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Dr. Michael Bangert, Basel

Erschienen in: Klaus Götz (Hg.): Vertrauen in Organisationen. München/Mering: Hampp- Verlag, 2006, S. 207-220.

Zwischen Ungewissheit und Wagnis. Vertrauen als Grundkategorie menschlichen Handelns

1.

Ausgangssituation

Gegenwärtig erfährt der Begriff „Vertrauen“ in den unterschiedlichsten Kontexten eine vielfältige und anwachsende Verwendung. Politik, Soziologie, Pädagogik, Wirtschaftsethik, Sport oder Spieltheorie sind nur einige der Erscheinungsfelder dieses Begriffes (vgl. Zizek 2004). Die aktuellen politischen wie wirtschaftlichen Entwicklungen lassen Ungewißheit und Bedrohung verstärkt in den Blick treten. So verwundert es kaum, wenn das Phänomen Vertrauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen nicht nur unterschwellig zur Sprache kommt und als relevante Ressource aufgegriffen wird. Für die Betriebswirtschaftslehre läßt sich gar ein deutliches Umdenken gegenüber Vulnerabilität und Unsicherheit und damit auch gegenüber Vertrauen konstatieren (Walgenbach 2000, S. 708). Als geradezu paradigmatisch kann ein Bauskandal in Japan gelten, wo jüngst bekannt wurde, wie Bauunternehmer die vorgeschriebene Erdbebensicherheit von Großgebäuden widerrechtlich unterliefen; als Reaktion zeigte sich keineswegs eine nüchterne Prüfung der Statik der in Rede stehenden Häusern, sondern ein Generalverdacht und ein allgemeiner, tiefgreifender Vertrauensverlust der Bevölkerung gegenüber ihren Wohnanlagen (NZZ Nr. 304/2005, S. 23). Es scheint exemplarisch, daß exakte Sachlichkeit in diesem Kontext keine Wirkung auf das – beschreiben wir es einmal hypothetisch als einen Teil der menschlichen Physis – „Organ der Vertrauensbildung“ hat. Vertrauen konstituiert sich offensichtlich nicht vorrangig über Sachinformationen, denn es setzt keine linear-mechanische, sondern eine komplex-organische Kommunikationssituation voraus. Kommunikation aber heißt, es mit mehr Möglichkeiten zu tun zu haben, als man bewältigen kann, und es von überraschenden Seiten her mit Einschränkungen zu tun zu bekommen. Wenn klar werden soll, wie Vertrauen als Kommunikation funktioniert, müssen nicht nur die Möglichkeiten der jeweiligen Teilnehmer betrachtet werden, sondern darüber hinaus ein Drittes, das zudem die Eröffnung und die Einschränkung von Spielräumen organisiert. Auch die Ethik kann in einer so geprägten Kommunikation des Vertrauens als notwendiger Spielraum verstanden werden (vgl. Baecker 2005, S. 220-224).

2. Grundlagen

Selbstredend kann das häufige Auftreten der Vertrauensbegrifflichkeit auch als Folge eines allgemeinen Mangels an Verläßlichkeit und Zuversicht verstanden werden. Doch bliebe es dann ebenso erstaunlich, weil es keine konsistente Theorie des Vertrauens gibt (weder von philosophischer oder soziologischer, noch von theologischer Seite), die z.B. mit dem validierten Verständnis von Gerechtigkeit vergleichbar wäre. Diese begriffliche Unsicherheit gründet vermutlich schon in der Herleitung von dem lateinischen Begriff „confidentia“, der wiederum seinen Ursprung in „fides“ (Glaube) findet. So wurde das Vertrauen durch lange Phasen der abendländischen Kulturgeschichte – maximal – als Sekundärtugend und Appendix verstanden bzw. – im besseren Fall – handelte man ihre Inhalte und Eigenschaften im Zusammenhang der „göttlichen Tugend“ des Glaubens ab. Die noch heute übliche Sprachkombination „Glaube und Vertrauen“ mag dafür symptomatisch sein. Gerade aber der wenig ausdifferenzierte Sprachgebrauch im Wortfeld „Vertrauen“ eröffnet neue Bezugs- und Interpretationsmöglichkeiten. Neue Sozialformen wirken sprachschöpferisch. Das Fragmentarische und Bedeutungsoffene regt die Kreativität an, mit der gegenwärtig an Konzepten zu Wirksamkeit und Qualität des Vertrauens in Organisationen und Systemen gearbeitet wird (vgl. Möllering 2004, S. 64-93). Allemal steht hinter der Frage nach der Funktion und der Werthaftigkeit von Vertrauen – z.B. im Bereich des Human Ressource Managements – auch die schlichte Lebenserfahrung, daß ein Individuum ohne einen bestimmten Bestand an Vertrauen nicht leben, geschweige denn erfolgreich handeln können. Diese individuelle Erkenntnis gilt auch für eine Sozialgruppe.

