnesmodalitäten in der Wahrnehmung


Die primären Sinnessysteme sind anatomisch weit voneinander entfernt, durch die
neuronalen Neztwerke sind sie verknüpft. Ein „sensationelles Tor“ sind Wahrnehmungen,
in welche gleichzeitig optische und akustische Sinneseindrücke sowie Erinnerungen an
frühere ähnliche Erfahrungen eingehen.

Kontextabhängigkeit der Wahrnehmung


Verschiedene Personen nehmen dasselbe Ereignis unterschiedlich wahr. Bsp.: fällt beim
Fussball ein Tor, ist die Wahrnehmung bei den verschiedenen Anhängern unterschiedlich
(--> „Vernetzung im Grossen“ wird hier deutlich, siehe oben). Sowohl die subjektive
Bewertung von Sinneseindrücken als auch die parallel dazu ausgelösten Emotionen
(Freude, Enttäuschun) differenzieren je nachdem, in welchem Kontext sie erlebt werden.
Aus soziokulturelle Einflüsse spielen eine Rolle (z.B. Hat Fussball in den USA wenig
Ansehen).

Wahrnehmungsstörungen und -verzerrungen


Störung kann organische Ursachen haben oder psychologisch bedingt sein. Ein Ereignis
kann je nach Persönlichkeit, aktueller Lebenssituation und den Lebenszielen verschieden
wahrgenommen werden.

Fallbeispiel: Ein 52-jähriger Bankangestellter, dessen gleichaltrige Frau vor 10 Jahren


wegen einer Krebserkrankung des Uterus operiert und nachbestrahlt wurde, fährt 4
Wochen nach der Kündigung seiner Stelle durch den Arbeitgeber mit einer Freundin
alleine in Urlaub. Seine Frau, die wegen ausgeprägten Lymphödemen beider Beine als
Folge der Strahlentherapie dreimal jährlich stationär behandelt werden muss, ist ausser
Fassung, als sie davon erfährt und wirft ihn bei seiner Rückkehr aus der Wohnung. Er
zeigt wenig Verständnis für die Reaktionen seiner Frau. Im Gespräch mit seinem
Hausarzt erklärt er, dass er eigentlich schon seit mehreren Jahren auf den Tod seiner
Frau an der Krebserkrankung gewartet habe, den ihm seinerzeit die Ärzte „als sehr
wahrscheinlich“ prognostiziert hätten. Nachdem sie immer noch lebe und sein eigenes
Leben „kaputt gemacht habe“, sei der Urlaub mit der Freundin eine „notwendige
Überlebensstrategie“ gewesen. Seine Frau beurteilt das Ereignis völlig anders. Schon
nach der Geburt ihres ältesten Kindes habe sie ihr Mann erstmals mit einer
Prostituierten betrogen. Auch in den letzten Jahren sei er immer wieder
„fremdgegangen“. Es bestätigte sich nun die Prognose ihrer Eltern, dass ihr Mann ein
„Halunke“ sei.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Wahrnehmung aktueller Ereignisse immer im Kontext
früherer Erfahrungen und Erwartungen für die Zukunft zu sehen ist.

5.2.4. Denken

Denken kann als eine interpretierende, Ordnung stiftende und Lösungen suchende
Verarbeitung von Informationen verstanden werden.
„Vorstellungen, Konzeptbildungen und Problemlösen sind die elementaren
Grundbausteine unseres Denken; Vorstellungen sind als verbale oder bildlich-abstrakte
Propositionen gespeichert, Konzepte werden über Vergleiche mit Prototypen gelernt und
Problemlösen erfolgt meist über heuristische Suchstrategien“

Vorstellungen
Vorstellungen sind für fast alle Denkprozesse notwendige Bausteine. Sie sind als verbale
und bildliche abstrakte Konstrukte im Kortex gespeichert. Zur Vorstellung von Objekten
und Bewegungen werden dieselben Hirnareale aktiviert wie zu ihrer Wahrnehmung. -->
die beiden Vorgänge sind eng gekoppelt.
Wenn eine Vorstellung einem Reiz entspricht, so wird das Erkennen des Reizes erleichtert
und die Vorstellung verstärkt. Wenn das wahrgenommene Objekt der Vorstellung nicht
entspricht, wird der Erregungsfluss in das Wahrnehmungssystem gestört.

Konzeptbildung
Konzepte werden v.a. über den Vergleich mit Prototypen gelernt. Prototypen sind
thematisch verbundene, assoziative neuronale Netzwerke. Visuelle, verbale und
motorische Vorstellungen verbinden sich zu einem konzeptuellen Netzwerk, welches die
Funktion eines sensomotorischen Programms hat.
Problemlösung
Probleme bestehen a) aus einem Ausgangszustand, b) einem Zielzustand und c) Regeln,
denen man folgen muss, um von a) nach b) zu gelangen. Zur Problemlösung werden
häufig heuristische und seltener zufallsorientierte Suchstrategien verwendet.
Zufallsstrategie: z.B. das wählen irgendeiner Telefonnummer um an Informationen zu
gelangen, die das Problem lösen könnten. --> wenig Aussichten auf Erfolg.
Heuristische oder systematische Suchstrategie: z.B. im Internet mit Schlüsselwörtern
nach Informationen zu suchen und eine systematische Strategie zur Lösung des
Problems zu bilden.

Zerebrale Lateralisation
Gewisse Elemente von Denkprozessen können umschriebenen Areale des Kortex
zugewiesen werden. Bei Rechtshändern dominiert, die linke Hemisphäre die sprachliche
Verarbeitung. Die rechte Hemisphäre verarbeitet nichtverabale Reize und ist bei
räumlichem Denken und bildhaften Vergleichen aktiv. --> Tabelle 5.1. S59!!

Assoziationsareale des Kortex


Den drei grossen Assoziationsarealen des Kortex kann man drei psychische
Hauptfunktionen zuordnen.
− Der Parietallappen liegt zw. den Arealen der drei Sinnesmodalitäten Sehen, Hören
und Somatosensorik. Er stellt anatomisch und physiologisch das zentrale
Kreuzungsareal zwischen diesen drei Sinnesmodalitäten dar. Schädigunen führen zu
Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der langfristigen Einprägung v.a. visuell-
räumlicher Informationen.

− Der Frontlappen steuert motorisch-motivationale und exekutive Verhaltensweisen


(Bewegungsabläufe, Antrieb, Sozial- und Sexualverhalten).

− Der Temporallappen erfüllt vorrangig Gedächtnis- und Beurteilungsfunktionen.


Musikalische Leistungen hängen von den beiden temporalen Kortizes ab.

In der Neurologie kann bei einem Patienten mit Hirnschlag aufgrund der
Ausfallserscheinungen mittels klinischer Untersuchung der Ort des zerebralen Insultes
recht gut bestimmt werden.

Denkstörungen
formale Denkstörung: verlangsamtes, inkohärentes oder zerfahrenes Denken
inhaltliche Denkstörung: überwertige Ideen oder Wahngedanken

5.2.5. Lernen und Gedächtnis

Ohne die Fähigkeit des Lernens und Erinnerns wäre ein Individuum nicht in der Lage
gefährliche Situationen zu vermeiden und potentiell nützliche Situationen aufzusuchen.

Merke: Grundprinzipien des Lernens und des Gedächtnisses:


− Lernen und Gedächtnis als Konditionierung (klassisch oder instrumentell)
− Lernen und Gedächtnis als kognitive Prozesse

Beide Prinzipien des Lernens finden beim Menschen statt.

Klassische Konditionierung
Bei der klassischen Konditionierung wird ein neutraler Stimulus (Reiz) mit einem
unkonditionierten Stimulus (Reiz) solange zeitlich eng gekoppelt, bis ersterer alleine die
konditionierte Reaktion auslöst.

--> für einfache Lebewesen wie für den Menschen gültig.

Prinzip der klassischen Konditionierung


Neutraler Stimulus (CS1 = conditioned stimulus) wird kurz vor einem unkonditionierten
Stimulus (US = unconditioned stimulus) dargeboten, der eine unkonditionierte Reaktion
auslöst. Nach wiederholter Kopplung zwischen CS1 und US löst CS1 auch ohne US den
UR aus, die damit zu einer konditionierten Reaktion (CR) wird.
--> S.61 Abb.5.4!!!

Instrumentelle Konditionierungen finden beim Menschen v.a. beim Erlernen


psychovegetativer Reaktionen statt.
Beispiele von klassischer Konditionierung werden auch aus der Psychoimmunologie
berichtet. (Siehe S.61, Fallbeispiel)

Generalisation
Konditionierte Reaktionen können auch durch Stimuli ausgelöst werden, die dem
ursprünglichen konditionierten Stimulus sehr ähnlich sind. Diesen Vorgang nennt man
Generalisation.

Extinktion (Löschung)
Die wiederholte Darbietung des CS alleine nach erfolgter Konditionierung führt zur
Abschwächung der CR. (--> Extinktion)

Instrumentelle (operante) Konditionierung


Bei der instrumentellen Konditionierung folgt unmittelbar auf die zu lernende Reaktion
ein belohnender oder bestrafender Reiz; dies führt zu positiver Verstärkung
(Häufigkeitszunahme) oder Bestrafung (Häufigkeitsabnahme) des Verhaltens.

--> entdeckt von Skinner --> Skinner-Box (DAS klassische Experiment): Ratte bekam wenn
sie einen Hebel herunterdrückte Futter. Sie steigerte recht schnell die Frequenz des
Hintunterdrückens. Bekam sie statt Futter einen Stromschlag, liess sie den Hebel recht
schnell in Ruhe ;-)

Belohnung und Bestrafung in der Erziehung


Belohnung und Bestrafung spielen in der Erziehung eine grosse Rolle

Modelllernen als kognitiver Prozess


Beim Modell- oder Imitationslernen stehen nicht Konditionierungsvorgänge, sondern
kognitive Prozesse des sozialen Lernens im Vordergrund.
Darunter versteht man die Übernahme von Verhaltensweisen durch Beobachtung
anderer Personen und Identifikation mit ihnen als Vorbild.
Das Erlernen von praktischen Fertigkeiten (z.B. Blutdruckmessen) erfolgt durch kognitive
Prozesse des Modellernens.

Gedächtnis als Informationsverarbeitungssystem


Unterscheidung zwischen Kurzzeitgedächtnis (Arbeitsgedächtnis) und
Langzeitgedächtnis. KZG hat eine beschränkte Speicherkapazität. Übergang von KZG ins
LZG erfordert Wiederholung der dargebotenen Information. (siehe auch S.63, Abbildung,
Erklärungen auch S.62)
Durch die Organisation von Informationselementen in sog. Chunks können sehr grosse
Informationsmengen ohne Wiederholung ins KZG aufgenommen werden; die Übertragung
ins LZG erfordert wiederholtes Memorieren.

Abrufen von Information aus dem Langzeitgedächtnis


Im LZG ist die Information nach ihrer Bedeutung und im Konzext gespeichert; zur
Widergabe muss das Gedächtnismaterial aus dem LZG-Speicher in das KZG gebracht
werden.

Stress blockiert die Abrufung von Wissen aus dem Gedächtnis


Ursache: Vermehrtes Ausschütten von Kortisol. Im Gegensatz zur Abrufung von
Gedächtnisinhalten werden der eigentliche Lernvorgang, das KZG und die Abspeicherung
des Gelernten im LZG durch Kortisol nicht gehemt.

5.2.6. Emotionen

Was ist eine Emotion?


Eine allgemein gültige, wissenschaftliche anerkannte Antwort auf die Frage, was Emotion
ist, konnte bis heute nicht gefunden werden.

Begriffsdefinition
„Emotion“ wird oft synonym mit „Gefühl“ oder „Affekt“ verwendet. In der
Sozialpsychologie werden die Begriffe in folgender Weise abgegrenzt:
Der moderne, v.a. wissenschaftliche Sprachgebrauch schränkt die Bezeichnung Gefühl
auf die Komponente der subjektiven Erfahrung emotionale Erregung ein, die mit
Ausdrücken wie Freude, Wut oder Furcht bezeichnet werden kann. Der Begriff Affekt zielt
auf den Valenzaspekt von Gefühlen (angenehm versus unangenehm bzw. positiv vs
negativ).
Stimmungen sind länger (Stunden, Tage) anhaltende emotionale Reaktionstendenzen,
welche das Auftreten bestimmter Emotionen wahrscheinlich machen (z.B. Gereizte
Stimmung führt häufig zu Ärger). Die Ursachen von Stimmungen sind unklarer als bei
Emotionen, und im Unterschied zu diesen müssen Stimmungen keinen Gesichts- und
Körperausdruck aufweisen.
Emotionen sind Reaktionsmuster auf positiv verstärkende oder aversive körperexterne
oder -interne Reize, die drei Komponenten umfassen: physiologische Erregung,
subjektives Gefühl und motorischer Ausdruck („emotional reaction triad“).

Neuroanatomische und neurophysiologische Grundlagen


Hirnareale, die Gefühlzustände erzeugen, liegen mehrheitlich zwischen den
phylogenetisch sehr alten Strukturen des Stammhirns und den neokortikalen
Hemisphären. --> vielfältige neuronale Vernetzung der emotionsverarbeitenden
Hirnarealen.
Gefühle entstehen in einem subkortikalen Netzwerk.

Motorische Ausdrucksreaktionen
Ausdrucksäusserungen des Gesichts sind angeboren und können in verschiedenen
Kulturen beobachtet werden.
Jede Kultur hat Regeln für die Darstellung einzelner Gefühlen, welche die angeborenen,
unwillkürlichen Muskelreaktionen überlagern, aber nicht völlig überdecken können.
(Beim willkürlichen bzw. Unwillkürlichen Lächeln werden andere Muskeln kontrahiert).
Emotionen sind neben den Gesichstmuskeln auch in der Stimme, der Körperhaltung, im
Gang und in Handbewegungen differenzierbar.

„Wut im Bauch“
Vegetative Reaktionen sind nicht zeitlich verzögerte, fakultativ auftretende
Sekundärphänomene, sondern zeitgleich stattfindende Begleitphänomene von Gefühlen.

Primäre Emotionen
Freude, Trauer, Furcht, Wut, Überraschung und Ekel sind angeborene Reaktionsmuster.
Man bezeichnet sie deshalb als primäre Emotionen. Beim erwachsenen Menschen treten
Gefühle meist als ein Gemisch aus primären Emotionen auf.

Kommunikative Bedeutung von Gefühlen


Gefühle sind ein wesentlicher Bestandteil der nonverbalen Kommunikation.

Subjektive Gefühle
Die Vielfalt von Gefühlen können bestimmten Gefühlsdimensionen zugeordnet werden. (--
>Abb. S. 66)

Affektive Störungen
Störungen des subjektiven Gefühlserlebens werden in der Psychiatrie unter dem Begriff
„affektive Störungen“ zusammengefasst.

5.2.7. Intelligenz

„Intelligenz umfasst die Fähigkeiten...


− zur Anpassung an neue Situationen und sich verändernde Anforderungen,
− zum Lernen oder zur optimalen Nutzung von Erfahrung oder Übung,
− zum abstrakten Denken und Gebrauch von Symbolen und Begriffen.“

Messung der Intelligenz


Eine genauere Messung der Intelligenz ist mittels psychologischer Testverfahren möglich.
Grobeinschätzung ist mit der Frage nach Schul- und Berufserfolgen möglich.

Beeinträchtigung der Intelligenz


Bei Kindern findet man nicht selten Teilleistungsstörungen (z.B. Schwierigkeiten beim
Lesen und Schreiben (Legasthenie), was keine Intelligenzminderung darstellt.
Mangelnde Konzentrationsfähigkeiten oder Einschränkungen der Gedächtnisleistung
findet man bei älteren Personen.
Fluide Intelligenz (Wahrnehmungsgeschwindigkeit, Denkfähigkeit etc.) nimmt jenseits des
70. Lebensjahr ab. Kristalline Intelligenz (Wissen, gelernte Erfahrungen) bleiben bis ins
hohe Alter erhalten.

Merke: Ist Intelligenz vererbt?


In der Frühphase der Intelligenzforschung überwog die Auffassung, Intelligenz sei ein
angeborenes, unveränderliches Potential. Heute ist man sich darüber einig, „...das Erbe
und Umwelt in einem dynamischen Wechselspiel bei der Festlegung der individuellen
Intelligenzausprägung zusammenwirken. Die Gene begrenzen den Spielraum für das,
was eine bestimmte Person in einer bestimmten Umwelt auf intellektuellem Gebiet
erreichen kann.“
5.3 Kognition, Emotion und Verhalten in der ärztlichen Praxis

Kommunikation und Interaktion


Zusammenspiel verschiedener psychischer Basisfunktionen ist eine grundlegende
Voraussetzung für die Kommunikation und Interaktion.

Sensible Lebensbereiche
Z.B. In Bereichen der Sexualität, Suchtverhalten, Phase des Sterbens, etc. Gemeinsam ist
diesen Bereichen, dass in ihnen subjektive (Fehl-)Vorstellungen, (unrealistische)
Erwartungen, Scham- und Schuldgefühle und z.T. für den Aussenstehenden
unveränderlichen Verhaltensweisen häufig vorkommen.

Strukturierung von Selbst- und Fremdwahrnehmung


Die Strukturierung kognitiver Prozesse ist in den oben genannten Situationen besonders
wichtig und hilfreich: Welches sind die Vorstellungen und Erwartungen des Patienten bzw.
des Arztes.

Emotionale Empathie
Emotionale Empathie, d.h. die Fähigkeit, sich in das emotionale Erleben eines kranken
Menschen einzufühlen und gleichzeitig mit den eigenen Gefühlen angemessen umgehen
zu können, ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung einer vertrauensvollen
Arzt-Patient-Beziehung.

Beeinflussung von Verhalten


Kenntnisse der Lernpsychologie und der kognitiven Psychologie sind wertvoll, wenn man
einen Patienten überzeugen muss, gewisse Verhaltensweisen aufzugeben bzw.
anzunehmen.

6.1. Biologische und evolutionäre Grundlagen

Fitness beschreibt die Fähigkeit eines Individuums, seine Erbanlagen zu vererben.

Fitness und Fortpflanzung


Das Konzept der Fitness lässt sich auf individuelle Gene anwenden, indem das
Überleben bestimmter Gene innerhalb des Genpools von einer Generation zur nächsten
betrachtet wird. Ein Gen, das den Fortpflanzungserfolg seines Trägers verbessert, erhöht
damit gleichzeitig seine Häufigkeit im Genpool.
Als allgemeines Prinzip: die natürliche Selektion führt dazu, die Gesamtfitness und nicht
die Individualfitness zu erhöhen. --> Gesamtfitness eines Individuums hängt von seinem
eigenen Fortpflanzungserfolg und demjenigen seiner nahen Verwandten ab.

Wahrscheinlichkeit genetischer Verwandtschaft


Wahrscheinlichkeit das ein Gen eines Elternteils auf die Nachkommen übertragen wird:
0.5 (50%)
Somit ist auch die Wahrscheinlichkeit das zwei Nachkommen derselben Eltern
gleichzeitig ein bestimmtes Gen besitzen. Das Vorkommen eines Gens aus der
Generation der Grosseltern bei ihren Enkelkinder hat eine Wahrscheinlichkeit von 0.25.
Die Chance das zwei Kusinen ersten Grades dieses Gens gemeinsam haben, beträgt
jedoch lediglich 0.125.
Diese Berechnungen berücksichtigen nicht die Spontanmutationen.
Der genetische Verwandtschaftskoeffizient (r) ist ein Mass der Wahrscheinlichkeit, dass
ein Gen eines Individuums abstammungsidentisch mit dem eines bestimmten
Verwandten. Damit ist r die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Gen, welches zwei Individuen
gemeinsam haben, von demselben Gen eines ihrer Vorfahren abstammt.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Identität solcher Gene aufgrund der
Abstammung und nicht nur aufgrund ihrer allgemeinen Verbreitung in der
Gesamtpopulatio.

Evolution von Verhalten


Problem: natürliche Auslese (Selektion) ist im Prinzip ein eigennütziger Vorgang, wie
konnte kooperatives Verhalten entstehen?
Mögliche Erklärung: Vorteil von Gruppen. Eine Gruppe bietet dem Individuum Schutz,
Verfügbarkeit von Fortpflanzungspartnern, Hilfe bei der Aufzucht des Nachwuchses und
die Möglichkeit des Wissenstransfers (z.B. Modelllernen).

6.1.1. Altruismus

Altruismus steht für eine Verhaltensweise, bei der die Fitness eines anderen Individuums
unter Inkaufnahme einer mögliche Verringerung der eigenen Fitness vergrössert wird.
Unter dem Gesichtspunkt der Gesamtfitness bereitet die Erklärung altruistischen
Verhaltens keine Probleme.

Missbrauch altruistischen Verhaltens


Das Handeln zum Wohl der Anderen ist ein nobles Ideal, das allerdings die Möglichkeit
des Ausnutzens oder Missbrauchs eröffnet.

Reziproker Altruismus
= „ eine Hand wäscht die Andere“. Reziproker Altruismus wird altruistisches Verhalten
genannt, das gezeigt wird, wenn sich die Empfänger mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit gegenüber den Helfenden wiederum altruistisch verhalten.

Entwicklung von reziprokem Altruismus


Reziproker Altruismus ist vorteilhaft für ein Individuum, denn der Empfänger kann den
Gefallen später erwidern.
Wechselseitiger Altruismus kann sich entwickeln, wenn:
− die Kosten des Helfens relativ niedrig und der Nutzen relativ hoch sind
− Individuen erkannt und ausgeschlossen werden können, die Hilfe erhalten haben und
sie nicht erwiedern.

--> Wechselseitiger (reziproker) Altruismus kann nicht aufrechterhalten werden, wenn die
meisten „Betrüger“ nicht ausgeschlossen werden.

Lüge und Täuschung


Lügen und Täuschungen haben sich als wirksame Strategien im Überlebenskampf
erwiesen. Dabei wird der kurzfristige Nutzen einer erfolgreichen Täuschung und die
langfristigen Nachteile einer Rufschädigung in Kauf genommen. Die Täuschung wird
versucht möglichst glaubhaft wirken zu lassen. Lügner zögern jedoch länger mit ihren
Antworten, sprechen schneller, machen mehr Unterbrechungen und beschreiben weniger
anschaulich.
Altruismus und Organspende
Die Organspende kann als altruistische Handlung angesehen werden (v.a. die
Organspende von Leichen: die Angehörigen haben keinen Nutzen und keine persönliche
Beziehung zu den Empfänger).
Aufgrund von Organmangel gibt es immer wieder Vorstösse das altruistische Prinzip
aufzuweichen (z.B. durch direkte finanzielle Entschädigung).
--> siehe Fallbeispiel S.73.

Merke: Psychosoziale Abklärung potentieller Organ-Lebendspender


Voraussetzungen für eine mögliche Lebendspende ist, dass Spender mindestens 18
Jahre alt, aber nicht notwendigerweise mit potentiellen Empfänger verwandt sind.
Dagegen wird eine emotional stabile Beziehung zwischen Beiden über einen längeren
Zeitraum gefordert. Bei der psychosozialen Abklärung von potentiellen Organ-
Lebendspender werden folgende Gesichtspunkte untesucht:
− Nachvollziehbare Motivation zur Spende
− Art, Qualität und Stabilität (Vergangenheit und Gegenwart) der Beziehung zwischen
Empfänger und Spender
− keine aktuelle psychische Störung
− gegebene Freiwilligkeit ohne mögliche Einflussnahme durch sozialen Druck oder
finanzielle Faktoren
− Einstellung von Vorstellungen hinsichtlich möglicher positiver und negativer
Konsequenzen einer Leber-Lebendspende, einschliesslich der Fähigkeit des
potentiellen Spenders, eine Einverständniserklärung zu unterschreiben
− Informiertheit über die Möglichkeit, das Einverständnis zu jedem Zeitpunkt vor der
Spende zurückzuziehen
− ausreichende psychische Bewältigungsfähigkeit und -ressourcen
− positive Einschätzung der Compliance im Verlauf der Abklärung, Transplantation und
Erholungsphase durch das abklärende Behandlungsteam.

6.1.2. Konkurrenz und Kooperation

Konkurrenz: Die Ressourcen für Überleben und Reproduktion sind begrenzt und deshalb
bestehen die Gene derjenigen Individuen fort, die diese Ressourcen am effizientesten
akquirieren.
Kooperation: Verwandte haben gemeinsame Fitnessinteresse (siehe oben). Elternschaft
ist ein gutes Beispiel für eine Kooperation zweier Individuen zum gegenseitigen Nutzen.
Eltern sind nicht Blutsverwandt doch helfen sie sich gegenseitig, um die
Überlebenswahrscheinlichkeit des eigenen Nachwuchses und somit des eigenen
Genmaterials zu erhöhen.
Interessante Beobachtung in diesem Zusammenhang: Kindsmisshandlungen kommen
deutlich häufiger in Familien mit einem Stiefelternteil vor.

6.2. Soziale Kognition

Soziale Kognition beschreibt den Vorgang, wie Menschen soziale Information auswählen,
interpretieren, erinnern und verwenden, um Urteile zu fällen und Entscheidungen zu
treffen. Die Wahrnehmung anderer Personen wird u.a. durch Stereotype, Vorurteile,
Einstellungen und Werthaltungen beeinflusst.

Bedeutung sozialer Wahrnehmung in der Medizin


Im Alltag werden nur wenige Informationen herangezogen um einen Eindruck von
anderen Menschen zu gewinnen. Wichtig zu beachten, dass in der Medizin wenige
Informationen über Patienten zu Entscheidungen hinsichtlich medizinscher Therapien
führen.
Soziale Wahrnehmung, etwa die Art, wie Ärzte ihre Patienten, und umgekehrt wie
Patienten die behandelnden Ärzte, das Krankenhaus und die Behandlung wahrnehmen,
spielt in der Medizin eine grosse Rolle. Die Konsequenzen eines Fehlurteils können für
ein Individuum potentiell hoch, mit unter letal sein.

Grundannahmen der kognitiven Psychologie


Um die Entstehung von Urteilen und Entscheidungen zu verstehen, ist es wichtig, die
kognitiven Prozesse zu verstehen., die als Bindeglied zwischen einem Stimulus und einer
Reaktion wirken.
Aus der kognitiven Psychologie sind folgende Grundannahmen von Bedeutung:
− Soziale Urteilsprozesse hängen nicht unmittelbar von der äusseren Reizsituation,
sondern von deren mentaler Repräsentation und dem Vorwissen eines Menschen ab.
− Menschliche Informationsverarbeitungskapazitäten sind begrenzt, es kann nicht jede
relevante Information berücksichtigt werden.
− Kognitive Prozesse unterscheiden sich hinsichtlich ihres Automatisierungsgrads und
der Kontrollierbarkeit.

Top-Down- und Bottom-Up-Verarbeitung


Je stärker die Informationsverarbeitungskapazitäten und die individuelle Motivation,
desto stärker beeinflusst normalerweise das Vorwissen die
Informationsverarbeitungsprozesse (Top-Down-Verarbeitung).
Unter Bottom-Up-Verarbeitung versteht man umgekehrt die Veränderung bestehenden
Wissens durch Information aus der Umwelt. Sie ist umso wahrscheinlicher, je mehr
individuelle Informationsverarbeitungskapazitäten zur Verfügung stehen und umso höher
die Motivation ist. Snynonym für Top-Down-Verarbeitung kann auch von theoriegesteuert
oder im Fall von Bottom-Up-Verarbeitung von datengesteuert gesprochen werden.

Urteile und Entscheidungen über Personen


Urteil über Personen ist komplexer im Vergleich zur Beurteilung von Gegenständen. Das
Zielobjekt tendiert dazu, sich in Abhängigkeit von der Zeit zu verändern. Wichtige
Veränderungsprozesse sind z.B. das Älterwerden oder auch subjektive
Krankheitskonzepte. Zudem weiss das soziale Objekt, das es beurteilt wird und/oder
dass eine Beziehung zwischen urteilender und beurteilter Person besteht.

6.2.1. Wissensstrukturen

Aufgrund der Begrenzung der Informationsverarbeitungsprozesse kommt es zur


Entwicklung von hoch abstrakten Wissensstrukturen.

Kategorisierung
Kategorisierung beschreibt den Prozess der Gruppierung von Objekten, die ein oder
mehrere Merkmale gemeinsam haben. Ein bekanntes Klassifikationssystem in der
Medizin stellt der ICD-Kode dar, der Krankheitskategorien nach einer bestimmten
Systematik bildet, z.B. Die Kategorie K: Krankheiten des Verdauungssystems.
Eine Kategorie stellt eine elementare Wissensstruktur dar und besteht aus einer Menge
von Objekten, die ein oder mehrere Charakteristika gemeinsam haben, z.B. Aussehen,
Zusammensetzung, Funktion.

Informationsreduktion durch Kategorisierung


Kategorisierungen führen immer zu Vereinfachungen aufgrund der
Informationsreduktion.
Das Wissen um die Zugehörigkeit zu einer Kategorie kann bestimmte Schlussfolgerungen
zulassen, die nicht notwendigerweise zutreffend sind.

Schemata
Das Schema, als weitere fundamentale Wissensstruktur, erklärt wie etwas in einer
Kategorie dargestellt wird. Aufgrund persönlicher und sozialer Erfahrungen tendieren
Menschen dazu, Merkmale und Eigenschaften eines Objekts in bezug auf Zeit und Raum
zu verallgemeinern. Die allgemeine Form dieser Generalisierung und ihr Ergebnis werden
gewöhnlich Schema genannt.

Prototypen und Skript


Die Repräsentation von Kategorien erfolgt im Gedächtnis nach Prototypen, d.h. nach
Mittelwerten oder zentralen Tendenzen einer Kategorie.
Wissensstrukturen, die standartisierte Abfolgen von Verhalten, Ereignissen und
Zuständen beschreiben, werden Skript genannt. In der Medizin kann ein solches Skript
einen bestimmten Therapieablauf aufgrund einer Kategorisierung, der Diagnose,
darstellen.

6.2.2. Stereotypisierung

Ein Stereotyp ist eine stark vereinfachte Vorstellung über eine Personenkategorie oder
über ein anderes soziales Objekt. Stereotypen werden im Alltag auch als „Clichés“ oder
„Schablonen“ bezeichnet.

Vor und Nachteile von Stereotypen


Stereotypen können als Vereinfachung verstanden werden, die Urteilsbildung
unterstützen. Als eine Art erste Annäherung können sie auch einen gewissen
Wahrheitsgehalt haben.
Eine Konzentration auf wenige Informationen birgt aber auch die Gefahr von Unschärfe
und Fehlern. Ausserdem ist diese Reduktion den beurteilten Personen gegenüber u.U.
ungerecht. Nach längerem Kontakt wird die Wahrnehmung differenzierter und löst sich
zunehmend vom stereotypen Bild. Allerdings sind Stereotypen über die Zeit relativ stabil
und ändern sich nur langsam.

