Sie sind auf Seite 1von 9

Gießener

Universitätsblätter
52 | 2019
Emmanuel Alloa

Wider die Silikonisierung Europas.


Ein Plädoyer für eine andere digitale Öffentlichkeit

In einem metaphorischen Vergleich, der in die Die Idee einer digitalen


Annalen einging, behauptete Lenin einmal: europäischen Öffentlichkeit
„Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifi-
zierung des ganzen Landes“.1 Mit anderen Zahlreiche Politiker werben gegenwärtig für
Worten: Revolutionäre Umbrüche verlangen ein die Einrichtung eines neuen europäischen „Di-
radikales Umdenken in den Köpfen der Men- gital Valley“, das nach dem Vorbild der Mon-
schen, bleiben aber erfolglos, solange die mate- tanunion anderen – nicht zuletzt transatlan-
riellen Grundbedingungen nicht mitberück- tischen – Gegenspielern die Stirn bieten soll.
sichtigt werden. Ähnliches ließe sich für die so- Dass ubiquitär das Stichwort Digitalisierung als
genannte europäische „Öffentlichkeit“ geltend Lösung propagiert wird, täuscht gleichwohl
machen. Nur allzu oft wurde beklagt, dass es darüber hinweg, dass hier vielfach im Dunkeln
jenseits eines europäischen Binnenmarktes an bleibt, worüber wir genau reden. Denn mit der
einer umfassenden politischen Vision mangelt, Einrichtung ist nicht nur eine industriepoli-
hinter die sich die europäischen Bürger scharen tische Maßnahme gemeint, die so etwas wie
könnten. Verkannt wird dabei, dass es eine eu- einen digitalen europäischen Binnenraum
ropäische Gemeinschaft und einen Demos nicht schaffen soll; darin liegt vor allem die Hoff-
geben kann, solange keine physischen und nung, Legitimitätsdefizite und mangelnde de-
kommunikativen Architekturen entworfen wer- mokratische Partizipationsmöglichkeiten zu
den, in denen sie zur Entfaltung kommen. Nicht beheben. Viele sind überzeugt, dass die Ein-
zuletzt in dieser auffälligen Hardware-Verges- richtung eines virtuellen, grenzüberschreiten-
senheit liegt die Crux, wenn über die Zukunft den Europas im digitalen Raum so etwas wie
Europas in einer neuen digitalen Welt diskutiert einen Bremsblock darstellen könnte gegen die
wird. Die Diskussion über eine digitale europä- gegenwärtig verzeichneten Renationalisie-
ische Öffentlichkeit krankt weniger an einem rungs- und Retribalisierungsschübe. Gegen
Ideendefizit als an einem medientechnischen das Gefühl einer politischen Entmachtung be-
Fehlschluss. Um es gleich vorwegzunehmen: darf es, in den Augen vieler, einer öffentlichen
Besagter Fehlschluss besteht darin, zu meinen, Sphäre, in der Europas Bürgerinnen und Bür-
die Form der jeweiligen Kommunikationsmedi- ger über gemeinsame Anliegen auf gesamteu-
en nehme auf den Inhalt der Kommunikation ropäischer und damit transnationaler Ebene
keinen Einfluss. Es handelt sich dabei nicht nur debattieren können. Es geht, kurzum, um die
um ein hartnäckiges Missverständnis darüber, Vision einer nunmehr digitalen Variante der
wie Medien funktionieren, sondern auch und frühneuzeitlichen République des Lettres, in
vor allem um einen diskursiven Effekt, der sich der im 18. Jahrhundert quer über den Konti-
einer bestimmten Rhetorik aus der Silicon Valley nent Gelehrte und Intellektuelle subversives
verdankt. Anstatt die vielbeschworene Digitali- Gedankengut austauschten. Im virtuellen
sierung als eine naturgeschichtliche Entwick- Raum soll demnach getestet werden, was in
lung anzusehen, in der Europa dringend nach- den Architekturen gegenwärtiger demokra-
ziehen muss, will sie im Gang der Weltgeschich- tischer Repräsentationsmechanismen noch
te nicht das Schlusslicht sein, ist es an der Zeit, nicht möglich ist.2
an alternativen Modellen für die Herausbildung Die Idee einer europäischen Netzöffentlichkeit,
kritischer Öffentlichkeiten zu arbeiten. in der auf einer virtuellen Probebühne neue
97
Digitale Infrastrukturen für Europa? Quelle: Gert Altmann (Pixabay)

