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E rnst M ichael D örrfuß M ose in den C hronikbüchern

W

DE

G

Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft

Herausgegeben von Otto Kaiser

Band 219

Walter de G ruyter · Berlin · New York

1994

Ernst Michael Dörrfuß

Mose in den Chronikbüchern

Garant theokratischer Zukunftserwartung

Walter de Gruyter · Berlin · New York

1994

®

Gedruckt auf säurefreiem Papier,

das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche

Bibliothek

CIP-Einheitsaufnahme

[Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft / Beihefte] Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. — Berlin ; New York : de Gruyter. Früher Schriftenreihe Fortlaufende Beil. zu: Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft NE: HST Bd. 219. Dörrfuss, Ernst Michael: Mose in den Chronikbüchern. — 1994 Dörrfuss, Ernst Michael:

Mose in den Chronikbüchern : Garant theokratischer Zukunftserwartung / Ernst Michael Dörrfuss. — Berlin ; New York : de Gruyter, 1994 (Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft ; Bd.

219)

Zugl.: Berlin, Kirchl. Hochsch., Diss., 1992 ISBN 3-11-014017-9

©

ISSN 0934-2575

Copyright 1994 by Walter de Gruyter & Co., D-10785 Berlin.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro- verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in Germany Druck: Werner Hildebrand, Berlin Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer-GmbH, Berlin

Für Ele - zum 30. Januar 1994

Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde im Sommer 1992 von der Kirchlichen Hoch- schule Berlin als Dissertation angenommen und ist für den Druck gering- fügig überarbeitet worden. Mit meiner Studie verfolge ich zwei Absichten. Einerseits wird die Frage des Mosebildes der Chronikbücher erörtert. Andererseits soll die schon lange überfällige Forschungsgeschichte zum Theokratiebegriff geliefert werden. Ich meine zeigen zu können, daß beide Anliegen unmittelbar zu- sammengehören - und zusammengenommen einen Beitrag zur Interpretation der Chronik, insbesondere ihrer Zukunftserwartung, leisten können. Die Liebe zum Alten Testament und das Interesse am Thema hat Prof. Dr. Peter Welten geweckt. Für seine seit dem Studium währende kontinuier- liche Ermutigung, Kritik, Begleitung und Freundschaft bin ich ihm von

Herzen dankbar. Prof. Dr. Rüdiger Liwak danke ich aufrichtig für die Über-

nahme des Koreferates und kritische

Prof. Dr. Otto Kaiser für

die Aufnahme in die BZAW. Danken möchte ich außerdem den Freundinnen und Freunden sowie den Kolleginnen und Kollegen, an der Hochschule, im württembergischen Pfarrdienst und andernorts für fachliche aber auch 'zweckfreie' Gespräche und Begegnungen sowie ihre Solidarität während des zurückgelegten Weges. Meiner Frau, Freundin und Kollegin zugleich, danke ich in diesem Zusammenhang an erster Stelle. Ausdrücklich genannt zudem Christi Maier, Gerhard Stiglmair, Carola und Christian Enke-Langner, Hans Jörg und Charlotte Dieter-Sander und Rosmarie Welten.

Dankbar bin ich schließlich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliothek der ehemaligen Kirchlichen Hochschule, insbesondere Herrn Diplom-Bibliothekar Hein Ammerlahn, für ihre Geduld, ihren Humor, ihre Mühe und ihr Engagement, nicht nur im Blick auf die Suche nach und das Beschaffen von Literatur. Daß auch die Glieder der Evangelischen Kirchengemeinde Hengstfeld meine wissenschaftliche Arbeit zwei Jahre lang getragen und ertragen haben, war für mich ermutigend.

Rückfragen,

VIII

Vorwort

Die Abkürzungen folgen dem 'Abkürzungsverzeichnis der Theologischen Realenzyklöpädie, zusammengestellt von Siegfried Schwertner, Berlin/New York H976 bzw. 21992'. Innerhalb der Anmerkungen werden der Chronist mit dem Sigel 'Chron', die Chronikbücher mit dem Sigel 'Chr' bezeichnet. 'ChrGW' steht für chronistisches Geschichtswerk, 'ehr' für chronistisch. Stellenangaben aus den Chronikbüchern ist allein eine römische Ziffer vorangestellt. 'S' bezeichnet Sondergut der Chronikbücher. Die Schreib- weise der biblischen Eigennamen richtet sich nach derjenigen der Luther- bibel. Literatur wird im Anmerkungsteil in der Regel nach dem ersten selbstän- digen Substantiv des aus dem Literaturverzeichnis ersichtlichen Titels oder nach dort angegebenen Sigeln zitiert.

Berlin und Hengstfeld, im Januar 1994

Ernst Michael Dörrfuß

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort

VII

Inhaltsverzeichnis

IX

I. Einleitung

1

1.

Mose in den Chronikbüchern

1

1.1. Der Befund

1

1.2. Zur Forschungsgeschichte

3

2.

Zur Exegese der Chronikbücher

8

2.1. Zur Hypothese vom 'Chronistischen Geschichtswerk'

9

2.2. Die Datierung der Chronikbücher

12

2.3. Zum literarischen Charakter der Chronikbücher

14

Π. Um die Theokratie - zur Begriffs- und Interpretationsgeschichte

18

1. Theokratie als Ideal der Chronikbücher

18

1.1. Die These Wilhelm Rudolphs

18

1.2. Zur Vorgeschichte der theokratischen Interpretation der Chronikbücher

19

1.2.1. Von Johann Jahn bis Julius Wellhausen - Miszellen

19

1.2.2. Jelten Swart, Arie Noordtzij und Adrien-M. Brunet

21

1.3.

Die Fragestellung

24

2. Flavius Josephus

25

3. Stationen des Theokratieverständnisses in der Theologie des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts

27

3.1. Zur Wiederentdeckung des Begriffs im 17. und 18. Jahrhundert

27

3.2. Johann David Michaelis (1717-1791)

29

3.3. Wilhelm

Martin Leberecht de Wette (1780-1849)

32

3.4. Wilhelm Gesenius (1786-1842)

40

3.5. Heinrich Leo (1799-1878)

42

3.6. Carl Peter Wühelm Gramberg (1797-1830)

46

3.7. Johann Karl Wühelm Vatke (1806-1882)

54

3.8. Ergebnisse

61

4. Julius Wellhausen (1844-1918)

64

5. Aspekte des Theokratiebegriffs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

76

X

Inhaltsverzeichnis

5.1. Theokratie - post Wellhausen locutum

77

5.1.1. Der 'main stream' - RGG 1 , RGG 2 , und ThWNT

77

5.1.2. Marginalien zum Theokratiebegriff Adolf Schlatters (1852-1938)

 

-

zugleich: zum Verhältnis von θεοκρατία und βασιλεία τον θεον

78

5.1.3. 'Unmittelbar' und 'theopolitisch' - zum Theokratieverständnis Martin Bubers (1878-1965)

81

5.1.4.

Zur soziologischen Rede von der Theokratie

-

das Beispiel Max Weber (1864-1920)

83

5.2. Plädoyer für eine theokratische Interpretation der Bibel

 

-

Arnold Albert van Ruler (1908-1970)

88

6.

Zum Theokratiebegriff in der Diskussion von 1959 bis heute

92

6.1.

Theokratie und Eschatologie

 

-

Otto Plögers "simplification terrible"

92

6.1.1. Darstellung

92

6.1.2. Zur Kritik an Plögers Entwurf.

96

6.2. Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers

98

6.2.1. Aspekte der Rezeption Plögers in Gesamtdarstellungen der Geschichte Israels

98

6.2.2. Zur Rezeption Plögers in ausgewählten traditions- und theologiegeschichtlichen Untersuchungen zur nachexilischen Zeit

101

6.2.2.1. Ulrich Kellermann

101

6.2.2.2. Odil Hannes Steck

102

6.2.2.3. Wilhelm Th.

In der Smitten

104

6.2.2.4. Paul D. Hanson

106

6.2.2.5. Joachim Becker

108

6.2.2.6. Frank Crüsemann

110

6.2.2.7. Jutta Hausmann

111

7. 'Gott die Herrschaft und die Gewalt'

- zur Notwendigkeit theologischer Rede von der Theokratie

ΙΠ. Mose in der Chronik - das Mosebild der Chronikbücher

115

119

Methodische

Grundsätze

119

1.

Mose in der 'genealogischen Vorhalle'

120

1.1. Zur Bedeutung von IChr 1-9

120

1.2. IChr 5,27-41 (Die Hohenpriester bis zum Exil)

121

1.2.1.

Übersetzung

121

1.2.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

122

1.2.3.

Parallelen und Quellen

122

1.2.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

123

1.2.5.

(Leit)Worte

124

1.2.6.

Mose

124

1.3. IChr 6,33-34

(Aufgaben der Leviten und Priester)

125

1.3.1. Übersetzung

125

1.3.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

125

1.3.3. Parallelen und Quellen

125

Inhaltsverzeichnis

X I

1.3.5. (Leit)Worte

 

127

1.3.6. Mose

129

2.

Mose in der chronistischen Daviderzählung

130

2.1.

Miszellen zur chronistischen Daviderzählung (IChr 11-29)

130

2.2.

IChr 15,11-15 (Heiligung der Priester und Leviten)

132

2.2.1.

Übersetzung

132

2.2.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

132

2.2.3.

Parallelen und Quellen

133

2.2.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

134

2.2.5.

(Leit)Worte

135

2.2.6.

Mose

138

2.3.

IChr 21,26b-22,l

(Das Opfer Davids)

139

2.3.1.

Übersetzung

139

2.3.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

139

2.3.3.

Parallelen und Quellen

141

2.3.4.

Zum Aufbau /

Zuordnung

141

2.3.5.

(Leit)Worte

144

2.3.6.

Mose

147

2.4.

IChr 22,7-13

(Davids Auftrag an Salomo)

148

2.4.1.

Übersetzung

148

2.4.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

148

2.4.3.

Parallelen und Quellen

149

2.4.3.1.

IChr 22,13 im Vergleich mit deuteronomistischen Formulierungen

152

2.4.3.2.

IChr 22,13 im Vergleich mit verwandten Formulierungen außerhalb des Deuteronomistischen Geschichtswerkes

153

2.4.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

154

2.4.5.

(Leit)Worte

156

2.4.6.

Mose

158

2.5.

IChr 23,6(b)-23

(Leviten)

159

2.5.1.

Übersetzung

159

2.5.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

160

2.5.3.

Parallelen und Quellen

161

2.5.4.

Zum Aufbau /

Zuordnung

162

2.5.5.

(Leit)Worte

164

2.5.6.

Mose

165

2.6.

IChr 26,20-28

(Die Aufseher über die Vorräte)

167

2.6.1.

Übersetzung

167

2.6.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

167

2.6.3.

Parallelen und Quellen

168

2.6.4.

Zum Aufbau /

Zuordnung

169

2.6.5.

(Leit)Worte

170

2.6.6.

Mose

171

3.

Mose in der chronistischen Salomoerzählung

172

3.1. Anmerkungen zur chronistischen Salomoerzählung (IlChr 1-9)

172

3.2. IlChr 1,2-6 (Salomos Weg nach Gibeon)

173

XII

Inhaltsverzeichnis

3.2.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

174

3.2.3.

Parallelen und Quellen

174

3.2.4.

Zum Aufbau /

Zuordnung

176

3.2.5.

(Leit)Worte

177

3.2.6.

Mose

179

3.3.

IlChr 5,2-10 (Die Einholung der Lade)

180

3.3.1.

Übersetzung

180

3.3.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

180

3.3.3.

Parallelen und Quellen

181

Exkurs: Literarkritische Modelle zu IReg 8,1-9

182

3.3.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

184

3.3.5.

(Leit)Worte

185

3.3.6.

Mose

187

3.4.

IlChr 8,12-16 (Salomos Opfer und Kultanordnungen)

188

3.4.1.

Übersetzung

188

3.4.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

189

3.4.3.

Parallelen und Quellen

189

3.4.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

191

3.4.5.

(Leit)Worte

193

3.4.6.

Mose

194

4. Mose in der chronistischen Schilderung der Geschichte des Königreiches Juda

195

4.1.

Zur chronistischen Darstellung der Geschichte des Königreiches Juda (IlChr 10-36)

195

4.2.

IlChr 23,16-21

(Jojadas Bundesschluß und Kultreform)

196

4.2.1.

Übersetzung

196

4.2.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

197

4.2.3.

Parallelen und Quellen

197

4.2.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

200

4.2.5.

(Leit)Worte

203

4.2.6.

Mose

204

4.3.

IlChr 24,4-14

(Die Kultreform des Joasch)

205

4.3.1.

Übersetzung

205

4.3.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

206

4.3.3.

Parallelen und Quellen

207

4.3.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

210

4.3.5.

(Leit)Worte

213

4.3.6.

Mose

215

Exkurs: Mose als nay in den Chronikbüchern

215

4.4.

IlChr 25,1-4 (Amazjas Regierungsantritt)

217

4.4.1.

Übersetzung

217

4.4.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

218

4.4.3.

Parallelen und Quellen

219

4.4.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

221

Exkurs: Überlegungen zur Entstehung von IIReg 14,6

222

4.4.5.

(Leit)Worte

223

Inhaltsverzeichnis

XIII

4.5.

IlChr 30,13-22 (Das Mazzen- und Passafest Hiskias)

224

4.5.1.

Übersetzung

224

4.5.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

225

4.5.3.

Parallelen und Quellen

226

4.5.4.

Zum Aufbau /

Zuordnung

228

4.5.5.

(Leit)Worte

231

4.5.6.

Mose

234

4.6.

IlChr 33,1-9

(Die Greuel Manasses)

235

4.6.1.

Übersetzung

235

4.6.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

236

4.6.3.

Parallelen und Quellen

237

4.6.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

241

4.6.5.

(Leit)Worte

242

4.6.6.

Mose

246

4.7.

IlChr 34,8-21

(Die Auffindung der Tora)

247

4.7.1.

Übersetzung

247

4.7.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

247

4.7.3.

Parallelen und Quellen

249

4.7.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

253

4.7.5.

(Leit)Worte

255

4.7.6.

Mose

257

Exkurs: ΠΎΙΓΙ in den Chronikbüchern

258

4.8.

IlChr 35,1-19 (Josias Passa)

261

4.8.1.

Übersetzung

261

4.8.2.

Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

263

4.8.3.

Parallelen und Quellen

263

4.8.4.

Zum Aufbau / Zuordnung

267

4.8.5.

(Leit)Worte

270

4.8.6.

Mose

272

Exkurs: Zur Auseinandersetzung mit Simon J. de Vries

273

5. Das Mosebild der Chronikbücher

275

Abkürzungs-

und Literaturverzeichnis

285

Register

 

299

I. Einleitung

1. Mose in den Chronikbüchern

1.1. Der Befund

Einundzwanzigmal wird Mose in den Chronikbüchern genannt. Diese im Vergleich zu den insgesamt 770 Belegen des Mosenamens in der Hebräi- schen Bibel 1 geringe Zahl entspricht zunächst dem Gesamtbild 2 . Ein Ver- gleich mit den anderen Geschichts-, insbesondere aber den Prophetenbü- chern zeigt jedoch, daß Mose in der Chronik auffallend häufiger genannt wird als in früheren Schriften des Alten Testaments. Die Belegstellen für den Mosenamen sind dabei auf alle vier großen Abschnitte der beiden Chro- nikbücher verteilt.

Im Rahmen der 'genealogischen Vorhalle', IChr 1-9, zählt IChr 5,29 die Söhne Amrams, Aaron, Mose - und deren Schwester Miijam ! - auf, wäh- rend IChr 6,34 die durch Mose, den Knecht Gottes (DTI^Xn Oy) , geordne- ten kultischen Aufgaben der Aaroniden zusammenfaßt. Im zweiten, der Regierungszeit Davids gewidmeten Hauptteil, IChr 10- 29, begegnet Mose zuerst im Kontext der Erzählung von der Ladeüberfüh- rung nach Jerusalem (IChr 15f) als Urheber der levitischen Aufgabe, die Lade zu tragen (IChr 15,15). IChr 21,29 stellt Mose, im Rahmen der Dar- stellung von Volkszählung und Erwerb des Tempelplatzes, als Erbauer der Wohnung Gottes während des Wüstenaufenthaltes vor. Anläßlich des Be- richtes von der Einsetzung Salomos zum Nachfolger Davids (IChr 22,6-

1 Vgl. A.Even-Shoshan (Hg.), Concordance, 1331-1333.

2 Neben ca. 644 Nennungen im Pentateuch - im Dtn nur 39 ! - und ca. 58 in Jos wird Mose in Jdc viermal, in ISam zweimal, in I und IIReg zehnmal und in den Propheten- büchern fünfmal erwähnt. Dazu kommen acht Belege in den Psalmen, zwei Belege in Dan und zehn in Esr/Neh (vgl. dazu auch L.Köhler/W.Baumgartner, Lexicon, 607 - dort leicht divergierende Zahlen).