Stereotypen von Krankheitsbildern


Es gibt zahlreiche Stereotype, die mit bestimmten Krankheitsbildern assoziiert sind und
selbst bei anders lautender Datenlagen nur langsam veränderbar sind. Z.B. Werden
Magengeschwüre immer noch als Folge von einer übermässigen Stressbelastung
interpretiert, obwohl man heute weiss, dass der überwiegende Teil durch Helicobacter
Pylori verursacht wird.
Auch medizinische Diagnostik kann durch Stereotype beeinflusst werden: Bei Frauen
werden im Falle einer atemnotbedingten Notfalleinweisung häufiger psychische Ursachen
angenommen und im Vergleich zu Männern signifikant seltener eine Abklärung auf
Asthma vorgenommen. Dies hat zur Folge, dass Asthma bei Frauen seltener adäquat
behandelt wird als bei Männern.

Geschlechterstereotype
Von Ärzten wurden älteren Patienten andere Persönlichkeitsmerkmalen zugeschrieben
als Patientinnen. (Siehe Grafik S.77!!)
6.2.3. Einstellungen

Eine Einstellung ist eine relativ stabile Bereitschaft, ein soziales Objekt auf eine
bestimmte Art und Weise wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Einstellungen äussern
sich in Überzeugungen und Meinungen, in Gefühlen und Beurteilungen sowie in einer
bestimmten Handlungsbereitschaft. Eine Einstellung hat also eine kognitive, eine
affektive und eine Verhaltenskomponente.
− Kognitive Komponente: Diese besteht aus gedanklichen Vorstellungen über das
Objekt. Der Begriff Meinung entspricht der kognitiven Einstellungskomponente.
− Affektive Komponente: Sie zeigt sich in den Gefühlen einem Objekt gegenüber, z.B. in
Sympathie oder Ablehnung. Affektive Einstellungen sind häufig tief verwurzelte
Einstellungskomponenten und sehr veränderungsresistent.
− Die Verhaltenskomponente beinhaltet eine bestimmte Handlungsbereitschaft einem
Objekt gegenüber. Das tatsächliche Verhalten wird von mehreren Einstellungen, von
den unmittelbaren Bedürfnissen und von der konkreten Situation bestimmt.

Einstellung und Verhalten


Eine Einstellung ist nur einer von mehreren Faktoren, die das Verhalten bestimmen. Die
Beziehung zwischen einer Einstellung und dem wirklichen Verhalten ist im Einzelfall nicht
immer konsistent. Z.B. eine Person mit einer positiven Einstellung zum Umweltschutz
verzichtet in den Ferien trotzdem nicht auf das Flugzeug.
Sieht man die Summe des Verhaltens in einzelnen Situationen kann man aber sehr wohl
ein Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten erkennen.

Funktionen von Einstellungen


− Mit der Wissensfunktion befriedigen Einstellungen das Bedürfnis, die Welt zu
verstehen und ihr einen Sinn zu geben. Die Wissensfunktion entspricht der kognitiven
Komponente einer Einstellung. Sie hilft die Informationsverarbeitung zu Steuern,
Organisieren und Vereinfachen.
− Die instrumentelle Funktion dient der Adaptation. Sie hilft dem Individuum, positive
Konsequenzen zu erreichen und negative zu vermeiden. Eine Person übernimmt die
Einstellungen, welche ihr die Anerkennung von Familie und Freunden einbringen.
Nicht-konforme Ansichten werden nur durch eine nicht-konforme Bezugsgruppe
belohnt.
− Die Funktion der sozialen Identität beinhaltet grundlegende Werthaltungen und eine
Person bringt damit ihre Identifikation mit einer Bezugsgruppe zum Ausdruck. (z.B. in
der Wahl einer Umweltpartei kann das Selbstverständnis als liberale Person
verwirklicht werden.
− Die Funktion der Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertes führt zu vorteilhaften
Beurteilungen des eigenen Verhaltens. Eine Person grenzt sich von negativen
Objekten ab und bringt sich in Übereinstimmung mit positiv besetzten. In Anlehnung
an psychoanalytische Theorien wird auch von Ich-Abwehr gesprochen. z.B. Verzerrte
Einstellungen hinsichtlich des Zusammenhangs von Rauchen und Lungenkrebs
dienen der Ich-Verteidigung von Rauchern.

6.2.4. Kognitive Dissonanz

Das Phänomen, dass sich Personen konträr zu ihrer Einstellung oder wider besseren
Wissens verhalten, ist ein weit verbreitetes Phänomen. (Raucher wissen das es
gesundheitsschädigend ist.)
Einstellungskonträres Verhalten von Patienten
Kranke zeigen häufig Verhalten, von dem sie genau wissen, dass es ihrer Gesundheit
nicht zuträglich ist. Wie lässt sich dieses Phänomen einstellungskonträren Verhaltens
erklären?

Theorie der kognitiven Dissonanzen


Jeder Mensch hat ein mehr oder weniger ausgewogenes System an Meinungen und
Einstellungen. Diese kognitiven Systeme streben nach einem Gleichgewicht (Konsens).
Wiedersprüchliche Inhalte führen zu einer Verunsicherung, welche die Basis für
Veränderungen darstellt. Welche kognitiven Elemente setzen sich durch? Es sind die ich-
nahen Einstellungselemente, an welche sich der Betroffene stark gebunden fühlt. Eine
solche Bindung entsteht oft dadurch, dass wir uns „öffentlich“ zu dieser Aussage bekannt
haben.

Fallbeispiel:
Fallbeispiel Bekommen ich z.B. als junge Frau innerhalb einer Clique von Gleichaltrigen
mit gelegentlichem übermässigen Tabak- und Alkoholkonsum Anerkennung und (non-
verbale) Rückmeldungen, „in“ zu sein, dann verlieren diese potenziell schädigenden
Konsequenzen dieser Verhaltensweisen für meine Gesundheit in einigen Jahren an
Bedeutung zu Gunsten der aktuellen, mein Selbstwertgefühl stabilisierenden
Anerkennung durch die Cliquen-Mitglieder.

Überwinden von Widerstandsschwellen


Der soziale Druck auf einen Menschen darf immer nur so gross sein, dass seine
Widerstandsschwelle überwunden wird und er ein einstellungskonträres Verhalten zeigt,
zu dem er „praktisch nicht“ gezwungen wurde. In diesem Fall entsteht die grösste
kognitive Dissonanz, die eine anschliessende Rationalisierung erfordert.

6.2.5. Vorurteile als stereotype Einstellung

Ein Vorurteil ist eine stereotype, meist entwertende Einstellung, die sehr starr ist und die
selbst bei widersprechenden Erfahrungen kaum korrigiert wird. Vorurteile haben die
Funktion der Ich-Verteidigung und der Identifikation mit einer sozialen Gruppe.

Vorurteile gegen Minderheiten


Ein Mensch kann mit Vorurteilen eigene Minderwertigkeitskomplexe etc abwehren.
Vorurteile können das Resultat verschiedener psychologischer Abwehrmechanismen
sein.
Minderheiten können leicht zu einem sogenannten Sündenbock werden, auf den
angestaute Aggressionen gelenkt werden. (z.B. Juden im 2. WK).
Viele Menschen lernen Vorurteile durch die Identifikation mit einer sozialen Gruppe, ohne
dass sie das Vorurteil zu ihrer persönlichen Ich-Verteidigung brauchen würden.

Das traditionelle Urteil als Vorurteil


In der heutigen pluralistischen Gesellschaft werden sämtliche traditionellen sozialen
Urteile zu Vorurteilen, da sie von einer zunehmenden Zahl von Menschen angezweifelt
werden.
Es ist dabei nicht nötig, dass die Mehrheit der Bevölkerung das traditionelle soziale Urteil
in Frage stellt. Das Erkennen und Bezeichnen eines Vorurteils ist also ebenfalls das
Resultat einer sozialen Wahrnehmung und nicht das Resultat einer rein sachlichen
Beurteilung.
6.2.6. Verzerrte Wahrnehmung in der Arzt-
Arzt-Patient-
Patient-Beziehung

Ärzte sind oft gezwungen, sich aufgrund von wenigen Informationen einen Eindruck von
einem Patienten zu bilden. Die gegenseitige soziale Wahrnehmung ist also in der Arzt-
Patient-Beziehung sehr wichtig.

Wechselseitige Bestätigung von Vorurteilen


Eine Grundhaltung ohne Vorurteile gehört zum Rollenideal des Arztes. In Wirklichkeit sind
aber auch Ärzte gegen stereotype Einstellungen und Vorurteile nicht gefeit.
Z.B. Kann ein Arzt die Rückenschmerzen eines Mannes aus dem Mittelmeerraum als
simuliert ansehen. Der Südländer hingegen kann den Arzt als arroganten Vertreter der
Arbeitgeber und Behörden ansehen. In ihrer Interaktion fühlen sich der Arzt und der
Patient in ihren Vorurteilen bestätigt. Je drastische der Patient seine Symptome schildert,
desto weniger wird der Arzt ihm Glauben schenken; je weniger der Arzt ihm Glauben
schenkt, desto drastischer wird er seine Symptome schildern.

Selbstkritische Wahrnehmung
Der Arzt kann einen solchen Teufelskreis der verzerrten Wahrnehmung vermeiden, wenn
er sich bewusst nicht nur vom ersten Eindruck leiten lässt. Der erste Eindruck ist deshalb
problematisch, weil er durch zufällige Umstände verfälscht sein kann und die weitere
Wahrnehmung eines Menschen festlegen kann.
Der Arzt kann einen Patienten, der eine ähnliche soziale Position wie er einnimmt, am
ehesten unverfälscht wahrnehmen.

Mögliche Folgen verzerrter Wahrnehmung


Ein Wahrnehmungsprozess ist nicht ohne Folgen. Wenn der Arzt bezweifelt, dass ein
Patient alles unternimmt, um wieder gesund zu werden, wird die Arzt-Patient-Kooperation
schlechter sein, als wenn der Arzt überzeugt ist, dass seine Ratschläge befolgt werden. Je
genauer der Arzt den Patienten wahrnimmt und je realistischer er seine Möglichkeiten
beurteilt, desto günstiger wird der psychologische Rahmen für eine Behandlung sein.

6.2.7. Attribution

Die Attributionsforschung beschäftigt sich mit Ursachenerklärungen (Kausalerklärungen)


von Ereignissen. Zu unterscheiden sind internale und externale Ursachen-
Zuschreibungen. Bei internaler Kausalattribution werden bestimmte Handlungen auf
Ursachen innerhalb einer Person zurückgeführt (z.B. Fähigkeiten,
Persönlichkeitseigenschaften etc.) Bei externaler Kausalattribution können z.B. die
Gründe für ein Ereignis in Schwierigkeiten einer Aufgabe oder Glück etc. angesehen
werden.

Attribution und subjektive Krankheitskonzepte


Ein erkranktes Individuum entwickelt Vorstellungen über seine Krankheit und deren
mögliche Ursachen. Diese Vorstellungen können rational oder irrational sein.
Siehe Fallbeispiel S.81 (ist noch witzig ;-))

Multidimensionale Attribution
In der weiteren Entwicklung multidimensionaler Ansätze der Attributionsforschung wurde
ein sogenannter locus of control angenommen, bei dem die Ursachenzuschreibung nicht
nur nach den Kategorien internal vs. external vorgenommen wurde, sondern auch auf
der Dimension stabil vs. variabel.
Bspe.: external stabile Krankheitszuschreibung: vermehrtes Auftreten von Leukämiefällen
in der Nähe von Atomkraftwerken.
External variable Krankheitsattribution: nasskaltes Wetter bei Erkältungen.
Internal stabile Attribution: Autoimmunkrankheit, die zu Krankheitsschüben führt
Internale variable Attribution: Gefühlszustände, die zu bestimmten Impulshandlungen
führen. (Z.B. Suizidversuch bei Liebeskummer).

Korvariations- und Konfigurationsprinzip


Welche Information eine Person zur Kausalattribution heranzieht, hängt u.a. von der
Anzahl der Informationsquellen ab. Nach Kelley beinhaltet das Kovariationsprinzip, dass
ein Effekt einer auslösenden Bedingung zugeschrieben wird, wenn diese zeitlich
kontingent auftritt, z.B. Lebensmittelvergiftung als Ursache für Magen-Darm-Störung.
Es gibt auch die Kausalattribution bei nur einer einmaligen Beobachtung nach dem
Prinzip der Konfiguration, z.B. Schlafstörung nach Stress am Arbeitsplatz. Hier wird
aufgrund von vorbestehendem Wisseneine wahrscheinliche Erklärung für das einmal
beobachtete Ereignis gewählt. Kovariation ist datengeleitet und Konfiguration
theoriengeleitet.
Allerdings ist der Mensch kein rationales Wesen, das Ursachenzuschreibung nach den
immer gleichen Prinzipien vornimmt. Vielmehr unterliegen die alltäglichen
Attributionsprozesse vielfältigen Verzerrungsmöglichkeiten. Eine Attributionsbasis kann
auf motivationale Faktoren zurückzuführen sein. (z.B. Sind wir bei uns nahestehenden
Personen nachsichtiger als bei Personen, die uns weniger bedeuten.)
2. Teil: Seiten 82 – 113 | Rahel Henn

6.3. Rollentheorie

Soziale Rolle = typische, sozial normierte Erwartungen, die an eine Person in einer
bestimmten sozialen Position gerichtet werden. D.h. in bestimmten Situationen erwartet
man von einem Individuum ein bestimmtes, typisches Verhalten.
Rollenkonformes Verhalten:
Verhalten Mensch (als soziales Wesen) verhält sich meist seiner Rolle
entsprechend, d.h. er verhält sich so, wie man es von ihm in seiner Rolle erwartet.
Abweichendes Verhalten:
Verhalten Die Rollenerwartungen einer konventionellen Bezugsgruppe
werden nicht erfüllt, sondern die einer anderen Bezugsgruppe. (z.B. Rauchen)
Positive Sanktionen (Belohnungen) für erwünschtes Verhalten wirken oft besser als
negative Sanktionen (Strafen) bei abweichendem Verhalten.
Der Mensch ist angewiesen auf ein soziales Umfeld. Dies ist ein wesentlicher Grund,
weshalb er sich rollenkonform verhält. Das Erlernen des Umgangs mit sozialen Rollen ist
ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsentwicklung.
Rollenstress:
Rollenstress Individuum empfindet die Erfüllung seiner Rollenpflichten als übermässige
Belastung.
Rollenkonflikt:
Rollenkonflikt Widersprüche zwischen verschiedenen Rollenerwartungen.
Intra-Rollenkonflikte: Widersprüche zwischen den Erwartungen verschiedener
Bezugsgruppen an dieselbe Rolle. (Erwartungen von Patient/Krankenkasse an Arzt)
Inter-Rollenkonflikte: Widersprüche zwischen verschiedenen Rollen, meist ausgehend
von unterschiedlichen Bezugsgruppen. (Rollenerwartungen von Arbeitgeber/Familie an
berufstätige Mutter: Berufsrolle und Mutterrolle)
Die Fähigkeit zur Bewältigung von Rollenkonflikten hängt von der Persönlichkeit des
Individuums ab. Ein unbewältigter Rollenkonflikt kann zu dauerndem Rollenstress führen.
Bei Rollenüberlastung kann es dazu kommen, dass eine Konfliktaustragung vermieden
wird. Diese Vermeidungsstrategien lösen den Rollenkonflikt aber nicht und können
längerfristig zu untragbaren Situationen führen. (Eine Ärztin stürzt sich in die Arbeit und
verdrängt/ignoriert die Erwartungen ihrer Familie.)
Die Identifikation mit einer best. Rolle ist wichtig, aber nur durch eine gewisse Distanz zur
Rolle kann ein Individuum frei und autonom mit Rollenerwartungen umgehen. Sowohl
eine Überidentifikation als auch eine zu hohe Rollendistanz sollten vermieden werden.
Der Mensch macht im Laufe des Lebens mehrere Rollenwechsel durch. Die Übergänge
zwischen verschiedenen Lebensphasen (z.B. Pubertät) bedeuten eine Häufung von
Rollenwechseln. Auch muss jede Person im Laufe des Lebens viele Rollenprobleme
bewältigen: Rollenüberforderung /-konflikte /-wechsel.
Rollenkompetenz:
Rollenkompetenz soziale Fähigkeit, mit Rollen umgehen zu können. (Ein lebenslanger
Lernprozess.) Ist bestimmt von Persönlichkeitsmerkmalen; verschiedene Individuen
gehen ganz unterschiedlich mit Rollenproblemen um.
Die soziale Mobilität (sozialer Auf- und Abstieg) wird stark beeinflusst von der
Rollenkompetenz.
Als Arzt sollte man darauf achten, ob eine Entlastung vom Rollenstress nötig ist bei einem
Patienten (überarbeitete berufstätige Mutter) und welchen Einfluss eine Krankheit auf
den Rollenhaushalt einer Person hat.

6.4. Kommunikation

Kommunikation ist essenziell; sie bildet die Grundlage zwischenmenschlicher


Beziehungen. Kommunikation bedeutet Austausch von Informationen, Wissen,
Gedanken, Gefühlen, Nachrichten…
Formen der Kommunikation:
- direkte (personale) Kommunikation (Gespräch zwischen zwei Personen)
- indirekte (mediale) Kommunikation (Internet/Zeitung/Radio)
Interaktion:
Interaktion wechselseitiger Ablauf von Mitteillungen zwischen zwei od. mehreren
Personen.
Metakommunikation:
Metakommunikation „Kommunikation über Kommunikation“ (Kommunikation als
Gesprächsgegenstand.)
In der Medizin:
- direkte personale Gesundheitskommunikation (Arzt-Patient)
- Gesundheitskommunikation über Massenmedien
- Gesundheitskommunikation über interaktive Medien.
In den letzen Jahren hat die Kommunikation über die Medien sehr an Bedeutung
gewonnen.

Zusammenfassung der wichtigsten Eigenschaften zwischenmenschlicher Kommunikation


in 5 metakommunikativen Axiomen:
Axiomen

1. Man kann nicht nicht kommunizieren.


Im zwischenmenschlichen Bereich ist es unmöglich, nicht zu kommunizieren; auch
Schweigen ist Kommunikation (averbal).

2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts-


Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Der
Beziehungsaspekt bestimmt den Inhaltsaspekt, deshalb ist jede Kommunikation
Metakommunikation.
Inhaltsaspekt: Fakten des Gespräches.
Beziehungsaspekt: Information über die Beziehung der Gesprächspartner, häufig
unbewusst und averbal übermittelt.
Widersprüche zwischen den beiden Aspekten spielen eine wichtige Rolle bei
Kommunikationsstörungen.

3. Die Beziehung ist durch die Art der Kommunikationsabläufe seitens der Partner
bedingt.
Im Verlauf einer Interaktion zwischen zwei Personen hat jede Mitteilung eine doppelte
Bedeutung: sie ist ein Reiz für eine nachfolgende Reaktion des Partners und ebenso eine
Reaktion
Reaktion auf den vorhergegangenen Reiz. Im Gespräch teilen sich beide Partner
unterschwellig mit, wie jeder sich selbst und den anderen sieht: wechselseitige Ich-
Ich-Du-
Du-
Definitionen.
Definitionen
Auf eine Äusserung gibt es im Gespräch 3 verschiedene Möglichkeiten zu reagieren:
- Bestätigung
Bestätigung ist die Botschaft: „Ich sehe dich auch so, wie du dich siehst“, d.h.
Selbstbild/-darstellung und Bild des Gesprächspartners vom einem stimmen
überein. (Arzt glaubt seiner Patientin dass sie Schmerzen hat, da auf dem
Röntgenbild ein Knochenbruch zu sehen ist. Er bestätigt ihre Aussage über die
Schmerzen.) Bestätigungen sind wichtig für Vertrauen, Stabilität und
Entwicklungsfähigkeit von Beziehungen.
- Verwerfung heisst: „Ich sehe dich nicht so, wie du dich siehst“. (Arzt glaubt seinem
alkoholsüchtigen Patienten nicht, dass dieser nicht mehr trinkt und sagt es ihm.)
Verwerfungen können in Beziehungen zu Unsicherheit und Misstrauen führen,
andererseits sind sie eine Voraussetzung für die Wandlungsfähigkeit von
Beziehungen.
- Entwertung bedeutet den Gesprächspartner zu ignorieren, die Botschaft lautet:
„Du existierst nicht“. Es gibt verschiedene Arten der Entwertung, so kann man sich
selbst entwerten, die Aussage des Gesprächspartners entwerten (z.B.
Themawechsel), den Partner doppelt entwerten, indem man das Thema wechselt
und sich sogleich vom Gesprächspartner abwendet zu einer anderen Person. Auch
die Entwertung einer Gesprächssituation als solche ist möglich (Kommentare in
unpassenden Momenten). Die vier Elemente einer Mitteilung: „Ich Ich sage zu dir
etwas in einer best. Situation“ können einzeln oder kombiniert entwertet werden.
Im Gespräch kommen immer gelegentliche Entwertungen vor. Stehen
Entwertungen aber im Vordergrund des Gesprächs, deutet dies auf eine Störung
der Beziehung hin.

4. Menschliche Kommunikation
Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten
Digitale Kommunikation: Informationsübermittlung durch Zahlen/Ziffern. Sie ist exakt
und logisch, hat aber wenig bildhafte Bedeutung und für die Beschreibung
zwischenmenschlicher Beziehungen unzulänglich.
Analoge Kommunikation: Informationsübermittlung durch Gebärden oder Zeichen. Sie ist
nicht exakt sondern symbolhaft und häufig mehrdeutig.

5. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder


komplementär, je nachdem, ob die Beziehung
Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder
Unterschiedlichkeit beruht.
Symmetrische Kommunikationsabläufe: zwischen Partnern auf dem „gleichen Niveau“.
Häufig ist das Verhalten beider Partner ähnlich oder spiegelbildlich. Symmetrische
Kommunikationsabläufe kommen oft zwischen rivalisierenden Partnern vor. (Gruppe von
Assistenzärzten; jeder will mehr wissen als der andere.)
Komplementäre Kommunikationsabläufe: zwischen unterschiedlich gestellten Partnern
(Professor/Student). Komplementäre Kommunikationsabläufe wirken ruhiger, indem sich
beide Partner durch ihre Äusserungen ergänzen, allerdings treten oft verdeckte
Beziehungsspannungen auf.

Grundregeln der Kommunikation:


- Alles was wir tun, ist Kommunikation.
- Die Art wie eine Nachricht übermittelt wird, beeinflusst stets auch den Empfang.
- Der Ablauf eines Gesprächs wird sowohl durch die Art der Sendung als auch des
Empfangs der Mitteilung beeinflusst.
- Der Beginn eines Gesprächs bestimmt häufig das Gesprächsergebnis.
- Kommunikation ist ein gemeinsamer Prozess.

Beurteilung von Kommunikationsabläufen:


Der Kommunikationsstil gibt deutliche Hinweise auf die Beziehungen zwischen
verschiedenen Personen. Die Beobachtung der Kommunikationsabläufe innerhalb einer
Gruppe (wer unterstützt/entwertet wessen Argumente?) gibt genaue Hinweise auf die
Struktur, Beziehungsdynamik und das Beziehungsnetz innerhalb dieses sozialen
Systems.

Elemente zur Beurteilung verbaler und averbaler Kommunikation:


- Inhalt:
Inhalt worüber wird kommuniziert? (z.B. Sachliches/Persönliches/
Gruppenbezogenes) Der Inhalt der verbalen und averbalen Kommunikation zeigt
auf, ob die wesentlichen Themen angesprochen oder umgangen werden. Wichtig:
besteht eine Diskrepanz zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekt einzelner
Mitteilungen? Je grösser die Übereinstimmung zwischen den beiden Aspekten
desto eindeutiger ist die Kommunikation
- Die Kommunikationsfertigkeiten einer Person lassen auf ihre Selbständigkeit, ihre
Verantwortungsbereitschaft, ihre Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle
wahrzunehmen und Gedanken auszudrücken schliessen.
- Ich-
Ich-Du-
Du-Definitionen:
Definitionen Reaktion auf Mitteilungen? (Bestätigen/Verwerfen/
Entwerten) Die wechselseitigen Ich-Du-Definitionen in einem Gespräch
weisen daraufhin, aus welcher Haltung und aus welcher Position
(Rangordnung) Personen miteinander sprechen.

Kommunikationsstörungen
Gesunde Beziehungen zeichnen sich aus durch Vielfalt und Flexibilität des
Kommunikationsverhaltens. Gestörte Beziehungen zeigen starre, sich in verschiedenen
Variationen wiederholende Kommunikationsmuster, was zu Missverständnissen,
Entwertungen und Widersprüchen führen kann.
Kommunikationsstörungen haben verschiedene Auslöser, z.B. emotionale Belastung der
Gesprächssituation (Angst, Schuldgefühle). Ein Ausdruck von ungelösten
Familienkonflikten sind Kommunikationsstörungen zwischen den Familienmitgliedern,
die sich über Jahre dahinziehen.

Häufige Muster gestörter Kommunikation:


- einseitiges Festhalten an einer Ich- Ich-Du-
Du-Definition:
Definition Gute Kommunikation ist
gekennzeichnet durch eine Mischung der drei Ich-Du-Definitionen mit einem
Überwiegen von Bestätigungen. Störungen: ständiges Bestätigen kann Ausdruck
einer Pseudoharmonie sein, konsequentes Verwerfen kommt häufig vor bei
Machtkämpfen.
- Widersprüchliche Mitteilungen:
Mitteilungen va. wenn zwischen dem Inhalts- und
Beziehungsaspekt eine Diskrepanz besteht.
- Paradoxe Mitteilungen:
Mitteilungen enthalten einen Widerspruch, der für den Empfänger nicht
auflösbar ist. („Sei spontan!“)
Gestörte Kommunikation kann ein Zeichen von emotionaler Überforderung sein.

Regeln für gute Kommunikation:


- Vertritt dich selbst in deinen Aussagen (Ich-Botschaften).
- Störungen durch emotionale Spannungen haben Vorrang.
- Bei Fragen immer begründen, warum du fragst und was die Frage für dich
bedeutet.
- Echte und selektive Kommunikation (mache dir bewusst, was du denkst und
fühlst und wähle, was du sagst und tust.)
- Sei zurückhaltend mit Interpretationen von anderen, schildere deine eigene
Reaktion.
- Nur einer sollte zur gleichen Zeit sprechen.

Für den Ablauf eines Gesprächs haben die Gefühle der Gesprächspartner und emotionale
Spannungen eine grosse Bedeutung. Verständigung ist nur möglich, wenn störende
Gefühle ernst genommen und abgebaut werden.
Beziehungshierarchie beeinflusst das Gespräch: beim Arzt-Patient-Gespräch handelt es
sich um ungleiche Partner (Ärztin weiss fachtechnisch viel mehr, hat oft eine höhere
Bildung). Trotzdem sollte die Ärztin darauf achten, nicht von oben herab sondern auf
gleicher Ebene mit der Kranken zu sprechen.
6.5. Soziale Kompetenz

Definition Soziale Kompetenz: „Die Verfügbarkeit und Anwendung von kognitiven,


emotionalen und motorischen Verhaltensweisen, die in best. sozialen Situationen zu
einem langfristig günstigen Verhältnis von positiven und negativen Konsequenzen
führen.“ D.h. richtige Einschätzung einer sozialen Situation und eine angemessene
Reaktion. (Handeln im Hinblick auf langfristige Konsequenzen.)

Merkmale sozialer Kompetenz:


- Erwünschte Kontakte arrangieren, - Nein sagen können
unerwünschte Kontakte beenden - Änderungen bei störendem
- Auf Kontaktangebote reagieren Verhalten verlangen
- Gespräche beginnen, - Um Gefallen bitten
aufrechterhalten, beenden - Sich entschuldigen
- Unterbrechungen im Gespräch - Gefühle offen zeigen
unterbinden - Versuchungen zurückweisen
- Anerkennung aussprechen und
akzeptieren
- Kritik äussern und auf Kritik
reagieren
Soziale Kompetenz beinhaltet zwei Aspekte: Beziehungsfähigkeit (soziale Sensitivität)
und Durchsetzungsfähigkeit (soziale Handlungskompetenz).

Ursachen mangelnder sozialer Kompetenz:


- mangelndes Selbstbewusstsein (soziales Kompetenztraining nötig)
- mangelnde Fähigkeit, eine Rolle übernehmen zu können.
- Unfähigkeit, sich in die Perspektive der Interaktionspartner zu versetzen.

Die Definition sozialer Kompetenz variiert je nach kulturellem Umfeld, eine genaue
Festlegung von Verhaltensweisen, die in best. Situationen als sozial kompetent
angesehen werden gibt es deshalb nicht.

Generelle Kompetenz setzt sich zusammen aus:


- Instrumenteller Kompetenz: zu dieser zählt die konzeptuelle Intelligenz
(wissenschaftliches und analysierendes Denken.)
- Und sozialer Kompetenz: dazu zählen unter anderem die praktische und soziale
Intelligenz (siehe Abb. S. 97)

Ursachen mangelnder Kompetenzen:


Soziale Kompetenz ist das Resultat eines Lernprozesses. Mangelt es an adäquaten Lern-
und Übungsmodellen, an denen der Umgang mit sozialen Situationen geübt werden
kann, führt dies zu mangelnder Kompetenz.