Möglichkeiten der Versammlung und der Aus- terschied. Raum will eingerichtet, hervorge-
handlung ausgestaltet werden können, ist bracht, konfiguriert, kurzum: Raum will einge-
zweifellos attraktiv. Für viele stellt das Internet räumt werden, und das bedarf spezifischer In-
so etwas wie die ideale Verkörperung eines frastrukturen und konkreter Gestaltungen.
„herrschaftsfreien Raums“ (J. Habermas) dar, Das heißt aber auch, dass jeder Raum umge-
in dem von Herkunft, sozialem Status und Ge- kehrt nicht nur gestaltet ist, sondern auch ge-
schlecht abgesehen wird, und lediglich die staltend wirkt. Von städtischen Architekturen
Kraft des besseren Arguments ausschlagge- ist die Tatsache bekannt: Je nachdem, wie öf-
bend ist. Dieses Kommunikationsmodell fentliche Plätze ausgerichtet sind, aber auch
schließt zudem an eine ältere Tradition über Straßen, Transportachsen und Verbindungs-
Aufklärungsmedien an: Was die Druckpresse wege, werden ganz bestimmte Handlungswei-
im 18. Jahrhundert für die Verbreitung von sen nahegelegt und andere tendenziell ausge-
progressiven Ideen darstellte, übernimmt jetzt schlossen. Raumstrukturen haben daher eine
das Internet, während die kantische Tischge- performative Wirkung, laden sie doch zu be-
sellschaft in sogenannte virtuelle Europa-Treff- stimmten Handlungen und Wahrnehmungs-
punkte übersetzt wird. Dennoch, die Vorstel- mustern ein: Sie führen dazu, dass bestimmte
lung hält sich hartnäckig, der digitale Raum sei Gewohnheiten eingeschliffen und Alterna-
schlichtweg ein entmaterialisierter Raum, in tiven gar nie erst in den Blick geraten. Ob und
dem sämtliche Hindernisse aufgehoben sind. wie Menschen zusammenkommen, in wel-
Doch Raum ist nicht einfach gegeben – da chen Taktungen und Rhythmen sie aufeinan-
macht auch der öffentliche Raum keinen Un- derstoßen und welche Möglichkeiten es gibt,

98
sich diesen öffentlichen Raum über kreative verneint. Ähnlich wie die plastische Chirurgie
Praktiken noch einmal anders anzueignen, einen wandelbaren Körper verspricht, der im-
hängt somit ganz entschieden von materiellen mer wieder neu den selbstgesetzten Wunsch-
Rahmungen ab, die bestimmte Wahrneh- bildern angeglichen werden kann, geht es hier
mungsoptionen eröffnen oder verschließen, um den Entwurf einer Gesellschaft, deren In-
und wiederum Bewegungs-, Einfluss- oder frastrukturen ganz auf bewegliche Silizi-
auch Entzugsmöglichkeiten bedingen. Mit an- um-Cluster übertragen und nach Belieben um-
deren Worten: Architekturen sind niemals gebaut werden können.
neutral – das gilt für digitale Architekturen Denn Silicon Valley stellt nicht nur Halblei-
ebenso. Genau das aber, die Neutralität von ter-Kreisläufe zur Verfügung; dahinter steht
Netzarchitekturen, will uns eine bestimmte auch ein politisches Programm, das mittlerwei-
Ideologie der Silicon Valley das weismachen. le gut erforscht ist. Schon 1995 hatten die bri-
tischen Soziologen Andy Cameron und Richard
Das Silicon-Valley-Modell Barbrook von einer „kalifornischen Ideologie“
gesprochen, in der linkslibertäres und markt-
1971 prägte der Technik-Journalist Don Hoefler wirtschaftliches Gedankengut zusammenlau-
den Ausdruck Silicon Valley, um jenen For- fen.3 Im Silicon Valley verschmolz die antiauto-
schungs- und Industriekomplex zu bezeichnen, ritäre Hippie-Boheme, die auf verteilte, dezen-
der südlich von San Francisco im kalifornischen trale Strukturen setzte, mit den Hightech-
Santa-Clara-Tal angesiedelt ist. Im Umland der Industrien zu einem radikalen neuen Dot-
Universität Stanford war der sogenannte Stan- com-Neoliberalismus. Fred Turner hat in seiner
ford Industrial Park entstanden, um die wach- Studie From Counterculture to Cyberculture
sende Technologiebranche mit Transistoren, nachgezeichnet, wie Gedanken der zunächst
Chips und Speichern zu versorgen, die auf dem technikfeindlichen, ökoromantischen Gegen-
Halbleiterstoff Silizium gebaut waren. Anders kultur in Unternehmergaragen des Sonnen-
als früher verwendete Halbleiterstoffe wie Ger- staats die ersten Internetpioniere beflügelte
manium zeichnet sich Silizium durch eine au- und nach und nach mit wirtschaftsliberalen
ßerordentliche Wandlungsfähigkeit aus: Tat- Konzeptionen des unternehmerischen Geists
sächlich lässt sich Silizium mit einer Vielzahl an- zusammenwuchs.4 Der digitale Boom der
derer Atome verbinden, woraus sich ein schier späten 1990er und frühen 2000er Jahre, mit
grenzenloser Spielraum von Verschaltungs- den unzähligen, wie Pilze sprießenden Start-
möglichkeiten eröffnet. Möglichkeiten, die ups, kam zu einem brachialen Ende, als die spe-
man nicht nur in der Schönheitschirurgie zu kulative Blase schon wenig später platzte. Be-
nutzen wusste (durch die Verbindung mit Sau- reits Mitte der Nuller Jahre waren 90 % der frü-
erstoffatomen entsteht der Kunststoff Silikon), heren Start-ups, denen es vielfach nie gelun-
sondern auch in der IT-Branche (für die Kon- gen war, schwarze Zahlen zu schreiben, von
struktion neuer flexibler Schaltkreise). Die Ver- der Bildfläche verschwunden; übrig blieben ei-
heißung unbegrenzter Verwendungsweisen nige wenige Big Player, die heute noch den
auf Hardware-Ebene verbindet sich auf Soft- Markt dominieren. Die Rede ist von Firmen wie
ware-Ebene mit dem Prinzip des Turing‘schen Google, Apple, Facebook, Amazon, die auch
Universalrechner: dem Prinzip nach ist alles unter dem Akronym GAFA zusammengefasst
möglich. Unterbau und Überbau, Ingenieurslei- werden. Deren Aufstieg, sowie derjenige ei-
stung und utopisches Ideologem verschränken niger weniger anderer Quasi-Monopolisten, er-
sich von nun an nahtlos ineinander. Man hat es folgte in den Ruinen des Dotcom-Booms: Sie
gleichsam mit dem Paradox einer immateriellen traten, wie man mit Philipp Staab betonen
Materialität zu tun, mit einem Stoff, aus dem kann, in die von den Start-ups hinterlassene Lü-
die Träume einer fortwährenden Verwandlung cke und damit in ein konkurrenzbereinigtes
sind, mit einem plastischen Material, das seine Feld.5 Vor allem aber erfolgte ihr Siegeszug zu
eigene materielle Bedingtheit ständig selbst einem Zeitpunkt, zu dem die Kommunika-

