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E rn s t M ichael D ö rr fu ß

M o se in d en C h ro n ik b ü c h e rn

WDE

G
Beihefte zur Zeitschrift für die
alttestam entliche Wissenschaft

H erausgegeben von
Otto K aiser

Band 219

W alter de G ruyter · Berlin · New York


1994
Ernst Michael Dörrfuß

Mose in den Chronikbüchern


Garant theokratischer Zukunftserwartung

Walter de Gruyter · Berlin · New York


1994
® Gedruckt auf säurefreiem Papier,
das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche Bibliothek — CIP-Einheitsaufnahme

[Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft / Beihefte]


Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft.
— Berlin ; New York : de Gruyter.
Früher Schriftenreihe
Fortlaufende Beil. zu: Zeitschrift für die alttestamentliche
Wissenschaft
NE: HST
Bd. 219. Dörrfuss, Ernst Michael: Mose in den
Chronikbüchern. — 1994
Dörrfuss, Ernst Michael:
Mose in den Chronikbüchern : Garant theokratischer
Zukunftserwartung / Ernst Michael Dörrfuss. — Berlin ; New
York : de Gruyter, 1994
(Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft ; Bd.
219)
Zugl.: Berlin, Kirchl. Hochsch., Diss., 1992
ISBN 3-11-014017-9

ISSN 0934-2575

© Copyright 1994 by Walter de Gruyter & Co., D-10785 Berlin.


Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages
unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro-
verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Printed in Germany
Druck: Werner Hildebrand, Berlin
Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer-GmbH, Berlin
Für Ele
- zum 30. Januar 1994
Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde im Sommer 1992 von der Kirchlichen Hoch-
schule Berlin als Dissertation angenommen und ist für den Druck gering-
fügig überarbeitet worden.
Mit meiner Studie verfolge ich zwei Absichten. Einerseits wird die Frage
des Mosebildes der Chronikbücher erörtert. Andererseits soll die schon
lange überfällige Forschungsgeschichte zum Theokratiebegriff geliefert
werden. Ich meine zeigen zu können, daß beide Anliegen unmittelbar zu-
sammengehören - und zusammengenommen einen Beitrag zur Interpretation
der Chronik, insbesondere ihrer Zukunftserwartung, leisten können.
Die Liebe zum Alten Testament und das Interesse am Thema hat Prof. Dr.
Peter Welten geweckt. Für seine seit dem Studium währende kontinuier-
liche Ermutigung, Kritik, Begleitung und Freundschaft bin ich ihm von
Herzen dankbar. Prof. Dr. Rüdiger Liwak danke ich aufrichtig für die Über-
nahme des Koreferates und kritische Rückfragen, Prof. Dr. Otto Kaiser für
die Aufnahme in die BZAW.
Danken möchte ich außerdem den Freundinnen und Freunden sowie den
Kolleginnen und Kollegen, an der Hochschule, im württembergischen
Pfarrdienst und andernorts für fachliche aber auch 'zweckfreie' Gespräche
und Begegnungen sowie ihre Solidarität während des zurückgelegten
Weges. Meiner Frau, Freundin und Kollegin zugleich, danke ich in diesem
Zusammenhang an erster Stelle. Ausdrücklich genannt zudem Christi
Maier, Gerhard Stiglmair, Carola und Christian Enke-Langner, Hans Jörg
und Charlotte Dieter-Sander und Rosmarie Welten.
Dankbar bin ich schließlich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der
Bibliothek der ehemaligen Kirchlichen Hochschule, insbesondere Herrn
Diplom-Bibliothekar Hein Ammerlahn, für ihre Geduld, ihren Humor, ihre
Mühe und ihr Engagement, nicht nur im Blick auf die Suche nach und das
Beschaffen von Literatur.
Daß auch die Glieder der Evangelischen Kirchengemeinde Hengstfeld
meine wissenschaftliche Arbeit zwei Jahre lang getragen und ertragen
haben, war für mich ermutigend.
VIII Vorwort

Die Abkürzungen folgen dem 'Abkürzungsverzeichnis der Theologischen


Realenzyklöpädie, zusammengestellt von Siegfried Schwertner, Berlin/New
York H976 bzw. 21992'. Innerhalb der Anmerkungen werden der Chronist
mit dem Sigel 'Chron', die Chronikbücher mit dem Sigel 'Chr' bezeichnet.
'ChrGW' steht für chronistisches Geschichtswerk, 'ehr' für chronistisch.
Stellenangaben aus den Chronikbüchern ist allein eine römische Ziffer
vorangestellt. 'S' bezeichnet Sondergut der Chronikbücher. Die Schreib-
weise der biblischen Eigennamen richtet sich nach derjenigen der Luther-
bibel.
Literatur wird im Anmerkungsteil in der Regel nach dem ersten selbstän-
digen Substantiv des aus dem Literaturverzeichnis ersichtlichen Titels oder
nach dort angegebenen Sigeln zitiert.

Berlin und Hengstfeld, im Januar 1994 Ernst Michael Dörrfuß


Inhaltsverzeichnis

Vorwort VII
Inhaltsverzeichnis IX
I. Einleitung 1
1. Mose in den Chronikbüchern 1
1.1. Der Befund 1
1.2. Zur Forschungsgeschichte 3
2. Zur Exegese der Chronikbücher 8
2.1. Zur Hypothese vom 'Chronistischen Geschichtswerk' 9
2.2. Die Datierung der Chronikbücher 12
2.3. Zum literarischen Charakter der Chronikbücher 14
Π. Um die Theokratie - zur Begriffs- und Interpretationsgeschichte... 18
1. Theokratie als Ideal der Chronikbücher 18
1.1. Die These Wilhelm Rudolphs 18
1.2. Zur Vorgeschichte der theokratischen Interpretation
der Chronikbücher 19
1.2.1. Von Johann Jahn bis Julius Wellhausen - Miszellen 19
1.2.2. Jelten Swart, Arie Noordtzij und Adrien-M. Brunet 21
1.3. Die Fragestellung 24
2. Flavius Josephus 25
3. Stationen des Theokratieverständnisses in der Theologie
des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts 27
3.1. Zur Wiederentdeckung des Begriffs im 17. und 18. Jahrhundert 27
3.2. Johann David Michaelis (1717-1791) 29
3.3. Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1780-1849) 32
3.4. Wilhelm Gesenius (1786-1842) 40
3.5. Heinrich Leo (1799-1878) 42
3.6. Carl Peter Wühelm Gramberg (1797-1830) 46
3.7. Johann Karl Wühelm Vatke (1806-1882) 54
3.8. Ergebnisse 61
4. Julius Wellhausen (1844-1918) 64
5. Aspekte des Theokratiebegriffs in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 76
X Inhaltsverzeichnis

5.1. Theokratie - post Wellhausen locutum 77


5.1.1. Der 'main stream' - RGG 1 , RGG 2 , und ThWNT 77
5.1.2. Marginalien zum Theokratiebegriff Adolf Schlatters (1852-1938)
- zugleich: zum Verhältnis von θεοκρατία und βασιλεία τον θεον 78
5.1.3. 'Unmittelbar' und 'theopolitisch' - zum Theokratieverständnis
Martin Bubers (1878-1965) 81
5.1.4. Zur soziologischen Rede von der Theokratie
- das Beispiel Max Weber (1864-1920) 83
5.2. Plädoyer für eine theokratische Interpretation der Bibel
- Arnold Albert van Ruler (1908-1970) 88
6. Zum Theokratiebegriff in der Diskussion von 1959 bis heute 92
6.1. Theokratie und Eschatologie
- Otto Plögers "simplification terrible" 92
6.1.1. Darstellung 92
6.1.2. Zur Kritik an Plögers Entwurf. 96
6.2. Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers 98
6.2.1. Aspekte der Rezeption Plögers in Gesamtdarstellungen
der Geschichte Israels 98
6.2.2. Zur Rezeption Plögers in ausgewählten traditions- und
theologiegeschichtlichen Untersuchungen zur nachexilischen Zeit 101
6.2.2.1. Ulrich Kellermann 101
6.2.2.2. Odil Hannes Steck 102
6.2.2.3. Wilhelm Th. In der Smitten 104
6.2.2.4. Paul D. Hanson 106
6.2.2.5. Joachim Becker 108
6.2.2.6. Frank Crüsemann 110
6.2.2.7. Jutta Hausmann 111
7. 'Gott die Herrschaft und die Gewalt'
- zur Notwendigkeit theologischer Rede von der Theokratie 115
ΙΠ. Mose in der Chronik - das Mosebild der Chronikbücher 119
Methodische Grundsätze 119
1. Mose in der 'genealogischen Vorhalle' 120
1.1. Zur Bedeutung von IChr 1-9 120
1.2. IChr 5,27-41 (Die Hohenpriester bis zum Exil) 121
1.2.1. Übersetzung 121
1.2.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 122
1.2.3. Parallelen und Quellen 122
1.2.4. Zum Aufbau / Zuordnung 123
1.2.5. (Leit)Worte 124
1.2.6. Mose 124
1.3. IChr 6,33-34 (Aufgaben der Leviten und Priester) 125
1.3.1. Übersetzung 125
1.3.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 125
1.3.3. Parallelen und Quellen 125
1.3.4. Zum Aufbau / Zuordnung 126
Inhaltsverzeichnis XI

1.3.5. (Leit)Worte 127


1.3.6. Mose 129
2. Mose in der chronistischen Daviderzählung 130
2.1. Miszellen zur chronistischen Daviderzählung (IChr 11-29) 130
2.2. IChr 15,11-15 (Heiligung der Priester und Leviten) 132
2.2.1. Übersetzung 132
2.2.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 132
2.2.3. Parallelen und Quellen 133
2.2.4. Zum Aufbau / Zuordnung 134
2.2.5. (Leit)Worte 135
2.2.6. Mose 138
2.3. IChr 2 1 , 2 6 b - 2 2 , l (Das Opfer Davids) 139
2.3.1. Übersetzung 139
2.3.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 139
2.3.3. Parallelen und Quellen 141
2.3.4. Zum Aufbau / Zuordnung 141
2.3.5. (Leit)Worte 144
2.3.6. Mose 147
2.4. IChr 22,7-13 (Davids Auftrag an Salomo) 148
2.4.1. Übersetzung 148
2.4.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 148
2.4.3. Parallelen und Quellen 149
2.4.3.1. IChr 22,13 im Vergleich mit deuteronomistischen Formulierungen 152
2.4.3.2. IChr 22,13 im Vergleich mit verwandten Formulierungen außerhalb
des Deuteronomistischen Geschichtswerkes 153
2.4.4. Zum Aufbau / Zuordnung 154
2.4.5. (Leit)Worte 156
2.4.6. Mose 158
2.5. IChr 23,6(b)-23 (Leviten) 159
2.5.1. Übersetzung 159
2.5.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 160
2.5.3. Parallelen und Quellen 161
2.5.4. Zum Aufbau / Zuordnung 162
2.5.5. (Leit)Worte 164
2.5.6. Mose 165
2.6. IChr 26,20-28 (Die Aufseher über die Vorräte) 167
2.6.1. Übersetzung 167
2.6.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 167
2.6.3. Parallelen und Quellen 168
2.6.4. Zum Aufbau / Zuordnung 169
2.6.5. (Leit)Worte 170
2.6.6. Mose 171
3. Mose in der chronistischen Salomoerzählung 172
3.1. Anmerkungen zur chronistischen Salomoerzählung (IlChr 1-9) 172
3.2. IlChr 1,2-6 (Salomos W e g nach Gibeon) 173
3.2.1. Übersetzung 173
XII Inhaltsverzeichnis

3.2.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 174


3.2.3. Parallelen und Quellen 174
3.2.4. Zum Aufbau / Zuordnung 176
3.2.5. (Leit)Worte 177
3.2.6. Mose 179
3 . 3 . IlChr 5 , 2 - 1 0 (Die Einholung der Lade) 180
3.3.1. Übersetzung 180
3.3.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 180
3.3.3. Parallelen und Quellen 181
Exkurs: Literarkritische Modelle zu IReg 8,1-9 182
3.3.4. Zum Aufbau / Zuordnung 184
3.3.5. (Leit)Worte 185
3.3.6. Mose 187
3 . 4 . IlChr 8,12-16 (Salomos Opfer und Kultanordnungen) 188
3.4.1. Übersetzung 188
3.4.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 189
3.4.3. Parallelen und Quellen 189
3.4.4. Zum Aufbau / Zuordnung 191
3.4.5. (Leit)Worte 193
3.4.6. Mose 194
4. Mose in der chronistischen Schilderung
der Geschichte des Königreiches Juda 195
4 . 1 . Zur chronistischen Darstellung der Geschichte
des Königreiches Juda (IlChr 10-36) 195
4 . 2 . IlChr 23,16-21 (Jojadas Bundesschluß und Kultreform) 196
4.2.1. Übersetzung 196
4.2.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 197
4.2.3. Parallelen und Quellen 197
4.2.4. Zum Aufbau / Zuordnung 200
4.2.5. (Leit)Worte 203
4.2.6. Mose 204
4 . 3 . IlChr 2 4 , 4 - 1 4 (Die Kultreform des Joasch) 205
4.3.1. Übersetzung 205
4.3.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 206
4.3.3. Parallelen und Quellen 207
4.3.4. Zum Aufbau / Zuordnung 210
4.3.5. (Leit)Worte 213
4.3.6. Mose 215
Exkurs: Mose als nay in den Chronikbüchern 215
4 . 4 . IlChr 2 5 , 1 - 4 (Amazjas Regierungsantritt) 217
4.4.1. Übersetzung 217
4.4.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 218
4.4.3. Parallelen und Quellen 219
4.4.4. Zum Aufbau / Zuordnung 221
Exkurs: Überlegungen zur Entstehung von IIReg 14,6 222
4.4.5. (Leit)Worte 223
4.4.6. Mose 223
Inhaltsverzeichnis XIII

4 . 5 . IlChr 3 0 , 1 3 - 2 2 (Das Mazzen- und Passafest Hiskias) 224


4.5.1. Übersetzung 224
4.5.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 225
4.5.3. Parallelen und Quellen 226
4.5.4. Zum Aufbau / Zuordnung 228
4.5.5. (Leit)Worte 231
4.5.6. Mose 234
4.6. IlChr 3 3 , 1 - 9 (Die Greuel Manasses) 235
4.6.1. Übersetzung 235
4.6.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 236
4.6.3. Parallelen und Quellen 237
4.6.4. Zum Aufbau / Zuordnung 241
4.6.5. (Leit)Worte 242
4.6.6. Mose 246
4 . 7 . IlChr 34,8-21 (Die Auffindung der Tora) 247
4.7.1. Übersetzung 247
4.7.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 247
4.7.3. Parallelen und Quellen 249
4.7.4. Zum Aufbau / Zuordnung 253
4.7.5. (Leit)Worte 255
4.7.6. Mose 257
Exkurs: ΠΎΙΓΙ in den Chronikbüchern 258
4.8. IlChr 3 5 , 1 - 1 9 (Josias Passa) 261
4.8.1. Übersetzung 261
4.8.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope 263
4.8.3. Parallelen und Quellen 263
4.8.4. Zum Aufbau / Zuordnung 267
4.8.5. (Leit)Worte 270
4.8.6. Mose 272
Exkurs: Zur Auseinandersetzung mit Simon J. de Vries 273
5. Das Mosebild der Chronikbücher 275

Abkürzungs- und Literaturverzeichnis 285


Register 299
I. Einleitung

1. Mose in den Chronikbüchern

1.1. Der Befund

Einundzwanzigmal wird Mose in den Chronikbüchern genannt. Diese im


Vergleich zu den insgesamt 770 Belegen des Mosenamens in der Hebräi-
schen Bibel1 geringe Zahl entspricht zunächst dem Gesamtbild2. Ein Ver-
gleich mit den anderen Geschichts-, insbesondere aber den Prophetenbü-
chern zeigt jedoch, daß Mose in der Chronik auffallend häufiger genannt
wird als in früheren Schriften des Alten Testaments. Die Belegstellen für
den Mosenamen sind dabei auf alle vier großen Abschnitte der beiden Chro-
nikbücher verteilt.
Im Rahmen der 'genealogischen Vorhalle', IChr 1-9, zählt IChr 5,29 die
Söhne Amrams, Aaron, Mose - und deren Schwester Miijam ! - auf, wäh-
rend IChr 6,34 die durch Mose, den Knecht Gottes (DTI^Xn Oy), geordne-
ten kultischen Aufgaben der Aaroniden zusammenfaßt.
Im zweiten, der Regierungszeit Davids gewidmeten Hauptteil, IChr 10-
29, begegnet Mose zuerst im Kontext der Erzählung von der Ladeüberfüh-
rung nach Jerusalem (IChr 15f) als Urheber der levitischen Aufgabe, die
Lade zu tragen (IChr 15,15). IChr 21,29 stellt Mose, im Rahmen der Dar-
stellung von Volkszählung und Erwerb des Tempelplatzes, als Erbauer der
Wohnung Gottes während des Wüstenaufenthaltes vor. Anläßlich des Be-
richtes von der Einsetzung Salomos zum Nachfolger Davids (IChr 22,6-

1 Vgl. A.Even-Shoshan (Hg.), Concordance, 1331-1333.


2 Neben ca. 644 Nennungen im Pentateuch - im Dtn nur 39 ! - und ca. 58 in Jos wird
Mose in Jdc viermal, in ISam zweimal, in I und IIReg zehnmal und in den Propheten-
büchern fünfmal erwähnt. Dazu kommen acht Belege in den Psalmen, zwei Belege in
Dan und zehn in Esr/Neh (vgl. dazu auch L.Köhler/W.Baumgartner, Lexicon, 607 -
dort leicht divergierende Zahlen).
2 Mose in den Chronikbüchern

23a) und Tempelbauer ist Mose in IChr 22,13 als Empfanger der göttlichen
Rechtsordnungen erwähnt.
IChr 23,13 nennt erneut die Söhne Amrams3. V.14 berichtet davon, daß
die Söhne Moses, des 'Mannes Gottes' (QTlVxn ttf'X), zu den Leviten ge-
rechnet werden, V.15 hält ihren und den Namen ihres Vaters fest. Auch die
letzte Erwähnung Moses im Zusammenhang der chronistischen Davidsge-
schichte (IChr 26,24) ist genealogisch orientiert.
In dem der Regierung Salomos gewidmeten Hauptteil, IlChr 1-9, wird
Mose in IlChr 1,3 erstmals genannt. Der Vers nimmt dabei das Motiv von
IChr 21,29 auf: Mose, der Knecht JHWHs (mn'-Tiy), hat in der Wüste das
Zelt der Begegnung gefertigt. Auch IlChr 5,10 bezieht sich auf Moses
Wirksamkeit zur Zeit der Wüstenwanderung: Am Horeb legte er die Bun-
destafeln in die Lade. IlChr 8,13 führt die Opferordnung auf Mose zurück.
Überraschend spät findet sich der erste Beleg für den Mosenamen inner-
halb des - den Königen Judas gewidmeten - vierten Hauptteiles der Chro-
nikbücher, IlChr 10-36. Erst IlChr 23,18 nennt Mose im Rahmen der Neu-
ordnung des Tempelkultes unter Jojada. Dessen Einsetzung des Kultperso-
nals steht in Übereinstimmung mit den Einrichtungen Davids und erfolgt
gemäß der Tora des Mose (ntfD ΓΠΙΓα 31Γ03). Im Kontext der von Joasch
durchgeführten Kultreform wird in IlChr 24,6.9 auf die 'Spende des Mose'
verwiesen und damit erneut eine Beziehung zur Wüstenzeit hergestellt. In
einer Notiz über die Vergeltung Amazjas an den Mördern seines Vaters be-
ruft sich IlChr 25,4 auf die 'Tora im Buch des Mose' (Ί303 HUTU 31TDD
ntfö) und zitiert Dtn 24,16. IlChr 30,16 berichtet, daß sich das Kultper-
sonal bei der Passafeier Hiskias gemäß der Tora des Mose, des Mannes
Gottes (crnVxn-EPX ntfa m i r o ) , aufstellt. IlChr 33,8 stellt Mose als Mitt-
ler der Tora, der Satzungen und Rechtsordnungen JHWHs (ΓΠυΐΓΓ1?^
Π#0"Τ3 D'BBtföm D'pnm), gegen die Manasse verstößt, vor. IlChr 34,14
erwähnt, innerhalb des Berichtes über die Reform des Josia, das Buch 'der
Weisung JHWHs durch die Hand Moses' (ntfli'T3 ΠΙΠ'-mw Ί30"ΠΧ).
IlChr 35,6 nennt Mose als Empfänger des JHWH-Wortes. V.12 beruft sich
- erneut im Kontext einer kultischen Handlung - auf das Buch des Mose
(ntfB Ί303 31Π33).

3 Hier bleibt Mirjam unerwähnt.


Zur Forschungsgeschichte 3

1.2. Zur Forschungsgeschichte

Die Tatsache, daß 18 der 21 Belege keine Parallele in der Vorlage der
Chronikbücher haben4, ist ein Indiz dafür, daß Mose für die Theologie der
Chronikbücher eine besondere Bedeutung zukommt. Gleichwohl ist das
Mosebild der Chronikbücher bis heute eher stiefmütterlich behandelt wor-
den. Eine Monographie zum Thema fehlt, ein Aufsatz von Simon J. de
Vries ist die einzige mir bekannte Studie zu den Chronikbüchern, die den
Mosenamen im Titel führt5.
Eva Osswalds Untersuchung zum 'Bild des Mose in der kritischen altte-
stamentlichen Wissenschaft seit Julius Wellhausen'6 macht deutlich, daß die
Arbeit am Pentateuch den dominierenden Kontext der Moseforschung bil-
det. Fragestellungen und Ergebnisse, etwa im Blick auf Charakteristika des
Mose und die verschiedenen ihm zugeordneten 'Rollen' bzw. 'Tätigkeitsbe-
reiche' werden deshalb nahezu ausschließlich vom Pentateuch bzw. dessen
Quellenschriften her gewonnen7.
Anton Jirku, der zu zeigen versucht, "daß es im Alten Testament an mehreren Stellen ein
[...] 'Lehrstück von der mosaischen Zeit' gebe, das eine von der Pentateuchtradition unab-
hängige Traditionslinie darstelle, der selbständiger Quellenwert zukomme"®, ordnet dieser
keine Texte aus den Chronikbüchern zu? und weist im übrigen lediglich auf den
'formelhaften Ausdruck' Mose als Knecht Gottes hin"». Auch Ernst Sellin 11 geht nicht auf
die Chronik ein, wenn er, "von Hosea ausgehend, eine prophetische Mosetradition nachzu-
weisen" s u c h t ' N a c h der Meinung Moshe Greenbergs allerdings steht hinter der genealo-
gischen Notiz von IChr 23,14f eine vom Pentateuch unabhängige Tradition13.

Auch wenn vom in den Chronikbüchern gezeichneten Mosebild her keine


Antworten auf die Frage nach dem 'historischen' Mose erwartet werden
können, bleibt das Problem des dort zum Ausdruck kommenden Verständ-
nisses von Aufgabe(n) und Rolle(n) des Mose zu erörtern14. Ausgangspunkt

4 Vgl. II 5,10 par. IReg 8,9; II 25,4 par. IIReg 14,6; II 33,8 par. IIReg 21,8.
5 Vgl. S.J. de Vries, Moses.
6 E.Osswald, Bild des Mose.
7 Zu den Methoden der Moseforschung vgl. R.Smend, Mosebild.
8 A.a.O., 22 (=66).
9 Vgl. A.Jirku, Geschichte Israels, 16-96.
10 Vgl. a.a.O., 97.
11 Vgl. E.Sellin, Mose; ders., Hosea.
12 Vgl. dazu E.Osswald, Bild des Mose, 184-188, Zit.: 184, und R.Smend, Mosebild,
22.56, Anm.l (= 66.98, Anm.72).
13 Vgl. M.Greenberg, Moses, 378.385.
14 Vgl. dazu die grundsätzliche Beobachtung Smends: "Die Frage 'Wer war Mose ?' wird
im allgemeinen auf dem Umweg über die etwas einfachere Frage 'was war Mose ?' be-
4 Mose in den Chronikbüchern

ist dabei im allgemeinen die Frage nach den Mose schon im Alten Testa-
ment und in der jüdischen und christlichen Tradition beigelegten Titeln 15 .
Entsprechende Untersuchungen weisen den Aussagen der Chronikbücher
allerdings eine marginale Rolle zu. Sie beschränken sich dabei beispiels-
weise auf den Hinweis, daß die Chronik in erster Linie an der Funktion
Moses als Gesetzgeber interessiert ist 16 , wobei die Mose zugewiesene Be-
deutung unterschiedlich beurteilt wird 17 . Der ihm beigelegte 'Gottesknecht-
Titel' transportiert nach der Überzeugung der Mehrheit keine spezifischen
Inhalte mehr 18 . Ingrid Riesener betont in diesem Zusammenhang, daß das
chronistische Geschichtswerk, indem es Mose den Ehrentitel Π TP 12y ver-
leiht, diesen im Gegensatz zum deuteronomistischen Geschichtswerk nicht
als Propheten, sondern allein als Mittler der Gebote bzw. Kultstifter ver-
steht19. Herbert Schmid, dessen Zusammenstellung von Mosebelegen in
deuteronomistischen und chronistischen Texten nur die Stellen aus der
Chronik nennt, die die "Vorstellung von der autoritativen gottgegebenen
Tora des Mose" widerspiegeln20, führt die Bezeichnung ΠΊΓΡ "73J7 bzw. 73J7
DTlVx auf deuteronomisch/deuteronomistischen Einfluß zurück21. Darüber

antwortet." (R.Smend, Mosebild, 48 [ = 90]) und den Hinweis Herbert Schmids auf
Möglichkeiten - und Grenzen - der "Bemühungen um einen kanonischen Mose"
(H.Schmid, Gestalt, 96f, Zit.:96).
15 Nach Philo, VitMos II 292 war Mose gleichzeitig "König, Gesetzgeber, Hoherpriester
und Prophet" (vgl. dazu JJeremias, Art.: Μωυσής, 855f; R.Smend, Mosebild, 48 [ =
90]), Josephus sieht in ihm v.a. den Gesetzgeber (νομοθέτης) (vgl. Josephus, Ap
2,165). Zum Mosebild des NT vgl. J.Jeremias, Art.: Μωυσής, 868-878; A.Descamps,
Moses; P.Demann, Moses; T.Saito, Mosevorstellungen.
16 Vgl. z.B. A.Gelin, Moses, 56: "Während der letzten Jahrhunderte des Judentums [sie!]
ist es vor allem der Gesetzgeber, der das Bild des Moses bestimmt. Der schon in den
deuteronomistischen Kreisen gebräuchliche Ausdruck 'Gesetz des Moses' wird jetzt all-
gemein üblich (Chronik passim [...])".
17 Vgl. dazu einerseits Chr.Barth, Mose, 70: "Außerhalb des dtr. Geschichtswerkes spielt
Mose im Werk des Chronisten eine ziemlich bedeutende Rolle", und andererseits H.Ca-
zelles, Art.: ffitfö, 45: "Diese Zahlen [sc.: die 31 Belege für Mose im chrGW] signali-
sieren nicht eine sonderlich hohe Bewertung des Mose; denn David ist viel öfter ge-
nannt."
18 Vgl. dazu Chr.Barth, Mose, 70: "Der Titel erscheint jetzt [sc.: im chrGW und der
nachexilischen Zeit überhaupt] ohne erkennbaren Anlaß hinter dem Namen und hat die
Funktion einer hohen, in ihrer Bedeutung jedoch blaß gewordenen Auszeichnung des
Mannes, den man fast ausschließlich als Gesetzgeber bzw. als Vermittler der Gesetzes-
offenbarung kennt."
19 Vgl. I.Riesener, Stamm, 261.
20 H.Schmid, Gestalt, 61.
21 Vgl. a.a.O., 71.
Zur Forschungsgeschichte 5

hinaus spricht er auch dem Titel 'Mann Gottes' jede spezifische Funktion
ab 22 .
Im Vergleich zu den genannten Lösungsversuchen vertreten einige den
Chronikbüchern selbst gewidmete Arbeiten eine differenziertere Position.
Gerhard von Rad betont zwar zunächst ebenfalls, daß die Chronik vor al-
lem an Mose als Gesetzgeber Israels interessiert sei 23 . Gleichzeitig jedoch
verstehe sie ihn, in Übereinstimmung mit der deuteronomischen Linie, als
Propheten 24 . Die Rede vom Israel Π T 3 gegebenen Gesetz weise aller-
dings auf priesterschriftlichen Einfluß hin 25 . Indem die Chronikbücher
gegenüber der von der Priesterschrift betonten " Mose-Stiftszelt-Aaroniden-
Tradition" die "David-Lade-Leviten-Tradition" hervorheben, zeige sich ihre
theologische Eigenständigkeit26. Schließlich wird nach von Rad hinter der
immer wieder anklingenden Gegenüberstellung von David und Mose 27 die
messianische Ausrichtung der Chronikbücher sichtbar, die als "ein einziger
großer Rekurs auf Jahwes Verheißungen"28 zu verstehen seien.
Die in den Rückbezügen auf David einerseits und Mose andererseits
erkennbar werdenden Spannungen versucht Adam C. Welch durch die The-
se, in den Chronikbüchern werde neben der Hand des Chronisten diejenige
eines Überarbeiters sichtbar29, zu erklären. Seiner Meinung nach wurde
Mose an verschiedenen Stellen erst durch den Ergänzer eingetragen30, der

22 Vgl. a.a.O., 73.


Schmids Hinweis auf die Untersuchungen von H.G.Williamson, Accession, der zu zei-
gen versucht, "daß die Nachfolge David-Salomo unverkennbare Analogien zur Sukzes-
sion Mose-Josua (Dtn 31; Jos 1) aufweist", und M.Ssebe, Esra/Esraschriften, der die
"Mose-Esra-Parallele" hervorhebt (H.Schmid, Gestalt, 61), gehört nicht unmittelbar
zum Thema 'Mosebild'.
23 Vgl. G.von Rad, Geschichtsbild, 75.
In diesem Zusammenhang sind die diesem beigelegten Titel 'Knecht JHWHs' bzw.
'Mann Gottes' deshalb besonders wichtig, weil sie von Rads Grundthese, daß sich "hin-
sichtlich des Pentateuch in der Chronik mehr deuteronomische als priesterschriftliche
Elemente" nachweisen lassen (a.a.O., 134), unterstützen.
24 Vgl. a.a.O., 75.
25 Vgl. a.a.O., 76.
26 A.a.O., 134; vgl. a.a.O., 130.
27 Vgl. a.a.O., 120: Das chronistische Interesse liegt nicht auf der "Ur- und Mosesge-
schichte", sondern dem "Davidsthron unter Gericht und Gnade Jahwes im Wandel der
Zeiten"; s. auch die Gegenüberstellung von "frohe[m] 'Gesetz Davids'" und "stren-
ge[m] Gesetz Mosis" (a.a.O., 136).
28 Ebd.
29 Vgl. A.C.Welch, Work, 149f.
30 Vgl. a.a.O., 79 (zu II 24,6); a.a.O., 95 (zu II 23,18); a.a.O., 140 (zu II 35,6) und
a.a.O., 143 (zu II 35,12).
6 Mose in den Chronikbüchern

dem Priesterkodex nahesteht. Dadurch sollten nach Auffassung des Chro-


nisten von David eingeführte kultische Anordnungen und Bräuche der höhe-
ren Autorität des Mose von JHWH gegegebenen Gesetzes unterstellt wer-
den. Gleichzeitig wird - zumindest in Fragen des Kultes - David gegenüber
Mose abgewertet 31 .
Martin Noth wendet sich unter anderem gegen die Auffassung, das chro-
nistische Werk sei an "der Geltendmachung der levitischen Ansprüche auf
bestimmte neue und wichtige Funktionen im Tempelkult"32 interessiert.
Dem Begriff 'Gesetz Moses' eignet "der Sinn des voraussetzungslos Gül-
tigen [...] ohne daß die Gestalt Moses in seiner [sc.: des Chronisten] Ge-
schichtsdarstellung überhaupt vorgekommen wäre oder er auch nur das 'Ge-
setz Moses' jemals erklärend eingeführt hätte" 33 . Von daher wird deutlich,
daß sich aus den - von Noth ganz überwiegend dem Chronisten selbst zuge-
ordneten - Belegstellen, die Mose erwähnen, kein spezifisches Mosebild er-
heben läßt.
Thomas Willi hebt in seiner wegweisenden Monographie zum 'auslegen-
den' Charakter der Chronikbücher in einer kurzen Überlegung das "inhalt-
lich überwiegende prophetische Element des Amtes Moses" 34 hervor. Die
Formulierungen 'durch die Hand Moses gegebenes Gesetz' und der Titel
'Mann Gottes' stehen für die von Mose wahrgenommene Funktion, JHWH
in Israel zu repräsentieren. Gleichzeitig ist das "Urbild des Mitders" Re-
präsentant Israels vor JHWH und übt, wie der Titel 'Gottesknecht' deutlich
macht, das 'herrscherliche' und 'priesterliche' Amt aus 35 . Für den Chro-
nisten "ist Mose der erste, der Erzprophet und seine Thora die erste und
vornehmste prophetische Schrift" 36 . Dabei liegt seine "Bedeutung zu einem
erheblichen Teil in seiner schriftstellerischen Tätigkeit"37.
Sara Japhet betont erneut den von den Chronikbüchern hergestellten en-
gen Zusammenhang von Mose und der Tora: "Moses represents the author-
ity of the Torah which he handed down" 38 , wobei in erster Linie "in con-
nection with sacrificial worship" 39 auf die Autorität des Mose zurückgegrif-

31 Die für von Rad zentrale Frage der Titel Moses bleibt bei Welch unberücksichtigt.
32 M.Noth, ÜSt, 173f.
33 A.a.O., 162f.
34 Th.Willi, Chronik, 228.
35 Ebd.
36 Ebd.
37 A.a.O., 229.
38 S.Japhet, Ideology, 235.
39 A.a.O., 237.
Zur Forschungsgeschichte 7

fen wird. Die Bezugsgröße ist jedoch nicht eindeutig bestimmbar40. Gegen
von Rad und Welch hält Japhet daran fest, daß durch den Rückgriff auf
Mose keine Spannung mit der Begründung einzelner Anordnungen durch
die Autorität Davids entsteht41.
Diese Spannung wiederum ist Ausgangspunkt der Überlegungen von de
Vries. Von ihm als 'formgeschichtlich' bezeichnete Überlegungen führen
zur Unterscheidung zweier "formulas" 42 : Während durch die "Authoriz-
ation formula" 43 essentielle Angelegenheiten der kultischen Praxis durch
die Autorität des Mose und seines Gesetzes begründet werden, sind "ad hoc
regulations" mit Hilfe der "Regulation formula" 44 auf David oder seine
Nachfolger zurückgeführt 45 . Mit Hilfe dieser 'formulas' wollen die Chro-
nikbücher, die die "prime authority of Moses as Israel's primordial cult
founder" 46 nie in Frage stellen, die Autorität Davids besonders hervorhe-
ben 47 . David, nicht Mose steht am Anfang und im Zentrum der chronisti-
schen Geschichtsdarstellung48, er ist Maßstab und Mittelpunkt des Interes-
ses der Chronikbücher.
Der Überblick zeigt das Fragespektrum auf, das die bisherigen Bemühun-
gen um das Mosebild der Chronikbücher erörtert haben. Das Thema des -
durch Mose gegebenen - Gesetzes, Moses Rolle als Prophet und die gegen-
über dem chronistischen Davidbild sichtbar werdenden Differenzen sind
auch in dieser Untersuchung aufzugreifen. Darüber hinaus ist - insbeson-
dere angesichts der Tatsache, daß keine der genannten Arbeiten die Gesamt-
heit der Nennungen Moses in der Chronik in Betracht zieht - zu vermuten,
daß sich durch eine solche Gesamtschau neue Problemstellungen und Ant-
worten ergeben.

40 Vgl. a.a.O., 244.


41 Vgl. a.a.O., 237f.
42 SJ.de Vries, Moses, 620.
43 I 6,34; 15,15; 16,40; 28,19; II 8,13; 23,18; 30,5; 30,18; 31,3; 35,6; 35,12 (vgl. die
Tabelle, a.a.O., 622).
44 I 15,13; 23,31; 24,19; II 4,7.20; 8,14; 23,18; 29,15; 29,25; 30,6.12.16; 35,4.10.13.
15.16 (vgl. die Tabelle, a.a.O., 627).
45 A.a.O., 620.
46 A.a.O., 631.
47 Vgl. a.a.O., 632.
48 Vgl. a.a.O., 639.
8 Zur Exegese der Chronikbiicher

2. Zur Exegese der Chronikbücher

Den im folgenden zu erörternden Grundfragen der Exegese der Chronik-


bücher1 kommt angesichts des gegenwärtigen Forschungsstandes meines Er-
achtens eine zentrale Bedeutung zu.
Schon im 19. Jahrhundert haben die Arbeiten zur Chronik eine Art Vor-
reitenolle im Blick auf die Entwicklung der historisch-kritischen Forschung
gespielt. Methode, Anliegen und Zielsetzung dieser Forschungsrichtung
wurden an den Chronikbüchern entwickelt bzw. entfaltet oder bestätigt2.
Der in der jüngsten Gegenwart zu beobachtende Boom von Untersuchungen
zum literarischen Charakter, zur Theologie, Intention und zum sozialge-
schichtlichen Hintergrund der Chronik läßt ebenso wie das genus dieser Ar-
beiten die Vermutung zu, daß hier erneut grundsätzliche exegetische und
das hermeneutische bzw. theologische Selbstverständnis alttestamentlicher
Forschung berührende Probleme thematisiert werden.
Manfred Oeming hält es für "unvermeidbar, daß eine Gesamtsicht der
Entstehung der Chr und ihrer Beziehung zu den Büchern Esra und Nehemia
gewisse Einflüsse auf das Verständnis [sc.: der genealogischen Vorhalle]
ausübt" und betont: "Auch hier gilt der hermeneutische Zirkel oder besser,
die 'hermeneutische Spirale', wonach das Teil und das Ganze sich gegensei-
tig fördern (oder behindern)." 3
Meines Erachtens können die aus dieser Feststellung resultierenden Pro-
bleme schwer überschätzt werden. Die derzeitige Chronikforschung ist in
zentralen Fragen durch so divergierende und einander ausschließende Posi-
tionen gekennzeichnet4, daß dem Vorverständnis der jeweiligen Exegetin-
nen und Exegeten eine zentrale Rolle zukommt. Anders formuliert: Die ge-

1 Vgl. zur Forschungsgeschichte Th.Willi, Chronik, 12-47; D.Mathias, Geschichte, 6-


111; S.Japhet, Historical Reliability; M.Oeming, Israel, 37-47.48-72; K.Striibind, Tra-
dition, 9-60.82ff.
2 Vgl. als Beispiel W.M.L.de Wette, Kritischer Versuch.
3 M.Oeming, Israel, 37.
4 Der von Ernst Jenni erhobene Wunsch nach "einer nunmehr wieder fälligen größeren
Synthese" (E.Jenni, Literatur, 108) scheint heute noch unrealistischer als zu seiner Ent-
stehungszeit.
Die Hypothese vom 'Chronistischen Geschichtswerk' 9

genwärtige Lage macht es notwendig, jeder exegetischen Arbeit zu Chro-


niktexten eine Standortbestimmung zu methodischen und theologischen Pro-
blemen voranzustellen. Ein direkter Zugang zum Text ist gegenwärtig nicht
möglich. Er wird nicht nur durch den "garstige[n] breite[n] Graben" der
Geschichte5 verhindert. Meines Erachtens muß sich redliche Arbeit an den
Chronikbüchern eingestehen, daß sie bestimmte Hypothesen voraussetzt und
auf ihnen gründet. Die Interpretation konkreter Texte kann diese unter-
mauern oder in Frage stellen, von ihnen lösen kann sie sich nicht6. Ange-
sichts der gegenwärtigen Forschungssituation wird die Bedeutung dieser an
sich banalen Feststellung deutlich. Hinsichtlich der Chronikbücher sind
nicht nur die Fragen nach ihrem Verfasser, dem Umfang seines Werkes,
seiner Datierung und Herkunft, seiner Quellen und seiner theologischen In-
tention umstritten, sondern auch die nach Gattung und literarischer Einheit-
lichkeit des Textes selbst. Dabei sind die verschiedenen Fragen und ihre
Lösungsvorschläge eng miteinander verknüpft. Die - auch von ihren Impli-
kationen her - weitestgehende ist dabei diejenige nach der Existenz eines so-
genannten chronistischen Geschichtswerkes7. Sie wird deshalb als Aus-
gangspunkt der weiteren Darstellung vorangestellt.

2.1. Zur Hypothese vom 'Chronistischen Geschichtswerk'

Leopold Zunz und Franz Carl Movers sind die Urheber der Hypothese von
der ursprünglichen Einheit der Bücher Chronik und Esra/Nehemia. Zunz
versucht mit ihrer Hilfe das Problem der literarischen Uneinheitlichkeit des
Esrabuches zu lösen bzw. die daraus resultierende Annahme, Esra sei das
Produkt verschiedener, unbekannter Schriftsteller, zu widerlegen8. Movers
entwickelt die Hypothese im Rahmen seiner Verhältnisbestimmung von

5 G.E.Lessing, Beweis, 311.


6 Dieser Vorbehalt richtet sich gegen eine Auffassung, der etwa Roddy Braun in der Ein-
leitung seines Kommentars Ausdruck verleiht: "a new study of Chronicles needs to re-
consider the text in its own right, apart from the presuppositions which have often ac-
companied its study in the past, and hopefully to begin movement towards a new and
more complete understanding of the message of Chronicles" (R.L.Braun, WBC,
XVIII).
7 Vgl. dazu die Formulierung Saebes: "Eine Darstellung der chronistischen Theologie
hängt davon ab, wen man unter dem Chronisten versteht und wie man den Umfang sei-
nes Werks bestimmt." (M.Siebe, TRE, 74).
8 Vgl. L.Zunz, Vorträge, 21f.
10 Zur Exegese der Chronikbücher

Chronik und Esrabuch. Er vertritt dabei die Auffassung, daß in IlChr 3 6 , 2 2


der ursprüngliche Text vorliegt, dessen Parallele in Esr 1 aus der Chronik
übernommen wurde, die deshalb älter als Esra ist 9 . Weil gleichzeitig nur
ein Verfasser von IlChr 3 6 , 2 2 f und Esr 1,1-4 denkbar ist 1 0 , kommt Movers
schließlich zum Ergebnis, daß der "Redacteur des Buches [sc.: Esra][...]
kein anderer als der Verf. der Chr." 1 1 sein kann. Der sich anschließende
Versuch, die Ähnlichkeiten in Sprache und Darstellungsweise aufzuzeigen,
soll dieses Resultat belegen 1 2 .
Während de Wette in der fünften Auflage seiner Einleitung noch vorsich-
tig formuliert:

"Dagegen muss zugestanden werden, dass die Meinung, der Verf. der Chron. sei zu-
gleich der Sammler des B.Esra, durch die Verwandtschaft, welche zwischen beiden Bü-
chern besteht, sehr begünstigt wird" 1 ·',

erhält die Hypothese seit den Arbeiten Heinrich Ewalds und Ernst Ber-
theaus 1 4 bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein "fast axioma-
tische Würde" 1 5 . Julius Wellhausen, von Rad und Noth beispielsweise
übernehmen sie ohne nähere Begründung 1 6 .
Japhet kommt das Verdienst zu, den Hypothesencharakter des Postulates
eines chronistischen Geschichtswerkes wieder bewußt gemacht zu haben 1 7 .

9 Vgl. F.C.Movers, Untersuchungen, 13.


10 Vgl. a.a.O., 14.
11 A.a.O., 17.
12 Vgl. a.a.O., 17-24.
13 W.M.L.de Wette, Einleitung (51840), 269. Vgl. dazu ders., Kritischer Versuch, 46-
48: Esra ist nicht der Vf. der Chr - deshalb gehören Chr und Esr/Neh nicht zusammen.
14 Vgl. dazu Th.Willi, Chronik, 40-42.
15 M.Saebe, TRE, 81.
16 Vgl. J.Wellhausen, Prolegomena6, 165; G.von Rad, Geschichtsbild; ders., Theologie,
Bd.I, 359-365; M.Noth, ÜSt, 110.
Eine detaillierte Auflistung der sprachlichen und syntaktischen Gemeinsamkeiten von
Chr und Esr/Neh bieten im 20.Jh. v.a. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 27-36, und
S.R.Driver, Introduction, 535-540, während etwa Wilhelm Rudolph allgemein auf die
"Gemeinsamkeit des Sprachgebrauchs, des Stils und der Gedankenwelt" hinweist
(W.Rudolph, HAT 21, III). In seinem Esr/Neh-Komm. heißt es noch kürzer: "Daß der
Chronist, d.h. der Verfasser der Chr-Bücher, auch unsere Bücher Esr und Neh geschaf-
fen hat, leidet keinen Zweifel. Dafür bürgt schon die Identität von 2 Chr 36,22f. und
Esra 1,1-3a" (ders., Esra, XXII).
17 Vgl. S.Japhet, Authorship. Der von Welch formulierte Vorbehalt gegen die Existenz
eines chrGW (vgl. A.C.Welch, Work, 1: "The work of the Chronicler, therefore [...]
is to be found in IChr.l0:l - IIChr.36:21"; vgl. a.a.O., 126) blieb weitgehend folgen-
los; ebenso - zumindest außerhalb Israels - die Argumentation von M.H.Segal, Ezra
(vgl. dazu S.Japhet, Ideology, 4f mit Anm.10.12) und - zunächst - die Überlegungen
von D.N.Freedman, The Chronicler's Purpose.
Die Hypothese vom 'Chronistischen Geschichtswerk' 11

Ihre zunächst ausschließlich sprachlich-syntaktische Argumentation zur


Bestreitung der Hypothese18 hat Willi durch kanongeschichtliche - und
knappe inhaltliche - Überlegungen ergänzt. Er hält allerdings daran fest,
daß "zwei Werke desselben Autors" vorliegen19. Auf gewichtige theologi-
sche Differenzen weisen zum Beispiel James D. Newsome, Hugh Godfrey
Williamson und Roddy L. Braun hin 20 . Ihre Untersuchungen weisen nach,
daß zentrale Themen wie die 'Vergeltungslehre', das Verständnis Israels,
die Mischehenfrage, die Haltung gegenüber der davidischen Dynastie und
die Auffassung von der Rolle der Prophetie in den Chronikbüchern grund-
sätzlich anders als in Esra/Nehemia verstanden und entfaltet werden.
Japhets Hinweis auf die form- bzw. gattungsgeschichtlichen Unterschiede
zwischen beiden Büchern21 zeigt, daß die Argumentationsebenen auf denen
die Hypothese eines chronistischen Geschichtswerkes bestritten werden
kann, noch erweiterbar sind.
Zur Verteidigung der Hypothese werden - neben methodischer Kritik am
Nachweis philologisch-stilistischer Differenzen 22 - vor allem inhaltliche
Argumente angeführt. Antonius H.J.Gunneweg etwa meint, die genannten
theologischen Unterschiede durch den Hinweis auf "die mit dem Stoff der
Darstellung selbst vorgegebenen Differenzen" entkräften zu können 23 . Da-
bei betont er die Bedeutung des "die Erkenntnis leitende[n] Interesse[s], das
die Infragestellung oder Behauptung eines durchgehenden ehr Werkes lenkt
oder doch lenken kann" 24 , und relativiert gleichzeitig die Bedeutung der
Frage des chronistischen Geschichtswerkes für seine eigene Auslegung von
Esra/Nehemia 25 . Nach Karl Friedrich Pohlmann sprechen vor allem bei der
Schilderung von Festen sichtbar werdende "Übereinstimmungen und Ge-

i s Vgl. dann aber etwa S.Japhet, People, 118: "The book of Chronicles presents a vigor-
ous antithesis to the outlook of Ezr.-Nen. [sic !] in many of its major facets", und dies.,
Relationship, 305: "against this elementary and self-evident similarity, and even against
the more specific parallels such as the significance of the Temple and the clergy in the
two works, the theological differences are all the more striking", und die anschließend
gegebene Ubersicht (a.a.O., 305f)·
19 Vgl. Th.Willi, Chronik, 179-184, Zit.: 180.
20 Vgl. J.D. Newsome, Towards a New Understanding; H.G.M. Williamson, Israel;
ders., NCBC, London 1982, 9-11; R.L.Braun, Reconsideration; ders., Chronicles;
ders., WBC, XXf.
21 Vgl. S.Japhet, Relationship, 306-308.
22 Vgl. M.Oeming, Israel, 43.
23 Vgl. A.H.J.Gunneweg, Esra, 27.
24 Ebd.; vgl. dazu auch M.Oeming, Israel 42.
25 Vgl. A.H.J.Gunneweg, Esra, 28.
12 Zur Exegese der Chronikbücher

meinsamkeiten" für "eine korrespondierende konzeptionelle Gestaltung der


Materie in der Chronik und im Esrabuch" 26 . Die angeführten theologisch-
inhaltlichen Differenzen sind auch seiner Meinung nach nicht wirklich vor-
handen oder durch die unterschiedliche Thematik von Chronikbüchern und
Esrabuch erklärbar 27 . Zumindest I und II Chr und Esra - mit Neh 8 - stam-
men seiner Meinung nach "aus der Hand eines Autors oder Autorenkrei-
ses" 28 .
Eine abschließende Klärung des Problems wird - wenn überhaupt - erst
die weitere Diskussion der erörterten Fragen und der angesprochenen Pro-
blemfelder leisten können. Meines Erachtens vermögen jedoch die genann-
ten neueren Verteidigungsversuche der Hypothese die ihr entgegenstehen-
den Argumente nicht wirklich zu entkräften. Während "ein beträchtlicher
Abstand zwischen den älteren Teilen von Chr und Esr-Neh wahrgenommen
werden" 29 muß, können die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen durch - auf
der Hand liegende - "traditions- und theologiegeschichtliche Zusammenhän-
ge" 30 hinreichend erklärt werden. Deshalb ist es geboten, die - ursprünglich
aufgrund der einseitigen Fragestellung nach dem Verfasser des Esrabuches
konstruierte - Hypothese eines chronistischen Geschichtswerkes aufzuge-
ben 31 .

2.2. Die Datierung der Chronikbücher

Die zwischen der Frage nach dem sogenanten chronistischen Geschichts-


werk und derjenigen nach der Datierung der Chronikbücher bestehenden
Zusammenhänge werden deutlich, wenn vor allem nach Auffassung der aus

26 K.-F.Pohlmann, Korrespondenzen, 316.


27 Vgl. a.a.O., 318-321; die Problematik des Israelverständnisses wird a.a.O., 321-327,
ausführlich erörtert.
28 A.a.O., 328. Die Zugehörigkeit der Nehemia-Denkschrift zum chrGW hat Pohlmann
bereits früher bestritten (vgl. K.-F.Pohlmann, Studien, besonders 143-145).
29 M.Saebe, TRE, 83.
30 P.Welten, Chronikbücher, 369; vgl. dazu S.Japhet, Relationship, 305.
31 Wenn Oeming sein Festhalten an ihr damit begründet, "daß die Richtigkeit der weit
verbreiteten Hypothese vom ehr Geschichtswerk nicht widerlegt ist" (M.Oeming, Isra-
el, 43), kehrt er die Beweislast um - trotzdem gilt: nicht die Hypothese hat den Vor-
rang, sondern diejenige Erklärung, die keine Hypothese erfordert (vgl. hierzu jetzt auch
das Ergebnis von Strübind: "Die Beweislast für ein ChrG liegt heute bei den Vertretern
der fraglich gewordenen These." [K.Strübind, Tradition, 36]).
Die Datierung der Chronikbücher 13

dem amerikanischen Sprachraum stammenden Bestreiter seiner Existenz die


Chronikbücher in die frühe nachexilische Zeit zu datieren sind.
Der terminus a quo des chronistischen Geschichtswerkes, "das Ende der
in Neh berichteten Ereignisse [...], also circa 400 v.Chr." 32 , ist für die Da-
tierungsversuche David N. Freedmans, Frank Moore Cross', Newsomes
und Brauns irrelevant geworden. Sie setzen zumindest eine Grundschicht
der Chronikbücher schon in die zweite Hälfte bzw. gegen Ende des sech-
sten Jahrhunderts an, wobei die drei erstgenannten zur Begründung vor al-
lem die prophetische Dimension der Chronikbücher anführen 33 . Entgegen
der weit verbreiteten Datierung zwischen 400 und 350, d.h. in die letzten
Jahrzehnte der persischen Herrschaft 34 , hat vor allem Peter Welten zu zei-
gen versucht, daß die Chronikbücher erst in hellenistischer Zeit, wahr-
scheinlich zwischen 300 und 250 v.Chr. entstanden sind 35 .
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die These Willis, nach der die
Chronikbücher und Esra/Nehemia "zwei Werke eines Verfassers" darstel-
len 36 . Den terminus ad quem der Entstehung bildet für Welten - wie ver-
schiedene seiner Vorgänger - das Jahr 190 v.Chr., "da Sir 47,2-11 das
chronistische Davidsbild vorausgesetzt ist" 37 . Sein Datierungsvorschlag
wird in erster Linie mit historisch-archäologischen Argumenten begründet.
Er verweist hierbei unter anderem auf den in der Darstellung der Chronik-
bücher erkennbaren Abstand zur Zeit Esras und Nehemias und die hinter
den chronistischen 'Kriegsberichten' greifbar werdende "Lage permanenter
Bedrohungen", hinter der der seleukidisch-ptolemäische Konflikt durch-

32 M.Oeming, Israel, 44.


33 Vgl. D.N.Freedman, The Chronicler's Purpose, hier: 440f: 515 v.Chr.; F.M.Cross,
Reconstruction, 14: "In summary we may list three editions of the Chronicler's work,
Chrj composed in support of Zerubbabel shortly after 520 B.C., Chr2 written after
Ezra's mission in 458 B.C., and Chrj edited about 400 B.C. or shortly thereafter.";
J.D.Newsome, Towards a New Understanding, hier: 216: zwischen 538 und 515; R.L.
Braun, WBC, XXIX: "initial stratum" ca. 515, dieses wird "expanded and updated
[...], reaching its final form about 350-300 B.C.". Zur Friihdatierung vgl. schon
A.C.Welch, Work, 155, und jetzt W.Zwickel, Räucherkult, 330, Anm. 51; daß "eine
'durative' oder 'epochale' Datierung" notwendig ist, betont M.Saebo, TRE, 80.
34 Vgl. dazu die Übersicht bei G.J.Botterweck, Eigenart, 402f, Anm. 4; vgl. auch
P.R.Ackroyd, I&II Chronicles, 27, und - trotz seiner Bestreitung eines chrGW -
H.G.M.Williamson, Israel, 83-86, und ders., NCBC, 15f.
35 Vgl. P.Welten, Geschichte, 199f. Schon Zunz datiert die Chronik um 260 v.Chr. (vgl.
L.Zunz, Vorträge, 34).
36 P.Welten, Geschichte, 199.
37 Ebd.; vgl. dazu z.B. M.Noth, ÜSt, 155, Anm.l.
14 Zur Exegese der Chronikbücher

schimmert38. Weltens Datierungsvorschlag hat durch "sprachliche und lin-


guistische Überlegungen" - unter anderem von Robert Polzin und Andrew
E. Hill - zwischenzeitlich weitere Unterstützung erhalten39.
Die Datierung - der ursprünglichen Fassung - der Chronikbücher in die
erste Hälfte des dritten Jahrhunderts ist die meines Erachtens wahrschein-
lichste. Sie wird deshalb im Folgenden zugrunde gelegt.
Dabei bleibt, angesichts des zu vermutenden späten Abschlusses des drit-
ten Teiles des hebräischen Kanons, gleichzeitig Spielraum für spätere Er-
weiterungen und Ergänzungen40.

2.3. Zum literarischen Charakter der Chronikbücher

Noths Auffassung, daß das chronistische Geschichtswerk "in seiner Grund-


lage auf einen bestimmten Verfasser zurückgeht", allerdings "durch klei-
nere und größere Zusätze und Ergänzungen nachträglich ein gegenüber sei-
nem Grundbestande mehr oder weniger verändertes Gesicht erhalten hat"41,
repräsentiert einen langjährigen Konsens, den auch Bestreiter eines chro-
nistischen Geschichtswerkes nicht in Frage stellen 42 .

38 P.Welten, Geschichte, 200. Die gegen Weltens Argumentationsgang u.a. von William-
son vorgebrachte Kritik, die sich v.a. gegen seine Interpretation der in IlChr 26,15a ge-
nannten natfna nuntfn (vgl. P.Welten, Geschichte, 111-113) richtet (vgl. H.G.M.Wil-
liamson, Israel, 85f, und dessen Aufnahme durch R.L.Braun, WBC, XXVIII), wider-
legt die entscheidenden Argumente Weltens nicht. Wenn Oeming an Weltens Beobach-
tungen u.a. die Frage stellt, ob "man die großen Zahlen nicht auch aus der allgemeinen
Sucht des Chr nach riesigen Zahlen erklären" könne (M. Oeming, Israel, 45), deckt das
den ihm eignenden psychologisierenden Interpretationsrahmen auf und greift auf in der
ersten Hälfte des 19.Jh.s formulierte, einer sachlichen Grundlage entbehrende Vorurtei-
le zurück.
39 Vgl. dazu W.Zwickel, Räucherkult, 319, Anm.4.
40 Vgl. M.Noth, ÜSt, 155. Nach Noth ist für "die Abfassung von Chr [...] die Zeit zwi-
schen 300 und 200 v.Chr. die wahrscheinlichste" (ebd.).
Dieser Spielraum besteht selbst dann, wenn "wesentliche Bestandteile" der D'SVD, zu
denen die Chr sicher zu zählen sind, am Ende des 2.Jh. v.Chr. "schon beieinander" wa-
ren (O.Kaiser, Einleitung, 408). Im Hinblick auf den endgültigen Abschluß des Kanon
hat Peter Schäfer m.E. überzeugend nachgewiesen, daß "der Kanon in der frühen Jav-
neh-Periode (also gegen Ende des 1. Jh. n. Chr.) keineswegs schon feststand" (P.Schä-
fer, Geschichte, 154; vgl. ders., Synode).
41 M.Noth, ÜSt, 111; vgl. W.Rudolph, HAT, VIII.
42 Vgl. z.B. Th.Willi, Chronik, 204; P.Welten, Chronikbücher, 370.
Der literarische Charakter der Chronikbücher 15

Allerdings wurden im Lauf der Forschungsgeschichte immer wieder an-


dere Wege beschritten, um das Problem der literarischen Gestalt der Chro-
nikbücher zu lösen. Auf sie ist im Folgenden einzugehen.
Schon Johannes Hänel schloß in der Einleitung zu seinem - von Johannes
Wilhelm Rothstein begonnenen - Kommentar aufgrund der Tatsache, daß
"in der Chronik Quellen zusammengearbeitet" sind 43 , auf verschiedene Re-
daktionen, die die vorliegende Form des chronistischen Werkes geschaffen
haben. Besonderes Gewicht kommt dabei zwei Hauptredaktionen zu, die
mit den Sigeln Ch p und Ch R bezeichnet werden 44 . Letztere markiert zu-
gleich den Endpunkt der "literarischefn] Entwicklung der Chronik", wobei
mit "zahllose[n] Zusätze[n] von den verschiedensten Händen" gerechnet
wird 45 . Bemerkenswert ist dabei, daß Ch p um 432 und Ch R bereits um 400
v.Chr. entstanden sein sollen.
Auch Welch meinte nachweisen zu können, daß in den Chronikbüchern
"two main Schichten or strands" sichtbar werden 46 . Sie sind Produkt des -
während des Exils in Juda wirkenden - Chronisten bzw. seines 'Ergänzers'.
Dieser "annotator [...] belonged to the generation which followed the Re-
turn from Exile" 47 .
Kurt Gallings Hypothese, "daß wir es, von späteren Zusätzen abgesehen,
beim chronistischen Werk mit zwei Autoren zu tun haben" 48 , unterscheidet
sich von den bisher genannten Arbeiten dadurch, daß er im wesentlichen
sonst aufgrund literarkritischer Ergebnisse als sekundäre Zusätze verschie-
dener Verfasser ermittelte Stellen auf eine Hand zurückführt 49 . Dabei ver-
bindet Galling rein literarkritische Beobachtungen mit solchen zu einzelnen
'Motiven' bzw. 'Materien' und stilistischen Überlegungen 50 .
Die bereits erwähnten Arbeiten von Freedman, Cross und Newsome 51
versuchen, das Problem der Entstehung von Chronikbüchern und Esra/Ne-

43 J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, Leipzig u.a. 1927, LIX.


44 Zu ihren Charakteristika vgl. a.a.O., LIXff.
45 A.a.O., LXVI.
46 A.C.Welch, Work, 149 - Welch sieht sich in Übereinstimmung mit G.von Rad, Ge-
schichtsbild.
47 A.C.Welch, Work, ISS. Auch hier wird der Zusammenhang der Frage nach literarkriti-
schen bzw. redaktionsgeschichtlichen Problemen und der Datierung der Chr offenkun-
dig.
48 K.Galling, ATD, 8.
49 Vgl. P.Welten, Geschichte, 190.
50 Vgl. dazu a.a.O., 190f. Dort auch grundsätzliche Kritik an Gallings Hypothese, die je-
doch durch die Forderung, dessen "neuen und sachgemäßen Beobachtungen" mehr Auf-
merksamkeit zu schenken, ergänzt ist.
51 Vgl. oben, 2.2; so auch S.L.McKenzie, Use.
16 Zur Exegese der Chronikbücher

hemia mit Hilfe der Unterscheidung zwischen einer Grundschicht und spä-
teren Bearbeitungen zu lösen. Ihre Argumentation stützt sich dabei vor al-
lem auf inhaltliche Überlegungen. Gleichzeitig legen sie besonderes Ge-
wicht auf die Ermittlung des Zusammenhangs der theologischen Themen
und Intentionen der "editorial levels" mit deren ursprünglichem "historical
setting" 52 .
Grundsätzliche Kritik an diesem Vorgehen hat vor allem Williamson for-
muliert 53 . Er vertritt seinerseits die Auffassung, "that Chronicles constitutes
a substantial unity", und mahnt deshalb im Blick auf die Ausscheidung se-
kundärer Zusätze zu äußerster Zurückhaltung54. Nach Williamson selbst
wird allerdings in IChr 15; 23-27 eine "single, relatively slight, redaction"
sichtbar, wobei sich dieses Ergebnis "primarily on internal literary-critical
arguments" stützt 55 .
Auch Oeming teilt die vorsichtige Haltung im Blick auf die Ausscheidung
sekundärer Stücke. Seiner Meinung nach "scheint der ursprüngliche Aufbau
der Chr sehr viel mehr Plan und Struktur zu haben, als die literarkritische
Zerlegung, ja gelegentliche Zertrümmerung wahrnehmen kann" 56 . Das
schließt jedoch die Existenz von bis in die Makkabäerzeit reichenden Erwei-
terungen nicht aus 57 .
Aus dem Dargestellten ergeben sich für die Analyse und Interpretation
der Moseperikopen in der Chronik folgende methodischen Grundsätze:
Auch wenn "ein geschlossenes literarisches Werk" vorliegt58, kann auf die
Frage nach "sekundärer Anreicherung der wegen ihres Charakters als Aus-
legung für Zusätze verhältnismäßig offenen Chronik" 59 nicht verzichtet
werden. Dabei reichen für die Erhebung späterer Erweiterungen klassische
literarkritische Argumente nicht aus. Wenn in den Chronikbüchern das Phä-
nomen der Schriftauslegung begegnet bzw. die Chronik nur als auslegendes
Werk angemessen verstanden werden kann, können hier auftretende Brüche

52 A.a.O., 26.
53 Vgl. H.G.M.Williamson, Eschatology, und - zusammenfassend - ders., NCBC, 14.
54 Ebd.
55 A.a.O., 15.
56 M.Oeming, Israel, 39.
57 Vgl. a.a.O., 40. Daß die Chr bis in die Makkabäerzeit bzw. in das 2.Jh. durch Zusätze
erweitert wurden, nehmen u.a. auch Carl Steuernagel (vgl. C.Steuernagel, Einleitung,
409), Noth (vgl. M.Noth, ÜSt, 155) und Otto Eissfeldt (vgl. O.Eissfeldt, Einleitung,
732) an.
58 P.Welten, Chronikbücher, 370.
59 Th.Willi, Chronik, 194.
Der literarische Charakter der Chronikbücher 17

und Spannungen auch als Resultat eben dieser Schriftauslegung aufzufassen


sein. Gleichwohl machen Beobachtungen zu einzelnen 'Motiven', 'Mate-
rien' und stilistische Überlegungen60 sowie die Frage nach 'Leitworten' die
Ausscheidung von Zusätzen möglich, nach derem sachlichen oder histori-
schen Hintergrund bzw. 'Sitz im Leben' jeweils zu fragen sein wird.
Nachdem so das dieser Arbeit zugrundeliegende methodische Vorverständ-
nis und daraus folgende methodische Konsequenzen dargelegt worden sind,
wird im folgenden Teil (II.) eines der umstrittensten Themen der chro-
nistischen Theologie, die Frage nach den sich in den Chronikbüchern wi-
derspiegelnden Zukunftserwartungen, thematisiert. Dabei folgt der aus
sachlichen Gründen breit entfalteten Forschungsgeschichte ein erster Lö-
sungsvorschlag, der zu einer neuen Begriffsbestimmung von Theokra-
tie/theokratisch führt.
Die sich hieran anschließenden exegetischen Untersuchungen (III.) wer-
den den Nachweis erbringen, daß die Chronikbücher in ihrer uns heute vor-
liegenden Endgestalt einer spezifischen Zukunftserwartung Ausdruck ver-
leihen. Diese orientiert sich an der Gestalt des Mose und kann als 'theo-
kratische Zukunftserwartung' beschrieben werden.

60 Vgl. dazu oben, zu Galling.


Π. Um die Theokratie
- zur Begriffs- und Interpretationsgeschichte

1. Theokratie als Ideal der Chronikbücher

1.1. Die These Wilhelm Rudolphs

Das chronistische Geschichtswerk "will die Verwirklichung der Theokratie


auf dem Boden Israels schildern". Mit dieser These faßt Rudolph den
"Zweck des von allen Zutaten befreiten chronistischen Werkes"1 zusam-
men. Der Begriff Theokratie ist von Rudolph definiert als "die Gottesherr-
schaft", die unter David und Salomo "konkrete Gestalt gewonnen hat" und
die JHWH in nachexilischer Zeit - nach dem Niedergang unter den Nach-
folgern Salomos - neu befestigte, indem er die "neue Gottesgemeinde er-
stehen [ließ], die nun die Theokratie verkörpert"2.
Die Theokratie "gründet sich auf die Aussonderung Israels aus der Völ-
kerwelt, genauer: auf die Erwählung Judas und Jerusalems, wo David sei-
nen Thron und Jahwe seinen Tempel hat" 3 . Mit der Erwählung Jerusalems
hat JHWH die "irdische[n] Theokratie", den "Gottesstaat", selbst errichtet4.
Dabei ist "das davidische Königtum eine der Säulen der Theokratie"5. Ih-
re "zweite Säule" bildet "der Tempel in Jerusalem"6.

1 W.Rudolph, HAT, VIII. Vgl. dazu ders., Problems, 404: dieser Zweck wird nur dann
sichtbar, wenn das ganze chronistische Geschichtswerk untersucht wird.
2 Ders., HAT, IX. Vgl. dazu O.Eissfeldt, Einleitung, 721: "Das Ziel dieser Gesamtdar-
stellung [sc.: Chr/Esr/Neh] aber ist der Nachweis, daß im Gegensatz zum gottlosen
Nordstaat nur der Südstaat Juda mit seiner Davidischen Dynastie und seinem Jerusa-
lemischen Tempel als das wahre Israel der legitime Träger der im Reiche Davids ver-
wirklichten GottesherTschaft ist und daß allein die Gemeinschaft der aus dem Exil zu-
rückgekehrten Juden [...] diese Tradition treulich aufrechterhält und fortsetzt."
3 W.Rudolph, HAT, Vm.
4 A.a.O., XIV.
5 A.a.O., XXI.
6 A.a.O., XXIII.
Vorgeschichte der theokratischen Interpretation 19

Die theokratische Vorstellung des Chronisten ist gekennzeichnet durch


"das fast völlige Zurücktreten der eschatologischen Erwartung", was sie
"von der alttestamentlichen Hauptlinie, der prophetischen" grundsätzlich
unterscheidet 7 . Für dieses eschatologische Defizit macht Rudolph ein, sei-
ner Meinung nach in Neh 12,44-13,3 begegnendes, Verständnis der "kon-
kretein] jüdische[n] Gemeinde" verantwortlich. Durch diese wird in den
Augen des Chronisten "so sehr das Ideal der Theokratie verwirklicht, daß
es keiner eschatologischen Hoffnung mehr bedarf' 8 .
Rudolph faßt abschließend zusammen:

"Die Meinung, daß die tatsächlich vorhandene jüdische Gemeinde an einem bestimmten
Punkt der Geschichte die Theokratie verkörperte, ist der eine Unterschied, der die Chronik
von der eigentlichen alttestamentlichen Konzeption der Gottesherrschaft trennt

1.2. Zur Vorgeschichte der theokratischen Interpretation


der Chronikbücher

1.2.1. V o n Johann Jahn bis Julius Wellhausen - Miszellen

Mit seiner theokratischen Interpretation des chronistischen Geschichts-


werkes kann sich Rudolph auf zahlreiche Vorgänger stützen.
Schon Johann Jahn (1750-1816) und Joh. Christian W . Augusti (1771-
1841) beispielsweise setzten die Chronikbücher in Beziehung zum Theokra-
tiebegriff.

7 Ebd.
8 Ebd. Beachtenswert ist die Fortsetzung ebd.: "Daß die davidische Dynastie fehlte, ließ
sich verschmerzen, solange die zweite Säule der Theokratie, der Tempel in Jerusalem,
so feststand, wie Gott es [...] gefugt hatte, und die heilsgeschichtliche Bedeutung des
Hauses Davids beschränkte sich [...] derzeit darauf, daß David und Salomo für den
Tempelkult die Ordnungen geschaffen hatten, auf denen der gottgefällige Gottesdienst
der gegenwärtigen Gemeinde beruhte."
9 A.a.O., XXIV.
Es bleibt anzumerken, daß Rudolph in der Einleitung seines Kommentars zu Esr/Neh
den Theokratiebegriff noch nicht gebraucht. In einigen Formulierungen klingen Gedan-
ken an, die später unter der Theokratievorstellung subsumiert werden: Der Chron will
in Esr/Neh zeigen, "wie es [...] dank Jahwes barmherziger Führung und der Gewogen-
heit der persischen Regierung gelang, das [sc.: durch die Zerstörung Jerusalems und die
Deportation seiner Bevölkerung] Verlorene wiederherzustellen" (W.Rudolph, Esra,
XXII). Schon seine Quellen machen eschatologische Aussagen in beiden Büchern un-
möglich. Für Esra und Nehemia war "die Loyalität gegen die persische Regierung
Grundprinzip [...], wodurch sich messianische, d.h. rebellische Regungen von selbst
verboten" (a.a.O., XXIX). Auch zur Zeit des Chronisten, also um 400, war "die persi-
sche Weltmacht dem Judentum so freundlich gesinnt", daß man "nicht zur Eschatologie
20 Theokratie als Ideal der Chronikbücher

Jahn tut dies, wenn er die Herkunft der Chronikbücher aus prophetischen
Kreisen zu belegen sucht. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die in
der Chronik vorfindliche, "den Propheten eigene, immerwährende Bezie-
hung auf die Theokratie, und auch die Freymüthigkeit, mit welcher die Kö-
nige ganz in prophetischen Ton beurtheilt werden" 10 . Augusti hält im Blick
auf die Geschichtsbücher allgemein fest, daß wir in ihnen "einen vollkom-
men historischen Cyklus der israelitischen Geschichte" finden könnten.
"Princip und Tendenz dieser Geschichte des Volkes Gottes sind theokra-
tisch. Die Methode ist ein vollkommen durchgeführter Pragmatismus
[...]" 1 1 . Während die Chronik ausführliche Nachrichten aus dem Reich Ju-
da bieten will, eignet Esra/Nehemia "einerley theokratische Absicht" 12 .
Beide Bücher wollen zeigen, daß die Samaritaner für das Scheitern der
Wiedervereinigung von Nord- und Südreich verantwortlich sind.
Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1780-1849) unterscheidet innerhalb
des Alten Testaments 'theokratisch-historische' und 'theokratisch-begei-
sterte' Schriften 13 und ordnet die Chronikbücher der ersten Gruppe zu. Mit
der Chronik verfolgt deren Autor den "Zweck, [...] die Geschichte des [...]
das mosaische Gesetz und den mosaischen Gottesdienst festhaltenden davi-
disch-theokratischen Reiches zu liefern" 14 .
Wellhausen - der u.a. de Wettes Ergebnisse aufnimmt und fortführt - be-
trachtet die Chronikbücher als Teil des chronistischen Geschichtswerkes.
Sie sind "nach dem Untergange des perischen Reiches schon mitten aus dem
Judaismus" entstanden15 und enthalten keine "Tradition aus vorexilischer
Zeit" 16 . Der Chronist "denkt sich das alte hebräische Volk genau nach dem
Muster der späteren jüdischen Gemeinde, als einheitlich gegliederte Hiero-

seine Zuflucht zu nehmen" brauchte (a.a.O., XXX).


10 J.Jahn, Einleitung, 253.
11 J.C.W.Augusti, Grundriß, 111.
12 A.a.O., 175.
13 Vgl. W.M.L. de Wette, Einleitung (51840), 164.
14 A.a.O., 265.
In der achten, von Eberhard Schräder besorgten Auflage heißt es im neu hinzugekom-
menen §238: "Der Maassstab, den der Verfasser [sc.: des chrGW] bei der Beurtheilung
der geschichtlichen Vorgänge anlegte, war gemäss den Anschauungen seiner Zeit, de-
nen er folgt, der eigentümlich theokratische, näher noch priesterlich-levitische."
(W.M.L.de Wette, Einleitung [ 8 1869], 393).
15 J.Wellhausen, Prolegomena6, 165f.
16 A.a.O., 217.
Vorgeschichte der theokratischen Interpretation 21

kratie, mit einem streng centralisirten Kultus" 1 7 . Er repräsentiert dabei den


"Typus der Geschichtsauffassung der Schriftgelehrten" 18 .

1.2.2. Jelten Swart, Arie Noordtzij und Adrien-M. Brunet

Rudolph selbst verweist bei der Formulierung seiner These auf die beiden
holländischen Theologen Jelten Swart und Arie Noordtzij sowie den Fran-
zosen Adrien-M. Brunet 1 9 .
In Swarts Dissertation 2 0 kommt dem Theokratiebegriff eine zentrale Be-
deutung zu.

Die Einleitung nennt als konstituierende Elemente der Theokratie Königtum, Kult und
Propheten 21 und hält fest, daß die Chronikbücher eine Geschichte der Theokratie in Israel
"sedert David" geben wollen 22 . Swart betont - gegen Wellhausen2·' - ausdrücklich, daß er
den Theokratiebegriff hier im Sinne von Josephus verwendet. Theokratie bezeichnet "een
Godsstaat, waarin God zelf door vaste instellingen regeertDie Gottesherrschaft "is
reeds door de Wet geeischt" und ihre Festigung in der Zukunft in Aussicht gestellt2^. Das
von der Chronik allein anerkannte davidische Königtum ist in Gestalt des davidischen Kö-
nigs "de allesbeherrschende persoonlijkheid in de Theokratie", die den eigentlichen Kern
der Geschichte Israels bildet 26 . Noch einmal betont Swart - gegen Wellhausen und beson-
ders dessen Ausklammerung des prophetischen Elements27 -, daß den Chronikbüchern ein
zukünftiges Ideal vor Augen steht: "een Volk Gods onder den Davidischen Koning der
toekomst, in den rijken zin der profetische voorspellingen".
Der Schlußteil faßt zusammen "dat Krön, nog geloof heeft in de toekomst der Theo-
kratie"28, die Zukunft einer Theokratie, der die davidische Theokratie als Durchgangssta-
tion zu einer weiteren Entwicklungsstufe dient, "die, op hoogere basis, zieh van de wette-
lijke instellingen emaneipeert" 29 .

17 A.a.O., 184.
18 A.a.O., 220.
Vgl. dazu auch E.Reuss, Das Alte Testament, 34: "Wir behaupten, daß die Geschichte,
wie sie hier erzählt ist, mit ihrem rein theokratischen Gesichtspunkte, mit ihren so oft
verdächtigen Zusätzen, mit ihren kolossalen Übertreibungen in den Zahlen, nicht das
persönliche Werk des Schriftstellers ist, dessen Buch wir in Händen haben. Es ist zu-
vörderst das Werk der Zeit und der mündlichen und volkstümlichen Uberlieferung."
19 Vgl. W.Rudolph, HAT, VIII, Anm.3.
20 J.Swart, Theologie.
21 Vgl. a.a.O., 2f.
22 A.a.O., 3.
23 J.Wellhausen, Prolegomena6, 148.
24 J.Swart, Theologie, 3.
25 Ebd.
26 A.a.O., 4.
27 Vgl. J.Wellhausen, Prolegomena6, 189f.
28 J.Swart, Theologie, 97.
29 A.a.O., 98f.
22 Theokratie als Ideal der Chronikbücher

Swart, der allein die Chronikbücher untersucht, hält so, in Auseinander-


setzung vor allem mit der Position Wellhausens, an deren prophetischen,
auf Zukunft hin ausgerichteten theologischen Intention fest und stellt diese
in den Vordergrund.
Theokratie ist dabei als offener Entwicklungsprozeß verstanden, dessen
Stufen M o s e - David - Davididen 3 0 in den Chronikbüchern beschrieben
werden. Rudolphs Modell, das aufgrund der Annahme eines chronistischen
Geschichtswerkes einen Zusammenhang von davidischer und nachexilischer
- jeweils verwirklichter - Theokratie postuliert, läuft der Auffassung Swarts
zuwider. Das von Swart genannte dritte, die Theokratie konstituierende Ele-
ment - 'Prophetie' 3 1 -, steht der These eines eschatologischen Defizits der
Chronik 3 2 diametral entgegen.
Anders als Swart setzt Noordtzij die Einheit von Chronikbüchern und Es-
ra/Nehemia voraus 3 3 .

Im Mittelpunkt der Darstellung von "Groot-Kronieken" steht "het verbond [...] met
Abraham" 34 . Dieser Bund findet seine Fortsetzung im Davidbund, zu ihm muß das Volk
sich immer wieder bekehren, darauf dringen die Propheten3^. "Zij zijn het geweten der
theokratie, die in het verbond haar oorsprong en in de wetten van het vebond haar levens-
regel heeft' 3 ^. Die Theokratie - deren äußere Form füir Noordtzij der Kult darstellt - ist
der eigentliche Kern der Geschichte Israels, "waarin alles heenvoert naar de verkiezing van
David en Jeruzalem"3^.
Auch Noordtzij wendet sich gegen Wellhausens Bezeichnung des Begriffs Theokratie als
"blinder Name" und weist auf Josephus zurück3®*. Die messianische Erwartung des Chro-
nisten wird betont 3 ' und - nach einer Auseinandersetzung mit spezifischen Anliegen des
Deuteronomistischen Geschichtswerkes - festgestellt: für die 'Groß-Chronik' "is Israels
roeping geen andere das deze: het vormen van een Godsstaat", dessen Begründer David als
"theokratisch heerscher" im Mittelpunkt steht 40 . Die Chronikbücher sehen zwar mit der

30 Vgl. a.a.O., 98.


31 Vgl. dazu a.a.O., 2, im Vergleich mit Rudolphs zwei Säulen: Königtum und Kult
(W.Rudolph, HAT, XXI.XXIII).
32 Vgl. a.a.O., XXIII.
33 Vgl. A.Noordtzij, Kronieken, Bd.2, 31.
34 A.a.O., 40.
35 Vgl. a.a.O., 41. Vgl. dazu ders., Intentions, 161-163, wo ebenfalls betont wird, daß
weder der Kult noch der durch Mose gestiftete Sinaibund im Mittelpunkt des ehr Inter-
esses stehen, sondern der Abrahambund zusammen mit dem messianisch verstandenen
Davidbund.
36 Ders., Kronieken, Bd.2, 41.
37 Ebd.
38 Siehe J.Wellhausen, Prolegomena^, 148. Vgl. A.Noordtzij, Kronieken, Bd.2, 42, und
ders., Intentions, 166.
39 Vgl. ders., Kronieken, Bd.2, 42, und Intentions, 167: "Pour lui [sc.: den Chron] Γ
unique vocation d' Israel est de realiser la theoeratie".
40 Ders., Kronieken, Bd.2, 45.
Vorgeschichte der theokratischen Interpretation 23

davidischen Dynastie zunächst "de realiseering der theokratie in Israel"4^ erreicht, aller-
dings war die Mehrheit der Davididen nicht in der Lage, "den Godsstaat in Israel zu festi-
g e n " ^ . Auch in der Zeit Esras und Nehemias ist alles noch "in Werden begriffen""^.

Noordtzij betont die "messianische Ausrichtung des Chronisten, der die


Rückkehr der glorreichen Tage des Davidsreiches erwartet" 44 . Gleichzeitig
hebt er hervor, daß die "unter David wirklich gewordene Theokratie mit
den Propheten als Nachfolgern des Moses" das erfüllen soll, "was Gott von
Anfang an gewollt hat, und zwar nicht nur für Israel, sondern für die
Menschheit überhaupt" 45 .
In der Betonung des messianisch-offenendigen Charakters und der univer-
salen Ausrichtung der chronistischen Theokratievorstellung, die der Chro-
nist in seiner Zeit keineswegs erfüllt sieht, liegen die grundsätzlichen Un-
terschiede der Aufffassungen Noordtzijs und Rudolphs.
Auch Brunei geht von der Existenz eines chronistischen Geschichtswerkes
aus 4 6 , dessen Verfasser die Geschichte Israels vom Standpunkt der Restau-
ration seiner Zeit aus betrachtet 47 . Die "tendance ä Γ idealisation" 48 ist un-
übersehbar.

Konzipiert ist die Geschichtsdarstellung des Chronisten als Geschichte "d'une theocra-
tie", das heißt "d'un royaume oü la premiere preoccupation du chef est de servir Dieu, dont
il est le representant, d'organiser le culte et de voir ä conduire son peuple dans le service
de Dieu" 4 ".
Dabei ist das davidische Königtum bzw. die Hoffnung auf seine Wiederherstellung des-
halb zentrales Element der Theokratie, weil es zu den Rahmenbedingungen gehört, inner-
halb derer die "nation" ihrer Bestimmung, Volk Gottes zu sein, gerecht werden kann 50 .
David und Salomo werden in den Chronikbüchern als ideale theokratische Könige darge-
stellt 51 , die Davididen nehmen in der Geschichte der Theokratie einen zentralen Rang
ein 5 ^. Das Vorverständnis des Chronisten wird hierbei durch die in IChr 17,14 gegenüber
IlSam 7,16 vorgenommene Änderung sichtbar: "la royaute davidique est une royaute theo-
cratique"5^.

41 A.a.O., 47.
42 Ebd.
43 A.a.O., 48. Vgl. ders., Intentions, 167: auch Esra und Nehemia sind an der Aufgabe
gescheitert, die Realisierung der Theokratie zu bewerkstelligen.
44 A.Bea, Arbeiten, 50.
45 Ebd.
46 Vgl. A.-M.Brunet, Chroniste, 481. Der zweite Teil der Untersuchung Brunets (in: RB
61 [1954], 349-386) ist bei Rudolph nicht mehr aufgenommen.
47 Vgl. a.a.O., 483f.
48 A.a.O., 496; vgl. a.a.O., 508.
49 A.a.O., 484.
50 Vgl. a.a.O., 488.504.
51 Vgl. a.a.O., 488.504.
52 Vgl. a.a.O., 493.
24 Theokratie als Ideal der Chroiiikbücher

Auch nach Brunei idealisiert der Chronist also die Vergangenheit Israels
als theokratisches Königtum. Er begreift die Gegenwart jedoch keineswegs
als Verwirklichung der Theokratie und erwartet - wie die Propheten seiner
Zeit - die Restitution des davidisch-theokratischen Königtums. Es zeigt sich
also, daß alle drei von Rudolph genannten Quellen eine andere Theokratie-
vorstellung als er selbst vertreten, wobei diese vor allem durch ihre Zu-
kunftsdimension charakterisiert wird.

1.3. Die Fragestellung

Schon die exemplarische Übersicht verdeutlicht, wie verbreitet die theokra-


tische Interpretation der Chronikbücher ist 54 . Gleichzeitig wird sichtbar,
von welch unterschiedlichen Voraussetzungen her und mit welch unter-
schiedlichen Ergebnissen der Theokratiebegriff in Beziehung zu den Chro-
nikbüchern gesetzt wird.
Während schon bei Jahn und dann vor allem Swart und Noordtzij die für
die Chronik zentrale Verbindung von Theokratie und Prophetie hervorgeho-
ben wird, sehen Augusti, vor allem jedoch de Wette, Wellhausen und Ru-
dolph keinen Zusammenhang beider Größen.
Die drei zuletzt genannten schließen eine - eschatologische - Zukunfts-
hoffnung des Chronisten kategorisch aus, weil dieser die Theokratie in sei-
ner Gegenwart verwirklicht sieht. Swart und Noordtzij hingegen halten aus-
drücklich daran fest, daß die Vollendung der Theokratie für den Chronisten
noch aussteht.
Dieser gewichtige Unterschied hat seine Ursache nicht allein in der Tat-
sache, daß etwa Wellhausen und Rudolph vom - die Chronikbücher und Es-
ra/Nehemia umfassenden - Chronistischen Geschichtswerk ausgehen, wäh-
rend Swart nur die Chronikbücher untersucht. Auch Noordtzij etwa setzt
die Existenz einer 'Groß-Chronik' voraus. Allerdings bleibt festzuhalten,
daß z.B. Rudolph vor allem das Nehemiabuch heranzieht, wenn er das 'es-
chatologische Defizit' des Chronisten begründet55.
Meines Erachtens sind die divergierenden Ergebnisse in erster Linie
durch das uneinheitliche Theokratieverständnis bedingt.

53 A.a.O., 505.
54 Allerdings bleibt festzuhalten, daß Movers und Zunz den Theokratiebegriff nicht ge-
brauchen (vgl. F.C.Movers, Untersuchungen; L.Zunz, Vorträge).
55 Vgl. Rudolph, HAT, XXIII.
"Gott die Herrschaft und die Gewalt" (Ap 2,165) 25

Für Augusti und Jahn scheint Theokratie ein zentrales alttestamentliches


Prinzip zu sein. De Wette spricht einerseits vom 'davidisch-theokratischen'
Reich und deutet andererseits einen Wandel des Theokratiebegriffs in nach-
exilischer Zeit an. Wellhausen gebraucht den Begriff 'Hierokratie', um die
Gegenwart des Chronisten zu bezeichnen. Bei Swart und Noordtzij wieder-
um findet sich eine Unterscheidung zwischen davidischer, 'zeitgenössisch-
chronistischer' und 'ideal-zukünftiger' Theokratie.
Dieses Ergebnis zeigt die Notwendigkeit einer terminologischen Klärung.
Die folgenden Kapitel sollen zunächst die Rezeption des Theokratiebegriffes
in der alttestamentlichen Wissenschaft - vor allem des 19. und 20. Jahrhun-
derts - verfolgen, ehe der Versuch unternommen wird, die Diskussion
durch einen eigenen Definitionsversuch abzuschließen.

2. Flavius Josephus

Der Begriff "θεοκρατία" ist zuerst bei Flavius Josephus belegt1, der im
zweiten Buch seiner apologetischen Schrift 'Contra Apionem' die von Mose
konzipierte Staatsverfassung beschreibt.
Während die anderen Völker durch eine Monarchie, Oligarchie oder De-
mokratie regiert werden2, schuf der "Gesetzgeber" Israels eine Theokratie,
"indem er Gott die Herrschaft (αρχή) und die Gewalt (κράτος·) zuwies"3.
Die mosaische Verfassung stellt den einen Gott und den einen Tempel in
den Mittelpunkt4.
Den Priestern weist sie den Opferdienst, die Bewahrung und Tradierung
der Gesetze sowie die judikative Gewalt zu, wobei der Hohepriester die an-
deren Priester zu führen hat5.

1 Dem Kollegen David du Toit danke ich für die Überprüfung dieser Aussage im Gesamt-
korpus des Thesaurus Linguae Graecae der University of California Irvine mit Hilfe ei-
nes Computers. Der einzige weitere Beleg für den Begriff findet sich danach bei Euse-
bius (Praeparatio evangelica, 8,8,3,4).
2 Vgl. Ap 2,164. Interessanterweise fehlt hier der Ausdruck 'Aristokratie'. Diese ist nach
Josephus (Ant 4,223; 6,36 u.a.) die beste denkbare Verfassungsform (vgl. H.Cancik,
Theokratie, 72).
3 Ap 2,165 (Übers, v. H.Cancik, Theokratie, 65). Dabei wird, wenn die so definierte
Verfassungsform als 'Theokratie' bezeichnet wird, 'der Sprache Gewalt angetan', Jose-
phus selbst gebraucht den Begriff also nicht ohne Bedenken.
4 Vgl. Ap 2,193.
26 Flavius Josephus

Insofern wird hier zwar im streng definierten Sinne scheinbar weniger ei-
ne Theo-Yi2X\t als eine Hiero-kiatie - das heißt: "Priesterherrschaft, Regie-
rung eines Staates durch Priester" 6 - beschrieben. Allerdings ist zu beach-
ten, daß Josephus "die in der Amtsführung der Priester liegende Kontroll-
funktion nicht als αρχή und κράτος- versteht, sondern als έπιμέΚεια und
kontinuierlichen Gottesdienst (θεού θεραπεία)"7.

Diesen Unterschied übersieht Bernhard Lang, der unter Berufung auf Ap 2,185 meint:
"was aber die äußere Regierung angeht, so läßt Gott den Hohenpriester und die Priester-
schaft in seinem Namen herrschen"**.
Das von Josephus hier gebrauchte &IOLKELV (verwalten) ist ebenfalls kein Äquivalent zu
άρχή und κράτος, die dem Hohenpriester zugeschriebene ή-γεμονία bezieht sich nur auf
die anderen Priester, während Gott allein Herrscher über bzw. Führer des Ganzen (ήγε-
μόνα των ολων) ist.
Lang fährt fort: "Theokratie ist bei Josephus demnach nicht Bezeichnung einer neuen
Staatsform, sondern beschreibt die Verfassung des (nachexilischen) Judentums als Reli-
gionsgemeinschaft, die über keine eigenen zivilen Autoritäten verfügt und innerhalb eines
'heidnischen' [...] Staates ihre inneren Angelegenheiten selbst regelt"^. Seine Schlußfolge-
rung: "Das eher beiläufig [...] gebildete Wort ist daher ein religionssoziologischer Begriff
und bezieht sich auf ein ganz bestimmtes, halb- oder quasi-autonomes religiöses Gemein-
wesen"'^, stellt meines Erachtens eine unzulässige Verkürzung dar.

Auch der Überzeugung Hubert Canciks, wonach Theokratie als "der ver-
fassungsrechtliche Begriff für jüdische Priesterherrschaft im römischen Im-
perium" 1 1 aufzufassen ist, wird nur unter Berücksichtigung der genannten
Differenzierung Hübeners zugestimmt werden können. Gleichwohl hat Can-
cik recht, wenn er die politische Dimension des Ausdrucks unterstreicht 12 .
Deutlich ist, daß die Theokratie des Josephus wesentlich durch den Ge-
gensatz zur Monarchie 1 3 bestimmt wird. Der Priester Josephus wendet sich

5 Vgl. Ap 2,185.
6 Duden, Bd.5: Fremdwörterbuch, 292.
7 W.Hübener, Unschuld, 39. Vgl. Ap 2,188.186.
8 B.Lang, Theokratie, 12.
9 Ebd.
10 Ebd.
11 H.Cancik, Theokratie, 66.
12 Vgl. a.a.O., 72.
13 Vgl. a.a.O., 72f. Zur Königskritik des Josephus vgl. u.a. Ant 6,35 (Samuel zieht die
'Aristokratie' der Herrschaft eines irdischen Königs vor); 6,88; 6,268 (Sauls - negativ
bewertetes - Königtum folgte auf die Aristokratie und "την έπ'ι τοις κριταϊς
πο\ιτείαν"). Daß Cancik aufgrund dieser Stellen meint, für Josephus sei "Theokratie
im verfassungsrechtlichen Sinne" unter Mose und in der Richterzeit realisiert gewesen
(H.Cancik, Theokratie, 72), ist zumindest problematisch.
Die Wiederentdeckung des Begriffs 27

mit dem Begriff "gegen messianisch-monarchistische Tendenzen im Juden-


tum: seine Theokratie hat keinen König und kein Militär"14.
Canciks Interpretation der in 'Contra Apionem' intendierten "priester-
liche[n] Utopie" vermag einerseits zu zeigen, daß mit dem in seinem ur-
sprünglichen Sinn verstandenen Theokratiebegriff "keineswegs jede religiös
legitimierte Herrschaft, jeder Glaube an die Führung einer Gottheit in der
Geschichte oder gar 'das Verhältnis zwischen Israel und Jahwe'"15 bezeich-
net werden kann. Andererseits betont sie dessen Ausrichtung auf Zukunft
hin 16 .
Schließlich wird auch deutlich, daß die exilische Zeit bzw. Verfassungs-
wirklichkeit Judas/Jerusalems nach Josephus nicht mit Theokratie identifi-
ziert werden darf 17 .

3. Stationen des Theokratieverständnisses in der Theologie


des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts

3.1. Zur Wiederentdeckung des Begriffs im 17. und 18. Jahrhundert

Als ersten deutschsprachigen Beleg für den Ausdruck 'Theokratie' führt das
'Deutsche Fremdwörterbuch' Speranders Definition von 1728 an:
"Theocratia, Göttliches Regiment, da Gott unmittelbar das Regiment führet, dergleichen
bey denen Juden im alten Testament geschähe, ehe sie von dem Propheten Samuel einen
König begehrten"1.

14 A.a.O., 75. Von daher scheint es schwierig, das Stichwort Theokratie zur Charakteri-
sierung der Theologie der Chronikbücher zu verwenden, zumal wenn sich die Theokra-
tie gerade an der Gestalt Davids bzw. Salomos kristallisieren soll (vgl. W.Rudolph,
HAT, IX).
15 H.Cancik, Theokratie, 72. Vgl. dazu schon dessen Rezension von D.Arenhoevel, Die
Theokratie nach dem 1. und 2. Makkabäerbuch, 297: streng religionssoziologisch ge-
faßt heißt 'Theokratie' "politische Machtausübung durch einen Priesterstand").
16 Vgl. dazu auch B.Otzen, Judaism, 47: "Josephus [...] was doubtless aware that he was
expressing a Jewish ideal of a divinely guided society rather than depicting any social
reality."
17 So kommt das später von vielen behauptete Konstitutivum der Theokratie, 'Fremdherr-
schaft' (vgl. dazu unten), bei Josephus überhaupt nicht vor.
1 Zit. nach: Deutsches Fremdwörterbuch, Fünfter Band, 224.
28 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Sperander repräsentiert ein Theokratieverständnis, das im 17. Jahrhun-


dert, in dem der Begriff nach einem "langen Winterschlaf [...] Karriere zu
machen beginnt" 2 , allgemein anerkannt und bis zum Aufkommen des Deis-
mus bzw. zur Aufklärung nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird.
Dabei lehnt sich die - unter anderem von Hugo Grotius, John Donne,
Joachim Ludwig Reimer, Richard Baxter, Baruch de Spinoza, John Spencer
und Philipp Jakob Rehm geführte3 - 'prämoderne' Theokratiediskussion eng
an Josephus an.
Der Begriff wird sowohl in theologischen als auch staatsrechtlich orien-
tierten Abhandlungen auf die vorexilische Zeit Israels bezogen4. Das Ende
der Theokratie ist dabei entweder mit der Institutionalisierung des König-
tums oder mit dem Verlust der Eigenstaatlichkeit verbunden5. Nirgends ist
das Königtum Voraussetzung der Theokratie6, mehrheitlich wird es als mit
der Theokratie unvereinbar betrachtet7.
Zwischen Theokratie als geistlicher Herrschaft und der politischen Sphäre
wird nicht unterschieden8, Theokratie ist "zugleich Staat und politische
Herrschaft" 9 . Als von Gott gestifteter Ordnung fehlt ihr jedoch nach dem
Verständnis der Prämoderne eine Zukunftsperspektive10.
Die "deistische Umdeutung der mosaischen Theokratie in Priestertrug
und Priestertyrannei" stellt nach Meinung Hübeners die "eigentliche histo-
rische Zäsur" zwischen voraufklärerischem und modernem Theokratiever-
ständnis dar 11 . Thomas Morgan, Herman Samuel Reimarus sowie Vol-
taire 12 sind Repräsentanten einer neuen Interpretation, die den Theokra-
tiebegriff diskreditiert, so daß er "fortan nicht mehr zur affirmativen Be-
schreibung eines historischen Zustande verwendbar ist" 13 . Der Versuch,

2 B.Lang, Theokratie, 12; vgl. auch W.Hübener, Unschuld, 40.


3 Vgl. dazu W.Hübener, Unschuld, 40-55, und vor allem ders., Dossier (mit Materialien
und einer "Bibliographie der älteren Theokratieliteratur 1581-1800").
4 Nach Lang hat Baxter (1615-1691) "als erster einen gegenwärtigen Staat als Theokratie
bezeichnet" (B.Lang, Theokratie, 15).
5 Vgl. W.Hübener, Unschuld, 52: "Keiner der älteren Autoren verlegt den historischen
Ort der Theokratie in die Zeit der postexilischen Gemeinde."
6 Vgl. a.a.O., 53.
7 So etwa Spencer; vgl. dazu W.Hübener, Unschuld, 50f.
8 Vgl. a.a.O., 54.
9 A.a.O., 55.
10 Vgl. a.a.O., 61.
11 A.a.O., 55.
12 Vgl. dazu a.a.O., 56f.
13 A.a.O., 57. Mehrfach betont Hübener den 'antijudaistischen Zug' des deistischen
Theokratieverständnisses (vgl. a.a.O., 56.63).
Johann David Michaelis 29

dem deistischen Ge- bzw. Mißbrauch des Ausdrucks zu begegnen, führt zu


dessen Preisgabe, "apologetischen Rettungsversuche[n] auf der Grundlage
der Einwände der Verächter der Theokratie", sowie "seine[r] Projektion auf
andere Zeiten und Völker"14 und einem verstärkten Interesse an "einer
nochmaligen, neuen, vollkommeneren und glückseligeren Theokratie"15.
Nachdem so die 'Vorgeschichte' des neuzeitlichen Theokratieverständnis-
ses skizziert ist, wird in den folgenden Abschnitten einerseits zu fragen
sein, ob und inwiefern sich diese Tendenzen auf den seit den Anfängen der
historisch-kritischen Arbeit am Alten Testament entwickelten und gebrauch-
ten Theokratiebegriff ausgewirkt haben. Andererseits sollen neue Strömun-
gen und Auffassungen innerhalb der Diskussion dieses Begriffes bis Wil-
helm Vatke nachgezeichnet werden.

3.2. Johann David Michaelis (1717-1791)

Sein in sechs Teile gegliedertes, 1770 in erster, 1785 in zweiter, vermehrter


Auflage erschienenes Werk "Mosaisches Recht" widmete Michaelis "Dem
HochEdelgebohrnen und Hochgelahrten Herrn, Herrn Olaus Rabenius, der
Rechte Doctor und ordentlichem Professor, auch Syndicus, auf der Univer-
sität zu Upsala" 16 , also einem Juristen.
Rabenius war von den schwedischen Reichsständen beauftragt worden, ein neues Gesetz-
buch zu erarbeiten, das unter anderem die bis dahin in Schweden übliche Verwendung des
Pentateuch als Jus subsidiarium ablösen sollte1
Schon in der Widmung hebt Michaelis die "Freyheit-liebenden Grundsätze des Staats-
rechts der Israeliten"1^ hervor, demzufolge das Volk Israel "seiner ersten Einrichtung nach
nicht einmal Könige haben" 1 ' sollte. Er lobt die "Bescheidenheit, oder Klugheit" des
"doch von der Gottheit selbst gesandten Gesezgebers, der kein ewiges und unveränderli-
ches Gesez über die Einrichtung des Staats machen wiU"^0 u n d "zwar jezt eine freye Repu-

14 A.a.O., 60. Nach Lang ist erstmals bei Giambattista Vico (1668-1744) und Voltaire
(1694-1778) "Theokratie als universalgeschichtlicher Begriff nicht mehr auf Israel be-
schränkt" (B.Lang, Theokratie, 15).
15 W.Hübener, Unschuld, 61.
16 J.D.Michaelis, Mosaisches Recht, *4.
17 Vgl. R.Smend, Aufgeklärte Bemühung, 131, Anm.17. Vgl. dazu S.Göransson, Art.:
Schweden, 1595: Zur Zeit der Großmacht (1611-1718) "sprach [man] vom Volk als
dem Israel Gottes und vom König als dem Gesalbten des Herrn".
18 J.D.Michaelis, Mosaisches Recht, (o.S.).
19 A.a.O., (o.S.).
20 Ebd. Vgl. dazu aber die erweiterte Vorrede zum § 54 der zweiten Auflage.
30 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

blik bildet" 2 ', trotzdem für Veränderungen in der Staatsform offenbleibt und es "der
Nachwelt erlaubt, einen König, doch aber keinen ganz unumschränkten und durch nichts
balancirten K ö n i g zu setzen" .

Die Widmung deutet bereits an, was später in der Durchführung deutlich
wird: Theokratie ist für Michaelis keine Staatsform, sondern "ihrer Haupt-
absicht nach nur eine Benennung [...], die die Abgötterey bequemer aus-
schliessen sollte" 23 . Deshalb wird der Begriff auch nicht im Rahmen der
Erörterung der verschiedenen Regierungsformen Israels behandelt24, son-
dern in der Darstellung der ersten "Grundmaxime der Mosaischen Gesezge-
bung, den Dienst eines einzigen GOttes zu erhalten, und die Vielgötterey zu
verbannen" 25 .
Was Theokratie ist, zeigte sich zur Zeit Moses "auf eine ausnehmende
Weise" 26 . Sie ist charakterisiert durch die von Gott selbst wahrgenomme-
nen Funktionen des Gesetzgebers und Richters, seine sichtbare Gegenwart
bei seinem Volk und die von ihm selbst vollzogene Vollstreckung von Stra-
fen 27 .
Allerdings stellt Michaelis die Frage, ob es im Blick auf die von Mose
konzipierte Republik, trotz der Tatsache, daß "GOtt den Namen eines Kö-
niges führte", sinnvoll ist, "eine neue, sonst ungenannte Art des Staats, eine
Theokratie, zu erdenken" 28 . Er kommt zum Schluß: "Ein Titel war dies
[...] und nicht eine von Monarchie, Demokratie, Aristokratie, und gemisch-
ter Regierungsform, im Grunde verschiedene Einrichtung des gemeinen
Wesens." 29
Diese Schlußfolgerung wird durch die Nennung von sechs Kennzeichen
der israelitischen Theokratie erläutert und begründet:

21 Ebd.
22 A.a.O., (o.S.).
23 A.a.O., 1 .Heil, 165.
24 Nach Michaelis wäre das jedoch grundsätzlich möglich (vgl. ebd.).
25 A.a.O., 156, §32.Leitsatz. Erst auf die "Zweyte Grundmaxim, die Vermischung der Is-
raeliten mit fremden Völkern zu verhüten" (a.a.O., 176, §37.Leitsatz) folgt dann in den
§§38-68 die Erörterung der Staatsform. Michaelis hebt dabei hervor, daß das von Mose
gegründete Staatswesen die "Form der Republik" (a.a.O., 198) hatte. Diese "war demo-
kratisch, und selbst das Oberhaupt von ihr war veränderlich, ja sie konnte zu gewissen
Zeiten ohne ein allgemeines Oberhaupt seyn. Folglich, wenn wir sie kennen lernen wol-
len, müssen wir nicht von oben anfangen, sondern bey den Untersten, die an der Regie-
rung Antheil hatten." (Ebd.).
26 A.a.O., 165.
27 Vgl. a.a.O., 165f.
28 A.a.O., 166.
29 Ebd.
Johann David Michaelis 31

1) Daß die Gesetze der israelitischen Republik von Gott gegeben waren, ist ein Fait
accompli und zwingt nicht zu einer besonderen Benennung der Staatsform·'®.
2) Daß die Richter "als heilige Personen, und an der Stelle GOttes sitzend, vorgestellet"
werden^, ist "den Sitten der Asiatischen und Afrikanischen Völker gemäs, unter denen die
Hebräer lebeten Die Vorstellung, Exekutive bzw. Legislative würden in Stellvertre-
tung der Gottheit vorgenommen, findet sich aber auch in Monarchien oder anderen Staats-
formen 33 .
3) Daß alle Richter aus dem Stamm Levi stammten und der Hohepriester die oberste In-
stanz der Auslegung des Gesetzes verkörperte, ist allein dadurch zu erklären, "daß die Prie-
ster die Gelehrten der Israeliten w a r e n - und Gelehrten kommt in allen Staaten die Auf-
gabe der Rechtsprechung zu. Von hier aus ist also ebenfalls nicht auf eine eigene Staats-
form zu schließen.
4) Ebensowenig von der auch bei anderen Völkern üblichen Befragung Gottes durch
Orakel in Staats- oder Kriegsfragen her-'-'.
5) Auch daß Gott "oft in Dingen, die das Wohl des Staats betrafen, seinen Willen dem
Volk durch Propheten kund" tat-"* u n d dieser Stimme zu gehorchen war, ist eine weitver-
breitete Vorstellung, die sich auch in anderen Staatsformen f i n d e t - ^ .
6) Alle fünf genannten, die israelitische Theokratie kennzeichnenden Phänomene finden
sich auch bei anderen Völkern oder Religionen und sind in allen Regierungsformen denk-
bar.
Allein die Vorstellung vom direkten Eingriff Gottes in die Geschicke seines Volkes
aufgrund von dessen Verhalten, bei Gehorsam gegen das Gesetz Mose segnend und beloh-
nend, bei Ungehorsam strafend, ist ein Spezifikum Israels bzw. der israelitischen Theokra-
t i e ^ . Auch diese Vorstellung hat allerdings nach Michaelis keinen Einfluß auf die Staats-
form oder Regierungsweise.

