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SCHUMANN

F R AG E
CHRISTIAN GERHAHER
GEROLD HUBER
HUMANN (1810–1856)
ROBERT SCHUMANN (1810–1856)

07
6 GESÄNGE op. 107 12 GEDICHTE op. 35
1:51
12 GEDICHTE op. 35
1 1. Herzeleid 1:51 Text: Justinus Kerner
Text: Justinus Kerner
Text: Titus Ullrich 14 1. Lust der Sturmnacht 1:21
heibe 1:50
14 1. Lust der Sturmnacht
2 2. Die Fensterscheibe 1:50 15 2. Stirb, Lieb’ und Freud’! 5:41
15 2. Stirb, Lieb’ und Freud’!
Text: Titus Ullrich 16 3. Wanderlied 2:50
1:21
16 3. Wanderlied
3 3. Der Gärtner 1:21 17 4. Erstes Grün 1:55
e 17 4. Erstes Grün
Text: Eduard Mörike 18 5. Sehnsucht nach der Waldgegend 2:20
1:16
18 5. Sehnsucht nach der Waldgegend
4 4. Die Spinnerin 1:16 19 6. Auf das Trinkglas eines 3:58
19 6. Auf das Trinkglas eines
Text: Paul Heyse verstorbenen Freundes
1:50
verstorbenen Freundes
5 5. Im Wald 1:50 20 7. Wanderung 1:20
er von Königswinter 20 7. Wanderung
Text: Wolfgang Müller von Königswinter 21 8. Stille Liebe 2:59
2:44
21 8. Stille Liebe
6 6. Abendlied 2:44 22 9. Frage 1:12
el 22 9. Frage
Text: Gottfried Kinkel 23 10. Stille Thränen 3:36
23 10. Stille Thränen
24 11. Wer machte dich so krank? 2:13
D BALLADEN op. 49
24 11. Wer machte dich so krank?
ROMANZEN UND BALLADEN op. 49 25 12. Alte Laute 2:22
nadiere 3:36
25 12. Alte Laute
7 1. Die beiden Grenadiere 3:36
e
Text: Heinrich Heine 4 GESÄNGE op. 142
4 GESÄNGE op. 142
n Brüder 2:13
8 2. Die feindlichen Brüder 2:13 26 1. Trost im Gesang 2:25
e 26 1. Trost im Gesang
Text: Heinrich Heine Text: Justinus Kerner
Text: Justinus Kerner
2:32
9 3. Die Nonne 2:32 27 2. Lehn’ deine Wang’ 0:46
nuel Fröhlich 27 2. Lehn’ deine Wang’
Text: Abraham Emanuel Fröhlich Text: Heinrich Heine
Text: Heinrich Heine
28 3. Mädchen-Schwermuth 2:26
9/2
28 3. Mädchen-Schwermuth
10 WARNUNG op. 119/2 Text: Lily Bernhard
Text: Lily Bernhard
us 2:28
Text: Gustav Pfarrius 2:28 29 4. Mein Wagen rollet langsam 2:58
29 4. Mein Wagen rollet langsam
Text: Heinrich Heine
Text: Heinrich Heine
3
3 GESÄNGE op. 83
3:38
11 1. Resignation 3:38
(J. B.)
Text: unknown poet (J. B.)
Ergebung 2:48
12 2. Die Blume der Ergebung 2:48
ert
Text: Friedrich Rückert
3:46 CHRISTIAN GERHAHER baritone
13 3. Der Einsiedler 3:46 CHRISTIAN GERHAHER bar
hendorff GEROLD HUBER piano
Text: Joseph von Eichendorff GEROLD HUBER p
“LYRISCHE DRAMATURGIE“ IN SCHUMANNS
LIEDZYKLEN
VON CHRISTIAN GERHAHER

Ich bin fest überzeugt, dass Robert Schumann auch seine kleineren Zusam-
menstellungen von Liedern zu Opera zyklisch gedacht und konzipiert hat. Im
Konzertsaal sind diese Werke meist weniger präsent, etwa das Opus 40, Fünf
Lieder nach Hans Christian Andersen, oder das Opus 90, Sechs Gedichte (Ni-
kolaus Lenau) und Requiem (auf dessen angenommenen Tod). Gerade diese
kleineren Liedgruppen entwickeln so etwas wie eine ›lyrische Dramaturgie‹.
Damit ist gemeint, dass Text und Musik nie völlig deckungsgleich sind – ihre
Zweiheit bleibt also zwar erhalten, wird aber durch eine gemeinsame poetische
Idee überwölbt und zusammengehalten. Natürlich gibt es auch ein paar Werk-
gruppen, die nur eine herausgegebene Sammlung ›übrig‹ gebliebener Lieder
sind; so beispielsweise die sechs Lieder und Gesänge op. 127 oder die hier am
Schluss stehenden Vier Gesänge op. 142 (die beiden Heine-Lieder Lehn’ deine
Wang’ und Mein Wagen rollet langsam waren von Schumann ursprünglich für
die Dichterliebe, dasLied Trost im Gesang für die Kerner-Lieder gedacht). Die
hier aufgenommenen Opera 49 und 83, die nur aus je drei Liedern bestehen,
sind aber in meinen Augen eindeutig zyklische Zusammenstellungen im Sinne
einer ›lyrischen Dramaturgie‹.