99
tions-Infrastrukturen, wie etwa die Transatlan- smus entspricht. Dass es dazu kommen konn-
tik-Kabel, größtenteils bereits von anderen Ak- te, erklären Ökonomen anhand des sogenann-
teuren eingerichtet worden waren. Dennoch ten Netzwerk-Effektes, der gleichwohl bereits
steuern die GAFAs und allgemein die großen aus klassischen Märkten vertraut ist: Je mehr
Plattform-Anbieter die überwältigend große Teilnehmer ein Netzwerk nutzen, desto größer
Mehrheit der Kommunikationsflüsse über ihre ist dessen ökonomischer Wert. Tendenziell
Infrastrukturen, die auch als Meta-Infrastruk- führt der Netzwerkeffekt zur Herausbildung
turen gefasst werden können. Man hat es nicht von Mono- oder Oligopolen. Es ist nicht nur
mehr mit klassischen Monopolisten der Pro- ökonomisch ineffektiv, sondern wäre auch po-
duktions- und Kommunikationskanäle zu tun, litisch wenig wünschenswert, wenn verschie-
sondern mit Meta-Akteuren: Im neuen Platt- dene Schienennetze quer durch Deutschland
form-Kapitalismus findet Wertschöpfung ein- oder Europa verlegt würden, ähnlich wie es
zig und allein darüber statt, dass die Platt- wahrscheinlich nicht erstrebenswert wäre,
formen effektiv zwischen Herstellern und End- wenn konkurrierende Autobahnbetreiber Au-
verbrauchern eine Verbindung herstellen. Ge- tobahntrassen quer durch das Land zögen. Ver-
orge Dyson hat es einmal treffend ausgedrückt: gleichbare Netzwerkeffekte lassen sich auch in
“Facebook defines who we are, Amazon de- der digitalen Welt feststellen. In den 1980er
fines what we want, and Google defines what und 1990er Jahren besaßen Microsoft-Pro-
we think.”6 dukte bei weitem noch nicht die gleiche Vor-
Die Belege sind schlagend: Der weltweit erste machtstellung, und die Firmensoftware musste
Anbieter von Übernachtungen – Airbnb – be- sich gegen die streckenweisen erfolgreicheren
sitzt selbst keine einzige Immobilie, die welt- Programme wie das Textverarbeitungspro-
weiten Spitzenreiter beim Großhandel – die gramm WordPerfect oder Lotus 123 für die Ta-
chinesische Plattform Alibaba – hat selbst kein bellenkalkulation durchsetzen. Auch heute gä-
einziges Warenlager, sondern bietet lediglich be es durchaus kostenlose Open-Source-Alter-
Sortimente anderer Firmen an, und die zwei nativen, und dennoch setzen die meisten öf-
weltweit größten Anbieter für Telefonkommu- fentlichen Verwaltungen auf kostenpflichtige
nikation – Whatsapp und WeChat – haben Anbieter, um von diesen Netzwerkeffekten zu
noch nie irgendeinen Cent in Telekommunika- profitieren. Das Argument lautet dabei, wie
tions-Infrastruktur investiert.7 Allgemein lässt von Eric Schmidt ausgeführt, dass jeder Nutzer
sich wirtschaftspolitisch ein gleiches Muster solcher quasi-monopolistischen Netzwerkan-
feststellen: die Plattformen streben eine Eng- bieter von deren Vormachtstellung mitprofi-
führung der Datenkommunikation an, die tiert. Der damalige CEO von Google hat diesen
dann eigens verwertet werden kann. So blei- Zusammenhang 2013 in bemerkenswerter Of-
ben etwa 30 % der Summen, die im Apple fenheit dargelegt:
Store für Musik- oder Filmangebote ausgege-
ben werden, bei Apple liegen. Die Dienstlei- „Wir sind überzeugt, dass Portale wie
stung selbst erschöpft sich in der Bereitstellung Google, Facebook, Amazon und Apple
des Algorithmus, wie etwa bei dem Taxiservice weitaus mächtiger sind, als die meisten
Uber oder Lyft: Das Unternehmen hat keine Menschen ahnen. Ihre Macht beruht auf
Angestellten, insofern jeder Fahrer selbst als der Fähigkeit, exponentiell zu wachsen.
Unternehmer gewertet wird, der als Subcon- Mit Ausnahme von biologischen Viren gibt
tractor entsprechend keine arbeitsrechtlichen es nichts, was sich mit derartiger Ge-
Ansprüche vorbringen kann. schwindigkeit, Effizienz und Aggressivität
Dass sich in einer angeblich freien Marktwirt- ausbreitet wie diese Technologieplatt-
schaft ein erlesener Kreis von Unternehmen formen, und das verleiht auch ihren Ma-
samt ihrem jeweiligen Standard durchsetzen chern, Eigentümern und Nutzern neue
konnte, legt nahe, dass der vielbemühte Libe- Macht.“8
ralismus in Wirklichkeit eher einem Merkantili-