In einem Training sozialer Kompetenz wird eine Verbesserung der grundlegenden


Fertigkeiten angestrebt, d.h. nicht nur soziale Interaktionen sondern auch Körperhygiene
und Arbeitsgewohnheiten sollten verbessert werden. Durch Rollenspiele werden die
Grundlagen der sozialen Interaktion vermittelt oder die Kognitionen und Emotionen in der
Gruppe und mit Tutoren besprochen. Allerdings sind Verhaltensänderungen ein
langwieriger Prozess und nicht bei allen Patienten möglich.
6.6. Soziale Unterstützung

Soziale Unterstützung: Ressourcen, die von anderen Personen für ein Individuum
bereitgestellt werden.
Emotionale Unterstützung:
- Erfahrung von Zuneigung, Wertschätzung, Vertrauen, Nähe, Zuhören, Verständnis,
Anteilnahme
- Selbstwertunterstützung (sich selber akzeptieren und schätzen)
- emotionaler Rückhalt bei Problemen
- über Probleme sprechen können
- Unterstützung, Rat , Ermutigung, Anleitung bei Problemlösung
Praktische (materielle) Unterstützung:
- Geld/Gegenstände ausleihen können oder geschenkt bekommen
- von Aufgaben befreit/entlastet werden
- Hilfe/Begleitung/Beistand erhalten
- Informationen bekommen
- Modelle zur Problemlösung haben
Soziale Integration:
- Zugehörigkeit empfinden (zu Gruppe, Familie, Partner, Freunden)
- gemeinsame Aktivitäten
- Übereinstimmung von Werten und Lebenskonzepten
- Beziehungssicherheit (Vertrauen)
- Vertrauensperson, Verfügbarkeit wichtiger Personen

Die Selbstpräsentationshypothese besagt, dass wenn ein Individuum seine Probleme


verschweigt (fehlende Signale), allzu erfolgreich bewältigt oder eine intensive
Belastungsreaktion und hilflose Bewältigung zeigt, die Unterstützungsbereitschaft von
seinem Umfeld sehr klein wird.
Soziale Unterstützung wird va. im Falle von Einsamkeit benötigt. Dabei unterscheidet
man zwischen emotionaler Einsamkeit (fehlen eines intimen Partners) und sozialer
Einsamkeit (Mangel an sozialer Unterstützung).
Soziale Unterstützung spielt eine wichtige Rolle bei der Prävention psychischer und
physischer Erkrankungen und verringert sogar das Mortalitätsrisiko. Ein gutes soziales
Umfeld und eine positive soziale Interaktion gelten als protektive Faktoren.
Faktoren
Trotz aller Forschung ist noch nicht geklärt, wie sich soziale Unterstützung genau auf das
gesundheitliche Wohlbefinden des Individuums auswirkt. Das Modell der direkten Effekte
geht davon aus, dass das Umfeld z.B. gesundheitsförderliches Verhalten unterstützt, den
Selbstwert erhöht und z. T. auch neuroendokrine Funktionen günstig beeinflusst. Nach
dem Puffer-
Puffer-Modell werden durch soziale Unterstützung die Auswirkungen von
Belastungen gemildert.

6.7. Psychologie von Kleingruppen

Jeder Mensch steht in einer Vielzahl von Beziehungen in verschiedenen Gruppen.


Gruppen haben eine grosse Bedeutung als Lernfeld für soziale Verhaltensweisen. Eine
Kleingruppe besteht aus 8-10 Personen, die sich gegenseitig kennen und über einen
best. Zeitraum mehrmals Kontakt haben. (Medizinstudium: Erlernen von Fähigkeiten oft
in Kleingruppen)
Merkmale von Gruppen:
- ab 3 Personen - enge soziale Interaktion
- verhaltensintegrierendes - gemeinsame Normen und Ziele
Rollensystem - Wir-Gefühl
Klassifikation von Gruppen:
- 8-10 Personen: Kleingruppe
- ab 20 Personen: Grossgruppe
- Formelle Gruppen: organisiert, planmässig aufgebaut, zielgerichtet. (z.B.
Unterrichtsgruppen, Tutoriate…)
- Informelle Gruppen: nicht fest organisiert, entstehen spontan, dienen mehr der
Geselligkeit und dem Informationsaustausch. (Kaffekränzchen)

Phasen der Gruppenentwicklung (muss nicht immer genau nach diesem Schema
ablaufen)
- Phase 1: Orientierung (Forming): Unsicherheit, vorsichtiges Kennenlernen,
Kontakte sind noch distanziert.
- Phase 2: Auseinandersetzung (Storming): Mitglieder suchen oder erkämpfen sich
einen Platz in der Gruppe (Konkurrenzverhalten), eine Rangordnung zeichnet sich
ab.
- Phase 3: Bindung und Vertrautheit (Norming): Zusammengehörigkeits- und
Geborgenheitsgefühl entsteht = Wir-Gefühl (z.T. geschwisterliche Rivalitäten)
- Phase 4: Differenzierung und Festigung (Performing): die Gruppe ist stabil, kann
auch neue Mitglieder aufnehmen und auf ein Ziel hinarbeiten.
- Phase 5: Abschluss und Auflösung: hat die Gruppe ihr Ziel erreicht, löst sie sich
auf (va. bei Unterrichts-/Therapiegruppen)

Gruppenrollen
- Führer: von ihm werden besondere Fähigkeiten für das Erreichen des
Gruppenziels und in der Führung der Gruppendynamik erwartet.
- Mitläufer: Gruppenmitglieder, die sich am Verhalten und den Aufforderungen des
Führers orientieren. Sie beteiligen sich an den Aktivitäten der Gruppe, Impulse
und kreative Vorschläge machen sie eher nicht.
- Experte: Seine Beiträge für das Lösen von Aufgaben sind wichtig, deshalb geniesst
er innerhalb der Gruppe oft hohes Ansehen. Diese Rolle ist begehrt, da er sich
üblicherweise aus den Rivalitäten in der Gruppe raushalten kann.
- Aussenseiter: erhält am meisten Ablehnung innerhalb der Gruppe.
In guten Gruppen herrscht bezüglich der Rollenverteilung eine gewisse Flexibilität.

Gruppennormen
Gruppen entwickeln neben Rollenerwartungen auch Gruppennormen, d.h. Erwartungen
bezüglich Verhaltensweise und Einstellungen ihrer Mitglieder. Diese Normen sind oft
nicht explizit formuliert, sondern eher verdeckte, informelle Verhaltensregeln. Ein
gewisses Mass an Toleranz für Abweichungen gehört auch zur Norm. Sich an die
Gruppennormen zu halten, ist ein erster Schritt zur Identifikation mit der Gruppe.
Gruppennormen entstehen durch Diffusion und Kristallisation:
Kristallisation Alle Mitglieder einer
neuen Gruppe bringen eigene Einstellungen und Erwartungen mit, die sich mit der Zeit zu
einer gemeinsamen Perspektive kristallisieren. In uneindeutigen Situationen schliessen
sich Menschen meistens dem Urteil anderer an, sogar wenn diese „Mehrheitsmeinung“
falsch sein sollte. Gruppennormen verfügen folglich über die Macht, fundamentale
Veränderungen in unserem Verhalten und in unserer Einstellung hervorzurufen.

Gruppenverhalten

-Soziale
Soziale Erleichterung bedeutet eine Verbesserung individueller Leistung, die allein durch
die Anwesenheit anderer zustande kommt. (Radfahrer fahren schneller, wenn sie mit
anderen zusammen fahren) Die Anwesenheit anderer führt zu einem Anstieg der
Erregung und kann so zu einer Leistungssteigerung führen. „Zuschauer“ können aber
eine Leistung auch stören. (Wenn ein ungeübter Sänger vor anderen singen sollte.) Bei
Prüfungen tritt der gleiche Effekt auf: gut vorbereiteter Examensstoff kann auch in der
Stresssituation der Prüfung gut abgerufen werden, an weniger gut memoriertes Wissen
kann man sich wegen der erhöhten Erregung mehr gut erinnern.
- Soziales Bummeln:
Bummeln Wenn die Mitgliedschaft in einer Gruppe zu Faulenzen verführt.
Dieses Phänomen hängt stark ab von der Verantwortungsdiffusion („der andere kann’s ja
machen…“); zeigt sich deutlicher je grösser die Gruppe. Soziales Bummeln tritt bei
Männern häufiger auf als bei Frauen.

Bestimmte Eigenschaften der Gruppenmitglieder sind förderlich für ein funktionales


Gruppenverhalten, d.h. für das Erreichen von Gruppenzielen:
- Informationen suchen und geben
- Meinungserkundung bei den Mitgliedern
- Koordinieren von Aktivitäten
- Ausarbeiten und Zusammenfassen einzelner Arbeitsschritte
- Ermutigung anderer Mitglieder
- Regeln bilden
- Gruppenentscheide akzeptieren
Dysfunktionale, störende Verhaltensweisen:
- Aggressives, entwertendes Verhalten
- Ständig dominieren wollen
- Ablenken von Aufgaben und Ausweichen auf Randprobleme
- Selbstdarstellung (Gruppe für persönliche Zwecke ausnutzen)
- Clownerie (witzeln statt sich ernsthaft mit einem Thema zu befassen)
- passives, indifferentes Verhalten, Rückzug

Gruppenkonflikte
Konflikte kommen in allen Gruppen vor, sie können eine Bedrohung darstellen (wenn sie
nicht gelöst werden) aber auch eine Chance, (wenn sie offen ausgesprochen und
konstruktiv gelöst werden.) In Konfliktsituationen können Gruppen folgende
Verhaltensweisen zeigen:
- Verharmlosung, Verleugnung oder Vermeidung von Konflikten
- Ausschluss von Mitgliedern, die eine andere Meinung haben
- Eingehen eines Zweckbündnisses (Konflikt kann jederzeit wieder aufbrechen!)
- Kompromissbildung, Zugeständnisse
- Integration und Diskussion verschiedener Meinungen, Ausarbeitung einer
gemeinsamen Lösung
Konstruktive Konfliktlösung
Konfliktlösung:
ng Benennung des Problems – Klärung verschiedener
Meinungen und Interessen – Bestimmung gemeinsamer Ziele – Wünsche und
Forderungen? – Lösungsvorschläge – Abwägen der einzelnen Lösungsschritte –
Umsetzung der gewählten Lösungsschritte

Führungsprofile
Autoritärer, Demokratischer oder Laissez-faire-Führungsstil. (siehe S. 105!)

Problemlösen in Gruppen (kommt z.B. im POL zur Anwendung)


Neben den Regeln für gute Kommunikation sind folgende Schritte förderlich für eine
effiziente Problemlösung:
1. Analysieren des Problems (biopsychosoziale Problemanalyse)
2. Recherchen, Sammeln von Informationen
3. Erarbeitung von Lösungsvorschlägen (vorhandene Ressourcen?)
4. Lösungsvorschläge bewerten, Entscheidung für einen
5. Ausführung (allenfalls andere Personen einbeziehen)
6. Kritische Bewertung der ausgeführten Massnahmen (feed-back)

Die Gruppe ist ein optimales Lernfeld (sowohl für den Erwerb von Kenntnissen und
Modell-Lernen (zB.
Wissen als auch für das Erlernen sozialer Kompetenz). V. a. für das Modell-
Rollenspiele) ist die Gruppe sehr gut geeignet. Beim Rollenspiel können in einer
angstfreien Atmosphäre schwierige Gesprächssituationen (z.B. Sexualanamnese)
simuliert werden.
In der Lernpsychologie werden drei Lernprinzipien unterschieden: Klassisches
Konditionieren, instrumentelles Konditionieren und Modell-Lernen (Kapitel 5.2.5.)

6.8. Soziale Schichtung

Eine hierarchische Rangordnung von Individuen und Gruppen in der Gesellschaft


bezeichnen wir als soziale Schichtung. Der Rang eines Individuums in der sozialen
Schichtung wird sozialer Status
Status genannt. Wichtige Merkmale der sozialen Schichtung
sind das Einkommen und Vermögen, die Bildung und der Beruf.
- Unterschicht: weniger qualifizierte Arbeiter
- Mittelschicht: hochqualifizierte Arbeiter und Angestellte
- Oberschicht: leitende Angestellte und Unternehmer
(In der Sozialforschung werden oft mehr Schichten aufgeführt.)
Das Ausmass der sozialen Ungleichheit ist in verschiedenen Gesellschaften sehr
unterschiedlich. (In gewissen Entwicklungsländern ist die „soziale Schere“ besonders
gross, in einem hochentwickelten Land wie Schweden eher klein.)
Die funktionalistische Theorie der sozialen Ungleichheit besagt, dass die Schichtung ein
natürliches Ordnungselement ist, wobei die talentierten Individuen viel leisten, aufsteigen
und einen hohen Status erreichen. Weniger talentierte und schlecht qualifizierte
Menschen bleiben weiter unten in der sozialen Schichtung. Die soziale Schichtung
unterstützt das Gleichgewicht des Systems, da die Belohnungsunterschiede die
Talentierten zu noch höheren Leistungen anspornen. Die funktionalistische Theorie geht
von der Chancengleichheit aus, von der aus jeder Mensch den seiner Leistung
angemessenen sozialen Status erreichen kann. (Entspricht dem Demokratieverständnis
des liberalen Bürgertums) – Eher positive Bewertung der sozialen Schichtung
Die Konflikttheorie der sozialen Ungleichheit vertritt die These dass die soziale
Schichtung das Resultat der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen sozialen
Gruppen ist und immer wieder neue Konflikte auslöst. (Klassenkämpfe) – eher negative
Sicht der sozialen Schichtung

Soziale Mobilität ist der Auf- oder Abstieg innerhalb der sozialen Schichten. Die
Bedeutung der sozialen Schichtung hängt sehr davon ab, wie viele Möglichkeiten es gibt,
von einem sozialen Status in einen anderen zu wechseln.
In jeder Gesellschaft gibt es gewisse Schranken für die soziale Mobilität, d.h. eine
Beschränkung der Chancengleichheit. Bei uns haben es va. soziale Minderheiten (z.B.
Immigranten) schwieriger, in hohe soziale Positionen zu gelangen.

Die Gesundheit eines Individuums hängt zu einem bestimmten Grad von dessen sozialen
Lage ab. Die soziale Schichtung ist nicht nur bedeutsam wegen der unterschiedlichen
objektiven Lebensbedingungen sondern auch wegen Einstellungen und
Verhaltensformen, die typisch sind für einzelne Schichten (z.B. eher gesundes Essen in
gebildeten Schichten). So sind die Mortalität und die Morbidität in der Unterschicht
vergleichsweise hoch. Gründe dafür:
- Ungünstige Lebensbedingungen, höhere Alltagsbelastungen (z.B. feuchte
Wohnung, körperlich anstrengende Arbeit)
- geringe personale Ressourcen (kleineres Selbstwertgefühl)
- schichtspezifisches Gesundheits- und Krankheitsverhalten (höheres
Gesundheitsbewusstsein in der Mittelschicht: Fitness, Ernährung)
- schlechtere medizinische Kenntnisse (nicht Erkennen der Symptome, später
Arztbesuch)
- bessere medizinische Versorgung der Mittel- und Oberschicht (Arztdichte,
finanzielle Mittel, bessere Behandlung)
- soziokulturelle Distanz zwischen Ärztinnen und UnterschichtpatientInnen.

Die Verständigung zwischen Arzt und Patient wird meist erschwert, wenn der Patient aus
der Unterschicht stammt, er spricht eine andere Sprache als der Arzt, der einen hohen
sozialen Status hat. Der Sprachstil des ungebildeten Arbeiters ist restringiert, d.h. er
spricht in kurzen, einfachen Sätzen. Der Stil der Mittel- und Oberschicht hingegen ist
elaboriert, d.h. es wird meist in komplexeren Sätzen gesprochen. PatientInnen der
Unterschicht haben oft Mühe ihre Beschwerden verbal genau zu schildern. Vom Arzt ist
eine grosse kommunikative Kompetenz gefordert: d.h. er muss sich in einfachen,
verständlichen Sätzen ausdrucken und mit Gegenfragen sicherstellen, dass der Patient
ihn verstanden hat. Dabei ist es hilfreich, wenn der Arzt eine Vorstellung der Arbeits- und
Wohnverhältnisse eines Patienten hat (z.B. durch Hausbesuch).

6.9. Soziale Krisen

Soziale Krisen sind ein Faktor für die Erhöhung des Morbiditätsrisikos.
Morbiditätsrisikos Soziale Krisen
treten auf wo Handlungsmöglichkeiten des Individuums im Rahmen seiner sozialen
Rollen beendet oder deutlich eingeschränkt wird (z.B. Kündigung, Ausschluss aus
Gruppen wie Familie, Freundeskreis, Verein) Dabei wird meist das Selbstwertgefühl des
Betroffenen beeinträchtigt. Soziale Krisen können sich auch über längere Zeit entwickeln.
Ein Beispiel ist die Berufliche Gratifikationskrise:
Gratifikationskrise Ausbleibende Anerkennung, blockierte
Aufstiegschancen, zunehmende soziale Isolierung und ungerechte Bezahlung trotz
Verausgabung und Leistung am Arbeitsplatz.
Arbeitslosigkeit:
Arbeitslosigkeit Als arbeitslos bezeichnet man unfreiwillig erwerbslose, erwerbsfähige
Arbeitskräfte. In unserer Gesellschaft wird va. von Männern erwartet, dass sie arbeiten.
Arbeitslose werden stigmatisiert, sie sind also eine soziale Minderheit, die einer grossen
psychosozialen Belastung ausgesetzt ist.
Seit 1990 hat die Arbeitslosigkeit in den meisten westlichen Ländern zugenommen.
Gründe dafür:
- Rezession (Nullwachstum)
- Automatisierung von Produktionsvorgängen
- höhere Wertsteigerung pro Arbeitseinheit
- Globalisierung (Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer)
- Zentralisierung (Abbau von Filialbetrieben
- Shareholder-Value (nur der Gewinn zählt)

Die Arbeitszeit hat sich in den letzten Jahren verkürzt. Dies könnte eine Chance
darstellen (wenn die freie Zeit positiv genützt wird, z.B. mit der Betreuung von alten
Menschen), beinhaltet aber auch die Gefahr, als belastende „Arbeitslosigkeit“
empfunden zu werden.
Der rasche Wandel des Arbeitsmarktes und der Technologie verlangen eine grosse
Flexibilität vom Berufstätigen. Die Lebensläufe und Berufswege sind viel individueller
geworden.

Arbeitslosigkeit wird von den Betroffenen sehr unterschiedlich verarbeitet. Die meisten
erleben aber die Phasenfolge „Schock – Optimismus – Pessimismus (wenn der Erfolg bei
der Jobsuche ausbleibt) – Fatalismus (Aufgeben)“, falls sie über längere Zeit arbeitslos
bleiben.

Morbiditätsrisiko von Arbeitslosen: Arbeitslose, die in der optimistischen Phase eine neue
Stelle finden, haben meist keine Probleme. Bei längerer Arbeitslosigkeit sind allerdings
schwerwiegende psychosoziale und gesundheitliche Folgen häufig. (Anstieg der
Kriminalität, mehr Suizide und Verschlechterung der Gesundheit.) Besonders Herz-
Kreislauf- und psychische Störungen häufen sich durch die andauernde
Belastungssituation.

ÄrztInnen sollten bei arbeitslosen Patienten nicht nur die körperlichen Symptome
behandeln sondern eine psychosoziale Krisenintervention in Zusammenarbeit mit einem
Psychotherapeuten oder einer Beratungsstelle in Betracht ziehen.
3. Teil: Seiten 139 – 168 | Eric Kuhn
Entwicklungspsychologie befasst sich mit Entwicklung der Persönlichkeit von Geburt bis
zum Tod. Man geht von einem lebenslangen Entwicklungsprozess aus. Entwicklung
verläuft dabei in Phasen, wobei Phasenübergänge psychosoziale Krisenzeiten sind, die
Anpassungen verlangen.

Entwicklungspsychologische Grundlagen und Theorien

Entwicklung ist ein dynamischer und lebenslanger Prozess. Interaktion zwischen


individuellen Anlagen und sozialer Umgebung bestimmen, welches Verhalten manifest
wird.

Determinanten der Entwicklung


Entwicklung

Entwicklung wird durch mehrere Faktoren beeinflusst.


Vererbung. Ist jener Teil, der in Genstruktur vorprogrammiert ist. Strukturell-genetische
Merkmale bestimmen dabei die Art eines Lebewesens, individuell-genetischen Merkmale
bestimmten die individuellen Ausprägungen von Körpergestalt, Vitalität und Sensibilität.
Vererbt wahrscheinlich auch die individuelle Obergrenze (IQ).

Reifung. Jener Anteil, den das organische Wachstum zur Entwicklung beiträgt. Reifung
manifestiert sich am deutlichsten im körperlichen Wachstum und in der motorischen
Entwicklung. Auch Entwicklung der Sprache, Wahrnehmung, Denkens und Gedächnisses.
Reifung, wenn organische Veränderungen Fähigkeiten ermöglichen, ohne Lernvorgänge
zuvor.

Alterung. Mit 20 Jahren ist Organismus in äusserer Erscheinung ausgereift. Subjektive


Wahrnehmungen von Minderung der Leistungsfähigkeit wie Reaktionsfähigkeit und
Sehvermögen. Diese Alterungsprozesse laufen individuell und von Organ zu Organ in
unterschiedlicher Geschwindigkeit ab.

Lernen. Vorgang, der eine eigene Aktivität als Reaktion auf eine Umweltsituation
umschreibt wie z.B. Sprache erlernen. Fähigkeit basiert auf biologischen
Voraussetzungen (Neuronen, neue Verbindungen/Synapsen). Dass diese Veränderungen
im Gehirn zum grossen Teil als Folge von Lernprozessen stattfinden, gilt heute als
gesichert. Mehr Synapsenverbindungen bei einer stimulierenden Umwelt.

Biologisches und soziales Geschlecht

Durch Geschlechtschromosomen wird Geschlecht bestimmt. Im Englischen unterscheidet


man zwei Begriffe: „Sex“ und „Gender“. Sex beschreibt biologische Merkmale einer
Person wie genetische Anlagen. Gender bezeichnet das soziale Geschlecht, also z.B. die
Stellung einer Frau in unserer Gesellschaft (sind intuitive Hypothesen).

Soziale Normen. Gesellschaft gestaltet Ablauf des Lebens. Rechte, Pflichten und
Sanktionen sind unterschiedlich über die Altersgruppen verteilt. Unterschiedliche Rollen
über das Leben werden eingenommen und mit bestimmten Erwartungen verknüpft. Es
gibt obligatorische Rollenverpflichtungen (z.B. Jugendzeit) als auch fakultative
Rollenerwartungen (z.B. Ehe).
Familiäre und soziale Bezugssysteme. Persönlichkeit entwickelt sich als Teil
verschiedener sozialer Systeme. Wenn Erwachsen verlieren die bisherigen
Bezugssysteme an Bedeutung und andere wie Partnerschaft, Hochschule treten als neue
ein. Die Berufs- und Partnerwahl haben für den jungen Erwachsenen die nachhaltigsten
Konsequenzen für seinen weiteren Lebenslauf.
Determinanten der historischen Zeit. Politische Neuordnung Europas, Globalisierung der
Wirtschaft, enormer Wissenszuwachs und rascher Informationsaustausch haben Einfluss
auf den Einzelnen und dessen Entwicklung.

Entwicklungspsychologische Theorien

Vier theoretische Grundmodelle der Entwicklung nach Montada:

Endogenistische
Endogenistische Theorien = Reifung des Organismus entsprechend der Genstruktur in
festgelegten, nicht umkehrbaren Aufeinanderfolgen. Rolle des Individuums und der
Umwelt sind passiv.

Exogenistische Theorien = Prägung durch Umwelteinflüsse (Kind nur Spielball einer


aktiven Umwelt). Rolle des Individuums passiv, der Umwelt aber aktiv.

Früh-
Früh-konstruktivistische Theorien = Selbstkonstruktion des Menschen von sich selbst in
der Umwelt. Rolle des Individuums ist aktiv, der Umwelt passiv.

Interaktionistische Theorien = Wechselwirkung von Mensch und Umwelt in einem


ganzheitlichen System. Rolle des Individuums und der Umwelt aktiv.

Entwicklungspsychologische Betrachtungsebenen

Entwicklungspsychologische Theorien haben grossen Einfluss was als normale


Entwicklung des Menschen definiert wird. Die interaktionistische Sichtweise muss durch
eine prozessuale Sichtweise ergänzt werden (unterschiedliche Entwicklungs- und
Lebensphasen). Ebenso muss die jeweilige Ebene, die in die Betrachtung einbezogen
wird, definiert werden. Es lassen sich dabei vier Betrachtungsebenen unterscheiden:

Die physikalisch-
physikalisch-chemische Ebene hat Fokus auf Molekularbiologische Prozesse.
Die Betrachtungsebene der Körperfunktionen hat Fokus auf Organsysteme und
Strukturformationen.
Die Verhaltensebene hat Fokus auf Entwicklung des Sozialverhaltens und der Eltern-Kind-
Interaktion.
Die intrapsychische Ebene hat Fokus auf psychische Struktur (Es, Ich und Über-Ich),
Selbst- und Objektrepräsentanzen

Psychobiologische Phänomene

Neben den genetischen Einflüssen kommt den psychobiologischen Phänomenen als


Bindegliedern zwischen der Seele und dem Körper eine übergreifende Rolle zu. Es
bestehen keine einfachen linearen Zusammenhänge zwischen neuronalen bzw.
endokrinen und psychischen Funktionen. Spezifische Gegebenheit wird durch Vielzahl
von rückgekoppelten Signalstoffen determiniert. Gleicher Signalstoff kann umgekehrt
unterschiedliche psychophysische Funktionen beeinflussen.
Merke: Folgende Faktoren greifen zirkulär in den Entwicklungsprozess ein:

Genetische Faktoren: - strukturelle Reifung zum Erwachsenen


- individuell-genetische Anlagen (Körpergestalt, Temperament, Sensibilität, intellektuelles
Potenzial)

Soziokulturelle Faktoren: - Kulturkreis und weitere Umwelt (Volk, Stadt oder Land, soziale Schicht)
- engere Umwelt (Familie, Schule, engerer Freundeskreis)

Innerseelische dynamische Faktoren:- bewusste Selbststeuerung (Arbeitshaltung, Motivation, Lebensziele und –pläne,
Streben nach Selbstverwirklichung)
- unbewusste dynamische Prozesse (Entstehung von Leitbildern)

Schwangerschaft und Geburt


Schwangerschaft als Reifungskrise

Kinderwunsch. Es gibt zahlreiche und unterschiedliche Motive, den Wunsch nach einem
Kind zu haben. Es spielen biologische Kräfte als auch psychologische Aspekte eine Rolle.
Vorstellungen, dass Kind z.B. eigene nicht gelebte oder verlorene Idealvorstellungen
verwirklichen soll oder der Wunsch einer Frau, sich mit der eigenen Mutter zu
identifizieren und bestimmte narzisstische Bedürfnisse durch ein Kind zu befriedigen.
Kinderwunsch aktiviert auch Beziehung zu den eigenen Eltern.

Ambivalenz zwischen Kinderwunsch und Berufstätigkeit. Viele Frauen absolvieren


heutzutage eine höhere und längere Berufsausbildung und schieben ihren Kinderwunsch
und die Planung einer Schwangerschaft oft bis weit in das 4. Lebensjahrzehnt hinaus. Sie
haben plötzlich Angst, die Chance für eigene Kinder zu verpassen, weshalb der
Kinderwunsch häufig sehr intensiv aufkommt. Wenn sich beruflich arrivierte Frauen für
ein Kind entscheiden, sind die Paare oft ungeduldig und haben oft unbewusste
Erwartungen nach einem perfekten Kind, dem sie dann auch perfekte Eltern sein wollen.
Ärzte und Ärztinnen müssen das Paar beraten, damit nicht schon in dieser Phase
unrealistische Erwartungen oder Ängste entstehen.

Entwicklung der Bindung. In Beziehung der Eltern zum ungeborenen Kind unterscheidet
man drei Erlebnisperioden, die jeweils mit einem körperlichen Entwicklungsstadium des
Fötus zusammenhängen.

Phantasien und Gefühle (1. Stadium). Eltern stellen sich auf die „Nachricht“ der
Schwangerschaft ein. Noch keinerlei Anhaltspunkte für Existenz des Fötus. Gewissheit
der Schwangerschaft löst bei einem Paar sowohl euphorische als auch angstvolle
Gefühle aus. Phantasien kreisen um Erinnerungen an eigene Kindheitserlebnisse und die
Wunschvorstellungen, für das Kind ideale Eltern sein zu wollen. Frauen neigen auf sich
selbst zurückzuziehen. Sie müssen lernen den „Fremdkörper“ zu akzeptieren und als
einen Teil ihrer selbst anzunehmen. Väter fühlen sich oft in der Phase etwas
ausgeschlossen.

Erste Kindsbewegungen (2. Stadium). Eltern beginnen Fötus als Wesen wahrzunehmen.
Erste Kindsbewegungen in der 16. – 20. Schwangerschaftswoche fallen meist mit dieser
Phase zusammen. Bewegungen helfen der Mutter, eine Vorstellung vom Kind zu
entwickeln (Temperamentvoll, aktiv, ruhig). Mit den Bewegungen wird das Kind auch für
den Vater zu einer Realität. Er wird dadurch aktiver in die Beziehungsentwicklung sowohl
zum werdenden Kind wie auch zu seiner Frau einbezogen.

Letzte Schwangerschaftsmonate
Schwangerschaftsmonate (3. Stadium). Eltern erleben das Kind zunehmend als
eigenes Wesen, welches immer realer wird. Namen werden häufig ausgesucht, Haus oder
Wohnung gestaltet, Betreuung des Kindes organisiert etc. Die werdenden Eltern müssen
sich über ihre zukünftige Rollenverteilung verständigen: Wer wird sich um das Kind wann
kümmern? Diese Vorbereitungen unterstützen den Prozess, dass einem Paar der
Übergang zur Gründung einer Familie gelingt. Fötus trägt durch seine charakteristischen
Bewegungen, Rhythmen und Aktivitätsgrade zu seiner eigenen Individuation bei. Zyklen
und Muster der fötalen Bewegungen und Aktivitätsgrade bilden sich heraus, auf die sich
die Mutter allmählich verlassen kann. Ihre Reaktionen können als frühe Form der
Interaktion verstanden werden. Verhaltensmuster deuten auf Persönlichkeit hin, und
genau dies ist wichtig, damit für die Mutter bei der Geburt das Kind kein Fremder mehr
ist. Umgekehrt reagiert natürlich auch der Fötus auf die Reaktionsweisen der Mutter.

Fallbeispiel: Problematik bei der Schwangerschaft. Frau wird depressiv. Grund ist, dass
Sie (die Eltern) noch keine geeignete Lösung für das zukünftige Familienmodell gefunden
haben. Gynäkologin beratet sie. Als sie endlich eine ideale und gute Lösung gefunden
haben, verschwindet die depressive Symptomatik. Alle sind glücklich.