Weil der Theokratiebegriff zur Charakterisierung des israelitischen


Staates nicht eindeutig genug ist 39 , hält Michaelis es für überflüssig, diesem
"den neuen, sonst in der Politik unbekannten Namen, Theokratie, zu geben,
und über die drey, noch eine vierte Regierungsform zu erfinden"40.

30 Vgl. ebd.
31 A.a.O., 167.
32 Ebd.
33 Vgl. a.a.O., 167ff.
34 A.a.O., 170.
35 Vgl. a.a.O., 171.
36 Ebd.
37 Vgl. ebd.; Michaelis nennt das Beispiel Gustav Adolphs, der sich auch der Sterndeu-
tung und Wahrsagerei bedient habe.
38 Vgl. a.a.O., 171f.
39 Erwähnenswert scheint mir, daß Michaelis auch das jüdische Gemeinwesen der nachexi-
lischen Zeit als Republik bezeichnet, deren Einwohner sich "beeiferten [...], den Buch-
staben der Gesetze Mosis zu erfüllen" (a.a.O., 183); "die Seele" dieses Staates war je-
doch nach Ansicht von Michaelis "durch eine ganz andere Anlage der Republik läng-
stens geändert" (ebd.).
40 A.a.O., 172.
32 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Mit seinem Theokratieverständnis setzt Michaelis sich dezidiert von - in


der Regel nicht genannten - Vorgängern ab 41 . Anhaltspunkte für seine
Theokratievorstellung gewinnt er aus der vorstaatlichen Zeit. Ohne Jose-
phus als Urheber des Wortes anzuführen, stellt er dessen Begriffsbestim-
mung in Frage. Der von Mose initiierte und durch Stämme konstituierte42
Staat ist zunächst eine Republik, eine Demokratie. Er unterscheidet sich
deshalb nicht grundsätzlich von anderen Staatsformen. Wenn seiner Mei-
nung nach auch die Charakteristika der Theokratie kein Spezifikum Israels
sind, ist bei Michaelis eine Ausweitung des Theokratiebegriffs auf andere
Völker zumindest angelegt.
Deutlich wird schließlich seine Abgrenzung gegenüber der deistischen
Identifizierung von Theokratie und Priesterstaat: Die sich aus dem Stamm
Levi rekrutierenden Gelehrten stellen zwar "eine Art von Gegengewicht ge-
gen die bloße Demokratie" dar 43 , die deshalb aber keineswegs zum Prie-
sterstaat wird 44 .

3.3. Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1780-1849)

Im Jahr 1806 erschien de Wettes wegweisender und folgenreicher 'Kriti-


scher Versuch über die Glaubwürdigkeit der Bücher der Chronik', dessen
Ziel die Bestreitung der historischen Glaubwürdigkeit der Chronikbücher
war.
Durch einen Vergleich mit den Büchern Sam-Reg, der sowohl den "Mangel an Precisi-
on", die "Nachlässigkeit" und die "compilatorische Manier des Verf. der Chronik" 4 ^, als
auch dessen bewußt tendenziöse und verfälschende Darstellung4^ zutage bringt 4 ^, versucht
de Wette hier nachzuweisen, "daß die Chronik, die das vorexilische Israel durch und durch
auf der Linie des pentateuchischen Gesetzes darstellt, als eigene Geschichtsschreibung kei-
nen Wert besitzt" 48 .
Das die Grundlage der Chronik bildende 'mosaische Gesetzbuch', von dem wir nach de
Wette erst seit Josia eine "sichere faktische Spur" haben 4 ", ist Produkt der erst seit David

41 Vgl. a.a.O., 165.


42 Vgl. dazu a.a.O., 200ff.
43 A.a.O., 217, §32.Leitsatz.
44 Vgl. dazu a.a.O., 219; gegen Morgan.
45 W.M.L.de Wette, Kritischer Versuch, 62.
46 Vgl. z.B. a.a.O., 112: Der Chronist ist vielleicht "ein sehr frecher und besonnener Be-
trüger".
47 Eine ausführliche Darstellung des 'Kritischen Versuches' bietet R.Smend, de Wettes
Arbeit, 40-45. Vgl. auch Th.Willi, Chronik, 33-35.
48 R.Smend, Alttestamentier, 44.
Wilhelm Martin Leberecht de Wette 33

sich entwickelnden Hierarchie der Priester. Daß diese sich in Israel erst spät durchzusetzen
vermochte5®, erstaunt angesichts der Tatsache, daß "der Gesetzgeber selbst die Stufen zum
hierarchischen Thron erbaut hatte" 5 '.

Der von de Wette ohne weitere Erläuterung eingeführte und gebrauchte


Begriff 'Hierarchie' bzw. 'hierarchisch' ist im deutschen Sprachraum erst-
mals 1685 bei Seckendorff 52 bzw. 1727 bei Sperander als terminus techni-
cus für 'Priesterherrschaft' nachgewiesen53.
Für de Wette ist Hierarchie ein allgemeines, nicht auf Israel beschränktes
Phänomen, mit einem durchweg negativen Beiklang54. Es bleibt zunächst
unklar, was genau mit dem Begriff bezeichnet wird. Dabei ist es meines Er-
achtens unwahrscheinlich, daß de Wette ein konkretes, staatsrechtliches Ge-
bilde im Blick hat, also eine Staatsform neben Monarchie, Aristokratie oder
Demokratie bezeichnen will.
Erst im 1807 erschienenen zweiten Band der 'Beiträge zur Einleitung in das
Alte Testament', 'Kritik der Israelitischen Geschichte'55, finden sich die
Begriffe '(Hebräische) Theokratie' bzw. 'theokratisch', die eine spezifisch
israelitische Erscheinung bezeichnen.
Der Ausdruck Theokratie meint dabei sowohl den das "Epos" des Pentateuch konstru-
ierenden und gestaltenden "Geist[e] des Hebraismus" 5 ^, der sich auf die Vorstellung von
der Auserwählung des Volkes Israel gründet 5 ^, als auch die "heilige[n] Staatsverfas-
sung"^, die nach der 'poetischen Darstellung' des Pentateuch am Sinai "wirklich gegrün-
det wird" 5 ^. Mose ist einerseits "Urheber der ganzen theocratischen Staatsverfassung "6®,
andererseits ist die Idee der Theokratie erst in späterer Zeit durch den "Mosaischen Erzäh-

49 W.M.L.de Wette, Kritischer Versuch, 168.


50 Vgl. a.a.O., 224.
51 Ebd.
52 Lateinische Form in dessen Christenstaat, Bd.l, 450: "die Hierarchia oder das Priester-
Regiment in der Rom. Kirche" (zit. nach F.Kluge, Wörterbuch, 306).
53 Vgl. H.Schulz, Fremdwörterbuch, 267.
54 Vgl. W.M.L.de Wette, Kritischer Versuch, 224: "Joch der Hierarchie".
55 Ders., Kritik der Israelitischen Geschichte.
56 A.a.O., 31.
57 Vgl. a.a.O., 34. In diesem Sinn ist mit der Berufung und Erwählung Abrahams "der
Ursprung der Hebräischen Theokratie gesetzt" (a.a.O., 49).
58 A.a.O., 162.
59 A.a.O., 237. Schlüsselvers ist dabei Ex 19,6 - von de Wette "nur ein wenig anders aus-
gedrückt" so wiedergegeben: "ihr sollt mir seyn ein priesterlich Königreich und ein hei-
liges Volk" (ebd.)
60 A.a.O., 268. Vgl. dazu a.a.O., 252ff, wo de Wette mit der Möglichkeit rechnet, daß
der auf den beiden Steinerenen Tafeln festgehaltene 'Urdekalog' auf Mose selbst zu-
rückgeht.
34 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

ler'^l in die Frühgeschichte Israels eingetragen6^. Auch die "theocratischen Gesetze" ge-
hen nach de Wette erst auf eine spätere Zeit zurück6^. Die Tendenz der Aussatz- und Rei-
nigungsgesetze aus Lev 6 4 charakterisiert de Wette wie folgt:
"Der Sinn dieser Gesetze ist ganz hierarchisch: das Israelitische Volk sollte ein reines
heiliges Volk seyn, ein priesterlicher Staat, von Priestern regiert, von Priestern in Allem,
auch dem Kleinsten, abhängig."6®

Schon hier wird deutlich, daß de Wette die Begriffe Theokratie und Hier-
archie nicht eindeutig gegeneinander abgrenzt. Gleichwohl läßt sich die mit
Priesterherrschaft identifizierte Hierarchie konkreter beschreiben als die
Theokratie.

"Die Theocratie ist überhaupt mehr ein mythischer Begriff, in die frühere Geschichte
von späten Dichtern hineingetragen, als etwas Wirkliches, an das man in der Gegenwart
geglaubt hätte." 66

Zentrale Bedeutung gewinnt der Theokratiebegriff dann in de Wettes


'Biblischer Dogmatik Alten und Neuen Testaments' 6 7 , wenn die "Dogmatik
des Hebraismus" in die beiden Abschnitte "Allgemeine Ideenlehre oder ide-
aler Universalismus" und "Symbolischer Particularismus oder von der
Theokratie" gegliedert wird 6 8 .

In der vorausgehenden "Geschichte des Hebraismus"6^ bezeichnet de Wette die "theo-


kratische Symbolik" als von Mose eingeführte Idee: Mose "objectivirte die Religion und

61 Vgl. z.B. a.a.O., 253.


62 Vgl. z.B. a.a.O., 339. Vgl. auch a.a.O., 66: In Gen 17 wird "die Beschneidung [...]
aus dem späten theokratischen Gesichtspunkt betrachtet, den Abraham nicht kannte".
63 Vgl. dazu a.a.O., 233-243, wo de Wette die Gesetzgebung am Sinai erörtert und dabei
die Erzählung als "Poesie" charakterisiert.
64 Vgl. dazu a.a.O., 278ff.
65 A.a.O., 279.
66 A.a.O., 400, Anm.
67 W.M.L.de Wette, Dogmatik.
68 Vgl. a.a.O., 61-89.90-113. Diese differenzierende Gliederung ist logische Folge der
Auffassung de Wettes von "Princip und Charakter" des Hebraismus (a.a.O., 59, §71),
bzw. der Unterscheidung von objektiv-materialem und formalem, verständig-symboli-
schem Prinzip. Das objektiv-materiale Prinzip, die "praktische, vom Mythus befireyte
Idee Eines Gottes, als eines heiligen Willens, symbolisirt in der Theokratie", wird durch
das formale Prinzip "in das Gebiet der Verstandesansicht herabgezogen" (ebd.). Als
drittes Prinzip nennt de Wette ebd. zuletzt "das subjective oder das hervorbringende".
(Vgl. dazu R.Smend, de Wettes Arbeit, 78 [mit Anm.496], der darstellt, daß de Wette
in der dritten Aufl. [1831] mehr als ein Formalprinzip annimmt. Auch dort bleibt aber
der theokratische Partikularismus der Ebene des Formalprinzips zugeordnet). Von hier
aus ist zwischen einer allgemeinen idealen Grundlage, dem 'idealen Universalismus'
und dem darauf aufbauenden 'symbolischen Particularismus' zu unterscheiden (vgl.
W.M.L.de Wette, Dogmatik, 60).
69 Vgl. a.a.O., 36-47.
Wilhelm Martin Leberecht de Wette 35

heiligte die Staatsverfassung, indem er Jehova zum idealen König constituirte, und die le-
gislative und beschließende Gewalt dem Priesterstamm der Leviten in die Hand gab
Auf der theokratischen Verfassung des Mose bauen die Priester und Propheten der
nachfolgenden Epochen a u f ^ , Samuel, "der zweite Stifter der Theokratie"^ "machte den
König von der Theokratie a b h ä n g i g " ^ und schränkte so die Macht der von ihm institutio-
nalisierten Exekutivgewalt ein . Zugleich begründet er mit den Prophetenschulen ein
Wächteramt der Theokratie^, durch das "die Sorge für die Theokratie den Händen der
Priester" entzogen wird, denen "nur die Handhabung des Cultus, des Richteramtes und der
Polizey blieb" '<®. Damit ist die weitere Entwicklung bestimmt: während die Propheten den
"Geist der Theokratie" zu ihrem Anliegen machen, die "symbolischen Formen" der Reli-
gion überwinden und diese "zu einer geistigen Ansicht" weiterentwickeln, sind die Priester
allein an der äußeren Form von Theokratie und Religion i n t e r e s s i e r t ^ .
Im "Mosaischen Hebraismus - theokratisch-symbolischen Monotheismus" und im "ide-
alen, unsymbolischen Hebraismus der Propheten und Dichter" erkennt de Wette schließlich
die beiden - "nur der Form nach" zu unterscheidenden - positiven Momente im "Bildungs-
gang des Hebraismus", die "in gegenseitiger Beziehung aufgefaßt werden müssen"^.
In seiner dreigeteilten Darstellung der Theokratie^ sieht de Wette die Theokratie auf-
grund ihrer Vorstellung, daß JHWH zwar die ganze Welt regiert, sich aber Israel besonders
zuwendet, in der Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus^. Diese Span-
nung wird jedoch überwunden, wenn erkannt wird, daß der Partikularismus nur symbo-
lische Bedeutung hat, sozusagen notwendig ist, um der Theokratie eine konkrete Gestalt
geben zu können® 1.
Die als Einheit betrachteten Einrichtungen 'Staat' und 'Kirche', "Rechts- und Polizey-
Institute, wie die religiösen Cerimonien, sind Symbole der Andacht, der Idee der Heiligkeit

70 A.a.O., 40.
71 Vgl. a.a.O., 41.
72 A.a.O., 44.
73 A.a.O., 43.
74 Vgl. a.a.O., 44. Vgl. dazu a.a.O., 109f.
75 Vgl. a.a.O., 43.
76 A.a.O., 44.
77 Ebd.
78 A.a.O., 47. Im folgenden zweiten Abschnitt (§§64-66: "Geschichte des Judenthums"),
der die nachexilische Zeit behandelt, fehlt das Stichwort 'Theokratie'.
79 Erstes Capitel. Idee und Institut der Theokratie, 90-100, (§§95-105); Zweytes Capitel.
Theokratische Weltsicht, 100-107, (§§106-113); Drittes Capitel. Von der idealen Theo-
kratie oder vom Messias, 108-113, (§§114-118). Eine Darstellung und kritische Würdi-
gung dieser Kapitel nach der 3.Aufl. gibt R.Smend, de Wettes Arbeit, 80-85.
80 Vgl. a.a.O., 90f.
81 Vgl. a.a.O., 91: "Die ethische Ansicht der Religion symbolisirte Mose durch eine hei-
lige Staatsverfassung, welche zwar das Rechtliche hauptsächlich darstellte, aber das
Sittliche keineswegs ausschloß, das sich wenigstens daraus entwickelte. Der heilige
Weltplan der Gottheit wird particulär als Aufgabe für den Israelitischen Staat aufge-
faßt." Mit seinem Verständnis der Theokratie als einer "Staatsverfassung" wendet sich
de Wette dabei ausdrücklich gegen Michaelis (vgl. ebd., Anm.c). Er nennt im weiteren
Verlauf dieser Anm. Josephus explizit als Quelle für sein Verständnis von Theokratie
(vgl. a.a.O., 92).
36 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

G o t t e s D e s s e n Beziehung zu Israel wird durch Stiftshütte, Tempel und Lade als Sym-
bolen für die "Wohnung Jehovas in Israel, auf Zion" dargestellt®^.
Gott ist der "unsichtbare König", der sich zur Kundgabe seines Willens verschiedener
Mittler und Mitteilungsweisen bedient®**.
Mose ist Inbegriff der Mittlerschaft, indem er die legislative, iudikative, exekutive und -
zunächst noch - priesterliche Gewalt ausübte®^.
Die Mitteilungsweisen des moralisch-sittlichen Willens Gottes sind symbolisiert in
Rechtsprechung, Opferkult und Reinheitsbräuchen®®, die von "Anstalten, welche Andacht
und Gemeinsinn beförderten" - de Wette nennt Sabbat und Feste - "unterstützt" w e r d e n ® ^ .
Der "Glaube eines Reiches Gottes auf Erden"®® ist Ausdruck der theokratischen Begei-
sterung, der idealen Vorstellung vom durch Mose als Königtum Gottes gegründeten Staats-
wesen - der Theokratie.
Ein falsches Verständnis der theokratischen Symbole und der "beschränkte[n] National-
geist der Hebräer"®^ führen jedoch zu einer Verselbständigung der Theokratievorstellung.
Theokratie wird nicht mehr als Teil des Ganzen, des Universalismus, betrachtet. Das pa-
triotische Interesse der Hebräer schränkt die Heiligkeit Gottes auf die beiden Aspekte Ge-
rechtigkeit, d.h. "die Vergeltungsidee", und Wahrhaftigkeit ein^®. Eine "eigene ethische
Ansicht", charakterisiert durch "Werkheiligkeit", "Legalität" und das "Vertrauen auf das
eigene moralische Verdienst" entwickelt sich^l. Die Theokratie wird jetzt als Zentrum der
göttlichen Weltregierung betrachtet, die Völker werden vom Segen Gottes ausgeschlos-
s e n ^ . In Israel entwickelt sich - auch aufgrund "der Hoffnungslosigkeit in Ansehung des
Schicksals nach dem Tode" - die "die Tugend lähmende und die Gemüthsruhe untergraben-
de" Vergeltungslehre^. Die Konsequenzen der so ganz mißverstandenen theokratischen
Idee sind "Eigendünkel", "Hoffarth", "Zerknirschtheit" und "odium humani generis"^.
Erst aufgrund der negativen Erfahrung des ständigen Scheiterns kommen - über die Zwi-
schenstufe einer "patriotisch-religiöse[n] Hoffnung, daß die bisher immer mit äußern und
innern Hindernissen kämpfende Theokratie endlich siegen werde - messianische Hoff-

82 A.a.O., 92.
83 A.a.O., 93.
84 Ebd.; Vgl. dazu a.a.O., 103: "Die wahre schöne Idee, welche der theokratischen Sym-
bolik zum Grunde lag, war die der Mittlerschaft Gottes zur Heiligung des Menschen".
85 Vgl. a.a.O., 93f. In der folgenden Zeit ging diese Einheit verloren. Erst mit Samuel
und seinen prophetischen Nachfolgern lebte die legislative Gewalt wieder auf (vgl.
ebd.). Iudikative und priesterliche Gewalt gingen auf die Priester über, "deren Autorität
C o n s t i t u t i o n e n und erblich und an Formen [...] gebunden war. Von dieser Seite war die
Theokratie Hierarchie" (a.a.O., 95). Die von Mose auf Josua übertragene exekutive
Gewalt wurde nach dessen Tod von den Richtern sporadisch wahrgenommen, später
durch die Könige (vgl. a.a.O., 96).
86 Vgl. a.a.O., 96ff.
87 A.a.O., 99.
88 A.a.O., 100.
89 A.a.O., 101.
90 Vgl. ebd.
91 A.a.O., 102f. De Wette nennt hier jedoch auch weiterwirkende Gegenmechanismen.
92 Vgl. a.a.O., 104.
93 A.a.O., 104f.
94 A.a.O., 107.
95 A.a.O., 108.
Wilhelm Martin Leberecht de Wette 37

nungen auf. Anders ausgedrückt: die Vorstellung der idealen Theokratie entsteht. Zunächst
allgemein als "Hoffnung besserer Zeiten", die dann "an das Haus Davids angeknüpft" wird
und schließlich in die Erwartung eines "Davididen, als Wiederhersteller der Theokratie"
mündet
Zusammenfassend urteilt de Wette: "In jener erhabenen Hoffnung einer Ausbreitung und
Vervollkommnung der Theokratie zeigt sich der Glaube an die göttliche Weltregierung und
den Sieg des Guten in lebendiger Begeisterung" 9 ^

Im Vergleich zu den 'Beiträgen', die vor allem auf den Nachweis der spä-
ten, nach-mosaischen Gesetzgebung des Pentateuch zielten, wird der Theo-
kratiebegriff in der 'Dogmatik' - auch positiv - gefüllt und entfaltet.
Die 1807 noch ungelöst bleibende Spannung zwischen der Zurückführung
der 'heiligen, theocratischen Staatsverfassung' auf Mose und des 'mythi-
schen' Theokratiebegriffs auf spätere Schriftsteller wird 1813 zunächst als
historische Entwicklung der vorexilischen Zeit beschrieben - und so aufge-
löst. Die in der systematisch-theologischen Interpretation des Theokratiebe-
griffs implizierte, auf die 'Heiligung des Menschen' zielende, Vorstellung
vom 'Königtum Gottes' als des 'Reiches Gottes auf Erden' wird von de
Wette positiv gesehen. Erst das 'Mißverständnis' der Theokratie, das zu ei-
ner Verabsolutierung der theokratischen Symbolik und der Loslösung von
ihrer ursprünglichen Idee führt, indem die Symbole für die Sache selbst ge-
halten werden, ist seiner Meinung nach negativ zu bewerten. Zugleich er-
möglicht die aus dem Mißbrauch der theokratischen Idee resultierende Rea-
lität jedoch die Entstehung einer 'idealen Theokratie', die sich in den -
ebenfalls positiv bewerteten - messianischen Hoffnungen zeigt.
De Wette kann die theokratische Idee positiv würdigen, weil sie seiner
Meinung nach in ihrer Zeit 'notwendig' und 'natürlich' war 98 . Die Zuord-
nung dieser Idee zum Bereich des Partikularismus99 macht jedoch gleichzei-
tig deutlich, daß sie als Ganzes grundsätzlich - nicht nur in ihrer konkreten
Realisierung - unvollkommen bleibt. Deshalb ist - absolut betrachtet - nur
eine 'kritische Würdigung' möglich 100 .

96 A.a.O., 109f. De Wette betont, daß hier nicht nur eine politische, sondern auch eine re-
ligiöse Hoffnung Wirklichkeit wird.
97 A.a.O., 113. Im nachexilischen Judentum gewinnt diese Hoffnung seiner Meinung nach
jedoch einen fanatischen Charakter - an ihrem Ende steht dort erneut der Mißbrauch
(vgl. ebd.).
98 Vgl. dazu R.Smend, de Wettes Arbeit, 84, und ders., Universalismus, 172.
99 Der 'jüdische Particularismus' wird nach de Wette erst durch "die gelehrte Bildung des
[...] Pharisäers Saulus" überwunden (W.M.L.de Wette, Dogmatik, 220).
100 Vgl. dazu R.Smend, de Wettes Arbeit, 82f, der gleichzeitig betont, daß de Wette sich
mit seinem Verständnis der Theokratie und dessen Konsequenzen etwa von Immanuel
Kants und Friedrich Schleiermachers Verständnis des AT deutlich abgrenzt.
38 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Das in den 'Beiträgen' dem Begriff 'Theokratie' gegenüber schwer ab-


grenzbare Stichwort 'Hierarchie' bzw. 'hierarchisch' begegnet in der 'Bib-
lischen Dogmatik' als dem ersteren untergeordneter Ausdruck, der negative
Züge der theokratischen Realität bezeichnet. In keinem Fall ist 'Hierar-
chie' hier Bezeichnung einer Staatsform oder Regierungsweise101.

Das 'Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung' setzt die Ergebnisse


der 'Dogmatik' voraus.

Zu den hier entwickelten hermeneutischen Grundlagen gehört dabei die Erkenntnis, daß
sich dem "theokratischen Geist des jüdischen Alterthums" Geist und Religion als Einheit
darstellen 10 ^ und die alttestamentlichen Bücher, d.h. 'Gesetz und Propheten', in zwei
Gruppen - 'theokratisch-historische' bzw. 'theokratisch-begeisterte' Schriften 1 0 3 - unter-
teilt werden können.
Die erste Gruppe berichtet von der Gründung und der Geschichte der Theokratie, wobei
de Wette den Begriff in diesem Zusammenhang als "das innige Verhältniss zwischen Gott
und dem Volk Israel" und "die besondere Herrschaft Gottes über dasselbe und inmitten
desselben" definiert 1 0 4 .
Die historischen Bücher 1 0 5 sind ergänzt durch spätere, entweder gleichen Inhalts oder
solche, die die nachexilische Geschichte des Volkes Israel behandeln 1 0 ". Geprägt wird die
von Propheten und Priestern 1 getragene theokratische Geschichtsschreibung einerseits
durch 'theokratischen Pragmatismus', das heißt die Vorstellung, daß ein "klarer, fester
Plan der göttlichen Weltregierung" die Geschichte bestimmt, andererseits durch "theokra-
tische Mythologie", das heißt die Vorstellung eines durch "Offenbarungen und Wunder[n]"
sichtbar werdenden Eingriffes der "göttliche[n] Wirksamkeit" in die Geschichte 10 ®. Der -
wie in den 'Beiträgen' - als 'theokratischer Epos' bezeichnete Pentateuch 10 ^ erzählt vom
mit der Schöpfung gelegten Grundstein der Theokratie 1 1 0 und von der Griindungsge-

101 Von daher ist Smends Aussage, daß "bei de Wette [...] Theokratie und Hierarchie
nahezu Wechselbegriffe" seien (vgl. R.Smend, de Wettes Arbeit, 80, Anm.503) -
Smend bezieht sich auf dessen Schrift 'Über die Religion' (1817, 423f) - zumindest in
ihrer Allgemeinheit problematisch.
102 W.M.L.de Wette, Einleitung, 18.
103 Vgl. a.a.O., 164.
104 A.a.O., 176. Auch in der 'Einleitung' bezeichnet Theokratie nur die vorexilische Zeit
(vgl. dazu etwa a.a.O., 348: Maleachi tritt, um 440, nach dem Untergang der Theokra-
tie und der wahren prophetischen Begeisterung auf).
105 D.h. die 'vorderen Propheten' (vgl. a.a.O., 164), die sich - nachdem der Pentateuch
und Jos die "Gründung" der Theokratie "nebst der theokratischen Gesetzgebung" ge-
schildert haben - der "Geschichte der nachherigen Schicksale der Theokratie, des Kamp-
fes und des Unterganges derselben" widmen (a.a.O., 174).
106 Vgl. a.a.O., 164.176. Zu diesen Ergänzungen zählt de Wette Esr, Neh, Rut, Est, Chr.
107 Vgl. a.a.O., 177.
108 A.a.O., 176.
109 Vgl. a.a.O., 185. Sein "Hauptzweck" lag darin, "das Volk für seine heiligen Gesetze
und Einrichtungen zu begeistern" (a.a.O., 186).
110 Vgl. a.a.O., 179.
Wilhelm Martin Leberecht de Wette 39

schichte ihrer Verfassung und ihres Gottesdienstes 111 , w ährend das Buch Josua "das Col-
lectivum aller theokratischen Eroberungen und Besitzbestimmungen "bildet 1 1 2 .
Der wahrscheinlich priesterliche Verfasser der Chronikbücher zeichnet in nachexilischer
Zeit "die [...] Geschichte des [...] das mosaische Gesetz und den mosaischen Gottesdienst
festhaltenden davidisch-theokratischen Reiches" nach 11 ^. Dabei nimmt er unter anderem
"Aenderungen aus Vorliebe für den levitischen Cultus und den Stamm Levi" vor 11 ^. Zur
Kennzeichnung von Hintergrund oder Intention der Chronikbücher oder ihres Verfassers
gebraucht de Wette die Stichworte Theokratie/theokratisch bzw. Hierarchie/hierarchisch
hier nicht1
Im Unterschied zur ersten thematisiert die zweite Gruppe, 'theokratisch-begeisterte
Schriften' 1 1 Gegenwart und Zukunft der Theokratie11^ und will damit deren "Erhaltung
und Vervollkommnung" erreichen11®*.
In der Charakterisierung des undatierbaren11^ Propheten Jona, dessen Buch sich "durch
eine universal-religiöse Tendenz vor den andern theokratischen auszeichnet"12®, findet
sich die oben formulierte grundsätzliche Kritik de Wettes an der theokratischen Idee wie-
der. Daß "ein jüdischer Vaterlandsfreund" im Danielbuch "apokalyptische Weissagungen
des bevorstehenden Sieges der Theokratie" verfaßt hat 1 2 1 , wird nur kurz erwähnt - und
liegt wohl bereits auf dem Entwicklungsweg hin zur fanatischen Ausprägung des Theokra-
tiegedankens 122 .
In dem den Apokryphen gewidmeten "Vierten Abschnitt" kommt der Begriff Theokratie
im übrigen nicht mehr vor.

Ungeachtet der deutlich gewordenen Notwendigkeit einer Differenzierung


innerhalb der Schriften de Wettes lassen sich Grundzüge seines Theokratie-
verständnisses zeigen, das sich von dem des Josephus oder der Prämoderne
vollständig gelöst hat.
Zwar ist Theokratie bei de Wette - anders als bei Michaelis - zunächst die
von M o s e begründete 'heilige Staatsverfassung*. Im Vordergrund steht je-
doch eine Auffassung des Begriffs, die nicht auf dessen staatsrechtlichen
Sinn, sondern auf seinen 'symbolischen Charakter' zielt. Diese Idee, die

111 Vgl. a.a.O., 180.


112 A.a.O., 220. In der hierauf folgenden Darstellung von Sam und Reg tritt der Theokra-
tiebegriff ganz zurück.
113 A.a.O., 265.
114 A.a.O., 253.
115 Bei Esr/Neh fehlen sie ganz. Vgl. zu Esr/Neh im übrigen den §196b: Es "muss zuge-
standen werden, dass die Meinung, der Verf. der Chron. sei zugleich der Sammler des
B.Esra, durch die Verwandtschaft, welche zwischen beiden Büchern besteht, sehr be-
günstigt wird." (Vgl. a.a.O., 269). Siehe dazu schon oben, Einleitung, 2.1.
116 D.h. "die sogenannten hinteren Propheten' (a.a.O., 164).
117 Vgl. a.a.O., 278.
118 A.a.O., 280.
119 Vgl. a.a.O., 320.
120 A.a.O., 332.
121 A.a.O., 360.
122 Vgl. dazu oben, Anm.97.
40 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

konkret als Vorstellung vom 'idealen Königtum Gottes' bezeichnet wird,


bildet ein Spezifikum Israels, das auch in nachexilischer Zeit lebendig
bleibt.
Zur Beschreibung der vorstaatlichen Verfassungswirklichkeit ist der Be-
griff untauglich, da eine konkrete, materiale Theokratie erst in der Königs-
zeit, als auf priesterliche Gesetze gegründete, sichtbar wird. Allerdings ist
die jetzt greifbare theokratische Realität Ausdruck des Mißverständnisses
der 'Idee der Theokratie'.
Mit der Einführung des - negativ besetzten - Hierarchiebegriffs versucht
de Wette, die Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit von Theokratie zu
lösen. Die theokratische Wirklichkeit stellt sich demnach als Priesterherr-
schaft dar, die ihrerseits kein Spezifikum Israels ist.
Die von den Propheten entwickelte Vorstellung von der 'idealen Theokra-
tie' schließlich bildet eine dritte Größe. Sie äußert sich als - durchaus poli-
tische - Zukunftshoffnung, die die (Wieder-) Herstellung einer vollkomme-
nen Theokratie einschließt.
Mit seinem Theokratieverständnis hat de Wette so den Theokratiebegriff -
auch über Michaelis hinaus - erheblich erweitert. Eine Vorstellung, die mit
dem Stichwort Theokratie das Verhältnis zwischen Gott und Israel allge-
mein zu beschreiben sucht, ist hier zumindest angelegt.

3.4. Wilhelm Gesenius (1786-1842)

Ohne nähere Erläuterung der Terminologie stellt Gesenius in seinem exege-


tischen Hauptwerk, dem 1821 erschienenen 'Jesaja-Kommentar' 123 , den
Propheten "in aller Hinsicht als den Herold und Wächter der Theokratie
und des theokratischen Glaubens" vor 124 . Die theokratische Idee bestimmt
Jesajas 'religiöse' und vor allem die 'politische' Kritik seiner Gegen-
wart 125 , wobei Gesenius diese Idee im politischen Bereich wie folgt präzi-
siert:
"Ueberall tritt als höchster Grundsatz hervor, daß mit menschlicher Macht und Hülfe
nichts gethan sey, daß der Herr der Heerscharen allein helfen könne und helfen werde

123 W. Gesenius, Jesaja.


124 A.a.O., Th.l, 27.
125 Vgl. ebd.: "eigentlich theokratischefn] Sünden" sind u.a. "Götzendienst", "Aberglau-
ben", "Nichtachtung des Gesetzes"; vgl. auch a.a.O., 29.
Wilhelm Gesenius 41

(7,4ff. 8,17), wofern er nicht sein Volk für seine Sünden zu züchtigen beschlossen ha-
be."126

Die der "allgemeinen theokratischen Ansicht der Hebräer" eigene partiku-


laristische Tendenz zeigt sich in Jesajas Völkerworten 1 2 7 .
Ob und inwiefern Gesenius die Theokratie als Staatsverfassung denkt,
führt er nicht explizit aus. Hinweise bietet etwa die Auslegung von Jes 9 , 6 ,
in deren Verlauf Hiskia als "ein frommer, der Theokratie ergebener und
wahrscheinlich von Kindheit auf unter ihrem Einfluß stehender Fürst" cha-
rakterisiert w i r d 1 2 8 , gegen dessen 'antitheokratischen' Ratgeber sich der
Prophet w e n d e t 1 2 9 .
Im zweiten, den Kapiteln 40-66 gewidmeten Teil, wird die Aufgabe der
exilischen Propheten beschrieben:

"[...] sie sollen die Mittler des neuen Bundes werden, den Jehova mit den Völkern
schließt, und die Gründer des neuen theokratischen Staates" 1 ^.

Dabei scheint Gesenius einen Wandel des nachexilischen Theokratiever-


ständnisses anzunehmen, wenn er aus Jes 49,8 den Schluß zieht: "Nach die-
ser Stelle und V . 6 soll das Geschäft der neuen Bundes-Mittler für Israel
darin bestehen, das theocratische Regiment im neuen Jerusalem zu füh-
ren." 1 3 1 Ein irdischer König als Stellvertreter Gottes scheint dann nicht
mehr nötig.

Das Stichwort 'Hierarchie' tritt hinter dem Theokratiebegriff fast ganz zurück. Die Be-
zeichnung Samuels sowohl als 'Hierarch' als auch als "theokratische Mittelsperson" zielt
nicht auf eine Gleichsetzung beider Termini 132 . Die Charakterisierung der "religiösen

126 Ebd.
127 A.a.O., 31. Vgl. dazu den Kommentar zu Jes 2,6 (a.a.O., 185: Jeder Umgang mit
Fremden "gilt schon dem Propheten für profan und ist den theocratischen Grundsätzen
zuwider") und Jes 23.
128 A.a.O., 361.
129 Vgl. ebd., und a.a.O., 836 (zu Jes 28,9.10): "Worte der freygeisterischen, antitheo-
kratischen Vornehmen, die sich beschweren über das Joch, welches ihnen durch Gesetz
und Predigt der Theokratie auferlegt werden soll." Hier wird deutlich, daß sich die
theokratische Idee zur Zeit (Proto-)Jesajas (noch) nicht allgemein durchgesetzt hat. Vgl.
dazu auch a.a.O., 708: "Nur den religiösen Israeliten, sowie den Anhängern und Wäch-
tern der Theokratie, war es ein Gräuel, daß schon Salomo sich von sidonischen Wei-
bern hatte zum Dienst der Astarte verleiten lassen".
130 A.a.O. (Th. 2), 10.
131 A.a.O., 130. Vgl. auch a.a.O., 149 (zu Jes 51,16): die Propheten sollen "Gründer des
neuen idealen Staates werden".
132 Vgl. a.a.O., Th.l, 29, Anm.43 mit a.a.O., Th.2, 62. Gesenius wendet sich an der
erstgenannten Stelle gegen ein Verständnis, das "in Samuel nur den heimlich für sich
und seine Kaste machinirenden Hierarchen" sehen will.
42 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Vorstellungen" Israels als "nicht überall rein und geistig [...], nicht frey von Einflüssen der
Mythologie, der Superstition oder auch hierarchischer H e r r s c h a f t " ! " j^ßt darauf schlie-
ßen, daß Gesenius - zumindest implizit - den Hierarchiebegriff als negativ besetzten ge-
braucht.

Die Frage nach Anfang und Urheber der Theokratie stellt sich für Gese-
nius nicht. Aus den wenigen Hinweisen geht weder eindeutig hervor, ob der
Ausdruck ein israelitisches Spezifikum bezeichnet, noch ob mit seiner Hil-
fe eine Staatsverfassung oder eine Idee - etwa im Sinne de Wettes - be-
schrieben ist. Wahrscheinlich sind jedoch beide Bedeutungen impliziert,
wobei Monarchie und Theokratie einander nicht ausschließen.
Der so in einem weiten Sinn aufgefassten Theokratie begegnet nach Gese-
nius zur Zeit Jesajas noch Widerstand. Deuterojesaja erwartet in der Zeit
des Exils eine neue, bessere Theokratie bzw. einen theokratischen Staat, der
keinen irdischen König, wohl aber irdische Repräsentanten JHWHs kennt.

3.5. Heinrich Leo (1799-1878)134

In seiner 'Geschichte des jüdischen Staates' 135 greift der Historiker Hein-
rich Leo ausdrücklich auf Ergebnisse der Forschungsarbeit Michaelis', de
Wettes, Vaters und Gesenius' zurück 136 . Dabei kommt dem Hierachiebe-
griff eine zentrale Rolle zu.
Nach Leos Definition ist die Hierachie der "Staat, welcher am meisten al-
ler concreten Grundlagen in seiner Gestaltung ermangelt, der von der Ab-
straction seine Fundamente erhält, von ihr geboren und erzogen wird" 137 -
und deshalb "als die der menschlichen Entwickelung und überhaupt der
Vernunft am meisten zuwiderlaufende Form des politischen Bestehens" cha-
rakterisiert werden kann 138 .

133 W.Gesenius, Vorrede, VI.


134 Zur Biographie Leos vgl. F.X.von Wegele, Art.: Leo. Hervorzuheben sind in ihrem
Zusammenhang u.a. der Besuch theologischer Vorlesungen bei Eichhorn während Leos
Göttinger Studienzeit (vgl. a.a.O., 289), der Einfluß der "geschichtsphilosophische[n]
Anschauung Hegel's [...] auf seine historische Denkweise" (a.a.O., 290) und Leos
grundsätzliche kirchlich-orthodoxe bzw. politisch-konservative Haltung (vgl. a.a.O.,
291).
135 H.Leo, Vorlesungen.
136 Vgl. a.a.O., 6f.l3 ; s. auch a.a.O., 81, wo Leo de Wettes Auslegung von Ex 19,6
aufnimmt.
137 A.a.O., 3.
138 A.a.O., 4.
Heinrich Leo 43

Der jüdische Staat ist für den Historiker deshalb besonders interessant,
weil er hier "den Charakter, die Grundzüge, die Entwickelung und den end-
lichen Untergang aller Hierachien" exemplarisch verfolgen kann 139 .
Ausgehend von der Überzeugung, daß die uns vorliegende Geschichtserzählung von Mo-
se bis zur Landnahme "durch Priester, ohne Zweifel im Interesse der Jüdischen Hierarchie,
ganz und gar entstellt worden" i s t 1 ^ , stellt Leo den von Anfang an vorhandenen
hierarchischen Charakter des jüdischen Staatswesens heraus, dem jedoch zugleich eine
demokratische Tendenz eignet1'*1.
Als Hierarchie ist der mosaisch-jüdische Staat zu bezeichnen, weil in ihm "die Gottheit
über alle Verhältnisse unmittelbar herrschte und bestimmte". Er ist ein gegensatzloser
Staat, denn die Hierarchie "duldet überall keinen Gegensatz in sich" und "kennt nur stren-
ge, stufenweise Unterordnung" 1 ^. Der "jenseits der Wirklichkeit liegende[n]" "abstrakte
Gedanke der Gottheit" ist nach Leo das Prinzip jeder hierarchischen Staatsverfassung143.
Gott wird "an deren Spitze [...] gedacht, und durch einen Menschen repräsentirt [...], von
welchem aus dann die Strahlen der Macht ausgehen auf alle übrigen Beamten und Glieder
dieses geistlichen Staates" 1 ^.
Nur einen positiven Aspekt der Hierarchie vermag Leo zu erkennen: Die "Strenge" und
"Starrheit hierarchischer Consequenz" allein vermag es, den "ersten, rohen, natürlichen
Zustand der Völker zu brechen". Deshalb kommt der hierarchischen Verfassung durchaus
ein geschichtlicher Ort zu 1 45.
Gott selbst ist Staatsoberhaupt des jüdischen Staates. "Seine positive Wirksamkeit er-
scheint theils in dem regelmäßigen und geordneten Thun der Priester und Leviten, und in
dem Dienst des ganzen Volkes; theils in der [...] Erweckung von Propheten und Heroen
und in dem Vollbringen von Wundern" Hoherpriester, Priester und Leviten folgen auf
der hierarchischen Stufenleiter unmittelbar, der König ist ihnen untergeordnet1
Die Entstehung des konkreten hierarchischen Staates in Israel schildert Leo als langwie-
rigen Prozeß, der erst nach der Richterzeit eingesetzt h a b e n 1 u n d nur bedingt auf die

139 Ebd.; vgl. a.a.O., 5, den Hinweis auf die römisch-katholische Kirche des frühen Mit-
telalters, die versuchte, "die Grundzüge der Jüdischen Hierarchie zu den Grundlagen
einer neuen Theorie des Staatsrechts zu machen".
140 A.a.O., 11.
141 Vgl. a.a.O., 23: "Wenn von allen Staatsformen die Demokratie nächst der Hierarchie
die schlechteste ist, so ist wieder eine solche Demokratie, wie wir sie einigermaßen bei
den Juden treffen, von allen Demokratien die schlechteste."
142 A.a.O., 26. Als Beispiele für diese Struktur der Unterordnung werden (a.a.O., 29ff)
die untergeordnete Stellung der Frau, die väterliche Gewalt, die Stellung der Erstge-
borenen und das Erbrecht genannt.
143 A.a.O., 56.
144 A.a.O., 57. Hier auch ein Hinweis auf die französische Revolution von 1789, die zwar
nicht Gott, sondern die Vernunft an die Spitze stellte, in der Konsequenz aber eine
Hierarchie bildete.
145 A.a.O., 62.
146 A.a.O., 49. Vgl. dazu a.a.O., 157: nach der Reichsteilung bilden die Propheten im
Nordreich die "hierarchische Parthei".
147 Vgl. a.a.O., 41. Dort auch die Überlegung, daß es dem mosaischen Prinzip auch ent-
spricht, wenn der Hohepriester - wie zur Makkabäerzeit - selbst König ist.
148 Vgl. a.a.O., 69.
44 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

wirklich alten Gesetze des Pentateuch zurückgeführt werden k a n n ^ . Ausgangspunkt der


Entwicklung ist die - mit David und vor allem dem Tempelbau beginnende - Konzentration
von Priestern in Jerusalem, verbunden mit der Entstehung von P r o p h e t e n s c h u l e n ^ O . Ihren
Endpunkt bildet die Regierung Josias, während der sich "die priesterliche Parthei alles Ein-
flusses auf den König bemächtigt"^'. Die hierarchische Regierungsform endet jedoch
schon unter Jojakim, indem Juda seine politische Unabhängigkeit verliert
Mit der von "Anhänger[n] der Hierarchie" betriebenen Rückkehr aus dem Exil 1 5 3 setzt
der Kreislauf erneut ein. Die andauernde Fremdherrschaft läßt dem jüdischen Volk nur eine
"religiöse Existenz", die Priesterschaft ist alleinige Instanz zur Klärung interner Angele-
genheiten, schließlich wird der Hohepriester "auch immer mehr das Haupt der Nation"
Diese Entwicklung wird durch das hierarchische Element der jüdischen Verfassung unter-
stützt, das seinerseits durch sie gestärkt w i r d ' ^ . Leo urteilt zusammenfassend:
"Man kann nicht anders sagen (wenn man sich von der Notwendigkeit der Hierarchie
bei einem seiner Selbstständigkeit beraubten Volke überzeugt hat), als daß in dieser Ein-
richtung der öffentlichen Verhältnisse Alles wohl berechnet und gemischt war. "156
Die in den Makkabäerkriegen erkämpfte "herrliche Erhebung des Jüd. Volkes in die Rei-
he selbstständiger N a t i o n e n " 157 ist glanzvoller Höhe- und zugleich Scheitelpunkt dieses
Prozesses. Unter den hasmonäischen Herrschern Hyrkan und Aristobul erreichen die Phari-
säer, die als "Führer des Volkes, als Verfechter des hierarchischen Systemes, als Vertheidi-
ger der Tradition" vor der Aufgabe stehen, "die Herrschaft religiöser Interessen über sinn-
liche darzustellen"^®, die Trennung von geistlicher und weltlicher G e w a l t " D i e Wei-

149 Vgl. a.a.O., 80: die Gesetze, die "den ausgebildeten Levitismus, die Jüdische Hier-
archie betreffen", sind spät, z.T. erst in nachexilischer Zeit, entstanden. Erst mit Esra
ist "die Wirklichkeit der ganzen Mosaischen Verfassung" datierbar (a.a.O., 192). Vgl.
auch a.a.O., 102: Mose, der Gott als oberste Gewalt darstellt, ermöglicht es den Levi-
ten, in späterer Zeit den "ganz eigenthümlichen, theokratischen Staat der Israeliten zu
entwickeln". Der "Grundstein des theokratischen Gebäudes muß schon von Mose ge-
legt" - oder wenigstens durch dessen Tun impliziert gewesen sein (ebd.).
150 Vgl. a.a.O., 146.152f.
151 A.a.O., 87. Dazwischen liegt u.a. der von der "hierarchischen Parthei" geführte
Kampf gegen die staatliche Ordnung des Nordreiches, gegen "Glaubensfreiheit und
freien, friedlichen Verkehr mit Andersdenkenden" (a.a.O., 158), der schließlich zu des-
sen Untergang führt (vgl. a.a.O., 168f). Im Südreich ist die "priesterliche Gewalt" seit
Joas "eine constitutionsmäßige" und "gehört zu den Fundamenten des Judäischen
Staates" (a.a.O., 173). Unter Ahas kommt es erneut zum Konflikt (vgl. a.a.O., 176),
während Hiskia wieder "fromm und der Theokratie ergeben" ist (ebd.; Leo zit. hier -
ohne diesen anzugeben - Gesenius' Jesaja-Kommentar [vgl. W.Gesenius, Jesaja, Th.l,
361]).
152 Vgl. H.Leo, Vorlesungen, 181.
153 A.a.O., 184.
154 A.a.O., 195.
155 Vgl. ebd.
156 A.a.O., 198. Dort auch der Hinweis, daß der Hohepriester das monarchische und das
Synhedrium das aristokratische Element repräsentieren.
157 A.a.O., 242.
158 A.a.O., 224.
159 Vgl. a.a.O., 227.231.
Heinrich Leo 45

gerung, während der römischen Herrschaft die "fremden Gesetze und Einrichtungen" anzu-
erkennen'^®, fuhrt zum von der theokratischen Partei getragenen Aufstand' 6 ', an dessen
Ende die "gänzliche Auflösung der Jüd. Nation steht"'®.
Leo beendet seine Darstellung der politischen Geschichte Israels folgendermaßen:
"So schließt, durchaus dem geistigen Charakter des Jüdischen Volkes getreu, die Ge-
schichte desselben als einer politischen Gemeinde, durch die Vernichtung ihrer selbst. Das
abstracteste Festhalten an jenem einen theokratischen und volkstümlichen Princip war es
gewesen, was den Jüdischen Staat entwickelt hatte; das war es, was ihn vernichtete."'®3

Auch wenn Leo anerkennt, daß die Hierarchie innerhalb der Menschheits-
geschichte einen notwendigen und sinnvollen Ort hat, beurteilt er die kon-
krete hierarchische Staatsverfassung des jüdischen Gemeinwesens - als Aus-
druck einer durch den Prozeß der Geschichte überholten Stufe - negativ.
Hierarchie kann in seinen Augen allenfalls eine Notlösung sein, entweder
zur Zügelung der rohen Triebe der Bürger oder nach Verlust der staatlichen
Souveränität.
Die aus der Abstraktion gewonnenen Fundamente der Hierarchie, also die
Vorstellung, daß die (abstrakte) Gottheit den Staat und seine Bürger unmit-
telbar und vollständig beherrscht, bedingten deren unterdrückerischen, ty-
rannischen Charakter.
Die gleichzeitig herausgestellte republikanisch-demokratische Tendenz
der hierarchischen Idee steht dazu nicht im Widerspruch, denn so geartete
freiheitliche Bestrebungen münden nach Leo erneut in Unterdrückung, Cha-
os - und schließlich in den Untergang des Staates.
Leos Hierarchiebegriff nimmt Elemente des Theokratieverständnisses von
Josephus auf 164 , ohne diese explizit auf ihn zurückzuführen. Dabei ge-
braucht der Historiker den Theokratiebegriff mit seinen theologischen Kon-
notationen mit äußerster Zurückhaltung, wobei deutlich wird, daß 'Hierar-
chie' und 'Theokratie' ihrem Inhalt nach identisch sind 165 .
Träger der Idee sind Priester, Propheten und die Armen.
Von seinen bisher genannten Vorgängern unterscheidet sich Leo vor al-
lem dadurch, daß er beide Begriffe zur Charakterisierung auch des nachexi-

160 A.a.O., 242.


161 Vgl. a.a.O., 282. Nach der Flucht der Römer gerät das Land in die Hände "der
Zeloten, die sofort eine republikanische Regierung einrichteten, deren Fundament
natürlich die Theokratie war" (a.a.O, 283).
162 A.a.O., 242f.
163 A.a.O., 291.
164 Vgl. dazu a.a.O., 41.49.
165 Vgl. dazu a.a.O., 26 (die Hierarchie "duldet überall keinen Gegensatz in sich"), und
41 (Theokratie meint eine 'gegensatzlose Einheit').
46 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

lischen jüdischen Gemeinwesens gebraucht und davon überzeugt ist, daß


sich in spätnachexilischer Zeit - unter der Herrschaft der Pharisäer - die Ge-
schichte der vorexilischen Hierarchie/Theokratie gleichsam wiederholt 1 6 6 .
Das hat zur Folge, daß Hierarchie/Theokratie nicht notwendig die Staats-
verfassung eines autonomen Staatswesens beschreiben, sondern auch die -
in erster Linie religiöse - Autonomie eines unter Fremdherrschaft lebenden
Volkes.

3 . 6 . Carl Peter Wilhelm Gramberg ( 1 7 9 7 - 1 8 3 0 ) 1 6 7

Mit dem Ziel, die Forschungsergebnisse de Wettes und Gesenius' zu recht-


fertigen, hat Gramberg "Die Chronik nach ihrem geschichtlichen Charakter
und ihrer Glaubwürdigkeit neu geprüft" 1 6 8 .

Dabei thematisiert er in drei Kapiteln das Alter, die Quellen und die geschichtliche
Glaubwürdigkeit bzw. Darstellungsweise der C h r o n i k b ü c h e r ' u n d faßt abschließend zu-
sammen:
- Hinter der in den Chronikbüchern erkennbar werdenden "planmäßige[n] Verfälschung
der Geschichte" steht ein zur Zeit Antiochus IV. - im "neuen Jüdischen Staat" - wirkender
Verfasser17®.
- Dieser war ein judäischer Levit, der "eine objectiv-wahre und kritische Geschichte we-
der schreiben konnte, noch wollte" 171 . Deshalb ist alles, was in seinem Werk "nicht aus
den alten kanonischen Schriftstellern geschöpft" wird, "für ungeschichtlichen Zusatz zu
halten" 172 .
Hinweise für die Datierung der Chronik entnimmt Gramberg unter anderem ihrem
Davidbild, das diesem "nicht etwa wahre Tugenden, sondern blos Begünstigung des Kultus
und der heiligen Kaste zuschreibt" und damit den "Geiste der spätem verderbten, unter
Priesterherrschaft seufzenden Zeit" 17 ^ widerspiegelt.

166 Vgl. a.a.O., 169. Ebd. bezeichnet Leo die hierarchisch-theokratisch-prophetische Op-
positionspartei des Nordreiches als "Vorgänger der Pharisäer". Von hier aus ist die
Schlußfolgerung möglich, daß er zwischen Priestern und Propheten im Blick auf Hier-
archie/Theokratie nicht unterscheidet.
167 Vgl. zur Biographie Grembergs G.M.Redslob, Art.: Gramberg, und A.Bertholet,
Art.: Gramberg, 1422 ("als AT.ler Vertreter der historisch-kritischen Richtung eines
De Wette und Wilh. Gesenius").
168 C.P.W. Gramberg, Chronik. Zur Intention Grambergs vgl. das Vorwort (a.a.O., V-
VIII) mit seiner Polemik gegen J.G.Eichhorn, J.M.Hertz und vor allem J.G.Dahler.
169 Vgl. a.a.O., 1-22 (Capitel 1. Von dem Alter der Chronik), 22-65 (Capitel 2. Von den
Quellen der Chronik), 66-225 (Capitel 3. Von dem geschichtlichen Charakter der Chro-
nik).
170 A.a.O., 224.
171 Ebd.
172 A.a.O., 225.
173 A.a.O., 75.
Carl Peter Wilhelm Gramberg 47

Idee und Ziel dieser Priesterherrschaft verdeutlicht Gramberg zum einen am Beispiel der
chronistischen Darstellung der Justizreform Joschafats, durch die den Leviten eine vom
Staat unabhängige "eigne Gerichtsbarkeit, unter Oberaufsicht des Hohenpriesters", gewährt
wird 1 7 4 . Damit entsteht "eine förmliche hierokratische Constitution, welcher sich auch der
König, - sonst ein orientalischer Gewaltherrscher ! - demüthig unterwirft"! 7 ^ £ u m ande-
ren folgert Gramberg aus dem in IlChr 24,17ff beschriebenen gewaltsamen Ende des Jo-
asch, daß der Chronist mit diesem Beispiel zeigen wolle, "wie nothwendig den Fürsten die
Leitung der Priester sey"^^.

Der extremen Betonung des chronistischen Levitismus und der damit ver-
bundenen Hochschätzung des Kultes auf der einen steht auf der anderen
Seite Grambergs auffällige Zurückhaltung beim Gebrauch der Begriffe Hie-
rokratie/Hierarchie und Theokratie gegenüber. Letzterer wird nicht ange-
führt. Die Gleichsetzung von Hierokratie und Priesterherrschaft ist deutlich.
Deutlich ist auch Grambergs Überzeugung, der Chronist habe eine Art
Apologie der Hierarchie geben wollen 177 . Unklar bleibt, inwieweit etwa
der sogenannte neue jüdische Staat als Priesterstaat bzw. Hierokratie/Hier-
archie verstanden wird, wenn einerseits bereits die eigene Gerichtsbarkeit
der Leviten bei fortbestehendem Königtum als Ausdruck einer 'hierokrati-
schen Constitution', andererseits aber erst die Gegenwart des Chronisten,
also die Makkabäerzeit, durch das Stichwort 'Priesterherrschaft' charakteri-
siert ist.

Präziser läßt sich die Entgegensetzung von Hierokratie/Hierarchie und


Theokratie erst in Grambergs Hauptwerk "Kritische Geschichte der Religi-
onsideen des alten Testaments" fassen. Die Untertitel des ersten bzw. zwei-
ten Bandes machen deutlich, daß für den Verfasser beide Stichworte einan-
der antithetisch gegenüberstehen178. Gramberg definiert:
"Die Hierarchie besteht in dem Bestreben der Priester, nicht durch geistige Ueberlegen-
heit, sondern durch das äussere Ansehn und die Würde ihres Amts über das Volk (die Lai-
en) zu herrschen, wobey ursprünglich die schuldlose Selbsttäuschung, dadurch am sicher-
sten für Religiosität und Moralität zu wirken, obwalten kann, welche indess nur gar zu
leicht selbstsüchtigen Absichten, bey denen jene Zwecke nur zum Vorwand genommen
werden, Platz macht." 1 7 '

174 A.a.O., 133.


175 Ebd.
176 A.a.O., 207.
177 Vgl. dazu ders., Hierarchie, XXIV.
178 Vgl. a.a.O., und ders., Theokratie. Die von Gramberg angekündigten und bereits aus-
gearbeiteten zwei weiteren Teile (vgl. dazu ders., Hierarchie, XXVIII) erschienen
aufgrund seines frühen Todes nicht (s. dazu G.M.Redslob, Art.: Gramberg, 578). Zur
forschungsgeschichtlichen Einordnung des Werkes vgl. z.B. R.Smend, Mitte, 45.
179 C.P.W.Gramberg, Hierarchie, 1.
48 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Oberstes Ziel der Hierarchie bzw. ihr "Hauptzweck" ist nicht ein 'moralisch-religiöser',
sondern die "unumschränkte Herrschaft einer privilegirten heiligen Kaste über gedankenlos
gehorchende Laien" 1®®. Als Mittel zur Erlangung derselben dient in erster Linie "ein für
wahre Frömmigkeit ausgegebener Ceremoniendienst" 181 .
Die Geschichte der Hierarchie ist ein Prozeß, an dessen Beginn Mose steht, der den
Stamm Levi für das Priesteramt b e s t i m m t e Q e eigentlichen Einsatzpunkt bildet jedoch
n

die auf Salomo zurückzuführende Bildung eines eigenen Priesterstandes 1 der sich nach
Grambergs Überzeugung "allein mit dem Cultus, nicht mit der Religion, welche von den
Propheten gepflegt wurde, beschäftigt" 184 Am Ende steht - in nachexilischer Zeit - die
Übernahme politischer Macht durch die Priester, so daß "die Hierarchie der Hebräer in ih-
rer Vollendung erscheint" 18 -':
"So ist denn endlich der Hohepriester geworden, was selbst der Vf. des Buchs Numeri
und Ezechiel und der Chronist nicht zu hoffen wagten, ein souverainer Fürst in geistlichen
und weltlichen Dingen."1
Im folgenden untersucht Gramberg die von ihm sieben Perioden zugeordneten kanoni-
schen Bücher der Hebräischen Bibel unter den - systematisch orientierten - Überschriften
'Heiligtümer' 187 , 'Opfer und Gaben' 1 8 8 , 'Priesterschaft' 1 8 9 , 'Feste' 1 9 0 , 'Äussere Bräu-
che' 1 9 1 und 'Götzendienst' 19 ^.
Er meint, mit seiner Darstellung zeigen zu können, daß erst mit der von ihm ermittelten
vierten Periode, die den Beginn des babylonischen Exils umfaßt und in der die Bücher Lev,
Num, Jer, Thr, Ez, Hab, Ob, Ps abgeschlossen wurden 19 ^, die umfassende Herrschaft der
Priester über den ganzen Alltag des Volkes greifbar wird 19 '*.

180 A.a.O., 2.
181 A.a.O., 3; vgl. auch XXVIII.
182 Vgl. a.a.O., 1.170f.
183 Vgl. a.a.O., 1.
184 A.a.O., 2.
185 Ebd. Gramberg hält hier fest, daß aufgrund der schlechten Quellenlage und aus 'mora-
lischer Abscheu' die Darstellung dieser Glanzzeit der Hierarchie seine Aufgabe nicht
sein kann.
186 A.a.O., 262.
187 Vgl. a.a.O., 5-94 (Kap.I).
188 Vgl. a.a.O., 94-168 (Kap.II).
189 Vgl. a.a.O., 169-263 (Kap.III).
190 Vgl. a.a.O., 263-322 (Kap.IV).
191 Vgl. a.a.O., 322-436 (Kap.V).
192 Vgl. a.a.O., 436-546 (Kap.VI).
193 Vgl. a.a.O., XXV.
194 Vgl. dazu a.a.O., 195 (im Rahmen eines Durchgangs durch die Reinheitsgesetze in
Lev 11-15): "Man sieht leicht ein, dass nach diesen Gesetzen kein Laie unangefochten
seine Geschäfte betreiben, kein Haus oder Geräth in Ruhe besitzen konnte, wenn der
Priester es nicht wollte; denn so genau auch die meistens thöricht erdachten Abzeichen,
an denen man Reinheit oder Unreinigkeit erkennen soll, angegeben sind, so blieb das
Urtheil doch stets dem Priester überlassen, und man musste auf alle Weise danach
streben, diesen zum Freunde zu behalten, um nicht durch sein Verdammungsurtheil in
Schaden zu gerathen."
Carl Peter Wilhelm Gramberg 49

Die in der fünften Periode - gegen Ende des E x i l s 195 - verfassten und historisch weniger
glaubwürdig als Richter und Samuel- e i n g e s c h ä t z t e n ^ Königsbücher berichten einerseits
vom durch den Hohepriester Hilkija erstmals unternommenen Versuch, "einen Theil der
von Priestern, sicher nicht ohne sein Vorwissen abgefassten Mosaischen Schriften ans Ta-
geslicht zu bringen". Dadurch gewinnt der Kult "eine andere Gestalt"'^. Andererseits
sind ihre Opferschilderungen zwar "übertrieben", aber "keineswegs im levitischen Geist
der Bücher Leviticus und Numeri "198 Die sich auch in den Königsbüchern erst spät fin-
dende Erwähnung eines Hohepriesters^" deutet nach Gramberg auf die späte Entwicklung
der hierarchischen Idee hin. Ebenso die Unmöglichkeit, vor Josias Passafeier in Kön nach
dem mosaischen Gesetz rite vollzogene Feste nachzuweisen 200 .
Erst dem der - von 333-164 reichenden - siebten Periode zugeordneten Chronisten201
schließlich, dessen Ideal die in der vorexilischen Realität nie verwirklichte unumschränkte
Herrschaft der Priester ist 2 0 2 , erscheint "die alte Zeit in Hinsicht des Cultus der neuen
ganz gleich" 20 ^ Er weist "der heiligen Kaste auch einen bedeutenden politischen Einfluss
zu, und wacht durch Erdichtung harter Strafen [...] über ihrer Unverletzlichkeit und ihrer
heiligen Würde" 2 0 4 .

Für Gramberg ist die Hierarchie eine realexistierende Größe der nachexi-
lischen Zeit. Priesterherrschaft erstreckt sich dabei zunächst auf den reli-
giös-bürgerlichen Bereich und umfaßt so auch das Alltagsleben. Erst unter
den hasmonäischen Herrschern wird die Idee der Priesterherrschaft auch im
politischen Sinn verwirklicht.
Daß für die im Mittelpunkt des Grambergschen Interesses stehende vor-
exilische Epoche der Geschichte Israels der Begriff 'Hierarchie' nicht in
erster Linie eine politische Wirklichkeit beschreibt, wird durch seinen Ge-
genbegriff 'Theokratie' deutlich.

Theokratie steht "als ein natürliches Product des Patriotismus und der
Zeitumstände" der Hierarchie, die "das künstliche [sc.: Produkt] einer eng-
herzigen, der Zeit stets widerstrebenden Selbstsucht" ist, entgegen 2 0 5 .

195 Vgl. a.a.O., XXVf.


196 Vgl. a.a.O., 52.
197 A.a.O., 63.
198 A.a.O., 146f.
199 Vgl. a.a.O., 225.
200 Vgl. a.a.O., 303. Vgl. dazu a.a.O., 384, wo betont wird, daß die Königsbücher
zeigen, "dass während der Zeit der Könige die Mosaischen Satzungen der Bücher
Leviticus und Numeri weder bekannt waren, noch geachtet wurden".
201 Vgl. a.a.O., XXVI.
202 Vgl. a.a.O., 170f.
203 A.a.O., 250.
204 A.a.O., 249.
205 Ders., Theokratie, IVf. Gramberg grenzt sich hier dezidiert von de Wettes Verständnis
der theokratischen Idee als einer "rein-theoretischen" und der daraus resultierenden
Vorstellung einer teilweise engen Beziehung beider ab.
50 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Ohne Verweis auf Josephus definiert Gramberg Theokratie allgemein als "eine im Na-
men der Gottheit geleitete politische Herrschaft" und verweist darauf, daß diese Idee im
Altertum allen Nationen eignete - und bis heute in Asien beliebt sei20®.
Inhalt der im Alten Testament dargestellten theokratischen Idee ist die Vorstellung der
Israeliten, die "sich und ihr Land zum Mittelpunct des Weltalls, das Blühen und Bestehen
ihres Staates zum Zwecke der Schöpfung, den Familiengott ihrer Stammväter und ihren
Nationalgott zugleich zum höchsten aller Götter und zum Schöpfer des Weltalls, aber auch
zum speciellen Beherrscher ihres Staates m a c h e n . " * ^
2

Hauptzweck bzw. -ziel der Theokratie ist die "Herrschaft der Israeliten über andre Völ-
ker"20°. AJS Mittel zu ihrer "Erhaltung und Befestigung" dienen "alle die Anordnungen
[...], durch welche man das Israelitische Volk, als ein dem Jehova insbesondre geweihtes,
heiliges Priestervolk von den umwohnenden Völkern abzusondern suchte" 20 ^; dazu kom-
men die "rein-politischen, z.B. Verbot der Bündnisse mit Ausländern zum Schutz der Isra-
eliten" 210 .

Innerhalb des Theokratieverständnisses Grambergs kommt der Unter-


scheidung zwischen partieller und universaler Theokratie eine zentrale Rolle
zu. Während erstere "reiner Egoismus" ist und 'geistigen Stillstand' zur
Konsequenz hat 2 1 1 , findet letztere im Christentum ihr Ziel und ihren krö-
nenden Abschluß 2 1 2 . Nur von daher sind "die rationalen Elemente der
213
Theokratie anzuerkennen und deutlich hervorzuheben" .
Die genannte Differenzierung innerhalb des Theokratiebegriffs, die auch
die Unterscheidung zwischen 'erfahrungsmäßiger' und 'idealer' Gestaltung
der Theokratie 2 1 4 bestimmt, durchzieht Grambergs ganze Darstellung der
alttestamentlichen Theokratievorstellung.

Unter der Überschrift "Theokratische Herrscher" bietet das erste Kapitel 215 unter ande-
rem einen historischen Abriß der Entwicklung. Die Idee der Theokratie geht danach auf
Mose zurück, dessen 'reiner und eigentlicher' Theokratiebegriff in JHWH selbst - und in
diesem allein - den unmittelbaren Herrscher Israels sieht 21 ". Der Versuch des Propheten

206 A.a.O., 1.
207 Ebd.
208 A.a.O., 23.
209 A.a.O., 3. Gramberg begründet ebd. seinen Verzicht auf die Darstellung dieser Mittel
mit ihrer teilweisen Zugehörigkeit zur Idee der Hierarchie - und damit, daß diese An-
ordnungen "meistens rein-theoretisch sind und nicht ins Leben treten" (a.a.O., 4).
210 A.a.O., 4
211 A.a.O., 2.
212 Vgl. ebd.
213 Ebd.
214 Vgl. a.a.O., 6.
215 Vgl. a.a.O., 5-246.
216 Vgl. a.a.O, 6.189. Die auf Mose zurückgehende theokratische Konzeption beinhaltet
zwar auch die Möglichkeit einer Berufung von menschlichen Stellvertretern JHWHs,
dabei werden jedoch "durch die Verkündiger seines Worts nur die am Geist kräftigsten
Menschen" berücksichtigt (a.a.O., 6). Verwirklicht wurde diese theokratische Idee des
Carl Peter Wilhelm Gramberg 51

und Theokraten Samuel, trotz der ihm abgerungenen Einsetzung des Königtums Grundla-
gen theokratischen Führertums zu retten, ist einerseits angesichts der Entstehung einer erb-
lichen Monarchie im Süd- bzw. des willkürlichen Wechsels der Dynastien im Nordreich
zum Scheitern verurteilt. Andererseits lebt theokratisches Gedankengut durch den propheti-
schen Einfluß auf Innen- und Außenpolitik beider Reiche weiter^l^.
Nach Grambergs Uberzeugung sieht das Alte Testament in David den 'Prototyp' des Bil-
des eines von JHWH erwählten theokratischen H e r r s c h e r s ^ ' j a Davids Leben erscheint
als Ausgangspunkt für die Entwicklung sowohl der empirischen als auch der idealisierten
theokratischen Idee überhaupt^
Bei der alttestamentlichen Darstellung anderer theokratischer Herrscher, beispielsweise
Josuas, zeigt sich der Versuch, die Theokratie der Hierarchie unterzuordnen^^. In den
Königsbüchera und der Chronik bleibt die theokratische Idee - oder der 'theokratische
Pragmatismus' - etwa durch die Vorstellung lebendig, "dass Jehova die ihm nicht treu
ergebenen Könige früh oder spät noch in ihren fernen Nachkommen s t r a f e " ^ ' .
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Aussage, Serubbabel könne als "Herrscher,
welchen Cyrus der neuen Colonie gib [...], [...] wohl kaum als ein theokratischer Herr-
scher angesehn werden, da er ja den Ausländern stets unterworfen b l i e b " ^ 2 2 Theokratie
setzt für Gramberg also dezidiert politische Souveränität voraus.
Am Schluß der historischen Entwicklung steht auch im zweiten Teil der Sieg der Hierar-
chie, indem zur Makkabäerzeit die souveränen Hohepriester die politische Macht erlan-
gen*··".
Die eigentlichen Vertreter und Wächter der Theokratie sind nach der von Samuel vollzo-
genen Trennung von Exekutive und L e g i s l a t i v e ^ ^ aber nicht die sog. 'theokratischen
Herrscher', sondern die im zweiten Kapitel unter der gleichnamigen Überschrift betrachte-
ten ' P r o p h e t e n ' D i e s e können sich nur "auf ihre eigne Geisteskraft" bzw. "Persönlich-
k e i t " ^ « stützen und verlangen "Gehorsam gegen Jehova und Verehrung desselben [...]

weniger durch einen privilegirten Cultus [...] als durch Enthaltung von theokratischen Ver-
gehungen und durch einen rechtschaffnen W a n d e l " 2 2 7 .
Über Zwischenstufen - etwa Ezechiel, der nach Grambergs Überzeugung damit beginnt,
"den Prophetismus der Hierarchie dienstbar zu m a c h e n " 2 2 8 . läßt sich in exilisch/nachexi-

Mose nach Gramberg in der Richterzeit (vgl. ebd.) - einer Epoche, die er im ersten Teil
als "Anarchie" charakterisiert hatte (vgl. ders., Hierarchie, 21).
217 Vgl. ders., Theokratie, 6.
218 Vgl. a.a.O., 102f.
219 Vgl. ebd. 109 (Pflichten eines theokratischen Herrschers werden von Davids Beispiel
abgeleitet).112.446. Vgl. auch a.a.O., 627: Das Abrahambild wurde von den Ver-
fassern der Gen so konstruiert, daß Abraham als "ein Vorbild (typus) des David er-
scheine".
220 Vgl. a.a.O., 193 (zu Num 27,12-23) und 191 (zum Josuabild des Buches Jos).
221 A.a.O., 170. Vgl. a.a.O., 219 (zur Absolutsetzung dieses Gedankens in Chr).
222 A.a.O., 210. Vgl. auch a.a.O., 496: Pseudo-Jes erhofft einen "selbstständigen, theo-
kratischen Staat".
223 Vgl. a.a.O., 237f.
224 Vgl. dazu z.B. a.a.O., 139.268.
225 Vgl. a.a.O., 246-564.
226 A.a.O., 248.
227 A.a.O., 248f.
228 A.a.O., 402.
52 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

lischer Zeit der Niedergang des Prophetenstandes erkennen 22 ^: Haggai zum Beispiel ist
von der Theokratie abtrünnig, "weil er sich ganz der Hierarchie dienstbar macht"230 j m
sogenannten Pseudo-Jesaja allerdings findet sich - trotz des Niedergangs der Prophetie - ein
treuer Wächter der theokratischen Idee 2 3 1 , indem vor allem dessen Hauptteil·"·' die Rück-
kehr des Volkes als Voraussetzung der Vereinigung in einem "selbstständigen, theokra-
tischen Staat" erhofft 2 3 3 .
Das dritte Kapitel, "Messianische Hoffnungen"23**, schließlich beschreibt alttestamentli-
che Erwartungshaltungen bzw. Zukunftshoffnungen, denen "die Theokratie nicht mehr auf
die Wirklichkeit gestützt und auf sie hinwirkend, erfahrungsmässig, sondern rein-ideal er-
scheint" 23 ^. Die messianische Idee des Alten Testaments beinhaltet für Gramberg dabei
zentral die Vorstellung "einer über die Erfahrung hinausgehenden, die Mängel der Wirk-
lichkeit ersetzenden, im Ganzen aber doch auf die Erde und ihre Güter beschränkten Theo-
kratie" 236 .
Im Zentrum der messianischen Hoffnungen stehen zunächst aus der Gegenwart extrapo-
lierte Zustände und Gestalten 23 ^. Bis in die Exilszeit, d.h. die vierte Periode, hinein sind
sie mit der Erwartung einer Wiederherstellung des israelitisch-jüdischen Staates verbunden
- und damit Ausdruck einer partiellen bzw. partikularistischen Ideologie 23 8. In der sech-
sten Periode schließlich kommt es zum Auseinandergehen der Wege: Während Sacharja
und Pseudo-Sacharja einen priesterlichen Messias erwarten 23 ^ und dem Kult in der messia-
nischen Zeit eine zentrale Stellung einräumen 2 ^, bahnen Maleachis messianische Weissa-
gungen "den Ubergang zu dem im N.T. von dem Täufer Johannes als Vorläufer des
Messias Jesus und von diesem selbst verkündigten Evangelium der Busse"2'*1. Indem Ma-
leachi "in der messianischen Zeit mehr eine Zeit nothwendiger Strafe als Belohnung sah",
gab er zugleich die "Hoffnung auf eine glänzende Wiederherstellung des Staats" auf 2 ^ 2 .

Die Verschiedenheit der beiden Begriffe 'Theokratie' und 'Hierarchie' ist


für Grambergs Verständnis konstitutiv: Hierarchie als künstliche, auf unein-

229 Vgl. a.a.O., 486f.


230 A.a.O., 513.
231 Vgl. a.a.O., 486f.
232 Jes 34f; 40-66 (vgl. dazu a.a.O., 481).
233 A.a.O., 496.
234 Vgl. a.a.O., 564-669.
235 A.a.O., 564.
236 A.a.O., 566.
237 Vgl. z.B. a.a.O., 575: Jesaja hat, wenn er vom messianisch-theokratischen Regenten
der Zukunft spricht, Hiskia im Blick. Vgl. dazu a.a.O., 652 (zu Hag 2,6-9): Haggai
überträgt gleichsam von Jesaja im Blick auf Hiskia formulierte Gedanken auf
Serubbabel.
238 Vgl. dazu z.B. a.a.O., 618f: Obadja erwartet den Sieg des erneuerten Staates über die
Nachbarvölker.
239 Vgl. a.a.O., 654.
240 Vgl. a.a.O., 659f.
241 A.a.O., 660.
242 A.a.O., 663. Hierin folgt ihm Daniel (vgl. ebd.), der als einziger Vertreter der siebten
Periode - anders als Ester und Chronik - Material für das Thema 'messianische Erwar-
tungen' bietet.
Carl Peter Wilhelm Gramberg 53

geschränkte Herrschaft der Priester und Unterdrückung der Mehrheit zie-


lende Idee, ist dem Bereich des - äußeren - Kultes zugeordnet und wird von
Priestern getragen. Die 'natürliche', von den Propheten gestützte und leben-
dig erhaltene theokratische Idee dagegen betrifft den Bereich der Religion.
Sie anerkennt allein die Herrschaft Gottes.
Während die Hierarchie sich erst in der spätnachexilischen Zeit als Staats-
form durchsetzen konnte, ist die Theokratie in ihrem reinen, ursprünglichen
Sinn unter Mose und zur Zeit der Richter realisiert worden. In späteren
Epochen war sie dann nur noch idealisiert und so unwirklich. Historisch be-
trachtet stehen sich Theokratie und Hierarchie gegenüber, indem erstere den
Anfang, letztere das Ende der Geschichte Israels kennzeichnet.
Gleichzeitig ist meines Erachtens erkennbar, daß der Begriff Theokratie
für Gramberg nicht eine Staatsform neben anderen, z.B. Monarchie und
Aristokratie, darstellt, sondern eine übergreifende (Staats-) Idee, die als Ba-
sis jedoch ein souveränes Staatswesen voraussetzt.
Allerdings scheint Grambergs antithetische Gegenüberstellung von Theo-
kratie und Hierarchie letztlich inkonsequent und durch innere Widersprüche
zum Scheitern verurteilt. Zum einen bringt die ihm notwendig erscheinende
Differenzierung zwischen partieller und universaler Theokratie erstere - et-
wa als Ausdruck geistigen Stillstands und partikularer Herrschaftswünsche -
in unmittelbare Nähe zur Hierarchie. Zum anderen macht die Darstellung
Grambergs implizit deutlich, wie nahe beide Vorstellungen sich berühren -
zum Teil in der Person ihrer Protagonisten selbst - und wie sehr sie einan-
der beeinflussen 243 . In diesen Zusammenhang gehört auch die nicht eindeu-
tige Klassifizierung von Theokratie und Hierarchie: Inwieweit kann ein ein-
heitlicher Theokratiebegriff aufgestellt werden, wenn Theokratie unter Mo-
se und zur Zeit der Richter realisiert war, in exilisch-nachexilischer Zeit
jedoch so idealisiert wurde, daß eine Verwirklichung nicht mehr in Frage
kam 244 ? Was bedeutet dann die von Gramberg postulierte Verwirklichung
der hierarchischen Herrschaft in makkabäischer Zeit ? Ist die bis zuletzt von
wenigen Wächtern getragene Theokratie ein zur hierarchischen Herrschaft
gleichwertiger Gegenbegriff - oder Chiffre für eine der hierarchischen Idee
nicht vergleichbare, weil endlos überlegene Heilsanstalt ?

243 Vgl. dazu die oben genannten Ausführungen (a.a.O., 3f) betreffend die Mittel zur Er-
haltung der Theokratie, die Gramberg nicht eigens erörtert, weil sie schon im Rahmen
der Darstellung der Hierarchie genannt seien.
244 Vgl. dazu schon a.a.O., 175 (zur Zeit von Joasch und Jojada war Theokratie nichts
Wirkliches).
54 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

3.7. Johann Karl Wilhelm Vatke (1806-1882)

Im ersten Band des Hauptwerkes Vatkes, 'Die biblische Theologie' 245 ,


kommt den Begriffen 'Theokratie' und 'Hierarchie' zentrale Bedeutung zu.
Im Rahmen der Einleitung24^* findet sich zunächst das nicht näher bestimmte Stichwort
'Gottesstaat', das den israelitisch-judäischen Staat mit seiner Hauptstadt Jerusalem bezeich-
net 2 4 ?.
Durch den Theokratiebegriff wird in diesem Teil zunächst eine der Patriarchenzeit nach-
geordnete Epoche der Geschichte Israels 248 , wenig später dessen zur Zeit des Hellenismus
nicht mehr existierende staatliche Organisationsform beschrieben24®. Darüber hinaus cha-
rakterisiert der Theokratiebegriff sowohl die Geschichte Israels als Ganzheit25®, als auch -
in der Konkretisierung 'theokratischer Staat' - den "eigentlichen Mittelpunkte] des Alten
Testaments" 2 5 Dabei ist interessant, wie zurückhaltend Vatke sich zur Frage von Aus-
gangspunkt und Urheberschaft der Institution der Theokratie äußert: "die Vorgeschichte
der Theokratie" kann seiner Meinung nach "nicht historisch-sicher ausgemittelt, ja [...]
selbst die Stiftung derselben durch Mose nur im Allgemeinen bestimmt werden" 252 .
Die im ersten Kapitel gebotene 'Kritische Geschichte der alttestamentlichen Religion' 25 ^
bietet unter anderem eine Entwicklungsgeschichte beider Begriffe.
Vatke will durch seine Darstellung der ersten Periode, des mosaischen Zeitalters bzw.
der Wirksamkeit Moses, zunächst die "allgemeine Vorstellung von einer mosaischen
Staatsverfassung in ihre gehörigen Grenzen zurückfuhren": Die Gesetzessammlung des
Pentateuch ist "nicht Grundlage eines Staatskörpers, selbst nicht eines Priesterstaates" und
konnte auch später, als sich eine Staatsform ausbildete, nicht "als theokratisches Staats-

245 W.Vatke, Die biblische Theologie.


246 Vgl. a.a.O., 1-174 (§§ 1-19).
247 Vgl. a.a.O., 59.
248 Vgl. a.a.O., 102.
249 Vgl. dazu a.a.O., 117: "Denn das Zeitalter in welches sie [sc.: die Proselyten] fallen,
stellt den Verfall und zugleich die Verallgemeinerung des beiderseitigen Lebens dar,
der griechische Proselyt hörte durch seinen Übertritt nicht auf, griechischer Bürger zu
sein und trat nicht in die Theokratie ein, denn Beides war eigentlich nicht mehr vorhan-
den"; s. auch a.a.O., 165 (das babylonische Exil führt zur Auflösung dieses Staates).
250 Vgl. a.a.O., 129.
251 Vgl. a.a.O., 167: Mittelpunkt ist die Wirklichkeit des theokratischen Staates zusam-
men mit der "Blüthe des [sc.: hebräischen] Principe".
252 A.a.O., 166. Das Selbstbewußtsein - und damit auch die Theokratie - sind erst lange
nach dem mosaischen Zeitalter, das Vatke aber gleichwohl als "erste Hauptperiode des
Alttestamentlichen Principe" gelten läßt, ausgebildet (a.a.O., 167); vgl. dazu z.B. den
a.a.O., 183 formulierten Grundsatz, "daß die religiöse Vorstellung nicht vollständig
entwickelt und lebendig angeschaut werden kann, also dem zu Grunde liegenden Begrif-
fe nicht entspricht, so lange das sittliche Leben, welches jener Stufe des Begriffs ange-
messen ist, noch weit hinter dem Urbilde zurückbleibt, z.B. bei der Vorstellug der
Theokratie". Das Stichwort 'Hierarchie' begegnet in der Einleitung übrigens nur zur
Bezeichnung des Priesterstandes (vgl. a.a.O., 141).
253 Vgl. a.a.O., 177-590 (§§20-28). Vatke gliedert die Geschichte Israels in acht Peri-
oden; vgl. dazu L.Perlitt, Vatke, 104-125.
Johann Karl Wilhelm Vatke 55

recht" gelten 2 ^. Gleichzeitig hält Vatke fest, daß sich der "Pentateuch als Totalität der
theokratischen Gesetzgebung zu erkennen" gibt und seine Verfasser offensichtlich das spä-
tere Recht des Königtums ausschließen, es zumindest als nicht-theokratisch und nicht-of-
fenbart diskreditieren wollen 2 ^. Daß der mosaische Staat keine 'gesetzgebende Gewalt'
vorsieht, bleibt eines seiner Hauptdefizite, auch eine "beschließende Gewalt kennt der Pen-
tateuch eigentlich nicht" 2 ^ 6 . Die "richterliche Gewalt" dagegen wird von Mose zwar ge-
ordnet, bildet letztlich aber keinen "ineinandergreifenden Organismus" 2 ^. Daß die Recht-
sprechung auf keinen Fall den Priestern allein übertragen wurde, macht folgende Schluß-
folgerung Vatkes möglich: "Eine eigentliche Hierarchie, d.i. Herrschaft der Priester, hat
der Pentateuch nicht direct gegründet, sondern nur vorbereitet, indem die meisten Gesetze
über das Priesterwesen mehr die Einkünfte als die Macht desselben zu sichern s u c h e n . "258
Das gänzliche Fehlen der - jeden Staat erst zum Staat machenden - Institution der 'voll-
ziehenden Gewalt' schließlich zeigt, daß dem mosaischen Staat "zugleich die höhere Ein-
heit und die ganze Sphäre des öffentlichen Rechts" fehlt - es mithin nicht um einen "wirkli-
chen Staatsorganismus", sondern um "das abstract-allgemeine theokratische Princip"
g e h t 2 ^ Diesem im Pentateuch zutage tretenden Prinzip hat Josephus, "indem er die theo-
kratische Staatsform der monarchischen, oligarchischen und demokratischen gegenüber-
stellt", nach Vatkes Darstellung den Namen Theokratie beigelegt. Dieser Name bezeichnet
"die Form des sittlichen Gesammtiebens, welche alle Machtfülle des Staates Gott selbst
beilegt, so daß Gott die gesetzgebende, richterliche und vollziehende Gewalt eigentlich
selbst in Händen hat, und alle mit der Staatsgewalt bekleidete Organe nur unselbständige
Mittler sind" 2 6 0 .
Zugleich stellt Vatke die Begriffsbildung des Josephus in Frage, wenn er fortfährt, daß
die vom Pentateuch gezeichnete Theokratie "keine Staatsform im gewöhnlichen Sinne des
Wortes ist", die den anderen von Josephus genannten vergleichbar wäre: "es ist vielmehr
eine religiöse Anschauung, Resultat und Abstraction von schon ausgebildeten sittlichen
Verhältnissen und ist mehr geeignet, die moralisch-religiöse Seite des Lebens zu läutern
und zu erheben, als rechtliche und sittliche Verhältnisse zu gründen" 26 !.
Von den in diesem Sinne nicht als Begründung für eine, sondern Abstraktion aus einer
schon bestehenden Staatsform verstandenen Pentateuchgesetzen262 mit ihrer hohen Refle-
xionsebene ist nach Vatke "das einfache Prinzip der theokratischen Betrachtung, die Vor-
aussetzung, daß Jehova als Nationalgott sein Volk beherrsche und leite", grundsätzlich zu
unterscheiden 26 ^. "Gründer" dieser ersten Stufe von 'Theokratie', auf der "die ganze hi-
storische Existenz des Volkes mit der Idee Jehova's in Einheit" gesetzt wird, ist Mose, wo-
bei der Begriff 'Bund' zu ihrer Bezeichnung angemessener wäre26"*.

254 W.Vatke, Die biblische Theologie, 204.


255 A.a.O., 205.
256 A.a.O., 206.
257 A.a.O., 206f.
258 A.a.O., 207.
259 A.a.O., 208.
260 A.a.O., 208f.
261 A.a.O., 209.
262 Vgl. a.a.O., 210.
263 A.a.O., 211.
264 A.a.O., 238.
56 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

Noch in der zweiten Epoche der Geschichte Israels, der Richterzeit, gilt, daß "nicht ein-
mal die Vorstellung eines menschlichen Gemeinwesens klar" wurde, noch weniger jedoch
"die Vorstellung der Theokratie im strengeren Sinn des W o r t e s "^65
Anders als seine Vorgänger vermag Vatke in Samuel zwar einen theokratischen Herr-
scher, aber noch nicht den Gründer oder Vertreter der eigentlichen Theokratie zu se-
hen 2 6 6 . In Abgrenzung gegen die oben genannte Meinung de Wettes, allein die von Samu-
el begründeten Prophetenschulen seien "Wächter der Theokratie", hebt Vatke im übrigen
die positive Beteiligung der Priester an der Entwicklung einer theokratischen Gesetzgebung
hervor 26 ^.
Erst angesichts des von David begründeten 'despotischen Königtums', das über eine ab-
strakte, unvollkommene Form nie hinauswächst, und seiner Staatsverfassung "erzeugte sich
aus dem höheren Princip und im Gegensatz zu jenen zufalligen und öfter ungöttlichen Ge-
stalten die hierarchisch-theokratische Verfassung, die freilich für sich nicht bestehen
konnte, aber eine wesentliche Ergänzung der erstem war"26®*. Dieser in der dritten Epo-
che, dem davidisch-salomonischen Zeitalter, aufbrechende Gegensatz zwischen dem real-
existierenden Königtum auf der einen und der durch Priester und Propheten getragenen
Weiterentwicklung des "höheren Principe" bzw. "göttlichen Gesetzes" auf der anderen Sei-
te 269
zieht sich durch die weitere Geschichte Israels hin. Das 'hebräische Prinzip' ist in
dieser dritten Epoche zwar angelegt, aber noch relativ unentwickelt2^®.
Die Darstellung der vierten Epoche, d.h. des zehnten und neunten Jahrhunderts 2 ^, ist
für unseren Zusammenhang zunächst deshalb von Interesse, weil Vatke hier einerseits den
weiter abstrakt bleibenden Charakter der theokratischen Idee bzw. der "Vorstellung vom
Gottesstaate" 2 ^ 2 betont. Andererseits lehnt er die These vom übermächtigen Einfluß des
Priesterstandes auf die Politik bzw. der Existenz einer 'Hierachie' ab: "wenn man unter
Hierarchie directen, entweder gesetzlich und verfassungsmäßig oder auch nur observanz-
mäßig bestimmten, Einfluß der Priester auf die weltliche Macht und die Angelegenheiten
des weltlichen Staates versteht, so muß dieses Element vom hebräischen Staate ausgeschlos-
sen werden

265 A.a.O., 261. Vgl. auch die a.a.O., 264 gezogene Schlußfolgerung, "daß die Vor-
stellung von der Theokratie in der Richterperiode nur dem Keime oder abstracten Prin-
cipe nach vorhanden war, also in einer Form, welche jenen Namen eigentlich nicht ver-
dient".
266 Vgl. a.a.O., 289: "Eine theokratische Verfassung im eigentlichen Sinne des Wortes
hat aber Samuel eben so wenig gegründet, als David und Salomo einen Gesammtgottes-
dienst"; s. auch a.a.O., 298: "der vollständige Begriff" der theokratischen Herrschaft
konnte "sich erst später im Conflict mit dem weltlichen und abgöttischen Despotismus
ausbilden". Vgl. dazu jedoch: Wilhelm Vatke's Gesammtansicht, 259 (Samuel ent-
wickelte sich zu einem vollkommenen prophetischen Theokraten).
267 Vgl. W.Vatke, Die biblische Theologie, 304, Anm. Zum abrupten Verschwinden die-
ser Prophetenschulen aus der Geschichte Israels vgl. a.a.O., 481 f, Anm.
268 A.a.O., 306. Vgl. dazu die Feststellung a.a.O., 296, daß "bei den ältesten Propheten,
deren Werke uns erhalten sind, [...] die allgemeinere religiös-historische, d.i. theokrati-
sche Anschauung der späteren Zeit im Wesentlichen schon" vorfindlich ist.
269 Vgl. a.a.O., 313.
270 Vgl. a.a.O., 391.
271 Vgl. a.a.O., 391-460.
272 A.a.O., 410.
273 A.a.O., 411; vgl. auch a.a.O., 484: "die Annahme von priesterlicher Hierarchie im
Johann Karl Wilhelm Vatke 57

Darüber hinaus nimmt nach Vatke in dieser Epoche der Gegensatz zwischen 'ideellem
Universalismus' und 'Particularismus' Gestalt an^'^, wobei keiner der beiden Pole dem
Stichwort 'Theokratie' zugeordnet wird^S.
In der fünften Epoche, dem assyrischen Zeitalter^^, schließlich erreicht die "Vor-
stellung von der Theokratie [...] ihre ideale Vollendung und eine solche Festigkeit und Ge-
diegenheit, daß sie in späteren Zeiten, wo dem Bewußtsein der feste Boden der Realität
entrückt wurde, den abstracten Einheitspunkt bildeten [sie !], um welchen sich alle Wün-
sche und Hoffhungen d r e h t e n " ^ ' ? . Nach Vatke ist die Existenz eines selbständigen Staates
von jetzt an keine notwendige Voraussetzung für das Weiterleben der theokratischen Idee
mehr^S. Die Entwicklung des realen Staatswesens ermöglicht es der theokratischen Vor-
stellung, "ein ideales Reich des Rechtes und der Sittlichkeit" zu entwerfen^^. g s fällt jetzt
leichter als zuvor, in JHWH den "Gesetzgeber, Herrscher und Beschützer des Volkes" zu
sehen, wobei die "Realisierung der Idee" erst von der - nahen - Zukunft erwartet wird^O.
Daß und wie das den Propheten eignende "höhere Selbstbewußtsein [...] vom theokrati-
schen Staate" schon die Gegenwart positiv b e e i n f l u ß t ^ 1, zeigt die Reform Hiskias. Diese
darf nicht "in einseitiger Beziehung auf den äußern Cultus und die Hierarchie aufgefaßt"
werden^®^, sondern muß im Gegenteil als "erste allgemeinere Aeußerung des theokrati-
schen S e l b s t b e w u ß t s e i n s ' ^ ^ verstanden werden.
Die sechste Periode der Geschichte Israels, 'Chaldäisches Zeitalter', umfaßt die Zeit von
ca. 630-536 v . C h r . S i e schließt also auch und vor allem die Exilszeit ein, die unter an-
derem durch die "Hoffnung der Wiederherstellung des theokratischen S t a a t e s " 2 8 5 geprägt
ist. Für die Entwicklung der theokratischen Idee ist Vatkes Beobachtung wichtig, daß "ein
durchgebildetes System der theokratischen Symbolik" erst während dieser Epoche entstan-
den sein kann^ö. indem die Priester nach dem Untergang des Königtums an Einfluß ge-
winnen und so langsam den ersten Rang im Gemeinwesen einnehmen, wobei diese Stellung

hebräischen Staat [ist] überhaupt nicht wohl begründet". Einen "indirecten Einfluß der
Priester" sieht auch Vatke gegeben, allerdings komme diesem "der Character des Hier-
archischen nur im uneigentlichen und untergeordneten Sinne" zu (a.a.O., 412).
274 Vgl. a.a.O., 440.
275 Im babylonischen Exil ist der individuelle Universalismus einerseits voll ausgebildet,
andererseits werden auch dann noch "Repräsentanten des theokratischen Geistes" gegen
eine Verbindung von Angehörigen des Volkes Israel mit Ausländern eintreten (vgl.
a.a.O., 442).
276 Vgl. a.a.O., 460-499.
277 A.a.O., 476.
278 Vgl. a.a.O., 477.
279 Ebd.
280 A.a.O., 479. Hier auch der Hinweis, daß die theokratische Idee in exilisch-nachexi-
lischer Zeit "noch eine höhere Gestaltung" erhielt.
281 A.a.O., 481.
282 A.a.O., 482.
283 A.a.O., 484.
284 Vgl. a.a.O., 501.
285 A.a.O., 524. Vgl. a.a.O., 520: Jeremia kündet "mitten im Untergange [...] eine schö-
nere Zukunft des theokratischen Staates" an.
286 A.a.O., 536. Die Vorstellung von der qualifizierten Präsenz JHWHs auf dem Zion bil-
det "die unbewußte Symbolik der Theokratie" (vgl. ebd.).
58 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

keinen "politischen Charakter" hat, entsteht jetzt eine 'Hierarchie'287 Dabei ist deutlich,
daß das Stichwort von Vatke auch jetzt noch nicht im Sinne eines staatsrechtlichen Begrif-
fes gebraucht wird.
Am Anfang der siebten Epoche, 'Persisches Zeitalter'^®®, steht - nach dem Wiederauf-
bau des Tempels - die Gründung eines der fremden Macht untergeordneten Gemeinwesens,
"welches durch Statthalter und Richter auf der einen, und durch die Priesterschaft, den Ho-
henpriester an der Spitze, auf der anderen Seite geleitet w u r d e " 2 8 9 . £)je n e u errichtete 'Co-
lonie' ist nicht auf staatliche Souveränität oder gar die Wiederherstellung des 'theokrati-
schen Staates' ausgerichtet^^®.
Die Theokratie ist in dieser Periode "in die Form eines bloßen Gemeinwesens überge-
g a n g e n " 2 9 1 und hat somit ihren politischen und auch gestalterischen Charakter verloren.
In Vatkes Darstellung der achten, makedonisch-makkabäischen Periode der Geschichte
Israels^^ schließlich fehlen die beiden Stichworte 'Theokratie' bzw. 'Hierarchie'. Der
Leitsatz des §28 hebt hervor, daß das jüdische Volk unter Führung seiner Hohepriester eine
"ruhige und glückliche P e r i o d e "293 erlebt habe bzw. nach dem erfolgreichen Makkabäer-
aufstand "seit Simon von unabhängigen Priesterfürsten r e g i e r t " 2 9 4 WO rden sei.

Im zweiten Kapitel 'Allgemeiner Begriff der Alttestamentlichen R e l i g i o n ' b e g e g n e t


der Theokratiebegriff - wie schon bei Vatkes Vorgängern - im Rahmen der Charakterisie-
rung der alttestamentlichen Religion als Ausdruck des P a r t i k u l a r i s m u s ^ ^ ö
Die Theokratie ist Produkt der Vorstellung einer unmittelbaren Einheit von "Staat und
Kirche"297, aufgrund derer "das Gottesreich [...] unmittelbar mit dem hebräischen Staate,
und als dieser untergegangen, mit dem Gemeinwesen identisch"^® gedacht wurde. Noch
einmal definiert Vatke:
"Die objective Sittlichkeit, als unmittelbare Einheit des rein-allgemeinen oder göttlichen
und des allgemeinen Willens des hebräischen Volkes, hatte die Form der Theokratie; Jeho-

287 A.a.O., 539.


288 Vgl. a.a.O., 551-577.
289 A.a.O., 551f.
290 Vgl. a.a.O., 554f. Vatke hält a.a.O., 555, fest, daß eine Minderheit dieses Ziel durch-
aus verfolgt, weist dann aber a.a.O., 556, die von seinen Vorgängern gelegentlich ver-
tretene Ansicht, aus dem babylonischen Exil seien "nur theokratisch gesinnte Juden zu-
rückgekehrt", zurück.
291 A.a.O., 562.
292 Vgl. a.a.O., 577-590.
293 A.a.O., 577.
294 A.a.O., 578.
295 Vgl. a.a.O., 591-660.
296 Vgl. a.a.O., 619f: "die Vermittelung blieb aber auf dem Boden der unmittelbaren Sitt-
lichkeit stehen, wußte dieselbe nicht als endliche Bestimmtheit, und konnte sich daher
aus der Sphäre des sittlichen Gemeinwesens, mochte dasselbe als Theokratie oder an-
ders bestimmt sein, nicht zur Idee der Kirche erheben", durch die "die Schranke der na-
tionalen Sittlichkeit zu höherer Allgemeinheit aufgehoben" ist. (Zur Problematik des
Vatkeschen Modells und Vorgehens vgl. L.Perlitt, Vatke, 127f.) In diesem Zusammen-
hang spricht Vatke dann, recht unvermittelt, wieder von der "Vorstellung vom heiligen
Priesterstaate" (W. Vatke, Die biblische Theologie, 620).
297 A.a.O., 633.
298 A.a.O., 634.
Johann Karl Wilhelm Vatke 59

va selbst wurde als der eigentliche König, Gesetzgeber und Richter angesehen, und die Or-
gane des Volkswillens handelten nur in seinem Namen, waren daher im Verhältniß zu Je-
hova unselbstständig, im Verhältniß zu den einzelnen Bürgern des Gottesstaates aber mit
absoluter Machtvollkommenheit a u s g e r ü s t e t . "^99
Im "mehr Kligionsphilosophisch als religionsAi'jioracA"300 argumentierenden dritten
Kapitel, 'Verhältnis der Alttestamentlichen Religion zu den ihr vorangehenden Religions-
stufen'301, findet sich ein Exkurs zum Ursprung des JHWH-Namens und zur Originalität
des alttestamentlichen Prinzips·"^. Vatke hält dort zunächst erneut fest, daß sich erst zur
Zeit Davids bzw. Salomos "die bestimmtere Vorstellung von der Theokratie" entwickelte
"und der Name Jehova, als der eigentlich theokratische" erst damals "näheren Inhalt" er-
hielt303. Darüber hinaus ist ihm die Bezeichnung Moses - nicht Samuels - als "Stifter der
Theokratie" Beweis dafür, daß im Volk Israel allgemein die Auffassung herrschte, "daß das
höhere Princip über die Periode des Königthums hinaufreiche"·^.

Im vierten Kapitel, 'Hauptrichtungen, die sich aus dem Principe e n t w i c k e l t ' 3 0 5 wendet
>

sich Vatke ein weiteres Mal gegen die Auffassung, die vor- oder nachexilische Hierarchie -
gemeint ist hier zweifellos der Priesterstand - sei durch "einen engherzigen Sinn" charak-
terisiert, durch den "sie jede freiere Entwicklung gehemmt habe"™6 g r kritisiert Versu-
che, den Konflikt zwischen Priestern und Propheten als grundsätzlichen Streit um die Aner-
kennung des hebräischen Prinzips hinzustellen 3 ^.

Vatkes Gebrauch der Stichworte 'Theokratie' und 'Hierarchie' zeichnet


sich gegenüber den Vorgängern vor allem durch seine Differenziertheit und
das Bemühen um eine genaue Abgrenzung der Begriffe aus 3 0 8 .
Nachdem 'Theokratie' zunächst einzelne Epochen der Geschichte Israels
oder auch die Geschichte Israels als Ganzes sowie dessen staatliche Organi-
sationsform bezeichnet, wird im weiteren Verlauf ein dreifacher Theokra-
tiebegriff maßgebend:
- Theokratie meint einerseits ganz allgemein das besondere Verhältnis
von JHWH, dem Herrscher, und seinem Volk Israel, das von ihm geleitet
wird. Deshalb könnte der Begriff hier durch den Terminus 'Bund' ersetzt
werden.

299 Ebd.
300 L.Perlitt, Vatke, 129.
301 Vgl. W.Vatke, Die biblische Theologie, 660-710.
302 Vgl. a.a.O., 668-710.
303 A.a.O., 675.
304 A.a.O., 691.
305 Vgl. a.a.O., 711-719.
306 A.a.O., 713.
307 Vgl. a.a.O., 714. Namentlich werden Leo und Gramberg genannt bzw. widerlegt.
308 Vgl. dazu die Kritik an denjenigen, die die Begriffe Theokratie bzw. theokratisch "in
solcher unbestimmten Allgemeinheit" verwenden, "daß sie auf jedes religiöse Verhält-
niß, jede Beziehung des Menschen auf Gott passen würden" (a.a.O., 261, Anm.3) - er-
neut ist Gramberg angeführt.
60 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

- Andererseits ist Theokratie - im Anschluß an und Widerspruch gegen


Josephus - zwar Ausdruck einer Staatsidee, die JHWH selbst die drei ent-
scheidenden Momente staatlicher Gewalt, Legislative, Judikative und Exe-
kutive, ausüben läßt, zugleich aber nicht eine "Staatsform im gewöhnlichen
Sinn" 309 . So verstanden setzt Theokratie einen selbständigen Staat voraus,
dessen Mitglieder den 'abstract-allgemeinen Willen Gottes' als einzig wirk-
lich realen betrachten und überzeugt sind, daß dieser Wille - durch Vermitt-
lung sittlicher Institute - in der Geschichte dieses Volkes und Staates
wirkt 310 . Erst nachdem die theokratische Idee sich gefestigt hat und weiter
ausgeprägt wurde, kann sie in späteren Epochen auch ohne Staat fortbeste-
hen 3 ! 1.
- Obwohl die genannten Definitonsversuche Vatkes einen staatsrechtli-
chen Theokratiebegriff ausschließen, bleibt dieser, etwa wenn vom 'theo-
kratischen Staat' die Rede ist 312 oder konstatiert wird, daß die Theokratie
in "nachexilischer Zeit in die Form eines bloßen Gemeinwesens übergegan-
gen" sei 313 , doch präsent. Hier wird gleichzeitig deutlich, daß die politi-
sche Realität der nachexilischen Zeit für Vatke mit dem Stichwort 'Theo-
kratie' nicht beschrieben werden kann, wobei die geistig-ideelle theokrati-
sche Idee wirksam bleibt.
'Theokratie' und 'Hierarchie' stehen für Vatke - anders als für seine Vor-
gänger - nicht in einem antithetischen Gegensatz, sondern korrespondieren
einander 314 . Ihre Repräsentanten, Propheten und Priester, sind nicht Geg-
ner, sondern verfolgen die gleiche Zielsetzung. Der Hierarchiebegriff erhält
dabei ein weites Bedeutungsspektrum, das sich von der technischen Be-
zeichnung des Priesterstandes bis hin zur üblichen Verwendung des Wortes
im Sinn von 'Priesterherrschaft' 315 erstreckt. Deren Existenz wird von Vat-
ke - zumindest für die vorexilische Epoche der Geschichte Israels - explizit

309 A.a.O., 209 (vgl. oben, S.55). Diese fast 'dialektische' Definition der reflektierten
Theokratievorstellung macht es m.E. unmöglich, die von Vatke so bestimmte Refle-
xionsform der 'Hierarchie' Grambergs gleichzusetzen (gegen R.Smend, de Wettes Ar-
beit, 81, Anm.503), denn der Begriff Hierarchie ist für Gramberg, wie oben darge-
stellt, ausschließlich negativ besetzt, und zwar explizit als Priester-, nicht als Gottes-
herrschaft (vgl. die Definition in C.P.W.Gramberg, Hierarchie, 1).
310 Vgl. W.Vatke, Die biblische Theologie, 261.
311 Vgl. a.a.O., 477.
312 Vgl. etwa a.a.O., 554f.
313 A.a.O., 562.
314 Vgl. den Begriff "hierarchisch-theokratische Verfassung" (a.a.O., 306).
315 Vgl. zur Verwendung des Begriffs a.a.O., 224 (die römische Hierarchie ist keine
Stiftung Jesu oder der Apostel).
Ergebnisse 61

bestritten 316 , auch in nachexilischer Zeit ist sie keine staatsrechtliche Grö-
ße 31 ?.
Vatkes positives Verständnis der beiden Größen Theokratie und Hierar-
chie ist in seiner "ideengeschichtlichen Betrachtung der religiösen Entwick-
lung Israels" 318 begründet. Auch wenn die Schlußkapitel dabei - infolge des
von Hegel übernommenen philosophischen Systems - eine Art retardieren-
des Element bilden, tut das dem mit dieser Sicht zunächst erreichten Fort-
schritt keinen Abbruch.