100
Schmidts Aussage ist vielsagend. Zum unge- wird alles prinzipiell gleichgültig. Der Algorith-
schönten Bekenntnis zu der eigenen Machtpo- mus sortiert und ordnet, misst und wertet, ur-
sition kommt unmittelbar wieder das Verspre- teilt aber nicht. Dem Algorithmus ist es gleich,
chen breiterer Partizipation hinzu, womit wie- welche Gegenstände er bearbeitet: ob orga-
der einmal das klassische Muster des emanzi- nische oder anorganische Bewegungen, ob le-
patorischen Diskurses der Silicon Valley greift. bende oder mechanische Wesen – die Hierar-
chien sind verschwunden. Was berechnet
Die Ideologie des Silicon Valley: wird, ist irrelevant, entscheidend ist lediglich,
Automatisierter Egalitarismus dass es berechnet werden kann, und das heißt,
es muss zunächst berechenbar gemacht wer-
Die Ideologie des Silicon Valley stellt eine ganz den. Indem sie in eine Vielzahl finiter und dis-
eigenwillige Deutung einiger modernistischer kreter Bestandteile zerlegt werden, können die
Grundmotive dar. Zu deren Credo gehören Dinge endlich zum Universum berechenbarer
Glaubenssätze wie: Zentralisierte Hierarchien Objekte aufschließen. Digitalisierung erzeugt
werden zugunsten horizontaler Beziehungen einen neuen, automatisierten Egalitarismus:
überwunden, die Metapher des Netzwerks er- Damit alles verrechenbar gemacht werden
setzt diejenige der Pyramide, das Prinzip Legi- kann, muss der Algorithmus von der Bedeu-
timität läuft dem Prinzip Kreativität den Rang tung absehen. Shannon und Weaver, die Pio-
ab. Den Kern jedoch bildet eine Neuinterpreta- niere der Kommunikationstechnik der Bell
tion des aufklärerischen Ideals der Gleichheit. Labs, hatten diesbezüglich recht: Fragen der
Im Silizium-Universum wird alles – und das Semantik sind für die Ingenieursleistung irrele-
heißt in diesem Fall auch: jeder – gleich behan- vant; die Wirksamkeit des Algorithmus hängt
delt. Tatsächlich lässt sich die Attraktivität des unmittelbar mit dessen referenzieller Blindheit
kalifornischen Modells nicht nachvollziehen, zusammen.9
wenn dieser Aspekt ausgeblendet wird: Wäh- Diese Dinge sind hinlänglich bekannt und
rend Max Weber vom protestantischen Geist dürften daher keine größere Überraschung
des frühmodernen Kapitalismus sprach, wäre darstellen. Verwunderlich ist vielmehr, wie we-
in diesem Fall von einem egalitären Geist des nig deren Folgen reflektiert werden. Digitalisie-
Daten-Operativismus zu sprechen. Die Spezifik rung, eine mächtige Kulturtechnik, benennt
dieses egalitären Denkens liegt dabei in dessen zunächst nichts anderes als ein spezifisches
negativer Grundbestimmung: Alles und jeder Verfahren, nämlich die Umwandlung analoger
lässt sich nicht etwa dadurch miteinbeziehen, Bedeutungseinheiten (als analog gilt jedes
dass auf jedes Einzelne und auf jeden Einzel- Segment, auf dem man prinzipiell zwischen
nen Rücksicht genommen wird, sondern im zwei Punkten eine unendliche Menge weiterer
Gegenteil dadurch, dass von Besonderheiten Punkte angeben kann) in diskrete Reihen (dis-
abgesehen wird. Anders ausgedrückt: Der Al- kret sind Reihen, deren Abstände durch regel-
gorithmus schafft eine Situation allgemeiner mäßige Leerstellen bestimmt sind). Mit ande-
Gleichwertigkeit, wodurch wiederum die ren Worten, Digitalisierung heißt Standardisie-
Möglichkeit entsteht, jedes Einzelne (sowie je- rung. Alles kann codiert werden, weil mit dem
den Einzelnen und jede Einzelne) miteinzube- Binärcode so etwas wie die Nullstufe von Co-
ziehen. Bekanntlich spielte im Prozess der Mo- dierung überhaupt erreicht wurde. Doch nicht
derne das Absehen von der sozialen Herkunft die Standardisierung per se ist dabei das Pro-
oder von der symbolischen Distinktion eine blem, sondern der Verdrängungsmechanis-
maßgebliche Rolle bei der Etablierung be- mus, der damit einhergeht. Das Aufoktroyie-
stimmter Bürgerrechte und für den sozialen ren eines vereinheitlichten Standards – als
Fortschritt allgemein. Dieser egalitäre Drang Grundlage der anschließenden Gleichstellung
wurde vom Algorithmus absorbiert, der ihm aller Dinge – besteht in einer Formatierungsbe-
zugleich eine eigentümliche Wendung ver- wegung, die im gleichen Zuge die Rolle des
leiht: Indem alles gleiche Gültigkeit erlangt, Formats herunterspielt. Mit anderen Worten:

