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INHALT

FESTIVALORTE 4 FESTIVALPROGRAMM 6

HERZLICH WILLKOMMEN! 8 ZUR IDEE UND ENTSTEHUNG DES FESTIVALS 12


AUGEN UND OHREN IN BEWEGUNG 14 PETER ZUMTHOR: DER KLANG DES RAUMES 16
CHRISTIAN FLURI: BASEL GIBT DEM NEUEN RAUM – IN MUSIK UND ARCHITEKTUR 18
GISELA NAUCK: MUSIK IM RAUM 22

KONZERTE
FESTIVALERÖFFNUNG 28 RAUMKLANG MÜNSTER 30 IN A LARGE, OPEN SPACE 34
EDU HAUBENSAK: GEOMETRISCHE GEBILDE IM AKUSTISCHEN RAUM 36
DAS SCHLAGZEUG IM SCHLAGZEUGHAUS 40 CHRONOS 44 KLANGTAUCHER 54
WOLFGANG RIHM: NOTIZEN ZU MUSIK UND ARCHITEKTUR 60
HOFKONZERTE 62 SCHWEIZER MUSIKPREIS 2015 70 EUROPÄISCHER TAG DES DENKMALS 2015 72
STADT LAND TRAM 76 RAUMQUARTETT 80 EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 84
ROBERT PIENCIKOWSKI: PIERRE BOULEZ UND PAUL SACHER 94

PUBLIKUMSGESPRÄCHE, KLANGSPAZIERGÄNGE & PERFORMANCES


SPEAKERS’ CORNER 100 SPEAKER SWINGING 102 WIE KLINGT BASEL? 104
IAMIC ANNUAL CONFERENCE 2015 & IAMIC WORLD BAR 105
90 JAHRE PIERRE BOULEZ 106 ZEITRÄUME WERKSTATT­G ESPRÄCHE 107

ZEITRÄUME PAVILLON, ARCHITEKTURAUSSTELLUNG & INSTALLATIONEN


ZEITRÄUME PAVILLON 110 DER KLANG DER ARCHITEKTUR 112 SUNSET 113
UNBEQUEME MUSIK 114 TUNNEL SPIRAL 115 MUSIC FROM NOWHERE 116

VORHER & NACHHER


KLANGRAUM – RAUMKLANG 120
KLANGFAHRTEN 121 FREIE STRASSEN 122

BIOGRAPHIEN 126
HERZLICHEN DANK! 151
TEAM & IMPRESSUM 152

INHALT 3
FESTIVALORTE

ZEITRÄUME PAVILLON  /   W OHLTERRASSE  /   C AFÉ SPITZ


Greifengasse 1, 4058 Basel (Mittlere Brücke / Kleinbasel)

MÜNSTERPLATZ UND BASLER MÜNSTER


4051 Basel

BADISCHER BAHNHOF UND GARE DU NORD


Schwarzwaldallee 200, 4058 Basel

FLACHSLÄNDERHOF
Petersgraben 19, 4051 Basel

VOLKSHAUS BASEL
Rebgasse 12-14, 4058 Basel

RHEINDÜKER
Dreirosenbrücke / Fabrikstrasse, 4056 Basel

STAATSARCHIV BASEL-STADT
Martinsgasse 2, 4051 Basel

ZOO BASEL (HAUPTEINGANG)


Binningerstrasse 40, 4054 Basel

JAZZCAMPUS
Utengasse 15, 4058 Basel

RHENUS-UMSCHLAGHALLE
Westquaistrasse 60, 4057 Basel (Hafenbecken 1)

NATURHISTORISCHES MUSEUM
Augustinergasse 2, 4051 Basel

STADTCASINO BASEL
Steinenberg 14, 4051 Basel

SCHAURAUM-B BLASER ARCHITEKTEN


Austrasse 24, 4051 Basel

MUSIK-AKADEMIE BASEL
Leonhardsstrasse 6, 4051 Basel

S AM SCHWEIZERISCHES ARCHITEKTURMUSEUM
Steinenberg 7, 4001 Basel

THEATERPLATZ
4051 Basel

TUNNEL PARKHAUS CITY (UNIVERSITÄTSSPITAL)


Ausgang Petersgraben 4, 4031 Basel

MARKTHALLE
Viaduktstrasse 10, 4051 Basel

RATHAUSPLATZ LAUFEN
Hauptstrasse 2, 4242 Laufen

FREIE STRASSE
(zwischen Marktplatz und Post), 4001 Basel Zeiträume Pavillon Konzerte Architekturausstellung & Installationen Performances

FESTIVALORTE 4 FESTIVALORTE 5
FESTIVALPROGRAMM
DONNERSTAG, 10. SEPTEMBER 2015 SONNTAG, 13. SEPTEMBER 2015
FESTIVALERÖFFNUNG  /   K ONZERT  /   19:00  /   S. 28 STADT LAND TRAM  /   K ONZERT  / 05:00 / S. 76
RAUMKLANG MÜNSTER  /   K ONZERT  / 20:00  /   S. 30 CHRONOS  /   K ONZERT  /   11:00, 13:30, 14:30, 15:30  /  S. 44
IN A LARGE, OPEN SPACE /  K ONZERT / 21:30  /   S. 34 WIE KLINGT BASEL?  /  K LANGSPAZIERGÄNGE  /  11:00, 13:00  /  S. 104
WIE KLINGT BASEL?  /   K LANGSPAZIERGÄNGE  / 23:30 / S. 104 DSISH  /   K ONZERT  /  11:00 – 18:00  /  S. 40
HOFKONZERTE  /  K ONZERT  /  11:00 – 15:00, 16:00 – 18:00   /   S. 62
FREITAG, 11. SEPTEMBER 2015 KLANGTAUCHER  /  K ONZERT  /  13:00 – 15:30  / S. 54
WIE KLINGT BASEL?  /   K LANGSPAZIERGÄNGE  / 07:00, 17:00 / S. 104 RAUMQUARTETT  /  K ONZERT  /  15:00  /  S. 80
SPEAKERS’ CORNER PUBLIKUMSGESPRÄCHE & 90 JAHRE PIERRE BOULEZ  /  P UBLIKUMSGESPRÄCHE   /   17:00   /   S. 106
INSTALLATION «MUSIC FROM NOWHERE» /  11:00 – 24:00 / S. 100 / 116
EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ  /   K ONZERT  /   19:00   /   S. 84
HOFKONZERTE  /   K ONZERT  / 12:30 – 13:15, 16:00 – 21:00 / S. 62
CHRONOS  /   K ONZERT  / 14:30, 18:00 / S. 44 DURCHGEHEND
KLANGTAUCHER  /   K ONZERT  / 18:00 – 20:30 / S. 54 21.08.– 10.12. «KLANGRAUM  –  RAUMKLANG»  /   VORTRÄGE  /  A USSTELLUNG  /  S. 120
DSISH  /   K ONZERT  / 18:00 – 22:30 / S. 40 31.08.– 13.09. ZEITRÄUME PAVILLON & KLINGENDE FLASHMOBS    /   S. 110
SCHWEIZER MUSIKPREIS 2015  /   K ONZERT  / 19:30 / S. 70 03.09.– 15.10. «SUNSET»  /   I NSTALLATION  /  S. 113
SPEAKER SWINGING  /   P ERFORMANCE  / 22:00 / S. 102 05.09.–  15.10. «DER KLANG DER ARCHITEKTUR»  /   A USSTELLUNG  /  S. 112
HOFKONZERTE /  K ONZERT  / 23:00 – 23:40 / S. 62 10.– 22.09. «UNBEQUEME MUSIK»  /   I NSTALLATION  /  S. 114
10.– 13.09 «TUNNEL SPIRAL»  /   I NSTALLATION  / S. 115
SAMSTAG, 12. SEPTEMBER 2015
STADT LAND TRAM  /   K ONZERT  /   05:00 /S. 76 VORHER & NACHHER
CHRONOS FAMILIENKONZERT  /   K ONZERT  /   10:00, 11:00, 12:00, 13:00 / S. 44 18.08. «SPIRAL»  /   P ERFORMANCE  /   20:00
IAMIC ANNUAL CONFERENCE /  03.09. «SUNSET»  /   V ERNISSAGE  /  19:45   /   S. 113
PUBLIKUMSGESPRÄCHE / 10:00 – 13:00, 14:00 – 15:00  / S. 105
04.09. «DER KLANG DER ARCHITEKTUR»  /   V ERNISSAGE   /  19:00  /  S. 112
WIE KLINGT BASEL? / K LANGSPAZIERGÄNGE / 11:00, 13:00  / S. 104
07.09. KLANGFAHRTEN  / 09:00 – 13:00, 17:00 – 20:00  / S. 121
HOFKONZERTE  /  K ONZERT  /   11:00 – 18:00 / S. 62
08.09. KLANGFAHRTEN  / 09:00 – 13:00, 17:00 – 20:00  / S. 121
KLANGTAUCHER  /  K ONZERT  /   13:00 – 15:30, 18:00 – 20:30  / S. 54
09.09. KLANGFAHRTEN  /  09:00 – 13:00, 17:00 – 20:00  / S. 121
CHRONOS / K ONZERT / 14:00, 15:00, 16:00, 17:00  / S. 44
09.09. «FREIE STRASSEN» LAUFEN  /   P ERFORMANCE  /  12:00   /   S. 122
DSISH  /   K ONZERT /  14:00 – 21:00 / S. 40
10.09. «UNBEQUEME MUSIK»  /   V ERNISSAGE  /  11:00   /   S. 114
EUROPÄISCHER TAG DES DENKMALS 2015 /  K ONZERT /  15:00  / S. 72
10.09. «FREIE STRASSEN» BASEL  /   P ERFORMANCE  /  12:00  /  S. 122
IAMIC WORLD BAR  /   P UBLIKUMSGESPRÄCHE  /   17:00 – 19:00 / S. 105
10.09. «TUNNEL SPIRAL»  /   V ERNISSAGE  /  15:00  /  S. 115
CHRONOS  /   K ONZERT  /   18:00, 20:30  / S. 44
15. & 22.09. ZEITRÄUME WERKSTATTGESPRÄCHE  /  19:00   /   S. 107 14
HOFKONZERTE  /   K ONZERT  /   19:00 – 24:00  / S. 62

FESTIVALPROGRAMM 6 FESTIVALPROGRAMM 7
GRUSSWORTE

HERZLICH
WILLKOMMEN!
Musik und Architektur: zwei Disziplinen, die ohneeinander nicht existieren Das Festival ZeitRäume Basel – Biennale für neue Musik und Architektur hat
könnten. Jeder Besuch in einer romanischen Kirche bei Orgelspiel oder eines keinen festen Veranstaltungsort, sondern sucht sich seine eigenen Räume.
Sinfonieorchesters in einem Konzertsaal erinnert einen eindrücklich daran. Das Programm sieht vor, aktuelle, zeitgenössische Musik an ganz unter-
Musik braucht von jeher Klangentfaltung und lebt von der räumlichen Atmo- schiedlichen Orten erklingen zu lassen: Ein Parkhaustunnel, ein Tram, die
sphäre und Gestaltung. Sie braucht den Raum ebenso als Ort der Begegnung Hauptstrasse in Laufen und die Freie Strasse in Basel kommen dabei ebenso
mit dem Publikum. Die Architektur ihrerseits experimentiert, prüft und denkt als Veranstaltungsort in Frage wie der Gare du Nord oder der Kreuzgang des
den Raum immer wieder in neuer Weise, um der Musik die optimale Resonanz Basler Münsters.
zu geben.
Das Festival sucht nicht nur in der Stadt mittels Bespielung der verschiedenen
Gerade für Basel und seine Kulturtradition sind diese beiden Disziplinen von Orte nach lokaler Verankerung, sondern arbeitet mit einem auf die Region ge-
unschätzbarem Wert. Basel als Musikstadt ist einer eindrücklichen Geschich- richteten Blick: Mit dem Projekt «Freie Strassen» verwandeln rund 300 Schü-
te verpflichtet und verfügt über ein vielseitiges musikalisches Potenzial. Dass lerinnen und Schüler der Primarschule Laufen die Hauptstrasse des Städtchens
Basel als Architekturstadt dem in nichts nachsteht, zeigen auf eindrückliche in einen musikalischen Klangraum. Und während sich neu kreierte Land-
Weise das historische Stadtbild und unzählige, herausragende zeitgenössische schaftskompositionen entlang der Grenze unserer beiden Kantone schlängeln,
Bauten, die oft von hiesigen Architekten errichtet worden sind. Die Begegnung zieht im Projekt «Klangfahrten» drei Tage lang eine fahrbare Konzertbühne
von zeitgenössischer Klang- und Baukultur in einem Festival zu verbinden, durch die Landschaft.
liegt daher auf der Hand. Umso schöner, dass sie nun stattfindet.
Das Festival ZeitRäume Basel verfolgt mittels der Bespielung von Räumen ein
Mit einer ansteckenden Vision, Experimentierfreudigkeit und der nötigen Ri- vielversprechendes Konzept, das das Potential hat, sowohl unsere gewohnte
sikobereitschaft brachten die Erfinder des Festivals ZeitRäume – Biennale für Umgebung und Region als auch zeitgenössische Musik neu zu erfahren.
Neue Musik und Architektur, Beat Gysin und Bernhard Günther, diese so
selbstgegebene Verbindung zum Klingen und Wirken. Mit aufregenden Pro- Ich wünsche den Musik-Klang-Schaffenden, dem Festivalteam und allen Lau-
jekten und eigenwilligen Formaten bespielen sie unter Mitwirkung von Pro- schenden Erlebnisse von ‹un-erhörten› Dimensionen.
fessionellen und Amateurmusikern verschiedene Innen- und Aussenräume
der Stadt und machen in Basel die Verbindung von Musik und Raum visuell und Regierungsrätin Monica Gschwind
akustisch erfahrbar. Vorsteherin der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion
des Kantons Basel-Landschaft

Ich wünsche dem Festival ZeitRäume Basel und allen Beteiligten erfolgreiche
Tage und dem Publikum viele erfreuliche Klang-Raum-Erlebnisse.

Philippe Bischof
Leiter Abteilung Kultur im Präsidialdepartement Basel-Stadt

HERZLICH WILLKOMMEN! 8 HERZLICH WILLKOMMEN! 9


Cher public, Im Naheliegenden liegt oft Grosses verborgen.
chers membres de l’Association Suisse des Musiciens,
Wer die Basler Musikszene kennt, spürt schon seit längerem, dass die vorhan-
C’est avec un grand plaisir que je vous invite à découvrir le riche programme dene und über Jahrzehnte gewachsene Vielfalt nach zeitweiliger Bündelung
de la première édition de la Biennale de Bâle pour la musique et l’architecture, und stärkerer Kommunikation nach aussen ruft. Nicht erst seit dem äusserst
ZeitRäume, à laquelle nous nous sommes associés pour offrir au public notre erfolgreichen Europäischen Musikmonat liegen Notwendigkeit und Machbar-
Tonkünstlerfest 2015. Je tiens à remercier ici tout spécialement Beat Gysin, keit eines Festivals für zeitgenössische Musik auf der Hand …
membre de notre comité et président de celui de la Biennale, pour son inves-
tissement constant au service de cette collaboration exceptionnelle qui permet Denn neue Musik hat in Basel Tradition. Von der historisch bedeutenden
de maintenir les liens qui nous unissent à cette ville depuis 1903! ­Persönlichkeit und Arbeit von Paul Sacher über das Basler Musik Forum (Heinz
Holliger, Jürg Wyttenbach, Rudolf Kelterborn) bis hin zum Europäischen Mu-
Le fait de pouvoir perpétuer aujourd’hui cette longue tradition est particulière- sikmonat Basel 2001 (Toni Krein, Matthias Bamert), begleitet und ausgestaltet
ment réjouissant car s’il n’y pas de nostalgie dans ce bref regard sur le passé von vielen weiteren Akteuren – KomponistInnen und InterpretInnen –, hat die
(qui atteste d’une histoire qui nous rend conscients des fondements de notre enge Beziehung zwischen musikalischer Praxis und Reflexion im Bereich der
culture contemporaine), notre présence ici témoigne tout de même de la qua- Neuen Musik den weltweiten Ruf Basels mit begründet.
lité des valeurs partagées au fil du temps entre cette ville de dimension inter-
nationale et la plus grande association de compositeurs et d’interprètes de Das aus diesen Überlegungen initiierte und hier erstmals vorgestellte Festival
Suisse. Car nous devons en effet relever présentement le même défi: maintenir ZeitRäume Basel, welches sich in zweijährigem Rhythmus mit dem breiter
vivants des arts qu’une érosion grandissante de l’intérêt pour une culture ­angelegten Festival KlangBasel abwechselt, stellt neben der zeitgenössischen
­savante condamne à court terme. Aujourd’hui, les disciplines artistiques doi- Musik und Architektur vor allem auch das kreative Element des Neuen ins
vent se parler, se croiser, se réinventer à la lumière d’un monde qui est devenu Zentrum und zeigt Wege auf, wie durch die Beziehung von Musik und Raum,
socialement hétérogène et culturellement cosmopolite. von Praxis und Reflexion auch für die Zukunft wichtige Impulse erzeugt
werden können.
Bâle, ville de musique(s), ville d’architecture(s), ose donc avec ZeitRäume le
dialogue urbain entre l’espace et le son, trace des perspectives inédites entre Die Musik-Akademie Basel und die Musikhochschulen der Fachhochschule
des lieux immuables et de nouveaux formats de concerts, s’ouvre à l’inouï à Nordwestschweiz haben sich gerne – unter anderem auch mit Hilfe privater
travers un grand nombre de créations et de performances mixtes. Les compo- Unterstützung – als Partnerinstitutionen eingebracht, um der Festivalent-
siteurs et les interprètes de notre pays y sont bien représentés et jouiront d’une wicklung unterstützend beistehen zu können.
audience large qui portera l’excellence de leurs talents bien au delà de nos
frontières. Car c’est aussi à cela désormais que nous devrons consacrer nos Dem vorliegenden Programm kann man nur bewundernd den ihm zustehenden
forces: faire entendre leurs voix singulières au sein de manifestations d’enver- Erfolg wünschen.
gure – des voix amplifiées par l’importance et l’excellence des infrastructures
qui les accueillent et les portent. Stephan Schmidt
Direktor Musik-Akademie Basel / Musikhochschulen FHNW
Vorstand Verein ZeitRäume
William Blank
Président
Association Suisse des Musiciens / 
Schweizerischer Tonkünstlerverein (ASM/STV)

HERZLICH WILLKOMMEN! 10 HERZLICH WILLKOMMEN! 11


EDITORIAL Komposition unterrichtet. Im Dreierteam festigten wir den zentralen Musik-

ZUR IDEE UND ENTSTEHUNG Architektur-Gedanken des Festivals und legten einige weitere Grundsätze fest:
Der Intendant soll nicht aus Basel kommen, um dem Festival eine internatio-

DES FESTIVALS nale Perspektive zu geben. Und: Das Festival soll eine Biennale sein, um die
inhaltliche Qualität zu garantieren.

Der Wunsch nach einem grossen Festival mit zeitgenössischer Musik wurde Mit Bernhard Günther fanden wir einen Festivalintendanten, der all unsere
in Basel von vielen Seiten und oft geäussert – immerhin laufen hier die Wünsche erfüllte und sogar übertraf. Er ist nicht nur breit vernetzt, ein erfah-
Traditionslinien von Paul Sacher, dem Basler Musik Forum und dem Europäi- rener Festivalleiter und voller Pioniergeist, er war von Anfang an auch von der
schen Musikmonat 2001 zusammen. Dennoch lässt sich für ZeitRäume Basel künstlerischen Idee überzeugt und hatte sogar schon eine Reihe von Veran-
eine Initialzündung benennen: Die Perkussionistin Sylvia Zytynska forderte staltungen im Schnittbereich von Musik und Architektur durchgeführt. In ge-
mich vor sechs Jahren im Café Schiesser zur Gründung auf. Ihre Anregung war wisser Weise darf man das Vorstellungsgespräch mit Bernhard Günther im
kombiniert mit der Bitte, ihre Nachfolge im Vorstand des Schweizerischen Teufelhof als Grundsteinlegung des Festivals bezeichnen. Das war vor dreiein-
Tonkünstlervereins anzutreten. (Der ASM / STV wurde 1900 gegründet und halb Jahren. Seither sind tausende Arbeitsstunden investiert worden – noch
veranstaltet jedes Jahr alleine oder in Kooperation mit anderen Festivals ein bevor ein einziger Komponist nur einen Ton komponiert oder ein Musiker ge-
Tonkünstlerfest in der Schweiz.) Ihr Vorschlag, die Gründung eines Festivals übt hat. Die erste Arbeit bestand darin, Bernhard Günther in Basel vorzustellen
in Basel mit dem Schweizerischen Tonkünstlerfest zu kombinieren, überzeug- und Partner für das Festival zu gewinnen. Es ist heute nicht mehr denkbar, ein
te mich sofort, denn dies verhiess schon im ersten Jahr eine Ausstrahlung in Festival ohne Kooperationen zu konzipieren. ZeitRäume Basel ist durch den
der ganzen Schweiz. enormen Reichtum an Inputs der vielen Partner viel grösser und vielfältiger
geworden. Welche Bereicherung, dass wir mit Schulen kooperieren; welch
Auch die Architektur wurde sehr bald zum integralen Bestandteil des Vorhabens, schöne Geschichte beispielsweise, dass wir mit dem Amt für Lärmschutz
und zwar ursprünglich nicht so sehr durch die weltberühmte Dichte herausra- kooperieren! Dank dieser und vieler weiterer Geschichten hat sich ZeitRäume
gender Architekturbüros in Basel, sondern durch die zeitgenössische Musik: Basel von einer Künstlerinitiative zu einem urbanen Festival gewandelt. Mehr
Diese passt manchmal einfach nicht in herkömmliche Konzertsäle, welche für noch: Unsere vielen Kooperationspartner haben nicht nur Ideen eingebracht,
klassische oder romantische Musik gebaut wurden. Zudem hat sie die Chance, sie haben finanzielle Beiträge gesprochen oder tragen ganze Projekte.
populärer zu werden, wenn sie in einen für das Publikum spürbaren Zusammen-
hang mit einem speziell gewählten Aufführungsort gebracht wird. Basel bietet Denn ein Festival zu planen bedeutet auch, finanzielle Mittel zu suchen. Die
hierfür mit seinem architektonischen Reichtum besonders viele Möglichkeiten. Stiftungslandschaft in der Schweiz ist reichhaltig, und es sei an dieser Stelle
ein herzlicher Dank an die grossen Stiftungen und an die grosse Zahl von klei-
Der künstlerische Anspruch des Festivals aber geht über die längst ver- nen Stiftungen und Privatpersonen aus Basel und der Schweiz gerichtet, die
breitete Haltung hinaus, Musik an ungewöhnlichen Orten aufzuführen. Es gibt das Festival ermöglichen. Die Festivalentwicklung konnte nur gelingen, weil
zwischen beiden Künsten eine lange Geschichte gegenseitiger Beein- die Kulturabteilungen und Lotteriefonds der Kantone Basel-Stadt und Basel-
flussung. Verbindungen zwischen Musik und Architektur können auf viel- Landschaft die junge Initiative unterstützen, finanziell wie ideell mit Ratschlä-
fältige Art und Weise sinnlich erfahrbar gemacht werden – durch Akustik, Sze- gen und Hilfestellungen auf allen Ebenen.
nerien, abstrakt-mathematische oder geschichtliche Zusammenhänge, Licht
und vieles mehr. Beide Künste erzeugen in ausgeprägter Art Atmosphären und Das Festival wäre undenkbar ohne unser begeistertes Kernteam, mit Anja Wer-
Raumstimmungen – eine zentrale Frage des Festivals ist, wie sich diese gegen- nicke als zentraler Produktionsleitung, Lisa Nolte für die Kommunikation und
seitig beeinflussen. Es sollen Momente und Situationen erschaffen werden, in André Weishaupt im Rechnungswesen als ersten tragenden Säulen. Sie wäre
welchen sich zeitlich-musikalische und räumlich-architektonische Wahr- viel schwieriger, wenn wir nicht einen Freundeskreis um Monika Gelzer hätten.
nehmung ergänzen, einander provozieren oder miteinander verschmelzen. Sie wäre kaum umzusetzen, wenn wir nicht weitere kompetente Produktions-
ZeitRäume Basel baut auf zwei grossen Kunsttraditionen auf und sucht im leitungen, unzählige Helferinnen und Helfer, viel Goodwill und Unterstützung
Schnittbereich nach innovativen Ansätzen. gefunden hätten. Vielen Dank an alle!

Von einer künstlerischen Idee und Initialzündung ist es noch ein weiter Weg Ich wünsche mir, dass die Besucher des Festivals sagen werden, dass sie ein
bis zu einer Festivalgründung. Nach einer längeren Suche fand ich mit dem Fest genossen und gleichzeitig eine gedankliche und emotionelle Anregung
Saxophonisten Marcus Weiss einen ersten Gründungspartner, der ebenso erfahren haben. Ich freue mich über ihren Besuch!
stark in Basel verwurzelt ist wie er weltweit Konzerte gibt. Er schlug als dritten
Gründungspartner mit Georg Friedrich Haas einen der renommiertesten Beat Gysin
Komponisten unserer Zeit vor, der damals in Basel und zurzeit in New York Präsident Verein ZeitRäume Basel

ZUR IDEE UND ENTSTEHUNG DES FESTIVALS 12 ZUR IDEE UND ENTSTEHUNG DES FESTIVALS 13
EDITORIAL Die Mittel der Wahl sind heute etwas bescheidener, zumindest im Festival Zeit-

AUGEN UND OHREN IN BEWEGUNG Räume Basel 2015. Gut, über 300 Mitwirkende sind am «Raumklang Münster»
beteiligt, aber es handelt sich ganz lebensnah um SchülerInnen mit Mobiltele-
fonen. Es gibt Elektronik, beispielsweise im «Tunnel Spiral», aber sie ist klein,
Ein Festival gründen? Ohne Haus, etablierte Trägerinstitution und gut geölte wendig, interaktiv und vernetzt. Es gibt einen «ZeitRäume Pavillon», aber er
Marketingmaschinerie, ohne festes Ensemble und Orchester, ohne Team, ist Architektur von ihrer transparentesten, offensten und beweglichsten Seite.
Technik und Finanzierung? Mit nichts als vier Ausgangspunkten – Musik,
­Architektur, Basel, neu? Worauf warten wir noch? Das Spannungsfeld von Architektur und Musik lässt vieles entstehen – «Das
Schlagzeug im Schlagzeughaus» im Staatsarchiv beispielsweise, die «Unbe-
Das Abenteuer ZeitRäume Basel, auf das sich das allmählich entstehende queme Musik» zum Draufsetzen auf dem Theaterplatz, die Ausstellung «Der
Team, die Künstlerinnen und Künstler sowie die immer zahlreicher werdenden Klang der Architektur» im S AM, «Chronos» auf 95 m2 Drehbühne im Volks-
Unterstützer und Partner eingelassen haben, war und ist ein beträchtliches. haus, lockere interdisziplinäre Geprächsrunden im «Speakers’ Corner» im
Danke euch allen für den Sportsgeist! Gare du Nord oder sieben Stadtspaziergänge auf der Suche nach Antworten auf
die Frage «Wie klingt Basel?».
Die Ausgangsidee, zwei weit auseinanderliegende künstlerische Pole zu einem
Spannungsfeld zu verbinden, war schlicht zu verlockend, um zu warten: Ers- Die Formenvielfalt von ZeitRäume Basel resultiert aus den genannten vier
tens hat sich in den sogenannten künstlerischen Disziplinen (wie auch in Ge- Ausgangspunkten – neu, Musik, Architektur, Basel. Letzteres sorgt auch ein
sellschaft und Technologie) in den letzten Jahrzehnten so viel getan, dass der schönes urbanes Durcheinander von Neu und Alt: James Clarke, Georg Fried-
Blick über den Tellerrand unverzichtbar geworden ist. Zweitens haben die an- rich Haas, Wolfgang Mitterer und Ivan Kym schaffen Raummusik für das
regenden Monate der Festivalentwicklung gezeigt, dass auch Puristen durchaus Münster und den Münsterplatz. Die «Hofkonzerte» bringen zeitgenössische
Puristen eines anderen Fachs gegenübertreten können, ohne in ihrer Qualität Kammermusik (u.a. Uraufführungen von Matthias Klenota und Jannik Giger)
nachzulassen – ganz besonders in Basel. Drittens sind Innovation und Expe- in eine charmante Kammer, deren Staubschichten auf die Renaissance zurück-
riment in der Kunst und der gesamten Kultur sowieso viel zu erfrischend, um gehen. Charaktervolle Architektur wie der Münsterkreuzgang, der Berri-
sie ausschliesslich Puristen zu überlassen. Und viertens: Wenn man 2015 ein Museumsbau, das Stadtcasino oder auch eine Logistikhalle im Rheinhafen wird
Festival gründet, soll sich das anders anfühlen als eines, das vor 20, 30, 40 in Bezug gesetzt zu markanter Musik – James Tenneys In a large, open space,
Jahren gegründet wurde. Dieter Schnebels Streichquartett im Raum, Pierre Boulez’ Rituel mit dem Sinfo-
nieorchester Basel, neue Werke von Edu Haubensak, Arturo Corrales, Franck
Was ist denn überhaupt 2015 anders als vor 20, 30, 40 Jahren? Der Raum Bedrossian, Pascal Contet u.v.a.
(im kulturellen und geographischen Sinn) ist seit dem Ende des Kalten Krieges
viel stärker in Bewegung und ins Blickfeld geraten als er es in der zeitfixierten Auch neuere Formen wie Performance Art, Klangkunst und Installation haben
Moderne war – die Kultur- und Humanwissenschaften nennen das «Spatial längst ihre Klassiker. Nicht wenige davon sind im September 2015 in Basel zu
turn». Das noch jüngere Schlagwort vom «Acoustic turn» bezieht sich auf erleben – Gordon Monahans Speaker Swinging im Badischen Bahnhof, Walter
eine wachsende Bedeutung des Hörbaren, auch im technologischen und öf- Fähndrichs «MUSIK FÜR RÄUME» im Hof der Musik-Akademie bei Sonnen-
fentlichen Raum. Die Rede von der «Gehaltsästhetischen Wende» deutet auf untergang, Daniel Otts Landschaftskunstwerke, zu erwandern bei Sonnenauf-
ein gewandeltes Verhältnis zwischen Musik und Gesellschaft – weniger Elfen- gang an der Grenze zwischen Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Ebenfalls
beinturm, mehr Gesellschaftsbezug. Wie auch immer, ob in Form einer Wen- beide Kantone verbinden «Freie Strassen» und «Klangfahrten» im öffentli-
de oder steten Wandels, mit oder ohne Schlagworte formuliert: Der ewige Pro- chen Raum. Dazu kommen Arbeiten von ganz jungen Künstlerinnen und
zess des Nachdenkens in und über Zeit und Raum ist in den letzten Jahren Künstlern aus den Bereichen Musik, Szenografie, Architektur, spektakulär in
spürbar in Bewegung geraten. Szene gesetzt im «Klangtaucher» tief unter dem Rhein.

Architektur und neue Musik sind heute viel beweglicher als so manches Kli- Bitte assoziieren Sie nach Lust und Laune, lassen Sie die in Architektur und
schee es will. Welche Fragen hätte ein «Raum und Musik» gewidmetes Fes- Musik entstehenden Atmosphären auf sich wirken, und bewegen Sie sich frei
tival wohl vor 40, 50, 60 Jahren gestellt, in den heroischen Zeiten der Neuen durch die Klänge und Räume. Wie sagte Peter Zumthor 2009 in seiner Dankes-
Musik mit grossem N? Man denkt an Grossbauten wie den Philips Pavillon von rede bei der Verleihung des Pritzker-Preises? «No research. You are just
Iannis Xenakis und Le Corbusier auf der Expo 1958 in Brüssel, den deutschen hanging out, listening, feeling, having the place resonate a little bit.»
Pavillon von Fritz Bornemann, Karlheinz Stockhausen und Otto Piene auf der Worauf warten Sie noch? Viel Vergnügen!
Expo 1970 in Osaka oder an symphonische Schlachtengemälde mit hunderten
von Chorsängern, Orchestermusikern, Elektronik und Lautsprechern in riesi- Bernhard Günther
gen Räumen. Space Opera. Festivalintendant

AUGEN UND OHREN IN BEWEGUNG 14 AUGEN UND OHREN IN BEWEGUNG 15


Hören Sie! Jeder Raum funktioniert wie ein grosses Instrument, er sammelt die
Klänge, verstärkt sie, leitet sie weiter. Das hat zu tun mit seiner Form und mit
der Oberfläche der Materialien und der Art und Weise, wie die Materialien be-
festigt sind. Beispiel: Nehmen Sie einen wunderbaren Fichtenholzboden wie
einen Geigendeckel und legen den auf Hölzern aus in Ihrem Wohnraum. Oder
anderes Bild: Sie leimen ihn auf die Betonplatte! Spüren Sie den Unterschied
im Klang? Ja. Der Klang des Raumes wird heute, leider, von vielen Leuten gar

wo sich zu drei Bildern der dazugehörige Klang des Raumes auch anhören lässt (siehe S. 112)
Die Safranzunft in Basel. Foto für die Ausstellung «Der Klang der Architektur» im S AM,
nicht wahrgenommen. Der Klang des Raumes – also für mich jetzt persönlich,
das erste, was mir immer in den Sinn kommt, sind die Geräusche, als ich Bub
war, die Arbeitsgeräusche meiner Mutter in der Küche. Die haben mich immer
glücklich gemacht. Da konnte ich in der Stube sein, ich wusste immer, die
Mutter da hinten ist da, klappert mit den Pfannen oder so. Aber Sie hören auch
die Schritte in der grossen Halle, Sie hören die Geräusche in der Bahnhofshalle,
Sie hören die Geräusche in der Stadt usw. Wenn ich dann einen Schritt weiter-
gehe, es wird vielleicht ein bisschen mystisch jetzt, und ich denke, wir nehmen
alle Fremdgeräusche aus dem Gebäude raus, wir stellen uns das vor, nichts ist
mehr da, nichts erzeugt mehr irgendeine Anrührung. Dann kann man sich die
Frage stellen: Tönt das Gebäude jetzt trotzdem? Machen Sie den Versuch mal
selber. Ich glaube, die tönen immer. Die tönen auch ohne eine Anrührung.
Ich weiss nicht, was es ist. Es ist vielleicht der Wind oder so. Aber man spürt
nur, wenn man einmal in einen schalltoten Raum geht, dass da etwas anderes
ist. Schön ist es! Finde ich. Ich finde, es ist wunderschön, ein Gebäude zu bau-
en und dieses Gebäude aus der Stille heraus zu denken. Das heisst, es ruhig zu
machen, das braucht heute ziemlich viel, weil unsere Welt so lärmig ist. Also
da bei Ihnen weniger. Aber ich kenne andere Orte, die sind lärmiger, da müssen
Sie viel machen, damit die Räume mal ruhig werden und dann aus der Stille
heraus, mit den Proportionen und den Materialien usw. wieder sich vorzustel-
len, wie das tönt. Also, das tönt jetzt ein bisschen wie eine Sonntagspredigt,
ich weiss. Aber viel einfacher und pragmatischer, oder? Wie es wirklich tönt,
wenn wir durchgehen. Wenn wir sprechen, wenn wir miteinander sprechen,
wie soll das tönen? Wenn ich im Salon mit drei guten Freunden am Sonntag-
ESSAY  /   P ETER ZUMTHOR nachmittag reden will und lesen? Hier habe ich aufgeschrieben: das Schliessen

DER KLANG DES


der Tür. Es gibt Gebäude, die wunderbar tönen, die sagen mir: ich bin aufge-
hoben, ich bin nicht allein. Das ist vermutlich dieses Mutterbild, das ich nicht
loswerde und eigentlich auch nicht loswerden will.

RAUMES
Auszug aus: Peter Zumthor: Atmosphären. Architektonische Umgebungen – die Dinge um uns herum. –
Basel: Birkhäuser, 2006, S. 29–33. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und des
Verlags Birkhäuser.

DER KLANG DES RAUMES 16 DER KLANG DES RAUMES 17


Sie sind ein unzertrennliches Paar, die Musik und die Architektur. Musik ent-
faltet sich im Raum, und jeder Raum hat seinen eigenen Klang. Dass sich beide
Metiers gar in einer Persönlichkeit vereinigen, ist selten. Iannis Xenakis, der
die Moderne prägende griechische Komponist, der zugleich Architekt war, ist
ein Beispiel für diese Personalunion. Er schuf eine der exemplarischen Bauten

Der Tunnel des City Parking Basel, Schauplatz der interaktiven Klanginstallation
für neue Musik. Als Assistent von Le Corbusier entwarf er 1958 für die Weltaus-
stellung in Brüssel den Philips-Pavillon. Er legte dem Gebäude hyperbolische
Kurven zugrunde, die ihm bereits als Grundlage für sein Orchesterwerk Meta­
stasis (1953/1954) dienten. Der Philips-Pavillon wurde für Edgar Varèses elek-

«Tunnel Spiral» des Elekronischen Studi0 Basel (siehe S. 115)


tronische Komposition Poème électronique für Tonband kreiert und bot der Ent-
faltung der Klänge ideale Raumverhältnisse. Raum und Komposition waren
auch ein Gemeinschaftswerk von Xenakis, Varèse und Le Corbusier. Musik und
Architektur verbanden sich hier in perfekter Weise, entwickelten sich gleich-
sam Hand in Hand.

Peter Zumthor gehört ebenso zu den Architekten, die bei der Raumgestaltung
den Klang mitdenken. Er nannte seinen für die Schweiz entworfenen Holz-
Pavillon der Weltausstellung 2000 in Hannover richtigerweise «Klangkörper».
Der Pavillon wurde unter anderem von Daniel Ott bespielt. Der aus Liestal stam-
mende Komponist trat mit seiner Musik in direkten Dialog mit dem Pavillon.

Auf die Partnerschaft von Klang und Raum baut nun auch das neue Festival
ZeitRäume in Basel. Es verweist zugleich auf eine Tradition: Beim Musikmonat
im November 2001 bereits verbanden sich Architektur und neue Klangkunst.
Die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, Schöpfer der Elbphil-
harmonie in Hamburg und Entwerfer eines Paul Sacher Konzertsaals auf dem
Kasernenareal, der allerdings leider nie in die Realität umgesetzt werden konnte,
haben für den Musikmonat in der Messehalle 5 aus Holz immerhin einen tem-
ESSAY  /   C HRISTIAN FLURI

BASEL GIBT
porären Konzertsaal eingebaut. Dies geschah unter der Ägide von Christine
Binswanger, Partnerin bei HdM. Schon mit den ersten Tönen am Eröffnungs-
konzert mit Pierre Boulez und seinem Ensemble intercontemporain war auch
der letzte Skeptiker von der Akustik des Saales überzeugt. Der Saal, in dem sich

DEM NEUEN
Musik klar und transparent entfaltete, wurde dem 1999 verstorbenen grossen
Förderer der Neuen und der Alten Musik in Basel gewidmet. Die Paul Sacher
Halle war einen Monat lang besonderer Ort für neue und neueste Musik,
war ebenso ein Ort musikalischer Begegnungen und Dialoge, ein Ort, an dem

RAUM – IN
das Publikum mit den Kreateuren neuer Musik in Diskussion treten konnte.
In der Paul Sacher Halle versammelten sich die wichtigsten internationalen
Ensembles für neue Musik – mit dabei auch die Basler: Jürg Hennebergers En-

MUSIK UND
semble Phoenix geniesst noch heute ein hohes Renommee und interpretiert
zeitgenössische Musik nicht nur auf höchstem Niveau, sondern tritt mit Kom-
positionsaufträgen und Uraufführungen auch als wichtiger Förderer auf.
Ebenso vertreten war das selbstverwaltete und sich neuen Klängen widmende

ARCHITEKTUR
Orchester Basel Sinfonietta.

Der Musikmonat verknüpfte die hohe Qualität neuer Musik mit bester neuer
Basler Architektur, schon das war einmalig. Er stand auf den zwei Säulen, die –
neben Theater und bildender Kunst – die kulturelle Stärke und Internationa-
lität Basels ausmachen. Basel ist spätestens seit dem Wirken des Dirigenten

BASEL GIBT DEM NEUEN RAUM 18 BASEL GIBT DEM NEUEN RAUM 19
und Mäzens Paul Sacher eine Musikstadt. Sacher schlug hier zwei Pfähle ein: in der auch das Architekturmuseum der Schweiz sein Zuhause hat. Dieser Ort
Mit der Gründung der Schola Cantorum Basiliensis machte er Basel zu einem der Architektur-Debatte ist selbstverständlich in ZeitRäume eingebunden.
weltweiten Zentrum der Forschung und Lehre Alter Musik. Mit seinen Kom-
positionsaufträgen und Uraufführungen, mit seinem Engagement für neues Dennoch: Basel ist eine Architekturstadt mit Widerhaken. Einige zukunfts-
Komponieren als Direktor der Musik-Akademie machte er die Stadt zudem zu weisende Projekte wurden an der Urne abgewürgt. Das bedeutendste war das
einem international beachteten Ort neuer Klänge. Hier lehrten an der Hoch- Stadtcasino-Projekt der aus dem Irak stammenden Architektin Zaha Hadid,
schule Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, Henri Pousseur, Luciano Berio, ihr fliegendes Schiff über dem Barfüsserplatz. Solche Rückschläge behindern
Klaus Huber und andere wichtige Komponisten, in jüngerer Zeit auch Georg die hiesigen Architekten in ihrer Entwicklung einer eigenen architektonischen
Friedrich Haas, Beat Furrer, Erik Oña und weitere. Die Hochschule für Musik Gegenwart nicht. Konservative Widerstände können auch anspornen. Das ist
Basel ist auch durch das elektronische Studio und die musikalische Forschungs- in allen Künsten so. Zugleich braucht die neue Kunst aber ein Klima der Offen-
abteilung ein Haus, in dem nach neuen Klängen, nach neuem Vokabular der heit, Raum zur Entfaltung. Gerade dies gewährt das neue Festival ZeitRäume,
musikalischen Sprache gesucht, geforscht wird. So haben viele exzellente lädt uns dazu ein, intensiv über neue Klänge und Raumgestaltung, über Klang-
Musikerinnen und Musiker Basel – nach ihrer Ausbildung hier – als Heimat kunst und Baukunst nachzudenken, sie direkt in ihren Zusammenhängen
entdeckt. Mit der Gare du Nord, dem Bahnhof für Neue Musik, hat die avan- hörend zu erfahren.
cierte klingende Kunst auch ein Zuhause gefunden, mit einem Raum von
besonderer Atmosphäre, dem alten Buffet des Badischen Bahnhofs. Auch dies
ein Ort, an dem Neues entsteht, auch neues Musiktheater, das sich immer auch
im Raum denkt.

ZeitRäume will verstärkt noch die symbiotische Beziehung von Musik und
­Architektur bewusst machen, jedes Konzert, jede Performance soll in irgend-
einer Art und Weise davon erzählen. Spannend dürfte schon das erste vorge-
zogene Projekt werden. Wie bringt man im akustisch äusserst schwierigen, ja
schlechten, weil verhallten Raum der Basler Architekturikone ‹Markthalle›
Karlheinz Stockhausens frühe Komposition Spiral für einen Solisten mit Kurz-
«DIE MACHT DER AKUSTIK LIEGT IM EINFINDEN
wellenempfänger von 1968 zum Klingen? Eine enorme Herausforderung für EINES MENSCHEN IN DEN KLANG DES RAUMES,
den Oboisten Matthias Arter und den Elektroniker Amadis Brugnoni. IN DIE ZEIT DES RAUMES. DABEI IST ES DER
Mit Stockhausen (1928–2007) das neue Festival einzuläuten, ist jedenfalls ein MENSCH SELBST, DER DEN RAUM ZUM KLINGEN
richtiges Zeichen: Er dachte Musik immer im Raum.
BRINGEN MUSS – DURCH SCHRITTE, WORTE,
Doch Basel ist nicht nur Musikstadt, sie ist gerade in den letzten Jahrzehnten DURCH GERÄUSCHERZEUGENDES HANDELN,
ebenso zu einer der wichtigen Architekturstädte geworden. Herzog & de Meuron, DURCH SEIN ATMEN. DIESE VERKNÜPFUNG VON
Diener & Diener, Wilfrid und Katharina Steib gehören weit über die Stadt hin-
aus zu prägenden Architekten des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts.
MENSCH UND RAUM, DIE, DA DURCH TÖNE
Wilfrid und Katharina Steib haben auch das Haus auf Burg als Heimstätte be- HERGESTELLT, BIS TIEF IN DAS INNERSTE DES
deutendster musikalischer Werke und Forschungsort für neue Musik gestaltet. MENSCHEN REICHT, IST WIE EINE ART DIALOG,
Hier ist die Paul Sacher Stiftung zu Hause, die von Igor Strawinsky und Béla
Bartók über Edgar Varèse und György Ligeti bis Pierre Boulez, Heinz Holliger,
FÜR DEN DIE AKUSTISCHEN PRÄMISSEN BESTIM-
Peter Eötvös die Handschriftensammlungen wichtigster Komponisten, aber MEND SIND. DIESER DIALOG FÜHRT ZUR SELBST-
auch die Sammlungen von Ensembles und Musikern beherbergt – das Haus ist ERFAHRUNG IM KLANG DES RAUMES.»
gleichsam ein Schloss der neuen Musik.

Es folgten Generationen von Architekten, die eine eigene zeitgemässe Sprache BERNHARD LEITNER
entwickelt haben und über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden sind. aus: Gesprächsnotizen von Bernhard Leitner und Ulrich Conrads,
DAIDALOS, Nr. 17, Berlin, September 1985
Meinrad Morger, Emanuel Christ und Christoph Gantenbein, Andreas Bründler
und Daniel Buchner, um nur ein paar wenige zu nennen. Wichtige Architekten
der Schweiz und aus der ganzen Welt haben sich dem Dialog mit der Basler
Architektur gestellt und wichtige bauliche Zeichen gesetzt. Zum Beispiel der
Zürcher Theo Hotz oder der US-Amerikaner Richard Meyer. Basel ist die Stadt,

BASEL GIBT DEM NEUEN RAUM 20 BASEL GIBT DEM NEUEN RAUM 21
ESSAY  /   G ISELA NAUCK kompositorisches Denken. Der Musikwissenschaftler und Assistent von Arnold

MUSIK IM
Schönberg, Josef Rufer, hat von diesem die Vorstellung überliefert: «In diesem
Raum gibt es kein absolutes Unten, kein Rechts oder Links, Vor- oder Rückwärts».
«Die Musik ist eine Kunst, die sich in der Zeit abspielt. Aber die Vorstellung des Kunst­
werks beim Komponisten ist davon unabhängig. Die Zeit wird als Raum gesehen. Beim

RAUM
Niederschreiben wird der Raum in die Zeit umgeklappt.» (Josef Rufer: Die Kompo­
sition mit 12 Tönen. – Berlin 1952, S. 49)

Diese Auflösung von teleologischen musikalischen Prozessen setzen die west-


europäische und amerikanische Avantgarde fort. Kompositionstechniken wie
Serialismus, Stochastik oder Change Operations führten auch zu einer Neu-
definition jenes inneren Kompositionsraumes. «Komponieren wird zum
Disponieren», schrieb Dieter Schnebel Anfang der 1960er Jahre, «der Gestalt
Raum ist heute überall. Die musikalische Moderne ist ohne eine Neudefinition gewordene Augenblick (wird) bedeutungsvoll. Die einmalige Konstruktion ist
ihrer räumlichen Dimensionen nicht mehr denkbar. Das betrifft die inneren die Konfiguration des Moments.» Klang wird zum Ereignis. Pierre Boulez fand
musikalischen Räume ebenso wie die äusseren Räume ihrer Aufführung inklu- dafür die Metapher des Labyrinths, Stockhausen entwickelte die «Moment-
sive der Besetzung von architektonischen, städtischen und Landschaftsräumen form», Henri Pousseur sprach von Musik als «Raum-Zeit-Kontinuum» und
ausserhalb des Konzertsaals. Im Zuge der kompositorischen Arbeit der Avant- Herbert Eimert prägte den Begriff der «musikalischen Kugelkarte» – Metaphern
garden im 20. Jahrhundert – so meine These – wurde der Raum für die Musik für eine Spatialisierung von Komposition.
zur grundlegenden Kategorie von Innovation, dem Lebensnerv aller Künste.
Zweitens: Äusserer musikalischer Raum. Die Auflösung von Tonalität, Punk-
Andere wichtige Parameter solcher Erneuerung im 20. Jahrhundert wie die tualisierung, Momentform waren die Voraussetzungen für die Projizierung
Arbeit am Klang und an der Zeit haben die Wesensmerkmale von Musik nicht klanglicher Prozesse in den architektonischen Raum: für eine «Musik im
grundsätzlich verändert. Erst die Dimension des Raumes – allerdings in viel- Raum» (Karlheinz Stockhausen). Nun erst wird es möglich, Klangbewegungen
fachen dialektischen Beziehungen zu Klang und Zeit – erwies sich als revolu- im Raum zu komponieren (z.B. Stockhausen, Boulez), den Klang im Raum zu-
tionäres Potenzial. Die ausgelösten Umbruchprozesse haben nicht nur die sammenzusetzen (Luigi Nono), Klangsituationen eine räumliche komposito-
Musik selbst in ihrer Form und Gestalt wie auch in ihrem Werkcharakter ver- rische Gestalt zu geben (Konrad Böhmer) oder regelrechte musikalische ­Duelle
ändert. Sondern durch den Raum wurden gänzlich neue Bedingungen für Auf- zwischen Orchestergruppen zu inszenieren (Iannis Xenakis). Kompositori-
führungspraxis und Hören, also für die Wahrnehmung von Musik, generiert. sches Denken als Projektion von Klang in den Raum hat die Gestalt des Musik-
Das gesamte Dispositiv Musik, wie wir es kennen, geriet seit der zweiten werks in den architektonischen Innenraum projiziert. Die architektonischen
Hälfte des 20. Jahrhunderts in einen Strudel von Veränderungen. Gänzlich Formvorstellungen bilden sich jetzt aber nicht mehr in der Musik ab – wie vor
neue Gattungen entstanden, Musik suchte sich quer durch Stadt und Land neue rund dreihundert Jahre mit der Venezianischen Mehrchörigkeit –, sondern die
Orte der Präsentation und in diesen neuen Kontexten veränderte sich ihre moderne instrumental-vokale oder elektronische Raummusik kreiert einen
soziokulturelle Funktion. autonomen, vieldimensionalen Klangraum im architektonischen Raum, der
den Hörer gleichsam in seine Mitte genommen hat.
Dieser Prozess einer Verräumlichung von Musik lässt sich auf verschiedenen
Ebenen verfolgen. Historisch zu beobachten ist dabei eine Entwicklung vom Drittens: Auflösung der Konzertsaalhierarchie. Eine «Musik im Raum» be-
imaginierten, durch den Komponisten vorgestellten Raum, über die Aufspren- deutet die Auflösung der Zweiteilung in Bühne und Auditorium, wie sie sich im
gung des inneren musikalischen Raumes zur Okkupation äusserer Räume, was Konzertsaal als adäquatem Hörort für seinerzeit progressive Gattungen wie
auch ineinander greifen kann. Eine gegenwärtig letzte Phase dieser Entwick- Symphonie und Konzert manifestiert hat. Die hierarchische Struktur dieses
lung ist infolge von Computertechnik und Internet die musikalische Besetzung Hörortes entsprach letztlich der Idee von Aufklärung: Auf der einen Seite sind
des virtuellen Raumes und die künstlerische Kreation immersiver Räume, die Wissenden, Verkündenden, auf der anderen Seite die Unwissenden, Zuhö-
was hier aber nur am Rande erwähnt sei. renden, dazwischen die Musiker als Erfüllungsgehilfen der Komponisten.
Mit einer «Musik im Raum» wurde diese Hierarchie aufgebrochen und damit
Erstens: Innerer musikalischer Raum. Eine erste Voraussetzung für ein räum- zugleich eine Emanzipation des Musizierens wie auch des Hörens in Gang
liches musikalisches Denken war die Auflösung der funktionsharmonischen gesetzt. Eine Vorstufe dazu war die allmähliche Auflösung der klassischen
Tonalität infolge der Entwicklung von Zwölftontechnik und Vierteltönigkeit, Bühnenpräsenz von Ensembles- und Orchestern. Wenn Klanggestalten räum-
was zur Auflösung der bis dahin verbindlichen teleologischen Linearität von Mu- lich komponiert werden, muss der Platz der Musiker auch auf der Bühne diese
sik führte. Der innere Raum von Musik öffnete sich für ein dreidimensionales Verräumlichung nachvollziehen.

MUSIK IM RAUM 22 MUSIK IM RAUM 23


Viertens: Emanzipation des Hörens. Indem der Klang zum Ereignis wurde, Gattung, die ihren wichtigsten visionären Vorläufer in der von Charles Ives
öffnet eine Raummusik den Hörern unterschiedliche Perspektiven der Wahr- zwischen 1911 und 1928 komponierten (allerdings Fragment gebliebenen)
nehmung. Das entspricht einer Individualisierung des Hörens und Selbstbe- ­Universe Symphony hat, erdacht für mehrere Orchester und Chöre, postiert in
stimmung des Hörprozesses. Der belgische Komponist Henry Pousseur entwarf Tälern, an Abhängen und auf Berggipfeln. Das Dispositiv des Komponierens
1959 die Vision: «Würde man beispielsweise über komplex artikulierte, verzweigte änderte sich nun grundlegend. Neben Instrumenten, Musikern, Tönen, ­Klängen
Musikbauten verfügen, in denen die verschiedenen elektrischen und ‹lebendigen› und entsprechenden Organisationsmethoden umfasst es nun auch alltägliche
Schallquellen, ohne völlig voneinander abgesondert zu sein, zum größten Reiz des Gegenstände, Fahrzeuge, Verkehrsmittel, natürliche Materialien, landschaft-
Ohres überraschungsvoll verteilt wären, so könnten die Hörer, indem sie sich dieser liche Bedingungen usw., Gegenstände, die in der Landschaft und im städtische
oder jener näherten oder entfernten, ihre Wahrnehmungsperspektive nach ihrer Raum als Klangerzeuger vorhanden sind. Ebenso sind Hörsituationen,
eigenen Wahl formen. Ist es nun zu früh zu behaupten, daß neue Feste des gemein­ Sonnenstand, Licht, Wetter, Temperatur usw. als Bestandteil der zu kompo-
samen Hörens, des gemeinsamen Formens von Klang in Raum und Zeit, sich heute nierenden musikalischen Gestalt mit zu bedenken, auch zurückzulegende
vorbereiten?» (ebenda S. 23) Wege, gleichermassen für Musiker und Publikum. Mobilisiert wurden dadurch
aber auch übergeordnete, kulturelle Aspekte. Musik erreicht ganz andere Hö-
Drei Jahre später, 1962, entwickelte Konrad Boehmer mit seiner Komposition rer als im Konzertsaal, auch zufällig vorbeikommende Passanten. Und: Land-
Position das Modell einer mobilen Raumform, in der das Werk nicht mehr Au- schaftskompositionen sind einmalig, unwiederholbar und opponieren damit
torität, sondern ausschliesslich Präsenz sei. Acht Jahre später komponierte Karl- gegen den nach wie vor dominierenden Verwertungsprozess von Musik.
heinz Stockhausen Musik für ein Haus, dreizehn Jahre später Dieter Schnebel die
Gehörgänge. Konzept einer Musik für forschende Ohren. Musik verlangte – und ent- Siebtens: Klanginstallationen. Parallel zu diesen Kompositionen für land-
wickelte – den mündigen Hörer. Eine «Musik im Raum» signalisiert damit den schaftliche oder städtische Räume entwickelte sich im Zwischenfeld von
Anbruch eines musikalischen Zeitalters, in dem sich die für das 20. Jahrhundert ­bildender Kunst und Musik seit Ende der 1970er Jahre ein weiteres, völlig neu-
typische Dialektik von Demokratisierung und Individualisierung in der Struktur es Genre: Soundart, spezifiziert auf den hier zur Debatte stehenden Raum als
der Musik, in ihrer Aufführungspraxis und in ihrem Hörverhalten abbildet. Klanginstallation. Zur ersten Generation gehören amerikanische Musiker wie
Max Neuhaus und Bill Fontana, die deutsche Musikerin Christina Kubisch oder
Fünftens: Aus dem Konzertsaal in die Welt. Der kompositorisch gestaltbare, die Bildenden Künstler Rolf Julius und Paul Panhuysen, der Architekt Bernhard
äussere Raum führte Musik aus dem Refugium des Konzertsaals, aus der archi- Leitner oder der studierte Tonmeister Hans Peter Kuhn – «Pioneers in the
tektonischen Abgeschlossenheit des Bildungsbürgertums, in den Lebensalltag fields of contemporary art and music». Klanginstallationen sind ohne den
der Menschen. Mit den Initialwerken einer «Musik im Raum» – Karlheinz Umgebungsraum als Kunstform nicht denkbar. Die unter künstlerischen
Stockhausens Gruppen für 3 Orchester, uraufgeführt im Frühjahr 1958 in einer ­Gesichtspunkten ausgewählte räumliche Situation in Gebäuden, auf Strassen
Messehalle und Pierre Boulez Poesie pour pouvoir für 3 Orchestergruppen, Spre- und Plätzen, in Landschaften oder Parkanlagen wird zum Ausgangspunkt, um
cher, Tonband und Lautsprecher, uraufgeführt im Herbst desselben Jahres in ein in der Regel elektro-akustisches oder elektronisches Klangmaterial mit
der Donaueschinger Viehauktionshalle – begann der Weg der neuen Musik aus Hilfe von kleinen Lautsprechern zu implantieren. Unauflösbar verbinden sich
den Konzertsälen hinaus, eben in Messehallen, Galerien, Industriebrachen damit die visuelle mit der akustischen Ebene – das Vorhandene und künstle-
oder Landschaftsräume. Der Konzertsaal war zu eng geworden, um einer risch Eingebrachte zu einem multimedialen künstlerischen Feld. Im Gegensatz
Musik im Raum und einem angemessenen Hören noch adäquate Bedingungen zu Landschaftskompositionen, die, wie alle Musik, ein Anfang und ein Ende
zu bieten. Zugleich verweist diese Situation auf ein bis heute latentes Problem: haben, dominiert in Klanginstallationen der Raum die Zeit, entstehen quasi
Es ist im 20. Jahrhundert nicht gelungen, für die zeitgenössische, innovative allgegenwärtige multikünstlerische Situationen, die zu jeder Zeit betreten und
Moderne einen ähnlich adäquaten Hörort zu schaffen, wie es im 18. Jahrhun- wieder verlassen werden können. Die Funktion und Bedeutung des Raumes hat
dert mit dem Konzertsaal gelungen ist: Einen Hörort, der räumliche Flexibili- sich innerhalb solcher visuell-akustischen Kunstformen erneut modifiziert,
tät und ein dezentrales Hören ermöglicht. Die musikalische Moderne des ist zur Hauptsache geworden. – Raum hat Musik in kompositorischer, auffüh-
20. – und 21. – Jahrhunderts wurde, nicht zuletzt durch ihre hinzugewonnenen, rungspraktischer, rezeptioneller und kultureller Hinsicht revolutioniert.
räumlichen Dimensionen, zu einer nomadisierenden Kunstform. Erst dieses No-
madentum aber ermöglichte ihr den Schritt in den Lebensalltag der Menschen.

Sechstens: Landschaftskompositionen. Mit dem Einlassen auf nicht standar-


disierte Räume standen Komponieren und Aufführungspraxis vor gänzlich
neuen Herausforderungen. Musik als Komposition von architektonischen,
städtischen oder Landschaftsräumen wurde zu einem reagierenden Prozess
zwischen Komposition und den Spezifika einer Umgebung. Mit der Land-
schaftskomposition entstand seit Mitte der 1980er Jahre eine völlig neue

MUSIK IM RAUM 24 MUSIK IM RAUM 25


KONZERTE
KONZERT  /   M ÜNSTERPLATZ TLEG E TLEG ETLEG REDEPÄNG! Apropos Unterricht: Seit Jahren gibt er beim

FESTIVAL-
Bernhard Günther, Johannes Knapp Juniorencamp des Schweizerischen Tambou-
ren- und Pfeiferverbands STPV/ASTF die Fa-
Wie eröffnet man ein neues Festival in Basel? ckel an den Nachwuchs weiter. Ende Juli 2015
Erstens: ZeitRäume Basel soll sich ab der sind es rund 100 Schülerinnen und Schüler

ERÖFFNUNG
ersten Minute anders anfühlen als sei ein und mehrere Dozenten aus der ganzen
Raumschiff von irgendwoher zufällig am Schweiz, die sich gemeinsam dem Trommeln
Rhein gelandet. Denn schliesslich ist die und Pfeifen widmen. (Der Titel dieses Textes
Biennale für neue Musik und Architektur stammt übrigens vom Plakat des diesjährigen
eine in Basel geborene Idee und wäre ohne STPV-­Junioren­camps.) Vom Bahnhof Brü-
die regionalen Wurzeln gar nicht denkbar. nig-Hasliberg bis zum 1240 Meter hoch ge-

RAUMKOMPOSITION AUF
Zweitens: Niemand soll glauben, nur weil legenen Lager auf dem Tschorren ist es eine
«neue Musik» draufsteht, richte sich das Stunde zu Fuss. Als Besucher braucht man

DEM MÜNSTERPLATZ FÜR 100


neue Festival ausschliesslich an einen klei- nicht einmal eine Landkarte, denn schon von
nen Kreis von Kennern. Und drittens geht es weitem weisen die Flöten- und Trommel-

BASLER TROMMELN, PFEIFER


im Festival um Raum und Musik, und deren klänge den Weg zu dem kleinen Berg auf der
Zusammenspiel soll man spüren – gern auch Grenze zwischen Kanton Bern und Obwalde-

UND ELEKTRONIK
auf experimentelle Weise. ner Gebiet. Hier oben am Brünigpass wird
diesmal ein Konzert für einen ganz anderen
Nach einem mit Basel eng verbundenen mu- Ort vorbereitet: die Festivaleröffnung von
sikalischen Ausrufezeichen muss man nicht ZeitRäume Basel auf dem Münsterplatz.
lang suchen: Die Basler Trommel prägt wäh-
rend der «drey scheenschte Dääg» alljähr- Dieser ist für Ivan Kym so etwas wie «ein
lich den Klang der Stadt, und sie darf im Zu- grosser Wintergarten ohne Dach». Die Stücke,
sammenspiel mit den Pfeifern wahrlich als die er für diesen Ort entwickelt hat, beziehen
10. SEPTEMBER 2015 Ausrufezeichen gelten. Aber kann man ein den Raum mit ein – Trommelmusik ist in
19:00 – 19:30 Uhr | Eintritt frei so traditionelles Musikinstrument wie die dieser Hinsicht durchaus wandlungsfähig.
Basler Trommel in einen Kontext mit Raum Auf den Münsterplatz (anstelle des ur-
Schweizer Tambouren und Pfeifer und Experimenten stellen? sprünglich ins Auge gefassten Rheinufers)
Ivan Kym Leitung fiel die Wahl übrigens bei der Fasnacht 2014:
Wolfgang Mitterer Live-Elektronik Man kann – das haben Musiker wie Ivan Kym Damals war das Festivalteam gemeinsam mit
und Bernhard Batschelet schon vor vielen dem aus Osttirol stammenden Komponisten
Ivan Kym & Wolfgang Mitterer: Square für Tambouren, Jahren bewiesen. Natürlich finden viele Wolfgang Mitterer nächtelang in der Stadt
Pfeifer und Live-Elektronik (2015, Uraufführung) Tambouren dank der Tradition zum Trom- unterwegs, um den Tambouren an verschie-
meln – von der Basler Fasnacht bis zu Fron- denen Orten der Stadt zuzuhören.
Kompositionsauftrag an Ivan Kym durch den Fachausschuss Musik leichnamsprozessionen im Oberwallis. Aber
Kompositionsauftrag an Wolfgang Mitterer durch ZeitRäume Basel je mehr man die technischen Möglichkeiten Mitterer, der am Konzept der Eröffnung mit-
des Instruments entdeckt und ausreizt, umso gefeilt hat, bringt viel Erfahrung aus musi-
Kooperation Schweizerischer Tambouren- und Pfeiferverband STPV /ASTF) mehr treten die Tradition und das Semanti- kalischen Grossprojekten mit: Der in Wien
sche in den Hintergrund. Für Ivan Kym ist lebende Organist und Komponist hat nicht
das eine Entwicklung von der Tradition zur nur Opern (wie beispielsweise Crushrooms im
Perfektion: «Am Schluss wollen wir doch Theater Basel) und Ensemblewerke für
nur das Instrument wirklich beherrschen». Avantgarde-Festivals geschrieben, sondern
Er gilt als einer der grössten Virtuosen unter auch Stücke wie den Turmbau zu Babel mit
den Tambouren und ist zugleich einer der über 4.000 Sängern oder die Waldmusik mit
erfinderischsten und experimentellsten Holzarbeitern, Elektronik u.v.a. Im Zusam-
Köpfe der Szene – in den letzten 20 Jahren menspiel mit Ivan Kym und rund 100 jugend-
hat er 75 Trommelkompositionen geschrie- lichen Tambouren und Pfeifern wird er mit
ben. Als vielfacher Schweizer Meister (16 seinem markanten, impulsiven Live-Elek­
Jahre durchgehend, dann nicht mehr ange- tronik-Sound mit dafür sorgen, dass zur Er-
treten) meint er bescheiden: «Man muss das öffnung von ZeitRäume Basel und dem
nicht überbewerten, ich hatte einfach ein Schweizerischen Tonkünstlerfest 2015 auch
gewisses Talent und guten Unterricht». mit den uralten Instrumenten der Basler
Fasnacht ganz neue Klangräume entstehen.

FESTIVALERÖFFNUNG 28 FESTIVALERÖFFNUNG 29
KONZERT  /   B ASLER MÜNSTER GEORG FRIEDRICH HAAS: Buchstaben, um das Stück von anderen mei-

RAUMKLANG
OCTET FOR EIGHT TROMBONES ner musikalischen oder visuellen Werke, die
Georg Friedrich Haas im selben Jahr entstanden sind, zu unter-
scheiden.
Die Beschäftigung mit Tonbändern, die von

MÜNSTER
Giacinto Scelsi bespielt wurden, brachte mir An die 300 junge Sänger sind aufgefordert,
eine überraschende Erkenntnis: Melodien  zusätzlich zu ihrem Gesang viele verschie-
– im traditionellen Sinn kantable Melodien! – dene Klänge zu erzeugen. Das Werk erforscht
sind auch in kleinsten Mikrointervallschritten den Masseneffekt, der durch die Anwesen-
möglich. Die vergleichsweise groben Tran- heit so vieler Musiker zustande kommt. Eine
skriptionen der Werke Scelsis, die meist Parallele kann zu Naturphänomenen gezo-

EIN MUSIKPROJEKT MIT


nicht präziser notiert waren als mit Vier- gen werden, ein Zusammenhang, der durch
teltönen, haben diese Qualität der Musik un- Iannis Xenakis erstmals systematisch in die

300 SCHÜLERINNEN FÜR DAS


kenntlich werden lassen. (Die Tonbänder Musik eingebracht wurde und in dem die in-
sind leider öffentlich kaum zugänglich.) dividuellen Klänge Teil eines umfassenden

BASLER MÜNSTER
Effekts sind, der bei Weitem kraftvoller ist
Wie schon in meinem 9. Streichquartett und als die blosse Summe seiner einzelnen Teile.
im Trompetensolostück I can’t breathe ver-
suche ich jetzt auch in meinem Oktett für Ein Beispiel dafür ist das Phänomen, das im
8 Posaunen Mikromelodien zu komponieren. Englischen unter dem Begriff «Murmurati-
Fast didaktisch nähere ich mich dabei von on» bekannt ist und das entsteht, wenn tau-
Viertel- und Sechsteltönen bis zu Achtelton- sende Vögel sich zu ausserordentlichen,
10. SEPTEMBER 2015 schritten, die jeweils äusserst präzise into- schwarzen Wolken am Himmel scharen, oft-
20:00 Uhr | 30 CHF (ermässigt 15 CHF) niert werden ­müssen. mals abends vor der Rast. Diese Wolken än-
dern ihre Form und bilden Muster, die an
Rund 300 SchülerInnen von Gymnasium Leonhard, Gymnasium Kirschgarten, Das Werk ist für einen Raum mit grosser einen riesigen, in ständigem Wandel begrif-
­Gymnasium Muttenz, Gymnasium Oberwil, Gymnasium am Münsterplatz Nachhallzeit komponiert. Die Musiker müs- fenen Organismus erinnern. Und der Effekt
Oliver Rudin Leitung sen eng beisammen stehen, um sich genau von Scharen, Herden oder Schwärmen von
Trombone Unit Hannover hören zu können. Das Werk ist nicht als po- Vögeln, Säugern, Fischen und Insekten, die
lyphones Gewebe konzipiert, sondern als visuelle oder akustische Wolken erzeugen,
Georg Friedrich Haas (*1953): Octet for 8 trombones (2015, Uraufführung) | 20’ weitgehend homophone, sich nur gelegent- findet sich in der Natur allerorten.
lich aufsplitternde Klangmasse.
James Clarke (*1957): 2015-M. Raumkomposition für 8 Posaunen Die 300 Musiker singen nicht nur, sondern
und SchülerInnen (2015, Uraufführung) | 30’ Das Octet for eight trombones ist meiner Part- schreien oder rufen; sie treten mit Weinglä-
nerin Mollena Williams gewidmet. Ihre sern und -flaschen auf und verwenden sogar
Kompositionsauftrag an Georg Friedrich Haas von Trombone Unit Hannover Energie, ihre Lebenskraft, der Reichtum ihrer Mobiltelefone. Man kennt den wunderschö-
mit freundlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung Persönlichkeit – das ist (so hoffe ich) in die nen, ätherischen Klang, den Finger an Wein-
Kompositionsauftrag an James Clarke von ZeitRäume Basel Musik genauso eingeflossen wie die Spiritu- gläsern erzeugen: Hier hört man hunderte
alität unserer Beziehung. solcher Klänge gleichzeitig, die enorme
Kooperation Gymnasien BS /BL, SWR /Donaueschinger Musiktage Wolken bilden. Ähnlich wird das flötenähn-
Mit freundlicher Unterstützung der Stanley Thomas Johnson Stiftung JAMES CLARKE: 2015-M liche Geräusch, das zustande kommt, wenn
James Clarke man in Flaschenhälse bläst, hundertmal ver-
grössert, um andere Wolken zu formen.
300 Sänger stellen sich, in sechs Chöre auf-
geteilt, im Basler Münster auf: vor, hinter Ich lebe in London in der Nähe von zwei gros-
sowie links und rechts des Publikums; zu- sen Schulen, und manchmal habe ich Glück
sätzlich über dem Publikum auf den Empo- und höre ein Kind oder einen Jugendlichen
ren der Kathedrale zur linken und rechten ein Fragment eines beliebten Popsongs
Seite. Ein Ensemble aus acht Posaunen wird singen. Es ist erstaunlich, wie genau die
auf ähnliche Weise in verschiedenen Teilen Modulationen (‹Ornamente›) nachgeahmt
des Gebäudes platziert. werden. Musikstudenten lernen, dass Noten
in sich geschlossene Einheiten sind: Man
Der (Nicht-)Titel gibt schlicht das Kompo- singt oder spielt zum Beispiel den Ton a eine
sitionsjahr an, zusammen mit einem Code-­ bestimmte Zeit lang, und das war’s. Das ist

RAUMKLANG MÜNSTER 30 RAUMKLANG MÜNSTER 31


RAUMPORTRÄT BASLER MÜNSTER

SIMULATIONSLEISTUNGEN
IM IMAGINÄREN
Valentin Buchwalder

Um das Überleben der Musik zu gewährleisten, muss sie aufgeführt werden, sei es durch
das Abspielen eines Tonträgers über Lautsprecher oder, weitaus unmittelbarer, im Konzert.

«Murmuration» – ein Vogelschwarm im Formationsflug (hier Stare in England)


Ohne ständiges Wiederbeleben verstummen die Werke. Jedes Reanimieren ist von der Hand-
schrift des Interpreten gefärbt. Jede Zeit bringt ihre Interpreten in einem bestimmten kul-
turellen Umfeld mit entsprechenden technischen Möglichkeiten und wissenschaftlichen
Erkenntnissen hervor.

Das Gleiche gilt für gebaute Werke. Das Am-Leben-Halten eines Gebäudes lässt sich am
Basler Münster, dessen Fundamente romanisch und dessen Turmhelme gotisch sind, be-
sonders gut verdeutlichen. Als bedeutendstes Baudenkmal der Region hat es eine 500-jäh-
rige Baugeschichte durchlaufen und ist Zeuge unzähliger Interpretationsbemühungen. Die
Geschichte dieses Baus ist zugleich die Geschichte seiner Erhaltungstechniken. Seine Exis-
tenz wäre ohne Pflege unvorstellbar. Der Sandstein, aus dem das Münster besteht, lagerte
200’000’000 Jahre im geologisch behüteten Umfeld, bevor er an die Atmosphäre trat und
als scharf zugeschnittener Quader seinen neuen Ort im architektonischen Gefüge fand.
Einmal ins Mauerwerk eingemörtelt, begann der fortwährende Kampf gegen die Naturkräf-
te. Zwar mag das Münster den Eindruck unbegrenzter Lebensdauer erwecken, jedoch kommt
die Lebenserhaltung seines Sandsteins einem mineralischen Dahinvegetieren gleich.

Die Münsterbauhütte vereint eine Zahl von Steinmetzen, Bildhauern und Restauratoren,
um den Zerfall durch natürliche Witterungseinflüsse zu hemmen. Über die Jahrhunderte
weitergereichtes handwerkliches Können und wissenschaftliche Fachkompetenz begleiten
die Suche nach immer besseren Erhaltungsmethoden. Von UV-Licht Messungen verdeck-
ter Oberflächen, Kieselsäure-Injektionen rissiger Sandsteine über eiserne Prothesen zum
tatsächlich bei einer Orgel der Fall, und auch Deshalb bitte ich die Sänger, ein Lieblings- Erhalt des Dachstuhls reichen diese hochentwickelten Ersatzleistungen. Mit Photogram-
bei einem Klavier (mit einem natürlich ein- beispiel auszuwählen und es fünf Sekunden metrie, einer auf mehreren fotorealistischen Bildern basierenden Vermessungstechnik,
gebauten Diminuendo-Effekt), doch in der lang über ihr Smartphone abzuspielen, wäh- wird ein präzises Abbild des Bauwerks erstellt. Anhand der gesammelten Daten entsteht
ganzen Welt kommt das bei gesungener rend sie es mit ihrer Stimme imitieren. Dieser dann eine Art Kartierung des Zerfalls im Realzustand: eine grosse Menge an digitalen Si-
oder gespielter Musik kaum vor, die fast im- Effekt aber wird dreihundertmal vervielfäl- mulationsplänen mit jedem datierten Mikroriss.
mer voll von dem ist, was man im Barock tigt, sodass man eine ausserordentliche
«Verzierung» nennt und wo jede Note von Klangexplosion hört, die nicht wirklich zu- Auch die Musik kennt verwandte Simulationsprogramme unter Beihilfe verschiedener Pro-
kleinen Details und Ausschmückungen um- geordnet werden kann. Die Sänger halten thesen. Ist die Prothese in der Medizin der mechanische Ersatz von Gliedmassen, so ist sie in
rankt ist. Dies gilt für fast alle gesungene dann eine Note aus der Melodie, die sie nach- der Musik das Mikrophon. Das Hören trägt neben dem Sehen wesentlich zur subjektiven
Volksmusik und oft für die instrumentalen geahmt haben, und da jede Note anders ist, Raumwahrnehmung bei. Besonders gut kann das Gehör Veränderungen des Hallabstands
Melodielinien der folkloristischen wie der entstehen riesige Akkorde aus ein- oder wahrnehmen. Dementsprechend ist es vor allem die lange, für gotische Kirchen charakteris-
klassischen Tradition, von indischen Ragas zweihundert Noten, die sich auf subtile tische Nachhallzeit, die unsere Raumerfahrung ausmacht. Dank neuester Rechenmethoden
bis zu albanischer Dorfmusik. In der zeitge- Weise voneinander unterscheiden. ist es möglich, analog zur photogrammetrischen Aufnahme, eine raumakustische Simulati-
nössischen westlichen Popmusik kommen on des Münsters herzustellen, die sogar als digitales Audio-Plug-In erworben werden kann.
derartige Elemente ebenfalls zum Tragen. (Übersetzung: Martin Mutschler)
Dass die Simulationsleistungen im Imaginären den Realraum streitig machen, ist wohl eine
Tatsache unseres Jahrhunderts. Ob wir tatsächlich auch fähig sind, kunstfähiges Material
daraus zu schaffen, wird noch zu beweisen sein.

RAUMKLANG MÜNSTER 32 RAUMKLANG MÜNSTER 33


KONZERT  /   B ASLER MÜNSTER, KREUZGANG JAMES TENNEY:

IN A LARGE,
IN A LARGE, OPEN SPACE
Georg Friedrich Haas

Manche von Tenneys Werken sind geradezu

OPEN SPACE
Kultstücke geworden. Eines davon ist die
elektronische Komposition For Ann, Rising –
Glissandi von Sinustönen vom tiefsten bis
zum höchsten Register, die ohne dynamische
oder klangliche Veränderung übereinander-
gelagert sind.

EIN BEGEHBARER Wer das Stück hört, pickt sich unwillkürlich

KLANG  /   R AUM
eine der Glissando-Linien heraus und folgt
ihr – so lange, bis die Linie im höchsten
Register verschwindet, dann springt die Auf-
merksamkeit zu einer tieferen Linie, folgt ihr
wiederum usw. Tenney hat mir in einem Ge-
spräch erklärt, wie wichtig ihm die Tatsache
sei, dass jeder Mensch dieses Werk anders
10. SEPTEMBER 2015 hört und dadurch (ohne sich dessen bewusst
21:30 – 22:00 Uhr | Eintritt frei zu sein) selbst zum Co-Komponisten wird.

Studierende der Musikhochschulen FHNW Hochschule für Musik In In large, open space wird dieses Konzept
Diana Muela Mora, Iris Simon Flöten erweitert und fortgesetzt: Jetzt sind Musike-
Mariella Bachmann, Andrey Chernov Klarinetten rinnen und Musiker im Raum verteilt, die
Alfonso Martinez Sopransaxophon jeweils frei aus jenen Töne einer Obertonrei-
Luis Homenedes, Victor Gál Altsaxophon he auswählen, welche ihr Instrument reali-
Noëmi Schwank, Alejandro Olivan Lopez Tenorsaxophon sieren kann. Lediglich der Kontrabass ist
Damián Stepaniuk, Adrian Albaladejo, Antonio Jiménez Marín, eingeengt: Das Instrument spielt konstant
Felix Del Tredici, Daniel Serafini Posaunen den Grundton der Teiltonreihe.
Brice Pauset Leitung
Die Menschen, die diese Musik hören, bewe-
James Tenney (1934–2006): In a large, open space (1994, Einrichtung: Brice Pauset 2015) gen sich frei zwischen den Instrumenten.
Wiederum werden sie zu Co-Komponisten.
Einrichtung der Spielfassung durch Brice Pauset im Auftrag von ZeitRäume Basel Aber jetzt komponieren sie quasi mit den
Füssen, indem sie sich entscheiden, in die
Kooperation Musikhochschulen FHNW Hochschule für Musik Nähe welcher Instrumente sie sich begeben
Mit freundlicher Unterstützung der Irma Merk Stiftung wollen, die sie dann fokussiert hören wer-
den. Wer (je nach Instrumentierung) bei-
spielsweise zum Kontrabass geht, hört den
Grundton stärker, wer zum Klavier (oder zur
Marimba) geht, hört insbesondere jene
Teiltöne, die den temperierten Tönen nahe
sind, wer zur Trompete, Flöte, Oboe… geht,
hört die Klangfarbe dieser Instrumente be-
sonders stark.

Auch in In a large, open space wird jeder


Mensch das Werk in ein und derselben Auf-
führung anders hören.

IN A LARGE, OPEN SPACE 34 IN A LARGE, OPEN SPACE 35


ESSAY  /   E DU HAUBENSAK dung des Zufalls als kompositorisches Element setzte die Vorstellung einer

GEOMETRISCHE
sich entwickelnden Zeit ausser Kraft. Musik sollte sich selbst genügen, ein
Klang sei ein Klang und a priori Musik. Dort setzte James Tenney an.

Abstrakte, statische Felder von Klängen wurden nun austauschbar, und in

GEBILDE IM
­Ergodos II (for John Cage) ist das Tonband laut Tenney auch rückwärts abspielbar.
Anfang und Ende eines Werkes sind als Kategorien aufgehoben. Die Neugier
des jungen Tenney an den Wissenschaften, insbesondere an mathematischen

AKUSTISCHEN
Systemen, erneuerte die musikalische Wahrnehmung von Zeit. Diese Arbeiten
wurden in verschiedenen elektronischen Studios der sechziger Jahre gemacht –
als erste Versuche, den Computer in der Musik einzusetzen.

RAUM
Eine Wucht ist die 1967 entstandene Tonbandmusik Fabric for Ché mit ihren
synthetischen Kurven und endlosen apokalyptischen Schlaufen – vermutlich
ein Reflex auf den Vietnamkrieg und den sozialen Aufbruch der jüngeren
Generation. Dann entstand eine Ikone: Kaum ein elektronisches Werk dieser
Zeit ist faszinierender als For Ann (rising). Das aus mehreren endlos steigenden
Sinustönen bestehende Stück versetzt Körper und Geist in einen Ausnahme-
DER AMERIKANISCHE zustand. Die Glissandi kommen aus dem Nichts und verschwinden im Nichts.
Es kommt zur unumstösslichen Erfahrung, einen begrenzten Hörraum zu haben.
KOMPONIST JAMES TENNEY Allerdings kann man in den steigenden Tonkurven selber mit den Ohren aktiv

UND SEINE MUSIK


werden, von einer Schlaufe zur nächsten ‹springen› und so ein privates psy-
choakustisches Melodieerlebnis haben. Das 1969 entstandene Werk ist ein
Klassiker der elektronischen Musik und eines der abstraktesten Konzepte seit
John Cages stillem Stück 4′’33”.

Das musikalische Panorama des amerikanischen Komponisten James Tenney Die mit Filmen und Aktionen bekannt gewordene Fluxuskünstlerin Carolee
umfasste eine unglaubliche Vielfalt von Aktivitäten. 1934 im US-Gliedstaat Schneemann war damals die Frau von James Tenney. Jim, wie er von ihr und
New Mexico geboren, gehört Tenney zusammen mit dem 1931 geborenen seinen Freunden genannt wurde, arbeitete mit Carolee eng zusammen, trat als
Alvin Lucier zu jenen Künstlern, die das forschende Komponieren von Harry Performer in Orgien nackt in ihren Filmen auf, produzierte Theater- und Film-
Partch, Henry Cowell, Conlon Nancarrow und John Cage weiterführten. Sein musik, während sie die Plakate und Konzertprogramme für ihn gestaltete.
Wirkungsfeld umfasste nahezu alle möglichen Formen von Kompositionen, Diese ungestüme Zeit stellte die in Hierarchien festgefahrenen Vorstellungen
die im letzten Jahrhundert eine Rolle gespielt haben, ausser der (europäischen) der Welt auch auf dem Notenpapier radikal infrage. Grafische Notationen von
Oper. Das aufgefächerte Œuvre hat seinen Anfang bei formalen Miniaturen Musik waren in Mode, und es wurden, oft ohne das obligate Fünfliniensystem,
(Seeds I–VI), die an Anton Webern erinnern. Es folgten computergestützte neuartige Partituren gezeichnet und gemalt.
Arbeiten, grafische und verbal notierte Partituren und Konzepte bis hin zu
intensiven Beschäftigungen im Reich der Mikrotöne. Einen Schwerpunkt sei- Neue Formen der Visualisierung in der Musik kamen auf, die John Cage in der
nes mittleren und späteren Schaffens bildete die Forschung an natürlichen umfangreichen Publikation Notations (1969) als ein wunderbares Zeugnis die-
Stimmungen (‹just intonation›). Darüber hinaus war James Tenney Pianist, ses Aufbruchs veröffentlichte. James Tenney beginnt eine Werkreihe mit dem
Dirigent, Performer, Mentor, Forscher, Theoretiker, Trinker, Raucher – und Titel Postal Pieces. Diese Notate wurden als einfache Postkarten an Freunde
eine Persönlichkeit von aussergewöhnlicher Kraft. versandt und enthalten kurze verbale oder grafische Anweisungen, wie die
zehn Stücke zu klingen haben. Diese neue Freiheit forderte die Interpreten
OHNE ANFANG, OHNE ENDE damals wie heute heraus: Wie spielen Musiker den Dreizeiler «very soft / very
Als Pionier der elektronischen Musik legte Tenney 1961 eine erste Collage vor long / nearly white» als einzige Angabe nebst dem Titel For Percussion Perhaps,
auf der Basis von Elvis Presleys Version von Blue Suede. Wie durch ein abgeris- Or… und dem Untertitel (night)? Die Idee selbst ist die Komposition, die Reali-
senes Plakat hindurch erscheint nach etwa einer Minute die Stimme des gros- sation etwas anderes.
sen amerikanischen Idols jener Zeit. Diese Beschäftigung mit der ‹musique […]
concrète› blieb aber eine Ausnahme, das eigentliche Interesse des jungen
­Tenney zielte auf die Erneuerung der musikalischen Form. John Cages Erfin-

GEOMETRISCHE GEBILDE IM AKUSTISCHEN RAUM 36 GEOMETRISCHE GEBILDE IM AKUSTISCHEN RAUM 37


NEUE STIMMUNGEN RAUMMUSIKEN
Der Komponist James Tenney sah sich selbst als einen wissenschaftlichen Ex- Insbesondere die späteren Werke Tenneys sind formal gesehen geometrische
perimentator, wie er in einem Interview sagte. Früh schon interessierten ihn Gebilde im akustischen Raum. Da werden lange Töne geschichtet und zu einem
die Gestalttheorie, die psychologische Wahrnehmung musikalischer Sequen- harmonischen Ganzen aufgebaut. Die Architektur dieser Musik wird in der
zen und das Phänomen der Wahrnehmung einer musikalischen Form. Mit dem Wahl des Registers bestimmt, die wir als musikalische Kreise, Kurven und El-
Buch Meta/Hodos legte Tenney 1964 seine Masterarbeit an der Universität von lipsen verfolgen können. In der 1993 entstandenen Werkreihe Forms 1–4, einer
Illinois vor und analysierte auf diesem Hintergrund die frühe Moderne im über eine Stunde dauernden Musik für solistisch besetztes Orchester, befinden
20. Jahrhundert anhand der Werke von Bartók, Ives, Varèse und Schönberg. wir uns in einem farbigen Kontinuum langsam sich bewegender Klangmassen.
Die Trompete bläst einen hohen Ton zu Beginn von Form 1 so lange, wie es der
Das Hören von Musik ist ein komplexer Vorgang: Die Zeit und das Gedächtnis Atem zulässt, während die nacheinander unisono einsetzenden Instrumente
sind zwei Wahrnehmungsfelder, in denen Momente, Perioden oder ganze Wer- ebenfalls frei sind in der Zeitgestaltung. Die Klänge erweitern sich in die tiefs-
ke als Form erkannt werden. Die variablen Komplexitäten von Klängen werden ten Register und steigen wieder auf zum hohen Anfangston. Wir begleiten
vom Hörer zusammenfassend und als Gestalt erfahren. Für die Entwürfe der während knapp zwanzig Minuten einen symmetrisch gebauten Bogen in der
‹just intonation› benutzte er später den Begriff des Kristallwachstums, eines Form eines U. In langen gebündelten Strahlen kommt auch Diapason von 1996
grafischen Gitterwerks, das an die Darstellungen von chemischen Verbindun- daher; das Stück bildet ein weiteres Beispiel aus dem späten Schaffens
gen erinnert oder eher noch an eine Fortsetzung der (Diamond-)Diagramme Tenneys. Da liegt es nah, an Geometrie oder Topologie zu denken.
von Harry Partch.
Wir können den grossen Experimentator James Tenney, der sich nicht scheute,
Auf dieser theoretischen Grundlage entwarf James Tenney eine neue Stimmung Stilmerkmale anderer Komponisten sich anzueignen und neu zu formulieren,
für zwei Klaviere zu acht Händen und komponierte 1983/84 die vierzig Minuten heute als einen der wichtigsten Komponisten in der Nachfolge von John Cage
dauernde Musik Bridge. Das auf dem Cageschen Zufallsprinzip beruhende Werk betrachten. «I’m wondering what’s coming next», meinte Cage einmal. –
ist gestimmt in zwei grossen ‹Kristallfeldern› von reinen Intervallen, die eine James Tenney starb 2006 in Kalifornien an Lungenkrebs.
22 Töne pro Oktave umfassende Skala bilden. Ausgehend von einer für beide
Klaviere unisono gestimmten reinen Quinte A-E lässt Tenney die beiden Dia- Dieser Essay erschien erstmals am 24. August 2013 in der Neuen Zürcher Zeitung. Der auszugsweise Abdruck
erfolgt hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.
gramme in reinen Quinten bis in die neunte Oktave der Obertonreihe wachsen.
So erhält er ein nichtäquidistantes und oktavrepetierendes Netz von Tönen,
belässt aber die natürliche Septime (7/4) ausserhalb des Systems. Diese Skor-
datur ist laut Tenney eine Mischform zwischen der ‹just intonation› und der
temperierten Stimmung mit unzähligen Mikrointervallen, deren kleinstes In-
tervall 19 Cent beträgt. Grundsätzlich geht es James Tenney um ein neues,
erweitertes Verständnis von Harmonie.

Bleiben wir bei den Klavieren. 1993 schreibt Tenney Flocking, eine grafische
Partitur bestehend aus vielen quadratischen Punkten unterschiedlicher Grösse.
Dieses wunderbar zarte musikalische Gebilde besteht hauptsächlich aus Stac-
catotönen, die dreizehn Notenblätter von je einer Minute Dauer erinnern an
die Milchstrasse oder an andere Konstellationen am nächtlichen Himmel. Zwei
Interpreten, zwei um einen Viertelton different gestimmte Klaviere sind in-
zwischen eine klassische Besetzung des 20. Jahrhunderts. Dieses Werk ist eine
der wenigen Arbeiten von James Tenney in Mikrotönen ausserhalb der Natur-
tonreihe. Die rhythmische Struktur ist stochastisch komplex, aber unmittelbar
zugänglich, als abstraktes Gebilde avanciert und in der Wirkung brillant.

GEOMETRISCHE GEBILDE IM AKUSTISCHEN RAUM 38 GEOMETRISCHE GEBILDE IM AKUSTISCHEN RAUM 39


KONZERT  /   S TAATSARCHIV BASEL-STADT DSISH – EIN SPIEL MIT «Die Gestaltung eines abstrakten Klangraumes

DAS SCHLAG-
KLANG, ZEIT UND RAUM innerhalb der bestehenden Struktur ist eine fas­
zinierende Aufgabe. Auf der einen Seite müssen
Die Schlagzeuger Rob Kloet (bekannt von klare akustische Vorgaben erfüllt werden, auf der
der holländischen Kultband NITS) und Fritz anderen Seite soll der Raum nicht nur die Kon­

ZEUG IM
Hauser (Solokonzerte, Multimedia-Projek- zertbesucherinnen und -besucher, sondern auch
te) laden zu 25-minütigen ‹Privatkonzer- die Musiker inspirieren, verführen und in eine
ten› im Staatsarchiv Basel ein. In ihrer Per- andere Welt entführen. Und natürlich soll der
kussions-Installation nehmen sie jeweils temporäre Eingriff keine Spuren hinterlassen.

SCHLAGZEUG-
fünf Personen mit auf eine poetische Reise Bei DSISH haben wir uns für eine Stoffinstallati­
durch Klang, Zeit und Raum. Die Gäste be- on entschieden, welche die vorhandene Struktur
treten ein speziell für dieses Projekt entwor- als Träger nutzt, aber in der gewählten Ausfor­
fenes Häuschen und begeben sich damit in mulierung den Zuschauerraum auf ungewohnte

HAUS
den Bauch eines Klangkörpers. Dort sitzen Weise zuspitzt. Es entsteht im Staatsarchiv Basel
sie so nah am Schlagzeug wie der Musiker eine Illusion, ein Ort für Klang und Geste, eine
selbst. Dies ermöglicht ihnen eine un­ flüchtige Welt aus Licht und Farbe.»
gewöhnlich intime und persönliche Musi- Boa Baumann
kerfahrung, zumal der Schlagzeuger seine
Improvisation dank eines vorgängigen Ge- «Das dezente Licht im warmen Farbton führt

DSISH
sprächs individuell auf seine Gäste abstim- die ZuhörerInnen in den intimen Raum im Raum.
men wird. In Basel werden die beiden Mu- Die Lichtfarben vermischen sich mit den Farben
siker von ihrer Kollegin Sylwia Zytynska der Klänge und unterstützen die Sensibilisierung
unterstützt. Es finden bis zu zehn Konzerte für dieses einmalige Hörerlebnis.»
à je 25 Minuten pro Spieltag statt. Auch für Brigitte Dubach
Familien ein tolles gemeinsames Erlebnis.
«Fritz und Rob sind zwei tolle Typen… Seit
11. SEPTEMBER 2015 «Wir produzieren perkussive Abstraktheiten, vielen Jahren treffen wir uns immer wieder und
18:00, 18:30, 19:00, 20:30, 21:00, 21:30, 22:00 Uhr rätselhafte Klangstrukturen und Geräuschgänge, immer gerne zum musikalischen Gespräch.
die einen Raum ohne Anfang und Ende beschrei­ Fritz steht mit leichter Distanz und seinem un­
12. SEPTEMBER 2015 ben und eine musikalische Intimität par excel­ vergleichlichem Humor souverän über unseren
14:00, 14:30, 15:00, 15:30, 17:00, 17:30, 18:00, 19:30, 20:00, 20:30 Uhr lence erschaffen. Eine Musik, die sich nicht nur Reaktionen. Seine Stories sind pointiert, jene von
in den Köpfen der Konzertbesucher verästelt, Rob voller Poesie. Rob spannt gekonnt einen
13. SEPTEMBER 2015 sondern auch im Raum verzweigt, aus dem Un­ scheinbar endlos weiten Bogen, erzählt mit fes­
11:00, 11:30, 12:00, 12:30, 14:00, 14:30, 15:00, 16:30, 17:00, 17:30 Uhr sichtbaren zurückhallt und sich von allen Seiten selnder Intensität. Ich fühle mich mit den beiden
Reservierung obligatorisch, s. Umschlag hinten | 25 CHF (ermässigt 15 CHF) behutsam mit dem Publikum verbindet.» sehr sicher und kann mich mit grosser Freude
Fritz Hauser und aus vollem Herzen ins Gespräch einbringen.
Rob Kloet, Fritz Hauser Idee und Konzept Wenn wir uns treffen, sind viele andere Menschen
Rob Kloet, Fritz Hauser, Sylwia Zytynska Schlagzeug «Natürlich kann ich als Musiker aus meiner dabei. Sie hören uns aufmerksam zu, so dass ich
Boa Baumann Raum Fantasie heraus frei improvisieren. In diesem spüren kann, wie sie unsere Erzählungen mit
Brigitte Dubach Licht winzigen Schlagzeughaus aber hat das Publikum ihrer Phantasie durchwandern. Das Schöne ist,
einen grossen Einfluss auf unser Spiel. Denn erst dass wir uns immer an besonderen Orten treffen,
Koproduktion cultact und ZeitRäume Basel nach einem kurzen Gespräch mit den Zuhörern die Boa – noch so ein toller, feiner Mensch! – für
wird mir klar, wie ich die Improvisation beginne uns gestaltet. Diese Räume bestimmen ganz ent­
und welche Klangfarben ich verwenden werde. scheidend mit, was wir uns erzählen.»
Dadurch entsteht die von mir gewünschte Ver­ Sylwia Zytynska
bindung zwischen Zuhörern und Musikern.
Und jedes Konzert wird persönlich.»
Rob Kloet

DAS SCHLAGZEUG IM SCHLAGZEUGHAUS 40 DAS SCHLAGZEUG IM SCHLAGZEUGHAUS 41


RAUMPORTRÄT STAATSARCHIV
STILPLURALISMUS UND ZITATE
Esther Baur

Das Staatsarchiv Basel-Stadt wurde 1898 –1899 nach den Plänen der Basler Architekten Vi-
scher & Fueter erbaut, auf dem Areal des ehemaligen Rathausgartens. Die dreiteilige Anla-
ge schliesst an die Rückseite des Rathauses an und besteht aus einem quer zur Martinsgas-
se liegenden Verwaltungsgebäude, einem an die Rückseite des Verwaltungstraktes
angefügten langen Magazintrakt und dem so genannten Hallenbau, der den Hof des Archivs
umfasst. Basel erhielt damit als erste Schweizer Stadt ein eigenständiges, als Zweckbau
konzipiertes Archivgebäude.

Der Archivbau kam vor allem dank der Initiative des damaligen Staatsarchivars Rudolf Wa-
ckernagel (1855 –1925). Die Aktenbestände lagerten zuvor im Rathaus und in immer wieder
anderen Provisorien. Raumknappheit, miserable Unterbringung der Bestände und die Ge-
fahr eines Überlieferungsverlustes führten zur Berufung von Rudolf Wackernagel, dem ers-
ten Staatsarchivar von Basel. Er setzte sich beharrlich für die Schaffung geeigneter Räum-
lichkeiten ein.

Die Errichtung des Staatsarchivs war Teilprojekt des 1895 durchgeführten Ideenwettbewerbs
zur Erweiterung und zum Umbau des Rathauses. Das Grundstück hinter dem Rathaus ent-
sprach den funktionalen Anforderungen eines Archivs an Licht, Raum und Sicherheit, und
auch die erwünschte Verbindung zum Rathaus war gegeben. Vischer & Fueter nahmen die
bereits im Wettbewerb formulierte Anregung auf, dass der Stil des Archivbaus mit den Tei-
len des Rathauses aus der Frührenaissance zu harmonisieren habe. Sie fügten aber auf Be-
treiben von Staatsarchivar Wackernagel weitere Stilelemente hinzu: zum Beispiel den ar-
kadengesäumten Kreuzgang – Zitat des Kreuzgangs des St. Albanklosters aus dem 11.
Jahrhundert – und die neogotischen Kreuzrippengewölbe im Eingang, oder auch – mit dem
Stilvokabular der Renaissance und des Barock – die variationsreichen Dach-, Giebel- und
Fensterformen und das – original barocke – Gitter zur Martinsgasse. Der Archivbau ver-
mittelt so den Eindruck eines über die Jahrhunderte gewachsenen Gebäudekomplexes.
Faktisch handelt es sich aber um einen Neubau des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der ge-
schickt in eines der ältesten Gebiete der Stadt integriert wurde und eine gelungene Ver-
schmelzung eines reinen Zweckbaus mit einem Repräsentationsbau darstellt.

Dieser Eklektizismus ist auch im Innern des Gebäudes auf Schritt und Tritt anzutreffen. So
wurden die Archiv-Schubladenkästen von 1536 aus dem Rathaus wiederverwendet, oder
Fenstersäulen aus dem 16. / 17. Jahrhundert, die vom ehemaligen Gasthof zum Engel stam-
men. Stilpluralismus, Zitate historischer Gebäulichkeiten, Verwendung von Spolien: All dies
kann als Bezugnahme auf die Geschichte in ihrer Vielfalt und Gesamtheit verstanden werden. «DAS DEZENTE LICHT IM WARMEN
Die innere und die äussere Gestaltung standen in engem Bezug zur Funktion des Gebäudes,
welches als Archiv das historische Gedächtnis der Stadt sinnfällig beherbergen sollte.
FARBTON FÜHRT DIE ZUHÖRERINNEN IN DEN
INTIMEN RAUM IM RAUM. DIE LICHTFARBEN
Über 100 Jahre lang hat das Gebäude an der Martinsgasse seine Aufgabe erfüllt. Die ursprüng- VERMISCHEN SICH MIT DEN FARBEN DER
liche Funktionalität genügt den Anforderungen des 21. Jahrhunderts aber nicht mehr. Aku-
te Raumnot, klimatische Mängel sowie komplizierte Betriebsabläufe sind die Gründe dafür, KLÄNGE UND UNTERSTÜTZEN DIE SENSIBILISIE-
dass derzeit ein Neubau ausserhalb des historischen Stadtkerns geplant wird (Bezug ab 2020). RUNG FÜR DIESES EINMALIGE HÖRERLEBNIS.»
BRIGITTE DUBACH

STILPLURALISMUS UND ZITATE 42 STILPLURALISMUS UND ZITATE 43


KONZERT  /   V OLKSHAUS BASEL

CHRONOS
Basler Madrigalisten 
Raphael Immoos, Cordula Bürgi Leitung

Beat Furrer (*1954): Enigma III / II / I / V für gemischten Chor a cappella


(2006–2013/2015, Uraufführung der Raumfassung)

DREHBÜHNE FÜR MUSIK /  XASAX – Ensemble de saxophones modulable

MUSIK FÜR DREHBÜHNE


Serge Bertocchi, Jean-Michel Goury, Pierre-Stéphane Meugé, Marcus Weiss Saxophone
Namascae Lemanic Modern Ensemble
Julien Lapeyre, Madoka Sakitsu Violine | Patrick Oriol Viola
Amandine Lecras-Paraire Violoncello

Thomas Kessler (*1937): Orbital Resonances für Saxophonquartett


und Streichquartett (2015, Uraufführung)
GESAMTAUFFÜHRUNGEN: FURRER, KESSLER, GYSIN, HAAS
11. Sept 14:30 Uhr (öffentliche Generalprobe) | 18:00 Uhr (Uraufführung)
12. Sept 18:00 & 20:30 Uhr ensemble recherche 
13. Sept 11:00 Uhr Melise Mellinger Violine | Barbara Maurer Viola | Åsa Åkerberg Violoncello
Konzertdauer je ca. 2 Stunden | 35 CHF (ermässigt 20 CHF) Shizuyo Oka Klarinette | Christian Dierstein Schlagzeug
Stephen Menotti Posaune (Gast)
MODERIERTE FAMILIENKONZERTE Svea Schildknecht, Johanna Greulich Sopran
12. Sept 10:00 Uhr Kessler | 11:00 Uhr Furrer | 12:00 Uhr Gysin | 13:00 Uhr Haas
Konzertdauer je ca. 45’ | 10 CHF (ermässigt 5 CHF) Beat Gysin (*1968): Chronos (radial) für Ensemble und Stimmen
(2015, Uraufführung)
EINZELAUFFÜHRUNGEN MIT PUBLIKUMSGESPRÄCH
12. Sept 14:00 Uhr Haas | 15:00 Uhr Gysin | 16:00 Uhr Kessler | 17:00 Uhr Furrer
13. Sept 13:30 Uhr Haas | 14:30 Uhr Gysin | 15:30 Uhr Kessler Studierende der Musikhochschulen FHNW Hochschule für Musik,
Konzertdauer je ca. 45’ | 10 CHF (ermässigt 5 CHF) Schlagzeugklassen Christian Dierstein und Matthias Würsch:
Roberto Maqueda, Christian Rombach, Oded Geizhals, Bertrand Goutry,
Dean Georgeton, Carlota Caceres Bermejo, Matias Laborde (Gast) Percussion
Jacobo Hernandez, Momoko Kawamoto Violine
Carlos Vallés García Viola
Clara Rada Gomez Violoncello

Georg Friedrich Haas (*1953): Zerstäubungsgewächse: Unveränderungen


für 8 Schlagzeuger und Streichquartett (1991/2015, Uraufführung der Raumfassung)

Michael Simon Regie, Licht, künstlerische Koordination


Peter Affentranger Technische Leitung
Dorothea Lübbe Regieassistenz, Moderation der Familienkonzerte

Kompositionsauftrag an Thomas Kessler durch den


Fachausschuss Musik

Kooperation Musikhochschulen FHNW Hochschule für Musik, ASM /STV


Mit freundlicher Unterstützung der UBS Kulturstiftung
und der Bron Elektronik AG Allschwil

CHRONOS 44 CHRONOS 45
CHRONOS Die Herangehensweise der vier Komponisten Chronos ist auf verschiedenen Ebenen ein Pio­ ohne die Zeit erleben, bedeutet nicht notwen­
Ein Projekt im Grenzbereich von ist sehr unterschiedlich. Die Arbeit von Beat nierprojekt – und es ist ein Paradebeispiel der digerweise, dass er auch an sich nur mit der
Musiktheater, Konzert, Performance Gysin wird durch akustische Überlegungen Vision, die das Festival ZeitRäume verfolgt: Zeit existiert.»
und Architektur geleitet. Im Werk von Thomas Kessler, das innovative Verbindungen von Musik und Ar-
während einer einzigen Umdrehung der chitektur sinnlich erfahrbar zu machen. Zitat aus: Prof. Helm Tetens: «Gibt es Zeit
ohne Raum oder Raum ohne Zeit?»,
Der Raum, in dem sich Publikum und Musi- Bühne gespielt wird, steht das Kinetische im Die Welt, 3. November 2008
ker gemeinsam aufhalten, dient der Wahr- Vordergrund (Galilei: «Und sie bewegt sich
nehmung – mit den Augen, mit dem ganzen doch!»). Beat Furrer stellt Gedanken zur DEN RAUM
Körper, und ganz besonders mit den Ohren: stets wechselnden Perspektive der Besucher ERFAHRBAR MACHEN BEAT FURRER:
Das Publikum befindet sich auf einer dreh- ins Zentrum – musikalische Schichten und Michael Simon ENIGMA III, II, I, V
baren Bühne, einem Karussell vergleichbar. Gegenräume sind durch spezielle Aufstel- Marie-Luise Maintz
Wo die Musik erklingt und wann sich die lungen der Interpreten im Werk Enigma Ich frage in meiner Theaterarbeit immer
Bühne in welchem Tempo dreht, wird ohnehin schon örtlich getrennt und können wieder nach dem Eigenleben der Dinge, die Enigma nennt Beat Furrer eine Serie von
­ebenso ‹komponiert› wie die Musik selbst: nun mit der Drehbühne weiter differenziert unsichtbar über oder hinter der Bühne dem Chorkompositionen nach den Profezie des
Mal umkreist das Publikum ein Ensemble werden. Die frühe Komposition Zerstäu­ eigentlichen ‹dramatischen Geschehen› späten Leonardo da Vinci. Die Prophezeiun-
im Zentrum der Scheibe, mal fahren Musi- bungsgewächse für Streichquartett und acht dienen. Was sind die Scheinwerfer, Kabel, gen des Künstler und Gelehrten sind eine in
ker und Hörer gemeinsam im Kreis, mal be- Schlagzeuger von Georg Friedrich Haas ist Mischpulte und Maschinen denn anderes als die Zukunft versetzte Bestandsaufnahme der
wegt man sich an Interpreten vorbei, die laut dem Komponisten nicht nur «der erste ‹Readymades›, um im Kunstkontext zu sichtbaren Welt, bis hin zur grotesken Ver-
ausserhalb der Drehbühne stehen. Aus der richtige Haas», sondern hat auf diese räum- sprechen? Dort wird seit Marcel Duchamp zerrung. Beat Furrer über ‹das Fremde im
Perspektive des Zuhörers ändert sich die liche Aufführungsmöglichkeit förmlich nicht mehr unterschieden zwischen einem Vertrauten› in diesen Rätseln: «Leonardo da
räumliche Anordnung des Ensembles wäh- gewartet: Der Hörer ‹durchfährt› einen durch einen Künstler gestalteten Objekt oder Vinci beschreibt Alltägliches – einen Traum, das
rend der Fahrt ständig. komplexen, ereignisreichen Ensembleklang Bild und den gefundenen Dingen, die von Metall, das Feuer usw., und transformiert es mit
und nimmt stets sich wandelnde Hörpositi- ihm in einen neuen Kontext gestellt werden. Hilfe eines einfachen grammatikalischen ‹Tricks›,
Eine variable Konstellation der Elemente rund onen ein. Chronos findet anlässlich eines Festivals des Futurums, in die Sprache der Prophezeiun­
um den Bühnenraum beeinflusst die Orien- statt, wo sich Musik mit Architektur verbin- gen. Manchmal hat man den Eindruck, die Stim­
tierung im Hauptraum. Dazu kommt, dass Eine einzelne ‹Fahrt› auf der Drehbühne det. Für mich ist es die Möglichkeit, während me des Autors würde sich erheben: «‹O animal
auch der Aufführungsraum – das Volkshaus dauert etwa zwanzig Minuten und umfasst einer Woche den vorgefundenen ungestal- mostruoso … che tu tornassi nel inferno!›»
Basel – eine veränderbare Akustik zulässt. ein einzelnes Stück. Die Zuhörer können aber teten Innenraum des Volkshauses zu erfor-
Michael Simons Lichtkonzept schliesslich be- auch Karten für mehrere Fahrten hinterein- schen in Kollaboration mit den vier Kompo- Einige der Texte, die Beat Furrer für seine
einflusst die Feinabstimmung zwischen ander kaufen; das ‹Konzert› in seiner Ge- nisten, den Dirigenten, den Musik- und Kompositionen auswählt, sind seit ihrem Be-
räumlicher und visueller Wahrnehmung. samtheit besteht aus vier Fahrten. (Mit dieser Vokalensembles. Wir installieren ein akus- kanntwerden als Mahnungen, als apokalyp-
spielerischen Wahlmöglichkeit wird an die tisch-architektonisches Labor mit einer 11m tische Botschaften in die Zukunft verstanden
Die Zuschauer hören Musik in einem hoch- Basler Herbstmesse und an ein Karussell er- durchmessenden Drehscheibe und diversen worden: Von den Metallen und Von der Grausam­
komplexen räumlichen System, und ein Teil innert – das Publikum soll die Möglichkeit beweglichen Scheinwerfern. In diesem Labor keit der Menschen gar als Weissagung moderner
ihrer Aufmerksamkeit wird immer der erhalten, auch nur einmal kurz in die unbe- wird das Licht keine dramatische Aktion Kriege. Furrers Chorkompositionen sind
Orientierung dienen – ein grundlegender kannte, spektakuläre Welt der Raum-Musik ‹beleuchten›, sondern den Raum in seinen kunstvolle Reduktionen, in denen die klang-
Unterschied zur herkömmlichen Konzertsi- einzutauchen.) unterschiedlichen Facetten untersuchen. lichen Facetten des Textes ausgelotet werden.
tuation. Hören wird in dieser Konstellation Um den Raum erfahrbar zu machen, werden So überlagern in Enigma II – De’ metalli drei
zu mehr als einem musikalischen Hören, Die vier Werke verlangen unterschiedliche Musiker und Zuschauer in Bewegung ge- Chorgruppen den reinen Sprachlaut des ge-
weil die alten biologischen Funktionen des Besetzungen und werden von vier verschie- setzt – frei nach Holm Tetens: «Lässt sich sprochenen Textes mit seufzerartig abwärts
akustischen Ortens einen Teil der Wahrneh- denen Ensembles interpretiert. Für die Raum ohne Zeit und Zeit ohne Raum erfahren? glissandierenden Sekunden, von der Stimm-
mung ausmachen. Die Musik muss und will Interpreten bedeutet dieses Projekt eine be- Den Raum erfahren wir nur, indem wir uns in losigkeit bis zum ppp, als müsste die unheil-
dies berücksichtigen. sondere Herausforderung, weil sie neben der ihm bewegen, und mit jeder unserer Bewe­ vollen Botschaft fast verschwiegen werden.
Zeitgestaltung auch auf die komplexe Raum- gungen verstreicht Zeit, die wir auch erfahren. Immer geht es um das Spannungsfeld von
Alle vier Stücke beruhen auf einer intensiven situation reagieren müssen. Auch das Rol- Also erfahren wir den Raum niemals ohne die Sprache und Klang, wenn sich in I zum skan-
Auseinandersetzung mit der dreidimensio- lenverhältnis zwischen den Komponisten Zeit. Damit kommen wir mit Kant und Einstein dierten Text quasi vorsprachliche Vokalver-
nalen Räumlichkeit von Musik. Teils sind die und dem Regisseur wird in dieser Produktion zu demselben Ergebnis. Raum und Zeit lassen änderungen gesellen, wenn in III harte und
Werke schon geschrieben (Beat Furrer: Enigma; eigens ­definiert: Einerseits nehmen die sich in der Erfahrung niemals voneinander weiche Klangvaleurs der Sprache gegenein-
Georg Friedrich Haas: Zerstäubungsgewächse) Komponisten aus akustischen Gründen Ein- trennen. Gut, aber oben fragten wir nach der andergestellt werden, wenn in IV der Text
und werden von den Komponisten adaptiert fluss auf die Raumgestaltung, andererseits Zeit und dem Raum an sich, nicht nach der Art versweise verdoppelt wird, einmal flüchtig,
und in eine räumliche Fassung gebracht. wird der Regisseur Einfluss auf die Zeitge- unserer Erfahrung. Folgt aus der Art unserer unruhig geflüstert, einmal in weichen, kla-
Teils werden die Werke eigens für die Dreh- staltung nehmen. Erfahrung, dass es den Raum unabhängig da­ ren, homophonen Klangpolstern, in VI die
bühne komponiert (Beat Gysin: Chronos; von, wie wir ihn erfahren, nie ohne die Zeit Klänge in quasi unendlichen Linien emporg-
Thomas Kessler: Orbital Resonances). gibt? Zugegeben, dass wir den Raum niemals leiten, vom pp zum offensiven fff.

CHRONOS 46 CHRONOS 47
Nachdem Enigma I–IV und VI als kurze, teils Enigma II THOMAS KESSLER: andern Quartettes einmal zusammentreffen.
für Jugendchor konzipierte Stücke entstan- De’ metalli – Von den Metallen ORBITAL RESONANCES Während den Phasen der engsten Begegnung
den, überhöhte Beat Furrer mit Enigma V den Thomas Kessler wird jeweils in verschiedener Besetzung ein
Uscirà delle oscure e tenebrose spelonche …
Zyklus mit einer komplexen, umfänglichen DUO gespielt. Insgesamt sind in der Partitur
e chi non fia suo partigiano
Komposition für Doppelchor. Von Erschei- morrá con istento e calamitá. Während eines Arbeitsaufenthaltes auf der 4 DUO-Passagen komponiert. Entsprechend
nungen von Schatten und Abbildern handelt Commetterá infiniti tradimenti … kanarischen Insel La Palma beobachtete ich dazu sind es in den Phasen der grössten
der Text. Die alte Kompositionstechnik des aumenterá e persuaderá li omini tristi am Abendhimmel zwei auffallend helle Ster- Distanz 4 TUTTI, welche abwechselnd von
alli assassinamenti e latrocini e le servitú …
Hoquetus, des Verzahnens von verschiede- ne, die sich täglich einander näher kamen. einem Saxophonisten dirigiert werden.
O animal mostruoso,
nen Stimmen zu einem Melodiefluss, liegt che tu tornassi nell’ inferno! Neugierig geworden durch diese eigenartige
dem zugrunde. «Mich hat das Phänomen des Himmelserscheinung, erkundigte ich mich Die DUO- und TUTTI-Teile sind in Takten
Verdoppelns, aber auch des Verzerrens in einem Aus dunklen, unheimlichen Höhlen am 30. Juni im dortigen Astrophysikalischen komponiert und haben genaue Tempoanga-
wird etwas hervorkommen …
Schattenbild interessiert und resultierend aus Institut nach dem Namen dieser Sterne. ben. Jedes Instrument spielt maximal einmal
wer ihm nicht als Gefährte folgt,
diesem Ineinanderschneiden von Stimmen das wird in Kummer und Elend sterben. Es war der Tag, an welchem ich mit der Rein- in einem DUO, während die andern pausieren.
Entstehen von Prozesshaftem», so Beat Furrer. Es wird unendlichen Verrat begehen … schrift der Partitur beginnen wollte und ich Vor den Duo-Teilen findet immer eine Pas-
Auch in der neuen Komposition Enigma VII es wird die traurigen Menschen noch erfuhr, dass genau an diesem Datum ein aus- sage der ANNÄHERUNG statt, nach den Duo-
mehr zu Mord, Raub und Unterdrückung treiben …
für einen in jeweils 16 Stimmen aufgefächer- serordentliches Himmelsereignis stattfinden Teilen eine ENTFERNUNG. Jeder einzelne
O ungeheures Wesen,
ten Doppelchor geht es in einer fast absurden fahre doch wieder zur Hölle! werde: das Zusammentreffen der Planeten dieser insgesamt 16 Abschnitte hat eine Dau-
Szene – Die Anbetung der Heiligenbilder – um Jupiter und Venus auf 0,33° N, was dem Be- er von 75”. Die Musiker reisen vier Mal durch
Abbilder, auch hier werden die Klänge inei- obachter für einen kurzen Zeitraum den Ein- einen Zyklus von fünf Minuten (DUO – ENT-
nander geschnitten. Die Komposition zeigt Enigma I druck gibt, dass diese zwei Planeten sich ver- FERNUNG – TUTTI – ANNÄHERUNG), jedes
sich aber, so der Komponist «noch mehr auf Del sognare – Vom Träumen schmelzen. Ein gleiches Ereignis hat seit über Mal in anderer instrumentaler Konstellation.
die Sprache bezogen. Geräuschklänge sind wie 2000 Jahren nicht mehr stattgefunden und
Scorreranno …
Schnitte in die Sprache, die in die Länge gezogen man kann annehmen, dass das damals den Das Stück ist in enger Zusammenarbeit mit
senza moto …
werden.» Enigma VII nimmt seinen Ausgang vedranno nelle tenebre … babylonischen Astrologen sicher nicht ent- Marcus Weiss und seinem hevorragenden
bei einem Ineinander von verschiedenen, ab- qual frenesia t’ha condotto? … gangen ist, worauf man in der Überlieferun- XASAX-Saxophonquartett entstanden und
gestuften Sprachgeräuschen: unverständli- vedra ti cadere … gen auf den Stern von Bethlehem schliesst. ist ihnen gewidmet.
chem Geflüster, tiefen Hauchen, tonlosem
Sie werden laufen …
Rauschen. Es dehnt sich zu stimmhaften, be- ohne sich zu bewegen … Die überraschende Gleichzeitigkeit dieses
weglichen Figuren und gesungenen Flächen sie werden in der Dunkelheit sehen … astrologischen Ereignisses mit meiner kom-
aus, doch dann wird wieder «aufgeregt, bei- welcher Wahnsinn hat dich geleitet? … positorischen Arbeit ist natürlich ein Zufall,
du wirst dich fallen sehen …
nahe geflüstert» kundgetan, dass die Objek- war doch die Komposition in vielen Teilen,
te der Anbetung gar nichts hören und sehen auch in der Besetzung, der Dauer, der Bewe-
können: «Sie werden dem Lichter bringen, Enigma V gung etc. schon lange vorher festgelegt. Aber
der blind ist…» Del sognare – Vom Träumen es war wie eine Analyse dessen, was ich in
grossen Teilen intuitiv komponiert und ge-
Man wird Formen und Gestalten von Menschen
Enigma III plant hatte und es erklärt vieles, was ich mit
und Tieren sehen, welche eben ­diesen Tieren und
Del sognare – Vom Träumen Menschen folgen, wohin sie immer fliehen andern Worten nicht besser sagen könnte.
werden; und es wird die Bewegung des einen wie
Andranno li omini e non si moveranno, des anderen sein, aber es wird einem wunderlich Orbital Resonances war von Anfang an für zwei
parleranno con chi non si trova, vorkommen wegen der verschiedenen Grösse, in

Thomas Kessler: Bühnenskizze zu


sentiranno chi non parla. der bekanntesten Quartettformationen kon-
die sie sich verwandeln.
zipiert: Streichquartett und Saxophonquar-
Die Menschen werden gehen und sich tett. Während das Streichquartett (oder Ve-
nicht bewegen. Übersetzungen: Klaus Weirich nus-Quartett) ausserhalb der Drehbühne im
Sie werden sprechen mit einem, der nicht da ist.

Orbital Resonances
Quelle: Leonardo da Vinci: Prophezeiungen. -
Sie werden jemanden hören, der nicht spricht. Saal positioniert ist, spielt das Saxophon-
Weissach im Tal: Alkyon Verlag, 1988
quartett (Jupiter-Quartett) auf dem Podium.

Die extrem langsame, kaum wahrnehmbare


Umlaufgeschwindigkeit der Drehbühne von
nur eine Umdrehung während 20 Minuten
entspricht dem zeitlichen Ablauf und wird
durch Markierungen am Rande den Musikern
wie ein Chronometer den Start der neuen
Abschnitte anzeigen. Auf dieser ‹Reise› wird
jeder Musiker eines Quartettes mit jedem des

CHRONOS 48 CHRONOS 49
BEAT GYSIN: CHRONOS (RADIAL) Ich dreh mich um mich selbst herum. GEORG FRIEDRICH HAAS: Zu Ostern war ich nach Darmstadt gefahren,
Beat Gysin
Oder umkreist mich der Raum und ich bin still?
ZERSTÄUBUNGSGEWÄCHSE – zu Kursen, wo sie Perkussion unterrichtete.
Bin ich still? UNVERÄNDERUNGEN Nur wenige Minuten hörte ich ihr zu. Dann
Von oben betrachtet besteht die Chronos- Ich atme ein und aus. Georg Friedrich Haas ging ich. Ich wollte mich nicht von den Zu-
Drehbühne aus zwei konzentrischen Kreisen. fälligkeiten eines Seminars beeinflussen las-
Die Mitte. Ist Raum um mich?
Die Perspektive des Zuhörers aber ist nicht Ist Raum in mir? Es ist lange her, dass ich das Stück geschrie- sen. Aber ich hatte in diesen Minuten etwas
diese ‹Von-oben›-Schau. Und davon ging Umgibt mich Mitte? ben habe. 1989. Ich beendete die Arbeit da­ran Wesentliches begriffen: Das deutsche Wort
ich aus beim Komponieren: Die komplexe Bin ich das Zentrum vom Raum?
zufällig an meinem Geburtstag. Und ich er- ‹Schlagzeug› ist falsch. Es müsste ‹Klang-
und sich stets ändernde Hör- und Seh- Bin ich eine Lücke? innere mich noch gut, wie ich nach dem zeug› heissen.
Perspektive des einzelnen Besuchers auf der Bist du die Umgebung? Schreiben der letzten Note um zwei Uhr mor-
Ziehst du mich an?
Drehbühne, die Sicht auf das Zentrum, der gens hinausging auf den Balkon und am Him- Die Einstudierung und die Aufführung zähl-
Umstand, eine Mitte zu umfahren, die Mög- Ich – du – du – ich – bin – du – bist – dort – bin mel den rötlichen Mond einer Finsternis sah. ten zu den beglückendsten Erlebnissen mei-
lichkeit, dass die Interpreten vom Mittelteil – ich – nicht – hier – bist – du nes Lebens als Komponist. Der musikalische
Dreh dich um dich selbst herum.
auf die Drehbühne gehen und diese auch ver- Ich spürte, dass ich in diesem Stück Neuland Geist der beiden Persönlichkeiten Schulkow-
lassen können, wobei das Publikum dann an Bist du vor mir? betreten hatte. Von meinem heutigen Stand- sky und Kovacic, ihre Ernsthaftigkeit, ihre
ihnen vorbei fährt. Wie hört man in dieser punkt aus gesehen ist das erste Werk, das Intensität, ihre Liebe zum Klang und ihr Ver-
Nein, hinter dir.
Raumsituation und wie verbindet sich das Du siehst mich nicht. meine persönliche Handschrift trägt – um- trauen in meine Musik – hier eröffnete sich
Hören mit dem Sehen? Beispielsweise hört gangssprachlich ausgedrückt: «der erste mir eine bis dahin unbekannte Welt.
Siehst du mich?
man die Posaune einmal von vorne, später echte Haas».
von hinten – wie klingt sie dann jeweils im Nein, kein Blickkontakt zu dir. Gerne hätte ich die Schlagzeuger um das Pu-
Hörst du mich? Ja.
Ensemble? Er fährt einmal sehr nahe an ei- Gerade war Peter Oswald zum Leiter des blikum herum aufgestellt, mit dem Streich-
Hörkontakt.
ner Sängerin vorbei, dann wieder sieht er sie Musik­protokolls ernannt worden und plan- quartett in der Mitte. Aber in der Situation
nicht, wusste aber, dass er an ihr vorbei fah- Dreh mich – Ohrenkontakt. te eine völlige Neustrukturierung dieses Fes- eines traditionellen Konzertsaals war das
Dreh dich – Augenkontakt.
ren würde. Welchen Raum wird man als Ru- tivals. Er hatte mir den Auftrag erteilt. Ein nicht möglich, ohne lange Umbauzeiten in
Mein Gegenüber.
heraum erfahren – vielleicht den eigenen, Ort – Position – Perspektive. Jahr zuvor hatte noch Karl Ernst Hoffmann Kauf zu nehmen. Zudem hätte sich der gros-
obwohl man auf der Drehbühne sitzt? Hörraum – Blickfeld. (Oswalds Vorgänger) es mir ermöglicht, das se Abstand der Instrumente als problema-
Programm zu gestalten – fokussiert auf Mi- tisch erwiesen. Beat Gysins drehbare Bühne
Bist du hier? Ja.
Mit dem Titel Chronos (radial) deute ich auch Bin ich nicht hier? krotonalität –, aber meine Kompetenz als ermöglicht es nun, 26 Jahre nach der Urauf-
die Entwicklung des Stücks an. Man stelle Bist du nicht ich? Organisator hatte sich doch eher als subop- führung, diesen Traum zu verwirklichen.
sich ein Kügelchen auf der Drehbühne vor: Ist dort nicht hier? timal erwiesen.
Sind wir eins?
Im Zentrum ruht (oder rotiert) es. Sobald es
Sind wir zwei eins?
das Zentrum verlässt, beginnt die Zentrifu- Es war mir klar: Jetzt musste ich mich als
galkraft es nach aussen zu treiben; es be- Sind wir zwei hier, sind wir zwei dort eins? Komponist bewähren. Die Herausforderung
Wir sind hier und ich bin hier und du dort.
schleunigt sich, bis es von der Scheibe ge- war gross. Oswald brachte mich mit erstklas-
Ich bin hier ein Teil von uns.
schleudert wird. Auf dem Weg entstehen Sind wir zwei ein Duo? sigen Interpreten neuer Musik zusammen:
Turbulenzen. Wie dem Kügelchen ergeht es Mit dem Geiger Ernst Kovacic und seinem
Bin nur ich alleine Teil vom Gemeinsamen?
den Interpreten auf der Drehbühne, ebenso Streichquartett (deren Mitglieder später im
der Musik, wenn man das anfängliche a als Einsam, gleichsam gemeinsam, gleichzeitig Klangforum Wien eine bedeutende Rolle

Beat Gysin: Modell des Bühnenraums zu Chronos,


einseitig, getrennt gegenüber.
Ruhezentrum verstehen mag und die zuneh- spielen sollten) und vor allem mit der
Zwischen mir hier und dir dort das Zwischen.
mend komplexe Musik als Turbulenzen. Schlagzeugerin Robyn Schulkowsky.
Zwischen mir hier und dir dort der
­Zwischenraum.
«v = s/t»: In der Bewegung gibt es eine di-
rekte Relation zwischen Raum und Zeit – im Zieht mich die Mitte an? Nein.
Chronos-Drehraum erprobe ich eine erste Treibt es mich?

idealisierte Raum- und Bewegungssituation Treibt es mich nach aussen?


(weitere folgen) und komponiere dazu mit Zieht es mich weg von hier?
der Absicht, dass sich musikalische und
Lauf – Laufzeit – Lauf der Zeit 
räumliche Wahrnehmung verknüpfen.

Eine ähnliche Entwicklung beschreibt auch Libretto: Beat Gysin

2011
der Text. Ein Paar trennt sich – oder, um im
Bild des Kügelchens zu bleiben – es wird ge-
spalten und die beiden Teile werden nach
aussen geschleudert.

CHRONOS 50 CHRONOS 51
RAUMPORTRÄT VOLKSHAUS

EIN JUWEL IN BASEL


Daniel Dettwiler

Die Bedeutung der Raumakustik für die Musik ist durchaus bekannt – um was es aber tat-
sächlich geht, ist für viele ein Mysterium. Die akustische Raumantwort ist nicht einfach nur
ein Zusatz, ein ‹nice to have›, das der Musik noch einen schönen Nachhall hinzufügt – nein,
vielmehr ist der Raum der Resonanzkörper für die Musik, er prägt den Klang auf seine ganz
eigene Art, so, wie der Flügel den Klang der Saite prägt. Diese klangliche Prägung ist das
Entscheidende in einem Saal und viel wichtiger als zum Beispiel die Länge des Nachhalls.
Und genau diese Prägung, dieser klangliche Stempel, ist im grossen Saal des Volkshauses
Basel so einmalig.

Der Saal des Volkshauses Basel wurde 1874 erbaut und 1979 im Zuge einer mehreren Mil-
lionen Franken teuren Renovation vom Radio Basel in ein Tonaufnahmestudio der Spit-
zenklasse für das Radiosinfonieorchester Basel erweitert. Das Radio hatte in dieser Zeit den
Saal über mehrere Jahre gemietet. Danach wurde der Saal viele Jahre lang für Veranstal-
tungen genutzt, und die herausragende Akustik geriet in Vergessenheit, im Saal fanden
kaum mehr Aufnahmen (oder Konzerte) statt. 2003 suchten die Musiker David Klein und
Olivier Truan zusammen mit dem Autor dieses Artikels geeignete Räumlichkeiten, um die
Produktion Selma, bei der Solisten wie Xavier Naidoo, Reinhard Mey und Ute Lemper mit-
wirkten, in atemberaubender Qualität aufzunehmen. Privat gebaute Tonstudios in der
Schweiz verfügten nicht über die nötigen Qualitäten. So wurde schlussendlich der grosse
Saal des Volkshauses Basel gefunden, und nach ersten Testaufnahmen wurde dem Produ-
zententeam schnell klar, dass die Akustik dieses Saales einzigartig ist. David Klein grün-
dete daraufhin das Volkshaus Studio Basel, mit dem Zweck, den Saal wieder für Aufnahmen
zugänglich zu machen.

Die Akustik des grossen Saals im Volkshaus Basel prägt den Sound von Instrumenten be-
sonders schön, der Klang weist eine pergamentige, griffige Struktur auf, welche in anderen
Sälen kaum zu finden ist. Weiterhin bestechen die Klänge durch eine enorme physikalische
Integrität. Der Nachhall ist im Vergleich zu einem ganz grossen Saal wie etwa der Tonhalle
etwas kürzer. Das macht den Volkshaus-Saal zum perfekten Ort für Ensembles, aber auch
Filmmusik oder Solo-Einspielungen. Der ‹Hallradius› (das ist der Abstand, bei welchem
der direkte Schall gleich laut ist wie der Nachhall) ist im Vergleich zu dem anderer Säle
grösser. Das ergibt beim Hören eine grosse Klarheit. Der grösste Vorteil darin besteht beim
Mikrophonieren für CD-Produktionen: Der Tonmeister kann sein Mikrofon weiter vom In-
strument entfernen, trotzdem bleibt der Klang klar. Daraus resultiert ein schönerer und
natürlicher Klang der Instrumente. Der grosse Hallradius ist aber auch bei Konzerten ein
Vorteil – die Signale sind auch in den hinteren Sitzreihen noch klar zu hören, der Klang ist
nie verschwommen oder indirekt. Im Volkshaus Studio Basel sind diverse hochkarätige
Aufnahmen entstanden, u.a. diverse Filmmusiken des Basler Komponisten Niki Reiser, Eine
Frau von Jasmin Tabatabai, produziert von David Klein, die Produktion Kraah des Stimmen-
virtuosen Christian Zehnder, Pierre Favres Fleuve, die beim renommierten Label ECM er-
schienen ist, oder Hans Feigenwinters Projekt Zink, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Clou im Saal sind wohl die riesigen Holzpaneele an den Wänden, die umgeklappt werden
können: Eine Seite reflektiert den Schall zurück, die andere Seite absorbiert ihn. So kann die
Nachhallzeit ganz einfach verändert und der Musik angepasst werden. Die Akustik im Saal
ist durchaus vergleich mit der von legendären Studios wie dem Abbey Road Studio 1, London
oder dem Teldex Studio in Berlin – ein kleines Juwel, das wir hier in Basel haben!

CHRONOS 52 CHRONOS 53
KONZERTE  /   R HEINDÜKER «LOSGEKOPPELT VON vorgeschlagen und das war eben der Tunnel

KLANGTAUCHER
AUSSENWELT UND TAGESLICHT» unter dem Rhein, der Rheindüker.

Im Projekt Klangtaucher haben Studierende ZEITRÄUME: Was erwartet das Publikum


der Hochschule für Gestaltung (HGK) und da unten? Wird man sich gruseln?
Kunst sowie der Hochschule für Musik FHNW
gemeinsam Raum-Klang-Installationen für CASPAR JOHANNES WALTER: Explizit gruselig

KLINGENDE INTERVENTIONEN
einen sehr speziellen Ort in Basel gestaltet. wir es nicht, aber es wird ein ganz spezifi-
Im Gespräch mit Anja Wernicke (ZeitRäume sches Kunsterlebnis sein. Das Publikum geht

IM RHEINDÜKER
Basel) verraten Prof. Andreas Wenger, Mar- in kleineren Gruppen oder auch einzeln die
tina Ehleiter (Institut für Innenarchitektur Treppen herunter. Auf dem Weg können die
und Szenografie, HGK) und Prof. Caspar Jo- Besucherinnen und Besucher an vielen
hannes Walter (HSM), wie diese Zusammen- Durchgangsstellen kleinere Kunstaktionen
arbeit verlief und was das Publikum erwartet. erleben, die auf den Ort abgestimmt sind,
aber gleichzeitig auch untereinander korres-
ZEITRÄUME: Ihr Projekt heisst pondieren und die sowohl musikalisch als
11. Sept Einlass jeweils um 18:00, 18:15, 18:30, 18:45, 19:00, 19:15, 19:30, 19:45 Uhr Klangtaucher: muss das Publikum auch szenisch und beleuchtungstechnisch in
 12. Sept 13:00 – 14:50 & 18:00 – 19:50 Uhr seine Badesachen einpacken? kleinen Teams ausgearbeitet wurden.
13. Sept 13:00 – 14:50 Uhr
Reservierung obligatorisch, s. S. 150 | 10 CHF (ermässigt 5 CHF) ANDREAS WENGER: Da würde ich eher den Neo- ANDREAS WENGER: Es ist bestimmt kein Gru-
pren-Anzug empfehlen (lacht), denn es wird selkabinett. Aber es wird teilweise eine im-
Hinweise zwar nicht nass, dafür aber ganz schön kühl. mersive Wirkung haben – wie auch immer
Beim Fussweg durch den Tunnel müssen Treppen, schmale Durchgänge sowie beim das dann berührt. Klanglich, aber auch in den
Ausstieg eine ca. 3 Meter hohe Leiter passiert werden. Mit reduzierter Beleuchtung und MARTINA EHLEITER: Aber wir tauchen in unge­ Bildern.
teilweise lauten Klängen ist zu rechnen. Personen, die nicht schwindelfrei sind, unter wöhnliche Orte und neue Klänge ein.
Klaustrophobie leiden, eine Gehbehinderung haben oder laute Töne mit tiefer Frequenz CASPAR JOHANNES WALTER: Was erst dann
nicht vertragen, wird vom Besuch abgeraten. CASPAR JOHANNES WALTER: Es gibt da einen deutlich wird, wenn man da runtergeht: Es
Der Einlass ist nur in kleinen Gruppen möglich, daher ist die vorherige Reservierung Tunnel unter der Dreirosenbrücke, unter ist eine Situation, in der die Sinne besonders
obligatorisch. Ein Durchlauf dauert ca. 30 – 90 Minuten. Während der Aufführungen gibt dem Rhein. Und dieser Tunnel ist der Ort des empfindlich sind. Das heisst, es ist viel dunk-
es nur reduzierte Möglichkeiten, den Tunnel vorzeitig zu verlassen. Ausgang ist auf Projekts und der besteht aus einer Unzahl ler als oben und es kann auch sehr viel stiller
der Kleinbasler Rheinseite. sehr verschiedener Räume, die aber alle die- sein. Also wenn man da geht und einfach
ses Gefühl von ‹unter-der-Erde-Sein› und schaut und lauscht, hat man ausserordentlich
Mitwirkende ‹in-einem-sehr andersartigen-Ambiente-­ geöffnete Augen und Ohren. Und diese Situ-
Roberto Maqueda, João Carlos Pacheco, Christian Rombach, David Krähenmann, Sein› beinhalten. Das trägt auch das Dump- ation war für die beteiligten Künstlerinnen
Lucia Carro Veiga, Andrew Walsh Interpretation | Delphine Grataloup Flöte fe mit sich, das ein kleines bisschen Un- und Künstler ein Ansatzpunkt für ihre Pro-
Mariella Bachmann Klarinette | Miguel Perez Fagott | Noëmi Schwank, heimliche. Besonders zugespitzt in der jekte. Und das ist, wie Andreas sagt, nicht
Pedro Pablo Camara, Javier Juanals Marquez Saxophon | Adrian Albaladejo Posaune Röhre, die 362 Meter lang ist und 3,2 Meter direkt gruselig, aber doch für die Wahrneh-
Zizzi Domenico Tuba | Christian Smith Percussion | Matthieu Gutbub, im Durchmesser hat. mung ganz spezifisch anders.
Julia Pfenninger Violoncello | Ivo Ludwig, Daniel Nikles Support
ZEITRÄUME: Wie sind Sie denn da ­ ZEITRÄUME: Und wie fühlt man sich
Galina Litman, Corinne Koller, Tejashri Kuvalekar, Fabian Petignat, rangekommen? Sind Sie da einem Netz nun da unten?
Jonas Vogel, Mirjam Scheerer, Marisa Jäger, Stephan Urech Szenografie aus geheimen Tunneln auf der Spur?
Yiran Zhao, Eleni Ralli, Maximiliano Amici, Goni Peles, ANDREAS WENGER: Jedes Mal wenn man da
Juan Pablo Orrego Berrios, Adrian Nagel, Sebastian Meyer Musik MARTINA EHLEITER: Die Ausgangsidee war ja, unten ist, ändert sich das Zeitempfinden.
Caspar Johannes Walter, Martina Ehleiter, Marcus Weiss, an ungewöhnliche Orte zu gehen. Ursprüng- Man schaut auf die Uhr und denkt, es sind
Andreas Wenger Koordination lich hiess das Projekt Hoch Tief und für die vielleicht ¾ Stunden vergangen, doch in
Tiefe war der Birsigkanal vorgesehen. Wir ha- Wirklichkeit sind es plötzlich drei oder vier
Kooperation Musikhochschulen FHNW Hochschule für Musik, ben dann das Tiefbauamt kontaktiert, den Stunden. Das hat mit der Grösse und der Di-
Institut für ­Szenografie (Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW), Herrn Bachmann. Er fand das Projekt sehr mension zu tun, und dass man losgekoppelt
Tiefbauamt Basel-Stadt interessant, hat aber vom Birsigkanal wegen ist von der Aussenwelt und dem Tageslicht
Mit freundlicher Unterstützung von PRG Production Resource Group AG, der Hochwassergefahr abgeraten. Bei starken und das Gefühl für Zeit total verlieren kann.
Wacotech GmbH & Co. KG/Timax GL, Procédés Chénel International /drop paper Regen füllt sich der Kanal sehr schnell mit
und Kostüm Kaiser AG Wasser. Da er aber das Projekt sehr spannend CASPAR JOHANNES WALTER: Wenn man zum
fand, hat er eine ganz besondere Alternative Beispiel durch den langen Tunnel geht, dauert

KLANGTAUCHER 54 KLANGTAUCHER 55
es schon einige Minuten. Vorher hat man am Anfang ein roter Faden oder etwas, was hat man angefangen, über diese Treppe zu CASPAR JOHANNES WALTER: Es gibt natürlich
einige installative Projekte mit einigen in- das Ganze zusammenhält. Interessant war sprechen und der Begriff ‹Galatreppe› ist Unterschiede in der Wahrnehmung: Während
teressanten, variablen Dingen erlebt. Da der dann die Entscheidung – und da bin ich auch entstanden, der sich bis heute gehalten hat. die Musiker automatisch an die Zeitlichkeit
Tunnel bestimmte Frequenzen noch weiter Johannes besonders für seinen Mut dankbar –, Vieles entsteht so fliessend, über die denken, oft im Grunde Nullsituationen im
trägt, aber andere nicht, verschwindet das die Konzertsituation aufzulösen. Dadurch, ­Gespräche. Klar haben parallel auch Lichtex- Kopf haben, aus denen sich dann etwas ent-
so ganz langsam. Man hört Restbestände der dass jede Minute ein Besucher in den Tunnel perimente stattgefunden, um zu schauen, wickelt oder zu dem es wiederum hinstrebt,
Klänge, teilweise über die Metall-Gestänge reingelassen wird und er sich frei bewegen wie man diese Räume dynamisieren kann, haben die Kollegen dagegen eine bildliche
fast bis zum Schluss, aber ganz weit weg. Und kann, kann er gleichzeitig mehrere Stücke wie man die industrielle Statik, für die sie Vorstellung und versuchen ihre Szenerie zu
dann kommt man in eine andere Welt. Dieser hören, weil die sich überschneiden. Dem Be- gebaut wurden, ein Stück weit auflösen oder perfektionieren. Und diese zwei Welten zu-
Übergang, fast im Nichts weggehend und sucher werden der Ablauf und die Taktung dagegen spielen kann. Ein wichtiger Input sammenzubringen, die wir jeweils nur sche-
dann wieder kommend zur anderen Seite, ist nicht offen gelegt. Und dieses Überra- kam von Daniel Ott, der uns sehr bestärkt menhaft begreifen, war extrem spannend.
ein ganz grosses Erlebnis. Es gibt da viele schungsmoment, dem Besucher auch zuzu- hat und den Komponisten Mut gemacht hat,
Möglichkeiten für ein grosses Erlebnis, aber muten, dass man auf sich selbst gestellt ist, mit den Räumen umzugehen und nicht ein- ANDREAS WENGER: Diese zwei Welten kom-
das ist eben ein ganz besonders. Und das hat das finde ich grossartig. fach eine Komposition da reinzusetzen. men ja nun über diesen gemeinsamen Raum
man nur, wen man wirklich auch durch den Und wir haben versucht, dieses Thema des zusammen.
Tunnel durchgeht. CASPAR JOHANNES WALTER: Und das ist eine Klangtauchers, des Wassers oder der Tatsa-
Anforderung, die normalerweise an die che, dass man sich 17,5 Meter unter dem
ZEITRÄUME: Wie hat die Künstler, die ich betreue, nicht gestellt wird. Raum befindet, auch als Thema anzugehen.
Zusammenarbeit der Studierenden Die sind allein mit sich, jeder entwirft seine Aber Vorgaben gab es keine…
aus den verschiedenen Hochschulen Komposition, bis sie fertig ist. Und dann
funktioniert? Haben Sie da auch kämpft man dafür, dass sie genauso oder so CASPAR JOHANNES WALTER: …Was mir völlig
voneinander gelernt? ähnlich interpretiert wird, wie sie gedacht genügt, dass man da die Wahrnehmung
wurde. Und hier ist die Arbeitsweise eine selbst anders erlebt, und zwar aus verschie-
CASPAR JOHANNES WALTER: Das ist ein riesiges ganz andere. Es geht darum: Wie ist die Ge- denen Aspekten. Und das ist eine Sache, für
Glück. Von der Seite der Musiker her ist die samtsituation, wo kann man Anknüpfungs- die man keine Anleitung braucht, das ge-
Ausbildung sehr auf die inneren Werte der punkte mit den anderen Projekten finden? schieht einem dann, wenn man da rein geht.
Musik fokussiert. Der Blick über die Grenzen Was mich auch sehr gefreut hat: die andere
braucht zusätzliche Energie, die oft im Arbeits- und Denkweise der Kollegen zu er- MARTINA EHLEITER: Aber es gab auch Inputs
Studium nicht vorhanden ist. Ausser es gibt leben. Mir wurde bewusst, wie bürgerlich von aussen. Ein Lichtexperte: Rolf Derrer,
solche Projekte. Und das ist etwas, was die meine eigene Institution arbeitet, also die die inspirierenden Vorträge von Daniel Ott
Künstler unglaublich nötig haben, dass sie Musik-Akademie, die eben ein klares Pro- und Christina Kubisch. Und einzelne Infos
einen Standpunkt einnehmen, ausserhalb gramm in ihren Studienplänen hat, das sehr zur Partitur (es gibt eine szenografische
dessen, was sie normalerweise denken. viel mit Training zu tun hat und eben mit Partitur), zu Flowcharts, und Johannes’ Vor-
Und das geht nur mit Vorbildern, also mit Dingen, die man entweder richtig oder falsch träge an der Musik-Akademie. Das waren
Kollegen. Und in diesem Punkt lief es von macht. Das ist jedoch eigentlich nur ein verschiedene Bausteine, die die Studieren-
vornherein – natürlich mit praktischen kleiner Seitenaspekt von Kunst. Während in den mitnehmen konnten, ohne dass wir da-
Höhen und Tiefen – ganz hervorragend. Auch Kunst­akademien oder eben hier in der HGK durch etwas Bestimmtes vorgegeben hätten.
die Idee von Andreas und mir, dass sich der Geist doch ein anderer ist. Wenn ich hier
Teams aus Komponist und Szenograf, aber in die Lehrveranstaltungen gegangen bin, ZEITRÄUME: Wo lagen die Herausforde-
auch Musiker bilden sollten, ist glücklich finde ich doch zuerst mal einen Leerraum rungen in der Zusammenarbeit?
aufgegangen. vor, ein weisses Blatt. Und das ist sehr heil-
sam für uns. ANDREAS WENGER: Von uns kann niemand
ANDREAS WENGER: Erstaunlich glücklich. Gott eine Partitur wirklich lesen und gleichzeitig
sei Dank hatten wir auch viel Zeit. Es gab von ZEITRÄUME: Was habt ihr den Studenten hören. Komplexe räumliche Darstellungen in
unserer Seite her ein Semester Zeit, um sich für Inputs gegeben? Wie entsteht ein Plan-Form sind für Musiker auch nicht be-
heranzutasten, um die Räume kennenzu- solches Projekt? sonders aussagekräftig und die kann man
lernen und praktisch jede Woche die Räume auch nicht hören. In dieser Situation trotzdem
vorzustellen und darüber zu sprechen. Im ANDREAS WENGER: Am Anfang gab es kleine Wege zu finden, wie man sich da verständigt
zweiten Semester hat es sich dann extrem Experimente. Ideen wurden ausgetauscht, oder wie man sich darüber unterhält, welche
rasch und harmonisch entwickelt. Die Orte wie beispielsweise in dem grossen Treppen- Qualität zu einem bestimmten Zeitpunkt pas-
waren verteilt und die Teams hatten sich ge- haus Murmeln springen zu lassen, was sieren soll, das war extrem interessant.
bildet. Dann konnten sie wirklich spezifisch technisch nicht möglich ist. Aber daraus ist
aus der Komposition und für den Ort mit dem eine Idee von weissem Rauschen entstanden,
entsprechenden Licht arbeiten. Uns fehlte was klanglich bedeutend geworden ist. Dann

KLANGTAUCHER 56 KLANGTAUCHER 57
RAUMPORTRÄT LEITUNGSTUNNEL RHEIN

DER RHEINDÜKER
Stefan Bachmann

Der Leitungstunnel Rhein wurde im Zusammenhang mit dem Bau der Nordtangente zwi-
schen 1995 und 1998 gebaut, ist 362 Meter lang und führt, ausgehend von einer Tiefe von 29
Metern auf Grossbasler Seite, hinüber ins Kleinbasel, wo der Tunnel 20 Meter unter dem
Boden liegt. Dieser Tunnel ist Bestandteil eines grösseren begehbaren Leitungstunnelsys-
tems, das sich vom Horburg-Quartier bis zur Flughafenstrasse erstreckt. Das Teilstück un-
ter dem Rhein wurde im Pressrohrvortrieb erstellt, wobei die einzelnen Rohre einen Innen-
durchmessen von 3,20 m bei einer Wandstärke von 40 cm und eine Längen von 3.50 m
aufweisen. Der Leitungstunnel Rhein ist mit Licht, Lüftung und allen notwendigen Alarmsys-
temen ausgerüstet.

Der Kanton Basel-Stadt verfügt über ein Leitungstunnelnetz von insgesamt ca. 13 km. Ge-
baut im Auftrag des Tiefbauamtes Basel-Stadt, wird dieses System, und eben auch der Ab-
schnitt unter dem Rhein, für Leitungen und Kabel aller Art genutzt: Hier sind Versorgungs-
leitungen für die Telekommunikation, Elektrizität, Gas, Wasser und Sauerstoff verlegt. Die
Sauerstoff- und Stickstoffleitungen dienen als Transportleitungen zu den Chemiefirmen
und zur Kläranlage im Kleinbasel. Diese Werkleitungen, die bereits vor dem Bau der Nord-
tangente existierten, waren unter der alten Dreirosenbrücke aufgehängt. In der neuen,
doppelstöckigen Autobahnbrücke war dies wegen der wesentlich höheren Brückenkonst-
ruktion und um das minimales Lichtraumprofil für die Schifffahrt zu gewährleisten, nicht
mehr möglich. Deshalb musste nach einer anderen Lösung gesucht werden. Das Problem
konnte mit diesem begehbaren Leitungstunnel unter dem Rhein gelöst werden. Der gröss-
te Vorteil von begehbaren Leitungstunnels liegt darin, dass Wartung und Unterhalt jederzeit
möglich sind und Leitungen ersetzt oder neue Leitungen montiert werden können, ohne
dass an der Oberfläche Grabarbeiten notwendig würden.

KLANGTAUCHER 58 KLANGTAUCHER 59
ESSAY  /   W OLFGANG RIHM 6. Die Architektur kann organische Formen zitieren, Musik ist organische

NOTIZEN ZU
Form.

7. Architektur ist begründet, sie hat immer einen «Grund» (Statik), Musik ist
grundlos, nicht begründbar. Daher vielleicht der Wunsch vieler Komponisten,

MUSIK UND
sich und ihr Tun im Vergleich zum Architekten, zur Architektur, zu begründen.
Schon die Herleitung der Musik aus der «Sphären-Harmonik» bietet ein Mo-
dell an, nicht allein Musik zu machen, sondern vergewissert und begründet zu

ARCHITEKTUR
handeln. «Treibe Musik» bleibt allerdings anarchisch-ambivalenter Rat. Be-
schäftige Dich mit dem Begründeten und dem Grundlosen zugleich; mit Norm
und Auflösung, Gesetz und Trieb.

8. Musik ist immer räumlich, auch wenn sie nur eine einzige Klangquelle be-
sitzt. Sie breitet sich aus, greift den Raum, «höhlt» und «weidet» aus. (La
musique creuse le ciel – Baudelaire). Der bestehende Raum reflektiert sie. Ohne
Raumgrenze wäre ihr Vergehen der «Rand» der Musik. Musik im Freien
1. Musik und Architektur sind Gegenentwürfe, wesensmässig einander fremd, klingt – schlecht. Das Freie in der Musik steigert ihre Kraft.
als Gegensätze allerdings metaphorisch aufeinander beziehbar. Musik ist un-
umkehrbarer Prozess, Architektur unverrückbare Form. Architektur umschliesst 9. Schelling nennt die Baukunst «erstarrte Musik», Goethe nennt sie – tref-
einen Raum, Musik erfüllt einen Raum. Musik ist wesensmässig ortlos, Archi- fender vielleicht – «verstummte Tonkunst» (vgl. 4.). Das Problem bleibt un-
tektur definiert ihren Ort. Architektur können wir betreten, sie dauert an. Musik gelöst, die Metapher hilft der Rezeption, vielleicht. Die Gesetze der Musik kön-
müssen wir nachvollziehen, sie vergeht. Musik findet als immaterieller Zeitkör- nen niemals die Gesetze der Baukunst sein. Schwingende Luft ist kein
per in augenblicklicher Formung statt. Architektur stellt einen festen Raumkör- Baumaterial.2
per in die Zeit und an einen Ort. Architektur – Statik. Musik – Dynamik. 2 «Ein edler Philosoph sprach
10. Dass Dufay 1436 seiner Domweihmotette Nuper rosarum flores Fibonac- von der Baukunst als einer
2. Versuch einer Zusammenfassung: ci-Proportionen zu Grunde legte (zu «Grunde»?), ist ein anekdotischer Kern erstarrten Musik und musste
dagegen manches Kopfschütteln
Musik: Zeitkörper im Raum, im substanziellen Klanggeschehen. Wäre der Dom zu Florenz 1367 mit anderen gewahr werden. Wir glauben
Architektur: Raumkörper in der Zeit. Proportionen geplant worden, hätte Dufay nach diesen Proportionen arbeiten diesen schönen Gedanken nicht
besser nochmals einzuführen, als
Zeitliche Körper: vergehen («dynamisch»), können. Aber: Hätte seine Musik anders geklungen? Wesensmässig anders? wenn wir die Architektur eine
Räumliche Körper: dauern an («statisch»). Die Akustik des Raumes ergreift nicht Partei für das ähnlich Proportionierte. verstummte Tonkunst nennen. Man
denke sich den Orpheus, der, als
Metaphorische Analogiebildung ist möglich, weil (sprachlich und graphisch)
ihm ein großer wüster Bauplatz
3. Dass Musik und Architektur auf Flächen in Zeichenschrift planbar sind Statik und Dynamik durch dieselben Proportionen darstellbar sind. Aber sie angewiesen war, sich weislich an
den schicklichsten Ort nieder-
(Partituren und Baupläne), verführt zum Vergleich. Da aber letztlich alles 1 «Wenn die Architektur sind nicht dasselbe.
setzte und durch die belebenden
durch Zahlen und Proportionen umschreibbar ist, wird dadurch nichts Wesent- überhaupt die erstarrte Musik ist, Töne seiner Leyer den geräumi-
liches ausgedrückt. ein Gedanke, der selbst den 11. Musik ist im Materialsinn spurlos (nicht als psychologischer Eindruck!). Sie gen Marktplatz um sich her
Dichtungen der Griechen nicht bildete. Die von kräftig
Einer misst die Schwanzlänge seines Katers und überträgt das gefundene Mass fremd war, wie schon aus dem ist gestaltetes Verschwinden als Erscheinung. Architektur ist Aufenthalt, gebietenden, freundlich
in eine musikalische Proportion – er leistet dennoch keinen nennenswerten bekannten Mythos von der Leyer spürbar andauernde Spur ihrer Planung. Musik als Folge vergehender Ereig- lockenden Tönen schnell
des Amphion, der durch die Töne ergriffenen aus ihrer massenhaf-
Beitrag zum Verhältnis Musik und Zoologie. derselben die Steine bewegt habe
nisse zieht eine Struktur des Erinnerns nach sich. Diese kann Züge geformten ten Ganzheit gerissenen
sich zusammenzufügen und die Bauens aufweisen. Wir können uns eines Musikstückes erinnern, wie wir uns Felssteine mußten indem sie sich
Mauern der Stadt Theben zu enthusiastisch herbey bewegten,
4. Das Sprachbild von Architektur als «gefrorener Musik» ist schön. Aber an einen architektonischen Raum, einen Baukörper erinnern. Hier liegt die
bilden – wenn also überhaupt die sich kunst- und handwerksge-
falsch. Denn Musik existiert nie als ein Ganzes. Gefrorene («schockgefrostete») Architektur eine concrete Musik Möglichkeit des Vergleichs. In der Sache liegt sie nicht. mäß gestalten, um sich sodann in
ist, und auch die Alten sie so rhythmischen Schichten und
Musik würde eine zerrissene Figur zeigen, eine Figur in Bewegung, im Über-
betrachten, so ist es ganz Wänden gebührend hin zu
Aus: Christoph Metzger (Hrsg.): Musik und Architektur, Saarbrücken 2003, S. 71–73. Abdruck mit freundlicher
gang. Eine Art tachistischen Pinselhieb, Augenblickszeichen. Wer es noch insbesondere die am meisten ordnen. Und so mag sich Straße
Genehmigung des Autors sowie des PFAU-Verlags.
kennt: das Bleigiessen an Silvester.1 rhythmische, die dorische oder zu Straßen anfügen! An
altgriechische Architektur.» wohlschützenden Mauern wird’s
Friedrich Wilhelm Joseph auch nicht fehlen.»
5. Architektur und Musik: beide umgeben den Menschen und bilden ihn und Schelling (1802/1803) Johann Wolfgang von Goethe
Aus: Philosophie der Kunst, in: (1827)
sein Beobachten der äusseren und inneren Welt zugleich ab. Die Architektur: Sämtliche Werke, hg. von Karl Aus: Sämtliche Briefe, Tagebücher
den Lebensraum (Schutz, Skelett, Körper, Form); die Musik: die Verläufe (Ner- Friedrich August Schelling, Abt. I, und Gespräche, 40 Bde., hg. v.
Bd. 5, Stuttgart/Augsburg 1859, Friedmar Apel u.a., 1. Abt., Bd. 13,
ven, Blut, Geburt, Werden, Tod).
S. 572–580, § 107 Frankfurt am Main 1993, S. 410

NOTIZEN ZU MUSIK UND ARCHITEKTUR 60 NOTIZEN ZU MUSIK UND ARCHITEKTUR 61


KONZERTE  /   F LACHSLÄNDERHOF 12. SEPTEMBER 2015

HOFKONZERTE
11:00 Uhr Alessio Pianelli Violoncello
Thomas Demenga (1954): Efeu (2010) | Mieczysław Weinberg
(1919–1996): Cellosonate Nr. 1 op. 72 (1960) | Alessio Pianelli (1989):
Da BACo a FaRFalLa (2015) | Giovanni Sollima (1962): Alone (1999)
12:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Freitag, 19:00 Uhr
13:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Freitag, 18:00 Uhr

DIE SWISS FONDATION FOR


14:00 Uhr Konus Quartett
Stefan Rolli Saxophon, Christian Kobi Saxophon

YOUNG MUSICIANS PRÄSENTIERT


Fabio Oehrli Saxophon, Jonas Tschanz Saxophon
Jürg Frey (1953): Extended Circular Music (2012/2014)

JUNGE INTERPRETEN UND


Mémoire, horizon (2013/2014)
15:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Freitag, 17:00 Uhr

ENSEMBLES IM FLACHSLÄNDERHOF
16:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Freitag, 23:00 Uhr
17:00 Uhr Meduoteran
Taylan Arikan Gitarre, Baglama, Stimme
Srdjan Vukasinovic Akkordeon
Taylan Arikan & Srdjan Vukasinovic
Zwischen Tradition und Innovation (Performance)
19:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Freitag, 12:30 Uhr
11. SEPTEMBER 2015 20:00 Uhr Demetre Gamsachurdia Klavier, Wictor Kociuban Violoncello
12:30 Uhr Ensemble Nuance William Dougherty (1988): Aphakia (2013) | Iannis Xenakis (1922–2001):
Marie Heeschen Stimme, Malwina Sosnowski Violine, Viola Paille in the Wind (1992) | Marcilio Onofre (1982): Caminoh Anacoluto (2014)
Paolo Vignaroli Flöte, Piccolo Nils Kohler Klarinette, Bassklarinette Demetre Gamsachurdia (1988): Zersidai (2012)
Karolina Öhman Violoncello, Kiril Zwegintsow Klavier 21:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Samstag, 14 Uhr
Leo Hofmann œil extérieur 22:00 Uhr Bastian Pfefferli Schlagzeug
Jannik Giger (1985): Verstimmung (2015, Uraufführung) Demetre Gamsachurdia (1988): Lumière aveugle (2013)
Arnold Schönberg (1874–1951): Pierrot Lunaire op. 21 (1912) 23:00 Uhr Et | Et
16:00 Uhr Vincent Gühlow Bariton, Alexander Boeschoten Klavier Brian Archinal, Victor Barceló, Miguel Ángel García Martín,
Wolfgang Rihm (1952): Sechs Gedichte von Friedrich Nietzsche (2001) Bastian Pfefferli Schlagzeug
17:00 Uhr Olivia Steimel Akkordeon, Josef Müksch Gitarre Jürg Frey (1953): Metal, Stone, Skin, Foliage, Air (1996–2001) | ca. 60’
Georg Katzer (1935): Die alten Planeten (2013) | Michael Quell (1960):
Achronon (2009) | José M. Sanchez-Verdù (1968): Dhatar (1997) 13. SEPTEMBER 2015
18:00 Uhr Hugo Queirós Bassklarinette 11:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Samstag, 20 Uhr
Michael Jarrell (1958): Assonance II für Bassklarinette solo (1989) 12:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Freitag, 16 Uhr
Franco Donatoni (1927–2000): Ombra. Zwei Stücke für Bassklarinette 13:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Freitag, 20 Uhr
(1984) | Brian Ferneyhough (1943): Time and Motion Study I für 14:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Freitag, 23 Uhr
Bassklarinette solo (1977) 16:00 Uhr Stahlwerk Klaviertrio
19:00 Uhr Nuno Pinto Gitarre Dominic Stahl Klavier, Tobias Schmid Schlagzeug
Louis Andriessen (1939): Triplum (1962) | Helmut Oehring (1961): Francesco Rezzonico E-Bass
Foxfire I (1993) | Steve Reich (1936): Electric Counterpoint für Dominic Stahl (1985): Stahlwerk
elektrische Gitarre (2002) 17:00 Uhr Interpreten und Programm siehe Samstag, 17 Uhr
20:00 Uhr Alessio Pianelli Violoncello, Chiara Opalio Klavier 17:45– Ausklang mit Musik und einem Glas Prosecco
Igor Strawinsky (1882–1971): Suite italienne (1932) | Anton Webern 18:00 Uhr
(1883–1945): 3 Kleine Stücke op. 11 (1914) | Alessio Pianelli (1989): Die Konzertdauer beträgt wo nicht anders angegeben jeweils
Omaggio as Achille (2015) | Paul Hindemith (1895–1963): 3 leichte Stücke ungefähr 30–40 Minuten.
(1938) | Thomas Demenga (1954): Newyork Honk (1987) Eine Veranstaltung der Swiss Foundation for Young
23:00 Uhr Ensemble toutes directions Musicians in Kooperation mit ZeitRäume Basel
Francesco Giusti Countertenor, Matthias Klenota Violine Die Komposition von Jannik Giger wurde ermöglicht durch
Coline Ormond Violine, Sarah Souza-Simon Viola da Gamba die freundliche Unterstützung der Fondation Nicati-de-Luze
Mirko Arnone Theorbe, Christa Näher Malerin und des Fachausschusses BS/BL
Matthias Klenota: Centauri (2015, Uraufführung)

HOFKONZERTE 62 HOFKONZERTE 63
HOFKONZERTE JÜRG FREY: Erkundungen anderer Instrumente respek- JANNIK GIGER:
Isabel Heusser MÉMOIRE, HORIZON tive Materialien: eine grosse Trommel mit VERSTIMMUNG
Nina Polaschegg Steinen gestrichen, Laubrascheln, eine Jannik Giger
Der Petersgraben Nr. 19 wird im Rahmen des Steinplatte wiederum mit Steinen gestri-
Festivals während dreier Tage, von Freitag, Jürg Frey, Mitglied des Wandelweiser-Kol- chen. Das alles dauert mehr als eine Stunde, Mit dem Begriff ‹Verstimmung› wird in der
11. September bis Sonntag, 13. September lektivs, ist ein Lauschender, ein Suchender, die Dynamik ist im ganzen Stück leise und psychiatrischen Fachsprache eine Verände-
2015 zum Spielort der Swiss Foundation for ein Fragender. Komponisten wie Morton wiederum soll – wie schon in der Landschaft rung der Stimmungslage bezeichnet, in der
Young Musicians (bis vor kurzem hiess die- Feldman, Cornelius Cardew oder Howard mit Wörtern – eine weiträumige Aufstellung Musik eine Abweichung von einer bestimm-
selbe Stiftung Swiss Foundation for the Vocal Skempton waren es einst, die ihn zu seinem bevorzugt werden. ten Tonhöhe. Über meinem neuen Werk
Arts). Die Preziosen (siehe Raumporträt kompositorischen Weg inspiriert hatten. steht dieser Begriff einerseits als Metapher,
S. 68) werden sorgfältig in anderen Räumen Wodurch zeichnet sich das Tempo eines Metal, Stone, Skin, Foliage, Air bezeichnet Frey andererseits wird dessen technische Bedeu-
untergebracht. Musik gemacht wird im Erd- Stücks aus, wenn man die Metronomzahl als «Klang-Architektur». Häuser und Ge- tung zum kompositorischen Prinzip erho-
geschoss und im ersten Stock. Im Erdge- beiseitelässt? Wie verläuft Zeit, wie wird sie bäude stehen bekanntlich unverrückbar, ben. Verstimmung ist eine Auseinanderset-
schoss wird ein Flügel ins Schaufenster ge- wahrgenommen? Wann erscheint Musik im ziemlich starr vor sich hin. Doch für Frey zung mit Schönbergs Pierrot Lunaire op. 47.
stellt; Stühle, Licht usw. lassen einen Fluss, wann statisch? All dies sind Fragen, wird zum einen die zeitliche Wahrnehmung Verstimmt und paraphrasiert werden darin
Konzertraum entstehen. Der kleine Neben- die Frey sich beim Komponieren immer wie- der Architektur zum Thema. Genauer: die die zahlreichen expressiven und atonal ge-
raum hinter dem kleinsten der drei Fenster der stellt und die sich auch den Hörenden Dialektik von Raum und Zeit in der Musik. prägten Klanggesten und Materialien aus
am Petersgraben wird zum Hofcafé umge- stellen, wenn sie seiner Musik lauschen. Er unterscheidet zwischen Erfahrungswelten Schönbergs Melodram, und zwar auf skurri-
staltet. Im ersten Stock entsteht der zweite des Weges («des immer weiter Gehens») le Art und Weise. Dabei beschränke ich mich
Spielort für Programme ohne Klavier oder Mémoire, horizon (2013/2014) für Saxofon- und der Weite («eines formalen Stille- lediglich auf das Kammerensemble und
auch für Programme, die nicht ‹à la vue de quartett dauert eine gute hal­­be Stunde. Lie- Zustandes»). Frey hält die Schwelle, gerade transformiere Pierrots unberechenbare Ge-
tout le monde› gespielt werden wollen. gende Klänge, ein ruhig dahinschreitendes den Bereich, wo sich diese Sphären berühren, fühlsschwankungen auf die reine Instru-
Klangband nicht immer gleicher Breite. für eine sehr «luftige und bewegliche», wo mentalmusik.
Quasi zu jeder vollen Stunde wird ein 30- bis Mehrklänge wechseln mit nah beieinander immer noch genug Spielraum und Lebendig-
45-minütiges Konzert gespielt: Kompositi- liegenden Reibeklängen. Es entstehen Inter- keit sei, die das Komponieren inspirieren und GEORG K ATZER:
onen aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, ferenzen, aber auch ein grosser klangfarbli- herausfordern. Zum anderen leitet er aber DIE ALTEN PLANETEN
quer durch dasselbe bis hin zu Kompositio- cher Nuancenreichtum durch die wechseln- auch seine Auffassung von Volumen von der Georg Katzer
nen unserer Gegenwart, Improvisationen, den Instrumente und Griffverbindungen, Architektur ab. «Ein grosses Volumen ist ja
Musiktheater, zwei Uraufführungen, wovon durch Zusammenklänge und minimale dort, wo viel Material gerade nicht ist.» 2012 habe ich einen kleinen Zyklus von sechs
eine speziellen Bezug nimmt auf den Flachs- Dynamikschwankungen. Basis des gesamten Und interessanterweise setzt er Volumen mit kurzen Stücken für Gitarre und Akkordeon
länderhof, einige Musiker sind selber auch Werks bildet eine grosse Sekunde. formalen Aspekten gleich, die wiederum komponiert, Die alten Planeten, das sind die
Komponisten und führen ihre eigenen emotionale Kraft entfalten. Wenn es um die in der Antike bekannten: Merkur, Venus,
Werke auf. Viel selten gespielte Musik wird (Auszug aus: Nina Polaschegg: «Jürg Frey: Mémoire, Ziele seiner Arbeit, das heisst um die Bedeu- Erde, Mars, Jupiter, Saturn, während Uranus,
Horizon | Extended Circular Music | Architektur
zu hören sein, in verschiedenen Besetzungen der Empfindung», Neue Zeitschrift für Musik 03/ 2015,
tung für die Hörer geht, klingt Frey ange- Neptun, Pluto erst in der Neuzeit entdeckt
(solistisch, im Duo, Trio, Quartett, Quintett S. 78) nehm bescheiden. Er sucht den direkten wurden. Selbstverständlich geht es in den
und im Sextett), des Weiteren sind eine Kontakt zur Musik und hält wenig von zuwei- Duos nicht um Astrophysik oder Astronautik,
Malerin und ein Regisseur beteiligt. JÜRG FREY: len ideologisch überfrachteten Konzepten. Marslandung o. ä., sondern die Stücke ver-
METAL, STONE, SKIN, FOLIAGE, AIR Er möchte eben keine Musik komponieren, suchen sich von den antiken Deutungen der
Zeitgenössische Musik, aufgeführt von jun- Torsten Möller die «den Stempel ihrer Mission» in sich Planeten als Gottheiten anregen zu lassen.
gen Musikern aus der ganzen Welt, alle durch trägt. Und er möchte vor allem die Aufmerk- Merkur war für die Römer der pfiffige Gott
ihr Studium mit intensivem Bezug zu Basel, Eine besondere Vorliebe hat Frey für Laub- samkeit des Hörers auf seine Werke lenken, des Handels, Venus die Göttin der Liebe, die
im Spannungsfeld vieler zeitlicher Schich- Geräusche oder Stein- oder Metallplatten, auf deren Ausstrahlung, deren Identität, An- Erde (Tellus) ist in der römischen Mythologie
ten. In der mittelalterlichen Architektur des die mit Steinen «gestrichen» werden. Letz- wesenheit, gewissermassen auch auf deren die Gottheit der Erde, Mars galt als der
Petersgraben Nr. 19, zwischen Peterskirche teres geschieht zum Beispiel in dem zwi- So-sein. Und dann fügt er – wiederum nach Kriegsgott, Jupiter war die oberste Gottheit
und Universitätsspital, zwischen Münster schen 1996 und 2001 entstandenen Metal, einer nachdenklichen und längeren Pause – der römischen Religion, Saturn vor allem der
und Rocheturm, mitten in der Stadt Basel des Stone, Skin, Foliage, Air für Schlagzeugquartett. etwas hinzu, dass man ihm angesichts seines Gott des Ackerbaus. Das ist nicht in allen Fäl-
21. Jahrhunderts. Wie schon im zweiten Streichquartett agie- eigenständigen Œuvres unmittelbar ab- len musikträchtig, aber doch geeignet, die
ren die Musiker simultan, quasi zu einem nimmt: «Manchmal habe ich das Gefühl, Phantasie des Komponisten und vielleicht
Die Swiss Foundation for Young Musicians Klangkörper verschmelzend. 672 Achtel ste- meine Musik sickert auf eine individuelle Art auch die der Hörer anzuregen. Die Komposi-
präsentiert in 26 Konzerten an drei Tagen jun- hen zu Beginn hinter einander, von jedem in die Welt hinein.» tionen folgen keinen konstruktiven Schema-
ge Interpreten und Ensembles im Flachslän- Spieler geschlagen mit feinen Metallstäb- ta, sondern sind virtuose «Lieder aus heite-
derhof mit Solo- und Ensembleprogrammen. chen auf jeweils zwei kleinen Triangeln (vgl. (Auszug aus: Torsten Möller: «Leervolumina, rem Geiste gegründet» (Ovid). Möge mein
Färbungen. Der Komponist Jürg Frey», Dissonanz
Abbildung 3). Es folgen blockartig organi- 104 (12/2008), S. 39 (siehe www.dissonance.ch/
Vergnügen beim Schreiben sich auf Musiker
sierte und strikt gemeinsam vollzogene CH-Komponisten/Frey/Frey.pdf) und Hörer übertragen.

HOFKONZERTE 64 HOFKONZERTE 65
MATTHIAS KLENOTA: neben der Zeitfreiheit (Achronon) die Über- Kolorismus schielend aufgefasst, sondern
CENTAURI windung der gegenüber-seienden Welt des vielmehr diese über weite Strecken hinweg
Matthias Klenota perspektivischen Zeitalters darstellt, eine durchaus etwas atypische Instrumentalbe-
Art Welt ohne Gegenüber eröffnend und da- handlung nutzend für eine neue, erweiterte
In Centauri kommen neue Musik, Musik des mit auch den Subjekt-Objekt-Dualismus Korrelation, die – nicht nur in ihren spezifi-
17. Jahrhunderts und Arbeiten der Künstlerin übersteigend. schen Gitarre-arco-Akkordeon-Verschmel-
Christa Näher zusammen. Der Zentaur als zungen – neben der inneren auch explizit
inspirierende Gestalt des Programmes steht So gestaltet sich bereits der Beginn des Stü- eine nach aussen hin tretende Räumlichkeit
in seiner Existenz als Mischwesen für den ckes zugleich als ein Anfang – durchaus im gebiert, stets in Korrelation zu den inneren,
Zwiespalt des menschlichen Erlebens zwi- Sinne einer Initiation eines sich entwickeln- strukturellen, syntaktischen Prozessen – und
schen Tierischem und Menschlichem, zwi- den Prozesses – und zugleich als ein natürlich deren semantischen Dimension –
schen Trieb und Geist, zwischen Aggression Nicht-Anfang, als eine Art Einstieg in eine und in einer jeweils sehr charakteristischen,
und Feinheit; Gegensätze, die auch die Musik quasi bereits laufende Entwicklung bzw. in gänzlich eigenen, neuen Art und Weise.
des Abends ausloten wird. Zugleich ist die eine bestehende Struktur.
mythologische Figur eine Essenz existen- Diese – auf der äusseren Erscheinungsebene –
zieller Erlebnisse, jenseits von zeitlichen Zu- Ebenso erweist sich die Werkstruktur als Suggestion von Raum, die zugleich mit den
sammenhängen, wie es die Musik auch sein Ganze als eine, die einerseits organisch- ent- inneren strukturellen Prozessen wesenhaft
kann. Das ensemble toutes directions und wickelnden Charakters, zugleich aber auch verknüpft und letztlich Resultat dieser ist,
die bildende Künstlerin haben bereits mehr- statischer und in gewissem Sinne (zeitlich) lässt eine deutliche gedankliche Nähe zu
fach mit verschiedenen Formen von Musik- zyklischer Natur ist, wobei die auf der einen Gebsers Vorstellung der Aperspektivität un-
theater experimentiert und werden für das Ebene symmetrisch erscheinende Formkon- mittelbar erkennen und gibt zugleich den
Festival Zeiträume einen vielschichtigen zeption durch ständige formale Winkelzüge Blick frei auf die innere imaginäre Perspek-
Klangraum gestalten. Ein wichtiges Element und völlig unerwartete formal-strukturelle tive des Raums in der Komposition. …
sind die dunklen, grossformatigen Ölbilder Wendungen auf der anderen Ebene ebenso
von Christa Näher, die eine enorme Tiefen- gekennzeichnet ist wie von der scheinbaren Raum-Zeit … Dialyse dieser tradierten Ka-
wirkung haben und mit der Musik in Bezie- Antinomie der beginnenden Dialogsituation tegorien und letztlich … Öffnung für eine
hung treten werden, die teils eigens für die- von Akkordeon und Gitarre und des weiten hinter diesen liegenden neuen Perspektive
se Produktion komponiert wurde, teils aus Universums an Klang-Räumen im grossen von Zeit und Raum.
aus wenig bekannten Quellen des 17. Jahr- Mittelteil der Komposition.
hunderts stammt. «Eine Begegnung, welche
die Zeiten löscht.» Auf der inneren strukturellen Ebene arbeitet
das Werk mit Elementen, die einerseits als
MICHAEL QUELL: Gegenüber wahrzunehmen sind, zugleich
ACHRONON aber auch als Nicht-Gegenüber.
Michael Quell
Zentraler Aspekt der Komposition ist eine
Gedanklicher Ausgangspunkt der Komposi- sehr eigene, spezifische Räumlichkeit, die
tion ist die Beschäftigung mit den Kategori- ich eine innere, imaginäre Raumperspektive
en Zeit und Raum, jedoch in einer sehr spe- bzw. Räumlichkeit nennen möchte und die
zifischen Art und Weise, die letztlich in der durchaus in gedanklichem Bezug zu Gebsers
Gedankenwelt des Kulturphilosophen Jean Aperspektivität steht.
Gebser ihren Ursprung hat. Gebser bezeich-
net mit dem Begriff «Achronon» den Zu- Neben dieser konzeptionellen, inneren
stand der Zeitfreiheit, der durch das gleich- Räumlichkeit ist für das Werk aber zugleich
zeitige Wirksamwerden unterschiedlicher auch eine ‹äussere› Räumlichkeit charakte-
Zeitbewusstseinsebenen (und damit der ristisch, natürlich nicht vordergründig, etwa
Überwindung der Zeit) gekennzeichnet ist im Sinne von Raum als blossem Ereignisort
und untrennbar verknüpft ist mit der Kate- o.ä., sondern vielmehr in einer darüber hi-
gorie der Aperspektive, wobei hiermit kei- nausweisenden strukturellen und zugleich
neswegs etwa ein vorperspektivisches Be- ästhetischen Dimension, so z.B. bereits
wusstsein etwa des archaischen Menschen durch die spezifische Behandlung der beiden
gemeint ist, sondern vielmehr eine Art Über- so heterogenen Instrumente Akkordeon und
windung des Raums im Sinne einer weiteren Gitarre, jedoch nicht etwa als blosse spiel-
Bewusstseinsstufe, deren Charakteristikum technische Erweiterung auf einen etwaigen

HOFKONZERTE 66 HOFKONZERTE
RAUMPORTRÄT FLACHSLÄNDERHOF

HISTORISCHE SCHICHTEN EINER


ALTEN LIEGENSCHAFT
Isabel Heusser

Sie kennen den Petersgraben, natürlich.

Kennen Sie am Petersgraben die Nr. 19, schräg vis-à-vis des Universitätsspitals und direkt
gegenüber der Einmündung der Hebelstrasse?

Grosse Schaufenster, von hölzernen Säulen eingefasst, flankieren den vergitterten Eingang
zu einer verborgenen Gasse. Darüber Fensterreihen, teils verziert mit schmiedeeisernen
Brüstungen. Wer genauer hinsieht, kann an der Fassade Reste alter Aufschriften entziffern:
Küchen, Möbel, Aussteuern, Petrolöfen, Garten-Möbel.

Und, merkwürdig genug, all das, was hinter den Scheiben der Schaufenster zu sehen ist:
Unzählige Gebrauchsartikel, die zu Antiquitäten arriviert, und Kunstgegenstände, die zu
Trödel verkommen sind, scheinen gar nicht zum Verkauf bestimmt! Ein kleines Schildchen
klebt an der Scheibe der Schaufenster: «Die Liegenschaft ist nicht zu mieten und steht auch
nicht zum Verkauf». Und möchte man das Geschäft besuchen, so möge man sich via eine
Email anmelden.

Frau Michèle Glasstetter, die Inhaberin des Antiquitätengeschäfts, schliesst uns die Pforte
des rätselhaften Reiches auf und erklärt, dass ihr kürzlich verstorbener Vater, Fritz Glasstet-
ter, zwar ein Antiquar gewesen, aber als leidenschaftlicher Sammler seinen eigenen ge-
schäftlichen Interessen wohl oft im Wege gestanden sei. Ihr obliege es, die Hinterlassen-
schaft zu ordnen und das grosse Inventar zu verkaufen. Danach erst könne die weitere
Verwendung der Liegenschaft ins Auge gefasst werden.

Frau Dr. Glasstetter ist Geologin und muss hier für einmal in ganz anderen Schichten graben…

Von der imposanten alten Heizung im Keller über knarrende Treppen, durch Lagerräume
bis hinauf in den Estrich führt unsere Besichtigung. Und weiter möchten wir ja noch in Er-
fahrung bringen, was sich in der Tiefe der verborgenen Gasse befindet. Hier erschliesst uns
die Gastgeberin das ganze Anwesen, das sich bis zur Petersgasse erstreckt.

Das Anwesen trägt den Namen der einstigen Besitzerfamilie Flachsländerhof. Bedeutender
Ahnherr war der Ritter von Flachsland, der einem Geschlecht aus dem oberen Elsass ent-
stammte und es bis zum Basler Bürgermeister brachte. Die Liegenschaft blieb über 300 Jah-
re, etwa von 1460 bis 1789, im Familienbesitz. Dann wechselte sie mehrfach die Hand, wur-
de dank der Auffüllung des Stadtgrabens, der zur längst nutzlos gewordenen inneren
Stadtbefestigung gehörte, nach 1830 von der Aussenseite zugänglich und beherbergte ab dann
eine Eisenwarenhandlung. Später folgte das noch erkennbare Geschäft für Haushaltartikel.
Und schliesslich eröffnete ein Herr Naegelin die oben beschriebene Antiquitätenhandlung,
die der Grossvater, später der Vater von Frau Glasstetter übernahmen und weiterführten.

Immer wieder an Samstagnachmittagen hat das Geschäft geöffnet – ein Rundgang lohnt
sich, manche Trouvailles sind noch zu erstehen.

(nach Auszügen aus: Ruedi von Passavant: «Das Janusgesicht einer Liegenschaft», Spale­
Zytig, November 2012, S. 7 f.)

HOFKONZERTE 68 HOFKONZERTE 69
KONZERT  /   B ASLER MÜNSTER Für die zweite Ausgabe des Schweizer Grand vorgeschlagenen Musikschaffenden die 15

SCHWEIZER
Prix Musik darf die Jury fünfzehn Nominie- Finalisten aus und erkürt in der Folge den
rungen von Musikern und Musikerinnen Gewinner oder die Gewinnerin. Der/die
präsentieren, die einmal mehr die Vielfalt GewinnerIn wird den Schweizer Grand Prix
der künstlerischen Musiklandschaft Schweiz Musik erhalten, der mit CHF 100’000 dotiert

MUSIKPREIS
unterstreichen. Aus den rund fünfzig Vor- ist. Dieser hohe Betrag soll Musikschaffen-
schlägen der unabhängig arbeitenden Exper- den einen finanziellen Freiraum bieten. Die
tInnenrunde wählte die siebenköpfige Jury Nominierten erhalten ebenfalls einen Betrag
mit grosser Freude Persönlichkeiten aus, die von CHF 25’000.

2015
für die Entfaltung eines stilistisch offenen
Schweizer Klangs ihr Spiel, ihre Konzepte, Bei der Preisverleihungszeremonie über-
Kompositionen, Installationen und Impro- reicht Bundesrat Alain Berset den Schweizer
visationen mit Leib und Seele einbringen. Grand Prix Musik 2015 an eine der 15 nomi-
Darunter finden sich MusikerInnen aus den nierten Persönlichkeiten des Schweizer Mu-
Bereichen Jazz, Klassik, Volksmusik, Expe- siklebens: Philippe Albèra, Nik Baertsch,

PREISVERLEIHUNG DURCH
rimental, Elektronik und – sehr schweize- Malcolm Braff, Markus Flückiger, Joy Frem-
risch – aus umso spannenderen Mischfel- pong, Marcel Gschwend, Heinz Holliger,

BUNDESRAT ALAIN BERSET


dern, die von den Rändern her in die Daniel Humair, Joke Lanz, Christian Pahud,
helvetische Musikszene einwirken. Zum ers- Annette Schmucki, Bruno Spoerri, Cathy Van
ten Mal setzte die Jury zudem einen Akzent Eck, Nadir Vassena, Christian Zehnder.
auf Nachwuchsförderung und Vermittlung,
da mehrere der Nominierten sich aktiv, auf Die Jury 2015 setzt sich zusammen aus
der Bühne oder in der Ausbildung, für junge Graziella Contratto (Präsidentin), Annelis
Talente engagieren. Berger, Thomas Burkhalter, Zeno Gabaglio,
11. SEPTEMBER 2015 Michael Kinzer, Florian Walser, Carine Zuber.
19:30 Uhr | Eintritt frei, begrenzte Platzkapazität Graziella Contratto
Präsidentin der Jury Informationen zur Komposition 2015-M von
Anmeldung obligatorisch | Details unter www.schweizermusikpreis.ch James Clarke, die bei diesem Anlass auszugweise
und www.prixsuissedemusique.ch/de/preisverleihung aufgeführt wird, siehe S. 31–32
Live-Übertragung: www.srf.ch/kultur WAHLPROZEDERE
Raumporträt Münster siehe S. 33

Rund 300 SchülerInnen von Gymnasium Leonhard, Gymnasium Kirschgarten, Das BAK mandatierte ein zehnköpfiges Ex-
­Gymnasium Muttenz, Gymnasium Oberwil, Gymnasium am Münsterplatz pertenteam, um in allen Regionen der
Imogen Jans Leitung Schweiz Kandidaten aus allen Musikgenres
Trombone Unit Hannover zu finden und diese der Jury des Schweizer
Musikpreises zu unterbreiten. Die aus sieben
James Clarke (*1957): 2015-M. Raumkomposition für 8 Posaunen Mitgliedern bestehende Jury wählt aus den
und SchülerInnen (2015, Auszüge)

Veranstaltet vom Bundesamt für Kultur


im Rahmen des Festivals ZeitRäume Basel

SCHWEIZER MUSIKPREIS 2015 70 SCHWEIZER MUSIKPREIS 2015 71


KONZERT  /   R HENUS-UMSCHLAGHALLE STEVE REICH: gebildet hat, treten plötzlich zwei Bassgitar-
(EHEMALS NAVIS) ELECTRIC COUNTERPOINT ren hinzu, um dem Dreiertakt noch mehr

EUROPÄISCHER
Steve Reich Nachdruck zu verleihen. Dann setzt der
Gitarrist mit einer Reihe schrammelnder
Electric Counterpoint (1987) geht auf einen Akkorde ein, die zu einem Dreier-Gitar-
Auftrag des Next Wave Festival der Brooklyn ren-Kanon aufgeschichtet werden. Wenn sie

TAG DES
Academy of Music zurück. Ich schrieb es komplett sind, kehrt der Solist zu den
im Sommer 1987 für den Gitarristen Pat melodischen Patterns zurück, die aus dem
Metheny. Die Dauer beträgt etwa 15 Minu- kontrapunktischen Netz stammen, wobei
ten. Es ist das dritte Stück aus einer Reihe plötzlich die Bässe beginnen, Tonart und

DENKMALS
von Werken (zunächst Vermont Counterpoint Metrum vor- und rückwärts zu verändern:
von 1982 für den Flötisten Ransom Wilson, zwischen e-Moll und c-Moll sowie zwischen
gefolgt 1985 von New York Counterpoint für 3/2 und 12/8, so dass man zunächst drei
den Klarinettisten Richard Stolzman), in de- Gruppen von vier Noten und dann vier Grup-

2015
nen der Solist gegen ein von ihm selbst zu- pen von jeweils drei Noten hört. Diese rhyth-
vor aufgenommenes Band spielt. In Electric mischen und tonalen Wechsel werden immer
Counterpoint nimmt der Solist nicht weniger schneller, bis am Ende der Bass langsam aus-
als 10 Gitarren- und 2 elektrische Bassstim- geblendet wird und die Doppeldeutigkeit
men auf und spielt dann den elften Part live sich in einem 12/8-Takt in e-Moll auflöst.
zum Tonband. Ich möchte Pat Metheny [Der Interpret hat die Wahl, auf ein Tonband

«TRASH»
dafür danken, dass er mir zeigte, wie ich das von Pat Metheny zurückzugreifen oder selbst
Stück verbessern und für die Gitarre idio- eines zu produzieren. Yaron Deutsch hat sich

MUSIK-PERFORMANCE
matischer machen kann. für letztere Variante entschieden, Anm. JK]
(Übersetzung: Johannes Knapp)

IM RHEINHAFEN
Electric Counterpoint hat drei Sätze: schnell,
langsam, schnell, nacheinander gespielt, HUGUES DUFOURT:
ohne Pause. Nach einem einleitenden pul- LA CITÉ DES SAULES
sierenden Abschnitt, in dem die Harmonien Hugues Dufourt
des Satzes exponiert werden, verwendet der
erste Satz ein Thema, das aus der zentralafri- La Cité des Saules (die Stadt der Weiden) ist
kanischen Hornmusik stammt und auf das ein Gedicht über das Loslassen. Dieses Stück
12. SEPTEMBER 2015 ich durch den Musikethnologen Simha Arom thematisiert den Abschied, die wiederge-
15:00 Uhr | Eintritt frei aufmerksam wurde. Das Thema verdichtet fundene Unabhängigkeit, die Evokation von
sich zu einem achtstimmigen Kanon und Einsamkeit und die Abkehr vom gesell-
Yaron Deutsch E-Gitarre während die zwei verbleibenden Gitarren schaftlichen Leben. Ein Gedicht, das eine
und der Bass pulsierende Harmonien von schwebende Atmosphäre freisetzt, während
Pierluigi Billone (*1960): Sgorgo Y für E-Gitarre (2012) sich geben, spielt der Solist melodische wir teilnehmen am Undenkbaren. Dennoch
Hugues Dufourt (*1943): La Cité des Saules for electric guitar and electronics (1997) Patterns, die aus der kontrapunktischen ist dieses Werk kein Ausdruck von Welt-
Steve Reich (*1936): Electric Counterpoint for electric guitar and tape (1987) Verflechtung dieser acht eingespielten Gi- flucht. Keine Beschwörung der Götter oder
Fausto Romitelli (1963–2004): Trash TV Trance for electric guitar (2002) tarrenstimmen resultieren. des Schicksals. Es ist eine reine Spannung,
aufrechterhalten durch das Gefühl der Un-
Kooperation Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt, IGNM Basel Der zweite Satz steht im halben Tempo sowie gewissheit, des Alterns und des Verschleis-
in einer anderen Tonart und führt ein neues ses, das an das Sterbliche in der Unbestän-
Thema ein, das sich langsam zu einem Kanon digkeit der Dinge gemahnt. Entdeckung der
in neun Gitarrenstimmen aufbaut. Erneut Zeit: das Werk ist wie eine Genese angelegt
liefern zwei Gitarren und der Bass die und verlangt ein aufmerksames Bewusstsein
Harmonien, während der Solist melodische für das poetische Wagnis beim Hören. Es
Patterns spielt, die in ein dichtes kontra- bahnt sich einen unvorhersehbaren Weg
punktisches Netz eingelassen sind. zwischen verborgener Notwendigkeit und
rasanter Verkündung. Dieses Solowerk, für
Der letzte Satz kehrt zum Anfangstempo E-Gitarre geschrieben und auf digitalen
sowie zur Anfangstonart zurück und bringt Tonverarbeitungsprogrammen beruhend,
zugleich ein neues Pattern im Dreiertakt. ist ein langsamer Übergang ins Ausgefalle-
Nachdem sich ein vierstimmiger Kanon ne, wie eine einleuchtende und überra-

EUROPÄISCHER TAG DES DENKMALS 2015 72 EUROPÄISCHER TAG DES DENKMALS 2015 73
schende Entwicklung, in der das Diffuse und Die Notwendigkeit, die rechte Hand des RAUMPORTRÄT RHEINHAFEN
Ungreifbare in der Genauigkeit der Bezüge
festhalten wird.
Musikers immer auf dem Whammy Bar (der
Vibrato-Stange) zu halten, ist der Grund da- EIN ORT DES TEMPORÄREN,
(Übersetzung: Kristin von Randow)
für, dass alles andere mit der linken Hand
gemacht werden muss. Die linke Hand ‹ver- TRANSITORISCHEN
PIERLUIGI BILLONE: SGORGO Y
körpert› auch die rechte Hand (Funktion,
Rolle, mögliche Aktionen). UND PROVISORISCHEN
Pierluigi Billone Klaus Spechtenhauser
FAUSTO ROMITELLI:
Mokurai sagte: «Du kannst den Klang von TRASH TV TRANCE Der Rheinhafen Kleinhüningen – verglichen mit den grossen Fluss- oder Meerhäfen Euro-
zwei Händen hören, wenn sie zusammen- Johannes Knapp pas, mag er verschwindend klein wirken, für das kleine Binnenland Schweiz aber ist er etwas
klatschen. ganz Besonderes. Nördlich der Wiese liegt gleichsam eine andere Welt; sie ist Grenzort zu
Als eines der wichtigsten und spektakulärs- Deutschland aber auch über die bedeutende Wasserstrasse des Rheins die Verbindung der
Zeig mir jetzt den Klang einer einzelnen ten zeitgenössischen Werke für (E-)Gitarre Schweiz zu den Weltmeeren. Noch vor 100 Jahren befand sich hier ein beschauliches Bau-
klatschenden Hand…» belegt Trash TV Trance, wie sich die Popmu- ern- und Fischerdorf. 1908 wurde es eingemeindet und nach dem Ersten Weltkrieg Schritt
sik seit geraumer Zeit in der vermeintlich für Schritt von Hafenbecken, Silos, Lagerhallen, Industrieanlagen und Kohlebergen in die
Sgorgo Y wurde für die linke Hand von Yaron elitären ‹Kunstmusik› (‹musique savante›) Enge getrieben. Fast surreal muten heute die historischen Fotografien an, die die ersten
Deutsch geschrieben. niedergeschlägt. Silo- und Lagerhallen entlang des neuen Hafenbeckens I neben den kleinen Bauern- und
Fischerhäusern zeigen. Es waren stolze Vorboten der nahenden Zukunft und sogar nam-
Sgorgo kommt aus dem Italienischen, sgor- «Ich glaube, dass die Popmusik unsere hafte Architekten wie Hans Bernoulli wurden beigezogen, um eine ästhetisch ansprechen-
gare = ausgiessen (herausfliessen). Klangwahrnehmung verändert und neue de Form der Industriebauten zu garantieren. Schleppschiffe und Güterzüge gaben von nun
Plötzlich und überraschend fliesst etwas Formen der Kommunikation durchgesetzt an den Ton an, wo einst reiche Fischvorkommen und fruchtbares Schwemmland für den
heraus: eine Welle von Energie. hat», so Romitelli. Wer hinter diesem Bra- Lebensunterhalt sorgten.
Zuerst sieht diese klangliche Welle nur cha- vourstück allerdings einen Ausverkauf billi-
otisch und unfassbar aus, eine Art instabile ger Effekte oder gar ein opportunistisches Aber auch diese Welt der Schifffahrt und Industrie hat sich längst gewandelt; weltweit agie-
und ständig in Schwingung befindliche Tex- Erheischen der Gunst des breiten Publikums rende Globalplayer wickeln heute den Warentransport ab. Waren es einst zahlreiche Ha-
tur oder Artikulation. wittert, wird Lügen gestraft. Gemeinsam fenarbeiter und Schiffsleute, die das Hafengebiet prägten, sind es heute nur mehr wenige
Danach – dank eines langen, kreisförmigen mit dem belgischen Gitarristen Tom Pawels Menschen, die Maschinen bedienen oder mittels Krananlagen Container verschieben, in
Weges von hat Romitelli eine Partitur ausgearbeitet mit denen die halbe Welt transportiert wird. Nach wie vor zu faszinieren vermag aber der raue
einer Liste aufführungspraktischer Hinwei- Charme der Industriearchitektur und die faszinierende Welt der Schifffahrt. Vieles hat sich
-- Hören, se, die Takt für Takt vorgibt, welche Hand- hier verändert oder ist in Veränderung begriffen. Ein wesentlicher Teil der Hafenanlagen
-- Bauen/Abbauen, griffe in welchem Moment dieses minutiös ist zu einem Ort des Temporären, Transitorischen und Provisorischen geworden; Arealpla-
-- dem Fokussieren der Aufmerksamkeit geplanten musikalischen Spektakels anzu- nungen und Nutzungsvisionen wechseln sich ab, werden von Wirtschaftsstrategen begrüsst
auf ein einziges Detail, wenden sind. Als Requisiten kommen unter oder provozieren Widerstand. Was bleibt, sind mitunter Nischen, die ihre spezifischen at-
-- Unterbrechungen ohne Grund, anderem ein 2-Euro-Stück, ein Flaschen- mosphärischen Qualitäten bewahren konnten.
-- immer wieder beginnen, ohne hals, ein Cellobogen und ein Putzschwamm
erkennbaren Grund, zum Einsatz. Die Grenzen zwischen ‹Hoch-
kultur› und ‹Massenkommerz› werden nie-
(eigentlich gibt es keinen Ausgangspunkt dergerissen: Das Wichtigste sei, so Pauwels,
oder Endpunkt in einem Kreis…) – hat man dass das elaborierte Stück gemäss dem
den Eindruck, schon immer in einer vertrau- Wunsch des Komponisten letztendlich doch
ten Klangwelt zu sein und gewesen zu sein. «really traaashy» klinge.

Periodisch, ohne erkennbaren Grund, unter-


bricht der Musiker den Kontakt mit dem
Instrument: Das Grundgeräusch des elekt-
rifizierten Instruments brummt.

Das ist die Quelle, aus der das Ausgiessen


kommt.

Es geht um einen (möglichen) Versuch, eine


organische Verbindung mit einer nicht-
organischen Klangquelle zu schaffen.

EUROPÄISCHER TAG DES DENKMALS 2015 74 EUROPÄISCHER TAG DES DENKMALS 2015 75
KONZERT /  T REFFPUNKT: ZOO BASEL, HAUPTEINGANG ZWISCHEN URWALD UND ZEITRÄUME: Worin liegt der Unterschied

STADT LAND
ZIVILISATION zum Projekt hafenbecken I & II?
Der Komponist Daniel Ott bespielt gemein-
sam mit dem Regisseur Enrico Stolzenburg ENRICO STOLZENBURG: In hafenbecken I & II
verschiedene Grenzen: zwischen Stadt und haben wir das Publikum durch eine Art akus-

TRAM
Land, Tag und Nacht und auch Urwald und tische Galerie laufen lassen. Es gab einen
Zivilisation, wie Daniel Ott im Gespräch mit Parcours, den man abgelaufen ist und inner-
Anja Wernicke (ZeitRäume Basel) verrät. halb dessen fanden akustische Ereignisse
statt, wie ein Rundgang. Hier ist es aber kein
ZEITRÄUME: Fast vor 10 Jahren, Rundgang, sondern wie eine Prozession oder
im Sommer 2006, haben Sie ja bereits ein Spaziergang, die bzw. der dann endet.

LANDSCHAFTSKOMPOSITION
gemeinsam den Basler Rheinhafen Daher ist die Struktur eine andere.
bespielt. Geht es dieses Mal an einen

FÜR EINE GRENZE


ähnlich industriellen Ort? DANIEL OTT: Der Hauptunterschied ist, dass
es in hafenbecken I & II am Schluss ein Or-
DANIEL OTT: Nicht so direkt. Was das aktuelle chesterkonzert gab. Eine etwas konventio-
Projekt allerdings mit dem Projekt hafenbecken nellere Form. Ausserdem besteht bei Stadt
I & II verbindet, ist die Entscheidung für den Land Tram ein besonderer Reiz für uns darin,
Lichtwechsel. Damals war ja die Idee, den dass vieles nicht so eindeutig ist. Es geht um
Übergang vom Tag zur Nacht zu bespielen. uns die Ungewissheit: Kommt jetzt die Tram
12.  /   1 3. SEPTEMBER 2015 Dieses Mal ist es die Idee, von der Nacht über nur aus den Lautsprechern oder ist sie wirk-
Einlass jeweils 05:00 – 05:15 Uhr | Ende gegen 07:00 Uhr das Zwielicht bis zum Sonnenaufgang zu lich da? Brüllen jetzt die Seelöwen wirklich so
anschliessend Frühstück im Grünen spielen. Die Region, die wir uns dafür aus- laut oder behaupten wir einfach, dass sie so
35 CHF inklusive Frühstück | (ermässigt 30 CHF) gesucht haben, ist keine Industrie-Region, laut brüllen? Es geht um das Spiel mit der Fra-
sondern eine Grenzregion. Die Grenze zwi- ge: Was ist wirklich und was ist unwirklich?
Hinweis schen Basel-Land und Basel-Stadt. Wir treffen Was findet in der Fantasie statt? Wo ergänzt
Festes Schuhwerk und der Witterung angemessene Kleidung sind angeraten, uns am Zoo, also spielt auch die Grenze zwi- die akustische Fantasie das, was sie gerne
die Aufführung findet grossteils unter freiem Himmel statt und das Publikum ist schen Zivilisation und ‹Urwald› eine Rolle. gehört hätte?
zu Fuss unterwegs.
ENRICO STOLZENBURG: Wir knüpfen mit der ZEITRÄUME: Und wie läuft das genau ab?
contrapunkt chor Arbeit auch an zwei andere Arbeiten an, die
Studierende der Musikhochschulen FHNW Hochschule für Musik Basel: wir bei den Wittener Tagen für neue Kam- DANIEL OTT: Der Titel Stadt Land Tram be-
Roberto Maqueda, Lucia Carro Veiga, Christian Smith, Christian Rombach, mermusik durchgeführt haben. Das Konzept schreibt bereits die drei Teile des Stücks. Es
Bertrand Goutry, Oded Geizhals, Carlota Caceres Bermejo, Dean Georgeton Schlagzeug haben wir gemeinsam entwickelt und nen- gibt einen ersten Teil in der ‹Stadt›. Das ist
Mariella Bachmann, Andrey Chernov, Mikhail Maga Bassklarinette |ǀ Remo Schnyder, nen es «akustische Postkarte». Dabei ver- ein reiner Klangspaziergang. Dann gibt es
Romain Chaumont, Viktor Gál, Alejandro Olivan Lopez, Luis Homedes López, doppeln wir akustisch eine Landschaft, die einen zweiten Teil, da sind wir in Basel-
Pablo Gonzalez Saxophon |ǀ Lukasz Gothszalk, Jens Bracher, Bodo Maier Trompete an sich schon klingt. Das machen wir mit ‹Land›. Das ist eher eine Klanginstallation,
Jon Roskilly, Felix Del Tredici, Damián Stepaniuk, Antonio Jiménez Marin Posaune Live-Musik und mit aufgenommenen Klän- innerhalb der man sich bewegen kann. Und
Eleni Ralli, Adrian Nagel Assistenz gen, die über Lautsprecher wiedergegeben dann kommt der dritte Teil, das ist ‹Tram›,
werden. Wir arbeiten da mit einem Gefühl da schauen wir auf eine ‹Postkarte›, auf der
Daniel Ott Konzept und Komposition von Zoom und holen klangliche Ereignisse, die Trams eine besondere Rolle spielen. Und
Thomas Peter Konzept und Elektronik die eigentlich weiter weg sind vom Publi- dieser dritte Teil ist eben diese klingende
Enrico Stolzenburg Konzept und Regie kum – wie zum Beispiel innerhalb einer Postkarte. Man könnte auch sagen, es gibt
Tram – akustisch nach vorn. Oder wir ver- drei Hauptakteure in diesem Stück, die Stadt,
Daniel Ott (*1960): Stadt Land Tram. Landschaftskomposition für eine Grenze doppeln die akustische Landschaft: da fährt das Land und das Tram.
(2014–2015, Uraufführung) eine Strassenbahn vorbei, die gar nicht da
ist, oder man hört ein Feuerwehrauto, sieht ZEITRÄUME: Was macht für euch den
Kompositionsauftrag an Daniel Ott durch den Fachausschuss Musik es aber nicht. Wir fügen einer postkartenar- Reiz des aktuellen Ortes aus und warum
tigen Aussicht Klänge hinzu. Wobei wir von wollt ihr ihn geheim halten?
Kooperation Kunstverein Binningen, Musikhochschulen FHNW Hochschule den Klängen ausgehen, welche an diesem Ort
für Musik Basel, Baselland Transport BLT AG, Basler Verkehrsbetriebe BVB üblicherweise schon vorhanden sind, die ENRICO STOLZENBURG: Wir überlegen uns sehr
Mit freundlicher Unterstützung von Gemeinde Binningen, Jubiläumsstiftung man aber sonst nicht in dieser Verdichtung genau eine Dramaturgie für den Weg. Auch
der Basellandschaftlichen Kantonalbank, Basler Stiftung Bau & Kultur oder um diese Uhrzeit hört, wie es bei Stadt wenn man die Musikerinnen und Musiker
Land Tram der Fall sein wird. wenig sehen wird, ist es doch eine inszenier-

STADT LAND TRAM 76 STADT LAND TRAM 77


te Performance, für die wir uns einen zeitli- ZEITRÄUME: Ihr arbeitet derzeit auch ENRICO STOLZENBURG: Auch wenn man den ENRICO STOLZENBURG: Wir organisieren da für
chen Ablauf festlegen. Wo startet das Pub- an einem gemeinsamen Projekt für das Weg und die Region kennt, wird die Wahr- das Publikum ein besonderes Klangerlebnis,
likum, wie wird er dahin geführt? Da wäre es Kunstfest Weimar. Gibt es da in der nehmung zu dieser Uhrzeit und bei dieser das sich das Publikum selbst erlaufen kann,
schade, wenn das Publikum den Endpunkt Herangehensweise Parallelen zu Basel Geschwindigkeit anders sein. Daher ist Of- das es sich selbst zusammenstellt. Sie müs-
bereits kennen und vielleicht als erstes dort- oder geht ihr jeweils ganz unterschied- fenheit wichtig und die Bereitschaft, Dinge sen sich selber auf den Weg machen, man
hin gehen würde. Ein Zuschauer, der schon lich vor, wenn ihr so ein Musik- anders zu sehen, die möglicherweise schon muss selber zuhören, aber man wird belohnt
ans Ziel laufen würde, hätte die Spannung Theater-Projekt für einen speziellen hundertmal gesehen wurden. Viele, die die- und zwar damit, dass man einen Ort, den
des Weges verpasst. Wie Daniel schon gesagt Ort entwickelt? sen Weg und die Orte bereits kennen, werden man möglicherweise schon kennt, einmal
hat, geht es um die Ungewissheit: Wo läuft ihn bei Stadt Land Tram klanglich und akus- ganz anders erleben wird. Weil man eigent-
man hin? Wo landet man? Durch welche DANIEL OTT: Der erste Schritt ist in unserer tisch anders wahrnehmen. Daher ist die Of- lich im Alltag nicht so genau auf die Klänge
Klangerlebnisse läuft man durch? Wenn man Herangehensweise oft derselbe: Wie klingt fenheit im Herzen und im Kopf sehr wichtig; hört, die da vorkommen. Das kann dazu füh-
das verpasst und schon am Zielort eintrifft, der Ort von sich aus, ohne weiteres Material? und warme Schuhe natürlich auch. ren, dass man am nächsten Tag in der Tram
ist das so, als würde man die Geschenke Und aus diesem ersten exakten Hinhören auf sitzt und ganz anders fährt, dass man für ein
schon am Zweiten Advent öffnen und nicht den Ort entsteht alles Weitere, ab diesem ZEITRÄUME: Welche Rolle spielt paar Tage lang die Geräusche der Stadt an-
an Weihnachten. Punkt unterscheiden sich die Projekte dann Architektur? ders wahrnimmt. Davon bin ich überzeugt,
deutlich – zum Glück! In unserer Arbeit dass das passiert.
DANIEL OTT: Wir sehen es als klingenden Weg. Phantom Synchron in Weimar werden die DANIEL OTT: Stadtarchitektur und Stadträume
Als Stationen-Weg, nicht nur als einen Ort. Zuschauer zu Mitwirkenden. Entsprechend spielen eine wichtige Rolle. Die Topografie
Dieser Weg besteht aus vielen Orten. Für uns experimentieren wir da noch stärker mit dem in unserer Grenzregion ist künstlich. Sie
ist es Teil des Konzepts, dass man sich von Aufführungsformat. In Basel klingt die Land- sieht wie Natur aus, ist aber von Menschen
den Orten überraschen lässt. Ein möglicher- schaft erst einmal so wie sie klingt. Wir fügen umgemodelt worden, eine Art Stadtarchi-
weise vertrauter Ort wirkt in der Dunkelheit nur manchmal etwas hinzu. Wir spielen mit tektur. Diese Stadtarchitektur bedingt ja
fremd. Nur der Ausgangspunkt ist klar: Sein und Schein. akustische Gegebenheiten, und wir wollen
der Haupteingang vom Zolli – Landschafts­ diese zum Klingen bringen in einem Dialog
komposition für eine Grenze ist ein kleiner ENRICO STOLZENBURG: Was alle Projekte ver- von Klang und Architektur.
Hinweis, in welche Himmelsrichtung es bindet, ob im Rheinhafen, Hitzacker oder
gehen könnte… Witten, ist, dass die Musik nach aussen geht, ZEITRÄUME: Warum lohnt es sich, so früh
raus aus dem Konzertsaal, an einen Ort, den für Stadt Land Tram aufzustehen?
ZEITRÄUME: Spielt denn der Zoo, wo die man eigentlich auch täglich selbst anhören
Aufführungen starten, eine Rolle? kann. Die These ist, dass der Ort bereits DANIEL OTT: Meines Wissens gibt es am Sams-
klingt, dass es lohnenswert ist, diesen Ort tag und am Sonntag um 5 Uhr keine Paral-
DANIEL OTT: Auf jeden Fall, der Zoo ist ja anzuhören und dass wir, also Daniel und ich, lelveranstaltung in Basel – man verpasst also
gerade nachts sehr gut hörbar. Und er spielt uns den Ort oft genug angehört haben, um nichts anderes (lacht).
mit dieser Grenze zwischen Urbanität und ihn dann akustisch zu verdichten oder Vor- Und dann finde ich den Sonnenaufgang an
Natur. Für mich hat der Zoo auch etwas mit schläge machen können, wie man ihn noch der Stelle, die wir uns ausgesucht haben,
Natur zu tun, auch wenn es die eingesperrte hören könnte. Die Theatralität und die ganz besonders schön. Tage, an denen man
Natur ist. Der Zoo gehört auf jeden Fall zur Musikalität des Alltags, die Zufälligkeit von sehr früh aufsteht, sind besondere Tage:
akustischen Umgebung, die während des Ereignissen werden dann zum Bestandteil Sie dauern extra lang und sind quasi ge-
ganzen Weges sehr gut hörbar sein wird. Es der Aufführung. schenkte Zeit.
gibt auch Krähenschwärme, die in dieser Nicht nur der Sonnenaufgang ist eine beson-
Umgebung nicht eingesperrt sind. Und dann ZEITRÄUME: Muss sich das Publikum dere Situation, sondern auch das Zwielicht,
gibt es noch eine Mischform: Hunde, die sind speziell auf die Aufführungen in Basel bei dem die Grenzen verschwimmen. Aus-
nicht wirklich eingesperrt, aber auch nicht vorbereiten? serdem gibt es viele tolle Mitwirkende und
wirklich frei. möglicherweise taucht die eine oder der an-
DANIEL OTT: Wir empfehlen, sich warm und dere auf, bei denen man sich fragt: Sind die
ENRICO STOLZENBURG: Der Ort, wo wir sind, witterungsgünstig anzuziehen, nicht ausge- jetzt zufällig da oder ist das Teil der Insze-
dient ja vielen Leuten zum Spazierengehen kühlt anzukommen, gute Schuhe und Zeit nierung? Am Schluss gibt es ein Frühstück –
mit ihren Hunden und zum Joggen. Deshalb mitzubringen, sich auf etwas einzulassen, die (offiziellen) Mitwirkenden stehen für
werden auch Hunde und Jogger eine Rolle auf Klänge einzulassen, die man zuerst ein- Fragen zur Verfügung. Morgens um sieben,
spielen. mal nicht sieht, – das ist ja das besondere an am Wochenende, muss kaum jemand sofort
der Uhrzeit – sondern die man nur hört. wieder weg und man hat Zeit, sich über das
Gehörte auszutauschen.

STADT LAND TRAM 78 STADT LAND TRAM 79


KONZERT /  N ATURHISTORISCHES MUSEUM, ALTE AULA JOSEPH HAYDN (ZUGESCHRIEBEN): deren Zeit- und Kulturräume einander auf I lost a World - the other day!

RAUM-
DIVERTIMENTO IN ES-DUR Distanz zu halten scheinen. Zwei Bereiche, Has Anybody found?
You’ll know it by the Row of Stars
HOB II:39 «DAS ECHO» deren Grenzen einander augenscheinlich
Around its forehead bound.
Bernhard Günther nicht berühren. Anders verhält es sich auf
klanglicher Ebene – das Akkordeon scheint in A Rich man – might not notice it –

QUARTETT
Dieter Schnebel ist unbestritten ein Pionier seiner polyphonen Natur die Möglichkeiten Yet – to my frugal Eye,
Of more Esteem than Ducats –
der Raummusik (schon in seinen Stücken für des Streichquartetts zu beinhalten oder eine
Oh find it – Sir – for me!
vier bis acht Streicher von 1955 sollen «die Synthese davon zu verkörpern. Das Quartett,
Spieler sich in erheblichen Abständen von- als ein Instrument mit 16 Saiten betrachtet, Emily Dickinson (1830–1886)
einander plazieren, so dass jeder gleichsam bietet sich andererseits als zersplitterte Tas-
für sich spielt – jeder in einem anderen Win- tatur an, versprengt im kammermusikali-

KAMMER-MUSIK
kel des Podiums»). Aber die Dekonstruktion schen Raum. Diese Besetzung birgt eine ei-
musikalischer Raumkonstellationen ist kei- gene Dramaturgie. Das Quintett geht daher

MIT STREICHQUARTETT
ne Erfindung des 20. Jahrhunderts. Bevor im den zahlreichen Widersprüchen dieser Be-
19. Jahrhundert die Konzertsaal-Verhältnis- setzung auf den Grund, spielt mit Austausch,

UND AKKORDEON
se zementiert wurden, waren Experimente Verwandlungen und Verwandtschaften von
an der Tagesordnung – auch Mozart genoss Texturen, Farben und Klängen. Aber auch mit
die klingende Flaniermeile der Ranelagh der instrumentalen Verschmelzung zweier
Gardens in London, wo Musiker zwischen Klangwelten, die einander nachlauschen,
Sträuchern in der Parklandschaft arrangiert angreifen, suchen, im Wege stehen und
waren. Haydns Arbeitgeber Fürst Esterházy manchmal miteinander veschmelzen. Das
13. SEPTEMBER 2015 soll sich Sinfonien für drei oder vier in ver- musikalische Drama entsteht hier aus aus
15:00 Uhr | 30 CHF (ermässigt 20 CHF) schiedenen Räumen aufzustellende Orches- Nähe und Ferne in Zeit, Klang und Raum.
ter gewünscht haben. Dass das um 1790
Quatuor Diotima unter Haydns Namen vielfach gedruckte Den Titel hat das Stück gemeinsam mit ei-
YunPeng Zhao, Constance Ronzatti Violine Echo-Divertimento für sechs Streicher in zwei nem Gedicht von Emily Dickinson, deren
Franck Chevalier Viola Räumen wirklich von Haydn stammt, ist für Werk ganz im Zeichen des Identitätsverlus-
Pierre Morlet Violoncello die heutige Forschung fraglich. Dass Haydn tes und der Wendung nach innen steht. Der
Experimente, Überraschungen und Witz in Schatten dieses kurzen Gedichts (durch die
Pascal Contet Akkordeon der Musik liebte, steht fest. Streichinstrumente mit dem Bogen ge-
Etienne Abelin Violine, Rafael Rosenfeld Violoncello (Haydn) schrieben und wiedergegeben) beherrscht
FRANCK BEDROSSIAN: dieses in Fragmente zerfallene Universum
Joseph Haydn (zugeschrieben) (1732–1809): Divertimento in Es-Dur Hob II:39 «Das Echo» I LOST A WORLD THE OTHER DAY und übt eine geheime Wirkung darauf aus.
für zwei Streichtrios in zwei unterschiedlichen Räumen (Auszug) | 6’ Franck Bedrossian (Übersetzung: Bernhard Günther)

Arturo Corrales (*1973): mono espacial pour quatour à cordes 2015, Uraufführung) | 10’ In der Welt der Kammermusik stellt sich die PASCAL CONTET:
Frage nach dem Raum eher selten. Das hat L’APPROCHE DU LOINTAIN
Pascal Contet (*1963): L’approche du lointain für Akkordeon solo vermutlich damit zu tun, dass dieses einzig- Pascal Contet
(2015, Uraufführung) | 10’ artige Feld traditionellerweise begrenzt, ja
reduziert zu sein scheint – zumindest im ge- Das Ferne ist zugleich das Präsente: das der
Franck Bedrossian (*1971): I lost a world the other day for string quartet and accordion wohnten Vergleich mit dem des Orchesters. unmittelbaren Wahrnehmung eines Tones,
(2015, Uraufführung des ersten Satzes) | 7’ einer Note, eines von fern kommenden Ein-
Aber diese Raumdimension ist in der Kam- drucks, einer verschütteten Erinnerung, die
– Pause – mermusik durchaus vorhanden. Es handelt plötzlich wieder hochkommt. Es ist auch das
sich jedoch um einen Raum der Innerlich- Gefühl einer Annäherung, die unmöglich ist,
Dieter Schnebel (*1930): Streichquartett im Raum (2005/2006) | 45’ keit, den der Zuhörer durch unaufdringliche einer Welt, die wir nicht kennen, die wir uns
Korrespondenzen erlebt, durch Dichte, Stär- vorstellen, ein Raum, eine Leere. Ich schicke
Kooperation ASM /STV ke, Tiefe. Ein unspektakulärer Raum, der sich mich in der Komposition L’approche lointain
Kompositionsauftrag an Arturo Corrales durch ASM/STV rätselhaft gibt – es ist die Instrumentation (die ferne Annäherung) also an, eine unmittel-
Kompositionsauftrag an Franck Bedrossian durch ZeitRäume Basel selbst, die es erlaubt, den Geheimnissen auf bare Annäherung von Tönen in Einklang zu
Kompositionsauftrag an Pascal Contet durch Sacem / Association AIE besondere Weise auf den Grund zu gehen. So bringen mit einem unbekannten, fernen Raum.
La SPEDIDAM est une société de perception et de distribution qui gère les droits gesehen fordert mich die Besetzung von (Übersetzung: Kristin von Randow)
des artistes – interprètes en matière d’enregistrement, de diffusion et de réutilisation Streichquartett und Akkordeon heraus, denn
des prestations enregistrées. sie vereint zwei instrumentale Charaktere,

RAUMQUARTETT 80 RAUMQUARTETT 81
ARTURO CORRALES: MONO ESPACIAL DIETER SCHNEBEL: RAUMPORTRÄT NATURHISTORISCHES MUSEUM
STREICHQUARTETT IM RAUM
Arturo Corrales
Helmut Rohm DER MUSEUMSBAU DES
Thema dieses Werkes sind Raum und Zeit. Als
Architekt nutzte ich bei anderen Werken die Mit seinem Streichquartett im Raum (2005/ BASLER STARARCHITEKTEN
räumliche Trennung der Instrumente im Kon-
zertsaal, doch für die neue Herausforderung
2006, Februar 2008 vom Quatuor Diotima ur-
aufgeführt) hat Dieter Schnebel versucht, ein IM 19. JAHRHUNDERT
erschien mir diese Lösung zu evident. «Streichquartett schlechthin» zu schaffen. Simon Baur
Der Raum ist daher in die Textur dieses Wer- Ähnlich wie bei seinen anderen quasi enzyk-
kes in zweierlei Form eingegangen: zum einen lopädisch angelegten Werken – der Sinfonia X Das Gebäude, von dem hier die Rede ist, wird offiziell «Museum an der Augustinergasse»
in der Idee des Schreitens von einem Zimmer etwa – ging es um die Integration aller tradi- genannt, obwohl sich im alltäglichen Sprachgebrauch die Bezeichnung «Naturhistorisches
in das nächste, wie bei der Verfolgungsszene tionellen und visionären Aspekte einer zent- Museum» durchgesetzt hat. Die Verwendung dieses offiziellen Namens ist insofern sinn-
am Ende von Edgar Allan Poes Erzählung The ralen musikalischen Gattung. Das sehr streng voll, da der Bau seit seiner Eröffnung 1849 eine vielfältige Nutzung erfahren hat und auch
Mask of the Red Death. In dieser Geschichte komponierte Werk basiert auf dem Grund- zukünftig erfahren wird.
wird durch die aufeinanderfolgenden ‹Wohn- material eines Tetrachords und den quasi
räume› eine zugleich einheitliche und raum- seriellen Anordnungsmöglichkeiten seiner Als erstes Basler Kunstmuseum vom Architekten und Bildhauer Melchior Berri (1801–1854)
verzerrende Perspektive geschaffen, wobei Textur aus Ganzton- und Halbtonschritten. erbaut, wurde es nach 1936, infolge des Umzugs der Öffentlichen Kunstsammlung in den
jeder dieser Räume durch Abteifenster und Die Satzcharaktere werden bestimmt von Neubau der Architekten Rudolf Christ und Paul Bonatz am Sankt-Alban-Graben, zum Na-
Vorhänge von eigener und schillernder Far- kontrastierenden und organisch auseinander turhistorischen Museum umfunktioniert. Heute beherbergt es zudem Teile des Museums
bigkeit ist. Eine einzigartige Musik, die aus hervorwachsenden Episoden. Ihre Strukturen der Kulturen. Der spätklassizistische Monumentalbau ist nicht nur aufgrund seiner Samm-
der russischen Folklore herkommt und auch und Details leben aus den Verflechtungen von lungen bedeutend – als Beispiel sei die Käfersammlung von Georg Frey genannt, die über
in Mussorgskys Boris Godunov angewandt Spannungsfeldern zwischen Polaritäten wie zwei Millionen Exponate umfasst –, sondern auch wegen seiner historischen Bauzeugnisse.
wird, ist so zu erkennen und wiederzuerken- Ton und Klang, das Eine und das Mannigfache, Unbestritten gehören die Fresken von Arnold Böcklin im Treppenhaus zu deren Höhepunk-
nen, verkleidet oder abgewandelt, immer aus Zentriertheit und Diffusion, Tradition und ten. Dass die drei monumentalen Wandgemälde mit den Themen «Magna Mater», «Flo-
einem neuen Blickwinkel, wobei sie stets die- Experiment, Harmonie und weisses Rauschen, ra» und «Apoll» in der heutigen Form umgesetzt werden konnten, ist vor allem Jacob
selbe Perspektive und die Erinnerung an die Bewegung und Stasis. Und alles findet seinen Burckhardt, damals Mitglied der Kunstkommission, zu verdanken. Bemerkenswert ist auch
anderen durchschrittenen Räume wahrt. Ort und sein Ausdrucksgewicht nach graduel- die Bildergalerie in der Aula, welche die Porträts von 125 Professoren der Universität zeigt
len Massgaben. Klänge wandern: kein Raum und dem Raum noch heute eine erhabene Stimmung verleiht. Nur aus grosser Distanz ist
Die zweite Form der Präsenz des Raums ist, ohne Zeit, kein Raum ohne Raum. Die Spieler an der Hauptfassade der von Johann Jakob Oechslin entworfene Fries mit allegorischen
dass jeder der von der Musik durchschritte- beschreiten Wege. Sie finden zusammen zu Darstellungen erkennbar. Er ersetzt eine von Melchior Berri entworfene Version, die Apoll
nen ‹Wohnräume› von unterschiedlichen, unterschiedlichen topografischen Ordnungen. von Musen umgeben im Mittelfeld zeigt. Im ausgeführten Fries thront dort «Basilea»,
raumabhängigen Tonphänomenen wie Echo, Mal musizieren sie sich zugewandt in der Nor- flankiert von Helvetia und einer Friedensgöttin auf der einen, sowie Rhenus, Hermes und
Nachhall oder Doppler-Effekt beherrscht malposition des Streichquartetts, mal wenden einer Friedensgöttin auf der anderen Seite. Hinter Rhenus ist reliefartig eine
wird. Das Streichquartett tritt zwar im tra- sie sich auf Drehstühlen voneinander ab. Lokomotive als Symbol des aufkommenden Verkehrs dargestellt.
ditionellen Gewand auf, spielt jedoch eine Sie agieren vereinzelt in den vier Richtungen
Musik, die lebt als wäre sie in einem virtuel- des Himmels, paarweise links und rechts an War Basel bis dahin eine Stadt des Sammelns und Bewahrens, so wurde sie durch ihre Öff-
len Raum. Das Quartett wird zu einer Mono- den Rändern des Podiums, oder zentral ste- nung auch zu einem Ort des Forschens. Belegt ist nicht, dass mit dem Bau zudem geplant
Quelle, die mit diesem imaginären Raum hend als Phalanx zum Publikum gewendet. war, die Häuserzeile Richtung Rhein abzubrechen. Denn nur so hätte sich, gemäss der oft
spielt. Einem Mono-Space. Von Haydns geistreicher Erfindung bis zu vorgebrachten Position, die Architektur des einzigen öffentlichen Baus des damaligen
Nonos sondierender Seelenpoetologie – was Basler Stararchitekten zum Rhein hin umfassend entfalten können.
Die mal geisterhafte, mal evidente Präsenz Streichquartett war und ist, klingt an in Allu-
folkloristischer oder populärer Schattierun- sionen, Reminiszenzen, Gesten. Aus den Mög- Wenn ab 2022/23 das Naturhistorische Museum zusammen mit dem Staatsarchiv einen
gen (Rock/Metal), sei es im Rhythmus oder lichkeiten des Tetrachords, das wie ein unend- Neubau an der Entenweidstrasse beziehen wird, wird voraussichtlich das Antikenmuseum
im Charakter, in der harmonischen Färbung lich wandelbares Sigel die Musik durchzieht, in den Berri-Bau an der Augustinergasse ziehen. Trotz einer weiteren Umnutzung werden
oder im plötzlichen Erscheinen von Berei- verfestigen sich auch klare Zitate: Im ersten die genannten Kostbarkeiten dem Kunstliebhaber aber auch in Zukunft erhalten blieben.
chen melodischer Klarheit, stellt einen Aus- Satz etwa kann man den Beginn von Stra-
gangspunkt für die Ästhetik des Werkes dar. winskys Orpheus-Ballett erkennen, oder, im
Schlussteil des Adagios, den Anfang von
Space Monkeys ist der Name einer Gruppe Bruckners Fünfter – Klänge, Motive, Bewe-
von Anarchisten in David Fincers Film Fight gungen. Zeitgebundene Pfade im Raum.
Club. Auf dass Folklore und populäre Musik Rückbindungen: das Essentielle der Kunst
ein kreatives Chaos in unserer Gegenwarts- Dieter Schnebels.
musik anrichten!
(Übersetzung: Kristin von Randow)

RAUMQUARTETT 82 RAUMQUARTETT 83
KONZERT  /   S TADTCASINO BASEL, MUSIKSAAL ZWISCHEN UTOPIE UND Gegebenheiten nicht zuwiderzulaufen. Die

EXTRAKONZERT
PRAGMATISMUS antiphonale Werkform wiederum habe im
Johannes Knapp Sinne ihrer Wahrnehmbarkeit eine räumliche
Trennung der Klangquellen erfordert.
Im Nachdenken über Musik und Architektur

PIERRE BOULEZ
stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Auch Rituel, das Boulez 1974 in Andenken an
Henne und dem Ei. Was war zuerst da? Die seinen langjährigen Musikerkollegen, den
Musik oder der Raum, in dem sie zu Gehör Venezianer Bruno Maderna († 13.11.1973)
gebracht wird? Komponiert man Musik für komponierte, bedarf aufgrund seiner anti-
spezielle Räume oder entwirft man Räume phonischen Gliederung, die entfernt an die
nach der Musik? venezianische Mehrchörigkeit erinnert,

FESTIVALABSCHLUSS MIT DEM


einer Aufstellung in klar voneinander ge-
Die Antworten fallen unterschiedlich aus, je trennten Gruppen (siehe die Werknotiz zu

SINFONIEORCHESTER BASEL
nachdem, um welche Musik beziehungswei- Rituel auf S. 87). Annäherungsweise ist sie
se ‹Epoche› es sich handelt. Bis weit ins 19. auch im Basler Stadtcasino realisierbar, doch
Jahrhundert hinein wurde Musik oft zu be- wirklich dafür geschaffen sind nur wenige
stimmten Anlässen und damit in bestimm- Säle dieser Welt, etwa der modulierbare Kon-
ten Räumen dargeboten: in den Salons des zertsaal der Cité de la musique im Pariser
Adels und der Bourgeoisie, in prunkvollen Parc de la Villette.
Ballsälen und auch in Kirchen. Die Musik
13. SEPTEMBER 2015 hatte sich den räumlichen Gegebenheiten Eine grosse Utopie der musikalischen Moder-
19:00 Uhr | 90 / 75 / 60 / 45 / 30 CHF (ermässigt 45 / 37,50 / 30 / 22,50 / 15) anzupassen, insbesondere den akustischen. ne ist vor zwanzig Jahren mit der Einweihung
Ermässigung gilt auch bei Vorlage des ZeitRäume Festivalpasses Man denke beispielsweise an den Markus- dieses Saales, den der Architekt Christian de
Vorverkauf über www.sinfonieorchesterbasel.ch und durch Bider & Tanner dom in Venedig mit seinen vielen Emporen Portzamparc in ständigem Austausch mit
und schmalen Katzenstegen, auf denen ab dem Komponisten und Dirigenten entworfen
17:00 Uhr Entdeckerkonzert « 90 Jahre Pierre Boulez » siehe S. 106 etwa 1540 in getrennten Aufstellungen mu- hat, Wirklichkeit geworden. Die Antwort auf
siziert wurde, zu einer Zeit, als die Dogenre- die Henne-Ei-Frage fällt hier anders aus: Die
Sinfonieorchester Basel publik im Zuge der Gegenreformation nach Musik war zuerst da, dann der ihr ‹ergebene›
Dennis Russell Davies Leitung Macht und Prestige strebte. Die bis dahin Raum. Boulez hatte Portzamparc bereits in
Kim Kashkashian Viola übliche Vierstimmigkeit, schrieb der vene- der frühen Planungsphase Mitte der 1980er
zianische Domkapellmeister Zarlino 1558, Jahre eine Liste mit zeitgenössischen Werken
Pierre Boulez (*1925): Rituel in memoriam Maderna habe nicht mehr ausgereicht, um grosse gegeben, denen der Saal ohne viel Aufwand
für Orchester in acht Gruppen (1974/1975) | 25’ Räume mit einem gebührend grossen Klang flexibel anzupassen sein müsse. Das Ergeb-
zu füllen, und mit stärkeren Besetzungen nis: ein ovalförmiges Auditorium mit zahl-
Luciano Berio (1925–2003): allein wäre noch kein abwechslungsreiches reichen Podien, die dank ausgeklügelter
Voci (Folk Songs II) für Viola und zwei Instrumentalgruppen (1984) | 30’ Klangbild zu erzielen. So musizierte man Luftdrucktechnik ohne grossen logistischen
fortan wechselchörig (antiphonal). Aufwand mannigfaltig konfiguriert werden
– Umbaupause | ca. 60’ – können, eingebettet in ein formenfrohes
Luigi Nono, der wenige hundert Meter süd- architektonisches Gesamtkunstwerk.
Edu Haubensak (*1954): Other Tones für Orchester in fünf Gruppen westlich des Markusdoms auf der Giudecca-­
(2014/2015, Œuvre Suisse #15, Uraufführung) | 15’ Insel lebte, verglich die Musizierpraxis seiner Jenseits der ‹Musikstadt› im 19. Arrondis-
venezianischen Ahnen 1960 zynisch mit ei- sement von Paris erklingen Raummusiken
Pierre Boulez: Notations I–IV und VII für grosses Orchester (1980–1998) | 20’ nem «Ping-Pong-Spiel», bei dem die Musik meistens unter provisorischen Umständen.
I. Modéré – Fantasque von rechts nach links und von links nach (Es sei denn, man errichtet aufwendige tem-
VII. Hiératique – Lent rechts wechsle und sich alles im Effekt auf- poräre Räume wie Stockhausens berühmtes
IV. Rythmique löse. Pierre Boulez teilt die Kritik an einer Kugelauditorium im deutschen Pavillon der
III. Très modéré Kompositionsweise, die allein architektoni- Weltausstellung 1970 in Osaka). Bei der Ur-
II. Très vif. Strident schen Gegebenheiten unterworfen ist. Er aufführung von Répons, Boulez’ «Wechsel-
selbst strebt Musik an, deren Idee in der in- gesang» zwischen herkömmlichem und in
Veranstaltet vom Sinfonieorchester Basel nermusikalischen Struktur ihren Anfang Echtzeit verfremdetem Instrumentalklang,
in Kooperation mit der Paul Sacher Stiftung nimmt, nicht im Raum (siehe das Zitat auf der säumten in Donaueschingen 1981 zwei Bas-
folgenden Seite). Die alten Venezianer, mein- ketballkörbe die Szenerie. 1988 gab man das
te Boulez einmal, hätten sich der Antiphonie gleiche Werk in einem Steinbruch südlich
bedienen müssen, um den architektonischen von Avignon. Für die Uraufführung von

EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 84 EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 85


Stockhausens Gruppen im Jahre 1958 mussten «Manchmal bleibt die Verwirklichung der Uto­ PIERRE BOULEZ: meinte, «klangdirigiert» werden. Die zu- Fortwährender Wechsel:
die Dirigenten Boulez, Maderna (!) und pie schwierig; ich habe versucht, eine Oper zu RITUEL IN MEMORIAM MADERNA fälligen Überkreuzungen der gleichmässigen
Wie Gesang und Gegengesang für
Stockhausen mit einer Kölner Messehalle schreiben, aber ich lehne eine Inszenierung in Johannes Knapp Schläge haben ihren besonderen Reiz, keine eine
vorliebnehmen, und Boulez’ nach der Urauf- den dafür existierenden Räumen ab. Ich denke Aufführung gleicht der anderen. In den un- Imaginäre Zeremonie.
führung wieder zurückgezogenes Konzept- an eine Inszenierung mitten im Saal, wie man­ Die traditionelle Orchesteraufstellung mit geradzahligen, konventionell dirigierten Ab-
Zeremonie des Gedenkens, daher die
stück Poésie pour pouvoir erklang erstmals in che Produktionen von Peter Stein an der Berliner ihrer gewöhnlichen, dem Klangvolumen der schnitten (homophoner «Gesang», siehe Ständige Rückkehr zu denselben
einer Mehrzweckhalle, in der man zwar Po- Schaubühne oder von Patrice Chéreau in Nan­ jeweiligen Instrumentenfamilien entspre- Epigramm rechts) hingegen wächst die An- Formeln, jedoch mit abgewandelten
dien und Bestuhlung beliebig aufbauen terre, so wie ich es auch für das Instrumen­ chenden Staffelung in Streicher, Holzbläser, zahl der Klangblöcke und der fortlaufenden Zügen
Und in neuer Sicht.
konnte, die ansonsten aber für alle mögli- talstück Répons vorgesehen habe. Aber die Blechbläser und Schlagwerk hat Boulez in Gong- und Tamtamschläge konstant. Die-
chen Zwecke genutzt wurde, einschliesslich akustischen Bedingungen sind eine Herausfor­ Rituel zugunsten einer flexibleren Dispositi- sem Prinzip folgend, beruht Rituel auf einem Zeremonie des Auslöschens, Ritual
Tierversteigerungen. Vor diesem Hinter- derung. Ich habe lange mit Jean-Louis Barrault on verworfen: antiphonalen Wechsel von statisch-kon- Des Vergehens und des Fort-
bestehens:
grund verwundert es nicht, dass Boulez als zusammengearbeitet und sehr viel Wert auf die templativen Abschnitten mit improvisiert
So prägen sich die Bilder dem
kühner Visionär wie knallharter Pragmatiker ‹theatrale› Dimension gelegt: auf die Musik und Eine Oboe, wirkenden (‹organisiertes Chaos›). Der fi- Musikalischen Gedächtnis ein –
dringenden Handlungsbedarf sah und im Pa- das theatralische Phänomen, die gleichwertig zwei Klarinetten, nale fünfzehnte Abschnitt setzt kurz nach Gegenwärtig/Vergangen, immer
im Zweifel.
ris zu Zeiten von François Mitterrand und sein müssen. Derzeit gibt es keinen Saal, in dem drei Flöten, der zeitlichen Mitte des Werkes ein. Nach-
Jack Lang für einen angemessenen Saal dies möglich wäre. […] Bei den Konzertsälen ist vier Geigen, einander verstummen alle Gruppen, ganz Das Epigramm hat Boulez
kämpfte. Utopie liegt weder an einem ande- es ähnlich: Répons kann nur in leeren Räumen ein Blechbläserquintett, zum Schluss die zentrale Gruppe VIII, mit der verfasst und der Partitur
vorangestellt. © 1975 by
ren Ort noch in ferner Zeit, sondern im Hier gespielt werden, die je nach den Notwendigkei­ ein Streichsextett, das Werk auch begonnen hat. Lange hallt der
Universal Edition (London) Ltd.,
und Jetzt… ten des Werkes ‹möbliert› werden. Nur der Saal ein Holzbläserseptett letzte Tamtamschlag im Raum nach – bis zu London/UE 15941/
der Cité de la musique ist dafür geeignet, weil er sowie vierzehn Blechbläser seinem Verlöschen («jusqu’à l’extinction» UE 32505
«Ich verstehe die Architektur als Einladung an das Ergebnis gemeinsamer Überlegungen mit steht in der Partitur).
das Leben, das heisst an die Bewegung. Nicht die dem Architekten Christian de Portzamparc ist, bilden acht im Raum verteilte Gruppen. Die
Architektur ist in Bewegung und auch nicht un­ ausgehend von bestimmten Werken unserer Zeit, klangmächtigste, im unmittelbaren Blick- Prägend für diese eindringliche Musik sind
bedingt aus dem Gleichgewicht, aber der Mensch wie denen von Stockhausen beispielsweise. Es winkel des Dirigenten auf der Bühne die vielen aussereuropäischen Perkussions-
bewegt sich. Ich sehe sie nicht als fixes Standbild, geht im Prinzip darum, die Instrumente im platzierte Gruppe VIII eröffnet das Klangge- instrumente, die von neun Schlagzeugern
sondern abhängig von ihren Verläufen. […] Es ist Raum anzuordnen, damit diese Anordnung die schehen mit einem dunkel schimmernden gespielt werden, allen voran die sieben
keine Architektur als ‹erstarrte Musik›, von der Textur verdeutlicht. Das Ziel ist nicht, dass wir Klangkomplex. Dessen sieben Töne kehren Buckelgongs und sieben Tamtams in Gruppe
Goethe sprach, es ist Architektur als Kunst der den Kopf wie bei einem Tennis-Match hin und im nächsten Abschnitt in einer klagenden VIII, deren Schläge in den homophonen
Bewegung.» her wenden müssen.» Oboenmelodie wieder und prägen darüber Abschnitten eine einrahmende Funktion
Christian de Portzamparc Pierre Boulez hinaus das gesamte Werk. Unterlegt wird die haben, ähnlich, wie das in javanischer Ga-
Stimme der Oboe, jenes Instrument, für das melanmusik der Fall ist. Neben der Funktion
Laetitia Chassain-Dolliou: Le Conservatoire de Paris Boulez/Loyrette/Lista (Hrsg.): Pierre Boulez. der Widmungsträger Maderna eine ausge- des ‹Klangdirigats› sorgt das Schlagzeug für
ou les voies de la création, Paris 1995, S. 90 f. Œuvre: fragment, Paris 2008, S. 27 f.
(Übersetzung: Johannes Knapp) (Übersetzung: Johannes Knapp)
sprochene Vorliebe hatte, von gleichmässi- eine klangliche Ausgewogenheit zwischen
gen Tablaschlägen. Die 2er-Gruppe erhält den unterschiedlichen Kammermusikgrup-
vom Dirigenten lediglich ein Startzeichen, pen und evoziert zudem die Vorstellung eines
dann übernimmt der Schlagzeugpart die Rol- fernöstlichen Rituals.
le eines Taktgebers. Es folgt ein dritter Ab-
schnitt, der dem ersten ähnelt, mit dem ent- Gruppe I: Tabla, japanische Glocke, japani-
scheidenden Unterschied jedoch, dass sich scher Holzblock (Mokubio), zwei kleine Ma-
die 2er-Gruppe an Gruppe VIII hinten an- racas (mit Kernen gefülltes, südamerikani-
hängt. Im vierten Abschnitt, der wiederum sches Kürbisinstrument), kleines Guiro
dem zweiten gleicht, gesellen sich zur Oboe (kratzender Klang), Schellentambourin und
Der Ostflügel der Cité de la musique in Paris,

Portzamparc gebaut und nach der Eröffnung

alsbald Flöten und Klarinetten hinzu. Mit Nietenbecken.


der benachbarten Philharmonie de Paris
1984–1995 nach Plänen von Christian de

wachsender Gruppenanzahl überlagern sich


in den geradzahligen Abschnitten (hete­ Gruppe II: Holzblock, Almglocke, hellklin-
2015 in Philharmonie 2 umbenannt

rophoner «Gegengesang», siehe Epigramm gende Trommel, türkisches Becken, Guiros,


rechts) immer mehr Klangbänder, die, kleines Schüttelrohr.
rhythmisch voneinander unabhängig, auch
noch hinsichtlich ihrer jeweiligen Dauer zu- Gruppe III: Bongos, Claves (Klanghölzer),
nehmen. Im vierzehnten Abschnitt sind Schüttelrohr, chinesisches Becken, türki-
schliesslich alle acht Gruppen beteiligt. Ori- sches Becken, Nietenbecken, Triangel.
entierung in der zunehmenden Komplexität
bietet nur noch das Schlagzeug, von dem die Gruppe IV: Handtrommel, Almglocke, Ma-
unabhängigen Gruppen, wie Boulez einmal racas, Schüttelrohre, Kastagnetten.

EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 86 EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 87


im Uhrzeigersinn: Studie Skordaturen; Tonraumverflechtungen;
Gruppe V: Tempelblock, kleiner Buckelgong, in einem anderen Sinne: Wenn man etwas
kleine Trommel, Almglocken, Triangel, klei- transkribiere oder übersetze, meinte Berio,

Edu Haubensak: Drei Skizzen zu Other Tones. Von oben links


ne japanische Glocke. gebe es «drei Möglichkeiten: dass der Trans­
kriptor sich emotional mit dem Original identi­
Gruppe VI: Tomtom, Schlitztrommel, Tem- fiziert, dass das Original als Vorwand für das
pelblock, Holzblock, Kastagnetten, Claves, Experimentieren genommen wird, und schliess­
japanischer Holzblock. lich, dass das Original überwältigt und philo­
logisch ‹missbraucht› wird.»

Mischungen im Raum (rudimentär)


Gruppe VII: Conga, kleine Trommel, kleine
hellklingende Trommel, Tomtom, Hand­ Die Originale von Voci, fünfzehn sizilianische
trommel, Bonga, Tabla. Volkslieder, entnahm der Komponist einer
monumentalen Folkloresammlung des sizi-
Der eigentümlichen Werkgestalt liegen Bou- lianischen Musikethnologen Alberto Favara
lez’ langjährige Erfahrungen als Dirigent zu- (1863–1923). Beschaffen lassen hat sich Be-
grunde. Mitte der Siebzigerjahre, als er Ritu­ rio das Liedmaterial von Alberto Bennici, je-
el komponierte, meinte er, das Wort nem Bratschisten, der vor 31 Jahren, am
‹Dirigent› sei überholt. Mit dem «blossen 26. Oktober 1984, bei der Uraufführung einer
Gehorsam gegenüber einem Chef, der von früheren Version von Voci als Solist auf der
zentraler Position aus die Tätigkeit einer Anzahl Bühne des Stadtcasinos stand. Mit von der
von Musikern koordiniert», sei mancher Musik Partie waren damals das Basler Sinfonie-Or-
nicht beizukommen. Er plädierte für eine chester und Luciano Berio am Dirigenten-
«beweglichere, wirksamere, feinfühligere Art» pult. (Die heute geläufige Version wurde 1985
in der Wechselwirkung zwischen Individuum in Manchester vom BBC Symphony Orche-
und Kollektiv, für eine neuartige gestische stra uraufgeführt, ebenfalls unter der Lei-
Biegsamkeit, sowohl in zeitlicher als auch in tung des Komponisten.) Der Untertitel Folk
räumlicher Hinsicht. Ein Dirigent sei idea- Songs II nimmt Bezug auf die Folk Songs für
lerweise ein «Koordinator» oder ein «Ope- Mezzosopran und sieben Instrumente, die Die traditionelle Orchesteraufstellung wird sino, das nun einmal mehr bis auf den letz-
rateur». (Letzterer Begriff geht auf Mallarmé Berio 1964 für seine Ehefrau Cathy Berberi- auch hier verworfen. Anstatt jedoch den ten Winkel ausgereizt wird. Auf der Bühne
zurück). Neben dem Komponieren ebenfalls an († 1983) geschrieben hatte. ganzen Saal zu nutzen, beschränkt sich Berio finden, möglichst weit voneinander entfernt,
als Dirigent tätig gewesen, dürfte Boulez’ auf eine Neuordnung innerhalb des Bühnen- 6 Hörner (Gruppe I), zwei Streichergruppen
Mitstreiter und Freund Bruno Maderna die- Die Auswahl der fünfzehn Wiegen-, Arbeits- raums: im Vordergrund, nahe des Dirigen- (Gruppe II und III), sowie drei Schlagzeuger
se Ansicht geteilt haben. Gleich mehrere sei- und Liebeslieder nimmt Berio insofern als ten, die kompakte Gruppe A, im Hintergrund Platz, während zwei Bläsergruppen (IV und
ner Werke tragen den Titel Dimensioni, an- «Vorwand für das Experimentieren», als er die einen Halbkreis bildende Gruppe B und V) auf den Balkonen platziert sind. Ausser-
dere Partituren, etwa Quadrivium oder auch sie ihrem ursprünglichen Kontext entreisst in der Mittelachse zwischen beiden Gruppen dem wandern zwei Ferntrompeten die Peri-
sein frühes Klavierkonzert, schreiben eine und als Rohmaterial seiner eigenen, rein in- Keyboard, Synthesizer und Celesta. Nicht zu pherie des Klanggeschehens ab, deren ge-
gruppenweise Aufteilung des Orchesters vor. strumentalen Tonsprache nutzt. Die kanta- vergessen das im Dreieck angeordnete dämpfte Klänge aus den Foyers in den
Derartige Raummusiken begünstigen einen blen Linien des Solobratsche bewegen sich in Schlagzeug. Der silbrige Klang der Schellen Konzertsaal herüberwehen. Sie orientieren
neuartigen Einbezug des Hörers. Jedes Indi- mikrotonalen Oszillationen um die Tonhöhen erweckt gleich zu Beginn die Vision eines sich, ebenso wie alle anderen Gruppen auch,
viduum im Publikum verfolgt das Werk aus des Rohmaterials, das sich bisweilen flüs- magischen Rituals… an synchronisierten Stoppuhren.
seinem eigenen ‹Hörwinkel›, der einen ternd verflüchtigt, um dann wieder als klar
Gruppe nah, der nächsten fern. erkennbares Lied aus dem Orchesterklang EDU HAUBENSAK: OTHER TONES Die konzeptionell angelegte Partitur besticht
hervorzutreten. (Die selbstironische Rede Johannes Knapp auf den ersten Blick durch ihre beispiellose
LUCIANO BERIO: VOCI Berios von «musikalischem Kannibalismus» Einfachheit – keine Fiorituren, keine kom-
Johannes Knapp trifft auf Voci nur teilweise zu, da die Folklo- Ein «zufälliges Meeting unterschiedlicher plexe Rhythmik. Als eigenständige Indivi-
re nicht ‹mit Haut und Haar› vereinnahmt Gruppen mit unterschiedlichen Grundstim- duen exponieren sich die Gruppen mit Ak-
Über mehrere Jahrhunderte hinweg hatten wird). Die Lieder durchziehen nacheinander mungen» nennt der Schweizer Komponist korden von bisweilen dunkel brütender,
Transkriptionen eine Funktion, die das einsätzige Werk. Ihre Ähnlichkeiten sor- Edu Haubensak sein neuestes Orchester- bisweilen leuchtender Sonorität. Die Abwe-
heutzutage in ähnlicher Weise Tonträger und gen für ein dichtes Netz an Querbezügen. Be- werk. Als es vor fast zwei Jahren gemeinsam senheit eines spürbaren Pulses erinnert ent-
Streamingdienste erfüllen: Musik immer und rio hoffte, mit Voci «unter anderem dazu bei­ durch den Schweizerischen Tonkünstlerver- fernt an die ruhigen Abschnitte von Boulez’
überall verfügbar machen, auch dort, wo die zutragen, ein tieferes Interesse für die sizilianische ein und das Sinfonieorchester Basel in Auf- Rituel. Und auch in Other Tones ist die Funk-
erforderliche Besetzung gerade nicht zur Folklore zu wecken, die neben der sardischen die trag gegeben wurde, war dieses Meeting für tion des Dirigenten keine gewöhnliche: Er
Verfügung steht (beziehungsweise die reichhaltigste, umfassendste und glühendste un­ einen öffentlichen Raum gedacht – zunächst markiert lediglich die synchronen Einsätze
Live-Wiedergabe nicht möglich ist). Auch serer mediterranen Kultur ist.» für den Theaterplatz, dann für das Rheinha- und Enden hervortretender Gruppen bezie-
Berios Voci sind Transkriptionen, allerdings fengelände und schliesslich für das Stadtca- hungsweise – räumlich gedacht – die Kon-

EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 88 EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 89


turen (stets unisono) der erratischen Klang- sammengefalteten Papier entsprechen jene Schönberg-Adepten Leibowitz mitunter hu- sich die Notations über seine gesamte Schaf- 1 So befindet sich in der Paul

blöcke unterschiedlicher Volumina. zwölf Klavierminiaturen zu je zwölf Takten, morvoll widersetzt. («Er verwirft die fenszeit.1 Wieso er seine Werke immer wie- Sacher Stiftung unter anderem
ein Exemplar einer Kammeror-
Ausserhalb dieser Blöcke überlappen sich die Boulez im Dezember 1945, gegen Ende Erbschaft und folgt einem Traum von der umarbeitet, steht als zentrale Frage über chesterfassung von 1946, die
Klangflächen, ihre Begrenzungen lösen sich seiner Studienzeit bei Olivier Messiaen und glasklarer Improvisation», schrieb Boulez seinem Gesamtwerk. Sie seien nie ‹fertig›, noch eine direkte Übertragung
in Raum und Zeit auf. Die Töne, so die Par- René Leibowitz, geschrieben hat und die den einmal über Debussy…). Bezeichnend an sagt Boulez, sie könnten im Grunde genom- des Klavierparts darstellt. Einige
Notations hat Boulez später
tituranweisung, «werden immer auf natür- Titel Douze Notations tragen. Den Entfaltun- Notation VII ist die Abwesenheit eines Pulses. men niemals ‹fertig› sein! Er zieht mit Vor-
gelegentlich wiederverwertet, sei
liche Weise zu Ende gespielt, auch wenn be- gen des Origamipapiers entsprechen die Man kann nie wissen, wie lange die Klänge liebe den Vergleich zu einer Spirale: Man es für eine Hörspielmusik (Le
reits ein neuer Takt, eine neue Zeitmarke grossdimensionierten Notations pour orche­ dauern. Daraus resultiert ein eigentümliches zeichnet sie, setzt den Stift ab, und sie ist Crépuscule de Yang Koueï-Fei von
1957), sei es als Zwischenspiele in
begonnen hat.» Das variierende Spiel auf stre. Zwischen diesen und der Klavierfass- Zeitgefühl, das in Boulez’ umfassender perfekt. Zeichnet man sie weiter, ist die Spi-
der Improvisation I sur Mallarmé
dynamischer Ebene erweckt reizvolle Illusi- sung liegen mehrere Jahrzehnte: Im Sommer Kenntnis fernöstlicher Musik gründet. In rale nicht weniger perfekt. Musikalisch ge- (1957/bearbeitet 1961). Für diese
onen von akustischer Nähe und Ferne. 1977, als Boulez in Bayreuth eine Wiederauf- Notation IV entwickeln sich Tonfiguren zu sprochen: immer wieder die gleiche Idee, je- Informationen wie für die
kritische Lektüre der Werkkom-
nahme des von Patrice Chéreau inszenierten Clustern in unterschiedlicher Dichte, und doch jedes Mal erweitert und aus einem
mentare zu Rituel und Notations
Aus der Konfrontation unterschiedlicher Jahrhundertrings dirigierte, wurden die ju- Notation III mit ihrer überaus freien Phra- neuen Blickwinkel betrachtet. Boulez ist sei Robert Piencikowski herzlich
Stimmungen resultieren komplexe mikroto­ gendlichen Klavierstücke für ein Konzert sengestaltung erinnert ein wenig an roman- durch Frank Lloyd Wrights organisch gewun- gedankt.

nale ‹Klangräume›. Die Streicher differieren ausgegraben, das im Juli 1978 im Maison de tische Rubati. Auch wenn der Dirigent über dene, nach innen hin offene Rampe im New
in ihrer Stimmung um 60 Cent, die Bläser auf la Radio in Paris stattfand und von drei Pia- die Reihenfolge der Stücke frei entscheiden Yorker Guggenheim Museum auf diese Idee
den Balkonen haben einen Unterschied von nisten bestritten wurde. (Der Pianist, der die darf, steht Notation II aus Gründen der Dra- gekommen: «Man sieht eine Ausstellung dort
30 Cent. Insgesamt entstehen zwischen den Stücke eigentlich hätte spielen sollen, hatte maturgie in fast allen Aufführungen am ganz anders als in einem gewöhnlichen Museum,
fünf Gruppen Differenzen der Grundstim- sich den Arm gebrochen.) Die ‹Wiederent- Ende. Pate dieses fulminant virtuosen weil man in der gleichen Zeit die Zukunft, die
mung von 15, 30, 45 und 60 Cent. (100 Cent deckung› des Manuskripts stellte sich als ein Schlussstücks ist der Komponist des Sacre. Gegenwart und die Vergangenheit sieht. Man
entsprechen einem Halbton.) Ein derartiges entscheidender Moment in Boulez’ kompo- sieht, was man gesehen hat, und man sieht, was
Experimentieren mit ‹anderen Tönen› ver- sitorischem Schaffen heraus. Noch während Fünf Orchesterfassungen der insgesamt man sehen wird. Ich finde, das ist eine sehr in­
bindet Haubensak mit einem früheren der Auseinandersetzung mit Wagners Tetra­ zwölf Klavierstücke zählt Boulez’ Werkkata- teressante Perspektive.»
Klangforschenden der neuen Musik: James logie auf dem Grünen Hügel beschloss er, log heute. Als ‹Work in progress› spannen
Tenney. Seinem Andenken ist die Partitur Transkriptionen anzufertigen. «Zur gleichen
gewidmet. (Siehe auch Edu Haubensaks Essay Zeit las ich, dass jemand in einem ägyptischen
über James Tenney auf S. 36) Grab 2000 Jahre alte Samen gefunden hatte. Als
man sie einpflanzte, wurde Korn daraus… Na­
PIERRE BOULEZ: türlich ist 1945 nicht so lange her, doch sah ich
NOTATIONS I, VII, IV, III, II mich durch diese Anekdote in meinem Vorhaben
Johannes Knapp noch bestärkt.»

Während Boulez die hierarchische Gegen- Klavier-Notation I etwa dauert eine Minute,
überstellung von Bühne und Publikum in Ri­ Notation II kaum mehr als zwanzig Sekun-
tuel verworfen hat, kehrt er in seinen Nota­ den. Die entsprechenden Orchesterstücke
tions zu ihr zurück. Traten in Rituel und in haben eine vielfache Dauer. Notation VII
Other Tones Gruppen in einen Dialog, die im braucht in der Orchesterfassung fast zehn-
gesamten architektonischen Raum verteilt mal so viel Zeit wie auf der Klaviatur. Für den
waren, ereignen sich die musikalischen Di- riesigen Apparat von postwagnerscher Di-
aloge in den Notations zwischen individuellen mension wären einfache Transkriptionen
Stimmen innerhalb des Bühnenraums. An der Klavierfassungen auch viel zu kurz. Bou-
manchen Stellen werden die einzelnen Re- lez hat das Rohmaterial aus seiner Jugend-
gister so sehr zersplittert, dass jeder Orches- zeit weiterentwickelt, oder, wie er sagen
termusiker eine eigene Stimme zu spielen würde, «wuchern» lassen. Die ursprüngli-
hat (z.B. am Ende von Notation III). Was sich chen Kernideen sind folglich gleich geblie-
dort vollzieht, ist mit einem Prisma ver- ben: Notation I basiert auf kleinen Zellen, die
gleichbar, das einen einzelnen Lichtstrahl in in unaufhörlich wechselndem Licht erschei-
ein ungeahntes Farbenspektrum auffächert. nen. Die Charakterbezeichnung «fantas-
que» über dem Stück verweist auf Boulez’
Boulez sprach bezüglich der Genese der No­ kompositorischen Ahnen Debussy. Mögli-
tations pour orchestre metaphorisch von ei- cherweise steht dahinter auch die jugend­
nem gefalteten Origami, das sich, kaum dass liche Sprunghaftigkeit eines energiege­
es ins Wasser getaucht wurde, zu einer Blu- ladenen Zwanzigjährigen, der sich dem
me vielschichtig auseinanderfaltet. Dem zu- akademischen Zwölf­ton-­Dogmatismus des

EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 90 EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 91


RAUMPORTRÄT STADTCASINO

«WELCH ROSENROTE STILLE»


Christian Sutter

«…Es zeigen die Pforten, es zeigen die Säulen, dass Klugheit und Arbeit und Künste hier
weilen …», singt Tamino in Mozarts Zauberflöte. Die grösste Enttäuschung für mich als ju-
gendlicher Musikschüler war, dass die Marmorsäulen im Musiksaal des Basler Stadtcasinos
gar keine waren. Nur geschickt bemalte Pfeiler. Ansonsten aber haben die schiere Dimen-
sion, die erwartungsvolle Atmosphäre, die imposanten, bei jedem vorbei rumpelnden
Drämmli sphärisch erzitternden Kronleuchter, die mächtige Orgel, die rundumlaufende
Balkonbalustrade mit ihren verspielten Stuckaturen, der samtige Plüschgeruch der knar-
renden Sitzreihen einen gewaltigen Eindruck auf mich gemacht. Ich fühlte mich wie Tami-
nos kleiner Bruder vor dem Eintritt in Sarastros geweihte Hallen. Aber niemand rief: «Zu-
rück!» Im Gegenteil: Das Orchester spielte La Valse von Maurice Ravel. Mit einer erst sanft
wiegenden, dann immer packenderen und mitreissenderen Klangorgie mir das Tor zur Mu-
sik des zwanzigsten Jahrhunderts weit aufstossend. Der ganze Saal vibrierte. Es gab nur
noch Raum und Klang. Und die Kontrabassisten: Wie sie sich über ihre Instrumente beugten!
Da wusste ich: Hierhin will ich. In diesen Saal, auf dieses Podium, in dieses Orchester.

«Hier zum ersten Mal konnte ich gewahren, wie prachtvoll eine kräftige Tonmasse in die-
sem Saale klingt, ohne dass dabei die feineren Nuancierungen im Geringsten verloren gin-
gen», schreibt Wilhelm Merian über das Eröffnungskonzert vom 2. Dezember 1876 im neu
erbauten Musiksaal in Basels Musikleben im XIX. Jahrhundert. Am 13. November 2014 spielte
das Sinfonieorchester Basel im selben Musiksaal Also sprach Zarathustra. Richard Strauss’
gewaltige Tondichtung endet im dreifachen Pianissimo mit einem Pizzicato der Bässe, dem
Kontra C auf der tiefsten leeren Saite. 33 Hertz. Kaum wahrnehmbar. Aber unter die Haut
gehend. Es war dies, nach fünfunddreissig Jahren als Solokontrabassist im Sinfonieorches-
ter Basel, mein letztes Konzert vor meiner Pensionierung. Einige Tage später lag eine CD
des genialen Tonmeisters Andreas Werner in meinem Briefkasten: «Lieber Christian, ich
schenke Dir diese CD mit Deinem allerletzten Ton für das Sinfonieorchester Basel, samt der
grossen Stille am Ende. Er möge Dir Symbol für Abschied und Neubeginn sein.» Eine CD
mit einem Ton. Und danach: Dreissig Sekunden intensivster Stille! Kein Applaus! 1500 Men-
schen schenkten dem Verklingen des letzten Pizzicatos der Bässe Raum und Zeit und Klang.
Mit ihrem aufmerksamen Nachhorchen schufen sie eine Atmosphäre, die nur in diesem
Moment mit diesem Publikum und diesem Orchester in diesem Saal, dem Musiksaal des
Basler Stadtcasinos möglich war. «Welch rosenrote Stille!», schreibt Friedrich Nietzsche.
« Und mich lasst danken!… So scheiden wir nun!» – Also sprach Zarathustra.

EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 92 EXTRAKONZERT PIERRE BOULEZ 93


ESSAY  /   R OBERT PIENCIKOWSKI ein Werk für die Donaueschinger Musiktage angefragt. Dieses Stück, Polypho­

PIERRE BOULEZ
nie X, hatte am 6. Oktober 1951 unter der Leitung von Hans Rosbaud Premiere.
Unbeirrt von den Kontroversen, die es auslöste, bestellte Strobel ein weiteres
Werk von dem jungen Komponisten, ein Auftrag, aus dem Le marteau sans maît­
re hervorging. Dieses Werk erlebte seine erste Aufführung in Baden-Baden am

UND PAUL
15. Juni 1955 beim Festival der IGNM (Internationale Gesellschaft für Neue Mu-
sik) – der französischen Sektion zum Trotz, die Boulez gegenüber feindlich
eingestellt war. Strobel glaubte an den jungen Komponisten, und da er von

SACHER
Boulez’ Interesse am Neuland der elektronischen Musik wusste, lud er ihn zu
elektroakustischen Recherchen ins zu diesem Zweck gegründete Studio des
Südwestfunks ein, um die Weltpremiere von Poésie pour pouvoir vorzubereiten
(Donaueschingen, 19. Oktober 1958). Um Boulez die Möglichkeit zu geben, sei-
ne Arbeit in einer Umgebung fortzuführen, die der Kreativität gegenüber güns-
tiger als das turbulente Paris wäre, lud er ihn schliesslich als ‹Composer in

(ANA-)CHRONIK EINER residence› nach Baden-Baden ein, wo sich Boulez im Januar 1959 niederliess.

FREUNDSCHAFT Dies ist also der Hintergrund, vor dem Boulez und Sacher ihre Bekanntschaft
vertiefen konnten. Anfangs schien es, als würde es, wenn überhaupt, nur we-
nige vereinzelte Wahlverwandtschaften zwischen den beiden Musikern geben:
Als Paul Sacher im Jahre 1945 Arthur Honegger nach jungen, interessanten zwischen dem jungen Komponisten, der zum ‹Shooting Star› einer noch kon-
Komponisten in Paris fragte, fiel Honeggers Antwort zunächst negativ aus. troversen ‹Avantgarde› avanciert war, und dem Mäzen, der eine lange Reihe
Am folgenden Tag jedoch war ihm jemand eingefallen: «Unter Vauras jungen von neoklassizistisch orientierten Werken bei einer älteren Generation von
Spitzbuben gibt es einen talentierten Kerl: sein Name ist Pierre Boulez.» Vaura, das Komponisten in Auftrag gegeben hatte. Tatsächlich erinnerte sich Paul Sacher Paul Sacher und Pierre Boulez
war Honeggers Frau Andrée Vaurabourg, die Privatunterricht in Kontrapunkt daran, dass bei ihrer ersten Begegnung anlässlich eines Abendessens bei den 1986 in Paris

gab. Ungeduldig bestrebt, diese Technik zu beherrschen, hatte sich Boulez zu Strobels, wo Boulez mit dem Dirigenten Ernest Bour abgeschmackte Witze
ihrem Unterricht angemeldet – der Lehrplan des Pariser Konservatoriums un- riss, nichts darauf hindeutete, wie sich ihre Beziehung entwickeln sollte. Im-
tersagte den Studenten, Kontrapunkt vor Abschluss der Harmonielehrekurse merhin lud er Boulez ein, das Sinfonieorchester des Südwestfunks in Basel zu
zu belegen. Ein zweites Mal demonstrierte Honegger, wie sehr er den jungen leiten, wo am 21. Oktober 1960 unter anderem Pli selon pli aufgeführt wurde.
Mann schätzte, als er ihn Jean-Louis Barrault vorstellte. Er schlug vor, den Des Weiteren vertraute Sacher Boulez für drei aufeinanderfolgende Jahre
Ondes-Martenot-Part in der Begleitmusik, die er gerade zu Hamlet geschrie- (1960 bis 1963) Kompositions- und Analysemeisterkurse an der Basler Mu-
ben hatte, mit Boulez zu besetzen. Mit Shakespeares Stück in der Übersetzung sik-Akademie an, gefolgt von Meisterkursen in Dirigieren (1965 und 1969)
André Gides feierte die Kompanie ihren Einstand, die Barrault mit Madeleine sowie zahlreichen Einladungen zu Dirigaten im Rahmen der Konzertreihen
Renaud am Théâtre Marigny gegründet hatte (17. Oktober 1946). Dies führte des Kammerorchesters Basel.
zu Boulez’ Ernennung zum Bühnenmusikleiter der Truppe.
Immer deutlicher drückte die Beziehung der beiden, wo nicht Versöhnung, so
Einige Jahre später, im Februar und März 1951, als Paul Sacher Honeggers Jean­ doch beispielhaft die friedvolle Koexistenz zweier Musikergenerationen aus,
ne d’Arc au bûcher am Basler Stadttheater dirigierte, suchte man einen Ein- deren Kontakt bis dahin von Konflikt und Konfrontation bestimmt war. (Ein
springer für die Ondes Martenot. Wieder war es Pierre Boulez, der, kaum an- Vorbild dafür dürfte in Strawinsky zu sehen sein, der ab Anfang der fünfziger
gefragt, sofort zusagte und nach Basel kam. Inzwischen hatte er es auf diesem Jahre mehr und mehr Interesse für die jüngere Generation aufbrachte – oft zur
Instrument zu solcher Meisterschaft gebracht, dass er nicht nur in der Lage Enttäuschung und zum Ärger früherer Anhänger.) Ohne die treue Unterstüt-
war, sich mit diesem Prototyp elektronischer Musik vertraut zu machen, son- zung seiner alten Freunde aus den Zwischenkriegsjahren aufzugeben, gelang es
dern auch sein Brot damit verdienen konnte, sei es im Orchestergraben des Paul Sacher, das Vertrauen einer neuen Generation von Musikern zu gewinnen:
Théâtre Marigny oder gelegentlich als Begleiter von Produktionen am Fo- Zeugnis davon legen die Konzerte ab, die er Karlheinz Stockhausen (18. Oktober
lies-Bergère. Auch an Filmmusikaufnahmen war er beteiligt. 1965), den Percussions de Strasbourg (5. Dezember 1968) und Luciano Berio (25.
Oktober 1974) vermittelte. Die Konzerte des Kammerorchesters Basel enthiel-
Zu dem entscheidenden Treffen zwischen Sacher und Boulez kam es jedoch ten neben traditionelleren Programmen regelmässig neue Musik von jungen
während des Festaktes, der zu Heinrich Strobels 60. Geburtstag am 31. Mai 1958 Komponisten und folgten damit einer Praxis, die sich in den 1920er Jahren eta-
ausgerichtet wurde. Strobel, der damals Leiter der Musikabteilung des Süd- bliert hatte. Auf diese Weise mag es Sacher gelungen sein, die Loyalität der
westfunks Baden-Baden war, hatte Boulez in Paris entdeckt und ihn sofort um abenteuerlichsten Geister unter den Neuen zu gewinnen, doch er handelte sich

PIERRE BOULEZ UND PAUL SACHER 94 PIERRE BOULEZ UND PAUL SACHER 95
auch eine nicht geringe Menge an negativen Reaktionen ein. So kam es, dass eine Graphik von Paul Klee. Auch Boulez übermittelte Sacher Zeichen der
Ernest Ansermet Sacher einen nachtragenden Brief schrieb, als er von Boulez’ Freundschaft: einen alten Schiffskompass (siehe oben!), den Boulez in einem
Verpflichtung für Basel erfuhr. «[E]s scheint mir […], Sie verlieren den Norden», Basler Antiquariat aufgestöbert hatte, an Weihnachten 1960 die Reinschrift
liess er naserümpfend verlauten und erklärte Boulez’ Nominierung als Bruch und zu Sachers Geburtstag 1962 die Skizze der ersten Version von Tombeau
ihrer vergangenen Verpflichtungen. Sachers Antwort war nicht ohne Humor: (1959–1962), dem letzten Stück aus dem Zyklus Pli selon pli.1 In Erinnerung an 1 Eine Faksimile-Ausgabe dieser

beiden Manuskripte wurde 2010


«Leider besitzt niemand diesen Wunderkompass, der den Norden zielsicher zeigen die Freundschaft, die Paul Sacher und Béla Bartók verbunden hatte, schenkte
aus Anlass von Pierre Boulez’ 85.
würde. In diesen Angelegenheiten kann nur die Zukunft der Richter unserer Einstel­ Boulez seinem Freund später das Manuskript einer Kontrapunktübung, die er Geburtstag von der Paul Sacher
lungen sein.» Diese Antwort fand keine Erwiderung und markierte das Ende der zur Zeit der Vorbereitungskurse für das Konservatorium geschrieben hatte, den Stiftung und Universal Edition
(Wien) herausgegeben.
dreissig Jahre andauernden Korrespondenz zwischen Ansermet und Sacher. Psaume 97, komponiert «im Stile Béla Bartóks»2. Nachdem Paul Sacher die
2 Dieses Werk, eine sehr
Nachlässe von Igor Strawinsky (1983) und Anton Webern (1984) erworben hat-
persönliche Reminiszenz an
Parallel zu seiner Unterstützung von Boulez’ Aktivitäten als Pädagoge und Di- te, beschloss Boulez, der Stiftung die Briefe, die er vom Komponisten des Sac­ Bartóks Musik für Saiteninstru­
rigent ebnete Paul Sacher den Weg zu einem weiteren Hauptinteresse des re erhalten hatte, sowie das Manuskript von Weberns Variationen für Orchester mente, Schlagzeug und Celesta,
brachte ihm wenig Lob von Simo-
Komponisten, als er ihn 1965 in die Planung eines Zentrums für musikalische op. 30 zu überantworten.
ne Plé-Caussade ein, auf deren
und akustische Forschung einband, das am Max-Planck-Institut in München Kurse er schliesslich verzichtete.

eingerichtet werden sollte. Trotz einer Reihe von Unterstützern scheiterte die- Eine logische Folge dieser Beziehung war der Vertrag, der Boulez an die Paul
se Initiative an der Opposition des konservativen Flügels in der deutschen Mu- Sacher Stiftung band und den er am 10. Dezember 1985 unterzeichnete. Seine
sikwissenschaft. Als Boulez im Jahre 1969 jedoch vom Büro des französischen musikalischen Manuskripte, Schriften und handschriftliche Briefe sind in den
Staatspräsidenten ganz unerwartet eingeladen wurde, seine Meinung zu einem Archiven der Stiftung versammelt, ergänzt durch jene Dokumente, die er seit-
Projekt für ein Zentrum für moderne Kunst zu äussern, das Musik beinhalten her hinterlässt. Boulez’ Neigung, seine Werke immer wieder zu revidieren und
und auf dem Plateau Beaubourg in Paris gebaut werden sollte, bat er sofort Paul zu erweitern, verlangt eine gewisse Flexibilität und eine grundsätzliche Offen-
Sacher, ihm die Unterlagen des Münchner Projekts zu übersenden, um die Sta- heit, was seine Sammlung angeht, die parallel katalogisiert werden soll.
tuten für das entstehende IRCAM (Institut de Recherche et de Coordination
Acoustique/Musique) am zukünftigen Centre Georges Pompidou zu redigieren. Diejenigen, die am 2. Juni 1999 dem Trauergottesdienst für Paul Sacher im
Am 14. November 1975 begleitete Paul Sacher Pierre Boulez und Robert Bordaz Basler Münster beiwohnten, erinnern sich noch der denkwürdigen Aufführung
an den Ort des geplanten unterirdischen Gebäudes, und 1976 bezeugte er seine der langsamen Sätze von Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und
Unterstützung durch Gründung der ‹Stiftung Mitarbeiter IRCAM›, die dem In- Celesta durch das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Pierre Boulez
stitut eine kontinuierliche finanzielle Unterstützung garantierte. Boulez wur- – als Hommage an jene Person, die den von der Musik seiner Zeit ausgesand-
de am 7. März 1977 zum Ehrenmitglied des Kammerorchesters Basel ernannt. ten Appell zu beantworten wusste: «Denn über die Vision hinaus, die es ihm er­
Und als eine gleichsam sichtbare Manifestation der von nun an festen Bande laubte, die Ziele eines ganzen Lebens zu realisieren, können diejenigen, die ihn kann­
zwischen Basel und Paris schufen Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle einen ten und ihm nahe standen, die Qualität des Menschen bezeugen, seine Verfügbarkeit
Brunnen, der auf der Promenade oberhalb des IRCAM eingerichtet wurde. und die Beständigkeit seiner Freundschaft », waren Boulez’ Worte des Abschieds. Robert Bordaz, Paul Sacher und
Pierre Boulez (v.l.n.r.) 1975 auf
der Baustelle des Ircam / Centre
Es mag widersprüchlich erscheinen, dass bei allen Aktivitäten, die Pierre Bou- Über Paul Sachers Tod hinaus haben die Flugbahnen (trajectoires), die sich mehr Pompidou
lez und Paul Sacher verbanden, ausgerechnet das Komponieren fehlt. Sicherlich als ein halbes Jahrhundert kreuzten, Spuren hinterlassen. (Boulez selbst grün-
werden jedoch einige Werke mit seinem Namen in Verbindung gebracht, auch dete im Dezember 2010 eine Stiftung in Basel, die Aufträge an junge Kompo-
wenn sie nicht ausdrücklich von Sacher in Auftrag gegeben wurden. Messa­ nisten vergibt.) Sie helfen uns, die Impulse und Dynamiken dieser beiden Per-
gesquisse (geschrieben 1976 auf Anregung Mstislav Rostropovichs), die Version sönlichkeiten in ihrem Streben nach einem gemeinsamen Ziel zu verstehen:
für Vibraphon solo von «…explosante-fixe…» (1986, für den Basler Schlagzeuger dem Ziel der Erneuerung der ‹abendländischen› Musik.
Jean-Claude Forestier) oder, neueren Datums, sur Incises (1996) – all diese Par-
tituren wurden erkennbar für ihren Widmungsträger geschrieben, wenn sie Dieser Essay erschien zuerst auf Englisch im Katalog zur Ausstellung von Manuskripten aus der Paul Sacher
Stiftung in The Pierpont Morgan Library, New York/NY: Felix Meyer (Hrsg.): Settling New Scores. Music
auch nicht von ihm initiiert worden waren. Die Entstehungsdaten legen beredt
Manuscripts from the Paul Sacher Foundation. – Mainz (u.a.): Schott, 1998, S. 82–85. Für die vorliegende
Zeugnis ab von den Jahrzehnten, in denen sich ihre Freundschaft festigte. Und Publikation hat der Autor eine erweiterte Fassung erstellt, wofür ihm herzlich gedankt sei.
dass sur Incises nicht das ursprüngliche Auftragswerk blieb, liegt daran, dass (Übersetzung: Martin Mutschler)

Pierre Boulez das Gefühl hatte, diese Partitur Paul Sacher als Ehrerbietung ge-
genüber ihrer langen und fruchtbaren Verbindung schuldig zu sein.

Es hat zu beiden Seiten viele Dankbarkeits- und Grosszügigkeitsbezeugungen


gegeben. Pierre Boulez erhielt prächtige Geschenke zu verschiedenen Gele-
genheiten, wie sein erstes Auto (als er noch keinen Führerschein hatte) und

PIERRE BOULEZ UND PAUL SACHER 96 PIERRE BOULEZ UND PAUL SACHER 97
PUBLIKUMS-
GESPRÄCHE,
KLANGSPAZIER-
GÄNGE &
PERFORMANCES
PUBLIKUMSGESPRÄCHE  /   G ARE DU NORD  /   B AR DU NORD RAUMPORTRÄT BADISCHER BAHNHOF
IM BADISCHEN BAHNHOF
KOMPOSITION UND VARIATION
SPEAKERS’ EINES BAHNHOFES
Peter Fierz

CORNER Nach einem festgefahrenen Wettbewerb beauftragte im Verlaufe des Jahres 1907 die Badi-
sche Bahn ihren bisherigen Referenten Karl Moser und Mitglied der Jury mit der Überarbei-
tung des Projektes. Nach einem bewegten Verfahren zwischen Bahn als Bauherrschaft und
Basler Behörden als Grundbesitzer wurde das Gebäude schliesslich 1913 fertiggestellt.

PUBLIKUMSGESPRÄCHE MIT
Der gestreckte Baukörper ist in drei Volumen gegliedert: das mittlere als giebelständige
Fassade mit Haupteingang und dahinter liegender Schalterhalle, rechts davon der stattliche

DEN KÜNSTLERINNEN DES


Turm mit Nebeneingang, links davon der markante Halbzylinder mit dem Restaurant. Wei-
ter nördlich dann – von Hofmauer und Garten gefiltert – ruht der eingeschossige symme-

FESTIVALS & KLANGOBJEKTE


trische Fürstenbau als eine für schweizerische Verhältnisse eher ungewohnte Nutzungsart.

VON GORDON MONAHAN


Die unterschiedlichen Baumassen sind zusammengefasst durch einen langgezogenen, mit-
tels drei Stufen erhöhten Portikus. Dieser ist gedeckt durch eine Konstruktion aus Stahl-
profilen und Glas auf massiven Stützen sowie durch eine offene Pergola. Massstabsgerech-
te Skulpturen und Reliefs unterstützen symbolisch und tektonisch den Baukörper, den
Vorplatz und den Fürstengarten.

Zur originalen Substanz des Bauwerkes gehörten auch Warteräume und Restaurants, jeweils
11. SEPTEMBER 2015 gruppiert nach I. und II. sowie III. Klasse und entsprechend eingerichtet und ausgestattet.
11:00 –24:00 Uhr | Eintritt frei An seinem südlichen Ende, am Fusse des Turms, liegt ein eigener Zugang zu den Bahnstei-
gen, mit Schalter und Warteraum für Reisende aus der Schweiz im Nahverkehr, ohne Zoll-
11:00 Uhr Gordon Monahan: Music from Nowhere (siehe S. 116) formalitäten. Dieser Zugang wurde 2015 wieder in Betrieb genommen, als Verbindung zwi-
Vernissage der Installation mit Kaffee und Gipfeli schen S-Bahn und Linien der BVB. Die dort ebenfalls platzierte schweizerische Poststelle
11:15 Uhr Gisela Nauck: Musik und Raum – ein Überblick ist heute noch in Betrieb.
12:00 Uhr Dieter Schnebel und Hubertus Adam
im Gespräch mit Gisela Nauck Hinter dem massiven Aufnahmegebäude stützt eine kräftige Mauer das hochliegende Bahn-
12:45 Uhr James Clarke, Simon Frommenwiler und Simon Hartmann trassee. Darüber wölbt sich eine Serie von Perronhallen aus Eisenträgern und Glasflächen,
im Gespräch mit Bernhard Günther deren Länge diejenige des Empfangsgebäudes noch übertrifft. Ende der 1970er Jahre wurden
13:15 Uhr Soup & Drinks diese bemerkenswerten Hallen abgebrochen. In jener Zeit wurden auch im Aufnahmege-
14:00 Uhr Daniel Ott und Enrico Stolzenburg bäude störende, teils irreversible Um- und Einbauten vorgenommen.
im Gespräch mit Gisela Nauck
15:00 Uhr Fritz Hauser, Rob Kloet, Boa Baumann und Peter Fierz Im ersten Dezennium unseres Jahrhunderts wurden im Auftrag der Deutsche Bahn AG durch
im Gespräch mit Jens Schubbe Fierz Architekten AG verschiedene Innenräume restauriert und neu gestaltet. In Zusam-
16:00 Uhr Edu Haubensak und Quintus Miller menarbeit mit der Basler Denkmalpflege wurden z.B. die Schalterhalle renoviert und neu
im Gespräch mit Hans-Georg Hofmann ausgestattet, die Ladenpassage errichtet sowie der Fürstenbau restauriert und als Kanzlei
17:00 Uhr Snacks & Drinks des Honorarkonsuls der Bundesrepublik Deutschland eingerichtet.
Start des Klangspaziergangs mit Peter Fierz (siehe «Wie klingt Basel» S. 104)
21:00 Uhr Chronos & Klangtaucher Premierengespräch Seit Jahren schon wirken im Hause Gare du Nord – Bahnhof für Neue Musik sowie die Hel-
mit Michael Simon, Georg Friedrich Haas, Gysin, Marcus mut Förnbacher Theater Company. Der Grenz- und Durchgangsbahnhof ist also nicht bloss
Weiss, Caspar Johannes Walter, Martina Ehleiter, Andreas Wenger und Verkehrsdrehscheibe und Markt, sondern auch Treffpunkt und Podium für bedeutende kul-
Studierenden der FHNW (Moderation: Bernhard Günther) turelle Aktivitäten!
22:00 Uhr Gordon Monahan: Speaker Swinging. Performance (siehe S. 102)
22:30 Uhr Post-performance talk: Gordon Monahan im Gespräch mit Lydia Rilling

Koproduktion ZeitRäume Basel und Gare du Nord

SPEAKERS’ CORNER 100 SPEAKERS’ CORNER 101


PERFORMANCE  /   B ADISCHER BAHNHOF, SCHALTERHALLE SPEAKER SWINGING Die Rotationsbewegung des Lautsprechers

SPEAKER
Gordon Monahan und die damit zusammenhängenden Dopp-
ler-Verschiebungen können Metaphern für
Speaker Swinging ist ein Experiment für drei die molekularen Elektronenbewegungen
oder mehr schwingende Lautsprecher und werden, die im Innern von integrierten Tre-

SWINGING
neun Audio-Oszillatoren in einem geschlos- molo- und Vibratoschaltungen auftreten. Sie
senen Raum. Die Idee dazu entstand durch ahmt diese Miniaturverfahren nach, die vor
Dinge wie Leslie-Lautsprecher, bewegliche nicht allzu langer Zeit an auf den Menschen
Geräte mit eingebauten Tonanlagen, Flug- zugeschnittenen mechanisch-akustischen
zeuge und andere mobile Geräuschquellen Systemen entwickelt wurden. Durch den Be-
industrieller wie organischer Provenienz. Die zug zum Atomaren erkennt es zwangsläufig

EIN KLANGEXPERIMENT FÜR


ausgelösten akustischen Prozesse – Phasing, das Himmlische an.
Vibrato und Tremolo – sind grundlegende

DREI SCHWINGENDE LAUTSPRECHER


Eigenschaften des Werks, ebenso wie Die erste Inspiration zu Speaker Swinging kam
Schweiss, Ringen, Furcht und Verführung. durch Autos der Marke Pontiac Trans Am, die

UND NEUN KLANGGENERATOREN


durch eine heisse Sommernacht fuhren und
Speaker Swinging entstand aus dem Wunsch, Heavy Metal aus ihren Fenstern dröhnen
ein typisches Konzert mit elektronischer liessen. Wenn die Autos vorbeifuhren, war
Musik zum Leben zu erwecken und den da dieser flüchtige Moment von feuchter,
Lautsprecher de facto als eigenwertiges, flüssiger Musik, in dem eine Klangwelt in die
gültiges Instrument elektronischer Musik nächste übergeht. Die erste Performance
zu etablieren. fand 1982 in Toronto statt.
11. SEPTEMBER 2015 (Übersetzung: Martin Mutschler)
22:00 Uhr | Eintritt frei

Andreas Henzer, Michael Gschwind, Cedric Huber


(Basellandschaftlicher Kantonal-Schwingerverband) Performance
Gordon Monahan Leitung und Elektronik

Gordon Monahan (*1956): Speaker Swinging. An experiment for three or more


swinging loudspeakers and nine audio oscillators in an enclosed space (1982)

Koproduktion ZeitRäume Basel und Gare du Nord


in Kooperation mit dem Basellandschaftlichen Kantonalschwingerverband,
Musikfestival Bern / Dampfzentrale Bern und Klangspuren Schwaz

SPEAKER SWINGING 102 SPEAKER SWINGING 103


KLANGSPAZIERGÄNGE  /   V ERSCHIEDENE TREFFPUNKTE VORTRÄGE, GESPRÄCHE & BAR /  J AZZCAMPUS

WIE KLINGT IAMIC ANNUAL


BASEL? CONFERENCE
AKUSTISCHE 2015 & IAMIC
STADTFÜHRUNGEN
WORLD BAR
10. SEPTEMBER 2015 INTERNATIONAL ASSOCIATION
OF MUSIC INFORMATION CENTRES
23:30 Uhr Treffpunkt Münsterplatz
Justin Winkler (Prof. für Geographie): Akroamatische Nachtwanderung

11. SEPTEMBER 2015


07:00 Uhr Treffpunkt Fernsehturm St. Chrischona
(Chrischonarain 200, 4126 Bettingen; Anreise s. Website) 
 Jakob Ullmann (Komponist): Morgenwanderung zum Tinguely-Museum
12. SEPTEMBER 2015
17:00 Uhr Treffpunkt Bar du Nord 10:00 – 13:00, 14:00 – 15:00 Uhr | Öffentliche Vorträge
Peter Fierz (Architekt): Vom Badischen Bahnhof zur Kaserne Eintritt frei, Anmeldung erwünscht unter http://iamic2015.ch/conference/

12. SEPTEMBER 2015 17:00 – 19:00 Uhr | IAMIC World Bar | Eintritt frei
11:00 & Treffpunkt ZeitRäume Pavillon 
13:00 Uhr Andres Bosshard (Musiker und Klangarchitekt): Kooperation IAMIC – International Association of Music Information Centres
Zum Totengässlein (Schifflände – St. Johann)
Die Musikinformationszentren aus aller Welt treffen sich während des Festivals im
13. SEPTEMBER 2015 Jazzcampus Basel und laden ­Interessierte zu hochkarätigen öffentlichen Vorträgen zum
11:00 & Treffpunkt Flachsländerhof Thema «Musik Export» ein. Mit dabei sind u.a. Stefano Kunz, Direktor des Schweizer
13:00 Uhr Aline Schoch (Soziologin): Vom Petersplatz in den Garten Musikrats, Jean Zuber, Geschäftsführer von Swiss Music Export, sowie Andri Hardmeier,
Leiter der Abteilung Musik der Pro Helvetia.
Aufgrund der beschränkten Teilnehmerkapazität bitten wir darum,
für alle Spaziergänge ein Ticket im Vorverkauf zu erwerben (siehe S. 150). Um 17 Uhr wird dann die traditionelle IAMIC World Bar ­eröffnet – mit Getränken aus aller
10 CHF (ermässigt 5 CHF) Welt zum Mitbringen, Tauschen, Teilen und Verkosten.

Kooperation Amt für Umwelt und Energie des Departements für


Wirtschaft, Soziales und Umwelt Kanton Basel-Stadt, Zuhören Schweiz

WIE KLINGT BASEL? 104 IAMIC ANNUAL CONFERENCE 2015 105


PUBLIKUMSGESPRÄCHE  /   S TADTCASINO BASEL PUBLIKUMSGESPRÄCHE /  M USIK-AK ADEMIE BASEL, Z. 348

ZEITRÄUME
HANS-HUBER-SAAL

90 JAHRE
PIERRE BOULEZ WERKSTATT­
ENTDECKERKONZERT
GESPRÄCHE
NACHDENKEN ÜBER MUSIK
UND ARCHITEKTUR
13. SEPTEMBER 2015
17:00 Uhr | Eintritt frei
19:00 Uhr | Konzert siehe S. 84

Robert Piencikowski Musikwissenschaftler


Wolfgang Rihm Komponist 15. SEPTEMBER 2015
Dennis Russell Davies Dirigent 19:00 Uhr | Open Mic
Maki Namekawa Pianistin
Eleonore Büning Musikjournalistin 22. SEPTEMBER 2015
Corinne Holtz Moderation 19:00 Uhr | Eintritt frei
Zimoun: Primitive Komplexität
Veranstaltet von der Paul Sacher Stiftung
in Kooperation mit dem Sinfonieorchester Basel Kooperation Musikhochschule Basel (Abteilung Forschung und Entwicklung)

Auf Einladung der Paul Sacher Stiftung widmet sich ein prominent besetzer Runder Tisch Publikumsgespräch mit Peter Ablinger am 22. September 2015 um 17:00
dem Komponisten Pierre Boulez, dessen Musik anschliessend im Mittelpunkt des im S AM, siehe S. 112
Orchesterkonzerts stehen wird.
Die seit 2014 in der Musik-Akademie stattfindenden offenen Werkstattgespräche
mit Persönlichkeiten aus Musik, Architektur und Wissenschaft werden auch
nach dem Festivalende fortgesetzt – zunächst mit einer offenen Feedback-Runde zur
ersten Ausgabe von ZeitRäume Basel, zu der Publikum und Mitwirkende gleicher-
massen eingeladen sind. Weiter geht es beim zweiten Termin mit einen Einblick in
die künstle­rische Werkstatt von Zimoun. Seine Werke basieren auf einfachen mecha­
nischen Systemen, in welchen durch das Zusammenspiel von Materialien und Fre­
quenzen komplexe Formen in Klang und Bewegung generiert werden.

90 JAHRE PIERRE BOULEZ 106 ZEITRÄUME WERKSTATT­G ESPRÄCHE 107


ZEITRÄUME
PAVILLON,
ARCHITEKTUR-
AUSSTELLUNG &
INSTALLATIONEN
ZEITRÄUME
ZEITRÄUME PAVILLON KLINGENDE FLASHMOBS
HHF Architekten

PAVILLON
Der «ZeitRäume Pavillon» ist während zehn Rund um den ZeitRäume Pavillon sind Sie
Tagen auf dem Kleinbasler Brückenkopf der eingeladen, auch selbst Klangideen für den
Mittleren Brücke positioniert. Dieser Ort ist öffentlichen Raum zu entwickeln. Hier kön-
räumlich exponiert und akustisch prägnant, nen Sie mit Freunden, Bekannten u.v.a. ei-
da er eine Schwelle zwischen zwei unter- nen Flashmob in Szene setzen.
schiedlichen städtischen Klangräumen bil-
det. Zwischen der geschlossenen Akustik der Kenner der berühmten Kollektivaktionen

INTERVENTIONEN IM
Greifengasse mit den spezifischen Geräu- (von der Kissenschlacht beim Kölner Dom
schen von Trams und vielen Menschen auf bis zum Stillstehen in der New Yorker Grand

ÖFFENTLICHEN RAUM
der einen Seite und der offenen Akustik des Central Station) wissen: Der Fantasie sind
Rheinraumes auf der anderen Seite. keine Grenzen gesetzt.

Die Konstruktion besteht aus einfachen Ein- Am Info-Stand erfahren Sie mehr – natürlich
zelteilen die wir alle kennen und welche zu auch zum Programm des Festivals.
einem knapp sechs Meter hohen Objekt zu-
sammengesetzt sind: eine grosse Trommel
31. AUGUST – 13. SEPTEMBER 2015 aus Bambusstäben mit einem Dach aus Ge-
Eintritt frei rüstträgern. Dieses einfache Objekt tut aber
etwas, womit wir bei gebauten Strukturen
Der ZeitRäume Pavillon wird geplant und realisiert von HHF Architekten nicht rechnen und das uns irritiert: Das Dach
und ermöglicht durch die freundliche Unterstützung der Christoph Merian Stiftung bewegt sich im Wind.

Unter diesem in knapp vier Meter Höhe pen-


delnden Dach befinden sich Sitzgelegenhei-
ten und Informationsträger der Biennale.
Der so geschaffene temporäre Raum wird zu
einem einprägsamen Aufenthaltsort für Pas-
santen und zum zentral gelegenen Treff-
punkt für das ZeitRäume Publikum – ohne
dass er der Öffentlichkeit entzogen wird und
ohne dass er in die akustischen Eigenschaf-
ten des Ortes eingreift.

ZEITRÄUME PAVILLON 110 ZEITRÄUME PAVILLON 111


AUSTELLUNG /  S AM SCHWEIZERISCHES ARCHITEKTURMUSEUM INSTALLATION  /   M USIK-AK ADEMIE BASEL HINTERHOF

DER KLANG DER SUNSET


ARCHITEKTUR
AUSSTELLUNG MUSIK-
DES S AM INSTALLATION

04. SEPTEMBER 2015 03. SEPTEMBER 2015


Vernissage: 19:00 Uhr Vernissage: 19:45 Uhr

05. SEPTEMBER – 15. OKTOBER 2015 03. SEPTEMBER 2015 – 15. OKTOBER 2015


Di / Mi / Fr 11:00 - 18:00 Uhr | Do 11:00 - 20:30 Uhr | Sa / So 11:00 - 17:00 Uhr jeweils zum Zeitpunkt des astronomischen Sonnenuntergangs:
12 CHF (ermässigt 8 CHF, auch bei Vorlage des Festivalpasses) 20:06 Uhr am ersten, 18:42 Uhr am letzten Tag der Installation,
genaue Zeiten unter www.zeitraeumebasel.com
22. SEPTEMBER 2015
17:00 Uhr Publikumsgespräch mit Peter Ablinger Walter Fähndrich: SUNSET. Musik für den Hinterhof der Musik-Akademie Basel
(Uraufführung)
Vortrag von Zimoun am 22. September 2015 um 19:00 in der Musikakademie siehe S. 107
Kompositionsauftrag an Walter Fähndrich durch ZeitRäume Basel
Kuratiert und gestaltet von Peter Ablinger, Elektronisches Studio Basel / Mit freundlicher Unterstützung des Kantons Zug
Musikhochschulen FHNW Hochschule für Musik, Niklaus Graber &
Christoph Steiger Architekten ETH /BSA /SIA Gmbh Luzern, Bernhard Günther, Täglich, zum Zeitpunkt des astronomischen Sonnenunterganges, klingt während
Anna Katharina Scheidegger und Hubertus Adam 15 Minuten der Hinterhof der Musik-Akademie, der Durchgang zwischen Hauptgebäude
und Moser-Haus.
Eine Ausstellung des S AM Schweizerisches Architekturmuseum in Kooperation
mit dem Elektronischen Studio der Musikhochschule Basel anlässlich des Festivals
ZeitRäume Basel

Dank an das Experimentalstudio des SWR, die Philharmonie Luxembourg


und das Liquid Penguin Ensemble

Anlässlich des Festivals ZeitRäume Basel präsentiert das S AM eine Ausstellung, die den
Klang von Räumen sinnlich erfahrbar macht. Der in Berlin lebende österreichische
Komponist und Künstler Peter Ablinger, das Elektronische Studio Basel der Hochschule
für Musik FHNW / Musik-Akademie Basel, das Team des Festivals und das Team des S AM
haben ein speziell auf die Ohren zugeschnittenes Ausstellungskonzept entwickelt, das
von den Luzerner Architekten Niklaus Graber und Christoph Steiger architektonisch
umgesetzt und zu einem Ganzen verbunden wurde.

DER KLANG DER ARCHITEKTUR 112 SUNSET 113


INSTALLATION /  T HEATERPLATZ INSTALLATION  /   T UNNEL PARKHAUS CITY

UNBEQUEME
(UNIVERSITÄTSSPITAL)

TUNNEL
MUSIK SPIRAL
BEGEHBARES
INTERAKTIVE
HÖRSTÜCK
KLANGINSTALLATION

10. SEPTEMBER 2015
Vernissage: 11:00 Uhr 10. SEPTEMBER 2015
Vernissage: 15:00 Uhr
10. – 22. SEPTEMBER 2015
durchgehend 10. – 13. SEPTEMBER 2015
durchgehend
Peter Ablinger: Unbequeme Musik. Installation auf dem Theaterplatz (Uraufführung)
Elektronisches Studio Basel /Musikhochschulen FHNW
Kompositionsauftrag an Peter Ablinger durch ZeitRäume Basel Hochschule für Musik Konzept und Realisation
Erik Oña Leitung
Peter Ablinger macht aus den Klängen der Stadt ein Hörerlebnis: Eine aus dem
Rahmen fallende Konzertsaalbestuhlung auf dem Theaterplatz lädt zum Verweilen und Kooperation Musikhochschulen FHNW
Hören ein. Nicht bequem, wie der Titel schon sagt – aber durchaus spannend: «If you
listen to Beethoven or to Mozart, you see that they’re always the same. But if you listen to traffic, Junge Komponistinnen und Komponisten aus Basel machen sich auf die Spurensuche
you see that it’s always different.» (John Cage 1991 im Interview in seinem New Yorker nach einer nie realisierten Raum-Idee von Karlheinz Stockhausen: Bewegliche Klänge
Appartement) umkreisen die Fussgänger im Tunnel zwischen City-Parkhaus und dem Ausgang am
Petersgraben /Universitätsspital.

UNBEQUEME MUSIK 114 TUNNEL SPIRAL 115


INSTALLATION  /  G ARE DU NORD /  B AR DU NORD GORDON MONAHAN: Darstellung von Musik infrage zu stellen. Wir
IM BADISCHEN BAHNHOF MUSIC FROM NOWHERE hören kaum akustisch produzierte Musik, die

MUSIC FROM
Gordon Monahan im Gespräch nicht durch Lautsprecher übertragen würde.
mit Michael Waterman (2003) Und doch sind Lautsprecher Boxen – Möbel-
stücke. Sie schauen einen Lautsprecher nicht
MICHAEL WATERMAN: Welche Rolle an, wenn sie ihm zuhören. Er ist eine Art von

NOWHERE
spielt Nostalgie in Ihrer Arbeit? Ich Orakel. In Music from Nowhere hatte ich die
denke hierbei an Music from Nowhere, Chance, mit dem Symbol des Lautsprechers
ein Werk, bei dem sie akustische zu spielen – rein konzeptuell damit zu spie-
Klang­quellen in leeren Lautsprecher­ len –, indem man den eigentlichen Lautspre-
gehäusen aus verschiedenen Stil- cher herausnimmt und etwas anderes in das
­epochen platziert haben. Gehäuse legt, was dann das Geräusch er-

KLANGOBJEKTE
zeugt. Die Leute werden fälschlicherweise
GORDON MONAHAN: Das ist Nostalgie. Wissen denken, dass es sich um eine Aufnahme han-
Sie, seit der Kindheit liebe ich die verschie- delt. Das ist wie ein doppeltes Negativ. Denn
denen Lautsprecher, die ich sehe. Der Laut- aufgenommene Musik ist per definitionem
sprecher ist ein Teil unserer westlichen nicht live und folglich eine ‹Darstellung›
Kultur, der modernen Kultur des 20. Jahr- von Musik. Und die Art und Weise, wie Pop-
hunderts. Gleichzeitig verweist er auf eine musik geschaffen wird, erfolgt durch Mul-
11. SEPTEMBER 2015 Massenkultur, was den Stil des Lautspre- ti-Tracking, die Schichtung von vielen Spu-
11:00 – 24:00 Uhr chers in Verbindung mit der jeweiligen Zeit ren, was die Illusion eines Ensembles
und ihrem Möbeldesign angeht. Es gibt den erzeugt, obwohl viel davon womöglich nur
Gordon Monahan: Music from Nowhere (1989/1990) 50er-Lautsprecher, den 60er-Lautsprecher, künstlich hergestellt oder gesamplet wurde.
es gibt den auf High-Tech gemachten Laut- Es gibt also doch keine Gruppe – nur die
Koproduktion ZeitRäume Basel und Gare du Nord sprecher, es gibt die klassischen alten Holz- blosse Erfindung einer Gruppe. Das ist eine
Dank an die Kunsthalle Basel boxen. Es gibt jede Spielart. Die verschiede- Illusion, die auf sehr effektvolle Weise er-
nen Elemente von Möbeldesign wurden in zeugt wird und die wir für gewöhnlich nicht
das ganze Stück integriert. Aber der konzep- in Frage stellen.
tuelle Aspekt in Music from Nowhere lag da­rin,
unsere Annahmen von der Erzeugung und (Übersetzung: Martin Mutschler)

MUSIC FROM NOWHERE 116 MUSIC FROM NOWHERE 117


VORHER &
NACHHER
VORTRÄGE & AUSSTELLUNG  /   S CHAURAUM-B PERFORMANCE /  B ASEL STADT & LAND

KLANGRAUM  – 
HALTESTELLEN UND FAHRTROUTEN UNTER
WWW.ZEITRAEUMEBASEL.COM

RAUMKLANG KLANGFAHRTEN
WENN DIE STRASSE
AUDITIVE RAUM- UND ZUR BÜHNE WIRD
MATERIALWAHRNEHMUNG –
AUSSTELLUNG & VORTRÄGE
07.  /   0 8.  /   0 9. SEPTEMBER 2015
09:00 – 13:00, 17:00 – 20:00 Uhr
17:00 Münsterplatz, dann Barfüsserplatz, Marktplatz, Mittlere Brücke, Kaserne,
Unterer und Oberer Rheinweg, Schluss an der Wettsteinbrücke
20. AUGUST 2015 Eintritt frei
18:00 Uhr Vernissage
Ensemble Batida (Preisträger des Concours Nicati 2013)
21. AUGUST – 10. DEZEMBER 2015 Sylvia Nopper Stimme, Performance
Mo – Fr 8:00 – 12:00, 14:00 – 17:00 Uhr João Carlos Pacheco Percussion, Komposition
Jon Roskilly Posaune, Komposition
12.  /   1 3. SEPTEMBER 2015 Sabina Holzer Konzeptentwicklung und Dramaturgie
10:00 –15:00 Uhr Luca Glausen, Valentin Liechti Schlagzeug und Live-Elektronik
(Studierende der Musikhochschulen FHNW Jazzcampus)
20.  /   2 7. AUGUST 2015, 3.  /   1 0.  /   2 4. SEPTEMBER 2015, 22.  /   2 9. OKTOBER 2015, Daniel Dettwiler
5.  /   1 2.  /   1 9.  /   2 6. NOVEMBER 2015, 3.  /   1 0. DEZEMBER 2015
jeweils 18:00 Uhr Vorträge | Eintritt frei Musik von João Carlos Pacheco, Jon Roskilly, Terry Riley,
Steve Reich, Ensemble Batida, Richard von Kruisdijk u.v.a.
AUSSTELLUNG
Klanginstallationen von Peter Philippe Weiss, Corporate Sound /Trond Maag, Kooperation Association du Concours Nicati, ASM/STV
urbanID /Ramon De Marco, Idee und Klang /Manuela Meier, Unlaut /Schweizer und Musikhochschulen FHNW
Baumuster-Centrale
Der Musikvideo-Regisseur Stéphane Sednaoui liess 1993 die Popsängerin Björk auf einem
VORTRÄGE Tieflader durch die Strassenschluchten New Yorks fahren. Im Vorfeld des Festivals
Trond Maag, Peter Philippe Weiss, Andres Bosshard, Marcel Meili, ZeitRäume ist eine fahrbare Bühne unterwegs durch die Strassen und Plätze der beiden
Bernhard Leitner, Fritz Hauser, Lukas Buol, Martin Lachmann, Sieglinde Geisel, Kantone und bringt Musik zeitgenössischer Komponisten an belebte Orte der Stadt.
Ramon De Marco, Markus Ringger, Ascan Mergenthaler, Inès Neuhaus,
Fabian Neuhaus, Fachpersonen des KVöG Basel

Veranstaltet von schauraum-b und Amt für Umwelt und Energie Kanton Basel-Stadt

KLANGRAUM  –   R AUMKLANG 120 KLANGFAHRTEN 121


PERFORMANCE
LAUFEN, RATHAUSPLATZ
BASEL, FREIE STRASSE

FREIE
STRASSEN
EIN PROJEKT MIT
PRIMARSCHÜLERINNEN IM
ÖFFENTLICHEN RAUM

09. SEPTEMBER 2015


12:00 – 12:30 Uhr | Laufen, Rathausplatz

10. SEPTEMBER 2015


12:00 – 12:30 Uhr | Basel, Freie Strasse (zwischen Marktplatz und Post) | Eintritt frei

SchülerInnen und LehrerInnen der Primarschule Laufen


Sylwia Zytynska, Konzeption, Komposition, pädagogische
und künstlerische Leitung
Dominik Dolega und SchülerInnen der Schlagzeugklasse der
Musikschule Aesch künstlerische Mitarbeit
LehrerInnenkollegium der Musikschule Laufen künstlerische Mitarbeit
und Einstudierung

Koproduktion ZeitRäume Basel, Primarschule Laufen und Zuhören Schweiz


in Kooperation mit der Musikschule Aesch
Mit freundlicher Unterstützung von kis.bl, Emil & Rosa Richterich-Beck Stiftung,
Laufentaler Kulturstiftung der Portland Cementfabrik, Keramik Laufen AG,
Similor Kugler

Rund 300 Primarschülerinnen und -schüler der Primarschule Laufen verwandeln


die Hauptstrasse des «Stedtli» und die Fussgängerzone der Freien Strasse in der Basler
Innenstadt für eine halbe Stunde in einen musikalischen Klangraum. Das Gemein-
schaftsprojekt von ZeitRäume Basel, Zuhören Schweiz und der Primarschule Laufen
ist eines der grossen hör- und sichtbaren Ausrufezeichen zum Auftakt der ersten
Biennale für neue Musik und Architektur.

FREIE STRASSEN 122


BIOGRAPHIEN
BIOGRAPHIEN jekte. Seit fast 15 Jahren ist Affentranger nunmehr
selbständig tätig als Theaterhandwerker für Freiluft-
theater, feste Bühnen (z.B. Casinotheater Winterthur),
B
Mariella Bachmann Klarinette
vence, Fabbrica Europa oder Wien Modern gespielt.
l’Itineraire, Ictus, Ensemble Modern, Ensemble inter-
contemporain, San Francisco Contemporary Music
freie Gruppen, Kunstevents (z.B. Roman Signer) und Die Schweizerin Mariella Bachmann ist als freischaf- Players, das Quatuor Diotima und das Orchestre Nati-
A immer wieder auch als freier Werker und Konstrukteur, fende Klarinettistin in verschiedenen Stilrichtungen onal de Lyon führen seine Musik auf. Er war Stipendi-
wo gerade Not am Mann ist. und in allen Bereichen der Orchester- und Kammer- at der Villa Medici und der Meyer Foundation und er-
Etienne Abelin Violine musik tätig. Sie studierte an der Zürcher Hochschule hielt den Kompositionspreis der SACEM sowie den Prix
Etienne Abelin studierte Geige in Basel und den USA Adrián Albaladejo Euphonium, Posaune der Künste bei Fabio Di Càsola sowie an der Hochschu- Pierre Cardin der Académie des Beaux-Arts des Institut
sowie Management in St. Gallen. Seit 2004 ist er Mit- Geboren 1993 in Alicante (Spanien), absolvierte Eupho- le für Musik Freiburg i.Brsg. bei Jörg Widmann und an de France. Seit 2008 ist er Assistenzprofessor für Kom-
glied des Orchestra Mozart Bologna und spielt im nium-Spieler Adrián Albaladejo sein Studium an der der Musikhochschule Basel mit Schwerpunkt Zeitge- position in Berkeley.
Lucerne Festival Orchestra. 2008–2011 war er Musik- Musikhochschule Catalunia (ESMUC), wo er seinen Ba- nössische Musik. Zusätzlich wertvolle Impulse erhielt
kurator und 2009/10 Artist-in-Residence am Fest- chelor mit Auszeichnung abschloss. Er wurde von vie- sie von Eduard Brunner, Martin Spangenberg, Sabine Luciano Berio Komponist
spielhaus St. Pölten. Seit 2010 ist er als Dirigent aktiv, len Seiten und Lehrern gefördert und erhielt mehrfach Meyer, Martin Fröst und Paul Meyer. 2012 wurde Bach- Luciano Berio gehört zu den bedeutendsten Vertretern
u.a. beim Orquestra Sinfonica Portuguesa Lissabon, Stipendien von der Anna Riera Foundation und der Ju- mann Stipendiatin der Lyra Stiftung und zudem mit der musikalischen Avantgarde. 1925 im ligurischen
dem Ensemble Orchestral de Paris und dem Zentral- ventudes musicales Spain. Zuletzt gewann er die In- einem Studienpreis des Migros Kulturprozent ausge- Oneglia in eine Musikerfamilie geboren, studierte er
schweizer Jugendsinfonieorchester. Abelin versteht ternacional AETYB Competition 2014. Orchesteren- zeichnet. Sie ist Mitglied des Ensembles Holst Sinfo- nach Kriegsende am Mailänder Konservatorium Kom-
sich als Innovator und hat 2014 geholfen, Indie Clas- gagements und Soloauftritte führten ihn zu verschie- nietta in Freiburg i. Brsg. und trat bereits an bedeuten- position. Sein Lehrer Giorgio Federico Ghedini weckte
sical in die Schweiz zu bringen. Er ist Gründer der densten Klangkörpern und Brassbands. Angeregt vom den Festivals wie dem Internationalen Musikfestival in ihm die Liebe zur Alten Musik, insbesondere zu
Plattform classYcal, deren Ziel es ist, klassische Musik Klang des Euphoniums und dessen technischen Cha- Heidelberger Frühling, den Sommerlichen Musiktagen Monteverdi. In Tanglewood setzte Berio seine Studien
«neu aufzulegen». In der Konzertserie Ynight bringt rakteristika, begab er sich früh auf die Suche nach neu- Hitzacker sowie dem Lucerne Festival auf. 2015 wird fort, zudem war er einige Jahre Stammgast bei den
er in Clubs klassische Musik mit Visuals, Social Media en Möglichkeiten des klanglichen Ausdrucks innerhalb sie im Rahmen der Lucerne Festival Academy mit dem Darmstädter Ferienkursen. 1952 besuchte er in New
und einem jungen Publikum zusammen. Er mode- der variablen ästhetischen Paradigmen zeitgenössi- Fritz Gerber Award ausgezeichnet. York eines der ersten Konzerte mit elektronischer Mu-
riert in Konzerten, nimmt an Panels zur Zukunft der scher Musik. In diesem Rahmen arbeitet er mit Kom- sik, 1955 gründete er mit seinem Freund Bruno Mader-
Klassik teil und ist regelmässig Gast bei der Sendung ponistInnen wie Nuño Fernández, Dani López, Andrés Basler Madrigalisten Chor na das Studio di fonologia musicale RAI. Ab 1960 gab
Diskothek (SRF2). Abelin ist im Leadership Team von Lewin Richter, Nadine Kroher, Stijn Govaere und Joan 1978 von Fritz Näf gegründet, sind die Basler Madriga- er zahlreiche Kurse in den USA und in Europa und trat
Sistema Europe, war im Executive Committee von Mu- Mont zusammen. listen eines der ersten professionellen Vokalensemb- neben dem Komponieren immer mehr auch als Diri-
sicians for Human Rights und beriet das Cape Festival – les der Schweiz, das über ein Repertoire von der gent in Erscheinung. 1974–1980 war er Leiter der elek-
changing lives through music. Maximiliano Amici Komponist Renaissance bis zu Zeitgenössischem verfügt. Seit 2013 troakustischen Abteilung des Ircam. Seine auf einer
Geboren 1980 in Rom, schloss Maximiliano Amici sein ist Raphael Immoos ihr künstlerischer Leiter. Die Bas- Erzählung von Italo Calvino basierende Oper Un re in
Peter Ablinger Komponist Masterstudium in Komposition und in Orchesterlei- ler Madrigalisten machten verschiedenste (z.T. szeni- ascolto wurde 1983 in Salzburg uraufgeführt. 1993/1994
Peter Ablinger (*1959 Schwanenstadt, Österreich) stu- tung bei Luciano Pelosi und Bruno Aprea am Konser- sche) Ur- und Erstaufführungen erlebbar, etwa von hielt er im Rahmen der Charles Eliot Norton Lectures
dierte Grafik in Linz. Begeistert für den Free Jazz, folg- vatorium Santa Cecilia ab. Aktuell bildet er sich bei Erik Dieter Ammann, Matthias Pintscher, Bettina Skrypcak, an der Harvard University sechs Vorträge, die Einblicke
te eine Ausbildung als Jazzpianist an der Musikhoch- Oña und Caspar Johannes Walter in Basel weiter. Seine Klaus Huber u.v.m. Dabei arbeiteten sie auch mit un- in sein Musikdenken gewähren. Luciano Berio verstarb
schule Graz. Er nahm Kompositionsunterricht bei Gös- Musik wurde u.a. vom Ensemble Phoenix Basel und terschiedlichen Instrumentalensembles zusammen. 2003 in Rom. Seine in einem Zeitraum von über 40 Jah-
ta Neuwirth und Roman Haubenstock-Ramati. Seit 1982 dem Italienischen Symphonischen Orchester (RAI) un- Konzerttourneen und Festivals (u.a. MaerzMusik Ber- ren entstandenen Sequenze für verschiedene Soloins-
lebt er in Berlin, wo er bis 1990 an der Musikschule ter der Leitung von Yoichi Sugiyama gespielt. lin, Lucerne Festival, Welt-Chorfestival Sydney) führ- trumente sind Schlüsselwerke der Moderne, ebenso
Kreuzberg unterrichtete und seitdem als freischaffen- ten sie nach Europa, Asien, Australien und in die USA. Sinfonia, Folk Songs und Rendering.
der Komponist tätig ist. 1988 gründete er das Ensemb- Louis Andriessen Komponist Das Ensemble legte zahlreiche Radio-, Fernseh- und
le Zwischentöne, das er bis 2007 leitete. Seit 1992 war Louis Andriessen (*1939 Utrecht, Niederlande) stu- CD-Aufnahmen vor, darunter eine Ersteinspielung der Pierluigi Billone Komponist
Ablinger immer wieder als Gastprofessor und Dozent dierte am Haager Konservatorium und bei Luciano Be- Werke des Schweizer Komponisten Valentin Molitor Pierluigi Billone, 1960 in Italien geboren, lebt in Wien.
an verschiedenen Universitäten und Instituten tätig. rio. Seit 1974 ist er als Dozent, Komponist und Pianist (1637–1713). 1982 erhielt es den Preis der Deutschen Er studierte bei Salvatore Sciarrino und Helmut La-
Seit 2012 ist er Research Professor an der Universität tätig. Andriessen, der eigentlich vom Jazz und von der Schallplattenkritik, 1998 den Förderpreis für Musik der chenmann. Seine Musik wird von führenden Ensemb-
Huddersfield. Neben seiner kompositorischen Tätigkeit Avantgarde kommt, hat seinen Stil aus elementaren Europäischen Wirtschaft und 1991, 2002 und 2006 den les wie dem Klangforum Wien, Ensemble Intercont-
initiierte und leitete er etliche Festivals. Er ist Mitgrün- harmonischen, melodischen und rhythmischen Mit- Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung. emporain und dem Ensemble Modern und an den wich-
der des Musikverlags Zeitvertrieb Wien Berlin. Er er- teln entwickelt, die jedoch in einer unverkennbaren tigen Festivals unserer Zeit aufgeführt, darunter
hielt u.a. den Förderpreis der Akademie der Künste Instrumentierung erklingen. Zu seinen Inspirations- Boa Baumann Architekt Donaueschinger Musiktage, Wien Modern und Festival
­Berlin, ein Stipendium der Villa Aurora Los Angeles, den quellen gehören Gebiete wie Kunst, Dichtung und Andreas Boa Baumann (*1953 Brunegg, Schweiz) stu- d’Automne Paris. Eine enge Zusammenarbeit verbindet
Andrzej-Dobrowolski-Kompositionspreis für sein Sachtexte und Zusammenarbeiten mit Tänzern, Büh- dierte 1975–1980 Architektur an der ETH Zürich. Er be- ihn mit dem Dirigenten Emilio Pomárico und Musikern
­Lebenswerk, den Deutschen Klangkunstpreis und den nen- und Filmregisseuren. In seinen Werken befasst schäftigt sich mit zeitgenössischer Architektur, teils wie Christian Dierstein, Lorelei Dowling, Barbara Mau-
Ad Libitum Kompositionspreis. 2012 wurde er zum Mit- er sich oft mit komplexen schöpferischen Themen wie im Dialog mit alter Bausubstanz oder Neubauten. Sein rer, Frank Wörner und dem Duo Stump-­Linshalm. Für
glied der Akademie der Künste Berlin ernannt. Ablin- Politik und Zeit. Führende Interpreten haben seine Interesse geht vom Innenausbau über Wohnhäuser bis seine Werke erhielt er u.a. den Busoni-Kompositions-
gers Werke werden bei unzähligen Festivals weltweit Musik gespielt, darunter die Ensembles Hoketus und zu Industriebauten mit unkonventionellen Lösungs- preis der Akademie der Künste Berlin, den Ernst-Kre-
aufgeführt, seine Werke mit Installationscharakter musikFabrik, der Pianist Gerard Bouwhuis, San Fran- ansätzen. Seine Arbeiten sind geprägt vom subtilen nek-Preis der Stadt Wien und den Kompositionspreis
wurden an diversen Orten in Europa präsentiert. cisco und BBC Symphony Orchestra sowie das Kronos Umgang mit Umgebung, verwendeten Materialien und der Ernst von Siemens Musikstiftung. Billone war
Quartet. Aufnahmen seiner Werke erschienen bei No- intensiver Auseinandersetzung mit vorgesehenen Gastprofessor für Komposition an der Kunstuniversität
Hubertus Adam Kurator nesuch Records. Zu Andriessens neueren Werken zählt Nutzungen und zukünftigen Bewohnern. Räumliche Graz und der Musikhochschule Frankfurt und wird re-
Hubertus Adam (*1965) studierte Kunstgeschichte, Ar- La Commedia (2008), eine Bühnenfassung von Dantes Abfolgen, Texturen, Farben und natürliches Licht sind gelmässig eingeladen, Kompositionsseminare und
chäologie und Philosophie. Seit 1992 arbeitet er als Dichtung für die Niederländische Oper, für die er den bestimmende Elemente beim Aufbau seiner Projekte. Gastvorlesungen auf der ganzen Welt zu halten. Ein-
freier Kunsthistoriker. 1996–1998 war er Redakteur der Grawemeyer Award for Music Composition erhielt. Bauvorhaben arbeitet er mit dem Ziel aus, für k
­ omplexe spielungen seiner Musik erschienen u.a. bei Kairos,
Berliner Zeitschrift Bauwelt und seit 1998 Redakteur Problemstellungen einfache, praktische und lustvolle Stradivarius und Col legno.
der Zürcher Zeitschrift archithese. Weiterhin arbeite- Taylan Arikan Gitarre, Baglama, Gesang, Komponist Lösungen zu finden. Die Materialpalette folgt dabei
te er als freier Architekturkritiker, vor allem für die Taylan Arikan wuchs in der Türkei mit traditioneller dem Konzept und den örtlichen Gegebenheiten. Fas- Alexander Boeschoten Klavier
Neue Zürcher Zeitung. Im August 2010 übernahm er Musik auf und konzertierte schon früh bei feierlichen ziniert ist er vom Grenzbereich zwischen Architektur Alexander Boeschoten (*1989 Bern, Schweiz) studier-
die Stelle als Künstlerischer Leiter im S AM Schweize- Anlässen als Baglama-Spieler. Er brachte sich das Gi- und verschiedenen Kunstsparten. Dort liegt nicht sel- te Klavier in Zürich und trat 2012 in die Klasse von Ro­
risches Architekturmuseum und wurde im Januar 2013 tarrespielen und Singen zunächst autodidaktisch bei ten der Nährboden für seine Projekte, die nicht nur nald Brautigam (Basel) ein. Bei verschiedenen Lehrern
zum Direktor des Museums ernannt. Hubertus Adam und wirkte als Konzertbegleiter und in Studioproduk- praktisch und wirtschaftlich, sondern auch schön, po- bildete er sich in Kammermusik und als Liedbegleiter
hat zahlreiche Aufsätze zur Architekturgeschichte des tionen. Später studierte er Klassische Gitarre bei Jury etisch und humorvoll sein dürfen. aus. Schon 2005 gab er sein erstes Solorezital, mit wel-
20. Jahrhunderts und zur Architektur der Gegenwart Clormann an der Hochschule für Musik und Theater in chem er auch in die Niederlande reiste. Weitere Kon-
veröffentlicht. 2004 erhielt er den Swiss Art Award für Zürich und nahm Unterricht in Komposition und Franck Bedrossian Komponist zerte führten ihn nach Rumänien, Russland, Deutsch-
den Sektor Kunst- und Architekturkritik. Jazz-Gitarre. Wichtige Stationen in seiner künstleri- 1971 in Paris geboren, studierte Bedrossian bei Allain land, Italien, Österreich und in die Schweiz. Er trat mit
schen Laufbahn waren seine Bearbeitung von Béla Gaussin, Gérard Grisey und Marco Stroppa in seiner diversen Orchestern im In- und Ausland als Solist auf.
Peter Affentranger Technik Bartóks Sechs Rumänische Tänze für Baglama und Gitar- Heimatstadt, wo er mit Auszeichnungen abschloss. Seit 2008 ist er jährlich an der Rüttihubeliade zu sehen,
... unterwegs seit 1963. Nach einer Ausbildung zum re (2003) und die Mitwirkung bei der Uraufführung von 2002–2003 lernte er am IRCAM bei Philippe Leroux, wo er u.a. mit Thomas Demenga und Vladimir Men-
Konstruktionsschlosser war Peter Affentranger einige Matthias Steinauers WOAMM für Baglama und Streich- Brian Ferneyhough, Tristan Murail und Philippe delssohn konzertierte, und spielte 2010 erstmals in der
Jahre im Beruf tätig und fünf Jahre auf Tournee mit dem quartett (2006). Zusammen mit Srdjan Vukasinovic Manoury. Weitere Studien führten ihn zu Helmut La- Tonhalle Zürich. 2011 folgten erste Radioaufnahmen
Circoline Pipistrello. Danach kam der Einstieg als The- brachte er unter dem Namen Meduoteran 2006 das Al- chenmann und zur Ensemble Modern Academy. Seine mit dem ORF und eine Tournee mit dem Violoncellisten
aterhandwerker bei Karls Kühner Gassenschau und der bum Horon (Label: Monkey Music) heraus. Seit 2005 Werke werden in Europa und den USA an Festivals wie Joachim Müller-Crépon (Duo Gemini) führte ihn 2013
Aufbau der eigenen Theaterwerkstatt für Bauten und unterrichtet Arikan an der ZHdK Musik aus dem Bal- dem Resonances, RTE Living Music Festival, Ars Mu- nach Südafrika. Als Mitglied des Gagliano Trios trat er
Betreuung der verschiedensten Theater und Kunstpro- kan. Er lebt in der Schweiz. sica, Festival International d’Art Lyrique d’Aix-en-Pro- 2014 an der Schubertiade Hohenems auf.

BIOGRAPHIEN 126 BIOGRAPHIEN 127


Andres Bosshard Komponist Regelmässig tritt er mit dem Orchestre Internationale Kompositionskurse, war Composer-in-Residence an Manoury und Hans Werner Henze zusammen. Nach
Lebt in Zürich, Köln, Wien, kontinuierliche Zusam- de Genève, dem Suisse Virtuoso Chamber Orchestra, der Queen’s University Belfast (1994–1997) und ist ersten Positionen als Chefdirigent in den USA übersie-
menarbeit mit dem IGNCA in New Delhi. Der äusserst dem Orchestre du Festival de Bellerive, dem Weinber- Ehren­professor an der Musikakademie Baku (Azerbai- delte er 1980 nach Deutschland und Österreich. Als
vielseitige Künstler begann als Maler und realisierte ger Kammerorchester, der Camerata Venia und ande- jan). Als Künstler konzentriert er sich auf Leinwand- Chefdirigent an Konzert- und Opernhäusern war er bis
eine Reihe von Aktionen, bevor er sich dem experimen­ ren Orchestern auf. Seine Begeisterung für lateiname- malerei und Tinte auf Papier. Sein Werk wurde in Aus- 2006 tätig in Stuttgart, Bonn und Wien. 1997–2012 war
tellen Musiktheater zuwandte, Klanginstallationen re- rikanische Musik machte ihn zum Mitbegründer der stellungen in London und Deutschlad gezeigt und er er Professor am Mozarteum Salzburg. Gastdirigate
alisierte, eigene live-ektronische Musikinstrumente Camerata Candela und des Ensemble Raices, die sich ist Mitgleid der National Society of Painters, Sculptors führten ihn zu den wichtigsten Orchestern in Europa
entwicklte und im Bereich der Improvisationsmusik der Interpretation von in Europa wenig aufgeführten and Printmakers (GB). und den USA. Er arbeitete zusammen mit Regisseuren
arbeitete. Er war Mitbegründer der Improvisationsfor- Komponisten verschrieben haben. wie Harry Kupfer, Achim Freyer und Robert Wilson und
mation Nachtluft, mit der er 1987 auf Japantournee Pascal Contet Akkordeon ist in Opernproduktionen derzeit u.a. tätig an der Me-
ging. 1987 realisierte er sein erstes Grossprojekt Stau­ Eleonore Büning Musikjournalismus Pascal Contet studierte Akkordeon in Hannover und tropolitan Opera New York. Seit 2002 ist Davies Chef-
damm in Fusio. Der Staudamm wurde durch präzis po- Elisabeth Eleonore Büning wurde am 2. Januar 1952 in Kopenhagen. Seither hat er rund 250 neue Werke von dirigent und Opernchef in Landestheater Linz, seit
sitionierte kleine Lautsprecher zum gigantischen Frankfurt am Main geboren und wuchs in Bonn am Komponisten wie Franck Bedrossian, Luciano Berio, 2009 Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel.
Klangreflektor. Mit Klangbrücke Bern schaffte er 1990 Rhein auf. Dort lernte sie das Flöten und Geigen. Nach Philippe Hurel, Bruno Mantovani und Ivan Fedele zur
eine Live-Verbindung zwischen der Kunsthalle Bern dem Abitur im Sommer 1970 ging sie nach Berlin, wo Uraufführung gebracht. Er erhielt verschiedene Preise Felix Del Tredici Posaune
und der Eisenbahnbrücke an der Lorraine. Sein Telefo­ sie Musik-, Theater- und Literaturwissenschaften an und Stipendien. Als Solist mit Orchestern und als Mit- Felix Del Tredici stammt aus Montreal (Kanada) und
nia ermöglichte 1991 ein Live-Simultankonzert via Sa- der Freien Universität Berlin studierte und mit dem glied der Ensembles 2E2M und Ars Nova spielte er un- wurde von der New York Times als «aussergewöhnlich
tellit zwischen dem Säntis, Winterthur und New York. Klavierspielen anfing. Nach einem Umweg über die an- ter Dirigenten wie Pierre Boulez, Emilio Pomàrico, vielseitiger Posaunist beschrieben, dessen Konzerte
1996 folgte manandarbandr – Radar-radiostation für so­ gewandte Musiktherapie schloss sie das Studium mit ­Susanna Mälkki, François-Xavier Roth, Esa Pekka Sa- aufwühlend und dennoch faszinierend» seien. Er ist
nambiente in Berlin, 1995–1998 ein Medienarchitektur- einer Doktorarbeit über frühe Beethoven-Rezeption lonen and James Wood. Er hat zahlreiche Kammer­ Mitglied des Ensemble Moto Perpetuo, des Fonema
projekt für den Klangturm in St.Pölten. 1997/98 war ab. Seit Ende der 1980er Jahre schrieb sie über Musik musikpartner und spielt mit Klangkörpern wie dem Consort sowie des Ensemble Échappé und ist aufgetre-
Bosshard Fellow an der Kunsthochschule für Medien unter anderem für die taz, die Weltwoche, den Rheini- Orchestre de l’Opéra de Paris und Orchestre de la Su- ten mit dem Ensemble Transmission, dem Ensemble
Köln und realisierte 2000 verschiedene Expo-Projekte. schen Merkur sowie für den Rundfunk. 1994 trat sie als isse Romande, Kammerorchestern von Taschkent bis Signal, dem Bozzini Quartet und dem Klangforum
1996 erhielt er den 2. Preis ars electronica. Musikredakteurin in das Feuilleton der Zeit ein und ist Bratislava und den Ensembles Tokyo new music, Mo- Wien. Del Tredici ist Assistent für Musikforschung am
seit dem 1. April 1997 Musikredakteurin der Frankfur- dern und Contrechamps. Seine Konzerte führen ihn Matralab und arbeitet eng zusammen mit dem Topo-
Pierre Boulez Komposition ter Allgemeinen Zeitung. 2008–2012 wechselte sie zur durch die ganze Welt an führende Festivals und Spiel- logical Media Lab. Er lebt in New York City.
Pierre Boulez (*1925 Montbrison, Frankreich), begann Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und ist seit- stätten. Contet veranstaltet pädagogische Konzerte
zunächst ein Mathematikstudium, ehe er als 17-Jäh- her verantwortlich für das Musikressort. und Ausstellungen mit seiner umfangreichen Akkor- Thomas Demenga Komposition
riger den Entschluss fasste, sich ausschliesslich der deon-Sammlung. Seit 2011 unterrichtet er an der ASdM Thomas Demenga (*1954 Bern, Schweiz) ist ein renom-
Musik zu widmen. Nach Studien bei Olivier Messiaen Cordula Bürgi Dirigat Strasbourg am CNSMD in Paris. Seine 45 CD-Einspie- mierter Cellist, Komponist und Pädagoge. Er konzer-
und René Leibowitz, der ihn mit Schönbergs Reihen- Cordula Bürgi, geboren und aufgewachsen in der Ost- lungen erschienen u.a. bei Harmonia Mundi und æon. tiert in der ganzen Welt und mit zahlreichen Musiker-
technik vertraut machte, trat Boulez mit Douze Nota­ schweiz, erhielt mit 7 Jahren den ersten Violin- und 2015 gründet er sein eigenes Label. kollegInnen wie Heinz Holliger, Gidon Kremer oder
tions (1945) und zwei Klaviersonaten (1946/48) erstmals Klavierunterricht. Sie war Konzertmeisterin des Ju- Tabea Zimmermann. Namhafte Orchester engagieren
als Komponist in Erscheinung; seinen weltweiten Ruf gendorchesters il mosaico. Es folgten ein Geigenstu- contrapunkt chor ihn als Solisten, darunter das Boston Symphony Or-
festigte vor allem die Uraufführung der Kammerkan- dium an der Musikhoschschule Luzern und anschlies- Die besondere Aufmerksamkeit des contrapunkt chors chestra, L’Orchestre de la Suisse Romande, ORF-Sym-
tate Le Marteau sans Maître (1955) in Baden-Baden. In send ein Dirigierstudium an der Hochschule für Musik gilt der Auseinandersetzung mit verschiedenen Kultu- phonieorchester Wien und Tonhalle-Orchester Zürich.
den Jahren danach nahm Boulez’ Karriere als Dirigent in Basel sowie ein Gesangsstudium an verschieden ren, Volksliedern und Musikbereichen sowie Chorpro- Improvisation und Neue Musik sind wichtige Aspekte
immer grösseren Raum ein. Höhepunkte waren die Schulen. 1999–2014 war sie Chorleiterin der Mäd- jekten mit Musikern und Komponisten am Rande oder in seiner künstlerischen Arbeit. Demenga ist Dozent
Leitung des Parsifal (1966–1970) und des Rings (1976– chenkantorei Basel, deren Gesamtleitung sie 2008 ausserhalb der konvetionellen Musikszene. Der Chor an der Hochschule für Musik in Basel. Er war artiste
1980) in Bayreuth sowie seine Engagements als Musi- übernahm. In dieser Zeit war sie regelmässig am The- fühlt sich einer innovativen und gegenwartsbezoge- étoile am Lucerne Festival und 2001–2006 Intendant
kalischer Leiter des BBC Symphony Orchestra (1960– ater Basel tätig. 2012–2014 studierte sie Kulturma- nene Arbeit verpflichtet, ohne sich dabei die Musik der des Davos Festivals Young Artists in Concert. Sein
1972) und des New York Philharmonic (1971–1975). nagement an der Universität Zürich. Seit 2011 ist sie Vergangenheit mit ihren grossartigen Meisterwerken Doppelkonzert für zwei Celli führte er in der Schweiz,
Anschliessend war er 1976–1991 als Leiter des von ihm als freischaffende Dirigentin unterwegs. Derzeit baut vorzuenthalten. Der 1981 von Georg Hausammann ge- am Kronberg Cello Festival und am Los Angeles Cello
gegründeten IRCAM, des Forschungsinstituts für zeit- sie ein Vokalsensemble für alte und zeitgenössische gründete Chor zählt heute ca. 70 SängerInnen aus der Festival mit seinem Bruder Patrick Demenga auf.
genössische Musik am Centre Pompidou, und des En- Musik auf. Sie lebt und arbeitet in Wien. Region Basel. Seit 2010 singt der contrapunkt unter der 2007/08 war er Composer-in-Residence beim Orche-
semble intercontemporain in Paris tätig; im Rahmen Leitung von Abélia Nordmann. stre de Chambre de Lausanne und komponierte 2010
dieser Arbeit und auf Grundlage der erweiterten Tech- das Pflichtstück für den Grand Prix Emanuel Feuer-
nologien bildete er einen neuen kompositorischen Stil C Arturo Corrales Komposition mann. Er ist Künstlerischer Leiter der Camerata Zü-
heraus, wie er sich in Répons oder Dialogue de l’Ombre Geboren 1973 in El Salvador, lebt der Komponist, Diri- rich. Seine Musik erscheint bei der ECM New Series.
double manifestiert. Seit Anfang der 1990er Jahre hat Andrey Chernov Klarinette gent, Gitarrist, Dozent und Architekt Arturo Corrales
sich Pierre Boulez wieder verstärkt dem Dirigieren zu- Geboren in Surgut (Russland), begann Andrey Chernov heute in der Schweiz. Seine musikalische Ausbildung Yaron Deutsch E-Gitarre
gewandt, u.a. am Pult des Chicago Symphony und des seine musikalische Ausbildung an der Surguter Giliale erhielt er in San Salvador, Genf, Lugano und Paris bei Yaron Deutsch wurde 1978 in Israel geboren. Er stu-
Cleveland Orchestra, der Berliner und der Wiener Phil- der Glinka-Chorschule, bevor er an die Staatliche klas- Eric Gaudibert, Nicolas Bolens, Michael Jarrell, Nadir dierte an der Rubin Academy for Music and Dance (Je-
harmoniker sowie der Staatskapelle Berlin. Bei den sische Maimobides-Akademie (Moskau) zu Ewgenij Vassena, Rainer Boesch, Luis Naón, Eric Daubresse und rusalem) bei den Gitarristen Steve Paskof und Yossi
Bayreuther Festspielen leitete er 2004/05 abermals den Pterow wechselte. Im Jahr 2014 hat er sein Master­ Giorgio Bernasconi. 2004 erhielt Corrales den Edmund Levi. 2006 war er Mitbegründer des in Tel Aviv behei-
Parsifal, bei den Wiener Festwochen dirigierte er 2007 studium beim Herrn Professor Jörg Widmann an der Pendleton Preis. Er ist Mitgründer des Ensemble Vor- matete Ensemble Nikel, das zahlreiche Werke von
Janáceks Aus einem Totenhaus. 2003 gründete er die Musikhochschule Freiburg i. Brsg. abgeschlossen. tex und hat als Komponist wie Dirigent an verschie- Zeitgenossen wie Chaya Czernowin, Clemens Gaden-
Lucerne Festival Academy. Pierre Boulez ist Träger des Meisterkurse besuchte er etwa bei Wenzel Fuchs, Kari densten internationalen Kunstfestivals teilgenom- stätter, Marco Momi, Helmut Oehring, Stefan Prins
Siemens-Musikpreises, des Praemium Imperiale, des Kriikku, Alessandro Carbonare und Shirley Brill. Ab men. Trotz des experimentellen Charakters seiner und Michael Wertmüller zur Uraufführung brachte. Im
Theodor-W.-Adorno-Preises, des Polar Music Prize, September 2015 fängt er sein Studium (Master Speci- Werke bleibt Corrales’ Musik stets vom Volkloristi- Duo BAND, das alte, zeitgenössische Instrumente und
des Kyoto Prize und des Adenauer-de-Gaulle-Preises. alized Music Performance Solo) bei Prof. François Ben- schen und Populären beeinflusst. Die Form und die Elektronik kombiniert, spielt er gemeinsam mit Eva
da an der Musik-Akademie Basel an. Als Solist sowie zeitliche und räumliche Wahrnehmung sind zentrale Reiter Viola da gamba und Blockflöte und komponiert
Juan Braceras Violine Kammermusiker ist er bereits viel gefragt und wirkt Aspekte seiner Arbeiten, mit denen er den Ausdruck auch für diese Formation. Als Solist trat Deutsch mit
Geboren in Rauch / Buenos Aires (Argentinien), begann u.a. im Ensemble des Studios für Neue Musik der Mu- und die Perzeption einer «lebbaren und menschli- den Ensembles Ascolta (Stuttgart) und Court Circuit
er sein Geigenstudium in Natal (Brasilien) an der Es- sikhochschule Freiburg. chen» Musik erreichen will. Derzeit lehrt er Kompo- (Paris) auf, sowie mit dem Israel Philharmonic Orche-
cola de Música da Universidade Federal do Rio Grande sition und Analyse an der CPMD Genf und arbeitet an stra unter Zubin Mehta, dem Klangforum Wien, dem
do Norte, um es in Genf und Lausanne fortzusetzen. James Clarke Komposition seiner Dissertation. RAI Orchestra (Turin) und dem RSO Wien unter Peter
2012 machte er seinen Master in musikalischer Inter- James Clarke (*1957 London) ist Komponist und bil- Eötvös und Pascal Rophe. Deutsch ist Gründer und Di-
pretation bei Adelina Oprean an der Hochschule für dender Künstler. Sein musikalisches Œuvre besteht aus rektor des internationalen Ferienkurses und Festivals
Musik Basel. Er nahm an zahlreichen Masterclasses teil über 100 sinfonischen, solistischen und Ensemble­ D für Zeitgenössische Musik Tzlil Meudcan (Israel). Er
und arbeitete als Solist mit mehreren brasilianischen werken, u.a. Auftragswerke für Arditti String Quartet, lebt in Tel Aviv und Wien.
Orchestern, wo er auch mehrere nationale Nachwuchs- Nicolas Hodges und Klangforum Wien. Seine Musik Dennis Russell Davies Dirigat
wettbewerbe als Finalist und Sieger absolvierte. Als wird gespielt an Festivals wie Ars Musica Brüssel und Dennis Russell Davies wurde in Toledo (USA) geboren Quatuor Diotima Streichquartett
Kammer- und Orchestermusiker ist er aktiv in Europa Time of Music Festival (Viitasaari, Finland), bei denen und studierte Klavier und Dirigieren an der New Yorker Das Quatuor Diotima wurde von Absolventen der Kon-
(Österreich, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Irland, er bereits Gastkomponist war, den Donaueschinger Juilliard School. Als Dirigent in Oper und Konzert, als servatorien zu Paris und Lyon gegründet und ist eines
Italien, Italien, Spainien, Schweiz), Asien (Chia, Oman) Musiktagen, der Biennale Venedig, dem Huddersfield Pianist und Kammermusiker beherrscht er ein breit der gefragtesten Streichquartette weltweit. Das En-
und Lateinamerika (Argentinien, Brasilien, Uruguay Contemporary Music Festival und vielen anderen Or- gefächertes Repertoire, das vom Barock bis zur jüngs- semble arbeitete mit Komponisten wie Helmut La-
u.a.). Er trat bei verschiedenen Festivals auf, u.a. 2010 ten. Einspielungen seiner Werke liegen bei Col legno, ten Moderne reicht. Er arbeitet mit Komponisten wie chenmann, Brian Ferneyhough oder Toshio Hosowaka
mit dem Verbier Verbier Festival Chamber Orchestra. NMC und anderen Labels vor. Clarke leitete zahlreiche Luciano Berio, Philip Glass, Laurie Anderson, Philippe zusammen und vergibt regelmässig Aufträge an Kom-

BIOGRAPHIEN 128 BIOGRAPHIEN 129


ponisten aus der ganzen Welt, wie beispielsweise Al- geti Streichquartett und das Orchestre National de Lor- E Ángel García Martín und Bastian Pfefferli in ihrer
berto Posadas, Gérard Pesson, Emmanuel Nunes oder raine aufgeführt. Seine Kompositionen wurden durch künstlerischen Arbeit vorfinden. Was mit Schlagzeug­
James Dillon. Seit seiner Gründung spielte das Quatu- BBC Radio 3 und den Podcast Financial Times Science Martina Ehleiter Praxis-Assistenz Innen- repertoire begann, entwickelte sich bald weiter zu Multi­
or Diotima in den grossen Konzertsälen und bei Festi- vorgestellt. Er wurde ausgezeichnet vom American architektur und Szenografie media-Performances wie dem Projekt Beleuchtend oder
vals in ganz Europa (Philharmonie und Konzerthaus Composers Forum, dem Institute for European Studies 1977 in Ellwangen (D) geboren, lebt Martina Ehleiter theatralischen Formen von Installationskonzerten mit
Berlin, Reina Sofia Madrid, Cité de la Musique Paris, Wien und dem UK Foreign Aid and Commonwealth Of- heute als freischaffende Bühnenbildnerin in Basel. Sie Jürg Frey und Michael Pisaro bis hin zur Kollaborati-
Wigmore Hall und South Bank Centre London, Kon- fice und viele mehr. Doughertys eingehender Beschäf- studierte Innenarchitektur an der Burg Giebichenstein, onskonzertserie Flattersound, die die kreativen Inte-
zerthaus Wien etc.). Tourneen führen das Ensemble tigung mit Musik und Leben des rumänischen Kompo- Kunsthochschule Halle und absolvierte ein Austausch- ressen vierer unterschiedlicher Performer des 21. Jahr-
regelmässig in die USA, nach Asien (China, Korea, Ja- nisten Horatiu Radulescu folgten Publikationen wie semester am Institut Innenarchitektur und Szenogra- hunderts präsentierte. Aufführungen führten ET | ET
pan) und nach Südamerika (Kolumbien, Argentinien, Before the universe was born (erschienen in der Zeit- fie der HGK Basel. Nach ihrem Studienabschluss war u.a. ans Lucerne Festival, zum Tzill Meudcan (Israel),
Brasilien, Peru, Chile etc.). Bereits fünf Einspielungen schrift Tempo). sie als Bühnenbildassistentin am Theater Basel, der an die Blurred Edges (Deutschland), zu Percussione
mit Werken von Lachenmann, Nono, Janáček, Alberto Schaubühne Berlin, am Opernhaus Zürich und an der Temporanea (Italien) und zum Festival Hispano-Luso
Posadas, George Onslow sowie Steve Reich, Samuel Brigitte Dubach Lichtgestaltung Staatsoper Stuttgart tätig. Seit 2009 arbeitet Ehleiter (Spanien).
Barber und George Crumb wurden mit dem Diapason Brigitte Dubach (*1952 Sumiswald, Schweiz) gestaltet als freischaffende Bühnenbildnerin und seit 2011 als
d’Or ausgezeichnet. Lichträume für Tanz-, Theater- und Musikprojekte. wissenschaftliche Assistentin am Institut Innenarchi-
Mit Faszination und Kontinuität begleitet sie mit Vor- tektur und Szenografie der HGK Basel. F
Dominik Dołęga Perkussion, Komposition liebe den Weg von tanzenden Menschen, was eine Ver-
Dominik Dołęga (*1979 Krakau, Polen) ist Künstler, bindung herstellt zu ihren früheren Tätigkeiten. Sie Ensemble Batida Walter Fähndrich Komposition
Musiker, Perkussionist, Komponist und Lehrer. Er stu- war zunächst als Turn- und Sportlehrerin tätig und hat Die fünf Musiker des 2009 gegründeten Ensemble Ba- 1944 geboren in Menzingen (ZG, Schweiz). 1965–1971
dierte Schlagzeug und freie Improvisation in Krakau verschiedene Aus- und Weiterbildungen in Tanz- und tida (Jeanne Larrouturou, Anne Briset, Viva Sanchez Musikstudium am Konservatorium Luzern (Hauptfä-
und Basel. Dołęga tritt als Solist und Kammermusiker Bewegungstheater absolviert, an die sich Assistenzen Reinoso, Raphaël Krajka, Alexandra Bellon) widmen cher Theorie und Viola). Von 1971–1985 unterrichtete
an zahlreichen Festivals in Europa auf und gastierte in bei renommierten Lichtgestaltern anschlossen. Eine sich der Uraufführung qualitativ hochwertiger zeitge- er Theorie, Schulmusik Gymnasium, Violine/Viola und
diversen Orchestern und Ensembles für zeitgenössi- langjährige und intensive Zusammenarbeit verbindet nössischer Werke, die sie selbst in Auftrag geben. Zur- Musikalische Früherziehung. Seit 1972 Komposition
sche Musik. Seine Kompositionen sind ungewöhnliche sie mit dem Schlagzeuger und Komponisten Fritz Hau- zeit entstehen neun Stücke schweizerischer, französi- von Musik zu Hörspiel, Theater, Ballett, Film. Seit 1973
Collagen aus Klängen, die Elemente der experimentel- ser, mit dem sie erstmals 1998 in der Produktion A man­ scher und russischer Komponisten für die Gruppe. Das Konzerte mit improvisierter Kammermusik. Work-
len und elektroakustischen Musik beinhalten sowie ca di Orione kooperierte. Brigitte Dubach lebt in Basel. Ensemble hat zahlreiche Preise erhalten, darunter den shops zu Live-Komposition / Improvisation. Seit 1979
von klassischen, zeitgenössischen Musiktrends inspi- zweiten Preis des Concours Nicati (2013). Batidas Kon- Komposition und Realisierung elektroakustischer Mu-
riert sind. Er verfügt über vielfältige Techniken im Hugues Dufourt Komposition zert beim Festival Adelboden wurde von Radio DRS sik. Seit 1980 MUSIK FÜR RÄUME – Musikalische Pro-
Spielen von klassischen, akustischen und orientali- Hugues Dufourt wurde 1943 in Lyon geboren. Sein Stu- aufgezeichnet und es stehen diverse Auftritte bei re- jekte und Installationen in Innen- und Aussenräumen.
schen Perkussionsinstrumenten. Seit Beginn seiner dium absolvierte er am Conservatoire supérieur de mu- nommierten Festivals bevor. Ein Multidisziplinäres Seit 1981 internationale Konzerttätigkeit als Vio-
Karriere entwickelt er einen einzigartigen Kunststil, in sique de Genève in den Fächern Klavier (bei Louis Hilt- Projekt im Rahmen der Eröffnung des Südafrikani- la-Spieler mit Eigenkompositionen. 1983–1992 Vor-
dem Malerei, Tanz, Theater, Musik und Elektronik in- brand) sowie Komposition und Elektronische Musik bei schen Festivals JOMBA für zeitgenössischen Tanz führ- standsmitglied des Instituts für Neue Musik in
teraktiv ineinander verwoben sind, sich gegenseitig Jacques Guyonnet. Ab 1967, nach dem Erwerb seines te sie mit dem belgischen Choreographen Jens van Da- Darmstadt (D). Seit 1985 Professur für Improvisation
beeinflussen und so eine neue und unkonventionelle Lehrdiploms in Philosophie, war er Dozent an der Uni- ele zusammen. Diese Zusammenarbeit setzten sie fort an der Musikhochschule Basel. 1990–2005 alle drei
Kunstform entstehen lassen. In seinem Perkussions- versität von Lyon. 1973 trat er dem Centre national de in Spring Tide, einer Show für sechs Tänzer und vier Jahre Planung und Leitung der Internationalen Tagun-
unterricht ist es ihm nicht nur ein Anliegen, die Spiel- recherche scientifique (CNRS) bei. Als Mitglied des En- Musiker, die in den Niederlanden 26 mal zur Auffüh- gen für Improvisation Luzern. Herausgeber der
technik der Kinder zu verbessern, sondern er motiviert semble L’itinéraire war er 1976–1981 dessen Ge- rung kommt und anschliessend ans Genfer Buchreihe Improvisation (Amadeus-Verlag). Walter
und inspiriert sie dazu, ihren eigenen Stil zu suchen schäftsleiter. 1982–1998 war er zudem Direktor des Gapon-Theater weiterzieht. Für die Show Haiku arbei- Fähndrich lebt in Brissago.
und auch ausserhalb des Alltäglichen zu experimen- Centre d’information et de documentation «Recher- ten Batida zudem zusammen mit den Künstlern von La
tieren. Zusammen mit Sylwia Zytynska gibt er Thea- che musicale» am CNRS (in Kooperation mit der Éco- Luciole écarlate. Brian Ferneyhough Komposition
tervorstellungen beim Gare des Enfants, in welchen le Normale Supérieure und dem Ircam). 1989 gründete Brian Ferneyhough (*1943 Coventry, England) studier-
musikalische und szenische Elemente auf wunderbare er an der École des Hautes études en Sciences sociales te 1961–1967 in Birmingham und London. Weitere Stu-
Weise verbunden werden. den Studiengang «Musik und Musikwissenschaft des Ensemble Nuance dien erfolgten bei Ton de Leeuw in Amsterdam und
20. Jahrhunderts». Neben zahlreichen Kompositions- Das Ensemble Nuance kam erstmals 2012 am Davos Klaus Huber an der Musik-Akademie Basel. In drei auf-
Franco Donatoni Komposition aufträgen von grossen französischen, deutschen und Festival Young Artists in Concert zusammen und einanderfolgenden Jahren gewann er ab 1968 Preise des
Franco Donatoni, 1927 in der Nähe von Verona geboren, italienischen Orchestern erhielt er 1975 den Grand Prix brachte dort Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire zur Auf- Gaudeamus Kompositionswettbewerbs. 1974 erlangte
studierte nach einer Berufsausbildung als Buchhalter de la Musique de chambre (SACEM), 1980 den Grand führung. Seitdem spielt das Ensemble, gegründet von er mit der Aufführung mehrerer Werke am Royan Fes-
1946–1951 Komposition in Mailand und Bologna, an- Prix de l’Académie Charles Cros und 2000 den Preis des der Basler Geigerin Malwina Sosnowski, Rares und Be- tival internationale Aufmerksamkeit. Seine Vorliebe
schliessend besuchte er die Meisterklasse Ildebrando französischen Staatspräsidenten für sein komposito- währtes in variabler Formation. Die jungen Musiker für das Unterrichten führte ihn 1973 zunächst als As-
Pizzettis an der römischen Accademia di Santa Cecilia risches Gesamtwerk. werden getrieben von ihrer Experimentierfreude und sistent von Klaus Huber an die Musikhochschule Frei-
und schloss seine Studien 1953 mit einem weiteren Di- stellen mit Vorliebe ungewöhnliche Programme in burg i. Brsg. Seit 1987 lehrte er zudem Komposition an
plom ab. Wesentliche Einflüsse erhielt er von Goffredo Duo Kociuban-Gamsachurdia Violoncello, Klavier ehrgeizigen Zusammenarbeiten vor. Ensemble Nuan- der Universität von San Diego und seit 2000 an der
Petrassi und von Bruno Maderna. 1967 erhielt er eine siehe Demetre Gamsachurdia und Wiktor Kociuban ce sind: Marie Heeschen (Stimme), Malwina Sosnow- Stanford University. Zwölf Jahre lang leitete er Semi-
Kompositionsprofessur am Konservatorium Turins und ski (Violine/Viola), Paolo Vignaroli (Flöte/Piccolo), Nils nare der Darmstädter Ferienkurse und war Gastdozent
kehrte zwei Jahre später in gleicher Position nach Mai- Duo Opalio-Pianelli Violoncello, Klavier Kohler (Klarinette/Bassklarinette), Karolina Öh- an zahlreichen Musikhochschulen in Europa und Ame-
land zurück; schliesslich wurde ihm 1978 eine Meis- siehe Chiara Opalio und Alessio Pianelli man (Violoncello), Paolo Bonomini (Violoncello) und rika. 2007 wurde sein musikalisches Schaffen mit dem
terklasse an der Accademia di Santa Cecilia anvertraut. Kiril Zwegintsow (Klavier). Ernst von Siemens Musikpreis gewürdigt, 2012 verlieh
Eine neurotische Veranlagung führte Donatoni immer Duo Steimel-Müksch Akkordeon, Gitarre ihm das Goldsmiths College der University of London
wieder in schwere Krisen, die seine Schaffenskraft bis- Das Duo Steimel-Mücksch (Olivia Steimel, Akkordeon ensemble recherche die Ehrendoktorwürde. Er ist Chevalier de l’Ordre des
weilen über längere Zeit zum Erlahmen brachten. und Josef Mücksch, Gitarre) gründete sich im Jahre Das ensemble recherche wurde 1985 in Freiburg im Arts et des Lettres und seit 1996 Mitglied der Akademie
Mehrmals begab er sich in pschoanalytische sowie 2009 mit dem besonderen Engagement, Alte Musik für Breisgau gegründet. Seither hat es mit rund 600 Urauf­ der Künste Berlin. Mit seinem kompositorischen
neurologische Behandlung. Als Komponist und Päda- ihre Instrumente zu arrangieren und neue Musik, wel- führungen die Entwicklung der zeitgenössischen Kam- Schaffen ist er auf den bedeutenden Festivals zeitge-
goge übte er einen enormen Einfluss auf eine ganze che eigens für diese Besetzung komponiert wurde, zu mer- und Ensemblemusik entscheidend mitgestaltet. nössischer Musik vertreten.
Generation italienischer Komponisten aus. 1985 wurde interpretieren. Dabei arbeitet das Duo eng mit jungen Das neunköpfige Solistenensemble hat mit seiner ganz
er zum Commandeur dans l’Ordre des Arts et des Lett- Komponisten zusammen. Während ihres gemeinsa- eigenen dramaturgischen Linie einen festen Platz im Peter Fierz Architekt
res des französischen Kulturministeriums ernannt. Er men Studiums in Würzburg wurden die beiden in die internationalen Musikleben. Neben seiner ausgedehn- Geboren 1943 in Basel, absolvierte er diverse Aus- und
verstarb 2000 in Mailand. Yehudi Menuhin – Live Music Now Stiftung aufgenom- ten Konzerttätigkeit auf bedeutenden Bühnen wirkt Weiterbildungen in Architektur, Grafik und Stadtpla-
men. Das Duo ist Gewinner des Internationalen Ak- das Ensemble bei Musiktheaterprojekten mit, gibt nung in den USA, der Schweiz, Italien, Österreich und
William Dougherty Komposition kordeonwettbewerbs Castelfidardo (Italien, 2011), so- Kurse für Instrumentalisten und Komponisten und Deutschland. Er ist als Architekt und Autor tätig. Von
William Dougherty wurde 1988 in Philadelphia (USA) wie Preisträger beim Kammermusikwettbewerb FNA- bietet dem musikalischen Nachwuchs Einblicke in sei- 1994 bis 1997 war er Direktor der Schule für Gestaltung
geboren. Heute lebt und arbeitet er in Basel. Er stu- PEC Musiques d´Ensemble (Paris, 2014), beim ne Arbeit. Das Ensemble hat rund 50 CDs veröffent- Bern, von 2009 bis 2015 war er Mitglied des Gestal-
dierte in den USA, England und der Schweiz bei Richard Karlsruher Wettbewerb für die Interpretation zeitge- licht, die mehrfach mit internationalen Preisen aus- tungsbeirates der Stadt Pforzheim, seit 2015 in gleicher
Brodhead, Jan Krzywicki, Mark-Anthony Turnage, nössischer Musik (2013) und beim Internationalen Ak- gezeichnet wurden, darunter mit dem Jahrespreis der Funktion in Baden-Baden. Von 1998 bis 2008 hatte er
Kenneth Hesketh und Georg Friedrich Haas. 2014 be- kordeonwettbewerb Klingenthal (2011). Konzerte, Deutschen Schallplattenkritik und dem Diapason D’Or. an der Architekturfakultät der Universität Karlsruhe
gann er seine Dissertation an der Columbia University Rundfunk- und Festivalauftritte führten sie neben eine Professur für Entwerfen und Konstruieren inne.
in New York. Seine Werke wurden u.a. im Southbank Deutschland auch in die Schweiz, nach Italien, Frank- ET|ET ensemble this|ensemble that Schlagzeugquartett Zudem wirkte er als Gastprofessor an den Universitä-
Centre London, im Kimmel Center Philadelphia und reich, Serbien und Tschechien. Verschiedene Nationalitäten, Sprachen, Alter – wie der ten von Harvard und Washington. Seit 2008 ist er
der Trinity Chapel Fontainebleau durch Ensembles wie Name schon sagt: «This» und «That» beschriebt die Lehrbeauftragter für Altbauinstandsetzung in Karls-
BBC Singers, Lontano, Nemascae Lemanic Modern, Li- Situationen, die Brian Archinal, Victor Barceló, Miguel ruhe. Er lebt in Basel und im Tessin.