2

Mose in den Chronikbüchern

23a) und Tempelbauer ist Mose in IChr 22,13 als Empfanger der göttlichen Rechtsordnungen erwähnt. IChr 23,13 nennt erneut die Söhne Amrams 3 . V.14 berichtet davon, daß die Söhne Moses, des 'Mannes Gottes' (QTlVxn ttf'X), zu den Leviten ge- rechnet werden, V.15 hält ihren und den Namen ihres Vaters fest. Auch die letzte Erwähnung Moses im Zusammenhang der chronistischen Davidsge- schichte (IChr 26,24) ist genealogisch orientiert. In dem der Regierung Salomos gewidmeten Hauptteil, IlChr 1-9, wird Mose in IlChr 1,3 erstmals genannt. Der Vers nimmt dabei das Motiv von IChr 21,29 auf: Mose, der Knecht JHWHs (mn'-Tiy), hat in der Wüste das Zelt der Begegnung gefertigt. Auch IlChr 5,10 bezieht sich auf Moses Wirksamkeit zur Zeit der Wüstenwanderung: Am Horeb legte er die Bun- destafeln in die Lade. IlChr 8,13 führt die Opferordnung auf Mose zurück. Überraschend spät findet sich der erste Beleg für den Mosenamen inner- halb des - den Königen Judas gewidmeten - vierten Hauptteiles der Chro- nikbücher, IlChr 10-36. Erst IlChr 23,18 nennt Mose im Rahmen der Neu- ordnung des Tempelkultes unter Jojada. Dessen Einsetzung des Kultperso- nals steht in Übereinstimmung mit den Einrichtungen Davids und erfolgt gemäß der Tora des Mose (ntfD ΓΠΙΓα 31Γ03). Im Kontext der von Joasch durchgeführten Kultreform wird in IlChr 24,6.9 auf die 'Spende des Mose' verwiesen und damit erneut eine Beziehung zur Wüstenzeit hergestellt. In einer Notiz über die Vergeltung Amazjas an den Mördern seines Vaters be- ruft sich IlChr 25,4 auf die 'Tora im Buch des Mose' (Ί303 HUTU 31TDD ntfö) und zitiert Dtn 24,16. IlChr 30,16 berichtet, daß sich das Kultper- sonal bei der Passafeier Hiskias gemäß der Tora des Mose, des Mannes Gottes (crnVxn-EPX ntfa miro) , aufstellt. IlChr 33,8 stellt Mose als Mitt- ler der Tora, der Satzungen und Rechtsordnungen JHWHs (ΓΠυΐΓΓ 1 ?^ Π#0"Τ3 D'BBtföm D'pnm), gegen die Manasse verstößt, vor. IlChr 34,14 erwähnt, innerhalb des Berichtes über die Reform des Josia, das Buch 'der Weisung JHWHs durch die Hand Moses' (ntfli'T3 ΠΙΠ'-mw Ί30"ΠΧ). IlChr 35,6 nennt Mose als Empfänger des JHWH-Wortes. V.12 beruft sich - erneut im Kontext einer kultischen Handlung - auf das Buch des Mose (ntfB Ί303 31Π33).

Zur Forschungsgeschichte

3

1.2. Zur Forschungsgeschichte

Die Tatsache, daß 18 der 21 Belege keine Parallele in der Vorlage der Chronikbücher haben 4 , ist ein Indiz dafür, daß Mose für die Theologie der Chronikbücher eine besondere Bedeutung zukommt. Gleichwohl ist das Mosebild der Chronikbücher bis heute eher stiefmütterlich behandelt wor- den. Eine Monographie zum Thema fehlt, ein Aufsatz von Simon J. de Vries ist die einzige mir bekannte Studie zu den Chronikbüchern, die den Mosenamen im Titel führt 5 .

Eva Osswalds Untersuchung zum 'Bild des Mose in der kritischen altte- stamentlichen Wissenschaft seit Julius Wellhausen' 6 macht deutlich, daß die Arbeit am Pentateuch den dominierenden Kontext der Moseforschung bil- det. Fragestellungen und Ergebnisse, etwa im Blick auf Charakteristika des Mose und die verschiedenen ihm zugeordneten 'Rollen' bzw. 'Tätigkeitsbe- reiche' werden deshalb nahezu ausschließlich vom Pentateuch bzw. dessen Quellenschriften her gewonnen 7 .

Anton Jirku, der zu zeigen versucht, "daß es im Alten Testament an mehreren Stellen ein

'Lehrstück von der mosaischen Zeit' gebe, das eine von der Pentateuchtradition unab-

hängige Traditionslinie darstelle, der selbständiger Quellenwert zukomme"®, ordnet dieser

keine Texte aus den Chronikbüchern zu? und weist im übrigen lediglich auf den 'formelhaften Ausdruck' Mose als Knecht Gottes hin"». Auch Ernst Sellin 11 geht nicht auf die Chronik ein, wenn er, "von Hosea ausgehend, eine prophetische Mosetradition nachzu- weisen" sucht'Nac h der Meinung Moshe Greenbergs allerdings steht hinter der genealo- gischen Notiz von IChr 23,14f eine vom Pentateuch unabhängige Tradition 1 3.

Auch wenn vom in den Chronikbüchern gezeichneten Mosebild her keine Antworten auf die Frage nach dem 'historischen' Mose erwartet werden können, bleibt das Problem des dort zum Ausdruck kommenden Verständ- nisses von Aufgabe(n) und Rolle(n) des Mose zu erörtern 14 . Ausgangspunkt

[ ]

4 Vgl. II 5,10 par. IReg 8,9; II 25,4 par. IIReg 14,6; II 33,8 par. IIReg 21,8.

5 Vgl. S.J. de Vries, Moses.

6 E.Osswald, Bild des Mose.

7 Zu den Methoden der Moseforschung vgl. R.Smend, Mosebild.

8 A.a.O., 22 (=66).

9 Vgl. A.Jirku, Geschichte Israels, 16-96.

10 Vgl. a.a.O., 97.

11 Vgl. E.Sellin, Mose; ders., Hosea.

12 Vgl. dazu E.Osswald, Bild des Mose, 184-188, Zit.: 184, und R.Smend, Mosebild, 22.56, Anm.l (= 66.98, Anm.72).

13 Vgl. M.Greenberg, Moses, 378.385.

4

Mose in den Chronikbüchern

ist dabei im allgemeinen die Frage nach den Mose schon im Alten Testa- ment und in der jüdischen und christlichen Tradition beigelegten Titeln 15 . Entsprechende Untersuchungen weisen den Aussagen der Chronikbücher allerdings eine marginale Rolle zu. Sie beschränken sich dabei beispiels- weise auf den Hinweis, daß die Chronik in erster Linie an der Funktion

Moses als Gesetzgeber interessiert ist 16 , wobei die Mose

deutung unterschiedlich beurteilt wird 17 . Der ihm beigelegte 'Gottesknecht-

Titel' transportiert nach der Überzeugung der Mehrheit keine spezifischen Inhalte mehr 18 . Ingrid Riesener betont in diesem Zusammenhang, daß das chronistische Geschichtswerk, indem es Mose den Ehrentitel ΠTP 12y ver- leiht, diesen im Gegensatz zum deuteronomistischen Geschichtswerk nicht als Propheten, sondern allein als Mittler der Gebote bzw. Kultstifter ver- steht 19 . Herbert Schmid, dessen Zusammenstellung von Mosebelegen in deuteronomistischen und chronistischen Texten nur die Stellen aus der Chronik nennt, die die "Vorstellung von der autoritativen gottgegebenen Tora des Mose" widerspiegeln 20 , führt die Bezeichnung ΠΊΓΡ "73J7 bzw. 73J7 DTlVx auf deuteronomisch/deuteronomistischen Einfluß zurück 21 . Darüber

zugewiesene Be-

antwortet." (R.Smend, Mosebild, 48 [= 90]) und den Hinweis Herbert Schmids auf Möglichkeiten - und Grenzen - der "Bemühungen um einen kanonischen Mose" (H.Schmid, Gestalt, 96f, Zit.:96).

15 Nach Philo, VitMos II 292 war Mose gleichzeitig "König, Gesetzgeber, Hoherpriester

und Prophet" (vgl. dazu JJeremias, Art.: Μωυσής, 855f; R.Smend, Mosebild, 48 [ = 90]), Josephus sieht in ihm v.a. den Gesetzgeber (νομοθέτης) (vgl. Josephus, Ap 2,165). Zum Mosebild des NT vgl. J.Jeremias, Art.: Μωυσής, 868-878; A.Descamps, Moses; P.Demann, Moses; T.Saito, Mosevorstellungen. 16 Vgl. z.B. A.Gelin, Moses, 56: "Während der letzten Jahrhunderte des Judentums [sie!]

ist es vor allem der Gesetzgeber, der das Bild des Moses bestimmt. Der schon in den deuteronomistischen Kreisen gebräuchliche Ausdruck 'Gesetz des Moses' wird jetzt all- gemein üblich (Chronik passim [

17 Vgl. dazu einerseits Chr.Barth, Mose, 70: "Außerhalb des dtr. Geschichtswerkes spielt Mose im Werk des Chronisten eine ziemlich bedeutende Rolle", und andererseits H.Ca- zelles, Art.: ffitfö, 45: "Diese Zahlen [sc.: die 31 Belege für Mose im chrGW] signali- sieren nicht eine sonderlich hohe Bewertung des Mose; denn David ist viel öfter ge- nannt."

18 Vgl. dazu Chr.Barth, Mose, 70: "Der Titel erscheint jetzt [sc.: im chrGW und der nachexilischen Zeit überhaupt] ohne erkennbaren Anlaß hinter dem Namen und hat die Funktion einer hohen, in ihrer Bedeutung jedoch blaß gewordenen Auszeichnung des Mannes, den man fast ausschließlich als Gesetzgeber bzw. als Vermittler der Gesetzes- offenbarung kennt."

19 Vgl. I.Riesener, Stamm, 261.

20 H.Schmid, Gestalt, 61.

Zur Forschungsgeschichte

5

hinaus spricht er auch dem Titel 'Mann Gottes' jede spezifische Funktion ab 22 . Im Vergleich zu den genannten Lösungsversuchen vertreten einige den Chronikbüchern selbst gewidmete Arbeiten eine differenziertere Position. Gerhard von Rad betont zwar zunächst ebenfalls, daß die Chronik vor al-

jedoch

lem an Mose als Gesetzgeber Israels interessiert sei 23 . Gleichzeitig

verstehe sie ihn, in Übereinstimmung mit der deuteronomischen Linie, als Propheten 24 . Die Rede vom Israel ΠT 3 gegebenen Gesetz weise aller- dings auf priesterschriftlichen Einfluß hin 25 . Indem die Chronikbücher gegenüber der von der Priesterschrift betonten " Mose-Stiftszelt-Aaroniden-

Tradition" die "David-Lade-Leviten-Tradition" hervorheben, zeige sich ihre theologische Eigenständigkeit 26 . Schließlich wird nach von Rad hinter der

immer wieder anklingenden Gegenüberstellung von David und Mose 27

die

messianische Ausrichtung der Chronikbücher sichtbar, die als "ein einziger großer Rekurs auf Jahwes Verheißungen" 28 zu verstehen seien.

Die in den Rückbezügen auf David einerseits und Mose andererseits erkennbar werdenden Spannungen versucht Adam C. Welch durch die The- se, in den Chronikbüchern werde neben der Hand des Chronisten diejenige eines Überarbeiters sichtbar 29 , zu erklären. Seiner Meinung nach wurde Mose an verschiedenen Stellen erst durch den Ergänzer eingetragen 30 , der

22 Vgl. a.a.O., 73. Schmids Hinweis auf die Untersuchungen von H.G.Williamson, Accession, der zu zei- gen versucht, "daß die Nachfolge David-Salomo unverkennbare Analogien zur Sukzes- sion Mose-Josua (Dtn 31; Jos 1) aufweist", und M.Ssebe, Esra/Esraschriften, der die "Mose-Esra-Parallele" hervorhebt (H.Schmid, Gestalt, 61), gehört nicht unmittelbar zum Thema 'Mosebild'.

23 Vgl. G.von Rad, Geschichtsbild, 75. In diesem Zusammenhang sind die diesem beigelegten Titel 'Knecht JHWHs' bzw. 'Mann Gottes' deshalb besonders wichtig, weil sie von Rads Grundthese, daß sich "hin- sichtlich des Pentateuch in der Chronik mehr deuteronomische als priesterschriftliche Elemente" nachweisen lassen (a.a.O., 134), unterstützen.

24 Vgl. a.a.O., 75.

25 Vgl. a.a.O., 76.

26 A.a.O., 134; vgl. a.a.O., 130.

27 Vgl. a.a.O., 120: Das chronistische Interesse liegt nicht auf der "Ur- und Mosesge- schichte", sondern dem "Davidsthron unter Gericht und Gnade Jahwes im Wandel der Zeiten"; s. auch die Gegenüberstellung von "frohe[m] 'Gesetz Davids'" und "stren- ge[m] Gesetz Mosis" (a.a.O., 136).

28 Ebd.

29 Vgl. A.C.Welch, Work, 149f.

6

Mose in den Chronikbüchern

dem Priesterkodex nahesteht. Dadurch sollten nach Auffassung des Chro- nisten von David eingeführte kultische Anordnungen und Bräuche der höhe- ren Autorität des Mose von JHWH gegegebenen Gesetzes unterstellt wer- den. Gleichzeitig wird - zumindest in Fragen des Kultes - David gegenüber Mose abgewertet 31 . Martin Noth wendet sich unter anderem gegen die Auffassung, das chro- nistische Werk sei an "der Geltendmachung der levitischen Ansprüche auf

bestimmte neue und

Dem Begriff 'Gesetz Moses' eignet "der Sinn des voraussetzungslos Gül-

tigen [

schichtsdarstellung überhaupt vorgekommen wäre oder er auch nur das 'Ge- setz Moses' jemals erklärend eingeführt hätte" 33 . Von daher wird deutlich, daß sich aus den - von Noth ganz überwiegend dem Chronisten selbst zuge- ordneten - Belegstellen, die Mose erwähnen, kein spezifisches Mosebild er- heben läßt.

Thomas Willi hebt in seiner wegweisenden Monographie zum 'auslegen- den' Charakter der Chronikbücher in einer kurzen Überlegung das "inhalt-

Moses" 34 hervor. Die

Formulierungen 'durch die Hand Moses gegebenes Gesetz' und der Titel 'Mann Gottes' stehen für die von Mose wahrgenommene Funktion, JHWH in Israel zu repräsentieren. Gleichzeitig ist das "Urbild des Mitders" Re- präsentant Israels vor JHWH und übt, wie der Titel 'Gottesknecht' deutlich macht, das 'herrscherliche' und 'priesterliche' Amt aus 35 . Für den Chro- nisten "ist Mose der erste, der Erzprophet und seine Thora die erste und vornehmste prophetische Schrift" 36 . Dabei liegt seine "Bedeutung zu einem erheblichen Teil in seiner schriftstellerischen Tätigkeit" 37 .

lich überwiegende prophetische Element des Amtes

ohne daß die Gestalt Moses in seiner [sc.: des Chronisten] Ge-

wichtige Funktionen im Tempelkult" 32 interessiert.

]

Sara Japhet betont erneut den von den Chronikbüchern hergestellten en- gen Zusammenhang von Mose und der Tora: "Moses represents the author-

in erster Linie "in con-

auf die Autorität des Mose zurückgegrif-

ity of the Torah which he handed nection with sacrificial worship" 39

down" 38 , wobei

31 Die für von Rad zentrale Frage der Titel Moses bleibt bei Welch unberücksichtigt.

32 M.Noth, ÜSt, 173f.

33 A.a.O., 162f.

34 Th.Willi, Chronik, 228.

35 Ebd.

36 Ebd.

37 A.a.O., 229.

38 S.Japhet, Ideology, 235.

Zur Forschungsgeschichte

7

jedoch nicht eindeutig bestimmbar 40 . Gegen

von Rad und Welch hält Japhet daran fest, daß durch den Rückgriff auf Mose keine Spannung mit der Begründung einzelner Anordnungen durch die Autorität Davids entsteht 41 . Diese Spannung wiederum ist Ausgangspunkt der Überlegungen von de Vries. Von ihm als 'formgeschichtlich' bezeichnete Überlegungen führen zur Unterscheidung zweier "formulas" 42 : Während durch die "Authoriz- ation formula" 43 essentielle Angelegenheiten der kultischen Praxis durch die Autorität des Mose und seines Gesetzes begründet werden, sind "ad hoc regulations" mit Hilfe der "Regulation formula" 44 auf David oder seine Nachfolger zurückgeführt 45 . Mit Hilfe dieser 'formulas' wollen die Chro- nikbücher, die die "prime authority of Moses as Israel's primordial cult founder" 46 nie in Frage stellen, die Autorität Davids besonders hervorhe- ben 47 . David, nicht Mose steht am Anfang und im Zentrum der chronisti- schen Geschichtsdarstellung 48 , er ist Maßstab und Mittelpunkt des Interes- ses der Chronikbücher.

fen wird. Die Bezugsgröße ist

Der Überblick zeigt das Fragespektrum auf, das die bisherigen Bemühun- gen um das Mosebild der Chronikbücher erörtert haben. Das Thema des - durch Mose gegebenen - Gesetzes, Moses Rolle als Prophet und die gegen- über dem chronistischen Davidbild sichtbar werdenden Differenzen sind auch in dieser Untersuchung aufzugreifen. Darüber hinaus ist - insbeson- dere angesichts der Tatsache, daß keine der genannten Arbeiten die Gesamt- heit der Nennungen Moses in der Chronik in Betracht zieht - zu vermuten, daß sich durch eine solche Gesamtschau neue Problemstellungen und Ant- worten ergeben.