101
Die Ideologie des Silicon Valley befördert ein richtung. Es ist darin einem bürokratischen Re-
Ideal von Liberalität, welche fortwährend ihre gime vergleichbar, das abstreiten würde, über-
eigenen Formatierungswirkungen bestreitet. haupt politisch gefärbt zu sein. Die Konjunk-
Ein Beispiel, das diesen Anspruch eingängig tur, derer sich O’Reillys “government as plat-
vor Augen führt, sind die Diskussionen über form” erfreut, gehört in einen neuen Diskurs
die sogenannte “Platform governance“. Tim über Verfahrenstransparenz und Open Source.
O’ Reilly, der Konzepte wie Web 2.0 oder Damit ist es gleichwohl noch nicht getan.
“open source” in Umlauf brachte und von vie- Während die Demokratie im Plattform-Kapita-
len als „Orakel des Silicon Valley“ bezeichnet lismus ihre Selbststeuerungsmechanismen ab-
wird, startete eine Initiative, die viel Beachtung holt, reicht umgekehrt der Plattformkapitalis-
erntete. Im Kern besteht sie darin, das Modell mus immer stärker zum Handschlag mit orga-
der unternehmerischen Plattformen auf öf- nisierten politischen Ordnungen aus.
fentliche Verwaltungen auszudehnen. Unter
dem Stichwort “government as platform” Warum der Plattform-Kapitalismus
geht es darum, die eingefleischte Skepsis ge- die Sozialdemokratie unterstützt
gen Bürokratie und politische Eliten zurückzu-
drängen und die Aufgabe der Regierung ledig- Plattformen sind, wie bereits angedeutet, öko-
lich darauf zu beschränken, eine digitale Infra- nomische Rentiere, insofern die Extraktion von
struktur zur Verfügung zu stellen, auf der die Reichtum automatisiert und eine Digitalisie-
Bürger dann selbst deliberativ diskutieren und rungsdividende bezogen wird. Doch auch Ren-
sich selbst verwalten können.10 Tim O’Reillys tiere müssen darauf achten, dass ihre Dividen-
Plattformen setzen auf eine ganz andere Zeit- den gesichert bleiben, was ihnen nahelegt, auf
lichkeit als die der herkömmlichen repräsenta- die politischen Rahmenbedingungen Einfluss
tiven parlamentarischen Demokratien. Dort zu nehmen. Man mag sich wundern, warum
haben die nur in großen Abständen durchge- viele kalifornische Tech-Firmen, deren Gründer
führten Wahlen bestenfalls einen Vertrö- sich politisch oft zu libertären Positionen be-
stungseffekt mit gleichwohl heilsgeschicht- kennen,11 letztlich sozialdemokratische Regie-
lichen Untertönen (frei nach dem Motto: „Jetzt rungen favorisieren. Die Antwort ist denkbar
noch wirst Du regiert, dann aber wirst Du einfach: Sie werden von der öffentlichen Hand
selbst regieren können“). O’Reillys Plattformen maßgeblich querfinanziert. In Zeiten, in denen
funktionieren dagegen in Echtzeit. Das Ideal verstärkt auf public-private-partnerships ge-
der permanenten Neujustierung hat einen ky- setzt wird, ist es nicht verwunderlich, dass viele
bernetischen Hintergrund: über permanente Gemeinden auf die Möglichkeiten neuer Da-
Feedbackschlaufen soll sich ein System selbst tenverwaltung zurückgreifen. In Kalifornien,
regulieren. Politische Organisation wird auf ein Florida und Kanada testen mehr und mehr Ge-
Minimum reduziert, jede Form von äußerer In- meindeverwaltungen Outsourcing-Angebote
tervention wird zurückgenommen; Abläufe im öffentlichen Verkehr: Anstatt kostspielige
werden über Big Data und Verhaltensstati- Buslinien und die vergewerkschafteten Busfah-
stiken optimiert. rer unterhalten zu müssen, bietet eine täglich
Bezeichnenderweise gibt es heute durchaus wachsende Zahl an Gemeinden nun stark sub-
schon politische Systeme, die O’Reillys Modell ventionierte Taxifahrten mit Uber oder Lyft an.
auffällig nahe kommen, und zwar allen voran Das Geld der Steuerzahler fließt direkt in die
Singapur. Das Ausmaß an Scheinheiligkeit Privatunternehmen, und die Stadtverwaltung
kann nur verwundern, insofern hier eine voll- kann es sich sparen, in teure Transportinfra-
kommene Loslösung zwischen der Plattform struktur zu investieren. Es braucht wohl nicht
und den Handlungen postuliert wird, die da- eigens erwähnt zu werden, dass solche Um-
durch politisch ermöglicht werden, während widmungen nicht nur eindeutig den höheren
zugleich bestritten wird, die Plattform habe Schichten zugutekommen (es braucht eine
bereits irgendeine Form von politischer Aus- Kreditkarte, um die Dienste von Uber und ver-

102
gleichbaren Firmen überhaupt nutzen zu kön- bilden, sei dahingestellt. Der Verspätung in
nen), sondern dass langfristig keinerlei Investi- Dingen Digitalisierung ist jedenfalls nicht da-
tion mehr in öffentliche Verkehrsmittel getätigt durch abgeholfen, wenn nunmehr in allen
wird. Naomi Klein hat diesen Gesinnungswan- großen Metropolen, von Berlin über Kopenha-
del sehr treffend beschrieben: „Ein System, das gen, London, Paris und Barcelona, digitale In-
die Grenzen zwischen Big Government und Big kubatoren eingerichtet werden, um das vielbe-
Business verwischt, ist weder liberal noch kon- schworene European Tech entstehen zu lassen.
servativ oder kapitalistisch, sondern korporati- Jedenfalls solange nicht, wie man bei solchen
stisch.“12 Die Querfinanzierung durch die öf- Projekten allenfalls einen Begriff von Technolo-
fentliche Hand betrifft dabei nicht nur einzelne gie anwendet, der umstandslos aus den Bell
Dienstleistungen, sondern umgekehrt werden Labs übernommen ist.
die Tech-Firmen auch immer öfter für Partner-
schaften im New public management herange- Unterwegs zur digitalen
zogen. Unter dem Stichwort der Smart Cities europäischen Öffentlichkeit:
werden etwa Kooperationen mit privaten Ein paar kritische Fragen
Transportunternehmen wie Uber aufgesetzt,
die Zugang zu ihren Datenregistern anbieten, Es wird oft behauptet, das Silicon Valley habe
um auf dieser Grundlage Verkehrsstaus besser kein politisches, höchstens ein moralisches Pro-
regulieren zu können. Während es vernünftig gramm. Slogans wie “Don’t be evil” oder “Ma-
klingen mag, die Ampeltaktung an die Echt- ke the world a better place” legen das in der Tat
zeitbedürfnisse anzupassen, sind sich viele Per- nahe. Und doch wird, wer genauer hinschaut,
sonen im öffentlichen Dienst offenbar nicht da- eines Besseren belehrt. Ein gutes Beispiel dafür,
rüber im Klaren, welche Konsequenzen solche welches Verständnis das Silicon Valley von Öf-
Partnerschaften nach sich ziehen. Während ein fentlichkeit hat, zeigt sich in der sogenannten
Unternehmen wie Uber ebenfalls daran Inte- Freiheits-Initiative. Unter der Federführung von
resse haben dürfte, dass der Verkehrsfluss in Facebook lancierte ein Tech-Konsortium 2013
Großstädten weitgehend staufrei bleibt, ist unter dem Namen Free Basics (der ursprüng-
nicht davon auszugehen, dass seine Datensät- liche Name lautete Internet.org) eine Initiative
ze den Ausbau von Fahrradwegen empfehlen. für eine Internet-Grundversorgung in unterent-
Oder um es noch einmal zugespitzt zu formu- wickelten Ländern. Im Namen eines „Men-
lieren: Die digitale Welt ist nicht per se befrei- schenrechts auf Konnektivität” und des
end, und von Freiheit ist in deren Quellcode Kampfes gegen den Digital Divide wurde die In-
erst einmal nichts zu lesen. itiative ostafrikanischen Regierungen (Kenia,
Es ist der Zeitpunkt gekommen, wieder zur Tansania) kostenlos angeboten und dort vor
Anfangsfrage zurückzukehren, nämlich inwie- allem in den ländlichen Gebieten. Das bis heute
fern durch Digitalisierung ein anderes Europa anspruchsvollste Vorhaben war allerdings der
möglich wird. Die Empfehlung ist mittlerweile Plan, die größte Demokratie der Welt – Indien –
zum Konsens geworden: Die Einführung der mit einer digitalen Infrastruktur zu versehen.
E-Democracy müsse zunächst über E-Educati- Konkret besteht die Grundversorgung von Free
on verlaufen, und allgemein über einen Kampf Basics in einem Internetangebot, das auf ein
gegen digitalen Analphabetismus. Darin liegt Dutzend frei verfügbarer Anwendungen redu-
sicher etwas Wahres. Dennoch sind Zweifel ziert ist. Bezeichnend ist dabei, dass in diesem
angebracht, ob man auf dem richtigen Weg Paket bis auf eine einzige Anwendung, nämlich
ist, wenn das öffentliche Schulwesen – wie ge- Wikipedia, alle anderen von kommerziellen An-
rade in Frankreich der Fall – eine Partnerschaft bietern stammen, darunter Facebook selbst.
mit Apple abschließt, um die Schüler kostenlos Angesichts breitflächiger Proteste legte schließ-
an das Programmieren heranzuführen: Ob der lich die indische Regulierungsbehörde TRAI ge-
halbtätige Besuch im Apple Store wirklich ge- gen die Einführung von Free Basics ihr Veto ein,
eignet ist, mündige kritische Bürger herauszu- wobei unter anderem argumentiert wurde,

103
dass eine derart zusammengestutzte, vor allem ihre digitalen Daten wieder anzueignen, wie
aber eine mehrheitlich kommerzielle Variante etwa die Initiative Decode Barcelona.14 Jen-
des Internets nicht zu rechtfertigen sei. Die in- seits der individuellen Privacy muss es jedoch
dische Reaktion bleibt bis dato jedoch eine Aus- darum gehen, aufzuzeigen, dass Datenschutz
nahme, insofern diverse afrikanische Regulie- heute ein Anliegen ist, dem schon längst nicht
rungsbehörden hier ganz anders urteilten. Mo- mehr nur durch Individualrechte beizukom-
mentan beliefern Millionen von afrikanischen men ist, geht es doch gleichsam um digitale
Endnutzern für ein streng reduziertes Internet- Pfründe, die bisweilen auch als Digital Com-
angebot die Datenbanken der kalifornischen mons bezeichnet werden, und heute zuneh-
Firmen mit ihren Nutzerprofilen.13 mend in Gefahr sind.15 Die frühesten Formen
Ist es um Europa wirklich besser bestellt? Freilich politischer Selbstorganisation in Europa ent-
gibt es diverse Initiativen, White Papers der standen schließlich dadurch, dass eine Lösung
EU-Kommission und Steuerungsversuche liegen für die gemeinsame Nutzung von Allmenden
vor, und nicht zuletzt wird die Einrichtung von gefunden werden musste, für Weideland oder
Inkubatoren gefördert, um so etwas wie euro- für die Wälder. Lösungen müssen her, um die
päisches Tech zu unterstützen. Doch letztlich ist Sicherung der europäischen Wissensstände
es belanglos, ob die Technologie in Kalifornien, und der literarischen, humanistischen und kul-
China oder Kontinentaleuropa hergestellt wird: turellen Bildung nicht den automatisierten Di-
Solange die Bürger der Meinung sind, dass das gitalisierungsmaschinen von Google Books zu
Medium auf die Botschaft keinen Einfluss hat, überlassen. Einige aktuell in diese Richtung
hat die Ideologie des Silicon Valley weiter Be- unternommenen Schritte sind vielverspre-
stand. Dabei hätten uns die politischen Bemü- chend. Zu erwähnen wäre etwa die Ale-
hungen um die Einrichtung eines europaweiten xandria-Bibliothek des 21. Jahrhunderts, Euro-
Medienkanals eigentlich warnen sollen: Medi- peana, oder aber die Entwicklung eines über-
eninhalte können nicht einfach von einer Spra- greifenden europäischen Datenmodells
che in die andere übersetzt werden, ohne dass (EDM), das auf die Spezifik einzelner Meta-
dabei die jeweilige Bedeutung und die kultu- daten-Systeme Rücksicht nimmt (LIDO für
rellen und affektiven Besetzungen eine neue Museen, EAD für Archive oder METS für Digi-
Färbung bekommen. tale Bibliotheken usw.), aber zugleich auch ei-
Die Behauptung, strengere europäische Regu- nen neuen, durchlässigeren Rahmen für Laien
lierungen, wie etwa beim Urheberrecht, wür- schafft.16 Last but not least könnte noch der
den das World Wide Web kaputtfiltern und Vorschlag zur Gründung eines europäischen
zur Balkanisierung des Internets führen, ist Medienfonds erwähnt werden, der innovative
wenig stichhaltig. Warnungen vor einem Zer- Medienformate, die im öffentlichen Interesse
fall in ein freies (amerikanisches) Internet, ein stehen, unterstützen würde.
illiberales (chinesisches) und ein überregu- Über die Güte dieser einzelnen Initiativen wä-
liertes (europäisches) Internet gingen nach- re einzeln zu diskutieren, und dies würde den
weislich von Tech-Lobbys aus, denen die selb- Rahmen dieser Überlegungen eindeutig
storganisierten Initiativen zur Verschärfung sprengen. Die hier angestellten Überlegungen
des digitalen Urheberrechts ein Dorn im Auge verfolgten ein bescheideneres Ziel, nämlich
war. Doch nicht nur der besorgniserregenden zunächst lediglich die merkwürdige Schizo-
politischen Instrumentalisierung des Internets phrenie, die in den heutigen Debatten über
(China) ist entgegenzutreten, sondern auch Digitalisierung herrscht, zum Thema zu ma-
der kalifornischen Entpolitisierungsrhetorik, chen. Medien sind nie transparent und ihre
die das Argument des Universalismus für sich Verwendungsweisen werden es nie sein. Dis-
zu pachten beansprucht. kussionen über Netzneutralität – so wichtig
Konkret sind Initiativen zu begrüßen, die die sie rein rechtlich und politisch sein mögen – le-
europäischen Bürgerinnen und Bürger ermun- gen den logischen Fehlschluss nahe, Infra-
tern, sich in Zeiten der Massenüberwachung strukturen könnten überhaupt jemals neutral

