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Deutsch als plurizentrische Sprache

Die nationalen Varietäten des Deutschen und das Wörterbuch, das sie umfassend
kodifiziert

Von Ulrich Ammon

Vorbemerkung

Schaut man von außen auf die Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien, so hat man den
Eindruck, dass die sprachliche Entwicklung die zukünftige politische Zusammenarbeit
behindern könnte. Anscheinend besteht die Gefahr, dass man die politische
Selbstständigkeit der einzelnen Staaten sprachlich so stark betont, dass man sich am Ende
nicht mehr ohne weiteres versteht. Vielleicht wäre es zweckmäßiger, wenn zwar
sprachliche Besonderheiten gepflegt werden, um – falls dies gewünscht ist – die nationale
Eigenständigkeit auszudrücken, dass diese Besonderheiten aber die Kommunikation nicht
ernsthaft behindern. Diese Lösung bieten die so genannten plurizentrischen Sprachen. Im
Folgenden wird hierfür das Beispiel der deutschen Sprache beschrieben, für die eine solche
plurizentrische Struktur gefunden wurde, obwohl die Beziehungen zwischen den
verschiedenen deutschsprachigen Ländern durch die Geschichte der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts, vor allem durch den Nationalsozialismus schwer belastet war. Die
Präsentation dieses Beispiels ist allerdings nicht im Sinne eines – womöglich arrogant
wirkenden – Ratschlags gedacht, sondern Anregung zum Nachdenken über die nach-
jugoslawische Sprachsituation.

1. Rückblick auf einige frühe Ansätze zur Erforschung der nationalen Variation der
deutschen Sprache

Zu den Pionieren der Erforschung nationaler und, mit geringerer Betonung, auch
regionaler Varianten und Varietäten von Standardsprachen gehört die russische Linguistik,

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speziell die dortige Soziolinguistik (ante nominem). Georg V. Stepanov und Alexander D.
Schweitser haben für die Romanistik bzw. Anglistik bahnbrechende Anregungen geliefert.

Erst später haben Soziolinguisten wie der Deutsche Heinz Kloss (1967) oder der Australier
Michael Clyne solche Überlegungen auf viele andere Sprachen ausgedehnt. Grundsätzlich
lassen sich heute die nachfolgenden Überlegungen übertragen auf das Portugiesische,
Spanische, Französische, Chinesische usw. (vgl. Clyne 1992). Dies gilt auch für das
nachfolgend beschriebene Variantenwörterbuch des Deutschen (Ammon/ Bickel/ Ebner
u.a. 2004), das sich für das Portugiesische, Spanische usw. ganz analog und mit vermutlich
ähnlichem Erfolg verwirklichen ließe – immerhin war es längere Zeit auf Bestsellerlisten
für Sachliteratur.

Für die Germanistik hat Elise Riesel schon früh das Thema aufgegriffen und sich mit der
nationalen und regionalen Variation des Standarddeutschen befasst (vgl. zur Einordnung in
die Forschungsgeschichte der nationalen Variation von Standardsprachen Ammon 1995:
42-49). Zwar hat sie zu dieser Frage auch Aufsätze veröffentlicht (1953; 1962; 1964 b),
jedoch sind die Ausführungen zu diesem Thema am umfassendsten entwickelt in ihrem
berühmten Buch: Der Stil der deutschen Alltagsrede (1964a).

Zweifellos wurde Riesel für das Thema durch ihre eigene Lebensgeschichte sensibilisiert,
das Schicksal ihres eigenen Landes, Österreich: seine Annexion durch das
nationalsozialistische Deutschland (euphemistisch „der Anschluss“). Diese Annexion
wurde ja legitimiert unter anderem durch den Gedanken der Sprachnation, wobei
Sprachgleichheit Deutschlands und Österreichs unterstellt wurde – was allerdings auch
viele Österreicher so sahen, von denen nicht wenige (die Zahl ist unbekannt) die
Einverleibung durch Deutschland begrüßten.

Offenbar nahm Riesel an, dass die Betonung der Spracheigenheiten Österreichs einen
argumentativen Schutz gegen die Annexion Österreichs durch Deutschland geliefert hätte,
vor allem gegen deren Legitimierung durch die Ideologie von der Sprachnation (gleiche
Sprache: gleiche Nation: gleicher Staat). Dabei bestritt sie keineswegs, dass Deutsche und
Österreicher dieselbe Sprache, Deutsch, sprächen; sie betonte aber die unterschiedlichen
„Erscheinungsformen“ (1964b: 12). Was in Süddeutschland auf der „Ebene des Dialekts

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oder der literarischen Umgangssprache stehengeblieben“ sei, habe sich „in Österreich –
dank seiner historischen Entwicklung – zur nationalen Sprachbesonderheit literarischer
Prägung (…)“ entfaltet (ebd. – Hervorhebung im Original).