3.8. Ergebnisse

Der das prämoderne Theokratieverständnis repräsentierenden Definition


Speranders, die die Theokratie im vorstaatlichen Israel verwirklicht sieht
und den Begriff insofern in einen staats- bzw. verfassungsrechtlichen Sinn
zur Beschreibung der Verhältnisse der Frühzeit Israels gebraucht, stellt
schon Michaelis eine eigene Theokratievorstellung gegenüber.
Für ihn ist die - in der Zeit Moses greifbar werdende - Theokratie ein
'Titel', nicht eine Regierungsform neben anderen. Konstituiert wird Theo-
kratie in erster Linie dadurch, daß der bei seinem Volk gegenwärtige Gott
die legislative und judikative Gewalt selbst wahrnimmt. Deshalb kann sie
nicht mit einem Priesterstaat identifiziert werden.
De Wettes Modell, das zwischen einer auf Mose zurückgehenden 'theo-
cratischen Staatsverfassung' und den 'theocratischen Gesetzen' aus späterer
Zeit unterscheidet, eröffnet neue Perspektiven. Die Gesetzgebung geht auf
das erst seit David entstehende Priestertum, die Hierarchie, zurück. Ihr Ziel
ist die Verwirklichung der Priesterherrschaft. Dadurch erfährt die von Mose
eingeführte Idee des 'idealen Königtums JHWHs' mit ihrer universalisti-
schen Tendenz eine partikularistische, von de Wette verurteilte Engführung.
Gegen diese entwickelt die prophetische Tradition die Vorstellung von der
'idealen Theokratie'.
Innerhalb von de Wettes Theokratiebegriff sind also drei Ebenen erkenn-
bar: die von Mose entwickelte Idee oder Symbolik, die jedoch bereits 1807

316 Vgl. a.a.O., 411.484.


317 Vgl. dazu auch die Beschreibung der politischen Konstellation der Jerusalemer Kolonie
der nachexilischen Zeit, wo Priesterschaft und Statthalter/Richter als gleichberechtigte
Leitungsinstanzen erscheinen (a.a.O., 551 f).
318 Vgl. dazu L.Perlitt, Vatke, 121f (Zit.: a.a.O., 121).
62 Theokratie im 18. und 19. Jahrhundert

als von späteren Schriftstellern dem 'Geist des Hebraismus' entsprechend


eingeführte - 'erdichtete' - charakterisiert wird, sowie ihre beiden Zweige,
die mit Hierarchie gleichgesetzte Theokratie als Ausdruck des Partikularis-
mus und die sich gleichzeitig entwickelnde universalistische 'ideale Theo-
kratie' der Propheten.
Für Gesenius wird die - unter anderem durch ihre partikularistische Ten-
denz charakterisierte - theokratische Idee in der religiösen und politischen
Botschaft Jesajas greifbar. Als theokratischer Staat ist hier sowohl das vor-
als auch das nachexilische Israel bezeichnet, wobei letzteres ohne irdischen
König gedacht wird. Das Stichwort Hierarchie tritt zurück.
Demgegenüber stellt der Historiker Leo, der ein Stück 'Wirkungsge-
schichte' der bisher genannten Theologen widerspiegelt, den Hierarchiebe-
griff in den Vordergrund. Hierarchie ist dabei definiert als ein Staat, dem
konkrete Grundlagen fehlen, der diese von der Abstraktion erhält und sich
durch eine strenge hierarchische Organisation auszeichnet. - Insofern kann
das vor- und nachexilische Israel für Leo zum Prototyp aller Hierarchien
werden. Positiv zu würdigen ist dabei lediglich dessen Fähigkeit, den natür-
lich-rohen Zustand der Völker zu überwinden.
Der Endpunkt der ersten Hierarchie ist durch die judäische Vasallität seit
Jojakim, d.h. den teilweisen Verlust der staatlichen Souveränität, nicht erst
durch die Zerstörung Jerusalems, gesetzt.
Analog zur ersten verläuft die Geschichte der 'zweiten' - nachexilischen -
Hierarchie, deren Ursprung schon in die Zeit der Fremdherrschaft fällt.
Nach dem Höhepunkt während der Makkabäerkriege steht an ihrem Ende
die totale Katastrophe der politischen Gemeinde. Ihr Festhalten am 'theo-
kratischen Prinzip' führt zum Untergang. Dieses Urteil macht deutlich, daß
für Leo der nur relativ selten gebrauchte Theokratiebegriff mit dem Hier-
archiebegriff identisch ist.
Gramberg hingegen betont den Gegensatz zwischen der Hierarchie als
künstlicher, auf absoluter Priesterherrschaft und Unterdrückung der Mehr-
heit ausgerichteter Idee, die dem äußeren, kultischen Bereich zugeordnet
wird, und der Theokratie. Erstere ist seiner Auffassung nach erst in exi-
lisch-nachexilischer Zeit verwirklicht, während letztere, als die 'im Namen
der Gottheit geleitete politische Herrschaft', schon zur Mose- und Richter-
zeit in ihrem ursprünglichen Sinn verwirklicht war. Das heißt für Gramberg
aber auch: schon hier finden sich die für Theokratie zunächst charakteristi-
schen partikularistischen Tendenzen, die sich im Lauf der Geschichte ver-
stärken, ehe prophetisch-messianische Kreise eine idealisierte, universale
Theokratievorstellung entwickeln.
Ergebnisse 63

Vatke versucht, Theokratie und Hierarchie als einander korrespondieren-


de termini darzustellen. Mit Theokratie ist zunächst das besondere Verhält-
nis von JHWH und Israel, d.h. der Bund, dann eine Staatsidee - nicht
Staatsform !-, die ursprünglich ein eigenständiges Staatswesen voraussetzt,
und schließlich wohl doch eine Staatsform bezeichnet. Vatke wendet sich
explizit gegen einen über diese Bedeutungen hinausgehenden allgemeinen
Gebrauch des Wortes und damit auch gegen eine Übertragung des Begriffs
auf andere Völker oder Religionen.
Mit Hierarchie ist der Priesterstand oder auch die Priesterherrschaft be-
zeichnet, wobei letztere nicht in einem staatsrechtlichen Sinn verstanden
werden darf, auch nicht im Blick auf die nachexilische Zeit.

Die bisherige Darstellung hat gezeigt, daß die Theologie des 19. Jahrhun-
derts keinen einheitlichen Theokratie- und Hierarchie- bzw. Hierokratiebe-
griff entwickelt hat. Nicht immer wird bei der Verwendung des Stichwortes
Theokratie explizit auf Josephus verwiesen, dessen Begriffsbestimmung
wird stets modifiziert oder zurückgewiesen. Der gelegentlich ganz fehlende
Bezug auf den Urheber des Begriffes macht deutlich, wie weit sich die
Theokratiediskussion des 19.Jahrhunderts verselbständigt hat.
Der grundsätzlichen Identifizierung beider Begriffe (de Wette, Leo) steht
ihre antithetische Entgegensetzung (Gramberg) gegenüber.
Hierarchie/Hierokratie bezeichnet allgemein die Priesterherrschaft im
Sinne einer Staatsform (anders: Vatke). Nach Leo ist sie schon in vorexili-
scher, nach Auffassung der Mehrheit erst in exilisch/nachexilischer Zeit
realisiert worden.
Der Theokratiebegriff selbst ist zum Teil im verfassungsrechtlichen Sinn
gebraucht (Gesenius, Gramberg), andererseits wird diese Bedeutung abge-
lehnt (Michaelis), oder durch eine Differenzierung innerhalb des Begriffs
zwischen - alter - 'Verfassungswirklichkeit' und - später - 'Idee' oder aber
'theocratischen Gesetzen' (de Wette, Gramberg) unterschieden. Daß die -
ursprüngliche - Theokratie auf Mose zurückzuführen ist und in dessen Zeit
Wirklichkeit war, wird allgemein angenommen. Bei de Wette klingt die
Vermutung an, auch die Theokratievorstellung der Mosezeit sei das Produkt
einer späteren Epoche. Vatke postuliert für die theokratische Staatsidee
einen selbständigen Staat als Voraussetzung und stellt die Herleitung der
Theokratievorstellung von Mose in Frage.
Die Hierarchie/Hierokratie wird - etwa durch die Zuordnung zum Bereich
des Abstrakten (Leo) oder Äußeren-Kultischen (Gramberg) - fast aus-
schließlich negativ beurteilt. Vatkes Position bildet die einzige Ausnahme,
64 Julius Wellhausen

während etwa die in Ansätzen positive kulturgeschichtliche Würdigung


Leos eng begrenzt ist. Die Beurteilung der Theokratie fällt ambivalent aus.
Ihre Zugehörigkeit zum Bereich des Partikularismus verleiht ihr einen nega-
tiven Beiklang (Gesenius). Der Versuch einer Differenzierung innerhalb des
Theokratiebegriffes führt zur Unterscheidung zwischen einer weitgehend
positiv dargestellten prophetisch-messianisch-universalen und einer negativ
beurteilten partikularistischen Theokratievorstellung (de Wette, Gramberg).
Hier trägt auch die von Mose begründete Theokratie negative Züge.

4. Julius Wellhausen (1844-1918)

"Kein Alttestamentier ist mit so viel Bewunderung gelesen, keiner so erbit-


tert bekämpft worden" 1 - dieses Urteil Smends skizziert die Bedeutung Ju-
lius Wellhausens für die alttestamentliche Wissenschaft.
Die mehrfach beobachtete Tatsache, daß Wellhausen in seinen literarkri-
tischen und historischen Arbeiten die Ansätze seiner Vorgänger aufnimmt
und weiterentwickelt 2 , begründet den Versuch, sein Theokratieverständnis
in einem eigenen Kapitel zu erörtern, das gleichzeitig zur Diskussion des
20. Jahrhunderts überleiten soll. Die sich bis in die Gegenwart erstreckende
Auseinandersetzung mit seinen Theorien und Hypothesen 3 , insbesondere
zur Geschichte Israels 4 , legt eine breite Darstellung der Auffassungen Well-
hausens nahe.
Als Ausgangspunkt der Untersuchung des Theokratiebegriffes bei Wellhau-
sen sollen dessen 'Prolegomena zur Geschichte Israels' dienen, in denen die

1 R.Smend, Alttestamentler, 99.


2 Vgl. etwa R.Smend, a.a.O., 103 (zur Pentateuchkritik), und L.Perlitt, Vatke, 167 (zur
Geschichtsschreibung).
3 Vgl. O.Eissfeldt, Art.: Wellhausen, 1594: "W. hat der at. Wissenschaft, der Arabistik
und der nt. Wissenschaft bis heute lebendige Anregungen gegeben."
4 Vgl. dazu ders., Julius Wellhausen, 64: "Wellhausens Arbeiten zur israelitisch-jüdi-
schen Geschichte haben am weitesten gewirkt."
Zur aktuellen Diskussion vgl. nur die folgenden - willkürlich herausgegriffenen - Bei-
spiele: J.Blenkinsopp, Prophecy, dessen Rezension durch W.McKane (Review, 66) so-
wie die Antwort Blenkinsopps (Response); s. auch den von D.A.Knight hg. Sammel-
band Julius Wellhausen and His Prolegomena, und R.Smend, Wellhausen und das Ju-
dentum (vor allem dessen Replik auf Rolf Rendtorff, a.a.O., 248f, Anm.l).
'Prolegomena zur Geschichte Israels' 65

Begriffe 'Theokratie' und 'Hierokratie' bereits in der 'Einleitung' begeg-


nen.
Mit der Feststellung: "Hierokratische Neigungen hat das hebräische Altertum gar
nicht"^ sind zugleich Ausgangs- und Zielpunkt der "literargeschichtliche[n] Untersuch-
ung"^ genannt, die "die geschichtliche Stellung des mosaischen Gesetzes" erläutern will^.
Dabei deutet Wellhausens These, unser Bild der 'mosaischen Theokratie' entspreche der
zur Zeit Esras auf der Grundlage des Priesterkodex (—P) institutionalisierten 'heiligen Ge-
meinde'®, die Lösung bereits an.
Erst eine Betrachtung der drei Hauptteile der 'Prolegomena' zeigt jedoch, wo das Spezi-
fikum und der Ertrag der Wellhausenschen Verwendung beider Begriffe liegen^.
Im ersten Hauptteil 'Geschichte des K u l t u s ' e r ö r t e r t Wellhausen zunächst die Frage
nach dem Ort des Gottesdienstes^ 1. Im Zusammenhang mit der von Ρ vorausgesetzten lo-
kalen Einheit des Kultes, die mit der Idee der Stiftshütte in die Urzeit übertragen wurde,
begegnet das Stichwort 'Theokratie'. Dabei wird diese mit der Stiftshütte identifiziert: Mit
der Errichtung der Stiftshütte, "die den Inhalt der göttlichen Offenbarung auf dem Sinai
ausmacht, wurde die Theokratie begründet: wo sie ist, da ist jene"
Das nächste Kapitel^ weitet diese Gleichsetzung auf die nach Wellhausens Ansicht von
Ρ vollzogene Identifizierung von Theokratie und Kult aus: "Mit ihm [sc.: dem Kult] fängt
die Theokratie an und er mit der Theokratie, letztere ist weiter nichts, als die Anstalt um
ihn in der gottgewollten Weise zu betreiben."^
Die hier erkennbare Zuordnung der Theokratievorstellung zur exilisch-nachexilischen
Zeit wird plötzlich in Frage gestellt durch Wellhausens Hinweis auf Am 5,21ff und die in
Anlehnung an Heinrich Ewald formulierte Interpretation, der Prophet habe für die Wüsten-
zeit, das heißt "die goldene Zeit der Theokratie", Opfer ausgeschlossen^. Allerdings zeigt
die Charakterisierung der Vision von Ez 40-48 "als Programm für die zukünftige Herstel-
lung der Theokratie"^ erneut, daß das Stichwort in erster Linie ein Thema der (nach)exi-
lischen Periode meint.

5 J.Wellhausen, Prolegomena^, 5. Vgl. dazu a.a.O., 6: "die Chronik zeigt, wie sich die
Geschichte des Altertums ausnehmen müßte unter der Voraussetzung, daß die mosa-
ische Hierokratie ihre Grundlage gewesen sei".
6 A.a.O., 13.
7 A.a.O., 1.
8 Vgl. a.a.O., 9.
9 Das Stichwort 'Hierarchie' kommt bei Wellhausen im Rahmen der Erörterung der Ge-
schichte Israels bzw. des Judentums nur einmal vor (vgl. a.a.O., 144), ein weiteres Mal
im Zusammenhang mit der römisch-katholischen Kirche (vgl. a.a.O., 410: "In Wahr-
heit ist Moses etwa in dem gleichen Sinne der Urheber der 'mosaischen Verfassung',
wie Petrus der Stifter der Römischen Hierarchie.").
10 Vgl. a.a.O., 15-162.
11 Vgl. l.Kap.: Der Ort des Gottesdienstes, a.a.O., 17-52.
12 A.a.O., 34.
13 Vgl. 2.Kap.: Die Opfer, a.a.O., 53-79.
14 A.a.O., 53. Vgl. dazu a.a.O., 54: Um am "Leben der Theokratie teilnehmen zu kön-
nen" muß die Gemeinde "über ihr Wesen Bescheid wissen, und zu diesem gehört in er-
ster Linie die Theorie des Opferdienstes".
15 A.a.O., 57. Vgl. dazuders., Propheten, 83.
16 Ders., Prolegomena^, 59.
66 Julius Wellhausen

Auf die Austauschbarkeit beider Begriffe weist die Beschreibung der Zielsetzung von Ρ
hin, der nach Wellhausen "von den natürlichen Bedingungen und Motiven des wirklichen
Volkslebens im Lande Kanaan abstrahirt und auf der tabula rasa der Wüste, der Negation
der Natur, aus kahlen Statuten des absoluten Willens die Hierokratie aufbaut"^. Auch die
Feststellung, das zadokidische Priestertum lasse sich "nicht bis in die Stiftungszeit der
Theokratie" zurückführen "und ist kein im eigentlichen Sinne legitimes" zeigt, daß zwi-
schen beiden Stichworten nicht differenziert wird.
Der letzte Abschnitt des vierten K a p i t e l s ^ stellt den Hohenpriester vor als den
"Schlußstein des heiligen Gebäudes, welches durch die Gesetzgebung des mittleren Penta-
teuchs aufgerichtet wird "20. Andere Personen oder Institutionen - auch ein "theokratischer
König" - sind neben ihm nicht denk- oder vorstellbar^l. Der Hohepriester allein verkörpert
"die Autonomie des Heiligen" ebenso wie "die Herrschaft desselben über I s r a e l " ^ . Dabei
betont Wellhausen - mit explizitem Bezug auf Vatkes 'Biblische Theologie' - die Begren-
zung der Macht des Hohenpriesters auf den religiös-sakralen B e r e i c h ^ , da die 'jüdische
Nation' "nur noch eine geistliche kirchliche Existenz führt"^; "Es ist die Gemeinde des
zweiten Tempels, es ist die jüdische Hierokratie, mit der Fremdherrschaft als Vorausset-
zung ihrer Möglichkeit, die uns hier entgegen tritt. Die geschichtliche Realität einer
Hierokratie - oder auch: "Hierarchie"^" - ist Voraussetzung des von Ρ entwickelten
Verständnisses Israels, das nicht mehr als Volk, sondern als religiöse Gemeinschaft exi-
stiert^, und seines Hohepriesters. - Auch wenn diese Realität "im Gesetz mit dem idealen
d.h. blinden Namen Theokratie" bezeichnet wird, ist damit nach Wellhausens Überzeugung
kein "Unterschied der Sache gewonnen"^. Es bleibt für ihn unzweifelhaft, daß erstens
"die sogenannte mosaische Theokratie [...] in die Verhältnisse der früheren Zeit nirgends
hinein paßt", zweitens "die Propheten [...] nicht die leiseste Spur einer Vorstellung" von
jener Theokratie haben, diese jedoch drittens "dem nachexilischen Judentum so zu sagen
auf den Leib geschnitten ist und nur da Wirklichkeit gehabt hat

17 A.a.O., 99 - im Kontext des 3.Kap.s: "Die Feste" (a.a.O., 80-114). Vgl. dazu auch
a.a.O., 121: "nach der Darstellung des Priesterkodex [sind] die Israeliten von Anfang
an als Hierokratie organisirt gewesen, mit dem Klerus als Skelett, dem Hohenpriester
als Haupt und der Stiftshütte als Herz. Aber so plötzlich wie diese Hierokratie ausgebil-
det vom Himmel in die Wüste herabgefahren ist, so plötzlich ist sie im Lande Kanaan
spurlos wieder verschwunden."
18 A.a.O., 120 - im Kontext des 4.Kap.s: "Priester und Leviten" (vgl. a.a.O., 115-145).
Dieser Gedankengang wird bereits in ders., Pharisäer, 49f, entfaltet.
19 Vgl. ders., Prolegomena®, 142-145: "Der Hohepriester als das Haupt der Theokratie".
20 A.a.O., 142.
21 A.a.O., 143f - mit Verweis auf Num 27,21.
22 A.a.O., 143.
23 Vgl. a.a.O., 143f. Genannt wird W.Vatke, Die biblische Theologie, 539 (vgl. dazu
oben, 3.7).
24 J.Wellhausen, Prolegomena®, 144.
25 Ebd.
26 Wellhausen fuhrt den Begriff ebd. ohne Näherbestimmung ganz unvermittelt ein.
27 Vgl. ebd.
28 Ebd.
29 A.a.O., 145.
'Prolegomena zur Geschichte Israels' 67

Die theokratische Vorstellungswelt bzw. das hierokratische System hat negative Auswir-
kungen, weil sie bzw. es "den objektiven Wahrheitssinn, die Achtung und das Interesse für
den überlieferten Sachverhalt" zerstört-^. Dabei geht es um Machtinteressen der Priester-
schaft, der das Volk jedoch "als der wahrhaft nationalen und dazu auch göttlichen Obrig-
keit freiwilligen Gehorsam entgegenbrachte"^. Die durch die materielle Versorgung der
Hierokratie erworbene Macht eröffnet schließlich die Möglichkeit, in der Hasmonäerzeit
auch politische Macht, d.h. konkret: die Königsherrschaft, wahrzunehmen^.
Im zweiten Hauptteil 'Geschichte der T r a d i t i o n ' 3 3 setzt Wellhausen mit den Chronikbü-
chern ein34, die seines Erachtens nach 333 v.Chr., also "schon mitten aus dem Judaismus
h e r a u s " 3 5 ) abgefaßt wurden.

Bereits die chronistische Beschreibung der Regierung Davids und Salomes^ zeigt im
Vergleich mit der Vorlage in Sam die Problematik ihrer Geschichtsdarstellung: "Der über-
lieferte Stoff erscheint gebrochen durch ein fremdartiges Medium, den Geist des nachexili-
schen Judentums."37
Das Wesen dieses 'Geistes' wird greifbar, wenn erkannt wird, warum die Chronik sich
auf die Wiedergabe der Geschichte des Südreiches beschränkt: Da sich die Chronik auf
"das Gesetz - und zwar im vollen Umfange das ganze pentateuchische Gesetz, namentlich
aber den darin dominierenden Priestercodex"38 gründet, beschreibt sie "das alte hebräische
Volk genau nach dem Muster der späteren jüdischen Gemeinde, als einheitlich gegliederte
Hierokratie, mit einem streng centralisierten Kultus von genau vorgeschriebener Form"39.
Deshalb muß sie auch die nicht am Jerusalemer Tempel orientierten Nordstämme vom Volk
JHWHs ausschließen. Nur so nämlich kann die "Grundvoraussetzung" des Gesetzes, "die
Einheit und Legitimität des Gottesdienstes als Basis der Theokratie, die Priester und Levi-
ten als ihre wichtigsten Organe"^®, gewährleistet werden.
Die hier erkennbare Unterordnung der Aussagen der Chronikbücher unter die Interessen
der 'autonomen Hierokratie' wird auch andernorts sichtbar^'. Das Gesetz ist dabei als das
"Lebensprincip der Theokratie"^ ver- aber eben auch: mißverstanden, denn nach Wellhau-
sens Überzeugung konnte es in vorjosianischer Zeit - da nicht vorhanden - unmöglich wirk-
sam w e r d e n . Zum historischen tritt in diesem Zusammenhang das schwerer wiegende
theologisch-philosophische Urteil über den "Einfluß des transcendenten, allem Werden und

30 A.a.O., 155 - im Kontext des 5.Kap.: Die Ausstattung des Klerus (vgl. a.a.O., 146-
160).
31 A.a.O., 159.
32 Vgl. a.a.O., 160.
33 Vgl. a.a.O., 163-360.
34 Vgl. a.a.O., 165-223: 6.Kap.: Die Chronik.
35 A.a.O., 165f.
36 Vgl. a.a.O., 166-182.
37 A.a.O., 182.
38 A.a.O., 184.
39 Ebd.
40 A.a.O., 185.
41 Vgl. z.B. a.a.O., 193f (zu IlChr 24,4-14 im'Vergleich mit IIReg 12,5-17).
42 A.a.O., 197.
43 Vgl. ebd.. Vgl. dazu a.a.O., 219: "Das Gesetz und die Hierokratie, und der deus ex
machina als einzig wirksamer Faktor der heiligen Geschichte sind nicht in der Überlie-
ferung vorgefunden, sondern sie sind darin vermißt worden und darum hinzugesetzt."
68 Julius Wellhausen

Wachsen enthobenen Mosaismus auf die historische Anschauung"^, das auch die Theokra-
tie bzw. Hierokratie als unnatürlich-tote Idee disqualifiziert; ein Urteil, mit dem Wellhau-
sen - vor allem im Blick auf die Chronik - ganz in der Tradition seiner Vorgänger steht^.
In die uns überlieferten Richter-, Samuel- und Königsbücher ist die Theokratievorstel-
lung erst durch deren Bearbeitung eingetragen worden . In diesem Zusammenhang defi-
niert Wellhausen den Theokratiebegriff oder das "theokratische Verhältnis" erstmals als
"den Gegensatz von Israel und Jahve"^. Er hebt erneut dessen Grundkonstitutivum, die
"Einheit Israels"'*®, hervor und stellt fest, daß als "Norm" dieses Verhältnisses in Form
"einer schriftlichen Thora" nur "die deuteronomische" in Betracht kommt^. Wenig später
ist Theokratie dann als das "religiöse[n] Gemeinwesen, als welches das alte Israel nach dem
Muster des Judentums vorgestellt wird"^®, beschrieben.
Interessant, weil von den bisher genannten Vorgängern verschieden, ist hier die differen-
zierte Sicht Samuels^ 1. Erst die Überarbeitung macht ihn zum Repräsentanten und "Regen-
ten der Theokratie"52. sie führt zu der den Samuel des kanonischen Textes charakterisie-
renden Königskritik^, ebenso wie zur "wegen ihres Festhaltens an der Urform der Theo-
kratie in hellerem Licht" gezeichneten Richterzeit^. Dabei werden über die "theokratische
Verfassung" keine näheren Angaben gemacht. "Deutlich ist nur, daß die Theokratie auf
ganz anderem Fuße eingerichtet ist als die Reiche dieser Welt, und daß es als Abfall zum
Heidentum gilt, wenn die Israeliten wie andere Völker einen König an ihre Spitze stel-
l e n " ^ . Die jüdische Theokratie der exilisch-nachexilischen Zeit ist per se unpolitisch:
"Damals war aus der Nation eine religiöse Gemeinde geworden, deren Glieder sich um des
willen auf die Hauptsache, den Gottesdienst und die Frömmigkeit, beschränken konnten,
weil ihnen die Sorge für die weltlichen Angelegenheiten durch die Chaldäer oder die Perser
abgenommen war.
Daß die Königskritik bzw. die Unterordnung des Königtums unter das Priestertum für
Wellhausen Theokratie von Anfang an konstituiert, bleibt - gerade in der Auseinanderset-
zung mit Rudolphs These - festzuhalten^.

44 A.a.O., 198.
45 Vgl. dazu z.B. Gramberg (s. oben, 3.6).
46 Vgl. J.Wellhausen, Prolegomena6, 227.230 - im Kontext des 7.Kap.: Richter, Samuelis
und Könige (vgl. a.a.O., 223-293).
47 A.a.O., 229.
48 Ebd.
49 A.a.O., 227.
50 A.a.O., 245.
51 Vgl. a.a.O., 244-270.
52 A.a.O., 249. Vgl. schon a.a.O., 245 und dann 268. Wellhausen sieht den Propheten in
ISam 8 als 'korrekten Theokraten' gezeichnet, während der in ISam 9 begegnende 'Se-
her' "von der legislativen und exekutiven Gewalt der Theokratie nicht das mindeste"
zeigt (a.a.O., 249).
53 Vgl. dazu v.a. a.a.O., 269: Die "freisinnige Auffassung von Samuels Verhältnis zu
Saul und David leidet an dem Fehler, daß sie dem Samuel die Hierokratie als Basis sei-
nes Auftretens gegen das Königtum unterlegt".
54 A.a.O., 251. Die Richterperiode ist a.a.O., 229 als "patriarchalische Anarchie" be-
schrieben.
55 A.a.O., 251.
56 A.a.O., 252. Mit dieser Beschreibung wird die oben genannte legislative und exekutive
Gewalt des theokratischen Herrschers drastisch reduziert.
'Prolegomena zur Geschichte Israels' 69

Im achten Kapitel 'Die Erzählung des Hexateuch'^S begegnet der Theokratiebegriff an


einer einzigen Stelle in einem vom bisherigen Gebrauch zu unterscheidenden Sinn. Well-
hausen hebt hier hervor, "daß in der älteren hebräischen Literatur immer die Volksgrün-
dung und nicht die Gesetzgebung als die theokratische Schöpfertat Jahves angesehen
wird"^9. Indem so bereits der Jehovist (=JE) prinzipiell die theokratische Idee vertritt,
liegt eine bemerkenswerte Ausweitung des Theokratiebegriffs vor, auch wenn die Stich-
worte Theokratie und Hierokratie gleich darauf erneut dezidiert die hinter der Geschichts-
darstellung von Ρ stehenden Kräfte bezeichnen®®. Der Vergleich der Darstellung der Zeit
Moses durch JE und Ρ führt zum Ergebnis, daß die Änderungen gegenüber der älteren Ver-
sion durch die "Übertragung der Hierokratie in die mosaische Zeit"^ begründet sind.
Durch das den dritten Hauptteil 'Israel und das Judentum'abschließende elfte Kapitel
'Die Theokratie als Idee und Anstalt'®^ versucht Wellhausen, einem ausufernden, unre-
flektierten Gebrauch des Begriffes entgegenzutreten^. Ausgangspunkt seiner Überlegun-
gen ist jetzt Josephus, der "das Wort θεοκρατία gebildet hat", wobei ihm, "wenn er von
der mosaischen Verfassung redet, das heilige Gemeinwesen seiner Zeit vor Augen schwebt,
wie es bis zum Jahre 70 nach Chr. beschaffen gewesen ist"®^.

57 Vgl. dazu noch a.a.O., 257 (im Zusammenhang mit der Interpretation von ISam 13,7-
15): "Da taucht die autonome Theokratie vor unsern Augen auf, an die vor Ezechiel
niemand gedacht hat".
58 Vgl. a.a.O., 294-360.
59 A.a.O., 345f.
60 Vgl. a.a.O., 352f: In Ρ ist der - noch in J gänzlich fehlende - Aaron der Mose gegen-
übergestellte "Repräsentant der Theokratie; und es wird streng darauf gehalten, daß
derselbe nirgends fehle, wo es auf diese Repräsentation, der Gemeinde gegenüber, an-
kommt. Die auffallendsten Früchte hat der Trieb, den Vertreter der Hierokratie und da-
mit überhaupt die Hierokratie in die mosaische Geschichte einzuführen, getragen in der
sogenannten Erzählung vom Aufruhr der Rotte Korah."
61 A.a.O., 353.
62 Vgl. a.a.O., 361-423.
63 Vgl. a.a.O., 409-423. (Zur Überschrift des Kap.s vgl. die oben genannte Überschrift
des ersten Kap.s der dreiteiligen Theokratiedarstellung in de Wettes 'Biblischer Dogma-
t i l : "Idee und Institut der Theokratie". Zur Intention der Zweiteilung bei Wellhausen
vgl. R.Smend, Mitte, 70).
Zuvor ist im neunten Kapitel 'Abschluß der Kritik des Gesetzes' (vgl. J.Wellhausen,
Prolegomena®, 363-391) nochmals festgehalten, daß JE und Dtn gegenüber Ρ darin
übereinstimmen, daß die Bundeslade "nicht gleich zu Anfang als der Grundstein der
Theokratie" gilt (a.a.O., 369). Im zehnten Kapitel 'Die mündliche und die schriftliche
Thora' (vgl. a.a.O., 391-409) ist die in Sach 7,9-14 und 8,14-17 erkennbare Überzeu-
gung, daß die Befolgung der hier vorgestellten Tora Grundlage der Theokratie sei, An-
laß zur Reflexion (vgl. a.a.O., 399f), während die Feststellung, die "Existenz der
Hierokratie" gründe sich auf "die Abgaben der Laien an die Priester" (a.a.O., 406.
[Ausgangspunkt ist Neh 8-10]), schon Bekanntes aufnimmt.
64 Vgl. dazu a.a.O., 409: "Mit den Ausdrücken Theokratie und theokratisch spielen die
Neueren, ohne über ihren Sinn und die Berechtigung ihrer Anwendung sich Rechen-
schaft zu geben."
65 Ebd.
70 Julius Wellhausen

Daß im "alten Israel" Theokratie nicht "Verfassungsform", sondern die "Herrschaft


Jahves [...] eine ideale Vorstellung" war und erst seit dem Exil "Versuche gemacht [wer-
den], sie als Herrschaft des Heiligen mit äußerlichen Mitteln zu realisiren" 66 , s t e ht für
Wellhausen aufgrund der Arbeitsergebnisse Vatkes fest 67 .
Nochmals zeichnet Wellhausen dessen Entwicklungsmodell nach und ergänzt es:
a) Der Staat ist Voraussetzung der Kirche 68 . Seine Entstehung mit Sauls Königtum war
'natürlich' und erfolgte "ohne jede Anlehnung an die Form der 'mosaischen Theokratie'; er
trägt alle Merkmale einer neuen Schöpfung an sich"6®. Sein Fundament ist die "Beziehung
Jahves zu Volk und Reich"7®. Deshalb ist "das Königtum Jahves, in der politischen Be-
stimmtheit wie es gedacht wird, [...] der religiöse Ausdruck der Staatsgründung durch Saul
und David" 7 '. Auf dieser Stufe gilt: "Die Theokratie war eben der Staat selber" 7 ^.
b) Ehe das Judentum - immer noch unter der Voraussetzung der Existenz eines Staates -
der Theokratie "ein besonderes geistliches Wesen" im Sinne eines ideologischen Uberbaus
zulegt7^, entwickeln die Propheten des achten Jahrhunderts ihre "messianische Theokra-
tie" .
Diese ist Gegenmodell zum realexistierenden Staat ihrer Zeit, das heißt zu dessen "Zu-
stande innerer Anarchie und äußerer Zertrümmerung"7^, gleichzeitig jedoch "nicht artver-
schieden von dem politischen Gemeinwesen, etwa wie eine geistliche von einer weltlichen
Größe" 76 .
Diese zweite Stufe der theokratischen Idee prägt noch die Zeit und Reform Josias, in der
der Bund zum Zentralbegriff zur Beschreibung des - auch jetzt noch 'natürlichen' - Ver-
hältnisses zwischen JHWH und Israel avanciert. Auch für das Verständnis dieser Epoche
"hat d'e Theokratie nicht seit Moses existirt" 77 .
c) Erst im und nach dem Exil 78 entsteht aus der Spannung zwischen religiösen Hoffnun-
gen auf eine "universale Weltherrschaft" und "nüchterne[n] und realisirbare[n] Ziele[n]"7®
unter der Voraussetzung der Fremdherrschaft "jenes künstliche Produkt, die heilige Ver-
fassung des Judentums"8®.

66 Ebd.
67 Vgl. ebd.
68 Vgl. a.a.O., 410.
69 A.a.O., 411.
70 A.a.O., 412.
71 Ebd.
72 Ebd.
73 Ebd.
74 A.a.O., VIII.
75 A.a.O., 413.
76 Ebd. Jes 1,21-28 macht deutlich, worum es geht: Für Jesaja ist das "Reich Jahves [...]
vollkommen identisch mit dem Reiche Davids" (ebd.). Überhaupt ist der irdische König
als "Verweser Jahves" (a.a.O., 414) gedacht.
77 A.a.O., 415.
78 Anders als Vatke sieht Wellhausen hier die entscheidende Zäsur.
79 A.a.O., 418.
80 A.a.O., 420. Sie macht den "Kultus zu einem pädagogischen Zuchtmittel" (a.a.O.,
423). Durch die Kultgesetze ist er "seinem eigenen Wesen entfremdet", indem etwa die
Opfer "der natürlichen Sphäre entrückt und zu göttlichen Gnadenmitteln geworden
[sind], die Jahve in Israel, als Sakramente der Theokratie, eingesetzt hat" (a.a.O., 422).
'Prolegomena zur Geschichte Israels' 71

Jetzt gilt: "Theokratie als Verfassung ist Hierokratie" . Die geglaubte 'Gottesherr-
schaft' ist nun institutionalisiert und als "Gottesstaat sichtbarlich dargestellt, in einer ihr ei-
gentümlichen künstlichen Sphäre, die das gewöhnliche Volksleben überstieg" 8 ^. "Die mo-
saische Theokratie, das Residuum eines untergegangenen Staates, ist selbst kein Staat, son-
dern ein unter ungünstigen Bedingungen durch eine ewig denkwürdige Energie geschaffe-
nes, unpolitisches Kunstprodukt"". Deshalb ist es nach Wellhausens Überzeugung besser,
auf den Begriff 'Theokratie' ganz zu verzichten und an seine Stelle die Bezeichnung 'jüdi-
sche Kirche' zu s e t z e n ^ .

Im Mittelpunkt des Wellhausenschen Interesses in den 'Prolegomena'


steht die Frage nach dem Alter des sogenannten 'mosaischen Gesetzes',
dessen exilisch-nachexilische Herkunft er nachweist.
Indem dieses Gesetz, der Priesterkodex, als eigentliche Gründungsurkun-
de der hierokratisch organisierten nachexilischen jüdischen Gemeinde er-
scheint, wird auch die Hierokratie historisch erst für diese Zeit denk- und
verwirklichbar.
Es wird deutlich, daß der Hierokratiebegriff bei Wellhausen - anders als bei Vatke, aber
in Übereinstimmung mit anderen seiner Vorgänger - ausschließlich negativ besetzt ist. Mei-
nes Erachtens ist dafür das theologisch-philosophische Vorverständnis Wellhausens maß-
geblich.
Zwar haben Perlitt und Smend zu Recht davor gewarnt, Wellhausen - im Gefolge Vatkes
- als 'Hegelianer' zu bezeichnen bzw. ihn aufgrund ihm zugeschriebener philosophischer
Traditionen pauschal des Anti-Judaismus zu bezichtigen 8 ^.
Gleichwohl läßt sich - etwa angesichts seiner Darstellung der durch Fremdherrschaft erst
möglich werdenden Hierokratie, die auf alle staatliche Autonomie verzichtet - die Domi-
nanz des Wellhausen prägenden hermeneutischen Weitesystems zeigen. Dazu gehört etwa
das von Perlitt festgestellte Interesse an der "Nationalgeschichte" oder "nationalstaatlichen
Entwicklung" 8 ^ und die - nach Perlitt auf die Historische Schule zurückzuführende -
"Hochschätzung des Staates" 8 ^. Trotz Perlitts These, Wellhausens "Einsicht in die 'Ent-
wicklung' der Geschichte und Religion" gründe sich "zunächst auf wirkliche und deutlich
abhebbare geschichtliche Veränderungen" , ist deshalb die Frage nach der Berechtigung
von aus diesen realen Veränderungen abgeleiteten Werturteilen zu stellen 89 .

81 A.a.O., 420.
82 Ebd.
83 A.a.O., 421.
84 Vgl. ebd. Zum - durchaus negativ besetzten - Kirchenbegriff Wellhausens vgl.
R.Smend, Wellhausen und die Kirche, besonders 230 (Kirche ist für Wellhausen gleich-
falls eine künstliche, auf Fremdherrschaft angewiesene Institution - und eine Erbschaft
des Judentums).
85 Vgl. L.Perlitt, Vatke, 161 ff; R.Smend, WelLhausen und das Judentum, passim.
86 L.Perlitt, Vatke, 179.183.
87 A.a.O., 177.
88 Ebd.
89 Vgl. dazu etwa Joshua Efrons Kritik an den Thesen Wellhausens zur (pharisäischen)
Theokratie, v.a. an der mit der Theokratievorstellung Wellhausens verbundenen Ableh-
nung von Königtum und Eigenstaatlichkeit. Sie sind nach Efrons Überzeugung allein
72 Julius Wellhausen

Das letzte Kapitel der 'Prolegomena' zeigt, daß Wellhausen selbst ein zu-
nächst terminologisches Problem erkennt: die nachexilische Gemeinde/Hie-
rokratie wird - von Josephus und seinen Nachfolgern - gleichzeitig als
'Theokratie' bezeichnet. Deshalb ist eine Begriffsklärung erforderlich.
Wellhausen versucht diese, indem er behauptet, Josephus habe bei seiner
Wortschöpfung 'θεοκρατία' die Realität des jüdischen Gemeinwesens im
Zeitraum vor 70 n.Chr. im Auge gehabt - und also die Theokratie mit der
Hierokratie identifiziert. Durch diese These scheint er auch das Problem
vorläufig zu lösen, daß Josephus Theokratie als im Sinne eines verfassungs-
rechtlichen Begriffs verwendet und die Theokratie als der Monarchie, Olig-
archie und Demokratie gleichwertig bzw. diesen Verfassungsformen überle-
gen denkt.
Die festgestellte Identität von Hierokratie und Theokratie, die gleichzeitig
einen unlösbaren Widerspruch in sich birgt, führt zum Vorschlag, auf die
Verwendung des terminus 'Theokratie' zu verzichten und an seine Stelle
den Begriff 'Kirche' zu setzen.

Daß Wellhausen selbst diesen Verzicht nicht leistet, wurde oben in der Darstellung
deutlich. Auch in anderen Arbeiten wird das exilisch-nachexilische Judentum als Theokra-
tie beschrieben^®.
So nimmt der Theokratiebegriff in der 1874 erstmals erschienenen Untersuchung 'Die
Pharisäer und die Sadducäer , die in ihrem Ergebnis die Pharisäer als die kirchliche, die
"Gemeinde des zweiten Tempels" repräsentierende, den Sadduzäern als der "weltlich-poli-
tischen" Partei gegenüberstellt , eine zentrale Stellung ein**. Dabei fällt auf, daß das
Stichwort Hierokratie fast ganz zurücktritt"4, wobei die Identifizierung beider Begriffe ei-

durch die Vorstellungen und die Ideenwelt des 19.Jh. zu erklären und deshalb falsch
(vgl. J.Efron, Studies, X.9.207. 223.232).
90 Vgl. aus dem Bereich exegetischer Arbeiten z.B. J.Wellhausen, Zur apokalyptischen
Literatur, 220.224. Siehe v.a. a.a.O., 229, über den jüdischen Krieg und seine Folgen:
ihre messianische Hoffnung "riss die Zeloten schliesslich zu Taten fort, und es kam zu
dem tragischen Zusammenstoss von Glaube und Wirklichkeit, der mit dem Untergange
der Theokratie endigte"; vgl. auchders., Einleitung, 93.121.
91 Vgl. dazu z.B. R.Smend, Wellhausen in Greifswald, 153f.
92 J.Wellhausen, Pharisäer, 119f.
93 Hier leitet Wellhausen den Begriff nicht explizit von Josephus ab.
94 Es kommt kaum zehnmal vor; vgl. a.a.O., 36 ("am Anfange der seleucidischen Zeit
aber glaubt die ganze Sippe den Augenblick gekommen, wo man aus der Hierokratie ei-
nen heidnischen Staat machen könnte"). 47 (Sadducäer gehören zu "den höchsten Wür-
denträgern der Hierokratie"). 52 ("in den letzten Zeiten der Hierokratie" kam es zu ei-
ner unüberwindbaren Feindschaft zwischen hohem und niederem Klerus). 77 ("Hiero-
kraten" grenzen sich nicht mehr gegen das Heidentum ab). 87f.
Verzicht auf den Theokratiebegriff ? 73

nerseits bereits vollzogen i s t ^ , sie andererseits einander gegenübergestellt werden. So hält


Wellhausen als Resultat des jüdisch-römischen Krieges fest:
"Die doch noch immer bis auf einen gewissen Grad nationale Hierokratie war dahin, die
internationale Nomokratie trat völlig an ihre Stelle. Der endliche Sieg konnte denen nicht
ausbleiben, die die Consequenz der zweiten Theokraiie für sich hatten.
Eine Lösung des in der Verwendung des Wortes 'Theokratie' liegenden terminologi-
schen Problems wird durch die Differenzierung zwischen 'erster' und 'zweiter' bzw. 'alter'
und 'neuer' Theokratie versucht^, die aber nicht konsequent durchgeführt ist. Im übrigen
ist "der theokratische Grundgedanke: der Herr ist K ö n i g g e n a n n t , der mit dem "Reich
Gottes" - als auf die Weltherrschaft ausgerichtetem - aber nicht identisch i s t ^ . Anders als
in den 'Prolegomena' wird Ex 19,6 als 'theokratischer G r u n d s a t z ' d e r Pentateuch als
"magna Charta der Theokratie" bezeichnet.
Mittelpunkt der 'zweiten Theokratie' ist der Tempel 102. Das "innertheokratische[s] In-
stitut" Ι*" des Königtums wird von den Pharisäern, die "innerhalb der Theokratie die theo-
kratische Partei" bilden 1 0 4 , als "ein Eingriff sei es in das Amt Gottes, sei es in das seines
verheissenen Stellvertreters aus dem Samen Davids" 105 abgelehnt.

Indem Wellhausen den Theokratiebegriff trotz eigener Bedenken weiter


verwendet, wird deutlich, daß neben die terminologische eine inhaltliche
Problematik tritt. Der Begriff ist notwendig, um den Ausgangspunkt und
die Grundlage des Verhältnisses von JHWH und Israel benennen zu kön-
nen. Mit der (Bundes-)Formel 'JHWH der Gott Israels und Israel das Volk
JHWHs', die für Wellhausen den "Inbegriff der israelitischen Religion" bil-
d e t 1 0 6 , steht nämlich nichts anderes als die Theokratie am Anfang der Ge-

95 Vgl. a.a.O., 35: "Mit Recht trägt die zweite Theokratie den Namen der Hierokratie und
nicht der Grammatokratie".
96 A.a.O., 112. Die von Willi - in Anlehung an Johann Gottfried Herders "Konkreti-
sierung der Wortprägung des Josephus" - vorgeschlagene Substitution des terminus
Hierokratie durch "Nomokratie" (Th.Willi, Herders Beitrag, 81), ist für Wellhausen al-
so nicht denkbar, weil dieser bereits anders besetzt ist (vgl. dazu auch J.Wellhausen,
Einleitung, 83: "Einen Aufstand gegen die Römer hat er [sc.: Jesus] freilich nicht ge-
plant, von der Fremdherrschaft wollte er sein Volk nicht befreien. Wohl aber von dem
Joch der Hierokratie und der Nomokratie.") Abgesehen davon bleibt fraglich, ob Her-
ders bzw. Willis Übersetzung das von Josephus gemeinte wirklich abdeckt.
97 Vgl. z.B. J.Wellhausen, Pharisäer, llf.13.35.51.76.93.95.112.
98 A.a.O., 21f.
99 Vgl. a.a.O., 24.
100 Vgl. a.a.O., 72.
101 A.a.O., 14.
102 Vgl. a.a.O., 15, Anm.
103 A.a.O., 113.
104 A.a.O., 20.
105 A.a.O., 113. Zu PsSal 2.
106 W.Thiel, Sinai, 204; vgl. dazu auch R.Smend, Mitte, 75-78.
74 Julius Wellhausen

schichte des Volkes Israel 1 0 7 . Sie ist jedoch anders als bei Josephus kein
verfassungsrechtlicher Begriff: "Einen förmlichen Staat von specifischer
Heiligkeit hat M o s e auf dem Satze Jahve der Gott Israels keineswegs aufge-
baut" 1 0 8 . Die von Mose vorgefundene Organisationsform der patriarchalen
Anarchie 1 0 9 existiert weiter. Ihre Charakteristika, das Fehlen jeder Organi-
sation und der "gänzliche Mangel einer Unterscheidung zwischen Geistlich
und Weltlich" 1 1 0 , stellen die wesentliche Differenz zwischen Theokratie
und Hierokratie dar. Alle Angelegenheiten Israels werden in der Theokratie
als heilig betrachtet 1 1 1 , das besondere Verhältnis von JHWH und Israel be-
stimmt das Gesamtleben des Volkes. Deshalb kann Wellhausen zusammen-
fassen: "Die Theokratie ist nichts weiter als das, was man früher Partiku-
larismus zu nennen pflegte" 1 1 2 .

Bemerkenswerterweise gebraucht Wellhausen den Theokratiebegriff auch innerhalb


seiner Darstellung des Islam. In den 'Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams' fin-
det sich der Begriff mehrmals. Theokratie bezeichnet zunächst allgemein die von Muham-
mad begründete Gemeinschaft113, der eine "mechanische, von selbst fungierende Staats-
ordnung" 11 ^ fehlt. In anderem Zusammenhang wird das durch die islamische Eroberungs-
politik entstehende "Weltreich" der - ursprünglichen - Theokratie gegenübergestellt11^.
Zugleich ist das fhihislamische "Staatswesen" als Theokratie charakterisiert11^, wobei de-
ren allgemeine 'Verstaatlichung' ihren Untergang impliziert 117 . Unklar bleibt, ob bei der
Zielbeschreibung der arabischen Expansion: "Die Tyrannei der menschlichen Herrscher
sollte gebrochen werden, sei es zu Gunsten der Demokratie, sei es zu Gunsten der Theokra-
tie"' 1®, letztere als den beiden ersten gleichwertige Staatsform gedacht ist. Diese Annahme
wird unwahrscheinlich, wenn Wellhausen im übrigen Theokratie nur durch Hinweise auf
die zentrale Rolle der "Frömmigkeit des Herzens" 119 bzw. ihr "Grundgebot", das Verbot
gegenseitigen Blutvergießens 120 , näher charakterisiert.

107 Vgl. dazu z.B. J.Wellhausen, Religion, 74; ders., Umriß, 12.
108 Ebd.
109 Vgl. ebd. (vgl. zum Begriff 'patriarchate Anarchie' schon oben, S.68, Anm.54); s.
auch: ders., Religion, 74: "Aber ebensogut verträgt sich jede andere Verfassungsform
mit der Theokratie".
110 Ders., Religion, 74. Vgl. auch ders., Umriß, 12.
111 Vgl. a.a.O., 13; ders., Religion 74.
112 Ebd.
113 Vgl. ders., Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams, 114.
114 Ebd.
115 A.a.O., 122.
116 A.a.O., 123.
117 Vgl. ebd.
118 A.a.O., 51.
119 A.a.O., 121.
120 A.a.O., 114.141.
Verzicht auf den Theokratiebegriff ? 75

Es kann festgehalten werden, daß das Stichwort Theokratie - auf den Islam bezogen -
durchaus ein Staatswesen bezeichnet 121 und als solches der mit dem Begriff "Anarchie der
Geschlechter" charakterisierten präislamischen Organisation der arabischen Stämme^ 22 ge-
genübergestellt wird12·*.

Die abschließende Zusammenfassung der komplexen Theokratievorstellung


Wellhausens versucht, diese in einen Zusammenhang mit den oben (3.1)
genannten Tendenzen innerhalb des Gebrauches des Ausdrucks 'Theokratie'
zu stellen.
Obwohl Wellhausen selbst die Preisgabe des Begriffs in Erwägung zieht,
behält er ihn doch bei, wobei er keinen 'apologetischen Rettungsversuch'
unternimmt.
Die sich schon bei de Wette abzeichnende Linie, auf den Theokratiebe-
griff zur Bezeichnung der vorstaatlichen Periode Israels zu verzichten, er-
reicht mit Wellhausen ihren Höhepunkt. Die sogenannte 'mosaische Theo-
kratie' ist nur Rückprojektion der Vertreter der Hierokratie - insofern ist
der Begriff ein blinder Name. Damit ist er zur Beschreibung der vorstaat-
lichen oder auch vorexilischen Organisations- oder gar Staatsform endgültig
diskreditiert.
Auch zur Beschreibung der nachexilischen Organisationsform der jüdi-
schen Gemeinde 124 ist er eigentlich unangemessen, denn die theokratische
Idee setzt das auf Fremdherrschaft gegründete unpolitische System der
'Hierokratie' voraus. Dabei sind beide Begriffe nahezu identisch125 und
werden gleichermaßen negativ qualifiziert126.

121 Vgl. ders., Reste, 225: "die Religion war durch den Staat Zwang geworden. Allah be-
deutete die Obrigkeit, der Staat war Theokratie".
122 A.a.O., 234.
123 Vgl. zu den Stichworten Theokratie und Hierokratie noch folgende Aussage: "Unleug-
bar ist der jüdische Einfluss in dem muslimischen Ideal der Theokratie, in dem Gedan-
ken, dass allein der Prophet als Stellvertreter Gottes zur Herrschaft berechtigt und alle
andere Gewalt angemaasst sei. Derselbe macht sich auch in allerhand Einzelheiten der
kirchlich-politischen Gesetzgebung Muhammads geltend" (a.a.O., 235), und die im
Blick auf die 'Heiligen Personen' bei den Arabern vor Mohammed getroffene
Feststellung: "Eine organisierte Hierokratie mit ausschliesslicher Berechtigung gibt es
nicht" (a.a.O., 130).
124 Dabei stellt das Exil für Wellhausen - anders als für Vatke - die entscheidende Zäsur
dar (vgl. oben, S.70).
125 Vgl. dazu nochmals: "Theokratie als Verfassung ist Hierokratie" (J.Wellhausen, Prole-
gomena6, 420).
126 Vgl. oben, S.65f.
76 Theokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Die 'Prolegomena' zeigen deutlich, daß Wellhausen seine ursprüngliche


Differenzierung zwischen 'erster' und 'zweiter' oder 'alter' und 'neuer'
Theokratie 127 als nicht tragfahig betrachtet hat.
Gleichwohl gibt nicht nur die Projektion des Theokratiebegriffs auf den
frühen Islam - hier eignet ihm eine politische Komponente ! - Hinweise auf
ein positives Theokratieverständnis Wellhausens.
Ein solcher Hinweis ist etwa die genannte Verwendung des Theokratiebe-
griffs zur Beschreibung der vorexilischen idealen Vorstellung von der Herr-
schaft JHWHs, die der Jehovist formuliert 128 . Die Erwähnung der sich in
den prophetisch-messianischen Zukunftserwartungen äußernden theokrati-
schen Idee 1 2 9 - ihr ist eine Trennung von Staat bzw. Politik und Religion
fremd ! - deutet auf ein positives Theokratieverständnis hin. Vor allem er-
öffnet jedoch die Bezeichnung des ursprünglichen, exklusiven und spezifi-
schen Verhältnisses von JHWH und Israel mit dem Begriff 'Theokratie' 130
meines Erachtens Perspektiven, die es unmöglich machen, Wellhausen al-
lein einen negativen Gebrauch des Wortes zu attestieren.
Rezipiert worden ist allerdings, wie das folgende Kapitel zeigen wird, vor
allem die problematische, ausschließlich negative Bezeichnung des nachexi-
lischen Israel durch den Theokratiebegriff. Sie ist im Zusammenhang dieser
Arbeit maßgeblich. Ihr wird weiter nachzugehen sein.

5. Aspekte des Theokratiebegriffs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Aufgabe dieses Kapitels ist es, den Bogen zur aktuellen Diskussion zu
schlagen. Dabei sollen in einem knapp gefaßten ersten Schritt durch eine
Analyse der entsprechenden Artikel einschlägiger Lexika wichtige Stationen
der Entwicklung des Theokratiebegriffs nach Wellhausen nachgezeichnet
werden. Der zweite Schritt stellt den Beitrag Arnold Albert van Rulers zur
in den fünfziger Jahren geführten Debatte um die alttestamentliche Herme-
neutik vor und leitet damit zur gegenwärtigen Diskussion des Theokratiebe-
griffs über.

127 Vgl. J.Wellhausen, Pharisäer, passim.


128 Vgl. oben, S.69.
129 Vgl. oben, S.70.
130 Vgl. oben, S.73f.
Theokratie - post Wellhausen locutum 77

5.1. Theokratie - post Wellhausen locutum

5.1.1. Der 'main stream' - RGG1, RGG2 und ThWNT


Der von D.Foerster für RGG1 verfaßte Artikel unterscheidet zwischen der
Theokratie im ursprünglichen Sinn, als "Gottesregentschaft, ein politisches
System, bei dem die politische Gewalt direkt von Gott abgeleitet und damit
als absolut begründet wird"1, ihrem 'mythologischen Ausdruck', den das in
Ägypten, Israel, Japan und China begegnende Verständnis des Königs als
'Sohn Gottes' widerspiegelt2, und der Theokratie "im Sinne eines Priester-
staats", die im nachexilischen Judentum begegnet3.
Alfred Bertholet definiert in RGG2 Theokratie als "die verfassungsmäßige
Festlegung einer geistlichen Herrschaft"4. Diese setze zwar voraus, "daß
das Regiment im Grunde einzig in Gottes eigener Hand liege". Da dieser
die Herrschaft jedoch "als der Uebersinnliche doch nicht in eigener Person
ausüben" könne, sei sie auf seine "unmittelbaren Organe, Propheten, Prie-
ster und andere geistliche Personen", übertragen5. An einer Differenzierung
- etwa im Sinne Foersters - wird so nicht mehr festgehalten.
Es ist dann konsequent, wenn Bertholet selbst das in Ägypten, China und Japan begeg-
nende Verständnis des Herrschers als "Sohn Gottes"** oder die tibetanische Auffassung, der
Herrscher sei die "unmittelbare [...] Inkarnation" der Gottheit, als eine Spielart versteht, in
der die unmittelbaren Organe zur Gottheit "in eine metaphysische Beziehung" gesetzt wer-
den^, und sagt: "Am bekanntesten ist die Th. des nachexilischen Judentums geworden
[...], auf das Josephus [...] den Ausdruck erstmalig mit Bewußtsein anwendet"®.

Innerhalb der alttestamentlichen (Theologie-) Geschichte wird nur noch


die nachexilische Priesterherrschaft unter dem Theokratiebegriff subsumiert

1 D.Foerster, Art.: Theokratie, 1196. Diese Theokratie war zuletzt im Calvinismus


kurzfristig realisiert (vgl. a.a.O., 1197).
2 Vgl. a.a.O., 1196f.
3 A.a.O., 1197. Es fällt auf, daß Foerster zwar Querverweise auf andere Artikel der
RGG gibt, die Literaturhinweise aber auf die Bereiche Calvinismus/reformierte Kir-
chen/Demokratie begrenzt.
4 A.Bertholet, Art.: Theokratie, 1112.
5 A.a.O., 1112.
6 Ebd. Israel wird nur noch in Klammern - mit Verweis auf IlSam 7,14 und Ps 2 - ange-
führt.
7 Ebd.
8 Ebd. Im weiteren Verlauf wird "auch der von Muhammed geschaffene Staat" als theo-
kratisch bezeichnet (vgl. ebd.). Auch in "kleineren Religionsgemeinschaften kehrt theo-
kratische Verfassung in allen möglichen Varianten wieder" (a.a.O., 1113). Innerhalb
des Christentums wollten "die mittelalterlichen Päpste das Ideal der Th." ebenso reali-
sieren wie der "gesamte ältere Calvinismus" (ebd.).
78 Theokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

und so Wellhausens Beschreibung der 'Theokratie als Anstalt' übernom-


men 9 . Die in dessen Theokratievorstellung enthaltene Dimension der "Theo-
kratie als Idee' bleibt unberücksichtigt.
Der von Bertholet vollzogenen 'Reduktion' des Theokratiebegriffes
stimmt Wilhelm Michaelis zu, indem er dessen Definition übernimmt und
mahnt, "in seiner [sc.: des Theokratiebegriffs] Verwendung entsprechend
vorsichtig zu sein" 1 0 .

Mit dieser Aufforderung verbunden ist die Ablehnung der These Adolf Schlatters, nach
dessen Überzeugung Josephus durch seine Wortschöpfung θεοκρτία den Ausdruck βασι-
λεία του θεού substituieren wollte 11 , sowie eine scharfe Warnung vor der von Martin Bu-
ber entwickelten Theokratievorstellung1^. Darüber hinaus moniert Michaelis, daß der
Theokratiebegriff, "wie es scheint, die theologische Bedeutung etwas eingebüßt hat, die er
im Blick auf die Erfassung at.licher Tatbestände für frühere Generationen noch hatte"1·'.

Auf die beiden genannten Autoren und den von Michaelis angedeuteten
Verlust der theologischen Bedeutung des Theokratiebegriffes soll im fol-
genden wenigstens kurz eingegangen werden.

5 . 1 . 2 . Marginalien zum Theokratiebegriff Adolf Schlatters (1852-1938)


- zugleich: zum Verhältnis von θεοκρατία und βασιλεία τον θεού

Schlatter, in dessen 'Geschichte Israels' das Stichwort Theokratie nicht


vorkommt 1 4 , hat "zunächst θεοκρατία noch eine Parallele zur palästinensi-
schen D'Dtf JTpVü 'soweit sie den gegenwärtigen Bestand der Gemeinde be-
gründet' genannt" 15 , in seiner 'Theologie des Judentums jedoch formuliert:
n
J.[osephus] hat sich der unbeschränkten Selbstherrlichkeit und unbegrenzten Allgewalt
der 'Könige' widersetzt; das verdrängte den Namen 'König' für Gott und bewog J., an die
Stelle der βασιλεία roß θεοΰ, mit der die Jerusalemiten sowohl das jetzt dem Volk ge-
schenkte Verhältnis zu Gott als das herrliche Endziel der göttlichen Offenbarung benann-
ten, das neue, erst von ihm gebildete Wort θεοκρατία zu setzen"1®.
Dieses besondere Verhältnis zwischen Israel und Gott wird daran erkennbar, daß die
"Verfassung der Gemeinde [...] Gott zum Hegemon über alles, Ap. 2,185"^ macht. "'Un-

9 Vgl. W.Hübener, Unschuld, 37, der Bertholet ganz "auf Wellhausens Spuren" sieht.
10 W.Michaelis, ThWNT, 909.
11 Vgl. dazu a.a.O., 908.
12 Vgl. dazu a.a.O., 909 mit Anm.30.
13 A.a.O., 910.
14 A.Schlatter, Geschichte Israels.
15 W.Michaelis, ThWNT, 908. Vgl. A.Schlatter, Wie sprach Josephus von Gott ?, 12.
16 A.Schlatter, Theologie, 26.
17 A.a.O., 48.
Theokratie - post Wellhausen locutum 79

ser Gesetzgeber hat die Regierung und die Macht auf Gott gelegt;' darum ist Theokratie
der passende Name für die Verfassung der J u d e n s c h a f t "
1

Hier ist vor allem die königskritische bzw. -feindliche Haltung des Jose-
phus betont 19 . Ob sie allein diesen dazu führte, JHWH den Königstitel zu
verweigern, ist mit Recht bezweifelt worden20.
Weil Schlatter eine Identifizierung von Theokratie und Priesterherrschaft
vermeidet, scheint mir das von ihm formulierte Theokratieverständnis
gleichwohl bemerkenswert21.
Seine Gleichsetzung von βασιλεία του θεοΰ und θεοκρατία ist jedoch
22
ebenfalls zu Recht in Frage gestellt worden .
Diese Identifizierung hat nicht nur Schlatter vollzogen, sondern beispielsweise auch Au-
gust Freiherr von Gall, der sich seinerseits auf eine Definition Rudolf Angers beruft. Da-
nach ist unter der 'messianischen Idee' "die Vorstellung der Hebräer von einem auf der Er-
de zu erwartenden vollkommenen Zustande der Theokratie" zu verstehen2^. Gall selbst

18 Ebd. (mit Verweis auf Ap 2,165); zuvor zitiert Schlatter Ant 6,131: "Gott hat die He-
gemonie über jenen (den König) und über alle Geschäfte".
19 Vgl. dazu oben, S.26f.
20 Schon Karl Ludwig Schmidts Begründung, Josephus habe die Begriffe βασιλεύς- und
βασιλεία vermieden, weil er nicht "von der mit βασιλεία gegebenen eschatologisch-
messianischen Haltung seines Volkes" sprechen wollte (K.L.Schmidt, ThWNT, 576;
zustimmend aufgenommen von W.Michaelis, ThWNT, 908), wird durch den Hinweis
auf dessen geistiges Umfeld (vgl. K.L.Schmidt, ThWNT, 576) ergänzt.
21 Vgl. dazu auch die Feststellung Conrad von Orellis: "Eine völlige Verkennung des We-
sens der biblischen Theokratie ist vollends die immer wieder auftauchende Verwechs-
lung derselben mit Hierarchie, d.h. Priesterherrschaft !" (C.von Orelli, Art.: Israel,
466). Orelli selbst sieht Theokratie in erster Linie dadurch charakterisiert, "daß alle und
alles sich nach der Autorität Gottes zu richten haben, dessen Wille für alle Gebiete des
Lebens das maßgebende Gesetz ist" (ebd.). Die mit dem Begriff bezeichnete "Zusam-
menfassung der gesetzgebenden und regierenden Gewalt in der Vertretung der Gottheit"
war seiner Meinung nach unter Mose realisiert (ebd.).
22 Vgl. dazu W.Michaelis, ThWNT, 909.
23 A.von Gall, ΒΑΣΙΛΕΙΑ, 3.
(Zit. wird R.Anger, Vorlesungen, 1. Anger versteht unter Theokratie das - von der
Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus bestimmte - "Verhältniss zwi-
schen Jahve und dem hebräischen Volke, das im Alten Testament unter verschiedenen
Bildern, u.a. als Verhältniss zwischen König und Unterthanen, dargestellt wird"
[a.a.O., l f j . Dabei entsprach "die reale Theokratie in ihrer jeweilig gegenwärtigen Ge-
stalt der Idee eines von dem vollkommensten Wesen regierten Staates nie wirklich"
[a.a.O., 13], Deshalb entwickelt sich die "Vorstellung von der idealen Theokratie oder
die messianische Idee" [ebd., §7, Überschrift], die als "Vorstellung eines einst von Jah-
ve ausgehenden irdischen Zustandes aller Unterthanen Jahve's, in welchem mit voll-
kommenster Kenntniss und Verehrung Jahve's [innere oder religiös-moralische Seite]
vollkommenstes politisches oder physisches Glück verbunden ist [äussere, materielle
Seite]." [ebd.]).
80 Theokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

setzt dann die messianische Hoffnung bzw. Idee mit der "Reich-Gottes-Hoffhung oder
Reich-Gottes-Idee" gleich, die wiederum nicht mehr mit der Messiaserwartung identifiziert
werden darf 2 4 . Durch seine Behauptung: "Für die vorexilische Zeit war das Judentum
noch keine Theokratie. Das ist es erst mit dem Exil geworden. Also kann man auch in vor-
exilischer Zeit nicht hoffen, daß Jahwe einst König der ganzen Welt sein würde "25 wird
deutlich, daß Gall mit Theokratie auch den 'Ist-Zustand' der nachexilischen Gemeinde be-
schreibt. Dabei verweist er ausdrücklich auf den dort bestehenden Zusammenhang zwi-
schen Gesetz und messianischer Hoffnung2®. Von hier aus ist schließlich die These, daß al-
le alttestamentlichen Gesetzessammlungen "unter dem einheitlichen Gesichtspunkt des Ge-
dankens der Theokratie oder der βασιλεία τοΰ θεοϋ" stehen2^, formuliert.

Kritik an der damit vorgenommenen Identifizierung beruft sich mit guten


Gründen auf das Argument, daß der - das Tetragramm vermeidende - Aus-
druck "D'ötf JVDVö [...] in der Theologie des Spätjudentums ein rein escha-
tologischer Begriff im strengen Sinne des Wortes"28 ist, während dem
Theokratiebegriff zumindest auch ein diesseitiger, präsentischer Charakter
eignet 29 .
Die verschiedenen Schwerpunkte des jüdischen Verständnisses von IVD^a
Ο^ηϋ/βασιλεία τοΰ θεού mit seiner eschatologisch-jenseitigen Ausrichtung
und des Theokratieverständnisses von Josephus mit seiner diesseitigen
Orientierung, der aber - wie gezeigt - eine zukunftsorientierte Dimension
nicht fehlt, verbieten also die Gleichsetzung beider Begriffe.
Meines Erachtens macht es auch die mit unserem heutigen Verständnis
von /3ασιλεία τοΰ θεοΰ verbundene Vielheit von Konnotationen unmöglich,
die Vorstellung vom Reich Gottes auf eine Ebene mit der - in einem kon-
kreten Zusammenhang formulierten, eindeutig definierten - Theokratievor-
stellung des Josephus zu stellen. Die historisch-theologischen Argumente
für eine Gleichsetzung30 können diese, zugegebenermaßen auch formale,
Schwierigkeit nicht überwinden.

24 A.von Gall, ΒΑΣΙΛΕΙΑ, 3.


25 A.a.O., 42.
26 Vgl. a.a.O., 197.
27 A.a.O., 200.
28 K.G.Kuhn, Art.: ITp1?», 572.
29 Damit ist dessen Nähe zur alttestamentlichen ΠΊΠ' TVoVö, die nach Überzeugung von
Rads "immer als immanent vorgestellt wurde" (G.von Rad, Art.: 568), wahr-
scheinlich. Die Frage, "ob nicht in früherer Zeit Verbindungslinien zwischen beiden
Begriffen gelaufen sind", stellt auch Michaelis (ThWNT, 909). Er verweist gleichzeitig
auf die ungeklärte Vorgeschichte des neutestamentlichen Begriffs βασιλεία τοΰ θεοϋ,
die zu klären jetzt ebenfalls nicht möglich ist.
30 Vgl. dazu als weiteres Beispiel: "THEOKRATIA ist ein Wort, das zuerst bei dem jüdi-
schen Historiker Flavius Josephus (Contra Apionem 2,165) erscheint und in einer be-
sonderen Weise zum Ausdruck bringt, was als Anliegen Christen und Juden verbindet."
(K.H.Rengstorf, Vorwort).
Theokratie - post Wellhausen locutum 81

Aus beiden Gründen schließe ich eine Gleichsetzung beider Stichworte im


Zusammenhang dieser Arbeit aus 3 1 .

5 . 1 . 3 . 'Unmittelbar' und 'theopolitisch'- zum Theokratieverständnis Martin


Bubers (1878-1965)

"Es muß gewagt werden, die ihrer unhaltbaren vorkritischen Formulierung


wegen verpönte These einer frühzeitlichen unmittelbar-theokratischen Ten-
denz in Israel [ . . . ] auf dem Grunde der kritischen Forschung neu zu stel-
l e n . " 3 2 Mit diesen Worten umreißt Buber im Vorwort zur ersten Auflage
die Zielsetzung seines 'Königtum Gottes' und nennt zugleich Grundelemen-
te seines Theokratieverständnisses.

Die folgende Darstellung beschränkt sich darauf, elementare Grundlinien der Argumen-
tation Bubers aufzuzeigen, wobei im Sinn der oben formulierten Fragestellung des Kapitels
die Gefahr einer Verkürzung in Kauf genommen wird 3 3 .
Die Untersuchung setzt ein mit dem Gideonspruch, Ri 8,22f, in dem sich ein "geschicht-
lich lokalisierbarer Wille religiöser und politischer Art in einem, ein glaubensgebundner
Verfassungswille" widerspiegelt3^. Deshalb ist es notwendig, Wellhausens Unterscheidung
von 'Idee und Anstalt der Theokratie' eine dritte Dimension hinzuzufügen, nämlich "den
realen, kämpfenden, dem wechselnden Widerstand der Geschichtszeiten je und je ein Stück
wie sehr auch gewandelter Verwirklichung abringenden religiös-politischen Erfüillungs-
willen, den nicht erst spätprophetischen, sondern von dem geschichtlichen Israel unab-
trennbaren"3^.
Dieser äußert sich in der "primitiv-theokratischen"3^ oder "naiv-theokratischen" Ten-
denz 3 ^, die das ältere, antimonarchische Richterbuch3® zeigt. Die hier gemeinte "primi-
tive"3' oder "unmittelbare, unmetaphorische"^ Theokratie ist von der im Alten Orient
verbreiteten "Vorstellung einer mittelbaren Theokratie"^, die "das theokratische Prinzip

31 Odo Camponovo geht in seiner Arbeit 'Königtum, Königsherrschafi und Reich Gottes
in den Frühjüdischen Schriften' auf das Verhältnis beider Begriffe nicht ein.
32 M. Buber, Königtum, Xlf.
33 Nicht thematisiert ist hier etwa die Auseinandersetzung Bubers mit Max Weber (vgl.
a.a.O., 48.119ff) oder den Kritikern seines Entwurfes (vgl. bes. die Vorworte zur 2.
und 3. Aufl., a.a.O., XIX-XVL und LXIff). Auch auf hermeneutische Grundfragen des
Buberschen SchriftVerständnisses bzw. seiner Arbeit gehe ich nicht ein (vgl. dazu u.a.
F.-W.Marquardt, Gedanken; N.N.Glatzer, Interpret; J.Muilenberg, Buber; S.Talmon,
Buber).
34 M.Buber, Königtum, 9.
35 A.a.O., 10.
36 A.a.O., 19.
37 A.a.O., 31; vgl. a.a.O., 20.
38 Vgl. dazu a.a.O., 16.
39 A.a.O., 35.
40 A.a.O., 49.
41 A.a.O., 41; vgl. dazu a.a.O., 41-47.
82 Theokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

[...] ins Nur-religiöse beschränkt"4^, zu unterscheiden. Sie ist charakterisiert durch den
spezifisch israelitischen - in Ex 15,18 und 19,6 von Israel und JHWH gleichermaßen aner-
kannten - "Unbedingtheitsanspruch des Gotteskönigtums"43, der die "geschichtsläufige
Trennung von Religion und Politik [...] im realen Paradox>44 aufhebt.
Der als "Königsbund" interpretierte Sinaibund4^ hat das "politische Verfaßtsein" Isra-
els 4 6 zur Voraussetzung. Der Bundesakt schafft eine neue "Beziehungsart"4? zwischen
JHWH und seinem Volk Israel und kann so "kein rein religiöser, sondern nur ein religiös-
politischer, ein theopolitischer Akt sein"4**. So ist mit dem Sinaigeschehen der Beginn der
unmittelbaren Theokratie gesetzt.
Ihre erste Phase endet mit der von Josua vollzogenen 'Reduktion'. Auf dem Landtag zu
Sichern gibt dieser "dem Stämmeverband eine andere, neue Verfassung, die der sakralen
Organisation, und eine andere, neue Zentralisierung, die kultisch-territoriale. Er ersetzt die
um den ewigen Führer geschalte Eidgenossenschaft durch die um den Dienst seines Heilig-
tums verbundene Amphiktyonie. Außerhalb des JHWH-Krieges versteht er die Theokratie
rein-religiös, und er gibt ihr die rein-religiöse Darstellung." 4 "
Indem Josua keinen Nachfolger ernennt, wird die theokratische Wirklichkeit "unbewehrt
der Freiheit des Menschen übergeben"^®. Im durch den Wegfall des politischen Gehalts
der Theokratievorstellung zugunsten einer "apolitischen Sakralordnung"-'' gekennzeichne-
ten 'zweiten Stadium' der unmittelbaren Theokratie existieren allerdings Kreise, die ihr
"als der Grundwirklichkeit des öffentlichen Lebens treu" bleiben^.
Das dynastische Königtum, der "eigentliche Widerpart der unmittelbaren Theokratie",
markiert deren Ende^, wobei sich aus dem Gegensatz zwischen monarchischer Idee und
der Vorstellung vom Königtum Gottes wieder ein 'theokratischer Antrieb', der Messianis-
mus, entwickelt^4.

Bubers 'Königtum Gottes' ist Teil seiner Auseinandersetzung "mit der


Hauptfrage des alttestamentarischen Messianismus, seinem Ursprung, seiner

42 A.a.O., 47.
43 A.a.O., 88.
44 A.a.O., 89.
45 Vgl. dazu a.a.O., 91-111: 7.Kap.: "Der Königsbund".
46 A.a.O., 99.
47 A.a.O., 98.
48 A.a.O., 99. Zu Bubers eigener Definition von Theopolitik vgl. a.a.O., LXIII: "Mit
Theopolitik in Israel meine ich [...] das Handeln am öffentlichen Wesen von der Ten-
denz zur Verwirklichung der Gottesherrschaft aus."
49 A.a.O., 129. Die Anm.49 verweist auf Max Weber, der den "Begriff der israelitischen
Eidgenossenschaft [...] entwickelt [habe], freilich in einem weiteren, die Staatlichkeit
mitumfassenden Sinn", auf Albrecht Alt und Martin Noth (vgl. a.a.O., 217).
50 A.a.O., 132.
51 A.a.O., 134.
52 A.a.O., 133. Das Deboralied (Jdc 5,1-31), "eine primitiv-prophetische Urkunde"
(a.a.O., 137), ist für Buber Zeugnis eines fortdauernden Verständnisses JHWHs als
theokratischen Herrschers (a.a.O., 134).
53 A.a.O., 115; vgl. ebd.: Mit IlSam 6,14 "endet die naiv-theokratische Begeisterung".
54 Vgl. a.a.O., 149.
Theokratie - post Wellhausen locutum 83

Bedeutung, seiner geschichtlichen Entwicklung und seinem Platz im Glau-


ben Israels" 55 .
Die hier entwickelte Theokratievorstellung weist zwar eine scheinbare
Nähe zum Theokratiebegriff der Prämoderne auf. Indem Theokratie bei Bu-
ber jedoch nie als Verfassung(sform), sondern stets als "Verfassungsten-
denz" 56 oder "Verfassungswille"57 bezeichnet ist, wird ein entscheidender
Unterschied sichtbar. Zugleich entzieht sich Buber so der bei Wellhausen
dominierenden Reduktion des Theokratiebegriffs auf die - vorexilische -
Idee und die - nachexilische - Anstalt, bzw. der in der Folge Wellhausens
sichtbar werdenden Engführung des Begriffs auf letztere.
Bubers Zurückweisung der Identifizierung von Theokratie und Hierokra-
tie 58 , die von ihm gezogenen Verbindungslinien von Theokratie und Mes-
sianismus, nicht zuletzt auch sein Vorschlag, Theokratie als "die Ablehnung
politischer Herrschaftsformen, die dem Menschen seine Gottunmittelbarkeit
beeinträchtigen"59, zu verstehen, können der durchaus angebrachten Kritik
vor allem an Bubers methodischem Vorgehen standhalten und deshalb im
Schlußkapitel mitbedacht werden.

5.1.4. Zur soziologischen Rede von der Theokratie


- das Beispiel Max Weber (1864-1920)
Daß 'Theokratie' schon im 17. und 18. Jahrhundert nicht allein in theolo-
gischen Zusammenhängen begegnet, ist oben bereits angedeutet60. In sei-
nem schon mehrfach erwähnten Beitrag versucht Lang zu zeigen, daß der
Theokratiebegriff innerhalb der Staatslehre des 19. Jahrhunderts einerseits
mit einem "polemischen Beiklang" behaftet ist und für "eine besondere
Theorie der verfassungsgeschichtlichen Entwicklung" vereinnahmt wird 61 .
Andererseits begegnet Theokratie jetzt auch als "ein neutrales, rein des-

55 N.N.Glatzer, Interpret, 352. Vgl. dazu M.Buber, Königtum, IX-XI.


56 A.a.O., XXX.
57 A.a.O., 9.
58 Vgl. a.a.O., XXX. (Dort auch Kritik an dem von Yehezkel Kaufmann eingeführten Be-
griff der "Prophetokratie", mit dem dieser die 'Theokratie' des Priesterkodex vom Vor-
wurf, Hierokratie zu sein, befreien will [vgl. J.Kaufmann, Probleme, 27.31.41.43].
Zur Biographie und zu methodischen Aspekten des Werkes von Kaufmann vgl. jetzt
Th.Krapf, Yehezkel Kaufmann).
59 M.Buber, Königtum, XXIII.
60 Vgl. dazu oben, 3.1.
61 Vgl. B.Lang, Theokratie, 17-20 (Zit. a.a.O., 20).
84 Theokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

kriptives Fachwort zur Bezeichnung eines bestimmten religionssoziologi-


schen Sachverhalts"62.
In diesem Zusammenhang nennt Lang neben Johann Caspar Bluntschli
(1808-1881), der zwischen Theokratie - in ihr "ist Staatsoberhaupt und Ge-
setzgeber allein ein göttliches Individuum"63 - und theokratischen Staaten -
deren "menschliche Obrigkeiten [...] von theokratischem Geist beseelt
sind"64 - unterscheidet, unter anderem Max Weber 65 .
Auch im folgenden kann es im Rahmen dieser Arbeit und dieses Kapitels nur um den
Versuch gehen, einige zentrale Elemente des Weberschen Theokratieverständnisses zu nen-
nen und zu würdigen. Eine gründliche Auseinandersetzung mit seinen Theorien ist hier
nicht beabsichtigt 66 .
Im neunten Kapitel - "Herrschaftssoziologie" - seines Hauptwerkes 'Wirtschaft und Ge-
sellschaft' stellt Weber unter der Überschrift "Politische und hierokratische Herrschaft" zu-
nächst verschiedene Arten der "Beziehung der politischen zur kirchlichen M a c h t d a r .
Seiner Überzeugung nach ist es von daher möglich, zwischen dem "priesterlich, sei es als
Inkarnation, sei es als gottgewollt legitimierten", dem "priesteramtlichen, also als Priester
auch die Königsfunktionen versehenden" und dem "cäsaropapistischen, d.h. kraft Eigen-
rechts auch die höchste Macht in kirchlichen Dingen besitzenden weltlichen Herrscher" 68
zu unterscheiden. Die beiden ersten Idealtypen nennt Weber "die beiden Fälle der 'Hiero-
kratie'", wobei nur der zweite "eigentliche 'Theokratie' ist"®.

62 A.a.O., 20; vgl. dazu a.a.O., 20-22.


63 A.a.O., 21. Realisiert wurde die Theokratie nach Bluntschli nur im Israel der Zeit von
Mose bis Salomo.
64 B.Lang, Theokratie, 21. Theokratische Staaten gab es zu allen Zeiten. Sie sind u.a.
durch die Vermischung von "kirchliche[n]/priesterliche[n] und staatliche[n] Institu-
tionen" charakterisiert (ebd.).
65 Wenigstens erwähnt sei an dieser Stelle die Untersuchung von A.Causse, Du groupe
ethnique. Causse gebraucht den Theokratiebegriff in seiner Darstellung des "code sacer-
dotal" zwar, um dessen Vorstellung einer idealen Gesellschaft zu bezeichnen (vgl.
a.a.O., 220, mit Anm.2). Gleichzeitig betont er jedoch: "En realite, l'ancien yahvisme
national reposait dejä sur une conception theocratique", wie sich anhand des Verständ-
nisses JHWHs als Herrschers und des Königs als seines Stellvertreters zeigen läßt. Im
übrigen zielt die von Ρ intendierte Theokratie auch nach der Darstellung Causses dar-
auf, sich als 'Hierokratie' zu verwirklichen und 'jede menschliche Aktivität mit einem
Netz von kultischen und heiligen Handlungen zu umgeben' (ebd.).
66 Vgl. zur Diskussion die beiden von W.Schluchter herausgegebenen Sammelbände: Max
Webers Studie über das antike Judentum, und Max Webers Sicht des antiken Christen-
tums; zu Webers Rezeption durch die alttestamentliche Theologie vgl. auch den kriti-
schen Beitrag von J.A. Holstein, Weber. Zur von Weber rezipierten theologischen Tra-
dition vgl. z.B. F.W.Graf, Weber.
67 M.Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 689.
68 Ebd.
69 Ebd.
Theokratie - post Wellhausen locutum 85

Als Beispiel für den ersten Typus dient Weber dabei sowohl das vorexilische Südreich 70
als auch die 'jüdische Hierokratie' zur Zeit der persischen Fremdherrschaft71. Die "Auf-
richtung der Priesterherrschaft in Juda unter Josia"7^ ist ebenfalls ein Beispiel für Hiero-
kratie, nicht für die 'eigentliche Theokratie' 7 ^.
Auch in Webers Darstellung des 'Antiken Judentums' begegnen beide Begriffe. Dort ist
zum Beispiel ausdrücklich festgehalten, daß die Kritik an den Nordreichskönigen "durch
das Fehlen eines hierokratischen Charakters des Königtums begünstigt"7^ wurde. Für das
vorkönigliche Israel ist "das Fehlen jeglicher politischen oder hierokratischen Instanz, die
im Namen des Bundes hätte Opfer darbringen können"7®, in Friedenszeiten charakteri-
stisch.
Konsequent im Sinne der oben genannten Definition ist es, wenn Weber dem Traditions-
strang, der den König als Messias verstand7**, einen anderen gegenüberstellt, der "weiß
[...], daß, ehe Israel sich einen König setzte, der Bundesgott selbst und er allein und unmit-
telbar der Herrscher gewesen war" 7 7 , diesen aber nicht etwa als 'theokratisch' orientiert
bezeichnet - wie es später Buber getan hat.
Konsequent vermeidet auch die Darstellung der vorexilischen Prophetie7® den Theokra-
tiebegriff. Erst bei der Schilderung der Entwicklung hin zum jüdischen 'Pariavolk' 7 ^, die
unter anderem die unpolitische Existenz der nachexilischen Gemeinde voraussetzt®0, wird
angesichts des zunehmenden Gewichtes der Priesterschafi das Beispiel Ezechiels genannt,
der die Königsmacht diskreditiert und dessen Nasi "im Grunde nur ein Kirchenpatron für
die theokratisch gebildete Gemeinde"®' ist. "Der 'Hohepriester' des Tempels von Jerusa-
lem tritt bei ihm zuerst als zentrale Gestalt der künftigen hierokratischen Ordnung her-

70 Vgl. ebd.: "Die Priesterschafi befragte im Reiche Juda das Losorakel über den König";
vgl. a.a.O., 692.
71 Vgl. a.a.O., 689; vgl. dazu a.a.O., 690: "Hellenentum und Judentum sind, scheint es,
in ihren wichtigsten Zügen Produkte der Abwehr der Perserherrschaft auf der einen Sei-
te, der Unterwerfung auf der anderen."
72 A.a.O., 692; vgl. a.a.O., 689.
73 Weber führt nicht aus, wo und wann diese realisiert war (vgl. dazu a.a.O., 689: Die bei
der Hierokratie im Besitz der Priesterschaft befindliche "Verfügungsgewalt über die
Krone [...] kann sich im Grenzfall bis zu einem förmlichen Priesterkönigtum steigern,
bei welchem der Chef der geistlichen Hierarchie als solcher auch die weltliche Gewalt
ausübt, wie dies in einigen anderen Fällen tatsächlich eingetreten ist".).
74 M.Weber, Religionssoziologie III, 122. ("Der israelitische König hatte keine priester-
liche Würde." [ebd.]).
75 A.a.O., 146.
76 Vgl. a.a.O., 124 und die Fortsetzung ebd.: "wie nach dem Exil der Hohepriester".
77 A.a.O., 125.
78 Vgl. a.a.O., 282-350. Vgl. dazu Graf der meint, Weber habe sowohl die Überschät-
zung des historischen Gewichts der Prophetie als auch die Idealisierung der Gestalt der
Propheten von der Religionsgeschichtlichen Schule übernommen - und damit eines der
"problematische^] Elemente des von ihnen [sc.: den 'Religionsgeschichtlem'] ent-
wickelten Bildes der israelitisch-jüdischen Geschichte" (F.W.Graf, Weber, 131).
79 Zu diesem terminus vgl. Chr. Schäfer-Lichtenberger, Nebensatz, 430-433.
80 Vgl. M.Weber, Religionssoziologie III, 353.
81 A.a.O., 363.
86 Theokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

vor"**2. Während hier 'theokratisch' nicht im Sinne der Definition der 'eigentlichen Theo-
kratie' gebraucht w i r d ^ , entspricht die Aussage, daß die Perser "überall die Hierokratie in
den Sattel setzten, um sie als Domestikationsmittel der abhängigen Völker zu b e n u t z e n " ^
der Darstellung aus 'Wirtschaft und Gesellschaft' wörtlich.
Dabei sind die Priester als Vertreter der Hierokratie weder an einer Wiederherstellung
des davidischen Königtums®5 noch an der Übernahme echter politischer Gewalt, die "in
den Händen entweder des persischen Satrapen und später des hellenistischen Statthalters
und ihrer Beamten, oder eines Spezialbevollmächtigten des Königs, wie Nehemia"^, lag,
interessiert.
An der erst von Nehemia vollzogenen Gründung der Gemeinde war, wie Weber betont,
der Hohepriester nicht b e t e i l i g t ^ , sie beansprucht zwar "letztlich allein die Erbin der sa-
kralen und deshalb auch der politischen Stellung Israels zu sein"®®, besitzt aber keine
"weltliche Gewalt"®9, ist also "ein rein religiöser Gemeindeverband"9®.
Gleichwohl steht der die Gemeinde dominierenden "Priestermacht" eine "Polizei" zur
Verfügung 9 ^. Deren Arbeit und der "zunehmende bürgerliche Rationalismus des in die (re-
lativ) befriedete Welt zuerst des Perserreiches, dann des Hellenismus eingebetteten Volks"
ermöglichen die 'Erstickung' der P r o p h e t i e 9 ^ .

Während etwa Joachim Wach die "Theokratie, für die uns der Orient so
manches Beispiel liefert", dem Cäsaropapismus gegenüberstellt 9 3 , betrach-
tet Weber sie als einen "Sonderfall der Hierokratie" 94 und ordnet sie dieser
damit gleichsam unter 9 5 .
Auch wenn für den Idealtypus 'Hierokratie' Beispiele aus der Geschichte
Israels angeführt sind, wird deutlich, daß beide Begriffe nichts spezifisch
Israelitisches mehr bezeichnen, sondern - zumindest theoretisch - zu allen
Zeiten und überall begegnen können.

82 Ebd.
83 Vgl. dazu auch die im Zusammenhang der "steigende[n] Theologisierung des Rechts"
gebrauchte Formel von der "Theokratisierung der israelitischen Sozialordnung" (a.a.O.,
81) und die Charakterisierung des theokratischen Rechts als 'unformales Recht' (M.We-
ber, Wirtschaft und Gesellschaft, 469).
84 Ders., Religionssoziologie III, 364.
85 Vgl. a.a.O., 365.
86 A.a.O., 373.
87 Vgl. ebd.
88 Ebd.
89 A.a.O., 374.
90 Ebd.; vgl. a.a.O., 376.
91 A.a.O., 397.
92 A.a.O., 399.
93 J.Wach, Art.: Religionssoziologie, 484.
94 B.Lang, Theokratie, 22.
95 M.E. zeigt sich diese Unterordnung auch darin, daß Weber in Hinsicht auf die Ge-
schichte Israels den Begriff 'Theokratie' behutsamer gebraucht als den Hierokratiebe-
griff und ersteren weniger präzise definiert.
Theokratie - post Wellhausen locutum 87

Der relativ zurückhaltende Gebrauch des Hierokratiebegriffs wirft dar-


über hinaus die Frage auf, ob die nachexilische Zeit für Weber tatsächlich
unter dem Idealtypus 'Hierokratie' subsumierbar ist 9 6 .
Daß der Theokratiebegriff im Blick auf die Ideen der Prophetie vermie-
den, dem Gegensatz von Prophetie und Hierokratie/Priesterschaft zentrale
Bedeutung beigemessen und die völlig unpolitische Existenz der nachexili-
schen Gemeinde, die nicht einmal die "Gerichtsgewalt" besitzt 9 7 , betont ist,
zeigt die Nähe von Webers Darstellung der Entwicklung des nachexilischen
Judentums zum 'Pariavolk' zu von der Theologie des 19. Jahrhunderts ent-
wickelten Deutungsmustern und Ergebnissen.

Weber selbst hat mehrfach festgehalten, daß er Arbeiten der zeitgenössischen Theologie,
vor allem Wellhausens Werk9**, rezipiert und weiterführt 99 . Grafs Auffassung, Weber sei
hauptsächlich durch die Religionsgeschichtliche Schule geprägt, von der er unter anderem
auch den Hierokratiebegriff übernommen habe'®®, stellt dabei im Zusammenhang mit der
Darstellung des Judentums insofern eine Verkürzung dar, als deren negative Sicht der
nachexilischen Zeit durchaus auf Wellhausen g r ü n d e t ^ . Wenn Christa Schäfer-Lichten-
berger hervorhebt, Webers Verständnis der nachexilischen Zeit sei wesentlich durch
Eduard Meyer beeinflußt, "der seinem Geschichtsverständnis zufolge externen Faktoren für
1 n?
die Konstituierung des nachexilischen Judentums ausschlaggebende Bedeutung zumaß"1 ,
ist dabei zu bedenken, daß dieser in seiner 'Entstehung des Judentums' den Hierokratiebe-
griff nicht verwendet
Stattdessen findet sich hier gelegentlich das Stichwort (jüdische) 'Theokratie'^, mit
dem die von den Persern unterstützte - unpolitische - Priesterherrschaft bezeichnet
w i r f 1 0 5 . Allerdings ist die Verfassungsform der nachexilischen Gemeinde nicht explizit als

96 Vgl. dazu Chr.Schäfer-Lichtenberger, Nebensatz, 426: Für Weber stellt die "ethisch
und sozial begründete rituelle Absonderung" den die nachexilische Zeit kennzeichnen-
den Idealtypus dar.
97 A.a.O., 374.
98 Vgl. dazu die provokative Formulierung: "Weber did for Wellhausen what the latter
did for Graf" (J.A.Holstein, Weber, 164).
99 Vgl. dazu nur M.Weber, Religionssoziologie III, 2-6, Anm.
100 Vgl. F.W.Graf, Weber, 129.
101 Vgl. dazu z.B. W.Klatt, Hermann Gunkel, 186f; vgl. auch W.Baumgartner, Wellhau-
sen, 302, der die von Wellhausen ermittelten "Hauptperioden" der Geschichte Israels
als dessen bleibendes Verdienst nennt.
102 Chr.Schäfer-Lichtenberger, Nebensatz, 427, vgl. dazu M.Weber, Religionssoziologie
III, 3, Anm. Zu Schäfer-Lichtenbergers Verständnis des Einflusses von Wellhausen auf
Weber vgl. Chr.Schäfer-Lichtenberger, Nebensatz, 421.426.
103 Vgl. E.Meyer, Entstehung.
Vgl. dazu die Bezeichnung der Priester als "Adel der neuen Hierarchie" (a.a.O., 175).
104 Vgl. a.a.O., 68.88.211.
105 Vgl. a.a.O., 88. Vgl. noch ders., Israeliten, 98 (zu Ex 18): "die Theokratie d.h. das
Priesterregiment ist hier bereits in voller Schärfe als die allein berechtigte Organisation
des Volkes hingestellt".
88 Theokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Theokratie charakterisiert1®®. Daß Meyer "von einem anderen Theokratiebegriff als Weber
ausgeht" ^ und "unter Theokratie einen halbselbständigen Religionsstaat"'versteht,
betont Lang. Seinen Überlegungen liegt Meyers Beschreibung Ägyptens zur Zeit der 21.
Dynastie als "Gottesstaat, Theokratie oder sogar Kirchenstaat" zugrunde 1 ^ Dort wird
"die Religion und damit die Priesterschaft in den Vordergrund" gestellt, "ihre Pflege ist die
eigentliche Aufgabe des Staates geworden"11®. Die geschichtliche Entwicklung zeigt, "daß
der Gottesstaat als selbständiger Staat nicht zu bestehen vermag "1 1 1 und sich darum einer
Fremdherrschaft unterwerfen muß 1 1 2 .

5.2. Plädoyer für eine theokratische Interpretation der Bibel


- Arnold Albert van Ruler (1908-1970)

In einer Periode intensiver Diskussion um die Hermeneutik des Alten Testa-


ments 113 stellte van Ruler 1955 sein Votum für ein neues Verständnis des
Alten Testaments und seines Gebrauchs in der christlichen Kirche vor 114 .
Diese neue Sichtweise des Alten Testaments ist seiner Meinung nach deshalb notwendig,
weil sich am Umgang mit ihm das "ganze[s] Verständnis des Reiches Gottes und damit der
Katholizität des christlichen Glaubens, der Kirche und des Christentums"1 ^ entscheidet.
Einer Übersicht über zehn in der Kirchengeschichte vertretene 'Grundauffassungen' des
Alten Testaments11® stellt van Ruler sein eigenes Verständnis gegenüber, nachdem er zu-

106 Vgl. dazu ders., Entstehung, 183: die unmittelbar nach dem Exil mit der Neuorgani-
sation des Volkes verbundenen politischen Hoffnungen werden enttäuscht, "aus der po-
litischen wurde eine religiöse Gemeinde"; in persischer und griechischer Zeit ist "der
Hohepriester zugleich das politische Oberhaupt der Gemeinde".
107 B.Lang, Theokratie, 26.
108 A.a.O., 28.
109 A.a.O., 25. Vgl. dazu E.Meyer, Gottesstaat.
110 A.a.O., 495.
111 A.a.O., 513.
112 Zur 'Wirkungsgeschichte' Meyers vgl. M.Noth, Geschichte Israels, 181, der unter Be-
rufung auf diesen feststellt: "Das Ägypten der 21. Dynastie war schwach, in sich zerris-
sen und durch die theokratische Herrschaft der Priester von Theben bestimmt." - Der
einzige Beleg für Theokratie/theokratisch in Noths 'Geschichte' !
113 Vgl. dazu die in den Jahren 1952-1960 entstandenen Beiträge in C.Westermann (Hg.),
Probleme.
114 A.A. van Ruler, Kirche.
115 A.a.O., 9.
116 Vgl. a.a.O., 9-12.
Die Auseinandersetzung mit Grundmodellen alttestamentlicher Hermeneutik führt van
Ruler fort, wenn er das Verständnis des Alten Testaments als Christusverheißung eben-
so zurückweist (vgl. a.a.O., 34-37) wie die Verhältnisbestimmung beider Testamente
im Sinn von Weissagung und Erfüllung (vgl. a.a.O., 40-45) oder die allegorische (vgl.
a.a.O., 53-58) und die typologische (vgl. a.a.O., 58-68) Auslegung des Alten Testa-
ments.
Arnold Albert van Ruler 89

nächst die Frage nach der Identität des alt- und neutestamentlichen Gottes' und der Mög-
lichkeit eines wissenschaftlichen Zugangs zur Offenbarung des Alten Testaments'"* erör-
tert hat.
In Auseinandersetzung mit der seiner Meinung nach erfolgten Reduktion der biblischen
Botschaft auf die soteriologische Frage hält er dabei fest, daß nicht der Sündenfall, also das
Negative, im Vordergrund der alttestamentlichen Botschaft steht. "Israel und das Alte
Testament sind mindestens ebensosehr Spiegel des Positiven, Spiegel dessen, was der le-
bendige Gott mit Mensch und Welt vorhat: sein Reich, sein Bild, das Gesetz, die Theokra-
tie ! · ™
Von hier aus wird der Blick frei für "das Leben und die Welt, die geheiligt und
christianisiert werden müssen. Es gibt auch die Theokratie. Sie ist vielleicht die letzte Aus-
sicht. In Israel ist sie das erste a p r i o r i " D e s h a l b ist in den Augen van Rulers christ-
liche Predigt des Alten Testaments nur legitim, "wenn man diesen eschatologischen, theo-
kratischen Ausdruck beachtet, wenn die christliche Predigt nicht nur Christuspredigt, son-
dern auch Reichspredigt sein will. Die Predigt handelt dann über dieselben konkreten, irdi-
schen Dinge, um die es im Alten Testament auch g e h t " . sie ist damit "mehr als Predigt
nur des Evangeliums"'^.
Vom so festgehaltenen 'mehr' des Alten Testaments her kommt van Ruler zu folgender
Standortbestimmung: "wir müssen erklären, daß wir als christliche Kirche unsere Position
als solche im Neuen Testament werden nehmen müssen, um dann das Alte Testament, das
uns als kanonisches Wort Gottes gegeben ist, nicht nur als Hintergrund, sondern mehr noch
als Horizont zu sehen und anzuerkennen"'^.
Notwendig ist das Alte Testament für die christliche Kirche "an erster Stelle", weil es
Jesus als den Christus legitimiert'^, es ist "unentbehrlich für die christliche Kirche, weil
sie in Jesus Christus die Fundierung (fundatio) der ganzen Sache des Alten Testaments
empfangen h a t " ' ^ . Das Alte Testament ist - drittens - "notwendig, weil es das Evange-
lium von Jesus Christus legitim i n t e r p r e t i e r t " D a s heißt für van Ruler: Das Alte Testa-
ment macht deutlich, daß das "Königtum Jesu [...] als eine ganz und gar geschichtliche,
d.h. dann auch, als eine ganz und gar profane und irdische Größe" zu verstehen, "die Sa-
che Gottes in Jesus Christus so rein geschichtlich, so ganz und gar profan und weltlich, so
theokratisch und politisch gemeint i s t " ' ^ .
Sein Bilderreichtum und die "unmittelbar das Leben und die Wahrheit" berührende Spra-
che'28 machen das Alte Testament für die christliche Kirche - vor allem ihre Predigt -

117 Vgl. a.a.O., 13-16.


118 Vgl. a.a.O., 16-21.
119 A.a.O., 27.
120 A.a.O., 32.
121 Ebd.
122 A.a.O., 33.
123 A.a.O., 52f.
124 A.a.O., 69.
125 A.a.O., 71. Vgl. in diesem Zusammenhang van Rulers - von seinen Kritikern m.E. oft
übersehene - Überlegung, daß, "recht gesehen, ausschließlich die christliche Kirche mit
dem Alten Testament wirklich etwas anfangen" kann, "weil erst im Messias und im
Pneuma deutlich und sicher geworden ist, daß die Verheißungen und das Reich Gottes -
die Sache des Alten Testaments also - nicht identisch sind mit dem Volk Israel" (a.a.O.,
73).
126 A.a.O., 74.
90 Theokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

ebenso notwendig wie die Tatsache, daß man nur "gegen den Hintergrund und im Kontext
des Alten Testaments [...] daran festhalten [kann], daß Jesus Christus ein Moment in der
Geschichte Gottes mit Israel und so - als Tat Gottes - ein geschichtliches Faktum i s t " 1 ^ .
Neben die seiner Meinung nach erst durch das Alte Testament möglich gewordene Hi-
storisierung des Evangeliums stellt van Ruler zuletzt dessen nur vom Alten Testament her
mögliche "Eschatologisierung"13®. Dabei ist der "Ausdruck 'eschatologisch' [...] im Sinne
eines Hinweises darauf, daß es ursprünglich und endgültig darum durch alles hindurch um
Gott selbst und um die Welt im nackten Bestehen der Dinge geht"! 3 1 , verstanden. - Inso-
fern sind 'eschatologisch' und 'theokratisch' identische B e g r i f f e 1 N o c h einmal hebt van
Ruler hervor, daß die Betonung der irdischen Realität den "Punkt" bildet, wo das Alte
Testament eine vollauf eigene, selbständige Bedeutung für die christliche Kirche be-
kommt" 1 3 3 .

D i e Herausforderung dieses Entwurfs 1 3 4 ist einerseits in der Betonung


"des Realismus, der Diesseitigkeit und Weltlichkeit" des Alten Testaments,
der von daher ermöglichten "weite[n] und freiefn] Sicht, die sich einem
über vergeistigende Ängstlichkeiten hinweg auftut" und dem "Wissen um
die politische Verantwortung der Gemeinde" 1 3 5 gesehen worden. Anderer-
seits wurde und wird seine Bedeutung für das christlich-jüdische Gespräch
hervorgehoben 1 3 6 .
Auf Kritik und Ablehnung ist neben dem methodischen Verfahren 1 3 7 vor
allem van Rulers Gegenüberstellung von Soteriologie und D o x o l o g i e 1 3 8 und
die von ihm vollzogene Vorordnung des Alten Testaments vor das Neue Te-
stament gestoßen 1 3 9 . Diese Vorodnung ist im von van Ruler behaupteten

127 A.a.O., 75.


128 A.a.O., 78.
129 A.a.O., 80.
130 A.a.O., 82.
131 Ebd.
132 Vgl. a.a.O., 82f.
133 A.a.O., 85. von hier aus wird erneut die Notwendigkeit christlicher 'Reichspredigt'
und - gegen Harnack u.a. - einer Bindung der Kirche an das Alte Testament, nicht um-
gekehrt, betont (vgl. a.a.O., 86).
134 Van Ruler selbst hat dessen unabgeschlossenen Charakter im Vorwort betont. Er wird
durch die Tatsache unterstrichen, daß die Frage nach der durch die "zwei kanones"
(a.a.O., 87) aufgeworfenen Möglichkeit, allein das Alte Testament als "Heilige Schrift"
und das Neue Testament als "mündliches Kerygma" (a.a.O., 88f, Anm.66) zu betrach-
ten, ebensowenig beantwortet wird wie die angesichts der jüdischen Nachgeschichte des
Alten Testaments aufgeworfene Frage nach der "Katholizität der Kirche" (a.a.O, 92).
135 J.J.Stamm, Jesus Christus, 185.
136 Vgl. Th.C.Vriezen, Theokratie, 203f; H.D.Preuß, Predigt, 98.
137 Vgl. J.J.Stamm, Jesus Christus, 187f.
138 Vgl. dazu H.D.Preuß, Predigt, 97.
139 Vgl. dazu J.J.Stamm, Jesus Christus, 186; dort wird auch van Rulers "kurz und
scharf" formulierter Satz: "Jesus Christus ist eine Notmaßnahme, mit der Gott so lange
wie möglich gewartet hat" (A.A. van Ruler, Kirche, 65) kritisch aufgenommen, mit
Arnold Albert van Ruler 91

'mehr' des Alten Testaments begründet, das er mit Hilfe des Theokratiebe-
griffs nachzuweisen sucht.
Theokratie ist dabei als Konstitutivum des Alten Testaments und der Be-
ziehung zwischen JHWH und Israel verstanden140. Inhaltlich ist sie wesent-
lich bestimmt als Ziel des Handelns Gottes in dieser Welt und für diese
Welt, seinem Königtum 141 , und wird so mit "der Offenbarung des Gottes-
reiches in Israel" 142 identifizierbar. Gleichzeitig ist Theokratie auch heute
als Zielpunkt christlichen Engagements in der Welt gegenwärtig143. Nur
von hier aus wird meines Erachtens van Rulers Identifizierung von Theo-
kratie und Eschatologie verständlich144. Sie hebt einerseits den zukünftigen
Charakter von Theokratie/Reich Gottes hervor, andererseits soll sie eine
Transzendierung der Zukunftserwartungen verhindern.
Daß diese Identifizierung der Vielschichtigkeit des alttestamentlichen
Textbefundes nicht gerecht wird, bzw. daß van Ruler sie nicht konkret an -
alt- oder neutestamentlichen - Texten verifiziert 145 , ist eine der Haupt-
schwächen seines Entwurfes.
Auf die Möglichkeit einer adäquaten Unterscheidung von Theokratie und
Eschatologie146 konzentriert sich die in den letzten 30 Jahren geführte alt-
testamentliche Debatte um den Theokratiebegriff, der im nächsten Kapitel
nachgegangen wird.

dem dieser die christologische Auslegung des AT zu falsifizieren sucht.


140 Vgl. A.A.van Ruler, Kirche, 32.
141 Vgl. a.a.O., 26; vgl. a.a.O., 85: "die Quintessenz liegt hier [sc.: im Alten Testament]
in der Politik im weitesten Sinn des Wortes: der Staat, das soziale und ökonomische Le-
ben, die Kultur. In einem Wort gesagt: die Heiligung der Erde." - Ob von daher jedoch
von einem "schroff antispiritualistischen Grundanliegen[s]" der Theokratievorstellung
van Rulers gesprochen werden kann (R.Smend, de Wettes Arbeit, 81, Anm. 503), ist
m.E. zu bezweifeln.
142 Th.C.Vriezen, Theokratie, 195.
143 Vgl. A.A.van Ruler, Kirche, 32. Damit ist auch deutlich, daß für van Ruler Theokra-
tie nicht ein spezifisch israelitisches Phänomen darstellt.
144 Zu ihrer Kritik vgl. Th.C.Vriezen, Theokratie, 196, Anm.l und 200.
145 Vgl. dazu Th.C.Vriezen, Theokratie, 194.200.
146 Siehe dazu schon W.Rudolph, HAT (vgl. oben, 1.1).
92 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

6. Zum Theokratiebegriff in der Diskussion von 1959 bis heute

Mit seiner 1959 erschienenen Untersuchung 'Theokratie und Eschatologie' 1


hat Otto Plöger die Diskussion über das Verständnis der nachexilischen Zeit
und des Theokratiebegriffes maßgeblich beeinflußt. Nach einer Darstellung
der für unseren Zusammenhang wichtigen Gedankengänge der Studie und
grundsätzlichen Überlegungen zu ihrer Kritik, soll deshalb in diesem Ka-
pitel der 'Wirkungsgeschichte' von Plögers Hypothesen nachgegangen wer-
den.

6 . 1 . Theokratie und Eschatologie - Otto Plögers "simplification terrible"

U m Plögers Arbeit und ihren Intentionen gerecht werden zu können, ist es


sinnvoll, ihn selbst zunächst ausführlicher zu Wort kommen zu lassen.

6 . 1 . 1 . Darstellung

Die "Vorbemerkung"^ nennt mit den Stichworten "prophetenlose Zeit"^ und 'Herkunft'
der das Danielbuch prägenden Asidäer/Frommen die Fragestellung und steckt den histo-
rischen Rahmen ab, innerhalb dessen sich die Arbeit bewegen wird.
Die "Geschichtliche Einführung"^ konzentriert sich auf die Voraussetzungen des '(Reli-
gions-)Konfliktes' zwischen Antiochus IV. Epiphanes und der "jüdischen[n] Gemeinde in
Jerusalem"^, stellt aber zugleich die These einer - von den Makkabäern unterschiedenen -
"grundsätzlichen Abkehr von jeder politischen Gebundenheit"^ seitens der 'Frommen' auf.
Im zweiten Kapitel, "Das Danielbuch"^, weist Plöger unter anderem auf den engen Zu-
sammenhang zwischen den Erzählungen und Visionen des Danielbuches hin 8 . Inhaltliche
Unterschiede - etwa im Blick auf die "unterschiedliche^] Beurteilung der damaligen Ereig-
nisse" - lassen dabei "eine stärkere Differenzierung innerhalb der Oppositionsbewegung
[sc.: gegen die Seleukiden] erkennen"'. Diese Differenzierung entwickelt sich zum "Riß

1 O.Plöger, Theokratie.
2 Vgl. a.a.O., 7f.
3 A.a.O., 7.
4 Vgl. a.a.O., 9-18.
5 A.a.O., 9.
6 A.a.O., 18.
7 Vgl. a.a.O., 19-36.
8 Vgl. a.a.O., 26.
9 A.a.O., 27.
Theokratie und Eschatologie - Otto Plöger 93

[...], der die auf Kult und Gesetz gegründete jüdische Gemeinde"1® spaltet. Der Endgestalt
des Danielbuches geht es zusammengefaßt um die Vorstellung der "konventikelartige[n]
Herauslösung einer noch mit dem empirischen Israel verbundenen Größe, die sich als das
'wahre' Israel betrachten will" 11 . Von daher schließt Plöger hinsichtlich der Verfasser des
Buches auf eine mit den Asidäern verbundene Gruppe. Diese Folgerung wiederum weist
auf eine Vorgeschichte der Asidäer hin 12 , die in Jes 24-27 bzw. Sach 12-14 greifbar wer-
den könnte, wobei der Bruch zwischen prophetischer und eschatologischer Eschatologie
nicht vernachlässigt werden darf 1 ·'.
Diesem Bruch geht das dritte Kapitel "Erwägungen zum Aufkommen der Apokalyp-
tik"14 nach. Das Entstehen der jüdischen Apokalyptik ist nur denkbar, wenn "innerhalb
der jüdischen Gemeinde mit bestimmten Voraussetzungen [zu] rechnen [ist], die uns die be-
reitwillige Aufnahme und Aneignung fremder Vorstellungen erklären können"1^.
In Anlehnung an und Wetterführung von Paul Volz und Buber hält Plöger die wichtig-
sten Unterschiede von prophetischer und apokalyptischer Eschatologie fest 16 . Dabei er-
kennt er dem mit dem "Übergang von einem Volk zu einer Gemeinde, von einer Nation zu
einer Theokratie" verbundenen "Strukturwandel" eine zentrale Rolle zu 1 ^. Anschließend
wird in "großen Zügen [...] das Geschichtsverständnis der großen nachexilischen Ge-
schichtswerke Israels"1® gezeichnet.
Für die Priesterschrift ist dabei "Israel, in der Form der durch den my-Begriff charak-
terisierten Kultgemeinde [...] das Ziel der Wege Gottes mit der M e n s c h h e i t " 1 Λ i m Vor-
dergrund steht "die religiös-kultische Determination Israels [...], während eine Beziehung
der Kultgemeinde zur übrigen Völkerwelt - und das heißt: eine eschatologische Blickrich-
tung - nicht in dem gleichen Maß als bedeutsam empfunden worden ist"2®. Die Priester-
schrift mit ihrer nur aus der historischen Situation des 6./S. Jahrhunderts verständlichen
Aussageintention21 "möchte offenbar dem weiteren geschichtlichen Werdegang Israels kei-
ne konstitutive Bedeutung mehr beimessen". Der "Bereich des Geschichtlichen [ist] von
vornherein auf den Zeitraum von den Anfängen der Welt bis zur Entstehung der VkUP' m y
begrenzt" 22 .
Im Blick auf die Intention des chronistischen Geschichtswerkes übernimmt Plöger die
These Rudolphs2^, die den Ausgangspunkt dieser Untersuchung darstellt.
Der Chronist setzt das Israelverständnis von Ρ voraus, sieht sich aber um der Abgren-
zung gegenüber den Samaritanern willen gezwungen, die Geschichte "bis zu dem Punkte,
an dem die zu seiner Zeit bestehende Gemeinde neu konstituiert worden war" 2 ^, fortzufiih-

10 A.a.O., 29.
11 A.a.O., 33.
12 Vgl. a.a.O., 33f.
13 Vgl. a.a.O., 36.
14 Vgl. a.a.O., 37-68.
15 A.a.O., 37.
16 Vgl. a.a.O., 39f.
17 A.a.O., 41.
18 Ebd.
19 A.a.O., 44.
20 Ebd.
21 Vgl. a.a.O., 47.
22 A.a.O., 48.
23 Vgl. a.a.O., 51; vgl. dazu oben, 1.1.
24 A.a.O., 52.
94 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

ren. Unter erneuter Berufung auf Rudolph stellt Plöger das vollständige Defizit an eschato-
logischen Erwartungen im chronistischen Geschichtswerk f e s t ^ . Er führt den Gedanken
aber weiter, indem er schon die Priesterschrift für diese Haltung verantwortlich macht^,
wobei die damit verbundene Polemik im chronistischen Geschichtswerk sich auch nach in-
nen richtet^.
Zurückzufuhren ist "das Ende, das Uberflüssigwerden der prophetischen, d.h. der ge-
schichtlichen, Eschatologie" auf den "soziologische[n] Strukturwandel", also die Umbil-
dung Israels "zu einer Gemeinde kirchenähnlichen Gepräges"^.
In Auseinandersetzung mit und Abgrenzung von diesen - 'offiziellen' - Tendenzen
schließen sich die Tradenten "des primär eschatologisch interpretierten Prophetenwortes"^^
in eigenen - oppositionellen - Gemeinschaften zusammen. Die sich immmer mehr vergrö-
ßernde Kluft zwischen beiden Seiten führt zur Spaltung und Trennung, die "sich offenbar
in der Umgestaltung der prophetischen Eschatologie zur apokalyptischen Zukunftsschau
Ausdruck verschafft"·^. Die apokalyptische Eschatologie ist dabei "die Zukunftshoffnung
einer Gemeinde, die sich als eine religiöse Gemeinschaft in absoluter Weise geschieden
wußte von den völkischen und auch von den religiösen Lebensformen der übrigen Mensch-
heit"^, wobei eine 'sektenhafte Verengung' schon durch den gerade genannten soziologi-
schen Strukturwandel impliziert wird·^.
Im vierten Kapitel "Analyse ausgewählter eschatologischer Texte"^ sucht Plöger durch
die Analyse von Jes 24-27, Sach 12-14 und Joel nach Hinweisen auf "Spuren jenes For-
menwandels von der Eschatologie einer älteren Zeit zur Apokalyptik"^.
Das fünfte Kapitel "Theokratisches und eschatologisches Israel"^ hält zunächst die Er-
gebnisse fest: Während die geschichtliche Eschatologie von Joel lf.4 das ganze Israel im
Blick hat, scheint im nachgetragenen dritten Kapitel "mit der Möglichkeit gerechnet zu
werden, daß beide Größen, empirisches und eschatologisches Israel, nicht mehr wie selbst-
verständlich identisch sind'36. Sach 12-14 zeigen "eine Verschärfung des eschatologischen
A s p e k t e s v o n Sach 9-11 und eine Differenzierung zwischen "Kultgemeinde" und "es-
chatologische[m] Israel"^. i n Jes 24-27 ist "die eschatologische Katastrophe nun als ein
kosmisches Ereignis angesehen"^, die Spaltung klingt an, wenn "der eschatologische
Glaube als der Weg des Gerechten bezeichnet wird"^®. Die untersuchten Texte zeigen eine

25 Vgl. ebd.
26 Vgl. a.a.O., 53.
27 Vgl. a.a.O., 54. A.a.O., 54f, datiert Plöger das chrGW in die Zeit nach dem samarita-
nischen Schisma. Die Zeit um 400 sei zu früh, die makkabäische Zeit komme ebenfalls
nicht in Frage.
28 A.a.O., 57.
29 A.a.O., 59.
30 A.a.O., 60f.
31 A.a.O., 64.
32 Vgl. a.a.O., 65.
33 Vgl. a.a.O., 69-128.
34 A.a.O., 67.
35 Vgl. a.a.O., 129-141.
36 A.a.O., 130.
37 Ebd.
38 A.a.O., 130f.
39 A.a.O., 131.
40 Ebd.
Theokratie und Eschatologie - Otto Plöger 95

"Linie [...], die von der älteren restaurativen, durchaus im Einflußbereich vorexilischer
Prophetenverheißungen stehenden Eschatologie hinabfuhrt zu jener andersgearteten, dua-
listisch gestalteten apokalyptischen Form der Eschatologie, wie sie uns bereits relativ abge-
schlossen im Danielbuch entgegentritt"^.
Begründet ist der Strukturwandel der alttestamentlichen Eschatologie nach Plöger in er-
ster Linie nicht durch äußere Einflüsse, sondern vor allem durch interne Fragen, das heißt
"in dem sich wandelnden Verständnis dessen, was Israel ist, eine Kultgemeinschaft, ein
Volk, eine Theokratie"^. Anders ausgedrückt: "Wenn es erlaubt ist, für den hier zu be-
handelnden Zeitraum eine 'simplification terrible' zu wagen, dann möchte man wohl sagen,
daß das Spannungsverhältnis von Theokratie und Eschatologie eine besondere Rolle ge-
spielt haben wird"^3.
Nach Plögers Überzeugung ist es unwahrscheinlich, daß eine Theokratie "ernsthaft noch
mit einer geschichtlichen Eschatologie rechnen [kann], durch die ihr substantiell mehr ge-
geben würde als das, was sie jetzt bereits besitzt"^. Die fuhrenden theokratischen Kreise
begrenzen die Bedeutung der prophetisch-eschatologischen Botschaft "auf einen bestimmten
Zeitraum der Vergangenheit"^ und sprechen ihr damit "eine aktuelle Bedeutung"^ ab. In
den eschatologisch geprägten Tradentenkreisen der prophetischen Überlieferung ist demge-
genüber ein "mit Veränderungen durch Umgestaltungen rechnendes Verständnis der Theo-
kratie lebendig"^ geblieben. Diese Kreise sind als deren Mitglieder der Theokratie ver-
bunden, hoffen aber gleichzeitig "auf eine umfassendere Wiederherstellung Israels"^.
Mit der Entstehung der "dualistisch-apokalyptischen Form der Eschatologie"^, die "das
theokratische Gemeinwesen als Glied der himmlischen Jahweherrschaft zu betrachten be-
ginnt"^®, nehmen die eschatologisch-apokalyptischen Kreise bei ihrer sich nun vollziehen-
den Loslösung von der Jerusalemer Kultgemeinde theokratisches Gedankengut auf.
Noch eimal faßt Plöger zusammen:
- Das traditionelle Bild einer friedlichen und einheitlichen jüdischen Kultgemeinde in der
Seleukidenzeit ist revisionsbedürftig^.
- Der zunächst sinnvollen und notwendigen Beschränkung der eschatologischen Erwar-
tungen in der Zeit des Wiederaufbaus bzw. der Neugründung der jüdischen Kultgemeinde
treten eschatoloeische Kreise entgegen, die unter anderem die zukünftige Wiederherstellung
Israels erwarten^.
- Der Untergang des Perserreiches fuhrt auch zu einem "Wiederaufleben eschatologi-
scher Erwartungen in den Kreisen, die dem eschatologischen Glauben verpflichtet wa-

41 Ebd.
42 A.a.O., 132.
43 Ebd.
44 Ebd.
45 A.a.O., 133.
46 A.a.O., 134.
47 A.a.O., 135.
48 Ebd. Hier greift Plöger auf seine Untersuchung von Sach 12-14 zurück: "Wir meinen,
in den letzten Kapiteln des Sachaijabuches den Protest der eschatologischen Kreise ge-
gen die enteschatologisierte Auffassung des Chronisten - und das heißt wohl: der offizi-
ellen Linie innerhalb der Theokratie - erkennen zu können."
49 A.a.O., 136.
50 Ebd.
51 Vgl. a.a.O., 139.
52 Vgl. a.a.O., 139f.
96 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

ren" 5 ^. Dagegen wenden sich - angesichts des samaritanischen Schismas - die "exklusiv-
theokratischen Kreise" 5 ^. Auch innerhalb der eschatologischen Richtung wird eine Ab-
grenzung von der jetzt nicht mehr als Einheit zu betrachtenden Theokratie notwendig, die
in einer "geschlosseneren apokalyptischen Konzeption"55 mündet.

6.1.2. Zur Kritik an Plögers Entwurf


Mehrfach betont Plöger den vorläufig-hypothetischen Charakter seiner
Überlegungen 56 . Er selbst spricht von einer "simplification terrible", wenn
er den Einfluß des Spannungsverhältnisses von Theokratie und Eschatologie
auf die von ihm untersuchten Entwicklungen beschreiben will 57 . Dies ist
bei der Rezeption und der Kritik seiner Ergebnisse grundsätzlich zu beach-
ten.
An keiner Stelle definiert Plöger den Theokratiebegriff. Dessen Verwen-
dung stützt sich auf Ergebnisse von Vorgängern, vor allem auf Rudolphs
Arbeiten zum chronistischen Geschichtswerk. Dabei wird Theokratie impli-
zit in einem verfassungsrechtlichen Sinn verstanden, indem sie die histo-
risch greifbare Realität der 'jüdischen Kultgemeinde' der nachexilischen
Zeit beschreibt. Gleichzeitig wird mit dem Theokratiebegriff aber auch eine
theologische Grundhaltung bezeichnet, die durch ihr apolitisches, auf kul-
tische und gegenwartsbezogene Fragen begrenztes - und das heißt letztlich
geschichtsloses - Wesen charakterisiert ist.
Es fallt auf, daß Plöger selbst mehrfach von den 'führenden Kreisen der
jüdischen Theokratie' spricht. Er differenziert so innerhalb der Vertreter
des theokratischen Gedankengutes und innerhalb der Träger der sogenann-
ten Kultgemeinde, ohne jedoch die verschiedenen theokratischen Gruppen -
im Gegensatz zu den verschiedenen Trägerkreisen eschatologisch-apokalyp-
tischer Vorstellungen - näher zu bestimmen.
Hinweise auf die begrenzte Autonomie Judas und Jerusalems, die den Ge-
brauch des Begriffs 'Kultgemeinde' zumindest problematisch machen, feh-
len.

53 A.a.O., 140.
54 Ebd.
55 A.a.O., 141.
56 Vgl. z.B. schon die Vorbemerkung: "Die Untersuchung [...] will kein systematisch-
theologisches Problem erörtern, sondern weitaus anspruchsloser einer geschichtlichen
Frage nachgehen, um mit Hilfe einer Hypothese einen Lösungsversuch vorzutragen"
(a.a.O., 7).
57 A.a.O., 132; vgl. a.a.O., 141.
Theokralie und Eschatologie - Otto Plöger 97

Schon ein Vergleich des Umfangs seiner Darstellung der Geschichtsauf-


fassungen von Priesterschrift und chronistischem Geschichtswerk mit dem
der Untersuchung der eschatologischen Texte macht deutlich, worauf sich
das Interesse konzentriert: Die Bestimmung des Verhältnisses von Theokra-
tie und Eschatologie will die These einer uneinheitlichen Oppositionsbewe-
gung gegen Antiochus IV. Epiphanes belegen. Im Vordergrund steht letzt-
lich jedoch die Frage nach der Entwicklung von der Eschatologie zur Apo-
kalyptik.
Auch im letzten Kapitel ist Theokratie in diesem Sinne kein gleichwerti-
ger Gegenbegriff zur Eschatologie. Vor allem aber schließt das immer wie-
der betonte Ineinander bzw. die immer wieder hergestellte Verbindung von
theokratischen und eschatologischen Kreisen58, eine antithetische Gegen-
überstellung von Theokratie und Eschatologie aus, da diese zu einer Ver-
kürzung führen muß 59 . Plöger selbst gibt Hinweise darauf, daß in helleni-
stischer und makkabäischer Zeit die Theokratie keine Einheit mehr dar-
stellt60.
Jeder Rezeption der Plögerschen Hypothesen müßte meines Erachtens ei-
ne eigenständige Untersuchung sowohl des Theokratiebegriffes - und damit
der als theokratisch bezeichneten Geschichtsaufrisse von Priesterschrift,
Chronikbüchern und Esra/Nehemia - als auch der im Blick auf die ge-
schichtliche Einordnung des sich entwickelnden eschatologisch-apokalyp-
tischen Gedankengutes erreichten Ergebnisse vorausgehen.
Jede Kritik an Plögers Entwurf hat - wie bereits ausgeführt - den hypo-
thetischen Charakter seiner Arbeit zu berücksichtigen.

58 Vgl. zur Verdeutlichung dieses Ineinander die zitierte Feststellung Plögers, auch die
Apokalyptiker hätten begonnen, ihr "theokratische[s] Gemeinwesen als Glied der
himmlischen Jahweherrschaft zu betrachten" (a.a.O., 136).
59 Als Beispiel für die Rezeption der antithetischen Gegenüberstellung sei hier Philipp
Vielhauers 'Geschichte der urchristlichen Literatur' genannt (vgl. P.Vielhauer, Ge-
schichte, 493); aus der alttestamentlichen Diskussion greife ich als Beispiel Smends kri-
tische Anmerkung heraus: "Aber ein Antagonismus wie der von Theokratie und Escha-
tologie (Plöger) stellt keinen absoluten Gegensatz dar." (R.Smend, Art.: Eschatologie,
261); vgl. noch K.Strübind, Tradition, 41: "Plögers Polarisierungsthese [ist] fraglich";
vgl. schließlich auch Martin Hengeis zurückhaltendes Votum: "Der Gegensatz [sc.: der
Konventikel der 'Frommen'] zum kultischen Ideal der 'Theokratie' ist hier jedoch viel-
leicht im ganzen zu scharf gesehen [...]; wahrscheinlich wurde der Konflikt erst durch
die Hellenisierung der priesterlichen Aristokratie ab der 2.H. d. 3.Jh.s wirklich akut"
(M.Hengel, Judentum, 322, Anm.446; vgl. a.a.O., 346: "auch der von O.Plöger her-
ausgearbeitete Gegensatz zwischen Theokratie und Eschatologie sollte keinesfalls verab-
solutiert werden".).
60 Vgl. z.B. O.Plöger, Theokratie, 141.
98 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

6.2. Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers

6 . 2 . 1 . Aspekte der Rezeption Plögers in Gesamtdarstellungen der


Geschichte Israels

Ein Blick auf nach 1959 erschienene 'Geschichten Israels' zeigt, daß
Plögers Ergebnisse nicht durchgehend rezipiert sind. John Bright zum
Beispiel beruft sich nur auf Rudolph, wenn er festhält:

"Es mag wohl einige gegeben haben, denen die nachexilische Theokratie als Verwirk-
lichung des göttlichen Heilsplans erschien und die sich darum wenig um die Zukunft küm-
merten, das Judentum als Ganzes ging jedoch nicht diesen Weg .

Manfred Metzger problematisiert das Thema Theokratie und Eschatologie


nicht eigens 6 2 . Auch Siegfried Herrmann verweist nur sehr allgemein auf
Plögers Entwurf 6 3 . Bei Antonius H.J. Gunneweg dagegen sind dessen Er-
gebnisse aufgenommen.

Das wird beispielsweise deutlich, wenn Gunneweg sowohl die "eschatologische Bewe-
gung von 520" in die "Festigung der Theokratie einer jüdischen Kultgemeinde" münden
läßt als auch konstatiert: "Die Theokratie bleibt also prophetisch und schriftgelehrt in Fra-
ge gestellt." 6 ^. Ganz im Sinne Plögers werden Theokratie und Eschatologie als die "zwei
Hauptströmungen" des Judentums in der spätpersischen Zeit bezeichnet 6 ', deren Charak-
terisierung schließt sich ebenfalls eng an Plöger an 6 6 .

61 J.Bright, Geschichte, 487. Vgl. ebd., Anm. 46 den Verweis auf W.Rudolph, Problems,
408f.
62 M.Metzger, Grundriß. Nach Metzger ist mit 'Israel' in nachexilischer Zeit "die Kultge-
meinde" bezeichnet, "die sich um das Jerusalemer Heiligtum versammelte und durch
die Teilnahme an diesem Kult zusammengehalten war" (a.a.O., 152). Den Begriff
'Kultgemeinde' gebraucht u.a. auch M.Noth, Geschichte Israels, passim, während er
den Theokratiebegriff ausschließlich dem "durch die theokratische Herrschaft der Prie-
ster bestimmten]" "Äpypten der 21.Dynastie" vorbehält (a.a.O., 181 [s. oben, S.88,
Anm.112]).
63 Vgl. S.Herrmann, Geschichte, 466f, Anm.40.
64 A.H.J.Gunneweg, Geschichte, 139.
65 A.a.O., 150.
66 Vgl. a.a.O., 150ff.
Zum Theokratieverständnis Gunnewegs vgl. auch dessen Kommentar zu Esra/Nehemia:
Für den Chronisten ist der Jersualemer Tempel "sichtbarer Mittelpunkt präsentischer
Theokratie", wobei hier die bei Hag und Sach mit der Aufforderung zum Tempelbau
verbundene eschatologische Dimension verlorengeht (A.H.J.Gunneweg, Esra, 96). Ein
Fundament dieser realisierten Theokratie ist der Mauerbau (vgl. ders., Nehemia, 159.
161), der die notwendige Isolierung der "nach dem Gesetz Gottes formierte[n] theokra-
tische[n] Gemeinde auf Erden" ermöglicht. Diese wiederum ist "nur auf der Grundlage
einer weltlich-autonomen Eigenständigkeit" (a.a.O., 171) denkbar.
Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers 99

Mit anderer Terminologie und anderen Gewichtungen arbeitet Georg


Fohrer, der auf den Theokratiebegriff ganz verzichtet.
Zur Zeit Sachaijas treten nach seiner Darstellung zwei Richtungen deutlich hervor: Die
'national-eschatologische' schließt sich nach außen ab und hofft "auf das baldige Kommen
Jhwhs und den Anschluß der Völker, während der auf Erweiterung der Gemeinde hin aus-
gerichteten "klerikal-kultischen" Richtung eschatologische Hoffnungen fehlen und sie die
"Herrschaft Jhwhs" "mit dem Erfüllen der Tora" verwirklicht sieht®'. Die weitere Ent-
wicklung zeigt die sich durchsetzende "Priesterherrschaft", wobei die "Hierarchie [...] nie-
mals das Ideal des israelitischen Volkes"^ war.
Gegen Ende der Perserzeit hat sich nach Fohrer dann die "Torafrömmigkeit, die mit der
kultisch-rituellen Haltung verbunden war", durchgesetzt^. Das aus dieser Zeit stammende
chronistische Geschichtswerk allerdings repräsentiert eine andere Glaubensforni, der
"Glauben und Vertrauen als die wichtigste Forderung Gottes" gilt und die "Lobgesang und
Danksagung" für wichtiger als "Opfer und Sühnemittel" hält 70 .

Nach der Überzeuguhg Alberto Soggins bricht nach 520 ein "dualism be-
tween religious and civil power" auf, der bis zum Ende der Perserzeit,
wahrscheinlich jedoch bis 165 v.Chr. fortdauert71.
Dabei nimmt der Einfluß der religiösen Autoritäten stetig zu 7 ^. Eine israelitisch-jü-
dische Theokratie - oder besser: Hierokratie - sieht Soggin, im Anschluß an E.M.Lappe-
rousaz, jedoch erst nach 333 bzw. nochmals ISO Jahre später entstehen7^. Im entsprechen-
den Kapitel7"* werden die Stichworte Theokratie und Hierokratie dann nicht mehr aufge-
nommen. Die Thematik Eschatologie/Apokalyptik wird im Zusammenhang mit Theokratie
nicht genannt 7 ^.

67 G.Fohrer, Geschichte, 205.


68 A.a.O., 206.
69 A.a.O., 217.
70 Ebd.
71 A.Soggin, History, 270.
72 Vgl. a.a.O., 278.
73 Vgl. a.a.O., 271. Vgl. dazu jetzt auch: ders., Einführung, 201.231.
74 Vgl. ders., History, 283-320.
75 Vgl. die Verhältnisbestimmung von Prophetie und Apokalyptik (a.a.O., 290).
Es bleibt noch anzumerken, daß Soggin ursprünglich mit einer realexistierenden Theo-
kratie(vorstellung) zur Zeit der Amphiktyonie gerechnet hat (vgl. z.B. A.Soggin, Kö-
nigtum, 17ff.35; s. dazu F.Crüsemann, Widerstand, 13).
In jüngster Zeit versucht Jan Dus in Form "unverbürgter Hypothesen" (J.Dus, Demo-
kratie, 15) eine "theokratisch-demokratische Republik der Israeliten des vierzehnten bis
elften Jh. v.Chr." (a.a.O., 135) zu postulieren. Vorausgesetzt ist dabei eine "Ansetzung
aller Quellenschriften des Hexateuchs schon in der Richterzeit" (a.a.O., 15). Herleitung
oder Näherbestimmung des Theokratiebegriffs fehlen. Mose - eine "fiktive Gestalt"
(a.a.O., 23; vgl. auch a.a.O., 104ff, zur Substitution Josuas durch Mose) - sei zwar als
"Alleinherrscher, als Sprecher und Stellvertreter Gottes" (a.a.O., 19) gezeichnet. Neben
dem "theokiatisch-autokratischen Prinzip, nach dem Jahwe als absoluter Herrscher über
Israel seinen Willen durch den Mund des amtierenden Richters kundgab", stehe jedoch
quasi gleichberechtigt das "theokratisch-demokratischefnj" Prinzip" (a.a.O., 26), dem-
100 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

Auch Herbert Donner nimmt Plögers Ansatz nicht auf.

Er sieht mit der "Restaurationsepoche Esras und Nehemias" das "Zeitalter der heiligen
Schriften" gekommen, "in dem sich 'Israel' als theokratische Gemeinde unter dem Gesetz
formierte"'^. Im folgenden Jahrhundert dann konstituierte sich das Judentum als "sich
selbst leitende religiöse Gemeinde: die Tempelgemeinde von Jerusalem". "In ihr herrschte
bei strenger Ausschließlichkeit das Prinzip der Theokratie, organisatorisch dargestellt als
Hierokratie der Priester und ergänzt durch die Nomokratie der Thora. Gott selbst galt als
Regent der Gemeinde, in geistlicher und weltlicher Hinsicht. Ihn vertraten in Jerusalem der
Hohepriester [...] und die Thora als der schriftgewordene Wille Gottes.

Donners Versuch einer 'subordinatorischen 4 Dreiteilung ordnet die Be-


griffe Theokratie, Hierokratie und Nomokratie als verschiedene Größen ein-
ander zu und gewichtet sie. Das theokratische Prinzip - die Vorstellung von
der Herrschaft Gottes - scheint dabei, trotz der in der letzten Anmerkung
genannten Formulierung 'theokratische Verfassung der nachexilischen
78
Zeit' , keine Verfassungswirklichkeit zu bezeichnen, sondern eine Idee.
Ihr ist dann auch die 'Eschatologie' untergeordnet:

"Bestimmt und geschützt durch diese Rahmenbedingungen entstand das faszinierende


Phänomen der jüdischen Frömmigkeit: mit strenger Gesetzesobservanz, phantasiereicher
eschatologischer Erwartung, geregeltem Gemeinschaftsleben

Es zeigt sich, daß Plögers Entwurf in den herangezogenen Geschichten


Israels keinen nachhaltigen Niederschlag gefunden hat.
Wird er rezipiert, so wird die bei Plöger festgestellte Zurückhaltung ge-
genüber endgültigen Urteilen und das von ihm immer wieder betonte Inein-
ander von Theokratie und Eschatologie zugunsten einer antithetischen Ge-
genüberstellung beider Größen aufgegeben.

zufolge die Anerkennung "der Richter als Jahwes Sprecher und Stellvertreter" (ebd.)
auf der Mehrheitsentscheidung des Volkes beruhe. Aus diesem Grund sei "das ur-
sprüngliche Israel nicht eine theokratisch autokratische, sondern eindeutig eine theokra-
tisch demokratische Republik" (a.a.O., 27) gewesen.
76 H.Donner, Geschichte, 431.
77 A.a.O., 438. Nach Donner ist "der theokratische Herrschaftsanspruch Jahwes", der in
Jdc 8,22f zum Ausdruck kommt, "nach aller Wahrscheinlichkeit schon im vorstaatli-
chen Israel lebendig gewesen: nicht als theokratische Verfassung, wie in nachexilischer
Zeit, wohl aber als Überzeugung, daß Israel eines Königs nicht bedürfe, weil es den
König Jahwe habe" (a.a.O., 170). Auch hier ist also die Königslosigkeit konstituieren-
des Element der theokratischen Idee; vgl. dazu noch a.a.O., 175 (zu ISam 8): die Prin-
zipien Theokratie und Königtum schließen einander aus. Vgl. schließlich a.a.O., 290:
Amun-Re war seit der 18.Dynastie "auf dem Wege zur Theokratie gewesen", in der 21.
Dynastie galt er "in strengem theokratischen Sinn als König Ägyptens".
78 Vgl. a.a.O., 170.
79 A.a.O., 439.
Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers 101

6 . 2 . 2 . Zur Rezeption Plögers in ausgewählten traditions- und


theologiegeschichtlichen Untersuchungen zur nachexilischen Zeit

6 . 2 . 2 . 1 . Ulrich Kellermann
Ulrich Kellermann stellt den "politische[n] Statthalter und Stellvertreter des
persischen Königs" 8 0 , Nehemia, "in die Auseinandersetzung zwischen den
Laiengruppen mit einer restaurativen Eschatologie und der Theokratie, die
auf ein politisches Programm verzichtete" 81 .

Die apolitische Theokratie, deren Existenz durch die persische Fremdherrschaft gewähr-
leistet wird 8 ^, wurde nach chronistischem Verständnis durch Esra gegründet und vollen-
det 8 3 . Ihre "Leitung und das ius reformandi [...] fallt allein dem Priester zu" 8 4 . Deshalb
wertet die chronistische Darstellung Nehemia ab, der durch seine "Vermischung von Eifer
für die Kultgemeinde und politischer Aktivität" die Theokratie gefährdet8^.
Erst ein späterer "Redaktor arbeitet bewußt den antinehemianischen und d.h. den rein
theokratischen Tendenzen des Chron entgegen"
Antitheokratische Tendenzen werden auch im Nehemiabild Jesus Sirachs, der zwar
"Glied der Theokratie" ist, "aber angesichts der Bedrängung durch die Schutzmacht der
Theokratie das 'zionistische' Erbe" bewahrt8^, in IIMakk 88 und in der apokryphen Nehe-
miaschrift 89 sichtbar.
Historisch gesehen begegnet mit dem Davididen Nehemia "der letzte uns bekannte Re-
präsentant des Nasi-Institutes, dem das aufstrebende Hohepriestertum mit seinem theokrati-
schen Programm den Kampf ansagte"9®. Sein "Werk scheiterte in tragischer Weise an der
Überspanntheit seiner eigenen Partei und am Widerstand der theokratischen Führungs-
schicht gegen die politische Bevormundung durch die Diaspora"9^. Gleichwohl hat Nehe-
mia "der Theokratie letztlich zu ihrer gereinigten Form verholfen"^.

Bei seiner Charakterisierung der Theokratie im Gegenüber zur Eschatolo-


gie und der Erhebung von theokratischen Tendenzen des Chronisten beruft
sich Kellermann sowohl auf Plögers Entwurf, dessen Ergebnisse er über-
nimmt, als auch auf die Dissertation Gudrun Wildas 9 3 , die im Blick auf

80 U.Kellermann, Nehemia, 96.


81 A.a.O., 3. Vgl. dann die Gegenüberstellung von "zionistischem und theokratischem Is-
rael" (a.a.O., 147.174 u.ö.).
82 Vgl. a.a.O., 66.91.96.
83 Vgl. a.a.O., 92.
84 A.a.O., 94.
85 A.a.O., 96.
86 A.a.O., 112.
87 A.a.O., 114.
88 Vgl. a.a.O., 124.
89 Vgl. a.a.O., 127: Nehemia gilt ihr als "Begründer des nachexilischen Staatswesens".
90 A.a.O., 179.
91 A.a.O., 203f.
92 A.a.O., 204.
93 Vgl. G.Wilda, Königsbild.
102 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

chronistische Tendenzen und Ziele im wesentlichen Plögers Auffassung ver-


tritt und zu untermauern sucht.
Die Konzentration auf Texte aus Esr/Neh ist zwar vom Gegenstand der
Untersuchung her geboten, wirft aber erneut die Frage auf, ob die These ei-
ner ausschließlich theokratischen Konzeption des chronistischen Geschichts-
werkes dem Befund der Chronikbücher selbst gerecht wird.
In seiner Studie "Messias und Gesetz" stellt Kellermann das chronistische Geschichts-
werk - zusammen mit der Priesterschrift - als "zweiten Typ der Bewältigung des Ausblei-
bens der Endtheophanie"^ vor. Dabei greift er erneut auf Plögers These einer "Gegner-
schaft" des chronistischen Geschichtswerkes zur "Theologie eschatologisch-prophetisch
ausgerichteter Kreise, d.h. aber auch der messianischen Erwartung", zurück^. Grundsäu-
len der vom Chronisten vertretenen Theokratie sind "Gesetzesfrömmigkeit" und "Erfüllung
der gottesdienstlichen Pflichten"^.
Die Natanweissagung von IChr 17 ist kein Beleg für eine messianische Orientierung, da
sie auf Salomo, der als Tempelbauer im Vordergrund steht, beschränkt w i r d ^ . Während
der Davidbund "vorläufigen Charakter" hat, stellt der "endgültige Esrabund" "die Grund-
lage der Theokratie" dar .

Problematisch ist meines Erachtens auch, daß Kellermann die Anhänger


der hasmonäischen Priesterkönige mit der (eschatologisch-)'zionistischen'
Richtung quasi gleichsetzt" und die theokratischen Ideale im zweiten Jahr-
hundert durch das "alexandrinische[n] Schriftgelehrtentum"100 vertreten
sieht. Reicht das Gegensatzpaar 'Theokratie und Eschatologie' zur Be-
schreibung der komplexen religiös-politischen Situation des zweiten Jahr-
hunderts wirklich aus ?
Festzuhalten bleibt schließlich die Überlegung, daß die sogenannten theo-
kratischen Kreise in Opposition zur hasmonäischen Bewegung und zur Dy-
nastie der Hasmonäer standen.

6.2.2.2. Odil Hannes Steck


In seiner Heidelberger Antrittsvorlesung von 1967 hat Odil Hannes Steck
"Das Problem theologischer Strömungen in nachexilischer Zeit" erörtert 101 .
Nach methodischen Vorbemerkungen, die unter anderem hervorheben, daß es um eine
traditions- und theologiegeschichtliche Fragestellung10^ bzw. eine "historisch-theologiege-

94 U.Kellermann, Messias, 111.


95 A.a.O., 112.
96 Ebd.
97 Vgl. a.a.O., 113.
98 Ebd.
99 Vgl. dazu U.Kellermann, Nehemia, 123ff.
100 A.a.O., 133.
101 O.H.Steck, Problem.
Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers 103

schichtliche S y n t h e s e " g e h t , vollzieht Steck, anhand des chronistischen Geschichtswer-


kes, "eine erste, noch rohe Differenzierung in zwei große theologische Hauptströmungen
[...], die die ganze nachexilische Zeit d u r c h z i e h e n " ^ :
Der Chronist selbst repräsentiert "eine ganz und gar von Tempel und Kultgemeinde aus
entworfene, umfassende Sicht der nachexilischen Verhältnisse im Licht realisierter Heils-
wende" die etwa der von ihm markierte "heilswendende[n] Einschnitt" von IlChr 36
zu Esr 1 deutlich m a c h t D i e - eingeschalteten - Bußgebete in Esr 9; Neh 1; 9 sehen da-
gegen in der "Konsolidierung der nachexilischen Verhältnisse [...] gegenüber der Exilszeit
keinerlei Einschnitt von theologischem Gewicht"1®^. Sie vertreten eine "Kontinuität der
Schuld" des vorexilischen und nachexilischen, ganzen Israel 108 und erwarten Vergebung
für Israel erst bei der - noch ausstehenden - "Heilswende"
Diese dem Chronisten diametral entgegengesetzte Auffassung wird auch von der "deu-
teronomistischen Bewegung" geteilt 110 . In der Seleukidenzeit erhält sie besonderes Ge-
wicht 1 1 1 .
Mit Plöger charakterisiert Steck die erste Richtung als 'theokratisch', die zweite als
'eschatologisch' 11 ^, wobei er jedoch die Notwendigkeit einer stärkeren Differenzierung in-
nerhalb beider Strömungen betont1
Steck selbst hat in seiner Dissertation für die Zeit um 200 vier Hauptströmungen postu-
liert: die priesterlich-theokratische, die weisheitliche, die prophetisch-eschatologische und
die levi tisch-deuteronomistische1 ^ In der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts hätten
sich deren "Trägerkreise" als von den Makkabäern zu unterscheidende "Gruppierung des
gesetzestreuen, antihellenistischen Judentums", den Asidäern, zusammengeschlossen, wo-
bei diese eine "eschatologisch orientierte Umkehrbewegung" darstellen1

Stecks Argumentation gründet auf der Annahme eines einheitlichen chro-


nistischen Geschichtswerkes und der zentralen Stellung von IlChr 36 und
Esr 1 bzw. der aus Esr 1 erhobenen These, "irgendwelche Erwartungen erst
künftiger, eschatologischer Heilsereignisse beanspruchen hier gar keinen
Raum mehr" 116 . Die in Esr 1 vertretene theokratische Richtung faßt Israel
nicht mehr "als politische Größe" auf, da JHWH "durch die persischen Kö-

102 Vgl. a.a.O., 447f.


103 A.a.O., 448.
104 A.a.O., 451.
105 A.a.O., 453.
106 A.a.O., 451.
107 Ebd. Zur Begründung der Aufnahme der Bußgebete durch den Chronisten vgl. ders.,
Strömungen, 313.
108 Ders., Problem, 454.
109 Ebd.
110 A.a.O., 455.
111 Vgl. ebd.
112 Vgl. a.a.O., 456.
113 Vgl. a.a.O., 457f.
114 Vgl. ders., Israel, 205.
115 A.a.O, 207. Vgl. dazu auch ders., Strömungen, 311ff, und das Schaubild (a.a.O.,
314).
116 Ders., Problem, 453.
104 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

nige als Weltherrscher [...] sein Weltregiment" führt 117 , während die es-
chatologische Strömung die Überwindung von Diaspora und Fremdherr-
schaft erwartet 118 .
Bemerkenswert ist schließlich Stecks - über Plöger hinausweisender -
Versuch, aufzuzeigen, daß die "Weisheitsströmung" schon in hellenistischer
Zeit neben der theokratisch-kultischen auch die prophetische Tradition in-
tegriert habe, dann zur "Rahmenkonzeption" wird und schließlich "die gei-
stige Führung stellte" 119 .
Mit dieser Beobachtung und den für die Zeit um 200 v.Chr. postulierten
vier Hauptstiömungen ist Plögers Forderung, innerhalb des Judentums der
hellenistischen Periode zu differenzieren, aufgenommen. Gleichzeitig wer-
den Plögers Ergebnisse in Frage gestellt, indem eine dritte, die antihelle-
nistische Oppositionsbewegung integrierende Kraft postuliert wird.

6.2.2.3. Wilhelm Th. In der Smitten


Bei seiner Untersuchung der "Frühformen eines jüdischen Nationalis-
mus" 1 2 0 baut Wilhelm Th. In der Smitten auf Plögers Unterscheidung von
"theokratischem und eschatologischem Gemeindeideal"121 auf.

Er ermittelt zwei "Hauptströmungen": auf der einen Seite die "restaurativ-nationale


Gruppe" 1 2 2 , zu der die "Davididen" und die "prophetisch-eschatologische Richtung, die
sich auf eine virtuell schon vorhandene, aber in den konkreten Auswirkungen noch zu er-
wartende Theokratie einrichtet" 12 ^, zählen. Auf der anderen Seite steht die von der "Prie-
sterschaft am Zionheiligtum" 12 ^ getragene Hierokratie. Nach Überzeugung der Jerusale-
mer Priester ist "die Theokratie JHWHs im Hier und Jetzt der Zugehörigkeit zum Groß-
reich eines persischen oder hellenistischen Potentaten, der als Mandatar JHWHs fungiert,
erreicht und konkret in Jerusalem durch das Regiment des Hohenpriesters verwirk-
licht"125.
Mit anderer Begrifflichkeit ausgedrückt, setzt sich diese zweite Linie aus den Vertretern
der 'reinen' Theokratie 12 ^, die auf das Königtum bzw. die Davididen verzichten möch-

117 A.a.O., 452.


118 Vgl. a.a.O., 454f.
119 Ders., Strömungen, 315; (das Buch Sir zeigt den Abschluß dieser Entwicklung, von
hier aus sind Rückschlüsse möglich).
120 W.Th.In der Smitten, Gottesherrschaft, 1. Vgl. dazu W.Schottroff, Sozialgeschichte,
66.
121 W.Th.In der Smitten, Gottesherrschaft, 5; vgl. a.a.O., 24.
122 A.a.O., 95.
123 Ebd., Anm.51.
124 Ebd. mit Anm.52.
125 Ebd.
126 Vgl. a.a.O., 11.
Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers 105

ten und der "'theokratischefn]' O p p o s i t i o n " für die Theokratie "mit hierokrati-
scher Gemeindeleitung identisch" ist^ , zusammen.
Als "jüdische[r] Reaktion auf den persischen, hellenistischen und später römischen Im-
perialismus"^^ sind der theokratischen Linie politische Ziele nicht abzusprechen. Dabei
setzt Theokratie auch für In der Smitten eine Fremdherrschaft voraus^!.
Esra und Nehemia sind Exponenten der beiden Hauptrichtungen^^. Während Esra "die
Gegensätze auf den gemeinsamen Erwartungshorizont einer nun nicht mehr umstrittenen
theokratischen Verfassung zu einigen vermochte" geht es Nehemia mit seiner "natio-
nal-restaurativen B e w e g u n g " 134 nicht "primär um eine reine Kultgemeinde, sondern um
die Nation, um die Ermöglichung einer politischen Lebensform Judas"^^.
Insgesamt gesehen zeigt sich aber doch, daß beide Hauptströmungen einander nicht anti-
thetisch gegenüberstehen, sondern hinsichtlich ihrer "Interessen und Präferenzen" zahlrei-
che Berührungspunkte erkennbar w e r d e n '

Durch die Betonung der immer wieder zutage tretenden Interdependenz


beider Hauptrichtungen stellt sich In der Smitten gegen eine verkürzte Re-
zeption Plögers im Sinne einer antithetischen Gegenüberstellung von Theo-
kratie/Hierokratie und Eschatologie/national-restaurativer Haltung.
Gleichzeitig widerspricht In der Smitten Plögers Thesen, etwa wenn er
vermutet, daß die Apokalyptik "als Ergebnis einer gescheiterten theokra-
tisch-quietistischen Theologie und präsentischen Eschatologie aus dem Fias-
ko der theokratischen Konzeption entstanden" sei 137 .
Hier klingt eine - ebenfalls über Plöger hinausführende - Tendenz zu ei-
ner differenzierteren Betrachtung der theokratischen Richtung an, die aller-
dings - auch aufgrund mangelnder terminologischer Präzision - nicht wirk-
lich fruchtbar wird. Von einer Differenzierung des Theokratiebegriffs her
müßte meines Erachtens auch das Postulat der von jeder Theokratie voraus-
gesetzten Fremdherrschaft hinterfragt werden.

127 Vgl. ebd; vgl. noch ebd.: Ideen dieser Richtung haben die "Redaktion des Jesajabu-
ches" und des chrGW beeinflußt.
Die 'reine' Theokratie tritt auch in Ez 34 hervor, dessen "Auffassung des Königtums
[...] zutiefst durch den theokratischen Monotheismus geprägt" ist (a.a.O., 15).
128 A.a.O., 24.
129 A.a.O., 25.
130 A.a.O., 24.
131 Vgl. a.a.O., 25.
132 Vgl. a.a.O., 5.
133 A.a.O., 27.
134 A.a.O., 52.
135 A.a.O., 43.
136 Vgl. dazu a.a.O., lOOf.
137 A.a.O., 98.
106 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

Als wichtigstes Element für die Weiterarbeit könnte sich dabei In der
Smittens Erkenntnis erweisen, daß die "konkrete Erscheinungsform der
Theokratie [...] jeweils situationsbedingt" ist 138 .

6.2.2.4. Paul D. Hanson


Nach der Überzeugung Paul D. Hansons stellt Plögers Versuch, die Apoka-
lyptik "as the property of one sect or party within Judaism" zu behandeln,
eine "oversimplification" dar 139 .
Hanson selbst will "the origins of apocalyptic eschatology within the conceptual frame-
work of the tension in Yahwism between vision and reality" untersuchen14®. Diese Span-
nung wird greifbar im, sich durch die Geschichte des (nach-)exilischen Israel ziehenden,
Ringen zwischen "visionary and hierocratic factions" 1 4 1 .
Das Programm der hierokratischen Gruppe zielt in erster Linie auf die Regelung des kul-
tischen Lebens und die Bewahrung der auf wenige beschränkten 'Heiligkeit', um so "the
circumstances in which Yahweh could be expected to tabernacle with his people" 1 4 ^ (wie-
derherzustellen. Die Zadokiden nehmen eine führende Rolle ein 1 4 3 . Sehr schnell gewinnt
die hierokratische Gruppe die Oberhand, wobei die grundsätzliche Spannung bestehen
bleibt 1 4 4 .
Charakterisiert ist die hierokratische Strömung durch ihre "pragmatic orientation", das
heißt die Bereitschaft, sich den jeweiligen politischen und historischen Bedingungen anzu-
passen 14 ^, und die Anerkennung der Fremdherrschaft14^. Diese Bereitschaft darf jedoch
mit totaler politischer Abstinenz nicht gleichgesetzt werden 14 ^.
Das 'eschatologische Defizit' dagegen ist kein konstituierendes Element. Im Ezechiel-
buch, dem Ausgangspunkt der hierokratischen Tradition, etwa finden sich durchaus escha-
tologisch-visionäre Elemente 148 . Die historisch-politische Situation um 520 führt zu einer
vorübergehenden Aussetzung des Konfliktes und einer zeitweiligen Wandlung der "prag-
matic, pro-Persian hierocratic party into a zealous nationalistic group of reformers bent on
inaugurating the eschatological reign of peace prophesied by Ezekiel in their own day" 1 4 9 .

138 A.a.O., 26.


139 Ph.D.Hanson, Dawn, 20. Der von Benedict Otzen herausgestellte Unterschied zwi-
schen Plöger und Hanson bezüglich der Bewertung des persischen Einflusses auf die jü-
dische Apokalyptik ist in diesem Zusammenhang nicht relevant (vgl. B.Otzen, Judaism,
167).
140 Ph.D.Hanson, Dawn, 20.
141 A.a.O., passim, Zit.: a.a.O., 99 (im Kontext einer Analyse von Tijes). Vgl. a.a.O.,
211, wo von visionär-prophetischen und hierokratisch-realistisch-priesterlichen Grup-
pen gesprochen wird.
142 A.a.O., 73.
143 Vgl. a.a.O., 210.
144 Vgl. a.a.O., 211.
145 A.a.O., 258; vgl. a.a.O., 276.
146 Vgl. a.a.O., 274.
147 Vgl. a.a.O., 219.
148 Vgl. a.a.O., 236.
149 A.a.O., 244.
Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers 107

Erst mit dem um 400 wirkenden Chronisten ist die "aneschatological orientation of the
hierocratic tradition [...] firmly established"^®, was vor allem in den ursprünglichen Pas-
sagen von Esr/Neh sichtbar w i r d ^ l . Der endgültige Verlust jeder "genuine eschatological
dimension" wird schließlich im zweiten Jahrhundert deutlich, wenn sich die Hierokratie
dem Makkabäerstaat anschließt 1 ^.
Zu den hervorragenden Charakteristika der prophetisch-visionären Gruppe, die erstmals
in Tritojesaja greifbar wird, gehört die prinzipielle O f f e n h e i t ^ der Widerstand gegen die
1

Zusammenarbeit mit den Fremdherrschern1 , die - nach der Niederlage gegen die hiero-
kratische Gruppe "in the political arena" - einsetzende "growing indifference to the world
of politics" und das Bewußtsein, daß die (Wieder-) Herstellung des von den Propheten
verkündeten Königtum Gottes noch aussteht"®. Von daher ist dann auch der Widerstand
gegen die hierokratische Gruppe und den persischen Statthalter - auch wenn der Davidide
ist - b e g r ü n d e t ^ Neben Tritojesaja artikuliert sich die prophetisch-visionäre Haltung
nach Hanson vor allem in Sach 9-14158.
Bei aller Gegenüberstellung von zwei Strömungen bzw. Gruppen hält Hanson ausdrück-
lich fest: "These contrasts are not intended to imply diametric opposites, for the polarities
characterizing the period of the Second Temple are very complex"1^ . Er betont: "the anti-
theses represent a rending asunder of that which belongs together"'^.

Hansons Entwurf ist im Zusammenhang dieser Untersuchung zunächst


aufgrund seiner Terminologie bemerkenswert: Indem der Ausdruck 'Theo-
kratie' nicht verwendet, sondern konsequent von Hierokratie gesprochen
wird, kann nicht nur eine theologische Disqualifizierung des Theokratiebe-
griffs vermieden werden. Zugleich ist so auf einfache Weise ein Ausweg
aus dem bisher immer wieder auftauchenden terminologischen Dilemma ge-
wiesen. Im von Hanson gebrauchten Sinn ist 'Hierokratie' ein zunächst
wertfreier, sachgemäßer Deutebegriff für ein in nachexilischer Zeit auftre-
tendes Phänomen 1 6 1 .

150 A.a.O., 257.


151 Vgl. a.a.O., 277. Im übrigen ist das chrGW nach Hanson Ausdruck eines "tolerant
and conciliatory spirit" (a.a.O., 270) und versucht, allerdings weitgehend erfolglos,
Anhänger der visionären Tradition für die hierokratische Position der nachexilischen
Orthodoxie' zu gewinnen (vgl. a.a.O., 2780·
152 A.a.O., 276.
153 Vgl. a.a.O., 72.
154 Vgl. a.a.O., 200.274.
155 A.a.O., 219.
156 Vgl. a.a.O., 278.
157 Vgl. a.a.O., 350.
158 Vgl. dazu a.a.O., 280-401. Bemerkenswert ist dabei u.a. seine Überlegung zu Sach
12,8f: beide Verse stammen wohl "from the hand of a later editor writing from the
viewpoint of the hierocratic party, and seeking to blunt the edge of verses 1-7" (a.a.O.,
365).
159 A.a.O., 281.
160 Ebd.
161 Dabei ist über die Notwendigkeit einer Differenzierung innerhalb dieses Oberbegriffs
108 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

Daß Hanson der hierokratischen Gruppe eschatologisch-zukunftsorientier-


tes Gedankengut nicht abspricht, sondern dessen Verlust mit der politisch-
historischen Situation begründet, eröffnet neue Perspektiven.
Hansons Thesen vom um 4 0 0 v.Chr. innerhalb der hierokratisch-orthodo-
xen Richtung endgültig eingetretenen Verlust eschatologischer Vorstellun-
g e n 1 6 2 , v o m eschatologischen Defizit des Chronisten 1 6 3 und vom im zwei-
ten Jahrhundert vollzogenen Anschluß der ganzen hierokratischen Gruppe
an den Makkabäerstaat 1 6 4 sind meines Erachtens zu überprüfen.

6 . 2 . 2 . 5 . Joachim Becker
Gegen das Theokratieverständnis Plögers, Stecks und In der Smittens, dem-
zufolge das "die statische, gegenwartszufriedene Gottesherrschaft im Ge-
gensatz zur dynamischen, in die Zukunft gerichteten eschatologischen Strö-
m u n g " 1 6 5 steht, wendet sich Joachim Becker.

Auch seiner Meinung nach werden in exilisch-nachexilischer Zeit zwei Tendenzen sicht-
bar: die "royalistische Bewegung, die sich der Hoffnung auf eine Restauration der davi-
dischen Herrschaft hingab" und eine Haltung, die das 'empirische' Königtum aufgibt, "an
dessen Stelle die Theokratie, die unmittelbare Königsherrschaft Gottes, tritt" 1 6 6 .
Weil beide Größen einander jedoch nicht ausschließen, ist es nach Beckers Uberzeugung
"sachgemäßer", zwischen "Theokratie mit restaurativer Königserwartung und reine[r]
Theokratie unter Ausschluß des empirischen Königtums" zu unterscheiden 16 '.
Diese Differenzierung läßt die Schlußfolgerung zu, daß "eschatologische Texte durchaus
theokratisch sein" können16® und führt zur Frage, "ob es den wirklichen Verzicht auf
eschatologische Heilsverwirklichung, auch in den gegenwartszufrieden anmutenden Schrif-
ten, gegeben hat " 1 6 ^.
Für die Weiterarbeit nimmt Becker jedoch "die klare Alternative zwischen restaurativer
Königserwartung und Preisgabe des empirischen Königtums" zum Ausgangspunkt 1 ^.
Letztere, also die 'theokratische Strömung', ist 'positiv' charakterisiert durch "die Beto-
nung des Königtums Jahwes, die Übertragung des irdischen Königtums auf Fremdherrscher

noch nichts ausgesagt. Hier wäre Hanson gegebenenfalls weiterzuführen.


162 Vgl. a.a.O., 257.
163 Erneut stützt sich diese These auf Rudolph (vgl. a.a.O., 276) - und vor allem auf den
Befund in Esr/Neh !
164 Vgl. a.a.O., 279.
165 J.Becker, Messiaserwartung, 43.
166 A.a.O., 42. Gegen diese Sichtweise wendet sich J.Hausmann, Rest, 228, Anm.29.
167 J.Becker, Messiaserwartung, 42. Dabei nennt Becker die zweite Tendenz "der Einfach-
heit halber die theokratische Strömung" (ebd.).
168 A.a.O., 43.
169 Ebd. (mit Verweis auf R.Mosis, Untersuchungen).
170 J.Becker, Messiaserwartung, 43.
Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers 109

und die kollektivierende Übertragung des Königtums auf das Volk" 1 7 1 , "negativ" durch
das "messianologische[n] Schweigen"^ 72 .
Die in IChr 36,22f und Esr 1,1-4 sichtbar werdende Stellung des Kyrus, dem "alle irdi-
sche Gewalt übertragen" ist 1 7 3 , der Verlust der in IlSam 7 ausgedrückten restaurativen
Königserwartung in IChr 17 1 7 4 , die 'Entschärfung' Serubbabels in Esr 1- 6 1 7 5 , das hinter
der Darstellung Davids und Salomos sichtbar werdende fehlende "Interesse am Königtum
als s o l c h e m " !
s oj das Fehlen messianischer Erwartungen 177 kennzeichnen das chro-
w e

nistische Geschichtswerk als "völlig theokratisch und unmessianisch"178

Daß Becker in seiner Beurteilung des chronistischen Geschichtswerkes die


These von Mosis, der Chronist vertrete "doch eine zukunftsorientierte
Heilshoffnung", nicht weiterverfolgt 179 , weist meines Erachtens daraufhin,
daß es ihm nicht gelingt, seine eigene Differenzierung des Theokratiebe-
griffs konsequent durchzuhalten und fruchtbar zu machen.
Auch Becker liegt vor allem an einer differenzierenden Darstellung des
eschatologischen bzw. messianischen Gedankengutes des AT und des soge-
nannten 'Spätjudentums'180, während die theokratische Strömung prinzi-
piell als einheitliche (Gegen-) Größe betrachtet wird. Symptomatisch
scheint mir, daß Becker den Umkehrschluß des zitierten Satzes "eschatolo-
gische Texte [können] durchaus theokratisch sein"181 nicht formuliert.
Ein "theokratisches Bewußtsein" ist für Becker schon für die Zeit des Jah-
wisten vorstellbar182. Brüche zwischen diesem Bewußtsein und dem Theo-
kratieverständnis der exilisch-nachexilischen Zeit werden nicht benannt.
Wenn schließlich der König bei Ezechiel als "im Schatten der Theokratie
und der privilegierten Priesterschaft" stehend sowie als "peinlich reglemen-
tierter Statist der Hierokratie" erscheint183, wird deutlich, daß der Theokra-

171 A.a.O., 46.


172 A.a.O., 74.
173 A.a.O., 47.
174 Vgl. a.a.O., 52.77.
175 Vgl. a.a.O., 60.77.
176 A.a.O., 76. Vgl. dazu a.a.O., 77: "Der theokratisch eingestellte Chronist würdigt Da-
vid und Salomo als Kultbegründer; im übrigen hält er es mit der Königsherrschafit Got-
tes, der zur Zeit andere irdische Machthaber eingesetzt hat." - Zur Auseinandersetzung
der Chr mit dem Problem der aktiven königlichen Beteiligung am Kult vgl. a.a.O., 35f.
177 Vgl. a.a.O., 75f.
178 A.a.O., 76; vgl. ebd., Anm. 6, den Verweis u.a. auf Plöger und Steck.
179 A.a.O., 76, Anm.6 (mit Verweis auf R.Mosis, Untersuchungen, 211-214, auch 53,
Anm.32, 161f, Anm.102). Vgl. schon J.Becker, Messiaserwartung, 43.
180 Vgl. z.B. a.a.O., 32.44.58.61f.82ff.
181 A.a.O., 43.
182 Vgl. a.a.O., 10.
183 A.a.O., 57.
110 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

tiebegriff weiter im Sinn einer Chiffre, eines Schlagwortes gebraucht wird,


was unangemessen bleibt.

6.2.2.6. Frank Crüsemann


Während die bisher genannten Untersuchungen grundsätzlich auf Plögers
Unterscheidung von Theokratie und Eschatologie aufbauen, stellt Frank
Crüsemann diesem 'bipolaren Modell' eine soziologische Gliederung des
nachexilischen Israel in vier Gruppen entgegen184.

Eine Analyse von Neh S f zeigt, daß Nehemia von einer "starke[n] Mittelgruppe, in der
sich unter und mit der persischen Macht und in Verbindung mit der östlichen Diaspora
Kleinbauern und Priester um die traditionellen Gesetze Israels scharen" 1 8 ^, getragen wird.
Aufgrund der sozialen Unterschiede innerhalb dieser Gruppe kann nicht von Priesterherr-
schaft oder 'Hierarchokratie' gesprochen werden' 8< \
Neben dieser Koalition - und gegen sie - stehen einerseits "soziologisch nicht eindeutig
zu ortende eschatologische Kreise" 1 8 ^ u n c j die "örtliche Aristokratie", die "Teile der höhe-
ren Priesterschaft umfaßt", andererseits 18 ®. Eine vierte Gruppe, "Sklaven und Tagelöh-
ner", fallt politisch nicht ins Gewicht 1 8 9 .
Crüsemann führt im folgenden aus, daß "die Kanonisierung des Pentateuch als Tora" auf
die erste Gruppe zurückzuführen i s t 1 D i e "der persischen Zeit entstammenden prophe-
tisch-eschatologischen Texte" gehen auf die zweite Gruppe zurück 1 9 1 , während der dritten
Gruppe "die dieser Epoche angehörigen Weisheitstexte [...] entstammen" 1 ^.

Crüsemanns Modell ist deshalb erwähnenswert, weil es der oben mehr-


fach erhobenen Forderung nach Differenzierung entspricht. Allerdings ist
zu beachten, daß seine Untersuchung sich auf die persische Epoche be-
schränkt. Für sie kann Crüsemann nachweisen, daß die von seinen Vorgän-
gern behaupteten Grundbedingungen von Theokratie/Hierokratie - Entmili-
tarisierung und Entpolitisierung - nicht gegeben waren 193 .

184 Vgl. F.Crüsemann, Israel.


185 A.a.O., 214.
186 Vgl. ebd.; vgl. a.a.O., 212: "der Hohepriester steht erst in hellenistischer Zeit an der
Spitze des Gemeinwesens".
187 A.a.O., 214.
188 A.a.O., 213. Schon Weber hat die "bürgerliche Bevölkerung", die - wie die "prophe-
tisch beeinflußte Priesterschaft" in Babylon - in Palästina die "puritanische Tradition"
trägt, von den "reichen landsässigen Sippen" und den "reichen Priestern" unterschieden
(M.Weber, Religionssoziologie III, 371).
189 F.Crüsemann, Israel, 213.
190 A.a.O., 214; vgl. a.a.O., 215-218.
191 A.a.O., 214; vgl. a.a.O., 218-220.
192 A.a.O., 214; vgl. a.a.O., 220f.
193 Vgl. a.a.O., 210f. Crüsemann wendet sich hier gegen Webers Gemeindebegriff. Dabei
sieht er Weber in Kontinuität zu Wellhausen (vgl. a.a.O., 208).
Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers 111

Für die hellenistische Zeit dagegen setzt auch Crüsemann die Existenz
einer "Theokratie bzw. Hierarchokratie" 194 voraus.

6 . 2 . 2 . 7 . Jutta Hausmann
Jutta Hausmann schließlich nimmt in ihren "Studien zum Selbstverständnis
der nachexilischen Gemeinde" 1 9 5 die Auseinandersetzung mit Plöger auf
und versucht, dessen "kompromißlose Differenzierung in theokratische und
eschatologische Interpretation des Selbstverständnisses des nachexilischen
Israel" 1 9 6 zu widerlegen.

Ausgangspunkt der Überlegungen Hausmanns ist der Chronist, der mit den Chronikbü-
chern "eine verschlüsselte Analyse - z.T. auch der politischen Hoffnungen - seiner eigenen
Zeit in der Form der Geschichtsschreibung"19^ artikuliert. Gleichzeitig wird eine "Zu-
kunftserwartung [...] unter Einschluß einer Restitution des Volkes als politischer Größe,
wohl auch einer Erneuerung des davidisch-salomonischen Königtums" 1 9 ° erkennbar. Die
sich in der Chronik artikulierende Restvorstellung weist politische und religiöse Aspekte
auf 1 9 9 . Deshalb läßt sich weder die Hypothese eines ausschließlichen "Aufgehen[s] in ei-
ner theokratisch orientierten Kultgemeinde "200> n o c j j diejenige eines rein kultischen
Selbstverständnisses der nachexilischen Gemeinde^®1 aufrechterhalten.
Im Gegensatz zu den Chronikbüchern "installieren" Esra/Nehemia "den Rest als Kultge-
meinde mit vorsichtiger Andeutung einer gewissen politischen Unabhängigkeit, zeigen also
stärker theokratische Züge "202
Insgesamt gesehen wird für Hausmann hinter der in nachexilischen Schriften zum Aus-
druck gebrachten Restvorstellung ein qualitatives Interesse erkennbar^®^: Der Rest wird

194 A.a.O., 212.


Daß das Jerusalem der Perserzeit keine theokratische Verfassung besaß, weil der Hohe-
priester erst in hellenistischer Zeit "le pouvoir laique et le pouvoir religieux" an sich
ziehen - und in seiner Person vereinigen konnte, wodurch in Juda "un regime theo-
cratique" installiert wird, betont auch E.M.Laperrousaz, Jerusalem, 63.
195 Vgl. J.Hausmann, Rest.
196 A.a.O., 206. Vgl. ebd. die Kritik am "vor allem von Wellhausen gezeichnete[n] Bild
der klar umrissenen nachexilischen Kultgemeinde".
197 A.a.O., 17. Hausmann nimmt hier Ergebnisse der durch Mosis, Welten und Willi re-
präsentierten neueren Chronikforschung auf.
198 Ebd.
199 Vgl. a.a.O., 23.
200 A.a.O., 17.
201 Vgl. a.a.O., 22.
202 A.a.O., 36. Nach Hausmann "läßt sich [...] ein nahezu konträres Interesse am Restge-
danken in den beiden Teilen des sog. ChrG feststellen" (ebd.). Damit ist ein weiteres
Argument gegen die Hypothese eines einheitlichen chronistischen Geschichtswerkes ge-
wonnen.
203 Vgl. a.a.O., 69: "Mit Hilfe der Restvorstellung erhält die entsprechende Gemeinde ei-
ne ganz bestimmt neue - nicht primär bessere - Qualität zugesprochen".
112 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

hier "zum Träger des neuen, positiven Gottesverhältnisses"204. i m Unterscheid dazu kennt
"der größte Teil der exilischen Texte die theologisch positiv qualifizierte Restvorstellung
noch n i c h t " 2 0 5 _ u n ( j a u c j j die vorexilischen Belege "reden jeweils negativ vom Rest"206.
Dabei geht Hausmann in diesem Zusammenhang davon aus, daß die "Texte, die in ge-
nuin vorexilischen Büchern positiv vom Rest sprechen, [...] weitgehend als spätere Erwei-
terungen aus exilischer und nachexilischer Zeit" zu verstehen sind2®^. sie verdeutlicht dies
zum Beispiel an Jes 11,10-16. Der nach Hausmanns Überzeugung nicht von Jesaja stam-
mende Text 2 0 8 sieht im Rest den "Träger der Hoffnung des Gottesvolkes", wobei diese re-
ligiös und politisch ausgerichtet ist2®". Weil hier ein wiederhergestelltes davidisch-salomo-
nisches Großreich erwartet wird und die Samaritaner in die Zukunftshoffnung eingeschlos-
sen sind, "zeigt sich eine deutliche Nähe zur Chronik, so daß an eine Erweiterung im chro-
nistischen Sinn bzw. unter chronistischem Einfluß gedacht werden kamT 21 0.
Die "Vorstellung vom Rest als theologisch gefaßter Größe" hat nach Hausmann also "ih-
re eigentliche zeitliche Wurzel im Exil [...], ihr Schwergewicht und ihre endgültige Aus-
prägung" erhielt sie jedoch "erst in nachexilischer Zeit" 2 ! 1 Ausgangspunkt "für die theo-
logische Wertung des Restes [ist] einerseits die prophetische Verkündigung von Gericht
und Heil", andererseits die politische Situation, die "verstanden wurde als eine von erfahre-
nem Gericht und erhofftem Heil durchdrungene" 212 . Schon in den Chronikbüchern wurde
sichtbar, daß "Restvorstellung und der Gedanke der Theokratie [...] zum Teil ineinander
über[gehen]" 21 ^. Insofern konstituieren "die eschatologische Dimension wie das Ineinan-
der von Gericht und Heil" die Vorstellung vom Rest 2 1 4 .
Wenn der erhobene Restgedanke in "Zusammenhang mit dem Selbstverständis der nach-
exilischen Gemeinde" 21 ^ gebracht wird, zeigt sich, daß dem Verständnis des nachexili-
schen Israel als religiöser, apolitischer Gemeinde21*' eine differenziertere Auffassung ge-

204 A.a.O., 70.


205 A.a.O., 137.
206 A.a.O., 197.
207 A.a.O., 196.
208 Vgl. a.a.O., 152.
209 A.a.O., 154.
210 Ebd. Vgl. im Kontext der Untersuchung Jesajas den Hinweis auf Otto Kaisers Ver-
mutung, daß sich in Jes, am Schluß des Redaktionsprozesses, auch der "Antagonismus
zwischen dem konservativ theokratisch und dem eschatologisch gesinnten Judentum,
der sich in hellenistischer Zeit verstärken und angesichts der gleichzeitigen Öffnung
konservativer Kreise für den griechischen Geist in die Krise der Makkabäerzeit führen
sollte", findet (O.Kaiser, Jesaja, 24). Diese, wie Hausmann wohl zu Recht vermutet,
auf Plöger zurückzuführende Interpretation, lehnt sie ab (vgl. J.Hausmann, Rest, 167).
211 A.a.O., 198.
212 A.a.O., 212. Hausmann nimmt hier Ansätze von E.Müller und H.D.Preuß auf.
213 A.a.O., 216.
214 A.a.O., 256. Die u.a. durch von Rad vertretene Auffassung, "daß die Rede vom Rest
die Funktion hat, eine Scheidung innerhalb der nachexilischen Gemeinde zu vollziehen"
(a.a.O., 216), weist Hausmann dabei zurück.
215 A.a.O., 220.
216 Vgl. a.a.O., 223.
Nach Hausmann zeichnet vor allem Wellhausen für die mit diesem Modell verbundene
"abwertende Sicht der nachexilischen Gemeinde als beginnendes Judentum" (a.a.O.,
224) verantwortlich. Die von Hausmann herangezogenen Zitate aus Wellhausens 'Pro-
Zur 'Wirkungsgeschichte' Plögers 113

genüberzustellen ist. Diese kann im Anschluß an die neuere Chronikforschung entwickelt


werden. Sie läßt sich etwa am Problembereich "Theokratie -Eschatologie" verdeutlichen.
Dabei stellt Hausmann gegen Plöger und Steck, die Theokratie mit "Betonung der Ge-
genwart des Volkes", "Sich-Abfinden mit dem status quo" und "Aufgehen im unpolitischen
Jetzt" gleichsetzen 2 ^, eigene Definitionen:
"Eschatologie soll im Folgenden verstanden werden als die Erwartung eines diesseiti-
gen, endgültigen, neuen positiven und heilvollen Daseins des Einzelnen wie der Gemein-
schaft, das allein geschaffen wird durch das Eingreifen und Handeln JHWHs. Theokratie
hingegen wird verstanden als Bezeichnung der idealen Existenzform des Gottesvolkes, die
gekennzeichnet ist durch die Herrschaftsausübung JHWHs über diese Gemeinschaft (in der
Repräsentation durch den König bzw. den Priester). Sie stellt sich konkret dar und wird
vermittelt durch die gehorsame Einhaltung der göttlichen Gesetze und die Ausübung des
von JHWH gestifteten Kultes." 218
Es wird deutlich, daß beide Größen nicht gleichwertig sind. Der Theokratiebegriff ver-
liert seine zeitliche zugunsten einer vorwiegend inhaltlichen Dimension 2 ^ und wird dem
Eschatologiebegriff untergeordnet. Von daher können Texte daraufhin befragt werden, ob
in ihnen "die Theokratie auch zum Inhalt der Eschatologie geworden ist"22®.
Im Blick auf das sogenannte chronistische Geschichtswerk wird angesichts des uneinheit-
lichen Restgedankens auch bezüglich der Frage nach dem Verhältnis von Theokratie und
Eschatologie eine Unterscheidung zwischen Chronik und Esra/Nehemia notwendig. Die
"transparente" Geschichtsschreibung der Chronikbücher zeigt "Hoffnungen und Erwartun-
gen des Verfassers", die in der Diskrepanz zwischen "Darstellung der Geschichte" und
"verschlüsselte^] Darstellung der gegenwärtigen Wirklichkeit", das heißt der Unerfülltheit
der zwischen Vergangenheit und Gegenwart gezogenen "Analogien" begründet sind 2 2 1 .
Die Restvorstellung ist dabei einer von mehreren "Trägerfn] eschatologischen Gedanken-
gutes" 222 . Gleichwohl weisen das kultische Interesse, die Bedeutung Jerusalems und das
Verständnis des Königtums auf eine "theokratische[n] Orientierung" der Chronikbücher22·'
hin. Die Theokratie des Chronisten kann "durchaus politische Züge beinhalten", weil sie
die Herrschaft JHWHs nicht ausschließlich religiös versteht22"*.
Damit wird Theokratie beim Chronisten "zum Inhalt der Eschatologie, ist aber nicht mit
ihr deckungsgleich"22^.

legomena' (vgl. a.a.O., 223f) betreffen den Übergang von der Nation zur religiösen
Gemeinde (vgl. J.Wellhausen, Prolegomena^, 252), die "nur noch [...] geistliche kirch-
liche Existenz" der nachexilischen Zeit (a.a.O., 144), und die Vernichtung des "objek-
tiven Wahrheitssinn[es]" durch die 'theokratische Idee' bzw. den in der Chronik sicht-
bar werdenden "dominirendefn] Einfluß des Gesetzes" (a.a.O., 155). Es werden also
die oben, Kap.4, genannten Kritikpunkte aufgegriffen.
217 J.Hausmann, Rest, 224f.
218 A.a.O., 225f.
219 Vgl. a.a.O., 226.
220 Ebd.
221 A.a.O., 227.
222 A.a.O., 228.
223 Ebd.
224 Ebd.
225 A.a.O., 229.
114 Theokratie in der Diskussion von 1959 bis heute

Esra/Nehemia hingegen sind am Königtum oder an politischen Perspektiven nicht mehr


interessiert22*·. Ihre Konzentration auf Tempel, Kult und Gesetz zeugt von einem vor allem
"auf Theokratie hin ausgerichteten theologischen D e n k e n Z u g l e i c h zeigen die Buß-
gebete in Esr 9 und Neh 9, daß eine Zukunftserwartung vorhanden und die Fremdherr-
schaft nicht einfach akzeptiert ist 2 2 ". Allerdings "liegt der Ton vor allem auf der Gegen-
wart" 2 2 ', e { n Ergebnis, das die analysierte Restvorstellung untermauert.
Am Schluß dieses Abschnittes steht das Ergebnis, "daß die beiden Vorstellungsbereiche
Theokratie und Eschatologie kaum isoliert voneinander zu sehen sind "230.
"Theokratie ist durchaus als gegenwärtige Form der Gemeinschaft denkbar". Weil diese
Gemeinschaft dem "theokratischen Ideal" jedoch nie ganz entsprechen kann, ist es möglich,
daß "Theokratie [...] zum (auch Haupt-)Inhalt der Eschatologie" wird 2 3 1 .
Der andere - "politisch orientierte" - Inhalt nachexilischer Eschatologie, das Hoffen auf
politische Selbständigkeit bzw. einen davidischen König, ist "weitgehend durchsetzt mit
theokratischen Aspekten, so daß nirgends politische Erwartungen allein die Eschatologie
ausmachen" 232 .
Die Frage, "ob sich das nachexilische Israel als kultische Gemeinde oder als politisch
orientiertes Volk versteht" 233 , kann nach Hausmann nicht eindeutig beantwortet werden,
denn eine "endgültige und ausschließende Bestimmung des nachexilischen Israel bzw. sei-
ner Hoffnung als (werdende) Nation oder Kultgemeinde ist nicht möglich" 23 ^. Das Inein-
ander beider Vorstellungen wird in den Chronikbüchern beispielhaft deutlich, in denen
zwar "das starke kultische Engagement"23^, gleichzeitig aber auch das "nicht geringe poli-
tische Interesse"23*' sichtbar wird. Bei Esra/Nehemia hingegen sind "politisches und kulti-
sches Interesse keine gleichwertigen, einander voll korrespondierenden Größen" 23 ^.

Mit den von ihr ermittelten Unterschieden zwischen den Chronikbüchern


und Esra/Nehemia in Bezug auf die Rest- und Theokratie- bzw. Eschatolo-
gievorstellung legt Hausmann weitere Argumente gegen die Hypothese ei-
nes einheitlichen chronistischen Geschichtswerkes vor. Ihre Erkenntnis, daß
in anderen Büchern des Alten Testaments mit 'Erweiterungen im chronisti-
schen Sinn oder unter chronistischem Einfluß' gerechnet werden kann, wird
im zweiten Teil dieser Arbeit aufzunehmen sein.
Darüber hinaus hat Hausmann meines Erachtens überzeugend nachgewie-
sen, daß sowohl ein ausschließlich unpolitisches Verständnis der Theokratie

226 Vgl. ebd.


227 Ebd.
228 Vgl. a.a.O., 230.
229 A.a.O., 231.
230 A.a.O., 236.
231 Ebd.
232 Ebd. Hausmann stellt a.a.O., 237 fest, daß im Blick auf den Restgedanken das escha-
tologische Moment im Vordergrund steht.
233 A.a.O., 237.
234 A.a.O., 246.
235 A.a.O., 238.
236 A.a.O., 239.
237 A.a.O., 240.
Zur Notwendigkeit theologischer Rede von der Theokratie 115

als auch die antithetische Gegenüberstellung von Theokratie und Eschatolo-


gie der Intention der Chronikbücher nicht entspricht.
Dabei zielt der diesem Ergebnis zugrunde liegende Versuch, Theokratie
als "Bezeichnung der idealen Existenzform des Gottesvolkes"238 zu definie-
ren, nicht mehr auf eine 'affirmative Beschreibung' der Verfassungsform
oder -Wirklichkeit des nachexilischen Israel 239 .
Daß Hausmann die "Herrschaftsausübung JHWHs über diese Gemein-
schaft" auf eine mittelbare, durch König oder Priester repräsentierte Herr-
schaft reduziert 240 , ist meines Erachtens ebenso problematisch wie der von
ihr unternommene Versuch, die zeitliche Dimension des Theokratiebegriffs
preiszugeben 241 .
Hausmanns Bemühen, dessen theologische Bedeutung in den Vordergrund
zu stellen, ist hilfreich. Von hier aus wird es möglich, den Begriff im Wort-
sinn auch als politisch-utopisch-ideale Erwartung unmittelbarer Herrschafts-
ausübung Gottes, im Gegenüber zu Königs- oder Priesterherrschaft, zu be-
greifen. Damit wird jedoch gleichzeitig deutlich, daß die durchaus sinnvolle
Unterordnung des Theokratiebegriffs unter das Stichwort 'Eschatologie' die
zeitliche Dimension von 'Theokratie' nicht entbehrlich macht.
Diese Überlegung soll im nächsten Kapitel weitergeführt werden.

7. 'Gott die Herrschaft und die Gewalt'


- zur Notwendigkeit theologischer Rede von der Theokratie

Mit seiner Wortschöpfung θεοκρατία wollte der Historiker Josephus in


einem theologisch-apologetischen Zusammenhang sowohl die Geschichte
seines Volkes als auch dessen Zukunftsperspektive positiv qualifiziert
deuten.

238 A.a.O., 226.


239 Inwieweit Hausmann diese als Hierokratie bezeichnen würde, bleibt offen. Gegen
Gunneweg und in Anlehnung an Criisemann (vgl. oben, 6.2.2.6) hält sie a.a.O., 227,
fest, daß für die persische Zeit eine Priesterherrschaft in Jerusalem nicht nachweisbar
ist und der Hohepriester "erst in hellenistischer Zeit an der Spitze des Gemeinwesens"
steht.
240 A.a.O., 226.
241 Allerdings beinhaltet die Formulierung "Bezeichnung der idealen Existenzform des
Gottesvolkes" durchaus eine - von Hausmann jedoch nicht aufgegriffene - Zukunftsper-
spektive.
116 'Gott die Herrschaft und die Gewalt'

Nach seiner Wiederentdeckung im 17. und 18. Jahrhundert dient der


Theokratiebegriff zunächst der "affirmativen Beschreibung eines histori-
schen Zustandes"1, nämlich der Verhältnisse im vorstaatlichen Israel, ehe er
zur Chiffre für 'Priestertrug und -tyrannei' 2 wird.
Die alttestamentliche historisch-kritische Forschung des 19.Jahrhunderts
versucht, in Auseinandersetzung mit der disqualifizierenden Verwendung
des Begriffs, dessen theologisch-positive Dimension zu bewahren. Das vor
allem durch die Ergebnisse der Pentateuchkritik aufgeworfene Problem, daß
eine sich auf die Gesetzescorpora bzw. Mose und 'sein Gesetz' stützende
'reale' Theokratie erst für die nachexilische Zeit denkbar ist, führt zum
Versuch einer Differenzierung innerhalb des Theokratiebegriffs. Sie er-
reicht mit Wellhausens Unterscheidung zwischen theokratischer Idee und
theokratischer Wirklichkeit ihren Höhepunkt. Dabei wird in den Beschrei-
bungen der nachexilischen Organisationsform Israels mit Hilfe der Begriffe
Theokratie und Hierokratie die Tendenz sichtbar, beide Stichworte zur dis-
qualifizierenden Deutung der geschichtlichen und theologischen Entwick-
lung zu gebrauchen. Die positiv besetzte theologische Dimension der theo-
kratischen Idee geht verloren.
Die bis in die Gegenwart praktizierte Übernahme der vom Hauptstrom
alttestamentlicher Forschung des 19. Jahrhunderts so im Sinn einer Negativ-
folie verwendeten Begrifflichkeit ist problematisch. Die veränderte Quellen-
lage und die damit verbundene Möglichkeit, innerhalb der nachexilischen
Zeit zu differenzieren, sowie das verstärkte Bemühen um ein besseres Ver-
ständnis der Aussageintention der nachexilischen Schriften des Alten Testa-
ments zwingen zu einer Überprüfung traditioneller Hypothesen und Wertur-
teile.
Daß es sinnvoll und geboten ist, auf den Theokratiebegriff zur Charakte-
risierung der politisch-historischen, sozialen und religiösen Konstitution
bzw. Realität des nachexilischen Israel zu verzichten, zeigt sich etwa an-
gesichts Crüsemanns Versuch einer soziologischen Differenzierung inner-
halb der Verhältnisse der Perserzeit. Otzens Beobachtung, in der nachexili-
schen Zeit zeichne sich eine Entwicklung hin zur Oligarchie ab, in der das
"Council of Elders" im Prinzip alle religiöse, juridische und politische

1 W.Hübener, Unschuld, 57.


2 Vgl. a.a.O., 55.
Zur Notwendigkeit theologischer Rede von der Theokratie 117

Macht ausübt3, und Schäfers Annahme, daß Judäa in ptolemäischer Zeit


"seinem Wesen nach ein Tempelstaat war" und "wie die übrigen Tempel-
städte in Ägypten und den Provinzen behandelt" wurde4, legen diesen Ver-
zicht ebenfalls nahe. Auch das Stichwort Hierokratie ist in diesem Zusam-
menhang aufzugeben, wenn es als Äquivalent zu Theokratie gebraucht
wird 5 .
Gleichwohl ist der Theokratiebegriff unverzichtbar, wenn die Zukunfts-
erwartungen (spät-) nachexilischer Zeit adäquat beschrieben werden sollen.
Auf die Vielfältigkeit der sich entwickelnden Zukunftshoffnungen weisen
die neueren Untersuchungen zur Traditions- und Theologiegeschichte dieser
Epoche übereinstimmend hin, wobei Plöger das Verdienst zukommt, durch
seine Studie die Debatte angeregt und wesentlich mitbestimmt zu haben6.
Stichworte wie 'apokalyptische' und 'restaurative' oder 'präsentische Es-
chatologie', 'national-eschatologische Kreise', 'eschatologisch orientierte
Umkehrbewegung' oder das postulierte Nebeneinander von Königtum-, Kö-
nigsherrschaft- und Reich-Gottes-Erwartung machen die aus dieser Vielfalt
resultierenden terminologischen Schwierigkeiten deutlich.
Einen Ausweg bietet meines Erachtens der Versuch, Eschatologie als
Oberbegriff für alle Formen der 'Erwartung eines endgültigen, neuen posi-
tiven und heilvollen Daseins des Einzelnen wie der Gemeinschaft, das allein
geschaffen wird durch das Eingreifen und Handeln JHWHs', zu verstehen.
Dabei wird die von Hausmann in ihrer Definition noch hinzugefügte 'Dies-
seitigkeit' bewußt nicht aufgenommen.
Innerhalb des damit eröffneten Spektrums von Möglichkeiten der Zu-
kunftshoffnung ist Theokratie ein unverzichtbarer Begriff, um die Erwar-

3 B.Otzen, Judaism, 48.


4 P.Schäfer, Geschichte, 32; vgl. für die persische Zeit: B.Otzen, Judaism, 12.
5 Vgl. als letztes Beispiel für einen - m.E. ebenfalls problematischen und nicht tragfä-
higen - Versuch, die Begriffe fur die Beschreibung des "verfassungsmäßigen Status Je-
rusalems samt dem dazugehörigen Gebiet" zu retten R.Meyer, Tradition, 176, Anm.17.
- Anders als etwa Donner, der den Theokratiebegriff überordnet, hält Meyer den "Aus-
druck 'Hierokratie'" für angemessen, "da er dem geschichtlichen Sachverhalt am näch-
sten kommt" und "elastisch genug [ist], um in den wechselnden politischen Verhältnis-
sen, denen Jerusalem seit Darius I. unterworfen war, seine Gültigkeit zu behalten"
(ebd.).
6 Daß Plögers Entwurf - obwohl er explizit nur einer 'geschichtlichen Frage' nachgehen
will - die Verfasser von 'Geschichten Israels' weit weniger herausgefordert hat als Au-
torinnen und Autoren traditions- und theologiegeschichtlicher Untersuchungen ist m.E.
ebenfalls Indiz dafür, daß der Theokratiebegriff für die Beschreibung historischer Sach-
verhalte nicht geeignet ist, wohl aber zur Charakterisierung theologischer Phänomene.
118 'Gott die Herrschaft und die Gewalt'

tung der unmittelbaren, diesseitigen Herrschaft Gottes über sein Volk, das
entsprechend der von JHWH gestifteten Tora kultische ebenso wie politi-
sche Autonomie besitzt, zu bezeichnen. Durch die hier implizierte Orientie-
rung an der 'Schrift' kommt in diesem Zusammenhang Mose als 'Geber'
bzw. 'Mittler' der Tora in besonderer Weise in den Blick.
So verstandene Theokratie nimmt die von Josephus bei seiner Begriffs-
schöpfung betonte Zurückführung der 'Verfassung' auf den Gesetzgeber
Mose und die von ihm implizierte Zukunftsdimension auf. Sie nimmt die
dem Theokratiebegriff eignende Konnotation der (realen) 'Herrschaft Got-
tes' ebenso ernst wie seinen Diesseitigkeitscharakter, wobei das Insistieren
auf der Beibehaltung des Wortes eine Unterscheidung von der auch trans-
zendenten Größe der βασιλεία του θεοϋ ermöglicht7.
Die bisherige Untersuchung zeigt einerseits, daß die Diskussion des Theo-
kratiebegriffs seit den Anfängen der historisch-kritischen Forschung bis
heute wesentlich durch die Frage nach der Rolle Moses bzw. des auf Mose
zurückgeführten 'Gesetzes' geprägt wird. Andererseits wird deutlich, daß
für die Charakterisierung der Chronik als theokratisch-gegenwartsbezogen8
das im Blick auf die Chronikbücher postulierte Defizit an Zukunftserwar-
tung und das damit verbundene Aufgehen in der 'ideal' gedachten Gegen-
wart ausschlaggebend war und ist9.
Beide Ergebnisse legen es nahe, in einem zweiten Hauptteil nach der Rolle
des Mose in der Chronik zu fragen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung
sind dann mit der soeben hervorgehobenen Überlegung von der Notwendig-
keit des Verzichts auf den historisch-deskriptiven Gebrauch des Theokratie-
begriffs auf der einen und des Beharrens auf der theologischen Rede von
der Theokratie auf der anderen Seite zu konfrontieren.

7 Vgl. dazu Hübeners Beobachtung zu Hans Walter Wolff und Walter Eichrodt: "So re-
den evangelische Theologen nach Bubers 'Königtum Gottes' wieder mit großer Empha-
se von der 'Herrschaft Jahwes' über sein Eigentumsvolk und beschreiben die Gottes-
herrschaft ganz ähnlich wie ihre Vorgänger im 17.Jahrhundert, vermeiden aber den un-
brauchbar gewordenen Paläologismus 'Theokratie'." (W.Hübener, Unschuld, 34,
Anm.43). 'Herrschaft Gottes' ist ein äquivoker Begriff, Theokratie eine Konkretion des
von ihm umfaßten Bedeutungsspektrums.
8 Vgl. dazu beispielhaft nochmals die Position Beckers: "In Wirklichkeit ist der Chronist
völlig theokratisch und unmessiamsch" (J.Becker, Bild, 138).
9 Vgl. dazu nochmals W.Rudolph, HAT, VIII, und - im Blick auf den Chronisten -
A.H.J.Gunneweg, Esra, 96.
III. Mose in der Chronik
das Mosebild der Chronikbücher

Methodische Grundsätze

Die Untersuchung der einzelnen Perikopen^, in denen der Name des Mose genannt wird,
folgt vor allem um ihrer Überprüfbarkeit willen einem bestimmten Schema. Dabei ist es
selbstverständlich, daß nicht jedem Arbeitsschritt bei jedem Text die gleiche Bedeutung zu-
kommen kann^.
Auf eine 'Arbeitsübersetzung', die die Struktur des hebräischen Textes durch eine mög-
lichst wörtliche Übertragung^ und auch durch die vorgenommene Anordnung des Textes
widerspiegeln will^, folgen knappe textkritische Überlegungen.
Der dem 'Kontext' und der 'Abgrenzung' der Perikope gewidmete Abschnitt dient der
Orientierung über deren Stellung in den Chronikbüchern sowie der exakten Festlegung des
unmittelbar im Zusammenhang mit Mose stehenden Materials.
Unter der Überschrift 'Parallelen und Quellen' wird - soweit erforderlich bzw. möglich -
ein Vergleich des zuvor abgegrenzten Textes mit der Vorlage aus ISam-IIReg geboten.
Darüber hinaus fragt dieser Abschnitt nach in den übrigen alttestamentlichen Büchern sicht-
bar werdenden Anhalts- oder Bezugspunkten des Textes und versucht so, dem Charakter
der Chronik als Schriftauslegung gerecht zu werden. Es geht dabei also nicht um die Frage,
ob neben der - unserem masoretischen Text im wesentlichen gleichzusetzenden - Vorlage in
den Samuel- und Königsbüchern weitere Quellen verarbeitet werden^. Vielmehr soll unter-
sucht werden, ob die bearbeiteten Textzusammenhänge Bezüge zum Pentateuch oder zum
Deuteronomistischen Geschichtswerk - und auch anderen alttestamentlichen Texten - auf-
weisen und wie diese gegebenenfalls aufgenommen und verarbeitet werden.
Der vierte Abschnitt geht dem Aufbau der Perikope nach und schließt daran Überlegun-
gen zu ihrer Zuordnung an, greift also die Fragen nach Einheitlichkeit und Verfasser auf.
Die Untersuchung einzelner (Leit)Worte dient unter anderem der Kontrolle der zuvor er-
arbeiteten Ergebnisse. Im Anschluß an Buber ist unter Leitwort dabei zunächst "ein Wort
oder ein Wortstamm zu verstehen, der sich innerhalb eines Textes, einer Textfolge, eines

1 Der Begriff 'Perikope' wird hier und im folgenden im Sinn eines terminus technicus für
'(Text-) Abschnitt' verwendet.
2 Vgl. zu Grundsätzen der Chronik-Exegese bereits das 2.Kap. der Einleitung.
3 So wird z.B. versucht, auch die nota accusativi zu berücksichtigen.
4 Gelegentlich werden dabei nur die für das Thema unmittelbar relevanten Abschnitte
einer Perikope übersetzt.
5 Vgl. dazu v.a. die älteren Kommentare (exemplarisch etwa J.W.Rothstein/J.Hänel,
ΚΑΤ, passim). Zur Auseinandersetzung mit der Quellenfrage vgl. z.B. unten, S.208-
210.
120 Mose in der 'genealogischen Vorhalle'

Textzusammenhangs sinnreich wiederholt"**. Den Ertrag der Frage nach Leitworten und
Leitbegriffen füir das Verständnis der Chronikbücher hat vor allem die Arbeit Weltens deut-
lich gemacht^. In den Blick genommen werden hier aber auch besonders auffällige Worte,
soweit sie füir das in der Perikope erkennbar werdende Bild des Mose relevant erscheinen.
Nach Elementen dieses Bildes und sich daraus ergebenden Konsequenzen fragt der ab-
schließende Abschnitt. Die hier jeweils erzielten Ergebnisse sollen in einer Gesamtschau im
letzten Kapitel dieses Hauptteils aufgegriffen werden.

1. Mose in der 'genealogischen Vorhalle'

1.1. Zur Bedeutung von IChr 1-9

Mit der 'genealogischen Vorhalle' 1 faßt die Chronik einerseits die Zeit-
spanne v o n Adam bis Saul zusammen. Auf der anderen Seite schlägt sie
hier eine Brücke über die von ihr dargestellte Geschichte Israels hinaus bis
in die nachexilische Zeit 2 . Obwohl die Kapitel durch verschiedenartige Ge-
nealogien 3 geprägt sind, begegnet auch anderes Material, z.B. Listen 4 , Kö-
nigschroniken 5 und Berichte 6 .

Die Auslegungs- und Forschungsgeschichte von IChr 1-9 hat zuletzt Oeming ausfuhrlich
dargestellt^. Er hebt dabei unter anderem den Unterschied zwischen der vernachlässigbaren
Rezeption dieser Kapitel in der alttestamentlichen, zwischentestamentlichen und neutesta-
mentlichen Literatur einerseits und ihrer Bedeutung im rabbinischen Judentum andererseits
hervor. Im Blick auf die neuere Forschungsgeschichte zeigt er, daß die im 19. Jahrhundert
zunächst offene Debatte im Blick auf die historische Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit
mit den Arbeiten Wellhausens insofern einen Abschluß fand, als die Genealogien jetzt all-
gemein als "Fiktionen, spätes Machwerk, schlechte Fälschungen, spottwürdige Täuschun-
gen u.a. betrachtet wurden. Für das 20. Jahrhundert schließlich unterscheidet Oeming
vor allem zwischen einem literarkritischen (I.Benzinger, M.Noth, W.Rudolph, K.Galling),

6 M.Buber, Verdeutschung, 15. Vgl. dazu die fast gleichlautende Definition von W.
Dommershausen, Leitwortstil, 395.
7 Vgl. P.Welten, Geschichte, 11 und passim.
1 Zur Geschichte dieses Begriffes vgl. M.Oeming, Israel, 1, Anm.l.
2 Vgl. I 3; 9.
3 Vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 32-34. Zur Auseinandersetzung mit der hier prak-
tizierten "formgeschichtliche[n] Gliederung" vgl. z.B. unten, 4.5.2 (Anm.).
4 Vgl. I l,51b-54.
5 Vgl. z.B. I 3,4a0b.
6 Vgl. I 4,41-43.
7 Vgl. M.Oeming, Israel, 48-72.
8 A.a.O., 64.
IChr 5,27-41 121

einem soziologisch-sozialgeschichtlichen (R.North, J.P.Weinberg) und einem kerygmatisch


orientierten (G.von Rad, M.Kartveit, W.Johnstone) Zugang zur Interpretation von IChr 1-
9.
Seine eigene Untersuchung geht von der Notwendigkeit einer "multiplicity of ap-
proaches aus. Sie versucht zu zeigen, daß die 'genealogische Vorhalle' in "hohem Maße
kerygmatisch geprägt" ist'® und "auf Gott hin offene Historie in Listenform" bietet. Schon
hier werden "Genealogie, Geographie und Geschichte" als die "Ebenen" erkennbar, auf de-
nen sich die "Verkündigung des Chronisten vollzieht"". Von hier aus schlägt Oeming
schließlich vor, im Blick auf IChr 1-9 die Gattungsbezeichnung "proleptisches Summa-
riumzu verwenden.

O e m i n g s Arbeit macht deutlich, daß die 'genealogische Vorhalle' zentrale


Elemente chronistischer Theologie enthält und deshalb bei einer Gesamtin-
terpretation der Chronikbücher nicht vernachlässigt werden darf. Gleich-
zeitig weist sie darauf hin, daß ein Methodenmonismus bei der Interpreta-
tion v o n IChr 1-9 zu vermeiden ist. Dabei bleiben im Blick auf die Durch-
führung Fragen o f f e n , insbesondere hinsichtlich der Berechtigung von Oe-
mings Zurückhaltung gegenüber der Ausscheidung v o n sekundären Stücken.

1.2. IChr 5 , 2 7 - 4 1 ( D i e Hohenpriester bis zum Exil)

1 . 2 . 1 . Übersetzung

(27) Die Söhne Levis: Gerschom, Kehat und Merari.


(28) Und die Söhne Kehats: Amram, Jizhar und Hebron und Usiel.
(29) Und die Söhne Amrams: Aaron und Mose und Mirjam 3 );
und die Söhne Aarons: Nadab und Abihu, Eleasar und Itamar.

Zum Text:
a) Nach der Überzeugung Rudolphs und anderer ist Mirjam "Nachtrag aus Nm 2659,
der nicht zu Ή paßt" (W.Rudolph, HAT, 52). Auf der Ebene der Textkritik ist demgegen-
über zunächst die gute äußere Bezeugung von MT zu betonen. Gegen Rudolphs inhaltliche
Argumentation spricht die Beobachtung von Rita J. Burns: "The MT uses bene throughout
these verses. Literally the word meens 'sons' although it is commonly used in the scripture
to refere to males and females alike" (R.J.Burns, Has the Lord, 91, Anm. 29) - vgl. dazu
z.B. Gen 3,16.

9 A.a.O., 71.
10 A.a.O., 206.
11 A.a.O., 208.
12 A.a.O., 217.
122 Mose in der 'genealogischen Vorhalle'

1.2.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Innerhalb des Levitenabschnittes IChr 5,27-6,66 ist die Abgrenzung von
5,27-41 als 'Hohepriesterliste' Konsens13.
IChr 5,26 schließt den Bericht über die Nachkommen Manasses ab, der
Einsatz mit '32 weist auf etwas Neues hin. Die Perikope endet mit der
Notiz über die Wegführung Jozadaks, Kap.6 setzt neu ein mit 'iV '33.

1.2.3. Parallelen und Quellen


Die 'Hohepriesterliste' ist Sondergut des Chronisten. Der erste Vers der
sich unmittelbar anschließenden zweiten Liste der Söhne Levis (IChr 6,1-
15) entspricht IChr 5,27 wörtlich, auch zwischen IChr 5,28 und IChr 6,3
besteht eine fast wörtliche Übereinstimmung. Beide Listen sind jedoch äu-
ßerlich 14 , vor allem aber inhaltlich bzw. nach ihrer Zielsetzung unterschie-
den. In IChr 5,27-41 stehen Eleasar und seine Nachkommen - jeweils aber
nur ein Glied einer Generation im Mittelpunkt, während IChr 6,1-15 zu-
nächst die Enkel Levis vollständig aufführt, sich dann aber auf die Nach-
kommen Libnis, Amminadabs/Jizhars und Machlis beschränkt. In IChr 6,
35-38 begegnet schließlich eine weitere Genealogie der Aaroniden, die im
Blick auf die gebotenen Namen IChr 5,30-34 genau entspricht15.
Während Joel P.Weinberg vermutet, daß der Chronist IChr 5,27-41 "den
vorexilischen, hauptsächlich oralen Stammes-Sippen-Traditionen entnom-
men hat" 16 , liegt meines Erachtens eine interpretierende Übernahme von
schriftlichen Vorlagen im Pentateuch - und Esra/Nehemia - vor. V.27
nimmt Gen 46,11 auf, V.27-29 zeigen Anklänge an Ex 6,16-25 und Num
26,57-62 17 . In V.36-39 schließlich könnte Material aus Esr 7,1-5 und Neh
ll,10f verarbeitet sein 18 .

13 Vgl. W.Rudolph, HAT, 1.51; K.Galling, ATD, 30; R.L.Braun, WBC, 82; J.Kegler/
M.Augustin, Synopse, 223. Anders jetzt M.Oeming, Israel, 144f, der I 5,27 als 'Ge-
samtüberschrift' von I 5,27-6,38 versteht.
14 Vgl. den Umfang: 5,27-41 nach MT 26 Generationen mit 36 Namen; 6,1-15 nach Gal-
ling 14 Generationen mit 43 Namen (vgl. K.Galling, ATD, 28f)·
15 Vgl. dazu unten, 1.2.4.
16 J.P.Weinberg, Wesen, 104.
17 Neben I 5,29 werden innerhalb einer Genealogie nur in Num 26,59 Aaron, Mirjam und
Mose zusammen genannt.
18 Vgl. R.L.Braun, WBC, 85, und die entsprechende Tabelle (a.a.O., 84).
IChr 5,27-41 123

1.2.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Die Perikope wird durch Personennamen geprägt. Die Nominalsätze in
V.27-29 enthalten vier Namensnennungen in V.27, fünf in V.28 und neun
in V.29. V.30-41 setzen sich aus Verbalsätzen mit je vier Namensnennun-
gen zusammen.
V.36 - zwei Namensnennungen - und V.41 - ohne genealogische Aussage
- fallen dabei aus der Reihe. Außerdem sind V.36b (MT) und V.41 durch
ihre Bezugnahme auf historische Ereignisse vom Kontext unterschieden.
Während etwa Rothstein/Hänel und Galling beide Verse als Glosse bezeich-
nen 19 , bildet V.41 nach Rudolph und Braun den ursprünglichen Perikopen-
schluß 20 .
Die stilistische Spannung zwischen V.29 und V.30 bzw. V.40 und 41
legt eine Dreiteilung der Perikope nahe. Während V.27-29 "in der gewöhn-
lichen Form des Stammbaums"21 die Nachkommen Levis bis hin zu den
Söhnen Aarons nennen, führen V.30-40 die (Hohen-) Priester bis zum Exil
an. V.41 begründet den Abbruch der Genealogie22.
Von dieser Gliederung her ist die nahezu übereinstimmend formulierte
These, daß in V. 27-41 ein einheitlicher Zusatz vorliegt23 - im Anschluß an
Willi - zu modifizieren 24 . Dieser rechnet nur in IChr 5,30-41 mit einem der
von ihm erschlossenen "Zusätze kultischer Prägung"25. Gleichzeitig deutet
Willi an, daß in V. 27-29 die ursprüngliche Levi-Genealogie des Chronisten
vorliegt, die seiner Meinung nach allerdings erst im Zusammenhang mit der
Einfügung von V.30-41 ihren jetzigen Platz zugewiesen bekam 26 . Die un-

19 Vgl. J. W. Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 108.113f; K.Galling, ATD, 28.


20 Vgl. W.Rudolph, HAT, 52; R.L.Braun, WBC, 80f.
21 J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 111.
22 Vgl. I 5,26.
Dem Neueinsatz von V.37 mit Impf.cons. kommt in Hinsicht auf eine Gliederung der
Perikope keine Bedeutung zu. Er ist durch die - späte - Zufügung von V.36b bedingt
(vgl. W.Rudolph, HAT, 52).
23 Vgl. M.Noth, ÜSt, 121; K.Galling, ATD, 30 (zweiter Chronist); Rudolph, HAT, 51;
vgl. auch Magnar Kartveit, der es zwar für "naheliegend" hält, "die Verse 27-29 und
30-41 als zwei verschiedene Einheiten zu behandeln", gleichzeitig aber damit rechnet,
"dass V.27-41 in einem Zuge zustandekam" und IChr 5,41 dann den 'ältesten Erweite-
rungen' zuweist (M.Kartveit, Motive, 84.87.154). Gegen die Annahme eines Zusatzes
wenden sich explizit J.P.Weinberg, Wesen, 103f, und M.Oeming, Israel, 143f.
24 Daß die Genealogie nicht einheitlich ist, hält bereits Kurt Möhlenbrink fest, der V.37f
für einen Zusatz hält und nicht ausschließt, daß V.35-41 als Ganzes sekundär sind (vgl.
K.Möhlenbrink, Überlieferungen, 197.204f)
25 Th.Willi, Chronik, 194f mit Anm.24.
26 Vgl. a.a.O., 214, Anm. 35.
124 Mose in der 'genealogischen Vorhalle'

terschiedliche Zuordnung der beiden Hauptteile von IChr 5,27-41 wird


durch die Feststellung unterstützt, daß V. 27-29 Material aus dem Penta-
teuch verarbeiten, während V.30-40 auf spätere Quellen zurückgreifen.

1.2.5. (Leit)Worte
Neben den Personennamen, die die ganze Perikope prägen, dominiert im
zweiten Teil das Hiphil von i W 7 . Hiphil in V.41 entspricht dem Ge-
brauch der Wurzel in den Chronikbüchern28, die im übrigen fast aus-
schließlich in der 'genealogischen Vorhalle' und hier in von Rudolph als
'Zutaten' bestimmten Zusammenhängen erscheint29.

1.2.6. Mose
In der uns vorliegenden Endgestalt der Chronikbücher wird Mose im Rah-
men einer Genealogie der Hohenpriester erstmals genannt. Er steht im auf
den Chronisten selbst zurückgehenden Teil der Genealogie, die alle Söhne
Levis aufführt, ohne einzelne Personen hervorzuheben. Angesichts des sel-
tenen Nebeneinanders von Aaron, Mose und Mirjam ist davon auszugehen,
daß sich der Chronist hier auf sekundäre Teile der Priesterschrift stützt.
Für den weiteren Verlauf der Genealogie, insbesondere die auf eine nach-
chronistische Hand zurückgehenden V.30-41, hat Mose keine Bedeutung.
Allerdings gibt der Kontext, konkret der in IChr 5,27-41 enthaltene kulti-
sche Bezug, erste Anhaltspunkte für die Rolle des Mose innerhalb der
Chronikbücher und das dort gezeichnete Mosebild.

Die durch Willi vorgenommene Zuordnung von I 5,30-41 hat dabei weitreichende Kon-
sequenzen für das Verhältnis der hier gebotenen Hohepriesterliste zur Liste von I
6,(34).35-38. Anders als etwa Rudolph (vgl. W.Rudolph, HAT, 61) geht Willi nämlich
davon aus, daß I 6,(34).35-38 "ursprünglich zu seinem [sc.: des Chronisten] Werk ge-
hörten", eine spätere Bearbeitung aber "mit bloß der halben Liste nicht zufrieden war
und daher I 5,27ff. einfügte, anknüpfend an vom Chronisten bereits Gebotenes"
(Th.Willi, Chronik, 214, Anm.35).
27 22 von 80 Belegen in IChr (vgl. J.Kühlewein, Art. iV', 732).
28 Nur in I 17,25 Perf.Qal.
29 Vgl. I 5,6.26; 8,6.7; 9,1; vgl. noch II 36,20.
IChr 6,33-34 125

1.3. IChr 6,33-34 (Aufgaben der Leviten und Priester)

1.3.1. Übersetzung
(33) Und ihre Brüder,
die Leviten,
waren gegeben für den ganzen Dienst der Wohnung des Hauses Gottes.
(34) Aaron aber und seine Söhne waren da -
als Räuchernde auf dem Altar des Brandopfers
und auf dem Altar des Räucherwerkes
für alle Arbeit des Allerheiligsten
und um über Israel zu sühnen
entsprechend allem, das befohlen hatte Mose,
der Knecht Gottes.

1.3.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Die zweite Erwähnung des Mosenamens im Levitenabschnitt der 'genealo-
gischen Vorhalle' findet sich in einer formal und inhaltlich vom Kontext
unterschiedenen Perikope.
Zwar zeigt der Einsatz in V.33 (ΠΓΡΠΧΊ) durch die rückverweisende Ko-
pula und das Suffix zunächst eine Bindung zum vorhergehenden Abschnitt
an. Der Stil- und Themenwechsel - auf die in IChr 6,16-32 gebotene Ge-
nealogie der drei Tempelsänger Heman, Asaf und Etan folgt eine Beschrei-
bung der levitischen und aaronitischen Aufgaben am Tempel30 - berechtigt
jedoch dazu, V.33 als Neueinsatz zu betrachten31.
V.35ff setzen mit ]"ΊΠΚ '33 Π^Χ neu ein und bieten eine bis Ahimaaz rei-
chende Genealogie der Nachkommen Aarons bzw. Eleasars. Diese dient als
Einleitung zu IChr 6,35-66 32 und ist von den vorangehenden Versen formal
dadurch unterschieden, daß hier keine einzige Verbform begegnet.

1.3.3. Parallelen und Quellen


Die Perikope gehört zum chronistischen Sondergut. Für die Beschreibung
der levitischen und priesterlichen Aufgaben - und die damit vorgenommene
Gegenüberstellung - lassen sich innerhalb der Chronikbücher keine direkten
Parallelen finden. Der Sache nach kann im Blick auf das Nebeneinander

30 Vgl. dazu A.H.J.Gunneweg, Leviten, 204: "deutlich werden die Leviten zum Kultper-
sonal gerechnet".
31 Anders z.B. W.Johnstone, Guilt, 128, der in IChr 6,16-38 eine Einheit mit dem Thema
"specification of the chief duties of the levites in the sanctuary" sieht.
32 Vgl. S.Japhet, Conquest, 211.
126 Mose in der 'genealogischen Vorhalle'

von Leviten und Aaroniden etwa IChr 23,32 33 , für die Beschreibung der
priesterlichen Dienste IChr 23,13 verglichen werden 34 .
Bei der Frage nach Anhaltspunkten für die in IChr 6,34 vollzogene Syste-
matisierung - Opferdienst, 'Arbeit am Allerheiligsten', Sühne - kommt vor
allem Ex 30,1-10 in Betracht, wo in V.7 der Opferdienst35 und V.10 die
Sühneschaffung 36 genannt werden. Dort findet sich auch der Begriff BHp
D'tJHj?, allerdings undeterminiert im Sinn von 'hochheilig'. Andere zur Er-
klärung des Hintergrundes von IChr 6,34 herangezogene Stellen37 betreffen
nicht die Dreiteilung, sondern eine allgemeine kultische Begrifflichkeit.
Auch Neh 10,34 kommt als 'Quelle' kaum in Betracht38, ebensowenig Dan
9,24, wo zwar Ί331? und O'tZHp EHp zusammen erscheinen, aber jede Op-
ferterminologie fehlt.

1.3.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Auf die zusammenfassende Beschreibung der levitischen Aufgaben am
Tempel in V.33 folgt in V.34 eine dreiteilige Bestimmung des Dienstes der
Aaroniden, die in dieser Form im Alten Testament nur hier begegnet. Das
zweite Glied dieser Aufgabenbestimmung (V.34a/?) fällt dabei auf, weil ein
Verb fehlt.
Im Blick auf die Zuordnung der Perikope kommt der Frage nach der Ur-
sprünglichkeit von IChr 6,35-38 entscheidendes Gewicht zu. Noth hat
"I.Chr. 6,34-38 vermutungsweise auf Chr zurückgeführt". Er sieht in den
Versen aber weder "eigene Machwerke des Chronisten" noch "authentische
Urkunden". Sie sind vielmehr "in nachexilischer Zeit [...] unter Ver-
wertung einiger altüberlieferter Angaben konstruierte Stammbäume", die
der Chronist "für echt hielt und für seine Zwecke verwendete"39. Dieses

33 Zur möglichen Aufnahme von Num 3,8 vgl. von Rad, der meint, daß in I 6,33 "ein
Hinausgehen über P" zu erkennen ist (G.von Rad, Geschichtsbild, 90).
34 Dort werden 'Heiligung', 'Räuchern', 'Dienen' und 'Segnen' als Aufgaben genannt.
Beachtenswert ist, daß in I 6,34 und 23,13 D'Bhp(n) Bhj? erscheint und das Hi. von
IDp verwendet wird (vgl. dazu unten, 2.5.5). Zur Dreiteilung vgl. II 8,14; 23,18f:
Dreiteilung der levitischen Ämter (s. dazu T.-S.Im, Davidbild, 160f)·
35 vVy T o p m .
36 ρπκ ΊΒ31.
37 Vgl. etwa W.Rudolph, HAT, 60 (Num 18,5 [Opfer]; Num 4,19 u.a. [Arbeit am Aller-
heiligsten]; Lev 4f [Sühne]); vgl. auch G.von Rad, Geschichtsbild, 54: I 6,33f "sind
nicht ohne das Vorhandensein von Ρ zu erklären".
38 Vgl. dazu unten, 1.3.5.
39 M.Noth, ÜSt, 133. Vgl. auch G.von Rad, Geschichtsbild, 108: I 6,33f sind "Nachricht
aus erster chronistischer Hand".
IChr 6,33-34 127

Urteil wird jedoch den gattungsmäßig-formalen Unterschieden zwischen


IChr 6,33f und 35-38 nicht gerecht. Galling führt hier weiter, indem er
zwischen V.33f und V.35-38 unterscheidet: V.33f sind auf den zweiten
Chronisten zurückzuführen und dienen der "Verklammerung" von 6,16-32 -
ebenfalls zweiter Chronist - "mit dem vorgefundenen Stammbaum der Ho-
henpriester", der wiederum IChr 6,1-4 fortführt 40 . Damit wird V.33f als
sekundär gegenüber V.35-38 betrachtet.
Auch Rudolph führt V.33f auf einen "Ergänzer" zurück 41 . Er hält gleich-
zeitig fest, daß ein "Gesetzeskundiger" hervorheben wollte, "daß v.34 im
Vollsinn nur für den Hohepriester zutreffe" und deshalb "durch Zitierung
eines Teils der Hohepriesterliste (35-38) die Söhne Aarons als Hohepriester
definierte" 42 . V. 35-38 eignet so der Charakter einer innerbiblischen Ausle-
gung tertiären Ursprungs.
Demgegenüber hat Willi zu zeigen versucht, daß in IChr 6,16-33 ein se-
kundärer Text vorliegt 43 , IChr 6,35-38 aber ursprünglich chronistisch ist 44 .
Allerdings ordnet er bereits V.34 dem Chronisten selbst zu, übersieht dabei
also den auffälligen stilistischen Bruch zwischen V.34 und 35, der die
Trennung von V.33f und 35-38 nachhaltig unterstreicht.
Meines Erachtens zwingen Kontext und Aufbau der Perikope dazu, IChr
6,33f auf eine zweite Hand zurückzuführen. Diese These soll in den
folgenden Abschnitten weiter untermauert werden.

1,3.5. (Leit)Worte
Die beiden Wendungen O'nVxn TO p t f n rvmy (V.33) und ΕΠρ TOXVn
D'Cnpn (V.34) kommen im Alten Testament nur hier vor 45 . Die beiden zu-
sammenfassenden Tätigkeitsbeschreibungen von Leviten und Priestern sind
also ungewöhnlich und mit Hilfe einmaliger Wendungen formuliert.

40 K.Galling, ATD, 31; vgl. a.a.O., 29f.


41 W.Rudolph, HAT, 59.
42 A.a.O., 60f.
43 Vgl. Th.Willi, Chronik, 60; s. auch a.a.O., 195, Anm.29.
44 Vgl. ebd., und a.a.O., 214, Anna 35: "Daß v.a. V.34 aus der Feder des Chronisten
stammt, macht der Ausdruck VjCW'Vy Ί331? höchst wahrscheinlich: vgl. [Num 8,19],
II 29,24, Neh. 10,34." Dieses Argument reicht jedoch nicht aus, wie vor allem in der
Begriffsuntersuchung zu zeigen sein wird. Willis weiter vorgetragene Argumentation
zielt vor allem auf die "Echtheit" von V.35-38, die tatsächlich anzunehmen ist.
45 mnVD'nO)VKn ri'n 711(1)35? ist dagegen auch in Chr durchaus gebräuchlich (vgl. I
23,24.28.32; 28,21 u.ö.). Der Konstruktion DVI^xn H'3 p t f ö wäre u.U. I 6,17: ρ (TO
nym-VnX vergleichbar. Zum Begriff ΕΠρΠ ΓΟΚ'ΤΏ vgl. Ex 36,4; 38,24.
128 Mose in der 'genealogischen Vorhalle'

Das selten gebrauchte Part. Pass. Qal von |Γΰ (V. 33) begegnet beispiels-
weise in Num 3,9; 8.16.19 46 . Dabei zeigt sich, daß IChr 6,33f die in Num
8,5-22 47 betonte Unmittelbarkeit des Verhältnisses der Leviten zu JHWH
nicht ohne weiteres übernimmt. Die in Num 8,19 den Leviten zugeschrie-
bene Aufgabe ViOeP ' w V y ISS1? steht in einer Spannung mit IChr 6,34 48 .
Mit "IDj? Hiphil ist in IChr 6,34 "das Verbrennen von jeglicher Opferma-
terie auf einem Altar" beschrieben49. Es begegnet in IChr 23,13b ein wei-
teres Mal im Rahmen einer Moseperikope50. Vier der 18 Belegstellen in
den Chronikbüchern haben Aaronnachkommen bzw. Priester als Subjekt 51 ,
die jedoch in IlChr 13,11 zusammen mit Leviten auftreten. In IlChr 26,18
werden sie ]ΊΠΧ",32 genannt. Nur in IChr 6,34 und 23,13 findet sich dage-
gen die Konstruktion V331 (Χ1Π) pHX in Verbindung mit "lBj?. Diese Beob-
achtung darf nicht überinterpretiert werden, sie kann aber den Eindruck
stärken, daß beide Stellen auf eine Hand - und dann eben: die Hand einer
Bearbeitung - zurückzuführen sind.
Das zweite, zur Beschreibung der aaronitischen Tätigkeiten verwendete
Verb, Ί33, erscheint in den Chronikbüchern nur dreimal 52 , ist also kein für
sie zentrales Wort und kann nicht als Beleg für die 'Echtheit' von V.34
dienen 53 . Wie grundsätzlich in P-Texten, sind die Priester Subjekt des Süh-
nevorgangs. Die Verwendung des Infinitivs in Abhängigkeit vom vorange-
henden Partizip Ü'TDpö ist von Num 8,19 unterschieden.
Meines Erachtens liegt die Schlußfolgerung nahe, daß durch die drei-
gliedrige Aufgabenbeschreibung das Ganze des kultischen Bereiches be-
zeichnet werden soll 54 .

46 Vgl. dazu und zur möglichen Bedeutung E.Lipinski/H.-J.Fabry, Art.: ]£U, 710f.
47 Ahnlich auch Num 18,6.
48 Diese Beobachtung bietet einen ersten Anhaltspunkt gegen die genannte Auffassung
Willis.
49 W.Zwickel, Räucherkult, 330. Zwickel sieht hier einen "Räucheraltar entsprechend Ex
30,1-10 vorausgesetzt" und schließt daraus, "daß 1 Chr 6,34 eher zu den Ergänzungen
zu rechnen ist" (ebd.).
50 I 23,13b ist auf eine priesterliche Bearbeitung des Chroniktextes zurückzufuhren (vgl.
unten, 2.5.6).
51 In II 29,11 sind wohl die - als Söhne Hiskias adressierten - Leviten allein angesprochen
(vgl. II 29,5).
52 Vgl. IlChr 29,24; 30,18 - von 101 AT-Belegen, davon wiederum 75% in Ρ (vgl. F.
Maass, Art.: nB3, 844.) - mit Präposition by und Objekt nur noch II 29,24.
53 So Th.Willi, Chronik, 214, Anm.35 und - zustimmend - B.Janowski, Sühne, 161,
Anm.282, der zudem behauptet, I 6,34 stelle einen Neh 10,33f entsprechenden Kontext
dar.
54 Dann muß kein enger Zusammenhang mit dem Versöhnungstag, Lev 16, postuliert wer-
IChr 6,33-34 129

1.3.6. Mose
IChr 6,34 nennt Mose zunächst als Urheber von drei Anordnungen, die das
gesamte Spektrum des Kultes beschreiben.
In diesem Zusammenhang fallt die Wendung iWtt ΠΊΧ "ItPX auf. Das
in der 3.Pers.Sg.Piel formulierte 'Befehlen' des Mose kommt in den Chro-
nikbüchern nur hier und in IChr 15,15 55 vor, begegnet jedoch im Penta-
teuch und vor allem im deuteronomistischen Geschichtswerk häufig 56 . In-
teressant ist dabei das Nebeneinander von Gottes Befehl 'durch die Hand
des Mose' und der Zurückführung von Geboten bzw. Anordnungen auf die-
sen allein. Es könnte auf eine Verselbständigung bzw. Aufwertung der Rol-
le des Mose hindeuten, die durch dessen Auszeichnung mit dem "Uy-Titel
gleichzeitig unterstrichen und in eine angemessene Dimension gerückt
wird 57 .
Zu bedenken ist dabei der Bezugspunkt des "lttfN in IChr 6,34. Wenn
hier V.33f gemeinsam in den Blick genommen werden können 58 , werden
sowohl die levitischen als auch die aaronitisch/priesterlichen Aufgaben am
Heiligtum auf die Autorität des Mose zurückgeführt, auf die sich beide
Gruppen stützen können. Die Erwähnung Moses trägt so zur Gleichstellung
der Leviten und Priester bei bzw. steht zumindest einer Aufwertung der
Aaroniden entgegen.
Die Stellung der beiden Verse vor der - auf den Grundbestand der Chro-
nik zurückgehenden - Genealogie in IChr 6,35-38 ist also nicht zufällig:
Eine spätere Hand will mit ihr einer Überbewertung der Priester wehren,
die durch die zweite Nennung der Hohepriestergenealogie zu befürchten ist.
Dies geschieht mit Hilfe der Erinnerung an die herausragende Rolle des Le-
viten (!) Mose.

den, wie es W.Rudolph, HAT, 60f, tut.


55 Jeweils Sondergut !
56 V33 findet sich dabei nur in Jos 4,10. Jos 22,2 und IIReg 18,12 bieten Vd J1K, Jos 8,35
tea.
57 Zum nay-Titel vgl. unten, Exkurs.
58 Vgl. dazu Jos 4,10, wo weit Zurückliegendes aufgegriffen wird, aber auch Jos 22,2
(mit Bezug auf Num 32,20-22 und Dtn 3,18-20) und IIReg 18,12, wo die ganze
Bundestora gemeint ist.
130 Mose in der chronistischen Daviderzählung

2. Mose in der chronistischen Daviderzählung

2.1. Miszellen zur chronistischen Daviderzählung (IChr 11-29)

"Schon die Tatsache, daß von den 65 Kapiteln der Chronikbücher 19 (1 Chr
11-29) der Geschichte Davids gewidmet sind, zeigt, welche Bedeutung ihm
der Chronist beimißt."1 Das spezifisch chronistische Davidbild läßt sich
dabei aus den charakteristischen Änderungen, der prinzipiell IlSam 5-24
folgenden Kapitel IChr 11-22,1 einerseits und dem Sondergut-Abschnitt
IChr 22,2-29,252 andererseits, erschließen.
Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang beispielsweise das chronisti-
sche Verständnis Davids als König über ganz Israel von Anfang an3, die
Ausklammerung negativer Episoden der Regierung Davids4 und die Neuin-
terpretation der Nathanweissagung5.
Die Kapitel 22-29 thematisieren in großer Breite die von David getroffe-
nen Vorbereitungen für den Tempelbau und die Übertragung der Nachfolge
auf Salomo. Während hier allgemein "kultische und politische Elemente
eng verwoben" sind6, befassen sich IChr 23,(2b)3-27,34 nahezu ausschließ-
lich mit kultischen Fragen.
Vor allem die in der Chronik vorgenommene Rückführung der kultischen
Praxis auf Anordnungen Davids war für die alttestamentliche Forschung des
19.Jahrhunderts Grund, das Davidbild des Chronisten negativ zu bewerten.
Der chronistischen Darstellung Davids wurde dabei entweder jeder histo-
rische Wert abgesprochen, oder sie wurde als Produkt des nachexilischen
'Zeitgeistes' abgetan. So formuliert etwa Wellhausen:

1 A.Carlson/H.Ringgren, Art.: ΤΠ, 179.


2 I 29,26-30 hat seine Parallele in IReg 2,10-12.
3 Vgl. I 11,1; vgl. dazu auch die von ganz Israel vorgenommene Ladeüberfüihrung (I 13-
15; v.a. I 13,4).
4 So fehlen sowohl die Batseba-Erzählung (IlSam llf), als auch die in IlSam 15-20 ge-
schilderten Aufstände gegen David. Vgl. dazu jetzt die anders akzentuierte Sichtweise
von T.Sugimoto, Chronicles, 64-70.
5 Vgl. I 17,1-14 mit IlSam 7,1-16 (v.a. I 17,11.14 im Verhältnis zu IlSam 7,12.16); vgl.
dazu etwa G.J.Botterweck, Eigenart, 421-433; R.Mosis, Untersuchungen, 82-104;
R.Micheel, Seher, 11-18.
6 M.Ssebe, TRE, 76.
Miszellen zu IChr 11-29 131

"Was hat die Chronik aus David gemacht ! Der Gründer des Reichs ist zum Gründer des
Tempels und des Gottesdienstes geworden, der König und Held an der Spitze seiner Waf-
fengenossen zum Kantor und Liturgen an der Spitze eines Schwanns von Priestern und Le-
viten, seine so scharf gezeichnete Figur zu einem matten Heiligenbilde, umnebelt von einer
Wolke von Weihrauch.

Wellhausens Kritik, die - wie diejenige seiner Zeitgenossen - im Kontext


der Bestreitung der historischen Glaubwürdigkeit der Chronikbücher formu-
liert8 ist, geht dabei auch vom in IChr 23-27 gebotenen Listenmaterial aus.
In ihm wollten die älteren Kommentatoren vom Chronisten selbst aus uns
unbekannten Quellen übernommene Stücke erkennen9. Demgegenüber hat
Noth festgehalten, daß diese Kapitel "mit Sicherheit als späterer Zuwachs
zu Chr zu betrachten" sind, wobei "dieser Bestand an Listen und Nachträ-
gen zu einzelnen Listen nach und nach zusammengekommen ist" 10 .
Nach Botterweck steht die sogenannte 'große Einschaltung' damit für die
Frage nach der "Eigenart der chronistischen Davidgeschichte" nicht zur
Verfügung, denn diese "kann und darf nur am literarkritisch erarbeiteten
Grundbestand untersucht werden" 11 . Seine eigene Arbeit will - wie die an-
derer - vor allem das Interesse des Chronisten an David als Idealgestalt auf-
zeigen 12 .
Dieser Sichtweise kann grundsätzlich zugestimmt werden. Allerdings ist
zu bedenken, zu welch unterschiedlichen Ergebnissen die Interpretation des
mit David geschilderten Ideals im Hinblick auf grundlegende theologische
Intentionen des Chronisten führt 13 .
Wenn nun im Rahmen dieser Arbeit grundsätzlich auch die Aussageinten-
tionen sekundärer Bearbeitungen in den Blick genommen werden, eröffnen

7 J.Wellhausen, Prolegomena®, 176f. Positiv wendet die von Wellhausen beschriebene


Schwerpunktsetzung des Chronisten David L.Petersen, indem er die Darstellung Davids
als "patron of the religious establishment, and administrator" bzw. "religious leader"
würdigt (D.L.Petersen, Portraits, 141f [Zit.: 141]).
8 Vgl. dazu aber das Fazit von Rads: "Die großzügige Retusche, die sich der Chronist an
dem Bild des großen Königs erlaubt hat, [...] bedeutet mit vielen anderen Symptomen
ein sehr entschlossenes Eingreifen in die nachexilische theologische Diskussion über
den Davididen." (G.von Rad, Geschichtsbild, 121).
9 Vgl. dazu M.Noth, ÜSt, 113 mit Anm.4.
10 A.a.O., 114; vgl. schon J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 395f; A.C.Welch, Work, 81-
96; vgl. W.Rudolph, HAT, 152f.
11 J.Botterweck, Eigenart, 403.
12 Vgl. a.a.O., 432^35.
13 Vgl. dazu oben, Einleitung, sowie II.l und II.7.
132 Mose in der chronistischen Daviderzählung

sich gleichzeitig neue Verstehensmöglichkeiten für das Davidbild der Chro-


nikbücher in ihrer uns heute vorliegenden Endgestalt.

2.2. IChr 15,11-15 (Heiligung der Priester und Leviten)

2 . 2 . 1 . Übersetzung

(11) Und dann rief David den Zadok und den Abjatar, die Priester,
und die Leviten, den Uriel, Asaja und Joel,
Schemaja und Eliel und Amminadab.
(12) Und dann sprach er zu ihnen:
ihr seid die Familienhäupter der Leviten,
heiligt euch, ihr und eure Brüder,
und führt hinauf die Lade JHWHs, des Gottes Israels,
zu dem Ort8), den ich für sie bestimmt habe.
(13) b)Denn weil ihr beim ersten Mal nicht [da] wart c )
machte JHWH, unser Gott, einen Riß an uns,
denn wir hatten ihn nicht entsprechend der Rechtsordnung
gesucht.
(14) Und dann heiligten sich die Priester und die Leviten,
um die Lade JHWHs, des Gottes Israels, hinaufzubringen.
(15) Und dann hoben die Söhne der Leviten die Lade Gottes hoch,
wie Mose es befohlen hatte, gemäß dem Wort JHWHs,
d)auf ihren Schultern^) mit den Tragestangen über
sich.

Zum Text:
a) Ergänze 'Ort' mit Mss, Peschitta, Targum, Vulgata, Arabica. Die von Rudolph
(HAT, z.St.) vorgeschlagene Ergänzung 'Zelt' ist durch IlChr 6,1 beeinflußt.
b) Für den offensichtlich verdorbenen Versbeginn hat u.a. Rudolph vorgeschlagen, mit
einigen Handschriften nJltfK*13öV zu lesen und das pV kausal aufzufassen (vgl. W.Ru-
dolph, HAT, 116).
c) Auch ohne die bei LXX^ UC bezeugte und etwa von Rudolph (ebd.) übernommene Er-
gänzung 'mit uns' ist in diesem Sinn zu lesen.
d)-d) LXX liest κατά την yραφή ν (= 3VD3). Nach Leslie C.Allen ist dies auf einen
'phonetic error', das heißt die Verwechslung von 3 und B, zurückzuführen (vgl. L.C.Al-
ien, Greek Chronicles. Part II, 124). Nur in IlChr 30,5 übersetzt LXX 3W33 mit κατά την
Ύραφήν (vgl. IlChr 30,18).

2 . 2 . 2 . Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

In IChr 15f wird der zweite Versuch der Ladeüberführung nach Jerusalem
geschildert. D i e Kapitel greifen dabei einerseits über IChr 14 hinweg auf
Kap. 13 zurück. Andererseits setzen sie die in Kap. 14 berichteten Ereignis-
se voraus 1 4 .
IChr 15,11-15 133

IChr 15,1 setzt zunächst mit dem Bau des königlichen Palastes und der
Vorbereitung eines Standplatzes für die Lade ein. V.2 betont, daß David
ausschließlich die Leviten zu Trägern der Lade bestimmt und damit dem
Willen JHWHs entsprochen habe, der den Leviten den Ladedienst zuwies.
Nachdem V.3 die Sammlung ganz Israels anläßlich der Ladeüberführung
beschrieben hat 15 , berichten V.4-10 vom Aufgebot der Aaroniden und Le-
viten und bieten dabei detaillierte Zahlenangaben zu den Leviten.
V . l l stellt eine Doppelung zu V.4 dar. David ruft aaronitische Priester
und die Familienhäupter der Leviten zusammen und spricht zu ihnen
(V.12f) 16 .
V.16 setzt neu ein mit Impf.cons. Τ Π ΊΏΧ'Ί17 und führt die sich un-
mittelbar anschließende Liste der levitischen Sänger in V.17-24a ein.

2.2.3. Parallelen und Quellen


IChr 13-16 zeigen beispielhaft, wie der Chronist seine Vorlage (IlSam 5f)
aufnimmt, interpretiert und erweitert18. Obwohl IChr 15,1-24 zum - rei-
chen - Sondergut dieser Kapitel gehört, hat Welten nachgewiesen, daß ge-
rade auch V. 11-15 auf IlSam 6,1-11 zurückgreifen und diese Verse weiter-
führen 19 . Während die Vorlage allein das Vergehen Usas für das Scheitern
der ersten Ladeüberführung verantwortlich macht, zeigen IChr 15,13.15
"deudich, daß der Grund ganz woanders liegt. Die Ladeüberführung muß
'rite' vollzogen werden durch das dafür vorgesehene Kultpersonal, die Le-
viten" 20 .

14 Zum Zusammenhang von I 13-16 vgl. P.Welten, Lade, 173-177.


15 Vgl. dazu a.a.O., 176.
16 Priester und Leviten werden schon bei der ersten Ladeüberfuhrung genannt, wo sie aber
nicht aktiv beteiligt sind (vgl. 113,2).
17 Zur Verwendung des Narrativs als Gliederungselement vgl. J.Kegler/M.Augustin, Syn-
opse, 54f.
18 Vgl. dazu G.J.Botterweck, Eigenart, 412-420, und P.Welten, Lade, 173-177.
19 Vgl. a.a.O., 176. Die direkte Parallele zu IlSam 6,1-11 findet sich in I 13,1-14. Vgl.
dazu schon W.E.Barnes, Chronicles, der die Spezifizierung des Ladetragens im Ver-
gleich zu IlSam 6,12-17 der von ihm erhobenen Kategorie "additional or corrective de-
tails giving in Chronicles a more definite turn (or sometimes a different turn) to the old
narrative" zuordnet (a.a.O., 316).
20 P.Welten, Lade, 176. Vgl. zu V. 11-15 S.Japhet, Ideology, 475: "In this explanatory
passage the blame is shifted from Uzzah to David."
134 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Mit der in V.13 so nachhaltig unterstrichenen exklusiven Stellung der


Leviten beim Transport der Lade greift der Text auf Dtn 10,8 zurück 21 ,
auch V.15aa nimmt mit der Wurzel X273 Dtn 10,8 auf. Durch die in IChr
15,15b vorgenommene Spezifizierung der Art und Weise des Ladetranspor-
tes werden dagegen Verbindungen zu Num 7,9 22 und Ex 25,13f; 37,4f2 3
hergestellt. Dabei wird gleichzeitig deutlich, daß die Wendung 'wie Mose
befohlen hatte, gemäß dem Wort JHWHs' nicht ein spezielles Gebot auf-
greift, sondern verschiedene Schriftstellen voraussetzt24.

2.2.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Die Perikope läßt sich in zwei Abschnitte gliedern: Auf die Rede Davids in
V.ll-13 folgt in V.14.15aa die Ausführung der in V.12 gegebenen Anord-
nungen. Dabei fällt auf, daß in V.12 nur die Β ' Ί ^ ΠΠΚΠ 'ΦΧΊ angespro-
chen werden, während V.14 die von Priestern und Leviten, deren Reprä-
sentanten in V. 11 zusammen zu David gerufen worden waren, gemeinsam
vollzogene Heiligung schildert.
Curtis/Madsen möchten das Problem durch den Hinweis darauf lösen,
daß der Begriff 'Leviten' in V.12 in einem einschließenden Sinn gebraucht
sei 25 . Rudolph dagegen hält - in Anlehnung an Rothstein/Hänel und Welch
- sowohl 1 D'anan -irvax1?! ρηχ·? (V.ll) als auch 1 D'anan (V.14) für Zu-
sätze einer späteren Hand, der "bei einer so wichtigen Handlung, wie es die
Überführung der Lade war, die Priester zu kurz zu kommen" schienen26.
Rudolphs Lösung setzt die plausible Annahme voraus, daß der Grundbe-
stand von IChr 15,11-15 auf den Chronisten selbst zurückgeht27.

21 Dort aber Via für 'erwählen', während ΊΠ3 in Dtn 18,5 die Erwählung der Priester und
in Dtn 21,5 die der 'iV '33 O'jrO bezeichnet.
22 lxür ηη33 onty κπρπ m a j n a in: xV nnp 'iaVi; vgl. Num 4,15.
23 Dort jedoch 0H3 statt JTIBtt (vgl. dazu aber W.Rudolph, HAT, 117 mit Anm.2).
24 Vgl. S.Japhet, Ideology, 243.
25 Vgl. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 213; s.auch S.Japhet, Ideology, 91, Anm.262.
26 W.Rudolph, HAT, 115; vgl. auch H.G.M.Williamson, NCBC, 123f, und - für V.lla0
- P.Welten, Lade, 173. Anders Willi, der meint, daß in I 15 die Unterordnung der Le-
viten unter die Priester vorausgesetzt werde, und deshalb nur V . l l b für eine "spätere
Zutat" hält (Th.Willi, Chronik, 196). Daß in I 15,1-25 "a literary unit which describes
the involvement of the Levites in the twofold task of transporting the ark and
performing the ministry of song to the Lord" vorliege, postuliert jetzt wieder
J.W.Kleinig, Institution, 78f.
27 Vgl. dazu unten, 2.2.5 - vor allem den Gebrauch von fID in V.13, dem im chronisti-
schen Bestand von I 13-16 'Leitwortcharakter' zukommt (so R.Mosis, Untersuchungen,
60f, und L.C.Allen, Kerygmatic Units, 27f). Zur Echtheit von I 15,11-15 vgl. auch
K.Galling, ATD, 48; Th.Willi, Chronik, 196; P.Welten, Lade, 173.
IChr 15,11-15 135

Dabei ist meines Erachtens jedoch die Frage nach der Zuordnung von
V.15a/J.b neu zu stellen28. Anlaß für diese Überlegung ist die Beobach-
tung, daß die Ausführung der Anordnung Davids in V.15aa abgeschlossen
ist und IChr 15,25ff hier nahtlos anknüpfen. Auch die unterschiedlichen
'Quellen' können auf Unterschiede zwischen V.ll-15aa und V.15a/3.b hin-
weisen. Dazu tritt schließlich der Befund, daß V.ll-14.15aa eine ganz an-
dere Aussageintention eignet als V.15a/3.b. Während erstere - unter Auf-
nahme von IChr 15,2 - festhalten, daß der erste Überführungsversuch schei-
terte, weil die Leviten nicht beteiligt waren 29 , nimmt V.15a/3.b allein die
Art und Weise des Transports in den Blick: Die Leviten tragen die Lade
"so, daß nur die Tragstangen, nicht die Lade selbst, ihre Schultern be-
rühren" 30 . Darüber hinaus klingt hier an, daß der nach IChr 13,7 verwen-
dete Wagen dem Befehl des Mose widersprochen habe, der - gemäß dem
Wort JHWHs - einzig den Transport der Lade durch Stangen für legitim er-
klärte 31 .
Durch IChr 15,11-15aa und IChr 15,15a/?.b wird so eine Gegenüberstel-
lung von David und Mose bewirkt. Während der Chronist David als Urhe-
ber des Gebotes, allein die Leviten seien zu Ladeträgern bestimmt, in den
Mittelpunkt stellt, hebt eine Überarbeitung hervor, daß - allein - Mose an-
geordnet habe, wie die Lade korrekt zu tragen sei 32 .
Diesem Gegensatz soll unten weiter nachgegangen werden. Zunächst ist
zu prüfen, ob sich aus einer Betrachtung der (Leit)Worte der Perikope wei-
tere Anhaltspunkte für deren Zuordnung erheben lassen.

2.2.5. (Leit)Worte
Ein wichtiger Anhaltspunkt für die Zuordnung der 'Priester' in V.lla/3.
14a/3 zu einer späteren Bearbeitung ist die Tatsache, daß sich David nach
dem chronistischen Bericht in V.12 explizit an die 'Familienhäupter der Le-
viten' wendet. Der Titel fVQX(n) 'tflO 3 3 begegnet in erster Linie in nach-

28 Vgl. dazu J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 309, die von einem "glossatorischen Hinweis
auf Moses in v.15" sprechen.
29 Vgl. R.L.Braun, WBC, 188 (vgl. auch I 13,1-11).
30 J.Becker, 1 Chronik, 69.
31 Vgl. dazu andeutungsweise J.Goettsberger, HSAT, 121f.
32 Vgl. dazu I 23,25f und II 35,3, wo David bzw. der Davidide Josia die Leviten von der
Pflicht des Ladetragens entbindet.
33 Vgl. I 8,6.10.13.28; 9,9.33.34; 15,12; 23,9.24; 24,6.31; 26,21.26.32; 27,1; II 1,2;
23,2; 26,12. Vgl. für Chr noch folgende Varianten: Κ7ΚΊ (I 11,6 [2mal - im Sinn von
Hauptmann]; 26,12 [2mal]; 29,11 [JHWH]); D W l ( n ) (I 7,3; 8,28; 9,34); fl'aV B W I
7ΤΠΚ (I 24,4); DTTOX-iraV D'tfKT (I 7,2; 9,13); Dnasn 'WO (I 24,4); H'a ' t f t n
136 Mose in der chronistischen Daviderzählung

exilischen Schriften 34 und weist vor allem auf die Bedeutung, die dem J1'3
ni3S als der "kleinste[n] rechtsfähige[n] Gemeinschaft innerhalb des Volks-
ganzen" 35 in nachexilischer Zeit zukam, hin. Dem korrespondiert die Tat-
sache, daß der tfNI-Titel nur in vier von gut 35 Belegen in den Chronikbü-
chern außerhalb von Listen erscheint 36 . Eine Sichtung der einschlägigen
Belege macht schließlich deutlich, daß die Chronikbücher in der uns vorlie-
genden Endgestalt zwar von 'Familienhäuptern der Leviten' sprechen, die
'Familienhäupter der Priester' aber nur zusammen mit den 'Familienhäup-
tern der Leviten' vorkommen 37 .
Während der Begriff ίΤΠΧΠ 'ϋΧΊ vom Chronisten zunächst allein auf die
Leviten bezogen wurde, ist der für die erste Aufforderung Davids an die
Leviten verwendete Begriff, ΙΕΠρΓΙΠ, chronistischer terminus technicus für
die levitische und priesterliche Vorbereitung auf kultische Zeremonien 38 .
Durch ihn wird der sich unmittelbar anschließende Befehl, die Lade an ih-
ren Ort hinaufzutragen, als sakrale Handlung qualifiziert 39 .
Mit dem zweimaligen Gebrauch von rtVy in IChr 15,12.14 wird die Kor-
respondenz zwischen der Aufforderung Davids und der Ausführung durch
die Leviten unterstrichen. Durch den Wechsel des im Zusammenhang von
IChr 13-16 mehrmals zur Bezeichnung des Ladetransportes verwendeten
Xfra 40 in V.15aa wird die Verbindung zur Fortsetzung in IChr 15,25ff her-
gestellt.
Mit "pS (V.13) begegnet ein weiteres "keyword" von IChr 13-15 41 . Aus-
drücklich betont ist hier der enge Zusammenhang zwischen der von JHWH

(D)JVnK(n) (I 5,24; 7,7.9.40); Π13ΚΠ nrfM Π1Β0Π 'tfKI (II 5,2). Vgl. dazu die Tabelle
in: L.Rost, Vorstufen, 65f.
34 Vgl. a.a.O., 66. Vgl. zum Begriff J.P.Weinberg, ΒΕΓΓ 'ÄBÖT. Weinbergs Versuch,
die zentrale Bedeutung der ΙΪΙ2Κ TO für das nachexilische Juda herauszuarbeiten (vgl.
besonders a.a.O., 409f.413f) stützt sich dabei ausschließlich auf das in Esr/Neh gebo-
tene Material.
35 P.Welten, Geschichte, 84; vgl. auch a.a.O., 88.
36 Vgl. I 15,12; 26,26; II 1,2; 23,2 (abgesehen von I 11,6 und 29,11 - dort aber mit ande-
rer Bedeutung).
37 Vgl. 19,33f mit 124,6.31.
38 Vgl. S.Japhet, Authorship, 341f. EHj? Hitp. bezeichnet allerdings auch die Vorberei-
tung "des Volkes für die Paschafeier" (W.Kornfeld/H.Ringgren, Art.: CHp, 1193).
39 Vgl. dazu R.L.Braun, Message, 506: "Chapters 15 and 16 deal exclusively with cultic
concerns."
40 Vgl. I 15,2.26.27 (vgl. dazu Th.Willi, Chronik, 62, Anm.63: JT1X Κ&Ϊ ist ein aus
IlSam 6 übernommener "Leitbegriff[s]").
41 Vgl. L.C.Alien, Kerygmatic Units, 27f. Ahnlich R.Mosis, Untersuchungen, 60f. In II
24,4.7 erscheint das Verb ein weiteres Mal im Zusammenhang einer Moseperikope.
IChr 15,11-15 137

geschlagenen "Bresche in das Volksganze"42 und dem mangelnden 'Sich-


Kümmern' um JHWH43. Wie konkret ΒΓΠ gedacht ist, macht das sich an-
schließende BD2703 deutlich, dessen Bedeutung allerdings umstritten ist.
DStfö wird in den Chronikbüchern grundsätzlich "mehrschichtig" ge-
braucht und bezeichnet sowohl "einzelne Bestandteile des Gesetzes Jahwes"
als auch "von Menschen erlassene Verordnungen" sowie "'Recht, Ordnung'
im allgemeinen" 44 . Über die Beobachtung von de Vries hinaus, derzufolge
"with its variations pertains regularly to ritual details in the Penta-
teuchal festival code" 45 , hat Welten postuliert, daß der Begriff in IChr
15,13 nicht mit 'wie es recht ist' zu übersetzen sei. Vielmehr bezeichne
ÜS27Ü3 "hier bereits das Gesetz des Mose [...], wie V.15 expliziert und wie
weiter entsprechende Formulierungen deutlich machen" 46 . Nur in IlChr
30,16 wird jedoch die Entsprechung von DBItfaa und m i n explizit her-
vorgehoben 47 . Zur Deutung von ÜBtiüD in IlChr 35,13 darf V.12 (31X133
ntfö ΊΒ03) nicht ohne weiteres herangezogen werden 48 . Demgegenüber
geht die levitische Ordnung in IChr 6,17 (OBBtPM) ebenso auf David zu-
rück wie in IlChr 8,14 (ΤΠ Ü3tfö3) 49 . Meines Erachtens steht der von
Welten für ursprünglich gehaltenen Verbindung von IChr 15,13 und IChr
15,15a/3.b zunächst entgegen, daß BStföD in V.13 auch ohne die Fortset-
zung verständlich ist. Auch die unterschiedliche Aussageintention beider
Verse, die durch ihre unterschiedlichen Bezüge unterstrichen wird 50 ,
widerspricht einer solchen Interpretation.
Während das in V.ll-15aa begegnende Vokabular die Zuordnung der
Verse zum chronistischen Grundbestand unterstützt, hebt sich dasjenige von

42 J.Conrad, Art.: p S , 766.


43 Zu dieser Bedeutungsvariante vgl. C.Westermann, Begriffe, 15. Zu 27Π s. auch unten,
2.3.5.
44 R.Hentschke, Satzung, 96, Anm.265.
45 SJ.de Vries, Moses, 630.
46 P.Welten, Lade, 176f (zu den Belegen zählt Welten hier II 30,16, wo es aber heißt:
ruro Jimro DDBTOD; er verweist noch auf II 33,8: Hü?» T 3 [„.] ΠΊ1ΠΠ VaV und II
35,13, wo DStraa tatsächlich im Zusammenhang mit niTO Ί90 (V.12) steht.
47 Dabei fällt auf, "that no specific Pentateuchal support can be found for the stationing of
priests and Levites during the Passover ritual, as this passage would seem to demand"
(SJ.de Vries, Moses, 630); vgl. dazu unten, 4.5.
48 Vgl. dazu unten, 4.8.3.
49 Vgl. I 24,19: ]"ΙΠΝ T 3 DDBtTOS. Auch in I 23,31; II 4,7.20 fehlt die direkte Erwähnung
von Mose oder 'seiner' Tora. Zu I 23,13 und II 33,8 (D'DEMI O'pn) s. unten, 2.5 und
4.6.
50 Zu I 15,13 vgl. I 15,2.
138 Mose in der chronistischen Daviderzählung

V.15a/3.b hiervon ab. Im Sinn von 'Schulter' wird *]ίΌ in den Chronikbü-
chern nur noch in IlChr 35,3 51 verwendet, HDÖ erscheint nur hier. Darüber
hinaus gebraucht die Chronik, anders als der Pentateuch oder das deutero-
nomistische Geschichtswerk52, Π12 mit dem Subjekt Mose nur noch in IChr
6,34 und damit innerhalb eines aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine
Überarbeitung zurückzuführenden Zusammenhanges.

2.2.6. Mose
Die vorangegangenen Ausführungen bestätigen die Hypothese, nach der die
Erwähnung des Mose in IChr 15,15a/3 auf die Hand einer späteren Bearbei-
tung zurückgeführt werden muß.
Diese bewirkt eine Gegenüberstellung von David und Mose, indem sie
unter anderem die von David in IChr 15,2 getroffene Anordnung relati-
viert 53 und festhält, daß letztlich erst die Beachtung einer auf Mose zu-
rückgeführten Vorschrift die erfolgreiche Ladeüberführung ermöglichte.
Von daher ist die These Ims, nach der sich dem Chronisten das Verhältnis
von Mose und David "nicht als das einer Überlegenheit und Minderwertig-
keit" darstelle, sondern er im Gegenteil in David einen überzeugten
"Ausführer des Gesetzes Moses" sehe 54 , kritisch zu hinterfragen.
Der durch die Einfügung von V.15a/3.b bewirkte Gegensatz gibt erste
Hinweise auf die Herkunft ihrer Urheber. Weitere Hinweise auf deren Iden-
tität würden greifbar, wenn den Ergänzern die auf eine priesterliche Über-
arbeitung zurückzuführenden Erweiterungen in V . l l . 14 schon bekannt ge-
wesen wären. Es ist beachtenswert, daß auch V.15a/?.b vor allem die Rolle
der Leviten unterstreicht und dem levitischen Amt des Ladetragens ein grö-
ßeres Gewicht und die ihm gemäße Verortung verleiht, indem sie es auf die
Autorität des Mose zurückführt.

51 Vgl. dazu unten, 4.8.3.


52 Vgl. z.B. Ex 16,24; Lev 9,5.21; Dtn 33,4; Jos 1,13; 22,5 u.ö.
53 Die Spannung zwischen I 15,2 und 15 hält auch Japhet fest, ohne jedoch eine Lösung
des Problems anbieten zu können (vgl. S. Japhet, Ideology, 238, Anm.130).
54 T.-S.Im, Davidbild, 103.
IChr 21,26b-22,l 139

2 . 3 . IChr 2 1 , 2 6 b - 2 2 , l (Das Opfer Davids)

2 . 3 . 1 . Übersetzung

(26b) Und dann rief er zu JHWH


und dann antwortete der ihm mit Feuer vom Himmel.
(27) Und dann sprach JHWH zu dem Engel
und dann steckte der sein Schwert in die Scheide,
(28) zu demselben] Zeit,
als David sah,
daß JHWH ihm auf der Tenne Araunas, des Jebusiters, antwortete.
Und dann schlachtopferte er dort.
(29) Und die Wohnstatt JHWHs,
die Mose gemacht hatte in der Wüste,
und der Brandopferaltar
waren zu derselben] Zeit auf der Höhe in Gibeon.
(30) Und David konnte nicht vor sein Angesicht treten, um Gott zu suchen,
denn er war mit Schrecken erfüllt
vor dem Schwert des Engels JHWHs.
(22,1) Und dann sprach David:
Dieses ist das Haus JHWHs, Gottes,
und dieses ist der3) Altar für das Brandopfer in Israel.

Zum Text:
a) Auch ohne LXX (το θυσιαστήριοι>) - und die im Anschluß daran von von einigen vor-
genommene Ergänzung des Artikels (vgl. J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 363, und W.Ru-
dolph, HAT, 148) - kann "7ΚΊ4?'1? ntyV Π3ΙΜ determiniert übersetzt werden (vgl. R.Mosis,
Untersuchungen, 118f, Anm.118).

2 . 3 . 2 . Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Die Erzählung von Auffindung und Erwerb des Tempelplatzes (IChr 21)
leitet den letzten Teil der chronistischen Davidgeschichte ein. IChr 21,1-17
berichten von der durch David initiierten Volkszählung, dem durch sie her-
vorgerufenen Zorn JHWHs und Davids Schuldbekenntnis angesichts der
Bedrohung Jerusalems. V . 1 8 - 2 6 a setzen die Erzählung mit dem vom Pro-
pheten Gad an David übermittelten Auftrag, auf der Tenne Araunas einen
Altar zu errichten, fort. Der Bericht schließt mit der Schilderung des
Kaufes der Tenne und des ersten Opfers Davids auf ihr.
Während in IChr 21,1-26a die Vorlage aus IlSam 24 mit charakteristi-
schen Änderungen aufgenommen ist 5 5 , folgt in IChr 21,26b-27,34 chroni-

55 Vgl. dazu R.Mosis, Untersuchungen, 108-116; vgl. auch E.Nicole, Un cas de


relecture, sowie die - vor allem das Problem des Verhältnisses vom Chr-Text zu 4QSam
aufgreifende Erwiderung darauf von S.Romerowski, A propos de la relecture (vgl. dazu
auch W.E.Lemke, Problem, 355ff).
140 Mose in der chronistischen Daviderzählung

stisches Sondergut. IChr 21,26b-22,l stehen dabei in engem Zusammen-


hang mit den vorangegangenen Versen: Indem die Perikope eine weitere
'Ätiologie' für den künftigen Tempel bietet, spitzt sie IChr 21,18-26a zu 5 6 .
Die Abgrenzung der Perikope nach hinten ist eindeutig, da Τ Π Ί0ΧΊ in
IChr 22,2 einen neuen Sinnzusammenhang einleitet 57 . Ihre Abgrenzung
nach vorne bereitet dagegen - durch hier auftretende syntaktische und li-
terarkritische Probleme mitbedingte - Schwierigkeiten. In der Regel wird
eine Zäsur zwischen V.27 und V.28 gesetzt und IChr 21,28-22,1 als "eine
abschließende Notiz, die das ganze Geschehen in seinem Ergebnis zusam-
menfaßt und so den Sinn des ganzen Kapitels angibt", verstanden 58 . Willi
trennt jedoch - unter Berufung auf von Rad - IChr 21,26b-22,l als 'chroni-
stische Glosse' in Form einer Schlußnotiz vom Vorhergehenden 59 . Seiner
Meinung nach ist hier einerseits der "Schluß aus 2.Sam. 24, daß Gott sich
bereits zur Zeit Davids für die Stätte seines Hauses entschieden habe", auf-
genommen, andererseits liegt eine "Typologisierung nach Ri. 6,21" vor 60 .
Auch Japhet betrachtet - im Anschluß an Alexander Rofe - IChr 21,26b-
22,1 als Einheit und begründet ihre Auffassung mit inhaltlichen Überlegun-
gen: "On the one hand, these verses accentuate the selection of Oman's tre-
shing floor as site of the future Temple; on the other, from within the con-
text of the centralization of Israelite worship, they express some reservation
concerning David's act." 61
Für die communis opinio spricht zunächst, daß ΝΤΙΠ JIJD innerhalb der
Chronikbücher gelegentlich eine Gliederungsfunktion wahrnimmt 62 . Da die
Formulierung allerdings nur hier im Zusammenhang mit einer präpositio-
nalen Wendung erscheint, ist diese Funktion nicht ohne weiteres auf IChr
21,28 übertragbar. Meines Erachtens sprechen vor allem inhaltlich-struk-

56 Anders S.J.de Vries, FOLT, 178-180, der I 21,28-22,1 als Einleitung zu den Tempel-
bauvorbereitungen versteht.
57 Erneut begegnet hier der Narrativ als Gliederungselement (vgl. J.Kegler/M.Augustin,
Synopse, 54f, und oben, 2.2.2). Anders aber J.Becker, lChronik, 89, der es für
möglich hält, I 22,1 zum Folgenden zu rechnen.
58 R.Mosis, Untersuchungen, 116; vgl. W.Rudolph, HAT, 147; E.L.Curtis/A.A.Madsen,
ICC, 254; J.Goettsberger, HSAT, 159; H.G.M.Williamson, NCBC, 150f; M.Noth,
ÜSt, 137, Anm.6.
59 Vgl. Th.Willi, Chronik, 174, undG.vonRad, Geschichtsbild, 101.
60 Th.Willi, Chronik, 174.
61 S.Japhet, Ideology, 143.
62 Vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 54. Diese fassen jedoch I 21,1-22,1 als gattungs-
mäßige Einheit auf (vgl. a.a.O., 226).
IChr 21,26b-22,l 141

turelle Argumente für die Annahme einer Zäsur nach V.26a, die sich auch
darauf berufen kann, daß in IChr 21,26b-22,l chronistisches Sondergut
vorliegt. Im Rahmen einer Untersuchung des Mosebildes der Chronikbü-
cher ist es in jedem Fall sinnvoll, V. 26b. 27 mitzubedenken.

2.3.3. Parallelen und Quellen


Nachdem bereits festgestellt wurde, daß die Perikope zum Sondergut ge-
hört, ist in diesem Abschnitt vor allem nach gegebenenfalls hinter den
Versen stehenden Anklängen an den Pentateuch oder an Motive aus anderen
biblischen Büchern zu fragen.
Willi macht darauf aufmerksam, daß IChr 21,26b die in V.20f.23 einset-
zende "Typologisierung nach der Begegnung Gideons mit dem Engel Jah-
wes" fortsetzt 63 und relativiert dabei die Bedeutung der etwa von Rudolph
genannten Bezüge zu Lev 9,24 und IReg 18,3V64. Meines Erachtens sind
Anklänge an die Erzählung von IReg 18,24ff allerdings durchaus erkenn-
bar 65 .
V.29 nimmt einerseits IChr 16,39 wieder auf, andererseits rekurriert der
Vers auf die in Ex 26,Iff; 27,Iff nach dem Bericht von Ρ an Mose ergehen-
de Aufforderung zum Bau von Wohnstatt (pttfon) und Altar (Π3Τ0)66.
In IChr 22,laß schließlich liegt nach Rothstein/Hänel und Rudolph ein
"Anklang" an Gen 28,17 vor, der einer antisamaritanischen Polemik Aus-
druck verleihe 67 .

2.3.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Im Blick auf den Aufbau der Perikope bieten die vier mit Imperfekt conse-
cutivum eingeleiteten Verbalsätze in V.26b.27 zunächst keine Schwierigkei-
ten 68 . Der Zusammenhang von IChr 21,28-22,1 ist dagegen umstritten.

63 Th.Willi, Chronik, 157.


64 Vgl. W.Rudolph, HAT, 147. Dort auch ein Verweis auf II 7,1.
65 Vgl. unten, 2.3.5.
66 Die in Ex 36,8-38 geschilderte 'Ausführung' zu Ex 26,Iff setzt zwar mit Plural ein,
V.lOff sind jedoch singularisch formuliert. Nach Ex 38,1-7 führt Bezalel die 'Anord-
nung' von Ex 27,Iff aus (vgl. 37,1).
67 W.Rudolph, HAT, 148; vgl. J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 385, und E.L.Curtis/A.A.
Madsen, ICC, 254. Vgl. dagegen R.L.Braun, WBC, 218, der diese Überlegung für
"far from apparent" hält.
68 Galling stellt allerdings aus inhaltlichen Gründen V.30 vor V.27 und überlegt, daß die
Umstellung auf den zweiten Chronisten, dem er V.29 zuweist, zurückgehen könnte
(vgl. K.Galling, ATD, 62).
142 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Gegen die "gewöhnlichejn] Annahme, daß 28b Nachsatz zu 28a sei und
von der Aufnahme des regelmäßigen Opferdienstes auf der Tenne rede",
versteht Rudolph - in Anlehnung an Curtis - V.28a zusammen mit V.28b
als Protasis, deren Apodosis erst in IChr 22,1 folgt. V.29f stellt dann eine -
überlange - "Parenthese" dar 69 . Dieser Hypothese hat Mosis aus verschie-
denen Gründen widersprochen. IChr 22,1 kann seiner Meinung nach des-
halb nicht auf den von David erbauten Altar zurückblicken, weil Π1ΓΡ ΤΊ'3
Ο'Π^ΝΠ sonst in einem "vom sonstigen ehr Sprachgebrauch abweichenden,
abgeschwächten Sinn" 70 verstanden werden muß. Die Annahme einer Par-
enthese ist in seinen Augen grundsätzlich problematisch und vermag die in
V.28 auftretenden Probleme nicht wirklich zu klären 71 . Mosis selbst ver-
steht V.28a wieder als Protasis zur Apodosis in V.28b. So kann er einer-
seits das in V.26 eingerichtete einmalige Opfer vom nach V.28 institutiona-
lisierten regelmäßigen Opfer trennen. Andererseits ist es dann möglich,
zwischen V.28-30 als "dem bereits eingerichteten Vorläufigen" und IChr
22,1 als "der noch zukünfigen Funktion des Ortes' auf der Tenne Omans"
zu unterscheiden. Dabei wird V.27 seiner Meinung nach in "die Stellung ei-
ner [...] nebensächlichen Bemerkung gerückt". V.29f schließlich sagen aus,
"daß der davidische Opferdienst auf der Tenne Omans in Jerusalem die
Dignität des mosaischen noch nicht erreichen konnte" 72 .
Auch Mosis' Lösung überzeugt jedoch nicht vollständig. Zunächst ist das
von ihm postulierte Verständnis von IChr 22,1 unter anderem deshalb pro-
blematisch, weil es den Zusammenhang von IChr 21,(26b.27)28-22,1 letzt-
lich auflöst. Zudem vermag seine Interpretation die Probleme von V.28b-30
ebensowenig zu klären wie die V.27 zukommende Bedeutung 73 .
Wirklich hilfreich ist meines Erachtens allein der Versuch, IChr 22,28-
22,1 im Zusammenhang mit V.26b.27 zu interpretieren. Dann kann das
Impf. cons, in V.28b als Fortsetzung der Impf. cons.-Reihe in 26b. 27 aufge-
faßt werden, in die der präpositionale Ausdruck von V.28a - als V.27b er-
läuterndes Moment - eingeschoben wurde. Π3ΓΊ bildet so zusammen mit
VjH (V.26a), X-Ip'l (V.26b), 1Π2Γ1 (V.26b) und "ΙΏΝ1! (V.27) eine Rei-
he 7 4 , die schließlich durch Τ Π in IChr 22,1 abgeschlossen wird.

69 W.Rudolph, HAT, 148; vgl. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 254, und R.L.Braun,


WBC, 213.215.
70 R.Mosis, Untersuchungen, 117.
71 Vgl. a.a.O., 118.
72 A.a.O., 118f.
73 Das macht seine Paraphrase von I 21,28-22,1 mehr als deutlich (vgl. a.a.O., 119).
74 So erübrigt sich die Frage, ob hier auf einen zukünftigen, regelmäßigen Opferdienst in
IChr 21,26b-22,l 143

Auch wenn V.28 so sinnvoll in den Zusammenhang eingeordnet werden


kann, bleibt das Problem der Verse 29f, die den Ablauf der Perikope stö-
ren. Aus diesem Grund haben etwa Rothstein/Hänel versucht, beide Verse -
zusammen mit V.28 - "auf die Hand des Ch R zurückzuführen", sie also
"der letzten Redaktion seines [sc.: des chronistischen Autors] Werkes" zu-
zuweisen 75 . Gegen diese Ausscheidung wendet sich Rudolph, weil sie ein
falsches Verständnis von V.28 voraussetze76. Mosis stellt ihr seine
Hypothese zur Aussage von IChr 22,1 gegenüber, während Williamson
meint, die Gründe der Befürworter einer sekundären Erweiterung durch den
Hinweis darauf entkräften zu können, daß V.30 sich auf IChr 21,16 be-
ziehe 77 . Meines Erachtens bieten jedoch weder Rudolph noch Mosis oder
Williamson eine hinreichende Erklärung für die zwischen IChr 21,26b-28;
22,1 und IChr 21,29f bestehende Spannung.
Die in V.30 geschilderte Furcht Davids steht im Widerspruch zur Bestäti-
gung seines Opfers in V.26b und dem in V.27 ausdrücklich festgehaltenen
Ende der Bedrohung. Sie wirkt deshalb unmotiviert. Weil V.30 David ne-
gativ charakterisiert78, kann V.29f nicht als - angesichts der Schilderung
des Opfers Salomos in Gibeon (IlChr 1,3-6) notwendig werdende - Apolo-
gie seines Verhaltens verstanden werden 79 . Auch das Postulat einer Paren-
these vermag die Spannung zwischen dem positiven Davidbild von IChr
21,26b-28; 22,1 und dessen Abwertung in IChr 21,29f nicht hinreichend zu
erklären.
Deshalb ist es meines Erachtens notwendig, erneut zu überlegen, daß
zwar nicht IChr 21,28-30, wohl aber V.29f auf eine spätere Hand zurück-
gehen 80 .

Jerusalem angespielt wird, ebenso wie diejenige nach der dann problematischen Kon-
kurrenz zur weiterbestehenden Opferstätte in Gibeon.
75 J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 393; vgl. C.F.Steuernagel, Einleitung, 397: "21,28-30
sind wohl ein Zusatz, der das V.26 gemeldete Opfer rechtfertigen sollte".
76 Vgl. W.Rudolph, HAT, 149.
77 Vgl. H.G.M.Williamson, NCBC, 151; vgl. auch Paul E.Dion, der V.29f als Ausdruck
des "apologetic strand woven by the Chronicler into the fabric of the census narrative"
versteht und meint, die in V.30 erwähnte Furcht Davids sei vom Chronisten in V.16.27
bewußt vorbereitet worden (P.E.Dion, Angel, 115).
78 Vgl. die Aussagen und nyai.
79 So andeutungsweise W.Rudolph, HAT, 148 und J.Goettsberger, HS AT, 159f. Vgl.
auch S.J.de Vries, FOLT, 179f, nach dessen Meinung V.29f die Abwertung des Hei-
ligtums in Gibeon gegenüber demjenigen von Jerusalem zum Ausdruck bringen sollen.
Vgl. auch E.P.Dion, Angel, 115. Siehe dazu auch W.M.L.de Wette, Kritischer
Versuch, 108-113. Die Notwendigkeit einer Apologie setzt überdies die überflüssige
Korrektur des MT in I 22,1 voraus.
144 Mose in der chronistischen Daviderzählung

2.3.5. (Leit)Worte
Die im Alten Testament gebräuchliche Verbindung von (V.26b) und
nay (V.26b.28) 81 begegnet in den Chronikbüchern nur hier. Die auffällige
Nähe zum Vokabular von IReg 18,24ff könnte darauf hinweisen, daß der
Chronist nicht allein Jdc 6 typologisiert, sondern auch Anklänge zu dieser
Episode deutlich machen will.
Mit "IÖX wird in V.27; 22,1 eines der Leitworte von IChr 21,1-26 aufge-
nommen 82 .
Das absolut gebrauchte Π3Τ (V.28) findet sich vor allem im Sondergut der
Chronikbücher, ist dort jedoch überwiegend negativ besetzt83. Auch wenn
deshalb für IChr 21,28 eine spezifische Bedeutung nicht ohne weiteres er-
hoben werden kann, fällt auf, daß V.28 "?JH in V.26 ergänzt. Es ist daher
problematisch, das Opfer auf der Tenne als "primär [...] persönliches" zu
betrachten84.
Der Begriff DTlVxn ΠΙΓΡ JTa in IChr 22,1 ist durch das ungewöhnliche
determinierte Epitheton vom sonstigen Gebrauch unterschieden85, wobei
Japhet eine diesem eignende besondere Funktion oder Bedeutung aus-
schließt86. Die von Mosis aufgestellte Behauptung, mrp ΙΓ3 müsse in ei-
nem vom sonstigen chronistischen Gebrauch abweichenden Sinn verstanden
werden, wenn IChr 22,1 auf V. 26a zurückblicke87, überzeugt nicht. Der
Aufbau von IChr 21,26b-22,l zeigt nämlich, daß die - in Analogie zu Gen
28,17 88 formulierte - abschließende Deutung Davids89 dem chronistischen
Davidbild entspricht. Hinter der im Anschluß an die göttliche Bestätigung
des Opfers und die definitive Beseitigung der durch Davids Ungehorsam
ausgelösten Gefahr vorgenommenen Identifizierung des Ortes als zukünf-

80 Vgl. so schon A.C.Welch, Work, 32.


81 Mit Subjekt JHWH; vgl. in Chr nur noch: II 6,26 [MT].
82 In I 21,1-26 finden sich 16 von 72 Belegen in IChr und 184 in IlChr (vgl. 17 Belege in
IlSam 42,1-24 [von 422 in ISam und 334 in IlSam]); vgl. zur Statistik H.H.Schmid,
Art.: "1)3K, 212.
83 Vgl. II 11,16 [S]; 15,11 [S] (vgl. II 18,2); eindeutig negativ besetzt in II 28,23 [S];
33,17 [S]; 33,22 [Änderung der Vorlage]; 34,4 [S],
84 T.-S.Im, Davidbild, 97.
85 Vgl. noch I 22,19; undeterminiert häufiger, z.B. in I 28,20; II 1,9; 26,18.
86 Vgl. S.Japhet, Ideology, 41: "the use of 'YHWH Elohim' is sporadic and does not
seem to point to any particular intent or requisite context".
87 Vgl. dazu R.Mosis, Untersuchungen, 117.
88 Jedoch ohne antisamaritanische Polemik - vgl. zu diesem Problem grundsätzlich
Th.Willi, Chronik, 191-193, und P.Welten, Geschichte, 172f (s. auch unten, 4.1).
89 Vgl. S.J.de Vries, FLOT, 179, der I 22,1 als "dedicatory formulation" bezeichnet.
IChr 21,26b-22,l 145

tigern Tempel wird so das - von Rudolph in anderem Zusammenhang be-


schriebene - Ziel des Chronisten erkennbar, "dem David möglichst viel von
dem, was mit dem Tempelbau zusammenhängt, zuzuschreiben"90. So weist
also die Bezeichnung von Ort und Altar im chronistischen Grundbestand
nicht auf ein Provisorium hin 91 , sondern betont die zentrale Rolle Davids
im Blick auf den Tempel.
Die Zuordnung von IChr 21,26b-28; 22,1 zum Chronisten wird demnach
sowohl durch die hier begegnenden Begriffe als auch durch die erhobene
Aussageintention der Verse unterstützt.
Während der Grundbestand der Perikope ganz auf den Jerusalemer Tem-
pel hin ausgerichtet ist, nehmen V.29f das Höhenheiligtum von Gibeon in
den Blick, dessen Opferdienst David nach IChr 16,39f im Anschluß an die
erfolgreiche Ladeüberführung entsprechend der Tora JHWHs eingerichtet
hat.
Nach Kellermann hat "die Bezeichnung miSkan JHWH 1 Chr 16,39;
21,29 [...] ihr Vorbüd bei Ρ Lev 17,4; Num 16,9; 19,13" 92 . Der Gebrauch
des Begriffes in 21,29 ist seiner Meinung nach von demjenigen in IChr
6,33 (D'nVxn TV3 p t f » ) zu unterscheiden, da dort - wie in IlChr 29,6 - der
"Tempel Salomos, das 'Gotteshaus', mit der Bezeichnung 'Wohnstätte',
dem Heiligtum der Wüstenzeit" verbunden ist 93 . Während die von Keller-
mann als Grundlage der Begriffsbildung in IChr 21,29 genannten Verse
nicht zu überzeugen vermögen, da sie die Urheberschaft des Mose nicht
thematisieren94, ermöglicht vor allem sein Hinweis auf im Vergleich zu
IlChr 29,6 bestehende Unterschiede ein adäquates Verständnis: IChr
21,26b-28; 22,1 sind an der Dignität des Jerusalemer Tempels interessiert,
die in einer an David ergangenen Theophanie begründet ist. Demgegenüber
betont V.29 die fortdauernde Bedeutung des ursprünglichen, auf eine an
Mose ergangene Theophanie zurückzuführenden ersten Heiligtumes Israels.
Dieses wird als ΓΠΓΡ p t f ö dem ΠΊΓΡ ΓΡ3 von IChr 22,1 bewußt gegenüber-
gestellt95.

90 W.Rudolph, HAT, 207.


91 Gegen Th.Willi, Chronik, 97, Anm.85.
92 D.Kellermann, Art.: ]3ttfp, 68. Auch bei den meisten übrigen Belegen (I 6,17; 17,5;
23,26; II 1,5; 29,6) hat die Chronik nach Kellermanns Überzeugung den "Sprachge-
brauch von Ρ aufgenommen" (ebd.).
93 Ebd.
94 Vgl. dazu oben, 2.3.3.
95 Vgl. A.C.Welch, Work, 32: der hinter V.29f stehende Überarbeiter "intervened with
the reminder that before an altar was built in Jerusalem Israel was possessed of a
sanctuary and a cult which could claim the authority of Moses himself".
146 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Die Dignität dieses Heiligtums wird durch das Vokabular von V.30 un-
terstrichen. Indem der Vers betont, daß David nicht vor Gott treten und ihn
nicht 'suchen' kann, gebraucht er zwei für die chronistische Beschreibung
des 'Mit-Gott-Seins' zentrale Begriffe im negativen Sinn.
Daß -|Vn die Bedeutung "Wandel mit Jahwe" eignet, hat etwa Georg Sau-
er ausdrücklich festgehalten96. Innerhalb der chronistischen Davidgeschich-
te ist -]Vn im 'religiösen' Sinne stets gebraucht, um das positiv qualifizierte
Verhältnis Davids zu JHWH hervorzuheben97. Die Bemerkung ΌΤ73 "l*?1
V2X Τ Π mit ihren Varianten98 wird zum Beurteilungsmaßstab späterer Kö-
nige. Wenn in IChr 21,30 die einzige negative Konnotation von mit
Subjekt David vorliegt, wird so die Sonderstellung des Verses innerhalb der
chronistischen Daviderzählung hervorgehoben.
Der Gebrauch von DTI^N ΕΠΙ 99 unterstreicht diese Tendenz. Welten hat
festgehalten, daß die "Formel" ΓΠΠ'Ί^Ύτν "in der sehr weiten Bedeutung
'sich an Gott halten', 'Gott ernst nehmen' in der Chronik [...] den Cha-
rakter eines eigentlichen Konfessionsmerkmals annehmen kann"100. Im
macht darüber hinaus auf die Rolle aufmerksam, die Bhl - bezogen auf
JHWH bzw. die Lade - im Rahmen der positiven Charakterisierung Davids
in IChr 10-29 zukommt 101 . David gibt entweder die positive Anweisung,

96 G.Sauer, Art.: "jVn, 492. Diese Bedeutung eignet v.a. dem Hitp., vgl. aber die von
Sauer ebd. angeführten Belege für das Qal (IReg 2,4; 3,6; 8,23.25[2mal]; 9,4 [vgl.
dazu von den 75 Belegen für in I und IlChr: II 6,14.16; 7,17]).
97 Vgl. I 11,9; 18,6.13 und vor allem I 17,8.
98 II 34,2; vgl. II 11,17 u.ö.
99 Die Wurzel ΕΠΊ ist im AT 164mal belegt. Von den - nach Even-Shoshan - 41 Belegen
in I und IlChr haben 29 das Objekt Gott Israels (vgl. I 10,14; 13,3; 15,13; 16,11;
(17,4); 21,30; 22,19; 28,9; II 12,14; 14,3.6[2mal]; 15,2.12.13; 16,12; 18,7; 19,3;
20,3; 22,9; 26,5[2mal]; 30,19; 31,21; 34,(3.)21.26), zwei das Wort (II 18,4) bzw. alle
Gebote (I 28,8) JHWHs, drei andere Götter (II 17,3; 25,15.20) und fünf Menschen (II
18,6 [Prophet]; II 24,6 [Leviten]; II 31,9 [Priester]); einmal wird ein Wunder (II
32,31) und einmal der Altar (II 1,5) 'gesucht'.
100 P.Welten, Geschichte, 146 (vgl. a.a.O., 17f.50). Der auch von Welten betonte Zusam-
menhang zwischen iUT 2ΓΠ und der "Ruheaussage" bzw. "Gabe der Ruhe" (a.a.O.,
16.50) ist für Mosis ein entscheidender Ausgangspunkt seiner Überlegungen, daß der
Chronist mit der David- bzw. Salomoerzählung zwei unterschiedliche Epochen darstel-
len wollte: Die Davidzeit sei "Vorläufer und Wegbereiter Salomos und seiner Zeit"
(R.Mosis, Untersuchungen, 123), während die "mit Salomo und dem Tempelbau für Is-
rael heraufkommende Zeit [...] die ideale Mosezeit" wiederbringe (a.a.O., 162), der
zugleich der "Charakter der endgültigen Heilszeit" zukomme (a.a.O., 163).
101 Vgl. T.-S.Im, Davidbild, 77-79.
IChr 21,26b-22,l 147

JHWH zu 'suchen' 102 oder wird als deijenige dargestellt, der um die nega-
tiven Folgen des unterlassenen 'Suchens' der Lade oder JHWHs weiß 103
und um deren Abwendung bemüht ist. Diesem positiven Gebrauch von Φ Π
im Zusammenhang mit David steht nun die Aussage von IChr 21,30 gegen-
über, die die Unfähigkeit Davids betont, 'sich an Gott zu halten', und ihn
damit auf eine Stufe mit denjenigen Königen stellt, die es unterlassen,
JHWH zu suchen, - und dadurch negativ qualifiziert werden 104 .
Die Aussage von IChr 21,29f wird schließlich durch den Gebrauch der
Wurzel rj?3 1 0 5 unterstrichen, der eine ausschließlich negative Konnotation
eignet.
Die Untersuchung des Wortgebrauchs von IChr 21,29f und seiner Inten-
tion untermauert so die oben formulierte Hypothese, daß hier eine dem
Grundbestand der Perikope widersprechende und mit ihm nicht harmoni-
sierbare Aussage vorliegt. Diese kann nur durch die Annahme eines hier
vorliegenden sekundären Einschubes sinnvoll erklärt werden.

2.3.6. Mose
Es ist bemerkenswert, daß die antidavidische Aussage von IChr 21,29f mit
der Gestalt des Mose verknüpft ist, die ihrerseits auf die Wüstenwanderung
- und die Gesetzgebung am Sinai - verweist.
Π fry mit Subjekt Mose begegnet im Alten Testament 15mal. Dabei wird
in der Regel ausgesagt, daß Mose - allein 106 oder zusammen mit Aaron 107
oder dem Priester Eleasar 108 - nach dem Willen JHWHs handelt 109 . Dtn
34,12 faßt die Bedeutung des Propheten Mose zusammen, die sich auch in
den von ihm 'vollbrachten' Schreckenstaten manifestiert. Nur Num 21,9
verwendet innerhalb des Pentateuch nfry mit Subjekt Mose im Sinn von
'anfertigen'. Während IReg 18,1 110 hier wörtlich anknüpft, fehlt ein direk-
ter Anhaltspunkt für das in IChr 21,29; IlChr 1,3 berichtete 'anfertigen'
des Mose.

102 Vgl. I 16,11; 22,19; 28,9 (vgl. auch I 28,8: ΠΊΠ* riSa'Va 1ΒΠΤΙ).
103 Vgl. I 13,3; 15,13.
104 Vgl. II 12,14; 16,12 (vgl. auch II 25,15.20).
105 In Chr nur hier.
106 Ex 40,16; Lev 8,4; Num 17,26; 20,27; 27,22.
107 Ex 7,6.20; 11,10; Num 8,20.
108 Num 31,31.
109 Vgl. Lev 8,4: WIK Π1Π' m s ΊΡΚ3 iltfö ©JH.
110 Ohne Parallele in Chr.
148 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Indem die in Gibeon befindliche Wohnstatt JHWHs auf die unbestrittene


Autorität des Mose zurückgeführt wird, deutet sich eine Kritik des Jerusa-
lemer Tempels und seiner Vertreter an.
Zu untersuchen bleibt, ob weitere Texte innerhalb der Chronikbücher ent-
sprechende Züge zeigen. Erst wenn dies zutrifft, wird nach Hintergründen
und konkreten Zielen solcher Kritik gefragt werden können.

2.4. IChr 22,7-13 (Davids Auftrag an Salomo)

2.4.1. Übersetzung
11) Jetzt, mein Sohn,
soll JHWH mit dir sein,
und es gelinge dir,
und du baust
das Haus JHWHs, deines Gottes,
wie er über dich gesagt hat.
12) Allein,
JHWH soll dir geben
Verstand und Einsicht,
und er soll dich bestellend
über Israel
und zu bewahren die Tora JHWHs, deines Gottes.
13) Dann wirst du Erfolg haben,
wenn du bewahren wirst
zu tun
die Satzungen und Rechtsordnungen,
die befohlen hat JHWH dem Mose für Israel.
Sei fest
und stark,
fürchte dich nicht,
und sei nicht mutlos.

Zum Text:
a) Die von Rudolph vorgeschlagenen Änderungen des MT (vgl. W.Rudolph, HAT, 150)
sind nicht erforderlich. LXX liest και κατισχύσαι σε (und stärke dich) und interpretiert so
MT.

2.4.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Der zuvor untersuchten Perikope folgt in IChr 22,2-29 die ausführliche
Darstellung der Tempelbauvorbereitungen Davids und der Regierungsüber-
gabe an Salomo.
IChr 22,7-13 149

Der "Baubericht"111 in IChr 22,2-5 befaßt sich mit der Beauftragung von
Facharbeitern und der Sammlung von verschiedenen Baumaterialien. V.5
begründet diese Vorbereitungsmaßnahmen mit Salomos Jugend und Uner-
fahrenheit 112 .
V.6 wird von vielen Exegeten der in V.7-16 festgehaltenen Rede zuge-
ordnet 113 . Galling dagegen unterscheidet zwischen der in V.6 vorliegenden
"Überweisung des Tempelbaus" und V.7-13 als der "ersten Ansprache Da-
vids an Salomo" 114 .
Die Annahme einer Zäsur zwischen V.6 und 7 ist sinnvoll. Sie kann sich
auf die Beobachtung stützen, daß V.6 mit seinem Einsatz lOp'l - ohne Nen-
nung eines Subjekts - direkt an V.5b (ΤΠ p ' ! ) anschließt, während V.7
mit naVtf1? Τ Π "IDX'I neu einsetzt 115 . Außerdem liegt eine Analogie zur in
IChr 28,20f ergehenden Aufforderung Davids an Salomo vor.
Die Abgrenzung der Perikope nach hinten legt sich vor allem aus stili-
stischen und inhaltlichen Gründen nahe: Die Mahnung - KTIl'Vx föXI ptn
nnri'bxi - in V.13b stellt eine Art Abschlußformel dar 116 . V.14, eingeleitet
mit Π3Π1, bringt einen neuen Gedankengang, der sich der Sache nach auf
V.2-5 zurückbezieht und in V.16b/3 mit einer weiteren Abschlußformel ab-
geschlossen wird. Mit dem Argument, daß in V. 14-16 Zutaten des Chro-
nisten vorlägen, befürworteten im übrigen schon Benzinger und Kittel die
Abtrennung dieser Verse vom Vorangehenden117. Auch Curtis/Madsen
grenzen sie gegenüber V.6-13 ab 118 .

2.4.3. Parallelen und Quellen


Obwohl die Perikope IChr 22,7-13 wie ihr Kontext zum Sondergut der
Chronikbücher gehört, bietet sie zahlreiche Anklänge an Texte und Motive
des Deuteronomistischen Geschichtswerkes.

111 J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 226. Vgl. dazu Willi, der in diesen Versen eine
"ziemlich sicher zutreffende historische Hypothese" (Th.Willi, Chronik, 208) sieht, die
ihm als Beleg für das "historische[n] Verstehen^]" des Chron dient (a.a.O., 207).
112 Vgl. dazu IReg 3,7.
113 Vgl. z.B. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 257; W.Rudolph, HAT, 150; J.Becker,
1 Chronik, 89.
114 K.Galling, ATD, 70f (vgl. auch die ebd. gegebene kurze Begründung der Zuordnung
von V.6 - in direktem Zusammenhang mit I 22,1 und 23,1 - zum ersten und von V.7-
13 zum zweiten Chron).
115 Vgl. dazu auch die K01T10 vor V.7.
Zur Abgrenzung von V.7-13 vgl. auch P.R.Ackroyd, I&II Chronicles, 78.
116 Vgl. auch Jos 1,9.18.
117 Vgl. I.Benzinger, KHC, 64 und R.Kittel, HK, 82.
150 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Neben anderen hat Rudolph die Entsprechung der in IChr 22,6-16 über-
lieferten "Unterredung, die David vor seinem Ende mit seinem Sohn unter
vier Augen hat", zur "letztwilligen Verfügung Davids 1 Rg 21-9" festgehal-
ten, dabei jedoch gleichzeitig auf den ganz anderen Inhalt verwiesen 119 .
Über diese allgemeine Feststellung hinaus legt sich im Blick auf die Her-
kunft einzelner Themen und Motive, z.B. Tempelbauverbot, Beauftragung
und Nachfolge, die Frage nach parallelen Aussagen im Deuteronomisti-
schen Geschichtswerk und auch anderen Chroniktexten nahe.
Curtis betont die Nähe von I Chr 22,7 zu IReg 8,17, "which is followed
almost verbatim except in the change of person" 120 . Japhet hebt dagegen
hervor, daß in V.7-10 - abgesehen vom Wechsel der Person - "an almost
verbatim repetition of 1 Kings 5:17-19" vorliege 121 .
V.8 nimmt mit der Formulierung des Bauverbotes IlSam 7,5 und dessen
Parallele in IChr 17,4 auf 122 . Das zentrale Leitwort von IlSam 7,5b, JTQ
'ΓΠΒ^ 123 , wird jedoch durch die in Chronik auch sonst geläufige Formulie-
rung 'DtfV π α ersetzt. Diese Substitution steht im Zusammenhang mit der
sehr ausführlichen und deutlichen Begründung des Tempelbauverbotes in
IChr 22,8.
Die doppelte Begründung JOBtf mV DT in IChr 22,8a/3 bzw. D'm
ΓΌ2Φ in V.8b/?7, ergänzt durch den Hinweis auf die drei großen Kriege
Davids in V.8a7, unterscheidet sich dabei deutlich von der Begründung des
Bauverbotes in IlSam 7 und IChr 17. Der Hinweis auf die von David ge-
führten Kriege als Tempelbauhindernis klingt in IReg - im Kontext der Bot-
schaft Salomos an Hiram - an. Dort hat er allerdings keine negative Konno-
tation 124 . Zu verweisen ist schließlich auf die Formulierung von IChr 28,3,
rostf D'rni ΠΙΊΧ mnnVö ff'X ' 3 'ötf1? JT>3 rmjl-κ1?, die, anders als IChr
28,2, im Blick auf V.7 dem Duktus von V.8 entspricht.

118 Vgl. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 258.


119 W.Rudolph, HAT, 150; vgl. T.-S.Im, Davidbild, 153; J.Becker, IChronik, 90.
120 E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 257. IReg 8.17 unterscheidet sich dabei im Blick auf
die den Tempelbau begründende Absicht grundsätzlich von I 28,2b.
121 S.Japhet, Ideology, 67, Anm.179. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist dabei das in
V.7.8.10 begegnende ΠΊΓΡ DtfV TTO bzw. Otf1? Π'3.
122 Vgl. dazu S.Japhet, Ideology, 476, nach der die Begründungen für das Bauverbot in I
22,7f und I 28,3 "really an interpretation of Nathan's prophecy" in I 17 sind.
123 I 17,4b:TOtf1?Π'3Π - vgl. die Fortsetzungen IlSam 7,6 und I 17,5.
124 Vgl. dazu E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 257, die festhalten, daß die gesamte Begrün-
dungskette in I 22,8 "may be nothing more than a religious interpretation of I
K.5,17(3)\
IChr 22,7-13 151

Die Ankündigung der Geburt Salomos in V.9aa weist einen gegenüber


der Nachkommenverheißung in IlSam 7,12 grundsätzlich anderen Wortge-
brauch auf 1 2 5 . Die sich anschließende Aussage ΠΓΤΠΏ tf'X ΓΡΓΡ XIΠ ist im
Alten Testament singular 126 . Sie steht in engem Zusammenhang mit den
beiden Ruheaussagen Vx-lfr'-ty JX1X Dptfl [...] 3O0Ö v r i X ' t a a I1? "»nimm
Vö'a von V.9aß.bß, die wiederum in Anlehnung an IReg 5,4b Π'Π DlVttfl
r a o o r - a r V a » ^ und 18a r a o » ^ τ ^ χ mrr rran nnyi formuliert sein
könnten. Braun meint darüber hinaus, hinter der Zusammenbindung von
ΠΓΓ130 und üpE? bzw. der hier hergestellten "basic connection between rest
and the erection of the temple" Anklänge an Jos 11,23 und Jos 18,1 erken-
nen zu können 127 .
Der dreigliedrige V.10 orientiert sich bis in die Wortwahl hinein eng an
IlSam 7,13.14 und deren Parallele in IChr 17 128 .
Im Blick auf die schon genannte Verbindung der Perikope und IReg 2,1-
4(5-9) ist in erster Linie die in IChr 22,12f festgehaltene Ermahnung Sa-
lomos durch David von Interesse. So stellt etwa Rudolph fest, daß beiden
Stücken "nur die allgemeine Mahnung, das Gesetz Moses zu halten, weil
dadurch allein eine glückliche Regierung verbürgt ist (12f. = IRg 23, vgl.
Dt 17l8f.), und die Aufforderung zur Mannhaftigkeit (13b = IRg 22b)" ge-
meinsam sei 129 . Die von ihm vorgenommene Gleichsetzung von IChr
22,12f mit IReg 2,3 und IChr 22,13b mit IReg 2,2b ist jedoch angesichts
der - im Vergleich zu den vorangegangenen Abschnitten der Perikope - gra-
vierenden Unterschiede im Blick auf Gedankengang und Wortwahl proble-
matisch.
Einen anderen Lösungsvorschlag unterbreitet Braun, der meint, daß IChr
22,11-13 - und IChr 28,10.20 - "directly dependent upon Josh 1" seien und
der Chronist "Joshua's commissioning as the model for describing that of
Solomon" verwendet habe 130 . Dabei setzt Braun die "Beistandsformel" von
Jos 1,9 (ΠΙΓΡ *3) mit IChr 22,11 ( p y Π1Π' 'Π') gleich. Die in Jos 1,6b
wiedergegebene 'Nennung einer Aufgabe' hat ihre Entsprechung seines Er-

125 Auch von den - gegenüber der Vorlage veränderten - Formulierungen in I 17,11
weicht I 22,9aa ab.
126 Vgl. dazu die Bezeichnung Davids als nianV» P'K in I 28,3.
127 R.L.Braun, Solomon, 584.
128 Zu beachten ist dabei u.a. die Umstellung des dritten Gliedes von IlSam 7,13f.
129 W.Rudolph, HAT, 150.
130 R.L.Braun, WBC, 222. Vgl. dazu - und zur Auseinandersetzung mit der von Norbert
Lohfink aufgestellten Hypothese, daß in Jos 1 "eine Art Gattung der Amtseinsetzung"
vorliege (N.Lohfink, Darstellung, 91) - auch R.L.Braun, Solomon, 586.
152 Mose in der chronistischen Daviderzählung

achtens im in IChr 22,11b festgehaltenen Bauauftrag, während die "Ermuti-


gungsformel" von Jos 1,6a in IChr 22,11b festgehalten wird 131 . Braun ver-
sucht, seine Beobachtung durch weitere Überlegungen zu verifizieren. So
ist unter anderem die "inclusion of the concern for the keeping of the law"
in IChr 22,12f seiner Meinung nach ebenso von Jos l,7f beeinflußt wie der
seines Erachtens so nur in Jos 1,8 und IChr 22, 13a nachweisbare Gebrauch
des Hiphil von nVx 132 .
Während Brauns Hinweis auf zwischen Jos 1 und IChr 22 sichtbar wer-
dende Bezüge grundsätzlich zu überzeugen vermag, läßt die konkrete
Durchführung zahlreiche Fragen offen. So ist die Identifikation der ge-
nannten 'Formeln' schon angesichts ihrer unterschiedlichen Anordnung in
Jos 1 bzw. IChr 22 nicht unproblematisch. Im Zusammenhang mit der Fra-
ge nach dem Mosebild sind jedoch vor allem die zwischen Jos 1,7a (lötfV
n n y ntfa "px -itfx rrrmrrboa mfryV) und IChr 22,l3a/3 (mfry1? -natfn-nx
n t f ö - n x m r r m s *ltfX t r D B t f a r r i l X l Ο ' ρ π π ' ί ΐ χ ) erkennbar werdenden Un-
terschiede im Blick auf das den 'Befehl' aussprechende Subjekt und den sei-
nen Inhalt bezeichnenden Wendungen von Interesse.

2.4.3.1. IChr 22,13 im Vergleich mit deuteronomistischen Formulierungen


McKenzie, der einerseits die Nähe der ganzen Perikope zu IReg 8 (par IlChr 6)
hervorhebt 133 , bezeichnet andererseits die Formulierung D'BBEftjrrriKl Ο'ρΠΓΓΓΙΚ JllfryV
ΠΒΠ3Ί1Κ ΠΊΠ' ms "IPX als "common Deuteronomistic rhetoric" und führt zum Vergleich
Dtn 4,1.5.14.40; 5,1; 6,1 an. Außerdem verweist er auf IReg 9,4 (par IlChr 7,17) 1 3 4 .
Eine Betrachtung der genannten Stellen zeigt jedoch, daß - abgesehen von der ihnen allen
gemeinsamen Zweiteilung D'pn und B'tJBito13^ - die Unterschiede zu IChr 22,13 beträcht-
lich sind.
Die Wendung 'bewahren (TOtf) der Gebote' etwa wird nur in Dtn 4,40; 5,1 und IReg
9,4 (par IlChr 7,17) gebraucht. Auch die Verbindung von und n(Py ist keine grundle-
gende Gemeinsamkeit dieser Stellen. Vor allem jedoch ergeben sich Probleme hinsichtlich
des zweiten Gliedes von IChr 22,13a: ViOfr'-1?!/ ΠΕΤ»-]ΊΧ ΠΙΠ' Π1Ϊ ΊΡΚ.
Ein Befehl Gottes ist in Dtn 4,1.40; 5,1 - Mose befiehlt selbst - nicht erwähnt, Mose hat
hier die Aufgabe zu 'lehren'. Auf diese Aufgabe ist auch der Befehl JHWHs in Dtn 4,5a.l4
und 6,1a bezogen 13 ^. Die genannten Stellen betonen so die Rolle Moses als Lehrer, eine
Rolle, die in IChr 22,13 nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden kann.

131 Vgl. R.L.Braun, WBC, 222; ders., Solomon, 586. Zu den von Braun übernommenen
'Gattungsbezeichnungen' vgl. N.Lohfink, Darstellung, 90f.
132 R.L.Braun, WBC, 223.
133 Vgl. S.L.McKenzie, Use, 39f.
134 A.a.O., 40. Dort kommt die Formulierung ilttftt J1S ΠΙΠ' ΠΊ5 1t£?K allerdings nicht vor.
135 Dtn 6,1a fugt Π1ΪΒΠ hinzu.
136 IReg 9,4 (par II 7,17) nennt Mose gar nicht.
IChr 22,7-13 153

Deshalb vermag McKenzies Hypothese zum Ursprung von IChr 22,13a nicht zu über-
zeugen. Darüber hinaus zeigen die - im Vergleich etwa zum Pentateuch - relativ wenigen
Stellen innerhalb des Deuteronomistischen Geschichtswerkes, die explizit von einem Befehl
bzw. dem Befehlen JHWHs an Mose sprechen, daß IChr 22,13a mit ihnen nicht einfach
gleichgesetzt werden kann.
a) neto-nx TnVx Π1Π' ms Itfx ΠΚ nimmt in Jos 9,24 konkret die Landverteilung und
Vertilgung der Bewohner des Landes in den Blick.
b) In Jos 11,15 ist das zweimalige ΠΡ0'ΠΚ ΠΙΠ' Π1Ϊ Ί<ΡΧ(3) auf die in V.14 berichtete
Beuteverteilung und Vernichtung der Gegner bezogen.
c) Auch Jos 11,20 stellt ΠΡΟ'ΤΙΚ ΠΙΠ' fllS HPX3 in einen Zusammenhang mit der Voll-
streckung des Bannes.
d) In Jos 17,4 wird ein Befehl JHWHs an Mose im Kontext der Gabe des Landes ge-
nannt.
e) Jos 21,2 erwähnt ein Befehlen JHWHs JltfB'Ta, das sich ganz konkret auf die Errich-
tung bzw. Zuteilung der Levitenstädte bezieht. Aus diesem Grund kommt der Vers als
Vorlage für IChr 22,13 ebenfalls nicht in Frage.
f) Auch Jdc 3,4 scheidet als 'Quelle' aus: Die Formulierung ΠΙΠ' msa'TlK lyntf'n
ΠΒ7»*Τ3 αΐϊΟΚ-ΠΧ mx"ltfx ist deutlich von IChr 22,13 unterschieden, JTOtf steht anstelle
von TOt? und fltfy, TIISQ sind den O'pn und Ο'ΒΕΪΤΰ nicht einfach gleichzusetzen. Außer-
dem sind die Väter als Empfänger des göttlichen Befehlens genannt, Mose tritt als Mittler
auf.
g) In IIReg 21,8 (par IlChr 33,8) werden zwar die Verben lötf und nfry verwendet und
das Motiv des Befehlens Gottes findet sich, wobei letzteres nicht präzisiert wird. Mose je-
doch tritt nicht als Befehlsempfänger JHWHs auf, sondern als der Knecht Gottes, der die
Tora eigenständig befohlen hat. Als direkt vom Chronisten übernommene Vorlage kommt
also auch dieser Vers nicht in Betracht.
h) Zu berücksichtigen ist zuletzt IIReg 18,6 1 3 7 . Hiskia 'hängt JHWH an (pan)', weicht
nicht von ihm ab und bewahrt (TOtf) die HTO'ilX ΠΙΠ' ms HPK VJ11SÖ. Allerdings fehlen
auch hier die Wurzel iTOy, sowie D'pn und B'DSünj.
Eine hinter IChr 22,13a stehende gebräuchliche deuteronomistische Formulierung ist
weder von den durch McKenzie angeführten, noch von den soeben herangezogenen Texten
her nachweisbar. Alle genannten Stellen scheiden als direkte schriftliche Vorlage bzw.
Quelle für IChr 22,13 aus.
Zu erwägen bleibt, ob dafür andere, nichtdeuteronomistische Texte in Frage kom-
men 1 3 8 .

2.4.3.2. IChr 22,13 im Vergleich mit verwandten Formulierungen


außerhalb des Deuteronomistischen Geschichtswerkes
a) Vor allem im Blick auf die Differenzierung des Mose von JHWH Befohlenen ist in die-
sem Zusammenhang Neh l,7f zu nennen. Hier bekennt das Volk zunächst, daß es die von
JHWH dem Mose befohlenen ms», D'pn und O'DBtfö nicht bewahrt (TOtf) hat. V.8 spricht
von einem "Ü"l, das JHWH dem Mose befahl. Dieser in V.8f wiedergegebene Ί Π "ist ein
freies Bibelzitat nach S.Mose 30,l-4" 1 3 9 .

137 Ohne Parallele in Chr !


138 Abgesehen von den innerchr Anklängen in II 33,8.
139 K.Galling, ATD, 218.
154 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Die Parallelität von IChr 22,13a und Neh 1,7 im Blick auf die Differenzierung des Be-
fohlenen und die Formulierung des ΠΡΗ'ΠΚ ΠΊ3 ΊϋΚ ist unverkennbar. Festzuhalten ist das
Fehlen des Knechts-Titels in IChr 22. Das im chronistischen Text betonte VinfeP'Vy klingt
im Gebet Nehemias durch 14 ^.
b) Die Aussage von Neh 9,14 "ρ3? Π2713 V3 DnV Π'1'S ΠΊ1Π1 O'pm ilTIS»! ist erneut vor
allem im Blick auf die Differenzierung fllSÖ, D'pn, ΠΠΙΙ relevant. Sie ist von IChr 22,13 -
und Neh l,7f - deutlich unterschieden, weil JHWH in V.14 den Vätern (V.9) befiehlt, also
zeitlich konkret gebunden - das allerdings ΠΡΟ T 3 tut.
c) Zuletzt kann Mal 3,22 angeführt werden: 31Π3 WIK TIS ItfX '13? ΠΕ7Η mill VDT
O'BBtföl D'j?n Vx-liP'-Va-ty. Auch hier erscheint der Befehl JHWHs an Mose in Verbin-
dung mit einem konkreten historischen Ereignis. Während IStf und niffy fehlen, ist das
chronistische ebenso erwähnt wie die Zweiteilung 'Satzungen und Rechtsordnun-
gen'.

Bemerkenswerterweise findet sich also keine direkte Parallele zur Formu-


lierung von IChr 22,13a, weshalb eine direkte schriftliche Vorlage oder
Quelle nicht erschlossen werden kann. Wenn V.13a deshalb als eigenständi-
ge Schöpfung des Chronisten - oder seiner Nachfolger ! - bezeichnet wer-
den muß, ist dabei jedoch zu berücksichtigen, daß einzelne Elemente der
Konstruktion von IChr 22,13a vor allem in späten Texten des Alten Testa-
mentes nicht selten zu finden sind. Über das Urteil von Rads, nach dessen
Überzeugung hier eine der Stellen vorliegt, "die in irgendeinem Sinn zitie-
rend in die frühere Geschichte des Volkes zurückverweisen"141, wird des-
halb nicht hinausgegangen werden können.
Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß die in IChr 22,7-13 offenkundig
werdende Nähe zu verwandten Texten des Deuteronomistischen Geschichts-
werkes die Perikope zu einem Musterbeispiel für den Charakter der Chro-
nik als Schriftauslegung macht. Gerade deshalb kommt den in V. 12.13a
auftretenden Eigenheiten besonderes Gewicht zu.

2.4.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Die Ansprache Davids - und damit die Perikope - gliedert sich in drei Ab-
schnitte: Auf V.7-10 als Bericht Davids mit den Themen Bauabsicht, Got-
teswort mit Bauverbot, Ankündigung der Geburt des Sohnes mit Namenge-
bung und Verheißung der Bauausführung folgt V. 11 mit der erneuten Anre-
de: '33 nny. Der in ihm enthaltene Segenswunsch Davids 142 um das Mit-

140 Vgl. Neh 1,6: Vgl. dazu auch K.Galling, ATD, 63.217.236, der sowohl I
22,13 als auch Neh 1,7 und dann Neh 9,14 seinem zweiten Chronisten zuordnet.
141 G.von Rad, Geschichtsbild, 29f.
142 Vgl. dazu M.Ssebe, Art.: n"?S, 555 (Lit.!).
IChr 22,7-13 155

sein Gottes, das allein den Tempelbau gelingen lassen kann - und hier nur
auf diesen bezogen ist -, wird abgeschlossen durch den Rückverweis auf die
unbedingte Verheißung von V.8ff, besonders V.10 143 . Demgegenüber
weist das am Anfang von V.12 auf einen neuen Gedankengang hin 144 .
Während David bisher ausschließlich das Tempelbauprojekt thematisierte,
bittet er jetzt sehr viel allgemeiner um Verstand und Einsicht für Salomo,
die ihn zur Herrschaft über Israel und zur Bewahrung der miil befähigen
sollen. Beide Elemente der Bitte erweitern die Rede Davids innerhalb ihres
Kontextes ganz überraschend 145 . Auch die grammatikalisch-syntaktischen
Probleme, die sich durch V.12a/3 im Zusammenhang mit V.lOb erge-
ben 146 , könnten darauf hinweisen, daß hier die ursprüngliche Konstruktion
später gestört und verändert wurde.
V.13 geht darüber hinaus weiter, wenn er den - in V . l l allein an das
schon zugesagte Mitsein Gottes geknüpften - Erfolg 147 an im Bereich des
menschlichen Tuns liegende Bedingungen bindet: die Bewahrung und das
Tun der Satzungen und Rechtsordnungen, die JHWH dem Mose befahl.
Die - innerhalb des Kontextes 'Beauftragung zum Tempelbau' auffälligen
- Verse 12f heben sich aus grammatikalischen Gründen von V.7-11 ab. Au-
ßerdem sprengen sie die Logik und innere Stringenz der Rede Davids in
V.7ff.
Während V.7-11 dem Chronisten selbst zugeordnet werden können 148 ,
legen die beobachteten Auffälligkeiten die Vermutung nahe, daß V.12f auf
eine nachchronistische Überarbeitung zurückgehen. Diese Auffassung ver-
tritt bereits Mosis, der in seiner Begründung vor allem den Widerspruch
von V.12f zur chronistischen Nathanweissagung hervorhebt 149 .

143 Vgl. V.8-10, eingeleitet durch n V P " m .


144 Zum einschränkenden Charakter dieses *]K vgl. R.Mosis, Untersuchungen, 91 (mit
Verweis auf A.Kropat, Syntax, 31). Es fällt auf, daß das Adverb "|K in I und IlChr nur
dreimal verwendet wird (gegenüber mehr als 40 Belegen in Dtn-IIReg). In II 30,11
liegt ebenfalls Sondergut vor, in II 20,33 ist *]K aus IReg 22,44 übernommen.
145 Die mit dem folgenden durch Infinitiv eng verbundene Formulierung VKlifVy "]1S'1
(V.12) nimmt nicht V.10 auf, sondern bringt einen neuen Gedanken. Wenn V.ll die
Elemente der Verheißung von V.10 erläutern und ausführen würde, wäre auch die
erneute Aufnahme der theologisch so wichtigen Sohnes- bzw. Vaterzusage zu erwarten.
146 Vgl. W.Rudolph, HAT, 150, der eine syntaktische Unterordnung für erforderlich hält.
147 Vgl. dazu die Wiederaufnahme von nVs (V.ll: nnVsm, V.13: DK n'Vsn TK).
148 Vgl. dazu Christopher T.Begg, nach dessen Überzeugung in V.6-10 "prophetic Son-
dergut" des Chronisten vorliegt (Chr.T.Begg, Classical Prophets, 101, Anm.5).
149 Vgl. R.Mosis, Untersuchungen, 91. Japhets Gegenrede, daß dabei ein "circular argu-
ment" vorliege, greift zu kurz (S.Japhet, Ideology, 465, Anm.55). Die Auffassung von
Mosis wird übrigens - indirekt - von Galling gestützt, der zu I 17,11 ff ausfuhrt: "In der
156 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Meines Erachtens ist allerdings gegen Mosis davon auszugehen, daß die
von ihm als störende Vorwegnahme von IChr 28,20 empfundene Ermunte-
rung zum Starksein in V.13 zum chronistischen Grundbestand gehört und
ursprünglich an V . l l anschloß.

2.4.5. (Leit)Worte
Der Gebrauch des die Verse 8-11 beherrschenden Ausdrucks OttfV ΓΡ3 Π33
ΓΠΓΡ entspricht hier der im chronistischen Sondergut auch sonst übernom-
menen deuteronomistischen Konzeption vom Tempel als der Wohnstatt des
Namens Gottes 150 .
Neben IChr 22,8 (zweimal) verwenden die Chronikbücher DT nur
noch in IChr 28,3. In allen drei - zum Sondergut gehörenden - Stellen wird
das Tempelbauverbot mit dem übermäßigen Blutvergießen Davids begrün-
det. Das unterscheidet den chronistischen Sprachgebrauch von demjenigen
des Deuteronomistischen Geschichtswerkes, das den Ausdruck im Rahmen
der negativen Beurteilung Manasses benutzt 151 . Diese Begründung läuft in
eine ganz andere Richtung als die der Nathanweissagung von IChr 17 152 .
Das Bauverbot ist in seiner Konkretion schärfer begründet als die vergleich-
bare Aussage von IReg 5,17. Mit ihm verbindet sich deutliche Kritik an der
Gestalt Davids 153 , die noch pointierter ausfällt, wenn man die ebenfalls
vom Chronisten formulierte Position, daß die "Kriege Davids von Jahwe
unterstützt (186.13), wenn nicht gar veranlaßt waren (14l0.14f)"154, ver-
gleicht.
Die Konstruktion ΠΠ130 EPX V.9aa ist einmalig 155 . Ihre Entstehung
scheint im Zusammenhang mit dem in V.9aß folgenden Verb zu stehen und
die Aussagen von IReg 5,18a; 8,56 aufzunehmen. Die Form ΊΥΙΠίΓΠ wird

grundlegenden Heilsverheißung für das Geschlecht Davids [...] bleiben alle


Dunkelheiten, die einer Einschränkung der Verheißung gleichkämen, fort. Erst der
Chron** unterstreicht den konditionalen Charakter der Verheißung, wie die Ermahung
Davids an Salomo in 28,9 zeigt." (K.Galling, ATD, 54f).
150 Vgl. nur IlSam 7,13. Zum Begriff vgl. S.Japhet, Authorship, 361; dies., Ideology,
69f.
151 Vgl. IIReg 21,16: ηΒΡ 'j71 0Ί (s. noch IIReg 24,4).
Die Aussage, David habe unschuldiges Blut vergossen, formuliert innerhalb des DtrG.
Abigajil in ISam 25,31.
152 Diese folgt in ihrer Argumentationsstruktur der Vorlage IlSam 7.
153 Gegen K.Galling, ATD, 71.
154 W.Rudolph, HAT, 151. Rudolphs Erklärungsversuch, es gehe dabei um die Vor-
stellung "ein heiliges Werk braucht reine Hände" (ebd.), überzeugt nicht vollständig,
wenn die gegenüber IReg 5 gewählte Wortwahl berücksichtigt wird.
IChr 22,7-13 157

in den Chronikbüchern nur hier verwendet. V.9b bietet ein zweites etymo-
logisches Wortspiel: |J1X Dptfl OlVtf - HöVtf, das zur Entwicklung des vor-
hergehenden angeregt haben könnte.
OlVtf wird in der Chronik - bei insgesamt zwölf Belegstellen - nur hier
explizit als Gabe Gottes bezeichnet, ist hapax legomenon.
Der Chronist bringt in V.9 schon durch seine Wortwahl die Einmaligkeit
Salomos, die in seiner besonderen Gottesnähe begründet ist, zum Ausdruck.
Der Gebrauch von Hi. in V.10 bestätigt diese Absicht, wenn mit Willi
davon ausgegangen werden kann, daß der Chronist das Verb im hier begeg-
nenden Sinn "ausschließlich für die ohnehin Ausgezeichneten unter den Da-
vididen, David, Salomo, Josafat, Hiskia und Josia, gebraucht" 156 . Wie in
IChr 28,7 und IlChr 17,5 will er mit diesem Begriff "Jahwes Festigung der
Herrschaft des Davididen" unterstreichen und gleichzeitig betonen: "Gottes
Tat ist der Ausgangspunkt." 157 Die Tendenz dieser Aussage steht jedoch in
einer erheblichen Spannung zu deijenigen von V.12f, v.a. V.13, die Gottes
Tat an das menschliche Tun bindet.
Der V. 11 bestimmende Wunsch "py Π1Π' 'Π' mit apokopiertem Infinitiv
findet sich innerhalb der Chronikbücher nur noch in IChr 22,16 158 .
Daß das "Zusammengehen von FlVx und bauen" in V . l l nicht zufällig ist,
hat Welten festgehalten 159 . Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf
IlChr 7,11, wo beide Verben in der Abschlußnotiz der Bautätigkeit Salomos
wieder aufgenommen sind 160 . An anderer Stelle hebt Welten die durch die
Verbindung von IChr 22,11.13 entstehende Gebundenheit der davidischen
Verheißung "an das Halten von Gesetz", "von Satzung und Recht" her-
vor 161 . Meines Erachtens ist jedoch der Gebrauch von nVx in IChr 22,11
von demjenigen in V.13 zu unterscheiden. Erst dort wird ein "Zusammen-
hang von als Gehorsam verstandener Hinwendung zu Jahwe" 162 und Erfolg
hergestellt. Der Hinweis auf IlChr 26,5; 31,21, wo Ü'nVx/mrr ΠΗ ΒΓΠ und

155 Allenfalls wäre Jer 51,59 ΠΠΙΜ'Ίί? zu vergleichen, wobei MT dort zu korrigieren ist.
156 Th.Willi, Chronik, 186 mit Anm.40. In 'Moseperikopen' noch in I 15,12; II 1,4;
8,16; 35,6.14.16.
157 A.a.O., 186f.
158 Dort ist er ebenfalls nicht an Bedingungen geknüpft.
159 P.Welten, Geschichte, 50.
160 Dabei fehlt in beiden Stellen die Verbindung mit der Formel "sich an JHWH halten".
161 P.Welten, Geschichte, 18. Sein Hinweis "ganz entsprechend 2Chr 14,3" (ebd.) über-
zeugt nicht vollständig: das dortige ΠΊΓΡ'ΓΙΧ ©mV und ΠΊΣΜΠΊ ΓΠ1ΠΠ m&yVl ist vom
in'Vs'l getrennt, das im Zusammenhang mit dem dortigen Bhl (zweimal) - ohne ΠΊΊΓΙ
und HISS - steht.
162 A.a.O., 50.
158 Mose in der chronistischen Daviderzählung

nVx "direkt aufeinander bezogen" sind 163 , ist insofern kein Gegenargu-
ment, als weder Usija noch Hiskia Empfanger einer unbedingten Verhei-
ßung sind 164 .
V.12 greift mit Vsttf und Π3'3 späte bzw. weisheitliche Terminologie auf.
In IlChr 2,11 1 6 5 sind beide Begriffe kombiniert, um Salomos Fähigkeiten
zu beschreiben 166 .
Die Formulierung ^XlC^'Vy "]1ΤΊ findet sich im Alten Testament so nur
hier 167 . Inhaltlich steht sie IChr 17,6.1ο168 nahe. Der auffällige bzw. unge-
wöhnliche Gebrauch der Wurzel Π1Χ in V.12 könnte durch die Wortwahl in
V.13 (mir m s "IltfX) bedingt sein, die den Verfassern des Einschubes be-
kannt war. Durch die zweimalige Verwendung derselben Wurzel wird eine
Verklammerung der beiden Verse erreicht.
Die Wendungen ΠΙΓΓ πτίΠ'ίΙΧ η ΐ Ο ^ Ί (V.12b) und [...] TTlfcy1? llötfrrDX
(V.13aß) werden im Zusammenhang mit IlChr 33,1-9 erörtert 169 .
Die Wortuntersuchung zeigt, daß der Perikope ein durchaus auffälliges
Vokabular eignet. Während sich in V.8-11.13b jedoch neben außergewöhn-
lichen Wort- und Formenbildungen gängige chronistische Terminologie fin-
det 170 , stehen für V.12.13a wichtige Begriffe entweder nur hier oder aber
in vermutlich sekundären Stücken.
Dieses Ergebnis stützt die oben geäußerte Vermutung, daß V.12.13a
nicht auf den Chronisten selbst zurückzuführen sind.