104
sein. Einige Anzeichen stimmen zuversichtlich,
3
Andy Cameron, Richard Barbrook, “Californian Ideolo-
gy” [1995], in: Peter Ludlow (Hrsg.), Crypto-Anarchy, Cy-
dass sich gegenwärtig ein Bewusstsein über berstates, and Pirate Utopias, Cambridge, Mass. 2001, S.
die exorbitante Macht der kalifornischen Digi- 363–387.
talkonzerne herausbildet. Im Bezug auf das 4
Fred Turner, From counterculture to cyberculture: Ste-
Rumpfprojekt Europa braucht es jedoch weit wart Brand, the Whole Earth Network, and the rise of di-
gital utopianism, Chicago 2006.
mehr. Es geht nicht allein um konkrete Fragen 5
Philipp Staab, „Die zwei Halbzeiten des digitalen Kapita-
dahingehend, ob politisch hinzunehmen ist, lismus“, Vortrag 5. Dezember 2018, Universität St. Gallen.
dass sich digitale Big Player aufgrund ihrer 6
Zit. nach Frank Pasquale, The black box society: the
secret algorithms that control money and information,
vorgeblichen Ortlosigkeit nicht den gleichen Cambridge 2015, S. 15.
steuerlichen Regeln stellen wie andere Unter- 7
Nick Srnicek, Platform capitalism, Cambridge, UK ;
nehmen. Ganz grundsätzlich ist zu fragen, ob Malden, MA 2017.
die gebauten Kommunikationswege alterna-
8
Eric Schmidt und Jared Cohen, Die Vernetzung der
Welt: ein Blick in unsere Zukunft, Reinbek bei Hamburg
tivlos sind. Wie eingangs schon betont: Die In- 2013, S. 22.
frastrukturen, die sich eine Gesellschaft gibt, 9
“These semantic aspects of communication are irrele-
werden auch einen erheblichen Einfluss da- vant to the engineering problem”. Claude E. Shannon,
„Eine mathematische Theorie der Kommunikation“. In:
rauf nehmen, welchen Tätigkeiten wir darin Friedrich Kittler et al. (Hg.). Claude Elwood Shannon, Ein/
und darauf nachgehen. Gerade der Blick auf Aus. Ausgewählte Schriften zur Kommunikations- und
die Geschichte des Silicon Valley zeigt, dass es Nachrichtentheorie, Berlin 2000, S. 7–100, hier S. 9. Für
keine naturgegebenen technologischen Stan- eine ausführlichere Analyse von Shannon und Weavers
mathematischem Modell der Kommunikation, das als
dards sind, sondern dass es hier immer auch Gründungsdokument der medientechnologischen Schi-
viele Spielräume gibt, um Dinge anders zu ge- zophrenie gelesen werden kann, vgl. Verf., „Transparenz
stalten. und Störung. Vom zweifelhaften Nutzen eines kommu-
nikationswissenschaftlichen Paradigmas für die Bildtheo-
Im 17. Jahrhundert schrieb ein im nordeuro- rie“, in: Markus Rautzenberg und Andreas Wolfsteiner
päischen Exil lebender spanischer Jude – Ba- (Hrsg.), Hide and Seek : Das Spiel von Transparenz und
ruch de Spinoza – eine ethica more geometri- Opazität, München 2010, S. 21–31.
10
Tim O’Reilly, “Government as a Platform”, in: Innova-
co. Heute bräuchten wir dringend eine Ethik tions: Technology, Governance, Globalization 6/1 (2011),
more silico. Ethische Gesichtspunkte kommen S. 13–40.
jedes Mal dann zum Tragen, wenn wir darü- 11
Der Einfluss des ultralibertären Denkens vons Ayn
ber zu entscheiden haben, wie Dinge sein Rand auf die Vordenker der Start-up-Nation (etwa auf
den CEO von Uber) ist hinlänglich bekannt. Vgl. James
sollten, und wenn das Kommende nicht bloß B. Stewart, “As a Guru, Ayn Rand May Have Limits. Ask
auf der Grundlage dessen zu entscheiden ist, Travis Kalanick”, in: The New York Times, 22. 12. 2017.
was jetzt der Fall ist. Das heißt auch, dass wir Online: NYTimes.com, <https://www.nytimes.
com/2017/07/13/business/ayn-rand-business-poli-
Zukunftsentwürfe, auch darüber, was alle eu- tics-uber-kalanick.html>, Stand: 27. 3. 2019.
ropäischen Bürgerinnen und Bürger betrifft, 12
Naomi Klein, The Shock Doctrine: the rise of disaster
nicht an Algorithmen outsourcen, sondern capitalism, London 2008, S. 15.
wieder auf eine Fähigkeit rekurrieren, von der
13
Zur Kapitalisierung von Nutzerprofilen, vgl. die ein-
gängige Studie von Shoshana Zuboff, The Age of Sur-
im Zuge der Digitalisierung nicht mehr viel die veillance Capitalism: the fight for a human future at the
Rede ist: das Urteilsvermögen. Ein europä- new frontier of power, New York 2018.
isches öffentliches Projekt, eine europäische
14
https://decoproject.eu/ (zuletzt abgerufen am 29. 3.
2019).
Gemeinschaftlichkeit, ist ohne das freie und 15
Zu den frühesten Überlegungen zur post-individu-
kollektive Spiel des Urteilsvermögens nicht ellen Dimension von Privacy, vgl. Priscilla M. Regan,
vorstellbar. “Privacy as a Common Good in the Digital World”, in:
Information, Communication & Society 5/3 (2002) S.
382–405.
Anmerkungen: 16
https://pro.europeana.eu/ (zuletzt abgerufen am 29. 3.
1
Wladimir Iljitsch Lenin, „Unsere außen- und innenpoli- 2019).
tische Lage und die Aufgaben der Partei [1920]“, in:
Werke Bd. 31. April–Dezember 1920, Berlin 1966, S. 414.
2
Es muss daran erinnert werden, dass die im EU-Parla- Kontakt:
ment vertretenen Parteien den Vorschlag länderüber-
greifender Listen bei der Europa-Wahl erneut ablehnten. emmanuel.alloa@unisg.ch

105