Zu Riesels Vorschlag sind später Auffassungen und Termini hinzugekommen, die zum Teil
die Verhältnisse in ein neues Licht rücken. Statt von Varianten spricht man heute in Bezug
auf ganze Sprachsysteme (z.B. die „österreichische Literatursprache“) eher von Varietäten.
Solche Varietäten entsprechen weitgehend den in der sowjetisch geprägten Linguistik so
genannten Erscheinungsformen einer Sprache. Dieser Terminus wird heute weitgehend
gemieden, da nicht recht klar ist, was mit dem – allerdings ungebräuchlichen – Antonym
(Wesen(sformen) einer Sprache) gemeint sein könnte. Das entsprechende Antonym zu
Varietät ist dagegen einfach die (ganze) Sprache, die als Menge von Varietäten verstanden
wird. Vielleicht verleitete die begriffliche Opposition Erscheinung – Wesen, die im
Terminus Erscheinungsform angelegt ist, Riesel zu vereinzelten gedanklichen
Unstimmigkeiten, wie wenn sie die nationalen Varietäten (bei ihr „Varianten“) einer
„gemeinsprachlichen Norm“ gegenüberstellt, die es – zumindest nach moderner
Auffassung – gar nicht gibt, z.B. in Äußerungen wie der folgenden: „Selbst aus den
spärlichen Belegen erhellt schon, dass die Schweizer Ausprägung der deutschen
Literatursprache am stärksten von der gemeinsprachlichen Norm abweicht.“ (1964a: 24)

Der Terminus Variante wird heute spezieller gebraucht, um einzelne („Besonderheiten“


oder „Eigenheiten“ – so Riesels Ausdrucksweise) einer Varietät zu benennen. So ist der
Ausdruck Marille eine österreichische Variante – genauer: eine Wortvariante. Die
spezifischen Varianten der verschiedenen deutschsprachigen Nationen werden heute
bezeichnet als Austriazismen (Österreich), Helvetismen (Schweiz) und Teutonismen
(Deutschland) – wobei letzterer Terminus wegen seiner zweifelhaften Assoziationen von
verschiedenen Seiten abgelehnt wird, ohne dass eine wirklich brauchbare Alternative dazu
in Sicht wäre

Was Riesel Literatursprache nennt, heißt heute – unter angelsächsischem Einfluss – meist
Standardsprache. Die national oder regional verschiedenen Ausprägungen einer
Standardsprache nennt man ihre (nationalen bzw. regionalen) Standardvarietäten. Eine

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Sprache mit mehreren Standardvarietäten, wie Deutsch, Englisch, Französisch und andere,
heißt eine plurizentrische Sprache (mit schwindender Gebräuchlichkeit auch
polyzentrische Sprache). In Bezug auf den Terminus plurizentrische Sprache habe ich
selbst den Terminus Zentrum einer Sprache vorgeschlagen, der zusammen mit weiteren
Differenzierungen inzwischen einigermaßen geläufig ist (Ammon 1995: 95-100). Er
bezieht sich im vorliegenden thematischen Kontext auf jede Nation oder Region, die über
eine eigene Standardvarietät verfügt. Der Grad der Verfügung über eine eigene
Standardvarietät kann weiter spezifiziert werden auf der Grundlage einer systematischen
Theorie der Standardisierung von Sprachvarietäten (vgl. dazu Ammon 1995: 73-94). In
grober Vereinfachung kann man dann für die deutsche Sprache Vollzentren des Deutschen
(mit eigenen „Kodizes“, also autoritativen Nachschlagewerken zur Sprachrichtigkeit)
unterscheiden von Halbzentren, die zwar über standardsprachliche Besonderheiten
verfügen, aber nicht über eigene Kodifizierungen. Dabei stellen sich Deutschland,
Österreich und die deutschsprachige Schweiz als Vollzentren, aber Liechtenstein,
Luxemburg, Südtirol und Ostbelgien als Halbzentren heraus, wobei weitere
Differenzierungen möglich sind. So könnten z.B. Namibia oder Rumänien als
Viertelszentren bezeichnet werden, da sie zwar spezifische standardsprachliche Varianten
aufweisen, aber Deutsch nicht staatliche Amtssprache ist.