40 Vgl. a.a.O., 244.

41 Vgl. a.a.O., 237f.

42 SJ.de Vries, Moses, 620.

43 I 6,34; 15,15; 16,40; 28,19; II 8,13; 23,18; 30,5; 30,18; 31,3; 35,6; 35,12 (vgl. die Tabelle, a.a.O., 622).

44 I 15,13; 23,31; 24,19; II 4,7.20; 8,14; 23,18; 29,15; 29,25; 30,6.12.16; 35,4.10.13. 15.16 (vgl. die Tabelle, a.a.O., 627).

45 A.a.O., 620.

46 A.a.O., 631.

47 Vgl. a.a.O., 632.

8

Zur Exegese der Chronikbiicher

2. Zur Exegese der Chronikbücher

Den im folgenden zu erörternden Grundfragen der Exegese der Chronik- bücher 1 kommt angesichts des gegenwärtigen Forschungsstandes meines Er- achtens eine zentrale Bedeutung zu. Schon im 19. Jahrhundert haben die Arbeiten zur Chronik eine Art Vor- reitenolle im Blick auf die Entwicklung der historisch-kritischen Forschung gespielt. Methode, Anliegen und Zielsetzung dieser Forschungsrichtung wurden an den Chronikbüchern entwickelt bzw. entfaltet oder bestätigt 2 . Der in der jüngsten Gegenwart zu beobachtende Boom von Untersuchungen zum literarischen Charakter, zur Theologie, Intention und zum sozialge- schichtlichen Hintergrund der Chronik läßt ebenso wie das genus dieser Ar- beiten die Vermutung zu, daß hier erneut grundsätzliche exegetische und das hermeneutische bzw. theologische Selbstverständnis alttestamentlicher Forschung berührende Probleme thematisiert werden. Manfred Oeming hält es für "unvermeidbar, daß eine Gesamtsicht der Entstehung der Chr und ihrer Beziehung zu den Büchern Esra und Nehemia gewisse Einflüsse auf das Verständnis [sc.: der genealogischen Vorhalle] ausübt" und betont: "Auch hier gilt der hermeneutische Zirkel oder besser, die 'hermeneutische Spirale', wonach das Teil und das Ganze sich gegensei- tig fördern (oder behindern)." 3 Meines Erachtens können die aus dieser Feststellung resultierenden Pro- bleme schwer überschätzt werden. Die derzeitige Chronikforschung ist in zentralen Fragen durch so divergierende und einander ausschließende Posi- tionen gekennzeichnet 4 , daß dem Vorverständnis der jeweiligen Exegetin- nen und Exegeten eine zentrale Rolle zukommt. Anders formuliert: Die ge-

1 Vgl. zur Forschungsgeschichte Th.Willi, Chronik, 12-47; D.Mathias, Geschichte, 6- 111; S.Japhet, Historical Reliability; M.Oeming, Israel, 37-47.48-72; K.Striibind, Tra- dition, 9-60.82ff.

2 Vgl. als Beispiel W.M.L.de Wette, Kritischer Versuch.

3 M.Oeming, Israel, 37.

Die Hypothese vom 'Chronistischen Geschichtswerk'

9

genwärtige Lage macht es notwendig, jeder exegetischen Arbeit zu Chro- niktexten eine Standortbestimmung zu methodischen und theologischen Pro- blemen voranzustellen. Ein direkter Zugang zum Text ist gegenwärtig nicht möglich. Er wird nicht nur durch den "garstige[n] breite[n] Graben" der Geschichte 5 verhindert. Meines Erachtens muß sich redliche Arbeit an den Chronikbüchern eingestehen, daß sie bestimmte Hypothesen voraussetzt und auf ihnen gründet. Die Interpretation konkreter Texte kann diese unter- mauern oder in Frage stellen, von ihnen lösen kann sie sich nicht 6 . Ange- sichts der gegenwärtigen Forschungssituation wird die Bedeutung dieser an sich banalen Feststellung deutlich. Hinsichtlich der Chronikbücher sind nicht nur die Fragen nach ihrem Verfasser, dem Umfang seines Werkes, seiner Datierung und Herkunft, seiner Quellen und seiner theologischen In- tention umstritten, sondern auch die nach Gattung und literarischer Einheit- lichkeit des Textes selbst. Dabei sind die verschiedenen Fragen und ihre Lösungsvorschläge eng miteinander verknüpft. Die - auch von ihren Impli- kationen her - weitestgehende ist dabei diejenige nach der Existenz eines so- genannten chronistischen Geschichtswerkes 7 . Sie wird deshalb als Aus- gangspunkt der weiteren Darstellung vorangestellt.

2.1. Zur Hypothese vom 'Chronistischen Geschichtswerk'

Leopold Zunz und Franz Carl Movers sind die Urheber der Hypothese von der ursprünglichen Einheit der Bücher Chronik und Esra/Nehemia. Zunz versucht mit ihrer Hilfe das Problem der literarischen Uneinheitlichkeit des Esrabuches zu lösen bzw. die daraus resultierende Annahme, Esra sei das Produkt verschiedener, unbekannter Schriftsteller, zu widerlegen 8 . Movers entwickelt die Hypothese im Rahmen seiner Verhältnisbestimmung von

5 G.E.Lessing, Beweis, 311.

6 Dieser Vorbehalt richtet sich gegen eine Auffassung, der etwa Roddy Braun in der Ein- leitung seines Kommentars Ausdruck verleiht: "a new study of Chronicles needs to re- consider the text in its own right, apart from the presuppositions which have often ac- companied its study in the past, and hopefully to begin movement towards a new and more complete understanding of the message of Chronicles" (R.L.Braun, WBC, XVIII).

7 Vgl. dazu die Formulierung Saebes: "Eine Darstellung der chronistischen Theologie hängt davon ab, wen man unter dem Chronisten versteht und wie man den Umfang sei- nes Werks bestimmt." (M.Siebe, TRE, 74).

10

Zur Exegese der Chronikbücher

Chronik und Esrabuch. Er vertritt dabei die Auffassung, daß in IlChr 36,22

der ursprüngliche Text vorliegt, dessen Parallele in Esr 1 aus der Chronik

übernommen wurde, die deshalb älter als Esra ist 9 . Weil gleichzeitig nur

ein Verfasser von IlChr 36,22f und Esr 1,1-4 denkbar ist 10 , kommt Movers

der "Redacteur des Buches [sc.: Esra][

Chr." 11 sein kann. Der sich anschließende

]

kein anderer als der Verf. der

schließlich zum Ergebnis, daß

Versuch, die Ähnlichkeiten in Sprache und Darstellungsweise aufzuzeigen,

soll dieses Resultat belegen 12 .

Während de Wette in der fünften Auflage seiner Einleitung noch vorsich-

tig formuliert:

"Dagegen muss zugestanden werden, dass die Meinung, der Verf. der Chron. sei zu- gleich der Sammler des B.Esra, durch die Verwandtschaft, welche zwischen beiden Bü- chern besteht, sehr begünstigt wird" 1 ·',

Ber-

Jahrhunderts hinein "fast axioma-

tische Würde" 15 . Julius Wellhausen, von Rad und Noth beispielsweise

seit den Arbeiten Heinrich

theaus 14 bis

erhält die Hypothese

Ewalds und Ernst

in die zweite Hälfte des 20.

übernehmen sie ohne nähere Begründung 16 .

Postulates

eines chronistischen Geschichtswerkes wieder bewußt gemacht zu haben 17 .

Japhet kommt das Verdienst zu,

den Hypothesencharakter des

9 Vgl. F.C.Movers, Untersuchungen, 13.

10 Vgl. a.a.O., 14.

11 A.a.O., 17.

12 Vgl. a.a.O., 17-24.

13 W.M.L.de Wette, Einleitung ( 5 1840), 269. Vgl. dazu ders., Kritischer Versuch, 46- 48: Esra ist nicht der Vf. der Chr - deshalb gehören Chr und Esr/Neh nicht zusammen.

14 Vgl. dazu Th.Willi, Chronik, 40-42.

15 M.Saebe, TRE, 81.

16 Vgl. J.Wellhausen, Prolegomena 6 , 165; G.von Rad, Geschichtsbild; ders., Theologie, Bd.I, 359-365; M.Noth, ÜSt, 110. Eine detaillierte Auflistung der sprachlichen und syntaktischen Gemeinsamkeiten von Chr und Esr/Neh bieten im 20.Jh. v.a. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 27-36, und S.R.Driver, Introduction, 535-540, während etwa Wilhelm Rudolph allgemein auf die "Gemeinsamkeit des Sprachgebrauchs, des Stils und der Gedankenwelt" hinweist (W.Rudolph, HAT 21, III). In seinem Esr/Neh-Komm. heißt es noch kürzer: "Daß der Chronist, d.h. der Verfasser der Chr-Bücher, auch unsere Bücher Esr und Neh geschaf- fen hat, leidet keinen Zweifel. Dafür bürgt schon die Identität von 2 Chr 36,22f. und Esra 1,1-3a" (ders., Esra, XXII).

17 Vgl. S.Japhet, Authorship. Der von Welch formulierte Vorbehalt gegen die Existenz

]

is to be found in IChr.l0:l - IIChr.36:21"; vgl. a.a.O., 126) blieb weitgehend folgen-

los; ebenso - zumindest außerhalb Israels - die Argumentation von M.H.Segal, Ezra (vgl. dazu S.Japhet, Ideology, 4f mit Anm.10.12) und - zunächst - die Überlegungen von D.N.Freedman, The Chronicler's Purpose.

eines chrGW (vgl. A.C.Welch, Work, 1: "The work of

the Chronicler, therefore [

Die Hypothese vom 'Chronistischen Geschichtswerk'

11

Ihre zunächst ausschließlich sprachlich-syntaktische Argumentation zur Bestreitung der Hypothese 18 hat Willi durch kanongeschichtliche - und knappe inhaltliche - Überlegungen ergänzt. Er hält allerdings daran fest, daß "zwei Werke desselben Autors" vorliegen 19 . Auf gewichtige theologi- sche Differenzen weisen zum Beispiel James D. Newsome, Hugh Godfrey Williamson und Roddy L. Braun hin 20 . Ihre Untersuchungen weisen nach, daß zentrale Themen wie die 'Vergeltungslehre', das Verständnis Israels, die Mischehenfrage, die Haltung gegenüber der davidischen Dynastie und die Auffassung von der Rolle der Prophetie in den Chronikbüchern grund- sätzlich anders als in Esra/Nehemia verstanden und entfaltet werden.

Japhets Hinweis auf die form- bzw. gattungsgeschichtlichen Unterschiede zwischen beiden Büchern 21 zeigt, daß die Argumentationsebenen auf denen die Hypothese eines chronistischen Geschichtswerkes bestritten werden kann, noch erweiterbar sind. Zur Verteidigung der Hypothese werden - neben methodischer Kritik am Nachweis philologisch-stilistischer Differenzen 22 - vor allem inhaltliche Argumente angeführt. Antonius H.J.Gunneweg etwa meint, die genannten theologischen Unterschiede durch den Hinweis auf "die mit dem Stoff der

Darstellung selbst vorgegebenen Differenzen" entkräften zu können 23 . Da- bei betont er die Bedeutung des "die Erkenntnis leitende[n] Interesse[s], das die Infragestellung oder Behauptung eines durchgehenden ehr Werkes lenkt oder doch lenken kann" 24 , und relativiert gleichzeitig die Bedeutung der Frage des chronistischen Geschichtswerkes für seine eigene Auslegung von

Nach Karl Friedrich Pohlmann sprechen vor allem bei der

Schilderung von Festen sichtbar werdende "Übereinstimmungen und Ge-

Esra/Nehemia 25 .

i s Vgl. dann aber etwa S.Japhet, People, 118: "The book of Chronicles presents a vigor- ous antithesis to the outlook of Ezr.-Nen. [sic !] in many of its major facets", und dies., Relationship, 305: "against this elementary and self-evident similarity, and even against the more specific parallels such as the significance of the Temple and the clergy in the two works, the theological differences are all the more striking", und die anschließend gegebene Ubersicht (a.a.O., 305f)·

19 Vgl. Th.Willi, Chronik, 179-184, Zit.: 180.

20 Vgl. J.D. Newsome, Towards a New Understanding; H.G.M. Williamson, Israel; ders., NCBC, London 1982, 9-11; R.L.Braun, Reconsideration; ders., Chronicles; ders., WBC, XXf.

21 Vgl. S.Japhet, Relationship, 306-308.

22 Vgl. M.Oeming, Israel, 43.

23 Vgl. A.H.J.Gunneweg, Esra, 27.

24 Ebd.; vgl. dazu auch M.Oeming, Israel 42.

12

Zur Exegese der Chronikbücher

meinsamkeiten" für "eine korrespondierende konzeptionelle Gestaltung der Materie in der Chronik und im Esrabuch" 26 . Die angeführten theologisch- inhaltlichen Differenzen sind auch seiner Meinung nach nicht wirklich vor- handen oder durch die unterschiedliche Thematik von Chronikbüchern und Esrabuch erklärbar 27 . Zumindest I und II Chr und Esra - mit Neh 8 - stam- men seiner Meinung nach "aus der Hand eines Autors oder Autorenkrei- ses" 28 . Eine abschließende Klärung des Problems wird - wenn überhaupt - erst die weitere Diskussion der erörterten Fragen und der angesprochenen Pro- blemfelder leisten können. Meines Erachtens vermögen jedoch die genann- ten neueren Verteidigungsversuche der Hypothese die ihr entgegenstehen- den Argumente nicht wirklich zu entkräften. Während "ein beträchtlicher Abstand zwischen den älteren Teilen von Chr und Esr-Neh wahrgenommen werden" 29 muß, können die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen durch - auf der Hand liegende - "traditions- und theologiegeschichtliche Zusammenhän- ge" 30 hinreichend erklärt werden. Deshalb ist es geboten, die - ursprünglich aufgrund der einseitigen Fragestellung nach dem Verfasser des Esrabuches konstruierte - Hypothese eines chronistischen Geschichtswerkes aufzuge- ben 31 .

2.2. Die Datierung der Chronikbücher

Die zwischen der Frage nach dem sogenanten chronistischen Geschichts- werk und derjenigen nach der Datierung der Chronikbücher bestehenden Zusammenhänge werden deutlich, wenn vor allem nach Auffassung der aus

26 K.-F.Pohlmann, Korrespondenzen, 316.

27 Vgl. a.a.O., 318-321; die Problematik des Israelverständnisses wird a.a.O., 321-327, ausführlich erörtert.

28 A.a.O., 328. Die Zugehörigkeit der Nehemia-Denkschrift zum chrGW hat Pohlmann bereits früher bestritten (vgl. K.-F.Pohlmann, Studien, besonders 143-145).

29 M.Saebe, TRE, 83.

30 P.Welten, Chronikbücher, 369; vgl. dazu S.Japhet, Relationship, 305.

31 Wenn Oeming sein Festhalten an ihr damit begründet, "daß die Richtigkeit der weit verbreiteten Hypothese vom ehr Geschichtswerk nicht widerlegt ist" (M.Oeming, Isra- el, 43), kehrt er die Beweislast um - trotzdem gilt: nicht die Hypothese hat den Vor- rang, sondern diejenige Erklärung, die keine Hypothese erfordert (vgl. hierzu jetzt auch das Ergebnis von Strübind: "Die Beweislast für ein ChrG liegt heute bei den Vertretern der fraglich gewordenen These." [K.Strübind, Tradition, 36]).

Die Datierung der Chronikbücher

13

dem amerikanischen Sprachraum stammenden Bestreiter seiner Existenz die Chronikbücher in die frühe nachexilische Zeit zu datieren sind. Der terminus a quo des chronistischen Geschichtswerkes, "das Ende der

also circa 400 v.Chr." 32 , ist für die Da-

tierungsversuche David N. Freedmans, Frank Moore Cross', Newsomes und Brauns irrelevant geworden. Sie setzen zumindest eine Grundschicht

der Chronikbücher schon in die zweite Hälfte bzw. gegen Ende des sech- sten Jahrhunderts an, wobei die drei erstgenannten zur Begründung vor al-

lem die prophetische

der weit verbreiteten Datierung zwischen 400 und 350, d.h. in die letzten Jahrzehnte der persischen Herrschaft 34 , hat vor allem Peter Welten zu zei- gen versucht, daß die Chronikbücher erst in hellenistischer Zeit, wahr- scheinlich zwischen 300 und 250 v.Chr. entstanden sind 35 .

