Sie sind auf Seite 1von 314

%UQV(ONH

1DFKGHP0DXHUIDOOHLQH/LWHUDWXUJHVFKLFKWHGHU(QWJUHQ]XQJ

3DGHUERUQ
39$
XUQQEQGHEYEEVE

'LH3')'DWHLNDQQHOHNWURQLVFKGXUFKVXFKWZHUGHQ
Elke Brüns

Nach dem Mauerfall


Eine Literaturgeschichte der Entgrenzung

Wilhelm Fink Verlag


Gefördert durch das Berliner Programm zur Förderung der Chancengleichheit für Frauen
in Forschung und Lehre und die FAZIT-Stiftung, Frankfurt am Main.
Gedruckt mit Hilfe der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung
für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein und
der Johanna und Fritz Buch Gedächtnis-Stiftung, Hamburg.

Umschlagabbildung:
1
Heiko Burkhardt, Lilano.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National-


bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-ub.de abrufbar.

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der
Übersetzung, votbehalten. Dies betrifft auch die Vervielfältigung und Übertragung einzelner
Textabschnitte, Zeichnungen oder Bilder durch alle Verfahren wie Speicherung und Übertragung
auf Papier, Transparente, Filme, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht
§§ 53 und 54 URG ausdrücklich gestatten.

© 2006 Wilhelm Fink Verlag, München


(Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags-KG, Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn)

Internet: www.fink.de

Einbandgestaltung: Evelyn Ziegler, München


Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Paderborn

ISBN 13: 978-3-7705-4337-3


ISBN 10: 3-7705-4337-8

Bayerische
Staatsbibliothek
München
(06 M
DANKSAGUNG

Das vorliegende Buch lag der Philosophischen Fakultät der Ernst-Moritz-Amdt-


Universität im Januar 2004 als Habilitationsschrift vor. Betreut wurde sie von
Walter Erhart, dem ich für Anregungen, Kritik und Zuspruch danke. Seiner ge-
duldigen Anteilnahme auch an den schwierigen Momenten des Schreibprozesses
verdankt die Arbeit viel. Die Gutachten erstellten Anke Bennholdt-Thomsen und
Hans-Jörg Knobloch. Auch ihnen sei sehr herzlich gedankt.
Mein besonderer Dank gilt darüber hinaus auch dem Berliner Programm
zur Förderung der Chancengleichheit fiir Frauen in Forschung und Lehre und der
FAZIT-Stiftung, die die Arbeit durch Stipendien gefördert haben, sowie der Ge-
schwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften und der Johanna
und Fritz Buch Gedächtnis-Stiftung, die durch großzügige Druckkostenzuschüsse
die Publikation des Buches ermöglichten.
Urte Helduser und Heide Reinhäckel haben das Manuskript gelesen und
kommentiert. Damit halfen sie auf freundschaftliche Weise noch einmal man-
chem Gedanken auf die Sprünge. Pur Rat und Tat in allen Lebenslagen danke
ich außerdem Birgit Kolboske, Elisabetta Gaddoni, Britta-Juliane Kruse, Ulrike
Vedder, Corinna Heipcke, Tino van Buuren, Ali Doukkali, Wolf Bielstein und
vor allem Werner Walczak. Gisela und Gert Brüns danke ich für ihre Unterstüt-
zung, mit der sie diese Arbeit begleitet haben.
Last but not least danke ich Andreas Knop vom Wilhelm Fink Verlag für die
freundliche Begleitung auf dem Weg vom Text zum Buch.
INHALT

EINLEITUNG 9

I. ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989 31


1. Repräsentativität und Alterität 31
2. Gründungsmythen und Gewalt 43
3. Der Stadtkörper als historischer Transitraum 53

IL 1989: REVOLUTION? 65

1. VorBilder 65
2. Medien - TeleVisionen 75
3. Medien - Phantome 81
4. Deckerinnerungen 88
5. Narrative 96
6. Archive 105
7. Der groteske Körper 114

III. JULI 1990: N E U E ZEIT, NEUES GELD 123

1. Unterwegs im Niemandsland 123


2. Emigrieren 130
3. Geldkörper im Terrain Vague der Geschichte 135
4. Exodus 144

IV. 1990: D I E IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT 151

1. Body Politics - Die deutsche Wunde 155


2. Family Values - Der nationale Familienroman 174
3. Engendering History- Die exotische Barbarin 189

V. l989-2000ff. ENTORTUNGEN/VERORTUNGEN 205


1. Desymbolisierung, Alterität, Gewalt 205
2. Das Verworfene 220
3. Erinnerungsräume 233
8 INHALT

VI. AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER, NATION 245

SIGLEN DER ZITIERTEN TEXTE 263

PRIMÄRLITERATUR/INTERVIEWS/FILME 265

FORSCHUNGSLITERATUR 272

REGISTER 308
EINLEITUNG

Das ist doch nicht wahr, sagte sie, das ist einfach nicht wahr, die haben die
Mauer aufgemacht, einfach so. [...] [Da] hat irgendeiner in einer Pressekonfe-
renz so einen Beschluß verlesen, den keiner verstanden hat, und daraufhin sind
alle zu den Grenzen gerannt. Da war wohl nichts zu machen, weil das so viele
waren, und jetzt kontrolliert keiner mehr was, da wird nur noch gefeiert und
geheult, und alle liegen sich in den Armen. (R, 206)
Als sich mit der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 die längst
totgesagte Geschichte höchst lebendig zurückmeldete, traf sie auf entsprechend
unvorbereitete Zeitgenossen. Plötzlich war da Geschichte - aber was genau war
geschehen? Angesichts der Prophezeiung Erich Honeckers am 19. Januar 1989,
derzufolge der antifaschistische Schutzwall' noch in fünfzig oder hundert Jahren
bestehen würde, schienen die Ereignisse ein halbes Jahr später unfaßbar und sich
der rationalen Beschreibung zu entziehen. Kaum erstaunlich also, daß ein Begriff
des psychischen Ausnahmezustands zum Wort des Jahres 1989 avancierte:
,Wahnsinn'. Mit dem Beitritt der D D R zur BRD am 3. Oktober 1990 endete
dann wiederum nur kurze Zeit später die Existenz eines Staates, der gerade eben
noch seinen vierzigsten Jahrestag gefeiert hatte.
Die anfängliche Euphorie über die „unerhörte Begebenheit" (Wolf Lepenies)
führte indes bald zu massiven Irritationen im kollektiven Psychohaushalt, deren
Ende nicht abzusehen ist: Wir haben ein Berührungstabu (Margarete Mitscher-
lich/Brigitte Burmeister), Wendestreß (Michael Schmitz), Vereinigungskrise (Jür-
gen Kocka), Kulturschock Deutschland (Wolf Wagner) - so lauteten die ersten
alarmierenden Befunde. Zur Stimmung der 90er Jahre gehörte auch das An-

1 Honeckers berühmte Äußerung findet sich bei Lindner 1998: 22. In der BRD wurde zwar am
grundgesetzlich verankerten Vereinigungsgebot festgehalten, tealpolitisch schien die Aufhebung
der Teilung Deutschlands allerdings sehr fern. Dies zeigt exemplarisch die Aussage Theo Som-
mers in Die Zeit \om 22. September 1989, in der er „die Wiedervereinigung" auf der „hintersren
Herdplatte der Weltpolitik" (zit. n. Jäger/Villinger 1997: 30) stehen sah.
2 Vgl. Bracher 1995: 28.
3 Der europäische Rahmen kann hier nicht berücksichtigt werden. Vgl. dazu Garton Ash 1990.
Zum weltpolitischen Kontext der Vereinigung vgl. von Plato 2003.
4 Vgl. Mitscherlich/Burmeister 1991, Kocka 1995, M. Schmitz 1995, W. Wagner 1996. Mit-
scherlichs Gespräch mit der Ostberliner Wissenschaftlerin Irene Runge (1993) unter dem Titel
Kulturschock: Umgang mit Deutschen knüpft an den Band Wir haben ein Berührungstabu (1991)
an, det ein Gespräch Mitscherlichs mit der Autorin Brigitte Burmeister dokumentiert.
10 EINLEITUNG

wachsen der Xenophobie bis hin zur T ö t u n g von Menschen. Jürgen Schröder be-
schrieb 1994 die Lage in drastischen Worten:
Die Wiedervereinigung des geteilten Landes hat ja paradoxer- aber typischerweise
keinen Zuwachs an nationaler Identität, sondern ihre akute Verstörung mit sich ge-
bracht. Wir alle erleben sie täglich, praktisch und theoretisch. Jede Woche erscheint
ein Buch über das .deutsche Problem', mit jeder Woche kompliziert sich das Ver-
hältnis zwischen Westdeutschen und Ostdeutschen, jede Woche bringt neue Unta-
ten des lange totgeglaubten ,häßlichen Deutschen'. Mit einem Wort: wir sind schon
wieder dabei, uns selbst und das Ausland das Fürchten zu lehren.

Bestimmten in den ersten Jahren nach der Vereinigung" zunehmend Vorurteile


und Aggressionen zwischen Ost und West die öffentlichen Diskussionen, so geht
es mittlerweile weniger laut, ja geradezu verdächtig leise zu. 2002 konstatiert
Alexander Thumfart in seinem Standardwerk Die politische Integration Ost-
deutschlands, daß „nach wie vor im deutschen Einigungsprozeß gravierende Pro-
bleme und anhaltende Konflikte bestehen".
Im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang hat die politisch-geographische
Entgrenzung zuvörderst zu neu-alten Grenzziehungen und damit anscheinend zu
ihrem eigenen Gegenteil geführt: „Nothing, it seems, divides people like unifica-
tion" , vermutete Terence James Reed bereits 1993. Hatte Peter Schneider 1982
in seinem Roman Der Mauerspringer prognostiziert, daß es länger dauern würde,
die Mauer in den Köpfen abzutragen als die reale abzubauen, so konstatiert Eber-
hard Roters noch 1997 anläßlich der Ausstellung Deutschlandbilder. Kunst aus ei-
nem geteilten Land eine „Krankheit" mit Namen „Deutsche Einheit" und fragt:
„Worum handelt es sich dabei: um Schizophrenie, um Spaltungsirrsinn?" Die
Psychopathologie auf ein Körperbild übertragend, diagnostiziert er eine „Nation
mit halbseitiger Lähmung".

5 J. Schröder 1994: 4. Vgl. auch Mayer-Iswandy (1994b: 17), die 1994 resümiert: „Die Nation al-
so im Sturm".
6 Der Begriff .Wiedervereinigung' wird hier nicht verwendet. Wehler zufolge (1997: 376) vollzog
sich 1990 „keine Wiedervereinigung, sondern ein neuer Staatsbildungsprozeß. Wenn man so
will, ist es - auch wenn mir der Begriff nicht besonders gefällt - eine neue Nationsbildung."
7 Unter dem Titel Das schweigende Land konstatiert Christoph Dieckmann ([1997] 1998b) im
Untertitel Ost und West driften wieder auseinander. Noch 1999 schreibt Lebert einen Artikel im
Tagesspiegelvom 20. Mai, in dem er das „Muster 1999" charakterisiert: Der Westen schweige mit
einer „Stille, die nach Verachtung klingt", der „Osten Deutschlands verkrampft sich, einer De-
pression ähnlich". Thumfart (2002: 716) resümiert eine jüngere Studie zum Bild Ostdeutsch-
lands im Fernsehen hingegen dahingehend, daß keine Ost-West-Feindbilder transportiert wer-
den, diese Vermeidung aber mit „kommunikativer Funkstille und Schweigen erkauft" ist: Das
Schweigen auf&am Bildschirm entspricht dem vordem Bildschirm.
8 Thumfart 2002: 82. Diesem Tatbestand wird der Wandel von der Transformations- zur Transi-
tionsforschung auch terminologisch gerecht. Vgl. auch die Beiträge zur .inneren Einheit' in Pin-
ken 1998 und die Analysen von Gaus 1998a unter dem bezeichnenden Titel Kein einig Vater-
land.
9 Reed 1993: 234. M. Schmitz (1995: 13) sieht Deutschland 1995 „tiefer gespalten als vor dem
Zusammenschluß".
10 Roters 1997: 18.
11 Roters 1997: 19.
EINLEITUNG 11

Nach 1990 wurden Differenzerfahrungen immer weniger als bloße Übergangs-


phänome einer im Grunde durch Sprache und Geschichte geeinten Nation, hin-
gegen zunehmend als kulturell bedingte verstanden: sei es im Vetständnis der
neuen Bundesländer als einer „ostdeutschen Teilkultur" (Dietrich Mühlberg)
oder im Bild des vereinigten Deutschland als „zwei Teilgesellschaften, zwei Kul-
turen" (Rolf Reißig). Jürgen Kocka revidierte seine optimistischen Nachwende-
Diagnosen, die eine schnelle Integration des Ostens in den Westen meinten, und
resümierte 1995: „Der Umbruch dauert an." ' Wolf Wagner sieht in den Stadien
der Vereinigung die Symptome des für Reisen typischen Kulturschocks wieder-
holt. Doch kann hier weniger das von Wagner zur Veranschaulichung gewählte
Modell des temporären Reisens als das der Migration oder des Exils als Vorbild
dienen, ist doch - vergleichbar der Selbstethnisierung in ftemdkultureller Um-
welt - nach der Vereinigung eine DDR-Identität in den neuen Bundesländern
entstanden, die es zu Zeiten der DDR selbst so nicht gegeben hat. Aber auch die
BRD-Identität hat sich durch die Vereinigung neu bestimmt - nicht zuletzt er-
fuhr sie einen Legitimationsschub. Auch wenn es viel weniger wahrgenommen,
geschweige denn zum Thema wurde: Tatsächlich ist nicht nur die DDR unterge-
gangen, sondern auch die alte BRD. Beide Staaten werden jetzt zum Gegen-
stand erinnernder Rekonstruktionen, in denen sie - etwa als ironische Nation oder
als heile Welt der Diktatur— notgedrungen eine Kompaktheit und Einheitlichkeit
gewinnen, die sie nicht nur in dieser Geschlossenheit wohl nie aufgewiesen ha-
ben, sondern die sich gerade auch der kontrastiv-nachträglichen Ortsbestimmung
verdankt. ' Es ist mithin ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen, bestimmen

12 Kocka 1995: 180.


13 Vgl. W. Wagner 1996. Auch Peter Bender (1997: 222) betont, daß „viele nach dem Fall der
Mauer in den Westen gingen, und das, was sie hier sahen, löste fast einen Kultutschock aus".
14 Vgl. Reißig (2001: 91f.) zur neuen Identität der Ostdeutschen nach 1990, die zum einen in der
Abgrenzung von Westdeutschen symbolisch konstruiert und inszeniert sei, zum anderen in ge-
lebter Erfahrung gründe. Die Transitionsforschung spricht entsprechend von unterschiedlichen
„Transitionsgestalten". Vgl. dazu Thumfart 2002: 655. Zur Post-DDR-Identität bei den Autoren
Wolfgang Hilbig, Ingo Schulze und Heinz Czechowski vgl. W. Schmitz 2000. Vgl. dazu auch
Günter Kunert (1997: 277f.).
15 Nur Harun Farocki antwortet beispielsweise auf die anläßlich der Unterzeichnung des Staats-
vertrages gestellte Frage in die tageszeitung vom 19. Mai 1990 (zit. n. Jäger/Villinger 1997: 140)
„Wird die DDR heute beerdigt?" als einziger von etlichen Prominenten, daß jetzt die BRD „un-
tergehe". Am 22. August 1990 macht sich Niklas Luhmann in der Frankfurter Allgemeinen Zei-
tung unter dem Titel Dabeisein und Dagegensein. Anregungen zu einem Nachruf auf die Bundes-
republik entsptechende Gedanken. Vgl. dazu Jäger/Villinger 1997: 164f. In der gleichen Zeitung
widerspricht Ernst Nolte am 5. September 1990: Er sieht die BRD als „Kernstaat", der nach der
Vereinigung erhalten bliebe. Vgl. dazu Jäger/Villinger 1997: 166. Zehn Jahre später wird deut-
lich, daß die „.Referenzgesellschaft' Bundesrepublik [...] selbst im Umbruch" begriffen ist, so
Reißig (2000: 106). Mittlerweile müsse der „Aufbau Ost als Nachbau West zum Umbau in Ost
und West" erfolgen (ebd.: 104).
16 So etwa Bude (1999: 7f.): „Im Moment des Abschieds ttitt schmerzlich ins Bewußtsein, was man
verloren hat. Die alte Bundesrepublik ist heute Gegenstand vielfältiger Liebeserklärungen. [...]
Noch fehlt ein Begriff für dieses Provisorium, das plötzlich Geschichte geworden ist. Untet dem
Begriff der ironischen Nation wird hier eine Antwort auf die Frage nach den Entstehungs-
gründen und der Formierungsgestalt der Bundesrepublik gegeben. Im Vergleich zur DDR wird
12 EINLEITUNG

zu wollen, welche Kulturen im vereinigten Deutschland aufeinanderprallen: Prä-


oder Post-Vereinigungskulturen oder ein dynamisches Gemisch aus beiden? Die
Transitionsforschung geht entsprechend davon aus, daß die Einigungsprozesse
auch weiterhin „ein ergebnisoffenes, relativ unbestimmbares und fortdauern-
des Geschehen" darstellen, in dem es „zu unerwarteten Eigenentwicklungen und
überraschenden institutionell-kulturellen Ausformungen kommen wird".
Der Untergang der D D R hat sich für die Wissenschaften als „forschungs-
pragmatischer Glücksfall" (Claus Offe) erwiesen, der einen entsprechenden „aca-
demic boom" (Konrad Jarausch) nach sich zog: So weist allein die Transforma-
tionsforschung, die es sich zur Aufgabe macht, den Wandel in den neuen Bun-
desländern zu analysieren, 1996 bereits 3000 Titel aus.' Exemplarisch sei hier
auch das DFG-Schwerpunktprogramm Sozialer und politischer Wandel im Zuge
der Integration der DDR-Gesellschaft genannt, in dem die Folgen der W e n d e in-
terdisziplinär von Historikern, Ethnologen, Politologen, Ökonomen, Juristen,
Psychologen und Soziologen untersucht wurden. Obwohl die Bibliographie zur
Literatur der deutschen Einheit von 1997 beeindruckende 250 Seiten und damit
doch einiges Forschungsmaterial aufweist, war die Literaturwissenschaft in diesem
Programm nicht vertreten. Die Frage ist, ob es an ihr selbst oder an ihrem Ge-
genstand liegt. So postulierte etwa Klaus-Michael Bogdal noch 1998 kurz und
bündig:

Deshalb möchte ich mich an der angestrengten Suche nach den .Spuren des Sturms
der Geschichte' in den nach 1989 geschriebenen Texten nicht beteiligen, sondern
behaupten, daß ohne die deutsche Vereinigung nahezu die gleichen Texte geschrie-
ben worden wären, die wir jetzt zu lesen bekommen.

Impliziert ist damit ein außergesellschaftliches und ahistorisches Bild der Litera-
tur, das allerdings eher etwas über das gegenwärtige Verhältnis der Literatur-
wissenschaft zur Zeitgeschichte aussagt als über ihren Gegenstand." Denn auch

deutlich, wie sich Ironie und Tragik der Deutschen in der Nachkriegszeit verteilt haben." Mit
dem gleichen Gestus - „Dies ist ein Buch des Abschieds." - setzt auch Wolle (1998: 13) ein, re-
flektiert den Konstruktionscharakter dann aber im Fortgang der Argumentation.
17 Thumfart 2002: 40.
18 Vgl. Fröhlich/Meinel/Riha 1996 und Reißig o.J.: 6. Zu den verschiedenen ideologischen Aus-
richtungen und theoretischen Ansätzen der Transformations- resp. Transitionsforschung vgl. die
ausführliche Darstellung bei Thumfart 2002. Vgl. auch Bude 1999: 57ff. und Reißig o.J.
19 Das Forschungsprogramm erfolgte über einen Zeitraum von sechs Jahren. Vgl. DFG 2000. An-
läßlich der Abschlußtagung 1999 tesümierte die DFG-Pressestelle (DFG 2000), die Vereinigung
„brachte nicht nur politisch die bedeutendste Wende der deutschen Nachkriegsgeschichte - auch
die psychologischen, sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen waren und sind enorm."
20 Bogdal 1998: 10. Demgegenüber konstatieren Costabile-Heming/Halverson/Foell (2001b: 3),
daß nicht nur Wissenschaftler, sondern auch „writers and filmmakers" am „process of change"
partizipiert hätten und fragen nach den Antworten, die sich in Texten und Filmen finden lassen.
21 Möglicherweise gibt es, wie Schirrmacher (1997: 340) mutmaßt, eine Tendenz zur „Eliminierung
des Ungewöhnlichen, Unvorhersehbaren" in der Forschung: „Das interessante (sie!) ist, daß -
und das war auch im Fernsehen genau zu beobachten - die Wissenschaften und auch die Gesell-
schaft, sofort dazu tendieren, das Ereignis in einen Prozeß und in Routine zu überführen und
zum Alltag und zur Gewöhnlichkeit zu machen."
EINLEITUNG 13

dort, wo sich die Literaturwissenschaft um Spurensuche bemüht, lautet das Er-


gebnis nicht selten: Im Westen nichts Neues, im Osten nur Altes." Hier zeigt
sich indes weniger das häufig unterstellte Versagen der neuesten Literatur - ihre
angebliche Unfähigkeit, auf Zeitgeschichte zu reagieren - als vielmehr das Unge-
nügen einer an dem Begriff der Innovation orientierten Literaturgeschichtsschrei-
bung, die eine Literatur des Umbruchs solchermaßen nicht erfassen kann." Die
Annahme, daß der politische Umbruch sich in einer neuen Ästhetik oder inno-
vativen literarischen Entwürfen zeigen müsse, schreibt der Literatur ein direktes
Abhängigkeitsverhältnis von der Zeitgeschichte zu, in der sich letztlich die Ab-
hängigkeit der Literaturwissenschaft von der Zeitgeschichtsschreibung wieder-
holt. Dies m u ß sich in einem Moment, in dem die (Zeit)Historiker selbst ein-
räumen, die Neuheit der historischen Ereignisse nicht mit etablierten wissen-
schaftlichen Kriterien bestimmen zu können, geradezu lähmend auf die literatur-
wissenschaftliche Forschung auswirken. So machte Gustav Seibt unter dem Titel
War da was? fünf Jahre nach der deutschen Vereinigung darauf aufmerksam, daß
der Wissenschaft für das Ereignishafte der Revolution von 1989 keine Kategorien
zur Verfügung stehen. Sie könne deshalb dem Besonderen, dem Außergewöhn-
lichen und dem Symbolischen nicht Rechnung tragen. Hans-Ulrich Wehler
resümiert die Problematik der historiographischen Deutung aus der Sicht des Hi-
storikers:

Die Debatten sind durch ein Dilemma geprägt, weil wir hier soziale und politische
Prozesse erleben, für die wir keine genauen Begrifflichkeiten haben. [...] Wir sto-
chern also noch im Nebel, und wie die Begrifflichkeit für die dramatischen Umwäl-
zungen eines Tages aussehen wird, ist unklar.

Wenn sich für die einzelnen Disziplinen - so das Resümee des Forschungsüber-
blicks von Herberg/Steffens/Tellenbach - die Beurteilung der Ereignisse von
1989 zuspitzt zu der Frage: „Waren sie revolutionär oder waren sie nicht-
revolutionät?","' so ist damit allerdings nur die Spitze des Eisberges fachwissen-

22 Die Literatur hat Barner (1994c: 936) zufolge zwar auf die veränderten Gegebenheiten reagiert,
aber noch „keine innovativen literarischen Würfe" hervorgebracht. Emmerich (vgl. 1997: 498ff.)
konstatiett in der Aktualisietung seines Standardwerkes zur DDR-Literatur von 1996 vorrangig
.Ostalgie' seitens der DDR-Autoren, die aber ihren Platz in der Vielfalt der im Westen entwi-
ckelten postmodernen Schreibweisen finden könne. Eine kritische Auseinandersetzung mit bei-
den Studien unternimmt H. P. Herrmann 1998. Bremer (2002) erstellt hingegen eine differen-
zierte Analyse unter dem Aspekt der Generationszugehörigkeit.
23 Tatsächlich handelt es sich nicht allein um eine Frage der Gegenstandsbestimmung, sondern
auch des Selbsrverständnisses der verschiedenen Disziplinen. Vgl. dazu für die Politikwissenschaft
Leggewie 1994 sowie Thumfart 2002. für die Geschichtswissenschaft Kocka 1995, füt die Sozio-
logie Bude 1999.
24 Vgl. die Paraphrase des hier aufgrund der fehlenden Angabe des Erscheinungsortes ungeprüften
Artikels in: Jäger/Villinger 1997: 263.
25 Wehler 1997: 378. Zum gleichen Resultat kommen Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 1 lf.) in
ihrem Forschungsüberblick.
26 Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 12). Entsprechend herrscht auch Unklatheit in der Ver-
mittlung und terminologischen Bezeichnung des Mauerfalls und seiner Vorgeschichte, wie C.
14 EINLEITUNG

schaftlicher Diskussion berührt. Jenseits dessen stellt sich für die Geschichts-
wissenschaft ein grundlegendes methodisches Problem: die Frage nach der Be-
deutung des Ereignisses gegenüber der Struktur. Das „Stichwort 1989"" bietet
den Anlaß, die Forderung nach einer ,Rückkehr des Ereignisses' in der Sozialge-
schichte nun vehement zu erheben, nachdem diese Kategorie jahrzehntelang zu-
gunsten struktureller Prozesse vernachlässigt worden war. Eine Neubegrün-
dung der Ereignisgeschichte impliziert für die Sozialwissenschaften zweifelsohne
eine neue Bewertung menschlicher Subjektivität und Handlungsspielräume und
ebenso eine Hinwendung zur Erzählung - schon 1973 hatte Reinhart Koselleck
darauf verwiesen, daß sich die „Darstellung von Strukturen mehr der Beschrei-
bung", „die der Ereignisse mehr der Erzählung"" nähert. Nicht nur das .Stich-
wort 1989' hat methodologische Konsequenzen, auch das Stichwort 1990 - die
Vereinigung - hat zu neuen und weitreichenden Fotschungsimpulsen namentlich
in der Forschung zu Nation und Natiogenese geführt. Diese Tendenz hat Klaus
Naumann als „selbstgenügsame Nationalhistotie" der Deutschen kritisiert, die ei-
ne der Gegenwart angemessene Zeitgeschichtsschreibung verhindere. Demgegen-
über habe der kulturhistorische Zugriff der amerikanischen Forschung auf Zeit-
dokumente - der auch die Populärkultut zum Sprechen bringe - gezeigt, daß
und wie „Zeitgeschichte zur politischen Diagnose der Gegenwart beitragen
kann". Die amerikanischen Studien, fokussiert auf Brüche, Spannungen und
Kontingenzen, stünden der deutschen ,Nationalgemütlichkeit' entgegen.
Für die Literaturwissenschaft stellen sich - wo sie sich mit der Zeitgeschichte
befaßt - entsptechende Probleme. Zwar seien, so Wilfried Barner 1994 im Vor-
wort zur Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart, die lange
vorherrschenden Berührungsängste der Literaturwissenschaft gegenüber zeitge-
nössischen Werken abgebaut, die Problematik liege im Übergang zwischen dem
bereits Geschichte Gewordenen und dem, was noch zur Gegenwart gehört. In
Deutschland hat sich als Arbeitsteilung die Trennung von Literaturwissenschaft
und Literaturkritik etabliert, „die eine zuständig für das in .historischer Distanz'
Befindliche, die andere für das Aktuelle". Damit ist die Diagnose gestellt, daß
sich die Literaturwissenschaft erst im sicheren Hafen der historischen Distanz,

Schröder 1994 in seiner Untersuchung Die Darstellung der friedlichen Revolution in der DDR im
Schulbuch konstatiert.
27 Suter/Hettling2001b:7.
28 Vgl. das instruktive Sondetheft Struktur und Ereignis (Suter/Hettling 2001). Vgl. konkret in be-
zug auf den Herbst 1989 in der DDR und die deutsch-deutsche Vereinigung Maier (1997:
22ff), der als erster Historiker Struktur und Ereignis zusammenführt.
29 Koselleck 1973:563.
30 Wie Manfred Schneider begründet auch Scheuer (1993: Klappentext) die zeitgeschichtliche Si-
tuation als Motiv einer Revision wissenschaftlicher Gewißheiten: Schien der Nationalismus in
Europa bislang ein Phänomen des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, so fordere die Vereini-
gung Deutschlands zu einer Neubestimmung „unserer Positionen" auf.
31 Naumann 2001.
32 Barner 1994b: XVII. Dabei verlaufe die zunehmende Grenzüberschreitung zwischen beiden Be-
reichen ohne begleitende Diskussion.
EINLEITUNG IS

vom Höhenkamm der kanonisierten Literaturgeschichte, und/oder im Rekurs auf


bereits historiographisch Erfaßtes ihrem Gegenstand zuwenden kann. Daß es ei-
nen der .Zeitgeschichte' analogen Begriff der ,Zeitlitetatur' nicht gibt, mag, wie
Barner schreibt, ein Oberflächenphänomen sein, schwerer wiegt die von ihm
konstatierte Tatsache, daß die Kategorien der Epochenkonstruktion Gegen-
wartsliteratur' - etwa Beginn und Ende der .Nachkriegsliteratur' - „wesentlich
der politischen Geschichte, der .Zeitgeschichte'" entstammen. Indem die Lite-
raturwissenschaft damit historiographischen Vorgaben folgt, spricht sie ihrem Ge-
genstand, der Literatur, implizit ein eigenes geschichtsbildenes Potential ab. So
verstellt etwa der Blick auf markante Zäsuren der Zeitgeschichte die Tatsache,
daß nicht nur Mauerfall und Vereinigung zum literarischen Gegenstand wurden,
sondern auch einige, für die sogenannte ,Wendeliteratur' zentrale Texte ihren
Ausgang in der Währungsunion von 1990 nehmen.
Das Schweigen der Literaturwissenschaft zu zeitgenössischen Texten ist des-
halb nicht allein, wie es zunächst scheinen könnte, der zeitlichen Nähe zu ihrem
Gegenstand geschuldet. Zwar habe, so Walter Erhart und Dirk Niefanger in ihrer
Einleitung zu Wendezeiten, die Literaturwissenschaft seit je untersucht, daß und
wie Literatur auf gesellschaftliche Umbrüche reagiert, kaum aber nach „den spe-
zifischen Wechselbeziehungen gefragt [...], die Gesellschaft und Literatur an solch
entscheidenden, im Wortsinn .kritischen' Wendepunkten miteinander einge-
hen". Angezeigt ist damit das Fehlen eines Beschreibungsmodells, das Literatur
als konstitutives Moment der Deutung und damit möglicherweise überhaupt erst
der Hervorbringung bzw. Bewußtwerdung von Umbruchserfahrungen erfaßt.
Für die literarische Genese geschichtlicher Bedeutung läßt sich mit Goethes
Campagne in Frankreich auf ein prominentes Beispiel verweisen. ^ Seine Behaup-
tung, die Kanonade bei Valmy habe eine neue Epoche der Weltgeschichte einge-
läutet, machte nicht nur als bildungsbürgerliches und literarhistorisches Zitat,
sondern auch als Geschichtsschreibung Karriere: Seine Schilderung des Frank-
reichfeldzuges von 1792 galt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als zuverlässige
Darstellung historischer Vorgänge und die Kanonade bei Valmy entsprechend als
welthistorisches Ereignis. Goethes Campagne zeigt paradigmatisch, wie ein hi-
storischer Umbruch literarisch erzeugt wird, ohne daß dem historischen Gesche-
hen eine solche Bedeutung zugekommen wäre: Die Kanonade bei Valmy, resü-
miert Thomas S. Saine doppeldeutig, war welthistorisch bedeutsam, „weil Goethe
dabei war". Liegt hier eine Rezeptionsgeschichte vor, die die geschichtsbildende
Dimension der Literatur dokumentiert, so ist andererseits im Anschluß an Hay-
den Whites methodologische Revision historiographischer Verfahren deutlich
geworden, in welchem Maße Geschichtsschreibung narrativen Mustern folgt, die

33 Barner 1994b: XVI.


34 Erhart/Niefanger 1997b: 1
35 Vgl. Borst 1974.
36 Vgl. Borst 1974.
37 Saine 1984:539.
16 EINLEITUNG

sie ästhetischen Verfahren vergleichbar macht. Nicht nur die Textualität der Ge-
schichte - ihre grundsätzliche sprachliche Vermitteltheit -, auch die Er-
zählstrukturen selbst rücken damit ins Zentrum historiographietheoretischer Dis-
kussion. Die Debatte um das Verhältnis von Klio und Kalliope - so der Titel eines
Buches von Paul Michael Lützeler - dauert an. Ohne ineinander aufzugehen,
bestehe doch, so Daniel Fulda, ein Feld von Interferenzen zwischen Historie und
Dichtung. Vollzieht sich, wie Fulda zeigt, die Entstehung det modernen deut-
schen Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert als Asthetisierungsprozeß, der
sich wesentlich der Aneignung nachaufklärerischer Poetiken verdankt, so stellt
sich umgekehrt - und beispielhaft steht hier die Kanonaden-Episode - die Frage,
wie Literatur zur Konstruktion historischer Wirklichkeit beiträgt, inwieweit sie
als Verfahren der Sinnkonstituierung geschichtsbildend wirkt. Indem die Litera-
turwissenschaft den .geschichtsmächtigen' Aspekt ihres Gegenstandes übersieht,
schlägt sie nicht nur den von Julia Kormann konstatierten ,Pakt der Zeitge-
nossenschaft' aus, den die Literatur nach 1989 ihrer Leserschaft anbietet," sie
ignoriert auch ihre eigene historiographische Deutungsmacht.
Tatsächlich beteiligt sich auch die Literaturwissenschaft, wo sie sich auf die
jüngste deutsche Geschichte bezieht, nolens volens an der Konstruktion von Ein-
heitsmythen bzw. -differenzen. So sieht Wehdeking in seinem ersten größeren
Überblick von 1995 die ost- und westdeutsche Literatur seit 1989 in einem
fruchtbaren Dialog einander näher rücken. Damit findet ein teleologisches Kon-
strukt seine Vollendung, das sich dem Rekurs auf eine alle Differenzen und
Grenzen überwindende Kulturnation verdankt: Entsprechend sieht Wehdeking
die Literaturen der DDR und der BRD schon seit 1980 in einer „kulturellen
Wiederannäherung" begriffen. Reduziert sich bei genauerer Sicht das von Weh-
deking postulierte aktuelle gemeinsame literarische Feld auf das gemeinsame
Thema mancher Texte - eben die Wende - , so ist grundlegender der Einwand,
daß seine teleologische Perspektivierung im Dienst einer Abwehr von Fremd-

38 Vgl. Lützeler 1997.


39 Vgl. Baßler 1995.
40 Mittlerweile hat sich in den USA die Historical Society als Gegenbewegung zu den von White
ausgehenden Tendenzen gegründet. Prominentes Gründungsmitglied ist der Wirtschaftshistori-
ker Gerald D. Feldman, Direktor des Center for German and European Studies det Universität
Berkeley. Seitens der Literaturwissenschaft betont insbesondere Lützelet (1997) die fundamen-
talen Differenzen zwischen Literatur und Geschichtsschreibung.
41 Fulda 1996. Zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Fiktion vgl. auch den instruktiven
Band von Eggert/Profitlich/Scherpe 1990.
42 Vgl. Kormann 1999. Programmatisch hingegen J. Schröder (1994: 6): Die „verworrene und pre-
käre Situation" habe ihn zur Relektüre der Geschichtsdramen geführt, sein Motiv sei entspre-
chend „nicht primär gattungsgeschichtlich und ästhetisch [...], sondern historisch-politisch und
erkenntniskritisch". In diesem Kontext sind vor allem die Studien von Erhart/Niefanger 1997a
sowie von Katthage/Schmidt 1997 zu nennen. An umfassenderen Untersuchungen liegen vor:
Wehdeking 1995, Stenger 1997, Welzel 1998, Kormann 1999, Germer 1998, Bremer 2002. Im
Gegensatz zu den Studien Kormanns, Germers und Bremers sind diejenigen Wehdekings und
vor allem Wenzels wissenschaftlich kaum verwertbar.
43 Wehdeking 1995: 16f.
EINLEITUNG 17

heitserfahrungen steht und damit genau zu der vorschnellen Hege- und Harmo-
nisierung wird, gegen die diese vor allem in den ersten Jahren nach der Vereini-
gung gerade anschrieb. Dieser Tendenz folgt auch Wehdekings nachfolgende
Publikation Mentalitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit, die ange-
sichts der nun doch unübersehbar gewordenen Dissonanzen zwischen Ost und
West immerhin „Skepsis gegenüber baldigem Zusammenwachsen" konstatiert.
Der titelgebende Mentalitätswandel, den Wehdeking allerdings auch „nur unter
vorsichtigen Einschränkungen" ' gelten lassen will, bezieht sich zuvörderst auf die
von ihm im Vorläuferband postulierte systemübergreifende Arbeit an einer be-
reits in den Achtzigern entstehenden nationalen Einheitsliteratur, die im verein-
ten Deutschland ihre Fortsetzung gefunden habe. Zwar konstatiert auch Wolf-
gang Emmerich, ausgewiesener Spezialist der DDR-Literatur, eine Annäherung
der beiden deutschen Literaturen vor 1989, er betont aber auch, daß es nach
1990 zu einem „regelrechten Zusammenstoß der beiden Literaturen" gekommen
sei, die gezeigt habe, „was man von der Literatut des je anderen Landesteils hielt:
nämlich wenig". Vom Wunschbild ««fr Literatur gälte es sich im übrigen schon
im Hinblick auf die vielfältigen Schreibweisen der Gegenwart zu verabschieden.
Schrieb Wehdeking der Wende als dem Themenfeld der vereinten Literaturen
Ost und West nachgerade Vereinigungsqualitäten zu, so wird der produktions-
ästhetische Konnex .Wende und Literatur' in der Forschung zwar unterschiedlich
gewertet, tendenziell aber - sei es im Zeichen der Trauerarbeit (Julia Kormann),
der Melancholie (Wolfgang Emmerich) oder des Utopieverlustes (Klaus Welzel)
— zum Korpus einer genuin ostdeutschen und darüber hinaus vergangenheits-
orientierten Literatur konstruiert. Der 7Vx/+Arm^-Sonderband DDR-Li-
teratur der neunziger Jahre transportiert dieses Konstrukt schon im (amüsanten)
Titel. In der Gesamttendenz wird implizit das Bild einer nur den Osten betref-
fenden Veränderung bestätigt, wobei insbesondere die Festschreibung des Trau-

44 Vgl. dazu Pinkert 1996, 2001, 2003.


45 Wehdeking 2000b: 8.
46 Wehdeking 2000b: 8.
47 Emmerich 1997: 523.
48 Demgegenüber betont von Bormann (1998) das Lachen als einen Modus der Verarbeitung in der
,Wendeliteratut'. Geisenhanslüke (2000) stellt im Rahmen der These einer DDR-Literatur der
90er Jahre die Frage, ob der von Emmerich konstatierte „Furor melancholicus" der Ost-Autoren,
der sich als Deutungsmuster etablierte, nicht eher derjenige der Kritiker sei, die ihren Gegenstand
verloren hätten.
49 Dabei biete, so Meyer-Gosau (2000: 9) die .Ostalgie' kein „tragfähiges Entstehungs- und Deu-
tungserfahrungsmuster der Nach-DDR-Literarur" mehr, vielmehr beruhe diese Literatur auf
„von westdeutschen Autoren so nicht zu imaginierenden Bruch-Erfahrungen" (ebd.: 11). Zu ei-
ner Neubewertung kommt auch Radisch (2000: 25f), die zwei Richtungen ausmacht: „Im We-
sten dominieft der Beschreibungsfetischismus, der Kult des Hier und Jetzt, das Dogma des Refle-
xionsverbots, der Mix geborgter Töne. Im Osten gibt es eine poetische, tragische, im besten Sin-
ne politische Literatur, die nicht Stellung bezieht, aber durch ihre machtvolle Bergwerkarbeit (...)
deutsche Wirklichkeit decouviert, dekonstruiert, destabilisiert - mit einem Wort literarisch
kommentiert." Vgl. auch Radisch 2001. Eine Auseinandersetzung mit Radischs These unter-
nimmt Knobloch (2003). Es ginge weniger um eine Post-DDR-Literatur, vielmehr werde „die
deutsche Literatur zur Zeit auf kleine Welt getrimmt" (ebd.: 25).
18 EINLEITUNG

eraffektes auf den Untergang der D D R den Verlust eben auch der alten BRD
und des alten West-Berlins leugnet.
Die vorliegende Studie will demgegenüber das Wechselverhältnis von U m -
bruchserfahrungen und Literatur erkunden. 1 In kultursemiotischer Perspektive
erscheinen Texte im bekannten Begriff Stephen Greenblatts als .Netzwerke von
Verhandlungen', als Szenarien, die durch das Zirkulieren sozialer Energien be-
stimmt sind und als solche zu anderen Diskursen und Ritualen der Zeit in Ver-
bindungen stehen. Wie stark diese Austauschverhältnisse nach 1989/90 sind,
zeigt sich nicht nur in der engen Korrespondenz von fiktionalen und nicht-
fiktionalen Texten etwa in den Werken Christa Wolfs, Günter Grass' und Martin
Walsers oder auch in den um diese Autoren zentrierten Literaturdebatten. Auch
die zeitgenössischen Texte selbst, so Kormann in ihrer Studie Literatur und Wen-
de, weisen in der Aufarbeitung des Vergangenen Spuren einer Störung durch das
allgegenwärtige ,Medienspektakel' auf. Die noch während der Trauer um das
verlorene Objekt D D R einsetzenden Enthüllungen über dessen .wahren' Cha-
rakter habe den Ablösevorgang beeinflußt. Kormann setzt hier die zum Korpus
,Wendeliteratur' konstruierte Trauerarbeit ostdeutscher Autoren und das Bild ei-
ner heillos lauten und oberflächlichen Medienwelt einander gegenüber, während
sich in der .Wendeliteratur' paradigmatisch gerade das Gegenteil, nämlich die
Entgrenzung auch der medialen Realitäten, zeigt. Timothy Garton Ash, der als
Historiker die osteuropäischen Umbrüche und Revolutionen häufig als Augen-
zeuge verfolgte, postuliert, daß die „Bedeutung des Fernsehens [...] gar nicht hoch
genug eingeschätzt werden" könne und daß entsprechend zukünftige Wissen-
schaftler, die die Ereignisse von 1989 erforschen wollen, „mindestens so viel Zeit
in Fernseharchiven verbringen müssen wie in Bibliotheken." Ist das historische
Geschehen als ,Tele'- oder .Fernseh-Revolution' selbst schon primär ein medien-
gesteuertes und medial vermitteltes, stellt sich die Frage nach dem Zirkulieren
nicht nur gesellschaftlicher Energien, sondern auch der Zeichenströme neu. So
erweist sich der Komplex von ,Literatur und Wende' als intermediales For-
schungsfeld.
In diesen Diskussionen um die Literatur und in dieser selbst, d. h. in den ge-
sellschaftlichen Diskursen, die Literatur aufgreift und selbst wiederum speist,
wird der jeweilige Text zum Netzwerk von Verhandlungen, in denen eine Gesell-
schaft sich selbst als soziosymbolische Ordnung konstituiert. In actu können zur
Zeit die Wechselbeziehungen zwischen Literatur und Gesellschaft als kulturkon-
stitutive verfolgt werden, die eine Poetik der Kultur zumeist erst post festum als
soziale Energie wieder über die in die Texte eingegangenen Diskurse und Rituale
herauspräparieren kann. So wird in der Literatur nach 1989/90, wo sie sich auf
die zeitgeschichtlichen Ereignisse bezieht, nicht weniger verhandelt als der Status

50 Die Arbeit setzt deshalb auch keine verbindliche Geschichtsdarstellung voraus, sondern verfolgt -
auch anhand zeitgeschichtlicher Untersuchungen - die Deutungsmuster, die diese .erzeugen'.
51 Vgl. Greenblatt 1988.
52 Garton Ash 1990:348.
53 Vgl. Lindner 1998: 65f.
EINLEITUNG 19

einer Kulturgemeinschaft selbst. Zwar bilden kulturkonstitutive Alternats- bzw.


Identitätskonstruktionen seit über einem Jahrzehnt den Gegenstand der inter-
kulturellen Germanistik, sind die Konzepte der writing culture, des remapping,
der Hybridität spätestens seit der „anthropologischen/ethnologischen Wende"
(Doris Bachmann-Medick) für die kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwis-
senschaft zu Leitbegriffen avanciert, Anwendung finden diese aber trotz des Ver-
weises auf „kulturinterne Brüche und Fremdheiten" weiterhin ,nur' im Kontext
des nominell Fremden. Dabei zeigt schon ein kurzer Blick auf die Literatur nach
1989/90, daß die Bilder der Irritation und der Fremdheit bzw. des Beharrens und
des Bekannten sich gegenseitig logisch bedingen. Die Produktion und Wahr-
nehmung literarischer Fremdheitserfahrungen - die als ästhetische Deutung poli-
tischer Umbruchsprozesse erzeugte Genese intrakultureller Fremdheit — m u ß in-
des in ihrer kollektiven wie subjektkonstitutiven Dimension gleichermaßen Be-
deutung erlangen, setzt doch nach Kristeva die Akzeptanz von kulturell Fremden
die Annahme des Fremden im eigenen Ich, des - psychoanalytisch gesprochen -
Anderen im Ich' voraus. Angesichts massiver Fremdheitsdarstellungen seitens
ostdeutscher Autoren ist das Fehlen literarischer Alteritätserfahrungen auf west-
deutscher Seite mithin ebenso signifikant wie die mit Jakob Arjounis Magic
Hoffmann (1996) vorliegende Ausnahme.
D a ß hingegen die untergegangene D D R zunehmend den Status eines inneren
Auslands erhielt, - die im Jahr 2003 gesendeten ,Ostalgie'-Shows im Fernsehen
stellen als Phänomen der Eastploitation das vorläufige Ende dar - wird in Alltags-
phänomenen, etwa in der spezifischen Vermarktung von originalen und aus
westlicher Sicht .exotischen' Ost-Produkten, ebenso deutlich wie in literarischen
Chiffrierungen der D D R bzw. BRD in Bildern von Archaik und Zivilisation. So
spiegeln Monika Maron in Animal triste (1996) und Christa Wolf in Medea
(1996) die politischen Vereinigungsprozesse in Liebes- und Verlustgeschichten
zwischen kultivierten' West-Männern und den explizit in beiden Fällen als Bar-
barin' titulierten Ost-Frauen. Symptomatisch verschränken beide Texte Dekultu-
rierung, Sprachverlust und private Amnesie: Kann Zeitgeschichte nicht mehr in
einer „primären Historisierung" (Jacques Lacan) symbolisiert werden, wird sie
zum Trauma des Realen.
Entsprechend entpuppt sich die Reduktion literarischer Wende-Verarbeitun-
gen auf die allfällige Formel .Nostalgie' häufig als Abwehrhaltung, in der sich die
Idee einer für die alte BRD abgeschlossenen Vereinigungsphase widerspiegelt.
Die Behauptung einer letztlich unerschütterlichen BRD-Identität, die sich zwar
gemäß ihrer eigenen Logik weiterentwickelt, aber von der Vereinigung nicht tan-
giert ist, verschärft die als fremdkulturell gedeuteten Empfindungen zur Dimen-
sion eines Kulturbruchs: Aus der Exil-Erfahrung der Medea Christa Wolfs ist mit

54 Dieser Prozeß verläuft entsprechend auch als Kulturalisierung bestimmter Ereignisse, wie Thum-
fart (2002: 757) dies für die umstrittene Weimarer Ausstellung Aufstieg und Fall der Moderne (9.
Mai 1999 bis zum vorzeitigen Ende am 4. September 1999) paradigmatisch nachweist.
55 Bachmann-Medick 1996b: 9.
56 Vgl. Kristeva 1990.
20 EINLEITUNG

Christoph Heins Willenbrock (2000) 10 Jahre nach der Vereinigung der Gewalt-
einbruch des Anderen, Ausgegrenzten in eine anscheinend befriedete Nachwen-
de-Realität geworden. Wenn in Willenbrock die Gewalt aus Rußland importiert
ist - der Protagonist mordet mit der Waffe eines russischen Kunden -, so ist dies
ein schönes Beispiel für die von Slavoj Zizek beschriebene Verschiebung auf einer
die faktische Geographie überlagernden imaginären Landkarte, die permanent
Orte des gewalttätigen Anderen konstruiert. In diesen literarischen Bildern sind
Ent- und Ausgrenzung soweit vorangeschritten, daß sie als Einbruch desymboli-
sierter Gehalte nunmeht als chiffrierte Bilder des Verworfenen wiederkehren. Die
reale Gewalt der Waffe wird dem anscheinend völlig ,im Westen angekommenen'
Ex-DDR-Bürger von dem Fremden aus dem Osten in die Hand gespielt, der er
nicht länger sein will. Umgekehrt ließen sich auch zeitgleich ablaufende markante
Zäsuren innerhalb der Konstruktion gesellschaftlicher Realität als quasi halluzi-
natorische Form einer Wiederkehr des Verworfenen im Realen der Medienwirk-
lichkeit deuten: Mit der Show Big Brother, in der Menschen einige Monate lang
rund um die Uhr in einem Container eingepfercht von Kameras überwacht und
die Bilder live ausgestrahlt wurden, habe, so Friedrich Küppersbusch ironisch,
„der überschäumende Spätkapitalismus ein Stasiformat" geboren. Big Brother
kann aber auch mit Hans-Joachim Lenger als Signatur der Spaßgesellschaft der
90er Jahre und damit als Ausdruck einer subjekttheoretischen Entgrenzung jen-
seits des paternalen Gesetzes verstanden werden.' Die überwachte .Brüderhorde'
wäre dann ein überdeterminiertes Symptom, in dem sich regressive Tendenzen
und politisch verworfene Gehalte verbinden.
Die vorliegende Untersuchung will anhand ausgewähltet Texte die ästheti-
schen und symbolischen Dimensionen der jüngsten deutschen Geschichte be-
leuchten.' Angesichts der politischen, kulturellen und medialen Entgrenzungen
ist jeder Ansatz einer Gegenstandsbestimmung von .Literatur und Wende' von
vornherein durch seinen konstruktiven Gestus bestimmt. Konstruiert wird in die-
ser Arbeit ein Textkorpus, das sich nicht über einen Zeitraum - etwa im Sinne

57 Vgl. dazu die treffende Rezension von Seibt 2000. Bereits im Januar 1990 interpretierte Karl
Heinz Bohrer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung\orn 13. Januar 1990 (1990: 114) ein Inter-
view mit einem ostdeutschen Jugendlichen als „aufregendes Dokument dieser Tage über den Zu-
stand der machtgeschützten Idylle, die sich vor dem Einbruch des moralisch und psychisch maß-
losen Westens bis zur Psychose fürchtet".
58 Zizek 1999: 7f. Als ,Balkanisierung' beschreibt Zizek die .Tatsache', daß immer der Andere
schuld ist an der Gewalt und immer der gewalttätige Andere nicht mehr .Europa' ist, sondern der
.Balkan'. In Willenbrock zeigen sich in der geopolitischen Entgrenzung auch Phänomene einer
postnationalen Konstellation, wie sie in den globalization studies untersucht werden.
59 Küppersbusch 2000: 20.
60 Vgl. Lenger 2000.
61 Der Begriff der .Entgrenzung' wird hier explizit nicht definiert, da er sowohl politische, geogta-
phische als subjekttheoretische und textuelle Phänome resp. deren Zusammenhang beschreiben
soll. Zur Vieldeutigkeit des Begriffs .Grenze' vgl. Wokart 1995.
EINLEITUNG 21

.Die Literatur der 90er Jahre' - sondern über Zeitpunkte definiert.' Suggeriert
die Verortung in einem Kontinuum schnell eine wie auch immer geartete ästheti-
sche Homologie - und sei es nur die der gemeinsamen Tendenzen - , so verweist
bereits der populäre Terminus ,Wendeliteratur' auf das Moment der historischen
Diskontinuität als seinen produktionsästhetischen Referenz- und Zeitpunkt: je
nach Blickwinkel Implosion, Zeitenbruch, Umbruch, Umsturz, Wende, .Resolu-
tion', Revolution.' Im Unterschied zu bisher vorliegenden Studien zum Konnex
.Literatur und Wende' trennt die vorliegende Untersuchung zunächst die in den
Jahreszahlen 1989 und 1990 chiffrierten historischen Bezugspunkte und Erfah-
rungsgehalte als Deutungspotentiale voneinander. Die nationale .Wende in der
Wende' wurde bekanntlich nicht von allen - und insbesondere von vielen
Schriftstellern nicht oder nur bedingt — begrüßt und prägt mithin auch die Ein-
schätzung des Vorangegangenen. Was der als Vergleichsmaßstab hinsichtlich
des Mauerfalls häufig bemühten Französischen Revolution inhärent ist - die Re-
volution als Entstehung der modernen Nation - , wurde in Deutschland zwei-
hundert Jahre später zum Konflikt. Bevor mit der Frage nach einer möglichen
Vereinigung der beiden deutschen Staaten der nationale Aspekt zum dominanten
Thema für die DDR und die BRD wurde, machten die DDR-Bürger eine Ent-

62 An instruktiven Sammelbänden zur Literatut der 90er ohne thematischen Bezug zur Wende lie-
gen vor: Döring 1995, Wieland Freund/Winfried Freund 2001, Knobloch/Koopmann 1997.
Portraits einiger prominenter ,90er'-Autoren finden sich bei Kraft 2000.
63 Der Ausdruck .Refolution' stammt von Timothy Garton Ash (vgl. Garton Ash 1990: 339ff). Vgl.
auch das Kapitel „Revolution, Implosion, Wende — eine kurze Nachbetrachrung" bei Lindner
1998: 148ff. Herberg/Steffens/Tellenbach (1997:1 Of.) geben als Schlüsselwörtet det Wendezeit im
Hinblick auf die Bedeutung „grundlegend" und auf „die Beseitigung der bestehenden Otdnung
gerichtet" die l.exeme Revolution, Umwälzung, Umbruch, Umsrurz und Wende an: „Nur für eine
mit Umsturz bezeichnete Veränderung obligatorisch ist die Eigenschaft .gewaltsam'."
64 Für die Geschichtswissenschaft konstatiert Jarausch (2004: 8) folgendes Desiderat: „Eine letzte
histotiographische Aufgabe ist [...] die Klärung des paradoxen Zusammenhangs von demokrati-
schem Aufbruch und deutscher Vereinigung."
65 Wobei nicht erst die Vereinigung, sondern bereits der Mauerfall - auch von DDR-
Oppositionellen - sehr unterschiedlich gewertet wurde. Vgl. dazu Kapitel II dieser Arbeit.
66 Der Zusammenhang von Natiogenese und Revolution ist umstritten. Schon vor der Franzö-
sischen Revolution bestand der Zentralstaat Ftankreich, 1789 brachte aber die „Durchsetzung
der modernen, auf die Zustimmung der Aktivbürger gegründeten Nation" (Haupt 1995: 43).
Auch Wehler (1996: 270) wendet sich gegen Versuche, nationalhistorische Kategotien auf die
Zeit vor dem 18. Jahrhundert zu projizieren und postuliert nachdrücklich, „daß der moderne
Nationalismus und die moderne Nation in den großen Revolutionen in England, Amerika und
Frankreich gewissermaßen geboren worden" ist. Agulhon (1995: 57) bezeichnet hingegen aus
anthropologischer Sicht 1789 „nur als eine Etappe, allerdings eine wichtige", da schon vorher
und lange nachher Prozesse der Akkulturation stattfanden, die Peasants into Frenchmen - so der
Titel des einflußreichen Buches von E. Weber — transformierten. Nicht zuletzt antwortet das
Projekt der Lieux de memoire Am Historikers Pierre Nora mit dem Ziel, „ausgewählte Kristallisa-
tionspunkte unseres nationalen Erbes zu erforschen, die wichtigsten .Orte' (in allen Bedeutungen
des Wortes), an denen sich das kollektive Gedächtnis festmacht, zu inventarisieren und eine To-
pologie der Symbolik Frankreichs zu erstellen" (Nora 1995: 83) auf „das Verschwinden der seit
1794 gültigen Gleichsetzung von Revolution und Nation" (ebd.: 90). Otto Dann (1996: 16)
verweist auf die neuere Forschungstendenz, die Nationen kaum mehr als politische, sondetn als
kultutell fundierte Gemeinschaften auffaßt, was zu erheblichen Problemen führe.
22 EINLEITUNG

wicklung durch, die der Westen nur medial aufbereitet ,nachvollziehen' konnte.
Der Autor Thomas Rosenlöcher reklamiert dies ironisch als Besonderheit der
Osterfahrung gegenüber den Bundesbürgern, „die ihr bisheriges Leben immer
weiter fortführen mußten. Während unsereins die, weltgeschichtlich gesehen,
seltene Gelegenheit hatte, noch einmal ganz von vorne anzufangen." (O, 34)
Statt nach der ,Wendeliteratur' fragt die vorliegende Untersuchung nach den
literarischen Verarbeitungen einerseits der Herbstereignisse in der DDR 1989
und andererseits der deutschen Vereinigung 1990. Sie zieht über die damit ver-
bundene Zeitachse eine erste Differenz in ihren Gegenstandsbereich ein, den der
monolithische Terminus ,Wendeliteratur' gerade negiert. Die behandelten Texte
werden damit auch als historische markiert. Die Trennung in einen vorrangig um
den Komplex Revolution und einen vorrangig um den Komplex Nation fokus-
sierten Textkorpus erfolgt dabei nicht über die manifesten Textsignale - bei-
spielsweise macht Thomas Hettches Nox (1995) schon qua Titel die Nacht des
Mauerfalls zum Thema, ist aber im nationalgeschichtlichen Konvolut zu finden - ,
sondern über die unterschiedlichen Anschlüsse an das kulturhistorische Bilderre-
pertoire, an dessen Transformationen und Brüche. Die Interpretation fokussiert
primär die Deutungsmuster, die über narrative Verfahren wie Verleiblichungs-
strategien, Familiennarrationen und Engendering-Prozeduren sowie durch den
Einsatz von Mythologemen, die Verortung in Autorengenealogien, Intertextuali-
tät und Medialität erzeugt werden.' Damit antwortet die Untersuchung auf das
Problem, daß alle .Wendetexte', so sie nicht unmittelbare Zeitzeugen wie Tage-
bücher, Notate oder Ähnliches sind, eben im Wissen um das .Ende der Ge-
schichte' - die Vereinigung - geschrieben sind. Im unauflöslichen Zusammen-
hang von Aufbruch, Erwartung und Ende — gleichgültig ob letzteres als Einlö-
sung, Verrat oder Ambivalenz wahrgenommen wird - ist der historische Prozeß
von 1989 in einen Kontext nachträglicher Bedeutungszuweisung und rückwärts-
gewandter Projektion gestellt. Die Anschlüsse und Brüche im Bildrepertoire des
,kulturellen Imaginären' (Winfried Fluck), die über Autorengenealogien und In-
tertextualitätsverfahren geleisteten Neu- und Umschriften des symbolischen Regi-
sters, versprechen dabei einen größeren Einblick in die den Texten zugrundelie-
genden Deutungen zu geben als deren offen ausgestellte ideologische Projekte'
(Pierre Macherey).
Der hier unternommene Versuch, die literarischen Deutungen des Mauerfalls
gegenüber dem Bilderkanon der Nationalisierung abzugrenzen, orientiert sich an
der Figur der Nachträglichkeit, die der Konstrukrion des .Vormärz' einge-
schrieben ist.' Die auch literarästhetisch angestrebte Separierung der Wende in

67 Ich übernehme den Begriff des .Engendering' von Dietze 1997. Dietze unterscheidet in ihrer Ar-
beit Hardboiled Woman Engendering-Prozeduren von denjenigen Verhandlungen des Textes, in
denen ein zeitaktueller .weiblicher Diskurs' aufgegriffen wird. So kann erwa die femme fatale im
amerikanischen Kriminalroman der 30er und 40er Jahre als Kritik an den politischen Verhältnis-
sen wie als Verarbeitung der Freudschen Theorie des weiblichen Begehrens gesehen werden. Die-
se Sichrweisen schließen sich nicht aus. sondern ergänzen sich (vgl. ebd.: 9ff).
68 Vgl. Weigel 1996.
EINLEITUNG 23

der Wende sprengt die Konstruktion des undifferenzierten Begriffs .Wende-


literatur' auf und folgt dabei einer Forderung Sigrid Weigels:
Die jeweiligen Akzentsetzungen und Verschiebungen in der Konstitution der For-
schungsgegenstände folgen in den Geisteswissenschaften meist eher der Figur der
Wende, als daß sie diese jüngst so bedeutungsvoll gewordene Figur in der Ge-
schichte ihrer Gegenstände analysierten.

1989 und 1990 stellen einen weitreichenden politischen und kulturellen U m -


bruch dar. Diese Zäsur wird in der Literatur, um die es hier gehen soll, nicht als
einmalige Erschütterung, als vergangene Erfahrung beschrieben oder auch igno-
riert, sondern fortgesetzt. In den Blick rücken damit Texte, die — trotz der zum
Teil deutlich offenliegenden zeitgeschichtlichen Thematik - nicht literarhisto-
risch bereits eingeordnet scheinen, sondern allererst in ihrer Besonderheit kennt-
lich gemacht werden sollen. So ist schon auf den ersten Blick frappierend, in
welch hohem Maße gerade die beiden .Nationalschriftsteller' der D D R und der
BRD des literarischen Vorwurfs bedürfen, um das .Wende'-Thema zu bewälti-
gen: Handelt es sich mit Christa Wolfs Medea um eine Umschrift des gleichna-
migen Mythos, so zitiert Günter Grass in Ein weites Feld bekanntlich Fontane
nicht nur, sondern macht seinen Protagonisten nachgerade zum ,Wiedergänger'
des berühmten Romanciers. In beiden Fällen kann von einer forcierten Intertex-
tualität gesprochen werden, die bereits durch die Romantitel als Paratextualität
signalisiert wird und deren massiv gesuchte Verankerung in der Tradition als ein
Signal für das krisenhafte Ausmaß einer auch literarisch nur schwer zu bewälti-
genden kulturellen Entgrenzung verstanden werden kann. Damit soll der Blick
auf die krisenhafte Dimension der jüngsten Geschichte gerichtet werden. Diese
eher unterschwellige und unbewußt vorhandene Ebene jenseits der politischen
u n d alltäglichen Diskurse wurde und wird selten thematisiert. In welchem Kon-
text die euphorisch gefeierte .Wende' von 1989 und die nachfolgenden Ereignisse
indes auch gesehen werden können, macht eine Bemerkung von Hans-Ulrich
Wehler deurlich:

Beeindruckend war, daß aufgrund der Veränderungen in der Sowjetunion das Vor-
feld freigegeben wurde und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und die
Befreiung ganz Osteuropas von der imperialen Macht gelang. Das ist welthistorisch
so außergewöhnlich, daß wir dafür eigentlich keine Vorbilder haben. Eine Verände-
rung solchen Ausmaßes, auch der Zerfall einer Weltmacht - das verbinden wir ei-
gentlich immer mit großen Katastrophen.

Die Annahme, daß im literarischen Gegenstand Spuren und Indizien dieser un-
terschwelligen krisenhaften Erfahrung zu finden sind, hat im Verlauf der Unter-

69 Weigel 1996: 9.
70 Insofern ist Olma (1994: 147) zu widersprechen, wenn er postuliert, daß ein zeitgeschichtlicher
Roman einfach durch das Verstreichen der Zeit in einen historischen Roman übergehe. Texte
wie etwa Wolfs Medea würden von späteren Generationen, die nicht über eine spezifische, zeitge-
schichtlich geformte Rezeptionshaltung verfügen, wohl kaum als zeitgeschichtlich decodiert.
71 Wehler 1997:376.
24 EINLEITUNG

suchung dazu geführt, den Zusammenhang von Historiographie und Literatur


und damit die Ftage nach der Deutungs- und damit Geschichtsmacht von Lite-
ratur auf Überlegungen der Kulturanthropologie und der literarischen Anthro-
pologie zu beziehen. Dabei geht es um zwei Denkfiguren: zum einen um das von
Rene Girard in Das Heilige und die Gewalt skizzierte Verhältnis von Entdifferen-
zierung (,undifferentiation') und Gewalt, zum anderen um die im Gefolge von
Cornelius Castoriadis' politischer Theorie Gesellschaft als imaginäre Institution
von Wolfgang lser und Winfried Fluck vorgelegten Überlegungen zu den Funk-
tionen des Fiktiven, genauer: zur Figur der Überschreitung als Funktionsbestim-
mung der Literatur. Isers und Flucks Theoreme sind angeregt durch Castoriadis'
Postulat des radikalen Imaginären als der „Wurzel des aktualen Imaginären und
des Symbolischen. Es handelt sich um die elementare und nicht weiter rückführba-
re Fähigkeit, ein Bild hervorzurufen". " Vermöge dieser individuell verankerten
psychophysischen Fähigkeit können die Mitglieder der Gesellschaft die Vorstel-
lung einer gemeinschaftlichen Welt entwickeln:

Das radikale Imaginäre existiert als Gesellschaftlich-Geschichtliches und als Psyche-


Soma. Als Gesellschaftlich-Geschichtliches ist es offenes Strömen des anonymen
Kollektivs; als Psyche-Soma ist es Strom von Votstellungen/Affekten/Strebungen.
Gesellschaft - solchermaßen über ihre imaginären Institutionen als Symbolisches
instituiert - erschafft sich als „Figur, das heißt als Verräumlichung, und als An-
derssein/Anderswerden dieser Figur, das heißt als Zeitlichkeit". Durch die Ver-
zeitlichung der Gesellschaft ist diese immer dezentriert:
Die faktische Existenz der Gesellschaft ist stets in sich verschoben oder, wenn man
will, durch ein Außersichsein konstituiert. [...] Denn die Institution ist nichts als die
Form, die Regel und die Bedingung des noch nicht Seienden, der stets unmögliche
und doch stets gelingende Versuch, das Jetzt' der Gesellschaft zu überschteiten und
mit dem Vergangenen und dem Zukünftigen koexistieren zu lassen.

72 Castoriadis 1984: 218. Vgl. auch die Definition: Das gesellschaftliche Imaginäre wird getragen
durch „Bilder und Figuren im weitesten Sinne" (ebd.: 399). Vgl. die schöne Zusammenfassung
von Matala de Mazza (1999: 123f): „Imaginäre Institutionen sind Ausdtuck einer kreativen
Auslegungsaktivität, die den Wahrnehmungs- und Handlungsraum des Sozialen mit einem Hori-
zont von .Bildern' umstellt. Allerdings handelt es sich nicht um eine schlichte Abspiegelung eines
Vorfindlichen und auch nicht um Konzepte [...]; vielmehr sind die imaginären Institutionen zu
verstehen als paradigmatische Votstellungen und Modelle, von denen her sich eine Gesellschaft
begreift, um die sie ihre Sinnsysteme und ihre Einrichtungen zentriert und über die sie sich durch
sich selbst und für sich selbst in Szene setzt, wobei diese Inszenierungen ihrerseits auf die Bedeu-
tungen zurückwirken, sie als Sinnentwürfe ptäzisieren, modifizieren und erweitern. [...] De facto
verdanken sie sich (...) keiner creatio ex nihilo, sondern bedienen sich des Materials, das in der
Welt gegeben ist."
73 Castoriadis 1984: 602.
74 Castoriadis 1984: 370. Vgl. auch: „Denn was in der Geschichte interessiert, ist gerade unser au-
thentisches Andensein" (ebd.: 281).
75 Castoriadis 1984: 369f. An anderer Stelle spricht Castoriadis (ebd.: 281) von der Überschreitung
der Gegenwart hin zu einer „Zukunft, die wir noch zu machen haben'.
EINLEITUNG 2S

Mit der Institution der gemeinsamen Welt wird zugleich festgelegt, was diese
nicht ist: „Damit muß nun aber auch das Nichtsein, das Falsche, Fiktive, das
bloß Mögliche, aber nicht Wirkliche für die Gesellschaft .anwesend' werden."
Iser und Fluck verbinden die Figur der permanenten Überschreitung mit der An-
wesenheit des Nicht-Seienden zur Funktion des Fiktiven. Sieht Iser die Literatur
immer in einem „overstepping of limits" begriffen, so formuliert Fluck: „Da-
durch aber wird die Fiktion zum Motor kultureller Grenzüberschreitung und
Enthierarchisierung." Es stellt sich aber die Frage, ob diese Bestimmung des
Fiktiven für eine Gesellschaft im Moment eines radikalen Umbruchs gelten kann.
Die gesellschaftliche Gegenwart ist durch die Zeichenstruktur des Symbolischen
zwar in sich unendlich variabel, zugleich aber ist das Symbolische durch Grenz-
setzungen definiert und dem Anspruch der Kohärenz unterworfen: „Die Gesell-
schaft macht ständig die Erfahrung, daß ein Symbolsystem als kohärente Ord-
nung zu behandeln ist." Die sich 1989/90 in Mauerfall und Vereinigung selbst
überschreitende Gesellschaft stand aber genau vor dem Problem, daß sich ihr ei-
genes ,Anderssein' nicht auf der Zeitachse Vergangenheit und Zukunft abspielte,
sondern als Heterogenitat zweiet unterschiedlicher Kulturen im gegenwärtigen
symbolischen Raum selbst. Einen Eindruck dieses radikalen Andersseins ver-
mittelt die ästhetische Programmschrift Transit Berlin (1992) des Lyrikers Durs
Grünbein. Hier beschreibt er die postrevolutionäre Situation in Ost-Europa als
exterritoriale und damit enträumlichte Erfahrung: „Ganze Bevölkerungen Euro-
pas" teilen den .Alptraum" des in eine durch Revolutionen und Putsche gänzlich
fremde Welt zurückgekehrten Astronauten Viktor K. Das „siebzig Jahre alte Kon-
strukt, das seine Nation wat", ist zerfallen, die „Regierung und das politische Sy-
stem" (TB, 136) haben sich aufgelöst. Wie nach einem „Erdbeben der Stärke 10
auf der Richterskala" schwanke der Boden untet den Füßen: „Eine neue Archi-
tektur samt Raumordnung und Zeichensprache" wächst „auf den betäubten Be-
trachter zu" (TB, 137). Es stellt sich damit die Frage, ob die zentrale Denkfigur
der literarischen Anthropologie - das Fiktive als Überschreitung' - der Funktion
von Literatur in einer Situation sowohl medialer als auch politischer und kultu-
reller Entgrenzung gerecht werden kann. Das vor allem von Iser als Grenzüber-
schreitung definierte Imaginäre, dem er den Rang einer anthropologischen Kon-
stante zuweist, wäre damit zu historisieren.

76 Castoriadis 1984:605.
77 Iser 1989: 227. Ausführlich in Iser 1991.
78 Fluck 1997: 20.
79 Castoriadis 1984: 208f. Wenn Castoriadis betont: „Nichts erlaubt es apnoriden Grenzverlauf des
Symbolischen zu bestimmen" (ebd.: 212) und „es keine Anhaltspunkte dafür [gibt], wie die
Grenzen des Symbolischen zu bestimmen waten" (ebd.: 203), da die Grenze „fast willkürlich"
(ebd.: 203) verläuft, so ist das Symbolische letztlich über seine Grenze definiert.
80 Dabei vermochte sie offenbar gerade nicht, die entstandenen Inkohärenzen des Symbolischen als
Vergangenheit und Zukunft zu verzeitlichen: Im vereinten Deutschland wurde im Bild der Na-
tion das historische Anderssein der Ost- und Westdeutschen zunächst ebenso negiert wie die
Möglichkeit, daß durch die Vereinigung auch die alte BRD zukünftig anders würde.
26 EINLEITUNG

Girard zeigt demgegenüber in der Analyse der Opfermythen, daß Ent-


differenzierungsvorgänge, verstanden als „Krise der Nicht-Unterscheidung" und
damit als Bedrohung oder Zerfall des kultutell-symbolischen Systems — genauer:
dessen Form - , Gewaltpotentiale entbergen. Das Opfer, gegen das sich die zer-
fallende Gemeinschaft verbündet - gemeinhin der Sündenbock - , stellt mithin
die erste Differenzierungsleistung dar. Girards Deutung geht von einer ursprüng-
lichen Gründungsgewalt aus, die sich in Krisenmomenten aktualisiert. Die
schlagartige und unerwartete Vereinigung der beiden deutschen Staaten läßt sich,
- ohne damit einem homogenen Kulturkonzept das Wort zu reden - als Entdif-
ferenzierung zweier (Teil)Kulturen verstehen, die in den Angriffen gegen Frem-
de/Ausländer in den Post-Vereinigungsjahren eine gewaltsame .Lösung' fand.
Damit stellt sich, wie schon oben angesprochen, die Frage nach den Funktio-
nen des Fiktiven in Umbruchsituationen. Kann das Fiktive im Moment einer
auch krisenhaften geopolitischen und kulturellen Entgrenzung ausschließlich als
Überschreitung' vetstanden werden? Oder übernimmt — wie hier angenommen
wird - in spezifischen historischen Momenten das Fiktionale und damit die Lite-
ratur auch andere, möglicherweise entgegengesetzte Funktionen? In seiner sy-
stemtheoretisch orientierten Kritik am Kulturbegriff hat Dirk Baecker zu beden-
ken gegeben:

Die Zerstörung im Sinne der Grenzüberschreitung macht mit der Grenze auch das
bewußt, was diese Grenze leistet. Es macht die Intelligenz der Kultur aus, die Zer-
störung in dem Moment anzuhalten, in dem die Grenze bewußt, aber nicht gestri-
chen wird. Kultur in diesem Sinne heißt: Grenzen verfügbar machen.

Grundsätzlich folgt die Arbeit den funktionstheoretischen Überlegungen Win-


fried Flucks, die dieser im Anschluß an Iser und Castoriadis entwickelt hat. Der
Begriff des .kulturellen Imaginären' ist für diese Arbeit zentral, da er Fiktion und
gesellschaftliche Wirklichkeit als permanentes, wechselseitiges Bezugssystem ver-
bindet:
Das kulturelle Imaginäre ist dabei beides: Ort imaginierter Bedeutungen, die zur
Artikulation drängen und kulturellen Bedeutungsanspruch anmelden, und zugleich
Fundus von Bildern, Affekten und Sehnsüchten, die das individuelle Imaginäre

81 Girard 1985: 136. Vgl. ebenso Girard 1999. Kultur im „alteuropäischen" Verständnis und Ge-
walt stehen, so Baecker (2001: 37f.) aus systemtheoretischer Sicht, in einem funktionalen Zusam-
menhang. Kultut stellt — im funktionalen Gegenbild der Gewalt - die soziale Ordnung als prekär
und gefährdet da. Dadurch wird die Autopoeisis des Sozialen immer neu in Gang gesetzt. Diese
Funktion der Gewalt sei allerdings in dem Moment, in dem sich Kultur als Kultur in einer mo-
dernen funktionalen Geselbchaft konzeptionell selbst entschlüsselt, hinfällig geworden. So bese-
hen wären die Gewaltmomente, um die es in dieser Arbeir geht, die Selbstdramatisierungen det
entgrenzren Gesellschaft, die in einem vielleicht .alteuropäisch' zu nennenden Modus das Prekäre
und Gefährdete inszenieren. Gewalt hat dann ihre funktionale Äquivalenz noch lange nicht
vefloren. Für eine kritische Auseindersetzung mit Girards Theorie siehe den Sammelband von
Düßel (2001).
82 Baecker 2001: 86.
EINLEITUNG 2?

neuerlich stimulieren und in diesem Prozeß unser Wirklichkeitsverständnis fort-


während herausfordern.
Das von Fluck entwickelte Modell erlaubt es, Literatur zur Gesellschaft ins Ver-
hältnis zu setzen, ohne sie zum Abbild, zur Illustration oder auch nur Transfor-
mation eines vorgängig gesetzten Faktischen zu machen. Von einer Funktions-
bestimmung det Litetatur ist dann zu sprechen, wenn „Überlegungen zum kultu-
rellen Gebrauch und, untrennbar verbunden, zur ästhetischen Wirkungsstruktur
angestellt werden". ' Die Funktion der Literatur wird nicht als Widerspiegelung
des Vorhandenen verstanden, sondern hinsichtlich der pragmatischen Zurichtung
der Texte:

Der Begriff .Funktion' soll hier somit gerade nicht als Kurzformel für Gesellschafts-
bezug benutzt werden (weil eine solche Einschränkung im Hinblick auf die vielfäl-
tigen Möglichkeiten der Fiktion als reduktionistisch angesehen werden muß), son-
dern als Verweis auf seine pragmatische Zurichtung, d. h. auf eine (Handlungs-)
Gerichtetheit der Fiktion, die das Zeichenmatetial des Textes und dessen Interpre-
tation organisiert. [...] Der Roman organisiert sich entsprechend der Funktion, die
er ausüben will.

Dem Konnex von ästhetischer Wirkungsstruktur und kulturellem Gebrauch folgt


die Auswahl der Texte. Dabei erweisen sich einige Texte — allen voran Christa
Wolfs Medea - für die Frage nach den literarischen Deutungsmustern nach
1989/90 als außerordentlich ergiebig: Medea erweist sich getade deshalb als ein
zentraler Text, weil er als Mythenadaption kaum als tealistische Darstellung oder
Widerspiegelung der gesellschaftlichen Realität nach der Vereinigung verstanden
wenden kann, aber die Mythologeme - und damit die ästhetische Wirkungs-
struktur - so organisiert sind, daß die meisten Leser das Buch genau so verstan-
den haben. Nicht nur die Textauswahl begründet sich aus dem Verhältnis von
Funktion und Wirkungsstruktur, auch die Interpretationen folgen diesem Kon-
nex: Neben den patadigmatischen Einzelanalysen signifikanter Texte finden sich
summarisch gehaltene Überblicke. Nicht berücksichtigt werden Romane wie et-
wa Vicky Victory von Barbara Sichtermann (1995), in denen die neudeutschen
Verhältnisse ,nur' die Staffage bilden für - in diesem Fall - einen erotischen Ro-
man oder Kriminalromane wie Satansbraten von -ky (Horst Bosetzky) (1994), in
denen die Verhältnisse nach der Wende zwar durchaus handlungsbestimmenden
Charaktet haben, diese aber dem Genre letztlich untergeordnet bleiben und da-
mit auch die Struktur des Textes dominieren. Eine Ausnahme bildet lediglich der
von Thomas R. P. Mielke verfaßte Polit-Thriller Der Tag an dem die Mauer brach
von 1985 - aus Gründen, die bereits der Titel in Kombination mit dem Erschei-
nungsjahr nahelegt.

83 Fluck 1997: 21.


84 Der Begriff der Funktion ist, wie Fluck (1997: 22) erläutert, im strengen Sinne spekulativ, er
dient dazu, einen Gesellschaftsbezug der Literatur zu postulieren.
85 Fluck 1997: 11.
86 Fluck 1997: 14.
28 EINLEITUNG

Die ausgewählten Texte sind mithin durch keinen wie auch immer gearteten Ka-
non legitimiert, sondern Resultat einer im Wechselspiel von Lektüre und Deu-
tungsmuster entwickelten Hypothese über das Verhältnis von Literatur und Ge-
sellschaft nach 1989/90. Die Darstellung orientiert sich damit weder an den sich
aktuell vollziehenden, wenn auch vorläufigen Kanonisierungsvorgängen wie der
Aufnahme von Texten in Literaturgeschichten, Anthologien, Schulbuchreihen
etc. noch an präexistenten Einordnungen der Texte über die Herkunft der Auto-
ren aus Ost oder West oder der Generation. Zwar spielen Herkunft und Alter
selbstverständlich eine Rolle in den Erfahrungen der Autoren und damit in den
Darstellungen der geschichtlichen Ereignisse, als Strukturierungshilfe in der Aus-
wahl der Texte sind sie aber eher geeignet, Vorannahmen zu bestätigen und da-
mit den hier avisierten funktionstheoretischen Konnex von Literatur und Gesell-
schaft zu verstellen.
Im folgenden wird nach den literarischen Deutungsmustern der Ereignisse
Mauerfall und Vereinigung gefragt. Daß beide Zeitpunkte nicht von einander
isoliert betrachtet werden können, zeigt schon die oben angesprochene Tatsache,
daß alle Texte, die den Mauerfall thematisieren, im Wissen um das Ende der Ge-
schichte - die Vereinigung — geschrieben sind. Die Vorgehensweise folgt dabei
insofern methodisch ihrem Gegenstand, als auch hier ein Deutungsmuster zum
Verhältnis Literatur und Zeitgeschichte vorgestellt wird, das selbst narrative Züge
aufweist. Obwohl die Studie in einem programmatischen Sinne nicht teleologisch
argumentiert - und damit die Annahme eines der Literatur wie auch immer ge-
arteten immanenten historischen Sinns oder Ziels abweist - , weist sie doch übet
die Zeitachse auch narrative Züge im Sinne einer Geschichtserzählung und damit
-deutung auf.
Daß die als Literaturgeschichte der Entgrenzung skizzierte Abfolge kultureller
Transgressions- und anschließender Reintegrationsprozesse nicht als einsinnig-
lineare Entwicklungsgeschichte verstehbar ist, begründet sich schon in der Wider-
ständigkeit des ästhetischen Materials selbst. Damit sind in der Interpretation
auch die widerläufigen Aussagen zu bestimmen, die der jeweilige Text über Nar-
ration, Intertexualität und Autorengenealogie hinsichtlich der Deutung zeitge-
schichtlicher Ereignisse erzeugt. Das Spannungsverhältnis zwischen der funktions-
theoretischen Annahme, daß die hier behandelten Texte ,in den Gang der Ge-
schichte' eingebunden sind — ja Geschichte in kultureller Hinsicht gleichermaßen
als ästhetisch fundiertes Deutungsmuster miterzeugen —, und der gleichzeitigen
Abweisung einer irgendwie gearteten teleologischen Zurichtung der Literatur fin-
det seine Darstellung durch das Setzen einer Zeitachse und die Einführung eines
multiperspektivischen Ansatzes, der die Texte in verschiedene Kontexte und Tra-
ditionslinien stellt.
Das erste Kapitel nähert sich den Entgrenzungen nach 1989/90 in drei
Schritten. Ausgehend von der vielfach an die Schriftsteller erhobenen Forderung,
einen oder genauer: den Wenderoman vorzulegen, wird die Frage gestellt: Welche
Funktion hätte dieser Wunsch-Text im Prozeß des kulturellen Umbruchs erfüllen
sollen und zweitens, war die Forderung überhaupt einzulösen? Ausgehend von
EINLEITUNG 29

der besonderen, exemplarischen Rolle, die Christa Wolf als .Sündenbock' in den
Umbruchzeiten spielte, stellt sich die Frage nach den verdeckten Dimensionen
der Gewalt im Moment des doch so unblutig und friedlich verlaufenden Um-
bruchs. Das Gegenbild zum verweigerten Wenderoman bildete der verhüllte
Reichstag.
Das zweite, dritte, und vierte Kapitel gehen den literarischen Deutungen des
historischen Geschehens von 1989 und 1990 nach und verorten diese in je unter-
schiedlichen Bildttaditionen. Hier stellt sich die Frage nach den Deutungsmu-
stern der Revolution, dem Stellenwert des in der Währungsunion erlebten öko-
nomischen Umbruchs und den Bildern der Nation als imagined Community (Be-
nedict Anderson). Anders als die vergebliche Suche nach dem Wenderoman
suggeriert, reagierte die Literatur nach 1989/90 durchaus — und bei genauerer
Sicht fast flächendeckend - auf die erfolgten politischen Umbrüche. Allerdings
sind die ästhetischen Strategien weniger darauf ausgerichtet, gesellschaftliche
Vorgänge .realistisch' wiederzugeben, als daß die Literatur nach 1989/90 auf
Transgressions- und Desymbolisierungsvorgänge antwortet. In diesem Konnex
stellen Strategien der Verleiblichung und des Engenderings sowie Familiennar-
rationen ästhetische Verfahren dar, die verschiedene Traditionslinien kollekti-
ver Selbstrepräsentanz zum Einsatz bringen und damit zentrale Deutungsmuster
der kulturellen Ordnung reetablieren: die aus dem corpus mysticum entstandenen
Bilder des body politic , die ebenfalls bis ins Mittelalter zurückreichenden allego-
rischen Darstellungen des Paares als Repräsentanzen von Land und Herrscher
und die seit der Französischen Revolution etablierte Vorstellung der Nation als
Familie. Diesen integrierenden Tendenzen stehen die - im fünften Kapitel darge-
stellten - expliziten Bilder der gewaltsamen Entgrenzung, aber auch - gleichsam
verborgen in den Tiefenschichten der Texte - ein chiffriertes Bilderrepertoire des
Fleisches, der Anthropophagie und des Ekels gegenüber, die als Symptome auf
das Verworfene und Desymbolisierte verweisen. Entlang der historischen Achse
wird eine Entwicklung deutlich, in der sich zwei Richtungen am Ende des Jahr-
tausends gegenüberstehen: eine Literatur der Alterität, des Verworfenen und De-
symbolisierten und eine Litetatur der Archivierung und des kulturellen Gedächt-

87 Dies folgt Barners (1994b: XIX) Ansatz einer Rückbindung des „literarischen Lebens" an die „ge-
sellschaftspolitische Situation".
88 Andetson (1983) bestimmt in seinet einflußreichen Studie Imagined Communities die Nation aus
konstruktivistischer Perspektive als kollektive Vorstellung. In der Forschung werden zumeist die
Übersetzung .gedachte' wie auch .vorgestellte' Gemeinschaft verwendet. Hier wird der Begriff im
Anschluß an Bronfen/Marius' Übersetzung (1997: 2) als .imaginäre Gemeinschaft' adaptiert, um
auch die unbewußten Anteile hervorzuheben. Wenn sich der Fokus hier auf die imaginäre Ge-
meinschaft tichtet, dann nicht, um die von Naumann kritisierte „Nationalgemütlichkeit" einmal
mehr zu verstärken, sondern weil auch die Literatur nach 1990 aus nachvollziehbaren Gründen
zur „nationalen Nabelschau" (Gerhard Fischer) wurde.
89 Demgegenüber schreibt Koopmann (1997: 29): „Die Literatur der 90er Jahre ist gesellschaftsfern:
politische oder soziale Themen fehlen."
90 Der body polttic meint hier die Konstruktion des politischen Körpers; in Abgrenzung dazu wird
der Begriff body politics als diskursive Machtstrategie verstanden.
30 EINLEITUNG

nisses im Zeichen von Pop. Die Studie schließt im letzten Kapitel mit einem
Blick auf die .leibhaftige Autorschaft' nach 1989/90.
Im Gesamtblick möchte diese Literaturgeschichte der Entgrenzung weniger
dem Topos einer am Innovationsanspruch der neuen Zeit leider gescheiterten
Literatur nachgehen noch diesen widerlegen, als vielmehr die Frage stellen, wel-
che Funktionen Literatur in einer Phase historischer Umbrüche übernimmt und
mit welchen Schreibweisen sie auf kulturelle Entgrenzungen reagiert oder diese
(mit)produziert. Der geopolitische Fall der deutsch-deutschen Grenze wird damit
als Modellfall einer sich vollziehenden kulturellen Entgrenzung verstanden, die in
den Texten angezeigt und bearbeitet wird.
I. ENTGRENZUNGEN:
LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

So ist nun durch Entgrenzung die DDR


zu einem Zustand geworden, zu einem
Faktor geworden, durch den auch die alte
Bundesrepublik nicht meht dieselbe ist.
Kurt Drawert

1. Repräsentativität und Alterität

Bereits 1994 hatte sich die Forderung nach einer Literatut, die die neue deutsche
Wirklichkeit darzustellen vermöge, so sehr zum Topos verhärtet, daß Jurek Bek-
ker die Konsequenzen dieses „gewaltigen Erwartungsdrucks" ansprach:
Seit drei Jahren sehe ich in Deutschland die Kritiker mit den Fingern trommeln:
Wo ist der deutsche Einheitsroman? [...] In vielen Schriftstellerzimmern schwebt die
Erwartung wie eine fürchterliche giftige Wolke.
Z u m direkten Appell geriet im gleichen Jahr die Eröffnungsrede Karl Otto Con-
radys anläßlich der Tagung des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS), als dieser
die Autoren mahnte, sich „nicht in zeitgeschichtliche Enthaltsamkeit zu flüch-
ten", sondern sich „produktiv" den neuen Wirklichkeiten zu stellen und diese
dadurch mit zu gestalten." Im Jahr zuvor hatte Bernd Schirmer der „Forderung
nach dem großen, gültigen Epochenroman der Wendezeit" entgegengehal-
ten: „Literatur braucht Zeit." Trotz einer kaum überschaubaren Flut von .Wen-
detexten' bestand der gesellschaftliche Erwartungsdruck weiter. Nur kurzfristig
fand er seine Entlastung, konnte die Kritik doch immer mal wieder einen Text -
so Ingo Schulzes Simple Storys (1998) - zum „langersehnten Wenderoman" {Der
Spiegel) küren, ein Prädikat, das übereinstimmend Brussigs Helden wie wir (1995)
schon drei Jahre früher zugesprochen worden war. Nachgerade selbstreferentiell

1 Jurek Becker in einem Interview mit dem Spiegel vom 12. Dezember 1994, zit. n. Wehdeking
1995: 147.
2 Gonrady 1995: 21. Von konservativer Seite erteilte etwa der Freie Deutsche Autorenverband Kr -
beitsaufträge, die auf eine Aufarbeitung der Repression in der DDR zielten; vgl. dazu Ross 1996.
3 Schirmer 1993: II.
4 Vgl. Dieckmann [1995] 1996. Weitere Rezensionen mit gleichlautendem Tenor in: Bremer
2002: 33. Die Romane Wie es leuchtet (2004) von Thomas Brussig und Neue Leben (2005) von
32 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

wurde dieser Prozeß im Fall Günter Grass. So analysierte Sigrid Löffler dessen
Roman Ein weites Feld (\995) als Resultat der durch die Medien lancierten Sug-
gestion, „ein Großereignis wie die deutsche Wiedervereinigung sei das einzig
würdige Großthema für den Großroman eines Großautors" und die nachfolgen-
den Verrisse als Strafe dafür, das der Autor „dieser blödsinnigen Erwartung" ent-
sprochen habe.
Aus der lauten Forderung nach dem Wenderoman wurde im Laufe der Zeit
die leise Sehnsucht. Diese weiß um ihre Unstillbarkeit — und ihre Erfüllung wird
entsprechend nicht nur in ferne Zeiten, sondern auch in die weite Ferne proji-
ziert: Wie Deutschland fühle, so ein Literaturkritiker, auch das neue Südafrika
die „Sehnsucht nach dem Wenderoman". Der zunächst gebieterisch geforderte,
dann still etsehnte Wenderoman - er wird wohl nie geschrieben werden. Die
kollektive Anfrage, wie man es mit Lacan formulieren könnte, der Wunsch, sich
im Spiegel der Literatur eines gemeinsamen, einheitlichen und einheitsstiftenden
Moments zu versichern, blieb unbeantwortet. Dort, wo die Literatur als Spiegel
fungiert, tut sie dies nur gebrochen, das heißt ironisch: Entweder fällt bei Adolf
Endler das Manuskript und damit der „definitive, wenn nicht sogar ,ultimative'
WENDE-Roman" buchstäblich ins (Bade)Wasser oder das Buch selbst besteht,
wie im Fall des Roman einer Wende untertitelten Fritzleben von Lutz Tilgner, ein-
zig aus fiktiven Rezensionen eben des Romans, der — so die wirklichkeitsgetreue
Fiktion - selbst verschollen ist. Nicht nur das Manuskript, auch die verkauften
Exemplare werden als verschwunden deklariert. Bildet dieser ,Roman' das Ver-
hältnis von Literatur und Gesellschaft nach 1989 ironisch ab, so liegt seine tiefere
Wahrheit in dem, was er ausspart: nämlich das Buch selbst, das Manuskript als
.utspriinglicher' Text. Auch der Untertitel ist in der Wahl des unbestimmten an
Stelle des bestimmten Artikels ein Kommentar: Geschrieben werden, will man sie
denn so nennen, viele Wenderomane, und jeder stellt eine, keiner aber die Wende
dar. Der repräsentative Wenderoman wird weiter gesucht - das Bild des Um-
bruchs hat sich noch nicht fixiert.
Angesichts des massiven Erwartungsdrucks stellt sich die Frage, was genau der
geforderte und ersehnte Wenderoman beschreiben sollte. Wo dieses übethaupt
genauet formuliert wird, reicht die Spannweite vom Großereignis Wieder-
vereinigung' (Sigrid Löffler) bis hin zur Gestaltung neuer Wirklichkeiten' (Con-
rady/Barner). Wende und (Wieder)Vereinigung sind aber nicht identisch. Die
Wende meint, so definiert es jedenfalls das Handbuch zur deutschen Einheit von
1993, den Zeitraum der zweifachen DeStabilisierung der DDR - Massenexodus
nach Abbau der ungarischen Grenzanlagen und Anwachsen der Opposition —,
die schließlich im Mauerfall kulminierte und mit den Volkskammerwahlen im

Ingo Schulze wurden später ebenfalls im Kontext des ,Wenderomans' rezipiert. Allerdings hat
sich der Duktus geändert, der den Zeitroman einfordernde Gestus ist verschwunden.
5 Löffler 1996:312.
6 Loimeier 1999.
7 Zit. n. Kormann 1999: 107.
REPRÄSENTATIVITÄT UND ALTERITÄT ^^

März 1990 ihren Abschluß fand. Danach begann der als Wiedervereinigung ver-
standene Prozeß der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Folgt man dieset
Definition, so entspricht der historische Verlauf vereinfacht dem Schema Auflö-
sung eines Staates - (Re)Konsolidierung als und im Bild der Nation. Wörtlich
genommen, kann der Produktionsauftrag Wenderoman nur bedeuten, die Phase
des Aufbruchs, des Aufbegehrens zu gestalten, er liest sich aber häufig eher als
Wunsch, die neuen Verhältnisse der vereinten Nation beschrieben zu sehen. In
diesem Sinne konnte gleichermaßen Brussigs Helden wie wir als ein Roman, der
den Mauerfall als Resultat der grotesken Geschichte der D D R deutet, als auch
Schulzes Simple Storys, der die Verhältnisse nach der Vereinigung beschreibt, als
der Wenderoman gelten.
Die Forderung nach dem Wenderoman beinhaltet verschiedene Paradoxa.
Legt man noch einmal den Wortsinn zugrunde, bezieht sich ,Wende' auf einen
einmaligen Augenblick, das M o m e n t einer grundlegenden Pvichtungsänderung.
Genau an dieser historischen Zäsur, die manche Historiker als „welthistorische
Wende von 1989" (Karl Dietrich Bracher) in die Geschichtsbücher eingehen se-
hen, waren die zwei deutschen Staaten in sehr unterschiedlicher Form beteiligt:
Während die Bevölkerung der D D R 1989 demonstrierte, saß in einer witzigen
Umkehrung zum gewohnten Zustand die BRD-Bevölkerung vor dem Fernseher,
um sich ein Bild von ,drüben' zu machen. Der Unterschied gilt auch hinsicht-
lich des von Timothy Garton Ash und anderen betonten medialen Charakters der
Revolution selbst: Zwar waren alle europäischen Umstürze am Ende des 20.
Jahrhunderts .Tele-Revolutionen', er- bzw. gelebt wurden sie in Ost und West
natürlich auf verschiedene Weise. Die Forderung nach einem repräsentativen
Wenderoman als Darstellung einer authentisch gelebten Erfahrung, die gleich-
wohl auch (tele-)medial konturiert ist, kann mithin nur an die Autoren der D D R

8 Vgl. Weidenfeld/Korte 1993: 136. In ihrer Untersuchung Schlüsselwörter der Wendezeit, die den
Zeitraum Mitte 1989 bis Ende 1990 umfaßt, definieren Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 13)
„die Wende als Bezeichnung für die politischen Ereignisse des Herbstes 1989 in der DDR". Mit
dem Schlüsselwörter-Begriff werden keine „Systemeigenschaften lexikalischer Einheiten, sondern
Eigenschaften ihres Gebrauchs erfaßt" (ebd.: 3).
9 Als ein Beispiel sei Körte (1992: 68) zitiert: „So liegt auch bis zum jetzigen Zeitpunkt noch keine
epische Verarbeitung der .sanften Revolution (Martin Walser) vor. Botho Strauß hat zumindest
mit dem Stück Schlußchor (1991) ansatzweise versucht, eine dramatische Umsetzung der deut-
schen Einheit zu wagen." (Hervorhebung von mir, E. B.)
10 Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 12) zufolge ist es naturgemäß schwierig, den „Referenzbezug
für die eigennamenähnliche Bezeichnung die Wende" anzugeben, da nicht allein die Einschätzung
der einzelnen Ereignisse - Montagsdemos, 9. Oktober in Leipzig (der Tag, an dem erstmals nicht
mehr mit Gewalt gegen Demonstranten vorgegangen wurde), Mauerfall, Alexanderplatz-Demo
am 4. November - in der Forschung divergieren, sondern weil das Wort .Wende' auch - so ihre
Referenz auf Heringer (zit. in ebd.: 13) - gleichermaßen Prozeßcharakter wie auch punktuelle
Aspekte impliziert.
11 In seiner Analyse ost- und westdeutscher Reportagen zur Wende schreibt Uecker (2000: 184),
daß ostdeutsche Journalisten als „unmittelbar Betroffene [...] über den Umbau ihrer eigenen Ver-
hältnisse - und damit auch ihres Selbstverständnisses - berichten oder räsonnieren", die Ereignis-
se den westdeutschen Journalisten hingegen in erster Linie die Gelegenheit boten, „weltbewegen-
de .stories' zu schreiben".
34 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

gerichtet sein. Dieser Unterschied det Erfahrungswelt bestimmt entsprechend


den Ausgangspunkt der Handlung in Jakob Arjounis Roman Magic Hoffmann
von 1995, dessen Held zur Zeit des Mauerfalls im Gefängnis sitzt und das Ge-
schehen nur via Fernsehen verfolgen kann. Das gleiche Motiv wird fünf Jahre
später im Film Berlin is in Germany eingesetzt, der seinen Protagonisten — hier
einen ehemaligen DDR-Bürger — nach seinem Gefängnisaufenthalt ebenfalls in
eine fremde Welt entläßt. Im Unterschied zur Literatur von ostdeutschen Auto-
ren wird Arjounis Roman, der es als einer der wenigen West-Autoren unter-
nimmt, tatsächlich und nachgerade offensiv die neuen Realitäten zu erkunden,
indes nicht im Kontext der ,Wendeliteratur' rezipiert.
Kormann betont in ihrer Studie Literatur und Wende, daß die an die Autoren
der D D R adressierte Forderung nach einem repräsentativen Zeitroman diese er-
neut funktionalisiert, knüpft diese gesellschaftspolitische Aufgabenstellung doch
direkt an die Autor-Funktion in der D D R an. Zugleich - hier sieht Kormann das
unauflösbare Paradox — würde deren Erfüllung den Ausschluß aus der Literatur
nach sich ziehen, da die solchermaßen entstandenen Texte gegen das Autonomie-
Gebot der Kunst verstoßen. " D a ß die Diskussion um das Für und Wider der
.Wendeliteratur' oft hinter den seit Adorno gültigen Erkenntnisstand einer
grundsätzlichen - und gerade im hermetischen Kunstwerk vorliegenden - gesell-
schaftlichen Bezogenheit der Litetatur zurückfällt, zeigt sich nicht nur an diesen
literaturpolitischen Widersprüchen, sondern auch an der Festlegung det .Wende-
literatur' auf realistische Schreibweisen. Als ebenso einseitige Gegenbewegung
m u ß allerdings Andreas Isenschmids Verdikt gelten, demzufolge „Deutschland-
einheitwende" literarisch kein sonderlich produktives Thema sei im Gegensatz zu
Darstellungen, die „unseren befremdenden Zustand indirekt und nicht selten mit
einer nicht minder befremdenden Sprache zu beschreiben suchen". Wie wider-
sprüchlich, ja bisweilen grotesk die umlaufenden Bilder zum Verhältnis von Lite-
ratur, Zeitgeschichte und Gesellschaft waren, gibt das Handbuch zur deutschen
Einheit von 1993 unter dem Stichwort ,Literatur' preis. Es resümiert zugleich die
vielfältigen Rollen der Schriftsteller seit 1989:

Von Oktober bis Dezembet 1989 schlüpften einige der DDR-Schriftsteller in die
Rolle der Revolutionäre auf öffentlichen Bühnen. Doch ihr Engagement galt mehr
der Freiheit als der Einheit. Indem sie, parallel zu einigen westdeutschen Autoren
wie beispielsweise Grass, die staatliche Vereinigung öffentlich ablehnten, manö-
vrierten sie sich selbst als revolutionäre Elite ins Abseits. [...] Das Bild des neuen
Deutschland nach dem 9. November 1989 ist in der erzählenden Literatur erst
bruchstückhaft abgebildet. Die vorliegenden Reden, Tagebücher, Aufrufe, Chroni-
ken, Essays sind Sequenzen des Revolutionsdramas. Es bleiben historische Quellen

12 Vgl. Kormann 1999: 117.


13 Vgl. Kormann 1999: 115. Diesen würde dann am ehesten Loests Nikolaikirche (1995) gerecht.
Er erzählt allerdings .nur' bis zum 9. November 1989. Wie Würffel (2003: 75) feststellt, ist hier
die „Geschichte der DDR noch [...] nicht zu Ende geschrieben, weil ihr Beginn immer noch im
Dunkeln liegt." Zutreffend resümiert Würffel, Nikolaikirche sei weder „wirkliche Geschichts-
schreibung noch eigensinniger Roman" (ebd.: 76).
14 Isenschmid 1993: 173. Vgl. dazu auch Kormann 1999: 116.
REPRASENTATIVITAT UND ALTERITÄT 35

der epochalen Zäsur, da nur die Literaten offenbar in der Lage waren, den .Wahn-
sinn' der Veränderung in Worte zu fassen. Doch wann erscheint der erste Roman
mit Anspruch auf die spiegelbildliche Darstellung des vereinten Deutschlands? Bis-
lang bleibt es bei relativ oberflächlichen und klischeehaften Berichten zum Ein-
heitsalltag. Das Psychogramm des Umbruchs [...] kommt nut in Veröffentlichun-
gen zum gesamten Stasi-Komplex zum Ausdruck. [...] Insgesamt haben jedoch die
Schriftsteller noch nicht den notwendigen Blick für die Zukunft des Einheitsalltags.
Die Wahrheitssuche mit den Mitteln der Sprache bleibt bislang in Vergangenheits-
projekten sttecken. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß Untergänge litera-
risch ergiebiger sind als Siege? Die Literaten als mögliche Geschichtsschreiber?

Kurzzeitig Revolutionäre, daraufhin Vaterlandsverrärer, die Ostler dann im Stasi-


Komplex verstrickt und der Westen offenkundig unbeteiligt - welche Literaten
sollen da und auf welche Weise zu Geschichtsschreibern werden? Das Bedürfnis
nach Reprasentativitat läßt indes vermuten, daß es sich mit dem Schreibauftrag
Wenderoman weniger um den Wunsch nach einer literarischen Historiographie,
sondern um das Verlangen nach einem Gründungs- oder Ursprungsmythos han-
delt.
Als im Herbst 1989 aus der Losung Wir sind das Volk diejenige Wir sind ein
Volk wurde, fand sich das Volk als Nation wieder. Auch hier fand nicht mehr als
ein Wechsel vom bestimmten zum unbestimmten Artikel statt - mit allerdings
weitreichenden Folgen. Das Volk hatte gegen seine obrigkeitsstaatliche Bevor-
m u n d u n g protestiert und damit an den alten, aus dem Ständestaat rührenden so-
zial konnotierten Begriff angeknüpft, der das Untertanenvolk dem Herrscher ent-
gegensetzte — ein Volk zu sein, bedeutet, eine Gemeinsamkeit zu postulieren, die
im Begriff der Nation gefaßt ist. D a ß das Volk zur Nation wurde, ohne dies ex-
plizit zu formulieren, verdankt sich nicht nur seiner vorgängigen Teilung in zwei
Staaten, sondern auch der seit dem 18. Jahrhundert bestehenden semantischen
Unscharfe zwischen beiden Begriffen. Der Begriff des Volkes wurde von Herder
und insbesondere den Romantikern mit einer besonderen Dignität ausgestattet;
er bildet zudem als „metaphysizierte .vorpolitische Einheit' die erste und wesentli-
che Grundlage von .Nation'". Haftet dem Volk die Vorstellung eines organi-
schen Gebildes an, das keiner weiteren Legitimation oder Definition bedürfe, so
mußte indes die im Zuge der Herbst-Demonstrationen quasi wiederholte histori-
sche Dimension in ihrer Verbindung von Emanzipationsforderung und National-
staatlichkeit die Frage aufwerfen, was und wer denn diese Nation eigentlich sei.
Rußland hatte nach dem Zerfall der Sowjetunion offenbar ein ähnliches Problem,

15 Weidenfeld/Korte 1993: 452f. Ausführlicher und präziser ist das Stichwort in der Neuauflage
von 1999 erläutert (vgl. diess. 1998).
16 Zum litetatischen Hintetgrund dieser Parolen in der Lyrik Freiligraths und Brechts sowie deren
Tradierung als DDR-Kulturerbe vgl. Schrader 2000.
17 Vgl. Hinderer 1998. Dann (1995: 73) verweist datauf, daß sich der Begriff des deutschen Volkes
erst Mitte des I 8. Jahrhunderts dutchgesetzt hat: „Volk und Nation wurden also im politischen
Sinn fast synonym gebraucht."
18 Geier 1997:75.
36 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

auf das Boris Jelzin ganz pragmatisch reagierte: Er ließ einen Preis für eine „na-
tionale vereinigende Idee" ausloben.
Von hier aus läßt sich die Forderung nach dem Wenderoman als Forderung
nach einer historischen Wiederholungstat bestimmen, hatten doch Schriftsteller
im 18. und 19. Jahrhundert - Kleist, Arndt, Körner, Schlegel, Arnim, um nur die
prominentesten zu nennen - zentralen Anteil an det .Erfindung der Nation' (Be-
nedict Anderson), die sie zusammen mit Philosophen und Theologen wie Her-
der, Fichte und Schleiermacher ,erschrieben'. Ob einige der „Mythosproduzen-
ten" (Otto W. Johnston) zwischen 1807 und 1813 dabei wirklich im Auftrag
handelten oder ihre nationale Programmatik Ausdruck des kollektiven Imaginä-
ren ist, muß hier nicht entschieden werden.' Die Geschichte der Nation ist die
ihrer Texte: Bereits die ersten Vorstellungen einet deutschen Nation entstanden
mit Rekurs auf die wiederentdeckte Germania des Tacitus, mit der die deutschen
Humanisten eine nationale Gtündungsakte vorweisen zu können glaubten. Es
waren, so resümiert Helmut Scheuer den von ihm herausgegebenen Sammelband
Dichter und ihre Nation, immer die Schrifsteller, „die sich - wie es Christoph
Martin Wieland 1791 formuliert hat - als ,die eigentlichen Männer der Nation'
fühlten"." Dieses Fühlen - die Verbindung von Nation und Emotion - ist nach
1989/90 in Reaktion auf die Umbtüche in Europa mit Rekurs auf neuere Ansätze
— so der History of Emotions - verstärkt in den Fokus literaturwissenschaftlicher
wie historischer Forschung gerückt." Auch der Körper - in den 90er Jahren ein
disziplinenübergreifend intensiv erforschtes Arbeitsfeld - rückte dabei ins Zen-
trum des Interesses." Geht es einerseits um den Individualkörper als „Einschrei-
befläche politischer Diskurse, die den nationalen Habitus im Körper veranker-
ten", so andererseits um den Kollektivkörper, den body politic der imaginären
Gemeinschaft. Dieser wurde - als Reaktion auf die Französische Revolution 1789
- in Deutschland vor allem von der Politischen Romantik entwickelt. Dabei
nahm, so Matala de Mazza in ihrer Studie zum Verfaßten Körper, „dieser Orga-
nismus Gestalt an in einem Imaginären, in dem keine revolutionären Verfassun-
gen, sondern vor allem literarische Texte ihm ein Leben, eine Geschichte und ei-

19 Vgl. Mettke 1999: 136ff


20 Vgl. Johnston 1990. Seine Untersuchung fokussiert die von Freiherr vom Stein betriebene natio-
nalstaatliche Initiative mit dem Ziel, der Begeisterung für Napoleon entgegenzuwirken und mit
Unterstützung Großbritanniens einen Volksaufstand vorzubereiten. Allerdings, so Johnson (ebd.:
64), sei „die Existenz eines zentralen politisch-literarischen Verbandes", den Stein „anleitete",
nicht nachzuweisen. Zwar nicht nationalstaatlichen, wohl abet explizit staatspolitischen Interes-
sen folgte nach der 48er-Revolution der .Münchner Dichtetkreis'. Vgl. dazu Werner 1991.
21 Scheuer 1993b: 9. Vgl. auch Körte (1992) zum Verhältnis Schriftsteller und Staat nach 1945.
22 Vgl. den instruktiven Sammelband von Francois/Siegrist/Vogel 1995a. Einen Überblick über die
Forschungslage und die Verbindung politik- und sozialgeschichtlicher Konzepte mit neuen kul-
turanthropologischen Ansätzen bieten die Herausgeber Francois/Siegrist/Vogel (1995b).
23 Zum Konnex des politischen Körpers als nationaler Erzählung und der Entstehung frühneuzeir-
licher Subjektstrukturen unter gendertheoretischer Perspektive sei auf die Studien von S. Scholz
(1998) und Mittag (1998) verwiesen.
24 Baxmann 1995:355.
REPRÄSENTATIVITÄT UND ALTERITÄT 37

ne soziale Bedeutung gaben"." Für den, sich als gespalten erlebten Menschen - in
der öffentlichen Sphäre unmündiger Untertan und im Privaten freier, dem Ge-
wissen verpflichteter Bürger - dienten die literarischen Entwürfe des Kollektiv-
körpers dazu, „eine „personafictaheranzubilden, in der der ,ganze Mensch' sein
soziales Doppel erhielt"."' Die textgenerierte persona ficta wurde indes nicht nur
imaginiert, sondern auch - versteht man die Nation als kulturelle Praxis - über
Akkulturationsprozesse in die individuellen Körper eingeschrieben. Diese Pro-
zesse vollziehen sich vorrangig unbewußt; als „Traumarbeit der Kultur" zielen sie
darauf, das „Nationale im Tiefenraum der Gesellschaft zu verankern"." Gerade
der unbewußte Vollzug der Akkulturationsprozesse wie auch das lesende Imagi-
nieren setzen dann - stärker als die zitierten, einen passiven Rezipienten beschrei-
benden Formulierungen nahelegen - eine innerpsychische Aktivität des Subjektes
voraus: Wie der individuelle muß auch der kollektive Körper als Projektionslei-
stung des Einzelnen verstanden werden. Wie der Individualkorper ist auch der
body politic in seiner imaginären Ganzheit die Projektion einer umrißgebenden
Oberfläche."
Mit der Durchsetzung einer literal bestimmten Kommunikationskultur im 18.
Jahrhundert gehen, so Albrecht Koschorke, neue Affektmodellierungen einher."
Stehen - wie Koschorke für die Empfindsamkeit beispielhaft zeigt — kommunika-
tionstechnische Revolutionen und psychophysische Subjektivierungen in einem
grundsätzlichen Zusammenhang, so realisiert sich die Nation „als kulturelle Pra-
xis" innerhalb dieser Emotionskultur. Nicht jedes Gemeinschaftsgefühl - dies
hat schon Max Weber betont - ist notwendig ein nationales. So knüpft die For-
derung nach dem repräsentativen Wenderoman - wahlweise auch Einheitsroman —
zwar an die Tradition der literarisch erzeugten Nation an, es handelt es sich dabei

25 Matala de Mazza 1999: 122.


26 Matala de Mazza 1999: 122. Böhn (1996) beschreibt diesen Zusammenhang für das organische
Kunstwerk, den organischen Staat und den Dichter um 1800 anhand des .Textleibes'. Selbstver-
ständlich wird die Nation nicht nur literarisch erzeugt, sondern über Rituale, Feste, Körperpra-
xen (Tanz, Sport), Film usw. verankert und durch Denkmäler, Architektur, Symbole (Medaillen,
Briefmarken) usw. repräsentiert. Vgl. dazu Baxmann 1995.
27 Baxmann 1995: 354. Zum Begriff schreibt Baxmann (ebd.: 353): „Die Traumarbeit der Kultur
findet ihren Ausdruck in kollekriven Bildern und Mythen, die politische Zusammenhänge zu
Narrationen und Bildern verdichten und mittels derer die destruktiven Energien der Massen in
gemeinschaftsstiftende Kräfte umzuformen sind."
28 Der innerpsychische Aspekr des nation-buildingist wenig erforscht. Baxmann (1995: 354) spricht
von der Nation als „eigenem idealisiertem Selbstbild, das die Mitglieder der Gesellschaft im Hin-
blick auf ein gemeinsames Ideal bzw. Projekt miteinander verbindet. Diese idealisierten Selbstre-
präsentanzen konstituieren erst jene .gedachte Gemeinschaft', die teale Bindungen und kollekti-
ves Handeln hervorbringt." Walker (zit. bei Baxmann, ebd.: 363) betont den unbewußten Cha-
rakter des Ursprungsgedankens. Kaschuba (1995: 294) nennt die Nation eine „psychophysische
Form", die sich über kollektive Bewegung vermittle. Ich schließe, wo es um die Nation als Kör-
per geht, an die Körperbild-Theorie Schilders, an Freud und Lacan sowie Butler an. Vgl. zu die-
sen Konzepten meinen Beitrag zum Körperbild (Brüns 2002a).
29 Vgl. Koschorke 1999: 188ff.
30 Vgl. Francois/Siegrist/Vogel 1995a. In diesem weirgefaßten Forschungsansatz verbinden sich
kulturwissenschaftliche sowie politik- und sozialhistorische Konzepte der Nationsforschung.
38 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

aber nicht notwendig um ein nationalistisches Projekt. Vielmehr zeigt sich hier
die Divergenz zwischen der Nation als ideologischem oder rein fiktionalem Pro-
jekt — dem „Gruppenideologem Deutschland" (Hans Peter Herrmann) — und der
Nation als kultureller Praxis, die sich über Akkulturationsprozesse realisiert: 1990
wurde die nur imaginär vorhandende Vorstellung .vereinigtes Deutschland' so
unerwartet und schlagartig Realität, daß ihr keine innergesellschaftliche und auch
keine innerpsychische - und damit auch keine ,physische' - Wirklichkeit entspre-
chen konnte. Die imagined Community ist aber immer auch eine gefühlte, eine
emotionale Gemeinschaft.
Funktionsgeschichtlich signifikant für den Wunsch nach einem repräsen-
tativen Wenderoman nach 1990 sind Genese und Bearbeitungsformen der „na-
tionalen Gruppenimagination .Deutschland'" : Als Reaktion auf die Modernisie-
rungsprozesse des 18. Jahrhunderts, die Halt und Identität im gesellschaftlichen
Umbruch versprach, wurde diese Vorstellung im 18. und 19. Jahrhundert zu-
nächst in Fiktionen ausagiert, dann erst in der Publizistik beschworen, später ein
Massenphänomen, bevor sie realgeschichtlich mit der Reichsgründung 1871 Ge-
stalt gewann. Im Rückblick auf die historische Ausgangslage erscheint das Ver-
hältnis von Feuilleton und Literatur nach 1990 als Störung einer medialen Ar-
beitsteilung, die sich - greift man den Begriff der „Traumarbeit der Kultur" auf-
als sekundäre Bearbeitung eines imaginäten und affektiven Materials vollzieht:
Als zunächst nur „innerpsychische Realität" mußte sich im 18. und 19. Jahr-
hundert die Zusammengehörigkeit eines Volkes, das sich als „vorpolitische We-
senheit" (Lepenies) und eben nicht über einen politischen Rechtsstatus als zu-
sammengehörig definierte, über eine als gemeinsame gedachte Geschichte und
Kultur, aber auch über die verbindenden Affekte der Freundschaft, Treue und
Liebe legitimieren. Konnte im 18. und 19. Jahrhundert die Publizistik hinsicht-
lich der Themen Patriotismus und Nationalismus auf ein beteits von der Litera-
tur bereitgestelltes Arsenal an „Worten, Begriffen, Gefühlen und Bildern, die eine
relativ große Breite an inhaltlichen Bedeutungen, aber einen relativ festen Kern
an emotionalen Besetzungen aufwiesen", ' rekurrieren und dieses bearbeiten, so
schien genau dieses Material nach 1990 zu fehlen. Der Vorwurf der zu den Er-

31 Zur Bedeutung und Geschichte nationaler Affekte und ihrer ästhetischen Inszenierungen vgl. U.
Herrmann 1996a.
32 H. P. Herrmann 1996a: 20.
33 Vgl. dazu H. P. Herrmann 1996a und 1996b: 62.
34 H. P. Herrmann 1996b: 60.
35 Vgl. Blitz 1996: 91.
36 H. P. Herrmann 1996a: 18.
37 Die Reportage als journalistische Form der .Nachrichtenergänzung' gewinnt, so Uecker (2000:
179) in Krisen- und Umbruchzeiten an Bedeutung: „Was in andeten Zeiten als .weiches' Thema
in luxuriöser, unverhältnismäßig viel Platz beanspruchender Form erscheinen mag, kann nämlich
gerade dann, wenn sich die Nachrichten überstürzen, Orientierungen liefern, indem es die sub-
jektive Verarbeitung der ansonsten unverstanden bleibenden Nachrichten darstellt. Das erklärt,
warum der Umbruch in der DDR geradezu eine Inflation an Reportagetexten auslöste, und war-
um es sich auch manche gestandene Leitartikler nicht nehmen ließen, ausnahmsweise den Ereig-
nissen ganz nahe zu rücken."
REPRÄSENTATIV1TÄT UND ALTERITÄT 39

eignissen 1989/90 schweigenden Intellektuellen wurde nachgerade zum Topos,


der sich bald auch auf das Fehlen der entsprechenden Literatur erstreckte. Tat-
sächlich bearbeitet die Literatur nach 1989/90 den Umbruch weniger als Diskurs
über Mauerfall und Vereinigung - die berühmte Ausnahme bildet Ein weites Feld
von Günter Grass - , als daß hier das breite Feld der an Worte und Begriffe ge-
bundenen Gefühle und Bilder zum Einsatz kommt, welches sich in spezifischen
narrativen Strategien niederschlägt: Verleiblichung im Körperbild, Familiennar-
ration und Paar-Allegorie. Anders als der Topos von der abwesenden zeitge-
schichtlichen Literatur vermuten läßt, sind es indes genau diese Affekte und Ge-
fühle, die in der Literatur nach 1989/90 als Modellierung des nationalen Körpers,
der Zusammengehörigkeit der ,Brüder und Schwestern' in Ost und West in den
Familiennarrationen und als zunächst stürmische Liebe füreinander und späterer
Liebesverrat aneinander in Paar-Allegorien verhandelt werden.
Unvermerkt knüpft die Literatur nach 1989/90 über diese Strategien eben
doch an die Traditionslinie der imaginären Gemeinschaft an und bearbeitet deren
Bilder und Affekte. Dabei aktualisiert sich einmal mehr die imaginierte Nation
als kollektives Selbstbild in der Auseinandersetzung mit Fremdbildern. Die neue-
re Forschung — im Anschluß an Arbeiten von Jeismann insbesondere vertreten
durch Hans Peter Herrmann — hat jüngst die fächerübergreifend etablierte Tren-
nung in einen frühen, aufklärerischen und kosmopolitisch orientierten Patrioris-
mus während des 18. Jahrhunderts und einen ihn ablösenden aggressiven Natio-
nalismus um 1800 und im 19. Jahrhundert in Frage gestellt. Wutde bislang die
Politische Romantik als Zäsur gegenüber dem Patriotismus der Aufklärung ver-
standen, so weist die genauere Sicht auf patriotische Texte des 18. Jahrhunderts
über die Arminiusdramen von J. E. Schlegel, Moser, Klopstock und Kleist sowie
über die Lyrik Gleims und des von Klopstock inspirierten Dichterbundes Göt-
tinger Hain eine Vorläuferlinie auf. Nachdem das Vaterland in Klopstocks
Oden religiös überhöht und damit kurzfristig zum Vorbild für die patriotische
Lyrik des Göttinger Hains wurde, dessen Mitglieder an Klopstocks Geburtstag im
Gedenken an dessen Vaterlandsoden und sein Bardier Hermanns Schlacht die er-
ste ,nationale' Bücherverbrennung organisierten, findet dann in Kleists Drama
Die Hermannsschlacht (entstanden 1808) der Nationalismus um 1800 sein wohl

38 Schon am Morgen nach der Maueröffnung vertrat Greiner in Die Zeit vom 10. November 1989
die These, die ost- und westdeutschen Intellektuellen seien bei dieser Revolution in Deutschland
nicht dabeigewesen. Fest (1990) baute dies in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30. De-
zember 1989 kurz darauf zum Vorwurf an die „schweigenden Wortführer" aus. Zur historischen
Bedeutung des Vorwurfs vgl. Peitsch 1991. Eine konkrete Widerlegung der These Fests bieten
Jäger/Villinger (1997) in ihrer materialreichen Dokumentation. Zum Zusammenhang dieset
Debatte und des Literaturstreits um die ,Gesinnungsästhetik' vgl. Kormann 1999: 90ff.
39 Vgl. Jeismann 1992 und H. P. Herrmann/Blitz/Moßmann 1996.
40 Bereits in den Arminiusdramen von Johann Elias Schlegel (Hermann, 1740/41, gedr. 1743) und
Justus Moser (Arminius, gedr. 1749) wurden — wenn auch unterschiedlich stark — die Züge eines
aggressiv abgrenzenden Nationalismus entwickelt, die Gleims Lyrik, die PreußischefnJ Kriegslieder
(1758) im Verlauf des Siebenjährigen Krieges dann verstärkte. Vgl. dazu den Sammelband H. P.
Herrmann/Blitz/Moßmann 1996.
40 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

heute bekanntestes und brutalstes Bild. Bestätigen die neueren Forschungen ein-
mal mehr die für den Nationalismus typische Abgrenzung gegen den äußeren wie
auch später gegen den inneren Feind — bei Brentano dann namentlich die Juden —,
so kann der Aufweis der damit verbundenen Männlichkeitskonzeption als me-
thodologisch richtungsweisende Erweiterung gelten. Auch nach 1989/90 wird die
Arbeit an der Nation als Arbeit an einem Geschlechtskörper vollzogen. Nicht zu-
letzt der Körper des Autors rückt dabei in einen Kontext mit dem bodypolitic.
Das Selbstbild der Nation ist immer von der Auseinandersetzung mit dem
Anderen geprägt. Nicht notwendig m u ß dies ein .äußerer Anderer' sein. Nach
1990 ging es neben den Abgrenzungen nach außen - die vor allem im neuen
Rechtsradikalismus ihr Bild fanden - auch um die innere Homogenität. Die
Anderen' waren die DDR-Autoren, die sich integrieren sollten. So entwickelte
der Historiker Reinhart Koselleck anläßlich einer Tagung der Akademie für Spra-
che und Dichtung eine Idee, wie die auf „unterschiedlichen semantischen Assozia-
tionen" beruhenden Ost-West-Sprachschwierigkeiten zunächst quasi linguistisch
und dann literarisch zu beheben seien:

Ich schlug damals den Ost-Schriftstellern vor, ein Protokoll der auftretenden
Sprachschwierigkeiten anzufertigen, um gezielt darüber sprechen zu können und
um daraus vielleicht eines Tages einen guten Roman zu machen. Diesen Roman
habe ich aber bisher noch nicht gelesen. "

Daß dieser Vorschlag sich an die ostdeutschen Schriftsteller richtete, schreibt die-
sen eine vom notmativen Sprachgebrauch abweichende Position zu. Koselleck
entwirft hier einen psycholinguistischen Kontext, in dem diese zu intra-
psychischen Anderen werden:
Die Übersetzung von einer Sprache in eine andere ist in det Regel eine Hilfe zur
Verständigung, aber im Falle derselben Sprache scheint eine solche Übersetzungstä-
tigkeit ungeheure psychologische Schwierigkeiten mit sich zu bringen.'
Bleibt die Übersetzungsleistung in die normative Sprache aus, so bleiben nicht
nur Verständnisschwierigkeiten erhalten, im psychosozialen Kontext rückt die
.andere' als „Privatsprache" (Alfred Lorenzer) auch in die Nähe der Desymboli-
sierung. In diesen Kontext paßt denn auch die Existenz eines von der Literatur-
kritik nicht weiter beachteten - und ästhetisch auch anspruchslosen - Korpus
semidokumentarischer, zumeist grotesker Nach-Wende-Literatur in den ersten

41 Thumfart (2002: 658) konstatiert, das .Aufeinandertreffen zweier relativ differentet Kulturen
läßt sich mit Blick auf die deutsche Vereinigung als fast idealtypische Exemplifizierung dessen
betrachten, was Zygmunt Baumann [...] den .Fremden' genannt hat, nämlich die unvergeßbare
und daher unverzeihliche Tatsache, daß er den Bereich der Lebenswelt in einem genau bestimm-
ten Lebensabschnitt betteten hat. Er gehört nicht von .Anfang an', .ursprünglich', .schon immer',
.seit undenkbaren Zeiten' in diese Lebenswelt. Dieser Einbruch in das Gewohnte und Vettraute
gilt für beide .Parteien' reziprok".
42 Koselleck 1997: 250.
43 Koselleck 1997: 250f. Für die Verwaltungskultur als ein Indikator der polirischen lntegtation
läßt sich, so Thumfarr (2002: 644), eine Vermischung des spezifischen Ost- und West-Sprach-
gebrauchs feststellen, was von einer „Mischintegration" zeugt.
REPRÄSENTATIV1TÄT UND ALTERITÄT 41

Jahren nach der Vereinigung, die von einem Kritiker als „Neue DDR-Literatur"
bezeichnet, der grotesken, sozusagen ,privatstaatlichen' Situation ihren Ausdruck
verlieh.
Wurde der Anspruch auf einen gesamtgesellschaftlichen Wenderoman bislang
nicht erfüllt, so war und ist hingegen die Literatur ostdeutscher Autoren nicht
selten von Bildern der Fremdheit und Andersartigkeit geptägt. Statt dem ge-
wünschten Einheitsmythos vorzuarbeiten, brachte sie damit eine teilgesell-
schaftliche Befindlichkeit zum Ausdruck, die sich sehr schnell nach der Wende
artikulierte und die Jubelrhetorik der Vereinigung zunächst durch dissonante
Einzelstimmen störte. Anfangs von Volkes Stimme' als Anders-Sein postuliett
und dann in den Mediendiskurs gebracht, fanden gesellschaftliche Differenz-
erfahrungen bald auch ihren literarischen Ausdruck. Paradigmatisch sei hier der
von Carl Otto Conrady herausgegebene Lyrikband Von einem Land und vom an-
deren. Gedichte zur deutschen Wende 1989/90 genannt. Der Erfahrung von Alte-
rität in ihrer Ambivalenz von Befreiung, Desorientierung und Positionsverlust
steht det kollektive Wunsch nach „fiktiven Deutungen" der Gegenwart gegen-
über, die als Deutung und damit Sinngebung Irritationen, wenn vielleicht nicht
aufheben, so doch verständlich machen und damit zumindest mildern sollen.
Tatsächlich wurde angesichts des ausbleibenden repräsentativen Wenderomans
von amtlicher Seite auf Abhilfe gesonnen: Das Bundesministerium für Bildung,
Wissenschaft, Forschung und Technologie und das Ministerium für Bildung, Wissen-
schaft und Weiterbildung des Landes Rheinland-Pfalz brachten als Beitrag zur gei-
stig-kulturellen Einheit in Deutschland die dreibändige Anthologie Von Abraham
bis Zwerenz heraus. Angesprochen wurde mit dieser nicht-öffentlichen Publika-
tion - die Zielgruppe bildeten Lehrer - einmal mehr die Bildungselite. Sucht die
Anthologie die geistig-kulturelle Einheit und damit die Erfindung der Nation als
Kulturnation durch die Schriftsteller neu zu iniriieren, so wird mit den Rezi-
pienten eben die Trägerschicht angesprochen, die schon im 17. und 18. Jahr-

44 Vgl. Höge 1998: 17.


45 Vgl. Pinkert 1996 und 1998. Wehlet (1997: 387) geht davon aus, daß es dreißig Jahre dauert,
„bis es so etwas wie eine stärkere Annäherung gibt und die Fremdheit abgebaut wird". In seiner
Analyse ost- und westdeutscher Reportagen zur Wende zeigt Uecker (2000: 179), daß die Repor-
tagen der ostdeutschen Journalisten generell von ambivalenten Gefühlen getragen sind, das Ge-
fühl det Beftemdung sich gelegentlich zu massiven Berührungs- und Bedrohungsängsren ver-
dichtet und dem Westen „weitreichende Vereinnahmungsstrategien unterstellt werden".
46 Conrady 1993. Vgl. auch Simon/Rothe/Andrasch 2000.
47 Erhart/Niefanger 1997: 1. Vgl. auch Simpson (1993: 53f): „Seit der Wende schreibt sich Ge-
schichte groß: Lyriker, Künstler, Graphiker und Musiker müssen nun etwas Politisches beitragen,
auch wenn sie sich nicht auf dem Gebiet der Politikwissenschaft auskennen. Intellektuelle sind
auf einmal beispielhafte Bütger eines verlorenen exotischen Landes, für das sich die Menschen
quasi als Anthropologen interessieren."
48 In ihrer Analyse der in dieser Anthologie vetsammelten Texte stellt H. Scholz fest (2000: 19),
daß es noch keine literarische Einheit gebe: „Wahrgenommen und diskutiert wird Deutschlands
Einheit als wirrschafts- und sozialpolitische, technisch-organisatotische und administrative. Aus
dem Blickwinkel der Ostdeutschen ist Deutschland innerdeutsch, d. h. westdeutsch geblieben."
42 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

hundert die Nation — wie auch immer verstanden — propagierten. Es ist signifi-
kant, daß die Anthologie hauptsächlich ehemalige DDR-Schriftsteller sowie Ber-
liner Autoren versammelt, letzteres um die unteilbare Einheit det Stadt zu beto-
nen. Auch hier wird mit sanftem Nachdruck an der ,Versprachlichung' und da-
mit an der Integration des .Anderen' gearbeitet. Die Nation wird hier im Wort-
sinne vertextet: Bei aller programmatisch vertretenen Heterogenitat bilde die
Anthologie doch, so Christel Berger in der Einführung, einen „Teppich". Wenn
schon kein repräsentativer Wenderoman vorliegt, so werden die Texte wenigstens
zwischen den Buchdeckeln zur Einheit verwoben.
In der Fixierung auf den historischen Umschlagmoment von Untergang und
Neuentstehung sprichr sich das Verlangen nach einem historischen Ursprung aus,
in dem die neue Sozialität sich selbst - und zwar textuell - ge- und damit £^grün-
det sieht. In der Forderung nach dem repräsentativen Einheits-Roman verkörpert
sich nicht die Suche nach Geschichte(n), sondern nach dem singulären National-
epos. In diesem Rahmen lassen sich die literarischen Reaktionen im Sinne
Freuds als Kompromißlösungen des kulturellen Imaginären sehen, in denen ei-
nerseits der Wunsch nach einem Gründungsmythos des .Einen' befriedigt, dieser
zugleich aber durch Einspruch des Anderen' im Modus der Fremdheit subver-
tiert wird.