Auch eine wichtige Anwendungsmöglichkeit dieser Theorie hat Riesel vorweggenommen,


allein schon aufgrund ihrer hauptsächlichen Tätigkeit und vorherrschenden Interessen: die
Bedeutsamkeit für das Fach und für den Unterricht von Deutsch als Fremdsprache (vgl.
Abschnitt 5 unten; auch Hägi 2006). – In Deutschland war Hugo Moser einer der ersten,
der – schon in Ende der 1950er Jahre – die Thematik der nationalen Variation der
deutschen Sprache aufgegriffen hat, allerdings mit einseitig verzerrender Bewertung
zugunsten des Standarddeutschen in der früheren Bundesrepublik Deutschland.
Ausgewogener und differenzierter hat sich dann später, in den 1980er Jahren, vor allem
Peter von Polenz mit der Problematik befasst. Er wurde zum Teil dazu angeregt durch die
wichtigen Arbeiten des australischen Sprachwissenschaftlers Michael Clyne.

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2. Verbreitung des Wissens um die nationale Variation des Standarddeutschen

Unberührt von Riesels Anregungen und der Theorie vom plurizentrischen Deutsch ist in
Deutschland, aber auch in den anderen deutschsprachigen Ländern, die Vorstellung weit
verbreitet, dass das „richtige Deutsch“ überall gleich beschaffen sei, oder diese Vorstellung
war zumindest bis vor kurzem allgemein vorherrschend. Sie wurde in jüngster Zeit durch
eine Reihe von Ereignissen, die auch in den Medien ihren Widerhall fanden, erschüttert.

Am 1. Januar 1995 wurde Österreich Mitglied der Europäischen Union (EU). In den
vorausgehenden Beitrittsverhandlungen zeigte sich weithin erkennbar, dass die
Österreicher nicht genau dasselbe Deutsch sprechen wie die Deutschen. Die österreichische
Verhandlungsdelegation legte 23 typisch österreichische Wörter vor, die künftig in den
amtlichen Texten der EU den in Deutschland üblichen Wörtern hinzugefügt werden sollten.
Bei Bedarf wären sogar noch mehr österreichische Sprachbesonderheiten (Austriazismen)
in das Amtsdeutsch der EU aufzunehmen. Dem Wunsch wurde seitens der EU ohne großen
Widerstand entsprochen.

Zu den 23 EU-amtlichen Austriazismen gehören Wörter wie Eierschwammerl (in


Deutschland und in der Schweiz Pfifferling), Faschiertes (Hackfleisch), Fisolen (grüne
Bohnen), Kren (Meerrettich) oder Marille (Aprikose). Alles übrigens Wörter aus dem
kulinarischen Bereich, was vereinzelte genüssliche Kommentare provozierte, das Stereotyp
von den Österreichern als „Phäaken“, die vor allem den leiblichen Freuden zugetan seien,
komme eben nicht von ungefähr (vgl. de Cillia 1997).

Mit dem Hinweis auf die Rettung der österreichischen Speisenbezeichnungen hat der
damalige Wiener Bürgermeister, Helmut Zilk, zur Zeit der Volksabstimmung seinen
Landsleuten den EU-Beitritt schmackhaft gemacht. An den Straßen in und um Wien
prangte weithin sichtbar ein Plakat mit der Überschrift „Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat“,
auf dem eine Portion Kartoffelsalat, wie es in Deutschland und der Schweiz heißt, sowie
vier weitere Gerichte mit spezifisch österreichischen Bezeichnungen abgebildet waren.
Dabei wurde die Aufmerksamkeit der Betrachter jeweils auf die Bezeichnungen gelenkt,
verbunden mit der Aufforderung, diese nach dem EU-Beitritt weiter zu verwenden, und mit
dem tröstenden Hinweis, dass dies auch weiterhin erlaubt sei. So stand bei einem Gericht

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mit Tomaten: „Sagen Sie bitte (...) Paradeiser. Sie dürfen es auch als EU-Bürger.“ Das
Resümee bildete ein Lobeswort an den verhandelnden Minister, das durch die Andeutung
von (allerdings in Wirklichkeit kaum vorhandenen) Widerständen gegen die Anerkennung
österreichischer Sprachbesonderheiten auf EU-Ebene unterstrichen wurde: „Danke, Herr
Außenminister, für Ihre Zähigkeit!“ (freundliche Mitteilung und Zusendung durch Rudolf
de Cillia).

