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Handout 19

Interpersonelle Grundfertigkeiten

Einführung

Wozu brauchen Sie zwischenmenschliche Skills?

Um Ihre Ziele
durchzusetzen!

Um Beziehungen zu
knüpfen und zu pflegen!

Um in Begegnungen
mit anderen Ihre Selbstachtung
zu wahren!

Drei Arten der Orientierung


Ihr Verhalten in zwischenmenschlichen Situationen kann in drei Gesichtspunkte gegliedert werden:

Orientierung auf das Ziel


Orientierung auf die Beziehung
Orientierung auf die Selbstachtung

Sie müssen in jeder zwischenmenschlichen Situation entscheiden, welcher Gesichtspunkt Ihnen am


wichtigsten ist, und Sie müssen Prioritäten setzen:
• Wie wichtig ist es Ihnen, Ihr Ziel zu erreichen?
• Wie wichtig ist Ihnen die Beziehung zu Ihrem Gegenüber? (Was soll die andere Person nach dieser
Begegnung Ihnen gegenüber empfinden?)
• Wie wichtig ist Ihnen Ihre Selbstachtung? (Wie möchten Sie sich während und nach dieser Begegnung
fühlen?)

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(aus: Bohus/Wolf: Interaktives Skills Training für Borderline-Patienten) © Schattauer Verlag 2010
Zur Veranschaulichung: Der Kreis symbolisiert die Gesamtheit Ihrer Ressourcen. Da Sie nicht alle drei
Gesichtpunkte zu 100 % verwirklichen können, müssen Sie abwägen, wie zum Beispiel hier:

Wichtigkeit in Prozent

35 % 45 %
Ziel
Beziehung
Selbstachtung
20 %

Wenn Ihnen, wie in diesem Fall, Ihr Ziel sehr wichtig ist, können Sie „härter“ auftreten, als wenn Sie die
Beziehung sehr hoch einstufen würden.

Orientierung auf das Ziel


Zielorientiertes Handeln konzentriert sich darauf, in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Ziel zu
erreichen, z. B. selbst Bitten und Forderungen zu stellen. Schauen Sie die sechs B’s an!

Drei „Was“-B’s
Beschreiben = Die momentane Situation so konkret wie möglich zu beschreiben, ist eine wichtige Me-
thode, um Missverständnisse zu vermeiden.
Bitten = Es ist wichtig, dass Sie Ihre Wünsche und Bitten klar zum Ausdruck bringen, auch Ablehnungen
sollten klar formuliert werden.
Belohnen = Schon während Sie Ihren Wunsch formulieren, ist es sinnvoll, die Reaktionen des anderen
genau zu beobachten, um positive Reaktionen rasch zu „verstärken“, also zu belohnen.

Drei „Wie“-B’s
Beharren = Beharren Sie auf Ihrem Wunsch, oder Ihrer Absage! Wenn Sie angegriffen werden, ignorie-
ren Sie die Bedrohung, oder die Versuche, sich abzulenken. Bleiben Sie bei Ihrem Standpunkt.
Beeindrucken = Es ist auch sehr wichtig, Selbstsicherheit zu zeigen. Sie haben bessere Möglichkeiten,
sich durchzusetzen, wenn Sie sich überzeugend und kompetent zeigen, z. B. wenn Sie eine ruhige und
deutliche Stimme, eine aufrechte Körperhaltung und eine lockere Gestik haben.
Bieten = Nicht immer können wir unsere Ziele uneingeschränkt erreichen. Jemand, der weiß was er
will, kennt dieses Risiko und kann die Situation gut einschätzen. Wenn man bereit ist zu verhandeln,
kann ein ähnliches Ziel erreicht werden.

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(aus: Bohus/Wolf: Interaktives Skills Training für Borderline-Patienten) © Schattauer Verlag 2010
Orientierung auf die Beziehung
Orientierung auf die Beziehung bedeutet, dass die Aufrechterhaltung oder die Verbesserung der Bezie-
hung im Zentrum steht, obwohl Sie versuchen, das zu erreichen, was Sie möchten, oder eine Bitte ableh-
nen. Im optimalen Fall bekommen Sie, was Sie möchten, und die Person mag oder respektiert Sie sogar
mehr als vorher.
Um beziehungsorientiert zu handeln, helfen die LIVE-Fertigkeiten:
Lächeln = Seien Sie freundlich und liebenswürdig bei Begegnungen. Formulieren Sie auch Ihren Ärger
höflich und vermeiden Sie verbale oder gar körperliche Angriffe.
Interesse zeigen = Zeigen Sie Interesse an der anderen Person. Hören Sie ihr zu, unterbrechen Sie sie
nicht, fallen Sie ihr nicht ins Wort.
Validieren = Zeigen Sie dem anderen, dass Sie seine subjektive Sichtweise verstehen. Das heißt nicht,
dass Sie dies für einzig richtig, wahr und gut heißen. Es heißt lediglich, dass Sie die Meinung des Ande-
ren als dessen subjektive Sichtweise anerkennen.
Easy nehmen = Versuchen Sie, leicht zu sein. Lächeln Sie, seien Sie humorvoll, schmeicheln Sie, wenn
es nötig ist, und besänftigen Sie. Gute Verhandler schaffen eine „samtene“ Atmosphäre.