Ultraschall-
Ultraschall- und Fruchtwasseruntersuchung. Diese unterschiedlichen Untersuchungen
dienen heute zur Beobachtung des Schwangerschaftsverlaufs und zum Screening von
Entwicklungsstörungen des Fetus. Diese beeinflussen die psychische Anpassung an das
Kind in verschiedener Hinsicht. Ängste verringern sich (ist das Kind normal?) und Eltern
durchlaufen bange Wochen, bis sie die Untersuchungsergebnisse erfahren. Besteht
Verdacht auf eine Fehlbildung, ist es wichtig, dass mit den Eltern medizinische und
psychologische Konsequenzen einer weitergehenden Abklärung behutsam zu
besprechen. Wenn fetale Fehlbildung diagnostiziert, soll Ärzteteam die Befunde
bestätigen. Es soll offen informiert werden – ohne dabei eine bestimmte Einstellung (wie
z.B. Abbruch) gegenüber den Eltern einzunehmen. Eltern sollen Möglichkeit haben, mit
anderen Bezugs- und Vertrauenspersonen die Frage nach Abbruch oder Schwangerschaft
zu überlegen. Ungünstig ist Zeitdruck von ärztlicher Seite her. Mitteilung einer
Fehlbildungsdiagnose belastet auch die ÄrztInnen emotional und erfordert hohe
kommunikative Kompetenz. Geschlecht des Kindes kann durch Untersuchungen
bestimmt werden – über 40% wollen das Geschlecht aber nicht wissen.

Ängste in der Schwangerschaft.


Schwangerschaft. Trotz allen Untersuchungen haben die schwangeren
Mütter und auch oft Väter, Angst, dass sich das Kind nicht normal entwickelt. Brauchen
immer wieder Versicherung des Hausarztes. Bis Mutter Bewegungen wahrnimmt, ist auf
dem Ultraschall das kaum erkennbare, schattenhafte Wesen für sie etwas „Irreales“.
Prozess, das Kind als Persönlichkeit wahrzunehmen, kann nicht forciert werden.
Anpassung an einen frühgeborenen Säugling ist daher oft schwierig.

Pränatale Sinneswahrnehmungen. Nur der Mensch verfügt vor der Geburt ein
funktionstüchtiges Sinnessystem. Fötus kann im letzten Schwangerschaftsdrittel
verlässlich auf visuelle, akustische und kinästhetische Reize reagieren. Neugeborenes
bevorzugt bei der Geburt daher auch eine weibliche vor einer männlichen Stimme.

Merke:

Die Beziehung zwischen Eltern und Kind beginnt nicht erst bei der Geburt. Sie entsteht aus den Erwartungen,
Wünschen und Ängsten, welche die Eltern mit ihrem zukünftigen Kind verbinden, aus ihren partnerschaftlichen und
familiären Vorstellungen sowie aus den Erfahrungen, welche die Eltern während der Schwangerschaft mit dem Kind
und mit dem Ehepartner machen.
Der Vater während der Schwangerschaft

Schwangerschaftsneid. Erste Reaktionen des werdenden Vaters sind häufig Gefühle des
Ausgeschlossenseins und Neidgefühle. Frau wendet zum Einen mehr Aufmerksamkeit
sich selbst und auf das ungeborene Kind und Anderseits steht sie im Mittelpunkt im
Familien- und Freundeskreis. In der heutigen Zeit, in der sich Väter intensiver an allen
Vorbereitungen auf das zu erwartende Kind beteiligten, entwickeln junge Mütter und
Väter schon früh ein gewisses Konkurrenzverhalten. Jeder möchte für Baby die
Hauptrolle spielen. Diese Rivalitätsgefühle sind ein normaler und notwendiger
Bestandteil und stärken die eheliche Beziehung.

Identifikation mit der Partnerin. Väter entwickeln in dem zweiten Schwangerschaftsdrittel


grösseres Interesse für ihren eigenen Körper. Unbewusst identifizieren sie sich mit ihren
schwangeren Frauen. Annäherung an den gleichgeschlechtlichen Elternteil, d.h. also den
eigenen Vater findet statt. Anwesenheit des Vaters erleichtert der Frau, in die Mutterrolle
hineinzuwachsen.

Sexualität während der Schwangerschaft und im ersten Jahr nach der Geburt

Veränderungen im Sexualverhalten. Sexualverhalten verändert sich während der


Schwangerschaft – ruft bei nicht wenigen Paaren Ängste und Unsicherheiten hervor.
Werdende Mütter konzentrieren sich mehr auf das Kind und Wunsch zum
Geschlechtsverkehrt lässt deutlich nach. Zukünftige Eltern haben oft auch Ängste, sie
könnten durch den Sexualakt den Fötus verletzen. Ein Jahr post partum berichten fast
die Hälfte der Frauen und ca. jeder fünfte männliche Partner über eine Verminderung der
sexuellen Reaktionsfähigkeit. Ursachen sind körperliche Ermüdung, der Stress und die
allzu starke Ausrichtung auf das Kind.

Abnahme der sexuellen Zufriedenheit. Die beschriebenen Veränderungen sind individuell


sehr verschieden. Sind unabhängig vom sozialen Status des Paares, ob Schwangerschaft
geplant oder ungeplant war, ob es Geburtskomplikationen gab oder ob die Mutter das
Kind stillt. Hängen aber von der Qualität der Paarbeziehung vor Eintreten der
Schwangerschaft ab. Die Abnahme der sexuellen Zufriedenheit nach der Geburt des
Kindes ist somit bei einer vertrauensvollen Beziehung mit flexiblen Rollenaufteilungen
und einer befriedigenden Sexualität weniger ausgeprägt. Die Ärztin/der Arzt sollten das
Paar gelegentlich nach ihrer sexuellen Zufriedenheit fragen. Paarkonflikte nehmen ihre
Anfänge nicht selten nach einem Jahr.

Aufgaben der Ärztin/des Arztes und der Hebamme in der Beratung schwangerer Paare

Pränatale Diagnostik. Schwerpunkt heute in pränatalen Diagnostik und Früherkennung


von Fehlbildungen, Risikoschwangerschaften und drohenden Frühgeburten.
Einzel-
Einzel- und Paarberatung.
Paarberatung. Weitere Aufgabe ist es, der werdenden Mutter die Angst vor
der Geburt, vor allem die Angst vor Schmerzen bei der Geburt zu nehmen. Wichtig daher,
über verschiedene Möglichkeiten der Schmerzlinderung zu informieren. Väter begleiten
ihre Frauen schon während der Schwangerschaftsverlaufskonsultationen gelegentlich zur
Untersuchung. Ca. 1 Monat vor Geburtstermin werden die Paare vom Hebammenteam
der Klinik eingeladen. Zukünftige Eltern sollen die Gebärabteilung und das
Geburtshelferteam kennen lernen. Die sterilen Gebärsäle von früher sind verschwunden
und haben Gebärzimmern Platz gemacht, die mehr Intimität und familiäre Atmosphäre
ausstrahlen.
Aufgaben der Hebamme. Die Frau auf verschiedene Entspannungsübungen hinweisen,
zu Elternvorbereitungskursen einladen (dienen dazu, die Angst vor der Geburt zu lindern).

Beziehungsorientierte Geburt. Wichtig ist es auch dem Mann seine Rolle und seine
emotionale Unterstützungsfunktion während der Geburtsphase aufzuzeigen. Die
Integration des ganzen Gebärteams, d.h. die Zusammenarbeit von werdenden Eltern,
Hebammen und ÄrztInnen, bezeichnet man als beziehungsorientierte Geburt.

Klinik-
Klinik- oder Hausgeburt. Immer wieder wird der Vorwurf geäussert, im Spital werde der
natürliche Vorgang einer Geburt zu einem medizinischen Ereignis umfunktioniert. Das
Neugeborene erleide einen Geburtsschock! Hausgeburten wurden in den letzten Jahren
wieder propagiert  Es zeigt sich jedoch, dass Hausgeburten wenig geeignet sind (durch
heutige Lebensform bedingt). Oft geniessen Frauen die Fürsorge und Anleitung einer
geburtshilflichen Abteilung.
Geburtshaus und ambulante Geburt. Zwei Kompromisslösungen zwischen Klinik- oder
Hausgeburt haben sich entwickelt: Von Hebammen geführte Gebärhäuser wurden
eröffnet. Anderseits bieten Kliniken die Möglichkeit zur ambulanten Geburt an (Frau
bringt Kind im Gebärzimmer einer Klinik zur Welt, kann aber entweder schon nach
einigen Stunden oder nach einem Tag mit ihrem Kind nach Hause gehen).

Merke:

Die Einstellung zu Schwangerschaft und Geburt haben sich in den letzten Jahren wesentlich geändert. Gefahr besteht
heutzutage, dass gelegentlich unrealistische Erwartungen und Phantasien entstehen. ÄrztInnen haben in der Beratung
werdender Eltern und der Geburtsleitung sowohl eine supportive als auch präventive Aufgabe, auf die kommenden
Veränderungen im Leben eines Paares oder einer alleinstehenden Mutter vorzubereiten.

Neugeborenenzeit

Sensorische Entwicklung. Sinnesorgane des Föten sind bereits im letzten


Schwangerschaftsdrittel funktionsbereit. Gewisse Interaktionsrhythmen zwischen Mutter
und Kind haben sich eingespielt. Diese Fähigkeiten sind Ausgangspunkt für die
Reaktionsweisen des Neugeborenen, die ihrerseits das instinktive elterliche
Pflegeverhalten beeinflussen. Forschergruppe um Brazelton konnte in den 80er Jahren
nachweisen, dass das Neugeborene bereits sehr differenzierte sensorische Fähigkeiten
hat, welche Grundlage für die Eltern-Kind-Interaktion bilden. Eltern müssen daher auch
auf das breite Verhaltensrepertoire und die Reaktionsfähigkeit ihres neugeborenen
Kindes aufmerksam gemacht werden.

Die fünf Sinne des Neugeborenen

1. Sehen. Neugeborene sind relativ kurzsichtig. Objekte in 25-30 cm Entfernung sieht es


am Besten. Im Alter von drei Monaten kann Kind über 2.5 m weit sehen. Mit 6 Monaten
entspricht Sehvermögen dem des erwachsenen Menschen. Die visuellen Reize, auf die
das Neugeborene am stärksten anspricht, sind offenbar die glänzenden Augen, der
Mund sowie die Umrisse des Gesichts.

2. Hören. Gehör ist mit 20 Schwangerschaftswochen teilweise und mit 36 bis 40


Schwangerschaftswochen voll funktionstüchtig. Neugeborene hat deutliche Vorliebe für
die weibliche Stimme. Die vom Säugling wahrgenommenen Geräusche wirken sich auch
auf seine Motorik und vegetative Reagibilität aus. Mutter passt ihren Sprachrhythmus
den Bewegungen des Kindes an, d.h. Mutter und Kind stimmen sich unbewusst in ihren
Interaktionen aufeinander ab. Seh- und Hörfähigkeit eines Neugeborenen sind für den
Bindungsprozess nach der Geburt ebenso wichtig wie das erste Anlegen an die Brust.

3. Geruchssinn. Neugeborene haben hochentwickelten Geruchssinn. Sie differenzieren


zwischen ansprechenden und nichtansprechenden Gerüchen. Brustbabys im Alter von
drei Wochen weigern sich unter Umständen, Fertignahrung von ihrer Mutter
anzunehmen. Diese Weigerung scheint auf der Fähigkeit des Säuglings zu beruhen, die
Nähe der Brust zu riechen. Im Alter von 2 bis 3 Wochen beginnen Babys, eifrig nach der
Brust zu suchen, als erwarteten sie, gestillt zu werden.

4. Geschmackssinn. Neugeborene sind in der Lage, sehr feine geschmackliche


Unterschiede wahrzunehmen. Wenn er Kuhmilch trinkt  Sehr kontinuierlich,
unregelmässige Pausen. Wenn aber Brustmilch  legt sehr häufige und regelmässige
Pausen ein. Dieser Trinkphasen-Pausen-Rhythmus weist darauf hin, dass Brustmilch im
Kind andere Erwartungen bezüglich Interaktion mit der Pflegperson weckt.

5. Berührungssinn. Das erste Kommunikationsmittel zwischen Eltern und Neugeborenem


ist die körperliche Berührung. Langsames Streicheln oder Tätscheln wirkt beruhigend auf
das Kind, schnelle Bewegungen werden als anregender Reiz wahrgenommen.

Merke:

Das Neugeborene verfügt bereits über sehr differenzierte sensorische Fähigkeiten. Kenntnisse der Reaktionen eines
gesunden Neugeborenen machen es möglich, Störungen der Sinneswahrnehmung zu erkennen. Frühzeitige
Feststellung solcher Störungen durch Haus- oder KinderärztInnen ist von grosser Bedeutung für die Entwicklung des
Kindes in den ersten Lebensmonaten. Durch Verhaltensempfehlungen an die Eltern können rechtzeitig Weichen für die
bestmögliche Kompensation solcher Störungen gestellt werden.

Verhaltenszustände

Neugeborene reagieren und interagieren mit der Umgebung von Geburt an. Die
Reaktionen eines Neugeborenen werden vor dem Hintergrund dieser Verhaltenszustände
verständlich. Je nach dem ist eine Stimulation angemessen oder nicht.

Merke:

Die Definition der Verhaltenszustände bezieht sich auf den Ansprechbarkeits-


Ansprechbarkeits- oder Wachheitsgrad des Neugeborenen.
Der Verhaltenszustand stellt ein grundlegendes Regulationssystem dar. Da Neugeborene ihre Verhaltenszustände
kontrollieren können, können sie auch regulieren, wann und ob sie Information aufnehmen und auf Reize reagieren,
d.h. sie üben eine Form von Kontrolle über ihre Umwelt aus.

Wenn geräuschvolle, überstimulierende Umgebung  Neugeborene fallen entweder in


Tiefschlaf oder schreien. Eltern müssen die Verhaltenszustände ihres Babys als
Grundlage für adäquates Interagieren kennen lernen.

Die fünf Verhaltenszustände:

Tiefschlaf:
Tiefschlaf fehlende Bulbusbewegungen, regelmässige Atmung, spärliche Bewegungen, hoher Muskeltonus
REM-
REM-Schlaf:
Schlaf rapid Eye Movements und Gesichtsbewegungen, unregelmässige Atmung, häufigere Bewegungen,
tiefer Muskeltonus
Wachzustand A:A geöffnete Augen, regelmässige Atmung, fehlende Bewegungen, hohe Aufmerksamkeit
Wachzustand B:B geöffnete Augen, regelmässige Atmung, häufigere Bewegungen der Extremitäten, deutlicher
Muskeltonus
Weinen und Schreien:
Schreien Augen offen oder geschlossen, unregelmässige Atmung, unregelmässige Bewegungen,
hoher Muskeltonus, Aufmerksamkeit herabgesetzt bis fehlend.
Wechsel der Verhaltenszustände. In ersten Wochen  Verhaltenszustandsänderungen
unregelmässig. Einmal durchlaufen der 5 Verhaltenszustände beim Säugling in ca. drei
bis vier Stunden. In der Regel bildet sich zunehmend ein Rhythmus im Wechsel der
Verhaltenszustände aus. Verhältnis von Non-REM-Schlaf zu REM-Schlaf bleibt konstant,
ca. 3:1 bzw. 4:1.

Säuglings-
Säuglings- und Kleinkindalter
Motorische Entwicklung

Für Eltern die offenkundigste Veränderung ihres Kindes vom hilflosen, zu keiner
willentlichen Bewegung fähigen Säugling zu einem aufrecht gehenden Wesen mit
zielgerichteter motorischer Aktivität. Beginnt in 8 Schwangerschaftswoche bis Pubertät.
Tabelle 8.3 (S.150) Motorische Entwicklung.

Entwicklung von Bewegungsmuster. Bis 14. Schwangerschaftswoche sind alle


Bewegungsmuster zu beobachten. Kindesbewegungen für Mutter zwischen 16.-20.
Schwangerschaftswoche spürbar. In ersten Monaten nach Geburt entwickelt sich die
Kopfkontrolle. Mit drei Monaten kann er Kopf im Sitzen und in Bauchlage aufrecht halten.
Das Bewegungsmuster besteht zur Zeit des 6 Monats aus ungerichteten Arm- und
Beinbewegungen. Der wache Säugling soll abwechslungsweise in Bauch-, Rückenlage
oder halbaufrechter Stellung gelagert werden.

Fortbewegung. Zwischen 4. bis 9. Monat beginnt Kind sich fortzubewegen. Anfangs dreht
sich das Kind um die eigene Achse und im Kreis. Mit 9. – 10 Monaten robben oder
kriechen die meisten und sie können sich aufsetzten und frei sitzen. Art und zeitliche
Abfolge der Bewegungsmuster wahrscheinlich grossenteils genetisch determiniert. Mit
12 bis 14 Monaten die ersten Schritte. Das freie Gehen kann Kind während einiger
Wochen so in Beschlag nehmen, dass es in übrigen Entwicklung kaum Fortschritte mehr
macht.

Erproben von Bewegungsabläufen.


Bewegungsabläufen. Kleinkind hat natürlichen Drang sich zu bewegen. Der
Bewegungsdrang ist je nach Temperamentslage bei den einzelnen Kindern
unterschiedlich stark ausgeprägt. Kind muss genug Möglichkeiten zur Bewegung haben.

Merke:

Die motorische Entwicklung ist im wesentlichen ein Reifungsprozess, der von Kind zu Kind unterschiedlich rasch
abläuft. Das Auftreten einer motorischen Funktion kann durch Üben nicht beschleunigt werden. Ist eine motorische
Funktion herangereift, ist ihre weitere Differenzierung jedoch abhängig von den Möglichkeiten, sie anzuwenden. Es
besteht kein Zusammenhang zwischen dem Tempo der motorischen Entwicklung und demjenigen anderer
Entwicklungsbereiche. Ein Kind, das sich motorisch langsam entwickelt, kann sprachlich weit fortgeschritten sein und
umgekehrt.

Sprachentwicklung

Mittels der Sprache wächst das Kind in die menschliche Kultur hinein und bildet eine
gesellschaftliche und persönliche Identität aus. Kind muss Wörter isolieren und mit
Bedeutungen verknüpfen, Regeln der Wortbildung erkennen und verstehen, in welcher
Weise Wörter in Sätzen verbunden sind. In der Entwicklung von den ersten
Lautäusserungen bis zum vollen Erwerb der Sprachkompetenz lassen sich folgende
Schritte erkennen Tabelle 8.4 (Seite 152):
152)

• Gurren: Im Alter zwischen 6 und 8 Wochen


• Lautbildung: Zwischen dem 2. und 4. Lebensmonat. Vokale nachahmen.
• Lallen: Zwischen 6. und 9. Monat können sie lallen d.h. produzieren Konsonant-
Vokal-Verbindungen mit satzähnlicher Intonation wie „dada“, „mama“.
• Erste Wörter: Zwischen 10. und 14. Lebensmonat. Um 18. Monat erreichen
Kinder i.d.R. die „magische Fünfzig-Wörter-Marke“. Von da an lernen sie Wörter
sehr schnell  Wenige Monate später schon ca. 200 produktive Wörter. Mit 16
Jahren Grundwortschatz von ca. 60000 Wörtern.
• Satzproduktion: Wenn 50 Wörter bekannt, beginnen sie Zweiwortsätze zu bilden.
Z.B: „papa, da“ oder „oma, weg“. Diese Fähigkeit ist frühestens mit 15 bis 18
Monaten, spätestens im Alter von 3 bis 3.5 Jahren ausgebildet. Im Alter von 15 bis
18 Monaten beginnen einige Kinder ihren Vornamen zu gebrauchen  Ich-
Entwicklung.
• Grammatisierung der Sprache: Erst im 4. Lebensjahr kommt es zu längeren und
vollständigen syntaktischen Satzgebilden. Grammatische Formen aufgebaut durch
Nachahmung und Analogiebildungen, welche schon bereits echte
Intelligenzleistungen sind. Die endgültige Anpassung an Sprache des
Erwachsenen über operante Konditionierung. Falsch gesprochenes wird ignoriert,
korrigiert etc., richtig gesprochenes wird verstanden und darauf adäquat reagiert.
• Fragealter: Im 3. und 4. Lebensjahr ist Neugierdeverhalten des Kindes auf geistige
Bewältigung mit Hilfe der Sprache verlagert. Entweder „Was ist das?“ Antwort 
Wortschatzerweiterung oder „Warum denn?“ Antwort  Zweck von Dingen und
Handlungen verstehen. Erwachsene gelangen nicht selten an Grenzen ihres
Erklärungsvermögens. Kind will nicht nur viel wissen und verstehen, sondern auch
Kontakt zu Eltern herstellen.

Merke:

Das Kind eignet sich die Sprache durch Regelbildung an und nicht durch Nachahmung. Wäre letzteres der Fall, müsste
das Kind alle Sätze, die es bilden will, zuvor einmal gehört haben. Das Kind lernt also nicht Wörter und Sätze
auswendig, sondern leitet aus seinen sprachlichen Erfahrungen Regeln über den hierarchischen Aufbau der Sprache
ab.

Biologische Strukturen
Strukturen der Sprache. Sprachentwicklung im wesentlichen durch die
Hirnreifung bestimmt. Menschliche Sprache wird durch zwei Sprachzentren gesteuert.
Sensorische Sprachzentrum liegt im Gyrus temporalis superior des Temporallappens und
dient dem Sprachverständnis. Hier werden die akustischen Infos analysiert, die über das
Innenohr und Hörnerv dem Sprachzentrum zugeführt werden. Motorische
Sprachzentrum ist im Frontallappen des Gehirns (Gyrus frontalis inferior) lokalisiert und
dient der Produktion der Sprache. Beide Sprachzentren stehen in enger Beziehung
zueinander. Bei rechtshändigen Menschen liegen die Sprachzentren in der linken, bei
Linkshändern in der rechten Hirnhälfte. Nichtsprachliche akustische Signale (Musik)
überwiegend in der jeweils anderen Hirnhälfte verarbeitet. Erleidet ein Kind eine
Verletzung eines Sprachzentrums, gelingt es seinem Gehirn gut, die ausgefallenen
Sprachfunktionen in Areale der anderen Hirnhälfte zu verlagern. Bei Erwachsenen ist dies
nicht der Fall. Motorische Aphasie (Störung der Sprachproduktion) oder sensorische
Aphasie (Störung des Sprachverständnisses) sind zur Folge. Das Gehirn ist in der
Kindheit nicht nur aufnahme-, sondern auch anpassungsfähiger als im Erwachsenalter.

Gehörlosigkeit und Sprache. Funktionsfähiges Hörorgan ist Voraussetzung für die weitere
Sprachentwicklung. Gehör mit 36 bis 40 Schwangerschaftswoche voll funktionsfähig.
Gehörlose Kinder plaudern in den ersten fünf Monaten genauso wie hörende Kinder
(Hinweis darauf, dass noch keine Nachahmung). Während das hörende Kind nach dem
sechsten Monat sein Repertoire an Lauten ständig erweitert, gibt das gehörlose Kind
immer weniger Laute von sich. Verstummt gegen Ende des 1. Lebensjahres.
Mehrsprachigkeit. Das tägliche Hören der Muttersprache bildet beim Kind eine
„phonetische Landkarte“. Wenn von Geburt an bilingual aufgewachsen  Sprachliche
Informationsverarbeitung in zwei sich überlappenden Hirnregionen. Bis zum Ende des
ersten Lebensjahres bleibt das „phonetische Lernfenster“ offen. Wenn Kind nach ersten
Lebensjahr eine Zweitsprache erlernt, bilden sich deutlich von einander getrennte
Zentren für die Informationsverarbeitung der beiden Sprachen aus. Kinder lernen eine
Fremdsprache auf dem Sprachniveau eines Kindes innerhalb von sechs bis zwölf
Monaten. Wächst ein Kind in einem mehrsprachigen Milieu auf, geht dieser Vorteil
vorübergehend mit dem Nachteil einer langsameren Sprachentwicklung in den ersten
Lebensjahren einher (Wortschatz, Satzbau). In späteren Jahren wird Rückstand
problemlos aufgeholt. Jede Bezugsperson sollte mit dem Kind in den ersten Jahren nur
eine Sprache sprechen, da das Kind sonst überfordert wird, da es eine Sprache nicht mit
einer Person in Einklang bringen kann. Die Pubertät stellt einen eigentlichen
Wendepunkt in der Sprachentwicklung dar: Meisten Erwachsenen können Sprache nur
noch über einen analytischen Umweg lernen, d.h. die Sprache wird nach
grammatikalischen Gesetzmässigkeiten erfasst und jedes Wort muss neu gelernt und
bewusst gespeichert werden.

Sprache und Beziehungsverhalten. Wichtiges Merkmal der Sprache ist der Austausch von
verbaler und averbaler Information. Informationeinheiten wie Wörter und Sätze werden
losgelöst von inneren und äusseren Gegebenheiten und so verwendet. Begriffe können in
verschiedenen Zusammenhängen benutzt werden  Vielfalt der Kulturen. Sprache im
engeren Sinn, tritt bei Kindern erst im zweiten Lebensjahr auf. Zuvor kommunizieren
Säuglinge mit ihrer Umgebung in vielfältigster Weise. Frühe Verständigungsformen
umfassen vorwiegend averbale Ausdrucksmittel wie Körperhaltung, Mimik etc.
Wahrnehmungsorgane sind die Augen, der Berührungssinn, das Gehör und der
Geruchssinn. Bei gesprochenem Wort ist häufig der Inhalt weniger wichtig als die Art und
Weise, wie etwas gesagt wird. In ersten zwei Lebensjahren kommunizieren Kind und
Bezugspersonen vorwiegend in der nonverbalen Körpersprache.

Sprachförderung. Form und Inhalt ihrer Sprache sollten Eltern nicht dem sprachlichen
Ausdruck des Indes, sondern seinem Entwicklungsstand und seinem Sprachverständnis
anpassen. Ihre Sprache sollte konkret, d.h. handlungsorientiert und sachbezogen sein
und der Vorstellungswelt des Kindes entsprechen. Emotionale Aspekt und averbale
Kommunikation sind ebenso wichtige Faktoren. Die beste Sprachförderung ist eine gute
Beziehung zum Kind.

Soziales Milieu und Sprachentwicklung. Eltern aus niedrigeren sozialen Schichten


kommunizieren mit ihren Kindern häufig nonverbal. Kurze Befehle und Hinweise sind
typisch. Bleiben im Konkreten. Eltern aus mittleren und oberen sozialen Schichten
verwenden einen reicheren Wortschatz und eine kompliziertere Syntax. Sprache ist reich
an Adjektiven, Präpositionen und abstrakten Begriffen. Im Hinblick auf die grosse
Milieuabhängigkeit der Sprachentwicklung und auf die Tatsache, dass die Entwicklung
des begrifflichen und formalen Denkens aufs engste mit der Sprache zusammenhängt,
wird der Sprachförderung im Vorschulalter heute ein besonderes Augenmerk geschenkt.

Denken und Sprache. Für meisten Erwachsenen ist Denken ohne Sprache nicht
vorstellbar. So wurde lange Zeit angenommen, dass auch in der kindlichen Entwicklung
die Sprache dem Denken vorausgeht.
Merke:

Geistige Entwicklung und Sprache. Heute ist gesichert, dass sich in den ersten Lebensjahren zunächst das Denken und
dann erst die Sprache entwickeln. Geistige Einsichten sind unabdingbare Voraussetzungen für die Entwicklung der
Sprache. Die Beziehung zwischen geistiger Entwicklung und Sprache lässt sich folgendermassen beschreiben: Geistige
Entwicklung  Sprachverständnis  Sprachlicher Ausdruck

Verständnis
Verständnis und Sprache. Allgemein gilt: Zuerst kommt das Denken, dann das Verstehen
und schliesslich das Sprechen. Als Beispiel mit dem Wort „essen“: Gegen Ende des
ersten Lebensjahres entwickelt Kind ein Verständnis für die Tätigkeit „essen“. Versucht
zuerst mit Händen, dann mit Löffel zu essen. Kurze Zeit später versteht das Kind, dass
diese Tätigkeit mit dem Wort „essen“ bezeichnet wird. Mehrere Wochen bis Monate
später, kann es das Wort „essen“ aussprechen und anwenden. Ein Kind versteht in
jedem Alter mehr, als es sprachlich auszudrücken vermag!

Weiterentwicklung der Sprache im Schulalter (Siehe Tabelle 8.5 Seite 156).

Spielentwicklung und Spielverhalten

Merkmale des kindlichen Spiels

Selbstzweck des Spiels. Sinn liegt in der Handlung selbst, d.h. das spielende Kind erlebt
sich als Teil der Handlung.

Wechsel des Realitätsbezugs. Im Spiel konstruiert das Kind eine andere Realität, die der
„imaginierten Situation“.

Wiederholung und Ritual. Es zeigen sich in allen Spielformen Wiederholungen von


Handlungen, welche häufig auch Ritualcharakter haben, d.h. Handlungen haben einen
festgelegten Ablauf und sind in ihrer Gestalt stärker profiliert als Alltagshandlungen.
Erfahrungen durch Spielen, machen den Sinn seines Spiels aus. Diese sind für soziale,
geistige und sprachliche Entwicklung von Bedeutung. Spiel wird durch das Kind
bestimmt. Seine Ausformung steht in engem Zusammenhang mit dem jeweiligen
Entwicklungsstand des Kindes, wobei die zeitliche Abfolge der spielerischen
Verhaltensweisen bei allen Kindern gleich ist. Mädchen und jungen unterscheiden sich in
ihrem Spielverhalten in den ersten Lebensjahren kaum. Erst im Kindergartenalter bilden
sich zunehmend, wahrscheinlich sozialisationsbedingt, Unterschiede heraus. Rolle des
Erwachsenen: Vorbild zum Nachahmen und Spielpartner sein sowie dem
Entwicklungsalter des Kindes entsprechende Spielsachen anbieten.

Formen des Spiels und ihre Reihenfolge in der Entwicklung

Sensumotorisches Spiel. Im ersten und zweiten Lebensjahr Aktivitäten, die als


sensumotorisches oder Funktionsspiel bezeichnet werden. Kind hat Freude an
Körperbewegungen und wiederholt diese oft lange Zeit.

Informationsspiel (ab ca. 12 Monate). Umgang mit Gegenständen zeigt bei dieser
Aktivitätsform Erkundungsfunktion (z.B: Zerlegen von Spielgegenständen).

Konstruktionsspiel (ab ca. 18 Monate). Kind will mit Spielgegenständen etwas herstellen,
„konstruieren“ (Zeichnungen, Bauwerk aus Bauklötzen). Zwei Klassen von Gegenständen
müssen gehandhabt und aufeinander bezogen werden: Werkzeuge (Bleistift) und
Rohmaterial (Papier).
Sequentielles und Symbolspiel (ab ca. drei Jahre). Bei einer engeren Definition von Spiel
die eigentliche kindliche Spielform. Kind kann ganze Handlungsabläufe mit einer
gemeinsamen Thematik zur Darstellung bringen. Wird als Sequentielles
Sequentielles Spiel bezeichnet
(z.B. „Essen am Familientisch mit Stofftieren“). Inneren Vorstellungen oder
Symbolfunktionen sind von grosser Bedeutung für das Denken, das Beziehungsverhalten
und die Sprachentwicklung. Weiterentwicklung ist das Symbolspiel. Kind deutet einen
Spielgegenstand sowie das auf ihn bezogene Handeln nach eigenen Wunsch- und
Zielvorstellungen um (Puppenspiele der Mädchen, „Superman“-Spiele der Jungen sowie
Rollenspiele).

Rollenspiel (ab ca. vier Jahren). Zusammenspiel mehrerer Personen wird beschrieben
(„Drehbuch“). Spielform erfordert von den Teilnehmenden höhere soziale und kognitive
Kompetenzen.

Regelspiel (ab ca. vier Jahren). Soziale Formen des Spiels, bei denen nach festgelegten
Regeln agiert wird, deren Einhaltung unabdingbar ist und die zugleich den Reiz des Spiels
ausmachen (z.B. Hüpfspiele mit dem Seil und dann aber wichtiger auch Sportspiele wie
Fussball; Brettspiele etc.). Während Kindheit finden sich die Spielformen meist parallel
zueinander. Bis weit ins Schulalter nimmt das Spielen einen grossen Stellenwert im
Tagesablauf eines Kindes ein. Braucht genügend Entfaltungsmöglichkeiten, um seinem
grossen Bedürfnis zu spielen nachkommen zu können.

Merke zur Bedeutung des Spielens:

Das Kind hat von Geburt bis ins Schulalter ein elementares Bedürfnis zu spielen. Das Spiel dient seiner emotionalen,
geistigen und sozialen Entwicklung. Es stellt einen unbewussten Lernvorgang dar. Dem kindlichen Spiel ist ein
Aktivierungszirkel zwischen Spannung und Entspannung eigen. Es bedeutet eine handelnde Auseinandersetzung mit
einem Stück realer Umwelt. Das Spiel ist nicht zielorientiert und sehr gegenwartsbezogen.

Die Bedeutung des Temperaments für die Entwicklung des Kindes

Temperament beschreibt die individuelle, lebenslänglich vorhandene Disposition, wie


eine Person auf bestimmte Situation reagiert. Temperament kennzeichnet die Art und
den Stil des Verhaltens eines Individuums. Das Temperament ist von der frühen
Säuglingszeit an beobachtbar, zeigt sich am ausgeprägtesten im Kleinkindalter und
erfährt später durch Erziehung und Erfahrung im sozialen Umfeld Modifikationen.

Temperamentforschung. Ausgehend von der amerikanischen Entwicklungspsychologie


wurde dem Temperament für das Verständnis der kindlichen Entwicklung eine wichtige
Bedeutung zugemessen.

Temperamentsdimensionen. Aus den Interviewberichten der Eltern wurde von Thomas


und Chess inhaltsanalytisch 9 Temperamentsdimensionen erstellt, die sich dazu eigenen,
Unterschiede im Verhaltensstil von Kindern zu beschreiben:

1. Aktivität: Niveau, Tempo und Häufigkeit, mit der die motorische Komponente im
Verhalten hervortritt, sowie die Anteile passiven versus aktiven Verhaltens im
Tagesablauf.
2. Regelmässigkeit: des Auftretens grundlegender biologischer Funktionen wie des
Schlaf-Wach-Rhythmus, Stuhlgangs und Hungergefühls.
3. Annährung-
Annährung-Rückzug: erste Reaktionen des Kindes auf neue, unvertraute Reize
und Situationen.
4. Anpassungsvermögen: Leichtigkeit, mit welcher das Kind eine anfängliche
Reaktion in die von der Umwelt gewünschte Richtung verändern kann.
5. Sensorische
Sensorische Reizschwelle:
Reizschwelle Stärke eines Reizes, die nötig ist, um eine
wahrnehmbare Reaktion hervorzurufen.
6. Stimmungslage:
Stimmungslage Anzahl der positiven Reaktionen (Freude) im Verhältnis zur Anzahl
der negativen Reaktionen (Weinen).
7. Intensität:
Intensität Energie oder Heftigkeit, mit welcher eine Reaktion zum Ausdruck
kommt.
8. Ablenkbarkeit:
Ablenkbarkeit Grad, in welchem äussere Reize auf die Richtung des Verhaltens
Einfluss nehmen oder sie verändern können.
9. Ausdauer:
Ausdauer Zeitspanne, in der ein Kind sich mit einer Tätigkeit trotz vorhandener
Hindernisse beschäftigen kann

Temperamentskonstellationen. Temperament eines Kindes in allen 9 Dimensionen


wurde auf einer 3-Punke Skala erfasst. Drei Temperamentskonstellationen wurden
ermittelt (Siehe
Siehe Seite 159 blauer Kasten). In Erziehung sollte versucht werden, die Kinder
möglichst entsprechend ihrer Temperamentskonstellation entwickeln und entfalten zu
lassen. Dies bedeutet: Einfache, flexible, ausgeglichene Kinder müssen genügend
beachtet werden, ängstliche Kinder brauchen mehr Zeit und Unterstützung und
komplizierte Kinder profitieren von einem flexiblen Erziehungsstil.

Entwicklungschancen. Die Temperamentskonstellationen umschreiben nur Variationen


innerhalb normaler Grenzen. Auch Kinder mit „einfachem“ Temperament können, wenn
auch deutlich seltener, Verhaltensstörungen entwickeln. Psychische Störungen
besonders dann, wenn das Temperament mit den Erwartungen und Anforderungen der
Umwelt nicht „zusammenpasst“  Temperament-Umwelt-Interaktion  Begriff
„Passung“ geprägt.

Modell der Passung. Modell geht davon aus, dass die psychische Entwicklung eines
Individuums weder alleine von Umwelteinflüssen, wie Einstellungen und
Erziehungspraktiken der Eltern, noch von der Anlage, wie dem Temperament des Kindes,
bestimmt wird, sondern von der Übereinstimmung oder Kompatibilität zwischen beiden.
Nennt dieses Modell auch goodness of fit,fit bei Nicht-Übereinstimmung poorness of fit.
Diese Modelle weisen auch Ähnlichkeiten mit dem modernen Stress-
Stress-Konzept aus. Stress
wird dabei als Zustand verstanden, der in einem Ungleichgewicht begründet ist zwischen
Erwartungen aus der Umwelt und der Fähigkeit eines Individuums, diese Erwartungen zu
erfüllen.

Weiterentwicklung der Temperamentsforschung. Arbeitsgruppe um Kagan entwickelte die


Temperamentsforschung vor allem auf neurophysiologischer Basis weiter. Während
Temperament früher global als eine bestimmte Verhaltensdisposition betrachtet wurde,
wird der Fokus heutzutage vor allem auf spezifische Response-Charakteristika gegenüber
Stimuli gerichtet, so dass man sich auf die Dauer, Frequenz und Intensität einer
Verhaltensantwort auf Stimuli beschränkt. Man nimmt an, dass das Temperament mehr
mit dem Affektsystem als mit dem kognitiven System verbunden ist.

Ich-
Ich-Entwicklung
Konzepte zur intrapsychischen Entwicklung des Menschen wurden seit Beginn des 20.
Jahrhunderts von verschiedenen tiefenpsychologischen Schulen, insbesondere der
Psychoanalyse entwickelt. Einzelne Phasen der Ich-Entwicklung des Kindes wurden
beschrieben. Diese verlaufen teilweise nacheinander, teilweise parallel.
Die autistische Phase (0-
(0-2 Monate). Kind kann noch nicht zwischen sich selbst und der
Umwelt unterscheiden. Nimmt zwar Reize von innen (Hunger) wie auch aussen (Stimme)
wahr, jedoch sind alle diese Wahrnehmungen Teil seiner selbst.
Die symbiotische Phase (ab dem 2. Monat). Kind beginnt Mutter wahrzunehmen, jedoch
noch nicht als abgegrenzte eigenständige Person. Die Unterscheidung zwischen innen
und aussen ist noch wenig ausgebildet. Grundlage für die Entwicklung des Urvertrauens
wird gebildet. Urvertrauen: Gefühl der inneren Gewissheit, dass das elementare
Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit befriedigt wird. Umfasst auch die
Grundüberzeugung, nicht allein gelassen zu werden und sich auf Beziehungen verlassen
zu können, selbst wenn man vorübergehend mit sich alleine ist.

Wenn Kind keine solche symbiotische Phase mit konstanten Betreuungsperson durchlebt
 „anaklitischen Depression“. Kind verliert Interesse an Umwelt, wird teilnahmslos und
stagniert in Entwicklung.

Die Phase der Differenzierung (ab dem 6. Monat).


Monat). Kind beginnt eigenen Körper als
getrennt von dem seiner Mutter zu erleben. Kind unterscheidet zwischen vertrauten und
unvertrauten Personen. Emotionale Bindung voll entwickelt. Beziehung zur
Hauptbezugsperson weist gegen Ende des 1. LJ Merkmale jeder libidinösen Beziehung
auf: Eifersucht, Zärtlichkeit, Trennungsschmerz etc.

Übergangsphänomene. Kind verschafft sich mit Hilfe von Teilobjekten (weiche Windel
etc.) orale Befriedigung, die es sonst von der Mutter erhalten würde  Diese
Phänomene: Übergangsphänomene. Wenn z.B. Bezugsperson weg geht, verschafft sich
auch später das Kind Ersatzobjekte (Übergangsobjekte) wie ein Stofftier, das als Symbol
für die Mutter fungiert.

Merke zur Bedeutung von Übergangsobjekten:

Übergangsobjekte können in der ärztlichen Untersuchung von Kindern und bei Erwachsenen bei schweren und
unheilbaren Krankheiten in der Bewältigung des Sterbens eine wichtige Rolle spielen. Sie haben die Funktion einer
emotionalen Unterstützung zur Bewältigung von Gefühlen des Allein- und Verlassenseins.

Trotzreaktionen. Im zweiten Lebensjahr wird die Beziehung zur Bezugsperson ambivalent.


Wenn das Kind sich in seinem Explorations- und Bewegungsdrang zu weit entfernt, wird
die Mutter das Kind zurückrufen oder durch ein „nein“ seinem Tun Einhalt gebieten. Das
Kind kann in diesem Stadium seiner Entwicklung den protektiven Sinn der mütterlichen
Haltung nicht verstehen. Das Trotzen ist in der Ich-Entwicklung ein wichtiger Meilenstein.
Das Kind erfährt seine Ich-Grenzen vorwiegend in der Auseinandersetzung mit den von
den Eltern aufgestellten Grenzen. Sowohl zu nachgiebig als auch zu kontrollierend kann
nicht gut sein.

Omnipotenz und WIederannäherung. Zu Beginn des zweiten Lebensjahres kommt es


parallel zum Erlernen des Laufens zu einem Autonomieschub. Eine neue Art von
Omnipotenzgefühl wächst in ihm heran. Dieses „Glücksgefühl“ wurde auch als „eine
Liebeserklärung an die Welt“ bezeichnet. Kind glaubt, dass es mit der Fähigkeit zum
Laufen die ganze Welt erkunden kann. Autonomiestrebungen und aufkommende
Trennungs- und Verlassenheitsängste gehören zum kindlichen Alltag. Mahler sprach von
der Zeit der WIederannäherung. Nicht sinnvoll, das Kind in dieser Zeit in eine
Kinderkrippe zu bringen.

Bindungsverhalten. Art des Explorationsverhaltens steht in engem Zusammenhang mit


den frühen Erfahrungen des Bindungsverhaltens. Wesentliche Ergebnisse einiger
Beobachtungsstudien waren, dass Kinder, die ihre Umwelt als Geborgenheit und
Sicherheit gebend erfahren, ein aktives Explorationsverhalten zeigen. Kinder, die ihre
Umwelt als unsicher und wenig Halt gebend erlebten, verhielten sich eher ängstlich,
abwartend und passiv. Bindungs- und Explorationsverhalten stehen im Zusammenhang
mit der Art, wie die Umwelt erfahren wird. Die Frühen Bindungserfahrungen beeinflussen
längerfristig die Entwicklung des Selbstwertgefühls und der Identität.

Die Phase der ersten Verselbstständigung (mit ca. 3 Jahren). Wenn positiver Ablauf bis
jetzt, so kann das Kind die Abwesenheit von Mutter und Vater besser ertragen. Die
Verlässlichkeit des Kommens und Gehens von Bezugspersonen ist eine wichtige
Voraussetzung für die weitere Stabilisierung des Urvertrauens. Kind anerkennt, dass
auch Eltern eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Bedürfnissen und
Verpflichtungen sind. Kind akzeptiert fremde Erziehungspersonen und kann sich in
Gruppen einleben  Gegen Ende des 3. LJ also günstig, ein Kind in Spielgruppe zu
schicken.

Sexualentwicklung

Kindliche Sexualität oder sexuelle Empfindungen manifestieren sich nicht nur im


Genitalbereich, sondern auch in zwei weiteren erogenen Zonen, der Oralzone
(Mundregion) und der Analzone (Afterbereich). Man unterscheidet folgende Phasen
(Tabelle
Tabelle 8.6 Seite 163):

Orale Phase: Mundzone die Quelle primärer lustvoller Befriedigung. 1. Lebensjahr.

Anale Phase: Kind interessiert sich für Ausscheidungsorgane und seine Exkremente. 2. –
3. Lebensjahr. Kind muss lernen, die lustbetonte Entleerung zeitlich zu kontrollieren und
nur an dafür bestimmten Orten zu vollziehen.

Phallische Phase: Kind nimmt sein Geschlecht zur Kenntnis und stellt erste Fragen zur
Sexualsphäre. 3. – 6. Lebensjahr.

Orale Phase. Mutter oder andere konstante Pflegepersonen befriedigen die oralen
Bedürfnisse des Kindes in dieser Phase. Grundstein des Urvertrauens gebildet durch die
Verknüpfung von oraler Befriedung mit der Sicherung des Bedürfnisses nach Liebe und
Geborgenheit.

Anale Phase. Mit der beginnenden Reinlichkeitserziehung erwarten die Eltern vom Kind,
dass es seine kindliche Triebhaftigkeit zu kontrollieren lernt. Diesen Triebverzicht erlernt
das Kind in der Regel den Eltern zuliebe. Die Eltern sollten sensibel genug sein, um die
Verzichtleistungen des Kindes weder zu früh noch zu rigide zu fordern.

Phallische Phase. Kind wird seiner eigenen Person zunehmend bewusst.


Geschlechtsorgane werden als ein wichtiger Teil des Körpers entdeckt. Das Masturbieren
und Zur-Schau-Stellen der Geschlechtsorgane sind als natürliche Vorgänge im
Explorationsprozess des eigenen Körpers zu verstehen. Körperliche
Geschlechtsunterschiede von Mädchen und Jungen werden bewusster wahrgenommen.
Die „Doktorspiele“ dieser Phase haben deshalb den Zweck, sich Gewissheit über die
eigene Ganzheit und die Merkmale des anderen Geschlechts zu verschaffen.

Ödipuskonflikt. In die Phallische Phase fällt nach Sigmund Freud auch der Ödipuskonflikt
(erotisch gefärbte Bindung an den gegengeschlechtlichen und Rivalität mit dem
gleichgeschlechtlichen Elternteil). Kind muss sich mit seiner Stellung zwischen den Eltern
auseinandersetzen. Kind kann mit mehreren Personen eine enge Beziehung (Dyade)
eingehen. Dieser Entwicklungsschritt im Beziehungsaufbau wird als Triangulierung
bezeichnet. Kind wird in der phallischen Phase also die Unterschiede in der
Beziehungsqualität zwischen den Eltern wahrnehmen. Eifersuchts- und Rivalitätsgefühle
Vater und Mutter gegenüber. Während dieser Entwicklungsperiode finden auch die
ersten Identifikationsprozesse statt, vor allem von Seiten des Knaben mit dem Vater.

Latenzphase. Nach Abklingen der phallischen Phase, etwa ab dem 6. Lebensjahr, beginnt
für Kind ein Stadium der Beruhigung, die „Latenzphase“: Sexuelle Fragen werden etwas
in den Hintergrund gestellt. Latenzphase ist eine günstige Zeit für eine Fortsetzung der
im Vorschulalter begonnen Sexualaufklärung. In dieser Altersstufe nehmen die Kinder
Informationen über die Funktion der Geschlechtsorgane und über Zeugung und Geburt
mehr auf einer intellektuellen als auf einer emotionalen Ebene wahr.
Schlafverhalten

Schlaf-
Schlaf-Wach-
Wach-Zyklus. Schlaf setzt sich aus verschiedenen Schlafstadien des
oberflächlichen (REM-) und tiefen (Non-REM-)Schlafes zusammen. In einer Nacht werden
die Stadien mehrmals zyklisch durchlaufen. Schlaf-Wach-Zyklen, zirkadiane Rhythmen
und Schlafdauer verändern sich kontinuierlich von der Geburt bis ins hohe Alter. In
ersten Lebensmonaten entwickeln die Kinder ihre zirkadianen Rhythmen und passen
ihren Schlaf-Wach-Zyklus dem Tag-Nacht-Wechsel an. Diese Anpassung hängt von einem
Reifeprozess ab. Der Schlafbedarf eines jeden Kindes ist konstitutionell vorgegeben und
kann bei gleichaltrigen Kindern sehr unterschiedlich sein. Natürliches Durchschlafen am
ehesten gewährleistet, wenn das Kind sich tagsüber geborgen fühlt und in seiner
Selbstständigkeit gefördert wird.

Pavor nocturnus. Zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr können bei bis zu einem Drittel der
Kinder Episoden von nächtlichem Angsterschrecken auftreten, die als Pavor nocturnus
bezeichnet werden. Treten ein bis drei Stunden nach dem Einschlafen auf. Kind hat die
Augen dabei weit offen, reagiert aber nicht oder inadäquat auf das Erscheinen der Eltern.
Gesicht und Haltung drücken Angst, Wut oder Verwirrung aus. Wenn es angesprochen
wird, gibt es keine oder wirre Antworten. Gelingt den Eltern nicht, das Kind zu wecken.
Aufwachen geschieht dann abrupt. Vegetativen Reaktionen normalisieren sich und die
Angst weicht aus seinem Gesicht. Schläft wieder ein und hat keine Erinnerung an eine
solche Episode, die 5 bis 15 Minuten dauern kann.

Merke:

Der Pavor nocturnus gehört zum normalen Schlafverhalten, er ist keine Verhaltensauffäligkeit, kein Zeichen von
psychischer Störung oder Folge einer Fehlerziehung.

Angstträume. Vom Angsterschrecken zu unterscheiden sind die Angstträume. Können


schon in den ersten Lebensjahren auftreten. Kommen vorwiegend in der zweiten Hälfte
der Nacht vor. Wenn Eltern zum Kind kommen ist es bereits wach und zeigt seine Angst,
wobei es nicht orientierungslos ist wie beim Pavor. Reagiert positiv auf Zuwendung und
Trost der Eltern. Eltern können mit dem Kind sprechen, eventuell auch über den Inhalt
des Geträumten. Das Kind erinnert sich an den Vorfall. Kind braucht die Zuwendung und
das Verständnis der Eltern, um seine Traumerlebnisse zu verarbeiten. Auch Angstträume
sind Teil des normalen Schlafverhaltens und nicht zwangsläufig Ausdruck für psychische
Probleme.
Risikofaktoren für die Entwicklung

Bedeutung von Risikofaktoren. Als Risikofaktoren werden Faktoren definiert, welche die
Entwicklung des Kindes und seine Anpassungsfähigkeit an die Umwelt beeinträchtigen
können. Es werden verschiedene biologische und psychosoziale Risikofaktoren
unterschieden (Tabelle
Tabelle 8.7 Seite 166).
166) Die Entwicklung eines Kindes ist stärker
gefährdet, wenn biologische und psychosoziale Risikofaktoren zusammenkommen.
Psychosoziale Belastungsfaktoren wirken sich bei einem Kind mit zusätzlichen
biologischen Risikofaktoren schwerwiegender aus als bei einem gesunden Kind. Bei
Nachuntersuchung dieser Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren zeigt sich, dass Kinder mit
wenig biologischen und wenig psychosozialen Risiken den besten
Entwicklungsquotienten (EQ) aufweisen, Kinder mit vielen biologischen und wenig
psychosozialen Risken einen besseren EQ als Kinder mit wenigen biologischen und
vielen psychosozialen Risiken besitzen.

Fremdplatzierung. Rückstande in der Entwicklung vor allem in der Sprachentwicklung


und in den kognitiven Funktionen ersichtlich. Kinder, die zwar hygienisch einwandfrei,
aber ohne die Möglichkeit einer emotionalen Bindung an eine Pflegeperson, ohne
genügende Anregung durch Spielsachen oder das soziale Umfeld aufwuchsen, zeigten
bald schwere psychische Störungen. Daher versucht man heute, wenn eine Heim- oder
Fremdplazierung unumgänglich ist, die Kinder möglichst bald nach der Geburt in Pflege-
oder Adoptionsfamilien zu vermitteln. In der Heimerziehung geht das Bestreben dahin, in
Kleingruppen ein weitgehend familienähnliches Leben zu gewährleisten. Kinder bleiben
in Entwicklung zurück, wenn sie in den ersten drei LJ ohne die Möglichkeit zur Bildung
einer tragfähigen Beziehung zu einem Menschen bleiben.

Milieu-
Milieu- und Pflegeplatzwechsel. Psychische Störungen können auch durch einen
plötzlichen Wechsel in ein fremdes Milieu entstehen. Dadurch wird die Bindungsfähigkeit
beeinträchtigt.

Rahmenbedingungen für die Entwicklung. Es ist nicht sinnvoll, dass ein Kind nur eine
Bezugsperson haben sollte, denn damit hat ein Kind zu wenig Möglichkeit, seine sozialen
Kommunikationsfähigkeiten zu erweitern. Kinder, die daran gewöhnt sind, von Mutter
und Vater, von ältern Geschwistern, von Grosseltern oder Kinderfrauen angesprochen zu
werden, beziehen diese Personen in ihren sozialen Raum mit ein. Wichtig ist, dass die
Mutter/der Vater oder andere Hauptbezugspersonen immer wieder auftauchen. Im
einzelnen haben Variablen bei Mehrfachbetreuungen einen günstigen Einfluss auf die
Entwicklung des Kindes:

Von Seiten des Kindes: Temperament, soziale Fähigkeiten


Von Seiten der Eltern: emotional stabile und einfühlsame familiäre Beziehungen,
Verlässlichkeit, Auswirkungen der Arbeit auf das Wohlbefinden der Mutter
Betreuungsmodus: Konstanz der Betreuer, emotionale Zuwendung, zahlenmässiges
Verhältnis zwischen Kindern und Betreuern, gleichbleibende Grösse und Konstanz der
Kindergruppe, wechselseitige Adaptionsfähigkeit des Kindes und der Umgebung

Merke:

Hinsichtlich der Bedeutung sozialer Rahmenbedingungen für spätere Entwicklung eines Kindes lässt sich sagen, dass
nicht die Struktur der Familie, sondern die emotionalen Beziehungen und die emotionale Atmosphäre für den Verlauf
der Entwicklung entscheidend sind.
Kindheitsbelastungen und Gesundheit im Erwachsenenalter. In einem amerikanischen
Forschungsprojekt wird gegenwärtig an über 17'000 Erwachsenen untersucht, ob und in
welcher Weise Kindheitsbelastungen die Gesundheit Erwachsener Jahrzehnte später
beeinflussen. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie:

• Belastende Kindheitserfahrungen sind häufig: sexueller Missbrauch, physische


Misshandlung und emotionale Vernachlässigung
• Die traumatischen Erfahrungen bleiben oft verborgen und unerkannt und sind
wesentliche Determinanten der Gesundheit im Erwachsenenalter
• Die frühen psychosozialen Erfahrungen können sich im Erwachsenenalter in
körperliche und psychische Störungen umwandeln
• Vor allem für depressive Störungen, Suchterkrankungen,
Persönlichkeitsstörungen und Adipositas konnte ein klarer Zusammenhang
zwischen dem Ausmass an belastenden frühen Lebenserfahrungen und der
späteren psychosozialen Symptomatik nachgewiesen werden. Traumatische
Erlebnisse der frühen Kindheit bis zum Alter von 2 Jahren können durch günstige
spätere Umweltbedingungen teilweise kompensiert werden

Protektive
Protektive Faktoren im Entwicklungsprozess

Drei Typen werden unterschieden: individuelle, familiäre und soziale Faktoren (Tabelle
Tabelle
8.8 Seite 168). Protektiven Faktoren bilden die Grundlage der Ressourcen, d.h.
Unterstützungsmöglichkeiten, die ein Individuum in Belastungssituationen aktivieren
kann. Auch im Jugend- und Erwachsenenalter spielen sie eine Rolle, da sie Menschen
dazu befähigen, Strategien zur Bewältigung belastender Lebensereignisse zu entwickeln.
Protektive Faktoren schützen ein Individuum vor einer ungünstigen Entwicklung, auch
wenn es Risikobedingungen ausgesetzt ist.

Resilienz und Vulnerabilität

Fähigkeit, sich flexibel an Umweltbedingungen anzupassen und Strategien zur


Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und Konfliktsituationen zu entwickeln, bilden die
Voraussetzung für eine körperliche und psychosozial „gute“ Entwicklung. Konzept der
Resilienz hat innerhalb der Entwicklungspsychologie zunehmende Beachtung gefunden.
Begriff der Resilienz lässt sich am ehesten als „psychische Widerstandsfähigkeit“
bezeichnen.

Resilienz: beschreibt das Phänomen, dass manche Personen trotz ausgeprägter


Belastungen und Risiken sich gut entwickeln und gesund bleiben bzw. sich
vergleichsweise leicht von Beeinträchtigungen und Störungen erholen, während andere
unter vergleichbaren Bedingungen in ihrer Entwicklungsfähigkeit eingeschränkt werden
oder psychische Störungen und Krankheiten entwickeln. Resilienz beschreibt die
Fähigkeit einer flexiblen biopsychosozialen Anpassung eines Individuums an widrige
Lebensumstände oder Ereignisse.

Heutzutage wird die Entwicklung eines Menschen als ein Prozess betrachtet, der die
gesamte Lebensspanne umfasst. In diesem Zusammenhang wird Resilienz als ein relativ
stabiles Persönlichkeitsmerkmal bei Erwachsenen beschrieben. Konzept der Resilienz
weist hier starke Bezüge zum Salutogenese-Modell und zum Hardiness-Konzept auf. Den
Gegenpol zum Konzept der Resilienz bildet das Vulnerabilitäts-Modell.
Vulnerabilität: eine erhöhte pysische und psychische Verletzlichkeit bzw. Labilität eines
Individuums. Wenn die Verletzlichkeitsschwelle durch Belastungen (welcher Art auch
immer) überschritten wird, kann es zum Ausbruch einer Erkrankung oder einer
Wiedererkrankung kommen.

Vulnerabilitätsmodell ist ätiologisch, diagnostisch und therapeutisch nützlich. Ätiologisch


bedeutet, dass beim Ausbruch einer Erkrankung i.d.R. mehrere Faktoren eine Rolle
spielen. Multiaxiale Diagnosestellung als Ausgangspunkt in diagnostischer Hinsicht.
Therapeutisch sind massgebliche Konsequenzen abzuleiten. Durch geeignete
psychosoziale und therapeutische Massnahmen kann die Vulnerabilitätsschwelle
deutlich erhöht werden.
4. Teil: Seiten 168 - 207 | Kathrin Baur
8.5 Kindergarten-
Kindergarten- und Schulalter

8.5.1 Übergang vom Kindergartenkind zum Schulkind

Im Alter zwischen 5-7 Jahren vollziehen sich in verschiedenen Bereichen Reifungs- und
Entwicklungsschritte.

Körperlicher bereich – erster Gestaltwechsel

- Wachstumsschub
- Zahnwechsel

Kognitiver Bereich – vom naiven zum kritischen Realismus

- Das Kind löst sich von seinem Egozentrismus ab und fängt sich an für Dinge,
Menschen und Orte, die außerhalb seiner Erlebniswelt liegen, zu interessieren. Es
entwickelt ein Interesse an der Vergangenheit und Zukunft.
- Die Abstraktionsfähigkeit und das logische Denken nehmen zu

Emotionaler Bereich – Wahrnehmung differenzierter Gefühle und Fähigkeit zu deren


Abwehr

- Das Kind lernt mit Hilfe von Abwehrmechanismen seine Triebhaftigkeit zu


beherrschen. Dabei kommt es zur Gewissensbildung, was auch die Über-Ich-
Entwicklung genannt wird.

Anna Freud definierte Abwehrmechanismen als die Fähigkeit des Ichs, peinliche oder
unerträgliche Vorstellungen und Affekte zu verdrängen, und damit das Ich vor den
Triebansprüchen des Unbewussten (psychoanalytischer Terminus: „Es“) zu schützen.

Sozialer Bereich

- Stabilere, homogene Gruppen entstehen, die über Tage und Wochen gleich
bleiben.
- Mädchen bevorzugen Zweierbeziehungen, Knaben eher größere Gruppen.

8.5.2 Schulreife

Merke

Kriterien als Voraussetzung für die Einschulung:

- körperlicher Bereich:
Gestaltwandel, motorische Reife
- kognitiver Bereich:
Ausdruckfähigkeit in der Muttersprache, folgerichtiges Nacherzählen,
Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer, Zahlen- und Mengenbergriff, Zeitverständ.
- emotionaler
emotionaler Bereich:
Leistungsmotivation, Triebaufschub und Triebverzicht, Erwerb einer gewissen
Frustrationstoleranz, verlieren und gewinnen können
- sozialer Bereich:
Verständnis für den Wechsel von Einzel- und Gruppenunterricht, gesunder
Egoismus bei wechselseitiger Anpassung, Entwicklung eines Gefühls der
Verantwortung für sich selbst und für die Gemeinschaft

8.5.3 Kinderzeichnung und Kindermalerei

Mit der Sprachentwicklung beginnt sich auch das Zeichnen zu entwickeln. Das Kind lernt
Erfahrungen umzusetzen. Für diese Erfahrungen findet es zwei Ausdruckskanäle:

Das Wort: Ein logischer, linearer Ablauf, der einen Denkprozess erfordert.

Das Bild: Ein räumliches Erfassen einer gleichzeitigen Gesamtheit, das einen
Empfindungsprozess erfordert.

(2.-- 4 Lebensjahr)
Entwicklung der vorfigurativen Phase in der Kindermalerei (2.

Die Urformen des zeichnerischen Ausdrucks spiegeln vier grundlegende Elemente der
Selbsterfahrung einer Person wieder.

- Abgrenzung: Kritzelknäuel, Spirale, Kreis


- Innenwelterfahrung: Zentrum, Achse, Kreuz, Pluspunkte
- Expansionserfahrung: Raumbilder
- Konstruktionssphase: Kasten

Figurative Phase der Kindermalerei (nach dem 5. Lebensjahr)

Voraussetzungen: psychomotorische Reifung, kognitive Entwicklung, bisherige


Lernerfahrungen

Merkmale:

- Darstellung von wichtigen Teilaspekten (Kopffüssler)


- Das Kind zeichnet, was es weiß, und nicht, was es sieht (Mensch mit
durchsichtigen Kleidern, das Kind im Mutterleib usw.). Keine dreidimensionalen
Zeichnungen.
- Die Größenverhältnisse sind verschoben. (Was wichtig ist, wird groß gezeichnet.)
- Nacheinander verlaufende Ereignisse können nebeneinander dargestellt werden.
- Oft Einzeldarstellungen → später Zentralisation
- Die Farbgebung ist keiner Weise an der Wirklichkeit orientiert.
- Haus als Hauptmotiv → Symbol der Geborgenheit
- Zeichnung dient zur Darstellung seiner Phantasiewelt und seiner persönlichen
Interessen (Indianer, Dinosaurier).
Oft verwendet das Kind in Zeichnungen auch symbolische Elemente, die
Bedürfnisse, Gefühle oder auch Konflikte zum Ausdruck bringen sollen.
→ Zeichnungen als Zugangsmöglichkeiten zu inneren Konflikten des Kindes in
der Kinderpsychotherapie
8.6 Jugendalter – Pubertät und Adoleszenz

Pubertät: Wichtige körperliche Entwicklungen im Jugendalter

Adoleszenz: Psychosoziale Entwicklungsschritte im Jugendalter

8.6.1 Biologische Faktoren der Pubertät

Vorpubertät:
Zeitspanne zwischen dem ersten Auftreten der sekundärem Geschlechtsmerkmale (♀:
Brüste, Behaarung, Körperfettverteilung; ♂: Bart, Körperbehaarung, tiefe Stimme) und
der Reifung der für die Fortpflanzung maßgeblichen Geschlechtsorgane (Eierstock,
Gebärmutter, Scheide, Hoden, Penis usw.) Bei den Mädchen wird diese
Entwicklungsphase mit der Menarche (erste Monatsblutung), bei den Knaben mit
Ejakularche (erster Samenerguss) abgeschlossen.

Geschlechtshormone

Funktion:

- Ausreifung der sekundären Geschlechtsmerkmale

- Wachstumsschub: ♀: Im Alter zwischen 7½ und 12 setzt er ein


♂: Im Alter zwischen 10 und 13½ setzt er ein
→ Mädchen treten früher in die Pubertät ein
→ Mädchen sind den Knaben bis zum 13. Lebensjahr
in der Entwicklung voraus

Reifung de Gehirns

Gewichtszunahme des Gehirns um 220gr zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr (vgl. 3.-
10- 120gr.)
→ Jugendliche verfügen zwar über das bestausgebildete Instrument für intellektuelle
Leistungen, müssen aber den Umgang mit den intellektuellen Fähigkeiten noch erlernen.

Gestaltwandel

- Körpergröße nimmt um 15%- 25% zu


- Körpergewicht nimmt um 75%- 100% zu

→Diese Veränderung der Beziehung zwischen Gewicht und Größe verlangt von dem
Jugendlichen eine Anpassung und eine Neueinstellung zwischen der zentralen
Regulation
von Hungergefühl und Grundumsatz.
Problematik bei Essstörungen wie Magersucht, Übergewicht, und Bulimie

Geschlechtsspezifische Veränderungen junger Frauen

- Verbreiterung der Hüften, mehr Fettgewebe wird abgelagert, als Vorbereitung auf
eine eventuell eintretende Schwangerschaft.
Problematik: Diese Entwicklung verläuft gegenläufig zum heute gängigen
Schönheitsideal der Frau. Dadurch erlebt sich fast die Hälfte der weiblichen
Jugendlichen als zu dick .

Geschlechtsspezifische Veränderungen junger Männer

- Muskelmasse und Muskelkraft nehmen zu.


Der pubertäre männliche Körper entspricht dem Bild des Mannes als Symbol für
Kraft und Stärke. Dadurch ist auch zu verstehen, dass sich junge Männer im
Durchschnitt attraktiver finden und ein größeres Selbstwertgefühl besitzen als
junge Frauen.

Hormone, Stimmung und Antrieb

Unter dem Einfluss der hormonellen Umstellung kann es bei Jugendlichen zu


Stimmungsschwankungen, erhöhter Reizbarkeit und Verletzlichkeit kommen.

Merke

Akzeleration

Die Vorverlegung der biologischen Reifungsprozesse bezeichnet man als Akzeleration. Als
Ursache sieht man die Anregung des innersekretorischen Systems, welche durch bessere
Ernährung und hygienischere Verhältnisse bedingt ist.
Die Akzeleration geht oft nicht mit einer entsprechend raschen kognitiven und
emotionalen Entwicklung einher. Es kommt zur Divergenz zwischen körperlicher und
seelisch-geistiger Entwicklung.
Insgesamt bedeutet die Akzeleration eine Verkürzung der Kindheit. Sie bewirkt eine
Veränderung des Weltbildes der Jugendlichen.

Subjektives Erleben der Pubertät

Ein wichtiger Faktor für das subjektive Erleben der Pubertät ist, ob die Entwicklung im
normativen, frühen oder späten zeitlichen Rahmen abläuft. Bei Mädchen wirken sich vor
allem Frühentwicklungen und bei Knaben Spätentwicklungen negativ aus.

8.6.2 Psychosoziale Aspekte der Adoleszenz


Adoleszenz

Als Folge der biologischen Reifungsprozesse werden Jugendliche sowohl in ihrem


innerpsychischen Erleben als auch in ihren interpersonellen Beziehungen vor vielfältige
neue Aufgaben und Anforderungen gestellt.

Stimmungslabilität der Mädchen

2 Phasen: - Zuerst sind sie in einer positiven Erregungsphase


- Später wird die Stimmung labil und ist nicht selten leicht depressiv
(abnehmende Wirkung des Nebennierenhormons ACTH)

Identitätssuche der weiblichen Jugendlichen


Jugendlichen

Auseinandersetzung mit der Geschlechtsrolle führt zum Aufkommen von ambivalenten


Gefühlen. Denn einerseits kommt es zur Ablösung von der Mutter, andererseits gilt die
Mutter als Identifikationsobjekt im Finden der Rolle als Frau. Während solchen Prozessen
kommt es nicht selten zu Reaktionsbildungen in Form von trotziger Auflehnung und
Aggressivität gegen die eigene Mutter.

Triebschub und Identitätssuche bei männlichen Jugendlichen

Steigerung aller Triebregungen führt zur Zunahme an Aggressivität, an Esslust und an


Bewegungslust.

Merke

8.6.3 Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen

- Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung


- Aneignen der männlichen bzw. weiblichen Rolle
- Aufbau neuer und reiferer Beziehungen zu Altersgenossen
- Emotionale Ablösung von den Eltern
- Aufnahme intimer Beziehungen
- Vorbereitung auf die berufliche Laufbahn
- Übernahme der sozialen Rolle des Erwachsenen
- Aufbau eines eigenen Wertsystems
- Entwicklung der eigenen Identität (Wer bin ich? Woher komme ich?)
- Entwicklung einer Zukunftsperspektive

Selbstkonzept: Beschreibung einer Person, wie sie sich selbst sieht

Selbstwert: Bewertung der Selbstevaluation

Selbstkonzept nach Rosenberg

Einteilung in 3 Bereiche

1. aktuelle Selbst:
Selbst wie Person sich selbst wahrnimmt

2. erwünschte Selbst: wie eine Person sich gerne sehen würde

3. sich darstellende Selbst: wie eine Person sich anderen gegenüber darstellt

Diskrepanzen im Selbstkonzept sind oft Ausgangspunkt für Symptombildungen von


Jugendlichen

Selbstkonzept nach Shavelson

Shavelson hat ein hierarchisches Modell des Selbstkonzepts entwickelt, welches aus
mehreren Dimensionen besteht. Diese entsprechen verschieden Handlungsbereichen
und schließen Kategorien wie wahrgenommene Schulkompetenz, soziale und sportliche
Kompetenz und Aussehen ein. Eine Person kann in verschiedenen Handlungsgebieten
ein je unterschiedliches Selbstkonzept haben. Dieses Konzept ist wichtig bei Beratungen
von Jugendlichen in Krisen.
Identität

Definition von Erikson:


Der Jugendliche nimmt sich selbst wahr als jemand, der einmalig und unverwechselbar
ist und auch über einen Zeitraum hinweg gleich bleibt. Um ein eignes Identitätsgefühl zu
entwickeln, ist es aber auch erforderlich, dass andere Personen diese personale
Gleichheit und Kontinuität wahrnehmen. Identität entsteht also aus zwei Komponenten:
die Person, für die man sich selbst hält, und die Person, für die andere einen halten.

Identitätskonzept nach Blasi

Unterscheidet drei Arten der Identitätserfahrung:

1. Die beobachtete Identität: Selbstreflexion

2. Management der Identität: Identität kann durch Handlung erworben und gestaltet
werden.

3. Identität als Authentizität: Behauptung der eigenen Autonomie gegenüber


Kulturellen und sozialen Stereotypen und das
Interesse an politischen und sozialen Fragen.
Wesentlich ist die Offenheit gegenüber der Realität
und die Wahrnehmung der Selbst - Verantwortung

Bedeutung der Peers für die Entwicklung in der Adoleszenz

Peers
- Gruppen von Gleichaltrigen
- Mehrheitlich Geschlechter getrennt organisiert
- Soziales Lernen wird in Peer-Gruppen gefördert
- In Peers kann es zu Mobbing kommen, was die soziale Isolation für den
betroffenen Jugendlichen zur Folge hat.

Sexualität und Intimität

Masturbationserfahrungen

Masturbationserfahrungen nehmen während der Pubertät zu. Sie dienen dem


Jugendlichen seinen gereiften Körper, insbesondere die Geschlechtsmerkmale, als sich
gehörig anzueignen und in sein selbst Bild zu integrieren.

Sexualverhalten

Grundsätzlich lassen sich zwei Perspektiven des Sexualverhaltens unterscheiden: die


biologische und die soziale Sexualität. Erstere wird vorwiegend durch die hormonalen
Veränderungen und die körperliche Reifung in der Pubertät bedingt. Sozial bedingtes
Sexualverhalten meint, dass das Sexualverhalten gelernt und sozialisiert wird. Für das
Sexualverhalten von Jugendlichen spielen beide Faktoren eine Rolle.
Koituserfahrungen

Im Laufe des 20. jahrhundert haben sich die Koituserfahrungen bei beiden
Geschlechtern altersmäßig vorverlagert.

Sexuelle Zufriedenheit

Sexuelle Zufriedenheit ist von folgenden Aspekten abhängig:

1. Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale


2. Sexuelles Verlangen
3. Sexuelle Handlungen

Sexuelle Aufklärung

Jugendliche sollten ihr Wissen zur Sexualität nicht nur aus den Medien, dem Internet und
von den Peers holen müssen. Sie brauchen reife Gesprächspartner, die ihnen vorurteils-
und angstfrei auf dem Weg zur Selbstdefinition in Beziehungen zu Gleichaltrigen
beistehen können.

8.6.4 Bewältigungsprozesse und –strategien

Merke

Schutzfaktoren für die persönliche Entwicklung in der Adoleszenz:

- Stabile Beziehungen zu familiären oder ausserfamiliären Bezugspersonen


- Vorbilder von anderen Personen hinsichtlich Konfliktbewältigung
- Strukturierende Intelligenz
- Erleben von Selbstwirksamkeit
- Fähigkeit mit Verantwortung und Selbständigkeit umzugehen
- Fähigkeit, Belastungen als Herausforderung zu erleben
- Selten Gefühle von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit
- Aktives, flexibles, anpassungsfähiges Verhalten

8.6.5 Problemverhalten und Symptombildung

Merke

Problem -und Risikoverhalten

20-30% der Jugendlichen gelangen in der Adoleszenz an Grenzen ihrer


Bewältigungsmöglichkeiten. Sie reagieren mit Problem -und Risikoverhalten oder
Symptombildung.

Problemverhalten:
Verhalten, das eine Gefährdung für die eigene oder die Entwicklung anderer darstellt.
Man unterscheidet zwischen internalisierendem und externalisierendem
Problemverhalten.
Risikoverhalten:
Minderung der persönlichen Chancen für eine langfristig befriedigende Entwicklung

Internalisierendes Problemverhalten

Bezeichnet eine Reihe von Problemen, die vor allem die betroffenen Personen in ihrer
Entwicklung beeinträchtigen, die jedoch für das Umfeld nicht immer klar erkennbar sind,
wenn sie nicht die Symptom- oder Krankheitsschwelle erreichen.

Die 3 häufigsten internalisierenden Symptombildungen:

1. Depressive Störungen:
Gesamtzahl von kurzdauernden depressiven Verstimmungen und
längerdauerndern Störungen in der Adoleszenz haben deutlich zugenommen. Vor
allem früh entwickelte Mädchen weisen ein höheres Risiko zur Entwicklung
depressiver Syndrome auf.

2. Angst -und phobische Störungen


Ab der Pubertät finden wir bei 5-20% der Jugendlichen unterschiedliche Formen
von Angststörungen. Es sind vermehrt weibliche Jugendliche betroffen. Besonders
häufig sind soziale Phobien. Die betroffenen Jugendlichen meiden soziale
Kontakte und ziehen sich immer mehr zurück.

3. Essstörungen
Essstörungen betreffen sowohl das Essverhalten als auch die Gewichtsregulation.
Im engeren Sinn unterscheidet man zwischen Anorexia nervosa und Bulimia
nervosa. Man kann aber auch chronisches Diäthalten und Übergewichtsstörungen
zur Gruppe von Ess-bzw. Gewichtsstörungen zählen. Vorwiegend junge Frauen
sind von ihnen betroffen. Ein Drittel der jungen Frauen beschäftigt sich übermäßig
mit ihrem Gewicht und macht immer wieder Diäten zum Abnehmen.

Externalisierendes Problemverhalten

Externalisierendes Problemverhalten zieht meist größere Aufmerksamkeit auf sich. Es ist


sichtbar abweichend, normbrechend und kann bis zur groben physischen Gewalt reichen.
Somit ist es nicht nur für die betroffenen Personen, sondern auch für ihr Umfeld
problemmatisch.
Man unterscheidet verschiedene Formen von externalisierendem Probeverhalten:

1. Normbrechendes Verhalten
Richtet sich gegen soziale, gesellschaftliche oder kulturelle Normen. Es muss
nicht immer entwicklungsgefährdend sein.

2. Antisoziales Verhalten
Verhalten, das die soziale Ordnung oder das soziale Zusammenleben bedroht. Es
geht häufig mit aggressivem und delinquentem Verhalten daher.

3. Aggressives Verhalten
Relativ stabiles Verhalten. Aggressive Jugendliche waren oft schon die
aggressiveren Kinder.
- Direkte Aggression
Ist unmittelbar gegen eine Person gerichtet. Es kommt zur Konforntation
zwischen Täter und Opfer. Bei Kinder und Männer häufiger vertreten.

- Indirekte Aggression
Hier geht es darum, den Anschein zu erwecken, dass gar keine Absicht
besteht, jemanden zu verletzen. Sie wird auch als soziale Manipulation
definiert. Sie wird von Jugendlichen und jungen Frauen ausgeübt.

- Mobbing
Hier wird ein spezifisches Opfer ausgesucht.→ Viktimizierung

- Hoolganismus

- Autoaggression
Vor allem bei weiblichen Jugendlichen zu finden.

4. Delinquentes Verhalten
Antisoziale Handlungen, die gegen das Strafrecht verstossen.

Risikofaktoren

Aggressives Verhalten in jungen Jahren ist ein starker Prädiktor von Delinquenz in der
Adoleszenz. Zu den Risikofaktoren in der Kindheit zählen: schwieriges Temperament,
Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivität, aggressives Verhalten in der Schule,
Lernstörungen, soziale Isolation. Entscheidend für den Verlauf der antisozialen Laufbahn
ist die Interaktion zwischen biologischen Faktoren(neuropsychologische Störungen und
Temperament) und dem sozialen Umfeld.
Antisoziales Verhalten wirkt oft selbstverstärkend. Deshalb sollte ihm schon sehr früh
präventiv begegnet werden

Konsum von legalen und illegalen Drogen

Zweck:
- Identitätssuche
- Erhöhung de Selbstwerts
- Findung einer Rolle in einem sozialen Kontext

→Der Alkohol- und Drogenkonsum folgt teilweise einer Entwicklung von wenig zu mehr
und öfter und von leichtern zu schwereren Stoffen und von legalen zu illegalen
Substanzen.

Suizidalität

Aggression und suizidale Handlungen, welche eine Art der Autoaggression darstellen,
sind beides Manifestationen einer geringen Impulskontrolle. Eine geringe Impulskontrolle
und eine niedrige Frustrationstoleranz können dazu führen, dass die Aggressionen
entweder gegen andere oder gegen sich selbst gerichtet werden. Man unterscheidet
Suizidalität in Suizidgedanken, Suizidversuch oder Parasuizid (Risikoverhaltenweisen im
Sport) und den Todesfall durch Suizid. Suizidalität von Jugendlichen hat in den letzten
Jahren deutlich zugenommen. Suizidale Handlungen sind fast immer multifaktoriell
bedingt.
Merke

Geschlechtstypische Unterschied des Problemverhaltens


Problemverhaltens

♀ ♂

- häufig internalisierendes - Häufig externalisierndes


Problemverhalten Problemverhalten
- Weisen deutlich mehr psychische - Zeigen eher aggressives und
und psychosomatische Symptome sozial abweichendes Benehmen
auf - Flüchten in Alkohol und Drogen

Jugendalter
Jugendalter – eine anforderungsreiche Lebensphase

„ Jugendliche müssen eine rapide Veränderung ihrer psychophysischen Disposition in


einer Zeitspanne bewältigen, in der von ihnen mit massivem Nachdruck soziale
Integrationsleistungen und ökonomisch relevante Qualifizierungsanforderungen verlangt
werden.
In jeder Stufe der Entstehung und Entwicklung von Abweichung, Auffälligkeit, Störung und
Beeinträchtigung setzt ein dynamischer Such- und Sondierungsprozess ein, der eine
Neuorganisation der personalen und der sozialen Ressourcen mit sich bringt.“

8.7 Interaktionelles Modell der Entwicklung

→ siehe Seite 188 / Abbildung 8.8

Merke

Kindheitserfahrungen und Persönlichkeitsentwicklung

Es besteht eine Korrelation zwischen der frühen Bindungserfahrung und der


Lernfähigkeit sowie Schulbildung einerseits (kognitive Entwicklung), und dem Gefühl von
Sicherheit in sozialen Gruppen sowie dem Selbstwertgefühl andererseits (emotionale und
soziale Entwicklung). Diese Faktoren zusammen beeinflussen schließlich die
Identitätsbildung einer Person.

8.8 Entwicklung des Erwachsenen

8.8.1 Vielfalt individueller Lebensläufe

Individuum und Umwelt im Wandel der Lebensphasen

Mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter ändert sich die Beziehungsdynamik zwischen
Umwelt und Individuum. Während in der Kindheit und Jugendzeit familiäre, soziale und
kulturelle Umwelteinflüsse prägend auf ihn einwirken, kann der Erwachsene
entsprechend seinen persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und seinen sozialen
Rollen wirkungsvoller auf seine Umwelt Einfluss nehmen.
Gestaltungsmöglichkeiten im Privatbereich

Vor allem im Bezug auf das Privatleben kann heutzutage ein Erwachsener sein Leben
individueller und vielfältiger gestalten. Dies führt zu einer Variabilität individueller
Lebensläufe.

Merke

Individualisierung
Individualisierung :
Die Biographie der Menschen wird aus traditionellen Vorgaben und Sicherheit, aus
fremden Kontrollen und Überregionalen Sittengesetzen herausgelöst
entscheidungsabhängig und als Aufgabe jedes Einzelnen gelegt. Die traditionale
Normalbiographie (Partnerwahl, Heirat, Kinder usw. verwandelt sich in eine
Wahlbiographie.

Flexibilität und Grenzen in der Arbeitswelt

Im Berufleben haben sich die Möglichkeiten für den Einzelnen verschlechtert. Während
das Privatleben einen großen Gestaltungsspielraum aufweist und viel Freiheit zulässt,
zeigen sich in der Arbeitswelt durch die zunehmende Technisierung und Globalisierung
vermehrt Bedrohungen und Grenzen. Dies erfordert vom einzelnen ein hohes Mass an
Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Privat- und Berufsleben geraten dadurch
zunehmend in ein Spannungsfeld. Besonders deutlich wird dieser Konflikt zwischen
Familie und Arbeit.

Merke

„Der Konflikt zwischen Familie und arbeit führt zu einigen Fragen über die Erfahrung der
Erwachsener selbst. Wie lassen sich langfristige Ziele in einer auf Kurzfristigkeit
angelegten Gesellschaft anstreben? Wie sind dauerhafte soziale Beziehungen aufrecht
zu halten? Wie kann ein Mensch in einer Gesellschaft, die aus Episoden und Fragmenten
besteht, seine Identität und Lebensgeschichte zu einer Erzählung bündeln? Die
Bedingung der neuen Wirtschaftsordnung befördern vielmehr eine Erfahrung, die in der
Zeit, von Ort zu Ort und von Tätigkeit zu Tätigkeit driftet.“

8.9 Frau und Mann

Für die Medizin wichtige Aspekte: - Biologische Aspekte des Geschlechts


- Bedeutung der Geschlechtsorgane
- Geschlechtsidentität
- Geschlechterstereotype und –rollen

8.9.1 Biologische Aspekte des Geschlechts

Biologische Geschlechterdeterminanten

Die chromosomalen, gonadalen und genitalen Geschlechtsmerkmale eines Individuums


sind in der Regel einheitlich männlich oder weiblich. Die Geschlechtschromosomen und
die in den Gonaden gebildeten Geschlechtshormone spielen dabei für die phänotypische
Ausprägung des Geschlechts eine zentrale Rolle. Dabei können viele
Störungsmöglichkeiten auftreten. Dazu gehören sowohl das Klinfelter-Syndrom als auch
das Turner-Syndrom.

Klinefelter-Syndrom: - Drei Geschlechtschromosome (XXY)


- phänotypisch männlich
- Hodeninsuffizienz

Turner-Syndrom: -Fehlen eines Geschlechtschromosom (X0 Konstellation)


- phänotypisch weiblich
- langsames Wachstum
- Eierstöcke fehlen
- sekundäre Geschlechtsreife bleibt aus

Psychosoziale Aspekte bei Störungen der biologischen Geschlechtsdeterminanten

Die Information der Betroffenen erfordert Einfühlungsvermögen und sollte neben der
Mitteilung der biologischen Faktoren immer auch ein Angebot zur psychosozialen
Unterstützung und Beratung beinhalten. Konflikte bei solchen Störungen treten in der
Regel in der Pubertät und der Adoleszenz auf, wenn körperliche Zeichen offenkundig
werden.

8.9.2 Bedeutung der Geschlechtsorgane

Symbolische Bedeutung

Schon seit der Antike finden sich Phallus-Darstellungen als Symbol für Macht und
Männlichkeit und Darstellungen der weiblichen Brust als Symbol für Mütterlichkeit,
Geborgenheit und erotische Attraktivität.

Emotionale Besetzung der Geschlechtsorgane

Glied, Scheide und Brust sind emotional hoch besetzte Körperregionen. Entspricht deren
anatomische Gestalt nicht den Wünschen und Vorstellungen eines Mannes oder einer
Frau, kann es zu Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls kommen. Die beeinträchtigte
Körperregion wird als Makel wahrgenommen.
Besonders eine Erkrankung der Geschlechtsorgane und die oft notwendige
verstümmelnde chirurgische Behandlung (Entfernung eines Hodens/Brust) können
schwerwiegende Belastungen und Beeinträchtigungen mit sich ziehen.

8.9.3 Geschlechtshormone und


und Verhalten

Androgene (männliche Sexualhormone)

- Hoden synthetisiert
- Produktion 10fach höher als weibliche Sexualhormon
- Bei Tieren besteht ein Zusammenhang zwischen Androgenen und Droh- und
Kampfverhalten
- Verantwortlich, dass die Sexualität beim Mann eher triebbestimmt, zeilgerichtet
und aggressiver ist als bei der Frau
Gestagene

- Ausschüttung in der zweiten Zyklushälfte


- Begünstigt emotionale Labilität
- Kann Auswirkungen auf sexuelle Appetenz haben

Prolaktin

- Während des Stillens deutlich erhöht


- Unter Stress leicht erhöht
- Hemmt Libido

Östrogene

- Wirken sich indirekt, über die Scheidenschleimhaut, auf das Sexualverhalten ein.

8.9.4 Geschlechtsidentität

Die positive Identifikation mit dem biologischen Geschlecht ist ein wichtiger Bestandteil
für die persönliche Identitätsfindung und für das Gelingen von heterosexuellen und
homosexuellen Beziehungen. Beim Transsexualismus kommt es in diesem Bereich zu
einer Störung: Biologisches Geschlecht und psychologische Geschlechtsidentität
stimmen nicht überrein.

Männlichkeitskult

Trotz Emanzipation wird heutzutage in vielen Kulturen ein verschleierter oder


offensichtlicher Phalluskult betrieben. Der verschleierte Phalluskult drückt sich zum
Beispiel im Besitz von schnellen Sportwagen und Motorräder oder im Ausüben von
Risikosportarten aus .Die Tatsache, dass immer mehr Frauen Interesse an solchen
„Männlichkeitssymbolen“ zeigen, kann als Zeichen einer Geschlechterrivalität gesehen
werden. Männer, die sich jedoch mit typisch weiblichen Tätigkeiten beschäftigen, sind
eine Rarität. Dies zeigt, dass wir uns an Männlichkeitssymbolen orientieren müssen, um
in unserer Gesellschaft soziales Prestige zu erreichen.

8.9.5 Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen

Merke

- Geschlechterstereotype beschreibt typische Eigenschaften von Männern und


Frauen. Sie werden schon in der frühen Kindheit erworben und sind über die zeit
hinweg relativ stabil.
- Geschlechterrollen beinhalten neben Beschreibungen von Eigenschaften
normative Erwartungen und Handlungsweisen an die Frauen- bzw. Männerrolle. Im
Unterschied zu den Stereotypen befinden sich die Geschlechterrollen, vor allem
die Frauenrolle, in einem Wandel.

Geschlechterstereotype

„ Ein Junge weint nicht.“ „ Als Mädchen sollst du dich graziler bewegen.“ Solche Sätze,
wie sie im Alltag häufig gebraucht werden, sind geeignet, die Zugehörigkeit zur
Geschlechterkategorie Mann bzw. Frau wie auch das Trennende der Geschlechter
besonders hervorzuheben.

Ursprünge der Geschlechterstereotype

Die Ähnlichkeit der Stereotype femininer bzw. maskuliner Eigenschaften über Landes-
und Kulturgrenze lässt sich erklären…
- Aus der Übernahme der Kinderpflege und –betreuung durch die Frau
- Durch die geschlechtertypische Arbeitsteilung
- Durch Machtunterschied zwischen Frau und Mann im privaten Leben( Geld,
besitz, Sexualität
- Die unterschiedliche macht der Geschlechter im öffentlichen und religiösen
Leben

Zweck der Geschlechterstereotype


- Die Komplexität der Welt in überschaubare Einheiten zu reduzieren (kognitive
Funktionen
- Die bestehende gesellschaftliche Rang- und Wertordnung zu rechtfertigen und zu
erhalten (motivationale Funktionen)

Merke
Schon fünfjährige Kinder verfügen über relativ ausgeprägte Geschlechterstereotype, die
denen der Erwachsenen entsprechen.

Typische Eigenschaften

- stark
- aggressiv
- grausam
- unordentlich
- laut
- angeberisch
- rau
- unternehmungslustig

- schwach
- anerkennend
- weichherzig
- affektiert
- sanft
- emotional
- herzlich
→ Die höhere Wertigkeit des männlichen Stereotyps lässt sich daraus erklären, dass in
den meisten Ländern Stärke und Aktivität wertvoller eingeschätzt werden als Schwäche
und Passivität.

Wandel der Geschlechterrollen

Während die Geschlechterstereotype praktisch gleich bleibt, befinden sich die


Geschlechterrollen in einem Wandel. Es kommt insbesondere zur Veränderung der
weiblichen Rolle.
Sie zeigt sich:
- in einer besseren Bildungsbeteiligung und Berufsausbildung von Frauen
- im Anstieg der Zahl erwerbstätiger Frauen

Wichtige Determinanten für die Entwicklung der Geschlechterrolleneinstellung sind:

- Verhalten, Kognition und Einstellungen der Eltern


- ausserfamiliäre Sozialisationserfahrungen
- gesamtgesellschaftliche Einstellungsänderungen

→Bei Männern finden sich traditionellere Einstellungen als bei Frauen.

Ablehnung der weiblichen Geschlechterrolle


Geschlechterrolle

Bei einer Magersucht ist neben dem Abmagern als Folge einer Störung des Essverhaltens
die meist unbewusste Ablehnung der Rolle der erwachsenen, geschlechtsreifen Frau ein
Leitsymptom.

Merke

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Geschlechterrolleneinstellungen liberaler


geworden sind. Es zeigen sich vor allem noch Kohortenunterschiede( Ältere versus
Jüngere) und Unterschiede zwischen Einkommens- und Bildungsgruppen. Unterschiede
gibt es weiter in Abhängigkeit von der Religionszugehörigkeit und vom Erwerbsstatus. Von
zentraler Bedeutung bei der Entwicklung einer eigenen Einstellung sind die Eltern.

Geschlechterunterschiede

Der auffallendste Befund zu Geschlechtsunterschieden besteht darin, dass zwischen


den Geschlechtern psychologisch viel mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede bestehen und
dass die Ähnlichkeiten lediglich durch traditionelle nach wie vor gültige
Geschlechterstereotype in Zweifel gezogen werden.