Die sprachlichen Begleitumstände des österreichischen EU-Beitritts haben die verbreitete


Vorstellung von der deutschen Sprache, sie sei zumindest auf der Ebene der
Standardsprache (der „Hoch-“, „Schrift-“ oder „Literatursprache“, wie andere Synonyme
lauten) im ganzen deutschen Sprachgebiet einheitlich, weithin erkennbar als Fiktion
entlarvt. Regionale Unterschiede, einschließlich nationaler Unterschiede, – so wurde
deutlich – gibt es eben nicht nur auf den Ebenen der Umgangssprache und –
bekanntermaßen in großer Vielfalt – der Dialekte (Mundarten). Vielmehr führte die
Diskussion um das österreichische Deutsch vor Augen, dass auch das Standarddeutsche
nicht überall gleich lautet. Dabei wurde verschiedentlich sogar außer auf die „nationale“
auch auf die „regionale“ Variation im engeren Sinn hingewiesen, vor allem auf
Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland (Apfelsine – Orange, Sonnabend –
Samstag, Harke – Rechen und andere).

3. Hinweise zur nationalen und regionalen Variation des Standarddeutschen

Zur groben Differenzierung der nationalen Variation des Standarddeutschen eignet sich die
Orientierung an den Staaten und Teilen von Staaten, in denen Deutsch staatliche
Amtssprache ist. Einen Überblick liefert die folgende Karte „Deutsch als staatliche
Amtssprache“.

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Die Standardsprachlichkeit von Sprachformen ist unter anderem daran zu erkennen, dass
die Lehrer diese Sprachformen im Schulaufsatz gelten lassen oder, genauer gesagt: gelten
lassen sollen oder zumindest dürfen (vgl. zur Theorie der Standardsprachlichkeit Ammon
1995: 73-88). Nach diesem Kriterium – andere ließen sich hinzufügen – gibt es in allen
sieben Staaten oder Teilen von Staaten, wo Deutsch staatliche Amtssprache ist,
standardsprachliche Eigenheiten, also „nationale Varianten“. In den Vollzentren (vgl.
Abschnitt 1 oben) sind sie in jeweils eigenen Nachschlagewerken kodifiziert, in
Deutschland unter anderem in den Duden-Bänden, in Österreich im Österreichischen
Wörterbuch (39. Aufl. 2001) und in der Schweiz in verschiedenen Schulwörterbüchern
oder im Schweizer Wörterbuch (2006). Die kleineren Halbzentren haben dagegen keine
eigenen Sprachkodizes. Ein weiterer Unterschied zwischen den nationalen Voll- und

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Halbzentren besteht darin, dass sich bei ersteren die spezifischen Varianten auf alle
Zeichenebenen und grammatischen Stufen erstrecken, während sie bei letzteren auf den
Wortschatz beschränkt sind. Einige wenige Beispiele, die diesen Unterschied illustrieren,
enthält Tabelle 1. Die Hauptmenge der nationalen Sprachbesonderheiten findet sich
allerdings auch in den Vollzentren im Wortschatz. Eine umfassende Bestandsaufnahme
aller nationalen und regionalen Varianten des Standarddeutschen enthält das
Variantenwörterbuch des Deutschen (2004).

Nationale Vollzentren

Österreich Deutschland Schweiz

(Austriazismen) (Teutonismen) (Helvetismen)


Schreibung Kücken die Praline Generell kein ß

(sonst das Praliné)


Aussprache ['prti:r] Portier -[] in Balkon etc. ['algi:r] Algier
(sonst -[o:n])
(sonst [pr't]) (sonst ['ali:r])
Grammatik Möser Kragen Zubehörden

(sonst Moose) (sonst Krägen) (sonst Zubehöre)


Wortbildung Ferialarbeit Schweinebraten Sonnseite

(sonst Ferienarbeit) (sonst Schweinsbraten) (sonst Sonnenseite)


Wortschatz Vogerlsalat Feldsalat Nüsslisalat

Nationale Halbzentren

Liechtenstein Landesphysikus Amtsarzt A D Kantonsarzt CH


Luxemburg begreifen beinhalten A CH D
Bozen-Südtirol Hydrauliker Installateur A D

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Sanitärinstallateur CH D
Ostbelgien Mandatar Abgeordneter A D