49 Zu den Bildungseliten als Trägetschichten vgl. Scheuer 1993a, Dann 1996, Wehler 1996, Hin-
derer 1998.
50 Berger 1995: 19. Damit soll der sicherlich vorhandene pädagogische Wert dieser Publikation
nicht in Abtede gestellt wetden. Es geht vielmeht um die Einordnung in einen funktionalen Zu-
sammenhang des Vereinigungsprozesses.
51 Auch Wieland Freund (vgl. 2001: 15) deutet diesen Wunsch in seiner sehr kurzen Überblicks-
darstellung zum deutschen Roman der Gegenwarr, in der er das Ende der Lireratur der alten
BRD auf 1995 datiert, in aller Kürze als Sehnsucht nach dem „repräsentativen Roman, der ,groß'
ist und .deutsch', ein Nationaltoman für die Berliner Republik am Ende". Zu kurz greift aber die
Begründung, dieser könne nicht geschrieben werden, weil das Buch nicht mehr „Leitmedium"
einer Gesellschaft sei und deshalb nicht repräsentativ sein könne.
2. Gründungsmythen und Gewalt

Auf Erden sind wir alle gleich,


aber im Himmel herrscht dann Ordnung!
Christoph Marthaler:
Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn!
Murx ihn ab!

Dem Wunsch nach einem Gründungsmythos entspricht am ehesten Christa


Wolfs Medea - u n d subvertiert ihn zugleich im Bild des exilierten Volkes. Aus
sechs Stimmen setzt Wolf die Erzählung um die Heldin Medea zusammen; poly-
perspektivisch und subjektiv wird ihre Geschichte neu erzählt. Medea, die als
Königstochter und geachtete Heilerin in Kolchis lebt, folgt Jason, dem Argo-
nauten nach Korinth. Nicht, wie der Mythos es will, aus Liebe, sondern weil sie
es in ihrer Heimatstadt nicht mehr aushält, nachdem ihr Bruder von ihrem Vater
des Machterhaltes wegen umgebracht wurde. Wie in der Vorlage von Euripides
verhilft sie Jason zum Goldenen Vlies, das zu erbeuten er nach Kolchis gekom-
men war. Wolf folgt den Stationen der Figur und spricht sie von den ihr zur Last
gelegten Verbrechen — den Morden an der Rivalin, ihrem Bruder und ihren Kin-
dern - frei. Die unschuldige Medea wird in Wolfs Version zum Sündenbock ge-
macht, weil sie in Korinth auf die Spur eines Verbrechens gestoßen ist: Auch dort
wurde ein Königskind - die Tochter Iphinoe - zugunsten des väterlichen
Machterhalts geopfert. In den inneren Monologen der sechs erzählenden Figuren
wird Medeas Geschichte teils aus der Erinnerung, teils durch die Wiedergabe
aktueller Geschehnisse vielschichtig ineinander montiert und tteibt dabei ihrem
Ende zu: Medea wird verbannt, ihre Kinder werden von den Korinthern ge-
steinigt. Der Heilerin wird der Ruf der Kindesmörderin angehängt - das „ruch-
lose Scheusal" (Euripides) ist geschaffen, das die Überlieferung bestimmt.
Obwohl die Autorin jeden Bezug zur Zeitgeschichte bestritt resp. als sekundär
erklärte, wutde der Roman gleichwohl als ,Wenderoman' rezipiert. Tatsächlich
legt der Text diese Lesart nahe. " In Medeas Erinnerungen an die Mythen ihrer

52 Die Frage, inwieweit hier ein Ost-West-Thema vorliegt, zieht sich durch die Forschung und soll
hier nicht im einzelnen referiert werden. Stephan (2001: 171) konstatiert, daß „alte Geschlechter-
bilder und familiale Konsrellationen für den Aufbau nationaler Identitäten" revitalisiert werden
und konzentriert sich auf den Aspekt det Mütterlichkeit. Vgl. dazu auch Stephan 1997. Gutjahr
(1998: 347) versteht Medea aus der spezifischen deutschen Situation hetaus, die bestimmte Fra-
gen — wie die nach „Zivilisation und Kultut" - nahegelegt habe. Beinssen-Hesse (2001: 201) be-
zeichnet die Opferthematik als „das eigentlich Neue und Wichtige" des Textes, das die For-
schung ignoriere. Diesem ist als „Literarisierung eines Kultur-Prozesses" Geotgopoulou (2001)
nachgegangen. Vor allem diese Arbeit verhält sich unkritisch zum Text. Sehr gute Anregungen
bietet hingegen der Beirrag von Shafi (1997). Auch Shafi bezeichnet die Ost-West-Problematik
als unschwer zu erkennen und sieht den Text durch widersprüchliche Diskurse geprägt. Während
Roser (2000) die Zeitgeschichte in ihrer Untersuchung der Mythologeme gänzlich ausblendet,
stellt Steskal (2001: 339) in seiner umfangreichen Arbeit zur Mythenadaption in Medea fest, daß
die zeitgeschichtlichen und persönlichen Bezüge des Textes evident seien und diese, „wenn man
44 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

verlorenen Heimat beispielsweise scheinen weniger die sagenhaften Bilderweiren


einer archaischen Kultur als vielmehr die Versprechungen der staatssozialistischen
D D R auf:
Wir in Kolchis waren beseelt von unseren uralten Legenden, in denen unser Land
von gerechten Königinnen und Königen regiert wurde, bewohnt von Menschen, die
in Eintracht miteinander lebten und unter denen der Besitz so gleichmäßig verteilt
war, daß keiner den anderen beneidete oder nach seinem Gut oder gar nach dem
Leben trachtete. (M, 99f.)

Weit von diesen Glücksversprechungen entfernt, hat sich indessen Prachtent-


faltung am Hofe breit gemacht, stößt die Art, wie König Aietes Kolchis regiert,
auf immer größere Lmzufriedenheit, wird der Tempel (!) der Hekate zum Sam-
melpunkt der Unzufriedenen. Der Reformwille der Jüngeren prallt jedoch am
„Starrsinn" (M, 99) des alten Königs ab - Honecker heißt jetzt Aietes überschrieb
die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihre Besprechung/ Die Verkleidung der Zeit-
geschichte im mythischen Gewand brachte dem Roman ebenso viel Kritik und
Ironie ein, wie die Umdeutung Medeas zur Heilerin und weisen, friedfertigen
Frau: Kein Mord, nirgends titelte der Spiegel m o k a n t . 4 In der Tat verbinden sich
Kapitalismus-, Patriarchats- und Vernunftskritik im Blick auf das „wundervolle,
reiche, seiner selbst so gewisse und hochmütige Korinth" (M, 91) dergesralt, daß
Kolchis als utopisches Gegenbild unentfremdeten, sinnlichen, emanzipierten
Seins erscheinen muß. Dies ändert auch die romanimmanente Kritik kaum,
stammt die schärfste - die Kolcher ließen in der Erinnerung ein „wundersames
Kolchis entstehen, das es auf dieser Erde niemals und nirgends gegeben hat" (M,
76) — von Agameda, der zynisch-haßerfüllten Gegenspielerin Medeas, der es ein-
zig um ihren Aufstieg in Korinth geht.
Die auf der Textoberfläche angesiedelten Reminiszenzen und Reflexionen als
Belege für die dem Roman zugrundeliegende Wendethematik anzuführen, ist al-
lerdings ebenso einfach und nichtssagend, wie es unsinnig ist, diesen Zeitbezug
mit allen wissenschaftlichen Mitteln zu leugnen. Es ist bemerkenswert, daß die
erste größere Reaktion auf Medea in einem Materialienband bestand, der die
Autorin in Schutz nahm vor ihren professionellen Lesern - den Literaturkriti-
kern. Die „männlich-dominierte Kritik" habe, so die Herausgeberin Marianne
Hochgeschurz, die „andere Medea" - die hingegen den „Frauen-Diskurs" zu
diesem Buch bestimme - nicht wahrgenommen oder voll Schrecken zurückge-
wiesen. Als Beitrag einer geschlechtsspezifischen Rezeption annonciert, mußte
sich dieser fast naturgemäß auf die feministische Umschrift der Titelfigur kon-
zentrieren und dabei nicht zuletzt der von der Autorin inrendierten Lesart fol-

sie nicht fälschlicherweise zum Mittelpunkt der Interpretation macht, die viel allgemeinere Ten-
denz des Romans keineswegs schmälern".
53 Fuhrmann [1996] 1997: 262.
54 Vgl. Hage 1996.
55 Hochgeschurz 1998b: 5.
GRÜNDUNGSMYTHEN UND GEWALT 45

gen. Denn daß Wolf hier eine Mythenadaption mit kultur- und patriachats-
kritischem Charakter vorgelegt hat, ist offenkundig - bereits die den einzelnen
Kapiteln vorangestellten Epigraphe weisen der Leserschaft auch theoretisch den
Weg. Diese Bedeutungsebene widerspricht nun kaum einer zweiten, die sich auf
die zeitaktuellen Ereignisse bezieht. Es ist wenig hilfreich, beide Ebenen gegen-
einander auszuspielen, zumal sich hier ein altes Stereotyp wiederholt: Die .über-
zeitliche' Mythenadaption scheint für literarische Qualität zu bütgen, die Verar-
beitung von Zeitgeschichte hingegen zeitigt zweitklassige Literatur. Interessant
für eine Literatur des Umbruchs ist hingegen, wie einerseits die Verarbeitung der
Zeitgeschichte die Adaption des Mythos otganisiert, und andererseits, in welcher
Weise der Mythos die Deutung von Zeitgeschichte prägt.
D a ß die (feministische) Literaturwissenschaft so direkt und schnell auf das
Feuilleton reagierte und nachgerade einen antimachistischen Schutzwall um den
Text zog, ist kein oder zumindest meht als nur ein Verteidigungsreflex engagier-
ter Wissenschaftlerinnen, sondern symptomatisch für die besonderen Produkti-
ons- und Rezeptionsbedingungen der Texte Wolfs nach 1989. Christa Wolf
wurde nach dem Fall der Mauer mehrfach zum Objekt öffentlicher Debatten und
auch degradierender Rituale, so daß eine .unvoreingenommene' Rezeption ihter
Texte — um dieses Konstrukt hier heuristisch zu bemühen - kaum mehr möglich
scheint. Teile ihres Werkes wurden und werden, neohistorisch gesprochen, dabei
so sehr mit sozialer Energie aufgeladen, daß sie kaum mehr .nur' als ästhetische
Gebilde lesbat sind. Diese Aufladung - die dem Charakter sozialer Gewalt nahe-
kommt - ist nur im Hinblick auf die exponierte Rolle Wolfs als .Nationalschrift-
stellerin' det D D R zu begreifen. Barner resümiert die matkanten Stationen nach
der Wahl Hans Modrows am 13. November 1989, dessen Regierungserklärung
auch die ungehinderte künstlerische Entfaltung garantierte:

Besonderes Aufsehen erregte im Westen der sowohl in der .Frankfurter Allgemeinen


Zeitung' (29. November) als auch in der .Frankfurter Rundschau' (30. November)
abgedruckte Appell ,Für unser Land', den unter anderen Volker Braun, Stefan
Heym und Christa Wolf unterzeichnet hatten. Er votierte für eine .solidarische
Gemeinschaft', eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik' unter Rückbe-
sinnung .auf die antifaschistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind'.
Max Frisch, Günter Grass, Günter Wallraff und andere (auch Wolf Biermann) un-
terstützten vom Westen her ausdrücklich diesen Schriftsteller-Appell, der freilich
vielen bereits dadurch als kompromittiert erschien, daß ihn schon am Tag nach der
Veröffentlichung auch Hans Modrow und der Honecker-Nachfolger Egon Krenz
unterzeichneten. Der Vorwurf, .kompromittiert' zu sein, richtete sich in diesen Wo-
chen nicht nur gegen einzelne ,Wende-Politiker', auch nicht nur gegen Literatut-
funktionäre wie Hermann Kant, sondern mehr und gerade gegen diejenigen Auto-
ren, die auch im Westen prominent waren und nun nicht schweigen wollten: Vol-

56 So auch die Arbeit von Ehrhardt 2000 und Georgopoulou 2001. In seinem instruktiven Beitrag
witft Most (2002: 364) Wolf - zu Recht - vot, „die jedem genuin literarischen Werk inne-
wohnende Deutungsvielfalt durch massive extratextuelle Rezeptionssteuerungsmechanismen ein-
zudämmen." Dazu gehört die programmatische Dezentrierung der Euripidischen Version, die
Verwissenschaftlichung der eigenen Rezeption und die Bereitstellung von Paratexten.
46 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

ker Braun, Christoph Hein, Stefan Heym, Heiner Müller, Christa Wolf vor allem.
Als Kern schälte sich immer wieder der Doppelvorwurf heraus, sie hätten durch ihre
nur partiell .kritische Position' faktisch .systemstabilisierend' gewirkt und seien als
von der SED .Privilegierte' nicht befugt, jetzt für die DDR-Bevölkerung zu reden,
schon gar nichr als .Opfer". Dieselbe Christa Wolf, die noch am 4. November auf
dem Berliner Alexanderplatz von Hunderttausenden als Sprecherin zumindest ak-
zeptiert war, geriet nun in die vorderste Schußlinie.

Die Autorin sorgte mit der Veröffentlichung des Textes Was bleibt, in dem sie ih-
re Observation durch die Staatssicherheit beschrieb, dann allerdings selbst noch
für einen weiteren energetischen Input, mußte der Veröffentlichungstermin doch
fast zwangsläufig zum Skandalon geraten: 1979 geschrieben, aber erst im Mai
1990 publiziert, wurde der Autorin vorgeworfen, sie wolle sich als ehemalige
,Staatsdichterin' auf die Seite det Opfer drängen - der erste Literaturstreit im
deutschen Vereinigungsprozeß, dem weitere folgen sollten. Die Frage, worum
genau es in diesem ersten Literaturstreit denn gehe, wurde im Feuilleton heftig
und kontrovers diskutiert und ist mittlerweile zum Gegenstand wissenschaftlicher
Erörterungen geworden. Während es Bernd Wittek zufolge zwar vorrangig um
ästhetische Fragen, aber auch um „Politik und Ideologien, Geheimdienste, Intel-
lektuelle, Geschichte und Moral" gegangen sei, sieht Wolfgang Emmerich hin-
gegen einen Kampf um „die kulturelle Definitionsmacht im Lande'."
Wie Ulrich Greiner bereits während des Streites offenlegte, konnte eine kultu-
relle Deutungshegemonie nur über die Neubewertung der Vergangenheit erfol-
gen: Latent wurde in der Diskussion um die moralische Verantwortlichkeit des
Einzelnen in der D D R auch die Schuldproblematik det gesamtdeutschen Ver-
gangenheit neu verhandelt. Hatte sich nach dem Appell Für unser Land vom N o -
vember 1989 der Vorwurf des Kompromittiert-Seins noch allgemein gegen die
DDR-Autoren gerichtet - wobei Wolf schon hier eine exponierte Rolle spielte -
so wurde spätestens seit dem Streit um Was bleibt im Vereinigungsjahr 1990 im-
mer wieder auf die Parallelen zur Situation nach 1945 hingewiesen." Die Verei-
nigung mußte die Erinnerung an den Nationalsozialismus als Ursache für die
Teilung Deutschlands aktualisieren, zumal sich die imaginäre Gemeinschaft det
Nation über eine gemeinsame Vergangenheit legitimiert. Hinsichtlich der ange-
griffenen DDR-Auroren schrieb Uwe Wittstock pointiert in der Süddeutschen
Zeitung.

Der Literaturbetrieb ist also geradezu prädestiniert dazu, die aufgebrochenen mora-
lischen Konflikte der Allgemeinheit auszufechten. Er dient als Modell, an dem vor

57 Barner 1994c: 923f.


58 Eine Auswahl der wichtigsten Zeitungsartikel, abschließende Stellungnahmen und eine nach den
Etappen des Streites gegliederte zusammenfassende Einschätzung bietet Anz 1991a.
59 Wittek 1997: 13. Vgl. auch Papenfuß 1998. die den Literaturstreit auf dem Hintergrund der Re-
zeption der Werke Wolfs in der DDR und der BRD rekonstruiert.
60 Vgl. Emmerich 1997: 462 (Hervorhebung vom Autor, E. B.).
61 Vgl. Barner 1994c: 931. In der Debatte um Sascha Andetson griff Dietze (1993) explizit die Pa-
rallelen auf.
GRÜNDUNGSMYTHEN UND GEWALT 47

aller Augen und bei geringem Risiko durchgespielt werden kann, was an der ganzen
Bevölkerung zu exekutieren sich niemand leisten kann und will. Dies rechtfertigt
vor allem den deutsch-deutschen Schriftstellerstreit, auch wenn er mitunter lächerli-
che, peinliche, inquisitorische Züge annimmt: Es geht nicht um die Literatur, son-
dern um die exemplarische Abrechnung mit exemplarischen Lebensläufen. Die
Schriftsteller sind Stellvertreter.

Und zwar gerade diejenigen, die die D D R durch ihre kritischen Texte stabilisiert
hatten. Die Erzählung Was bleibt wurde ironischerweise ihrem Titel auch da-
durch gerecht, daß sie dem textgestützten body politic der D D R - und zwar wie-
der einmal kritisch - post festum zum Weiterleben verhalf. Da aber die D D R ge-
nau in diesem M o m e n t eigentlich aufhörte zu existieren - die Publikation im
Mai 1990 erfolgte nach den Volkskammerwahlen im März 1990, wo die dann im
Juli 1990 vollzogene Währungsunion als dem de facto-Ende der D D R beschlos-
sen wurde - , mußte die Erzählung nicht nur hinsichtlich ihrer Thematik als ver-
spätete Zivilcourage, sondern als Text selbst nachgerade als Reanimation eines
todgeweihten Leichnams wirken.
Der Streit beschränkte sich allerdings nicht auf Was bleibt. Angeregt durch den
Titel wurde die Frage, was von der DDR-Literatur übrig bleiben solle, bald auf
die BRD-Literatur ausgeweitet. Am 2. Oktober 1990, dem Vorabend der Ver-
einigung, veröffentlichte Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Zei-
tung den programmatischen Artikel Abschied von der Literatur der Bundesrepublik
— ein Abschied, der vor allem die supponierte ,Gesinnungsästhetik' etwa der Au-
toren Böll und Grass meinte. Wolfs Text wurde mithin zum Anlaß, die Literatur
des letzten halben Jahrzehnts zweier Länder im Eilverfahren zu abgeschlossenen
Epochen zu erklären. Damit wurde beiden Literaturen aber auch Repräsentati-
vität zuerkannt, war ihre Verabschiedung doch an das Ende der D D R und der
alten BRD gekoppelt.
Christa Wolf geriet so im Verlauf der weiteren Debatte zwar aus der Schuß-
linie, aber nur um sich kurze Zeit später genau dort wiederzufinden. Sie war, wie
sie in der Berliner Zeitung im Januar 1993 mitteilte, in ihren Stasi-Akten auf
Hinweise gestoßen, die sie als IM auswiesen.' Auch in der nachfolgenden De-
batte ging es um Politik und Ideologien, Geheimdienste, Intellektuelle, Ge-
schichte und Moral. Wolfs Bekenntnis, die Erinnerung an ihre kurze Stasi-
Tätigkeit verdrängt zu haben, und zwar im klinischen Sinne einer wirklichen
Unfähigkeit zur Erinnerung, sowie die von ihr geschilderte schmerzhafte An-
näherung an die fremde Person im eigenen Ich — „ideologiegläubig, eine brave

62 Wittstock [1990] 1991: 302.


63 Dazu schreibt Wirtek (1997: 27): „Christa Wolf war das ideale Objekt zur Eröffnung einer
deutsch-deutschen Grundsatzdebatte. Sie mußte aufgrund ihrer Biographie besonders sensibel
auf diese Vorwürfe reagieren, und sie war ein lohnendes Objekt aufgrund ihrer vorhergehenden
hohen literatutgeschichtlichen Wertung. Gerade daher schien ihre Entwertung als Votaussetzung
einet Neueinschätzung der DDR-Literatut." Vormweg (1994) hat in einer scharfen Replik die
vom Christa-Wolf-Streit ausgehenden Angriffe, die sich zunächst auf die DDR-Literatur, schnell
aber auf die Moderne resp. die Avanrgarde erweiterten, als „Literaturzerstörung" gegeißelt.
64 Wolf hatte bereits im Mai 1992 von den Stasi-Vorwürfen erfahren. Vgl. dazu Vinke 1993.
48 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

Genossin" - vollzogen sich als erzwungene Selbstentblößung in aller Öffent-


lichkeit, die sie offenkundig existentiell bedrohte. Antje Vollmer, die sich öffent-
lich für Christa Wolf eingesetzt hatte, schrieb der Autorin:
Die Besitznehmer des Öffentlichen sind seit 1989 außer Rand und Band [...]. Es ist
wie ein Fiebet, und mir scheint, es sind früher durch die großen ideologischen
Blöcke Gewalten gebändigt worden, die jetzt frei flottieren, wie vergrabene Minen
aus dem letzten Krieg. Wir werden darüber: wie bändigt man diese freigesetzte in-
nergesellschaftliche Gewaltbereitschaft, ernsthaft nachdenken müssen. Aber vorerst
wissen das wohl nur die so genau, die einmal Adressat einer solchen Kampagne wa-
66
ren.
Es mutet denn auch wie eine literarische Antwort an, wenn Christa Wolf die eng-
ste Vertraute Medeas reflektieren läßt:
Lyssa fürchtete, über kurz oder lang werde ein Umschlag erfolgen zur Selbstzerstö-
rung hin, sie kenne das, dann würden alle jene unseligen Kräfte losgelassen, die ein
geordnetes Gemeinwesen zu binden wisse, und dann sei Medea verloren. (M, 179)

Aus dieser Überlegung spricht deutlich Rene Girard. Aus dessen Werk Das Heili-
ge und die Gewalt hat Christa Wolf zwei Epigraphe entlehnt und damit der Leser-
schaft eine Interpretationshilfe mitgegeben. Tatsächlich liest sich auf der Folie der
Kulturanthropologie Girards Wolfs Medea als deren narrative Übersetzung.
Wolfs Interesse galt erklärtermaßen den „Mechanismen der Herstellung eines
Sündenbocks".' Jede Kultur basiert Girard zufolge auf einem ursprünglichen
Gründungsopfer, das in Zeiten kultureller Krisen — verstanden als „undifferentia-
tion", als Entdifferenzierung - erneuert wird, um die Gemeinschaft zu einen: Bil-
det das Menschenopfer des Btudets den Grund für Medeas Flucht aus Kolchis,
entdeckt sie dort mit der Leiche der Königstochter das „Verbrechen, auf das die
Stadt Korinth gebaut" (M, 15) ist, um später, nachdem die Pest in der Stadt ge-
wütet hat, selbst als Sündenbock verbannt zu werden. Die Einführung zweier
zumindest bei Euripides nicht vorhandener Motive det Entdifferenzierung — die
Pest (vgl. M, 163f.), auf die auch noch ein Etdbeben folgt (vgl. M, 177) — ver-
bindet Medea mit den von Girard analysierten Texten Das Erdbeben in Chili von
Heinrich von Kleist und Antonin Artauds Le theätre et son double, wo dieser die
Pest thematisiert. Die Pest und das Erdbeben bilden, so Girard, die narrativen
Zeichen für die Erschütterung des Sozialen. Allein das versöhnende Opfer' kann
die im Entstrukturierungsprozeß aufbrechende Gewalt anhalten, es steht mithin
am Anfang der neuen Symbolbildung und kultureller Differenzierungsleistun-
gen. Wolfs Medea wird in dieser Lesart zum rituellen Opfer, mit dessen Hilfe
die drohende innergesellschaftliche Gewalt gebannt und exterritorialisiert wird.

65 Christa Wolf (1993a: 166) in einem Interview mit Ftitz-Jochen Kopka in der Wochenpost vom
28. Januar 1993.
66 Brief von Antje Vollmer (1993: 195) an Christa Wolf vom 3. Mai 1993.
67 Wolf (1996b) in einem Interview im Tagesspiegel\om 1. Mai 1996.
68 Vgl. Girard 1985.
69 Vgl. Girard 1999: 139.
GRÜNDUNGSMYTHEN UND GEWALT 49

Hierin schien das Schicksal der Figur das ihrer Autorin widerzuspiegeln: Auch
Christa Wolf sah sich selbst als Sündenbock, an dem stellvertretend, exemplarisch
eine Abrechnung vollzogen wurde. Wenn diese Deutung, die viele Verteidiger
der Autorin teilten, zutrifft, dann wäre damit die aufbrechende Gewalt gebannt
worden, die im Kontext des sich als Entdifferenzierung vollziehenden Endes
zweier Staaten drohte. Schotlemmer brachte es unvermerkt auf den Punkt, als er
postulierte: „Christa Wolf hat Ost und West verbunden und wird nun zum Sym-
bol unserer innersten Trennungen auch." Mit Gitard formuliert: Im Zeichen
antagonistischer geopolitischer und kultureller Blockbildungen konnte Wolf ein
Symbol der Vereinigung sein. Als die zwei deutschen Staaten im Bild der Nation
dann homogenisiert und damit entdiffenziert wurden, wurde ihr die umgekehrte
Funktion zugewiesen: „Wenn das versöhnende Opfer allein den Entstrukturie-
rungsprozeß unterbrechen kann, dann steht es am Anfang aller Strukturierung."
Christa Wolf hat hinsichtlich der Reaktionen auf ihre IM-Tätigkeiten von
„Urgewalten" gesprochen, die sich Bahn gebrochen hätten, von dem „Hexen-
kessel", der sich „auch auf kulturellem Gebiet .deutsche Vereinigung'" ~ nennt.
Damit rückte sie die Angriffe in den anthropologischen Kontext, den sie in Me-
dea narrativ umsetzte. Dabei waren die Anklagen natürlich nur insofern von öf-
fentlichem Interesse, als sie, wie die Bild-Zeitung punktgenau titelte, Unsere be-
rühmteste Schriftstellerin Christa Wo^bettafen und nicht irgendeine Privatper-
son. Wolf war indes nicht die erste Autorin, um die das Thema Stasi als „un-
endliche Geschichte" (Barner) entbrannt war. Schon 1991 wurde ein Schrift-
steller höchst spektakulär, nämlich durch Wolf Biermanns Büchner-Preis-Rede,
,enttarnt': Sascha Anderson, der bekannteste der Prenzlauer-Berg-Dichter und ih-
rer Boheme. "" Im Rückblick werde laut Barner offenkundig, daß an Christa Wolf,
aber auch an einem .„alternativen' Typus" wie Andetson „Stellvertreterkämpfe"
ausgefochren worden seien, und er fragt, „ob bei all den Auseinandersetzungen
tatsächlich ,die Literatur' im Zentrum des Interesses stand oder nicht vielmehr
Figuren des öffentlichen Lebens unter primär aktuellen Vorzeichen?" Mög-
licherweise ging es in diesem historischen Moment um beides, genauer: es ging
primär um Personen, die Literatur produzieren. Es ging um die Funktion Autor
im Moment eines kulturellen Umbruchs. Denn andere Personengruppen des öf-
fentlichen Lebens wurden nicht derart angegriffen. Und tatsächlich schien es, wie
Barner schreibt, angesichts der um kritische Haltung bemühten Autoren wie
Wolf und angesichts der Tatsache, daß die politisch Verantwortlichen nicht be-
langt worden seien, doch „doppelt ungerecht", ' ausgetechnet an diesen Schrift-
stellern ein Exempel zu statuieren. Mit Girard betrachtet, folgt auch diese ,Unge-

70 Schorlemmer 1994: 17.


71 Girard 1999: 139.
72 Wolf (1993b: 285) in der frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Februar 1993
73 Anonym (1993: 146) in der Bild-Zeitung vom 22. Januar 1993.
74 Die Debatte ist dokumentiert in Böthig/Michael 1993.
75 Barner 1994c: 934.
76 Barner 1994c: 934.
50 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

rechtigkeit' dem Konnex von Entdifferenzierung und Gewalt. Det Sündenbock


wird dabei nicht aufgrund irgendwelcher Verfehlungen ausgewählt, sondern auf-
grund seiner besonderen sozialen Stellung: Er darf der Gemeinschaft weder zu
nahe noch zu fremd sein, sondern eine randständige Figur. Die Funktion Autor
beruht auf sozialer Randständigkeit. Zwar ist det Schriftsteller Mitglied der Ge-
sellschaft wie alle anderen, in seiner Eigenschaft als ,Erbe Gottes', als Erfinder gei-
stiger Welten ist er aber auch eine Instanz, die mittels Fiktionen das kulturelle
Imaginäre prägt und solchermaßen vor allem in Krisenmomenten zum Generator
neuen Sinns werden kann. Andererseits prädestiniert ihn diese kulturhistorische
Erbschaft auch zum rituellen Opfer, das sich, so Girard, im Bereich des Heiligen
vollziehen muß.
Tatsächlich geht es im Fall Medea - und damit auch in der Vorgeschichte um
Christa W o l f - aber auch um den Sündenbock als Sündenbock. Es ist Girard zu-
folge
unmöglich, das Ritual von seiner eigenen Auflösung im Historischen - in der Rea-
lität eines Konflikts, dessen Umstände nicht mehr durch das Modell reguliert wer-
den - zu unterscheiden. [...] Der Ritus bleibt nur dann lebendig, wenn er reale po-
lirische und gesellschaftliche Konflikte in eine bestimmte Richtung kanalisiert.

Kanalisiert wurde nach dem Mauerfall die Frage nach der Verantwortlichkeit und
Schuld des Einzelnen in einer Diktatur. Wie Thomas Anz zeigt, wiederholten
sich im Christa Wolf-Streit (westdeutsche) Debatten u m die gesamtdeutsche
Vergangenheit, die hier nur knapp aufgezählt seien: In der Debatte, ob die ost-
deutschen Autoren das Land hätten verlassen sollen, wiederholte sich die Streit
um Exilliteratur oder Innere Emigration; daran schloß eine Diskussion um die
Vergleichbarkeit des NS- mit dem SED-Regime an; desweiteren die unter dem
Stichwort Gesinnungsästhetik' geführte Debatte über Ästhetik und Moral, in de-
ren „Postulat einer entmoralisierten Kunst" sich dasjenige einer „entmoralisierten
Geschichtsschreibung" des Historikerstreites verdeckt fortsetzte; zudem die De-
batte um Literatut und Staatssicherheit, die das Großthema Geist und Macht
aktualisierte; und schließlich der Vorwurf einer an die Traditionen der 20er Jahre
anknüpfenden antiwestlichen Rationalitäts- und Zivilisationskritik in den Wer-
ken Wolfs und auch Volker Brauns, die diese in die Nähe der Neuen Rechten
rückte. Im Gesamtblick artikulierte sich in diesen Debatten die der Entdifferen-
zierung eigene, aktualisierte ursprüngliche' Gewalt damit auch als Erinnerung an

77 Girard 1999: 367ff.


78 Girard 1999: 163.
79 Drawert (1993c: 83), einer der härtesten Kritiker der Stasi-Kollaboration, deutete im Rahmen
der Anderson-Debatte gleichzeitig die „in Hetablassung mündende Pose des Vergebens" des We-
stens als „eine weitere Facette im Abwehrreflex einer Schuld", denn die „westeuropäische Linke
hätte guten Grund, mit sich ins Geficht zu gehen und ihr Schweigen zu den Menschen-
rechtsverletzungen im Osten zu kläten sowie ihre Idealisierungsbeihilfen zu bedauern, mit denen
sie dem Realsozialismus projektiv beigewohnt hat".
80 Vgl. Anz 1996: II.
GRÜNDUNGSMYTHEN UND GEWALT 51

konkrete historische Gewalrvetbrechen und die daran geknüpfte Schuldproble-


matik.
Mit Girard gilt auch für Wolfs Mythenadaption wie für jeden Mythos, daß sie
eine „verfälschte und wunderliche Interpretation der Krise und ihrer Lösung" sei,
der dennoch „zentrale Aspekte det Ereignisse" erkennen lasse. Auch in Medea
kommt das M o m e n t der Verkennung zum Tragen, das nach Girard alle riruellen
Opfervorgänge bestimmt. Die Verkennung, die die dem Text vorausgehenden
gesamtgesellschaftlichen Be- und Entschuldigungsvorgänge leitete, konturiert
auch die thematische Ausrichtung des Medea-Stoffes: Wolfs Adaption ist bemüht,
die .falsche' Anschuldigung durch Euripides zu widerlegen, die Medea zur Kin-
desmörderin macht, die sie in früheren Quellen noch nicht gewesen war. Im
thematischen Bezug zum historischen Vorwurf wird damit die Frage der Schuld-
zuweisung und der Ent-schuldung virulent. Die Ftage der Schuld und damit die
textimmanente Verkennung wird in einem kleinen Nebenmotiv deutlich, das
romanintetn die Funktion hat, die überlebensgroße Heldin auf ein mensch-
licheres M a ß zu bringen. Auch Medea, das unschuldige Opfer, wird unfreiwillig
schuldig. Um die aufgehetzte Menge, die die Gefangenen Korinths auf dem Altar
opfern will, von diesem Atavismus abzubringen, bestimmt sie einen einzelnen
Mann zum Opfer: „Etwas nie wieder Gutzumachendes war geschehen, und ich
hatte meine Hände im Spiel. Die anderen hatte ich gerettet, das galt mir nichts."
(M, 203f.) Letztlich rückt damit die Frage nach der Schuld des Sündenbocks ins
Zentrum. Dieser Aspekt ist aber genau derjenige, der für die Selektion des Sün-
denbocks ohne jede Bedeutung ist. Damit ist der Text selbst in die Mechanismen
verwickelt, die er offen legen will.
Mit dem Sündenbock werden allerdings nicht nur neue kulturelle Differen-
zierungen und Symbolbildungen ermöglicht, im Falle Wolfs wurde auch Reprä-
sentativität hergestellt. Dabei fanden verschiedene Medienwechsel statt: Aus dem
unstrukturierten Diskurs, der während der ersten Wochen nach dem Mauerfall
die internen Debatten der DDR-Autoren wie die der Öffentlichkeit bestimmte -
„Die Fronten, Parteiungen, persönlichen Beziehungen und grundsätzlichen Ein-
schätzungen erweisen sich jetzt als verworren bis zur Undurchschaubarkeit" - ,
wurde zunächst die Gruppe der kritischen und gerade darin systemerhaltenden
Schriftsteller isolieft. Es folgte dann mit Was bleibt die Diskussion eines Textes,
während im Rahmen der Sascha-Anderson-Debatte eine etste binnendeutsche
Differenzierung stattfand: Das Bedauern, wie viele Künstler sich in den Stasi-
Dienst hatten nehmen lassen, und die neuen Zweifel an der kritischen Funktion
der DDR-Literatur verbanden sich zur Erkenntnis, „daß das Stasi-Land doch ein
fremdes Land gewesen war".
Mit dem Öffentlich-Werden der kurzen und langvergangenen IM-Tätigkeit
Chtista Wolfs erreichte die Diskussion dann den Körper des Autors, det sozusa-

81 Girard 1985: 146.


82 Barner 1994c: 923
83 Barner 1994c: 933
52 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

gen zum doppelten Körper wurde. In der Rede Abschied von Phantomen. Zur Sa-
che: Deutschland, gehalten im Februar 1994 in Dresden, thematisierte Wolf noch
einmal die „Konfrontation mit einer kompromittierenden Phase meiner Vergan-
genheit" — also ihre kurze Kooperation mit der Staatssicherheit. Im kalifornischen
Santa Monica habe sie, nachdem diese längst vergangene Mitatbeit publik wurde,
eine Art Auslöschung etlebt: „Ich werde und will das körperliche Gefühl nicht
vergessen, Stück für Stück, Glied für Glied ausgewechselt zu werden gegen eine
andere Person, die in die Medien paßte, und dort, wo ich .eigentlich' war, eine
Leerstelle entstehen zu sehen." (AP, 330) Der Aufbau des medialen Körpers der
Autorin vollzog sich in Wolfs Wahrnehmung aus dem ,Umbau' ihrer physischen
Person. Es ist vielleicht kein Zufall und auch nicht Symptom einer besonderen
Empfindlichkeit, daß gerade Wolf diesen Prozeß an sich erfuhr und wahrnahm:
Hatte die Signatur einer ,Staatsdichterin' den literarischen body politic beglaubigt,
so mußte offenbar wie in der Französischen Revolution die alte Gesellschaft einer
^evolutionären Zergliederung' (Linda Nochlin) unterzogen werden: „Es bedeu-
tet, daß die Gestalten det Vergangenheit auf eine bestimmte Art getötet, die
Feinde der Revolution buchstäblich zergliedert werden mußten, um ihren Tod zu
einer Lektion zu machen." Christa Wolf wurde - als ,Nationaldichterin der
DDR' an den alten, untergegangenen Staat geknüpft —, medial zergliedert. Mit
ihr ging der alte, textgestützte body politic der DDR noch einmal und hier auf
gewaltsame, wenn auch unblutige Weise unter. Als Autorenkörper erfuhr sie mit-
hin die Gewalt, die die friedliche Revolution anscheinend nicht hatte — und au-
thentifizierte sie damit physisch. Erst mit Leibhaftig — und hier schon qua Titel
programmatisch - kehrte 2002 Wolf in den literarischen body politic und damit in
den todkranken Körper der DDR zurück.

84 Sennett 1997: 369. Sein berüchtigtes Symbol fand die Zergliederung in der Tötung durch die
Guillotine.
3. Der Stadtkörper als historischer Transitraum

Welch Novemberende! Leis rieselt der Schnee!


Hauptstadtberliner! Ich versteh euer Weh,
doch den Hauptstadtroman, den schreib ich euch nicht:
Wenn es hoch kommt, dann pack ich das Hauptstadtgedicht.
Robert Gernhardt

Dem Ruf nach dem Wenderoman folgte schnell - und ebenso vergeblich - derje-
nige nach dem Berlin-Roman. An die Stelle des fehlenden Textes trat 1995 ein
Kunstwerk: der verhüllte Reichstag. Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-
Claude knüpfte mit der Verhüllung eines, wenn nicht des zentralen Monuments
deutscher Geschichre an das durch die zeitgeschichtlichen Ereignisse entstandene
symbolische Vakuum an. ' Nicht zuletzt zeugten schon die der Kunstaktion vor-
angegangenen Diskussionen um die Umgangsweise mit nationalen Monumenten
und um die politische und/oder künstlerische Symbolik der Verhüllung in ihrem
„Überschuß an Bedeutung" auch von seinem akut wirksamen Gegenteil, dem
Fehlen sozialpsychologisch signifikanter Zeichenproduktion. Das Lob über das
nur mit knapper Mehrheit genehmigte Kunstwerk war dann groß, die (Berliner)
Bevölkerung geradezu enthusiastisch. In zutreffender Weise hat Klaus Härtung in
der Zeit die begeisterten Reaktionen als Wirkung einer „Magie der Hüllen" ge-
deutet, in der das durch die Politik permanent mißachtete „Bedürfnis nach dem
Symbol selbst" endlich seine berechtigte Erfüllung gefunden habe: „Der schöne
Schein hat die Leerstelle eingenommen. Das Silberpaket am Horizont der Berli-
ner Mitte hat eine Abstimmung mit den Füßen bewirkt."
Andreas Huyssen hat darauf verwiesen, daß die Reichstagsverhüllung zeitgleich
mit zwei anderen Ereignissen — den Bayreuther Festspielen unter dem Motto Er-
lösung durch Liebe und der Diskussion um das Denkmal für die ermordeten Ju-
den Europas - stattfand und die Frage gestellt, ob sich hier im Rahmen einer in-
stitutionalisierten Erinnerungskultur der Wunsch nach „Erlösung von Erinnerung
und Geschichte" zeige. Im Gegensatz zum Denkmal, das in seinet Monumenta-

85 Zum Berlin-Roman vgl. Brüns 2005, Heipcke 2003, Langer 2002, Ledanff 2001, Weller 2001,
SiebenpfeifTer 2001, Reinhold 2000.
86 Die Reichstagsverhüllung wird generell nicht mit den politischen Transformationsprozessen in
Verbindung gebracht. Anders Thumfart (2002: 558) in seiner Untersuchung zur politischen In-
tegration Ostdeutschlands: „Welche Veränderungen, Risiken und Chancen der Umzug von Bun-
destag, Bundestat und Bundesregierung für das Stadtklima und die politisch-kultutelle Integrati-
on im .Mythos' Berlin und im .Mythos' des wieder enthüllten Reichstags (nun parlamentarischer
Geschäftsbereich) und (damit auch) in der Bunderepublik insgesamt bringen wird, mag hier nur
als ein weiteres Fotschungsfeld benannt werden." Dieses Kapitel ist der Versuch, die gerrennten
Felder des Politischen und Ästhetischen - zumindest hinsichtlich des kulturellen Imaginären —
zusammenzudenken.
87 Härtung 1995a.
88 Härtung 1995b.
89 Huyssen 1996: 286.
54 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

lität als steingewordenes Gedenken dem Vergessen eher zuarbeite, sei es bei Chri-
sto und Jean-Claude um monumentale Unsichtbarkeit gegangen: „Die Vergäng-
lichkeit der Installation betonte die Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit des be-
bauten Raums, die unumgehbare problematische Dialektik von Erinnerung und
Vergessen." Tatsächlich wurde das Kunstwerk, gerade indem es keine Deutung
anbot, zur Projektionsfläche des Historischen schlechthin — dies signalisierten
schon seine schimmernden und matt reflektierenden Stoffmassen, die die U m -
gebung spiegelten. Dabei setzte die Verhüllung — und tut dies weiterhin - Sym-
bolisierungsvorgänge als Verkettungen in zwei Richtungen in Gang: diachron in
die Vergangenheit und Zukunft der deutschen Geschichte, synchron, indem es
als dezentriertes Symbol vetschiedener Erinnerungsmodi fungiert. In der histo-
rischen Perspektive avancierte das Gebäude, gleichsam verborgen unter einem
schützenden Verband, zum Zeichen einer .verheilenden' deutschen Geschichte,
die dadurch erstmals in die Gegenwatt integriert, nämlich von den Zeitgenossen
als eigene angenommen werden kann: Wohl nicht nur Klaus Härtung sah den
verhüllten Reichstag „im Widerschein der Versöhnung" vor sich liegen - und
spiegelte in seiner Formulierung unvermerkt auch den eigenen Projektionsvor-
gang widet. Auch der amerikanische Historiker Charles S. Maier widmete dem
verhüllten Reichstag mit einem Epilog in seiner breitangelegten Untersuchung
Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus ein eigenes Ka-
pitel. Deutschland habe, so sein Schlußresümee, 1995 Abschied genommen von
einem belastenden und teilenden Etbe:

Der verhüllte Reichstag nahm Urlaub von seinem schweren Vermächtnis. [...]
Wenn die Umhüllung wieder fiel, konnte es [das Gebäude, E. B.] wiedergeboren
werden. Normalerweise finden es Historiker bedauerlich, wenn die Erinnerung ver-
schleiert wird. In diesem Fall handelte es sich jedoch um eine heilsame Verwand-
lung.*1

Neben die Verkettung in historische Tiefe trat eine synchrone intermediale Ver-
netzung, die bis heute nachwirkt. Das Kunstwerk setzte das bis dahin fehlende
Bild einer geschichtlichen Transformation in Szene und transformierte dabei
auch die kollektive Bedeutungslandschaft: Es wird seiner Rezeption als dem
„Wunder der Verwandlung" (Härtung) gerade dadurch gerecht, daß es die Ver-

90 Huyssen 1996: 288.


91 Zur Reichstagsverhüllung als postnationalem, deutungsoffenem .Event' vgl. Koepnick 1997.
Langer (2002: 14) sieht demgegenübet in der von ihm fälschlich auf 1997 datierten Reichstags-
verhüllung den Verweis, daß das „künftige politische Zentrum [...] zur reinen Oberfläche" wur-
de. Damit sei antizipiert, daß Politik in der .Berliner Republik' zunehmend symbolischer Natur
sein würde. Obwohl Politik zunehmend symbolorientiert funktioniert, muß dieser Sicht wider-
sprochen werden, da es sich bei der Reichstagsverhüllung zuvötderst um ein Kunstwerk handelt.
92 Schlör (2001: 213) spricht in Schoeps Berlin - Geschichte einer Stadt von „symbolischer Rei-
nigung". Während der deutschen Teilung stellte der Vorschlag, den Reichstag zu verhüllen, na-
türlich politischen Sprengstoff dar. Vgl. Christo und Jeanne-Claude 1995 sowie Baal-Teshuva
1995: 79f.
93 Härtung 1995b.
94 Maier 1999: 502f.
DER STADTKÖRPER ALS HISTORISCHER TRANSITRAUM ss
änderungen nicht nut repräsentiert, sondern selbst bewirkt. Was für die Zeit der
Verhüllung galt - diese „Kunst agiert im geschichtlichen Raum und verändert
ihn" —, galt auch danach. Die Verhüllung wurde zu einem Symbol der Zeitge-
schichte, das — sich selbst in verschiedene Erinnerungsperspektiven verwandelnd
- zu einer Verquickung unterschiedlicher Gedenkmodi und -medien führte. So
ist det verhüllte Reichstag nach seiner Ent-hüllung eben weder vergangen noch
banal auf das ,nackte' Gebäude als solches rückprojizierbar, sondern vielmehr
ein immaterielles Erinnerungssymbol an eine noch immer deutungsoffene Ge-
schichtsdimension. Der verhüllte Reichstag ,durchzieht' als Erinnerung ver-
schiedene Räume, Medien und Texte und verknüpft dabei die von ihm erzeugten
Projektionen in einer Weise, die den jeweils .privaten' Assoziationsrahmen in ein
kulturelles Bedeutungsnetz überführt: Diese Formen visueller Kultur „make use
of the symbolic material through various media Channels and are steeped into
different affective and intellectual registets at once".
Als das zentrale psychophysische Register fungiert nicht zuletzt der Körper als
Bild der Stadt. Körper und Stadt - dies hat die grundlegende Studie Fleisch und
Stein von Richard Sennett gezeigt — stehen in einem direkten Bezugsverhältnis.
Die polis, das (städtische) Gemeinwesen spiegelt in seinem Aufbau und seiner Ar-
chitektur seit der Antike Körpervorstellungen wider. Johannes von Salisbury gab
1159 mit seinem Postulat „Der Staat (res republica) ist ein Körper" nicht nur
die .buchstäblichste' Definition des politischen Körpers, er schuf auch eine di-
rekte Verbindung zwischen der Gestalt des Kötpers und dem Aufbau der Stadt.
Stadtgestaltung und Körperbild haben sich wechselseitig beeinflußt: Brachte etwa
einerseirs eine medizinische Entdeckungen wie die des Blutkreislaufs durch Har-
vey 1628 die Konzeption einer .atmenden Stadt' hervor, so schuf andererseits die
Ghettobildung in der Renaissance die Vorstellung ,verderbter', andersartiger
Körper. Doch die Stadt kann auf kein einzelnes, dominantes Körperbild ver-
pflichtet werden: Immer sind, so Sennetts Resümee, die „herrschenden Körper-
bilder zerbrochen, als man sie der Stadt aufzwang". Sie suggerieren „Ganzheit,
Einheit, Kohärenz" und werden damit der Unterschiedlichkeit, Widersprüch-
lichkeit und Fragmentierung des menschlichen Körpers nicht gerecht.
In Berlin entstand eine paradoxe Situation: Mit dem Mauerfall und später mit
der Vereinigung fand ein schockhafter Zusammenbruch des - durch die Mauer
um so definierteren - Stadtraumes statt, wobei dem über seine vorangegangene
Teilung als heterogen definiertem Stadtkörper ein neues, auf Ganzheit, Einheit

95 Härtung 1995b. Guggenberger (1995) spricht von: „itreversibler Metamorphose", Matthies


(1995) von einem „Schritt vom abstrakten Gesamtkunstwerk zum heiteren Kollektiverlebnis".
96 Christo ist überzeugt, daß das Temporäre seiner Kunstwerke diese dem Ort stärker assoziiert als
feststehende Kunstwerke. Vgl. Baal-Teshuva 1995: 47.
97 Koepnick (1997: 157) argumentiert, daß die Reichstagsverhüllung Teil einer neuen hybriden
visuellen Kultur und Öffentlichkeit sei.
98 Zit. n. Sennett 1997:31.
99 Vgl. Sennett 1997:32.
100 Vgl. Sennett 1997:34.
56 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

und Kohärenz zielendes Körperbild aufgezwungen wurde. Da Stadt- und Kör-


perbilder auch über Einschluß- und Ausschlußmechanismen, mithin Grenzzie-
hungen miteinander in Bezug stehen, mußte die über Entgrenzung erzeugte,
schlagartige ,Einheit' Berlins im Gegenteil geradezu als Entortung der Stadt zum
terrain vague wirken und auch entsprechende Körperbilder zeitigen. Am 6. Juni
1995, kurz vor der Vollendung der Reichstagsverhüllung am 25. Juni, sieht
Härtung in der Zeit die „Stadt zu sich selber zurückfinden":
Hier steht etwas noch vor dem Umschlag, hier herrscht ein großes Hungerleiden
nach dem zentralen Ort. Aber noch ist die Mitte der Stadt nicht gebrauchsfertig,
noch ist sie innerstädtische Peripherie. Sie wurde durch die Geschichte ruiniert -
und ist doch zugleich Sinnbild für die Startbedingungen eines neuen Selbstver-
ständnisses. Schließlich sind die wichtigsten Plätze Berlins - auch das ist einzigartig
- entweder Brachland oder Baustelle oder gar nicht vorhanden: der Potsdamer
Platz, der Pariser Platz, der Gendarmenmarkt, der Spittelmarkt, alles Chiffren un-
erlöster Sehnsucht. Nicht nur die Politik, sondern auch der Stadtbürger schwankte
zwischen der großen Herausforderung und der Überforderung.

Wie sehr Körperbild und Stadt auch hier ineinanderspielen, zeigt unvermerkt
Hartungs Diagnose: Das Fehlen einer städtischen Mitte, eines symbolischen
Zentrums provoziert ein .großes Hungerleiden' und wirkt damit genau in der
kollektiven Körpermitte, dem Magen und Bauch.
In Transit Berlin hat Durs Grünbein Berlin ebenfalls als Stadtkörper beschrie-
ben, der während der Teilung Deutschlands einen „geographisch-politisch-
anatomischen Riß" aufwies, dem „keine Biographie, kein Weltbild, kein ästhe-
tischer Entwurf entging." (TB, 139) Die Architektur staatlicher Neuordnungen
in Europa bringe in Berlin paradigmatisch „Transit-Künstler" hervor, denen sich
der Riß gerade nicht zur Ganzheit schließe: „Ihr Jagdgrund sind [...] die Nie-
mandsländer, die Zwischenzonen, noch unmarkiertes Gelände" (vgl. T B , 140).
Solchermaßen realisiert der Künstler die „transitio als Durchgang durch einen
Ort" (TB, 142). Der Transitkünstler weist die Idee des Kunstwerks als organische
Ganzheit von sich, sondern bewegt sich, fragmentarische Spuren hinterlassend,
quasi entortet durch die verschiedenen Medien. Der verhüllte Reichstag ent-
spricht insofetn Grünbeins Programmschrift, als Christos und Jeanne-Claudes
Kunstwerke sich grundsätzlich nur über Medien und als Erinnerung, nicht als
Material erhalten.
Die Reichtagsverhüllung ist hingegen von Phil C. Langer als Verweis auf die
symbolorientierte Politik der ,Berliner Republik' verstanden worden. Auf dem

101 In ihrem Kapitel Die Bezeichnung Mauer für die Grenze zwischen der DDR und der Bundes-
republik bzw. West-Berltn resümieren Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 189): „Die Sperr-
anlagen zwischen DDR und Bundesrepublik wurden als Grenze bezeichnet, die Berliner Mauer
als Mauer, die nicht nur die Berliner Sperranlage, sondern auch die Trennung der Systeme
symbolisierte. Mauer bezeichnete dadurch auch die Funktion der Grenze zwischen BRD und
DDR, die die Abschottung gegenüber dem Westen symbolisierte."
102 Harrung 1995a.
103 Vgl. Baal-Teshuva 1995: 52.
DER STADTKÖRPER ALS HISTORISCHER TRANSITRAUM 57

Weg Berlins zum ahistorischen Corporate Design könne die Reichstagsverhüllung


als „vorläufiger Höhepunkt gesehen werden, der Berlin als zYfeW-Schauplatz in-
szeniert, in dem Politik und Geschichte nur insoweit zur Kenntnis genommen
werden als sie vermarktet werden können". Diese Deutung übersieht nicht nur,
daß diesem Event eine mehr als zwei Jahrzehnte dauernde Planung und Diskus-
sion des Kunstwetks vorausging - diese setzten 1971/72 und nicht erst mit der
Berliner Republik ein - , sie ignoriert auch, daß der von Härtung konstatierte,
von der Politik mißachtete Wunsch nach einem Symbol auch derjenige nach Sym-
bolisierung ist. Er ist somit lesbar als Reaktion auf die Entgrenzungsprozesse nach
1989/90, denen die Gefahr einer Desymbolisierung eignete.
Es ist nicht zuletzt der immer wieder beschworene friedliche Charakter des
Volksfestes um den verhüllten Reichstag, der auf sein Gegenteil - dasjenige der
Gewalt - verweist. Dabei war es nicht nur die Multikultutalität des Kunst- und
Volksfestes, die endlich ein wirksames Gegenbild zur deutschen Xenophobie
bildete, in seiner Verwandlung zum immateriellen Erinnerungssymbol bot und
bietet der ,Event' auch den Anlaß, die Frage nach den Formen historischer Gewalt
zu artikulieren. Der verhüllte Reichstag fungiert hier als Deckerinnerung. Hans-
Jürgen Misselwitz, selbst aktiv am Umbruch beteiligt, greift 1996 unter dem
Stichwort Wunder und Wahnsinn den oben zitierten Text von Härtung auf und
versteht dessen W a h r n e h m u n g des verhüllten Reichstags als ein - wiederum in
sich selbst verhülltes - Erinnerungssymbol für den Mauerfall:

Könnte es nicht sein, daß sich der begeisterte Zeitgenosse in jener Sommernacht
von 1995 die Herbstnacht des 9. November 1989 als Vor-Bild wiedererinnert? Die
Mauer war wie durch ein Wunder offen. Die Zeit schien angehalten. Die Revoluti-
on hatte einen Feiertag eingelegt. Es war, wie Klaus Härtung schrieb, .... als ob die
Normalzeit aussetzt und das Mögliche, das diese Zeit in sich hat, erscheint ...'

Misselwitz' Einsatz gilt der Frage, wo denn das Außergewöhnliche der Zeit des
Herbstes 1989 geblieben sei. Entsprechend ist das Bild der Reichstagsverhüllung
an den Anfang seines Buches gesetzt, es setzt eine Erinnerungsspur frei als Be-
mühen, dem Verbleib der historischen Verheißung nachzugehen, die so schnell
im neudeutschen Alltag versandet sei. Misselwitz geht es um den historischen
Moment, den er als Revolution versteht und der - erinnert und damit in seiner
Kraft erneut freigesetzt — zur Veränderung der festgefahrenen Ost-West-Verhält-
nisse führen könnte. Notgedrungen m u ß Misselwirz dabei das Besondere des hi-
storischen Augenblicks spezifizieren, wurden doch schnell nach dem friedlich er-
wirkten Mauerfall Stimmen laut, die hier mangels Gewalt keine Revolution sehen

104 Langer 2002: 86.


105 Das Narionalmonument spiegelte in Hartungs Darstellung (1995b) real einen kulturellen
Vielklang wider: „Der große Faltenwurf wird umspült vom tiefen Raunen der vielen Stimmen,
vom Wellenschlag der Trommeln, der Schalmeien, Saxophone und Violinen. Die multikultu-
rellen Klanglandschaften setzen gleichsam die Vibrationen der schwerelosen Stoffmasse fort."
106 Misselwitz 1996: 8.
58 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

wollten. Noch relativ votsichtig äußerte sich in der Frankfurter Allgemeinen


Zeitungvom 13. Februar 1990 der Historiker Christian Meier: „Die Gewaltlosig-
keit hat jedoch auch ihren Preis. Denn manches an einem Umsturz ist revolutio-
när leichter zu erledigen als rechtsstaatlich. Wird die Versöhnlichkeit in den re-
volutionären Akt mit hineingenommen, verliert er an Schärfe." Auch der Psy-
chologe Maaz vertrat in seinem breir rezipierten Buch Der Gefühlsstau diese T h e -
se. Zwei Jahre später postulierte Heiner Müller in der Frankfurter Rundschau
bereits ein die Erfahrungen des Bauernkrieges wiederholendes „deutsches Ver-
hängnis", das in der „Gewaltfreiheit der DDR-,Revolution', gesteuert und ge-
bremst von (protestantischer) Kirche und Staatssicherheit", begründet sei:

Der versäumte Angriff auf Intershops mündet in den Kotau vor der Ware. [...] Die
Narben schreien nach Wunden: das unterdrückte Gewaltpotential, keine Revoluti-
on/Emanzipation ohne Gewalt gegen die Unterdrücker, bricht sich Bahn im Angriff
auf die Schwächeren: Asylanten und (arme) Ausländer [...].

Der Schriftsteller Kurt Drawert kritisierte ebenfalls „das Friedliche und Unblutige,
das in einer unmoralischen Ethik feierlich erscheint und in seiner Aggres-
sionsgehemmtheit nichts ist als ein stilles Einverständnis mit den Zuständen der
Macht". Karl Heinz Bohrer zitierte im Merkur den französischen Historiker Jo-
seph Rovan, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitungvom 8. August 1992 eine
auf das Ende det Gewaltherrschaft folgende Phase kurzer und blutiger Säube-
rungen empfohlen hatte, die das „Erbe an Haß, Wut und Entrüstung" bewältigen
helfen könne, das der Rechtsstaat ansonsten unerledigt weiter mitschleppen müs-
se: „Det blutige Aspekt der Säuberungen ist eine Art von Kollektivopfer, mit dem
die Götter versöhnt werden sollen, wie die Kinderopfer einst in Karthago."
Kurz und bündig resümiert Bohrer seine These: „Es fehlten Tote." Von der

107 Auch Günter Kunert (1997: 279) beanrwortet die Frage, ob 1989 eine Revolution war, mir
Rekurs auf historische Vorbilder: „Nein, denn es ist ja niemand an die Laterne gehängt worden
[....]. Es gab auch keinen Stutm auf das Wintetpalais. denn der Palast det Republik wurde ohne
Gewalt gestürmt."
108 C.Meier 1990: 134.
109 Vgl. Maaz 1990.
110 Müller 1992.
111 Drawert (1993b: 31 f.). Vgl. zu Drawert auch Niven 2000: 92f. Niven (2000: 92) sieht im Rah-
men seiner „self-exclusion Theory", die sich gegen das Bild der Ostler als Opfer wendet, den
Umbtuch im Einverständis mit der Macht erfolgen: „Underlaying the revolution was a sense of
shame and bad conscience, which could only be expiated if the SED and Stasi acknowledged
the ettor of their ways rhrough self-transformation and self-annulement." Belege bieten die .Das
Volk-stürmt-die Stasi-Zentralen'-Szenen in Berlin und Leipzig.
112 Bohrer 1992:958.
113 Bohrer: 1992: 958. Als eine abgeschwächte und zeitlich verschobene Variante erscheint in die-
sem Kontext das „Tribunal", das Thierse und Schorlemmer im Rahmen der Stasi-Debatte for-
derten und gegen das sich Günter Kunert (1993) wandte. Konrad Franke setzte in der Süd-
deutschen Zeitungvom 13. Januat 1992 (1993: 356) im Kontext dieset Debatte die „votsichtige
und gewaltatme Revolution" in einen direkten Zusammenhang zur Justiz und argumenrierte:
„Da zittern in uns noch die Schrecken des verlorenen Bauernkriegs, der einzigen gewalttätigen
Revolution unserer Geschichte. Den Rest übernahm, immer schon, übernimmt auch jetzt: die
Justiz." Zum Revolutionstribunal der Französischen Revolution, anhand dessen die französi-
DER STADTKÖRPER ALS HISTORISCHER TRANSITRAUM 59

tuhmlosen Revolution, die eigentlich gar keine war, zum Vorwurf Henryk M.
Broders in der Zeit, daß die „.friedliche Revolution' eine Stasi-Inszenierung
war" , war es dann auch nur noch ein kleiner Schritt. Gegenüber diesen Ent-
wertungen verteidigt Misselwitz das „Vermächtnis von 1989" als Praxis des ge-
waltfreien demokratischen Wandels. Diesen gälte es sozusagen als permanente
Revolution fortzuführen, um die Idee det postnationalen europäischen Bürgerge-
sellschaft zu realisieren.
Misselwitz' Verfahren entgegengesetzt ist das Bild des Epilogs, das Charles S.
Maier entsprechend an das Ende seines Buches setzt. Hatte schon Henning Ritter
im verhüllten Reichstag ebenfalls einen „Willen zur Verwandlung" ausgemacht
und diesen als potentielles „Symbol der gelingenden Wiedervereinigung" ge-
deutet, so hat in Maiers Darstellung der Event die an ihn gerichtete Erwartung
tatsächlich eingelöst: „1995 nahm Deutschland, sprunghaft und unvollkommen,
Abschied von dem, was es belastet und was es geteilt hat." Auch Maier betont
den friedlichen Charakrer des Volksfestes und erinnert an den Mauerfall. Dar-
über hinaus aber perspektiviert er die deutsche Geschichte als Frage nach der na-
tionalen Identität der Deutschen, die sich nun möglicherweise - und dafür steht
der verhüllte Reichstag - jenseits nationalistischer und rechtsradikaler Dogmen
und auf postheroische Weise gestalten könne. Ausgangspunkt seiner Überlegun-
gen ist ebenfalls der Fremdenhaß, also das negative Moment nationaler Identität,
dem es andere Formen entgegenzustellen gälte. Bei aller Ähnlichkeit der Argu-
mente geht es doch Misselwitz vorrangig um das Bewahren des Außergewöhnli-
chen und Maier um die Betonung des nunmehr endlich Normalen: Für beides ist
die Reichstagsverhüllung das Erinnerungssymbol.
Hintet Misselwitz' und Maiers Projektionen und Erinnerungsperspektiven
verbergen sich zwei völlig verschiedene, wenn auch miteinander verbundene hi-
storiographische Konsttuktionen: Revolution und Nation. Der verhüllte Reichs-
tag konnte zum Symbol füt beides werden und nahm damit temporär die Stelle
ein, die in der Französischen Revolution die Figut der Marianne inne hatte. Ma-
rianne repräsentierte für das Volk die mit der Revolution gewonnene Freiheit
und setzte gleichermaßen mit ihren entblößten, milchversprechenden Brüsten
auch die neue Nation, die „Fürsorge für alle" versprach, und damir den „Staat
als Mutter" ins Bild. Der Versuch der Stadtplaner, die Revolution als .freien'

sehen Revolutionäre zur Bestimmung politischer Identität durch die Differenzierung in „Bürger
und Verräter gelangten" vgl. Hesse 1998.
114 Broder 1992:41.
115 Misselwitz 1996: 125.
116 Zit. n. Härtung 1995b.
117 Maier 1999: 510.
118 Sennett 1997:357.
119 Sennett 1997: 363. Sennett bezieht sich hier auf die .ägyptisch' gestaltete Frauenskulptur, aus
deren Brüsten Wasser floß, das bei der .Feier der Einheir und Unreilbarkeit der Republik' 1793
von den Revolutionären getrunken wurde und auf die Marianne des Revolutionsmalers Cle-
ment von 1792. Das bekannte Gemälde von Eugene Delacroix Die Freiheit führt das Volk an
entstand 1830/31 und transportierre auch erotische Konnotationen.
60 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

innerstädtischen Raum - als .leeres Volumen' — abzubilden und der Allegorie der
Revolution hier einen Ort zuzuweisen, schlug indes fehl: „Konnte die Revolution
Marianne auch bildlich darstellen, so gelang es doch nicht, ihr einen Raum zu
verschaffen." " Die revolutionären Körper erfuhren sich im sozialen Kontakt, in
der brüderlichen Berührung, nicht durch einen abstrakten, leeren Raum. Christo
und Jeanne-Claude gelang es - wie Misselwitz' Assoziationen an den Mauerfall
als Feiertag zeigen - , an den Festcharakter der Revolution anzuknüpfen, an des-
sen Inszenierung die französischen Revolutionäre ebenfalls gescheitert waren.
Der verhüllte Reichstag konnte zweihundert Jahre später zum Bild der revolutio-
nären Freiheit werden, da Christo in seinen unvetkäuflichen, da temporären
Kunstwerken Freiheit programmatisch realisiert: Da niemand sie erwerben und
besitzen kann, bleiben sie ,frei'. Gleichzeitig konnte der verhüllte Reichstag auf-
grund seiner geschichtlichen Bedeutung auch zum Sinnbild der Nation werden,
wie die Assoziationen von Charles S. Maier zeigen.
Obwohl Misselwitz und Maier die Reichstagsverhüllung mit den Über-
legungen zur Revolution und zur Nation in unterschiedliche historische Perspek-
tiven stellen, haben diese ein gemeinsames Zentrum: Beide verhandeln die Funk-
tion der Gewalt. Paradoxerweise wurde 1989 sowohl zum Symbol des Mangels
an wie auch des Exzesses von Gewalt: Ist der unblutige Mauerfall das Zeichen für
das Fehlen historiographisch bedeutungsschaffender Gewalt - entsprechend wur-
de dem Ereignis die revolutionäre Qualität abgesprochen - , so hat Elisabeth
Bronfen die Maueröffnung andererseits mit dem Öffnen einer Grabplatte vergli-
chen, die die Deutschen mit ihrer verdrängten Erinnerung an den Nationalsozia-
lismus und den damit verbundenen Schuldgefühlen konfrontiere. " Diese ver-
drängte und auf das jeweils andere Deutschland als den Schuldigen projizierte
Gewalt kehre nun halluzinatorisch im Realen wieder und werde gegen Fremde
ausagiert: „Diese aus der Verdrängung zurückgekehrten Reste eines ttaumatischen
Wissens können wir anscheinend in der symbolischen, durch Gesetze sttuktu-
tierten Gesellschaft nicht mehr bewältigen." Handelt es sich bei der Gewalt ge-
gen Fremde um einen sozialpsychologischen Dammbruch, der desymbolisierte
historische Gehalte ausagiert, so muß andererseits der Vorwurf, im richtigen Au-
genblick die Anwendung von Gewalt versäumt zu haben, nicht nur zu weiteren
Schamgefühlen führen, die Ereignisse von 1989 werden als versäumte Revolution
ebenfalls einem Prozeß der Desymbolisierung und damit Derealisierung unterzo-
gen. " Der Vorwurf, im Mauerfall einer Stasi-Inszenierung aufgesessen zu sein,
degradiert den Umbruch dann schlußendlich zum Marionettentheater.

120 Sennett 1997:363.


121 Vgl. Sennett 1997: 378f.
122 Bronfen 1997. Schon im Rahmen der Anderson-Debatte hatte Kurt Drawert (vgl. 1993c: 83)
die Mauer als Projekrionsmechanismus gedeutet, der von den jeweils eigenen Problemen ab-
gelenkt habe. Siehe dazu das oben zur Stasi-Debatte Ausgeführte.
123 Bronfen 1997:281.
124 Genau dieses beklagt Misselwitz (1996: 11), wenn er konstatiett: „Die Erinnerung an das wirk-
liche Geschehen ist schnell verblaßt."
DER STADTKÖRPER ALS HISTORISCHER TRANSITRAUM 61

Das von Bronfen skizzierte Bild einer halluzinatorischen Wiederkehr der Gewalt
im Realen würde auf einen quasi psychotischen Zustand des Kollektivsubjektes
Nation verweisen. Wenn ihre Deutung auch stimmig ist, so scheint ihre Schluß-
folgerung hinsichtlich der Leistungsfähigkeit des Symbolischen doch zu pessimi-
stisch. Im Gegenteil ist die Gesellschaft nach 1989 durch ein hohes Maß an Ent-
grenzungen gekennzeichnet, die zunächst einmal einen Mangel im symbolischen
Register erzeugten und sich solchermaßen in ihrem Inneren selbst abspielen. Die
Gewaltsamkeit des Umbruchs - der gerade nicht manifest gewalttätig verlaufen
m u ß - zeigt sich als Aufreißen des ,selbstgesponnenen Bedeutungsnetzes', als das
Clifford Geertz Kultur definiert. Kunst - dies macht der verhüllte Reichstag
deutlich - erfüllt in solchen Momenten die Funktion einer Pazifizierung. Diese
vollzieht sich nicht nur qua Deutung angesichts der allenthalben vorhandenen,
nun aber vermehrt wahrnehmbaren Kontingenzen, sondern auch als diejenige ei-
ner grundsätzlichen Symbolisierung der aufbrechenden Gewalt selbst. Damit bil-
det sie das Gegenstück zur Opferkultur, in der sich die der Entdifferenzierung
inhärente Gewalt aktualisiert.
Die kollektive Feier des verhüllten Reichstags wirkt auf dem Hintergrund der
geopolitischen und kulturellen Entgrenzungen wie ein rite de passage in einem hi-
storischen Transitraum. Der verhüllte Reichstag bot dem Ephemeren und dem
Transitorischen eine symbolische Verortung - selbst ephemer und transitorisch.
Der Event erschloß den entgtenzten Stadtraum neu und gab ihm ein symbo-
lisches Zentrum. Er bot der mit dem Mauerfall entgrenzten Geschichte eine Pro-
jektionsfläche, auf der sich - wie die Texte von Misselwitz und Maier zeigen - die
Fragen nach der Revolution und der Nation widerspiegeln konnten. Als Deck-
erinnerung schließlich erlaubt er Fragen nach der Gewalt in ihren historischen
Formen und Funktionen.
In Uwe Timms Roman Johannisnacht hat sich als dunkles Traumbild etwas
von det Bedrohlichkeit dieses kollektiven Übergangsritus eingeschrieben: Der Er-
zähler, ein Schriftsteller, nimmt eine Auftragsarbeit über „Die Kartoffel und die
deutsche Mentalität" an, weil ihm kein Anfang für eine Geschichte einfallen will.
Die Recherche — er kann das „Kartoffelarchiv" eines verstorbenen ostdeutschen
Forschers auswerten - führt ihn nach Berlin. Die drei Tage, an denen der Reichs-
rag verhüllt wird und der Roman spielt, werden durch die Allusion des Roman-
titels auf Shakespeares A Midsummer Night's Dream zu einem historischen
Zeit(t)raum.
Danach wird etwas anders sein, ich bin überzeugt, daß diese Verhüllung was verän-
dert. Das Geheimnis liegt darin, daß etwas anders sein könnte. Übrigens ist keinem
der Kunstkritiker aufgefallen, daß die Verhüllung am 23. Juni vollendet wird, also
der Mittsommernacht, in der es ja kunterbunt zugeht, Verwechslungen, Verklei-

125 Vgl. Geertz 1973


62 ENTGRENZUNGEN: LITERATUR UND GESELLSCHAFT NACH 1989

düngen, Vertauschungen sozusagen zur Tagesordnung gehören. Es ist die ästhe-


tischste Nacht des Jahres. (Jn, 221)
Noch ist das Kunstwerk nicht fertig, die erste W a h r n e h m u n g des Gebäudes zu
Beginn der Nacht - „massig, schwer, dunkel raschelnd" - läßt nichts von der
späteren Euphorie ahnen: „Wie in einem Traum, düster und fremd, bauschten
sich die herunterhängenden Stoffbahnen in den Sturmböen." (Jn, 31) Die mit
der Verhüllung beschäftigten Arbeiter hängen „wie Matrosen in den Rahen der
Segelschiffe": „Ich verstand plötzlich den Zuruf von Kubin, Mast- und Schoten-
bruch. Auch er wird diese Bilder gesehen haben." (Jn, 32) Evoziert wird das Bild
des Staatsschiffes, das bedrohlich in den Wogen schlingert. Hier zeigt sich die
Kehrseite des anberaumten Festes - die destruktive Entgrenzung in der Gewalt -
als bedrohlicher Schatten.
Verwischt man die Grenzen „zwischen einem nationalen O t t , Deutschland,
und einem psychischen Ort, der Seele", " wie Bronfen dies für ihre Deutung vor-
geschlagen hat, so wird die Forderung nach dem Wenderoman und dem Berlin-
Roman funktionstheoretisch lesbar als Wunsch nach einer Symbolisierung der
stattfindenden Ttansgressionen, nicht nach Überschreitung. Die Frage nach
der Berlin-Literatur ist, so Hania Siebenpfeiffer, diejenige nach der „kulturel-
len Tektonik seit der sogenannten Zeitenwende 1989/90". " Die geopolitische
und kulturelle Entgrenzung nach 1989/90 ist in Berlin gewissermaßen verräum-
licht, das heißt sie gewinnt ihr Bild als Enträumlichung des Stadtkörpers. In den
Texten Fitschers Blau von Ingo Schramm, Die Schattenboxerin von Inka Parei
oder Tim Sraffels Terrordrom wird die Stadt „als Brachland, Randzone, als Wüste
oder Kriegsgebiet" beschrieben - eine „Urbanität im Ausnahmezustand": „Das
Berlin der 90er ist ein Ort des Städtischen, der in einem Niemandsland angesie-
delt scheint, wo die eigentliche ^Apokalypse', die dieses Brachland des Städtischen
hinterlassen hat, ausgespart bleibt." " Im Stadtkörper zeigen sich über die Leer-
stelle und als Leerstelle die hinter der Euphorie des Mauerfalls und der Vereini-
gung verborgenen konträren Gefühle und Ängste: Erinnert sei nochmals an
Wehlers Aussage, derzufolge die Erfahrung von 1989 - kontexualisierr man sie
im Zusammenbruch des Ostblocks als dem Ende eines Imperiums - welthisto-
risch einmalig sei und Bilder einer Katastrophe evoziere. Angesichts des latent
als katastrophisch erlebten Untergangs des soziosymbolischen Raumes hätten so-
wohl der angemahnte Wenderoman wie auch der Berlin-Roman die Funktion
gehabt, das aufgelöste Symbolgefüge wieder zusammenzufügen, das heißt die von
Desymbolisierungsprozessen bedrohten und begleiteten kulturellen Transforma-
tionen mittels einer fiktionalen Deutungspraxis zu unterstützen. Christo und

126 Die Auflösung der Geschlechterrollen, die hier anklingt, ist Gitatd (vgl. 1999: 209f.) zufolge
typisch für die Entdifferenzierung der Gesellschaft. Genau zu diesen Auflösungen kommt es
mit Verweis auf Shakespeare auch in Johannisnacht. Vgl. dazu Neuhaus 2000.
127 Bronfen 1997:269.
128 Siebenpfeiffer 2001: 85.
129 Siebenpfeiffer 2001: 103. Vgl. auch Villinger 1996.
130 Vgl. Wehler 1997: 376.
DER STADTKÖRPER ALS HISTORISCHER TRANSITRAUM 63

Jeanne-Claudes Kunstaktion erfüllte diese Funktion: In seiner monumentalen


Unsichtbarkeit wurde der verhüllte Reichstag zu einer imaginären Institution.
Der geopolitischen, kulturellen und historischen Entgrenzung nach 1989 und
1990, die in Berlin als Enträumlichung und Entortung des Stadtkörpers - auch
physisch - erfahrbar wurde, wurde ein Prozeß der Symbolisierung ent-
gegengesetzt. Tatsächlich machte Christos und Jeanne-Claude Kunstaktion eine
politische Entscheidungszentrale zur „symbolistischen Wundertüte". Der ent-
grenzte body politic, Mauerfall und Revolution, Nation und Psyche, Stein und
Fleisch fanden hiet ihr Bild.

131 In dem Sinne, den Castoriadis (1984: 248) beschreibt: „Der Einzelne kann private Phantas-
men, nicht abet Institutionen hervorbringen. Manchmal gelingt det Übergang und läßt sich so-
gar raum-zeitlich bestimmen: bei den Religionsstiftetn und einigen .außergewöhnlichen Indivi-
duen', deren privates Phantasma gerade im rechten Augenblick zur Stelle ist, um das Loch im
Unbewußten der anderen zu stopfen, und das andeterseits genügend funktionale und rarionale
.Kohärenz' besitzt, um sich als gangbarer Weg zu erweisen, wenn es einmal symbolisiert, sank-
tioniert, daß heißt institutionalisiett ist. [...] Damit nämlich die Strebungen eines individuellen
Unbewußten mit denen andetet in Verbindung treten können, [...] müssen geeignere gesell-
schaftliche Bedingungen das individuelle Unbewußte eines jeden irgendwie umgemodelt haben
und es auf jene ,frohe Borschaft' vorbereitet haben. Und auch der Prophet atbeitet im und
durch das Instituierte, auch wenn er es umwälzt."
132 So Das Parlament vom ">.}\in 1991, zit. n. Villinger 1996:257.
IL 1989: REVOLUTION?

Daher man es denn früher mit den


Revolutionen einfacher hatte: die Symbole
waren so schön bequem. Ein Kaiserschloß;
die Bastille; goldene Kutschen - bitte nur
zugreifen. Heute ...?
Kurt Tucholsky, 1929

1. VorBilder
„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr
könnt sagen, ihr seid dabei gewesen." Goethes geschichtsträchtiges Wort aus der
Campagne in Frankreich ertönt bei Botho Strauß 1991 als Echo im Schlußchor der
Geschichte: „Deutschland! Das ist Geschichte, sag ich, hier und heute, sage ich,
Valmy, sage ich, Goethe! Und diesmal sind wir dabei gewesen. Die Grenzen sind
geöffnet. Die Mauet bricht!" (Schi, 86) Die bundesdeutsche Gesellschaft, gemüt-
lich eingerichtet in der Posthistorie, kann bei Botho Strauß das plötzliche Aufle-
ben der längst totgesagten Geschichte nur im (konfusen) Zitat bewältigen. Goe-
thes Ausspruch offeriert eine Deutung des historischen Geschehens, Strauß' Um-
schrift ebenso. N u r liegen die Deutungsangebote auf verschiedenen Ebenen und
sie verfahren entsprechend auch rhetorisch unterschiedlich: Imitiert Goethes
Wort das hie et nunc des Augenblicks, der anscheinend umstandslos in seiner hi-
srorischen Bedeutung erfaßt und benannt werden kann, so signalisiert die Zita-
tion bei Strauß - nicht allein in ihrer Verworrenheit, sondern als solche - hin-
gegen die Unfähigkeit, Zeitgeschichte in Bild und Wort zu bringen. Bei genauer
Sicht handelt es sich aber nicht allein um die sinnentleetten Sprachzeichen einer
postmodemen Gesellschaft, die, nach dem Ende det Geschichte plötzlich aufge-
schreckt, noch einmal historisch Bedeutsames erlebt. Strauß zitiert Goethe
sprichwörtlich, als tradiertes Bonmot, hinter dem sich die nachträgliche Kon-
struktion des Geschehens erfolgreich verbirgt: Das Hier und Heute bildet schon
bei Goethe keinen unmittelbar erlebten historischen Augenblick ab. Aus einer
Distanz von dtei Jahrzehnten literarisiert Goethe den selbsterfahrenen Augenblick

1 Goethe [1822] 1976:233


66 1989: REVOLUTION?

unter Zuhilfenahme von Geschichtswerken und Memoiren anderer Zeitzeugen."


Stellt Botho Strauß das Deuten-Müssen des historischen Moments als Nicht-
Reagieren-Können aus, so ist auch Goethes berühmter Ausspruch zur Kanonade
vermutlich ,nur' eine nachträgliche Deutung, die er mit historischem Abstand
und Überblick verfaßte: Die beiden zeitlich so entfernten Zitate zeigen gleicher-
maßen den Konstruktionscharakter des vorgeblich Historisch-Authentischen.
Die Etappen der Französischen Revolution — auch von Strauß angesichts des
Mauerfalls noch bemüht - bilden verdichtet bis heute das „Urbild der Revolu-
tionen" (Friedrich Schlegel) schlechthin: „Welch gewaltige Feier der Revolution
von 1789!", kommentierte Pierre Bourdieu emphatisch die Umstürze in der
DDR und in den Ländern Osteuropas. Als etabliertes Kernbild der Revolution
fungiert die Bastille als Momunent der verhaßten Unterdrücker; der Sturm auf
das Bollwerk steht im kulturhistorischen Repertoire für den Volkszorn, der sich
gegen eine als repräsentativ für die Tyrannei empfundene Insrirution richtet.
Entsprechend vergleicht Charles S. Maier den Mauerfall mit der Erstürmung der
Bastille. Dieses Deutungsmuster wurde sicher durch die 200-Jahr-Feier der
Französischen Revolution als aktualisierter Erinnerung begünstigt. Aber auch die
eingemauerte DDR selbst bot sich für eine solche Deutung an: Das, wie Wolf
Biermann am 11. November 1989 schrieb, „monströse Gefängnis" sei „ge-
schleift" worden - ironischerweise nachdem das Volk der DDR am 40. Jahrestag
des sozialistischen Staates kurz vorher den Sturz der Bastille gefeiert habe. Wäh-
rend die Historiker noch debattieren, ob die kollektive Auflehnung der DDR-
Bevölkerung angesichts der Gewaltlosigkeit der Ereignisse überhaupt revolutio-
nären Charakter hatte,' wurden auch in den medialen Konstruktionen zum

2 Vgl. Saine 1984 und 1985 sowie Zehm 1985.


3 Bourdieu 1990: 160.
4 Maier 1999: 194.
5 So Biermann (zit. n. Jäger/Villinger 1997: 65) in die tageszeitung vom 11. November 1989. In
seiner Büchner-Preis-Rede von 1991 (1993), in der er den Lyriker Anderson als Stasi-Spitzel
enttarnt, sprach er dann von der Revolution, die wohl doch keine sei, „sondern mehr ein günsti-
get Norverkauf der Russen".
6 Zu diesem Komplex finden sich unzählige Äußerungen. Einige seien hier paradigmatisch zitiert.
Ftüh betonte Joachim Fest in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30. Dezember 1989
(1990: 95) den „friedlichen Verlauf, der den klassischen, mit Insurrektion, Gewalt und bürger-
kriegsähnlichen Zuständen verknüpften Revolutionsbegriff außer Kurs gesetzt" hätte, dies sei
aber zweitrangig gegenübet det Tatsache, daß diese Ereignisse „gerade nichr jenes Element sozial-
revolutionärer Emphase enthalten, von dem so gut wie alle historischen Revolutionen der Neu-
zeit beherrscht sind". Für Kocka (1995: 11) „ist da der bemerkenswert friedliche Charakter des
Umsturzes von 1989. Es mag trotzdem erlaubt sein, von Revolutionen zu sptechen: Volksbewe-
gungen stellten den zentralen Motor der Veränderungen dar". So auch Wehler (1997: 378):
„Auch wenn es keine soziale, keine blutige und keine Verfassungsrevolution war, möchte ich
doch, unter Rückgriff auf den allgemeinen Revolutionsbegriff der Frühen Neuzeit, die Revoluti-
on im Staatensystem hervorheben." Bei Neubert (1998: 851), der detail- und kenntnisreich die
Geschichte der Opposition in der DDR zwischen 1949—1989 rekonsttuiert, fällt das Wort „Re-
volutionsszenarien" im Zusammenhang mit „Pflastersteinen, brennenden Autos und brutalen
Polizeieinsätzen". Maier (1999: 206) argumentiert: „Selbst wenn gewalttätige Aktionen ausblei-
ben — auch das hat man gegen die Vorstellung angeführt, 1989 sei eine Revolution gewesen - ,
schmälert dies nicht die Authentizität eines tevolutionären Aufstandes. [...] Die Mobilisierung
VORBILDER 67

Herbst 1989, die als Dokumentationen ein Jahrzehnt später im Herbst 1999 fast
alltäglich über die Bildschirme flimmerten, die Ereignisse in eine Choreographie
gebracht, die zumeist im Bild .gerechten Volkszorns' ihren heroischen Höhe-
punkt findet: Die Bevölkerung erstürmt die Stasi-Zentrale in Berlin. Dem
.Sturm auf die Normannenstraße' am 15. Januar 1990 wird in diesen Darstel-
lungen die Funktion des Sturms auf die Bastille zugeschrieben. Auch bei Maier,
der die Verwüstung der Stasi-Zenttale als Radikalisierung der bereits im Mauer-
fall vollzogenen Bastille-Erstürmung sieht, kehren dieser Bildbereich und seine
Affekte wieder: „Hier war die Menge gar nicht mehr ausgelassen und auch nicht
in Feierstimmung, sie war regelrecht böse und tobte sich aus." Im eigentlichen
Sinne können bei Maier allerdings ersr die als Radikalisierung beschriebenen
Vorgänge den friedlichen Mauerfall rückwirkend als Bastille-Sturm ausweisen
und das gewählte Bild legitimieren. Bernd Lindner, ebenfalls Historiker, rückt
hingegen das Ereignis in ein anderes, unheroisches Licht. Die Tore der Stasi-
Hochburg öffneten sich wie von „Geisterhand" von innen, die Demonstranten
zerstörten Akten und Mobilat:

Die aufgebrachten Hausbesetzer fielen auf die Dramaturgie der Stasi voll herein,
stürmten nut jene (unwichtigen) Gebäudekomplexe, die für sie „vorgesehen" waren.
Die Stasi gewann inzwischen Zeit zur weiteren Beseitigung tatsächlich wichtiget
Unterlagen.

Geschichte, so ließe sich mit dem berühmten Bonmot Karl Marx' sagen, wieder-
holt sich eben nur als Farce. Zumindest läßt sich hier die Überlegung anstellen,
inwieweit bestimmte Reaktionen .vorhersehbar' sind, weil es Vorbilder im kol-
lektiven Gedächtnis gibt.
Wie Goethes Valmy-Deutung die Geschichtsschreibung beeinflußte, so ist
auch die berühmte Erstürmung der Bastille ein Vorgang, der weniger historische
Wahrheiten als vielmeht die Wirkungsmacht kollektiver Projektionen dokumen-
tiert. Der Sturm auf das Gefängnis durch die Vainqueurs de la Bastille wurde
durch Beschreibungen und bildliche Darstellungen in Zeitungen und Flugblät-
tern schnell zur nationalen Heldentat und avancierte zum Kollektivsymbol der
Nation, die seitdem ihren Nationalfeiertag am 14. Juli feiert. Diesem ging die

des Volkes, nicht das Blutvergießen, ist das Kriterium." Kühnhardt (1994: 300) konstatiert, daß
diejenigen Revolutionen am schwersten als solche anerkannt wurden, „die im Rahmen verfas-
sungspolitischet Institutionen aufgefangen wurden".
7 Kocka (zit. in Herberg/Steffens/Tellenbach 1997: 25) hatte bereits in der Frankfurter Rundschau
vom 11. Juli 1990 drei Phasen der Revolution bestimmt: 1) Sommer 1989 bis 8.9.1989, dann 2)
Mauerfall vom 9.11.1989 bis zum lag der Besetzung der Stasi-Zentrale am 15.1.1990 und
schließlich 3) Vetfall des DDR-Machtsystems bis zu den Volkskammerwahlen am 18.3.1990
und damit gegebenenfalls zu diesem Deutungsmuster beigetragen.
8 Vgl. die mentalitätsgeschichtliche Untetsuchung von Lüsebrink/Reichardt 1990.
9 Maier 1999:267.
10 Lindner 1998: 143. Mit Verweis auf eine von Kurr Drawert (1993b) beschriebene Szene in Leip-
zig — das Innehalten der aufgebrachten Menschen vor dem schlotternden Pförtner der Stasi-
Zentrale, vor den dann Kerzen abgestellt werden - beurteilt Niven (2000: 91 f.) diese Szene noch
kritischer nämlich als Beginn det ,self-exclusion' der DDR-Bevölkerung.
68 1989: REVOLUTION?

wenig an den Realitäten orientierte Konstruktion des Kollektivsymbols .Bastille'


voraus, an der auch Schriftsteller wie Voltaire und de Sade kräftig mitwirkten.
Die Bastille galt als Ort unausdenklicher Schrecken, auch wenn de Sade de facto
in einem eigens für ihn neu tapezierten Zimmer seinen aus Burgund bestellten
Rotwein genießen konnte und Voltaire so viele Besucher erhielt, daß die Gefäng-
nisleitung erwog, sie auf fünf bis sechs am Tag zu begrenzen. Der eklatante Un-
terschied zwischen der Gefängnisrealität und der Legende über die Zwingburg
zeigt die wirklichkeitsprägende Kraft kollektiver Vorstellungen, bildete der Sturm
auf die Bastille doch die Initialzündung der Französischen Revolution. Wurden
bereits in den ersten Beschreibungen die erzählerischen Schwerpunkte neu gesetzt
und das Vorgefallene der revolutionären Wirklichkeit angepaßt, so wurde die er-
ste .historische' Darstellung ein Jahr später von Anwälten und Schriftstellern ver-
faßt.
Diese nachträglichen Deutungen und Umschriften fanden auch nach 1989
statt. Das zentrale Moment in der Beurteilung der Geschehnisse spielt die Ge-
walt, deren Abwesenheit in der „sanften Revolution" Martin Walser zufolge gera-
de den spezifisch deutschen Beitrag zur „Geschichte der Revolutionen" ausma-
che. Die Deutung der Ereignisse von 1989 ist mithin von zwei Aspekten be-
stimmt: erstens von den historischen Bildern, die den jeweiligen Vergleichsmaß-
stab bilden. Zweitens stehen diese zugleich in engem und je spezifischen Kon-
text zu den individuell unterschiedlichen Erwartungen, die an das kollektive Auf-
begehren gestellt wurden: Wurde zunächst allgemein von Revolution gesprochen
und diese entweder mit Adjektiven versehen - „gewaltlos", „deutsch", „prote-
stantisch" ' resp. „evangelisch", „freiheitlich", „friedlich", „glorreich"* - oder
auch sprachspielerisch von der „Oktober-" bzw. „Novemberrevolution" gespro-
chen, so wandelte sich diese „Revolution ohne Vorbild"" später unspektakulär zu
einer „Aufhol-Revolution",""um dann für einige zur „mißglückten"" oder gar zur

11 Vgl. Trom 1998.


12 So Walser in einer Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. November 1989, zit. n.
Schirrmacher 1990:60.
13 Vgl. dazu Kühnhardt 1994.
14 So Berliner Bürgerrechtler im telegraph (Zeitschrift der oppositionellen Betlinet Umwelt-
bibliothek) beteits am 4. November 1989. Angabe n. Lindner 1998: 148.
15 Vgl. Hans-Jürgen Sievers: Stundenbuch einer deutschen Revolution. Göttingen 1990. Angabe n.
Lindner 1998: 148. Diesem Begriff folgen auch Wehdeking 1995 sowie, oben bereits zitiert.
Martin Walser.
16 Vgl. Gerhard Rein: Die protestantische Revolution. Berlin 1990. Angabe n. Lindner 1998: 148.
17 von Krockow 1997: 262.
18 Hans-Dietrich Genschet in seiner Rede am 10. Dezember 1989 in Saarbrücken. Angabe n
Lindner 1998: 148.
19 Helmut Kohl in seiner Ansprache vor der Dresdener Frauenkirche am 19. November 1989. An-
gabe n. Lindner 1998: 148.
20 Melvin Lasky in einer Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitungzm 10. November 1989, zit
n. Schirrmacher 1990: 65.
21 Fest in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30. Dezember 1989, wieder in Schirrmacher
1990:94.
22 Vgl. neben Kocka (1995: 11) auch Habermas 1990: l49ff
VORBILDER 69

„abgetriebenen"" zu werden." Dem entspricht, daß der Begriff Revolution' nicht


während der Herbstereignisse selbst, sondern erst im Jahr 1990 und hier am
stärksten in der Wahlkampfphase zu den ersten freien Volkskammerwahlen am
18. März 1990, als „den Ereignissen des Herbstes 1989 revolutionäre Qualitäten
nachgerühmt werden"," zum Einsatz kommt. Danach wird der Begriff immer
seltener verwendet. Deutlich wird diese Zäsur in den Präambeln der beiden
Staatsverträge aus dem Jahr 1990. Der Vertrag über die Schaffung einer Währungs-,
Wirtschafts- und Sozialunion vom 18. Mai 1990 ist eingedenk der „Tatsache" ge-
schlossen, „daß in der Deutschen Demokratischen Republik im Herbsr 1989 eine
friedliche und demokratische Revolution stattgefunden hat", während der ent-
sprechende Passus im Vertrag über die Einheit Deutschlands vom 3. August 1990
sich zu „dankbarem Respekt vor denen, die auf friedliche Weise der Freiheit zum
Durchbruch verholfen haben"," bekennt. Revolutionäre Qualitäten werden mit-
hin zu- und abgesprochen. Durchgesetzt hat sich der Begriff Wende, der mit be-
stimmtem Artikel versehen eigennamenähnlich zur Bezeichnung der politischen
Ereignisse in der D D R im Herbst 1989 wurde."
Seinen Endpunkt erreicht die Ersetzung der - wie auch immer gearteten —
Wirklichkeiten durch ein historisches Vor-Bild in der Argumentation Christian
Graf von Krockows. In seinem Vorschlag, statt des 3. Oktobers den 9. November
als Nationalfeierrag einzuführen, wird der prekäre Status der Revolution in einen
Gründungsmythos überführt. Der „unsinnige 3. Oktober" sei nur ein
Obrigkeitsdatum - die Beamten [...] waren mit ihren Schularbeiten fertig. Warum
nicht der 9. November, der wirklich für das unmittelbare dramatische Ereignis
steht. Dieser Tag würde den Einsturz der Mauer zu einem Ereignis ähnlich dem Ba-
stille-Sturm machen. Ich denke, ein neuer Staat, eine neue Nation, kann das, was
zum Gründungsfundament gehört, gar nicht wichtig genug nehmen. Die symboli-
sche Dimension halte ich für unverzichtbar, sie darf nicht unter den Tisch fallen.
Ich denke, wir brauchen einen Tag, der uns emotional anrührt, und es wäre eine
Aufgabe der Intellektuellen und Schriftsteller, diesen Tag in Erzählungen in seiner
symbolischen Bedeutung sichtbar zu machen. Mit dem Ursprung der Gründung
könnte auch das Selbstverständnis des Staates vor Augen geführt werden. War es
beim Sedanstag noch das Militär, so waren es heute die Menschen, das Volk, das
Zivilcourage bewiesen hat, und es spielt keine Rolle, daß es eine Minderheit war -

23 So etwa der Bürgerrechtief Konrad Weiß 1990. Später wollte er das Wort .Revolution' gar nicht
mehr gelten lassen und sprach statt dessen von .Umbruch'. Zit. n. Lindner 1998: 149.
24 Vgl. Michael Schneider: Die abgetriebene Revolution. Berlin 1990.
25 In ihrer sprachwissenschaftlichen Untersuchung Schlüsselwörter der Wendezeit weisen Her-
berg/Sreffens/Tellenbach (1997: 24f.) noch etliche andere Bezeichnungen der Revolution — wie:
fröhlich, still, generös usw. - nach.
26 Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 14). Sie belegen den Begriff erstmals für den 8. November
1989 (vgl. ebd.: 24).
27 Zit. n. Herberg/Steffens/Tellenbach 1997: 25.
28 Herberg/Steffens/Tellenbach 1997: 11. Der Begriff wurde von Egon Krenz geprägt, der - seit
dem 18. Oktober 1989 Honeckers Nachfolger - damit „seinen Willen zu einer Reform der SED,
aber auch zu deren Machterhalt als Regierungspartei der DDR zum Ausdruck brachte." (C.
Schröder 2004: 4).
70 1989: REVOLUTION?

auch nicht alle Franzosen haben am Bastille-Sturm teilgenommen. Sie haben sym-
bolisch gehandelt, und von da aus konnte der zweite deutsche Nationalstaat entste-
hen. Und das sollte dieser Staat in seiner Präambel des Grundgesetzes und in seinen
Feiertagen und Symbolen deutlich machen. [...] Die permanente Suche nach der
Identität sollte sich unserem Ursprung zuwenden, denn hier ist sie angelegt, und
wenn wir das verstehen, ist das ganze Problem erledigt."

In Krockows Deutung wind der 9. November nicht als eigenständige Revolution,


sondern erst als Nationalfeiertag der Bastille als Symbol ähnlich. Wird hier einer-
seits die Revolution nationalisiert, so kann andererseits erst der französische Na-
tionalfeiertag den 9. November als revolutionären Tag ausweisen. Via Frankreich
wird über die Bastille der Begriff der Nation adaptiert, um in einer nachträgli-
chen Zuschreibung den 9. November zum nationalen Gründungstag zu machen.
Diese Adaption weist ihren Konstruktionscharakter offen aus - als symbolisches
Handeln - und macht damit auch deutlich, daß das Fundament der neuen Na-
tion - ihr Gründungsakt und ihre Gründungsakten - sich nicht aus den realen
Ereignissen, sondern aus den Zuschreibungen speisen. Daß den Schriftstellern die
Funktion zugewiesen wird, eine politisch wirksame Symbolik zu produzieren und
solchermaßen am Fundament der Nation zu wirken, knüpft einmal mehr an den
Produktionsauftrag ,Wenderoman' und an die gefühlte, emotionale Nation an.
Trotz oder gerade wegen der medialen Bilderflut haftete dem Untergang der
D D R damals wie heute etwas Rätselhaftes an. So wurde das Mauerfall-Jubiläum
1999 in den Medien zwar zum Anlaß von zum Teil weitgefaßten Rückblicken,
gleichzeitig zeigt sich aber auch, daß immerhin ein Jahrzehnt später die Gründe
für das schnelle Ende der D D R weiterhin unklar sind und manches, was in der
Fernseh-Wiederholung so einleuchtend wirkt, anscheinend immer enigmatischer
wird. Der Historiker Stefan Wolle beschreibt das Ende der D D R in Die heile
Welt der Diktatur aus der Innensicht des ehemaligen Bürgers:

Der Untergang der DDR war Teil eines welthistorischen Vorganges. [...] Die selt-
same Hilflosigkeit des furchteinflößenden Monstrums staatlicher Allmacht be-
stimmte auch den Gang der Ereignisse in der DDR. So wie die Sphinx der griechi-
schen Sage verlor es seine Kraft, als sein Rätsel gelöst war. Müde und traurig
schleppte es sich zum Abgrund und stürzte sich herunter. Das berühmte Rätsel der
Sphinx war so banal wie das innere Geheimnis der Diktatur. Sie hat sich so leicht
besiegen lassen, daß sich die erstaunte Nachwelt fragt, ob alles mit rechten Dingen
zugegangen sei. Etstaunt steht Ödipus vor einem neuen Rätsel.
Das ansonsten sehr amüsante Buch Wolles - einem zeitgeschichtlichen Ansatz
verpflichtet, det gerade in der Nähe zur Groteske und Satire Erkenntnismöglich-
keiten sieht - endet mit einem fast melancholischen Bild. Der Spannungsbogen

29 Krockow 1997: 271.


30 So beendete etwa Schmidt-Gödelirz (1999: 5) im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung seine
an die ehemaligen Akteure der DDR gerichteten Fragen nach Implosion oder Revolution, nach
einem möglichen Konnex beider und nach dem Zusammenhang zur weltpolitischen Situation
1999 mit der Frage: „Wer war das Volk?"
31 Wolle 1998: 343f.
VORBILDER 71

zwischen Banalität und Rätsel, den das Bild einer Staatsmacht zwischen Allmacht
und Ohnmacht erzeugt, transformiert sich zum abendländischen Emblem
menschlicher Selbsterkenntnis schlechthin. Grotesk stoßen dann die Bildbereiche
antiker Mythologie auf diejenigen der Revolutionstravestie und des (Schmie-
ren)Theaters:
Das .letzte Gefecht', dessen Kommen der feierliche Sang der Internationale so oft
beschworen hatte, ging um Devisenkonten bei ausländischen Banken, um Immobi-
lienschiebungen und die Altersrente der SED-Funktionäre. [...] [E]in paar mürri-
sche Bühnenarbeitet räumen die Pappkulissen ab. Wo eben noch Stürme der Lei-
denschaften tobten, liegen im Rampenlicht ein paar schäbige Requisiten.

N i m m t man Wolles Abgesang als verdichtetes Abschlußbild, so zeigen die dis-


paraten Bildfelder als einen kohärenten Sinn verweigernde Schlaglichter das noch
,Ungedeutete' des Untergangs der D D R . Dort, wo Geschichte ihren Sinn ver-
weigert, ihre ,Lösung' nicht preisgibt, genauer: diese vom Betrachter noch nicht
gesehen werden kann, erfolgt der Rekurs auf ein Bilderarsenal, das das Gesche-
hene in einen weiten Assoziationsrahmen rückt und damit den Leser zur Deu-
tung fordert. Was im engeren historischen Rahmen, dem schäbigen Ende der
kommunistischen Utopien, nur als Banalisierung und damit drohende Entheroi-
sierung der Revolutionskämpfer beschreibbar ist - „Selbst die Drachentöter über-
raschte soviel Hilflosigkeit. Es beleidigte sie fast, in welchem Maße sich die Herr-
schenden dem Endkampf entzogen, denn Lanzelot ohne Drachen gerät ebenfalls
leicht zut lächerlichen Figur" - , gewinnt durch die Einrückung in den antiken
Mythos indes kulturhistorische Größe zurück und erweist so sein Recht als Teil
eines .welthistorischen Vorgangs'. Der mit der Ödipus-Sphinx-Konstellation auf-
gerufene Subjektdiskurs gilt hier der Frage nach dem Menschen als geschicht-
lichem Wesen: Akteur und Held wie Lancelot oder Anti-Held wie Ödipus, des-
sen Schicksal vorbestimmt war. Die Groteske, deren strukturelle Ähnlichkeit zur
Geschichtsschreibung Wolle betont, rückt den Autor nicht nur in die Nähe der
von ihm zitierten Schriftstellet Brussig, Thorsten Becker und anderer, sie stellt
ihn auch vor die Schwierigkeit, ein historisches Subjekt zu postulieren, das nicht
völlig der Lacherlichkeir preisgegeben wird. So läßt sich das Schlußbild als
Wunsch interpretieren, die Geschehnisse mögen als kulturhistorische die Bedeu-
tung erhalten, derer sie im Revolutionstheater verlustig gingen. Die bedeutungs-
srabilisierende Kontextualisierung des Geschehens folgt hier als Engendering-
Verfahren: Die Geste der Entmythologisierung des'Vergangenen vollzieht sich als
Remythologisierung des Geschehenen im Geschlechterbild.
Ganz anders beschreibt Charles S. Maier in Das Verschwinden der DDR und
der Untergang des Kommunismus die Lage:

32 Wolle 1998:344.
33 Wolle 1998: 344.
34 Zur Theatermetapher in der deutschen Literatur nach der Französischen Revolution von 1789
vgl. Botnscheuer 1992; zur 48er-Revolution Wilhelms 2000: 256ff
72 1989: REVOLUTION?

Was war geschehen? Rasch hatten sich die Nachrichten von den überraschenden
Umwälzungen in anderen Hauptstädten verbreitet, die Regierung in Berlin war
unfähig zu begreifen, was auf dem Spiel stand; war dann, immer noch zögernd, be-
reit, Minister auszutauschen; Massendemonstrationen bestimmten Tempo und
Umfang der Zugeständnisse; unwiderruflich verpuffte die Autorität des Staatsappa-
rates, der dafür bekannt war, daß er sich seiner Machtmittel bewußt war und sie
auch effektiv zu nutzen wußte; immer neue Anläufe, die Regierung umzubilden,
um den Druck von der Straße zu dämpfen; dann mußte sich der bisherige Regie-
rungssprecher entschuldigen für die Versuche, die Demonstrationen der letzten Ta-
ge mit Polizeigewalt zu unterdrücken; es wurde über eine neue Verfassung verhan-
delt, überall sprach man von der nationalen Einheit; eine kurze Phase kollektiver
Euphorie - alles in allem eine völlig überraschende und mitreißende Revolution von
unten.