2.4.6. Mose
Mose erscheint in einem aller Wahrscheinlichkeit nach sekundären Vers als
Mittler der von JHWH selbst befohlenen Tora.

163 A.a.O., 18.


164 In II 7,11. der Abschlußnotiz zur Bautätigkeit Salomos, wird mit flVs die unbedingte
Verheißung aufgenommen und Zurückliegendes bezeichnet. Die bedingte Zusage in II
7,17f (ohne nVs) hat den Bestand der Königsherrschaft, also Zukünftiges, im Blick.
165 Erweiterung gegenüber der Vorlage. Nach I.Benzinger, KHC, z.St., und R.Kittel,
HK, z.St., gleiche Quelle wie hier.
166 Zu vgl. noch I 26,14 (nach K.Galling, ATD, 66: zweiter Chronist) und II 30,22
(nach H.Haag, Mazzenfest ,22: zweite Bearbeitung [vgl. dazu unten, 4.4.5]). Zu ΓΠ'2
vgl. noch II 2,12 und I 12,33 (nach K.Galling, ATD, 44: zweiter Chronist).
167 Vgl. dazu oben (Textkritik).
168 JHWH hat den Richtern geboten, Israel zu weiden, bzw. Richter über Israel befohlen.
169 Vgl. dazu unten, 4.6.5.
170 Die Abschlußformel von V.13b (vgl. noch II 28,20 und II 32,7) z.B. ist Traditionsgut
und kann dem Chron selbst zugeordnet werden (s. dazu S.Japhet, Authorship, 364). Zu
nnn VkI XTJ1 b* vgl. noch II 20,15.17.
IChr 23,6(b)-23 159

Mit der Berufung auf ihn will eine Überarbeitung die Unbedingtheit der
Verse 9-11 einschränken171. Erst nachträglich wird also der direkte Zu-
sammenhang von JHWH-Dienst und Ergehen Israels in die positive chroni-
stische Darstellung Salomos eingetragen.
Zwar möchte Japhet diesen direkten Zusammenhang schon auf den Chro-
nisten selbst zurückführen, weil die Dynastiezusage grundsätzlich bedingt
sei und durch die Sünde eines Königs verwirkt werden könne 172 . Es bleibt
jedoch zu überlegen, ob eine Übertragung des Gedankens, daß Wohlerge-
hen explizit an die Erfüllung des Gesetzes gebunden wird, zum ursprüng-
lich chronistischen Salomobild überhaupt paßt.
Der von Japhet andernorts gegebene Hinweis auf die Nähe von IChr
22,13 zu IlChr 15,2 und IlChr 24,20 173 kann meines Erachtens für die Fra-
ge nach den Urhebern der Überarbeitung fruchtbar gemacht werden: In
IlChr 15,2 spricht der Prophet Asaija, in IlChr 24,20 redet Sechaija pro-
phetisch. Nehmen in IChr 22,12f der prophetischen Tradition nahestehende
Kreise die im ihnen vorliegenden Chroniktext Propheten zugeschriebene
Idee auf ? Verbanden dieselben Kreise diese Idee mit der Gestalt des 'Ur-
propheten' Mose, um so unter anderem die Kontinuität der Geschichte des
Verhältnisses von JHWH und Israel zu betonen 174 und die Aktualität der
Aussage für ihre eigene Zeit hervorzuheben ?

2.5. IChr 23,6(b)-23 (Leviten)

2.5.1. Übersetzung
(12) Die Söhne Kehats: Amram, Jizhar, Hebron und Usiel, vier.
(13) Die Söhne Amrams: Aaron und Mose.
Und dann wurde Aaron ausgesondert,
damit er heilige das Hochheilige,
er und seine Söhne auf ewig.

171 Vgl. dazu nochmals K.Galling, ATD, 54f (zu I 17): "Erst der Chron** unterstreicht
den konditionalen Charakter der Verheißung, wie die Ermahnung Davids an Salomo in
28,9 zeigt." (s. oben, S.155f, Anm. 149).
172 Vgl. S.Japhet, Ideology, 464f, besonders 465.
173 Vgl. a.a.O., 199 mit Anm.2. In II 15,2 ist der König Asa Ansprechpartner, in II 24,20
das Volk zur Zeit der negativen Phase Joaschs. Mose wird beide Male nicht genannt.
174 Vgl. dazu nochmals G.von Rad, Geschichtsbild, 29, der I 22,13 "Gesetz Mosis für
Israel" als Beispiel für eine der "Stellen, die in irgendeinem Sinn zitierend in die
frühere Geschichte des Volkes zurückverweisen", anführt (s. oben, S.154).
160 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Um zu räuchern vor JHWH,


um ihm zu dienen
und um zu segnen in seinem Namen auf ewig.
(14) Aber Moses,
des Mannes Gottes,
seine Söhne wurden zu dem Stamm Levi gerechnet.
(15) Die Söhne Moses: Gerschom und Elieser.
(16) Die Söhne Gerschoms: Schubael8), das Haupt.
(17) Und dann waren die Söhne Eliesers Rehabja, das Haupt,
und Elieser hatte keine anderen Söhne,
aber die Söhne Rehabjas wurden sehr zahlreich.

Zum Text:
a) So mit LXX und IChr 24,20.

2.5.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Mit IChr 23,6-23 ist ein weiterer Text aus dem in IChr 22-26 dargestellten
Zusammenhang von Tempelbauvorbereitungen Davids und seiner Regie-
rungsübergabe an Salomo zu erörtern. Die hier gebotene Levitengenealogie
steht dabei innerhalb der sogenannten 'großen Einschaltung', "die sich vor
allem mit dem levitischen Tempelpersonal beschäftigt" 175 .
Der Perikope unmittelbar voraus geht in V.2-5(6a) ein Bericht über die
Zählung und Einteilung der Leviten. Die Genealogie176 in V.6-23 nimmt
ihren Ausgangspunkt bei den drei Söhnen Levis und nennt maximal vier
Generationen 177 . Mit IChr 23,24-32 folgt eine Aufgabenbeschreibung der
Leviten.
Im Blick auf die Abgrenzung der Levitengenalogie werden unterschied-
liche Auffassungen vertreten. Während etwa Goettsberger IChr 23,6-24 zu-
sammennimmt 178 , endet die in V.6 einsetzende "Erste Liste der Leviten-
klassen" nach Überzeugung Benzingers mit V.23 179 . V.24 ist seiner Mei-
nung nach der in IChr 23,24-32 gebotenen "Beschreibung des Leviten-
dienstes", die von einer anderen Hand stammt, zuzuordnen 180 . Auch Braun
läßt die "three lists of Levitical heads" in V.23 enden, geht gleichzeitig

175 M.Saeb0, TRE, 76.


176 Vgl. dazu J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 33f: "Genealogisches Register".
177 Vgl. dazu H.G.M.Williamson, NCBC, 160: "On the surface, no branch of the family
comes down even as far as David's time."
178 Vgl. J. Goettsberger, HSAT, 167; vgl. auch J.M.Myers, IChronicles, 160.
179 I.Benzinger, KHC, 69.
180 A.a.O., 71; vgl. auch E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 263.266, die zwischen V.6-23
und V.24-27 unterscheiden.
IChr 23,6(b)-23 161

jedoch davon aus, daß IChr 23,6 noch zur vorangehenden "list of duties
ascribed to the Levites by Davidic decree" gehört 181 .
Meines Erachtens hat bereits Welch richtig erkannt, daß IChr 23,6a nicht
in einem ursprünglichen Zusammenhang mit V.6bff steht, sondern die
"conclusion of the preceding five verses" bildet 182 . Gleichzeitig ist Π^Κ in
IChr 23,24 als Neueinsatz zu verstehen, der einen vom vorangehenden for-
mal unterschiedenen Abschnitt einleitet. Auch V.24 gehört also nicht ur-
sprünglich zur Genealogie 183 .

2.5.3. Parallelen und Quellen


Die zum Sondergut der Chronikbücher zählende Perikope zeigt verschie-
dene Anklänge an andere genealogische Abschnitte der Chronik und im
Pentateuch gebotenes Material.
Das der Genealogie zugrunde liegende dreiteilige Schema findet sich bei-
spielsweise in IChr 6,1-15 oder IChr 6,16-32, wobei einige Namen aus
IChr 23,6bff nur hier erscheinen 184 .
Im Blick auf die vor allem zu erörternden V. 13-15 fällt auf, daß die
Söhne und Enkel des Mose (V.14) "hier erstmals in einer Genealogie gebo-
ten" sind 185 . Gerschom und Elieser sind im Alten Testament nur in Ex
18,3f und IChr 26,24f gemeinsam genannt. V.13b bietet eine "dreifache
Auftragsformel", deren drittes Glied "durch die Kopula zusätzlich in zwei
Elemente aufgespalten" ist 186 . Damit erinnert der Vers an die aaronitische
Aufgabenbeschreibung in IChr 6,34. Gleichzeitg weisen beide hinsichtlich
ihrer Reihenfolge und der verwendeten Terminologie erhebliche Differen-
zen auf, die im zweiten Teil des dritten Elementes besonders deutlich zu-
tage treten. Während IChr 6,34 mit dem Amt der 'Sühne' schließt, nennt
IChr 23,13 die Aufgabe lötfl -pn 1 ? 187 . Ein Anhaltspunkt für diese auffäl-
lige Formulierung findet sich nach Zwickel und anderen vor allem in der in

181 R.L.Braun, WBC, 230.


182 A.C.Welch, Work, 84; so auch W.Rudolph, HAT, 154 und H.G.M. Williamson,
NCBC, 161 (dort ein Hinweis darauf, daß die V.6b einleitende Präposition "does not
demand any link with what precedes"; vgl. dazu schon ders., Origins, 253, Anm.7).
183 Vgl. neben den bereits genannten J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 227: IChr 23,24:
"Berichtartige Notiz" (anschließend an 23,2f).
184 Vgl. H.G.M.Williamson, NCBC, 160; vgl. auch J.Becker, lChronik, 92.
185 K.Möhlenbrink, Überlieferungen, 206.
186 W.Zwickel, Räucherkult, 331.
187 Vom 'Segnen' durch Priester wird explizit nur noch in II 30,27 gesprochen: Tttp'l
13Ί3Ί B'l'jn O'MSn.
162 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Dtn 10,8 überlieferten Aufgabenbeschreibung der Leviten, die sich eben-


falls aus drei Gliedern zusammensetzt188. Obwohl Japhet vor allem auf-
grund der hinsichtlich der ersten beiden Elemente bestehenden Unterschiede
- Dtn 10,8 nennt zunächst das 'Tragen der Lade' und das 'Stehen vor
JHWH' - eine direkte Abhängigkeit bestreitet189, sind die bestehenden for-
malen und inhaltlichen Gemeinsamkeiten festzuhalten. Trotz unterschied-
licher Terminologie werden diese nicht zuletzt durch die abschließende
Zeitangabe zum Ausdruck gebracht 190 .

2.5.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Auf V.6b, der das Ordnungsprinzip' der Genealogie nennt, folgt in V.7-11
die Liste der Nachkommen Gerschons. V.12-20 stellen die 'Söhne' Kehats,
V.21-23 die Nachkommen Meraris vor 191 .
An die Nominalsätze von V.7-10 schließen sich in V . l l drei Verbalsätze
an, die nach Rudolph "ganz konkrete, für uns leider unerkennbare, Verhält-
nisse" widerspiegeln und begründen 192 .
Nachdem V.12 die unterbrochene Genealogie aufgenommen hat, stören
V.13f das Schema erneut durch Ausführungen zur Aufgabe Aarons und sei-
ner Söhne sowie zur genealogischen Verortung der Nachkommen von Mo-
se. Der sich anschließenden Fortsetzung der Genealogie in V.15f folgt in
V.17b abermals eine kommentierende Unterbrechung. Während V.18-21 an
V.16 anknüpfen, nennt V.22 die Konsequenzen, die sich aus der Tatsache
ergeben, daß Eleasar keine Söhne hatte. V.23 schließt die Genealogie mit
den Namen der Söhne Muschis ab.
Im Blick auf die Zuordnung sind im wesentlichen zwei Auffassungen zu
nennen. Galling führt die ganze Genealogie, wie IChr 23,2-27,34 insge-
samt, auf den zweiten Chronisten zurück 193 . Auch Rudolph weist V.6b-24
wie IChr 23,3-27,34 den "Zutaten" zu 194 . Williamson jedoch meint, daß in

188 Vgl. W.Zwickel, Räucherkult, 331.


189 Vgl. S.Japhet, Ideology, 92.
190 Mit Dtn 10,8 wird dabei auf einen Vers Bezug genommen, der - zusammen mit Dtn
10,9 - entweder als "ein Einschub" (G.von Rad, Deuteronomium, 56) oder gar als "Le-
vitenglosse" (G.Braulik, Deuteronomium, 83) bezeichnet wird, in jedem Fall also als
späte 'Ergänzung' zu betrachten ist.
191 Vgl. zum Aufbau der Genealogie K.Hognesius, Note, 124.127.
192 W.Rudolph, HAT, 155.
193 Vgl. K.Galling, ATD, 63ff.
194 Vgl. W.Rudolph, HAT, 154. Eines der Kriterien für diese Zuordnung ist nach Ru-
dolph die Namensschreibung Gerschon (vgl. ebd.). Gegenüber den Zuordnungen Ru-
dolphs und anderer hält Becker "die Annahme, die Listen von 23,3-27,34 seien spätere
lehr 23,6(b)-23 163

IChr 23,6b-l3a. 15-24 der von ihm erschlossene "primary strand" des Mate-
rials von IChr 23-27 begegnet 195 , der auf den Chronisten selbst zurück-
geht 196 . Die den Rahmen einer "list of heads of fathers' houses" sprengen-
den 197 V. 13b. 14 möchte er dagegen einem Bearbeiter "with priestly sympa-
thies" zuweisen 198 .
Da die von Williamson für die Rückführung des "primary strand" auf den
Chronisten angeführten Argumente meines Erachtens nicht ausreichen, kann
bei der Zuordnung von IChr 23,2-27,34 grundsätzlich der etwa von Noth
und Rudolph vertretenen Hypothese 199 gefolgt werden. Der Grundbestand
der hier zu erörternden Perikope gehört somit zum "Grundstock des Ein-
schubs" 200 . Mit Williamson ist allerdings die Zuordnung von V. 13b. 14 neu
zu bestimmen.
Zwar meint Rudolph, diese Verse als Begründung des Verfassers der Ge-
nealogie, "weshalb er in diesem Zusammenhang die Linie Aarons auslassen
muß, die Moses dagegen nicht", verstehen zu können 201 . Allerdings ist da-
mit weder ihr Inhalt, der von den anderen im Rahmen von V.6b-23 gebote-
nen Erläuterungen nicht unerheblich unterschieden ist 202 , noch die hier vor-
genommene Hervorhebung Aarons, seiner Nachkommen und schließlich
Moses hinreichend erklärt.
Beobachtungen zu den (Leit)Worten sollen zunächst der besonderen Rolle
von V.13b nachgehen, ehe im abschließenden Abschnitt die Frage der Zu-
ordnung nochmals aufgegriffen wird.

Ergänzungen", für "voreilig" (J.Becker, lChronik, 91).


195 H.G.M.Williamson, Origins, 261.
196 Vgl. a.a.O., 262-264.
197 A.a.O., 257.
198 A.a.O., 263.
Zur Ausscheidung von V.13b.14 vgl. schon J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 417.441
(V.13b ist Zusatz des "chronistischen Autors", der die ursprünglich vorhandene Aaron-
Reihe ausgeschieden habe); A.C.Welch, Work, 85 ("the reviser added a note to the
effect that, while Aaron was by descent an levite, by function he was a priest");
R.L.Braun, WBC, 234 (die Möglichkeit, daß V.13f die Sicht einers späteren Überar-
beiters wiedergibt, ist zumindest in Erwägung zu ziehen).
199 Vgl. dazu noch Th.Willi, Chronik, 194f.
200 M.Noth, ÜSt, 114, Anm.3.
201 W.Rudolph, HAT, 155.
202 Vgl. zur Unterschiedenheit der etwa in V . l l . 17.22 gegebenen Erläuterungen von
V.13b.14 de Vries, der allein die letztgenannten als "Explanatory expansion"
qualifiziert (S.J.de Vries, FLOT, 191).
164 Mose in der chronistischen Daviderzählung

2.5.5. (Leit)Worte
Neben den die Perikope dominierenden Personennamen begegnet mit dem,
die Rangfolge der Familienmitglieder festlegenden, Titel #ίΠΠ 203 ein für
Genealogien typischer Begriff. mpB dagegen erscheint sonst nicht in Ge-
nealogien selbst 204 .
Während auch den in IChr 23,6b-12.15-23 gebrauchten Verben keine be-
sondere Bedeutung zukommt, ist das in V.13b gebrauchte Vokabular auffäl-
lig.
"Das Verbum gehört vor allem in den priesterlichen Sprachbereich
und bezieht sich in der Regel auf sakrale Verhältnisse." 205 Nur in IChr
23,13b dient es innerhalb der Chronikbücher dazu, "die Sonderstellung ein-
zelner Priester" hervorzuheben 206 . Im Pentateuch ist V"T3 zur Beschreibung
der Absonderung aaronitischer Priester nicht gebraucht. Num 8,14; 16,9
thematisieren die Ausgrenzung der Leviten, ebenso Dtn 10,8. In Num
16,21 geht es um die gemeinsame Loslösung von Mose und Aaron aus dem
Volk ohne Bezug auf ein - kultisches - Amt.
Mit D'tfTj? 2Hp "ICPTpnV begegnet eine "key root" der Chronikbücher 207 ,
wobei der Superlativ Π'ΕΠρ EHp nur hier auf Aaron bezogen ist 208 .
Wenn Japhet in "IDp "the Chr.'s own language" erkennt und den Begriff
als chronistische Neuinterpretation von Dtn 10,8 (ΠΊΠ' 1ÜJ71?) ver-
209
steht , ist im Blick auf die vorgenommene Zuordnung zu bedenken, daß
sie grundsätzlich nicht "zwischen chronistischem Gut, Quellen und sekun-
dären Abschnitten" differenziert 210 .
Das in der Priesterschrift im absoluten Sinn ausschließlich zur Bezeich-
nung des Opferdienstes der Aaroniden gebrauchte XTItf Piel 211 bezeichnet in
der Chronik mehrheitlich den Dienst der Leviten und dabei in erster Linie
die Bestellung "zum Gottesdienst und nicht zum Dienst an irgendwelchen

203 Vgl. H.-P.Müller, Art.: tfXI, 705f. Bei den vier Kehat-Söhnen (V.12) und den beiden
Söhnen Amrams (V.13) fehlt der Titel bemerkenswerterweise. Gleichwohl bietet die
Perikope sieben von 73 Belegen in IChr.
204 Vgl. von den 32 Belegen für mpS innerhalb des AT noch I 24,3.19; 26,30; II 17,14;
23,18; 24,11; 26,11.
205 B.Otzen, Art.: "713, 519.
206 Ebd. Vgl. noch Γΐ2,9; II 25,10 ("Absonderung von Kriegsleuten" [ebd.]); I 25,1 (Ab-
sonderung der - levitischen - Sänger).
207 W. Johnstone, Guilt, 121.
208 Vgl. W.Rudolph, HAT, 156. Vgl. dazu neben I 6,34 noch II 3,8.10; 4,22; 5,7.
209 S.Japhet, Authorship, 350.
210 P.Welten, Geschichte, 4, Anm.15.
211 Vgl. dazu G.von Rad, Geschichtsbild, 56.
IChr 23,6(b)-23 165

Personen oder Gegenständen"212. Ausschließlich und in einem explizit po-


sitiven Sinn wird HIB' nur noch in IlChr 13,10 auf die Aaroniden bezogen.
Demgegenüber hält IlChr 5,14 fest, daß sich die Priester angesichts des den
Tempel füllenden ΓΠΓΡ 1133 nicht zum 'Dienst' aufstellen konnten.
Exklusiv mit Aaroniden in Verbindung gebracht wird "p3 im Sinn des
"nach der kultischen Feier üblichen Priestersegen[s]"213 nur in IChr 23,13.
In IlChr 30,27 segnen die Ο'Ί^Π Β'ίΓΰ 214 , wobei auch David innerhalb der
Chronikbücher im kultischen Sinn segnet 215 .
Zusammenfassend kann die 'Auftragsformel' von IChr 23,13 analog zu
derjenigen von IChr 6,34 als Beschreibung der Ganzheit des kultischen
priesterlichen Dienstes bezeichnet werden. Diese lehnt sich an Dtn 10,8,
das heißt an eine levitische Aufgabenbeschreibung, an und überträgt sie
quasi auf die Aaroniden. Die damit in V.13 gemachte grundsätzliche Aussa-
ge läßt sich nicht einfach als Erläuterung der - angesichts des Kontextes -
selbstverständlichen Auslassung der Aaron-Söhne interpretieren. Die Zu-
ordnung des Verses zu einer Überarbeitung legt sich aufgrund der gemach-
ten Beobachtungen nahe. Ihrer Intention wird im folgenden Abschnitt nach-
zugehen sein.

2.5.6. Mose
Während Mose in IChr 23,13a.l5 in einem 'regulären' genealogischen Zu-
sammenhang genannt wird, um die Genealogie des Kehat-Sohnes Amram
weiterführen zu können, steht seine Erwähnung in V.14 nicht im direkten
Zusammenhang einer genealogischen Abfolge. Deshalb ist nach der Funkti-
on, die Mose in V. 13a. 15 einerseits und V.14 andererseits zukommt, je ge-
trennt zu fragen.
V. 13a. 15 weisen dabei keine weiteren Besonderheiten auf, in V.14a wird
Mose jedoch durch den Titel DTlVxn 2PX herausgehoben. Gleichzeitig wer-
den mit dessen Hilfe auch die in V.14b pauschalisierend genannten 'Söhne'
des Mose in besonderer Weise qualifiziert 216 .

212 A.a.O., 57 (mit Verweis auf I 6,17; 15,2; 16,4; 26,12; 27,1; II 8,14; 29,11).
213 A.a.O., 51.
214 Zu den textkritischen Problemen vgl. W.Rudolph, HAT, 303.
215 Subjekt von *]Ί3 sind in den übrigen Belegen andere Menschen und vor allem JHWH
(vgl. I 13,14; 17,27; II 31,10).
216 Bereits die Übersetzung hat deutlich gemacht, daß meines Erachtens der Auffassung
Kropats (vgl. A.Kropat, Syntax, 61) und Rudolphs zu folgen ist, nach der V.14a "be-
tont im casus pendens voraus[steht] und [...] durch das Suff, von V33 aufgenommen"
wird (W.Rudolph, HAT, 156; vgl. auch K.Galling, ATD, 64). Die im folgenden vor-
166 Mose in der chronistischen Daviderzählung

So kommt V.14a und insbesondere dem feierlichen Titel DTlVxn tf'N217


im Rahmen von V. 13b. 14 eine zentrale Bedeutung zu. Die unmittelbar auf
eine umfassende Aufgabenbeschreibung der Leviten folgende Hervorhebung
des Mose, die mittelbar auch seine Söhne auszeichnet, stellt sich einem
Verständnis entgegen, nach dem V. 13b. 14 allein das priesterliche Amt in
den Vordergrund stellen soll. Gegen Rudolphs Interpretation, nach der
V.14b "auf dem Boden von P, wo Aaron und seinen Söhnen allein das Prie-
stertum zustand" 2 1 8 , steht, sprechen vor allem folgende Beobachtungen:
V.14b gebraucht mit 'iVn Ü3E7 einen Ausdruck, der wörtlich nur noch in
Dtn 10,8 erscheint, jenem spät-deuteronomistischen Vers also, der IChr
23,13b nachhaltig beeinflußt. Das das erste und dritte Glied der Auftrags-
formel von V.13b abschließende D^iy'iy fehlt beim zweiten Glied aus in-
haltlichen Gründen. Nach Zwickel bringt die kultische Redaktion, auf die
die Verse seiner Meinung nach zurückzuführen sind, damit ihr Verständnis
zum Ausdruck, dem zufolge der Dienst des Räucherns später "in den Be-
reich der Leviten übergeht" 219 . Von einem hier postulierten exklusiv aa-
ronitischen Priestertum kann deshalb nicht gesprochen werden.
Eine sinnvolle Erklärung für V. 13b. 14 ergibt sich, wenn die Verse als -
erst nach der bereits vollzogenen Integration von IChr 23,6b-23* in den
Kontext formulierter - Nachtrag verstanden werden. Eine von priesterlichen
- und levitischen - Interessen geleitete Hand wendet sich mit ihm gegen das
von V.6a her möglich werdenden Verständnis, das allein in David den Ur-
heber der Ordnung levitischer Abteilungen sieht. Unter Rückgriff auf Dtn
10,8 wird so betont, daß sowohl die Aussonderung der Priester als auch die
Zuordnung der Leviten, namentlich der Mose-Söhne, nicht auf David, son-
dern auf eine höhere - mit Mose im Zusammenhang stehende - Autorität zu-
rückgeht.

getragenen Überlegungen wären dabei prinzipiell auch möglich, wenn mit Arnold
B.Ehrlich V.14a als selbständiger Satz betrachtet würde, wobei Rothstein/Hänel
gegenüber Ehrlich richtig erkannt haben, daß V.14 "dem V331 Κ1Π φΊΠΚ) parallel zu
stellen" ist (A.B.Ehrlich, Randglossen, 349, und J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 417).
217 Angesichts des Kontextes wird man D'.lVxn tf'K hier nicht einfach als "bloßen Titel für
große Männer" (J.Kühlewein, Art.: IP'K, 137) bezeichnen können, wobei von I 23,14a
her ebensowenig direkt auf das "prophetische Element des Amtes Moses" geschlossen
werden kann (so andeutungsweise Th.Willi, Chronik, 228 [mit Anm.44] - vgl. dazu
oben, Einleitung, S.6).
218 W.Rudolph, HAT, 155.
219 W.Zwickel, Räucherkult, 331.
IChr 26,20-28 167

2.6. IChr 26,20-28 (Die Aufseher über die Vorräte)

2.6.1. Übersetzung
(22) Die Söhne Jehiels: Setam und Joel,
sein Bruder,
über die Vorräte des Hauses JHWHs.
(23) Von den Amramitem,
von den Jizharitern,
von den Hebronitern,
von den Usielitern.
(24) Und Schubael»),
der Sohn Gerschoms,
des Sohnes des Mose,
war Vorsteher über die Vorräte.
(25) Und seine Brüder von Elieser her:
Rehabja, sein Sohn,
und Jesaja, sein Sohn,
und Joram, sein Sohn,
und Schelomitb), sein Sohn.
(26) Er, Schelomitb),
und seine Brüder
waren über allen Vorräten der Weihegaben,
die geweiht hatte David, der König,
und die Familienhäupter der Obersten der Tausendschaften
und der Hundertschaften
und die Obersten des Heeres.

Zum Text:
a) Mit LXX, Vulgata und IChr 23,6 ist VtUltfl zu lesen.
b) Mit Qere gelesen (vgl. V.28).

2.6.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


IChr 26,20-28 gehört - ebenso wie die zuletzt erörterte Perikope - zur
sogenannten 'großen Einschaltung' und thematisiert die auf David zurück-
geführte Institutionalisierung des - levitischen - Kultpersonals.
Der Aufzählung der levitischen Torhüter und ihrer Verteilung in IChr
26,1-19 folgen in V.20-28 die Namen der zur Aufsicht über die Tempelvor-
räte eingeteilten Leviten. In V.29-32 schließt sich ein Bericht über die le-
vitischen Amtleute und Richter "draußen im Lande" 220 an.

220 K.Galling, ATD, 74.


168 Mose in der chronistischen Daviderzählung

Die Abgrenzung von IChr 26,20-28 nach vorne ist eindeutig. In V.19
liegt eine Abschlußnotiz vor. V.20 setzt mit D'lVm neu ein und bringt in-
haltlich Neues, wobei mit ΠΓΡΠΚ eine Verbindung zum Vorangehenden her-
gestellt wird 2 2 1 . Beim Versuch, die Perikope nach hinten abzugrenzen, ist
zu berücksichtigen, daß V.20-28 und V.29-32 "durch einen gemeinsamen
genealogischen Aufriß zusammengehalten" werden 222 und deshalb auch als
"single unit" 2 2 3 verstanden werden können. Andererseits rechtfertigen
Überlegungen zur Gattung beider Abschnitte 224 sowie inhaltliche Erwägun-
gen 2 2 5 eine Beschränkung der Perikope auf V . 2 0 - 2 8 2 2 6 . Bei der Frage nach
ihrer Zuordnung sind V.29-32 jedoch mitzubedenken.

2.6.3. Parallelen und Quellen

Wie sein weiterer Kontext stellt auch IChr 26 Sondergut der Chronikbücher
dar. Dabei hat Rudolph beobachtet, "daß v.21-26 sachlich mit 237ff. zusam-
mengehört" 227 . Auch hinsichtlich einiger Namen bestehen Gemeinsamkei-
ten mit IChr 23,6bff 2 2 8 . Die in der Aufzählung der nach IChr 23,4f von
David institutionalisierten Ämter nicht erwähnte Aufsicht über die Tempel-
vorräte "klingt [...] gelegentlich (9 2 6 b ~ 2 9 23 2 8 ) als allgemeiner Dienst der
Leviten a n " 2 2 9 . Zur Aussage von V.27-28 kann Num 31,48-54 verglichen
werden, wo in einem Abschnitt, der unter Umständen als 'späterer Zusatz'
zu bestimmen ist, von der auf Sühne zielenden "feierlichen Darbietung"
von kostbarer Kriegsbeute für JHWH berichtet wird 2 3 0 . V.26 nennt David
und die Familienhäupter als "Donatoren" 231 und bietet so im Blick auf den
Erstgenannten eine Anspielung auf IChr 18,7ff. V.28 zeichnet ein überra-

221 Vgl. W.Rudolph, HAT, 177.


222 A.a.O., 176. Dieser Aufriß wird in V.23 begründet, wobei etwa Rothstein/Hänel die
dort neben Amram genannten Namen auf eine spätere Hand zurückführen (J.W.Roth-
stein/J.Hänel, ΚΑΤ, 475).
223 Η.G.M.Williamson, Origins, 260.
224 Vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 228: I 26,20-28: "Genealogisches Register"; I
26,29-32: "Berichtartige Verwaltungsanordnung".
225 Vgl. dazu etwa J.M.Myers, IChronicles, 179ff, der I 29,29-32 unter die Überschrift
"David's Civil and Military Arrangements" stellt.
226 Vgl. dazu auch die ΠΠ1ΓΙΒ nach V.28.
227 W.Rudolph, HAT, 177.
228 Vgl. H.G.M.Williamson, Origins, 260.
229 J.Becker, IChronik, 102.
230 Vgl. M.Noth, Numeri, 201.
231 K.Galling, Stifter, 138.
IChr 26,20-28 169

sehend wohlwollendes Bild von Saul und Abner, durch das die vordavidi-
sche Zeit positiv qualifiziert wird 232 .

2.6.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Die Gliederung der Perikope orientiert sich nicht in erster Linie an den
genealogischen Reihen, sondern vor allem an der in IChr 26,20 vorgenom-
menen Unterscheidung zwischen den 'Vorräten des Hauses Gottes' und den
'Vorräten an Weihegaben', mit der ihr Ordnungsprinzip' vorgegeben wird.
Mit der Aufsicht über die 'Vorräte des Hauses Gottes' sind die von Ger-
schom abstammenden Jehieliter Setam und Joel betraut (V.22). Die Weihe-
gaben werden der Obhut des sich von Amram 233 herleitenden Schelomit
und seiner nicht genannten 'Brüder' unterstellt. Daß Setam und Joel ohne
nähere genealogische Verortung genannt werden, die Genealogie Schelo-
mits jedoch durch V.25 präzisiert ist, steht im Zusammenhang mit V.24,
der seinerseits dem über Gerschom und Mose auf Amram zurückgeführten
Schubael "die Oberaufsicht über das Ganze" 234 zuweist. V.23 dient der
Verortung der beiden Zweige Amrams 235 .
Die Aufgabenverteilung ist mit V.26a abgeschlossen. V.26b-28 erläutern
die Herkunft der Weihegaben und dienen so der geschichtlichen Begrün-
dung von V.25.26a 236 . Damit werden Informationen geliefert, die im Blick
auf die 'Vorräte des Hauses Gottes' fehlen.
Die verworrene Struktur der Perikope hat Welch veranlaßt, von einer
"collection of disjecta membra which have been put together" zu spre-
chen 237 .
Während Williamson auch in IChr 26,20-28 die Hand des Chronisten er-
kennen möchte 238 , sind die Verse nach Rudolph "von Haus aus ein selb-

232 Vgl. dazu S.Japhet, Ideology, 410, Anm.41.


Braun sieht hier das "'all-Israel' theme" anklingen (vgl. R.L. Braun, WBC, 255), wäh-
rend Galling meint, daß "eine freilich arg getrübte Erinnerung an l.Sam.l4f." sichtbar
sei (K.Galling, ATD, 74).
233 Dessen 'Stammvater' Kehat wird in V.23 vorausgesetzt (vgl. z.B. I 23,12), aber nicht
genannt.
234 W.Rudolph, HAT, 177. So auch M.Delcor, tresor, 371.
235 Im Gegensatz zu den in I 26,29-32 wieder erscheinenden Jizharitern und Hebronitern
gehen die Usieliter im weiteren Verlauf des Kapitels 'verloren'.
236 Vgl. K.Galling, ATD, 74.
237 A.C.Welch, Work, 94; vgl. auch J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 473.482. Vgl. z.B.
auch R.L.Braun, WBC, 253, der V.23-28 auf einen - im Vergleich zu V.20-22 - "later
(or at least different) strand" zurückfuhrt.
238 Vgl. Η.G.Μ.Williamson, Origins, 260f.
170 Mose in der chronistischen Daviderzählung

ständiges Dokument, das Levitenämter und deren Inhaber aufzählte" 239 .


Die Perikope gehört seines Erachtens zu den 'Zusätzen', wobei V.27f "viel-
leicht noch später hinzugefügt worden" sind 240 . Galling schließlich führt
die ganze Perikope auf den zweiten Chronisten zurück und sieht vor allem
in der Erwähnung von "Ausbesserungsarbeiten an dem noch gar nicht be-
stehenden Tempel" dessen historische Situation widergespiegelt 241 .
Meines Erachtens ist es angesichts der genannten Eigenheiten und Auffäl-
ligkeiten sinnvoll, die Perikope dem nachchronistischen, sekundären Ma-
terial zuzweisen. Nähere Bestimmungen sind dabei im Moment noch nicht
möglich.

2.6.5. (Leit)Worte
Die in den bisher erörterten genealogischen Abschnitten auffällige
Dominanz der Personennamen tritt in IChr 26,20-28 zurück.
Die Perikope nennt neben dem für Genealogien typischen Titel 'ΦΧΊ
242
ΓΠ3ΧΠ (V.21.26b) verschiedene andere 'Amtsbezeichnungen'. Der Schu-
bael hervorhebende Titel r v r a x r r ^ y T 1 3 (V.24) ist in dieser Kombination
zwar einmalig, bewegt sich aber im Rahmen der vor allem in der Chronik
durch ΤΛ3 vorgenommenen "Bezeichnung Beauftragter, die Verantwor-
tungsträger im oder über den Tempel (1 Chr 9,11.20; 26,24; 2 Chr 28,7;
31,12.13; 35,8; Neh 11,11) sind" 243 . Mit JnXBill D'S^xrTHfr (V.26) be-
gegnet ebenfalls ein in den Chronikbüchern geläufiger terminus technicus,
der hier militärische Befehlshaber kennzeichnet 244 . Samuel wird in den
Chronikbüchern zwei weitere Male als ΠΧΊ vorgestellt 245 , wobei sich eine
den Chronikbüchern eignende spezifische Bedeutung des Titels nicht erhe-
ben läßt 246 .

239 W.Rudolph, HAT, 176f.


240 A.a.O. , 1 7 7 . Rudolph verweist hierzu auf Rothstein/Hänel, die V.27f demselben nach-
chronistischen Verfasser zuweisen, der ihrer Meinung nach auch für V.21f.23* verant-
wortlich zeichnet (vgl. J.W.Rothstein/J.Hänel, ΚΑΤ, 473.478).
241 K.Galling, ATD, 74; vgl.dazu auch P.R.Ackroyd, I&II Chronicles, 86: "the inclusion
of a reference to Samuel and Saul, Abner and Joab [...] may simply enshrine popular
belief".
242 Vgl. dazu oben, 2.2.5.
243 G.F.Hasel, Art.: T ü , 209 (vgl. auch a.a.O., 216f).
244 Vgl. zur gemeinsamen Nennung von ΓΤΟΚΠ 'tfXT und ΠΊΚηΠΊ D'bVkH Hi? z.B. I 27,1.
245 Vgl. I 9,22; 29,29 (vgl. ISam 9,9). In II 16,7.10 wird der Titel Hanani beigelegt.
246 Vgl. dazu R.Micheel, Seher, 48.76.
IChr 26,20-28 171

Dem Nomen "ITIN, das hier stets im Plural gebraucht wird, kommt
gleichsam die Funktion eines 'Leitbegriffes' zu. Dabei findet sich die hier
vollzogene Differenzierung zwischen zwei Gattungen von Vorräten 247 so
nur hier 248 , während sonst vor allem die 'Vorräte des Hauses JHWHs' und
die 'Vorräte des (Hauses des) Königs' unterschieden werden. Ebenfalls in
der Rolle eines 'Leitbegriffs' erscheint ein weiteres Mal die Wurzel EHp,
der allerdings im Zusammenhang dieser Perikope Eigentümlichkeiten feh-
len.
ρΤΠ, dem im Sondergut des Chronisten - etwa in den Bauberichten - Leit-
wortcharakter zukommt 249 , erscheint hier in einem weniger prominenten
Zusammenhang 250 .
Zusammenfassend ist festzuhalten, daß sich vom die Perikope bestimmen-
den Vokabular her Anhaltspunkte für auftretende Brüche und damit eine zu
konstatierende Uneinheitlichkeit nicht anführen lassen. Die oben vorgenom-
mene Zuordnung wird nicht in Frage gestellt.

2.6.6. Mose
Die Erwähnung des Mose in IChr 26,24 ist rein genealogisch orientiert. Mit
ihrer Hilfe wird die Verbindung zwischen Amram (V.23) und Gerschom
bzw. Schubael (V.24) hergestellt. Da die Genealogie Schelomits (V.25.26a)
nur bis Elieser, das heißt dem jüngeren Bruder Gerschoms, geführt wird,
könnte die Erwähnung des Mose eine Auszeichnung des Oberaufsehers
Schubael implizieren 251 .
Mit Sicherheit läßt sich jedoch nur sagen, daß Mose in IChr 26,24 im
Zusammenhang mit einer wichtigen Aufgabe des nicht unmittelbar kultisch-
en levitischen Tempeldienstes erwähnt wird. Dabei liegt ein nachchronisti-
scher Text vor, für dessen Datierung um die Wende vom dritten zum zwei-
ten vorchristlichen Jahrhundert Galling gewichtige Gründe angeführt hat 252 .

247 Vgl. W.Rudolph, HAT, 177.


248 In II 5,1 könnte sie impliziert sein (vgl. auch I 28,12).
249 Vgl. dazu P.Welten, Geschichte, 24.51.
250 Zur überzeugenden Erklärung Gallings vgl. oben, S.170.
251 Daß die Beauftragung der Mose-Nachkommen schon früh als Auszeichnung verstanden
wurde, zeigt Josephus, der - wahrscheinlich unter Bezugnahme auf die hier bearbeitete
Perikope - festhält, daß David den Nachkommen des Mose eine besondere Ehrung
zuteil werden ließ, indem er sie zu Wächtern über den Schatz Gottes und die Weihege-
schenke einsetzte (vgl. Ant VII,14,7; s. den Hinweis auf diese Stelle bei J.W.Roth-
stein/J.Hänel, ΚΑΤ, 475 - die a.a.O., 475f gebotene Interpretation vermag jedoch nicht
zu überzeugen).
252 Vgl. oben, S.169f.
172 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

3. Mose in der chronistischen Salomoerzählung

3.1. Anmerkungen zur chronistischen Salomoerzählung (IlChr 1-9)

Die in IlChr 1-9 festgehaltene Salomoerzählung lehnt sich - insgesamt be-


trachtet - enger an die 'Vorlage' an als die vorangegangene Darstellung der
Regierung Davids, weist gleichzeitig jedoch entscheidende Modifikationen
auf. So ist zum Beispiel die deuteronomistische Thronnachfolgeerzählung,
nach deren Duktus Salomos Regierungsübernahme letztlich als "result of
power plays, court intrigue, and Bathsheba's personal influence upon David
(lKgs l)" 1 betrachtet wird, vollkommen umgestaltet. Außerdem sind dieje-
nigen Episoden aus IReg übergangen, die Salomo negativ charakterisieren
(vgl. z.B. IReg 11). Gleichzeitig wird etwa die deuteronomistische Darstel-
lung des Reichtums Salomos (vgl. IReg 10,26-29 mit IlChr l,14f) oder sei-
ner militärischen Maßnahmen (vgl. IReg 9,17-19 mit IlChr 8,4-6) noch
überboten.
Im Mittelpunkt steht unzweifelhaft der in IlChr 2-7,11 geschilderte Tem-
pelbau und dessen Einweihung und somit ein Verständnis Salomos als des
"von Gott berufene[n] und befähigte[n] Erbauer[s] des Tempels" 2 . Die hier-
bei sichtbar werdende enge Verflechtung der chronistischen David- und Sa-
lomoerzählung wird dabei unterschiedlich interpretiert.
Das 'traditionelle Verständnis' bringt beispielsweise Wilda zum Aus-
druck: "Salomo steht beim Chronisten so im Lichte seines Vaters David,
daß er es kaum nötig hat, eigene Initiativen zu entwickeln. Sein Lebensweg
ist von seinem großen Vater im voraus geebnet und vorgezeichnet wor-
den." 3 Demgegenüber versucht Mosis, der vor allem die Unterschiede zwi-
schen der chronistischen David- und Salomogeschichte hervorhebt 4 , zu zei-
gen, daß "David und seine Zeit [...] Vorläufer und Wegbereiter Salomos
und seiner Zeit" seien 5 , während der Chronist der salomonischen Epoche

1 R.L.Braun, WBC, XXXIII.


2 R.Mosis, Untersuchungen, 162.
3 G.Wilda, Königsbild, 54.
4 Vgl. R.Mosis, Untersuchungen, 15f.
5 A.a.O., 123.
Anmerkungen zu IlChr 1-9 173

den "Charakter der endgültigen Heilszeit" 6 verleihe. Auch Braun zielt mit
seinen Untersuchungen darauf, zumindest die Gleichwertigkeit der chroni-
stischen Darstellung beider Könige hervorzuheben 7 .
Diese unterschiedlichen Urteile werden bei der folgenden Untersuchung
der drei Perikopen, die Mose im Rahmen von IlChr 1-9 nennen, mitzube-
denken sein.

3.2. IlChr 1,2-6 (Salomos W e g nach Gibeon)

3 . 2 . 1 . Übersetzung

(2) Und dann sprach Salomo


zu ganz Israel,
zu den Obersten der Tausendschaften und der Hundertschaften
und zu den Richtern
und zu jedem Fürsten von ganz Israel,
zu den Familienhäuptern.
(3) Und dann gingen Salomo und die ganze Volksversammlung
mit ihm
zur Höhe von Gibeon
- denn dort war das Zelt der Begegnung Gottes,
das gemacht hatte Mose, der Knecht JHWHs,
in der Wüste.
(4) Jedoch die Lade Gottes hatte David hinaufgeführt,
von Kiijat-Jearim dahin,
wo David für sie bereitet hatte.
Denn er hatte ihr ein Zelt
aufgeschlagen in Jerusalem.
(5) Und der Altar aus Kupfer,
den Bezalel, der Sohn des Uri,
der Sohn des Hur,
gemacht hatte, war dort») -
vor die Wohnung JHWHs.
Und dann suchten ihn Salomo und die Volksversammlung auf.
(6) Und dann opferte Salomo dort,
auf dem Altar aus Kupfer vor JHWH,
der zum Zelt der Begegnung gehört,
und dann opferte er auf ihm 1000 Brandopfer.

6 A.a.O., 163.
7 Vgl. zusammenfassend R.L.Braun, WBC, XXXII-XXXV.
174 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

Zum Text:
a) Gegen MT (Dt?) ist mit vielen Handschriften, LXX und Vulgata Dt? zu lesen (vgl. da-
zu R.Mosis, Untersuchungen, 127, Anm.6., und J.Becker, 2Chronik, 5).

3.2.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Die Perikope vom Opfer Salomos in Gibeon gehört zum oben benannten
Rahmen der chronistischen Salomogeschichte und bildet gleichzeitig dessen
Auftakt. Ihr voran geht die das erste Buch der Chronik abschließende
Schlußnotiz zur Regierung Davids8 und die in IlChr 1,1 gebotene "allge-
meine Charakterisierung der Regierung Salomos"9. V.2 setzt mit Imperfekt
consecutivum neu ein und eröffnet einen neuen Zusammenhang.
Auch wenn die in IlChr 1,7-13 10 geschilderte Theophanie durch den Ein-
satz von V.7 (XIΠ Π nb'Va) eng mit der vorangehenden Perikope verbunden
wird 11 , ist im Rahmen der hier vorgenommenen Untersuchung eine Be-
schränkung auf das in Gibeon vollzogene Opfer möglich und sinnvoll12.

3.2.3. Parallelen und Quellen


Mit ihrer Thematik knüpft die ganze Perikope an IReg 3,4 an 13 . Präziser
als Rudolph, nach dessen Überzeugung V.2-6 IReg 3,4 "entsprechen"14,
bezeichnet Willi IlChr 1,1-13 als "eine kunstvoll nach dem Primärtext aus-
gerichtete Komposition"15. Dabei versteht er V.2ff als chronistische Glos-
se 16 . Diese will eine "Deutung von l.Kön. 3,4-15 unter Einführung der
Stiftshütte - etwa aus dem 'Opfern' von l.Kön. 3,4 erschlossen ? -, um Sa-

8 I 29,26-30; vgl. J.Kegler/M. Augustin, Synopse, 229: "Königschronik".


9 W.Rudolph, HAT, 196.
10 Vgl. dazu allerdings K.Kegler/M.Augustin, Synopse, 229, die aus Gattungsgriinden
zwischen II 1,1-5 als 'konstruiertem Bericht' und II 1,6-13 als "Königsnovelle" unter-
scheiden.
11 Vgl. dazu etwa E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 315; W.Rudolph, HAT, 196, und J.
Becker, 2Chronik, 5f, die V.l-13 als Einheit behandeln. Vgl. auch K.Galling, ATD,
78, und J.M.Myers, IlChronicles, 3, die V.l-17 unter einer Überschrift zusammenfas-
sen.
12 Vgl. auch H.G.M.Williamson, NCBC, 193, und die am Prinzip des Chiasmus orien-
tierte Gliederung von de Vries, nach der II 1,2-6 (=a) ihre Entsprechung in Π 9,22-28
(=a'> finden (S.J.de Vries, FOTL, 239).
13 Gegen E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 315: "Vv.1-5 are from the Chronicler, while
w.6-13 depend upon I K.3,4-13.15b 4,1."
14 W.Rudolph, HAT, 196.
15 Th.Willi, Chronik, 141.
16 Vgl. a.a.O., 174; vgl. auch J.Becker, 2Chronik, 5: "original ehr Erweiterungen".
IlChr 1,2-6 175

lomo nicht am illegitimen Ort einer Bama seinen Kult ausüben zu lassen",
geben 17 .
Ein Vergleich zwischen IReg 3,4 und IlChr 1,2-6 macht vor allem Unter-
schiede konzeptioneller Art deutlich. Während IReg 3,4 eine Art Einleitung
zur in IReg 3,5ff geschilderten Theophanie bildet, ist IChr 1,2-6 als Bericht
mit eigenständigem Gewicht zu verstehen18. Das macht unter anderem die
mehrfach hervorgehobene Beteiligung 'ganz Israels' deutlich19.
Die in IReg 3,4(5ff) fehlende Erwähnung Moses bzw. des von ihm 'ge-
machten' Zeltes der Begegnung sowie Bezalels und des von ihm gefertigten
Kupferaltars weist in den Augen nahezu aller Ausleger ebenfalls auf chro-
nistische Intentionen hin, weil mit ihrer Hilfe Salomos Gang nach Gibeon
gerechtfertigt bzw. legitimiert werde 20 . Dabei verweisen einige im Blick
auf V.3 auf IChr 21,29 21 und damit auf eine meines Erachtens sekundäre
Stelle 22 .
V.3b-5a sind vor allem durch ihre Bezüge innerhalb der Chronikbücher
charakterisiert. V.3b nimmt IChr 21,29a auf 23 . V.5aa ist von IChr 21,29
und IChr 16,39f durch die jeweils vorfindliche Terminologie zur Bezeich-
nung des Altars und die dort fehlende Erwähnung Bezalels unterschieden.
Dessen genealogische Verortung entspricht sachlich der in IChr 2,20 vorge-
nommenen und nimmt Ex 31,2 wörtlich auf. Ein Π3Τ0 wird in Ex
24
38,30 innerhalb eines nachträglichen Einschubes auf Bezalel und Oholiab
gemeinsam zurückgeführt (vgl. Ex 38,22f).

17 Th.Willi, Chronik, 174.


18 Vgl. Η.G.Μ.Williamson, NCBC, 193. Gegen R.Kittel, HK, 105f, nach dessen Über-
zeugung auch II 1,1-6 nur als Einleitung zu Salomos Traum dienen, wobei die Chronik
- anders als die Parallele - das Opfer Salomos nicht mehr entschuldigen müsse, "da sie
unabhängig von allen sonstigen Nachrichten und im Gegensatz zu ihnen annimmt, Gi-
beon sei durch die Anwesenheit der Stiftshütte zu einem dem Gesetz entsprechenden
Heiligtum geworden".
19 In IReg 3,4 tritt Salomo allein auf.
20 Vgl. - neben der bereits genannten Aussage Willis - E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC,
315; R.Mosis, Untersuchungen, 127; R.L.Braun, Apologetic, 510.513; S.L.McKenzie,
Use, 88; S.Japhet, Ideology, 479; M.Fishbane, Biblical Interpretation, 74 mit Anm.24.
21 Vgl. z.B. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 315.
22 Vgl. dazu oben, 2.2.
23 Dort aber Π1ΓΡ ptffH anstelle des ungewöhnlichen D'H^Nfl nyi» VnK, das nach Ehrlich
"schlecht hebräisch" ist (A.B.Ehrlich, Randglossen, 354).
24 Vgl. dazu G.Beer, Exodus, 173, und M.Noth, Exodus, 224.
176 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

3.2.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Die Struktur der Perikope ist durch die in V.2a.3a.5b.6a begegnenden
Imperfekta consecutiva bestimmt, mit deren Hilfe eine fortlaufende Hand-
lung erzählt wird. Diese berichtet von der Wallfahrt Salomos und Israels
nach Gibeon (V. 3a) vor die Wohnstatt JHWHs (V.5aß2), die Salomo - im
Gegensatz zu David - erreichen kann. Ziel dieser Wallfahrt ist es, JHWH
aufzusuchen und ihm zu opfern. Das Opfer bedarf dabei prinzipiell keiner
besonderen Rechtfertigung, da der von David nach IChr 16,39 in Gibeon
institutionalisierte Opferkult auch durch die Deklaration von IChr 22,1
nicht aufgehoben ist, sondern fortbesteht.
V.3b-5aa0! unterbrechen diese Handlung mit Ausführungen zur Her-
kunft des Zeltes der Begegnung, des Kupferaltars und zum Schicksal der
Lade 25 . Die in V.3b vorgenommene Hervorhebung des 'Zeltes der Begeg-
nung' fällt auf, weil diesem - anders als der Lade - in den Chronikbüchern
sonst wenig Aufmerksamkeit zuteil wird 26 . Die Erläuterung zum *7ΠΚ
"TJHttn stellt dieses außerdem dem von David errichteten Zelt für die Lade
gegenüber.
Eine Gegenüberstellung anderer Art ist in der Rückführung des Kupferal-
tars von Gibeon auf Bezalel angelegt27. Von einem Π27Π2Π Π3Τ0 ist inner-
halb der Chronikbücher nur noch in IlChr 4,1; 7,7 die Rede, wo er aller-
dings ausdrücklich auf Salomo zurückgeführt ist.
Die auffallige parenthetische Stellung und die ebenso auffällige Aussa-
ge 28 von IlChr l^b-Saa/? 1 sind meines Erachtens mit dem Hinweis auf
dem Chronisten selbst eignende Aussageintentionen nicht erklärbar.

25 Vgl. dazu de Vries, der die Verse als "Traditional accoutrements of worship" von der
in V.2-3a geschilderten "pilgrimage" bzw. der "Performance of worship" in V.5b-6 ab-
hebt (S.J.de Vries, FOLT, 233).
26 Vgl. noch I 6,17; 9,21 (vgl. auch: 9,19.23); 23,32; II 1,13; 5,5.
Die Erwähnung des 'Zeltes' in II 1,13 bietet ein Problem. Wenn dort ursprünglich
nnann zu lesen ist (vgl. dazu R.Mosis, Untersuchungen, 135, Anm.32), stört das dop-
pelte ρ (so A.Kropat, Syntax, 77f). i y t » VflK '»V» klappt nach (vgl. W.Rudolph,
HAT, 196) und könnte deshalb als 'Glosse' verstanden werden. Auch in II 5,5 wird das
'Zelt' eher beiläufig erwähnt. Der Chronist setzt dabei nach Rudolph "stillschweigend
voraus, daß es vor dem Festzug von Gibeon (1,3) nach der Davidstadt gebracht wurde"
(W.Rudolph, HAT, 210), Becker geht davon aus, daß hier das von David in Jerusalem
errichtete 'Zelt' gemeint ist (vgl. J.Becker, 2Chronik, 23) - vgl. zur Stelle auch
A.C.Welch, Work, 35f, und unten, 3.3.
27 Vgl. Th.Willi, Chronik, 97, Anm.85.
28 Vgl. dazu P.R.Ackroyd, I&II Chronicles, 100: "but we may wonder whether behind
this form of the narrative there is not something more" (Ackroyds eigener Interpreta-
tion, nach der der Chronist selbst hier letztlich eine Apologie Jerusalems versucht, ver-
IlChr 1,2-6 177

Grammatikalisch ist eine Fortsetzung von V.3a mit ΠΙΠ' ptfD "OB1? denk-
bar 29 . Dltf Ό, das innerhalb der Chronikbücher nur noch in IlChr 20,26 im
Rahmen einer ätiologischen Überlieferung verwendet wird, kann als von ei-
nem Überarbeiter verwendete redaktionelle Überleitung verstanden wer-
den 30 . Dem zweimaligen Dtf käme demnach eine Klammerfunktion zu.
Daß in IlChr 1 mit späteren Einschüben zu rechen ist, haben bereits
Welch, der IlChr 1,1-13 insgesamt auf eine zweite Hand zurückführt 31 ,
und Galling, der V.4 seinem 'zweiten Chronisten' zuweist32, festgestellt.
Meines Erachtens sind V^b-Saa/S 1 nur als Produkt einer späteren Über-
arbeitung sinnvoll zu verstehen und zu erklären.
Die Untersuchung von (Leit)Worten der Perikope wird weitere Hinweise
auf die Berechtigung dieser Hypothese geben, ehe der letzte Abschnitt des
Kapitels nach der Aussageintention des Einschubes fragt.

3.2.5. (Leit)Worte
Die in IlChr 1,2 aufgezählten Repräsentanten Israels begegneten zum Teil
bereits in IChr 26,26 33 . Da sie jedoch auch in IChr 28,1 erscheinen, kann
der Vers durchaus dem Chronisten selbst zugewiesen werden. Ungewöhn-
lich ist in diesem Zusammenhang lediglich die Erwähnung der D'BStf34.
Von V.2 her, der nicht nur die Vertreter Israels, sondern ausdrücklich
das ganze Volk um Salomo versammelt, wird deutlich, daß *7np in V.3a.5b
nicht allein "die versammelte politische 'Nobilität'" 35 , sondern die Gesamt-
heit Israels - als politischer und kultischer "Volksgemeinde"36 - bezeichnet.

mag ich mich jedoch nicht anzuschließen).


29 Zu 'MV als räumlicher Zielangabe vgl. I 16,29; 21,30; II 20,5 (vgl. noch I 19,7).
30 Vgl. zu dieser Funktion des '3 die Beispiele bei I.Willi-Plein, Vorformen, 260f.
31 Vgl. A.C.Welch, Work, 33-35.
32 Vgl. K.Galling, ATD, 80; vgl. auch J.M.Myers, IlChronicles, 6: V.4 ist ein - sekun-
däres - "parenthetical statement".
33 Vgl. dazu oben, 2.6.5.
34 Vgl. noch I 17,6.10; 26,29; II 19,5.6.
35 So H.-P.Müller, Art.: Vnp, 613.
36 Diese Bedeutung des überwiegend im Sondergut der Chronik begegnenden Begriffs er-
hebt G.von Rad, Geschichtsbild, 45; vgl. auch T.-S.Im, Davidbild, 143 (Im wendet
sich hier gegen die von Müller - ohne Verweis auf II 1,3.5 - postulierte These, daß Vfij?
im chrGW "das Modell für die Vollversammlung der jüdischen Kultgemeinde" sei [H.-
P.Müller, Art.: Vnj7, 617]); J.Hausmann, Rest, 239: "Vnj? verbindet somit in der Chro-
nik den kultischen mit dem politischen Aspekt, wenn auch der kultische der gewichtige-
re im vorliegenden Textcorpus ist."
178 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

Mit ΒΠΤ begegnet in IlChr 1,5b ein weiterer wichtiger Terminus, der hier
nicht auf ein Objekt 37 , sondern wie in IChr 15,13 - und IChr 21,30 ! - auf
JHWH bezogen ist 38 . Dem Begriff kommt hier ebenfalls der Charakter "ei-
nes eigentlichen Konfessionsmerkmals" 39 .
Das in V.6 zweimal gebrauchte n^y Hiphil wäre dann überraschend,
wenn die Perikope Salomos Wallfahrt nach Gibeon und das dort vollzogene
Opfer ausdrücklich legitimieren wollte. Der Chronist weiß nämlich darum,
daß auch dem König - etwa nach Num 18,1-7 - das Opfern untersagt ist 40
und hat an mehreren Stellen seine Vorlage entsprechend geändert 41 . Wenn
die Vorlage aus IReg 3,4 hier übernommen ist, wird die These, daß der Pe-
rikope von Anfang an in erster Linie an einer Verteidigung Salomos gele-
gen habe, ein weiteres Mal in Frage gestellt.
Von der zunächst erörterten Terminologie von IlChr l,2.3a.5aß 2 .b.6 ist
diejenige von V.ßb-Saaß 1 vor allem durch ihre ausschließliche Konzentra-
tion auf am Sinai institutionalisierte Elemente des Kultes unterschieden.
Nur mit DTlVxn |ΠΝ erscheint dabei eine vertraute chronistische Formulie-
rung 42 . Die im Zusammenhang mit der Lade gebrauchte Wurzel ]"D ist
nach Willi auch in IlChr 1,4 in einem spezifisch chronistischen Sinn ver-
wendet 43 . Die Notiz ist jedoch so offensichtlich von IChr 15,12 beeinflußt,
daß auch eine spätere Hand sie hier eingetragen haben könnte.
Im Blick auf V.3b ist sowohl die singuläre Formulierung Tyiö "7ΠΚ
D'nVxn als auch die auffällige und seltene Rückführung desselben auf Mose
bereits erwähnt 44 . Von Rad meint angesichts der - wie ebenfalls erwähnt -
nur in IlChr l,5aa explizit hervorgehobenen Anfertigung des Kupferaltars
durch Bezalel, eine Spannung zur "Überlieferung von P" erkennen zu kön-
nen, "derzufolge Zelt wie Altar ein Werk Besaleels waren". Deshalb zieht
er die Möglichkeit in Betracht, "daß der Chronist in diesem Falle einer ei-
genen nicht mehr erhaltenen Tradition folgt" 45 .

37 So etwa R.Mosis, Untersuchungen 127, Anm.7 (mit Verweis auf 113,3).


Die von Mosis negierte Alternative 'JHWH befragen' steht dabei gar nicht zur Debatte
(vgl. P.Welten, Geschichte, 17, und oben, 2.3.5).
38 So auch E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 316.
39 P.Welten, Geschichte, 146.
40 Vgl. auch II 26,16-18 (s. dazu S.Japhet, Ideology, 442).
41 Vgl. I 16,1; 18,17 (s. dazu W.E.Barnes, Chronicles, 317; S.Japhet, Ideology, 443).
42 ]1ΊΚ, Lade, findet sich in Chr 47mal, davon zwölfmal in der Cstr.-Verbindung ]ΠΚ
D'.lVxn und viermal m,T p K .
43 Vgl. Th.Willi, Chronik, 187.
44 Vgl. oben, 3.2.4, und 2.3.6.
45 G.von Rad, Geschichtsbild, 46.
IlChr 1,2-6 179

Mosis schließlich verweist auf "die in 2 Makk 2,4-8 bezeugte Tradition


[...], die die drei mosaischen Heiligtümer Zelt, Lade und Altar als einheit-
liche Trias auffaßt" 46 , um die Erwähnung der drei Elemente des am Sinai
institutionalisierten Kultes in V.3b-5 zu erklären.
Abgesehen davon, daß in IIMakk 2 nicht vom kupfernen Altar
(θυσιαστηριον το χαλκού ν), sondern vom Räucheraltar (θυσιαστηριορ του
θυμιάματος) gesprochen wird, ist dieser Verweis insofern problematisch,
als die mit Jeremia verbundene Tradition der Bewahrung der drei Gegen-
stände am Berg des Mose in ihrer in IIMakk vorliegenden Form 47 auf deren
Vollständigkeit zielen - eine Vollständigkeit, die nach IlChr l^b-Saa/S 1 in
Gibeon zur Zeit der Wallfahrt gerade nicht gegeben ist.

3.2.6. Mose
Von daher legt sich folgende Interpretation der Perikope nahe: Der Chronist
selbst schildert in IlChr l,2-3a.5aß 2 .b.6 ein - durch die summarischen Hin-
weise in V.6 hinreichend legitimiertes - Opfer Salomos und der Volksge-
meinde in Gibeon, das durch die in V.7ff überlieferte Theophanie bestätigt
wird.
Demgegenüber halten V.Sb-Saa/S1 fest, daß dem Heiligtum in Gibeon ein
wichtiges Element fehlt. Die vom Chronisten vorgenommene positive Wür-
digung Salomos erfährt so eine gewisse Einschränkung. Die auf eine spätere
Hand zurückgehenden Verse konstatieren, daß sich zwar das 'Zelt der Be-
gegnung' und der Kupferaltar in Gibeon befinden, nicht aber die Lade als
drittes - das ursprüngliche Wüstenheiligtum konstituierende - Element.
Durch die oben bereits festgehaltenen Gegenüberstellungen von Mose und
David einerseits sowie Bezalels und Salomos andererseits ist hier sowohl
eine Kritik der Davididen als auch des Jerusalemer Tempels angelegt, die
durch den doppelten Rückbezug auf die Sinaiereignisse deutlich wird 48 .
Mose wird dabei durch den Titel ΠΙΠ' hervorgehoben49, der hier zu-
nächst die Aufgabe hat, jeder Tendenz zur Gleichstellung seiner Gestalt mit
deijenigen Bezalels entgegenzutreten.

46 R.Mosis, Untersuchungen, 127; zu IIMakk 2,4-8 vgl. auch a.a.O., 120-122.


47 Vgl. dazu Chr.Wolff, Jeremia, 24f, der damit rechnet, daß der erst in IIMakk 2,5 ge-
nannte Altar "nachträgliche Ergänzung des Briefschreibers" ist (vgl. auch a.a.O., 62f).
48 Vgl. dazu oben, 2.3.6.
49 Vgl. dazu unten, Exkurs.
180 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

3.3. IlChr 5,2-10 (Die Einholung der Lade)

3.3.1. Übersetzung
(8) Und dann waren die Cheruben da
als Flügel Ausbreitende über dem Platz der
Lade,
und dann bedeckten die Cheruben die Lade und die Tragestangen von oben her.
(9) Und dann waren die Stangen lang,
und dann wurden sichtbar die Spitzen der Stangen von der Lade [her]
vor dem Hinterraum,
und sie wurden nicht sichtbar
draußen
- und dann war sie dort bis zu diesem Tag.
(10) Nichts war in der Lade,
nur die zwei Tafeln,
die gegeben hatte Mose am Horeba),
die JHWH den Söhnen Israels geschnitten
hatte,
bei ihrem Auszug aus Ägypten.

Zum Text:
a) Die aufgrund von IReg 8,9 vorgeschlagene Ergänzung ΓΡΊ3Π (vgl. z.B. W.Rudolph,
HAT, 210f) ist nicht notwendig (vgl. J.Becker, 2Chronik, 23 - s. dazu unten, 3.3.4).

3.3.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Die Darstellung der Einholung der Lade in den Tempel in IlChr 5,2-10 bil-
det den Auftakt des chronistischen "Tempeleinweihungsbericht[es]"50. Ihr
voran geht in IlChr 5,1 (par. IReg 7,51) die Notiz über den Abschluß der
Tempelbauvorbereitungen.
Der Themenwechsel wird dabei durch TX, dem ein Imperfekt folgt, her-
vorgehoben 51 . Mit ΤΡΊ wird in IlChr 5,11 abermals eine neue Thematik
eingeleitet. Die inhaltliche Unterschiedenheit des in V. 11-14 überlieferten
Einzuges des mrp in den Tempel rechtfertigt eine Begrenzung des hier
zu bearbeitenden Textes auf IlChr 5,2-10 52 .

50 J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 230.


51 Vgl. dazu I.Rabinowitz, 'az, 61.
52 Vgl. auch die ΠΠ1Τ1Β nach V.10.
Vgl. zur Abgrenzung von II 5,2-10 J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 230f; K.Galling,
ATD, 91 f.
IlChr 5,2-10 181

3.3.3. Parallelen und Quellen


Die Perikope entspricht im wesentlichen der in IReg 8,1-9 festgehaltenen
Vorlage53. Folgende Abweichungen sind erwähnenswert:
- In V.2 (V'np') und V.9 (13'UH) begegnet Pleneschreibung, während 'J?3tfn (V.3) de-
fektiv geschrieben ist.
- In V.4 ist das D'JHSn von IReg 8,4 durch ü'lVn ersetzt. Der chronistische Text folgt
dabei wahrscheinlich dem in Dtn 10,8; 31,25 bzw. Num 3,31 formulierten Gebot-*4. Au-
ßerdem ist die Änderung "nach 1 .Chr 15 mehr als verständlich"55.
- Die Formulierung ρΊΚιΤΓΙΚ (V.5) - für m,T pIK'HK in IReg 8,9 - kann mit Willi auf
die dem Chronisten eignende "Tendenz zur Verallgemeinerung" zurückgeführt werden5^,
nicht aber das in V.10 verwendete ΠΙΠ^Π im Vergleich mit D'J3Nn mnV in IReg 8,9 5 7 .
- Anders als in IReg 8,4b (Impf.cons.) wird in IlChr 5,5b das Tragen der Leviten und
Priester perfektisch (iVyn) ausgedrückt5®.
- Durch VfPI (IlChr 5,8), das anstelle des '3 von IReg 8,7 erscheint, hebt die Chronik
die eigenständige Rolle der Cheruben hervor 5 ^. Mit der Differenz von Dlpü'^K (IReg 8,7)
und DlpB'Vy liegt nach Kropat ein Beispiel dafür vor, daß "die Vorstellung des Strebens
nach mit der des Gelangens oder des Ruhens auf gewechselt zu haben scheint "6®. Der Sub-
stitution von 1301 durch das singularische 103*1 kommt keine besondere Bedeutung zu.
- Das an die Stelle von BhpiTp (IReg 8,8) tretende ]ΠΚΠ"ρ (IlChr 5,9), könnte durch
das auf die Lade konzentrierte Interesse des Chronisten begründet sein^l.
- Der Singular •©"'ΓΗ in IlChr 5,9b ist "richtiger als der auf die Stangen bezügliche
Plural von 1 Rg" 6 2 .

53 Vgl. A.Klostermann, Samuelis, 313: "zum größten Teile ohne andere Abweichungen,
als welche zwei Abschriften eines Textes geben"; vgl. dazu aber die Beobachtung Wel-
tens zum Verhältnis von IKön 8 zu II 5f insgesamt: "mit ganz geringen, allerdings um
so einschneidenderen Veränderungen" (P.Welten, Lade, 179).
54 Vgl. I.A.Seeligmann, Ansätze, 27.
55 P.Welten, Lade, 179 (zu I 15,11-15 vgl. oben, 2.2.2).
56 Th.Willi, Chronik, 160f.
57 So Th.Willi, a.a.O., 161. Vgl. dazu J.Kegler, Exodustradition, 60 (Kegler fragt, ob es
für den Chronisten "selbstverständliche Tradition" war, daß es sich um steinerne Tafeln
handelte, oder ob "das mehr technische Attribut für überflüssig" gehalten wurde) - s.
dazu unten.
58 Vgl. dazu I.Benzinger, KHC, 89, dem diese Änderung als einziges Argument für die
Behauptung dient, daß V.5b eine "auch in Chr erst nachgetragen[e]" 'Glosse' darstellt,
und R.Kittel, HK, 113, der das ity'l von IReg 8 als aus dem Chroniktext dorthin über-
nommen und dabei korrigiert versteht.
59 Vgl. A.Klostermann, Samuelis, 314: "'3 soll die vorangehende Ortsbestimmung erklä-
ren, u. Vil'1 ist nur [sie!] Umsetzung von Ex 25,20 aus Gebot in Wirklichkeit" - s. aber
die Substitution von 130Ί (IReg 8,7) durch das "sinngleich[e]" (W.Rudolph, HAT,
211) 103Ί. Hier übernimmt IReg 8 das in Ex 25,20 gebrauchte Verb.
60 A.Kropat, Syntax, 42.
61 Wenn nicht doch textkritisch argumentiert werden muß (vgl. dazu z.B. W.Rudolph,
HAT, 211: "Versehen eines gedankenlosen Abschreibers").
62 W.Rudolph, HAT, 211.
182 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

- Zur Erklärung der Differenz zwischen Π13 in IReg 8,9 und ]TU in IlChr 5,10 ist einer-
seits darauf hinzuweisen, daß der Chronist selbst das Hiphil I von ΠΊ3 seinen theologischen
Ruheaussagen vorbehält^ und auch für Hiphil II nur Gott (IChr 16,21) und Salomo (IlChr
1,14; 4,8; 9,25) als Subjekt kennt. Außerdem ist bemerkenswert, daß in Ex 25,21 eben-
falls ins verwendet wird, um das Einlegen der Tafeln durch Mose zu beschreiben6^.
- Die Auslassung von flK in V.lOb gegenüber IReg 8,9 ist nicht ungewöhnlich, da in I
und IlChr nur dreimal Ο'ΊΪ» flK steht65, weit häufiger aber 0'Ί5Ι3 allein 66 .

Der Vergleich bestätigt einerseits, daß IReg 8,1-9 der Perikope in IlChr
5,2-10 als Vorlage gedient hat und ihr damit als Quelle zugrunde liegt. An-
dererseits ist deutlich, daß der Text in IReg 8 Probleme aufweist, die - wie
erwähnt - etwa Kittel dazu fuhren, in IReg 8,4b mit einer vom Chroniktext
her übernommenen Interpolation zu rechnen. Von daher ist es sinnvoll, auf
die besonderen literarkritischen Probleme von IReg 8,1-9 kurz einzugehen.

Exkurs: Literarkritische Modelle zu IReg 8,1-9


Vor allem die zwischen dem MT und der LXX-Überlieferung von IReg 8 zu beobachten-
den Unterschiede haben zahlreiche Ausleger veranlaßt, verschiedene "Überarbeitungen und
Zusätze" auszuscheiden, die sich etwa nach Benzinger "von dem älteren deuteron. Redaktor
an (und vielleicht schon vorher) bis in die ganz junge Zeit bis nach Abfassung der Chro-
nik" erstrecken6^.
Noth hat in seinen 'Überlieferungsgeschichtlichen Studien' die vorliegende Endgestalt
von IReg 8,1-9 drei Ebenen zugeordnet. V.laa.2a0b.3.5.6*.7.8 sind danach als "aus ei-
nem späteren Zusammenhang des 'Buches der Salomogeschichte'" übernommene "alte
Überlieferung" zu verstehen6®. Während der Deuteronomist diese "seinerseits durch einige
Bemerkungen" - V.lb.2aa.4b.9 - ergänzte 6 ', stellen V.lajS.4a.6* (=in das Allerheiligste)
"nachdeuteronomistische Zusätze im Stile und Sinne der Priesterschrift"^® dar.
Ernst Würthwein modifiziert dieses Modell und versucht dabei, innerhalb der nachdeu-
teronomistischen Zusätze zu differenzieren^. Nach Würthwein liegen in V.la/3* und

63 Vgl. dazu P.Welten, Geschichte, 49, und J.Kegler, Exodustradition, 60.


64 Dtn 10,5 dagegen D'B?. Im übrigen wird außerhalb des Pentateuchs die Wendung JJIJ
ntfB nur in Jos verwendet. Sie ist dort stets auf die Gabe des Landes bezogen (vgl. dazu
unten, 3.3.5 und 3.3.6).
65 Vgl. II 6,5; 7,22; 20,10.
66 Vgl. z.B. I 13,5; II 1,16.17; 9,26; 10,2; 12,3; 26,8.
67 I.Benzinger, Könige, 56.
68 M.Noth, ÜSt, 70 - in V.7f liegt dabei "ein Zusatz, der aber bereits vor Dtr im 'Buch
der Salomogeschichte' gemacht worden war", vor (ebd., Anm.2).
69 A.a.O., 70.
70 Ebd., Anm.5.
Vgl. dazu die etwas zurückhaltendere Formulierung in ders., Könige, 174: "nur ist es
kaum noch möglich, diese verschiedenen [sc.: dtr. bzw. vor- und nachdtr.] Schichten
sauber von einander zu trennen, auch nicht in dem durch zahlreiche Wiederholungen
überfüllten Stück 1-5".
71 Vgl. E.Würthwein, 1.Könige 1-16, 84f.
Würthwein ordnet der 'alten Überlieferung' V.2ajSb.3.4aa*.6* zu und fuhrt nur
IlChr 5,2-10 183

V.4a/3 spätere Zusätze "im Stile" bzw. "Sinne von P" vor 7 2 . v . 3 b ist als "Zufiigung, die
den Priestern das Privileg des Dienstes an der Lade wahren w i i r 7 ^ , bezeichnet, V.4b all-
gemein als "Zufügung, die darauf hinweisen will, daß nur die nach späterer Auffassung zu
diesem Dienst berechtigten Priester und Leviten berechtigt waren"7**. Nicht näher be-
stimmt sind die Nachträge von V.2aa und V. 575 , in V.7-8 liegt "ein mit 'denn' eingeleite-
ter späterer Kommentar" v o r 7 6 . V.9 schließlich stellt einen Zusatz dar, für dessen junges
Alter nach Würthwein seine polemische Tendenz, die an die Vorstellungen von Hebr 9,4
erinnert, spricht 7 7 .

Während Würthwein das Verhältnis von IReg 8,1-9 zu IlChr 5,2-10 nicht
thematisiert, meint etwa Rudolph, daß die Nennung der Stammeshäupter
und Fürsten in IlChr 5,2a "aus Chr nach 1 Rg 81 zurückgetragen" wurde78.
Auch Kittel und andere stellen die Frage, ob der Text in IReg, konkret der
in IReg 8,4b vorliegende Zusatz, vom Chroniktext her beeinflußt ist 79 .
Noth hat demgegenüber prinzipiell festgehalten, daß der Chronist "die Er-
zählung [sc.: von IReg 8,Iff] mitsamt den jüngeren und jüngsten Erweite-
rungen übernommen und [...] selbst noch ausgebaut" habe 80 .
Die Erkenntnis, daß eine Beeinflussung des in IReg überlieferten Textes
durch denjenigen der Chronik hier prinzipiell möglich scheint, ist bei den
folgenden Überlegungen zu Aufbau und Zuordnung der Perikope mitzube-
denken.

V . l a ß * und 4aß auf Dtr. zurück. In V.6* findet sich mit Π1Π' Tl'13 eine "Dtr Glosse"
(a.a.O., 85, Anm.7).
72 A.a.O., 84, Anm.l, und 85, Anm.4.
73 Ebd., Anm.3.
74 Ebd., Anm.5.
75 Vgl. aber: V.5, 1ΠΚΠ 'JSV, ist wahrscheinlich "erklärende Glosse, wie aus der Stellung
zu erschließen ist" (ebd., Anm.6).
76 A.a.O., 87.
77 Vgl. a.a.O., 88.
78 W.Rudolph, HAT, 210.
79 Vgl. R.Kittel, HAT, 113; so auch P.R.Ackroyd, I&II Chronicles, 110, und R.L.
Braun, Message, 506, Anm.9 (auf IReg 8,4 bezogen). Auch John Gray rechnet in der
ersten Auflage seines Kommentares damit, daß IReg 8,Iff "was finally revised by a
priestly editor familiar with Chronicles" (J.Gray, I&II Kings [1964], 191). Im Blick auf
V.9 konstatiert Gray, die Ausführungen zum Ladeinhalt stammten offensichtlich "from
a time when other objects were believed to have been in them" (a.a.O., 195).
80 M.Noth, Könige, 175.
Vgl. dazu die von Gray in der zweiten Auflage seines Kommentares im Anschluß an
Noth vorgenommene Modifikation: "the text was fluid and subject to revision in the
light of the Priestly account of the Tabernacle [...], on the basis of which the Chroni-
cler composed his parallel account" (J.Gray, I&II Kings [ 2 1970], 205).
184 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

3.3.4. Zum Aufbau / Zuordnung


IlChr 5,2-7 werden durch vier aufeinander folgende 'Handlungen' be-
stimmt. V.2-4a berichten "vom Zusammenkommen Israels bzw. seiner Re-
präsentanten in Jerusalem" 81 . Dabei treten Salomo (V.2), das ganze Volk
(V.3) und die Ältesten (V.4) aktiv in Erscheinung. Unmittelbar anschlie-
ßend erzählen V.4b.5 vom Transport der Lade, des 'Zeltes der Begegnung'
und der Kultgeräte zum Tempel. Als Handelnde sind hier die Leviten
(V.4b.5ab) und die Priester (V.5b) genannt. In der in V.6 folgenden Opfer-
notiz erscheinen dagegen erneut Salomo und ganz Israel als ausführende
Subjekte, während in V.7 die Priester allein die Lade in das Innere des
Tempels bringen 82 .
In den sich hier anschließenden Versen 8-10 wird mit den Stich worten
D'3VO (V.8), r n x (V.8-10) und Τ 3 Ϊ (V.9) zwar eine Verbindung zum
Vorangehenden hergestellt. Durch ihren ausschließlich beschreibenden Cha-
rakter und ihre Thematik sind die Verse jedoch vom 'Hauptteil' der Peri-
kope unterschieden. Von daher kommt ihnen quasi der Charakter eines 'An-
hanges' zu 83 .
Dieser wiederum ist zweigeteilt, denn es besteht kein direkter Zusammen-
hang zwischen der in V.8f gebotenen exakten Positionsbestimmung der La-
de bzw. der damit in Verbindung stehenden Sichtbarkeit ihrer Stangen ei-
nerseits und der Bemerkung zum Inhalt der Lade in V.10 andererseits.
Die im Blick auf den Hauptteil der Perikope auftretenden Probleme kön-
nen im Zusammenhang dieser Untersuchung außer acht gelassen werden 84 .
Zum 'Anhang' von V.8-10 sind dagegen weitere Überlegungen notwendig.
Zunächst fallt auf, daß V.8f durch mit Imperfekt consecutivum eingelei-
tete Verbalsätze geprägt ist. Dabei kann das in V.9b verwendete 'ΠΙ als
dem v m von V.8a korrespondierend verstanden werden 85 . In V.10 begeg-

81 M.Noth, Könige, 176.


82 Vgl. dazu W.Rudolph, HAT, 209.
83 Vgl. S.J.de Vries, FOTL, 254, der V.2-7 vom in V.8-10 vorliegenden "Descriptive
statement" unterscheidet.
84 Vgl. dazu z.B. das Fazit Würthweins zu IReg 8,l-4aa: "Auch nach Ausscheidung der
klar erkennbaren Zusätze [...] erscheint er [sc.: der Textabschnitt] noch überfüllt."
(E.Würthwein, 1.Könige 1-16, 86); vgl. auch W.Rudolph, HAT, 210, und H.G.M.
Williamson, NCBC, 213f.
85 Die von Galling vorgeschlagene Umstellung von V.9b nach V.10 (vgl. K.Galling,
ATD, 88, und - für IReg 8,8f - etwa M.Noth, Könige, 179f) ist deshalb überflüssig
(vgl. auch J.M.Myers, IlChronicles, 26f).
IlChr 5,2-10 185

net dagegen ein verneinter Nominalsatz, dem zwei perfektische Verbalsätze


untergeordnet sind. Syntaktische Schwierigkeiten bereitet JTÜ, "denn ihm
fehlt ein direktes Objekt" 86 . Während die meisten Kommentatoren entweder
ΤΠ3 ergänzen oder den Bund als "virtuelles Objekt" mitdenken, ist meines
Erachtens die grammatikalisch denkbare Möglichkeit, "daß das Objekt 'die
zwei Tafeln' sind" 87 , vorzuziehen88.
Die je verschiedene Konstruktion von V.8f einerseits und V.10 anderer-
seits sowie der abschließende Charakter von V.9b 89 sprechen dafür, hinter
V.9 eine Zäsur zu setzen. Es kann davon ausgegangen werden, daß IlChr
5,8f vom Chronisten aus IReg 8 übernommen wurden.
Damit ist die Frage nach der Zuordnung der Perikope aufgeworfen. Diese
wird nahezu übereinstimmend dahingehend beantwortet, daß IlChr 5,2-10 -
von wenigen Glossen abgesehen90 - auf den Chronisten selbst zurückgehen,
der die Verse aus seiner Vorlage übernommen habe 91 .
Die oben erläuterten Beobachtungen zu V.10 machen es meines Erachtens
jedoch erforderlich, dessen Herkunft neu zu bestimmen. Dabei ist mit der
Möglichkeit zu rechnen, daß die Notiz über den Inhalt der Lade einer späte-
ren Hand zuzuschreiben ist. Weitere Argumente für diese Überlegung wer-
den in den folgenden Abschnitten gewonnen werden müssen.

3.3.5. (Leit)Worte
Mit Vnp 92 , Π1??93 und X&394 begegnen in IlChr 5,2-5 Verben, die mehr-
fach im Zusammenhang mit der Lade(überführung) gebraucht werden. Π3Τ
Piel (V.6) findet sich in den Chronikbüchern dagegen nur noch in IlChr

86 J.Kegler, Exodustradition, 60.


87 Ebd.
88 Vgl. dazu Dtn 5,22: JHWH schreibt (3113) die Worte auf die Tafeln.
89 Zur Aussage von V.9b vgl. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 338: "The retention of this
clause from I Κ.8,8 is an example of the Chronicler's unconcern at times to harmonise
his text with actual conditions".
90 Vgl. etwa Η.G.M.Williamson, NCBC, 214: V.5 ist "later addition".
91 Vgl. W.Rudolph, HAT, 209; K.Galling, ATD, 88, und auch die Hinweise bei Th.Wil-
li, Chronik, 116.160f.
92 Vgl. I 13,5 [S]; 15,3 [S],
Vgl. noch I 28,1 (David versammelt die Repräsentanten Israels [S]); II 11,1 (Rehobeam
versammelt ein Heeresaufgebot [par. IReg 12,21]); II 20,26 (Das Volk versammelt
sich, um JHWH zu loben [S]).
93 Vgl. oben, S.136 (zu I 15,11-15).
94 Vgl. ebd.
186 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

28,4 (par. IIReg 16,4) 9 5 . Unter den in V . l - 5 genannten Repräsentanten Is-


raels 96 fallen die 'Stammeshäupter' besonders auf 9 7 . Mit V.3 kommt erneut
die Gesamtheit Israels in den Blick 9 8 .
Wiederholt wurde bereits auf die zentrale Rolle der Lade in der gesamten
Perikope hingewiesen, die das zentrale Bindeglied zwischen IlChr 5,2-7 ei-
nerseits und IlChr 5,8f bzw. IlChr 5,10 andererseits bildet.
Wie diejenige von V.2-7 weist auch die in V . 8 f verwendete Terminologie
Gemeinsamkeiten mit dem chronistischen Vokabular auf. Zwar werden die
0Ή3 der Lade innerhalb der Chronikbücher nur hier erwähnt, die D'31"13
erscheinen dagegen auch im chronistischen Sondergut bzw. ohne Parallele
in der 'Vorlage' 9 9 .
In V . 1 0 begegnet dagegen ein - von |ΠΝ abgesehen - völlig neuer und
singulärer Wortschatz. Die beiden Tafeln werden sowohl in den Chronik-
ais auch den Königsbüchern nur hier genannt 100 . Die Aussage |T13 "lüN
ntfö 1 0 1 und die in der Chronik wörtlich nur hier verwendete Formulierung
ΠΙΐΡ ΓΓϋ I t f X 1 0 2 sind ebenso auffällig. Die Singularität des Wortschatzes
von IlChr 5,10 setzt sich fort mit der Erwähnung des nur hier erwähnten
Horeb 1 0 3 und des wörtlich nur hier erscheinenden O'IXÜÖ DflNXa.
ntfa JTU hebt die Rolle des Mose hervor und macht die Tafeln vom Ho-
reb zur von ihm gegebenen "dauernde[n] Gabe" 1 0 4 . Deren Bedeutung wird
durch die Betonung der unmittelbaren Urheberschaft JHWHs unterstrichen.
Das mit K2P bezeichnete 'Herausziehen/-führen' aus Ägypten wird noch in
IlChr 6,5 (Hiphil) und IlChr 7,22 (Hiphil) genannt. In beiden Fällen ist es
jedoch ausdrücklich als Tun Gottes gekennzeichnet. Sonst steht im Zusam-
menhang mit der Erwähnung des Exodus nVy Hiphil (IChr 17,5) 1 0 5 . Der

95 Subjekt ist hier der auf den Höhen opfernde Ahas.


Zu Π3Τ vgl. oben, S.144 (zu I 21,26b-22,l).
96 Vgl. dazu z.B. oben, S.170 (zu I 26,20-28).
97 Vgl. dazu S.J.de Vries, FOTL, 255.
98 Vgl. dazu R.Mosis, Untersuchungen, 126.
99 Vgl. I 28,18 (nach K.Galling, ATD, 69: 'zweiter Chronist'); II 3,7.11.12.
100 m1? in Chr nur hier; in IReg 7,36 liegt eine andere Bedeutung vor.
101 Auch das HBftS ΠΊΊ in IReg 8,9 ist singular.
102 II 6,11 (VlOKP ' M O ? ΓΙΊ3 ΊΡΚ Π1Π* JT13 ]VlK;rllK DB? D'fcWI) stellt keine
direkte Parallele zu II 5,10 dar und darf auch nicht zur Begründung einer Änderung des
MT herangezogen werden, wie es J.M.Myers, IlChronicles, 26f, versucht.
103 Vgl. M.Noth, Könige, 180: "der Name des Theophanieberges bei Dtr".
104 J.Kegler, Exodustradition, 60.
105 Dort ist allerdings das D'IXÖfi der Vorlage (IlSam 7,6) weggelassen, so "daß die chro-
nistische Version keinen expliziten Hinweis auf die Heraufführung aus Ägypten
enthält" (J.Kegler, Exodustradition, 57).
IlChr 5,2-10 187

ungewöhnliche Inf.constr. Qal wird von Ο'ίΓΰΠ J1XX3 her verständlich, mit
dem V . l l einen sekundären Zusatz einleitet106. Hier liegt eine Wortasso-
ziation vor - und damit ein weiterer Hinweis auf Redaktionstätigkeit.
Indem die Wortstatistik zeigt, daß der Wortschatz von V.10 für die Chro-
nik untypisch ist, stützt sie die oben geäußerte Hypothese, nach der IlChr
5,10 nicht aus IReg 8,9 übernommen wurde, sondern einer späteren Über-
arbeitungsschicht zuzuordnen ist.

3.3.6. Mose
Mose wird in IlChr 5,10 wieder im Zusammenhang mit der Wüstenwande-
rung, hier ganz explizit: dem Exodus aus Ägypten, genannt.
Seine Erwähnung erfolgt im Kontext gottgewollter Kultausübung: Die
Überführung der Lade in den Tempel (V. 2-7) an den ihr zukommenden
Platz (V.8f) ist Voraussetzung für den Einzug des JHWHs, der den
Tempeldienst erst ermöglicht.
Die ursprüngliche, vom Chronisten aus den Königsbüchern übernomme-
ne, Gestalt der Perikope, stellt Salomo in den Mittelpunkt. Auf dessen Ver-
anlassung sammelt sich Israel bzw. erfolgt die Überführung der Lade in den
von ihm errichteten Tempel. V.10 weist jedoch Mose eine entscheidende
Rolle zu. Im jetzigen Zusammenhang folgt der Einzug des 1133 erst auf die
Feststellung zum Inhalt der Lade. Dieser wird auf Mose zurückgeführt, des-
sen besondere Nähe zu JHWH ebenfalls zum Ausdruck gebracht ist.
Während Galling - aufgrund seiner Umstellung von V.9b - meint, daß die
Aussage von IlChr 5,10 auf eine vorexilische Tradition zurückzuführen
sei 107 , hat Würthwein meines Erachtens richtig erkannt, daß sich hier eine
späte Debatte widerspiegelt108. Auch von daher wird so die Vermutung,
daß in IlChr 5,10 ein nachchronistischer Zusatz vorliegt, untermauert 109 .
Mit Hilfe dieses Zusatzes wird das in IlChr 5,2-9 intendierte uneinge-
schränkt positive Salomobild ein Stück weit relativiert. Gleichzeitig ist die
Bedeutung des Mose im Zusammenhang mit dem Tempel und seinen Ein-
richtungen hervorgehoben.

106 Vgl. dazu P.Welten, Lade, 179.


107 Vgl. K.Galling, ATD, 92.
108 Vgl. E.Würthwein, 1.Könige 1-16, 88. Zu neben Hebr 9,4 nachweisbaren Hinweisen
auf die Debatte um den Inhalt der Lade vgl. Chr.Wolff, Jeremia, 68, Anm.l, und 71.
109 IReg 8,9 muß dann als von den Chr her beeinflußter Nachtrag verstanden werden, mit
dem eine spätere Bearbeitung zu einer in ihrer Zeit aktuellen Problematik Stellung
nimmt.
188 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

3.4. IlChr 8,12-16 (Salomos Opfer und Kultanordnungen)

3.4.1. Übersetzung
(12) Damals opferte Salomo
Brandopfer für JHWH
auf dem Altar JHWHs,
den er gebaut hatte vor der Vorhalle.
(13) Und die für jeden Tag erforderliche Leistung,
zu opfern entsprechend dem Gebot des Mose
für Sabbate
und für Neumonde
und für Festzeiten
dreimal im Jahr,
am Fest der ungesäuerten Brote
und am Fest der Wochen
und am Laubhüttenfest.
(14) Und dann stellte er auf
entsprechend dem Recht Davids, seines Vaters,
die Abteilungen der Priester für ihren Dienst
und die Leviten für ihre Dienste,
zu lobsingen
und zu dienen vor den Priestern
gemäß der jeden Tag erforderlichen Ordnung,
und die Torwächter nach ihren Abteilungen
für jedes einzelne Tor,
denn so war das Gebot Davids,
des Mannes Gottes.
(15) Und sie wichen nicht ab vom Gebot") des Königs
über die Priester
und die Leviten
für jede Sache und für die Vorräte.
(16) Und dann war fertiggestellt die ganze Arbeit Salomos
b
)bis zu dem Tag b ) der Grundsteinlegung des
Hauses JHWHs
c
)und bis zu seiner Vollendung -
vollendet war das Haus JHWHs.

Zum Text:
a) Mit den meisten Auslegern ist aufgrund einiger Handschriften, der Peschitta und der
Arabica mSBB zu lesen.
b)-b) Es ist nicht notwendig, mit den Versionen DTO zu lesen (so z.B. W.Rudolph,
HAT, 220), denn MT hat hier zwei Bauabschnitte - Vorbereitung und Ausführung (siehe
IlChr 3,2f - vgl. J.Becker, 2Chronik, 35).
c) LXX bietet eine schwächere Lesart. (Zur Ubersetzung vgl. J.Becker, ebd.; gegen eine
Textänderung spricht sich auch S.Japhet, Ideology, 201, Anm.116, aus).
IlChr 8,12-16 189

3.4.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Auf den Abschluß des Tempelweihberichtes (IlChr 5-7) durch eine Gottes-
rede (IlChr 7,12-22) folgt in IlChr 8 die Schilderung verschiedener Taten
Salomos. IlChr 9 setzt die positiv gestaltete Berichterstattung über Salomos
Unternehmungen fort und schließt mit der Notiz zu Salomos Tod (IlChr
9,31).
Von den in IlChr 8 gesammelten Notizen 110 sind IlChr 8,12-16 durch ih-
re Thematik unterschieden. Im Anschluß an Nachrichten zur Bautätigkeit,
über Kriegszüge und eine kurze Überlegung zum außerhalb des Palastes lie-
genden Wohnhaus der Königin werden hier erneut kultische Fragen thema-
tisiert 111 . Die inhaltliche Unterschiedenheit wird durch formale Kriterien
unterstrichen. So ist die Perikope nach Kegler/Augustin der Gattung "kon-
struierter Bericht" zuzuweisen 112 . Außerdem wird die Gliederungsfunktion
von TX mit folgendem Perfekt sowohl in IlChr 8,12 als auch in IlChr 8,17
erkennbar 113 . Der Nominalsatz ΓΠΠ1 JV3 (V.16b) bildet eine Art Ab-
schlußnotiz.

3.4.3. Parallelen und Quellen


IlChr 8,12-16 gründen auf IReg 9,25 1 1 4 . Die Vorlage wurde dabei zum
Teil geändert, vor allem aber erheblich erweitert.
- Das TK in IlChr 8,12 ist nach Becker "verfremdend aus dem ausgelassenen Satz I Kön
9 2 4 b übernommen" 115 .
- Die in IReg 9,25 gemachte "Mitteilung über das jährlich dreimalige Opfern Salo-
mos" 1 1 6 (ΓΠϋή aväys tibti) wird zunächst übergangen 1 1 Damit berichtet IlChr 8,12 be-
tont von einem aktuellen Opfer Salomos11®. Darauf weist auch die genaue Lokalisierung

110 Vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 231f.


111 Zur die 'Vorlage' IReg 9,24 ergänzenden Überlegung der Chronik in II 8,11 vgl.
W.Rudolph, HAT, 220f.
112 Vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 237 (zu den Merkmalen dieser Gattung vgl.
a.a.O., 37ff).
113 Vgl. dazu Jos 10,33; Jdc 5,13; IReg 8,12; Ps 89,20.
Zu TK als redaktioneller Formel vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 54 (vgl. auch
W.Gesenius/E.Kautzsch, 325 [§107c]: "das Perfekt steht nach TK", wenn die "Tatsäch-
lichkeit" einer vergangenen Handlung hervorgehoben werden soll).
114 Nach Würthwein liegt hier eine nachdtr. Erweiterung vor, der "die Bestreitung prie-
sterlicher Privilegien für den König" (vgl. II 26,16ff) jedoch noch fremd ist
(E. Würthwein, 1.Könige 1-16, 114f).
115 J.Becker, 2Chronik, 34f.
116 M.Noth, Könige, 220.
117 Die in IReg genannten unterschiedlichen Opferarten erwähnt die Chronik nicht.
118 Vgl. J.Becker, 2Chronik, 35; vgl. dazu die oben genannte Aussage von Gesenius/
190 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

des Altars hin, die so vorher nicht explizit vorgenommen w u r d e 1 1 ' . Die in V.12 fehlende
Häufigkeitsangabe folgt in IlChr 8,13 in einem von IReg 9,25 zu unterscheidenden Zusam-
menhang. Erst nach der Erwähnung der täglichen Opfer'20 sowie der wöchentlichen Sab-
bat- und der Neumondfeste werden die namentlich bezeichneten drei großen Wallfahrtsfeste
angeführt.

Im Blick auf die Benennung des Festreigens wird in der Regel auf Num
28f verwiesen 121 . Problematisch ist dabei jedoch, daß im dortigen Festka-
lender auch das Neujahrsfest und der Versöhnungstag erscheinen, die in den
Chronikbüchern nie erwähnt werden 122 . Innerhalb der Chronikbücher ist
die in IlChr 2,3 gebotene Aufzählung der morgendlichen und abendlichen
Opfer jedes Tages sowie der Opfer an Sabbaten, Neumonden und an den
mrr ' l y i a zu vergleichen. Von dort her kann die Schlußfolgerung gezogen
werden, daß in IlChr 8,13 eine im chronistischen Sinn vollständige Aufli-
stung der Opfergelegenheiten vorliegt. Diese sind im übrigen ausdrücklich
als der nttfö TVIXÖ entsprechend dargestellt.

- Die auf David zurückgeführte 'Festsetzung der Dienstordnungen für das Kultpersonal'
in V.14f gehört ganz zum Sondergut der Chronik. Dabei greifen beide Verse die Thematik
von IChr 23-26 auf.

Die besondere Bedeutung der Verse wird durch die Bezeichnung der da-
vidischen Kult(an)ordnung(en) als DSttfö (V.14) bzw. ΠΊΧ0 (V.14f) und den
David verliehenen Titel •,Π17ΚΠ"2?,Ν123 unterstrichen. Dabei fällt das Ne-
beneinander von Τ Π OBVnD (V.14) bzw. Τ Π JTIXÖ (V.14) und ΠΊΧΰ
(V.15) einerseits und JTIXÖ3 (V.13) andererseits auf. Es ist im folgen-
den zu thematisieren.

Kautzsch, nach der hier die Tatsächlichkeit der Opfer betont ist.
Diese konzeptionelle Änderung könnte die Weglassung der in IReg 9,25 genannten
Ctt^© erklären (vgl. dazu die gegensätzlichen Positionen Willis, der meint, daß hier ei-
ne auch sonst beim Chron erkennbare Beschränkung der Opferterminologie "auf allge-
meine Feststellungen" vorliegt (Th.Willi, Chronik, 98), und Alwin Renkers, der fest-
stellt, daß die Chronik "offenkundig dem Sachzwang (Num 28f.) folgt" (A.Renker, To-
ra, 133, Arnn.43).
119 Vgl. dazu II 4,1 (II 7,7).
120 Vgl. dazu Ex 29,38ff; Num 28,3ff.
Gegen W.Rudolph, HAT, 221, der meint, diese fehlten.
121 Vgl. G.von Rad, Geschichtsbild, 53f; W.Rudolph, HAT, 221; J.Becker, 2Chronik,
35. Anders z.B. W.E.Barnes, Chronicles, 316, nach dessen Auffassung V.12f Dtn
16,16 aufnehmen.
122 Anders G.von Rad, Geschichtsbild, 54, Anm.67.
123 Vgl. dazu noch Neh 12,24.36 (nach K.Galling, ATD, 246f 'zweiter Chronist'; s. auch
W.Rudolph, HAT, 221, Anm.2).
nChr 8,12-16 191

- IlChr 8,16 nimmt erneut die 'Vorlage' von IReg 9,25 auf, ohne daß deren Formulie-
rung 'und so wurde das Haus fertig' einfach übernommen wird. IlChr 8,16a ruft zunächst
die beiden grundlegenden Abschnitte der Bautätigkeit Salomos in Erinnerung, die nun end-
gültig abgeschlossen ist 1 2 ^. Mit 10TO ΒΙ'ΓΠΪ wird dabei auf die von Salomo getroffenen
Vorbereitungen, die sich bis IlChr 2,17 erstrecken, angespielt. Durch ITto'ty ist die in
IlChr 3,2 einsetzende eigentliche Bauphase bezeichnet. Die von Willi als tiefgründiges
Wortspiel mit Salomos Namen interpretierte 1 Notiz ΠΊΠ' il'3 dV© betont im Unterschied
zur durativisch aufzufassenden 1 Nachricht von IReg 9,25 den endgültigen Abschluß des
schon mit Davids Vorbereitungsmaßnahmen einsetzenden Tempelbaus. Die Konstruktion
des Nominalsatzes mit Verbaladjektiv der Wurzel oVtf ist im Alten Testament singular 12 ^.

3 . 4 . 4 . Zum Aufbau / Zuordnung

Hinsichtlich des Aufbaus der Perikope lassen sich von der Thematik her zu-
nächst vier Abschnitte unterscheiden.
Der in V . 1 2 gebotenen Nachricht von einem aktuell vollzogenen Opfer
S a l o m o s 1 2 8 folgt in V . 1 3 eine vollständige Aufzählung der Opfergelegen-
heiten 1 2 9 . Obwohl V . 1 4 a mit TOT'S D V i n " ? die im Alten Testament singu-
lare Einleitung von V . 1 3 (DV3 O V ' - i n m ) aufnimmt 1 3 0 , sind V . 1 4 f durch
ihre ausschließliche Befassung mit Fragen des Kultpersonals vom Vorherge-
henden deutlich unterschieden 1 3 1 . V . 1 6 schließlich bildet - wie erwähnt -
eine Abschlußnotiz, die durch den in V . 1 6 a enthaltenen Bezug auf Salomo
einerseits sowie die allgemein gehaltene Formulierung von V . 1 6 b anderer-
seits zweigeteilt ist 1 3 2 .

124 Zur Verwendung der Wurzel J13 vgl. unten, S.194.


125 Vgl. Th.Willi, Chronik, 185.
126 Vgl. J.Becker, 2Chronik, 35.
127 In IReg 7,51 und IlChr 5,1 wird der Abschluß der (Tempelbau-) Arbeiten mit
Impf.Qal (oVtffl) formuliert, ebenso in Neh 6,15 das Ende des Mauerbaus; vgl. auch
Esra 5,16: Peal (DVtp).
128 Gegen S.J.de Vries, FOTL, 267, nach dessen Überzeugung V.12 vom "diligent sacri-
ficing" Salomos spricht.
129 V.13 nennt dabei kein Subjekt und bietet keine Hinweise auf einen direkten Bezug zu
V.12.
130 Vgl. zu lava aT—mV noch I 16,37; II 31,16. Das Suffix steht auch in den anderen elf
AT-Belegen (vgl. dazu A.Even-Shoshan, Concordance, 849), von denen jedoch nur
Lev 23,37; Neh 11,23; 12,47 in einem 'kultischen Kontext' stehen.
131 Vgl. S.J.de Vries, FOTL, 267, der zwischen V.12f ("Worship according to divine
ordinance") und V.14f ("Appointment of temple officials") trennt.
132 Zu überlegen ist dabei, ob der endgültige Abschluß der Arbeiten am Tempel für die
Chronik Voraussetzung für die in II 8,17f; 9 erwähnten Beziehungen nach 'Übersee'
ist.
192 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

Bezüglich der Zuordnung der Perikope besteht kein Konsens. Während


etwa Becker die ganze Perikope dem Chronisten selbst zuweist 133 , scheidet
Rudolph vaK-ΤΠ ÜDtfKD (V.14a) und V.14b als "nachträgliche Hinzufü-
gungen" aus, weil hierdurch eine Beziehung zu IChr 23-26 hergestellt
wird 134 . Galling geht darüber hinaus. Seines Erachtens sind nur V.12.13*
(rotfa D'öys B^tfJ.lö ursprünglich chronistisch, V.13*.14f gehen dagegen
auf die Hand des 'zweiten Chronisten' zurück 135 . Willi schließlich stellt
fest, daß "der Chronist in II 8,13 deutlich die mosaischen Opferverordnun-
gen im Sinn hat, nach denen aber nur die Priester fungieren" 136 . Deshalb
"wird II 8,14-15, soweit von einer davidischen Verordnung und von Levi-
ten die Rede ist, Zusatz sein". Die Aufstellung der Priesterabteilungen in
V.14 und V.16 kann jedoch wiederum dem Chronisten zugeordnet wer-
den 137 .
Meines Erachtens reicht die von Willi gebotene Begründung für die Zu-
ordnung von IlChr 8,13 nicht aus. Gegen seine Annahme spricht sowohl
die singuläre Formulierung DT3 DV"~Q"m als auch die in der Chronik nur
hier erscheinende Benennung der drei Wallfahrtsfeste 138 und nicht zuletzt
die ungewöhnliche Rückführung der Opferordnung auf Mose. Auch der von
de Vries unternommene Versuch, Π27Ώ T11XÖ3 (V.13) der von ihm erhobe-
nen Gattung "Authorization Formula" zuzuweisen139 und ein friedliches
Nebeneinander zur in IlChr 8,14f mehrfach begegnenden "Regulation For-
mula" zu erheben 140 , greift zu kurz. Eine grundsätzliche Auseinanderset-
zung mit der These de Vries' ist erst nach der Bearbeitung weiterer von ihm
herangezogener Texte möglich 141 . Die folgenden Abschnitte werden jedoch
zeigen, daß in der uns vorliegenden Endgestalt der Perikope IlChr 8,12-16

133 Vgl. J.Becker, 2Chronik, 34f; vgl. auch J.M.Myers, IlChronicles, 46.50.
134 W.Rudolph, HAT, 221. Vgl. M.Noth, ÜSt, 117, der II 8,14f als "sekundäre Bezug-
nahme auf I.Chr 23-27" bezeichnet (vgl. auch P.R.Ackroyd, I&IIChronicles, 119f),
und H.G.M.Williamson, NCBC, 232, nach dessen Ansicht die Angaben von V.14f
dem von ihm ermittelten "'primary layer'" in I 23-26 entsprechen, weshalb nur
D'jron mpVna-riK sekundär sei.
135 Vgl. K.Galling, ATD, 95.
136 Th.Willi, Chronik, 196f.
137 A.a.O., 197.
138 Zum nisan in vgl. noch II 30,13.21; 35,17 (s. dazu unten, 4.5 und 4.7).
139 Vgl. S.J.de Vries, FOTL, 268f, und ausführlicher ders., Moses, 621f.
140 Vgl. ders., FOTL, 268f, und ders., Moses, 627-629.633.
Daß zwischen Mose und David keine Konkurrenz besteht, versucht auch S.Japhet,
Ideology, 236-238, nachzuweisen.
141 Siehe dazu unten, Exkurs.
IlChr 8,12-16 193

sehr wohl eine Spannung zwischen der Autorität Davids und deijenigen des
Mose zum Ausdruck gebracht wird.
Aufgrund der bisherigen Überlegungen ist folgende Zuordnung der ein-
zelnen Elemente der Perikope sinnvoll.
Während V.12.16 auf den Chronisten selbst zurückgehen, hat eine erste
Bearbeitung die Verse 14f eingefügt. Sie bringt damit eine - durch den Ge-
brauch des Titels DTlVxn 2ΓΧ unterstrichene - Wertschätzung Davids zum
Ausdruck, der - unter Aufnahme der in IChr 23-27 erörterten Thematik -
für die Ordnung des Kultpersonals verantwortlich gemacht wird. Gegen die-
se Hervorhebung Davids wendet sich eine zweite Überarbeitung, die dem
TVJ ÖBtfB bzw. der η^ΏΠ/ΤΠ mxa die Htfö JTISÖ vorordnet, indem sie die
Opferordnung selbst auf Mose zurückführt.