Parlamentsmitglied CH

Tabelle 1: Beispiele nationaler Varianten der deutschen Sprache (A=Österreich, CH=Schweiz,


D=Deutschland)

Die Beispiele in Tabelle 1, besonders die Entsprechungen zu den nationalen Varianten der
Halbzentren, verraten, dass die Verbreitung mancher Varianten nicht mit den nationalen Grenzen
kongruiert. Vielmehr gelten viele Varianten in mehreren nationalen Zentren oder Halbzentren,
und manche wiederum nur in einem Teil davon. Die fehlende Kongruenz der Variation des
Standarddeutschen mit den nationalen Grenzen verrät die zur nationalen Variation
hinzukommende regionale Variation. Die bisweilen sehr komplizierten Verteilungen sind
ebenfalls im Variantenwörterbuch des Deutschen (2004) detailliert dokumentiert.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Unterschiede auf allen grammatischen Ebenen stammt aus
den jeweiligen Dialekten, aus denen Formen ins Standarddeutsche entlehnt wurden. Jedoch
kongruieren die Dialektgrenzen nicht mit den nationalen Grenzen. Dies führt zu gelegentlichen
Unsicherheiten in der Abgrenzung der nationalen Varietäten voneinander und auch vom Dialekt.
So sind manche aus den niederdeutschen Dialekten entlehnte Formen nur in Norddeutschland
geläufig, z. B. Laken (Leintuch) oder Harke (Rechen). In anderen Fällen sind ein und dieselben
Formen auf schweizerischer oder österreichischer Seite standarddeutsch, auf deutscher Seite
jedoch nicht, oder ist dies zumindest zweifelhaft. So ist z.B. das Stockerl (der Hocker) in
Österreich standarddeutsch, in Bayern, also in Deutschland, dagegen dialektal; entsprechend ist
ein Guetzli, das in Deutschland Plätzchen und in Österreich Zeltel heißt, auf der einen Seite der
Grenze „schweizerhochdeutsch“ (wie man in der Schweiz das eigene Standarddeutsch nennt)
und auf der andern Seite, in Deutschland, alemannischer Dialekt. Kein Wunder, dass es ob dieser
Sicht der Dinge gelegentlich Kontroversen um die Standardsprachlichkeit von Sprachformen
gibt.

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4. Gleichrangigkeit der nationalen Varietäten trotz Einstellungsunterschieden

Bei allen Beurteilungsunsicherheiten im Einzelnen besteht an der Existenz


unterschiedlicher nationaler Varietäten des Standarddeutschen kein Zweifel. Auch ihre
prinzipielle Gleichrangigkeit wird heute weithin anerkannt und sollte vor allem für
Germanisten eine Selbstverständlichkeit sein. Besonders von österreichischer und
schweizerischer Seite wird sie auch immer wieder betont. Nicht nur in Österreich werden
die eigenen nationalen Varianten verteidigt, wie im Fall der EU-Beitrittsverhandlungen
(vgl. Abschnitt 2 oben), sondern auch in der Schweiz. Ein Beispiel ist die
Kündigungsdrohung an eine Nachrichtensprecherin des Schweizer Radios DRS, die
aufgrund einer Schauspielausbildung in Deutschland Wörter wie König am Ende mit
Reibelaut aussprach ['kø:ni]. Man drohte ihr mit Entlassung, wenn sie ihre Aussprache
nicht auf das Schweizerhochdeutsche umstelle ['kø:nik]. Bei den Schweizer Sendern gehen
regelmäßig Protestbriefe gegen die vereinzelt dennoch vorkommenden Aussprache-
Teutonismen ein.

Für nicht wenige Österreicher ist die nationale Varietät Ausdruck ihrer nationalen Identität.
Für die Schweizer gilt dies auch; aber diese Funktion hat bei ihnen noch mehr der die
Alltagskommunikation prägende schweizerdeutsche Dialekt, der nicht mit dem
Schweizerhochdeutschen verwechselt werden darf. In beiden Fällen ist die Pflege
sprachlicher Eigenheiten eine Art von Abwehrverhalten gegenüber dem größeren Nachbarn
Deutschland.