Was zunächst als sachliche' Darstellung erscheint, ist indes als historisches
Palimpsest intendiert: Diese Beschreibung könne, so Maier, gleichermaßen für
die Revolution von 1848 und 1989 stehen. Maier wendet sich damit gegen einen
Vergleich des Herbstes 1989 mit der Französischen Revolution, der letztlich dar-
auf hinausliefe, den Ereignissen vor dem Mauerfall ihren revolutionären Charak-
ter abzusprechen, und sieht statt dessen ein „deutsches Muster" ' wirksam. Auch
Maier bezieht sich auf ein historisches Vor-Bild, um zur Wertung des Geschehens
zu kommen. Die Revolution wird einmal mehr nationalisiert zum .deutschen
Muster' und nimmt damit ihr .gelungenes' Ende in der Wiedervereinigung, in der
deutschen Nation, schon vorweg. So ist seine Untersuchung eine kenntnisreiche
Darstellung der Faktoren, die zum Untergang der D D R führten, deren Emphase
aber gilt, wie schon zitiert, der Vereinigung und ihrem Sinnbild, dem „wiederge-
borenen Reichstag":

Det Sommer 1995 war vielversprechend. War es eine Illusion oder könnte es sein,
daß Deutschland nicht nur ein normales Land geworden ist, sondern eine verant-
wortlichere und nach außen schauende Gesellschaft entsteht?
Die von Wolle und Maier aufgerufenen Bildbereiche unterscheiden sich nicht
nur referentiell. In Wolles Darstellung spiegelt sich in der Dissonanz der Bildbe-
züge etwas von jenem Zeitenbruch einer außergewöhnlichen Epoche wider, die
sich, so Pierre Lantz zur Französischen Revolution, als Btuch im vielschichtigen

35 Maier 1999: 188.


36 Vgl. Maier 1999: 188.
37 Auch Wehler (1997: 382) postuliert, daß „man das streng parallelisieren kann mit den Vor-
gängen 1848".
38 Da paßt trotz allet Emphase, daß Maier (1997: 26) zwar betont, daß das „gemeinsame Agieren
der Menschen aus der DDR" den „Einigungsprozeß" vorangetrieben hätte, aber die „großen
Demonstrationen von 1989 nicht romantisieren" will und damit auch „nicht behaupten, daß
zeitweiliges kollektives Agieren auf einen kohärenten Akteuf schließen läßt". Dieser strukturge-
schichtliche Blick tichtet sich implizit auch gegen die Idee einer eigenständigen, auf die DDR be-
zogenen Revolution.
39 Maier 1999: 510.
VORBILDER 73

Symbolgefüge spiegelt. Bei Maiet hingegen ist die dem nationalen Mythos eige-
ne Kohärenz der historischen Deutung selbst eingeschrieben. Wiedergeburt und
heilsame Verwandlung, das wiederkehrende .deutsche Muster' der Revolutionen
fügen die Ereignisse von 1989 in eine fortlaufende, quasi .organische' Zeitstruk-
tut ein, die gerade nicht durch Erschütterung gekennzeichnet ist und damit auch
die Außensicht verrät. Der historiographische Rekurs auf das Bilderrepertoire der
Mythen, der Litetatur und der bildenden Kunst - dafür stehen die beiden hier
zitietten Beispiele aus der Geschichtsschreibung — weist auf die Schwierigkeit hin,
vor der die Geschichtsschreibung als Zeitgeschichte steht: dem noch ungedeute-
ten Phänomen - der .Geschichte, die noch qualmt' - einen möglichst eindeuti-
gen Sinn zu geben. Vor das gleiche Problem ist die Literatur gestellt: Indem sie
erzählt, deutet sie.
Doch gerade der von Maier aufgerufene Bezug zur 48er-Revolution zeigt das
imagologische (und wohl auch das historiographische) Problem ,1989' umso
deutlicher auf. Kerstin Wilhelms hat anhand populärer Romane den „Gesamt-
roman" der 48er-Revolution analysiert: Dieser setzt mit den Nachrichten von
der Revolution in Frankreich mit einem Ursprungsmythos ein, um dann mit dem
Barrikadenkampf das Symbol der Revolution zu etablieren. In diesem Rahmen
gibt die Nachricht von den revolutionären Ereignissen in Frankreich als „Kunde
aus Paris" " mehr als nur das historische Signal wieder, das der Sturz Louis-Phil-
lipes für den Ausbruch der Revolution auch in Deutschland bedeutete, sondern
es setzt thematisch und narrativ die Revolutionsetzählung allererst in Gang: Da-
mit erweisen sich „Deutschland als potentieller Revolutionsschauplatz und der
Revolutionsbegriff selbst [...] als untrennbar mit Frankreich verbunden". Im
Unterschied zum imagologischen Gesamtroman der deutschen 48er-Revolution,
der mit der Darstellung des Berliner Barrikadenkampfes an die Barrikadenkämpfe
in Frankreich 1830 anschließen konnte - die Barrikade erhielt die „Funktion als
Signum der Revolution" —, schienen die Ereignisse von 1989 im Nachhi-
nein kein entsprechendes revolutionäres Zeichen zu bieten. Nimmt man die
deutsche 48er-Revolution als historisches Vorbild, läßt sich also eine Störung in
der kulturhistorisch etablierten Bildfolge konstatieren: Es fehlte die Barrikade
und „ohne Barrikade keine Revolution". ' In den literarischen Bearbeitungen der
48er-Revolution signifiziert erst die Barrikade die Ereignisse, das Bild gewinnt -
indem es narrativ entfaltet wird - im eigentlichen Sinne den Status einer historio-
graphischen Deutung. „In diesem Sinne erwerben die Ereignisse mit dem Schlag-

40 Lantz (1991: 74) schreibt zum Zeitenbruch: „In einet erlebten Geschichte sind im selben Mo-
ment, wo sie als eine heroische und außergewöhnliche Epoche abläuft, die Doppelsinnigkeit der
Symbole verboten, man kann sich nicht widerspruchsfrei auf zwei zeitliche Codes beziehen: man
kann prinzipiell nichr gleichzeirig vor und hinter dem Bruch der ZEIT sein."
41 Wilhelms 2000: 3.
42 Wilhelms 2000: 11.
43 Wilhelms 2000: 13.
44 Wilhelms 2000: 87. Die Barrikade, so Wilhelms (ebd.), „wird in den Schilderungen der März-
tage als hervorragende Konstellation tevolutionärer Aktion modelliert".
45 Wilhelms 2000: 97.
74 1989: REVOLUTION?

worr .Barrikaden' den Namen .Revolution', die Begriffe gleiten ineinander und
stehen füreinander ein." ' Damit schließt die Barrikade in der Nachmärzliteratut
als Moment der gewaltsamen Erhebung des Volkes über die Revolution von 1830
in Frankreich auch an das Bild der Bastille von 1789 an: Barrikade und Bastille
sind an das theatrale Moment der Selbsrvergewisserung des revolutionären Volkes
gebunden. Erst die Gewalt authentifiziert das revolutionäre Geschehen. Für den
9. November 1989 bietet wedet die Geschichte, noch die Literarur oder die Bild-
publizistik ein historisches (Vor)Bild.

46 Wilhelms 2000: 99.


47 Wilhelms (2000: 97) schreibt: „Der Schauplarz Barrikade - eine Bühne, auf der das Volk mit
dem Aufstand seinen Auftritt probt - verkörpert die Topographie des Volksaufstandes."
2. Medien — TeleVisionen
Wie sehr die Ereignisse von 1989 vom Revolutionsmythos abweichen, zeigt det
Vergleich mit Rumänien. Gilt der Mauerfall als „das erste global televisuell me-
diatisierte historische Ereignis", so steht „Rumänien für die erste vollständig tele-
visuell verschaltete Revolution". In Rumänien wird die Revolution sichtbar - als
Bildstörung. Als Ceau$escu mit einer Kundgebung in Bukarest auf den Aufruhr in
Temesvar reagieren will, kommt es auf dem Versammlungsplatz zu Unruhen.
Das staatliche Fernsehen stoppt die Übertragung und blendet ein Standbild ein.
Dieser Zusammenbruch des öffentlichen Bildes wurde als Anfang vom Ende
Ceausescus verstanden. Die rumänische Revolution begründet sich im Intitial-
bild, das die Narration in Gang setzt - und zwar als fehlendes Bild, als Bildersturz.
Dieser Bildersturz fand in der DDR nicht statt. Auf dem Höhepunkt der Ereig-
nisse findet sich nicht einmal eine der historischen Bedeutung angemessene rheto-
rische Figur - eine Deklaration, die berühmte Ausrufung' -, sondern eine Fehllei-
stung: ,,[D]a hat irgendeiner in einer Pressekonferenz so einen Beschluß verlesen,
den keiner verstanden hat, und daraufhin sind alle zu den Grenzen gerannt" (R,
206), lautet die knappe Zusammenfassung der Fernsehzuschauerin in Ulrich
Woelks Roman Rückspiel. Da Fernsehbilder 1989 sowohl in Rumänien wie in
Deutschland „zum Motor politischen Handelns" (Flusser) wurden, sind die hi-
storischen Prozesse von ästhetischen und funktionalen Strategien der Bildmedien
geprägt. Daß sich diese dann notwendig auch in historiographischen Deurungen,
ob wissenschaftlicher oder fiktionaler Art widerspiegeln, zeigen zwei filmische Be-
arbeitungen, die als radikale Kompilationsfilme ausschließlich auf vorgefundenes
Bildmaterial zurückgreifen: So verstehen der Dokumentarfilmer Harun Farocki
und der Medienwissenschaftler Andrei Ujica in Videogramme einer Revolution die
rumänische Revolution als Filmsequenz; der Umbruch in Deutschland wird von
Farocki in Die führende Rolle hingegen als Parodie in Szene gesetzt.
Videogramme kontrastiert eingangs Filmmaterial des staatlichen rumänischen
Fernsehens - glatte, professionelle Bilder - mit klandestin aufgenommenen, wak-
keligen und schlecht belichteten Videoaufnahmen von Amateuren. Diese Monta-
ge evoziert eine Grammatik des Films, anhand deter die .Echtheit' von Bildern
inszeniert und vethandelt wird: Angesichts det schwindenden Differenz zwischen
Medienrealität und außermedialer Wirklichkeit fungiert der Einsatz filmtech-
nisch .unvollkommener' Bilder wie 8mm-Filme oder auch gepixeltes Videomate-
rial in einem technisch avancierteren Film als Authentisierungsstrategie. Die Vi-
deoaufnahmen in Videogramme werden deshalb allein über ihr Format - und
damit auch jenseits ihrer Inhalte - als .echt', die offiziellen Fernsehbilder als
.falsch' rezipiert. Als nach der Besetzung des Fernsehsenders die ersten „freimüti-
gen und spontanen" Sendungen laufen, wurden für die Zuschauer entsprechend

48 Amelunxen/Ujica 1990b: 8f.


49 Vgl. Frohne 2002: 82f.
76 1989: REVOLUTION?

gerade die technischen Mängel zum Ausweis ihrer „Authentizität". Als Rekon-
struktion einer Revolution unter medientechnischer Perspektive werden die Er-
eignisse in Videogramme konsequent entsubjektiviert: „Die Kamera ist zu gefähr-
det, um aufnehmen zu können, sie ist oben geblieben", „die Kamera geht so nahe
an das Ereignis heran, wie es das Objektiv erlaubt", lauten die aus dem Off ge-
sprochenen Kommentare. Die Kameras wirken in ihrer Funktion, die Massen zu
desinformieren und durch Manipulationen zu unterdrücken, wie Gefangene oder
doch zumindest Entfremdete: „Diese Bilder nahm eine professionelle Kamera auf,
die dazu bestimmt war, offizielle Bilder zu senden [...] indem sie etwas von der
Störung erhaschte, hatte sie als erste die Seiten gewechselt." Videogramme zeigt
die moderne Bastille, die es zu schleifen gilt: „Das Fernsehen ist mit uns. Wir ha-
ben gesiegt", verkünden die Besetzer des Senders. Als Filmsequenz erzählt Video-
gramme keine neue, sondern die vertraute Geschichte det Revolution, in der sich
nur die medialen Bedingungen geändert haben: Es ist die Geschichte einer Be-
freiung der Bilder.
Die rumänische Revolution entpuppte sich später als die „bedeutendste Fäl-
schung seit Erfindung des Fernsehens". " Diese gelang, weil sich erstmals das seit
1789 etablierte Revolutionsszenario „über ein einziges Medium und gegenüber
einer homogenen Öffentlichkeit abgewickelt hat." Die Fälschung kulminierte
nach falschen Angaben über angebliche Todesopfer der Securitate und dem Fern-
seh-Prozeß gegen das Diktatorenpaar, in dem bis auf die Angeklagten alle Betei-
ligten unsichtbar blieben, in der inszenierten Erschießung der Ceausescus, als aus
Dokumentationszwecken Stunden später auf die bereits Toten geschossen wurde.
Doch „das Simulacrum mißlang: Man hätte auch die Schußwunden sichtbar ma-
chen müssen. Jeder Fernsehzuschauer hat in unzähligen Filmen sorgfältig präpa-
rierte Tote mit den sichtbatsten Gewaltsspuren erblickt; er hat ein Recht darauf,
daß die Toten im Realen so aussehen wie im Film". In Videogramme setzt sich
dieser wahrnehmungstechnische Effekt fort: Zwat beglaubigt der tote Körper des
Herrschers die Revolution, abet man befürchtet doch, daß die Toten wieder auf-
erstehen werden, denn wie man aus Filmen weiß, muß das Böse immer zweimal
getötet werden.
Harun Farockis Die führende Rolle über den Umbruch in der DDR zeigt
hingegen das Scheitern einer Revolutionserzählung. Schon im Prolog sieht sich
der Filmemacher vor Schwierigkeiten gesrellt: „Es ist nicht leicht, eine Revolu-
tion ins Bild zu setzen." Dieses Statement kommentiert Schwarz-Weiß-Bilder

50 So etwa für die Bukarester Kunstkritikerin Magda Cärneci, zit. n. Dotzler 1996: 153.
51 Als Filmsequenz dokumentiert Videogramme gleichermaßen den politischen Prozeß von der Revo-
lution zur postrevolutionäten Ordnung: Gleichen einerseits die Bilder des besetzten Fernseh-
senders inhaltlich zunächst Videoaufnahmen - als improvisiertes Fernsehen sind sie gewisser-
maßen Amateurbilder - so entsprechen sie andererseits formal immer mehr den Fernseh-
konvenrionen.
52 So Le monde diplomatique. Zit. n. Amelunxen/Ujica 1990b: 8.
53 Manfred Schneider 1990: 135.
54 Manfred Schneider 1990: 145.
T
MEDIEN - TELEVISIONEN 7

von der 750-Jahr-Feier in Ost-Berlin 1987: Auf der Straße werden „Meilenstei-
ne det Geschichte der Arbeiterbewegung" - so die Barrikadenkämpfe von 1848
- als tableau vivant nachgestellt. Diese Bilder blendet Farocki später siebenmal
in die DDR-Nachrichtenbilder der Wendezeit ein, die den hilflosen Versuch
der Machtelite dokumentieren, angesichts der Situation im Lande mit den Ar-
beitern in den Betrieben ins Gespräch zu kommen. Bald kommuniziert nicht
nur der Machtapparat mit dem Volk (oder versucht es zumindest), sondern
auch die Medien:

Es läßt sich verfolgen, wie nach dem Durchlässigwerden der Grenze (aber noch vor
der Maueröffnung) westdeutsche und ostdeutsche Nachrichtensendungen (Die ak-
tuelle Kamera, Heute, Heute Journal etc.) miteinander zu kommunizieren begin-
nen, in Konkurrenz zueinander treten, sich gegenseitig zitieren und rügen. Schich-
ten von Bildern, das zeigt Farocki, schlingen sich um die Tagesereignisse: Wir sehen
die Bilder des DDR-Fernsehens in den Bildern der westdeutschen Nachrichtensen-
dung in Farockis Film und so weiter.

In der D D R konstituierte sich, anders als in Rumänien, das revolutionäre Subjekt


nicht nur als mediales, sondern zunehmend auch als nationales: Während etliche
DDR-Bütger nach dem Mauerfall den Wesren erkundeten, dessen Bürger viele
bald zu sein hofften, „standen in Bukarest wochenlang unendliche Menschen-
schlangen vot der Sendezentrale; Menschen, die tagtäglich kamen, um im Fern-
sehen auftreten zu können." ' Ersetzen in Rumänien die Sendungen des Fernseh-
volkes die tägliche ,Palastchronik' Ceausescus', so konstatiert Farocki mit dem
Mauerfall eine „räumliche Verschiebung" und damit eine Angleichung der Bil-
der:

[VJon dem Moment an, wo die Grenzen zur Bundesrepublik geöffnet wenden, ver-
liert ein „geschichtlicher" Ort (die Fabrik, der Betrieb) als Begegnungsstätte zwi-
schen den Herrschenden und den Arbeitern seine fragwürdige Funktion. Die tot-
organisierte Öffentlichkeit des ostdeutschen Betriebs wird ersetzt durch die „Ver-
kaufstätten" des Westens.

Die Bilder der DDR-Bürger in den Kaufhäusern des Westens gleichen Farocki
zufolge denen der Sommerschlußverkäufe. Er vermutet, daß sie künftig „für das
Ende der D D R einstehen" werden:
Es scheint, als hätten die DDR-Bürger in den Geschäftsvierteln der Bundesrepublik
eine Erfahrung gemacht. Es scheint, als hätten sie hiet, an diesem geschichtlichen
Ort, die Erfahrung gemacht, daß in der Bundesrepublik Kräfte wirksam sind, denen
nichts entgegenzusetzen ist.

Doch anders als in Videogramme sind die wirksamen Kräfte hier offenbar, wie Ei-
ke Wenzel feststellt, nicht darstellbar:

55 Wenzel 1998:280
56 Ujica 1990:92.
57 Wenzel 1998:282
78 1989: REVOLUTION?

Statt daß Bilder zur Ent-täuschung, zur analytisch-konstruktiven Durchdringung


des vorfilmischen Ereignisses etwas beizuttagen vermögen, lassen sie einen ent-
täuschten, melancholischen Autor zurück. In dem Maße, wie die Wirklichkeit vor
der Kamera sich als undurchschaubar, von geheimnisvoll-übermächtigen Gesetz-
mässigkeiten gesteuerter Mechanismus zu erkennen gibt, bleiben offenbar auch ihre
Abbilder' nichtssagend und betrügerisch.

Videogramme begegnet demgegenüber der rumänischen Revolution und damit


immerhin der größten Fälschung der Fernsehgeschichte mit Emphatie: Es ist das
Revolutionsszenario als solches, das sich hier noch einmal als große Erzählung
sein Recht verschafft. Gerade als totale Fälschung erscheint die TV-Revolution
nicht nur kohärent - dies bildet die chronologisch-lineare Montage in Video-
gramme gegenüber der thematischen Ausrichtung der führenden Rolle ab — son-
dern sie legt ex negativo auch nahe, daß eine Wahrheit der Revolution existiert
hat oder existieren könnte. (Sonst könnte man sie ja nicht fälschen.) In Deutsch-
land erscheint die Revolution hingegen immer schon - dies implizieren die ta-
bleaux vivants im Prolog det führenden Rolle — als Parodie ihrer selbst. Am Ende
zieht Farocki ein angesichts der Mediatisierung des Historischen paradox anmu-
tendes Resümee: „Eine Revolution, die sich in den Bildern eher verbirgt als sich
in Bildern darzustellen."
Wenn Bilder über realgeschichtliche Vorgänge, die sie selbst mit erzeu-
gen, nichts oder zumindest nichts Wahres auszusagen vermögen, dann kann Lite-
ratut, versteht man sie als „Schreiben nach dem Fernsehen",' das als „komple-
mentäres Medium" allenfalls in der „Bildkritik" noch seine Funktion fände, nur
zum nämlichen Ergebnis kommen. Das „unzeitgemäße Medium Literatur" (Jo-
chen Hörisch) wäre somit zum nachzeitigen Medium geworden, das nachträglich
die Bildmedien reflektiert. Resümiert man mit Jochen Horischs Position: „Die
Gegenwartsliteratur hat ausschlaggebende Funktionen an Film und Fernsehen
verloren"'" eine starke These in der Diskussion um die Rolle der Literatur im
Medienverbund, dann wäre 1989 der funktionsgeschichtliche Ernstfall einge-
treten, anhand dessen das Schreiben nach dem Fernsehen' als Schreiben über Ge-
schichte nach dem Fernsehen seine historische Signatur gewönne. Eines trifft zu:
W o Literatur die Fernsehbilder wiederholt - dies zeigt sich am radikalsten in
Rainald Goetz' Fernsehtagebuch 1989 und erzählerisch am deutlichsten in W o -
elks Rückspiel — bleiben die Aussagen ohne Sinn:

Weißt du, was passiert ist? sagte sie. Ich schüttelte den Kopf. - Die Mauer ist auf.
Ich sah sie an, sah auf den Fernseher, auf dem sich ein Trabant durch die Men-

58 Wenzel 1998:285.
59 Zwar gelingt es Farocki, wie Wenzel (1998: 281) schreibt, durch die Montage dieser Bilder in den
Nachrichren der Wendezeit „politische Wunschfantasien'' aufzudecken und „dieses .politische Un-
bewußte' mit der faktischen Ohnmacht der letzten DDR-Regierung zu koppeln", als Prolog rücken
sie aber das gesamte Geschehen in den Kontext der Revolution als Schmierentheater.
60 Vgl. Winkels 1997:9.
61 Sprang 1995: 79f.
62 Hörisch 1995:43.
MEDIEN - TELEVISIONEN 79

schenmenge zwängte, eine Sektflasche auf dem Dach, und die Insassen streckten die
Hände aus dem Fenster, die von allen ergriffen und geschüttelt wutden, als säße der
Papst im Wagen, und alle schrien oder weinten, und ein Reporter stammelte sinnlo-
ses Zeugs aus dem Off. (R, 206)

Dieser Blick auf den Fernseher setzt sich als Beschreibung der außermedialen
Realität fort, als der Protagonist aufbricht, um sich selbst ein Bild zu machen.
Sind die ersten Eindrücke ausgewiesenermaßen abgeschriebene Fernsehbilder,
gleichen die erlebten Szenen selbigen. Gerade dort, wo der Erzähler dem histori-
schen Moment geradezu befreiende Kraft gegenüber dem Fernseher zuspricht,
erweist sich sein Blick als von diesem Medium geprägt. Zwar hat „ein Ereignis die
Menschen von den Fernsehern losgekettet", aber weiterhin bewegen sich alle „wie
ferngelenkt":

[A]lles verschwamm zu einem Ganzen, das Jubeln, der Applaus, die Häuserfronten
mit den geöffneten Fenstern, in denen die Bewohnet hingen, die einmal nicht nur
live, sondern wirklich dabei waren, und teilweise kam Musik aus den Wohnzim-
mern, eine merkwürdige Mischung aus Hymnen, Freude schöner Götterfunke und
We Are The Champions, und wir gingen weiter, und immer noch wurde applau-
diert, gejubelt und knatterte es, und dann setzten Streicher ein, Bläser, ein Chor,
und über allem lag das Deutschlandlied. (R, 208)

In Woelks Beschreibung überlagern sich der ,gefesselte' mediatisierte Blick und


das außermediale Erleben, das einer anderen raumzeitlichen Wahrnehmung
folgt. Die TV-Revolution von 1989 läßt sich mit Paul Virilios Begriff als „Über-
tragungsrevolution" charakterisieren, an der als Echtzeit-Ereignis via Fernsehen
global alle zeitgleich teilhaben. Dabei ist der Zuschauer in einem spezifischen
Sinne live, nämlich als Garant für die Wirkungsmacht des Aufbegehrens dabei:
Den Adressaten der Demonstrationen in det D D R bildete nicht allein die unge-
liebte Staatsmacht, sondern gleichermaßen die westlichen Massenmedien. So rei-
sten etwa Teilnehmer der Montagsdemonstrationen nach Leipzig, weil dorr „die
Geschichte Deutschlands entschieden wind [...]. In Leipzig standen die Kameras,
dort hat die Weltöffentlichkeit hingeblickt." Die auf heimlich gefilmtem Mate-
rial beruhende Berichterstattung det Tagesschau vom 9. Oktober 1989 sei ein
„Triumph" gewesen: „Das war das entscheidende Ereignis. Der Fall der Mauer
war dann nur noch ein Folgeereignis." In der Uberttagungsrevolution wird die
phantasmatische Einheit des Kollektivsubjekts Volk vor den Kameras und des
TV-Kollektivs vor den Fernsehern als Spiegelverhältnis im Modus des Imaginä-

63 Maresch (1996b: 13) beschreibt diesen Zusammenhang: „Technische Medien unterlaufen aber
mit ihren hochauflösenden und hochfrequenten Übetttagungstechniken immer schon den nie-
derfrequenren lebendigen Zusammenhang des Sprechens, Hörens und Verstehens [...]. Langsam-
keit, unmittelbarer Zugang, persönliche Bewegung. Aufmerksamkeit, öffentliche, mit Men-
schenleibern gefüllte Plätze - alles Zeit-Achsen, Zeit-Orte einer .andeten Öffentlichkeit' - gehö-
ren menschlichen Denk- und Urteilsgeschwindigkeiten an, Zeit- und Raumstrukturen also, die
von heutigen technischen Mitteln bei weitem über- bzw. unterschritten werden."
64 Virilio 1990: 150.
65 Zit. n. Lindner 1998: 109.
66 Zit. n. Lindner 1998:81.
80 1989: REVOLUTION?

ren konstruiert: Wenn die Demonstranten sich an die West-Medien adressieren,


so partizipieren auch die Zuschauer vor den Bildschirmen der BRD imaginär am
Umbruch. Die Übertragungsrevolution wurde damit auch zu einer Gegenüber-
tragungsrevolution.' Hiet läßt sich der psychoanalytische Begriff der wechselsei-
tigen Projektionen durchaus auf die politische Ebene übertragen. Erst mit dem
Ende det Fernsehbilder zerfallt diese imaginäre Einheit: Zugleich beginnt der
Deutungsprozeß des Geschehenen, der in Ost und West unterschiedliche Kon-
struktionen hervorbringt. Wie schnell in der Literatur das Phantasmatische der
Bilder zerschrieben werden kann, zeigt sich in Brigitte Burmeisters Unter dem
Namen Norma: „Und bloß, weil kein Blut geflossen ist. Köpfe hätten rollen mü-
ßen. Hier auf dem Alex, wo die Brillenträger Revolution gespielt haben. - Ist
doch Unsinn. Guck dich mal um. Ich sage nur: Rumänien!" (UN, 81).

67 Dieses Spiegelverhältnis zeigt sich in radikaler Ausprägung am Beispiel Rumänien: Da man wäh-
rend der Diktatur, so der opposirionelle Schriftsteller Foar|ä im Gespräch mit Ujica (Ujica 1990:
30), ohne die „Präsenz der ausländischen Medien [...] absolut dazu verdammt [war], im Schlund
der Zwangsmaschine der inneren Sicherheit zu verschwinden", wurde der „Mut von unserer aus-
ländischen Publicity abhängig". Das Gegenbild - die imaginäre Involviertheit des westlichen Be-
trachters, det in der Posthistoire angelangt, seinen Wunsch nach Authentizität auf den Bild-
schirm überträgt und sich dabei seines prekären Status inne wird — zeigt sich in der Beschreibung
des Medientheoretikers Charles Grivel im Gespräch mit Amelunxen (Amelunxen 1990: 80):
,,[W]ir haben vor dem Bildschirm gesessen in dem Gedanken, daß es irgendwo auf der Welt
doch noch ein Volk gibt, einen Ort, an dem ein .primitives' Volk sich noch im Einklang mit der
Zeit und dem historischen Geschehen befindet, so daß es glauben konnte, etwas wirklich zu tun
und für uns zu bewirken."
3. Medien — Phantome
What you see is what you get.

Der Mauerfall ist kein heroisches T h e m a der Literatur. Das ist wenig etstaunlich:
Die Geschichte scheint über diese Revolution eher gestolpert zu sein, als daß sie
sie in großen Schritten vorangetrieben hätte. Als das Politbüromitglied Günter
Schabowski am 9. November 1989 während der live übertragenen Presse-
konferenz „beiläufig"' einen Zettel über neue Reisebestimmungen verliest,
k o m m t es zu einem „historischen Mißverständnis" (Erhart Neubert). Er teilt
mit, daß der Ministerrat die kurzfristige Vergabe von Visa ohne N e n n u n g trifti-
ger Gründe beschlossen hätte, der italienische Journalist Ehrmann insistiert, ab
wann diese Bestimmung gelte. Schabowskis Antwort - „Das tritt nach meinet
Kenntnis ... ist das unverzüglich, sofort" — wird von den Medien sofort auf-
gegriffen, indem sie die „Interpretationsfähigkeit von Schabowskis unpräzisen
Angaben voll ausschöpfen" und diese zum fait accompli machen: Die Tages-
schau blendet um 20.00 Uhr die Schlagzeile „ D D R öffnet Grenze" ein und der
Live-Bericht aus Berlin schließt mit dem Satz: „Also auch die Mauer soll über
Nacht durchlässig werden." U m 22.15 Uhr behauptet Hanns-Joachim Fried-
richs in den Tagesthemen, die Mauer sei geöffnet. Der Massenandrang vor den
Grenzübergangsstellen setzt ein. Der ganze Vorgang erscheint entpersonalisiert,
ein Wechselspiel zwischen unbewußten und medialen Prozessen. " Schnell wur-
den Spekulationen laut: War Schabowskis „Versprecher" eine Fehlleistung epo-
chalen Ausmaßes odet feine Inszenierung?
Entsprechend schwierig gestaltet sich die Suche nach dem historischen Sub-
jekt. W e t trug die Verantwortung, wer hat - absichtlich odet nicht - den Mauer-
fall bewirkt? So bringt der Versuch, die wahre Geschichte auf einen M o m e n t hin
dingfest zu machen und ihr einen Repräsentanten zu verleihen, nicht nur etliche
Bücher hervor, die das histotische Geschehen präzise fixieren wollen - paradigma-
tisch Der Tag der Entscheidung. Leipzig, 9. Oktober 1989 von Ekkehard Kuhn - ,
sondern auch eigenwillige Blüten wie das Zeitungs-Portrait des dutch seine Scha-
bowski-Frage zu zeitgeschichtlichen Ehren gekommenen Journalisten Ehrmann,

68 Lindner 1998: 105.


69 Der Film Wer zu spät kommt. Das Politbüro erlebt die deutsche Revolution von Jürgen Flimm
(1990) sieht ein „grandioses Mißverständnis" [zit. n. Klappentext des Videos]. Das Buch zum
Film stammt vom Spiegel-Reporter Cordt Schnibben.
70 Zit. n. Lindnet 1998: 106.
71 Zit. n. Lindner 1998: 106. Vgl. auch Herde (1996). Zum weltpolitischen Hintergrund vgl. von
Plato 2003.
72 Das Unbewußte, wie es Freud in seinen intrapsychischen Funktionen und Arbeitsweisen analy-
siert hat, ist nicht jenseits medialer Veränderungen zu denken, laut Koschorke (1999: 462 ff.) ist
es im eigentlichen Sinne ein Medieneffekt.
73 Egon Krenz' Bezeichnung „Versprecher", die er in einem Interview für die Fernsehproduktion
Deutschlandspiel (2000, hier zit. n. von Plato 2003: 97) verwendet, gteift die kollektive Deutung
auf.
82 1989: REVOLUTION?

in dem dieser 10 Jahre nach dem Mauerfall versichert: „Ich habe es nicht getan
[...], es ist so gekommen." Kein historisches Subjekt, nirgends. Wie im imagolo-
gischen Gesamtroman der 48er-Revolution lassen sich auch nach 1989 die Ak-
teure nicht mehr ausfindig machen. Auch nach 1989 ist man bemüht, der uner-
klärlichen Genese der Volksversammlungen und damit dem uneindeutigen Cha-
rakter der Revolution einen eindeutigen Ursprung zuzuschreiben: Erschienen
nach 1848 die Volksaufläufe und Barrikadenkämpfe als gesteuerte Aktionen, de-
ren Hintetmänner im Dunkeln blieben, so vermuteten etliche nach 1989 die Sta-
si — wahlweise Moskau - in dieser Rolle. Für die Tele-Revolution stellt sich
auch die 48er-Frage erneut, ob die Revolution das Volk macht oder das Volk die
Revolution: Postuliert Hans-Ulrich Wehler, daß das Fernsehen trotz des Ver-
stärkereffekts „so große soziale Prozesse nicht steuern" kann, sieht hingegen
Friedrich Kittler die Medien als historischen Akteut und Sieger: „Als am Bran-
denburger Tor die Mauer fiel, war alles klar: Der Materialismus aus Beton, von
Hitler über Stalin bis zu Honecker und Ceausescu, mag Leute beherrschen kön-
nen, aber keine elektronischen Medien."
Die Medien der BRD haben die Ereignisse in der DDR von Anfang an be-
gleitet, gedeutet und mitproduziert - der Begriff,Bürgerrechtler' etwa wurde lan-
ge vor den Demonstrationen von westlichen Journalisten eingesetzt - und die
zentrale Rolle medialer Präsenz war vielen Akteuren von vornherein bewußt.

74 Arntz (1999: 3) interviewte Ehrmann für den Artikel in det Berliner Zeitung vom 9. November
1999. In Landgrebes Buch Der Tag, an dem die Mauer fiel(1999) sollen sich laut Untettitel pro-
minente Zeitzeugen erinnern. Über die Nacht der Maueröffnung erfährt der Leser allerdings sehr
wenig, da Landgrebe vorrangig die Biographie der Zeirzeugen vorstellt.
75 Zu den Nachmarzdeutungen vgl. Wilhelms 2000: 84. Zur Vermutung, führende Mitgliedet det
SED, des MFS und der Oppositionsgruppen hätten unter Leitung des KBW und mit wohlwol-
lendet Duldung det westlichen Geheimdienste den Niedergang der DDR bewirkt vgl. Wolle
(1998: 338) und Misselwitz (1996: 12). Misselwitz (ebd.) verweist auf das Buch Das Komplott.
Wie es wirklich zur Einheit kam (1995) der Journalisten Reuth (Bild) und Bönte (Report), das
.Moskau' als Urheber eines fehlgeschlagen Komplorts nachweisen will.
76 Zur 48er-Revolution vgl. Wilhelms 2000: 30.
77 Wehler 1997: 384.
78 Kittler 1990: 125. So argumentierr auch Maresch (1996b: 25): „Unter dem Dauerbeschuß elek-
tromagnetische! (Informations)Wellen werden, über alle nationalen und politischen Grenzver-
läufe hinweg, totalitäre Politsysteme hinweggefegt, Revolutionen initiiert odet abgewüfgt. Wird
dagegen irgendwo die .Glaubwürdigkeit' det Medien durch Falschmeldungen untergraben, wie
kürzlich passiert in Rumänien und im Golfkrieg, korrigieren und kompensieren sie diesen Souve-
ränitätsverlust sofort, indem sie einfach ihrer .Informationspflicht' nachkommen und übet den
fake berichten. In einem selbstbezüglichen Prozeß wird eine emergente Wirklichkeit geschaffen,
die informiert und kritisiert, die bestätigt und dementiert, die Empfänger erzeugt und bezeugen
läßt, und damit weitere Informationen prozessierr, über die abermals berichtet und kommuni-
ziert werden kann." Ein Gegenmodell entwirft Rodel 1996.
79 Vgl. Lindner 1998: 8.
80 Lindner (1998: 65f.) bezeichnet die Demonstration am 4. September auf dem Nikolaikirchhof,
an dem das Wegreißen der entrollten Transparente durch die West-Medien gefilmt wurde, als
Beginn der Montagsdemonstrationen in Leipzig, obwohl hier noch kein Zug in die Innenstadt
zustande kam. Die Ausreisewilligen skandierten ihre Forderungen dabei direkt in die Kametas
westliche! Sendet. Das „Muster" des 4. Septembers, das auf die Multiplikatoren-Funktion der
Fernsehbilder serzte, wurde in den folgenden Wochen wiederholt. Als später die Anwesenheit
MEDIEN - PHANTOME 83

Entsprechend ist das Fernsehen im Herbst 1989 umkämpftes Terrain. Am 29.


September 1989 fordern die Künstler des Berliner Ensembles neben Reformen
angesichts des „Medienkrieges der anderen Seite" eine Verbesserung der eigenen
Medien; Christa Wolf gibt in einem Interview am 8. Oktober dem West-
Fernsehen die Schuld für die Massenflucht aus der D D R . Kurt Masur, der Ka-
pellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters korrigiert dies am 2 1 . Novem-
ber. Er sieht die Spannungen in der D D R nicht durch die West-Medien provo-
ziert, sondern durch den Staatsapparat. U n d schließlich schlägt Stefan Heym
am 13. Dezember die Bildung eines Bürgerrates vor, der vierzehntägig im Fern-
sehen gesellschaftliche Probleme diskutieren solle. Die Zeitgeschichte mitprodu-
zierenden Medien liefern jedenfalls keine authentischen Bilder: Schon der „erste
Ossi" nach Maueröffhung auf einem dpa-Photo ist ein Journalist aus West-
Berlin. Die Frage nach der Authentizität des Geschehens m u ß angesichts der
Mediatisierung det Ereignisse obsolet erscheinen - wenn sie es nicht schon immer
war. Die Herstellung des Schauerbildes .Bastille' ist im gleichen Maße medial,
nämlich durch Flugschriften und Bilder vermittelt, wie der Mauerfall. Die Ge-
walt der Revolution wird aber im kulturhistorischen Repertoire durch den
kämpfenden, blutigen und toten Körper authentifiziert. Dieset fehlte 1989 und
entsprechend wunde die revolutionäre Dimension in Frage gestellt.
Die ,Tele-Revolutionen' am Ende des 20. Jahrhunderts sind Vilem Flusser
zufolge nur als Tautologie des Nicht-Wissens beschreibbar:
Wir können nur sehen, was wir im Fernsehen gesehen haben, aber nicht wissen, was
wirklich geschehen ist. Det Gtund ist, daß das Wort .wirklich' im Zusammenhang
mit Bildern keinen Sinn macht. Beim Bild ersetzt das Imaginäre das Reale [...].

wesrlicher Journalisten in Leipzig unterbunden wurde, hatten die Demonstranten längst in „en-
gem Zusammenspiel mit Korrespondenten westlicher Sender [...] eine erstaunliche Logistik ent-
wickelt" (ebd.: 81). Nach dem Mauerfall erhöhte sich der Einfluß der Massenmedien nochmals
beträchtlich, wobei die BRD-Medien „ihre Chance gezielt wahrnahmen", während der Osten die
„Lust des freien Redens" (ebd.: 115) entdeckt habe.
81 Zit. n. Jäger/Villinger 1997: 32.
82 Zit. n. Jäger/Villinger 1997: 38.
83 Vgl. Masur [1989] 1990.
84 Vgl. Jäger/Villinger 1997: 90.
85 Symptomatisch folgt dem großen historischen Versprecher Schabowskis ein kleiner histotischer
Irrtum auf dem Fuße, als det West-Berliner Journalist Arno Widmann angesichts der Meldungen
versuchr, am Checkpoint Charly die Grenze nach Osten zu überqueren und von den Grenzsol-
daten zurückgeschickt wird. Er kehrt zu seinem Lokal am Grenzübergang zurück, wo vor der Tür
mit Sekt angestoßen wird. Hier photographiert ein West-Berliner Widmann und die Sekttrinker
und verkauft das Photo an dpa, die es jahrzehntelang als Mauerfall-Photo vom „etsten Ossi" ver-
kauft. Vgl. Widmann 1999: 17.
86 Zur Frage nach Formen und Folgen der Mediatisierung der Öffentlichkeit vgl. Maresch 1996a.
Die Strukturveränderungen der Offentlichkeitsformen und der Medienlandschaften lassen sich
grob mit Maresch (1996b: 18) als „Verlagerung des Politischen (der repräsentative Raum, die
öffentliche Arena) in die telematischen Netze (,Bildröhren-Agora')", sowie „Neuschreibung klas-
sischer Orientierungsmuster wie Wahrheit/Lüge, Sein/Schein, Realität/Fiktion durch die Codie-
rung real/symbolisch/imaginär (Lacan) bzw. real/virtuell/hyperreal (Baudrillard)" skizzieren. Zur
Frage, ob es eine autonome Sphäre des öffentlichen gibt, oder ob Öffentlichkeit nur noch .her-
gestellt' wird, vgl. Rodel 1996: 97.
84 1989: REVOLUTION?

Wenn die Bilder die Herrschaft übernehmen, wird jedes ontologische Problem zu
einem falschen Problem. Das konkrete Faktum ist, was im Bild ist, und alles andere
wird zu Metaphysik.

Doch weder die rumänische Revolution noch der Mauerfall fanden ausschließlich
im Modus des Imaginären statt. Videogramme dokumentiert den Autor - und
damit die Schrift — in seiner Funktion als Beglaubigung- und Gründungsinstanz:
Die erste Ansprache aus dem befreiten Fernsehsender soll nach dem Willen des
Besetzungskomitees der Dichter Mircea Dinescu halten: „Wir alle wollen die
Worte Dinescus hören, die den rumänischen Geist über die Zeiten hinwegtragen
wird." Das - als poetisch verstandene - Sprechen beglaubigt das Geschehen als
historisches: Indem es diese Ereignisse in die Geschichte einschreibt, selbst dann,
wenn der Dichter nur spricht. Auch in Deutschland wird im historischen Mo-
ment gelesen und gesprochen - allerdings mit verwirrenden Folgen, sieht man
etwa die Reaktion des bekannten DDR-Regimekritikers und Autors Lutz Rathe-
now auf Schabowskis Presseerklärung: „Eine ,merkwürdige Erklärung', die der
Pressechef des Politbüros da abgab. Rathenow hatte den Eindruck, daß die D D R -
Führung nicht meht wußte, wovon sie redete." Statt zur Mauer geht Rathenow
zu einer Diskussionsveranstaltung, wo Hinweise, die Mauer sei offen, „ärgerlich
beiseite" geschoben wurden: „Was für eine Ente haben sie da bloß in die Welt ge-
setzt? fragte sich Rathenow. Doch dann fiel ihm Schabowskis Rede im Fernsehen
ein." Der Mauerfall ist nicht primär visueller, sondern sprachlicher und damit
symbolischer Natur: ein Epoche machender Zettel und ein Versprecher. Ist der
Zettel interpretations-, so det Versprecher -deutungsbedürftig. Die Frage hin-
sichtlich des 9. November 1989 ist weniger, was gesehen, als was gehört und wie
interpretiert wurde. Auch im nachhinein ist nicht mehr aufzuklären, was Scha-
bowski hätte wissen können und sagen sollen: Im historischen Moment selbst hat
er, wie er auf Nachfragen versichert, zumindest „nichts Gegenteiliges gehörr".
Denn ob er es nun inszeniert oder nicht: Schabowski zeigt sich nicht ausreichend
informiert und drückt sich deshalb lieber „vorsichtig aus, weil ich in nun dieser
Frage nicht, also, ständig auf dem laufenden bin, sondern kurz, bevor ich rüber-
kam, diese Information in die H a n d gedrückt bekam." " Das Politbüro-Mitglied
wird zum ersten Deuter seiner eigenen Aussagen: Er liest abschließend „wie zur
Selbstvergewisserung noch einmal den Text".

87 Flusser [1990] 1997: 140.


88 Videogramme privilegiert in seinet Revolutionssequenz den Dichter, denn die Revolution wutde
außer von Dinescu auch von einem Filmregisseur, einem Schauspieler und einem General ver-
kündet.
89 So die Darstellung bei Landgrebe 1999: 47.
90 So die Darstellung bei Landgrebe 1999: 48.
91 Zit. n. Wolle 1998: 326 (Hervorhebung von mir, E. B.). Die im Rahmen des Dokumentarfilms
Deutschlandspiel geführten Interviews mit Schabowski, Ktenz und anderen Entscheidungsttägetn
(transkribiert bei von Plato 2003: 97f.) muß man witklich als kurioses Dokument der Zeitge-
schichte bezeichnen.
92 Zit. n. Wolle 1998: 326.
93 von Plato 2003: 93.
MEDIEN - PHANTOME 8S

Auch in der kollektiven Erinnerung bleibt nur Schabowski. Das Kontinuum aus
Aktualität und Vergessen - die, wie es in Magic Hoffman heißt, aus Wagenkolon-
nen und Pfarrern bestehende „langweile Fernsehserie" ( M H , 51) der Wendezeit -
wird durch einen Schock aufgesprengt, der den Anschein von Geschichte erzeugt:
Als Verkörperung dieses schockhaften, rätselhaften historischen Moments und
mangels eines anderen Helden ist Schabowski in die Literatur eingegangen.
Sieht der ostdeutsche Journalist Cordt Schnibben eine Westmarionette - „Scha-
bowski inszeniert so gekonnt, als habe er sich jahrelang in den westlichen Medien
auf seine Aufgabe als Wendedirigent vorbereitet" - , so hat in Grass' Weites Feld
hingegen die Stasi „Schabowski den Spickzettel untergeschoben" (WF, 16).
Agiert er in Wagners Paradies als autonomes Subjekt - „die Schabe vom Dienst
[hat] auf einer Pressekonferenz die totale Reisefreiheit verkündet" (P, l40f.) - , so
ist er in Hettches Nox ein rätselhafter Held wider Willen:

Er hielt inne, als hätte er erst jetzt, nachdem es ausgesprochen war, etwas bemetkt,
das seine Gedanken so sehr beanspruchte, daß er die Journalisten im Saal und die
Kamera, die ihn beobachtete, einfach vergaß. Und als er schließlich weitersprach,
schien das Mikrophon nur mehr zufällig seine Stimme einzufangen. Die Paßftage,
sagte er so langsam, als frage er sich selbst, kann ich jetzt nicht beantworten. [...]
Und wieder schwieg er. So als lösten seine Gedanken sich vom losen Ende des Sat-
zes, das in der Stille flatterte. [...] Und erst, als er pelzig auf der Zunge schmeckte
und bitter, wie weit er sich entfernt hatte, schrak Schabowski auf. [...] Wir wollten
aber, sagte er. Doch schon implodierte der Raum, den sein Schweigen geschaffen
hatte. Wann? Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich. Ohne Zögern,
doch seltsam gleichgültig retournierte er die Fragen der Journalisten. Und während
er sprach, warteten bereits dicht vot seinem Mund ihre nächsten Wörter. [...] Er
wußte, es war votbei. Längst interessierte ihn nicht mehr, was er sagte. (N, 61f)

Der Herbst 1989 in der D D R hat einige Rätsel, aber keine Revolutionserzählung
hervorgebracht. Offenkundig eignen sich weder Schabowskis Zettel noch sein
Versprecher zum ,grand recit'. Entsptechend wird nicht der Tag des Mauerfalls,
sondern der 3. Oktober als Nationalfeiertag gewürdigt. Ironisch merkt Misselwitz
an, daß es für diese „Art der Prioritätensetzung" aus politischer Sicht „durchaus
Gründe" gebe: „Schließlich, so der recherchierte Befund, verdanken wir das N o -
vember-Ereignis sowieso nur dem bloßen Zufall, nämlich dem lapsus linguae ei-
nes SED-Polit-Büromitglieds, also einem Versprecher." ' U n d diese ziehen, wie

94 Dem Medium Fernsehen geht es, so Spangenberg (1990: 107), „nicht um Geschichtsschrei-
bung", sondern „um die Faszination des gekoppelten Bewußtseins durch Kommunikation. Nur
die stärksten Eindtücke können untet den Bedingungen dieser intensiven Bestrahlung im be-
wußten Teil des Gedächtnisses haften bleiben und den Fändruck historischer Kontinuität insze-
nieren".
95 Zit. n. Uecker (2000: 186).
96 Misselwitz 1996: 12. Dabei würde vergessen, daß der 3. Oktober zwar als das „Werk der großen
Politik" etscheine, aber ein zufälliges Datum darstelle, das dem ersten frei gewählten Parlament
det Ostdeutschen „im Zustand seiner Agonie am 23. August 1990 nur als kürzeste Frist seiner
Selbstaufgabe einfiel" (ebd.).
86 1989: REVOLUTION?

schon Freud schrieb, andere Versprecher nach sich: Nikolai Portugalow, der als
Mitglied der Abteilung für Internationale Beziehungen des ZK der KPdSU 1989
für Deutschland zuständig war, bemerkt 1999, daß die „unglücklichste, ich will
sagen: die glücklichste Fehlformulierung von Herrn Schabowski" den Mauerfall
nicht verhindert hätte.
Schon in der Nacht des Mauerfalls habe trotz der Freude, berichret Wolle, so
„manchen DDR-Bütger ein Gefühl der Beklommenheit" befallen:
Warum vermutete man angesichts der plötzlichen Mauetöffnung gar einen .Staats-
streich' der SED-Führung? Welche Überlegungen führten zu der auf den ersten
Blick widetsinnigen Meinung, der Mauerfall sei ,zu früh' gekommen? [...] Die
Dämme brachen, ehe die Flut ihre ganze Gewalt erreicht hatte.

Die bekannte Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley m u ß die Mauer in „einem Neben-


satz" fallen sehen: „Das kränkt mich, weil mir bewußt geworden ist, daß ich jah-
relang ein Objekt gewesen bin." Der Vorgang wirkt auf einige D D R - O p -
positionelle so „traumatisierend", daß sie überlegen, zur Grenzschließung aufzuru-
fen. Die gewaltlose Revolution von 1989 m u ß im Gesamtbild als Fehlleistung
erscheinen.
Fehlleistungen basieren, so Freud, auf der Unterdrückung einer vorhandenen
Absicht, die sich doch halbwegs artikuliert, sie sind „Kompromißergebnisse, sie
bedeuten ein halbes Gelingen und ein halbes Mißlingen für jede der beiden Ab-
sichten, die gefährdete Intention wird weder ganz unterdrückt noch setzt sie sich
— von Einzelfällen abgesehen — ganz unversehrt durch". " Was für die indivi-
duelle Psyche gilt, scheint hier ein kollektives Phänomen geworden zu sein. Des-
halb kann Grivels Formulierung, in Rumänien gebe es „ein Verlangen nach der
Wahrheit dieser Revolution", auch auf Deutschland übertragen werden. Als
Fehlleistung mit kommunikativen Folgen stellt sich zumindest det Literatur nach
1989, wo sie sich auf den Mauerfall bezieht, die Wahrheitsfrage. In Drawerts
Spiegellandwi\\ der Erzähler mit „diesem Thema, von dem ich plötzlich nicht ge-
nau wußte, ob es nicht eine Art historische Illumination war, die sich ein paar
Medienfachleute ausgedacht haben" (Sp, 154), plötzlich nichts mehr zu tun ha-
ben. Brussigs Roman Helden wie wir ist vom Wunsch des Protagonisten moti-
viert, die verschwiegene Wahrheit über die Maueröffnung zu sagen - sein Adres-

97 Vgl. Freud (1916 [1915]) 1969: 77f.


98 Zit. n. von Plato 2003: 92.
99 Wolle 1998:327.
100 Zit. n. Neubert (1998: 876). So erlebte erwa Pfarrer Kind aus Leipzig, engagiert im Neuen Fo-
rum, den Mauerfall trotz des Glücks als „letzte Rache der SED", die ihren „Aufbruch aufgebro-
chen" habe (zit. n. Lindner: 1998: 117). Neubert (1998: 876) hingegen spricht von der „von
den Demonstranten erzwungenen Grenzöffnung", in der „die innere Logik des Aufstandes in
der DDR offensichtlich wurde [...]. Die Reaktion der Bevölkerung auf die Schabowski-
Erklärung folgte dieser Logik [...] Kaum jemand einschließlich der DDR-Opposition hatte er-
kannt, wie stringent die DDR-Revolution auf dieses Ziel zulief ".
101 Vgl. Neubert (1998: 877).
102 Freud (1916 [1915]) 1969:86.
103 Grivel im Gespräch mit Amelunxen (Amelunxen 1990: 80).
MEDIEN - PHANTOME 87

sat ist Journalist. Dafür muß er nicht nur mit det „Das-Volk-sprengt-die-Mauer-
Legende", sondern auch mit der „Pressekonferenz-Legende" (H, 6) aufräumen.
Dem Begriff der Revolution ist eine grundlegende Ambivalenz eingeschrie-
ben, bedeutet er doch ,Wiederholung' und Umsturz'. Erst im 17. Jahrhun-
dert wurde der ursprünglich aus der Astrologie stammende Begriff - als Wie-
derkehr der Himmelskörper - in die politische Sphäre übertragen und nahm dort
die Assoziation einet „Aussicht auf etwas glanzvoll Neues", aber auch die einer
gewaltsamen Erhebung des Volkes an. Die Kritik am friedlichen Umsturz in der
DDR zeigt sich damit auf den Wiederholungscharakter der Revolution fixiert,
der gerade das Neue der Ereignisse von 1989 - ihre Gewaltlosigkeit - zum Argu-
ment gegen deren etwaige revolutionäre Qualität wurde. Die zweite historisch
neue Qualität der Herbstereignisse in der DDR - ihre Mediatisierung - wurde
zwar als solche auch als neue betont, aber nicht zur Gewalrlosigkeit in Bezug ge-
setzt. Der 9. November 1989 wurde aufgrund seiner Gewaltlosigkeit nicht in den
präerablierten Revolutionsmythos integriert und damit auch nicht zum Grün-
dungsmythologem der imaginären Gemeinschaft. Das Zentralbild der Revoluti-
on, unblutig und gewaltlos wie es 1989 ist, wirkt wie ein blutleeres Gespenst.
1989 kehrte die Revolution nur als ihr eigenes mediales Phantombild wieder.

104 Auch Brussig unterstellt Schabowski eine bewußte Intention. Er habe „den Flüchtlingen ab so-
fort die direkte Austeise in die Bundesrepublik zugesichert, wahrscheinlich, weil er es leid war,
daß sich die Welt an Fernsehbildern von kilometerlangen Autoschlangen an der tschechisch-
westdeutschen Grenze ergötzen konnte" (H, 7).
105 Vgl. Lasky 1989: 284. Lasky datiert die ersten Vorläufer im Italien des 14. Jahrhunderts im Zu-
sammenhang mit der Beschreibung einer Volkserhebung in Siena durch den Historiker Matteo
Villani.
106 Zum Motiv des Gespenstes und zum Gespensterdiskurs vgl. den Band von Baßler/Gruber/
Wagner-Egelhaaf (2005). Inwieweit das Gespenst grundsätzlich als eine Figuration des Media-
len verstanden werden kann, diskutiert hier Görling (2005).
4. Deckerinnerungen
Die Literatur - vertreten durch Thomas R. P. Mielkes Der Tag an dem die Mauer
brach — hat indes schon früh die Barrikaden verlassen und die Allianz mit den
Bildmedien gesucht: Das Besondere dieser Mauerfall-Vision von 1985 besteht
darin, daß hier kein blutiger Volksaufstand nach klassischem Muster imaginiert
wird. Im Zentrum des Polit-Thrillers steht vielmehr die Suche nach verschie-
denen Drehbüchern, die als Vorlagen für einen Film dienen, der als gefährliches
Spiel mit den politischen Realitäten der geteilten Stadt eine Berlin-Krise auslösen
könnte. Die Handlung spielt während der 750-Jahr-Feiern in Ost- und West-
Berlin 1987 - also in der Zukunft. Der Protagonist Peter Mondale wird als ehe-
maliger amerikanischer Geheimdienstagent der Desert Specialist Command
(DESCO) und nunmehr erfolgreicher Drehbuchautor von einem ebenfalls früher
für die D E S C O tätigen „Filmmogul Hollywoods" angeheuert, um den bereits
begonnenen Film seines Kollegen Paul Aster - ebenfalls ein alter D E S C O - G e -
heimdienstler - fertigzustellen. Aster und sein Drehbuch sind spurlos verschwun-
den. Mondale findet heraus, daß das Drehbuch offenbar nur Skizzen für eine
Handlung mit offenem Ausgang enthielt: Sie zeigen „den heroischen Verteidi-
gungskampf von einigen tausend GIs an der Mauer" ( T M , 163) und sollen die
Russen zu Reaktionen provozieren. Und wirklich reagieren die versammelten
DDR-Militärs nervös:

„Nach unseren Erkenntnissen spielen zut Zeit vierhundert amerikanische Soldaten


als sogenannte Kompatsen in einem Hollywood-Kriegsfilm mit. [...] Voll ausgerü-
stet und bewaffnet!" [...] „Und Sie meinen, daß mehr dahintersteckten könnte als
irgendein Film?" „Wir sollten nicht vetgessen, wie der Zweite Weltkrieg angefangen
hat", meinte Oberstleutnant Pfuhl. „Damals haben sich Deutsche als Polen vetldei-
det, um dann den Sender Gleiwitz zu überfallen. Der Anlaß für den Kriegsausbruch
war noch lächerlicher als dieser Film ..." (TM 135f.)

Für Mondale stellt sich heraus, daß Asters Intentionen weniger filmischer als
vielmehr politischer Natur sind — und dies auch so verstanden wird:
„Jemand könnte wollen, daß die Sowjets tatsächlich an eine Provokation mit einem
geheimen Dtehbuch glauben - keinem Film-Drehbuch, sondern einem politi-
schem", sagte er leise. „Und wenn die Sache klappt, hätten wit eine Ultimationssi-
tuation wie damals mit Chruschtschows Raketenfrachtetn vor Kuba. Und unser jet-
ziger Präsident würde noch härter als Kennedy reagieren ..." [...] „Und was passiert,
wenn die Russen nicht teagieren?" [...] „Dann war's doch nur ein Film, mehr
nicht." (TM, 181)

Schließlich erfährt Mondale, daß das Filmszenario auf einem ursprünglich von
der senatsnahen West-Berliner Projektgruppe Reflex entwickelten Planspiel beruht.
Aster hatte dieses Planspiel als Filmszenen in der Stadt nachspielen lassen - und

107 Den Hinweis auf das Buch verdanke ich Hugo Aust, der es 2002 anläßlich des Germanisten-
treffens in Johannesburg in seinem Beitrag kurz vorgestellt hat. Vgl. dazu Aust 2003: 179f.
DECKERINNERUNGEN 89

den krisenerzeugenden Fiktionen durch die Ermordung eines amerikanischen


Offiziers und den Brand des Springerhochhauses nachgeholfen. Als die Projekt-
gruppe Reflex merkt, daß ihr Szenario Wirklichkeit zu werden und damit mögli-
cherweise ein Krieg droht, schmuggelt sie zur Besänftigung ein zweites Drehbuch
in den Osten der Stadt - dieses sieht einen Sieg der Russen vor. Doch längsr geht
alles seinen Gang, die Drehbuchentwürfe verselbständigen sich und werden
Wirklichkeit. In West-Berlin macht sich Krisenstimmung breit, in Ost-Berlin
treffen wegen der Pfingstaufmärsche große Menschenmengen ein. Angesichts der
drohenden Eskalation, die Mondale in einem Hubschrauber verfolgt, imaginiert
er eine Kunstaktion und antizipiert die pazifizierende Wirkung, die Christos und
Jeanne-Claudes Reichtagsverhüllung später tatsächlich hatte:

Petet Mondale hatte plötzlich die Idee, daß ein Großteil der Mauer stehenbleiben
müßte [...]. Wenn er seinen alten Freund Christo übettedete, nicht den Reichstag,
sondern die Mauer zu verpacken [...], wenn hunderte von Künstlern aus aller Welt
Quadratmetet für Quadratmeter bemalen würden ... [...] eine Friedensgalerie an der
tektonischen Bruchstelle zwischen Ost und West... (TM, 271)

Doch die Stimmung in der Stadt kulminiert im Mauerfall. Mondale beobachtet


das Geschehen von seinem Hubschrauber aus. „Ferngelenkte Bulldozer" rasen auf
die Mauer zu:

Die Mauer brach, und gleichzeitig überbrückten Mannet und Frauen, die sich gera-
de noch laut schreiend mit Steinen beworfen hatten, die Todesstreifen. [...] „Los
jetzt ... den Schnee" brüllte Mondale. [...] Im gleichen Moment fielen drei Zentnet
Aluminium-Glitter aus einet Öffnung am Boden des Helicopters. Es war der letzte
Versuch, den Wahnsinnigen auf der Erde zu zeigen, daß alles nur ein Film war ...
Aber die Deutschen aus Ost und West ließen sich nicht aufhalten. (TM, 271 ff.)

Trotz oder wegen der vielfältigen Interessenslagen läßt sich auch in Mielkes
Thriller kein historisches Subjekt - eben kein Regisseur des Geschichte - aus-
machen: „Und doch war ganz und gar nicht alles so verlaufen, wie es in den ver-
schiedenen Drehbuchversionen von Hollywood, D E S C O und den deutschen Re-
yfoc-Spezialisten [...] geplant gewesen war ..." (TM, 276). Weder die Sowjets noch
die Amerikaner greifen ein. Die Amerikaner aktivieten lediglich ihren „NSA-
Flash" (TM, 276), der einen black out der elektronischen Aufzeichungsmedien er-
zeugt: Zwar hatten sich „überall [...] filmreife Szenen abgespielt" (TM, 275), aber
der elektromagnetische Impuls löscht alle Aufzeichnungen auf Film- und Ton-
bändern. Der Mauerfall: auch hier eine historiographische Leerstelle. Wie spätet
dem realgeschichtlichen haftet schon dem literarischen Mauerfall von 1985 etwas
Rätselhaftes an: „Was ich meine, ist der Absender. Drehbücher werden von
Filmleuten geschrieben, Planspiele von Offizieren und Szenarien von Politik-
beratern ... jedenfalls war es früher einmal so ..." (TM, 138). Und so taucht auch
hier schon das Wort des Jahres 1989 auf: ,„Die Mauer ist weg!' grölte Mischa ...
,Das ist ja Wahnsinn ... alles Wahnsinn!'" (TM, 278)
Mielkes Buch erstaunt im Nachhinein durch seine prophetische Genauigkeit:
Ein unblutiger Mauerfall, die Initiierung der Ereignisse in ihrer Mischung aus
90 1989: REVOLUTION?

Realität und Imagination, das Mediale, Filmische der Ereignisse. Entsprechend


gestaltet sich die Antwort des wieder aufgetauchten Paul Aster auf die irritierte
Frage eines Filmmitarbeiters, als dieser ihn als Brigadegeneral erkennt: ,„Ich ... ich
dachte ... wir arbeiten für Hollywood ...' ,Das tun Sie auch, mein Bester! Aber
Hollywood arbeitet füt mich ...'" (TM, 268).
Während Mielke den Mauerfall immerhin noch als ,großes Kino' imaginierte,
fand er dann für die Zuschauer in der Realität des .Pantoffelkinos' statt. Ge-
schichte werde - so der Medienwissenschaftler Andrei Ujica - von den domi-
nanten Medien eines Zeitalters geprägt:
Der Herbst 1989 blieb uns im Gedächtnis als eine Abfolge visueller Ereignisse: Prag,
Berlin, Bukarest. Den Bildern nach war die Geschichte wiedergekehrt. [...] Das be-
stimmende Medium eines Zeitabschnittes prägte schon immet die Geschichte. [...]
Sie wurde vom Theatet beeinflußt, von Shakespeare bis Schiller, danach von der Li-
teratur, bis Tolstoi. Wit wissen es, das 20. Jahrhundert ist filmisch. Abet erst
die Videokamera und ihre erhöhten Möglichkeiten in Aufzeichnungsdauer
und Mobilität kann den Prozeß der Filmisierung von Geschichte vollenden.

Bestätigt Der Tag an dem die Mauer brach Ujicas Postulat vom filmischen 20.
Jahrhundert, so bewegen sich mit Ulrich Woelks Rückspiel und Robert Menasses
Schubumkehr offenbar zwei Romane auf der Höhe der Zeit(geschichte), denn die-
se weisen, so Uwe C. Steiner, aus der „Beobachterperspektive" der Litetatur „die
Videotechnik als Signatur von 1989" aus. Allerdings sind „die Helden der 89er-
Romane medienbedingt nirgends dabei". Dies legr die Schlußfolgerung nahe,
daß die Mediatisietung der Geschichre mit der Abwesenheit des Subjektes in der
Geschichte korrespondiert. Aber um welche Geschichte geht es den Prota-
gonisten dieser Romane?
Schubumkehr siedelt die Handlung zwischen Osterreich und der Tschechoslo-
wakei zur Zeit der Grenzöffnung an. Die Forschung hat in Schubumkehr den
österreichischen Wenderoman entdeckt - um so mehr muß die programmati-
sche Rede ,Geschichte' war der größte historische Irrtum erstaunen, die der Autor
zur Eröffnung der Frankfurtet Buchmesse 1995 gehalten hat: Im Diskurs vom
Ende der Geschichte nach 1989, so seine Kritik, driicke sich gerade nicht die Ein-
sicht aus, daß „Geschichte der Versuch war, dem Sinnlosen Sinn zu geben", son-
dern „der Glaube, sie erst jetzt wirklich zu vollenden". " Schon diese Ausführun-
gen lassen vermuten, daß 1989 nicht aufgrund seiner historischen Bedeutung den
Zeittahmen in Schubumkehr bildet. Der Roman schließt vielmehr nach Sinnliche
Gewißheit und Selige Zeiten, brüchige Welt die Trilogie der Entgeisterung ab, in der

108 Ujica im Gespräch mit Amelunxen (Amelunxen 1990: 74).


109 U. C. Steiner 1997: 46.
110 U.C.Steiner 1997:46.
111 Breitenstein 1997: 188f. Demgegenüber ordnet Steinecke (2000: 200) Menasses Werk in den
deutsch-jüdischen Kontext ein, wo die Vereinigung allenfalls ein Randthema bilde. Dies gälte
um so mehr für östetteichische Autoren wie Menasse. „bei denen man von vornherein kaum
mit einem Interesse an den Wiedervereinigungs-Folgen rechnen kann".
112 Menasse [1995] 1997a: 31.
DECKERINNERUNGEN 91

Menasse - orientiert an Hegels Phänomenologie des Geistes - anhand seiner Figu-


ren wie auch formalästhetisch das geschichtsphilosophische Konzept eines pro-
gressiven Rückschritts entfaltet. Im Mittelpunkt von Schubumkehr steht Roman -
nomen est omen -, der 1989 nach langen Jahren als Literaturdozent an der Uni
Sao Paulo seine Mutter besucht, die als Ökobäuerin in das Dorf Komprechrs
nahe der tschechoslowakischen Grenze gezogen ist. Dort regrediert Roman zu-
nehmend: Dem geschichtsphilosophischen Skeptizismus entspricht die Inver-
tierung des Entwicklungsromans zum „Verkümmerungsroman". Roman hat
nicht die von Hegel als entfaltete Totalität des Wissens konzipierte Bewußt-
seinsgestalt erreicht, sondern befindet sich auf dem ursprünglichen Niveau der
.sinnlichen Gewißheit'. Der Geist, in reiner Anschauung verhaftet, vermag
nichts über das bloße Sein des Gegenstandes hinaus auszusagen. Entsprechend
zeichnet Roman willkürlich und zufällig die Ereignisse im Dorf mit seinem Cam-
corder auf. Die Apparatur als medialisierter Bewußtseinszustand weist die Cha-
rakteristika det sinnlichen Gewißheit auf: die Unfähigkeit, sich zu erinnern und
die Unfähigkeit, Zusammenhänge herzustellen. Auch fotmalästhetisch setzt Schu-
bumkehr diese Bewußtseinsgestalt um: Zwei Kriminalbeamte schauen nach einem
Mord Romans Video an, doch es stellen sich keine Zusammenhänge het, es ist im
eigentlichen Sinne nichts zu sehen. Der Protagonist ist, so Menasse, „nie zufällig
am richtigen Ort, oder er ist zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort, um etwas
aufnehmen zu können, das irgendeine Bedeutung hat." Folgerichtig hat er auch
die Grenzöftnung nicht gefilmt. Diese wird zudem schon vorweggenommen:
Während der Inszenierung einer lokalen Teufelspaktsage wirkt der auf der Frei-
luftbühne simulierte Brand so realistisch, daß die Feuerwehr, in Wirklichkeit ei-
nem Nordlicht nachjagend, die Grenze zur Tschechoslowakei durchbricht. Das
historische Ereignis ist später ein medial produziertes: „Den neuen Grenzbalken
mußten die beiden Außenministet drei- oder viermal heben, bis die Kameramän-
ner und Fotoreporter zufrieden waren." (Seh, 195) Im Unterschied zu Roman,
der mittels seines Camcorders keine (Sinn)Zusammenhänge stiften kann, generie-
ren die Medien Sinn und Ereignis durch die Macht der Wiederholung: „Dort wo
die Realität konstruiert wird, können wir sie mehrfach wiederholen, bis wir das

113 Menasse [1995] 1997b: 297.


1 14 Roman will schon vor seiner Heimkehr nach Österreich durch den Ankauf bereits von ihm ge-
lesenet Bücher von den „Buchrücken Signale empfangen, die ihm sagten, was er möglicherweise
in seinem Kopf hatte" (Seh, 37f), im neuen Haus seinet Muttet findet er zudem seine Spiel-
sachen aus der Kindheit vot: „Sein Kinderzimmer", so Hagner (1997: 241), „nimmt sich vor
diesem Hinrergrund aus wie jene .Erinnerung und Schädelstätte des absoluten Geistes', wie sie
die .begriffene Geschichte' in der Phänomenologie bildet."
115 Im zweiten Roman Selige Zeiten, brüchige Welt entwickelt die Figur Leo Singer die Fheorie des
Rückschritts. Ihm gelingt es allerdings nicht, diese aufzuschreiben. Als er bemerkt, daß eine
Freundin seine Thesen aufgezeichnet hat, tötet et sie, um die Phänomenologie der Entgeisterung
zu veröffentlichten. Tatsächlich hat Menasse die Phänomenologie der Entgeisterung zunächst
untet dem Namen Singer in den Grazer manuskripten veröffentlicht und damit Spekulationen
um die Existenz dieser Figur genährt.
116 Menasse [1995] 1997b: 302.
42 1989: REVOLUTION?

sogenannte authentische Bild haben - das also von Anfang an eine Kopie seiner
selbst ist." Eine solche ,Original-Kopie' ist auch die Grenzöffnung. Sie bildet
einen Moment im Prozeß des progressiven Rückschritts, ohne etwas zu bedeu-
ten': Im Zustand der sinnlichen Gewißheit kann er zwar wahrgenommen, aber
nichts über ihn ausgesagt werden. Daß über 1989 hier nichts gesagt werden kann
- eben auch nicht, daß es ,nichts' bedeutet, weil dafür ein Bewußtseinsakt Be-
deutung oder Nichtbedeutung erkennen müßte - , ist weder im historischen Er-
eignis noch im technischen Aufzeichnungsmedium begründet, sondern Ausdruck
der entfalteten Totalität als abgeschlossene Regression auf die Bewußtseinsgestalt
der sinnlichen Gewißheit: „Schubumkehr ist der Abschluß: die Zusammenhänge
brechen völlig auseinander, die Infantilisierung ist total." Das Medium Video
verweist hier weniger auf die Mediatisierung der Geschichte oder auf Medien-
geschichte, sondern bringt die im Medienzeitalter der sinnlichen Gewißheit
adäquate technische Apparatur zum Einsatz: „Schon Hegel gebraucht denn auch
den Begriff des Mediums für die phänomenologische Strukrur, in der die sinnli-
che Gewißheit in das (gleichwohl noch vorbegriffliche) Sradium der Wahrneh-
mung übergegangen ist".
Doch 1989 ist nicht so .bedeutungslos' wie Schubumkehr suggeriert. Die Trilo-
gie der Entgeisterung zielt auf die „zeitgeschichtlich so bedeutsame Spanne zwi-
schen den Eckdaten 1968 und 1989" und damit auf den Epochenroman, so
Sigrid Löffler in ihrer Laudatio zur Verleihung des Grimmelshausen-Preises an
den Autor. 1968 und 1989 stünden „als Chiffren der Begeisterung da, und was
sich dazwischen ereignet, wäre eine Geschichte der Entgeisterung." " Deutli-
cher noch - weil emblematisch ausgestellt" - zeigt sich diese Epochenkonstruk-
tion in Woelks Rückspiel. Den zwei Teilen des Romans ist je ein Photo vorange-
stellt: Das erste zeigt den tödlich getroffenen Benno Ohnesorg, das zweite das
menschenumlagerte Brandenburger Tor an Silvester 1989. Zwar hält sich der aus
der Provinz angereiste Protagonist Stirner während der Mauerfalltage in Berlin
auf. Doch letztlich bleibt, wie die Kritik anmerkte, die deutsche Vereinigung nur
„Kulisse", um „Dunkles aufzuklären", den Selbstmord eines jüdischen Schülers
nämlich, der sich zwanzig Jahre zuvor ereignete. Auf der Hochzeit von Stirners
Bruder, einem 68er, kommt es zu einem Eklat, als dieser den ehemaligen Lehrer
Kampe als „alten Faschist" (vgl. R, 60) beschimpft und ihn für den Selbstmord
verantwortlich macht. Stirner ist nach Berlin gereist, wo Kampe wohnt, um stell-
vertretend deutsche Geschichte aufzuarbeiten. Er vergegenwärtigt sich dabei über
markant gesetzte Momente wie den Schah-Besuch und die Kaufhausbrandstif-
tungen die Geschichte der 68er, um am Schluß - hierin Menasse ähnlich - die

117 Menasse [1995] 1997b: 302.


118 Menasse [1995] 1997c: 314.
119 U. C. Steiner 1997: 47.
120 Löffler 1999.
121 Vgl. U. C. Steiner 1997: 22.
122 Schulz (1994: 250) in seiner Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30. Ok-
tober 1993.
DECKERINNERUNGEN 93

Idee einer Richtung Fortschritt verlaufenden Geschichte aufzugeben. Wurde die


bundesdeutsche Epochenkonstruktion 68/89 quasi als Desillusionsroman vom
Aufbruch und Ende der Linken geschrieben, so wurde ein Jahrzehnt später im
Feuilleton auch füt den Osten eine analoge Epochenkonstruktion — allerdings
mit happy end — verhandelt. Am 50. Jahrestag der Volkserhebung in der DDR
wurde diese als unvollendeter Aufstand gedeutet, det sich im Mauerfall 1989
bzw. 1990 mit der deutsch-deutschen Vereinigung eingelöst hätte. " Der Ver-
such, den gewaltsamen Volksauftstand von 1953 als Auftakt von 1989 zu erklä-
ren, soll das fehlende Initialbild der Revolution ersetzen.
In der Konjunktur der 68-Romane in den 90ern erweise sich, so Günther
Höfler, der „vor dreißig Jahren verendete Hund" (Enzensberger) als „veritabler
Wiedergänger": „Denn 1989 nimmt in Hinsicht auf 1968 gewissermaßen die
Funktion einer Deckerinnerung ein, die dieses dissonante Geschehen über-
lagert." " 1989 fungiert im kulturellen Imaginären dann allerdings nicht als ein-
fache, sondern als doppelte Deckerinnerung, da der Mauerfall zunächst als Ende
der Nachkriegszeit gedeutet wurde: " Literarisch ist der Abschied von den Kriegs-
teilnehmern mit Hanns-Josef Ortheils Roman titelgebend konstruiert und auch in
Botho Strauß' Schlußchor werden 1989 „mit Feuerwerk und Korkenknall die
letzten Dämonen der Nachkriegszeit aus dem Land getrieben" (Schi, 90) - unbe-
schadet der Tatsache, daß der Autor diese bereits 1970 mit dem Tod von Benno
Ohnesorg als beendet ansah. ' Das radikalste Schreibprojekt des sogenannten
Wendejahres streicht - und zwar im Zeichen des totalen Medialen - die Bedeu-
tung des Jahres 1989 als das eines historischen Neubeginns förmlich durch: Rai-
nald Goetz' Fernsehtagebuch 1989, eine dreibändige O-Ton-Sammlung, die
rund 1600 Seiten umfaßt, " stellt die Materialbasis einer in der Trilogie Festung
geführten Auseinandersetzung mit den Erinnerungsformen an den Nationalsozia-
lismus im Zeitalter der Medien dar. " Woelks und Menasses Romane schreiben
implizit mit an der Epochenkonstruktion 68/89, die sich ab Mitte der 90er Jahre
an verschiedenen — eben auch medialen Bestimmungen — festmachte und in den
fehlgeschlagenen Versuch auslief, eine Generation '89 zu (er)finden. " „Gleich-

123 Diese Diskussion zog sich durchs Feuilleton. Vgl. stellvertretend die Ausgabe det tageszeitung
vom 14./l 5. Juni 2003, insbesondere die Artikel von Semler (2003) und das Interview mit
Niethammet (2003).
124 Höfler 2003: 45. Weitere 68er-Romane haben nach 1989 Uwe Timm (Rot, 2001) und Bodo
Kirchhoff (Parlando, 2001) vorgelegt.
125 Vgl. zum Zusammenhang von Zeitgeschichte und litetarhistorischer Periodisierung auch Bar-
ner 1994b: XVIf.
126 So Strauß 19 7 0 (1987: 52f.) in einem Text für Theater heute.
127 Goetz begann seine Medienmitschrift schon im Februar 1989, sie wurde mithin nicht durch die
Herbst-Ereignisse initiiert und wird deshalb hier auch nicht als Reaktion auf 1989/90 verstan-
den. 1989 fungiert als dreibändiger Materialienband der Trilogie Festung. 1989, bezeichnet als
„Materialien", bildet zusammen mit den Theaterstücken Festung und den Berichten Kronos die
Trilogie Festung. Zur werkgeschichtlichen Einordnung vgl. Schumacher (1994: 277).
128 Vgl. Krankenhagen 2001.
129 Vgl. U. C. Steiner 1997. Leggewie (1995) hat zwar im Anschluß an diese Debatte den 89ern
ein Buch gewidmet, war sich allerdings nicht sicher, ob es trotz der vorhandenen historischen
94 1989: REVOLUTION?

wohl", so resümiert Uwe C. Steiner die Diskussion um Medien, 1968er u n d


1989er,
spielt die symbolische Opposition 68-89 eine signifikante Rolle in den jüngsten Be-
schreibungen der Gegenwart. Mit Hilfe dieses suggestiven Zahlenpaares schemati-
siert die neuete Litetatur das Widerspiel zwischen der Beschleunigungsdynamik
medialer Innovationen und den gleichwohl nicht zu leugnenden Beharrungskräften,
sei es det Schriftkultur, sei es aber auch der unguten Vergangenheit. [...] Allerorten
scheinen die Gespenstet zurückzukehren.

Die Rückkehr der .unguten Vergangenheit' geschieht dabei nicht selten chiffriert.
Der mit dem Umbruch in der D D R assoziierte Begriff der Wende verbindet sich,
so Sigrid Weigel und Klaus Briegleb, mit einer rhetorischen Figur, die sich bereits
seit längerem im politischen Diskurses der BRD etabliert hatte:
War es schon lange vor 89 populär, sich in der Figur der Wende von vormaligen
Orientietungen und Denkmustetn zu verabschieden, anstatt in Form (selbst-)
kritischet Reflexion das Geflecht von Geschichtsbildern, Theorie-Modellen, Omni-
potenzphantasien und Veränderungsbegehren, das den 68-er Diskurs beherrschte,
zu befragen, so scheint mit dem Zusammenbtuch des sozialistischen Lagets' draus-
sen eine ,Epoche' beendet wetden zu können, die man daheim als Erblast der .Lin-
ken' eingrenzen zu können glaubt. Diese Art det Historisierung des Jüngstvergan-
genen schreibt aber tatsächlich Denkfiguten fort bzw. setzt sie wieder in Kraft, die
mit 68 Geltung erhielten und an deten Ent-Täuschung und Destruktion literarische
Versuche einen wesentlichen Anteil hatten. Heute aber erscheint die verfehlte Ge-
schichte wiedermals die der anderen - vorzugsweise die ,der DDRler', deren histori-
sche .Schuld' und .Irrwege' oft als Deckerinnetung für die eigene Geschichte funk-
tionieren.

Die .Wendemomente' det bundesdeutschen Geschichte lassen sich als Deckerin-


nerungen, hinter denen sich Abwehr, Projektion und Schuld verbergen, auf die
von Claus Leggewie als jeweils .gescheitert' charkterisierten Gründungsetappen
der (alten) BRD beziehen: 1949 als .verordnete Gründung', 1968 als .glücklich
gescheiterte Umgründung' und 1989 als .verfehlte Neugründung'. " Auch der
Mythos der G r ü n d u n g - so Leggewie mit Bezug auf Hannah Arendt — sei ein re-
volutionärer, letzlich gewaltsamer, willkürlicher Akt der Setzung. Chiffriert sich
im Begriff der ,Wende' einerseits eine mehrfache Deckerinnerung an zentrale Zä-
suren bundesrepublikanischer Geschichte, so fungiert et andererseits als eigenna-
menähnliche Bezeichnung für die Ereignisse in der D D R , die zwar im Mauerfall

Ausgangslage zur Generationseinheit kommen würde. U. C. Steiner (1997: 25) vermerkt zu-
treffend, daß Leggewie keine „distinkte Generarionenidentiät festzustellen [vermag], er ver-
sammelt statt dessen eine Reihe von faits divers". Einige Jahre spätet wutde die „Generation
,89" dann als die „in der Wende sozialisierte Genetation" bezeichnet. Anläßlich eines Treffens
repräsentativet Vertreter kamen diese überein, „eigentlich keine Generation zu sein" und Tho-
mas Krüget, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, konstatiette, die Geneta-
tion 89 sei nur „eine Masche, um Bücher zu verkaufen" (Alexander 2003).
130 U. C. Steiner 1997:49.
131 Briegleb/Weigel 1992: 11.
132 Vgl. Leggewie 1996.
DECKERINNERUNGEN 95

kulminierten, im Gesamtbild aber als Fehlleistung erscheinen. Fehlleistungen


und Deckerinnerungen sind Kompromißbildungen und bewegen sich psycholo-
gisch auf der gleichen Ebene - der des Symptoms. Hierin treffen sich Ost und
West, die sich auf verschiedenen Seiten der Kameras und Fernseher befanden.
Die Literatur im Zeichen der ,Wende' hat solchermaßen symptomatischen Cha-
rakter und sperrt sich gegen eine vorschnelle Einordnung von 1989 in ein histori-
sches Kontinuum.

133 Vgl. Freud (1916 [1915]) 1969: 77f.


5. Narrative
Unser Kolchis ist mir wie mein eigner vergrößertet Leib gewesen, an dem ich jede
Regung verspürte. Den Niedetgang von Kolchis ahnte ich wie eine schleichende
Krankheit in mir selbst, Lust und Liebe entwichen, dir habe ich es gesagt, kleiner
Bruder, du warst so verständig, so einfühlsam. Wenn wir mit der Mutter zusam-
menhockten [...] und sotgenvoll hin und her wendeten, was mit Kolchis passierte,
bist du, ein Kind noch so hellsichtig gewesen. [...] Wir hatten ihn unterschätzt, un-
ser hinfälliger, unfähiger König und Vater hatte jedes Fetzchen Kraft, das noch in
ihm war, auf einen Punkt vetsammelt: sich an der Macht und damit am Leben zu
halten. (M, 98)

In dieser Szene finden sich die narrativen Strategien der Literatur des Umbruchs
wie in einem Brennglas konzentriert: Körperbilder und Krankheitsbericht, Fami-
liengeschichte und Geschlechterdiskurs erzählen (Zeit-)Geschichte.
In Medeas Erinnerung an ihre Heimat Kolchis zeigt sich paradigmatisch der
von Mary Douglas beschriebene Konnex von Individual- und Kollektivkörper:
„Zwischen dem sozialen und dem physischen Körpererlebnis findet ein ständiger
Austausch von Bedeutungsgehalten statt, bei dem sich die Kategorien beider
wechselseitig stärken." Bei den Umbrüchen von 1989/90 und ihren Folgen
handelte es sich um eine geopolitische Entgrenzung und Restrukturierung der
imagined Community, die sich notwendig in den Vorstellungen des Kollektiv-
körpers spiegeln mußten. Die politischen Vorgänge bettafen zwar die beiden
deutschen Staaten in untetschiedlicher Weise, aber sowohl für die D D R als auch
für die BRD - für diese spätestens mit der Vereinigung - mußten nicht nur alte
Bilder revidiert, sondern auch neue ,entworfen' werden. In der D D R begann das
Rumoren im sozialen Körper lange vor den Herbstereignissen 1989 und ent-
sprechend etlebt Medea dessen Gefährdung als .schleichende Krankheit in mir'.
Medeas Empfinden bestätigt damit einmal mehr Douglas' Analyse, derzufolge auf
der Ebene des Körperbildes „die soziale Erfahrung des ,aus den Fugen Geratens',
der tiefgreifenden Unordnung der Gesellschaft, durch extrem wirkungskräftige
Symbole für Unreinheit und Gefahr zum Ausdruck gebracht" wird. Enr-
sprechend repräsentieren sich die Gefahren, die den sozialen Körper bedrohen -
sei es als Zustandsbeschteibung eines maroden Gesellschaftssystems, der deut-
schen Teilung oder des Umbruchs selbst - in ihrer literarischen Bearbeitung nach
1989/90 als pathologischer Diskurs über Krankheit und Gesundheit. Da der
Körper seit der Antike in eine symbolische, Norm und Abweichung symbolisie-
rende Geschlechterordnung eingebunden ist, verbinden sich mit diesen Verleib-
lichungsstrategien, die den sozialen Kötper als gefährdeten, d. h. von psychi-
scher und/oder somatischer Krankheit bedroht zeigen, immer auch Gen-

134 Douglas 1974:99.


135 Douglas 1974: 121
NARRATIVE 97

der-Konstruktionen, die ihrerseits bereits Zuschreibungsmuster von Gesund-


heit und Krankheit als Geschlechtstypologien transportieren.
Die Verleiblichung der Geschichte in den Texten nach 1989 aktualisiert eine
bis in das altägyptische Reich und die Antike zurückreichende Traditionslinie
politischer Philosophie, welche die Polis als Körper denkt. Hatten sich die Ge-
meinschaftsvorstellungen der Antike an der inneren Funktionsökonomie des
Körpers orientiert - so in der Fabel vom Streit der Glieder mit dem Magen - , wur-
de im Christentum durch die ekklesiologischen Auslegungen des Apostel Paulus
dieser Körper zum spirituellen Leib. Die Kitche als Gemeinschaft der Gläubigen
verstand sich im Anschluß an Paulus zunächst als Corpus Christi, bevot sie die
Vorstellung des sakramentalen Leibes der Eucharistie als dem corpus mysticum auf
sich selbst übertrug. Ernst H. Kantorowicz hat in seinet fundamentalen Studie
Die zwei Körper des Königs deutlich gemacht, daß der Begriff des corpus mysticum
vor dem 12. Jahrhundert keine biblische Tradition besaß und eine Neueinfüh-
rung darstellt, „dessen weitreichende Bedeurung und langfristige Auswirkungen
gar nicht überschätzt werden können". Denn durch die Übertragung des Be-
griffs aus der ursprünglich liturgischen Sphäre auf die Kirche als sozialer Körper-
schaft gewann er einerseits soziologische Konnotationen, während er andererseits
die weltliche Sphäre der Institutionen sakralisierte. Im Laufe der Zeit wurde das
corpus mysticum dann „immer weniger mystisch und bedeutete schließlich einfach
die Kirche als politische Organisation oder - auf dem Wege der Übertragung -
jede politische Körperschaft der säkularen Welt". Bereits im 13. Jahrhundert
wutde die Konstruktion des corpus mysticum auf die weltliche Königsherrschaft
übertragen, die nun dem mit zwei Körpern ausgestatteten König - det ewige
Körper überdauerte den menschlich-sterblichen - Kontinuität garantiette.
Die Phantasmengeschichte des body politic steht, so Matala de Mazza in ihtet
Studie zum Verfaßten Körper, in enger Verbindung zu medizinischen und bio-
politischen Diskursen, die den individuellen Körper nach seiner mittelalterlichen
Konzeption als humoraler Gefäßleib in der frühen Neuzeit - namentlich mit De-
scattes - als Automatenkörper und schließlich mit der Physiologie des 18. Jahr-
hunderts als Organismus je neu verstehen. Dabei entfaltete der politische Körper
als imaginäre Institution im territorialstaatlich zersplitterten Deutschland ein be-
sonderes Wirkungspotential. Die Politische Romantik - Friedrich Schlegel,

136 Vgl. von Braun 2000.


137 Zur Verleiblichung in der Literatur vgl. den insttuktiven Sammelband von Krause/Scheck
1996.
138 Vgl. Kantorowicz 1990: 57.
139 Kantorowicz 1990:207.
140 Vgl. Kantorowicz 1990: 209. Die Selbstbezeichnung der Kirche als corpus mysticum fand in
dem Zeirraum statt, als die Lehren von der korporativen und otganischen Struktur der Gesell-
schaft über die Rezeprion antiket Texte von neuem die politischen Theorien zu bestimmen be-
gannen. Das „anthropomorphe Bilderspiel" (ebd.: 211) wurde damit auch auf die Kirche als
administtativen Organismus überrragen.
141 Kantorowicz 1990:217.

( Bayerische
Staatsbibliothek
l München .
98 1989: REVOLUTION?

Adam Müller, Achim von Arnim und Clemens Brentano — entwirft das Bild ei-
ner nationalen Gemeinschaft in Abgrenzung zum revolutionären Frankreich, dem
ein mechanistisches Staatsverständnis vorgeworfen wird. Die Romantiker greifen
hingegen auf pietistische Traditionen zurück. Indem sie den als spirituelle Leib-
lichkeit verstandenen paulinischen Kollektivleib nun als einen sensiblen Orga-
nismus neu bestimmen, setzt ein Naturalisierungsprozeß ein. * Dieser Kollektiv-
körper ist - anders als in Frankreich - nicht staatlich instituiert, sondern aus-
schließlich als eine Utopie präsent, die damit „zum Garanten einer ,Natur' des
Politischen" wird. Im Bild der Blutsgemeinschaft — der biologisierten religiö-
sen Gemeinschaft - wird der Volkskörper im Nationalsozialismus seine destruk-
tiven Konsequenzen entfalten.
Medea erlebt nicht nur Kolchis als einen von Krankheit befallenen vergrößer-
ten Leib, sie beklagt auch, daß ,Lust und Liebe' aus Kolchis geflohen seien. Dies
leitet über zur zweiten narrativen Strategie, die die Literarur nach 1989 charakte-
risiert: die Darstellung zeitgeschichtlicher Ereignisse in einer Engendering-
Prozedur. In der .Vergeschlechtlichung' werden einerseits Geschlechtet-Kon-
sttuktionen und deren Zuschreibungsmuster genutzt, um nicht-geschlechtsbezo-
gene Felder - etwa politische Schuldzuweisungen - zu repräsentieren oder um im
Gegenzug durch die Chiffrierung zeitgeschichtlicher Ereignisse diese Zuschrei-
bungen neu zu konturieren. Dabei müssen die so entstandenen Figuren keine
Entsprechung in den historischen Sozialcharakteren haben. Geradezu zum Topos
geronnen ist die Allegorie des deutschen Paares, wie es ebenfalls Medea entwirft:
der Westen als der dominante siegreiche Mann, der Osten als verratene, unter-
worfene, besiegte Frau.
Die Liebes- und Ehegeschichte in det Literatur nach 1989 steht in einer kul-
turhistorischen Tradition des .deutschen Paares', in die verschiedene imago-
logische Traditionslinien einfließen, deren Ursprünge ebenfalls bis in die Antike
zurückverfolgt werden können. Bereits in den ersten römischen Überlieferungen
ist die Personifikation des Territorialbegriffs Germanien um 39/40 v. Ch. - die
Frauenfigur Germania - mit einer „Herrscher-Darstellung oder -Vergegenwärti-
gung verknüpft". Wie Monika Wagner für den Zeitraum um 1800 zeigt, wird
Germania immer als Teil einer Paarbeziehung - nicht selten mit Arminius - dar-
gestellt; das zentrale Motiv ist die auf ihre Befreier wartende Frau. Im Unter-

142 Vgl. Matala de Mazza 1999: 127.


143 Matala de Mazza 1999: 122.
144 Matala de Mazza (1999: 33) schreibt: „Die Reichsgtündung Bismarcks war ein nachgeholtet
.Staatsakt' ohne eigentliche .Staatsidee' [Plessner], an dem die identitären Selbstvetständigungen
hätten Halt finden können [...]. Als Ersatz dafür und zugleich im Hinblick auf die Inkongruen-
zen zwischen Reichsgrenzen und Volkstumsgtenzen übernahm der romantische Begriff des
Volks die Rolle einer politischen Idee. Es ist sicher kein Zufall, daß die Idee eines natürlichen,
national eigentümlichen Kollektivkörpers dann in den Phantasmen eben dieses Volkes so wirk-
sam wie kaum eine andere Idee auf die politische Praxis ausstrahlen, ja katastrophale Aus-
wirkungen nach sich ziehen sollte." Vgl. dazu auch Baxmann 1995: 360.
145 Trzinski zit. n. Wilhelms 2000: 216. Vgl. auch von Plessen 1996.
146 Vgl. M.Wagner 1996.
NARRATIVE 99

schied zum deutschen Michel sind geschlechtsspezifische Zuschteibungen - etwa


schön, häßlich, alt, jung, aber auch schwanger oder ,unschuldig/rein' - für ihre
Bedeutung ausschlaggebend: „Germanias Spielraum, politische Botschaften zu
vermitteln, wird über ihr Geschlecht, ihren Körper eröffnet". Germania, die im
18. und 19. Jahrhundert in der Bildpublizistik und Literatur populär war, ist als
Allegorie heute kaum mehr präsent, das deutsche Paar findet sich noch — und so-
gar höchstamtlich - nach 1989.

Wagner, die diese Medaille in den nationalimagologischen Kontext Germania


und ihre Freier stellt, sieht hier nicht mehr die „erotische, sondern die ideologi-
sche Triebstruktur" zur Überwindung der Spaltung bezeichnet, „indem nun das
Zusammenwachsen aus den Terrain (fast möchte man sagen aus dem Boden) mit
der Hierarchie der traditionellen Geschlechterbeziehung gekoppelt wird". Er-
geben sich über den ,Boden' auch Allusionen an den ,Volkskörper' und seine
,Blut- und Boden'-Metaphotik, so fließt in die Gestaltung dieser Medaille auch
die weibliche Allegorie als Verkörperung des Landes und das Hochzeitsbild von
Land und Herrscher ein. Auch dieses Bild hat eine imagologische Tradition, des-
sen Ursprünge bis in die chthonischen und kosmogonischen/theogonischen
Mythen archaischer Kulturen zurückreichen und die Verbindung von Erde,
Land, Boden und des Vegetativen mit dem Weiblichen bzw. der Materie ausbil-

147 Wilhelms 2000: 218.


148 M.Wagner 1996:244.
100 1989: REVOLUTION?

den. Bereits die Antike schloß im Bild der Ehe als „Feldbestellung" die Verweibli-
chung der Erde und des Landes mit der Paarbeziehung zusammen. Im Spät-
mittelalter etablierte sich das Hochzeitsbild als politisches Gleichnis, „als unter
der Wirkung der juristischen Analogien und korporativen Lehren das Bild von
der Heirat des Fürsten mit seinem corpus mysticum - dem corpus mysticum seines
Staates - verfassungsmäßigen Sinn zu erhalten schien". Auch hier wird ein chri-
stologisches Bild — dasjenige von sponsus und sponsa, von Christus als Bräutigam
und der Kirche als Braut - auf die weltliche Sphäre übertragen. Es handelt sich
dabei um eine weitere geschlechtstypologische Analogie - der Fürst regiert wie in
der Ehe als H a u p t oder Seele. Im gleichen Zeitraum erfuhr der aus der Antike
stammende Begriff patria eine Renaissance, als er nicht mehr das Universalreich
aller Christen, sondern zunehmend territoriale Monarchien bezeichnete. " La
patrie bezieht sich - sozialpsychologisch betrachtet - auf weiblich-mütterliche
und väterliche Elemente:

Das Land des Vatets ist ein Territorium, das dem König/Vater gehört. Die weib-
lichen Bedeutungsanklänge des Landes (terra, Erde) wurden ganz deutlich in der
[...] Vorstellung eines Gattenverhältnisses zwischen dem König/Vater und der
.schönen' Dame Frankreich oder auch der Germania, Britannia usw.

Die Französische Revolution von 1789 brachte insofern eine epochale Leerstelle
hervor, als der (männliche) Körper des Königs sich als endlich, genauer: sterblich
erwiesen hatte. Die weiblichen Allegorien des Landes hatten schon vor dem Kö-
nigsmord das Bild des Königs ersetzt oder überragten ihn an Größe. Nach dem
Königsmord „trar an die Stelle der ,beiden Körper des Königs', des individuellen
und des politischen, der eine entindividualisierte weibliche Körper." Mit der
Revolution wurde die Frau mit der phrygischen Mütze so populät, daß der Kon-
vent am 25. September 1792, drei Tage nach G r ü n d u n g der Republique Francai-
se, eine „nach antikem Muster gekleidete Frau" als Staatssiegel bestimmte. Im
Unterschied zur Marianne repräsentiert die Germania im 18. und 19. Jahrhun-
dert keinen Status quo, sondern wird als begehrte Frau zur Projektionsfläche na-

149 Vgl. dazu Krause 1996, der eine detailreiche Darstellung zu den Entwicklungslinien der Ver-
weiblichung des Landes von der Anrike bis ins Hochmittelalter liefert.
150 Kantorowicz 1990: 223.
151 Vgl. dazu auch von Braun 2000: 25. Kantorowicz (1990: 392, Fußnote 27) schreibt nur an ei-
ner Stelle - und dies in einer knappen Fußnote —, daß der als unsterblich, nie minderjährig, nie
krank und als geschlechtslos konzipierte „.korporative' Körper des Königs" dort, wo die weibli-
che Thronfolge nicht zugelassen war oder das sogenannte Salische Recht votherrschte, „wahr-
scheinlich nicht geschlechtslos sein" konnte.
152 Kantorowicz: 1990: 255f.
153 Füchtner 1996: 51 f.
154 Hoffmann-Curtius 1991: 63. Entsprechend verstand etwa Napoleon später die grande nation
pointiert als (seine) Frau: „Ich habe nur eine Leidenschaft, eine Geliebte, das ist Frankreich. Ich
schlafe mit ihr." Zit. n. Füchtner 1996: 26.
155 Ihr Name geht auf das politische Lied Mariannes Heilung (1792) des Jakobiners Guillaume La-
vabre zurück, der damir einmal mehr Krankheitsdiskurs und Geschlechterbild verbindet. Zut
Namensgebung vgl. Agulhon 1996: 20.
NARRATIVE 101

tionaler Wünsche. Auch die Medaille Deutschland einig Vaterland transportiert


diese nationale Tradition einer Germania, die die Aktivitäten ihrer ,Be/Freier'
spiegelt: In diesem Fall ist es der .aktive' Osten, der den Mauerfall bewirkt und so
die Teilung überwunden hat. N u r in bezug auf die Bildtraditionen läßt sich die
zentrale Differenz zwischen der Medaille und der Literatur - die gemeinhin den
Osten verweiblicht und den Westen vermännlicht - erklären.
Die Familiengeschichte bildet ein weiteres Narrativ der Literatur nach
1989/90, um die Geschicke der imaginierten Gemeinschaft zu erzählen: Auch
hier ist Medeas Erinnerung an den Kampf um die Reformierung des Gemeinwe-
sens als persönlicher Kampf mit dem alten königlichen Vater paradigmatisch. Die
Texte rekurrieren einerseits auf das Bild det Familie als Sinnbild der Nation, das
die Französische Revolution im Begriff der fraternite etablierte, wie sie anderer-
seits auch die teale Erfahrung der durch die Teilung Deutschlands getrennten
Familien aufgreifen. Die Familiengeschichte wirkt einerseits an der Textoberflä-
che als tendenziell desexualisierendes Erzählverfahren - vor allem dort, wo sie die
Geschwisterbeziehungen fokussiert - den Verleiblichungsstrategien und Gender-
Konstruktionen als immer schon sexuierten Bildbereichen entgegen, wie sie ande-
rerseits als Familienroman gleichermaßen immer auch Geschlechtsidentitäten
konstruiert.
Wenn im folgenden von den Familiennarrationen nach 1989 die Rede ist,
dann von der Familie als Erzählweise, als Phantasie. In seiner Studie Familien-
männer hat Walter Erhart mit Verweis auf die historisch, national, emotional,
klassenspezifisch je unterschiedlichen Erscheinungsformen der Familie deren vor-
gebliche Einheit kritisiert und statt dessen die Funktion dieses Bildes in den Fo-
kus gerückt:
Die familialen Vexierbilder sowie die ihnen entstammenden thetorischen Mustet
scheinen bereits Teil einer gesellschaftlichen Phantasie zu sein, deren Funktion we-
niger in einer Sozialgeschichte der Familie als in einer Kulturgeschichte des Ima-
ginaren zu suchen ist.

Dies gilt natürlich um so mehr für das Bild der Familie als Nation, das als kul-
turhistorisch etablierte Vorstellung auch während der Teilung Deutschlands die
beiden Staaten verband. Das Bild der Familie leistete hier zweierlei: Es bietet, ba-
sierend auf der Vorstellung einer unhinterfragbaren naturalen Basis - gemäß der
berühmten Devise ,Blut ist dicker als Wasser' - , das Bild unverbrüchlichen Zu-

1 56 Leider bringt der Ausstellungskatalog, Marianne und Germania 1789-1889. wie schon Wil-
helms (2000: 213) zu Recht kritisiert, keinen Beitrag, „was es mit der Weiblichkeit der Reprä-
sentationen für Frankreich und Deutschland auf sich hat".
157 Hunt 1992: 12: „The notion of fraternity gradually evolved during the revolutionary decade".
158 Erhart 2001: 29.
159 Erhart (2001: 110) betont, daß die „Mythologie der Vererbung [...] sich auch in einen nationa-
len Familienroman verwandeln [kann], in dem die Männer der Nation sich eine patriotische
Gemeinschaft des Blutes auf ihre Fahnen schreiben, und unübersehbar sind die Verbindungsli-
nien, die das Thema der familialen Heredität in sozialbiologische Lehten über gesunde .Volks-
körper' und soziale Hygienik überführen".
102 1989: REVOLUTION?

sammenseins, ist abet zugleich ein auf ,Offenheit' angelegtes System. Zum einen
geht die (Kem)Familie immer in mehr oder weniger weitläufig gefaßte Verwandt-
schaftsbeziehungen über, zum anderen generiert sie selbst über das Inzestverbot
und die Exogamie neue Familiensysteme. Gerade diese Mischung aus vorgeblich
fixer ,Natur' und kultuteller Offenheit macht sie zu einer variabel einsetzbaren
Metapher, anhand derer die Zusammengehörigkeit von Ost und West sich dar-
stellen konnte: Den bemitleideten .Brüdern und Schwestern drüben' entsprach
der Besuch von drüben: Onkel, Tante, Westverwandte — so der Titel einer Fernseh-
dokumentation.
Die Familie ist zugleich der Ort, an dem der Körper in spezifischer Weise se-
xuierr wird. Im modernen Familienroman wird Weiblichkeit über die maternalen
Topographien inszeniert - Männlichkeit realisiert sich hingegen als Erzählung,
die sich verräumlicht. Die Geschlechterkonstruktionen erweisen sich damit als
zutiefst verwoben in die Prozesse der Instituierung der Gesellschaft, die sich, so
Castoriadis, über ihre imaginären Institutionen als Gesellschaft überhaupt nur
über Verräumlichung und Verzeitlichung setzen kann. '" Die Familie als imaginä-
re Institution bildet solchermaßen ein Konstituens von Gesellschaft überhaupt, da
sie über die in ihr gebildeten Geschlechtskonstruktionen Raum und Zeit institu-
iert. Damit garantierte auch während der Teilung Deutschlands das Bild der Fa-
milie weit mehr als nur einen oberflächlich beschworenen Zusammenhalt, es in-
stituiette damit auch eine täumliche und zeitliche Verbundenheit, die sich der
realgeschichtlichen Teilung entgegenstellte. Entsprechend rührt die Aufkündi-
gung des Familienbildes nach der Vereinigung auch an den Fundamenten der
imaginären Gemeinschaft selbst, da sie deren gemeinschaftliche Raum-Zeit-Basis
annulliert.
Körperbild, Geschlecht und Familie sind keine natürlichen Entitäten, sondern
die realitätsmächtigen Effekte von Diskursen und Imaginationen, die als Kon-
struktionen historischen Wandlungen unterliegen. Entsprechend unterschiedlich
gestaltet sich det jeweilige Konnex zur vorgestellten Gemeinschaft. Mit den Er-
zählstrategien der Verleiblichung, des Engendering und des Familialen reformu-
liert die Literatut nach 1989 verschiedene kultuthistorische Konstruktionen und
Phantasien, die in Momenten des Umbruchs eine besondere Funktion erhalten:
Es geht nicht um die fiktionale Überschreitung gegebener gesellschaftlicher
Wirklichkeiten, sondern um eine übet die fiktionale Neuverhandlung gewonnene
Stabilisierung der im Umbruch aufgelösten Gesellschaft. Tatsächlich hat der
Umbruch, wie Barner konstatiert, „keine innovativen literarischen Würfe" ' her-

160 Gesendet am 2. März 2003 auf ORB.


161 Erhart 2001: 53.
162 Vgl. dazu noch einmal Gastoriadis (1984: 370): „Die .Ausgedehntheit' der Gesellschaft ist kein
Rahmen, in dem sich Gesellschaftlich-Geschichtliches erstteckt, sondern eben die Art und Wei-
se, in der sich das Gesellschaftlich-Geschichtliche selbst entfaltet. Denn das Gesellschaftlich-
Geschichtliche ist beziehungsweise erschafft sich als Figur, das heißt als Verräumlichung, und
als Anderssein/Anderswerden dieser Figur, das heißt als Zeitlichkeit.''
163 Barner 1994c: 936.
NARRATIVE 103

vorgebracht, noch gteifen die Texte - allen postmodetnen Erzählweisen zum


Trotz - akute Tendenzen auf, wie sie etwa in der Virtualisierung und Derealisie-
rung des Körpers, in der Auflösung der traditionellen Kleinfamilie oder der
Transgression der Geschlechterrollen gesehen werden könnten. Dies wird um so
deutlicher, als die narrativen Strategien der Verleiblichung, des Engenderings und
des Familialen einen für die abendländische Geschichte kulturkonstitutiven Cha-
rakter beanspruchen können. Körper, Familie und Geschlecht fungieren damit
als Material im Aufbau kultureller Bedeutungsproduktion.
Abschließend sei der Blick noch auf die literarische Verarbeitung der zwei hi-
storischen Vorbilder gerichtet, die im Deutungsrepertoire nach 1989 zum Einsatz
kamen: die Französische Revolution von 1789 und die März-Revolution 1848 in
Deutschland. Die Französische Revolution kann, so Lynn H u n t in ihter Studie
The Family Romance ofthe French Revolution, als Familienroman im Sinne Freuds
gelesen werden: „By family romance I mean the collective, unconscious images of
the family order that underlie revolutionary politics." ' Mit dem Begriff det fra-
ternite wurde der Konnex von Absolutismus und patriarchaler Familienstruktur
aufgesprengt und nach der Ermordung des Königs und der Königin eine neue,
auf den geschwisterlichen Beziehungen der ,Brüderhorde' basierende Sozial-
phantasie geschaffen. Die Familienbeziehungen, die ihr Vorbild im absolutisti-
schen Herrscherpaar fanden, mußten nach deren Tod neu verhandelt werden:
„The killing of the king was the most important political act of the Revolution
and the central drama in the revolutionary family romance." ' Mit Bezug auf
Girard - der ein Durchlässigwerden der Geschlechterrollen im Moment det Ent-
differenzierung konstatiert - weist auch H u n t auf das Angst-Phantasma einer
stattfindenden Feminisierung der Männer und Vermännlichung der Frauen in
der Französische Revolution hin, die zu einer Reetablierung der Familie führte.
Die Geschlechterrollen wurden - nicht zuletzt über eine neu begriffene Eltern-
schaft - redefiniert. ' Entsptechend läßt sich in den Texten nach 1989 die statt-
gehabte kulturelle Entdifferenzierung weniger an der expliziten Thematisierung
der historischen Ereignisse ablesen als vielmehr an der literarischen Bearbeitung
der mit ihnen korrespondierenden Effekte. Sie sind das .literarische Symptom' für
die ihnen zugrundeliegende Entgrenzung.
Mir dem Rekurs auf Körper, Familie und Paar reformulieren die Texte nach
1989/90 nicht nur kulturkonstitutive Imagologien, sie schließen partiell auch an
die Erzahlweisen an, die sich schon in der Verarbeitung der deutschen Revolution
von 1848 finden. Im Rahmen des imagologischen Gesamtromans kommen die
Familien- und die Liebesgeschichte zum Einsatz, um die neuen gesellschaftlichen
Realitäten nach 1848 zu verhandeln, während schlußendlich angesichts ent-
täuschter Hoffnungen „das Bilderarsenal der Revolution um den Topos des

164 Hunt 1992: XIII.


165 Hunt 1992: 2.
166 Vgl. Hunt 1992. Diese Redefinition vollzog sich übet den Auschluß von Ftauen aus der öffent-
lichen Sphäre. Vgl. dazu auch Wenk 1991.
104 1989: REVOLUTION?

Theaters und die Figuration des Gespenstes" ' bereichert wird. Mit dieser „Über-
setzung der Revolutionsereignisse in einen Mythos" bildet sich ein narratives
Palimpsest, das auch nach 1989 Verwendung findet. Körper- und Krankheitsdis-
kurs, Engendering-Prozeduren und Familiengeschichten bilden eine narrative
Klammer um die Literatur des Umbruchs nach 1989. In ihrer Heterogenitat und
der Unterschiedlichkeit der Schreibweisen kommunizieren die Texte über diese
Verfahren einerseits im zeitgeschichtlichen Kontext politische Urteile und Ge-
schichtsdeutungen, wie sie andererseits kulturanthropologisch betrachtet auf das
Moment der Entgrenzung im Sinne der ,undifferentiation' reagieren. Die Lite-
ratur des Umbruchs bearbeitet quasi symptomatisch die .Bruchstücke' des neu-
deutschen Gesamtromans, indem sie Körper, Familie und Geschlecht einer neuen
Verhandlung unterzieht. Diese Literatur bildet aber keine Gesamtnarration aus:
Es fehlt - und zwar in auffälliger Weise - das Initialbild, das alle nachfolgenden
Verhandlungen in Gang setzt und begründet.

167 Wilhelms 2000: 4.


168 Wilhelms 2000: 3.
6. Archive

Wie Wolfs Text Was bleibtlöste auch Günter Grass' Roman Ein weites Feld einen
Literaturstreit aus. ' Beide Texte wurden vorrangig, wenn auch nicht aus-
schließlich als Politikum verstanden. Nachdem die Kritiker zunächst Grass' Buch
mehrheitlich verrissen - und mit dem S/wgf/-Titelbild des buchzerfetzenden
Kritikets Marcel Reich-Ranicki auch emblematisch .zerrissen' - hatten, wurde in
einem zweiten Schritt die Literaturkritik angegriffen, die ,versagt' habe. Der um-
fängliche, um Lesekultur, Literaturkritik und inszeniertes Medienspektakel zen-
trierte Metadiskurs wurde, so Dirk Frank, schlußendlich selbst wieder einer Kri-
tik unterzogen. Jenseits der Frage nach der Berechtigung der Verrisse und der
nachfolgenden feuilletonistischen Selbstreflexionen zeige dieser Prozeß, so Frank
mit Bezug auf Niklas Luhmann, den Text als Kommunikation erzeugen-
des Basismedium: Literatursoziologisch erscheinen Kritiken und Metakritiken
nicht als „parasitärer Anhang zum Primärtext, sondern als Konstituens für
den Erhalt des Literatursystems". Franks Ansatz, dem es weder um Verurtei-
lung oder Rettung des Autors, sondern um die Verortung des Literaturskandals
im Rahmen einer in der Postmoderne generell voranschreitenden metafiktionalen
Entgrenzung von Texten geht, bietet den Anknüpfungspunkt, um den Roman
Ein weites Feld als postmodernen Roman zu lesen. Das Scheitern des Romans
rührt - so die hier vertretene These - aus der Tatsache, daß der Roman alles an-
dere sein will als postmodern, versteht man mit Frank darunter eine selbstreflexi-
ve Schreibweise, die außerliterarische Funktionsbestimmungen des Textes ne-
giert. Zu Recht resümiert Frank, daß Grass zwar ästhetische Verfahrensweisen
der Postmoderne einsetze, diese aber nicht im Dienste einer hedonistischen
,Playfulness' stünden, sondern dazu dienten, die „Verschlossenheit des alten Ro-
mans' (Walter Benjamin) aufzusprengen zugunsten einet neuen, Gemeinschaftlich-
keit erzeugenden Epik". " Es ist indes paradoxerweise eine weitere, vom Autor ex-

169 Dokumentiert ist dieset im Materialienband von Negt 1996. Eine Auswahl bietet der Jahres-
überblick Deutsche Literatur 1995 (Görtz/Hage/Winkels 1996). Eine genauere Analyse der Lite-
raturkritik zu Grass' Werk unternimmt Boßmann (1997). Sein Resümee zum Streit um Em
weites Feld: Die Literatufkritik habe auf den Bürger Grass resp. seine politischen Ansichten rea-
giert, ohne zum Roman selbst vorzudringen, wobei im Verlauf der Debatte „das litetarische
Produkt [...] aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit vetschwindet und statt dessen die Literatur-
kritik in den Mittelpunkt und damit zum Selbstzweck gerät." (Boßmann 1977: 93) Auch Wit-
tek widmet in seinet Untersuchung zum Litetatutstreit um Wolfs Was bleibt demjenigen um
Ein weites Feldern eigenes Kapitel: In beiden Fällen seien die Texte als Politikum, nicht als Li-
teratur behandelt worden (vgl. Wittek 1997: 138). Pteece (2000: 227) spricht von „the first
GDR-work by a West German" - die Pro-DDR-Perspektive des Buches habe sich gerächt.
Auch Misch (1997) sieht vorrangig das politische Umfeld des Romans bewertet. Als direkten
Kommentar zu Wolf versteht Kube (1997: 352) Grass' Text: Übet die politischen .Verfehlun-
gen' Fontanes, die in der Figur Fonty nachgebildet sind, relativiete Grass die „Schuld der
DDR-Schriftsteller". Dieckmann (1998c) bezeichnete das Buch als „letztes Westpaket".
170 Frank 1998: 80.
171 Das muß natürlich nicht zwangsläufig so sein.
172 Frank 1998:90.
106 1989: REVOLUTION?

plizit vorgenommene Funktionsbestimmung des Romans, die dazu führt, daß Ein
weites Feldgegen die Intention des Autors zu einem postmodernen Text gerät.
Grass' Text ist von vornherein auch als Politikum angelegt: Der Autor versteht
seinen Roman erklärtermaßen als „notwendige literarische Korrektur und Gegen-
stimme zu dem, was jetzt schon regierungsamtlich als Geschichte festgeschrieben
wird" — mithin als ästhetische Historiographie mit Anspruch auf die .richtige'
oder doch zumindest angemessenere Deutung. Im Selbsrverständnis einer der of-
fiziellen Geschichtsschreibung widersprechenden Sicht ist auch das Bild evoziert,
der Roman liefere eine unterdrückte, gar subversive Deutung des Geschehenen.
Hierin gleicht Grass' Intention derjengen Wolfs, die über die Umdeutung tra-
dierter Mythologeme ebenfalls eine Neudeutung der Zeitgeschichte vollzieht.
Anders als Wolf wählt Grass nicht den Mythos als literarischen Vorwurf, sondern
die Nationalgeschichte des letzten Jahrhunderts. Und im Gegensatz zu Wolf, der
es um die ,Widerlegung' Euripides geht, produziert Grass seinen Roman quasi
unter dem Schutzpatronat Fontanes, als dessen Wiedergänger die Zentralfigur
Theo Wuttke, genannt Fonty, erscheint (vgl. dazu insbesondere WE, 7 1 , 73, 79,
108, 251 f., 262f.). Auch stilistisch bemüht sich Grass um den berühmten
Plauderton des Vorgängers. Der Roman spielt zwischen Mauerfall und Vereini-
gung, seine Protagonisten sind der ehemalige Kulturbundredner und spätere Ak-
tenbote Theo Wuttke und sein „Tagundnachtschatten", det Spitzel Hoftaller.
Wird Wuttke ob seiner Fontane-Besessenheit nachgerade zum Revenant des
Dichters (obwohl versichert wird, daß er jenseits des Archivs durchaus als Wuttke
auftrete; vgl. W F , 277), so ist Hoftaller eine Fortschreibung der Figur Tallhover
aus Joachim Schädlichs gleichnamigen Roman (vgl. W F , 240). In der Figur des
unentwegt Fontane zitietenden und nachlebenden Protagonisten werden die Re-
volution 1848, die Reichsgründung 1871, Mauerfall und .Wiedervereinigung'
übereinandergeblendet. Geschichte, dies wurde häufig vermerkt, erscheint als
Wiederholung ihrer selbst, als ewige Wiederkehr des Immergleichen. Das roman-
immanente Zentralbild dieser Geschichtstheorie bildet der Paternoster des Treu-
handgebäudes, welches während der DDR-Zeit als Haus der Ministerien und im
Nationalsozialismus als Reichsluftfahrtsministerium fungiert hatte (vgl. W F ,
68).' 76
Das Erzählerkollektiv des Romans ist figurierr als anonymes Archiv, gemeint
ist das Fontane-Archiv in Potsdam. Dieses Archiv resp. zeitweise auch eine dem
Archiv zugehörige Einzelstimme (vgl. WF, 262, 279) erzählt allerdings keine Ge-
schichte im Sinne eines Plots - die deutsche Nationalgeschichte selbst ist der

173 Grass (1995b) in einem Interview mit dem Stern vom 31. August 1995.
174 Genauso versteht Stolz (vgl. 1999: 179) den Roman.
175 Natürlich wird dies - siehe die angegebenen Textstellen - auch romanintern ironisiert, und es
wird nicht kritiklos Heldenverehrung betrieben. So bringt Grass auch nationalistische und ami-
semitische Bemerkungen von Fontane zur Sprache (vgl. zu Fontanes judenfeindlichen Äuße-
tungen WF, 56-61; zu Kriegsbegeisterung und Nationalismus WF 63).
176 Det Arbeitstitel war zunächst „Treuhand". Vgl. Stolz 1999: 171.
•\RCHIVF 107

Plot. Der Roman beginnt mit Fontys 70. Geburtstag am 30. Dezember 1989.
Die Großdemonstration auf dem Alexanderplatz am 4. Dezember - an der Fonty
noch optimistisch teilgenommen hatte - und die Maueröffnung sind bereits Ver-
gangenheit, die Vereinigung scheint beschlossene Sache. Mit Helmuth Kiesels
Worten schildert det Roman:
den Prozeß der politischen oder ,äußeren' Wiedervereinigung und, mit Konzentra-
tion auf die Einrichtung der Treuhand, den Beginn der ökonomischen und gesell-
schaftlichen oder .inneren' Wiedervereinigung. Er schildert sie als Geschichte einer
Ost-West-Ehe, die nach einer kurzen optimistischen Phase einen kritischen Verlauf
nimmt und in schweren Differenzen endet. Und et schildert sie als Vorgeschichte
einer Emigration [...].