BIOGRAPHIEN 130 BIOGRAPHIEN 131


Jürg Frey Komposition konzentriert sich Gamsachurdia auf die Aufführungs- Michael Gschwind Schwinger Musikräumen (mit-)entwickelt, die transportabel und
Jürg Frey (*1953 Lenzburg, Schweiz) erhielt Komposi- praxis zeitgenössischer Musik und experimentelles Wohnort: Hofstetten; Geburtsdatum: 28.06.1984; variabel sind und sich direkt zur Musik verändern kön-
tionsunterricht bei Urs Peter Schneider, lernte jedoch Musiktheater. Enge Zusammenarbeiten verbinden ihn Sternzeichen: Krebs; Zivilstand: verheiratet mit Sab- nen. Vorträge an verschiedenen Fachhochschulen,
vor allem autodidaktisch. 1979–1982 studierte er Kla- mit dem Cellisten Wiktor Kociuban und dem Schlag- rina; Gewicht 118 kg; Grösse 186 cm; Schuhgrösse 47; Vorstandsarbeit im Schweizerischen Tonkünstlerver-
rinette bei Thomas Friedli in Genf. Als Organisator zeuger Bastian Pfefferli. Konzerte führten ihn nach Hobbies: FC Basel, Sport allgemein, Guggenmusik; er- ein und bei ZeitRäume Basel runden seine Arbeit ab.
setzte er sich ein für die Konzertreihe Musikalische Georgien, Deutschland, Frankreich Polen und in die lernter Beruf: Elektromonteur/ Montage Gastronomie
Begegnungen Lenzburg, die Moments musicaux Aarau, Schweiz. Er arbeitete mit Ensembles wie dem Raschèr Küchen; jetziger Beruf: technischer Kaufmann; Lieb-
die AG Komposition Zürich sowie die Komponisten Saxophone Quartet, dem Ensemble Phönix Basel und lingsgericht: Cordon Bleu mit Spätzli; Lieblingslied: H
Werkstatt Aarau. 1975 entstand mit Stück «für private dem Convergence Ensemble. Seine Werke wurden in Ledig bliibt de Hürlimaa; Lieblingsbuch: Das Schwin-
und öffentliche Aufführungen (ohne Besetzungsanga- Italien, Österreich, Russland und Brasilien aufgeführt. gen; Lieblingszeitung: Schlussgang, Blick. Besonderes: Georg Friedrich Haas Komposition
be)» sein erstes gültiges Werk. 1991 war er Preisträger Er war mehrfach Stipendiat der Pierino Ambrosoli immer für einen Spass aufgelegt. Bevorzugte Schwün- Georg Friedrich Haas, geboren 1953 in Graz und aufge-
beim Internationalen Kompositionsseminar Boswil. In Foundation. ge: Kurz, Übersprung, Gammen. Grösste Erfolge: 1. wachsen in Vorarlberg, studierte Komposition und Kla-
der Folge konzentrierte er sich auf die kompositorische Rang am Südwestschweizerischen Schwingfest 2011 in vier an der Musikhochschule seiner Geburtsstadt, ab-
Arbeit. Es entstand ein vielschichtiges Œuvre von über Jannik Giger Komposition Savigny, Bergkränze, NOS-Kranz 2010 in Näfels; solvierte ein postgraduelles Studium bei Friedrich
130 Werken. Dabei überwiegen kleine Besetzungen, in 1985 in Basel geboren, arbeitet medienübergreifend Kranzgewinne: 41; Schwingklub: Binningen; Schwin- Cerha in Wien und ging 1991 für ein stage d’informa-
denen er eine Sprache entwickelte, die im realen und und bewegt sich zwischen den Genres Komposition für gerstatus: Kranzschwinger; Schwingerart: Sennen- tique musicale pour compositeurs ans Ircam. 1999 war
musikalischen Bereich von weiten und stillen Klang­ Instrumentalmusik und elektronische Musik, Film und schwinger; schwingt seit 1992. er Next Generation-Komponist bei den Salzburger
räumen lebt und auch elektronische und installative Klanginstallation. Der in Basel lebende Jannik Giger Festspielen, 2011 Composer-in-Residence des Lucerne
Arbeiten umfasst. Seine Werke sind gekennzeichnet absolvierte einen Bachelor of Arts in Musik und Medien­ Vincent Gühlow Stimme Festival, 2014 stand sein Schaffen im Mittelpunkt von
durch Unaufwendigkeit im musikalischen Material so- kunst an der Hochschule der Künste Bern bei Daniel 1985 in Berlin geboren, studierte der Briton Vincent Wien Modern. 2013 erhielt er den Musikpreis Salzburg.
wie eine elementare Klanglichkeit, die einher­geht mit Weissberg und Michael Harenberg sowie einen Master Gühlow in Rostock und Leipzig. 2013–2015 war er Mit- Mit seinen Werken ist er seit Ende der 1990er Jahre auf
Präzision in der kompositorischen Haltung. of Arts in Komposition an der Musikhochschule Luzern glied des internationalen Schweizer Opernstudios und den bedeutendsten Festivals vertreten. Die Berliner
bei Dieter Ammann. Seit 2012 studiert er im Master of ist derzeit im Master-Programm Pedagogy in Zürich. Philharmoniker, das Sinfonieorchester des Bayeri-
Beat Furrer Komposition Arts in Specialized Music Performance (Komposition) Gühlow sang zahlreiche Opern- und Oratorienpartien schen Rundfunks, das Gewandhausorchester, das Cle-
Beat Furrer wurde 1954 in Schaffhausen geboren und am Konservatorium Basel bei Michel Roth und Erik an Häusern und Festivals, darunter Pagageno (Mozart: veland Orchestra und viele weitere bedeutende Klang-
erhielt an der dortigen Musikschule seine erste Ausbil- Oña. Seine künstlerische Arbeit ist medienübergrei- Die Zauberflöte), Zuniga (Bizet: Carmen) und Saul (Hän- körper haben seine Werke zur Aufführung gebracht.
dung (Klavier). Nach seiner Übersiedlung nach Wien im fend und bewegt sich zwischen den Genres Film, Ins- del: Saul). Zu seinem Repertoire gehört zudem eine Seine Oper Melancholia wurde 2008 an der Opéra Nati-
Jahr 1975 studierte er an der Hochschule für Musik und tallation, Komposition für Instrumentalmusik und Vielzahl an Liedern von Klassik bis Moderne, z.B. Mah- onal de Paris uraufgeführt und von mehreren Häusern
Darstellende Kunst Dirigieren bei Otmar Suitner sowie elektronsiche Musik. 2014/15 war er Stipendiat der ler: Lieder eines fahrenden Gesellen und Reimann: Ein übernommen. Ab 2008 war er Kompositionsprofessor
Komposition bei Roman Haubenstock Ramati. Im Jahr Landis & Gyr Stiftung in London. Totentanz. Szenisch arbeitete er u.a. mit Reinhardt an der Hochschule für Musik Basel, seit 2013 lehrt er
1985 gründete er das Klangforum Wien, das er bis 1992 Schau, Gundula Nowack und Pascale Chevroton. Er er- Komposition an der New Yorker Columbia University.
leitete und dem er seitdem als Dirigent verbunden ist. Clara Rada Gomez Violoncello hielt Preise beim Interdisziplinären Wettbewerb der
Im Auftrag der Wiener Staatsoper schrieb er seine ers- Clara Rada Gomez wurde geboren in Madrid (Spanien), HMT Rostock sowie dem Internationalen Gesangswett- Edu Haubensak Komposition
te Oper Die Blinden, seine zweite Oper Narcissus wurde wo sie ihre Ausbildung am Conservatorio Madrid er- bewerbes der Kammeroper Rheinsberg und war Sti- Der Komponist Edu Haubensak wurde 1954 in Helsinki
1994 beim steirischen herbst an der Oper Graz urauf- hielt. Sie ist Gewinnerin des Premio Honorifico des pendiat der DOMS-Stiftung. 2014/15 sang er im Musi- geboren und erhielt seine Ausbildung u.a. in Basel bei
geführt. 1996 war er Composer in residence bei den Mu- Concurso Nacional de Musica de Camara Teodoro Ballo. cal L’homme de la mancha (TOBS), als Silvano in Un bal­ Thomas Kessler und Robert Suter. Nach ersten Klavier-
sikfestwochen Luzern. 2001 wurde das Musikthea- Ab 2010 studierte sie an der Zürcher Hochschule der lo in maschera (Theater Metz, Frankreich) und als Il werken sowie musikszenische Kompositionen, widmet
ter Begehren in Graz uraufgeführt, 2003 die Oper invoca­ Künste bei Roel Dieltiens und ist momentan im Mas- Podestá in La finta giardiniera. er sich intensiv der Erforschung neuer Stimmungen,
tion in Zürich und 2005 das vielfach ausgezeichnete und terstudium Pädagogik an der Musik-Akademie Basel bei woraus u.a. KurvenKonturenFiguren für Orchester und
gespielte Hörtheater FAMA in Donaueschingen. Seit Thomas Demenga. Seit 2013 ist Gomez für das Superar Bernhard Günther der Klavierzyklus Grosse Stimmung resultieren. Zudem
Herbst 1991 ist Furrer ordentlicher Professor für Kom- Suisse-Orchester Zürich tätig und ist seit Mai 2015 Or- Bernhard Günther ist Festivalintendant von ZeitRäume schuf er Klanginstallationen und Konzeptkompositio-
position an der Hochschule für Musik und Darstellen- chesterleiterin des Superar Suisse-Orchesters Basel. Basel, Chefdramaturg der Philharmonie Luxembourg nen. Haubensak erhielt Stipendien des Istituto Sviz-
de Kunst in Graz. Ende der 90er hat er gemeinsam mit und Leiter des Festivals rainy days (2004–2016) sowie zero di Roma und der Kulturstiftung Landis & Gyr (Lon-
Ernst Kovacic «impuls» als internationale Ensemble- Graber & Steiger Architektur ab 2016 künstlerischer Leiter des Festivals Wien Mo- don) sowie verschiedene Preise und das Werkjahr der
und KomponistInnenakademie für zeitgenössische Niklaus Graber und Christoph Steiger wurden beide dern. Nach unvollendeten Studien an der Musikhoch- Stadt Zürich. Er ist Mitbegründer der Konzertreihe Fa-
Musik in Graz gegründet. Eine Gastprofessur für Kom- 1968 in Luzern (Schweiz) geboren. Sie absolvierten ihr schule Lübeck (Violoncello) und der Universität Wien brikkomposition (Roten Fabrik Zürich), betätigt sich
position nahm er 2006–2009 an der Hochschule Architekturstudium 1988–1995 an der ETH Zürich bei (Musikwissenschaft) kam er 1994 als Herausgeber des in Lehre und Forschungsprojekten und publizierte di-
für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt wahr. Prof. H. Kollhof. Während des Studiums sammelten sie Lexikons zeitgenössischer Musik aus Österreich ans verse Essays (NZZ). Haubensak erhielt Einladungen an
2004 erhielt er den Musikpreis der Stadt Wien, seit praktische Erfahrungen im Büro Herzog & de Meuron neugegründete mica – music information center aus- internationale Festivals und arbeitet mit MusikerInnen
2005 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Basel (wo beide ab 1995 Mitarbeiter wurden) und im tria, wo er bis 2004 als Kurator für neue Musik, Urhe- wie Sylvia Nopper, Stefan Wirth, Rico Gubler und Mar-
2006 wurde er für FAMA mit dem Goldenen Löwen bei Büro H. Kollhoff Berlin. Studienaufenthalte führten berrecht, Internet u.a. sowie zuletzt auch als stellver- tin Lorenz, mit den Ensembles Collegium Novum Zü-
der Biennale Venedig ausgezeichnet. 2014 erhielt er den Graber nach New York und Steiger nach London. 1995 tretender Geschäftsführer tätig war. Als leidenschaft- rich, Tzara und Cattral sowie mit der Basel Sinfonietta
grossen österreichischen Staatspreis. gründen die beiden das Büro Graber & Steiger. 2008– licher Besucher und Veranstalter von Konzerten und dem Musikkollegium Winterthur zusammen.
2011 haben sie einen Lehrauftrag an der Hochschule unterschiedlichster Genres und Formate, als Autor,
Luzern im Bachelor Technik+Architektur inne, ab 2013 Herausgeber und Kurator für verschiedene Verlage, Fritz Hauser Schlagzeug
G betreuen sie den Master. Medien und Veranstalter sowie als Jurymitglied setzt Fritz Hauser (*1953 in Basel, Schweiz) entwickelt Solo­
er sich seit über 20 Jahren intensiv mit neuer Musik programme für Schlagzeug und Perkussion, die er welt-
Victor Gál Saxophon Johanna Greulich Stimme und ihrem Umfeld auseinander. Bernhard Günther weit zur Aufführung bringt. Spartenübergreifende Ar-
Der ungarische Saxophonist Victor Gál wurde 1994 ge- Geboren 1982 in Hannover (D), studierte die Sopranis- wurde 1970 in Thun (Schweiz) geboren und lebt mit beiten gestaltete er u.a. mit der Regisseurin Barbara
boren. 2013 begann er sein Studium an der Musik-Aka- tin Johanna Greulich Gesang bei Heidrun Kordes an der seiner Familie in Trintange (Luxembourg). Frey und dem Choreografen Joachim Schloemer. Pro-
demie Basel bei Marcus Weiss. Er besuchte Meister- HfMDK in Frankfurt am Main. Es folgte ein Masterab- jekte im Bereich improvisierte Musik führten ihn
kurse bei Lars Mlekusch, Gerald Preinfalk, Patrick schluss im Fach Zeitgenössische Musik in Basel, wo Beat Gysin Komposition ­zusammen mit MusikerInnen wie Urs Leimgruber,
Stadler, Sascha Armbruster und Vincent David. Die sie mit vier Kommilitonen das Eunoia-Quintett für Beat Gysin (*1968) studierte in Basel Klavier, Chemie, Pauline Oliveros und Fred Frith. Hauser schrieb Radi-
Teilnahme am Projekt Momentbalett unter der Leitung zeitgenössische Musik gründete. In den letzten Jahren Komposition und Musiktheorie. Seine über 50 z.T. ohörspiele, Musik zu Filmen, Werke für Schlagzeugen-
des Jazz-Saxophonisten Tóth Viktor war ein wichtiger übernahm sie Partien in Werken wie Par une forêt de preisgekrönten Werke für Solo- bis Orchesterbeset- sembles und -solisten und Klanginstallationen (u.a.
Impuls für ihn. Zu seinen Ensembleprojekten zählen symboles (Vinko Globokar) und Nacht (Georg Friedrich zungen wurden u.a. aufgeführt durch das Arditti String für Therme Vals, Castel Burio). Im Bereich Perkussion
Blues Taxi Saxophone Band, Band of StreetS, Ska-Pécs Haas) sowie Grazia in der gleichnamigen Oper von Quartet, die Basler Madrigalisten, das Ensembles arbeitet er mit Solisten und Ensembles auf der ganzen
(Ska P Tribute Band) und No more blues sowie ver- Alessandro Scarlatti, Papagena (Die Zauberflöte) und Windspiel und umsn`jip. Ein besonderes Interesse Gy- Welt, darunter Kroumata, Steven Schick, Keiko Abe,
schiedene Blasorchester. Hedwig in Franz Lehárs Operette Frühling in Freiburg, sins gilt der Räumlichkeit klingender Phänomene. Un- Speak Percussion, Bob Becker, ensembleXII und Rob
Wiesbaden, Köln, Chur und Luzern. Im Laufe ihrer Kar- gewohnte Aufstellung der Instrumente und Mehrka- Kloet. Hauser legte zahlreiche CDs als Solist und mit
Demetre Gamsachurdia Klavier, Komposition riere arbeitete sie mit vielen renommierten Kompo- nal-Tonband-Kompositionen erschaffen in seinen Ensembles vor. 2010 realisierte er als Musiker zusam-
1988 in Tbilisi (Georgien) geboren, emigrierte Demet- nisten und Dirigenten zusammen, darunter Beat Fur- Werken überraschende Klangraumgebilde, welche die men mit Barbara Frey A Dream within a Dream (Schau-
re Gamsachurdia 1992 wegen des Bürgerkriegs in die rer, Helmut Lachenmann, Jonathan Harvey, Roland Musik in sich einbetten und ein dreidimensionales Hö- spielhaus Zürich). Mit Boa Baumann inszenierte er 2011
Schweiz, wo er bald mit dem Klavierspiel und dem Hayrabedian und Michael Schneider. 2011 und 2012 ren herausfordern (z.B. in Hinter einer Glaswand). Gysin am Theater Basel die Spielzeiteröffnung schraffur für
Komponieren begann. Zu seinen Lehrern zählen die gewann sie beim Concours Ernst Haefliger und beim realisiert Musiktheater, die sich mit dem Zusammen- Gong und Theater. Seine erste Einzelausstellung mit
Komponisten Roland Moser, Rudolf Kelterborn, Georg Hilde-Zadek-Gesangswettbewerb Spezialpreise für die wirken zwischen Ortsszenerie und musikalischen In- Klanginstallationen (Zusammenarbeit: Boa Baumann,
Friedrich Haas, Caspar Johannes Walter und Elena Interpretation Neuer Musik. halten befassen (z.B. die Unterwasseroper Skamander). Brigitte Dubach) fand 2011/12 im Kunsthaus Zug statt.
Mendoza. sowie der Pianist Tobias Schabenberger. Als weiteres Resultat seiner langjährigen Beschäfti-
Gamsachurdia studiert in Berlin und Basel. Als Pianist gung mit Musik und Raum hat Gysin zwei Serien von

BIOGRAPHIEN 132 BIOGRAPHIEN 133


Andreas Henzer Schwinger terschiedlichen Institutionen und Gruppen in den der David James Brass Prize. Neben seiner Teilnahme Er ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der
Wohnort: Schönenbuch; Geburtsdatum: 15.10.1979; Niederlanden, Israel und Österreich. 2005 begann ihre an der International Ensemble Modern Academy Freien Akademie Leipzig und der Akademie für Elekt-
Sternzeichen: Waage; Zivilstand: ledig; Gewicht 97 kg; Zusammenarbeit mit dem Künstler Jack Hauser, mit 2013/14 war er als Solist zu hören beim Gaudeamus Mu- roakustische Musik in Bourges (F). Neben seiner kom-
Grösse 181 cm; Schuhgrösse 44; Geschwister: 1 Bruder dem sie Performances und Interventionen für den öf- ziekweek Festival und am ZKM Karlsruhe. positorischen Arbeit (Kammermusik, Orchesterwerke,
(Michael); Hobbies: Aquarium, Ausgang, Schiessen; fentlichen Raum, Galerien, Theater und Museen entwi- Solokonzerte, drei Opern, zwei Ballette, Puppenspiele)
erlernter Beruf: Metzger; jetziger Beruf: Lehrlingsaus- ckelt. Seit 2007 publiziert sie Texte zu zeitgenössischem Michael Jarrell Komposition beschäftigt sich Katzer auch mit Multimedia-Projekten
bildner Fleischgewinnung, Schlachthof Basel; Lieb- Tanz und Performance und ist Redaktionsmitglied von 1958 in Genf geboren, studierte Michael Jarrell Kom- und Improvisation.
lingsgericht: Tartar; Lieblingslied: Marsch der Grena- corpus, einem Online-Magazin für Tanz, Choreografie position am Genfer Konservatorium bei Eric Gaudibert
diere; Lieblingsgetränk: Süssmost; Lieblingszeitung: und Performance. 2011 wurde sie Mitglied von Im_flie- sowie in mehreren Meisterklassen in den USA (Tangle- Thomas Kessler Komposition
Schlussgang; Besonderes: trägt zur Rangverkündigung ger / Independent Artists’ Association. Zu ihren jüngs- wood, 1979). Er vervollständigte seine Ausbildung an 1937 in Zürich geboren, studierte Thomas Kessler zu-
immer einen Mutz; Bevorzugte Schwünge: richtet sich ten Kooperationen zählt die Salonreihe Das fantastische der Staatlichen Hochschule für Musik in Freiburg nächst Germanistik und Romanistik in Zürich und Pa-
nach dem Gegner aus! Grösste Erfolge: Zwei Teilnah- Dritte, Auf Umwegen nach sich selbst, die interaktive Per- (Breisgau) bei Klaus Huber. Er ist Träger zahlreicher ris und anschliessend Komposition bei Heinz Friedrich
men am Unspunnen-Schwinget (2006 und 2011), zwei formance Grundeinkommenstanz und DER DIE DAS. Auszeichnungen: Prix Acanthes (1983), Beethovenpreis Hartig, Ernst Pepping und Boris Blacher in Berlin. 1965
Teilnahme am Kilchberg Schwinget (2002 und 2008). der Stadt Bonn (1986), Marescotti (1986), Gaudeamus gründete er ebenda sein eigenes elektronisches Studio.
An allen vier Anlässen keinen Gang verloren. Sieger Cedric Huber Schwinger und Henriette Renié (1988) und Siemens-Förde- In den darauffolgenden Jahren war er Leiter des Ber-
Baselbieter Kantonalschwingfest 2007 in Wintersin- Wohnort: Pratteln BL; Geburtsdatum: 28.03.1984; rungspreis (1990). Zwischen 1986 und 1988 war er Sti- liner Electronic Beat Studios und Musikdirektor des
gen. Fünf Teilnahmen an ESAF (immer alle acht Gänge Sternzeichen: Widder; Zivilstand: ledig; Gewicht 115 pendiat an der Cité des Arts in Paris und Teilnehmer CUIFERD – Centre universitaire international de for-
absolviert), diverse Rangfestsiege, 3 Bergkränze Rigi, kg; Grösse 184 cm; Hobbies: Fasnacht in Clique, Boxen, des Informatik-Kursus am Ircam. Er war Stipendiat der mation et de recherche dramatique in Nancy. Kessler
Stoos (2008) und Weissenstein (2015); Schwingklub: Feuerwehr (Wachtmeister); erlernter Beruf: Forstwart; Villa Medici (Rom 1988/1989), sodann Mitglied des Is- unterrichtete 1973–2000 Komposition und Musikthe-
Binningen; Schwingerstatus: Kranzschwinger; jetziger Beruf: Industriekletterer (Felsräumungen, Si- tituto Svizzero di Roma (1989/1990). 2010 wurde er mit orie an der Musik-Akademie Basel und rief dort das
Schwingerart: Turnerschwinger; schwingt seit 1992; 65 cherheitsholzerei). Grösste Erfolge: Sieg am Hülften- dem Musikpreis der Stadt Wien ausgezeichnet. Von elektronische Studio ins Leben. Mit Gérard Zinsstag
Kranzgewinne. schanz-Schwinget Frenkendorf 2013, Sieg am Früh- Oktober 1991 bis 1993 war er Composer in residence des gründete er die Tage für Neue Musik in Zürich sowie
jahrsschwinget Oberdorf 2014; Schwingklub: Pratteln; Orchestre de Lyon. Seit 1993 ist er Professor für Kom- mit Wolfgang Heiniger das Festival für live-elektroni-
HHF Architekten Entwicklung ZeitRäume Pavillon Schwingerstatus: Kranzschwinger; Schwingerart: Sen- position an der Universität für Musik und darstellende sche Musik ECHT!ZEIT in Basel. Als Komponist ist
HHF Architekten wurde 2003 von Tilo Herlach, Simon nenschwinger; schwingt seit 2000; 27 Kranzgewinne. Kunst in Wien. 1996 war er Composer in residence des Kessler vor allem an der Interaktion zwischen Musi-
Hartmann und Simon Frommenwiler gegründet. HHF Lucerne Festival. Er ist Professor für Komposition am kern und Elektronik interessiert. Er schrieb zahlreiche
haben seit der Gründung diverse Projekte in der Conservatoire supérieur de Genève. Der konzertante instrumentale Kammermusikwerke, Orchesterstücke
Schweiz, China, Deutschland, Frankreich, Mexiko und I Stil bedeutet für Jarrell eine bleibende Inspirations- und Kompositinen mit Live-Elektronik. Thomas Kess-
den USA realisiert. Die Bandbreite der Bauaufgaben quelle: …un temps de silence… wurde 2007 in Genf von ler lebt in Basel und Toronto.
reicht von Neubauten über Innenausbauten und Pla- Raphael Immoos Dirigat Emmanuel Pahud und dem Orchestre de la Suisse Ro-
nungsaufgaben, wie Bebauungs- und Masterpläne, bis Raphael Immoos ist Professor für Chorleitung und Di- mande unter der Leitung von Heinz Holliger uraufge- Matthias Klenota Violine, Komposition
zu Objekten im öffentlichen Raum. rigent verschiedener Vokalensembles an der Hoch- führt. Nachlese III, ein Doppelkonzert für Klarinette, Matthias Klenota studierte zunächst Violine bei Mit-
schule für Musik in Basel. Er ist künstlerischer Beirat Violoncello und Orchester (Auftrag des WDR) wurde im gliedern des Freiburger Barockorchesters und Musik-
Leo Hofmann œil extérieur des Europäischen Jugendchor Festivals, 2000–2013 di- Herbst 2007 in Köln uraufgeführt, und das Orchestre wissenschaft und Geschichte an der Universität Tübin-
Der schweizerisch-deutsche Komponist, Performer rigierte er das Akademische Orchester Basel und 2004– de la Suisse Romande spielte 2009 die Erstaufführung gen. 2008–2009 war er Konzertmeister beim Orchester
und Klangkünstler Leo Hofmann wurde 1986 geboren. 2013 das Vokalensemble Cappella Nova. Seit 2013 leitet von ...Le Ciel, tout à l’heure encore si limpide, soudain se Collegium Illustre der Universität Tübingen. Es folgte
Er erhielt seine Ausbildung in Bern in verschiedenen er die Basler Madrigalisten. Rundfunk- und CD-Auf- trouble horriblement... unter der Leitung von Marek Ja- ein Studium der Violine bei Susanne Scholz an der Mu-
künstlerischen, musikalischen und wissenschaftlichen nahmen, Gastauftritte bei Chören und Orchestern, nowski. Seine Oper Galilei nach Brecht, ein Auftrag des sikhochschule Leipzig, ab 2011 an der Schola Cantorum
Master-Studiengängen. Zu seinen Auszeichnungen Jury-Mitgliedschaften und Meisterkurse gehören zu Grand Théâtre de Genève, wurde im Januar 2006 ur- Basiliensis bei Amandine Beyer, wo er zurzeit seinen
zählen der Giga-Hertz Förderpreis für elektronische seiner internationalen Tätigkeit. Besondere Anliegen aufgeführt. Die Kammeroper Cassandre, 1994 am Pari- Master absolviert. Matthias Klenota spielt regelmässig
Musik des ZKM Karlsruhe und das Stipendium Klang- sind Immoos die Aufführung vergessener Werke des ser Châtelet uraufgeführt, gehört zu seinen internati- mit den Orchestern La Cetra, Les Favorites und Holland
kunst Braunschweig Projects der HBK Braunschweig. 17. und 18. Jahrhunderts und die Förderung Neuer Mu- onal bekanntesten Werken. Baroque Society unter Dirigenten wie Andrea Marcon,
Im Rahmen des Medienkunstpreises 2014 wurde Hof- sik mit zahlreichen Ur- und Schweizer Erstaufführun- Lars-Ulrik Mortensen und Holger Speck. 2014 führte
mann in einer Einzelausstellung im e-werk Freiburg i. gen, beispielsweise von Thomas Jennefelt, Frederico ihn eine Tournee mit Odd Pearls und dem Jazz-Trom-
Brsg. präsentiert. Seine Arbeiten wurden zudem in Zimmermann Aranha, Yuri Lanyuk, Georg Friedrich K peter Diederik Rijpstra nach Holland. Seit 2008 arbei-
Gruppenausstellungen in der Schweiz, Deutschland Haas, Andreas Fervers, Eric Oña, Thüring Bräm, Chris- tet er eng mit der Künstlerin Christa Näher. 2011 wird
und Portugal gezeigt. Es entstanden Hörkunststücke tian Henking, Javier Hagen, Mela Meierhans, Michel Kim Kashkashian Viola sein Les barricades mystérieuses et les idées heureuses, das
für Radiostationen des gesamten deutschen Sprach- Roth und Thomas Kessler. Als Gewinnerin des Grammy Awards 2013 für das Best Werke von Näher und Klenota zusammenführt, in
raums. In Konzerten und Performances ist Hofmann Classical Instrumental Solo Album gilt Kim Kashkash­ Frankfurt und Assenheim aufgeführt.
u.a. zu erleben gewesen am Theatre Belarusian Dra- ian international als eine der führenden Bratschistin-
maturgy Minsk, im Radialsystem V Berlin und bei der J nen. Sie betrachtet die aktive Suche nach neuen Impul­ Rob Kloet Schlagzeug
Schlossmediale Werdenberg. sen und neuen Formen des Musizierens als essentiell Rob Kloet (*1952 Amsterdam, Niederlande) ist Schlag-
Marisa Jäger Szenografie für ihr künstlerisches Dasein. Ihre Zusammenarbeit zeuger und Mitbegründer der holländischen Popband
Corinne Holtz Moderation Marisa Jäger wurde 1989 in Herisau (CH) geboren. Sie mit wichtigen Komponisten der Gegenwart hat das NITS, die 1987 mit dem Stück In the Dutch Mountains
Die Geigerin, Musikwissenschaftlerin und Musikjour- absolvierte nach dem Vorkurs der Schule für Gestal- Repertoire für Bratsche stark bereichert. Das Marlbo- europaweit den Durchbruch schaffte. Parallel dazu ar-
nalistin Corinne Holtz ist seit 1989 als Musikredaktorin tung in St. Gallen und zwei Jahren in Lausanne und Lux- ro Festival und die Wiener Schule haben ihre Begeis- beitet er regelmässig an Projekten im Dialog mit bil-
am Schweizer Radio DRS2, heute als Autorin bei SRF2 embourg eine Berufslehre als Dekorationsgestalterin. terung für Kammermusik intensiviert. Gemeinsam mit dender Kunst oder Literatur. Rob Kloet ist ein Meister
Kultur tätig, und für ihre engagierte Vermittlung von Danach erlangte sie die Berufsmaturität in gestalteri- ihren Duopartnern Robert Levin und Robyn Schulkow- der Reduktion, der eher perkussiv spielt und auch
alter und neuer Musik sowie innovativer Opernregie scher Richtung, um gleich darauf das Studium an der sky war Kaskashian in den Musikmetropolen Europas klangmalerische Akzente zu setzen versteht. 2007 ver-
bekannt. Sie publiziert in Medien wie der Kulturzeit- Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel am Institut und der USA zugast und als Solistin bei deren grossen öffentlichte er das Soloalbum Drum-set with Dog, das
schrift du und der NZZ und verfasst Essays etwa für das für Innenarchitektur und Szenografie zu beginnen. Im Orchestern. Rezitale gab sie u.a. in New York, Boston, von Zeichnungen der Künstlerin Helen Frik inspiriert
Theater Basel, die Salzburger Festspiele und die Komi- Jahr 2014 wurde ihr Entwurf La Linea für den Aussen- Berlin, Paris, Athen und Tokio. Seit 1985 arbeitet Kim wurde. Sein Soloprogramm Drums in een heel klein hu­
sche Oper Berlin. Ihre intensive Forschung zu Ruth bereich des Theaterfestivals in Basel umgesetzt. Kashkashian mit ECM Records und hat eine umfassen- isje wurde an Festivals in Holland begeistert aufge-
Berhaus resultierte in einer ersten Biografie und einer de Diskographie eingespielt, darunter preisgekürte nommen. In der Schweiz arbeitet er regelmässig mit
Promotion über die singuläre Vertreterin des Antonio Jiménez Posaune Brahms-Sonaten. Nach Lehrtätigkeiten in Blooming- Musikern wie Simon Ho, Oli Hartung und Fritz Hauser
Regiethea­ters. Holtz ist Mitbegründerin und Ko-Kura- Der spanische Posaunist Antonio Jiménez erfreut sich ton, Indiana, Freiburg und Berlin unterrichtet sie nun zusammen. Das Fachmagazin Slagwerkkrant kürte ihn
torin von hexperimente – die bühne im avers (ein Projekt einer vielseitigen Karriere als freischaffender Musiker am Bostoner New England Conservatory of Music. 2015 zum All-time-favorit. Rob Kloet lebt in Amsterdam.
zu den Averser Hexenprozessen mit herausragenden an vielen Orten in ganz Europa mit besonderem Fokus
Kulturschaffende) und leitet den CAS Musikalisches auf die Aufführung zeitgenössischer Musikstimmen. Er Georg Katzer Komposition Wiktor Kociuban Violoncello
Lernen im Alter sowie das Forschungsprojekt Mach dich lebt in Basel, wo er bei Mike Svoboda studiert, und Georg Katzer, geb. 1935 in Habelschwerdt, Schlesien, Wiktor Kociuban (*1988) studierte Violoncello in Kra-
schlau – Lern- und Lehrstrategien im Instrumentalunter­ ­arbeitet regelmässig mit Formationen wie Ensemble studierte Komposition bei Rudolf Wagner-Regeny und kau (Polen) bei Zdzisław Łapiński und in Basel bei Ivan
richt 50plus an der Hochschule der Künste Bern. Modern, Klangforum Wien, BBC Scottish Symphony Ruth Zechlin in Berlin (Ost) und an der Akademie der Monighetti und Petr Skalka. Bei Roland Moser erhielt
Orchestra, Orquesta Ciudad de Granada und Orquesta Musischen Künste in Prag. Danach war er Meisterschü- er Kompositionsunterricht und bildet sich zurzeit bei
Sabina Holzer Konzeptentwicklung und Dramaturgie Fil­armónica de Gran Canaria. Als ­Britten-Pears-Alumni ler von Hanns Eisler an der Akademie der Künste der Jürg Henneberger in Dirigat weiter. Kociuban erlangte
Sabina Holzer studierte zeitgenössischen Tanz in und vormaliges Mitglied der Lucerne Festival Academy, DDR, zu deren Mitglied er im Jahre 1978 gewählt wur- erste und Spezialpreise an diversen polnischen und in-
Amsterdam. Sie performte in verschiedensten Projek- schloss er 2013 sein Studium am Royal Conservatory of de. Ernennung zum Professor für Komposition in Ver- ternationalen Wettbewerben, darunter die Poznan
ten und organisiert und arbeitet auf dem interdiszipli- Scotland bei Simon Johnson ab und wurde gleich darauf bindung mit einer Meisterklasse. Hier gründete er 1980 Wilkomirski International Cello Competition, die Wi-
nären Sektor an der Schnittstelle von Theorie und Pra- mit dem Head of Brass Award geehrt. Unter seine Aus- das Studio für Elektroakustische Musik. Seit 1963 lebt told Lutosławski Competition for Young Musicians
xis. Holzert lehrt Forschung und Kompositionen in un- zeichnungen zählen zudem der Yamaha Solo Award und Katzer als freischaffender Komponist in und bei Berlin. Kosice und die Slovakia International Cello Competi-

BIOGRAPHIEN 134 BIOGRAPHIEN 135


tion. 2010 erhielt er das Yamaha-Stipendium und er- sel bei Marcus Weiss. Er erhielt verschiedene Preise gendorchesters (2011–2012), des spanischen Jugendor- Abélia Nordmann Dirigat
hielt Unterstützungen von vielen anderen Stiftungen spanischer Institutionen und ist Stipendiat der Lyra chesters JONDE (2010–2014), spielte im Real Orquesta Abélia Nordmann (Deutschland/Frankreich) genoss in
und Institutionen. Kociuban ist als Solist, in Orches- Stiftung. Aufführungen führten ihn an verschiedene Sinfonica de Sevilla sowie im Orquesta Nacional de ihrer Heimatstadt München eine russische Klavieraus-
tern sowie in Kammermusikformationen aktiv. Kon- Spielstätten in Portugal, Spanien und der Schweiz, da- España (OCNE). bildung, gründete den jungen Chor chantier vocal und
zerte führten ihn in Säle ganz Europas und an Festivals runter der erste European Saxophone Congress (Ciudad wirkte als Pianistin, Chorleiterin und Musiklehrerin.
wie das Viva Cello oder das Schleswig-Holstein Musik Real, Spanien) und zum Music European Day mit dem Diana Muela Mora Flöte In Basel schloss sie ihren Specialised Master in Chor-
Festival. Dabei liegt sein Hauptinteresse in der neuen Saxophonquartett des Conservatorio Superior de Mú- Die spanische Flötistin Diana Muela Mora (*1989) leitung 2013 ab. Sie leitet den internationalen Chor
Musik. Er hat mit Künstlern wie Krzysztof Penderecki, sica de Murcia. schloss 2012 ihren Bachelor am Musikkonservatorium bâlcanto, den contrapunkt chor, das ensemble liberté,
Georg Friedrich Haas, Sofia Gubaidulina und Mischa Rafael Orozco in Córdoba mit Auszeichnung ab. Ihr novantik project basel, den Chor der Theologischen Fa-
Maisky zusammengearbeitet und brachte zahlreiche Meduoteran siehe Biografien Taylan Arikan und Srdjan Master-Studium führte sie nach Belgien zu Myriam kultät und den Kinder- und Jugendchor Lörrach und ist
Werke zur Uraufführung. Vukasinovic Graulus und Carlos Bruneel, wo sie ihr Interesse für für die Konzertreihe filter4voices, den Raum für Kultur
zeitgenösssiche Musik entdeckte, sowie 2015 nach Ba- H95 und das akustisch-experimentelle Projekt Markt-
Konus Quartett Saxophonquartett Quintus Miller Architektur sel. Unter den Preisen, die sie erlangte, sind der Young hall aktiv. Neue Musik, Volksmusik, Chorimprovisati-
Als Kammermusikensemble mit wandelbarer Beset- Quintus Miller (*1961) dipl. Architekt ETH BSA SIA, Promising Talent Award der International Flute Com- on und unkonventionelle Projekte und Aufführungs-
zung begeistert das Konus Quartett mit ausdrucksstar- Prof. AAM USI, ist Mitglied der Denkmalpflegekom- petition Andalucía Flauta und die Auszeichnung Best orte bilden einen Schwerpunkt ihres künstlerischen
ken und eigenwilligen Klängen. Es interpretiert vor- mission der Stadt Zürich und des Denkmalrates des Performer of Woodwinds beim 10. National Interpre- Repertoires - ein friedenspädagogisch geprägtes En-
wiegend zeitgenössische Originalliteratur, befasst sich Kantons Basel-Stadt. 1990 gründete er gemeinsam mit tation Contest Intercentros Melómano. 2013 wurde sie gagement, das einer interdisziplinären und interkul-
aber ebenfalls mit Werken vergangener Jahrhunderte Paola Maranta das Büro Miller & Maranta dipl. Archi- als Gastdozentin ans Nationalkonservatorium von Gu- turellen Arbeit gilt, die Welt und Kunst mit offenen und
und mit Bearbeitungen für Saxophonbesetzung. Regel- tekten ETH BSA SIA, das seit 1998 eine Aktiengesell- atemala eingeladen und spielt dort beim National kritischen Augen und Ohren begegnet, Menschen ver-
mässig vergibt das Quartett Kompositionsaufträge an schaft ist und neben den beiden Inhabern aus einem Symphony Orchestra of Guatemala. Sie verfolgt bereit bindet und Zeichen setzt.
renommierte Künstler, bislang u.a. an Barry Guy, Urs Partner, fünf Associates, 21 Architekten, einem Bau- eine internationale Konzerttätigkeit als Mitglied von
Peter Schneider und Tomas Korber. Drei musikalische leiter, zwei Hochbauzeichnern, acht Praktikanten, zwei Orchestern wie Orquesta Joven de Andalucía und de
Höhepunkte stehen exemplarisch für das beachtliche Lernenden und zwei Administrationsmitarbeitern be- Córdoba und arbeitete zusammen mit dem Kammer- O
Spektrum der Formation: 2007 wird in der Französi- steht. Seit 2009 ist er ordentlicher Professor an der orchester Prima la Musica Flandern. 2015 brachte sie
schen Kirche in Bern La bocca, i piedi, il suono aufgeführt, Accademia di Architettura der Università della Svizze- Robert Groslots Piccolo-Konzert zur Uraufführung. Sie Helmut Oehring Komposition
ein Werk von Salvatore Sciarrino für vier Solisten und ra Italiana. ist Gründungsmitglied des Quivir Ensembles. Helmut Oehring wurde 1961 in Ost-Berlin geboren. Als
hundert Saxophonisten. 2009 vergibt das Konus Quar- Gitarrist und Komponist Autodidakt, war er 1992–
tett einen Kompositionsauftrag an den britischen Bas- Wolfgang Mitterer Komposition 1994 – nach Konsultationen bei André Asriel, Helmut
sisten Barry Guy, der an den Konzerten auch selber Er lebt in Wien, studierte Orgel, Komposition und Elek- N Zapf und Friedrich Goldmann – Meisterschüler von Ge-
mitwirkt. Ein weiterer Auftrag wird an den Zürcher Mu- troakustik in Wien und Stockholm. In Österreich ge- org Katzer an der Berliner Akademie der Künste.
siker Tomas Korber erteilt, der das Werk Musik für ein hört er zu den Spezialisten für Elektronik, gleicher- Namascae Lemanic Modern Ensemble 1994/95 war er Stipendiat an der Villa Massimo in Rom
Feld komponiert, ein Stück mit Elektronik, das 2011 auf massen virtuos an Tasten und Reglern, und zu den in- Das Namascae Lemanic Modern Ensemble gehört zu und erhielt seitdem zahlreiche Auszeichnungen, u.a.
einem Feld in freier Natur zur Aufführung gelangt. novativsten Komponisten. Seine Arbeiten, in denen er den bedeutendsten Klangkörpern für zeitgenössische den Hanns-Eisler-Preis des Deutschlandsenders Kul-
eine Sprache der Extreme, der Spannung, der Viel- Musik der Schweiz. Gegründet von Jean-Marc Daviet tur (heute: Deutschlandradio) und den Schneider-
Ivan Kym Komposition, Trommel, Leitung schichtigkeit entwickelt, bewegen sich zwischen Kom- und Jean-Marie Paraire, setzt es sich seit 2005 aus pro- Schott-Preis. Der Hindemith-Preis (1997) und der Ar-
Der langjährige Basler Trommelkönig Ivan Kym zählt position und offener Form: darunter Orgel- und Or- fessionellen Musikern zusammen, die sich hauptsäch- nold-Schönberg-Preis (2008) wurden ihm für sein ge-
zu den besten Tambouren der Schweiz. Der mehrfache chesterstücke, ein Klavierkonzert, eine Oper, elektro- lich zeitgenössischer Musik widmen. Künstlerischer samtes Schaffen verliehen, das heute rund 300 Werke
Gewinner und mittlerweile Juror des Eidgenössischen nische Stücke, Klanginstallationen und kollektive Leiter ist der Genfer Komponist und Dirigent William nahezu aller Genres umfasst. Seine Kompositionen
Tambouren- und Pfeiferfests ist seit rund 20 Jahren Improvisationen in diversen Formationen. Seine Ex- Blank. Kooperationen wurden mit Partnern wie dem und Produktionen werden in Konzertsälen, auf Bühnen
auch einer der erfolgreichsten Komponisten in diesem perimentierfreudigkeit bringt ihn dazu, Gegensätzli- Festival Archipel, dem Theater an der Wien, der Fon- und Festivals weltweit aufgeführt, von namhaften in-
Bereich. Auch die rund 60-köpfigen Ryburger Tambou- ches zu unvorhersehbaren musikalischen Ereignissen dation Royaumont und dem Festival d’Aix-en-Proven- ternationalen Solisten und Orchestern sowie allen be-
ren, Teil der Fasnachtszunft Ryburg, haben sich mit zusammen zu spannen. Zu weit mehr als einem spek- ce ausgetragen. Einen besonderen Schwerpunkt des deutenden Ensembles neuer Musik. In jüngster Zeit
Ivan Kym an die nationale Spitze vorgearbeitet und takulären Event macht das seine musizierende Präsenz Ensembles bilden zwei Akademien: einerseits die Le- wirkte Helmut Oehring auch als Dirigent und Regisseur
stehen heute für hochkarätige Trommelkunst. In den sowie die hohe Intensität und Komplexität seiner Mu- manic Modern Academy, die alljährlich in Kooperation eigener Werke. 2011 erschien seine Autobiografie Mit
Jahren 2006 und 2010 gewannen die Ryburger Tam- sik, die unter die Haut geht. Das Aushorchen von leisen mit der Musikhochschule von Lausanne veranstaltet anderen Augen. Vom Kind gehörloser Eltern zum Kompo­
bouren das all vier Jahre stattfindende Eidgenössische Klängen hat ebenso Platz wie das Montieren explodie- wird und jungen Studierenden zeitgenössische Musik nisten. Er ist Jury-Mitglied des Karl-Szuka-Preises für
Tambouren- und Pfeiferfest in der höchsten Sektions- render Klangfetzen im Hirn der Hörer – weitab von Ge- näherbringt, andererseits die Amadeus Academy, eine internationale Hörspielkunst des SWR sowie Mitglied
kategorie. Der 43-Jährige ist Familienvater, lebt im fälligkeit, doch zuweilen unheimlich-schön. Biennale, die durch das Festival Amadeus und die Art in der Akademie der Künste Berlin und der Sächsischen
aargauischen Möhlin und ist Eidgenössischer diplo- Mentor Foundation getragen wird und junge Kompo- Akademie der Künste.
mierter Baumeister von Beruf. Gordon Monahan Komposition nisten bei der Beendigung ihrer kompositorischen Ar-
Gordon Monahan (*1956 Kingston, Kanada) ist Pianist, beiten unterstützt. Das breite Repertoire des Ensem- Alejandro Olivan Saxophon
Komponist, Performance- und Installationkünstler. Er bles umfasst sowohl Klassiker der Moderne als auch Der Saxophonist Alejandro Olivan wurde 1992 in Hu-
M begann seine Karrier als Mitglied diverser Rockbands aktuelle Werke und experimentelle Musik. Mit Kom- esca (Spanien) geboren. Er studierte bei David Ruiz in
und ist Interpret experimenteller Klaviermusik. Seine ponisten wie Ivan Fedele, Stefano Gervasoni, Xavier Huesca sowie bei Andrés Gomis und Ángel Soria in Sa-
Nuno Marques Pinto Gitarre Werke werden an Austellungen und Festivals in Euro- Dayer, Bruno Mantovani, Michael Jarrell und Oscar Bi- lamanca. Zugleich erhielt er Unterricht von weiteren
Nuno Marques Pinto (*1988 Porto, Portugal) studierte pa und Amerika präsentiert, darunter die Venedig anchi arbeitete das Ensemble wiederholt zusammen. renommierten Lehrern und nahm u.a. teil an den
Gitarre in Porto bei José Pina und in Basel bei Stephan Biennale, der Hamburger Bahnhof (Berlin), The Kit- Tourneen führten das Ensemble nach St. Petersburg Darmstädter Ferienkursen. Zurzeit studiert er bei Mar-
Schmidt, bei dem er zurzeit auch Musikpädagogik stu- chen (New York) und die Massey Hall (Toronto). Seine (Festival ReMusik), nach Paris (Abbaye de Royaumont), cus Weiss in Basel. Er arbeitete u.a. zusammen mit dem
diert. Er gewann erste Preise u.a. beim Concurso In- Arbeiten reichen von avantgardistischer Konzertmusik nach Shanghai (7. New Music Week) und an die Bien- und dem ORCAM orquesta de la comunidad de Madrid.
ternacional Josefina Robledo Valencia und beim Wett- bis zu Mulitmediainstallationen und Klangkunst. Er nale di Venezia. Als Mitglied der Saxophonquartette 2.13 sax Group und
bewerb der B.O.G. Stiftung Basel. Als Solist trat Pinto stellt quantitative und qualitative Aspekte akustischer Êgaré geht er seinem Interesse für neue Musik nach
mit dem Jugendorchester Orquestra de la Marina Alta Naturphänomene neben Elemente der Medientechno- Gisela Nauck Musikwissenschaft, Musikpublizistik und konzertiert in Spanien und Portugal, z.B. beim
Valencia und dem Sinfonieorchester Basel auf. 2013 logie, der Umwelt, der Architektur, der Popkultur und Gisela Nauck ist Musikpublizistin, Musikwissenschaft- Festival Iberico of Badajoz oder dem Noviembre cultu-
und 2014 nahm er an der Academy for New Music und Live-Performance. Den Lautsprecher sieht er dabei als lerin und Verlegerin mit dem Arbeitsgebiet zeitgenös- ral Jaén. Mit dem Êgaré-Quartett gewann er den 1. Preis
der Lucerne Festival Academy in Luzern teil. Auch im ein eigenes Instrument, das Musik generiert bzw. re- sische Musik nach 1950. Sie studierte Musik- und Kul- beim Concurso de Música de Cámara Juventudes mu-
Duo mit dem portugisischen Gitarristen Gil Fesch präsentiert. Monahan ist Träger des Governor-Gene- turwissenschaften in Berlin und promovierte bei Prof. sicales de Ávila. 2015 erhielt er den 2. Preis des inter-
konnte er sich bis heute ein breites Repertoire zeitge- ral’s Award in Visual and Media Arts 2013, war Ar- Dr. Helga de la Motte-Haber. Zu ihren Buchpublikati- nationalen Saxophonwettbewerbs Exigentia (Italien).
nössischer Musik erschliessen und arbeitete in diesem tist-in-Residence u.a. beim Museumsquartier Wien onen zählen die erste Dieter-Schnebel-Monographie Olivan kann bereits auf Lehrpositionen am Konserva-
Rahmen mit Komponisten wie Helmut Lachenamnn, sowie Fellow der New York Foundation for the Arts. und eine Studie über die Rolle des Rundfunks als För- torium von Mota del Cuerva und an der Untiversität
Michel Roth, Elena Casoli, Pablo Marquez und Mats Aufträge erhielt er für den Dade County MetroRail derer und Mäzen der neuen Musik. Daneben ist Sie Au- Alfonso X el sabio Madrid zurückblicken.
Scheidegger zusammen. transit, die Donaueschinger Musiktage u.v.m. Er lebt torin zahlreicher Rundfunksendungen, Aufsätze, Vor-
in Ontario und Berlin. träge, Berichte, Analysen und Rezensionen zu Fragen Marcilio Onofre Komposition
Alfonso Martínez Vicente Saxophon aktueller Musik. Sie ist Mitglied verschiedener Jurys Der Komponist, Pianist und Musikwissenschaftler
Der spanische Saxophonist Alfonso Martínez Vicente Lucía Molina Fagott (u.a. Konzert des Deutschen Musikrates) und kuratier- Marcilio Onofre wurde 1982 in João Pessoa (Brasilien)
wurde 1993 in Cartagena geboren. Er studierte am Con- Lucía Molina ist seit 2014 Studentin in der Klasse von te mehrere Austellungen unter dem Titel KlangProjek­ geboren. Er studierte parallel Klavier an der Federal
servatorio Superior de Música de Murcia bei Antonio Sergio Azzolini an der Hochschule für Musik Basel. te. Nauck ist Inhaberin des Verlages Positionen, bei University of Paraíba (UFPB) und Komposition bei Dr.
Salas und besuchte zahlreiche Kurse bei renommierten Vorher hat sie bei Lehrern wie David Tomas und Marco dem sie als Chefredakteurin die Zeitschrift positio- Eli-Eri Moura. 2013 schloss er dank eines Stipendiums
Saxophonlehrern. Seit 2013 studiert er im Master of Postinghel gelernt. Molina hat eine breite Orcheste- nen. Texte zur aktuellen Musik herausgibt, die sie 1989 des Mozarteums Brasilien an der Musik-Akademie
Arts in Music Performance an der Musik-Akademie Ba- rerfahrung: Sie war Mitglierd des Gustav Mahler Ju- zusammen mit Armin Köhler gründete. Krakau mit dem künstlerischen Diplom bei Krzysztof