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die These Willis, nach der die Chronikbücher und Esra/Nehemia "zwei Werke eines Verfassers" darstel- len 36 . Den terminus ad quem der Entstehung bildet für Welten - wie ver- schiedene seiner Vorgänger - das Jahr 190 v.Chr., "da Sir 47,2-11 das chronistische Davidsbild vorausgesetzt ist" 37 . Sein Datierungsvorschlag wird in erster Linie mit historisch-archäologischen Argumenten begründet. Er verweist hierbei unter anderem auf den in der Darstellung der Chronik- bücher erkennbaren Abstand zur Zeit Esras und Nehemias und die hinter den chronistischen 'Kriegsberichten' greifbar werdende "Lage permanenter Bedrohungen", hinter der der seleukidisch-ptolemäische Konflikt durch-

Dimension der Chronikbücher anführen 33 . Entgegen

in Neh berichteten Ereignisse [

],

32 M.Oeming, Israel, 44.

33 Vgl. D.N.Freedman, The Chronicler's Purpose, hier: 440f: 515 v.Chr.; F.M.Cross,

Reconstruction, 14: "In summary we may list three editions of the Chronicler's work, Chrj composed in support of Zerubbabel shortly after 520 B.C., Chr2 written after Ezra's mission in 458 B.C., and Chrj edited about 400 B.C. or shortly thereafter."; J.D.Newsome, Towards a New Understanding, hier: 216: zwischen 538 und 515; R.L. Braun, WBC, XXIX: "initial stratum" ca. 515, dieses wird "expanded and updated

reaching its final form about 350-300 B.C.". Zur Friihdatierung vgl. schon

A.C.Welch, Work, 155, und jetzt W.Zwickel, Räucherkult, 330, Anm. 51; daß "eine 'durative' oder 'epochale' Datierung" notwendig ist, betont M.Saebo, TRE, 80.

34 Vgl. dazu die Übersicht bei G.J.Botterweck, Eigenart, 402f, Anm. 4; vgl. auch P.R.Ackroyd, I&II Chronicles, 27, und - trotz seiner Bestreitung eines chrGW - H.G.M.Williamson, Israel, 83-86, und ders., NCBC, 15f.

35 Vgl. P.Welten, Geschichte, 199f. Schon Zunz datiert die Chronik um 260 v.Chr. (vgl. L.Zunz, Vorträge, 34).

36 P.Welten, Geschichte, 199.

], [

14

Zur Exegese der Chronikbücher

schimmert 38 . Weltens Datierungsvorschlag hat durch "sprachliche und lin- guistische Überlegungen" - unter anderem von Robert Polzin und Andrew E. Hill - zwischenzeitlich weitere Unterstützung erhalten 39 . Die Datierung - der ursprünglichen Fassung - der Chronikbücher in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts ist die meines Erachtens wahrschein- lichste. Sie wird deshalb im Folgenden zugrunde gelegt. Dabei bleibt, angesichts des zu vermutenden späten Abschlusses des drit- ten Teiles des hebräischen Kanons, gleichzeitig Spielraum für spätere Er- weiterungen und Ergänzungen 40 .

2.3. Zum literarischen Charakter der Chronikbücher

Noths Auffassung, daß das chronistische Geschichtswerk "in seiner Grund- lage auf einen bestimmten Verfasser zurückgeht", allerdings "durch klei-

nere und größere Zusätze und Ergänzungen nachträglich ein gegenüber sei- nem Grundbestande mehr oder weniger verändertes Gesicht erhalten hat" 41 , repräsentiert einen langjährigen Konsens, den auch Bestreiter eines chro-

nistischen Geschichtswerkes nicht in Frage

stellen 42 .

38 P.Welten, Geschichte, 200. Die gegen Weltens Argumentationsgang u.a. von William- son vorgebrachte Kritik, die sich v.a. gegen seine Interpretation der in IlChr 26,15a ge- nannten natfna nuntfn (vgl. P.Welten, Geschichte, 111-113) richtet (vgl. H.G.M.Wil- liamson, Israel, 85f, und dessen Aufnahme durch R.L.Braun, WBC, XXVIII), wider- legt die entscheidenden Argumente Weltens nicht. Wenn Oeming an Weltens Beobach- tungen u.a. die Frage stellt, ob "man die großen Zahlen nicht auch aus der allgemeinen Sucht des Chr nach riesigen Zahlen erklären" könne (M. Oeming, Israel, 45), deckt das den ihm eignenden psychologisierenden Interpretationsrahmen auf und greift auf in der ersten Hälfte des 19.Jh.s formulierte, einer sachlichen Grundlage entbehrende Vorurtei- le zurück.

39 Vgl. dazu W.Zwickel, Räucherkult, 319, Anm.4.

40 Vgl. M.Noth, ÜSt, 155. Nach Noth ist für "die Abfassung von Chr [

die Zeit zwi-

schen 300 und 200 v.Chr. die wahrscheinlichste" (ebd.). Dieser Spielraum besteht selbst dann, wenn "wesentliche Bestandteile" der D'SVD, zu denen die Chr sicher zu zählen sind, am Ende des 2.Jh. v.Chr. "schon beieinander" wa- ren (O.Kaiser, Einleitung, 408). Im Hinblick auf den endgültigen Abschluß des Kanon hat Peter Schäfer m.E. überzeugend nachgewiesen, daß "der Kanon in der frühen Jav- neh-Periode (also gegen Ende des 1. Jh. n. Chr.) keineswegs schon feststand" (P.Schä- fer, Geschichte, 154; vgl. ders., Synode).

41 M.Noth, ÜSt, 111; vgl. W.Rudolph, HAT, VIII.

]

Der literarische Charakter der Chronikbücher

15

Allerdings wurden im Lauf der Forschungsgeschichte immer wieder an- dere Wege beschritten, um das Problem der literarischen Gestalt der Chro- nikbücher zu lösen. Auf sie ist im Folgenden einzugehen. Schon Johannes Hänel schloß in der Einleitung zu seinem - von Johannes Wilhelm Rothstein begonnenen - Kommentar aufgrund der Tatsache, daß "in der Chronik Quellen zusammengearbeitet" sind 43 , auf verschiedene Re- daktionen, die die vorliegende Form des chronistischen Werkes geschaffen haben. Besonderes Gewicht kommt dabei zwei Hauptredaktionen zu, die mit den Sigeln Ch p und Ch R bezeichnet werden 44 . Letztere markiert zu- gleich den Endpunkt der "literarischefn] Entwicklung der Chronik", wobei mit "zahllose[n] Zusätze[n] von den verschiedensten Händen" gerechnet wird 45 . Bemerkenswert ist dabei, daß Ch p um 432 und Ch R bereits um 400 v.Chr. entstanden sein sollen.

Auch Welch meinte nachweisen zu können, daß in den Chronikbüchern "two main Schichten or strands" sichtbar werden 46 . Sie sind Produkt des - während des Exils in Juda wirkenden - Chronisten bzw. seines 'Ergänzers'.

belonged to the generation which followed the Re-

Dieser "annotator [

turn from Exile" 47 . Kurt Gallings Hypothese, "daß wir es, von späteren Zusätzen abgesehen, beim chronistischen Werk mit zwei Autoren zu tun haben" 48 , unterscheidet sich von den bisher genannten Arbeiten dadurch, daß er im wesentlichen

sonst aufgrund literarkritischer Ergebnisse als sekundäre Zusätze verschie-

dener Verfasser ermittelte Stellen auf eine

Hand zurückführt 49 . Dabei ver-

bindet Galling rein literarkritische Beobachtungen mit solchen zu einzelnen 'Motiven' bzw. 'Materien' und stilistischen Überlegungen 50 .

Die bereits erwähnten Arbeiten von Freedman, Cross und Newsome 51 versuchen, das Problem der Entstehung von Chronikbüchern und Esra/Ne-

]

43

J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, Leipzig u.a. 1927, LIX.

44

Zu ihren Charakteristika vgl. a.a.O., LIXff.

45

A.a.O., LXVI.

46

A.C.Welch, Work, 149 - Welch sieht sich in Übereinstimmung mit G.von Rad, Ge- schichtsbild.

47

A.C.Welch, Work, ISS. Auch hier wird der Zusammenhang der Frage nach literarkriti- schen bzw. redaktionsgeschichtlichen Problemen und der Datierung der Chr offenkun- dig.

48

K.Galling, ATD, 8.

49

Vgl. P.Welten, Geschichte, 190.

50

Vgl. dazu a.a.O., 190f. Dort auch grundsätzliche Kritik an Gallings Hypothese, die je- doch durch die Forderung, dessen "neuen und sachgemäßen Beobachtungen" mehr Auf- merksamkeit zu schenken, ergänzt ist.

16

Zur Exegese der Chronikbücher

hemia mit Hilfe der Unterscheidung zwischen einer Grundschicht und spä- teren Bearbeitungen zu lösen. Ihre Argumentation stützt sich dabei vor al- lem auf inhaltliche Überlegungen. Gleichzeitig legen sie besonderes Ge- wicht auf die Ermittlung des Zusammenhangs der theologischen Themen und Intentionen der "editorial levels" mit deren ursprünglichem "historical setting" 52 . Grundsätzliche Kritik an diesem Vorgehen hat vor allem Williamson for- muliert 53 . Er vertritt seinerseits die Auffassung, "that Chronicles constitutes a substantial unity", und mahnt deshalb im Blick auf die Ausscheidung se- kundärer Zusätze zu äußerster Zurückhaltung 54 . Nach Williamson selbst wird allerdings in IChr 15; 23-27 eine "single, relatively slight, redaction" sichtbar, wobei sich dieses Ergebnis "primarily on internal literary-critical arguments" stützt 55 . Auch Oeming teilt die vorsichtige Haltung im Blick auf die Ausscheidung sekundärer Stücke. Seiner Meinung nach "scheint der ursprüngliche Aufbau der Chr sehr viel mehr Plan und Struktur zu haben, als die literarkritische Zerlegung, ja gelegentliche Zertrümmerung wahrnehmen kann" 56 . Das schließt jedoch die Existenz von bis in die Makkabäerzeit reichenden Erwei- terungen nicht aus 57 . Aus dem Dargestellten ergeben sich für die Analyse und Interpretation der Moseperikopen in der Chronik folgende methodischen Grundsätze:

Auch wenn "ein geschlossenes literarisches Werk" vorliegt 58 , kann auf die Frage nach "sekundärer Anreicherung der wegen ihres Charakters als Aus- legung für Zusätze verhältnismäßig offenen Chronik" 59 nicht verzichtet werden. Dabei reichen für die Erhebung späterer Erweiterungen klassische literarkritische Argumente nicht aus. Wenn in den Chronikbüchern das Phä- nomen der Schriftauslegung begegnet bzw. die Chronik nur als auslegendes Werk angemessen verstanden werden kann, können hier auftretende Brüche

52 A.a.O., 26.

53 Vgl. H.G.M.Williamson, Eschatology, und - zusammenfassend - ders., NCBC, 14.

54 Ebd.

55 A.a.O., 15.

56 M.Oeming, Israel, 39.

57 Vgl. a.a.O., 40. Daß die Chr bis in die Makkabäerzeit bzw. in das 2.Jh. durch Zusätze erweitert wurden, nehmen u.a. auch Carl Steuernagel (vgl. C.Steuernagel, Einleitung, 409), Noth (vgl. M.Noth, ÜSt, 155) und Otto Eissfeldt (vgl. O.Eissfeldt, Einleitung, 732) an.

58 P.Welten, Chronikbücher, 370.

Der literarische Charakter der Chronikbücher

17

und Spannungen auch als Resultat eben dieser Schriftauslegung aufzufassen sein. Gleichwohl machen Beobachtungen zu einzelnen 'Motiven', 'Mate- rien' und stilistische Überlegungen 60 sowie die Frage nach 'Leitworten' die Ausscheidung von Zusätzen möglich, nach derem sachlichen oder histori- schen Hintergrund bzw. 'Sitz im Leben' jeweils zu fragen sein wird.

Nachdem so das dieser Arbeit zugrundeliegende methodische Vorverständ- nis und daraus folgende methodische Konsequenzen dargelegt worden sind, wird im folgenden Teil (II.) eines der umstrittensten Themen der chro- nistischen Theologie, die Frage nach den sich in den Chronikbüchern wi- derspiegelnden Zukunftserwartungen, thematisiert. Dabei folgt der aus sachlichen Gründen breit entfalteten Forschungsgeschichte ein erster Lö- sungsvorschlag, der zu einer neuen Begriffsbestimmung von Theokra- tie/theokratisch führt. Die sich hieran anschließenden exegetischen Untersuchungen (III.) wer- den den Nachweis erbringen, daß die Chronikbücher in ihrer uns heute vor- liegenden Endgestalt einer spezifischen Zukunftserwartung Ausdruck ver- leihen. Diese orientiert sich an der Gestalt des Mose und kann als 'theo- kratische Zukunftserwartung' beschrieben werden.

60 Vgl. dazu oben, zu Galling.

Π. Um die Theokratie - zur Begriffs- und Interpretationsgeschichte

1. Theokratie als Ideal der Chronikbücher

1.1. Die These Wilhelm Rudolphs

Das chronistische Geschichtswerk "will die Verwirklichung der Theokratie auf dem Boden Israels schildern". Mit dieser These faßt Rudolph den "Zweck des von allen Zutaten befreiten chronistischen Werkes" 1 zusam- men. Der Begriff Theokratie ist von Rudolph definiert als "die Gottesherr- schaft", die unter David und Salomo "konkrete Gestalt gewonnen hat" und die JHWH in nachexilischer Zeit - nach dem Niedergang unter den Nach- folgern Salomos - neu befestigte, indem er die "neue Gottesgemeinde er- stehen [ließ], die nun die Theokratie verkörpert" 2 . Die Theokratie "gründet sich auf die Aussonderung Israels aus der Völ- kerwelt, genauer: auf die Erwählung Judas und Jerusalems, wo David sei-

nen Thron und Jahwe seinen Tempel

Mit der Erwählung Jerusalems

hat JHWH die "irdische[n] Theokratie", den "Gottesstaat", selbst errichtet 4 .

Dabei ist "das davidische Königtum eine der Säulen der Theokratie" 5 . Ih- re "zweite Säule" bildet "der Tempel in Jerusalem" 6 .

hat" 3 .

1 W.Rudolph, HAT, VIII. Vgl. dazu ders., Problems, 404: dieser Zweck wird nur dann sichtbar, wenn das ganze chronistische Geschichtswerk untersucht wird.

2 Ders., HAT, IX. Vgl. dazu O.Eissfeldt, Einleitung, 721: "Das Ziel dieser Gesamtdar- stellung [sc.: Chr/Esr/Neh] aber ist der Nachweis, daß im Gegensatz zum gottlosen Nordstaat nur der Südstaat Juda mit seiner Davidischen Dynastie und seinem Jerusa- lemischen Tempel als das wahre Israel der legitime Träger der im Reiche Davids ver- wirklichten GottesherTschaft ist und daß allein die Gemeinschaft der aus dem Exil zu-

]

3 W.Rudolph, HAT, Vm.

4 A.a.O., XIV.

5 A.a.O., XXI.

rückgekehrten Juden [

diese Tradition treulich aufrechterhält und fortsetzt."

Vorgeschichte der theokratischen Interpretation

19

Die theokratische Vorstellung des Chronisten ist gekennzeichnet durch

"das fast völlige Zurücktreten der eschatologischen Erwartung", was sie

"von der alttestamentlichen Hauptlinie, der prophetischen" grundsätzlich

eschatologische Defizit macht Rudolph ein, sei-

ner Meinung nach in Neh 12,44-13,3 begegnendes, Verständnis der "kon-

unterscheidet 7 . Für dieses

kretein] jüdische[n] Gemeinde" verantwortlich. Durch diese wird in den

Augen des Chronisten "so sehr das Ideal der Theokratie verwirklicht, daß

es keiner eschatologischen Hoffnung mehr bedarf' 8 .

Rudolph faßt abschließend zusammen:

"Die Meinung, daß die tatsächlich vorhandene jüdische Gemeinde an einem bestimmten Punkt der Geschichte die Theokratie verkörperte, ist der eine Unterschied, der die Chronik von der eigentlichen alttestamentlichen Konzeption der Gottesherrschaft trennt

1.2. Zur Vorgeschichte der theokratischen Interpretation der Chronikbücher

1.2.1. Von Johann Jahn bis Julius Wellhausen - Miszellen

Mit seiner theokratischen Interpretation des chronistischen Geschichts-

werkes kann sich Rudolph auf zahlreiche Vorgänger stützen.

Schon Johann Jahn (1750-1816) und Joh. Christian W. Augusti (1771-

1841) beispielsweise setzten die Chronikbücher in Beziehung zum Theokra-

tiebegriff.