→ zur Tabelle 8.11 auf Seite 197/ Erlebens- und Verhaltensvariabeln

- kognitive Fähigkeiten: Frauen und Männer erweisen sich bis auf eine kleine
Ausnahme als gleich gut

- motorische Fähigkeiten: Größter unterschied im bereich Ausdauer, Kraft


und Schnelligkeit
→ größere, durch Androgeneinwirkung bedingte,
Muskelmasse der Männer
- Aggression: Männer werden häufiger physisch aggressiv

- Persönlichkeitsmerkmale: Die männliche Rolle ist stärker mit instrumentellen


und die weibliche Rolle mehr mit expressiven
Erwartungen verknüpft.

Merke

Geschlechterunterschiede im Erlebens- und Verhaltensbereich sind in hohem Masse


durch Geschlechterstereotype und Geschlechterrollenerwartungen bestimmt. Nur bei
motorischen Fähigkeiten spielen die biologischen Faktoren eine gewisse Rolle. Während
sich im privaten Bereich ein Wandel der Geschlechterrollen in Richtung egalitärer
Partnerschaft vollzogen hat, ist die Arbeitswelt ein Reservat, in dem traditionelle
Geschlechterstereotype und Geschlechtsrollenerwartungen zu Ungunsten der Frau bis
heute erhalten haben.

8.9.6 Geschlecht, Morbiditätsrisiko und Lebenserwartung

Unterschiede in der Häufigkeit für Krankheiten und in der Lebenserwartung sind mit dem
geschlechtstypischen gesundheitlichen Risikoverhalten, mit Unterschieden in der
Körperwahrnehmung und im Hilfesuchverhalten in Zusammenhang zu bringen.

8.10 Paarbeziehungen

8.10.1 Zweierbeziehungen im sozialen Wandel

Auch in Zweierbeziehungen gibt es heute vielfältige Konstellationen, mit wem und in


welcher Art von Beziehung zwei Individuen zusammenleben. Neben der traditionellen Ehe
hat in den letzten Jahren die Zahl von gemischt- und gleichgeschlechtlichen unverheiratet
zusammenlebenden Partnern zugenommen. Dazu gehören auch die bilokalen
Zweierbeziehungen, in denen jeder der (un)verheirateten Partner entweder am selben
oder an verschiedenen Orten eine eigene Wohnung besitzt und nur zeitweise mit dem
anderen gemeinsam in einer Wohnung lebt.

Bedeutungswandel der Ehe

Früher galt die Ehe als eine gesellschaftliche Institution mit dem Ziel, durch gemeinsame
Arbeit und gegenseitige Hilfeleistung das Überleben der Partner und ihrer Kinder
sicherzustellen. Heute spielt bei einer Eheschließung der institutionelle Aspekt keine
große Rolle mehr, sondern die Ehe als Gefährtenschaft ist ins Zentrum gestossen.
Folgende Faktoren haben zu diesem Wandel beigetragen:

- Industrialisierung: Übergang von Großfamilie zur Kleinfamilie


- Entwicklung der Sozialpolitik → Anhebung des Lebensstandards
- Emanzipationsbewegung → Verbesserung der Stellung der Frau
- Individualisierung des Menschen

→ Diese Veränderungen haben dazu geführt, das Liebesbeziehungen heute einerseits


wichtiger, andererseits aber auch schwieriger denn je sind.
Soziologische und psychologische Perspektive von Paarbeziehungen

- Die Soziologie befasst sich vor allem mit der Aussenperspektive von
Paarbeziehungen
- Psychologie fokussiert mehr auf die Innenperspektive einer Dyade, d. h. die sich
zwischen zwei Partnern entwickelnde Dynamik und Interaktionen.
Soziodemographische Merkmale

In der heutigen Zeit sind knapp die Hälfte aller Frauen und Männer verheiratet (erst- oder
wiederverheiratet). Die Ehe als Form einer Zweierbeziehung und das Zusammenleben
von Frau und Mann (ohne oder mit Kindern) in einer Wohnung sind nach wie vor die
häufigsten Konstellationen von Paarbeziehungen.

Merke

Eheliche Zweierbeziehungen zeigen folgende Merkmale:

- Das durchschnittliche Alter bei einer Erstheirat liegt heute mit 28 Jahren bei
Frauen und mit 30,3 bei Männern höher als in frühern Zeiten
- Der heirat geht meistens eine Phase unverheirateten Zusammenlebens voraus
- Jede Dritte Ehe wird geschieden
- Ungeschiedene Ehebeziehungen dauern heute länger als 40 Jahre
- Die eheliche Partnerschaft ist weniger fremdbestimmt
- Ehebeziehungen sind heute mehr Partner- als Elternbeziehungen
- Grösserer Entscheidungsspielraum für beide Partner
- Das heutige Eheideal betrifft vorwiegend den Bereich einer intensiven
emotionalen Bindung und Zufriedenheit

Merke

Die soziokulturellen Rahmenbedingungen moderner Gesellschaften haben somit eine


gegensätzliche Wirkung auf heutige Ehebeziehungen:

- Die Individualisierung mit dem Verlust von Halt und Sicherheit fördert den Wunsch
nach einer verlässlichen, stabilen Zweierbeziehung

- Das „ Überangebot an Wahlmöglichkeiten“ im Privatleben und die zwänge der


Arbeitswelt (Mobilität, Flexibilität)erschweren und bedrohen dauerhafte
Zweierbeziehungen.

8.10.2 Merkmale und Funktionen intimer Systeme


Systeme

Der Wunsch und die Suche nach einer intensiven emotionalen Bindung, nach Intimität
und Zufriedenheit in der Sexualität sind wichtige Motive, weshalb Frauen und Männer
Paarbeziehungen eingehen.

Was ist ein intimes System?

Ehe und Familie sind Mikrosysteme, die sich von anderen sozialen Systemen durch einige
spezifische Besonderheiten unterscheiden. Paarbeziehungen beinhalten üblicherweise
auch den Bereich der sexuellen Intimität.
→ charakteristische Merkmale intimer Paarbeziehungen:

- Ehepartner orientieren sich in hohem Masse an einer einzigen Person


- Paarbeziehung bieten die Möglichkeit zur Identitätsreflexion und -stabilisierung
- Innerhalb von Paarbeziehungen bestehen spezifische
Kommunikationsschwierigkeiten, die darauf zurückzuführen sind, dass beide
Partner ihre wechselseitige Kommunikation so gut kennen, dass sie voreinander
nichts verbergen können
- Paarbeziehungen haben je ihre eigene Geschichte
Risiken intimer Paarbeziehungen

Um sich gegenseitig als Person immer wieder interessant zu finden, müssen beide
Partner ein gewisses Maß an Kreativität und Phantasie entfalten. Da wir jedoch in einer
Gesellschaft, die von Reizen überflutet wird, leben, kann unsere eigene Kreativität
abhanden kommen. Dadurch können in einer Paarbeziehung Langweile und das Gefühl
der Leere entstehen.

Harmonie und Verletzlichkeit in Zweierbeziehungen

Hinsichtlich der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung eines eigenen Identitätsgefühls


hat der Ehepartner eine ebenso wichtige Bedeutung wie in der Kindheit die Eltern.
In einer Paarbeziehung kann der Einzelne seine Kommunikation weniger gut steuern,
filtern und verbergen. Dadurch entsteht eine Offenheit und Ungeschütztheit, die im
positiven Fall das Erleben intensiver Harmonie ermöglicht, in Beziehungskrisen aber zu
erhöhter Verletzlichkeit führen kann.

Stabilisierende Faktoren für eine Paarbeziehung

- Regelmäßiger Austausch im gemeinsamen Gespräch


- Identifikation mit der Partnerschaft
- Zärtlichkeit
- Befriedigende finanzielle und Wohnsituation

Potentielle Störfaktoren

- Geburt oder Tod des Kindes


- Unvorhergesehene Belastungen durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder
Wohnortwechsel
- Biographische Veränderungen
- Beziehungskrisen

→ Eine Paarbeziehung kann auf den Einzelnen sowohl stressmildernde als auch
stressfördernde Wirkung haben

Merkmale
Merkmale der Treue

- Impliziert Folge- und Hilfsbereitschaft aus Liebe


- Erwartet Exklusivität der Person
- Anspruch auf Dauerhaftigkeit und Zeitlosigkeit der Beziehung
Sexuelle Zufriedenheit

Unzufriedenheit in der partnerschaftlichen Sexualität ist einer der Hauptgründe, welche


für die Beendigung von Paarbeziehungen genannt werden. In solchen Fällen liegt weniger
eine biologisch sexuelle Störung im Vordergrund, sondern eine Veränderung der
Sexualität die als Langweile oder Frustration wahrgenommen wird.

8.10.3 Entwicklung langdauernder Paarbeziehungen

→ Die Qualität von Ehebeziehungen wird durch folgend Faktoren bestimmt:

1. Gesellschaftliche Determinanten:
→ Nachteilig auf die Qualität der Ehe wirken familienfeindliche
Wertvorstellungen in Gesellschaft und Politik, Leben in der Großstadt und soziale
Mobilität.

2. Herkunftsfamilie und Gesundheit:


→ Hohe Qualität der elterlichen Ehe, hohe Schulbildung und Wohlwollen der
Eltern
Gegenüber der Partnerwahl haben einen günstigen Einfluss auf die Ehe. Von nicht
Geringer Bedeutung ist auch der Gesundheitszustand beider Partner.

3. Eigenschaften und Verhalten der beiden Partner


→ Alters- und Schichtunterschiede sowie Religion haben keinen wesentlichen
Einfluss auf die Ehe. Hingegen wirken sich ähnlicher Lebensstil und eine positive
Einstellung beider Partner auf die Berufstätigkeit der Frau positiv aus. (vgl.
Abbildung 8.11 auf S.204)

→ folgende Faktoren sind wichtig für eine langjährige glückliche Beziehung

1. Verstandenwerden und Verbundensein


→ Verbundensein meint die Erfahrung, dass man gemeinsam Freude und Leid
erlebt hat.

2. Schaffung gemeinsamer Regeln und Wertvorstellung


→ gilt vor allem im Bereich der Sexualität, der Religion und im Umgang mit Geld
und Besitz

3. Schaffung einer eigenen familiären Welt


→ Dazu ist die Fähigkeit, zeitweise auch Verzichten zu können, Spannung auszu-
halten und das gemeinsame Bemühen, diese zu überwinden, von Bedeutung.

8.10.4 Gleichgeschlechtliche
Gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen

Ähnlichkeiten mit heterosexuellen Paarbeziehungen

- Vielfalt von Alterskonstellationen und Wohnformen


- Stellenwert von Treue und Sexualität wiest eine Vielfalt auf
- Stabilisierende und potentielle Störfaktoren haben gleiche Bedeutung
Besonderheiten gleichgeschlechtlicher Beziehungen

- Frage nach der Andersartigkeit für das Finden einer schwulen/lesbischen Identität
wichtig
- Beziehungen zu den Herkunftsfamilien im Durchschnitt problematischer
- rechtliche Status ist gegenüber heterosexuellen Beziehungen verschieden
- oft mehr gegenwart- als zukunftsorientiert (fehlende Möglichkeit sich
Fortzupflanzen)
- zum Teil Diskriminierung in der gesellschaftlichen Stellung

8.10.5 Paarkonflikte

Paarkonflikte können ihre Ursache sowohl in äußeren Belastungen haben, als auch mit
unbewussten Wünschen und Ängsten der Partner zusammenhängen.

Kollusionskonzept

Grundhypothesen des Kollusionsprinzip von Willi


→ Konzept der Entwicklung von Beziehungskrisen und –konflikte

1. Bei der Partnerwahl spielen unbewusste Motive eine Rolle


2. Die Dynamik von Partnerbeziehungen wird wesentlich durch unbewusste
gemeinsame Phantasien und Ängste bestimmt.
3. Die Verhaltensweisen der Partner sind interdependent
4. Das verhalten in einer Partnerschaft kann Abwehrcharakter haben
5. Belastungen begünstigen eine zunehmende Polarisierung der beiden Partner in
ihren Verhaltensweisen auf dem Hintergrund eines gemeinsamen
Grundkonfliktes.
6. Starres, polarisierendes Rollenverhalten dient häufig der Abwehr eines
gemeinsamen Konfliktes.
7. Paarkonflikte entwickeln sich durch die Wiederkehr von abgewehrten und auf den
Partner delegierten wünschen und Bedürfnissen.

→ Mit diesem Konzept wollte Willi die Zusammenhänge zwischen einer neurotischen
Partnerwahl, der Entwicklung von Polarisierungen in der Paardynamik und deren
destruktive Eskalation in Partnerkonflikten beschreiben.

Neurotische Partnerwahl

Bei der neurotischen Partnerwahl liegen die Motive für die gegenseitige Anziehung in der
Hoffnung auf Erfüllung von unrealistischen Wünschen in einer Zweierbeziehung. Man
wählt zum Beispiel einen Partner, von dem man glaubt absoluten Schutz und
vollkommene Sicherheit zu bekommen. Ein anfänglicher Unterschied von zwei Partnern
(hilfsdürftig bzw. hilfsbereite) kann so anfangs als angenehm und verbindend erlebt
werden. Die beiden haben den Eindruck sich wechselseitig zu ergänzen und gut
zusammenzupassen.
Merke

Kollusion meint das Zusammenspiel von zwei Partnern auf der Basis gemeinsamer
unbewusster Ängste und Wünsche, deren Realisierung unrealistisch ist. Die Partner
beeinflussen und ergänzen sich in ihren wechselseitigen neurotischen Befürchtungen
und Erwartungen und laufen dabei Gefahr, sich in gegensätzliche Verhaltensmuster zu
polarisieren.

Übersteigerte Polarisierung

Mit der zeit kann die anfängliche Ergänzung der Partner zu einer übersteigerten
Polarisierung führen. Während der eine Partner zum Beispiel zunehmend hilfloser wird,
kompensiert der andere die Hilflosigkeit durch zunehmende Fürsorglichkeit. Die
dyadische Beziehung wird damit dysfunktional, indem die Partner in ihrem gegenseitigen
Verhalten starr und unnachgiebig werden.

Destruktive Eskalation im Paarkonflikt

Paarkonflikte sind dadurch gekennzeichnet, dass die Beziehung nicht mehr flexibel und
adaptionsfähig ist. Ein dysfunktionales Gleichgewicht stellt sich ein, indem die Partner…
- Sich durch agierende Verhaltensweisen wechselseitig in Atem halten und
zermürben
- Eine Drittperson in die Dyade einbeziehen
- Krankheitssymptome entwickeln
- Ihren Konflikt dadurch zeitweise neutralisieren, dass sie sich auf eine
gemeinsame Aufgabe hin orientieren

Konstruktive Konfliktlösung

Die Lösung des Konflikts gelingt oft erst, wenn ein Arzt/Ärztin oder PsychotherapeutIn
aufgesucht wird.

Konfliktanfälligkeit von Arztehen

Die Belastungen des Arztberufes können die Konflikte und Entwicklungsfähigkeit von
Arztehen beeinträchtigen.

8.10.6 Paarberatung durch HausärztInnen

HausärztInnen werden nicht selten in eheliche Konfliktsituationen eingeweiht. Oft wird


versucht den Arzt/Ärztin als Verbündeten gegen den bösen Ehepartner zu gewinnen.
→Für solche Situationen gelten folgende Empfehlungen:

- ÄrztInnen sollen sich nicht in die Rolle eines Richters drängen lassen.
- Den anklagenden Partner für ein gemeinsames Paargespräch zu dritt zu gewinnen
- Vorschnelle Empfehlungen in Hinblick auf Trennung sind in der Regel nicht
hilfreich
- Bei fehlender Zeit das Paar an eine Beratungsstelle überweisen

5. Teil: Seiten 207 - 247|


247| Thomas Kistler
Zusammenfassung Buddi 8.11 bis 8.13 von Tom
Alle Merkekästchen sind eingescannt oder abgeschrieben und deklariert
Tabellen, sowie Fallbeispile, sind die Wichtigen dabei, halbwichtige sind vermerkt
und Unwichtige nicht.

Dsn = Durchschnitt
HA = Hausarzt
Va = Vor Allem
Ärztl = ärztlich
AP = Arzt-Patient

8.11 Familie
8.11.1 Stellenwert und Funktion der Familie

Was ist eine Familie


Juristisch: Vater - Mutter - Kind(er)
‚ Gattenfamilie: Kinder ausgezogen
‚ Unvollständige Familie (auch Eineltern-Familie): ein Elternteil fehlt
‚ Stieffamilie / Fortsetzungsfamilie: Nach Scheidung schliessen sich neue
Personen der Familie an
‚ Konsensualfamilie: alle neuen Familienformen (z.B. Kinder aus
unverheirateten Paaren)
‚ Es gibt auch noch die Begriffe Grossfamilien (über 2 Generationen) und
Kleinfamilien (unvollständige 2 Generationen-Familie)

Funktionen
Sicherung der Versorgung, Pflege, Erziehung und Ausbildung von ihren Kindern.
Die Familie bildet die emotionalen und moralischen Grundlagen der Gesellschaft.

Politisches Ideal, gesellschaftliche Wirklichkeit


In der Realität werden Familien von Staat und Co unzureichend unterstützt, nicht so
wie man es sich wünschen würde. Deshalb suchen viele Familien Hilfe beim HA =
„family doctor“.

Familie als geschätzte Lebensform


Die Familie als Lebensform hat in der Gesellschaft ein hohes Ansehen. Die Familie
wird nicht „aussterben“. Über die Hälfte der Schweizer lebt in einem
Familienhaushalt.

8.11.2 Familie im Wandel

Familienform und -leitbild


Die Familie ist im Wandel.
Gemeinsamkeiten zwischen traditioneller Familie und heutigen Familiensystemen
„Die Familie ist das dramatische Zusammentreffen von Natur und Kultur“, das war
früher so und ist heute noch immer der Fall.

Kleinfamilie, institutionalisierte Ungleichheit?


In der Kleinfamilie bringt der Vater das Geld nach Hause, und die Mutter muss dem
Kind schauen, ist die typische Hausfrau, und ist vom Lohn des Vaters abhängig. Die
Hausfrau ist die „Unselbstständige“. Die Politik will hier ansetzen, z.B. mit
Kinderkrippen, sodass die Frau unabhängiger wird.
Familienform und sozioökonomischer Status
In der Unter- und Oberschicht dominiert die patriarchal-hierarchische
Familienstruktur.
In der Mittelschicht nimmt die Konsensualfamilie (unverheiratete) stark zu, sei es mit
oder ohne Kinder (ca. +150%). Dies vor allem bei Paaren, die eine hohe Bildung
haben.

Konfliktrolle Mutter
Für Mütter ist die Lebensperspektive vielseitiger geworden. Immer mehr Frauen
entwickeln eine vom Ehepartner unabhängige Lebensplanung.

Konfliktrolle Hausfrau
Wegen der Industrialisierung wird auch heute die unentgeltliche Arbeit zu Hause
nicht recht als Arbeit anerkannt. Mit zunehmender Emanzipation und Bildung sind
immer weniger Frauen bereit, Hausfrau zu sein.

Wo sind die neuen Väter?


Rollenteilung zwischen Vater und Mutter ist mehr Theorie als Praxis. Der Vater hat
immer noch oft „keine Zeit“ wenn es um Hausarbeit oder Erziehungsaufgaben geht.

8.11.3 Berufstätigkeit und Kinderwunsch


Der Kinderwunsch ist bei jungen Paaren gross, aber man zögert das Zeugen immer
weiter hinaus. Oftmals haben Paare weniger Kinder als gewünscht.

Rollenkonflikt Berufsfrau - Mutter


Viele Frauen wollen Kinder und Beruf. Immer mehr Frauen verzichten auf die Kinder,
um Karriere zu machen. Mindestens teilweise muss die Frau zwingend auf den Beruf
verzichten, wenn sie Kinder will.

Lösungsmöglichkeiten der Kinderwunschfrage


Verzögerung der Familiengründung
Kinder werden immer später geboren, der Dsn liegt heute bei 30 Jahren.
Das hat Konsequenzen:
‚ Fertilität nimmt mit dem Alter ab.
‚ Gefahr für Fehlgeburten / Behinderungen des Babys nimmt zu
‚ Wahrscheinlichkeit für ein Wunschkind nimmt damit also ab.
Klappt es dann nicht mehr mit 35, nehmen die Paare zu rasch
reproduktionsmedizische Behandlungen in Anspruch.
Tabelle S210: weniger Entwickelte Länder (Kenia, Algerien, Irak und Co) haben mehr
Geburten als Industrieländer (CH, DE etc).

Bewusste Kinderlosigkeit
Viele Paare sind bewusst kinderlos. Ihnen ist eine starke Unabhängigkeit und
Aussenorientierung (Reisen, Freunde) wichtig.

Ledige Mutterschaft
Aussereheliche Geburten nehmen zu. In Schweden und Island sogar jedes 2. Kind.
Die Gründe sind:
‚ Der ökonomische Druck zur Eheschliessung hat abgenommen.
‚ Ein Kind allein zu erziehen ist heute kaum ein Makel.
‚ Je grosszügiger die staatlichen finanziellen Unterstützungen für ledige Mütter,
desto geringer wird die Ehelust.

Kind als Ersatzpartner


Gut gebildete und Wohlhabende Frauen haben zunehmend gewollt ein Kind, aber
keinen Partner. Das Kind dient als Ersatz.

Familiengründung und Lebensstandart


Ein Kind kostet Geld und die Frau kann nicht mehr arbeiten å Der Lebensstandart
verschlechtert sich!
Weibliche Erwerbs- und Familienbiographien
Wie entscheidet sich eine Frau zwischen Beruf und Familie? Es gibt vier Varianten,
die etwa gleich häufig gewählt werden.
Familienfrau: Die Frau ist oft nicht so gut gebildet wie der Mann, der Mann sorgt fürs
Finanzielle, die Frau für die Familie. Nach dem Erwachsenwerden der Kinder steigen
sie nicht mehr ins Berufsleben ein.
Dreiphasen-Frau: Auch sie geben den Beruf auf, nachdem das Kind geboren wurde.
Aber sie planen den Widereinstieg. Sie haben oft eine gute Ausbildung.
Insbesondere Krankenschwestern und Ärztinnen wählen diesen Typus.
Wechslerin: Sie arbeiten trotz des Kindes, nur Teilzeit. Sie wollen den Anschluss im
Job nicht verlieren, sodass sie später wieder gut einsteigen könne. Oder es ist
finanziell notwendig, dass die Frau noch etwas arbeitet. Oft bei Lehrerinnen.
Doppelarbeiterin: Sie arbeiten 100% aus finanziellen Gründen (typisch für
Alleinerziehende), oder aus hoher Berufsmotivation (Akademikerinnen).

Vor und Nachteile von den 4 Typen


Familienfrauen sind mit dem älter werden oft unzufrieden (kein Job, Kinder
ausgezogen = langweilig)
Dreiphasenfrauen sind vom Arbeitsmarkt abhängig
Wechslerinnen und Doppelarbeiterinnen sind oft überlastet (Beruf und Familie
gleichzeitig)

8.11.4 Familiäre Lebensphasen


Es gibt verschiedene Phasen im Leben, jede bringt ihre eigenen Probleme und
Belastungen mit.
Phase der Paarbildung
Normalerweise leben Paare zuerst unverheiratet kinderlos zusammen. Man lernt sich
da kennen. Oftmals ist es für Paare schwierig, in die nächste, familiäre Phase
überzutreten, da man dort diese Individualität und Unabhängigkeit nicht mehr hat.
Oftmals ist es für Paare in dieser Phase eine Enttäuschung, dass das Gefühl
„frischer, aufregender Liebe“ abnimmt.
Anfangs- und Aufbauphase
Wurde in 8.2. erläutert: Veränderung während und nach Schwangerschaft, Probleme
Beruf - Familie.

Plateauphase
Nachdem die Kinder im Kindergarten sind gibt es eine kleine Entlastung. Man hat
mehr Zeit für Freunde und Co. Besondere Belastungen (Beruf, Gesundheit etc)
können die Paarbeziehung aber schwer belasten.

Die Krise der Lebensmitte


Vorallem Paare mit einer traditionellen Beziehungsstruktur geraten in eine Krise.
Diese Phase wird bei Frauen oft den Wechseljahren zugeschoben.

Die Altersehe
Auch noch nach dem 60. Altersjahr ist die Ehe lebhaft: Langjährig unterdrücke
Konflikte können wieder aufkommen und zu heftigem Krach führen. Erwartete oder
erhoffte Dinge in der Ehe, die nicht eingetreten sind, führen oft zum Zoff.

8.11.5 Kriterien zur Beurteilung von Familiensystemen


Um eine Familie zu beurteilen, braucht man ein sogenanntes Raster:
Soziale Situation und Entwicklungsphase
Oft wichtig bei Familien aus der Unterschicht, Immigrantenfamilien etc. Es ist keine
Seltenheit, dass sich Eltern mit pubertärem Verhalten an ihre Kinder „klammern“,
also wenn sie z.B. jugendliche coole Kleider tragen und cooler sein wollen als die
Kinder.

Kommunikation
Jede Familie entwickelt ihren eigenen Kommunikationsstil. Einhalten von
Kommunikationsregeln innerhalb der Familie kann zum Ausdruck bringen, inwiefern
sich Jugendliche der Familie zugehörig fühlen. Trotziges Schweigen kann z.B. ein
Hinweis für einen Konflikt sein.

System
Vor allem Hierarchie spielt hier eine Rolle. Wenn z.B. das Kind krank ist, stellt es das
ganze System auf den Kopf, da es dann wichtiger ist, als z.B. der Vater.

Psychodynamik
In Familien kann das Verhalten einzelner oder aller Familienmitglieder
Abwehrcharakter enthalten. Ein nicht intellektuelles Kind wird oftmals gegen aussen
als „begabt“ hingestellt; die Schwäche des Kindes wird verleugnet.

Mehrgenerationenperspektive
Viele Dinge werden über mehrere Generationen hinweg weitergegeben, auch
Suizidverhalten und gemeinsame unbewusste Ängste. Oft wird nicht darüber
gesprochen.

8.11.6 Bikulturelle Familien


Es gibt immer mehr bikulturelle Paare, d.h. Paare aus zwei verschiedenen
Nationalitäten oder eben Kulturen. Dabei gibt es zuerst das Problem der
Kommunikation, später das Phänomen einer „biographischen Rückwende“. (s.u.)

Interkulturelle Kommunikation
Je nach Kultur gibt es verschiedene (non)verbale Kommunikationsregeln:
Wann spricht man (nicht) / Über was spricht man (nicht) / Welche Gesten sind (nicht)
angebracht etc. Man muss die Kommunikation des Andern kulturell sehen und
kulturell decodieren, das vermeidet Missverständnisse. Dies gilt übrigens auch für
transkulturelle AP Angelegenheiten.

Biographische Rückwende
Oft wollen Immigranten später ihre eigene Familie wieder sehen. Insbesondere nach
Gründung einer eigenen Familie. Oftmals haben Immigranten in ihrer Kindheit eine
schlechte Beziehung zu ihrer Familie gehabt. Die Wahl eines ausländischen Partners
ist eine Provokation: „Ich will anders sein als ihr.“

Begegnung mit der eigenen Geschichte


In der Familie denkt man immer an seine eigene Geschichte (Vergangenheit) zurück.
Insbesondere Geburt oder Tod eines Familienmitgliedes, sowie der Blick auf die
Zukunft von Kindern sind Auslöser dafür.
Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne
Bei transkulturellen Paaren (Mann Frau oder Elternteil Kind) herrscht Gleichzeitig
Vertrautheit und Fremdsein. Als Arzt muss man dies im Hinterkopf behalten und
akzeptieren.

8.11.7 Geschwisterbeziehungen

Vertikale und horizontale familiäre Beziehungsprozesse


Ein Kind entwickelt sich an Hand der Eltern (vertikal) und anhand der Geschwister
(horizontal). Die Art der familiären Beziehungen hat einen grossen Einfluss, wie sich
ein Geschwistersubsystem konstelliert.
åIst die Elternbeziehung konfliktfrei, konstelliert sich eine saubere
Geschwisterbeziehung. Die Eltern preferieren keines der beiden und mischen sich
nicht in deren Beziehung ein.
åIst die Elternbeziehung nicht konfliktfrei, „missbraucht“ ein Elternteil eines der
Kinder immer wieder für eigene Zwecke, es wird aus der Geschwisterbeziehung
gerissen und an das Elternteil gebunden. Dies hat einen negativen, nachhaltigen
Einfluss auf die Entwicklung des Kindes.

Geschwisterkonstellationen
Günstig ist ein Altersunterschied der Geschwister von 3 Jahren, da beim älteren Kind
die Ich-Entwicklung schon vorangeschritten ist. Bruder - Schwester ist weniger
konfliktanfällig als gleichgeschlechtliche Geschwister.

Phasen in der Geschwisterbeziehung


Schon während der Schwangerschaft entwickelt das ältere Kind eine Beziehung zum
Ungeborenen (Objektliebe). Später begegnet das ältere Kind seinen eigenen
Erfahrungen wieder, wenn es das Kleinkind sieht (narzisstische Besetzung des
Objekts). Dies legt den Grundstein für die Geschwisterliebe.

Eifersucht zwischen Geschwistern


Oft hört man davon, dass das Ältere auf das Jüngere eifersüchtig ist. Insbesondere
dann, wenn die Eltern dem Jüngeren zuviel Aufmerksamkeit schenken. Das Ältere
zeigt trotzdem überwiegend positives Verhalten gegenüber dem Jungen, zwar je
länger je weniger, aber positives Verhalten überwiegt.

Vorkindergartenzeit
Da erkunden die Geschwister zusammen die Welt, sehr intensive Beziehung. Das
Jüngere lernt viel vom Älteren, insbesondere sprachlich. Schrittweise beginnen die
beiden, ihr eigenes Ich zu finden und sich etwas zu lösen von der Beziehung. Geht
der ältere in den Kindergarten, ist dies eine scharfe Trennung, bringt beide aber
voran in Sachen Identitätsfindung.
Schulalter
Die Beziehung hängt stark von diversen Faktoren ab (Temperament, Geschlecht,
Interessen). Freunde werden zunehmend wichtiger als das Geschwister. Man
verbringt viel weniger Zeit mit dem Geschwister.

Pubertät und Adoleszenz


Bruder-Bruder / Schwester-Schwester bauen in der Pubertät eine emotionale
Annäherung auf; Bruder - Schwester distanzieren sich stark.
In der Adoleszenz löst man sich zunehmend ab, Freunde und die eventuelle
Liebesbeziehungen gehen vor. Ist die Vergangenheit optimal verlaufen, erfolgt die
Loslösung problemlos.

Erwachsenenalter
Weitere Sub-Phaseneinteilung:
Früh: Jeder verfolgt eigene Ziele.
Mitte: Hat man die eigene Familie, stellen Geschwisterfamilien eine wichtige
Ressource dar.
Spät: Wenn z.B. die Eltern dann sterben oder alt sind, werden die Beziehungen auf
die Probe gestellt: Wer pflegt die Eltern, wer kriegt das Erbe? Die Beziehungen
können dabei wieder intensiviert werden. Nach dem Verlust der Eltern geben die
Geschwister das Gefühl, dass die Familie weiterlebt.

8.11.8 Erziehungsstile und Gesundheitsfolgen

Aktives Erziehen
Schulen fordern die Eltern zunehmend auf, „aktives Erziehen“ zu betreiben. D.h. die
Grundlegenden Dinge, die selbstverständlich sind, den Kids beizubringen:
‚ Frühstück am Morgen
‚ „Kontrolle“ der Durchführung der Hausaufgaben
‚ Zeitig ins Bett schicken
‚ Sport fördern
‚ Nicht zuviel TV
‚ Nicht Schwänzen
‚ Nicht mehr Jobben als zum Unterricht gehen
Diese Punkte werden heute oft vernachlässigt. Man ist passiv und gleichgültig.

Merkmale negativer Erziehungsstile


Siehe Tabelle.

Eltern mit eigenen psychischen Störungen haben negative Auswirkungen auf die
Kinder.

8.11.9 Soziale und emotionale Rolle der Grosseltern


Grosseltern nehmen eine zunehmende Rolle ein. Sie sind bereit, ab und zu Zeit mit
den Kindern zu verbringen. Junge Familien nutzen dies aus. Oftmals gibt es eine
starke emotionale Bindung zwischen Kind und Grossmami. Grossmütter pflegen die
Kinder öfters als -väter.

Beziehungsdynamik zwischen Generationen


Oft fühlen sich Eltern unfähig, wenn die Grosseltern ins Spiel kommen; Grosseltern
fühlen sich oft hintergangen, wenn sie nicht Babysitten dürfen.
Die Beziehung Eltern - Grosseltern funktioniert am Besten, wenn Distanz und Nähe
ausgewogen sind. Eltern sollten also unterstützt, aber nicht abhängig werden von
den Grosseltern.

8.11.10 Familienkonflikte
Es treten Konflikte auf. Dabei spielen Koalitionen zwischen Elternteil - Kind gegen
den anderen Elternteil eine grosse Rolle. Fallbeispiel S. 221 veranschaulicht gut.

Grundthemen von Familienkonflikten


Es gibt 4 Grundfragen, die immer wieder zum Konflikt führen:
‚ Wer ist wer in der Familie - Identitätsfrage
‚ Wer umsorgt wen - Sorge und Pflege
‚ Wer dominiert wen - Hierarchie und Macht
‚ Wer liebt bzw umschwärmt wen - Zuneigung, Liebe
Bei dysfunktionalen Familien werden diese Fragen nicht geklärt, oder man kann sich
nicht auf einen Kompromiss einigen.

8.11.11 Trennung, Scheidung

Anstieg der Ehescheidungen


Jede 3. Ehe geht in die Brüche. Jede 5. Ehe wird nach der Geburt des ersten Kindes
geschieden. Die meisten Ehen werden in den ersten 5 Jahren geschieden.
Gründe:
‚ Politische Erleichterung von Scheidungen
‚ Relativierung des traditionellen Ehemodells (nicht mehr „bis dass der Tod
euch scheidet“, sondern „solange ihr Lust habt“)
‚ Enttabuisierung und Normalisierung der Scheidung
‚ Schneeballeffekte in Richtung einer höheren Scheidungsbereitschaft (wenn
man in der Beziehung skeptisch ist, verringert man das Engagement für die
Beziehung, und das Scheidungsrisiko steigt)
‚ Generationen-Effekt (wenn sich die Eltern geschieden haben, ist der Sohn
dazu auch rasch bereit)

Eigendynamik der Scheidungsentwicklung


Man stellt sich die Frage, ob sich Leute, die an einer Ehe festhalten, sich bald
rechtfertigen müssen; da sich ja jeder scheiden lässt. Gibt es nur wenige
Scheidungen, wird man rasch diskriminiert (als Geschiedener). Gibt es viele, sinken
diese Nachteile ständig, es wird normal, man trifft viele in der gleichen Situation und
die Chance auf einen neuen Partner nach der Scheidung steigt ebenfalls mit an.

Scheidungsursachen
Folge einer länger dauernden Fehlentwicklung

Subjektive Ursachen
gemäss Befragung betroffener:
‚ Unzufriedenheit mit dem Partner
‚ Kommunikationsschwierigkeiten
‚ Sexuelle Probleme
‚ Affären
‚ Unzureichende emotionale Bindung zum Partner
‚ Gewalt in der Ehe
‚ Alkohol oder Substanzabusus
‚ Rollendivergenzen
‚ Finanzielle Probleme

Objektive Ursachen
‚ Alter: Ehen, die unter 20 geschlossen werden, gehen doppelt so häufig in die
Brüche
‚ Voreheliche Schwangerschaft
‚ Niedriges Bildungsniveau und Einkommen
‚ Religion (Protestanten scheiden öfters als Katholiken)
‚ Kinderlosigkeit (Kinder bis 5 stabilisieren die Ehe)
‚ Geschlecht der Kinder (Paare mit Buben scheiden seltener)

Scheidung als psychosozialen Kinderrisiko


Negative Folgen:
‚ Höhere Morbidität und Mortalität bei geschiedenen Erwachsenen
‚ Schul- und Verhaltensprobleme der Kinder
Neuere Erkenntnisse zeigen: Heute sind die diese Folgen weniger schlimm als
früher. å Die Normalisierung der Scheidung hat positive Auswirkungen auf die
Folgen.

Leiden vor und nach der Scheidung


Die Frau leidet eher vor einer Scheidung, der Mann eher danach. Die Frau initialisiert
die Scheidung häufiger als der Mann. Die Frau erkennt Probleme früher und
signalisiert dies. Der Mann ignoriert dies meist und reagiert erst, wenn Scheidung ein
Thema ist. Für den Mann bedeutet die Scheidung meist auch die Trennung von den
Kindern.

Auswirkungen auf die Kinder


Früher waren die Auswirkungen gravierender: Schulschwierigkeiten und
Entwicklungsprobleme. Heute sind die Auswirkungen differenzierter. Es spielen aber
viele Faktoren eine Rolle:
‚ Alter: Für Kinder im Vorschulalter ist eine Scheidung gravierender. So junge
Kinder können dies nicht verarbeiten. Sie denken, sie selbst seien Schuld an
der Scheidung. Ältere Kinder können sich besser von den elterlichen
Problemen distanzieren. In der Adoleszenz, wo man sich von den Eltern
ablösen sollte, führt die Scheidung ebenfalls zu Problemen (Ablösen geht nur
teilweise, Kind meint, müsse beim Elternteil bleiben)
‚ Geschlecht: Knaben haben die höhere Beziehung zum Vater, problematisch
wenn sie zur Mutter gehen müssen. Knaben haben auch eher Probleme mit
der Verarbeitung, aufgrund der höheren Symptombildung beim männlichen
Geschlecht vor der Pubertät.
‚ Temperament und Coping (s. 9.5.3 / 16.5)
‚ Art der Elternorganisation: Gut, wenn Eltern auf Paarebene kommunizieren
und ihre Elternaufgaben weiterhin wahrnehmen.
‚ Geschwisterbeziehungen: Gut, da als Ersatz für Elternbeziehung. Gibt
emotionale Stabilität.
Die Scheidung an sich ist kein Punkt-Event, sondern ein lang andauernder Prozess.
Die Dauer und Intensität vor und Nach der Scheidung sind die gravierenden und
schlimmen Zeiten.
Anforderungen an Stief- bzw Fortsetzungsfamilien
Wenn nach einer Scheidung Leute wieder neue Beziehungen eingehen, gilt es, die
Regeln, Beziehungen und Lebensformen neu zu definieren. Funktionen, Rechte,
Pflichten und Aufgaben von leiblichen und sozialen Eltern müssen klar geregelt sein,
nur so kann sich das Kind orientieren in dem komplexen Netzwerk.

8.11.12 Mediation und Scheidungsberatung


Mediation: Konfliktbearbeitung unter Beizug eines neutralen Dritten, dem Mediator.
Ähnlich wie Beratung. Wird heute oft durchgeführt. Man geht davon aus, dass beide
Schuld an dem Gelingen bzw Scheitern der Beziehung haben.

Therapie und Rechtsberatung


Die Mediation ist eine Mischung aus Paartherapie, Psychotherapie, Sozialarbeit und
Rechtsberatung. Es gibt Paar, Familien und Einzeltherapien. Die Mediation arbeitet
zukunftsorientiert. Mediation ist Leitung und Vermittlung einer Reihe von
Verhandlungen.

Scheidungsberatung
Oft werden Ärzte mit Scheidungsfragen konfrontiert. Folgendes Vorgehen eignet
sich: Klärung der Ernsthaftigkeit von Scheidungsabsichten, Abgeben von Ratgebern,
Vermittlung an Mediatoren.

8.11.13 Lebenssituation allein erziehender Frauen


‚ Alleinerziehende sind fast immer Frauen
‚ Oftmals ist es nur eine vorübergehende Lebensform
‚ Sie sind überfordert, v.a. bei mehr als einem Kind
‚ Ein dichtes soziales Netz kann Abhilfe schaffen
‚ Höhere Deprivation (=Entbehrung) in Kinderbetreuung, berufliche Stellung,
Mietkostenbelastung, soziale Unterstützung, Wohlbefinden
‚ Erhöhtes Morbiditätsrisiko
Hausärzte sind für Solche eine wichtige Ansprechperson

8.11.14 Ausblick: von der Normal- zur Bastelbiographie


Die Familienform ist im Wandel: Immer mehr Schwulen / Lesbenehen,
Patchworkfamilien, Stiefehen. Dies hat auch Auswirkungen auf die AP Beziehung:
Mehr Instabilität, mehr Wechsel, mehr Übergänge und Lebensformen in Biographien
von Frauen und Männern.
Die Familie wird mehr und mehr zur Teilzeitgemeinschaft. Die traditionelle Familie
wird nicht verschwinden, aber unbedeutender.
8.12 Das Alter
8.12.1 Psychosoziale Aspekte des Alters
Das Altern kann auf verschiedene Weisen betrachtet werden. Die Betagten werden
immer zahlreicher.

Betagte und hochbetagte Menschen


Gemäss WHO gilt: Betagt > 65, Hochbetagt > 85 Jahre
Umgangssprache: Junge Alte 60 -74, Alte Alte > 75
Diese Unterscheidung ist sinnvoll, da die Lebenssituation (Unabhängigkeit,
Gesundheit etc) verschieden ist.

Das biologische Alter


Ab dem 40. Lebensjahr ändern viele biologische Vorgänge im Organismus. Der
Gesundheitszustand ist abhängig vom Lebensstandard, Schichtzugehörigkeit und
Bildung, siehe 8.12.3

Das bürokratische Alter


Damit ist meist die Pensionierung gemeint. Zur Zeit ist dieses Alter für Männer bei
65, für Frauen bei 64. In Zukunft sollen diese fixen Grenzen aufgehoben werden,
sodass jeder sein Rentenalter selbst bestimmen kann. Die Umstellung Arbeiten -
Rentner ist mit vielen Veränderungen verbunden.

Das psychologische Alter


Damit ist gemeint, wie alt man sich selbst fühlt.

Gesellschaftliche Stellung der Alten


Von der Antike bis zur Neuzeit waren die Alten träger aller Weisheit, verlangten
Respekt, hatten viel Macht (Erbe verteilen, besassen allen Familienbesitz).

Die Alten in der technisierten Gesellschaft


In den industrialisierten Ländern hat sich dies verändert. Die Jungen wissen heute
mehr als die Alten, welche nichts mehr wissen (z.B. über Computer). Die Jungen
verfügen über eine erhöhte Lernfähigkeit im schnellen technischen Wandel.
Altersbilder und Geschlecht
Die Altersbilder sind sehr differenziert. Frauen haben ein schlechteres Bild als
Männer. Dies sieht man auch in den Schimpfwörtern, wo solche für Männer noch ein
bisschen Respekt beinhalten:
MERKE
Schimpfwörter für Frauen: alte… Eule, Hexe, Schachtel, Reff, Schraube
Schimpfwörter für Männer: alter… Bock, Esel, Gauner, Knacker, Sack
MERKE ENDE

Diskriminierung alter Menschen


Heute gilt Flexibilität und Jugendlichkeit als Ideal. Aus Sicht der Jungen gelten Alte
als wenig effizient, unzufrieden, langsam, wirklichkeitsfremd und sind sozial wenig
geachtet und beliebt. Teilweise werden sogar Alte von „jungen Alten“ diskriminiert. In
den USA wird der Grosspapi sogar vor einem Spital ausgesetzt, da er als
Wohlstands-Gefahr angesehen wird.

Geringes Interesse von Medizinstudenten an Altersfragen


Medizinstudenten haben ein geringes Interesse an Altersfragen, Gründe sind:
‚ Andersartigkeit der Alterswelt
‚ Diskrepanz zwischen Idealvorstellungen der Medizin und den realen Grenzen
der Medizin bei chronisch kranken alten Menschen.
‚ Konfrontation mit Lebenssinn-Fragen
‚ Rat- und Hilflosigkeit bei chronisch kranken Alten.
‚ Sichtbarwerden der medizinischen Grenzen

8.12.2 Demographische Befunde


Anstieg der Lebenserwartung
Die Lebenserwartung steigt stetig und rasch. Die Schweiz hat nach Japan die 2.
Höchste. Frauen haben ca. 5 Jahren höhere Erwartung. In Zukunft wird sie weiter
steigen. Entwicklungsländer haben eine geringere L.Erwartung

Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung


Auch die Gesellschaft altert: Immer mehr alte, immer weniger Junge. In
Entwicklungsländer sieht die Alterspyramide noch gut aus (unten breit), in CH DE
USA etc allerdings nicht (unten dünn, Mitte dick). In Zukunft wird bei uns der Anteil
der Alten zunehmen.

Veränderung der Überlebenskurven


Die Veränderung ist nicht auf eine Verlängerung der Lebensdauer zurückzuführen,
sondern auf einen Anstieg der Bevölkerung.
Siehe Abb. S. 229

Soziale Ungleichheit im Alter


‚ Armut und Isolation sind vor allem typisch für Frauen aus unteren Schichten
‚ Gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit gibt’s vor allem bei Unqualifizierten
Leuten
‚ Ergänzende Pflegedienste werden von den Armen nicht in Anspruch
genommen, obwohl sie es am meisten benötigten.
8.12.3 Biologische und psychologische Altersvorgänge

Biologische Faktoren
Altern als natürlicher Vorgang
Veränderungen wie graue Haare, Weitsichtigkeit, kein Kurzzeitgedächtnis sind
natürlich und nicht krankhaft, sie erhöhen nicht die Mortalität.

Erhöhung der Krankheitsanfälligkeit


Alte werden anfälliger für Krankheiten (Vulnerabilität). Dies erhöht die Morbidität und
Mortalität.
Ist altern genetisch programmiert?
Man weiss es nicht so genau, wie das geht.
Die Rolle der Gene in den Lebensabschnitten
Bis zum 40. Altersjahr, wo die Reproduktion abgeschlossen ist, wird der Organismus
wesentlich mehr durch genetische Steuerung beeinflusst als in der zweiten
Lebenshälfte.
Psychologische Faktoren

Altersabbau des Gehirns


Täglich sterben 10k Gehirnzellen ab, man hat aber von Geburt an 100 Mil. Bis 70
sind also erst 1.3% weg, dies erklärt, weshalb das Hirn leistungsfähig bleibt.
Allerdings ist das Gehirn nicht mehr so anpassungsfähig, wird schneller erschöpft,
die Sensorik nimmt ab.
Wahrnehmung, Reaktionszeit, Gedächtnis, Lernen, Intelligenz
‚ Das Leistungsvermögen der Sinnesorgane nimmt ab 40 ab (Hochtonabfall,
Weitsichtigkeit)
‚ Reaktionszeit nimmt zu.
‚ Merkfähigkeit nimmt ab, länger zum Überlegen.
‚ Der Ältere braucht zum Lernen länger.
Wohlbefinden im Alter
Frauen fühlen sich weniger wohl als Männer.
Objektive Umstände tragen nur soweit zum Wohlbefinden bei, wie sie subjektiv
wahrgenommen werden. Nur 6 Variablen haben Einfluss auf das Wohlbefinden,
davon sind 5 subjektives Empfinden:
1. Subjektiv bewertete Gesundheit
2. Zufriedenheit mit der finanziellen Situation
3. Zufriedenheit mit sozialen Beziehungen
4. Männliches Geschlecht
5. Subjektives Sehvermögen
6. Zufriedenheit mit sozialer Partizipation

Subjektive Einschätzung des Gesundheitszustandes


Die Schweizer finden ihren Ges.Zustand mehrheitlich gut - sehr gut. Selbst 2/3 der
Hochbetagten finden ihren G.Zustand gut - sehr gut. Trotzdem: Je älter, desto
schlechter schätzt man sich ein. Frauen schlechter als Männer.
8.12.4 Anforderungen und Bewältigung des Älterwerdens

Psychosoziale Anforderungen an ältere Menschen


‚ Der Alternde wird mit Verlust und Abschiednehmen konfrontiert. Die
wichtigsten Anforderungen sind:
‚ Ausscheiden aus Berufsleben
‚ Abnehmen der Vitalität
‚ Verlust von Bezugspersonen
‚ Verlust der Selbstständigkeit
‚ Vereinsamung

Erleben des Älterwerdens


Man erlebt es von zwei Seiten: Dankbar / Zufrieden äå Traurig / Melancholisch.
Aktive Bewältigung des Alters
Die Bewältigung führt zur inneren Zufriedenheit

Möglichkeiten zur aktiven Lebensgestaltung im Alter


Va Gebildete tun dies. Sie jobben freiberuflich weiter, betätigen sich politisch etc.
Potentiale im Alter
Das Alter bietet auch Möglichkeiten, diese werden aber oft nicht bemerkt:
‚ Vergangenes in Ordnung zu stellen und neu bewerten
‚ Erwartungen auf die NAHE Zukunft setzen
‚ Sich an kleinen Dingen des Lebens erfreuen
‚ Grenzen akzeptieren
‚ Differenzierte Bewertung aktueller Zeitfragen
‚ Kompromisse zwischen Erwartungen und Erreichtem schliessen

Probleme und Konflikte im Alter


Pensionierung
Früher hatte man Angst davor, heute freut man sich darauf. Man hat noch ¼ des
Lebens vor sich, und man kann noch vieles erreichen. Mit 50 allerdings hat man
Angst, den Job zu verlieren und Stress. Allerdings kann es auch problematisch erlebt
werden: man kann sich nutzlos und überflüssig fühlen.

Ehe und Generationenkonflikt


Oft gibt es Konflikte. In der Ehe Vorwürfe von jahrzehntelangen erduldeten
Problematiken. Zwischen Generationen Vorwürfe betreffend Machtkämpfe oder
finanziellen Fragen. Der HA kann hier gut vermitteln, indem er auf die
wechselseitigen Verdienste und den oft nicht zugestandenen Wunsch nach
Versöhnung hinweist.

Sexualität im Alter
Über 60jährige haben noch 1x pro Woche Sex, erst ab 75 nimmt die Häufigkeit
deutlich ab. Die Sexualität wird durch Gesundheit, Partner-Vorhandensein und die
Vergangenheit bestimmt. V.A. die Potenz der Männer nimmt ab, Männer reagieren
darauf empfindlich. Frauen sehen sexuelle Veränderungen easy. Ärztliche
Informationen dazu werden von Alten dankbar angenommen.

Altern in der Fremde


Migranten können Altersangebote in gleicher Weise annehmen wie Einheimische, es
gibt allerdings Barrieren:
Sprache, Informationsdefizite, Kultur, Religion, Geschlecht, Behördenimage,
mangelnde interkulturelle Kompetenz.

Tod des Ehepartners


Dies ist der krasseste Verlust, den Alte zu bewältigen haben. Zu beschreiben als
„Amputation, selbst sterben, in ein Loch fallen“. Sprich ist krass. Hausärzte sind hier
ein wichtiger Beistand, da sie oft auch den Verstorbenen kannten.

8.12.5 Alltagskompetenz im Alter


Alltagskompetenz = Beurteilung der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit alter
Menschen. Dabei geht es um die Grundfertigkeiten im Alltag. Unterscheidung in zwei
Kategorien:
8.12.6 Hilfe und Pflegebedarf
Oftmals wird Alter mit Hilfsbedürftigkeit gleich gesetzt. Berliner Studie zeigt aber,
dass über 70 jährige noch selbstständig sind (80%), 15% brauchen gelegentlich
Hilfe, nur 5% dauerhaft.
Allerdings stehen 93% in regelmässiger ärztl. Behandlung, 60% zusätzlich von
Fachärzten. 96% nehmen regelmässig Medis (6 pro Tag im Dsn) und 20% waren im
letzten Jahr im Spital.

8.12.7 Gesundheitsökonomische Aspekte


Man meint, die Alten sind schuld an der Teuerung des Gesundheitswesens. Das ist
FALSCH! Nur ein kleiner Teil der Teuerung ist auf die Überalterung zurückzuführen.

8.12.8 Misshandlung von Betagten


Vier Arten:
Körperliche Gewalt ausüben, Emotionale Schmerzen zufügen, wirtschaftliche
Ausbeutung und Vernachlässigung in der Pflege. Etwa 2% erfahren dies, meist zu
Hause von Kindern oder Partnern, aber auch in Altersheimen.
Anzeichen für Misshandlung
Können sein:
‚ Versäumte Arztkonsultationen
‚ Widersprüchliche Angaben von Altem und Betreuer
‚ Vage Erklärungen für Verletzungen
‚ Häufige Notfallkonsultationen

Ärztl. Vorgehen bei Misshandlung


Verbal nachfragen, Pfleger und Betagter, auch emotional fragen. Dann körperliche
Hinweise untersuchen. Sonst Situationsabhängig.
8.12.9 Das Alter - Welt der Erinnerungen
Zitat von Bobbio, der im Alter von 84 schrieb:
8.13 Sterben und Tod
Beeinflussbarkeit des Lebensbeginns und des -endes
Man wird meist in einer Klinik geboren und verstirbt auch dort. Dies ist uns deshalb
fremder geworden. Ärzte können den Geburts und Sterbensvorgang verkürzen,
hinauszögern, verzögern. Deshalb gilt es ethnische Richtlinien zu beachten.

8.13.1. Biologie von Sterben und Tod

Lebensdauer
Menschen werden immer älter, die absolute Lebensdauer hat sich aber nicht
verändert. Diese ist genetisch bestimmt und auf 110 Jahre begrenzt. Dazu zwei
Erläuterungen:
‚ Nervenzellen teilen sich gar nicht, alle anderen Zellen schon. Die Teilungsrate
ist aber begrenzt. Fibroblasten z.B. können sich max. 50 Mal teilen.
‚ Im Bindegewebe hat es kollagene Fibrillen, welche für die mechanische
Belastbarkeit zuständig sind. Ab 50 nimmt der Durchmesser der Fibrillen ab,
theoretisch sind sie bei 120 ganz verschwunden.

8.13.2 Kriterien des klinischen Todes

Früher hat man den Tod anhand Atemstillstand, Herzstillstand und Pupillenstarre
festgestellt. Heute kann man gewisse Systeme künstlich weiter laufen lassen, und
Organe transplantieren. Allerdings kann man nichts machen, wenn das Hirn ausfällt.
Man braucht Richtlinien für den Tod. Diese kommen von der Schweizerischen
Akademie der med. Wissenschaften (SAMW)

Feststellung des Herztodes (Kreislaufstillstand)


Folgende 8 Kriterien müssen dazu erfüllt sein:
Pulslosigkeit, Atemstillstand, tiefes Koma, Pupillenstarre, Fehlen okulozephaler
Reflexe, Fehlen der Kornealreflexe, Fehlen von Reaktionen auf Schmerzreize,
Fehlen des Husten und Schluckreflex.
Der Herztod darf erst nach 30min fehlgeschlagener (klinischer) Reanimation
festgestellt werden.

Feststellung des Hirntodes


Dazu müssen dieselben Kriterien wie oben erfüllt sein ausser Puls- und
Atemlosigkeit, dafür muss aber die Spontanatmung weg sein. Die Symptome müssen
bei Kindern unter 5 Jahren 24h beobachtet werden, bei über 5 Jährigen 6 Stunden.

Der absolute oder biologische Tod tritt auf, wenn alle Zellen ihre Funktion verloren
haben. Dies ist erst einige Zeit nach dem Tod der Fall.

8.13.3 Sterben als psychologischer Vorgang

Thanatopsychologie (Thanatos = Tod)


Phasen:
1. Nicht wahrhaben wollen
2. Zorn
3. Verhandeln
4. Depression
5. Zustimmung
Dabei kann es sein, dass man in Phasen verbleibt, überspringt, oder die Reihenfolge
verkehrt ist.

Nicht wahrhaben wollen


Wird jemand damit konfrontiert, will er es zuerst nicht wahrhaben, verleugnet es. Man
lehnt weitere Informationen zur Krankheit ab, Therapie will man nicht, kann sich nicht
im Spiegel ansehen. Ärzte müssen deshalb solche Nachrichten schonend mitteilen.
Zorn
Nach dem 1. Schock wird der Patient wütend. Er kann diese Wut auch gegen das
Pflege und Ärztepersonal widmen (warum hat man früher nichts unternommen) etc.
Deshalb ist hier die Behandlung schwierig. Diese Phase muss man verstehen, sonst
kann es in der A-P-Beziehung zu Problemen kommen.

Verhandeln
Der Patient will verhandeln: Verlegt werden, sie wollen ein Wunder, suchen Hilfe in
der Komplementärmedizin. Viel Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit hilft dem
Patient, z.B. in der Gestaltung des Krankenzimmers.

Depression
Beistand ist hier wichtig, auch von Angehörigen.

Zustimmung
Nicht alle Erreichen diese Phase. Patienten in dieser Phase, die den Tod
akzeptieren, sind eindrücklich und bleiben dem Arzt in Erinnerung.

Vorstellungen vom idealen Sterben


Menschen sterben, wie sie gelebt haben. Dies kann sehr vielseitig sein. Jeder
Mensch hat seine Idealvorstellungen vom Tod. Patienten können sich deshalb
unverständlich Verhalten.

8.13.4 Sterbebegleitung

Als Arzt kann man diese Ängste lindern.

Zeiterleben
V.A. junge Sterbende planen Ihre Zukunft oft unrealistisch weit hinaus. Ein Hinweis,
dass der Patient sich von Tag zu Tag orientieren soll, kann hilfreich sein.

Unerledigte Geschäfte
Viele wollen Geschäfte aus dem ehemaligen gesunden Leben noch erledigen. Ein
Hinweis, dass man jetzt die Prioritäten anders setzen sollte, kann hilfreich sein.
Oftmals werden Dinge zur Sprache gebracht, die man vor dem Tod noch erledigt
haben möchte.
Weiterleben nach dem Tode
Auf jeden Fall lebt man in den Erinnerungen der Angehörigen weiter. Das Gestalten
am eigenen Erinnerungsbild, welches man hinterlässt, kann ein wichtiger Teil des
Sterbens sein.

8.13.5 Sterbehilfe
Auch dazu gibt es Richtlinien. Ärzte benötigen die. Sie kommen auch vom SAMW.

8.13.6 Kultureller Wandel in der Einstellung zum Tod

Vielfalt von Einstellungen


Wie auch in allen anderen Bereichen des Lebens gibt es eine Vielzahl von
Einstellungen zum Tod.
Der Tod als Freund
Beispiel A: Traditionelle Einstellung, der Tod ist feierlich, bewusst.

Der Tod als rauschendes Fest:


Beispiel B: Hier wurde mit Krebs Suizid begannen. Der Tod ist das rauschende
Finale, die Sterbende ist die Hauptdarstellerin ihres heldenhaften Suizids.

Der Tod als flüchtiger Abschied


Beispiel C: Von einer Drogentoten. Kurz und Knapp, als würde sie lediglich
umziehen.
Tabuisierung - Vermarktung des Todes
Auf der einen Seite wird der Tod verleugnet und tabuisiert (VA wenn Leiden
vorherging). Auf der anderen Seite gibt es eine Heroisierung und Idealisierung des
Todes (VA bei Suizid).
Bobbio schreibt dazu:

8.13.7 Psychologie des Trauerns


In den Erinnerungen der Angehörigen leben Tote weiter. In dieser Zeit des Trauerns
sind sie selbst anfälliger für Krankheiten. Witwer sterben oft nach einem halben Jahr
nach dem Tod des Partners. Man unterscheidet vier Trauerphasen.

Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens


VA bei plötzlichen Todesfällen, kann man den Verlust zwar rational wahrnehmen, die
Emotionen aber nicht spüren.

Phase aufbrechender Emotionen


Zorn, Wut, Verzweiflung, Schmerz. Oft auch Wut gegen Ärzte. Auch oft gegen
Verstorbenen selbst, von dem man sich im Stich gelassen fühlt; oder mit dem man
gerne noch Aussprachen geführt hätte.

Phase des Suchens und Sich-Trennen


Oft hat man Träume, wo der Verstorbene vorkommt, und man spricht mit ihm. Ein
gutes Zeichen ist die Gestaltung der Wohnung: ZB Eltern ändern oftmals lange nichts
am Kinderzimmer, wenn es verstorben ist.

Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs


Der Verstorbene oder seine Lebensziele werden den Hinterbliebenen zu einem
inneren Begleiter. Der Tod wird verarbeitet. Man ist fähig für neue Erfahrungen und
Beziehungen.
Bestattungsrituale
Sehr verschieden je nach Religion, die Christen sind noch Bescheiden. Die Juden
dürfen sich z.B. nicht mehr pflegen, eine Woche nach dem Tod. Das Fehlen solcher
Rituale kann die Verarbeitung stark behindern.

Unverarbeitete Trauer
Trauern bedeutet Verarbeitung. Oft trifft man als HA Patienten, die noch nach Jahren
von Toten reden, den Tod nicht verarbeitet haben. Man nennt dies protahierte oder
gar pathologische Trauer. Diese sollte man an einen Psychologen verweisen.

Trauer über den Verlust langjähriger Patienten


Auch als Arzt kann der Tod eines langjährigen Patienten Trauer auslösen. Ein
Gespräch im Team oder mit den Hinterbliebenen kann helfen. Wer sich der Trauer
stellt, ist bereit für neue Herausforderungen.