Orientierung auf die Selbstachtung


Orientierung auf die Selbstachtung bedeutet, Ihre Selbstachtung zu stabilisieren und zu stärken. Wenn
Sie versuchen, Ziele zu erreichen, und es gleichzeitig schaffen, Ihre eigenen Werte und Überzeugungen
zu respektieren und ein positives Gefühl zu sich selbst zu entwickeln, dann ist Ihr Verhalten in dieser
Hinsicht wirksam.
Um sich wirksam in der Dimension der Selbstachtung zu verhalten, sind die FAIR-Skills hilfreich:
Fairness = Seien Sie so fair zu sich selbst wie zu anderen Menschen. Rechtfertigen Sie sich nicht dauernd.
Entschuldigen Sie sich nicht dafür, dass Sie leben. Rechtfertigen Sie sich nicht dafür, dass Sie um etwas
bitten oder dass Sie eine eigene Meinung haben.
Akzeptanz = Sowohl Sie selbst als auch Ihr Gegenüber müssen lernen, Ihre Entscheidungen zu akzep-
tieren.
Innere Werte = Gehen Sie nicht so weit, Ihre Wertvorstellungen zu opfern, um ein Ziel zu erreichen oder
die Beziehung zu retten!
Realität = Bleiben Sie bei der Realität. Vermeiden Sie zu lügen (das klappt nicht immer), vermeiden Sie,
sich hilflos zu geben, wenn Sie es nicht sind, und vermeiden Sie zu übertreiben.

Orientierung festlegen
In jeder zwischenmenschlichen Situation, in der Sie etwas erreichen wollen, kommen drei verschiedene
Bedürfnisse zum Tragen:
1. der Wunsch, ein Ziel zu erreichen,
2. der Wunsch, eine gute Beziehung zum Gegenüber zu haben,
3. der Wunsch, sich selber dabei wohl zu fühlen.
Gehen Sie davon aus, dass es leider kaum Situationen gibt, in welchen Sie alle drei Bedürfnisse vollstän-
dig befriedigen können. Sonst müssten Sie ja nicht verhandeln oder um etwas kämpfen. Sie müssen
festlegen, welches Bedürfnis Ihnen in der jeweiligen Situation am wichtigsten ist. Das heißt, Sie müssen

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(aus: Bohus/Wolf: Interaktives Skills Training für Borderline-Patienten) © Schattauer Verlag 2010
Prioritäten setzen. Das fällt natürlich schwer, denn am liebsten möchte man, gerade in wichtigen zwi-
schenmenschlichen Situationen, alle Bedürfnisse befriedigen und keine Abstriche machen. Dennoch ist
es hilfreich, die Realität zu akzeptieren.
Dieses Arbeitsblatt kann Ihnen helfen, komplizierte Situationen besser zu planen:
Legen Sie für jedes Bedürfnis dessen Bedeutung in Punkten fest (0–100 Punkte). Allerdings stehen Ihnen
für alle drei Bedürfnisse nur insgesamt 100 Punkte zur Verfügung. Sie müssen also Abstriche machen
und Kompromisse eingehen. Das ist ärgerlich, aber auf die lange Sicht erfolgreicher, als trotzig mit dem
Kopf durch die Wand zu gehen.

Beschreiben Sie die Situation:

Was ist Ihr Ziel? Welche Ergebnisse oder Veränderungen erhoffen Sie sich von dem Gespräch?

Bedeutung in Punkten: (0–100)

Wie wichtig ist Ihnen die Beziehung? Wie soll die andere Person Ihnen gegenüber empfinden, wenn
die Begegnung vorüber ist?

Bedeutung in Punkten: (0–100)

Wie wichtig ist Ihnen Ihre Selbstachtung? Wie möchten Sie sich fühlen, wenn die Begegnung mit dem
Menschen vorüber ist?

Bedeutung in Punkten: (0–100)

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(aus: Bohus/Wolf: Interaktives Skills Training für Borderline-Patienten) © Schattauer Verlag 2010
Einstufung der Gesamtsituation: Teilen Sie den Kreis in drei Segmente und passen sie deren Größe
an die Wichtigkeit an:

Wichtigkeit in Prozent

Ziel %

Beziehung %

Selbstachtung %

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus diesem Diagramm?

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