BIOGRAPHIEN 136 BIOGRAPHIEN 137


Penderecki ab. Onofre arbeitet am UFPB-Musikde- P Pfefferli ist als Orchester- und Kammermusiker aktiv. keiten der Komposition im interdisziplinären Dialog.
partment als Professor. Er ist Mitglied des Laboratory Mit dem Top Secret Drum Corps ging er auf internati- Quell erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge und
of Musical Composition COMPOMUS/UFPB. Zu seinen Brice Pauset Dirigat, Komposition onale Tourneen und arbeitete u.a. mit den Komponis- verschiedene Kompositionspreise (u.a. Kunstpreis
zahlreichen Preisen zählen der der DuoSolo Emerging Geboren 1965 in Besançon, studierte Price Pauset unter ten Georg Friedrich Haas, Vinko Globokar, Philippe Frankfurt, Toyoko Yamashita Kompositionspreis Ber-
Composer Competition (USA), der 6th SCCM New anderem Klavier, Cembalo und Violine in Frankreich Manoury und James Clarke. Er spielte bei den Ensem- lin, Kompositionspreis der Bowling Green State Uni-
Composition (2010, China), der Camargo Guarnieri und den Niederlanden. Kompositionsstudien führten bles Phoenix und BOLT und ist Mitglied des Schlag- versity USA). Seine Werke wurden bei internationalen
(2011, Brasilien) und der National Foundation of Arts ihn zu Lehrern wie Michel Zbar, Gérard Grisey und zeugquartetts Ensemble This | Ensemble That Festivals aufgeführt (S.E.M.A. Paris, Gaudeamus Mu-
(in den Jahren 2010, 2012 und 2014, Brasilien). Onof- Franco Donatoni. Pauset verfolgt eine rege Tätigkeit sikwoche Amsterdam, Darmstädter Ferienkurse, Los
res Werke wurden an Festivals wie XVI Biennial of als Komponist und Interpret zeitgenössischer wie Alter Alessio Pianelli Violoncello, Komposition Angeles Chamber Music America Festival, Músicaviva
Contemporary Brazilian Music, Biennale of Contem- Musik. Er abreitet regelmässig mit dem IRCAM, dem Der Komponist und Cellist Alessio Pianelli ist 1989 in Festival Cuenca, Ecuador, Sound Ways Festival Sankt
porary Music in Mato Grosso (Brasilien), Cortona Ses- Festival d’Automne (Paris), dem Klangforum Wien, Erice (Italien) geboren. Mit 18 schloss er sein Cello-Di- Petersburg etc.) und von diversen deutschen und inter­
sions of New Music (Italien) und Académie Internati- dem SWR Baden-Baden und WDR Köln, dem ensemb- plom am Konservatorium V. Bellini Palermo bei Gio- nationalen Rundfunkanstalten gesendet. Quells Musik
onale de Musique et de Danse du Domaine Forget (Ka- le recherche u.v.a. Zu seinem breiten Ensemble- und vanni Sollima und 2015 sein Studium an der Musik- erscheint im TONOS-Musikverlag und den Labels
nada) aufgeführt. Kammermusikwerk trat 2001–2009 ein Zyklus von hochschule Basel bei Thomas Demenga mit Auszei- NEOS, Bayer und Dabringhaus, seine musikwissen-
sechs Sinfonien und 2012 brachte das Arditti String chung ab. Als Cellist und Pinist erhielt er früh Preise schaftlichen Publikationen im Lit- und Wolke Verlag.
Chiara Opalio Klavier Quartet zusammen mit dem WDR Rundfunkchor und bei nationalen und internationalen Wettbewerben (z.B.
Bereits mit 16 erhält Chiara Opalio (*1990 Vittorio Ve- Sinfonieorchester unter Leitung von Matthias Pint- 1. Preis und City of Porec-Preis beim Internationalen
neto, Italien) ihr Diplom am Konservatorium G. Tar- scher Das Dornröschen zur Uraufführung. Seit 2010 ist Antonio Janigro Cello-Wettbewerb 2006 und 1. Preis R
tini in Trieste. Schon früh gewinnt sie zahlreiche Prei- Pauset Leiter des Instituts für neue Musik an der Mu- beim nationalen Musikwettbewerb B. Albanese 2009).
se bei nationalen und internationalen Wettbewerben, sikhochschule Freiburg i. Br., wo er auch Komposition 2009–2010 war er erster Solocellist im Orchestra 1813 Eleni Ralli Komposition
darunter der Internationalen Klavierwettbewerb Pado- unterrichtet, und steht dem Ensemble Contrechamps Como, seit 2010 ist er erster Solocellist im Orchestra Eleni Ralli wurde in 1984 in Thessaloniki (GR) geboren,
va und der Czerny Klavierwettbewerb. Als Solistin tritt Genf seit 2012 als Künstlerischer Leiter vor. dell’Ente Luglio Musicale Trapanese. Er hat mit zahl- wo sie ihr Bachelor-Studium in Komposition absol-
sie auf mit dem Orchestra dell’Arena di Verona, Or- reichen renomierten Musikern gespielt und ist als So- vierte. Im September 2013 begann sie ihr Masterstu-
chestra di Padova e del Veneto, Orchestra del Friuli Goni Peles Komposition list mit verschiedenen Orchestern aufgetreten (En- dium in Komposition und Musiktheorie an der Mu-
Venezia Giulia sowie dem Orchestra Haydn di Bolzano Goni Peles ist 1988 in Israel geboren. Er hat an der semble Arkedemos, Orchestra Gli Armonici, Orchestra sik-Akademie Basel. Sie nahm an vielen Kompositi-
e Trento und spielt im Alter von 15 Jahren beim Orche- Buchmann-Mehta School of Music in Tel Aviv bei Dan 1813, I Musici di Parma). Als Mitglied zahlreicher Kam- onswettbewerben teil und wurde dabei mehrere Male
stra di Pomeriggi Musicali in Milano-Teatro Dal Ver- Yuhas Komposition studiert und studiert aktuell an der mermusikformationen hat er in Europa und Asien ge- unter die Finalisten gewählt (u.a. beim International
me. 2002–2012 studiert Opalio an der Internationalen Hochschule für Musik in Basel bei Caspar Johannes spielt. Seit 2013 ist es Cellist im Quartetto Avos. Music Prize for Excellence in Composition, beim aXes
Musikakademie Incontri col Maestro in Imola und be- Walter und Jakob Ullmann (Musiktheorie). Im Rahmen Krakau Festival 2014, beim Iktus Percussion Interna-
sucht Meisterkurse u.a. bei Lilya Zilberstein, András von Einzelunterrichten und Masterclasses hat er zu- Robert Piencikowski Musikwissenschaft tional Score Call und dem IV. Kiev International Mas-
Schiff und Ferenc Rados. 2012 tritt sie in einem Kam- dem bei Ruben Seroussi, Chaya Czernowin, Georg Robert Piencikowski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter ter-Classes for new Music Course). Ihre Werke wurden
mermusikonzerte mit Leonidas Kavakos in der Sala Nussbaumer und Dmitry Kourliandski gelernt. Seine der Paul Sacher Stiftung in Basel. Er hat in Genf am in Deutschland, der Schweiz, Griechenland, der Ukrai-
Petrassi Rom auf. Für den Fernsehsender Sky Classics Arbeiten wurden bei Veranstaltungen wie Impuls 2015 Konservatorium und an der Universität (u.a. bei Roland ne und Polen aufgeführt.
nahm sie Schumann, Chopin und Debussy auf. Seit (Graz), dem Tzlil Meudcan Festival 2012 und 2015 (Tel Barthes, Yves Bonnefoy und Michel Butor) studiert, war
2012 unterrichtet sie an der Musikschule in Portogru- Aviv) sowie beim ACL Asian Composers League Festival Mitarbeiter des Studio de Musique Contemporaine de Steve Reich Komposition
aro (Italien) und studiert seit 2013 in Basel bei Claudio 2012 und 2013 (Israel, Singapore) gezeigt. Peles ist Trä- Genève und Gründungsmitglied der ­Groupe Contre­ Steve Reich, geboren 1936 in New York (USA), ist ein
Martinez Mehner. ger verschiedener Preise und Stipendien, darunter das champs. Von 1980 bis 1990 hat er am Ircam in Paris Kur- führender Wegbereiter des Minimalismus. Seine Musik
Schweizer Bundesstipendium (2014–2016) und der se in Musikanalyse gegeben und an der École Normale verbindet regelmässigen Puls, Repetition, strenge
Juan Pablo Orrego Berríos Komposition ACL’s Yoshiro Irino Memorial Prize (2012). Supérieure unterrichtet. Es liegen von ihm zahlreiche Strukturen und vorwärtstreibenden Rhythmen mit rei-
Der chilenische Komponist wurde 1977 in Santiago de Publikationen zu zeitgenössischer Musik vor. So hat er cher Instrumentalfarbe. Vielfach finden sich in ihr
Chile geboren. 2007 schloss er seine Studium in der Thomas Peter Elektronik u.a. den Briefwechsel zwischen Boulez und Cage her- auch Einflüsse nicht-westlicher Musik wie der des Ga-
Universidad de Chile ab, wo er hauptsächlich bei Pab- Thomas Peter (*1971) ist Musiker und Komponist. Sei- ausgegeben (Pierre Boulez – John Cage. ­Correspondance et melan oder der jüdischen Liturgie. 1966 gründete er das
lo Aranda und Cirilo Vila lernte. 2007–2009 war er Sti- ne Tätigkeit umfasst Bereiche wie Komposition elekt- documents). Neben seinem publizistischen Schaffen und Ensemble Steve Reich and Musicians zur Aufführung
pendiat des Deutschen Akademischen Austausch- roakustischer Musik, Laptop-Performances, improvi- der wissenschaftlichen Tätigkeit an der Paul Sacher seiner eigenen Werke, das über die Jahre stetig wuchs
dienstes und studierte Komposition bei Caspar Johan- sierte Musik, Klanginstallationen, Theatermusik und Stiftung gibt er Analysekurse, etwa für junge Dirigenten und weltweite Tourneen spielte. Mit seinen Werken The
nes Walter an der Hochschule für Musik Stuttgart. die Realisation und Interpretation von Live-Elektronik. im Rahmen der Lucerne Festival Academy. Cave und Three Tales schuf er die Gattung der Vi-
Derzeit ist er Student des Masterprogramms Komposi- Er lebt und arbeitet in Zürich. Seine Konzerttätigkeit deo-Oper. Bereits zweimal erhielt er den Grammy
tion und Musiktheorie der Hochschule für Musik Basel. umfasst als Solokünstler und als Interpret zeitgenössi- Award und erhielt zudem den Pulitzer-Preis, den Polar
Seine Werke wurden sowohl in Chile als auch im Aus- scher Musik Auftritte in Europa, Asien, Nord- und Süd- Q Music Prize und den Praemium Imperiale. Reichs Mu-
land bei verschiedenen Projekten und Festivals für amerika. Seine Solokonzerte sind zwischen improvi- sik liegt in zahreichen Einspielungen vor und wird auf-
neue Musik aufgeführt. Er ist Gründer und Mitheraus- sierter elektronischer Musik und mehrkanaligen akus- Hugo Queirós Klarinette geführt von führenden Orchestern und Ensembles
geber des Musikverlags figura ediciones musicales. tisch raumfüllenden Laptop-Performances anzusiedeln. Hugo Queirós ist ein portugisischer Klarinettist, der weltweit, u.a. vom New York Philharmonic Orchestra,
Thomas Peter studierte Audiodesign, Komposition und sich bei seinem Bachelor-Studium an der ESMAE dem BBC und dem Boston Symphony Orchestra, dem
Daniel Ott Komposition Improvisation an der Hochschule für Musik in Basel. Oporto unter Nuno Pinto ein breites klassisches Reper- Kronos Quartet und den Ensembles Modern und Inter-
Nach Erhalt seines Klavierdiploms unterrichtete Da- toire erschloss. Ein besonderes Interesse für die tiefen contemporain. Choreographen wie Anne Teresa de
niel Ott (*1960 Grub, Schweiz) Klavier und Musik und Fabian Petignat Szenografie Varia seines Instrumentes brachte ihn anschliessend Keersmaeker und Christopher Wheeldon arbeiteten
baute verschiedene freie Theatergruppen mit auf. Fabian Petignat wurde 1990 in Basel (CH) geboren. Er nach Bern, wo er bei Ernesto Molinari studiert. Hier mit seiner Musik.
1983–1985 führten ihn Theaterstudien nach Paris und besuchte den Vorkurs SfG Basel und erhielt seine Aus- arbeitete er in verschiedenen Formationen und als So-
London, 1985–1990 studierte er Komposition bei Nico- bildung als Gestalter am Institut HyperWerk (Mün- list mit neuer Musik und beschäftigte sich in seiner Wolfgang Rihm Komposition
laus A. Huber in Essen sowie bei Klaus Huber in Frei- chenstein). Zu seinen Projekten zählen experiment licht Masterarbeit intensiv mit portugisischer Musik für die Der Komponist Wolfgang Rihm wurde 1952 in Karlsru-
burg i.Brsg. Seit 1990 ist Daniel Ott tätig als Komponist, (2011/12) knock on wood für die Basler Fasnacht Bassklarinette, die seither sein Hauptinstrument ist. he geboren. Sein musikalisches Schaffen wurde schon
Pianist und Darsteller mit Schwerpunkten im neuen (2013/14) und gemüseabteilung hypermarché (2013/14). Er erlangte erste Preise bei der International Bass Cla- früh durch zahlreiche Preise ausgezeichnet, so erhielt
Musiktheater und in interdisziplinären und raum- Ereignisse, bei denen Menschen, Materie und Räume rinet Competition Julián Menéndez (Spanien) und der er etwa 1978 den Kranichsteiner Musikpreis. Unter die
bzw. landschaftsbezogenen Arbeiten. 1990 gründete er interagieren, faszinieren ihn. International Clarinet Competition Città di Carlino jüngeren Ehrungen zählt der Verdienstorden der Bun-
das Festival neue musik rümlingen, 1995–2004 war er (Italien). Seit 2012 unterstützt ihn die Caloute Gulben- desrepublik Deutschland. Er war Composer-in-Resi-
Lehrbeauftragter für Experimentelle Musik an der HdK Bastian Pfefferli Schlagzeug kian Foundation. Queirós spielte in Formationen wie dence u.a. bei den Internationalen Musikfestwochen
Berlin. 1999/2000 entstand der abendfüllende Musik- Bastian Pfefferli lebt in Basel, wo er den Grossteil sei- der Grupo Música Nova, Orquestra do Norte und Lucer- Luzern und den Salzburger Festspielen. In seinen Kom-
TheaterZyklus ojota l–lV. 2000 schrieb er klangkörper­ nes Schlagzeugstudiums bei Christian Dierstein und ne Festival Academy Orchestra und Ensemble und ar- positionen widmet sich Rihm beinahe allen Gattungen
klang (Musik zum Schweizer Expo-Pavillon). Land- Matthias Würsch absolvierte. 2010 erhielt er ein Sti- beitete in diesem Rahmen zusammen mit Komponis- der Instrumental- und Vokalmusik. Ein besonderer
schaftskompositionen für den Hafen Sassnitz, den pendium der Friedel-Wald Stiftung. Angeregt von sei- ten und Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Heinz Holli- Schwerpunkt liegt im Bereich des Musiktheaters. So
Wallfahrtsort Heiligkreuz, die Neisse und den Rhein- nem Interesse für Neues und vergessene Dinge, die wie- ger, Peter Eötvös und Helmut Lachenmann. zählen zu seinen Werken die Kammeroper Jakob Lenz,
hafen Basel folgten. Seit 2005 ist Ott Professor für der neu erscheinen, experiementiert er unablässig und die Oper Die Hamletmaschine nach der Textvorlage von
Komposition und Experimentelles Musiktheater an der versucht Gewohnheiten zu revidieren. Unermüdlich Michael Quell Komposition Heiner Müller und Séraphin, ein Musiktheater ohne
UdK Berlin und hat ab 2016 mit Manos Tsangaris sucht er dabei nach Beweisen für seine Überzeugung, Michael Quell (*1960) studierte Gitarre, Dirigieren, Text. Die umfangreiche Lehrtätigkeit begann für den
Künstlerische Leitung der Münchener Biennale inne. dass die Routine der Feind der Kunst und Kreativität ist. Tonsatz, Kontrapunkt, Musikpädagogik, Musikwissen- Komponisten bereits im Alter von 21 Jahren, als er Do-
Hieraus entsteht sein Interesse für zeitgenössische schaft, Komposition, Philosophie und Theologie in zent an der Karlsruher Musikhochschule wurde, wo er
Musik wie auch für verschiedene traditionelle Musik- Frankfurt am Main. Er lebt als Komponist in Fulda und heute Kompositionsprofessor ist. Rihm bekleidete und
stile. Parallelen und Gegensätze sind mehr als blosser übt diverse Lehrtätigkeiten aus. Ein Arbeitsschwer- bekleidet zahlreiche Ämter im deutschen Musikleben
intellektueller Ansporn für seine Musikforschung. punkt Quells ist die Beschäftigung mit den Möglich- und ist Mitglied verschiedener Akademien der Künste.

BIOGRAPHIEN 138 BIOGRAPHIEN 139


Terry Riley Komposition Menuhin Festival Gstaad und dem Kunstfest Weimar komponierte Schnebel strikt seriell. Die Ablehnung Noëmi Schwank Saxophon
Terry Riley (*1935 Colfax, Kalifornien/USA) hat mit sei- gastiert. Zu Rosenfelds Kammermusikpartern zählen jeglichen Dogmatismus’ führte ihn jedoch bald zu ex- Früh zog es die Baslerin nach Wien, wo sie bei Lars Me-
ner Komposition In C 1964 einen der grundlegenden András Schiff, Heinz Holliger, Joshua Bell, Alexander perimentellen Konzept- und Prozesskompositionen, kusch ihren Bachelor in Saxophon erlangte. Während
Anstösse zur Entstehung der Minimal Music gegeben. Lonquich, Nobuko Imai, Tabea Zimmermann, Patrick in denen er die Verwendung der Stimme um völlig neue eines Auslandsstipendiums bei Christer Johnson
Sein Einfluss auf die Musik des 20. Jahrhunderts wird und Thomas Demenga, Kolja Blacher und Daniel Phil- Dimensionen erweiterte. Ausserdem entstanden kir- (Stock­holm) erhielt sie zahlreiche Impulse. 2012
nicht nur bei Komponisten wie Steve Reich, Philip lips. Seit 2005 ist er Professor für Violoncello an der chenmusikalische Werke sowie Bearbeitungen von schloss sie den Master in Performance bei Pierre-­
Glass und John Adams spürbar, sondern auch bei Rock- Hochschule für Musik Basel. Bach-Chorälen und Orgelwerke. Durch die Gründung Stéphane Meugé (Lausanne) ab. Seit 2015 studiert sie
bands wie The Who, The Soft Machine, Tangerine Dre- der Theatergruppe Die Maulwerker systematisierte bei Marcus Weiss in Basel. Neben einer regen Konzert-
am, Curved Air u.v.a. Seine hypnotischen, vielschich- Oliver Rudin Dirigat Schnebel sein teilweise auf den Fluxus zurückzufüh- tätigkeit in Ensembles und Orchestern wie der Basel
tigen, polymetrischen, effektvoll instrumentierten Am 3. März 1981 in Basel geboren, beginnt Oliver Rudin rendes, offenes Werkkonzept. Zu Schnebels Schlüssel- Sinfonietta widmet sie sich mit Leidenschaft der mu-
und fernöstlich beeinflussten Improvisationen und seine musikalische Laufbahn bereits im Alter von vier werken zählen die Oper Majakowskis Tod – Totentanz, sikalischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Seit
Kompositionen wurden zu Wegbereitern der New To- Jahren. Er studiert Chorleitung, Schulmusik und Kul- das grossangelegte Vokalwerk Ekstasis und die monu- 2012 ist Schwank Verantwortliche der Programmge-
nality. 1970 wurde Terry Riley Schüler des nordindi- turmanagement, u.a. bei Raphael Immoos in Basel und mentale Sinfonie X. Schnebel wurde ausgezeichnet mit staltung und Projektleiterin im gare des enfants Basel.
schen Raga-Sängers Pandit Pran Nath, es folgten zahl- an der Juilliard School for Music in New York bei Edith dem Lahrer Kulturpreis und dem Preis der Europäi- 2013 begann sie ihre Arbeit beim Kammerorchester
reiche weitere Reisen nach Indien. Als Lehrer am Mills Kraft. 1997 gründet er die A-cappella-Band The Glue schen Kirchenmusik der Stadt Schwäbisch Gmünd. Er Basel, zuerst im Projektmanagement, aktuell in der
College in Oakland in den 1970er Jahren lernte er David (und ist seither als Sänger, Songwriter und Manager tä- ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Frei- Musikvermittlung. Viel Leidenschaft verbindet sie mit
Harrington, den Gründer und Leiter des Kronos Quar- tig), die, ebenso wie sein Chor Männerstimmen Basel, en Akademie der Künste Leipzig und der Bayerischen der Kammermusik und der Musik der Gegenwart. Sie
tet, kennen, das seither 13 Streichquartette und zahl- auf diverse Auszeichnungen, CD-Aufnahmen und eine Akademie der Schönen Künste. wirkte bei zahlreichen Uraufführungen mit und inte-
reiche weitere seiner Stücke aufgeführt hat. Weitere weltweite Konzerttätigkeit zurückblicken kann. Neben ressiert sich für Politik, Tanz, Literatur und das Zu-
Interpreten, mit denen er zusammenarbeitet, sind u.a. seiner Tätigkeit als Leiter verschiedener Chöre ist Ru- Arnold Schönberg Komposition sammenspiel verschiedener Künste. Schwank spielt in
das Rova Saxophone Quartet, das Arte saxophone quar- din Mitglied des Vokalensembles der J. S. Bach-Stif- Arnold Schönberg (*1874 in Wien) schreibt nach frü- verschiedensten Ensembles und Formationen und ist
tet, Array Music, Zeitgeist, das Steven Scott Bowed Pi- tung St.Gallen sowie Gymnasiallehrer und Lehrbeauf- hem Violinunterricht und ersten Kompositionsversu- mehrfache Preisträgerin.
ano Ensemble, The California E.A.R. unit, der Gitarrist tragter an der Pädagogischen Hochschule in Basel. chen mit 8 Jahren sein erstes erhaltenes Werk 1893. Ab
David Tanenbaum, die Assad Brothers, das Cello-Ok- 1899 dirigiert er verschiedene Chöre, später auch Or- Iris Simon Flöte
tett Conjunto Ibérico, das Abel Steinberg-Winant Trio, chester. Sein Streichsextett Verklärte Nacht op. 4 (1899) Iris Simon (*1997) wird ab diesem Jahr Querflötenun-
der Pianist Werner Bartschi, das Paul Dresher Ensem- S sorgt 1902 zunächst für Empörung beim Publikum. terricht im Rahmen des Precollege Zürich bei Philippe
ble und das Amati Quartet. 1989–1993 leitete der das 1901 wird Schönberg Kapellmeister in einem Berliner Racine erhalten. Sie spielt als zweites Instrument Kla-
von ihm gegründete Ensemble Khayal, danach grün- José M. Sanchez-Verdù Komposition literarischen Kabarett; auf Empfehlung von Richard vier und singt im Landesjugendchor Baden-Württem-
dete er The Allstars, die Vigil Band und die Theater- José Maria Sanchéz-Verdú, 1968 im spanischen Alge- Strauss unterrichtet er 1902 in Berlin am Stern’schen berg. Sie war Schülerin von Samuel Bornand und Karen
gruppe The Travelling-Avantt-Gaard. Er tritt regel- ciras geboren, studierte Komposition, Musikwissen- Konservatorium Harmonielehre. 1903 kehrt er nach Ruedi als Teilnehmerin des Förderprogramms der Mu-
mässig als Solist am Klavier sowie in Duos mit dem schaft und Dirigieren an der Musikhochschule Madrid Wien zurück, lernt Gustav Mahler kennen und beginnt sikschulen BL. In diesem Jahr beendete sie ihre Schull-
Sitar-Spieler Krishna Bhatt, dem Saxophonisten Ge- und absolvierte ein Aufbaustudium bei Hans Zender an auch dort auf Vermittlung von Zemlinsky Harmonie­ aufbahn mit dem Abitur am humanistischen He-
orge Brooks, Gyan Riley und dem italienischen Bassis- der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst lehre und Kontrapunkt zu unterrichten. Zu seinen bel-Gymnasium in Lörrach. Sie nahm an verschiede-
ten Stefano Scodanibbio auf. Neben der Musik für drei Frankfurt. Sein umfangreiches kompositorisches Schülern gehören bald Heinrich Jalowetz, Anton We- nen Wettbewerben teil. Beim Schweizerischen
Spielfilme hat Terry Riley Musik für zahlreiche Kurz- Schaffen wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt, bern, Karl Horwitz, Alban Berg, Egon Wellesz und Er- Jugendmusikwettbewerb erreichte sie 2014 einen 2.
filme komponiert. beispielsweise mit dem Ernst von Siemens Förderpreis win Stein. 1904 gründen Schönberg und Zemlinsky die Platz im Finale. Als Mitglied des Jugend-Symphonie-
und dem Nationalpreis für Komposition des spani- Vereinigung schaffender Tonkünstler, 1907 beginnt orchesters der Regio Basilensis (Ltg. Aurelia Pollack)
Fausto Romitelli Komposition schem Kulturministeriums. 2007 und 2008 war er Sti- Schönberg sich intensiv mit Malerei auseinanderzu- und anderer Orchester sammelte sie neben ihrer Be-
Fausto Romitelli, 1963 in Gorizia geboren, absolvierte pendiat des Experimentalstudios des SWR Freiburg. setzen, ab 1909 tritt er mit eigenen Bildern an die Öf- schäftigung mit der Kammermusik und Werken für
sein Kompositionsdiplom am Konservatorium Giusep- Seine Tätigkeit als Dirigent führte ihn zum Orquestra fentlichkeit. 1911 begegnet er erstmals Wassily Kan- Flöte und Klavier auch als Solistin Konzerterfahrungen.
pe Verdi in Mailand und besuchte anschliessend wei- Nacional de España, zu Ultraschall Berlin, zur Bienna- dinsky. Im selben Jahr erscheint seine Harmonielehre. Unter anderem war sie mit der Uraufführung mehrerer
terführende Lehrgänge an der Accademia Chigiana di le di Venezia, zur Münchener Biennale und ans Teatro 1913 hat er auch in Wien mit der von Franz Schreker Werke von Beat Schönegg betraut.
Siena und der Scuola Civica in Mailand. 1991 zog er nach Real Madrid. Seine Werke werden von zahlreichenden geleiteten Aufführung der Gurrelieder (1900/1901) einen
Paris, um die neuen Technologien in den Informatik- bedeutenden Orchestern und Ensembles interpretiert. ersten grossen Triumph, bald allerdings schon wieder Michael Simon Regie, Licht
kursen des Ircam kennenzulernen. Nach einer Reihe Seit 2001 lehrt er Komposition an der Robert-Schu- von Skandalkonzerten gefolgt. In die Zeit des ersten Nach Anfängen als Performance- und Installations-
von Erfolgen bei verschiedenen internationalen Wett- mann-Hochschule Düsseldorf, seit 2008 hat er zudem Weltkriegs, in dem Schönberg zweimal zum Militär- künstler in New York arbeitet Michael Simon seit 1983
bewerben in Amsterdam, Frankfurt, Graz, Mailand, eine Professur am Conservatorio de Música de Aragón dienst eingezogen wird, fällt sein erstes grosses «Be- als Bühnenbildner und Lichtdesigner für Oper, Tanz
Stockholm und Siena wird Romitellis Musik regelmäs- inne. Sanchéz-Verdú lebt in Berlin und Madrid. kenntniswerk», Die Jakobsleiter. Ab 1917 wieder in und Schauspiel unter anderem für William Forsythe,
sig auf den internationalen Bühnen aufgeführt. Im Wien, zieht er in den folgenden Jahren zahlreiche neue Jiri Kylian, Pierre Audi, Christof Nel, Peter Greenaway,
Rahmen des Festival Musica Strasbourg, des Festival Svea Schildknecht Stimme Schüler an, darunter Viktor Ullmann, Hanns Eisler, Stefan Pucher und Stefan Bachmann in Amsterdam,
Présences von Radio France und der Ars Musica in Die deutsche Sopranistin Svea Schildknecht verfolgt Hans Erich Apostel und Rudolf Serkin. 1918 gründet er Berlin, Frankfurt, Los Angeles, Madrid, Paris, New
Brüssel, der Biennale Venedig und dem Festival Mila- eine rege Konzerttätigkeit in den Breichen zeitgenös- den Verein für musikalische Privataufführungen, in York, Oslo, Peking, Tokio und Zürich. Als Regisseur ko-
no Musica wurden seine Werke von Ensembles und Or- sische Musik, Lied und Oratorium als Solistin, Chor- dem das Verhalten der Musiker wie der Hörer strengen operierte er zuerst mit Heiner Goebbels am TAT Frank-
chestern wie Ictus, L’Itinéraire, Court-Circuit, Ensem- und Ensemblesängerin. Dabei arbeitet sie zusammen Regeln unterworfen wird (so darf beispielsweise nicht furt (1990), um ab 1992 in den Sparten Schauspiel und
ble intercontemporain, Musiques Nouvelles, ensemb- mit Dirigenten wie Matthias Pintscher, Francesc Prat, applaudiert oder gebuht werden). 1923 stellt er erst- Oper an Theatern in Basel, Berlin, Bonn, Bremen, Düs-
le recherche, Alter Ego, Nationalorchester der RAI und Helmuth Rilling und Simon Halsey sowie den Ensem- mals seine «Methode der Komposition mit zwölf nur seldorf, Dresden, Frankfurt, Hannover, Karlsruhe,
dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gespielt. Auf- bles Phoenix und Contrechamps, dem Bach-Collegium aufeinander bezogenen Tönen» vor, die etwa seit der München, Paris und Wien zu inszenieren. Simons
träge kamen von Institutionen wie dem Französischen Stuttgart, Tonhalle Orchester Zürich, La Gioconda Lu- Suite für Klavier op. 25 (1921) ohne deutlich hörbaren Lehrtätigkeit umfasst eine Professur für Szenografie
Kulturministerium, Musiques Nouvelles, Ictus, la Mu- zern, Basler Madrigalisten, Rheinische Kantorei, Deut- Bruch seine «atonale» Kompositionstechnik abgelöst an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe (1998–
sique et les Arts, Radio France, Ircam, der Gulbenkian scher Kammerchor und Solistenchor des Experimen- hatte. 1926 wird er Nachfolger von Ferruccio Busoni an 2004), Dozententätigkeit an der TTPR Singapur (2003)
Stiftung, Milano Musica, L’Itinéraire und der Royau- talstudios SWR. Sie ist Gründungsmitglied des Sänger- der Akademie der Künste Berlin, bekommt jedoch wie und der Hamburger HfMT (2005/2007). Seit 2008 leitet
mont Stiftung. Er verstarb 2004 nach schwerer Krank- quartetts Ensemble SoloVoices und des Trios Tre Voci zuvor schon in Österreich immer stärker antisemiti- er die Bühnenbildausbildung im Master of Arts in The-
heit in Mailand. sowie Mitglied von Voc_4. Schildknecht wirkte u.a. mit sche und nationalsozialistische Anfeindungen zu spü- ater an der Zürcher Hochschule der Künste.
in Uraufführungen von Rudolf Kelterborn, Jürg Wyt- ren. 1933 macht er in Paris seine in der Jugend vorge-
Rafael Rosenfeld Violoncello tenbach, Detlev Müller-Siemens, Katharina Rosenber- nommene Konvertierung vom protestantischen Chris- Sinfonieorchester Basel
Rafael Rosenfeld (*1973 Luzern, Schweiz) studierte ger, Jakob Ullmann, Orm Finnendahl und Georges tentum rückgängig, nimmt den jüdischen Glauben Die Gründung des Orchesters geht auf 1876 zurück und
Cello in Zürich und Lübeck. Mit 22 Jahren wurde er So- Bloch. 2015 spielte Svea Schildknecht die Rolle der Ma- wieder an und emigriert in die USA. Er unterrichtet fällt damit ins Baujahr des Stadtcasinos, das auch heu-
locellist beim Tonhalle Orchester Zürich. Heute ist er ria Bellacanta im Stück Hexe Hillary geht in die Oper von kurz in Boston und zieht 1934 via New York nach Los te noch seine Spielstätte ist. 1997 fusionierte das Bas-
zudem Mitglied des Lucerne Festival Orchestra und der Peter Lund im Theater Freiburg. Sie unterrichtet Ge- Angeles. Nach einigen Vorträgen an der University of ler Sinfonie-Orchester mit dem Radio Sinfonieorches-
Cappella Andrea Barca. Rosenfeld gewann zahlreiche sang in Freiburg. Southern California (wo u.a. John Cage sein Schüler ter Basel. Dabei wurde für das Ensemble der heute gül-
nationale und internationale Wettbewerbe und Preise, wird) hat er 1936–1944 eine Professur an der UCLA; aus tige Name gefunden. Unter den Dirigenten, die dem
darunter der erste Preis bei der Geneva International Dieter Schnebel Komposition Geldmangel muss er auch nach seiner Pensionierung Ensemble eng verbunden waren oder sind, finden sich
Music Competition 2000, dem Engagements in Mai- Dieter Schnebel (*1930 Lahr, Deutschland) studierte noch Privatunterricht erteilen. Als einer der künstle- Namen wie Johannes Brahms, Felix Weingartner,
land, Stuttgart, Genf, Luzern, Bern, Rotterdam, Musik, Philosophie, evangelische Theologie und Mu- risch einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhun- Gustav Mahler, Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer,
Amsterdam und Zürich folgten. Rosenfeld ist Mitglied sikwissenschaft in Freiburg i. Brsg. und Tübingen. Da- derts stirbt Schönberg 1951 in Los Angeles. Pierre Boulez, Valery Gergiev und Mario Venzago. Das
des Merel Quartetts, das regelmässig an Häusern wie ran schloss sich eine Pfarr- und Lehrertätigkeit in Kai- Repertoire des Sinfonieorchesters Basel reicht von der
der Wigmore Hall London, dem Concertgebouw serslautern, Frankfurt a. M., München und Berlin an. Wiener Klassik über die Romantik bis hin zu Kompo-
Amsterdam und der Tonhalle Zurich und Festivals wie Er verfasste zahlreiche musikwissenschaftliche Essays sitionen der jüngsten Moderne. So brachte der Klang-
Lucerne Festival, den Salzburger Festspielen, dem und Bücher zu Themen von Bach bis Kagel. Anfänglich körper u.a. Werke von Béla Bartók, Arthur Honegger

BIOGRAPHIEN 140 BIOGRAPHIEN 141


und Bohuslav Martinuů zur Uraufführung. Gezielt wer- demie Basel. 2011 und 2012 erhielt er das NRW Stipen- T Spanien. Mit einer der bekanntesten Akkordeonfirmen
den auch neue Konzertformen gesucht und Koproduk- dium. Er nahm an zahlreichen Meisterkursen und entwickelte er in seiner Akkordeonserie Multituning
tionen mit Jazz-, Rock- oder Techno-Acts realisiert. Nachwuchsprogrammen teil, darunter Trombonanza James Tenney Komponist Accordion den weltweit ersten Prototyp eines Akkor-
Schwerpunkte sind unter Chefdirigent Dennis Russell Argentinien, Internationale Ensemble Modern Akade- James Tenney (1934–2006) wuchs auf in Arizona und deons mit 24 Tönen pro Oktave. Vukasinovic beschäf-
Davies nebst Klassikern der Moderne auch Werke von mie und European Workshop for Contemporary Music. Colorado (USA), wo er seinen ersten Unterricht in Kla- tigt sich viel mit Zeitgenössischer Musik, U-Musik und
schweizerischen und amerikanischen Komponisten. Er spielte mit verschiedenen Ensembles und Orches- vier und Komposition erhielt. Er besuchte die Univer- Balkan-Musik. Er arrangiert bekannte klassische Stücke
Davies und das Sinfonieorchester Basel pflegen eine tern wie dem Studio Musikfabrik, Opera Clasica Euro- sity of Denver, die Juilliard School of Music, das Ben- für Akkordeon und Orchester und ist selbst als Kompo-
enge Zusammenarbeit mit der Paul Sacher Stiftung Ba- pa, RIAS Junges Orchester. nington College und die University of Illinois. Zu sei- nist tätig. Er tritt an grossen Festivals in der ganzen Welt
sel. Zahlreiche international beachtete und z.T. preis- nen Lehrern zählen Eduard Steuermann, Chou als Solist und in verschiedenen Besetzungen auf.
gekrönte CD-Produktionen dokumentieren das Schaf- Enrico Stolzenburg Regie Wen-Chung, Lionel Nowak, Carl Ruggles, Lejaren Hil-
fen des Ensembles, das sich zurzeit Gesamteinspielun- Enrico Stolzenburg (*1973 Berlin, Deutschland) stu- ler, Kenneth Gaburo, und Edgard Varèse. Als Musiker,
gen der Sinfonien von Franz Schubert und Arthur dierte Theaterwissenschaften an der HU Berlin und Komponist und Theoretiker war er Mitgründer und Di- W
Honegger widmet. Seit ein paar Jahren zeigt das Sin- Regie an der HfS Ernst Busch. Er inszenierte zunächst rigent des Tone Roads Chamber Ensemble (NYC) und
fonieorchester Basel vermehrt internationale Präsenz, mit freien Theatergruppen und konzentriert sich seit trat auf mit den Ensembles von Harry Partch, John Caspar Johannes Walter Komposition
z.B. in China, St. Petersburg, Moskau, Südkorea und langem vor allem auf zeitgenössische Dramatik. Zu Cage, Steve Reich und Philip Glass. Seine Arbeit mit Caspar Johannes Walter, geboren 1964 in Frankfurt am
Grossbritannien. seinen Produktionen gehören mehrere deutschspra- elektronischer und Computermusik führte ihn in den Main, stammt aus einer Musikerfamilie und hat relativ
chige Erst- und Uraufführungen und wurden gezeigt 1960ern in den Bell Telephone Laboratories u.a. mit spät angefangen, Violoncello zu spielen. Mit 16 begann
Giovanni Sollima Violoncello auf Bühnen und an Festivals in Berlin, Freiburg, Kon- Max Mathews zusammen für die Entwicklung von Pro- er, sich ernsthaft für das Komponieren zu interessieren
Für den Cellisten und Komponisten Giovanni Sollima stanz, Magdeburg, Hamburg, Strassburg (F), Südkorea, grammen zur Generierung von Computersounds und und besuchte während seiner letzten Schuljahre die
(*1963 Palermo, Italien) ist das Musizieren ein Weg, der Bern (CH), Osaka (JAP) und Helsinki (FIN). Stol- Kompositionen. Tenney ist Autor zahlreicher Artikel Akademie für Tonkunst in Darmstadt. Zudem nahm er
mit der Welt zu kommunizieren. In seinen eigenen zenburg beschäftigt zudem mit neuer Musik und ex- zu Musikakustik, Computermusik, musikalischer Form Kompositionsunterricht bei Volker David Kirchner in
Werken, die hauptsächlich für Cello entstehen, tut er perimentellem Musiktheater. Mit dem Komponisten und Wahrnehmung sowie zweier Bücher: Meta + Hodos: Wiesbaden. 1985–1990 studierte er bei Johannes
das mit mediterranen Rhythmen und typisch italieni- Daniel Ott verwirklichte er in diesem Bereich bisher A Phenomenology of 20th Century Musical Materials and Fritsch und Clarence Barlow an der Hochschule für Mu-
schen Melodielinien. Er bewegt sich frei in allen Stilen mehrere Uraufführungen. Seit 2009 widmet er sich an Approach to the Study of Form (Frog Peak Music, 1988) sik in Köln. Mit der Komponistin Carola Bauckholt
und Epochen von Barock bis Metal. Er stammt aus ei- insbesondere der Entwicklung eigener Stücke. Dabei und A History of Consonance and Dissonance (Excelsior gründete er 1985 den Thürmchen Verlag, der insbeson-
ner Musikerfamilie und arbeitete schon früh mit Figu- verbindet ihn eine enge Beziehung mit dem Autoren Music Publishing, 1988). Er erhielt Auszeichnungen der dere Komponisten vertritt, die sich dem Experimen-
ren wie Claudio Abbado, Giuseppe Sinopoli, Jörg De- Kai-Ivo Baulitz.Weiterhin arbeitet er kontinuierlich National Science Foundation, des National Endowment tellen verschrieben haben. Walters umfangreiches
mus, Martha Argerich, Riccardo Muti, DJ Scanner, Pat- auch an Formaten wie Performances, Installationen for the Arts, des Ontario Arts Council, des Canada Schaffen wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendi-
ti Smith, Philip Glass und Yo-Yo Ma. Sein Wirken als (z.B. mit Kirsten Reese), Hörparcours mit Partnern Council, des American Academy and Institute of Arts en gewürdigt. Er hat eine Professur an der Hochschu-
Solist und im Ensemble entfaltet sich zwischen klas- verschiedener künstlerischer Disziplinen im In- und and Letters und der Fromm Foundation. Er lehrte am le für Musik Basel inne, zuvor war er in gleicher Funk-
sischem Mainstream und alternativen Locations in Eu- Ausland. Seit der Spielzeit 2013/14 ist er fester Haus- Polytechnic Institute of Brooklyn, am California Insti- tion an der Stuttgarter Musikhochschule tätig.
ropa, Asien und Amerika. Sollimas kompositorische regisseur am DNT. tute of the Arts, an der University of California und der
Neugier veranlasst ihn immer wieder zur Entwicklung York University Toronto. Anton Webern Komposition
eigener Instrumente und Zusammenarbeiten mit Igor Strawinsky Komposition Anton Webern, 1883 in Wien geboren, war neben Ar-
Künstlern aus Tanz (Karole Armitage, Carolyn Carlson), Igor Feodorowitsch Strawinsky (*1882 Oranienbaum Trombone Unit Hannover Posaunennonett nold Schönberg und Alban Berg der wichtigste Vertre-
Theater (Bob Wilson, Alessandro Baricco, Peter Stein) [Lomonossow] bei St. Petersburg) erhielt mit zehn Jah- Die Trombone Unit Hannover gründete sich anlässlich ter der Wiener Schule. Er stammte aus adeliger ­Familie
und Film (Marco Tullio Giordana, Peter Greenaway, ren ersten Klavierunterreich, später studierte er Jura des Deutschen Musikwettbewerbs 2008, wo sie ein Sti- und erhielt früh Klavier-, Cello- und Kompositions­
Lasse Gjertsen, John Turturro). Sollima unterrichtet an an der St. Petersburger Universität, daneben Musik- pendium des Deutschen Musikrates erhielt, und blickt unterricht. 1902–1906 studierte er in Wien an der Uni-
der Accademia Nazionale di Santa Cecilia Rom und an theorie. Sein wichtigster Lehrer war Nikolaj Rims- zurück auf langjährige gemeinsame kammermusika- versität Musikwissenschaft, ausserdem von 1904 an
der Fondazione Romanini Brescia. ky-Korsakow, von dem er als Zwanzigjähriger neben- lische Tätigkeit während des Studiums an der Hoch- bei Arnold Schönberg Komposition, mit dem ihn von
bei zu lernen begann, bevor er zwischen 1905 und 1908 schule für Musik und Theater in Hannover. Jahrelanger da an eine lebenslange Freundschaft verband. Von 1908
Dominic Stahl Klavier, Komposition regelmässigen Unterricht von ihm erhielt. Das von Mentor der Musiker war und ist Prof. Jonas Bylund. an arbeitete Anton Webern als Theaterkapellmeister
Der Komponist und Pianist Dominic Stahl (*1985 Basel, Sergej Djagilew in Auftrag gegebene und von seinen Zahlreiche Auszeichnungen bei nationalen und inter- in Wien, Danzig, Stettin und Prag, war Mitglied von
Schweiz) studierte in Luzern klassisches Klavier bei Ballets russes 1910 uraufgeführte Ballett Der Feuervogel nationalen Wettbewerben finden sich in den Biografi- Schönbergs «Verein für musikalische Privatauffüh-
Prof. Hiroko Sakagami und erlangte 2011 den Master of brachte ihm schlagartig internationale Anerkennung en der neun jungen Künstler, die heute in verschie- rungen» und leitete 1921–1934 die Wiener Arbeiter-­
Arts in Musikpädagogik. Weiter studierte er an der Mu- ein. In den darauffolgenden Jahren konnte er mit Pe­ densten deutschen Spitzenorchestern spielen. Seit ih- Symphoniekonzerte und den Wiener Arbeitersingver-
sikhochschule Basel Jazzklavier bei Prof. Lester Mene- truschka und Le Sacre du printemps (Das Frühlingsopfer) rer Gründung spielte die Formation Konzerte im In- und ein. Er wurde 1927 Dirigent, drei Jahres später Fachbe-
zes und schloss dieses Studium mit dem Master of Arts seinen Ruf untermauern. Strawinsky, der mittlerweile Ausland, u.a. bei grossen Festivals wie dem Virtuosi rater des österreichischen Rundfunks, erhielt aber 1938
in Schulmusik ab. Dominic Stahl spielt und kompo- in die Schweiz übergesiedelt war, galt damit als radi- Festival in Recife (Brasilien, 2011), wo sie drei umju- von den Nationalsozialisten Aufführungs- und Publi-
niert für sein Jazzklaviertrio Stahlwerk und für sein kalster Komponist seiner Zeit. In den folgenden Jahren belte Aufführungen gab. Von dem Bestreben der For- kationsverbot. Bis zu seinem Tod lebte er von der Öf-
Sextett minimaLarge-Ensemble. Er unterrichtet Kla- wich der deutlich russische Ton seiner Musik einem mation, die Posane ausserhalb des Orchesters auch als fentlichkeit zurückgezogen. Am 15.09.1945 wurde An-
vier an der Musikschule Weggis und an der Pädagogi- feiner gebauten Neoklassizismus, zunächst 1920 mit Kammermusikinstrument weiter ins Licht der Öffent- ton Webern in Mittersill bei Zell am See, wohin er vor
schen Hochschule Zürich. Pulcinella. Im gleichen Jahr liess sich Strawinsky in lichkeit zu rücken, zeugen ihre Kompositionsaufträge der Roten Armee geflüchtet war, versehentlich von
Frankreich nieder, wo er 1934 auch die französische an Daniel Schnyder, Jan Glembotzki, Georg Friedrich ­einem amerikanischen Soldaten erschossen.
Stahlwerk Klavier, E-Bass, Schlagzeug Staatsbürgerschaft annahm. Angesichts des drohen- Haas und Ricardo Molla.
Seit der Gründung im Jahr 2013 spielt das Trio Stahl- den Krieges entschlossen sich Strawinsky und seine Mieczysław Weinberg Komposition
werk (Dominic Stahl, Klavier; Francesco Rezzonico, zukünftige zweite Frau Vera Sudeikin (geb. Bosset) Mieczysław Weinberg (1919–1996) stammt aus War-
E-Bass; Tobias Schmid, Schlagwerk) die Kompositio- schliesslich, nach Amerika auszuwandern. Nach einem U schau (Polen), wo sein Vater als Komponist und musi-
nen des Pianisten Dominic Stahl. Die tiefen Töne legt Jahr an der Ostküste, verbunden mit einem Gastspiel kalischer Leiter am Jüdischen Theater wirkte. Als Jude
Francesco Rezzonico am E-Bass, für das Schlagwerk ist als Dozent an der Harvard University, liessen sich Stra- Stephan Urech Mediendesigner war Weinberg gezwungen, 1939 beim Angriff der Nazis
Tobias Schmid zuständig. Stahlwerk lädt das Publikum winsky und Vera in Kalifornien nieder, wo sie für den Stephan Urech wurde 1980 in Bern geboren. Im Jahr auf Polen seine Heimat zu verlassen. Er floh in die So-
zu einem klingenden Rundgang in ihre musikalische Rest ihres Lebens blieben. Schönbergs Reihentechnik 2011 hat er seinen Abschluss am Institut Hyperwerk wjetunion nach Minsk und studierte dort Komposition
Fabrik ein: Gemeinsam erforschen die drei Musiker ignorierte er bis zu seinem Ballett Agon, 1957 mit Stra- (HGK FHNW) erlangt. Urech arbeitet seither als Medi- bei Vassily Zolotaryov, einem Schüler Mili Balakirews
farbige Klangwelten und schippern auf Grooves durch winsky selbst am Dirigentenpult zu seinem 75. Ge- endesigner und lebt in Basel. und Nikolai Rimski-Korsakows. Durch die Förderung
vertrackte rhythmische Strukturen. Dabei landen sie burtstag uraufgeführt, das eine späte serielle Blütezeit von Dmitri Schostakowitsch gelang es ihm, sich in
immer wieder auf improvisierten Spielplätzen, wo sie einleitete. Strawinsky trat häufig als Interpret seiner Moskau zu etablieren. Neben Stalins Tod war es auch
Raum für Experimente und spontane Abenteuer finden. eigenen Werke auf, zunächst nur als Pianist, später im- V seiner Intervention zu verdanken, dass Weinberg der
mer häufiger auch als Dirigent. Als erster moderner Verfolgung und Verhaftung durch das sowjetische Re-
Damián Stepaniuk Posaune Komponist hinterliess er eine fast vollständige Ein- Srdjan Vukasinovic Akkordeon gime entging. Weinberg verband eine enge Freund-
Im Jahr 1998 begann der Posaunist Damián Stepaniuk spielung seiner eigenen Werke, die zunächst bei CBS Srdjan Vukasinovic (*1983 Petrovac na Mlavi, Serbien) schaft mit Nikolai Mjaskowski.
(*1985 Santa Fe, Argentinien) mit seiner musikali- erschien und nun auf Sony Classical erhältlich ist. hatte das Glück, in einer sehr musikalischen Familie
schen Ausbildung bei Prof. Rubén Carughi an der Es- Strawinskys Dirigententätigkeit hörte erst 1967 auf, er aufzuwachsen und gehört nun schon zur dritten Marcus Weiss Saxophon
cuela de Música seiner Heimatstadt. 2007–2009 war starb 1971 in New York und wurde in Venedig auf der Genera­tion, die Musik zu ihrem Beruf macht. Das täg- Marcus Weiss (*1961 Basel, Schweiz) ist einer der be-
er erster Posaunist des Bläserensembles der Provinz Insel San Michele beigesetzt. liche Üben seines Vaters, der selbst Akkordeonist ist, achtetsten und vielseitigsten Saxophonisten. Sein
Córdoba. Im Jahr 2004 gewann er den Mozarteum-­ weckte in ihm schon früh das Interesse und die Neugier Repertoire umfasst alle Epochen der kurzen Geschich-
Preis der Stadt Santa Fe. 2010–2014 studierte er bei für die Musik. Vukasinovic studierte in Wien, Zürich, te seines Instrumentes. Mit unzähligen Uraufführun-
Prof. Eckhard Treichel an der Robert-­Schumann-­ Bern und Trossingen. Er gewann internationale Wett- gen trägt er seit Jahren zur Entstaubung des Begriffs
Musik­hochschule Düsseldorf. Seit September 2014 bewerbe in Italien, Deutschland, Spanien und Portugal. «klassisches Saxophon» und zur Erweiterung von
studiert er bei Prof. Mike Svoboda an der Musik Aka- 1999 wurde er Weltmeister bei der World Trophey in dessen Repertoire bei – solistisch und kammermusi-

BIOGRAPHIEN 142 BIOGRAPHIEN 143


kalisch. Wegweisende Komponisten unserer Zeit Z
schrieben Werke für ihn, darunter Georges Aperghis,
John Cage, Beat Furrer, Toshio Hosokawa, Helmut La- Yiran Zhao Komposition

Aus Tradition offen für Neues


chenmann und viele mehr. Er spielt als Solist mit ver- Die chinesische Komponistin und Performance-Künst-
schiedensten europäischen Orchestern und Ensembles. lerin Yiran Zhao (*1988) studiert Komposition bei Cas-
Seine Konzerte führen ihn an Festivals wie Wien Mo- par Johannes Walter und Erik Oña an der Musik-Aka-
dern, Donaueschinger Musiktage, ans Festival d’Au- demie Basel. Sie erhielt viele Preise und Stipendien,
tomne de Paris, die Tage für Neue Musik Zürich, den z.B. den ersten Preis des Con Tempo Kammermusik-
Warschauer Herbst sowie nach Italien, Spanien, Eng- wettbewerbs China, das Staatsstipendium China und
land, Schottland, Russland, Ukraine, Japan und in die das Deutschlandstipendium. Zhao arbeitet mit zahl-
USA. Als Kammermusiker tritt er in erster Linie mit reichen KünstlerInnen und Gruppen sowie bei Festivals
seinen Formationen Trio Accanto (Saxophon, Klavier, in Europa, Asien und Amerika, z.B. ensemble recher-
Perkussion) und XASAX auf. Seit 2005 spielt er im Trio che, Ensemble Phoenix Basel, Philharmonia Chor
Neuma (Saxophon, Stimmen), dessen Repertoire neben Stuttgart, AXES Triduum Krakau und dem Next Gene-
neuen Werken die Musik des Mittelalters umfasst. ration Off-Program der Donaueschinger Musiktage.
Weiss unterrichtet Saxophon und Kammermusik in Ba- Ihre Arbeit bezieht verschiedene Ausdrucksmodalitä-
sel und gibt regelmässig Kurse an verschiedensten in- ten mit ein, die sowohl rein musikalische als auch per-
ternationalen Musikhochschulen. Er ist Träger des So- formative Elemente, Beleuchtung, visuelle Kunst und
listenpreises des Schweizerischen Tonkünstlervereins. andere Medien integriert.

Andreas Wenger Architektur Sylwia Zytynska Schlagzeug


Andreas Wenger wurde 1961 in Summit (New Jersey/ Sylwia Zytynska (*1963 Warschau, Polen) studierte
USA) geboren. 1981–1987 studierte er Architektur an Klavier, Cello und Perkussion in Polen und in der
der ETH in Zürich, gründete 1993 das Büro Anarchitek- Schweiz. Seither konzertierte sie auf vielen Bühnen der
ton und verfolgte selbständige Arbeiten in Projektent- zeitgenössischen Musik. Sie unterrichtet seit 1985 Bestehende Werte pflegen. Und gemeinsam neue Wege
wicklung, Umbauten, Sanierungen und Ausstellungen. Schlagzeug an der Musikschule Basel und ist langjäh-
beschreiten. Mit dieser Haltung gehen wir in die Zukunft.
1994–1998 war er Oberassistent am Lehrstuhl für Ar- riges Mitglied der Programmgruppe beim Festival Neue
chitektur und Städtebau Prof. Franz Oswald an der ETH Musik Rümlingen. Seit 2007 bespricht sie bei SRF2
Für Sie, für unsere Stadt und für die Region.
Zürich. Als Co-Direktor rief er 2006 das International Kultur mit Thomas Adank und Thomas Meyer CD-Neu-
Scenographers’ Festival IN3 mit ins Leben, welches erscheinungen. Sie war Composer of the week beim
2006, 2008 und 2010 in Basel durchgeführt wurde. Seit Musikmonat 2001 in Basel und erhielt im selben Jahr
2001 leitet Andreas Wenger das Institut Innenarchi- den Kulturpreis der Alexander Clavel-Stiftung. 2004
tektur und Szenografie an der Hochschule für Gestal- gründete sie gare des enfants, eine Konzertreihe und
tung und Kunst FHNW. Bühne für Kinder, mit der sie 2009 den Lily Waecker-
lin-Preis für Jugend & Musik gewann. 2012 erhielt Syl-
wia Zytynska den PriCülTür der Basler Programmzei-
X tung. In den letzten Jahren hat sie sich im Rahmen ih-
rer künstlerischen und musikpädagogischen Arbeit
XASAX Saxophonquartett immer mehr dem Zuhören gewidmet. Sylwia Zytynska
Unter dem Namen XASAX haben sich 1992 Serge Ber- ist Mitbegründerin und künstlerische Leiterin von Zu-
tocchi, Jean-Michel Goury, Pierre-Stéphane Meugé (F) hören Schweiz.
und Marcus Weiss (CH) zu einem Saxophon-Ensemb-
le der besonderen Art zusammengetan. Ihre Erfahrun-
gen als Solisten und Kammermusiker und ihre Be-
schäftigung mit zeitgenössischer Musik sollten in die
TransparenTe
Entwicklung eines neuen Repertoires für ihr junges
Instrument einfliessen, ihm ein eigenes Terrain schaf- Wärmedämmung
fen. Viele Duos, Trios und Quartette wurden für XASAX
geschrieben. Im Gegensatz zum traditionellen Saxo-
phonquartett sind die Besetzungen gemischt, sodass
für profilglas-
auch Werke für vier gleiche Saxophone im Programm
stehen. Neben Klassikern von Cage bis Xenakis spielt
fassaden
XASAX vermehrt Kompositionen avancierter Jazzmu-
siker wie Elliott Sharp und John Zorn. In den letzten Timax gl
Jahren stehen verschiedenste Werke des italienischen
Komponisten Salvatore Sciarrino im Zentrum ihres In-
teresses. So ist, neben anderen XASAX-CDs, 2003 PA­
glasgespinsT
GINE mit Transkriptionen Sciarrinos von Werken Scar-
lattis, Bachs, Mozarts u.v.a. erschienen.

Iannis Xenakis Komposition


Iannis Xenakis wurde 1922 in Braila (Rumänien) als
Sohn griechischer Eltern geboren. Nach einem Inge-
nieurstudium in Athen und der aktiven Beteiligung an
der Widerstandsbewegung emigrierte er 1947 nach Pa-
ris. Dort studierte er Komposition bei Darius Milhaud,
Arthur Honegger, Hermann Scherchen und Olivier
Messiaen. 1947–1949 war er Assistent des Architekten
Le Corbusier in Paris. 1963 kam er als Ford-Stipendiat
nach Berlin. Er war Gründer und Leiter des Centre
d’Etudes de Mathématique et Automatique Musicales
(CEMAMu) an der Pariser Ecole Pratique des Hautes
Études und Lehrbeauftragter an der Pariser Universi-
tät. Zudem war er Dozent u.a. an der Indiana Univer-
sity, wo er das Center of Mathematical and Automated
Music gründete. Xenakis wurde mit zahlreichen Prei-
sen augezeichnet, u.a. mit dem Grand Prix National de
wacotech.de
la Musique, dem Kyoto Preis und dem Polar Music
­Prize. Er starb 2001 in Paris.

BIOGRAPHIEN 144 INSERATE 145


Allewyyl KLANGSPUREN SCHWAZ
TIROLER FESTIVAL FÜR NEUE MUSIK
BEAT FURRER COMPOSER IN RESIDENCE

aschuur.
10.09. – 27.09.2015
STIMMUNGEN
Das Festival KLANGSPUREN SCHWAZ 2015 bietet eine vielfältige Auswahl von Musik in
ungewohnten „Stimmungen“ und Atmosphären. Alternative Ton- und Stimmungssysteme,
„Just Intonation“, eigentümliche Skalen und Intonationen, Mikrointervalle, magische
Schwebungen, unorthodoxe Spieltechniken, spezielle Musikinstrumente und subtile
musikalische Gestik bilden den Schwerpunkt des kommenden Festivals.

10.09. ERÖFFNUNGSKONZERT
Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
RepertorioZero, Hornroh, Francesco Angelico (Leitung)
Werke von Carlo Ciceri (UA), Gerhard E. Winkler (UA), G. F. Haas

17.09. FRANUI MUSICBANDA & WOLFGANG MITTERER


Tanz Boden Stücke (mit Wortansagen)

19.+ 20.09. MUSIKALISCHE PILGERWANDERUNG


13 Konzerte auf dem Jakobsweg von Stanz bis St. Christoph a.A.

25.09. HARRY PARTCH: PITCH 43_TUNING THE COSMOS


Ensemble Musikfabrik
Werke von Harry Partch, Klaus Lang (UA) u.a.
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AG; Basler Verkehrsbetriebe BVB; Cultact – Giuliani Kulturbüro; Deutsche Bahn; IAMIC –
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Association of Music Information Centres; IGNM Basel; Klangbasel; Kunstverein Binningen; Naturhistori-
sches Museum Basel; Paul Sacher Stiftung; Primarschule Laufen; schauraum-b; Schweizerischer
Tambouren- und P ­ feiferverband STPV /ASTF; Staatsarchiv Basel-Stadt; SWR /Donaueschinger Musiktage;
Tiefbauamt Basel-Stadt; Zuhören Schweiz
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M & M Hire AG – Veranstaltungstechnik; Keramik Laufen AG; Similor Kugler; Kostüm Kaiser AG

Dieses Festival wäre nicht möglich ohne ehrenamtliches Engagement, vom gesamten Vorstand und
dem Patronatskomitee bis zum Freundeskreis. Besonders herzlichen Dank möchten wir in diesem
Zusammenhang aussprechen an Stephan Schmidt, André Weishaupt, Monika Gelzer und Marcus Weiss.
Wir danken zudem sehr herzlich den Förderern und Stiftungen, die nicht erwähnt werden möchten,
für ihre wertvolle Unterstützung.

MEDIENPARTNER

ProgrammZeitung
Kultur im Raum Basel

INSERATE 150 HERZLICHEN DANK! 151


TEAM & IMPRESSUM
VEREIN ZEITRÄUME BASEL
Eulerstrasse 9, 4051 Basel, Schweiz
www.zeitraeumebasel.com

VEREINSVORSTAND
Beat Gysin, Präsident, gysin@zeitraeumebasel.com
André Weishaupt, Kassier
Stephan Schmidt, Musik-Akademie Basel
Hans-Georg Hofmann, Sinfonieorchester Basel
Barbara Rufer, Musik-Akademie Basel

LEITUNG UND DURCHFÜHRUNG


Bernhard Günther, Festivalintendant, guenther@zeitraeumebasel.com
Anja Wernicke, Zentrale Produktionsleitung, wernicke@zeitraeumebasel.com
Lisa Nolte, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation, nolte@zeitraeumebasel.com
Lea Metzger, Ticketing, tickets@zeitraeumebasel.com
Anna Katharina Scheidegger, Fotos, Videos und Dokumentation

FREIE PROJEKTMITARBEIT
Benita Ortwein / Frank und Frei Basel, Projektleitung Festivaleröffnung, Raumklang Münster,
In a large, open space und Schweizer Musikpreis 2015
Dorothea Lübbe, Projektleitung und Regieassistenz Chronos
Ursula Degen, Technik und Sicherheit
Mitch Jann, Transport und Sicherheit Klangfahrten
Amadis Brugnoni, Tontechnik Spiral, Festivaleröffnung, Klangfahrten
Christof Stürchler, Tontechnik Europäischer Tag des Denkmals 2015
Eva-Maria Müller, Martin Schmitz, Daniel Seitz, Lukas Becker / littlebit Produktionsbüro
für zeitgenössische Kunst Köln, Produktionsbetreuung Klangfahrten, Klangtaucher,
Speaker Swinging, Stadt Land Tram
Alexa Tepen / Frank und Frei Basel, Marketing
Manuela Benz, Leitsystem
Johannes Knapp / ASM / STV, Katalogredaktion

INITIATOREN
Beat Gysin, Komponist
Georg Friedrich Haas, Komponist
Marcus Weiss, Saxophonist

PATRONATSKOMITEE
Heinz Holliger, Komponist, Dirigent, Oboist
Toni J. Krein, Europäischer Musikmonat 2001
Dr. Felix Meyer, Paul Sacher Stiftung
Quintus Miller, Miller & Maranta dipl. Architekten ETH BSA SIA
Dr. Guy Morin, Regierungspräsident Basel-Stadt
Dr. Peter Mosimann, Europäischer Musikmonat 2001

FREUNDESKREIS
Monika Gelzer, Koordination, gelzer@zeitraeumebasel.com
Lisa Nolte, Kommunikation, nolte@zeitraeumebasel.com

IMPRESSUM
© Verein Zeiträume Basel 2015
© Fotos: Anna Katharina Scheidegger, 2015
ausser S. 32 Mike Dabell / iStock; S. 33 Plan des Basler Münsters, erstellt nach einer photogramme-
trischen Aufnahme. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Gesellschaft für Bildverarbeitung,
Vermessung und Dokumentation mbH (Müllheim); S. 49 Thomas Kessler; S. 50 Beat Gysin;
S. 86 Atelier Christian de Portzamparc Paris; S. 96 akg-images / Marion Kalter; S. 97 Jean-Pierre Armand;
S. 108–110 HHF Architekten; S. 112 graberundsteiger architekten.
Leider ist es uns trotz aufwändiger Bemühungen nicht gelungen, sämtliche Rechteinhaber
ausfindig zu machen. Bitte setzen Sie sich ggf. mit uns in Verbindung.

Für den Inhalt verantwortlich: Bernhard Günther


Redaktion: Johannes Knapp, Lisa Nolte, Anja Wernicke
Design: Tatin Design Studio Basel GmbH

Irrtümer und Änderungen vorbehalten. Alle Rechte vorbehalten.

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