Die drei Romanzen und Balladen op. 49 halte ich für ein Musterbeispiel Schu-
mann’scher Übertragung dichterischer Ironie in Musik. Viel mehr als in den meis-
ten seiner Vertonungen von Gedichten Heinrich Heines zeigt Schumann hier eine
Abfolge geradezu lachhafter Bilder, die sich aber erst im Zusammenhang ganz
als solche erweisen: Die beiden Grenadiere werden (nicht nur in Aufführungen)
fast immer aus diesem Werk-Zusammenhang herausgelöst, und es haftet ihnen
dadurch gelegentlich ein leicht heroisch-vaterländischer Zug an – geradezu
absurd, schon angesichts der Textgrundlage, die im Grunde irrsinnige Dinge
präsentiert: Ein geschlagener Soldat Napoleons, der aus den Weiten Russlands
über Deutschland nach Frankreich heimkehrt, schleppt die Leiche seines Freun-
des mit. Man stelle sich das nur einmal bildlich vor: Der in bizarrer Kaisertreue
(»Was schert mich Weib, was schert mich Kind / […] lass sie betteln gehn, wenn
sie hungrig sind, / mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!«) sich bald verstorben
Glaubende und dann in fortschreitender Verwesung von seinem Kameraden
nach Frankreich zu Schleppende sieht sich jubelnd aus seinem Grab steigen,
sobald der Kaiser, wieder losziehend, zur nächsten Schlacht ruft. Diesen Jubel tragen. Nimmt man dies ernst, so könnte man in diesem vermeintlich unauf-
haben Robert Schumann und Richard Wagner, von der Vertonung des jeweils fälligen Zyklus nicht weniger als ein Triptychon des menschlichen Daseins
anderen nicht wissend, übrigens fast gleichzeitig und fast gleichartig zu den erkennen, symbolisch und rückbezüglich auf die Bedeutung des Kunstliedes
Klängen der Marseillaise vertont. Das im Opus folgende Lied Die feindlichen selbst, mit seinen drei typischen Formen (also durchkomponiert, variiert stro-
Brüder lässt dann aber den Zweifel an der inhaltlichen Ernsthaftigkeit des Zy- phisch und strophisch) korrespondierend.
klus unvermeidlich werden, sollte er bisher noch nicht aufgekommen sein. Die
Geschichte der sich wie Ödipus’ Söhne Eteokles und Polineikes gegenseitig Die späten Sechs Gesänge op. 107 auf Texte meist weniger bekannter Dichter
ins Schwert fallenden Brüder fußt auf einer Sage, nach welcher die benach- zeigen nun auf den ersten Blick keine großangelegte zyklische Idee und sind
barten Rhein-Burgen Sternberg und Liebenstein selbst »Feindliche Brü- meines Erachtens dennoch nicht einfach nur Teile einer Sammlung. Aus dem
der« genannt werden, sowie auf einem Märchen Ludwig Bechsteins. Allein Leisen entwickelt sich dessen eigene Ergründung als nicht nur musikalisches,
beispielsweise im Nachspiel ist der sarkastische Tonfall gut hörbar, da sein sondern auch menschliches Phänomen; das gelassen heitere Lied Der Gärtner
martialischer Gestus nicht zu dessen Kürze passt. Und schließlich das viel- ist da schon das Äußerste an Bewegung und Extroversion. Wie oft in Schu-
leicht nicht ironisch gemeinte, aber durchaus so vertonte Gedicht Die Non- manns Spätwerk erklärt sich nur eine Idee, hier die der menschlichen Vereinze-
ne: Diese, in Neid und erotischem Begehren erblassend, vergeht schier, sich lung: Auch im genannten expressivsten Lied spricht der Gärtner nicht mit der
grämend, als sie wie durch ein Fernglas eine in Lebenslust errötende Braut verehrten Prinzessin, sondern nur mit deren Hut. Dargestellt wird dies weniger
ansehen muss. Schumann vertont dies in geradezu filmischer Deutlichkeit. Er durch Kontraste, als durch immer weiter fortgesetzte Teilungen und Wendun-
zeigt, mit welch plötzlichem Entsetzen der an ihrem Schicksal Leidenden klar gen des einen Gedankens, bis hin zum Musterwerk äußerster Verwicklung und
wird, dass sie diese Lebensfrage – wie dieses Keuschheitsgelübde für immer Gegenläufigkeit von Duolen und Triolen im abschließenden Abendlied. Durch
ertragen? – nicht mehr wird beantworten können, nämlich mit einem Schluss die hier derart praktizierte rhythmische Zerlegung des Liedpulses entsteht eine
auf dem Dominantseptakkord. Das ist für ein einzelnes Lied eigentlich un- Zeitlosigkeit, die wie ein transzendental befriedender Schluss wirkt.
denkbar, und gilt hier sogar – ironisierend – dem ganzen Zyklus.
Schumanns Zwölf Gedichte op. 35 nach Gedichten von Justinus Kerner (Ker-
Der andere Klein-Zyklus, Drei Gesänge op. 83, zeigt dagegen eine völlig an- ner-Lieder), bilden neben der Dichterliebe op. 48 (Heinrich Heine) und dem
dere Technik ›lyrischer Dramaturgie‹. In vielfach verwobenen Dreierschritten Liederkreis op. 39 (Joseph von Eichendorff ) den dritten großen Liederzyklus
wird die Entwicklung vom komplizierten durchkomponierten Lied über das Schumanns. Nur zwei Werke vokaler Kammermusik sind noch umfangreicher:
variierte zum reinen Strophenlied, also der Weg zurück zur Einfachheit von die Myrthen op. 25, die allerdings als Schumanns Hochzeitsgeschenk an seine
Inhalt und Ausdruck, beschrieben: Angefangen beim Dreischritt Gegenwart – Frau Clara alternierend von einer Frauen- und einer Männerstimme zu singen
Zukunft – Vergangenheit im Lied Resignation, das von Liebe und Sein han- sind und, wie ein Kaleidoskop des Ehelebens, aus Texten verschiedener Dichter
delt, über die Dreiecksform (Thema – Mittelteil – Reprise) in Die Blume der bestehen; und die große Sammlung Liederalbum für die Jugend op. 79, welche
Ergebung, welches von Fortpflanzung und Werden handelt, bis hin zur Dar- überhaupt nur sehr bedingt zyklischen Charakter hat. Die drei oben genannten
stellung der Trinität in den drei Strophen des dritten Liedes Der Einsiedler; Zyklen bilden daher eine Art Trias der bedeutendsten und wirkungsreichsten
dies handelt von Transzendenz und Gewesen-Sein – und die Dreieinigkeit Schumann’schen Liedsammlungen. Während nun die Dichterliebe vielleicht
Gottes zeigt sich im Aufbau von Eichendorffs Gedicht: die erste Strophe, der Typus des jugendlich-identifikatorischen Liedwerks schlechthin ist und
den Vater als existenzielle Exposition repräsentierend; die zweite, den in die der Liederkreis wohl der edelste und texttreueste Vokalzyklus Schumanns ge-
Welt gekommenen Sohn (»da tratst du wunderbar zu mir«); die dritte, den nannt werden kann – die idealtypische lyrisch-klangliche Verschmelzung von
Geist als Zusammenfall beider Prinzipien. Die Zeiten-Dreiheit Gegenwart Gedicht und Lied –, so könnte man die Kerner-Lieder als das konzeptionell
– Zukunft – Vergangenheit des ersten Liedes wird durch die jeweils charak- gewagteste Werk in dieser Dreiergruppe bezeichnen.
terisierende Handlungssituation sogar noch auf die drei Lieder selbst über-
Justinus Kerner, Arzt und Dichter aus dem Kreis der Schwäbischen Dichter- im Lied, durch seinen Ort im Zyklus, keine Richtigkeit mehr. Das zeigt die Dy-
schule, Erfinder der Klecksographie und Beobachter manch anderer Obskuri- namik: Der frische Puls wird konterkariert durch das fast künstlich Leise des
tät, inspirierte schon den jungen Schumann. Dieser hat hier zwölf in keinem Liedes (»Wohlauf und frisch gewandert / in’s unbekannte Land!«), welches,
dichterischen Zusammenhang stehende Gedichte Kerners in die Reihenfolge wie erzwungen lauter, am Schluss ein nur noch durch die Natur zeichenhaft
einer Sammlung gebracht, die wie die zyklisch erzählte Entwicklung eines verbürgtes Liebespfand einfordert (»Und Erd’ und Himmel / sind innig mir
nur von Schumann vorgestellten Protagonisten wirkt: Ein junger Mann, noch verwandt.«).
tatendurstig (1 Lust der Sturmnacht), wird überrascht vom Weltenabschied Kerners Gedicht 8 Stille Liebe nimmt mit seiner Klage über das Nicht-Gelin-
seiner Geliebten (2 Stirb, Lieb’ und Freud’! – sie geht ins Kloster…); allein der gen eines zum Wesen der Geliebten passenden Liedes (»Doch von bitterm Leid
stille Beginn dieses Liedes vermittelt nach dem furiosen Ende des ersten un- durchdrungen, / dass noch keins auf dich gerieth.«) Bezug auf eine bestehen-
missverständlich den erzählerischen Anspruch des gesamten Zyklus, was sich de Beziehung. Schumann hingegen deutet dies durch die Stellung des Liedes
in der entscheidenden Wende zeigt: Der Untergang des vorgestellten Man- im erzählenden Verlauf wie auch durch den resignierten Duktus und Tonfall
nes wird mit den das zweite Lied beschließenden Worten vorweggenommen: des Liedes einschränkend um: Bei ihm ist nur noch quälende Erinnerung an
»Mein Herz zerbricht, / stirb, Lieb’ und Licht!« die verlorene Geliebte. Auch das folgende Lied (9 Frage) zeigt vor allem den
Das Weggehen, Auswandern (3 Wanderlied), die mögliche Lösung dieses dramaturgischen Willen Schumanns. Weniger nämlich passt der Inhalt des
plötzlich zugefügten Leides, ist vielleicht nur ein Postulat; in seinem star- Gedichtes in den erzählerischen Rahmen, denn sein Text nennt die Äußerun-
ken Gestus aber, vor allem in der Reprise, erscheinen Kraft und Lust dieses gen der Natur und des singenden Menschen Trost, während es Schumann
Liedes ein wenig erzwungen. Es unterscheidet sich insbesondere wegen der doch vielmehr um eine Kontrastierung der verlorenen, eigentlich entlastenden
nicht mehr unbeschwert jugendlichen Frische und Stärke vom vergleichbaren Natur mit dem allverheerenden Menschentun geht. Der Satz-Teil »Du Lied aus
Eröffnungslied. Das typisch romantische Allheilmittel, die Natur mit ihren voller Menschenbrust, / wärst du nicht … « sticht als ein wie für sich allein
einfachen Segnungen (4  Erstes Grün: »Mein Leid, das hebt kein Menschen- geltender Ausruf heraus: durch einen auftaktischen Akzent, durch eine unge-
wort; / nur junges Grün  …«), verliert beim Daheimgebliebenen seine Kraft wöhnliche Kette reziproker Synkopen und durch eine Fermate, die in Schu-
(5 Sehnsucht nach der Waldgegend) – weil er sich in die Menschenwelt be- manns langsamste Art agogischer Notation führt, ins Adagio, in dem immer
gab (»Hier in diesen weiten Triften«). Das Lied von der Heilung durch die die kürzeste Note zum Puls, zur Zählzeit wird. Es ist die dezidierte Anklage
Natur lässt sich, wenn man diese einmal verlassen hat (»Wär’ ich nie aus alles menschlichen zerstörerischen Wirkens und Seins, bevor die ›Erzählung‹
euch gegangen, / Wälder, hehr und wunderbar!«), nicht wieder erzwingen in den letzten drei Liedern in ihre Schlussphase tritt.
(»Wie der Vogel halb nur singet, / den von Baum und Blatt man schied.«). 10 Stille Thränen – die Nacht gewährt dem Trauernden keine Erholung im
Das nun folgende Lied 6 Auf das Trinkglas eines verstorbenen Freundes kann Schlaf. Wie bei Goethes Harfner (»Wer nie die kummervollen Nächte / auf
in diesem Sinne nur eine Reminiszenz früher von unserem Protagonisten seinem Bette weinend saß«) kennt der Schmerz keine Ruhe mehr und es weint
gepflegter Geselligkeit sein. Das von Zeilen­ende zu Zeilenende sich vergrö- keiner an seiner Statt (»Der Himmel bis zum Morgen / viel Thränen nieder-
ßernde Retardieren zeigt jedoch seine zunehmenden Zweifel an gemeinsamer goss«). Und so können auch seine Mitmenschen nicht verstehen, dass er am
Trink-Seligkeit. Das Bild der Burschenschaft, das im Gedicht noch positiv kon- nächsten Morgen nicht geläutert, fröhlich sein kann (»Und Morgens dann ihr
notiert sein mag, verliert im Schlussteil des Liedes alle Substanz. Es erfolgt meinet, / stets fröhlich sei sein Herz«) – zweimal ertönt dieser Satz, aggressiv,
musikalisch eine pejorative Umdeutung Kerners, wenn am Ende fahle Akkord- anklagend und verzweifelt. Typisch Schumann’sche Deklamation ist aber die
klänge zeigen, dass nur noch die leere Hülle einer Erinnerung übrig ist (»Leer Zurücknahme des Schlusses ins Piano. Aus Anklage werden so Resignation
steht das Glas! der heilge Klang / tönt nach in dem krystallnen Grunde.«). und Aufgeben – Hinführung zum gewollten Tod in den letzten beiden Liedern,
Dramaturgisch einleuchtend kommt die Natur danach noch einmal positiv in denen unser ›Held‹ sich auf jeweils gut meinende Schicksalsfragen antwor-
ins Spiel, um die Erzählfolge nicht zu rasch und auch nicht zu eindeutig zu tend erklärt – 11 Wer machte dich so krank? und 12 Alte Laute. Hier nun die
beschließen (7 Wanderung). Was hier im Text so affirmativ scheint, hat aber andere Besonderheit dieses Liederzyklus, und sie lässt wohl den letzten Zweifel
an seiner bewussten Konzeption verblassen: Zwei aufeinander folgende Lieder “LYRICAL DRAMATURGY” IN SCHUMANN’S
10 Stille Thränen – die Nacht gewährt dem Trauernden keine Erholung im SONG CYCLES
Schlaf. Wie bei Goethes Harfner (»Wer nie die kummervollen Nächte / auf
BY CHRISTIAN GERHAHER
seinem Bette weinend saß«) kennt der Schmerz keine Ruhe mehr und es weint
keiner an seiner Statt (»Der Himmel bis zum Morgen / viel Thränen nieder-
goss«). Und so können auch seine Mitmenschen nicht verstehen, dass er am I am firmly convinced that, when Schumann conceived not only his longer sets
nächsten Morgen nicht geläutert, fröhlich sein kann (»Und Morgens dann ihr of songs but the shorter groups too, he was thinking along cyclical lines. In
meinet, / stets fröhlich sei sein Herz«) – zweimal ertönt dieser Satz, aggressiv, the concert hall, these shorter groups tend to be less well represented – this is
anklagend und verzweifelt. Typisch Schumann’sche Deklamation ist aber die certainly true of the Fünf Lieder op. 40 to poems by Hans Christian Andersen
Zurücknahme des Schlusses ins Piano. Aus Anklage werden so Resignation and the op. 90 collection of Sechs Gedichte by Nikolaus Lenau, together with
und Aufgeben – Hinführung zum gewollten Tod in den letzten beiden Liedern, the Requiem that was added on the news of Lenau’s death. It is very much these
in denen unser ›Held‹ sich auf jeweils gut meinende Schicksalsfragen antwor- shorter groups of songs that develop what I would call a “lyrical dramatur-
tend erklärt – 11 Wer machte dich so krank? und 12 Alte Laute. Hier nun die gy”, by which I mean that words and music are never entirely congruent: they
andere Besonderheit dieses Liederzyklus, und sie lässt wohl den letzten Zweifel remain two separate entities, yet these are subsumed within an overarching
an seiner bewussten Konzeption verblassen: Zwei aufeinander folgende Lieder poetic idea and in that way held together. Of course there are also a few groups
weisen die gleiche Melodiestruktur auf. Sie könnten einfach zu einem einzigen of songs that represent no more than a published collection of songs that might
zusammengefasst werden; auch das bezeichnet langsamere zweite Lied könnte be said to have been left over from other sets. These include the six Lieder und
innerhalb eines einzigen einfach als zweite Strophe langsamer gesungen wer- Gesänge op. 127 and the Vier Gesänge op. 142 that appear at the end of this
den. Aber es sind eben zwei Gedichte, und sie werden melodiös und harmo- recording. (Of these four songs, the two Heine settings, “Lehn’ deine Wang’ ”
nisch fast gleichartig vorgetragen – als würde ein Lied wegen seiner großen and “Mein Wagen rollet langsam”, were originally intended for Dichterliebe,
Bedeutung und Endgültigkeit eben nochmals gesungen. Außerdem ergibt sich while “Trost im Gesang” was written for the Kerner Lieder op. 35.) The two sets
die Zahl Zwölf: eine halbe Winterreise, wie würde sich denn hier eine dröge Elf of lieder opp. 49 and 83 that are also included here consist of only three songs
(wie eine Fußballmannschaft) machen? each but in my view these are clearly cyclical compilations in the sense that they
Zwei Textstellen aus diesen letzten beiden Liedern jedenfalls erklären, wie der follow a “lyrical dramaturgy”.
Zyklus nun zu Ende erzählt wird: »Dass ich trag’ Todeswunden, / das ist der
Menschen Thun; / Natur liess mich gesunden, / sie lassen mich nicht ruhn!« I regard the three Romanzen und Balladen op. 49 as a prime example of Schu-
– die Menschen haben ihn zum Sterben gebracht und sie waren so bestim- mann’s ability to translate poetic irony into music. Far more than in most of
mend, dass die Natur gegen sie nicht ankommen konnte. Von ihr werden nur his Heine settings, Schumann presents us here with a sequence of altogether
noch Bilder erinnert – und Klänge (»Was hör’ ich? alte Laute / wehmüth’ger laughable images, but it is only when they are taken together that they reveal
Jünglingsbrust«), Klänge aus ›guter, alter Zeit‹, welche in Schumanns Liedern themselves as such. “Die beiden Grenadiere” is almost always divorced from its
immer wieder eine nicht wiederherstellbare Idylle und Unverletztheit meint context – not just in performances – with the result that it sometimes acquires
– eine Labsal, die nun nichts mehr vermag: »Die Tage sind vergangen, / mich a vaguely heroic and patriotic aspect, which is altogether absurd, not least in
heilt kein Kraut der Flur; / und aus dem Traum dem bangen / weckt mich ein the light of its textual basis, which deals essentially with the stuff of madness.
Engel nur.« One of Napoleon’s defeated soldiers returns to France from the vast expanses
of Russia, dragging his friend’s dead body with him. We need only to visual-
ize this. The man who is bizarrely loyal to his emperor (“What do I care for
wife and child? […] Let them go begging, if they are hungry – my emperor,
my emperor has been captured.”) soon believes that he is dead and, his body
gradually decaying, he is dragged by his comrade through Germany to France,
where he imagi nes himself rising triumphantly from his grave when his emper- with the third strophe evoking the Holy Ghost as the coincidence of both these
or, setting out on a further campaign, calls his troops to battle. Both Schumann principles. The temporal triunity of present, future and past in the first song is
and Wagner set this poem at more or less the same date and in more or less even transferred to all three songs as a result of the situation that characterizes
the same way, and, although each was unaware of the other’s version, they still each of their plots. If we take this seriously, we may be tempted to see in this
set this sense of jubilation to the strains of the Marseillaise. But the next song ostensibly unprepossessing cycle nothing less than a triptych depicting human
in this group, “Die feindlichen Brüder”, raises inevitable doubts about the se- existence, pointing symbolically and reflexively to the significance of the art
riousness of the ideas contained in this cycle – assuming that such doubts had song itself with its three typical forms: through-composed, modified strophic
not made themselves felt from the outset. The tale of two brothers who, like and strophic.
Oedipus’s sons Eteocles and Polynices, are killed by each other’s sword is based
on one of Ludwig Bechstein’s fairytales as well as on a legend according to which The late Sechs Gesänge op. 107 are settings of poems by largely unknown poets
the neighbouring castles of Sternberg and Liebenstein on the Rhine were them- and at first sight reveal no large-scale cyclical design. In spite of this, I regard
selves called “feuding brothers”. Only in the postlude is the note of sarcasm plain them as not just parts of a larger collection of songs. They begin quietly before
to hear, since its martial gesture ill consorts with its brevity. And finally we have going on to fathom the significance of this quietness as not just a musical but
the song “Die Nonne”. Although the poem itself may not have been intended also as a human phenomenon, the calmly cheerful song “Der Gärtner” marking
to be ironic, this is certainly how it has been set. The nun of the title turns pale the furthest extreme in movement and extroversion. As so often in Schumann’s
with envy and erotic desire and ultimately pines away when she is forced to later works, only a single idea finds expression here, that of human isolation.
look – as if through a telescope – at a bride blushing with the sheer joy of being Even in this most expressive of these songs, the gardener does not speak to the
alive. Schumann’s setting has an altogether cinematic clarity to it. By ending on princess whom he reveres but only to her hat. This is depicted less through
a chord of a dominant seventh he reveals the sudden horror felt by the nun who, the use of contrast than by the continuous fragmentation of the same thought,
railing against her fate, realizes that she can no longer answer the existential which is explored from different angles, culminating in a paradigm of extreme
question as to whether she will be able to keep her vow of chastity for ever. This complexity, with duplets and triplets running in opposite directions in the final
chord is essentially unthinkable as a way of ending an individual song. Here it “Abendlied”. This rhythmic dissection of the song’s pulse results in a sense of
applies to the cycle as a whole, to which it adds a note of irony. timelessness that has the effect of a transcendentally pacifying ending.

The other small-scale cycle, the Drei Gesänge op. 83, reveals a very different Schumann’s Zwölf Gedichte op. 35 are settings of poems by Justinus Kerner and
technique of “lyrical dramaturgy”. In several interwoven three-step stages are his third major song cycle after Dichterliebe op. 48 (Heinrich Heine) and
Schumann traces the development from a complicated through-composed the Liederkreis op. 39 (Joseph von Eichendorff ). Only two of his vocal chamber
song to a modified strophic song and, finally, to a pure strophic song. In other works are longer than this; Myrthen op. 25 – written as Schumann’s wedding
words, he charts a course that leads back to simplicity in terms of both content present to his wife Clara, these songs are intended to be sung by a man and a
and expression. We begin with the three-step process of present, future and woman alternating with each other and comprise texts by a variety of poets de-
past in “Resignation”, which tells of love and being. Next comes a triangular signed as a kind of kaleidoscope of married life; and the major collection Lied-
form (theme, middle section, recapitulation) in “Die Blume der Ergebung”, eralbum für die Jugend op. 79, which can be described as cyclical in character
which deals with reproduction and becoming. And finally we have an account only with considerable reservations. In short, the three cycles mentioned above
of the Holy Trinity in the three strophes of the third song, “Der Einsiedler”. form a kind of triad made up of the most significant and influential collections
This is all about transcendence and about past existence, while the Holy Trin- of Schumann’s songs. Whereas Dichterliebe is arguably the very embodiment
ity is revealed in the very structure of Eichendorff ’s poem: the opening stro- of the sort of group of youthful songs with which every listener can identify, the
phe represents the Father as an existential exposition, while the second depicts op. 39 Liederkreis could be said to be the most refined and textually most faith-
the Son coming into the world (“and then you came so wonderfully to me”), ful of Schumann’s vocal cycles, with its typically ideal lyrical fusion of poem
and song. The Kerner Lieder, finally, could be described as the most conceptu- reinterpretation of Kerner’s original lines when at the very end wan chords
ally daring cycle within this group of works. reveal that all that remains is the empty husk of a memory (“The glass stands
empty. The hallowed sound re-echoes in its crystal depths.”). In the following
Justinus Kerner was a practising physician as well as being a product of the song (No. 7, “Wanderung”) nature again has a positive role to play, a role that
Swabian school of poets. He invented klecksography (inkblot art) and observed makes dramaturgical sense in that it ensures that the narrative sequence is
many another obscurity. And he inspired the young Schumann, who set twelve not brought to too rapid or unequivocal an end. But what appears to be so
of his poems, poems that do not appear in any particular poetic context in affirmative in the words no longer seems right in the song as a result of its
Kerner’s output but which Schumann grouped together as a set, creating the place within the cycle as a whole. This point is underscored by the dynamics,
impression of a cyclical narrative that depicts the development of a protagonist with the bright pulse contradicted by the almost artificial quietness of the
imagined only by Schumann: a young man who still thirsts for action and ad- song (“Arise and travel with a light heart into unknown lands!”). At the end of
venture (No. 1, “Lust der Sturmnacht”) is taken by surprise when his lover bids the song what had formerly been quiet now becomes louder, as if compelled
farewell to the world and enters a nunnery (No. 2, “Stirb, Lieb’ und Freud’!”). to do so when the protagonist is required to offer a pledge of his love, a pledge
Following the frenzied ending of the first song, even the calm beginning of the only symbolically guaranteed by nature (“And earth and heaven are near and
second conveys the first unmistakable impression that the cycle as a whole has dear to me.”).
a narrative thrust to it, an aim revealed by the cycle’s decisive turn of events, The eighth of the Kerner Lieder, “Stille Liebe”, assumes the form of a lament at
when the demise of the imaginary man is prefigured by the words that end the the protagonist’s failure to produce a song that suits his lover’s nature (“bitterly
second song: “My heart is breaking. Die, love and light!” regretting that none of my songs has yet proved worthy of you”). It refers to an
It may be no more than a suggestion that the idea of leaving and emigrating existing relationship. Schumann, conversely, qualifies and reinterprets this not
(No. 3, “Wanderlied”) is a possible solution to this sudden access of suffering, only by placing the song within a new narrative framework but also by intro-
but in its powerful expression, especially in the recapitulation, the strength and ducing a note of resignation. All that remains here is the tormenting memory of
desire that this song exudes seem not a little forced. This song differs from the protagonist’s lost lover. The following song (No. 9, “Frage”) likewise reveals
the comparable opening song not least on account of its no longer youthful- the composer’s dramaturgical intent. The content of the poem is less well suit-
ly carefree freshness and strength. The typically Romantic panacea of nature ed to the narrative framework, for the words describe the emanations of both
with its simple blessings (No. 4, “Erstes Grün”: “No human word can ease my nature and the “full-throated song of man” as a form of consolation, whereas
pain, only young green placed on my heart makes that heart beat more calm- Schumann is more concerned to point up the contrast between lost, condoning
ly.”) loses its power over the man who has remained at home and stayed behind nature and universally annihilating human activities. The phrase “Du Lied aus
(No. 5, “Sehnsucht nach der Waldgegend”) because he had ventured forth into voller Menschenbrust, / wärst du nicht” (“You, full-throated song of man, were
the world of humankind (“Here in these rolling pastures”). The song about the it not for you […]”) stands out like an exclamation that is valid for itself alone:
healing power of nature can no longer be coerced (“a caged bird only half sings Schumann achieves this by means of an accent on the upbeat, by an unusual
when sundered from leaf and tree”) once a person has left the world of nature sequence of reciprocal syncopations and by a fermata that leads to his slowest
(“Would that I had never left you, forests, sublime and wondrous”). kind of agogic notation, an Adagio, in which it is always the shortest note that
From this point of view the following song (No. 6, “Auf das Trinkglas eines ver- creates the pulse and metre. What we have here is an emphatic indictment
storbenen Freundes”) can be only a reminiscence of the conviviality formerly felt of all of humanity’s destructive activities and existence before the “narrative”
by our protagonist. But the ritardando that increases from the end of one line to enters its final phase with the three last songs.
the end of the next reveals his mounting doubts in the feeling of enjoyment cre- No. 10, “Stille Thränen”, reveals that night offers our grieving protagonist no
ated by convivial drinking. The image of a student fraternity that may still have chance to recover even when he is asleep. As with Goethe’s “Der Harfner” (“The
positive connotations in the poem is stripped of all its substance in the closing man who has not spent his sorrowful nights weeping on his bed”), there is no
section of the song. Musically speaking, what we have here is a pejorative longer any respite from pain, and no one weeps in his place (“The heavens shed
many a tear till morning came”). And so even the man’s fellow humans fail to
understand that he cannot feel purified and glad the next morning (“Though
in the morning you may think that his heart has always been happy”). This
sentence is uttered twice, aggressive, minatory and desperate. But the end dies
away quietly in a typical example of Schumann’s word-setting. In this way an
indictment turns to resignation and abandonment, leading to the protagonist’s
death in the last two songs, in which our “hero” declares himself willing to reply
to what are invariably well-intentioned questions about fate in No. 11, “Wer
machte dich so krank?”, and No. 12, “Alte Laute”. Here we find the other ex-
ceptional feature of this song cycle and, if we were ever disposed to doubt that
a conscious concept lay behind it, then those doubts will now be dispelled, for
here two successive songs reveal the same melodic structure. They could simply
have been run together to form a single song, and even the slower second song
could have been sung more slowly as the second strophe of a single song. But
these are two different poems which melodically and harmonically are none the
less performed in almost the same way – as if any song can ever be sung again
on account of its significance and definitive nature. Moreover, the result is the
number twelve – half a Winterreise. How would it look if we had only eleven
songs here – rather like a football team?
Two passages from these last two songs explain how the cycle ends: “It is human
activity that has dealt me my death wounds. Nature might have allowed me to
recover, but humans give me no peace.” His fellow humans have brought him to
the brink of death and it was they who were influential in preventing nature from
making any headway against them. Only images – and sounds – of nature re-
main: “What do I hear? Ancient sounds from the breast of a melancholy youth.”
These sounds from the “good old days” are repeatedly invoked in Schumann’s
songs to recall a state of inviolate wholeness and an idyll that can never be re-
stored. Such comfort can achieve nothing any longer: “Those days are long past,
no meadow herbs can heal me, and from my anxious dream only an angel can
wake me.”
GESANGSTEXTE
LYRICS
1 HERZELEID HEARTACHE Der Weg, den das Rößlein The path on which the little horse
Die Weiden lassen matt die Zweige hangen, Wearily the willows let their branches hang low hintanzet so hold, prances so delightfully,
und traurig zieh’n die Wasser hin: and the waters drift sadly past: der Sand, den ich streute, the sand that I scattered
Sie schaute starr hinab mit bleichen Wangen, With pallid cheeks she stared down, er blinket wie Gold! gleams like gold.
die unglücksel’ge Träumerin. the unhappy dreamer.
Du rosenfarb’s Hütlein, O rose-pink bonnet
Und ihr entfiel ein Strauß von Immortellen, A posy of immortelles slipped through her fingers, wohlauf und wohlab! bobbing up and down,
er war so schwer von Thränen ja, it was so heavy with tears, o wirf eine Feder O furtively throw down
und leise warnend lispelten die Wellen: and the waves softly whispered their warning: verstohlen herab! a feather for me.
Ophelia, Ophelia! Ophelia, Ophelia!
Und willst du dagegen And if you want a flower
eine Blüthe von mir, from me in return,
2 DIE FENSTERSCHEIBE THE WINDOWPANE
nimm tausend für Eine, take a thousand for one,
Die Fenster klär’ ich zum Feiertag, I was cleaning the windows for the holiday nimm alle dafür! take all of them for it!
daß sich die Sonn’ drin spiegeln mag, so the sun would be reflected in them,
und klär’ und denke gar mancherlei, cleaning and thinking of many things, DIE SPINNERIN
4 THE GIRL AT HER SPINNING-WHEEL
da geht er stolz vorbei! when he proudly walked by. Auf dem Dorf in den Spinnstuben The girls from the village
So sehr muss ich da erschrocken sein, I must have been so shocked sind lustig die Mädchen. are happy in their spinning-rooms.
dass ich gleich brach in die Scheiben hinein, that I smashed the glass Hat Jedes seinen Herzbuben, Each has her sweetheart.
und gleich auch kam das Blut gerannt and blood ran wie flink geht das Rädchen! How deftly the little wheel turns!
roth über meine Hand. red over my hand. Spinnt Jedes am Brautschatz, Each is spinning her trousseau
Und mag sie auch bluten, meine Hand, And though my hand may bleed daß der Liebste sich freut. to please her true love.
und mag mich auch schmerzen der böse Brand, and although it may burn and hurt, Nicht lange, so giebt es It won’t be long
hast einen Blick doch herauf geschickt, you looked up at me ein Hochzeitsgeläut’! before there’ll be wedding bells!
als laut das Glas geknickt. when the glass broke loudly. Kein’ Seel’, die mir gut ist, No kindly soul
Und in die Augen dir hab’ ich geseh’n; And I looked into your eyes! kommt mit mir zu plaudern; comes to talk to me;
ach Gott, wie lang ist es nicht gescheh’n! O God, how long is it since I last did so! gar schwül mir zu Muth ist my spirit fails me
Hast mich ja nicht einmal angeblickt, You did not even look at me und die Hände zaudern. and my hands falter.
als leis mein Herz geknickt! when my heart was quietly broken. Und die Thränen mir rinnen And tears run silently
leis’ über’s Gesicht. over my face.
3 DER GÄRTNER THE GARDENER Wofür soll ich spinnen, Why should I spin?
Auf ihrem Leibrößlein, On her favourite little horse, ich weiß es ja nicht! I do not know!
so weiß wie der Schnee, as white as snow,
die schönste Prinzessin the fairest princess 5 IM WALD IN THE FOREST
reit’t durch die Allee. rides down the avenue. Ich zieh’ so allein All alone I go off
in den Wald hinein! into the forest!
O sieh zwei Falter fliegen, Oh, look! Two butterflies in flight!
sie tummeln sich durch die Luft How playfully they flutter through the air 7 DIE BEIDEN GRENADIERE THE TWO GRENADIERS
und wenn sie ruhn, so wiegen and, when they rest, they are cradled Nach Frankreich zogen zwei Grenadier’, Two grenadiers were returning to France
sie sich in der Blumen Duft, by the flowers’ fragrance. die waren in Russland gefangen, after having been held prisoner in Russia,
Und ich bin so allein voll Pein! And I am so alone, so full of torment! und als sie kamen ins deutsche Quartier, and, when they reached German soil,
sie liessen die Köpfe hangen. they hung their heads.
Ich zieh’ so allein All alone I go off
in den Wald hinein! into the forest! Da hörten sie Beide die traurige Mähr’: Here they both heard the sorry tale
O sieh zwei Vöglein erschrocken Oh, look at those two little birds rising dass Frankreich verloren gegangen, that France had been lost,
entstieben dem warmen Nest, startled from their warm nest! besiegt und geschlagen das tapfere Heer its valiant army defeated and beaten,
doch singen und suchen und locken Yet they sing and search and flirt und der Kaiser, der Kaiser gefangen! and the emperor, the emperor had been captured.
sie hoch sich im Geäst, high in the branches.
Da weinten zusammen die Grenadier’ The grenadiers then wept together
Und ich bin so allein voll Pein! And I am so alone, so full of torment!
wohl ob der kläglichen Kunde; on account of these pitiful tidings;
Ich zieh’ so allein All alone I go off der Eine sprach: »Wie weh wird mir, one of them said: “Oh, the pain of it,
in den Wald hinein! into the forest! wie brennt meine alte Wunde!« how my old wound is burning!”
O sieh zwei Rehe ziehn Oh, look at those two roe-deer
Der Andre sprach: »Das Lied ist aus, The other said: “It’s all over,
an der grünen Halde zumal coming to the green mound together.
auch ich möcht’ mit dir sterben, I too should like to die with you
und wie sie mich seh’n, entflieh’n And, when they see me, they flee
doch hab’ ich Weib und Kind zu Haus, but I have a wife and child at home
sie fern in Berg und Thal, far away over hill and dale.
die ohne mich verderben.« and they’ll perish without me.”
und ich bin so allein voll Pein! And I am so alone, so full of torment!
»Was schert mich Weib, was schert mich Kind, “What do I care for wife and child?
6 ABENDLIED EVENING SONG ich trage weit bess’res Verlangen; My aims are far higher than this.
Es ist so still geworden, It has become so tranquil. lass sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind, Let them go begging if they are hungry –
verrauscht des Abends Weh’n, The evening breeze has died away mein Kaiser, mein Kaiser gefangen! my emperor, my emperor has been captured.
nun hört man aller Orten so that everywhere you can hear
Gewähr’ mir, Bruder, eine Bitt’: “Grant me, brother, one final request:
der Engel Füße geh’n. the footfalls of passing angels.
wenn ich jetzt sterben werde, if I’m to die,
Rings in die Tiefe senket All around, darkness sinks
so nimm meine Leiche nach Frankreich mit, take my body back to France with you
sich Finsterniß mit Macht; forcefully into the valleys.
begrab’ mich in Frankreichs Erde. and bury me in French soil.
wirf ’ ab, Herz, was dich kränket O heart, cast aside what offends you
und was dir bange macht! and all that makes you afraid! Das Ehrenkreuz am rothen Band “The Cross of Valour with its red ribbon
sollst du auf ’s Herz mir legen, you shall place upon my heart.
Nun steh’n im Himmelskreise The stars now appear in their majesty
die Flinte gib mir in die Hand, Put my musket in my hand
die Stern’ in Majestät; within the encircling heavens.
und gürt’ mir um den Degen. and gird my sword about me.
in gleichem festem Gleise The golden chariot passes along
der goldne Wagen geht. the same fixed path. So will ich liegen und horchen still, “So I shall lie and listen in silence
Und gleich den Sternen lenket And, like the stars, it guides wie eine Schildwach’, im Grabe, like a sentry in my grave
er deinen Weg durch Nacht; your journey through the night. bis einst ich höre Kanonengebrüll, until I hear the cannons’ roar
wirf ’ ab, Herz, was dich kränket O heart, cast aside what offends you und wiehernder Rosse Getrabe. and the gallop of neighing horses.
und was dir bange macht! and all that makes you afraid!
Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab, “My emperor will then ride over my grave. Aber nachts im Thalesgrunde But at night, in the depths of the valley,
viel Schwerter klirren und blitzen: Many swords will clash and flash. wandelt’s heimlich, wunderbar; there is a strange and eerie transformation;
dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab, I shall then rise up, fully armed, from my grave wenn da kommt die zwölfte Stunde, at the stroke of midnight
den Kaiser, den Kaiser zu schützen!« to protect my emperor, my emperor!” kämpfet dort das Brüderpaar. the two brothers can still be seen fighting.

9 DIE NONNE THE NUN


8 DIE FEINDLICHEN BRÜDER THE FEUDING BROTHERS
Oben auf des Berges Spitze Im Garten steht die Nonne The nun is standing in the garden,
High on the mountain summit
bei Rosen in der Sonne, where roses are blooming in the sunshine
liegt das Schloss in Nacht gehüllt; the castle lies shrouded in night.
doch im Thale leuchten Blitze, die ihr ein Kränzlein flechten and weaving a little garland for her
But down in the valley there are flashes of lightning
zur Linken und zur Rechten. to her left and to her right.
helle Schwerdter klirren wild. as bright swords wildly clash.
Das sind Brüder, die dort fechten Herüber aus dem Saale From the hall over there
They are brothers who, fired by fury,
erklingt vom Hochzeitmahle comes the sound of a wedding feast
grimmen Zweikampf wuthentbrannt. are fighting a bitter duel.
Sprich, warum die Brüder rechten das Tanzen und das Singen; with its dancing and singing.
Say, why are these brothers seeking redress
mit dem Schwerte in der Hand? die Braut möcht’ Jeder schwingen. Everyone wants to dance with the bride.
with a sword in their hands?
Gräfin Laura’s Augenfunken Sie kühlet hold umfangen She stands delightfully framed by the window
The flash of Countess Laura’s eyes
zündeten den Brüderstreit; am Fenster sich die Wangen; where she has come to cool her flushed cheeks.
kindled the brothers’ quarrel.
die Nonne schaut herüber, The nun looks across
beide glühen liebestrunken Both are drunk with love and burn
für die adlig holde Maid. ihr gehn die Augen über: and her eyes brim with tears.
for the sweet and noble maid.
»Wie glüht im Rosenglanze “How she glows in the gleam of the roses
Welchem aber von den beiden But to which of the two
wendet sich ihr Herze zu? sie unterm weißen Kranze, beneath her white garland.
does her heart incline?
und unter rother Rose And beneath my red rose
Kein Ergrübeln kann’s entscheiden: No amount of brooding can decide it:
Schwerdt heraus, entscheide du! erbleich’ ich Freudenlose.« I turn pale, bereft of all joy.”
Out, then, sword! You decide it!
Und sie fechten kühn verwegen, And they fight boldly and rashly 10 WARNUNG WARNING
Hieb’ auf Hiebe niederkracht’s; as blow rains down on blow; Es geht der Tag zur Neige, The day is drawing to a close.
hütet euch, ihr wilden Degen, beware, wild warriors, der Licht und Freiheit bot, It had offered light and liberty.
grausig Blendwerk schleichet Nacht’s. night brings cruel deception. o schweige, Vöglein, schweige, Oh, be silent, little bird, be silent,
du singst dich in den Tod! you are singing yourself to death.
Wehe! Wehe! blut’ge Brüder! Alas! Alack! Blood-stained brothers!
Wehe! Wehe! blut’ges Thal! Alas! Alack! Blood-stained valley! Die Winde nächtlich rauschen, The night winds are soughing,
Beide Kämpfer stürzen nieder, Both warriors fall, die Blätter zittern bang’, the leaves are trembling in fear.
Einer in des Andern Stahl. each by the other’s sword! den Feinden, die d’rin lauschen, Your singing betrays you to your enemies,
verräth dich dein Gesang. who are listening out for you.
Viel Jahrhunderte verwehen, Many centuries pass,
viel Geschlechter deckt das Grab; many generations lie buried.
traurig von des Berges Höhen From the mountain top
schaut das öde Schloss herab. the deserted castle looks down in sadness.
Gluthäugig durch’s Gezweige Its eyes glowing through the branches, 12 DIE BLUME DER ERGEBUNG THE FLOWER OF SUBMISSION
der finstre Schuhu droht: the dark screech-owl poses a threat: Ich bin die Blum’ im Garten, I am the flower in the garden
o schweige, Vöglein, schweige, Oh, be silent, little bird, be silent, und muß in Stille warten, and must wait in silence
du singst dich in den Tod! you are singing yourself to death. wann und in welcher Weise to see when and in what way
du tritst in meine Kreise. you will step inside my circle.
11 RESIGNATION RESIGNATION
Lieben, von ganzer Seele, I must love you with all my soul, Kommst du, ein Strahl der Sonne, If you come as a ray of sunlight,
lieben herzinniglich; I must love you with all my heart, so werd’ ich deiner Wonne I shall silently open my heart
daß nimmer ich’s verhehle; so that I never conceal it, den Busen still entfalten to your rapture
heiß lieben muß ich dich! I must love you ardently! und deinen Blick behalten. and bask in your gaze.
Wie’s kommt? Wie kann ich’s wissen? How can this be? How can I know this? Kommst du als Thau und Regen, If you come as dew and rain,
Wohl höher schlägt mein Herz, My heart skips a beat so werd’ ich deinen Segen I shall hold your blessing
wenn deine Augen grüßen; when your eyes smile on me. in Liebesschaalen fassen, in my loving-cup
gehst du, erbebt’s im Schmerz, It quivers in pain when you leave me. ihn nicht versiegen lassen. and never let it run dry.
erbebt im heißen Glühen, It trembles with ardent desire
im still verschwieg’nen Rausch and in suppressed ecstasy, Und fährtest du gelinde And, if you pass gently
und Thränen überziehen and tears cloud my eyes hin über mich im Winde, over me as a breeze,
den Blick im Wechseltausch. whenever we exchange a few words. so werd’ ich dir mich neigen, I shall bow before you
Lieben von ganzer Seele muß ich dich! I must love you with all my soul! sprechend: ich bin dein eigen. saying: I am yours.

Du wirst mich nie umschließen, You will never hold me in your arms. Ich bin die Blum’ im Garten, I am the flower in the garden
nie wird dein Aug’ mir glüh’n! Your eyes will never desire me! und muß in Stille warten, and must wait in silence
Der Sehnsucht still Vermissen Longing’s silent sense of loss wann und in welcher Weise to see when and in what way
wird nie dich zu mir zieh’n! will never draw you to my side! du trittst in meine Kreise. you will step inside my circle.
So hoffnungslos mein Lieben? Is my love really so hopeless?
Gewiß! doch trostlos nicht! Of course! But it is not without comfort.
13 DER EINSIEDLER THE HERMIT
Will Gegenwart nicht trüben, I refuse to cloud the present, Komm, Trost der Welt, du stille Nacht! Come, silent night, the world’s solace!
Zukunft? kenn’ ich ja nicht! but, as for the future, it remains unknown. Wie steigst du von den Bergen sacht, How softly you descend from the mountains
Will auch der Trennungsstunde Schmerz Though the pain of parting die Lüfte alle schlafen, while the breezes are all asleep
düster mich umweh’n – sombrely besets me, ein Schiffer nur noch, wandermüd, and only a sailor, weary of his wanderings,
lächle mit bleichem Munde: I can still summon a pale-lipped smile: singt über’s Meer sein Abendlied sings his serenade across the sea
jenseits ist Wiederseh’n! we shall meet again in the afterlife! zu Gottes Lob im Hafen. in praise of God in the harbour.
Die Jahre wie die Wolken gehn The years pass by like clouds
und lassen mich hier einsam stehn, and leave me standing here alone.
die Welt hat mich vergessen, The world had forgotten me
da tratst du wunderbar zu mir, and then you came so wonderfully to me
wenn ich bei’m Waldesrauschen hier as I sat here lost in thought
gedankenvoll gesessen. amid the forest murmurs.
O Trost der Welt, du stille Nacht! O world’s solace, silent night! Dort vor Marias heilig’ Bild There she kneels in prayer
Der Tag hat mich so müd’ gemacht, The day has left me so tired, sie betend niederkniet, before an image of Our Lady.
das weite Meer schon dunkelt, the wide sea is now growing dark. der Himmel hat ihr Herz erfüllt Heaven has filled her heart
laß ausruhn mich von Lust und Noth, Let me rest from joy and suffering und alle Weltlust flieht: and all worldly pleasures have fled:
bis daß das ew’ge Morgenroth until the dawn of eternity »O Jungfrau rein, “O Virgin pure,
den stillen Wald durchfunkelt. lights its way through the silent forest. laß mich allein let me be
dein eigen sein!« yours alone!”
14 LUST DER STURMNACHT JOY ON A STORMY NIGHT
Alsbald der Glocken dumpfer Klang As soon as the muffled tolling of bells
Wenn durch Berg’ und Thale draussen When the rain pours down and storms are roaring
die Betenden erweckt, rouses the worshippers,
Regen schauert, Stürme brausen, over hill and dale outside,
das Mägdlein wallt die Hall’ entlang, the young girl walks down the nave.
Schild und Fenster hell erklirren, making inn-signs and windows rattle loudly,
es weiß nicht, was es trägt; She does not know what she is wearing.
und in Nacht die Wandrer irren, and travellers are lost in the night,
am Haupte ganz Upon her head
ruht es sich so süss hier innen, How sweet it is to be at peace indoors von Himmelsglanz is a crown of lilies
aufgelöst in sel’ges Minnen, and surrender to blissful love. einen Lilienkranz. of celestial brightness.
all der goldne Himmelsschimmer All the golden glow of heaven
Mit Staunen schauen all’ die Leut’ All the people gaze in wonder
flieht herein in’s stille Zimmer: takes refuge in this tranquil room.
dies Kränzlein licht im Haar. at the bright circlet in her hair.
Reiches Leben, hab Erbarmen! Richness of life, have mercy! Das Mägdlein aber wallt nicht weit, Yet the young girl does not go far
halt mich fest in linden Armen! Hold me tight in your gentle arms! tritt vor den Hochaltar. but stops before the high altar:
Lenzesblumen aufwärts dringen, Springtime flowers thrust upwards, »Zur Nonne weih’t, “Take me, poor maid,
Wölklein ziehn und Vöglein singen. clouds scud by and little birds sing. mich arme Maid, as a nun,
stirb, Lieb’ und Freud’!« die, love and joy!”
Ende nie, du Sturmnacht, wilde! Never end, O wild and stormy night!
Klirrt, ihr Fenster, schwankt, ihr Schilde, Rattle, windows! Inn-signs, sway! Gott gieb, dass dieses Mägdlein God grant that this young girl
bäumt euch, Wälder, braus’, o Welle, Rear up, forests! Roar, O waves! ihr Kränzlein friedlich trag’, may wear her crown in peace!
mich umfängt des Himmels Helle! I’m enfolded by heaven’s brightness! es ist die Herzallerliebste mein, She is my one true love
bleibt’s bis zum Jüngsten Tag. and will remain so until Judgement Day.
15 STIRB, LIEB’ UND FREUD’! DIE, LOVE AND JOY! Sie weiss es nicht, She does not know,
Zu Augsburg steht ein hohes Haus In Augsburg there stands a tall house mein Herz zerbricht, my heart is breaking,
nah bei dem alten Dom, close to the old cathedral. stirb, Lieb’ und Licht! die, love and light!
da tritt am hellen Morgen aus From there, one fine morning,
ein Mägdelein gar fromm; a devout young girl emerges. 16 WANDERLIED SONG OF TRAVEL
Gesang erschallt, Singing rings out Wohlauf noch getrunken Come, quaff more
zum Dome wallt as the lovely figure den funkelnden Wein! of this sparkling wine!
die liebe Gestalt. makes her way to the cathedral. Ade nun, ihr Lieben, Farewell now, my dears!
geschieden muss sein; It is time to leave.
ade nun, ihr Berge, Farewell, you mountains,
du väterlich Haus! my father’s house!
Es treibt in die Ferne I feel a mighty urge 17 ERSTES GRÜN FIRST GREEN
mich mächtig hinaus! to travel to distant lands. Du junges Grün, du frisches Gras, O young green, O fresh grass!
wie manches Herz durch dich genas, How many a heart has been healed by you
Die Sonne, sie bleibet The sun does not stand still
das von des Winters Schnee erkrankt, that fell ill from the winter’s snow!
am Himmel nicht steh’n, in the heavens
o wie mein Herz nach dir verlangt! How much my heart longs for you!
es treibt sie durch Länder but is driven
und Meere zu geh’n; across land and sea. Schon wächst du aus der Erde Nacht, Already you rise up from earth’s night!
die Woge nicht haftet The wave does not cleave wie dir mein Aug’ entgegen lacht! How my eyes laugh to see you!
am einsamen Strand, to the lonely shore Hier in des Waldes stillem Grund Here in the silent depths of the forest
die Stürme, sie brausen and tempests roar powerfully drück’ ich dich, Grün, an Herz und Mund! I press you, O green, to my heart and mouth!
mit Macht durch das Land! through the land.
Wie treibt’s mich von den Menschen fort! How I’m driven to flee far from mankind!
Mit eilenden Wolken The bird flies there Mein Leid, das hebt kein Menschenwort; No human word can ease my pain,
der Vogel dort zieht with the scudding clouds nur junges Grün ans Herz gelegt, only young green placed on my heart
und singt in der Ferne and sings of home macht, dass mein Herze stiller schlägt. makes that heart beat more calmly.
ein heimatlich Lied, in a far-off land.
so treibt es den Burschen So the lad is driven 18 SEHNSUCHT NACH DER WALDGEGEND LONGING FOR WOODLAND
durch Wälder und Feld, through forests and field Wär’ ich nie aus euch gegangen, Would that I had never left you,
zu gleichen der Mutter, to fare with his mother, Wälder, hehr und wunderbar! forests, sublime and wondrous!
der wandernden Welt! the wandering world. Hieltet liebend mich umfangen You held me in your loving embrace
doch so lange lange Jahr’! for many a long, long year!
Da grüssen ihn Vögel Birds greet him as friends
bekannt überm Meer, from across the sea. Wo in euren Dämmerungen Where your twilit world
sie flogen von Fluren They have flown from the fields Vogelsang und Silberquell was alive with birdsong and silvery wellsprings,
der Heimath hieher, of his native land; ist auch manches Lied entsprungen many a song also flowed
da duften die Blumen the scent of the flowers meinem Busen frisch und hell. fresh and bright from my bosom.
vertraulich um ihn, is familiar to him,
Euer Wogen, euer Hallen, Your waving, your echoing,
sie trieben vom Lande the breezes bore it here
euer Säuseln nimmer müd’, your tireless murmur,
die Lüfte dahin. from his homeland.
eure Melodien alle all your melodies
Die Vögel, die kennen The birds know weckten in der Brust das Lied. wakened my song in my breast.
sein väterlich Haus, his father’s house.
Hier in diesen weiten Triften Here in these rolling pastures
Die Blumen, die pflanzt’ er He planted the flowers
ist mir alles öd’ und stumm, all is desolate and silent
der Liebe zum Strauss. to make a nosegay.
und ich schau’ in blauen Lüften and I scan the blue skies
Und Liebe, die folgt ihm, And love follows him,
mich nach Wolkenbildern um. for cloud formations.
sie geht ihm zur Hand: going with him hand in hand:
so wird ihm zur Heimath and so even the most distant land Wenn ihr’s in den Busen zwinget, Forced into the confines of my breast,
das ferneste Land. becomes his home. regt sich selten nur das Lied; a song only rarely stirs;
wie der Vogel halb nur singet, just as a caged bird only half sings
den von Baum und Blatt man schied. when sundered from leaf and tree.
19 AUF DAS TRINKGLAS EINES TO THE WINE GLASS doch bin ich nicht verlassen, But I am not abandoned,
VERSTORBENEN FREUNDES OF A DEAD FRIEND doch bin ich nicht allein, I am not alone.
Du herrlich Glas, nun stehst du leer, Magnificent glass, you now stand empty,
Denn, ach, auf meinem Herzen For, ah, I wear her dear pledge
Glas, das er oft mit Lust gehoben; O glass that he often raised in pleasure;
trag’ ich ihr teures Pfand, on my heart.
die Spinne hat rings um dich her the spider has spun
Ich fühl’s, und Erd und Himmel I feel it, and earth and heaven
indes den düstern Flor gewoben. its dark web around you.
sind innig mir verwandt. are near and dear to me.
Jetzt sollst du mir gefüllet sein Now, as bright as the moon, you shall be filled
mondhell mit Gold der deutschen Reben! with the gold of German grapes. 21 STILLE LIEBE SILENT LOVE
In deiner Tiefe heilgen Schein Into the hallowed light of your depths Könnt’ ich dich in Liedern preisen, If I could praise you in my songs,
schau’ ich hinab mit frommem Beben. I gaze with awestruck trembling. säng’ ich dir das längste Lied. I would sing you the longest song.
ja ich würd’ in allen Weisen Yes, I would never tire
Was ich erschau in deinem Grund What I see in your depths dich zu singen nimmer müd’. of hymning you in every mode.
ist nicht Gewöhnlichen zu nennen. cannot be told to common mortals.
Doch wird mir klar zu dieser Stund, But it becomes clear to me at this time Doch was immer mich betrübte, But it has always grieved me
wie nichts den Freund vom Freund kann trennen. that nothing can part a friend from his friend. ist, dass ich nur immer stumm that I can bear you,
tragen kann dich, Herzgeliebte, my beloved, only in silence
Auf diesen Glauben, Glas so hold! To this belief, O lovely glass! in des Busens Heiligthum. in the sanctuary of my breast.
trink’ ich dich aus mit hohem Muthe. I drain you in an exalted mood.
Klar spiegelt sich der Sterne Gold, The gold of the stars is clearly mirrored, Dieser Schmerz hat mich bezwungen, This pain has forced me
Pokal, in deinem theuren Bluthe! O goblet, in your precious blood. dass ich sang dies kleine Lied, to sing this little song,
doch von bitterm Leid durchdrungen, bitterly regretting that none of my songs
Still geht der Mond das Thal entlang. The moon passes silently along the valley. dass noch keins auf dich gerieth. has yet proved worthy of you.
Ernst tönt die mitternächtge Stunde. The midnight hour sounds gravely.
Leer steht das Glas! der heilge Klang The glass stands empty. The hallowed sound 22 FRAGE QUESTION
tönt nach in dem krystallnen Grunde. re-echoes in its crystal depths. Wärst du nicht, heilger Abendschein! If you did not exist, hallowed evening light!
Wärst du nicht, sternerhellte Nacht! If you did not exist, star-bright night!
20 WANDERUNG WANDERING Du Blüthenschmuck! du üpp’ger Hain! O finery of flowers! O luxuriant grove!
Wohlauf und frisch gewandert Arise and travel with a light heart Und du Gebirg voll ernster Pracht! And you, O mountains filled with solemn splendour!
in’s unbekannte Land! into unknown lands! Du Vogelsang aus Himmeln hoch! You, birdsong from heaven on high!
Zerrissen, ach zerrissen, Severed, ah! severed Du Lied aus voller Menschenbrust, You, full-throated song of man!
ist manches theure Band. is many a true bond. wärst du nicht, ach was füllte noch Were it not for you, ah! what joy might fill
Ihr heimatlichen Kreutze, You crosses of my homeland, in arger Zeit ein Herz mit Lust? a heart in time of adversity?
wo ich oft betend lag, where I often lay in prayer,
ihr Bäume, ach, ihr Hügel, you trees, ah, you hills, 23 STILLE THRÄNEN SILENT TEARS
o blickt mir segnend nach. gaze after me with your blessing. Du bist vom Schlaf erstanden You have arisen from sleep
und wandelst durch die Au’, and wander through the meadow.
Noch schläft die weite Erde, The wide world is still asleep, da liegt ob allen Landen Over all the lands lie
kein Vogel weckt den Hain, no bird awakens the grove, der Himmel wunderblau. the heavens, wondrously blue.
So lang du ohne Sorgen While you slumbered Die Tage sind vergangen, Those days are long past,
geschlummert schmerzenlos, without care and without pain, mich heilt kein Kraut der Flur; no meadow herbs can heal me,
der Himmel bis zum Morgen the heavens shed many a tear und aus dem Traum dem bangen and from my anxious dream
viel Thränen niedergoss. till morning came. weckt mich ein Engel nur. only an angel can wake me.

In stillen Nächten weinet In silent nights many a man


26 TROST IM GESANG COMFORT IN SONG
oft mancher aus den Schmerz, pours out his pain in tears,
Der Wandrer, dem verschwunden The wanderer from whom
und Morgens dann ihr meinet, though in the morning you may think
so Sonn’ als Mondenlicht, both sun and moonlight have vanished
stets fröhlich sei sein Herz. that his heart has always been happy.
der singt ein Lied in’s Dunkel sings a song in the darkness
und härmt sich länger nicht. and no longer grieves.
24 WER MACHTE DICH SO KRANK? WHO MADE YOU SO ILL?
Dass du so krank geworden, Who has caused you Er schreitet muthig weiter He strides on boldly
wer hat es denn gemacht? to fall so ill? die menschenleere Bahn, along his deserted path,
Kein kühler Hauch aus Norden No cool breeze from the North viel lichte Sangesbilder, while many bright-toned songs
und keine Sternennacht. and no starlit night. die ziehen ihm voran. precede him.

Kein Schatten unter Bäumen, No shadow beneath the trees, Nacht ist’s auch mir geworden, It is night for me too.
nicht Glut des Sonnenstrahl’s, no heat from the rays of the sun, die Freunde stehen fern, My friends are far away.
kein Schlummern und kein Träumen no slumbering or dreaming von meinem Himmel schwindet The very last star
im Blütenbett des Thal’s. on the valley’s flowery bed. der allerletzte Stern; has vanished from my sky.

Dass ich trag Todeswunden, It is human activity Doch geh’ ich muthig weiter But I continue boldly on my way
das ist der Menschen Thun; that has dealt me my death wounds. die menschenleere Bahn, along my deserted path,
Natur liess mich gesunden, Nature might have allowed me to recover, noch ziehen Sangesbilder while my songs precede me
sie lassen mich nicht ruhn! but humans give me no peace. ja mir auch licht voran. and light my way.

25 ALTE LAUTE ANCIENT SOUNDS 27 LEHN’ DEINE WANG’ REST YOUR CHEEK
Hörst du den Vogel singen? Can you hear the bird singing? Lehn deine Wang’ an meine Wang’, Rest your cheek on my cheek,
Siehst du den Blüthenbaum? Can you see the tree in blossom? dann fliessen die Tränen zusammen, then our tears will flow together.
Herz, kann dich das nicht bringen My heart, can this not deliver you und an mein Herz drück’ fest dein Herz, And press your heart to my heart,
aus deinem bangen Traum? from your anxious dream? dann schlagen zusammen die Flammen! then the flames will leap up together!
Was hör’ ich? alte Laute What do I hear? Ancient sounds Und wenn in die grosse Flamme fliesst And, when the river of our tears
wehmüth’ger Jünglingsbrust, from the breast of a melancholy youth der Strom von unsern Thränen, flows into that great flame
der Zeit als ich vertraute from the time when I trusted und wenn dich mein Arm gewaltig umschliesst, and when my arm violently embraces you,
der Welt und ihrer Lust. the world and its pleasures. sterb’ ich vor Liebessehnen! I shall die of love’s desire!
28 MÄDCHEN-SCHWERMUTH A YOUNG WOMAN’S MELANCHOLY
Kleine Tropfen, seid ihr Thränen Little drops, are you tears
an den Blumenkelchen da? from those calyxes there?
Oder war’s des Herzens Sehnen, Or was it heartfelt yearning
das die Blumen weinen sah? that saw the flowers weeping?
Frühlingssäuseln, weh’st die Klagen Murmuring springtime breezes,
in das zarte junge Grün? are you wafting a lament
Oder hör’ nur ich es fragen: into the tender young greenery?
wo sind deine Freuden hin? Or can I alone hear it ask:
Whither have your pleasures fled?
Gottes Augen seid ihr nimmer, You are never God’s eyes,
Sternlein in dem Himmelszelt! little stars in the firmament!
Ach, es strahlt kein Trostesschimmer Ah, no gleam of comfort brightens
in die freudenlose Welt! this joyless world!

29 MEIN WAGEN ROLLET LANGSAM MY CARRIAGE ROLLS SLOWLY


Mein Wagen rollet langsam My carriage rolls slowly
durch lustiges Waldesgrün, through the jocund green woodlands,
durch blumige Thäler, die zaubrisch through flowery valleys that magically
im Sonnenglanze blühn. blossom in the bright sunlight.
Ich sitze und sinne und träume I sit and ponder and dream
und denk an die Liebste mein. and think of my beloved.
Da grüßen drei Schattengestalten Three shadowy figures
kopfnickend zum Wagen herein. then nod at me through the carriage window.
Sie hüpfen und schneiden Gesichter, They hop and grimace,
so spöttisch und doch so scheu, so mocking and yet so bashful.
und quirlen wie Nebel zusammen, Then they whirl together like mist
und kichern und huschen vorbei. and chuckle and fly on their way.

Die Gesangstexte folgen Schumanns Orthographie


gemäß der »Neuen Ausgabe sämtlicher Werke«
(Supplemente, Bd. 2)
INTERNATIONALES LIEDZENTRUM INTERNATIONAL SONG CENTRE
DES HEIDELBERGER FRÜHLING OF HEIDELBERGER FRÜHLING

Heidelberg ist die Liedstadt Europas: Vom Codex Manesse über die Sammlung Heidelberg is Europe’s “Liedstadt” (city of song): from the Codex Manesse to the
Des Knaben Wunderhorn bis zum deutschen Hip Hop, von Robert Schumann Des Knaben Wunderhorn collection to German hip-hop, from Robert Schumann
und Johannes Brahms über Joseph von Eichendorff und Friedrich Hölderlin – and Johannes Brahms to Joseph von Eichendorff and Friedrich Hölderlin, Hei-
Heidelberg inspirierte und inspiriert Künstler*innen zu allen Zeiten. Das Ergeb- delberg has always inspired artists, and still does. The result is the “lied” (song).
nis sind Lieder. Lieder als Spiegel oder Botschafter ihrer Zeit. Musikalische Lyrik Lied as a mirror or ambassador of its time. Musical verse as an interplay of word
als Zusammenspiel von Wort und Ton, die die Geschichten des Lebens erzählt. and sound that gives shape to stories about life. Stories that never die. Love and
Diese Geschichten bleiben stets aktuell. Lieben und Leiden, Freude und Tod, ver- anguish, joy and death, hidden messages – be they political or pure irony, they
steckte Botschaften, ob politisch oder der reinen Ironie, behalten ihre Gültigkeit remain relevant beyond their time in all cultures of the world.
über die Zeitläufte hinweg in allen Kulturen der Welt. Established in 2016, the Heidelberger Frühling music festival’s Inter-
Das 2016 gegründete Internationale Liedzentrum Heidelberg des national Song Centre is committed to this legacy. It considers itself a source
Musikfestivals Heidelberger Frühling fühlt sich diesem Erbe verpflichtet. Es ver- of inspiration both for the preservation and for the reinterpretation of the lied
steht sich als Impulsgeber dafür, dem Lied in seiner faszinierenden Vielfalt und in all its fascinating diversity and perpetual relevance in performance. The objec-
beständigen Aktualität die Aufmerksamkeit im Konzertleben zu bewahren oder tives are to propose a new philosophy of the lied, to encourage young artists to go
neu zu erschließen. Ziele sind ein neues Denken über das Lied und die Förderung beyond the limits of the genre, and to establish an industry-wide network, both
von Nachwuchskünstler*innen jenseits von Genregrenzen wie auch der Aufbau as intermediaries and as organizers.
eines Branchennetzwerks – als inhaltlicher Vermittler und natürlich auch als Consequently, the Lied.Lab gives young singers the creative freedom to
Veranstalter. develop new concert formats and programmes around the genre of the lied. So
So gibt das Lied.Lab jungen Sänger*innen kreative Freiräume zur far, productions and staged lieder performances have been organized together
Entwicklung neuer Konzertformate und Programme rund um die Gat- with John Neumeier’s National Youth Ballet and PODIUM Esslingen. Fellow-
tung Lied. Produktionen und szenische Liedformate sind bisher gemein- ship programmes, workshops and residencies make the Song Centre a place of
sam mit dem Bundesjugendballett von John Neumeier und dem PODIUM interdisciplinary activity. Neuland.Lied, part of the Heidelberger Frühling
Esslingen entstanden. Fellowship-Programme, Workshops und Residenzen ma- music festival, features both experimental and classical lied recitals.
chen das Liedzentrum zu einem Ort der interdisziplinären Auseinandersetzung. The Heidelberg Lied Akademie has long become an institution: Thomas
Bei Neuland.Lied im Rahmen des Heidelberger Frühling treten experimentelle Hampson, assisted by Brigitte Fassbaender, Wolfram Rieger, Graham Johnson
Formate neben klassische Liederabende. and Hartmut Höll, has been working with young singers and pianists from all
Die Heidelberger Lied Akademie ist längst eine Institution: Seit 2011 over the world since 2011. Das Lied, a competition under the artistic direction
arbeitet Thomas Hampson dort mit jungen Sänger*innen und Pianist*innen of Thomas Quasthoff, offers a major international platform for young singers.
aus aller Welt, unterstützt von Brigitte Fassbaender, Wolfram Rieger, Graham It has been held under the auspices of the Song Centre since 2017. Our network
Johnson oder Hartmut Höll. Der Wettbewerb Das Lied unter der künstle- partners include Wigmore Hall in London, Schubertiade Schwarzenberg, Pierre
rischen Leitung von Thomas Quasthoff findet seit 2017 unter dem Dach des Boulez Saal in Berlin and Oxford Lieder.
Liedzentrums statt und ist eine wichtige internationale Plattform für den Sän-
gernachwuchs. Partner des Netzwerks sind u. a. die Wigmore Hall in London,
die Schubertiade Schwarzenberg sowie der Pierre Boulez Saal in Berlin und
Oxford Lieder.
Recordings: Bayerischer Rundfunk, Studio 2,
January 31, February 1/2, 16–18, 2017
Executive Producers: Falk Häfner, Michael Schetelich
Recording Producer & Editing: Michaela Wiesbeck
Recording Engineers: Gerhard Wicho, Winfried Meßmer
Piano Technician: Vinzenz Schuster

G010003973108X
Publisher: Edition Peters
Photos: Gregor Hohenberg © Sony Music Entertainment
Design: Gabriele Wilson
π 2018 Sony Music Entertainment/Bayerischer Rundfunk
© 2018 Sony Music Entertainment