In der Hauptsache aber wandeln die Protagonisten Wuttke und Hoftaller räso-
nierend durch Berlin, machen Ausflüge ins Umland, reisen einmal nach Hidden-
see. Am Fontane-Denkmal hat sich der Autot in Hitchcockscher Manier als tou-
ristischer Besucher selbst ins Bild gebracht und damit neben dem obligatorischen
Blechtrommel-Verweis (vgl. W F , 50) sein eigenes Denkmal gesetzt. Beteits
Schütte hatte in seiner richtungsweisenden Rezension die literarische Verfahrens-
weise als Manierismus - als ausgestellte Künstlichkeit - charakterisiert und damit
den Roman unausgesprochen in den Kontext postmoderner Literaturproduktion
gerückt. Tatsächlich ist das Geschichtsbild des Romans durch die „übergangslo-
se" Verknüpfung der hisrorischen Epochen, in der „das Original vom Abklatsch"
(WF, 230) nicht mehr getrennt weren kann, ein genuin postmodernes: Ge-
schichte annulliert sich in ihrer bloßen Wiederholung selbst und wird analog zur
Schreibweise zu ihrem eigenen Zitat. Zeitgeschichte wird nicht zur deutungs-
bedürftigen Leerstelle, sondern zu einem ahistorischen Vorgang.
Nirgends wird die Intention des Autors - und auch dessen Zweifel - deut-
licher als in einem poetologischen Kommentar: Trotz großer Ähnlichkeit der
Handschrift Fontys mit derjenigen Fontanes müsse „bezweifelt" werden, daß nur
eine „nachgemachte Schrift" vorliege, eher handele es sich um eine „fortgesetzte
Schreibe" (WF, 248). Mit Lachmann läßt sich die Grass'sche Intention als meto-
nymisches Intertext-Verfahren bestimmen, das auf die Fortschreibung des Vor-
gänger-Textes zielt. Dem Postulat einer metonymischen Literaturproduktion kor-
reliert das Geschichtsbild des Romans, der sich als Nationalepos seit der März-
Revolution 1848 und der Reichsgründung 1871 zu verstehen gibt. Tatsächlich
erweist sich aber das Erzählverfahren als das der Metonymie entgegengesetzte der
metaphorischen Intertext-Relation: Hier wird der Vorgänger-Text in den neuen
Text transponiert, wobei diese sich dann strukturell überlappen. Grass greift

177 Kiesel 1997:218.


178 Vgl. Schuttes Rezension (1996) in der Frankfurter Rundschau vom 26. August 1995. Frank (vgl.
1998: 89) greift Schuttes Hinweis auf und bezieht ihn auf Umberto Ecos Nachwort zum .Na-
men der Rose', das die Postmodetne als Fortsetzung manieristischen .Kunsrwollens' versteht und
Grass namentlich anführt.
179 Auch Fischer (2001b: 143) siehr hier die „Crux" des Romans.
180 Berühmtes Beispiel ist die Odyssee von Homer und Ulysses von Joyce.
108 1989: REVOLUTION?

nicht nur Figuren und Motive der Romane Fontanes, sondern auch Sekundär-
texte zu Fontane auf, so daß letztlich die „Literaturgeschichte als ordnendes Prin-
zip des Romans" fungiert - und zwar hinsichtlich ihter über Periodisierungs-
verfahren zeitstrukturierenden Funktion, denen Ein weites Feld folgt. Lachmann
zufolge entsprechen den verschiedenen ästhetischen Verfahren spezifische Ge-
dächtniskonzepte und Fotmen der Sinnkonstitution: Während die metonymische
(Kontiguitäts)Beziehung auf Fortsetzung der Tradition zielt, so vollzieht sich die
metaphorische (Similaritäts)Beziehung als Umschrift. " Dadurch wird diese Lite-
raturproduktion zu einem Gegen- und Neuschreiben. In Ein weites Feld verkehrt
diese offenkundig gegen die Autorintention entstandene intertextuelle Strategie
entsprechend auch das an die Schreibweise geknüpfte Geschichtsbild in sein Ge-
genteil: Tatsächlich wird ja Geschichte hier nicht im Sinne der Moderne - und
des realistischen Romans Fontanes - als offenes Projekt sichtbar, sondern als ge-
schlossener (Erzähl) Raum.
Von Interesse für das Verständnis von Ein weites Feld als postmodernem Ro-
man ist hier weniger der Manierismus und das selbstreferentielle Spiel als das
Verhältnis von Zeit und Raum, welches die ästhetische Struktur des Textes
prägt. Zeit und Raum treten in der Postmoderne, so Fredric Jameson in einem
grundlegenden Aufsatz, in ein neues Verhältnis. Das Kollabieren der Zeit-
strukturen - die kohärente Organisation auf der Zeitachse Vergangenheit-
Gegenwart-Zukunft - konfrontiert das Subjekt mit dem Ziellos-Heterogenen,
Fragmentarischen und Zufälligen. An die Stelle der verlorenen Zeitlogik tritt die
Verräumlichung - das signifikante Beispiel bietet die .erhabene' postmoderne Ar-
chitektur wie die Prädominanz der Architektur in den Diskursen um die und in
der Postmoderne. Auch bei Grass stehen die Verräumlichung der Erzählstimmen
im .unsterblichen Archiv' (vgl. WF, 108) und der Kollaps der Zeitstrukturen -
eigentlich eine Entzeitlichung - in ursächlichem Zusammenhang. Grass hat be-
reits in Kopfgeburten von 1980 eine Zeitkonzeption der ,Vergegenkunft' entwik-
kelt, die es erlaube, verschiedene Zeitebenen poetisch übereinanderzulegen. Ein
weites Feld reflektiert dies als Fontys „Zeit verkürzendes Verständnis von Politik
und Zeitgeschehen auf Glaubenssätze" (WF, 27; vgl. auch 244f.) und „zeitraffen-
des Verständnis von Literatur und Geschichte" (vgl. WF, 249). Entsprechend
schnurren für Fonty historische Ereignisse zu einem Zeitraum zusammen: „[Das]
war ihm ein Daumensprung: vom Vormärz zu den Montagsdemonstrationen"
(WF, 26f.). Hier findet indes kaum eine postmoderne Schreibintention ihren

181 Fischer 2001b: 148.


182 Vgl. Lachmann 1990: II.
183 Haase (2001: 132) sprichr hinsichtlich der zyklischen Erzählstruktur von der „Verräumlichung
der Zeit" als einem Verfahren, das darauf ziele, das „Leben Fontanes zu beglaubigen". Der
Dichter sei nur unsterblich, indem er lebendig bliebe: „Fonty ist der lebendige Fontane." Haases
Atgument, das Archiv müsse im Dienste der Beglaubigung „die Linerarität der Zeit [...] durch-
brechen', kann nicht für die Gesamtkonzeption überzeugen, da er die Geschichtskonzeption
ausklammert.
184 Vgl. Jameson 1986.
ARCHIVE 109

Ausdruck, vielmehr ist die ästhetische Struktur des Romans geprägt durch eine
wiederholt als sinnlos erfahrene Geschichte. Zwar versteht Grass den Geschichts-
prozeß in Anlehnung an Camus' Existenzialismus generell als „absurd", im
Roman provozieren aber konkret die als gescheitert verstandenen Revolutionen
von 1848 und 1989 und deren Folgen eine Sicht - hierin eher Büchners Ge-
schichtspessimismus in Dantons Tod vergleichbar - , die den Geschichtsverlauf
sinnlos erscheinen lassen (vgl. W F , 54f.). Besonders deutlich wird dies am ro-
maninternen Widerspruch: Es ist Professor Freundlich, der bei aller Sympathie
für Fonty dessen „These von der Wiederkehr der Gründerjahre" als eine „typisch
Wuttkesche Rechnung" bezeichnet, deren Prinzip der „Zeitsprünge" zwar helfe,
den Geist gelenkig zu halten, aber auch „Muskelkatet" (WF, 346) verursache. Da
es aber eben dieser Professor Freundlich ist, der sparet die „kolonisierende Für-
sorge" (WF, 355) seiner Westkollegen beklagt und sich am Ende des Romans
umbringt, da er fürchtet, wegevaluiert zu werden, beweist sich die Wuttkesche,
vulgo: Grass'sche These um so mehr an ihrem Kritiker.
Die Fokussierung des Pluralen und Polyphonen zum einstimmigen Archiv
macht dieses, wie Schütte bemerkt, zum ,,aktuelle[n] Autor des Romans". In
seiner ästhetischen Struktur läßt sich Grass' Roman damit weniger im Rekurs auf
Realismus, deutsche Nationalgeschichte oder Fontane analysieren, sondern
über die Autorfunktion des Archivs, das in seinem entsubjektivierten Verständnis
als Generator von Geschichte(n) dem diskursanalytischen Archiv-Begriff Fou-
caults ähnelt. Auch Grass inszeniert das Archiv weniger als konkrete Institution
denn als ein von unhintergehbarer Macht - repräsentierr in der unsterblichen
Spitzelfigur Tallhover - kontrolliertes Aussagesystem. „Nichts ist unsterblicher als
ein Archiv" (WF, 108) - solchermaßen wird bei Grass wie bei Foucault das Ar-
chiv zum histotischen Apriori. Das Erzählerkollektiv des Romans übersteigt die
institutionelle Fotm des (Sammler)Archivs, da es, analog zur These Foucaults,
derzufolge Aussagen hinsichtlich ihrer Archivierbarkeit produziert werden, dis-
kursgenerierend fungiert. Wie Gerhard Fischer bemerkt,

präsentiert sich das Atchiv als eine Variante des allwissenden Erzählers, dessen Er-
kenntnisinteresse jedoch immer nur von literatuthistotischen Ptämissen ausgeht:
dabei entsteht so etwas wie eine narrative Zwangsjacke: alles, was Wuttke wider-
fährt, muß auf Fontane beziehbar sein. Weniger die Aufhebung der Trennung
zwischen Geschichte und Literatur steht im Vordergrund; die Geschichte wird

185 Grass 1985. Vgl. auch Neuhaus 1997: 46.


186 Schütte 1996: 319.
187 Fontys Fontane-Zitate „weichen selten vom Original ab" (WF, 85), meldet der Roman, und es
ist anzunehmen, daß dies auch für den Fontane zitierenden Autor Grass gilt. Stolz (1999: 173)
spricht hinsichtlich des Archivs von einer „Unmenge echter und erfundener Zitate". Es muß
einet anderen Arbeit überlassen bleiben, dies zu überprüfen. Eine instruktive und gründliche
Unrersuchung zur Intertexualität Fontane-Grass bietet Haase 2001. Im Zentrum seiner Unter-
suchung steht das Verhälrnis von Literarur und Staatssicherheit, das hier nicht betrachtet witd.
188 Das Archiv meint bei Foucault (1981: 187) nicht die institutionellen Archiveinrichtungen,
sondern das „Gesetz dessen, was gesagt werden könne".
110 1989: REVOLUTION?

vielmehr vom Erzählerkollektiv in ein literarisch prädetetminiertes Deutungsmus-


tet gepreßt, hinter dem seht wohl det Gestaltungswille des Autors zu sehen ist.1
W e n n das Archiv als Formationsregel der Aussagen betrachtet werden kann, so
gerät der Roman selbst in den Sog des von ihm kritisierten Herrschaftsdiskurses,
da die als Gegendiskurs gedachte Erzählerposition wiederum nur Aussagen gene-
rieren kann, die der Exemplifizierung der zugrundegelegten Geschichtsthese vom
Wiederholungszwang gelten. Damit kann aber auch nur das historische wie zeit-
geschichtliche Material in den Blick kommen, das die Aussageformation des Ar-
chivs bestätigt. Das Archiv als Gegenpol - das dabei zum eigentlichen Autor des
Romans gerät - soll nach dem Willen des sich im Erzählerkollektiv entsub-
jektivierenden Autors Grass als heterogene Stimme zur Geschichte der Sieger
fungieren. Grass will hier weniger, wie Frank meint, die Verschlossenheit des al-
ten Romans aufsptengen als die Absolutheit des geschlossenen Herrschafts-
diskurses. Es ist eine unfreiwillige Ironie der Geschichte, daß dies nur um den
Preis funktioniert, Geschichte als Alterität zur Gegenwart zu leugnen und den
Roman mithin zum totalen Diskurs zu entgrenzen.
Zwar gibt es historische Subjekte und Interessen, denen am Ende der D D R
gelegen ist. So findet die von Brussig in Helden wie wir ironisch ins Bild gesetzte
Vorstellung, die Stasi habe in Form ihres Mitarbeiters Klaus die Maueröffnung
bewirkt, in den Ausführungen Hoftallets ihr ernsthaftes Pendant: Die Stasi habe
„nachgeholfen" und die „Genossen hier, die Herren drüben untet Zugzwang ge-
setzt. Wir haben dafür gesorgt, daß in Leipzig und anderswo dieses kindische Ge-
gröle ,Wir sind das Volk' durch ein eingetauschtes Wörtchen ne Prise Pfeffer be-
kam: ,Wir sind ein Volk!'" (WF, 139f., vgl. auch 16). Und es finden sich histoti-
sche Nutznießerinnen: Als zentrale Geschichte des Romans - im Sinne einer ge-
genwärtig im Roman verlaufenden Geschichte - verhandelt die zunächst ge-
schlossene und dann zerbrechende Ost-West-Ehe als Engendering-Prozedur die
Vereinigung, die nicht nur die Westler, sondern auch die Osrfrauen zu .Kriegs-
gewinnlern' macht. Als am Ende des Romans das Archiv den verschwundenen
Fonty sucht, trifft es auf dessen Ehefrau und Tochter: „Aus der fülligen, immer
ein wenig schlampig wirkenden Frau Wuttke war eine stramme Madame, aus
Martha eine karrierebewußte Geschäftsfrau geworden, selbst ihr Parfüm roch
profitorientiert." (WF, 765, vgl. auch 148, 191) Die historische, genauer: litera-
turhistorische Analogie, die der Text eingangs benennt und dann in immet neuen
Varianten beschwört - „,Wenn einer redet, dann Fonty, irgendwas über Jenny
Treibel. Wie die mit ihrem Clan das Ende der Mauerzeit erlebt. Und was an
Profit rausspringt.'" (WF, 28; vgl. auch 6 3 , 137, 153, 328) - ist zum Schluß-
tableau des Romans geworden.

189 Fischer 2001b: 154.


190 Der Roman inszeniert auf dem Hintergrund der Ehe Fontanes generell die Geschlechter-
dichotomie .pragmatische, aber verständnislose Ehefrauen' versus .produktiv-intellektuelle
Männer'. Paradigmatisch für dieses Bild: Die Gespräche von Fontys Ehefrau und Tochter sind
„kein Plaudern, wie es Fonry liebte, mehr ein sich in Schüben befreiender Stau von Sätzen,
Halbsätzen und vetgrabenem Wortmüll" (WF, 216; vgl. auch 202, 205f, 209, 291-296).
ARCHIVE 111

In der Installation eines diskursreglementierenden und -generierenden Archivs


realisiert sich die von Grass als ,notwendig' bezeichnete Maßnahme der literari-
schen Korrektur und Gegenstimme zur offiziellen Historiographie, die in ihrer
Fixierung auf den Adressaten eine produktionsästhetische Unfreiheit, einen
Zwang des Autors impliziert. Dieser Zwang weitet sich auch auf die Figuren aus,
die ihren (literar)historisch vorgezeichneten Weg gehen müssen wie Emmi Wutt-
ke als Jenny Treibel oder der Westunternehmer Grundmann, dessen Schicksal -
er stirbt - Fonty bereits mit Bezug auf Fontanes GrafPetöJy in der Hochzeitsrede
vorausgesagt hatte (vgl. WF, 281). Nicht der Gestaltungswille des Autors ist
letztlich füt das Schicksal det Figuren verantwortlich, sondern einmal mehr die
Literatutgeschichte als ordnendes Prinzip des Romans. Es entbehrt nicht der Iro-
nie, daß gerade da, wo Grass mit Marthas Ehegeschichte und Fontys Emigration
mit eigenet Fiktionalisierung über die Vereinnahmung des Lebens und Werks
Fontanes hinausgeht, der Roman am fragwürdigsten ist. Denn am Ende des Ro-
mans stehen die Kriegsgewinnlerinnen Emmi Wuttke und Tochter Martha dem
flüchtigen Theo Wuttke gegenüber, der angesichts des Selbstmordes seines jüdi-
schen Freundes Professor Freundlich aus einem Land emigriert, „in dem für alle
Zeit Buchenwald nahe Weimar liegt" (WF, 671). Im Sinne seiner These eines hi-
storischen Wiederholungszwanges greift Grass auf das Bild des Juden als Opfer
zurück - der Verweis, daß das historische Vorbild Professor Freundlichs, Fonta-
nes später Brieffreund Friedlaender, ebenfalls unter einem ehrengerichtlichen
Verfahren litt, das antisemitische Tendenzen aufwies, ändert nichts an dessen
später Funktionalisierung. Sie illustriert die von Grass in seiner Bitterfelder Rede
geäußerre Befürchtung, daß mit der Verurteilung der DDR als Unrechtsstaat -
Freundlich ist ja Marxist - die gesamtdeutsche Vergangenheit als „verjährte Last"
zur „Verschlußsache" werde und gerade dadurch dem Wiederholungszwang ge-
horche. Enrsprechend bringt sich Professor Freundlich auch wegen des neu er-
starkten Antisemitismus um. Im Kontrastbild der weiblichen Kriegsgewinnle-
rinnen gewinnen nicht nur einmal mehr die männlichen Figuren an moralischer
Statur; die mit diesem Schlußbild hintergründig aufscheinende Rhetorik des Cui-
Bono? beantwortet sich in hintergründiger Misogynie: Cherchez la Femme. Die
ökonomisch vom Beitritt der DDR zur BRD profitierenden Frauen konnotieren
das .heimliche', verborgene Intetesse an der deutsch-deutschen Vereinigung, das
allemal kaltherzig bereit ist, die Vetgangenheit für den eigenen Profit zu opfern.
Mit seiner Emigration zu seiner aus einem Seitensprung entstammenden Enkelin
nach Frankreich folgt der Protagonist den literarischen Emigranten nach, die

Richtig altbacken wirken etwa die Beteuerungen Fontys, „nichts gegen schreibende Frauen"
(WF, 259) zu haben.
191 Vgl. Grass 1990b, 1991, 1992.
192 Vgl. dazu auch Grass' Rede vom Verlust (1992) und Grass 1991. Wenn Haase (2001: 151) hin-
sichtlich Fontanes Roman Der Stechlin konstatiett. hiet „erweist sich das Private als das Öffent-
liche und das Öffentliche als das Private", da die Politik privaten Interessen folgt, so setzt Grass
diesen Konnex hier fort und unterziehr ihn zugleich einer Engendering-Prozedur, die das Pri-
vate weiblich konnotiert.
112 1989: REVOLUTION?

nach 1848 angesichts der gescheiterten Revolution enttäuscht die Heimat verlie-
ßen. Grund auch hier einmal mehr: „Eine sanfte Revolution ist keine!" (WF,
351)
Es ist sicher müßig zu fragen, warum ein politischer Autor wie Grass sich be-
rufen fühlte, ein Nationalepos zu schreiben. Das literarische Verfahren - eine In-
tertextualität, die den eigenen Text zu annullieren droht - gibt hingegen Rätsel
auf. Werner Fuld hat dies in seiner als .Fontane' verfaßten Rezension als ge-
kränkte Eitelkeit eines Nationalschriftstellers interpretier, dessen politische Vor-
stellungen sich - anders als die seines deutschlandpolitischen Antipoden Walser -
nicht realisiert haben: „Die Geschichte hat anders entschieden. W i t haben nun
die deutsche Einheit, und da sollten Sie eines dafür aufgeben: Ihre alte Stellung
als Lehrmeister der Nation." Solchermaßen in der Position des Nationalschrift-
stellers bedroht, läßt sich det Rekurs auf Fontane vor allem als Legitimierung und
Nobilitierung der Grass'schen Autorposition deuten: „Aber Sie wollen immer
noch recht behalten, jetzt mit Hilfe des Romans und meiner Person." Jenseits
dieser spekulativen Übetlegung erklärt sich das Scheitern des Romans aus der
Mimesis des Textes an den eigentlichen Adtessaten: Als notwendige literarische
Korrektut und Gegenstimme zu dem, was jetzt schon regierungsamtlich als Ge-
schichte festgeschrieben wird' folgt Grass' literarische Gegenrede gegen eine allein
durch Machtinteressen geleitete Histographie unfreiwillig den gleichen Spielre-
geln. ' Gegen die als sinnlos erfahrene Geschichte und eine Geschichtsschreibung
der Sieger setzt Grass das entsubjektivierte anonyme Archiv, dessen spiegelbildli-
che Bezogenheit auf den wallten Adtessaten des Textes, die regierungsamtliche
Geschichte, sich auch in der wörtlichen Bedeutung von Archiv' - das Regie-
rungsgebäude - zeigt. Das Archiv bezeugt abet nichts anderes als den Verlust der
Geschichte, da es keine neue Geschichte - nämlich Zeitgeschichte - zu etzählen
vermag. Grass' Roman, der ein zeitgeschichtlicher sein will, entspricht vielmehr
den Erzählweisen des historischen Romans det Postmoderne, wie sie Jameson
charakterisiert: Dieser könne nicht mehr .einfach' die Vergangenheit darstellen,
sondern nur noch präetabliette Stereotypien:

Dieser erblickt nicht meht unmittelbar eine vermeintlich reale Welt oder eine re-
konstruierte Vergangenheit, die doch einmal selbst Gegenwart wat, sondern spürt -

193 Vgl. Wilhelms 2000: 233ff.


194 Fuld (1996: 307) in seiner Besprechung in Die Woche vom 25. August 1995.
195 Fuld 1996:307.
196 Foucault (1978: 130) zufolge sind solche Ansinnen anachronisrisch: „Der Intellektuelle sagt die
Wahrheit denen, die sie noch nicht sahen und im Namen deter, die sie noch nicht sagen
konnten."
197 Frank (1998: 90) sieht hier eine durch die Auflösung der linearen Zeit erzeugte „.Unfähigkeit'
des Erzählerkollektivs, eine kohärente Geschichte eines in Geschichten lebenden Protagonisten
zu erzählen", deutet dies aber als Autoritätsgewinn des Lesers, „liegt es doch letztlich an ihm,
sich der vergangenen und jüngsten deutschen Geschichte jenseits des .Hetrschaftsdiskurses' und
seiner eingefahrenen Bewältigungsmustet zu nähern." Frank übersieht, daß der eigentliche
.Adressat' des Romans eben nicht primär der Leser, sondern die inkriminierte Geschichtsschrei-
bung ist.
ARCHIVE 113

man denke an Piatons Höhlengleichnis - die Schatten unsetet Vorstellung von die-
ser Vergangenheit gewissermaßen auf den Wänden jenet Höhle auf. Wenn es also
doch noch so etwas wie .Realismus' gibt, dann müßte dies ein Realismus sein, det
aus det schockattigen Erkenntnis entspringt, daß diese Wirklichkeit nicht meht
.unmittelbar' zu begreifen ist und wir uns langsam einer neuen und einzigartigen
Situation bewußt weiden müssen, in det wit verdammt sind, Geschichte nut noch
in unseren eigenen gängigen Bildern und Simulakren zu suchen, da die Geschichte
an sich' für immer verloren ist.

Ein weites Feld entspricht dem in paradoxaler Verdrehung: Ist der postmoderne
historische Roman auf Simulakren der Geschichte verwiesen, so deutet Grass die
Gegenwart als Simulakrum der Vergangenheit. Leider setzt Grass nicht, wie Die-
ter Stolz meint, die „Macht der Fiktion" gegen die „Phantomwirklichkeiten im
Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit", sondern macht Zeitgeschichte als Fiktion
phantomatisch. Nicht von ungefähr ähneln seine zwei Zeitkommentatoren Fonty
und Hoftaller ihren literarischen Vorgängern Don Quijote und Sancho Pansa:
„lang und schmal neben breit und kurz" (WF, 12). Auch Cervantes' Ritter von
der traurigen Gestalt lebte in den Büchetn der Vergangenheit, mit denen er auf
die Gegenwarr losging — bekanntlich ein Kampf gegen Windmühlen.

198 Jameson 1986: 69f.


199 Stolz 1999: 180.
200 Diese Variante des Herr-Knecht-Topos deutet Haase (vgl. 2001: 154ff.) im Kontext von Lite-
ratut und Staatssichetheit als histotische Entwicklung, die über Cervantes, Diderot, Hegel,
Breche und Volker Braun in eine aufgeklärte Richtung weise.
7. Der groteske Körper
Die historische Wirklichkeit war wie immer ganz anders. In Thomas Brussigs
Helden wie wir ist es nicht das Volk, sondern der Protagonist und Anti-Held
Klaus Uhltzscht, der den Mauerfall bewirkt. Erst die professionellen Rezipienten,
so vertraut Klaus in seinem Rückblick einem Journalisten an, hätten dem Ereig-
nis seine hisrorische Dimension verliehen:
Ja, es ist waht. Ich war's. Ich hab die Berliner Mauer umgeschmissen. Aber wenn es
nur das wäre - die Rezensionen der Historiker und Publizisten lesen sich jedenfalls
so: ,Ende der deutschen Teilung', ,Ende det europäischen Nachkriegsordnung',
,Ende des 20. Jahrhunderts', ,Ende der Moderne', .Ende des Kalten Krieges', ,Ende
der Ideologien' und ,Das Ende der Geschichte'. Wie das tapfere Schneiderlein: Sie-
ben auf einen Streich. (H, 7)

In Wirklichkeit, so Klaus, sei die Öffnung durch seinen überdimensionierten Pe-


nis bewirkt worden - eine Art „Superphallus als Türöffner einer bis 1989 ge-
schlossenen Geschichte"." Brussigs Version der Maueröffnung ist genauso aber-
witzig wie Schabowskis historischer Versprecher und dessen medial verstärkte
Folgen. In Helden wie wir ist entsprechend von irgendeinem revolutionären Volk
keine Spur zu sehen. Statt dessen bietet sich Klaus am 9. November 1989 ein
„Bild des Jammers":
Da standen die Tausenden ein paat Dutzend Grenzsoldaten gegenübet und ttauten
sich nicht. Sie riefen Wir sind das Volk!, den wichtigsten Ruf der letzten Woche -
und irgendwie traf das ins Schwarze. So artig und gehemmt wie sie dastanden, wie
sie von einem Bein aufs andete traten und darauf hofften, sie dürften mal - kein
Zweifel, sie waren wirklich das Volk. So kannte ich sie, so btav und häschenhaft
und auf Verlierer programmiert, und irgendwie hatte ich Mitleid mit ihnen, denn
ich war einer von ihnen. (H, 315)

Klaus, ein echter Sohn dieses verängstigten Volkes, ermannt sich daraufhin im
wahrsten Sinne des Wortes: Er nutzt die ihm nur allzu bekannre Verklemmtheit
aus, zeigt den Grenzschützern seinen im Verlauf der lerzten Tage zu abnormer
Größe angewachsenen Penis und bewirkt so die Maueröffnung. Klaus zieht das
allbekannte Resümee: „Was fehlte, war der Ausbruch des revolutionären Volks-
zorns." (H, 316) Also keine Revolution, allenfalls geschichtsmächtige Itrtümet.
Das Ende der Ideologien, der Nachkriegsordnung, der Geschichte - diese Bedeu-
tungszuweisungen stehen zum historischen Moment selbst, in dem ein verzagtes
Volk ängstlich von einem Fuß auf den anderen tippelt, in grotesk-schiefem Ver-
hältnis. Wie Chatles S. Maier schreibt, hatten sich zwar analog zu den Mobilisie-
rungsprozessen im revolutionären Frankreich auch am 9. November 1989 in
Berlin die Massen versammelt, aber sie hatten gerade nicht, wie er behauptet, „die
Mauer niedergerissen, so wie zweihundert Jahre zuvor die Bastille erstürmt und

201 Hollmer/Meier 1999: 122.


DER GROTESKE KÖRPER 115

niedergerissen worden war." Im Gegenteil: Die Grenzschützer hatten ebenso


desorientiert auf die Menge reagiert und zunächst als Ventillösung einzelnen Per-
sonen den Durchgang durch die Grenzübergänge gewähren wollen — bei gleich-
zeitiget Ungültigstempelung des Passes." Behelfsweise wurde die Leerstelle im
kollektiven Bilderrepertoire, wie oben ausgeführt, durch die ,Erstürmung der
Normannenstraße' gefüllt. Der historische M o m e n t selbst war, folgt man Btussig,
alles andere als heroisch.
Es isr entsprechend das erklärte Ansinnen von Klaus Uhltzscht, die „Das-Volk-
sprengt-die-Mauer-Legende" (H, 6) zu dekonstruieren. Dazu reiche schon ein ein-
facher Blick in die Gegenwart: „Irgendwo m u ß es ja abgeblieben sein, das Volk,
das Mauern sprengen konnte — aber wo? Die illusionsloseren Betrachter kommen
nun zu dem Schluß, daß es kein Mauer sprengendes Volk gegeben hat." (H, 6)
Die Ironie gilt hier nicht nur explizit den ehemaligen DDR-Bürgern, die sich als
Volk eine heldenhafte Legendenvita zulegen wollen, sie wird sich im Verlauf der
Handlung gleichermaßen gegen die illusionsloseren Beobachter richten, die im
Untergang der D D R ein Werk der Staatssicherheit sehen wollten, denn schließ-
lich wird mit Klaus die Maueröffnung ja durch einen Stasi-Mitarbeiter bewirkt.
Brussig legt seinen revolutionsnegierenden Befund nicht einfach vor, sondern
begründet ihn aus der Geschichte der D D R . In dieser konvergieren politische
und individuelle ,Perversion' dergestalt, daß kein heroisch-revolutionäres, ja nicht
einmal ein geschichtsmächtiges Subjekt vorstellbar scheinr. Subjektivität ist nur
als deformierte denkbar. So ist die Geburtsstunde von Klaus Uhltzscht nicht zu-
fällig der Tag des Einmarsches der Warschauer Pakt-Truppen in die Tschecho-
slowakei. Damit ist der Anfang vom Ende - sowohl der Realgeschichte als auch
des Buches - antizipiert: Der Sozialismus wird sich als nicht reformierbar erwei-
sen. Brussig persifliert in der Geburtsszene seines Protagonisten Klaus - „Es war
Nacht, es war Hölle; Panzer rollten [...] und die Welt, auf die ich kam, war eine
polirische Welt." (H, 5) - en passant auch die in Dichtung und Wahrheit be-
schriebene, astrologisch so glückliche Konstellation bei Goethes Geburt. Datüber
hinaus erweist sich, anders als die vielzirierte Nischenkultur der D D R dies nahe-
legt, das Individuum zutiefst verstrickt in die politische Sphäre, ja von dieser un-
auflösbar und bis in den ihr geltenden Widerstand hinein von dieser geformt."
Klaus, als Kind ein Streber und Angeber, in der Pubertät verklemmt und ange-
paßt, landet geradezu zwangsläufig bei der Stasi. Dabei - und hier parodiert
Brussig sowohl die abstrusen Methoden der Staatssicherheit wie die spätere Am-
nesie der Beteiligten - leidet Klaus schon während seiner Tätigkeit an Realitäts-
verlust: „Von Stasi war nie die Rede! Herr Schnürsenkel redete immer von uns

202 Maier 1999: 194.


203 Genauer gesagt, wurden die Ausweise der ersten Grenzüberquerer am Übergang Bornholmer
Straße ungültig gestempelt. Um 23.30 Uhr entschieden die Grenzbeamten dann eigenmächtig
und gegen erhaltene Anweisungen, die Mauet zu öffnen, da sie sich einer „großen Menge ge-
genübersahen". Zit. n. Lindner 1998: 106.
204 Im Gegensatz zu Halverson (2001: 104) sehe ich nicht, daß „the character of Klaus Uhltzscht
and his story essentially embody elements of both East and West Germany".
116 1989: REVOLUTION?

[...] und Sie wissen doch, wo sie jetzt sind." (H, 112) In entsptechender Weise ruft
das in Stasi-Diensten sich verdingende Schriftsteller-„Ich", das nur mehr als
Gänsefüßchen-Ich existiett, in Hilbigs Roman „Ich" aus: „Welch eine Simula-
tion war doch diese Wirklichkeit" (I, 56). Klaus Uhltzscht verkörpert die „Psy-
cho-Logik" der staatlich installierten Paranoia, deren Symptom die Stasi wat."
Die durch die Stasi erzwungene paranoide Realitätsverleugnung - die Ineinsset-
zung von Vaterfigur und Stasi in Helden wie wir entspricht dabei der sozialpsy-
chologischen Realität der DDR - korrespondiert mit der von Klaus' Eltern for-
cierten Ausgrenzung der Sexualität und erzeugr damit einen paranoid-perversen
Charakter: Verschwimmen dem Paranoiker die Grenzen zwischen Phantasie und
Wirklichkeit, so leugnet der Perverse die Geschlechterdifferenz." Die Ausbil-
dung einer möglichst radikalperversen Persönlichkeitsstruktur wird von Klaus als
Dienst an der historischen Mission, dem Weltkommunismus, verstanden: Ent-
sprechend plant er in Anlehnung an die Aufklärungsbücher Siegfried Schnabels
und die .Partei neuen Typs' eine „Kartei neuen Typs" (H, 247), die seine sexuel-
len Deviationen als „Hühnerficker" (H, 239) und Onanist dokumentieren soll.
Klaus' Perversionen sind nicht nur Sinnbild des perversen Staates, sondern auch
dessen direkter Ausdruck in der Triebstruktur des Menschen: „Wo, wenn nicht
hier, in der Stadt des Todesstreifens, unter dem U-Bahnen im Fünfminutentakt
hindurchfahren, ist die Perversion zu Hause." (H, 249)"
Erzählt wird der Untergang der DDR als Ablösung des Helden aus seiner Fa-
milie. Die Muttet waltet als „Hygienegöttin" in einer staatlichen Behörde, der
Vater arbeitet für das .Außenhandels-Ministerium" (H, 83), sprich für die Staats-
sicherheit. Zunächst ahnungslos, daß er damit in die Fußstapfen des verhaßten
Vatets tritt, läßt sich auch Klaus von der Firma anheuern. Mit dem Mauerfall
setzt bei Klaus die Abspaltung seiner ihm nun unliebsamen und tendenziell im-
mer schon irrealen Stasi-Vergangenheit ein: „Ich war das nicht, der einbrach, kid-
nappte, verfolgte, verunsicherte, verängstigte. Ich habe nur gewartet." (H, 169)
Wie Brussigs Hervorhebung im Text deutlich macht, wird das Ich gerettet durch
die Etablierung des Anderen im Selbst, der für die kriminellen Aktionen verant-
wortlich zeichnen muß - an Klaus' Beispiel zeigt sich die für den Stasi-Mit-
arbeiter konstitutive Schizophrenie. Dabei durchbricht Brussig immer wieder den
satirischen Tonfall:

205 Füchtnet 1995: 63. Bremer (2002: 52) konstatiert, daß Btussigs Darstellung der Staatssichet-
heit einet Vetharmlosung gleichkomme - dies wurde auch in Rezensionen bemängelt — diese
aber nicht der „Oberflächlichkeit des Autots", sondern der „Ignoranz in der Perspektive des
Ich-Erzählers" geschuldet sei.
206 Vgl. Füchtner 1995:83.
207 Brussig (zit. n. Bremer 2002: 47) wollte nach eigenem Bekunden den Begriff des „pervertieften
Sozialismus wörtlich [...] nehmen, das Ganze umdtehen und sagen: Ich werde jetzt mal soziali-
stische Perversion entwickeln. Und da Helden wie wir ein Buch übet den Totalitarismus isr,
liegt in diesen Perversionen, zu denen Klaus findet, eine innere Wahrheit übet den Totalitaris-
mus".
DER GROTESKE KÖRPER 1 17

Wenn es heute keiner gewesen sein will, dann hat es mit einer Scham zu tun, die
verhindert, über die Schande und über das Versagen zu sprechen. [...] Das System
war nicht unmenschlich. Es war nicht so, daß es nichts mit uns zu tun hatte. Es war
menschlich, es verwickelte Menschen wie dich und mich, auf die eine oder andere
Weise. Und darüber müssen wir reden. [...] Über das gegenseitige Kränken und
Demütigen. Über das Abducken. Über das menschliche Miese. (H, 105)

Mit Helden wie wir wollte Brussig erklärtermaßen aus Ärger über die fehlende
Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheir einen literarischen Beitrag zur
Verarbeirung der Geschichte liefern, wobei dem Autor das umstrittene Buch Der
Gefühlsstau (1990) des Psychologen Hans-Joachim Maaz als Bezugspunkt
diente. Maaz erstellt ein kollektives Psychogramm, das die Deformationen der
DDR-Bürger mit den rigiden Erziehungsmechanismen und staatlicher Unter-
drückung begründet. Mit Klaus Uhltzscht erschafft Brussig eine „Kunstfigur",
die nicht nur den von Maaz diagnostizierten „gehemmt-zwanghaften" Charakter
verkörpert, sondern auch die provozierende Kernaussage des Gefuhlsstaus Trans-
portiert: „Es hat keine Revolution stattgefunden."
Wie der Historiker Wolle in Die heile Welt der Diktatur schließt auch Brussig
zur Illustration dieser Behauptung an die Bedeutungsaspekte der Schauspiel- und
Theatermetaphorik an, die seit der Französischen Revolution zum Bildbereich
und zur Semantik des Revolutions-Begriffs gehört." Das französische Urbild der
Revolution basiert selbst schon auf Fiktionen und die revolutionäre Praxis gab
sich bewußt theatral. Brussigs Revolutionsgroteske evoziert die satirisch-paro-
distischen Elemente, die der „Tragikomödie der Menschheit", als die sich die
Französische Revolution als „furchtbarste Groteske des Zeitalters" etwa für Fried-
rich Schlegel darstellte, schon immer anhaftete. Das „ethabene Schauspiel der Re-
volution", das Robespierre gegen seine Feinde beschwor, wurde immer auch
durch das lächerliche Kasperle-Theater konrerkariert, zu dem schon Camille
Desmoulins die Guillotinen-Praxis herabgesunken sah und das Klingemann in
den Nachtwachen von Bonaventura als hölzernes Marionettentheater nachstellt." "
Bei Brussig wird die Theater-Metapher nicht zitiert, sondern zur narrativen Stra-
tegie." Mit Klaus eilt die Leserschaft im letzten Akt des Buches aus dem Kran-
kenhaus, in das er mit verletztem Penis eingeliefert wurde, in den Raum der Ge-
schichte und findet sich inmitten der Demonstration vom 4. November 1989 auf
dem Berliner Alexanderplatz wieder. Brussig läßt als eingefügtes langes Zitat den

208 Vgl. dazu Bremer 2002: 36.


209 Vgl. Bremer 2002: 36.
210 Maaz 1990: 137.
211 Vgl. nochmals Bornscheuer 1992. Auch Bärbel Bohley (zit. n. Jäger/Villinger 1997: 72) be-
zeichnete am 17. November 1989 die Öffnung der Mauer als „große Inszenierung", zu der ein
„Durchbruch" gehöre.
212 Nachweise bei Bornscheuer 1992.
213 Mit dem letzten Kapitel Der geheilte Pimmel steige Brussig, so Kormann (1999: 67), in das
„moralische Drama der Wende" ein, das mit det Kundgebung am 4. November und dem Auf-
ruf Für unser Land seinen Ausgang genommen und sich wie im antiken Theater über Stellver-
treterfiguren als Medienspektakel realisiert habe.
118 1989: REVOLUTION?

Leser noch einmal „die Rede" von der „Tribüne" (H, 285) herab ,hören', er rein-
szeniert in der wörtlichen Wiedergabe die Unmittelbarkeit des historischen Au-
genblicks als Umschlagmoment, in dem „alles [...] ganz anders" (H, 282) wurde.
Der Zuhörer Klaus vermutet, es sei die Eislauftrainerin Jutta Müller, die spricht,
da die Rede im sprachlichen Ausdruck auf eine Sportart anzuspielen scheint, de-
ren Höchstleistungen wie beim Ballett im Gewände der Schönheit versteckt wer-
den müssen. Die Sprache ist gekennzeichnet durch
angestrengte Eleganz, dieses Schwelgen in Passagen, die garantiert eine hohe B-Note
abwerfen - und gleichzeitig diese kurzatmige politische Programmatik mit einigen
verstolpetten, verpatzten oder ausgelassenen Sprüngen, die vom betörten Laienpu-
blikum glatt übersehen werden. (H, 286)

Doch die Rede stammt nicht, wie Klaus entdecken m u ß , von Jutta Müller, son-
dern von Christa Wolf und damit von einer der „Wortathleten"" , die sich, so
Biermann schon am 17. November 1989, anstelle des einfachen Volkes auf der
Tribüne gespreizr härten. Klaus kann seine Enttäuschung über diese Rede nicht
verbergen: „Was soll das werden, wenn so eine als Rednerin engagiert wird?"
(H, 285) Entspricht Wolfs angestrengte Sprachakrobatik sozusagen den römi-
schen Phrasen der Französischen Revolution, so taucht auch in dieser Szene mit
der Entlarvung des hohen zum hohlen Pathos wieder das Kasperle auf: „Wer
spricht als nächstes? Das Sandmännchen?" (H, 285)
Doch der 4. November hat eine ambivalente Funktion in Helden wie wir.
Zwar mokiert sich Klaus Uhltzscht bzw. det Autor Brussig über die Rede Christa
Wolfs, in Anlehnung an Maazs Gefühlsstau wird die Massendemonstration aber
auch als erstes Zeichen der sichtbaren „Gesundung eines Volkes"" gestaltet.
Klaus' ,Pimmel', der Zentralsignifikant des Historischen in Helden wie wir, be-
ginnt nach seiner Verletzung an diesem Tag zu heilen - und das heißt: zu wach-
sen. Diese Ambivalenz bestimmt auch die historiographische Deutung des Mau-
erfalls, die der Roman entwickelt. Zwar ist Brussig zufolge die deutsche Einheit
derart mißraten, daß „sie durchaus einen Urheber wie Klaus Uhltzscht haben
könne"," aber - genau gelesen - ist damit nichts übet den Volksaufstand in der
D D R gesagt. Die Mauerfall-Darstellung hat bei allem Lob für das Buch Kritik
provoziert, wie sie etwa Ulrike Bremer formuliert, die hier srellvertretend für an-
dere Stimmen zitiert sei: „Damit degradiert Brussig in seiner Fiktion den Auf-
stand des Volkes in der D D R zu einer Farce und setzt sie den offiziellen Versio-
nen eines gewaltlosen Volksaufstandes entgegen."" Als Verfasser einer Farce
würde Brussig damit der Tendenz zur Phantomisierung der Revolution folgen,
die schon den 48er-Gesamtroman kennzeichnet." Schon im Nachmärz erschien

214 Zit. n. Jäger/Villinger 1997: 73.


215 Maaz 1990:46.
216 Zit. n. Bremer 2002: 54.
217 Bremer 2002: 54.
218 Diese vollzog sich am Signum der Revolution, der Barrikade - deren schiere Existenz zu
nehmend zweifelhaft wutde. Vgl. Wilhelms 2000: 270.
DER GROTESKE KÖRPER 119

die Revolution als Theater, als Illusion oder als Phantom, hatte sie sich in eine
Erscheinung verwandelt, „von der zweifelhaft ist, ob für sie die Bezeichnung Re-
volurion zutrifft bzw. ob sie überhaupt stattgefunden hat". Btussig folgt zwar
der Theatralisierung der Revolution, die das Geschehen als Spiel und Schein deu-
tet und zielt damit auf diese dem Bild innewohnende Tendenz zur Entmythologi-
sierung; die Deutung des Mauerfalls, die Helden wie wir vorschlägt, ist nichts-
destotrotz vielschichtiger." Denn Brussigs Roman steht nicht nur im Dienste der
Entlarvung falscher Revolutionsmythen, sondern ebenso im Kontext einer un-
heroischen, mediatisierten und subjektlosen Revolution. Paradigmatisch sieht
Kurt Drawert die Gewaltlosigkeit als Ende des Subjektes: Gerade „das Kampflose
beendet die Rolle des Subjektes in der Geschichte bzw. zeigte, daß die Rolle des
Subjektes in der Geschichte beendet ist und daß die Geschichte nur noch aus ei-
nem Austausch leerer Formen besteht, das heißt also nicht mehr besteht." Mit
Helden wie wir greift Brussig zwar den Mythos der Revolution als Helden-
erzählung an, zugleich subjektiviert er aber das mediale Phantombild Mauerfall in
seinem Anti-Helden Klaus Uhltzscht.
Mit dieser Kunstfigur schließt Brussig an die Tradition der Lachkultur und der
literarischen Karnevalisierung an. Genuiner Bestandteil dieser Kultur des Vol-
kes ist Bachtin zufolge der groteske Körper, der dem in der Renaissance entwor-
fenen und in der Ästhetik der Klassik ausdifferenzierten Körperkanon diametral
entgegengesetzt ist. Der groteske Körper, dessen kanonische Tätigkeiten Essen
und Sex sind, folgt nicht der physischen Abschließung als Körperideal, sondern
isr im Gegenteil zur Welt geöffnet, er „wächst über sich hinaus und überschreitet
seine Grenzen"."" Mit Klaus Uhltzscht übetschreitet dieser Körper nicht nur sei-
ne eigenen, sondern gleich auch politische Grenzen. Der geheilte Pimmel (H, 277)
ist der sichtbare Phallus, der punktgenau gegen die von Winckelmann und Her-
der im Rahmen des idealistischen Körperbildes entwickelte Norm verstößt, der-
zufolge „ein kunst- und schönheitsfähiger Phallus [...] seine Phallizität ausstreicht
und invisibilisiert". Dieser idealische Phallus ist als Referenzzeichen auf dem
Titelcover von Helden wie wir abgebildet. Zitiert und parodiert wird die klassi-
sche Ästhetik, als Klaus im Kindesalter seine Mutter fragt, ob er später wohl einen
„großen Puller" (H, 56) haben würde, und diese ihn mahnend an die im Muse-
um besichtigten antiken Statuen erinnert, die den Penis so klein dargestellt hät-
ten, weil er „das Schönheitsideal' (H, 57) sei. Schon hier liegt die Schlußfolgerung
nahe: Gegenüber dem idealen, nicht sichtbaren und damit auch inaktiven Phallus
muß ein grotesker Phallus sein Betätigungsfeld finden.

219 Wilhelms 2000: 234.


220 Hollmer/Meier (1999: 122) sehen hingegen einen „neuen Mauerfall-Mythos" geschaffen.
221 Drawert (1993b: 31 f.).
222 Vgl. Bachtin 1987. Auch Hollmer/Meier (1999) verstehen Helden wie wir in ihrem richtungs-
weisenden Beitrag mit Bachtin als grotesken Realismus.
223 Bachtin 1987:76.
224 Menninghaus 1999: 118.
120 1989: REVOLUTION?

Helden wie wir aktualisiert den 48er-Gesamtroman, stellt sich auch hier die „Er-
oberung politischer Freiheit [...] gleichzeitig als Befreiung aus Familienbanden
dar, genauer: als Ablösung des despotischen Vaters"."" Kann Klaus seiner Mutter
bei aller Kritik doch auch nette Seiten abgewinnen, so gilt sein Haß dem Vater,
dem er es, als dieser todkrank darniederliegt, endlich mit gleicher Münze heim-
zahlen kann: In seinen Erinnerungen berichtet Klaus freudig, wie er der „Scheiße
in Menschengestalt" (H, 267) für „zwanzig Sekunden" die „Eier quetschte", so
wie dieser „meine zwanzig Jahre gequetscht hat" (H, 268). Hier findet sich das
Spiel mit den ödipalen Motiven der Vatertötung, das - zumindest aus Sicht der
Psychoanalyse - zum revolutionären Prozeß gehört: Wo dieses nicht vorkomme,
so Hans Füchtner, „kann psychoanalytisch gesehen, von Revolution nicht die
Rede sein." " Da für die psychische Realität allerdings kein reales Blut fließen
müsse, reiche es, daß das „Motiv nur psychologisch angedeutet erscheint. Schon
das ,Aus-dem-Wege-schaffen' ist ein Töten"."" Genau dieses imaginäre Spiel habe
Füchtner zufolge 1989 gefehlt. Hiet wird es nachgeholt.
Bei Brussig vollzieht sich der 9. November 1989 als ,Ermannung' des per-
versen, kleingehaltenen und onanistischen Helden und in der Öffnung der Mau-
er als groteske Engendering-Prozedur. Helden wie wir erzählt den Mauerfall als
Geschichte einer Befreiung von Scham und Schuld, einer Emanzipation aus det
Bevormundung durch die rigiden und sexualfeindlichen Eltern, mithin die Ge-
schichte einer psychologischen Entwicklung, ja Genesung. Der Mauerfall - im
Sinnbild der Maueröffnung durch den überdimensionierten Penis als Defloration
dargestellt - wird gedeutet als Ende einer historischen Perversion, keinesfalls aber
als ein heroischer Akt. Die Maueröffnung bezeichnet ein Moment der Maskulini-
sierung: Dieses „Erlebnis von Freiheit, von Würde und Selbstbehauptung"
(H, 320) ließe sich damit als Heilung im Sinne der Überwindung der infantil-
,perversen', onanistischen Subjektstruktur zugunsten der .reifen' objektbezogen,
mithin genitalen Sexualität und damit die Vetortung in der Geschlechtsidentität
verstehen. Tatsächlich wird hier aber weniger dem heterosexuellen Paarbild als
Gesundung des Kranken das Wort geredet - schon mangels weiblichem Pendant
bleibt auch das dem Mauerfall zugrundeliegende Deflorationsmotiv schief - als
vielmehr auch hier der groteske Körper im Sinne Bachtins inszeniert. Dabei
spricht nicht nur die .Perversion' zu Zeiten der DDR und die revolutionäre ,Er-
mannung' des Antihelden Klaus Uhltzscht, sondern auch die im Deflorations-
motiv angesprochene Vereinigung eine deutliche Sprache. Zwar hatte Klaus ge-
hofft, daß der Mauerfall als Erlebnis von Freiheit, Würde und Selbstbehauptung
„einen ununterdrückbaren Nachhall bewirken" würde (H, 320), aber diese Hoff-

225 Wilhelms 2000: 187. Vgl. auch Hunt (1992) für die Französische Revolution.
226 Füchtner 1995: 36.
227 Füchtner 1995: 36.
228 Für diese psychologisch-realistische Fibene der Figur gilt mit Neuhaus (2000: 158): „Indeed, it
is the unspoken goal of the ptotagonist Klaus Uhltzscht, to develop a normal sexuality." Doch
der Sexualitätsdiskuts ist hier ja metaphorischer Natur. Dies sieht auch Kuhnau 2001.
DER GROTESKE KÖRPER 121

nung hat getrogen. Und so endet Klaus nach der Vereinigung als Pornodarsteller
- als gekaufter Körper.
Der Erfolg, den Brussigs Roman nicht nur als Buch, sondern ebenso in der
darauf basierenden Inszenierung im Deutschen Theater in Berlin und als Ver-
filmung hatte, beruht auf vielen Faktoren. Helden wie wir stellt die subjektde-
formierende Geschichte der DDR — die ,Psycho-Logik', die ein Staat erzeugt -
deutlich aus und etlaubt zugleich im Rahmen einer neopikaresken Geschichts-
schreibung das befreiende Gelächter über die stattgehabten Deformationen — eine
Haltung, die die Auseinandersetzung mit Scham und Schuld sicherlich begün-
stigt." Darüber hinaus reagiert der Roman auf die Phantomisierung von 1989:
Den historischen Ereignissen wird ein, wenn auch grotesker, Körper verliehen.
Und dieser Körper erlebt durchaus (s)eine Revolution. Auf die Medialisierung
und Phantomisierung der Revolution nach 1990 antwortet Brussig nicht mit
Mythologisierung, sondern mit Karnevalisierung. Damit steht er in bester literar-
historischer Tradition: Der groteske Körper ist det body politic des Volkes.

229 Vgl. dazu Simanowski (1996: 160), der von einer „therapeutischen Funktion" des Lachens
spricht. Während Zachau (vgl. 1997: 388f), Hollmer/Meier (1999) den Roman als Schelmen-
roman bezeichnen, wendet sich Nause (2002) gegen diese Einordnung. Nause har Brussigs
Roman im Rahmen der Wiederkehr der Schelmenlitetatur - hier: Christoph D. Brumme
Nichts als das (1994) und Tausend Tage (1997), Kerstin Hensel Tanz am Kanal (1994), Jens
Sparschuh Der Zimmerspringbrunnen (1995) und Lavaters Maske (1999), Frirz Rudolf Fries Der
Roncalli-Effekt (1999) - untersucht und sich gegen den Begriff des Schelmen gewandt: Statt
dessen komme eine .inszenierte Naivität' als Erzählverfahren zum Tragen, die es ermögliche,
„gegen das Verstummen [...] noch Geschichten zu erzählen. [...] Mit det inszenierten Naivität
kann die Wende als Auslöser individueller Verlustetfahrung, zumindest potentiell, eine wirkli-
che literarische Verarbeitung erfahren" (ebd.: 35). Während der Einwand gegen den Begriff des
Schelmen nicht wirklich einsichtig witd, ist Nauses Resultat, daß die Inszenierung von Naivität
„größtenteils auf den ostdeutschen Rahmen beschränkt" bleibe, interessant: „Deutlich witd,
dass auch die wenigen Texte westdeutsche! Autoren, die für die Analyse in Frage gekommen
wären, mit einet eindeutig ostdeutschen Erzählperspektive arbeiten. Hier lassen sich vor allem
zwei Beispiele anführen: die Erzählung Die Birnen von Ribbeck von F. C. Delius (1991) und vor
allem auch der Roman Ein weites Feldvon Günter Grass (1995). [...] Diese Tatsache untermau-
ert einmal mehr die These, dass es vor allem die .Verlierer' der Geschichte sind, die um ihre
Erinnerungen, ihre Identität bangen und mit Vorliebe die inszenierte naive Erzählperspektive
für ihre Geschichte(n) nutzen." (Nause 2002: 51). Vgl. auch Nause 2000.
230 Dies bemerken allein Hollmer/Meier (1999).
III. JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

Die schamgerötete W u n d e am Körper


der Gesellschaft sondert Geld ab und heilt.
Sie überzieht sich mit metallenem Schorf.
Walter Benjamin, Passagen-Werk,
Aufzeichnungen und Materialien

1. Unterwegs im Niemandsland
Zum Geld wird hier die Zeit.
Walter Jens

„Von hier und heute ging einer der größten Bankrotte der Weltgeschichte aus,
und unsereins mußte sagen, er wäre dabeigewesen" ( W W , 16) - Goethes Bonmot
läßt sich augenscheinlich auch für die Erfahrung des DDR-Bürgers variieren. Das
Resultat des ökonomischen Zusammenbruchs der D D R bildet den Ausgangs-
punkt der Harzreise Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern des Dresde-
ner Lyrikers Thomas Rosenlöcher: „Es war der 1. Juli des Jahres 1990. Die deut-
sche Mark war eingeführt wotden [...]" ( W W , 9). Die Währungs-, Wirtschafts-
und Sozialunion - wie das erste der beiden, die deutsche Einheit beschließenden
Vertragswerke lautet - , ist mehr als nur ein Zwischenschritt zwischen den revolu-
tions- und nationaldtamaturgischen Glanzpunkten Mauerfall und Vereinigung.
Im Gegenteil: Sie verbindet beide. Mit der Übernahme des Währungssystems ist
das Ende des sozialistischen Staates und die Vereinigung als Beitritt der D D R zur
Bundesrepublik bereits antizipiert." Dieser historische Zwischenzeitraum des
.Nicht mehr' und .Noch nicht' zeigt sich in Rosenlöchers Harzreise als Implosion

1 Rosenlöcher begann erst 1989 mit seinem Tagebuch Die verkauften Iflastersteine (1990), Prosa-
texte zu veröffentlichen. Vgl. dazu auch von Bormann 1991. Rosenlöcher steht als Lyriker in der
Tradition det .Sächsischen Dichtetschule', zu der u. a. Rainer Kirsch, Karl Mickel und Volker
Braun zählen. Vgl. dazu Döring 1991: 152f.
2 Vgl. dazu Maier (1999: 377): ,,[A]m 18. Mai wurde der Staatsvertrag über die Währungs-, Wirt-
schafts- und Sozialunion in Bonn unterzeichnet. [...] Mit diesem Abkommen wurde in aller
Form zum Ausdruck gebracht, daß beide Länder sich zu einem Staat zusammenschließen woll-
ten, und zwar auf der Grundlage von Artikel 23 des Gtundgesetzes (Beitritt von einzelnen Län-
dern oder aller Länder gemeinsam zur Bundesrepublik) und nicht nach Artikel 146 (der die
Möglichkeit einer neuen verfassungsgebenden Versammlung vorsah)."
124 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

der Familienmetapher, in der sich die deutsche Teilung repräsentierte: Die aus
Westsicht armen und zuwendungsbedürftigen Brüder und Schwestern von .drü-
ben' sind „als plötzliche Westgeldbesitzer schlagartig ihre eigenen Westtanten
und -onkel geworden" ( W W , 17).
Der Erzähler - trotz Sträubens und Zagens von seiner Frau auf Wanderschaft
geschickt - erfährt seine neue Existenz als Westgeldbesitzer jedoch nicht als sein
eigener Onkel. Beim Bezahlen der Zugkarte empfindet er sich mit dem neuen
Geld als „Fremder im eigenen Land, das mir freilich auch nie gehörte" (WW,
10). O b Ironie oder kollegialer Gruß: Der Satz ist ein leises Echo auf die Verszeile
„Was ich niemals besaß, wird mir entrissen" aus Volker Brauns epochalem Ge-
dichr Das Eigentum, das ebenfalls kurz nach der Währungsunion veröffentlicht
wurde. Eine poetische Verwandschaft in fremden Zeiten. Auch in der Folge bil-
den Identitätsdiffusionen und -Übergänge den inneren Erlebnisraum der
Harzwanderung von Ost nach West, die der Erzähler in der literarischen Nach-
folge Heines und Goethes antritt. Zunächst scheint der Besitz und die Lektüre
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dem im Zug Reisenden „etwas Männliches,
ja Orang-Utanhaftes" (WW, 11) zu verleihen, schwindet das Fremdsein doch
unvermerkt dahin: „Ob ich den Moment noch bemerkte, von dem an ich nicht
mehr bemerkte, daß ich eine Westzeitung las? Als ob, wer ein anderer war, sein
Anderssein wahrnahm." ( W W , 11)
Eine Revolution, so Pierre Lantz, bedeutet eine Zäsur im Gefüge der gleich-
mäßig verlaufenden Zeit und ihrer Symbole. Rosenlöcher kontrastiert eingangs
Gesellschafts- als Zeitsysteme, die im Worrsinne ganz verschieden tickten.
Vor Reisebeginn erwirbt der Erzähler noch eine alte nach ihrem Produktionsort
benannte und jetzt „fast schon kostenlose Ruhlataschenuhr":
Freilich mußte der Grobchronometer erst gründlich geschüttelt werden; zu lange
standen die Zeiger reglos, aber die eigentlich herrschende Zeit hatte die Uhr an sich
selber gemessen. An ihrer Rasselmechanik und ihrem Plastegehäuse: von vornherein
überholt von den zeigerlosen, auf leisen Nummernsohlen daherkommenden
Leuchtschriftuhren der digitalen, westlichen Welt: pulsierende Ziffern, auftauchend
im Nu und wieder verschwindend ins Nichts. Als wäre die Zeit abgeschafft zugun-
sten des blinkenden Kurzaugenblicks. Wogegen die Planwirtschaftsuhf jede Weltse-
kunde erst mühsam herticken mußte. Oder eben immer schon stillstand von An-
fang an verdrossen den Tag verwartend. [...]. Leicht wogen in meiner Hand die
vierzig gefrorenen Jahre. (WW, 36f.)

3 Katthage/Schmidt (1997: 12) haben Bewegungen, Fahrten und Geschwindkeiten in den Texten
ostdeutscher Autoren untetsucht. Nach der Verlangsamung und dem Stillstand in der DDR ge-
rät Deutschland nach der Wende in einen Zustand der Beschleunigung: „Die langsamen Auto-
fahrten, ehemals Metapher der DDR-Paralyse, werden nun, in der Zeit det Nachwende, zum
Gegenmodell einer Welt, deren Formel die Geschwindigkeit ist." In seinem insttuktiven Beittag
zur Zeitetfahrung in der deutschsptachigen Gegenwartsliteratur verortet Elm (1997) auch Ro-
senlöchers Harzreise im Kontext einer literarischen .Entschleunigung', die der „Mediengeschwin-
digkeit" eine eigene, menschlich angemessenete Zeiterfahrung entgegensetze. Zu betonen ist je-
doch, daß die Entschleunigung hier auf dem Hintetgrund der Umbruchsituationen als satirisches
Mittel eingesetzt wird: Erwartet wurde eine Beschleunigung^ Anbruch der „neuen Zeit", diese ist
aber so langsam wie die .alte'. Dies ist ein impliziter Kommentar zur Zeitgeschichte.
UNTERWEGS IM NIEMANDSLAND 125

Der Einschnitt in das reglose Leben vollzieht sich als Eintritt in die ,neue Zeit'
indes alles andere als mit einem Paukenschlag. Rosenlöcher dekonstruiert das
Großartige des hie et nunc, das das historische Ereignis auszeichnet, in eine Ab-
folge vieler kleiner Zeiteinheiten, die zwar untereinander Zäsuren bilden, letztlich
aber zu einem Kontinuum verschwimmen. Entsprechend vollzieht sich die Wäh-
rungsunion als lange eingeübtes Schlangestehen det DDR-Bürger, „Schritt für
Schritt, Bauch an Rücken" vor den Banken: Schleppend langsam vollzieht sich
„der Übertritt in eine neue Zeit auf die alte Weise" ( W W , 16). Rosenlöcher lösr
nicht nur die großen geschichtlichen Ereignisse in das gleichmäßige Gefüge all-
tagspraktischer Handlungen auf, er treibt als Spätromantiker auch die ideolo-
gischen Zuschreibungen der Zeit auf ihre ironische Spitze: „Was einem die Welt-
geschichte aber auch abverlangte! Ausgerechnet die neue Zeit war plötzlich die
alte geworden. Während die alte Zeit, die längst überwunden war, plötzlich als
neue Zeit neue Anfangsschwierigkeiten machte." (WW, 16) Vom heroischen
Moment eines revolutionären Aufbrechens des Zeitkontinuums - denkt man an
die betühmte, von Walter Benjamin kommentierte Szene, als in der Revolution
von 1830 in Paris an mehreren Stellen auf die Turmuhren geschossen wurde - ist
nicht viel geblieben im neudeutschen Alltag.
Der Wanderer besucht auf seiner Reise mehrere Ortschaften und Täler und
wartet dabei be- und entfremdet vergeblich auf ein „Naturerlebnis": „Jeder Bach
im Fernseher wäre wirklicher gewesen, weil jeder Bach im Fernsehen bunrer und
vielfach schäumender gewesen wäre." ( W W , 38) Es ist dann ausgerechnet ein Es-
sen im Gasthaus, das den Erzähler im Wortsinne mit einer Erinnerung geradezu
anweht, denn „wirklich dampfte selbst aus diesem Gegenteil einer Speise ein Rest
von Utopie. Der ungeheure Gedanke, unglaublicher denn je: daß alle zu essen
hätten" (WW, 48). Kaum hat er seine sozialistische Madeleine verspeist, begeht
der Erzähler denn auch prompt eine Fehlleistung. Er will, sehr zum Mißvergnü-
gen des Wirtes, sein Mahl mit einem alten Schein bezahlen:
Wie klein der Schein geworden war. Wie lappig er sich anfühlte. Obwohl Karl-
Marx auf ihm dargestellt war. [...] Auch er war geschrumpft. Obwohl er noch im-
mer in Richtung Zukunft schaute. Mit Riesenbart und Löwenmähne auch jetzt
noch eine Grundsatzikone. [...] .Schlafe wohl, kleiner Marx', dachte ich und steckte
ihn ins Portemonnaiefach. Um ihn weiterzutragen. In Richtung Ewigkeit, wo sich
womöglich det Gleichheitsgedanke mit dem der Gerechtigkeit schnitt. (WW, 48f.)
Die Reise findet geographisch und zeitlich in einem Zwischenraum statt, der der
Auflösung des alten Ichs entspricht. Es ist dann eine neuerlich begangene Fehl-
leistung, die des Erzählers Ost-Identität kontrastiv zur West-Identität an den Tag
und damit im eigentlichen Sinne überhaupt erst hervorbringt. Als der Erzähler
sein Zimmer auf Geheiß des Wirtes schon vorab zahlen soll, fährt auf dem Hof
ein Auto vor. Ihm entsteigt „die Westverwandtschaft, wie ich sie schon immer
kannte" (WW, 63). Prompt will der Erzähler wieder mit dem falschen Schein be-
zahlen. Der erboste Wirt behauptet, das Zimmer sei nun sowieso nicht mehr frei.
Der Vorschlag von „Onkel und Tante", man könne zusammenrücken, wird ab-
126 JULI 1990: NEUE ZEIT. NEUES GELD

schlägig beschieden: ,„Rote Socken', sagte der Wirt, .können wir hier nicht ge-
brauchen.'" ( W W , 64f.) 4
Solchermaßen in den Wald als einzigen Übernachtungsplatz vertrieben,
träumt der Erzähler von seinen Verfehlungen als einem zwischen Konformismus
und leisem Aufbegehren schwankenden DDR-Bürger. Von Schuldgefühlen ge-
peinigt wacht er auf, wirft die „wahnsinnig" (WW, 67) gewordene Ruhla-Uhr
fort — nur, um nun im Waldesrauschen die wiederkehrenden Vorwürfe gegen
seine Person zu vernehmen. Nach dieser Nacht will der Erzähler heimkehren,
wird aber von seiner Frau am Telefon überredet, weiterzuwandern. So nähert er
sich unter lauten Selbstanschuldigungen dem alten Mauerverlauf an — „dem zur
Spurensicherung und zu Verblutungszwecken stets krautfrei gehaltenen Streifen"
(WW, 72) —, um schließlich mit zunehmend sich auflösenden Schuhen zwischen
zügig an ihm vorbeischreitenden Wanderern zu landen. Die Wanderung von Ost
nach West führt ihn über den Brocken - ein dem Zwischenzeitraum entspre-
chendes „geographisches Niemandsland" —, das vierzig Jahre lang ein verbotenes
Grenzgebiet zwischen D D R und BRD datstellte und nun ein massentouristisch
bevölkertes Jedermannsgebiet ist. Der Brocken fungiert als Topographie unge-
wöhnlicher Entgrenzungsakte, wie der vor einer beserzten „Notdurftbox" warten-
de Erzähler erfahren muß:

Indes ich mich aber zurückziehen wollte, verließ der Insasse den Kasten, starr und
ohne Gruß. [...] Doch als ich die Tür zu öffnen versuchte, [...] kam jemand heraus.
Ein Mädchen, das mich geringschätzig ansah und grußlos vorüberging. [...] Aber
die Tür ging immer noch nicht auf. [...] Dann machte ich mich endgültig auf, mir
ein stilleres Behältnis zu suchen. Als sie nun ihterseits den Kasten eilig vetließen, ei-
ner nach dem anderen: erst sie, dann er, dann sie. [...] Ich aber stand vor der leeren
Kabine und hatte vergessen, warum. Und als es mir wieder einfiel, wußte ich nicht
mehr, wie. (WW, 78f.)

Umgekehrt kann das ehemalige Niemandsland und nunmehrige Entgrenzungs-


gebiet, wie sich dem Wanderer zeigt, auch nur über obsolete Grenzziehungen
zum nationalen Raum geformt werden: N u r hier und angesichts des „Russen-
zauns" - der nun zum Abriß bestimmten Militäranlagen - scheinen die wan-
dernden „Hundertschaften" zu „Deutschen", zu „so etwas wie eine Nation"
(WW, 80f.) zu werden. Damit ist die imaginäre Gemeinschaft nicht durch posi-
tive Charakteristika, auch nicht über eine gemeinsame Geschichte, sondern nur
ex negativo in det Abgrenzung bestimmbar. Das unerwartete Treffen einer Kind-
heitsfreundin an diesem transgressiven und transitorischen Ort läßr sich auch als
Aussage zu nationalgenetischen Konstruktionen lesen. Das Auftauchen der Frau
bedeutet für den Erzähler, daß die „furchtbare Gegenwart das bißchen Erinne-
rung auch noch auslöscht" ( W W , 82). Zwar stammt die Frau aus dem gleichen

4 Der Begriff „rote Socke" aus dem nichtöffenrlichen Sprachgebrauch der DDR bezeichnete laut
Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 331) umgangssptachlich ein „besonders lininentreues SED-
Mitglied" oder eine nicht det SED angehötende Person, „die in einer bestimmten Situation vehe-
ment die herrschende polirische Meinung vertrat".
5 Kormann 1999: 296.
UNTERWEGS IM NIEMANDSLAND 127

Kindheitsort, aber aus der gemeinsamen Vergangenheit, signalisiert der Text an


dieset Stelle, läßt sich keine gemeinsame Gegenwart ableiten. Auch eine gemein-
same Ost-Identität entsteht nicht aus dieser Begegnung. Als die Frau den Erzäh-
ler zum Abschied umarmt, glaubt er trotz der ungeschickten Vethakung ihrer
Brillen und der Kollision ihrer Nasen „eine Andeutung des fernen Kindheitsge-
nuppers zu spüren. Da aber hatte ich mich schon gen Westen gewandt, um dieses
mir unversehens zu Füßen gelegte Land mit meinem Hinken zu okkupieren"
(WW, 82£).
Die Erzählung findet ihr Schlußbild in einer Kneipe, wo der Erzähler gemein-
sam mit anderen das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft von 1990 verfolgt.
Deutschland wird Weltmeister. Durch dieses Abschlußereignis wird historische
Kontinuität erzeugt, evoziert das Zusammenspiel von Währungsunion und W M -
Spiel doch zwei Mythologeme der westdeutschen Nachkriegszeit: Die Wäh-
rungsreform von 1948 in den Westsektoren Deutschlands mit dem in Folge
schlagartig gestiegenen Warenangebot und die W M von 1954, als Deutschland
nach dem verlorenen Krieg Fußballweltmeister wurde und .wieder wer war'. In-
dem diese Bilder anklingen, wird die Währungsunion von 1990 auch narrativ
zum Bestandteil westdeutscher (Erfolgs)Geschichte. Tatsächlich wird der Erzähler
hier eingebunden ins nationale Kollektiv: „Und wieder umarmten alle einander,
und jemand erwischte auch mich und sagte dauernd .Deutschland' zu mir und
das ich nun Weltmeister wäre." ( W W , 86) Schlußendlich kann auch der Erzähler
durch den Kauf der Westschuhe Matke „Mephisto" ( W W , 89) mit der schon von
Goethe kritisierten „veloziferischen Zeit" ( W W , 61) Schritt halten. Zur geschlos-
senen Narration wollen sich die Erlebnisse trotzdem nicht fügen. Der Erzähler
sagt es mit FJeine: „Du kannst machen, was du willst, die Harzreise bleibt Frag-
ment." (WW, 88) Beschlossen wird der Text durch das Gedicht Das Zitterbild:
ein Blick des Erzählers in den (Zeit)Fluß, der das Bild des Ichs gleichermaßen fi-
xiert wie bewegt zurückgibt.
Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern zeichnet die unterirdische Er-
schütterung nach, die der Juli 1990 mit sich brachte: Weniger beachtet als det
Mauerfall ist die Währungsunion gegenüber dem 9. November 1989 doch das
kulturhistorisch markantere Moment, manifestiert sich hier der Umbruch im
„Leitmedium Geld" (Jochen Hörisch). Manfred Görtemaker faßt den Vorgang
zusammen:
Mit der Währungsunion betrat man Neuland. Einen Präzedenzfall gab es nicht.
Überlicherweise stellte eine Wähtungsunion den letzten Teil einer politischen und
wirtschaftlichen Integration dar. In diesem Fall hatte sich die Bundestegierung je-
doch durch die Umstände gezwungen gesehen, ,den ökonomischen Karren vor das
politische Pferd zu spannen'.

6 A. Köhler (2000) sieht hingegen die mit dem Reisemotiv verbundene Identitätsfindung als ge-
scheitert an. Dies setzt einen statischen Identitäts-Begriff voraus, der am Text vorbeigeht.
7 Görtemaker 1996: 32. Das Zitat stammt offenbar aus einer Bundestagsdebatte, der Urheber,
vermutlich Wolfgang Mischnick, konnte nicht festgestellt wetden.
128 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

Das neue Geld - Vorbote der Vereinigung - schuf schlagartig eine Gemeinschaft,
die, ohne sich dessen bewußt zu sein, religiös fundiert ist. In der abendländischen
Geschichte hat Geld seine kulturhistorischen Wurzeln in der Ersetzung des O p -
ferrieres (pecus, das Rind) durch Geld (pecunia) in den antiken Opferriten; in
der politischen Theologie des Mittelalters wutde im Zuge des Entwurfs des body
politic auch die Analogiesetzung von fiscus (Staatskorb) und Jesus Christus vollzo-
gen. Der Fiskus, zunächst dem König, dann der Krone und schließlich dem
Staat verbunden, ist allgegenwärtig, unveräußerlich und unsterblich:

So erscheint die Fotmel Christus-Fiskus einfach als Kürzel für eine lange, kompli-
zierte Entwicklung, in det sich etwas entschieden Weltliches und [...] Unheiliges,
nämlich der Fiskus, in etwas Quasi-Heiliges verwandelte. Der Fiskus wurde Selbst-
zweck. Er kennzeichnet die Souveränität; in Umkehtung der früheren Ordnung
konnte man sagen, der Fiskus repräsentiere den Staat und den Fürsten.

Scheint die von Rosenlöcher geschilderte Banalität des Umtauschaktes zunächst


in scharfem Kontrast zu den sofortigen Sanktionen zu stehen, die auf seine pe-
kunären Fehlleistungen folgen, so zeigt der kulturhistorische Hintergrund deren
Bedeutung: Der Erzähler wird exkommuniziert. In sozialpsychologischer Hin-
sicht macht der Zusammenhang von Opferkult und religöser Fundierung deut-
lich, daß „in den neuen Bundesländern nicht nur der vorausgegangene ,Tod' des
alten Staates, sondern auch die Unterordnung unter die beiden quasi heiligen
Ordnungsmächte, die staatliche Bürokratie und das Geld, die D-Mark, von
grundlegender psychologischer Bedeurung waren und sind."
Rosenlöcher verbindet in seinem Text verschiedene Traditionen und Motive
im Zeichen des neuen Geldes. Die Reise, das Wandern, vor allem aber das Auto-
fahren setzte nach 1989 das Motiv einer durch die Revolution mobil gewordenen
Gesellschaft fort, wie es sich im 48er-Gesamtroman in der Eisenbahnfahrt sym-
bolisiert findet. Doch der Eisenbahnfahrt, die in den Mitreisenden die verän-
derte Gesellschaft vorführt, folgt bei Rosenlöcher eine Wanderung, die in der
Tradition von Heines und Goethes Harzreisen steht und somit ebenfalls literarhi-
storisch codiert ist: Steht die Reiseliteratur generell der Literatur des Asozialen'

8 Vgl. Füchtner 1995: 53. Vgl. auch Bornscheuer 1998.


9 Vgl. Kantorowicz 1990: 178ff. Dies soll hier nicht weitet ausgeführt werden. Zusammenfassend
gesagt, wurden die dem König gehörenden Sachen als res quasi sacrae betfachtet, die ebenso we-
nig veräußerbar waren wie die res sacrae der Kirche. Zugleich bezeichnen die Güter des Königs
öffentliche Güter, die für den Gemeinnutzen — die Wahrung von Recht und Otdnung — not-
wendig waren. Kantorowicz (1990: 186) schreibt: „Btacton dachte offenkundig an die öffentliche
Sphäte, an den .Gemeinnutzen', wenn er von der Krone und dem Fiskus sprach. Vor allem aber
billigte er Unveränderlichkeit und Ewigkeit nicht nur dem Kirchenbesitz zu, den res sacrae odet,
wie andere es nannten, den res Christi, sondern auch den res quasi sacrae oder res fisci. Damir
taucht die anscheinend bizarre Antithese oder Parallele zwischen Christus und Fiskus auf, die man
bisher kaum beachtet hat, die aber nichtsdestoweniget ein zentrales Problem des politischen
Denkens beim Übergang vom Mittelaltet zur Neuzeit illustriert."
10 Kantorowicz 1990:201.
11 Füchtner 1995: 53.
12 Zum Motiv det Autofahrt vot und nach 1989/90 vgl. Katthage/Schmidt 1997; zum Motiv der
Eisenbahnfahrt vgl. Wilhelms 2000: 48fF.
UNTERWEGS IM NIEMANDSLAND 129

nahe, insofern sie vom Erzählstandpunkt eines Außenstehenden berichtet, so


konvergieren in der Wiederentdeckung beide Erzähltraditionen, da der Erzähler im
Verlauf der Reise bis hin zur Übernachtung im Wald unter den neudeurschen
Verhältnissen tatsächlich immer mehr zum Asozialen wird. Seine drohende Ex-
kommunizierung aus der neuen Gemeinschaft - und die damit einhergehende
Identitätszuweisung als Ostler oder rote Socke - ist an den Besitz des ,falschen'
Geldes gebunden. Auch Georg Simmel hat in Das Geld in der modernen Kultur
die psychologische Äquivalenz von Geld und Gott betont, da für beide gelte,
„daß alle Fremdheiten und Unversöhnlichkeiten des Seins in ihm ihre Einheit
und Ausgleichung finden". "* Naturgemäß gilt der von Rosenlöcher aufgezeigte
Umkehrschluß: Unterschiedliches oder falsche Geld schafft Fremdheit und gege-
benenfalls Unversöhnlichkeit. Das schnelle, fast schon verächtliche Nicht-mehr-
Erkennen des alten Geldes - „Was soll denn das hier sein?" (WW, 48) lautet die
Frage des erbosten Heimleiters, als der Erzähler beim Zahlen versehentlich seinen
DDR-Schein herausziehr - rückt in die Nähe der Verwerfung. Das alte Geld wird
zum Abjekt. Das Abjekt, so Julia Kristeva, ist anders als das Objekt, nicht Ge-
genstand einer Verdrängung, sondern es wird - ähnlich wie bestimmte Gehalte in
der Psychose - verworfen. Es ist ein Nicht-Objekt, dessen Existenz also nicht er-
innert werden kann, das sich gleichwohl - der Ekel ist eine seiner Spuren - im
Symbolischen niederschlägt. In der Verwerfung des alten Geldes spiegelt sich
nicht zuletzt auch die von vielen DDR-Bürgern im Umtausch erfahrene Invali-
dierung des gelebten Lebens: „Immerhin war ein Teil der Ersparnisse direkt in
Westmark umgetauscht worden, aber der Rest der Jahre gnadenlos abgewertet."
(WW, 17) Daß der Erzähler die Geste der Entwertung und der Verwerfung nicht
mirvollzieht, sondern einen einsamen Abschied gestaltet, macht ihn auf seiner
Wanderung zeitweise zum exkommunizierten Asozialen. Nach dem Abschied von
der mit dem Geldschein verbundenen - im Bild von Karl Marx repräsentierten -
Utopie wird dann ganz volkstümlich das WM-Fußball-Spiel zum Ort der Inte-
gration. Währungsreform/-union und WM-Spiele: Ein populäres Gründungs-
mythologem der BRD wird wiederholt.

13 Vgl. Bennholdt-Thomsen/Guzzoni 1979: 33f.


14 Simmel [1890] 1983:90.
15 Vgl. Kristeva 1980.
2. Emigrieren
Auch Christa Wolf fand ihre Figur Medea unterwegs, nämlich auf dem Weg nach
Tabou, womit kein geographischer Ort gemeint ist, sondern einer ,,[j]ener Orte
[...], den wir nie erreichen." Konstruiert und autorisiert der Materalienband zu
Medea unter Auslassung jeden zeitgenössischen Bezugs anhand von Briefen und
Notaren eine sehr einsinnige Entwicklungslogik hin zu einer feminisrischen Fi-
gur, so offenbaren sich andernorts Gedanken- und Traumbildketten, die diesen
um Intertextualität, Patriarchats- und Mythenkritik kreisenden Schreibvorgang
um eine andere, widersprüchlichere Geschichte erweitern. Sie zeigt das schrei-
bende Ich zutiefst involviert in die Zeitgeschichte. Als Wolf zu Gast im Getty-
Center in Santa Monica, Kalifornien, weilt, schreibt sie unter anderem den Text
Santa Monica, Sonntag, den 27. September 1992, in dem sie assoziativ ihre Ein-
drücke aus Amerika, Träume, Lektüreerlebnisse und die jüngste deutsche Ver-
gangenheit verarbeitet. Dabei entstehen auch erste Ideen zu ihrer Medea-Figur.
Diese werden zur Grundlage einer neuen Schreibposition.
Santa Monica oszilliert zwischen Wach- und Traumphasen, die Erzählerin er-
innert sich eingangs an einen Traum. Bevor er berichtet wird, präsentiert sich das
Ich zuerst - sozusagen in einem ,spontan-authentischen', vor dem .eigentlichen'
Text liegenden Vorspann - als Opfer seines Mediums: Gerade habe sie verse-
hentlich einen Text gelöscht, den sie „vorgestern" (St M, 232) geschrieben habe.
Ein Gedankensprung benennt den Schreibanlaß: das Erwachen mit dem letzten
Traumbild. Dieses führt zu einet weiteren Erinnerungsschicht, ein „langer Emi-
grationstraum" schält sich heraus: „Wir, G. und ich, saßen im Auto. Es war klar,
das ,neue Geld' würde kommen, dann hätten wir zu emigrieren." (St M, 233)
Anschließend erinnert sich die Erzählerin an den tags zuvor mit anderen unter-
nommenen Ausflug zur spanischen Mission, der zum Anlaß einer Diskussion
über die Zerstörung indigener Kulturen wurde: „Dabei ist mir bewußt, daß mein
Zorn, meine Melancholie nicht nur den Indianern gelten" (St M, 239f.). Die
Erweiterung des Themas über „gesetzmäßige Strukturen der Kolonisation", deren
zentrales Merkmal das „Auswechseln der Eliten" sei, führt in (un)freier Assoziati-
on von Amerika zur DDR: In Ermangelung ökonomischer Oberschichten sei es
„kein Zufall, daß sich die ersten Angriffe gegen Schriftsteller richteten" (St M,
239f.). Der assoziativ wiederholte Ausflug in die andere Kultur geschieht im
Traumzeichen der Emigration und verknüpft die Geschichte der Kolonisation

16 Wolf 1994b: 10.


17 Der Text entstand im Rahmen eines jahrzehntelangen Schreibprojektes: 1960 erging in der Mos-
kauer Zeitung Iswestija ein Aufruf an die Schriftsteller det Welt, einen Tag. nämlich den 27.
September, möglichst genau zu beschreiben. Christa Wolf setzte dies 41 Jahre lang fort. Ver-
öffentlicht wurden diese Tagesbeschreibungen unter dem Titel Ein Tag im Jahr 1996 - 2000
dann 2003.
18 Aufgrund des .autobiographischen Paktes' (Lejeune), den dieset Text dem Leser anbieret, be-
zeichne ich die Erzählstimme als weiblich und gehe von Übereinstimmungen des erzählenden
Ichs und der Autorin Wolf aus.
EMIGRIEREN 131

mit derjenigen der D D R unter dem Aspekt historischer Gesetzmäßigkeiten. Der


Erzählvorgang endet mit dem Vorsatz, das morgendliche Mißgeschick nicht zu
wiederholen und die geschriebenen Seiten gleich auszudrucken.
Genau dies, berichtet der nächste Absatz unter dem Eintrag „Montag, d.
28. 9 ." (St M, 242), gelang nicht. W o m i t das im Titel angegebene Datum des
Textes, der 27. September, also strenggenommen eine Irreführung ist. N u n , so
teilt die Erzählerin mit, bemühe sich jemand um die Rettung der verlorenen Sei-
ten. Die nachfolgend in Parenthese gesetzte Erläuterung, daß der Computer-
defekt später behoben wurde, läßt indes nicht nur die vorgebliche Gegenwart des
Schreibens, sondern auch die simulierte Lesegegenwart als irreal erscheinen. Der
anscheinend ganz spontan und chronologisch-linear aufgebaute Text ist durch
das permanente Aufheben vorher postulierter Zeitmarken geprägt. Anscheinend
den Mißhelligkeiten der Computertechnik geschuldet, entsprechen diese sich
durchkreuzenden und diffundierenden Zeiten dem zwischen Lösch- und Spei-
chervorgängen verlorenen .Urtext' - ein Fehlen, das mit dem Changieren zwi-
schen Schreiben, Träumen und Erinnern als dem der Textgenese zugrundelie-
genden produktionsästhetischen Vorgang korrespondiert.
Det nächste Absatz setzt wieder mit einer Beschreibung des Vortages - des
textuell gesehen eigentlich noch .verlorenen' 27. Seprember — ein. Die Erzählerin
thematisiert ein Buch des Soziologen Dietmar Kamper über das wachsende Emp-
finden der Unwirklichkeit, das sie aus einem ihr „sehr bewußten Anlaß gefesselt"
(St M, 243) habe: Sie habe „Urlaub von der Realität" (St M, 243). Entsprechend
zu den sich ständig überlagernden und verschiebenden Zeitebenen, die solcher-
maßen Bedeutungen generieren und diese zugleich diffundieren, überlagern sich
in der Folge auch die Sprecherstimmen und verwischen sich die Spuren eines Ur-
hebers oder Autors der Aussagen: Der US-amerikanische Regisseur Steven Spiel-
berg wird via Kamper von Wolf in seiner Aussage zitiert, die Phantasie sei die
„einzige Möglichkeit der Ereignislosigkeit der Moderne zu entkommen" (St M,
243). Damit findet sich intertexuell und -medial die Polyphonie der Stimmen
vorweggenommen, die später das formalästhetische Kompositionsprinzip Medeas
- die widerstreitenden Stimmen - ausmachen werden.
Erstaunlicherweise evozieren nun zwei berühmte Ikonen populärer Kultut und
Mythologie - Spielbetgs Kinderheld E.T. und das Einhorn - das latent vor-
handene Schreibprojekt, denn hier greift Wolf, markiert als weibliche Stimme,
während der Lektüre in den gelesenen Text ein. Das Einhorn sei, korrigiert das
schreibende Ich Kamper, kein „Symbol der Imagination", sondern
.in Wirklichkeit', das heißt zur Zeit des Matriarchats, wat es ein Kalenderzeichen,
zusammengesetzt aus mehteten weiblichen Tieren, und das Einhorn selbst wat ein
Phallussymbol, also wird [...] vielleicht nicht die Imagination, sondern das .weibli-
che Prinzip' verfolgt - und käme das nicht auf dasselbe raus? Und was bedeutet dies

19 Mit Shafi (1997: 379) ist kritisch anzumerken, daß dieses polyphone Schreibprojekt weder sti-
listisch noch strukturell gelingt: Zu hören ist „im Konzert der Summen im Grunde genommen
immer wieder nur die Stimme det Primadonna: Medea."
132 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

für Medea, auf die all meine Gedankenketten, wenn ich ihnen die Freiheit lasse,
zulaufen? Medea, die Göttin, die Heilende, auch durch Imagination Heilende, wird
vielleicht von der Männerwelt in Korinth auch wegen dieses Überhangs an Imagi-
nation verleumdet, verfolgt und verfemt - da sie ja nun mal ihre Kinder nicht ge-
tötet hat, wie Euripides es ihr andichtet? (St M, 244)

Diese Stelle verdichtet viele Assoziationen, die Wolf später in der Arbeit an Me-
dea entfalten wird." Das Einhorn verfügt hier noch über das Attribut, das Wolf
aus dem Namen Medea - „die guten Rat Wissende" (M, 61) — löscht, denn diese
signifiziert etymologisch gerade nicht Ein-, sondern Doppelgeschlechtlichkeit:
Medea bedeutet tatsächlich ,Ratschlüsse', aber auch .männliche Geschlechts-
teile'."
In ihrer Auslegung setzt Wolf darüber hinaus Imagination und Weiblichkeit in
eins. Ihre Schlußfolgerung, Medea werde verfolgt, weil sie ein Übermaß an Ima-
gination repräsentiere und weil sie durch Imagination heilen könne, erweitert die
Deutung zusätzlich um eine produkrionsästhetische Ebene: Die mittels Imagi-
nation heilende Medea ist das Vorbild und die Vorläuferin zum modernen Autor,
der ja ebenfalls durch Imagination, wenn schon nicht heilt, so doch zumindest
wirkt. Medeas Geschichte umzuschreiben, wie Wolf es sich an dieser Stelle vor-
nimmt, bedeutet dann auch die Befreiung des gefangengesetzten weiblichen Ima-
ginären in zweierlei Hinsichr. Sie legt das in ihrem Verständnis ursprünglich an
die Frauenfigur gebundene und durch die Überlieferung verfälschte Potential frei
und generiert damit anhand ihrer Figur - und als ihre Nachfolgerin - auch ge-
nuin weibliche Autorschaft. Dabei knüpft sie auch an Autoren-Selbstbilder der
D D R an: So zitiert sie 1994 in einer Rede Franz Fühmann, der 1978 angesichts
der Verkrustungen in der D D R und der Frage .Fortgehen oder Bleiben' geant-
wortet habe: „Ärzte, Pfarrer und Schriftsteller sollen hierbleiben, solange sie kön-
nen — womit er zeigre, in welche Kategorie von Lebenshelfern er sich, uns auch
einordnete.""" Damit basiert die von der Namensdeutung ausgehende Funktions-
zuweisung Medeas zur weiblichen Heilerin einer kranken androzentrischen Kul-
tur und die daran gebundene produktionsästhetische Selbstaffizierung weiblicher
Autorschaft auf einer geschlechtspolaren Medea-Darstellung - eine Frauenfigur,

20 Während Rarick (1997: 189) durch den impliziten Bezug auf die Vorläufertexte (insbesondere
Euripides) mit Bachtin von einer „heteroglossic treatise on the very process of history making"
spricht, macht hingegen Most (2002: 354f.) deutlich, daß die von Wolf als Novum herausge-
stellte Konzeption der schuldlosen Medea gerade nicht der von der Autorin als frauenfreundlich
erklärten voreuripideischen Tradition entstammt, sondern Elemente der nacheuripideischen Tra-
dition aufgreift (Ovid, Seneca) oder sich diese bereits in den Medea-Bearbeitungen von Grillpar-
zer, Hans Henny Jahnn oder Dagmar Nick finden.
21 Zur Etymologie des Namens ,Medea' vgl. Schlesier (1979: 413). Schlesier verweist auf Hesiod,
der das Epitheton .Philommedea' der Aphrodire aus ihrer Geburtsgeschichte ableitet: Sie stieg aus
dem Schaum, det sich um die abgeschlagenen Genitalien des Uranos sammelte.
22 Wolf 1999: 57. Die hier erstmals publizierte Rede hielt sie 1994 zut Eröffnung einer Schule.
EMIGRIEREN 133

die jenseits des .ursprünglich' phallischen Bezugs zur Weiblichkeir remythisiert


wird."
E.T., der Alien aus dem All und das Einhorn fungieren als Paten einer Medea,
die darüber hinaus auch zur Figuration der Fremden, der Anderen, der Kolonia-
lisierten wird: „Medea die Zauberin, die den Männern, auch Jason, angst macht.
Die von Kolchis andere Werte nach Korinth mitgebracht hat. Die, letzten Endes,
kolonisiert werden soll. Ich schlief bis vier" (St M, 244). Der Text endet spiegel-
bildlich zum Anfang: Das Ich erwacht, wird mir dem Auto zu einem Essen abge-
holt, und da sie den Gastgebern zwar nicht persönlich, aber als Schriftstellerin
bekannt ist, „kam keine Fremdheit a u f (St M, 244). Als die Gastgeber das Ge-
spräch über neonazistische Überfälle in Deurschland mit der Frage abschließen,
ob die Erzählerin zurückgehen wolle, antwortet die Erzählerin: „Ja, sage ich, was
sonst?" (St M, 246) Die dem Traum zugrundeliegende Angst ist damit abge-
wehrt: Die Autorin wird nicht emigrieren, weder des neuen Geldes wegen noch
wegen der Neo-Nazi-Überfälle. Sie wird nicht mit G. in einem Auto als Exilantin
in die Fremde flüchten, sondern Gast sein in einem anderen Land, ohne daß
Fremdheit aufkommt. Der letzte Satz lautet: „Ich schlafe schnell ein."
(St M, 247) In diesem gleichsam schlafwandlerischen Text zwischen Wachen und
Traumwelten, der an Goethes Vorstellung des Schlafes als heilsamer Lethe er-
innert, wird nicht nut die Angst vor einem erzwungenen Exil bewältigt." Es wer-
den auch die narrativen Verknüpfungen aufgebaut, die den an den Kolonialismus
gebundenen exotistischen Subtext und das Erzählverfahren — die narrativ verwo-
benen Stimmen — Medeas bilden: Wie ein direkter Anschluß an die Figurengene-
se scheint es, daß Medea mit dem Erwachen der Heldin einsetzt, die noch ganz in
der „Traumsprache. Vergangenheitssprache" (M, 13) befangen ist.
Es ist gerade der von Wolf aufgerufene Alternats- und Kolonialismus-Diskurs,
der - wie der Exil-Währungstraum zeigt - einen zeitgeschichtlichen Index trägt.
Nicht erst eine .falsche' Lektüre situiert Medea als Ost/West-Geschichte, schon
die Genese des Textes zeigt seine gegenwartsbezogenen Gehalte. Doch gerade die
Entfaltung eines wirklichen kritischen Exil-Diskurses mißlingt in der erzähleri-
schen Ausfaltung, wie Monika Shafi zu Recht bemerkt: Medea repräsentiert pri-
mär eine
ethische Differenz, die Wolf jedoch gleichzeitig auch als kulturelle und nationale
Differenz verstanden wissen will, ja überdies als einen Kolonisierungsprozeß sieht,
ohne diese Diskurse jedoch im Roman zu entfalten. [...] Statt dessen werden die
dem Fremden- und Kolonialparadigma zugrundeliegenden Mythen politisch-öko-

23 Die Remythologisierung zur Weiblichkeit basiert hier, analog zu Freuds Weiblichkeits-


konstruktion, auf einer Ambivalenz und Mehrdeutigkeit verdrängenden Rückprojektion aktuell
erwünschter Geschlechterkonzepte in die Antike. Zum Konnex von Weiblichkeitskonstruktion
und Mythos bei Freud vgl. Schlesier 1981, insbes. 190, Anm. 4.
24 Sollte die Vermutung I. Stephans (1997: 186ff.) zutreffen. Brecht habe sein um 1933 verfaßtes
Gedicht Medea von Lodz als Reaktion auf die Exilerfahrung geschrieben, da sich die mythische
Figur als Auseinandersetzung mit Fremdheit anbiete, so liegt hiet eine analoge Situation vor.
134 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

nomischer, rassischer und kultureller Überlegenheit auf eine ethisch-heroische Dif-


ferenz angewandt.
Fragt man sich, warum Medea so viel an der moralischen Überlegenheir der auto-
biographisch eingefärbten Titelfigur gelegen ist, so läßt sich dies sichet auch mit
der Erfahrung begründen, die Wolf kurz nach Verfassen von Santa Monica nach
der Bekanntgabe ihrer IM-Tätigkeit machte. Doch in Santa Monica ist Wolfs
Angst vor dem Exil noch der Währungsunion verbunden, die sie in Brachland
Berlin, einem Essay von 1990, als „magisches Datum" beschrieben hat:
Phantastische Vorgänge muß man auf phantastische Weise schildern. In der Nacht
vom 30. Juni auf den 1. Juli 1990 etschien, von vielen herbeigesehnt, det Große
Zauberer in der Stadt, hob seinen Stab und ließ, buchstäblich über Nacht, eine an-
dere Welt entstehen. (BB, 49f.)

Der Zauberer verspricht, daß alles „leicht und schnell" (BB, 50) gehen wird -
Wolfs Text ttitt mit vielen Beispielen den Gegenbeweis an."' Sie beschreibt Betlin
als terrain vague, eben als soziales Brachland, wobei hier die Verwerfungen des
„gesellschaftlichen Körpers" (vgl. BB, 45) gemeint sind, von dem Wolf in diesem
Text spricht: Es handele sich um ein „sagen wir: Ameisenvolk", das „recht und
schlecht sein Leben gefristet hat" und nun „unter den leicht angewiderten Blicken
der Beobachtet auseinanderspritzt, nuchlos seine Identität verleugnend" (BB, 44).
Diesem, mit einem ,Zauberakt' verwandelten, dissoziierten Körper der kapitalisti-
schen Gesellschaft stellt Wolf mit der Figur Medea einen unversehrten, gesunden,
man ist geneigt zu sagen: heilen Kötper gegenüber. Im Unterschied zur ruchlosen
Verleugnung der eigenen Identität verfügt Medea über eine superiore moralische
Integrität. Dabei steht auch die Autorin Wolf mit der .heilenden weiblichen Ima-
gination' in der Nachfolge der antiken Medea: Es ist die im Schreiben selbstgene-
rierte moralische Identität der Schriftstellerin, die sie den Zauberakten des Kapi-
talismus entgegensetzen kann. Die massive Steuerung der Rezeption, die ja gerade
in Feminismus und Forschung nicht ihre Wirkung verfehlte, ist eine Umschrei-
bung dessen, was ihre Figur Medea als einen Projektionsmechanismus ausweist
und das wohl ein Wunschbild det Autorin unter marktkapitalistischen Bedin-
gungen darstellt: die „krankhafte Furcht der Korinthet, vor dem, was sie meine
Zauberkräfte nennen" (M, 19).

25 Shafi 1997: 383.


26 Vgl. zu den Folgen der Währungsunion Reißig 2000: 24ff.
3. Geldkörper im Terrain Vague der Geschichte
Obscenity, who really cares.
Propaganda, all is phony.
Bob Dylan, It's Alright, Ma
(I'm Only Bleeding)

Auch Kurt Drawerts Spiegelland. Ein deutscher Monolog hat seinen produktions-
ästhetischen Ausgangspunkt in der Währungsunion. Dies läßt sich allerdings nur
über Paratexte entziffern." Der Text endet mit einem kurzen, als „nachträglich"
betitelten Postskriptum, das mit dem Datum „Am 3. Oktober" (Sp, 157) verse-
hen ist. Verweist das Postskriptum also auf den Tag der deutschen Vereinigung
am 3. Oktober 1990, so informiert das Vorsatzblatt des Buches, daß der Text in
15 Monaten, zwischen 1990 und 1991, geschrieben wurde: Rückgerechnet vom
3. Oktober 1991, an dem der Text somit abgeschlossen wurde, liegt det Schreib-
beginn im Juli 1990, dem Monat der Währungsunion.
Spiegelland ist eine Meditation übet das Thema Revolution. Drawert be-
schreibt den kurzen revolutionären Moment als kaum wahrnehmbares Phänomen
der Authentizität in einer unaufhörlichen Abfolge bewußtseinsvernebelnder
Wirklichkeit: ,,[A]ls sie riefen, .Wir sind das Volk', haben sie ein Bewußtsein
produziert, und als sie den Aufruf als Abziehbild auf ihre Auros geklebt haben,
war das Bewußtsein als abgebildetes Bewußtsein wieder verlorengegangen."
(Sp, 36) Kaum als solches zu rekonstruieren, erscheint das Bild det Revolution,
mit Walter Benjamin gesprochen, als Erinnerung, wie sie im Moment einer Ge-
fahr aufblitzt - der Gefahr, neuerlich den ideologischen und medialen Konstruk-
tionen anheimzufallen, die eine wirkliche Revolution in der D D R gerade verun-
möglichten: ,,[E]s waren nichts als schlechte, kitschige Filme, die zur Wirklichkeit
wurden, Wirklichkeit, die ein Film wird, eine Revolution, wie sie es nennen, die
heute schon eine Sonderbriefmarke ist, dreißig plus fünf Pfennig wert" (Sp, 36).
In Spiegelland kommt ein extrem verdichtetes, anscheinend assoziatives, tat-
sächlich aber in seiner Rhetorizität hoch komplexes, anti-narratives Erzählver-
fahren zum Einsatz, das um wiederkehrende semantische Feldet, um Motive und
Erinnerungsbilder kreist. Auch Drawert rekonstruiert die Vorgeschichte der von
ihm als gescheitert beurteilten Revolution mit Hilfe eines Familienromans. Wie
Brussig verbindet et die Frage nach der Bedeutung des Umbruchs mit der Ge-
schichte des sozialistischen Staates. Wird am Tag der Geburt von Klaus Uhltzscht
die Tschechoslowakei besetzt, so erweist sich die Familiengeschichte in Spiegel-

27 Ein weiterer Paratext - die dem Text vorangestellte Widmung an die Söhne „im Sinne einer Er-
klärung" - stellt einen autobiographischen Pakt im Sinne Lejeunes dar. Zur Funktion von Para-
texten vgl. Genette 1993.
28 Als letzte Zeile des Buches, dessen numerierte Kapitel nur im Inhaltsverzeichnis Überschriften
aufweisen und dessen Kapitel mitten im Satz mit dtei Auslassungspünktchen beginnen, könnte
die Zeile »Am 3. Oktober" gleichermaßen auf den Anfang zurückweisen, wie den Text beschlie-
ßen.
136 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

Land als lebende Lüge des antifaschistischen Gründungsmythos der D D R . Bei


beiden Autoren zeigt sich im Vergleich zu Loests Roman Nikolaikirche, der kurz
vor dem Mauerfall aufhört, daß das erzählte Ende det D D R an die Deutung ei-
nes Anfangs und zwar eines .falschen Anfangs' gebunden ist." Wie Brussig setzt
auch Drawerts Erzähler in seiner unglücklichen Kindheit an, in der er - „ein zu
blödes Kind" - hundertmal die Worte Arbeiter- und Bauernstaat' und Revoluti-
on' schreiben muß, fällt ihm doch insbesondere „das komplizierte Wort .Revolu-
tion'" (Sp, 10) sehr schwer. Damit sind die Stichworte gegen eine .naive'
Schreibweise und eine ihr entsprechende Deutung des historischen Geschehens
schon mit den ersten Erinnerungen gegeben.
Dem Prosatext ist ein Gedicht vorangestellt, das Erzählmotivation und Erin-
nerungsverfahren des Ichs benennt. In seiner alinearen syntaktischen Verschach-
telung und der semantischen Entsubjektivietung der Aussage erweisen sich die
multimedialen Archivierungsformen des Erlebten in eine psychische Topographie
eingelagert, die das erinnernde Ich immer schon zu einem Anderen, Fremden im
eigenen Haus macht:
... doch
es muß auch eine Hinterlassenschaft geben,
die die Geschichte,
auf die ich selbst einmal, denn das Vergessen
wird über die Erinnerung herrrschen,
zurückgreifen kann wie auf eine Sammlung
fotografierten Empfindens, und die die Geschichte,
denn das innere Land
wird eine verfallene Burg sein
und keinen Namen mehr haben und betteten sein
von dir als einem Fremden
mit anderer Sprache, erklärt. (Sp, Vorsatzblatt)
Dieses Gedicht bildet mit dem Postskriptum eine Klammer um den Text. Im
Postskriptum resümiert der Erzähler, er habe von der „Welt der Väter" berichten
wollen „als herrschende O r d n u n g , als Sprache, als beschädigtes Leben" (Sp, 156).
Doch während des Schreibens sei ihm eine zweite, zu ihm gehörige Person „wie
aus der Zukunft" entgegengekommen, die ihn aufgefordert habe, „eine andere
Wirklichkeit zu übernehmen" (Sp, 156). Diese Spaltung des Ichs annulliert jede
beglaubigende Erzählinstanz, in der Dissoziation wird das Gesagte vor dem je-
weils anderen Ich — dem Anderen im Ich — unglaubwürdig: Die Lüge oder das
Schweigen müßten sich deshalb selbst überführen „in der Rhetorik, in der Wie-
derherstellung einer Redundanz, die uns umgibt" (Sp, 157). Als Gegengewicht zu
Lüge und Schweigen fungiert indes nicht die Wahrheit, sondern die vom Erzäh-

29 Nochmals sei Würffel (2003: 75) zitiert, der feststellt, in Nikolaikirche wird die „Geschichte der
DDR noch [...] nicht zu Ende geschrieben, weil ihr Beginn immer noch im Dunkeln liegt."
30 Das Gedicht erschien in dem von Conrady (1993) herausgegebenen Band Von einem Ijind und
vom anderen. Erhart (1997: 156) bescheinigt ihm „die diagnostische Zeugenschaft des gesamten
Gedichtsbandes".
GELDKÖRPER IM TERRAIN VAGUE DER GESCHICHTE 137

ler inrendierte „Erschaffung der Zusammenhänge" (Sp, 157). Nicht das als souve-
rän gedachte, autonome Ich kann über die väterlichen Hinterlassenschaften spre-
chen, nur die das Subjekt prägenden und stützenden Erinnerungen können, als
Archivierungsverfahren verstanden und wieder zum Sprechen gebracht, Auskunft
geben.
Zur erinnernden Rekonstruktion sieht sich der Erzähler durch seinen Groß-
vater genötigt. Dieser hatte sich der Familie stets als rigider Kommunist präsen-
tiert, der nicht nur immer schon auf der richtigen Seite gestanden, sondern im
Vollbesitz der historischen Wahtheit auch andere drangsaliert hatte. Der Erzähler
findet aber ein Photo, das den bis dato rückhaltlos verehrten Großvater in SS-
Uniform zeigt. Dieses Beweisstück steht als „Indiz" (Sp, 61) gegen die fiktive
Biographie, die der Großvater den nachfolgenden Generationen zu hinterlassen
gedachte: Der Erzähler konstatiert, daß das vom Großvater verfaßte Gedenkbuch
„nicht einmal eine verlogene Familienchronik war, [...] sondern eine vollkommen
erfundene Geschichte" (Sp, 45). Dem Photo als Offenbarung eines gleicherma-
ßen faktischen wie banalen So-und-Nicht-Andets eignet der von Roland Barthes
charakterisierte Evidenz- und Dokumentarcharakter der Photographie, die er als
„referent sans code" gegen die immer schon in Zeichensysteme und Sprachspiele
verstrickte Schrift und ihre Lektüre abgrenzt. Durchbricht das punctum — das
verletzende' Detail eines Photos - Barthes zufolge alle Zusammenhänge, so zer-
reißt hier das biographische brutum factum die Inszenarien und Textur einer fal-
schen Lebensgeschichte. " Entsprechend will der Erzähler mit seinem Text Be-
schreibung einer Fotografie „eine Antwort geben auf das, was Großvater ver-
schwieg, [...] ich wollte die angedeuteten Linien vetlängetn" (Sp, 62). Es geht
mithin nicht um das Auffinden der Wahrheit, sondern um die Rekonstruktion
der Zusammenhänge, in denen das Photo steht. Zwar seien auch diese letztlich
fiktiv, im Gegensatz zu den „Ersatzwirklichkeiten" des Großvaters sei es aber ein
„erfundener Zusammenhang in die richtige Richtung" (Sp, 63f.). Dem Enkel ist
dabei weniger um die einzelne Person als um eine „historische Tatsache" (Sp, 68)
zu tun: Jeder habe sich „fast über Nacht" in einen Widerstandskämpfer und An-
tifaschisten verwandeln können, das Land sei von ihnen „geradezu überfüllt" (Sp,
69). Analog zum Staat basiert auch die Familie auf Unwahrheir und Verdrän-

31 Garbe (vgl. 1997: 179) bezeichnet Spiegelland z\s „verspätete" ostdeutsche Variante der west-
deutschen .Abrechnung mit den Vätern" der 70er und frühen 80er Jahre und verortet den Text
entsptechend im Kontext der .Väterliteratut'. Auch wenn der Vater hier sehr kritisch beurteilt
wird, kommt doch dem Großvater eine weitaus größere Bedeutung zu. Zwar ist der Vater der
Repräsenrant der DDR. im Text - siehe die Widmung an die eigenen Söhne - geht es dem Ver-
fasser aber um genealogische Zusammenhänge. Für die Familiengeschichte ist deten Parallelset-
zung zum DDR-Gründungsmythos Antifaschismus - der ja, wie Garbe richtig sieht, vom Groß-
vater verkörpert wird - zentral, da dieser seine Wirkungen bis hin zum Erzähler entfaltet.
32 Vgl. Barthes 1980. Das punctum als das fesselnde, .verletzende' Detail des Photos durchbricht
dessen kulturelle Codiertheit, die im Studium .gefahrlos' genossen wird. Lethen (1996: 211ff.)
deutet dies im Anschluß an Trilling als Suche nach dem Authentischen, als Wunsch, den „kultu-
rellen Überbau" zu durchstoßen und damit zum „wahren Selbst" zu gelangen - ein Wunsch, der
auch hier zentral ist.
138 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

gung: Die Familienchronik des Großvaters wurde nicht thematisiert, denn „die
Familie konnte eine Familie nur durch eine eingehaltene Schweigensverabredung
bleiben, [...] und was, dachte ich, ist der Erhalt einer Gesellschaft anderes als eine
eingehaltene Schweigensverabredung" (Sp, 71 f.).
Während das Gedicht die Topographie einer Erinnerungslandschaft entwirft,
innerhalb derer heterogene Aufzeichnungsmedien und -modi sich sozusagen zum
Ich als einem Fremden synthetisieren, scheint die im Prosatext vollzogene Erinne-
rungsarbeit des Erzählers als Archäologie des inneren wie des äußeren Landes auf
einer Konkurrenz der Medien zu basieren. Kommt dem SS-Photo oberflächlich
betrachtet authentizierende Funktion gegenübet der .verlogenen' Schrift der Fa-
milienchronik zu, so ist es doch nicht das Bild allein, das den Erzähler zu seiner
Recherche veranlaßt. In der vom Großvater vorgenommenen W i d m u n g des
Photos „Für Führer, Volk und Vaterland - Weihnachten 1941" liege „alle Wahr-
heit" (Sp, 59f.). Auch die Schrift trägt solchermaßen das ihre zur Kontextualisie-
rung bei, bliebe doch das Photo allein stumm und mehrdeutig interpretierbar. Es
sind nun Photo und Inschrift, die zusammen als ein wirklichkeitsfähiger und
-beglaubigender Zusammenhang fungieren und das bisher fraglos Geglaubte zur
reinen „Wunschbiographie und bloße[n] Erfindung" machen - ein Tatbestand,
der den Erzähler zweifeln läßt, ob „mein Großvater überhaupt existiert" (Sp, 60).
Der antifaschistische Gründungsmythos der D D R , den der Großvater als bio-
graphisches Lügengebäude verkörpert, findet seine Fortsetzung in der Unmög-
lichkeit, die Wahrheit über den Herbst 1989 zu erkennen: Die vom Erzähler be-
suchte Präsentation der Mode „Demo-Chic 90" (Sp, 76) kennzeichne ein „er-
barmungsloses Hinterher und Zuspät, denn das alte Jahr trieb die Leute draußen
zusammen, und erst das neue Jahr liefert ihnen die passende Kleidung ins Haus"
(Sp, 76). Solchermaßen ins Simulakrum ihrer selbst gekleidet, ist das Einzigartige
des historischen Augenblicks kaum mehr auszumachen. Original und Fälschung
- genauer Ereignis und Vermarktung - verkehren sich:
Nichts mehr ist zynisch, dachte ich bei mir, denn es gibt die intakte Vergleichswelt
nicht mehr, durch die ein Zynismus als Zynismus erscheint, der Messingtrabant
zwischen Zinnfiguren vor dem Brandenburger Tor als Briefbeschwerer ist vielleicht
nicht nut kommerzielle Attrappe und zynisches Souvenir, sondern schon das ei-
gentliche praktische Otiginal, so wie das Wort ,Hase' oder ,Katze', läßt man jenen
schwer bestimmbaren, klaren und sauberen Rest, wenn es gut kommt, in der Mitte
des Herzens einmal beiseite, über Hase und Katze als Tier triumphiert. (Sp, 76)

Die Inauthentifizierung qua Vermarktung erreicht auch die Geschichte, die jeder-
zeit umgedeutet, umgeschrieben werden kann: Auch die „Mauer wurde vielleicht
nur errichtet, um Malern die Gelegenheit der Kunst am Bau zu geben, die heute
zu Höchstpreisen in alle Welt verkauft worden ist" (Sp, 77). In einer warenför-

33 Tatsächlich hatten Mitglieder des Verbandes Bildender Künstler am 17. November 1989 mit
Unterstützung des Kulturministetiums beschlossen, die Berliner Mauer auf der DDR-Seite - also
das bis dato gespetrte Grenzgebiet - großflächig zu bemalen. Vgl. Jäger/Villinger 1997: 72. Auch
Lutz Rathenow (vgl. Jäger/Villinger 1997: 106) enrwirft in seiner Bamberger Poetik-Vorlesung
GE1.DKÖRPER IM TERRAIN VAGUE DER GESCHICHTE 139

migen und marktkonform gewordenen Vergangenheir, die als solche kaum mehr
erinnerbar ist, haben die Menschen allein „ihren Namen u n d ihr Gesicht in det
Geschichte verpaßt", sie selbst sind „abwesend geworden": Sie sind nicht einmal
mehr hinter den „Zeichen des Uneigentlichen" (Sp, 77) verloren, sondern mit
ihnen identisch.
Als der Erzähler mit dem Auto umherfährt, siegt auch in ihm am Ende nicht
der .schwer bestimmbare Rest' aus det Herzensmitte zugunsten der lebenden
Kreatur über die sie repräsentierenden Worte, es siegt der Signifikant über das Si-
gnifikat und damit triumphiert der T o d über Hase oder Katze, jedenfalls über das
Tier, das der Erzähler überfährt:
Ich beteuerte mehrmals schon, diese wiederholte Zetstörung des Körpers wollte ich
nicht, und ich spürte durchaus diesen Impuls, der ein Ausweichenwollen diktierte
und ein kleiner Rest Eigentlichkeit gewesen sein mußte tief in mit [...], vor mir die-
ses breitzetquetschte Stück Fleisch, [...] ein Hase oder eine Katze [...], ich kenne
mich bei den Wesen nicht aus und weiß nur ihre Namen, [...], DEMO-CHIC 90
muß in meinem Kopf gewesen sein, ich war so voller verlorener Liebe, traumlos
und einsam, daß ich, ehe es eine Briefmarke würde [...] Gas gab [...], nichts, aber
auch nichts war ekelerregend daran, daß ich den Köper noch einmal zerquetschte,
[...] es wat ein Gefühl, wie man es beim Anhören oder Lesen des Satzes haben mag:
Er zerriß, was schon tot war, und fuhr in die schöne, weite Landschaft. (Sp, 77f.)

Was hier - auch sprachlich - noch einmal getötet, nämlich in verschiedene Be-
deutungsfelder und damir ins reine Spiel der Signifikanten zerrissen wird, ist der
tote Körper der Revolution.
Verleiblicht Brussig die Revolution im grotesken Körper, so dokumentiert
Spiegelland den scheiternden Versuch, den Ereignissen einen Körper zu verleihen.
Innerhalb des extrem vetdichteten Textes ist dieser Versuch an die Entfaltung
und Verbindung der Motive .Utopie', .Körper', .Geschlecht', .Prostitution' ge-
knüpft. Begründet der Erzähler eingangs seine Herkunft „aus Utopia" mit dem
Gefühl, „heimatlos" (Sp, 9) zu sein, so folgt aus dem nächsten Gedanken, immer
von einer Fremde in eine andere gewechselt zu sein, das produktionsästhetische
Credo radikalen Neubeginns: „Die Romane im Kopf müßte man verlassen und
die Geschichte des Körpers" (Sp, 10). Gerade der Körper erweist sich aber von
gemachten Erfahrungen unwiderruflich geprägt, wie sich bei einem Freund zeigt,
„der fett geworden ist, verbittert und zynisch, ein obszönes Vokabular spricht,
unablässig Bier trinkt, grob aufstößt und mit haßerfülltem Gesicht: die Säue aus-
ficken will, die ihn so tuiniert haben, wie er sagt" (Sp, 12).
Bei einem anderen Freund und Kollegen ist der kranke Körper die Ursache ge-
störter Produktivität. Hier agiert der individuelle Körper den sozialen aus: Der
Freund sieht seinen geplanten Roman „durch die Entwicklung in der D D R über
weite Teile zerstört" (Sp, 18). Die „besondere Utopie" des Freundes, als es „für

am 26. Januar 1990 das Szenario einer perfektionierten Vetmarktung der Mauer sowie der medi-
engerechten Aufbereitung der DDR-Elite, die sich in all ihrer .normalen Schäbigkeit' am besten
für Boulevardblätter eigne.
140 JULI 1990: NEUE ZEIT. NEUES GELD

Wochen schien [...], als könnte dieses abgestandene und heruntergekommene,


kleine deutsche Land im Osten tatsächlich der Körper sein, der eine Utopie in
sich aufnimmt und vertritt" (Sp, 18), ist zusammengebrochen. Unvermittelt zeigt
sich der Körper der Revolution als der einer Frau:
Und wie die Geliebte sich ganz plötzlich anzieht und einen für immer verläßt, so
wat die Revolution an uns vorübergegangen, gerade daß wir sie für kurze Zeit sehen
und berühren und erfahren konnten [...], und ich denke, es war eine Illusion, für
diese Utopie einen Körper und noch dazu in Form dieses abgestandenen und her-
untergekommenen, kleinen deutschen Landes im Osten erwartet zu haben. (Sp, 19)

Auch der Erzähler hat an die Revolution geglaubt als Aufhebung einer kontin-
genten, sinnlosen Existenz, denn die Menschen „sind auf die Straße gegangen
selbst auf die Gefahr hin zu sterben, weil sie einen Sinn in sich wahrgenommen
haben und auf der Suche waren, ihm eine Sprache zu geben" (Sp, 21). Jetzt er-
kennt der Erzähler, daß er und sein Freund während dieser „kurzen Zeit des
dramatischen Ereignisses" (Sp, 22) den Demonstranten ein Begehren zugeschrie-
ben haben, das nur eine Projektion des eigenen war: Der „arrogant als Revolution
vermerkte Herbst 1989" (Sp, 67) sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt ge-
wesen, da er die Sprache des Systems lediglich umgekehrt habe. Nicht zuletzt eine
Ausstellung über Arbeitsweisen und Methoden der Staatssicherheit überzeugt ihn
einmal mehr von der Hoffnungslosigkeit dieses Kampfes. Selbst sein Vater sieht
keine „fremdgesteuerte Konterrevolution" mehr, entdeckt statt dessen den „re-
volutionären Gehalt" und - eine typische Wende-Formulierung - beklagt, daß
„man betrogen worden sei" (Sp, 111).
Der nun im Westen wohnende Erzähler reist in den Osten, um sein Land aus
fremder Perspektive wahrzunehmen. Er sieht ein Land, „das geworden war, was
früher .Intershop' hieß" (Sp, 122). Mit der „Erbärmlichkeit und Kaputtheit"
konfrontiert, „die sich hinter Modeanzügen versteckt", empfindet er Trauer und
den Wunsch, „nur noch Körper" zu sein (Sp, 125). Er deutet Aufmachung und
Verhalten einer Frau als das einer Prostituierten und imaginiert sich ein sexuelles
Rencontre auf einem „toten, geernteten Feld" (Sp, 127). Die Körper als „eine
Börse für Geld" (Sp, 126) bilden das negative Pendant zur Revolution als Ge-
liebter und setzen den Verrat der Revolution als ihren Ausverkauf ins Bild.
Aber selbst diese Verleiblichung als Engendering will kaum gelingen, denn
„nicht einmal meines Geschlechtes war ich mir sicher und ob es funktionieren
würde" (Sp, 126). Die vollendete Zukunft einer immer schon verpaßten Gegen-
wart - „Aber alles würde sehr schnell gegangen sein" (Sp, 127) - läßt die Frage
nach dem wirklichen Sinn des Heimatbesuches - „schon Arroganz oder noch ein
Erinnerungszwang" (Sp, 126) - unbeantwortet und es stellt sich heraus, daß das
gesamte Geschehen auf einer Fehldeutung beruht: Die Frau ist verschwunden, sie
hatte nichts von ihm gewollt, er hatte ihre „Berührung", ihren „sanften Versuch
nicht verstanden" (Sp, 127). In der Folge erkrankt auch der Erzähler an einer

34 Diese .Verwechslung' der Frauenfiguren findet sich auch im Vorfeld der 48er-Revolution. In Ro-
bert Prutz' Komödie Die politische Wochenstube (1845) wird Germania zunächst auf männliche
GELDKÖRPER IM TERRAIN VAGUE DER GESCHICHTE 141

,,unsichtbare[n] Krankheit, die das Zentrum der Gedanken befiel". Er wird völlig
apathisch, verläßt kaum meht das Bett und sieht in den anderen - im Wortsinne
- geschäftigen Menschen „nichts anderes als Geld" (Sp, 130). Unfähig zu arbeiten,
fährt er ziellos herum:
[D]er Beginn eines Textes in dieser öden, zerrissenen Landschaft, die voll war von
toter oder stetbender Gesellschaft, voll von toter oder sterbender Sprache, die von
einer anderen toten odet sterbenden Sptache ersetzt wetden würde oder bereits er-
setzt worden war, hastig hingeklebte Reklameschildet, wo vorher Losungen standen,
[...] Frittenbuden und Plunderkisten, Billigartikel, vergoldeter Ramsch, Prostituier-
te, die sich ficken ließen in Containern und Bussen, die auf Parkplätzen standen.
Autowracks, ohne Nummernschild, in Seitenstraßen gestellt, als wären sie die Ver-
gangenheit selbst, die man eilig verließ, provisorische Zeltuntetkünfte für Banken,
Firmen und Warenketten, ich fuhr und fuhr, um mich herum schien es nur noch
Idioten, Spekulanten und Verbrecher zu geben, und dennoch dieser Text, der sich
in der Bewegung zu erkennen gab, den ich spürte und dachte und der sich nicht
aufschreiben ließ, da er die Bewegung selbst war, in die ich mich brachte. Ich hätte
einen Raum finden müssen, det diese Bewegung hätte aufnehmen können. (Sp,
139f.)