Bei aller prinzipiellen Gleichrangigkeit der jeweils besonderen Ausprägung des


Standarddeutschs der drei Nationen zeigen sich nach Bewusstsein und Einstellungen
tiefgreifende Unterschiede. Die Deutschen sind sich der Besonderheiten ihres
Standarddeutschs kaum bewusst, und erst recht pflegen sie diese nicht. Sie werden nur von
den Österreichern und Schweizern daran erkannt. Das Deutsch Deutschlands ist also nicht
wirklich identitätsstiftend für seine Sprecher, sondern nur Erkennungsmarke für andere,

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„nationales Schibboleth“. Als maßgeblichen Grund für diesen Einstellungsunterschied darf


man vermuten, dass die Deutschen sich in der neueren Geschichte seitens Österreichs und
der Schweiz nie in ihrem nationalen Bestand bedroht fühlen mussten, wohl aber
umgekehrt.

5. Hinweise auf den Umgang mit der nationalen und regionalen Variation des
Standarddeutschen im Unterricht Deutsch als Fremdsprache

Bis vor kurzem galt im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht nur das Deutsch


Deutschlands als eigentlich korrekt und erstrebenswert. Auch heute ist Deutsch als
plurizentrische Sprache im DaF-Bereich nach wie vor nicht ausdiskutiert, geschweige denn
in der Praxis befriedigend oder gar einheitlich umgesetzt. Zwar wird auch hier niemand die
nationale und regionale Vielfalt der deutschen Sprache leugnen können, aber einerseits
wird nicht selten die Relevanz in Frage gestellt, andererseits werden Befürchtungen laut,
die Lerner müssten nun gleichermaßen mehrere Varietäten lernen, was sie zweifellos
überfordern würde.

Dies kann natürlich nicht der Sinn der Sache sein, die deutsche Sprache soll nicht noch
schwerer gemacht werden, als sie ohnehin schon ist. Entsprechend sind – bei
grundsätzlicher Gleichrangigkeit – die einzelnen Varietäten unterschiedlich zu gewichten.
So richtet sich der muttersprachliche Deutschunterricht wie der Deutsch-als-Zweitsprache-
Unterricht unwillkürlich an der nationalen Varietät des Zentrums aus, in dem der Unterricht
stattfindet. Dagegen sollten DaF-Lehrende und -Lernende von Anfang an mit mehreren
nationalen Varietäten konfrontiert werden, und entsprechend anders müssen die
Gewichtungen ausfallen. Dass dem „deutschländischen“ Deutsch weiterhin eine besondere
Rolle zukommt, dürfte aufgrund der Größe und wirtschaftlichen Stärke des Landes
einleuchten. Das bedeutet aber keine unizentrische Sichtweise. Die Möglichkeit, auch mit
den Varietäten Österreichs und der Schweiz bekannt zu machen und bei Bedarf gezielt auf
entsprechende Aufenthalte vorzubereiten, sollte gegeben sein.

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In der DaF-Lehrer-Ausbildung sollten der plurizentrische Ansatz und die Möglichkeiten


der didaktischen Umsetzung thematisiert werden. Ähnlich wie bei Grammatik und
Didaktik sollten DaF-Lehrende auch fundiertere Kenntnisse der Plurizentrik haben. Wie
viel Lerner schließlich über nationale und regionale Varietäten wissen wollen oder müssen,
wird immer von verschiedenen Faktoren abhängen und letztendlich individuell sein. Die
Lehrperson ist allerdings in der schwierigen Lage, leisten zu müssen, was die
Lehrmaterialien bisher nicht hergeben.

Der verbreiteten Sorge, DaF-Lernende müssten künftig alle nationalen und regionalen
Standardvarianten gleichermaßen lernen, sollte unbedingt entgegengewirkt werden, denn
das kann im DaF-Unterricht niemals geleistet werden, und daher wird ein solcher
Standpunkt auch von niemandem ernsthaft vertreten. Er wäre sogar für muttersprachlich
deutsche Germanisten völlig unrealistisch. Vielmehr geht es um die Sensibilisierung, also
das Bewusstmachen der nationalen und regionalen Vielfalt der deutschen Sprache. Und das
ist im DaF-Unterricht sowohl realisierbar als auch erstrebenswert (Näheres in Hägi 2006).

6. Das Variantenwörterbuch des Deutschen

Im vorliegenden Kontext sei es erlaubt, den Hinweis zu Anfang dieses Beitrags zu wiederholen,
dass auch für das Portugiesische ein Wörterbuch der nachfolgend beschriebenen Art möglich und
wünschenswert wäre. Das Variantenwörterbuch des Deutschen (Ammon/ Bickel/ Ebner u.a.
2004) stieß in den deutschsprachigen Ländern allenthalben auf unerwartet breites Interesse und
stand sogar zeitweise auf Sachbuch-Bestsellerlisten (gefördert sicher auch durch den günstigen
Preis von nur 29,95 € für LXXVI + 953 Seiten). Offensichtlich füllt es eine Lücke. Es
dokumentiert die nationale und regionale Variation des Standarddeutschen umfassend. In einem
ausführlichen Vorspann (LXXVI Seiten) gibt es einen allgemeinen Überblick über Deutsch als
plurizentrische Sprache und über verallgemeinerbare Unterschiede zwischen den nationalen Voll-
und Halbzentren des Deutschen. Im Hauptteil, dem Wörterbuchverzeichnis (953 Seiten), sind
dann alle, oder zumindest so gut wie alle, Wörter und Wendungen erfasst, die nicht
gemeindeutsch sind, also nicht gleichermaßen im ganzen deutschen Sprachgebiet gelten. Zu ihrer
systematischen und für die Benutzer leicht zugänglichen Darstellung wurden eigene

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Artikelstrukturen entwickelt, die im Impressum und Vorspann illustriert bzw. erläutert sind. Das
Variantenwörterbuch wurde in rund zehnjähriger Arbeit in enger Kooperation von drei größeren
Arbeitsgruppen in Duisburg (Deutschland), Basel (Schweiz) und Innsbruck (Österreich)
erarbeitet, unter Mitwirkung zahlreicher weiterer Einzelforscher in den nationalen Halbzentren
und in diversen Regionen der Vollzentren.

Wenn andere Wörterbücher, z.B. des Dudenverlags, Wörter wie Matura oder Türschnalle
verzeichnen und sogar einigermaßen richtig national markieren, so geben sie dazu nur die
Entsprechungen für Deutschland an, also bei Matur: Abitur bzw. bei Türschnalle: Türklinke usw.
Ob es noch andere Entsprechungen in anderen deutschsprachigen Ländern oder Regionen gibt,
erfährt man nicht. Das Variantenwörterbuch weist dagegen jeweils sämtliche nationalen und
regionalen standardsprachlichen Entsprechungen aus. So findet man bei der österreichischen
Türschnalle für die Schweiz Türfalle und für Deutschland Türklinke und Türgriff, außerdem
Türdrücker für Nord- und Mittelostdeutschland. Zu österreichischem oder Schweizer Matura
findet man noch Matur für die Schweiz und Reifeprüfung für Deutschland und Österreich. Kurz,
man bekommt bei jedem Stichwort sämtliche Entsprechungen oder „Varianten“ geliefert, mit
nationalen und regionalen Angaben. Darüber hinaus sind die nationalen und regionalen
Spezifizierungen viel genauer als in bisherigen Wörterbüchern und in jedem Einzelfall empirisch
sorgfältig abgesichert. Was dieses Wörterbuch wirklich leistet und kein anderes bietet, wird
besonders augenscheinlich, wenn man ganz alltägliche Wörter nachschlägt wie Frikadelle,
Kehrblech, Matsch oder Bürgermeister.

Das Variantenwörterbuch enthält auch gemeindeutsche Stichwörter, die im ganzen deutschen


Sprachgebiet gelten. Sie dienen zum Auffinden national oder regional begrenzter Wörter und
Wendungen. So verweist z.B. das gemeindeutsche Stichwort Fahrerflucht auf Unfallflucht, das in
Deutschland neben der gemeindeutschen Variante vorkommt, sowie auf Führerflucht in der
Schweiz.

Allerdings handelt es sich bei den gemeindeutschen Stichwörtern stets um Varianten – keine
invariablen Wörter. Wörter, die im ganzen deutschen Sprachgebiet invariabel sind (wenn man
von Lautunterschieden absieht) wie Mensch, Stein, Tisch usw., bilden das Gros des deutschen
Wortschatzes. Sie verbürgen die weitgehende Übereinstimmung des Standarddeutschen in den

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verschiedenen deutschsprachigen Ländern und damit die Zugehörigkeit zur gleichen, eben der
deutschen Sprache. Die eigentlichen Varianten sind nur ein kleinerer Teil des Wortschatzes,
vermutlich weniger als 5 Prozent. Aber es ist ein für soziale Aspekte der Kommunikation
außerordentlich wichtiger Teil, durch den nationale oder regionale Zugehörigkeit und Identität,
aber auch Anerkennung und Nähe oder Distanz ausgedrückt werden.

Das Variantenwörterbuch verwirklicht erstmalig einen völlig neuen Wörterbuchtyp, den es noch
für keine andere Sprache gibt. Dieser Typ von Wörterbuch kommt natürlich nur für
plurizentrische Sprachen in Betracht. Über entsprechende Wörterbucher für das Englische und
das Spanische wird in den einschlägigen Wörterbuchredaktionen inzwischen ernsthaft
nachgedacht.

Das Variantenwörterbuch kommt auch dem Wunsch Jakob Grimms näher als sein eigenes
Wörterbuch, nämlich dass es unterhaltsam ist, ja Spaß macht, darin zu lesen. Wer wüsste z.B.
nicht gerne, wie ein ‚kleines rundes aus Brotmehl hergestelltes Gebäck’ – so die
Bedeutungsangabe – verschiedenen Orts heißt: von Schrippe in Berlin über Brötli, Bürli,
Brötchen, Laibchen, Rundstück, Mutschli, Wecken, Weckerl und Weggen. Zur genauen nationalen
und regionalen Spezifizierung sei auf das Wörterbuch verwiesen.

Dieses hat allerdings auch ernsthaftere Seiten. Manche Wörter sind schon wegen ihres Inhalts
nicht zum Lachen wie Abschiebung in Österreich und Deutschland – Ausschaffung in der
Schweiz, und dazu: Abschiebehaft, auch Abschiebungshaft in Deutschland – Schubhaft in
Österreich – Ausschaffungshaft in der Schweiz.

Ein anderer ernsthafter Aspekt ist die Zielsetzung der Verfasser, das Variantenwörterbuch möge
dazu beitragen, dass sich die sprachlichen Beziehungen zwischen den deutschsprachigen Ländern
und Regionen verbessern. Es gibt diverse Indizien dafür, dass es mit diesen Beziehungen nicht
allenthalben zum Besten steht. Es mangelt vor allem von Seiten Deutschlands noch immer an
wirklicher Anerkennung der sprachlichen Besonderheiten der übrigen deutschsprachigen
Nationen oder Teilen von Nationen. Die gelegentliche Spracharroganz der Deutschen und –
umgekehrt – die Empfindlichkeit der anderen nationalen Zentren der deutschen Sprache
beeinträchtigen manchmal sogar die reibungslose Zusammenarbeit bei der gemeinsamen
Förderung der deutschen Sprache, auch der Förderung von Deutsch als Fremdsprache im

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Ausland, die in der heutigen Zeit der Globalisierung dringend geboten erscheint. Auch zur
Besserung in dieser Hinsicht soll das Variantenwörterbuch nach dem Wunsch der Verfasser
beitragen.

Literaturhinweise

Ammon, Ulrich (1995) Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Das Problem der nationalen Varietäten. Berlin/New York: de Gruyter.

- (1997) Die nationalen Varietäten des Deutschen im Unterricht Deutsch als Fremdsprache.
In Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 23: 141-158.

- / Bickel, Hans, Ebner, Jakob u. a. (2004) Variantenwörterbuch des Deutschen. Die


Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein,
Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin/New York: W. de Gruyter.

Clyne, Michael (1992) Pluricentric Languages. Differing Norms in Different Nations. Berlin/
New York: Mouton de Gruyter.

De Cillia, Rudolf (1997) „Alles bleibt, wie es ißt.“ Österreichs EU-Beitritt und die Frage des
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Hägi, Sara (2006) Nationale Varietäten im Unterricht Deutsch als Fremdsprache.


Frankfurt a. M. usw.: Peter Lang.

Kloss, Heinz (1967) „Abstand Languages“ and „Ausbau Languages“. Anthropological


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Lerchner, Gotthard (1974) Zur Spezifik der Gebrauchsweise der deutschen Sprache in der
DDR und ihrer gesellschaftlichen Determination. Deutsch als Fremdsprache 11: 259-
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Österreichisches Wörterbuch (2001). 39. Aufl. Wien: öbv.

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Riesel, Elise (1953) K voprosu o nacional´nom âzyke v Avstrii. Učënye zapiski Moskovskogo
gosudarstvennogo pedagogičeskogo instituta inostrannyh âzykov 5: 157-171.

- (1962) Nacional´nye varianty sovremennogo nemeckogo âzyka. Inostrannye jazyki v škole 6:


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- (1964a) Der Stil der deutschen Alltagsrede. Moskau: Izdatel’stvo „vysšaâ škola“.

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konnte nicht besorgt werden).

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Bickel. Frauenfeld/ Stuttgart/ Wien: Huber.

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