3.4.5. (Leit)Worte
Daß V.12.16 auf den Chronisten selbst zurückgehen, macht das hier ge-
brauchte Vokabular deutlich. So stellt V.12 - wie erwähnt - Bezüge zu
IlChr 4,1 her. Die Wurzel ]13 (V.16) weist hier Ähnlichkeiten zur auch
sonst beim Chronisten begegnenden Verwendung auf 142 . Auch das Verbal-
adjektiv oVtf (V.16) gehört zur den Chronikbüchern geläufigen Begrifflich-
keit 143 , wobei ihm sonst die Bedeutung 'ungeteilten Herzens' zukommt 144 .
In V.14 erscheint mit "7öy Hiphil ein innerhalb des Alten Testaments
"fast ausschließlich in den jüngeren Schichten im Zusammenhang mit der
Einsetzung von Kultpersonal"145 stehender Terminus. Dabei fallt einerseits
auf, daß Salomo nur hier als Subjekt des 'Aufstellens' von Kultpersonal ge-
nannt ist. Andererseits führt etwa Galling das von Joschafat berichtete "Töy
von Richtern (IlChr 19,5; 20,21) oder die von Hiskija vorgenommene Auf-
stellung von Leviten (IlChr 29,25) bzw. Priestern (IlChr 31,2) auf seinen
'zweiten Chronisten' zurück 146 . Auch mit t n n a n Πΐρ^Π» bzw. onyitfni
und Dirnnff» 147 begegnen vor allem in sekundären Teilen der
Chronikbücher verwendete Begriffe 148 . Mit der Feststellung, daß auch die

142 Vgl. Th.Willi, Chronik, 187.


143 Vgl. noch I 12,39; 28,9; 29,9.19; II 15,17; 16,9; 19,9; 25,2.
144 Vgl. dazu J.Scharbert, SLM, 302f.
145 P.Welten, Geschichte, 91 (vgl. die ebd., Anm.78, genannten Belege).
146 Vgl. K.Galling, ATD, 122f.155.161. Einzige Ausnahme ist II 35,2 (vgl. dazu jedoch
unten, 4.8.5).
147 Vgl. dazu S.Japhet, Authorship, 344-348.
148 Die einzige wörtliche Parallele zu ΠΠΓΟΠ JlipVnö (I 28,21) gehört nach W.Rudolph,
HAT, 185, zu einem durch die "Einschaltung" von I 23-27 bedingten Nachtrag. Galling
194 Mose in der chronistischen Salomoerzählung

Wurzel 110 in IlChr 8,15 in einer für die Chronikbücher ungewöhnlichen


Verbindung erscheint 149 , kommen die zentralen Worte BStfa und ΠΊΧ» ins
Blickfeld. Im Zusammenhang dieser Perikope ist deutlich, daß ÖStftt in
IlChr 8,14 in einem von IChr 15,15 unterschiedenen Sinn gebraucht wird.
Der Begriff bezeichnet nur hier eine von Menschen erlassenene Verord-
nung 150 . Hinsichtlich des Gebrauchs von Π1ΧΏ in IlChr 8,13 weist Renker
zwar darauf hin, daß der Begriff "schon in der dt törä den Ausdruck törä
vertreten" könne 151 . Gleichzeitig hält er es jedoch angesichts des offen-
sichtlichen Bezuges auf Num 28 für auffallig, daß der Chronist nicht "k®
törät mosä sagt" 152 . Von daher wird die Auffassung, daß V.13 in direkter
Gegenüberstellung zu V.14f formuliert ist, unterstützt. Daß die mit der von
JHWH gegebenen ΠΎ1Π identifizierbare 153 ntfö JTIXÖ höher qualifiziert ist
als die ^Van/TH m s » , steht dabei außer Frage.

3.4.6. Mose
Der einer zweiten Überarbeitungsschicht zuzuweisende V.13 nimmt inner-
halb der Perikope IlChr 8,12-16 eine besondere Funktion wahr.
Während die ursprüngliche chronistische Fassung Salomo in den Mittel-
punkt stellt, erinnert eine erste Überarbeitung an die besonderen Verdienste
Davids im Blick auf den Tempelbau und vor allem die Institutionalisierung
des Kultpersonals. Der damit verbundenen Glorifizierung beider Davididen
stellt eine zweite Überarbeitung Mose gegenüber, der hier als Urheber der
eigentlichen Ordnung des Kultes in den Vordergrund tritt. Gleichzeitig wird
damit im Kontext der Abschlußbemerkung zum Tempelbau auf den Penta-
teuch, die Tora selbst, verwiesen.

weist sie dem 'zweiten Chronisten' zu (vgl. K.Galling, ATD, 69).


149 Wie in IIReg dient 110 in IlChr zur Beurteilung von Königen, die nicht von JHWH
bzw. dem von ihm gewiesenen Weg abweichen (vgl. II 20,32; 34,2.33) oder es gerade
doch tun (vgl. II 25,27). Außerdem steht das Verb z.B. im Zusammenhang mit dem
(unterlassenen) Entfernen der Kulthöhen oder ihrer Altäre (vgl. II 14,2.4; 15,17; 17,6;
20,33; 30,14; 32,12; 33,15; 34,33), in I 17,13; II 30,9 ist JHWH Subjekt.
Zu rma -no vgl. Dtn 17,20 (msnn-p mo).
150 Vgl. R.Hentschke, Satzung, 96, Anm.265.
151 A.Renker, Tora, 133, Anm.43.
152 Ebd.
153 Vgl. R.Hentschke, Satzung, 96, Anm.265.
Zur chronistischen Darstellung des Königreiches Juda 195

4. Mose in der chronisüschen Schilderung der


Geschichte des Königreiches Juda

4.1. Zur chronistischen Darstellung der Geschichte des Königreiches Juda


(IlChr 10-36)

Die im vierten Hauptteil der Chronikbücher signifikante Begrenzung auf die


Darstellung der Geschichte des Königreiches Juda ist zunächst objektiver
Grund für einen wesentlichen Teil der hier zwischen 'Vorlage' und chro-
nistischem Text sichtbar werdenden Differenzen.
Im Zusammenhang der Frage nach möglichen Hintergründen dieser Be-
grenzung ist die These von der dem Chronisten eignenden antisamaritani-
schen Tendenz zu nennen, die in ihrem Kern schon bei de Wette formuliert
ist1 und etwa bei Rudolph als eine der zentralen geistesgeschichtlichen
Grundlagen des Chronisten genannt wird2. Allerdings hat Willi die Proble-
matik dieses Verständnisses dargelegt, das angesichts des immer wieder
sichtbar werdenden chronistischen Interesses an den Bewohnern des Nord-
reiches und des erst in nachchronistische Zeit zu datierenden endgültigen
Schismas zwischen Jerusalem und den Samaritanern schwerlich aufrechter-
halten werden kann3.
Im Rahmen dieser Arbeit ist hinsichtlich der Differenzen zwischen der
Darstellung in IlChr 30-36 und der 'Vorlage' vor allem die erkennbare
Hervorhebung einzelner judäischer Könige von Interesse. Sie kommt etwa
bei der gegenüber dem deuteronomistischen Bericht erheblich erweiterten
Darstellung der Herrschaft Joschafats, Hiskias und Josias zum Ausdruck,
die aufgrund ihrer Bemühungen um "einen wahren Jahwe-Kult"4 besonders

1 Vgl. dessen unter der Überschrift "Vorliebe für Juda und Haß gegen Israel" angestellten
Überlegungen (W.M.L.de Wette, Kritischer Versuch, 126-131).
2 Vgl. W.Rudolph, HAT, IXf; s. etwa auch O.Plöger, Theokratie, 54.
3 Vgl. Th.Willi, Chronik, 190-193 (Willi hebt in diesem Zusammenhang hervor, daß der
"einzige Anlaß für die Abfassung der Chronik [...] im Anspruch der alten Quellen auf
Auslegung zu sehen" sei [a.a.O., 193]).
Zur Frage der antisamaritanischen Polemik s. z.B. auch P.Welten, Geschichte, 172f;
S.Japhet, Ideology, 333f, Anm. 245; S.Romerowski, Esperance, 58-60.
4 M.Sseb0, TRE, 76.
196 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

positiv gezeichnet werden. Dabei hat Welten zu zeigen vermocht, daß die
hier begegnenden 'Topoi' auch das übrige Sondergut in IlChr 10-36 prägen
und ein wesentliches Element der chronistischen Geschichtsschreibung bil-
den5.
Die folgende Untersuchung der Belege für den Mosenamen in IlChr 10-
36 wird die Frage nach deren Kontext in besonderer Weise aufzunehmen
haben. Dabei ist der Zusammenhang einer Erwähnung des Mose in Verbin-
dung mit positiv - oder negativ - geschilderten Königen ebenso zu berück-
sichtigen wie das Verhältnis der einschlägigen Belege zu den genannten
Topoi.

4.2. IlChr 23,16-21 (Jojadas Bundesschluß und Kultreform)

4.2.1. Übersetzung
18) Und dann legte Jojada die Ämter des Hauses JHWHs
in die Hand der Priester und2) der Leviten''),
die eingeteilt hatte David für das Haus JHWHs,
um zu opfern JHWH-Brandopfer,
wie geschrieben ist in der Tora des Mose,
mit Freude und mit einem Lied
nach der Verfügung Davids.
19) Und dann stellte er die Torwächter
über die Tore des Hauses JHWHs,
damit nicht komme ein irgendwie
Unreiner.
20) Und dann nahm er die Obersten der Hundertschaften
und die Mächtigen
und die Herrschenden im Volk
und das ganze Volk des Landes,
und dann führte er c ) hinab den König
vom Haus JHWHs,
und dann kamen sie
in das obere Tor des Hauses des Königs,
und dann setzten sie den König
auf den Stuhl der KönigsherTschaft.
21) Und dann freuten sie sich, das ganze Volk des Landes,
und die Stadt war ruhig,
obwohl sie die Atalja mit dem Schwert getötet hatten.

5 Vgl. P.Welten, Geschichte, 186-189, und - zusammenfassend - ders., Chronikbücher,


371.
IlChr 23,16-21 197

Zum Text:
a) Mit einigen Handschriften, der LXX, Peschitta und Vulgata ist D ' l V m zu lesen (vgl.
W.Rudolph, HAT, 272; K.Galling, ATD, 135 - anders J.Becker, 2Chronik, 77; vgl. dazu
auch IlChr 5,5).
b) Die von LXX vorgenommene Ergänzung - και άνέατηαεν τάς εφημερίας των ιερέων
και των Αευιτών - glättet den "slightly awkwardly expressed" (Η.G.M.Williamson, NCBC,
318) hebräischen Text, der aber auch ohne Korrektur möglich und verständlich ist.
c) Es ist nicht notwendig, mit LXX und Vulgata im Anschluß an IIReg 11,19 Plural zu
lesen.

4.2.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


IlChr 22,10-23,21 berichten einerseits von der als illegitim charakterisierten
Herrschaft Ataljas nach dem gewaltsamen Tod ihres Sohnes Ahasja (vgl.
IlChr 22,9), andererseits schildern sie die Ereignisse im Zusammenhang der
Königswerdung bzw. Thronbesteigung von Joasch.
Dem Bericht über dessen Rettung in IlChr 22,llf schließt sich in IlChr 23,1-15 die Dar-
stellung der Revolte gegen Atalja an, die von der Chronik als Volksaufstand unter Führung
des Hohepriesters Jojada gezeichnet wird. Einem Bundesschluß zwischen Jojada und den
Führern der Hundertschaften (IlChr 23,1) folgt in IlChr 23,3 ein Bundesschluß der Volks-
versammlung ("?np) mit dem König Joasch. Der mit dessen Einsetzung verbundene Tumult
(IlChr 23,11) ruft Atalja auf den Plan (IlChr 23,12f), die jedoch auf sich allein gestellt
bleibt (IlChr 23,13f), aufgrund eines Befehls Jojadas verhaftet und außerhalb des Tempel-
bereiches ermordet wird (IlChr 23,14f).

Hier setzt die zu bearbeitende Perikope mit Imperfekt consecutivum


(ma'l) ein. Ihre fast übereinstimmend vorgenommene Abgrenzung 6 legt
sich in erster Linie aus inhaltlichen Gründen nahe, an deren Seite Über-
legungen zur Gattung treten7. Wenn V. 17-20 als Ausführung des nach V.16
zwischen Jojada auf der einen sowie dem Volk bzw. König auf der anderen
Seite geschlossenen Bundes verstanden werden können, der den Tod Ataljas
voraussetzt, stellt V.16 im vorliegenden Zusammenhang die Einleitung der
Perikope dar, V.21 bildet deren Abschlußnotiz. In IlChr 24,1 begegnet ein
formal und inhaltlich deutlich hervorgehobener Neueinsatz.

4.2.3. Parallelen und Quellen


Wie ihr weiterer Kontext, folgen auch IlChr 23,16-21 der in IIReg 11 fest-
gehaltenen Vorlage 8 . Von den zahlreichen Änderungen und Abweichungen
sind folgende erwähnenswert.

6 Vgl. dazu z.B. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 431; J.M.Myers, IlChronicles, 131.


7 Vgl. dazu J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 235f: II 23,1-15: "Erzählung mit berichtarti-
gen Elementen"; II 16-21: "Kultreformbericht"; II 24,1-3: "Königschronik".
198 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

- Anders als in IIReg 11,17a bleibt Π'Ί3 in IlChr 23,16 "aus nicht mehr mit Gewiß-
heit bestimmbaren Gründen undeterminiert.
Die im selben Vers vorgenommene Substitution von ΠΊΠ' J'3 (IIReg 11,17a) durch 13*3
führt Willi auf die vom Chronisten mehrfach vorgenommenen 'theologischen Modifika-
tionen' der Vorlage zurück'®, wobei "gewiß keine Bedeutungssteigerung der priesterlichen
Funktion als solcher intendiert" sei, weil "Jojadas Stellung [...] gerade in der Chronik völ-
lig auf den Davididen bezogen" werde". Meines Erachtens ist demgegenüber festzustel-
len, daß die Beurteilung des Davididen Joasch sich gemäß der Auffassung des Chronisten
in erster Linie an dessen Verhältnis zu Jojada - konkret: der Befolgung seiner Ratschläge -
orientiert, wie gerade der von Willi zur Unterstützung seiner Überlegung herangezogene
Vers IlChr 2 4 , 2 ^ deutlich inacht1^. Die hinsichtlich der Bundespartner bestehende Diffe-
renz zwischen Vorlage und Chromktext1^ unterstreicht - etwa im Vergleich mit IlChr
34,29-33 - nachdrücklich die besondere Bedeutung Jojadas.
- IIReg 11,17b hat der Chronist "als bloße Wiederholung" ^ verstanden und den Halb-
vers deshalb nicht aufgenommen.
- Anders als in der Vorlage tritt in IlChr 23,17 nicht der flKH Dy, sondern das ganze
Volk auf 1 6 . Die Einfügung der Kopula vor "ΡΓΙΓΠΤΟ ist ohne Bedeutung. Das 3Β'Π aus
IIReg 11,18 fehlt im Text der Chronik.
- In IlChr 23,18 wird das ]Π3Π der Vorlage durch den Eigennamen Jojada ersetzt. Die in
IIReg 11,18 genannten 'Wachposten' (ηΠ|?Β) sind Ausgangspunkt einer Erweiterung des
Chroniktextes, der in seiner jetzt vorliegenden Gestalt das Wächteramt mit den "kultischen
Ämter[n] der Priester und Leviten"1^ gleichsetzt. Hinter der so vorgenommenen Neuinter-
pretation steht nach Seeligmann die den Chronikbüchern eignende Tendenz zur 'Aktualisie-
rung', die eines der Indizien des von ihm postulierten Midrasch-Charakters der Chronik
darstellt1**. Inhaltlich halten die Verse fest, daß Jojada - in Anknüpfung an die von David
festgelegte Kultordnung - den Priestern und Leviten einerseits den Opferdienst, anderer-
seits den Kultgesang und das Wächteramt zuweist. Während ersterer der Weisung Moses
entsprechend ausgeübt wird, ist der Kultgesang mit David in Verbindung gebracht. Auch
die Torwächter in V.19 stehen in Zusammenhang mit ihm. Sie werden angeführt, um her-
vorzuheben, "that Jehoiada re-established the complete Davidic equipment of the Tem-
ple" 1 ^. Ihre Aufgabe besteht in der Überwachung der kultischen Reinheit.

8 Zur Problematik der literarischen Verhältnisse in IIReg 11 vgl. W.Rudolph, Einheit-


lichkeit, und Chr.Levin, Sturz.
9 Th.Willi, Chronik, 119.
10 Vgl. a.a.O., 128.
11 Ebd.
Vgl. aber die dem entgegenstehende Interpretation von Curtis/Madsen, nach deren Auf-
fassung der Chronist ΠΙΠ' 1*3 als "superfluos" ausgelassen und U»3 eingefügt habe "to
give Jehoiada' greater prominence" (E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 431).
12 Vgl. Th.Willi, Chronik, 128, Anm.79.
13 Vgl. dazu auch G.Wilda, Königsbild, 79ff.
14 Vgl. dazu S.Japhet, Ideology, 109, und J.Becker, 2Chronik, 76f: der Bundesschluß in
II 23,16 "bindet beim Chr Volk und König [...] an Jojada selbst".
15 W.Rudolph, HAT, 272.
16 Vgl. aber V.20 und zuvor V.13.
17 W.Rudolph, HAT, 273.
18 Vgl. I.L.Seeligmann, Ansätze, 30.
19 E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 432.
IlChr 23,16-21 199

- In IlChr 23,20 greift der chronistische Text erneut die Vorlage auf, wobei hier die
'Mächtigen und Herrschenden' an die Stelle der in IIReg 11,19 genannten 'Karer und Läu-
fer' treten. Nach Willi erfolgte diese Änderung, weil die in der Vorlage genannten Grup-
pen dem Chronisten unbekannt und deshalb unverständlich waren. Auch die Umbenennung
des Ο'ΪΊΠ nytf (IIReg 11,19) in nytf (IlChr 23,20) versucht Willi so zu begrün-
dete.
Darüber hinaus bildet V.20 seiner Meinung nach ein Beispiel fur die schon von Kropat
beobachtete Tendenz des Chronisten, aktiven bzw. transitiven Stammesmodifikationen den
Vorzug zu geben, und bietet damit ein Charakteristikum der "redaktionellen Tätigkeit des
Chronisten"^!. Außerdem wird so das chronistische Verständis des Aufstandes gegen Atal-
j a als " Massenerhebung"unterstrichen.
Der Verwendung von naVöön K03 in IlChr 23,20 gegenüber D'sVön K03 in IIReg 11,19
kommt keine besondere Bedeutung zu23.
- Hinter der Verwendung des Plurals ItTOfcH in IlChr 23,21 steht einerseits die chronisti-
sche Gewohnheit, "Kollektive [...] im Gegensatz zur älteren Sprache fast ausnahmslos mit
dem Plural" zu konstruieren2^, andererseits unterstreicht der Vers erneut die Tatsache der
'Massenerhebung'.
Die in IIReg 11,20 gebotene Ortsangabe "|Vö(n) JYO fehlt in der Chronik, weil diese sie
als Doppelung zu IlChr 23,15 empfand2^.

Auch in dieser Perikope geht die Erwähnung des Mose nicht auf die Vor-
lage im Deuteronomistischen Geschichtswerk zurück. Die Allgemeinheit
bzw. Unbestimmtheit der Aussage, daß der Opferdienst der ΠΕ7Ώ ίΠΙίΐ ent-
sprechend geordnet worden sei, macht die Frage nach deren konkreten An-
haltspunkten, etwa im Pentateuch, problematisch26. Hinsichtlich innerchro-

20 Vgl. Th.Willi, Chronik, 118.122 (zur Substitution des "adverbial gebrauchten Akkusa-
tivs " p V durch "|ΊΓ)3 vgl. a.a.O., 88). Anders etwa Rudolph, nach dessen Auffassung
der Chronist hier gemäß der in IlChr 23,6 festgehaltenen Vorschrift, derzufolge "nur
geweihte Personen den Tempel betreten dürfen [...] aus der weltlichen eine geistliche
Truppe" macht und deshalb die Begrifflichkeit ändert (W.Rudolph, HAT, 271). Nach
Curtis/Madsen deutet die Umbenennung des Tores auf die Zeitumstände des Chronisten
hin (vgl. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 432).
21 Th.Willi, Chronik, 89; vgl. A.Kropat, Syntax, 14f.
22 A.a.O., 161.
23 Vgl. dazu H.-J.Fabry, Art.: KM, 256.
24 A.Kropat, Syntax, 28.
25 Anders Rudolph, nach dessen Auffassung der Chronist ein gegenüber der Vorlage ver-
schiedenes Verständnis vertritt (vgl. W.Rudolph, HAT, 272). Die Deutung Christoph
Levins, nach der IlChr 23,21 "die Pointe nicht verstanden" haben soll (Chr.Levin,
Sturz, 24, Anm.28), ist m.E. in erster Linie ein Beleg für das Fortleben der aus dem
19. Jh. bekannten negativen Beurteilung des Chronisten.
26 Das zeigen etwa die differierenden Ergebnisse von de Vries und Kellermann. Während
Kellermann hinsichtlich möglicher Parallelen für die in II 23,18 "erinnerten, angemahn-
ten oder beichtspiegelartig vorgehaltenen Bestimmungen von Tora" (U.Kellermann,
Anmerkungen, 66), hier konkret als "Regelmäßige Ausrichtung der Brandopfer" ver-
standen, auf Ex 40,29; Lev 1; 6,1-6; Num 15; Dtn 12,4-7.1 lf.14.27; 33,10 verweist
(a.a.O., 68), bezieht sich II 23,18 nach de Vries auf das "ritual of sacrificial offerings
200 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

nistischer Bezüge ist zunächst zwar an IChr 6,34; 16,39f und IlChr 8,13 zu
denken, allerdings fehlt eine wörtliche Parallele.
Die Rückführung der Ordnung des Tempelpersonals und der musikali-
schen Begleitung des Kultes auf die Autorität Davids weist vor allem auf
IChr 23-27 zurück, wobei ebenfalls an IChr 6,16; 15f zu denken ist 2 7 . Wie
bereits festgehalten, knüpft der chronistische Text auch mit V.19a an in der
'großen Einschaltung' gebotenes Material an 2 8 .
Die offenkundige Bezugnahme auf sekundäre Texte wird im Rahmen der
Frage nach der Zuordnung der Perikope mitzubedenken sein.

4.2.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Der Aufbau der Perikope wird durch die Imperfekta consecutiva bestimmt,
denen die perfektisch formulierten Verse 17aßb und 2\aßb untergeordnet
sind. Als Handelnde treten dabei Jojada (V. 16.18.19.20) und das Volk
(V.17.20b.21) auf, in V.21aß zusätzlich die Stadt(bevölkerung) Jerusa-
lem^).
Der Nachricht vom Bundesschluß in V.16 2 9 folgt in V.17 die Schilde-
rung des Marsches zum Baaltempel und dessen Zerstörung. Diese ist - wie
schon in der Vorlage - Voraussetzung für das Folgende, das heißt die In-
thronisation des Joasch, der aber im uns jetzt vorliegenden Text von IlChr
die Bestallung von Priestern und Leviten bzw. die Festsetzung der priester-
lichen und levitischen Aufgaben im JHWH-Tempel vorangestellt sind. Die
dabei zu beobachtende Dreiteilung Opferdienst, Kultgesang (V.18) und
Torwache (V.19) unterscheidet sich vom etwa in IChr 6,33f und IChr

as found in Lev 23:37-38; Numbers 28-29, etc." (S.J.de Vries, Moses, 625). Vgl. noch
Curtis/Madsen, die das 'Gesetz des Mose' in II 23,18 mit "Ρ or the entire Pentateuch"
gleichsetzen (vgl. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 432).
Zum Toraverständis der Chronik vgl. unten, Exkurs.
27 Zu T f l pVn vgl. vor allem I 24,3ff; zu Τ Π »V Vy vgl. vor allem I 25,2.6 - und II
29,27 (s. dazu aber W.Rudolph, HAT, 298) sowie Esr 3,10.
Vgl. dazu jetzt auch J.W.Kleinig, Institution, 82: Die Anordnung Davids "is itself
based on the exegesis of certain passages in Deuteronomy, such as 12.6-7, 11-12, 18,
16.10-11, 26.11 and 27.6-7, where the Israelites are told to present their sacrifices at
one chosen sanctuary and to rejoice there in the Lord's presence".
28 Vgl. dazu nochmals E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 432: "a continuation of the addition
of the Chronicler, who thus held that Jehoiada re-established the complete Davidic
equipment of the Temple".
29 Nach Anne M. Solomon ist die hier überlieferte Bundeserneuerungszeremonie ein auch
in II 15,12; 29,10 und 34,31 erscheinendes Gliederungselement des von ihr postulierten
"fourfold pattern" von II 10-36 (A.M.Solomon, Structure, 57).
IlChr 23,16-21 201

23,13 begegnenden Schema. Die in V.19b formulierte pointierte Zuspit-


zung im Blick auf den Zweck des Wachdienstes begegnet in den Chronikbü-
chern so nur hier.
Erst im Anschluß an die Ordnung des Tempeldienstes sammelt Jojada die
Volksvertreter, um die Inthronisation des Joasch vorzunehmen, die in drei
Etappen vor sich geht. Nachdem der König vom Tempel herabgeführt wor-
den ist, ziehen alle Beteiligten in den Palast ein, um Joasch dort endgültig
einzusetzen.
Die in V.21 folgende Abschlußnotiz setzt sich aus der Schilderung der
"Königsfreude"30 des Volkes und der diese kontrastierenden Ruhe der
Stadtbevölkerung zusammen31. Letztere scheint angesichts der Tötung Atal-
jas bemerkenswert.
Die Zuordnung der Verse 16-18a*.20f zum Chronisten selbst, der sie im
wesentlichen aus der Vorlage in IIReg übernommen hat, wird übereinstim-
mend vorgenommen 32 . Im Blick auf die in V.18a*b.l9 vorliegende Erwei-
terung besteht dagegen kein Konsens.
Während etwa nach Kittel und Williamson hier allein der Chronist selbst
zu Wort kommt 33 , wird David in IlChr 23,18a nach der Überzeugung Ru-
dolphs erst aufgrund einer "nachträgliche[n] Änderung für 'Salomo'" ge-
nannt, wobei ein zu IlChr 8,14 analoger Vorgang vorliege34. Gallings Vor-
schlag, die Erweiterung ganz auf den 'zweiten Chronisten' zurückzufüh-
ren 35 , ist der weitestgehende. Auch Willi geht jedoch davon aus, daß in
IlChr 23f eine Bearbeitungsschicht erkennbar wird, wobei er es für "bei-
nahe unmöglich [hält], den ursprünglichen chronistischen Text, der irgend-
wo in der Mitte zwischen 2.Kön. 11-12 und II 23-24 MT gelegen haben
muß, zu identifizieren"36. Seiner Meinung nach stammt in V.18 "nur der

30 Chr.Levin, Sturz, 92.


31 Anders de Vries, nach dessen Auffassung V.21a/J die "opportunity for the city to enjoy
security" hervorhebt (S.J.de Vries, FOTL, 341).
32 Vgl. dazu auch Chr.Levin, Sturz, 23-27: Levin meint, daß in IIReg ll,10b.l5b.20b die
" früh chronistische Bearbeitung innerhalb des deuteronomistischen Geschichtswerkes"
(a.a.O., 26f) greifbar wird, die "der Redaktion des chronistischen Geschichtswerkes be-
reits vor[lag]" (a.a.O., 26).
33 Vgl. R.Kittel, HK, 148; H.G.M.Williamson, NCBC, 317 (Williamson führt die Verse
als weiteres Gegenargument gegen die Annahme des sekundären Charakters von I 23-27
an). Siehe auch die ebenfalls auf die Urheberschaft des Chronisten zielende Argumenta-
tion von S.L.McKenzie, Use, 92.104.
34 W.Rudolph, HAT, 272.
35 Vgl. K.Galling, ATD, 136.
36 Th.Willi, Chronik, 198.
202 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Riickbezug auf die Einsetzung der Priester für das Brandopfer durch Salo-
mo in II 8,14*" vom Chronisten selbst, während "die letzten fünf Worte,
die zugleich eine Änderung des ursprünglichen 'Salomo' der ersten Vers-
hälfte in 'David' verursachten", auf die Hand der Überarbeitung zurück-
gehen 37 .
Aufgrund der im vorigen Abschnitt festgehaltenen Bezüge zu sekundären
Texten der 'großen Einschaltung' liegt es jedoch nahe, innerhalb von V.18
weiter zu differenzieren. Dabei ist die Überlegung Renkers, nach der Jojada
die in I 16,4.39f auf David zurückgeführte Opferordnung hier als der Tora
des Mose entsprechend aufnimmt 38 , ebenso zu berücksichtigen wie die von
Myers hervorgehobene "juxtaposition of David and Moses" 39 . Auch Willis
Zuweisung von V.19 zum Chronisten selbst muß sowohl aufgrund der ge-
nannten Bezüge als auch angesichts des innerhalb der Chronikbücher singu-
lären Vokabulars von V.19b erneut bedacht werden. Von hier aus stellt sich
die Zuordnung der Ergänzung in V.18f wie folgt dar.
Die aus der Vorlage übernommene Einleitung von V.18 wird vom Chro-
nisten zunächst allein durch den Hinweis erweitert, Jojada habe die am
Tempel zu bewerkstelligenden Aufgaben dem Verantwortungsbereich der
Priester und Leviten unterstellt. Daran anknüpfend, führt eine erste Über-
arbeitung aus, daß in Übereinstimmung mit der davidischen Kultordnung
die Priester zum Opferdienst bestimmt wurden, während den Leviten der
Kultgesang und das Wächteramt oblag. Damit verstärkt die Überarbeitung
die schon das deuteronomistische Geschichtswerk bestimmende Tendenz,
"das Ideal [...] in der Idealfigur des Dynastiegründers David" 40 zu sehen,
indem sie Davids Aktivitäten hinsichtlich der Kultordnung hervorhebt41.
Erst eine weitere Überarbeitung fügt schließlich das ntfü ΤΓΠΓΟ 21ΓΙ33
ein. Ihr liegt einerseits daran, die Verankerung der Kultordnung in der
schriftlichen Tora selbst hervorzuheben. Andererseits bildet sie so einen
Gegenpol zur Glorifizierung Davids.
Damit gibt die Perikope in der uns vorliegenden Gestalt die schon bei der
Bearbeitung von IlChr 8,12-16 festgehaltene Spannung wieder.

37 Ebd.
38 Vgl. A.Renker, Tora, 134.
39 J.M.Myers, IlChronicles, 130 (Myers Fortsetzung: "who, for the Chronicler, represent
the two great personalities for the life of 'all Israel" [ebd.] vermag ich mich allerdings
nicht anzuschließen).
40 Chr.Levin, Sturz, 12.
41 Daß II 23,18 allein auf David zielt, betont auch L.C.Allen, Kerygmatic Units, 31.
IlChr 23,16-21 203

4.2.5. (Leit)Worte
Obwohl der Perikope Begriffe mit 'Leitwortcharakter' fehlen, unterstützt
deren Betrachtung die im vorangegangenen Abschnitt getroffenen Entschei-
dungen weitgehend.
Dabei eignen dessen aus der Vorlage übernommenem Vokabular keine
Auffälligkeiten. Im Sinn eines terminus technicus verwenden die Chro-
nikbücher ausschließlich die Wendung TVQ ΓΠ3, um Bundesschlüsse zu be-
zeichnen 42 . Die in V.16b festgehaltene Verpflichtung ΓΠΓΡ1? DJ?1? ΓΓΡΠ1?
kommt in den Chronikbüchern so nur hier vor. Während die in V.17 ge-
brauchten Verben fT12, und 3ΠΓΙ überwiegend im Sondergut oder im
Zusammenhang mit Modifikationen der Vorlage erscheinen, wird die Wur-
zel D'fr (V.18a) ganz überwiegend aus der Vorlage übernommen 43 .
Im Rahmen der in V.20 vorgenommenen Modifikation im Blick auf die
von Jojada gesammelten Vertreter Israels erscheint mit den ΓΠΧΰΠ Ή2?44 ei-
ne Gruppe, die etwa auch im chronistischen Sondergut begegnet, während
die Chronikbücher DVH O'Vtfl» 45 und ΠΉΉΧ46 nur in IlChr 23 erwähnen.
Bemerkenswert ist schließlich der Gebrauch von T~IXΠ Oy in V.20f ge-
genüber dem einfachen Oy in V.17. Willi meint zwar einerseits, daß hier
ein Hinweis auf die "demokratische Tendenz" der Chronik erkennbar wä-
re 47 , führt die Modifikation andererseits jedoch auf das dem Chronisten
fehlende Verständis der "sozialen und politischen Funktion" des Begriffs Dy
f n x n zurück 48 . Da dieser in den Chronikbüchern nur aus der Vorlage über-
nommen wird 49 , ist im Blick auf seine Aussageintention Zurückhaltung an-
gebracht.
Die im Alten Testament singuläre Formulierung ϋ'3Π3Π T 3 [...] mpD
D'lVm (V.18) ist auch ohne den sich anschließenden Relativsatz denkbar.
Erst mit seiner Hilfe wird jedoch die in IIReg 11 geschilderte "vorüberge-

42 Vgl. G.von Rad, Geschichtsbild, 65, Anm.4. Von Rad führt II 6,11; 5,10 (vgl. dazu
oben, 3.3.3); 23,1.16; 34,31 als aus der Vorlage übernommene und II 15,12ff; 21,7;
23,3; 29,10 als "neu hinzugefügte]" Belege an - zu ergänzen wäre etwa I 11,3 (par.
IlSam 5,3).
43 Von 16 Belegen in I und IlChr finden sich nur zwei im Sondergut (vgl. I 26,10 [Einset-
zung eines Erstgeborenen] und II 33,14 [Aufstellung von Oberen des Heeres]).
44 Vgl. dazu oben, 2.4.5.
45 Zur Wurzel vgl. I 29,12; II 7,18; 9,26; 20,6.
46 Vgl. dazu G.W.Ahlström, Art.: ΤΊΝ, 80.
47 Th.Willi, Chronik, 161.
48 Ebd.
49 Vgl. noch II 23,13; 26,21; 33,25; 36,1.
204 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

hende Maßnahme" des Jojada 50 neu interpretiert. Auffällig ist dabei, daß
pVn (V.18) fast ausschließlich im - sekundären - Sondergut der Chronik
verwendet wird 51 und im Sinn von 'einteilen' stets im Zusammenhang mit
David erscheint. Der Aufgabenbeschreibung ΓΗ1?? m^yn1? fehlen nähere Be-
stimmungen. Dadurch ist sie von den zuvor erörterten Festlegungen des
aaionitischen Opferamtes ebenso unterschieden wie etwa von der in IChr
16,40 durch David als der ΠΙΓΡ ΓΙΠΤ1 entsprechend vorgenommenen Set-
zung. In diesem Zusammenhang fallt weiter auf, daß das Substantiv ΠΠΏ&7
im Rahmen der davidischen Kultanordnungen von IChr 23-27 fehlt 52 .
Die Bestimmung von V.19b ist deshalb ungewöhnlich, weil der Begriff
NÖÜ in den Chronikbüchern nur hier vorkommt 53 .

4.2.6. Mose
In IChr 23,18 wird Mose zum ersten - und bis auf II 30,16 einzigen ! - Mal
im Zusammenhang mit dem Tora-Begriff erwähnt. Diese wird explizit als
schriftliche Tora bezeichnet, wobei es wenig sinnvoll ist, nach deren kon-
kretem Anhaltspunkt im Pentateuch zu fragen.
Wie bereits in vorangegangenen Perikopen fällt gleichzeitig das dezidierte
Nebeneinander von Mose und David auf. Der von den meisten Auslegern
angestellten Überlegung, daß dabei ein spannungsfreies Miteinander beider
Autoritäten intendiert sei 54 , ist dabei aus mehreren Gründen zu widerspre-
chen.
Die Beauftragung der Priester allgemein - und zum Opferdienst im beson-
deren - kann in den Chronikbüchern ohne weiteres auf David allein zurück-
geführt werden, ohne daß die Erwähnung des Mose notwendig wäre 55 . Die
Stellung des ntfö ίΓΪΙΓΩ 311133 zwischen dem zweimaligen Bezug auf David
führt zu einer Vermischung der von beiden geregelten Bereiche, deren

50 W.Rudolph, HAT, 273.


51 Vgl. von 56 AT-Belegen I 16,3 (par. IlSam 6,19); 23,6; 24,3.4.5; II 23,18; 28,21.
52 Vgl. aber IChr 15,16. Der mit Bezug auf II 23,18 formulierte Hinweis Brauns auf die
"emphases on generosity and joy as a necessary part of Israel's religious celebrations"
(R.L.Braun, Message, 510) bleibt sehr allgemein.
53 In II 23,19 liegt der einzige alttestamentliche Beleg für die Aussage, daß kein Unreiner
den Tempel betreten darf, vor (vgl. G.Andre, Art.: K73D, 360).
54 Vgl. z.B. W.Rudolph, HAT, 273: "das Amt der Priester fußte auf der Tora, das der
Leviten auf der Anordnung Davids I 16, 4.41."; I.L.Seeligmann, Ansätze, 30: mpö2"
"WDÖO i l i e m m na"j? ΠΪ'Χ n n 'aVatf m m ΠΤ ; S.Japhet, Ideology, 238; S.J.de
Vries, Moses, 634.
55 Vgl. I 16,6.40; 24,4; II 8,14.
IlChr 24,4-14 205

Trennung angesichts der zitierten Beobachtung Renkers, nach der Jojada die
in IChr 16 getroffene Verordnung Davids aufnimmt, unmöglich wird.
Von daher ist es meines Erachtens notwendig, in IlChr 2 3 , 1 8 mit einer
zweiten Überarbeitung zu rechnen, die den Mosenamen eingeführt hat, um
mit seiner Hilfe einer vollständigen Rückführung der Kultordnung am Jeru-
salemer Tempel auf David entgegenzutreten.

4 . 3 . IlChr 24, 4 - 1 4 (Die Kultreform des Joasch)

4 . 3 . 1 . Übersetzung

4) Und es geschah danach,


es war mit dem Herzen von Joasch,
das Haus JHWHs zu erneuern.
5) Und dann versammelte er die Priester und die Leviten,
und dann sprach er zu ihnen:
Geht hinaus in die Städte Judas
und sammelt von ganz Israel Geld,
um zu verfestigen das Haus eures Gottes von Jahr zu Jahr,
und ihr sollt euch beeilen für die Sache.
Aber die Leviten eilten sich nicht.
6) Und dann rief der König nach Jojada, dem Haupt,
und dann sprach er zu ihm:
Warum hast du die Leviten nicht aufgefordert,
zu bringen von Juda und Jerusalem
die Abgabe des Mose,
des Knechtes JHWHs,
und der Volksversammlung*) für Israel,
für das Zelt des Zeugnisses ?
7) Denn Atalja, die Ruchlosigkeit,
ihre Söhne hatten eingerissen das Haus Gottes,
und auch alle Weihegaben des Hauses JHWHs hatten
sie gemacht für die Baale.
8) Und dann sprach der König,
und dann machten sie einen einzigen Kasten,
und dann stellten sie ihn in das Tor des Hauses Gottes, nach außen.
9) Und dann gaben sie einen Ruf in Juda und Jerusalem,
zu bringen für JHWH
die Abgabe'') des Mose,
des Knechtes Gottes,
für Israel in der Wüste.
10) Und dann freuten0) sich alle Obersten und das ganze Volk,
und dann brachten sie,
und dann warfen sie
in den Kasten, bis er voll war.
206 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Zum Text:
a) Es ist weder zwingend, in Anlehnung an LXX VnpHI durch Vilpill zu ersetzen, noch
etwa mit Ehrlich den Ausdruck als Glosse zu streichen (vgl. A.B.Ehrlich, Randglossen,
370 - s. unten, 4.3.4).
b) LXX liest καθώς εϊτεν, das mit "IÜK "U?N3 rückzuübersetzen wäre (vgl. E.L.Curtis/A.
A.Madsen, ICC, 436); der Apparat der BHS stellt die Lesart Kfrtt(?) zur Diskussion. MT
ist jedoch gut bezeugt und kann - auch als lectio difficilior - belassen werden.
c) Sowohl die von LXX L u c überlieferte Lesart και έδωκαν (IWl) als auch die etwa von
Ehrlich und Galling vorgeschlagene Textänderung IVB©1! (vgl. A.B.Ehrlich, Randglossen,
371; K.Galling, ATD, 137) ist "Abschwächung" des MT (W.Rudolph, HAT, 274).

4 . 3 . 2 . Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

Im der Regierung des Joasch gewidmeten Kapitel IlChr 24 nimmt der in


V . 4 - 1 4 festgehaltene Bericht über die Tempelrestauration breiten Raum ein.
Ihm geht in V . l - 3 eine erweiterte Eingangsnotiz 5 6 voraus. V . 1 5 f befas-
sen sich mit dem Tod Jojadas 57 und leiten so den Umschwung e i n 5 8 , der
mit dem Stichwort 'Abfall von JHWH' charakterisiert werden kann.
Im Gegensatz zur - angesichts des Neueinsatzes ρΉΠΧ ' Π Ι unumstritte-
nen - Abgrenzung nach vorne wird der Abschluß der Perikope unterschied-
lich bestimmt. Während beispielsweise Rudolph meint, daß nach V . 1 4 a ei-
ne Zäsur zu setzen ist und V . 1 4 b bereits zum Folgenden gehört 5 9 , gehen
andere davon aus, daß erst das Imperfekt consecutivum )j?n in V . 1 5 a einen
Einschnitt markiert. D i e Befürworter dieser Lösung stützen sich dabei so-
wohl auf formale 6 0 als auch inhaltliche Überlegungen 6 1 . Auch der masore-
tische Text hat V. 14b als zum Vorangehenden gehörig begriffen 6 2 . Schließ-
lich unterstützt die analog aufzufassende Opfernotiz zum Abschluß von

56 Vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 187: "Königschronik".


Die Eingangsnotiz nennt zunächst das Alter des Königs bei Regierungsantritt, die Re-
gierungsdauer und den Namen seiner Mutter (V.l). V.2 differenziert zwischen einer
positiven und einer negativen Periode der Herrschaft des Joasch (anders: IIReg 12,3),
V.3 hebt schließlich hervor, daß der Priester Jojada die Ehefrauen des Königs be-
stimmte.
57 Vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 188: "Königschronik".
58 Anders S.J.de Vries, FOTL, 343, nach dessen Auffassung V.15f noch zur 'ersten
Phase' gehören.
59 Vgl. W.Rudolph, HAT, 275.277; so auch I.Benzinger, KHC, 113f; J.Goettsberger,
HSAT, 312; J.M.Myers, IlChronicles, 137f.
60 Vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 54f (Narrativ als Gliederungselement).
61 Vgl. K.Galling, ATD, 139: "Nach Beendigung der Tempelreparatur kann wieder der
rechte Gottesdienst durchgeführt werden."
62 Siehe die ΠΠΊΙΤΒ vor V.15 (vgl. auch J.Becker, 2Chronik, 79).
IlChr 24,4-14 207

IlChr 1,1-6 das Verständnis von V.14b als positiver Schlußnotiz zur 'Kult-
reform' und damit die vorgenommene Abgrenzung.

4.3.3. Parallelen und Quellen


Mit zum Teil gravierenden Abweichungen folgt IlChr 24,4-14 der in IIReg
12,5-17 festgehaltenen Vorlage.
- V.4 ist Sondergut und kann mit Willi als "allgemeine Exposition von Joas' Tempelre-
staurationsvorhaben" verstanden werden^.
- Die in IlChr 24,5ff gegenüber IIReg 12,Sff vorgenommenen Modifikationen, Ergän-
zungen und Auslassungen geben Hinweise darauf, daß der chronistischen Version der Er-
zählung eine andere Konzeption zugrunde liegt^. Williamson geht in diesem Zusammen-
hang davon aus, "that the Chronicler has not rewritten, but simply passed over, 2 Kg.
12:4-8, a passage which represents quite a sharp criticism of priesthood"^.
Nach der Darstellung von IIReg 12 befiehlt Joasch, "daß die Priester von den ihnen zu-
fließenden Abgaben die Reparaturkosten zu tragen haben" Da die verordnete neue Auf-
gaben· bzw. Lastenverteilung jedoch nicht realisierbar ist, kommt es zur abermaligen Neu-
regelung des Abgabenwesens und der Baufinanzierung (V.7-9).
Die in IlChr 24 überlieferte Version setzt dagegen in V.5 mit der - an Priester und Levi-
ten gemeinsam ergehenden - Aufforderung ein, von 'ganz Israel' Geld für die Baukosten
einzutreiben^, der die Leviten (!) nur zögernd nachkommen. Anstelle der Ausfuhrungen
zur Neuregelung der Baufinanzierung fuhrt IlChr 24,6 eine - verspätete - Erklärung zum
Charakter der Sammlung ein, die auf eine durch Mose initiierte Abgabe zurückgeführt
wird.
- Indem V.7 (Sondergut) die Notwendigkeit der Tempelrenovierung ausschließlich mit
der Gott- bzw. Ruchlosigkeit Ataljas begründet, bietet er ein weiteres Beispiel fur inhalt-
lich motivierte Differenzen zwischen Vorlage und Chroniktext^.
- Während in IIReg 12,10 der Priester Jojada^ die zentrale Sammlung durchfuhrt, den
Opferkasten anfertigt und neben dem Altar am Eingang des Tempels aufstellt, geht sein
Bau nach IlChr 24,8-10 auf einen Befehl des Königs zurück. Der Kasten wird hier außer-
halb des Tempels plaziert, das Volk selbst legt die 'Abgabe des Mose' hinein.

63 Th.Willi, Chronik, 172 (Willi bezeichnet den Vers ebd. zugleich als Reflexion des
Chronisten).
64 Zur Begründung für das Übergehen bzw. Auslassen des Substantives p*13 (IIReg 12,6-
9.13) vgl. Th.Willi, Chronik, 116.
65 Η.G.Μ.Williamson, NCBC, 319.
66 W.Rudolph, HAT, 275.
67 Vgl. dazu Th.Willi, Chronik, 159: "die Maßnahme tritt unter den Gesichtspunkt einer
Tempelsteuer".
68 Vgl. dazu P.Welten, Geschichte, 40, Anm.137.
69 Zur in den Chronikbüchern üblichen Substitution des Titels Vnjn ]Π3(Π) (IIReg 12,11)
durch dessen Variante ΡΚΊΠ ]ΓΟ (II 24,11) vgl. S.Japhet, Authorship, 343; Th.Willi,
Chronik, 183f (nach Willi liegt hier ein Beispiel für den Musivstil des Chronisten vor).
Dabei ist die nur in II 24,6 gebrauchte Kurzbezeichnung ϋΚΊΠ dem erstgenannten Titel
nicht ohne weiteres gleichzusetzen (vgl. H.G.M.Williamson, NCBC, 320).
208 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

- Nach IIReg 12,11-13 nehmen der königliche Schreiber und der Hohepriester die Lee-
rung des Opferkastens sowie die Verteilung seines Inhaltes an die Handwerker vor. IlChr
24,11 weiß zunächst von einer aktiven Beteiligung der Leviten an der Aufsicht über den
Kasten zu berichten7®. Dieser wird täglich vom Schreiber des Königs und einem Beauf-
tragten des Hohepriesters^l geleert. Anschließend übergeben Joasch und Jojada selbst das
Geld an die Baumeister, die es dann an die Handwerker verteilen7^.
- Der in IlChr 24,13b gegebene Hinweis auf die Wiederherstellung des Tempels entspre-
chend seiner Abmessungen fehlt in der Vorlage.
- Im Unterschied und Widerspruch zu IIReg 12,14f wird der nicht in die Bauarbeiten
investierte Rest des Geldes nach IlChr 24,14a zur Anschaffung von Kultgeräten verwen-
det 7 3 . Der Verzicht auf deren detaillierte Beschreibung (vgl. IIReg 12,14) kann mit Willi
durch den Hinweis auf die der Chronik eignende "Tendenz zur Verallgemeinerung" erklärt
werden 7 ^.
- Die Hinweise zum Abrechnungsverfahren (IIReg 12,15f) und zur Verwendung der auf-
grund von Schuld- und Sündopfern erhobenen Einnahmen (IIReg 12,17) fehlen in IlChr 24
aus konzeptionellen Gründen 7 ^.
- Die abschließende Opfernotiz in IlChr 24,14b ist Sondergut der Chronik.

Einer Erörterung der Motive für die in IlChr 2 4 erkennbar werdende


Neukonzeption sind zunächst Überlegungen zu dem Chronisten über die
Königsbücher hinaus zur Verfügung stehenden Quellen voranzustellen, de-
nen angesichts des in IlChr 2 4 , 2 7 gegebenen Verweises auf den 'Midrasch
des Buches der Könige' besondere Bedeutung zukommt 7 6 .
Grundsätzlich sind die kontroversen Standpunkte einerseits durch die von
Torrey, Noth und andere vertretene Überzeugung repräsentiert, nach der
diese Quellenangaben nur eine "mere show" darstellen 77 bzw. es sich hier-
bei "nur um einen nach dem Vorbild von Dtr geübten literarischen Brauch,
aber nicht um das genaue Zitieren von benutzten Quellen handelt" 7 8 . Des-
halb stand dem Chronisten keine andere Quelle als das "ihm als Vorlage

70 Für McKenzie ist ihre Erwähnung in II 24,5.6.11 ein weiteres Indiz für das Interesse
der Chronik an den Leviten (vgl. S.L.McKenzie, Use, 110).
71 Vgl. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 435: "The latter officer is apparently an invention
of the Chronicler to place the high priest on the same level with the King".
72 Vgl. deren unterschiedliche Benennung in IIReg 12,12f bzw. II 24,12f und die Hinzu-
fiigung der Eisen- bzw. Kupferschmiede in II 24,12.
73 Willi stellt die Frage, ob hier "eine Deduktion aus 2.Kön 12,19 (vgl. 14,14)" vorliegt
(Th.Willi, Chronik, 142).
74 A.a.O., 160f.
75 Vgl. dazu J.Becker, 2Chronik, 80: "Für ihn [sc.: den Chronisten] enthält der Kasten ja
nicht mehr die Gesamteinnahmen des Tempels (mit Ausnahme der Schuld- und Sündop-
fer), sondern eine spezielle Kollekte zum Zweck der Restaurierung."
76 Vgl. die Auflistung der Quellenangaben in den Chronikbüchern bei C.Steuernagel, Ein-
leitung, 386f.
77 Ch.C.Torrey, Ezra Studies, 223.
78 Μ.Noth, ÜSt, 134.
IlChr 24,4-14 209

dienende Werk von Dtr" zur Verfügung 79 . Demgegenüber teilen etwa Steu-
ernagel und Eissfeldt die Auffassung, daß der "Midrasch zum Königsbuch
(MReg)" die zweite "Hauptquelle" des Chronisten bildet 80 .
Auch Welten hebt hervor, "einen wie geringen Anteil altes Material aus
Sonderquellen an diesem chronistischen Sondergut hat" 81 , und betont des-
halb, daß "altes Material außerhalb der Königsbücher in 2Chr 10-36 eine
ganz untergeordnete Rolle" spielt 82 . Saebe plädiert für einen Mittelweg. Er
möchte in den verschiedenen Quellenverweisen ein "Anzeichen dafür" er-
kennen, "daß die umfassende Geschichtsüberlieferung Israels, die also hier
in verschiedener, aber doch nicht allzu unterschiedlicher Weise - und zwar
teils als 'Annalen', teils als 'Prophetenberichte', teils als 'Midrasche' - ein-
bezogen werden konnte, noch nicht zur Ruhe gekommen ist, weder als tra-
ditio noch als traditum"83.
Im Blick auf die hier zu erörternde Perikope vertritt Rudolph die Auf-
fassung, daß diese nicht als ein vom Chronisten "aus Eigenem vollzogene
Umbildung von 2 Rg 12 auf Grund der veränderten Zeitverhältnisse" zu
verstehen sei. IlChr 24,4-14 beruhe vielmehr "auf eine in jener Quelle vor-
handene Ausweitung von 2 Rg 12", "da nach v.27a der 'Midrasch des Bu-
ches der Könige' von Tempelarbeiten des Königs berichtete 84 . Rudolph
wendet sich hier vor allem gegen Kittel, der die Unterschiede in erster Linie
darauf zurückgeführt hatte, daß die in IIReg 12 überlieferte Version "den
Anschauungen der späteren Zeit, wie sie die Chronik vertritt", entgegen-
standen 85 .

79 A.a.O., 138.
80 C.Steuernagel, Einleitung, 387f; s. auch O.Eissfeldt, Einleitung, 722-725 (Eissfeldt
nimmt dabei folgende Begriffsbestimmung vor: "Man wird daher gut tun, das Wort Mi-
drasch in unserem Titel zunächst rein formal im Sinne von Buch zu fassen" [a.a.O.,
725]).
81 P.Welten, Geschichte, 193.
82 A.a.O., 194.
83 M.Siebe, TRE, 78; Saebo betont ebd.: "die Möglichkeit mündlicher Tradition sollte
auch nicht ausgeschlossen sein".
Vgl. zur 'Quellenfrage' auch die Zusammenfassung Japhets, derzufolge "the book's
first source may be identified as the biblical tradition and corpus in its entirety" (S.Ja-
phet, Ideology, 506). Darüberhinaus ist ihrer Meinung nach jedoch auch mit "'apocry-
phal biblical traditions'" als Quelle zu rechnen, d.h. den "ageold ideas and traditions
that existed in Israelite society without ever being expressed in biblical books" (a.a.O.,
508), wobei deren 'Aufdeckung' nicht immer möglich ist.
84 W.Rudolph, HAT, 277. Dem - wenngleich vorsichtig - zustimmend J.M.Myers,
IlChronicles, 137.
85 R.Kittel, HK, 149 (Kittel widerspricht seinerseits Benzinger, der aufgrund der inhalt-
lichen und formalen Differenzen zwischen IIReg 12 und IlChr 24,4-14 auf eine "ganz
210 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Galling lehnt das Postulat einer mit der Angabe 'Midrasch des Buches der
Könige' eingeführten Sonderquelle zunächst ebenfalls kategorisch ab 86 . Sei-
ner Meinung nach deutet der Chronist selbst in IlChr 24,4-14 die in IIReg
12 geschilderte "Notmaßnahme des Königs als Kultreform, d.h. konkret als
Aufnahme der von Moses angeordneten Heiligtumssteuer (2.Mose 30,12-
16), die jedoch in diesem Falle zweckgebunden ist" 87 . Willi spitzt diese
Auffassung weiter zu, wenn er die Perikope als Beispiel für vom Chronisten
vorgenommene Aktualisierungen bzw. Typologisierungen versteht und fest-
hält: "Ex. 30,12-16; 38,25f. stehen der typologisierenden Umbiegung der
originellen Idee des Joas in eine althergebrachte, bereits anderswo vollgültig
bezeugte Institution Pate" 88 .
Angesichts der zuletzt genannten Argumente ist die Annahme einer hinter
IlChr 24,4-14 greifbar werdenden Sonderquelle aufzugeben89 und die Peri-
kope als in Anlehnung an IIReg 12 (MT) formulierte und dabei vom Chro-
nisten als Kultreform interpretierte Erzählung zu verstehen. Der Frage nach
der Zuordnung der Perikope bzw. ihrer einzelnen Elemente muß im folgen-
den jedoch weiter nachgegangen werden.

4.3.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Da auf die innerhalb IlChr 24,4-14 erkennbaren Strukturen bereits im
vorangegangenen Abschnitt eingegangen wurde, sind hier vor allem Auffäl-
ligkeiten innerhalb des Aufbaus der Perikope festzuhalten. Sie können zu-
gleich den Ausgangspunkt von Überlegungen zur Zuordnung einzelner
Verse bilden.
- Nachdem V.4 als Einleitung vom Entschluß des Joasch berichtet hat,
die Tempelerneuerung in Angriff zu nehmen, folgt in V.5f.8 die mit Hilfe

selbständige Erzählung" schließt, die der Chronist "so schon in seiner Quelle vorgefun-
den" habe [I.Benzinger, KHC, 113]).
86 Vgl. K.Galling, ATD, 8f.
87 A.a.O., 139.
88 Th.Willi, Chronik, 159.
Auch nach Brevard S.Childs liegt mit IlChr 24,4-14 ein Beispiel für die typologische
Exegese des Chronisten vor: "the description of the joy of the people and the abundance
of freewill offerings in Josiah's rebuilding of the temple (11.24.Iff.) parallels the
people's response to Moses' earlier activity (Ex.35.20ff.) and prefigures the ideal time
of Neh. 12.44" (B.S.Childs, Introduction, 650f); vgl. jedoch die ebd. von Childs - in
Abgrenzung von Willi - geforderte Beachtung der "restrictions under which the method
is held in Chronicles".
89 Vgl. noch Η.G.M.Williamson, NCBC, 318f.
IlChr 24,4-14 211

von fünf Imperfekta consecutiva formulierte Schilderung der vom König


zur Umsetzung eingeleiteten Maßnahmen.
- Zwei - in V.5a.6 wiedergegebene - Reden verdeutlichen das Vorhaben
des Joasch. Dabei fallt auf, daß in V.5 die jährliche Sammlung von nicht
genauer bestimmtem ^OS90 angeordnet ist, das erst in V.6 - und V.9 - nä-
her spezifiziert wird, wobei Joasch den Jojada in V.6 auf ihm offenbar Be-
kanntes anspricht. In V.5 ist ausdrücklich Adressat des Aufrufes,
während in V.6 und 9 dezidiert Juda und Jerusalem genannt sind.
- Die in V.5b festgehaltene 'Verzögerungstaktik' der Leviten wird im
weiteren Verlauf nicht mehr aufgenommen, den Leviten in V. 11 sogar er-
neut besondere Verantwortung übertragen.
- V.7 klappt als Begründung der Notwendigkeit einer Restaurierung des
Tempels nach und wäre eigentlich nach V.4, spätestens aber nach V.5a zu
erwarten.
- Indem V.8aj8b.9 ausführlich festhalten, daß die Anordnungen des Kö-
nigs durchgeführt werden, kontrastieren sie V.5b. Durch das Fehlen von
näheren Angaben zu den Ausführenden wird die herausragende Rolle des
Joasch unterstrichen.
- In V . l l steht der Opferstock im Mittelpunkt, bei dessen Füllung und
Leerung der König mit den Leviten und - über seinen Schreiber - auch mit
dem Hohepriester zusammenarbeitet. Anläßlich der Aushändigung des Gel-
des an die Werkmeister kommt es in V.12 zur direkten Zusammenarbeit
von Joasch und Jojada.
- V. 13.14a schildern die erfolgreiche Ausführung der Bauarbeiten und
korrespondieren insofern V.8a/Jb.9.
- Die die Perikope abschließende Opfernotiz weist durch das unpersönlich
konstruierte D'Vyö TTP1 auf die Beteiligung aller am Opfer hin.
Rudolph ist von der Einheitlichkeit der Perikope überzeugt, die er - wie
erwähnt - ganz auf den Chronisten selbst zurückführt. Auch Galling91 und -
mit Einschränkungen - Willi 92 vertreten diese Zuordnung, wobei beide klei-
nere Einschübe zu erheben suchen93.

90 Vgl. auch V . l l .
91 Vgl. K.Galling, ATD, 137.
92 Vgl. Th.Willi, Chronik, 198.
93 Vgl. K.Galling, ATD, 139: in II 24,6 ist Vnp.11 als Glosse zu streichen; Th.Willi,
Chronik, 198: "in II 24,11 wird 'durch die Hand der Leviten' auch kaum Anspruch auf
Urspriinglichkeit erheben können".
212 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Demgegenüber hat bereits Welch vorgeschlagen, IlChr 24,5f auf die


Hand eines Überarbeiters zurückzuführen. Dieser nimmt die Intention des
Chronisten auf und verstärkt sie, wobei er Joasch "in obedience to the
Mosaic law" handeln läßt 94 . Während Rudolph diese Auffassung zurück-
wies 95 , hat Williamson sie mit guten Argumenten neu aufgenommen. Er
geht jedoch davon aus, daß IlChr 24,5aa vom Chronisten selbst stammt 96 .
Mit Williamson sind V.5a/3b.6 meines Erachtens als späterer Zusatz zu
charakterisieren. Gründe dafür sind vor allem das beobachtete 'Nachklap-
pen' von V.7, die fehlende Aufnahme von V.5b.6 im Fortlauf der Erzäh-
lung und die ebenfalls festgehaltenen Spannung zwischen der in V.5a vor-
genommenen Beauftragung der Priester und der Leviten einerseits sowie
dem Fehlen der Erstgenannten in V.5b.6 andererseits.
Angesichts der Differenzen bzw. Spannungen, die - zunächst im Hinblick
auf die Wortwahl - auch zwischen V.5a.(ll) und V.6.9 sichtbar werden, ist
meiner Meinung nach jedoch über Welch und Williamson hinaus zu vermu-
ten, daß auch V.9 auf eine Überarbeitung zurückgeht.
Neben den bereits genannten Argumenten spricht für diese Überlegung
zum einen der in IChr 29,1-9 festgehaltene Bericht des Chronisten über den
von David erlassenen Spendenaufruf für freiwillige Zuwendungen zugun-
sten des Tempels, der in Anlehnung an Ex 25,l-7 97 bzw. Ex 35,21 ff 9 8 , das
heißt an das von Mose gegebene Vorbild, formuliert ist - ohne daß Mose
erwähnt wäre. Zum anderen kann Gallings überzeugender Interpretation,
derzufolge der Chronist in IlChr 24,4-14 eine 'Kultreform' schildert, auch
dann gefolgt werden, wenn diese konzeptionelle Änderung ohne V.5b.6.9
erfolgte. Die von Welten für den 'Topos' Kultreform herangezogenen Bei-
spiele machen deutlich, daß der Bezug auf bzw. die Nennung des Mose
nicht zu dessen konstitutiven Elementen gehört 99 .
Durch die anschließende Analyse des Vokabulars der Perikope können
weitere Aspekte zur Unterstützung der hier formulierten Überlegung
erhoben werden.

94 Vgl. A.C.Welch, Work, 78-80, Zit.: 80.


95 Vgl. W.Rudolph, HAT, 275, Arnn.2.
96 Vgl. H.G.M.Williamson, NCBC, 319f; s. auch S.J.de Vries, FOTL, 345.
97 So W.Rudolph, HAT, 189.
98 Diese Analogie erschließt Im vor allem aufgrund der Parallelität von 3*13 Hitp. in I
29,5.6.9.14.17 bzw. m l Qal in Ex 35,21.22.29; 36,3 (vgl. T.-S.Im, Davidbild, 157).
99 Vgl. P.Welten, Geschichte, 180-184. Eine Ausnahme bildet die Hiskia-Perikope in II
29,3-31,10 (vgl. dazu unten, 4.5).
IlChr 24,4-14 213

4.3.5. (Leit)Worte
Im Zentrum der von Joasch nach dem Bericht von IlChr 24,4-14 durchge-
führten Kultreform steht die Erneuerung des Tempels 100 . Dieses Thema be-
einflußt das Vokabular der Perikope in nicht unerheblichem Maße.
So begegnet etwa mit ρτπ in V.5a.l2 ein Begriff, der in den Chronikbü-
chern zwar in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht wird,
gleichzeitig jedoch - im Piel und Hitpael - "als Leitwort verschiedene Bau-
berichte bestimmt" 101 . Dabei ist das Verb in IlChr 24 beide Male zweifel-
los aus der Vorlage übernommen.
Obwohl der Infinitiv von ΕΠΠ (V.4.12) im Alten Testament nur hier
nachweisbar ist, erscheint das Verb in IlChr 15,8 ein weiteres Mal im Kon-
text 'Kultreform'. Die in V.5 zweimal verwendete Wurzel kann zwar
dem Wortfeld 'bauen' nicht ohne weiteres zugeordnet werden. Da sie je-
doch in den Chronikbüchern vor allem "ein Aufgebot im Zusammenhang
mit [...] kultischen Anlässen" bezeichnet102, eignet ihrer ersten Verwen-
dung gleichsam eine Verbindungsfunktion zwischen Renovierungsmaßnah-
me und Kultreform 103 . Auf den Topos 'Kultreform' weist auch die in V.10
hervorgehobene 'Freude' hin 104 .
Die im Zusammenhang mit den Renovierungsmaßnahmen stehenden Ver-
ben von V.13 sind der Chronik geläufig, gehören aber nicht zum im Kon-
text von Bau(bericht)en typischen Vokabular 105 , f n s (V.7) ist direkter Ge-
genbegriff zur Tempelerneuerung und hebt hervor, daß "der Intention nach
ein Akt gezielter Zerstörung vorliegt" 106 .
Mit dem Hinweis auf das innerhalb der Chronikbücher nur hier so be-
zeichnete n n y n ·?ΠΧ (V.6) 107 kommt die Terminologie von IlChr 24,5a/?b.

100 Dessen unterschiedliche Bezeichnung als ΠΊΠ' IT3 (V.4.7.12.14) bzw. D ' . I V K Jl'3 (V.
Sa.7.13) ist ohne Bedeutung.
101 P.Welten, Geschichte, 31; vgl. noch a.a.O., 51.98.
102 A.a.O., 91, Anm.77 (mit Verweis auf II 15,9; 23,2; 24,5; zur vor allem "in den älte-
ren Überlieferungsschichten" üblichen Bezeichnung eines militärischen Aufgebotes vgl.
II 25,5; 32,6).
103 'Geld' ist im AT nur hier Objekt von f3j?.
104 Vgl. dazu z.B. I 29,9; II 15,15; 29,36; 30,25.
105 Zu n(Py vgl. etwa II 20,36 (von Schiffen); 34,10; zu löy Hi. vgl. allenfalls Esr 2,68;
9,9 (gegen P.Welten, Geschichte, 91, nach dessen Aussage m y Hi. "sehr häufig auch
im Zusammenhang mit Bauarbeiten als 'wiederherstellen'" erscheint); zu fHK wäre ge-
gebenenfalls Prov 8,28 zu vergleichen.
106 J.Conrad, Art.: flB, 766.
107 Vgl. Num 9,15; 17,22f; 18,2. von Rad hält fest, daß die 'Stiftshütte' vom Chronisten
grundsätzlich unter Einfluß von Ρ gedacht ist (vgl. G.von Rad, Geschichtsbild, 45).
214 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

6.9 in den Blick, die sich auch durch andere Auffälligkeiten von deijenigen
der übrigen Perikope unterscheidet.
So wird die Wurzel "1ΠΒ (V.5a/?b) zwar in IlChr 18,8 modifiziert aus der
Vorlage übernommen, die übrigen drei Belege stehen jedoch im Sondergut
und in IChr 12,9 innerhalb eines mit großer Wahrscheinlichkeit sekundären
Textes 108 . ΕΠ7 (V.6) ist vom sonst in den Chronikbüchern und im gesam-
tem Alten Testament üblichen Gebrauch des Verbes im Sinn von 'verlan-
gen, fordern' insofern unterschieden, als nur hier "der Fordernde oder
Verlangende ein Mensch" ist 109 . Ungewöhnlich ist des weiteren die nur in
V.9 vorkommende Wendung Vlj? |J13.
Das Nomen JlXfrö (V.6.9) findet noch in Ez 20,40 im Sinn von 'kulti-
scher Abgabe' 110 , während die in Ex 30, 13f erwähnte 'Spende' als Π0ΠΠ
bezeichnet ist 111 . Allerdings trägt auch Ez 20,40 zum Verständnis der Ter-
minologie in IlChr 24,6.9 wenig aus, da bei den 'Erstlingsdarbringun-
gen' 1 1 2 an ein Opfer gedacht ist, wie das vorangehende ΠΏΠΓΙ deutlich
macht. Indem IlChr 24,6 die zu erhebende Abgabe nicht allein auf Mose,
sondern auch auf den Vnp zurückführt, kommt eine weitere Besonderheit
des Verses in den Blick, wobei vermutet werden darf, daß hier nicht allein
die 'Kultgemeinde' angesprochen wird 113 . Da die Septuaginta ilXfrö
mit το κεκριμένον ντο Μωυσής (V.6) bzw. καθώς είττεν Μωυσης faktisch
nicht wiedergibt 114 , wird deutlich, daß ihr der genaue Sinn des IlNfrö unbe-
kannt war. Angesichts fehlenden Vergleichsmaterials muß dessen genaue
Bedeutung offenbleiben, wobei der durch hergestellte Rückbezug auf
die Tradition von Wüstenwanderung und Sinaiaufenthalt festgehalten wer-
den kann.

108 Vgl. W.Rudolph, HAT, 2; K.Galling, ATD, 43.


109 C.Westermann, Begriffe, 16.
110 Vgl. noch Zeph 3,18 (Schmach); Ps 141,2 (Hochheben); Jer 6,1 (Zeichen); Jdc 20,
38.40 (aufsteigende Rauchsäule); Gen 43,34 (2mal) (Portion/Anteil); IlSam 11,8; Jer
40,5; Est 2,18 ([königliches] Geschenk); Am 5,11 (Steuer).
111 Ex 38,25f, die von Willi zur Erklärung herangezogen werden (vgl. Th.Willi, Chronik,
159 - s. oben, 4.3.3), sprechen von Silber (=103).
112 Vgl. zu dieser Übersetzung W.Zimmerli, Ez 1-24, 434.
113 Vgl. dazu andeutungsweise S.Japhet, Ideology, 423 (mit Anm.71).
114 Nach L.C.Allen, Greek Chronicles, Part I, 56 liegt dem eine (Neu-)Interpretation von
flKTO als "utterance", also 'Ausspruch', zugrunde.
Vgl. dazu die Beobachtung von Fabry: "mas'et hat den Übersetzern Probleme bereitet,
da es völlig unterschiedlich wiedergegeben wird" (H.-J.Fabry/D.N.Freedman/B.E.
Willoughby, Art.: KfrJ, 643.)
Exkurs: Mose als "DJ? in den Chronikbüchern 215

Die Wortuntersuchung zeigt zum einen, daß das in V.5aßb.6.9 gebrauch-


te Vokabular durch besondere Eigenheiten und für die Chronikbücher unge-
wöhnliche Begriffe charakterisiert ist. Zum anderen macht sie deutlich, daß
allein der Wortbestand des als ursprünglich chronistisch bezeichneten Tex-
tes die These unterstützt, derzufolge der Chronist in IlChr 24,4-14* die
Vorlage im Sinn einer von Joasch durchgeführten Kultreform neu interpre-
tiert. Das Vokabular von V.5ajSb.6.9 hingegen steht mit dem Topos 'Kult-
reform' in keinem ursächlichen Zusammenhang, sondern führt eine neue
Thematik ein.

4.3.6. Mose
Die vorangegangenen Abschnitte führten zum Ergebnis, daß auch in IlChr
24,6.9 Mose nicht vom Chronisten selbst, sondern von einer späteren Hand
in die Perikope eingetragen wurde. Erst diese Hand stellt eine definitive
Verbindung zwischen der Kultreform des Joasch und der Israel konstituie-
renden Vergangenheit her. Die so erreichte Bindung an die Vergangenheit
Israels relativiert zugleich die dem König Joasch im Blick auf die Maßnah-
men zur Wiederherstellung des rechtmäßigen Kultes in Jerusalem zugewie-
sene Verantwortung, indem ihm Mose als Vorbild gegenübergestellt wird.
Die hinter der Einfügung des Mosenamens stehende Tradition weiß zwar
auch von der Beteiligung des ^np an der ersten Erhebung der Abgabe für
die Erhaltung des Tempels. Indem Mose jedoch gleich zweimal der "Dy-Ti-
tel beigelegt wird, ist er von der (Volks-) Gemeinde ausdrücklich abgeho-
ben.
Da mit IlChr 24,6.9 alle auf Mose bezogenen Belege für den Titel in den
Chronikbüchern genannt sind, soll den mit seiner Verwendung sichtbar
werdenden Implikationen in Form eines Exkurses nachgegangen werden.

Exkurs: Mose als T2y in den Chronikbüchern


Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die im Verlauf der Untersuchung gemachte
Beobachtung, daß Mose der Iiy-Titel zwar nur innerhalb des Sondergutes der Chronikbü-
cher und hier innerhalb sekundärer Stücke beigelegt wird 1 1 5 , jedoch etwa Schmid aus-
führt, daß die genannten Stellen prinzipiell deuteronomisch bzw. deuteronomistisch beein-
flußt sind 1 1 6 .

115 Vgl. 16,34; II 1,3; 24.6.9.


Die Bezeichnung Davids als (ΠΊΓΡ) 13J7 ist dagegen zumeist aus der Vorlage übernom-
men worden (vgl. I 17,4.7; II 6,15f), im Sondergut begegnet der Titel in II 6,42 (vgl.
dazu aber Ps 132,10). Auch die 'Selbstbezeichnung' geht überwiegend auf die Vorlage
zurück (vgl. I 17,17f.23-27), nur in I 17,19 ist die Vorlage modifiziert.
216 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Auch wenn im Rahmen dieser Arbeit auf die nach dem Masoretischen Text 40 Belege
für den auf Mose bezogenen 1 3 y - T i t e l ' ^ njcht ausführlich eingegangen werden kann, sind
diese bei der Suche nach traditionsgeschichtlichen Hintergründen für die Verwendung des
Titels in der Chronik mitzubedenken.
Während der "ny-Titel innerhalb des Pentateuchs im Kontext von vordeuteronomischen
bzw. vordeuteronomistischen Texten entweder als Selbstbezeichnung'' ^ gebraucht oder
dem Mose als von JHWH Beauftragtem oder Propheten im Sinn eines Ehrentitels verlie-
wird, steht hinter der Verwendung des Titels im Deuteronomium bzw. Deuterono-
mistischen Geschichtswerk eine andere Aussageintention^^.
Zwar begegnet der Titel auch in Dtn 3,24 im Sinn einer Selbstbezeichnung und die in
Dtn 34,5 vorgenommene Würdigung des Mose als ΠΊΓΡ *13y zielt ebenfalls auf dessen Rang
als Prophet, der Kontext macht jedoch zugleich die Bedeutung des dem Auftrag JHWHs
gemäßen Handelns deutlich*2*.
Mehrmals wird Mose im Josuabuch im Zusammenhang mit der Gabe des Landes als 13V
Π1.Τ122 vorgestellt*^ und damit zunächst ausgesagt, "daß er dabei im Auftrag Jahwes
handelt"*2"^. Daneben begegnet der 13J7 Mose im Deuteronomistischen Geschichtswerk
auch im Kontext vom ' Landverheißung Ί 25 > v o r allem jedoch im Zusammenhang mit der
Aussage, daß Mose den Israeliten etwas geboten oder ihnen die ΠΊΧ8 bzw. die ΠΊΊ7Ί gege-
ben hat 1 2 6 .
Die "Verwendung des "I3J?-Titels für Mose im Zusammenhang mit der Ge-
bots- und Thoraerteilung [...] ist als eine dtr. Eigenart zu sehen, die jedoch ihre Vorlagen
in der Gestaltung der Sinaiperikope (Mose als Verkünder der Gesetze des Bundesbuches)
und des Dtn (das gesamte Dtn ist bekanntlich als Moserede stilisiert) hat"* 2 ^.
Im Unterschied zum Deuteronomistischen Geschichtswerk, in dem Mose in verschiede-
nen Traditionszusammenhängen mit dem 13y-Titel versehen ist, stellen die vier Belege im

116 Vgl. H.Schmid, Gestalt, 71.


117 Vgl. dazu W.Zimmerli, Art.: ΠΊΓΡ 13£, 662; vgl. aber Chr.Barth, Mose, 68.69,
Anm.9, der nur 38 Belegstellen für relevant hält.
118 Vgl. Ex 4,10; Num 11,11 (s. dazu I.Riesener, Stamm, 173).
119 Vgl. Ex 14,31; Num 12,7f.
120 Dabei ist die von Barth im Hinblick auf die Frage nach der "genauere[n] Herkunft des
Gottesknechttitels für Mose" geübte Zurückhaltung m.E. auch heute noch angebracht
(Chr.Barth, Mose, 71).
121 Vgl. I.Riesener, Stamm, 187.
Das im Auftrag von und stellvertretend für JHWH geschehende Handeln des Mose in
Ägypten ist im - nachexilischen - Ps 105 erneut Hintergrund fur die Verleihung des
nsy-Titels an Mose (vgl. a.a.O., 230).
122 Der 13y-Titel erscheint innerhalb des DtrG. entweder als constructus-Verbindung mit
dem Tetragramm oder mit Suffix. Der Ausdruck D'nVxirt) 13y fehlt.
123 Jos 1,15; 12,6(2mal); 13,8; 18,7; 22,4.
124 I.Riesener, Stamm, 188.
125 Vgl. Jos 1,1 und IReg 8,53.56.
126 Vgl. Jos 1,7 (Tora); 1,13 (Beteiligung an der Landnahme); 8,31 (Altarbau).33 (Auf-
stellung der Israeliten); 11,12 (Vollstreckung des Bannes); 14,7 (Aussendung Kalebs);
22,2 (Beteiligung an der Landnahme).5 (Gebot und Tora); IIReg 18,12 (ohne Spezifi-
zierung); 21,8 (Tora).
127 I.Riesener, Stamm, 191.
IlChr 25,1-4 217

Nehemiabuch^8 den Knecht Mose nur als Empfanger bzw. Mittler der Gebote^^ dar,
sind insofern aber zweifellos vom Deuteronomistischen Geschichtswerk geprägt.
Auch Mal 3,22 1 3 0 und Dan 9 , I I 1 3 1 schließlich, wo der my-Titel als "Ehrentitel" für
den Empfanger der Tora gebraucht wird^ 3 ^ sind in diesem Sinn deuteronomistisch beein-
flußt.
Es wird deutlich, daß Mose in den bisher genannten nachdeuteronomistischen Texten
nur als 'Gesetzesmittler' mit dem 13J?-Titel versehen wird. In diese 'Reduktion' der Tradi-
tionszusammenhänge kann der Befund der Chronikbücher nicht ohne weiteres eingeordnet
werden.
Zwar erscheint Mose auch in IChr 6,34 als derjenige, der kultische Regelungen angeord-
net hat, weshalb mit deuteronomistischem Einfluß gerechnet werden kann^ 33 . Anders da-
gegen verhält es sich mit IlChr 1,3, wo dem Subjekt f l i m a y HTO das Prädikat HtPy zuge-
ordnet ist. Die Anfertigung des Zeltes der Begegnung ist dabei mit keinem der im Deutero-
nomistischen Geschichtswerk begegnenden Traditionszusammenhänge verwandt, sondern
führt einen neuen Kontext, den des Kultstifters, ein.
Auch in IlChr 24,6.9 ist Mose nicht aufgrund seiner Mittlerschaft oder eines im Zusam-
menhang mit der Landnahme stehenden Handelns als 13J7 bezeichnet, sondern als Begrün-
der einer kultischen Institution, wobei auch hier eine direkte Bezugnahme auf ein Gebot
bzw. die Tora oder JHWH fehlt.
Zusammenfassend läßt sich also festhalten, daß Mose in den Chronikbüchern vor allem
im Rahmen von sonst im Alten Testament nicht begegnenden Traditionszusammenhängen
als Knecht JHWHs bezeichnet wird 1 3 4 . Darüberhinaus ist festzuhalten, daß gerade mit
Hilfe der Nennung des 12J7-Titels die Wüstentradition explizit in die Chronikbücher aufge-
nommen wird.

4.4. IlChr 25,1-4 (Amazjas Regierungsantritt)

4.4.1. Übersetzung
1) Fünfundzwanzig Jahre alt, wurde Amazja König,
und neunundzwanzig Jahre war er König in Jerusalem,
und der Name seiner Mutter: Joaddan aus Jerusalem.

128 Neh 1,7.8; 9,14 (jeweils "pay); 10,30 (DVlVlcmay).


129 Neh 1,7: TVIS», D'pn, D'tJBEm; Neh 1,8: 131; Neh 9,14: ilTISÖ, D'pn, ΠΤΙΤΙ; Neh
10,30: m m .
130 Hier fällt die zum Horeb hergestellte Verbindung auf.
131 DviVKimy.
132 Vgl. I.Riesener, Stamm, 252.
133 Allerdings ist hier ein Bezug zur ΠΠΠ oder zu JHWH nicht explizit formuliert.
Außerdem steht in I 6,34 DTlVKfl 13y, auch von daher ist der Begriff vom DtrG.
unterschieden (vgl. oben, Anm.122).
134 Vgl. dazu Ringgren, der IlChr 1,3; 24,6.9 nicht auffuhrt, wenn er im Blick auf den
Mose beigelegten Titel zum Ergebnis kommt: " 'cebced JHWH ist also ein Ehrentitel des
Offenbarungsmittlers eher als ein Amtstitel und weist auf seine Sonderstellung im Ver-
hältnis zu Gott hin" (H.Ringgren/U.Rüterswörden/H.Simian-Yofre, Art.: 13J7, 1001).
218 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

2) Und dann tat er das Richtige in den Augen JHWHs,


nur nicht mit ungeteiltem Herzen.
3) Und es geschah,
als stark wurde die Königsherrschaft in seiner Handa),
und dann tötete er seine Knechte,
die erschlagen hatten den König, seinen Vater.
4) Aber ihre Söhne ließ er nicht sterben,
sondern'') wie geschrieben ist °)in der Tora, im Buch des Mosec),
die befohlen hatte JHWH folgendermaßen:
Nicht sollen sterben Väter für die Söhne,
und Söhne sollen nicht sterben für Väter,
sondern ein Mann, für seine Verfehlung soll er sterben.

Zum Text:
a) Die von einigen Handschriften, der LXX und der Peschitta vorgenommene Anglei-
chung an IIReg 14,5 ist sinnvoll.
b) Der im Anschluß an LXX und Vulgata (sowie IIReg 14,6) von verschiedenen Ausle-
gern vorgeschlagenen Streichung des '3 (vgl. dazu z.B. O.Eissfeldt, Zeilenfüllung, 89)
braucht nicht gefolgt zu werden (vgl. A.Kropat, Syntax, 31). MT ist hier als lectio diffici-
lior beizubehalten.
c)-c) Die von Vulgata und Peschitta vorgenommene Angleichung an IIReg 14,6 (ΊΒ03
ΠΕΌ m i n ) ist nicht allein mit textkritischen Überlegungen zu erklären und wird deshalb
unten erörtert (vgl. dazu 4.4.4).
Zur Erklärung der von LXX gebotenen Lesart "κατά την διαθήκην τον νόμου κυρίου"
verweist Allen auf die Möglichkeit, daß deren erste drei Worte ein im hebräischen Text
später korrigiertes ΓΠ33 wiedergeben (vgl. L.C.Allen, Greek Chronicles, Part II, 122),
während hinter "του νόμου κυρίου" die vollständige Wiedergabe eines im hebräischen Text
abgekürzt notierten Tetragramms (ΓΓ'ΊΙΤΊ) richtig überliefert sein könnte (a.a.O., 83). Mei-
nes Erachtens kann MT hier jedoch ebenso gefolgt werden, wie bei der Wiedergabe des
von LXX nicht überlieferten Π PH ΊΒ03.

4.4.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Der abschließenden Notiz zur Regentschaft des Joasch in IlChr 24,7 mit ih-
rer Überleitung zu Amazja schließt sich in IlChr 25 die Darstellung von
dessen Regierungszeit an, die ebenfalls in eine positive (V.l-13) und eine
negative (V. 14-28) Phase gegliedert wird.
Die Abgrenzung der Perikope nach vorne ist eindeutig135. Die Einsicht,
daß in IlChr 24,5 ein Neueinsatz vorliegt, kann durch formale136 und in-
haltliche Überlegungen137 begründet werden.

135 Sie wird etwa durch die ΠΓΠΠΒ nach II 24,27 unterstützt. Die damit angezeigte Tren-
nung problematisiert den Versuch von Kegler/Augustin, II 24,27 als erstes Element der
"Königschronik" hinzuzuziehen (vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 44).
136 Vgl. neben J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 54f (Narrativ ist Gliederungselement),
auch P.Welten, Geschichte, 91, Anm.72: "Eingeleitet durch Imperfectum consecutivum
mit nachgestelltem substantivischem Subjekt; auch Einsatz einer neuen Parasche."
IlChr 25,1-4 219

4.4.3. Parallelen und Quellen


IlChr 25,1-4 entsprechen im wesentlichen IIReg 14,2-6, weisen jedoch er-
neut "characteristic modifications and embellishments of the Chronicler"138
auf.
- Die gegenüber IIReg 14,2 (üVtt3 ΓΡΠ) modifizierte Formulierung von IlChr 25,1 ("|V?3
LITSÖK) wird erforderlich, weil der Chroniktext die in der Vorlage gebotene synchronisti-
sche Datierung des Regierungsantrittes von Amazja übergeht und deshalb den Königsna-
men nennen muß 1 39
- Die Substitution von V3K ΤΠ3 (IIReg 14,3a) durch oVtf 33^3 (IlChr 25,2) erfolgt im
Zusammenhang mit der vom Chronisten vorgenommenen "reinterpretation of the second
half of the reign and by the qualification which he has introduced into the first "140 Zu-
gleich wird dabei eine zur Beurteilung von Königen typische Wendung eingeführt 141 .
- Das Ubergehen von IIReg 14,3b.4 selbst kann meines Erachtens mit dem Hinweis dar-
auf, daß diese Verse dem Chronisten überflüssig e r s c h i e n e n 1 n i c h t sinnvoll erklärt wer-
den. Auch die Überlegung, McKenzies, nach der der chronistische Text den Vergleich mit
Joasch vermeide, "because his account has pictured Joash in a less favorable light than did
K . " 1 ^ , ist nicht befriedigend. Wahrscheinlicher scheint mir, daß durch den Vergleich mit
Joasch - ebenso wie durch die Erwähnung des Höhenkultes - eine Spannung bzw. ein Wi-
derspruch zur im folgenden geschilderten positiven Regierungsphase entstehen würde, den
der Chronist zu vermeiden sucht 1 4 4 .
- Für die Substitution von ΓΠ: durch ΠΠ (IlChr 25,3), die schon in IlChr 24,25 - dort
gegenüber IIReg 12,21 - vorgenommen wurde und der die in V.4 folgende Streichung von
Π33 korrespondiert, sind vor allem stilistische Gründe ausschlaggebend 14 ^. Das gilt auch
für die Weglassung der 'Mörder' in IlChr 2 5 , 4 1 4 6 .
- Im Zusammenhang dieser Untersuchung sind jedoch vor allem die zwei bzw. drei
folgenden Änderungen von Bedeutung:
Der Text von IIReg: nTOTnin ΊΒ03 31Π33
heißt in IlChr: Π270 ΊΒ03 ΓΠ1Π3 31Π33 ' 3 1 4 7 .

137 V.5-13 berichten vom Kriegszug mit den Edomitern (vgl. zur Diskussion u.a.
R.Micheel, Seher, 63f).
138 E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 440.
139 Vgl. Th.Willi, Chronik, 96.
Zur in der Chronik ebenfalls geläufigen Wendung 13^03 vgl. z.B. II 21,5.
Die im AT fünfmal belegte Pleneschreibung von Jerusalem (II 25,1) findet sich noch in
Jer 26,18; Est 2,6; I 3,5; II 32,9.
140 H.G.M.Williamson, NCBC, 327.
141 Vgl. dazu S.Japhet, Ideology, 250, und die ebd., Anm. 172, angeführten Belegstellen
(IReg 8,61; 11,4; 15,3.14; I 12,39; 28,9; 29,9.19; II 15,17; 16,9; 19,9).
142 Vgl. J.Becker, 2Chronik, 82.
143 S.L.McKenzie, Use, 104.
144 Vgl. auch E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 440.
145 Vgl. dazu Th.Willi, Chronik, 148, der zugleich auf inhaltliche Implikationen aufmerk-
sam macht.
146 Vgl. a.a.O., 95.
147 Die Fortsetzung beider Fassungen lautet gleich: "IÖKV ΠΊΠ* NIS"WK.
220 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Auf die Frage nach möglichen Hintergründen dieser Differenz und sich daraus im Blick
auf die Aussageintention ergebender Konsequenzen werden sich die folgenden Arbeits-
schritte zu konzentrieren haben 1 4 8 .
- Daß mit einer anderen Aussageintention gerechnet werden kann, zeigt eine weitere
Verschiedenheit an. Während IIReg 14,6 - wie Dtn 24,16 - Uiai' 1 4 9 liest, schreibt IlChr
25,4 IJTfiT15®. Damit wird "the rule's validity from the purely judical execution of
punishment to punishment in general" ausgeweitet 151 .

Der vorgenommene Vergleich hat die weitgehende Übereinstimmung


zwischen IlChr 25,1-4 und IIReg 14,2-6 unterstrichen. Wenn im folgenden
vor allem den Differenzen zwischen IIReg 14,6b und IlChr 25,4b nachge-
gangen wird, soll dabei eine Überlegung Gallings aufgenommen werden,
der meint: "Der Verweis auf die Einschränkung der Blutrache, der in 2.KÖ.
14,6 sicher sekundär ist, könnte auch dort vom Text in der Chronik stam-
men."!«
Im Blick auf außerchronistische Parallelen interessiert vor allem der
schon genannte Vers Dtn 24,16:
D'33-Vy mas inavxV
niax-Vy irwxV D':ai
.iriöv ixtjna tff'x

Das Alter "diese[r] nicht leicht deutbare[n] Bestimmung"153 ist umstrit-


ten 154 , wahrscheinlich handelt es sich um einen "dtr Satz" 155 . Von beson-
derem Interesse ist die innerbiblische Rezeption156 dieses Gebotes, das zu-
nächst in Jer 31,30a aufgenommen ist. Dabei wird aus Jer 31,29f deutlich,
daß die hier greifbare deuteronomistische Redaktion "die uneingeschränkte
Geltung des in Dtn 24,16 für das Strafrecht formulierten Grundsatzes indi-
vidueller Haftung [...] für die Zukunft" erwartet 157 . Außerdem wird das
"Verbot von Sippenhaftung in Ez 18,10-20 theologisch breit reflektiert und
aktualisiert" 158 , auch Ez 18,4 nimmt Dtn 24,16 zweifellos auf. Innerhalb

148 Vgl. dazu Th.Willi, Thora, 105, Anm.12.


149 Impf.3.PI.mask. Hophal.
150 Also Impf.3.Pl.mask. Qal.
151 S.Japhet, Ideology, 166.
152 K.Galling, ATD, 142f. Auch Ackroyd hält es für möglich, daß das Zitat von Dtn
24,16 in IIReg 14,6 "an addition made on the basis of the Chronicler's text" darstellt
(P.R.Ackroyd, I&II Chronicles, 163).
153 H.J.Boecker, Recht, 29.
154 Vgl. dazu J.Scharbert, Solidarität, 124; G.von Rad, Deuteronomium, 109.
155 H.D.Preuß, Deuteronomium, 185; anders noch G.von Rad, Deuteronomium, 109:
"dt. [=deuteronomische] Bestimmung".
156 Vgl. Joh 8,21 !
157 W.Thiel, Redaktion, 108 (vgl. noch a.a.O., 28, wo Thiel Dtn 24,16 als "dtn. Forde-
IlChr 25,1-4 221

eines Disputationswortes, das neben anderem eine Kette von Rechtssätzen


aufstellt 159 , wird hier die Frage der Gerechtigkeit JHWHs thematisiert, die
ihren Ausdruck in der Ablehnung der "Verflechtung der Generationen" ei-
nerseits und der "klare[n] Behaftung [des Einzelnen] bei Gerechtigkeit und
Gottlosigkeit" andererseits findet 160 .

4.4.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Im Unterschied zu V.l mit zwei perfektischen Prädikaten werden V.2.3ab.
4 durch Imperfekta consecutiva eingeleitet. In V.l.2.3b ist Amazja Subjekt,
V.3a ist unpersönlich formuliert.
Der V.3b untergeordnete V.4 ist sowohl durch seine Länge als auch da-
durch hervorgehoben, daß in V.4b JHWH als Subjekt genannt wird.
Die einzelnen Elemente der Perikope sind der von Kegler/Augustin po-
stulierten Gattung "Königschronik" durchaus geläufig 161 . So gehören die in
V. 1 genannten Daten - Alter, Regierungszeit und Name der Mutter - ebenso
wie die theologische Beurteilung von V.2 zu den fast durchgängig vorhan-
denen Stücken dieser Chroniken 162 . Auch Notizen (V.3f) finden sich häu-
fig. Im Rahmen derjenigen Notizen, die ein besonderes Ereignis der Regie-
rungszeit 163 nennen, wird dabei zwar in IlChr 16,12; 25,27 das Berichtete
in ein direktes Verhältnis zu JHWH gesetzt 164 . Ein Bezug auf die - ge-
schriebene - Tora oder gar das Buch des Mose findet sich jedoch nur in
IlChr 25,4b, der innerhalb der Chronikbücher ganz singulär ist.
Die im Alten Testament wörtlich nur hier vorfindliche Konstruktion 165
setzt sich aus folgenden Elementen zusammen:
Dem einleitenden '3 folgt der Präpositionalausdruck 31J133, der durch das
sich anschließende ΠΠΓΟ präzisiert wird. Der Zusatz HtfD Ί303 gibt an, wo

rung" bezeichnet).
158 G.Braulik, Gesetz, 139, Anm.50.
159 Vgl. dazu W.Zimmerli, Ez 1-24, 396f (Zimmerli thematisiert jedoch in seiner Ausle-
gung des Kapitels die Anklänge an bzw. Verbindungslinien zu Dtn 24,16 nicht).
160 A.a.O., 412.
161 Vgl. dazu J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 41-47, bes. 44.
162 Am seltensten - in neun von 22 Fällen - wird dabei die Königinmutter erwähnt (vgl.
a.a.O., 41).
163 Vgl. a.a.O., 42-47: außer in II 25,3f noch II 16,12 (Asa), II 25,27 (Amazja), II 36,3f
(Joahas), II 36,6f (Jojakim) und II 36,10 (Jojachin).
164 Asa sucht ( 0 Π ) JHWH nicht, Amazja fällt von JHWH ab (110). Beide Sätze sind Son-
dergut der Chr (vgl. zu II 16,12 Th.Willi, Chronik, 185, und zu II 25,17 a.a.O., 174).
165 Vgl. dazu die Tabelle bei S.J.de Vries, Moses, 622.
222 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

die von Amazja befolgte Tora zu finden bzw. zu verifizieren i s t 1 6 6 . Daß


der hier folgende Relativsatz (Π1Π' Π 1 Π » Χ 3 ) nicht auf die Größe Htfö ISO
bezogen ist, macht das durch "IöxV eingeleitete Zitat eines ganz konkreten
Einzelgebotes deutlich. Nach der chronistischen Version ist zunächst nur
dieses als schriftlich festgehaltenes bzw. von JHWH gebotenes bezeich-
net 1 6 7 .
D i e vorgetragenen Überlegungen machen eine Überprüfung der in der Li-
teratur einmütig vorgenommenen Zuordnung der ganzen Perikope zum
Chronisten bzw. dessen V o r l a g e 1 6 8 erforderlich. Die Gegenthese lautet, daß
zumindest die in der Septuaginta nicht überlieferte Wendung HtfD 1SD3
Nachtrag einer späteren Hand ist, die in diesem Fall die konkrete Einzeltora
genauer spezifizieren will, indem sie diese mit der Autorität des Mose in
Verbindung bringt.

Exkurs: Überlegungen zur Entstehung von IIReg 14,6

Diese These ist zunächst mit Lösungsvorschlägen für die Zuordnung von IIReg 14,1-6 zu
konfrontieren.
Hierzu vertritt beispielsweise Gray, der in IIReg 14 prinzipiell mit nachdeuteronomisti-
schen Zusätzen rechnet 1 6 ', die Auffassung, daß V.6 vom "Deuteronomistic compiler"
selbst übernommen wurde, der die "notable observance of the law, eventually enshrined in
Deut. 24.16, but doubtless part of a more ancient local code", nicht übergehen konnte17®.
Auch der - nach IReg 2,3 zweite - Verweis auf das "book of the law of Moses" stammt
nach Grays Überzeugung von dessen Hand. Dazu ist jedoch anzumerken, daß dort nicht
vom HEftS m W nBO, sondern von der Π570 m i n allein gesprochen wird 1 7 1 , vor allem aber,
daß dem Verweis in IReg 2,3 kein wörtliches Zitat folgt.
Auch Würthwein ordnet IIReg 14,1-7 im Ganzen als "Eingangsformel" DtrG zu. In
V.3a/3 erkennt er jedoch eine Ergänzung von DtrN, der seiner Meinung auch für die Er-

166 Vgl. dazu Th.Willi, Thora, 150.


167 Hier liegt der entscheidende Unterschied zur gleichsam allgemein gehaltenen Formu-
lierung von IIReg 14,6, nach der der ΠΒΠ5 ΠΊ1ΓΙ ΊΒ0 die von JHWH 'gebotene' Größe
darstellt.
Auch der innerhalb des AT einzige weitere Beleg für die Wendung Π1ΓΡ Π15 ΊΒ7Κ...ΊΒ02
in Neh 8,1 (Vmfr'-JIK ΓΠΓΡ mS"ltfK fltftt ΠΊΙΠ ΊΒ0-ΠΚ K'anV) ist von II 25,4 zu unter-
scheiden, weil dort allein das 'Buch der Weisung des Mose' im Mittelpunkt des Interes-
ses steht und nicht an eine Einzelanweisung gedacht ist.
Auf ein Einzelgebot bezogen erscheint die Formel "Π1ΓΡ Π "IS ΊΒ7Κ ... ΠΊ1ΓΙ(Π/3)" häufig
(vgl. z.B. Lev 7,37f; Num 19,2).
168 Vgl. z.B. R.Kittel, HK, 152; K.Galling, ATD, 141 (Galling kommt jedoch ohne eine
textkritische Änderung in V.4b nicht aus).
169 Vgl. J.Gray, I&II Kings ( 2 1970), 603.
170 A.a.O., 604.
171 Zum Begriff fltf» m m nSO in DtrG. vgl. etwa noch Jos 8,31 (gegen LXX!).
IlChr 25,1-4 223

gänzung von V.6 verantwortlich z e i c h n e t 1 D a m i t ist angedeutet, daß zwar V.lf.3f.5


feste Bestandteile des Ginleitungsfonnulars bilden, V.6 aber keineswegs notwendig dazuzu-
nehmen ist 1 7 ·'.
Unter Aufnahme der oben festgehaltenen Überlegung Gallings und Ackroyds sowie dem
Ergebnis der Analyse von IlChr 5,2-10, nach dem IReg 8,9* vom Chroniktext her in die
'Vorlage' eingetragen wurde, scheint mir folgende Überlegung zur Entstehung von IIReg
14,6 möglich: Ursprünglich endete dieser Vers mit der Anmerkung, daß Amazja die Söhne
der von ihm beseitigten Mörder seines Vaters v e r s c h o n t e 1 E r s t spätere Tradenten, de-
nen der Chroniktext in der uns vorliegenden Endgestalt zur Verfügung steht, fügen den
hier gemachten Verweis auf die Tora und das Buch des Mose sowie das aus Dtn 24,16
übernommene Zitat h i n z u 1 D a b e i gleichen sie die ungewöhnliche Aussage Ί903 ΠΊ1ΓΙ3
ntf» dem schon in Jos 8,31 vorfindlichen Wortlaut an, nehmen also eine schon bekannte
Formulierung auf.

4 . 4 . 5 . (Leit)Worte

Neben der Wurzel "Ι*?» und ihren Ableitungen - "^a und l ^ a n rahmen V . l -
3 gewissermaßen ein - nimmt das gegenüber IIReg 14,5 geänderte 3ΠΠΊ
von V . 3 b eine Leitwortfunktion im Zusammenhang mit dem vorhergegan-
genen Abschnitten wahr 1 7 6 . Ihr gegenüber tritt die Wurzel Π33 in den Hin-
tergrund. D i e Formel ΠΊΓΡ ' i ' y a "ltfTI <PJH ist der Chronik - wie auch den
Königsbüchern - g e l ä u f i g 1 7 7 . Die Wendung Π3"?0»Π πρτπ findet sich
im Alten Testament nur hier und in der Parallelstelle 1 7 8 . Trotz der auffäl-
ligen Häufung des Verbes fflö in IlChr 2 5 , 4 eignet diesem im Hinblick auf
die Gesamtheit der Perikope kein Leitwortcharakter 179 .

4.4.6. Mose

Aufgrund der Ergebnisse der vorangehenden Abschnitte ist in IlChr 2 5 , 4


mit einer nachchronistischen Bearbeitung zu rechnen. Das Wachstum des

172 Vgl. E.Würthwein, 1.Könige 17-2.Könige 25, 370f.


173 Vgl. dazu auch M.Noth, ÜSt, 84, Anm.7: "V.6 ist eine erklärende Bemerkung von
Dtr nach Dtn.24,16."
174 Vgl. in diesem Zusammenhang R.Kittel, Könige, 259f, nach dessen Auffassung
V.5.6a aus den Annalen stammen, während in V. 1-4.6b der Redaktor zu Wort kommt.
175 Vgl. dazu noch die Beobachtung von McConville, daß die Zitierung von Dtn 24,6 auf-
fallig ist, weil etwa in IIReg 23,25f sichtbar wird, daß die Königsbücher in der
Tradition von Ex 20,5f stehen (vgl. J.G.McConville, Chronicles, 214).
176 Vgl. dazu die Beobachtung Willis zur "Kette 1124,22 - 24,25 - 25,3" (Th.Willi, Chro-
nik, 148).
177 Vgl. etwa II 24,2; 26,4; 27,2; 29,2; 34,2 (alle parallel zur Vorlage).
178 Πρ|Π - von der Hand JHWHs ausgesagt - findet sich noch in Ez 3,14, dort ebenfalls
mit Vy konstruiert.
179 Vgl. von den etwas über 50 Belegen in Chr innerhalb von 'Moseperikopen' noch I
23,22. Die Form 1I1TO» nur in II 25,4, ΤΤ0Π noch I 19,18 (vgl. außerdem II 22,11).
224 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Verses und die mit seinen jeweiligen Erweiterungsstufen verbundenen Aus-


sageintentionen können wie folgt verstanden werden.
An V.4a, den er in der Vorlage vorfand, schloß der Chronist den erläu-
ternden Zusatz -IBX1? mrr ΠΊΧ"Ι#Κ m w a airoa '3 sowie das aus Dtn 24,16
übernommene Zitat an. Er konnte so das hervorzuhebende rechte Tun
Amazjas mit einer Formulierung aus dem ihm nahestehenden Traditionsgut
untermauern. Das 31Γ133 war somit ursprünglich auf eine konkrete Einzel-
weisung bezogen. Angesichts der später nachfolgenden negativen Phase sei-
ner Herrschaft wäre die Ausführung der Einleitungsnotiz, Amazja habe die
ganze Tora beachtet, wenig sinnvoll.
Erst eine spätere Hand dehnte die Bedeutung dieser Einzelweisung
aus 180 . Ihr war vor allem daran gelegen, die idealisierte Mose-/Wüstenzeit
herauszustellen, was sie durch die Nennung des Mosenamens und die sich
daraus ergebende Assoziationskette erreichte.
Wie oben ausgeführt, greifen spätere Tradenten der Königsbücher - ange-
regt durch den chronistischen Text - das Zitat aus Dtn 24,16 auf. Dabei
gleichen sie einerseits den Wortlaut von Dtn 24,16 an den im Pentateuch
überlieferten Text an, andererseits bringen sie den Hinweis auf die Tora
und das Buch des Mose mit Jos 8,31 in Einklang.

4.5. IlChr 30,13-22 (Das Mazzen- und Passafest Hiskias)

4.5.1. Übersetzung
15b) Und die Priester und a ) die Leviten hatten sich geschämt,
und dann hatten sie sich geheiligt,
und dann brachten sie Brandopfer zum Haus JHWHs.
16) Und dann stellten sie sich hin auf ihren Platz
gemäß ihrer Ordnung,
entsprechend der Tora des Mose, des Mannes Gottes.
Die Priester waren das Blut Sprengende aus der Hand der Leviten.
17) Denn es war eine Menge") in der Volksversammlung,
die sich nicht geheiligt hatte(n),
und die Leviten waren über der Schlachtung der Passalämmer
für jeden nicht Reinen,
um zu heiligen für JHWH.
18a) Denn die Mehrzahl des Volkes,
die Menge aus Efraim und Manasse, Issachar und Sebulon,

180 Vgl. dazu unten, 4.8 (zu II 35,12).


IlChr 30,13-22 225

nicht hatten sie sich gereinigt,


denn sie aßen das Passa nicht so,
wie es geschrieben ist.

Zum Text:
a) Es ist nicht erforderlich, in Anlehnung an V.27 [D'lVn]! zu streichen (vgl. E.L.Curtis/
A.A.Madsen, ICC, 476; A.C.Welch, Work, 112f).
b) Zum Verständnis von ΓΠ1 als absolutus vgl. A.Kropat, Syntax, 56; E.L.Curtis/A.A.
Madsen, ICC, 477.

4 . 5 . 2 . Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

Mit Herbert Haags Feststellung:

"Der Bericht von 2 Chr 30 über die von ganz Israel begangene Pesachfeier, die Hiskia
(725-697 v.Chr.) nach dem Chronisten im Rahmen seiner großen religiösen Reform (Kap.
29-31) in Jerusalem veranstaltete, ist einer der umstrittensten Texte des chronistischen Ge-
schichtswerkes ,

ist der Kontext bereits beschrieben - und die Aufgabenstellung der folgen-
den Abschnitte benannt.
Kap. 30 geht in IlChr 29 der Bericht von der "Wiederherstellung des
Tempelkults" 1 8 2 bzw. der "Tempelweihe durch Hiskija" 1 8 3 voran. In IlChr
31 folgt die Schilderung "weiterefr] Kultmaßnahmen Hiskias" 1 8 4 bzw. der
von ihm initiierten "Tempelabgabe" 1 8 5 .
Die hier vorgenommene Abgrenzung der Perikope ist nicht unumstrit-
t e n 1 8 6 , legt sich jedoch aus grammatikalischen und inhaltlichen Gründen
nahe:

181 H.Haag, Mazzenfest, 216.


182 W.Rudolph, HAT, 4.
183 J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 238.
184 W.Rudolph, HAT, 4.
185 J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 238.
Die von Kegler/Augustin für II 30 ebenso wie für II 29; 31 vorgeschlagene Gattungsbe-
zeichnung 'konstruierter Kultreformbericht (mit königlicher "Ansprache")' (vgl.
a.a.O., 30f) ist m.E. nicht unproblematisch. Zum einen wohnt dem Begriff selbst eine
Spannung inne, zum anderen ist zu fragen, ob die damit verbundene Aufschlüsselung
nicht zu differenziert ausfällt; zur grundsätzlichen Kritik an der Verwendung des Gat-
tungsbegriffes im Blick auf Texte der Chronikbücher vgl. Th.Willi, Chronik, 188,
Anm.47.
186 Vgl. dazu etwa I.Benzinger, KHC, 123, der innerhalb von II 30,1-27 nicht weiter dif-
ferenziert; J.Goettsberger, HSAT, 347-349, nach dessen Darstellung V.l-14 und V.15-
31 zu unterscheidende Einheiten bilden; E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 474, die V.13-
27 als "celebration of the Passover" abgrenzen, und die von J.Kegler/M. Augustin, Syn-
opse, 238, vorgeschlagene Gliederung: "a) Aussendung von Boten 30,1-5", "b) 'An-
sprache' durch Boten 30,6-9", "c) Versammlung und Passafeier 30,10-20", "d) Massot-
226 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Mit lSOK'l in V.13 liegt eindeutig ein Neueinsatz vor: Waren vorher His-
kia (V.l.2.5), die Fürsten (0Ή&) mit der Volksversammlung (Vnp) (V.2.
5), die Läufer (D'X"I) (V.6.10) und auch eine nicht genannte Menge (V.
10b) bzw. in V . l l einige Männer aus Manasse Subjekt, tritt jetzt V.13.14
"ein großes Volk" (2T0y) auf, von dem in V.18 und 20 erneut die Rede
ist. Auch der in V.13 genannte Grund des Sammeins in Jerusalem (m^yV
ίΊΊΧΠΠ 1ΓΓΓΙΝ) weist auf eine nach V.12 zu setzende Zäsur hin, da bisher
nur die Bezeichnung 'Passa' zu finden war 187 .
Eine Ausführungsnotiz zu V.13 steht in V.21a. Der Subjektswechsel hin
zu ist auffällig. V.21b.22 gehören zur inhaltlichen Füllung der
Ausführungsnotiz188. V.23 dagegen setzt neu ein mit Imperfekt consecu-
tivum lXyw und dem im Sinn eines terminus technicus verwendeten Sub-
jekt ^np 189 .

4.5.3. Parallelen und Quellen


IlChr 30 gehört, wie schon IlChr 29* und dann IlChr 31*, zum Sondergut
der Chronikbücher190.
Hinsichtlich innerchronistischer Anklänge und Bezüge kann zunächst all-
gemein auf IlChr 35 hingewiesen werden191. Darüber hinaus läßt sich fest-
halten, daß das Mazzenfest in IlChr 35,17, ebenfalls im Rahmen eines
'Kultreformberichtes'192 genannt193, sonst innerhalb der Chronikbücher je-

und Freudenfest 30,21-27".


Im MT selbst ist V.10-27 als 'offener Abschnitt' bezeichnet, dem mit V.20.21.22
jeweils 'geschlossene Abschnitte' eingeschrieben sind.
187 Auch W.Rudolph, HAT, 301; J.M.Myers, IlChronicles, 178; H.G.M. Williamson,
NCBC, 369, und S.J.de Vries, FOTL, 377, verstehen V.13 als Neueinsatz.
188 Auch V.22b ist Bestandteil (gegen W.Rudolph, HAT, 303; J.M. Myers, IlChronicles,
178f; zustimmend jedoch H.G.M.Williamson, NCBC, 370; S.J.de Vries, FOTL, 378).
189 Hossfeld/Kindl zeigen auf, daß der Begriff Vnj? in II 30 zwar "durch den Erzählzusam-
menhang als kultische Vollversammlung [...] qualifiziert" ist, jedoch "gleichzeitig feine
semantische Differenzierungen" bemerkbar werden. Ihrer Meinung nach bezeichnet der
Begriff in V.13 "die zahlenmäßige Anhäufung einer großen Volksmenge", die in
V.17(23f.25a) "näherhin als eine Versammlung zum Kult im Rahmen des Festes" cha-
rakterisiert ist (H. -J. Fabry/F. -L. Hossfeld/E. -M. Kindl, Art.: Vn;?, 1215).
190 Vgl. dazu aber C.F.Steuernagel, Einleitung, 405, der II 30,1-27 als "midraschartige
breite Ausfuhrung von IIReg 18,4" bezeichnet.
191 Zu literarischen Zusammenhängen bzw. zur Abhängigkeit von II 30 und 35 vgl. H.
Haag, Mazzenfest, 216.221ff (s. auch unten, 4.8.4).
192 Vgl. dazu P.Welten, Geschichte, 180-184.
193 In II 35,6.12 wird Mose erwähnt.
IlChr 30,13-22 227

doch nur noch in IlChr 8,13 194 erwähnt wird. Die auffallige Notiz von
V.14 hat eine sachliche Entsprechung in IlChr 23,17 195 .
Im Blick auf mögliche Anklänge der Perikope an Texte der chronisti-
schen Hiskia-Erzählung selbst fallt auf, daß in IlChr 29,5-11 eine weitere
Rede des Königs an die Leviten überliefert ist, die einen Zusammenhang
mit IlChr 30,22 vermuten läßt. Nach Curtis/Madsen besteht eine Verbin-
dung zwischen IlChr 29,34; 30,3 und IlChr 30,15, weil auch hier "a cer-
tain reproach is placed upon the priests and here the Levites, as though they
were not forward in the renewal of the worship of Yahwe" 1 9 6 . Zwischen
der in IlChr 29,25 festgehaltenen Nachricht über die Aufstellung der Le-
viten durch Hiskia 197 und IlChr 30,16a besteht ein spannungsvoller An-
klang. Dort nämlich nimmt Hiskia die Aufstellung entsprechend der Π1Χ0
Τ Π , für die außerdem der Seher Gad und der Prophet Nathan verantwort-
lich zeichnen, vor. Erst anschließend wird diese als von JHWH 1 9 8 und
bzw. durch die beiden Propheten vermittelte charakterisiert. Demgegenüber
stellen sich die Leviten in IlChr 30,16a ihrer eigenen - der n t f » m i l l ent-
sprechenden - Ordnung gemäß auf 199 .
Als Quellen für die Anordnung und Durchführung des Mazzen-/Passa-
festes kommen v.a. Ex 12,1-27.43-49; 13,3-10; Num 9,1-4 und Dtn 16,1-8
in den Blick 200 , wobei nicht unerhebliche Spannungen zu den im Penta-
teuch festgehaltenen Regelungen auftreten. So findet sich etwa für die in
V.16 überlieferte Beteiligung der Leviten am Ritus des Blutsprengens kein
Anhaltspunkt im Pentateuch201. In unserem Zusammenhang fällt auf, daß
zum Beispiel Ex 12,50 und Num 9,5 Mose nennen, dessen Anweisungen al-
lerdings 'alle' bzw. 'die Israeliten' folgen, während die ntfö m i r in IlChr
30,16 nur das Kultpersonal betrifft. Für diese 'Weisung des Mose' gibt es,

194 1 23,29 führt 'Mazzen' im Zusammenhang mit einer kultischen Anordnung Davids an.
195 Vgl. oben, 3.2. - In II 23 geht die Zerstörung der Altäre der "Ordnung des Jahwe-
dienstes" (K.Galling, ATD, 136) voraus.
196 E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 474.
197 msnn n v r - v a '3 [...] τ η nisaa [...] D'iVn-ηκ l a j n .
198 Vgl. dazu jedoch W.Rudolph, HAT, 296, der meint, hier liege eine "Verstümmelung
von ΓΡΠ T V n " vor.
199 Vgl. dazu SJ.de Vries, Moses, 627, der in beiden Versen die von ihm erschlossene
'Regulation Formula' erheben möchte.
200 Vgl. dazu J.Becker, 2Chronik, 100.
201 Vgl. S.Japhet, Ideology, 241f. Siehe noch a.a.O., 242, Anm. 142: "The passover
sacrifice in 2 Chr 30:18 - 'otherwise than as prescribed' - does not conform to any
biblical law, not even to the second Passover in Num 9:10ff. 2 Chr 35:13".
228 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

wie neben anderen schon von Rad festgestellt hat, "im Pentateuch keine Be-
legstellen" 202 .
Wenn Willi im Rahmen seiner Feststellung, daß "sich auch die Zusätze
an Quellen" halten, hinsichtlich IlChr 30,17b auf Ez 44,11 hinweist 203 , ist
die Frage der Zuordnung der Perikope angesprochen, die im nächsten Ab-
schnitt aufgegriffen wird.

4.5.4. Zum Aufbau / Zuordnung


V.13a berichtet von der Versammlung einer großen Votomenge (3Ttty) in
Jerusalem, die das Mazzenfest halten will 204 - und zwar im zweiten Monat.
V.13b wirkt mit seiner Feststellung, es handele sich dabei um einen Vnp,
wie ein Nachtrag.
V.14 schildert die Zerstörung der Götzenaltäre, wobei diese Maßnahme
entweder als eine erforderliche Vorbereitungsmaßnahme für das Abhalten
des Festes oder als im Blick auf die Gattung 'Kultreform' vorgenommener
Einschub verstanden werden kann.
In V.15aa bleibt zunächst die Volksmenge aus V.13f Subjekt - das Passa-
tier wird hier also, den Vorschriften aus Ex 12 entsprechend, von den Laien
geschlachtet.
Die Zeitangabe in V.15a/3 geht über diejenige von V.13a hinaus und be-
zieht Mazzenfest und Passaopfer eindeutig aufeinander.
V.15b bringt einen Subjektwechsel. Neu eingeführt werden die zuletzt in
IlChr 29,34 gemeinsam erwähnten Priester und Leviten 205 . Dabei bezieht
sich V.15ba auf IlChr 29,34 zurück - auffällig bleibt allerdings die Dop-
pelung 'Priester und Leviten' 206 .

202 G.von Rad, Geschichtsbild, 63. Koch meint, aufgrund dieser Stelle festhalten zu kön-
nen: "Dabei wird gelegentlich ein Widerspruch zum Pentateuchgesetz [...] nicht ge-
scheut." (K.Koch, Art.: Gesetz, 49 - unter Berufung auf C.Houtman, Ezra and the
Law, 113f).
203 Th.Willi, Chronik, 203; vgl. aber die sachgemäßere Hervorhebung des zwischen Ez
44,11 und II 30,17b bestehenden "unendliche[n] Abstand[es]" (a.a.O., 199, Anm. 47).
204 Vgl. dazu II 30,5: ganz Israel soll kommen, um Passa zu halten (Π09 JllfryV); vgl.
aber auch die mehr als zurückhaltende Reaktion auf die Aufforderung in V.lOf.
205 Die Verbindung O'lVm •'3Π3ΓΤ1, die auf ein gleichberechtigtes Nebeneinander beider
Gruppen hinweist (vgl. A.C.Welch, Work, 112f), findet sich in II 29 allenfalls in V.4
und 26; sonst treten entweder die Leviten allein auf: V.12.15.25.30 (in V.5 sind sie al-
lein Adressaten der Rede Hiskias) oder die Priester werden den Leviten übergeordnet:
V.16 (eine Vorstellung, die wohl auch das Nebeneinander in V.34 bestimmt - vgl. aber
V.34b07) bzw. handeln allein: V.22.23.24.
206 Vgl. zu dieser Beobachtung schon I.Benzinger, KHC, 124.
IlChr 30,13-22 229

Auch in V.16 sind Priester und Leviten Subjekt. Ihre Anwesenheit "by
Diay' ist zunächst 'DÖStf03', entspricht also ihrer Rechtsbestimmung, die
anschließend als der 'Weisung des Mose' entsprechend qualifiziert wird.
Der mit Ό eingeleitete V.17 bringt zwei Subjektwechsel. In V.17a geht
es zunächst um eine 'Menge in dem Vnj?', womit der Begriff von 13b wie-
der aufgenommen wird, in V.17b um die stellvertretend schlachtenden Le-
viten.
V.18 wiederholt V.17 inhaltlich207. Allerdings betont er die 'Mehrzahl
des DJ?'. V.18aj3 klappt - im Vergleich zu V.17 - nach. Der Bezugspunkt
des 31X133 wird nicht näher bestimmt.
Der Bericht über das Gebet Hiskias in 18b. 19 und 20 bietet ein völlig
neues Thema und wird von V.21 - Subjekt sind jetzt die <7X"I2P">33 - nicht
notwendig vorausgesetzt.
V.22aa schließt an 20 an, der Bezug von 22aß ist nicht eindeutig, wäh-
rend V.22b auf 21a zurückzugreifen scheint.
Die im Text auftretenden Spannungen, Brüche und Doppelungen haben
verschiedene Ausleger dazu veranlaßt, die Einheitlichkeit der Perikope zu
bestreiten. Bei der Diskussion um die literarische Zuordnung von IlChr 30
kommt der kontrovers diskutierten Frage nach der Historizität der in diesem
Kapitel beschriebenen Ereignisse208 eine besondere Rolle zu. Erneut wer-
den in diesem Zusammenhang Überlegungen zu einer, vom Chronisten an-
ders als von den Königsbüchern aufgenommenen, 'alten Quelle' angestellt.
Von der Existenz einer solchen Quelle ist etwa Haag überzeugt. Er versucht, die in
IlChr 30 aufbrechenden " religionsgeschichtlichen Probleme durch eine literarkritische Ana-
lyse des Kapitels zu lösen" 2 0 " und erhebt vier literarische Ebenen, die sich auch in der hier
bearbeiteten Perikope finden lassen:
(1) Zu einer älteren Vorlage gehören V.13a (ohne die Zeitangabe). 18aa* (05?Π Jl'aia '3
ΠΠΒΠ K"?).bo und ß* ( I j n n«J3' Π1Π'). 20.21a* (ohne nVlU ΠΠΗΡ3).221>α.
(2) Der Chronist fügt ein in V.13a die Zeitangabe ΊΪ?Π ΪΠΠ3, in V.18aa die detaillierte
Angabe yiVan ΟΉΕΧΏ ΓΟ"1, V.18a und das Gottesprädikat 3ΊΒΠ in 18b/3,
V.19 sowie zuletzt die Freudenotiz V.21a.

207 Zum Wechsel zwischen ÜHj? (V.17) und ΊΠΒ (V.18) vgl. unten, 4.5.5.
208 Die Diskussion der Historizität der Perikope wird im folgenden ausgeklammert. Vgl.
zur Thematik u.a. J.Rosenbaum, Hezekiah's Reform, besonders: 27-29.38-40.42. Ro-
senbaum faßt zusammen: "The original material concerning Hezekiah's reform did,
however, constitute part of the Chronicler's primary sources. Thus, the Chronicler
included this material, since it was historical and since it added support to his own
literary goals" (a.a.O., 42).
209 H.Haag, Mazzenfest, 216.
230 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Dabei ist nach Haag zu beachten, daß es sich bei beiden Ebenen allein um einen "Bericht
über das Mazzenfest des Hiskia" handelt, in den "ein späterer Bearbeiter" "einen solchen
über ein Pesach einarbeitete. Die gegebene Vorlage dafür war 2 Chr 35,1-19" 21 0.
(3) Auf diese spätere Bearbeitung sind in unserer Perikope V.14.15aa.ba Β'ϋΓΟΓΠ
(D'lVm).16 (ohne nöy*1).17 und 21b sowie 22* zurückzufuhren. Erst nachchronistisch
wird also das gesamte Kultpersonal und die uns in erster Linie interessierende 'Weisung
des Mose' eingefühlt.
(4) Unklar bleibt, wer nach Haag letztlich für die "bei der Vereinigung der beiden Versi-
onen" erforderlichen "verschiedene[n] Harmonisierungen" verantwortlich zeichneten. Auf
diese Ebene gehen zurück die Aussage "ein sehr zahlreicher qahal" in V.13, die genaue Da-
tumsangabe in V.15, sowie V.15b (ohne D'lVni •,3Π2Π1 - vgl. oben [3]). Auch das
Impf.cons. l I B y i von V.16 und das V.18 einleitende '3 stellen Harmonisierungen dar.

Haags Ergebnisse sind zwar gelegentlich zustimmend aufge- bzw. über-


nommen w o r d e n 2 1 2 . Seiner Analyse stehen jedoch gewichtige Argumente
entgegen 2 1 3 . Vor allem ist zu überlegen, ob nicht gerade den Elementen der
von Haag erhobenen 'späteren Bearbeitung' so viele stilistische und sprach-
liche Charakteristika des Chronisten eignen 2 1 4 , daß sie in erster Linie aus
dessen Eigenarten und Aussageabsichten heraus erklärt werden können. Die
Untersuchung der Leitworte wird hierzu weitere Argumente beitragen.
Allerdings kommen aufgrund der verschiedenen Brüche und Spannungen
unabhängig von Haag auch andere Ausleger zum Ergebnis, daß in IlChr 30
mit Eingriffen späterer Hände zu rechnen ist 2 1 5 . In den hier vor allem in-
teressierenden Versen 15-17 ist nach Benzinger V . 1 5 b a 2 ß eingeschoben 2 1 6 ,
nach Welch trägt dagegen V . 1 6 "the mark of a reviser" 2 1 7 . Dieser fügte der
von ihm in V . 1 5 vorgefundenen Erwähnung der Leviten die Erklärung hin-

210 A.a.O., 221.


211 A.a.O., 222. Haag spricht vom "Pesach-Redaktor" (a.a.O.,223), differenziert dann
aber nicht weiter (vgl. ebd.).
212 Vgl. z.B. B.Janowski, Sühne, 249; W.Zwickel, Räucherkult, 325 (vgl. aber den
a.a.O., 328 geäußerten Vorbehalt gegen Haags Zuordnung von II 30,14).
213 Vgl. dazu die Kritik von H.G.M.Williamson, NCBC, 364: "In my opinion, Haag's
literary analysis is not successful". Williamson lehnt fur II 30 die Annahme einer oder
mehrerer Überarbeitungen) ab. Seiner Meinung nach ist hier jedoch mit einer vom
Chronisten bearbeiteten 'Quelle' zu rechnen, deren Umfang sich aber nicht mehr exakt
bestimmen läßt (vgl. a.a.O., 370).
214 Vgl. S.J.de Vries, FOTL, 379. Zur von Haag vorgenommenen Aufteilung von II
30,5-9 auf den Chronisten und die Bearbeitung vgl. z.B. die Feststellung Seeligmanns,
"daß in 5-9 alle zentralen Themen, die dem Verfasser [gemeint ist der Chronist selbst]
am Herzen liegen, zusammen auftreten" (I.L.Seeligmann, Auffassung, 276).
215 Vgl. K.Galling, ATD, 157ff, der II 30 ganz seinem zweiten Chronisten zuordnet und
darüber hinaus kleinere Glossen streicht.
216 Vgl. I.Benzinger, KHC, 124.
217 A.C.Welch, Work, 112.
IlChr 30,13-22 231

zu, "that everything was carried out in strict accordance with the use of Je-
rusalem" 218 . Willi schließlich führt V.16b/3.17b (und 21b.22) auf eine
Überarbeitung zurück 219 .
Meines Erachtens ist angesichts der von Welch angestellten Überlegun-
gen, vor allem aber aufgrund der oben festgehaltenen Beobachtung zum
Zusammenhang von IlChr 29,25 und IlChr 30,16a zwar sowohl die Erwäh-
nung der Priester und Leviten in IlChr 30,15 als auch V.16aa auf den
Chronisten selbst zurückzuführen, V.16a/3 jedoch als nachträgliche Erwei-
terung zu verstehen. Mit Hilfe der Aussage Htfü ΓΠΊΙΌ will
eine spätere Hand deutlich machen, daß das D5&Ü3 nicht - wie vom Kon-
text her zu vermuten wäre - auf die Anordnung des Davididen Hiskia 220 in
IlChr 29,25 zurückgeht, sondern auf Mose und die von ihm übermittelte
Tora. Damit wird auch hier eine mit der Einführung des Mose erkennbare
königskritische Aussageintention erkennbar, die zudem durch ihre implizite
Anspielung auf die Wüstenzeit hervorgehoben ist.

4.5.5. (Leit)Worte
Der Wortschatz der Perikope zeichnet sich vor allem durch die mit seiner
Hilfe hervorgehobene aktive Beteiligung des Volkes am von Hiskia initiier-
ten Fest aus 221 . Die in diesem Zusammenhang verwendeten Verben sind
Ausgangspunkt dieses Abschnittes.
An erster Stelle steht dabei das in IlChr 29f mehrmals vorfindliche
ηΟΧ222 (IlChr 30,13). An seine Seite tritt in V.14 das Imperfekt consecu-
tivum Qal von Dip 223 und das dort zweimal verwendete T10224, das hier -
anders als etwa in IlChr 8,15 - in einem für die Chronikbücher typischen
Sinn gebraucht wird und auch sonst im Zusammenhang mit dem Topos

218 A.a.O., 113.


219 Vgl. Th.Willi, Chronik, 200.
220 Zu dessen Darstellung als zweitem Salomo vgl. H.G.M.Williamson, NCBC, 361.
Vgl. dazu auch C.T.Begg, Classical Prophets, 102, der - u.a. mit Blick auf II 30,18f -
meint, der Hiskia der Chronikbücher sei als "prophetic figure" gestaltet.
221 Vgl. dazu den Hinweis Japhets auf den "'democratizing' trend in Chronicles", der
darin zum Ausdruck kommt, daß die Chronik "tends to consider the people an active
force in history" (S.Japhet, Ideology, 417).
222 Vgl. dazu II 29,4.15.20; 30,3.
223 In I 10,12 sind die Kriegsleute Subjekt des Verbes, in II 28,12.15 namentlich genannte
Sippenhäupter, in II 20,19; 29,12 Leviten und II 30,27 Priester und Leviten. Dip steht
innerhalb von 'Moseperikopen' noch in II 33,3.
224 Zum im AT singulären Ausdruck ηΠΒρ»Π vgl. W.Zwickel, Räucherkult, 328f.
232 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

'Kultreform' begegnet 225 . findet sich in IlChr 33,15 ebenfalls ein wei-
teres Mal im Kontext einer 'Kultreform'226.
Eine eindeutig kultische Orientierung eignet dem zur Bezeichnung der
Aktivitäten von 'Volksversammlung' (V.17), 'Volk' (V. 18.20) bzw. 'Söh-
nen Israels' (V.21f) verwendeten Vokabular227.
Das Nebeneinander von ΊΕΠρΠΓΙ (kV) (V.17) und ΠΠϋΠ (X1?) (V.18) ist
ein Hinweis darauf, daß beide Begriffe als Synonyme zu verstehen sind 228 .
Wie cnpnn, das sonst als terminus technicus für die levitische und priester-
liche Vorbereitung auf Kulthandlungen verwendet wird 229 , erscheint hier
auch "ΙΠΒ in einem vom üblichen Gebrauch abweichenden Sinn 230 . Dem
letztgenannten Verb ist das Nomen ΓΠΠΒ (V.19b) zu vergleichen, das in
den Chronikbüchern nur noch in IChr 23,28 und innerhalb des Alten Testa-
ments nur in IlChr 30 in der Bedeutung 'Reinheit des Heiligtums' vor-
kommt 231 . Dabei korrespondiert diese der in IlChr 29,18 von den Leviten
vollzogenen Reinigung des Tempels 232 . Der Wurzel "IHU und ihren Deriva-
ten kommt so eine Art Leitwortcharakter innerhalb der chronistischen His-
kia-Erzählung zu. Daß auch die Wurzel KHp diesen Charakter besitzt wird
deutlich, wenn sie in IlChr 30,15 auch das Handeln der Priester und Le-
viten bezeichnet 233 , wobei sich das hier der 'Heiligung' vorangehende

225 Vgl. nur II 17,6; 33,15; s. auch oben, 3.4.5.


226 In II 24,1-14 wurde in V.10 mit dem Impf.cons. das Einwerfen des Geldes in die Lade
durch die Oberen und das Volk bezeichnet, in II 25,12 werfen die Männer von Juda
10000 Feinde von einem Felsen herab (vgl. noch II 7,20: JHWH wird im Fall des Ab-
falls Israels dieses 'ausreißen' und den Tempel 'verwerfen').
227 Zur Erklärung des "Schwanken^] der Bezeichnung für die Menschengruppe" in II 30
weist Rost darauf hin, daß hier "eine mit Genehmigung des Königs und der Jerusalemer
Priesterschaft am Jerusalemer Tempel veranstaltete Passafeier der israelitischen Flücht-
linge, die oben als Vermittler gesetzlicher Bestimmungen, wie sie im Deuteronomium
aufgenommen sind, erkannt wurden", geschildert sei (L.Rost, Vorgeschichte, 120).
M.E. genügt in diesem Zusammenhang jedoch der Hinweis, daß es der Chr hier um die
Betonung der Gesamtheit Israels geht, die am Mahl beteiligt ist (vgl. dazu die Nennung
von Efraim etc. in V.18). Daß die Bevölkerung des Nordreiches nach Auffassung der
Chr "in kultischer Hinsicht [...] selbstverständlich mit Jerusalem verbunden" ist, betont
Th.Willi, Chronik, 191 (vgl. dazu auch a.a.O., 211).
228 Vgl. S.Talshir, Reinvestigation, 176.
229 Vgl. z.B. I 15,12-14 (s. dazu oben, 2.2.5); II 5,11; 35,6 u.a.
230 S.Japhet, Authorship, 342, hält fest, daß das Verb sonst nur "acts of cleansing the land
and the Temple" beschreibt (vgl. II 29,15.16.18; 34,3.5.8).
231 Vgl. etwa Lev 12,4.5 (Blut der Reinigung); Lev 14,2.32 u.a.; Num 6,9; Ez 44,26
(kultische Reinheit einer Person); Neh 12,45 (Dienst der Reinigung).
232 mrrrra-fix 13"ΙΓ1£>; vgl. noch II 29,15.16.
233 Vgl. dazu W.Johnstone, Guilt, 121, der hervorhebt, daß sich in II 29-31 nicht zufällig
44 von 80 Belegen der Wurzel finden.
IlChr 30,13-22 233

nur noch in IChr 19,5 (par. IlSam 10,5) findet. Im Sinn eines Leitwortes
wird außerdem die Wurzel Hfry gebraucht 234 .
Von den übrigen zur Bezeichnung der Tätigkeit des Kultpersonals ver-
wendeten Verben sind folgende hervorzuheben. Das Hiphil von XU ist den
Chronikbüchern geläufig 235 , jedoch nur IlChr 30,15 auf Opfer bezogen.
Mit VTÖJH begegnet ebenfalls ein durchaus häufiges Wort, wobei nur hier -
und in IlChr 35,10 - Priester und Leviten gemeinsam als Subjekt auftre-
ten 2 3 6 .
Neben dem bereits genannten Beleg in IlChr 29,26 ist in diesem Zusam-
menhang vor allem IChr 6,17 in den Blick zu nehmen. Dort wird innerhalb
eines nach Rudolph und Galling nachchronistischen Kontextes 237 betont,
daß die Leviten sich ihrer Ordnung gemäß zur Arbeit aufstellen, das heißt:
ihre Arbeit DÜSWÖ3 verrichten, wobei diese Aufstellung in V.16 auf David
zurückgeführt wird und ein Hinweis auf die Tora bzw. Mose fehlt. Damit
liegt ein weiteres Indiz dafür vor, daß in II Chr 30,16 mit der Formulierung
D'nbxn-erx ntfö r m r o der Versuch unternommen wird, die BStfö der Le-
viten näher zu definieren und so deutlich zu machen, daß deren üDtfö nicht
auf einen König, sondern auf Mose selbst zurückgeht.
Das Blut-Sprengen der Priester (p")T) (V.16b) spielt in IlChr 29 eine be-
sondere Rolle 2 3 8 . Auch hier wird mit Hilfe des Verbes ein Zusammenhang
innerhalb der Hiskia-Erzählung hergestellt. Bei der Notiz von der - unge-
wöhnlichen - Beteiligung der Leviten an der Schlachtung der Passaopfer
geht es nach Michael Fishbane um eine "emergency permission", die dann
in IlChr 35,5f "normalized" wird 239 , wobei dieser Auffassung unten nach-
zugehen sein wird.

234 Der Infinitiv nwyV ist nur in II 30 auf ein Fest bezogen (vgl. V.1.2.5.13.23). Das
Impf.cons.3.PI.Qal findet sich in Chr zehnmal und bezeichnet in II 30,21.23 sowie II
35,17 das Halten von Mazzen- bzw. Passafest (dabei zieht Haag die Möglichkeit in Er-
wägung, daß II 35,17 von II 30,21 her beeinflußt wurde [vgl. H.Haag, Mazzenfest,
223]).
Auch wenn zwei der acht (von über 800) Belege für das Verb in Chr in II 30 er-
scheinen, ist es kein Leitwort.
235 Jenni nennt 64 Belege (vgl. E.Jenni, Art.: K13, 265). Vgl. innerhalb von 'Moseperiko-
pen' noch II 5,7; 24,6.9.10.11.14; 30,15; 34,16.
236 Priester sind Subjekt in II 5,14; 7,6; 24,20 (Sechaija); 26,18. Leviten treten als
Subjekt auf in I 6,17.18; 23,30 und II 5,12; 29,11.26; 35,5.
237 Vgl. W.Rudolph, HAT, 2; K.Galling, ATD, 29.
238 In II 29,22 dreimal - außer II 30,16 sonst in Chr nur noch II 34,4 und II 35,11 (von 35
AT-Belegen).
239 M.Fishbane, Revelation, 346.
234 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Erst in V.21 ist wieder von kultischen Amtsträgern die Rede: Leviten -
vorangestellt! - und Priester lobpreisen JHWH 240 .
Das Gebet Hiskias 241 gibt Anlaß zu einer kurzen Reflexion über die in
dieser Perikope verwendeten Gottesnamen: Das Tetragramm ist der eindeu-
tig dominierende Gottesname 242 . Er wird auch im Rahmen der im Alten
Testament singulären Anrede 31ΒΠ ΠΙΓΡ (V.18) und der beim Chronisten
oftmals begegnenden Titulatur 'Gott der Väter' 243 (V. 19.22) gebraucht.
OTlVx allein steht dagegen nur in der Verbindung DTlVxn'ZrX Htfö.
Die Begriffsuntersuchung zeigt, daß auffallend viele Begriffe der Peri-
kope eine Leitwortfunktion innerhalb des Gesamtkomplexes von IlChr 29-
31 wahrnehmen und außerdem als für den Chronisten typisch charakterisiert
werden können. Insofern werden die oben referierten Vorschläge, die Peri-
kope weitgehend dem Chronisten selbst zuzuordnen und dabei nur mit klei-
neren Ergänzungen zu rechnen, unterstützt.
Gleichzeitig ist ein weiterer Anhaltspunkt dafür gewonnen worden, daß
der Verweis auf die Tora des Mose, des Mannes Gottes, kein konstitutives
bzw. ursprüngliches Element der Perikope darstellt. Seinen Hintergründen
ist im nächsten Abschnitt nochmals nachzugehen.

4.5.6. Mose
In IlChr 30,16a/3 (D'ilVxrntf'X ntfö ΙΠΙίΌ) ist die Autorität des Mose ein-
geführt, um eine kultische Institution neu zu begründen und sie dem Autori-
tätsbereich des davidischen Königs zu entziehen. Dabei wird in der vorlie-
genden Perikope zwar ein zunächst unbedeutsam scheinendes Detail auf
Mose zurückgeführt. Allerdings nimmt V.16aj8 innerhalb von V.15-18 eine
zentrale Stellung ein, da es möglich ist, nicht nur das VTDJH von V.16aa
auf die 'Tora des Mose' zu beziehen, sondern auch die gleichwertigen Im-
perfecta u r a ' i i t f i p m von v.15.

240 Das Part.Hel PI. (O'VVrTO) in fünf von 21 Belegen in der Chronik (AT: 150mal) - da-
bei sind in I 23,5 die Leviten, in I 29,13 und II 23,12 das Volk, in II 20,21 (levi-
tische?) Sänger Subjekt.
241 Die 3.Sg.mask. Hitp. von VVs steht im AT nur hier - Hiskia ist in drei von 15 Belegen
für das Verb Subjekt (II 30,18; 32,20 [zusammen mit Jesaja]; 32,24), in I 17,25 betet
David, in II 6,19.20; 7,1 Salomo, in II 33,13 Manasse, während es in II 6,21.24.
26.32.34.38; 7,14 um das Beten/Bitten des Volkes geht.
242 Vgl. neben der cstr.-Verbindung ΠΊΓΡ il'3 (V.15) noch V.17.20.21.22.
243 Die - nur im Sondergut stehenden - Belege nennt P.Welten, Geschichte, 122, Anm.
40. Nach von Rad hat "der Chronist hier eine deuteronomische Tradition aufge-
nommen" (G.von Rad, Geschichtsbild, 7).
IlChr 33,1-9 235

Die oft wiederholte Verlegenheitserklärung, nach der es beim Rückbezug


auf Mose nicht um ein "specific law [...] but the general law constituting
the orders of the priests and Levites with their respective functions"244
geht, erscheint von hier aus in einem neuen Licht. Es zeigt sich nämlich,
daß hier nicht Adiaphora zur Debatte stehen, sondern die Frage des recht-
mäßigen Kultes generell angesprochen wird, indem der Autorität der könig-
lichen Ordnung diejenige des Mose - und das heißt: der Schrift - gegen-
übergestellt wird.
Durch die Eintragung des Mose erhält zudem auch das 31Γ03 in V.18 ei-
ne neue Bedeutung - es ist jetzt unzweifelhaft ebenfalls auf Mose und 'seine
Weisung' zu beziehen 245 .
Ein Motiv für die Eintragung läßt sich aus dem Mose beigelegten Titel
erschließen, der dem Hiskia in IlChr 32,16 (Sondergut) verliehenen Ehren-
titel 'Gottesknecht' in gewissem Sinn korrespondiert und die erkennbare
Gegenüberstellung beider unterstreicht.

4.6. IlChr 33,1-9 (Die Greuel Manasses)

4.6.1. Übersetzung
7) Und dann stellte er auf das steinerne Gottesbild2),
das er gemacht hatte, im Haus Gottes,
von dem Gott gesagt hatte
zu David und zu Salomo, seinem Sohn:
In diesem Haus und in Jerusalem,
das ich erwählt habe aus allen Stämmen Israels,
werde ich meinen Namen setzen für ewig^).
8) Und ich werde nicht fortfahren,
den Fuß Israels von der Erde zu entfernen,
die ich euren Vätern zugewiesen habe,
wenn sie nur bewahren werden, das
alles zu tun,
was ich ihnen befohlen habe,

244 E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 475; s. auch G.von Rad, Geschichtsbild, 42, der
ausführt, Tora meine hier - analog zum Deuteronomium - "den göttlichen Auftrag in
seiner Gesamtheit", oder H.G.M.Williamson, NCBC, 369f, der feststellt "this is a
purely general reference to the priestly sections of the Pentateuchal law", dann aber
fortsetzt: "which assume the prominence of the cultic officials on all such occassions".
245 Auch wenn von Rad recht behält, daß unklar bleibt "auf welche Bestimmung (als 3 VIS)
Bezug genommen ist" (G.von Rad, Geschichtsbild, 63).
236 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

bezüglich der ganzen Weisung


und der Satzungen
und der Rechtsordnungen
durch die Hand des Mose.
9) Und dann verführte Manasse Juda und die Einwohner Jerusalems,
zu tun Schlechteres als die Völker,
die JHWH ausgerottet hatte vor den Söhnen Israels.

Zum Text:
a) LXX bietet ατηΚας (-111350). MT kann jedoch gefolgt werden (vgl. unter anderem
IIReg 21,3).
b) Die von Rudolph vorgenommene Ergänzung des Artikels (vgl. W.Rudolph, HAT,
314), durch die die Altäre von V.3b und 4 gleichgesetzt werden, ist nicht zwingend, da es
sich bei den Baalaltären in V.3 um auf den Höhen errichtete Altäre handelt (so z.B.
E. L. Curtis/A.A. Madsen, ICC, 497).
c) Zur Konstruktion und zur Sache vgl. unten (4.6.3).
d) Mit gewichtigen Textzeugen ist statt des nur hier erscheinenden tflV'yV üViyV zu le-
sen (vgl. W.Rudolph, HAT, 314: "wohl nur Schreibf.[ehler]").

4.6.2. Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope


Auf die vom Chronisten in den positivsten Farben geschilderte Regierung
Hiskias (IlChr 29-32) folgt in IlChr 33,1-20a die Darstellung der Herr-
schaft Manasses. In 33,20b.21 geht das Königtum auf den von der Chronik
ohne Einschränkung verworfenen Manassesohn Amon über, gegen den sich
Josia (IlChr 34-35) wieder positiv abhebt246.
Im Blick auf Manasses Regierungszeit unterscheidet die chronistische
Darstellung - im Unterschied zur 'Vorlage' in IIReg 21 - zwei Perioden:
Seiner Deportation nach Babel, die als von JHWH verhängte Strafe verstan-
den wird ( V . l l ) , folgt die Umkehr zum Gott Israels (V.12) und die von
diesem bewirkte Rückkehr nach Jerusalem (V.13). Ihr schließt sich dessen
Ausbau (V.14) und vor allem die Beseitigung des Götzendienstes im Tem-
pelbezirk und der ganzen Hauptstadt (V.15f) an 247 . V. 18-20 bieten die -
der Einleitungsformel in V.l korrespondierende - Schlußnotiz.
Der Einsatz der Perikope mit der Einleitungsformel in IlChr 33,1 ist
deutlich 248 .

246 Vgl. dazu L.C.Allen, Kerygmatic Units, 32f, der in II 33,1-35,7 "two parallel
schemes involving polarization" erkennen will, wobei die beiden Phasen der Herrschaft
Manasses "matched by the negative reign of Amon [...] and the positive reign of
Josiah" seien (a.a.O., 32).
247 Vgl. dazu - besonders zu V.14 - P.Welten, Geschichte, 32.
248 Auch wenn Kegler/Augustin II 32,32f hinzunehmen, weil eine einheitliche Gattung -
"Königschronik" - vorliege (J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 45; vgl. dazu oben,
S.218, Anm. 135).
IlChr 33,1-9 237

Ihr Abschluß ist dagegen weniger eindeutig bestimmbar. V.8 ist V.7 un-
tergeordnet, dessen erster Teil eine konkrete kultische Verfehlung Manasses
schildert: VOSHTK DZPI (Imperfekt consecutivum), und der hier fortgeführt
wird. V.9 setzt wieder mit Imperfekt consecutivum ( y m ) ein und nennt er-
neut das Subjekt: Manasse. Dessen Tun wird allgemein beschrieben, wobei
V.9b den Gedanken des die Aufzählung einleitenden V.2 aufnimmt 249 . V.
10 - wieder mit Imperfekt consecutivum ("QT1) eingeleitet - bringt einen
Subjektwechsel hin zu JHWH, der auch Subjekt von V . l l ist. Der so ge-
kennzeichnete syntaktische Einschnitt ist einziger grammatikalischer An-
haltspunkt für eine Abgrenzung der Perikope nach hinten, die demzufolge
mit V.9 endet 2 5 0 . Der Abgrenzungsversuch wird durch inhaltliche Erwä-
gungen unterstützt, die von der festgestellten Zweiphasigkeit der Dar-
stellung Manasses ausgehen. Ohne Zweifel gehört V.9 noch zur negativen
Periode des Königtums Manasses: D ' U r r p JH JTlfrJ^ ist auf kultische Fre-
vel bezogen. V.9 ist, so gesehen, eine Art Abschlußnotiz zu V ^ f f 2 5 1 .
Gegen die Auffassung, auch V.10 sei aufgrund seiner Aussage 'Manasse
und sein Volk hörten 2 5 2 nicht auf JHWH' den vorangehenden Versen zuzu-
ordnen 2 5 3 , sprechen neben den schon genannten Gründen die auffälligen
Differenzen zu IIReg 2 1 , 1 ο 2 5 4 . Vor allem die hier formulierte Neuinterpre-
tation der in IIReg 21,11-15 festgehaltenen Gottesrede legt es nahe, V.10
schon dem in V. 11-17 folgenden Sondergut zuzuweisen.

4.6.3. Parallelen und Quellen

Die im vorangegangenen Abschnitt abgegrenzte Perikope folgt ihrer in


IIReg 21,1-9 überlieferten 'Vorlage' mit zum Teil markanten Änderungen
und Abweichungen.

249 Die unterschiedliche Wortwahl V.2: ©T - V9: "lü© ist auf die 'Vorlage' zurückzu-
führen.
250 Vgl. dazu J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 54f: die Verwendung des Narrativs ist
"Gliederungselement[e] der Komposition". Dadurch wird a.a.O., 239 gattungsmäßig
unterschieden: auf die "Königschronik" in II 32,32-33,9 folgt in II 33,10 ein "Konstru-
ierter Bericht".
Vgl. schließlich auch die in MT vor V.10 gebotene ΝΠΊΓ®.
251 Vgl. S.J.de Vries, FOTL, 396.
252 Hi. - vor allem in Weisheitsliteratur und Psalmen gebraucht, während in IIReg
21,9a, auf dessen Wortlaut V.10 nach Becker zurückgreift (vgl. J.Becker, 2Chronik,
111), das allgemein übliche yüD steht.
253 So etwa J.Becker, 2Chromk, 111.
254 Zur Streichung des 0'Κ'33Π TOjri'a (IIReg 21,10) vgl. Th.Willi, Chronik, 228, mit
Anm.41.
238 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

- Warum in IlChr 33,1 der Name der Mutter Manasses nicht genannt wird, ist nach Ru-
dolph "nicht zu sagen" 255 . Galling verweist auf das entsprechende Phänomen bei den fol-
genden Königen und vermutet einen Zusammenhang entweder mit dem Problem der Misch-
ehenfrage - das sich durch die Herkunft einiger Königinmütter aus dem "asdodisch-phi-
listäischen (Grenz-) Gebiet" ergeben haben könnte - oder mit der Überarbeitungstätigkeit
des zweiten Chronisten 256 . Einen weiteren Lösungsvorschlag unterbreitet Becker, der er-
wägt, ob "der Anklang [des Namens Π3"'5ΒΠ] an den Heilsnamen Zions von Jes 62,4 [...]
unerwünscht war" 2 5 ^
- Die Substitution von Ί3Κ in IIReg 21,3 durch fiU in IlChr 33,3 hat von Rad mit der
Abhängigkeit des Chronisten vom Deuteronomium erklärtes. z u r Vermeidung des im
Deuteronomium unüblichen Ί2Κ habe die Chronik das dort gebräuchliche fTU verwendet.
Diese Deutung ist nicht stichhaltig, wenn den beiden Belegen für filJ in Dtn 7,5 und 12,3
die mehr als zwanzig deuteronomischen Belege für Ί3Κ gegenübergestellt werden, wobei in
Dtn 12,2f "ΠΧ als Oberbegriff für die Zerstörung der Höhenheiligtümer dient 25 ^. Außer-
dem ist zu bedenken, daß die deuteronomistische Vorlage in IIReg 11,18 (par. IlChr
23,17) mit fTU die Zerstörung von Altären bezeichnet. Von hier aus läßt sich die Argu-
mentation von Rads entscheidend modifizieren: Ausgehend von IlChr 23,17 gebraucht der
Chronist ffU - aufgrund seiner Vorlage und unter Umständen beeinflußt von Dtn 7,5; 12,3
- als terminus technicus für die Vernichtung von Altären. Er tut dies sowohl im Sonder-
gnt260 aj s a u c j j j n ,j e r a u s (j er Vorlage übernommenen Stelle IlChr 33,3^61. i n UChr 33,3
kann das Verb, innerhalb des den Gedanken von IlChr 31,1 aufnehmenden Relativsatzes,
verwendet werden, weil der Chronist in den JTRJ3 der Vorlage die 7Ί1Π3Τ& aus IlChr 31,1
mitgedacht sieht.
- Die Verwendung der Pluralformen O'Vjn und JVntfX in V . 3 2 6 2 dürfte durch die verän-
derten Zeitumstände des Chronisten bedingt sein, der den Bezug der Vorlage zum assy-
rischen Kult des 8./7. Jahrhunderts nicht nachvollzog, sondern den Polytheismus seiner
Zeit im Auge hatte 26 ^.
Der Querverweis der Vorlage auf Ahab fällt weg, weil dessen Götzendienst in den Chro-
nikbüchem nicht eigens thematisiert wird 2 6 4 .
- In V.4b/3 wird - entsprechend der geläufigeren chronistischen Konstruktion in IlChr
6,5.6 und 7,16 - O'ÜX durch Π'ΓΡ ersetzt 265 . Die Ergänzung DViyV könnte durch IlChr
7,16 (oVljriy Dtf Utf'TmiV) motiviert sein.

255 W.Rudolph, HAT, 315.


256 K.Galling, ATD, 168.
257 J.Becker, 2Chronik, 111.
258 Vgl. G.von Rad, Geschichtsbild, 59, und - zustimmend - Th.Willi, Chronik, 152ff,
besonders 154.
259 f P l bezeichnet in beiden Fällen konkret die Vernichtung von Altären.
260 Vgl. Ii 31,1 (jvramm rvma); 34,4.7 (mmra).
261 Eine Ausnahme stellt II 36,19 dar, wo fJU die Zerstörung der Stadtmauer Jerusalems
bezeichnet.
262 Anders als in DtrG. steht in Chr der Sg. von Baal nur innerhalb zweier cstr.-Verbin-
dungen (II 23,17[zweimal]), sonst nur Plur. Aschera findet sich im Sg. bei Chr nur II
15,16, nntfK II 19,3; 33,3 (die übrigen acht Belege DHtfK).
263 Vgl. K.Galling, ATD, 168. Anders Rudolph, der meint, der Chron wolle hier die Fre-
veltaten Manasses noch steigern (vgl. W.Rudolph, HAT, 314).
264 Vgl. W.Rudolph, HAT, 314.
265 Die von Rudolph vorgeschlagene Ergänzung des Textes um Dtn Jl'33 hinter ΠΊΓΓ "1J3K,
IlChr 33,1-9 239

- Die Einfügung des Personalpronomens Ν1Π in V.6 erfolgt aus stilistischen Gründen 2 ^
und entspricht ebenso wie die präzisierende Ortsangabe DXVp '12 und der Plural V33 den
schon in IlChr 28,3 vorgenommenen Änderungen. Das in V.6 zusätzlich erscheinende
ist aus Dtn 1 8 , 1 0 ( . l l ) übernommene Ergänzung2**7.
- Auch die von der Vorlage (ΓΠΡΧΠ VOS) abweichende Formulierung bttOn ^OB in IlChr
33,7 kann auf die zur Zeit des Chronisten veränderten religiösen Verhältnisse zurückge-
führt werden2^. Bemerkenswerterweise nennt nur Dtn 4,16 VOS und VtO zusammen2^.
Die Verwendung von OTiVn in V.7b in Erweiterung27® und Modifikation der 'Vorlage'
ist durch den auch sonst üblichen Wechsel der Gottesnamen in den Chronikbüchern erklär-
bar. Von Rad geht meines Erachtens zu weit, wenn er unsere Stelle mit IChr 14,10ff; 17,3
und IlChr 1,7 gleichsetzt und feststellt: "Offenbarungen, vollends Erscheinungen im
Traum kann man nicht mehr so unbefangen mit Jahwe identifizieren" 27 * - dann wäre auch
die Vermeidung des Tetragramms in IlChr 33,4 zu erwarten.
- Das selten belegte TU Hiphil 2 7 2 , ist in IlChr 33,8 durch das in der Chronik geläufi-
gere 110 Hiphil substituiert. Die Verwendung der zusammengesetzten Präposition an-
stelle von ρ entspricht chronistischem Brauch 27 ^.
- Meines Erachtens ist die Substitution von 0T113>0 'ΠΪ13 (IIReg 21,8) durch 'JVmyil
DS'TUkV von entscheidender Bedeutung für das Verständnis von V.8. "löy Hiphil findet
sich nur hier in der Bedeutung 'geben' bzw. 'Land zuweisen' 27 ^. Damit liegt eine vom
sonstigen chronistischen und alttestamentlichen Bedeutungsspektrum abweichende Verwen-
dung des Wortes vor 2 7 -'.
- Die Ersetzung des [OVl'lS ItfK] V33 aus IIReg 21,8b durch [DT'IS ΊΡΚ] ΠΚ in
IlChr 33,8b hat Konsequenzen für die Syntax 2 7 ". In der 'Vorlage' erscheint das von

die den Relativsatz in genaue Übereinstimmung mit seinem Bezugswort Π1ΓΡ Jl'33 brin-
gen soll (W.Rudolph, HAT, 314), ist überflüssig, wenn II 6,5f verglichen wird, wo
Tempel und Stadt gleichwertig als Wohnort des Namens Gottes genannt werden: V.5
otf väv nrnV n'a rruaV und v . 6 otf rstf nvnV oVtfn'a nmxi (vgl. dazu E.L.
Curtis/A.A.Madsen, ICC, 497: "Possibly the writer used Jerusalem, since it included
the Temple area").
266 Vgl. A.Kropat, Syntax, 1.
267 Vgl. G.von Rad, Geschichtsbild, 59. Zu η»3 vgl. noch Dtn 18,10 (innerhalb des Pro-
phetengesetzes).
268 Vgl. K.Galling, ATD, 168.
269 Auch Ez 8,3.5, wo das eigentliche Ärgernis in der Verbindung von VttO und Altar
liegt (vgl. W.Zimmerli, Ez 1-24, 215), ist mitzubedenken.
270 Das absolute fl'33 von IIReg 21,7 ist durchaus üblich.
271 G.von Rad, Geschichtsbild, 4.
272 Jer 18,16; Ps 36,12 und IIReg 21,8.
273 Vgl. A.Kropat, Syntax, 43.
274 Die l.Sg. Hi. wird im AT nur fünfmal (zweimal mit Suffix) gebraucht, zweimal ist
dabei Nehemia Subjekt (Neh 6,1; 13,19), dreimal JHWH (vgl. neben II 33,8 noch Ex
9,16; I 17,14).
275 Mit dem ergänzten Suffix der 2.PI. hebt der chronistische Text deutlich hervor, daß in
II 33,8 immer noch wörtliche Rede wiedergegeben wird.
276 Kropat nennt diese Änderung als einziges Beispiel für seine Beobachtung: "Dem Chro-
niker genügt attributive präpositioneile Näherbestimmung, wo in älterer Sprache ein
Relativsatz nötig war." (A.Kropat, Syntax, 58).
240 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

JHWH Befohlene neben der von seinem Knecht Mose befohlenen Tora 2 7 7 , während der
chronistische Text den Inhalt des von JHWH Befohlenen mit Tora, Satzungen und Rechts-
ordnungen ntZfc'Tl identifiziert. Diese Identifizierung macht die Ergänzung von Ο'ρΠΓΠ
D'DDtrom erforderlich.
Erst von der festgestellten syntaktischen Änderung her wird dann auch das Motiv der in
V.8b/3 folgenden Kürzung erkennbar, die Willi seiner der Redaktionstätigkeit des Chro-
nisten zugeordneten Kategorie "Kleinere Auslassungen und Kürzungen" zuordnet, weil sie
- wie andere dieser Rubrik zugewiesene Stellen - "ausführlichere Wendungen der Vorlage
zu prägnanten theologischen Aussagen" zusammenfaßt278. Die theologische Zuspitzung
scheint für Willi dabei in der durch die Verwendung des T 3 erreichten Charakterisierung
des Moseamtes als eines prophetischen zu liegen 27 ^.
Dieser Interpretation wird weiter nachzugehen sein2"®. Deutlich ist jedoch schon jetzt,
daß die Gestalt des Mose in IlChr 33,8b anders gezeichnet ist als in der 'Vorlage'.
- IIReg 21,9 setzt mit lyns? kVi ein, dessen Bezug nicht ganz eindeutig ist: Grammatika-
lisch sind entweder die Väter aus V.8 Subjekt, oder - das jetzt als Kollektivum verstandene
- Israel. Auch David und Salomo kommen in Frage. Von IIReg 21,9b her ist jedoch am
ehesten an Israel zu denken. In IlChr 33,9 fehlt 'und sie hörten nicht' aufgrund der "chro-
nistischen Königskonzeption", die den König so sehr als Repräsentanten des Volkes auffaßt
daß die Verfehlung Manasses "in sich schon den Ungehorsam des Landes trägt" 2 ®'. Zur
Verdeutlichung sind in V.9aß Juda und die Einwohner Jerusalems als Objekte der Verfüih-
rungskunst Manasses angeführt 2 " 2 .

Der vorgenommene Vergleich hat deutlich gemacht, daß die Änderungen


gegenüber der 'Vorlage' zum Teil als Rückgriff auf deuteronomisch/deute-
ronomistische Passagen und Formulierungen erklärt werden können. Unter
Umständen ist - in V . 7 - zusätzlich mit einer Angleichung an Ez 8 zu rech-
nen. Darüber hinaus werden Aktualisierungen des Materials vorgenommen
und die Wortwahl innerchronistischen Parallelen angepaßt. Schließlich er-
scheinen verschiedene Änderungen, die spezifisch chronistischen Intenti-
onen entsprechen. In V . 8 b wird eine eigenständige theologische Schwer-
punktsetzung im Blick auf das Verständnis der Gestalt Moses erkennbar.

277 Angeschlossen mit der in Chr fehlenden Kopula 1. Zu überlegen ist, ob dieses Neben-
einander der beiden Elemente auch im Sinn einer Unterordnung des zweiten unter das
erste Glied verstanden werden kann.
278 Th.Willi, Chronik, 91ff.l29.
279 Vgl. a.a.O., 212, Anm.29.228.
280 Vgl. dazu unten, 4.6.6.
281 Th.Willi, Chronik, 130.
282 Daß neben Juda die Einwohnerschaft Jerusalems als Opfer der Verfuhrungskünste Ma-
nasses ausdrücklich genannt wird, entspricht chronistischem Sprachgebrauch (vgl. etwa
II 20,15.18.20 [S]; 32,33).
IlChr 33,1-9 241

4.6.4. Zum Aufbau / Zuordnung


Die Struktur der Perikope wird durch zehn Imperfekta consecutiva mitbe-
stimmt.
- Dem Nominalsatz in V.la folgt in lb zunächst ein gleichberechtigter
perfektischer Verbalsatz.
- V.2 setzt mit Imperfekt consecutivum ein. Dessen Objekt findet sich
innerhalb der Perikope noch zwei weitere Male und zwar wörtlich in V.6,
modifiziert in V.9.
- Auch V.3 wird durch Imperfekt consecutivum eröffnet, wobei 2UPI als
"Formverbum" gebraucht wird 283 . Die fünf weiteren Imperfekta consecuti-
va variieren das Thema 'Frevel'.
Der dreigliedrige V.4 - einem perfektischen Verbalsatz ist ein Relativsatz
untergeordnet, der wiederum eine imperfektisch formulierte wörtliche Rede
bietet - wirkt eingeschoben, weil V.5 unter Rückgriff auf V.3 die dort ab-
gebrochene Imperfekt consecutiv-Reihe fortsetzt 284 .
- Mit seinem verstärkenden Χ1Π1 und den perfektischen Verben unter-
bricht V.6 diese Reihe erneut. Sie wird in V.7 fortgesetzt. Während Manas-
se bisher explizit kultischer Fremdgötterdienst285 vorgeworfen wurde, führt
V.6 in das Spezialgebiet der Magie 286 .
V.7 nennt eine weitere kultische Verfehlung im Imperfekt consecutivum.
Der schon in der Vorlage unmittelbar daran anschließende Einschub - eröff-
net durch einen vom Stichwort Tempel abhängigen Relativsatz - erstreckt
sich bis zum Ende von V.8 287 . Im Einschub ist der Tempuswechsel in
V.7b/?.8a - auf zwei perfektische Verben folgen zwei Imperfekta - und der
Subjektwechsel in V.8b bemerkenswert: die Väter/Israel sollen bewahren
(Imperfekt), was Gott befohlen hat (Perfekt). η'ΟΙΝ Χ1?! hat seinen Kontra-
punkt im natf'-QX p i 2 8 8 .

283 Vgl. dazu J.A.Soggin, Art.: 886.


284 Den Einschub V.4 übernimmt Chr aus der Vorlage. IIReg 21,4 ist nach Würthwein
nachdtr. Zusatz (vgl. E.Würthwein, 1.Könige 17-2.Könige 25, 439f).
285 Stichworte: Altarbau, Götzenbilder und -Verehrung.
286 Zur Anlehnung an Dtn 18,10f vgl. bereits oben, 4.6.3. Daß schon in der Vorlage
IIReg 21,6 ein späterer Nachtrag vorliegt, macht Würthwein an dessen grammatischer
Form fest (vgl. E.Würthwein, 1 .Könige 17-2.Könige 25, 441).
287 Würthwein ordnet IIReg 21,7b*.8.9a einem anderen DtrN-Kreis zu als 7a.9b (vgl.
E.Würthwein, 1.Könige 17-2.Könige 25, 439). Vgl. auch J.Gray, I&IIKings, 707:
V.8-15 sind spätdtr. "QUALIFICATION" des Vorangegangenen.
288 Im Gegensatz zur Vorlage tritt Mose nicht als eigenständiges Subjekt auf; vgl. oben,
4.6.3.
242 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

V.9 nimmt das Subjekt von V.2-7, Manasse, wieder auf und führt die
Imperfekt consecutiv-Reihe weiter. Das 3Π fllfry1? entspricht V.2 im Sinn
einer Abschlußnotiz.
Im Blick auf eine Gliederung ist V. 1 als Einleitungsnotiz von der zusam-
menfassenden, abwertenden theologischen Beurteilung in V.2 zu unterschei-
den. Gleichzeitig aber sind beide Verse gegenüber dem in V.3-9 gebotenen
negativen 'Kultreformbericht' abzugrenzen289.
Da sich die beiden Einschübe in IlChr 33,4.6 und die die Aufzählung der
Freveltaten Manasses unterbrechende Erweiterung in V.7b.8 bereits in der
'Vorlage' finden, ist die Perikope weitestgehend dem Chronisten selbst zu-
zuordnen. Allerdings wurde im vorangegangenen Abschnitt deutlich, daß
die auffällige Modifikation in IlChr 33,8b nicht durch dem Chronisten ur-
sprünglich eignende theologische Intentionen erklärbar ist. Von daher ist zu
erwägen, diesen Halbvers einer späteren Bearbeitung zuzuweisen. Die Leit-
wortanalyse wird diese Frage mitzubedenken haben.

4.6.5. (Leit)Worte
Die in IlChr 33,2.6 verwendete Sentenz ΠΙΓΓ »rya 3ΠΠ Hfry gehört in der
deuteronomistischen Vorlage zur Eingangsformel290, die die Chronik auch
bei anderen Gelegenheiten übernimmt 291 . Die Wendung 3ΠΠ Π3ΊΠ
(V.6) steht nur in dieser Perikope.
Den Vergleich mit den 'Abscheulichkeiten der Völker' (V.2) nehmen das
Deuteronomistische Geschichtswerk und die Chronikbücher je dreimal
vor 292 . Seinen Ursprung hat er in den einschlägigen Warnungen des Deute-
ronomiums, etwa Dtn 18,9.
Schon die Vorlage verwendet in V.2.9 zwei verschiedene Verben, um die
Vertreibung der Völker vor Israel während der Landnahme zu bezeichnen.
2Π' Hiphil wird dabei im Deuteronomistischen Geschichtswerk häufiger
verwendet als "Töttf293, das letztgenannte Verb wird nur hier auf die Ver-

289 Zu dieser Gliederung vgl. J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 45.


290 Vgl. E.Würthwein, 1.Könige 17-2.Könige 25, 440.
291 Vgl. etwa II 21,6; 22,4; 33,22; 36,5.9.12
292 Vgl. IReg 14,24 (von Chr ausgelassen), IIReg 16,3 (=IIChr 28,3); IlChr 36,14 (S).
Vgl. dazu Willi, der in IlChr 36,14 einen Hinweis darauf erkennt, "daß der Chronist
sich auch und gerade in seiner eigenen Geschichtsschreibung am Deuteronomisten ori-
entiert" (Th.Willi, Chronik, 213, Anm.29).
293 In den Königsbüchern steht fünfmal Eh' Hi. (vgl. IReg 14,24; 21,26; IIReg 16,3;
17,8; 21,2), sechsmal TOtf (zu den Belegen vgl. die nächste Anm.).
IlChr 33,1-9 243

nichtung der Völker bezogen 294 . Ähnlich stellt sich der Befund in den
Chronikbüchern dar: Nur in IChr 5,25 und IlChr 33,9 drückt die von
JHWH bewirkte Vernichtung der Völker bei der Landnahme aus, in IlChr
20,10 geht es um bei der Landnahme nicht ausgerottete Völker. In IlChr
20,23 vernichten Ammoniter und Moabiter die Bevölkerung des Gebirges
Seir, während tfT in IlChr 20,7; 28,3 und 33,2 auf Gottes Tun bezogen
ist 29 *.
Der Bau der Höhen (V.3) und Altäre im Tempel (V.4f) wird - entspre-
chend der Vorlage - durch Π33 Imperfekt Qal bzw. Perfekt Qal beschrie-
ben. Im Blick auf die Errichtung von Höhen verwendet die Chronik Π32 nur
hier - und davon beeinflußt in IlChr 33,19 296 . Auch der Altarbau wird nur
in aus der Vorlage übernommenen Stücken mit Π33 beschrieben 297 , im
Sondergut steht nfry 2 9 8 oder ]Ό 2 9 9 . Wie bereits oben dargestellt 300 , ist fi13
Qal chronistischer terminus technicus für die Zerstörung von Götzenaltären.
Die in der Chronik nur in IlChr 33,5 begegnende Erwähnung von zwei
(Vor-) Höfen des Tempels 301 ist insofern bemerkenswert, als diese auch in
den Königsbüchern nur in der Parallele (IIReg 21,5) bzw. - unter explizi-
tem Rückgriff auf jene - in IIReg 23,12 (ohne Parallele in der Chronik) ge-
nannt sind. Rudolph hält im Blick auf IIReg 21,5 fest, daß hier eine spätere
Ergänzung vorliege, die "wegen der zwei Vorhöfe nachexilisch" sei 302 .
Würthwein weist den Vers den 'jüngeren Deuteronomisten' zu 3 0 3 , nach

294 Vgl. IReg 13,34; 15,29: das Haus Jerobeams wird vernichtet; IReg 16,12: Simri ver-
nichtet das Haus Baschas; IIReg 10,17: Jehu vernichtet das Haus Ahabs; IIReg 10,28:
Jehu vernichtet den Baal aus Israel - alle Belege ohne Parallele in Chr.
295 Dabei ist e h ' in II 20,11 im Sinn von 'Geschenk' JHWHs gebraucht.
296 In II 21,11; 28,25 (beide S) dagegen HPy.
297 Vgl. I 21,22.26; II 8,12. II 33,5 ist von V.3 her beeinflußt.
298 Vgl. II 1,5; 4,1; 7,7 (Modifikation von IReg 8,64); 28,24.
299 Vgl. II 33,16.
300 Vgl. oben, S.238f.
301 Vgl. noch den Plural (Π1.Τ il'3) iinsri in I 23,28; 28,6.12 (alle S) und II 23,5 (Erwei-
terung der 'Vorlage').
302 W.Rudolph, HAT, 314. Anders Hamp, der aufgrund von IIReg 21,5; 23,12 schon für
die vorexilische Zeit die Abteilung eines zweiten Tempelvorhofes "vom gemeinsamen
'großen H o f " (vgl. IReg 7,9.12) behauptet. Hamp sieht dann jedoch in IlChr 23,5 und
den anderen vier genannten Stellen "Zeugnisse für ihre Zeit, nicht für die vorexilische
Epoche" (V.Hamp, Art.: ΊΪΠ, 145f). Auch Fritz will aufgrund von IIReg 21,5; 23,12 -
in Verbindung mit IIReg 20,4 (Q) schon für die vorexilische Zeit zwei (Vor-) Höfe un-
terscheiden (vgl. V.Fritz, Tempel, 15).
303 Vgl. E.Würthwein, 1.Könige 17-2.Könige 25, 439; vgl. a.a.O., 453.455: die Altäre
und Vorhöfe in IIReg 23,12 sind vom DtrN in einen vordtr. Text eingefügt.
244 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

Gray stellt er - wie 'vermutlich' auch IIReg 23,12 - "a later gloss, perhaps
reflecting the form of the second Temple", dar 304 . Wenn in beiden Belegen
der Königsbücher wirklich eine spätere Glosse vorliegt, wäre die Möglich-
keit in Erwägung zu ziehen, daß diese vom chronistischen Text her über-
nommen wurde. Damit läge ein weiterer Beleg für den Einfluß der chroni-
stischen Darstellung auf den Wortlaut deuteronomistischer Texte vor 305 .
Wie das weitgehend aus der 'Vorlage' übernommene Vokabular von
V.6 3 0 6 , weiÄ auch die in V.7 zweimal verwendete Wurzel O'fr307 im Zu-
sammenhang der Perikope keine Besonderheiten auf 308 .
Die im Alten Testament wörtlich nur viermal begegnende konditionale
Einschränkung ΠΟδ?' DK pT (IlChr 33,8 3 0 9 ) ist Ausgangspunkt für Überle-
gungen zum Gebrauch von "lötf in den Chronikbüchern. Diese verwenden
das Verb in Verbindung mit der Partikel DK sonst nur noch in IChr 22,13
(Sondergut), dem einzigen weiteren chronistischen Beleg für die Verbin-
dung des Verbes mit dem Infinitiv fllfry^.
Ein Vergleich mit Deuteronomium bzw. dem Deuteronomistischen Ge-
schichtswerk zeigt, daß die Chronik das Verb "lötf sehr viel zurückhalten-
der gebraucht310.

304 J.Gray, I&II Kings (21970), 707; vgl. a.a.O., 737 (zu IIReg 23,12): "the late usage of
vfi with the narrative perfect supports this assumption".
305 Vgl. bereits oben, S.182f.
306 Zur Ergänzung von vgl. oben, S.239.
307 Fünf von 16 Belegen in Chr haben JHWH zum Subjekt, der sich einen Namen macht (I
17,21), dem Volk einen Ort setzt (I 17,9) und seinen Namen wohnen läßt (II 6,20 [die
'Vorlage' in IReg 8,29 schreibt nVP]; 12,13; 33,7). Bis auf I 26,10 (Einsetzung eines
Erstgeborenen) und II 33,14 (Aufstellung von Oberen des Heeres) ist das Verb stets aus
den jeweiligen Parallelen in DtrG. übernommen.
308 Zu Vnort Vos vgl. oben, S.239.
Die Vorstellung einer Wahl Jerusalems aus allen Stämmen Israels heraus (V7: ΤΠΠ3
Vxifr' Va») ist dreimal (vgl. II 6,5; 12,13) aus der Vorlage übernommen. Von
den übrigen vier Stellen, in denen Chr die Wahl Jerusalems thematisieren, ist nur II 6,6
eigenständige Formulierung. DtrG. erwähnt diese Wahl noch in IReg 11,13.32.36;
IIReg 23,27 (ohne par.).
309 Vgl. noch dessen 'Vorlage' (IReg 21,8) und IReg 8,25 (par. II 6,16). In IReg 8,25
(und par.) sind dabei - im Kontext der von Salomo rezipierten Verheißung an David -
dessen Nachkommen Subjekt des 'bewahrens'.
Vgl. noch Dtn 15,5: ytttfJl ytüP'DK j?*l (der Segen im Land wird an das Hören der
Stimme JHWHs und das Bewahren des Tuns der Gebote [niSÖ.TVa'JlK flWyV IBtfV]
gebunden).
310 Den 20 Belegen in Chr, von denen nur acht aus der Vorlage übernommen sind (elfmal
S; in II 34,21 Substitution des in IIReg 22,14 gebotenen JTO© ), stehen je ca. 70 Belege
im Dtn und dem DtrG. gegenüber.
IlChr 33,1-9 245

Objekte des Bewahrens sind zunächst Menschen 311 , der Dienst am Zelt der Begegnung
(IChr 23,32) 3 1 2 und der JHWH-Dienst allgemein 313 . Vor allem aber der - durch die Tora
gewiesene - Weg (IlChr 6,16), die Tora (IChr 22,12[S]) bzw. die Tora mit Satzungen und
Rechtsordnungen (IlChr 33,8) und das Wort JHWHs (IChr 10,13[S]; IlChr 34,21[chr])
und - weiter differenzierend - die Gebote (IChr 28,8[S]), Gebote, Zeugnisse und Satzungen
(IChr 29,19[S]; IlChr 34,31), Satzungen und Rechtsordnungen (IChr 22,13[S]; IlChr
7,17). IlChr 6,14, wo Bund und Erbarmen als Objekte des göttlichen Bewahrens erschei-
nen, ist dabei vom bisher Genannten zu unterscheiden.
Als Subjekte von lötf treten JHWH (IChr 29,18; IlChr 6,14.15.16), Priester (IlChr
5,11), Leviten (IChr 23,32), Richter (HChr 19,7), das Volk 3 1 4 , die Väter (IlChr 33,8;
IlChr 34,21 [ehr]), Saul (IChr 10,13 [S]), Salomo (IChr 22,12[S].13; 29,19[S]; IlChr 7,17)
und die Nachkommen Davids (IlChr 6,16) auf.

Die Übersicht zeigt, daß sich der Gebrauch des Verbes in den Chronikbü-
chern vor allem auf religiöse Aussagen konzentriert, wobei der Schwer-
punkt auf dem im Alten Testament "das ganze Bedeutungsfeld im religiösen
Bereich" dominierenden 3 1 5 Motiv des Bewahrens der Ordnungen JHWHs
liegt. Wenn deshalb ein spezifischer chronistischer Gebrauch des Verbes
nicht erhoben werden kann, läßt sich im Blick auf die Frage nach Mosebil-
dern der Chronikbücher gleichwohl festhalten, daß "löttf mit folgendem nfry
in der Chronik nur innerhalb von 'Moseperikopen' verwendet wird.
Außerdem schließen sich innerhalb von 'Moseperikopen' viermal umfassen-
de Erläuterungen des zu Bewahrenden an:

IChr 22,12: die (ganze) Tora JHWHs;


IlChr 33,8: Tora, Satzungen und Rechtsordnungen
IlChr 34,21: das ganze Wort Gottes 316 und auch
IChr 22,13: Satzungen und Rechtsordnungen.

Die Wortuntersuchung führt zu einem Ergebnis, das demjenigen aus Ab-


schnitt 4 . 6 . 3 korrespondiert: Die Perikope IlChr 33,1-9 greift fast aus-
schließlich auf deuteronomisch/deuteronomistische Terminologie zurück
und setzt nur einige wenige eigenständige Akzente. Zu ihnen gehören in
V . 3 der chronistische terminus technicus ^113 und die Pluralformen Baale

311 David in II 6,15.16; das Volk in I 29,18 [S].


312 Ohne Objekt: II 19,7 [S],
3131113,11 [S]; 23,6.
314 I 12,30 [S] (Benjaminiten); 28,8; II 13,11 [S] (Südreichsbewohner); 23,6; 34,31 (Volk
und König).
315 G.Sauer, Art.: 985.
316 Nach R.Mosis, Untersuchungen, 39, ist mit dem "Nichtbeachten des Wortes Jahwes'"
hier und im gleichlautenden I 10,13 "jenes Verhalten" gemeint, "das schließlich den
Untergang des davidischen Königtums überhaupt und die Verbannung Israels nach sich
zog".
246 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

und Äscheren (V.3), der Ausdruck Voon Vos in V.7 und die dort vorge-
nommene Ersetzung des Tetragramms durch DTl^N.
Nur die Wortwahl von IlChr 33,8b weist im Blick auf die abschließende
Formel ntfö T 3 Besonderheiten auf, die nicht allein mit dem Hinweis auf
deuteronomisch/ deuteronomistische Anleihen oder dem Chronisten eignen-
de theologische Intentionen erklärbar sind.

4.6.6. Mose
Der Mosenamen steht in der hier bearbeiteten Perikope im Kontext kulti-
scher Verfehlung. Seine Erwähnung, die angesichts der Auffälligkeiten von
V.8 auf eine 'zweite Hand' zurückgeführt werden kann, steht dabei in un-
mittelbarem Zusammenhang mit der Leben sichernden und Heil gewähren-
den (Rechts-) Ordnung. Diese, in Tora, Satzungen und Rechtsordnungen
niedergelegte Ordnung führt IlChr 33,8 ausdrücklich direkt auf JHWH zu-
rück, Mose wird demgegenüber als Mittler dargestellt.
Die Formulierung der Vorlage iltf» H3y ΒΠΚ m r i t f X m i n r r ^ V l
(IIReg 21,9) entspricht der im Deuteronomistischen Geschichtswerk üb-
lichen "Verwendung des "73JJ-Titels für Mose im Zusammenhang mit der
Gebots- und Thoraerteilung" 317 , die vom dort ebenfalls mit Hilfe des
Knecht-Titels formulierten Prophetenamt des Mose zunächst unterschieden
ist 318 . Indem IlChr 33,8 den "Uy-Titel nicht übernimmt, sondern durch den
"für die Sendung der Propheten gebrauchte^] Präpositionalausdruck
T 3 " 3 1 9 substituiert, wird nach Darstellung Willis das "inhaltlich über-
wiegende prophetische Element des Amtes Moses" 320 zum Ausdruck ge-
bracht. Dieser Auffassung kann erst nach der Erörterung von IlChr 34,14;
35,6 weiter nachgegangen werden.

317 I.Riesener, Stamm, 191.


318 Vgl. ebd.
319 Th.Willi, Chronik, 212, Arnn. 29.
320 A.a.O., 228.
IlChr 34,8-21 247

4 . 7 . IlChr 34,8-21 (Die Auffindung der Tora)

4 . 7 . 1 . Übersetzung

12) Und die Männer handelten gewissenhaft8) bei der Arbeit,


und über sie waren bestellt
Jahat und Obadja,
die Leviten von den Söhnen Meraris,
und Sechaija und Meschullam
von den Söhnen der Kehatiter,
um zu beaufsichtigen;
und die Leviten,
jeder, die Musikinstrumente verstehende,
13) [und] über die Lastträger,
und sie waren beaufsichtigend alle Werkmeister
bei jeder einzelnen Arbeit
und von den Leviten: Schreiber, Beamte und Torhüter.
14) Und als sie das Geld herausnahmen,
das zum Haus JHWHs gebracht worden war,
fand Hilkija, der Priester,
das Buch der Tora JHWHs durch die Hand des Mose.
15) Und dann hob Hilkija an,
und dann sprach er zu Schafau, dem Schreiber:
Das Buch der Tora habe ich gefunden im Haus JHWHs.
Und dann gab Hilkija das Buch dem Schafan.
16) Und dann brachte Schafan das Buch zum König,
und dann meldete er dem König folgendermaßen:
Alles, was in die Hand deiner Knechte gegeben war, haben sie getan.
17) Und dann schütteten sie das Geld aus,
das sich im Haus JHWHs befand,
und dann gaben sie es in die Hand deijenigen,
die bestellt waren,
und in die Hand der Werkmeister.
18) Und dann berichtete Schafan, der Schreiber, dem König folgendermaßen:
Ein Buch gab mir Hilkija, der Priester.
Und dann las Schafan in ihm vor dem König.

Zum Text:
a) Zur Notwendigkeit dieser Übersetzung vgl. K.Galling, ATD, 175.

4 . 7 . 2 . Zum Kontext und zur Abgrenzung der Perikope

Die chronistische Darstellung der Regierung Josias (IlChr 34-35) wird vor
allem durch das Thema 'Kultreform' bestimmt 3 2 1 . An die in IlChr 34, l f
gebotene Einleitung schließt sich in in V . 3 - 7 ein erster Bericht dazu an, der

321 Vgl. dazu P.Welten, Geschichte, 180.188.


248 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

die im achten Jahr der Herrschaft Josias erfolgte Zerstörung der Opferhöhen
schildert.
IlChr 34,8-13 stellen - im 18. Regierungsjahr begonnene - Maßnahmen
zur Tempelrenovierung dar, in deren Verlauf der Priester Hilkija ein bzw.
das 'Buch der Tora' findet, das er dem Schreiber des Königs überläßt. Die-
ser erstattet zunächst über den Fortschritt der Bauarbeiten Bericht (V.16f),
ehe er vom 'Buch' erzählt und aus diesem vorliest (V.18), was eine drama-
tische Reaktion des Königs bewirkt (V.19). Ihr folgt der an Hilkija und kö-
nigliche Beamte gerichtete Befehl, JHWH über den Inhalt des Buches zu
befragen (V.20f). Zu seiner Ausführung holen die vom König Beauftragten
ein Votum der Prophetin Hulda ein (V. 23-28). Die Episode mündet zuletzt
in ein Bundeserneuerungsfest (V.29-33).
Die vorgenommene Abgrenzung der Perikope ist angesichts zahlreicher
anderer Lösungsvorschläge zu begründen.
Gegen das Verständnis von V.8 als Neueinsatz spricht zunächst, daß hier
weder das 'ΠΙ aus der Vorlage übernommen noch Josia als Subjekt genannt
wird. Vor allem steht ihm jedoch die Beobachtung entgegen, daß V.8a in
der uns vorliegenden Gestalt den Bericht über die Tempelerneuerung in eine
Reihe mit den in V.3-7 geschilderten Reformmaßnahmen stellt und so beide
Projekte zu einem Ganzen verbindet, das erst mit V.13 zum Abschluß
kommt 322 . Allerdings stellt auch V.14 keinen eindeutigen Neueinsatz dar,
da er auf V.9 zurückgreift und den in V.lOff unterbrochenen Erzählzusam-
menhang wieder aufnimmt.
Auch ohne die von Galling vorgeschlagene Korrektur von V.8a/3 und des-
sen damit verbundene Umstellung nach V.7 323 lassen sich jedoch Argumen-
te für die oben postulierte Zäsur nennen. Neben der im Masoretischen Text
gesetzten Χ01ΓΙ0 ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, daß der voran-
gehende Sondergutabschnitt mit V.7 endet. V.7b kann zudem als Schlußno-
tiz betrachtet werden. Die mit V.8 eröffnete neue Thematik rechtfertigt so
die Abgrenzung der Perikope nach vorne 324 .

322 Vgl. dazu R.Mosis, Untersuchungen, 196f; H.G.M.Williamson, NCBC, 397ff.


323 Vgl. K.Galling, ATD, 170.
324 Vgl. dazu Kegler/Augustin, die aufgrund formgeschichtlicher Überlegungen II 34,3-7
("Konstruierter Kultreformbericht I") von II 34,8-33 ("Konstruierter Kultreformbericht
II mit prophetischer 'Ansprache'") unterscheiden. Der zweite Bericht gliedert sich ihrer
Meinung nach in vier Teile: "a) Geldübergabe zur Tempelausbesserung" (V.8-13), "b)
Übergabe des Gesetzbuches an den König" (V. 14-21), "c) Befragung der Prophetin
Hulda" (V.22-28), "d) Verlesung des Buches und Bundesschluß vor JHWH" (V.29-33)
(J.Kegler/M.Augustin, Synopse, 239f).
IlChr 34,8-21 249

Die Abgrenzung der Perikope nach hinten wird ebenfalls unterschiedlich


vorgenommen. Während etwa Benzinger innerhalb von IlChr 34,8-33 nicht
weiter differenziert 325 , werden von den meisten anderen Auslegern Zäsuren
gesetzt, wobei hinsichtlich der Abgrenzung der in V.29-33 überlieferten
'Bundeserneuerung' weitgehende Übereinstimmung besteht. Unterschiedlich
bestimmt wird jedoch der Einsatz der Hulda-Episode. Galling etwa deutet
an, daß der Subjektwechsel in V.19 3 2 6 den Beginn eines neuen Sinnzusam-
menhanges markiert327, nach Goettsberger setzt der "Bescheid der Prophe-
tin Hulda" erst in V.20 ein 328 . Für die vorgenommene - durch die nach V.
21 stehende ΧΠΙίΙδ unterstützte - Abgrenzung spricht vor allem die Einlei-
tung von V.22 mit dem eine neue Handlung einleitenden Imperfekt conse-
cutivum 329 .
In den folgenden Abschnitten wird so der in unmittelbarem Zusammen-
hang mit der Auffindung des 'Gesetzbuches' stehende Text bearbeitet.

4.7.3. Parallelen und Quellen


Die Verse IlChr 34,8-21 folgen IIReg 22,3-11. Wichtige Modifikationen,
Kürzungen und Erweiterungen sollen erörtert werden.
- Wie bereits erwähnt, ist der Einsatz von V.8a gegenüber IIReg 22,3 neu konstruiert,
um IlChr 34,3-7 mit der hier bearbeiteten Perikope zu verknüpfen.
V.8b nennt weder den Stand noch den Namen des Großvaters Schafaus, stellt ihm aber
zwei andere Beamte an die Seite33®. Der mit der Sendung zum Tempel verbundene Auf-
trag, den Tempel auszubessern, ist im chronistischen Text schon hier genannt.
- Mit der Einfügung der Leviten in V.9 soll verdeutlicht werden, wer das Geld gesam-
melt hat 3 3 l. Die "Spezifizierung des 'Volkes' von 2.Kön.22,4" erklärt Willi mit der "hi-
storisierenden Manier des Chronisten" 332 , wobei der Zusammenhang mit dem vom Chro-
nisten auch sonst betonten Interesse einiger Könige Judas am Nordreich 333 nicht übersehen
werden darf.

325 Vgl. I.Benzinger, KHC, 128.


326 Eingeleitet mit 'ΓΡΊ; zum ersten Mal seit V.8 handelt der König.
327 Vgl. K.Galling, ATD, 171.
328 Vgl. J.Goettsberger, HSAT, 377; s. auch S.J.de Vries; FOTL, 405, der V.20-28 als
"Report of an oracular inquiry" bezeichnet.
329 Vgl. R.Micheel, Seher, 30, die ebenfalls V.22-28 abgrenzt.
330 Während Rudolph vermutet, daß die beiden Namen in der Vorlage ausgefallen sind
(vgl. W.Rudolph, HAT, 321), ist mit Galling davon auszugehen, daß mit ihrer Hilfe
der "Zeugenkreis" erweitert werden sollte (K.Galling, ATD, 174).
331 Galling meint, daß dabei "analog 2.Chr 24,9ff. an die Moses-Steuer zu denken" sei,
die "auch diesmal deutlich zweckgebunden" ist (K.Galling, ATD, 174).
332 Th.Willi, Chronik, 107; Vgl. zum Begriff Vtn&T JVIKtf aber auch Hausmann, die
meint, "daß in 2Chr 34,9 von dem Rest die Rede ist, der aus der Zerstörung des Nord-
reiches hervorgegangen ist" (J.Hausmann, Rest, 11).
250 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

- Durch die Weglassung der Präposition b vor rüxVon 'Ply in V.lOba werden diese
Subjekt 334 . Das hinzugefugte Partizip Plural O'fry hebt den Unterschied von Arbeitern
und Aufsehern h e r v o r 3 " . Die Änderung von JVIH p13 ptnV (IIReg 22,5) durch die Ver-
balkonstruktion Jl'an pmVl pvnV ist nach Willi ein Produkt "des wohl mit historiographi-
schem Bewußtsein gewählten dramatischen Ausdrucks"33®.
- Mit Hilfe des V . l l einleitenden und gegenüber der Vorlage zugefügten 1371*1 "macht
der Chronist deutlich, dafi die Leute von 10b für ihn nicht wie für Rg mit denen von IIa,
sondern mit denen von 10a identisch sind" 33 ^. Deshalb fehlt auch die Kopula vor 1113p1? in
V.Uaß.
Im Blick auf die Auslassung der in IIReg 22,6 genannten dritten Handwerkergruppe,
Maurer (DIU), ist IIReg 12,13 (par. IlChr 24, 12) zu vergleichen, wo der Begriff eben-
falls weggelassen wird, was darauf schließen läßt, daß er dem Chronisten unbekannt war.
Die Vertauschung der Reihenfolge des zu beschaffenden Materials ist bedingt durch den
Zusatz 'Klammern' (Γΐη3ΠΐΛ), den Willi der "geradezu pedantischen Neigung" des
Chronisten "zur Vervollständigung und Abrundung eines Bildes oder einer Episode" zuord-
net33®.
Während die Bauleute nach IIReg 22,6 ausschließlich am Tempel(gebäude) selbst arbei-
ten, dehnt V . l l b (Sondergut) die Renovierungsmaßnahmen durch die Verwendung des
Plurals DVD "auf die Nebengebäude des Tempelkomplexes" a u s 3 3 ' .
- Die in IIReg 22,7 festgehaltene Aufforderung Josias, mit den Handwerkern über die
ihnen ausgehändigten Beiträge nicht abzurechnen, bezieht der Chroniktext auf die Bauar-
beiten selbst 340 . Im Zusammenhang mit IlChr 24,14, wo die entsprechende Bestimmung
aus IIReg 12,16 aufgrund konzeptioneller Gründe übergangen wurde 34 1, ist zu überlegen,
ob wirklich ein "kleines Mißverständnis" vorliegt 34 ^ oder aber die sich in den Königsbü-
chern widerspiegelnde Praxis abgelehnt wird 3 4 3 .
- V.12a*b.l3 bilden einen Einschub, durch den die Leviten mit der Aufsicht über alle
Arbeiten betraut werden. Die Ausführungen geben wahrscheinlich die Zeitumstände des
Verfassers wieder 344 , wobei im nächsten Abschnitt zu klären sein wird, ob dieser mit dem
Chronisten identifiziert werden kann.

333 Vgl. II 15,18; 19,5; 30,1-12; 31,1; 34,6 (s. dazu auch R.L.Braun, Message, 510 mit
Anm. 15).
334 Zu den damit gegebenen Implikationen vgl. W.Rudolph, HAT, 322: der Chron "will
nur eine Gruppe von nDxVan 'frly haben, da für ihn trotz 10a die Leviten die eigent-
lichen Aufseher sind".
335 Vgl. Ε.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 507; s. auch I.Benzinger, KHC, 130: "dürfte ver-
deutlichender Zusatz sein".
336 Th.Willi, Chronik, 89; vgl. aber a.a.O., 116 (mit Anm.26): die Auslassung des Sub-
stantivs p*13 gehört in den "Bereich baulicher Fachterminologie".
337 W.Rudolph, HAT, 322.
338 Th.Willi, Chronik, 103. Der Zusatz dient so "als Interpretament zu der Nennung der
Bauhölzer in 2.Kön 22,6" (ebd.).
339 P.Welten, Geschichte, 40 (dort auch Überlegungen zur mit V.llb/3 auf alle judäischen
Könige, bei denen sich keine expliziten Hinweise auf Bauarbeiten finden, gemünzten
Kritik).
340 Vgl. H.G.M.Williamson, NCBC, 400.
341 Vgl. oben, 4.3.3.
342 W.Rudolph, HAT, 322.
343 Vgl. K.Galling, ATD, 175.
IlChr 34,8-21 251

- Auch V.14 stellt eine Erweiterung der Vorlage dar. Nach Willi handelt es sich dabei
um eine "2.Kön 22,7 und 22,8 verbindende Reflexion"3**5. D e r Vers nimmt den durch den
vorangegangenen Einschub unterbrochenen Erzählfaden wieder auf und stellt einen - von
der Vorlage nicht formulierten - Zusammenhang zwischen der Herausnahme des Geldes
und dem Fund des Torabuches her. Durch die genaue Spezifizierung dieses Buches als "ISO
ΠΒΠ3"Τ3 m m r n n entsteht eine Doppelung zur aus IIReg 22,8 übernommenen und dort
für ausreichend erachteten Bezeichnung ΓΠΊΓ1Π ΊΒ0 (V.15). Sie weist darauf hin, daß die
Einführung JHWHs als des Urhebers der Tora und Moses als ihres Mittlers nicht zufallig
ist. Nach ihrem Hintergrund wird weiter zu fragen sein.
- Analog zum eben Gesagten stellt der Einsatz von V.15 flJH) im jetzigen Zusammen-
hang ein 'retardierendes Element' dar. Das in IIReg 22,8 gebotene ΊΒΚ'Ί wird nachgetra-
gen und leitet jetzt die wörtliche Rede ein^ö.
Die Auslassung des 'und er las es' (ΙΠΧΊρ'Ί) von IIReg 22,8 weist erneut auf eine be-
wußte Interpretationstätigkeit des Chronisten hin, der hier seine Auffassung, "daß das
aufgefundene Gesetz mit dem ganzen Deuteronomium oder gar - eher - mit dem gesamten
Pentateuch [...] identisch sei"347> artikuliert.
- Die Substitution des K'3»l (Qal) der Vorlage durch K3»1 (Hiphil) in V.16 ist nach Kro-
pat auf die chronistische Bevorzugung transitiver Stammformen anstelle von intransitiven
Verben zurückzuführendes. Mit Willi kann sie den bei der Redaktion vorgenommenen
orthographischen und grammatischen Änderungen zugeordnet w e r d e n 3 ^ die hier die Er-
setzung des "ISOΠ von IIReg 22,9 durch "ΙΒΟΓΓίΙΚ erforderte 350 .
- Die Vertauschung der Reihenfolge von ΒΊρΒΗΠ und H^kVöH '©J? (V.17) weist im Zu-
sammenhang mit dem zusätzlich eingefügten V'Vy auf die in V.12ao vollzogene Differen-
zierung von Aufsehern und Arbeitern und die damit beabsichtigte Unterordnung der letzt-
genannten Gruppe zurück.
- In V.18 wird 'und dann las er es' (ΊΠΚΊρ'Ί) (IIReg 22,10) durch 'und dann las er in
ihm' (13'ΧΊρ'Ί) ersetzt und so die schon in V.15 erkennbar werdende, gegenüber der 'Vor-
lage' veränderte, Auffassung vom Umfang des Torabuches unterstrichen35 ^.
- In V. 19 hat der chronistische Text das ΊΒ0 der Vorlage ausgelassen. Die von Willi für
diese Änderung zunächst verantwortlich gemachte Auffassung des Chronisten, dem die
Formulierung von IIReg 22,11 "eine überflüssige Präzision zu sein schien, da seiner 'Tho-
ra' der Begriff des Buches inhärent war" 35 ^, ist vom ihm selbst später dahingehend revi-
diert worden, daß der Begriff Buch in IlChr 34,19 fehle, weil das Torabuch zwar die Tora

344 Vgl. W.Rudolph, HAT, 323; H.G.M.Williamson, NCBC, 401.


345 Th.Willi, Chronik, 200.
346 Zur fehlenden Amtsbezeichnung Hilkijas (V.15.20) vgl. die grundsätzliche Tendenz
des Chronisten, die Wendung Vinn zu vermeiden (s. S.Japhet, Authorship, 343f).
347 Th.Willi, Chronik, 116f; vgl. dazu neben anderen auch K.Galling, ATD, 175: der
Chron denke "an ein umfangreiches Werk - mehrere Rollen". Siehe auch unten, zu
V.18.
348 Vgl. A.Kropat, Syntax, 14.
349 Vgl. Th.Willi, Chronik, 89.
350 Gegen E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 508, die einen Schreibfehler des Chron vermu-
ten.
351 Auch wenn Kropat feststellt: "Auch sonst konstruiert die Chronik stets >Oj? etw. lesen
mit 3." (A.Kropat, Syntax, 38).
352 Th.Willi, Chronik, 125f.
252 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

enthalte, aber "nicht die Thora, die göttliche Belehrung" sei 3 5 3 . In diesem Zusammenhang
kann auch überlegt werden, ob mit den 'Worten der Tora' an konkrete Bestimmungen ge-
dacht ist, die vom ganzen, das heifit 'dem Buch', unterschieden werden müssen.
- In V.21aa 3 5 ^ fällt das gegenüber der Vorlage veränderte 'befragt JHWH für mich und
für den Rest in Israel und Juda' auf, hinter dem nach Willi der Repräsentationsgedanke
steht^ 55 . Nach Becker wird "anhand des Restgedankens die spätere Exilssituation einge-
blendet"356 Japhet schließlich vermutet, daß ΊΧΡ3Π in IlChr 34, 21 "a broader meaning,
along the lines of KS&2" erhalten hat 3 5 ?.
Durch die Substitution von ΊΒΟΠ 'Ί3Τ (IIReg 23,13) durch ΠΙ,Τ Ί3Τ und die in V.21b/3
vorgenommene Umstellung, "wird der göttliche Charakter der Gesetze noch deutlicher be-
tont" 3 5 8 .

Der Vergleich der Perikope mit IIReg 22,3-13 zeigt, wie eng sich der
chronistische Text an der 'Vorlage' orientiert. Kleinere orthographische und
grammatikalische Differenzen 3 5 9 können fast ausschließlich mit dem Hin-
weis auf übliche chronistische Eigenarten erklärt werden.
Hervorzuheben ist die gegenüber der Vorlage gestiegene Bedeutung der
Leviten ( V . 9 . 1 2 f ) , die deutlichere Differenzierung von Arbeitern und Auf-
sichtspersonal ( V . 1 0 . 1 7 ) , vor allem aber das andere Verständnis der Rolle
des Torabuches im Rahmen der Reformmaßnahmen Josias (vgl. V . 8 . 1 4 .
16), zu dem eine gegenüber der Vorlage geänderte Auffassung vom U m -
fang - und damit auch Charakter - dieses Buches tritt (V.15.18).

Es ist sinnvoll, die Frage nach den Hintergründen dieses neuen Verständnisses im Zu-
sammenhang mit dem Kontext der Perikope in IlChr 34f zu erörtern. Dieser zeigt grund-
sätzliche Änderungen im Blick auf die chronistische Konzeption der Josiadarstellung, mit
denen eine andere Gewichtung der Episode von der Auffindung des 'Gesetzbuches' einher-
geht.
Deutlich ist, daß durch die dieser Episode vorangestellten Verse IlChr 34,3-7 der Buch-
fund - anders als in IIReg 22 - nicht mehr als Auslöser der Reform Josias erscheint. Die da-
mit verbundenen Implikationen werden unterschiedlich interpretiert. Einerseits wird etwa
die Auffassung vertreten, daß es dem Chronisten darum geht, "die Kultreform des Königs
von der Bindung an das 'Buch' zu lösen und als freie Entscheidung des frommen Königs

353 Ders., Thora, 105. Gegen Willi gibt J.R.Shaver, Torah, 81, zu bedenken, daß - wie in
der Vorlage - in II 34,14-35,19 elfmal auf die Tora als Buch Bezug genommen werde.
354 V.20 bietet neben der Auslassung des Priestertitels für Hilkija nur drei bedeutungslose
orthographische Abweichungen.
355 Vgl. Th.Willi, Chronik, 131. Siehe dazu auch J.Hausmann, Rest, 12: "Der 'Rest' re-
präsentiert nicht nur das Volk, sondern er ist das Volk."
356 J.Becker, 2Chronik, 118; vgl. auch J.M.Myers, IlChronicles, 204.207, der die Zeit
des Chron eingeblendet sieht.
357 S.Japhet, Ideology, 333, Anm.243 (mit Verweis auf II 35,18 und I 13,2; Neh 1,3).
358 I.Benzinger, KHC, 131; vgl. dazu Th.Willi, Chronik, 126: "Die 'Worte des Buches'
(2.Kön. 22,13) sind aber nach ihrer kanonischen Autorität einfach 'Wort Jahwes'."
359 Vgl. dazu A.Bendavid, Parallels, 153f.
IlChr 34,8-21 253

hinzustellen"36®. Andererseits wird hervorgehoben, daß der Chronist den "Buchfund er-
folgreich zum die Reform unterbrechenden Intermezzo heruntergespielt" habe 3 6 !, weil er
eine "nicht nur de iure, sondern auch mehr oder weniger de facto kontinuierliche Geltung
der mosaischen Tora" voraussetzte 3 ®. Dieser - am Text letztlich nicht verifizierten - Ana-
lyse ist meines Erachtens die Beobachtung gegenüberzustellen, daß auch nach dem Bericht
der Chronik der Hohepriester nicht in der Lage ist, das Gesetz zu interpretieren 363 . Von
Rad macht auf den Zusammenhang von "Bekehrung - Reform - Auffindung - Bund - Pas-
sah" aufmerksam und meint, der Chronist habe die Buchauffindung als "eine Anwort, ja ei-
ne Belohnung Jahwes auf das fromme Tun des Königs" verstanden3 ^ Sein Erklärungsmo-
dell nimmt die Struktur des chronistischen Textes auf und sucht die sichtbar werdende Neu-
konzeption mit dem Chronisten selbst eignenden Intentionen zu erklären. Mathias schließ-
lich sieht hinter dem eigenen Ort der Auffindung des Buches eine eigenständige Funktion.
Dem Buch(fund) kommt seiner Meinung nach die Aufgabe zu, die Rechtmäßigkeit der Pas-
safeier zu ermöglichen und zu gewährleisten36^.

4 . 7 . 4 . Zum Aufbau / Zuordnung

Nachdem die Grundzüge des Aufbaus der Perikope bereits festgehalten


wurden, ist hier vor allem die Frage ihrer Zuordnung zu thematisieren.
Dabei werden die benannten Brüche und Spannungen im Mittelpunkt ste-
hen, da sie Ausgangspunkt der verschiedendich gemachten Vorschläge sind,
Verse, Versteile oder kleinere Abschnitte dem Chronisten abzusprechen und
sie einem Bearbeiter oder mehreren späteren Händen zuzuweisen.
- Innerhalb des ersten Abschnittes der Perikope (V.8-13) wird die Infini-
tivkonstruktion von V.8a/3 gelegentlich als Glosse bezeichnet 3 6 6 , allerdings

360 H.-D.Hoffmann, Reform, 254 (im Anschluß an A.Bentzen, Reform, 24f).


Hoffmann bietet a.a.O., 256-258 einen ausfuhrlichen Nachweis, daß IIReg 23,4-24 "als
alleinige Grundlage" (a.a.O., 258) fur II 34,3-7 dient.
361 H.Spieckermann, Juda, 38.
362 Ebd. (Spieckermann folgt hierbei J.Wellhausen, Prolegomena6, 197f [vgl. oben, Teil
II, Kap.4]; die Nähe zu Wellhausen wird auch in seinem Urteil erkennbar, der Chron
habe die "Umwandlung des Berichts von dem entscheidenden Buchfund und den da-
durch ausgelösten Folgen in 2Kön 22f [...] nur unvollkommen zu realisieren vermocht"
[H.Spieckermann, Juda, 38]).
363 Vgl. dazu D.Mathias, Geschichte, 240, vor allem dessen Schlußfolgerung: "Es kann
also gar keine Rede davon sein, daß nach Ansicht des Chron unter den frommen
Königen das mosaische Gesetz alle Zeit in vollem Umfang in Geltung gestanden hätte."
(ebd.).
364 G.von Rad, Geschichtsbild, 14; vgl. auch J.Becker, 2Chronik, 116. Siehe in diesem
Zusammenhang auch P.R.Ackroyd, I&II Chronicles, 201: "The Chronicler is more
concerned with theological than with chronological order. It is purified land in which
the law will be found an a new order of worship be established."
365 Vgl. dazu D.Mathias, Geschichte, 239.
366 Vgl. I.Benzinger, KHC, 130: "von einem, der die Zeitbestimmung nicht verstand";
R.Kittel, HK, 173; E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 505.
254 Mose in der chronistischen Schilderung des Königreiches Juda

weist de Vries mit Recht auf den mit V.33b bestehenden Zusammenhang
hin 367 .
- Der Einschub von V.12aßb.l3 stört den Erzählablauf nicht unerheblich.
Curtis/Madsen wollen in ihm zwar "a characteristic addition of the Chron-
icler" erkennen 368 , überlegen jedoch gleichzeitig, ob in V.12b/3.13b/3 mit
Glossen zu rechnen ist 369 . Während von Rad nur V.12b explizit als 'gedan-
kenlosen Nachtrag' ausscheidet370, vertritt auch Willi die Überzeugung,
daß in V.12 "wohl nur die ersten vier Worte vom Chronisten" herrühren,
der Rest aber späterer Zusatz ist 371 .
- Die mit guten Gründen vorgenommene Ausscheidung von V.12aßb.l3
hat dabei Konsequenzen für die Zuordnung von V.14. Willi hält zwar fest,
daß der Vers vom Chronisten selbst stammt 372 und bringt damit einen Kon-
sens zum Ausdruck. Allerdings kann der Vers auch als erst aufgrund des
vorangegangenen Einschubes notwendig werdende "erzählende Bemerkung
über die Situation" 373 verstanden werden. Für die dann neu zu stellende
Frage der Zuordnung sind weitere Beobachtungen relevant, so die auffällige
Konstruktion des Verses mit Infinitiv bzw. Perfekt Qal im Gegenüber zum
sonst auf der Erzählebene verwendeten Imperfekt consecutivum, die bereits
oben festgehaltene Doppelung von 'Buch der Tora JHWHs durch die Hand
des Mose' und 'Buch der Tora' 3 7 4 und schließlich die zwischen V.14 und
V.15 im Blick auf Zeitpunkt und Ort des Buchfundes375 bzw. den Fin-
der 376 bestehenden Spannungen.

367 Vgl. SJ.de Vries, FOTL, 407; vgl. auch H.G.M.Williamson, NCBC, 400, der auf II
33,15f verweist.
368 E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 506; als ursprünglich chron bezeichnen den Zusatz
auch W.Rudolph, HAT, 322f; H.G.M.Williamson, NCBC, 400f.
369 Vgl. E.L.Curtis/A.A.Madsen, ICC, 507.
Siehe dazu bereits I.Benzinger, KHC, 131: "Man kann etwa sich denken, dass ein spä-
terer Musikfreund (nicht Chr selbst) durch eine Glosse v.13 die Ehrenämter der Auf-
sicht den Musikleviten überwies [...]. Dazu hätte dann eine noch jüngere Hand die
hochweise Bemerkung v.l3b geschrieben."; vgl. auch R.Kittel, HK, 173.
370 Vgl. G.von Rad, Geschichtsbild, 104; zustimmend SJ.de Vries, FOTL, 407.
371 Th.Willi, Chronik, 200. Vgl. schließlich noch K.Galling, ATD, 175: die Wendung
O'lVn [...] D'lpSH Dn'Vyi stammt vom 'ersten Chronisten'. "Diese ausreichende, aber
allzu knapp erscheinende Angabe vervollständigt der Chron**".
372 Vgl. Th.Willi, Chronik, 200.
373 I.Benzinger, KHC, 131; vgl. zu dieser 'Funktionsbeschreibung' auch E.L.Curtis/A.A.
Madsen, ICC, 508.
374 Vgl. oben, 4.7.3.
375 Vgl. W.Rudolph, HAT, 323.
376 Uber eine Beteiligung Hilkijas an der Geldtransaktion ist in II 34,9 - anders als in
IIReg 22,4 - nichts gesagt.
IlChr 34,8-21 255

Auch von der im vorangegangenen Abschnitt angestellten Überlegung


her, nach der die chronistische Erzählung vom Buchfund weniger eine Be-
lohnung für schon Vollbrachtes formulieren will, sondern in erster Linie
auf die durch den Gesetzesfund möglich gewordene "Erneuerung der Jah-
wereligion" mittels der Passafeier in IlChr 35 zielt 377 , ist eine neue Zu-
ordnung möglich. V.14 hat im Rahmen der Perikope keine konstitutive Be-
deutung. Die Josiaperikope ist auch ohne ihn plausibel und verständlich. Es
ist wahrscheinlich, daß der Vers auf eine spätere Hand zurückgeht.
- Zuletzt ist hier die Frage nach der Zuordnung der im Rahmen der auf-
fallig eng an der Vorlage orientierten Verse 15-21 stehenden Zusätze in
V.16b.21aoi zu stellen, die - wie ihr unmittelbarer Kontext - dem Chro-
nisten selbst zugeschrieben werden können. V.16 nämlich nimmt die Hand-
lung von IlChr 34,9-11 auf und setzt V.12*-14 nicht voraus. Die Erwei-
terung von V.21aa ist durch die sicher chronistische Notiz über die Aus-
dehnung des von Josias Kultreform betroffenen Gebietes in IlChr 34,6 378
bzw. das auch sonst beim Chronisten selbst begegnende Israelverständnis
bedingt.
Die folgende Analyse der (Leit)Worte der Perikope wird auf die vorge-
nommene Ausscheidung von Zusätzen einzugehen haben.

4.7.5. (Leit)Worte
Aus dem gegenüber der Vorlage modifizierten bzw. erweiterten Wortge-
brauch in V.8 ist zunächst der Infinitiv Piel "ΙΠϋ1? zu nennen. Das Verb be-
zeichnet hier "die Reinigung von fremdem Unwesen" 379 und erscheint so
im für die Chronikbücher 'typischen' Zusammenhang380. Es fällt auf, daß
das in der Chronik relativ selten gebrauchte Verb nicht aus der Vorlage
übernommen ist, sondern ausschließlich im Sondergut erscheint 381 .
Das den königlichen Auftrag bezeichnende pTnV mit dem Objekt Tempel
(V.8.10) stand bereits in IlChr 24, 5.12 im Rahmen eines Kultreformbe-
richtes382 und damit ebenfalls im Zusammenhang mit einer positiv beurteil-
ten Regierungsphase383.

377 Vgl. D.Mathias, Geschichte, 239ff.


378 Vgl. dazu G.von Rad, Geschichtsbild, 33.
379 F.Maass, Art.: ΊΠΒ, 649. In II 30,18 war ΊΠΒ Hitp. dagegen auf die rituelle Reini-
gung von Menschen bezogen.
380 Siehe noch II 29,15f.l8; 34,3.5.
381 Vgl. zu II 34,3.5 den Hinweis Ringgrens: "Der Paralleltext 2 Kön 23 gebraucht dage-
gen das Verbum timme' 'verunreinigen' ( w . 8.10.13)" (H.Ringgren, Art.: ΊΠΒ, 312).
382 Dort ist das Verb in beiden Fällen aus der Vorlage übernommen (vgl. oben, S.213).
256 Mose in der chronistischen Schilderung des K