Der Text entsteht im Raum det Entgrenzung, im sozialen Brachland, den auch
Christoph Hein zum narrativen Ausgangspunkt seines Romans Willenbrock ma-
chen wird. Bei Drawert wird das soziale Brachland zum terrain vague der Ge-
schichte. Das Auffinden eines textuellen Raums, det die sprachliche Bewegung
des Ichs aufnehmen kann, käme einer Reinkorporierung des Subjektes in seiner
eigenen Geschichte gleich. Dieser Vorgang setzt die Annahme der eigenen Ver-
gangenheit voraus. Anders als sein Vater, der ihn bittet, nicht über den Großvater
zu schreiben, solange dieser noch lebe, sieht der Sohn, daß gerade der Versuch
der Auslöschung der Zeichen diese sichtbar macht: Er erinnert sich an eine
Nachkriegsepisode, in der sein Vater auf Geheiß seiner Großmutter alle Nazido-
kumente vernichten sollte und diese in den Fluß warf - worauf sie überall am
Ufer auftauchten.
Der Erzähler hatte durch seine Reise eine neue Perspektive des Sehens und
Denkens entwickeln wollen, um sein Buch produzieren zu können. N u n erkennt
er, daß der „Begriff der Wahrheit, sofern er nicht zur Gewalt werden will, aus der
Sprache verschwindet, abbildbat nur auf rhetorischer Ebene ist" (Sp, 152f.). Ver-
decken bei Brussig einerseits die .Rezensionen', die Zuschreibungen von außen
und andererseits die Legendenbildungen um die eigene Heldenhaftigkeit längst
den historischen Augenblick und lassen jede Frage nach der historischen Wahr-
heit fast lächerlich erscheinen, so endet auch Drawerts Deutscher Monolog ange-

Anweisung von einer Hure gespielt. Der Auftritt der „ächten Germania" entlarvr sie. die neue
Germania tritt als Verkörperung der „Reinheit und Wahthaftigkeit" (Wilhelms 2000: 229) an ih-
re Stelle. Kann mit Wilhelms (ebd.: 200) resümiert werden, daß die Familienromane nach 1848
einerseits dazu dienen, die innerstaatliche Krise zu bebildern und diese andererseits in den har-
monisierenden Bildern von Liebe und Familienversöhnung „stillzustellen", so vetläutt dieser Pro-
zeß hier am weiblichen Körper. Dieser dient als imaginäres Aggressions- und Befriedungsobjekt.
142 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

sichts der ihn plötzlich umgebenden „Dagegengewesenseinmenschen" in einem


tiefen Mißtrauen gegen alle Medien und das eigene Erzählverfahren:
Ich wollte mit dem Buch [...] nichts meht zu tun haben, ich wollte mit dem The-
ma, von dem ich plötzlich nicht genau wußte, ob es nicht eine Art historischet Il-
lumination wat, die sich ein paat Medienfachleute ausgedacht hatten, um die Ein-
schaltquoten zu steigern, nichts mehr zu tun haben, ich wollte alle Flüchtlingsbilder
und alle Sttaßenbildet und alle Mauerbildet und alle Vereinigungsbilder vergessen
(Sp, 154).

Wieder kehrr die Erinnerung zurück an den Anfang der Geschichte und des
Textes, die Kindheit. Als Kind hatte der Erzähler „erkannt", daß „alles Erfin-
dung" ist und mußte dafür zur Strafe einhundertmal den „Kindersatz: Die Rote
Armee hat uns vom Faschismus befreit" (Sp, 155) schreiben.
Läßt Brussig seinen Anti-Helden erst nach der Vereinigung als Porno-
Darsteller enden, so setzt die Prostitution bei Drawert mit den „vielen, die im
Billigtarif als Touristen kamen [...], um im abscheulichen Sinne dabeigewesen zu
sein und zu fotografieren" (Sp, 22), schon mit der Revolution ein:
Und im übrigen, was war das Ende einer Revolution jemals anderes als eine Annon-
ce, die ich zufällig in der Hamburger Morgenpost lese: NEU, Demo-Modell DDR,
22 Jahre, auch frz. und griech.; man möchte diese Nummer wählen, hinfahren und
es, bis die Tränen kommen, tun. (Sp, 37f.)

Was hier als Obszönität, als Verrat und Käuflichkeit der Revolution im Bilde der
Pornographie erscheint, ist auch deutbar als literarischer Reflex auf die Entste-
hung der Revolution aus dem Geiste der Medien. Drawert hat seinen Literatur-
begriff antiutopisch und körperbezogen definiert:
Literatur hat für mich etwas mit Utopiezerstörung zu tun. Zerstörung von Utopie,
die uns wegführt von den realen Möglichkeiten, die wit als Körperlichkeit in einer
Zeit und in einet Geschichte haben, und die uns hinfühtt zu dem, was wit sein
könnten und sind. Unsere Wirklichkeit ist ohnehin der eminenten Gefahr ausge-
setzt, sich in Vittualisierungen zu verflüchtigen.
Tatsächlich folgen die Ereignisse von 1989 der Tendenz zur Virtualisierung und
Entkörperlichung. Das kulturelle Imaginäre tradiert aber den Wunsch nach ei-
nem heroischen Körper, in dem die Revolution als Bild physisch wird und sol-
chermaßen auch den individuellen Leib als revolutionären authentifiziert. Der
mediale Körper der Revolution m u ß so als dessen Prostitution, als .inauthentisch'
und unecht erscheinen. Der als Scheitern der Revolution gedeutete Prozeß, den
die Entwicklung in der D D R nahm, rührt, so besehen, nicht nur aus enttäusch-
ten Erwartungen, sondern auch aus dem Kollaps von Original und Bild, Gesche-

35 Drawert zit. n. Serke 1998: 394.


36 Wie Wilhelms (2000: 35) für den .Gesamtroman' der 48er-Revolution zeigt, bildet in Louise
Ottos Roman Drei verhängnisvolle Jahre (1867) die Wunde eines durch die Municipalgardisten
vetletzten Pariser Arbeitets das Fanal für den Barrikadenbau der französischen 48er-Revolution,
wobei die Wunde auch die „verletzten Bürgerrechte" symbolisiert.
GELDKÖRPER IM TERRAIN VAGUE DER GESCHICHTE 143

hen und Vermarktung, Signifikant und Signifikat. Koschorke beschreibt den Zu-
sammenhang von Bilderwelt, Original und medialer Realitätskonstruktion:
Offenbar besteht die Funktion von Medien darin, eine realitätsmächtige und doch
von der als .Rohstoff vorgefundenen Realität unbedingt verschiedene Performanz
der Bilder in Gang zu bringen. Die medialen Abspaltungen erreichen ihre höchste
E.nergie paradoxerweise am Punkt der dichtesten Konvergenz mit ihtem .Original'.

Der Wunsch des Erzählers, im Akt mit der ,Demo-Prostituierten' Tränen zu ver-
gießen, kehrt an die kulturhistorische Schnittstelle zurück, die Koschorke als
Umleitung der vorbürgerlich sexuellen Körperströme des humoralen Leibes in
den Zeichenverkehr der Sittlichkeit beschrieben hat. Die Schriftkultur der neuen,
tränenvergießenden Empfindsamkeit im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts er-
zeugt die moderne Pornographie als Phantasma des „seelenlos begehrlichen Kör-
pers" - das Spiegelbild zur „reinen Seelenliebe". Im Bild der Prostituierten ver-
binden sich Drawerts Medienkritik und die Kririk an der verratenen, weil käufli-
chen Revolution. Machen zunächst die Medien 1989 die Revolution zum inau-
thentischen Abbild ihrer selbst, die sie als vermarktbarer Event damit füt das
Subjekt entkörperlichen und derealisieren, so wird das Land durch die Wäh-
rungsunion zu dem, ,was einmal Intershop hieß'. Diese historische Erfahrung
vollzieht sich in Drawerts Text über den Körper, der einem Prozeß zunächst der
Virtualisierung und dann der Rematerialisierung unterworfen wird: Schaffen die
Medien 1989 durch die Derealisierung der Wirklichkeit entkörperlichte Subjek-
te, so rematerialisieren sich diese 1990 nur mehr als Körper, die als ,Börse für
Geld' fungieren. Bei Drawert wird die in der TV-Revolution schon angelegte
Käuflichkeit der Revolution 1990 als Prostitution manifest: Die Wähtungsunion
ist das Postskriptum der Geschichte von 1989.

37 Koschorke 1999:233.
38 Koschorke 1999:231.
39 Vgl. dazu auch Geist 1993: 151.
4. Exodus
Michael Walzer hat in seiner Studie zur alttestamentarischen Geschichte des Ex-
odus gezeigt, daß dieser als ein Paradigma revolutionärer Politik im kulturellen
Gedächtnis fungiert. Der Auszug aus Ägypten, das Murren in der Wüste, der
Neue Bund und die Ankunft im Gelobten Land bilden die Stationen einer histo-
risch fundierten Erzählung, die es ermöglicht, politische Ereignisse oder Forde-
rungen auf ihrer Folie darzustellen und zu interpretieren. In der Geschichte des
Westens häufig als Metapher politischet Diskurse und Kontroversen verwandt,
wurde mit der Massenflucht det DDR-Bürger der Exodus zur Realität. So grif-
fen auch die Schriftstellerinnen Christa Wolf, Helga Schütz, Gerti Tetzner, Sigrid
D a m m , Helga Königsdorf, Daniela Dahn und Rosemarie Zeppelin zu diesem
Begriff, als sie der Mitgliederversammlung des Berliner Schriftstellerverbandes im
September 1989 einen Resolutionsentwurf vorlegten, der die Probleme des Lan-
des thematisierte. * Die Flucht seiner Landsleute aufgreifend, knüpft auch Volker
Braun mit den ersten drei Zeilen seines epochalen Gedichtes Das Eigentum nicht
nur an Goethe, Hölderlin und Büchner, - dies ist bereits bemerkt wotden - ,
sondern auch unvermerkt an das Exodus-Motiv an:

Das Eigentum
Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst. (In: Conrady 1993: 51)
Der Titel aktualisiert das Spannungsgefüge von Zeitgeschichte und autonomer
Kunstproduktion, das schon Hölderlins Gedicht Mein Eigentum charakterisiert.
Im etsten Vers ist dieser Spannungsbogen nicht nur in die Entfremdung zwischen
dem standhaften lyrischen Ich und dessen ,abtrünnigem Land' transponiert, son-
dern markiert auch die im zweiten Satzteil verarbeiteten historischen Ereignisse.
,Der Gang in den Westen' ist in einem Satz abgebildet, beschreibt aber zwei ver-
schiedene Vorgänge: Aus der Massenflucht, die noch als revolutionärer Exodus
beschreibbar wäre, wird mit der Währungsunion der profane Vorläufer des Bei-
tritts der D D R . Der Vers wird in seiner Synthese aus erfahrener Realität und an-
tizipierter Natiogenese dem virtuellem Raum gerecht, in dem das Gedicht et-
schien: Erstmals am 4./5. und 10. August 1990 publiziert, liegt es zeitlich zwi-

40 Vgl. Walzer 1988: 17.


41 Schon am 13. Oktober 1989 bemerkte Stefan Heym (vgl. Jäger/Villinger 1997: 41), daß die
DDR auf „lächerliche Weise" - nämlich durch „Absentierung der Bevölkerung" - in die Krise ge-
raten sei. Belege für die Bezeichnung .Exodus' im Herbst 1989 bei Herberg/Steffens/Tellenbach
1997: 117f. Auch in det Ghronik des Jahres 1989 und 1990, die Jäger/Villinger anhand relevan-
ter Ptintmedien ausgearbeitet haben, findet sich der Begriff öfter. Vgl. Jäger/Villinger 1997: 70,
73, 103,112, 179.
42 Vgl. Magenau 2002: 370.
EXODUS 145

sehen der Einführung der Währungsunion am 1. Juli 1990 als dem de facto-Ende
der noch existenten D D R und dem zwei Wochen später, in der Nacht vom 23.
auf den 24. August, von der Volkskammer beschlossenen Beitritt det D D R zur
BRD. Das Exodus-Motiv wird durch den Richtungsverweis ,in den Westen'
zeitgeschichtlich kontaminiert und im intertextuellen Rahmen mit Verweis auf
Büchners Hessischen Landboten resümiert: Was ursprünglich — und das heißt auch
in der historischen Tiefe - als revolutionärer Aufbruch gemeint war, verläuft als
Zeitgeschichte in die falsche Richtung und endet entsprechend mit dem in sich
verkehrten Zitat des Revolutionärs Büchner in einer Konterrevolution. Das lyri-
sche Ich vertritt demgegenüber einen bewegungslosen Standpunkt: ,Da bin ich
noch'. Diese Starre - eine Variation auf Goethes ,Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor' — signalisiert im intertextuellen und zeitgenössi-
schen Kontext gleichermaßen Ratlosigkeit, sozialistische Prinzipientreue, Präsenz
und eine wirklich revolutionäre und dichterische Gesinnung. Da sich aus der
Sicht des Dichters der Aufbruch der DDR-Bürger mit dem (antizipierten) Bei-
trirt der D D R zur BRD in eine Konterrevolution verwandelte, kann der wirkliche
Revolutionär und Poet keiner politischen Bewegung mehr folgen, sondern m u ß
im Stillstand verharren.
Volker Braun war einer der schärfsten und zugleich staatstreuesten Kritiker der
DDR-Verhältnisse. 1988 antizipierte er nicht nur die .Wende' unter dem gleich-
namigen Gedichttitel, sondern auch den ,Stutm auf die Normannenstraße':
Die Wende
Dieser übettaschende Landwind
In den Korridoren. Zerschmetterte
Schreibtische. Das Blut, das die Zeitungen
UND DER RUHM? UND DER HUNGER
Erbrechen. Auf den Hacken
Dreht sich die Geschichte um
Füt einen Moment entschlossen. (Braun [1988] 1996: 130)
Brauns Hoffnung auf einen revolutionären Richtungswechsel der Geschichte rea-
lisierte sich bekanntlich als W e n d u n g in die entgegengesetzte Richtung. Anders
als das utopische Gedicht Die Wende, das mit dem plötzlich aufkommenden
Wind, dem Zerschmettern der Institutionen und der damit verbundenen Gewalt
das klassische Revolutionsmotiv des Zeitenbruchs und der blutigen Erhebung zi-
tiert, ist Das Eigentum als invertiertes Exodus-Motiv gestaltet. Dem entspricht
einmal mehr das Engendering der verratenen Revolution im Bild der Hure: ,Es
wirft sich weg und seine magre Zierde'. Im Verstoßen des eigenen Landes — ,Ich
selbst hab ihm den Tritt versetzt' - artikuliert sich nicht, wie Kormann meint,
der enttäuschte Brautvater, der die Tochter verstößt, vielmehr aktualisiert dieser
Akt das aus der politischen Theologie stammende Bild des königlichen Bräuti-

43 Zu den Nachdrucken und Reaktionen auf das Gedicht vgl. Schlenstedt 1992
44 Zu Brauns Auseinandersetzung mit Büchner vgl. Schlenstedt 1992: 128f.
146 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

gams und seines (weiblichen) Landes. Doch statt eine Revolution als Hoch-Zeit
mit seinem revolutionären Volk zu feiern, bleibt hier der revolutionäre Autor als
Dichterfürst allein zurück.
Auch Christa Wolfs Medea bietet insofern Anknüpfungspunkte an das Ex-
odus-Motiv, als es sich mit Medeas Auszug aus Kolchis um das Verlassen eines als
korrupt, unreformierbar und in seiner ultima ratio des Machterhalts letztlich so-
gar mörderischen Gemeinwesens handelt, dem Medea und ihre Getreuen nicht
länger angehören wollen. Im Gegensatz zu der aus Liebe handelnden Medea des
Euripides liegt ihrem Handeln ein staatskritisches und damit politisches Motiv
zugrunde: „Ich bin mit Jason gegangen, weil ich in diesem verlorenen, verdorbe-
nen Kolchis nicht bleiben konnte. Es war Flucht." (M, 104) Gleichwohl lehnt
Medea gerade die aus ihrem Handlungsmotiv logisch ableitbare Statusdefinition
als Fremdzuschreibung ab: „Für die Argonauten waren wir Flüchtlinge, es gab
mir einen Stich." (M, 36) Obwohl sie sich damit in Widerspruch zu ihrer eigenen
Aussage begibt, will Wolfs Medea offenkundig nicht zu dem werden, was ihre
Vorgängerin in der antiken Vorlage ist: eine Exilantin. Det Widerspruch rührt
aus der motivationskritischen Umschrift des Mythos, den Wolf gleichwohl nar-
rativ respektieren will: Sie will Medea im Gegensatz zu ihrer liebestoll und affek-
tiv agierenden Vorgängerin als bewußt und politisch handelndes Subjekt etablie-
ren, gleichzeitig aber auch dem Mythos in seinen Stationen treu bleiben. In Me-
deas unlogischer Haltung zeigt sich deshalb weniger die Eitelkeit und der Stolz
einer hochherrschaftlichen Person als vielmehr die Kontamination des Mythos
mit zeitgeschichtlichen Erfahrungen: Wolf will verhindern, daß Medeas Auf-
bruch, das implizite Sinnbild det revolutionären Situation, als fremdgesteuert er-
scheint - und sei es durch ihre eigenen Affekte. Im Gegenteil: Gerade die Ge-
fühle für Jason dürfen in dieser Erzählung keine handlungsmotivierende Rolle
spielen, denn Jason repräsentiert den Goldenen Westen.
Wie sehr die zeitgeschichtliche Kontamination des Mythos dabei ins Zentrum
det Exodus-Erzählung führt, zeigt Medeas Staatskritik am „vetdorbenen Kolchis"
(M, 104), denn im Exodus-Motiv wird das Heimatland nicht einfach zurückge-
lassen, sondern grundsätzlich, wie Walzer zum Auszug aus Ägypten schreibt, ver-
urteilt: „Die wesentlichen Begriffe des Urteils sind Unterdrückung und Ver-
derbtheit." Wolf setzt damit ihre Heldin, die sich flüchtend nicht als Flüchtling
begreifen will, nicht nur in Widerspruch zu sich selbst, sondern auch zum My-
thos, der gerade nicht den Heimatort, sondern das Exil als „der Übel größtes"
beschreibt. Aus der Perspektive der Wolfschen Medea scheint aber der Verlust
Kolchis' weitaus traumatischer und von nachhaltigen Folgen für die Zukunft der

45 Vgl. Kormann 1999: 260. Tatsächlich ist hier Domdeys salopper Begriff des „verschmähten
Liebhabers" (zit. n. ebd.) zutreffender.
46 Diese Abweichung von allen Mythenadaptionen des A/n&w-Stoffes bemerkt auch Steskal in sei-
ner umfangreichen Untersuchung (2001: 309) zu Jason und Medea in der deutschen Literatur
des 20. Jahrhunderts. Warum dies so ist, untersucht er allerdings nicht.
47 Walzer 1988: 31.
48 Euripides [431 v. Chr.] 1972: 27.
EXODUS 147

Exilanten: Mag die Ausgangslage der Kolcher - der Aufbruch - demjenigen des
Exodus vergleichbar sein, so gerät ihnen im Unterschied zu den Israeliten der
Auszug und seine nachfolgenden Stationen — versteht man den Text als zeitge-
nössischen Kommentar - gerade nicht zur identitätsfundierenden Erfahrung:
Während sich die ,„Volkwerdung' Israels - und Israel kann geradezu als der Er-
finder des Volksbegriffs im emphatischen Sinne gelten - [...] sich im Bezug auf
den Exodus und in der Kanonisierung der Torah" vollzieht, führte der Exodus
der DDR-Bürger in den Westen schließlich sowohl in seinet realen wie in seiner
symbolischen Dimension zum Ende der Identitätsformel ,Wir sind das Volk'.
Deren Ersetzung durch ,Wir sind ein Volk' bedeutete - vom revolutionären Volk
zur Nation - dann logisch das Ende der sich im Aufbegehren selbstdefinierten
DDR-Identität. Medeas Ablehnung, eine Exilantin zu sein, ist eine Rückprojek-
tion det Zeitgeschichte in den mythischen Raum, denn im Aufbruch der Kolcher
ist in ««ff schon der weitere Verlauf der Geschichte - der Untergang der DDR -
antizipiert, signalisiert doch der von den Korinthern verwendete Begriff,Flücht-
ling' nicht nut den Verlust der eigenen Kultur, sondern auch die enteignete
Deutungsmacht über die eigene Geschichte.
Auch ein weiteres kleines Nebenmotiv verweist auf den Exodus: Medea ist
mitnichten eine einsame Asylantin, sondern - gleich Moses - die Anführerin
zwar nicht eines ganzen Volkes, aber immerhin einer kleinen Gruppe von Kol-
chern. Diese Menschen verließen ihre Heimat, so Medea, aus zwei Gründen: ei-
nerseits ihretwegen - „geblendet durch den Ruf, den ich unter ihnen genoß" (M,
31) - , und andererseits weil dieser politisch oppositionelle Personenkreis „die
Verhältnisse ebenso unerträglich fand wie ich" (M, 32). Die konstitutiv zum Ex-
odus gehörende Verheißung des Gelobten Landes muß also, auch wenn die Idee
eines besseren Anderswo unausgesprochen bleibt, als politisches Movens der Ge-
folgsleute Medeas vermutet wenden. Offenbar ist Medeas Fluchtmotiv wie das ih-
rer Gefolgsleute als politisches zeitgeschichtlich eingefärbt. Gerade da, wo Wolf
die Motivation der mythischen Figuren umschreibt, greift sie unvermerkt auf
Partikel der alttestamentarischen Revolutionsnarration zurück und nähert sich
damit der Zeitgeschichte an. Dadurch ergibt sich aber die erzähllogische Proble-
matik: Anders als im Exodus muß die Vorstellung des Gelobten Landes hier als
handlungsmotivierende Einheit fehlen, denn diese kann im zeitgeschichtlichen
Kontext des Romans nur der Westen sein. Ganz kann sie aber andererseits nichr
fehlen, soll der Weggang aus Kolchis in irgendeiner Art politisch und nicht, wie
in der Vorlage, durch die Affekte begründet werden. Diese Ambivalenz drückr
sich in Medeas uneindeutigen Überlegungen zu den Motiven ihrer Mitexilanten
aus: Sie gingen „nicht meinetwegen, nicht nur meinetwegen" (M, 32). Eine wei-
tere Nähe zum Exodus-Motiv zeigt sich in der Kritik des Volkes an ihrer Führe-
rin — „enttäuscht von den Ländern, in die ich sie, selbst getrieben, geführt hatte"
(M, 32) - , zu der es analog zum Murren in der Wüste kommt. Vielleicht drückt
sich hiet auch der Wunsch aus, das Murren des Volkes an seiner weiterhin uto-

49 Assmann 1992:43
148 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

pie-orientierten Autorin möge nur temporärer Natur sein und die Leserschaft
möge zumindestens lesend weiter den Weg in eine andere Gesellschaft gehen.
Die Anwendung der Exodus-Erzählung, die sich auf Grund der Flücht-
lingswelle in der DDR für die Darstellung der Ereignisse nachgerade aufdrängt,
stellt als kultufhistorisch etabliertes Paradigma revolutionärer Politik die Autoren
vor zwei Probleme: Der Auszug aus Ägypten setzt die Erwartung des Gelobten
Landes voraus, der Anfang der Erzählung trägt sein Ende schon in sich. Tatsäch-
lich hatten die flüchtenden DDR-Bütger das bessere Anderswo ja vor Augen, sie
konnten es jeden Tag, so sie wollten, im Fernsehen ansehen. Gerade die BRD
konnte aber für Autoren wie Braun und Wolf kaum eine Verheißung darstellen
und die Vereinigung nicht das gute Ende der Geschichte sein. Der Versuch, statt
dessen einen Neuen Bund auszuhandeln - nicht zuletzt anhand des berühmten
Aufrufs Für unser Land - scheiterte: Zu wenige glaubten, daß die DDR noch
zum Gelobten Land werden könne. Allerdings zeigt das Ende det DDR nicht
notwendig, wie Harth mit Verweis auf Walzer zum Konnex von Mythos und Re-
volution schreibt, daß sich „die alte Mythenrede nur noch um den Preis ihrer In-
version aktualisieren läßt". Im Gegenteil hätte, wie Harth richtig bemerkt, die
Exodus-Formel zu „einer revolutionären Politik mit dem Ziel eines neuen Bun-
des, nämlich eines neuen Bündnisses der politischen und gesellschaftlichen Kräfte
am Zielott führen müssen". Zwar wurde der im Neuen Bund repräsentierte
neue Gesellschaftsvertrag im Anschluß an den Mauerfall als Inversion seiner nar-
rativen Vorgabe an dem Ort geschlossen, von dem der Exodus seinen Ausgang
nahm, andererseits handelte es sich aber gerade nicht um einen neuen Gesell-
schaftsvertrag, sondern um die Übernahme des bereits bestehenden der BRL).
Der von der Erzählung hier geforderte Neue Bund hätte sich vermutlich eher
nach Artikel 146 - mittels der von vielen geforderten Verfassungsdiskussion -
realisieren lassen.
Nimmt man die Exodus-Narration als kulturell verpflichtendes Modell revo-
lutionärer Politik, so zeigt sich, daß möglicherweise weniger das Ausbleiben der
Gewalt als vielmehr das Fehlen eines neuen Gesellschaftsvertrags für das Bild ei-
ner gescheiterten Revolution verantwortlich ist. Auf der narrativen Votlage be-
trachtet hätte die von Günter Grass und anderen geforderte Verfassungs-
diskussion einigende Funktion gehabt: Die Gesellschaft der BRD hätte sich da-
durch an einem Teilabschnitt revolutionärer Politik beteiligt und diese solcherart
in ihre Geschichte integriert. Entsprechend wäre sie selbst auch symbolisch
sichtbat verändert worden.

50 Harth 1992:20.
51 Harth 1992:20.
52 Noch am 3. Januar 1990 schrieb Johannes Gross in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1990:
109), daß „die diskussionslose Übernahme des politischen Systems det Bundesrepublik (...) nicht
mehr vorstellbar" sei.
53 Habermas argumentierte in der Zeit vom 30. März 1990 (vgl. Jäger/Villinger 1997: 129) untet
dem Titel Der DM-Nationalismus. Weshalb es richtig ist, die deutsche Einheit nach Artikel 146 zu
vollziehen, also einen Volksentscheid über die neue Verfassung anzustreben, daß es sich nut so um ei-
EXODUS 149

Die Französische Revolution bildete einen der wenigen Momente in det Ge-
schichte politischer Diskurse, in denen, so Walzer, der Exodus keinen Refe-
renzpunkt bildete. Der Exodus und die Französische Revolution stellen zwei
Revolutionsparadigmen dar, die in ihren zentralen Momenten völlig konträr ar-
gumentieren und deren Appellcharakter entgegengesetzt funktioniert. Stärker als
die von Walzer als Argument für den fehlenden Exodus-Bezug ins Feld geführte
Feindlichkeit der französischen Revolutionäre gegenüber christlichen und jüdi-
schen Weltanschauungen könnten die zwei völlig unterschiedlichen Schwer-
punkte dieser Revolutionsparadigmen für ihre Unvereinbarkeit verantwortlich
sein: Gegenüber einer an die Macht der Bilder und an das Inszenatorische ge-
bundenen Gewalt setzt das Exodus-Modell auf die an das Symbolische geknüpfte
Verhandlung: „Der Bund ist die politische Erfindung des Buches Exodus." ^ Der
Neue Bund bildet sozusagen den kulturhistorischen Präzedenzfall einer auf der
Freiwilligkeit aller Beteiligten basierenden und auf deren Zustimmung zielenden
Verhandlungsführung. Damit wird er zum Vorbild der Gesellschafts- und Regie-
rungsverträge seit dem 16. Jahrhundert. Der Bund stellt mit der Verhandlung al-
ler mit allen und der gesetzgeberischen Funktion der Beteiligten die gemeinsame
Symbolbildung in den Mittelpunkt politischen Handelns. Er kann deshalb als ei-
ne an der symbolischen Ordnung orientierten Politik das Gegenstück bilden zur
Gewalt des Imaginären, als das sich zumindest die Kernerzählung der Französi-
schen Revolution, der Sturm auf die Bastille, erweist.
Der Exodus bietet das Bild einer raum-zeitlichen Bewegung. Die Narration
von Auszug und Neuem Bund eignet sich zum Bild des prozessualen Charakrers
der Revolution von 1989, der mit den aus der DDR-Flüchtenden sein Anfangs-
bild und mit der Währungsunion 1990 als dem ersten Vertragswerk zwischen
DDR und BRD sein eher prekäres Schlußbild im Zeichen der Ökonomie erhält.
Fehlt dem Mauerfall auf der Folie des klassischen Revolutionsparadigmas das
physisch-blutige Initialbild, das das Ereignis als revolutionär hätte autorisieren
können, so findet das Revolutionsparadigma Exodus mit der Währungsunion
sein Schlußbild. Der Neue Bund stellt sich auf diesem Revolutionsparadigma also
als rein ökonomischer dar. In Grass' Ein Weites Feld verbinden sich beide Revo-
lutionsparadigmen im Zeichen des Scheiterns: Fonry will am Ende des ersten Bu-

nen bewußt vollzogenen Akt handeln wütde, um den sich republikanisches Selbstverständnis
gruppieren könne. Ähnlich argumentiert Koselleck (1997: 254, Hervorhebung von mir, E. B.):
„Meine Meinung isr hier identisch mit det von Böckenförde und Grimm, die beide als Ver-
fassungsrichter ein Plebiszir für die neu zu erstellende gemeinsame Bundesverfassung forderten.
Ich halte das immer noch für eine Minimalbedingung, um zwei Volksteile als souveränes Staats-
volk zusammenzuführen. Den Verzicht auf diesen symbolischen Akt, der die Entscheidung des
Volkes zum Ausdruck gebracht hätte, halte ich für einen schweren Verfahrensfehler zugunsten
eines rein legalisrischen Verhaltens. Aus formalen Gründen war ja die Abstimmung nicht er-
forderlich, aber man hätte mit dem souveränen Akt des Volkes den Geruch der .Superbetreuung'
durch den Westen wegpusten können [...]. Aus dem souvetänen Volk ist ein konstitutionelles
Referenzsubjekt gewotden."
54 Vgl. Walzer 1988: 15.
55 Vgl. Walzer 1988: 83.
150 JULI 1990: NEUE ZEIT, NEUES GELD

ches emigrieren, kaum daß er das Ost- in West-Geld umgetauscht hat, sitzt er
auch schon im Zug (vgl. WF, 152f.). Hier wird die Flucht noch vereitelt; erst am
Ende des Romans gelingt es Fonty, sich nach Frankreich abzusetzen. Dort will
Fonty mit seiner aus einem Seitensprung entstammenden Enkelin Madeleine ei-
nen „neuen Bund" schließen. Und auch hier lautet die Erkenntnis, wie schon zi-
tiert: „Eine sanfte Revolution ist keine!" (WF, 351)
Wandern, Reisen, Emigrieren bilden die dem Exodus verwandten Bilder, die
in der Literatur des Umbruchs zum Einsarz kommen, wo diese die Währungs-
union .thematisiert'. Die Geschichte des Exodus ist Jan Assmann zufolge seit ih-
ren vermutlich bereits vor dem babylonischen Exil liegenden Ursprüngen die
„Identitätsformel einer Widerstandsbewegung".1' Auch wenn der Exodus nach
dem Auszug und dem Neuen Bund zur Fundierung der imaginären Gemein-
schaft dient, so ist und bleibt er doch auch Distinktions- und Abgrenzungsformel
gegenüber einer als fremd und feindlich wahrgenommenen Umwelt. Als solcher
kann er bei Wolf und Braun nach dem Ende der Geschichte nicht mehr die
Mythomotorik des Volkes, sondern nur noch diejenige der revolutionären Dich-
ter sein, die im „Gesang, mein freundlich Asyl!" (Hölderlin) ihr Exil bewohnen.

56 Assmann 1992:48.
IV. 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

Geschichte schreiben ist eine Art,


sich das Vetgangene vom Halse zu schaffen.
Goethe

Auf die euphorisch gefeierten Herbstereignisse des Jahres 1989 folgte 1990 eine
ebenso heftige Kontroverse über den zukünftigen Status der beiden deutschen
Staaten. Die Frage, ob die Deutschen eine Nation bilden oder weiterhin zwei
Staaten bleiben sollten, wurde angesichts der Entwicklungen in der D D R zum
beherrschenden Thema und teilweise erbittert diskutiert. Dabei lösten im Zeit-
raum vom Mauerfall bis zum Wahlsieg der Allianz für Deutschland— des Wahl-
bündnisses der DDR-Parteien C D U , D S U und DA - bei den ersten freien
Volkskammerwahlen am 18. März 1990 verschiedene politische und staatsrecht-
liche Konzepte wie Vertragsgemeinschaft und Konföderation einandet ab." Die
bereits vor dem Mauerfall im Kontext der Bürgerrechtsbewegung entstandene Vi-
sion eines .dritten Weges' jenseits von Staatssozialismus und Kapitalismus konnte
keine Massenbasis gewinnen. Nachdem durch den Wahlsieg der Allianz die
Weichen für die Einheit gestellt waren, gewann die Frage nach den konkreten
verfassungsrechtlichen Schritten - entweder der Beitritt der D D R nach Artikel 23
des Grundgesetzes der BRD oder eine nach Artikel 146 durch das deutsche Volk
beschlossene (neue) Verfassung - nochmals eine besondere Schärfe. Aber nicht
nur das staatsrechtliche Prozedere, auch die Bezeichnung für das Zusammenge-
hen der beiden Staaten erwies sich - nicht zuletzt im Blick auf das Ausland - als
nicht unproblematisch. Obwohl det Begriff Wiedervereinigung' mißverständlich
war, da er auch im Sinne der Wiederherstellung des Deutschen Reiches in den
Grenzen von 1937 verstanden werden konnte und entsprechend während der auf
die Währungsunion folgenden Periode zugunsten des Begriffs .Vereinigung' auf-

1 Für eine knappe Übersicht der Positionen prominenter Autoren vgl. Glaser 1997. Vgl. auch Kie-
sel 1997 und Braun 1997. Siehe auch die Interviews zum Prozeß der deutschen Einheit, die Jä-
ger/Villinger (1997: 219-289) mit prominenten Zeitzeugen geführt haben.
2 Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 372) weisen die Konzepte .Verantwortungsgemeinschaft',
.Vertragsgemeinschaft', .Konföderation - Staatenbund', .Föderarion' und .Bundesstaat' nach.
3 Eine Übersicht über die Dynamik der Ereignisse bieten Herberg/Steffens/Tellenbach 1997.
152 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

gegeben wurde, avancierte er als „bildhaftes, gefühlsstarkes Wort", das sich als
Ausdruck der historischen Zusammengehörigkeit während der Teilung Deutsch-
lands etabliert hatte, nach der Herstellung der staatlichen Einheit am 3. Okto-
ber 1990 zur allgemeingültigen Bezeichnung.
In der Rückschau gewinnt der umstrittene Artikel Warum wir keine Nation
sind. Warum wir eine werden sollen von Karl-Heinz Bohrer, in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung vom 13. Januar 1990 publiziert, symptomatische Qualität:
Seit der Vereinigung sind, wie Hans Peter Herrmann 1996 resümiert, „nationale
Themen in der Medienöffentlichkeit wie in der Wissenschaft ,in"\ Bohrer kriti-
siert die Ersetzung der Nation durch das von Jürgen Habermas und anderen prä-
ferierte Konzept des Verfassungspatriotismus, da dies die Preisgabe ganzer „Be-
stände der bis dato identitätsbildenden psychischen und kulturellen Tradition"
impliziere. Wenn Schirrmacher demgegenüber 1997 das Fazit zieht, daß das
Thema Nation 1989 nur als „negative Mythologie" präsent gewesen sei, so wei-
sen diese anscheinend divergierenden Aussagen auf das zugrunde liegende Pro-
blem hin: So wie sich die .Erfindung der Nation' (Anderson) seit ihren früh-
neuzeitlichen Anfängen über die Zuschreibung einer kollektiven Geschichte voll-
zogen hatte, so konnte sich auch die Vereinigung als Wiedervereinigung nur über
die gemeinsame Vergangenheit legitimieren. Entsprechend hat, wie Ulfich
Herrmann konstatiert, die Vereinigung „auch eine aktuelle Besinnung auf natio-
nale Symbole bewirkt und Fragen an die aktuelle Erinnerungsarbeit stimuliert".
Die Vergangenheit als Legitimationsbasis der Nation erwies sich jedoch in mehr-
facher Beziehung als problematisch. Zum einen hinsichtlich der fehlenden ge-
meinsamen Vergangenheit während der deutschen Teilung. So plädierte etwa
Egon Bahr noch 1999 auf einer Diskussionsveranstaltung emphatisch und in Be-
zug auf den noch ausstehenden kollektiven Erinnerungszeitraum symptomatisch:
„Der Begriff der Wiedervereinigung ist falsch! Die Wiedervereinigung des deut-
schen Volkes steht noch bevor! Wir müssen uns in der Tat gegenseitig Ge-
schichte erzählen, wie wir sie 1949 und danach empfunden haben ..." " Zum
anderen aber auch hinsichtlich der jüngsten gemeinsamen Vergangenheit, denn
gerade die Teilung Deutschlands sollte als Resultat der NS-Zeit aus der Sicht ei-
niger Vereinigungskritiker als Erinnerung und Eingeständnis der Schuld auf-
rechterhalten bleiben. Entsprechend argumentierte Günter Grass:

4 Vgl. Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 389ff.).


5 Berschin (1990) zit. n. Herberg/Steffens/Tellenbach 1997: 394.
6 Vgl. Herberg/Steffens/Tellenbach 1997: 394f. In der Einleitung habe ich mit Wehler begründet,
warum der Begriff hier nicht verwendet witd.
7 H. P. Herrmann 1996a: 7. Vgl. auch: Francois/Siegrist/Vogel 1995a: 9 und Wehler 1996.
8 Bohrer 1990: 123.
9 Schirrmacher 1997: 347.
10 Dann (1995: 72) konstatiert, daß die Forderung, eine Nation zu bilden, nach 1990 „durch die
gemeinsame Geschichte der Deutschen und ihre ethnische Zusammengehörigkeit" legitimiert
wurde.
11 U. Herrmann (1996: 17). Vgl. auch Dann 1995:81.
12 Bahr 1999:49f
1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT 153

Wer gegenwärtig über Deutschland nachdenkt und Antworten auf die deutsche
Frage sucht, m u ß Auschwitz mitdenken. D e t O t t des Schteckens, als Beispiel ge-
nannt für das bleibende Trauma, schließt einen zukünftigen deutschen Einheitsstaat
13

aus.
Dem widersprach neben etlichen anderen vor allem Martin Walser, der diese Be-
gründung als „rassistisch" ablehnte, da sie einen quasi „biologisch" fixierten Cha-
rakter der Deutschen vorausserzen würde. Wollte man die Wiedervereinigung,
das heißt die Nation, so mußte die deutsche Geschichte noch einmal neu .erfun-
den' oder zumindest - so sah dies Walser schon 1979 - bewältigt werden: „Wenn
wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns wieder nationalen Aufgaben
zuwenden." Leider hielt sich der Lauf der Geschichte nicht an die von Walser
1979 festgelegte Marschroute - Auschwitz bewältigen, nationale Aufgaben ange-
hen - , und so blieb der Nationalsozialismus auch nach der Vereinigung noch ein
.unbewältigtes' Problem. 2001 konstruierte dann ein breit rezipierter Vortrag
Bohrers die Nation als eine Art Therapie für ein auf seine jüngste Vergangenheit
fixiertes und damit eigentlich traumatisiertes Kollektiv, wobei Bohrer nicht die
Opfer der deutschen Geschichte, sondern die Nachkommen der Täter meinte:
Im „Nahverhältnis" zum Nationalsozialismus hätten die Deutschen ihre „eigent-
liche Geschichtszeit" und damit ihre „historische Identität" ' verloren. Mit Aleida
Assmann, Jörn Rüsen und Gustav Seibt verfaßten renommierte Wissenschaftler
und Publizisten ausführliche Erwiderungen.
Es kann hier nicht um die Berechtigung der jeweiligen Argumente gehen. Der
Konnex von Nation/Erinnerung/Vergangenheit hat sich indes auch in der Lite-
ratur nach 1989/90 niedergeschlagen. Fischer und Roberts, Herausgeber des
Sammelbandes Schreiben nach der Wende (2001), begründen im Vergangenheits-
resp. im Gegenwartsbezug der Texte nach 1989/90 die Existenz zweier Literatu-
ren: Mit tiefgreifenden lebensgeschichtlichen Umbrüchen und Umstellungen
konfrontiert, thematisierten ostdeutsche Autoren die neudeutschen Verhältnisse,
während es in der westdeutschen Literatur - allen Proklamationen vom Ende der
Geschichte zum Trotz - mehr um Kontinuitäten als um Diskontinuitäten gehe:
„Die westliche Identität oder jedenfalls die der Autoren scheint noch immer
nachhaltiger von der Vergangenheit, d. h. der Last des Drirten Reiches, als von
det neueren Gegenwart bestimmt zu sein." Namentlich Der Vorleser von Bern-
hard Schlink (1995), Marcel Beyers Flughunde (1995), Walter Kemposwskis

13 Grass 1990a.
14 Walser [1990] 1997g: 445.
15 Walser [1979] 1997d: 224.
16 Bohrer (2001) in seiner Eröffnungsvorlesung der „Gadamer-Stiftungsprofessur" in Heidelberg
am 29. Mai 2001.
17 Vgl. Assmann 2001, Seibt 2001.
18 Roberts 2001a: XIV. Auch H. Schmitz (2000: 272) konstatiett das Anwachsen det Litetatut zum
Nationalsozialismus und schreibt zutreffend: „The problem of the Holocaust within German self-
understanding is rhat it invariably produces identity, even if this identity is .negative."
154 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

Echolot (1993) und Ruth Klügers weiter leben (1992) können als Belege für diese
These stehen.
Als gemeinschaftliche Vorstellung muß die Nation kommuniziert und darin in
ihrem Gehalt .ausgehandelt' werden." Sicherlich hatte Hans Mayer für viele (ost-
deutsche) Veteinigungsgegner gesprochen, als er den Gedanken, auf dem Boden
beider deutscher Staaten eine „real existierende Bundesrepublik"" zu wissen, als
„entsetzlich" bezeichnete, während Jürgen Kocka bereits am 19. Oktober 1990 in
der Zeit betonte, daß das neue Deutschland etwas anderes sei als die alte BRD.
Als kollektive Vorstellung ist die Nation Bestandteil des kulturellen Imaginären,
eine historisch wandelbare Konstruktion, die imagologische, realpolitische und
sozialpsychologische Ebenen miteinander verbindet." Die Teilung wie die Verei-
nigung Deutschlands wurden jenseits des auch von Schriftstellern benutzten Po-
lirvokabulars anschaulich in Bildern, die politische Votgänge deuteten und dabei
zugleich um affektive und alltagspraktisch bekannte Dimensionen erweiterten.
Die Frage nach der jeweiligen Beziehung zwischen DDR und BRD wurde in den
Regierungsberichten Zur Lage der Nation behandelt - wie es um diese, geteilt und
vereinigt, bestellt wat und ist, spiegelt sich literarisch indes in Deutungsmustetn
wider, in denen sich die Nation als imaginäre Gemeinschaft repräsentiert: Kör-
per, Familie, Geschlecht.

19 Vgl. dazu Struck 1998.


20 Vgl. dazu Weidenfeld/Korte 1999: 573.
21 Vgl. Jäger/Villinger 1997: 67.
22 Vgl. Jäger/Villinger 1997: 176.
23 Gegenüber Andersons Definition det .imaginären Nation', die vorrangig den fiktionalen Kon-
struktionsaspekt beschreibt, betont Bude (1999:15): „Gestalt und Verlauf des kollektiven Selbst-
verständnisses ergeben sich aus dem Zusammenspiel von Wir-Gefühlen und Staatsgebilde.'' Hen-
rich (1993: 78) grenzt indes den besonderen Gharakter der Nation gegenüber Gebilden wie
Staaten ab: „Real sind sie [die Nationen, E. B.] nur als ein Geflecht von Einstellungen und Er-
wartungen." Kocka (1995: 160) definiert sie als „gedachte Ordnung, eine kulturell definierte Vor-
stellung", diese habe aber wirklichkeitsprägenden Charakter. Füchtner (1996: 15) zufolge be-
zeichnet der Begriff Nation gleichetmaßen eine „votgestellte Einheit wie eine historische Katego-
rie mit realer Substanz".
1. Body Politics - Die deutsche Wunde
Nation! Volk!
einen Körper, der Vaterland heißt.
Johann Gottfried Herder, 1774

Jetzt wächst zusammen,


was zusammengehört.
Willy Brandt, 1989

In der Zeit, als die deutsche Frage eigentlich gar keine mehr war, garantierte in
der BRD das Familienbild der Brüder und Schwestern die Gleichzeitigkeit der
Entspannungspolitik - der Anerkennung zweier deutscher Staaten - einerseits
und der Aufrechtethaltung unverbrüchlichen Zusammengehörens andererseits."
Die Beziehung zwischen den beiden deutschen Staaten hatte sich seit den 70er
Jahren durch verschiedene Abkommen zwischen der D D R und der BRD, deren
wichtigstes der Grundlagenvertrag von 1972 bildete, notmalisiert. So mußte es
angesichts der offiziellen Sprachregelungen und politischen Realitäten trotz eines
immer mal wieder artikulierten ,Leidens an Deutschland'" doch weltfremd er-
scheinen, wollte man, wie Martin Walser 1977 in einer Rede unvermittelt for-
derte, „die W u n d e namens Deutschland offenhalten". ' Der verletzte Körper
Deutschlands sollte nach Walsers Willen nicht vernarben, also auch nicht heilen
- mit Wolf Biermanns Worten „in diesem zerrissenen Land/Die Wunden wollen
nicht zugehn/unter dem Dreckverband"."
Walser und Biermann schließen mit dem Bild der Wunde an eine Ikonogra-
phie an, die nach Siegfried Gohr als ein Leitmotiv der bildenden Kunst in
Deutschland seit der Entstehung ffühnationalen Bewußtseins gelten kann: Dürer
begründet mit seinet Zeichnung Sitzender Schmerzensmann (1522) - eine Analo-
gie des an seiner Zeit leidenden Künstlers zum stigmatisierten Jesus - eine Tradi-
tion christomorpher Selbstdarstellungen, in der gesellschaftliche Anklage und äs-
thetische Selbstreflexion konvergieren." Die christliche Ikonographie der Wunde

24 Anders als die Begriffe .Vaterland' und .Staat' korrespondiert das Bild der Nation sozial-
psychologisch am ehesten mit det Familie. Vgl. Füchtnet 1996: 49ff. Geptägt wurde diese Vor-
stellung in der Französischen Revolution. Zu betonen ist mit Henrich (1993: 85), daß das Fehlen
eines petmanenten Verttagsschlusses zwischen den Mitgliedern der Nation diese „wirklich in die
Nähe der natürlichen Gemeinschaft der Familie zu rücken" scheint, ihr die „naturale Basis" der
Familie aber gerade abgehe.
25 Kortes (1992: 54) Behauptung, das „Leiden an der Teilung der Nation durchzieht leitmotivisch
seit den fünfziger Jahren zahlreiche Romane in der Bundesrepublik und der DDR", ist überzo-
gen.
26 Walser [1977] 1997c: 208.
27 Biermann [1976] 1991: 280. Auch Stefan Heym spricht in Reden über das eigene Land (1983, zit.
n. Kotte 1992: 53) von der „offenen Wunde", die trotz der Antibiotika weiter eitete.
28 Vgl. Gohr 1997: 22. Mit Garber (1993) ist darauf zu verweisen, daß die Epochenzäsur zwischen
Mittelalter und Neuzeit nicht bruchlos auf die Ausbildung der Nationenidee übertragen werden
kann. Mit den Humanisten wird allerdings eine von Rom abgelöste Nationalgeschichte der
156 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

ist zugleich auch erotisch konnotiert - im 19. Jahthundert findet dies wohl seinen
stärksten Ausdruck in Clemens Brentanos Spärwerk und im Parsifal von Richard
Wagner." Inwieweit die Wunde auch als ein literarisches Leitmotiv im Kontext
nationaler und/oder historischer Selbstthematisierungen gelten kann - zu denken
wäre an die Wunden der Geschichte im barocken Trauerspiel, Schillers Bemer-
kung über die Wunde der in das Staatenwerk geteilten Menschheit oder an die
Körperdiskurse der Politischen Romantik - muß hier offen bleiben. Die Wir-
kungsgeschichte der Kriegslyrik Heinrich von Kleists legt allerdings eine zumin-
dest populäre Tradition der .deutschen Wunde' nahe. Die nachstehende Fassung
seiner prominenten Ode Germania an ihre Kinder wurde auf verschlungenen
Wegen tradiert und ersr 1994 erneut publiziert. Um so bekannter mutet die Zeile
„Wachst du auf, Germania?" an, evoziert sie doch, wie Sembdner schreibt, „für
uns peinliche Reminiszenzen an den nationalsozialistischen Kampfruf .Deutsch-
land erwache!' [...], ohne daß dessen Urheber, Dietrich Eckart, jene Kleistsche
Variante gekannt haben dürfte". Entsprechend populär dürfte auch die Wun-
den-Metaphorik dieser Ode sein. Kleist verortet das nationale Kollektiv zunächst
geographisch als ein in verschiedenen Regionen lebendes Volk der Brüder, allego-
risiert die Nation im Bild der Germania, um schließlich die Wunden im Volks-
körper fühlbar zu machen:

Deutschen postuliert, die sich auf die neu aufgefundene Germania des Tacitus stützt. Auch der
mit Dürer befreundete Humanist Willibald Pitckheimer konstruierte eine Abstammungslinie det
Deutschen aus germanischen Ursprüngen. Vgl. dazu Garber 1993: 28f.
29 Zu Brentano vgl. Brandstetter 1986, zu Wagner das folgende Kapitel.
30 Gohr 1997: 22. Gohr (ebd.: 29f.) verweist auf Schillers Briefe zur ästhetischen Erziehung des Men-
schen, wo dieser im Vierten Brief die Möglichkeit enrwirft, daß „das Individuum Staat wird, daß
der Mensch in der Zeir zum Menschen in der Idee sich veredelt" und im Sechsten Brief die
„Wunde" thematisiert, die der „neueren Menschheit" durch die „Kultur selbsr" - namentlich das
„verwickeitere Uhrwerk der Staaten" - beigebracht wurde. Diese Wunde werde, so Gohr - aller-
dings ohne weiteren Beleg - „unterhalb det Ebene des Idealismus und der Klassik weiter offen-
gehalten, ja sie ist der Anttieb der deutschen Romantik und deren Sehnsucht nach Erlösung des
Individuums" (ebd.: 30). Indem Gohr Schiller einmal mehr zum Gewährsmann des Nationalen
macht, setzt er die von Noltenius (1993: 151) skizzierte Vereinnahmung des Klassikers zur „Füh-
rerfigur der politischen Opposition mit ihrer Forderung nach nationaler Einheit" im 19. Jaht-
hundert alletdings fort.
31 Die Studien von Krüger-Fürhoff zu Kleists Zweikampf (1998) und zur Wunde im Kontext des
klassischen Schönheitsideals (2001) beleuchten die Wundendarstellung als literarisches Grenz-
phänomen. Zum Wunden-Motiv als Verarbeitungen subjektgenetischer Traumatisierungen bei
Goethe und Kafka vgl. Schuller 1998. Das Motiv findet sich auch in der jüdischen Erinnerungs-
kultut. In ihrer Untersuchung zu Levinas spricht Elisabeth Weber ([1990] zit. n. Funke 1996:
221) von der „Wunde der Erinnerung", die „nicht nur eine Wunde innerhalb der jüdischen Fa-
milien und Gemeinden bedeutet, sondern die eines Jahrhunderts, einer Kulrur, eines Kontinents
ist."
32 Sembdner (1994: 90) schreibt: „Die Wirkungsgeschichte dieser Fassung serzte früh ein: ,Wer
kennt nicht seinen [Kleists, E. B.] lyrischen Auferweckungsruf: .Germania, erwache!'?' schreibt
Friedr. Gottl. Zimmermann in den Dramaturgischen Blättern für Hamburg vom Februar 1821
(Nachruhm Nr. 265a) — eine inreressante Bemerkung, die zeigt, wie verbreitet auch diese Fassung
der Ode gewesen sein muß, die uns im Druck nur an entlegener Stelle überliefert wutde."
BODY POLITICS - DIE DEUTSCHE WUNDE 157

Germania an ihre Kinder.

Horchet durch die Nacht, ihr Brüder,


Welcher Donner ruft hernieder?
10 Wachst du auf, Germania?
Ist der Tag der Rache da?

45 Wer in tiefgefühlten Wunden


Jenen fremden Hohn empfunden,
Brüder, jeder deutsche Mann
Schließ' sich unsern Reihen an!
[...] (In: Semdner 1994: 88)

Kleists Gedicht schließt den individuellen und politischen Körper im Bild der
W u n d e kurz. D a ß die W u n d e nicht nur ein literarisches, sondern auch ein po-
litisches Grenzphänomen ist, macht der Kommentar des Herausgebers dieser
Ode, Karrig, deutlich: „Wit geben hier folgendes Gedicht von ihm, welches für
alle Zeiten paßt, wenn ein Feind die Grenzen stürmt."
W u n d e und Grenze sind im politischen Körperdiskurs über das Bild der Ver-
letzung aufeinander bezogen. Während der deutschen Teilung findet sich die
W u n d e - sowohl ikonographisch wie auch als Verlerzung des Bildleibes — etwa in
den Werken Beuys', Baselitz' und Immendorfs. Sie steht damit in einer kultur-
geschichtlichen und -kritischen Tradition, die sich nach 1945 als Auseinanderset-
zung mit dem Faschismus konkretisiert:
Thomas Manns ,Dr. Faustus' erscheint ausdrücklich als ein Werk, das die offene
Wunde, das Leiden an Deutschland, zum Thema macht. Der Dichter bezog sich
übrigens auf Dürers Schmerzensmann-Zeichnung. Eine Generation später schuf Jo-
seph Bcuys mit seiner Installation .Zeige deine Wunde' den doppelten Hinweis auf
Parsifal und Deutschlands Trauma nach dem Nazi-Reich. Jörg Immendorf [...]
malte 1982 ein monumentales Querfotmat, Die Naht', auf dem das Brandenburger
Tor wie eine zugenähte Wunde ins deutsche Eis gebrannt ist. Individuelle Künst-
lermythologie und nationales Dilemma greifen ineinander, wie dies von Immendorf
in seinem Zyklus .Cafe Deutschland' behandelt worden ist.

Zehn Jahre nach seiner ,Wunden'-Rede machte Walser die deutsche Teilung zum
Gegenstand seiner Novelle Dorle und Wolf {WcM). Hier ist die Teilung im My-
thos der Kugelwesen dargestellt, dessen Urbild sich in Piatons Gastmahl findet.
Wie dort Aristophanes seine Theorie des Eros als Verlangen ehemals ganzer We-
sen zur fehlenden Hälfte, zum anderen Geschlecht, ausführt, so formuliert hiet

33 Friedrich Ludwig Jahn (o. J. [1922]: 20) fordert 1810 für Deutschland eine natürliche Grenze,
die er aber nach Westen und Osten nicht festlegen kann. Er prägt deshalb den Begriff .Mittel-
volk' und nennt Schwedisch-Pommem und Holstein die „offen bleibende Wunde im alten
Reichskörper".
34 Zit. n. Sembdner 1994. Karrig schrieb die Ode fälschlich Ewald Christian von Kleist zu. Karrig
erhielt das Manuskript ohne Verfasserangabe.
35 Gohr 1997:26.
158 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

Walsers Protagonist Wolf Zieger: „Wir sind Halbierte." ( D W , 55) Allerdings, so


Wolf, wüßte kein Westdeutscher um das ihm Fehlende: „[Kjeiner würde, fragte
man ihn, sagen, ihm fehle seine Leipziget Hälfte, sein Dresdener Teil, seine
mecklenburgische Erstteckung, seine thüringische Tiefe." (Ebd.) U m die deut-
sche Teilung zu überwinden, spioniert Wolf für die D D R , um durch einen
Transfer des Know-hows eine Angleichung zwischen beiden deutschen Staaten zu
erreichen und solchermaßen schon vorab der deutschen Vereinigung zuzuarbei-
ten. Wolf Zieger ist ein ,Romeo', ein ostdeutscher Agent, der mit seiner Ehefrau
Dorle eine Sekretärin des Bonner Verteidigungsministeriums geheiratet hat, die
er gleichwohl liebt. Zugleich vergnügt er sich aber auch außerehelich mit Dorles
Kollegin Sylvia. Zwar gibt er vor, dies nur spionagetechnisch zu tun — Sylvia lie-
fert Dokumente — allein, der Agent und seine Leserschaft wissen es besser. Die
etwas altbacken geratene Spaltung der Frauenfiguren in eine geliebte Ehefrau und
eine sexgierige Geliebte verdeutlicht einmal mehr die doppelte Existenz oder Ge-
spaltenheit des Protagonisten in Analogie zur Existenz zweier deutscher Staaten
(vgl. D W , 43). Auch seiner geheimen Leidenschaft, dem Klavierspielen, frönt
Wolf nur mit einer Hand. Diese theatralisch-hysterische Symbolik reinszeniert
die Teilung Deutschlands als Selbstamputation. Als Wolf anläßlich eines gehei-
men Treffens mit seinen Führungsoffizieren in Frankreich aufgefordert wird, auf
dem extra für ihn bereitgestellten Klavier seine Lieblingsmusik vorzuspielen,
scheitert der Versuch an mangelndem Ausdrucksvermögen: „Er spielte also. Aber
nicht lang. [...] Es hat keinen Sinn, sagte er." (DW, 83) Die von Walser 1977 in
seiner Rede beschworene deutsche W u n d e ist 1987 in der Novelle zum psychi-
schen Stigma geworden.
Die NS-Vergangenheit witd in Walsers Dorle und Wo^fallerdings ausgespart
bzw. verkommt zur bloßen Staffage. Walser wendet sich in den 70er und 80er
Jahren immer mehr der .nationalen Frage' zu. Galt er 1989 deshalb als Ausnahme
unter den zu den Ereignissen schweigenden Intellektuellen, so trug ihm dies vor
1989 — wie er sich selbstironisch titulierte - den Rufeines „Nationalreferenten"
ein. Helmut Peitsch zufolge haben sowohl Walser als auch Grass - die beiden
deutschlandpolitischen Antipoden' — trotz und während der Normalisierung der
deutsch-deutschen Verhältnisse als „Produkt der Enttäuschung mehr oder weni-
ger radikaler Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen" maßgeblich zu
einer Nationalisierung der Literatur beigetragen - wenn auch mit unterschiedli-
cher Zielrichtung. Während Walser das konkrete Verlangen nach der deutschen
Einheit artikuliert, betont Grass die von ihm allerdings nicht eindeutig definierte
Kulturnation. Im Verlauf der 70er und 80er Jahre wurde der von Grass eher
politisch verstandene, bei Walser eher soziale Begriff der Utopie „einerseits litera-
risiert, andererseits nationalisiert: Je literarischer die Utopie wurde, um so natio-

36 Peitsch 1993:459.
37 Peitsch 1993:481.
38 Zum Konzept det Kultutnation, wie Grass es entwickelt hat, liegen etliche Atbeiten vor. die hier
nicht diskutiert werden sollen. Genannt seien: Peitsch 1993. Mews 1994, Kiesel 1997. Braun
2000.
BODY POLITICS - DIE DEUTSCHE WUNDE 159

naler". Peitsch, der das politische Engagement von Walser und Grass nachge-
zeichnet hat, resümiert, daß für beide Autoren „die .deutsche Frage' niemals nur
das Verhältnis der beiden deutschen Staaten meinte, sondern stets zugleich das
zur nationalsozialistischen Vergangenheit".
Zwei Jahrzehnte vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten mochte
Walser die Wiedervereinigung zwar als vordringliche nationale Aufgabe anse-
hen, angesichts der realpolitischen Lage schien sie jedoch ferner denn je.41 Hatten
sich die Westdeutschen mit der Teilung weitestgehend abgefunden - und kom-
pensierten iht Desinteresse an den Brüdern, die das Schicksal unserer Trennung
tragen, die nicht zu vergessen etwa ein Bürgerhaus am Bremer Marktplatz in gro-
ßen ehernen Lettern anmahnte, mit Mitleid — so verabschiedete die Staatsfüh-
rung der D D R 1974 die Formel ,zwei Staaten, eine Nation' zugunsten des soziali-
stischen Staates der Arbeiter und Bauern.
Wie sehr sich die W u n d e zu schließen drohte, zeigt beispielhaft das 1981 er-
schienene Lesebuch zur deutschen Teilung, das mit dem Titel Die Wunde namens
Deutschland die diskursiv-formative Kraft der Walserschen Formulierung offen-
bart. Die Herausgeberin Hedwig Walwei-Wiegelmann begründet ihr Thema in
einer Begegnung mit einem .Ostdeutschen', der sie in Weimar als .Westdeutsche'
gegrüßt habe - „man wird ja drüben leicht als solcher erkannt" - um sie dann ein
Stück des Weges zu begleiten:
Aber was spricht et da so auf der Straße? Ich höre genauer hin und - ich will es
nicht glauben - aber jetzt höre ich es ganz genau: er spricht Verse. Darin ist viel von
Deutschland die Rede; von einem friedlichen Deutschland, unserem einigen Vatet-
land und von einem glücklichen Deutschland, über dem die Sonne scheint „schön
wie nie"; von Deutschland, unsetcm einigen Vaterland und von einem glücklichen
Deutschland, übet dem das „Licht des Friedens" scheint, damit „nie eine Mutter
mehr ihren Sohn beweint."

In dieser rührseligen Szene artikuliert sich die Stimme des .Ostdeutschen' als
kaum hörbares, fast versunkenes, dunkles kulturelles Gedächtnis. Zugleich ist
dieses Pastiche selbst eine latente kulturhistorische Erinnerung, reproduziert es in
der Nationalisierung des Gefühls über die gesprochene Poesie des Volkes die
Entdeckung der ,Natutpoesie' durch die Romantiker, die solchermaßen die Ge-
meinschaft der Deutschen über die vorliterarische Volkskultur konstruierten:
Anders jedoch als in den über Textprodukrion und -rezeption wirken wollenden
Projekten von Novalis, Schlegel, aber auch über die oratorische Staatskunst Adam
Müllers hinausweisend, wird mir Brentanos und Arnims Volksliedsammlung

39 Peitsch 1993:481.
40 Peitsch 1993:461.
41 Barner (1994c: 936) konstatiert in der von ihm herausgegebenen Litetaturgeschichte, daß Martin
Walset das nationale Thema „seit Dorle und Wolf im im Alleingang .gepflegt' harte".
42 Walwei-Wiegelmann 1981b: 9. Die hier vom .Ostdeutschen' zitierte DDR-Nationalhymne wat
seit 1974 - Streichung des Begriffs .Nation' aus der DDR-Verfassung - wegen der Zeile
„Deutschland einig Vatetland" faktisch verboten; sie wurde weder gesungen noch gedruckt. Vgl.
dazu Wolle 1998:64.
160 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

Des Knaben Wunderhorn „die Nation zur Gefühlssache - und ihr Körper zum
Resonanzkörper einer sich im Singen und Sprechen selbst vernehmenden Na-
tion". In Walwei-Wiegelmanns Darstellung folgt dem Appell des Ostdeutschen,
„nicht abgeschrieben"44 zu werden, die Empörung der Herausgeberin, die nun die
lange Liste deutschlandpolitischer Verfehlungen nach 1975 referiert: Grundla-
genvertrag, weltweite Anerkennung der DDR, ihre Aufnahme in die Vereinten
Nationen, Streichung des Begriffs .deutsche Nation' seitens der DDR, Zementie-
tung der Teilung. Dem von Gott und der Welt, zumindest den Gesetzen und
allen Nationen Abgeschriebenen - der sich entsprechend auch nur noch münd-
lich zu tradieren weiß - wird mithin in Form des Buches tatkräftig zugeschrieben
und so mit der ganzen Machr des Wortes kräftig Salz in die Wunde namens
Deutschland gerieben.
Tatsächlich wiederholt sich hier Literaturpolitik en miniature. Nimmt man
Walwei-Wiegelmanns 1981 herausgegebene Textsammlung als Beleg der von
Walser (mit)initiierten „nationalischen Welle" (Helmut Peitsch), die hier in der
Figur des Verse rezirierenden .Ostdeutschen' das geteilte Volk über seine Poesie
als ganzes konstruiert, so erinnert dies an Clemens Brentanos und Achim von Ar-
nims literarpolitisches Projekt mit der als alte deutsche Lieder deklarierten Samm-
lung Des Knaben Wunderhorn „die politisch unsichtbare Nation zu Wort kom-
men zu lassen und sie als Klangkörper hörbar zu machen." Im Kontext der Po-
litischen Romantik statten Brentano und Achim den Gemeinschaftskörper erst-
mals mit einer illiteraten Sensibilität aus, „die es mit einer Klang gewordenen
Sprache wohl zu stimulieren, aber nicht mehr zu bilden gilt." Die zum Körper
naturalisierte Gemeinschaft soll nun nicht mehr über ästhetische Bildungspro-
gramme, sondern über das Gefühl adressiert werden: Der „Volksgeist", den At-
nim mit seinem der Textsammlung beigefügten Essay Von Volksliedern be-
schwört, ist „ein illiterater Geist. An seine Innerlichkeit dringt lediglich heran,
was die Schwelle kognitiver Bearbeitung unteriäuft". Auch Walser plädierte
1979 für eine größere Nähe der Inrellekruellen zum Volk, neun Jahre später
betonte er sein „Geschichtsgefühl". Ohne die Bezüge überstrapazieren zu wol-
len, frappiert doch det analoge Verlauf in der Konstruktion nationaler Identität.
Achim von Arnim rief im Anschluß an das Volkslied-Projekt zunächst die Christ-
lich-deutsche Tischgesellschaft ins Leben, um hier das „Abendmahl als soziale Praxis
mit patriotischem Signalcharakter" ins Werk zu setzen, und behauptete dann im
Novellenzyklus Die Versöhnung in der Sommerfrische (unveröffentlicht) kollektive

43 Matala de Mazza 1999: 360.


44 Vgl. Walwei-Wiegelmann 1981: 9f.
45 Vgl. Walwei-Wiegelmann 1981: 9f.
46 Matala de Mazza 1999: 350.
47 Matala de Mazza 1999: 362.
48 Matala de Mazza 1999: 362.
49 Walser [1979] 1997d: 222.
50 Walser [1988] 1997f: 426.
51 Matala de Mazza 1999: 46.
BODY POI.ITICS - DIE DEUTSCHE WUNDE 161

Identität nicht mehr nur aus sich heraus, sondern postulierte sie in der Gegen-
überstellung von Christen und Juden als unhintergehbare Differenz. " Ebenso
provozierte auch Walser — nachdem er schon während der Teilung Deutschlands
die Zweistaatlichkeit als aufoktroyierte Realität „ausländischer Sandmonstren"
bezeichnete und damit die Einheit des Volkes auch als Abgrenzung nach außen
konstruierte - nach der Vereinigung einen Konflikt mit Ignatz Bubis, dem da-
maligen Vorsitzenden des Zentralrates der deutschen Juden.
Auslöser war die berühmt-berüchtigte Friedenspreis-Rede von 1998, in der sich
zugleich die Folgen der body politics zeigen: Hier forderte der Autor einen neuen
Umgang mit der Erinnerung an den Holocausr, der als Appell, die Vergangenheit
zu verdrängen, verstanden werden konnte. Auch in dieser Rede überträgt Walser
systematisch ihm unliebsame Tatbestände - so den neu aufflammenden Rechts-
radikalismus - in Bilder des Körpers und damit des Schmerzes: „Die [...] wollen
uns weh tun, weil sie finden, wit haben das verdient" (ES, 17). Die schmerzer-
zeugenden Aggressoren sind aber beileibe nicht die Rechtsradikalen, sondern die
darüber informierenden Berichrerstatter: „Die" - so Walsers Argument - fügen
„uns" als Strafe für die Schuld am Holocausr „Schmerz erzeugende Sätze" (ES,
16) zu: Die über Vereinnahmung verlaufende Konstruktion des (nationalen)
Kollektivs ist einer der unangenehmsten Aspekte dieses Textes. Die Rede entwirft
das Bild einer durch die Presse bestraften Gemeinschaft. Walser Bekenntnis, ihm
unliebsame Meldungen zu ignorieren, ist die logische Fortsetzung seines Appells,
die Vergangenheit zu vergessen, genauer zu verdrängen:

An der Disqualifizierung des Verdrängens kann ich mich nicht beteiligen. Freud rät,
Vetdrangen durch Verurteilung zu ersetzen. Aber soweit ich sehe, gilt seine Aufklä-
rungsarbeit nicht dem Vethalten des Menschen als Zeitgenossen, sondern dem vom
eigenen Triebschicksal Geschüttelten. (ES, 1 1)

Das Subjekt, das Walser hier säuberlich in ein privates und ein politisches tren-
nen will, ist genau jenes, das sich als vom historischen Triebschicksal gebeutelter
Zeitgenosse in seinen Texten artikuliert. Die Wunden-Thematik des body politic
steht bei Walser in einem historischen Kontext, der durch schmerzhafte und
rauschhafte Zäsuren - Nationalsozialismus/Teilung und Mauerfall/Vereinigung -
struktutiert ist. Sie weist damit in ihrer Zeitsttuktut Analogien zur frühkindli-
chen Erfahrung des zerstückelten Körpers und seiner ,jubilatorischen Überwin-

52 Vgl. Matala de Mazza 1999: 46f. und 389ff


53 Vgl. Peitsch 1993:478.
54 Schon am 20. Oktober 1989 schreibt Walser angesichrs der Flüchlingswelle in der Zeit (vgl. Jä-
ger/Villinger 1997: 46f.), daß die Entscheidung zur Wiedervereinigung den Ostdeutschen vor-
enthalten wetde. es aber gälte, die Nachkriegszeit zu beenden.
55 1979 hatte Walser (1997e: 234) in einer Rede zur Eröffnung einer Ausstellung, die Zeichnungen
von Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz zeigte, noch die Schwierigkeiten beim Hin-
schauen thematisiert: „Ich möchte lieber wegschauen von diesen Bildern. Ich muß mich zwingen
hinzuschauen. [...] Wenn ich mich eine Zeitlang nicht gezwungen habe hinzuschauen, merke ich,
wie ich verwildere."
162 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

dung' im Bild des integralen Ichs auf. ' Einmal überwunden, wird das Phantasma
des corps morcele zur Bedrohung des sich nun integral und ganzheitlich wähnen-
den Ichs. Die Inszenierung politischer Vorgänge in einem Körperphantasma, das
eine neugewonnene Einheit einer vorangegangenen gewalttätigen Fragmentie-
rung entgegensetzt, muß zwangsläufig zur Abwehr der Vergangenheit führen,
scheint diese doch die neugewonnene Einheit zu gefährden. Ein solcher Umgang
muß nicht nur ,ohnmächtig'-agierend die NS-Vergangenheit als Trauma reinsze-
nieren, sondern produziert darüber hinaus aktiv das Angstphantasma, das in det
im Wortsinne Ich-fremden Vergangenheit die Bedrohung der deurschen Einheit
sieht. Solchermaßen wird letztlich die desymbolisierte traumatische Vergangen-
heit, der Holocaust selbst zur Bedrohung der ersehnten Einheit. Damit vollzieht
sich die Erfindung der Nation nach historisch bewährtem Muster: Die Kon-
struktion der imagined Community vollzog sich immer auch über den imaginären
Anderen, den Feind. Das den body politics implizite Spiel einer Verkorperlichung
und damit Entsprachlichung der Zeichen verläuft nach kohärenten Regeln: Abge-
spalten als das traumatische Andere zum eigenen Ich werden schließlich die phy-
sischen Repräsentanten des Anderen zur Bedrohung, die aggressiv abgewehrt
wenden müssen: In der Diskussion zwischen Martin Walser und Ignatz Bubis
nach det Friedenspreis-Wede standen sich der Vertreter der neugewonnenen Ein-
heit ohne belastende Vergangenheit und sein intrapsychisch Anderer als Re-
präsentant der traumatischen Vergangenheit gegenüber.
Hatte Walset mit Dorle und Wolf1987 die deutsche Teilung im Bild der ge-
trennten Kugelwesen beklagt, so versuchte sich nach 1990 mit Thomas Hettche
ein weiterer Autor in den aristophanischen body politics nationalet Heilungsversu-
che. Doch wird auch hier die .deursche Wunde' literarisch nicht geschlossen - im
Gegenteil: Hettches Roman A/o.v(1995) reißt sie erst richtig auf. Hettche chif-
friert den Mauerfall in einer Gleichsetzung von Körper, Zeichen und Geschichte.
Nox, die Nacht der Maueröffnung, vollzieht sich dabei in sadomasochistischen
Ritualen seiner Protagonisten, in denen die ,deutsche Wunde' am Körper des
Romanpersonals aufbricht. Die Flröffnungsszene gleicht einem Thriller: Der Ich-
Erzähler, ein Schriftsteller, wird nach einem sexuellen Rencontre von der ihm
unbekannten Frau mit einem Schnitt durch die Kehle umgebracht und wohnt

56 Vgl. Lacans ([1949] 1986) Aufsatz zum Spiegelstadium.


57 Unter dem Titel Geistige Brandstiftung (Klotz/Wiegel 2001) sind Aufsätze versammelt, die die
Walser-Bubis-Debatte im Kontext det .Entsorgung' von Vergangenheit untersuchen. Vgl. in die-
sem Kontext insbesondete K. Köhler 2001a und K. Köhler 2001b.
58 Die folgende Interpretation beansprucht nicht, Hettches Roman schlüssig zu deuten. Im Unter-
schied zu Hollmer/Meier (1999: 123), die Nox auf der „Höhe der poststrukturalistischen Litera-
turtheorie" sehen, weswegen ein „schlüssiger Gesamtsinn" (ebd.: 125) gar nichr vorauszusetzen
wäre, sehe ich eine gewisse „Bedeurungshuberei" (Jörg Lau), die verquast und auch unfteiwillig
komisch daherkommt. Langer (2002: 164) schließt hingegen an Hollmer/Meier an und postu-
liert, „daß die eminent politische Lesart des Textes" zwar naheliegend, aber fragwürdig sei. Genau
um diese wird es in der vorliegenden Studie gehen: Fokussierr werden hier das Wunden-Motiv
und die Verleiblichungssttategien, um die im Text angespielten histotischen Ebenen mireinander
in Bezug zu setzen.
BODY POLITICS - DIE DEUTSCHE WUNDE 163

solchermaßen dem weiteren Geschehen nur noch als sukzessiv verwesende Leiche
bei. Nach dem Mord vergißt die Frau ihren Namen. Sie repräsentiert im
deutschlandpolitischen Kontext des Romans damit das noch Undefinierte Kollek-
tivsubjekt Nation im Moment des Mauerfalls: ,,[W]' e s ' e durch die Menge zur
Mauer trieb. Wie sie die Hand an die Wunde im Beton legte. Nun, dachte sie,
sind alle ohne Namen wie ich." (N, 109) Die Mörderin bewegt sich zwischen
West- und Ost-Betlin und passiert dabei den Grenzstreifen und seine anrainen-
den Gebiete, das „Niemandsland, Ausläufer der Wunde, Narbengewebe" (N, 90).
Der neugeöffnete Berliner Stadtraum wird solchermaßen zum Geschichtsraum
verleiblicht, dessen ehemals getrennte Bewohner sich in allegorischen Szenen be-
gegnen, genauer: begarten.
Im Zentrum dieser historischen Topographie - in seiner Funktion dem Treu-
hand-Gebäude als dem Signifikanten deutscher Kontinuität in Grass' Weites Feld
vergleichbar - befindet sich die Ostberliner Charite. Doch dieser Ort möglicher
Heilungsprozesse erweist sich nicht allein als Krankenhaus, sondern darüber hin-
aus als Monstrositätenkabinett. Vorgestellt witd mit der Sammlung Virchow die
weltweit größte Sammlung .deformierter' Körper. Eine der Hauptfiguren des
Romans, der Direktor des Instituts für Pathologische Anatomie, Professor Ma-
tern, erläutert eingangs einer Besuchergruppe die Exponate der Sammlung:
„Mißbildungen, [...] syphilitischer Schädel, Skelett eines Erwachsenen mit Ra-
chitis, [...] Wasserkopf, [...] verkrümmte Wirbelsäulen" (N, 24f.). Im Hauptge-
bäude der Pathologie - dem Theater der Anatomie - findet denn auch als Kul-
minationspunkt der Handlung analog zum Mauerfall die Vereinigung des Ro-
manpersonals als Orgie statt.'
Mit dem Pathologischen Museum wird nicht nur die Sammlung Virchow ins
Bild gesetzt, diese auf Visualisierung zielende Szenerie zitiert auch die im
17. Jahrhundert zu einem eigenen Genre herausgebildeten Anatomiedarstellun-
gen in der bildenden Kunsr. Das Theater der Anatomie verweist dabei über die
Anatomiedarstellungen, als deren herausragende Repräsentanten Rembtandts
Gemälde gelten, auf die Verschränkung der medizinischen und der natio-
genetischen Diskurse der Frühen Neuzeit zurück. Descartes, dessen Abhandlun-
gen zum Körper die Entstehung des frühneuzeitlichen body politic maßgeblich

59 1899 eröffnete Rudolf Virchow das Parhologische Museum in der Berliner Charite mit über
20 000 Ausstellungsstücken. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schwer beschädigt, die
Sammlung von zuletzt 25 000 Präparaten wurde bis auf 2000 vernichtet. Der berühmte Hörsaal
wurde zur offenen Ruine. Das Museumsgebäude wurde zu DDR-Zeiten für Verwaltung und La-
ger zweckentfremdet. 1998 wurde eine Etage des Museumsgebäudes im utsprünglichen Stil her-
gerichret: In 8 Virchow-Vitrinen werden originalgetreu ca. 1000 Präparate gezeigt. Aktuell um-
faßt die Samiung etwa 10 000 Ptäpatate, die vor allem nach dem Krieg hergestellt wutden, ca.
300 Präparate stammen ditekt aus dem Virchowschen Museum.
60 Die Ruine des Rudolf-Virchow-Hörsaals in der Pathologie wurde der Öffentlichkeit am 18.
Oktober 1994 durch eine Werkschau von Christo und Jeanne-Claude zugänglich gemacht. Die
Initiatoren hatten unter dem Motto ,Kunst als Ventil det Seele' nach .Möglichkeiten und For-
men für eine positive Kunst' gesucht.
164 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

beeinflußten, verbindet mit Rembrandt das Interesse an anatomischen Forschun-


gen. Die Formierung moderner Subjektivität vollzieht über die sezierende Erfor-
schung des Körpers: Der „cartesianische Mensch", wie ihn Rembrandt solcher-
maßen an medizinhistorische und philosophische Diskurse anknüpfend ins Bild
setzt, wurde, so resümiert Jonathan Sawday, „in den Anatomietheatern von Lei-
den und Amsterdam geboren".
In ihrer, sich von den Vorgängern markant abhebenden Formensprache stellen
für den hier relevanten Kontext von Biopolitik und Natiogenese Rembrandts
Gemälde Die Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp (1631/32) und Die Anatomievorle-
sung des Dr. Joan Deymann (1656) die historischen Dokumente dar, als deren
groteske Umkehrung die Szenerie bei Hettche fungiert. Die Anatomie des Dr. Ni-
colaes Tulp zeigt die Chirurgen der Stadt Amsterdam um den zu sezierenden
Körper des Diebes Aris't Kint gruppiert. Diese Demonstration fand am Vor-
abend des neuen politischen Jahres statt. Rembrandt läßt die Bürger dergestalt
Kontinuität, O r d n u n g und Stabilität des unsterblichen Kollektivkörpers der
städtischen Gemeinschaft repräsentieren. " Ist der .kriminelle' Körper hier die
„Matrix einer Demonstration von bütgetlicher und korporativer Macht",' so läßt
sich die Orgie bei Hettche als literarische Fortsetzung - Professor Matern denkt
anspielungsreich, „wie gern er die alten Hörsäle in Bologna, Amsterdam oder
Krakau gesehen hätte" (N, 87) - und als groteskes ,Umkehrbild' deuten: Konser-
vierte und zudem .deformierte' Leichenteile bilden den (historischen) Hinter-
grund für die Akteure, und an die Stelle der respektablen Bürger ist in Nox im
orgiastischen Geschehen die Gruppe abweichender .perverser' Körper getreten.
Der sexuelle Exzeß scheint seinen Höhepunkt denn auch tatsächlich in einer Vi-
visektion zu finden: Die Mörderin wird auf dem Seziertisch festgeschnallt und
Lara Matern, die Ehefrau des Direktors, bereitet offenbar das Öffnen des Körpers
vor, als sie „ein hölzernes Etui aus einer hölzernen Schublade des stählernen Ti-
sches" nimmt, „mit der Hand über den kalten Stahl der Skalpelle und Lanzetten,
Klemmen und Scheren und Wundhaken" (N, 137) streicht, Punkte auf dem
Körper markiert und ein „Skalpell mit sichelförmiger Schneide" auswählt (vgl. N,
138). Der Platz des toten Kriminellen in Rembrandts Bild wird von der lebenden
Mörderin eingenommen, die aber nicht eines Verbrechens wegen - erwa des
Mordes am Erzähler - .verurteilt' würde, sondern, zumindest aus Lara Materns
Perspektive, zufällig die Rolle eines Opfers einnimmt: „Ich finde, dachte sie, kei-
ne Schuld an ihr und nichts, was des Todes wert wäre." (N, 137)

61 Sawday 1998:210.
62 Vgl. Sawday 1998. Das Gemälde bezieht sich auf ein politisches Datum: Die dargestellte De-
monstration fand am letzten Tag des politischen Jahres 1632 statt, bevot am nächsten Tag det
neue Bürgermeister und die Ratsherren gewählt wurden. Zudem hatte die neueröffnete Univer-
sität von Amsterdam im Januar den Berrieb aufgenommen: „Rembrandts Gemälde war folglich
mit politischer Bedeutung aufgeladen." (Ebd.: 191).
63 Sawday 1998: 192.
BODY POLITICS - DIE DEUTSCHE WUNDE 165

Zielen die Anatomie-Darstellungen bei Rembrandt auf die Einheit und Souverä-
nität korporativer Macht, so zeigt das Theater der Anatomie, in das Hettche seine
Leser führt, demgegenüber im gleichen Kontext von Kollektiv, Körper und Na-
tion zwei Bilder der Entgrenzung. Die Nacht des Mauerfalls, die die Romanfigu-
ren als körperlichen Exzeß agieren, evoziert die Erinnerung an eine weitere Nacht
monströser Entgrenzung. Die Mörderin erinnert sich auf dem Weg zum Theater
der Anatomie an das Kriegsende 1945, an die

Nacht, in der eine Brandbombe das Gebäude traf, und die über zwanzigtausend
Präparate der Virchowschen Sammlung in ihren Glaszylindern siedeten und bro-
delten, bis die Gläser klirrend zersprangen und ihren Inhalt aus jenen Konservie-
rungslösungen [...] mitsamt den Knochen und Wucherungen und Mißbildungen
und Organen in die Feuer hinein erbrachen (N, 125f).

Diese Miniatur ist ein aus det dunklen Nacht der Geschichte herausgesprengtes
Erinnerungsfragmenr, das die einige Jahre später unter dem Stichworten ,Luft-
krieg und Vertreibung' geführte Frage nach den verschwiegenen Traumen der
Deutschen bereits vorwegnimmt.
In Nox begreift die Mörderin ihren Körper als einen immer schon geschriebe-
nen' body politic, dessen Geschichte erst im M o m e n t der Entgrenzung dechif-
frierbar wird: „Meine Haut ist die Topographie eines Krieges. [...] Meine Haut ist
das Gelände einer Schlacht, deren Verlauf ich nicht begreife. [...] Doch immer
lesbarer wird die Schrift, dachte sie" (N, 133). Nicht nur der Körper der Mörde-
rin, auch der Körper des Ostberliner Masochisten David ist durch die Gewalt der
Geschichte matkiert. Die .Beziehung' zwischen der Mörderin und David fungiert
als ein Hauptstrang der Szenenfolge. Bereits vor der Orgie hatte die Mörderin ihn
in einem Cafe kennengelernt, in dem es einmal mehr zu einer kollektiven sexuel-
len Zusammenkunft kam. Hettche etabliert mit dieser Konstellation einen histo-
rischen Horizont, der über das M o m e n t der Maueröffnung zugleich die Entste-
hung der deutschen W u n d e als Resultat der faschistischen Vergangenheit rein-
szeniert. Im Cafe sieht die Mörderin Davids durch eine Rasierklinge oder ein
Skalpell gespaltenen und nun vernarbten Penis. Die erotische Zusammenkunft
beider - allerdings kein Koitus und damit im traditionellen Sinne keine .Vereini-
gung' - ist so schmerzhaft wie lusrvoll. Hinsichtlich der hier anklingenden NS-
Problematik resümiert Basse:

Der Masochist mit dem verstümmelten Glied - das ließe sich noch als Metapher für
den geschlagenen, abgeschnittenen Osten lesen. Der Name David indes - ,der Ge-
liebte des Herrn' - steht für das jüdische Volk. Andere Indizien - das beschnittene'
Glied, die (von den Nazis zu Lampenschirmen verarbeitete) Haut mit Tätowierun-
gen weisen ebenfalls in die Richtung. Daß der solchermaßen verstümmelte David
den Koitus, also die Vereinigung mit - nennen wir sie für einen Augenblick Ger-

64 Diese Diskussion wurde 1997 durch W. G. Sebalds Zürcher Poetikvorlesung initiert. Die über-
arbeitete Fassung Luftkrieg und Literatur erschien 1999. Auch Jörg Friedrichs Der Brand.
Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945 wurde breit rezipiert und debattiert. Zum Themenkom-
plex vgl. Vedder 2005.
166 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

mania - nur unter großen Schmerzen vollziehen kann, ist logisch; ob der Koitus
als solcher ein adäquater Ausdruck einer Passionsgeschichte, in diesem Fall der jüdi-
schen sein kann, steht auf einem anderen Blatt.'

Verhandelt Hettche hier auf höchst problematische Weise die Schuld am Holo-
caust im Geschlechterklischee - die deutsche Geschichte/Nation wird repräsen-
tiert von einer namenlosen Frau ohne Gedächtnis, die als Mörderin u n d Lust-
objekt zwischen Lolita und Femme fatale changiert - , so installiert er zudem ein-
gangs ein mythologisches Verweissystem, das sich nicht primär auf die NS-
Vergangenheit, sondern auf die Teilung Deutschlands bezieht, so wie die Orgie
als Transgression die monströse Entgrenzung der Bombennacht 1945 evoziert.
Ein Wachhund der DDR-Grenzanlagen, der sich zum Zeirpunkt des Mordes
am Ich-Erzähler selbst befreite, fungiert hier als Träger des Mythologischen. Er
durchstreift die in Parallelmontagen angelegten Szenerien des Romans, um dann
ebenfalls an der Orgie in der Charite teilzunehmen - nachdem er schon während
der Zusammenkunft von Mörderin und David im Cafe draußen vor der T ü r be-
deutungsvoll bellte. In diesem im Wortsinne letzten Akt werden David und die
Mörderin an Winden aufgehängt: „Denk an mich, flüsterte er, und sie küßte ihn
schnell. Noch heute wirst du mit mir im Westen sein.'"' Danach kommt es aber
wider Erwarten nicht zu einer - wie auch immer gearteten - Vereinigung der
beiden Figuren. Statt dessen wird die Mörderin wieder auf den Seziertisch hinab-
gelassen, der H u n d springt auf den Tisch und gräbt seine Krallen in ihre Haut:

Der Schmerz war ein glänzendes, gläsernes Stückchen Zeit, das sich einbrannte und
in iht zu schwelen begann. Ein Augenblick, in den sie wie in glitzernde Scherben
stürzte, und die Wunde verlief durch sie hindurch, die aufgebrochene Wunde. [...]
Dann war plötzlich die Schnauze des Hundes neben ihrem Kopf [...] und der Hund
flüsterte ihren Namen. (N, 140)

Der H u n d - „Ich bin von jenseits der Grenze" (N, 156) - präsentiert auf dop-
pelte Weise die Todesmetaphorik des Textes: als Erinnerung an die tödliche
Grenze zwischen D D R und BRD und als Revenant des mythischen Kerberos, des
Höllenhundes und Bewachers des Totenreiches. Der Roman endet mit der vom
Grenzhund vorgetragenen Erzählung vom Mythos der Kugelwesen:
Es gab nichts als Geschichten, sagte der Hund. Ich weiß nicht mehr, wer jene mit-
brachte, die so lange unter uns kursierte, von Hütte zu Hütte die Gtenze entlang
[...]. Jene Geschichte von den kugelförmigen Wesen [...]. Ihre wahnsinnige Sehn-
sucht verwandelte und linderte sich in das, was iht Liebe nennt. Den nicht enden-
den Versuch, die Wunde zu heilen (N, 158f).

65 Basse ([1995] 1996: 179) weist in seiner Rezension zu Recht auf die hier verhandelte Holocaust-
Thematik hin. Allerdings kommt es im Roman nicht, wie er schreibr, zur physischen Vereini-
gung beider Figuren im Sinne des Koitus.
66 Wobei der „nationale Erweckungskitsch", den Lau (1995: 19) hier wahrnimmt, in der Tat
„schwindelerregende Höhen" erreicht.
67 Hettche hat hier einen preisgekrönten Spiegel-Essay von Marie-Luise Scherer (Februar 1994) über
die Grenzhunde eingearbeitet. Vgl. Hollmer/Meier 1999: 127.
BODY POLITICS - DIE DEUTSCHE WUNDE 167

Der Hund bezeugt zwar den Glauben an die heilende Macht des Eros, er reprä-
sentiert aber vielmehr das Reich der Toten, das Hettche nachgerade zu einer Sze-
nerie der Untoten und Wiedergänger macht. Wenn der Autor seiner Figur Pro-
fessor Matern den Gedanken eingibt: „Mit der Zeit [...] war der sumpfige Boden
der Spree, in den hinein Virchow seine Pathologie hatte bauen lassen, zu einem
Totenreich geworden. Erst die Mauer stockte den Zufluß an Monstren." (N, 86),
so evoziert er damit auch die Idee, mit der Maueröffnung ginge der Zufluß an
Monstren erneut los - ein Subtext, der vermutlich dafür verantwortlich ist, daß
Basse den ersten Durchgang durch das Monstrositätenkabinett dem „Blick"
gleichstellt, „mit dem wir früher ab und zu auf die totalitäre ,Vitrine DDR' ge-
schaut haben, um uns dann von den mißratenen Mißbildungen .drüben' mög-
lichst schnell wieder abzuwenden".' Tatsächlich ist dem Text die drohende
.Entfesselung' der Monstren aber als Erinnerung an die Bombennacht 1945 ein-
geschrieben - die Entgrenzung erfolgt hier auf einen historischen Moment, der
die Niederlage Deutschlands evoziert. Permanent übetlagern sich die Entgren-
zung des Mauerfalls und die damit verbundene Vereinigungsthematik und die
nationalsozialistische Vergangenheit als Ursache der Teilung Deutschlands: Zwar
rührten die Schmerzen der Vereinigung anscheinend aus der Teilung Deutsch-
lands — „Die Mauer war der Schnitt, mit dem sich die Stadt vom Osten trennte.
Wie man ein Glied amputiert, bevor die Ptomaine den Körper überschwemmen"
(N, 86f.) - , innerhalb der Verleiblichungsstrategien des Textes repräsentiert aber
David das ,Glied' in seiner Versehrtheit.
Wie in Dorle und Wolf isr auch in Nox die Körperpathologie einem Wetk det
Musikgeschichte verbunden. Somatisiert Wolf Zieger die deutsche Teilung als
Unfähigkeit, seine geliebten Schümann-Novelletten auszuführen, so zitiert Hett-
che das berühmte Diktum aus Wagners Parsifal: „Die Wunde schließt der Speer
nur, der sie schlug." (N, 130) Im Parsifal trifft der Titelheld auf den leidenden
Fischer-König und Gralshüter Amfortas. Als Amfortas von Kundry, der Sklavin
des Zauberers Klingsor, verführt wurde, stahl Klingsor ihm den heiligen Speer —
es ist die Waffe, mit der Longinus den gekreuzigten Jesus quälte - und verwundet
ihn damit.' Amfortas ist zu ewigem Leben und Leiden verdammt. Slavoj Zizek
hat anhand des Parsifal die Wandlungen der Subjektstrukturen in der Opernge-
schichte nachgezeichnet und das Speer-Wunden-Motiv als tautologische Hand-
lung des perversen Subjektes gedeutet. Die ,unsterbliche' Wunde — als Verweis
auf Amfortas' Begehren repräsentiert sie die unzerstörbare Libido - ist mithin ein

68 Basse [1995] 1996: 178.


69 Zu den motivgeschichtlichen Enrwicklungen vgl. Levi-Strauss 1990. Die blutende Lanze bzw.
der blutende Speer ist ein bis in die walisische und keltische Mythologie zurückreichendes Motiv,
im Rahmen det Parsifal-Überlieferung geht die Identifizierung als Speer des Longinus auf einen
1215 verfaßten Zyklus von Roberr de Boron zurück.
70 Wagners Parsifalisr hier nur hinsichtlich des Speet-Zitates in Nox Gegenstand. Auf dem Hinter-
grund der ausgestellten Sexualisierung und .Pervertierung' des deutschlandpolitischen Themas
interessieren der Körper- und Geschlechterdiskurs.
168 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

„Name für ihr Gegenteil, für einen gewissen Überschuß an Genießen". In Lacans
Terminologie gesprochen: Hier repräsentiert sich das unzugängliche, dem Sym-
bolischen entzogene Reale. Das körperliche Symptom könnte deshalb durch eine
Frage, mithin durch Verbalisierung geheilt und in das symbolische Universum
integriert werden. Doch der ,reine Tor' Parsifal schweigt zu Amfortas' Leiden.
Anders als im Parzival des Wolfram von Eschenbach, dessen Versepos Wagners
Vorlage bildete, ist die Frageprüfung für Wagner ohne Belang: „Das mit der .Fra-
ge' ist so ganz abgeschmackt und völlig bedeutungslos." Wagner bindet die
Wiedergewinnung des Speeres an die Zurückweisung der Frau durch den M a n n
und durchkreuzt hier sein werkbestimmendes Basismuster der Erlösung des
Mannes durch die Frau: Parsifal widersteht Kundrys Verführungsversuch, da ihn
Mitleid mit Amfortas überkommt. Dadurch kann er den von Klingsor geworfe-
nen Speer anhalten, an sich nehmen und Amfortas durch die Berührung des
Speeres heilen. Kundry ist als Frau buchstäblich zum Symptom des Mannes re-
duziert: Im M o m e n t der Heilung fällt sie tot um. Mit Kundry weist Parsifal ein-
mal mehr die symbolische O r d n u n g ab, die die Geschlechter als differente posi-
tioniert. Auch das Mitleid Parsifals sei, so Zizek, kein Fall gelungener symboli-
scher Kommunikation — wie es die Frage gewesen wäre - sondern liegt in der
„Identifikation mit dem Realen in Amfortas Leiden begründet". Als sprachlose
Performanz jenseits des Symbolischen zielt Parsifals Handlung auf eine .Heilung'
als Erlösung von T o d und Geschlecht - das Grundmuster der Perversion.
Hettche zitiert mit Wagners Diktum mithin ein Bild tödlichen Genusses, der
in Desymbolisierung gründet und in der Folge eine .perverse' Subjektivierung
zeitigt. Das Verbrechen in Nox, die T ö t u n g des Ich-Erzählers, rührt indes nicht
aus einer unterlassenen Frage, sondern aus dem Gegenteil, einem Zuviel an Wis-
sen. Am Schluß klärt der Grenzhund die fragende Leiche auf:
Du hast doch nicht vergessen, daß du tot bist? Ich schüttelte den Kopf. Aber war-
um? [...] Erinnere dich an die Nacht, als du mit ihr hier warst. An das, was du in ih-
rem Gesicht gesehen hast. Nur deshalb? Du durftest es nicht. (N, 154)

71 Zizek 1992: 58. Dies betont auch Sans (1990: 152): „Ist nicht Klingsor [...] das Abbild des un-
glücklichen Bewußtseins, det Sinnlichkeit im Reinzustand, der höchsten Behauptungsstufe des
Willens zum Leben?"
72 Vgl. Zizek 1992: 60. Verkörperr der vom Speer verletzte Jesus die Spaltung des Subjektes, das
gleichermaßen dem Symbolischen und damit der Sterblichkeit unterworfen ist, wie es an der un-
sterblichen göttlichen Sphäre teilhat, so hält Parsifals Schweigen die Sphäre des unsterblich-gött-
lichen Genusses aufrecht - allerdings um den Preis, daß er sich als ewiges Leid perpetuiert.
73 So Wagner ([1859] 1983: 93) am 30. Mai 1859.
74 Zizek 1992: 61. Durch diese Identifikation, die sich jenseits des die symbolische Otdnung reprä-
sentierenden Phallus vollzieht, werde Parsifal feminisiert - Syberberg hat den Parsifal ent-
sprechend abwechselnd von einer Frau und einem Mann spielen lassen - was ihn zur doppelge-
schlechtlichen „Parsifal-Frau" werden ließe. Vgl. Zizek 1992: 62.
75 Wie in Brussigs Helden wie wir geht es hier nicht um Perversion als eine spezifische Sexualpraxis.
Parsifal verkörpert eine Haltung des Subjektes, das sich als Instfument des Realen s.elbst-
verobjektiviert und -instrumentalisiert.
BODY POLITICS - DIE DEUTSCHE WUNDE 169

Damit ist Nox auch dem werkinternen Gegenstück Parsifals, der Oper Lohengrin,
verbunden. Lohengrin ist zentriert um das Geheimnis des Titelhelden, nach des-
sen Namen - und damit Identität und Geschichte - die von ihm gerettete Elsa
von Brabant nicht fragen soll. Als Elsa dennoch fragt, wird dies zum Anlaß der
tragischen Trennung der Liebenden. Gleichermaßen namen- und identitätslos
wie Lohengrin erscheint die Mörderin in Nox; die Tötung des Ich-Erzählers wird
ebenfalls mit seinem unstatthaften Wissen um ihr verborgenes Geheimnis be-
gründet. Die Leserschaft erfährt an dieser Stelle nicht, um welches Geheimnis es
sich handelt und bleibt damit noch unwissender als der Erzähler, der auch auf
Nachfrage hin den Namen der Frau nicht erfährt. Statt dessen erklärt der Hund,
er selbst, der Erzähler und die Mörderin seien Teil einer „alten Geschichte, die
sich wieder ereignet" (N, 156), um dann mit dem Mythos der Kugelwesen zu
schließen. Damit scheint der ,Sinn' dieses Romans im ,erotischen Schließen' der
deutschen Wunde zu liegen, auch wenn dieser Prozeß ein zunächst schmerzhafter
ist. Im Verschweigen des Frauen-Namens zeigt sich weniger das Geschichtsbe-
wußtsein des Autors, der die Namensfrage offenläßt, weil eine deutsche Identität
nach dem Mauerfall sich erst bilden müsse, als daß es Symptomcharakrer hat.
Wie in Wagnets Parsifal signifizieren auch in Nox die Wunden ein Jenseits des
Symbolischen: eine ,unlesbare' Schrift auf dem weiblichen deutschen Körper im
Moment seiner Entgrenzung und damit das Gegenbild zu den wie mit „flüssigem
Blei" (vgl. N, 134) eingeritzten Inschriften auf Davids Körper.
So wird auch im orgiastischen Geschehen weitethin die kryptische Wunde der
Teilung — zunächst des Berliner Stadtraumes — beschworen: „Am lebendigen
Leib, verstehen Sie? Sie reißen die Narbe auf, die so gut verheilt schien. In dieser
Nacht, verstehen Sie? Man muß neu begrenzen, ins Wuchernde schneiden, tief
ins Lebendige hinein." (N, 128) Der die Orgie leitende Professor mit seinem
sprechenden Namen Matern scheint hier zunächst das .perverse Subjekt' zu sein,
das durch die Erneuerung des Schnittes Heilung - nämlich Begrenzung des Wu-
chernden - verspricht. Allerdings kommt im Aufreißen der Narbe nicht nur die
schmerzende Teilung Deurschlands, sondern auch die von Grass als .bleibendes
Trauma' bezeichnete nationalsozialistische Vergangenheit zur Reinszenierung.
Hier erscheint das dem Symbolischen entzogene traumatische Reale als der auch
psychogenetisch .tieferliegende' historische Raum des Romans. So wird verständ-
lich, daß es angesichts der im Exzeß entgrenzten historischen Subjekte mitnich-
ten Professor Matern ist, der auf dem Höhepunkt der Orgie neue Wunden zu-
fügt, sondern seine Frau Lara - und damit ehet eine Muttetfigur - absichtsvoll
mit dem Skalpell spielt. In diesem subjektgenetischen Phantasma etscheint Pro-
fessor Matern in seiner Rolle als Zeremonienmeister wie ein pere symbolique, der
an seiner Funktion scheitert. Tatsächlich weiß Matern im historisch zentralen

76 Der Verkorperlichung der Zeichen entspricht es, daß es hier nicht um Signifikation - und damit
Identität und Geschichte geht - sondern um einen rein averbalen Ausdruck im Gesicht der na-
menlosen Frau.
77 Vgl. Basse [1995] 1996: 177.
170 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

M o m e n t im Wortsinne nicht, wo es - nämlich mit der hier verhandelten deut-


schen Geschichte - langgeht, und so „kurbelte Matern sie [die Mörderin, E. B.]
versehenrlich nach oben" (N, 139) - nämlich zum aufgehängten David. Mit die-
sem hatte sie sich aber auch schon im Cafe nicht vereinigt, sondern ihm beim
Masturbieren zugeschaut:
Es war, als sähe sie sich selbst, vetletzt und aufgerissen, und die verschiedenen Kör-
per wären nur Hüllen über dem einen. Als öffnete allein der Anblick die fremde
Erinnerung, spürte sie noch einmal, wie die Klinge ihm übet die Haut fuhr. Phan-
tome der Wunde strichen über sie hin solange, bis der Schmerz schließlich die
Grenze zwischen Kopf und Körper durchbrach und sie als Lust durchschoß. (N, 46)

Mit Blick auf David bleibt es bei Phantomschmerzen des deutschen Körpers.
Hettche unterwirft seine Protagonisten einem Frage- und Wissensverbot. Sol-
chermaßen erscheint Geschichte nicht meht symbolisiert, sondern agiert. Will
man hier nicht einfach „nationalen Erweckungskitsch" konstatieren, so kann
man mit Basse auch den — trotz seiner Kritik positiv konstatierten - Prozeß des
Erinnerns, Wiederholens und Durcharbeitens sehen, in dem das „Unbewußte,
das Verdrängte unter großen Schmerzen und oft in entstellter Form" wieder-
kehrt. Das Verfehlen der symbolischen O r d n u n g und die nachgerade belustigen-
de Fehlleistung von Professor Matern, der die Geschichte in die falsche Richtung
kurbelt, erzeugt aber eher den Eindruck einer eben auch literarisch scheiternden
Bearbeitung. Für dieses Scheitern ist nicht zuletzt der postmoderne Zeichencha-
rakter des Romans verantwortlich, der hier im aufgerufenen historischen Kontext
an seine Grenzen stößt. Denn gerade die postmoderne Ironie fehlt diesem Ro-
man vollständig, der nicht zuletzt aufgrund der ihm auch innewohnenden
Schuldfrage geradezu bedeutungsschwer daherkommt.
Mir Wagners ,Bühnenweihspiel' Parsifal zitiert Hettche ein Werk, dessen anti-
semitischer Gehalt immer wieder zu Kontroversen Anlaß bot. Die über den in-
tertextuellen Bezug geleistete .Verhandlung' der NS-Vergangenheit - Hettche
legt das Wagner-Zitat David in den M u n d - gewinnt damit eine über das bil-
dungsbürgerliche bon mot hinausweisende Bedeutung. Wird bei Wagner die ero-
tische Verbindung der als Jüdin gekennzeichneten Kundry mit Parsifal abge-

78 Hier findet sich eine weitete Verbindung zu Rembrandt. Mit Die Anatomievorlesung des Dr. Joan
Deymann geht Rembrandt dem von Descartes in Die Leidenschaft der Seele diskutierten Leib-
Seele-Problem, dessen Anlaß auch die Frage nach der Erklärung von Phantomschmerzen war,
nach. Harte Descartes in Discours de la methode (1637) den Menschen als bete-machine beschrie-
ben, so postuliert er hier die im Gehirn vermutete Zirbeldrüse als Sitz der Seele, die gleichwohl
für den über die Hydraulik der Säfte geregelten Automatenkötper ohne Einfluß ist. Rembrandts
zweite Anatomiedarstellung dokumenriert eine Enttäuschung: In der Sektion des Körpers wird
der .Seelensitz' nicht gefunden, wobei das Gemälde in seiner bildräumlichen Anspielung auf
Mantegnas Christus-Datstellung Christo in Scurto (ca. 1478-1485) zwischen Wissenschaftsem-
phase und -kritik oszilliert. Vgl. Sawday 1998.
79 Lau [1995] 1996: 184.
80 Basse [1995] 1996: 177.
81 Vgl. dazu etwa Adorno 1952, Friedländer 2000, Hartwich 2000b.
BODY POLITICS - DIE DEUTSCHE WUNDE 171

w e h r t , " so b e g e g n e n sich in Nox zwar d e r j ü d i s c h e K ö r p e r D a v i d s u n d d e r d e u t -


sche K ö r p e r d e r M ö r d e r i n als p o l i t i s c h e K ö t p e r i m M o m e n t d e r E n t g r e n z u n g ,
eine V e r e i n i g u n g w i r d aber e b e n s o w e n i g vollzogen. M i t Blick a u f die m u s i k a l i -
s c h e n S t r u k t u r e n zeigt sich, d a ß d i e A b w e h r v o n G e s c h l e c h t u n d T o d zwar Par-
sifals H a n d l u n g e n b e s t i m m t , dies aber n i c h t d i e ultima ratio des W e r k e s dar-
stellt. V i e l m e h r ü b e r l a g e r n sich in d e r A m f o r t a s - K l a g e ( 1 . Aufzug) A b e n d m a h l s -
u n d V e r f ü h r u n g s m o t i v e . A m f o r t a s ' M o n o l o g , in d e m sich d a s heilige B l u t des
G r a l s u n d d i e s ü n d i g e W u n d e k o n t r a s t i e r e n d v e r b i n d e n , w i r d v o n D r u n e r als
„ B l u t m o n o l o g " b e z e i c h n e t , in d e m d i e ideologische I n t e n t i o n des W e r k e s a u c h
ihre m u s i k a l i s c h e U m s e t z u n g erfährt:

Dem Bild von der sinnlich-verzückenden Wirkung des hin- und herfließenden
.sündigen' und .heiligen' Blutes, das musikalisch folgerichtig durch den heftig m o -
dulierenden Kampf von Amfortas-/Kundry-/Klingsor- und Abendmahlsmotiv un-
terstrichen wird, liegt folglich noch eine andere [...] Bedeutung zugrunde. [...]
Wenn in der hier barock hypertrophierten Blutsymbolik das heilige Blut einem sün-
digen entgegengestellt witd, wobei letzteres wie die Amfortaswunde ständig durch
das Kundrymotiv beleuchtet wird, so entsteht eine künstlerische Doppelbödigkeit,
die an ideologischer Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. [...] Denn wenn
man textlich zwar zweierlei Blut erkennt, so gibt es in letzter Konsequenz nut eine
W u n d e , füt die fortan nur noch ein Motiv einsteht. Es erscheint jetzt vielfältig, und
es ist kein Unterschied mehr zu hören zwischen der (ideologischen) W u n d e des
Amfortas und der des Gekreuzigten, und so ptojizieten die dramatische Überhö-
hung des symphonischen Kontextes wie auch die leidenschaftlich-mystische Em-
phase der Amfortas-Partie letztlich alle Textungeheuerlichkeiten in ein überwälti-
gendes Ecce homo, bei dem auch hellwachstet Vetstand nicht mehr wahrnimmt,
daß hier eigentlich (rassische) Blutsreinheit zum Heilsinhalt, zu religiösem Dogma
emporstilisiert werden sollte.

W a g n e t s Z i t a t k o m m t für Nox eine S c h l ü s s e l f u n k t i o n zu, da a u c h H e t t c h e s R o -


m a n a u f einer Differenz v o n D i c h t u n g u n d M u s i k - t e x t t h e o r e t i s c h m i t Kristeva:
auf einer Differenz v o n S y m b o l i s c h e m u n d S e m i o t i s c h e m - basiert, d i e das W e r k

82 Kundry ist in ihren Wiedergeburtsformen als Jüdin charakterisiert. Vgl. Druner 1990d: 73.
Hartwich (2000b: 121) hat gegen den in der Figur vermuteten Antisemitsmus Wagners versucht,
die Figut aus kabbalistischen Traditionen zu bestimmen: „Die Negation des Judentums in Wag-
ners Parsifal stünde selbst in einet jüdischen Tradition. Denn auch die Kabbala hatte das ortho-
doxe Judentum negiert, das seinerseits den paganen Mythos negierte. Das überwundene Moment
wurde aber stets in det Erinnerung bewahrt, so daß es wiedet zur geistig bewegenden Ktaft wer-
den konnte."
83 Denn wedet, so Dfüner (1990d) in seiner musiktheoretischen Analyse, greift Wagner auf die in
den /)(zrs/^r/-Vorlagen vorhandene Möglichkeit, das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Amfortas
und seinem .untoten Vater' Tirurel als Onkel-NefTe-Verhältnis zu gestalten, zurück, noch hat er
die in Lohengrin - der während der vier Jahrzehnte umfassenden Entstehungsgeschichte des Par-
sifal entstund - gestaltete Vaterschaft Parsifals widerrufen. Dies widerspräche, so Druner (1990d:
80), der Auffassung, daß „Asexualität absolutes Gebot im Gralsreich gewesen sein sollte".
84 Die Syntax dieset Arie ist Gutmann (1990: 172) zufolge „vielleicht die gequälteste und gewun-
denste aller dichtefischen Wagner-Texte", es klinge „eine gewisse Verzweiflung aus dem Bemü-
hen, die Wagnersche Blutsymbolik überzeugend in Worre zu fassen".
85 Druner 1990d: 105.
172 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

verzeitlicht. Soll der ParsifalWagners musiktheoretischen Ausführungen zufolge


ganz .gegenwärtig sein', so hebt doch tatsächlich nur das auf eine Finalstruktur
entworfene Libretto die Vergangenheit auf, während die Leitmotiv-Technik das
Gegenwärtige der Vergangenheit übereignet. Dahlhaus resümiert die Differenz in
den Zeitstrukturen von Dichtung und Musik:
Anders die Musik, in der es die Vergangenheit ist, von der alle Gewalt auszugehen
scheint. Nicht die Gegenwart, die Vergangenes in sich aufnimmt, sondern die Ver-
gangenheit, die ihren Schatten oder ihr Licht auf das Gegenwärtige wirft, ist in det
Musik die entscheidende Instanz. Man hört gleichsam ,mit einem langen Blick zu-
rück'.

Auch in Nox ist det Akt der Entgrenzung von der Gewalt der Vergangenheit ge-
zeichnet und auch literarisch .redigiert' der .lange Blick zurück' zum Hören: Im
Kontext der körperbezogenen Desymbolisierung der hisrorischen Traumen voll-
zieht sich die Verzeitlichung über die Differenz von symbolischem und semioti-
schem Ausdrucksregister. Das Symbolische artikuliert als geradezu „medientech-
nisch aufgemöbelter ,Neo-Expressionismus'" unentwegt die W u n d e n der deut-
schen Teilung, während das Trauma der NS-Verbrechen nur noch über das Se-
miotische - Klänge, Rhythmen und Laute - erfahrbar und vermittelt ist. Es ist
lediglich als an den Körper gebundenes Echo jenseits der Semantik hörbar: „Nox,
wußte sie, hieß Nacht. Er zischte das Wort, bis der T o n nur mehr ein scharfer
Hauch war. Wie Gas, das aus einer Kartusche entwich" (N, 127f.). U n d so ist
Nox als Versuch, die Nacht des 9. November 1989 auf ihrem geschichtlichen
Hintergrund allegorisch darzustellen, gerade auf ihrem Höhepunkt, mit Paul
Celan gesprochen, der 9. November 1938 auf .perverse' Weise eingeschrieben.
Die Mörderin erlebt das „Aufbrechen der W u n d e " an ihrem Körper unbewußt,
sprachlich desymbolisiert als (Rück)Fall in die sogenannte ,Reichskristallnacht':
„Ein Augenblick, in den sie wie in glitzernde Scherben stürzte" (N, 140).
N u r vordergründig verhandeln Walser wie Hettche die deutsche Teilung, den
Mauerfall und die Vereinigung im Geschlechterdiskurs. Zwar nimmt Walser die
von ihm ersehnte Wiedervereinigung in der Osr-West-Ehe von Dorle und Wolf
schon vorweg und scheinr bei Hettche die auf Mörderin und David fokussierte
Orgie als Kulminationspunkt der Handlung. Tatsächlich handelt es sich aber bei
diesen narrativen Haupt- und Staatsaktionen verhandlungstechnisch gesprochen
um Nebenschauplätze. Der ,nationale' Geschlechterdiskurs erscheint bei Walser
schon von der Anlage her — Ziegers ,Romeo-Ehe' und sein kontinuierliches und
letztlich genossenes Fremdgehen — in schiefem Licht, während Hettche ihn im
Wortsinne en passant erledigt, indem er eine Ostberlinerin und einen Wesrberli-

86 Vgl. Kristeva 1978.


87 Dahlhaus 1990: 10.
88 LedanfT2001: 279. Ledanff diskutiert Hettches Roman im Kontext des Berlin-Romans.
89 Peitsch (1995) weist überzeugend nach, daß schon in Dorle und Wolf die Konstruktion nationaler
Identität im Bild der Ehe aut der Abwehr devianter Sexualitäten aulbaut. Diese Zwangs-
heterosexualität trägt zudem sexistische und rassistische Züge.
BODY POLITICS - DIE DEUTSCHE WUNDE 173

ner auf dem Rücksitz eines Wagens kopulierend den neu geöffneten Grenzüber-
gang Friedrichstraße passieren läßt.
Mehr als um Geschlechterbilder geht es bei beiden Autoren um die Meta-
phorisierung nationaler Traumen in phantasmagorischen Körperbildern. Dabei
überspringen sie gleichsam die Tradition organologischer Staatsvorstellungen so-
wie nationaler Geschlechterallegorien, um statt dessen — Walser unausgesprochen,
Hettche explizit - auf das aristophanische Mythologem zu rekurrieren. Der damit
aufgerufenen Definition - Eros will die „ursprüngliche Natur" wieder herstellen,
„vetsucht aus zweien eins zu machen und die menschliche Natut zu heilen" —
widersprechen indes die subtextuellen Kodierungen der Texte, die von Krankheit,
Perversion, Hysterie und Todesvorstellungen durchzogen sind: In diesen
Text(unter)welten regiert mitnichten Eros, sondern dessen dunkler Bruder Tha-
natos. Hier zeigt sich eine bei aller Differenz der Schreibweisen gemeinsame
imagologische Struktur beider Texte.
In diesen Texten ist - ihrer mythologischen Referenz enrgegen - jedes (eben
auch historische) Begehren zum Stillstand gekommen, das zumindest als Ge-
schlechterspannung den Bildbereichen, wo sie die Nationalisierung über En-
gendering-Verfahren betreiben, noch unterliegt. Der entscheidende Unterschied
liegt in der Imagination der verwundeten Nation als Zeichen einer Traumatisie-
rung und in der Naturalisierung des Kulturellen ins Biologische, der beiden Tex-
ten zugrunde liegt: Deutschland weist in diesen Texten nicht eine Wunde auf,
Deutschland ist zur Wunde selbst geworden. Signifikat und Signifikant fallen in
der Wunde namens Deutschland zusammen. Die Selbstreferenz verweist damit
nicht mehr auf die Geschichte als Ursache und Grund der deurschen Teilung,
sondern nur noch auf den Status des Verwundet-Seins, der solchermaßen den
Täter zum Opfer macht.
Hettche und Walser erzeugen durch den Einsatz des Körpers als politischer
Metapher alles andere als Gender Trouble, sondern histotische Kontinuität, die
auch Anschlüsse zum .heilen' und .zersetzten' deutschen Volkskörper mit sich
bringen. Im Rekurs auf das Körperbild des aristophanischen Mythos evozieren
beide Autoren die Vereinigung Deutschlands als gleichsam natürlichen Prozeß
eines heilenden Volkskörpers. Obschon das Bild des Körpers selbst kultur- und
medizinhistorisch sehr unterschiedlich konstruiert wurde, muß es als Selbst-
deutung der .imaginären Gemeinschaft' per se problematische Aspekte aufweisen,
da es darauf zielt, deren historischen Zustand zu naturalisieren. Walsers Ansin-
nen, den Volks-Körper von seinen Wunden zu heilen, akzeptiert gerade nicht die
Narben der Geschichte, als daß es den Wunsch nach einet .ursprünglichen', inte-
gralen Gestalt bezeichnet - ein Phantasma, das im Bild det ursprünglich ganzen
Kugelwesen seinen mythischen Hintergrund findet.