7 Ebd.

8 Ebd. Beachtenswert ist die Fortsetzung ebd.: "Daß die davidische Dynastie fehlte, ließ sich verschmerzen, solange die zweite Säule der Theokratie, der Tempel in Jerusalem,

gefugt hatte, und die heilsgeschichtliche Bedeutung des

derzeit darauf, daß David und Salomo für den

Tempelkult die Ordnungen geschaffen hatten, auf denen der gottgefällige Gottesdienst der gegenwärtigen Gemeinde beruhte."

9 A.a.O., XXIV. Es bleibt anzumerken, daß Rudolph in der Einleitung seines Kommentars zu Esr/Neh den Theokratiebegriff noch nicht gebraucht. In einigen Formulierungen klingen Gedan-

ken an, die später unter der Theokratievorstellung subsumiert werden: Der Chron will

dank Jahwes barmherziger Führung und der Gewogen-

heit der persischen Regierung gelang, das [sc.: durch die Zerstörung Jerusalems und die

Deportation seiner Bevölkerung] Verlorene wiederherzustellen" (W.Rudolph, Esra, XXII). Schon seine Quellen machen eschatologische Aussagen in beiden Büchern un- möglich. Für Esra und Nehemia war "die Loyalität gegen die persische Regierung

wodurch sich messianische, d.h. rebellische Regungen von selbst

verboten" (a.a.O., XXIX). Auch zur Zeit des Chronisten, also um 400, war "die persi-

sche Weltmacht dem Judentum so freundlich gesinnt", daß man "nicht zur Eschatologie

so feststand, wie Gott es [

]

Hauses Davids beschränkte sich [

]

in Esr/Neh zeigen, "wie es [

]

Grundprinzip [

],

20

Theokratie als Ideal der Chronikbücher

Jahn tut dies, wenn er die Herkunft der Chronikbücher aus prophetischen Kreisen zu belegen sucht. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die in der Chronik vorfindliche, "den Propheten eigene, immerwährende Bezie- hung auf die Theokratie, und auch die Freymüthigkeit, mit welcher die Kö-

nige ganz in prophetischen Ton beurtheilt werden" 10 . Augusti hält im Blick auf die Geschichtsbücher allgemein fest, daß wir in ihnen "einen vollkom- men historischen Cyklus der israelitischen Geschichte" finden könnten. "Princip und Tendenz dieser Geschichte des Volkes Gottes sind theokra- tisch. Die Methode ist ein vollkommen durchgeführter Pragmatismus

11 . Während die Chronik ausführliche Nachrichten aus dem Reich Ju-

da bieten will, eignet Esra/Nehemia "einerley theokratische Absicht" 12 .

Beide Bücher wollen zeigen, daß die Samaritaner für das Scheitern der Wiedervereinigung von Nord- und Südreich verantwortlich sind.

Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1780-1849) unterscheidet innerhalb

des Alten Testaments 'theokratisch-historische' und 'theokratisch-begei-

Chronikbücher der ersten Gruppe zu. Mit

]

das mosaische Gesetz und den mosaischen Gottesdienst festhaltenden davi- disch-theokratischen Reiches zu liefern" 14 . Wellhausen - der u.a. de Wettes Ergebnisse aufnimmt und fortführt - be- trachtet die Chronikbücher als Teil des chronistischen Geschichtswerkes. Sie sind "nach dem Untergange des perischen Reiches schon mitten aus dem Judaismus" entstanden 15 und enthalten keine "Tradition aus vorexilischer Zeit" 16 . Der Chronist "denkt sich das alte hebräische Volk genau nach dem Muster der späteren jüdischen Gemeinde, als einheitlich gegliederte Hiero-

sterte' Schriften 13 und ordnet die

der Chronik verfolgt deren Autor den "Zweck, [

]" [

]

die Geschichte des [

seine Zuflucht zu nehmen" brauchte (a.a.O., XXX).

10 J.Jahn, Einleitung, 253.

11 J.C.W.Augusti, Grundriß, 111.

12 A.a.O., 175.

13 Vgl. W.M.L. de Wette, Einleitung ( 5 1840),

14 A.a.O., 265. In der achten, von Eberhard Schräder besorgten Auflage heißt es im neu hinzugekom- menen §238: "Der Maassstab, den der Verfasser [sc.: des chrGW] bei der Beurtheilung der geschichtlichen Vorgänge anlegte, war gemäss den Anschauungen seiner Zeit, de- nen er folgt, der eigentümlich theokratische, näher noch priesterlich-levitische." (W.M.L.de Wette, Einleitung [ 8 1869], 393).

15 J.Wellhausen, Prolegomena 6 , 165f.

164.

Vorgeschichte der theokratischen Interpretation

21

kratie, mit einem streng centralisirten Kultus" 17 .

Er repräsentiert dabei den

"Typus der Geschichtsauffassung der Schriftgelehrten" 18 .

1.2.2. Jelten Swart, Arie Noordtzij und Adrien-M.

Brunet

beiden

holländischen Theologen Jelten Swart und Arie Noordtzij sowie den Fran-

Rudolph

selbst verweist bei der Formulierung

seiner These auf die

zosen Adrien-M. Brunet 19 .

In Swarts Dissertation 20 kommt dem Theokratiebegriff

deutung zu.

eine zentrale

Be-

Die Einleitung nennt als konstituierende Elemente der Theokratie Königtum, Kult und Propheten 21 und hält fest, daß die Chronikbücher eine Geschichte der Theokratie in Israel "sedert David" geben wollen 22 . Swart betont - gegen Wellhausen 2 ·' - ausdrücklich, daß er den Theokratiebegriff hier im Sinne von Josephus verwendet. Theokratie bezeichnet "een Godsstaat, waarin God zelf door vaste instellingen regeertDie Gottesherrschaft "is reeds door de Wet geeischt" und ihre Festigung in der Zukunft in Aussicht gestellt 2 ^. Das von der Chronik allein anerkannte davidische Königtum ist in Gestalt des davidischen Kö- nigs "de allesbeherrschende persoonlijkheid in de Theokratie", die den eigentlichen Kern der Geschichte Israels bildet 26 . Noch einmal betont Swart - gegen Wellhausen und beson- ders dessen Ausklammerung des prophetischen Elements 27 -, daß den Chronikbüchern ein zukünftiges Ideal vor Augen steht: "een Volk Gods onder den Davidischen Koning der toekomst, in den rijken zin der profetische voorspellingen". Der Schlußteil faßt zusammen "dat Krön, nog geloof heeft in de toekomst der Theo- kratie" 28 , die Zukunft einer Theokratie, der die davidische Theokratie als Durchgangssta- tion zu einer weiteren Entwicklungsstufe dient, "die, op hoogere basis, zieh van de wette- lijke instellingen emaneipeert" 29 .

17 A.a.O., 184.

18 A.a.O., 220. Vgl. dazu auch E.Reuss, Das Alte Testament, 34: "Wir behaupten, daß die Geschichte, wie sie hier erzählt ist, mit ihrem rein theokratischen Gesichtspunkte, mit ihren so oft verdächtigen Zusätzen, mit ihren kolossalen Übertreibungen in den Zahlen, nicht das persönliche Werk des Schriftstellers ist, dessen Buch wir in Händen haben. Es ist zu- vörderst das Werk der Zeit und der mündlichen und volkstümlichen Uberlieferung."

19 Vgl. W.Rudolph, HAT, VIII, Anm.3.

20 J.Swart, Theologie.

21 Vgl. a.a.O., 2f.

22 A.a.O., 3.

23 J.Wellhausen, Prolegomena 6 , 148.

24 J.Swart, Theologie, 3.

25 Ebd.

26 A.a.O., 4.

27 Vgl. J.Wellhausen, Prolegomena 6 , 189f.

28 J.Swart, Theologie, 97.

22

Theokratie als Ideal der Chronikbücher

Swart, der allein die Chronikbücher untersucht, hält so, in Auseinander-

setzung vor allem mit der Position Wellhausens, an deren prophetischen,

auf Zukunft hin ausgerichteten theologischen Intention fest und stellt diese

in den Vordergrund.

Theokratie ist dabei als offener Entwicklungsprozeß verstanden, dessen

Stufen Mose - David - Davididen 30 in den Chronikbüchern beschrieben

werden. Rudolphs Modell, das aufgrund der Annahme eines chronistischen

Geschichtswerkes einen Zusammenhang von davidischer und nachexilischer

- jeweils verwirklichter - Theokratie postuliert, läuft der Auffassung Swarts

zuwider. Das von Swart genannte dritte, die Theokratie konstituierende Ele-

ment - 'Prophetie' 31 -, steht der These eines eschatologischen Defizits

Chronik 32 diametral entgegen.

der

Anders als Swart setzt Noordtzij die Einheit von Chronikbüchern und Es-

ra/Nehemia voraus 33 .

met

Abraham" 34 . Dieser Bund findet seine Fortsetzung im Davidbund, zu ihm muß das Volk sich immer wieder bekehren, darauf dringen die Propheten 3 ^. "Zij zijn het geweten der

theokratie, die in het verbond haar oorsprong en in de wetten van het vebond haar levens-

regel heeft' 3 ^. Die Theokratie - deren äußere Form füir

der eigentliche Kern der Geschichte Israels, "waarin alles heenvoert naar de verkiezing van David en Jeruzalem" 3 ^.

Auch Noordtzij wendet sich gegen Wellhausens Bezeichnung des Begriffs Theokratie als

Josephus zurück 3 ®*. Die messianische Erwartung des Chro-

nisten wird betont 3 ' und - nach einer Auseinandersetzung mit spezifischen Anliegen des

Deuteronomistischen Geschichtswerkes - festgestellt: für die 'Groß-Chronik' "is Israels roeping geen andere das deze: het vormen van een Godsstaat", dessen Begründer David als "theokratisch heerscher" im Mittelpunkt steht 40 . Die Chronikbücher sehen zwar mit der

"blinder Name" und weist

Noordtzij der Kult darstellt - ist

Im Mittelpunkt der Darstellung von "Groot-Kronieken" steht

"het verbond [

]

auf

30 Vgl. a.a.O., 98.

31 Vgl. dazu a.a.O., 2, im Vergleich mit Rudolphs zwei Säulen: Königtum und Kult (W.Rudolph, HAT, XXI.XXIII).

32 Vgl. a.a.O., XXIII.

33 Vgl. A.Noordtzij, Kronieken, Bd.2, 31.

34 A.a.O., 40.

35 Vgl. a.a.O., 41. Vgl. dazu ders., Intentions, 161-163, wo ebenfalls betont wird, daß weder der Kult noch der durch Mose gestiftete Sinaibund im Mittelpunkt des ehr Inter- esses stehen, sondern der Abrahambund zusammen mit dem messianisch verstandenen Davidbund.

36 Ders., Kronieken, Bd.2, 41.

37 Ebd.

38 Siehe J.Wellhausen, Prolegomena^, 148. Vgl. A.Noordtzij, Kronieken, Bd.2, 42, und ders., Intentions, 166.

39 Vgl. ders., Kronieken, Bd.2, 42, und Intentions, 167: "Pour lui [sc.: den Chron] Γ unique vocation d' Israel est de realiser la theoeratie".

Vorgeschichte der theokratischen Interpretation

23

davidischen Dynastie zunächst "de realiseering der theokratie in Israel" 4 ^ erreicht, aller- dings war die Mehrheit der Davididen nicht in der Lage, "den Godsstaat in Israel zu festi-

gen"^ . Auch

in der Zeit Esras und Nehemias ist alles noch "in Werden begriffen""^.

Noordtzij betont die "messianische Ausrichtung des Chronisten, der die

Rückkehr der glorreichen Tage des Davidsreiches erwartet" 44 . Gleichzeitig

hebt er hervor, daß die "unter David wirklich gewordene Theokratie mit

den Propheten als Nachfolgern des Moses" das erfüllen soll, "was Gott von

Anfang an gewollt hat, und zwar nicht nur für Israel, sondern für die

Menschheit überhaupt" 45 .

In der Betonung des messianisch-offenendigen Charakters und der univer-

salen Ausrichtung der chronistischen Theokratievorstellung, die der Chro-

nist in seiner Zeit keineswegs erfüllt sieht, liegen die grundsätzlichen Un-

terschiede der Aufffassungen Noordtzijs und Rudolphs.

Geschichtswerkes

aus 46 , dessen Verfasser die Geschichte Israels vom Standpunkt der Restau-

ration seiner Zeit aus betrachtet 47 . Die "tendance ä Γ idealisation" 48 ist un-

übersehbar.

Auch Brunei geht von der Existenz eines chronistischen

Konzipiert ist die Geschichtsdarstellung des Chronisten als Geschichte "d'une theocra- tie", das heißt "d'un royaume oü la premiere preoccupation du chef est de servir Dieu, dont il est le representant, d'organiser le culte et de voir ä conduire son peuple dans le service de Dieu" 4 ". Dabei ist das davidische Königtum bzw. die Hoffnung auf seine Wiederherstellung des- halb zentrales Element der Theokratie, weil es zu den Rahmenbedingungen gehört, inner-

halb

derer die "nation" ihrer Bestimmung, Volk Gottes zu sein, gerecht werden kann 50 .

David und Salomo werden in den Chronikbüchern als ideale theokratische Könige darge-

stellt 51 , die Davididen nehmen in der Geschichte der Theokratie einen zentralen Rang

Das Vorverständnis des Chronisten wird hierbei durch die in IChr 17,14 gegenüber

ein 5 ^.

IlSam 7,16 vorgenommene Änderung sichtbar: "la royaute davidique est une royaute theo- cratique" 5 ^.

41 A.a.O., 47.

42 Ebd.

43 A.a.O., 48. Vgl. ders., Intentions, 167: auch Esra und Nehemia sind an der Aufgabe gescheitert, die Realisierung der Theokratie zu bewerkstelligen.

44 A.Bea, Arbeiten, 50.

45 Ebd.

46 Vgl. A.-M.Brunet, Chroniste, 481. Der zweite Teil der Untersuchung Brunets (in: RB 61 [1954], 349-386) ist bei Rudolph nicht mehr aufgenommen.

47 Vgl. a.a.O., 483f.

48 A.a.O., 496; vgl. a.a.O., 508.

49 A.a.O., 484.

50 Vgl. a.a.O., 488.504.

51 Vgl. a.a.O., 488.504.

24

Theokratie als Ideal der Chroiiikbücher

Auch nach Brunei idealisiert der Chronist also die Vergangenheit Israels als theokratisches Königtum. Er begreift die Gegenwart jedoch keineswegs als Verwirklichung der Theokratie und erwartet - wie die Propheten seiner Zeit - die Restitution des davidisch-theokratischen Königtums. Es zeigt sich also, daß alle drei von Rudolph genannten Quellen eine andere Theokratie- vorstellung als er selbst vertreten, wobei diese vor allem durch ihre Zu- kunftsdimension charakterisiert wird.

1.3. Die Fragestellung

Schon die exemplarische Übersicht verdeutlicht, wie verbreitet die theokra- tische Interpretation der Chronikbücher ist 54 . Gleichzeitig wird sichtbar, von welch unterschiedlichen Voraussetzungen her und mit welch unter- schiedlichen Ergebnissen der Theokratiebegriff in Beziehung zu den Chro- nikbüchern gesetzt wird. Während schon bei Jahn und dann vor allem Swart und Noordtzij die für die Chronik zentrale Verbindung von Theokratie und Prophetie hervorgeho- ben wird, sehen Augusti, vor allem jedoch de Wette, Wellhausen und Ru- dolph keinen Zusammenhang beider Größen. Die drei zuletzt genannten schließen eine - eschatologische - Zukunfts- hoffnung des Chronisten kategorisch aus, weil dieser die Theokratie in sei- ner Gegenwart verwirklicht sieht. Swart und Noordtzij hingegen halten aus- drücklich daran fest, daß die Vollendung der Theokratie für den Chronisten noch aussteht. Dieser gewichtige Unterschied hat seine Ursache nicht allein in der Tat- sache, daß etwa Wellhausen und Rudolph vom - die Chronikbücher und Es- ra/Nehemia umfassenden - Chronistischen Geschichtswerk ausgehen, wäh- rend Swart nur die Chronikbücher untersucht. Auch Noordtzij etwa setzt die Existenz einer 'Groß-Chronik' voraus. Allerdings bleibt festzuhalten, daß z.B. Rudolph vor allem das Nehemiabuch heranzieht, wenn er das 'es- chatologische Defizit' des Chronisten begründet 55 .

Linie

durch das uneinheitliche Theokratieverständnis bedingt.

Meines

Erachtens

sind

die

divergierenden

Ergebnisse

in

erster

53 A.a.O., 505.

54 Allerdings bleibt festzuhalten, daß Movers und Zunz den Theokratiebegriff nicht ge- brauchen (vgl. F.C.Movers, Untersuchungen; L.Zunz, Vorträge).

"Gott die Herrschaft und die Gewalt" (Ap 2,165)

25

Für Augusti und Jahn scheint Theokratie ein zentrales alttestamentliches Prinzip zu sein. De Wette spricht einerseits vom 'davidisch-theokratischen' Reich und deutet andererseits einen Wandel des Theokratiebegriffs in nach- exilischer Zeit an. Wellhausen gebraucht den Begriff 'Hierokratie', um die Gegenwart des Chronisten zu bezeichnen. Bei Swart und Noordtzij wieder- um findet sich eine Unterscheidung zwischen davidischer, 'zeitgenössisch- chronistischer' und 'ideal-zukünftiger' Theokratie. Dieses Ergebnis zeigt die Notwendigkeit einer terminologischen Klärung. Die folgenden Kapitel sollen zunächst die Rezeption des Theokratiebegriffes in der alttestamentlichen Wissenschaft - vor allem des 19. und 20. Jahrhun- derts - verfolgen, ehe der Versuch unternommen wird, die Diskussion durch einen eigenen Definitionsversuch abzuschließen.

2. Flavius

Josephus

Der Begriff "θεοκρατία" ist zuerst bei Flavius Josephus belegt 1 , der im zweiten Buch seiner apologetischen Schrift 'Contra Apionem' die von Mose konzipierte Staatsverfassung beschreibt. Während die anderen Völker durch eine Monarchie, Oligarchie oder De- mokratie regiert werden 2 , schuf der "Gesetzgeber" Israels eine Theokratie, "indem er Gott die Herrschaft (αρχή) und die Gewalt (κράτος·) zuwies" 3 . Die mosaische Verfassung stellt den einen Gott und den einen Tempel in den Mittelpunkt 4 . Den Priestern weist sie den Opferdienst, die Bewahrung und Tradierung der Gesetze sowie die judikative Gewalt zu, wobei der Hohepriester die an- deren Priester zu führen hat 5 .

1 Dem Kollegen David du Toit danke ich für die Überprüfung dieser Aussage im Gesamt- korpus des Thesaurus Linguae Graecae der University of California Irvine mit Hilfe ei- nes Computers. Der einzige weitere Beleg für den Begriff findet sich danach bei Euse- bius (Praeparatio evangelica, 8,8,3,4).

2 Vgl. Ap 2,164. Interessanterweise fehlt hier der Ausdruck 'Aristokratie'. Diese ist nach Josephus (Ant 4,223; 6,36 u.a.) die beste denkbare Verfassungsform (vgl. H.Cancik, Theokratie, 72).

3 Ap 2,165 (Übers, v. H.Cancik, Theokratie, 65). Dabei wird, wenn die so definierte Verfassungsform als 'Theokratie' bezeichnet wird, 'der Sprache Gewalt angetan', Jose- phus selbst gebraucht den Begriff also nicht ohne Bedenken.

26

Flavius Josephus

Insofern wird hier zwar im streng definierten Sinne scheinbar weniger ei-

ne Theo-Yi2X\t als eine Hiero-kiatie - das heißt: "Priesterherrschaft, Regie-

rung eines Staates durch Priester" 6 - beschrieben. Allerdings ist zu beach-

ten, daß Josephus "die in der Amtsführung der Priester liegende Kontroll-

funktion nicht als αρχή und κράτος- versteht, sondern als έπιμέΚεια und

kontinuierlichen Gottesdienst (θεού θεραπεία)" 7 .

Diesen Unterschied übersieht Bernhard Lang, der unter Berufung auf Ap 2,185 meint:

"was aber die äußere Regierung angeht, so läßt Gott den Hohenpriester und die Priester- schaft in seinem Namen herrschen"**. Das von Josephus hier gebrauchte &IOLKELV (verwalten) ist ebenfalls kein Äquivalent zu άρχή und κράτος, die dem Hohenpriester zugeschriebene ή-γεμονία bezieht sich nur auf die anderen Priester, während Gott allein Herrscher über bzw. Führer des Ganzen (ήγε- μόνα των ολων) ist.

Lang fährt fort: "Theokratie ist bei Josephus demnach nicht Bezeichnung einer neuen Staatsform, sondern beschreibt die Verfassung des (nachexilischen) Judentums als Reli- gionsgemeinschaft, die über keine eigenen zivilen Autoritäten verfügt und innerhalb eines

Staates ihre inneren Angelegenheiten selbst regelt"^. Seine Schlußfolge-

rung: "Das eher beiläufig [

gebildete Wort ist daher ein religionssoziologischer Begriff

und bezieht sich auf ein ganz bestimmtes, halb- oder quasi-autonomes religiöses Gemein- wesen"'^, stellt meines Erachtens eine unzulässige Verkürzung dar.

'heidnischen' [

]

]

Auch der Überzeugung Hubert Canciks, wonach Theokratie als "der ver-

fassungsrechtliche Begriff für jüdische Priesterherrschaft im römischen Im-

perium" 11 aufzufassen ist, wird nur unter Berücksichtigung der genannten

Differenzierung Hübeners zugestimmt werden können. Gleichwohl hat Can-

cik recht, wenn er die politische Dimension des Ausdrucks unterstreicht 12 .

Deutlich

ist,

daß die Theokratie des Josephus wesentlich

durch den

Ge-

gensatz zur Monarchie 13 bestimmt wird. Der Priester Josephus wendet

sich

5 Vgl. Ap 2,185.

6 Duden, Bd.5: Fremdwörterbuch, 292.

7 W.Hübener, Unschuld, 39. Vgl. Ap 2,188.186.

8 B.Lang, Theokratie, 12.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 H.Cancik, Theokratie, 66.

12 Vgl. a.a.O., 72.

13 Vgl. a.a.O., 72f. Zur Königskritik des Josephus vgl. u.a. Ant 6,35 (Samuel zieht die 'Aristokratie' der Herrschaft eines irdischen Königs vor); 6,88; 6,268 (Sauls - negativ bewertetes - Königtum folgte auf die Aristokratie und "την έπ'ι τοις κριταϊς πο\ιτείαν"). Daß Cancik aufgrund dieser Stellen meint, für Josephus sei "Theokratie im verfassungsrechtlichen Sinne" unter Mose und in der Richterzeit realisiert gewesen (H.Cancik, Theokratie, 72), ist zumindest problematisch.

Die Wiederentdeckung des Begriffs

27

mit dem Begriff "gegen messianisch-monarchistische Tendenzen im Juden- tum: seine Theokratie hat keinen König und kein Militär" 14 . Canciks Interpretation der in 'Contra Apionem' intendierten "priester- liche[n] Utopie" vermag einerseits zu zeigen, daß mit dem in seinem ur- sprünglichen Sinn verstandenen Theokratiebegriff "keineswegs jede religiös legitimierte Herrschaft, jeder Glaube an die Führung einer Gottheit in der Geschichte oder gar 'das Verhältnis zwischen Israel und Jahwe'" 15 bezeich- net werden kann. Andererseits betont sie dessen Ausrichtung auf Zukunft hin 16 .

Schließlich wird auch deutlich, daß die exilische Zeit bzw. Verfassungs- wirklichkeit Judas/Jerusalems nach Josephus nicht mit Theokratie identifi- ziert werden darf 17 .

3. Stationen des Theokratieverständnisses

in der

Theologie

des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts

3.1. Zur Wiederentdeckung des Begriffs im 17. und 18. Jahrhundert

Als ersten deutschsprachigen Beleg für den Ausdruck 'Theokratie' führt das 'Deutsche Fremdwörterbuch' Speranders Definition von 1728 an:

"Theocratia, Göttliches Regiment, da Gott unmittelbar das Regiment führet, dergleichen bey denen Juden im alten Testament geschähe, ehe sie von dem Propheten Samuel einen König begehrten" 1 .

14 A.a.O., 75. Von daher scheint es schwierig, das Stichwort Theokratie zur Charakteri- sierung der Theologie der Chronikbücher zu verwenden, zumal wenn sich die Theokra- tie gerade an der Gestalt Davids bzw. Salomos kristallisieren soll (vgl. W.Rudolph, HAT, IX).

15 H.Cancik, Theokratie, 72. Vgl. dazu schon dessen Rezension von D.Arenhoevel, Die Theokratie nach dem 1. und 2. Makkabäerbuch, 297: streng religionssoziologisch ge- faßt heißt 'Theokratie' "politische Machtausübung durch einen Priesterstand").

was doubtless aware that he was

16 Vgl. dazu auch B.Otzen, Judaism, 47: "Josephus [

expressing a Jewish ideal of a divinely guided society rather than depicting any social

]

reality."

17 So kommt das später von vielen behauptete Konstitutivum der Theokratie, 'Fremdherr- schaft' (vgl. dazu unten), bei Josephus überhaupt nicht vor.

28

Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Sperander repräsentiert ein Theokratieverständnis, das im 17. Jahrhun-

Karriere zu

machen

mus bzw. zur Aufklärung nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird. Dabei lehnt sich die - unter anderem von Hugo Grotius, John Donne, Joachim Ludwig Reimer, Richard Baxter, Baruch de Spinoza, John Spencer und Philipp Jakob Rehm geführte 3 - 'prämoderne' Theokratiediskussion eng an Josephus an. Der Begriff wird sowohl in theologischen als auch staatsrechtlich orien- tierten Abhandlungen auf die vorexilische Zeit Israels bezogen 4 . Das Ende der Theokratie ist dabei entweder mit der Institutionalisierung des König- tums oder mit dem Verlust der Eigenstaatlichkeit verbunden 5 . Nirgends ist das Königtum Voraussetzung der Theokratie 6 , mehrheitlich wird es als mit der Theokratie unvereinbar betrachtet 7 .

zum Aufkommen des Deis-

dert, in dem der Begriff nach einem "langen Winterschlaf [

]

beginnt" 2 , allgemein anerkannt und bis

Zwischen Theokratie als geistlicher Herrschaft und der politischen Sphäre wird nicht unterschieden 8 , Theokratie ist "zugleich Staat und politische Herrschaft" 9 . Als von Gott gestifteter Ordnung fehlt ihr jedoch nach dem Verständnis der Prämoderne eine Zukunftsperspektive 10 . Die "deistische Umdeutung der mosaischen Theokratie in Priestertrug

und Priestertyrannei" stellt nach Meinung Hübeners die "eigentliche histo- rische Zäsur" zwischen voraufklärerischem und modernem Theokratiever- ständnis dar 11 . Thomas Morgan, Herman Samuel Reimarus sowie Vol-

taire 12 sind Repräsentanten einer

neuen Interpretation, die den Theokra-

tiebegriff diskreditiert, so daß er "fortan nicht mehr zur affirmativen Be- schreibung eines historischen Zustande verwendbar ist" 13 . Der Versuch,

2 B.Lang, Theokratie, 12; vgl. auch W.Hübener, Unschuld, 40.

3 Vgl. dazu W.Hübener, Unschuld, 40-55, und vor allem ders., Dossier (mit Materialien und einer "Bibliographie der älteren Theokratieliteratur 1581-1800").

4 Nach Lang hat Baxter (1615-1691) "als erster einen gegenwärtigen Staat als Theokratie bezeichnet" (B.Lang, Theokratie, 15).

5 Vgl. W.Hübener, Unschuld, 52: "Keiner der älteren Autoren verlegt den historischen Ort der Theokratie in die Zeit der postexilischen Gemeinde."

6 Vgl. a.a.O., 53.

7 So etwa Spencer; vgl. dazu W.Hübener, Unschuld, 50f.

8 Vgl. a.a.O., 54.

9 A.a.O., 55.

10 Vgl. a.a.O., 61.

11 A.a.O., 55.

12 Vgl. dazu a.a.O., 56f.

Johann David Michaelis

29

dem deistischen Ge- bzw. Mißbrauch des Ausdrucks zu begegnen, führt zu dessen Preisgabe, "apologetischen Rettungsversuche[n] auf der Grundlage der Einwände der Verächter der Theokratie", sowie "seine[r] Projektion auf andere Zeiten und Völker" 14 und einem verstärkten Interesse an "einer nochmaligen, neuen, vollkommeneren und glückseligeren Theokratie" 15 . Nachdem so die 'Vorgeschichte' des neuzeitlichen Theokratieverständnis- ses skizziert ist, wird in den folgenden Abschnitten einerseits zu fragen sein, ob und inwiefern sich diese Tendenzen auf den seit den Anfängen der historisch-kritischen Arbeit am Alten Testament entwickelten und gebrauch- ten Theokratiebegriff ausgewirkt haben. Andererseits sollen neue Strömun- gen und Auffassungen innerhalb der Diskussion dieses Begriffes bis Wil- helm Vatke nachgezeichnet werden.

3.2. Johann David Michaelis (1717-1791)

Sein in sechs Teile gegliedertes, 1770 in erster, 1785 in zweiter, vermehrter Auflage erschienenes Werk "Mosaisches Recht" widmete Michaelis "Dem HochEdelgebohrnen und Hochgelahrten Herrn, Herrn Olaus Rabenius, der Rechte Doctor und ordentlichem Professor, auch Syndicus, auf der Univer- sität zu Upsala" 16 , also einem Juristen.

Rabenius war von den schwedischen Reichsständen beauftragt worden, ein neues Gesetz- buch zu erarbeiten, das unter anderem die bis dahin in Schweden übliche Verwendung des Pentateuch als Jus subsidiarium ablösen sollte 1 Schon in der Widmung hebt Michaelis die "Freyheit-liebenden Grundsätze des Staats- rechts der Israeliten" 1 ^ hervor, demzufolge das Volk Israel "seiner ersten Einrichtung nach nicht einmal Könige haben" 1 ' sollte. Er lobt die "Bescheidenheit, oder Klugheit" des "doch von der Gottheit selbst gesandten Gesezgebers, der kein ewiges und unveränderli- ches Gesez über die Einrichtung des Staats machen wiU"^0 un d "zwar jezt eine freye Repu-

14 A.a.O., 60. Nach Lang ist erstmals bei Giambattista Vico (1668-1744) und Voltaire (1694-1778) "Theokratie als universalgeschichtlicher Begriff nicht mehr auf Israel be- schränkt" (B.Lang, Theokratie, 15).

15 W.Hübener, Unschuld, 61.

16 J.D.Michaelis, Mosaisches Recht, *4.

17 Vgl. R.Smend, Aufgeklärte Bemühung, 131, Anm.17. Vgl. dazu S.Göransson, Art.:

Schweden, 1595: Zur Zeit der Großmacht (1611-1718) "sprach [man] vom Volk als dem Israel Gottes und vom König als dem Gesalbten des Herrn".

18 J.D.Michaelis, Mosaisches Recht, (o.S.).

19 A.a.O., (o.S.).

30

Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

und es "der

Nachwelt erlaubt, einen König, doch aber keinen ganz unumschränkten und durch nichts

blik bildet" 2 ', trotzdem für Veränderungen in der Staatsform offenbleibt

balancirten König zu setzen"

.

Die Widmung deutet bereits an, was später in der Durchführung deutlich

wird: Theokratie ist für Michaelis keine Staatsform, sondern "ihrer Haupt-

die die Abgötterey bequemer aus-

schliessen sollte" 23 . Deshalb wird der Begriff auch nicht im Rahmen der Erörterung der verschiedenen Regierungsformen Israels behandelt 24 , son- dern in der Darstellung der ersten "Grundmaxime der Mosaischen Gesezge- bung, den Dienst eines einzigen GOttes zu erhalten, und die Vielgötterey zu verbannen" 25 .

Was Theokratie ist, zeigte sich zur Zeit Moses "auf eine ausnehmende Weise" 26 . Sie ist charakterisiert durch die von Gott selbst wahrgenomme- nen Funktionen des Gesetzgebers und Richters, seine sichtbare Gegenwart bei seinem Volk und die von ihm selbst vollzogene Vollstreckung von Stra- fen 27 . Allerdings stellt Michaelis die Frage, ob es im Blick auf die von Mose konzipierte Republik, trotz der Tatsache, daß "GOtt den Namen eines Kö-

niges führte", sinnvoll ist, "eine neue, sonst ungenannte Art des Staats, eine

dies

Theokratie, zu erdenken" 28 . Er kommt zum Schluß: "Ein Titel war

und nicht eine von Monarchie, Demokratie, Aristokratie, und gemisch- ter Regierungsform, im Grunde verschiedene Einrichtung des gemeinen Wesens." 29

Diese Schlußfolgerung wird durch die Nennung von sechs Kennzeichen der israelitischen Theokratie erläutert und begründet:

absicht nach nur eine Benennung [

],

[

]

21 Ebd.

22 A.a.O., (o.S.).

23 A.a.O., 1 .Heil, 165.

24 Nach Michaelis wäre das jedoch grundsätzlich möglich (vgl. ebd.).

25 A.a.O., 156, §32.Leitsatz. Erst auf die "Zweyte Grundmaxim, die Vermischung der Is- raeliten mit fremden Völkern zu verhüten" (a.a.O., 176, §37.Leitsatz) folgt dann in den §§38-68 die Erörterung der Staatsform. Michaelis hebt dabei hervor, daß das von Mose gegründete Staatswesen die "Form der Republik" (a.a.O., 198) hatte. Diese "war demo- kratisch, und selbst das Oberhaupt von ihr war veränderlich, ja sie konnte zu gewissen Zeiten ohne ein allgemeines Oberhaupt seyn. Folglich, wenn wir sie kennen lernen wol- len, müssen wir nicht von oben anfangen, sondern bey den Untersten, die an der Regie- rung Antheil hatten." (Ebd.).

26 A.a.O., 165.

27 Vgl. a.a.O., 165f.

28 A.a.O., 166.

Johann David Michaelis

31

1) Daß die Gesetze der israelitischen Republik von Gott gegeben waren, ist ein Fait accompli und zwingt nicht zu einer besonderen Benennung der Staatsform·'®. 2) Daß die Richter "als heilige Personen, und an der Stelle GOttes sitzend, vorgestellet" werden^, ist "den Sitten der Asiatischen und Afrikanischen Völker gemäs, unter denen die Hebräer lebeten Die Vorstellung, Exekutive bzw. Legislative würden in Stellvertre- tung der Gottheit vorgenommen, findet sich aber auch in Monarchien oder anderen Staats- formen 33 .

3) Daß alle Richter aus dem Stamm Levi stammten und der Hohepriester die oberste In- stanz der Auslegung des Gesetzes verkörperte, ist allein dadurch zu erklären, "daß die Prie- ster die Gelehrten der Israeliten ware n - und Gelehrten kommt in allen Staaten die Auf- gabe der Rechtsprechung zu. Von hier aus ist also ebenfalls nicht auf eine eigene Staats- form zu schließen. 4) Ebensowenig von der auch bei anderen Völkern üblichen Befragung Gottes durch Orakel in Staats- oder Kriegsfragen her-'-'. 5) Auch daß Gott "oft in Dingen, die das Wohl des Staats betrafen, seinen Willen dem

Volk

breitete Vorstellung, die sich auch in anderen Staatsformen findet-^ . 6) Alle fünf genannten, die israelitische Theokratie kennzeichnenden Phänomene finden sich auch bei anderen Völkern oder Religionen und sind in allen Regierungsformen denk- bar. Allein die Vorstellung vom direkten Eingriff Gottes in die Geschicke seines Volkes aufgrund von dessen Verhalten, bei Gehorsam gegen das Gesetz Mose segnend und beloh- nend, bei Ungehorsam strafend, ist ein Spezifikum Israels bzw. der israelitischen Theokra- tie^ . Auch diese Vorstellung hat allerdings nach Michaelis keinen Einfluß auf die Staats- form oder Regierungsweise.

durch Propheten kund" tat-"* un d dieser Stimme zu gehorchen war, ist eine weitver-

Weil der Theokratiebegriff zur Charakterisierung des israelitischen Staates nicht eindeutig genug ist 39 , hält Michaelis es für überflüssig, diesem "den neuen, sonst in der Politik unbekannten Namen, Theokratie, zu geben, und über die drey, noch eine vierte Regierungsform zu erfinden" 40 .

30 Vgl. ebd.

31 A.a.O., 167.

32 Ebd.

33 Vgl. a.a.O., 167ff.

34 A.a.O., 170.

35 Vgl. a.a.O., 171.

36 Ebd.

37 Vgl. ebd.; Michaelis nennt das Beispiel Gustav Adolphs, der sich auch der Sterndeu- tung und Wahrsagerei bedient habe.

38 Vgl. a.a.O., 171f.

39 Erwähnenswert scheint mir, daß Michaelis auch das jüdische Gemeinwesen der nachexi-

den Buch-

staben der Gesetze Mosis zu erfüllen" (a.a.O., 183); "die Seele" dieses Staates war je-

doch nach Ansicht von Michaelis "durch eine ganz andere Anlage der Republik läng- stens geändert" (ebd.).

lischen Zeit als Republik bezeichnet, deren Einwohner sich "beeiferten [

],

32

Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Mit seinem Theokratieverständnis setzt Michaelis sich dezidiert von - in

seine

Theokratievorstellung gewinnt er aus der vorstaatlichen Zeit. Ohne Jose- phus als Urheber des Wortes anzuführen, stellt er dessen Begriffsbestim- mung in Frage. Der von Mose initiierte und durch Stämme konstituierte 42 Staat ist zunächst eine Republik, eine Demokratie. Er unterscheidet sich deshalb nicht grundsätzlich von anderen Staatsformen. Wenn seiner Mei- nung nach auch die Charakteristika der Theokratie kein Spezifikum Israels sind, ist bei Michaelis eine Ausweitung des Theokratiebegriffs auf andere Völker zumindest angelegt.

der Regel nicht genannten - Vorgängern ab 41 . Anhaltspunkte für

Deutlich wird schließlich seine Abgrenzung gegenüber der deistischen

Identifizierung von Theokratie und Priesterstaat: Die sich aus dem Stamm Levi rekrutierenden Gelehrten stellen zwar "eine Art von Gegengewicht ge-

keineswegs zum Prie-

gen die bloße Demokratie" dar 43 , die deshalb aber sterstaat wird 44 .

3.3. Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1780-1849)

Im Jahr 1806 erschien de Wettes wegweisender und folgenreicher 'Kriti- scher Versuch über die Glaubwürdigkeit der Bücher der Chronik', dessen Ziel die Bestreitung der historischen Glaubwürdigkeit der Chronikbücher war.

Durch einen Vergleich mit den Büchern Sam-Reg, der sowohl den "Mangel an Precisi-

der Chronik" 4 ^, als

auch dessen bewußt tendenziöse und verfälschende Darstellung 4 ^ zutage bringt 4 ^, versucht de Wette hier nachzuweisen, "daß die Chronik, die das vorexilische Israel durch und durch auf der Linie des pentateuchischen Gesetzes darstellt, als eigene Geschichtsschreibung kei- nen Wert besitzt" 48 .

on", die "Nachlässigkeit" und die "compilatorische Manier des Verf.

Das die Grundlage der Chronik bildende 'mosaische Gesetzbuch', von dem wir nach de

Produkt der erst seit David

Wette erst

seit Josia eine "sichere faktische Spur" haben 4 ", ist

41 Vgl. a.a.O., 165.

42 Vgl. dazu a.a.O., 200ff.

43 A.a.O., 217, §32.Leitsatz.

44 Vgl. dazu a.a.O., 219; gegen Morgan.

45 W.M.L.de Wette, Kritischer Versuch, 62.

46 Vgl. z.B. a.a.O., 112: Der Chronist ist vielleicht "ein sehr frecher und besonnener Be- trüger".

47 Eine ausführliche Darstellung des 'Kritischen Versuches' bietet R.Smend, de Wettes Arbeit, 40-45. Vgl. auch Th.Willi, Chronik, 33-35.

Wilhelm Martin Leberecht de Wette

33

sich entwickelnden Hierarchie der Priester. Daß diese sich in Israel erst spät durchzusetzen vermochte 5 ®, erstaunt angesichts der Tatsache, daß "der Gesetzgeber selbst die Stufen zum hierarchischen Thron erbaut hatte" 5 '.

Der von de Wette ohne weitere Erläuterung eingeführte und gebrauchte Begriff 'Hierarchie' bzw. 'hierarchisch' ist im deutschen Sprachraum erst- mals 1685 bei Seckendorff 52 bzw. 1727 bei Sperander als terminus techni- cus für 'Priesterherrschaft' nachgewiesen 53 . Für de Wette ist Hierarchie ein allgemeines, nicht auf Israel beschränktes Phänomen, mit einem durchweg negativen Beiklang 54 . Es bleibt zunächst unklar, was genau mit dem Begriff bezeichnet wird. Dabei ist es meines Er- achtens unwahrscheinlich, daß de Wette ein konkretes, staatsrechtliches Ge- bilde im Blick hat, also eine Staatsform neben Monarchie, Aristokratie oder Demokratie bezeichnen will.

Erst im 1807 erschienenen zweiten Band der 'Beiträge zur Einleitung in das Alte Testament', 'Kritik der Israelitischen Geschichte' 55 , finden sich die Begriffe '(Hebräische) Theokratie' bzw. 'theokratisch', die eine spezifisch israelitische Erscheinung bezeichnen.

Der Ausdruck Theokratie meint dabei sowohl den das "Epos" des Pentateuch konstru-

auf die Vorstellung von

der Auserwählung des Volkes Israel gründet 5 ^, als auch die "heilige[n] Staatsverfas-

sung"^, die nach der 'poetischen Darstellung' des Pentateuch am Sinai "wirklich gegrün-

einerseits "Urheber der ganzen theocratischen Staatsverfassung "6®,

det wird" 5 ^. Mose ist

andererseits ist die Idee der Theokratie erst in späterer Zeit durch den "Mosaischen Erzäh-

ierenden und gestaltenden "Geist[e] des Hebraismus" 5 ^, der sich

49 W.M.L.de Wette, Kritischer Versuch, 168.

50 Vgl. a.a.O., 224.

51 Ebd.

52 Lateinische Form in dessen Christenstaat, Bd.l, 450: "die Hierarchia oder das Priester- Regiment in der Rom. Kirche" (zit. nach F.Kluge, Wörterbuch, 306).

53 Vgl. H.Schulz, Fremdwörterbuch, 267.

54 Vgl. W.M.L.de Wette, Kritischer Versuch, 224: "Joch der Hierarchie".

55 Ders., Kritik der Israelitischen Geschichte.

56 A.a.O., 31.

57 Vgl. a.a.O., 34. In diesem Sinn ist mit der Berufung und Erwählung Abrahams "der Ursprung der Hebräischen Theokratie gesetzt" (a.a.O., 49).

58 A.a.O., 162.

59 A.a.O., 237. Schlüsselvers ist dabei Ex 19,6 - von de Wette "nur ein wenig anders aus- gedrückt" so wiedergegeben: "ihr sollt mir seyn ein priesterlich Königreich und ein hei- liges Volk" (ebd.)

34

Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

ler'^l in die Frühgeschichte Israels eingetragen 6 ^. Auch die "theocratischen Gesetze" ge-

hen nach de Wette

nigungsgesetze aus

"Der Sinn dieser Gesetze ist ganz hierarchisch: das Israelitische Volk sollte ein reines heiliges Volk seyn, ein priesterlicher Staat, von Priestern regiert, von Priestern in Allem, auch dem Kleinsten, abhängig." 6 ®

erst auf eine spätere Zeit zurück 6 ^. Die Tendenz der Aussatz- und Rei- Lev 64 charakterisiert de Wette wie folgt:

Schon hier wird deutlich, daß de Wette die Begriffe Theokratie und Hier-

archie nicht eindeutig gegeneinander abgrenzt. Gleichwohl läßt sich die mit

Priesterherrschaft identifizierte Hierarchie konkreter beschreiben als die

Theokratie.

"Die Theocratie ist überhaupt mehr ein mythischer Begriff, in die frühere Geschichte von späten Dichtern hineingetragen, als etwas Wirkliches, an das man in der Gegenwart geglaubt hätte." 66

Zentrale Bedeutung gewinnt der Theokratiebegriff dann in de Wettes

"Dogmatik

des Hebraismus" in die beiden Abschnitte "Allgemeine Ideenlehre oder ide-

aler Universalismus" und "Symbolischer Particularismus oder von der

Theokratie" gegliedert wird 68 .

'Biblischer Dogmatik Alten und Neuen Testaments' 67 , wenn die

In der vorausgehenden "Geschichte des Hebraismus" 6 ^ bezeichnet de Wette die "theo- kratische Symbolik" als von Mose eingeführte Idee: Mose "objectivirte die Religion und

61 Vgl. z.B. a.a.O., 253.

62 Vgl. z.B. a.a.O., 339. Vgl. auch a.a.O., 66: In Gen 17 wird "die Beschneidung [

aus dem späten theokratischen Gesichtspunkt betrachtet, den Abraham nicht kannte".

63 Vgl. dazu a.a.O., 233-243, wo de Wette die Gesetzgebung am Sinai erörtert und dabei die Erzählung als "Poesie" charakterisiert.

64 Vgl. dazu a.a.O., 278ff.

65 A.a.O., 279.

66 A.a.O., 400, Anm.

67 W.M.L.de Wette, Dogmatik.

68 Vgl. a.a.O., 61-89.90-113. Diese differenzierende Gliederung ist logische Folge der Auffassung de Wettes von "Princip und Charakter" des Hebraismus (a.a.O., 59, §71), bzw. der Unterscheidung von objektiv-materialem und formalem, verständig-symboli- schem Prinzip. Das objektiv-materiale Prinzip, die "praktische, vom Mythus befireyte Idee Eines Gottes, als eines heiligen Willens, symbolisirt in der Theokratie", wird durch das formale Prinzip "in das Gebiet der Verstandesansicht herabgezogen" (ebd.). Als drittes Prinzip nennt de Wette ebd. zuletzt "das subjective oder das hervorbringende". (Vgl. dazu R.Smend, de Wettes Arbeit, 78 [mit Anm.496], der darstellt, daß de Wette in der dritten Aufl. [1831] mehr als ein Formalprinzip annimmt. Auch dort bleibt aber der theokratische Partikularismus der Ebene des Formalprinzips zugeordnet). Von hier aus ist zwischen einer allgemeinen idealen Grundlage, dem 'idealen Universalismus' und dem darauf aufbauenden 'symbolischen Particularismus' zu unterscheiden (vgl. W.M.L.de Wette, Dogmatik, 60).

]

Wilhelm Martin Leberecht de Wette

35

heiligte die Staatsverfassung, indem er Jehova zum idealen König constituirte, und die le- gislative und beschließende Gewalt dem Priesterstamm der Leviten in die Hand gab Auf der theokratischen Verfassung des Mose bauen die Priester und Propheten der nachfolgenden Epochen auf^ , Samuel, "der zweite Stifter der Theokratie"^ "machte den König von der Theokratie abhängig" ^ und schränkte so die Macht der von ihm institutio- nalisierten Exekutivgewalt ein . Zugleich begründet er mit den Prophetenschulen ein Wächteramt der Theokratie^, durch das "die Sorge für die Theokratie den Händen der Priester" entzogen wird, denen "nur die Handhabung des Cultus, des Richteramtes und der

Polizey blieb" ' < ®. Damit

"Geist der Theokratie" zu ihrem Anliegen machen, die "symbolischen Formen" der Reli- gion überwinden und diese "zu einer geistigen Ansicht" weiterentwickeln, sind die Priester allein an der äußeren Form von Theokratie und Religion interessiert^ .

Im "Mosaischen Hebraismus - theokratisch-symbolischen Monotheismus" und im "ide- alen, unsymbolischen Hebraismus der Propheten und Dichter" erkennt de Wette schließlich die beiden - "nur der Form nach" zu unterscheidenden - positiven Momente im "Bildungs- gang des Hebraismus", die "in gegenseitiger Beziehung aufgefaßt werden müssen"^.

In seiner dreigeteilten Darstellung der Theokratie^ sieht de Wette die Theokratie auf- grund ihrer Vorstellung, daß JHWH zwar die ganze Welt regiert, sich aber Israel besonders zuwendet, in der Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus^. Diese Span- nung wird jedoch überwunden, wenn erkannt wird, daß der Partikularismus nur symbo- lische Bedeutung hat, sozusagen notwendig ist, um der Theokratie eine konkrete Gestalt geben zu können® 1. Die als Einheit betrachteten Einrichtungen 'Staat' und 'Kirche', "Rechts- und Polizey- Institute, wie die religiösen Cerimonien, sind Symbole der Andacht, der Idee der Heiligkeit

ist die weitere Entwicklung bestimmt: während die Propheten den

70 A.a.O., 40.

71 Vgl. a.a.O., 41.

72 A.a.O., 44.

73 A.a.O., 43.

74 Vgl. a.a.O., 44. Vgl. dazu a.a.O., 109f.

75 Vgl. a.a.O., 43.

76 A.a.O., 44.

77 Ebd.

78 A.a.O., 47. Im folgenden zweiten Abschnitt (§§64-66: "Geschichte des Judenthums"), der die nachexilische Zeit behandelt, fehlt das Stichwort 'Theokratie'.

79 Erstes Capitel. Idee und Institut der Theokratie, 90-100, (§§95-105); Zweytes Capitel. Theokratische Weltsicht, 100-107, (§§106-113); Drittes Capitel. Von der idealen Theo- kratie oder vom Messias, 108-113, (§§114-118). Eine Darstellung und kritische Würdi- gung dieser Kapitel nach der 3.Aufl. gibt R.Smend, de Wettes Arbeit, 80-85.

80 Vgl. a.a.O., 90f.

81 Vgl. a.a.O., 91: "Die ethische Ansicht der Religion symbolisirte Mose durch eine hei- lige Staatsverfassung, welche zwar das Rechtliche hauptsächlich darstellte, aber das Sittliche keineswegs ausschloß, das sich wenigstens daraus entwickelte. Der heilige Weltplan der Gottheit wird particulär als Aufgabe für den Israelitischen Staat aufge- faßt." Mit seinem Verständnis der Theokratie als einer "Staatsverfassung" wendet sich de Wette dabei ausdrücklich gegen Michaelis (vgl. ebd., Anm.c). Er nennt im weiteren Verlauf dieser Anm. Josephus explizit als Quelle für sein Verständnis von Theokratie (vgl. a.a.O., 92).

36

Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

GottesDesse n Beziehung zu Israel wird durch Stiftshütte, Tempel und Lade als Sym- bolen für die "Wohnung Jehovas in Israel, auf Zion" dargestellt®^. Gott ist der "unsichtbare König", der sich zur Kundgabe seines Willens verschiedener Mittler und Mitteilungsweisen bedient®**. Mose ist Inbegriff der Mittlerschaft, indem er die legislative, iudikative, exekutive und - zunächst noch - priesterliche Gewalt ausübte®^. Die Mitteilungsweisen des moralisch-sittlichen Willens Gottes sind symbolisiert in Rechtsprechung, Opferkult und Reinheitsbräuchen®®, die von "Anstalten, welche Andacht und Gemeinsinn beförderten" - de Wette nennt Sabbat und Feste - "unterstützt" werden®^ . Der "Glaube eines Reiches Gottes auf Erden"®® ist Ausdruck der theokratischen Begei- sterung, der idealen Vorstellung vom durch Mose als Königtum Gottes gegründeten Staats- wesen - der Theokratie. Ein falsches Verständnis der theokratischen Symbole und der "beschränkte[n] National- geist der Hebräer"®^ führen jedoch zu einer Verselbständigung der Theokratievorstellung. Theokratie wird nicht mehr als Teil des Ganzen, des Universalismus, betrachtet. Das pa- triotische Interesse der Hebräer schränkt die Heiligkeit Gottes auf die beiden Aspekte Ge- rechtigkeit, d.h. "die Vergeltungsidee", und Wahrhaftigkeit ein^®. Eine "eigene ethische Ansicht", charakterisiert durch "Werkheiligkeit", "Legalität" und das "Vertrauen auf das eigene moralische Verdienst" entwickelt sich^l. Die Theokratie wird jetzt als Zentrum der göttlichen Weltregierung betrachtet, die Völker werden vom Segen Gottes ausgeschlos- sen^ . In Israel entwickelt sich - auch aufgrund "der Hoffnungslosigkeit in Ansehung des Schicksals nach dem Tode" - die "die Tugend lähmende und die Gemüthsruhe untergraben- de" Vergeltungslehre^. Die Konsequenzen der so ganz mißverstandenen theokratischen Idee sind "Eigendünkel", "Hoffarth", "Zerknirschtheit" und "odium humani generis"^. Erst aufgrund der negativen Erfahrung des ständigen Scheiterns kommen - über die Zwi- schenstufe einer "patriotisch-religiöse[n] Hoffnung, daß die bisher immer mit äußern und

- messianische Hoff-

innern Hindernissen kämpfende Theokratie endlich siegen werde

82 A.a.O., 92.

83 A.a.O., 93.

84 Ebd.; Vgl. dazu a.a.O., 103: "Die wahre schöne Idee, welche der theokratischen Sym- bolik zum Grunde lag, war die der Mittlerschaft Gottes zur Heiligung des Menschen".

85 Vgl. a.a.O., 93f. In der folgenden Zeit ging diese Einheit verloren. Erst mit Samuel und seinen prophetischen Nachfolgern lebte die legislative Gewalt wieder auf (vgl.

ebd.). Iudikative und priesterliche Gewalt gingen auf die Priester über, "deren Autorität

gebunden war. Von dieser Seite war die

Theokratie Hierarchie" (a.a.O., 95). Die von Mose auf Josua übertragene exekutive

Gewalt wurde nach dessen Tod von den Richtern sporadisch wahrgenommen, später durch die Könige (vgl. a.a.O., 96).

86 Vgl. a.a.O., 96ff.

87 A.a.O., 99.

88 A.a.O., 100.

89 A.a.O., 101.

90 Vgl. ebd.

91 A.a.O., 102f. De Wette nennt hier jedoch auch weiterwirkende Gegenmechanismen.

92 Vgl. a.a.O., 104.

93 A.a.O., 104f.

94 A.a.O., 107.

Constitutione n und erblich und an Formen [

]

Wilhelm Martin Leberecht de Wette

37

nungen auf. Anders ausgedrückt: die Vorstellung der idealen Theokratie entsteht. Zunächst allgemein als "Hoffnung besserer Zeiten", die dann "an das Haus Davids angeknüpft" wird und schließlich in die Erwartung eines "Davididen, als Wiederhersteller der Theokratie" mündet Zusammenfassend urteilt de Wette: "In jener erhabenen Hoffnung einer Ausbreitung und Vervollkommnung der Theokratie zeigt sich der Glaube an die göttliche Weltregierung und den Sieg des Guten in lebendiger Begeisterung" 9 ^

Im Vergleich zu den 'Beiträgen', die vor allem auf den Nachweis der spä- ten, nach-mosaischen Gesetzgebung des Pentateuch zielten, wird der Theo- kratiebegriff in der 'Dogmatik' - auch positiv - gefüllt und entfaltet. Die 1807 noch ungelöst bleibende Spannung zwischen der Zurückführung der 'heiligen, theocratischen Staatsverfassung' auf Mose und des 'mythi- schen' Theokratiebegriffs auf spätere Schriftsteller wird 1813 zunächst als historische Entwicklung der vorexilischen Zeit beschrieben - und so aufge- löst. Die in der systematisch-theologischen Interpretation des Theokratiebe- griffs implizierte, auf die 'Heiligung des Menschen' zielende, Vorstellung vom 'Königtum Gottes' als des 'Reiches Gottes auf Erden' wird von de Wette positiv gesehen. Erst das 'Mißverständnis' der Theokratie, das zu ei- ner Verabsolutierung der theokratischen Symbolik und der Loslösung von ihrer ursprünglichen Idee führt, indem die Symbole für die Sache selbst ge- halten werden, ist seiner Meinung nach negativ zu bewerten. Zugleich er- möglicht die aus dem Mißbrauch der theokratischen Idee resultierende Rea- lität jedoch die Entstehung einer 'idealen Theokratie', die sich in den - ebenfalls positiv bewerteten - messianischen Hoffnungen zeigt.

De Wette kann die theokratische Idee positiv würdigen, weil sie seiner Meinung nach in ihrer Zeit 'notwendig' und 'natürlich' war 98 . Die Zuord- nung dieser Idee zum Bereich des Partikularismus 99 macht jedoch gleichzei- tig deutlich, daß sie als Ganzes grundsätzlich - nicht nur in ihrer konkreten Realisierung - unvollkommen bleibt. Deshalb ist - absolut betrachtet - nur eine 'kritische Würdigung' möglich 100 .

96 A.a.O., 109f. De Wette betont, daß hier nicht nur eine politische, sondern auch eine re- ligiöse Hoffnung Wirklichkeit wird.

97 A.a.O., 113. Im nachexilischen Judentum gewinnt diese Hoffnung seiner Meinung nach jedoch einen fanatischen Charakter - an ihrem Ende steht dort erneut der Mißbrauch (vgl. ebd.).

98 Vgl. dazu R.Smend, de Wettes Arbeit, 84, und ders., Universalismus, 172.

99 Der 'jüdische Particularismus' wird nach de Wette erst durch "die gelehrte Bildung des

[ ]

Pharisäers Saulus" überwunden (W.M.L.de Wette, Dogmatik, 220).

100 Vgl. dazu R.Smend, de Wettes Arbeit, 82f, der gleichzeitig betont, daß de Wette sich mit seinem Verständnis der Theokratie und dessen Konsequenzen etwa von Immanuel Kants und Friedrich Schleiermachers Verständnis des AT deutlich abgrenzt.

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Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Das in den 'Beiträgen' dem Begriff 'Theokratie' gegenüber schwer ab- grenzbare Stichwort 'Hierarchie' bzw. 'hierarchisch' begegnet in der 'Bib- lischen Dogmatik' als dem ersteren untergeordneter Ausdruck, der negative Züge der theokratischen Realität bezeichnet. In keinem Fall ist 'Hierar- chie' hier Bezeichnung einer Staatsform oder Regierungsweise 101 .

Das 'Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung' der 'Dogmatik' voraus.

Zu den hier entwickelten hermeneutischen Grundlagen gehört dabei die Erkenntnis, daß

sich dem "theokratischen Geist des jüdischen Alterthums" Geist und Religion als Einheit

darstellen 10 ^ und die alttestamentlichen Bücher, d.h. 'Gesetz und Propheten',

Gruppen - 'theokratisch-historische' bzw. 'theokratisch-begeisterte' Schriften 103 -

teilt werden können. Die erste Gruppe berichtet von der Gründung und der Geschichte der Theokratie, wobei de Wette den Begriff in diesem Zusammenhang als "das innige Verhältniss zwischen Gott und dem Volk Israel" und "die besondere Herrschaft Gottes über dasselbe und inmitten desselben" definiert 104 . Die historischen Bücher 1 0 5 sind ergänzt durch spätere, entweder gleichen Inhalts oder solche, die die nachexilische Geschichte des Volkes Israel behandeln 10 ". Geprägt wird die von Propheten und Priestern 1 getragene theokratische Geschichtsschreibung einerseits durch 'theokratischen Pragmatismus', das heißt die Vorstellung, daß ein "klarer, fester Plan der göttlichen Weltregierung" die Geschichte bestimmt, andererseits durch "theokra- tische Mythologie", das heißt die Vorstellung eines durch "Offenbarungen und Wunder[n]" sichtbar werdenden Eingriffes der "göttliche[n] Wirksamkeit" in die Geschichte 10 ®. Der - wie in den 'Beiträgen' - als 'theokratischer Epos' bezeichnete Pentateuch 10 ^ erzählt vom mit der Schöpfung gelegten Grundstein der Theokratie 110 und von der Griindungsge-

in zwei

setzt die Ergebnisse

unter-

101 Von daher ist Smends Aussage, daß "bei de Wette [

] Theokratie und Hierarchie

nahezu Wechselbegriffe" seien (vgl. R.Smend, de Wettes Arbeit, 80, Anm.503) - Smend bezieht sich auf dessen Schrift 'Über die Religion' (1817, 423f) - zumindest in ihrer Allgemeinheit problematisch.

102 W.M.L.de Wette, Einleitung, 18.

103 Vgl. a.a.O.,

104 A.a.O., 176. Auch in der 'Einleitung' bezeichnet Theokratie nur die vorexilische Zeit

(vgl. dazu etwa a.a.O., 348: Maleachi tritt, um 440, nach dem Untergang der Theokra- tie und der wahren prophetischen Begeisterung auf).

105 D.h. die 'vorderen Propheten' (vgl. a.a.O., 164), die sich - nachdem der Pentateuch

und Jos die "Gründung" der Theokratie "nebst der theokratischen Gesetzgebung" ge- schildert haben - der "Geschichte der nachherigen Schicksale der Theokratie, des Kamp- fes und des Unterganges derselben" widmen (a.a.O., 174).

106 Vgl. a.a.O., 164.176. Zu diesen Ergänzungen zählt de Wette Esr, Neh, Rut, Est, Chr.

107 Vgl. a.a.O., 177.

108 A.a.O., 176.

109 Vgl. a.a.O., 185. Sein "Hauptzweck" lag darin, "das Volk für seine heiligen Gesetze und Einrichtungen zu begeistern" (a.a.O., 186).

164.

Wilhelm Martin Leberecht de Wette

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schichte ihrer Verfassung und ihres Gottesdienstes 111 , w ährend das Buch Josua "das Col- lectivum aller theokratischen Eroberungen und Besitzbestimmungen "bildet 112 . Der wahrscheinlich priesterliche Verfasser der Chronikbücher zeichnet in nachexilischer

Zeit

festhaltenden davidisch-theokratischen Reiches" nach 11 ^. Dabei nimmt er unter anderem "Aenderungen aus Vorliebe für den levitischen Cultus und den Stamm Levi" vor 11 ^. Zur Kennzeichnung von Hintergrund oder Intention der Chronikbücher oder ihres Verfassers gebraucht de Wette die Stichworte Theokratie/theokratisch bzw. Hierarchie/hierarchisch hier nicht 1 Im Unterschied zur ersten thematisiert die zweite Gruppe, 'theokratisch-begeisterte Schriften' 11 Gegenwart und Zukunft der Theokratie 11 ^ und will damit deren "Erhaltung und Vervollkommnung" erreichen 11 ®*. In der Charakterisierung des undatierbaren 11 ^ Propheten Jona, dessen Buch sich "durch eine universal-religiöse Tendenz vor den andern theokratischen auszeichnet" 12 ®, findet sich die oben formulierte grundsätzliche Kritik de Wettes an der theokratischen Idee wie- der. Daß "ein jüdischer Vaterlandsfreund" im Danielbuch "apokalyptische Weissagungen des bevorstehenden Sieges der Theokratie" verfaßt hat 121 , wird nur kurz erwähnt - und liegt wohl bereits auf dem Entwicklungsweg hin zur fanatischen Ausprägung des Theokra- tiegedankens 122 . In dem den Apokryphen gewidmeten "Vierten Abschnitt" kommt der Begriff Theokratie im übrigen nicht mehr vor.

das mosaische Gesetz und den mosaischen Gottesdienst

"die [

]

Geschichte des [

]

Ungeachtet der deutlich gewordenen Notwendigkeit einer Differenzierung

innerhalb der Schriften de Wettes lassen sich Grundzüge seines Theokratie-

verständnisses zeigen, das sich von dem des Josephus oder der Prämoderne

vollständig gelöst hat.

Zwar ist Theokratie bei de Wette - anders als bei Michaelis - zunächst die

von Mose begründete 'heilige Staatsverfassung*. Im Vordergrund steht je-

doch eine Auffassung des Begriffs, die nicht auf dessen staatsrechtlichen

Sinn, sondern auf seinen 'symbolischen Charakter' zielt. Diese Idee, die

111 Vgl. a.a.O., 180.

112 A.a.O., 220. In der hierauf folgenden Darstellung von Sam und Reg tritt der Theokra- tiebegriff ganz zurück.

113 A.a.O., 265.

114 A.a.O., 253.

115 Bei Esr/Neh fehlen sie ganz. Vgl. zu Esr/Neh im übrigen den §196b: Es "muss zuge- standen werden, dass die Meinung, der Verf. der Chron. sei zugleich der Sammler des B.Esra, durch die Verwandtschaft, welche zwischen beiden Büchern besteht, sehr be- günstigt wird." (Vgl. a.a.O., 269). Siehe dazu schon oben, Einleitung, 2.1.

116 D.h. "die sogenannten hinteren Propheten' (a.a.O., 164).

117 Vgl. a.a.O., 278.

118 A.a.O., 280.

119 Vgl. a.a.O., 320.

120 A.a.O., 332.

121 A.a.O., 360.

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Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

konkret als Vorstellung vom 'idealen Königtum Gottes' bezeichnet wird, bildet ein Spezifikum Israels, das auch in nachexilischer Zeit lebendig bleibt. Zur Beschreibung der vorstaatlichen Verfassungswirklichkeit ist der Be- griff untauglich, da eine konkrete, materiale Theokratie erst in der Königs- zeit, als auf priesterliche Gesetze gegründete, sichtbar wird. Allerdings ist die jetzt greifbare theokratische Realität Ausdruck des Mißverständnisses der 'Idee der Theokratie'. Mit der Einführung des - negativ besetzten - Hierarchiebegriffs versucht de Wette, die Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit von Theokratie zu lösen. Die theokratische Wirklichkeit stellt sich demnach als Priesterherr- schaft dar, die ihrerseits kein Spezifikum Israels ist. Die von den Propheten entwickelte Vorstellung von der 'idealen Theokra- tie' schließlich bildet eine dritte Größe. Sie äußert sich als - durchaus poli- tische - Zukunftshoffnung, die die (Wieder-) Herstellung einer vollkomme- nen Theokratie einschließt. Mit seinem Theokratieverständnis hat de Wette so den Theokratiebegriff - auch über Michaelis hinaus - erheblich erweitert. Eine Vorstellung, die mit dem Stichwort Theokratie das Verhältnis zwischen Gott und Israel allge- mein zu beschreiben sucht, ist hier zumindest angelegt.

3.4. Wilhelm Gesenius (1786-1842)

Ohne nähere Erläuterung der Terminologie stellt Gesenius in seinem exege- tischen Hauptwerk, dem 1821 erschienenen 'Jesaja-Kommentar' 123 , den Propheten "in aller Hinsicht als den Herold und Wächter der Theokratie und des theokratischen Glaubens" vor 124 . Die theokratische Idee bestimmt Jesajas 'religiöse' und vor allem die 'politische' Kritik seiner Gegen-

diese Idee im politischen Bereich wie folgt präzi-

wart 125 , wobei Gesenius siert:

"Ueberall tritt als höchster Grundsatz hervor, daß mit menschlicher Macht und Hülfe nichts gethan sey, daß der Herr der Heerscharen allein helfen könne und helfen werde

123 W. Gesenius, Jesaja.