Das ist umso schwerer zu gewichten, als die moderne Welterfahrung von einem „ungeheueren Riß“ gekennzeichnet ist, der sich durch jedes Ding zu ziehen scheint (Büchner 1965, S.81). Der Akt des Vertrauens hat in der Neuzeit das Selbstverständliche, das ihn in früheren Epochen auszeichnete, eingebüßt (vgl. Steiner 2004, S. 36-54). Die Sicherheit des Handelns bedarf nun der Erprobung und des Erlernens von Glaubwürdigkeitsindikatoren. In der abendländischen Tradition wurde diese „insecuritas humana“ als grundsätzliche, aber überwindbare Ungesichertheit des Menschen verstanden (Wust 1937, S. 13-30). In den heutigen Gesellschaften ist sie zu einem bitteren Alltagsphänomen geworden, dem sich viele Zeitgenossen massiv ausgesetzt sehen (Giddens 1990, passim). Im Modus der Satire bzw. der Selbstironie hat der Regisseur Woddy Allen diesen gleichsam „stadtneurotischen“ Zustand karikiert. Trotz der ironischen Distanzierung bleibt es aber dabei: Der heutige Mensch kann sich der Komplexität der Welt, ihrer Unsicherheit und Unübersichtlichkeit nicht entziehen, verfügt aber zunehmend weniger über geeignete Handlungsoptionen (vgl. Gehlen 1971, S. 31-39). Für den Preis, der in existentieller Hinsicht für die Freiheit zu entrichten war, mag paradigmatisch eine kurze Sequenz aus dem im Jahr 1835 publizierten Drama „Dantons Tod“ (1. Akt,1. Szene) von Georg

Büchner stehen (Büchner 1965, S. 6), wo im Gespräch zwischen Danton und seiner jungen Gattin Julie die Einsamkeit als Konsequenz der Moderne unausweichlich erscheint:

Julie: Glaubst du an mich? Danton: Was weiß ich! Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab, - wir sind sehr einsam. Julie: Du kennst mich doch! Danton: Ja, was man so kennen heißt. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar und einen feinen Teint und du sagst immer zu mir: lieber Georg! Aber [er deutet ihr auf Stirn und Augen] da, da, was liegt hinter dem? Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.

Die Freiheitsgeschichte der Moderne hat die Ungesichertheit des Menschen nicht überwunden, sondern sogar in ungeahnter Weise bis hin zum „Gotteskomplex“ vertieft. Der Glaube an die „Allmacht des Menschen“ hatte die Ausweglosigkeit in der totalisierten Verantwortung zur Folge (Richter 1992, S. 8-60). Weite Bereiche der menschlichen Grunderfahrungen verloren den Referenzpunkt der Geborgenheit in einer transzendenten Dimension. Schicksalhafte Unbehaustheit überflutete jeden Ort von Heimat. Der Wunsch nach bergender Sicherheit – dies ist eine Erkenntnis der Postmoderne – kann nicht durch ein Mehr an Freiheit erfüllt werden, sondern bedarf der vitalen Relationalität auf Menschen, Dinge und Werte (Albrow 1997, S. 288-313). Vertrauen als Ausdruck dieser fundamentalen Bezogenheit erweist sich damit nicht als ungewisse emotionale Stimmung oder als manipulierbare Affektivität. Vielmehr ist Vertrauen zu bestimmen eine Grundkategorie menschlichen Seins und Handelns, die sich auf ein nicht vorrangig materiell oder psychosozial definierbares Drittes bezieht. Die Ausgangslage der weiteren Überlegungen skizziert ein Gedanke des Theologen Karl Rahner: „Dieses Vertrauen bezieht sich nicht auf dieses oder jenes uns haltbar erscheinende Einzelne in unserer Existenz. Es ist vielmehr ein freies, das Subjekt als solches wagendes und sich weggebendes Sicheinlassen auf die Existenz als ganze und eine. Dieser … eine Grundakt des Daseins, Vertrauen genannt, … vollzieht sich in der Hinwendung zu den konkreten Aufgaben der Freiheit im Umgang mit den einzelnen materiellen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Wirklichkeiten.“ (Rahner 1981, S. 92). Der vertrauende Mensch wagt sich also im Vollzug des Vertrauens als Ganzer, als er selbst. Demnach ist in theologischer Sicht das Vertrauen ein existentieller Akt, in dem sich nicht eine Teilfertigkeit des Menschen ereignet, sondern die Gesamtkomposition der Persönlichkeit zum Klingen kommt. In zwischenmenschlichen Beziehungen haben vertrauensbildende Maßnahmen, die sich auf kosmetische Interventionen beschränken, dauerhaft eine störende bzw. zerstörende Wirkung, denn die Personalität der Kommunikationspartner wird

durch jede partielle Unwahrheit eingeschränkt bzw. durch vorgespielte Wahrheit zersetzt. Neben der Freiheit bildet die Wahrhaftigkeit eine zentrale Grundlage der vertrauenden Begegnung. In jeder freien und ernsthaften Begegnung von Menschen realisiert sich der Ort, an dem sich die eigene Weltauffassung konkretisiert (vgl. Urban 2005, passim). Das Verhältnis zum Sein an sich, zum Leben, findet seinen gültigen Ausdruck in vertrauendem oder mißtrauendem Umgang.