90 Piaton [um 380 v. Chr.] 1990: 275


2. Family Values — Der nationale Familienroman
Im Gegensatz zu den eher phantasmatischen Körperbildern entsprach das natio-
nale Selbstbild als Familie auch realen Erfahrungen. Thomas Rosenlöcher be-
schreibt in Ostgezeter von 1997 - Notate zur Geschichte der Vereinigung - den
jährlichen Westbesuch bei den Verwandten im armen Osten. Die Ankündigung
löst sowohl Freude als auch „leichtes Entsetzen" (O, 36), sodann einen Putzanfall
bei der Mutter aus, bewirkt Sonderrationen beim Schlachter und endet schluß-
endlich im leicht verkrampften Wiederbegegnungsritual. Der Erzähler, hier noch
Kind, ist baß etstaunt über die mitgebrachten Geschenke: „Dieser Westen! Was
es da alles gibt. O h , wie ist das Leben sauer - ohne Doktor Adenauer!, kommen-
tierte mein Vatet den Vorgang." (O, 37) Später versucht der nun pubertierende
Erzähler, sein Land zu verteidigen. Nutznießer ist das als politisch geschmähte
Familienmitglied Siegfried: Dieser bekommt nun erstmals auch eine Westziga-
rette angeboten, die er allerdings „kategorisch ablehnte und stockend die Frie-
denspolitik von Regierung und Partei zu erläutern begann. Da fielen alle über ihn
her. So daß es bei uns zu Hause damals schon so etwas wie eine deutsche Vereini-
gung gab." (O, 38)
Daß die deutsch-deutsche Vereinigung als Familienzusammenführung in der
Tat auf wackeligen Füßen steht, zeigt sich bei Rosenlöcher am Schluß:
„Was ihr uns kostet", sagte meine Tante. Und hatte ja nicht unrecht damit. Nicht
einmal gefragt worden war sie, ob sie uns überhaupt haben wolle. So daß es im We-
sten mit der Demokratie so weit nun auch nicht her sein konnte. Freilich hatte un-
sereins die Kosten der deutschen Geschichte vierzig Jahre lang auch ungefragt für sie
mit ausgelegt. Allein die Zinsen und Zinseszinsen, die da angefallen waren. „Das
meiste Geld fließt sowieso wiedet in den Westen zurück", versuchte ich sie zu trö-
sten. (O, 34).

Mit dem Familienbesuch verknüpft Rosenlöcher zweierlei. Z u m einen das west-


deutsche Bild der Nation als getrennte Familie, in dem der im Grundgesetz ver-
ankerte Wiedervereinigungsanspruch der BRD seine populäre Entsprechung
fand. Und zum anderen den Verwandtenbesuch als einen Topos der D D R -
Literatur, anhand dessen Systemvergleiche vorgenommen werden konnten. Das
Bild der Familie — emblematisch: das der Geschwistetbeziehungen — wurde im
soziopolitischen Kontext unterschiedlich funktionalisiert: Während das Thema
der Zweistaatlichkeit in det BRD-Literarur vor und nach 1961 außer im Werk
Uwe Johnsons, " der 1959 in die BRD überwechselte, und mit den 80er-Jahre-
Ausnahmen - Peter Schneiders Der Mauerspringer (1982), Thorsten Beckers Die

91 Vgl. die Präambel des Grundgesetzes der BRD bis zur Vereinigung. Im Unrerschied zur Fami-
lienmetapher in der BRD meinte det .große Bruder' während der DDR-Zeit die Sowjetunion.
Dieser Begriff wurde im Zuge der Kritik am Prozeß der Vereinigung auf den Westen übertragen.
Vgl. dazu Herberg/Steffens/Tellenbach 1997: 362.
92 Vgl. Mutmaßungen über Jakob (1959), Das dritte Buch über Achim (1961), Zwei Ansichten (1965),
Jahrestage (1970-83).
FAMILY VALUES - DER NATIONALE FAMILIENROMAN 175

Bürgschaft (1985), Dieter Dattmanns Die Brüder (1985) und Walsers Dorle und
Wolf (1987) - kaum in größeren Werken thematisch wurde, diente der Fa-
milienbesuch in der DDR-Literatur häufig dazu, den Westen anhand seiner Bür-
ger zu kritisieren und die zwischenzeitlich erreichte Entfremdung zu konstatie-
ren. Zwar verarbeitete Christa Wolf in Der geteilte Himmel (1963) - dem ersten
und wohl auch prominentesten Roman der DDR, der nach Anna Seghers Roman
Die Entscheidung von 1959 nach dem 13. August 1961 das Thema Republik-
flucht nun unter dem Vorzeichen des stattgefundenen Mauerbaus thematisierte —
die Teilung Deutschlands anhand einer Paarkonstellation. Mit Brigitte Reimanns
Roman Die Geschwister (1963), in welchem die Protagonistin ihren Bruder zum
Verbleib in der DDR bekehrt, wird in der Geschwisterbeziehung die Familie
dann zum Austragungsort des Ost-West-Themas, das sich in dieser Verbindung
auch in einem Nebenstrang in Hermann Kants 1962 spielenden Roman Die Aula
(1963) findet. In ihrem gesellschaftlichen Engagement, das sich gegen das indi-
viduelle Glücksbegehren entscheidet, sind Frauen auch hier wieder das .morali-
sche Geschlecht': Sowohl in den Paarkonstellationen in Wolfs Geteiltem Himmel,
in Johnsons Erzählung Zwei Ansichten (1965) als auch in der Geschwisterbezie-
hung bei Reimann sind die Männer im Westen, die Frauen im Osten verortet.
Das im Familienbesuch verhandelte Thema Zweistaatlichkeit bildete in den
darauf folgenden Romanen nicht unbedingt den thematischen Mittelpunkt der

93 Dies gilt auch für die Zeir vor dem Mauerbau. die A. Meier (1998: 61) analysiert hat: „In der
DDR bildet die BRD ein unverzichtbares Erzählmoriv aller gegenwartsbezogenen Romane — im
Westen ist hingegen ein augenfälliges Mißverhältnis zwischen dem politischen Gewicht der deut-
schen Teilung und dem Desinteresse der Romanschriftsteller am sozialistischen Osten zu be-
obachten."
94 Die folgenden, von Hanke (1987), Jaforte (1991) und Wienröder-Skinner (1993) in unterschied-
lichen Kontexten untetsuchten Werke seien - ohne eigene Sichtung — beispielhaft genannt: Hel-
ga Schütz (1973): Festbeleuchtung. Die Protagonistin Jette kommt Anfang der 50er Jahre zu einer
Familienfeier in den Westen. Ein Beispiel früher Entfremdungserscheinungen. Helga Schütz
(1980): Julia oder die Erziehung zum Chorgesang. Verwandtenbesuche finden hier ohne Ressen-
timents statt. Joachim Knappe (1975): Die Birke da oben. Arbeiterin folgt Angebot ihres Cousins
und gehr in den Westen und kehrt dann enttäuscht zurück. Erich Loest (1978) (seit 1981 in der
BRD): Es geht seinen Gang. Der Vater der Hauptfigur lebt im Westen und bringt sich nur durch
Geschenke in Erinnerung. Beate Morgenstern (1979): Jenseits der Allee. Frau erhält Besuch von
ihtem West-Stiefbruder: „Seine Verwandlung glich einer Zerstörung." Wolfgang Trampe (1980):
Die Kuckucksuhr. Durch Westbesuch werden falsche Illusionen über die BRD deurlich. Maria
Seidemann (1980): Der Tag. an dem Sir Henry starb. Altkommunistin lädt West-Verwandte zu
sich ein: „Ihr habt Eure Pelze und ich habe mein Leben." Gerd Bieker entwirft in Eiserne Hoch-
zeit (1978,) eine Mischung aus Familienbesuch und Geschlechterbeziehung: Es herrscht zwar
Sympathie zwischen Ost-Cousin und West-Cousine, aber eine wirkliche Verliebtheit kommt we-
gen Systemdifferenzen nicht zustande. Die Paarbeziehung findet sich in den 80er Jahren bei
Christa Müller (1981): Vertreibung aus dem Paradies, wo die Frau ihrem Ehemann nichr in den
Westen folgt und in Helga Schütz: In Annas Namen (1986), wo die Protagonistin ihren Mann an
eine reiche Frau aus dem Westen verliert. Auch in den Nachkriegsromanen der DDR, so A. Mei-
er (1998: 63), wird der Wechsel in den Westen zum „Kapitalismus als Schock".
95 In Kants Roman Die Aula besucht der Protagonist im Rahmen eines Westbesuchs, der einem re-
publikflüchtigen Freund gilt, auch seine Schwester. Kant bearbeitet das Thema vorrangig in einer
Freundesbeziehung zwischen Männern.
176 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

Texte. Dies mag zunächst etstaunen, bot doch immerhin eine Reiseerlaubnis in
dringenden Familienangelegenheiten die Möglichkeit, Kontakt mit dem fremden
Land gleich um die Ecke aufzunehmen. Das Motiv der Brüder und Schwestern
konnte von Autoren der DDR allerdings nicht umstandslos zum Einsatz gebracht
werden, da es als ,Westbild' galt, das zum Ärger bei der Publikation hätte führen
können. Ein Beispiel aus der Filmgeschichte verdeutlicht, wie sehr die Famili-
enmetapher als Bedrohung gesehen und entsprechend abgewehrt werden mußre.
So drehte der Dokumentarfilmer Heynowski - ein Regisseur, der als staatstra-
gend bezeichnet werden könnte - bereits 1963 einen Film mit dem Titel Brüder
und Schwestern, der der Entlarvung dieses Bildes dienen sollte.
1974, gut zehn Jahre später, fanden zwei wichtige Ereignisse statt: Die DDR
besiegte im Fußball-WM-Qualifikationsspiel die BRD, und die DDR-Führung
strich den Begriff der deutschen Nation aus ihrer Verfassung. Ob hier ein Zu-
sammenhang besteht, sei dahingestellt, der Begriff, mit dem das WM-Spiel be-
zeichnet wurde - das ,Brüderduell' — läßt sich jedenfalls auf die Literatur über-
tragen: Wo die deutsch-deutschen Familienmitglieder zusammentreffen, wird oft
um das bessere System rivalisiert. Analog zur neuen Definition der DDR-
Verfassung, die nun den Begriff der Nation nicht mehr an eine gemeinsame
Kulturvergangenheit und Sprache, sondern an den der Klasse bindet, gerät auch
der literarische Familienbesuch der Deutschen zunehmend zum Klassentreffen.
Rosenlöcher bringt in Ostgezeter erste Nachwendeerfahrungen und einen literari-
schen Topos ironisch auf den Punkt, wenn er vermerkt, daß ihm außer dem re-
gelmäßigen West-Paket auch „mein Onkel abhanden kam, weil wir uns gegen-
seitig nicht mehr als Kontrastmittel brauchen" (O, 32).
Die Vereinigung überlebt hat das Kontrastmittel der unangenehmen West-
verwandtschaft hingegen bei Günter Grass. In Ein weites Feld zeigt sich die ganze

96 Vgl. übereinstimmend Hanke (1987), Jafofte (1991) und Wienröder-Skinner (1993).


97 So die Schriftstellerin Helga Schubert in einem persönlichen Gespräch mit mir. Schüben zufol-
ge habe sich jeder Autot die Verwendung des Familienmotivs gut überlegt.
98 Vgl. dazu Zimmetmann 1995 und Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1945-92
(1996).
99 Emmerich (alles Nachfolgende zit. n. Emmerich 1997: 177f.) resümiert im kulturpolitischen
Rahmen folgende Etappen: 1960 bezeichnete Ulbricht die „Petspektive", daß zwei deutsche
Nationen entstehen könnten, als falsch. 1963 verabschiedete die SED auf ihrem Parteitag ein
Programm, demzufolge die Partei „unverrückbar an ihrem Ziel der Wiederherstellung der na-
tionalen Einheit Deutschlands" festhalte. Kannte die Verfassung von 1968 noch den Vereini-
gungsanspruch, so wurde er 1974 gestrichen. 1974 ist etstmals nicht mehr vom „sozialistischen
Staat deutschet Nation" die Rede, sondern vom „sozialistischen Staat der Arbeitet und Bauern".
Vgl. im Rahmen der Alltagsgeschichte Wolle 1998: 63ff. Jaforre (vgl. 1991: 36) weist darauf
hin, daß Ulbricht bereits 1956 von der Existenz zweier deutscher Literaturen gesprochen und
Westeinfluß abgelehnt hatte.
100 Vgl. das Buch Neunzig Minuten Klassenkampf. Das Fußball-Länderspiel BRD-DDR 1974 von
Blees (1999). Brussig hat in seinem Buch Leben bis Männer (2001) - es handelt sich um den
Monolog eines Fußballtrainers - die besondere Bedeutung des .Sparwasser'-Tors für die DDR
herausgestellt. In einem Interview wertet Brussig (2002) die Tarsache, daß dieses Tor nicht wie
die WM von 1954 zur kollektiven Erinnerung gehört, als Beleg, daß die deutsche Einheit keine
großen Emotionen meht freisetzen würde.
FAMILY VALUES - DER NATIONALE FAMILIENROMAN 177

Widerwärtigkeit des „verlorenen Sohns" Friedel (vgl. W F , 287), der früh in den
Westen ging, bei der gesamtdeutschen Familienfeiet, einer Hochzeit, schon im
Trinkverhalten: Als einziger ordert er statt Wein ganz unhumorig Fachinger Mi-
neralwasser - beileibe nicht die einzige Verfehlung an diesem Tag (vgl. W F ,
283ff). Friedel, der auch weiterhin „jeder familären Annäherung" (WF, 324)
ausweicht, ist als geschäftstüchtiget Verleger religiöser Schriften ein lebendes Bei-
spiel, fast schon eine Karikatur von Max Webers Protestantische Ethik und der
Geist des Kapitalismus:

Friedel Wuttke vetlangte nach schonungsloser Offenlegung der Schuld: „Das gilt
für alle, die hier mitgemacht haben. Zum Beispiel wüßte ich gerne [...] wie meine
Familie [...] mit dieser Existenzlüge fertig wird. [...] So kommen wir nicht zusam-
men. [...] Deshalb witd mein Verlag zur Herbstmesse mit einem Buch auf dem
Markt sein, das unter dem Titel ,Wie wir schuldig wurden' erschütternde bekennt-
nishafte Zeugnisse versammelt, und zwar aus Ost und West." (WF, 295)

Der eingeheiratete Schwager Grundmann hingegen ist eine aktualisierte Version


der Fontaneschen Treibeis und ergänzt auf diese Weise als Bauunternehmer die
unangenehme Mischpoke der Wesrverwandtschaft. Seine Unternehmen expan-
dieren im Osten Deutschlands gemäß der Grundmannschen Devise: „Wir neh-
men, was wir kriegen. Wir kleckern nicht, Schwiegervater, wir klotzen."
(WF, 289)
Wie waht dieser Ausspruch ist, m u ß auch der Erzähler in Rosenlöchers Ost-
gezeter erfahren. Eine der lerzten Szenen beschreibt den Abriß des Vaterhauses
durch westdeutsche Bauunternehmer. Unter der Prämisse gekauft, „wertvolle
Bausubstanz zu erhalten und schonend auszubauen", stellt sich schnell heraus,
daß es sich „nicht rechnete, die Bude länger stehen zu lassen" (O, 153). Eingelei-
tet wird die Szene mit der Frage des Neffen „Sind die Westdeutschen böse?"
( O , 149) - eine Frage, die auch den Erzähler heimlich umtreibt. Im Gegensatz zu
Grass stellt sich für Rosenlöcher die Realität indes diffuser und komplizierter dar.
Die Antwort fällt entsprechend ironisch aus: Angesichts der Tatsache, daß es
Westdeutsche seien, die Ostdeutsche vor den rücksichtslosen Westdeutschen war-
nen, konstatiert der Erzähler, daß in ihm „allmählich der Verdacht aufkommt,
daß der sogenannte böse Westdeutsche eine Erfindung der Westdeutschen ist"
(O, 153). Gleichwohl müsse es den fiktiv-imaginären bösen Westdeutschen
notwendigerweise geben, um im „Gegenbild ein Ich zu bewahren, das es auch
nicht meht gibt" (O, 155). Auch det gute Ostdeutsche ist mithin eine Erfindung.

101 Zwar mahnr die Hauptfigut Fonty die Erzählerstimme, den Westschwager nicht „zut Karikatuf
zu stutzen" (WF, 313). aber einige Seiten später ist das Vorhaben schon vergessen (vgl. WF.
327f.).
102 Hier sei kontrastiv zu Rosenlöcher ein Ergebnis aus Germers Untersuchung (1998: 401) zum
Bild des Kriminellen in der ostdeutschen Kriminalliteratur zitiert: „In das jurisrische Vakuum
der Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall stoßen rasch Kriminelle vor, die sich die Naivität
vieler Ostdeutscher zunurze machen und die Chance für schnellen Profit sehen. Gerade in der
Darstellung dieset Figuren vollzieht die ostdeutsche Kriminalliteratur den patadoxen Anschluß
an sozialistische Klischees der fünfziger und sechziger Jahre".
178 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

Gleichwohl gibt es - im gleichen Maße wie die persönliche Familiengeschichte


sich durch die Narionalgeschichte bestimmt zeigt, ohne bruchlos in ihr aufzuge-
gehen - reale, durch unterschiedliche Sozialisationsmuster geprägte Erfahrungen.
Nicht erst mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und ihren Folgen
für die ehemalige DDR wird indes für Rosenlöcher deutlich, daß die Fami-
lienmetapher als biologistische kaum taugt. Zwar gibt es die realen Verwandten,
die regelmäßig zu Besuch kommen und dadurch den ,Westen im Osten wach-
halten' (vgl. O, 35), die allein dutch Blutsbande und Gaben definierte Verbin-
dung wird mit zunehmendem Alter für den Erzähler allerdings zweitrangig. Als
er im Fernsehen westdeutsche Demonstranten sieht, die ihm mit Bart und langen
Haaren auch äußerlich ähneln, transformiert sich für den Erzähler die Familien-
metaphet zur symbolischen Wahlverwandtschaft: „Das waren meine wirklichen,
meine echten Westverwandten!" (O, 39)
Rosenlöcher skizziert die Geschichte der Teilung und Vereinigung Deutsch-
lands weniger im Ost/West-Schema von Gut und Böse denn als Familien-
geschichte, die zugleich eine Geschichte institutionalisierten Mangels ist: „Aufge-
wachsen bin ich im Leuchtbild der Banane." (O, 28) Die durch den Vergleich
mit der BRD erst recht wahrgenommene Mangelwirtschaft korrespondiert dabei
mit einem Mangel an eigener Identität: „Daß ich die Seelenkahlheit verspürte,
die der Totalverlust der Banane in einem Menschen anrichten konnte." (O, 29)
Entsprechend setzt sich der Versuch, nach dem Beirritt der DDR die biogra-
phischen Momente der DDR-Identität zu beschreiben, als Auseinandersetzung
mit den Verfehlungen' der eigenen Lebensgeschichte fort: „Keine DDR-
Identität? Ich schüttelte den Kopf. Nie im Leben. Und war doch bei den Jung-
pionieren." (O, 26) In Rosenlöchers Notaten, die das Kunststück fertigbringen,
sich der eigenen Biographie als dem Leben in einer Diktatur auf ebenso schmerz-
wie scherzhafte Weise zu nähern, kommt der Zwang zum Ausdruck, sich nach
dem Ableben der DDR als Individuum legitimieren zu müssen. Rosenlöchers
Prosa zeigt, wie die Frage nach der Berechtigung und den Leistungen der DDR
zunehmend personalisiert und zur ,Schuldfrage' des Einzelnen wird. Schon früh,
nämlich in Rosenlöchers 1990 publiziertem Tagebuch zur Wendezeit, Die ver-
kauften Pflastersteine, findet sich auf dem Hintergrund der galoppierenden Ereig-
nisse die prophetische Überlegung: „Schon bald werden wir Mühe haben, uns die
DDR selber zu erklären. An die neuen Verhältnisse angepaßt, werden wir uns
fragen, wieso wir uns damals derart anpassen konnten." (VP, 96) Immerhin wird
gerade im Spezifikum der unheroischen Biographie ein Ausweg gesehen: „Gerade

103 Im Februar 1989 artikuliette sich die Kritik an der DDR-Realirät anläßlich des Faschingsum-
zugs in Geising (Erzgebirge) in folgenden Bildern: „Im Westen viele Verwandte/Im Laden eine
Tante. Raritäten unter der Hand, wir leben im Schlaraffenland." Zit. n. Lindner 1998: 23. Der
Faschingsumzug wurde von Honecker persönlich kritisiert.
104 Vgl. auch die Gründe einer ausreisewilligen Familie: „Trotz oder wegen der Geschenke unserer
Verwandten waren wir nichr zufrieden. Wie kann man das auch, wenn man trotz Lehre, Studi-
um und 48-Stunden-Woche viele Dinge nur durch die wohlmeinende .Westverwandschaft' be-
sitzt." Zit. n. Lindner 1998: 41.
FAMILY VALUES - DER NATIONALE FAMILIENROMAN 179

Mangelerfahrung kann Identität stiften. So könnten wir, ob vielleicht doch gele-


gentlich wieder hervorbrechender Renitenz, plötzlich gefragt werden, was uns
denn eigentlich noch fehle. Die Antwort wäre: Zuwenig." (VP, 96f.)
Gegenüber der aus den Großbausteinen Ost oder West gefügten nationalen
Identität, deren Problematik sich nut wie in einem japanischen Koan auflösen
ließe, bringt Rosenlöcher in seiner Prosa eine andere Verortung des schreibenden
Ichs ins Spiel: den Poeten aus Kleinzschachwitz. In seinet Verteidigung des re-
gionalen Dialekts, des Sächsischen, der als historische Landschaft verstandenen
Heimat, in der Betonung der Wahlverwandtschaften als symbolischem und eher
(lokal)patriotischem Bezugssystem, werden die nationalen Identitäten Ost und
West als kontrastive Zuschreibungsmusrer kenntlich, die schon vor der Ver-
einigung fragwürdig waren, danach dann aber eher der Aufrechterhaltung von
Phantomen dienen. Gleichwohl müssen sie in ihrer Mischung aus realer Erfah-
rung und fiktionalem Konstrukt aufrechterhalten werden, denn eingebettet in re-
gionale Besonderheiten und diese zugleich dominierend, handelt es sich in det
Ost-West-Konfrontation um eine „Restmythologie, die Differenzen behauptet,
Unterschiede erzählbar macht" (O, 155).
Es sind exakt Rosenlöchers poetologische Referenzpunkte - Heimat, Regio-
nalität und Mangel -, die auch Martin Walsers Selbstverständnis prägen: Meine
Muse ist der Mangel, so der programmatische Titel eines Essays des Autors, der
sein Engagement als Heimatkunde, so der Titel eines anderen Essays, verstanden
wissen will. Das Insistieren auf regionalen Differenzen verbindet sich hier aller-
dings bereits während der deutschen Teilung mit dem Wunschbild der Nation.
Wie Günter Grass sah auch Walser zunächst in den 50er und 60er Jahren natio-
nalstaatliche Bestrebungen durch den Nationalsozialismus endgültig desavouiert,
bevor er in seinen deutschlandpolitischen Ausführungen zunehmend das
Wunschbild der geeinten deutschen Nation beschwor. Nach der Novelle Dorle
und Wolf von 1987 hielt er 1988 die umstrittene Rede Über Deutschland reden;
1991 erschien mit Die Verteidigung der Kindheit ein deutschlandpolitischet Ro-
man des Autors.
Die Verteidigung der Kindheit basiert auf einem authentischen Fall. Der Autor
hatte die Tagebuchaufzeichnungen und Postkarten eines Verstorbenen erhalten
und aus diesen die Figur des Alfred Dorn geformt. Dessen Lebensgeschichte ist
zutiefst in die deutsche Geschichte verwoben, durch diese beeinflußt. Der viertei-
lige Roman beginnt mit der Übersiedlung des Srudenten Dorn nach West-Berlin.
In Rückblicken erschließt sich seine Lebensgeschichte. Dorn erlebte als Kind mit
seiner Mutter die Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945; eine Erfah-
rung, die zum unüberwindbaren Trauma wird. Später studiert Dom Jura, besteht
abet als eigentlich unpolitischer Mensch das juristische Examen nicht, da er die
ideologischen Fragen in der Prüfung .falsch' beantwortet. Er schreibt sich deshalb
an der Freien Universität Berlin ein. Als er die Prüfung schließlich besteht, geht
seine Karriere nur mühsam vonstatten; Dorn ist ein Sonderling und Einzelgän-

105 Vgl. Walser 1968 (Heimatkunde) und 1986 (Mangel)


180 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

ger, der nur wenig Anschluß findet. Seine todkranke Mutter zieht zu ihm nach
Berlin. Nach ihrem Tod gilt Doms ganze Mühe der Wiederherstellung der Dres-
dener Vergangenheit als Versuch, die verlorene Kindheit zu rekonstruieren, um
auf diese Weise seinen persönlichen „Pergamonaltar" (VK, 263) zu errichten. Die
deutsche Nachkriegsgeschichte erschwert dieses Projekt naturgemäß zunehmend,
da Dorn seine Besuche in der SBZ und später in der DDR beantragen muß.
Dorn, dessen liebster Berufswunsch „Sohndarsteller" (VK, 340) lautet, praktiziert
einen rückhaltlosen „Mutterkult" (VK, 299). Nach dem Tod der Mutter setzt er
seine gesamte Energie daran, alle ihre Gegenstände um sich zu versammeln. Bei
einem seiner Dresden-Besuche lernt er den jungen Reinhold Fasold kennen, dem
er zur Übersiedelung in die BRD verhilft und der ihn in der Folge finanziell aus-
nimmt. Am Schluß stirbt Dorn an einer Überdosis Schlaftabletten - ob Unfall
oder Selbstmord, bleibt offen. Er wird in embryonaler Stellung gefunden, mit ei-
nef Biographie Kaspar Hausers neben sich.
Walsers Roman weist allegorische Züge auf. Die Teilung Deutschlands ist
mit der Scheidung der Eltern als Familiennarration realisiert, mit Doms unklarer
sexueller Orientierung wird die nationale Identitätsproblematik einem Engende-
ring-Verfahren unterzogen und die ,zerissenen' Ffände des Vaters und Dorns
5/>a//-Tabletten, mit denen er seine Kopfschmerzen bekämpft, bringen eine Ver-
leiblichungsstrategie zum Einsatz. Im Unterschied zur Agentenstory Dorle und
Wo^Tungiert in Die Verteidigung der Kindheit nicht das aristophanische Mytho-
logem der Kugelwesen als das den Text leitende körperdiskursive Verweissystem,
sondern eine Psychopathologie des Alltagsleidens, das mit Dorns offenen Wun-
den in der Leistengegend an die christologische Motivik anschließt: Dorns Leiden
an Deutschland erzeugt „shism of history in the body".
Während Walser an diesem Deutschlandroman schrieb, fiel die Mauer, vollzog
sich die Vereinigung Deutschlands. Weniger aus Treue zum biographischen Ma-
terial denn aus poetologischen Erwägungen, so Georg Braungart, läßt Walser sei-
nen Protagonisten die veränderten Umstände nicht mehr erleben. Zwar mag
stimmen, daß der unerwartete Umschwung Doms Verlusterfahrung nicht hätte
heilen können, das Argument Die Verteidigung der Kindheit sei „der große Roman
der Einheit, weil er - in provozierender Weise - die Wunde namens Deutschland
offenhält", ist indes fragwürdig. Bei Dorn findet sich die Überlagerung infanti-
ler und realgeschichtlicher Traumen, wie sie Freud in seiner Revision zur
Angsttheorie beschrieben hat. Zwar herrscht, wie Erich Wolfgang Skwara in sei-
ner Rezension bemerkt, ein geradezu „unheimlicher Einklang zwischen Autor
und Held", det Roman selbst ist - unbeschadet det Konvergenz zum biographi-
schen Vorbild - allerdings zuvörderst ein Text, dessen Logik sich nicht aus der
,wirklichen' Lebensgeschichte etschließt, sondern aus der Deutung des Autors. So

106 Vgl. Braungart 1997: 112f.


107 Lewis 1996: 141.
108 Braungart 1997: 113.
109 Skwara 1995: 190.
FAMILY VALUES - DER NATIONALE FAMILIENROMAN 181

folgt die Sinnstruktur des Romans, die Individualpathologie und Nationalge-


schichte unauflöslich einander verwebt, zwar mimetisch det Überlagerung von
Privat- und Kollektivgeschichte, nichtsdestotrotz wäre sie nicht auf dem Hinter-
grund einer privaten Lebensgeschichte .richtig' gedeutet, sondern auf der Folie
der deutschlandpolitischen Äußerungen und Texte Walsers.
Die Nachkriegsgeschichte Deutschlands und die Biographie des Protagonisten,
det diese so sinnfällig vetkörpert, nehmen zwar ihren Ausgang in der Zerstö-
rung Dresdens, fortgeschrieben wird die national-biographische Geschichte aller-
dings in der Auseinandersetzung mit der jüdischen Leiderfahrung und ihren
Folgen. Als konkrete Lebenserfahrung korrespondiert Dorns Unfähigkeit, mit
Juden befreundet zu sein, und sein Schuldbewußtsein gegenüber dem anti-
semitischen Erbe der ambivalenten Haltung der Deutschen zwischen Schuldbe-
wußtsein, Verdrängung und fortgesetztem Antisemitismus. Als Vertreter der
westdeutschen Wiedergutmachungsbürokratie verkörpert er das Pendant zum
antifaschistischen Gründungsmythos der D D R . Obwohl Juden im Roman
Walsers eine zentrale Rolle spielen, ist der Text trotzdem keine Verarbeitung der
nationalsozialistischen Geschichte, sondern diejenige ihrer Folgen für die Deut-
schen - der Teilung Deutschlands.
Walsers Ineinssetzung privatpathologischer und nationalgeschichtlicher
Traumen inszeniert die Bombardierung Dresdens als persönliche und nationale
„Urszene" gleichermaßen. Während die .Bombennacht' bei Hettche als frag-
mentarisches Bruchstück einer auf ihre Vergangenheit entgrenzten Geschichte
präsentiert wird, erfährt sie bei Walser hingegen eine politische Deutung. Sie re-
präsentiert als .Ursprungserzählung' die Nachkriegsgeschichte und damit die
deutsche Teilung, die Walser als „barbarische" " Bestrafung Deutschlands be-
zeichnet hat. Diese muß, so zutreffend Alison Lewis, als Versuch erscheinen, die
nationalsozialistischen Verbrechen herabzumildern:

Not surprisingly, it is a mark of Walser's own .perverseness' that he chooses Dres-


den, rather than Auschwitz, as a symbol of German .Fall' and as the origin of
Alfreds trauma. [...] Whereas Auschwitz was seen by Walser's contemporaries -
mainly Güntet Grass - as a sufficient justification for the division of Germany,
Dresden functions for Walser as a obstinate reminder of the historical contingent
nature of this devision.

Urszenen sind nach Freud eine Konsrruktion aus Erlebrem und nachträglicher
Deutung. Dem realen Erlebnishintergrund wird nachträglich eine spezifische Be-
deutung zugewiesen, das Erlebte auf diese Weise interpretiert. Diese nach-
trägliche Deutung liefert hinsichtlich der Textlogik nicht der Protagonist als viel-

110 Anthes-Ploch (1996: 94) bezeichnet die „Zerstörung Dresdens [...] und Juden" als die zwei
zentralen Themen des Romans und betont, daß die Juden „einen Bogen von det Zeit des Na-
tionalsozialismus über den Antifaschismus der DDR bis zur Wiedergutmachungsbürokrarie der
Bundesrepublik" spannen.
111 Vgl. Lewis 1996: 129. Vgl. dazu auch Doane 1994.
112 Zit. n. Lewis 1996: 126.
113 Lewis 1996: 130.
182 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

mehr der Autor Walser, indem er das biographische Erlebnis zur nationalen Ur-
szene macht. Sie bekommt damit - und hier liegt das deutende Moment - eine
repräsentative Funktion zugeschrieben, die in der Übernahme des privat trauma-
tischen Charakters zugleich zum Ursprungsbild deutschen Leidens wird. Zwar
mag Walser sich sehr genau an die biographischen Vorgaben gehalten haben, erst
die Nationalisierung des Traumas überführt die privatgeschichtliche Reaktion in
einen historiographischen Rahmen. Die Deutung der Bombennacht sagt mehr
über den Autor als über Dorns wirkliches Vorbild aus und kann damit selbst
wieder im Kontext der Walserschen Schuldproblematik gedeutet wenden. Die
,deutsche Urszene' als ursprüngliche, das Subjekt wie die Nation gleichermaßen
formende Leidenserfahrung kann als abgewehrte Bestrafungsphantasie gelesen
werden, in der Dorn die oberflächlich traumatisierte, verdeckt aber schuldige
Nation verkörpert. Dorn begeht als Junge eine antisemitische Handlung, von der
er sein Leben lang nicht loskommt. Er ruft einmal einem erschöpft pausierenden,
im Straßenbau eingesetzten Zwangsarbeiter „He, Jude!" zu, worauf der Mann er-
schrocken weiterarbeitet: „In dieser Sekunde ist er ein Nazi gewesen. Nie davor
und nie mehr danach." (VK, 308) Tatsächlich soll er das Gesicht dieses Mannes
noch häufiget wiedersehen, handelt es sich doch um Victor Klemperer, dessen
Photo er nach dem Krieg häufiger in den Zeitungen sieht: „He, Jude! dachte Al-
fred jedesmal." (VK, 308) Dorn unterliegt - da er die ihn peinigende Erfah-
rung nicht erzählen kann - dem Zwang zur Wiederholung. Dorn hat allerdings
noch eine weitere ,Schuld' auf sich geladen. Spät erkennt er, daß er selbst der
wahre Grund für die Trennung der Eltern war. Überträgt man diese Selbstbe-
schuldigung auf die allegorische Ebene des Romans, auf der die geschiedenen El-
tern die geteilte Nation repräsentieren, so findet sich verschoben ein Schuldbe-
kenntnis, das die Teilung Deutschlands im Antisemitismus begründet und damit
indirekt hinter die fast plakativ gesetzte Urszene zurückweist.
Die Doppelstruktur aus kindheitsbiographischen und nationalgeschichtlichen
Traumen reicht indes noch weiter. Dorns Sammelwut trägt deutlich feti-
schistische Züge und verweist damit auf eine spezifische Fotm der Abwehr kind-
licher Kasrrationsangst. Im Fetischismus wird die Erkenntnis, daß der Mutter
der Phallus fehle, geleugnet, wobei das Kind zugleich die Angst vor dem Verlust
des eigenen Penis abwehrt. Die Bombennacht, die Dorn als immerhin Sechzehn-
jähriger - und eben nicht, wie Lewis schreibt, „as a child" ' — erlebt, reaktuali-

114 Zur Biographie Klemperers und der ihm aufoktroyierten jüdischen Identität vgl. Misch 2001.
Walser hatte Klempeters Tagebücher dem Suhrkamp Verlag zur Publikation empfohlen, diese
erschienen aber bereits im Aufbau-Verlag. Vgl. dazu Magenau 2005: 425. Später kam es zum
Bruch zwischen Walser und Jürgen Habermas: Habermas warf Walser vor, in seiner Laudatio
auf Klemperer anläßlich der posthumen Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises dessen
„Deutschtumssehnsucht" zu einseitig herausgearbeitet zu haben. Vgl. ebd.: 462.
115 Walser scheint hiet die Deutungsmuster der Psychoanalyse übernommen zu haben - oder das
verarbeitete biographische Material bestätigt Freud.
116 Lewis 1996: 129. Diese Verquickung eines kindheitsbiographischen und historischen Traumas
findet sich auch in Ingeborg Bachmanns Romanfragment Der Fall Franza. Vgl. dazu Brüns
1998.
FAMILY VALUES - DER NATIONALE FAMILIENROMAN 183

siert die Kastrationsdrohung, auf die Dorn nun mit der Ausbildung seiner feti-
schistischen Persönlichkeitsstruktur reagiert. Obwohl Dorns Fetischismus seine
Wurzeln in individualpathologischen Kindheitserfahrungen hat, sind sie doch
ebenfalls historisch begründet „in what could be termed the ,threat of castration'
of Germany, namely in the destruction of his Heimat hy Allied bombs at the end
of the war". In der metonymischen Struktur des Romans repräsentieren die
Wunschbilder der phallischen Mutter und des unzerstörten Dresden die Leug-
nung des Objektverlustes. Walsers unermüdliche Arbeit an det geeinten Nation
hat solchetmaßen selbst einen fetischistischen Charakter.
Wie Lewis bemerkt, korrespondiert Dorns Regression zur Mutter mit der
Weigerung, sich mit dem Vater zu idenrifizieren. Seinen Ausdruck findet das hier
im klassischen Kastrationssymbol: der Zahn. Hat die Mutter einerseits ihren Bak-
kenzahn bei der Geburt Alfreds verloren, so ist hingegen Alfreds Vater Zahnarzt,
der dem Sohn einen Backenzahn mit Gold auffüllt, was dieser später als Ursache
seiner Zahnschmerzen sieht. Allerdings geht es um mehr, als mit der Goldfüllung
nur die väterlichen Bestrebungen nach „money and material Wellness" loszu-
werden. Die Zahnfüllung repräsentiert vielmehr die zum Körper gewordene,
schmerzliche Erinnerung an einen väterlichen Ratschlag:

Als der Vatet sagte: Juden gegenübet sei vorsichtig, dachte et an sein: He, Jude! Ei-
nen Augenblick lang war der Vater beherrscht worden von einer Denk- und Re-
densart, die älter war als der Nationalsozialismus. Man hat sie mitgekriegt. (VK,
308)'"

Der Wunsch, sich der väterlichen Goldfüllung zu entledigen, repräsentiert den


Wunsch, das ebenfalls implantierte antisemitische Erbe loszuwerden. Die Schuld
- nachgerade eine die Generationen überdauernde Erbsünde - wird jedoch ange-
sichts der Photos Klemperers immer wieder aktiviert. Für Walsers deutsch-
landpolitische Auslassungen nach 1977 hätte Dorns unbewußt somatisch agiertet
Schuldzusammenhang das Votbild sein können: Auch Walser würde die natio-
nalsozialistische Vergangenheit - die .Erbsünde' des Antisemitismus - am liebsten
operativ entfernen: „Wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns
wieder nationalen Aufgaben zuwenden." " Tatsächlich zeigt sich abet in der Ver-
teidigung der Kindheit ein umgekehrter Funktionszusammenhang: Es ist gerade
die jüdische Leidensgeschichte, die die Einheit der Nation imaginär auf-
rechterhält. Im Zuge der Nationalisierung des Traumas kommt dem zentralen
narrativen Bogen - der Darstellung der jüdischen Geschichte seit den späten 20er
Jahren bis in die 80er - eine spezifische Funktion zu. Die Juden bilden gleicher-
maßen in ihrer geschichtlichen Kontinuität des .Jüdischseins' das Andere zum

117 Lewis 1996: 137.


118 Lewis 1996: 134.
119 Der warnende Satz des Vaters taucht schon vorher im Kontext der Bekanntschaft Dorns zu ei
nem jüdischen Kommilitonen auf (vgl. VK, 151).
120 Walser [1979] 1997d: 224.
184 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

geteilten Deutschland, wie sie als das Andere die letztlich unauflösliche Einheit
des Einen, der Nation, garantieren.
Der Fetischismus fungiert darüber hinaus - auch hier bestätigt D o r n sozu-
sagen Freud - als Abwehr homosexueller Wünsche. Dorn sucht aufgrund seiner
vielfältigen Persönlichkeitsprobleme einen Psychoanalytiker auf, wobei die The-
rapie zunehmend auf den Wunsch hinausläuft, der Analytiker, Dr. Permoser,
möge ihn als „nicht praktizierenden Homosexuellen" (vgl. VK, 498) anerkennen.
Damit rückt Dr. Permoser in die Position des großen Anderen, des Repräsen-
tanten der symbolischen O r d n u n g . Er ist mit Lacan gesprochen le sujet suppose ä
savoir. Dr. Permoser verweigert allerdings die gewünschte Anerkennung mit dem
Hinweis, Dorn sei gleichermaßen ein „nicht praktizierender Heterosexueller"
(VK, 498). In seiner emphatischen Schreibweise, die Dorns sexuelle Orientierung
deutlich als homosexuelle ausweist, greift Walser, als Autor gleichsam in der Po-
sition des Großen Anderen, den unerfüllten Wunsch des Verstorbenen auf und
erkennt ihn posthum an. In seiner Schilderung folgt Walser den biographischen
Vorgaben und erstellt dabei das Psychogramm eines Selbstverhinderers, ohne den
Protagonisten zu denunzieren. Gleichwohl ist der Perspektive des Romans anzu-
merken, daß die Biographie des Verstorbenen und die Deutschlandemphase Wal-
ser ,zu gut' zusammengehen: Familienroman und Nationalgeschichte fügen sich
zu bruchlos zum Deutschen Requiem. ' In der individualpsychologischen Allego-
rese des Romans läßt sich Dorns Fixierung auf die zerstörte Kindheit und Walsers
Festhalten an der W u n d e Deutschland nicht allein aus der Logik des Bombarde-
ment-Traumas und der Verlusterfahrungen erklären. Sie rührt vielmehr aus einer
Schreibweise, in der sich die Persönlichkeitsstruktur des biographischen Protago-
nisten und die Poetologie Walsers treffen. Dorns Erinnerungsbegriff rührt aus ei-
ner Vorstellung einer unbeweglichen Faktizität des Vergangenen: „Ihm kam es
auf nichts als auf das Faktum an. [...] Der erste Eindruck war bei ihm immer un-
korrigierbar." (VK, I4f.) Seinen deutlichsten Ausdruck gewinnt dies in Dorns
Versuch, die Vergangenheit durch Dokumente und Gegenstände nachzustellen'.
Der Plan Dorns, ein „Alfred-Dorn-Museum" (VK, 480) zu errichten, wird aller-
dings erst durch den Autor Walser realisiert. Damit folgt der Autot nicht nur im
Schreibanlaß, sondern auch im weiteren, wie folgende Überlegung selbstreflexiv
formuliert, det Perspektive des biographischen Materials:

[Wenn schon wirkliche Personen in den Romandienst genommen werden, dann


haben sie das letzte Wort. [...] Also, eine Art Übeteinstimmung des Autors mit der
wirklich gewesenen Person sei die Bedingung. Sei die nicht gegeben, triumphiere
die Manier des Autors über die historische Sache. (VK, 219f.)

W o immer noch die Übereinstimmungen von Autor und Romanheld liegen mö-
gen, sicherlich findet sich eine gravierende Gemeinsamkeit auf der Ebene ab-

121 \r\ Auschwitz und kein Ende ([1979] 1997e: 232,) schreibr Walser: „Deutsche, was ist das? Ost?
West? Deutsches Volk? Nie gehört. [...] Schlimm genug, daß wir nur durch Schlimmstes, dutch
die Auschwitz-Schuld aul unsere Gemeinsamkeit hingewiesen werden können."
122 So der Titel der Besprechung von Volker Hage (1992) in der Zeit vom 9. Augusr 1991.
FAMILY VALUES - DER NATIONALE FAMILIENROMAN 185

gewehrter unbewußter Affekte, die - nach außen projiziert - bei Dorn über des-
sen Sexualleben, bei Walser hingegen über die historische Sache triumphieren.
Die unbewältigte Schuld am Holocaust wird in Walsers Friedenspreis-Kede als
„Dauervorwurf der Schande" ähnlich ,paranoid' abgewehrt, wie Dorn seine eige-
ne Homosexualität nur als ständigen Vorwurf der Anderen an ihn herangetragen
sieht. Die analogen Abwehrstrukturen Doms und Walsers finden ihre Synthese
in Dorns Vorstellung, er sei ausgerechnet im Amt für Wiedergutmachung das
Opfer einer „organisierten Homosexuellenverschwörung" (VK, 340).
Der Autor und sein Held verschreiben sich gleichermaßen der anscheinend
lückenlosen Rekonstruktion des Vergangenen und Verlorenen, wobei der suppo-
nierte Erinnerungsbegiff Dorns als Faktizitat des Geschehenen und Fixierung auf
den ersten Eindruck von Walser in der Inszenierung der Bombennacht zur Ur-
szene in seinen nationalgeschichtlichen Romandienst genommen wird. Sie
schiebt sich affektiv vor die vorausgegangenen Verbrechen und wird zum fixier-
ten Ursprung der Nachkriegsgeschichte, der .barbarischen Strafe', die Deutsch-
land in Walsers Sicht erträgt. An die Stelle einer wirklichen Erinnerungsarbeit
tritt so die Inszenierung der Vergangenheit. Wie sein Proragonisr Dorn, der um
seinen Hang zur „Pose", zur „Stilisierung" und zur „Dramatisierung"(VK, 113)
weiß, stilisiert und dramatisiert Walser die Bombennacht Dresdens zur nationa-
len Leiderfahrung. " Er folgt damit einem strukturellen Moment nationaler
Mythenbildung, der in der Beschwörung des gemeinschaftsstiftenden Aspektes
des kollektiven Opfers besteht. ' Die Inschrift einer nationalen Niederlage ins
kollektive Gedächtnis rührt zwar aus deren traumatischem Charakter, har aber
auch die Funktion, im Appell an die noch ausstehende Wiederherstellung natio-
naler Ehre - resp. in diesem Fall der Einheit - eine generationsüberdauernde
Identität zu produzieren. Die Niederlage erhielt in der zerbombten Dresdener
Frauenkirche ihr Mahnmal, gleichermaßen steingewordener Affekt wie kulturhi-
storischer Anschluß an die Funktion des einheitsstiftenden Nationaldenkmals,
wie es das 19. Jahrhundert entwickelte.
Rosenlöchers Beschreibung der Ruine der Dresdener Frauenkirche in Die ver-
kauften Pflastersteine zeigt die Funktion eines solchen Nationaldenkmals und
kann als Kommentar auch zu Walsers Verfahren stehen: „Noch immer ist sie das
Denkmal der Bombennacht, aber in ihrer theatralisch ausgeleuchteten Perfektion
schon Hybris, erinnerungslos." (VP, 109) Erinnerungslos im Sinne einer Bear-
beitung des Vergangenen verfährt auch Dorn und mit ihm sein Autor. Auf Dorns
Spuren wird die Vergangenheit nicht durch Erinnerungsarbeit, sondetn im Sinne
der Erinnerungsspuren als „Sachreproduktionen" ' des Vergangenen rekon-
struiert. Die Fixierung auf die unbewegliche Vergangenheit immobilisiert dabei

123 Auch seinem .Antipoden' Grass wurde vorgeworfen, mit Im Krebsgang (2002) dem Einttitt in
die .internationale Opferkultur' Vorschub zu leisten.
124 Zum Aspekt .nationale Niederlage' vgl. Francois/Schulze 1998: 28.
125 Zur Funktion des Nationaldenkmals vgl. Mosse 1993: 62ff.
126 Zum Konzepr der Erinnerungsspur als Niederschrift in den psychischen Apparat vgl. Laplan-
che/Pontalis 1972: 138ff.
186 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

das Ich und verhindert einen Blick in die Gegenwart. Die von Walser so natio-
nalheroisch beschworene Vergangenheit stellt sich in der Gegenwart - zumindest
im aufmerksamen Blick Rosenlöchers anläßlich des Kanzlerbesuchs am 19. 12.
1989 in Dresden - allerdings als reiner Kitsch heraus: „Er beugte sich vor, legte
einen Kranz für die Toten des 13. Februar auf die Trümmer und ringsum sangen
sie: ,So ein Tag, so wunderschön wie heute.'" (VP, 82)
Jeder Neurotiker erzählt seinen Familienroman, so Freud. " Walser setzt in
seinet emphatischen Schreibweise den Familienroman des Verstorbenen fort und
folgt dabei auch dessen Wünschen und Projektionen, die er zugleich auf seine
Weise deutet. Damit rückt auch die Mauer in einen erweiterten Bedeutungs-
horizont. Sie gewinnt für den Familienroman Dorns auch die Funktion des
Dammes gegen die konfliktive Sexualität des Protagonisten. Dorn sieht sich in
seiner - in diesem Punkt schon fast paranoiden - Wahrnehmung immer wieder
Gerüchten ausgesetzt, die ihn als Homosexuellen stigmatisieren. Gleichermaßen
abgespalten wie die DDR als das .andere Deutschland', sind es für Dorn immer
die Anderen, die sexuell deviant sind bis hin zum Verdacht, seine Arbeitsstelle sei
„das Amt als otganisierte Homosexuellenverschwörung" (VK, 340). Bezeichnen-
derweise fühlt sich Dorn eigentlich nur ,hinter' der Mauer - in Dresden — sicher.
Braungarts Postulat, Dorn hätte die deutsch-deutsche Vereinigung aufgrund sei-
ner traumatischen Erlebnisse nicht erleben dürfen," ist nur teilweise richtig.
Dorn erlebt - im Rahmen der allegorischen Struktur des Romans - durchaus die
Möglichkeit einer deutsch-deutschen Vereinigung, nur wäre sie eine homosexu-
elle. Würde Dorn seinem Begehren nachgeben, so könnte er nicht nur mit sei-
nem westdeutschen Atbeitskollegen Rosellen, zu dem er eine Haßliebe entwik-
kelt, sondern möglicherweise auch mit dem Dresdener Fasold, dessen sexuelle
Orientierung zwar augenscheinlich heterosexuell ist, der aber einmal als „Strich-
junge" (VK, 476) bezeichnet wird, eine Beziehung anfangen." Daß der Verfol-
ger', zu dem sich Fasold nach seiner Übersiedlung in die BRD entwickelt, aus der
DDR und damit aus dem .geschützten' psychischen Raum Dorns stammt, ist
psychologisch durchaus folgerichtig: eine Wiederkehr des Verdrängten. Von

127 Ein Familienroman ist auch Walsets Roman Ein springender Brunnen von 1998. Garbe
(2001: 208f.) resümiert, Walser wolle „die Zeir des deutschen Faschismus als eine ganz normale
Periode der deutschen Geschichte darstellen" und den Nationalsozialismus verharmlosen. Vgl.
dazu auch Tunner (2003), die ebenfalls die ambivalenten Tendenzen des Romans aufzeigt.
128 Vgl. Braungart 1997: 113.
129 Bauer Pickar (1994: 138) sieht mit Verweis auf Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig in
Fasold „a Felix Krull figure, who serves a kind of Tadzio to Dorns Aschenbach life." Auch
Fasold verkörpert wie Tadzio als Hermes Psychagogos den Zusammenhang von Homoerotik
und Todesahnung. Wie Reinhold (1995: 202) bemerkt, wird mit Fasolds Auftauchen am
Dresdener Bahnhot motivisch der Bogen zur Eröffnung des Romans - des Abschieds Dorns
von seinen zerstrittenen Eltern - an eben diesem Bahnhof gespannt: „Mit der Wiederaufnahme
des Bahnhofmotivs wird signalisiert, daß die Kurve dieses merkwürdigen Lebens sich zu neigen
beginnt."
130 Psychologisch wirkt die Figur Dorn geradezu von Freud .abgeschrieben' bzw. von psycho-
analytischen Theotien inspiriert: Freud sah in der Paranoia einen Abwehrmechanismus gegen-
FAMILY VALUES - DER NATIONALE FAMILIENROMAN 187

den biographischen Ursachen abgesehen sprechen auch zwei weitere literar-


ästhetische Gründe gegen die Vereinigung von Ost und West: Sie würde zwar,
mit Aristophanes gesprochen, die Menschennatut heilen, da es auch die männ-
lich-männlichen Kugelwesen gibt, sie paßt aber weder in den neurotischen Fami-
lienroman noch in den heterosexuellen Geschlechterdiskurs der Nation.
Setzt die Literarur Familienbegegnungen nach der Vereinigung in Szene, sind
diese ernüchternd. Auch Christa Wolf griff in ihrer 1994 gehaltenen Rede Ab-
schied von Phantomen die Familien-Metapher nur auf, um ihre Brüchigkeit zu
zeigen:
Nun also, mit westlichem Blick gesehen: da ergießen sich die von drüben in zwei-
felhaften Gefährten, die sie Auto nennen [...] Brüder und Schwestern aus einer sehr
fremden Familie; ungeschliffen, plebejisch, proletenhaft. Dabei anspruchsvoll.
Wußten die überhaupt, was ein Computer ist? Man genierte sich solcher Verwandt-
schaft. (AP, 328)

Schon 1994 scheint es sich nicht mehr um die gleiche Familie, sondern eher einen
entfernten Familienzweig zu handeln: Aus der (Kern)Familie ist eine weitläufige
Verwandtschaft geworden. " Nur dort, wo die Familienzusammenführung als ein
noch ausstehendes Ereignis imaginiert wird, ist sie ein schönes Versprechen. So
siedelt die ostdeutsche Autorin Kathrin Schmidt ihren Roman Die Gunnar-
Lennefien-Expedition aus dem Jahre 1998 nicht in der Gegenwart nach 1989/90,
sondern in einer thüringischen Kleinstadt des Jahres 1976 an. Die Protago-
nistinnen imaginieren unter dem titelgebenden Stichwort Gunnar-Lennefsen-
Expedition eine Reise in die deutsche Geschichte, die einerseits bis ins Kaiserreich
zurückreicht und andererseits auch die Mauer überwindet und den nach West-
deutschland versprengten Familienzweig einschließt. Hier geht die Familienliebe
noch so weit, daß die im Westen wohnende Protagonistin, als sie von ihrer Fami-
lie erfährt, sofort in die D D R reisen will: „So stark kann die Tochterliebe sein,
daß eine in den Osten will! In die Diktatur!" (GL, 194) Noch steht die Vereini-
gung aus, aber der von beiden Seiten begeistert ersehnte Besuch der west-
deutschen Verwandtschaft verläuft auch hiet eher ernüchternd. Und dies, obwohl
hier „Genealogia, die Göttin der Sippenbildung [...] offenbar seit Jahrzehnten
versucht, eine Vetbindung zwischen den Familien herbeizuführen" (GL, 139).
Selbst die Familiengötter - so die literarische Erkenntnis nach der Vereinigung -
vermögen es offenbar nicht, die kulturellen Grenzziehungen zu überwinden.

über der Homosexualität, Melanie Klein postuliette eine frühkindliche .paranoide Position', die
durch Verfolgungsphantasien (,böses Teilobjekt') geprägt ist.
131 Hier sei nochmals auf Peitschs (1995) Analyse der Konstruktion nationaler Identität im Bild
det Ehe als einer auf Abwehr deviantet - insbesondere homosexueller - Sexualitäten basieren-
den Zwangshetetosexualität in Dorle und Wolfverv/iesen.
132 Schon 1991 sprach Günter Gaus (1998b: 21) davon, daß es sich beim Finanztransfer nicht um
„Gunstbeweise gegenübet entfernten, bedürftigen Verwandten" handle.
133 Im Kriminalroman Satansbraten von -ky werden die neudeutschen Verhältnisse zum Anlaß,
Familienverhältnisse - es geht um eine aus politischen Gründen verschwiegene Adoption - auf-
zuklären.
188 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

Auch Thomas Brussig hat in seinem Text Am kürzeren Ende der Sonnenallee
(1999) der geteilten Familie ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Westonkel,
der regelmäßig aus dem Westteil Berlins zu Besuch kommt, heißt Heinz - genau-
so wie der Westonkel in Rosenlöchers Ostgezeter. Wie Rosenlöchers Onkel ist
auch derjenige bei Brussig ein Gabenbringer - mit dem Unterschied, daß er die
Waren schmuggelt. Bis zu seinem Tode will er nicht wahrhaben, daß seine ge-
schmuggelten Geschenke allesamt erlaubt sind und so fällt ihm noch im Sarg eine
Rolle Smarties aus dem Hosenbein. Die Familienzusammenführung geschieht
hier auf makaber ironische Art: Onkel Heinz wird eingeäschert und von seiner
Schwester, die zur Beerdigung einmal ausreisen darf, in einer Kaffeebüchse in den
Osten geschmuggelt, gleichermaßen legal wie illegal. Familienzusammenführung
als posthumes Verfahren: Deutlicher kann man kaum zeigen, daß man zu Leb-
zeiten eben nicht wirklich zusammengefunden hat. Brussig hat sein Erzählver-
fahren eine rückprojizierte Erinnerung genannt - das Wunschbild einer ,hip-
pieesken' DDR, die es so wohl nie gegeben hat, ohne daß deshalb das Bild der
tristen grauen DDR notwendig stimmen würde. Auch das sehr komische Bild des
über die Ost-Verhältnisse schimpfenden und Waren schmuggelnden Onkels
Heinz ist gleichermaßen Erinnerung, Klischee und literarische Reminiszenz —
darauf weist schon die ,charakterliche Überstimmung' mit dem gleichnamigen
Onkel bei Rosenlöchet hin. Als der damalige Bundeskanzler Kohl am 19. De-
zember 1989 in Dresden ausrief: „In diesen Tagen empfinden wir uns in
Deutschland wieder als eine deutsche Familie!" , war auch dies eine rückwärts-
gewandte Projektion, eine zum Zeitpunkt des Ausspruchs vermutlich schon no-
stalgische Etinnerung, die ein Jahrzehnt später auch literarisch beerdigt wurde:
„Die Totenrede wat seht kurz. ,Heinz', sagte Herr Kuppisch feierlich, ,du warst
nicht nur unser Schwager, Bruder und Onkel - du warst unsere West-
verwandtschaft!'" (S, 152)

134 Dieser Roman zeigt die Ost-West-Familie als sich liebende Verwandte, die gleichwohl den Sy-
stemvetgleich repräsentieren.
135 Vgl. Brussig 1999b.
136 Zit. n. dem Film Die deutsche Einheit von Ekkehard Kuhn und Guido Knopp. Letzterer erhielt
für diese Produktion 1990 das Bundesverdienstkteuz.
3. Engendering History- Die exotische Barbarin
Die Familienpolitik kam nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten in
der Tat schnell an ihr Ende. Bereits 1991 formulierte die Psychoanalytikerin
Margarete Mirscherlich: „Die gestern noch so heiß und innig geliebten Brüder
und Schwestern waren heute bereits so lästig wie abgelegte Liebhaber." Unver-
merkt vollzieht auch diese Aussage den shift innerhalb des Bilderrepertoires, an-
hand dessen die imaginäre Gemeinschaft ihre Zusammengehörigkeit postuliert:
von der Familie bzw. den Geschwistern zum Geschlecht. Signalisierte der Rekurs
auf die Brüder und Schwestern unlösbare Blutsbande, so impliziert die Umfor-
mulierung ins Geschlechrerverhältnis die ganze Palerte von Begehren, Erobe-
rungslust, Liebesbeziehungen, Beziehungsstreitigkeiten, Trennungen. Die natio-
nale Selbstdeutung wurde damit sexualisiert und erotisiert, Vergangenheit und
Zukunft der deutschen Nation einer fundamentalen Neudeutung unterzogen:
Anders als die im Bild der deutschen Familie angedeutete Schicksalhaftigkeit, die
deren Mitglieder mittels glücklich verlaufender historischer Prozesse letztend-
lich hatte wieder zusammenfinden lassen, wurde die Vereinigung nun zu einem
freiwilligen Akt des Begehrens - spätere Heirat wie Trennung nicht ausgeschlos-
sen. Hatte die Bundesregierung noch optimistisch eine Gedenkmedaille her-
ausgebracht, die den politischen Votgang von 1989 als ein sich innig umschlie-
ßendes Paar repräsentiert, so ließ doch schon 1995 Günter Grass die Ost-West-
Ehe in Ein weites Feld stellvertretend für das Große Ganze scheitern. Der lakoni-
sche Kommentar: „Was nicht zusammenhält, m u ß geschieden werden." (WF,
651) Die Ost-West-Ehe, so resümierte der russische Autor Wladimir Kaminer
2002 in einer Glosse, sei unglücklich, denn die

sozialistische Braut erwies sich schon gleich nach der Hochzeitsnacht als übersensi-
bel und sogar richtig zickig. Die Bundesrepublik ließ sich als typischer Ehemann
mit Freunden voll laufen [...] und schimpfte. Schon die Hochzeit war ein teurer
Spaß, die Braut befinde sich aber immer noch im Kaufrausch! [ ...] Wenn es aber

137 So bemerkte Günter Kunert (1997: 283): „Während vor der Wende und auch im letzten
DDR-Jahr die Familienbande noch Bestand hatten, haben sie sich heute aufgelöst und sogar er-
sraunliche Gegensätze herausgebildet. Ich bemerke die Veränderung nichr nur an meiner Fami-
lie und der meiner Frau, sondern auch wenn ich mich mir Leuten [...] unterhalte [...]. [...] Vor-
her wurden die Konrakre über Briefe und seltene Besuche gepflegt, und man wat traurig, daß
man sich nicht jede Woche sehen konnte. Doch heute, nachdem die äußeten Hindernisse weg-
gefallen sind, verflüchtigt sich die zwischenmenschliche Nähe, sogar Freundschaften lösen sich
auf."
138 Mitscherlich/Burmeister 1991: 6.
139 In Brigirte Butmeistets Roman Unter dem Namen Norma findet das Ost-West-Engendering
seine konsequenteste Ausformung. Die Erzählerin lebt in Ost-Betlin getrennt von ihrem Mann,
der in Westdeutschland eine Stelle angenommen hat. Dieset wird aus ihrer Sicht immer mehr
zum Westdeutschen, worauf auch ihre Ehe beim ersten Treffen am neuen Wohnort ihres Man-
nes zerbricht. Die Ursache ist eine „Handlung ohne etkennbaren Grund" (UN, 255): Sie lügt
einer westdeurschen Freundin ihres Mannes vor, sie sei IM gewesen.
190 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

zur Sache geht, hat sie sofort Kopfschmerzen, oder ihre Tage oder weiß der Teufel
140
was ...
Kaminers Diagnose war schon 1997 ein entsprechender Therapievorschlag vor-
ausgegangen, als die Heldin des Romans Paradies die nationale Geschlechter-
Allegorie noch einmal beim Wort nahm: „Überhaupt müßte die deutsche Ver-
einigung vor allem im Bett stattfinden." (P, 192)
Die Erotisierung der Verhältnisse - beziehungsweise ihr Fehlen - macht deut-
lich, was die Familienpolitik verdeckt oder nachgerade geleugnet hatte: Differenz,
Andersartigkeit. Stärker als die Familien- ist die Geschlechter-Metaphorik geeig-
net, Zusammengehörigkeit und Differenz zu repräsentieren. Sie spiegelte damit
die sich rasant verändernde Beziehung der Deutschen nach Mauerfall und Verei-
nigung wider: An die Stelle des westdeutschen Mitleids mit den ,Brüdern (und
Schwestern), die das Schicksal unserer Trennung tragen' war zunächst die libidi-
nöse Besetzung des .exotischen Ostens' getreten, wurde die D D R entdeckt als
inneres Ausland und konnten umgekehrt die ehemaligen DDR-Bürger nun das
ihnen aus den Medien zwar vertraute, häufig aber unbekannte Land erkunden.
Der ersten Euphorie - Wolf Wagner zufolge eben gerade kein Indiz der freudigen
Wiederbegegnung, sondern des Kulturschocks " - folgten dann entsprechend die
Aggressionen, die sich in Kommentaren über die Jammerossis' und die ,Besser-
wessis' immer schneller Luft machten. D a ß die ehemalige D D R dabei den
weiblichen Part übernahm, kommentiert schon 1991 Rosenlöcher ironisch: Er sei
also ein „Jammerlappen" oder „eine Heulsuse, was der geschlechtsspezifischen
Rolle des Ostens im Vereinigungsprozeß noch besser entsprochen hätte." (O, 33)
Die Familien-Metaphet wurde offenbar zunehmend untauglich zur Beschrei-
bung der Verhältnisse. In det Allegorisierung der beiden deutschen Staaten zum
sich vereinigenden (heterosexuellen) Paar konnte sich hingegen sowohl das libi-
dinöse als auch das aggressive Potential der Selbstdeutungen deutlich artikulieren.
Darüber hinaus repräsentiert die Geschlechter-Metapher nicht nur die lustvolle,
sondern auch die durchaus nicht immer konflikrfreie Entdeckung des Anderen.
Diese Verknüpfung von Exotik und Erotik zeigt sich paradigmatisch in Jurek
Beckers Roman Amanda herzlos von 1992. Hier resümiert ein Mann aus dem
Westen seine Ehe:

140 Kaminer 2002.


141 Schorlemmer (1994) bezeichnet die DDR als „Exotisches vor der Haustür", um die die West-
deutschen nun betrogen seien. Tatsächlich wurde die DDR wohl erst .exotisch' intetessant, als
sie direkt zugänglich wurde, vorher löste sie bei den Bürgern der BRD eher Desinteresse oder
Mitleid aus.
142 Vgl. W. Wagner 1996. Matthias Matussek (zit. n. Uecket 2000: 187) beispielsweise etschien
die DDR in einer Reportage aus der Wendezeir als „eine einzige große Kuriosität".
143 Rolf Schneider (vgl. Jäger/Villinger 1997: 168) geht beispielsweise untet dem Titel Die heilsame
Entfremdung im Spiegel vom 24. September 1990 der gegenseitigen Ernüchtetung nach. Vgl.
dazu auch die Untetsuchung von Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 456f.), die anhand der
Schlüsselwörter der Wendezeit die gegenseitige Entfremdung und das Verfestigen von Vorurtei-
len im Lexem-Gebrauch - Stichworte: Ostler naiv, ahnungslos, verstört versus Westler arro-
ganr, aufdringlich, forsch, rüde - belegen.
ENGENDERING HISTORY- DIE EXOTISCHE BARBARIN 191

Ich habe mich damals von dreierlei hinreißen lassen: von einer hübschen Frau, von
der Größe einer Aufgabe und von meiner verfluchten Lust auf Exotik. Statt eine
Indianerin zu heiraten odet eine Eskimofrau, was nicht ein Zehntel det Probleme
bereitet hätte, mußte es eine aus dem Osten sein. (Ah, 299)

Daß die Engendering-Prozedur hier anders als in den Mauerfall-Texten in einen


Kontext der Exorik gerückt witd, liegt zunächst in der Allegorie des Ost-West-
Paares selbst begründet: Zwar können sich kulturelle Differenzerfahrungen im
Bild des heterosexuellen Paares repräsentieren, da Weiblichkeit kulturhistorisch
als das Andere des Mannes konstruiert und dabei auch als ,wild', fremd', ,natur-
verhaftet' usw. konnotiert wurde, nichtsdestotrotz bleibt die Klammet, die Mann
und Frau als Paar umschließt, ein Bild der - vielleicht spannungsgeladenen,
möglicherweise sogar leidvollen — Zusammengehörigkeit, das im Kontext staatli-
cher oder nationaler Selbstrepräsentationen schwer auf absolute Alterität hin zu
transzendieren ist. Ein konkretes Paar mag sich bei Günter Grass hochallegorisch
scheiden lassen - dies ändert nur wenig an der Institution Ehe und der doch
weiter vorhandenen Anziehung der Geschlechter. Letztlich ist es die Kategorie
Geschlecht' selbst, die den gemeinsamen Bezugspunkt bildet.
Zunehmend ging es im deutschen Vereinigungsprozeß aber um die Wahr-
nehmung von Fremdheit und — damit verbunden - um polirische Schuldzu-
weisungen. Auf dem Hinrergrund enttäuschter Aufschwungserwartungen einer-
seits und finanzieller Transferleistungen andererseits setzte in der Gemengelage
von beidseitigem Überdruß, gegenseitigem Unverständnis und allgemeinem Ru-
hebedürfnis ein innerdeutschet Kampf um Selbst- und Fremdbilder ein. Neben
Volkes Stimme brachte auch die Literatur recht schnell die Fremdheit und Diffe-
renz zum Ausdruck, die nach dem Mauerfall in der allgemeinen Euphorie nicht
wahrgenommen und auch später noch von der politischen Jubelrhetorik unter-
schlagen wurde. Die Feststellung, daß man in zwei verschiedenen Ländern ge-
lebt hatte, denen trotz aller Gemeinsamkeiten auch unterschiedliche kulturelle
(Teil-)Systeme entsprachen, zeitigte entsprechend nun auch eine topographische
Darstellung des Eigenen und Fremden. ' Das Fremde wurde immer fremder und
das Eigene immer eigener - eine kulturelle Formel, die der eher ökonomisch und
gesamtgesellschaftlich motivierten Kritik am einerseits respektlosen Umgang des
Westens mit den doch auch vorhandenen Errungenschaften des Ostens, und an

144 Vgl. Schmidt-Gödelitz 1999: 5.


145 Vgl. Pinkett 1996. Schorlemmer (1994) argumenriert: „Wir sind einfach anders" und plädiert
für einen „Rest aus Nichtverstehen". Vgl. dazu Herberg/Steffens/Tellenbach (1997: 355f.), die
konstatieten, daß viele DDR-Bürger auf den Prozeß des Beitritts kririsch reagierten. Wird die
Kririk eingangs von den DDR-Opposirionellen vorgebracht, so später jenseirs sonstiger politi-
scher Differenzen vor allem von Polirikern und Journalisten.
146 Dies bestätigte Ueckers Analyse ost- und westdeutsche! Reportagen zur Wende. In Amerika wie
in Rußland wird die innerdeutsche Fremdheir dann nicht mehr wahrgenommen: In der Kon-
frontation mit dem .Anderen' bildet sich sowohl für den westdeutschen Journalisten Matthias
Matussek wie für den ostdeutschen Journalisten Christoph Dieckmann in den USA und den
ostdeutschen Journalisten Landolf Scherzer 1989 in der UdSSR ein homogenes Deutschland-
bild heraus. Vgl. Uecker (2000: 188ff.).
192 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

den andererseits als undankbar und larmoyant empfundenen Reaktionen auf die
Segnungen des Westens, parallel ging. Während immer häufiger der Vorwurf laut
wurde, der Osten werde eigentlich vom Westen kolonialisiert, so rekurrierte
auch die Literatur des Umbruchs verstärkt auf das Repertoire exotistischer Bildet
und Metaphern. Die Geschlechtermetaphorik, die zwar Differenz signalisiert, als
Paar-Allegorie aber auch das Bild der Zusammengehörigkeit evoziert hatte, bil-
dete die Grundlage eines nunmehr in einen Kontext des Exotismus und der Alte-
rität gestellten Erzählverfahrens, in dem die von Jürgen Becker in seinem auto-
biographischen Roman Aus der Geschichte der Trennungen konstatierte inttakultu-
relle „Zone der Fremdheit" (GT, 21) als ästhetische Inszenierung nicht selten den
politischen Schuldzuweisungen diente.
Es kann hier nicht um die Berechtigung der jeweiligen Vorwürfe gehen. Statt
dessen stellt sich die Frage: War es nun die desillusionierende Wirklichkeit der
Nachwendezeit, die, wie det Sozialpsychologe Hans Füchtner in seiner ein-
schlägigen Untersuchung hinsichtlich der mißglückten Aspekte des Vereini-
gungsprozesses schreibt, an „alte kolonialistische Klischees erinnert" oder bieten
sich die Klischees det exotistischen und kolonialistischen Bilderwelt zur Markie-
rung inttakultuteller Differenzen an, die ansonsten nur schwer repräsentierbar
waren? Weitet läßt sich fragen, wo und warum die einfache Geschlechter-
Allegorie zur Darstellung der Konflikte nicht meht ausreichte und ob die auf exo-
tistische Metaphern rekurrierenden Texte - anders als der Alltagsdiskurs, der völ-
lig unproblematisch die blutige Zerstötung indigener Kulruren dem Untergang
der DDR gleichsetzt - diese Analogiesetzung als solche thematisiert. Augenfällig
ist zunächst das Gegenteil: die Verstärkung des Vorwurfs durch seine Rückbin-
dung an Figuren, die Opferpositionen matkieren. Insbesondere die beiden ,Na-
tionalschriftsteller' der BRD und der DDR, Grass und Wolf, haben den Kolo-
nialismus-Vorwurf nicht nut als Zeitgenossen öffentlich erhoben, sondern ihn
auch literarisch gestaltet. Dabei vetsuchen beide Autoren, ihn durch die ästheti-
sche Figuration der Kritik zu entziehen: In Ein weites Feld fütchtet der überdeut-

147 Im Interviewteil des Bandes Die Intellektuellen und die deutsche Einheit (Jäger/Villinger 1997)
fragt Villinger Peter Bender, Reinhart Koselleck, Güntet Kunert, Pierangelo Schiera, Frank
Schirrmacher und Helga Schubert nach der Berechtigung des Kolonialismus-Vorwurfs. Bender
(1997: 223) flnder den Ausdruck Kolonialisierung „sehr stark", abet „die Vereinigung und auch
die Jahre danach trugen tatsächlich viele Züge des Kolonialismus". Grund sei die „Unfähigkeit
zur Wahrnehmung der anderen", der in einen „Vorgang der rücksichtslosen Anbindung an die
eigenen Verhältnisse" münde. Für Koselleck (1997: 251) kommr der Vorwurf gerade aus der
„Ecke, die die interne Kolonialisierung des SED-Staates als selbstverständlich hingenommen
hatte". Laut Kunerr (1997: 284) hätten die Westdeutschen „Engel" sein können, „man hätte sie
immer für den Teufel gehalten". Schubert (1997: 364) postuliert: „Det Westen hat den Osten
nicht kolonialisiett. Wer sich kolonialisieren läßt, ist ein Sklave - dazu gehören zwei." Der
Vorwurf sei „eine Verlängerung der SED-Hetze". Heinet Müllet (zit. n. Jäget/Villinget 1997:
91) meinte hingegen schon am 14. Dezember 1989, daß die „feudalsozialistische Variante der
Aneignung des Mehrwerts" die .Ausbeutung mit anderen Mitteln sei, die zur Kolonialisierung
der eigenen Bevölkerung" geführt habe.
148 Füchtnet 1995: 32. Dazu zählt Füchtner zufolge vorrangig die „exponierte Verachtung"
(ebd.: 31), für die der Autot etschteckende Belege zitiert.
ENGENDERING HISTORY- DIE EXOTISCHE BARBARIN 193

lieh als Sympathieträger angelegte und von „Wegevaluierung" bedrohte marxisti-


sche jüdische Professor Freundlich die „kolonialisierende Fürsorge" (WF, 355)
seiner westlichen Kollegen und begeht später Selbstmord, in Medea ist es die Ti-
telheldin, die nach Aussage ihrer Schöpferin als Fremde und Frau „kolonialisiert
werden soll" (St M, 244). Bereits in dem Text Santa Monica, Sonntag, den 27.
September 1992, dessen produktionsästhetischen Anlaß der die Währungsunion
verarbeitende „Emigrationstraum" darstellt, hatte Wolf angesichts der Zerstötung
indigener Kulturen als zentrales Metkmal der ,,gesetzmäßige[n] Strukturen der
Kolonisation" das .Auswechseln der Eliten" bezeichnet, das sich in der D D R in
Ermangelung ökonomischer Oberschichten als .Angriffe gegen Schriftsteller"
realisierte. (St M, 239 f.) Die zeitgeschichtliche Erfahrung wird von Wolf als qua-
si anthropologische verstanden. In ihrer Rede Abschied von Phantomen. Zur Sa-
che. Deutschland postuliert Wolf trotz einiger löblicher Ausnahmen „eine Ten-
denz zur Kolonialisierung der ostdeutschen Gebiete durch westdeutsche Ver-
walter" (AP, 335). Die Ostdeutschen seien als „Menschen auf einer niedrige-
ren Zivilisationsstufe" betrachtet worden, so wie die Deutschen 1945 „die siegrei-
chen sowjetischen Truppen als Barbaren sahen" (AP, 329). Mit der Figur des
Barbaren geht Wolf bis in die Antike zurück, die so als Geschichte der Kolonisa-
tion des wilden Weiblichen erscheint, denn auch schon Medea sei durch Jason
„kolonialisiert, benutzt, weggeworfen" (M, 18). Schlußendlich ist die Geschichte
des Abendlandes der Geschlechterkampf zwischen dem Anderen der Weiblichkeit
und dem selbstidentisch männlichen Ich. Medea repräsentiert entsprechend im
gleichnamigen Text die „Barbarin aus dem Osten", die „Wilde, die Fremde"
(M, 195), der höchstens ein erotischer Bonus zugestanden werden kann. König
Kreon kommentiert die Vetbindung von Exotismus und Weiblichkeit: „Aber ich
bitte dich, Jason, letzten Endes sind es doch Wilde [...]. Reizvolle Wilde, zuge-
geben, nur zu verständlich, daß wir diesen Reizen nicht immer widerstehen. Zeit-
weise." (M, 60) Wildheit, Exotismus, Weiblichkeit: Partikel eines Diskurses, in
dem die abendländische Geschichre sich als diejenige des männlichen Subjektes
über Abgrenzungs-, Abwertungs- und Erotisietungsprozeduren selbst affirmierte
und der nun zur intrakulturellen Projektions- und Deutungsfläche wird.
Im strengen Sinne ist der Prozeß der Kolonisation - vom Lateinischen colonus,
der Bauer, stammend - an die Annexion fremden Terrains gebunden. Obwohl

149 Das selbige gilt für die Utopie: Sorensen (1996: 74) konstatiert, daß Wolf „auf det Suche nach
anthropologischen Begründungen [ist], die belegen, daß utopisches Denken ein Grundbedürf-
nis des Menschen ist."
150 Wolf 1996b.
151 Vgl. zut kultuthistotischen Ableitung Mellinger 2000: 40. Herberg/Steffens/Tellenbach (1997:
355ff) untetsuchen im Kapitel „Bezeichnungen, mit denen eine kritische Einsrellung zur Art
und Weise det Behandlung der DDR-Bürger durch das alte DDR-System und dutch die Bun-
desrepublik ausgedrückt wird" das gehäuft auftretende Lexem .Kolonialismus' als einen von
seinem „regulären Gebrauch" abweichenden Begriff, dem sie die ebenfalls abweichenden, aller-
dings selten verwendeten Lexeme .Sieger, Besiegter, Verlierer' zuordnen. Kolonialismus indi-
ziere, daß es sich „bei der DDR um eine gewissermaßen herrenlos gewordene Besitzung han-
delt, übet die die Bundesrepublik frei verfügen kann" (ebd.: 363). Demgegenüber srehen die
194 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

Wolf an die seit der Klassik etablierte Deutung der Medea als Figur der Koloni-
sation anknüpfen will, schreibt sie doch den Mythos in einer Weise um, der ge-
nau diesen Anschluß verhindert. " So argumentiert Chiarloni, daß der feministi-
sche Gehalt des Medea-Textes notwendig dazu führe, daß Wolf einzelne narrative
Stationen des Mythos dieser Textintention nachotdne:
Andere Aspekte sind die stürmische Liebe zu Jason, der Verrat an der Bindung zum
Vater und der Raub des Goldenen Vlies. Diese Episoden umreißt Christa Wolf mit
schneller Feder ohne übertriebene ideologische Gewichtung. Die Argonauten be-
wahren eine gewisse verspielte Unschuld, es sind weit meht naive Besessene als zyni-
sche Geschäftemachet. Jason verkörpert eher den zum Repertoire antiker Opfer-
kulte gehörenden tiefen, verzehrenden Eros, als daß er Leserinnen und Leser zur
Kritik an der Profanation einer jungfräulichen Kultut motiviert.

Angesichts der in Medea tatsächlich eher tolpatschig dargestellten Argonauten


und ihres Anführers Jason, der ja nach dem Willen der Autorin nun doch nicht
soviel verzehrenden Eros verkörpern darf, daß er Medea zur Flucht hinreißen
könnte, sowie der Gestaltung Medeas als einer explizit aus eigenem Willen und
dutch die Kritik an den heimischen Verhältnissen motivierten polirischen Exilan-
tin kann Wolf die stattgehabte Kolonisation ihrer Figur allerdings nur postulie-
ren, indem sie auf die Vorstellung der Frau als „Territorium des Fremden in der
Nähe" und damit letztlich auf eine seit der Aufklärung etablierte patriarchale
Zuschreibung rekurriert. Paradoxerweise wird damit der Roman zu einer großan-
gelegten Widerrede gegen das misogyne Bild der .bösen Frau', die verdeckt, daß
sie selbst Zeitgeschichte im Rückgriff auf alte Geschlechtsstereotypien chiffriert.
Gleiches gilt auch für den im Vereinigungsprozeß geopferten marxistischen Juden
Freundlich in Grass' Roman Ein weites Feld: Wird die Leiche kulturstereotyp
weiblich, hingegen der Überlebende männlich konstruiert, so erscheint die alte
BRD als der überlebende Sieger im Vereinigungsprozeß, der die D D R seinem
Machtanspruch geopfert hat. Im Bild des Opfers wird die D D R zugleich exkul-
piert. Die dem Selbstmord vorausgehende „Wegevaluierung" zielt anscheinend
auf den Marxisten Freundlich. Warum vereinnahmt Grass dann einmal mehr das

Lexeme .Bevormundung', .Entmündung', ,Fremdbestimmung', .Vereinnahmung', .Einverlei-


bung', die ihre negativen Werrungen über die usuellen Bedeutungen transportieren. Gerade bei
Wolf findet sich die literarische Umsetzung und damit die abweichende Bedeutung der beiden
Begriffe Kolonialismus/Sieger und Besiegte, wenn sie Medea klagen läßt: „Auf dieset Scheibe,
die wir Erde nennen, gibt es nichts anderes mehr [...] als Sieger und Opfer." (M, 113)
152 Völlig der Perspektive der Autorin verhaftet ist S. Krüger (2001: 192), der Medea „als Be-
standteil des postkolonialistischen Diskurses" liest und zu dem kaum erstaunlichen Resultat
kommt, daß die „kanonisierte Form des Mythos als kolonialistische Konsttuktion enrlarvt"
(ebd.: 2003) werde.
153 Chiarloni 1998: 114.
154 Weigel 1987: 173. Vgl. dazu auch I. Stephan 1997, die der Verbindung von Mythos und Ge-
schlecht in Literatut und Psychoanalyse resp. Tiefenpsychologie nachgeht. Sie konstatiert einen
„Medea'-Boom in den 80er Jahren, der sich seit 1989 noch verstärkt habe (vgl. ebd.: 197).
Medea eigne sich als topographische Inszenierung des intrapsychisch Fremden. Auf die Verbin-
dung des inrra — und interkulturell Fremden wurde in der Einleitung mit Kristeva hingewiesen.
155 Vgl. Bronfen 1994.
ENGENDERING HISTORY- DIE EXOTISCHE BARBARIN 195

Bild des Juden als Opfer? Weil nicht der in politische Kontexte verwickelte und
damit angreifbare Marxist, sondern erst das Engendering, das den jüdischen An-
deren über die Opferposition dem Weiblichen verbindet, das Gegenbild und da-
mit eine Schuldzuweisung gegenüber der damit zugleich als männlichem Einen
konsttuierten - weil den Vereinigungsprozeß überlebenden - BRD garantiert.
Bis auf eine Ausnahme blieb es beim Kolonialismus-Vorwurf. Die Frage, ob
die blutige Geschichte des Kolonialismus überhaupt den angemessenen Rahmen
für die innerdeutschen Vorgänge bilden könne, wurde nicht debattiert. Die Aus-
nahme bildet Rosenlöchers Schimpfkultur-Heitrag Die Entdeckung Amerikas. O b -
wohl Rosenlöcher im Kosmos der Familie bleibt, prallen auch hier zwei Welten
aufeinander: „Wie glaubhaft berichtet wird, ist auch der Onkel den neuen Län-
dern wie im Traum begegnet. Die Reise zu uns auch für ihn eine Zeitreise gewe-
sen, eine Fahrt in die eigene Kindheit zurück." (O, 159) Kinder und Wilde sind
bekanntlich nicht weit von einander entfernt und so bietet diese eurozentrische
Analogie für Rosenlöcher den Einstieg in ein ironisches Erzählverfahren, das den
Kolonialismus-Vorwurf beleuchtet, indem es die deutsche Familiengeschichte im
Kontext der ,Entdeckung' Amerikas situiert. Damit ist der ,Nullpunkt' gesetzt,
der die Familienangehörigen analog zu der in der Ethnologie beschriebenen first-
contact-Szene aufeinander treffen läßt:

Wenn zwei Kulturen aufeinandertteffen, begegnen sie einander wie im Traum. Die
Kariben etwa sahen, auf ihren Bäumen sitzend, die Schiffe des Columbus sich als
reine Wunder nähern. [...] Auf Bäumen saßen wir nur gelegentlich. Wie haben wir
aber als Kinder die Chromschiffe unserer Onkel bestaunt. Und auch die Erwachse-
nen scheuten sich nicht hinzuzutreten, um uns beim Etstaunen behilflich zu sein.
(O, 157)

Diese erste Begegnung prägt, wie die Forschungen zum literarischen Exotismus
gezeigt haben, die weitere gemeinsame Geschichte der Fremden. Aber, so die li-
stige Intervention Rosenlöchers, der erste Kontakt in dieser Geschichte habe sich
bereits „vor unserer eigenrlichen Entdeckung, die, nach beidseitiget Berechnung,
erst im Jahre 1989 begann" (O, 158), realisiert. Rosenlöcher gehr es also um die
Rekonstruktion det durch das Datum 1989 erfolgreich verdeckten Vorgeschichte.
Verdeckr und nicht als solche kenntlich wird diese nicht zuletzt deshalb, weil sie
einer anderen Rhetorik folgte - eben derjenigen des Familialen. National- als
Familiengeschichte fungiert zudem in diesem Bildrepertoire als Genealogie und
damit als eine in die Zeit reichende, biologische Verkettung der Generationen
und macht so eine wirkliche first-contact-Szene undenkbar. Schon durch die Re-
situierung im Familienkontext wird die Kolonialismus-Metapher dekonstruiert.
Rosenlöcher geht in seinem Beitrag weniger den zeitaktuellen Vorwürfen der
Kolonisation nach, als daß er die Rhetorik der Entdeckungsreisen - „das Motiv
det Nacktheit kommt vor" (O, 159) - in ihre Bestandteile zerlegt, um sie auf die

156 Vgl. Scherpe 1998


196 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

ehemals gereilte deutsche Familie anzuwenden. In der Geschichte der Famili-


enbesuche beglückt det technisch fortschrittlichere Westen den rückständigen'
Osten mit glitzernden Geschenken, ohne daß dieser den Vorsprung je einholen
könnte. Im Gegenteil: Die Mangelerfahrungen werden immer größer, bis zusätz-
lich zu den Dingen, die fehlten, „auch Dinge fehlten, die wir beim besten Willen
nicht brauchten" (O, 160). Für die Westdeutschen bedeutete die Reise in die
DDR hingegen eine Regression in Kindheit, Idylle und Votmoderne zugleich.
Die untetschiedlichen Systeme prägen aller wahrhaftigen und aller postulierten
Zuneigung zum Trotz die Familienmitglieder auf beiden Seiten der Grenze, die
sich darob einander schleichend entfremden: Als Indiz bemißt die an die DDR-
Bürger verschenkte, weil unmodische Kleidung die „Mindestdifferenz, die zwi-
schen unseren Kulturen bestand" (O, 159). Das .Epochenjahr' 1989 macht mit-
hin als Entdeckung der Unterschiede nur manifest, was seit 1961 latent vorhanden
war. Indem Rosenlöcher die Familienmetapher in dem Moment ernst nimmt, als
sie — historisch gesehen - schon überholt ist bzw. als lästige Erinnerung verdrängt
wird, gelingt ihm det Anschluß zeitgeschichtlicher Ereignisse an die Vergangen-
heit: 1989 ist solchermaßen keine Zäsur mehr, sondern das Manifest-Werden des
längst Vorhandenen. Damit transformiert sich auch die Familienprosa zur Ge-
schichte det Kolonialisierung des Ostens lange vor dem Beitritt der DDR: als
permanente Erzeugung von Mangelerfahrung. Daß die „Eingeborenen" ihre
„Onkels bald nur noch teils" (O, 158) mochten, ändert nichts daran, daß sie in
ihren Wünschen nach materiellen Gütern den .Kolonisatoren' immer auch zuar-
beiteten, wobei sich das Resultat - der Beitritt det DDR zur BRD - am besten
mit einem Buchtitel von Daniela Dahn beschreiben läßt: Vertreibung ins Para-
j. 1S9

dies.
Hatte auch Christa Wolf in ihrem auf Medea .zulaufenden Text' Santa Moni-
ca, Sonntag, den 27. September 1992 geschrieben, sie wolle „mal nachsehen, wie es
denn in seinem Inneren beschaffen ist, das Paradies, das uns nun allen be-
vorsteht" (St M, 236), so läßt ebenfalls der in Sachsen geborene und 1985 nach
West-Berlin übergesiedelte Autor Bernd Wagner seine in einen Westdeutschen
verliebte und auf das .Altzehnland" (P, 151) neugierige Ost-Heldin nach der
Vereinigung in selbiges reisen. Das Paradies - so der lakonische Titel seines Ro-
mans - erweisr sich allerdings schon beim Blick auf den Umschlag als Bananen-
republik. Das Cover, das eine große Banane ziert, ironisiert die ehemals zu DDR-
Zeiten begehrte Frucht, die nach 1989/90 alltäglich verfügbar und damit stell-
vertretend für den ganzen Westen auch um ihren exotischen Glanz gebracht
wurde. Anders als der Blick der Heldin Judith Mehlhorn, die gerade die von der

157 Lebek (2001: 56f.) zufolge war es in der Antike nicht das Kannibalismus-Motiv, das Fremdheit
bezeugte, als vielmehr das Motiv det Nacktheit. Zum Kannibalismus siehe die folgenden Sei-
ten.
158 Gtass (zit. n. Jäger/Villinger 1997: 75) charakterisierte die DDR im Spiegel vom 20. November
1989 als „Nischengesellschaft", die etwas „Biedermeierliches wie zu Mettemichs Zeiren" habe -
damit war keine Kritik gemeint.
159 Dahn 1999.
ENGENDERING HISTORY - DIE EXOTISCHE BARBARIN 197

paradiesischen Glirzerfassade des Westens abweichende Realität der sozial Deklas-


sierten wahrnimmt, ist hingegen das Verhältnis der den „Wilden Osten" (P, 99)
bereisenden Westdeutschen schon exotistisch überformt: Angesichts der ehe-
maligen DDR-Bürger verhalten sie sich wie gegenüber einem „vergessenen Völ-
kerstamm, den sie unbedingt interviewen mußren" (P, 106). ' Auch dieser Ro-
man zitiert die Zuschreibungsmuster der Alterität, preist doch die Protagonistin
in einet imaginären Lobrede an neugierige westdeutsche Touristen den Ost-
berliner Bezirk Prenzlauer Berg als „natutbelassene Ostzone" (P, 121) an:

Brüder und Schwestern [...] aus dem fernen Sauerland, aus dem Hohen oder Tiefen
Taunus [...] hier findet ihr jene barbarenmäßige Wildentschlossenheit, mit der dem
Leben der Hintern gezeigt wird, die euch so fasziniert und die in ihrem Originalzu-
stand zu zeigen sich unser Komitee zur Aufgabe gemacht hat. In permanenten Sub-
botniks sorgen seine Mitarbeiter dafür, daß sich hier nie etwas ändert. (P, 122, Her-
vorhebung von mir, E. B.)

Eine ironische und in einen folkloristischen Kontext gerückte Beschreibung des


Zustands, den der Historiker und damalige Direktor des Dresdener Hygiene-
museums, Martin Roth, schon Anfang der 90er Jahre als „Musealisierung der
D D R " bezeichnete: Die D D R wurde als solche zum Museum erklärt, während
Gegenstände der Alltagskultur für den Gedächtnisraum Museum kaum mehr zu
beschaffen waren.
Diese Musealisierung des Raumes bei Verlust des ihm innewohnenden Lebens
ist auch der narrative Rahmen des Romans Animal triste von Monika Maron. Die
Ich-Erzählerin, die weder weiß, wie alt sie ist, noch in welcher Zeit sie lebt, hat
seit dem Tod ihres Geliebten vor mehreren Jahrzehnten beschlossen, dieser Epi-
sode ihres Lebens keine weitere hinzuzufügen. Die Spiegel in ihrer Wohnung, in
denen sie sich selbst bzw. ihr Alter erkennen könnte, hat sie zerschlagen (vgl. At,
10). Z u m Fetisch wutde die Bettwäsche der letzten Liebesnacht, die sie ungewa-
schen im Schrank aufbewahrt und manchmal aufzieht: „Mein Geliebter sitzt zwi-
schen den fleischfressenden Pflanzen [...]" (At, 14) setzt die Erinnerung ein. Die
fleischfressenden Pflanzen sind eigentlich die mit bunten Blüten bedruckten
Bettbezüge, ihre taxonomische Spezifizierung verdankt sich der Imagination der
Erzählerin. Die Liebesgeschichte wird im Verlauf des Romans als trügerische Er-
zählung einer längst vergangenen Zeit rekonstruiert, erweist sich doch die Erinne-
rung der Erzählerin als ebenso getrübt wie ihr Augenlicht. Wie in Wolfs Medea
treffen auch hier ein ,West-Mann' und eine ,Ost-Frau' in einer Liebesgeschichte
aufeinander, wie in der Mythenadaption wird auch hier die ,Osr-Frau' vom
,West-Lover' verraten.

160 Zur Tribalismus-Metaphorik im Westen nach der Vereinigung vgl. Thumfart 2002: 736ff.
161 Roth 1992: 115. Dieses schlagartige Verschwinden der Alltagsgegenstände und Waren zeigt der
Film Good hye Lenin!später als einschneidende Erfahrung. Unfried (1992: 118) vermutete zum
damaligen Zeitpunkt, daß der Trabi, nachdem er völlig aus dem Alltag verschwunden sei, als
„museales Leitfossil der DDR-Kultur" auferstehen würde. Wie zutreffend diese Einschätzung
war, zeigt paradigmarisch das Buch: Ulbrich/Kämper (1997) Sandmännchen im Trabi-Land.
Das Ostalgie-Kultbuch.
198 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

Animal triste ist aber nicht schon deshalb ein zeitgeschichtlicher Roman, weil es
um die Liebe in den Zeiten der Wende geht. '" Er wird es vielmehr durch die
Analogisierung der Erzählvorgänge, die das Ende der Liebe und dasjenige der
D D R zum Thema haben. Beide Erzahlstränge bleiben gleichermaßen diffus, kön-
nen nicht wirklich erinnert werden. Weiß die Erzählerin einerseits nicht, wie ihr
Geliebter nach der letzten Liebesnacht ums Leben kam, so erinnert sie sich kaum
an die Zeit vot dem Mauerfall: Sie habe unter det „Willkür des Absurden" (At,
32) gelebt, beherrscht von einer „als internationale Freiheitsbewegung getarnten
Gangsterbande" (At, 30). Sie resümiert: „Ich habe vieles aus diesen vierzig Jahren
Gott sei Dank vergessen." (At, 31) Marons Text ist entsprechend ihrer ebenso
hellsichtigen wie blinden Erzählerin wie ein Vexierbild angelegt: Je nach Per-
spektive scheint das emotionale Trauma der Erzählerin ein historisches Trauma
zu verbergen und umgekehrt. Denn das Trauma des Liebesverlustes ist hier nicht,
wie der Text nahelegt, das Trauma des Verlassenwerdens, sondern der Verrat.
Wie Jason Medea verrät und verläßt, um im reichen Korinth, also im Westen,
sein Glück zu machen, so verrät schließlich auch Franz die Erzählerin. Woran ist
diese Ost-West-Liebe gescheitert?
Bereits das Zusammentreffen der beiden Liebenden ist durch die Zeitum-
stände bestimmt: Die Erzählerin erforscht im Berliner Naturkundemuseum das
berühmte Dinosaurierskelett, Franz soll als Westler über den Fortbestand der
Einrichtung entscheiden. Unter dem von der Erzählerin verehrten Brachiosaurus
findet die erste Begegnung statt, die an den Film Leoparden küsst man nicht er-
innert:
Eines Morgens stand er neben mir, der Brachiosaurus grinste auf uns herab wie
sonst auf mich allein und Franz sagte leise und unvergeßlich: Ein schönes Tier. [...]
Zweitausendmal oder öfter habe ich seithet diese Minute erlebt, obgleich ich es mit
ungleich öfter verboten hatte, weil ich fürchtete, daß dieser kostbarste Augenblick
in meinem Leben durch meine Sucht, ihn wieder und wieder zu erleben, seinen
Zauber verlieren könnte. (At, 24ff.)

Das riesige, urweltliche Tier wird zum Symbol der Liebe als einer atavistischen
Schicht im Menschen jenseits von Ratio und Moral. Da Franz aber verheiraret
ist, bleibt es beim institutionalisierten Seitensprung. Im weiteren Verlauf infor-
miert die zunehmend eifersüchtiger und ungeduldiger werdende Erzählerin

162 In den vorliegenden Studien zu Marons Prosawerk wird ein zeitgeschichtlicher Bezug zumeist
ausgeschlossen. Gilson (1999: 31) zufolge ist Animal triste „ein Buch über die Liebe, das mit
Tagespolitik nichts zu tun hat". Boll (2002: 100) kommt in ihter Untetsuchung zur Erinne-
rung in Marons Prosawerk zum Ergebnis, daß das Thema DDR „nach dem Ende der DDR
nicht mehr das Handlungsgeschehen bestimme", sondern nur als „Hintergrundfolie präsent"
sei. Gerade der von Boll bemerkte veränderte Erinnerungsdiskurs in Animal triste gegenüber
den Vorläuferromanen Flugasche (1981), Die Überläuferin (1986) und Stille Zeile Sechs (1991)
hat seinen Grund aber in einem Traumatisch-Werden der DDR. Einzig Doßmann (2003) sieht
die zeitgeschichtlichen Bezüge in Animal triste.
163 In dieser klassischen screwball comedy rekonstruiert der Wissenschaftlet David Huxley ein
Brontosaurier-Skelett, als er einen Tag vor seiner Hochzeit auf Susan Vance trifft und die Lie-
besgeschichte ihren Verlauf nimmt.
ENGENDERING HISTORY - DIE EXOTISCHE BARBARIN 199

Franz' Ehefrau über das Verhältnis, was die Lage der Liebenden nicht eben einfa-
cher macht. Nach einigem dramatischen Hin und Her seitens Franz, der sich
zwischen den Frauen nicht entscheiden kann, endet die Geschichte tödlich:
Franz' Entschluß, zur Erzählerin zu ziehen, wird von dieser bezweifelt, als er ge-
hen will, läuft sie ihm nach und er wird von einem Bus überfahren. O b er den
Unfall selbst verschuldete oder von der Erzählerin gestoßen wurde, bildet den
unerinnerbaren traumatischen Kern der Geschichte. Der Erzählvorgang vollzieht
sich als Erinnerungsprozeß und die langsame und zugleich sprunghaft zwischen
einzelnen Episoden vollzogene Annäherung an die lange zurückliegende Todes-
szene bedeutet schließlich auch für die Erzählerin das Hineingleiten in den eige-
nen Tod.
Maron siedelt den Erinnerungsraum der Erzählerin — die mit fleischfressenden
Pflanzen bedruckten Bettbezüge - ganz explizit im Animalisch-Vegetativen und
im Exotismus an und weist diesen zugleich als Bildbereich einer Mitteleuropäerin
aus. Der Übergang in diese Bilderwelt erfolgt mehrfach und ist immer eine
Entgrenzung hin zum Anderen des Ichs: Auf die erinnerte Sexualität mit Franz
als einem Tier-Werden des Menschen folgt die Annäherung an das dem Bewußt-
sein Entzogene des Subjektes - das unetinnerbare Trauma - und schließlich die
Entgrenzung auf das Andere des Todes. Nicht nur fallen Eros und Thanatos hiet
in eins, erweist sich im Sterben das Kreatürliche des Menschen, es vollzieht sich
auch der Übergang in das Bild selbst als unverfügbaren Raum des Anderen:

Die paar Schritte auf meinen Platz zwischen den fleischfressenden Pflanzen schaffe
ich noch. Ein fremder Wind streift mein Gesicht [...] Immer mehr Tiere kommen
[...]. Ich bin eins von ihnen, eine braunhaarige Affin (At, 238).
Die namenlose Äffin bildet gewissermaßen das Pendant zu Kafkas Affen Rotpeter
aus dem Bericht für eine Akademie, der — als animalisches und exotisches Beu-
testück eingefangen - durch das Studium der Menschen langsam menschlich
wird. Kafkas Erzählung, so Alexander Honold, läßt sich als Reflex auf die ethno-
graphische Situation als solche vetstehen und dies gilt auch für Marons Roman.
Denn obwohl Maron nach eigenem Bekunden unter „Zonophobie" leidet, d. h.
einen „unuberwindbaren Ekel vor dem Osten" (Zo, 112f.) empfindet, gerär doch
ihr Roman unvermerkt auch zur Verteidigung eben dieser so verachteten D D R -
Identität. Dieser Subtext verläuft über die an Identitätskonstruktionen gebunde-
nen Raumzuordnungen des Textes, die damit zu einer imaginären Topographie
des Eigenen und des Fremden werden. Als zenrraJe Szene fungiert hier die Lie-
besbegegnung unter dem Brachiosaurus, die im Wortsinne den Topos des Textes

164 Wickersham (1997: 218) spricht von einem „artifteal garden".


165 Neumann (1996: 109) har den Affen als „erklärten Gegenspieler der Kultur" und als dessen
„exrrem befremdliches Anderes" bezeichnet. Als „Simulakrum des Menschen, im fatal Ähnli-
chen das Bedroh lieh-Fremde verkörpernd, ein Teufelsspiel mit dem Selbst und dessen Sün-
denfall zugleich, das Ich des Menschen aus dem Spiegelbild auf den Kötper des Tieres in Frage
stellend" (ebd.: 121).
166 Zu Kafka vgl. Honold 1997: 1 If.
200 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

markiert. Hier .erkennen' Franz und die Erzählerin in ihrer Bewunderung für den
Brachiosaurus einander, der Ausspruch „Ein schönes Tier" wird für die Ich-
Erzählerin zum geheimen Mantra ihrer Liebe. Genau diese Szene berichret aber
Franz seiner Frau. Der literarhistorische Topos des Textes - der sich mit Preis-
gabe der unter dem Dinosaurierskelett gesprochenen Worte vollziehende Liebes-
verrat - wird hier auf seinen wörtlichen Ursprung rückgeführt. Auf der Text-
oberfläche gerät dabei das von der Erzählerin arrangierte Zusammentreffen mit
Franz' Ehefrau zunächst ,nur' zur Szene des Liebesverrates, weiß doch die Ah-
nungslose zwar noch nichts von der Affäre, kennt aber schon ihr inneres Ge-
heimnis:

Sie sind die Frau, sagte sie, die dieses Skelett ein schönes Tier genannt hat. Mein
Mann war davon so gerührt, daß et es mir noch am gleichen Abend erzählen muß-
te. [...] Schauen Sie, das ist die Naivität, die wir von ihnen lernen können. Wir ha-
ben ja fast alle Tiere der Welt gesehen. Aber Sie können sich noch an einem Skelett
erfreuen wie an Lebendigem. Wunderbar. (At, 203)

Hinter der affektgeladenen Liebes- und Verratsgeschichte realisiert sich die Be-
gegnung der beiden Frauen im rousseauschen Paradigma des 18. Jahrhunderts,
das geschichtsphilosophisch den Edlen Wilden vorrangig mit der für den Europä-
er verlorenen Naivität gleichsetzte. Der durch Franz' Bericht begangene, aber
durch die ahnungslose Ehefrau sich manifesrierende Liebesverrat maskiert sol-
chetmaßen das tieferliegendere Trauma, den in der first-contact-Szene angelegten
gleichberechtigten Kulturkontakt vertaten zu sehen. Es ist denn auch die Reakti-
on der Erzählerin auf diesen - nicht thematisierten - Verrat, die den wirklichen
Hintergrund der Kränkung verdeutlicht. Als sich nämlich herausstellt, daß Franz
und seine Frau den Brachiosaurus gemeinsam besucht, damit eine Grenze über-
schritten und fremdes Terrain annektiert haben, reetabliert die Erzählerin die ei-
gene und die fremde Welt: Sie wisse nicht, „welche Plätze det Welt alle Franz
und seiner Frau gehörten", aber der „Quadratmeter unter dem kleinen Kopf des
Brachiosaurus gehört mir, mir allein" (At, 2 0 4 ) .
Daß die Liebeshändel auch kulturelle Alterität verhandeln, führt der Roman
expressis verbis vor - allerdings mit dem Ziel, die Existenz kultureller Grenzen zu
negieren. Als Franz mit seiner Ehefrau nach England reist, reagiert die Erzählerin
panisch vor Eifersucht, die sich vor allem aus der Vorsrellung, Franz schlafe mit
seiner Frau, speist. Als sie ihn endlich telefonisch erreicht, wünscht sie ihm, daß
er bei seiner Frau impotent sei:
Von Franz war eine Weile nichts zu hören [...], dann sagte er, der Biograph des Ha-
drian hätte den Wall, diese Mauet, sagte Franz, als die Grenze zwischen den Rö-
mern und den Barbaren bezeichnet. [...] Für einen Satz hatte er mich zur Barbarin
ernannt, vor der sich zivilisierte Römer wie Franz und seine Frau durch eine Mauer
schützen mußten. (At, 155f.)

167 Wickersham (1997) deutet das Skelett plausibel als Metapher für die DDR.
ENGENDERING HISTORY- DIE EXOTISCHE BARBARIN 201

In einer späteren Aussprache möchte sich Franz allerdings nicht definitiv auf den
kulturellen Status seiner Geliebten festlegen: „Bin ich eine Batbarin? Ich weiß
nicht, vielleicht, sagt Franz. [...] Und du bist Römer? Ja freilich." (At, 183) An-
ders als die durch den Barbaren-Vorwurf zutiefst verletzte Erzählerin glaubt -
oder glauben machen will - , signalisiert das Auftauchen des Batbaren nicht pri-
mär kulturelle Unterschiede, sondern es repräsentiert als Figut aus der Reserve
des symbolischen Repertoires, die, so Manfred Schneider, vor allem in Krisensi-
tuationen - „Krieg, Revolutionen, wirtschaftliche Not, kulturelle Umbrüche,
Endzeitstimmungen" - aktiviert wird, „vor allem den positiven und negativen
Unterschied zur Kultur selbst". ' Dabei ist der Barbar als der unzivilisierte Ande-
re immer auch der außerzivilisatorische Kulturerneuerer als Kulturzertrümmerer
- eine zivilisarionskritische Projektionsfigur, die schon die Antike kannte und die
Luther, Nietzsche, Benjamin, Adorno und andere für sich verwendet haben. Der
Untergang Roms bildet die europäische Urszene vom angst- und lustvollen Ende
der (alten, dekadenten, überlebten) Kultur. Auch Maron spielt in Animal triste
auf den Rom-Mythos an. Sie bestätigt damit nicht nur einmal mehr Schneiders
Resümee: .Alle Europäer glauben bis auf den heutigen Tag, daß sie Römer sind,
daß sie auf die Barbaren warten müssen und auf das Ende","'' sondern spielt auch
mit der darin enthaltenen (lusrvollen) Drohung.
Später rückt die Erzählerin die telefonische Barbaren-Episode selbst in den
zeitgeschichtlichen Kontext, wenn sie einräumt, daß Franz' Bemerkung sie
„wahrscheinlich weniger bewegt" hätte,
wären die kulturellen Unterschiede zwischen den Menschen, deren Lebenswege der
seltsamen Zeit unterworfen waren, und allen anderen, mit denen sie plötzlich zu-
sammenlebten, nicht eine allgemein verbreitete Erklärung für die zwischen beiden
Gruppen verbreitete Verständnislosigkeit gewesen. (At, 184)

Die F.rzählerin findet diese „Gerede" (At, 184) indes lächerlich. Was ist die Funk-
tion dieset romanimmanten Selbstdeutung und Historisierung der Liebesge-
schichte? Ein weiteres Beispiel der von einem Kritiker monierten „Manier der Er-
zählerin, dem Leser, den sie offenbar für etwas begriffsstutzig hält, alles zu erklä-
ren und zu interpretieren"? Zunächst transportiert die Erklärung die Botschaft,
daß es keine kulturellen Unterschiede gibt - und wenn, dann handele es sich um
eine quantite negligeable. Gerade der erzählimmanent geführte Nachweis gemein-
samer Kulrurgeschichte - das Liebespaar singt gemeinsam Volksliedet und erin-
nert sich an bestimmte Produkte der 50er Jahre - bringt aber auch (kultur-
historische Differenzen hervor: Die Erzählerin kennt zwar keine Kirchenlieder,
singt Franz aber „inbrünstig" die in der Schulzeit gelernte „Stalinhymne auf rus-
sisch" (At, 104) vor. Im Nachhinein sieht sie dies als Fehler an: „doppelt furcht-
bar, verdorben im Glauben und hemmungslos im Verrat" (At, 105). Als Reaktion

168 Manfred Schneider 1997: 9.


169 Manfred Schneider 1997: 15.
170 So Wallmann (1997: 197) in seiner Besprechung in der Rheinischen Post vom 4. Mai 1996
202 1990: DIE IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT

sei in Franz' Augen etwas aufgeglommen, das „verächtlich zu nennen wohl über-
trieben, befremdlich aber zu geringfügig wäre" (At, 105).
In ihrer Suche nach den „ersten Zeichen des Verrates" (At, 106), die ihre Liebe
auseinandergebracht hätten, fällt det Erzählerin ihr damaliges Unbehagen wieder
ein,
von dem ich letztlich bis heute nicht genau weiß, ob es nicht ganz aus mir selber
kam, ob ich nicht glaubte, Franz müsse mich verdächtigen, weil ich selbst nicht si-
cher war, ob meine murwillige Selbstverhöhnung nicht nur ein ehrenhaftet Versuch
war, das Nichts, das mein unschuldiger grandioser Irrtum in meinet Seele hinterlas-
sen hat, zu verbergen. (At, 106)

In dieser diffusen Erinnerungslage sind nur die Fakten abrufbar: Das Singen der
Hymne, und daß Franz sie unbestimmte Zeit sparet verlassen habe. Die Erzähle-
rin resümiert, „daß zwischen beiden Ereignissen ein Zusammenhang besteht,
kann wahr sein und ebensogut das Ergebnis meines andauernden sinnsuchenden
Erinnems" (At, 107). Der Topos des Liebesverrates — wie Peter von Matt in sei-
ner schönen Studie zeigt, ebenso häufig wie der des Liebesglücks - verbindet
sich hier mit dem Verrat an der eigenen Biographie, an der politischen Sozialisa-
tion. Im Singen der Lieder vollzieht sich die erste, vorerst noch latente Abgren-
zung, die die spätere Grenzziehung am Hadrianswall nach sich ziehen wird. Es ist
kein Zufall, daß ausgerechnet dieses historische Bollwerk, das sich weniger einer
expansiven Eroberungspolitik als der strategischen Grenzsicherung und -ziehung
verdankt, den Hintergrund der solchermaßen imaginär wieder aufgebauten Mau-
er bildet, denn es geht tatsächlich um Wahrung von Differenzen, die vom Lie-
beskontext über die geschichtliche Anspielung auch ins Kulturelle spielen: Hatte
schon in det Szene des gemeinsamen Liedersingens die Erzählerin Unterschiede
nicht ertragen und durch hemmungslosen' Verrat an der eigenen Biographie
leugnen wollen, so forderr sie später eine ausschließliche Gemeinsamkeit zumin-
dest im Erotischen. Die erzwungene Symbiose bringt - und dies läßt sich durch-
aus als ein, wenn auch von der Autorin nicht intendierter Kommentar zur deut-
schen Vereinigung lesen — entweder in der Leugung unterschiedlicher Vergan-
genheiten einetseits den biographischen Verrat oder andererseits die auf Abwer-
tung beruhende kulturelle Differenz hervor: die Barbarin.
Auch Medea m u ß sich im gleichnamigen Roman den Vorwurf, eine Barbarin
zu sein, gefallen lassen (vgl. M, 46, 87). Der Vorwurf wiegt hier allerdings nicht
sonderlich schwer, ist Medea doch die Barbarin als zivilisationskritische Figut par

171 Vgl. von Matt 1989. Von Matt (ebd.: 81) sieht in Klytaimnestra, Dido und Francesca da Ri-
mini drei Urbilder des erlittenen Liebesverrates und skizziert deren Reaktionen: „Bei allen ist
von Mord zu reden, von radikaler Tat (...) aber unter diesem Zeichen sind die drei auch wieder
ganz verschieden. Klytaimnestra ist so urbildlich die Mörderin, wie Francesca da Rimini die
Ermordete ist und Dido die Verzweifelte, die nur noch sich selbst umzubringen weiß." Die Er-
zählerin gestaltet sich hiet als Mischung aus allen dreien: Wie Klytaimnestra hat sie möglichet-
weise gemordet, wie Francesca ist sie eine Ehebrecherin, die nach dem Verlust des Geliebten
quasi in der Hölle der Erinnerungen lebt und wie Dido bleibt ihr nur noch der Tod, auch
wenn er sich qualvoll langsam vollzieht.
ENGENDERING HISTORY - DIE EXOTISCHE BARBARIN 203

excellence: Als die renommierte „Heilerin" Korinth als Sündenbock verlassen muß
und die Stadt verflucht, hinterläßt sie - der Umkehrschluß drängt sich auf- eine
kranke Zivilisation. " Die Diagnose lautet: Materialismus, Kapitalismus, soziale
Ungleichheit, Patriarchat. In diesem Kontext erscheint es kaum mehr als Zufall,
daß Wolf die Namens-Etymologie zu Medea referiert - „die guten Rat Wissende"
(M, 61) - und damit auch Walter Benjamins Theorie des Erzählers als narrative
Instanz evoziert, denn dieser ist „ein Mann, der dem Hörer Rat weiß". Rat ein-
zuholen bedeute, so Benjamin weiter, eine Geschichte zu erfahren und der Er-
zähler verstehe seinen Rat „minder als Antwort auf eine Frage als einen Vor-
schlag, die Fortsetzung einer (eben sich abrollenden) Geschichte angehend."
Hinsichtlich der Figur Medea und ihrer Geschichte erwachsen Rat und Hilfe aus
der Korrektur falscher Überlieferung - nicht weniger ist avisiert als ein durch
Imagination ausgelöster Heilungsakt an der kranken, weil androzentrischen
Kultur. Aktualisiert ist hier die Figur des Barbaren als Sprachzerstörer und -
erneuerer. Am Ende der Geschichte ist mit einer Welt, die nur noch „Sieger
und Opfer" (M, 113) kennt, allerdings das ,Ende der Geschichte' (Fukuyama) er-
reicht und Medea wird ihrem Namen untreu. Sie, die „Guten Rat Wissende"
weiß sich selbst keinen Rat mehr zu geben und ein anderer Erzähler, der den Fa-
den aufnehmen könnte, ist nicht in Sicht: „Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in
die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort."
(M, 236) Dies sind die letzten Wotte eines Buches, das mit einem geradezu phy-
sisch wahrnehmbaren Schweigen aufhört. Zwar ist der Barbar immer auch ein
Garant der Spracherneuerung und damit det Poesie, und konnte in seiner weibli-
chen Variante hier noch einmal diese Rolle spielen, aber angesichts des totalen
Sieges der männlichen West-Kultur über die weiblichen .Anderen' ist das Ver-
mächtnis der Barbarin der Fluch - „Ich, Medea, verfluche euch." (M, 236) — und
das Buch ein beredtes Dokument des Verstummens.

172 Chiarloni (1998: 112) betont denn auch im Materialienband zu Medea in ihter erymologischen
Deutung des Namens die „Wurzel med (vgl. lat. medicus: Arzt)", die Medea sprachlich in die
Nähe „einer Gruppe von Heroinen wie Agamede, Idlya. Polymede, Perimede u. a." rücke: „Un-
verkennbar liegt in allen diesen Namen die Idee des Heilens, vetbunden mit det Verwirkli-
chung des Gedankens: Es sind Frauen, die sich und anderen zu helfen wissen."
173 Benjamin [1936/37] 1980:422.
174 Benjamin [1936/37] 1980:422.
175 Vgl. Manfred Schneider 1997: 13.
176 Wolf selbst sptach in einem Interview (1996b) von der Überwindung ihrer Krise durch das
Schreiben des Buches. Vgl. dazu auch Sorensen 1996: 123.
V. 1989-2000ff. ENTORTUNGEN/VERORTUNGEN

1. Desymbolisierung, Alterität, Gewalt


Der Vorwurf, der Westen kolonialisiere den Osten, mußte auch das Bild des Ed-
len Wilden evozieren. Dieses Ideal mußte wiedetum zwangsläufig durch die Kor-
rekturen der Wirklichkeit Schaden nehmen: „Wet Gold sehen will, sieht Gold,
und plötzlich ist die Entdeckung ein finanzielles Fiasko gewesen. Worunrer auch
Columbus litt, vor allem aber das Bild des edlen Wilden selbst." (O, 161). So Ro-
senlöcher am Ende seines dekonstruktiven Erzählverfahrens zur Frage, wie der
Osten „erobert" (O, 162) wurde. Im Zuge gegenseitiger Enttäuschung sei den
„Ostlern" aber immerhin der Kannibalismus-Vorwurf erspart geblieben. Jeden-
falls fast:

Nut eine zu ihrer Zeit recht bekannte Schriftstellerin sprach, als Kennerin des
Lands, von den großen, ekelerregenden Fleischpaketen, die unsereins aus der Kauf-
halle trug. Und schon im entscheidenden Jaht 1989 beschrieb ein anderer Kenner
des Landes, wie wir, nach Absetzung unserer Häuptlinge, eben noch ,edlen Blicks
.... einer verheißungsvollen Zukunft entgegenzustreben schienen', nun plötzlich .als
Horde von Wütigen ... Rücken an Bauch gedrängt ... mit kannibalischer Lust in
den Grabbeltischen, von den westlichen Krämern ... absichtsvoll in den Weg pla-
ziert, wühlten'. (O, 162)

Letzteres zitiert Stefan Heym, ersteres paraphrasiert Monika Marons Zonophobie.


Imagologisch schließen die Vorwürfe gegenüber den „ehemaligen Staatsbürger-
schaftsgefährten" (Maron) - folgt man Rosenlöchers Deutung - an die Rhetorik
der Entdeckungsreisen an. Tatsächlich kommt in Marons Animal triste nicht nur
der Barbar zum Einsatz, sondern - evoziert über das Symbolsystem .Fleisch' —
auch der Kannibale, genauer: das Kannibalische. Der Kannibale verkörpert das
extrem Fremde; er erzeugt neben dem faszinierten Grauen auch den Impuls des
Ekels, berührt et doch das kulturell Verworfene. Dieser Affekt leitet Marons Ab-
rechnung Zonophobie, der Rosenlöchers Paraphrase entstammt: „Die Einheit ist
mir zum Alptraum geworden, weil der Osten, wo er sich als solcher artikuliert,

1 Heyms Artikel (1989), in det et die DDR-Bürger als „Horde von Wütigen" charakterisierte, er-
schien im Dezember 1989 im Spiegel
206 1989-20O0FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

mir unüberwindlichen Ekel verursacht." (Zo, 112f.)~ Daß Marons Essay Zono-
phobie als Einlassung zur Zeitgeschichte und ihr anscheinend ,nur' um das The-
ma Liebesverrat kreisender Roman Animal triste imagologisch verbunden sind -
und damit auch det Roman einmal mehr als zeitgeschichtlicher deutlich wird —,
zeigt sich an verdeckten Bezugnahmen auf die Symbolsysteme des Anthropopha-
gen und des Karnivoren. Anthropophagie erscheint in Animal triste verschoben in
den Erinnerungsraum des Textes.
Fleisch ist nicht einfach nur ein Nahrungsmittel, sondern hat, so Nan Mellin-
ger in ihrer kulturhistorischen Studie, eine bedeutungsgenerierende Funktion in-
nerhalb der soziosymbolischen Ordnung. Dabei erweist es sich als ein Aspekt der
Konstruktion von Geschlecht und deren sozialer Verortung: „Der Mann ißt
Fleisch, die Frau ist Fleisch." Die Verfügung über das Fleisch - „Der Chef muß
Fleischesser sein" (Derrida) - ist grundsärzlich an Positionierungen im sozialen
Machtgefüge gebunden. Die .fleischfressenden Pflanzen', die den Erinnerungs-
raum der Erzählerin aus Animal triste bilden, .durchkreuzen' diese Zuordnung, da
das weiblich Vegetative sich hier dem virilen Karnivoren verbindet und damit im
kulturellen Repertoire quasi eine — wenn auch nicht biologisch - hybride Verbin-
dung bildet. Der Streit um die Existenz dieser bereits im späten Mittelaltet be-
schriebenen Pflanzenart dauerte bis ins 20. Jahrhundert, schien sie doch sämtli-
che Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Bevor sie im 19. Jahrhundert zunehmend
wissenschaftlich erforscht wurde - einer der ersten, der mit ihnen experimentier-
te, war Charles Darwin -, bot sie entsprechend Anlaß für phantastische Schilde-
rungen in Entdecker- und Reiseberichten. Die fleischfressenden Pflanzen, zwi-
schen denen die Liebesakte der Ich-Erzählerin mit Franz in Animal triste stattfin-
den, schließen nicht nur an das exoristische Bildtepertoire an, sondern rufen auf
der Ebene der in den Pflanzen .vermischten' symbolischen Ordnung der Ge-
schlechter bereits die Doppeldeutigkeit hervor, die das Ende des Romans be-
stimmt: Ist die Erzählerin weiblich positioniert - also damit als Frau nur konsu-
mierbares sexuelles ,Fleisch' gewesen und somit konsequenterweise dann das
Opfer von Franz' Liebesverrat - oder macht sie ihn zum Opfer, indem sie ihn
in ihrem eifersüchtigen Liebesbegehren als .fleischfressende Pflanze' quasi ver-
schlingt, also in den Tod stößt?''Auf der intertextuellen Ebene wird jedenfalls mit

2 Zonophobie erschien zunächst 1992 im Spiegel, dann 1993 im Essayband Nach Maßgabe meiner
Begreifungskrafi.
3 Mellinger 2000: 59ff.
4 Mellinger 2000: 133fT.
5 1878 berichtete der deutsche Forscher Carl Leche (2002) in einem öffentlichen, in verschiedenen
Zeitschriften abgedruckten Brief als .Augenzeuge' von Madagaskar. Ein junges Mädchen sei ritu-
ell geopfert worden, um den Teufel zu besänftigen. Der Baum habe seine Dornen durch das ihm
dargebotene Mädchen gebohrt: „Vom Stamm lief eine rote Flüssigkeit - der berauschende Saft,
vetmischt mit dem Blut des Opfers. Jeder Eingeborene versuchte, einen Mundvoll davon zu er-
wischen."
6 Der Text verwendet häufig den Begriff .Fleisch' als Bezeichung des Körpers, zumeist in ab-
wertendet Petspektive: beispielhaft ist das sich im Alter „wellende Fleisch" (vgl. At, 13), das als
„Fleisch in Lappen von den Knochen" (At, 57) hänge. Schon in einet Erinnerungsszene beklagt
DESYMBOLISIERUNG, ALTERITÄT, GEWALT 207

dem Motto der Ich-Erzählerin — „Doch von zwei Dingen schnell beschloß ich ei-
nes / dich zu gewinnen oder umzukommen" (At, 132) - eine Figur aus dem kan-
nibalistischen Liebesrepertoire zitiert: Kleists Penthesilea, die so schlecht zwischen
Küssen und Bissen unterscheiden kann.
Auch Medea inszeniert und codierr den Konnex von Geschlecht und Macht
über die bedeutungsgenerierende Funktion .Fleisch'. Das „grausamste und unwi-
derstehlichste Bild" (M, 64), das Jason in seiner Erinnerung von Medea besirzt,
zeigt sie als Priesterin in Kolchis, die, nachdem sie am Altat das Schlachtopfer
vollzogen hat, das Blut des getöteten Stieres trinkt und in einen Tanz verfällt. Die
Opferpriesterin Medea - in ihrer Attributierung als „schrecklich und schön" eine
archaische Figuration des Erhabenen - erzeugt in Jason eine ihm bis dahin unbe-
kannte Leidenschaftlichkeit: „Ich begehrte sie, wie ich noch nie eine Frau begehrt
hatte, ich hatte nicht gewußt, daß es dieses Begehren gibt, das dich zerreißt"
(M, 65). Die Szene ist übercodiert. Die Verfügungsgewalt det Priesterin über das
Fleisch und Blut des Opfertieres kehrt die Geschlechterverhältnisse in ihrer
Machtstruktur um: Entsprechend ist Jason hier nur noch willenloses .Fleisch'.
Zugleich ist mit der Sakralisierung des Fleisches im rituellen Opfervorgang ein
menschheitsgeschichtlich zentrales Moment dargestellt, dient er doch der Kanali-
sierung der Gewalt und damit der Sicherung des Gemeinwesens. Darüber hinaus
ersetzt das Tieropfer die Opferung von Menschen und zeigt damit den zivilisato-
rischen Status des kolchischen Gemeinwesens an. Daß Jason diese nur oberfläch-
lich blutrünstige und archaische Handlung (als Angehöriger Korinths) nicht
(meht) versteht und nur mit wollüstigem Schaudern reagiert, wirft einen Schat-
ten auf das spätere Geschehen: In Korinth als der sich .höherstehend' wähnenden
Kultur wird Medea nach ihrer Flucht evolutionsgeschichtlich einen Schritt zu-
rückgehen müssen und während des Tempelfestes angesichts det aufgebrachten
Menge einen Menschen zum Opfer für die Götter bestimmen. Da in Korinth
weder die Funktionsweisen kollektiver Gewalt noch deren Domestizierungsrituale
verstanden werden, wird schlußendlich der menschliche Sündenbock Medea
.konstruiert'. Die Verkennung gesellschaftlicher Gewalt und die Verkennung
Medeas spiegeln sich ineinander und erzeugen das Bild einer in ihren subrilen
Gewaltformen um so brutaleren Gesellschaft.
Die Verwendung des Barbaren- wie des Anthropophagie-Motivs ist jenseits des
auf ästhetische Schockwirkung zielenden Einsatzes gleichermaßen ambi- wie po-

eine Freundin die „Hautlappen an der Unrerseite ihrer Oberarme. Sieh dir das an, schrie sie mit
Ekel in der Stimme, sieh dir das an. Ich habe meinen Körper nie gemocht, sagte ich." (At, 145)
Geradezu zwanghaft imaginierte die Erzählerin Franz' Sexualität mit seiner Ehefrau: Der Körper
der Frau bringt sie dazu, „mich wiedet und wiedet von dem Ekel etregen zu lassen, der mich
beim Anblick ihres nackten Köpers überkam" (At, 153). Nur in der Liebe mit Franz scheint der
Körper „schön" zu sein (vgl. At, 55), hier kann sie sich gar im „Mysrerium unserer Körper ver-
lieren". (At, 183)
7 Zum Vereinigungsphantasma und zum kannibalistischen Liebesrepertoire im allgemeinen und
speziell zur Figur der Penthesilea bei Kleist vgl. Pape 2001. Eine vergleichende Analyse zu Animal
triste und Kleists Penthesilea hinsichtlich des Barbaren-Motivs legt Doßmannn (2003: 95ff.) vor.
8 Vgl. Girard 1999 und Mellinger 2000: 51.
208 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

lyvalent. Auch in det Literatur des Umbruchs spielt der Barbar - bzw. hier die
Barbarin - die „emblematische Rolle" (Schneider), die auf eine grundlegende Re-
vision des kulturellen Registers verweist:
Es geht stets um die Sicherung oder Auflösung der Elementarcodes: um das Gesetz,
die Sprache, die Bilder, das Gedächtnis, das Geld, die Geschlechter. Jede Krise arti-
kuliert sich in und über diese Medien, Speicher, Symbole, denn sie organisieren
und sichern den Bestand aller Kultursysteme.

Ist der Barbar als Kulturerneuerer auch eine Autorfigur, da er als Garant unver-
brauchten, poetischen Sprechens auftreten kann, so wurde auch der Anthropo-
phage mit der Literatur der Weimarer Republik, explizit bei Alfred Döblin und
Thomas Mann, als Figuration der Unmittelbarkeit, des Ursprünglichen und Vi-
talen - eines „Behagens an der Unkultur" - literarisch ins Recht gesetzt und
erstmals affirmiert. Trotz dieser Umwertung behauptet sich das Anthropoha-
giemotiv weiter als „maximalistische Metapher" , wie sie — vorbereitet allerdings
schon in den kulturrelativistischen Essais von Montaigne - seit dem 17. Jahrhun-
dert und hier namentlich bei Lohenstein literarisch zum Einsatz kommt: In die-
sem ästhetischen Verfahren geht es weniger um eine Kritik des Fremden als viel-
mehr darum, katastrophische Erfahrungen der eigenen Kultur darzustellen." Der
Barbar wie der Menschenfresser signalisieren grundsätzlich zweierlei: zum einen
die Auseinandersetzung mit Alterität, die sich auch als intrakulturelle Differenz
äußern kann, und zum anderen die Grenze zur ,Unkultut'. Damit verweist insbe-
sondere der Anthropophage auf die soziosymbolische Ordnung, die Kulrur orga-
nisiert. Det Menschenfresser ist gewissermaßen im Zentrum der Kulrur selbst
situiert, da das Anthropophagie-Verbot, so Freud in Totem und Tabu, kulturelle
O r d n u n g begründet. Zudem unterhält der Diskurs über den Menschenfresser,
dessen T u n ja nicht jenseits der leiblichen Sphären von Essen und Körper ge-
dacht werden kann, eine tiefgründige Beziehung zur Eucharistie und damit zur
Sphäre des Heiligen selbst. Obwohl, so Walter Pape, Kannibalismus in der
deutschsprachigen Literatur ein Denkmodell ist, „dessen Wirklichkeitsbezug pri-
mär ein metaphotischet ist, ist in dieser Metaphorik die .wörtliche' Bedeutung,
die bei jeder Metapher mitschwingt, stärker als sonst". Aufgrund ihres Bezugs
zum „Komplex des Essens und seiner Rituale" könne Kannibalismus nicht in
rein sprachliche Selbstreferenz aufgelöst werden. Nicht zuletzt schließt der ge-
samte Komplex Essen und Fleisch - folgt man Mellinger - auch an das anthro-

9 Manfred Schneider 1997: 1 1.


10 Vgl. dazu Fulda (2001b). Fulda bezieht sich auf Manns Rede Von Deutscher Republik, in welcher
der Autor die Wurzeln der Republik mit Rekurs auf Novalis als „anthropophagische" bestimmt,
auf die Traumvision im Zauberberg und auf Döblins Der schwarze Vorhang. Weitere Belege fin-
den sich bei Oskar Loerke. Ernst Batlach und Ernst Jünger.
11 Beise2001: 146.
12 Vgl. Beise 2001.
13 Freud [1912-13] 1974.
14 Pape 2001: 312.
15 Pape 2001: 312.
DESYMBOLISIERUNG, ALTERITÄT, GEWALT 209

pologische Trauma an, als Mensch selbst Nahrungsquelle zu werden. So gesehen


verbergen sich im literarischen Einsarz der Anthropophagie über den Bezug zum
Körper immer auch Bilder eigenleiblicher Bedrohung.
Wird sowohl in Medea als auch in Animal triste das Barbaren-Motiv explizit
verwendet, um kulturelle Differenz zu markieren und zu verhandeln, so wird dar-
über hinaus die in den Texten eingearbeitete Zeitgeschichte über die Engende-
ring-Prozeduren dem Symbolsysrem ,Fleisch' verbunden. Diese Referenz ist
schon mit dem Bild des Batbaren selbst evoziert, wurden die Germanen doch von
den Römern und Griechen auch aufgrund des Genusses rohen Fleisches als solche
bezeichnet. Die literarhistorisch früheste Gestalt des Barbaren - der einäugige
Polyphem der Odyssee — war zudem Anthropophage. Gegenüber den von Wolf
und Maron eingesetzten Engendering-Prozeduren, die den Osten im Bild des
Barbaren kulturell abwerten und im Bild der verratenen Frau als Opfer codieren,
vollziehen die Autorinnen auf dieser tieferliegenden Ebene eine signifikante Um-
wertung: Schwingen schon im Einsatz des Barbaren-Motivs immer auch dessen
verborgene positive .vitalistische' Konnotationen mit, so stellen Wolf und Maron
im anthropologisch tieferliegenden, weil kulturhistorisch bis in die Vorzeit zu-
rückreichenden Symbolsystem ,Fleisch' die Machtfrage. Medea verfügt als Prie-
sterin über das Opfer/Fleisch - sei es tierisch oder menschlich - und sie hat die
sexuelle Macht, den Mann Jason zum willenlosen Fleisch zu machen. Auch Ma-
rons Erzählerin imaginiert in den fleischfressenden Pflanzen eine Position, die das
Bild des Weiblichen als Opfer durchkreuzt.
Animal triste und Medea setzen Momente drohender Desymbolisierung, die
mit det Amnesie, dem Gedächtnisverlust an eine Lebenswelt, korrespondieren, in
Szene. Dieses Bildrepertoire wird in Thorsten Beckets Roman Schönes Deutsch-
land (1996) zur Narration radikalisiert: Hier wird in satirischer Form eine Zu-
kunft entworfen, in der jede Erinnerung an die offiziell als inexistent erklärte
DDR als Indiz eines Wahns zur direkten Einweisung in die Psychiatrie führt.
Auch die Ich-Erzählerin in Animal triste kann sich an die vor dem Mauerfall lie-
gende Zeit kaum erinnern und wenn, dann nur als Zeit det .Willkür des Absur-
den'. Ein Jahr bevor sie Franz trifft, hat sie ein die Liebesbegegnung vorbereiten-

16 Mellinger 2000: 59.


17 Lebek (2001: 56) argumentiert, daß die Antike zwar den Begriff des Anthropophagen kannte —
namentlich die Kyklopen-Szene der Odyssee bezeugt dies - , dieset abet eine techt blasse Existenz
führte und in der Antike niemals zur Kennzeichnung fremder Völker verwandt wotden sei: „Was
also die internationale Menschenfresser-Terminologie angeht, har die Entdeckung Amerikas in
doppelter Hinsicht Epoche gemacht. Indem sie Europa den Begriff .Kannibalen' schenkre, und
indem sie den Ansroß gab, den griechisch-lateinischen Begriff anthropophagi fest in det europäi-
schen Gelehrtensprache zu verankern und aus ihm innerhalb der nicht-romanischen Sprachen
Lehnübersetzungen zu schaffen."
18 Die Pflanzen- und Tiermetaphorik ist, so der Anthropologe Terray (1995b: 385) Bestandteil na-
tionaler und ethnischer Diskurse: „Die Ethnie oder die Nation - definiert als Verbindung kultu-
reller Gegebenheiten - wird nach dem Modell von Tier- oder Pflanzenarten gedacht, die am be-
sten durch Elimination fein gehalten werden sollten." Genau in diesen Bildtaum sind die zeit-
geschichtlichen Bezüge in Animal triste verschoben.
210 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

des Erlebnis: An „einem Tag im April", als die Zeit Honeckers ein halbes Jahr
vorbei gewesen sei - also im April 1990 —, wird sie auf der Berliner Friedrich-
straße von Krämpfen befallen und dann ohnmächtig, als „jemand, ich weiß nicht
wer, den Strom im Gehirn abschaltere" (At, 21). Danach habe iht Kopf „seiten-
verkehrt, als hätte jemand die Pole umgesteckt" (At, 23) funktioniert. Die Er-
zählerin deutet diese Ohnmacht als „Simulation ihres Todes" (At, 23), der ihr die
Antwort auf die Frage nach den Versäumnissen des Lebens - die Liebe - gebracht
habe. Der Verlust des Bewußtseins als Vorbereitung auf die große amour fou ist
indes nicht temporärer Natur, sondern eine grundsätzliche Qualität im Leben der
Erzählerin, wenn es um ihre Vergangenheit geht: „Das Vergessen ist die Ohn-
macht der Seele." (At, 17)
Der Amnesie als Ausdruck einer in weiten Teilen gelöschten, unverfügbaren
Geschichte und Biographie entspricht die willentlich erzeugte Hysterisierung der
Erzählerin, die sich nicht nur absichtlich um ihre Sehschärfe bringt - eine von
der Erzählerin idealisierte Selbststigmatisierung, die ihr psychisches Trauma des
Verlassenwerdens im Somatischen repräsentiert - , sondern auch die Phasen der
Subjektgenese rückwirkend zerstört: Das Zerschlagen der Spiegel in ihrer Woh-
nung ist nur das - im Wortsinne - symptomatische Bild der Zerstörung der mit
dem frühkindlichen Spiegelstadium einsetzenden Subjektgenese, die immer des
Bildes des Anderen bedarf. Irgendwelche anderen Anderen kommen im Text -
außer in den noch verfügbaren Erinnerungen - auch nicht vor. Die Funktion des
Anderen beruht darin, so Lacan, dem Ich ein Spiegelbild zu geben, das ihm seine
ganzheitliche Gestalt liefert, in dieser Funktion erscheint er als ,klein a'. Der gro-
ße Andere ist die symbolische Ordnung, die den Menschen zum sprechenden
und sexuierten Menschen macht. Zum großen Anderen des erzählenden Ichs -
zu seinem (Spiegel)Bild, in das es zum Schluß eintritt — wird in Animal triste aber
gerade das jenseits det symbolischen Ordnung Liegende: Die in den Tierbildern
des Textes repräsentierte Sprachlosigkeit, der ebenfalls als Tierwerdung imagi-
nierte Tod. Die Erzählerin kann sich als erzählendes Subjekt nut noch im Jenseits
des großen Anderen spiegeln. Der Text bewegt sich in den Momenten, in denen
das det Sprache entzogene Trauma Bilder gewinnt - und damit in seiner Narrari-
on - auf das Außersymbolische zu und gibt ihm Raum."

19 Der Text enthält keine kalendarischen Zeitangaben und läßt sich nur über die verschiedenen Be-
gebenheiten dechiffrieren: Der Anfall ereignete sich im Todesjahr eines Freundes, der beerdigt
wurde, als der „Saarländer, ein gelerntet Dachdecket, (...) unset von der internationalen Frei-
heitsbande eingesetztes Staatsoberhaupt" (At, 41), also Honecker, seit „einem halben Jahr" (At,
40f.) nicht mehr an der Regierung war.
20 Vgl. Lacan [1949] 1986.
21 Animal triste stellt das Mittelstück zwischen den nach 1989/90 entstandenen Texten Stille Zeile
sechs und Pawels Briefe dat. In allen drei Romanen setzt sich die Autorin mit der Vergangenheit
auseinander, wobei der Erinnerungshorizont im letzten Roman - Pawels Briefe - auf die Groß-
eltetngeneration und den Nationalsozialismus ausgedehnt wird. Eine Gesamteinschätzung, die
die hier vorgeschlagene Interpretation stützt, bietet Tabener (2001: 37): „Before Pawels Briefe
(1999), the author's work increasingly suggests the dissent and rebellion are siruated within the
,excess' of an individual's personaliry, within the surplus not susceptible to social and historical
DESYMBOLISIERUNG, ALTERITÄT, GEWALT 211

Die Rolle des Anderen nimmt bei Wolf der Leser ein. Wolf wollte den Roman
Medea nicht als zeitgenössische Einlassung verstanden wissen, sondern beharrt auf
dessen Qualität als Mythenadaption. Nichtsdestotrotz hat Anke Westphal in ih-
rer positiven Rezension den Text zugleich als Umschrift der Medea-Figur und als
„grandiosen Essay über kulrurelle Verluste" gelesen, der ihr als ehemalige DDR-
Bürgerin geholfen habe, „Irritationserfahrungen"" zu klären. Beschrieben ist hier
das Wechselspiel zwischen defizienter Textoberfläche und bedeutungsvoller Tie-
fenstruktur. Der Myrhos wird mit det im Exil gestellten und an den Leset ge-
richteten Frage Medeas nach dem Sinn der ihr widerfahrenen Geschichte — „Wo-
hin mit mit. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Nie-
mand da, den ich fragen könnte." (M, 235) - zur defizienten Oberfläche." Sie
wird ergänzt durch die Antwort des Lesers, der den Mythos als Camouflage für
die bedeutungsvolle Tiefensttuktur .Verlorene Heimat DDR' liest. Dieser Verlust
wird dabei über die Elemente des Mythos als Kulturverlust codiert. Der Mythos
bietet sich dabei als „Darstellung von Verdrängungsprozessen" (Klaus Heinrich)
zur Verarbeitung einer als kulturellen Umbruch erlebten Gegenwart an.
Greift man mit Schneider noch einmal die ,emblematische Rolle' des Barbaren
auf, dessen Auftauchen stets eine grundlegende Revision des kulturellen Registers
indiziert, so erfüllt vor allem die Barbarin als Selbstbild der Erzählfiguren bei
Wolf und Maron zwei Funktionen: Im gleichen Maße, wie sie die mit der
deutsch-deutschen Vereinigung einhergehende Auflösung des Elementarcodes
anzeigt - ja sogar den (lustvollen) Schrecken verbreitet, dies überhaupt zu können
-, so sichert sie ihn zugleich auch. Nicht nur, indem sie als kultuthistorisches
F.mblem «7rzsT ästhetische Traditionen im Zeichen konfliktiver Alterität fortsetzt,
sondern indem sie im Rekurs auf das verbundene Symbolsystem des Karnivoren
und Anthropophagen auch Geschlecht neu konstruiert und damit am Aufbau
von Bedeutungssystemen mitwirkt. Wolfs und Marons Romane zeigen als Lite-
ratur des Umbruchs im manifesten Barbaren- und im verborgenen Anthropopha-

determination and which represents the untamed, the uncivilized, and perhaps also the imagina-
tive and artistic. This causes a crisis of integrity tollowing the not-to-be-suppressed suspicion that
dissent derives from rhe essential amotality of an ego lacking a powerful superego rather than
ftom a higher principle. It is a crisis that became more marked following rhe evenrs of 1989." Mit
ihrem auf Animal triste folgenden Roman Pawels Briefe wird dann im Blick auf die weitete Fami-
liengeschichte - die Ermordung des jüdischen Großvaters im KZ - nach Tabener (2001: 54)
sozusagen die .erwachsene' Subjektposition etlangt: „Maron, it seems, would like her audience to
receive the novel as the product of matute teflection, an indication of the degree to which the
events of 1989 forced her to become an adult, birth at age of forry-eight so to speak." Tatsächlich
schreibt sich die Autorin hier selbst ein Trauma zu: „In this novel, Maron simply invents a new
myth of victimhood, with herseif at the center." (Ebd.: 56)
22 Westphal 1996.
23 Diese Struktut weist Wolfzettel (1981) für den italienischen Roman zwischen 1940 und 1960
nach, als die politische Situation Sinndefizite aufkommen ließ, die durch den Mythos als .histo-
risches Bewußtsein' gefüllt wurden. Außerdem muß das eingeübte „Zwischen-den-Zeilen-Lesen"
der DDR-Bevölkerung in Rechnung gestellt werden. Vgl. dazu Wolle 1998: 154f.
24 Das Ende der DDR sei, so Roberts (2001b: 140), eigentlich „unerzählbar", da es „von außen ein-
gebrochen" ist.
212 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

gie-Bild nicht nur intrakulturelle Fremdheit an, sondern signalisieren als Zeichen
einer Auflösung der Tabu-Grenzen, über die sich Kultur selbst definiert, die dro-
hende Entgrenzung ins Außerkulturelle. Metaphorisiert wird dabei - ohne den
Bezug zur leiblichen Bedrohung je ganz zu löschen - ein Jenseits der soziosymbo-
lischen Ordnung und seiner Sprache. Zum Ausdruck kommt - in den extremen
Metaphern aber nochmals als und im Bild eingeholt - det Prozeß drohender De-
symbolisierung und Entkulturierung selbst.
Davon ist in Christoph Heins Willenbrock anscheinend gar nichts zu sehen. Im
Gegenteil: Der Titelheld und Ex-DDR-Bürger Willenbrock ist .glücklich im We-
sten angekommen'. Der ehemalige Ingenieur betreibt einen lukrativen Ge-
brauchtwagenhandel am Stadtrand Berlins, ist glücklich verheiratet und pflegt
nebenbei seine erotischen Abenteuer Die meisten seiner Kunden stammen aus
den ehemaligen .Ostblockländern', sein einziger Mitatbeiter ist der Pole Jurek.
Dessen Ehe ist in Gefahr, da er nur am Wochenende in Polen isr, sein Sohn ist
längst kriminell geworden. Die neuen entgrenzten Verhältnisse haben Europa re-
definiert: Deutschland als zumindest materielle Insel der Seeligen, anrainend an
einen Osten, det kaum mehr durch einzelne Länder .strukturiert' - und damit
auch kulturell unterscheidbar - wirkt, sondern ehedem machtpolitisch-geogra-
phisch als Ostblock definiert, nach seinem Kollaps als akulturelles terrain vague,
als diffuser Raum, als eine Art waste land etscheint. Mit Willenbrocks Ge-
brauchtwagenhandel ist Zeitgeschichte fast emblematisch erfaßt: Der schnelle
An- und Verkauf ist der dem entkulturierten terrain vague eigene Basarhandel.
Daß dieser an den Grenzen Berlins situiert ist, zeigt an, daß die Grenze selbst
schon im Begriff ist, sich aufzulösen. Tatsächlich bildet die Ent-Grenzung und
damir die Frage nach der Funktion von Grenzen das Grundthema des Romans.
Einer der Hauptkunden Willenbrocks, der undurchschaubare Russe Dr. Krylow,
klärt Willenbrock über das Verhältnis von Osten und Westen auf: „Wir haben
Europa vor Asien bewahrt und sind dabei selbst Asiaten geworden. [...] Ich bin
kein Europäer, ich bin nur ein Russe, mit all den lächerlichen Vorzügen und den
barbarischen Rührseligkeiten, die schon Puschkin beklagt hat." (W, 47f.) Anders
als Wolf und Maron setzt Hein - trotz der Allusion auf den Barbaren - keine
exotistischen Bilder ein, sondern entwirft, so Seibt zutreffend, das „Zusammen-
brechen aller zivilisarorischen Sicherheiten"" nach 1989. Im Verlauf des Romans,
nachdem die gewaltsame Erfahrung eines Einbruchs die Hauptfigur selbst lang-
sam entgrenzt, wird eine aus Angst vor Einbrüchen in ihrem Haus wie in einem
Hochsicherheitstrakt lebende Frau den Satz äußern: „Asien. Alles wird Asien."
(W, 212)
Der erste .Einbruch' in die befriedete und saturierte Welt Willenbrocks erfolgt
per Telefon. Willenbrock telefoniert nach langer Zeit mit seinem ehemaligen
Kollegen Berner. Just als er angesichts des langweiligen Gesprächs das „Vergnü-

25 Seibt 2000. Dies begründet sich sichet auch in der von B. Krüger (2001) betonten Kontinuität in
Heins Schteiben. Dem Selbstverständnis Heins als einem .Chronisten' würde dieses Bildrepertoi-
re wohl widersprechen.
DESYMBOLISIERUNG, ALTERITÄT, GEWALT 213

gen" beschwört, „alles hinter sich zu lassen, um neu anzufangen" (W, 31), holt
ihn die Vergangenheit ein: Berner erzählt, welcher Kollege sie in der DDR-Zeit
denunziert und damit die schon geplanten Auslandsreisen vereitelt hat. Wil-
lenbrock reagiert unwillig, will von der Vergangenheit nichts wissen. Kurz darauf
werden ihm einige Autos gestohlen. Beide Vorfälle verunsichern ihn und er be-
richtet Dr. Krylow davon. Als dieser vorschlägt, diese Probleme mit einem
„Handkantenschlag" zu lösen, lehnt Willenbrock entsetzt ab: Deutschland sei
„ein zivilisiertes Land" (W, 56). Kaum ist der „russische Selbsthelfer" (Seibt) vom
Hof gefahren, wird der Vorschlag auch schon zur inneren Versuchung: „Es ist
lachhaft, [...] es ist völlig unmöglich und barbarisch, [...] ein Rückfall in ein vor-
zivilisiertes Stadium" (W, 59, Hervorhebung von mir, E. B.). Zunehmend richtet
sich Willenbrocks Ärger auf Berner: ,,[I]ch will mich nicht von einer Vergangen-
heit einfangen lassen, die ich nicht benötige, die mich nicht interessiert, die ich
nicht gebrauchen kann." (W, 60) Als er einen Nachtwächter einstellt, wählt er
bezeichnenderweise unter den Bewerbern denjenigen aus, der als einziger nicht
durch die Vergangenheit gezeichnet scheint: Pasewald strahlt keine „Unter-
würfigkeir und erloschenen Hoffnungen" (vgl. W , 61) aus.
Diese M a ß n a h m e kann nicht verhindern, daß erneut auf dem Autohof ein-
gebrochen wird: Willenbrock findet den Nachtwächter gefesselt und dessen
H u n d getötet vor. Die Peripetie des Textes - fast genau in der Mitte - wird anti-
zipiert im Bild eines gewaltsam herbeigeführten „Dammbruchs" (vgl. W , 139),
det die gesamte Gegend übetschwemmt. Kurz darauf wird in das Ferienhaus der
Willenbrocks eingebrochen, der sich beherzt wehrende Willenbrock fast getötet.
Die Einbrecher sind vermutlich Russen. Der behandelnde Arzt sieht nur eine
Möglichkeit, der enrgrenzten Gewalt beizukommen: „Man sollte Mauern bauen.
Überall Mauern, anders ist der Menschheit nicht beizukommen. U m Deutsch-
land eine Mauer, um jedes Land. [...] Wilde Bestien werden auch in Käfigen ge-
halten." (W, 158)"' Der gleichen Meinung ist auch sein Mitarbeiter Jurek, der
explizit kritisiert, daß soviel „Mischpoke" nach Deutschland einreisen könne:
„Alles hat eine Grenze oder es geht kaputt. Und wozu eine Grenze, wenn es keine
Grenze ist?" (W, 186) Obwohl sich Willenbrock jeglicher xenophober Äußerun-
gen enthält und weiterhin liberale Ansichten vertritt, wird er doch immer unsi-
cherer, er spürt, „itgend etwas wurde zerstört" (W, 170). Willenbrock kauft eine
Signalpistole und versieht das Ferienhaus mit etlichen Sicherheitsvorrichtungen.
Den Erfahrungen von Kriminalität und Gewalt steht eine aus Willenbrocks Sicht
ineffiziente und desinteressierte deutsche Polizei und Justiz gegenüber, die an-
scheinend weder willens noch imstande ist, ihre Bürger zu schützen. Als die Ein-
brecher gefaßt und über die Grenze abgeschoben werden, reagiert Willenbrock
mit einer Mischung aus Angst, Scham und W u t (vgl. W, 178). Er phantasiert
ständig die Begegnung mit dem Einbrecher herbei und „empfand Genugtuung,
ihn zu quälen, ihm mit einer erträumten Gewalt die Schläge zurückzuzahlen"

26 Zu Recht fragt allerdings Knobloch (2003: 21) angesichts solcher Passagen, ob hier „Fremdenhaß
geschürt oder das Schüren von Fremdenhaß nur dargestellt" sei.
214 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

(W, 187). Willenbrock ist mitnichten ein gewalttätiger Charakter, es ist das Ver-
sagen der Justiz als „institutionalisierter Rache" (Girard), die den Autohändler in
einen psychischen „Exzeß von Notwehr" (W, 187) treibt, der ihn zwar befreit
und entlastet, auf den er aber auch mit Scham reagiert. In dieset Situation bietet
„sein mephistophelischer Freund Krylow"" Hilfe an: Er werde die Einbrecher in
Moskau aufsuchen und auf seine Weise zur Raison bringen - ein Vorschlag, vor
dem Willenbrock allerdings zurückschreckt. Er gibt vor, die in den polizeilichen
Unterlagen vermerkte Adresse der Einbrecher verlegt zu haben. Zwischenzeitlich
besucht ihn sein ehemaliger Kollege und damaliger Denunziant Dr. Feuerbach,
den er während eines Wortwechsels mit der Faust ins Gesicht schlägt (vgl. W,
249). Als Dr. Krylow ihm beim nächsten Besuch eine Waffe mitbringr, entwik-
kelt diese recht bald trotz der anfänglichen Abwehr Willenbrocks und seines
Plans, diese zurückzugeben, eine Eigendynamik. Willenbrock trägt die Waffe
immer bei sich. Als es zu einem zweiten Einbtuch kommt, schießt er auf den
Täter. Dieser kann flüchten, Willenbrock lebt eine Zeitlang mit der Angst, ent-
deckt zu werden. Dies legt sich schlußendlich: „Es machte ihm Spaß, eine richti-
ge Waffe zu haben." (W, 319) Auch hier schließt der Roman, wie so häufig in der
Literatur nach 1989/90, mit einer Rephallisierung der Hauptperson. Der Roman
endet als Abendidylle im Gegenlicht: Willenbrock schaut auf „den zarten Glanz
der rosafarbenen Blätter" (W, 319). Für Willenbrock gilt die Aussage einer US-
Amerikanerin, die Hein in seiner Rede anläßlich der Preisverleihung des Solo-
thurner Literaturpreises 2000 zitiert: „Meine Smith & Wesson schützt mich bes-
ser als die Verfassung."
Der Einbruch des gewalttätigen .Anderen' ist in Volker Brauns Prosaband Das
Wirklichgewollte insofern noch gesteigert, als dieset Akt fast den Charakter einer
Epiphanie trägt: Gewalt .erscheint'. Obwohl das Auftreten des gewalttätigen
Fremden in den sozialen Gegensätzen bzw. in det desolaten Situation der under-
dogs begründet witd, haftet ihr etwas Unmotiviertes, Rätselhaftes und in der titel-
gebenden Erzählung Das Wirklichgewollte auch offen Erotisches an. Die Aus-
gangssituation der drei in Iralien, Rußland und Brasilien angesiedelten Erzählun-
gen ist wie in Heins Roman die Situation nach dem Ende des Sozialismus, det
Utopien und damit des globalen Siegs des Kapitalismus. Badini, dem emeririer-
ten Professor aus Italien, ist in Das Wirklichgewollte sein Thema „la rivoluzione"
abhanden gekommen, „denn sie hatte stattgefunden, wo man sie nicht machte"
(Wg, 12), der entlassene Ingenieur Sachar Baschkin lebt in So stehn die Dinge
„nach dem Ablauf des Sozialismus in den ungeheuren Gulli" (SD, 27) ohne Ge-
halt in einem Bauwagen am Rande der von ihm mirgebauten Eisenbahnstrecke in

27 Seibt 2000.
28 Zit. n. Baier 2000.
29 Preiß (2000) schreibt: „Vielleicht auch, um sich nicht diesem Vorwurf der Klage um das ver-
schwundene Objekt DDR auszusetzen, siedelte Braun keinen seiner drei neuen Texte in
Deutschland an, sondern in Italien, Rußland und Brasilien. Dennoch sind es Texte auch über
Deutschland. (...) ,La tivoluzione war ihm abhandengekommen, denn sie harte stattgefunden, wo
man sie nicht machte.' Zum Beispiel in Deutschland."
DESYMBOLISIERUNG, ALTERITÄT. GEWALT 215

Sibirien, und der greise brasilianische Architekt Botges resümiert in Was kommt?
das Jahrhundert:
[E]s war alles probiert. Erfindungen, Pläne, Kriege. Unerhörte Verwirklichungen,
Vernichtungen. Man hatte, auf allen Kontinenten, alle Ideen verbraucht. Man hatte
Worte gehabt, die nichts mehr galten: revoluciön in Mexiko, socialismo in Peru, es
war immer Kapitalismus gewesen. In Rußland hatte man noch eine Epoche weiter
geträumt und gedroschen. Globalisierung, dem Glauben hing man jetzt an. (Wk,
53)
In der Erzählung Das Wirklichgewollte bricht in die arkadische Landschaft des
emeritierten Professors Badini und seiner Frau ein sehr junges albanisches
Flüchtlingspaat ein, das im alternden Ehepaar gleichermaßen Angst wie eroti-
sches Verlangen weckt. Als das Ehepaar abends in das Haus zurückkehrt, finden
sie zwei „schmutzstarrende Menschen" in ihrer Küche, die „sich mit entsetzlicher
Gier gesättigt hatten" (vgl. Wg, 9). Sie lassen die Flüchtlinge bei sich über-
nachten, zwingen sie, sich zu waschen und gehen gemeinsam spazieren, wobei das
alte Ehepaar durchaus erotische Imaginationen entwickelt. Nachdem sie die
Flüchtlinge in der Scheune beim Sex ertappt haben, kommt es auch zwischen
dem alten Paar zu einer erotischen Szene, die durch eine Gewalttätigkeit des
Mannes eingeleitet wird. Am nächsten Morgen will Badini den Jungen verscheu-
chen, dieser stößt ihm ein Messer in die Rippen, seine Frau will ihm zu Hilfe ei-
len, fällt die Treppe hinunter und bricht sich beide Arme. Das alte Ehepaar
schleppt sich verletzt ins Bett. Nach einer Stunde kommen die Flüchtlinge die
Treppe hinauf: „Gjergj schlich, ein Grinsen im jungen Gesicht, herein, hinter
ihm das Weib, das Ehepaar sah sie mit einem Gefühl der Erleichterung und des
Entsetzens an, und Badini fragte: Was wollen sie?" (Wg, 24)
Die Frage entspricht dem Abbrechen mitten im Satz, mit dem die nach-
folgenden Erzählungen So stehn die Dinge und Was kommt? (nicht) enden. In So
stehn die Dinge lebt der Ingenieur Sachar Baschkin mit seiner Frau in einem alten
Bauwagen entlang det von ihm mitgeplanten neuen Eisenbahnstrecke in Sibirien,
„draußen der Auswurf aus den Bohrlöchern gekrochen, die Antipoden aus dem
Schrankenlosen" (SD, 27). Als er seinen marodierenden Neffen mit gezückter
Waffe zur Miliz bringen will, wird der Gang für Sachar zum Tribunal über sich
selbst. Er wird in der Marktwirtschaft nicht mehr gebraucht, erscheint als „un-
nützer Mensch" (SD, 38). Er m u ß erkennen, daß nicht nur sein Neffe „aus der
Bahn geraren" ist, sondern er selbst: aus „det größten det Welt" (SD, 3 8 f ) . Die
Erzählung endet mit einem abgebrochenen Satz ohne abschließendes Satzzeichen:
„Er band Sergej los und hob die H a n d " (SD, 40). Es bleibt offen, ob, und wenn,
auf wen Sachat schießen witd.
Ebenso weiß auch der greise brasilianische Architekt Borges, der den Stra-
ßenjungen Jorge gegen dessen Willen eine Nacht in seine W o h n u n g eingesperrt
hatte, was ihn erwartet. Sein Plan, aus Jorge einen besseren, weil gebildeten Men-
schen zu machen, ist schnell gescheitert, denn Jorge flieht. Det Straßenjunge, der
zunächsr glaubt, Borges wolle ihn sexuell mißbrauchen, hatte die ganze Zeit eine
Rasierklinge in der Faust, mit der er das Dienstmädchen morgens zwingt, ihn ge-
216 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

hen zu lassen. Er nimmt den Wohnungsschlüssel mit und kehrt abends mit seiner
„Meute" in Borges' Zimmer zurück: „Jorge also! wollte er ihn schützen, oder sie
zu ihm führen, die den Jungen überrannte; und seltsam ermutigt zugleich und
todmatt, denn nun lag es nicht mehr an ihm, was kommt, sank Borges [...] zu-
rück und sah dem entgegen" (WK, 55). Die verlorene Revolurion — das verlorene
Thema Badinis und die verlorenen Hoffnungen des Architekten - spiegeln sich
im „Nutzloswerden" des Ingenieurs und Eisenbahnbauers Sachar, der im Zeital-
ter der Globalisierung in einem terrain vague mehr dahinvegetiert als lebt und
schlußendlich nicht nur seinen kriminellen Neffen, sondern auch sich selbst als
„Barbar" (SD, 37) bezeichner.
Das Gegenbild und die Ergänzung zum gewalrsamen, unerklärlichen Erschei-
nen des gewalttätigen Anderen - der Epiphanie der Fremdheit - stellt das ebenso
unerklärliche erotische Erscheinen des Anderen dar; ein Motiv, das zwei so unter-
schiedliche Texte wie Arnold Stadlers Ein hinreissender Schrotthändler und Uwe
T i m m s Johannisnacht verbindet. Auch in Stadlers Roman srehr eines Tages - „im
sechzehnten Jahr des Regiments von Helmut Kohl" (HS, 10), also 1998 - ein
junget Albaner vor der Tür, der nach einem Wagen zum Ausschlachten fragt,
und nach einem Gang auf die Toilette aussieht „wie det Baberinische Faun ausge-
sehen hätte, wäre er aus dem Schlaf erwacht und aufgestanden. Adrian hat von
jenem Tag an bei uns gewohnt" (HS, 9). Die durch „Erziehung gesteigerte Men-
schenfreundlichkeit" wird dem Erzähler zum „innerehelichen Verhängnis" (HS,
10), denn natürlich ist der hinreißende Schrotthändler auch ein ehebrecherischer
Schrotthändler. Da Adrian keinen geregelten Aufenthaltsstatus hat, adoptiert ihn
das Paar: „Nun war ich offiziell zum Vatet und meine Frau zur Mutter ihres Ge-
liebten aufgestiegen: ein mehr oder weniger klassischer Fall von Inzuchr."
(HS, 115)
Adrian verkörpert einmal mehr die Figur des Barbaren in seiner Vitalität und
Brutalität. Das zeigt schon sein Eßverhalten, da er „Fleisch zwar nicht roh, aber
doch ohne Brot hinunterschlang" (HS, 87). Adrian hat/erzeugt „Appetit" auf
vieles: „Zu aller übrigen Gier kam auch noch diese Gier." (HS, 87) Er erpreßt das
Paar um Geld. U m seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, sperrt er den
Ehemann in die Sauna, wirft ihm den abgeschnittenen Schwanz des Katers hin-
ein, tötet das Tier, bricht dem Erzähler einen kleinen Finger und verwundet ihn
am Hals. Auch diese Begegnung changiert zwischen Gewalt und Lust:

Es war das einzige Mal, daß ich so nah mit ihm zusammenkam. [...] Als er mir die
schöne kleine Wunde in der Halsgegend vermachte, die nie ganz verheilt ist, die
man noch sehen kann, da, wo sonst auf der Welt die Knutschflecken und andete
Zeichen der Liebe waren und sind. (HS, 130)

Die eben noch ob des toten Tieres vollständig aufgelöste Ehefrau Gabi gesteht ih-
rem Mann, auch schon dreimal in die Sauna gesperrt worden zu sein, will aber
mit Adrian „alles vernünftig besprechen" (HS, 129). Am Ende verschwinden Ga-
bi und Adrian, der Erzähler wird vorübergehend des Doppelmordes verdächtigt.
Als er herausfindet, daß seine Frau seine Einweisung in eine psychiatrische Klinik
DESYMBOLISIERUNG, ALTERITÄT, GEWALT 217

plante, wird er für einige Zeit „wirklich verrückt" (HS, 225). Nach einem Selbst-
mordversuch wird er tatsächlich in eine Klinik ohne Spiegel eingewiesen. Schluß-
endlich kann er — das Haus ist zwangsversteigert, er finanziell am Ende - dank
des letzten noch nicht getäumten Bankkontos nach Acapulco fliegen. Er denkt an
den „Schrotthändler in seinen schwarzrotgoldenen Nietenseitenstreifenschnell-
fickhosen" (HS, 233): „Reine Assoziation: Gabi ließ sich am Tag der deurschen
Einheit mehrfach von ihm durchficken, von ihm, dem in seinen eigenen Schwanz
verliebten Schrotthändler." (HS, 228)
Adrian, der albanische Barbar, strahlt innerhalb der saturierten und gelang-
weilten Gesellschaft die Attraktivität aus, über die auch der Edle Wilde — in sei-
ner Ausformung als Adliger Wilder - in Timms Johannisnacht verfügt. Auch hier
trifft det Erzähler während seiner Recherche auf einen verlassenen Ehemann: Sei-
ne Frau hat ihm wegen eines auch lange weilenden Gastes, in den sie sich verliebt
hat, die Ehe aufgekündigt. Dieser Gast, ein Tuareg, ist genauso unmotiviert er-
schienen: Er hat offenbar den im Urlaub geäußerten Satz der Ehefrau, sie doch
einmal zu besuchen, wörtlich genommen, alles verkauft und ist angereist. Zieht
mit Adrians Einzug im Schrotthändler das „Gerücht von einem heimlichen König
durch unsere kleine Welt" (HS, 115), so sehen auch die Bekannten des Gastpaa-
res in Johannisnacht im Fremden „wohl eine Art Prinz" (Jn, 174). In beiden Fäl-
len gerät der Fremde zur Attraktion einer saturierten und gelangweilten Gesell-
schaft. Die Dreiecksbeziehungen zwischen den Eheleuten sind durch Eifersucht
geprägt, die Ehefrauen verlassen ihre Männer — obwohl der Tuareg in Johannis-
nacht die Verführung zurückweist - und die Ehemänner entwickeln ein homo-
erotisches Begehren den fremden Männern gegenüber (vgl. Jn, 179f.).
Fischer und Roberts charakterisieren die Literatur des Jahrzehnts von 1989 bis
1999 als ein „Beispiel nationaler Nabelschau" , obwohl Deutschland sich in einer
„postnationalen Konstellation" (Habermas) befinde. Dies gilt es zu diffe-
renzieren: Während Marons Animal triste und Wolfs Medea im innerdeutschen
Kontext verbleiben, weitet sich der intrakulturelle Unterschied, den beide Auto-
rinnen in den Figuren des Barbaren und Kannibalen in Szene setzen, in den
Texten Heins und Brauns zum transnationalen Phänomen: Hier zeigen sich die
„ethnoscapes" (Atjun Appadurai) — die sozialen Landschaften einer zunehmend
über Ethnien, nicht mehr durch Nationen und geopolitisch definierte Räume
globalisierten Welt. Diese neuen Ethnien sind nicht mehr durch traditionelle
Identitätskonstruktionen - Geschichte, Nationalität - geprägt. An ihre Stelle tritt
eine, nicht zuletzt durch die transnational operierenden Massenmedien gespeiste,
imaginationsgenerierte Identität, die das Subjekt in eine neue, hybride Genealo-
gie stellt. " Das Phantasma der Grenze, das Heins Text markiert, weist als Reakti-
on auf die geopolitische Entgrenzung Deutschlands auch auf die durch die Glo-

30 Fischer 2001: IX. Peter Sloterdijk (zir. n. Jäger/Villinger 1997: 89) nannte am 11. Dezembet
1989 in seinet Rede im Rahmen der Vorrragsreihe Reden über das eigene Land die Vereinigung
eine „deutsche Neurose", die verhindere, daß die Nation ihre Kinder auf die Welr losließe.
31 Zit. n. Roberts 2001a: XIII.
32 Vgl. Appadutai 1998.
218 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

balisierung erzeugte „enträumlichte Welt" hin, die Brauns Texte in Szene set-
zen. Während die Texte von Wolf und Maron Desymbolisierung und Gewalt im
deutsch-deutschen Kontext über das Bildrepertoire des Barbaren und Karnivoren
in Szene setzen, weisen Heins und Brauns Texte über den deutschen Kontext
hinaus auf eine neue, transnationale Landkarte der Gewalt.
Bei Stadler und Timm ist das Erscheinen des gewalttätigen und/oder eroti-
schen Fremden ebenfalls zeitgeschichtlich eingebunden, doch hier wird der Ent-
grenzung durch die Narrarive selbst Einhalt geboten. In Timms Johannisnacht ist
die Geschichte des Edlen Wilden nur eine Episode, die dem Erzähler geschildert
wird: Sie vervollständigt das bizarre Figuren-Ensemble der studierten Sexarbeite-
rin und des rachsüchtigen Ostfriseurs, dem der Erzähler begegnet. So liegt denn
auch die Lösung des romanimmanenten Rätsels - dem eigentlichen Antrieb des
Erzählers — in einer Familiengeschichte: Der Erzähler hatte den Auftrag, über die
Kartoffel zu schreiben, der ihn nach Berlin und in die turbulente .kürzeste Nacht'
führt, nut angenommen, weil ihn die letzten Worte seines Onkels - „Rötet
Baum" - Umtrieben. Am Schluß lüftet sich das Geheimnis: Der .Rote Baum' ist
eine nach einem Grenzbaum benannte Gaststätte, die als Grenzposten zwischen
Mecklenburg und Preußen fungierte. Hier hörte der Onkel als Kind mit seinem
Vater die Reden eines „sozialdemokratischen Agitatots" (vgl. Jn, 278). Als der
Vater daraufhin seine Stellung auf dem Gutshof verliert, müssen beide sich mo-
natelang von Kartoffeln ernähren, die sie heimlich auf den Feldern ausgraben.
Der Onkel hat deshalb eine ausgeprägre Kenntnis aller Kartoffelsorten entwickelt.
Der Neffe tritt mit der geplanten Arbeit über die Kartoffel quasi das Erbe des
Onkels an.
Zwar hat Stadlers Roman in der Figur des gewalttätigen Albaners seinen Anteil
an der Balkanisierung der Gewalt als neuer imaginärer Landkarte, die auch Hein
und Braun entwerfen, und wie bei Wolf und Maron trägt der Fremde aus dem
Osten die Züge des Barbaren. Und auch der temporäre Wahn findet sich wie
bei Maron und Thorsten Becker. Stadlers Ehegeschichte bleibt aber eingebunden
in einen Heimatroman, der weniger die neudeutschen Verhältnisse oder kultu-
relle Umbrüche zum Thema hat als den Heimatverlust des Etzählers, der aus
Kreenheinstetten, einem oberschwäbischen Dorf, stammt. Auch für den Schrott-
händler gilt, was Monika Shafi für die Reiseprosa Stadlets konstatiert: Entgegen
dem Ausspruch des Autors „Unsere Heimat ist die Welt" ist Stadlers Repräsen-
ration von Heimat und Fremde einem traditionellen Heimatbild verhaftet, das
sich aus „Sehnsucht nach Ursprung und Zugehörigkeit" speist. Wird im Zei-

33 Vgl. Appadurai 1998.


34 Dies wird auch durch die Ähnlichkeit von Willenbrock mit T. C. Boyles Roman America (1995)
deutlich, der ein analoges Szenario für Amerika entwirft.
35 In der Komödien-Filmvariante: Birthday Girl- Braut auf Bestellung bestellt ein Btite eine .Btaut'
aus Rußland über das Internet, die kurz darauf auch ihre .Cousins' einlädt. Natürlich entpuppen
die sich - ihre ruppigen Manieren bei Tisch deuten es schon an - als gemeine Vetbrecher.
36 Zit. n. Shafi 2003.
37 Shafi 2003: 133.
DESYMBOLISIERUNG, ALTERITÄT, GEWALT 219

chen det Globalisierung kulturelle Identität aus det „Spannung zwischen Globa-
lem und Lokalem" erzeugt, so sind der nostalgische Heimatroman Stadlers und
der genealogische Familienroman Timms narrative Formen, die die Autoren der
Entgrenzung der Zeit — die Berliner Johannisnacht beschreibt eine liminale Phase
zwischen zwei Zeiträumen - und der enträumlichten Welt entgegenstellen.

38 Appadurai 1998:36.
39 Zur Johannisnacht als liminalet Zeit vgl. Hartwich 2000a.
2. Das Verworfene
„Mein Gedächtnis weicht aus wie Augen einem ekelhaften Augenblick, einer ver-
eiterten W u n d e oder einer Lache von Erbrochenem" (At, 198). Das Bild, mit
dem die Ich-Erzählerin in Animal triste ihre Amnesie beschreibt, zitiert mit der
vereiterten W u n d e eine traditionsmächtige Chiffre des Ekels. Ihr kardinales Vor-
bild ist die schwärende und stinkende W u n d e des Philoktet in Sophokles' gleich-
namigem Drama. In seiner fulminanten Studie zum Ekel hat Winfried Men-
ninghaus die Geschichte der „starken Vitalempfindung" (Kant) ausgehend von
der W u n d e Philoktets nachgezeichnet. Von Bedeutung für die Literatur nach
1989/90 ist det Ekel vor allem hinsichtlich der mit ihm einhergehenden Desym-
bolisierung, der in ihm angezeigten Wiederkehr des Verworfenen und seiner ul-
timativen Chiffre: der (weibliche) Leichnam. Harre die W u n d e des Philoktet im
antiken Drama nur die Funktion, einmal mehr die Aussetzung des Helden zu
rechtfertigen - den mittelalterlichen Heiligenviten boten üble W u n d e n hingegen
den Anlaß edler Überwindung - so setzt um 1760 in den Schriften von Johann
Adolf Schlegel, Mendelssohn, Lessing, Herder eine erste Ekeldebatte ein, in de-
nen die W u n d e eine prominente Rolle spielt/ Zwar etablieren diese Texte an-
hand einer Topographie des Körpers - Schönheit als geschlossene Hautoberfläche
und sanfter Linien - die moderne Ästhetik im Verbot des Ekelhaften, für das die
Körperöffnungen und Vertiefungen als Skandalon fungieren, schnell wurde aber
auch deutlich, daß das reine Schöne „an sich selbst in ein Ekelhaftes umzuschlagen
droht - sofern seine .Reinheit' nicht durch etwas, das nicht (nur) schön ist, kon-
taminiert und ergänzt wird".
Bereits die Frühromantiket nobilitierten in einer Poesie der Verwesung das
Ausgeschlossene über seine Reizstärke und läuteten damit eine Umwertung des
Ekels ein, die sich über Nietzsche, Freud, Sartre, Bataille und Kristeva bis in die
Gegenwart zieht. Hatten schon Mendelssohn und Kant den Ekel als dunkle
Empfindung bestimmt, „die so kategorisch ein .Wirkliches' indiziert, daß sie die
Unterscheidung von .wirklich' und .eingebildet' - und damit die Bedingung äs-
thetischer Illusion durchschlägt", " so gewinnt der Ekel für Nietzsche die Signatut
einer metaphysischen Erkenntnis. Vor allem Freud, der dem Ekel als Verekelung
ehemals lusrvoller Triebe eine subjektkonstituierende Rolle zuschreibt, betreibt
eine folgenreiche Umwertung der Vitalempfindung:
Alle Rhetoriken der notwendigen Befreiung des Verekelten, der desublimierenden
Gegenbevvegung gegen die triebsublimierende Zivilisation gründen in Freuds no-

40 Vgl. Menninghaus 1999: 40. Entsprechend setzten sich auch erst dann die Wotte .degout' - das
Gegenteil von .goüt' (Geschmack) - .disgust' und .Ekel' im Sprachgebrauch durch. Vgl. ebd.:
lOf.
41 Menninghaus 1999: 15.
42 Menninghaus 1999: 18.
DAS VERWORFENE 221

stalgisch eingefärbter Erzählung vom untergegangenen Kontinent analet und ande-


rer verekelter Lüste [...]
Bataille wird den degout als Moment heiliger und erotischer Transgression theo-
retisieren und darin zugleich die choses sociales begründen - die Gesellschaft ist auf
dem Ekel als dem Wirklichen begründet - , Sartre wird ihm existentielle Qualität
zusprechen: Der Ekel bin ich selbsr. Als Sinnbild allen Ekelhaften fungiert indes
- mit Ausnahme Winckelmanns - bei allen Theoretikern die alte, sexuelle Frau.
In der Diskussion um die kanonischen Plastiken Apollos und Aphrodites als Re-
präsentanz des Schönen wird das Verworfene mitproduziert:

Füt das, was sie unsichtbar machen, ja geradezu obsessiv in den Orkus ästhetischer
Unmöglichkeit verstoßen, gebrauchen die .Klassiker' wieder und wieder eine schon
in der Antike traditionsmächtige Chiffre: diejenige der ekelhaften, alten Frau. Sie
ist der Inbegriff alles Tabuierten: abstoßender Haut- und Formdefekte, ekelhaf-
ter Ausscheidungen und sogar sexueller Praktiken - ein obszöner, verwesender
Leichnam schon zu Lebzeiten.

Setzen J. E. und J. A. Schlegel, Mendelssohn, Lessing, Herder und Kant solcher-


maßen die antike vetula-X^ichtung fort, so wird auch die spätere Umwertung des
Ekels entsprechend an seinem Sinnbild vollzogen: Bataille imaginiert die Geliebte
als Aas, Freud verehrt das alte Dienstmädchen der Kindheit als „Relikt einer älte-
ren Lustreligion" und Kafka praktiziert eine Poesie der Entekelung des Ekelhaf-
ten, in der er als Vegetarier eine Obssesion für das Fleischessen und dabei das
Auskosten der eigenen Ekelgefühle bis hin zur Imagination des Kannibalismus
enwickelt. Der bereits in der Grundlegung der klassischen Ästhetik konstatierte
antiillusionäre Wirklichkeitsindikator des Ekels und sein weibliches Sinnbild
werden mir Julia Kristevas L'essai sur lAbjection, in dem sie die seit den 80er Jah-
ren populäre abject art- etwa Cindy Shetmans Photos von Erbrochenem - unter-
sucht, als Wiederkehr des Verworfenen, des verdrängten Heterogenen, Unassimi-
lierbaren des müttetlichen Körpers lesbar:

Symbolisch ausgeschlossen, imaginär von der Furie des Verschwindens geplagt und
doch omnipräsent, markiert .Ekel' die Position des tabuierten Realen, das im Feld
der Ästhetik nicht aufhört wiederzukehren, um stets aufs neue verworfen zu werden.
Es ist die materia, Matrix, Marter, ja sogar die ekle Alte, die vetleugnete mater des
Schönen.

Maron etabliert also mit der alten, gleichwohl durch sexuelle Erinnerungen ge-
prägten Frau, die sich zudem am Ende der Erzählung in eine Tore und damit in
einen Leichnam verwandelt, die Figur des Ekels schlechthin. Damit verbindet
sich dieser Text einmal mehr mit dem oben zitierten Ekel, den Maron angesichts
des Ostens, ,wo er sich als solcher artikuliert', empfinde. Er provoziert das „ele-

43 Menninghaus 1999: 19.


44 Menninghaus 1999: 16.
45 Zit. n. Menninghaus 1999: 303
46 Vgl. Menninghaus 1999: 406.
47 Menninghaus 1999:75.
222 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

mentate Muster" des Ekels als „Erfahrung einer Nähe, die nicht gewollt witd"/
der „einen Zwang zum Nein-Sagen, eine Unfähigkeit nicht Nein zu sagen" im-
pliziert. In Animal triste inkoporiert die Erzählerin die Fixierung auf die trau-
matische, verworfene Geschichte der DDR. Damit werden die im Barbaren- und
Anthropophagie-Motiv anklingenden Extremfiguren nochmals übersteigert: Der
Text nähert sich über die Erzählposition dem Verworfenen an.
Eine massiv Ekel erzeugende Tat stellt im kulturhistorischen Repertoire auch
der in Marons Essay Zonophobie angespielte Kannibalismus dar - anders gesagt,
er wird von der Autorin bemüht, um den von ihr artikulierten Ekel auch affektiv
zu erzeugen. Doch geht es bei der literarischen Menschenfresserei um mehr als
nur um ästhetisch durchschlagende Affekte. Hulme konstatiert füt den anthro-
pophagen Diskurs, daß „few topics seem to concentrate so effectively so many
key cultural issues". Wurde die Anthropophagie ab dem 17. Jahrhundert zur frei
verfügbaren Metaphet, anhand derer Fragen der Geschlechterordnung, der Poli-
tik, der Gesellschaftsordnung oder auch der Sprache verhandelt werden, so ist im
ersten Drittel des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf die Krise des Historismus die
„Hausse einer Kulturreflexion anhand des Anthropophagiemotivs" " zu verzeich-
nen: An die Stelle det kulturelle Kontinuität verkörpernden Geschichte trat die
den Kulturbruch repräsentierende Anthropophagie. Die literarische und essayisti-
sche Kannibalistik witd zu einem Schlüsselmotiv der Literatur der 20er Jahre: „In
ihm versinnbildlicht sich das Interesse an den äußersten Grenzen - Zivilisation,
Humanität, ästhetische Konvention, - und es bietet wie wenig andere die Mög-
lichkeit, deren Überschreitung durchzuspielen."
In aller Drastik ist dieser Wunsch nach Überschreitung in Botho Strauß'
Prosaband Wohnen Dämmern Lügen in einer kannibalistischen Mötderin figu-
riert. Sie evoziert, wenn auch der Erzähler am Schluß seiner Erzählung zu „ge-
sundem Abscheu" (WDL, 64) nicht mehr in der Lage ist, zumindest beim Leser
vermutlich doch etwas Ekel. Als der Erzähler auf die Mörderin trifft, hat sich die-
se Triebtäterin als letztes Opfer gerade dessen entfernte Bekannte Loredana de
Waard einverleibt - bezeichnenderweise die „Beauftragte der holländischen Re-
gierung für Zivilschurzfragen" (WDL, 55). Der kannibalistische Akt transfor-
miert die Mörderin, da sie dabei Identität und Äußeres ihrer Opfer annimmt. In
dieser Erscheinung - als vermeintliche Loredana de Waard - trifft der Ich-
Erzähler, ein Journalist, auf die Mörderin, in die er sich mit einigem Schaudern
verliebt und deren fleischliche Genüsse er vermutlich am Schluß teilt. Die Mör-
derin zeichnet ihre Taten auf Video auf, diese Dokumentation ist der „paradoxe
Bann, der um ihr Verbrechen lag und es vor Aufklärung schützte" (WDL, 57).

48 Menninghaus 1999:7.
49 Menninghaus 1999:8.
50 Zum Zusammenhang von Ekel und Anthropophagie vgl. Fulda (2001a: 26f.) sowie Menning
haus (1999: 405).
51 Hulme 1998: 10.
52 Fulda 2001a: 22f.
53 Fulda 2001b: 263.
DAS VERWORFENE 223

Am Schluß wird mit dem Ich-Erzahler der (anscheinend) falsche Tater verhaf-
S4

tet.
Im Rahmen der Prosaminiaturen Wohnen Dämmern Lügen, deren Titel Hei-
deggers Bauen Wohnen Denken parodiert, verweist die Kannibalismus-Episode auf
Strauß' Essay Anschwellender Bocksgesang, der 1993 einen Skandal auslöste. Als
politisches Manifest der Gegenaufklärung gegen die angeblich linksliberale Medi-
engesellschaft geschrieben, prognostizierte der Autor aus dem „Terror des Vor-
gefühls" einen nahenden „Kulturschock" (AB, 260) und eine „künftige Tragödie"
(AB, 262). Breitenwirksam im Spiegel plaziert, „bündelt der Essay Probleme, die
seit der Wende die intellektuellen Debattierzirkel bewegten, von der Medienkri-
tik bis zur Frage der nationalen Einheit Deutschlands". ' Besonders provozierte
Strauß' Deutung der fremdenfeindlichen Übergriffe im neuen Deutschland, die
er mit Verweis auf Girards Das Heilige und die Gewalt als .„gefallene' Kultlei-
denschaften, die ursprünglich einen sakralen, ordnungsstiftenden Sinn hatten"
(AB, 263), definierte. 1 In Wohnen Dämmern Lügen wird Girards Opfertheorie
vom Erzähler in einen biologistischen Erldärungszusammenhang gerückt: Die
ritualisierten Morde der Kannibalin stellen „eine heilige Handlung dar, zur Un-
zeit geschehen, also zur Untat geworden", sie gleichen einem „genetischen Ata-
vismus", einem „zivilisatorischen ,Enzym-Fehler'", durch den das abgewiesene
„Heilige" Einzug in die Seele eines Menschen halten kann und sich „in schreckli-
cher Verkehrung Geltung verschafft" (WDL, 63). Die Anthropologisierung des
Heiligen wird in einer Engendering-Prozedur politisiert: De Waards Körper kann
nur noch als biologisches Programm vollziehen, was eigentlich ein kultisches -
und damit soziales Ritual - wäre. N u r mehr in .schrecklicher Verkehrung' - aber
darin biologisch zugleich darauf fixiert - verkörpert dieser Körper das .abgewiese-
ne Heilige'. Die Verleiblichung im Bild der Genetik entspricht der Desymbolisie-
rung der Zeichen, eine Entsprachlichung dessen, was eigentlich, so Strauß' Sicht,
als soziale Praxis begriffen werden m u ß . Dem korrespondiert die biologistische

54 Kurth (2001: 407) und U. C. Steiner (1997: 51) gehen davon aus, daß mir dem Erzähler der
Falsche vethaftet wird. Sollte er aber selbst zum Kannibalen geworden sein, wäre es auch möglich,
daß die ganze Episode von der ehemals falschen Loredana de Waard erzählt wird, da sie auch den
Flrzähler getötet, verspeist und seine Identität angenommen hat.
55 Det Essay erschien 1993 zunächst im Spiegel, im gleichen Jahr als vollsrändiger Abdruck in Der
Pfahl und 1994 in Heimo Schwilks Die selbstbewußte Nation. Hier wird der Essay im Nachdruck
der 5/>;>gf/-Fassung bei Görtz/Hage/Wittstock (1994: 255-269) zitiert. Ebenda sind markante
Beiträge der Debatte dokumentierr, eine gründlich Aufarbeitung findet sich bei Damm 1998, ei-
ne sehr gute Zusammenfassung bietet Braun 1997.
56 Braun 1997:264.
57 Hinsichtlich dieser These bildet Schubumkehr einen schönen Kommentat zu Strauß. Auch in
Schubumkehr kommt es zu einem Opfer, das sich mythologisch in einet lokalen Sage begfünden
läßt. Wie U. C. Steiner (1997: 51) pointiert resümiert, glaubt Sttauß an die Unvermeidlichkeit
des Opfers, während Schubumkehr demonstriert, „daß Opfer geschehen, weil man an ihre Un-
vermeidlichkeit glaubt".
224 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

Festschreibung auf einen weiblichen Körper, die einmal mehr das Bild der Frau
als außerhalb der symbolischen Ordnung Stehende zum Einsatz bringt.
Zwar läßt sich Strauß' Miniatur werkgeschichtlich als Einlösung der vom Au-
tot schon seit den 70er Jahren entwickelten „sakralen Poetik" (AW, 308) im Mo-
dus der Einverleibung deuten - eine religiös geprägte Kunstauffassung, die im
Anschluß an Novalis' Poetologie die Euchatistie auf das Kunstwerk überträgt und
im poetischen Wort die Gegenwart Gottes sieht - , durch die Referenz auf
Girards Opfertheorie erhält diese aber eine signifikante anthropologische Wen-
dung, die sich der .Funktionalisierung der Wende" in Strauß' Werk nach 1989
verbindet. „Das Jahr 1989 ist für ihn ein Wendejahr eigener Art", resümiert
Thomas Oberender, „es bestätigt Botho Strauß als Intellektuellen, und von nun
an entwickelt seine Kulturkritik immer stringentere Züge eines metaphysisch be-
gründeten Kulturentwurfs."' Dieser Entwurf, mit dem Strauß vom gesellschafts-
kritischen Gegenwartsautor zum Kulturstifter avanciert, wird vom Autor im Zu-
sammenspiel theoretischer und ästhetischer Texte entwickelt."
Im ersten Text, den er nach 1989 publiziert - der Essay Der Aufstand gegen die
sekundäre Welt erscheint 1990 als Nachwort zu Von realer Gegenwart des Litera-
turwissenschaftlers George Steiner -, kündigt Strauß mit dem Zitat des Autors
Wallace Stevens den Beginn einer neuen Zeitrechnung an: „The prologues are
over. It is a question, now, / Of final belief." (AW, 305) Der Zusammenbruch
des Kommunismus erweist sich für Strauß als „negative Offenbarung einer ver-
fehlten, weltlichen Soteriologie: Alles falsch von Anbeginn!" (AW, 305) Gemeint
ist damit nicht nur der Ostblock, sondern gleichermaßen der Westen als ein — aus
Strauß' Sicht gescheitertes - aufklärerisches, säkulares Projekt. Die ordnungsstif-
tende Polarität zwischen den politischen Lagern könne nun nur noch in einer
„metapolitischen Dimension neue Bedeutung" (AW, 306) gewinnen. Strauß
deutet 1989 nicht als Revolution - den Exodus der DDR-Bürger verstand er als
„Aufbruch ins Bestehende, in den Westen" (AW, 305) - , sondern ausgehend
vom Postulat, daß es der „Geschichte seht wohl beliebt, Sprünge zu machen,

58 Dies setzt einmal mehr die von Bauer und Fuß analysierte „Ausgrenzung der Frau aus dem litera-
rischen und philosophischen Diskurs" (Fuß 2001: 153) fort: Sttauß sieht die Ftau besonders von
der Vermassung betroffen (vgl. ebd.: 145), ihre Sprache ist defizitär (vgl. ebd.: 149), im Kopisten
werden bis auf eine Ausnahme nur Texte von Männern kopiert, d. h. tradiert (vgl. ebd.: 150).
Bereits in Paare Passanten (1981) setzt Strauß an die Stelle der erotischen und emanzipierten Ftau
die Kindfrau (vgl. Bauer 1996).
59 Vgl. Kurth 2002.
60 Vgl. Willer 2000: 114. Willer (ebd.: 75) will die werkgenetische Zäsur 1989 nur als „Hilfs-
konstruktion" versrehen, die aber Orientierungspunkte im Schreiben fände.
61 Oberender 1998: 76. Zu dieser Einschärzung gelangt auch Damm (1998) in seinet detailreichen
und einläßlichen Untersuchung. Fuß (2001: 144) konstatiert, daß Sttauß' Ressentiment gegen
Zeiterscheinungen nun einer „gereizten Verachtung" gewichen sei, Strauß keine Individuen, son-
dern nur noch „die Masse" beschreibe.
62 Die Radikalisierung dieser Position wird von Fuß (2001: 233) als Resultat det scheiternden Um-
setzung det kulturrheoretischen Programmarik in ästhetische Bilder vermutet: „Je weniget diese
litetarische Schwäche der Texte zu verbergen ist, desto mehr scheint sich Strauß auf Kultutpolitik
zu verlegen."
DAS VERWORFENE 225

ebenso wie der Natur" (AW, 305) im naturwissenschaftlichen Begriff der „Emer-
genz", die die Erfahrung einer wirklichen, numinosen Gegenwart ermöglicht:
In diesem Prinzip der Plötzlichkeit, mit der sich ein Zustand vollkommen ändern
kann, offenbart sich die Anwesenheit des .Ganz anderen'. Aus der Erkenntnis dieses
tatsächlich transzendenten Gegenübers entsteht für Botho Strauß die neue, .me-
tapolitische' Polarität [...]. Wenn dieser metaphysische Moment sich 1989 im histo-
rischen Geschehen offenbart, so wird die Gesellschaft in diesem geschichtlichen
Augenblick zu einem Ort, an dem jene .Realpräsenz' erfahren werden kann, die für
Botho Strauß ihr eigentliches und zeitenthobenes Asyl in der Kunst besitzt.

Das ganz Andere, das sich im M o m e n t det Realpräsenz offenbart, ist in seinem
drei Jahre später erschienenen Manifest Anschwellender Bocksgesang auch geo-
politisch situiert: Strauß prophezeit hier einen Kulturschock ex Oriente lux.'
Strauß postuliert, daß dieser aus dem Osten stammende Einbruch allerdings
„nicht die Wilden trifft, sondern die wüst Vergeßlichen" (AB, 260). Anders als
die Ursprungs- und mythenvergessene bundesrepublikanische Gesellschaft ver-
fügten die „osteuropäischen und mittelasiatischen Neu-Staaten" (AB, 256) über
Traditionen, Erinnerungen und eine eigene Sprache, die ihre Specher bis zum
Blutopfer zu verteidigen gewillt seien. In diesem clash of civilizations ist der We-
sten dem Einbruch der traditionsgesättigten Kultut hilflos ausgeliefert:

Vereinfacht gesagt, trifft in Sttauß Kulturschock-Szenario das Irrationale als über-


zeitliches Prinzip auf das historische Prinzip des Rationalen, das Authentische auf
das Sekundäre, das Heilige auf das Profane und das Vergangenheitsbezogene auf das
Zukunftsgerich tete.

Diese prophetische, neue geopolitische Verwerfungen in den Blick nehmende Vi-


sion scheint der Fixierung des Autors auf die alte bundesrepublikanische Vergan-
genheit zu widersprechen: Hatte Thomas Assheuer 1993 in seinem Debat-
tenbeitrag zum Anschwellenden Bocksgesang postuliert, dieses „Dokument" sei das
„erste aus dem Neuen Deutschland, undenkbar in der alten Bundesrepublik", so
konstatiert Gustav Seibt 1994 in seiner Besprechung von Wohnen Dämmern Lü-
gen: „Ihn läßt die BRD nicht los." Diese Differenz zwischen dem engagierten
Zeitgenossen und dem Dichter - wäre sie denn eine - ließe sich im Unterschied
zwischen dem auf Aktualitäten bezogenen politischen Essay und det aus Erinne-
rung gespeisten Literatut begründen. Dagegen spricht nicht nur die enge Ver-
quickung beider Texte über die anthropologische Metaphorik. Tatsächlich treffen
beide Aussagen zu: Die Kannibalismus-Szene zeigt den - aus dem als Epiphanie

63 Oberender 1998: 85.


64 Damm (1998: 164) hat diesen Aspekt herausgestellt und auf dessen Ttadition - die Vorsrellung
einer aus dem Osren kommenden Erneuerung oder Verjüngung der abendländischen Kultur -
verwiesen, die sich bereits bei Nietzsche vorgeprägt findet. Generell ist, wie Damm (1998: 169)
zu Recht bemerkt, .das Andere' bei Strauß nicht eindeutig definierr, sondern ein „Unschärfebe-
griff".
65 Damm 1998: 166.
66 Assheuer (1994: 271 f.) in der Frankfurter Rundschau vom 10. Februar 1993.
67 Seibt (1995: 282) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitungvom 20. August 1994.
226 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

erlebten geschichtlichen Moment gespeisten - Versuch einer Übersteigung des


Gegenwärtigen im Modus der Anthropophagie, der sich als Geste des Verwerfens
realisiert: Hatte Strauß den Mauerfall als „gottnahen Moment" und die natio-
nale Vereinigung als „Erschütterung durch das Positive"' erlebt, so repräsentiert
sich in der Mörderin die fortdauernde Fixierung auf das schlechte Gegenwärtige
- die von Strauß als kunstfern und heilsvergessen seit den 80er Jahren geradezu
manisch angeklagte Mediengesellschaft. In dieser Figur zeigr sich paradigma-
tisch das elementare Muster des Ekels als erzwungene Nähe und zwanghaftem
Nein-Sagen-Müssens.
Verkörpert der Ich-Erzähler als Journalist die von Strauß inkriminierte profane
„Mentalität des Sekundären" (AW, 44), so die Mörderin das totale Mediensub-
jekt — in dieser Figur hat sich das Diktum Jean Baudrillards „Das Videostadium
hat das Spiegel-Stadium abgelöst" " im Wortsinne realisiert. Die Mörderin steht
damit der von Strauß in Anlehnung an Martin Buber und Emmanuel Levinas
entwickelten Theorie des Blicks als „Verleiblichung des dialogischen Wortes" —
verstanden als unmittelbare existentielle und damit der Sprache überlegene Erfah-
rung — diametral gegenüber. Wird in der letzten Prosaminiatur von Wohnen
Dämmern Lügen der Blick gar zur metaphysischen Schau einer „außermenschli-
chen Wirklichkeit" potenziert, so verkörpert die Medien-Kannibalin die trans-
humane Wirklichkeit der Mensch/Maschine-Symbiose. Die von Strauß schon in
den 80et Jahren beklagte Verdrängung des lebenden Blicks durch das Auge der
Kamera ist hier nachgerade verkehrt: Nur der Kamerablick als spiegelndes Auge
ermöglicht die Subjektgenese. Daß die Mörderin Identität allein im Kannibalis-
mus - also über die orale Einverleibung — gewinnen kann, beschreibt indes nur
den partialtriebhaften Aspekt einer völligen Regression auf das Imaginäre des
Spiegelstadiums. Das Spiegelstadium ist durch Identifikation mit und durch
ebensolche Aggression gegen den spiegelnden Anderen gekennzeichnet; eine in-
tersubjektive Strukrur, die letztlich auf die Vernichtung des Anderen zielt. ' Doch

68 Oberender 1998:80.
69 Strauß (zit. n. Obetender 1998: 79) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. Oktober
1994.
70 Radix (1987: 7) konstatiert, daß Strauß mir dem Rückgriff auf Mythen und Allegorien sowie
romantische und religiöse Motive die .Allgegenwart medialer Gleichzeitigkeit" dutchbtechen und
den Blick auf die „abgehauenen Wurzeln" — so Strauß - unserer modernen Gesellschaft öffnen
wolle.
71 Vgl. zum Journalismus Damm 1998: 171.
72 Baudrillard 1989: 120. U. C. Steiner (1997: 50) deutet dies als Medienkritik: „Die totale mediale
Erfassung und Durchleuchtung vermag die Wiederkehr mythischer Gewalt nicht zu verhindern."
Vgl. auch Neuenfeld 2001.
73 Buber zit. n. Fuß 2001: 171. Zum Verhälrnis Sprache/Blick vgl. ebd.: 172. Zum Blick im Kon-
text der von Strauß entworfenen .Philosophie des Gesichtes', die die Interdependenz des Blicks
auf das Schöpfungsverhältnis - die Begegnung zwischen Gott und Mensch - zurückführt, vgl.
auch Funke 1996: 174AF.
74 Fuß 2001: 173.
75 Vgl. Fuß 2001: 188.
76 Vgl. Lacan [1949] 1986. Diese Phase bezeichner subjektgenetisch die frühkindliche, symbiotische
Phase des Kindes mit det ihm dutch den Blick eine imaginäre Einheit .vorspiegelnden Mutter'.
DAS VERWORFENE 227

die Mörderin steht nicht nur als totales Mediensubjekt für die alte BRD. Gerade
ihre (Nicht-)Identität, die auf der Verwischung kultureller und nationaler Unter-
schiede beruht, verweist auf die xenophile Gesellschaft zurück, die Strauß bereits
im Anschwellenden Bocksgesang gebrandmarkt hatte: Loredana de Waard scheint ja
nur Holländerin zu sein, in Wirklichkeit ist sie ein transnationales Hybrid aus
Mörderin und Toter.
Der Einsatz der Anthropophagie erfolgt bei Strauß wie im ersren Drittel des
20. Jahrhunderts aus dem Interesse an den ,äußersten Grenzen', da es auch hier
um deren Überschreitung geht. Die von Strauß intendierte Übetschreitung voll-
zieht sich allerdings weniger als Emanation des ganz Anderen, als daß sie nur ihre
Kehrseite zu produzieren vermag: die Verwerfung, die das Andere als Ver-
worfenes allererst erzeugt. So wie sich das abgewiesene Heilige in der kannibali-
stischen Mörderin nur ,verkehrt' zeigen kann, so .verkehrt' dieser Text die Trans-
gression in einen Akt des Verwerfens. Als Kannibalin, die Aussehen und Identität
ihrer Opfer annimmt, ist die vermeintliche Loredana de Waard indes weniger ei-
ne (klassische) Menschenfresserin als vielmehr eine lebende Leiche. Sie figuriert
damit zweietlei: den unbestatteten Leichnam, mithin den Körper, der der De-
symbolisierung verfällt - eine weitere Chiffre des Ekels —, und die durch die Prä-
senz der unbestatteten Toten gestörte symbolische Ordnung. Das Verworfene —
die kulturkonstitutive Figut der weiblichen laiche ist hier gleichsam aufgespalten
als Frau und Leiche - ist der Westen, dem nunmehr mit Ekel begegnet werden
kann.
Steffen D a m m hat in seiner einläßlichen Studie den Anschwellenden Bocks-
gesang als „Schlüsseltext" des Straußschen Werkes herausgearbeitet:
Bezogen auf die Genese des Straußschen Oeuvres markiert er eine Modifikation des
thematischen Spektrums, die als Reflex auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen
zu verstehen ist und sich von seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit dem ge-
sellschaftlichen Ist-Zustand der achtziger Jahre unterscheidet. Hier wäre insbeson-
dere die Tendenz zur Vetabschiedung des weit gefaßten Kulturbegriffs zu nennen,
dem im wachsenden Maße mit einer neuerlichen Betonung der ästhetischen Gren-
ze entgegnet wird.

Ist der Anschwellende Bocksgesang ein Schlüsseltext, so ist die kannibalistische


Mötderin eine Schlüsselfigur des Straußschen Werkes nach 1989. Wie Botho
Strauß - dies hat Klaus Kreimeier in der Debatte um den Anschwellenden Bocks-
gesang festgestellt — nicht der Wegbereiter der Neuen Rechten ist, sondern eher
als „Revenant" rechtsintellektueller Theoretiker der Konservativen Revolution
der 20er Jahre, etwa Rudolf Borchardts, auftritt, so schließt auch die Kannibalin
an die Kulturgrenzen aufsprengende Anthropophagie der 20er Jahre an. Wie

die durch den Blick in den Spiegel abgelöst wird und damit als Bildner der Ich-Funktion fun-
giert. Es ist die symbiotische Phase vor dem Einttitt in die symbolische Ordnung, die durch den
difTerenzsetzenden Anderen, den pere symbolique. beendet wird.
77 Menninghaus 1999: 474.
78 Damm 1998: 22.
79 Vgl. Kreimeier [1994] 1995. Vgl. auch Funke 1996: 228.
228 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

Damm betont, geht es Strauß nicht um eine „dauerhafte Modifikation des Sy-
stemganzen", sondern um die Etablierung von „Schwellentopographien", die
den Anschluß an die „lange Zeit" (AB, 259), die mythischen Urgründe und Tra-
ditionen der Gesellschaft, ermöglichen. Die gegenwärtige Gesellschaft befindet
sich hingegen in einer heillosen „Zwischenzeit" : die unbestattete, lebende Leiche
ist ihr ekelhaftes Bild. Wie diese Zwischenzeit aussieht - sie trägt alle Symptome
der entdifferenzierten Gesellschaft - , vor allem aber wie man sie beendet, hat
Botho Strauß mit der Heimkehr des Odysseus in seinem Stück Ithaka 1996 dar-
gestellt: mit einem Schlachtfest der Gewalt. "
Nicht zuletzt durch die von Strauß vorgenomme Übertragung det ästhetischen
und religiösen Kategorien auf die Zeitgeschichte - und die Reflexion der gesell-
schaftlichen Diskursfelder im Modus des Ästhetischen - kann die Etablierung der
ästhetischen Grenze „(auch) als politisches Votum zur Abgrenzung und Behar-
rung kultureller Eigenständigkeit aufgefaßt" werden. Gesellschaft wird von
Strauß im Anschwellenden Bocksgesang als „grandioser und empfindlicher Orga-
nismus" (AB, 255) und damit als Kollektivkötper begriffen. Der „Fremde" fun-
giere - so Strauß mit Bezug auf Girard - in diesem Körper als „metabolisches
Gefäß" (AB, 263), der den „einmütigen Haß aller" (AB, 263) in sich aufnimmt.
Hier setzt Strauß, wie Klaus Kreimeier in seiner Kritik an den politischen Impli-
kationen dieser Deutung zeigt, den organischen Volkskörper als verschlingenden
Metabolismus in Szene: Die Gemeinschaft „frißt ihn auf, reguliert ihren Stoff-
wechsel und stellt solchermaßen Ordnung wieder her". Diese Riruale schaffen
die Gemeinschaft als ein Jenseits der vertragsbasierten Gesellschaft - ein naturali-
sierter Kollektivkörper im Zeichen der Nation. ' Konnte Strauß' Werk vor 1989

80 Damm 1998: 172.


81 Vgl. Damm (1998: 183) zur „Zwischenzeit" in Ithaka.
82 Vgl. zu Ithaka Damm (1998: 178f.), der dieses Srück zutteffend als szenischen Kommentar zum
Anschwellenden Bocksgesang liest. Fuß (vgl. 2001: 223) schreibt, daß Strauß' Konzeption der Frei-
er in Ithaka darauf schließen läßt, daß er die Demokratie als eine .Krise der Nicht-Untet-
scheidung' im Sinne Girards begreift.
83 Damm 1998: 22. Vgl. auch ebd.: 24. Sttauß kritisiert in Anschwellender Bocksgesang die Ein-
ebnung aller interkulturellen Differenzen, weil er die ,Liebe' der multikulturellen Gesellschaft
zum Fremden nur aus dem Haß auf das .Unsere' gespeist sieht. Er macht sich damit zum Sach-
walter „der kategorialen Entmischung kultureller Differenzen" (Damm 1998: 168).
84 Strauß' Darstellung ist vereinfachend, da Girard nicht vom Ftemden, sondern von einer „rand-
ständigen Figur" spticht, die geopfert würde. Wie Girard (1999: 407) anhand etlichet Opferkulte
ausführt, muß der Fremde als Opfer in „ein Geschöpf des .Innerhalb' verwandelt werden".
85 Kreimeier [1994] 1995: 268.
86 Fuß (2001: 233) faßt zutreffend zusammen: „Den Ausweg aus diesen heillosen Zuständen sieht
Strauß im Zurück zur organischen Staatsform, die ihre Legitimation aus dem Bezug zum Gött-
lichen ableitet, auf Hierarchie und Aurorität aufbaut und nach kultischen Ritualen funktioniett.
Wenn Strauß zum einen den Mythos zut Rechtsgrundlage des Staates erklärt und zum andeten
für ein Selbstverständnis der Nation eintritt, deren kultutelles Fundament die Massengesellschaft
wieder ersetzen soll, dann geht es ihm letzten Endes um die Rückgewinnung von nationale! Au-
thentizität, von nationalet Identität." Dagegen betont Damm (vgl. 1998: 142), daß es Strauß um
die Verteidigung eines kulturellen Erbes ginge, zu dem auch das nationale gehöre, ohne mit ihm
identisch zu sein.
DAS VERWORFENE 229

- ausgehend von des Autors Diktum „Kunst ist nicht für alle da" - eine Poetik der
Verweigerung attestiert werden, so ließe sich für die Zeit nach 1989 von einet
Poetik der Verwerfung reden. Mit der Referenz auf Girard in Anschwellender
Bocksgesang und Wohnen Dämmern Lügen wird nach 1989 der sakrale Diskurs in
einen anthropologisch-kulturkritischen überführt, der schließlich in eine organi-
sche Kulturstiftung mündet, die nationalistische Züge trägt. In seinen Grün-
dungsmomenten agiert das von Strauß entworfene Kollektivsubjekt als metaboli-
scher Organismus selbst kannibalisch.
Die mörderische Kannibalin als Zentralfigur der Texte nach 1989 provoziert
als totales Mediensubjekt den Ekel, der dem Abjekt verbunden ist. Die Kanniba-
lin steht gerade nicht für einen Zuwachs an Erinnerung und neu gewonnenen
sprachlichen Fähigkeiten - schon die werkbestimmende Mysogenie spricht gegen
diese Deutung. Wenn die Kannibalin vom „Fleischhemd" (WDL, 58) des Op-
fers statt von der Leiche oder dem Leichnam spricht, so schließt dies vorrangig an
das Symbolsystem .Fleisch' in der Literatur nach 1989/90 an. Dieses korrespon-
diert mit der von Kurth herausgestellten Abkehr Strauß' von der Poetologie No-
valis' - die die Eucharistie als Vorbild für den Freundschaftsbund versteht und als
solche von Strauß auf den Eros übertragen wurde - , da mit der Kannibalin erst-
mals eine Figur ins Werk gesetzt ist, deren kannibalische Taten von zwischen-
menschlichen Beziehungen weitestgehend unabhängig sind. Befangen im Medi-
en- als Spiegelstadium erfährt die Mörderin durch ihre Taten wohl kaum eine
theophane Realpräsenz, sondern höchstens das Reale im Sinne Lacans als desym-
bolisierte Totalpräsenz.
Wenn die Mörderin hier als Abjekt eine Überschreitung repräsentiert, die sich
als Geste der Verwerfung vollzieht, so steht dies im Dienste der Restauration ei-
nes zweiten, poetischen Körpers. Im Krisenszenario des Anschwellenden Bocks-
gesangs wird dieser Körper als mythopolitischer präfiguriert - und auch hier geht
es um eine Einverleibung. Denn damit die eigene Kultur - das „Unsere" (AB,
255, 257) - wieder Gestalt gewinnt, braucht es auch hier einmal mehr das Ande-
re. Im Unterschied zu kulturfremden Individuen, die von den Intellektuellen,
„weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört" (AB,

87 So der Titel det Atbeit von Kaußen 1991. Das Programm der Verweigerung dient dem „Aus-
leseprinzip", das nur den Rezipienten den Zugang zum Wetk erlaubt, die sich den „Srrapazen,
zuweilen auch Zumutungen der Lektüre" (ebd.: 9) gewachsen zeigen.
88 Die Verwandlung der Identität verweise, so Kurth (2002: 404), auf den „metaphorischen Cha-
rakter [...], auf die für Strauß rypische Substitution des Geistes dutch den Körper". Dieser provo-
ziere einen Erkenntniszuwachs, da die Mörderin „plötzlich über außergewöhnliche sprachliche
Fähigkeiten" (ebd.: 406) verfüge. Schon in Paare Passanten (1981: 194) spricht Strauß vom
Computer als Speichermedium, das „der Regression unserer Erinnerungsfähigkeit Vorschub lei-
stet".
89 Vgl. Kurth 2001: 403.
90 Dem entspricht die von Fuß (2001: 225) analysierte Aufspalrung des Heilsprozesses in Ithaka:
einerseits die „weibliche Heilserwattung", verkörpert in Penelope, andererseits die „männliche
Heilsstiftung", verkörpert in Odysseus. Erst durch die wiedervereinte Regentschaft ist das orga-
nologische Modell - verkörpert im Herrscherpaar - eingelöst, das Strauß von Novalis über-
nimmt. Vgl. ebd.: 227. Zu Novalis vgl. auch Matala de Mazza 1999: 131 ff.
230 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

258), freudig angenommen, von der metabolischen Gemeinschaft abet geopfert


werden, weist Strauß dem geopolitisch als Osten definierten Anderen im Krisen-
szenario des Kulturschocks nicht die Funktion einer Alterität, sondern diejenige
des stabilisierenden, weil traditionsgesättigten Fundaments zu: „In diesem Szena-
rio firmiert die andere Kultur als die vergessene eigene." Dieser body politic feiert
als mythopoetischer im Fehler des Kopisten, in dem es gleichermaßen um die
autobiographische Vater-Sohn-Beziehung wie um literarische Tradierungen im
genealogischen Sinne geht, auf den Fluren der Uckermark - und damit im
„Kontext der Post-DDR" " - seine Wiederauferstehung:

So geht der Hirte abgetrennt von seiner überzeitlichen Gestalt, außerhalb seiner Li-
teraturgeschichte, geht ohne Ftühe und Überlieferung durch die Senke, und mir
scheint er in seinem absoluten Hier und Heute schauriger einsam, als die Legende
ihn je erfand. Was aber, wenn sich ihm plötzlich alle Verbindungen wieder öffne-
ten, wenn sie wie Atemwege, wie Blutbahnen seinen zweiten, seinen poetischen
Leib wiederbelebten? (FK, 19)

Die Auferstehung setzt den T o d voraus: Wird das Zukünftige gedacht als Wie-
deranschluß an das Vergangene und die zukünftige Vetgangenheit mit dem
Nimbus des Numinosen ausgestattet, so wird die heillose Gegenwart nur zur
endgültigen Vergangenheit, indem man sie verwirft. „Wie kein anderer verkör-
pert Strauß die Sehnsucht, die rein diesseitige Welt des Westens zu überschrei-
ten", schließt Seibt seine Besprechung von Wohnen Dämmern Lügen. Leider sei,
so Seibt, die alte BRD, als deren „reizbarste[r] Chronist" Strauß gelte, zwischen-
zeitlich verschwunden und damit habe vielleicht auch der Autor sein Thema
verloren. Damit rückr auch die Funkrion der Grenzziehungen in ein neues Licht:
U m den Akt des Überschreitens vollziehen zu können, m u ß zunächst die zu
übersteigende Grenze konstruiert werden. Ästhetische Grenze und kulturelle
Grenzen bedingen einander in Strauß' Werk nach 1989: Braucht der Autor die
ästhetische, um den Akt des Übersteigens wenigstens negativ, als Verwerfen zu
produzieren, so braucht er die kulturellen Grenzen, um den nationalen mytho-
poetischen Körper durch die Einverleibung des Anderen zu resraurieren.
Als habe sich tatsächlich ein Grabdeckel geöffnet, ist die Literatur des Um-
bruchs nicht nur von kulturfremden und -fernen Barbaren und Kannibalen, son-
derm auch von Leichen bevölkert. Wenn Menninghaus schreibt: „Jedes Buch
über den Ekel ist nicht zuletzt ein Buch über den verwesenden Leichnam", so ist
umgekehrt Animal triste, das in der uralten, dem Tode nahen und von sexuellen
Erinnerungen verfolgten Frau der vetula ein Denkmal setzt, ein Buch, das - wenn
es schon nicht Ekel erzeugt - so doch mit der starken Vitalempfindung spielt.
Zitiert Maron mit ihrer Erzählerin das klassische Bild der ekelhaften Alten, die

91 Damm 1998: 166.


92 Kurth 2001: 409.
93 Seibt 1995:282.
94 Seibt 1995:282.
95 Seibt 1995: 282.
96 Menninghaus 1999:7
DAS VERWORFENE 231

am Ende des Romans sterben und ob ihrer Isolation in den Bettüchern wohl
verwesen wird, so ist es indes Thomas Hettche, der in Nox mittels einer als verwe-
sende Leiche gesetzten Erzählposition und den ausgiebig geschilderten Verwe-
sungszuständen den höchsten Alarm- und Reizwert zu provozieren sucht: Der
verwesende Leichnam ist „die Chiffre der Bedrohung, die im Ekel auf eine so ent-
schiedene Abwehr mit extremem Ausschlag anf der Skala der Unlust-Affekte
stößt". Der Ekel zeigt als symptomatischer Affekt die in den Texten vollzogenen
Verwerfungen und Desymbolisierungen an. Auf den ersten Blick scheint dies auf
unetinnerbare Traumen und Amnesien zu verweisen, auf den zweiten Blick er-
weist sich der Ekel in diesen Texten aber als genuiner Bestandteil der Erinne-
rungskultur: D a ß diese Chiffren und Bildbereiche hier erscheinen, verdankt sich
aber nicht primär dem ästhetischen Spiel mit dem Degout, sondern der von
Freud beschriebenen Qualität des Ekels als „Erinnerungsbrücke zwischen zwei
Daten, die beide für sich selbst des Ekelhaften entbehren". Als Abjekte erinnern
sie an die historischen Daten der kollektiven Geschichte.
Doch die Theoretiker des Ekels weisen diesem Affekt, so Menninghaus, noch
eine weitere Potenz zu:
Im Nein des Ekels sind mithin vetschiedene Dimensionen einer geheimen bis offe-
nen Bejahung zu entdecken. [...] Nicht die einfache Verwerfung, sondern die Ver-
werfung der Verwerfung, die Verwindung des Ekels, seine Integration in eine Öko-
nomie det Lust und der Erkenntnis machen den Kern des Ekel-Denkens seit Nietz-
sche aus. (...) Alle Theoretiker des Ekels sind zugleich solche des Lachens.

Genau dies kann man von den Schriftstellern des Ekels nach 1989 mit einer Aus-
nahme nicht behaupten. Es ist Thomas Brussig, der in seinem Protagonisten
Klaus - der als „Antiryp" und „Toilettenverstopfer, Sachenverlierer, Totensonn-
tagsfick und letzter Flachschwimmer" den „widerwärtigsten Namen" (H, 92f.)
ttägt — am Ende des Romans ebenfalls eine lebende Leiche ins Bild setzt. Klaus,
der eifrige Stasi-Mitatbeitet, willigt ein, sein Blut für Erich Honecker, den kran-
ken Generalsekretat der SED, zu spenden. Als er nach der Bluttransfusion wieder
aufwacht, findet er seinen eigenen Totenschein, den die Ärzte schon vorsorglich
ausgestellt hatten. Klaus erkennt, daß er „an der Schwelle zum Tode" stand. Zwar
verwirft er das strapazierte Wort „Grenzerfahrung" - „bleiben wir mal präzise,
Grenzerfahrung kann schließlich jeder sagen" - aber das Erlebnis macht doch
bleibenden Eindruck auf ihn:

Ich habe so abgestumpft gelebt, daß mir mein eigner Tod schon egal war, und als
ich das begriff- machte ich weiter wie bisher. So einer sollte notgeschlachtet wer-
den. Kehrt aus dem Totenreich zurück und tut das, was er immer tut: grübeln.
Grübelt, den eigenen Totenschein in den Händen, ob sie wiederkommen oder ver-
faulen lassen. Sie kamen wieder. (...) Riechfinger (...) zerriß mit kulantet Geste den
Totenschein. (...) Wenn das nicht kafkaesk ist, was dann? (H, 268f.)

97 Menninghaus 1999:7.
98 Zit. n. Menninghaus 1999: 311
99 Menninghaus 1999:20.
232 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

Grotesk, möchte der geneigte Leser hier antworten. Und so macht Klaus weiter
wie bishet und integriert die Todeserfahrung umstandslos in seine radikalperverse
Persönlichkeitsstruktur, denn schließlich har dieses Erlebnis „Konsequenzen für
meine Kartei neuen Typs: Zum Beispiel gerät Sex mit mir unweigerlich zur Nekro-
philie; ich habe es amtlich. Obendrein bin ich ein Toter mit einem Sexualtrieb.
Wie nennen wir so was? Zombiismus?" (H, 270) Auch Brussig berührt das Ver-
worfene, als Autor det Lachkultur gelingt ihm aber eine Integration in die Öko-
nomie der Lust: „Die Entladung im Lachen leistet wie das Erbrechen eine Ver-
windung des Ekels, einen Kontakt mit den Abjekten, der nichr zu Kontamination
und Verschmutzung führt." Auch bei Brussig geht es um die Vergangenheit.
Klaus Uhltzscht steht als Stasi-Mitarbeiter auch für die nach der Vereinigung ge-
führte Debatte um die Mitschuld des Einzelnen in der Diktatur, in der sich die
Auseinandersetzung um die nationalsozialistische Vergangenheit wiederholte.
Btussig macht die Vetgangenheit zur Groteske und ermöglicht damit eine Bear-
beitung der Schuldfrage, die solchermaßen nicht verdrängt und in diesem Sinne
,traumatisch' werden muß. Die Vergangenheit kann verlacht, aber dabei auch
verarbeitet werden. Anstelle der Barbaren, Leichen und Kannibalen etabliert
er einen .Toten mit Sexualtrieb' - einen grotesken Körper. Als literarisches Ver-
fahren steht dies im postmodernen und medialen Kontext für Verlebendigung,
Verkorperlichung und Entmediatisierung. Dieser Historisierung des DDR-
Subjektes steht dessen mythopoetische Aufladung im Bild des Hirten in Strauß'
Fehler des Kopisten gegenüber. Während der Schäfer im Kopisten seine Transfor-
mation nicht überleben würde - „Unzeit bräche über den Jungen herein, und wie
bei einem Dammbruch würde seine Identität (...) in die Tiefe gerissen. Man
müßte ihn davor bewahren, sich mit det Elektroschnur seines Zaunes zu erdros-
seln" (FK, 19) -, fristet in Helden wie wir der fidele Tote mit Sexualtrieb nach
der Vereinigung sein Einkommen als Pornodarsteller. Mag sich Klaus nach seiner
entgrenzten Grenzerfahrung als Zombi und damit ebenfalls als untoter Kannibale
begreifen, zum Vampir ist gewissermaßen Erich Honecker geworden. Allen
Krankheitsgerüchten zum Trotz taucht Honecker denn auch wieder auf, um das
Ende der DDR noch mitzuerleben. Für ihn und sich selbst gilt Klaus' Kommen-
tar: „Totgesagte leben länger" (H, 269).