3.

Vertrauenssprung

Seit dem Niedergang der großen Wirtschaftsunternehmen enron oder worldcom läßt sich ziemlich genau definieren, was Vertrauensverlust durch unzuverlässiges Verhalten kosten kann (vgl. Frank 2005, passim). Ebenso ist der wirtschaftliche Schaden, der durch Mißtrauen oder Korruption entsteht, überaus groß und zudem progredient (vgl. FS vom 24.7. 2005, S. 32). Doch nicht nur die brüchige Vertrauensvorgabe, die einem Menschen von außen zukommt, stellt ein wesentliches Problem dar, sondern ebenfalls das fragile oder gar gebrochene Selbstvertrauen eines Individuums. So kann z.B. die Angst, daß die Vorgesetzten die vermeintliche Unfähigkeit, die aus einem Mangel an Selbstwert erwächst, entdecken, einen Mitarbeiter vollständig paralysieren und die Biographie zum Einsturz bringen (vgl. Kets 2005). Auch in raschem Takt erfolgende Job-Wechsel bringen keinen Zugewinn an Selbstvertrauen. Der Grund liegt oftmals in einer familiären Prägung, die stark von Leistungsnachweisen dominiert wurde. Die Kinder in solchen Settings leiden unter der Angst, von ihren Eltern nicht wahrgenommen zu werden, wenn sie deren Leistungsanforderungen nicht genügen, und können sich in der Konsequenz zu einer Art „unsicherer Überflieger“ entwickeln. Diese psychische Konstellation des wankenden Selbstvertrauens ist nicht nur ein persönliches Problem, sondern stellt für Organisationen, in denen solchermaßen geprägte Individuen tätig sind, eine besondere Gefahr dar. Sie neigen dazu, sich zu überfordern, um ihre Unsicherheit zu übertünchen, und werden dadurch dauerhaft ineffizient. Diese zerstörerische Ethik übertragen sie auf ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, in dem sie unrealistische Erwartungen formulieren und eine zwanghaft detaillierte Kontrolle ausüben, worunter die Motivation im Team schwer leidet. Aus Mangel an vertrauensvollem Umgang mit der eigenen Person kann eine systemische „Vertrauensversickerung“ erwachsen. Um einen solchen Verlust zu vermeiden, bedarf es einer Akzeptanz der Unsicherheit. Eine Toleranz gegenüber Fehlern kann einen Vertrauens- Vorschuß bewirken, der die Lähmung durch Angst beendet. Die existentielle Herausforderung, das Risiko der Selbstakzeptanz auf sich zu nehmen und die zerstörerischen Selbstzweifel hinter sich zu lassen, kann unter zutrauender und aufbauender Kommunikation – gerade auf dem Feld der Arbeit – gelingen. Vertrauen ist also immer riskant und das Wagnis ist vorab nicht vollständig zu

ermessen (vgl. Möllering 2006, passim). Damit ist die Perspektive des Vertrauens eindeutig nicht eine sonntäglich-fromme Frage, bei der man über das parliert, was schnell vergessen werden kann oder einfach irrelevant ist. „Nice to have“, aber bedeutungslos! Eine neueste Studie über die Erfolgsfaktoren in mittelständischen Unternehmen zeigt die hohe Bedeutung der vertrauensbildenden Maßnahmen in wirtschaftlichen Kontexten (vgl. Ernst & Young 2006) und belegt, daß zugleich die Treue der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zum Unternehmen vom Grad der Glaubwürdigkeit bestimmt wird. Vertrauen wäre folglich in theologischer Hinsicht nicht zuallererst eine Tugend im eigentlichen Sinn. Sondern ein den Tugenden zugrunde liegender existentieller Sprung. So kann eine vertrauensvolle Führung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen nur bis zu einem gewissen Grad durch Training und Technik gelingen. Ist allerdings die eigene Seele in Hinsicht auf Vertrauen blockiert und gelingt ihr der Sprung nicht, so wird eine nur nominell vertrauensvolle Führung zur Farce. Sie bleibt unter solchen Bedingungen ein Oberflächenphänomen, da sich die psychische Tektonik in eine ganz andere Richtung bewegt. Bei einer Kommunikation, die sich an Verläßlichkeit und Glaubwürdigkeit ausrichten will, geht es wesentlich um die Bereitschaft, die Realität als solche zu akzeptieren und sie nicht als ein mißratenes Abbild der eigenen Fiktionen zu verstehen (Girad 2005, S. 13). Nur in einer unverstellten und ehrlichen Begegnung ereignet sich folglich das humane Phänomen des Vertrauens, das im Geheimnis des Selbst wurzelt, und darin hat es sich auch zu bewahrheiten. Menschliche Kommunikation zeigt sich nur und immer in dem Wagnis, in dem Anderen nicht den potentiellen Konkurrenten oder gar Mörder (vgl. die biblische Urgeschichte vom Bruderzwist zwischen Abel und Kain in Gen 4), sondern den auch in seiner Begrenztheit und Gebrechlichkeit gleichwertigen Mitmenschen zu erkennen.

Eine weitere Eigenart des Vertrauens offenbart die etymologische Fragestellung. Der indogermanische Wortursprung „deru“ bedeutet Baum. Zwei Entwicklungslinien dieses Wortes sind zu beachten: Eine eher materiell orientierte und eine eher innerlich-geistige Option. Die materielle Erweiterung zeigt sich im Wort „Teer“. Teer ist eigentlich jener Baumsaft, der wie „Pech und Schwefel“ zusammenhält. Anderseits erwachsen aus der Sprachwurzel „deru“ Begriffe wie Treue, Vertrauen, Trost. Damit ist jene Verläßlichkeit umschrieben, dank derer der Vertrauende eine Beständigkeit findet, die dem Wandel standhält. Es gibt allen Grund zur Annahme, es sei morgen immer noch ein Raum sinnoffenen Lebens gesichert. So bewirkt Vertrauen Trost. Es ist tröstlich, in einer unsicher gewordenen Welt verläßlicher Treue zu begegnen und mit deren Hilfe auch wieder Selbstvertrauen zu erlangen. Auf diese Weise umgreift das Wort Vertrauen nicht nur das Gehalten-Sein des Trostes. Es beschreibt auch den Prozeß, in dem eine Person genügend innere Kraft gewinnt, daß sie sich traut, aus sich heraus zu gehen und die Herausforderungen, die das

Leben auch unter der Hinsicht von Arbeitswelt und Leistungsanforderung stellt, zu wagen. Aus klassischer ökonomischer, nämlich am Eigennutzen orientierter Perspektive bietet sich traditionell eine recht simple Lösung an (vgl. Möllering 2004, S. 66- 67), indem man annimmt, daß Vertrauen nur im Falle einer beiderseitigen Vorteilhaftigkeit kurzfristig und dauerhaft zustande kommt. Solange beide Seiten unter Betrachtung des eigenen und des fremden Nutzens zur Einsicht gelangen, insgesamt von der reziproken Vertrauensgewährung zu profitieren, werden sie dies auch tun bzw. keine dem entgegenwirkende Veranlassung geben. Aus der Grundproblematik wird allerdings ein Dilemma, wenn eine vertrauensvolle Interaktion von vornherein dadurch vereitelt wird, daß der Vertrauensnehmer einen Anreiz hat, das Vertrauen zu brechen und damit dem Vertrauensgeber einen Schaden zuzufügen, den dieser abzuwenden versucht, indem er mißtraut. Durch dieses Mißtrauen geht beiden Akteuren der positive Nutzen verloren. Hätte der Vertrauensnehmer hingegen einen Anreiz, das Vertrauen zu honorieren, so ergäbe sich aus der Sicht des Vertrauensgebers eine unproblematische Situation. Die Ausschließlichkeit, mit der der eigene Nutzen in den Vordergrund gestellt wird, übersieht das tragende Element, das dazu führt, Vertrauen nicht allein zu geben oder zu nehmen, sondern es zu schenken. Die – zunächst sehr alltägliche – Wendung des „Vertrauen-Schenkens“ beschreibt einen Aspekt des Vertrauens, der sich dem gebräuchlichen „do ut des“ entzieht. Das Schenken gründet nicht im Tauschhandel, sondern setzt bestimmte Grundhaltungen bei allen Partnern der Vertrauens-Kommunikation – zumindest ansatzweise – voraus. Diesen Bedingungen – wie zu zeigen sein wird – kommt integrierende Bedeutung zu.

4. Bedingungen

Wenn die Notwendigkeit einer Vertrauenskultur als einem basalen Element von Unternehmensphilosophie und Führungskunst akzeptiert ist (Malik 2001, S. 135-152), eröffnet sich nun eine Suchbewegung in Richtung auf die Realisierbarkeit. Zur Entwicklung eines Vertrauens, in dem sich ein wesentlicher Akt des Menschseins vollzieht, könnte sicher eine Reihe von scheinbar unmodernen bzw. verschämt untergetauchten Verhaltensweisen eine wesentliche Hilfe bieten. Hier wären u.a. Ehrlichkeit, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Klugheit zu nennen. Alle diese Grundhaltungen werden zur Generierung einer Situation beitragen, in der das Wagnis des vertrauenden Handelns gelingen kann. Im Folgenden soll jedoch nur eine dieser alten Tugenden auf ihre Wirksamkeit in Bezug auf Vertrauen skizziert werden: die Demut. Bei dem deutschen Wort „Demut“ handelt es sich um eine sehr frühe Übersetzung des lateinischen Begriffs „humilitas”, der eine gemeinsam Sprachwurzel mit dem Begriff „humus” (Erde) hat. Schon in diesem Bezug klärt sich die Funktion der Demut, den Menschen an seine Grenzen zu erinnern: Er ist ein Geschöpf (vgl. Lorenz 1963, S. 321-340). So wäre beispielsweise eine Führungskraft durch die

Haltung der Demut in der Lage, eine basale Gemeinsamkeit in Bezug auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu entfalten. Die gemeinsame Geschöpflichkeit verleiht jedem Menschen eine innere Verwandtschaft mit allem, was lebt. Wird die „humilitas”, also das Wissen um die eigene schöpfungsmäßige Fragilität, zu einer Grundhaltung, dann ist der Mensch „erdverbunden“. Respekt vor den Mitmenschen bzw. vor der Natur ergibt von selbst. Die Welt ist folglich nicht potentieller Untertan oder Steinbruch, sondern im eigentlichen kostbar und bietet Anlaß zum Staunen. Der ebenfalls aus der gleichen Sprachwurzel entspringende Humor zeigt an, wie Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Begrenztheit nicht Verneinung oder Gram hervorrufen müßen, sondern zu Gelassenheit und Lebensfreude führen können. Vielleicht wäre es nicht falsch, die Sprachgeschwister Humilitas und Humor als notwendige Vorbedingung wahrer Menschlichkeit und – in einem weiteren Schritt – als Voraussetzung für ein qualifiziertes Human Ressource Management anzusehen. Aus theologischer Sicht hat die Demut ihren neutestamentlichen Kern darin, daß Gott sich selbst aus wehrloser Liebe an die Welt hingibt (Brief an die Philipper, Kap. 2). Jesus Christus, die Ikone Gottes in der Welt, wäscht seinen Mitmenschen nicht den Kopf, sondern er wäscht demütig die Füße (Johannesevangelium, Kap. 13). In seinem Wagnis des Vertrauens gewinnt die Grundhaltung der Demut ihre gültige Gestalt. Die liebend-souveräne Hingabe Gottes wird nachvollziehbar im demütigen Habitus des Menschen. Von der göttlichen Tat ausgehend entwirft die biblische Demut eine Lebensform, die das Eigene achtsam annimmt und es in Freiheit an die Mitmenschen weitergeben will.

Wie sehr sich unter dem Begriff „Demut“ ein reiches Gemenge an konstruktiven Haltungen verbirgt, zeigen vor allem die aktuellen Sportseiten großer Tageszeitungen. Da findet sich beispielsweise die zweiseitige Balkenüberschrift „Golf ist ein Sport der Demut!“ Oder ein Photo des nachdenklichen Rennfahrers Michael Schumacher erhält den Untertitel „Demut im Erfolg“. Der nicht gerade für diskrete Vorgehensweise bekannte Manager des deutschen Fußballmeisters, Uli Hoeneß, sagt von der Demut, sie sei das Wichtigste, das ein Spieler beim FC Bayern lernen könne (FAZ Nr. 101/2005, S. 29). Darüber hinaus hat vor kurzem der renommierte Hirnforscher Wolf Singer einen beachtlichen Vorschlag gemacht: „Vielleicht könnte dies der Anstoß zu einer Kultur der Demut sein, in der pragmatische Nahziele wie etwa Leidensminderung, Empathiefähigkeit und Toleranz zum Primat werden. … Wenn wir uns dann auch noch in dem Konsens solidarisieren könnten, daß unser Nicht-Wissen-Können eint, wenn wir lernen könnten, diese kollektive Geworfenheit auszuhalten und uns nicht wie bisher durch Abgrenzung vom Anderen als besser Wissende bestätigen müßten, dann hätten wir durch die Einsicht in unsere Grenzen die Würde wiedergefunden, die uns diese Einsicht vermeintlich geraubt hat.“ Singer entwirft die Demut hier nicht als eine ferne Heldentugend, sondern als eine innerweltlich zu

begründende Utopie. Daß er dabei nicht metaphysisch argumentiert, entspricht durchaus dieser Haltung christlicher Spiritualität, da sie sich an dem ohnmächtigen Offenbar-Werden Gottes in der Welt orientiert und damit selbst über eine innerweltlich Option verfügt. Folgt man Singer, erweist sich die Demut als Wagnis radikaler Mitmenschlichkeit. Sie erfüllt damit die Vorbedingung dauerhafter Kommunikation bzw. sie erweist sich als Generator eines nachhaltigen, ernsthaften Vertrauens. Eine unvoreingenommene Wertung der Demut macht klar, daß „stets nur die Sicheren, die Selbstbewußten die wirklich Demütigen“ sind, – wie der britische Essayist Gilbert K. Chesterton markant feststellt. In Weiterführung dieser Maxime wären die zu Demut Befähigten – also die selbstgewissen Personen – in besonderer Weise auch vertrauenswürdig, da sie das Eigene, das Selbst in seiner Besonderheit annehmen können. Eine „Hundedemut“ wie Heinrich Heine sie verspottete, kann keine Form der Glaubwürdigkeit begründen, denn ein solches Tugendkonstrukt steht immer unter den Verdikt von Heimtücke und Täuschung. Das heißt: Vertane Chancen und gepflegte Lebensuntüchtigkeit lassen sich weder führungspraktisch noch theologisch einfachhin als demütiges Tun oder allzu blindes Vertrauen beschönigen. Demut verharmlost das Wagnis des Lebens nicht, sondern läßt es vielmehr klar konturiert hervortreten. In diesem Sinn setzt z.B. die Ordensregel des heiligen Benedikt (480-547 n. Chr.), ein reifes und bewährtes Organisationssystem, einen deutlichen Akzent für eine Führungskultur des Vertrauens. Die einzelnen Stufen der „humilitas“ fungieren dort als Korrektiv zur Überheblichkeit und als Therapeutikum der Angst: „Wenn also der Mönch alle Stufen auf dem Wege der Demut erstiegen hat, gelangt er alsbald zu jener vollendeten Gottesliebe, die alle Furcht vertreibt. Aus dieser Liebe wird er, was er bisher nicht ohne Angst beobachtet hat, von nun an ganz mühelos einhalten, nicht mehr aus Furcht …, sondern aus Liebe.“ Demut und Eigenstand bedingen einander wie Vertrauen und Freiheit. Dem, der nichts als sein Eigenes ansieht oder erworben hat, wird es leicht fallen, alles herzugeben, - das aber ist nicht Demut, sondern Faulheit oder phlegmatische Schwäche. In gleicher Weise wird nur jene Form des Vertrauens wertgeschätzt werden können, die sich als Haltung eines selbstgewissen und sich selbst wagenden Menschen erweist. Der führungstechnische Taschenspielertrick eines Scheinvertrauens desavouiert denjenigen, der solches praktiziert, als mutlos und furchtsam, d.h. in Konsequenz als wenig vertrauenswürdig.

Arroganz und Selbstüberschätzung können böse Folgen zeitigen - in Wirtschaftsunternehmen, in klösterlichen Kommunitäten, in allen sozialen Gruppen. Gefällt sich eine Führungskraft in der Darstellung der eigenen Grandiosität, wird sie zum einen stets mit Angst vor der Entdeckung der überspielten Schwächen leben müssen und zum anderen keinerlei tragendes Vertrauen aufbauen können. Als Metapher für diese unsensible Überheblichkeit gilt gegenwärtig die – unbestreitbar ganz anders gemeinte – Geste der zum Victory-Zeichen geformten Finger des Bankiers Josef Ackermann im Kontext

eines Strafprozesses gegen ihn und weitere Spitzenmanager. Die ethische Existenz jedoch, zu der die Grundhaltung der Demut führt, befreit den Menschen zwar nicht gänzlich von der Angst, allerdings von deren paralysierender bzw. falsch motivierender Macht. Das „humilitas“-gesteuerte Verhalten wurzelt nicht in der Furcht vor Fehlern, sondern in der Seinskongruenz mit den persönlichen Werten. So kann die Demut dem Vertrauenswagnis eine belastbare Basis geben. Daher kann sie für Führungskräfte eine kreative Herausforderung sein, da sie eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Profil der eigenen Persönlichkeit und dem Spektrum der eigenen Begabungen fordert. Das wird möglicherweise zum Verlust andressierter Fertigkeiten, aber auch zum Gewinn zuvor entwerteter Talente führen. Allemal wird die Demut die Führungskraft von der Phantasie befreien, für alles zuständig zu sein. Die wesentliche Konsequenz des Verzichtes auf Allzuständigkeit wird nicht zuletzt ein Freiheitsgewinn der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und deren Vertrauensangebot sein. Erst auf einem solchen Hintergrund sind „neue moralische Kontrakte“ in der Personalführung sinnvoll (Müller 2001, S. 83-98). In der Folge weist die Grundhaltung der Demut wegen ihrer Kompetenz zur Angstüberwindung bzw. zur Vertrauenswürdigkeit eine komplexe Steuerungsfähigheit für soziale Systeme auf (vgl. Scheler 1955, S. 17-

25).

Vielleicht vermag ein Beispiel – gleichsam aus einer „anderen Welt“ – das Gesagte zu illustrieren: Fraglos gehört der „edle Ritter“ mit seinem Ehrencodex des „ritterlichen“ Handelns in der abendländischen Kultur zu den zentralen Referenzgestalten für Führungskräfte jeder Art und Prägung. (Und: Keine europäische Führungskraft mag sich gern mit einem „Raubritter“, dem Gegenstück des edlen Helden, vergleichen lassen!) Doch für den historischen „Ritter“ waren keineswegs Schwerterkampf, Minnesang oder Reitkunst entscheidend. Wie die Parzival-Dichtung, in der Wolfram von Eschenbach (ca. 1160/80 – ca. 1220) die höfische Kultur seiner Zeit darstellt, schildert, macht erst die Demut den wahren Helden aus (Kühn 1997, S. 683 u. 688). Dem kampfeslustigen und erfolgreichen Parzival droht gerade wegen seiner ständigen Triumphe in Schlachten und Turnieren der endgültige Bruch der Biographie, weil diese ihn zu Hochmut und Dünkel verleiten. Erst im Erlernen der eigentlichen Demut findet er auch – als Ritter und nicht als Eremit oder Asket – den Sinn und das Ziel seines Lebens. Das enttäuschte Vertrauen seiner Verwandten, nach denen er mit Sehnsucht fahndet, gewinnt Parzival erst zurück, als er beginnt, sich und seine Großartigkeit aus dem alleinigen Focus zu entlassen.

Da die Demut nur in der Spannungseinheit von Selbstgewißheit und Einsicht in die eigene Fragilität existiert, kann sie helfen, die Selbstgefälligkeit einer ambitionierten Mittelmäßigkeit zu verhindern. Vielleicht läßt sich sogar sagen, daß der Umgang zwischen Mitarbeitern / Mitarbeiterinnen und Führungskraft nur dann in konstruktiver Art um die Dimension einer freundschaftlichen und

wohlwollenden Kommunikation erweitert werden kann, wenn der Demut von beiden Seiten eine fundamentale Funktion zugesprochen wird. Ihre Evidenz für den Aufbau von Vertrauen erhält diese Überlegung gerade dann, wenn das Wort Demut innerhalb seines heute üblichen Bedeutungsfeldes gesehen wird, das in etwa von folgenden Begriffen umschrieben wird: Bescheidenheit, Authentizität, Zurückhaltung, Glaubwürdigkeit, Selbstbewußtsein, Verläßlichkeit, Eigenstand und Respekt.

5.

Legenden-Modell

Abschließend soll nun eine frühmittelalterliche Legende zur bildhaften Klärung und zur Visualisierung der inneren Dynamik des Vertrauens dienen. Sie stammt aus der Anfangszeit der christlichen Spiritualität, wie sie sich im mitteleuropäischen Raum unter dem Einfluß der iro-schottischen Kultur ausprägte: Der keltische Mönch Beatus gelangt – so der wenig bekannte, aber ausgreifende Legendenkranz – bei seiner Wanderung durch die kontinentaleuropäischen Wälder an den Thuner See in den Schweizer Alpen (vgl. Negelein 1998, S. 670-675). Dort wütet ein überaus ungewöhnlicher Drache, der nicht – wie es seiner Art entspräche – Feuer speit und steinerweichend brüllt. Dieser Drache erwürgt Menschen und Tiere in völligem Schweigen. Doch die größte Sonderheit des Untieres liegt darin, daß er überall, wo er gemordet hat, Gold und Juwelen zurückläßt, durch die bei den Findern unverzüglich eine nicht zu sättigende Besitzgier entflammt wird. Das Drachengold fixiert die Menschen. Sie beginnen nicht nur, einander ebenfalls zu töten, sondern suchen die Spur des Ungeheuers, um seine Schätze zu erlangen. Trotz des plötzlichen Reichtums sinkt das Lebensglück der Bewohner. Die Friedfertigkeit tendiert dauerhaft sogar gegen Null, da niemand einem anderen trauen kann. Auf dieses, von tiefem Mißtrauen durchseuchte System trifft der in meditativen Methoden geschulte und in Kontemplation erfahrene Beatus. Um Hilfe gebeten, nimmt er sich der Sache an. Doch anders als die bekannten Drachentöter der abendländischen Tradition wie Perseus, Georg oder Siegfried rüstet er sich nicht zu einem ritterlichen Kampf mit Schwert und Schild auf Leben und Tod. Kein aufreibendes Ringen, kein Gemetzel und auch kein Blutbad. Ganz im Gegenteil setzt Beatus gegen den Mißtrauens-Drachen keine militärischen Waffen, sondern seine spirituelle Kompetenz ein. Über dem weitläufigen System der Drachenhöhle baut er eine Hütte, in die er lediglich eine kleine Christus-Ikone mitnimmt. Nach langem Warten hört er die Weisung, dem göttlichen Bild, das ganz in ihm sei, zu folgen und dem inneren Licht zu vertrauen. Beatus betritt das Höhlensystem, durchwandert die Gänge und Stollen, findet aber das Scheusal nicht. Die Wirkung dieses seltsam undramatischen Vorgehens zeigt sich markant: Das still würgende Monster des Mißtrauens spielt keine Rolle mehr, die Kapitalbesessenheit der Einwohner verflüchtigt sich umgehend und mit dem gegenseitigen Zutrauen kehrt auch die Lebensfreude zurück.

Nun ist die Beatus-Legende keineswegs nur eine erbaulich-harmlose Großmutter-Erzählung. Mit poetischer Kraft werden hier wesentliche Einsichten in den Prozeß des Vertrauens geschildert, die auch den Abschluß unserer Überlegungen bilden:

Vertrauensverlust behindert die elementaren Lebensprozesse in substantieller Weise.

Gier und Neid sind nicht nur Symptome, sondern zugleich die Erreger von Vertrauensverlust.

Die Nicht-Thematisierung – das „Todschweigen“ – von Argwohn und Skepsis stört ein Sozialsystem schwer. Hier ist es absolut notwendig, eine offene und gesicherte Kommunikation zu ermöglichen, die auch das Bedrohliche ins Wort bringen kann.

Der „Kampf“ gegen das lebensverhindernde Mißtrauen ist nicht mit formalen „Waffen“ zu führen. Allein eine authentische Persönlichkeit vermag durch den Einsatz ihrer selbst das Vertrauen zurückzubringen.

Vertrauen hat als vitaler Vorgang zu gelten, dessen Bedingungen fragil, aber reanimierbar sind.

Nicht die oberflächliche Methodenkenntnis fördert Vertrauen, sondern ausschließlich die Fähigkeit, sich zu einem Transzendenten in Beziehung zu setzen (Spiritualität) und einer erkennbaren Leitlinie zu folgen (Ethik).

Vertrauensbildung braucht Zeit und darf sich entwickeln.

Vertrauen wird vorrangig an den Orten der gefühlten Bedrohung neu gewonnen. Der Gang in die „Höhle“ des Argwohns und der Hinterlist ist unausweichlich.

Vertrauensbildung ist Führungsaufgabe, da damit ein System langfristig und nachhaltig gesteuert werden kann.

Auch wenn das Adjektiv „beatus“ mit „selig“ zu übersetzen wäre, geht es der Beatus-Legende eben nicht um eine Aufforderung zur naiver Vertrauensseligkeit. Sie kann als metaphorische Verdichtung für die Bedingungen und Wirkungen der Grundkategorie „Vertrauen“ gelten.

5. Literatur

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Wust, P. (1937). Ungewissheit und Wagnis. Salzburg: Anton Pustet.

Zizek, S. (2004). Die politische Suspension des Ethischen. Frankfurt a.M.:

Suhrkamp.

Zusammenfassung

Der Begriff „Vertrauen“ zeichnet sich durch eine gewisse Unschärfe aus. Zugleich wird er gegenwärtig intensiv genutzt, da die Definitionsoffenheit auch eine große Sprachkreativität ermöglicht. Die häufige Rede von Vertrauen gründet u.a. in der Welterfahrung der Moderne, die von einer Individualität mit der Tendenz zur Einsamkeit geprägt ist. Der Schritt des Vertrauens hat in der Neuzeit das Selbstverständliche, das ihn in früheren Epochen auszeichnete, eingebüßt. Die Sicherheit des Handelns bedarf heute der Erprobung von Glaubwürdigkeit. Die abendländische Tradition versteht die „insecuritas humana“ als grundsätzliche Ungesichertheit des Menschen. Darauf antwortet das Vertrauen nicht ein oberflächliches Ereignis. Es ist vielmehr ein existentielles Grundereignis, das nicht zu einer pädagogischen Methode herab gewürdigt werden darf. Das Vertrauen bezieht sich nicht auf ein einzelnes Ereignis in der menschlichen Existenz. Es ist vielmehr ein freies, das Subjekt als solches wagendes Sicheinlassen auf die Existenz als ganzer. Der vertrauende Mensch wagt sich also im Vollzug des Vertrauens als er selbst, d.h. als freie Person. Demnach ist in theologischer Sicht das Vertrauen ein existentieller Akt, in dem sich nicht eine Teilfertigkeit des Menschen ereignet, sondern wo sich die Gesamtkomposition der Persönlichkeit zeigt. In zwischenmenschlichen Beziehungen haben vertrauensbildende Maßnahmen, die sich auf kosmetische Interventionen beschränken, eine störende Wirkung, denn die Personalität der Kommunikationspartner wird durch jede partielle Unwahrheit eingeschränkt. Vertrauen ist immer riskant und dieses Wagnis ist vorab nicht vollständig zu ermessen. Bei einer Kommunikation, die sich an Verläßlichkeit und Glaubwürdigkeit ausrichtet, geht es wesentlich um die Bereitschaft, die Realität als solche zu akzeptieren und sie nicht als ein mißratenes Abbild der eigenen Fiktionen zu verstehen. Daher trägt Vertrauen auch eine hohe Kompetenz zur Überwindung von Angst und Ungewißheit in sich. Als produktive Bedingung einer Vertrauensentwicklung in der zwischenmenschlichen Kommunikation erweist sich die Grundtugend der Demut, da sie zum einen die Selbstgewißheit des Einzelnen fördert, zugleich aber die Gemeinsamkeit des Seinsgrundes thematisiert. Da Arroganz und Selbstüberschätzung durch die Demut ausgeschlossen werden, kann sie dem Vertrauenswagnis eine belastbare Basis geben. Sie stellt für Führungskräfte eine kreative Herausforderung dar, weil sie eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Profil der eigenen Persönlichkeit und dem Spektrum der eigenen Begabungen fordert. Abschließend dient eine frühmittelalterliche Legende zur Visualisierung der inneren Dynamik des Vertrauens. In neun Kernsätzen formuliert sich auf diesem Hintergrund die Bedeutung von Vertrauen für qualifizierte Interaktion und für Personalentwicklung.

MICHAEL BANGERT, Dr. theol., geb. 1959. Studium von Theologie und Geschichte in Münster, München und Bern. Fernstudium Betriebswirtschaft. Therapeutische Ausbildung. Dozent an der Universität Bern und Pfarrer an der Predigerkirche in Basel. Zudem Kurse für Führungskräfte. Schwerpunkte: Ethik, Spiritualität, Kulturgeschichte, Beratung, Theorie des Bildes.