100 Menninghaus 1999:20.


3. Erinnerungsräume
Ein Jahrzehnt nach ihrem Ende erlebte die DDR dann auch wirklich ihre literari-
sche Wiederauferstehung. Nachdem der sozialistische Staat für einige Autoren zur
Zielscheibe des Spottes und der Aggression geworden war, während er für andere
als verlorener Statthaltet des Anderen der Geschichte, der Utopie fungierte, wur-
de er mit Michael Kumpfmüllers Hampels Fluchten und Thomas Brussigs Am
kürzeren Ende der Sonnenallee endgültig zur Vergangenheit. Das bedeutete nichts
weniget, als daß die DDR erinnerbar wurde. Angesprochen sind damit primär die
produktions- und die rezeptionsästhetischen Dimensionen beider Texte. Die
Strategien der ästhetischen Rekonstruktion folgen den Mechanismen der Erinne-
rungsarbeit bzw. der literarischen Archäologie - ein Hinweis darauf, daß die
DDR zehn Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung im kollektiven Bewußt-
sein historisch geworden ist.
Während Brussigs Helden wie wir die Geburt des Protagonisten mit dem Tag
des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag in eins fallen läßt - der
historische Sündenfall als der Anfang vom Ende der DDR -, setzt det nach-
folgende, ohne Gattungsbezeichnung etschienene Text Am kürzeren Ende der
Sonnenallee mit der Teilung Berlins, und damit im nationalgeschichtlichen Rah-
men, ein. Entsprechend geht es hier nicht mehr um die Rekonsttuktion der .per-
versen' Entwicklungsgeschichte der DDR, sondern um die grotesken - weil für
den Einzelnen absolut zufälligen - Folgen der deutschen Teilung. Die Ein-
gangsszene zeigt Truman, Stalin und Churchill während der Potsdamer Konfe-
renz. Für die Anwohner der titelgebenden Sonnenallee entscheidet sich während
eines kleinen historischen Moments nichts weniger als ihre zukünftige Zugehö-
rigkeit zu einem der ideologischen Blöcke. Der längere Teil der Straße fällt an
den Westen, der kürzere an den Osten. Daß der Schnitt so und nicht anders ver-
läuft, verdankt sich allerdings keinen politischen, rationalen, stadthistorischen
oder auch nur verkehrstechnischen odet vetsorgungslogisrischen Argumenten,
sondern ganz einfach einem Zufall. Oder genauer: einer Laune oder vielleicht ei-
ner Regung der Höflichkeit. Während des Streits zwischen Hatry S. Truman und
Stalin um die Sonnenallee etlischt die Zigarre Winston Churchills. Stalin gibt
dem englischen Premier Feuer und dieser - um sich für die freundliche Geste zu

101 Dies ist - zusammen mit dem Ostalgie-Phänomen - sozusagen eine ironische Fußnote der
Weltgeschichte: Terray (1995a: 194f.) zufolge ist es der DDR-Führung nicht gelungen, eine
nationale Identität zu begründen, da sich „die DDR als Erbin der Gesamtheit der deutschen
Geschichte - in ihten positiven Aspekten - ausgab und dennoch die Teilung Deutschlands ver-
herrlichte. Es gelang den Führern der DDR daher auch nie, sich klar zu entscheiden, ob ihr
Staat nun das Ganze verkörperte oder nur einen Teil". In der BRD wurde hingegen an der
Einheit Deutschlands festgehalten und auch die Verantwortung für die „Gesamrheit der deut-
schen Geschichte, auch für die dunkelsten Stellen" - übernommen: „Diese Kohärenz ermög-
lichte es der Bundesrepublik, das gesamte Feld der Erinnerung zu beherrschen. Es isr nicht zu-
letzt eine .historische Schwäche', die zum Ende der DDR führte."
234 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

revanchieren oder um dem Gegenüber nichts schuldig zu bleiben — spricht als


Schiedsrichter Stalin sechzig Meter der umstrittenen Straße zu.
So imaginiert jedenfalls Micha, Sonnenallee-Bewohner und einer der Prota-
gonisten, den Vorgang. Diese mögliche, historiographisch aber nirgends belegte -
und auch nicht belegbare — Szene signalisiert, daß es im folgenden nicht um eine
Rekonstruktion der ,wirklichen' DDR gehen wird. " Vielmehr wird der ostdeut-
sche Staat - dies macht der letzte Satz des Textes deutlich - als ein mögliches, al-
so potentielles Objekt der Erinnerung reetabliert: „Glückliche Menschen haben
ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen." (S, 157) Dies meint zwei-
erlei. Erstens: Die literarische Destruktion und Desymbolisierung der DDR wird
zurückgenommen, der untergegangene Staat als Erinnerungsraum verfügbar.
Zweitens: Indem sie überhaupt Erinnerung werden, verlieren die an die DDR
gebundenen Gehalte ihren traumatischen Charakter.
Brussigs Text folgt im ganzen der Perspektive, die sich eingangs in Churchills
kaum staatsmännischer, sondern mehr persönlicher Haltung manifestiert. So sind
die Bewohner des Grenzgebietes in der Sonnenallee zwar kaum in der Lage, einen
Schritt aus der Wohnung zu tun, ohne mit den Vertretern des Staates und diesem
selbst in Form seiner Grenzen konfrontiert zu sein, andererseits isr selbst die
Mauet füt Micha nur ein Hindernis, um an einen begehrten Liebesbrief zu
kommen, den ein Windstoß ausgerechnet in den Grenzstreifen geweht hat. Die
DDR wird aus dem privaten Blickwinkel heraus erzählt, sie gerät nur so weit in
den Blick, als sie den Wünschen der Jugendlichen Grenzen setzt. Der Text - im
Wortsinne ein Buch zum Film, denn letzterer entstand zuerst — ist eine zärtliche,
nachttägliche Liebeserklärung an eine Lebensform, die sicher nicht mit der DDR
identisch ist, aber so nur in der DDR hätte gelebt werden können. Der Charme
des Buches beruht darauf, die DDR zur „Hippie-Republik" (Anke Westphal) zu
machen, die bewohnt zu haben, auch einem westdeutschen Jugendlichen hätte
gefallen können. Bildete Brussigs Zorn über die fehlende Auseinandersetzung mit
der DDR-Vergangenheit nach eigenem Bekunden das Movens von Helden wie
wir, so griff er mit Sonnenallee die ,weichgezeichnete Erinnerung' an die DDR
auf, die mittlerweile das kollektive Gedächtnis prägt. Mit diesem Buch, dessen
Preis laut Brussig darin besteht, nicht „präzise geschrieben zu sein", entwirft der
Autor die DDR als gute Vergangenheit, die nicht geteilt zu haben, den Westler
neidisch machen solle. Es trägt sicher zum Erfolg Brussigs bei, daß er mit diesen

102 Es gibt alletdings ein Phoro, das Stalin, Tfumann und Churchill während einer Verhandlungs-
pause zeigt. Hiet hält Stalin eine Streichholzschachtel und eine Zigarette, wähtend Churchill
mit seiner (offenbar) noch unangezündeten Zigarre daneben steht. Vielleicht bot dieses Bild
den Anlaß füt diese Imagination.
103 Die Charakterisierung det DDR als Hippie-Republik stammt ursprünglich von Leander
Haußmann. Nachdem Brussig den Satz gelesen hatte, beschloß er, mit Haußmann den Film
Sonnenallee zu drehen, der vor dem Buch entstand. Vgl. dazu Kühl 1999.
104 Vgl. Brussig 1999b. Vgl. auch Westphal 1999.
105 Brussig 1999b.
ERINNERUNGSRÄUME 235

Erzählstrategien einer Wahrheit des Erinnerns ästhetischen Raum gibt, die auch
hiet wieder ganz unheldenhaft, dafür aber um so authentischet funktioniert.
Auch in Kumpfmüllers Roman Hampels Fluchten wird die D D R zum be-
gehrten Refugium. Zwar folgt Titelheld Heinrich Hampel nicht hehrer politi-
scher Überzeugung, als er 1962 in den realen Sozialismus überwechselt - der
bankrotte Bettenhändler hat eher unehrenhafte Gründe: Er flieht vor seinen
Gläubigern aus der BRD. Die D D R erweist sich Hampel dann aber als die
,kommode Diktatur', als die sie Grass in Ein weites Feld charakterisiett hat (vgl.
W F , 325). Hampels Biographie ist die der Brüche, der Neuanfänge und der ver-
paßten Chancen. 1931 in Jena geboren, wird er nach Kriegsende mit seiner Fa-
milie für mehrere Jahre in die Sowjetunion deportiert. Nach Ostdeutschland zu-
rückgekehrt, flieht die gesamte Familie bald in den Westen. Heinrich wird zu-
nächst Verkäufer in einem Bettengeschäft, geht dann nach Südafrika, scheirert
dort, kehrt zurück und eröffnet - schon als Angestellter reüssierte er, da er im
Bettengeschäft Erotik und Geschäftliches zu verbinden wußte - einen eigenen
Laden. Immer auf erotische Abenteuer aus, verschuldet er sich immer mehr, bis
er schließlich vor seinen Gläubigern in die D D R flieht. Dort geht es weiter berg-
ab. Hampel bleibt der Filou, der er nun einmal ist. Er arbeitet als Fahrer, Ver-
käufer, Kellner, Bauingenieur und zuletzt als Fahtstuhlfühter. Dreimal kommt er
ins Gefängnis. Von der Stasi hat er sich schon im Übergangslager anwerben las-
sen - weniger aus politischer Überzeugung denn aus Bequemlichkeit. Seine Ehe
läuft immer schlechrer, seine Frau läßt sich von ihm scheiden. Heinrich, eigent-
lich ein Alkoholiker, endet als zuckerkranker Pflegefall in einem Pflegeheim, wo
er stirbt. Das Ende der D D R steht kurz bevor, Heinrich erlebt es allerdings nicht.
Hampels Realitätswahrnehmung folgt weitestgehend seinem erotomanischen
und donjuanesken Charakter und entsprechend gering ist sein Interesse für Poli-
tik und Zeitgeschichte. Auch die Perspektive des Romans reicht über Hampels
Gesichtskreis nur wenig hinaus und selbst dort, wo sie thematisiert werden, ver-
bleiben viele Phänomene in einem diffusen Licht. Dem ansonsten hoch-
gelobten Roman wurde Ungenauigkeit vorgeworfen; kritisch oder entschuldigend
wurde darauf verwiesen, daß der aus dem Westen stammende Autot die von ihm
beschriebene D D R kaum ganz genau kennen könne. Tatsächlich liegt die Be-
deutung des Romans - ebenso wie diejenige von Brussigs Text - nicht in der (ob
nun fehlenden oder vorhandenen) historischen Genauigkeit. Der Text ist zwei-
felsohne dort im Sinne des Faktischen am präzisesten, wo der Autor aus eigenem
Wissen schöpfen kann, und so wird die Leserschaft in der Wunschliste, die

106 Hielscher (2001: 231) sieht hingegen eine Verbindung von Polirik und Körper, da der Roman
die „merkwürdige deutsche Geschichte zwischen West und Ost" als Geschichte eines Mannes
erzählt, der alles „Wesentliche nut im Bett, am eigenen und vor allem am fremdem Leib er-
fährt".
107 Sehr kritisch ist die Rezension von Korfmann (2001). Durzak (2003) wirft der Figur Hampel
Konrurlosigkeir vor.
108 Zutteffend schreibt R. Schneider (2000), daß die Errata das „Bild einer völlig synthetischen
DDR" erzeugen.
236 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

Hampel an seine im Westen lebende Familie schickt, einige typische Marken-


produkte entdecken. Damit hat Kumpfmüllers Roman auch Teil an der lustvol-
len Rekonstruktion der Alltagskultur der alten BRD, wie sie sich ab Mitte der
90er Jahre in etlichen Büchern zur Fernsehgeschichte, zu Kultserien, Schlagern,
Mode und eben Markenprodukten niederschlug. Da diese Produkte aber zu-
gleich auch im Osten bekannt und begehrt waren, bilden sie - Kulturnation ein-
mal anders - so etwas wie eine gemeinsame Alltagskulturgeschichte. Dieser Ver-
bundenheit über die ideologischen Mauern hinweg entspricht die Wiedereinset-
zung der Familienmetapher, die sich auch bei Brussig findet: In der Sonnenallee
gehört der legale Wesrwaren einschmuggelnde Onkel Heinz ebenso zum running-
gag-Verson-A wie der westrockhörende Polizeibeamte.
Hampels Fluchten und Sonnenallee weisen noch eine weitere Gemeinsamkeit
auf: Beide Romane kreisen zwar um Liebe und Erotik, tun dies stilistisch aber in
fast schon altmodisch erscheinenden Formen. Zwar geht es in Hampels Fluchten
um einen Protagonisten, den das sexuelle Begehren um- und letztlich in die Mi-
sere treibt, die Sprache des Romans bleibt aber völlig diskret und enthält sich je-
der direkten oder gar obszönen Schilderung. Auch Brussig, der in Helden wie wir
vor dem Einsatz drastischster Sexualmetaphorik nicht zurückschreckte, setzt sei-
nem Protagonisten Micha im ersehnten Kuß der schönen Miriam das höchste
Ziel. Mit dieser Darstellung des Erotischen korrespondiert die unaggressive, fast
zärtlich zu nennende Schildetung des Lebens in der DDR. Sein Ziel sei es gewe-
sen, so Brussig in einem Interview, den Wesder neidisch werden zu lassen, das er
nicht in der DDR wohnen durfte. Diese Umkehrperspektive richtet sich natür-
lich nicht nur an die Westler, deren zuweilen arrogante Sicht hier deutlich korri-
giert wird. Sie bietet auch den Ostlern ein Erinnerungsobjekt an, das sie mit der
eigenen Vergangenheir versöhnt. Die literarische Desttuktion der DDR lief nicht
nur Gefahr, einseirig, und somit alltagshistorisch .falsch' und .ungerecht' zu sein,
sie läuft auch Gefahr, die mit der DDR verknüpften Biographien zu entwerten.
Schon früh hatte Kurt Drawert das Potential der „ostdeutschen Trauer, das durch
die jeweils eigene verlorene Zeit bestimmt wird und durch das Verlangen, etwas
davon für sich zu retten", benannt - sich aber gegen „nostalgische Verklärungen"
gewandt, die dieser funktionalisierte. Brussigs und Kumpfmüllers Texte
(re)konstruieren die DDR als privaten, geradezu intimen Raum. Die heile Welt
der Dikatur, die DDR als Alltagsgeschichte, wie sie der Historiker Wolle be-
schrieben hat, findet ein literarisches Pendant - freilich weitestgehend gekürzt um
die Aspekte der staatlichen Repression.
Brussigs und Kumpfmüllers Texre waren die Vorboten einer regelrechten
DDR-Renaissance, die im ,Bücherfrühjahr' 2002 dann auch im Feuilleton zum

109 Die Fetischisierung der Markenprodukre im Zeichen des .Kult' ist ein neues, sozusagen post-
modemes Phänomen, da es um die Geschichtlichkeit der Produkte weiß und sich damit vom
Produktbewußtsein unterscheidet.
110 Vgl. Westphal 1999.
111 Dtawert 1993c: 78.
ERINNERUNGSRÄUME 237

Thema wurde. " Es waren einerseits mit Hermann Kants autobiographischem


Roman Okarina, Christa Wolfs Roman Leibhaftig, einer Auswahl von Prosa-
Arbeiten Volker Brauns (Wie es gekommen ist), den Autobiographien Fritz Rudolf
Fries' (Diogenes auf der Parkbank) und Sascha Andersons prominente DDR-
Autoren, die Erinnerungen und Vorwende-Schilderungen vorlegten, und ande-
rerseits junge Debütanten wie Andre Kubiczek, Falko Hennig und Jakob Hein,
die jenseits aller ideologischen Vorwürfe und Rechtfertigungsversuche vor allem
die „banal existierende DDR" (Leonatd Lorek) rekonstruierten. Mit Jana Hensels
Zonenkinder (2003) hat diese Generation ihr Label gefunden. Zonenkinder ist als
Versuch, kollektive Kindheits- und Jugenderfahrungen in der DDR und nach
dem Beitritt der DDR zu schildern, das Ost-Pendant zur Generation Golf von
Florian Illies.
Kubiczeks Junge Talente, Hennigs Trabanten und Heins Mein erstes T-Shirt
knüpfen an Brussigs Sonnenallee insofern an, als sie die Endzeit der DDR aus der
staatsfernen Sichr von Jugendlichen (und Kindern) schildern, deren Interesse
trotz politischem Zwang, Planmißwirtschaft und Staatssichetheit vor allem „Mu-
sik und Mädchen" gilt, wie Baßler dies für den Proragonisten der Sonnenallee
konstatiert. Die Texte Kubiczeks, Hennigs und Heins markieren zwar Weiter-
entwicklungen von „Brussigs Buch als Pop-Versuch aus dem Osten" (Baßler),
sind gegenüber der Erinnerungsrückprojektion Brussigs allerdings in ästhetischer
Hinsicht weit weniger komplex.
Kubiczek folgt in Junge Talente (2002) dem traditionellen Muster des Ent-
wicklungsromans: Die Endzeit der DDR wird aus der Sicht des Punks Less aus
der Provinz erzählt, det auf der Suche nach dem Mädchen, in das er sich verliebt
hat, zu seinem Vatet in den Berliner Bezirk Prenzlauer Berg reist und dort auf die
vetschiedenen subkulturellen und politischen Szenen Ende der 80er Jahre trifft.
Das Ende der DDR scheint auf, als Less in seine Kleinstadt zurückfährt. Etwaige
Rebellionen speisen sich dabei nicht aus repressiven Alltagserfahrungen - das
Motto des Buches stammt bezeichnenderweise aus einem Stück der Düsseldorfer
Band Fehlfarben, die in der West-Berliner Hausbesetzerzeit Kultstatus hatte - ,
sondern gut jugenddissident-popkulturell aus Musikstilen. Wobei trotz aller In-
temationalität hier noch eine gewisse Schieflage entsteht, „denn das große Pro-
blem waren die Feinde, die diese Musik voraussetzte und die nicht ohne Schwie-
rigkeiten aus nordenglischen Kohlenrevieren in die Entwickelte Sozialistische Ge-
sellschaft zu importieren waren" (JT, 148). Da Less erkennt, daß „man sein Le-
ben schlecht auf einen Klangteppich stellen konnte", füllt er „sein künftiges gei-
stiges Traditionszimmer" zusätzlich noch mit „diversen Romangestalten und lyri-
schen Subjekten" (JT, 149). Kubiczek zeigt einen an den politischen Votgängen
desinteressierten Jugendlichen. Als ein Freund ihm den berühmten Kommentar
des Politbüro-Mitglieds Kurt Hagets zu Glasnost und Perestroika vorliest -

1 12 Vgl. Bartels 2002, Spreckelsen 2002, Weidermann 2002 sowie das Inrerview mit Falko Hen
nig. Jürgen Kuttner und Bert Papenfuß (Kuhlbrodt et al. 2002).
113 Baßler 2002: 50.
238 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

„Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine W o h n u n g tapeziert, sich verpflichtet füh-
len, Ihre W o h n u n g ebenfalls neu zu tapezieren?" - , gibt Less diesem unpolemisch
recht, um seinen empörten Freund dann aufzufordern, „mal zu was anderem zu
kommen" (JT, 139) - nämlich der aus seiner Sicht viel wichtigeren Liebesge-
schichte, die ihn umtreibt. Eine Reportage über eine Lesung Kubiczeks bringt
das Verhälrnis von Staatsmacht und Rebellion auf den Punkt: „Die Behauptung
der Vertriebsabteilung, seine Helden hätten das System der D D R zu destabilisie-
ren versucht, bezeichnet der Autor als Marketing."
Bei Kubiczek verbindet sich das Jugend-in-der-DDR-Thema mit der Pop-
Literatur der 90er Jahre. Das vielleicht deutlichste Signal ist die Verwendung von
Songlines als Kapitelüberschriften bei Kubiczek, hatte doch schon Stuckrad-Barre
in Sobalbum Songtitel in gleicher Funktion eingesetzt. Die Vorlage für Falko
Hennigs Trabanten härte allerdings die wissenschaftliche Untersuchung Langsame
Autofahrten sein können. ' Hennig erzählt die Entwicklung seines Helden an-
hand der Fortbewegungsmittel einer immobilen Gesellschaft und beweist damit
einmal mehr, daß die Literatur das metaphorische Potential des Autos für Dar-
stellungszwecke nutzt. Mittels der Kapitelüberschrift Alles nur geklaut zitiert det
Autor abschließend seinen eigenen Debütroman und im Kapitel selbst dann Pas-
sagen des Vorgängertextes: „In Treue fest zu sich selbst und dem eigenen At-
chiv" , resümiert Gerrit Bartels.
Eher aus dem kulturellen Archiv, genauer deren Topoi, zitiert Jakob Heins
Mein erstes T-Shirt. Jakob Hein, Sohn des Schriftstellers Christoph Hein, erzählt
autobiographische Episoden aus seiner Kindheit und Pubertät. " Geschrieben ist
Mein erstes T-Shirt mit dem Blick danach - nicht nur auf die D D R , sondern auch
auf die sie verarbeitende Literatur und die gesellschaftlichen Debatten. Einge-
streut in die Alltagserzählungen, erzählt det „Westmensch made in D D R " (Ka-
miner) weniger den vom Klappentext annoncierten „ganz normalen Wahnsinn
der letzten DDR-Jahre" als vielmehr das zwar manchmal komische, letztlich aber
unspektakuläre Alltagsleben. „Musik und Mädchen" sind Baßler zufolge ein
Ausweis für Pop-Literatut. Dieses Erkennungszeichen wird von Hein schon fast
programmatisch eingesetzt: Dem ersten Satz des Buches - „Es begann bei mir wie
bei den meisten, es begann mit einer Gitarre" (MT, 9) - folgt in der zweiren Epi-
sode die Erklärung „Ich habe nicht soviel Erfolg bei den Frauen" (MT, 14). Gel-
ten darüber hinaus auch Markennamen als Charakterisrikum für Pop-Literatur,
so erweist sich Hein nicht nur als genuiner Vertreter derselben, er ist eigentlich

1 14 Hagers Kommentat - er fiel während eines ^«gcZ-Interviews April 1987 - löste eine Welle det
Empötung aus.
115 Waldmann 2002: 45.
116 Vgl. die entsprechende Studie von Katthage/Schmidt 1997.
117 Bartels 2002.
118 Wladimir Kaminer (MT, 7) bestätigt und relativiert den autobiographischen Pakt gleicherma-
ßen in seinem Vorwort. Er bezeichnet Hein als „Staubsauget", det eigene und fremde Realität
aufsauge, um sie in „akkurate, zweieinhalb Seiten lange Geschichten" zu packen, die in „einer
angenehmen, leicht versrändlichen Sprache verfaßt sind".
119 Baßler 2002: 155f.
ERINNERUNGSRÄUME 239

immer schon im Westen aufgewachsen: Mit Stratocaster, Aerosmith, den Zeit-


schriften New Musical Express und Bravo, Matchbox und Haribo zitiert er die ver-
traute (West-)Warenwelt. Die kleinen Geschichten aus der Geschichte sind auch
schon bekannt. Was in Sonnenallee noch ein runniggag war - der Vater droht bei
Mißständen regelmäßig, eine „Eingabe" (vgl. S, 38, 39, 112, 131) zu machen -
ist hier alltäglicher Tatbestand und eben schon literarisches und filmisches Zitat
(vgl. M T , 59). Die Kritik an den Wahlen des alten wie des neuen Systems -
„Wogegen man protestiert, ist eigentlich egal, denn an der Politik kann die Deut-
sche Bank bei der derzeitigen Lage sowieso nichts ändern" - endet mit einem
Topos, der Ursache und Wirkung lustig verkehrt: Es gibt kein Ost und West
mehr, denn „Onkel Kurt schickt keine Westpakete mehr" (MT, 59f.). Auch der
alte Kolonialismusvorwurf wird anhand einer Börsenmetapher, die es nach 2000
zu großer Bekanntheit gebracht hat, ironisch aktualisiert: „Leider" wurden die
Ost-Berliner Verkehrsbetriebe durch „eine feindliche Übernahme durch das
Westberliner Unternehmen BVG zerstört" ( M T , 101).
Wie Brussigs Protagonisten und die Erzähler bei Kubizcek und Hennig ist
auch Heins Ich-Erzähler mit det Mauer aufgewachsen, und erst als die Eltern sei-
ner Freundin einen Ausreiseantrag stellen, m u ß er „tatsächlich weinen und haßte
an diesem Tag das erste Mal die Mauer und den ganzen Scheiß" (MT, 116). Da
die unter dem Zeichen der drohenden Trennung ablaufende Liebesnacht aller-
dings völlig desillusionierend verläuft, denkt der Erzähler „irgendwie erleichtert
daran, daß sie bald mit allen peinlichen Erinnerungen in den Westen ausreisen
würde. (...) Die Mauer haßte ich nicht mehr, aber sehr hilfreich war sie im ent-
scheidenden M o m e n t auch nicht gewesen" (MT, 118). Auch eine Revolutions-
deutung im Zeichen von Fakten und Fiktionen findet sich abschließend: Die
letzten Episoden tragen die Überschriften Wie es damals wirklich war und Wie es
damals wirklich gewesen sein könnte. Das vorgebliche ,FaktenkapiteI' travestiert
Geschichtsszenen im Stile eines B-Pictures: „Es war ein bitterkalter Novembertag,
und unser Staatsbürgerkundelehrer hatte uns am Morgen plötzlich auf die Lade-
fläche eines tussischen Lkws getrieben. Das war gar nicht so ungewöhnlich, denn
wit lebten in einer Diktatur." (MT, 137) Sollte eine Mutter dem Kind nicht
fröhlich nachwinken, „kam ein Mitglied ihrer Betriebskampftruppe und schoß
ihr ins Knie" ( M T , 137) usw. und so fort. Und ob es nun zu einer „paramilitäri-
schen Übung" oder einem „brüderlichen Arbeitseinsatz in einem Atomkraftwetk
in Sibirien" ( M T , 137f.) geht, der Zwischenstop wird jedenfalls literarisch und
mehr noch filmisch bei Brussig eingelegt: Der Leser oder Kinogänger, der die
Truppe in die Gaststätte begleitet, in der „Ernst Thälmann, euer geliebtet Teddy
[...] von der Gestapo geschnappt wurde" (MT, 138), sieht wohl automatisch
Klaus Uhltzschts Kindheitsvorstellung von Ernst .Teddy' Thälmann: einen Ted-
dybären im Häftlingsanzug, der als Film-Still viele Besprechungen zierte. "

120 In phosphor von Sven Lager (2000: 59). einem traditionellen Pop-Roman, in dem es natürlich
um Musik und Mädchen geht, assoziiert der Erzähler angesichts einer Verabredung an der
Welrzeituht auf dem Alexanderplatz: „Hat auch was, die Weltzeituhr, dass man sich da trifft.
240 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

Der Erzähler trifft wider Erwarten auf Helmut Kohl und Georg Bush und den
„niedersächsischen Arbeiterverrätet G. Schröder" ( M T , 140). Aufgefordert, in
dieser Runde mitzumachen, um „später vielleicht mal irgendwo Geschichten vor-
zulesen", ist der Erzähler mit von der Partie: „Meine bescheidene Aufgabe be-
stand darin, mich als Günther [sie] Schabowski zu verkleiden und auf einer Pres-
sekonferenz die Mauer zu öffnen." (MT, l40f.) Revolution einmal mehr als
Theaterposse. Und als Sieg des Westens über den Osten. Das ,Fiktionskapitel'
Wie es damals wirklich gewesen sein könnte erzählt die Herbstwochen 1989 pseu-
do-naiv gebrochen noch einmal auf einer ,realistischen' Ebene und aus der Sicht
des Ostens. Auch hiet wird konstatiert, daß eine „richtige Revolution nicht ohne
Waffen und Blutvergießen abgeht", was aber nicht weiter stört, „denn alle waren
sehr solidarisch-verschwörerisch miteinander, und einige der anwesenden Damen
fanden meinen Gefallen" (MT, l43f.). Wie wenig für den Erzähler zusammenge-
brochen ist, zeigt der letzte Satz: Jakob Hein stellt fest, „daß Geld, sogar echtes
Westgeld, nie im Mittelpunkt meines Interesses stehen würde" (MT, 150). Leit-
medien können nur für die zusammenbrechen, für die es welche sind. Der Er-
zähler geht hingegen völlig unbeeindruckt „auf die Suche nach neuen Lebenszie-
len in der Wunderwelt des Kapitalismus" (MT, 150).
In dieset scheint sich nicht viel verändert zu haben und so wird auch das Pen-
dant zur inkriminierten Ostalgie - die Westalgie — ersr allmählich wahrgenom-
men. Tatsächlich ist aber nicht nur die D D R untergegangen, sondern auch die
alte BRD * - „ein Land", so will es wenigstens Cora Stephan scheinen, „dessen
Existenz im nachhinein so märchenhaft wie unwahrscheinlich erscheint". "" Viel-
leicht am allermärchenhaftesten erscheint der Bezirk Kreuzberg in Berlin, dem
Sven Regener mit Herr Lehmann ein Vor-Mauerfall-Denkmal gesetzt hat — je-
denfalls wenn man die These zugrundelegt, daß etst das Vergangene zur literari-
schen Erinnerung wird. Regeners Roman endet mit dem Fall der Mauer, die der
Protagonist in seinem Soziotop, einer der vielen Kreuzberger Kneipen, fast ver-
paßt:

.Hast du gehört?' fragte Heft Lehmann, der jetzt ziemlich betrunken war. [...] ,Die
Mauer ist offen.' Ach du Scheiße.' .Hör mal, Heiko, schließlich bist du selber aus
dem Osten.' ,Das geht mir schon seit Wochen auf die Nerven. Immer, wenn ich
den Fernseher anmache: Osten, Osten, Osten. Was kann ich dafür, daß ich aus
dem Osten komme? Was meinst du, wie das war mit den Arschlöchern? Als
Schwuler im Osten, das ist der letzte Scheiß. Die Mauer ist offen, was soll das über-
haupt heißen, die Mauer ist offen. Der Arsch ist offen. [...]' ,Na ja, wenn das
stimmt ... Kann doch sein', sagte Herr Lehmann. .Und wenn schon, was soll das
heißen, die Mauer ist offen.' .Was weiß ich.' (HL, 294)

als war man so ein Jugendlicher mit Schlaghosen, der sich da mir anderen Jugendlichen mit
Schlaghosen ttifft. um den schönen DDR-Nachmittag mitten in den Siebzigern auszukosten."
Man sieht sofort das Filmplakat von Sonnenallee vor sich.
121 In seiner Analyse ost- und westdeutschet Reportagen zur Wende weist Uecker (2000: 188) dar-
auf hin, daß ost- wie westdeutsche Journalisten Veränderungen ausschließlich im Osten such-
ten: Die ...alte' Bundesrepublik bleibr von ihren Recherchen ausgespart."
122 C.Stephan 1993: 15.
ERINNERUNGSRÄUME 241

Eine Frage, die, wie gesehen, nicht nut für die angetrunkenen Helden Regeners
nicht so leicht zu beantworten war. Die Protagonisten jedenfalls beschließen,
nichts zu überstürzen - „Aber erst mal austrinken" (HL, 295) - und sich die Sa-
che anzusehen. An der Oberbaumbrücke in Kreuzberg haben sich tatsächlich nur
wenige Zuschauer versammelt: „Ganz friedlich und einer nach dem anderen ka-
men Leute zu Fuß herüber und gingen irgendwo hin. Richtige Stimmung ist das
nicht, dachte Herr Lehmann." (HL, 295) Auch ein anderer angetrunkener Zu-
schauer moniert: ,„Das ist doch Pipifax hiet mit die Fußgänger'", während eine
Frau aus Ostbetlin konstatiert: „,Das sieht hier ja aus wie bei uns.'" (HL, 295f.)
Die Kreuzberger Perspektive auf diese historische Nacht ist entschieden nicht die
der TV-Bilder.
Die geplante Taxifahrt an den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße endet
für Heiko und Herrn Lehmann zudem vorzeitig, da der Kreisverkehr durch eine
„unendliche Autolawine" (HL, 297) aus Ost-Berlin verstopft ist. Heiko setzt sich
in einen Schwulenclub ab - „Da brennt jetzt die Hütte" - und Herr Lehmann
bleibt ratlos zutück: „Ich geh erst mal los, dachte er. Der Rest wird sich schon ir-
gendwie ergeben." (HL, 297f.) Auch Herr Lehmann ist ein literarischer Vorbote,
in diesem Fall für die Interview-Dokumentation West-Berlin! Westberlin! Berlin
(West)! des Journalisten Olaf Leitner. An die Stelle des analog zum Wenderoman
ebenso eindringlich geforderten Berlin-Romans sind eher die multikulturellen
Kiezgeschichten Kaminers - gesammelt im Band Russendisko - und als historische
Rekonstruktionen Leitners Interviews oder die unter dem Titel Berliner Barock As
Popsingles veröffentlichten Zeitungsartikel von Thomas Groß getteten.
Der Mauerfall oder die neudeutschen Verhältnisse sind - mit Ausnahme von
Jakob Arjounis Magic Hoffmann - nicht unbedingt Gegenstand der westdeut-
schen Autoren, wenn sie, wie Frank Goosen analog zu Hein, Kubiczek oder
Hennig Kindheit und Jugend in den 70er und 80er Jahren beschreiben. Um Mu-
sik und Mädchen - den Großtitel dieses Genres hat Nick Hornby mit High Fi-
delity verfaßt - geht es auch in Frank Goosens Roman liegen lernen. Auch in
Goosens education sentimentale wird der Held wie bei Kubizcek von seiner Lieb-
sren verlassen, die natürlich nicht nach Ostberlin, sondern nach Amerika geht.
Wie Brussigs Protagonist bleibt auch Helmut auf seine große Liebe - hier Britta
- fixiert und wie bei Kubiczek ist sie diejenige, die ihn dazu bringt, nach Berlin
und damit ins Zeitgeschehen zu reisen. Und wie in Herr Lehmann verpaßt der
Protagonist, inzwischen als Student der Geschichtswissenschaft (!) mit seinet
Professorin liiert, fast die Ereignisse. Will Herr Lehmann erst einmal austrinken,
so will Helmut erst mal den Film zu Ende sehen:

Abends lagen wir Bett und sahen uns den zweiten Teil von Alien' an. Etwa gegen
elf ging das Telefon. Es war Beck. .Sie haben die Grenzen aufgemacht!' sagte er.
,Wer? Welche Grenzen?' ,Die DDR, du Ignorant.' ,Na ja, sagte ich. Irgendwann
mußten sie das ja wohl tun.' .Ist das dein Ernst? Ist das alles, was du dazu zu sagen

123 Vgl. Brüns2O05


242 1989-2000FF. ENTSORGUNGEN/VERORTUNGEN

hast?' ,Du, wir sehen da gerade einen ganz spannenden Film, können wir uns mor-
gen weitet unterhalten?' (LI, 197)
D a ß er überhaupt von den Herbstereignissen etwas mitbekommt, verdankt sich
det Trennung von seiner letzten Freundin, nach der er uneingestandenermaßen
deprimierter ist, als ihm recht ist:
Zwischendurch ließ ich einfach den Fernseher laufen. Es beruhigte mich, daß da
etwas geredet wutde. In der DDR regten sie sich plötzlich auf, daß die Kommunal-
wahlen gefingert worden waren. [...] Eine Menge Menschen wollten nicht mehr in
dem anderen Deutschland bleiben. Mit Plastiktüten in der Hand kletterten sie über
die Zäune irgendwelcher Botschaften und blieben da. Ich schob mit Chips in den
Mund und fragte mich, warum die nicht wenigstens richtige Koffer hatten. (...) Ich
nahm einen Schluck Biet und dachte, daß die DDR bald ziemlich leer sein würde,
wenn alle abhauten. Siebentausend Leute waren in der Botschaft von Prag. Das
mußte eine große Botschaft sein. Ich konnte mir das kaum vorstellen. Abet es war
im Fernsehen. Es mußte wahr sein. (LI, 189f.)

Die rypische Ausgangssituation der Westdeutschen - die nur qua Fernsehen


wahrgenommenen Ereignisse - wird hier nicht nur ausführlich ausgewalzt, die
Informationen werden auch als völlig bedeutungslos geschildert. Die Tele-Revo-
lution ist im Westen eben einfach Fernsehen:
Im Fernseher erzählte ein Mann im breitesten Sächsisch, daß das alles Wahnsinn
sei. Und noch immer wurde nicht geschossen. Na gut, das war schon alles sehr be-
merkenswert, aber irgendwie war es nur Fernsehen. Es war real, das wußte ich, ich
studierte so etwas, ich mußte ein Experte sein, zumindest ein angehender, aber doch
war es nur Fernsehen. Wenn ich aus dem Fenster blickte, sah ich die gleichen Autos
und die gleichen Menschen (...) Für den Mann aus Sachsen mochte es .Wahnsinn'
sein. Soweit ich das beutteilen konnte, kratzten sich die meisten in meinet Straße
allenfalls am Sack. (LI, 201)

Und so ist der Mauerfall auch nur eine nebensächliche Episode in Helmuts Le-
ben. Die Aufforderung eines Bekannten, der ihn am 10. November aus Berlin
anruft und auffordert zu kommen -„Hier tanzt der Bär und du ..." (LI, 199) -
lehnt er mit Verweis auf das schon im Fernsehen Gesehene und seine Arbeitsver-
pflichtungen ab und erst der Hinweis seines Freundes, er habe Britta gesehen,
läßt ihn umdenken: „Britta. Natürlich war sie in Berlin. Wahrscheinlich hatte sie
die Mauer aufgemacht. Wer sonst hatte soviel Macht?" (LI, 200) Er reist denn
auch nach Berlin, trifft das sattsam bekannte .verrückte' Personal und als seine
kurze Beziehung zu Britta wieder endet, packt er seine Koffer wie Less in Junge
Talente, fährt in seine Heimatstadt und sein altes Leben zurück, das dann ent-
sprechend auch ohne weitere Bezüge zur Zeitgeschichte seinen Lauf nimmt.
Die Pop-Literaten, so Baßler in seiner Untetsuchung zum deutschen Pop-
Roman, seien die neuen Archivisten. Der Begriff des Archivierens, den Baßler

124 Ähnlich wie Baßler betont auch Oswald (2001: 43). daß durch die Popliteratur „in der breite-
ren Öffentlichkeit erstmals das Bewußtsein für die Tatsache geschärft [wutde], daß Gegen-
wartsliteratur, die diese Bezeichnung zu Recht trägt, versucht, aktuelle kultutelle Entwicklun-
ERINNERUNGSRÄUME 243

mit Bezug auf Boris Groys zugrundelegt, meint die Umwertung des Profanen in
die als tradierungswürdig angesehenen Kulturbestände. Tatsächlich wird im pop-
kulturellen Diskurs nicht nut der .profane' Westen archiviert, sondern mit der
Literatur der Zonenkinder auch die D D R als Kindheits- und Jugendraum. Diese
Archivierung vollzieht sich ebenfalls im Zeichen von Pop: Die Thematik ist die
des Ostens, die Schreibweise die des Westens. Jana Hensel will in Zonenkinder
den .Anekdoten" aus dem Leben der D D R , die man den „Gästen aus dem We-
sten" erzählt habe, ohne zu metken, daß „hinter solchen authentischen Geschich-
ten ein ganzes Land verschwand" (Zk, 31), eigene Erfahrungen entgegensetzen. "
Dieses Unterfangen steht vor der Schwierigkeit, daß Hensel zunächst wie alle ihre
Freunde bemühr war, „sich dauerhaft in einer Fremde einzurichren, die sich auf
dem Boden des Heimatlandes ausbreitete und von uns verlangte, permanent alte
gegen neue Bilder auszutauschen" (Zk, 45). Ihr Plädoyer läuft auf die Akzeptanz
von Fremdheit hinaus - und sie beschreibr sie in der typischen Lakonie der 90er
Jahre:

Ich habe keine Lust meht, den jungen Männern in Anzügen zu erklären, dass genau
so, wie wir sie in Ruhe lassen und ihre bundesrepublikanische Geschichte nicht für
abgeschlossen, beendet oder unerheblich erklären, sie bitte auch uns in Ruhe unsere
Biographien abschließen lassen sollen, falls wir sie denn abschließen wollen. (Zk,
133f.)

Abschließen bedeuret, der Desymbolisierung die Vergangenheit als persönliche


F>innerung entgegenzusetzen und sie als Kultur zu archivieren, denn eine „ganze
Generation entstand im Verschwinden" (Zk, 160). Entsprechend entwickelt sich
die Schreibweise dieser Generation in der Verbindung östlicher Erin-
nerungsräume und westlicher Erzählstile. Tatsächlich ist Jakob Hein, wie Wla-
dimir Kaminer in seinem Vorwort zu Mein erstes T-Shirt schreibt, ein „West-
mensch made in G D R " . N u r unter Ausblendung der Popliteratur, kann man -
wie etwa der Text* Kritik-Rand DDR-Literatur der neunziger Jahre - von einer se-
parat weiterexistierenden DDR-Literatur und damit von zwei deutschen Literatu-
ren sprechen. Tatsächlich hat die literarische Vereinigung längst stattgefunden:
Die Popliteratur ist - bzw. sollte sie schon ,tot' sein: war - die erste gesamtdeut-
sche Literatut.

gen in sich aufzunehmen. Die hier besprochenen Bücher stammen alle von Schriftstellern, die
mit Fernsehen, Kino, Schallplatten, CDs und PCs aufgewachsen sind. Was sie dort gesehen
und gehört haben, ist ein enormer kultureller Fundus - auch für die Literarur".
125 Mit Meine freie deutsche Jugend von Claudia Rusch wurde 2003 das Generationsporttait auch
um die repressive Seite der DDR-Zeit ergänzt.
VI. AUTORSCHAFT IM UMBRUCH:
LEICHEN, KÖRPER, NATION

Auch dieser literarischen Vereinigung ging eine Revolution voraus: Im lerzten


Kapitel von Brussigs Helden wie wir— betitelt Der geheilte Pimmel- wird sie voll-
zogen. Mag den gewalrlosen Ereignissen von 1989 auch nachträglich der revolu-
tionäre Charakter abgesprochen werden, literarisch kommt die Guillotine zum
Einsatz. Auch diese Revolution ist eine familiy romance - auf der Ebene der Au-
torschaft. Die für den Revolutionsroman konstitutive Ablösung des despotischen
Vaters, die auch Helden wie wir narrativ umsetzt, wird im geheilten Pimmel auf
der Ebene der Autorschaft in ihr Gegenteil verkehrt: Schon die intertextuelle
Umschrift von Christa Wolfs Der geteilte Himmel signalisiert in schöner Eindeu-
tigkeit, daß auf der Metaebene der Autorschaft anders abgerechnet wird. Geköpft
wird, salopp gesagt, die böse Mutter und Königin Christa Wolf. In diesem Ka-
pitel gilt die Aggression des Autors Brussig der Autorin Wolf, die übet ihr Ge-
schlecht angegriffen wird:

Wie wäre es, in Christa Wolf, deren erster Roman mir im Krankenhaus als Erekti-
onsverhinderer anvertraut wurde, eine Pornotextetin zu sehen? Kein Problem, das
nötige Material fand sich in „Nachdenken über Christa T.": Über zwei Seiten wat
die Rede davon, daß Christa T. einen ganz bestimmten Ruf hervorbrachte; Hooo-
haahooo, so ungefähr. - Ich wollte an einem Leben teilhaben, das solche Rufe hervor-
brachte, hooohaahoo, und das ihr bekannt sein mußte. (...) Christa T. jedenfalls fing
zu blasen an, oder zu rufen, es gibt das richtige Wort dafür nicht. Hooohaahooo, so un-
gefähr. Mr. Kitzelstein, mehr Text brauchte ein Pornodarsteller wie ich gar nicht.
Ich waltete meines Amtes, und immer, wenn es mir kam, bereicherte ich das Ge-
schehen um ein Christa-Wolf-Zitat: Hooohaahooo oder Hooohaahoo. Ihr Satz Ich
wollte an einem Leben teilhaben, das solche Rufe hervorbrachte bekam dadurch leider
so etwas Konkretes. Aber was sollte ich machen, ich mußte doch den Nachweis er-
bringen, daß sie die Autorin für jede, aber auch wirklich für jede Gelegenheit ist.
(H, 310)

Deutlicher kann man den Vorwurf der Käuflichkeit und damit - bezogen auf das
Geschlecht der Autorin - der Prostitution kaum machen.
Unvermittelt schließt ein Diskuts über die Mütter in der D D R - „immer gna-
denlos un-ta-de-lig" (H, 310f.) - an: Die Aufbaugeneration habe, so Klaus' Vor-

1 Wolf Biermann (zit. n. Zachau 1997: 388) nannte es zutreffend „des unbekannten Autors Mord
an der weltbekannten DDR-Schriftstelletin".
246 AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER. NATION

wurf, durch permanente Verweise auf die erlittenen Kriegserlebnisse und die
Aufbauleistungen jede Kritik im Keim erstickt und durch forrgesetztes Morali-
sieren den Kindern die Möglichkeit genommen, eine eigene Sprache zu ent-
wickeln. Auch am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz okkupiere diese
Generation in ihrer Vertreterin Christa Wolf die Sprecherposition, hat sie doch
offenbar „das Exklusivrecht an befreiter Sprache gepachtet" (ebd.). Doch Klaus,
mit seiner Mutter, der Eislauftrainerin Jutta Meier und Christa Wolf „umgeben
von olympischen Müttern" (ebd.), begehrt im letzten Kapitel auf: Christa Wolf
ist die too-good-mother, die nun zut bad mother und aus dem Olymp der Dichter
gestoßen witd.
Dazu unternimmr Brussig eine Exegese des Wolfschen Werkes, dessen erster
Roman Klaus schon angesichts seines ständig wachsenden Zentralsignifikanten
im Krankenhaus als .Erektionsverhinderer' empfohlen wurde. Gemeint ist hier
mehr als der Vorwurf einer im Wortsinne lust-losen Literatur, angeklagt wird hier
eine Stillhalteliteratur, die jede kollektive Erektion, eben jede Volkserhebung,
verhindert habe. Nachdem Klaus die Maueröffnung bewirkte, packen ihn also -
wie es scheint: ganz folgerichtig - nachträglich Zweifel ob seines Tuns:

Wenn Christa Wolf (...) am 4. November (...) darauf verzichtete, zur Maueröffnung
anzustacheln, dann witd sie schon gewußt haben, watum. Und ich habe sie trotz-
dem aufgemacht! Eigenmächtig! Ohne mich mit ihr abzustimmen! (...) Was hatte
ich bloß angerichtet! Quälende Fragen, die mich veranlaßten, in den Büchern Chri-
sta Wolfs zu blättern. Vielleicht hat sie in ihrer Rede vom 4. November die Mauer-
öffung deshalb nicht gefordert, weil sie es in ihren Büchern schon Dutzende Male
getan hatte. (H, 305f.)

Natürlich zeigt ein Blick in die Texte Wolfs, daß diese die Maueröffnung nicht
gefordert hat. Btussigs literarische Revolution folgt einmal mehr dem von Harold
Bloom beschriebenen ödipalen Autorschaftsmodell: Der ,Sohn' Brussig stürzt die
.Mutter' durch eine absichtsvolle .Fehllektüre'." Der gesuchte Aufruf zur Mau-
eröffnung in Wolfs Werk impliziert eine wortwörtliche Lektüre, die etwas finden
will, was es per se in diesen Texten nicht geben kann. Der sich 1989 von seiner
Familie emanzipierende Protagonist Klaus findet sein Spiegelbild im Schriftsteller
Brussig, der sich aus der weiblichen Tradition befreit: Die Ablösung von der
DDR-Literatut, die Brussig mit Helden wie wir vollzieht, indem er neue Vor-
bilder wie Philip Roth und Günter Grass integriert, geht mit einet Wiederein-
setzung männlicher Autorengenealogie einher: An die Stelle olympischer Mütter
treten olympische Vätet. Autorschaftsgeschichtlich betrachtet, emanzipiert sich

2 Vgl. Bloom 1995.


3 Klingt für Hollmer (2000: 109) Brussigs Debüttoman Wasserfarben. ..streckenweise nach einer
Neuauflage der systemstabilisierenden .Ankunftsliteratur,'" auch „wenn der einschlägige Christa-
Wolf-Sound" fehle, so konstatiett Bremer (2002: 62) für Helden wie wir. „Indem er, ohne die
Befürchtung von Plagiatsvorwürfen, literarische Ideen und Motive anderer Autoten wie die des
Amerikaners Philip Roth in seinen Text integrierr, löst er sich von dem Anspruch einer originä-
ren Poetologie und sucht statt dessen nach den geeigneten Vorbildern für sein erzählerisches
Vorhaben."
AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER, NATION 247

Btussig damit auch von seiner .weiblichen Schreibposition', dem Schreiben untet
falschem Namen: Erschien sein in der Endzeit der DDR verfaßter Debütroman
Wasserfarben 1991 noch unter dem Pseudonym Cordt Berneburger, wurde nach
dem Erfolg von Helden wie wir auch dieser Roman unter dem Autornamen
Thomas Brussig vermarktet.
Darüber hinaus vollzieht Brussig seine ,Fehllektüre' aber in symptomatischer
Weise, nämlich über einen pornographischen Diskurs. Dieser Sturz der National-
schriftstellerin als .Königinnenmord' wiederholt sozusagen ein historisches Mu-
ster: Auch Marie Antoinette wurde in der family romance der Französischen Re-
volution weniger als Regentin denn als bad mother geköpft, und anders als bei
Louis XVI. stand dabei ihr Körper im Fokus der Aufmerksamkeit, der in den po-
litischen Pamphleten und Karikaturen der Zeit in einen pornographischen Dis-
kurs eingewoben wird. Indem Brussig Christa Wolfs ,Sprache' als Porno-
graphievorlage tituliert, zeigt sich auch hier „more perhaps than any other single
event of the Revolution, the underlying interconneetions between pomography
and politics".
Diese Verbindung wird auch wirksam in Drawerts Deutung der Revolution
1989, die in der Währungsunion als dem Sinnbild der verratenen Revolution ih-
ren Ausgangspunkr hat, sich aber zur Umdeutung von Autorschaft nach 1990
weitet. Chiffriert Brussig auf der Romanebene den von vielen inkriminierten
„DM-Nationalismus" (Habermas) und seine Kritik an der Vereinigung im Beruf
seines Protagonisten Klaus Uhltzscht, den er als Pornodarsteller in die neudeut-
schen Verhältnisse entläßt, so transformiert sich für Drawert mit der Wäh-
rungsunion die geliebte Revolution endgültig zur käuflichen. Wenn der Autor
diese im Bild einer Prostituierten repräsentiert sieht, deren Dienste als ,Demo-
Modell DDR, 22 Jahre' er in Anspruch nehmen könnte, so aktualisiert er hier ei-
nen Topos des 19. Jahrhunderts: die Identifikation des männlichen Schriftstellers
mit der Prostituierten. Hier findet die Unterwerfung des Autots unter die Geset-
ze des sich im 18. Jahrhundert etablierenden literarischen Marktes und die damit
einhergehenden Ökonomisierung der künstlerischen Produktion ihren Ausdruck.
Über die Prostitution wird das Geld und die damit verbundene Anpas-
sungsleistung an den Markt thematisiert. Der mit der Ökonomisierung einher-
gehende Positionsverlust des Dichters im 18. Jahrhundert ist strukturell ver-
gleichbar den neuen Bedingungen, die mit der Kapitalisierung der Literatutland-
schaft in der ehemaligen DDR nach 1990 einhergingen.

4 Zum Schreiben untet falschem Namen vgl. Hahn 1991.


5 Hunr 1992: 91. Damit repräsentierte die Königin die gefütchtete Transgression der Geschlech-
terrollen, die erst dutch ihten Tod wieder srabilisiert wurden. Dem pornographischen Diskurs,
der die Königin diskreditieren soll, ist die Angst vor der Überschreitung der Geschlechterrollen
eingeschrieben.
6 Hunt 1992: 91.
7 Vgl. Helduser 2005: 92f.
8 Vgl. dazu auch Jaumann 1981.
9 Vgl. dazu die Beiträge von Raschke 1994, Jäger 2000, Brohm 2000 und Dahlke 2000.
248 AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN. KÖRPER. NATION

Nachdem Brussig mit Helden wie wir die Revolution auf der Autorebene vollzo-
gen hatte, legte er mit Sonnenallee den .ersten Pop-Versuch aus dem Osten' vor,
dem etliche folgen sollten. Statt des ,Wenderomans' als nationaler Gründungs-
akte wird die DDR mit den ,Zonenkindern' als Erinnerungsraum installiert und
archiviert. Dabei handelt es sich nicht um die DDR als deformierenden Staat, wie
es Brussig noch mit Helden wie wir und nach ihm vor allem Reinhard Jirgl in
Hundsnächte (1997) und Wolfgang Hilbig in Das Provisorium (2000) als fortdau-
erndes Trauma beschreiben. Vielmehr wird ein genuin literarischer Erinnerungs-
raum geschaffen, der eher individualpsychologischen Erinnerungsprozessen, und
damit auch Verdrängung und Schönfärberei folgt, als - eine wie auch immer ge-
artete - historische Faktentreue produziert. Damit wird im sozialpsychologischen
Kontext ein ,gutes Objekt' geschaffen, das erinnerbar ist und der Desymbolisie-
rung der DDR als kulturellem System und der damit einhergehenden Entwer-
tung der Biographien der DDR-Bürger entgegenwirkt. Im gesamtdeutschen
Kontext wird damit die DDR als das Profane im Zeichen von Pop archiviert und
eine Umwertung des kulturellen Archivs betrieben. Die Beschreibung der DDR
als Kindheits- und Jugendraum - und damit als Erinnerung - verbindet sich mit
den Schreibweisen westdeutscher Autoren, in denen die alte BRD historisch wird.
Daß vor allem westliche und östliche Kindheits- und Jugendräume erfolgreich
auf dem Markt reüssierten, zeigt auch den Vergangenheitsstatus der ehemals ge-
teilten Staaten an: DDR und alte BRD bilden als untergegangene Staaten die
Kindheitsräume der neuen, sozusagen „erwachsenen" Nation, die etwa Joachim
Gauck, der erste Beauftragte der Bundesregierung für die Aufarbeitung der Stasi-
Akten, und später Gerhard Schröder in seiner ersten Regierungserklärung for-
derten.
Die von Brussig initiierte, ,weichgezeichnete Erinnerung' an die DDR findet
ihre Vollendung in einem Film von Wolfgang Becker, der Geschichte auch tech-
nisch im Weichzeichner .erinnert': Good bye Lenin! (2003). Der Film läßt die
DDR noch einmal als Konstrukt aufleben. Christiane Kerner, eine staatstreue
Bütgerin der DDR, lag während der Wende im Koma und muß nun, im Som-
mer 1990 - also zum Zeitpunkt der Währungsunion - geschonr werden, um ihre
Genesung nicht durch Aufregung zu gefährden. Alex, ihr Sohn, baut deshalb die
DDR noch einmal mittels Requisiten auf. So entsteht der sozialistische Staat im
und als Krankenzimmer neu, wobei Alex ständig Gefahr läuft, daß seine Illusi-
onskammer durch Realitätseinsprengsel wie das Ausrollen eines Coca-Cola-
Transparentes vor dem gegenüberliegenden Haus enttarnt werden könnte. Die
eingestreuten Etinnetungsbilder aus Alex' Kindheir - auf Super-Acht aufgenom-
men - bilden filmtechnisch die authentifizierenden .Realitätszeichen', die das
nunmehr Illusionäre als .wahre Erinnerung' beglaubigen. Wie die von Brussig

10 „Ich möchte, daß wir eine erwachsene Nation sind und erwachsen werden.", so Gauck 1995 (zit.
n. Maier 1997: 510). Maier zitiert dies zustimmend. Vgl. auch Schröders Regierungserklärung
von 1998 unter: http://schule.bundestag.de/download/SHOW/reden_und_dokumente/
1990_2003/schroeder_l 998/.
AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN. KÖRPER, NATION 249

angegriffene Autorin Wolf und die sie repräsentierende Mütter-Aufbaugeneration


ist auch Christiane eine überzeugte Sozialistin und vor allem engagierte Bürgerin
der DDR: Der running gag der „Eingaben" machenden Mutter, die hier aber
nicht ihrem Unmut Luft macht, sondern den real existierenden Sozialismus ver-
bessern will, verweist direkt auf den ewig mit „Eingaben" drohenden Vatet in
Brussigs Sonnenallee.
Der Film versöhnt nicht nur die Ostdeutschen mit ihrer eigenen Vergangen-
heit. Er versöhnt auch Ost und West. Der Film wiederholt zunächst das Ost-
West-Verhältnis als Liebesgeschichte im Muster des Liebesverrates. Anscheinend
ist der Vater in den Westen geflüchtet und hat die Familie allein gelassen. Alex
imaginiert sich seinen Vater deshalb als „fetten Typen" im Westen, der sich von
einer „Klassenfeindin das Hirn wegvögeln läßt". Irrtum, wie sich sparet heraus-
stellt: Die Eltern hatten gemeinsam geplant, die DDR zu verlassen, Christiane
hatte es dann aber nicht geschafft, einen Ausreiseanrrag zu stellen. Die Briefe ih-
res Mannes hielt sie vor den Kindern versteckt und beantwortete sie nicht. Nun,
dem Tode nahe, will sie ihren ehemaligen Ehemann noch einmal sehen. Es
kommt zum Treffen am Krankenbett. Zwar können narürlich auch hier Ost und
West kein Paar mehr bilden, aber die (deursche) Familie söhnt sich aus. Die po-
litische Schuldzuweisung geht damit an die Geschichte, nicht an die sie verkör-
pernden Protagonisten. Auch für die Reetablierung des republikflüchtigen Vaters
findet sich ein Vorläufer in der literarischen Verarbeitungen der Französische Re-
volution von 1789: Nach der Tötung des Vatets/Königs wurden in den französi-
schen Familienromanen der 1790er Jahre neue, bessere Väter eingesetzt.
Der Film entwirft genau wie Sonnenallee eine .andere' DDR. .Ms Alex' Mutter
im Sterben liegt, inszeniert Alex auch das Ende des „sozialistischen Vaterlandes":
Mirtels eigenproduziertet Videoproduktionen, in die Fernsehbilder eingeschnit-
ten sind, wird der Mutter das Ende der DDR als aktuelle Nachrichtensendung
vorgespielt: Immer mehr Bundesbürger fliehen vor dem „Ellbogen-Kapitalismus"
in die DDR, Honecker tritt zurück und der ehemalige Kosmonaut Sigmund Jahn
ttitt das Amt des Staatsratsvotsitzenden an. Ausgestrahlt wird diese private Sen-
dung am ersten Jahrestag det deutschen Vereinigung: Als Höhepunkt spricht
Jahn über einen menschlichen Sozialismus und öffnet die Mauer. Die tatsächlich
vor dem Brandenburger Tor stattfindende Feier illuminiert das Geschehen mit
einem Feuerwerk. Auch Alex' ist glücklich: „Die DDR, die ich für meine Muttet
schuf, wutde immer mehr die DDR, die ich mir gewünscht hatte." Der Kosmo-
naut, den Durs Grünbein als Figur vorgestellt hatte, der nach 1989 von seiner
Weltraumreise heimgekehrt, fassungslos vor den Trümmern der Geschichte steht,
ist hier derjenige, der aufgrund seiner erlebten Erdenferne die Vision eines
menschlichen Sozialismus repräsentiert.
Versöhnung praktiziert Good bye Lenin! qua Familienmetapher nach allen (po-
litischen) Seiten: Alex' Schwester ist mit einem ,Wessi' zusammen, Alex selbst mit

II Hunt (1992: 164) schreibr zum postrevolutionäten Familienroman: „Fathers were being reha
bilitated, but only as good fathers."
250 AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER, NATION

einer Russin. Die neuen Familien generieren sich im Verbund der versöhnten al-
ten Familie über Paarsttukturen auf der Brüder- und Schwesternebene. Das so-
zialistische Engagement der Mutter wird rückblickend als Identifikation mit dem
Aggressor und als Anliegen, das Land wirklich lebenswert gestalten zu wollen,
kenntlich. Als sie stirbt, bedeutet dies auch das Ende det inszenierten DDR: Für
Alex wird sie immer - so die letzten Worte des Films - „ein Land" sein, „das in
meiner Erinnerung mit meiner Mutter verbunden sein wird". Die Mutter ist zur
Verkörperung des Landes geworden - eine Weiterentwicklung zum Film Sonnen-
allee, in dem das Land, so die Schlußworte, das Land der Jugend und Verliebt-
heit' war. Die DDR als das Land der Mutter, die Mutter als weibliches Land und
die DDR als Erinnerungsraum — ein romantisches Projekt. Der Film installiert
das Land der Poesie, das schon Novalis suchte. Im Heinrich von Ofterdingen wird
in der Binnenerzählung, dem Klingsohr-M'arcrien, die Asche der verbrannren
Mutter von allen getrunken und damit in einen, durch seinen poetischen Volks-
geist' beseelten Kollektivkörper transformiert: „Das Land der Poesie wird mit
dem Leib der Mutter gleichgesetzt, der jedoch als reale Murrer erst stetben muß,
um als symbolische Landes-Mutter in gleichwohl sehr konkreter Form wiederauf-
erstehen zu können."
Tatsächlich: In die DDR kehrt man nur zurück als Kranke - dies zeigr auch
Christa Wolf in Leibhaftig. Wenn Medea als Exilierte zum Zeichen der schmerz-
haft erfahrenen kulturellen Fremdheit der Autorin Wolf wird, so wird diese in
der Mythenumschrift selbst kompensiert und überwunden durch das Konstrukt
einer remythisierren Weiblichkeit: In dieser Geschlechterkonstruktion generieren
Weiblichkeit als Heilung und Autorschaft als heilende Imagination eine Autorpo-
sition, die der Autorin das weitere Schreiben ermöglicht. Die als nächster größe-
rer Prosatext auf Medea folgende Erzählung Leibhaftig könnte auf diesem Hinter-
grund kontrastiver nicht sein: „Verletzt" (L, 5) lautet der erste Satz. Leibhaftig
gibt als Bewußtseinsstrom die Erfahrung einer tödlichen Erkrankung wieder; eine
Körpergeschichte, die die Ich-Erzählerin zugleich in die Abgründe der politischen
Geschichte führt. Als die Erzählerin eingangs fast bewußtlos ins Krankenhaus
eingeliefert wird, gleitet sie in Erinnerungsbilder ab: „Ich höre mich sagen: Sie
sind in Prag einmarschiert. Und höre meine Mutter flüstern: Es gibt Schlimme-
res. (...) Sie stirbt." (L, 7) Damit setzt die Krankengeschichte genau an dem
Punkt ein, den auch Brussig in Helden wie wir als Ausgangspunkt einer nicht-
reformierbaren DDR wählt: dem gewaltsamen Ende des Ptager Frühlings. Doch

12 Böhn 1996: 97. Böhn zeigt den Zusammenhang der Entwicklung des organischen Körpermo-
dells und poetologischer Konzepte anhand der Schriften Novalis', Jean Pauls und E.T.A. Hoff-
manns.
13 Diese Erkrankung - ein Blinddarmdurchbruch mit anschließender Sepsis und Bauchfell-
entzündung - führte Wolf, deren Immunsystem zusammengebrochen war, 1988 an den Rand
des Todes. Die Rekonvalenz dauerte bis 1989. Wolf selbst, so ihr Biograph Magenau (2002:
363), habe später darüber nachgedacht, „warum diese schwere Krankheit sie ausgerechnet zu die-
sem Zeitpunkt überfallen harte, als der Untergang der DDR, eine Art Immunschwäche des Staa-
tes, unmittelbar bevorstand".
AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN. KÖRPER, NATION 251

schon diese Szene zeigt einmal meht den Unterschied beider Autoren: Wählt
Brussig diese Eingansgzene als Vorausdeutung des Endes, so wird der Einmarsch
in Prag bei Wolf durch das Sterben der Mutter subtil relativiert.
Die Erinnerungen der Erzählerin verbinden sich mit Momenten der Kultur-
als Gewaltgeschichte - „Soldaten des Herodes, welche die kleinen Kinder auf die
Spitzen ihrer Schwerter spießen", „Christen in der Arena Auge in Auge mit den
wilden Tieren" (L, 20) - und damit mit Bildern, die an den berühmten Anfang
von Petets Weiss' Ästhetik des Widerstands, die Beschreibung des Pergamonaltars,
denken lassen. Der Versteinerung des Grauens, dem Weiss' Protagonisten im
Kunstwerk begegnen, ist das lebendige Körpergedächtnis der Erzählerin als
„Martyrium" und als „der Untetgang der Leiber, mein Leib mitten unter ihnen"
(L, 20) allerdings genau entgegengesetzt. Das Krankenhaus sei, erfährt die Erzäh-
lerin im Verlauf ihrer Behandlung, ein „Spiegelbild der Gesellschaft" (L, 47):
Was im folgenden ganz ökonomistisch erklärt witd - Medikamentenmangel auf-
grund fehlender Devisen - , ist indes auch metaphorisch zu verstehen. Zwar ist
die Erzählerin an einer verschleppten Blinddarmentzündung etkrankt, wichtiger
ist aber, daß ihr Immunsystem völlig geschwächt ist, da ihr „wichtigste Stoffe",
,,[a]lle Mineralien" (L, 22), fehlen. Rätselhaft bleibt, was sie derart geschwächt
hat.
Mit Leibhaftig kehrt Wolf in den todkranken Körper der DDR als dem leib-
haftig erlebten body politic zurück. Die wiederholte Frage „Warum ist Ihr Im-
munsystem derart schwach?" (L, 102) läßt sich auch auf den Staat übertragen. Bei
genauerer Sicht sucht diese Erzählung - obwohl Enttäuschungen und Repressio-
nen erinnert werden - allerdings keine Antwort auf diese Frage, denn Leibhaftig
ist zuförderst ein poetologischer Text. Bereirs die intertextuelle Konstruktion gibt
Auskunft über die produktionsästhetische Bedeutung der untergegangenen DDR
für Wolf. Leibhaftig zitiert als phantasierte Unterweltfahrt Dantes La Divina
Commedia und den Orpheus-Mythos. In den Stationen des Hadesganges, die
sich hiet als Eintauchen in den Körper und in verdrängte Bewußtseinsschichten
vollziehen, werden mythologische und realpolitische Orte übereinandergeblendet.
In diesem mythopolitischen Text bildet der Grenzübergang Friedrichsrraße in
Berlin den Transitraum, der sowohl ins „Schattenreich", in die „Unterwelt" wie
in „die andere Welt" - nach West-Betlin (L, 25f.) - führt.
In den Erinnerungen und Phantasien der Erzählerin kommt Hannes Urban
besondere Bedeutung zu. Dieser frühere „Freund und Genosse" (L, 36) harre sich
nach einer zunächt reibungslosen Karriere als Reaktion auf eine scharfe Kritik das
Leben genommen. Immer wieder reflektiert die Erzählerin sein Schicksal. Ist das
erste im Text erwähnte Mythologem der Adriadne-Faden (vgl. L, 15) - also das
Sinnbild, aus einem Labyrinth dutch List und Vernunft herausfinden zu können
-, so wird dieser narrativ als Erinnerung an Urban umgesetzt: Sein Leben und
sein Tod bilden den ,roten Faden' des Hadesganges. Erinnert sich die Erzählerin,

14 Die Erzählerin fühlt sich „vergiftet", will ein „Purgatorium" (L, 93) und sieht „Höllenbilder" (L,
127).
252 AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN. KÖRPER. NATION

einmal bei der Rückreise in die D D R , Urban im Transitraum Friedrichstraße be-


gegnet zu sein, so steigt sie am Schluß in die Friedrichstraße als „Hades" (L, 143)
hinab: Die geteilte Stadt Berlin - „einst ein heiliger Ort, entweiht" (L, 146) -
wird einmal mehr zum traumatischen Raum.
In ihren Traum- und Fieberphantasien sieht sich die Erzählerin von der Ärztin
Kora Bachmann begleitet: „Beziehungsreicher N a m e " (L, 55), stellt die Er-
zählerin fest. Er spielt auf Köre, das jungfräuliche Mädchen und auf die von Wolf
verehrte Dichterin Ingeborg Bachmann an, deren Vers „Du sollst ja nicht wei-
nen" aus dem Gedicht Nichts mehr wird kommen den vorletzten Satz in Leibhaftig
bildet. Wie Vergil und später Beatrice den Dichter Dante durch Inferno, Pur-
gatorio bis zum Paradiso geleiten, so führt Kora Bachmann die Erzählerin durch
die Unterweltbilder, am Schluß sieht die Erzählerin in ihr jemanden, der die
Seelen vor dem Totenreich des Hades abfängt und ins Leben zurückschickt. Die
den Text beschließende Reflexion ruft den Orpheus- und Eurydike-Mythos in
einem Gespräch der Kranken mit Kora Bachmann auch explizit auf. Die Leben-
den dürften sich nicht nach den Toten umwenden, um nicht vom Leben abge-
stoßen zu werden - so das Argument Kora Bachmanns. Das Ich begreift schließ-
lich, „an welchem Zipfelchen Urban und ich zusammenhängen": Es ist der als
„sicherstes Vetsteck" (vgl. L, 180) verstandene Tod.
Daß der Tod das Zipfelchen ist, an dem die Erzählerin und Urban im Kontext
des Dichtermythos zusammenhängen, weist auf die produktionsästhetische Be-
deutung der D D R für Wolf nach 1990 hin. In einem Traum delegiert das Ich
den drohenden Tod an Urban ab: Nachdem sie als „wohlgestaltetet junger heite-
rer blonder Mann" aus einem Fenster geklettert ist - die nächste „wenn auch un-
wahrscheinliche Rettungsmöglichkeit" (L, 65) ist ein benachbarter Balkon - , will
sie selbst nach einer Traumunterbrechung an diese Stelle zurück, denn sie ist
ein für alle mal mein Lieblingsort auf Etden, und da hänge ich, angeklammert, in
einen jungen schönen männlichen Körper verbannt, der aber wenn ich meine Lage
unvoreingenommen betrachte, zum Tode verurteilt ist. Et hat keine Chance, sagt
eine Stimme zu mir, ich frage: Wer Urban? und höre die Stimme: Wer sonst. (L,
67)
Das Ich hat träumend das Geschlecht gewechselt, sich maskulinisiert und wie
Orpheus an die Schwelle des Todes begeben. Zur Toten, zur Eurydike des
Traumes, wird allerdings Urban. Die Erzählerin ist, mit Klaus Theweleit gespro-
chen, am Orpheus-Pol und damit an einer Autorposition angekommen, die ein
dichterisches Sprechen aus der Installation eines „Erinnerungsspeichers" im Reich
der Toten bezieht. Damit geht eine Umdeutung einher: Die Erzählerin versteht

15 Der letzte Satz lautet „Das, sage ich, steht auch in einem Gedicht." (L, 185). Der bei Wolf abge-
wandelte Vers „Du sollsr ja nicht weinen, sagst du" (ebd.) lautet bei Bachmann: „Du sollst ja
nicht weinen, sagt eine Musik". Das intertexuelle Verweissystem reicht über Mahlers 3. Sinlonie.
die von Bachmann zitiert wird, bis in die Romanrik: Mahler entnahm den Satz aus Des Knaben
Wunderhorn. dem Armen Kinder Bettellied
16 Vgl. Theweleit 1994, insbesondere S. 102f.
AUTORSCHAFr IM UMBRUCH: LEICHEN. KÖRPER. NATION 253

Urbans Selbstmord während ihrer Genesung nicht mehr als Ausdruck der Ver-
zweiflung, sondern als Feigheit. Während solchermaßen vermutlich auch ein
(Überlebens-)Schuldgefühl beseitigt witd, ist Urban auch zur Eurydike des Textes
geworden, die ein Weiterleben und Weiterdichten des Ichs ermöglicht. Die
D D R zu überleben, bedeutet offenbar, wie dieser produktionsästhetische Akt
zeigt, nicht nur für ihren Kritiker Brussig, sondern auch für die Autorin Wolf ei-
ne Vermännlichung. '
Wozu tritt Christa Wolf diesen poetologischen Hadesgang an, nachdem sie
mit Medea doch eine nachgerade heroisch zu nennende Autorposition weibli-
cher Heilkraft installiert hatte? Medea ist eine Exilierte, eine Königstochter ohne
Heimat. Während sich die Erzählerin in Animal triste selbst stigmatisiert und Ma-
ron damit eine von Krankheit und Amnesie durchzogene Erzählposition etabliert,
ist es bei Wolf die Medea fremde Kultur, die krank ist und an Gedächtnisverlust
leidet. Nach ihrer Vertreibung werden die Korinther die Pest - das „narrative
Zeichen der Erschürterung des Sozialen" (Girard) - und damit den Utsprung der
Gewalt ebenso vergessen haben wie Medeas Heilkünste, von denen sie vorher
noch profitierten" (so wie die Bundesbürger die Autorin Wolf nach det Ver-
einigung entwerteten). Anders als in Marons Animal triste, in der zumindest der
entgrenzte und in sich aufgelöste Berliner Stadtraum dem liebeskranken Zustand
der Erzählerin glich und solchermaßen eine räumliche Spiegelung und Verortung
bot (vgl. At, 209f.), stehen sich in Medea Heldin und fremde Kultur unversöhn-
lich gegenüber: das kranke Korinth und die Heilerin aus Kolchis, Androzentris-
mus und Weiblichkeit, Sozialismus als Utopie und real existierender Kapitalis-
mus.
Als Figuration der intrakulturellen Fremdheit nach der Vereinigung schließt
Wolfs Medea hiet an Euripides an, der in seinem Drama das der „Heimat-
Beraubt-Sein", also das Exil, „der Übel größtes"" nennt. Wenn Wolf in Santa
Monica ein mögliches Fortgehen aus Deutschland im Anschluß an den Traum
von der Währungsunion ablehnt und damit den Gang ins Exil als Angstphantasie
bewältigt, so repatriiert sie sich nach Medea mit Leibhaftig wieder in ihrem urei-
gensten mythopolitischen Raum. Christa Wolf setzt mit Leibhaftig eine Tradition
fort, die seit Thomas Hobbes Autorschaft und kollektiven Körper verbindet: Als
der neuzeitliche Staat als Souverän im Leviathan sein Bild findet, witd nicht nur

17 Wolfs Biograph Magenau (2002: 257) intetpretiert die Freundschaft Christa Wolfs mit Christa
Tabbert - dem biographischen Vorbild der Christa T. - und den Schriftstellerinnen Maxie
Wander und Brigitte Reimann. die alle an Krebs starben und deren Tod sie in einem Überlebens-
traum in Kindheitsmuster vetarbeitete, ähnlich: „Es ist, als habe Chtista Wolf die Nähe dieser ge-
fährdeten Frauen gesucht und gebraucht, als entscheide sich in deren Sterben das eigene kom-
plemenräre Überleben, indem sie all diese Tode in Text umwandelt."
18 Diese Maskulinisierung findet sich auf det narrativen Ebene auch in Heins Willenbrock.
19 Anz schreibt in der Süddeutschen Zeitung vom 273. März 1996 (zit. n. Steskal 2001: 341) un-
umwunden: „In der Stimme Medeas artikulieren sich Christa Wolfs eigene Hoffnungen, Ent-
täuschungen und Kränkungen."
20 Girard (vgl. 1985: 144f.) betont, daß die .Vergesslichkeit' konstitutiv zum Opferkult gehöre.
21 Euripides [431 v. Chr.] 1972: 27.
254 AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN. KÖRPER. NATION

dessen Konstruktionscharakter deutlich." Das Titelkupfer des Leviathan verweist


mit der Plazierung von Hobbes' Namen auf eine neue Funktion von Autorschaft:
„Er ist neben Gott, die zweite unsichtbare, aber zeichenhaft vergegenwärtigte In-
stanz des Schöpferischen, die sich als exremer Legitimationspunkt der Souverä-
nität ins Gedächtnis ruft und die Trinität von Gott, Souvetän und Autor vervoll-
ständigt."" Als die DDR zetbrach, löste sich auch der Staat als imaginäre Institu-
tion, als textgestützter body politic auf. Mit Leibhaftig wird der body politic - im
Titel programmatisch - von Wolf noch einmal erschaffen. Diese Verleiblichung
im eigenen Autorenkörper gleicht einem Hadesgang in die Abgründe der eigenen
Erinnerungen, die sich somatisiert zeigen im kranken Körper der Autorin." Doch
dem Hades gilt es wieder zu entkommen. Wie für die Pop-Autoren und -Filmer
verkörpert zwar auch für Wolf die DDR einen Erinnerungsraum - allerdings ist
er nicht weichgezeichnet. So verläßt Wolf den historischen Hades DDR - nicht
ohne ihn dem Vorbild Orpheus folgend, zum Erinnerungsspeicher gemacht zu
haben: Eurydike eingeschlossen.
Dieser Etablierung literarischer Erinnerungsräume - denen im Westen die Ar-
chivierung der 70er und 80er Jahre entspricht — stehen Gesten des Verwerfens
und der Inszenierung von Traumen gegenüber. Menninghaus hat die Konjunktur
des Ekels in der abject art in den 80er und 90er Jahren dem theoretischen Interes-
se am Verworfenen, am Abject, untet postmodernen Vorzeichen verbunden. So
habe Kristeva in der Insistenz des mütterlichen Lustkörpers - als le vre'eldas Reale
und die Wahrheit zugleich — Teil am Legitimationsproblem der humanities, die
solchermaßen wieder an das schon dekonstruierre Subjekt und seine Geschichte
anschließen könnten: „Als Gefühl des Ekels und Wiedereroberung des Ekelhaften
kehren alle drei - Geschichte, das Reale, Wahrheit - auf emphatische, mit einer
starken Affektqualität aufgeladene Weise wieder."" Damit steht der Ekel in enger
Verbindung zum Trauma: Beide geben dem Subjekt eine Geschichte. Die zeitge-
schichtliche Literatur nach 1989/90 teilt grundsätzlich den im Ekel artikulierten
„Alarm- und Ausnahmezustand","' der Einsatz dieser Vitalempfindung ist aber
durch assoziierte Bildfelder untetschiedlich kontextualisierr und folgr damit diffe-
renten Funktionen. Erscheint in Marons Animal triste die DDR als Verworfenes,
so in Hettches Nox die nationalsozialistische Vergangenheit. Der Mauerfall er-
scheint in Nox nicht als Signum eines revolutionären Prozesses, sondern, noch-
mals mir Elisabeth Bronfens Bild gesprochen, als das Öffnen einer Grabplatte."
Die Mauer als Grabplatte habe nicht nur die jeweils anderen Deutschen zu

22 Vgl. Matala de Mazza 1999: 63.


23 Matala de Mazza 1999: 81.
24 Das Titelbild von Leibhaftig illustriert den doppelten Körper als Hades sehr schön: ein großer,
dunkler Scharten hinter einer Frau.
25 Menninghaus 1999: 556.
26 Menninghaus 1999:7.
27 Vgl. Bronfen 1997. Schon am 29. März 1989 schrieb Michel Tournier (1990: 44) in der Frank-
furter Allgemeinen Zeitung, daß ein Ausländer schnell merke, daß „die Bundesrepublik unter einer
Maske von Wohlstand und stabilem Gleichgewicht erschreckende Traumata und Neurosen ver-
birgt".
AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER. NATION 255

.Zombies' gemacht - ausgesaugt vom jeweiligen System - , sondern fungierte auch


zum Zeichen, das das faschistische Erbe ,begrub' und an die Stelle fehlender rea-
ler Grabsteine trat. Bronfen versteht die Mauer als Symprom unerledigter Schuld.
Bezeichnenderweise wählte auch Walset die Grabmetaphet, als er die deutsche
Einheit wünschte: „Wenn der Faschismus unter dem Boden ist, ist die Teilung
nicht mehr gerechtfertigt."" Karl Heinz Bohrer bezeichnete die Teilung
Deutschlands als „Nullpunkt"," der zur kollektiven Amnesie geführt habe, die
erst durch die Vereinigung als Annahme der verdrängten Vergangenheit aufgeho-
ben würde. Es erscheint wie ein literarischer Kommentar, wenn Woelks Rückspiel
die Nachforschungen um die Mitschuld des „alten Faschisten" (vgl. R, 60) Kam-
pe am Selbstmord seines jüdischen Schülers während der euphorischen Novem-
bertage in Berlin einsetzen läßt. Diese Recherche ist symptomatisch für den
Zwang und die Notwendigkeit, die kollektive Geschichte - und sei es nur anhand
eines ihrer Vertreter - zu ergründen: „Es gibt Gründe, die Öffnung der Mauer als
den Moment zu betrachten, an dem mir die Dinge entglitten sind, ab dem ich
die Kontrolle verloren habe, an dem ich nicht mehr die Wahl hatte, ob ich die
Geschichte Kampes ruhen lasse oder nichr." (R, 208) Tatsächlich ist der Mauer-
fall selbst - dies wird vor allem in Nox als einem Text deutlich, der sich qua Titel
den histotischen Moment auf die Fahne schreibt - weniger heroischen als trau-
matischen Momenten verbunden.
Auch hier zeigen sich imagologische Entsprechungen. Harte Walser 1977 in
seiner Rede über die .Wunde namens Deutschland' ein Kollektivsubjekt postu-
liert, das, einem verspäteten Kriegsheimkehrer gleich, als Opfer die Last deutscher
Geschichte trägr - „Wir alle haben auf dem Rücken den Vatetlandsleichnam, den
schönen, den schmutzigen, den sie zerschnitten haben" —, so wird das Autor-Ich
in Flettches Nox mit dem analog zum Mauerfall vollzogenen Schnitt in die Kehle
des Erzählers zu eben dieser vaterländischen Leiche: Der Schriftsteller, der nach
einer Lesung im Literarischen Colloquium in der Nacht des Mauerfalls ermordet
wird - der tote Ich-Erzähler als verwesende Leiche —, verweist auf den Autot
Hettche selbst, der ebendort am Abend des 9. November einen Auftritt hatte.
Stilisierte sich Walser in seiner Wunden-Rede einmal mehr als Autor zum
Schmerzensmann des geteilten Deutschland, so wird auch Hettches Autorpositi-
on nach 1989/90 zur nationalgeschichtlichen Angelegenheit. Wenn Walser in der
Wunden-Rede die Schuld am zerschnittenen .Vaterlandsleichnam' auf ein an-
onymes .sie' projiziert, so bedeutet dies nicht nur die innerpsychische Entlastung
des sich schuldig fühlenden Zeitgenossen, es matkiert auch den Wechsel des Au-
tors in die .weibliche' Opferposition. Während entsprechend in Walsers Novelle
Dorle und Wolfvon 1987 der auf Grund der deutschen Teilung nur mehr einar-
mig klavierspielende Protagonist Wolf Zieger in der Verbindung von Hysterie

28 Zit. n. Borries 1995: 36. Vgl. auch Walser [1990] 1997g: 445
29 Zit. n. Lewis: 1996: 128.
30 Walser [1978] 1997c: 208.
256 AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER, NATION

und Klavierspielen nachgerade eine Patientin Freuds am Anfang des letzten


Jahrhunderts darstellen könnte - und solchermaßen die deutsche Teilung als
Verweiblichung und mithin Kastration inszeniert - , so rückr der Autor in Hett-
ches Nox in die kulturell als weiblich konstruierte Position der Leiche, während
die allmächtige Mörderin mit dem phallischen Messer ausgestattet ist. Auch hin-
sichtlich der Korrelation von Autorschaft und Vaterlandsemphase erfolgt bei
Hettche eine Verleiblichung - und damit Desymbolisierung — der Zeichen.
Hettches Durchgang durch die Schrecken der im Mauerfall entgrenzten deut-
schen Geschichte weist gegenüber Walsers Einlassungen gerade in ihren durchaus
ambivalenten Entstellungen eine andere Qualität auf. In Nox tritt das Autor-Ich
als Leichnam in einen Dialog mit dem freigelassenen Grenzhund, der eine andere
Autor-Imago - diejenige Durs Grünbeins - aufruft: Das in Nox inszenierte
,Theater der Anatomie' schließt auch an die anatomische Lyrik' von Grünbeins
Schädelbasislektion (1991) an, in der sich das lyrische Ich in Anspielung auf Rim-
baud charakterisiert: „Ich ist kein andrer / Als dieser Grenzhund der sich selbst
bewacht". Diese Chiffre hat Heiner Müller 1995 in seiner Laudatio Portrait des
Künstlers als junger Grenzhund anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises an
Grünbein zum Signum des Autors erhoben. Obwohl Hettche wie Walser im
Mythos der geteilten und nun geheilten Kugelwesen die Nation biologisieren,
wird mit der Anspielung auf Grünbein nicht nur ein poetologisches .Geschwi-
sterverhältnis' präfiguriert, indem das Bild der getrennten Brüder hüben und
drüben als Autoren-Wiedergängerpaar erscheint, es setzt auch mit der autor-
schaftgenealogischen Verortung bei Rimbaud ein Verständnis des Subjekts ins
Bild, das auf intrapsychischer und damit intrakultureller Alterität beruht.
Läßt Hettche sein altes Autor-Ich mit dem Mauerfall sterben, so betreibt Wal-
ser hingegen die Reanimation des Vaterlandsleichnams'. Der Autor, der seine
Position einmal selbstironisch und aus seiner Sicht ein Mißverständnis bezeich-
nend, als die eines „Nationalreferenten" bezeichnet hatte, legitimiert die imagi-
nierte Gemeinschaft über eine nunmehr .bewältigte' Vergangenheit und reprodu-
ziert dabei erneut die Einheit der Nation über ihr Anderes - die Juden. Walsers
Definition des Mauerfalls als .deutscher Revolution' bereits am 10. November
1989 schloß nicht nur eine eigenständige demokratische Revolution in der DDR
von vornherein aus, sondern rückte sie umstandslos in den Kontext der Nation.
Die Wiederbelebung des geteilten - und solchermaßen als Leiche feminisierten -
Vatetlands erfolgt in Walsers deutschlandpolitischen Ausführungen nach 1989 als
Remaskulinisierung seines Srellvertreters - des Nationalautors. In seiner auf die
Friedenspreis-Rede folgenden Debatte mit Ignatz Bubis und im Streit um seinen
Roman Tod eines Kritikers maskulinisiert sich Walser gewissermaßen zum natio-
nalen Einen gegenüber dem .jüdischen Anderen'. Mit dem Skandalbuch Tod ei-

31 Hier handelt es sich auch um eine Anspielung auf die Armerkrankung des Lieblingskomponisten
Ziegets, Schumann.
32 Zur Lyrik Grünbeins vgl. Ryan 2001 und Erharr 1997.
33 Walser [1994] 1995:307.
34 Vgl. Peitsch 1993:479.
AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER, NATION 257

nes Kritikers sind Walsers literarische body politics schlußendlich auf ihrem eigen-
sten Feld angekommen: der Schriftsteller als .literarischer Nationalteferent', des-
sen Gegenüber der jüdische Kritiker ist. Zunächst scheint es sich bei Tod eines
Kritikers um eine Kriminalgeschichte zu handeln: Der Autor Hans Lach ist ver-
dächtig, den Literaturkritiker Ehrl-König umgebracht zu haben. Det Roman re-
konstruiert das Geschehen und die möglichen Motive für den Mord zunächst aus
der Sicht eines Freundes, der sich schlußendlich als alter ego Lachs entpuppen
wird. Dem scheinbaren Mord - denn auch dieser war keiner, der Kritiker war
nur mit seiner Geliebten abgetaucht - geht die Geschichte der Demütigung des
Autors durch den allmächtigen Kritiker voraus, die der Freund in Gesprächen
mit Bekannten und Zeitzeugen rekonstruiert. Der Schlüsselroman chiffriert eini-
ge prominente Zeitgenossen des Literaturbetriebs, zum Skandalon geriet indes die
diffamierende und mit antisemitischen Klischees operierende Darstellung des
Kritikers Ehrl-König, als dessen Vorbild' Marcel Reich-Ranicki diente. Schirr-
macher lehnte den Vorabdruck des Romans in der Frankfurter Allgemeinen Zei-
tungin einem offenen Brief an Walser ab und löste damit die sogenannte Walser-
Debatte aus.
Auch in Tod eines Kritikers sind es Körper, die Differenz markieren. Dabei ver-
decken die abfällige Charakterisierung des jüdischen Kritikers als altem, widetli-
chen Lüstling und die von Walser im Text schon als Skandalon antizipierte und
ausgestellte Ermordung eines Juden geradezu die bedenkliche Nähe dieses Textes
zur kulturhistotischen Konstruktion des jüdischen Körpers als dem ,anderen' Kör-
per. Schon das Roman-Personal bildet in den widerspruchslos vorgetragenen An-
klagen gegen den Kritiker - sogar die Mutter hat ihn abgelehnt, die Ehefrau selbst
bezichtigt sich gat selbst des Mordes - eine unangenehm einmütige Gemeinschaft.
Am Schluß des Romans scheint alles gut auszugehen: Der Kritiket ist nicht tot,
Lach, der zwischenzeitlich zwar psychiatrisch interniert war, befindet sich nun mit
einet attraktiven Verlegerwitwe im Urlaub. Doch in dieses happy end schiebt sich
eine bedrohliche Zukunftsphantasie, die das Thema des Romans unter biopoliti-
schen Vorzeichen noch einmal surreal übersteigert. In einem als Notiz aus dem
Jahre 2084 bezeichneten Text, wird das Thema des Romans - die Auslieferung der
Autoren an den Literaturbetrieb - in eine ferne Zukunft projiziert. Die mittler-
weile alterslos gewordene Menschheit lebt in der „E-O-Kultur" von „Ejakulation
und Otgasmus" (TK, 202), deren Höhepunkt eine tägliche Literatutsendung bil-
det, die nicht von ungefähr an das Literarische Quartett - Antje Vollmer hatte von

35 Ich habe an dieser Debatte mit einer Rezension in der tageszeitung teilgenommen; die
Textgtundlage bildete die kursierende Manuskript-Datei (vgl. Brüns 2000c). Die nachfolgenden
Ausführungen basieren auf meiner damaligen Deutung. Im folgenden zitiere ich nach der veröf-
fenrlichten Fassung Tod eines Kritikers. Die Dissertation von Lorenz (2005) bestätigt den hier
vorgelegten Argumentationsgang.
36 Wenn Borchmeyer (2003b) richtig schreibt, daß „Todeines Kritikers [...] seine eigene Wirkungs-
schichte vorwegnimmt, ja initiiert", dann dient der vorhersehbare Skandal auch dazu, den wirkli-
chen Skandal - die über die biogenetische Phantasie geleistete Aktualisierung einer rassentheote-
tische Konstruktion eines anderen Körpers - des Textes zu übetdecken. Er wurde denn auch
nicht wahrgenommen.
258 AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER, NATION

ihr in der Grass-Debatte als „Arena" gesprochen - erinnert: „Solche Event-


Manegen gab es in allen Erdteilen. Abet die Großen Vier, die die GLÄSERNE
M A N E G E erfunden hatten, waren die Größten. Im Leiden und im Jubilieren.
Der Aal war der unübertreffbare Meister in beidem." (TK, 203) Dessen Körper
ist - die Platitüde liegt nahe - zur Meßlatte literarischen Erfolgs geworden: „Der
Aal ließ, während er litt odet jubilierte, sein Geschlechtsteil zoomen. Und was
dann zu sehen war, war Wirkung von Literatur." (TK, 206)
Der leibhaftige Exzeß des Sexuellen verdeckt, was diesen Körper charakte-
risiert: seine andersartige Physis:
Auch als man noch nicht jede Körperzelle in Stammzellen umwandeln konnte,
hatte man schon Antiaging-Cells aus den Hoden der Drosophila gewonnen. [...]
Der Aal gehörte zu den ersten zehn Menschen, die die Antiagingcells [sie] noch von
der Drosophila bezogen hatten. Schon deshalb ist et ein Heros der E-O-Kultur.
(TK, 204)

In der traumartigen Zukunftsvetsion als dem „anderen Schauplatz" (Freud) des


Textes werden Juden gerade nicht über das Spiel mit antisemitischen Klischees si-
gnifiziert. Stattet der Roman Ehrl-König mit einigen bekannten Eigenheiten
Reich-Ranickis aus und garantiert so seine Wiedererkennbarkeit, so ist der J\a.Y
eine weitere Figurarion des jüdischen Kritikers. In der Verschiebung spricht sich
- vom Autot unbewußt - der rassentheoretisch begründete Antisemitismus aus,
der hier unter aktualisierten Vorzeichen als biomedizinische Phantasie einer ge-
netischen Abweichung erscheint: einerseits die Minderheit, die als Hybrid aus
Tier-Mensch gekennzeichnet ist, und andererseits der Rest der Menschheit, det
sich aus körpereigenen Zellen regeneriert und so seinen eigenen ,Stamm' bildet.
In den körpereigenen Zellen ist das genealogische Prinzip des deutschen Volkes,
das sich über die Abstammung definiert, ins Bild gesetzt. Die ,neue Sprache der
Berliner Republik', die Klotz und Wiegel in der Entsorgung der Vergangenheit
im neuen Deutschland ausmachen, wäre in diesem Fall keine: nicht nur, weil sie
alte Phantasmen reinszeniert, sondern vor allem weil sie jenseits der Sprache ver-
läuft.
Wie Hettches altes Autor-Ich mit Mauerfall und Vereinigung stirbt oder zu-
mindest als nach dem Tode weiterhin wahrnehmungsbegabte Leiche verwest, so
wurde auch Borho Strauß' Text Anschwellender Bocksgesang als Versuch einer
Selbstopferung des Autors unter neudeutschen Verhälrnissen intetpretiert. Die
heftige Debatte, die der Essay auslöste, sei - so verstand dies zumindest Bernhard

37 Vgl. Vollmer [1995] 1996: 328.


38 Gerade diese Vision rransportiert das eigentliche antisemitische Potential des Textes. Dieses wut-
de in der Debatte und wird auch in der nachfolgenden Forschung völlig übersehen: Gegen den
Vorwurf des Antisemitismus richtet sich der von Borchmeyer und Kiesel (2003) herausgegebene
Sammelband, der Vorrang die satirische Intention des Romans betont. So sieht Borchmeyer
(2003b) in dieser Vision „das Niveau der englischen Satite ä la Swift, inklusive ihter Drastik und
gattungsspezifischen .Geschmacklosigkeit'" erreicht. Ftanz Loquai (2003: 171) sieht den Roman
mit dieser Vision „endgültig postmodern" werden.
AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER, NATION 259

Greiner - vom Autot kalkuliert gewesen: Strauß habe die Tragödie, deren wörtli-
che Bedeutung er ungenau mit .anschwellender Bocksgesang' angibt, selbst initi-
iert, um sich von der Kritik .zerreißen' zu lassen und so ein Opfer an der Ge-
meinschaft zu btingen. Sollte diese Deutung zutreffen, so stellt sich auch hier
die Frage, ob dieses vom Autor vollzogene Selbstopfer an der deutschen Gemein-
schaft nicht ebenfalls des jüdischen Anderen bedarf. Denn mit Girard gedacht,
kann sich die Gründungsgewalt nicht als solche, sondern nur als historisch kon-
textualisierrer Konflikt - und damit auch nur als .Verkennung' - äußern. Auch
der Streit um den Anschwellenden Bocksgesang kulminierte in der Auseinanderset-
zung mit Ignatz Bubis, als dieser 1994 das Manifest zum „Phänomen des intel-
lektuellen Rechtsradikalismus" zählte. Als ahistorisches Ritual gedacht, aktuali-
siert die inszenierte Gewalt im Dienste det Gemeinschaft damit .nur' Formen hi-
storischer Gewair, die sie in den Nachkommmen der Opfer und Täter wieder-
holt. Dem scheint Strauß' Text zu widersprechen: Der Autor wirft als der „kate-
gorischen Verrechnung der schlimmsten Mißstände unserer Zeit auf dem Ver-
antworrungskonto der Linken" dieser vor, sie habe „die beredte Abarbeirung des
nationalsozialistischen Unheils zum moralischen Ausweis der deutschen Nach-
kriegsidentität gemacht". " Dieser Funktionalisierung stellt Strauß ein Verständ-
nis der nationalsozialistischen Verbrechen als einem Verhängnis in „einer sakralen
Dimension" gegenüber, das die Deutschen unter das „tremendum" (AB, 261)
stelle. Die Sakralisierung der NS-Verbrechen rückt diese allerdings in die Nähe
eines Traumas, das neben den Opfern auch die Täter umfaßt. Damit okkupie-
ren auch die (Nachkommen der) Täter die Opferposition.
Sollte Strauß das Sündenbock-Modell als Dienst des Schriftstellers an der Ge-
meinschaft vom Text auf die gesellschaftliche Bühne übertragen und damit sich als
„pathetische Figut" inszeniert haben, so wirkt doch det ganze Akt - wenn man
ihn denn so deutet - eher wie die Beschwörung einer autorschaftsgeschichtlichen
Pathosformel, in der sich die Bilder des Dichrers als Priester, Heiler und Natio-

39 Vgl. B. Greiner 1996. Fuß (2001: 178) konstatiert hinsichtlich det saktalen Poetik: „Was Sttauß
zu den Nachtseiten und det Nacktheit unsetet Zwischenmenschlichkeit zu sagen hat, bleibt kon-
struiert. Vermitteln können uns die Texte nicht, wofür sie wortgewandt plädieren: Zu Hingabe
und Schweigen läßt sich durch die Zeilen des poeta doctus Botho Strauß nicht finden."
40 Zit. n. Braun 1997: 271.
41 Funke 1996:232.
42 Funke 1996:227.
43 Zugleich erinnert dies an den Vorwurf Walsers, die Linke habe die histotische Schuld tunktio-
nalisiert.
44 Wenn Funke (1996: 220), die ihre litetaturwissenschaftliche Arbeit ganz im Geiste der von
Strauß geforderten Demut schreibt, diese Stelle folgendermaßen interpretiert: „Vetsagung und
Schweigen also als Wege zur Heilung der Versehrten und entwerteten Sprache", so ist dies symp-
tomatisch: Es geht wieder um das Leiden der Tätet tesp. ihrer Sprache. Damm (1998: 127) zeigt,
daß der Begriff der Geschichte bei Strauß im Sinne des Mythos konstruiert wird. Eine einleuch-
tende Vetteidigung unternahm allerdings Nordhofen (1994) in der Zeit, der Strauß' Insistieren
auf dem „Unverfügbaren" der nationalsozialistischen Verbrechen als Akt der Aufklärung bezeich-
nere.
45 Willer 2000: 134.
260 AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN, KÖRPER, NATION

nalautor verdichtet haben. Diese Zuschreibungen finden sich nicht nur bei Strauß,
Wolf und Walser, sonden auch bei Grass. Auch Grass versteht Literatur als „medi-
zinische Dienstleistung primärer Art" - eine, die er notfalls auch als bittere Medi-
zin verabreicht. Fuld hat, wie schon zitiert, Ein weites Feld als Ausdruck der ge-
kränkten Eitelkeit eines Nationalschriftstellets interpretiert, dessen politische Vor-
stellungen sich nicht realisiert haben. Da Geschichte „anders entschieden" hat, solle
Grass konsequenterweise seine „alte Stellung als Lehrmeister der Nation" aufge-
ben. Wenn die Geschichte dem Autor schon nicht folgt, so kann er doch wenig-
stens seinen Protagonisten Fonty mit könglichen Würden ausstatten:

Am Abend der Umbettung der beiden preußischen Könige kann Fonty den Ruhm
für sich verbuchen, von Veranstaltungsbesuchern seinerseits zum König ausgerufen
zu werden. Der Intellektuelle als det wahte Held, der zu feiern ist: ein Wunsch-
traum nur, vor dem Fonty auch gleich davonläuft. Es spricht aber einiges dafür, hier
ein heimliches Begehren von Günter Grass zu erkennen.

Sicherlich sind solche Deutungen (auch) spekulativer Natur. Sie zeigen aber, daß
Autorschaft im M o m e n t eines kulturellen Umbruchs ebenfalls redefiniert wird
bzw. der Schriftstellet als Produzent kollektiv wirksamer Sinnzusammenhänge ei-
ne herausgehobene Funktion erhält. Die Literatur des Umbruchs wird solcher-
maßen zum Austragungsort kultureller Redeflationen. Geht sie in ihren Fiktio-
nen dem ihr eigenen „Deutungsgeschäft" nach und formt solchermaßen das
kulturelle Imaginäre entscheidend mit, so tut sie dies nicht etwa unbehelligt und
ungestraft. Als Institution kollektiver Selbstverständigung und Sinnbildung wird
auch sie — in ihrem eigenen Selbstbild - durch eine veränderte Wirklichkeit her-
ausgefordert, ja angegriffen. So scheint die Ablösung des Familialen als Ausdruck
der deutsch-deutschen Zusammengehörigkeit auch auf der Autorenebene eine
Entsprechung gefunden zu haben: Wohl kaum ein anderer Auror oder eine Auto-
rin wurde nach der Vereinigung so angegriffen wie Christa Wolf und Günter
Grass - die beiden ,Nationalschriftsteller' der D D R und der BRD. In diesen An-
griffen artikulierte sich mehr als nur die berechtigte oder unberechtigte Kritik an
Texten. Das moralische und kritische Eltempaar Wolf/Grass, das weibliche und
das männliche literarische Übet-Ich, das die neue deutsche Nation auf der Auto-
renebene hätte repräsentieren können, wurde für ebenso obsolet erklärt, wie sich
die ganze Familienrhetorik als unzeitgemäß erwiesen hatte. Ende der 90er Jahre
betraten dann die Autorinnen des sogenannten literarischen ,Fräuleinwunders'
und die zumeist männlichen Popliteraten, gefolgt von den Zonenkindern des
Ostens, die öffentliche Bühne — eine Geschwisterhorde, die im Medienverbund
agiert.

46 Zit. n. Haase2001: 129.


47 Fuld (1996: 307) in seiner Besprechung in Die Wochevom 25. August 1995.
48 Kube 1997: 360. Kube verweist auf Cepl-Kaufmann (ebd.), die Grass attestiert, nach seinen po-
litischen Enttäuschungen in den 60et Jahren zunehmend mit der Position eines „aufgeklärten
Absolutismus det Intellektuellen" zu sympathisieren.
49 Erhart/Niefanger 1997b: 5.
AUTORSCHAFT IM UMBRUCH: LEICHEN. KÖRPER, NATION 261

Brussig kann als erster gesamtdeutschet Autor bezeichnet werden. Aus dem litera-
rischen Revolutionär ist folgerichtig der neue Souverän oder der primus inter pares
dieser Geschwisterhorde geworden. Die von ihm initiierte literarische Vereini-
gung im Zeichen von Pop steht zugleich im Zeichen der Filmisierung von Ge-
schichte: Brussig schrieb mit Leander Haußmann das Drehbuch für Sonnenallee,
dann folgte Brussigs Text Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Haußmann ver-
filmte dann auch Regeners Herr Lehmann, hier trat Btussig als DDR-Grenzer auf.
Regisseur Detlef Bück, der in Sonnenallee den Polizisten spielte, gibt hiet Ixh-
manns Freund Karl, und wenn Herr Lehmann vor der geöffneten Mauer auf Jür-
gen aus Eberswalde trifft, so hat derselbe Schauspieler schon in Sonnenallee als
Gast aus Dresden bei Michas Eltern auf dem Sofa gesessen. Daß Haußmann die-
selben Kulissen für Sonnenallee und Herr Lehmann — und damit für die Jugend-
kultur in Ost- und West-Berlin verwendet, zeigt einmal mehr, daß alles im glei-
chen Raum stattfindet - nur ist dieser nicht unbedingt ein historischer. Die
Verfilmung von liegen lernen wurde - wie das Filmplakat zu Werbezwecken an-
nonciert—von den „Machern von Good bye Lenin! gemacht" und Good bye Lenin!
ist zweifelsohne die (filmische) Aussöhnung Deutschlands gelungen. Zu Recht
fordert eine Berliner Kinokette in ihrer Werbebroschüre den „großen vater-
ländischen Regieorden" für den Film: Good bye Lenin! ersetzt den fehlenden
Wenderoman und ist zu einer Art nationalem Gtündungsdokument geraten.
Dies erkannte offenbar auch der Bundestag und besuchte fast geschlossen eine
Vorführung des Films. " Was sagt das über die Literatur des Umbruchs? Daß die
Zeit der vaterländischen Leichen und hystorischen Autoren, Heiler und Priester
wohl vorbei ist — und der Rest ist Kino.

50 Mit bereits zwei Hilfen für den Schuluntetricht - vgl. Lammers (2000) und Krischel (2002) -
wird Brussig auch kanonisierr. Zudem arbeitet Brussig auch an Edgar Reitz' ambioniertem Film-
projekt Dritte Heimat - dem Nachfolgeprojekt von Zweite Heimat — mit. Katja Nicodemus
(2004) stellte in der Zeit (est: „Heimat 3 heißt im Untertitel Chronik einer Zeitenwende, doch ge-
rade die Zeit, die wechselnden Atmosphären und nebensächlichen Zeichen einer Ära hat Reitz
nicht mehr im Blick. Heimat, das ambitionierteste deutsche Fernsehprojekr, begann als Epochen-
erzählung und endet als Familienserie."
51 Karja Nicodemus schrieb in der Zeit vom 28. August 2003: „Vielleicht müsste man endlich ein
mehrjähriges Leinwandverbot aussprechen für die eine historische Kulissenstraße in Potsdam-
Babelsberg? Unser kuscheliges Universalsträßchen, an dem offenbar kein in Deutschland ge-
drehter Zeitgeschichtsfilm vorbeikommt. Inzwischen kennen wit jeden Eingang und jedes Fen-
ster der grauen Häuserzeile, in der neben Haußmanns neuem Film auch Sonnenallee, Der Tunnel
und Roman Polanskis Der Pianist gedreht wurden. Selbstredend ist auch Margarethe von Trottas
Widersrandsfilm in dieser Straße zu Hause, über die Herr Lehmann gewissermaßen aus der
Reichshauptstadt direkt ins Kreuzberg der Endachtziger totkelt."
52 Good bye Lenin! gewann darüber hinaus neben einigen Bambis und anderen Auszeichnungen
auch den Europäischen Filmpreis 2003 und wurde im gleichen Jahr als deutscher Film für die
Oscar-Verleihung in Hollywood nominiert.
SIGLEN DER ZITIERTEN TEXTE

Arjouni MH Magic Hoffmann


Becker, Jürgen GT Aus der Geschichte der Trennungen
Becker, Jurek Ah Amanda herzlos
Braun E Das Eigentum
Wg Das Wirklichgewollte. In: Das Wirklichgewollte
SD So stehn die Dinge. In: Das Wirklichgewollte
Wk Was kommt? In: Das Wirklichgewollte
Brussig H Helden wie wir
S Am kürzeren Ende der Sonnenallee
Burmeister UN Unter dem Namen Norma
Dtawert SP Spiegelland
Goosen LI liegen lernen
Grass WF Ein weites Feld
Grünbein TB Transit Berlin
Hein, Christoph W Willenbrock
Hein, Jakob MT Mein erstes T-Shirt
Hensel Zk Zonenkinder
Hettche N Nox
Hilbig 1 „Ich"
Kubiczek JT Junge Talente
Kumpfmüller HF Hampels Fluchten
Maron At Animal triste
Zo Zonophobie
Menasse Seh Schubumkehr
Mielke TM Der Tag an dem die Mauer brach
Rosenlöcher VP Die verkauften Pflastersteine
WW Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern
O Ostgezeter
Regener HL Herr Lehmann
Schmidt GL Die Gunnar-Lennefsen-Expedition
Stadler HS Ein hinreissender Schrotthändler
Strauß AW Aufstand gegen die sekundäre Welt
Schi Schlußchor
WDL Wohnen Dämmern Lügen
FK Die Fehler des Kopisten
AB Anschwellender Bocksgesang
Timm Jn Johannisnacht
Walser DW Dotle und Wolf
VK Die Verteidigung der Kindheit
264 SIGLEN DER ZITIERTEN TEXTE

ES Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede


TK Tod eines Kritikers
Wagner P Paradies
Woelk R Rückspiel
Wolf BB Wo ist euer Lächeln geblieben? - Brachland Berlin
AP Abschied von Phantomen
M Medea
St M Santa Monica, Sonntag, den 27. September 1992
L Leibhaftig
PRIMÄRLITERATUR/INTERVIEWS/FILME

Arjouni, Jakob:
1996 Magic Hoffmann. Roman. Zürich.
Becker, Jürgen:
1999 Aus der Geschichte der Trennungen. Frankfurt/M.
Becker, Jurek:
1992 Amanda herzlos. Roman. Frankfurt/M.
Becker, Thorsten:
1985 Die Bürgschaft. Zürich.
1996 Schönes Deutschland. Roman. Berlin.
Biermann, Wolf:
1991 U n d als wir ans Ufer kamen [1976]. In: ders.: Alle Lieder. Köln. S. 280.
1993 Der Lichtblick im gräßlichen Fatalismus det Geschichte. Rede zur Verleihung
des Georg-Büchner-Preises [1991]. In: Böthig/Michael 1993. S. 298-304.
Boyle, T. C:
1996 America. Roman [amerik. Original: T h e Tortilla Curtain. New York 1995]. Aus
dem Amerikanischen von Werner Richter. München, Wien.
Braun, Volker:
1996 Die W e n d e [1988]. In: ders.: Lustgarten. Pteußen. Ausgewählte Gedichte.
Ftankfurt/M. S. 130.
1990 Das Eigentum: In: Von einem Land und vom anderen. Gedichte zur deutschen
Wende 1998/1990. Mit einem Essay hrsg. von Karl O t t o Conrady. Frank-
furt/M. S. 5 1 . [Zuerst in Neues Deutschland vom 4 7 5 . August 1990]
2000 Das Wirklichgewollte. Frankfurt/M.
Brussig, Thomas:
1991 [unter dem Pseudonym Gordt Berneburger] Wasserfarben. Roman. Berlin,
Weimar.
1996 Helden wie wir. Roman. Berlin.
1999a Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Berlin.
1999b [Interview] Nachdenken über Thomas B. der tip 21/1999.
2001 Leben bis Männer. Frankfurt/M.
2002 [Interview] „Ich war für den BFC Dynamo". Thomas Brussig über Fußball
und Litetatur, den umstrittenen Wert des Sparwasser-Tors und Union als Al-
ternative zu Hertha. Der Tagesspiegel vom 19./20. Mai 2002.
Büchner, Georg:
1988 Werke und Briefe. Hrsg. von Karl Pörnbacher. Münchner Ausgabe. München.
Burmeister, Brigitte:
1994 Unter dem Namen Norma. Roman. Stuttgart.
Conrady, Karl O t t o (Hg.):
266 PRIMÄRLITERATUR/INTERVIEWS/FILME

1993 Von einem Land und vom anderen. Gedichte zur deutschen Wende
1998/1990. Mit einem Essay von Karl O t t o Conrady. Frankfurt/M.
Drawert, Kurt:
1992 Spiegelland. Ein deutscher Monolog. Frankfurt/M.
1993a Haus ohne Menschen. Zeitmitschtiften. Frankfurt/M.
1993b Die Gespräche finden nicht statt. Die D D R und ihr Mythos. In: ders. 1993a.
S. 25-47.
1993c Sie schweigen. O d e r sie lügen. In: ders. 1993a. S. 75-85.
Euripides:
1972 Medea [431. v. Chr.]. Deutsch von J. J. C. Donner. Stuttgart.
Goethe, Johann Wolfgang von:
1976 Campagne in Frankreich [1822]. In: ders.: Goethes Werke. Hamburger Aus-
gabe in 14 Bänden. Hrsg. von Erich Trunz. Bd. X. M ü n c h e n . S. 233-363.
Goetz, Rainald:
1993 Festung. 3 Bde. Frankfurt/M.
Goosen, Frank:
1999 liegen lernen. Roman. Frankfurt/M.
Grass, Günter:
1985 Geschichte ist absurd. Eine Antwort auf Hegel. Ein Gespräch mit Manfred
Durzak. In: Manfred Durzak (Hg.): Z u G ü n t h e t Grass: Geschichte auf dem
poetischen Prüfstand. Stuttgart. S. 9-19.
1990a Kurze Rede eines vaterlandslosen Gesellen. Die Zeit vom 9. Februar 1990.
1990b Deutscher Lastenausgleich. Wider das dumpfe Einheitsgebot. Reden und Ge-
spräche. Frankfurt/M.
1991 Gegen die verstreichende Zeit. Reden, Aufsätze und Gespräche. Frankfurt/M.
1992 Rede vom Verlust. Über den Niedergang der politischen Kultur im geeinten
Deutschland. Göttingen.
1995a Ein weites Feld. Roman. Göttingen.
1995b [Interview] „Da wir schon über Unflat reden ...". Günter Grass über das Zer-
reißen seines Buches. Interview mit Joachim Köhler. Der Stern vom 3 1 . August
1995.
1997 [Interview mit Ingeborg Villinger]. In: Jäger/Villinger 1997. S. 227-247.
Groß, T h o m a s :
2000 Berliner Barock. Popsingles. Frankfurt/M.
Grünbein, Durs:
1991 Schädelbasislektion. Frankfurt/M.
1995 Rede zut Entgegennahme des Georg-Büchner-Preises 1995. Laudatio: Heiner
Müller. Frankfurt/M.
1996 Transit Berlin [1994]. In: ders.: Galilei vermißt Dantes Hölle und bleibt an
den Maßen hängen. Aufsätze 1989-1995. Ftankfurt/M. S. 136-143. [Zuetst in
Freibeuter 6111994}
Hein, Christoph:
2000 Willenbtock. Roman. Frankfurt/M.
Hein, Jakob:
2001 Mein erstes T-Shirt. Mit einem Vorwort von Wladimir Kaminer. München,
Zürich.
Hennig, Falko:
1999 Alles nur geklaut. Roman. Augsburg.
2002 Trabanten. Roman. München, Zürich.
PRIMÄRLITERATUR/INTERVIEWS/FILME 267

Hensel. Jana:
2002 Zonenkinder. Reinbek bei Hamburg.
Hettche, Thomas:
1995 N O X . Roman. Ftankfurt/M.
Hilbig. Wolfgang:
1993 „Ich". Roman. Frankfurt/M.
2000 Das Provisorium. Roman. Frankfurt/M.
Hölderlin, Friedrich:
1992 Mein Eigentum. In: ders.: Sämtliche Werke und Briefe. 3. Bde. Hrsg. von Jo-
chen Schmidt. Bd. 1: Gedichte. Frankfurt/M. S. 223f.
Ulies, Florian:
2000 Generation Golf. Eine Inspektion. Berlin.
Jahn, Friedrich Ludwig:
o. J. Deutsches Volkstum. Hrsg. von F. Brummer [1922]. Leipzig.
Jirgl, Reinhard:
1997 Hundsnächte. Roman. München, Wien.
Johnson, Uwe:
1959 Mutmaßungen über Jakob. Roman. Frankfurt/M.
1961 Das dritte Buch über Achim. Roman. Frankfurt/M.
1965 Zwei Ansichten. Reinbek bei Hamburg.
1970ff. Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Frankfurt/M.
Kaminer, Wladimir:
2002 Ein Messer für Frau Müller, die tageszeitung vom 22. Januar 2002.
Kant, Hermann:
1963 Die Aula. Roman. Berlin.
Klingemann, August:
1974 Nachtwachen von Bonaventuta [1804]. Htsg. und mit einem Nachwort verse-
hen von Jost Schillcmeit. Frankfurt/M.
Kubiczek, Andre:
2002 Junge Talente. Roman. Berlin.
Kumpfmüller, Michael:
2000 Hampels Fluchten. Roman. Köln,
-ky [Horst Bosetzky]:
1994 Der Satansbraten. Roman. Stuttgart, Wien.
Lager, Sven:
2000 phosphor. Roman. Köln.
Lattmann, Dieter:
1985 Die Brüder. Roman. Berlin.
Loest, Erich:
1995 Nikolaikirche. Roman. Leipzig.
Maron, Monika:
1991 Stille Zeile Sechs. Roman. Frankfurt/M.
1993 Zonophobie [1992]. In: dies.: Nach Maßgabe meiner Begreifungskraft.
Frankfurt/M. S. 112-120.
1996 Animal triste. Roman. Frankfurt/M.
1999 Pawels Briefe. Eine Familiengeschichte. Frankfurt/M.
Menasse, Robert:
1995 Schubumkehr. Roman. Salzburg.
268 PRIMÄRLITERATUR/INTERVIEWS/FILME

1997a .Geschichte' wat der größte historische Irrtum. Rede zur Eröffnung der
47. Frankfurter Buchmesse. In: Stolz 1997. S. 27-34. [Zuetst in Die Zeit vom
12. Oktober 1995]
1997b [Interview] Die seltsame Lust an falschen Zusammenhängen. Interview mit
Wolfgang Neuber. In: Stolz 1997. S. 292-304. [Zuerst in Neue Zürcher Zeitung
vom 7./8. Oktober 1995]
1997c [Interview] „Mit avanciertem Kunstanspruch erzählen". Interview mit Ernst
Grohotolsky. In: Stolz 1997. S. 305-316. [Zuerst in Ernst Grohotolsky (Hg.):
Provinz, sozusagen. Österreichische Literaturgeschichten. Wien. 1995. S. 229-
241]
Mielke, Thomas R. P.:
1985 Der Tag an dem die Mauer brach. Polit-Thriller. Bergisch-Gladbach.
Müller, Heiner:
1992 Die Küste der Barbaren. Glosse zum deutschen Augenblick. Frankfurter Rund-
schau vom 30. Septembet 1992.
Nadolny, Sten:
1994 Ein Gott der Frechheit. München, Zürich.
Ortheil, Hanns-Josef:
1992 Abschied von den Kriegsteilnehmern. Roman. München.
Piaton:
1990 Das Gastmahl [um 380 v. Chr.]. In: ders.: Werke in acht Bänden. Griechisch
und deutsch. Sonderausgabe. Bd. 3: Phaidon. Das Gastmahl. Krarylos. Hrsg.
von Gunter Eigler. Deutsche Übersetzung von Friedrich Schleiermacher.
Darmstadt. S. 209-393.
Regener, Sven:
2001 Herr Lehmann. Ein Roman. Berlin.
Reimann, Brigitte:
1963 Die Geschwister. Erzählung. Berlin.
Rosenlöcher, Thomas:
1990 Die verkauften Pflastersteine. Dtesdener Tagebuch. Frankfurt/M.
1991 Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. Frankfurt/M.
1997 Ostgezeter. Beiträge zur Schimpfkultur. Frankfurt/M.
Rusch, Claudia:
2003 Meine freie deutsche Jugend. Mit einem Text von Wolfgang Hilbig. Ftank-
furt/M.
Schmidt, Kathrin:
1998 Die Gunnar-Lennefsen-Expedition. Roman. Köln.
Schneider, Peter:
1982 Der Mauerspringer. Darmstadt.
Schulze, Ingo:
1998 Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz. Berlin.
Sebald, W. G.:
1999 Luftkrieg und Literatur. München.
Seghers, Anna:
1985 Die Entscheidung [1959]. Roman. Darmstadt.
Sichtermann, Barbara:
1995 Vicky Victory. Roman. Hamburg.
Stadler, Arnold:
1999 Ein hinreissender Schrotthändler. Roman. Frankfurt/M. [Lizenzausgabe der
Büchergilde Gutenberg]
PRIMÄRLITERATUR/INTERVIEWS/FILME 269

Strauß, Botho:
1987 Versuch, ästhetische und politische Eteignisse zusammenzudenken. Neues
Theater 1967-1970. In: ders.: Versuch, ästhetische und politische Ereignisse
zusammenzudenken. Texte über Theater 1967-1986. Frankfurt/M. S. 50-73.
[Zuerst in Theater heute 11/1970]
1990 Der Aufstand gegen die sekundate Welt. Bemerkungen zu einer Ästhetik der
Anwesenheit. In: George Steiner 1990. S. 303-320.
1991 Schlußchor. Drei Akte. München, Wien.
1994a Wohnen Dämmern Lügen. München, Wien.
1994b Anschwellender Bocksgesang In: Görtz/Hage/Wittstock 1994. S. 255-269.
[Zuerst in Der Spiegel vom 8. Februar 1993]
1996 Ithaka. Schauspiel nach den Heimkehr-Gesängen der Odyssee. München.
1997 Die Fehler des Kopisten. München, Wien.
Tilgner, Lutz:
1994 Fritzleben. Roman einer Wende. Berlin.
Timm, Uwe:
1996 Johannisnacht. Köln.
Von Abraham bis Zwerenz.
1995 Eine Anthologie des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, For-
schung und Technologie und des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und
Weiterbildung des Landes Rheinland-Pfalz als Beitrag zur geistig-kulturellen
Einheit in Deutschland. 3 Bde. 1995. Bonn: Bundesministerium für Bildung,
Wissenschaft, Forschung und Technologie. [Nicht öffentliche Publikation]
Wagner, Bernd:
1997 Paradies. Roman. Berlin.
Wagner, Richard:
1983 Parsifal [1859]. Hrg. Von Michael von Soden. Frankfurt/M.
Walser, Martin:
1968 Heimatkunde. Aufsätze und Reden. Frankfurt/M. S. 40-50.
1986 Meine Muse ist der Mangel. In: Die neue Gesellschaft/Frankfurter Flehe 33. S.
709-713.
1987 Dorle und Wolf. Novelle. Frankfurt/M.
1990 Zum Stand der deutschen Dinge. Vom schwierigen Umgang mit der sanften
Revolution. In: Schirrmacher 1990. S. 85-93. [Zuerst in Frankfurter Allgemeine
Zeitung vom 5. Dezember 1989]
1991 „Triumphieren nicht gelernt": Det Schriftsteller Martin Walser über die Intel-
lektuellen und die deutsche Einheit. In: ders.: Auskunft: 22 Gespräche aus 28
Jahren. Hrsg. von Klaus Siblewski. S. 257-266. [Zuerst in Der Spiegel411'1990]
1991 Die Vetteidigung der Kindheit. Roman. Frankfurt/M.
1995 „Das Gejammer über die Zukunft der deutschen Literatur finde ich absurd".
Interview mit Gustav Seibt und Wolfgang Wischmeyer. In:
Görtz/Hage/Wittstock 1995. S. 303-309. [Zuerst in Frankfurter Allgemeinen
Zeitung vom 2. Oktober 1994]
1997a Deutsche Sorgen. Frankfurt/M.
1997b Unser Auschwitz. In: ders. 1997a. S. 187-202. [Zuerst in Frankfurter Abendpost
vom 13. März 1965]
1997c Eine aktuelle Aufgabe. Aus: Über den Leser - soviel man in einem Festzelt dar-
über sagen soll. Rede zur Übergabe des Stadtschteibetamtes an Nicolas Born in
Bergen-Enkheim am 30. August 1977. In: ders. 1997a. S. 206-209. [Erstver-
270 PRIMÄRLITERATUR/INTERVIEWS/FILME

öffentlichung unter dem Titel: W a r u m liest man überhaupt? Zuerst in Litera-


tur Konkret. Herbst 1978]
1997d Händedruck mit Gespenstern. In: ders. 1997a. S. 213-227. [Zuerst in Frank-
furter Rundschau vom 1. September 1979]
1997e Auschwitz und kein Ende. In ders. 1997a. S. 228-234. [Zuerst in Ausstellungs-
katalog Überleben und Widerstehen. Hrsg. von der Deutsch-Polnischen Gesell-
schaft der Bundesrepublik Deutschland e.V. 1979]
1997f Über Deutschland reden. Ein Bericht. In: ders. 1997a. S. 406-428. [Zuerst in
DieZeitvom 3. November 1988]
1997g Vormittag eines Schriftstellers. In ders. 1997a. S. 439-452. [Zuerst in Die Zeit
vom 14. Dezember 1990]
1998 Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels 1998. Laudatio: Frank Schirrmacher. Frankfurt/M.
2002 Tod eines Kritikets. Roman. Frankfurt/M.
Walwei-Wiegelmann, Hedwig (Hg.):
1981a Die W u n d e namens Deutschland. Ein Lesebuch zur deutschen Teilung. Ftei-
burg/Br., Heidelberg.
Walwei-Wiegelmann, Hedwig:
1981b Einleitung. In: dies. 1981a. S. 3-15.
Weiss, Peter:
1981 Die Ästhetik des Widerstands. Roman. Frankfurt/M.
Woelk, Ulrich:
1993 Rückspiel. Roman. Frankfurt/M.
Wolf, Christa:
1963 Der geteilte Himmel. Erzählung. Halle/Saale.
1990 Was bleibt. Erzählung. Frankfurt/M.
1993a [Interview] Margarete in Santa Monica. Wie fremd kann Vergangenheit sein.
Fritz-Jochen Kopka sprach in Kalifornien mit Christa Wolf. In: Vinke 1993.
S. 1 64-167. [Zuetst in Wochenpost vom 28. Januar 1993]
1993b „Ich war nicht die Dichterin dieses Staates". Ein Briefwechsel über Observati-
on, Lüge, Angst und andere Erbschaften der D D R . In: Vinke 1993. S. 284-
285. [Zuerst in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Februar 1993]
1994a Auf dem Weg nach Tabou. Texte 1990-1994. Köln.
1994b Selbstanzeige. In: dies. 1994a. S. 9-10.
1994c W o ist euet Lächeln geblieben? - Brachland Berlin: In: dies. 1994a. S. 38-57.
[Zuerst in <& 7/1991]
1994d Santa Monica, Sonntag, den 27. September 1992. In: dies. 1994a. S. 232-247.
1994e Abschied von Phantomen - Zur Sache: Deutschland. Rede, gehalten am 27. 2.
1994 in der Reihe Dresdener Reden in der Staatsopet Dresden. In: dies. 1994a.
S. 313-339.
1996a Medea. Stimmen. Roman. München.
1996b [Interview] Sind Sie noch eine Leitfigur, Frau Wolf? Christa Wolf über Sün-
denböcke, Zerstörungslust, Wahrnehmungsblockaden, die Krise unserer Zivili-
sation. Der Tagespiegelvom 30. April/1. Mai 1996.
1999 „Was tut die strenge Fedet?" In: dies.: Hierzulande Andernorts. Erzählungen
und andere Texte 1994-1998. München. S. 50-60. [Rede gehalten 1994]
2002 Leibhaftig. Erzählung. München.
2003 Ein Tag im Jahr 1966 - 2000. Mit 20 Collagen von Martin Hoffmann. Mün-
chen.
PRIMÄRLITERATUR/INTERVIEWS/FILME

FILME

Betlin is in Germany. BRD 2001. Regie: Hannes Stöhr.


Besuch von drüben - Onkel, Tante, Westverwandte. ORB. 2. März 2003.
Birthday Girl - Braut auf Bestellung. GB/USA 2002. Regie: Jez Butterworth.
Brüder und Schwestern. Dokumentarfilm. DDR 1963. Regie: Walter Heynowski.
Die deutsche Einheit. Vom Ttaum zur Wirklichkeit. 4: 1989-1990. BRD 1991.
Regie: Ekkehard Kuhn/Guido Knopp.
Good bye Lenin! BRD 2003. Regie: Wolfgang Becker.
Herr Lehmann. BRD 2003. Regie: Leander Haußmann.
liegen lernen. BRD 2003. Regie: Hendrik Handloegten.
Sonnenallee. BRD 1999. Regie: Leandet Haußmann.
Wir haben gesiegt. Videogramme einer Revolution. BRD 1991/1992.
Regie: Harun Farocki/Andrei Ujica.
Die führende Rolle. BRD 1994. Regie: Harun Farocki.
Wer zu spät kommt. Das Politbüro erlebt die deutsche Revolution. BRD 1990.
Regie: Jürgen Flimm.
FORSCHUNGSLITERATUR

Adorno, Theodor W.:


1952 Versuch über Wagner. Berlin.
Agulhon, Maurice:
1995 Die nationale Frage in Frankreich: Geschichte und Anthropologie. In:
Francois/Siegrist/Vogel 1995a. S. 56-65.
1996 Von der Republik zum Vaterland. Die Gesichter der Marianne. In: Marianne
und Germania. 1996.
Alexander, Robin:
2002 „Sie wollen eine neue DDR". Wollen die PDS-Wähler die DDR zurückhaben,
Frau Kuczynski? [Interview mit Rita Kuczynski], die tageszeitung vom 29. Juli
2002.
2003 Die vergoldete Zonenjugend. Sie sind jung. Sie sind erfolgreich. Sie treffen sich
in einem Schwimmbad ohne Wasser: Die Generation 89 ist da. Na ja. die ta-
geszeitung vom 31. Oktober 2003.
Amelunxen, Hubertus von:
1990 Zeit und Bildschitme. Hubertus von Amelunxen im Gespräch mit Charles
Grivel, Georg Maag, Peter M. Spangenberg und Andrei Ujica. In: ders./Ujica
1990a. S. 27-75.
Amelunxen, Hubertus von/Andrei Ujica (Hg.):
1990a Television/Revolution. Das Ultimatum der Bilder. Aus dem Rumänischen von
Gerhardt Csejka. Matburg.
Amelunxen, Hubertus von/Andrei Ujica:
1990b Vorwort. In: diess. 1990a. S. 7-8.
Anderson, Benedict:
1983 Imagined Communities. Reflections on the Otigin and Spread of Nationalism.
London.
Anonym:
1993 Unsere berühmteste Schriftstellerin Christa Wolf: Ich war IM ... aber ich wußte es
nicht. In: Vinke 1993. S. 146. [Zuerst in Bild-Zeitung vom 22. Januar 1993]
Anthes-Ploch, Nadja:
1996 Die .deutsche Teilung' im Wetk Martin Walsers. Mainz.
Anz, Thomas (Hg.):
1991a „Es geht nicht um Christa Wolf. Der Literaturstreit im vereinten Deutschland.
München.
Anz, Thomas:
1991b Der Fall Christa Wolf und der Literaturstreit im vereinten Deutschland. In:
ders. 1991a. S. 7-28.
1996 Der Stteit um Christa Wolf und die Intellektuellen im veteinten Deutschland.
In: Monteath/Altet 1996. S. 1-17.
FORSCH UNGSLITERATUR 273

Appadurai, Arjun:
1998 Globale ethnische Räume. In: Ulrich Beck (Hg.): Perspektiven der Welt-
gesellschaft. Frankfurt/M. 1998. S. 11-40.
Arend, Stefanie:
2001 ,Der wohlgefestigte Zustand des Fleisches'. Epikureische Leibsicherheit im
Spiegel des Kannibalen: Wezeis Belphegor und Robinson Krusoe. In: Fulda/Pape
2001. S. 217-240.
Arntz, Jochen:
1999 Der Mann, dem Schabowski die entscheidende Antwott gab. Vor zehn Jahren
hatte der Journalist Riccardo Ehrmann im Internationalen Pressezentrum in
Ost-Berlin noch eine Frage - es war eine gute Frage. Berliner Zeitung vom 9.
November 1999.
Assheuer, Thomas:
1994 Was ist rechts? Botho Strauß bläst ins Bockshorn. In: Görtz/Hage/Wittstock
1994. S. 269-272. [Zuerst in Frankfurter Rundschau vom 10. Februar 1993]
Assmann, Aleida:
2001 Erinnerungslosigkeit oder Geschichtsfixietung? Karl Heinz Bohrer auf der Su-
che nach dem verlorenen deutschen Geschichtsbewußtsein. Frankfurter Rund-
schau vom 7. Juli 2001.
Assmann, Jan:
1992 Frühe Formen politischer Mythomotorik. Fundierende, kontrapräsentische
und revolutionäte Myrhen. In: Harth/ders. 1992. S. 39-61.
Aust, Hugo:
2003 Zeitreisen im gekrümmten Raum: Arno Surminskis Kein schöner Land, Sten
Nadolnys Ein Gott der Frechheit und Reinhard Jirgls Hundsnächte. In: Kno-
bloch/Koopmann 2003. S. 179-195.
Baal-Teshuva, Jacob:
1995 Christo & Jeanne-Claude Mit Fotographien von Wolfgang Volz Köln.
Bachmann-Medick, Doris (Hg.):
1996a Kultur als Text. Die anthropologische Wende in det Literaturwissenschaft.
Frankfurt/M.
Bachmann-Medick, Doris:
1996b Einleitung. In: dies. 1996a. S. 7-64.
Bachtin, Michail:
1987 Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur. Hrsg. von Renate
Lachmann. Frankfurt/M.
Baecker, Dirk:
2001 Wozu Kultur? 2., erweiterte Aufl. Berlin.
Bahr, Egon:
1999 Zusammenfassung. In: Friedrich-Ebert-Stiftung 1999. S. 48-52.
Baier, Lothar:
2000 Christoph Heins neuer Roman Willenbrock. Smith & Wesson als Verfassungs-
ersatz. Die Wochenzeitung vom 22. Juni 2000.
Barner, Wilfried (Hg.):
1994a Geschichte der deutschen Literatut von 1945 bis zur Gegenwart. München.
(Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Begr. von Helmut de Boor und Richard Newald, 12).
Barner, Wilfried:
1994b Vorwort. In: ders. 1994a. S. XV-XXIV.
1994c Epilog: Abrechnen und Rechthaben. In: dets. 1994a. S. 923-938.
274 FORSCHUNGSLITERATUR

Bartels, Gerrit:
2002 Modernes Lesen: Neue Bücher kurz besprochen, die tageszeitung vom 24. April
2002. [Zu Falko Hennig: Junge Trabanten, Andre Kubiczek: Junge Talente, Ja-
na Simon: Denn wir sind anders]
Barthes, Roland:
1980 La chambre claire. Note sur la Photographie. Paris.
Basse, Michael:
1996 Tiefer Schnitt ins deutsche Fleisch. Thomas Hettches Roman aus der Nacht, in
der die Mauer fiel. In: Görtz/Hage/Winkels 1996. S. 175-180. [Zuerst in Süd-
deutsche Zeitung vom 5. April 1995]
Baßler, Moritz:
1995 Einleitung: New Historicism - Literaturgeschichte als Poetik der Kultur.
In: ders. (Hg.): New Historicism - Literaturgeschichte als Poetik der Kultur.
Mit Beittägen von Stephen Greenblatt, Louis Montrose u. a. Frankfurt/M. S.
7-28.
2002 Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. München.
Baßler, Moritz/Bettina Gruber/Martina Wagner-Egelhaaf (Hg.):
2005 Gespenster. Erscheinungen - Medien - Theorien. Würzburg.
Baudrillard, Jean:
1989 Videowelt und fraktales Subjekt. In: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der
neuen Technologie. Berlin. S. 113-133.
Bauer, Karin:
1996 Gegenwartskritik und nostalgische Rückgriffe: Die Abdankung der Frau als
Objekt männlichen Begehrens und die Erotisierung der Kindfrau in Botho
Strauß' Paare Passanten. In: The Getman Quarterly. Jg. 69. H. 2. S. 181-195.
Bauer Pickar, Gertrud:
1994 In Defense of the Past: The Life and Passion of Alfred Dorn in Die Verteidi-
gung der Kindheit. In: Pilipp 1994. S. 134-155.
Baxmann, Inge:
1995 Der Körper der Nation. In: Francois/Siegrist/Vogel 1995a. S. 353-365.
Beinssen-Hesse, Silke:
2001 Christa Wolfs Medea. Stimmen und die Krise des Opferkults. In: Fi-
schet/Roberts 2001. S. 193-221.
Beise, Amd:
2001 Der Ausnahmefall. Anthropophagie in deutschen Trauerspielen des 17. Jahr-
hunderts. In: Fulda/Pape 2001. S. 113-146.
Beitter, Ursula E.:
1997 Schreiben im heutigen Deutschland. Fragen an die Vergangenheit. New York,
Washington, Baltimote et al.
Bender, Peter:
1997 [Interview mit Ingeborg Villinger]. In: Jäger/Villinger 1997. S. 219-226.
Benjamin, Walter:
1980 Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows [1936/37]. In: ders.:
Gesammelte Schriften. Untet Mitwirkung von Theodor. W. Adorno und Gers-
hom Sholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Bd.
II. 2. Frankfurt/M. S. 438-465.
Bennholdt-Thomsen, Anke/Alfredo Guzzoni:
1979 Der „Asoziale" in der Literatur um 1800. Königstein/Ts.
Berger, Christel:
1995 Einführung in die Texte. In: Von Abraham bis Zwerenz. Bd. 1. S. 18-28.
FORSCHUNGSLITERATUR 275

Bielefeld, Ulrich/Gisela Engel (Hg.):


1998 Bilder der Nation. Kulturelle und politische Konstruktionen des Nationalen
am Beginn der europäischen Moderne. Hamburg.
Blees, Thomas: