Sie sind auf Seite 1von 501

.

RSSHUVFKPLGW-RVHI

+LWOHUGHU5HGQHU

0QFKHQ
39$
XUQQEQGHEYEEVE

'LH3')'DWHLNDQQHOHNWURQLVFKGXUFKVXFKWZHUGHQ
Hitler der Redner

Herausgegeben von

Josef Kopperschmidt
in Verbindung mit Johannes G. Pankau

Wilhelm Fink Verlag


Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;


detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnh.ddh.de abrufbar.

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der
Übersetzung, Vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervielfältigung und Übertragung einzelner Text­
abschnitte, Zeichnungen der Bilder durch alle Vefahren wie Speicherung und Übertragung auf
Papier, Transparente, Filne, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 URG
ausdrücklich gestatten.

ISBN 3-7705-3823-4
© 2003 Wilhelm Fink Verlag, München
Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH, Paderborn

^ fAA
Inhaltsverzeichnis

Statt eines Vorwortes


Thomas Mann
Bruder Hitler (Auszug)................................................................................. 9

Einleitung
Josef Kopperschmidt
Darf einem zu Hitler auch nichts einfallen?
Thematisch einleitende Bemerkungen ......................................................... 11

Themenbereich I:
Hitler der Redner: Ergebnisse und Defizite der bisherigen Forschung

Ulrich Nill
"Reden wie Lustmorde".
Hitler-Biografen über Hitler als Redner ...................................................... 29

Johannes G. Pankau
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme der Forschung ............................. 53

Klaus Roß
Reden für alle.
Redelehre und Sprecherziehung .................................................................. 75

Christoph Sauer
Sprachwissenschaft und sprachwissenschaftlich
inspirierte Forschung zu Hitler dem Redner................................................ 95

Themenbereich II:
Hitler der Redner: Erneute Versuche eines Problemzugangs

Hitler über Rhetorik


Othmar Plöckinger
Rhetorik, Propaganda und Masse in Hitlers Mein Kampf. 115

Bayerisch«
Staatsbibliothek
München
Über Hitlers Rhetorik
Cornelia Epping-Jäger
Laut/Sprecher Hitler.
Über ein Dispositiv der Massenkommunikation
in der Zeit des Nationalsozialismus ............................................................... 143

Klaus Hansen
Lachen über Hitler den Redner im Flüsterwitz ............................................ 159

Alexander Kirchner
Hitler - "der Verführer".
Guido Knopp zieht Bilanz .............................................................................. 171

Josef KöpperSchmidt
War Hitler ein großer Redner?
Ein redekritischer Versuch.............................................................................. 181

Inge Marszolek
"Der Führer spricht..."
Hitler und der Rundfunk ...................................................................................205

Othmar Plöckinger
Der Redner Hitler im Urteil seiner Zeitgenossen......................................... 217

Katja Protte
Hitler als Redner in Fotografie und Film ........................................................243

Günter Scholdt
Der Redner Hitler aus der Sicht zeitgenössischer
Schriftsteller........................................................................................................ 257

Exemplarische Redeanalysen
Hans-Rainer Beck
Rede als Integrationserlebnis.
Der Topos "Volksgemeinschaft" - persuasive Wirksamkeit
und historische Dimension............................................................................... 277

Detlef Grieswelle
Rede als politische Verkündigung.
Hitlers Rhetorik in der Endphase der Weimarer Republik 301
Josef Kopperschmidt
Hitler vor Gericht.
Oder: Rede als "Arbeit am Mythos' 327

Ulrich Kühn
Rede als Selbstinszenierung - Hitler auf der "Bühne" .............................. 359

Martin Reisigl
Rede als Vollzugsmeldung an die (deutsche) Geschichte.
Hitler auf dem Wiener Heldenplatz........................................................... 383

Christoph Sauer
Rede als Erzeugung von Komplizentum.
Hitler und die öffentliche Erwähnung der Judenvemichtung.................... 413

Gert Ueding
Rede als Führerproklamation.......................................................................441

Themenbereich III:
Hitler der Redner: Wie erfolgreich wäre er heute?

Josef Kopperschmidt
Endlich angekommen im Westen?
Oder: Über das Ende des rhetorischen Sonderwegs der Deutschen.......... 455

Peter D. Krause
Hätte ein Redner wie Hitler heute Erfolg?................................................. 481

Namenregister.......................................................................................... 495
Statt eines Vorwortes
Bruder Hitler (Auszug)
Thomas Mann

"(...) Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und
Schicksal nicht interessant zu finden. Wie die Umstände es fügen, daß das uner­
gründliche Ressentiment, die tief schwärende Rachsucht des Untauglichen, Unmög­
lichen, zehnfach Gescheiterten, des extrem faulen, zu keiner Arbeit fähigen Dauer-
Asylisten und abgewiesenen Viertelskünstlers, des ganz und gar Schlechtwegge­
kommenen sich mit den (viel weniger berechtigten) Minderwertigkeitsgefühlen ei­
nes geschlagenen Volkes verbindet, welches mit seiner Niederlage das Rechte nicht
anzufangen weiß und nur auf die Wiederherstellung seiner "Ehre" sinnt; wie er, der
nichts gelernt hat, aus vagem und störrischem Hochmut nie etwas hat lernen wollen,
(...) das eine ausbildet, was Not tut, um jene Verbindung herzustellen: eine unsäg­
lich inferiore, aber massenwirksame Beredsamkeit, dies platt hysterisch und komö­
diantisch geartete Werkzeug, womit er in der Wunde des Volkes wühlt, es durch
die Verkündigung seiner beleidigten Größe rührt, es mit Verheißungen betäubt und
aus dem nationalen Gemütsleiden das Vehikel seiner Größe, seines Ausstiegs zu
traumhaften Höhen, zu unumschränkter Macht, zu ungeheueren Genugtuungen und
Über-Genugtuungen macht ... Wie er aus dem nationalen Maß ins europäische
wächst, dieselben Fiktionen, hysterischen Lügen und lähmenden Seelengriffe, die
ihm zur internen Größe verhalfen, im weiteren Rahmen zu üben lernt; wie er im
Ausbeuten der Mattigkeiten und kritischen Ängste des Erdteils, im Erpressen seiner
Kriegsfurcht sich als Meister erweist, über die Köpfe der Regierungen hinweg die
Völker zu agacieren und große Teile davon zu gewinnen, zu sich hinüberzuziehen
weiß; wie das Glück sich ihm fügt, Mauern lautlos vor ihm niedersinken und der
trübselige Nichtsnutz von einst, weil er - aus Vaterlandsliebe, soviel er weiß - die
Politik erlernte, nun im Begriffe scheint, sich Europa, Gott weiß es, vielleicht die
Welt zu unterwerfen: das alles ist durchaus einmalig, dem Maßstabe nach neu und
eindrucksvoll; man kann unmöglich umhin, der Erscheinung eine gewisse angewi­
derte Bewunderung entgegenzubringen (...).'"

1 Aus: Thomas Mann, Essays, Bd. 2, Frankfurt/M. 1977, 223 (GW XII, 846). Der ursprüngliche Ti­
tel hieß "Ein Bruder" (1939). Dazu und allgemein zu diesem Essay vgl. H. Siefken, "Thomas
Manns Essay 'Bruder Hitler"', in: German Life and Leiters 35 (1982/2) 165ff; Th. Koebner (Hg ),
"Bruder Hitler". Autoren des Exils und des Widerstands sehen den Führer des "Dritten Reichs",
München 1989 Vgl. auch die Anlehnung an Manns Essaytitel in Heinar Kipphardts letztem Drama
Bruder Eichmann (1982).
Darf einem zu Hitler auch nichts einfallen?
Thematisch einleitende Bemerkungen
Josef KöpperSchmidt

"ich selber befasse mich so intensiv mit ihm,


wie sich ein Krebsforscher mit dem Krebs be­
fasst ..."
(Klemperer, Tagebücher, 21.02.1944).

1. Natürlich darf einem "zu Hitler (auch) nichts einfallen". Jedenfalls wenn man Karl
Kraus heißt und/oder wenn man trotz dieses Eingeständnisses noch eine 300 Seiten
umfassende sprachkritische Abrechnung mit Hitler zustandebringt; und das mit Sätzen
von der stilistischen Dichte des Folgenden: "Rings nichts als Stupor, Gebanntsein von
dem betörenden Zauber der Idee, keine zu haben" (1989, 33). Und wie steht es mit
denen, die nicht Karl Kraus heißen? Natürlich haben auch sie das Recht, dass ihnen
"zu Hitler nichts einfällt", nur sollten sie sich dabei nicht auf Karl Kraus berufen!
Denn wer dessen zum Bonmot verharmlosten Satz aus dem Jahre 1933 in der Dritten
Walpurgisnacht einmal nachliest, wird schnell feststellen: Es sind nicht nur die e.g.
300 Seiten, die davor warnen sollten, das Kraus'sche "Nichts" mit einem normalen
"Nichts" zu verwechseln; denn mit dem von ihm selbst gern wiederholten Satz, ihm
"falle zu Hitler nichts ein", bewertet Kraus in Wahrheit das Ergebnis eines Versuches,
den er als "Wettlauf der Satire mit dem Stoff erlebt (hatte)", was bei diesem "Stoff
freilich nur ein "Wettlauf' sein konnte, der nicht zu gewinnen war (ebd., 31); es sei
denn, man verfugte über "die Sprache", der "selbst das Ereignis Hitlers den Gedanken
nicht zu versagen vermöchte" (ebd., 22). Kraus glaubte offensichtlich, darüber nicht
zu verfugen, weshalb seine ganze Dritte Walpurgisnacht auch nur (doch was heißt bei
Kraus schon "nur"?) "über ein Versagen Rechenschaft geben (will)", nämlich über
den "Versuch, das Ereignis (Hitler) und die bewegende Kraft (seines Erfolgs) zu er­
fassen" (ebd., 12).'
Andere hatten es da leichter, z.B. Bert Brecht, der 1941 im finnischen Exil mit der
Figur des Arturo Ui der kapitalistischen Welt den Aufstieg Hitlers durch ein ihr ver­
trautes Milieu zu erklären versuchte und mit der 7. Szene dieser dramatisierten Satire
zugleich deutlich machte, welchen Anteil an Hitlers Aufstieg er dem Redner Hitler
zuerkannte. Zu Hitler ist deutschen Autoren überhaupt recht viel eingefallen, weil "die
i
Zu Kraus' zitationsanfälligem Satz vgl. u.a. K. Strohmeyer (Hg), Zu Hitler fällt mir noch ein. Sati­
re und Widerstand, Reinbek 1989; R. Augstein (Hg ), 100 Jahre Hitler, Hamburg 1989; allg. vgl.
R. Bähr, Grundlagen Jur Kart Kraus' Kritik an der Sprache im nationalsozialistischen Deutsch­
land, Köln-Wien 1977.
12 Josef Kopperschmidl

Größe des Unsäglichen" (Kraus ebd., 22) offensichtlich selbst Unwillige beredt mach­
te. Scholdts (1993) gründliche Dokumentation für die Jahre bis 1945 kann belegen,
dass Thomas Manns Diktum von 1939 kein bloßer Appell blieb: "Niemand ist der
Beschäftigung mit seiner trüben Figur überhoben" (1977, 222). Nach 1945 waren es
aus verständlichen Gründen mehr die Folgen eines mit dem Namen Hitler verbunde­
nen Zivilisationsbruchs, die sich der Literatur aufdrängten (Modell: Hochhuths Der
Stellvertreter) als die Person Hitler selbst. Doch bis heute dürften alle, die sich für die
Person Hitler interessieren und ihr gelegentlich bis in die Wiener Meldemannstraße
ins Männerasyl folgen2, nur bestätigen, was Emst Jünger am 27. September 1978 in
sein Tagebuch notierte: "Hitler wird keinen Shakespeare finden" (1993,428).
Freilich ist die Frage, "wie Hitler (eigentlich) an die Macht kam" (Jäckel 1980), ja
zunächst auch keine Frage an die Literatur, sondern an die einschlägigen Wissen­
schaften; und denen ist zu Hitler wahrlich viel eingefallen. Wer die einschlägigen Bi­
bliographien (etwa Ruck 2000) zur Hand nimmt, wird auf eine schier erdrückende
Fülle von Arbeiten aus den verschiedensten Disziplinen über Hitler und das Dritte
Reich stoßen. Diesem Forscherfleiß verdanken wir es, dass wird über keinen anderen
Akteur der Weltgeschichte inzwischen so gut informiert sind wie über Hitler. Das hat
auch mit dem Ende des historiographischen Schulenstreits der 70er Jahre in der ein­
schlägigen Forschung zu tun. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass wir die
derzeitig wohl umfangreichste wie gründlichste Biographie über Hitler einem Wissen­
schaftler verdanken, der dieses Ende wie kein anderer bezeugt, obwohl er, Kershaw,
im Schulenstreit zwischen Intentionalisten und Funktionalisten, zwischen biographi­
schen und sozialgeschichtlichen Ansätzen, zwischen personalen und strukturalisti-
schen Interessen lange Zeit engagiert für die zweitgenannte Seite Partei ergriffen hat­
te.3 Kershaw und seine 2bdg. Hitlerbiographie sind geradezu ein Lehrbeispiel dafür,
wie die Einseitigkeiten zweier Forschungsrichtungen durch Kombination ihrer jewei­
ligen Stärken synergetisch überwunden werden können. Kershaw hat für diesen syn­
ergetischen Effekt eine Formel aus Hitlers Umgebung4 adoptiert und sie terminolo­
gisch so präzisiert, dass sie zum "Leitmotiv" seiner gesamten Analyse werden konnte:
"entgegen arbeiten" (1998, 27; 665ff.). Man muss diese Formel freilich genügend ele-
mentarisieren, um ihren vollen Erkenntnisertrag zu bemerken. Der besteht nämlich in
der These, dass man "zur Erklärung von (Hitlers) Macht (...) in erster Linie auf die
anderen und nicht auf Hitler selbst schauen muss" (ebd., 23; vgl. Arendt 2000, 353f.;

2 So die Inszenierung von Georg Taboris Mein Kampf durch Hubert Kramer in Wien, Sommer 2002.
Farce (Tabori) bzw. Satire (Peter Steinbachs Goebbels und Geduldig, s.u. Anm. 22) scheinen sich Hit­
ler und seinen Paladinen ohnehin leichter annahem zu können als andere literarische Formen, denkt
man an kaum überzeugende Versuche wie Yukio Mishimas Mein Freund Hitler, David Edgars Albert
Speer, Harry Mulischs Siegfried, Rolf Hochhuths Hitlers Dr. Faust oder Robert Harris’ Vaterland. Ei­
ne Ausnahme bilden Marcel Beyers Flughunde, die sich freilich von den Protagonisten weit genug
femzuhalten verstehen.
3 Vgl. Kershaw 1998, 15ff; Ders. 1994, 112ff, 392ff; Schreiber 1988; Rosenbaum 1999; Zehn­
pfennig 2000, 15ff.
4 Der Begriff stammt von Werner Willikens, Staatssekretär im Reichsemährungsministerium (vgl. Ker­
shaw 1998,27).
Darfeinem zu Hitler auch nichts einfallen? 13

Matussek u.a. 2000, 171). Mit dieser These will Kershaw natürlich nicht Hitlers
Macht kleinreden, sondern im Gegenteil die spezifische Modalität einer Macht be­
stimmbar machen, die erklären könnte, warum andere bereit waren, Hitler "entgegen
zu arbeiten". Denn so wenig Kershaw daran zweifelt, dass "Hitler einer der wenigen
Menschen ist, über die man mit absoluter (!) Sicherheit sagen kann, dass die Ge­
schichte ohne sie anders verlaufen wäre" (ebd., 16), ebenso steht für ihn außer Zwei­
fel, dass "Hitler ohne die einzigartigen Bedingungen, unter denen er prominent wurde,
ein Niemand gewesen wäre" und "seine Rhetorik keine Ausstrahlung ausgeübt hätte"
(ebd., 527). Erst diese dialektische Sichtweise, die Kershaw u.a. mit seinem deutschen
Mentor Broszat teilt (2000, 40ff.), erlaubt es, sich für Hitler zu interessieren, ohne
sich an eine "Unperson" zu verlieren, sondern sein Interesse auf die "Macht des Füh­
rers" Hitler (ebd., 23) zu fokussieren; denn die ist - anders als schiere Gewalt5 - ohne
Zustimmungsbereitschaft derer, die sich fuhren lassen, schlechterdings nicht möglich.
Entsprechend versucht Kershaw in der Frage, "wie war Hitler möglich?" (ebd., 8), die
beiden o.g. Forschungsrichtungen dialektisch zur Frage nach den Bedingungen zu
verknüpfen, unter denen ein Nobody wie Hitler in relativ kurzer Zeit eine so große
Machtstellung erreichen konnte - und das bis in die Bunker-Endzeit unter der Reichs­
kanzlei hinein (Trevor-Roper 1965; Fest 2002). Im Weber'schen Theorem "charisma­
tischer Herrschaft" glaubt Kershaw (wie Broszat), den Schlüssel zu dem "erklärungs­
bedürftigen" Phänomen Hitler gefunden zu haben (ebd., 9f., 23fT), der die o.z. Dia­
lektik methodisch zu erschließen erlaubt.
2. Das neuerliche biographische Interesse an Hitler (s. Beitrag Nill) und die damit
verbundene stärkere Betonung des "Faktors Flitler” in der Forschung haben natürlich
auch die hier vorgelegte Arbeit überhaupt erst möglich gemacht; denn ihr Interesse am
Redner Hitler lässt sich durchaus wie eine exemplarische Konkretion des e.z. metho­
dologischen Prinzips verstehen, dass der Schlüssel zum Erfolg Hitlers bei denen zu
suchen sein dürfte, die in dieser Person ihren charismatischen "Führer" erkannten und
ihn mit unglaublicher Machtfülle ausstatteten. Dass sich die Fokussierung auf den
Redner Hitler für diese exemplarische Konkretion geradezu anbietet, liegt aus zwei
Gründen auf der Hand: Erstens ist rhetorische Macht ein Musterfall von zustim­
mungsabhängiger Macht, insofern man sich Macht rhetorisch nur durch erfolgreichen
Bezug auf andere und d.h.: durch erfolgreiche Überzeugungsarbeit erreden kann.
Was Kershaw ein "Produkt der Gesellschaft" nennt, nämlich Macht, das konkretisiert
sich aus rhetorischer Sicht in der Zustimmungsbereitschaft des jeweiligen Publikums,
weshalb, wer nach den Erfolgsbedingungen Hitlers als Redner fragen will, "notwen­
dig" (!) zugleich auch nach den Zustimmungsbedingungen seines Publikums fragen
muss (Canzik 1998, 260).6

5 Vgl dazu J. Habermas, ''Hannah Arendts Begriff der Macht", in: Ders., Politik, Kunst, Religion, Stutt­
gart 1978,103 ff.
6 Vgl. dazu Kopperschmidt 2000, 205ff; zum einschlägigen Paradox der goldenen Kette bzw. Fessel
vgl. Ders. 2001,314f,bes.338ff.
14 Josef Kopperschmidt

Zweitens ist die Kraft überzeugender Rede eine der elementarsten Formen, in der
sich "charismatische Herrschaft" bzw. "charismatische" im Unterschied zu "institutio­
neller Macht" zur Geltung bringt. Insofern lässt sich Hitlers Machtstellung ebenso als
"Führer-Rednertum" spezifizieren wie als "charismatische Herrschaft" oder "charis­
matisches Führertum" (Broszat 2000, 41, 32ff., 353ff.; Kershaw ebd., 9fF; Ders.
1994, 112ff.). Wäre der suggestive Kettenschluss, den Walser in seiner 8. Mai-Rede
2002 im Bundeskanzleramt schmiedete, dass nämlich "ohne (den Krieg von 1914)
kein Versailles, ohne Versailles kein Hitler, ohne Hitler kein Weltkrieg Zwei, ohne
Weltkrieg Zwei nichts von dem, was jetzt unser Bewusstsein oder unser Gefühl be­
stimmt, wenn wir an Deutschland denken" (2002) - wäre dieser Kettenschluss nicht so
fest geschmiedet, er müsste mit Blick auf Hitler um mindestens ein Glied erweitert
werden: Ohne den Redner Hitler und seine nachweislich die Zuhörer faszinierende
Rhetorik hätte es keinen Führer Hitler gegeben und damit auch nicht den Hitler, "ohne
den es keinen Weltkrieg Zwei" gegeben hätte, ln diesem Sinne zählt Hitler als "Füh­
rerfigur von (un)vergleichbar rhetorischer Gewalt" fraglos "zu den deutschen Beson­
derheiten", von denen Fest erkennbar lieber redet als vom "deutschen Sonderweg"
(2002, 53).
So unstrittig in der Forschung mittlerweile also der Anteil ist, den Hitler der Red­
ner an der Machtstellung Hitlers im Dritten Reich hatte, so spärlich sind einschlägig
interessierte Analysen über Hitlers "Führer-Rednertum" oder über seine "Machter­
greifung in der Sprache" (Faye 1977, 60), und noch spärlicher sind - von Ausnahmen
abgesehen - die Ergebnisse dieser spärlichen Untersuchungen (vgl. Beiträge Teil 1).
Den sprachorientierten Disziplinen ist - man kann es nicht anders sagen - zu Hitler
vergleichsweise wenig eingefallen! Das ist besonders mit Blick auf die Rhetorik mehr
als erstaunlich; denn gerade die unter diesem traditionellen Namen wieder entdeckte
und neu aktivierte Fragerichtung brachte ja aus ihrer langen Geschichte gottlob wenig
Skrupel mit, Sprachfragen auch als Machtfragen zu verstehen und ihr Interesse an
Sprache entsprechend funktional zu präzisieren, z.B. als Interesse am Reden als Form
kommunikativ-sozialer Selbstbehauptung.
Eigentlich hätte also die Rhetorik als willkommenes Antidot wirken müssen gegen
die gängige sprachkritische und -analytische Auseinandersetzung mit dem Dritten
Reich allgemein und mit Hitler im Besonderen; gegen eine Auseinandersetzung, die
nicht zuletzt durch die Autorität des o.g. Karl Kraus' und seine Neigung zu einem
gleichsam hypostasierenden Sprachverständnis ständig in der Gefahr war, Sprache zu
einem sich selbst genügenden System zu stilisieren, das eher vor der "Entehrung"
durch seine Verwender geschützt werden, denn in seiner pragmatischen Funktionalität
rekonstruiert werden müsse. Viktor Klemperers Eingeständnis aus seiner bis heute
einflussreichen LT1, "(er) habe nie verstanden", wie man vom Redner Hitler fasziniert
sein könne (1960, 60), dieses Eingeständnis dürfte ebenso glaubhaft sein, wie es sym­
ptomatisch für eine sprachkritische und -analytische Haltung ist, die sich mit diesem
Eingeständnis des Nicht-Verstehens erstaunlich schnell zufrieden gab und es selten als
Anfrage an die Angemessenheit der redekritischen und -analytischen Methode ver-
Darfeinem zu Hitler auch nichts einfallen? 15

standen hat. Fatal nur die Konsequenz eines solchermaßen fundierten Verdikts über
Hitler: Es muss gänzlich folgenlos bleiben; denn welche Folgen könnte ein Verdikt
haben, das Hitler und den unbestreitbaren Erfolg seiner Rhetorik mangels analytischer
Erklärungschancen hilflos zum "Wunder" einer "undeutschen Rhetorik" mystifizieren
bzw. pejorisieren muss (ebd., 61)? Doch ich halte entschieden dagegen: Hitler mag
zwar "erklärungsbedürftig" sein (Kershaw s.o.), unerklärbar ist er nicht - weder als
Person noch als Redner, und sein politischer Aufstieg ist so wenig ein "Wunder" wie
es die Faszinationskraft seiner Rhetorik ist! Zumindest so lange nicht, wie als metho­
dologische Maxime gilt: Wer nach den Erfolgen Hitlers als Redner fragen will, muss
nach den Gründen für die hohe Zustimmungsbereitschaft fragen, die er als Person und
Redner gefunden hat. Wenn Kritik und Analyse sich offenbar an Hitler erfolglos ab­
arbeiten, dann liegt das weniger an der überkomplexen Statur Hitlers als an der unter­
komplexen Ausstattung einer Methode, die der Performanz der Hitler'schen Redein­
szenierungen nicht gewachsen ist!7 Entsprechend kann auch der Versuch, diese Kom­
plexitätsdifferenz dadurch zu verharmlosen, dass Hitlers rhetorische Erfolge "außer­
rhetorischen Elementen" angelastet und so als rhetorisch nicht aufklärbar bestimmt
werden (Hinderer 1973/1, 51), allenfalls als paradoxiefreundliche Ausrede durchge­
hen.
Das notorische Defizit von Redeanalyse ist exemplarisch an Klemperer demon­
strierbar. Dass es vorderhand iiterarästhetische Maßstäbe sind, die ihm zur Verfügung
standen, wird bei einem Philologen nicht überraschen. Und doch gibt es gerade bei
Klemperer gelegentlich höchst unkonventionelle und deshalb auch um so treffendere
Überlegungen über die spezifischen Wirkungsbedingungen öffentlicher Rede. Eine
seiner gelungensten diesbezüglichen Formulierungen lautet, dass öffentliche Rede
immer kontextualisiert, gleichsam wie "in einem Rahmen inkrustiert und inszeniert
sei", so dass sie wie ein "Gesamtkunstwerk" (!) verstanden werden müsse, "das sich
gleichzeitig an Ohr und Augen (!) wendet und doppelt an das Ohr, denn das Brausen
der Menge, ihr Applaus, ihr Ablehnen wirkt auf den Einzelhörer gleich stark, mindes­
tens gleich stark wie die Rede an sich" (ebd., 57). So Klemperer fast schwärmerisch
über - natürlich nicht über Hitler, sondern über den Duce, den er 1932 in Dresden in
der italienischen Botschaft (per Filmreportage) erlebt hatte. Doch wie vergessen ist
dieses theoretisch wie methodologisch elaborierte Analyseniveau, als der gleiche
Klemperer vier Monate später Hitler über Lautsprecher am Bahnhof in Dresden hört!
Der Binärcode "oratorisch'V'rhetorisch" muss ihm bei der reflektierenden Nieder­
schrift seiner Eindrücke aushelfen, um den Duce von Hitler abzuheben, und an das
"eingeborene Misstrauen (der Deutschen) gegen den Redner" muss mal wieder erin­
nert werden, um es mit der Leichtigkeit des Sprachumgangs der "Romanen" konfron­
tieren zu können. Klemperer merkt offensichtlich nicht die selbstgestellte Falle, dass
nämlich - folgt man einmal seinem kulturell-nationalen Binärcode - unterschiedliche
Rezeptionsbedingungen unterschiedliche Wirkungsbedingen meinen und damit unter-

7 Vgl. Paul 1992, bes. 13; Matussek u.a. 2000,220ff. Zur Performanz-Dimension allg. vgl. beispielhaft
u.a. A. Dömer, Wahl-Kämpfe, Frankfürt/M. 2002; H.-G. Soeffner/D. Tänzer (Hg ), Figurative Politik.
Zur Performanz der Macht in der modernen Gesellschaft, Opladen 2002.
16 Josef Kopperschmidt

schiedliche Rhetoriken nötig machen, soll Rede erfolgreich sein. Doch genau diese
differenzierten Wirkungsdimensionen einer "sinnlichen" (!) Rhetorik, die er mit Blick
auf den Duce so einfühlsam benennt, kommen eigenartigerweise gegen seine sprach-
ästhetisch dominanten Kriterien beim Hören von Hitlerreden nicht an - wie denn
auch? Er "hört und sieht (!) den Duce reden", während er Hitler "nie gesehen oder
unmittelbar hat sprechen hören" (ebd., 58) - das war einem Juden im Hitlerreich ja
auch verwehrt (ebd., 61). Soll man ernsthaft erwarten, der Philologe Klemperer könne
vergessen, dass er Opfer des Regimes ist, dessen Sprache er analysiert?
Es lag freilich nicht nur an subjektiver Befangenheit, die den Analytiker Klempe­
rer den Unterschied so leicht überspielen ließ, der öffentliche Reden von literarischen
Texten trennt. Es hat eigentlich nie - Walsers Essay "Von freier Rede" legt davon spä­
tes Zeugnis ab8 - eine nennenswerte theoretisch reflektierte und methodisch elaborier-
te Redekritik in Deutschland gegeben, in der die unterschiedlichen Konstitutionsbe­
dingungen literarischen und öffentlichen Redens ernsthaft zur Kenntnis genommen,
geschweige denn funktional bejaht worden wären (vgl. meinen Beitrag in Teil II).
Entsprechend ist der Schreibtisch in der Regel als privilegierter Ort der Beobachtung
öffentlichen Redens missdeutet worden, was zu einer Fülle entsprechend steriler
Schreibtisch-Analysen geführt hat, die, wenn sie ehrlich sind, sich im Fall Hitler im­
mer wieder nur ihre Aporie angesichts seiner methodisch nicht aufklärbaren Redeer­
folge eingestehen können. Diese private Aporie wird als methodologische zum veri-
tablen Ärgernis hinter dem "großen Geheimnis, wie ein solch schlechter Rhetor, den
ja eigentlich jeder durchschauen müsste, die Massen aus allen Schichten des Volkes
bezaubern (konnte)" (Grieswelle 1972, 5).
3. Es muss hier nicht die Kritik an der deutschen Sprachkritik nach 1945 wieder­
holt werden, deren moralisches Engagement ebenso sympathisch wie ihr analytischer
Ertrag gering ist, weil moralische Entrüstung in der Regel ihre ansteckende Zustim­
mungskraft aus anderen Ressourcen bezieht als aus der Überzeugungskraft methodi-
sierter Redeanalyse. Für diese Art von Entrüstung gilt, was Thomas Mann über seinen
Hass gegen Hitler sich einzugestehen fähig war: "Es sind nicht meine besten Stunden"
(1977, 222 ). Wer dagegen mit Dolf Stemberger (in Anlehnung an eine berühmte Os-
sietzky-Formulierung) dem Glauben anhängt, dass die Nazis, "lernten sie wirklich
Deutsch, nämlich korrektes, gutes Deutsch, in demselben Augenblick aufhörten, das
zu sein, was sie waren" (1968, 285), wer das ernsthaft glaubt, wird mit seinen Beiträ­
gen zum "Verderb (!) der Sprache" (ebd., 7) wenig zu den Erfolgsbedingungen eines
an Massenpublika adressierten Redens beisteuern können. Angesichts der differen­
zierten Breite relevanter Wirkungsfaktoren von Rede, die ja alle nur die relevanten
Bedingungen möglicher Publikumszustimmung zu systematisieren versuchen, ist das
Regelinventar für "gutes Deutsch" so selektiv und restriktiv, dass es für eine gehalt­
volle, nämlich erklärungsstarke Rekonstruktion der Erfolgs- bzw. Zustimmungsbedin­
gungen Hitler'scher Reden fast unbrauchbar ist. Die Kritik an dieser Art von (mora-

8 Vgl. dazu J. Kopperschmidt, "Deutsche Sonntagsreden", in: H. Diekmannshenke/I. Meißner (Hg ), Po­
litische Kommunikation im historischen Wandel, Tübingen 2001,269ff., bes 277ff.
Darf einem zu Hitler auch nichts einfallen? 17

lisch und/oder ästhetisch) normativierter Sprachkritik gehört freilich bereits zur Ge­
schichte der Sprachkritik, die ihr selbstreflexives Niveau u.a. darin dokumentiert, dass
sie die sinnvolle Frage nach der "Sprache im Faschismus" von einer vergeblichen Su­
che nach der "Sprache des Faschismus" abzugrenzen gelernt hat.9 Die rhetorisch ori­
entierte Redeanalyse dürfte einen vergleichbar heilsamen Differenzierungsprozess
zwischen einer Rhetorik im Faschismus und einer Rhetorik des Faschismus vielerorts
ebenso noch vor sich haben wie die schmerzhafte Verabschiedung vom biblizistischen
Versprechen, Faschisten ließen sich bereits an ihrer Sprache bzw. (schlechten) Rheto­
rik erkennen.10
So leicht es sich sagt, dass der Redner Hitler erklärbar sein müsste, seine Erfolge
mithin kein "Wunder" sein dürften, so schwer ist es zugegebenermaßen, Hitlers Erfol­
ge methodisch durchsichtig zu machen und damit das "Wunder" Hitler zu entmystifi-
zieren. Doch noch einmal: Wie kann das sein, dass die Rhetorik, wenn sie tatsächlich
immer einen pragmatisch-funktionalen Sprachbegriff vertreten hat, sich redeanalytisch
so schwer getan hat und die gängige normative Sprachanalyse und -kritik so wenig hat
beeinflussen können? Hatte nicht bereits vor gut 45 Jahren Walter Jens die Notwen­
digkeit der Revitalisierung einer "rhetorica nova" in Deutschland mit dem beklagens­
werten Zustand unseres Wissens über "die nationalsozialistische Rhetorik, den stilus
demagogicus tertii imperii" begründet? "Was weiß man vom Demagogen Hitler mehr,
als dass er seine Reden vor dem Spiegel einstudierte und den Agitator im Kellermann-
Film 'Der Tunnel' bewunderte?" (1969, 45). Nun, ein bisschen mehr wusste man auch
schon seinerzeit über den Redner Hitler; doch im Prinzip hatte Jens Recht und er hat
bis heute Recht: Wir wissen zwar dank andauernden Forscherfleißes mittlerweile über
Hitler mehr als über jede andere vergleichbare Gestalt der Weltgeschichte, angefan­
gen von Hitlers blauen Augen über seine grazilen Hände, die Anzahl seiner Hoden,
seine vermeintliche Homosexualität, seine exzentrische Diät bis zur "ergotropischen
Rhythmik seiner Reden" (Schnauber 1972, 1 lff)... Doch wie es ihm gelang, mit sei­
nen Reden Massen zu faszinieren und auf deren Zustimmungsbereitschaft sein "Füh-
rer-Rednertum" zu gründen, darüber wissen wir immer noch sehr wenig. Wie ist das
eigentlich erklärbar?
Mein Antwortversuch: Das hat weniger mit der Rhetorik selbst zu tun als mit der
Geschichte ihrer spezifisch deutschen Wiederentdeckung. Die erfolgte nämlich weni­
ger aus handlungstheoretischen als aus literaturwissenschaftlichen, ästhetischen, semi-
otischen und linguistischen Interessen und führte entsprechend konsequent zur empha­
tischen Wiederentdeckung der Rhetorik als eines imponierend differenzierten Sys­
tems, das in den 1242 Paragraphen der Lausberg-Rhetorik gleichsam seine kodifizier­
te Form fand. Was weithin unthematisiert blieb, war nur: Auf welche Frage gab dieses
singulär elaborierte System eigentlich eine funktionale Antwort? Erst 1970 hat Blu­
menberg in einem furiosen Beitrag diese Frage aufgenommen und zu beantworten

9 Vgl. Ehlich 1989; Ders. 1998; Beck 2001,30fT. sowie der Beitrag von Sauer in Teil 1.
10 Vgl. Chr. Sauer. "Sprachwissenschaft und NS-Faschismus", in: K. Steinke (Hg ), Die Sprache der
Diktatur und Diktatoren, Heidelberg 1998, 17ff.
18 Josef Kopperschmidt

versucht. Es war freilich nicht unbedingt Lausbergs Schuld, dass seine verdienstvolle
Rekonstruktion der rhetorischen "langue" als wohlfeile Methodologie für die Analyse
der rhetorischen "parole" missdeutet wurde, so dass seither schlichteste terminologi­
sche Identifizierungen rhetorischer Phänomene (bes. beliebt: Figuren) bereits mit rhe­
torisch fälligen Analysen ihrer situativen Funktionalisierung verwechselt werden.
Doch mit Lausberg unterm Arm kommt man der praktischen Rhetorik allgemein und
der Hitler'schen im Besonderen nicht bei!
So berechtigt Jens' Klage von 1967 auch war, - er selbst hat nicht viel dafür getan,
mit seiner Autorität in Sachen Rhetorik das Niveau einschlägiger Redeanalysen me­
thodologisch zu heben. Zu ästhetisiert war sein Degout vor Hitler, als dass ihn dessen
pragmatisch durchaus richtige Einschätzung hätte nachdenklich stimmen können, es
sei nicht die Artifizialität einer literarischen Kunstsprache, mit der charismatische
Führer Massen begeisterten, sondern die Befriedigung ihrer Glaubenssehnsucht; und
die ist umso intensiver, je mehr sie als kollektive Erfahrung situativ geteilt werden
kann (vgl. meinen redekritischen Beitrag in Teil II).
Das alles war natürlich auch der traditionellen Rhetorik nicht ganz unbekannt, wie
wir heute wissen. Doch wir wissen es heute erst wieder, nachdem uns Autoren wie
Nietzsche, Dockhom, Blumenberg, Gadamer, Perelman u.a. die Augen für das rheto­
rische Grundprinzip geöffnet haben, ich meine den Publikumsbezug (vgl. Kop­
perschmidt 1990/1991). Mit einem Schlüsselbegriff der systemisch interessierten
Kommunikationstheorie könnte man sinnverwandt auch vom Prinzip des Anschlie-
ßens sprechen (Luhmann 2001, 94ff.): Reden-Können wäre so gesehen als Anschlie-
ßen-Können bestimmbar, wobei dieses Anschließen sich sowohl auf die materialen
Überzeugungsressourcen des jeweiligen Publikums bezieht wie auf dessen Erwartun­
gen an eine Rede gemäß ihrer ko- und kontextuellen Einbettung. Entsprechend ließe
sich das System der Rhetorik verstehen als regelhafte Reformulierung der verschiede­
nen Dimensionierungen dieses Anschließens (dispositive, omative, argumentative
usw.).
Erkennt man im Anschlussprinzip das Elementarprinzip der Rhetorik, dann wird
nachvollziehbar, warum das rhetorische Anschlussprinzip mit Blick auf Hitler in der
Tat bloß eine komplementäre Beschreibung jener Dialektik darstellt, die Kershaw mit
"entgegen arbeiten" bestimmt hat: Denn nur deshalb konnten und wollten so viele Hit­
ler "entgegen arbeiten", weil Hitler seinerseits bereits so vielen "entgegen gearbeitet
hatte", indem er erfolgreich an ihre Hoffnungen und Ängste anzuschließen vermoch­
te, so dass sie die Gewissheit haben mussten, das Gleiche zu wollen. Wahrscheinlich
vermochte Hitler an diese Stimmungen in so singulärer Weise anzuschließen, weil er
sie selbst in so exemplarischer Weise teilte, weshalb "die Volksgemeinschaft der Er­
bitterten" (Fest 2002, 51) in ihm ein willfähriges "Sprachrohr" (Kershaw ebd., 527)
finden konnte. Doch noch in anderer Hinsicht ist die Komplementarität /wischen
"entgegen arbeiten" und "anschließen" erhellend: Erst beide Beschreibungen erfassen
die Dialektik einer Macht, die, weil sie auf Zustimmungsbereitschaft beruht, sich
zugleich auch von Zustimmungsbereitschaft abhängig macht. Wer rhetorisch Macht
Darf einem zu Hitler auch nichts einfallen? 19

haben will, muss vielen gehorchen, so Adam Müller 1812 über die hier gemeinte Dia­
lektik (vgl. meinen Beitrag in Teil 111). Diese attraktive Variante der Hegel'schen
Herr/Knecht-Denkfigur bestimmt zwar seit Plato die Auseinandersetzung mit der
Rhetorik (bzw. der Sophistik), doch erst im Odysseus-Exkurs der Aufklärung der Dia­
lektik von Horkheimer und Adorno wird sie als "Dialektik der Beredsamkeit" begriff­
lich auf den Punkt gebracht, so dass sie gleichsam als modellhafte Beschreibung der
allgemeinen Dialektik sozialer Macht beanspruchbar wird: Redeerfolge sind immer
Zustimmungserfolge, weil kommunikatives/persuasives Einwirken auf andere ohne
deren Mitwirken prinzipiell nicht möglich ist (Luhmann 20001, 107). Im Schlüssel­
term der Rhetorik "überzeugen" sind diese beiden Momente begrifflich immer zu­
sammen gedacht worden, weshalb gilt: Redeerfolge sind ebenso immer auch Zustim­
mungserfolge wie Zustimmungserfolge immer auch Überzeugungserfolge eines Red­
ners sind, der erfolgreich an die Überzeugungspotentiale seines Publikums anzu­
schließen vermag." Wenn man diese Dialektik in dem o.z. methodologischen Prinzip
abbilden will, das Kershaw für den Versuch vorschlägt, Hitlers Macht zu erklären,
dann empfiehlt sich folgende beobachtungstheoretisch orientierte Umformulierung
dieses Prinzips: Zur Erklärung von Hitlers Macht ist der Blick "auf Hitler selbst" nur
dann erkenntnisfordemd, wenn man darauf schaut, wie Hitler "auf andere" schaut, um
an deren Erwartungen so anschließen zu können, dass sie fähig und bereit werden,
ihm "entgegen zu arbeiten".
4. Das rhetorische Anschlussprinzip wird als explizites oder implizites Leitprinzip
besonders für die sieben Redeanalysen der folgende Beiträge genutzt (Teil II). Dabei
werden unterschiedliche Paradigmen der Hitlerforschung (religionswissenschaftliche,
theatralische, mythologische usw.) genutzt, um das Anschlussprinzip jeweils auf eine
Anschlussdimension zu fokussieren und so die mehrdimensionalen Konkretionschan­
cen dieses rhetorischen Prinzips exemplarisch zu entfalten. Was das Anschlussprinzip
mit Blick auf den Redner Hitler der aktuellen Hitlerforschung und ihren Paradigmen
verdankt, ist die Chance, die sterilen innersprachlichen bzw. -rhetorischen Anschluss­
dimensionen entgrenzen und damit das Anschlussprinzip material substanzialisieren
zu können. Dass man Uber diese Anbindung natürlich auch in paradigmenbezogene
Kontroversen hineingezogen wird, versteht sich von selbst. Ohne hier darauf näher
eingehen zu wollen, sei statt dessen auf eine andere unvermeidliche Verstrickung in
einen virulenten Streit verwiesen, der weit elementarer ist, weil es in ihm um etwas
geht, was man tentativ die Moral der Forschung nennen könnte. Diese Moral hat ih­
ren schärfsten Ausdruck in einem prinzipiellen Verdikt gefunden, das jeden Versuch,
Hitler verstehen bzw. erklären zu wollen, der "Obszönität" zeiht (Claude Lanzmann;
vgl. Rosenbaum 1999, 355ff.). Es gibt daneben auch weniger radikale Verdiktformen,
die sich nur gegen bestimmte Erklärungen Hitlers wehren; z.B. gegen Versuche wie
den hier favorisierten, nämlich Hitlers Erfolg primär aus seiner publikumsbezogenen
"Sprachrohr"-Funktion bzw. aus seiner exzeptionellen rhetorischen Anschlussfähig­
keit abzuleiten. Mit diesem Erklärungsansatz verstößt man nämlich unweigerlich ge-

ii
Zu diesem Schlüsselbegriff vgl. u.a. Kopperschmidt 2000,222ff.
20 Josef Kopperschmidt

gen ein verbreitetes Theorem, nach dem Hitler mit seiner "undeutschen Rhetorik"
(Klemperer) über ein Volk gleichsam hergefallen sei, das auf sein demagogisches
Kalkül nicht vorbereitet war und ihm entsprechend wehrlos erlag (Jens). Ich spreche
nicht in Anlehnung an Freud von "Deckerzähling" (Kaspar Maase), wohl aber von
Exkulpationsfreundlichkeit, die diesem Überrumpelungs- bzw. Manipulationstheorem
eigen ist. Sie war vermutlich noch weit mehr als die beiden anderen bereits genannten
Gründe (moralische Entrüstung und ästhetischer Degout) geeignet, den Mangel an ei­
ner methodisch elaborierten Redeanalyse und -kritik zu verschmerzen bzw. die De­
fizite ihrer Praxis kaum bemerkbar zu machen.
Auch hier sei gern eingestanden, dass das Misstrauen gegen dieses Theorem wie­
der durch die einschlägige Hitlerforschung erleichtert wurde, in der nicht erst seit
1989 eine fällige Historisierung eingeklagt wurde. Sie hat eine nüchterne Bilanzie­
rung der Erfolgsgeschichte Hitlers erleichtert12, wie sie etwa Haffner in seinem viel
geschätzten Anmerkungen zu Hitler (1978) bereits wagte, als er nicht nur nach den
"Irrtümem", "Fehlem" und "Verbrechen" Hitlers fragte, sondern auch nach seinen
"Leistungen" und "Erfolgen". Solche Historisierung findet natürlich nicht allerorten
Zustimmung, weil sie in der Tat ja auch riskante, manche vermuten sogar "revisionis­
tische" Ambitionen zu befriedigen erleichtern kann (Klotz/Schneider 1997, 31 ff.).
Vor solchen Verdächtigungen ist auch das Interesse dieser Publikation am Redner
Hitler nicht geschützt. Dennoch ist der Ertrag einer solchen Historisierung für unsere
Fragestellung gar nicht hoch genug einzuschätzen, weil an die Stelle wohlfeiler mora­
lisch, ästhetisch oder manipulationstheoretisch orientierter Verdikte des Redners Hit­
ler endlich Platz für solch nüchterne Fragen geschaffen wird wie : Was waren eigent­
lich die Bedingungen für die singuläre Erfolgsgeschichte des Redners Hitler? Wo­
durch hat er sich eigentlich in so singulärer Weise "hochreden" können (Heuss)? Sol­
che Fragen haben selbstredend erst dann eine Chance, wenn "die moralische Akte des
Falls 'Hitler' (ebenso) geschlossen ist" (Scholdt 1993, 25) wie die stilästhetische oder
manipulationstheoretische. Erst dann nämlich wird ein Begriff seine analytische und
aufklärende Kraft unter Beweis stellen können, der in der neueren Forschung nicht zu­
fällig gehäuft auftritt, den freilich bereits Thomas Mann in seinem legendären Essay
"Bruder Hitler" benutzt hatte, ich meine den Begriff "Faszination".''1'
Ich will meine vorbehaltlose Bewunderung für die sechs Seiten dieses Mann'schen
Essays aus dem Jahre 1939 nicht verhehlen, dessen analytischer Scharfsinn der Haff-
ner'schen Geschichte eine Deutschen aus dem gleichen Jahr in nichts nachsteht.
Manns Essay enthält fast alle Schlüsselbegriffe, mit denen das hier thematisierte Fra­
geinteresse an Hitler spezifizierbar ist. Und er enthält darüber hinaus prägnante For­
mulierungen (wie "angewiderte Bewunderung"), deren dialektische Struktur die

12 Vgl. dazu Broszat 19S6; Backes/Jesse/Zitelmann 1992; Klotz/Schneider 1997; Zehnpfennig 2000,
15ff„ bes. 29.
13 Vgl. dazu Sontag 1981; NGBK 1987; Ogan/Weiß 1992; Reichel 1993; Brockhaus 1997; Friedlander
1997; Kiesel 2000. Ein entsprechend ehrliches autobiographisches Dokument stellt Melita
Maschmanns Fazit. Mein Weg in die Hitler-Jugend (1963) dar.
Darf einem zu Hitler auch nichts einfallen? 21
leichtfertige Verdächtigung zumindest erschweren kann, als sei jedes Eingeständnis
der Faszination Hitlers eo ipso ihrem Objekt bereits erlegen. Doch weil Verstehen nun
einmal aus distanziert-objektivierender Bobachterperspektive von Nichtbeteiligten
nicht möglich ist, behaupte ich: Wer Hitlers Redeerfolge verstehen will, muss sich
auch die mögliche Faszinationskraft einer Anschlussrhetorik eingestehen wollen, die
solche Zustimmungserfolge überhaupt erst möglich gemacht hat. Doch wer tut das
schon gern, sich (und sei es auch nur aus methodologischen Gründen) in die Reihe der
"anderen" einzureihen, "auf die (man nach Kershaw) schauen muss", wenn man Hit­
lers Erfolg verstehen will?! Deshalb dürfte die o.g. Angst vor einer verstehensabhän­
gigen Verharmlosung Hitlers genau hier ihren funktionalen Ort haben, ob man den
Verharmlosungsverdacht nun an Thomas Manns Essaytitel "Bruder Hitler" fest macht
oder an Formulierungen wie "Hitler in uns" von Max Picard oder Andrö Glucksmanns
Bekenntnis "Hitler bin ich", ob an Peter Roos' Formel vom "Hitler (als) seelischem
Zustand" oder an Syberbergs insistierender Frage "Was wäre Hitler ohne uns?" oder
an Susan Sontags riskanter Rede vom "faszinierenden Faschismus". Entsprechend
liegt die Attraktivität des o.g. Überrumpelungs- bzw. Manipulationstheorems nicht zu­
letzt darin begründet, dass es durch salvatorische Exklusion Hitlers aus dem Verste­
henshorizont auf genau diese Verharmlosungsangst reagiert - wie hilflos das auch
immer geschehen mag (s. Fall Jenninger).14
Doch nicht die Hilflosigkeit dieser Angst ist das eigentlich Hilflose an dieser
Angst, sondern ihre Unfähigkeit, sie selbst als eine Gestalt eben jener Verharmlosung
zu erkennen, die sie bekämpft. Eine Gestalt von Verharmlosung ist die Angst vor der
Verharmlosung Hitlers, weil jede Angst vor der Entdämonisierung, Banalisierung, ja
Normalisierung Hitlers nur das Eingeständnis abwehrt, zu dem Thomas Manns "Bru-
der"-Metapher ebenso nötigen will wie die Einsicht in die Logik der Hitler’schen Er­
folgsrhetorik: Hitler konnte nur so überzeugend sein, weil er an vorhandene Überzeu­
gungen erfolgreich anschließen konnte und seinen Zuhörern so erlaubte, was nach
Bloch "fast alle am liebsten" tun, nämlich "sich selber zuhören" (1972, 103). Angst
kann diese Einsicht machen, weil jede Normalisierung Hitlers zwar nicht das Böse
normalisiert, wohl aber die Normalisierung des Monsters betreibt und damit das
Normale in die riskante Nähe des Monströsen rückt, so dass man das schier Undenk­
bare zu denken genötigt wird, nämlich: Große Verbrechen sind auch ohne große Ver­
brecher möglich! Die hier fällige Erinnerung an Hannah Arendts heftig umstrittenes
Eichmann-Buch mit dem provozierenden Untertitel Bericht von der Banalität des Bö­
sen (1964) hält eine vergleichbar beklemmende Einsicht bereit, die sich Arendt aus
ihrer Beschäftigung mit Eichmann aufdrängte (und sich wohl auch an Heydrich,
Himmler u.a. bestätigen ließe), nämlich: Um einen Massenmord zu planen und durch-
zufuhren, muss man "nicht Jago und nicht Macbeth" sein oder "mit Richard III. be­
schließen, 'ein Bösewicht zu werden'" (1995, 15; vgl. Heinar Kipphardts Bruder
Eichmann, 1982). Wer sich solch beklemmende Einsicht abgenötigt hat, den wird

14
Philipp Jenninger stolperte 1988 u.a. Uber den in einer Gedenkrede verwendeten Begriff "Faszinosum";
vgl. A. Linn, "... noch heute eine Faszinosum..." Münster 1991.
22 Josef Kopperschmidl

weniger irritieren, dass es, um das Böse rhetorisch attraktiv zu machen, auch keiner
Rhetorik des Bösen15 bedarf. Vielmehr kann die Logik der Rhetorik die e.g. beklem­
mende Einsicht wieder exemplarisch konkretisieren, insofern jeder rhetorische Erfolg
ja immer schon das Ergebnis eines gelungenen Anschlusses an (latente oder manifes­
te) Überzeugungen des jeweiligen Publikums ist, weshalb eine Rhetorik des Bösen in
dem Maße paradoxieverdächtig sein muss, als ein Appell zum Bösen sich die Res­
sourcen seiner eigenen Überzeugungskraft verschütten würde. Auch ohne eine Rheto­
rik des Bösen kann die Rhetorisierung des Bösen gelingen, wenn sich nämlich "das
Böse (...) in das Gewand des Guten (zu) kleiden (versteht)" (Zehnpfennig 2000, 20).
Bereits 1939 (!) hatte Burke Hitler und dessen "Wirksamkeit" in ähnlicher Weise da­
mit erklärt, dass er Hitler "die böse Befriedigung eines guten Bedürfnisses" aniastefe
(1967, 31); das aber ist nach Burke die sprichwörtlich perverseste Form der Perversi­
on des Guten16, weil sie die Unterscheidbarkeit von Gut und Böse aushöhlt und damit
den Prozess der Pervertierung invisibilisiert. Wer sich an Traudel Junges Bericht über
ihre Zeit als Hitlers Sekretärin (1942-45) aus der beeindruckenden filmischen Doku­
mentation Im toten Winkel von Andrö Heller und Othmar Schmiderer erinnert (2002),
wird zugeben: Nur die offenkundige Integrität dieser Frau wird ihn das schier Un­
glaubliche glauben machen, dass man im Zentrum des Bösen das Böse nicht bemer­
ken musste - außer man verfügte über einen "geistigen Geruchssinn", wie Hafftier ihn
sich attestierte (2000, 102). Kann man den erlernen oder sich antrainieren?
Ich kann den Lesem und Leserinnen der folgenden Seiten kein Trainingspro­
gramm eines solchen "geistigen Geruchssinns" versprechen. Dennoch hoffe ich, dass
die folgenden Seiten eine Erfahrung auch mit Blick auf den Redner Hitler bestätigen
werden, die Burke seinerzeit (1939) für sein amerikanisches Publikum allgemeiner
mit den Worten formulierte, "die Nazis (hätten) uns die Aufgabe der Aufklärung
leichter gemacht", weil sie uns unseren Anteil an ihrem Erfolg zu durchschauen er­
leichtert hätten (1967, 32). Ich glaube in der Tat, dass auch mit Blick auf den Redner
Hitler gilt: Hitler "hat uns die Aufgabe der Aufklärung leichter gemacht", selbst wenn
uns Deutschen diese Einsicht natürlicherweise schwerer fallen muss als seinerzeit
Burke und seinem Publikum. "Leichter" ist "die Aufgabe der Aufklärung" geworden,
weil der Redner Hitler modellhaft die Erfolgsbedingungen einer Rhetorik verdeut­
licht, deren Gefährlichkeit und latente Gewalttätigkeit nicht schon in der Faszinati­
onskraft anschlussfähiger Rede begründet liegt, sondern in der vorgängigen Exklusion
derjenigen, die nicht fasziniert werden mussten, weil ihre Interessen als nicht an­
schlussbedürftig marginalisiert waren.17 Die seit 1985 zunächst unter der Zeppelin-

15 Die gibt es so wenig wie "Die Stimme des Bösen" - trotz Th. Haecker (s. unter diesem Titel den Auf­
satz von C. Schmölders in: Merkur 51 (1997) 681 fT.; Dies. 2000,186ff ); freilich gibt es eine Rhetorik
bzw. eine Stimme, die dem Bösen dient, um es in Anlehnung H. Zechmanns Urteil über seinen Vater
zu sagen, der ein erfolgreicher Gau- und Reichsredner war (Redner unter dem Hakenkreuz, Wolfsberg
1993,226).
16 "corruptio optimi pessuma"; Burke zitiert dieses lateinische Sprichwort ebd., 33.
17 Diesem gleichsam strukturellen Gewaltbegriff korrespondiert ein ebenso struktureller Verständi­
gungsbegriff, der das Maß gelungener Verständigung vom Grad gelungener Entgrenzung der Ver­
ständigungschancen abhängig macht. Das ist die ingeniöse Idee Chaim Perelmans für das Konzept
Darfeinem zu Hitler auch nichts einfallen? 23

bühne gezeigte, seit 2001 in das neue Nürnberger "Dokumentationszentrum. Nürn­


berger Reichsparteitagsgelände" (ehemalige NS-Kongresshalle) überftihrte Ausstel­
lung hat mit dem programmatischen Titel "Faszination und Gewalt" eine sinnfällige
Formel für eine "Dialektik" gefunden, die sich zunächst auch gegen den Verdacht ver­
teidigen musste, man würde allzu leichtfertig einem "Triumph der Faszination" nach­
geben (Ogan/Weiß 1992, 12). Von Autoren wie Michael Schneider und Norbert Elias
haben sich die Verteidiger dieser Formel die Stichworte für eine dialektische Sicht­
weise entliehen, die sich ihre Erinnerung an die anfängliche "Traumfabrik" durch die
Erfahrung der späteren "Todesfabrik" nicht ausreden lässt; dadurch destruieren sie ra­
dikal den naiven Glauben, als sei die Idealität der Ideale schon ein hinreichender
Schutz gegen einen "schwarzen Idealismus" (Elias 1989, 428 u.ö.).
Nicht minder attraktiv ist Blochs Reformulierung der hier favorisierten Dialektik
eines Problemzugangs zum Faschismus allgemein und zu Hitler im Besonderen: Man
müsse Hitler "nicht nur auf die Finger sehen, sondern auch auf das, was er darin (hal­
te)"; es wäre nicht alles Dreck, was in seinen Händen zu Dreck wurde, weshalb man
"dem dunklen Glanz alter Worte" wie "Führer", "Reich", "Revolution" usw. nachspü­
ren solle, um zu bemerken, dass "die verdreckte Sache einmal in besseren Händen
war", bevor sie der "Gauner" "stahl" und unter ihrem Preis verscherbelte (1962,
126).18 Thomas Mann glaubte 1942, in der Gestalt des Midas das mythologische Mo­
dell gefunden zu haben, an dem Hitler als "umgekehrter Midas" kontrastiv proftlier-
bar wäre (1987, 72). Zugleich verschaffte Mann einem umgangssprachlichen Wort
fast terminologische Prägnanz, indem er mit ihm beschrieb, was diesem "umgekehrten
Midas" eigentlich vorzuwerfen sei, nämlich: dass er alles, was er in die Hände nahm,
"•verhunzte" (ebd., 71, 121; 1977, 224ff.). Ich nehme an, dass sich der Verhunzungs­
begriff schwerer als der Faszinationsbegriff undialektisch-affirmativ missdeuten lässt,
weil er - ebenso wie die Begriffe "vergaunem" (Bloch) oder "bastardisieren" (Burke)
- seinem originären Bedeutungsprofil gemäß darauf insistiert, dass sich nur Werthaf­
tes "verhunzen" lässt. Es weiß eben über Hitler und den Faschismus nicht genug, wer
- um es mithilfe einer berühmten Hegel'schen Denkfigur zu sagen19 - "im Falschen
(nicht auch) die falsche Gestalt des Wahren aufzusuchen (imstande ist)" und im Bösen
nicht auch die böse Gestalt des Guten zu entdecken vermag.20 Damit ist gleichsam die
Gegenposition zu einem medial einflussreichen Projekt bezogen, das Annäherung an
Hitler bereits als dessen Entlarvung, gar Entmachtung verspricht: "Hitler ist durch­
schaut. Er kann uns nicht gefährlich werden" (Knopp 1995, 8ff.; vgl. Beitrag Kirch-

einer "Neuen Rhetorik" (1958!) gewesen, deren Schlüsselbegriff "universelles Publikum" zum Ver­
gleich mit konsenstheoretischen VerstSndigungsmodellen geradezu herausfordert (vgl. Kop-
perschmidt 2003).
'* Mit einer vergleichbaren Argumentation hat seinerzeit Augustin die christliche Rezeption der anti­
ken Schätze inklusive der Rhetorik folgenreich legitimiert (vgl. u.a. De doctrina christiana II 60.
144f.; ebd. zu "iniusti (!) possessores").
19 Deren Reformulierung übernehme ich von W.F. Haug, Der hilflose Antifaschismus, Frankfurt/M.
1967,132.
20 Vgl. exemplarisch dazu Himmlers berüchtigte Posener Rede (siehe Anm. 21).
24 Josef Kopperschmidt

ner).21 Dagegen wird hier behauptet: Die "befreiende Wirkung" einer Beschäftigung
mit Hitler ist nicht zu haben ohne das Eingeständnis seiner "unheimlichen, bedrän­
genden Nähe" (von Krockow 2001, 9; vgl. Winkler 2000, 115). Doch noch einmal ge­
fragt: Lässt sich die "falsche Gestalt des Wahren" oder das "Falsifikat" (Bloch) denn
gar nicht bemerken? Manns dämonologische Spekulation über jene "Teufelslist",
durch die den Deutschen "(ihr) Bestes zum Bösen ausschlug" (1973, 990), ist der
Wissenschaft zwar verwehrt, doch kann Wissenschaft diese durchaus präzise Spekula­
tion in eine Theoriesprache zu übersetzen versuchen, wie es etwa Arthur Koestler für
den analogen Begriff "teuflische Dialektik" getan hat (1981, 93ff.); denn gelegentlich
- so im Fall der von Koestler gemeinten Opfer- bzw. "Hingabebereitschaft" - "geht es
mit dem Teufel (ja) ganz einfach zu".22 Ob solches Übersetzen in den folgenden Bei­
trägen, die unser Wissen über den Redner Hitler kritisch sichten (Teil I), systematisch
erweitern (Teil 11) wie endlich nach seiner aktuellen Aufklärungskraft (Teil III) befra­
gen wollen, ob das auf den folgenden Seiten immer gelungen ist, können nur die Leser
und Leserinnen entscheiden. Doch dass die Beschäftigung mit dem erfolgreichsten
Beispiel eines "umgekehrten Midas" methodisch eher für Fälscher und deren Erfolgs­
bedingungen wachsam machen dürfte, als es moralische Appelle vermögen, diese
Hoffnung verbindet alle, die an diesem Projekt mitgearbeitet haben. Und nur wenn
und insofern diese Hoffnung nicht leer ist, kann die Beschäftigung mit Hitler zur
Pflicht werden, die exemplarisch zu beglaubigen vermag, was Thomas Mann "Mora­
lität des Interesses" nennt (1977, 222). Ja, es gibt diese "Moralität des Interesses",
auch im Fall des Interesses am Redner Hitler! Und diese Moralität dürfte am ehesten
sicherstellen, dass auch unter Bedingungen zunehmender Enttraumatisierung bzw.
Historisierung ein Reden und Weiterreden über Hitler und den Faschismus gelingen
kann (vgl. Schlick 2001).23

21 Wie sehr Annäherung, wenn sie verfremdend wirkt, entlarvend sein kann, das zeigt das sog "Himmler-
Projekt", in dem Romuald Karmakar Himmlers berüchtigte geheime Posener Rede (4 Oktober 1944)
von einem Schauspieler (Manfred Zapatka) am Rednerpult ohne jede theatralische Ambition in ganzer
Länge (181 Min.) vortragen lässt (Uraufführung des Films während der Berlinale 2000),
22 Literarisch ist dieses Theorem unter der Frage "Was sollen wir anbeten?" von Dostojewski in der Er­
zählung vom "Großinquisitor" in den Brüdern Karamasoffgestaltet.
23 "Es fällt mir zu Hitler immer noch etwas ein” - so leitet Augstein ambitionsreich die von ihm hg.
Aufsatzsammlung WO Jahre Hitler ein (Hamburg 1989,4). Dem Film freilich scheint das Reden und
Weiterreden offensichtlich leichter zu fallen, wie nach Chaplin (Der große Diktator) und Rcnigni (Das
Leben ist schön) neuerlich Peter Steinbach mit Goebbels und Geduldig belegt (ARD 19.X1.2002).
Steinbach nutzt (wie Chaplin) das Komödienmotiv der Verwechslung ohne freilich zu suggerieren,
dass ein Geduldig als falscher Goebbels mit einer einzigen Rede (wie Hynkel als falscher Hitler bei
Chaplin) die Wende herbeireden könnte; die Leute hören auch aus dem falschen Goebbels den richti­
gen heraus (vgl. ähnlich Kurt Vonnegut in Mutter Nacht, 1988). Zur Irritation Uber die "neue Unbe­
fangenheit" (NZZ) der deutschen Literatur gegenüber der eigenen Geschichte (Bernhard Schiink, Gün­
ter Grass, Peter Schneider usw.) vgl. V. Hage "Unter Generalverdacht", in: Der Spiegel 15 (2002)
177ff.
Darf einem zu Hitler auch nichts einfallen? 25

Literatur

Arendt, H.: Eichmann in Jerusalem Ein Bericht von der Banalität des Bösen (1964), München-Zürich
1995.
Dies.: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (195IX München-Zürich 2000.
Backes, U./Jesse, E./Zitelmann, R. (Hg ): Die Schatten der Vergangenheit, Frankfurt/M.-Berlin 1992.
Beck, H.-R.: Politische Rede als Interaktionsgejuge: Der Fall Hitler, Tübingen 2001.
Bloch, E.: "Sokrates und die Propaganda" (1936), in: Ders.: Vom Hasard zur Katastrophe. Politische Auf­
sätze, Frankfurt/M. 1972,103ff.
Ders.: "Zur Originalgeschichte des Dritten Reiches" (1937X in: Ders.: Erbschaft dieser Zeit (1962X Frank­
furt/M. 1985,126ff.
Blumenberg, H.: "Anthropologische Annäherung an die Aktualität der Rhetorik" (1970), in: Ders.: Wirk­
lichkeiten, in denen wir leben, Stuttgart 1981,104ff.
Brockhaus, G.: Schauder und Idylle. Faschismus als Erlebnisangebot, München 1997.
Broszat, M.: "Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus", in: H. Graml/K.D. Henkel (Hg ):
Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte, München 1986,159fF.
Ders.: "Der Staat Hitlers (1969X München 2000.
Burke. K.: Die Rhetorik in Hitlers 'Mein Kampf und andere Essays zur Strategie der Überredung (1939),
Frankfiirt/M 1967.
Canzik, H.: '"Wir sind jetzt eins1. Rhetorik und Mystik in einer Rede Hitlers", in: E)ers.: Antik-Modern,
Stuttgart-Weimar 1998,229ff
Diner, D. (Hg.): Ist der Nationalsozialismus Geschichte?, Frankfurt/M. 1987.
Ehlich, K. (Hg ): Sprache im Faschismus, Frankfurt/M. 1989.
Ders : "'... LTI, LQI - Von der Unschuld der Sprache und der Schuld der Sprechenden", in: H. Käm-
per/H. Schmidt (Hg.): Das 20. Jahrhundert. Sprachgeschichte - Zeitgeschichte, Berlin-New York
1998,275fr.
Elias, N.: Studien über die Deutschen, Frankfurt/M. 1989.
Faye, J.P.: Totalitäre Sprachen (1972). 2 Bde., Frankfurt/M. 1977.
Fest, 1.: Hitler. Eine Biographie, Frankfürt/M.-Berlin-Wien 1973.
Ders.: Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches, Berlin 2002.
Fischer-Hupe, K.: Victor Klemperers "LTI". Notizbuch eines Philologen. Ein Kommentar, Hildesheim
2001.
Friedländer, S.: "Die Faszination des Nationalsozialismus", in: K.-D. Henke (Hg ): Die Verführungskraft
des Totalitären, Dresden 1997,26ff.
Glucksmann, A.: "Hitler bin ich", in: R. Augstein (Hg ): WO Jahre Hitler, Hamburg 1989 (Spiegel-
Spezial), 73ff.
Grieswelle. D.: Propaganda der Friedlosigkeit. Eine Studie zu Hitlers Rhetorik 1920 -1933, Stuttgart
1972.
Haffner, S.: Anmerkungen zu Hitler, München 1978.
Hinderer, W.: Deutsche Reden, 2 Bde., Stuttgart 1973.
Horkheimer, M./Adomo, Th.W.: "Dialektik der Aufklärung", in: M. Horkheimer: Gesammelte Schriften,
Bd. 5, Frankfurt/M. 1987,25ff.
26 Josef Köpper Schmidt

Jäckel, E.: "Wie kam Hitler an die Macht?", in: K.D. Erdmann/H Schulze (Hg ): Weimar. Selbstpreisgabe
einer Demokratie, Düsseldorf 1980,305ff.
Jens, W.: "Von deutscher Rede", in: Ders.: Von deutscher Rede, München 1969,16ff.
Kershaw, I.: Der NS-Staat (\9S5\ Reinbek 1994.
Ders.: Hitler. 1889-1936, Stuttgart 1998.
Kiesel, H.: "Der Nationalsozialismus. Faszination durch Erfolg?", in: H. Maier (Hg ): Wege in die Gewalt,
Frankfim/M. 2000,143ff.
Klemperer, V.: "LTI". Die unbewältigte Sprache, München 1960.
Ders.: Ich will Zeugnis oblegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945, Berlin 1999.
Klotz, J ./Schneider, U. (Hg ): Die selbstbewußte Nation und ihr Geschichtsbild, Köln 1997.
Knopp, G.: Hitler. Eine Bilanz, Berlin 1995.
Koestler, A.: Der Mensch - Irrläufer der Evolution (1978), Bern-München 1981.
Kopperschmidt, J. (Hg.): Rhetorik. Bd. 1: Rhetorik als Texttheorie, Darmstadt 1990.
Ders. (Hg ): Rhetorik. Bd. 2: Wirkungsgeschichte der Rhetorik, Darmstadt 1991.
Ders. (Hg ): Rhetorische Anthropologie, München 2000.
Ders.: "Gibt es einen rhetorischen Humanismus?", in: E. Wiersing (Hg ): Humanismus und Menschenbil­
dung, Essen 2001,314ff.
Ders.: "Aristoteles' Neue Rhetorik’? Oder. Perelman und die Idee des 'universalen Publikums"’, in: J Knape
(Hg.): Aristotelische Rhetoriktradition (erscheint 2003).
Kraus, K.: Dritte Walpurgisnacht (1933), Frankfurt/M. 1989.
Krockow, Chr. Graf von: Hitler und seine Deutschen, München 2001.
Lausberg, H.: Handbuch der literarischen Rhetorik, München 1960.
Luhmann, N.: Aufsätze und Reden, Stuttgart 2001.
Mann,Th.: "Bruder Hitler", in: Ders.: Essays. Bd. 2: Politik, Frankfurt/M. 1977,222ff.(=GW XD 845f.).
Ders.: Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland aus den Jahren 1940 bis 1945 (1945), Frank­
furt/M. 1987 (=GW XI 993ff.).
Matussek, P./Matussek, P./Marbach, J.: Hitler Karriere eines Wahns, München 2000.
NGBK (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst) (Hg ): Inszenierung der Macht Ästhetische Faszination im
Faschismus, Berlin 1987.
Ogan, B./Weiß, W.W (Hg ): Faszination und Gewalt. Zur politischen Ästhetik des Nationalsozialismus,
Nürnberg 1992.
Paul, G.: Aufstand der Bilder, Bonn 1992.
Perelman, Ch/Olbrechts-Tyteca, L.: Traite de l'argumentation La nouvelle Rhetorique, Paris 1958.
Picard, M.: Hitler in uns selbst, Zürich 1946.
Reichel, P.: Der schöne Schein des Dritten Reiches, Frankfurt/M. 1993.
Roos, P.: Hitler Lieben Roman einer Krankheit, Leipzig 2000.
Rosenbaum, R.: Die Hitler-Debatte. Aufder Suche nach dem Ursprung des Bösen, München-Wien 1999.
Ruck, M.: Bibliographie zum Nationalsozialismus, Darmstadt 2000.
Schiink, B.: "Auf dem Eis”, in: Der Spiegel 19 (2001) 82ff.
Schmölders, C.: Hitlers Gesicht, München 2000.
Schnauber, C.: Wie Hitler sprach und schrieb, Frankfürt/M. 1972.
Scholdt, G.: Autoren über Hitler, Bonn 1993.
Darf einem zu Hitler auch nichts einfallen? 27
Schneider, M.: "Holocaust und Hitler", in: Ders.: Den Kopf verkehrt aufgesetzt oder Die melancholische
Linke, Darmstadt-Neuwied 1982,103ff.
Schreiber, G.: Hitler. Interpretation 1923-1983, Darmstadt 1988.
Schwilk, H./Schacht, U. (Hg ): Die selbstbewußte Nation, Frankfurt/M. 1994.
Sontag, S.: "Faszinierender Faschismus", in: Dies.: Im Zeichen des Saturn, München-Wien 1981,95ff.
Stemberger, D.: "Maßstäbe der Sprachkritik", in: Ders./G. Storz/W.E. Süskind: Aus dem Wörterbuch des
Unmenschen, Hamburg-Düsseldorf 1968,269ff.
Syberberg, H.-J.: Hitler - ein Film aus Deutschland (1977).
Trevor-Roper, H.R.: Hitlers letzte Tage, Frankfurt/M. 1965.
Walser, M.: "Über ein Geschichtsgefühl", in: FAZ vom 10. Mai 2002,46.
Winkler, H.A.: Der lange Weg nach Westen. Bd. 2, München 2000.
Zehnpfennig, B.: Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation, München 2000.
.
"Reden wie Lustmorde"1
Hitler-Biografen über Hitler als Redner
Ulrich Nill

1. Einleitung

Welche Rolle wird dem Redner Hitler in der biografisch orientierten Hitler-Literatur
zugeschrieben? Gemessen an dem Büchergebirge, das die Auseinandersetzung mit
Hitler und dem Nationalsozialismus insgesamt hervorgebracht hat,2 ist die Zahl der
Arbeiten, die im engeren Sinne biografisch sind, relativ klein.3 4 Dennoch ist klar,
dass es im Rahmen eines kurzen Beitrags nicht um Vollständigkeit gehen kann. Hier
sollen zum einen die frühen, noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs geschriebe­
nen Werke untersucht werden, die aus völlig unterschiedlichen Perspektiven urteilen
und damit in exemplarischer Weise wesentliche Facetten des Problems aufzeigen.
Trotz oder gerade wegen ihrer Irrtümer eröffnen diese frühen Arbeiten auch heute
noch einen lohnenden Zugang zu der Thematik und den mit ihr verbundenen inhalt­
lichen und methodischen Problemen. Daneben geht es um die herausragenden "gro­
ßen" Biografien, namentlich die von Bullock, Fest und Kershaw.
Für Biografen stellt sich dasselbe Problem wie für Arbeiten zu Hitlers Sprache
und Rhetorik, sofern sich diese nicht auf eine nichts sagende Katalogisierung forma­
ler Merkmale beschränken: Es fließen Prämissen über ein grundsätzliches Verständ­
nis des Nationalsozialismus in die Arbeit ein, und mit diesen begibt man sich auf
Gebiete, die in der Historiographie meist durchaus umstritten, teilweise gar heftig
umkämpft sind. Die folgenden Fragen deuten an, worin einige dieser Prämissen be­
stehen.
Wie benennt man das Thema: Nationalsozialismus, Hitlerismus, Faschismus"?
Ist eine Beschäftigung mit Hitler der richtige Zugang zu der Thematik? Ist Hitler als
das Subjekt anzusehen, das Geschichte "machte" oder war er lediglich eine Mario­
nette in der Hand von Drahtziehern, die dann die wahren geschichtlichen Subjekte
wären? Ist andererseits die Konzentration auf einzelne Personen überhaupt geeignet,

1 Diese Äußerung des Dichters Rene Schickele, mit der er Hitlers Rhetorik charakterisiert, findet sich
als Kapitelüberschrift bei Joachim Fest.
2 Ruck 2000 verzeichnet ca. 37 000 Titel.
3 Einen guten Überblick Uber die wichtigsten Biografien und die mit ihnen verbundenen methodolo­
gischen Fragen liefert Schreiber 1988, 18ff., 301 ff.; eine kritische Einschätzung liefert auch John
Lukacs 1999, 18ff.
4 Vgl. Wippermann 1997.
30 Ulrich Nill

um den Nationalsozialismus zu verstehen, oder geht es vielmehr um Strukturen, um


kollektive Phänomene, wirtschaftliche Interessen und sozialgeschichtliche Prozesse,
wobei dann Großabstraktionen wie "das Kapital", "der eliminatorische Antisemitis­
mus"5, "das Kleinbürgertum" usw. die Rolle des Handelnden übernehmen?6 Worauf
beruhte Hitlers Aufstieg und Machterhalt? Waren es Zustimmung und Unterstützung
für das, was er sagte und tat oder vielmehr Terror, Gewalt, Unterdrückung und Ty­
rannei? Wo ist der "Ort” des Redners Hitler im Gesamtphänomen? Wie wichtig war
der redende Hitler für das Ganze, also für die Erfolge der Nationalsozialisten und
die Verbrechen und Katastrophen, die aus diesen Erfolgen resultierten? Wie verhal­
ten sich die Reden zu den Taten? Inwiefern hilft der Blick auf Hitler, den Redner,
dabei "den ganzen Hitler" zu erklären? Welche Wirkung hatten Hitlers Reden auf
die Zuhörer und wovon hing diese Wirkung ab? Sind es die Inhalte von Hitlers Re­
den, denen besondere Bedeutung zukommt, sind es rhetorische Kunstgriffe oder ist
es die Person des Redners? Gibt es den einen Schlüssel zum Verständnis von Hitlers
Reden oder muss differenziert werden nach Zeitpunkt, Ort, Situation und Publikum?
Sind Hitlers Reden ein im Wesentlichen authentischer Ausdruck seines Denkens
oder handelt es sich um Propaganda, die in zynischer Weise allein unter dem Ge­
sichtspunkt der Zweckmäßigkeit konzipiert wurde?

2. Frühe Biografien: Schott, Heuss, Olden, Heiden

Adolf Hitler wurde schon früh zum Gegenstand biografischer Literatur. Die hier
ausgewählten Werke erschienen zwischen 1924 und 1936. Vieles von dem, was sich
für spätere Generationen untrennbar mit dem Namen Hitler verbindet - vor allem
der Zweite Weltkrieg und der Holocaust - hatte noch nicht begonnen, viele Quellen,
die heute unverzichtbar sind, standen noch nicht zur Verfügung. Dafür kannten die
fraglichen Autoren Hitler-Reden meist aus eigener Anschauung, Hitler war für sie
etwas Gegenwärtiges, der weitere Verlauf und das Ende seiner Geschichte waren
noch nicht klar.
Die erste Hitler-Biografie entstand bereits im Jahr 1924 zu einem Zeitpunkt, als
Hitler nach seinem Putschversuch in der Landsberger Festungshaft saß und politisch
am Ende zu sein schien. Bei dem von Georg Schott, einem Privatgelehrten und glü­
henden Bewunderer Hitlers, verfassten Werk7 handelt es sich weniger um eine Bio­
grafie im engeren Sinne als vielmehr um Huldigungsliteratur, um ein schwülstig my­
stifizierendes, religiös verbrämtes, Ehrfurcht einfordemdes Porträt. Schotts Buch ist

5 Vgl. Goldhagen 1996.


6 Der Gegensatz zwischen strukturgeschichtlich und personengeschichtlich orientiertem Verständnis
berührt Grundfragen der Historiografie und beschränkt sich damit nicht auf Hitler und den Natio­
nalsozialismus; vgl. dazu Bosch 1977. Im Zusammenhang mit Hitler-Biografien sind die in diesem
Band vertretenen kontroversen Beiträge von Klaus Hildebrand und Hans Mommscn von besonde­
rem Interesse, die jeweils den Titel "Nationalsozialismus oder Hitlerismus?'' haben (ebd., 55-61
bzw. ebd., 62-71).
7 Schott 1924.
Reden wie Lustmorde 31
ist im Hinblick auf Hitlers rhetorische Wirkung weniger als Analyse und mehr als
Symptom von Interesse. Der Verfasser, der erklärt, von den Reden Hitlers "etliche
sechzig"8 (36) gehört zu haben, berichtet aus der ideologischen "Innenperspektive",
der Sicht eines Anhängers, der von den Reden Hitlers begeistert ist.9
Für Schott ist Hitler ein Genie, und ganz in der Tradition der rhetorikfeindlichen
Genieideologie des 18. und 19. Jahrhunderts betont er, dass Hitler kein Orator sei,
der sich einer Kunsttechnik bediene (33), kein Berufsrhetoriker, der auf eine gelern­
te Sprechtechnik zurückgreife (Schott 1924, 34), sondern ein "echter Herzensbe­
zwinger" (32), der sich beim Reden nur zum "Dolmetsch" seiner inneren Stimme
mache: "hinreißend, weil hingerissen" (34). Hitler erscheint als ein Prophet, der eine
schicksalhafte Verbindung mit den höheren Mächten hat, ein Bote Gottes an die
Menschen (38). Seine seherischen Qualitäten bezögen sich nicht nur auf die Zu­
kunft, sondern auch auf die Vergangenheit und die Gegenwart: "Hitler sieht die
Wirklichkeit, wie sie ist" (42). Und Hitler zeige seinen Zuhörern diese Wirklichkeit
"an Stelle der Grimasse" (44), er ziehe die "Scheinhüllen" von einem verlogenen
Weltbild weg, so dass die Wirklichkeit zu Tage trete (43). Die Vermittlung dieser
Wahrheit gelinge Hitler durch "die Sprache des echten Volksmenschen, schlicht,
einfach, ohne alle rhetorischen Floskeln und Mätzchen, klar und durchsichtig wie
sein ganzes Wesen" (35). Hitlers Rede bewirke, dass "es jeder, auch der einfachste
verstehen kann, selbst wenn es sich um inhaltlich schwierige Dinge handelt" (35).
Hitlers Lippen seien dabei das "Werkzeug einer höheren Macht, die diesem Mann
gab, auszusprechen, was Tausende dumpf empfinden"10 (80).
Es fällt auf, dass Schott mit Zitaten aus Hitlers Reden geizt. Er weigert sich etwa
ausdrücklich, Beispiele für Hitlers "köstlichen" "goldenen Humor" (36) anzufuhren,
den er so preist: "Herausgenommen aus dem Zusammenhang, könnte das Zarteste
daran verlorengehen" (ebd.). Offenbar hat Schott die Erfahrung gemacht, dass sich
die subjektive Empfindung während einer Rede später nur mit Schwierigkeiten an
einzelnen Teilen dieser Rede festmachen lässt. Während sein allgemeines Urteil
über Hitler die Begeisterung während der Rede überdauert, fällt es ihm bei der
nüchtem-objektivierenden "philologischen" Arbeit am Schreibtisch schwer, seine
enthusiastische Einschätzung mit Textbelegen zu verknüpfen.

8 In der 7. Aufl. von 1937 sind daraus bereits "etliche zweihundert" geworden.
9 Schotts Buch ist auch ein Dokument, das zeigt, wie ein feinsinniger, schöngeistig orientierter
Intellektueller, dessen wichtigster Gewährsmann Goethe ist, bereits zu einem so frühen Zeitpunkt
mit wehenden Fahnen zu Hitlers primitiver und brutaler Ideologie Uberläuft. Die mögliche
Erklärung, dass Schott aufgrund seiner romantisiercnd-verkitschten Vorstellung von Hitler dessen
Ziele verkannt habe, trifft allenfalls zum Teil zu. Schott feiert Hitlers Willenskraft und seine
Unbarmherzigkeit gegenüber den - vor allem jüdischen - Feinden, denen Hitler ankündigt, er werde
ihre Köpfe rollen lassen, als "Sprache der Kraft und der Wahrheit" (84) und als Abkehr von den
"humanitären Phrasen der Gegenwart" (ebd ).
10 In diesem Punkt decken sich die Berichte von vielen Hitler-Anhängern Hitlers Rede wird gerade
deshalb als Offenbarung empfunden, weil diese Zuhörer den Eindruck hatten, Hitler bringe genau
das zur Sprache, was sie selbst schon unklar, aber ahnungsvoll empfunden hätten.
32 Ulrich Nill

Entsprechend fällt auch dort, wo Schott tatsächlich Belege aus den Reden an­
führt, auf, dass diese oft eigenartig unangemessen und kaum geeignet sind, das eu­
phorische Urteil zu stützen. Diese Schwierigkeiten können als Hinweis gesehen
werden, dass es einen großen Unterschied ausmacht, ob eine solche Rede unmittel­
bar "von innen" erlebt oder aus der Distanz "von außen" betrachtet wird. Wenn man
von der Qualität von Schotts Hitlerdeutung ausgeht, so ist sein Buch mit Recht
längst vergessen. Gleichzeitig kann man das Volksbuch vom Hitler aber - gegen die
Absicht seines Verfassers - so lesen, dass die unterschiedlichen Reaktionen auf Hit­
ler, den Redner, zumindest in Ansätzen nachvollziehbar werden: das jauchzende
Einverständnis seiner Anhänger, denen eine Offenbarung zuteil wurde, und die teils
achselzuckende, teils angewiderte Ablehnung seiner Gegner.
Theodor Heuss, der spätere Bundespräsident, beschäftigte sich 1931 in dem
Buch Hitlers Weg mit Hitler und dem Nationalsozialismus". Heuss, zur fraglichen
Zeit Abgeordneter der Demokratischen Partei im Reichstag, setzt sich darin mit ei­
nem politischen Gegner auseinander, der sich nach dem sensationellen Wahlerfolg
vom 14. September 1930 zu einem bedeutenden politischen Faktor entwickelt hatte.
Heuss bemüht sich um eine "sachlich-kritische Studie", eine objektive, unvoreinge­
nommene, nüchtern-rationale Auseinandersetzung mit Hitler und den politischen
Positionen der Nazis, wie sie sich in Hitlers Mein Kampf oder den fünfundzwanzig
Punkten des Parteiprogramms ausdrücken. Er vermeidet dabei weitgehend Polemik
und verteidigt Hitler teilweise sogar gegen Angriffe von dessen Gegnern, die Hitler
etwa Vorhalten, er sei kein Deutscher (12). Trotzdem kann an der Gegnerschaft des
Autors zum Nationalsozialismus kein Zweifel bestehen.12 Diese äußert sich, wenn
Heuss als ein Kenner politischer Theorie wie politischer Praxis Traditionszusam­
menhänge aufzeigt, auf Widersprüche in der NS-Programmatik hin weist oder wenn
er mit dezenter Ironie politische Forderungen der Nazis kommentiert.
Heuss sieht den wichtigsten Beitrag Hitlers zum Nationalsozialismus in der Ent­
wicklung eines spezifischen Propagandastils, zu dem "kollektive Suggestion" gehö­
re, die zu einer "Gemeinschaftsbildung" führe und "gegen das Individualistische
losgeht" (27). Heuss erinnert daran, dass die Nationalsozialisten als Neuerung im
politische Leben Eintrittsgeld für politische Werbeveranstaltungen eingeführt hät­
ten, wobei die "Primadonnen der Partei" sogar gestaffelte Tarife je nach Qualität
des Platzes verlangten. Heuss merkt spöttisch an, Hitler industrialisiere seinen
Ruhm als Redner (124), und er kritisiert, es sei nicht sehr geschmackvoll "die Kla­
gerede über die Volksnot mit den Mitteln einer Konzertagentur zu finanzieren"
(123). Wichtiger als diese Kritik an der Finanzierung der NSDAP ist aber wohl die
Schlussfolgerung, dass das Publikum in der Gewissheit kam und Eintritt bezahlte,
dass ihm etwas geboten werde (123).

" Heuss 1968. Zur Entstehungsgeschichte und Datierung der Schrift vgl. Jäckels Einleitung 1968,
Xlff
12 Freilich wurde Hitlers Weg später zum Anlass genommen, dem Bundespräsidenten Heuss vorzu­
werfen, er habe den Nationalsozialismus begünstigt oder zumindest nicht scharf genug angegriffen.
Vgl dazu Jäckels Einleitung 1968, XXX.
Reden wie Lustmorde 33
Heuss versucht zu ergründen, weshalb das Publikum in die Versammlungen
ströme, worauf die Anziehungskraft des Redners Hitler beruht. Für Heuss ist klar,
dass die Antwort nicht in einer besonderen Sprachbeherrschung liegen kann. Er kri­
tisiert Hitlers Stil in Mein Kampf, wo dieser "völlig unmögliche[r] Satzgebilde"
(132) benutze, und auch der Redner Hitler sei im Ausdruck umständlich, er bediene
sich eines lehrhaften Tons, sei ohne Angst vor der unverbindlichen Banalität und
mit weniger Begabung zur schlagfertigen Formulierung ausgestattet als einige seiner
Freunde. Hitlers Reden seien seltsam vage und vermieden die konkreten politischen
und wirtschaftlichen Fragen, stellt Heuss fest, Hitler sehe sich als "Prediger", der
nicht das Gegenwärtige, sondern das Ewige im Blick habe (131).
Heuss ist sich allerdings - zumindest teilweise - im Klaren darüber, dass er dem
Phänomen des Redners Hitler mit stilkritischen Kommentaren genauso wenig ge­
recht wird wie mit einer Widerlegung einzelner Argumente. Die Menschen, die zu
Hitlers Reden kamen, erwarteten offenbar genau das, was Hitler bot. Sie wollten das
Allgemeine, die Rede von "Macht, Recht, Ehre, Sieg, Rache" (ebd.). Jeder einzelne
Zuhörer könne sich dadurch in seiner Vertausendfachung als Macht erleben. Dieses
"sinnenhafte Sich-Erleben der Masse" (ebd.) sei propagandistisch wichtiger als die
schlagende Argumentation. Die entindividualisierende Wirkung seiner Reden mache
Hitler zu einem "Meister der Gefiihlsekstase" (ebd.). Hitler handhabe in der Insze­
nierung seiner Reden in virtuoser Weise die Mittel, die dabei helfen, die Masse zu
etwas Gestalthaftem zu formen: die Marschmusik, den Kampfgesang, die Anrede,
und er wisse von der Bedeutung von Symbolen (ebd.).
Am Beispiel der weiblichen Anhänger der NSDAP zeigt Heuss, dass die NS-
Propaganda Menschen dazu bringen könne, gegen ihre eigenen Interessen zu han­
deln. Heuss verweist auf die "antifeministische" Richtung der NS-Programmatik, die
sich gegen jede Form von Frauenemanzipation, besonders aber gegen die politische
Frau wende. Trotzdem gebe es viele Frauen und Mädchen, denen die von den politi­
schen Sachfragen sich entfernende, das Gefühlsmäßige herausarbeitende Technik
der nationalsozialistischen Agitation leicht eingehe und die sich der Suggestion von
Fahnen, Musik und Uniformen rasch unterwerfen würden (135). Die Hitler-Deutung
von Heuss zeigt, dass die Wirkung, die durch die NS- Propaganda im Allgemeinen
und durch Hitler-Reden im Besonderen erzielt wurde, offenbar jenseits der kriti­
schen Abwägung lag, ob das Gesagte vernünftig war und den eigenen Interessen
diente. Damit fehlt aber auch das Fundament einer rationalen argumentativen Debat­
te. Dieser Befund fällt zum Teil auf Heuss selbst und die Methode zurück, die er in
Hitlers Weg verwendet. In seinem Bemühen um Rationalität, Sachlichkeit, intellek­
tuelles Niveau und Fairness leistet Heuss einen Beitrag zu politischen Streitfragen,
wie er unter Demokraten üblich ist. Andererseits hat es Heuss in seiner Untersu­
chung mit jemandem zu tun, der diese Maximen zutiefst verachtet und durch eine
Analyse kaum zu erfassen ist, die stillschweigend davon ausgeht, dass Hitler - zu­
mindest prinzipiell - dasselbe politische Spiel spielt wie seine demokratischen Geg­
ner und dass bei ihm dieselben Spielregeln gelten und dieselben Erklärungsmuster
34 Ulrich Nill

greifen wie sonst in der Politik13. Zumindest ein Leser von Hitlers Weg, Joseph Go­
ebbels, war dann auch der Meinung, dass Heuss den Kern der Sache verfehle: "Ich
lese eine Broschüre, die ein Demokrat über 'Hitlers Weg' geschrieben hat. Das ist al­
les so dumm, daß es kaum einer Beachtung wert erscheint. Die bürgerliche Welt
versteht uns nicht und kann uns auch wohl nicht verstehen. Ihre Argumente gehen
haarscharf an den eigentlichen Wesenheiten unserer Bewegung vorbei"14.
1935 erschien in Amsterdam die Hitler-Biografie Rudolf Oldens, eines Emigran­
ten, der 1933 als liberaler Demokrat, Pazifist und engagierter Gegner der National­
sozialisten aus Deutschland fliehen musste.15 Für Olden sind es zwei Faktoren, die
das Phänomen der Nazis erklären: Reichswehr und Propaganda (74). Zum einen sei
bedeutsam, dass Geld und Macht und vor allem die Reichswehr hinter Hitler stün­
den. Der Faschismus wird damit - ganz ähnlich wie in der marxistischen Faschis­
mustheorie'6 - verstanden als das Werk von Drahtziehern und Hintermännern, die im
Verborgenen ihren Interessen nachgehen. Hitler wird als "Agent der Macht" ange­
sehen, als Schachfigur17 und "Geschöpf der Reichswehr". Allerdings ist Hitler für
Olden nicht beliebig austauschbar. Zwar komme es auf Hitlers Programm, auf
Grundsätze und Ziele nicht so sehr an (74), wohl aber auf seine Fähigkeit zur De­
magogie. Hitler sei ein Meister der Propaganda (ebd.), seine "Begabung, volkstüm­
lich zu reden" (67) sei von der Reichswehr früh entdeckt worden. Es sei allein Hit­
lers Talent als Redner zu verdanken, dass seine Partei Zulauf gehabt habe, und nur
aufgrund dieses Zulaufs sei Hitler trotz großer Konkurrenz durch zahlreiche völki­
sche und nationalistische Gruppen für die Mächtigen interessant geworden (76).
Erst Hitlers propagandistische Erfolge hätten ihm die Unterstützung der Wehrmacht
und den Zugang zu den politischen Fonds der Industrie gesichert (ebd.). Größe be­
sitze Hitler allein auf dem "niedrigen und unreinen" Gebiet der Demagogie (77).
Hier sei er allerdings ganz außerordentlich und ohne Vorbild und könne weder von
seinen Schülern noch von seinen Gegnern erreicht werden (ebd.).
Olden betont, Hitler wolle als Redner "nicht überreden, noch viel weniger über­
zeugen, er ging allein auf Faszination aus" (78). Es komme nicht auf Argumentation
an, nicht auf Wechselrede mit dem Gegner, sei er anwesend oder fern, nicht auf
Beweise (83): "Wer die Reinheit der Sprache und des Gedankens liebt, der erträgt

13 Heuss vergleicht Hitler mit August Bebel (vgl. Uff.) und mit Ferdinand Lasalle (vgl. 115ff ). Auch
dies ist ein Beleg dafür, dass er Hitler in dieselbe Kategorie einordnet und mit denselben Interpreta-
tionsmustem zu fassen sucht wie andere Politiker auch
14 Joseph Goebbels, Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, zitiert nach Jäckels Einleitung (1968, XXVI)
Bei Goebbels verächtlicher Stellungnahme mag eine Rolle gespielt haben, dass Heuss Gobbels Ro­
man Michael als geistiges Epigonentum des Frühnaturalismus und als unfreiwillig komisch be­
zeichnet; vgl. Heuss 1968, 132.
15 Olden 1981. Zum Leben Oldens vgl. die Einleitung Werner Berthold 1981.
16 Vgl. Eichholtz/Gossweiler 1980. Der Band gibt einen guten Einblick in das dominierende Faschis­
musverständnis in der DDR. Hitler tritt dabei lediglich als austauschbare Marionette des Großkapi­
tals in Erscheinung. Folgerichtig gab es in der DDR weder eine Hitler-Biografie noch eine Beschäf­
tigung mit dem Redner Hitler. Machterwerb und Machterhaltung werden vorwiegend mit Hilfe von
Terror und Unterdrückung erklärt.
17 Die 1936 erschienene englische Übersetzung von Oldens Buch trägt den Titel Hitler the Pawn.
Reden wie Lustmorde 35
die Reden Hitlers nicht, der wendet sich schaudernd oder lachend ab" (84). Ähnlich
wie Schott meint auch Olden, dass Hitler nicht einfach in die Tradition der Rhetorik
einzuordnen sei. Man könne bei Hitler nicht von "Redekunst" sprechen, allenfalls
von "Beredsamkeit" und "Redewut" (87). Hitler beachte keine Kunstregeln, erschaf­
fe kein abgerundetes künstlerisches Gebäude der Rede, sein Witz sei von grober
Primitivität (ebd.). Es werde oft gesagt, dass Hitler bei einem Hofschauspieler Un­
terricht in der Redekunst genommen habe: "Aber außer ein paar groben Kunstgrif­
fen kann er nicht viel bei ihm gelernt haben" (88).
Es ist deutlich, dass Olden Hitler und seine Reden verachtet, andererseits kann er
sich aber einer gewissen, gleichsam angeekelten Faszination nicht entziehen, wenn
er Hitlers Auftritt als Redner schildert:
Es kommt, manchmal früher, manchmal später, der Augenblick, in dem der Redner vom Geist überwäl­
tigt wird, in dem schluchzend, schreiend, gurgelnd ein Unbekanntes, Undefinierbares aus ihm heraus­
bricht, da es nicht mehr auf fest gebaute Sätze, auf artikulierte Worte ankommt, da der Verzückte "in
Zungen" redet. Auch der bisher Unbeteiligte ist angepackt, es wird ihm deutlich, daß vor seinen Augen
und Ohren ein Durchbruch des Unbewußten geschehen ist, daß Sinn und Wahnsinn sich vermischen,
daß er einer unbekannten, unnennbaren Naturkraft gegenübersteht. Das ist der Augenblick, in dem
Männer in Beifallrasen ausbrechen, Frauen stöhnend, die ewig unbegreifliche, schauervollsüßc Sekunde
der höchsten Liebesleidenschaft empfinden. Von nun an steht der Agitator einem verwandelten Publi­
kum gegenüber. Die Unhypnotisierbaren gehen geekelt fort, um nicht wiederzukehren. Die Anderen sind
ihm verfallen. Denen ist er Erlöser, der nationale Heiland (1981,88).

Hitler, der Redner, übersteigt für Olden offenbar jedes menschliche Maß. Er ist
nicht nur ein "Naturereignis" (ebd.), sondern im Gegenteil ein "Phänomen, das die
Natur in der Erdgestaltung nicht hervorgebracht hat" (ebd.). Hitler wird damit in die
Sphäre des Übermenschlichen, Übernatürlichen, des Dämonischen entrückt.'* Inso­
fern ist es konsequent, dass Olden rhetorische Deutungen ablehnt und stattdessen
auf Hypnose als Erklärungsmuster setzt, eine Interpretation, die aufgrund ihrer Ein­
fachheit, ihrer Schlüssigkeit und der ihr innewohnenden Exkulpation der "Hypnoti­
sierten" in der Nachkriegszeit Hochkonjunktur hatte. An dieser Stelle wird aber
auch die Unzulänglichkeit von Oldens Interpretation deutlich. Die methodisch be­
dingte Konzentration auf Hitler bewirkt, dass die eigentlich relevanten Fragen gar
nicht in den Blick geraten: Wie unterscheiden sich die "Hypnotisierbaren" von den
"Nicht-Hypnotisierbaren"? Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit
sich jemand von Hitlers Reden ansprechen lässt? Wie wird das punktuelle Erlebnis
einer solchen "Hypnose" in eine langfristig wirksame Ideologie umgewandelt?
Konrad Heidens Biografie19 erschien 1936 im Schweizer Exil. Sie umfasst den
Zeitraum von Hitlers Geburt bis zur Ermordung Röhms im Juni 1934. Heiden
schreibt über einen Zeitgenossen, "der heute wohl der berühmteste Mensch auf der

'* Vgl. dazu auch Bracher 1976, 80ff. Bracher bezeichnet die mit der Dämonisierung Hitlers einher
gehende Überhöhung als eine Umkehrung des Führerkults (ebd., 84). Auch in der jüngeren Diskus­
sion wird im Zusammenhang mit Hitler auf die Dämonologie zurückgegriffen, auch wenn es um die
moralische Beurteilung Hitlers geht. Vgl. dazu etwa Rosenbaum (z.B. 423ff.). Schon der Untertitel
von Rosenbaums Buch Auf der Suche nach dem Ursprung des Bösen deutet die metaphysische Di­
mension an, die hier immer wieder ins Spiel kommt.
19 Heiden 1936. Im Jahr 1937 erschien ein Folgeband zu Hitlers Außenpolitik.
36 Ulrich Nill

Erde ist" (65). Neben gelegentlichen Irrtümem, die aufgrund der Entstehungsbedin­
gungen des Buches nicht überraschen, erstaunt Heidens Biografie durch präzise
Analysen und treffende Urteile. Anders als andere Hitler-Interpreten geht Heiden
nicht davon aus, dass sich Hitlers Aufstieg allein aufgrund von dessen "dämoni­
schen" Eigenschaften, mit deren Hilfe er den Massen seinen Willen aufzwingt, er­
klären ließe. Heiden verweist darauf, dass Hitler bis zu seinem 30. Lebensjahr nur
als ein "nichtsnutziges Talent" (65) in Erscheinung getreten sei, dem nicht einmal
der bescheidenste Erfolg vergönnt gewesen sei, und er fragt: "Warum blieb dieser
Menschenbezwinger im bürgerlichen Leben Bettler und im Krieg ein unbedeutender
Soldat?" (ebd.) Eine Antwort, wie Olden sie gibt, dass nämlich Hitler tatsächlich
nach wie vor unbedeutend und lediglich eine Puppe in der Hand versteckter Draht­
zieher sei, wird von Heiden verworfen (348). Stattdessen zieht Heiden den Schluss,
dass Hitlers Erfolge von ganz spezifischen Bedingungen abhängig seien, die 1914
noch nicht gegeben waren, 1919 aber sehr wohl. In einer bürgerlichen Welt der
Ordnung und des Friedens hätte Hitler - so Heiden - keinen Erfolg gehabt, er wäre
"Vagabund oder Bohemien oder harmloser Anarchist" (65) geworden.
Damit deutet sich Heidens spezifische Problemstellung an, mit der ihm ein über­
zeugender Zugang zu Hitlers Erfolgen als Redner gelingt, da auch die Situation der
Adressaten von Hitlers Botschaft, deren Wünsche, Ängste, und Bedürfnisse in den
Blick geraten. Heiden überwindet so die methodische Aporie, die aus dem Versuch
resultiert, die Wirkung der Reden allein aus der Situation des Redners und Struktur­
elementen der Reden erklären zu wollen. Er macht deutlich, dass zunächst die Be­
reitschaft der Zuhörer vorhanden sein müsse, sich auf Hitlers ideologisches Angebot
einzulassen, und dass dieses nur dann angenommen werde, wenn es als Lösung für
ein quälendes Problem erscheine. Eine solche Konstellation bestehe ab 1919: Hitler
"findet ein Feld vor, reif zum Mähen" (75).
Für Heiden ist das Deutschland von 1919 durch ein zutiefst verunsichertes Bür­
gertum gekennzeichnet, namentlich durch eine junge bürgerliche Intelligenz, der
"mit einem Mal die bürgerliche Welt fragwürdig, feindlich und zuletzt hoffnungslos
wird" (66). Diese Haltung resultiere aus der wirtschaftlichen Krise, die für den Ein­
zelnen materielle Not und fehlende Perspektiven mit sich bringe. Ehemalige Offizie­
re arbeiteten als Chauffeure, junge Chemiker müssten mit 90 Mark Monatsgehalt
zufrieden sein. Dazu komme eine weit reichende Orientierungslosigkeit, ein Unbe­
hagen an der Kompliziertheit der modernen Welt, die nicht mehr zu verstehen sei,
das Fehlen eines schlüssigen Weltbildes. Es gebe keine Mysterien mehr, die das
Verständnis der Welt erleichterten, der moderne Mensch leide vielmehr am Be­
wusstsein seiner Unkenntnis20. Die einstmals so simple Geschichtswelt des einfa­
chen Mannes habe sich in ein unbegreifliches Chaos verwandelt (67f.). Auch und
gerade die Politik erscheine vielen als kompliziert und sinnlos. Eine Folge davon

20 Dabei geht es nach Heiden nicht nur um den Wunsch nach Wissen und Verstehen, sondern auch um
die moralische Erneuerung eines verworrenen, arm gewordenen Lebens 1936, 97. Von dieser Sehn­
sucht breiter Schichten habe nicht nur die Hitlerbewegung profitiert, sondern auch zahlreiche Sek­
ten und Reformbünde. Heiden verweist beispielsweise auf Rudolf Steiners Anthroposophie (ebd ).
Reden wie Lustmorde 37

sei, dass sich der moderne Staatsbürger innerlich immer mehr von der Verantwor­
tung für den Staat zurückziehe, dass er sich nur mehr als Objekt des Staates fühle
und innerlich reif für die Diktatur werde (68f.). Nicht einmal die Außenpolitik sei
auch nur annähernd zu verstehen (69), die Leidenschaft der modernen Masse für
den Sport übertreffe das Interesse an der Politik um das Hundertfache (73).
Eine weitere wichtige Voraussetzung für Hitlers Erfolg sieht Heiden in dem weit
verbreiteten Trieb zur Hingabe, zur Unterordnung und zum Gehorsam (72). Es gebe
einen Schrei nach der Diktatur, eine Sehnsucht nach einem Führer (97). Gleichzeitig
seien die Repräsentanten der staatlichen Macht diskreditiert: "Die Autorität liegt auf
der Straße. Wer sie aufhebt, hat die Macht" (75). Hitlers Rhetorik befriedige das
Bedürfnis nach Hingabe, und Hitler könne voller Stolz erklären, dass er von seinen
Anhängern immer nur Opfer verlangt habe (72). Es ist bei Heiden auch angedeutet,
warum gerade Hitler als der ersehnte Führer erscheint. Heiden spricht im Zusam­
menhang mit der Situation der Intellektuellen von jener "blind um sich beißende[n]
Energie, die das Alte nicht mehr will und zum Neuen nicht den Mut hat" (94), und
er sieht den Wunsch nach einer "reaktionären Revolution" (250ff.). Damit meint er
die revolutionären Neigungen der Deklassierten, die letztlich auf die Erhaltung des
Bestehenden abzielen. Hitler scheine die passende Antwort auf eine solche Befind­
lichkeit zu haben, wenn er in seinen Reden diese eigenartige Mischung von revolu­
tionären und von reaktionär-konservativen Elementen anbiete, die so bezeichnend
für ihn sei.21 Und Hitler selbst, der von Heiden als Doppelwesen charakterisiert
wird, das einerseits spießig, andererseits heroisch daher komme (348), scheine eben­
falls perfekt zu dieser Ausgangslage zu passen.
Hitlers Propaganda liefert nach Heiden all denjenigen Antworten, die an der
Verworrenheit der modernen Welt leiden. Damit wird die Attraktivität von zentralen
Aspekten der Hitler'schen Rhetorik nachvollziehbar, wenn sich Hitler etwa explizit
auf die Kompliziertheit des modernen Staates bezieht und behauptet, diese sei
künstlich, es handle sich um einen bösartigen Kniff der Juden und Freimaurer, in
Wahrheit seien die Dinge einfach (68). ln diesem Zusammenhang verweist Heiden
auf H. St. Chamberlain, der Hitler als einen "genialen Vereinfacher" bezeichnet.
Heiden fügt hinzu, dass es sich vielmehr um Verfälschung, weniger um Vereinfa­
chung handle. Hier klingt eine methodische Konsequenz für den Umgang mit Hit­
lers Rhetorik an, die bei Heidens Analyse zumindest in Ansätzen verwirklicht ist.
Die Perspektive des Kritikers, der Hitlers Aussagen von außen bewertet ("Verfäl­
schung") muss ergänzt werden durch die Innenperspektive, die Sichtweise dessen,
der sich auf Hitlers Rhetorik einlässt ("Vereinfachung"). Nur so kann die Frage nach
der Wirkung von Hitlers Reden beantwortet werden. Heiden bedient sich auch in
anderem Zusammenhang dieser doppelten Perspektive, etwa wenn er betont, im 16.
Jahrhundert sei der Hexenglaube ein wichtiges Instrument der Welterklärung und
für den einzelnen eine wertvolle Orientierungshilfe gewesen. Es steht außer Frage,

21 Ob Hitler reaktionär oder revolutionär war, gehört zu den klassischen Streitfragen unter Historikern.
Vgl. dazu Lukacs 1999, 69ff. Für I.ukacs ist in diesem Zusammenhang "Hitlers revolutionäre Rhe­
torik” ein wichtiger Gesichtspunkt.
38 Ulrich Nill

dass Heiden als Außenstehender den Hexenglauben nicht nur für schädlich und
verwerflich, sondern auch für unsinnig hält. Daneben bedient er sich aber der sub­
jektiven Sicht eines Menschen, der an Hexen glaubt, um zu verstehen, welchen Nut­
zen ein solcher Glauben seinen Anhängern bringt.
Diese beiden Perspektiven werden auch bei der Betrachtung von Hitlers Ideolo­
gie und Rhetorik fruchtbar. Heiden zeigt, dass Hitlers Anhänger die zwingende Fol­
gerichtigkeit in Hitlers Reden rühmen, während es sich tatsächlich nur um redneri­
sche Kunstmittel, um eine "gefälschte messerscharfe Logik" (112) handle. In diesem
Zusammenhang komme auch der besonderen Anschaulichkeit von Hitlers Darstel­
lung besondere Bedeutung zu: "Vorstellungen, Bilder, Schlagworte, die wie Keile in
den Denkapparat fahren und nicht mehr herauszubringen sind" (109). Hitlers "mes­
serscharfe Logik" werde von den Anhängern als ein Appell an ihren Verstand beg­
riffen. Der subjektive Eindruck der Zuhörer, dass nämlich bei Hitlers Rede ein
schwieriger Zusammenhang mit den Mitteln des Verstandes durchdrungen worden
sei und dass daraus eine klare Erkenntnis resultiere, schmeichle ihnen, während tat­
sächlich ganz andere Mechanismen am Werk seien, bei denen der Verstand nicht
gebraucht werde (116).
Heiden zeigt, dass die Zuhörer Hitlers Reden als unterhaltsam, als etwas Ange­
nehmes empfinden (116). Die einfachen Gedanken, die sich in Hitlers Reden finden,
hätten sich nach drei Versammlungen so tief in den Köpfen festgesetzt hätten, dass
"der Hörer beim vierten Mal schon meint, der Redner sage nur dasselbe, was er
selbst seit jeher gedacht habe" (141). Die Einfachheit und die zahlreichen Wieder­
holungen in Hitlers Reden erscheinen in diesem Zusammenhang nicht mehr als
Mangel, sondern vielmehr als Voraussetzung ftlr die erwünschte Wirkung. Heiden
korrigiert auch den gängigen Vorwurf von Kritikern, wonach Hitler immer nur das­
selbe sage. Vielmehr verfuge Hitler über eine unendliche Anzahl von Themen, er
maße sich an, sich über den ganzen Inhalt des Universums zu äußern. Dabei komme
er aber immer zu demselben Ergebnis, "nämlich, volkstümlich gesprochen, daß der
Jude an allem schuld sei; allenfalls daß im Völkerleben eine Auslese der Kraft re­
giere und daß das Treffen dieser Auslese der wahre Inhalt der Staatskunst sei"
(119).

3. Die großen Biografien: Bullock, Fest, Kershaw

Alan Bullocks Anfang der fünfziger Jahre veröffentlichtes Werk22 ist eine der be­
kanntesten und am weitesten verbreiteten Hitler-Biografien. Bullock sieht Hitler als
einen prinzipienlosen Opportunisten, dessen einzig wahres Ziel es gewesen sei, sich
"so oder so die Macht zu sichern" (172).23 Bullock folgt darin Hermann Rauschning,

22 Bullock 1959.
23 Diese Einschätzung war für den Autor später Anlass, sich teilweise von seinem Buch zu distanzie­
ren. Vgl. dazu Rosenbaum 1999, 267ff.
Reden wie Lustmorde 39

der von der "Revolution des Nihilismus"24 redet. Hitler erscheint im Wesentlichen
als rational Handelnder, der planvoll mit Verschlagenheit und Brutalität vorgeht,
nicht als Dämon, als Besessener oder Wahnsinniger. Bullock betont auch, dass Hit­
ler weder eine Witzfigur noch ein Pfuscher gewesen sei, sondern ein Mensch, der
neben unübersehbaren Fehlem, wie z. B. "einem häßlichen, krassen Egoismus, ei­
nem moralischen und geistigen Kretinismus" (804) auch ausgeprägte Fähigkeiten
gehabt und gar über "politisches Genie" (803) verfugt habe.
Auch Hitlers "Führergabe" beruhte nach Bullock in erster Linie auf Gewalt und
erst danach auf seinen rhetorischen und propagandistischen Fähigkeiten. Die prakti­
sche Übung als Redner, der in München in Bierkellem und Hinterzimmem um An­
hänger warb, habe Hitler aber zum "größte[n] Demagoge[n] in der Geschichte" (66)
gemacht. Dabei habe sich Hitler die Prinzipien, die seiner Karriere zu Grunde lagen,
bereits in Wien angeeignet, die "Philosophie des Obdachlosenasyls": "Schlauheit,
die Fähigkeit zu lügen, zu verdrehen, zu täuschen und zu schmeicheln" (32). Hitler
sei ein perfekter Schauspieler gewesen und als solcher habe er gelernt, zeitweilig
selbst von seinen Lügen überzeugt zu sein (33). Das habe dann etwa dazu geführt,
dass Hitler sich mithilfe dieser Fähigkeit zur "Selbstdramatisierung", "nachdem er
sich durch vernünftige Überlegung für eine bestimmte Handlungsweise entschieden
hatte, in eine Leidenschaftlichkeit hineinsteigerte, die ihn befähigte, jeden Wider­
stand zu überwinden" (376).
Bullocks Biografie stößt dort an ihre Grenzen, wo sie versucht, die Wirkung von
Hitlers Rhetorik und damit die Ursache für Hitlers rednerische Erfolge zu erklären.
Dabei handelt es sich nicht um eine nebensächliche Frage, schließlich sieht Bullock
in Hitlers Reden "das wesentliche Medium seiner Macht" (372). Um zu verdeutli­
chen, wie dieses Medium funktionierte, referiert Bullock zum einen Hitlers theoreti­
sche Äußerungen zur Massenpropaganda aus Mein Kampf wobei er Hitlers Analy­
se, von der er durchaus beeindruckt ist (66), übernimmt, ohne sie zu korrigieren, zu
erweitern oder zu relativieren.25 Da Bullock in Hitler in erster Linie den bewusst
manipulierenden Schauspieler sieht, wäre eigentlich zu erwarten, dass er sich bei der
Analyse von Hitlers Rednergabe auf Tricks, manipulative Techniken und Ähnliches
konzentriert. Tatsächlich beruft sich Bullock daneben auch auf die "charismatische
Natur Hitlers", um dessen Wirkung auf die Massen zu erklären. Bullock räumt dabei
ein, der Gegenstand der Untersuchung sei "nahe der Grenze zum Irrationalen", und
greift zur Erklärung von Hitlers Wirkung auf bekannte Topoi in der Hitler-Deutung
zurück, wonach Hitler übermenschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, wie
etwa "wunderbare Intuition", die "okkulten Kräfte eines afrikanischen Medizinman-

24 Rauschning, ehemaliger Nationalsozialist und Senatspräsident von Danzig, überwarf sich mit sei­
nen Parteifreunden, floh 1936 aus Deutschland und setzte sich im amerikanischen Exil mit seinen
Büchern Revolution des Nihilismus (1938) und Gespräche mit Hitler (1939) kritisch mit der NS-
Idcologie auseinander. Die Gespräche mit Hitler waren für Bullock, Fest und andere Biografen eine
wichtige Quelle Heute wird die Authentizität diese Textes mit großer Skepsis beurteilt; vgl. Ker-
shaw 1998, 10.
25 Generell ist es ein Merkmal vieler Hitler-Biografien, dass sie Passagen aus Mein Kampf oft seiten­
lang und ohne jede Modifikation paraphrasieren.
40 Ulrich Nill

nes oder eines asiatischen Schamanen", die "Sensibilität eines Mediums", die "Sug­
gestivkraft eines Hypnotiseurs", das "Dämonische im Menschen", "seine Magie"
usw. (374ff.). Zwar relativiert Bullock diese Erklärungen, die er von anderen Hitler-
Interpreten übernimmt, und gibt zu bedenken, dass es sich dabei nur um die halbe
Wahrheit handle, dass Hitler selbst den Mythos Hitler erschaffen habe und dass er
in schlauer Berechnung die irrationale Seite der menschlichen Natur ausnutze (375),
trotzdem kann er auf dieses dämonisierende Erklärungsmuster nicht verzichten, ob­
wohl es eigentlich nur schwer zu seiner Grundannahme von Hitlers banalem und
"undämonischem" Charakter passt.
Das Eingeständnis, dass hier wohl doch irrationale Mechanismen am Werke sei­
en, ist wohl darauf zurückzuführen, dass es Bullock ansonsten sehr schwer fällt,
Gründe für Hitlers rhetorische Wirkung zu finden. Diese Schwierigkeit ist eine di­
rekte Konsequenz von Bullocks Ansatz, wonach sich das Phänomen Nationalsozia­
lismus allein durch die Analyse der Persönlichkeit des "Führers", seiner Beweg­
gründe, seiner Ziele und Methoden erschließt. Diese Schwierigkeiten sind in gewis­
ser Weise symptomatisch für eine "Falle" des biografischen Ansatzes, wo der
Schlüssel zum Gesamtphänomen meist in den Eigenschaften der portraitierten Per­
son gesucht wird. So verfährt auch Bullock, wenn er auf Hitlers gutes Gedächtnis,
seine Fähigkeit Temperamentsausbrüche zu kanalisieren und bewusst einzusetzen,
sein schauspielerisches Vermögen, seine Skrupellosigkeit und Ähnliches verweist
und darin auch die Erklärung für Hitlers Wirkung als Redner sucht.
Der Redner Hitler hat nach Bullock auch Mängel. Dazu gehörten neben dem
rauen Klang seiner Stimme die übermäßige Länge und mangelnde Klarheit seiner
Reden und die zahlreichen Wiederholungen, die darin Vorkommen (373). Anderer­
seits verweist Bullock als Erklärung für Hitlers rednerische Erfolge auf dessen "Sinn
für Vereinfachung" (363).26 Hier wird eine gewisse Hilflosigkeit von Bullocks In­
terpretation deutlich. Es ist zunächst weder einleuchtend, warum Wiederholungen
usw. ein Mangel, noch warum Vereinfachung ein Verdienst von Hitlers Reden sein
sollen. Im ersten Fall liegt dem Urteil wohl ein ästhetischer Maßstab zu Grunde, im
zweiten offenbar das pragmatische Kriterium der Massenwirksamkeit, und so ist es
durchaus möglich, dass ein und dasselbe Merkmal von Hitlers Reden einmal als de­
ren Schwäche, ein andermal als deren Stärke angesehen wird. Bullock erkennt, dass
es die "psychologischen Faktoren in der Politik" sind, die Hitlers Massenwirksam­
keit ausmachen. Dabei kann er diese Faktoren aber nicht erhellen, da er auf den
"Schauspieler" Hitler und dessen Theatertricks fixiert bleibt und sich nicht fragt,
warum das "Publikum" so positiv auf diesen Schauspieler reagierte.
Joachim Fests (2000) Hitler-Buch, erstmals erschienen in den siebziger Jahren
und seither immer wieder neu aufgelegt, gehört - auch wegen seiner stilistischen

26 Bullock beruft sich an dieser Stelle einmal mehr auf Hitlers eigene Erklärung fllr die Wirkung seiner
Reden und hat auch hier Hitlers Analyse, die dieser in einem Interview äußert, nichts hinzuzufUgen
oder entgegenzusetzen. Ein Versuch, den Begriff der Vereinfachung bei der Analyse von NS-Texten
fruchtbar zu machen, ist Nill 1991.
Reden wie Lustmorde 41
Brillanz - immer noch zu den besten Arbeiten zum Thema und ist diejenige der gro­
ßen Biografien, die dem Redner Hitler die größte Aufmerksamkeit widmet.
Fest sucht die Gründe für Hitlers lokale Triumphe als Redner, die er im Mün­
chen der frühen 20er Jahre feierte, nicht nur bei diesem selbst. Vielmehr sei Hitlers
Aufstieg von den Bedingungen der Zeit und des Ortes abhängig gewesen. Fest
spricht vom "rhetorischefn] Temperament" (200) der Stadt München, von deren
Verführbarkeit, ihrer Schwäche für die exzentrische Geste, die sie empfänglich ge­
macht habe für den theatralischen Stil von Hitlers Selbstinszenierung. Dazu seien
die spezifischen Bedingungen der Zeit gekommen. Die Inflation habe einerseits zu
Massenverarmung geführt, andererseits aber fantastische Kapitalistenkarrieren er­
möglicht. Der dumpf geahnte Zusammenhang zwischen diesen beiden Erscheinun­
gen habe bei den Betroffenen ein Gefühl der sozialen Verhöhnung und der nachhal­
tigen Verbitterung hervorgerufen (230). Hitlers Erfolge beruhten nach Fest nicht nur
auf dessen Rednergabe, sondern auch auf der Sensibilität, mit der er "diese Stim­
mungen des erbitterten Biedermannes aufzuspüren und dessen Wunschbildern zu
entsprechen vermochte" (231). Hitler sei es leicht gefallen, solche Stimmungen zu
begreifen. Schließlich handle es sich dabei auf überindividueller Ebene um Kom­
plexe und Missgefühle, die der gescheiterte Akademiebewerber von einst schon
durchlebt hatte: das Leiden an einer Wirklichkeit, die den Sehnsüchten wie den Le­
bensanschauungen gleichermaßen zuwiderlief (ebd.). Die Wirksamkeit von Hitlers
Reden beruhten dann auch nicht auf dem Charakter seiner Argumentation, der
Schärfe seiner Parolen und Bilder. Vielmehr seien die Zuhörer vom "Gefühl ge­
meinsamer Erfahrungen, gemeinsamer Leiden und Hoffnungen" (ebd.) gefangen ge­
nommen worden, ln dieser "Übereinstimmung von individual- und sozialpathologi­
scher Situation" (ebd.) sieht Fest eine wichtige Voraussetzung für Hitlers Aufstieg.
Damit wird eine zentrale Prämisse Fests deutlich. Hitlers Erfolg beruht für ihn
auf dem einzigartigen Zusammentreffen individueller und allgemeiner Vorausset­
zungen, der "Korrespondenz, die der Mann mit dieser Zeit und die Zeit mit diesem
Mann eingingen" (34). Damit liegt für Fest die Erklärung von Hitlers Aufstieg nicht
in dessen Ekzeptionalität oder gar Dämonie, sondern im Gegenteil in seinen exem­
plarischen, gleichsam "normalen" Eigenschaften (vgl. ebd.). Für Fest ist Hitler die
Verkörperung des "faschistischen Typus" (158), nicht nur Führer, sondern auch Ex­
ponent einer Bewegung, die erst durch ihn Stoßkraft erhalten habe. Aus der Korres­
pondenzthese ergeben sich methodische Konsequenzen. Fest bedient sich nicht nur
des traditionell biografischen Vorgehens, um dem Phänomen Hitler gerecht zu wer­
den, er nähert sich seinem Gegenstand auch immer wieder "von der anderen Seite",
indem er jenes "dichte Muster objektiver Faktoren" (33) beleuchtet, die ihn prägten,
förderten, vorantrieben und mitunter auch aufhielten.” Dies geschieht teilweise in
Form von "Zwischenbetrachtungen". In einer solchen charakterisiert Fest die große,

27 An dieser Stelle setzt immer wieder Kritik an Fest wird vorgeworfen, diese "objektiven Faktoren"
zu sehr zu verengen, sich etwa auf geistesgeschichtliche Traditionszusammenhänge zu konzentrie­
ren und dabei etwa sozialgeschichtliche Zusammenhänge und machtpolitische Konstellationen nicht
genügend zu berücksichtigen; vgl. dazu Graml 1974.
42 Ulrich Nill

teilweise panikartige Angst vor Revolution und Bolschewismus und die pessimisti­
sche Grundstimmung, die sich nach dem Ersten Weltkrieg verbreitet habe (141 ff.).
Aus dieser Befindlichkeit heraus hätten sich irrationale Sehnsüchte ergeben, die
"wie herrenlose Hunde herumstreunten" (154).
Hitlers Rhetorik wird als passende Antwort auf dieses Krisenbewusstsein ver­
standen. Im Mittelpunkt des riesig aufgetürmten Angstsystems stehe "schwarz und
behaart, die ewig blutschänderische Figur des Juden: "Übelriechend, schmatzend
und geil auf blonde Mädchen, aber 'rassisch härter’ als der Arier" (159). Die Formu­
lierung seiner Angst habe Hitler neben wahnwitzigsten und lächerlichsten Wendun­
gen auch zu "eindrucksvollen oder doch haftenden Bildern" (ebd.) verholfen. Und
Hitler habe in seinen Reden auch Lösungen angeboten. Als Antwort auf die weit
verbreitete Sehnsucht nach dem starken Mann erscheine in zunehmendem Maße
Hitler selbst: "Er war die entschlossene Stimme der Ordnung, die dem Durcheinan­
der, dem chaotischen Element, gebot, er hatte weiter geblickt und tiefer gedacht, er
kannte die Verzweiflung aber auch die Rettungsmittel" (159). Als besonders plausi­
bel habe sich auch die "unverwechselbare Mischung von Mittelalter und Moderni­
tät" (161) erwiesen, die Hitler und den Faschismus generell auszeichne. Es handle
sich dabei um einen "Aufstand für die Autorität, eine Revolte für die Ordnung"
(164). Ein derartig paradoxes Programm biete neben der Anziehungskraft, die es
ausübe, auch viele taktische Möglichkeiten. Für Hitler sei entscheidend gewesen,
"revolutionär und zugleich als Verteidiger der bestehenden Verhältnisse zu erschei­
nen, radikal und gemäßigt zugleich zu wirken, die Ordnung zu bedrohen und sich
als ihr Bewahrer aufzuspielen" (334).
Das eigentlich Neuartige in Hitlers Auftreten sieht Fest in dessen "atemverschla-
gende[r] Skrupellosigkeit" (202), mit der er Regeln und Konventionen missachtet
habe. Dabei habe sich die Verbindung von zeremoniellen und straff terroristischen
Formen als der wirksamste Werbeeinfall Hitlers erwiesen (205). Hitlers Propagan­
daveranstaltungen hätten einerseits den Charakter von "Volksbelustigung und ästhe-
tisierende[r] Schaustellung" (ebd.) gehabt, andererseits aber - durch den Einsatz bra­
chialer Mittel - die "Dimension schicksalhaften Ernstes" (ebd.) hinzugewonnen.
Offenbar hätten viele Menschen diese Art von Veranstaltung als der Situation an­
gemessener empfünden als "die falsche Betulichkeit des herkömmlichen Parteienbe­
triebs" (ebd.).
Nach seiner Entlassung aus Landsberg habe Hitler 1925 völlig veränderte und
für ihn ungünstigere Bedingungen vorgefünden. Die Hysterien und Erregungen des
Vorjahrs seien verschwunden gewesen, mit der Stabilisierung der Währung, der
wirtschaftlichen Erholung und der Konsolidierung der Staatsgewalt sei der unro­
mantische Alltag in den Vordergrund gerückt. Die NSDAP sei eine Splitterpartei
geblieben. 1929 habe sich die Szenerie dann wiederum völlig verändert. Mit der
Weltwirtschaftskrise sei eine weit verbreitete Bewusstseinskrise einhergegangen, ein
Gefühl von Entmutigung, Sinnlosigkeit und Endzeitstimmung. Die irrationalen
Sehnsüchte vieler Menschen hätten Scharlatanen, Hellsehern, Astrologen und Spiri­
tisten eine große Zeit beschert (397). In der Politik sei es Hitler gewesen, der die
Reden wie Lustmorde 43
Bedürfnisse nach Offenbarung eines verlorenen Lebenssinns instinktsicher erfasst
und auf sich gezogen habe (ebd.). Erst Hitler habe "Triebkräfte mobilisiert, die von
der bemühten Alltagstüchtigkeit der republikanischen Politiker weder erkannt noch
aufgefangen worden waren" (399). Hitler habe ökonomische Gegensätze hinwegge­
redet (400), er habe immer wieder die Schuldigen genannt (407) und dabei die tau­
send Unglücke des Tages auf wenige, leicht fassliche Ursachen zurückgeführt (408).
Hitlers Weigerung auf konkrete Tagesffagen einzugehen, da diese nur den Blick für
das Große trüben würden, sei jetzt als Stärke erschienen. Der Versuch der Republi­
kaner, den "Ansturm des Irrationalismus durch die Kraft des Arguments" (430) zu
brechen, sei gescheitert, da er Vernunft und Unterscheidungsvermögen voraussetzte,
wo nur noch ein unentwirrbares Gemisch von Angst, Panik und Aggressivität ge­
herrscht habe (430).
In den folgenden Jahren habe Hitler auch jene Bündnisse mit den Mächtigen ge­
schmiedet, die so bezeichnend für eine "faschistische Revolution" sind. Auch Hit­
lers Reden hätten sich gemäß den jeweils geltenden taktischen Erfordernissen ver­
ändert. Fest verweist auf einen Vortrag, den Hitler 1932 vor dem Düsseldorfer In­
dustrieclub gehalten habe und der zu "den eindrucksvollsten Zeugnissen seiner Re­
dekunst" (449) zähle. Hitler habe sich im zweireihigen dunklen Anzug als Mann mit
gewandten und korrekten Manieren präsentiert. Er habe mit ungewöhnlichem Ein­
fühlungsvermögen den autoritären, macht- und ordnungsstaatlichen Vorstellungen
dieser Großindustriellen Rechnung getragen und in Anspruch, Tonlage und Akzen­
tuierung jedes Wort des zweieinhalbstündigen Auftritts sorgfältig auf sein Publikum
zugeschnitten (449f.).
Fests Beispiel verdeutlicht, wie schwierig es ist, generelle und allgemein gültige
Aussagen über Hitler, den Redner, zu machen. Seine Eigenart weist je nach Zeit­
punkt, Situation und Adressatenkreis deutliche Unterschiede auf. Zudem lässt sich
an dieser Stelle eine weitere zentrale Prämisse der Hitlerdeutung Fests zeigen. Fest
weist eine Auffassung zurück, die sich an Hitlers Selbststilisierung anlehnt, wonach
Hitler ausschließlich als Instinktmensch handle, der "nachtwandlerisch" seinen Weg
gehe. Diese Deutung übersehe die Rationalität und planvolle Kälte von Hitlers Vor­
gehen (200). Andererseits lehnt Fest mit Nachdruck Bullocks ursprüngliche Deu­
tung ab, wonach es Hitler - ohne echte Prinzipien und ohne Ideologie - nur um die
Macht gegangen sei. Zwar räumt Fest ein, dass Hitler seine Radikalität instrumental
einsetzte (459) und dass er auch den propagandatechnischen Aspekt des Antisemi­
tismus gesehen habe, dennoch ist Fest mit Trevor-Roper der Ansicht, Hitlers Ma­
nien und Besessenheiten gingen "auf die vermeintlichen Gewißheiten eines aus
Schlagworten und Ressentiments verfertigten, monolithisch starren Weltbildes zu­
rück, dessen Konstanten die Eroberung von Lebensraum und ein obsessiver Juden­
haß waren"2* (1995, 20). Aus Fests Darstellung lässt sich schließen, dass die Rheto­
rik nicht nur ein Mittel der Kommunikation ist, um Inhalte zu anderen Menschen zu

2* Zur Kontroverse zwischen Bullock und Trevor-Roper vgl. Rosenbaum 1999, 242ff Vor allem die
Beiträge Eberhard Jäckels führten dazu, dass sich diese Sichtweise in der Zeitgeschichte durchsetz­
te.
44 Ulrich Nill

"transportieren", sondern ebenso als bewusstseins- und ideologieformierende Kraft


innerhalb eines Menschen in Erscheinung tritt. Fests Darstellung zeigt, dass diese
Funktion der Rhetorik für Hitler auch während des Krieges wichtig gewesen ist. Fest
betont, Hitlers Äußerungen seit dem Herbst 1940 seien ein "Dokument für den Pro­
zess der permanenten Selbstüberredung" (913).
Fest beschäftigt sich auch mit dem eigentümlich orgiastischen Charakter vieler
Veranstaltungen, bei denen Hitlers aufpeitschende Reden das enthemmte Publikum
zu einer kollektiven Ausschweifung zusammengeschmolzen habe (468). Fest spricht
vom eigenartig obszönen "Kopulationscharakter" (473) der Veranstaltungen, von
"triebhaften rhetorischen Selbstentladungen" (ebd.) und "dahinströmenden Redeor­
gasmen" (ebd.) und er zitiert den Dichter Ren6 Schickele, der bei Hitler von Reden
gesprochen habe, "die wie Lustmorde sind" (ebd.). Für Hitler selbst seien diese Re­
den die "Ersatzhandlungen einer ins Leere laufenden Sexualität" (468) eines Einsa­
men, Kontaktgestörten gewesen, wobei sich auch hier das Doppelwesen Hitlers of­
fenbare: das Nebeneinander von Rausch und Rationalität (473). Hinter den Exzes­
sen habe sich eine sorgfältige, planvolle Inszenierung verborgen, die die Massen­
suggestion erst ermöglicht habe. Die eigentliche Erklärung für die überwältigende
Wirkung von Hitlers Reden sieht Fest wiederum in der Korrespondenz von Redner
und Publikum. Hitlers Verzauberungsmacht beruhe darauf, dass er die geheimsten
Regungen der Masse geteilt und ihre Gestörtheiten auf eine exemplarische Weise in
sich vereinigt habe (477). Für Fest hat Hitler in seinen Reden die eigene Neurose als
Wahrheit erlebt und die kollektive Neurose zum Resonanzboden der eigenen Beses­
senheit gemacht (477f.). Er habe sich selbst als Messias, als Retter und Erlöser stili­
siert, und so sei auch sein Massenerfolg vor allem ein religionspsychologisches
Phänomen, das weniger politische Überzeugungen als seelische Zustände sichtbar
gemacht habe (479). Was von Hitlers Gegnern immer wieder als inhaltliche Schwä­
che seiner Reden kritisiert wurde, erscheint in dem Funktionszusammenhang, den
Fest ihm zuweist, als unabdingbar für den Erfolg. Dazu gehört die vage, allgemeine
Thematik ohne fassbare Zielbeschreibung, der Rückgriff auf unverbindliche weltan­
schauliche Metaphern und die Einfachheit der Ausführungen.
Fest zeigt, dass nicht nur die Reden Hitlers von unpolitischen Bildern und Kate­
gorien beherrscht seien. Vielmehr habe ein solch "unpolitisches" Politikverständnis
Tradition. Fest verweist etwa auf die so genannte Konservative Revolution (546).
Aus Irrationalismus und grandiosen Mythen sei das Gegenbild zur Republik ent­
standen. Hitler sei vor allem darin deutsch, dass er einen Gedanken schroff gegen
die Wirklichkeit gestellt habe (538). Er habe in seinen impulsiven Eingebungen
"durchweg mythisch, ästhetisch, realitätsfem, kurzum unpolitisch gedacht" (547).
Fest verweist in diesem Zusammenhang auch auf Walter Benjamins Begriff von der
"Ästhetisierung der Politik". Das Scheitern der Weimarer Republik habe auch darin
seine Ursache gehabt, dass deren Verteidiger wie die Apologeten eines korrupten,
hoffnungslosen Systems gewirkt hätten (546), die unfähig schienen, der Not eine
Deutung und den Opfern einen Sinn zu geben (458). Demgegenüber hätten die An­
greifer auf der Rechten "aus Mythos, Schwärmerei und feinem Bitterstoff das Ge­
genbild zur Republik errichtet (546).
Reden wie Lustmorde 45
1998 erschien der erste Band von Ian Kershaws Hitler-Biografie, dem im Jahre
2000 der zweite folgte.29 Das mit insgesamt mehr als 2.300 Seiten wahrhaft monu­
mentale Werk ist ein historiografisches Meisterstück, das methodologisch und hin­
sichtlich der Quellenlage auf dem neuesten Stand der Forschung ist und vieles von
dem erfüllt, was von einer wissenschaftlichen Hitler-Biografie immer wieder gefor­
dert wurde. Im Ton nüchterner und in der Deutung zurückhaltender als Fest, ver­
sucht Kershaw die Hitler-Zentrik des traditionel! biografischen Ansatzes zu über­
winden. Kershaw interessiert sich nicht für Hitlers Persönlichkeit, sondern für das
Wesen seiner Macht (1998, 23). Damit einher geht ein Wechsel der Perspektive:
Statt vorauszusetzen, dass ein Blick in Hitlers "Innerstes" allein historische Vorgän­
ge begreiflich macht, versucht Kershaw, die Wechselwirkung personaler und struk­
tureller Elemente zu verdeutlichen, die Hitler erst den Erwerb und später die Aus­
dehnung und den Erhalt seiner Macht ermöglichte. In diesem Zusammenhang ist es
dann weniger wichtig, zu ermitteln, wie Hitler wirklich war. Vielmehr komme es
darauf an, festzustellen, wie Hitler wahrgenommen wurde, was ihn in der Endphase
der Weimarer Republik für viele zum Retter und Hoffnungsträger, später zum be­
liebtesten Staatsoberhaupt der Welt (27) gemacht habe.
Hitlers Aufstieg von einem "Niemand", einem "namenlosen armen Teufel" (175)
zu einer lokalen Berühmtheit nach dem Ersten Weltkrieg führt Kershaw - wie ande­
re Biografen auch und wie auch Hitler selbst - auf die Entdeckung seiner einzigen
herausragenden Fähigkeit zurück, seiner rednerischen Begabung. Hitlers Erfolg in
den Münchner Bierkellem habe dabei nicht so sehr darauf beruht, was Hitler sagte.
Seine Botschaft sei nicht neu oder originell gewesen, viele andere hätten genau das­
selbe gesagt und keine Wirkung erzielt (177). Hitler habe vielmehr als Propagandist
Profil gewonnen. Es sei entscheidend gewesen, wie er seine Botschaft verkündet
habe. Er habe es in der Mobilisierung von Massen in einer Volksrede bald zu einer
"selbstbewußten Meisterschaft" (ebd.) gebracht. Die zentralen Bestandteile von Hit­
lers Rhetorik seien Einfachheit und Wiederholung gewesen (178), seine Reden hät­
ten sich deutlich unterschieden von den eintönigen und steifen Veranstaltungen der
bürgerlichen Parteien (192), sie seien getragen worden von "ausdrucksvoller, direk­
ter, grober, 'erdverbundener' Sprache" (191).
Bei den Inhalten von Hitlers Reden komme dem Antisemitismus besondere Be­
deutung zu. Hitler sei bereits in Wien von Lueger und dessen Präsentation von Poli­
tik beeindruckt gewesen. Hitler habe erkannt, dass Luegers funktional-pragmatische
Judenfeindschaft ein Mittel sei, um die "Instinkte" der breiten Masse anzusprechen
(1998, 67ffi). Zu Beginn seiner Rednerkarriere in München habe dann auch Hitler
bald erfahren, dass seine Zuhörer den Antisemitismus liebten und dass Angriffe ge­
gen die Juden ein geeignetes Mittel seien, um das Publikum zur Raserei zu bringen:
"Mehr als alles andere lösten diese Attacken Beifall- und Jubelstürme aus" (198).
Der funktionale Aspekt der antijüdischen Hetze spielt bei Hitler eine große Rolle.
So sei der Antisemitismus von Anfang an ein ideologisches Bindemittel der NS-
Bewegung gewesen, später auch ein Ventil und ein Ersatz für revolutionäre Neigun-
29
Kershaw 1998 und 2000.
46 Ulrich Nill

gen (597). Der Antisemitismus ist eines der immer wiederkehrenden Motive in Hit­
lers Reden, auf das er aber durchaus auch verzichten konnte, wenn es die Taktik er­
fordert habe, etwa im Sinne eines staatsmännischen Images.30 Hitler sei überhaupt in
der Lage gewesen, seine Reden dem jeweiligen Publikum und den Erfordernissen
der Stunde anzupassen. Er sei ein Schauspieler in Vollendung gewesen, der seine
natürliche Rednerbegabung mit einer ausgefeilten Vortragstechnik verband (1998,
360) und je nach Situation in eine andere Rolle schlüpfte (361).
Für Hitler habe der propagandistische Aspekt all dessen, was er sagte und tat,
eine wichtige Rolle gespielt, aber man dürfe Hitler nicht auf diesen Aspekt reduzie­
ren. Es sei ein Fehler vieler Kommentatoren gewesen, die NS-Ideologie wegen ihrer
Difhisität und wegen des Zynismus der Propaganda zu unterschätzen und lediglich
als Deckmantel für Machtstreben und Tyrannei anzusehen (1998, 330). Kershaw be­
tont, Hitler sei nicht nur als Propagandist, Manipulator und Mobilisierer anzusehen
(1998, 26), "er war auch Ideologe und vertrat unerschütterliche Überzeugungen - er
war der radikalste unter den Radikalen als Exponent einer [...] in sich geschlossenen
Weltanschauung" (ebd.). Die Schlüsselkomponenten von Hitlers persönlicher Welt­
anschauung seien die Judenvemichtung und der Erwerb von Lebensraum im Osten
gewesen (1998, 326). Diese Lehre sei grob, simplifizierend und barbarisch und
nichts als eine Wiederaufbereitung der brutalsten Grundsätze, die Imperialismus,
Rassismus und Antisemitismus Ende des 19. Jahrhunderts vertreten hätten, dennoch
sei daraus "für alle Aufnahmebereiten (Hervorhebung von U.N.) ein berauschendes
Gebräu" entstanden (ebd.). Hitler habe aus diesen Zutaten eine abstrakte Vision
entwickelt und in seinen Reden verkündet, eine Vision, deren Geschlossenheit und
Einfachheit von keinem anderen völkischen Führer erreicht worden sei (1998,
373).31 Das einzige Element, das zunächst noch gefehlt habe, um diese "Weltan­
schauung" zu vervollständigen, sei der geniale Führer gewesen. Ab 1923 habe die
Frage der Führerschaft eine zunehmende Rolle in Hitlers Reden gespielt, wobei Hit­
ler sich selbst mehr und mehr diese Rolle zugeschrieben habe. Der Führerkult, die
Bewunderung und Vergötterung, die Hitler danach in zunehmendem Maße erfuhr,
spiegle dabei weniger besondere Qualitäten Hitlers wider als Geistes- und Erwar­
tungshaltungen in der deutschen Gesellschaft (1998, 176), z.B. den weit verbreiteten

30 So habe es in den Jahren 1927 und 1928 deutlich weniger antijüdische Angriffe in den Reden gege­
ben als in den Jahren davor (1998, 369) und vor 1941 habe Hitler die Juden in seinen Reden jahre­
lang kaum erwähnt (2000, 650). Aber auch zu diesen Zeiten habe sich nichts an Hitlers pathologi­
schem Judenhass geändert
31 Kershaw argumentiert auch in diesem Zusammenhang äußerst differenziert. Die Entwicklung der
NSDAP zu einer Massenpartei habe unmittelbar nur wenig mit Hitlers obskurer Weltanschauung zu
tun, man müsse komplexere Prozesse berücksichtigen, warnt er (1998, 374). Aufschlussreich in die­
sem Zusammenhang ist ein Beispiel aus einem Polizeibericht aus dem Jahr 1929, das Kershaw an-
führt. Die NSDAP habe auf dem Land, vor allem bei den Bauern eine starke Basis gehabt, alte Bau­
ersfrauen in Schleswig-Holstein hätten das Hakenkreuzabzeichen an ihren Arbeitsschurzen getra­
gen. Aus Gesprächen mit diesen Frauen habe sich dann aber ergeben, dass sie nichts Uber die Ziele
der NSDAP gewusst hätten, dass sie aber gleichwohl überzeugt gewesen seien, dass nur die Natio­
nalsozialisten die Retter aus dem Elend sein könnten (1998, 393f.). Andererseits macht Kershaws
Werk deutlich, dass man nicht den Schluss ziehen darf, Hitlers Ideologie sei insgesamt zu vernach­
lässigen. In dieser Ideologie liegt ein wichtiger Schlüssel zur Erklärung von Krieg und Holocaust.
Reden wie Lustmorde 47
"Ruf nach dem starken Mann", Autoritätssehnsucht und subalternes Denken (1998,
378). Das Phänomen sei folglich nicht durch die Konzentration auf Hitlers Persön­
lichkeit zu verstehen, sondern durch die Untersuchung der Motive und Handlungen
seiner Anhänger und Bewunderer (ebd.). Hitlers Image sei in diesem Zusammen­
hang wichtiger als Hitlers Persönlichkeit.
Auch Kershaw verdeutlicht, dass die Wirkung von Hitlers Reden in hohem Ma­
ße von den äußeren Umständen und damit von der Situation seiner Zuhörer abhin­
gen. Während die Umstände direkt nach dem Ersten Weltkrieg für Hitler sehr güns­
tig gewesen seien, habe 1927 sein Zauber nicht mehr gewirkt. Wenige Deutsche hät­
ten sich während der "goldenen Jahre" von Weimar um Hitler gekümmert (1989,
386). ln der "Kampfzeit" sei die Anziehungskraft von Hitlers Agitation immer dann
groß gewesen, wenn die Republik mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte: "Krisen
waren Hitlers Elixier" (1998, 253). Umgekehrt hätten dann im "Dritten Reich" Sta­
bilität und Erfolge die Wirkung von Hitlers Reden begünstigt. Die veränderten Be­
dingungen in den letzten Jahren des Krieges hätten nach der Katastrophe von Sta­
lingrad dazu geführt, dass die Bindung einer zunehmend kriegsmüden Bevölkerung
an Hitler nachließ und dass die wenigen Reden, die Hitler noch hielt, oft kritisch
aufgenommen wurden (2000, 792): "Die Rhetorik des Diktators, die in sonnigeren
Zeiten so kraftvoll gewesen war, konnte die Massen nicht mehr mitreißen. [...] Der
große Redner faszinierte nicht länger mehr sein Publikum." (2000, 797)
Kershaw zeigt, dass die Einschätzung einer Hitler-Rede auch stark von der Per­
spektive der Zuhörer abhängig war. Diejenigen, die ohnehin von Hitler eingenom­
men waren und über eine entsprechende Disposition verfügten, seien äußerst beein­
druckt gewesen, diejenigen, die Hitler aus einer Position der kritischen Distanz zu­
hörten, hätten seine plumpen Argumente schnell durchschauen können (1998, 363).
Kershaw führt das Beispiel einer Rede aus dem Jahr 1927 an, die Hitlers Anhänger
für das "Evangelium" gehalten hätten, während der ebenfalls anwesende Polizeibe­
richterstatter meinte, die Rede sei "weitschweifig, monoton, mit eintönigen Passagen
und unlogischen Argumenten voller plumper Vergleiche und ordinärer Anspielun­
gen" (375) gewesen. Ein weiteres Beispiel ist eine Tirade gegen die Tschechoslo­
wakei. Während ein amerikanischer Journalist Hitler als "schrecklich brüllend und
kreischend" empfand, habe der Hitler-Bewunderer Goebbels in der Rede ein "psy­
chologisches Meisterstück" (2000, 173) gesehen.
Kershaws Darstellung verdeutlicht, dass Hitler seine kommunikativen Fähigkei­
ten vor allem als Volksredner im Kontakt mit einer Menschenmasse entfalten konn­
te. Anfang 1920 habe Hitler es abgelehnt, bei der Hochzeit von Hermann Esser, ei­
nem frühen Mitstreiter, zu sprechen, mit der Begründung, er finde in einem kleinen
Kreis einfach nicht die richtigen Worte (1998, 177). Kershaw Darstellung legt nahe,
dass das Verhältnis des Volksredners zu seinem Publikum zum beherrschenden
Muster für Hitlers kommunikativen Austausch mit anderen Menschen überhaupt
wurde. Dagegen sei der "Starredner" (195) konsterniert verstummt, wenn er im klei­
nen Kreis auf energischen Widerspruch getroffen sei (1998, 193). Dort hätte Hitler
seine Befangenheit nur dann abgelegt, wenn er das Gespräch beherrscht habe. Dann
48 Ulrich Nill

habe er mit langen Monologen seine Halbbildung überdecken können (363). Be­
zeichnend im Hinblick auf dieses Gesprächsverhalten ist eine Besprechung, die
1930 zwischen Hitler und Reichskanzler Brüning über die außenpolitische Strategie
stattfand. Hitler habe zu einem einstündigen Monolog angesetzt und dabei auf seine
Gesprächspartner eingeredet wie auf die Zuhörer einer Massenkundgebung, immer
wieder angefeuert durch einen eigens bestellten SA-Trupp, der in regelmäßigen Ab­
ständen singend am Fenster vorbei marschierte (429). Sein Monologisieren sei auch
bezeichnend gewesen für Hitlers Führungsstil. Wenn es Differenzen gab, etwa mit
Strasser und seinen Anhängern, so habe Hitler auch hier das Gespräch mit Rede und
Gegenrede vermieden und vielmehr versucht, die Differenzen durch einen Monolog,
eine Versammlungsrede, auszuräumen (498ff.). Hitler habe sich auch immer wieder
mit Bewunderern umgeben, die seinen endlosen Monologen lauschten (434). Auch
Hitlers Tischgespräche seien vorwiegend Reden gewesen, wobei den Tischgästen
lediglich die Aufgaben der Zuhörer und Stichwortgeber zugefallen seien. Selbst
Magda Goebbels, eine treue Anhängerin von Hitler, habe sich darüber beklagt, dass
Hitler ständig rede, dabei die immer gleichen Dinge wiederhole und seine Zuhörer
anöde (2000, 283). In den letzten Kriegsjahren, als Hitlers Schlaflosigkeit chronisch
wurde, hätten seine Sekretärinnen immer längere nächtliche Monologe ertragen
müssen - zu sattsam bekannten Themen (2000, 725).
Kershaws Darstellung macht auch deutlich, dass Hitlers Kommunikationsverhal­
ten zu einer regelrechten Abschottung gegen Sichtweisen und Auffassungen geführt
hat, die nicht die seinen waren.32 Kershaw zitiert den Pressechef der NSDAP, Otto
Dietrich, der über Hitler sagte: "Er wollte reden, aber nicht zuhören, er wollte
Hammer, aber nicht Amboß sein" (1998, 668). Hitler sei vor allem Redner und Pro­
pagandist gewesen und geblieben, auch dort, wo eigentlich andere Fähigkeiten ge­
fragt waren. So zeigt Kershaw, dass Hitler bereits vor der Machtübernahme einen
sehr unsystematischen Arbeitsstil hatte, der seine Mitarbeiter zur Verzweiflung
brachte. Wenn Sie von ihm eine konkrete Entscheidung verlangten hätten, habe er,
im Zimmer auf und abschreitend, die Thematik in einem oft einstündigen Monolog
ausgebreitet, wobei er häufig das Thema aus dem Auge verloren habe und abge­
schweift sei (1998, 434). Hitlers Arbeitsweise sei auch als Reichskanzler unmetho­
disch und nachlässig gewesen. Besucher seien von Hitlers Adjutanten darauf auf­
merksam gemacht worden, dass sie keines von Hitlers Lieblingsthemen - etwa den
Ersten Weltkrieg - ansprechen sollten, da anderenfalls ein endloser Monolog Hitlers
die unvermeidbare Folge gewesen wäre (1998, 673). Nur in einem Punkt sei Hitler
bei der Schreibtischarbeit nicht lethargisch gewesen, wenn es nämlich um die Vor­
bereitung seiner Reden ging. Bei Besprechungen der Gauleiter der NSDAP, die nur
auf das Geheiß von Hitler stattfanden, sei ebenfalls nicht über Politik diskutiert

32 Als Hitler in den zwanziger Jahren ermutigt wurde, eine Fremdsprache zu erlernen und Auslandsrei­
sen zu machen, habe er geantwortet: "Was also könnte ich schon Neues lernen?" (1998, 363) Auch
Hitlers Lesetechnik, die er in Mein Kampf beschreibt, gehört in diesen Zusammenhang: "Es fehlt
ihnen [denjenigen, die "falsch" lesen, U.N.] die Kunst, im Buche das für sie Wertvolle vom Wertlo­
sen zu sondern, das eine dann im Kopfe zu behalten für immer, das andere, wenn möglich, gar nicht
zu sehen, auf jeden Fall aber nicht als zwecklosen Ballast mitzuschleppen” (Hitler 1933, 36).
Reden wie Lustmorde 49

worden, sondern man habe einer Führerrede gelauscht (676). Wenn es Konflikte ge­
geben habe, die ein Eingreifen Hitlers nötig machten, wie 1935 die Spannungen
zwischen SA und SS auf der einen und der Reichswehr auf der anderen Seite, habe
er diese durch eine Rede zu lösen versucht (686). Kershaw zeigt, dass Hitler auch in
Verhandlungen mit ausländischen Politikern oft als "Redner" auftrat. Er sei bei­
spielsweise sehr zufrieden gewesen über eine Unterredung mit Mussolini, bei der er
ununterbrochen, dieser sehr wenig geredet habe (2000, 395), er habe Verhandlun­
gen mit Franco als weitschweifige Ansprache gestaltet (443) usw.
In Kershaws Darstellung wird deutlich, dass Hitlers spezifischer Kommunikati­
onsstil, seine Unfähigkeit zu diskutieren und kritische Äußerungen aufzunehmen
und sein geradezu zwanghaftes Monologisieren mit Selbstüberschätzung einher ging
und extremer Herabsetzung all jener, die rationaler argumentierten als er selbst
(2000, 321). Kershaws Darstellung legt nahe, dass diese Züge Hitlers wohl mitver­
antwortlich für seine teilweise spektakulären Siege auf diplomatischem und militäri­
schem Gebiet waren, wenn er sich über Bedenken, Einwände und Rücksichten hin­
weg setzte und einen schwachen Gegner überrumpelte, dass sie aber genauso zu den
Katastrophen beitrugen, die sich auch deshalb ereignen konnten, weil Hitler keine
Ratschläge von Fachleuten akzeptierte. In Gesprächen mit anderen nahm Hitler vor
allem die Informationen auf, die seine eigene Sicht stützten. Wenn ein General
Skepsis oder Widerspruch artikulierte, sei er rhetorisch überwältigt worden, z.B. mit
einem Wust falscher Zahlen und Statistiken (2000, 160). Tagespolitische Details
und ganze Bereiche der Politik, wie etwa die Landwirtschaft, hätten Hitler nicht in­
teressiert (251). Als ihm ein Bericht über die schlechte Stimmung in der Bevölke­
rung vorgelegt wurde, habe er gebrüllt, er wisse es besser, die Stimmung sei gut,
und er verbitte sich in Zukunft solche Berichte (252).
Eine der größten Stärken von Kershaws Werk besteht darin, dass es begreiflich
macht, wie Hitlers Herrschaft konkret funktionierte und welchen Zusammenhang es
gab zwischen dem, was Hitler dachte und sagte und dem, was seine Anhänger taten.
Damit geraten auch die antijüdische Politik und die "Endlösung", die Vernichtung
der europäischen Juden, in den Blick, Aspekte, die in früheren Biografien kaum be­
rücksichtigt wurden.33 Kershaw verdeutlicht, dass es sich bei Hitlers Herrschaft ge­
rade nicht um eine straff geführte Zentralregierung handelte mit einer genau festge­
legten Hierarchie und einer lückenlosen Kette von Befehl und Gehorsam von oben
nach unten. Hitlers lange Abwesenheiten von Berlin im Vorfeld des Krieges hätten
gezeigt, wie weit schon zu diesem Zeitpunkt die Auflösung dessen gegangen sei,
was noch an eine Zentralregierung herkömmlicher Art erinnert habe (2000, 283).
Mit Beginn des Krieges und noch mehr, als 1941 der Russlandfeldzug unternommen
wurde, sei Hitler den Alltagsgeschäften der Regierung des Reiches weitgehend fem-
gerückt (2000, 423). Auch habe es keine andere Körperschaft gegeben, die den
Platz des "Führers" eingenommen habe. Stattdessen habe ein Verwaltungschaos und
eine "an Anarchie grenzende Konkurrenz von Vasallen" (424) geherrscht. Diese
Konstellation habe aber keineswegs zu einer Schwächung Hitlers geführt, vielmehr
33
Eine Ausnahme ist die gute Biografie von Steinert 1994.
50 Ulrich Nill

habe sie die "kumulative Radikalisierung" (ebd.) im Dritten Reich begünstigt oder
erst ermöglicht.
All diese Vasallen hätten sich nämlich stets bemüht - das ist Kershaws zentrale
Metapher - "dem Führer entgegen zu arbeiten". Sie hätten sich gegenseitig in dem
Bestreben überboten, Hitlers "Vision" in die Tat umzusetzen. Konkrete Anweisun­
gen seien so ersetzt worden durch ein "Erahnen" des Führerwillens, eine Antizipati­
on von Hitlers Wünschen und Absichten, die dann umgehend in vorauseilendem
Gehorsam umgesetzt worden seien. Eine beiläufige Äußerung Hitlers, ein zufälliges
Wort des Diktators sei in der Lage gewesen, hektische Betriebsamkeit auszulösen
(2000, 474). Hitlers Reden hätten in diesem Zusammenhang die ganz konkrete
Funktion handlungsleitender Orientierungsmarken gehabt, wobei die ihnen meist ei­
gene Vagheit und der sich daraus ergebende interpretationsspielraum eine Eigendy­
namik begünstigt habe, die zu einer radikalen und rücksichtslosen Umsetzung von
Hitlers ideologischen Positionen geführt habe. Auf diese Weise sei auch der Prozess
einer zunehmend entfesselten Barbarei, der fortschreitenden Dezivilisierung und das
Überschreiten der Schwelle zur offenen Kriminalität zu erklären.
Kershaw lässt keinen Zweifel daran, dass das "Euthanasieprogramm", die Morde
und der Terror im besetzten Polen, der Massenmord beim Russlandfeldzug und
schließlich auch der Völkermord an den Juden Hitlers Willen entsprochen haben.
Gleichzeitig wird aber klar, dass diese Verbrechen nicht darauf zurückzuführen
sind, dass ein allmächtiger Diktator mit den Mitteln der Tyrannei seinen Willen
durchgesetzt habe. Vielmehr sei die Durchführung dieser Verbrechen gerade da­
durch möglich geworden, dass Hitlers Paladine kein klar formuliertes Mandat ge­
habt hätten. Sie hätten vielmehr über Spielräume verfügt, um ihre eigenen kleinen
Reiche aufzubauen und auszudehnen, und damit die Möglichkeit erhalten, auf die
Erfüllung von Hitlers "Vision" hinzuarbeiten: "Administratives Chaos und 'kumula­
tive Radikalisierung' waren zwei Seiten einer Medaille" (2000, 427). Der ideologi­
sche Impuls zur Vernichtung des "Erzfeinds im Osten" sei von Hitler ausgegangen,
er habe den Ton für die Barbarei angegeben, während sich andere mit der prakti­
schen Durchführung beschäftigten (471). Lokale und regionale Mord-Initiativen hät­
ten ihre eigene Dynamik entwickelt (654), legitimiert durch Hitlers "Vision". Diese
Dynamik, die durch Kershaws Interpretation verständlich wird, schlägt die Brücke
zwischen Hitlers wahnhaften Obsessionen, besonders der "Entfernung" der Juden
und der Schaffung von "Lebensraum" und deren Verwirklichung, dem Genozid. So
wird auch deutlich, weshalb der Weg zu einer "rassischen Reinigung" trotz "bemer­
kenswert wenig Anleitung von seiten Hitlers" (2000, 325) beschritten wurde und
weshalb es keines ausdrücklichen Führerbefehls bedurfte, um mit der "Endlösung
der Judenfrage" zu beginnen.
In diesem Zusammenhang rückt auch der Redner Hitler in das Blickfeld. Hitlers
antisemitische Rhetorik erscheint hier nicht mehr als abstoßendes, aber letztlich fol­
genloses Geschwätz, das pragmatisch im Sinne wirkungsvoller Propaganda und ef­
fektvoller Versammlungsdramaturgie eingesetzt wurde, sondern als Wegweiser zum
Holocaust. Hitlers Rhetorik hat einerseits Bezüge zu einer Mentalität und Denkwei-
Reden wie Lustmorde 51

se, andererseits zu konkreten Taten. Kershaw zeigt, dass Hitlers Denken durch eine
"schroff dualistische Sichtweise" gekennzeichnet war (2000, 320) und durch seine
Neigung, in der Argumentation krasse Alternativen aufzubauen. Dabei produziert
die Rhetorik eine eigene Logik: Ein Sieg im Kriege würde das Überleben sicherstel­
len, eine Niederlage die totale Auslöschung und das Ende des deutschen Volkes be­
deuten (ebd.). Da Hitler die Geschichte in erster Linie als Rassenkampf interpretier­
te, gilt Ähnliches für das Verhältnis der "Juden" und der "Arier". Auch hier gibt es
einen engen, rhetorisch fixierten Zusammenhang zwischen "Vernichtung" der einen
und "Erlösung" der anderen Gruppe. Kershaw schreibt Hitlers Reichstagsrede vom
30. Januar 1939 besondere Bedeutung zu. ln dieser Rede, auf die sich Hitler auch
später immer wieder bezog, hatte er die "Vernichtung der jüdischen Rasse in Euro­
pa" prophezeit, falls es zu einem neuen Weltkrieg komme (2000, 214). Hitler habe
schon 1924 die gedankliche Verknüpfung eines auf den Erwerb von "Lebensraum"
gerichteten Krieges gegen Russland mit der "Judenvemichtung" vorgenommen
(1998, 325). Daneben ist es kennzeichnend für die fragliche Mentalität, die eben
nicht nur die Hitlers war, dass den Feinden die Attribute des Menschlichen abge­
sprochen werden. Die klare und letztlich mörderische Grenze zwischen "Menschen"
und "Untermenschen" findet sich zunächst einmal im Sprachgebrauch. In diesen Zu­
sammenhang gehört die bekannte Schädlingsmetaphorik, mit der Juden gekenn­
zeichnet wurden und die Hitler bereits Anfang der 20er Jahre von Paul de Lagarde
und anderen Antisemiten übernommen habe (1998, 198) und die Tatsache, dass die
Feinde im Osten während des Krieges immer wieder als "wilde Tiere" bezeichnet
wurden (2000, 523).
Andererseits wird deutlich, dass Hitlers Rhetorik Bezüge zu konkreten Taten
hatte. Hitlers Äußerungen seien von seinen Anhängern als implizite Handlungsan­
weisung und als Richtschnur für Mord und Vernichtung gesehen worden. Hitlers
allgemeine Zustimmung zur "Entfernung der Juden" und seine Prophezeiung, der
Krieg werde eine "Lösung der Judenfrage" mit sich bringen, seien nicht nur Worte
geblieben, sondern hätten zu konkreten Maßnahmen, zur Durchführung eines um­
fassenden Genozids geführt (2000, 437). Auch die sprachliche Etikettierung des
Feindes hätte vielfach ganz konkrete, todbringende Konsequenzen gehabt. So sei im
"Kommissarbefehl" vom 6. Juni 1941 angeordnet worden, dass politische Kommis­
sare aller Art sofort zu erschießen seien (475). Dasselbe habe für "Partisanen" ge­
golten (519). Die Begriffe "Partisan" und "Kommissar" hätten dann von der SS sehr
frei interpretiert werden können und seien eine wohlfeile Legitimation für Morde
gewesen.
Es ist ein langer Weg von Schott bis Kershaw. Zwischen dem ersten und dem
bislang letzten der Hitler-Biografen liegen in jeder Hinsicht Welten. Auch wenn es
sich keiner der Autoren, die hier berücksichtigt wurden, speziell zur Aufgabe ge­
macht hat, Hitlers Reden zu analysieren, entsteht in der Zusammenschau ihrer Er­
gebnisse dennoch ein bemerkenswert schlüssiges und umfassendes Bild über den
Redner Hitler, das wiederum ein guter Ausgangspunkt für eingehende rhetorischen
Analysen sein kann. Die wichtigsten Erkenntnisse sind dabei zum einen, dass Hitlers
Rhetorik im Hinblick auf das Gesamtphänomen des Nationalsozialismus durchaus
52 Ulrich Nill

relevant war, und zwar nicht nur im Hinblick auf ihre nahe liegende Funktion, das
Publikum einer Versammlung zu beeinflussen. Zum anderen wird nachhaltig bestä­
tigt, dass der Wirkungszusammenhang der Texte nicht einfach aus diesen ablesbar
ist, dass mithin Vorsicht geboten ist gegenüber jeder Untersuchung, die erklärt, wie
die Zuhörer einer Hitler-Rede "überwältigt" werden, ohne dass die spezifischen Be­
dingungen thematisiert werden, die eine solche Wirkung erst ermöglichen.

Literatur

Berthold, W.: "Einleitung", in: Olden 1981, V-XII.


Bosch, M. (Hg ): Persönlichkeit und Struktur in der Geschichte. Historische Bestandsaufnahme und di­
daktische Implikationen, Düsseldorf 1977.
Bracher, K.: Zeitgeschichtliche Kontroversen, München 1976.
Bullock, A.: Hitler Eine Studie über Tyrannei, Düsseldorf 1959.
Eichholtz, D./Gossweiler, K. (Hg): Faschismus-Forschung. Positionen Probleme Polemik, Berlin
21980.
Fest, J.: Hitler Eine Biographie, München 2000.
Goldhagen, D.: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin
1996.
Graml, H.: "Probleme einer Hitler-Biographie. Kritische Anmerkungen zu Joachim C. Fest", in VfZG 22
(1974) 76-92.
Heiden, K.. Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Eine Biographie. Zürich 1936.
Heuss, T.. Hitlers Weg. Eine Schrift aus dem Jahre 1932 (neu hg. und mit einer Einleitung von E. Jä­
ckel), Tübingen 1968.
Hildebrand, K.: "Nationalsozialismus oder Hitlerismus", in: Bosch 1977, 55-61.
Hitler, A.: Mein Kampf, München 1933.
Jäckel, E.: "Einleitung", in: Heuss 1968, XI-XLIV.
Kershaw, I.: Hitler 1989-1936, Stuttgart 1998
Ders.: Hitler 1936-1945, Stuttgart 2000.
Lukacs, J.: Hitler. Geschichte und Geschichtsschreibung, Berlin 1999.
Mommsen, H.: "Nationalsozialismus oder Hitlerismus", in: Bosch 1977, 62-71.
Nill, U.: Die "geniale Vereinfachung " Anti-Intellektualismus in Ideologie und Sprachgebrauch bei Jo­
seph Goebbels, Frankfurt/M.-Bern-New York-Paris 1991.
Olden, R.: Hitler (Neudr. d. Ausg. Amsterdam 1935), Hildesheim 1981 (= Exilliteratur Bd. 12).
Rosenbaum, R.: Die Hitler-Debatte. Auf der Suche nach dem Ursprung des Bösen, München-Wien
1999.
Ruck, M.: Bibliographie zum Nationalsozialismus, Darmstadt 2000.
Schott, G.: Das Volksbuch vom Hitler, München 1924.
Schreiber, G.: Hitler Interpretationen 1923-1983 Ergebnisse. Methoden und Probleme der Forschung,
Darmstadt 21988.
Steinert, M.: Hitler, München 1994.
Wippermann, W.: Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute,
Darmstadt 1997.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme der
Forschung
Johannes G. Pankau

1. Erste Annäherung: Der Gemeinplatz vom rhetorischen Genie


und die Schwierigkeiten der Objektivierung

1.1 Hitler als Meisterredner

Hitler besaß, da sind sich die zeitgenössischen Beobachter verschiedenster Couleur,


die NS-Forscher und die Biographen einig, eine "außerordentliche Redegabe"
(Domarus 1962/63, 45), er war eine "rhetorische Urbegabung" (Scholdt 1993,
339). Bestätigt wird immer wieder, was Hitler selbst in "Mein Kampf' beschwor:
die fast übermenschliche Kraft des Redners. Dieses Grundbuch der NS-Bewegung
blieb über lange Zeit der Angelpunkt für die Analyse der zentralen Rolle von Rede
und Propaganda im Nationalsozialismus. Für Hitler diente beides der Überwälti­
gung einer willenlosen, 'femininen' Masse, der es den Willen des Redners/Propa­
gandisten in einer Art 'Ringkampf aufzuzwingen galt. In diesem Kampf sei alles er­
laubt, was dem Ziel diene, es gehe um den Sieg, nicht um Inhalte irgendwelcher
Art. Unzweifelhaft scheint, dass der Erfolg der Nationalsozialisten bei der Errin­
gung und Festigung ihrer Herrschaft in entscheidendem Maße auf der Führerfigur
Hitler und dem um sie herum errichteten Mythos beruhten, der Ergebnis einer raffi­
nierten, massenwirksamen Propaganda mit dem Kernstück der öffentlich vor gro­
ßem Auditorium gehaltenen und inszenierten Rede war. Die unterschiedlichen, von
der Geschichtswissenschaft entwickelten Entstehungstheorien variierten diese Prä­
missen immer wieder. Alan Bullock, der mit "Hitler. A Study in Tyranny" (1964)
eine wichtige frühe Hitler-Biographie publiziert hatte, sieht (im Sonderheft des
"Spiegel" zu Hitlers 100. Geburtstag) die zentralen Voraussetzungen für den Erfolg
in "seiner Kunst der Selbstinszenierung" (Bullock 1989, 8). In ähnlichem Sinne
schrieb Norbert Elias zum selben Anlass: "Er war - je nach Einstellung - ein Volks­
redner. Hetzredner oder Demagoge. Seine Redekunst wurde zum wichtigsten In­
strument für seinen Aufstieg und womöglich auch für den seiner Partei" (Elias
1989, 44). Besonders die Vertreter der lange Zeit dominierenden Hitler-zentristi-
schen Richtungen betonten die propagandistisch-rhetorische Omnipotenz des 'Füh­
rers'.1 Mag diese Sichtweise innerhalb der Geschichtswissenschaft inzwischen eher
verpönt sein, so präsentieren auch neuere Darstellungen den Redner Hitler mitunter

i
Vgl Mommsen 1989, 21.
54 Johannes G. Pankau

als einen geradezu teuflischen Meister der Massenbeeinflussung, so Guido Knopps


populäres Begleitbuch zur gleichnamigen Femsehserie "Hitler. Eine Bilanz", das
Hitlers "diabolische Meisterschaft der Massensuggestion" (1995, 35) ausmalt. Aber
auch ein nicht zu derartigen narrativen Höhenflügen neigender Historiker wie Ian
Kershaw spricht in der gegenwärtig maßgebenden Biographie von "Hitlers Instinkt,
der ihn vor anderen Rednern mit einer ähnlichen Botschaft auszeichnete, in der
Sprache der Zuhörer zu reden und sie durch die Leidenschaft und die augenschein­
liche Ehrlichkeit - so merkwürdig das für unsere Ohren klingt - seines Idealismus
mitzureißen" (1998, 195).

1.2 Problematik des Zugangs - das Dilemma der Forschung

Die Bedeutung des Gegenstandes - Hitlers Rhetorik und Propaganda - ist unstrittig,
in vieler Weise problematisch aber dessen analytische Bearbeitung. Zunächst: Was
gibt es dabei überhaupt zu entschlüsseln? Hitler ist offen, was seine Rede- und Pro­
pagandaziele angeht. Wie Joachim Dyck meinte: "Es ist die Offenheit einer unge­
bremsten, durch wenig Über-Ich-Funktion regulierten Aggression" (1999, 39). Au­
ßerdem, auch darauf weist Dyck hin: Gibt es überhaupt eine spezifische Rhetorik
von Hitler, Goebbels oder des Nationalsozialismus überhaupt?2 Die Geschichtswis­
senschaft, im Gegensatz von Strukturalisten und Intentionalisten, aber auch die
Propaganda- und Rhetorikforschung sehen sich im Spannungsfeld zwischen den
Polen einer ideologisierten Personalisierung - etwa in Fests Annahme des letzten
"großen Täters" (1973, 23) - und einer einseitigen Objektivierung, die die 'materiel­
le Gewalt' der Einzelpersönlichkeit ausblendet.
Für die Rhetorik-Forschung im engeren Sinne stellt sich ein weiteres Problem,
auf das Ulrich Nill hingewiesen hat, dass nämlich das Thema in der Öffentlichkeit
keiner Legitimationsgrundlage bedarf, zugleich jedoch "die wissenschaftliche Be­
schäftigung mit der Rhetorik der Nationalsozialisten kaum Widerhall im Bewußt­
sein dieser Öffentlichkeit hinterlassen hat" (1998, 1). Die mangelnde Resonanz der
Untersuchungen zur Sprache und Rhetorik des Nationalsozialismus fuhrt Nill auf
die Anlage dieser Forschungen selbst zurück: "Die Analyseinstrumente wirken oft
stumpf, die Ergebnisse sind enttäuschend und nichtssagend" (1998, 2). Man befin­
det sich also auf unsicherem Terrain, und in neuerer Zeit ist kaum noch der Ver­
such einer umfassenden Darstellung der NS-Rede unternommen worden. Die
Schwierigkeit besteht nicht zuletzt in der Absenz eines fest umrissenen Untersu­
chungsgegenstandes; wo man sich auf die Erfassung von Redeaufbau und sprachli­
cher Strukturierung beschränkt, bleiben die Ergebnisse unbefriedigend, da partiku­
lar, denn von ihrem Ansatz her blenden die Forschungen das Gesamt der NS-
Propaganda, die 'Inszenierung' aus, mit dem diese Redeform untrennbar verbunden
ist. Propaganda wiederum ist ein interdisziplinärer Gegenstand par excellence, be­
arbeitet von Geschichts-, Sozial-, Kommunikations- und Kunstwissenschaften glei-
2
Vgl. Dyck 1999, 32.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 55
chermaßen, nicht zuletzt von der Sozialpsychologie seit den Untersuchungen Le
Bons, McDougalls und Freuds. Die Redeforschung - wie die damit eng verbundene
Sprachanalyse - befindet sich also in einer prekären Zirkularität. Begnügt sie sich
mit der Aufklärung des ihr zugewiesenen Teilbereichs, gelingt meist bei beträchtli­
chem Aufwand nicht viel mehr als die immer aufs Neue variierte Darstellung be­
kannter Oberflächenphänomene - daher der Eindruck ermüdender Redundanz bei
der Sichtung der einschlägigen Untersuchungen. Es überrascht nicht, dass die Rhe­
torik-Forschung von den anderen mit dem Nationalsozialismus befassten Diszipli­
nen, insbesondere der Geschichtswissenschaft, nur peripher wahrgenommen wurde.
Hitler-Biographen wie Kershaw werten zwar die Quellen zur Wirkungsgeschichte
subtil aus, nehmen jedoch auf die Rhetorik-Forschung kaum Bezug, sondern be­
schränken sich bei der Betrachtung von Hitlers Reden auf Merkmale, die auch ohne
eine Spezialanalyse auffallen: die Tendenzen zur Schematisierung, zur Wiederho­
lung sowie zum Superlativismus.

2. Möglichkeiten und Grenzen bisheriger Forschung

2.1 Wer war Hitler? Annäherungen an einen Demagogen

Die Frage nach der Persönlichkeit, der Funktion und dem 'Image' Hitlers war für
die politische wie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozia­
lismus seit ihrem Beginn von zentraler Bedeutung. Die zeitgenössischen Darstel­
lungen der Emigranten fokussierten sich häufig auf den Inszenator, Redner, Schau­
spieler, den Massenmanipulator. In Brechts "Arturo Ui" ging es - ebenso wie in
Chaplins "Diktator"-Film - um Entlarvung und Aufklärung - gerichtet vor allem an
eine außerdeutsche Öffentlichkeit. Auch die publizistische und im engeren Sinne
wissenschaftliche Auseinandersetzung während des 3. Reiches sollte zur Stärkung
der Abwehrkräfte dienen; gegen den 'Sog' von Demagogen seines Schlages schie­
nen auch die demokratisch verfassten Nationen nicht immun. Schon 1939 im frühen
Londoner Exil nahm sich Sebastian Haffher vor, das "Rätsel Hitler" (1996) aufzu­
klären. Hitler erscheint als egozentrischer Schwindler, angetrieben von Minderwer­
tigkeitsgefühlen.3 Der Versuch einer Persönlichkeitsanalyse ist einem weiter rei­
chenden Ziel zugeordnet: der Aufklärung der britischen Öffentlichkeit über die
Gründe für den Erfolg der Nazis, insbesondere dem der Propaganda, die für Haff-
ner in der Übereinstimmung von Volk und Führer, einer gleichartigen Disposition
besteht. Auch wo die Rede im engeren Sinne thematisiert wird, ist das Motiv die
konkrete aufklärerische Absicht, so in Kenneth Burkes zur gleichen Zeit im "Sou­
thern Review" veröffentlichten Studie "The Rhetoric in Hitler's 'Battle'". Mittels ei­
ner sozialpsychologischen, soziologischen und in einem ausgeweiteten Sinne ’rhe-

3
Vgl. Haffner 1996, 33. Die Psychopathologie der Persönlichkeit Hitlers geht immer wieder auch in
spätere Analysen ein; vgl etwa Nolte 1984, 356ff.
56 Johannes G. Pankau

torischen' Analyse, die bereits zahlreiche in späteren Publikationen variierte Beo­


bachtungen enthält (pseudo-religiöse Elemente, Sexualsymbolik, Wiederholungs­
technik, antithetische Grundstruktur, Sündenbockschema, Priorität der Bildberei­
che), soll die Öffentlichkeit immunisiert werden, "so daß Politiker seines Schlages
in Amerika keinen solchen Schwindel inszenieren können" (1967, 33). Freilich
lässt sich die Faszinationswirkung dieses Propagandisten, Agitators und Redners
analytisch nur schwer festmachen, er ist eben doch wohl mehr als ein bloßer
'Schwindler'. Norbert Elias (ebenso wie die Biographen Fest und Kershaw) rekur­
riert auf die von Max Weber entwickelte Kategorie des charismatischen Herrschers,
dessen Verhältnis zu den Massen durch "die fast bedingungslose Hingabe der Ge­
führten oder das teilweise Verlieren des Realitätssinns" (1989, 43) gekennzeichnet
ist. Die inhaltlichen Füllungen des Begriffs unterscheiden sich jedoch: Fest unter­
streicht in seiner Biographie die Bedeutung der charismatischen Persönlichkeit als
geschichtsbildenden Faktor und sieht in diesem Zusammenhang auch die rhetori­
schen Fähigkeiten Hitlers; er erscheint einerseits als kalkulierender Massenpsycho­
logie, der bereits früh Einsicht in seine medialen Fähigkeiten hat und die Reden ra­
tional plant und durchführt, andererseits als bohemehafter Künstler, der die Propa­
ganda als 'Kunst' betreibt.4 Kershaw betont dagegen den funktionalen Aspekt, die
systematisch gesteuerte propagandistische Arbeit an einer "politischen Imagolo-
gie" (1999, 15); die Art der Präsentation wird zur Hauptbedingung für Hitlers Er­
folg, nicht nur für die Frühzeit: "Es zählte nicht, was er sagte, sondern, wie er es
sagte. Seine ganze Karriere beruhte auf Darstellung" (1999, 177). Die Rede vom
charismatischen Führer oder vom 'Führer-Mythos' ist angesichts der Rezeptionsdo­
kumente plausibel: Freilich erscheint der Begriff selbst in gewisser Weise mythi-
siert; die Abstraktion von Inhalten, die sich in seiner Verwendung manifestiert, ist
besonders für die Redeanalyse problematisch, die sich über die Untersuchung des
Präsentativen, des 'Schmucks' hinaus, gerade auf einen Zusammenhang von Form
und Inhalt richtet, der in Kershaws Argumentation tendenziell aufgehoben ist. Der
Führermythos ist gemacht, gründet auf der zunehmend technisch medialen Präsen­
tation sowie bestimmten persönlichen Dispositionen, die den im privaten Bereich
als eher kommunikationsgehemmt beschriebenen Demagogen in einen öffentlich
wirksamen Kommunikator umwandelten.5

2.2 Was erbrachten die Analysen zu Rede und Sprache?

Den ersten deutschsprachigen Analysen zur NS-Sprache und Rhetorik in der Nach­
kriegszeit (die Bereiche haben einen engen Zusammenhang) unterlag die Frage,
welche besonderen lexikologischen Formen die 'Nazi-Sprache' charakterisierten,
die offensichtlich das Bewusstsein großer Teile der deutschen Bevölkerung 'vergif-
4 Vgl Fest 1973, 217f.
5 Zwischen (öffentlicher) Größe und individueller Armut unterschieden Fest wie Haffner; vgl. Fest
1973, 24; Haffner 1978, 8. Auf die dominierende Rolle Hitlers bei der Ausbildung des um ihn ge­
schaffenen Mythos verwies Grieswelle 1969, 112f.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 57
ten' konnte? Diese Versuche waren von der ’Allmachtsvermutung' bestimmt: Nicht
nur war es den Nazis offensichtlich gelungen, die Deutschen mit ihrer Ideologie zu
'infizieren', darüber hinaus hatten sie auch die Sprache in einer umfassenden Weise
transformiert, die sie als Manipulationsinstrument fungibel machte. Selbstverständ­
lich stand dies, wie noch die jüngeren Diskussionen - vom Historikerstreit bis zu
den Goldhagen- und Walser-Debatten - zeigen, in engem Zusammenhang mit der
Sicht der postfaschistischen Gegenwart, insbesondere der Annahme einer Kontinui­
tät bzw. Diskontinuität, einem Traditionsbruch, der Akzeptanz einer nationalen
Schuld oder der Vermutung einer kollektiven Verführung. Der Versuch, typische
Merkmale der NS-Sprache' oder des 'NS-Deutsch' zu rekonstruieren, beginnt 1947
mit Victor Klemperers "LTI. Notizbuch eines Philologen" (1993). Die Frage nach
den Deformationen der deutschen Sprache und ihrer Instrumentalisierung für die
NS-Propaganda steht im Zentrum der moralisch motivierten Untersuchungen, damit
auch die nach den Ursachen und Ausprägungen einer 'Vergiftung' durch eine per­
vertierte Sprachform; der Nazismus drang, so meinte Klemperer, ein "durch die
Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen
Wiederholungen aufzwang" (1993, 21).6 War es dem Opfer der NS-Herrschaft
nicht zuletzt um die Warnung vor weiterlebendem NS-Gedankengut zu tun, so führ­
ten Arbeiten zum lexikalisch-semantischen Repertoire wie das Buch "Aus dem
Wörterbuch des Unmenschen" von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm
E. Süskind (1957) (als Artikelserie 1945 in der "Wandlung" erschienen) einen Sub­
text mit sich: das Bestreben einer Purifizierung der 'missbrauchten' Sprache, der
Absetzung von einer nicht affizierten, 'reinen' Substanz, die es zu revozieren und zu
schützen gelte.7
Abgesehen von diesen frühen Versuchen blieb die Beschäftigung mit Sprache
und Rede Hitlers und des Nationalsozialismus überhaupt innerhalb der Fachdiszi­
plinen peripher und punktuell.8 Eine deutliche Zunahme der Arbeiten zur NS-
Rhetorik und Sprachverwendung lässt sich ab etwa Mitte der 60er Jahre beobach­
ten, nun zunehmend unter ideologiekritischen Vorzeichen. Mit der Rückführung
auf sozio-ökonomische Gegebenheiten wird die Verführungsannahme obsolet,
stattdessen rückt die Manipulierbarkeit der Massen, mitunter verschwörungstheore­
tisch untermalt, ins Zentrum des Interesses. Als weithin akzeptiert kann seither die
Feststellung gelten, "daß von einer isolierbaren 'Sprache des Nationalsozialismus'
nicht die Rede sein kann" (Beck 2001, 29). Statt Abgrenzung ging es nun eher um
den Aufweis der Kontinuität eines 'reaktionären' oder auch 'faschistoiden' Vokabu-

6 Vgl. auch Bohleber/Drews 1991; Brackmann/Birkcnhauer 1988.


7 Zur Kritik an den Wortuntersuchungen vgl. Bohse 1988, 3.
1 Zu nennen waren hier vor allem die Arbeiten Bernings, die sich auf den lexikologischen Bereich
beschränken (1958, 1960, 1964, 1998); ebenfalls im Bereich Wörterbuch Wulf 1960; die T^S-
Sprache' als Sonderform behandelt Frind 1964, außerdem Epping 1954, Thate 1954; Treue 1958;
aus DDR-Sicht Seidel/Seidel-Slotty 1961. 1962/63 begann Max Domanis mit einer kommentierten
Ausgabe der Hitler-Reden 1932-1945. Schon relativ früh und dann immer wieder wurde Goebbels’
Sportpalastrede gesondert analysiert (z.B. Moltmann 1964).
58 Johannes G. Pankau

lars, das sich in Verlautbarungen rechter Gruppen oder auch konservativer Parteien
finden ließ. Von anderem als einer "Sprache im Faschismus" (Ehlich 1989, 31)
konnte nun nicht mehr gesprochen werden, auch wenn der Gedanke einer Sonder­
sprache mitunter revitalisiert wird, etwa in der Einleitung eines von Werner Bohl­
eber und Jörg Drews herausgegebenen Bandes von 1991, in der es mit dem Gestus
des Unbestimmten heißt: "Die nationalsozialistische Sprache ist nicht 1945 unter­
gegangen, sondern sie wirkte weiter und wurde oft unbewusst an die nachfolgenden
Generationen weitergegeben" (1991, 13). Die Relevanz des Sprachlichen für die
NS-Propaganda wurde innerhalb einer politisch reflektierenden, pragmatisch ge­
richteten Linguistik radikal in Frage gestellt: Utz Maas sieht den Einsatz einer stra­
tegisch kalkulierten Sprache als marginales Element: "[...] die Reproduktion der fa­
schistischen Verhältnisse beruhte nicht auf der Macht des propagandistischen Wor­
tes, sie beruhte auf der Lähmung der Sprache" (1991, 29).9
Die Ergebnisse der im sprachanalytischen Kontext unternommenen Untersu­
chungen zu den textuellen Strukturen der NS-Rede lassen sich summarisch zusam­
menfassen: Festgestellt wurden insbesondere das Prinzip der Wiederholung (auch
bei den Themen), die Verwendung von Schlüssel- und 'Fahnen-Wörtem', der Hang
zu Übertreibungen, Superlativen und Elativen, Häufungen, die Verwendung von
Pleonasmen und ein 'Vergrößerungszwang', außerdem ein 'Mengenkomplex' sowie
das "Prinzip der verwegenen Umkehrung" (Fest 1973, 221), das Fest in den Hassti-
raden Hitlers entdeckte.10 Nachweisen ließ sich die Bevorzugung von Adjektiv-
Attributen und Attributsphrasen, von bestimmten Adverbialen und Partizipialphra-
sen, ein beschränkter Wortschatz, im lexikalisch-semantischen Bereich Vagheit und
bewusste begriffliche Unschärfe des sprachlichen Habitus. Insgesamt befinde sich
die in den Reden verwendete Sprache auf einem niedrigen sprachlichen und stilisti­
schen Niveau. Besonders auffällig schienen die polare Struktur, ein "binäres Sche­
matisieren" (Podak 1991,20) und eine adversive Semantik, die Beck jüngst an sie­
ben Hitler-Reden zusammen mit prosodischen und stilistischen Gesichtspunkten,
nun allerdings unter Einbezug der Redner-Publikum-lnteraktionen, analysierte."
Die sprachwissenschaftlichen wie rhetorischen Einsichten wurden vor allem
durch Analysen der gedruckten Fassungen gewonnen, was offensichtliche Nachteile
hat: Die Reden wurden gewöhnlich für die Veröffentlichung mit taktischer und
propagandistischer Zielsetzung überarbeitet; um überhaupt zu einer authentischen
Textgestalt zu gelangen, wären umfangreiche Quellenvergleiche notwendig (unter
Einschluss der als Tonträger überlieferten Reden). Ulonskas Forderung, "der Ana­
lyse vollständige und möglichst wortgetreue Reden zugrundezulegen" (1990, 67),
konnte selten eingelöst werden. Fragwürdig erscheint Volmerts Behauptung, sogar
die schriftliche Fassung enthalte "noch so viele sprachliche Besonderheiten, dass

9 Ähnlich auch Bohse 1988, 4; vgl. auch Maas 1984.


10 Vgl. Beck 2001, 30; Beming 1964; Fest 1973, 218; Kayatz 1996, 24; Kershaw 1998, 195; Maser
2001, 111; Nill 1991, 363; Theweleit 1978, 147; Volmert 1989, 151; Wedleff 1970, 107ff.
ii Vgl. Beck 2001.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 59

eine Identifizierung des Genres 'faschistische Rhetorik' selbst an kleinen Textpro­


ben problemlos möglich ist" (1989, 141). Ob es sich hier um ein 'Genre' handelt,
kann - ähnlich wie bei der Annahme einer sprachlichen Sonderform - bezweifelt
werden.12 Dass Hitler selbst der mündlich gehaltenen Propagandarede gegenüber
dem Druck absolute Priorität einräumte, geht schon aus "Mein Kampf' hervor. Die
als Lektüre ermüdend wirkenden Reden waren mit Blick auf den demagogisch­
propagandistischen Gesamtzusammenhang konzipiert. Hier gerät die historisch ge­
richtete Rhetorikforschung wiederum in ein Dilemma: Beruht ihr Arbeitsverfahren
wesentlich auf der hermeneutischen Erfassung schriftlich fixierter Texte, so scheint
die Methode bei diesem Untersuchungsobjekt notwendig ihr Ziel zu verfehlen.
Zwar kann sichtbar gemacht werden, "daß es den Nationalsozialisten gelungen ist,
[...] sich mühelos die klassische antike Rhetorik nutzbar zu machen" (Ulonska
1990, 3), diese Feststellung sagt aber nichts aus über die Spezifik der NS-Rede. Ei­
ne neue Qualität propagandistischen Redens scheint gerade durch den Wertverlust
von Schriftlichkeit erreicht, wie Casmir meint, der hier eine neue Bildlichkeit sieht,
eine Zerstörung des literarischen Paradigmas, die dazu führe, dass keine Form der
traditionellen Sprachanalyse mehr greife.13
Es bleibt festzuhalten: Die neueren formal-rhetorischen und sprachwissenschaft­
lichen Analysen wurden zumeist mit beträchtlichem analytischem und systematisie­
rendem Aufwand betrieben. Der Ertrag jedoch bleibt bescheiden. Es gelingt zwar,
meist bereits vorher bekannte strukturelle Spezifika der Hitler-Reden zu belegen
und auch Veränderungen im Redestil zu fixieren. Gegenüber den frühen Forschun­
gen, die unter episodisch-willkürlichem Vorgehen und unreflektierten, häufig mora­
lisierenden Prämissen litten, ist hier ein weitaus höheres analytisches Niveau er­
reicht, dennoch gelangt man über die bekannten Feststellungen (Wiederholung,
Reduktionismus etc.) kaum hinaus.14

2.3 Propaganda, Rede und Mediatisierung

Neben der Gefahr, durch mehr oder weniger isolierte Redeanalysen den Erkennt­
nishorizont zu reduzieren, steht eine andere: den Gegenstandsbereich derart zu ex-
tensivieren, dass er tendenziell mit dem der Propaganda zusammenfällt, der jedoch
kompetent eher von anderen Disziplinen zu entfalten wäre. Die rhetorischen Unter­
suchungen differieren allerdings durchaus in ihrem methodischen Vorverständnis
und in ihrem leitenden Interesse. Unterscheiden kann man eher spekulative Arbei-

12 Natürlich stellt bereits das vorhandene Redematerial eine Selektion dar: Zahlreiche Hitler-Reden
der Frühzeit sind nicht oder nur fragmentiert erhalten, Möglichkeiten der Kontrolle durch Tonauf-
nehmen bestehen für diese Phase nicht.
13 Vgl. Casmir 1996, 94f.
14 Zur alteren Forschung vgl. die Kritik bei Beck 2001 und Kayatz 1996. Zum Wiederholungsprinzip
als Wirkungsmoment bereits Burke 1967, 31. Zu den neueren Forschungsergebnissen Nill 1991,
359; Ueding 2000, 89.
60 Johannes G. Pankau

ten von Analysen, die sich um die Aufdeckung textintemer Strukturen und objekti­
vierende Absicherung (z.B. mit quantifizierenden Verfahren) bemühen. Manchmal
findet sich auch eine Vermischung von beidem, etwa bei Sluzalek (1987), der ei­
nerseits die 'klassische Redestruktur' herausarbeitet, um diese dann mit großem ma­
terialistisch-ideologiekritischem Aufwand auf die kapitalistische Grundverfassung
der Gesellschaft zu projizieren.
Bei allen Unterschieden der Voraussetzungen und des methodologischen In­
strumentariums kehren bestimmte Behauptungen, empirisch mehr oder weniger ab­
gesichert, immer wieder. So besteht offensichtlich ein Konsens in der Annahme,
dass die NS-Rede nicht auf argumentative Überzeugung gerichtet sei, sondern an
das Irrationale, Affektive bei den Zuhörern appelliere. Gert Ueding fasst diesen Be­
fund zusammen: "Die Rede Adolf Hitlers war niemals politische Beratungsrede im
klassischen, auch im klassischen parlamentarischen Verständnis; ihre einzige Auf­
gabe bestand darin, das eigene politische Glaubensbekenntnis, die Idolatrie der ei­
genen Führerpersönlichkeit wieder und wieder massen- und medienwirksam zu in­
szenieren, also ein Medienspektakel aufzuführen, das die vornehmlich emotionalen,
ästhetischen Bedürfnisse eines Massenpublikums befriedigte" (2000, 96). Ueding
weitet im Folgenden den Blick auf entscheidende Veränderungen der Ausprägun­
gen und Vermittlungsformen von (politischer) Rede, die nicht allein für Hitler und
den Nationalsozialismus Geltung haben. Im Verfall der bürgerlichen aufgeklärt rä­
sonierenden Öffentlichkeit entstehe eine neue Rhetorik als "Massenmedium" (2000,
89); damit sei eine vollkommene 'Mediatisierung' erreicht, der Redner werde zum
'Operateur'. Wird die medial vermittelte Suggestivkraft, ihr Inszenierungscharakter
zentral, so tritt das 'setting' als dominierendes Element in den Vordergrund, wird -
wie bei Hitler und Goebbels - die Redeaktion verabsolutiert.
Psychologisch argumentierend hatte Theweleit den Ausschluss des Denkens als
hervorstechendes Ziel faschistischer Rede ausgemacht. Die von sozialwissenschaft­
lichem und -psychologischem Interesse geleiteten Interpreten gehen auf Hitlers
Selbstverständnis insofern zurück, als sie die Inszenierungsfaktoren und psycholo­
gischen Mechanismen - das propagandistische Setting und die Stimulierung symbi­
otischer Prozesse - als zentral hervorheben. Allerdings unterlag, wie Dyck betonte,
auch der antiken Auffassung die Gewissheit, emotionale Widerstände seien nicht
durch Belehrung zu beseitigen, freilich sei in der Antike die Aufnahme der Affekte
mit anderem Ziel erfolgt, nämlich diese einer späteren Rationalisierung zu unter­
werfen.15 Der Vergleich einer 'klassischen' Konzeption mit der NS-Rede ist aller­
dings nur von eingeschränktem heuristischen Wert, da unspezifisch, denn es scheint
relativ einfach, das Übergewicht des Affektiven in der politischen Rede der Mo­
derne insgesamt nachzuweisen (etwa in Reden des Kaiserreichs); die 'faschistische
Redeform' erschiene dann eher als eine Radikalisierung vorher bereits angelegter
Tendenzen unter den Bedingungen des medial-technologischen Fortschritts. Auch
Theweleits Vergleich der Rationalität der 'äußeren Fügung' mit der 'Unlogik des
IS
Dyck 1983.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 61

Gedankenablaufs"6 ist nicht sehr tragfähig, er spannt das moderne politische Reden
wiederum in ein Rationalismus-lrrationalismus-Schema, bleibt letztlich einem auf­
klärerischen Modell verhaftet, damit auch einer wesenslogischen Sicht, deren Ap-
plizierung auf die massenrhetorischen Phänomene des 20. Jahrhunderts zumindest
problematisch erscheint. Ein vorgängiges Ideologieverständnis, das die aggressiv
völkisch-antisemitischen Elemente als irrational markiert, steht dann gegen einen
rational kalkulierten Präsentationsmodus mit dem Ziel der Machterringung und -
erhaltung. Passender als die Behauptung einer 'Unlogik' ist wahrscheinlich die einer
immanenten "Scheinlogik" (Scholdt 1993, 343), wie sie Brecht in seinem "Mes­
singkauf' feststellte: "Er agiert als ein Argumentierender. Er liebt es, an irgendei­
nem Satz, der eigentlich fertig ist und mit größter Stimmkraft als unumstößliche
und unbestreitliche Wahrheit hervorgebracht wurde, mit geistesabwesender Stimme
ein 'denn' anzuhängen, und eine Pause zu machen, worauf dann Gründe kommen"
(zit. n. Scholdt 1993, 344).
Es ist aufschlussreich, dass als Prämissen für die Argumentationen in diesem
Bereich häufig zwei im frühen 20. Jahrhundert entwickelte Modelle, die jeweils po­
litisch-ideologische Implikationen haben, vermischt auftreten: einmal das Rationa­
lismus/Irrationalismus-Schema, das aus der theoretischen Konstruktion einer bür­
gerlichen Öffentlichkeit und aus den marxistischen Bestimmungen etwa von Georg
Lukäcs stammt und jeweils einen emphatischen Begriff rationaler Kommunikation
statuiert; zum anderen das massenpsychologische Paradigma, wie es - im beschrie­
benen Kontext - schon von Wilhelm Reich entwickelt wurde und das, aktualisiert
im Anschluss an die Theorieansätze der Studentenbewegung, auch für die Analyse
der NS-Rede eingesetzt wurde. Das erste bezieht sich zunächst auf den immanenten
Argumentations- und Aufbauplan (kann also mit den Mitteln der 'klassischen' Re­
deanalyse entschlüsselt werden), das zweite auf die Kommunikations- und Rezepti­
onssituation, deren moderne Bedingungen mit den historischen Vorbildern nicht
mehr vergleichbar sind. Beide Ansätze implizieren jeweils ein Gegenmodell: Im
Modell vemunftfernen Redens schwingt die Vorstellung einer demokratisch-plu­
ralistischen Konstitution von Öffentlichkeit (im Sinne von Habermas), in der Mas­
senanalyse ist die Vorstellung einer Transformation der modernen Masse vom wil­
lenlosen Objekt zum Subjekt der Geschichte aufgehoben. Das 'massenpsychologi­
sche' Paradigma versprach weitertragende Resultate, da es den Nationalsozialismus
als umfassendes Kommunikations- und Herrschaftssystem in den Blick rückte,
stand allerdings vor der Schwierigkeit, die theoretisch gewonnenen Grundannah­
men empirisch zu verifizieren. Wird die unter anderem sprachlich vermittelte Ideo­
logiezirkulation als randständig betrachtet, lässt sich die frühere Annahme einer
Einheit von Ideologie und Propaganda nicht mehr halten. Einen solchen Verzicht
auf die inhaltliche Festlegung eines ideologischen Gehalts nutzt etwa Klaus Hein­
rich in eher spekulativer, jedoch plausibler Weise in seinem Aufsatz "Sucht und
Sog" (1997) auf dem Wege der Analogiebildung:

16
Vgl. Theweleit 1978, 149.
62 Johannes G. P'ankau

"Und das Ausgelöschtwerden, das die eben danach Süchtigen erstrebten, wurde im Duktus der Hitler­
reden - ich meine die inszenierte Stimmführung dieser Reden - stellvertretend Ereignis. Erst wurde die
Geschichte der Bewegung beschworen, noch sprach stockend sich erinnernd die Person, dann kündigte
das Staccato der Erregung sexuelle Steigerung und medialen Umschlag an, und dann, mit dem Über­
schnappen der schon gebrochenen Stimme, trat der Subjekttausch ein, wie wir ihn einerseits aus den
nicht mehr beherrschbaren konvulsivischen Zuckungen des sexuellen Akts und aller ihm darin ver­
gleichbaren konvulsivischen Aktionen wie Lachen, Schluchzen, Schluckauf kennen, andererseits aber
auch in allen, katastrophische Erregung ausagierenden und domestizierenden kultischen Veranstaltun­
gen nachgebildet finden" (1997,49).

Das analogische Modell der sexuellen Steigerung bzw. der kultischen Inszenierung,
das Heinrichs Text entfaltet, konzentriert sich auf Momente der Redeaktion, die in
Augenzeugenberichten, in Film-Tonaufnahmen und späteren Beschreibungen im­
mer wieder hervorgehoben werden. Dies stimmt weitgehend mit den Beobachtun­
gen von Rhetorikforschem über den Aufbau der Hitier-Reden und ihren Vortrag
überein, und auch in der von Theweleit herangezogenen Passage aus Goebbels'
"Michael" wird das Modell orgiastischer Entgrenzung narrativ entfaltet. Der Be­
ginn ist langsam und stockend, in gewisser Weise dozierend, noch im Bereich des
Bewusst-Steuemden (die 'Parteierzählung'), der zweite Teil steigert das Tempo und
bringt die (gespielt kalkulierte oder spontane) 'Ekstase'.17 Ist der ’orgasmische' Erre­
gungszustand der Zuhörerschaft offensichtlich spontan, wenn auch objektiv Ergeb­
nis von Stimulation, so bleibt umstritten, ob und inwieweit die ansteckende Ekstase
des Redners ihrerseits einem authentischen Gefühl entspricht. Scholdt zitiert Beo­
bachtungen der Emigranten Feuchtwanger, Ebermayer, Weiß und Erpenbeck, die
nahe legen, dass Hitler sich mit 'komödiantischen' Mitteln für Minuten in eine sub­
jektiv empfundene Ekstase steigerte, in anderen Zeugnissen wird das einstudierte
und abgegrenzt Rollenhafte seines Vortrags betont. War Hitler also der in seinem
eigenen Netz Gefangene oder - wie die Brecht'sche Sicht nahe legt - der Schmie­
renkomödiant, der seine Fähigkeiten der Massensuggestion bewusst ausnutzt?18
Dies führt wieder auf die Sicht von Hitlers Persönlichkeit zurück, aber auch auf den
prekären Begriff der Manipulation. Davon könne, so etwa Nill, nicht gesprochen
werden, da manipulative Akte - wie etwa in der Werbung oder bei Formen der re­
ligiösen Indoktrination - die Distanz der Ideologievermittler zu der von ihnen ver­
kündeten Botschaft voraussetzten, während bei den Nazi-Ideologen ein solcher
"Priestertrug" (1991, 357) nicht vorliege, wie etwa Goebbels' Tagebücher zeigten.
Den Charakter von Hitlers Reden als Predigten einer politischen Religion hatte be­
reits Grieswelle mit seiner Dissertation von 1969 im größeren historischen Zusam­
menhang und speziell mit Blick auf die deutsche Entwicklung herausgearbeitet.19
Insgesamt ist die massenhafte Durchsetzung und Verbreitung des 'Hitler-Mythos',
wie Kershaw überzeugend nach weist, das Ergebnis bewusster Planung. Seine Funk­
tion bestand hauptsächlich in der Integration zentrifugaler Kräfte im Binnenbereich
17 Vgl. Domarus 1962/63, 49; Grieswelle 1969; Ulonska 1990; Beck 2001, 19; auch Kershaw 1998,
177.
18 Von Hitlers Hang zum Theatralischen ist vor allem in zeitgenössischen Zeugnissen immer wieder
die Rede; vgl. HafTner 1996, 29; Scholdt 1993.
19
Vgl. Grieswelle 1969, 378ff
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 63
der Bewegung und in der Vereinheitlichung nach außen.20 Auch der Glaube an die
eigene Berufung als Deutschlands 'Erretter', der in "Mein Kampf' als personaler
Gründungsmythos vorgeführt wird, hat sich faktisch erst später - um 1924 - gebil­
det, zu einem Zeitpunkt, als Hitlers singulärer Status innerhalb der NS-Bewegung
weitgehend unangefochten war.

3. Neue Perspektiven: Hitlers Rede im kultur- und medienwis­


senschaftlichen Kontext

3.1 Erlebniskultur und populäre Mythen

Gegen die 'Programmthese', der Erfolg der Nationalsozialisten sei primär auf die
Anziehungskraft ihres Programms zurückzuführen und die Propaganda diente im
wesentlichen zur Popularisierung dieses Programms, sind in neuerer Zeit gewichti­
ge Einwände erhoben worden, etwa von Gudrun Brockhaus, die in ihrem Buch
"Schauder und Idylle" (1997) die Inkonsistenzen und Widersprüchlichkeiten der
NS-Programmatik als Beleg für deren relative Bedeutungslosigkeit ansieht. "Fast
alle konnten in dem Angebot etwas finden und andere Punkte ausblenden. Andere
gingen an den politischen Aussagen völlig vorbei und bezogen sich auf das vor wie
nach 1933 reichhaltige Erlebnisangebot" (1997, 53). Folgt man diesen durchaus
begründeten Überlegungen, gibt also die Sicht einer umfassenden und massenwirk­
samen NS-ldeologie auf, entdeckt hier vielmehr ein 'Ideologiedefizit' - so ergibt
sich daraus freilich eine Aufgabe, die m.E. bisher ebenfalls nicht zufriedenstellend
gelöst ist: die Klärung des Verhältnisses von 'fragmentierter' Ideologie oder Ideolo­
giebestandteilen zur Propaganda, die Weise ihrer integrativen Funktionalisierung.
Dabei sind auch die Phasen der Propagandageschichte einzeln zu betrachten, denn -
wie Bussemer mit Recht schreibt - gab es mit der zunehmenden Militarisierung und
der Verstärkung der antisemitischen Elemente nach 1938 eine klare Reideologisie-
rung der NS-Propaganda.21
In den Veröffentlichungen von Brockhaus, Maase u.a. kündigt sich ein Para­
digmenwechsel an; Hans Dieter Schäfer hatte schon in seinem 1981 erschienenen
Buch "Das gespaltene Bewusstsein" den Gegensatz von Ideologie und politischer
Praxis sowie Hitlers Rolle als Markentechniker und Inszenator moderner Prägung
betont.22 Der Begriff der politischen Propaganda erscheint zunehmend an den der
20 Vgl. Kershaw 1999, 16.
21 Plausibel erscheint die von Bussemer vorgeschlagene Dreiphasen-Unterteilung der NS-Propaganda
seit 1929: 1. 1929-1933: Politische Agitation und ParteienWerbung (in einem pluralistisch organi­
sierten Mediensystem); 2 1933-1938/39: Integrationspropaganda als erfolgreichste Variante der
NS-Propaganda 1939-1945; 3. Aggressiv-ideologische Kriegspropaganda; vgl. Bussemer 2000,
14f.
22 Vgl. Schäfer 1981, 114; außerdem Behrenbeck 1996; ideologiekritisch Voigt 1971; zu den Wahl­
kämpfen neuerdings Tijok 1997; Plöckinger 1999.
64 Johannes G. Pankau

kommerziellen Werbung angenähert. Im Kontext beider Begriffe taucht die schwie­


rige Frage nach der faktischen Wirkung auf. Die Propagandaforschung ist, geblen­
det vom 'schönen Schein' in den Inszenierungen der Nazis, in Gefahr, die Wir­
kungsmächtigkeit der Propaganda zu überschätzen. Klaus Podak etwa behauptet,
das propagandistische Programm der Nazis sei "mit bestem Erfolg durchgesetzt
worden" (1991, 22) und Goebbels "der größte PR-Manager des Jahrhunderts"
(ebd.). Es zeigt sich hier die Gefahr einer begrifflichen Überdehnung, die den Ge­
genstand verfehlt, indem sie bestimmte Züge hypostasiert und - im zweiten Fall - in
den Formulierungen die trotz allem bestehenden Unterschiede von politischer Pro­
paganda und kommerzieller Werbung verdunkelt.

3.2 Die Macht der Bilder

In seinem Buch "Kitsch und Tod" (1984) beschäftigte sich Sau! Friedländer einge­
hend mit dem 'neuen Diskurs' über den Nazismus, der sich "auf der imaginären
Ebene, im Bereich der Bilder und Gefühle" (1984, 12) entfaltet und vermutet darin
eine tiefere Logik, deren Bedeutungsschichten es zu entschlüsseln gelte. Im Mittel­
punkt der kritischen Betrachtung steht die Korrespondenz von 'neuem' und 'altem'
Diskurs, die Beziehung also zwischen genuinen NS-Diskursen und den neuen, äs­
thetisch gerichteten Darstellungen. Eine solche 'Strukturhomologie' entdeckt Fried­
länder vor allem im Bereich der ästhetischen Produktion (bei Syberberg, Fassbin­
der u.a.), aber auch etwa ins Fests Biographie, in der Hitler vor allem als 'ästheti­
sches' Phänomen erscheine.” Die nachfolgenden Diskurse ließen sich, meint der
Autor, von der Faszinationskraft der NS-Inszenierungen anstecken, von deren
"Sprache der Häufung, der ständigen Wiederholung, der Redundanz", dem "Spiel
mit Bildern, die sich verknüpfen und unentwegt aufeinander verweisen" (1984, 45).
Mit der Betonung der Kraft der Bilder gegen die des Wortes, des Stimmungstrans­
fers gegen die ideologische Beeinflussung tritt, dies ist der Kern von Friedländers
Kritik, die Vergegenwärtigung der realen Vemichtungsenergien zurück gegenüber
einer Ästhetisierung des Phänomens, was vor allem die Figur des 'Führers' selbst
betrifft.
Abgelöst wird zunehmend ein neomarxistisches Verständnis, das die Forschung
auf dem Gebiet der NS-Rhetorik in den 70er und teilweise 80er Jahren maßgeblich
prägte. Die Bestimmung des Faschismus als besonderer Variante des Kapitalismus
implizierte eine Kontinuität, die unter entsprechenden Umständen ein neuerliches
Umschlagen in die diktatorische Form möglich erscheinen ließ. Innerhalb dieses
Konzepts, das den Klassenantagonismus in den Mittelpunkt rückte, konnte es nicht
um eine geheime Komplizenschaft von Führern und Geführten gehen, die ja durch
unüberbrückbare objektive Interessenunterschiede getrennt waren. Dadurch trat ein
Aspekt des traditionell antirhetorischen Denkens ins Zentrum: der der Lüge. Die
Manipulations-Annahme impliziert ein extrem asymmetrisches Kommunikations-
23
Vgl Friedländer 1984, 61.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 65
Verhältnis, das der gewaltform igen Transformation divergenter Bewusstseinsinhal­
te, Zerstörung und unbewusst wirkende Neukonstruktion. Dem unterliegt, wie
schon den frühen Massenmodellen, eine latent konservative Vorstellung: die der
schrankenlosen Formbarkeit einer passiven, amorphen Menschenmasse. Wiederum
erscheint Propaganda als ein perfekt konstruiertes und wirkendes System. Schließ­
lich vernachlässigt die Manipulations-Hypothese die Tatsache, dass durch Propa­
ganda, damit sie wirksam sein kann, immer auch auf wirkliche Bedürfnisse einge­
gangen werden muss.24
Indem die neuere Forschung die beschriebenen Modelle eines geschlossenen
Systems totalitärer Herrschaft aufgibt, eröffnet sie neue Perspektiven. Grundlage ist
nun die Annahme einer von Komplexität und Widersprüchlichkeit sowie der Domi­
nanz der technischen Massenmedien gekennzeichneten Moderne, der trotz seiner
zweifelsfreien totalitären Grundkonzeption in der Praxis auch der Nationalsozia­
lismus zugehöre. Die industrielle Markt- und Informationsgesellschaft treibe Er­
scheinungen hervor, die ihre erste systematische Ausprägung in der NS-Gesell-
schaft hatten: die Prävalenz des Bildhaften, der Werbung (in diesem Sinne syn­
onym mit Propaganda) und der Massenunterhaltung. Hier gehen auch Folgerungen
ein, die aus jüngeren Forschungen zum Verhältnis von Modernität und Antimoder­
nität zu ziehen sind und die bereits im Titel einer bahnbrechenden Untersuchung
von Jeffrey Herf abzulesen sind: "Reactionary Modemism: Technology, Culture,
and Politics in Weimar and the Third Reich" (1984). Gegenüber der in weiten Tei­
len rückwärtsgewandten völkischen Ideologie wichtiger NS-Repräsentanten (etwa
Rosenbergs) treten die 'modernistischen' Elemente in den Vordergrund. Schon Jo­
seph Goebbels setzte sich in seiner Schrift "Moderne politische Propaganda" von
1930 bewusst ab gegen ältere Vorstellungen von Propaganda.25 In diesem Zusam­
menhang wäre es sinnvoll, über "Mein Kampf' hinaus die das nationalsozialistische
Selbstverständnis formulierenden Quellen zur Propaganda und Rhetorik einer
ernsthaften Prüfung zu unterziehen, neben den Tagebüchern andere Texte von
Goebbels, etwa "Kampf um Berlin" (1932); "Das erwachende Berlin" (1934);
"Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei” (1934), Karl Müllers "Unseres Führers
Sprachkunst auf Grund seines Werkes 'Mein Kampf" (1935), Kurt Pipgras' Disser­
tation "Faschismus und Sprache" (1941), Hans-Georg Rahms "Der Angriff 1927-
1930" (1939), speziell zur Rhetorik das Buch von Erich Drach "Redner und Rede"
(1932); besonders dringlich erscheint die Auswertung der Zeitschrift "Der Hoheits­
träger", auf deren Bedeutung Joachim Dyck hinwies.2'’
Die Annahme einer kulturell-technischen Dynamik der Moderne jenseits be­
stimmter Herrschaftsstrukturen prägt zunehmend die Arbeiten zur NS-Propaganda.
Thematisiert werden so die spezifische Integration des Politischen in den dominie-

24 Vgl. Priamus/Goch 1992.


25 Zur Moderne-Thematik vgl Bauman 1989; Dussel 1992; Welzer 1993.
26 Vgl. Dyck 1983; 1999.
66 Johannes G. Pankau

renden Bildbereich, Personenkult, 'PR', Marketing.27 Nicht mehr tabuiert ist der
Vergleich der NS-Propaganda mit amerikanischen Werbetechniken, Hitler er­
scheint in erster Linie als Verkaufsgenie:
"Von Anfang an erfasste Hitler das Wesen der neuen Massenpolitik besser als irgendeiner seiner bür­
gerlichen oder marxistischen Gegner Gemeinsam mit Goebbels war er vielleicht der erste politische
Führer des zwanzigsten Jahrhunderts, der die Ähnlichkeit zwischen dem Verkauf einer Handelsware
und der Vermarktung eines Politikers erkannte hatte, der die Massentechniken politischer Agitation auf
kalkulierte und intensive Weise nutzte; der den Wert von Schocktaktiken zur Erzeugung von Aufmerk­
samkeit in den Medien verstand und begriff, daß die endlose Wiederholung einfacher Parolen wichtiger
für die Beeinflussung der Massen war, als eine politisch konsistente Doktrin oder ein starres Parteipro­
gramm" (Wistrich 1996, 14).

Auch wenn in diesen Untersuchungen die ideologischen und die terroristischen As­
pekte des Nationalsozialismus nicht unterschlagen werden, so treten diese doch ge­
genüber den 'Marketing'-Aspekten in die Hintergrund. Schon Burke hatte, die ame­
rikanischen Verhältnisse im Blick, festgestellt, dass Hitler Politik "wie ein Wasch­
mittel verkaufen" (1967, 29) wolle. Geht es also künftig primär um die Analyse von
Techniken der Verkaufsrhetorik und Markenwerbung? Dann aber wäre eine weitere
Abkehr von der Betrachtung der politischen Rede die Konsequenz. Politische Aus­
sagen bilden aber nun einmal den Kern der agitatorischen, propagandistischen Re­
de, sie kann schwerlich auf den Unterhaltungsaspekt reduziert werden. Neuerlich
also stellt sich die Frage, welche Funktionen die politisch-ideologischen Inhalte in­
nerhalb des neu determinierten Gesamtfeldes übernahmen. Besteht hier nicht die
Gefahr einer neuen Mythisierung? War wirklich das 'Image' "entscheidend für den
wachsenden Erfolg der Nationalsozialisten" (1998, 407), wie Kershaw meint?
In jedem Fall rückt die neuere Forschung die populärkulturellen Elemente als
politische Wirkungsfaktoren in den Vordergrund. Es erscheint dann nur wenig
übertrieben, wenn jemand, der sich in diesem Bereich bestens auskennt, David Bo-
wie, formulierte: "Hitler war einer der ersten Rock-Stars" (zit. b. Scholdt 1993,
339). So aber stellt sich ein altes Problem unter neuen Vorzeichen, das der Wir­
kung. Wie aus der Werbung und dem Popgeschäft bekannt, ist diese kaum zu kal­
kulieren oder auch in ihrem 'Appeal' zu erfassen. Klar ist jedenfalls: Eine so ver­
standene Propaganda kann nicht einfach von außerhalb geplant werden; um über­
haupt eine Erfolgschance zu haben, muss sie notwendig bestehende Mentalitäten
bedienen.28 Hier aber ist nicht davon auszugehen, dass es Deckungsgleichheit in
Bedürfnissen und Interessen zwischen Machern und Konsumenten gibt. Dies be­
dingt für die Agenten der Propaganda das Erfordernis, Zugeständnisse und Kom­
promisse an den 'Massengeschmack' zu machen; dieser aber, das zeigen alle Unter­
suchungen, war auch im 3. Reich eher 'unpolitisch'.
Beruhte die deterministische Sicht der Propaganda u.a. auf der Ausblendung
empirischer Wirkungsforschung, so wird diese nun zentral - angesichts der schma-

27
Vgl. Wistrich 1996, 12.
21
Vgl Kershaw 1999, 7.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 67

len Materialbasis eine äußerst schwierige Aufgabe, insbesondere was die Rezeption
der Massenmedien angeht. In neueren Arbeiten sind Erkenntnisse Uber die Be­
grenztheit der NS-Propagandamaschinerie zutage gefördert worden. Bereits Schä­
fer wandte sich in seinem Buch gegen die Vorstellung der 'verzückten Massen' und
verwies auf die propagandistischen Misserfolge und Defizite der Nationalsozialis­
ten.29 Auch Nill benannte die Gefahr einer Überschätzung der propagandistischen
Macht durch die Ineinssetzung von Intention, Selbststilisierung und realer Wir­
kung. Auch für die Rede muss die einseitige Fokussierung auf die Aktion des Red­
ners aufgegeben werden. Mit Berufung auf Aristoteles stellt Hans-Rainer Beck fest,
im rhetorischen Zusammenhang sei die Interaktion zwischen Redner und Publikum
das Entscheidende.30 Das ursprüngliche Face-to-face-Modell lässt sich, Beck zufol­
ge, auch zeitlich verschoben und medial verbunden nutzen (etwa durch Radioüber­
tragungen). Allerdings muss für die rhetorische Grundsituation eine konstitutive
Asymmetrie angenommen werden, es herrsche also prinzipiell "ein Ungleichge­
wicht zugunsten des Redners" (Beck 2001, 4). Zwar wurde der kommunikative, 'di­
alogische' Zusammenhang auch in früheren Arbeiten angesprochen, etwa von Maas,
der sich gegen eine Sicht als "Manipulationsverhältnis nach dem Modell des Nürn­
berger Trichters" (Maas 1991, 30) wandte, dies ging in die Untersuchungsmethode
jedoch kaum ein. Beck dagegen greift zu konversationsanalytischen Kategorien, die
er auf die Redesituation anwendet, für deren Analyse nun natürlich auch die Publi­
kumsreaktionen und das gesamte Setting berücksichtigt werden müssen. Dass diese
Verfahrensweise noch in den Anfängen steckt, zeigt etwa Iring Fetschers Buch "Jo­
seph Goebbels im Sportpalast 1943 'Wollt Ihr den totalen Krieg?'" (1998), der für
seine Analyse verschiedene Druckfassungen, die Radioversion, SD-Berichte, Tage­
bucheintragungen und Publikumsreaktionen sowie (allerdings eher in Form einer
bloßen Materialsammlung) die Presserezeption im Ausland einbezieht. In seinem
analytischen Teil gelangt Fetscher über wiederholt Festgestelltes kaum hinaus; be­
tont werden pseudoreligiöse Töne, Pathos, logische Inkonsistenzen, Mythisierun-
gen.31
Es handelt sich bei diesen Versuchen um erste Schritte, die allerdings die Ver­
änderung der Perspektive deutlich machen; sie beruhen nicht zuletzt auf einer
grundsätzlichen Problematisierung des Propagandabegriffs bezüglich der NS-
Politik. So verweisen Daniel/Siemann darauf, dass kein monolithisches "lückenlo­
ses Lenkungs- und Kontrollsystem" (1989, 18) geschaffen wurde. Davon war auch
die schwach rezipierte Arbeit von Jörg Bohse "Inszenierte Kriegsbegeisterung und
ohnmächtiger Friedenswille. Meinungslenkung und Propaganda im Nationalsozia­
lismus" (1988) ausgegangen. Bohse benannte auch das Dilemma der beiden herr­
schenden Propaganda-Paradigmen: Implizierte die 'Allmacht'-These sowohl eine
konsistente ideologische Grundlage als auch eine perfekte Organisation sowie ein

29
Vgl. Schäfer 1981, 144.
30
Vgl. Beck 2001,3.
31
Vgl Fetscher 1998, 106ff.
68 Johannes G. Pankau

willfähriges Publikum, so führte das andere Extrem "in schlechter Umkehrung zum
Postulat einer offensichtlichen Ineffektivität nationalsozialistischer Propaganda"
(1988, 25). Demgegenüber steht die Tatsache, dass, wie Bussemer ausführte, "die
Wirkung der NS-Propaganda auf die deutsche Bevölkerung von keiner der beteilig­
ten Wissenschaften befriedigend konzeptualisiert werden konnte" (2000, 43). Sieht
man, wie der Autor, die Rezipienten auch im 3. Reich als selektierende und inter­
pretierende Mediennutzer, so werden sie zu einem Publikum mit einer bestimmten
Lenkungskompetenz, ergeben sich Friktionen zwischen Machern und Konsumen­
ten, erscheint die Populärkultur als semiotisches Schlachtfeld.32
Auf dem Programm steht die Erforschung der Unterhaitungs- und Alltagskul­
tur.33 Dafür ist es notwendig, auf solche Quellen zurückzugreifen, die, im Gegen­
satz zu den offiziellen Verlautbarungen, das Alltagsbewusstsein der Bevölkerung
spiegeln (etwa die SoPaDe-Berichte oder geheime NS-Akten). Dabei werden im­
mer mehr die visuellen und medialen Spektakel (etwa die Deutschlandflüge 1932),
die Inszenierungen (Reichsparteitage, Olympia), die Radio- und Filmformen (Rie­
fenstahl, aber auch die Unterhaltungsfilme mit Zarah Leander und Heinz Rüh-
mann), die Massenorganisationen (etwa Kraft durch Freude), der Autobahnbau etc.
in den Mittelpunkt gerückt. Zuweilen gewinnt man den Eindruck, dass die "Erleb­
nisgesellschaft", die Gerhard Schulze 1997 in seiner Kultursoziologie mit Blick auf
die Gegenwart analysierte, tendenziell 'rückdatiert' würde. Auch wenn dies von den
Verfassern in keiner Weise beabsichtigt ist, so drohen hier durch die Paradigmen­
adaption doch Grenzen zu verschwimmen; denn Schulze setzt Faktoren voraus, die
für die deutsche Gesellschaft des 3. Reiches natürlich nicht angenommen werden
können: eine liberale Gesellschaftsverfassung, einen allgemein hohen Lebensstan­
dard und einen erst in der Gegenwart erreichten Individualisierungsrad.34 Jedenfalls
klingt im Untertitel von Gudrun Brockhaus' Buch - "Faschismus als Erlebnisange­
bot" - eine solche Tendenz an. Ein weiterer aktueller Versuch in dieser Richtung
liegt mit Kaspar Maases historisch ausgreifender Studie "Grenzenloses Vergnügen.
Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970" (1997) vor. Maase verweist auf die
Ambivalenz der NS-Führer gegenüber der Massenkultur, deren Gesetze sie sich
systematisch bedienten: So ist Hitler, wie "Mein Kampf' zeigt, von der Massen­
feindlichkeit etwa Le Bons beeinflusst und richtete sich die NS-Propaganda auch
gegen die 'linken' massenkulturellen Erscheinungen der Weimarer Republik.35
Die Wirksamkeit der so gefassten Massenpropaganda hatte enge Grenzen: Der
Führermythos war über längere Zeiträume kaum aufrecht zu erhalten. Die Inszenie­
rung drohte zusammenzubrechen, wo es nicht mehr gelangt, ein Minimum an nor­
maler Alltagserfahrung zu garantieren. Ein anderer Aspekt der Grenzen der NS-
Propaganda, hier vor allem für den Bereich der Redeinszenierungen, liegt in der
32 Vgl. Bussemer 2000, 63.
33 Vgl. etwa Dröge/Müller 1995.
34 Schulze 1997, 58.
35
Vgl. Maase 1997, 152,212.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 69

organisatorischen Binnenstruktur. Gerade dieser Forschungsbereich kann, das


Selbstverständnis der NS-Führer kritisch überprüfend, Aufschluss geben über die
Realität der NS-Propaganda. Die vorliegenden Untersuchungen zeigen deutlich,
dass vor allem in den 'Kampfjahren' häufig finanzielle wie organisatorische Schwie­
rigkeiten und Kompetenzstreitigkeiten die hochfliegenden Pläne behinderten und
dass dies von den Verantwortlichen auch deutlich erkannt wurde. Gerade in diesem
Bereich fand später eine Mythisierung statt, wie sich am Kult um den frühen NS-
Redner Peter Gemeinder zeigt.35 Zu Beginn war das Redewesen offensichtlich noch
sehr ungeordnet. Um 1921 ist Hitler der 'einzige Starredner' der Partei. Im Wahl­
kampf des Sommers 1930 gibt es dann eine Liste mit über hundert 'Reichsred-
nem'.37 Früh bereits hatte die Partei eine Abteilung für Propaganda und Redner­
schulung etabliert, was auf die exponierte Stellung dieser Bereiche verweist. Immer
wieder gab es vor 1933 Schwierigkeiten, kompetente Redner zu finden; Gerhard
Paul hat daraufhingewiesen, dass ein schiefes Bild dadurch entstanden ist, dass die
Forschung sich auf die Großkundgebungen mit NS-Prominenten konzentriert hat,
dabei aber vernachlässigte, dass die Realität der 'normalen' Parteiveranstaltungen
meist weit weniger spektakulär aussah (Paul 1990, 121). Die Führung versuchte
etwa durch die Etablierung von internen 'Sprechabenden' den Zusammenhalt im In­
neren der Partei zu fördern und die Schulungsmaßnahmen zu verstärken. Auch hier
ist es von großer Wichtigkeit, die verschiedenen Phasen der Parteientwicklung zu
unterscheiden.38
Zwei neuere Arbeiten zum Themenkomplex wirkten auch für die Propaganda-
und Rhetorikforschung in starkem Maße befruchtend, Peter Reichels umfassende
Studie "Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Fa­
schismus" (1991) und Gerhard Pauls Schrift zur nationalsozialistischen Propaganda
vor 1933 "Aufstand der Bilder" (1990). Reichel nimmt das Modell des reaktionären
Modernismus auf und sieht den Nationalsozialismus als "zugleich Ergebnis und
Ausdruck einer umfassenden Modemisierungskrise" (1991, 30), wodurch das In­
einander von traditionalistischen und modernistischen, 'ideologischen' und 'imago-
logischen' Zügen plausibel wird. Der Nationalsozialismus stellt sich als eine totali­
täre Propagandabewegung dar, die sich, bei klar terroristisch-diktatorischer Zielset­
zung, in stärkerem Maße als ihre Gegner der modernen Massenmedien, Kommuni­
kationstechniken und Beeinflussungsstrategien bedient, was an den verschiedenen
Bereichen der Massen- und besonders der Unterhaltungskultur gezeigt wird. Rei­
chel betont den Inszenierungscharakter der Hitler-Reden, die den messianischen
Gestus zur Wirkungsentfaltung benötigen, behält die politische Funktionalisierung
jedoch stets im Blick. Besonders eindringlich stellt Gerhard Paul das Ineinander
von komplexen, dabei widersprüchlichen Organisationsstrukturen, inhaltlichen

35 Vgl Dyck 1983, 3; Theweleit 1978, 138.


37 Vgl. Kershaw 1998, 212,417.
31
Untersuchungen liegen vor zu den von Fritz Reinhardt organisierten Rcdnerschulen und den damit
verbundenen Kompetenzstreitigkeiten; vgl. Bytwerk 1981, 1996; Metzger 1998.
70 Johannes G Pankau

Festlegungen und Symbolisierungsformen dar. Erstmals werden in dieser Untersu­


chung die vielfältigen Dimensionen des Bildhaften für die Phase vor der Machter­
ringung (in der Sprache, vor allem jedoch in Film, Radio, Plakat, Karikatur etc.)
systematisch entfaltet und insbesondere auf die politischen Auseinandersetzungen
(Wahlkämpfe) bezogen. Für die weitere Forschung in diesem Bereich bildet Pauls
Studie eine unentbehrliche Grundlage, auch wenn Unschärfen bei der Bestimmung
des Symbol- und Bildbegriffs festgestellt wurden.39

Literatur

Augstein, R. (Hg ): 100 Jahre Hitler. Spiegel-Spezial 2, Hamburg 1989.


Bauman, Z.: Modernity and the Holocaust, Cambridge 1989.
Beck, H.-R.: Politische Rede als Interaktionsgefüge: der Fall Hitler, Tübingen 2001.
Behrenbeck, S.: '"Der Führer'. Die Einführung eines politischen Markenartikels", in: Diesener/Gries
1996, 51-78.
Benz, W. (Hg.): Herrschaft und Gesellschaft im nationalsozialistischen Staat Studien zur Struktur-
und Mentalitätsgeschichte, Frankfurt/M. 1990.
Beming, C.: Die Sprache des Nationalsozialismus, (Phil. Diss.) Bonn 1958.
Dies.: "Die Sprache des Nationalsozialismus", in: Zeitschrift für deutsche Wortforschung (I960).
Dies.: Vom 'Abstammungsnachweis'zum 'Zuchtwart'. Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin 1964.
Dies.: Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin 1998.
Bohleber, W./Drews, "Gift, das du unbewußt eintrinkst..." Der Nationalsozialismus und die deut­
sche Sprache, Bielefeld 1991.
Bohse, J : Inszenierte Kriegsbegeisterung und ohnmächtiger Friedenswille. Meinungslenkung und
Propaganda im Nationalsozialismus, Stuttgart 1988.
Brackmann, K.-H./Birkenhauer, R : NS-Deutsch. "Selbstverständliche" Begriffe und Schlagwörter aus
der Zeit des Nationalsozialismus, Straelen/Niederrhein 1988.
Brockhaus, G.: Schauder und Idylle. Faschismus als Erlebnisangebot, München 1997.
Bullock, A.: "Welche Rolle spielte Hitler?", in: Augstein 1989, 6-11.
Burke, K. Die Rhetorik in Hitlers "Mein Kampf und andere Essays zur Strategie der Überredung,
Frankfurt/M. 1967.
Bussemer, T.: Propaganda und Populärkultur. Konstruierte Erlebniswelten im Nationalsozialismus,
Wiesbaden 2000.
Bytwerk, R.L.: "Fritz Reinhardt and the Rednerschule der NSDAP", in: Rhetorik. Ein internationales
Jahrbuch. Bd. 2, Stuttgart-Bad Cannstatt 1981, 7-18.
Ders.: "Die nationalsozialistische Versammlungspraxis. Die Anfänge vor 1933", in: Diesener/Gries
1996, 35-50.
Casmir, F.L.: "Hitler als Prototyp des politischen Redners”, in: Diesener/Gries 1996, 79-99.
Daniel, U./Siemann, W. (Hg ): Propaganda Meinungskampf, Verführung und politische Sinnstiftung
1789-1989, Frankfurt/M. 1994.

39
Vgl. hierzu die Rezension von Krause 1994.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 71

Diesener, G./Gries, R (Hg ): Propaganda in Deutschland Zur Geschichte der politischen Massenbe­
einflussung im 20. Jahrhundert, Darmstadt 1996.
Domarus, M. (Hg ): Hitler Reden 1932-1945 Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, Mün­
chen 1962/63.
Dröge, F./Müller, M.: Die Macht der Schönheit. Avantgarde und Faschismus oder die Geburt der
Massenkultur, Hamburg 1995.
Dussel, K.: "NS-Staat und moderne Kultur", in: Universitas 9 (1992) 841-854.
Dyck, J.: "Rede bis in den Tod. Zur Rhetorik im Nationalsozialismus", in: Uni-Info der Universität Ol­
denburg 3 (1983) 2.
Ders.: "Rhetorik und Propaganda im Nationalsozialismus", in: B. Stiegler u.a.: Vom "Untergang des
Abendlandes" zum Aufstieg des "Dritten Reiches". Vier Vorträge zur Geschichte des Nationalso­
zialismus, Weimar 1999, 29-42.
Ehlich, K. (Hg ): Sprache im Faschismus, Frankfurt/M. 1989.
Ders.: "Über den Faschismus sprechen - Analyse und Diskurse", in: Ders. 1989, 7-34.
Elias, N.: "Der charismatische Herrscher", in: Augstein 1989, 42-44.
Epping, H.: Die NS-Rhetorik als politisches Kampf- und Führungsmittel Bedeutung und Wirkung,
(Diss.) Münster 1954.
Fest, J.C.: Hitler. Eine Biographie, Frankfurt/M. 1973.
Fetscher, [.: Joseph Goebbels im Sportpalast 1943 "Wollt Ihr den totalen Krieg'’, Hamburg 1998.
Friedländer, S.: Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus, München-Wien 1984.
Frind, S.: Die Sprache als Propagandainstrument in der Publizistik des Dritten Reiches. Untersucht
an Hitlers 'Mein Kampf und den Kriegsjahrgängen des 'Völkischen Beobachters', Berlin 1964.
Grieswelle, D.: Hitlers Rhetorik in der Weimarer Zeit, (Diss.) Saarbrücken 1969.
HafFner, S.: Anmerkungen zu Hitler, München 1978.
Ders.: Jekyll & Hyde Deutschland von innen betrachtet, Berlin 1996 (Neuausg ).
Heinrich, H.: Reden und kleine Schriften, Basel-Frankfurt/M. 1997.
Herf, J.: Reactionary Modernism: Technology. Culture, and Politics in Weimar and the Third Reich,
Cambridge 1984.
Kayatz, K : Manipulation in der politischen Rede. Textanalysen der extremen Rechten, Frankfurt/M.
1996.
Kershaw, I.: "How Effective Was Nazi Propaganda", in: D. Welch (Hg ): Nazi Propaganda. The Power
and the Limitations, London 1983, 180-205.
Ders.: Hitler 1889-1936, Stuttgart 1998.
Ders.: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Stuttgart 1999.
Klemperer, V.: LTI Notizbuch eines Philologen, Leipzig 121993.
Knopp, G.: Hitler. Eine Bilanz, Berlin 1995.
Krause, P.D.: "Rezension zu Gerhard Paul: Aufstand der Bilder", in: Rhetorik. Ein internationales
Jahrbuch. Bd. 13, Tübingen 1994, 211-213.
Maas, U.: "Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand". Sprache im Nationalsozialismus Per­
such einer historischen Argumentationsanalyse, Opladen 1984.
Ders.: "Sprache im Nationalsozialismus: Macht des Wortes oder Lähmung der Sprache", in: Boh-
leber/Drews 1991,25-37.
Maase, K.: Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970, Frankfurt/M. 1997.
72 Johannes G. Pankau

Maser, W.: Adolf Hitlers Mein Kampf: Geschichte, Auszüge, Kommentare, Esslingen 92001.
Metzger, J.: "Rednermaterial und Rednerinformation. Kompetenzstreitigkeiten in der NS-Propaganda
von 1929 bis 1934", in: Pankau 1998, 16-25.
Moltmann, G.: "Goebbels' Rede zum 'totalen Krieg' am 18. Februar 1943", in: Vierteljahresschrift für
Zeitgeschichte 12 (1964) 13-43.
Mommsen, H.: "'Führer der Nation'", in: Augstein 1989, 21-23.
Nill; U.: Die "geniale Vereinfachung". Anti-Intellektualismus in Ideologie und Sprachgebrauch bei
Joseph Goebbels, Frankfurt/M. 1991.
Ders.: "Sprache und Gegenaufklärung. Zu Funktion und Wirkung der Rhetorik im Nationalsozialis­
mus”, in: Pankau 1998, 1-8.
Nolte, E.: Der Faschismus in seiner Epoche, München-Zürich 1984.
Pankau, J. (Hg ): Rhetorik im Nationalsozialismus. Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch Bd. 16,
Tübingen 1998.
Paul, G.: Aufstand der Bilder Die NS-Propaganda vor 1933, Berlin 1992.
Plöckinger, O. . Reden um die Macht? Wirkung und Strategie der Reden Adolf Hitlers im Wahlkampf
zu den Reichstagswahlen am 6. November 1932, Wien 1999.
Podak, K.: "Spiegel des Unheils. Hitlers Mein Kampf: Annäherung an ein Buch, das es nicht gibt", in:
Bohleber/Drews 1991, 16-24
Priamus, H.-J./Goch, S.: Macht der Propaganda oder Propaganda der Macht? Inszenierung national­
sozialistischer Politik im "Dritten Reich" am Beispiel der Stadt Gelsenkirchen, Essen 1992.
Reichel, P.: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus, Mün­
chen-Wien 1991.
Schäfer, H D.: Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933-1945,
München 1981.
Scholdt, G.: Autoren über Hitler. Deutschsprachige Schriftsteller 1919-1945 und ihr Bild vom "Füh­
rer", Bonn-Berlin 1993.
Schulze, G.: Die Erlebnisgesellschaft Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/M. 1997.
Seidel, E./Seidel-Slotty, 1.: Sprachwandel im Dritten Reich. Eine kritische Untersuchungfaschistischer
Einflüsse, Halle/Saale 1961.
Sluzalek, R.: Die Funktion der Rede im Faschismus, Oldenburg 1987.
Sternberger, D. u.a.: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen, Hamburg 1957.
Thate, W.: Die Rolle des Emotionalen in der nationalsozialistischen Propaganda, (Diss.) Berlin 1954.
Theweleit, K.: Männerphantasien. 2. Bd., Frankfurt/M. 1978.
Tijok, C. T.-Y.: Die rhetorische Gestaltung der Wahlkampf- und Zielgruppenwerbung der NSDAP in
der Weimarer Republik unter Berücksichtigung der NS-Linken, (Diss.) Tübingen 1997.
Treue, W : "Rede Hitlers vor der deutschen Presse am 10.11.1938", in: Vierteljahresheft für Zeitge­
schichte 6 (1958).
Ueding, G : Moderne Rhetorik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart, München 2000.
Ulonska, U.: Suggestion der Glaubwürdigkeit. Untersuchungen zu Hitlers rhetorischer Selbstdarstel­
lung zwischen 1920 und 1933, Ammersbek/Hamburg 1990.
Voigt, G.: "Goebbels als Markentechniker", in: W. F. Haug u.a.: Warenästhetik. Beiträge zur Diskussi­
on, Frankfurt/M. 1971.
Volmert, J.: "Politische Rhetorik des Nationalsozialismus", in: Ehlich 1989, 137-161.
Hitlers Rede - Ergebnisse und Probleme 73

Wedleff, M.: "Zum Stil in Hitlers Maireden", in: Muttersprache 80 (1970) 107-127.
Welzer, H. (Hg ): Nationalsozialismus und Moderne, Tübingen 1993.
Wistrich, R.S.: Ein Wochenende in München. Kunst, Propaganda und Terror im Dritten Reich, Frank­
furt/M. 1996.
Wulf, J.: Aus dem Lexikon der Mörder. "Sonderbehandlung" und verwandte Wörter in nationalsozia­
listischen Dokumenten, Gütersloh 1960.
Reden für alle
Redelehre und Sprecherziehung
Klaus Roß

Es ist für einen Redner stets ein beglückendes Hochgefühl,


im Aufträge des Führers vor die Menschen hinzutreten
und zu predigen. (K. Rittweger)

1. Vorbemerkung

Zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts befindet sich Deutschland in einer Phase
des Umbruchs, die vom Kaiserreich über den gescheiterten Versuch der Weimarer
Demokratie in die Diktatur Hitlers führt. Antidemokratisches Denken und Nationa­
lismus spielen eine unterschiedlich starke Rolle und wirken sich auch auf die Rhe­
torikkonzeptionen dieser Zeit aus. Bereits 1914 träumt Ewald Geißler (lff.) von ei­
ner "Wiedererweckung der Rhetorik", allerdings nicht in der alten Form, sondern
dem Lebensgefühl der Zeit entsprechend als "eine neue, eine deutsche Rhetorik"
(Vorwort ebd.). Durch Hitlers Reden und Redner der NSDAP während der Kampf­
zeit scheint Geißlers Traum in Erfüllung zu gehen1. Geißler, der vor dem Kriegsen­
de 1918 (5) die Rhetorik "noch ziemlich am Anfang" sah, wünscht sich 1935 (25),
"das neue Rednertum", das dem deutschen Volk "nun Führende vorleb[t]en", möge
"allen zu eigen werden!" Für Geißler sind die "Führer des neuen Deutschland"
nicht nur "personhaft, nebenbei, sondern sachlich notwendig (...) herausgehobene
Redner" (ebd., 21).
Im folgenden wird aufzuzeigen versucht2, wie der Hitler und seinen Kampfred-
nem zugeschriebene Erfolg bei der Machtergreifung den Glauben an die "Zauber­
kraft des gesprochenen Wortes" (Hitler) weckte. Hitlers Auffassung zur Rede
(1934, 116f. u. 5l8ff.) war ebenso grundlegend wie seine Reden modellbildend für
die Redeerziehung waren (Kap. 2). Im Rahmen der von Hitler formulierten Erzie­
hungsziele des völkischen Staates (1934, 45lff.) erhält die Sprecherziehung im
Deutschunterricht nach 1933 einen wichtigen politischen Stellenwert (Kap. 3).

1 Ob Hitler sich tatsächlich aus Geißlers Rhetorikbüchern informierte, wie Ueding vermutet (2000,
94), ist unklar.
2 Die Darstellung folgt der zeitgenössischen Einschätzung, ohne zu prüfen, ob die Vorwürfe gegen­
über der (antiken) Rhetorik auf einem Zerrbild beruhen, das sich aus Deutschtümelei speist. Auch
beim Lobgesang auf Hitlers Redekünste und die Reden der Kampfzeit wird den zeitgenössischen
Ansichten gefolgt, um die Begeisterung für diese Form des Redens verständlich zu machen.
76 Klaus Roß

Nach 1945 gingen Sprecherzieher sehr rücksichtsvoll mit ihren Fachvertretem um


und verharmlosten die eigene Fachgeschichte (Kap. 4). Erst ab den neunziger Jah­
ren beginnt eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Redekunst und Rede­
erziehung im nationalsozialistischen Deutschland.

2. Redegewalt3 vor 1933

"Wir sind Redner geworden, weil wir Nationalsozialisten geworden waren" be­
schreibt der Reichshauptstellcnleiter der Reichspropagandaleitung (RPL) Hugo
Ringler (1937, 247) den nationalsozialistischen Weg zur Rede. Die Ausbildung der
Redner4 für die NSDAP erfolgte in der Kampfzeit durch die rednerische Praxis
(vgl. Frohner 1935, 43; Epping 1954, 53). Bei Weller (Pg. seit 1931 und Gaured­
ner) findet sich der Hinweis (1935, 84), dass man sich meist der Redner bedient
habe, "die sich mehr zufällig gefunden und durch die bloße Praxis hinaufgeredet
hatten". Weller beschreibt (1935, 74) die suggestive Methode in der rednerischen
Ausbildung der NSDAP während der Kampfzeit: Jedem einzelnen Redner wurde
"das Gefühl der eindeutigen Überlegenheit über die Redner der gegnerischen Par­
teien derart eingeimpft, dass nach einer gewissen Zeit keiner mehr auf den Gedan­
ken kam, er könne einmal den Kürzeren ziehen." Der nationalsozialistische Kampf­
redner behält auch nach der Machtergreifung seinen Vorbildcharakter, denn er war
"der beste politische Redner der Welt" (Frohner 1935, 43; vgl. Ringler 1937,
246fi).
Emil Dovifat berichtet (1937, 71), die Redeschulung der NSDAP in der
Kampfzeit habe "weniger in formalrednerischer Mahnung als in entschiedener Er­
ziehung zur nationalsozialistischen Überzeugung bestanden" und daraus seien der
Partei "die besten Redner erwachsen." Dovifats Beschreibung trifft voll auf Fritz
Reinhardts Rednerausbildung zu. Gauleiter Reinhardt führte 1928 einen Kurs mit
100 Teilnehmern durch, um dem akuten Rednermangel abzuhelfen. Weitere Kurse
schließen sich in kurzer Folge an, und aufgrund des Erfolges wird daraus ab Juni

3 Bei der nationalsozialistischen Versammlung gilt Gewalt als geeignetes Mittel (vgl. dazu Mein
Kampf 1934, 541 ff.). M. Weller weist in einer Fußnote (1935, 81) auf eine wahrend der Kampfzeit
entstandene Schrift zur Versammlungsleitung hin, in der der Saalschlacht ein eigenes Kapitel ge­
widmet ist.
4 H. Zechmanns vom Titel her vielversprechendes Buch Redner vor dem Hakenkreuz (Gnas 1993)
gibt keine Antwort auf die Frage, wie man Redner der NSDAP wird. Das Buch schildert eine
schwierige Vater-Sohn-Beziehung und verdeutlicht den Weg von Fleinrich Zechmann in eine Spit­
zenposition in der Ostmark [Österreich] des faschistischen Staates, gibt aber keinen Aufschluss
darüber, wie der überzeugte Nationalsozialist zum Gau- und Reichsredner wurde. Auch im Buch
Der unbekannte Redner der Partei von Kurt Rittweger (München 1939) erfahrt der Leser nicht,
wie Rittweger zum Stoßtruppredner wurde Statt dessen erhält der Leser Auszüge aus seinem Ta­
gebuch Uber seine Wahlkampfeinsätze ab März 1938.
Reden für alle 77
19295 die Rednerschule der NSDAP (Tyrell 1969, 261 f.; Bytwerk 1981; 1996,
35ff.; Paul 1990, 67 u. 125). Insgesamt absolvierten ca. 6.000 Personen Reinhardts
Kurse und bereiteten sich damit auf den rednerischen Einsatz für die NSDAP vor.
Nach Einschätzung Bytwerks (1981, 16) leistete Reinhardt durch seine Redneraus­
bildung einen wichtigen Beitrag für Hitlers Machtergreifung. Ob wirklich der Red­
ner und seine Rede oder die Inszenierungen der nationalsozialistischen Versamm­
lungen als Ganzes (vgl. Paul 1990, 123f.) mehr Einfluss hatten, ist eine offene Fra­
ge-
Fritz Reinhardt, der als Steuerfachmann bekannter ist, überträgt das Konzept
seiner Fernkurse für Steuerfragen auf die Ausbildung zu Rednern. Wohl deshalb
wirkt Reinhardts Kurs6 "wie ein Stück höhere Handelsschule" (Schmölders 1999,
3). Zu Zeitungsartikeln (aus dem Völkischen Beobachter oder vergleichbaren Ver­
öffentlichungen) erhält der Schüler Aufgaben und muss Fragen schriftlich beant­
worten. Ausführliche Musterlösungen erläutern den Schülern, welche Antworten
akzeptabel sind und welche nicht. Der angehende Redner wird aufgefordert, den
Text (abschnittweise und als ganzes) mehrfach laut zu lesen. Wenn der Inhalt be­
herrscht wird, soll der Gedankengang in eigenen Worten vorgetragen werden.
Durch das häufige Vorlesen und Vortragen sind die Inhalte derart verinnerlicht
worden, dass der Redner seinen Stoff beherrscht und ohne schriftliche Unterlagen
frei7 zum Thema sprechen kann. Wenn der Redeschüler nach vier Monaten aufge­
fordert wird, seine erste Rede zu halten, urteilt ein Beauftragter der Partei über die
rednerischen Fähigkeiten und entscheidet, ob der Redeschüler geeignet erscheint,
als Redner für die Partei aufzutreten. Nach dreißig weiteren Reden kann er als Par­
teiredner anerkannt werden. Diese Anerkennung war attraktiv, denn damit war der
Redner befugt, für die Partei zu sprechen und für seine Auftritte Honorar zu ver­
langen (vgl. Bytwerk 1996, 40f.).
Reinhardts Kurs führt vor allem intensiv in die nationalsozialistische Ideologie
ein und enthält keine eigenständige rednerische Ausbildung, lediglich die wieder­
holte Ermahnung, langsam, laut und deutlich zu sprechen. Ausdrücklich wird auf
Stimmbildung und das Einüben von Gestik verzichtet, da keine Schauspieler aus­
gebildet werden sollen, sondern nationalsozialistische Redner. Ein glühender Nati­
onalsozialist finde, so beschreibt Frohner (1935, 43) den Vorgang, aus der Tiefe
seiner Überzeugung automatisch die richtigen Worte und den richtigen Ton, denn
"(w)ahre Begeisterung bringt aus sich echtes Pathos hervor." Insbesondere der

5 Wenn Strobl 1978, 82 und Epping 1954, 55; Reinhardts Aktivitäten mit einem Kurs im Jahre 1931
beginnen lassen, übersehen sie, dass vor diesem Kompaktkurs für Fortgeschrittene die Rednerschu­
lung in Briefform erfolgte
6 Reinhardt beschreibt die Konzeption seines Kurses zur Heranbildung nationalsozialistischer Red­
ner (Tyrell 1969, 257fT.; vgl. auch Bytwerk 1981, I lff). Einen Eindruck aus Teilnehmersicht ver­
mittelt Büchner (1938, bes. 22lff).
7 Nur die freie Rede wurde akzeptiert, keinesfalls eine abgelesene Rede; "Wer nicht in freier Rede
sprechen kann, gehört in keiner Versammlung als Redner angesetzt", heißt es bei Nestler (1936,
106; vgl auch den Titel von Wellers Buch 1939).
78 Klaus Roß

Umgang mit Angriffen des politischen Gegners wird bei der Einwandbehandlung
geschult (vgl. Büchner 1938, 380). Hitler hatte daraufhingewiesen (1934, 522f.),
etwas Wichtiges, das er gelernt habe, sei gewesen, auf die gleichförmigen Einwän­
de des Gegners* schon in der Rede einzugehen. Auf Fragen der politischen Gegner
sollen Antworten eingeübt werden, die nicht nach Verteidigung klingen, sondern
Angriff sind. Dabei ist die große Bedeutung des Dialogs auffällig, "das gründliche
Eingehen auf Einwände aus dem Publikum, die nur mit großer Sachkenntnis und
nachhaltiger Indoktrination zu beantworten [sind]. Ein Großteil (...) des Kurses [ist]
der Einübung solcher Dialoge gewidmet" (Schmölders 1999, 3). Der dialogische
Anschein entsprach propagandistischem Kalkül, denn es war nach Epping (1954,
105f.) "ein oberster Leitsatz der NS-Propaganda, dem rhetorischen Monolog, der
Kundgebung, ihre Strenge zu nehmen und ihr den Anschein einer Zwiesprache zu
geben."
Fritz Reinhardt bietet den (angehenden) Rednern ab Juli 1929 zur Unterstüt­
zung Rednermaterialien an, die zu aktuellen Themen Informationen bieten und den
nationalsozialistischen Standpunkt verdeutlichen. Aus Konkurrenz zu Reinhardts
privatwirtschaftlichen Materialien - organisatorisch als RPL 11 der Propagandaab­
teilung der NSDAP eingeordnet (vgl. Paul 1990, 70f.) - erscheinen ab November
1931 von der RPL I (Goebbels) herausgegebene Rednerinformationen. Die Kom­
petenzstreitigkeiten zwischen RPL I (Rednerinformationen) und RPL II (Redner­
materialien) (vgl. Metzger 1997, 21 ff.; Paul 1990, 72ff.) enden erst nach der
Machtübernahme der Nationalsozialisten. Unter H. Ringler werden die beiden Ver­
öffentlichungen vereinigt und unter dem Titel Aufklärungs- und Redner-Informa­
tionsmaterial der Reichspropagandaleitung der NSDAP fortgefuhrt. Das Hauptziel,
dem schon Rednerinformationen und Rednermaterialien gedient hatten (vgl. Metz­
ger 1997, 20f.), bleibt bestehen: die Propaganda auf eine einheitliche Parteilinie zu
bringen.
Viel Aufwand betrieb die Partei mit der Organisation9 ihres Rednerwesens. Das
Hauptziel der "chaotischen Überorganisation" (Longerich 1992, 294) war Kontrol­
le. Bis ins Detail wurde festgelegt, wie eine Versammlung abzulaufen hatte und wer
berechtigt war - schon ab 1931 herrschte Ausweispflicht (Epping 1954, 61 f.) - zu
reden. Unterschieden wurden Reichs-, Gau- und Bezirksredner sowie Fachredner10,

* Es wird berichtet, dass Hitler seine Redner aufgefordert habe, an den Schulungskursen der Gegner
teilzunehmen, um deren Gedanken zu kennen und besser darauf reagieren zu können.
9 Die organisatorische Seite der Rednerpropaganda ist von Epping bereits 1954 in seiner Dissertati­
on analysiert worden. Strobl knüpft mit ihrer Dissertation (1978) an Eppings Arbeit an und analy­
siert die Funktion der rednerischen Propaganda in den verschiedenen Phasen der nationalsozialisti­
schen Herrschaft.
10 Der überwiegende Teil der Redner in den Gliederungen und Organisationen ist Fachredner, weil sie
nicht allgemeinpolitische Themen behandeln (vgl. Ringler 1935/1, 189). Auch der Fachredner ist
"in erster Linie” Propagandaredner, der Uber nationalsozialistische Fachfragen redet und in die na­
tionalsozialistische Weltanschauung einordnet, demgegenüber wirbt der Propagandaredner allge­
mein fllr die nationalsozialistische Weltanschauung (Schulze 1935, 227).
Reden für alle 79

die unterschiedliche Einsatzgebiete hatten und unterschiedliche Aufgaben erfüllen


sollten (Scanlan 1949; 1950). Hitler habe Deutschland durch sein Wort erobert, be­
hauptet Kindt in seiner Lobschrift über den Führer. Das Dritte Reich sei nicht durch
Propaganda im allgemeinen herbeigeführt worden, "sondern alleine durch das Wort
des Führers", denn Hitler habe das deutsche Volk "buchstäblich ... in den neuen
Staat hineingepredigt", lautet Kindts (1934, 7) Glaubensbekenntnis. Ausgeblendet
hat Kindt in seiner Lobeshymne auf Hitler, dass es zahlreiche Redner gab, die laut­
stark für den Nationalsozialismus eintraten. Bei der Neuordnung des politischen
Rednerstabes behielten die Parteigenossen, die in schwierigen Zeiten "Zeugnis ei­
nes unverrückbaren Glaubens" abgelegt hatten (Ringler 1937, 245f.), eine besonde­
re Stellung. Die rednerische Kampftruppe der nationalsozialistischen Propaganda
stand vor einer neuen Aufgabe, nachdem der "Weckruf', den "der Führer ... an die
Nation richtete" (Ringler 1934, 234), zum Sturz des verhassten politischen Systems
geführt hatte. Nach der Machtübernahme war eine Neuorganisation des Rednersta­
bes nötig, denn viele altgediente Redner standen wegen ihrer politischen Funktio­
nen und damit verbundener dienstlicher Belastung nicht mehr als Redner zur Ver­
fügung. Nach der Machtübernahme beginne "der Kampf um den restlosen Besitz
der deutschen Seele", beschreibt Ringler (1934, 235) die neue Aufgabe des natio­
nalsozialistischen Redners. Nun gehe es um andere Redethemen, und für die Dar­
stellung der Aufbaupolitik des Staates brauche der Redner Wissen und Können.
Ringler betont ausdrücklich, nicht jeder Ortsgruppenleiter sei als Redner geeignet
und berechtigt aufzutreten. Es dürfe auf keinen Fall geduldet werden, dass politi­
sche Leiter, über deren rednerische Fähigkeiten nichts bekannt sei, als Redner in
einer Versammlung auf die Zuhörerschaft losgelassen würden. Um zu verhindern,
dass eine Rede für den "nachfolgenden Redner Schwierigkeiten von oft ungeahnter
Größe" schaffe, wird von der Reichspropagandaleitung eine grundlegende "Durch-
und Neuorganisation des Rednerstabes in Angriff' genommen (Ringler 1934,
237f.). Die bisherigen Ausweise werden für ungültig erklärt und durch neue Red­
nerausweise ersetzt, deren Vergabe stärker kontrolliert wird. Ringler nennt die Be­
dingungen, unter denen Parteigenossen die Bestätigung als Redner erlangen kön­
nen. Der 1. Januar 1933 wird als Stichtag festgesetzt, um die Gewähr dafür zu bie­
ten, dass es sich wirklich um eine Kämpfematur handelt, die in der Kampfzeit den
Weg zur Bewegung gefunden habe (Ringler 1934, 238ff.).
In mehreren Artikeln (1935 - 1935/3) stellt Ringler in der für Propagandaffagen
maßgeblichen Zeitschrift Unser Wille und Weg die Neu-Organisation des national­
sozialistischen Rednerstabes vor. Redner-Ringe sollen sich regelmäßig auf lokaler
Ebene treffen, um Erfahrungen auszutauschen. Kameradschaftliche Kontrolle und
Beratung im Anschluss an eine Rede sollen dem Redner seine Fehler aufzeigen und
Änderungen anregen (vgl. Frohner 1935, 45; Pabst-Weinschenk 1993, 412f.). Wäh­
rend des Rednereinsatzes sind Zuhörer im Publikum, die auf die richtigen Reaktio­
nen achten (vgl. Epping 1954, 84f.). Mit der "Reichs-Rednerschule"" wird eine
ii
Trotz der (gewollten?) Namensgleichheit handelt es sich nicht um die von Reinhardt als Fem-
studienkurs konzipierte Ausbildung. Reinhardt stellte 1934 - vermutlich wegen Differenzen mit
80 Klaus Roß

Einrichtung geschaffen, die ab Oktober 1935 durch die Gaue wandern soll, um im
Laufe der Zeit eine "restlose Erfassung aller anerkannten Redner der Bewegung,
der Gliederungen und angeschlossenen Verbände" zu leisten (Ringler 1935/3, 331).
Dieses Fortbildungsbildungsangebot dient dazu, bei politischen Rednern und Fach-
rednem die nationalsozialistische Weltanschauung zu festigen und zu fördern. Die
Lehrkräfte der Reichs-Rednerschule sollen aus den "tüchtigsten Sachbearbeitern"
des jeweils besuchten Gaus bestehen und durch von der Reichspropagandaleitung
benannte Referenten ergänzt werden (Ringler 1935/3, 332). Ziel der "Reichs-
Rednerschule" soll es auf keinen Fall sein, "tote Sprechmaschinen auszubilden,
sondern Redner, die mit Hingabe und mit glühender Begeisterung jene Lehre ver­
künden (!), die uns der Führer gegeben hat" (Ringler 1935/3, 332f.).
Die "Verkündigungsreden" (Weller 1939, 181) der Kampfzeit sind nicht für alle
Aufgaben geeignet. Weller weist ausdrücklich daraufhin, dass der größte Teil sei­
ner Redeschüler nicht in die Lage kommen werde, Verkündigungsreden großen
Stils zu halten, dennoch fordert er einen kräftigen Einschlag von der Art, wie Red­
ner der Partei in der Kampfzeit zum Volk gesprochen hätten (ebd., 147). Neben
Parteigenossen, die in öffentlichen Versammlungen reden, braucht die NSDAP eine
Unzahl von Rednern, die im Alltag (in kleinen Versammlungen, Zusammenkünften,
Werkstätten und Betrieben) den Standpunkt des Nationalsozialismus vortragen. Für
diese Alltagsredner verfasst Hans Krebs12 seine Redner-Fibel'3. Nach der Versiche­
rung, Reden ließe sich lernen, erfährt der angehende Redner, wie sich Vortrag - er
wendet sich an den Verstand und bedient sich handschriftlicher Aufzeichnungen -
und Rede unterscheiden. Eine Rede müsse frei gesprochen werden und wende sich
an das Gemüt der Zuhörer, schärft Krebs seinen Schülern ein. Die Schüler werden
darüber belehrt, was ein nationalsozialsozialistischer Redner lesen muss und wie er
seine Zeitungsausschnitte ordnen14 soll (Krebs 1935, 8ff). Im zweiten Teil werden
dann Hinweise zur Redevorbereitung gegeben, veranschaulicht durch Redebeispie­
le bedeutender Nationalsozialisten (Krebs 1935, 34ff). Abschließend wird am Mu­
sterbeispiel eines Redeentwurfs zum Thema Was will der Nationalsozialismus ein
Schlagwortzettel und eine ausformulierte Rede vorgestellt (Krebs 1935, 73ff.). Es
fällt auf, dass der Redeschüler von Krebs Hinweise zum richtigen Atmen und zum

dem Propagandaministerium (vgl. dazu Metzger 1997, 25) - seine Rednermaterialien ein und zog
sich aus der Propagandaarbeit zurück.
12 Zum Werdegang von Krebs und seinen Ansichten, vgl. Scanlan 1951, bes. 433ff.
12 Frühere Auflagen erschienen unter dem Titel Redner lerne reden!
14 Die Detailbesessenheit geht soweit, dass auf acht Seiten (1935, 22-29) Beispiele und Anweisungen
zu finden sind, wie die Zeitungsausschnitte täglich zu behandeln sind ("Ist der Zeitungsausschnitt
größer als das Papierblatt, dann legt man ihn zusammen ") und welche Farben für die verschiede­
nen Mappen zu wählen sind. Auch Reinhardt beschreibt bis zum kleinsten Handgriff den vor­
schriftsmäßigen Umgang mit Blättern (vgl. Metzger 1997, 18). Die Abrichtung auf das Einhalten
von Ordnung und das Befolgen von Anweisungen findet sich auch in der Schule beim Umgang mit
Büchern (Hopster/Nasscn 1983, 65ff), so dass nicht von einer zufälligen Anweisungsgenauigkeit
auszugehen ist.
Reden für alle 81
zum richtigen Stimmgebrauch erhält, da diesem Punkt in der nationalsozialistischen
Redeschulung in der Regel kein Platz eingeräumt wird.
Der Leiter der Rednerschule im Gau Groß-Berlin, Georg Frohner, hält es für
"unnötig" zu erklären (1935, 43), dass Rednerschulung "niemals etwas zu tun ha­
ben kann mit der Anerziehung von Gesten und Zungenschlag." Ganz anderer Auf­
fassung sind Loebell/Roedemeyer, die mit ihrem Buch Die Befehlssprache (1936)
nicht nur dem Befehlenden in allen Waffengattungen, sondern auch dem Berufs­
sprecher und Erzieher für Anweisungen, Belehrungen im Unterricht und Anspra­
chen die Wichtigkeit eines richtigen Stimmgebrauchs vermitteln wollen. Dabei ge­
he es nicht nur um die Förderung der Volksgesundheit durch das Gesunderhalten
der Stimme (ebd., 2ff.), sondern auch um den zuchtvollen Ausdruck des Befehls,
egal ob beim Militär oder beim Sport, bei HJ, BDM oder SA und SS. Es wird un­
terstellt, die Sprechweise zeige nach außen, was im Befehlenden innen stecke, und
dann wird geschlossen, einem laschen Befehl folge eine lasche Ausführung. Einem
gebrüllten Befehl möge zwar gefolgt werden, aber möglicherweise nur äußerlich
nicht innerlich. "Das innere Folgen aber ist von weittragender Bedeutung. Denn
davon hängt das Glauben an den Befehlenden als einem zum Führen Berufenen ab"
(Loebell/Roedemeyer 1936, 17).
Kruse sieht in der Rede eine dem Befehl vergleichbare Willensübertragung. Al­
lerdings setze der Befehl voraus, als Mächtiger anerkannt zu sein, während die Re­
de Gegenwillige zwinge und Führer schaffe. "Der Befehl ist ein Mittel der Macht -
die Rede ist Mittel zur Macht" (Kruse 1939, 9). Der Redeschüler wird in seinem
auf 15 Wochen angelegten Kurs aufgefordert, von Anbeginn an frei zu reden, denn
nur so könne der echte Ausdruck ("gefühlsgefärbt und willenswuchtig", 9) erreicht
werden. Bei Kruse ist das Ziel "Munddeutsch ... nicht Schreibedeutsch" zu reden
(1939, 20 u. 42). Kruse weist in seinem Vorwort (1939, 3) auf die neuen Ver­
hältnisse und den Maßstab für Reden hin, den Hitler festgelegt habe, hält aber an
Atem- und Sprechübungen fest. Zum täglichen Programm gehören neben Flüster­
übungen zur Schulung der Stimme, Körperübungen (zugunsten der rechten äußeren
und inneren Haltung) sowie Seelengymnastik, um den Redner auf die Hörermasse
einzustellen. Das Publikum, das zusammenkäme, eine Rede zu hören, sei keine
Summe von Einzeimenschen15, sondern würde zu einer Einheit, zu einer Massen­
seele. Das Ziel des Redners sieht Kruse (1939, 13) darin, "den Willen der Masse in
die Bahn zu zwingen", die der Redner für wünschbar halte. Dafür habe der Redner
die Grundansichten der Massenpsychologie zu beachten, betont Kruse.
Roedemeyer behauptet (1940, 155), eine Redekunst, "die psychologisch der
Masse nicht gerecht (werde), (sei) heute mehr denn je verfehlt", und zitiert ausführ-

15 Nestler empfiehlt (1936, 105), der Redner solle sich auf einen einzelnen Versammlungsbesucher
einstellen und so tun, als spräche er nur zu diesem Hörer, dieser wirke dann wie ein "Mittler" zwi­
schen ihm und den Vielen, wobei es vollkommen gleich sei, ob der Redner "vor 12 oder vor 12000
Zuhörern" spreche
82 Klaus Roß

lieh aus Le Bons Buch zur Massenpsychologie. Le Bons Ansichten16 scheinen


durch die rednerischen Erfolge Hitlers ihre Bestätigung gefunden zu haben. Die
Rede sei "der Schlüssel zur Massenführung", schreibt Ahmels (1934, 193) und
spricht von der "Zwinggewalt der Führerrede". Mit der "Befehlssprache des Füh­
rers" erklärt Ahmels in einer anderen Veröffentlichung (1934/1, 4) das "Geheimnis
der Massenführung". Dovifat versucht (1937, 135f.), die umwälzende Wirkung des
Redners Hitler durch zwei Kräfte aus dessen tiefster Natur (Glauben und Wollen)
und zwei Erkenntnisse Hitlers - Führen heißt Massen bewegen können und Rede ist
das geeignete Mittel dazu - zu erklären. Die Einwirkung auf Massen sei aber nur
eine Zwischenphase auf dem Weg zur Gemeinschaft, meint Dovifat (1937, 145f.),
denn die Zukunft der Rede liege in einer Rede, die immer weniger Massenrede ist,
vielmehr immer mehr zur Volksrede wird, die das ganze Volk anspricht. Schon
1923 hatte Geißler (141 f.) der Volksrede, als der "höchsten Rede, die es gibt", die
Aufgabe zugewiesen, "durch alle äußeren Verschiedenheiten hindurchzugreifen ins
letzte und echteste". Ob bei Geißlers Charakterisierung Erfahrungen mit Hitlers
Reden mitspielen oder nur die Sehnsucht nach Gemeinschaft in einer Redeform
konkretisiert wird, lässt sich aus dem Text nicht erschließen. Später sieht Geißler
(1935, 24; vgl. Kindt 1934, 8f.) im Volksredner einen Propheten, der eine "Verbin­
dung zur Volkheit" hat, die unausschöpfbar aus dem Redner spricht. Für Soenke
(1938, XI) gilt Hitler als Schöpfer dieser "neuen Form der Rede, der wahren Volks­
rede." Nach Dovifats Einschätzung (1937, 139) vereinigt diese ganz neue17 Form
der Rede dreierlei: "Klare Lehre, glühende Überzeugungskraft, harte Tatbereit­
schaft." Nach 1933 wird die Wiedergeburt der Rede (Soenke 1938; Dovifat 1937,
15) verkündet und eine "Blüte der Redekunst wie kaum je zuvor" (Kruse 1939, 3)
erlebt und behauptet (Kindt 1934, 16), mit Hitler beginne "ein neues Kapitel in der
Geschichte der Beredsamkeit." Die "Rede als Führungsmittel" sei nach der Aufklä­
rung in den Hintergrund getreten, und der Mensch sei als Einzel- nicht als Gemein­
schaftswesen gesehen worden, heißt es bei Soenke (1938, VIII). Den Rednern der
vergangenen Zeit wird vorgeworfen, sie hätten nicht zum ganzen Volk geredet. Au­
ßerdem wird bemängelt, Reden hätten schriftsprachlichen Stil gehabt ("geredete
Schriftstellerei" Soenke 1938, IX) und deshalb keine Wirkung haben können.
Durch das gedruckte Wort sei es zu einem Verfall der Redekunst gekommen, mut­
maßt Frauenfeld (1937, 241). Erst Hitler habe wieder - wie vor ihm schon Luther18
- die Sprache des Volkes geredet und alle im Volk angesprochen. In der Redekunst
Luthers sieht Roedemeyer (1938, 73 u. 1940, 111) "Wesenheiten deutscher Rede
überhaupt" und weist darauf hin, wie nahe Luthers Gedanken an der Auffassung

16 Hs gibt Aussagen Vertrauter, dass Hitler Le Bons Psychologie der Massen kannte. Außerdem gibt
es Hinweise, dass Hitler seine Kenntnisse der Massenpsychologie aus populärwissenschaftlichen
Quellen seinerzeit schöpfte (vgl. dazu Paul 1990, 30ff).
17 Erstaunlich ist es allerdings, dass Dovifat an anderer Stelle (1937, 31) von der alten Regel der
Volksrede spricht und den oft Luther zugeschriebenen Spruch Tritt keck auf, mach's Maul auf, hör
bald auf anftihrt.
18 Der Hinweis auf Luther findet sich beispielsweise bei Kindt 1934, 8f., 13; Soenke 1938, XI; Geiß­
ler 1938, Sp. 264 und Roedemeyer 1940, 8.
Reden für alle 83
Hitlers lägen (nicht umgekehrt!!). Hitler wird als "begnadete(r) Redner" gepriesen
(Dovifat 1937, 30), als "genialisch des gesprochenen Wortes fähiger Führer" gelobt
(Weller 1939, 139), als "größter Redner der Deutschen" gefeiert (Gerathewohl
1937/1, 237) und als "Vorbild" (Soenke 1938, XI; Ahmels 1936, 207) vorgestellt,
dessen Beispiel "verpflichtet" (Gerathewohl 1934/1, 5) und eine systematische Er­
ziehungsarbeit zum gesprochenen Wort bei der nachwachsenden Generation erfor­
dert.

3. Förderung nach 1933

"Erst die nationalsozialistische Bewegung konnte die Bedeutung der deutschen


Sprechkunde und Beredtsamkeit [sic] wieder ins rechte Licht stellen", meint Fritz
Gerathewohl (1934/1, 5), der als Reichssachbearbeiter der Arbeitsgemeinschaft
Sprecherziehung im NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund) maßgeblich die
Geschicke der Sprecherziehung in dieser Zeit bestimmte. Nach 1933 erlangte die
Sprecherziehung "eine ungleich größere Bedeutung als in den Jahren zuvor", be­
schreibt Plöckinger (1999, 175) eher untertreibend das gestiegene Ansehen der
Fachvertreter. Schon vor 1933 hatten viele Sprecherzieher nationalistische (vgl. da­
zu Geißner 1997) und zum Teil rassistische Ansichten (Geißner 1994, 109ff.) ver­
treten, so dass es ihnen nicht schwer fiel, dem neuen Staat ihre Dienste anzubieten.
Gerathewohl geht davon aus (1934/1, 5), der "Sieg des Nationalsozialismus [sei]
nicht zuletzt der Sieg der lebendigen Rede über den toten Buchstaben." Weller
meint (1935, 83), "Nationalsozialismus und gesprochenes Wort [seien] einfach
nicht voneinander zu trennen" und versucht in seinem Buch Gesprochene Mutter­
sprache eine nationalpolitische Grundlegung des Faches Sprecherziehung. Speziell
die Entbindung der Willenskräfte in der freien Rede wird als Verwirklichung der
von Hitler geforderten Erziehung gelobt (vgl. Esser 1939, 212f.). Der Verweis auf
Hitler und dessen Äußerungen zur Bedeutung des gesprochenen Wortes ermöglicht
es Sprecherziehem, die Wichtigkeit des eigenen Faches herauszustellen'9. Die
Sprecherziehung und ihre nationalpolitische Aufgabe würden "von den höchsten
Stellen der Partei anerkannt", betont Ahmels (1936, 208). Zustimmende Äußerun­
gen bekannter Nationalsozialisten (Hess, Strickler, Wächtler) sowie die neue Zeit­
schrift Das gesprochene Wort (Schriftleiter F. Gerathewohl), die ab 1938 im Mün­
chener Eher-Verlag erscheint, zeigen dies. Sprecherzieher hoffen auf eine Aner­
kennung ihres Faches und entsprechende Stellen in den Hochschulen. Erfolgreich
sind sie vor allem bei der Lehrerausbildung und der schulischen Erziehung. In den
Lehrplänen kommt dem gesprochenen Wort eine herausragende Rolle zu (vgl.
Schinke 1938; Frank 1973, 791 ff.) und dient im Rahmen des neugestalteten

19
Hitlers Äußerungen aus Mein Kampf (116) zieren unter einem großen Hakenkreuz das Titelblatt
einer Sondernummer der Zeitschrift NS-Erzieher zur Sprecherziehung (Gau Hessen-Nassau 5. Jg
Nr. 17, 2. September 1937).
84 Klaus Roß

Deutschunterrichts vornehmlich der politischen Formierung (vgl. Hopster/Nassen


1983, 37ff.; Roß 1994, 83fF.). Zu beachten ist, dass Sprecherziehung drei Teilge­
biete20 umfasst, die im Sinne Drachs die Erziehung zum Sprechen und die Erzie­
hung durch Sprechen zur Aufgabe haben. Redeschulung ist in eine umfassende
Ausbildung zum Beherrschen des gesprochenen Wortes eingebunden (Drach 1935;
Ahmels 1934/1, 5ff.; 1936; Esser 1939). Die Bemühungen der Sprecherzieher be­
schränkten sich nicht auf die Schule, wie aus einem Bericht über das Heimatwerk
Sachsen (Leitung H. Ahmels) hervorgeht. G. Hartmann nennt (1941, 95f.) eine ein­
drucksvolle Zahl von Vorträgen und Schulungen, die mit unterschiedlichen Teil­
nehmerkreisen aus Staat, Partei, Verbänden und in Großbetrieben vom Heimatwerk
auf Anordnung des Gauleiters der NSDAP (Ahmels 1939, 139) durchgeführt wur­
den.
Plöckinger meint (1999, 176), der "Aufstieg der Sprechkunde und Sprecherzie­
hung" während der NS-Zeit sei "nicht ohne Widersprüche und Konflikte" verlaufen
und sieht ein "Spannungsverhältnis zwischen den nationalsozialistischen Ansätzen
und der Rednerschulung im Sinne der Sprecherziehung". Das angedeutete Span­
nungsverhältnis ist weniger im Erziehungsziel zu sehen, als vielmehr in der unter­
schiedlichen Einschätzung, ob für die Redeschulung Atem- und Stimmbildung so­
wie Ausspracheschulung notwendig sind21 oder entfallen können, wie es bei der
Redeschulung der NSDAP geschah (vgl. oben). Geißlers Forderung nach einer
deutschen Redekunst, die sich nicht am griechisch-lateinischen Vorbild22 orientie­
ren soll, kann als akzeptiert gelten. Geißler, der Sprechkunst als Grundlage der Re­
dekunst auffasst (1914; 1918), sieht sich durch die nationalsozialistischen Redner
bestätigt (1938, Sp. 263f.). Zurück zum naturhaft Gesprochenen, zur richtigen
Sprachleiblichkeit (Geißler 1937, vgl. 1935, 18ff.) heißt das Motto der Erziehung,
denn das leibhaft tönende Vortragswort soll die Keimzelle der Redekunst sein. Die
Alten hätten zu viel Wert auf die rednerische Form gelegt - so Wellers Vorwurf
(1939, 57) - und in der Ausbildung das vernachlässigt, was nun als "das Erste und
Wesentliche der Redekunst" angesehen würde, "das Sprechen, den Vortrag, das ei­
gentliche Halten der Rede!" Hitlers Ausführungen zur Rede werden als "ausge­
zeichnete Rednerschulung gelobt" und für die Lektüre in den Oberklassen vorge­
schlagen (Lebede 1938, 85). Auch rednerisch und sprachlich wird Hitler mit seiner

20 Der Begründer der Sprecherziehung Erich Drach unterscheidet die Teilgebiete Stimm- und Sprach-
bildung (Ziel ist, das Sprechen gesundheitlich und zweckmäßig, lautrichtig und lautrein zu ma­
chen), Leselehre (ein Prosastück sinnfassend vorlesen können) und Vortragslehre (einfühlendes
Nachgestalten eines Dichtwerkes) sowie die Redelehre, die auf die Schulung der mündlichen Aus­
drucksfähigkeit zielt. Bei Weller heißen die drei Teilgebiete Stimmbildung, Sprechkunst und Re­
dekunst und bei Ahmels Sprechzucht, Sprechkunst und Redegewandtheit.
21 Das wird von Sprecherziehern betont (Gerathewohl 1937, 417 und 1937/1, 235f.; Ahmels 1936,
210; Esser 1939, 2f.; Weller 1939, lOf. u. 72f.) und bei den Lehrgängen von Gerathewohl 1934;
83ff.; 1941,32ff. u. 102ff und Weller 1939, Off auch in der Rednerausbildung umgesetzt.
22 Schon 1951 hat Scanlan daraufhingewiesen (431), dass die Nationalsozialisten sich nicht die Mü­
he machten, die Werke der Rhetorik zu studieren. In diesem Punkt gibt es eine Seelenverwandt­
schaft mit Sprecherziehern, die ebenfalls die Einsichten der klassischen Rhetorik verschmähten.
Reden fiir alle 85
"anschaulichen Volkssprache" (Dovifat 1937, 141) als Vorbild hingestellt. Ahmels
(1939, 140) will den Sprechstil an der politischen Führerrede ausrichten. Ziel ist
die freie Rede, die auf Sprechdenken23 beruhen soll. Der Wille bekommt dabei eine
herausgehobene Stellung, denn Redeschulung gilt als "Willens- und Charakterer­
ziehung" (Weller 1939, 73). Redner gelten als Willensmenschen (nicht Verstandes­
menschen), die ihren Willen den Zuhörern aufprägen wollen. Weller verspricht
(1935, 74), die "Stählung der charakterlichen und sittlichen Kräfte", die in der
Kampfzeit bei den Parteirednem möglich war, "bei der Jugend des neuen Reiches
... zuwege bringen zu können." Für Roedemeyer gilt "Erziehung zur Rede als Er­
ziehung zur Tat" (1940, 118) und damit zum deutschen Menschen, deshalb gehöre
Redeschulung zu den Aufgaben der Nationalerziehung. Vor allem der Hemmungs­
abbau soll bei der Redeschulung im Vordergrund stehen, denn das "neue Deutsch­
land kann keine Mucker und Angsthasen gebrauchen ... Als rethorische [sic] Schu­
lung ist sie... aufs engste mit der Charakterbildung verbunden; scharf steckt sie die
Grenzen zwischen Geschwätzigkeit und Beredtsamkeit [sic] ab .... Gewiß soll die
Schule keine 'Redner' erziehen, aber sie hat die Aufgabe, die Grundlagen zur redne­
rischen Persönlichkeit zu fördern" (Gerathewohl 1934/1, 7). Häufig findet sich der
Hinweis, der Redner müsse sich vor leerem Geschwätz hüten, und Redekunst sei
keine Schwatzkunst. Ziel ist ein Redner, der mit seiner ganzen Persönlichkeit hinter
dem Gesagten steht, denn "Schwätzer und Schönredner" (Ahmels 1934/1, 4; vgl.
Weller 1935, 120; Geißler 1935, 22; Gerathewohl 1937, 418) sollen auf keinen Fall
herangezogen werden.
Der in der Schule stattfindende Unterricht im Reden ist von der politischen Re­
deschulung der Partei zu unterscheiden. Ahmels betont nachdrücklich (1934, 194),
die Schule solle sich vor einer systematischen Rhetorik hüten. Für die große Mehr­
heit der Schüler geht es um richtiges Atmen und korrekte Lautbildung sowie Übun­
gen zum sinnbetonten Sprechen. Für die Freisprechübungen sollen Themen aus
dem Alltagsleben gewählt werden, z.B. Erlebnisse des Tages, Feiern, Sportereig­
nisse usw. Das Ziel dabei ist, dass sich jeder Volksgenosse sicher im gesprochenen
Wort ausdrücken kann. Beim Führungsnachwuchs in den oberen Klassen sollen
Reden bedeutender Nationalsozialisten gehört und nachgestaltet werden (Gerathe­
wohl 1934/1, 7). Große Redner und kleinere Sprecher gelten als verwandt, wenn sie
echt reden, allerdings sei bei großen Rednern das "innere Gedrängtsein (...) stärker,
leidenschaftlicher, unabweislicher" und schaffe sich "daher auch die große Form",
meint Esser (1939, 159). Wenn die Hörer die richtige Gesinnung spüren, verlieren
offensichtliche Mängel der Rede ihre Bedeutung und werden entschuldigt (Ahmels
1936, 1).
Erich Drach will durch Redeübungen in der Schule vor allem zur muttersprach­
lichen Bildung beitragen und das Hineinwachsen in die Volksgemeinschaft fordern.

23
Sprechdenken wird dem Schreibdenken entgegengesetzt und soll dem Redner die Möglichkeit bie­
ten, stilistisch richtig und situationsangemessen zu reden. Allerdings wird unter Sprechdenken sehr
Unterschiedliches verstanden (vgl Roß 1994, 245ff ).
86 Klaus Roß

Für Reden vor einem großen Kreis von Volksgenossen sind nach seiner Einschät­
zung nur starke Führerbegabungen geeignet, und für deren rednerische Schulung
seien die politischen Stellen zuständig, betont Drach (1935, 27). Drach sieht bei
dieser Rednerschulung drei Arbeitsfelder: 1. Vertiefung der geistigen Grundlagen
des neuen Deutschland, 2. fachliche Durchdringung des Sondergebietes und 3. die
Höherbildung der muttersprachlichen Ausdrucksfähigkeit damit der Gehalt der Re­
de zu einer wirklichen, menschengewinnenden Rede wird. Für die ersten beiden
Arbeitsfelder gebe es genügend Lehrkräfte, es fehlten aber Lehrer mit sprechkund-
licher und pädagogischer Erfahrung für die rednerische Ausbildung. Mit seinem
Übungsbuch Redner-Schulung (1934), das aus einer Überarbeitung24 seines Buches
Redner und Rede aus dem Jahr 1932 hervorging, will Drach als Ergänzung25 zur
weltanschaulichen und fachlichen Führerschulung den Weg zu denkbildenden Re­
deübungen aufzeigen (vgl. Drach 1934, 5f.). Die Tatsache, dass Drachs Buch Red­
ner-Schulung in NSDAP-Materialien zur Redeschulung empfohlen wurde (Pabst-
Weinschenk 1993, 416), deutet daraufhin, dass Drachs Ansichten gut in den völki­
schen Staat passten. Grundbedingung für die Redeschulung ist, dass der Redner
weltanschaulich auf dem Boden des neuen Staates steht. Die Redeübungen als re­
depädagogische Ergänzung bauen darauf auf und zielen vordringlich auf sprach-
lich-sprecherisches Können. Für die Übungen konnte Drach ohne Probleme auf
seinen Redekurs Redner und Rede zurückgreifen, da die sprachlichen Grundlagen
(u. a. Weisgerber und Schmidt-Rohr) mit den neuen politischen Verhältnissen kom­
patibel waren. Die psychotechnische Orientierung wird als neutrale Technik aufge­
fasst, so dass nur die Organisation des Redekurses und einige Redebeispiele nicht
zum neuen Staatsverständnis passten. Mit Absicht greift Drach für die sprachbild-
nerischen Übungen auf ältere Beispiele zurück und begründet das damit, dass ei­
nem, was "in Hirn und Herzen (brenne ...) kein Gegenstand für sprachbildnerische
Sezierübungen" sein könne (1934, 89). Im abschließenden Kapitel (Drach 1934,
89ff.), das aufzeigen soll, wie am Beispiel zu lernen ist, wird deutlich, dass die Re­
deschulung im Dienste des völkischen Staates steht. Reden von Hitler und Goeb-

Pabst-Weinschenk 1993, 374ff. sieht darin eine Verfälschung des originalen Rhetorikkonzepts und
betont (ebd., 420f.) den Unterschied zwischen Drachs und Hitlers Rhetorikverständnis. Inwieweit
Drachs Redeschulung tatsächlich so neutral ist und demokratischen Zielen dient, wie Pabst-
Weinschenk betont (1993, 43 u. 243ff), ist mit Blick auf Drachs Biografie und seine deutschkund-
liche Orientierung (Geißner 1995, 48fT.; 1997, 126ff.) eine andere Frage. Wenn Ueding meint
(2000, 94), Hitler habe sich einschlägig vorinformiert und dann neben Geißler auch Drach er­
wähnt, dürfte das ein Irrtum sein, denn Hitler hatte seine Redepraxis lange begonnen, bevor Drach
sich erstmals in seinem Buch Redner und Rede von 1932 zur Redekunst äußerte. Es ist auch sehr
unwahrscheinlich, dass Hitler die Schriften Drachs, die der ab dem Beginn der zwanziger Jahre
Uber Sprecherziehung in der Schule verfasste, gelesen hat und daraus Anregungen für seine Rede­
praxis holen konnte. Drachs Arbeit Die redenden Künste aus dem Jahre 1926 beschäftigt sich mit
den Grundtatsachen des Sprechens, und bei einer Lektüre dieser sprechkünstlerisch ausgerichteten
Arbeit - sie sollte ursprünglich Psychologie des Sprechens und der Sprechkunst heißen - ist es kei­
neswegs verwunderlich (vgl. aber Plöckinger 1999, 169), dass Hitler nicht erwähnt wird.
25 Drach, der nach eigenen Angaben (1934, 5) den ehrenvollen Auftrag erhalten hat, der Rednerschu­
lung des neuen Staates zu dienen, versteht seinen Kurs als eine Arbeitshilfe, die offenbar unabhän­
gig davon ist, welcher Rednertyp (politischer Redner, Fachredner) ausgebildet wird.
Reden für alle 87

bels werden empfohlen und die Schüler ausdrücklich aufgefordert, tagneue Reden
in den Unterricht einzubeziehen. Weil Drach unterstellt (1934, 91), dass sich beim
Vorlesen die "lautlich-geistige Akteinheit der Reden" auswirken werde, meint er,
der Vorleser werde von "ihrem Geist erfüllt" anfangen, "ihren Ton zu treffen". Die
Wiedergabe wichtiger Reden soll den Redeschüler durch Inhalt und Form erziehen
und so das persönliche Sprachkönnen erweitern.
An den verschiedenen Auflagen von Fritz Gerathewohls Lehrgang der Ge­
sprächsführung und Redekunst lässt sich zeigen, dass die Grundstruktur beibehal­
ten wird und gleichzeitig die Anforderungen der Zeit berücksichtigt werden, und
zwar schon vor der von Piöckinger (1999, 169) herangezogenen Auflage aus dem
Jahre 1941. Nicht nur die Besetzungsliste26 des Spektakulums ändert sich, auch die
Auswahl der Beispiele wird den jeweiligen politischen Bedingungen angepasst:
Hitler, der 1929 überhaupt nicht erwähnt wird, erhält ab 1934 den bevorzugten
Platz und Rohm, der 1934 mit einigen Beispielen vertreten war, verschwindet in
der Auflage von 1941. Der 'Führer' wird einerseits als Meister verschiedener redne­
rischer Mittel vorgestellt, andererseits gilt er als Fachmann für Propaganda und Re­
de und sein Bekenntnisbuch Mein Kampf als eine "Fundgrube des heutigen Red­
ners" (Gerathewohl 1934, 9). Als besonders wichtig gelten die Ausführungen des
Führers über die Einfühlung des Redners in die Masse (Gerathewohl 1934, 166).
Der Redner müsse sich, je größer die Masse sei, desto mehr nach der Aufnahmefä­
higkeit der Beschränktesten der Hörer richten und könne gar nicht einfach genug
sprechen. Der Redner soll sich nach dem Vorbild der erfolgreichen nationalsozia­
listischen Propaganda auf einen Zwecksatz beschränken, der den Hörem wiederholt
in verschiedener Formulierung vorgetragen wird, um eine suggestive Wirkung zu
erzielen. Die Bedeutung der neuen Weltanschauung zeigt sich auch an den erkennt­
nistheoretischen Grundlagen. Behandelte Gerathewohl in der Auflage von 1929 den
Gegensatz zwischen absolut und relativ in einem kurzen Abschnitt (1929, 10f.),
wird daraus 1934 (lOf.) der Abschnitt "Ichbedingtes Wollen und Objektivitätsfim­
mel", der in der Auflage von 1941 (lOf.) ausführlicher behandelt und durch Zitate
aus Mein Kampf [dort, 200] untermauert wird. Gerathewohl vermutet, der Sach­
lichkeitsglaube der Aufklärung habe der Entwicklung einer deutschen Beredsam­
keit entgegengestanden. In einem "sehr weitgehenden Maße" sei die rhetorische
Erziehung eine Erziehung zum Gemeinschaftsgefühl meint Gerathewohl (1934,
24). Um zu verhindern, dass die gestiegene Redelust zu einem kulturwidrigen Ele­
ment wird, will Gerathewohl den Redner über die Kultur des Sprechens zur Kultur
der Rede führen. Aus einer Beherrschung der Atmungs- und Sprechwerkzeuge er­
gäben sich die rhetorischen Mittel wie von selbst, meint Gerathewohl: "Es gilt, uns
die rhetorischen Mittel, die in der Sprache und (...) in der menschlichen Stimme

26 In seinem Lehrgang legt Gerathewohl den Teilnehmern seines Kurses typische Ansichten und
Einwände in den Mund. Die Teilnchmerliste wechselt 1934 entsprechend der politischen Lage, und
aus dem Abgeordneten A wird der Amtswalter A, aus dem Betriebsrat B wird der Betriebszellen-
Obmann B, der Gewerkschaftssekretär E verschwindet in der siebten Auflage 1934 und der Pfarrer
K in der achten Auflage 1941, dafilr erscheint auf der Bühne der Politische Leiter K.
88 Klaus Roß

liegen, bewußt zu machen" (1934, 13; Hervorhebungen getilgt, neue Hervorhebung


K.R.). Sprechübungen dienen der verbesserten Überzeugungskraft und sollen
gleichzeitig die gemeinsame (hochdeutsche) Sprache entwickeln. Als eine "der
größten Taten" Hitlers sieht Gerathewohl (1934, 14) die Verwendung einer eingän­
gigen, allen Deutschen gemeinsame Sprache an. Daraus wird die Aufgabe abgelei­
tet, alle Volksgenossen hätten dafür zu sorgen, dass "diese gemeinsame Sprache
des deutschen Herzens und Willens" (Gerathewohl 1934, 15) bestehen bliebe und
an Boden gewänne. Nicht nur in der Anschaulichkeit ist Hitler für Gerathewohl das
"beste Vorbild" (1934, 173), auch in grammatischer Hinsicht ist er vorbildlich,
denn er ist ein "Meister im Aufbau der wirkungsvollen Perioden", von denen
"Wucht und Eindringlichkeit" (1934, 168) ausgeht. Beim Redestil soll der Redner
den pseudoromantischen Schwulst der Vorkriegszeit meiden und gekünsteltes Pa­
thos ablehnen. Der Redner soll den Erfahrungen Hitlers folgen, dass sich eine Rede
nur bedingt an den Verstand und mehr an das Gefühl zu richten habe und werde mit
einem aus dem Herzen stammenden Pathos den richtigen Ton treffen.
Mit der Unsitte des liberalistischen Zeitalters, durch Zwischenrufe die eigene
Meinung kundzutun, habe der Nationalsozialismus aufgeräumt, berichtet Gerathe­
wohl und verkündet, der Redner sei "Führer der Versammlung, und man hafbe]
sich ihm, solange er in seiner Führerstellung tätig [sei], unterzuordnen" (Gerathe­
wohl 1934, 226). Die Volksgemeinschaft des völkischen Staates macht Diskussio­
nen/Debatten im Stile des parlamentarischen Systems überflüssig, denn parlamenta­
rische Formen der Aussprache haben in einem Staat, der auf die Einheitlichkeit des
Führergrundsatzes baut, keinen Platz mehr (Weller 1939, 179ff.; Geißler 1935, 21).
ln der Auflage von 1941 konstatiert Gerathewohl (8) den Übergang vom Zeitalter
der Schreibe in das Zeitalter der Rede und sieht den Widersacher deutscher Bered­
samkeit widerlegt. Auch bei Ahmels heißt es, die Deutschen seien "ein redendes
Volk" geworden. Richtiger wäre es wohl von einem hörend-hörigen Volk zu spre­
chen, denn in den nächsten Zeilen beschreibt Ahmels, dass der Rundfunk "auch den
letzten Volksgenossen in den Hörbereich der politischen Führerrede einbezogen
[habe]. Damit [sei] es dem Führer möglich geworden, ein ganzes Volk zusammen­
zuzwingen und einheitlich auszurichten" (Ahmels 1936, 207). Für den einfachen
Volksgenossen bedeutete das Modell der Führerrede zuzuhören, den Mund zu hal­
ten und vom Mitreden ausgeschlossen zu sein. Frank hat mit Blick auf den
Deutschunterricht zu recht daraufhingewiesen (1973, 828f.), dass im Nationalsozi­
alismus gar nicht die Absicht bestanden habe, ein Volk von Rednern heranzubilden.
Stets habe einem Redner eine Gruppe von Zuhörern gegenübergestanden und
Hauptziel sei es gewesen, das Schema der Ansprache früh einzuprägen. Wichtig
war es, die Volksgenossen zum zuchtvollen Sprechen zu erziehen, und nur die Füh­
rungskräfte wurden rednerisch geschult.
Reden für alle 89

4. Rücksicht nach 1945

Nach dem Ende des Nationalsozialismus ließen Sprecherzieher - mit Ausnahme


von Weller und Schweinsberg - die Finger von der in Verruf geratenen Redekunst
und widmeten sich den beiden unverdächtigeren Teilgebieten der Sprecherziehung
Ausspracheschulung und Sprechkunst. Geißler nahm sich 1946 das Leben und ent­
zog sich dadurch einer Auseinandersetzung über seine Rolle im Nationalsozialis­
mus. Bei anderen Sprecherziehem findet sich die Methode des Verschweigens und
Verharmlosens (vgl. dazu Roß 1994, 109ff.). Aus 'Mangel an Distanz' sei eine Ana­
lyse der NS- Rhetorik heute noch nicht möglich, schreibt der ehemalige Gauredner
Weller 1954 (167f.). Daran änderte sich in den folgenden Jahren nichts, denn auch
in neueren Veröffentlichungen verschweigt Weller seine Aktivitäten während des
Nationalsozialismus. Wellers bekanntes Buch der Redekunst (1954) ging aus einer
Überarbeitung seines Buches Freie Rede von 1939 hervor und greift zum Teil
wörtlich auf Gedanken27 aus der nationalsozialistischen Zeit zurück. Weller prägt
das Bild der Redekunst durch sein Standardwerk und durch Autoren (z.B.
Schweinsberg, Lemmermann), die von ihm Grundgedanken übernommen haben,
bis in die siebziger Jahre hinein. Weller ist ein Beispiel dafür, dass die Aufarbei­
tung der nationalsozialistischen Redekunst von einem Beteiligten verhindert wurde.
Noch Anfang der achtziger Jahre verfälscht Chr. Winkler, der es aus eigener An­
schauung besser wusste, in seinem Festvortrag über die 50-jährige Geschichte der
Gesellschaft der Sprecherzieher die Phase des Nationalsozialismus (1983, bes.
12f.). Nicht nur in der BRD, sondern auch in der DDR wurde die Vergangenheit
nicht aufgearbeitet. Die Anwendung politökonomischer Erklärungsmuster für die
Entstehung des Faschismus und die Vorgaben leninistischer Propagandatheorie für
die Praxis ließen in der DDR einer Auseinandersetzung mit der Rede im National­
sozialismus offenbar keinen Raum. Lange haben Sprecherzieher ihre Geschichte
verdrängt und damit auch verhindert, ein Kapitel der Rhetorik in Deutschland auf­
zuarbeiten, an dem sie mitgearbeitet haben.
Die Vergangenheit hat die Sprecherzieher eingeholt. Die Ruhe ist vorbei, seit
Hethey bei seinem kritischen Blick auf die Entwicklung der Rhetorik und die
Sprecherziehung während der Weimarer und nationalsozialistischen Zeit eine er­
schreckende Kontinuität bestimmter Gedanken entdeckte, die nach seiner Einschät­
zung bis in die Gegenwart reiche. Nach Hetheys Einschätzung (1988, 136) bestäti­
gen die Arbeiten von Geißler, Drach und anderen, "daß die Rhetorik nach 1933 in
allen wesentlichen Aspekten mit der vor 1933 identisch [war]." Hetheys Artikel
löste empörte Reaktionen bei Sprecherziehem aus. ln seiner Vorbemerkung zu
Geißners Artikel, der unter dem sprechenden Titel Von der Beredsamkeit in die
Unredlichkeit? erschien, bescheinigt der Herausgeber der Zeitschrift sprechen

27
In Wellers Veröffentlichungen finden sich nach wie vor nicht nur rassistische Gedanken, sondern
auch das Grundmuster von Führer und Gefolgschaft, das er bereits in der NS-Zeit zugrundegelegt
hatte (vgl. Roß 1994, 122ff).
90 Klaus Roß

(Allhoff) dem erstaunlich wenig sachkundigen Autor (Hethey) eine Freude daran,
namensähnliche Autoren (Geißler und Geißner) polemisch ir. sein Geschichtsbild
zu klittern. Geißner selber reagiert mit einem Artikel heftig auf den Schreiber (=
Hethey) und wirft ihm vor, "den Regeln wissenschaftlicher Redlichkeit [entspreche]
sein als Rundschau getarnter Rundumschlag nicht" (Geißner 1989, 4). Inzwischen
tut Geißner Abbitte (1995, 47f.; 1997, 8f.), denn durch Hetheys Angriff sei er auf­
geschreckt worden und bei der Archiv-Arbeit von einer Enttäuschung in die andere
gefallen. Geißner bekennt, eine "Mischung aus Respekt und Scham" habe ihn zu­
rückgehalten (1997, 8), noch während der Lebzeiten von Winkler und Wittsack de­
ren (nationalsozialistische) Vergangenheit zu beleuchten. So habe er dazu beigetra­
gen, Fakten zu tradieren, "die nicht faktisch waren". Mittlerweile finden sich diese
beiden in trauter Gesellschaft mit anderen Sprecherziehem in Geißners Buch
(1997), in dem die Wege und häufiger Irrwege der Sprecherzieher aufgearbeitet
werden. Die gründliche Recherche hat vor allem sein Bild von Erich Drach, dem
Begründer der Sprecherziehung, stark verändert. Hatte Geißner Drachs Aktivitäten
zunächst mit der Sorge um sein Leben zu entschuldigen versucht (1989, llf.), so
meint er nun (1995, 56), die Tatsache, dass Drach im Frühjahr 1933 zum Leiter der
Arbeitsstelle für Deutsche Sprachpflege der Abteilung Kultur im Rasse- und Sied­
lungsamt der SS ernannt wurde, ließe sich mit Schutzmaßnahmen beim besten Wil­
len nicht mehr erklären. Dagegen betont vor allem Pabst-Weinschenk die demokra­
tische Haltung Drachs (1993, 337, 384, 393) und findet Hetheys Einschätzung in
bezug auf Drach falsch und durch ihre Arbeit "widerlegt" (ebd., 394). Sie hält
Drach allenfalls für "politisch-naiv" (1993, 343) und sieht in seinen positiven Äu­
ßerungen zu Hitler und dem nationalsozialistischen Erziehungsprogramm einen
Opportunismus, um das junge Fach Sprecherziehung "mit NSDAP-Unterstützung
an den Hochschulen und Schulen zu etablieren" (ebd.). Pabst-Weinschenk betont,
dass die Sprecherziehung nicht ohne Grund während der NS-Zeit gefördert worden
wäre und vor dem Hintergrund der Erziehungsmaximen in die NS-Ideologie passte
(1993, 407). Sie will aber Drach von den Aktivitäten anderer Sprecherzieher ab­
grenzen. Andere (Geißner 1995; 1997, 126ff.; Roß 1994, 62ff.) sehen dagegen in
Drachs Schriften schon vor 1933 deutliche Hinweise für eine nationalpolitische
Haltung, und im Eintritt in NSLB [1.04.1933] und NSDAP [1.05.1933] einen kla­
ren Beleg für seine politische Haltung. Auch seine Teilnahme an der Rednerschu­
lung der Partei und die Tatsache, dass sein Buch Redner-Schulung auf positive Re­
sonanz stieß, verdeutlichen, dass Drachs Gedanken gut in das System des völki­
schen Staates passten. Die Rolle von Drach bleibt letztlich umstritten, da es durch
seinen frühen Tod [1935] nur wenige Veröffentlichungen aus der Zeit nach 1933
gibt.

"Die NS-Vergangenheit ist existent" schreibt Pabst-Weinschenk (1993/1, 7), die


in ihrer Bibliographie Veröffentlichungen aus der Frühzeit der Sprecherziehung zu­
sammenstellt, und fordert dann dazu auf, "statt sie zu verdrängen, sollte man sich
mit ihr auseinanderzusetzen". Allerdings kann das nur gelingen, wenn tatsächlich
eine vollständige Aufarbeitung der Fachgeschichte gelingt. Die Tatsache, dass die
Reden für alle 91

geplante Fortsetzung eines Artikels zur Nach[!]kriegsgeschichte (Teuchert 1992),


noch in den neunziger Jahren am ausdrücklichen Widerstand des "wissenschaftli­
chen Beirats" der DGSS [= Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und
Sprecherziehung] scheiterte (vgl. den Hinweis bei Allhoff 1996, 23), stimmt nicht
hoffhungsffoh und nährt den Verdacht, vielen Sprecherziehem fehle noch immer
der Wille zur kritischen Selbstreflexion. Die Aufarbeitung der Fachgeschichte der
Sprecherziehung böte die Möglichkeit, endlich aus (eigenen) Fehlem zu lernen.

Literatur

Ahrncls, H.: "Sprecherziehung und nationale Sprachbildung", in: Zeitschrift für Deutsche Bildung 10
(1934) 188ff.
Ders.: "Sprecherziehung als nationalpolitische Aufgabe", in: Sprechen und Singen 22 (1934) lff. (zit.
1934/1).
Ders.. ''Sprechschulung und Sprachzucht", in: Die höhere Schule 7 (1936) 207ff.
Ders.: "Sprecherziehung im Dienste der politischen Arbeit", in: Das gesprochene Wort 2 (1939) 139ff.
Allhoff, D.W.: "Sprechwissenschaft/Sprecherziehung: Positionen-Visionen", in: S. Lemke/S. Thiel
(Hg ): Sprechen-Reden-Mitteilen (Sprache und Sprechen 32), München 1996, 14ff.
Büchner. F.: Kamerad! Halt aus!, München 1938.
Bytwerk, R.L.: "Fritz Reinhardt and thc Rednerschule der NSDAP", in: Rhetorik 2 (1981) 7ff.
Ders.: "Die nationalsozialistische Versammlungspraxis. Die Anfänge vor 1933", in: G. Diesener/R.
Gries (Hg ): Propaganda in Deutschland Zur Geschichte der politischen Massenbeeinflussung im
20. Jahrhundert, Darmstadt 1996, 35ff.
Dovifat, E.: Rede und Redner Ihr Wesen und ihre politische Macht, Leipzig 1937.
Drach, E.: Redner-Schulung, Berlin-Tempelhof 1934.
Ders.: "Sprecherziehung", in: K.Fr. Probst/E. Drach: Sprach-, Stil- und Aufsatzunterricht, Karlsruhe
1935, Teil 2,4ff.
Epping, H.: Die NS-Rhetorik als politisches Kampf- und Führungsmittel, Diss. (masch ), Münster
1954.
Esser, W. M.. Deutsche Sprecherziehung, Bonn-Berlin 1939.
Frank, H.J.: Geschichte des Deutschunterrichts, München 1973.
Frauenfeld, A.E.: "Die Macht der Rede", in: Unser Wille und Weg 7 (1937) Teil I, 240ff; Teil II, 266ff.
Frohner, G.: "Praktische Rednerschulung", in: Unser Wille und Weg 5 (1935) 43ff.
Geißler, E.: Rhetorik Erster Teil: Richtlinien für die Kunst des Sprechens, Leipzig 21914.
Ders.: Rhetorik. Zweiter Teil: Deutsche Redekunst, Leipzig 21918.
Ders.: "Deutsche politische Beredsamkeit der Gegenwart", in: J. Binder (Hg.): Festschrift für Paul
Hensel (Erlangen), Greiz 1923, 128ff.
Ders.: "Lehrgänge in deutscher Redekunst", in: Die Zentralstelle für Sprechpflege und Sprechkunde,
München 1935, 12ff.
Ders.: "Sprachleiblichkeit im Ersten, Zweiten und Dritten Reiche", in: Reichszeitung der deutschen Er­
zieher (1937) 343 ff.
Ders.: "Zur Begrüßung", in: Muttersprache 53 (1938) Sp. 261 ff.
92 Klaus Roß

Geißner, H.: "Von der Beredsamkeit in die Unredlichkeit?", in: Sprechen II (1989) 4ff.
Ders.: "Antisemitisches in der deutschen Sprechwissenschaft/Sprecherziehung bis 1945", in: A. Herbig
(Hg ): Konzepte rhetorischer Kommunikation, St. Ingbert 1994, 101 ff.
Ders.: "Die Deutschkunde, die Richtlinien und die Psychotechnik. Erich Drachs Weg ins 'Dritte
Reich"', in: Sprechen I (1995) 47ff.
Ders.: Wege und Irrwege der Sprecherziehung. Personen, die vor 1945 im Fach anfingen und was sie
schrieben. St. Ingbert 1997.
Gerathewohl, F.: Gesprächsfiihrung und Redetechnik, 4. u. 5. Aufl., München 1929.
Ders.: Gesprächsführung und Redetechnik, 7., völlig erneuerte Aufl., München 1934.
Ders.: "Sprecherziehung im nationalsozialistischen Bildungsplan", in: Reichszeitung der deutschen Er­
zieher, Wonnemond (1934) 5ff. (zit. 1934/1).
Ders.: "Rednerische Erziehung als Persönlichkeitsbildung", in: NS-Erzieher. Gau Hessen-Nassau, 5
(1937) Nr. 17, 416ff.
Ders.: "Grundlagen und Ziele der deutschen Sprecherziehung", in: Nationalsozialistisches Bildungswe­
sen 2 (1937) 230ff. (zit. 1937/1).
Ders.: Gesprächsfiihrung und Redetechnik, 8., erneuerte Aufl., München 1941,
Hartmann, G.: "Völkische Sprecherziehung", in: Jahrbuch der Deutschen Sprache 1 (1941) 94fT.
Hethey, R.: "Von der Mündlichkeit in die Unmündigkeit? Einige notwendige kritische Blicke auf die
Geschichte der Rhetorik im 20. Jahrhundert", in: Rhetorik 7 (1988) 133ff.
Hitler, A.: Mein Kampf, 85-94. Aufl., München 1934.
Hopster, N./Nassen, U.: Literatur und Erziehung im Nationalsozialismus. Deutschunterricht als Kör­
perkultur, Paderborn 1983.
Kindt, K.: Der Führer als Redner, Hamburg 1934.
Krebs, H.: Redner-Fibel, Berlin "1935.
Kruse, U.J./Christiansen, B.: Die Redeschule, 5. neubearb. Aufl., Leipzig 1939.
Lebede, H.: Erziehung zum Sprechen - Im Anschluß an die neuen Lehrpläne von 1938, Frankfurt/M.
1938.
Loebell, H./Roedemeyer, F.: Die Befehlssprache, Leipzig 1936.
Longerich, P.: "Nationalsozialistische Propaganda", in: K.D. Bracher/M. Funke/H. A. Jacobsen (Hg.):
Deutschland 1933-1945 Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Düsseldorf 1992,
291fr.
Metzger, J.: "Rednermaterial und Rednerinformation. Kompetenzstreitigkeiten in der NS-Propaganda
von 1929 bis 1934", in: Rhetorik 16(1997) 16flf.
Nestler, K : "Redetechnik und Vortragsaufbau", in: Unser Wille und Weg 6 (1936) 104fT.
Pabst-Weinschenk, M.: Die Konstitution der Sprechkunde und Sprecherziehung durch Erich Drach.
Faktenfachgeschichte von 1900 bis 1935, Magdeburg-Essen 1993.
Dies.: Bibliografie zur Sprechkunde und Sprecherziehung in Deutschland bis 1945, Magdeburg-Essen
1993 (zit. 1993/1).
Paul, G.: Aufstand der Bilder Die NS-Propaganda vor 1933, Bonn 1990.
Plöckinger, O.: Reden um die Macht? Wirkung und Strategie der Reden Adolf Hitlers im Wahlkampf
zu den Reichstagswahlen am 6. November 1932, Wien 1999.
Ringler, H.: "Der Redner, der aktivste Träger der nationalsozialistischen Propaganda", in: Unser Wille
und Weg 4(1934) 234fT.
Reden für alle 93

Ders.. "Neuordnung des politischen Rednerstabes", in: Unser Wille und Weg 5 (1935) 30ff.
Ders.: "Neuordnung des Fachrednerwesens", in: Unser Wille und Weg 5 (1935) 188ff. (zit. 1935/1).
Ders.: "Redner-Ausbildung", in: Unser Wille und Weg 5 (1935) 222ff. (zit, 1935/2).
Ders.: "Die Reichs-Rednerschule und ihre Aufgaben", in: Unser Wille und Weg 5 (1935) 330ff. (zit.
1935/3).
Ders.: "Herz oder Verstand?", in: Unser Wille und Weg 7 (1937) 245fT
Roedemeyer, F.: Rede und Vortrag, 2. neubearb. Aufl., Berlin-Wien 1938.
Ders.: Die Sprache des Redners, München-Berlin 1940.
Roß, K.: Sprecherziehung statt Rhetorik. Der Weg zur rhetorischen Kommunikation, Wiesbaden 1994.
Scanlan, R : "The Nazi Party Speaker System I", in: Speech Monographs 16 (1949) 82ff.
Ders.: "The Nazi Party Speaker System II", in: Speech Monographs 17 (1950) 134ff.
Ders.: "The Nazi Rhetorician", in: Quarterly Journal ofSpeech 37 (1951) 430ff.
Schinke, W.: "Sprecherziehung an erster Stelle ...!", in: Das gesprochene Wort 1 (1938) 97ff.
Schmölders, C.: "Führers Stimme", in: FR 20.11.1999, 3.
Schulze, H.: "Der Propaganda-, Fach- und Schulungsredner", in: Unser Wille und Weg 5 (1935) 225ff.
Soenke, J.: "Wiedergeburt der Rede", in: Nationalsozialistische Bibliographie NSB 9 (1938) VUff.
Strobl, I.: Rhetorik im Dritten Reich, Diss. (masch.) Wien 1978.
Teuchert, B.: "1948-1954 Aspekte zur Fachgeschichte", in: Sprechen (1992) 19ff.
Tyrell, A. (Hg.): Führer befiehl... Selbstzeugnisse aus der Kampfzeit der NSDAP, Düsseldorf 1969.
Ueding, G.: Moderne Rhetorik, München 2000.
Weller, M : Gesprochene Muttersprache. Studien zur nationalpolitischen Grundlegung der Sprecher­
ziehung, Köln 1935.
Ders.: Die freie Rede. Ein Grundriß für Lehrgänge, Berlin 1939.
Ders.: Das Buch der Redekunst Die Macht des gesprochenen Wortes in Wirtschaft, Technik und Poli­
tik, Düsseldorf 1954.
Winkler, C.: "Festrede zum 50-jährigen Bestehen der Deutschen Gesellschaft fllr Sprechwissenschaft
und Sprecherziehung", in: D.W. Allhoff (Hg ): Sprechpädagogik-Sprechtherapie (Sprache und
Sprechen 11), Frankfurt/M. 1983,9ff.
Sprachwissenschaft und sprachwissenschaftlich
inspirierte Forschung zu Hitler dem Redner

Christoph Sauer

1. Über spezifische Schwierigkeiten der Redeanalyse

Zu Hitler als Redner, zum redenden Politiker, Parteiführer und Reichskanzler also,
ist der Sprachwissenschaft - im weitesten Sinne, da es Abgrenzungsschwierigkeiten
gibt - nicht gerade viel eingefallen. Vor allem, wenn man den mageren Ertrag hier­
zu an der Fülle der Literatur zum Sprachgebrauch und den sprachlichen Verhältnis­
sen im Nationalsozialismus, die seit Jahren vorliegt, misst.1 Es gibt kaum sprach­
wissenschaftliche Veröffentlichungen, die Reden Hitlers zum ausschließlichen
Thema haben und die die besonderen Charakteristika des öffentlichen Redens im
nationalsozialistischen Kontext in den Mittelpunkt stellen. Offensichtlich sperrt
sich das Thema gegen Zugänge, die hauptsächlich vom grammatischen System der
Sprache ausgehen, weil es andere Herangehensweisen benötigt. Dies hat Gründe,
die zu erörtern sind. Sie liegen einerseits im Materiellen, andererseits im, wie ich es
nennen möchte, Konzeptionellen.

1.1 Die Materie der Reden und ihre filmische Repräsentation

Reden ist eine eo ipso flüchtige Angelegenheit, es erfolgt im Medium der Oralität.2
Hinzu treten körpersprachliche Dimensionen, die Physiognomie sowie die Nutzung
der Prosodik. Hinzu tritt aber auch die Spezifik der je konkreten Situation (Anlass,
Thema, Gremium oder Institution, Rolle der Zuhörerschaft, Grad des Vorbereitet-

1 Verschiedene einschlägige Bibliographien, Literaturberichte und Veröffentlichungen mit ausführ­


lichen bibliographischen Verzeichnissen liegen vor: Maas 1984; Römer 1985; Straßner 1987;
Bauer 1988; Bohse 1988; Marek 1990; Dieckmann 1992; Kinne/Schwitalla 1994; Müller 1994;
Jäger 1996; Sauer 1995, 1998; von Polenz 1999; Plöckinger 1999; Beck 2001; Diekmanns-
henke/Zorbach 2001.
2 Diese Redeweise setzt sich bewusst ab gegen Vorstellungen, dass schon die Sprache ein "Medium"
sei. Statt dessen benötigt sie ein Medium, um überhaupt kommunikativ realisiert werden zu kön­
nen, wenn man von telekinetischen und telepathischen Kommunikationsformen absieht. Daher be­
gegnet Sprache in zweierlei "materieller" Gestalt: im Medium der Oralität als mündliche Sprache
und im Medium der Litcralität als schriftliche Sprache. Beide Formen fallen nicht zusammen. Aus
ihrer Differenz muss die Analyse eine eigene Qualität gewinnen (vgl. auch Habscheid 2000; Sauer
2001). ln die Bestimmung dieser Differenz gehen daher physische, materielle und technische "Me­
diumkennzeichen" ein.
96 Christoph Sauer

seins, Tageszeit, Nutzung technischer Verstärkung, Ausstattung des Pultes und des
Raumes, musikalische Rahmung, Blumenschmuck, Fahnen usw.). Daher böte sich
an, die filmische Wiedergabe einer Rede als den am meisten angemessenen Unter­
suchungsgegenstand zu betrachten. (Mit den neuen Computertechnologien ist dies
im Prinzip auch möglich geworden, dass nämlich der Text einer Rede mit der bild­
lichen Wiedergabe des Redners gleichzeitig - und individuell ansteuerbar - er­
scheint3; allerdings wurde dies meines Wissens noch nicht auf Hitler-Reden ange­
wendet).
Dies ist jedoch ein unerreichtes Ideal. Viele Sprachwissenschaftler fühlen sich
nicht berufen oder kompetent, die Sprachanalyse auf eine Analyse der Körperspra­
che, der Gesten und der Dynamik der Artikulation auszuweiten. Die dazu notwen­
dige Erweiterung einer sprachwissenschaftlichen zu einer semiotischen Perspektive
wird aus den verschiedensten Gründen nicht vollzogen. Zwar reflektieren Sprach­
wissenschaftler in neueren Arbeiten durchweg den Medienwechsel vom Mündli­
chen zum Schriftlichen, doch entscheiden sie sich dann für den gängigen Weg, die
schriftliche Wiedergabe von Reden - beispielsweise in der Zeitung (vgl. Maas
1984, Plöckinger 1999), in einer Broschüre (vgl. Sauer 1984) oder auch im Lese­
buch (vgl. Hasubek 1972). Dies steht in einem gewissen Widerspruch zur Praxis
der Pragmatik und Diskursanalyse, mit sorgfältigen Transkriptionen dem mündli­
chen Charakter des Redens Rechnung zu tragen. Doch abgesehen davon, dass
Transkriptionen wieder zu Texten geronnene mündliche Sprachereignisse sind, de­
ren Stilllegung gerade die analytische Durchdringung ermöglicht, ist es wohl die
Komplexität der mündlichen Darbietung, die sich dem sprachwissenschaftlichen
Zugriff entzieht. Da wo er versucht wird, sehen sich die Leser mit schier unlesbaren
"Texten" konfrontiert: schon in der frühen Veröffentlichung von Schnauber (1982),
der u.a. Hitlers Debattenbeitrag zum "Ermächtigungsgesetz" behandelt (aber auf
psycho-physische Verhaltensdimensionen bezieht, die sich in der stimmlichen Ges­
talt und im Artikulationsdruck zeigen sollen), erst recht aber im Falle der Trans­
kriptionen von Hitler-Reden mit Berücksichtigung nicht nur der Dynamik und des
Artikulationsverlaufs, sondern auch der Zuhörerreaktionen, so bei Beck (2001).
Die vor der Hand liegende Lösung dieses Darstellungsproblems wäre einerseits
die systematische Beschreibung der Redesituation, andererseits die filmische Re­
präsentation der Rede selbst. Was aber findet man? Beschreibungen der Redeum­
stände, aber diese Beschreibungen wurden an Hand von filmischen (und akusti­
schen) Aufnahmen angefertigt - und leider ohne die an sich notwendige Reflexion
des Inszenierungscharakters der Filme und verwendeten Fragmente/Tondokumente
(durchweg solche, die auch in den "Wochenschauen" zu sehen oder im Rundfunk
zu hören waren). Beispielhaft ist die Ausgabe von sieben Hitler-Reden (von Kotze/
Krausnick 1966), die Ausschnitte aus Erwin Leisers Dokumentarfilm Mein Kampf

3 Einen Versuch nonverbaler Kommunikation im Videotranskript legen Rehbein u.a. 2001 vor. Wa­
re eine Rede erst einmal digitalisiert in Wort und Bild, könnte man gleich auch noch eine phoneti­
sche Analyse durchführen.
Sprachwissenschaftliche Forschung zu Hitler 97

(1959) beschreiben, aber auch die Biographie von Fest (1973). Und man findet sol­
che Aufnahmen selber, suggestiv kommentiert von einem Voice-over, der den
Stand der Dinge aus der Biographie wiedergibt (Fest/Herrendörfer 1977). Neuer­
dings findet man auch die filmische Wiedergabe mit Redeausschnitten in Zeitlupe,
auch im verfremdeten Ton (Knopp/Hillesheim 1995). Schließlich wird man auf et­
was Anderes verwiesen: die Unsichtbarkeit Hitlers und statt dessen die radiophoni-
sche Repräsentation, die Rundfunkübertragung, den Radio-Hitler (vgl. Schmölders
1997).

Diesen "materiellen" Zugriffen gemeinsam ist, dass sie die technische Repro­
duktion (Film, Video oder Tonband) benötigen, um Beobachtungen anstellen zu
können. Es ist ein - durch Technik - privilegierter Zugang, der den Zeitgenossen in
der Regel verschlossen war. Diese hörten ihren Hitler flüchtig am Radio oder in
den Ausschnitten der Wochenschau im Kino, und nur der Abdruck der wichtigsten
Reden in den Zeitungen gab ihnen die Möglichkeit, die Inhalte der Reden zu reka­
pitulieren.4 Was nun beobachten diese Beobachter? Sie gehen vom Augen- und Oh­
renschein aus:
Auf dem Podium steht er zu Beginn der Rede in Grundstellung, mit durchgedruckten Knien, die Füße
leicht geöffnet, die Arme gesenkt, locker in den Schultern hängend Aus dem leichten Winkel der Ell­
bogengelenke treffen sich seine Hände vor dem Leib, die Finger umspannen den Puls der Linken. Der
Nacken scheint etwas nach vom gerichtet, der Kopf kaum merklich gesenkt. Aus dieser Position be­
ginnt er in gedämpfter Tonlage, rauh und kehlig, blockt gleichsam Wort neben Wort, zäsiert ohne
Rücksicht auf den Zusammenhang - durch den zögernden, monotonen Ansatz seine Hörer zunächst fast
enttäuschend, aber Spannung und Konzentration eher steigernd. Dabei bleibt es manchmal einige Mi­
nuten Dann nimmt er Witterung, schiebt den Kopf auf vorgestrecktem Nacken dem Auditorium entge­
gen, und, wie belebt vom ersten Beifall, lösen sich die Finger vom linken Handgelenk, mit beiden Hän­
den streicht er das Haar zurück, hüstelt, und nun beginnt der Tanz auf der Rostra, begleitet von be­
schwörenden Bewegungen der Arme: sie fahren empor, runden sich und helfen mit, den Worten Rich­
tung und Nachdruck zu geben. Zuweilen schwingt sich ein Arm seitlich in die Höhe, aus der geballten
Faust schleudert das Handgelenk den Zeigefinger in die Luft Zur Unterstützung der hämmernden, mit
sich Uberschlagender Stimme herausgeschrienen Sentenzen, auf die es ihm ankommt, reckt er sich auf
die Fußballen; ein Moment höchster rhetorischer Konzentration ist erreicht und erzielt seine Wirkung:
Der Beifall brandet ihm entgegen Nun fällt der Arm aus der Luft, die Füße rollen auf die Fersen zu­
rück, er macht zwei, drei Entspannungsschritte nach rückwärts Das magische Band ist geknüpft, der
Stromkreis geschlossen (von Kotze/Krausnick 1966, 46f ).

Diese gewissermaßen animalische Annäherungsform an den Redner Hitler erlaubt


den Wissenschaftlern einen Zugang zur redenden Person, der ganz vom Körper­
sprachlichen dominiert (fasziniert?!) wird. Hitler wird zum Körper mehr als zum
Redner. Es kostet Anstrengung - was man der Einführung auch ansieht -, sich da­
nach dem Inhaltlichen und dem Formalen zuzuwenden. Die folgenden Realisie­
rungsmittel, die für Hitlers öffentliche Reden charakteristisch seien, werden dabei
aufgeführt (von Kotze/Krausnick 1966):

4 Aus dieser doppelten Rezeption, wie man das nennen könnte, beziehen die Sprachwissenschaftler
die Legitimation, sich auf den abgedruckten Text beschränken zu dürfen und ihn dann vor allem
inhaltlich anzugehen.

(* Bayerisch«
Staotsbibliothel
München
98 Christoph Sauer

Behauptungen ("kühne apodiktische Behauptung, die Zweifel und Widerspruch lähmt", 47);
Wiederholungen;
Steigerungen (mit der Wiederholungen oft einhergingen);
Vereinfachungen;
Ressentiments ("oft mit Erbitterung, Sarkasmus, heller Empörung, wilden Hasstiraden", 53);
Demonstrationen der Willenskraft (60);
Weckung von Glaubensbereitschaft (61 ff );
Prophezeiungen und Verheißungen (64);
die "Wunderkiste der Superlative" (67);
Dialogform (Einführung eines fingierten Gesprächspartners, 67).

Diese disparate Zusammenstellung, die mit vielen Hitler-Zitaten aus Reden ge­
spickt ist, erlaubt im Grunde keinen Zugriff auf die nationalsozialistische Spezifik
des Redens. Es handelt sich um Redemittel, die sich leicht in sehr vielen anderen
älteren und neueren Reden aufftnden lassen. Sie sagen nichts aus Uber die Art und
Weise, wie Hitler seine Reden organisierte, wie er gegnerische Standpunkte einar­
beitete, wie er Zustimmung aktivierte, wie er seine ideologische Arbeit vollbrach­
te.5 Die zitierten Publikationen geben auch keinen Hinweis darauf, wie sich die His­
toriker an den damaligen Stand der sprachwissenschaftlichen Analyse anlehnen
bzw. nicht anlehnen. Ich vermute jedoch, dass es eine Art Parallelerwartung gab, da
sowohl in der Sprachwissenschaft als auch in der Geschichtsschreibung vergleich­
bare Einzelbeobachtungen vorherrschen, keine systematische Erforschung der Re­
den, keine text- und kohärenzbezogenen Analysen, keine Gesamtdarstellungen.
Vielleicht muss man sogar sagen, dass die Geschichtsschreibung der 70er Jahre,
wenn sie sich denn bei der Sprachwissenschaft hätte kundig gemacht haben wollen,
auch nichts gefunden hätte, das ihr zum Anlass hätte werden können, eine grundle­
gende Umorientierung vorzunehmen. In den sprachwissenschaftlichen Veröffentli­
chungen kaprizierte sich die Auseinandersetzung auf zweierlei: auf die moralisie­
rende Sprachkritik an nationalsozialistischen Einzelwörtem und ihrem Fortwirken
im Postfaschismus (Wörterbuch des Unmenschen, Sternberger u.a. 1968) und auf
die Erstellung von NS-Wörterbüchern (z.B. Beming 1964), die den Nationalsozia­
lismus als eine - zumindest lexikalisch und lexikographisch - abgeschlossene Epo­
che betrachtete (vgl. zu einer zusammenfassenden Übersicht und Einschätzung:
Maas 1984, Müller 1994, Sauer 1995, vor allem Ehlich 1998).

5 Fest 1973 geht noch einen Schritt weiter, wenn er die "psychische Überwältigungskunst" (453) auf
orgastische Entladungen zuspitzt: "Die Tondokumente der Zeit geben den eigentümlichen obszö­
nen Kopulationscharakter der Veranstaltungen deutlich wieder: die atemverhaltene Stille zu Be­
ginn, die kurzen schrillen Aufschreie, die Steigerungen und ersten Befreiungslaute der Menge,
schließlich der Taumel, neue Steigerungen und dann die ekstatischen Verzückungen angesichts der
endlos enthemmt dahinströmenden Redeorgasmen" (545f ). Die weiteren Beobachtungen, die Fest
anstellt, reichen recht eigentlich nicht Uber das schon von von Kotze/Krausnick 1966 Dargelegte
hinaus: "Seine agitatorische Taktik bestand eigentlich nur aus Diffamierung und Vision, der hass­
erfüllten Bezichtigung der Gegenwart und der Verheißung einer machtvollen Zukunft; es war die
beständig variierte Anpreisung des starken Staates, die Verherrlichung der Nation, die Forderung
völkischer Wiedergeburt sowie politischer Handlungsfreiheit; mit Vorliebe appellierte er an das
deutsche Einigkeitsbedürfnis, beklagte die 'Selbstzerfleischung' der Nation, nannte den Klassen­
kampf die 'Religion der Minderwertigen', feierte die Bewegung als 'Brückenschlag der Nation' oder
beschwor die Angst, die Deutschen könnten einmal mehr zum 'Kulturdünger' der Welt werden"
(Fest 1973,460).
Sprachwissenschaftliche Forschung zu Hitler 99

1.2 Zur Konzeptualisierung des Rede-Textes

Es bedurfte beträchtlicher Anstrengungen, bis sich die Sprachwissenschaft in der


Lage sah, neben den strukturellen Gegebenheiten des sprachlichen Systems, wobei
man sich auf Lexik, Syntax und Morphologie beschränkte, den Sprachgebrauch
und die sprachlichen Verhältnisse insgesamt in den Mittelpunkt zu stellen. Ver­
schiedene Hinwendungen und Versuche zur Pragmatik, zur Textlinguistik und zur
Diskursanalyse waren notwendig, bevor ein Instrumentarium zur Verfügung stand,
mit dessen Hilfe die Komplexität des Redetextes und der Redesituation adäquat re­
konstruiert werden konnte. Die Sprechakttheorie war dabei von großer Bedeutung,
obwohl sich ihre Beschränkung darin zeigte, dass mit ihrem Ansatz gerade keine
Texte analysiert werden konnten - wenigstens nicht, ohne neue Bestimmungen ein-
zuftihren, mit der die Untersuchungseinheit "Text" errungen werden konnte. Neben
der Sprechakttheorie angelsächsischer Provenienz erfolgte der Rückgriff auf Buh­
lers "Sprachtheorie" (1934), dessen grundlegende Unterscheidungen sprachlicher
Funktionen in Darstellung, Ausdruck und Appell sowie dessen Berücksichtigung
medialer Bedingungen des sprachlichen Handelns als inspirierend erfahren wurden.
Bühlers Unterscheidungen und neuere texttheoretische Konzepte verschmolzen zur
einer funktional-pragmatischen Vorgehensweise, die inzwischen auch die Ebene
der Grammatik erreicht hat (vgl. Zifonun u.a. 1997).6 Erst mit dieser Verschmel­
zung war man in der Lage, Redetexte angemessen analysieren zu können. Man tat
dies allerdings - kaum.
Einschlägig sind die Arbeiten von Utz Maas, besonders Maas (1984). Er geht
aus von einer grundlegenden "Polyphonie der Texte": Gesellschaftliche Widersprü­
che werden in der (Sprach)Praxis ausgetragen und sind den Texten inskribiert. Es
geht nun darum, verschiedene Lesweisen dieser Texte zu entwickeln. In diesen Les­
weisen (vgl. auch Sauer 1998 für weitere Analysen) schlägt sich nicht nur ein mehr­
facher Adressatenbezug nieder, wie er für öffentliche Reden konstitutiv ist, sondern
auch die ideologischen Operationen, die Amalgamierung von verschiedenen Dis­
kursen und die sprachpolitischen Einflussnahmen, unter die alle Versuche fallen,
den Menschen ihre sprachlich vorgeprägten Erfahrungen und Gefühle teils abspens­
tig zu machen und teils durch Vorgabe anderer Sprachformen zu verändern, im
Sinne des herrschenden Regimes.7 Maas, der sich gegen eine noch allzu häufig ver­
kündete einfache Manipulationsthese wendet, fasst diese sprachpolitische Dimensi-

6 Wer sich darüber informieren möchte, wie sich die Textanalyse inzwischen zu einer umfassenden
Disziplin entwickelt hat, dem sei das handbuchartige Nachschlagewerk Titscher u.a. 1998 empfoh­
len, das teilweise die hier behandelte Diskussion mit aufnimmt, gerade auch am Beispiel der Spra­
che im Nationalsozialismus.
7 Unschwer erkennt man an solchen Formulierungen, dass auch die "Sprachregelungen” der Propa­
gandainstanzen, soweit sie nicht krude Verbote darstellten, dem beschriebenen Mechanismus der
Sprachpolitik zuarbeiteten Daraus folgt, wie Sauer 1998, Kap. 9 darlegt, dass die Köpfe der Jour­
nalisten. von denen in ihren Artikeln sprachpolitische Arbeit erwartet wurde, vielleicht die primä­
ren Adressaten jeglicher NS-Sprachpolitik waren. Hs ist hier jedoch nicht der Raum, diese Rolle
der Journalisten im Nationalsozialismus näher zu thematisieren.
100 Christoph Sauer

on in der Metapher der "Fähre" zusammen, "die die Menschen von ihren konkreten
Erfahrungen, ihren Hoffnungen und Ängsten, aber auch ihrem opferbereiten Elan in
die integrativen Organisationsformen des Machtapparates transportierte - und auf
der anderen Seite, im gleichen Diskurs, den Terror inszenierte, der alle die traf, die
sich der Integration verweigerten" (Maas 1984, 11).*
Die Schwierigkeit der Redeanalyse besteht darin, die Widersprüche der gesell­
schaftlichen Entwicklung und die faschistischen Verhältnisse, zu denen sich die
Menschen mitreißen ließen, miteinander in Einklang zu bringen, und zwar hinsicht­
lich der Vermittlung der formal-sprachlichen "Oberfläche" des Textes mit seinen
"Inhalten". Es geht nicht an, nur minutiös die formale Bestimmung des Untersu­
chungsgegenstandes vorzunehmen (was oben zu von Kotze/Krausnick 1966 kritisch
angemerkt worden war, aber auch noch von Volmert 1989 in ähnlicher Weise an­
gegangen wird), sondern geleistet werden muss, wie sich in diesen so konkretisier­
ten sprachlichen und sonstigen Realisierungsmitteln die nationalsozialistischen wi­
dersprüchlichen Verhältnisse zeigen, wie sie in ihnen, Maas zufolge, resonieren.
Vereinfacht ausgedrückt, geht es um die Frage, was die Menschen davon hatten,
dass sie sich eine Hitler-Rede anhörten oder sie in der Zeitung nachlasen (noch ab­
gesehen davon, dass öfters auch die Zuhörer zum Zuhören verpflichtet waren) - und
was das Regime davon hatte, dass es so aufwändige Veranstaltungen betrieb, bei
denen eben den vielen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz nicht alle Faktoren zu kon­
trollieren waren. Zwar mündet eine Hitler-Rede - sicher nachdem die Macht 1933
übergeben worden war - in eine Vielzahl von journalistischen Texten wie Redeab­
druck, Bericht von der Veranstaltung mit Fotos, Kommentaren und Betrachtungen,
Glossen und Wochenschauen, aber darin verdampfen gerade, worauf die Veranstal­
ter wert legten, Ereignishaftigkeit, Stimmung, Emotionalisierung, Ergriffensein,
Sensationsgefuhle u.Ä. Übrig bleiben kahle Schrifttexte, die die Erinnerung an das
mündliche Ereignis minimal transportieren müssen89, um doch noch von der Rede-

8 Die Fähren-Metapher ist nicht unwidersprochen geblieben. Ihr wohnt ein Automatismus inne, den
andere Autoren nicht übernehmen wollten, zumal sich im Bild ein Unterschied zwischen dem
"Fährmann", seiner "Fähre" und den "Fahrgästen" aufdrängt, der bei Maas nicht weiter berücksich­
tigt wird. Daher schlägt FlofTmann 2001 für diese komplexen Zusammenhänge das Bild von der
Camouflage vor. Am Beispiel eines Flugblattes (Aushangtextes) des "Reichsverbandes der evange­
lischen Taubstummen-Seclsorger Deutschlands", der sich für die geplante Unfruchtbarmachung
Taubstummer ausspricht, entwickelt er die Camouflage als ein "Verfahren, sich taktisch in einer
Text-/ Diskursart, die für diesen Zweck nicht ausgeprägt ist, zu bewegen, um aus anderen - hier:
staatlichen - Zusammenhängen importierte Ziele zu erreichen". Er schließt: "Die Camouflage ist
eine Verstellung bis zur Unkenntlichkeit. Sie vernichtet die Form, die sie benutzt, und die Instituti­
on, die vertreten wird. Und das war ja auch im Sinne der Erfinder" (Hoffmann 2001, 309).
9 Lange 1968 hat in Experimenten herausgefunden, dass ältere Personen offensichtlich automatisch
vom schriftlichen Redetext Hitlers auf die mündliche Sprechform schlossen, während bei jüngeren
Versuchspersonen dies ausschließlich in der akustischen Darbietung erst geschehen konnte: Diese
fanden den mündlichen Hitler erst im Gegensatz zum schriftlichen angemessen repräsentiert, wäh­
rend die Älteren ihre Erinnerung mobilisierten und auch den Schrifttext schon als angemessen er­
fuhren
Sprachwissenschaftliche Forschung zu Hitler 101

gewalt Hitlers profitieren zu können.10 Noch den Notaten Klemperers (LTI 1947)
und unter ganz anderen Randbedingungen dem Tagebuch der Arme Frank (kriti­
sche Ausgabe: Rijksinstituut 1988) lässt sich entnehmen, dass die Sollbruchstellen
sichtbar waren und der Preis, den die Menschen dafür zahlten. Nicht zuletzt in den
Reden, auf die sie wie auch immer reagierten.
Maas (1984, 55-90) analysiert die Hitler-Rede auf dem "Erntedankfest" 1937
auf dem Bückeberg, ausgehend vom Abdruck dieser Rede im "Völkischen Beob­
achter". Ein Schaumanöver der "Wehrmacht" mit 10.000 Soldaten (!) begleitet die
Veranstaltung, erst nach dessen realistisch inszeniertem Ende fängt das "Erntedank­
fest" an: Goebbels, da das Propagandaministerium offizieller Veranstalter ist, er­
öffnet mit einer Ansprache, danach folgt "Reichsbauemführer" Darre. Hitlers Text
ist wie immer der längste und ausführlichste. Als Rede inszeniert sich sein Text in
erster Linie durch das System der Anredeformen, den expliziten Bezug auf die Zu­
hörer durch Personalpronomen (und Possessiva). Maas legt eine ausführliche Mat­
rix dieser Personendeixis vor." Auf diese Weise kann er zeigen, wie das Verhältnis
zwischen dem Redner und seinem Publikum artikuliert ist - und zugleich auch das
Verhältnis zwischen "Führer" und "Volk". An den deiktischen Verschiebungen, die
dabei auftreten, lassen sich wichtige Erkenntnisse sammeln. So erfolgt die epische
Inszenierung der Macht im Modus von Hitlers Lebensgeschichte, so fließt über die
Anspielung auf katechetische Lehrdialoge ein Wissens- und Lehrmonopol Hitlers
und der Partei ein, so dient das (inklusive, also die Zuhörer einschließende) wir der
Beschreibung der Situation des Volkes und der Ergebnisse der jüngsten Erfolgsge­
schichte, so eröffnen Verschiebungen und Vagheiten generell Interpretationsspiel­
räume des Publikums, so wird im adressatenexklusiven wir die staatliche Politik
(und hier erstaunlicherweise besonders auch Außenpolitik) artikuliert, so tragen
Passagen mit dem paternalistischen wir dazu bei, die Konturen zwischen "Führer­
prinzip" und Volkstümlichkeit zu verwischen. Diese elementaren Analyseschritte
münden in vier übergeordnete Dimensionen ein: die Kombination von "Landvolk"-
Versammlung und Staatsakt, die Führer-Volk-Konstellation, ein politisches Regis­
ter, in das rudimentär Begründungen und potenzielle Einwände eingehen, und ein
unpolitisches Register ("biedermeierliche Moral, Stammtischgerede, politische Ly­
rik (Emphase), Naturkategorien"). Als primäre Lesweise ergibt sich dabei die Do-

10 ln diese Betrachtung geht auch ein, dass man diese differenzierten Bestimmungen nicht mit einer
umfassenden Vorstellung von Manipulation und Propaganda zukleistert, sondern die Arbeitstei­
lung des NS-Regimes systematisch aufnehmen muss: hier legale Maßnahmen, dort Gewalt, hier die
staatlichen Repräsentanten, dort die Partei, hier der Redner, dort die Journalisten. Dass alles ein
und dasselbe sei, stimmt nicht und hat nie gestimmt. ''Volksgenossen” waren nicht, sie mussten
jeweils neu angesprochen und konstruiert werden, verortet in den diffusen Machtverhältnissen aus
Realpolitik, Parteimitgliedschafl/Mitgliedschaftsverweigerung, medialer Repräsentation und
Alltagshandeln.
1 Plöckinger 1999 nimmt genau diesen Ansatz der Personalpronomenauflistung auf, um insgesamt
neun Wahlkampfreden Hitlers im November 1932 zu analysieren; er kombiniert den Ansatz so­
dann mit einer vergleichenden systematischen Betrachtung dreier Themenbereiche: Legali­
tät/Autorität, Antisemitismus, "Volksgemeinschaft''. Insgesamt nähert er sich Maas'schen Prämis­
sen an, die er jedoch noch durch Elemente der "Kritischen Diskursanalyse'' (Jäger 1993) ergänzt.
102 Christoph Sauer

minanz politischer Themen: die autoritäre Staatsorganisation nach innen und die
nach außen zielende Militarisierung, die überwiegend in den Kategorien des Faust­
rechts erfolgt, Deutschland gegen einen universalen internationalen Feind. Dies
scheint im Widerspruch zum allgemeinen Zweck der Veranstaltung zu stehen, der
aber aufgelöst werden kann, drängt sich doch eine weitere Lesweise auf, die die
"Opferbereitschaft" und "Pflichterfüllung" des "Landvolks" zu einer Zukunftsvision
drängt, wenn spätere Eroberungen die erlittenen "Ausplünderungen" wettmachen
und zur Grundlage neuen Wohlstands werden. Ist so schon die Polyphonie des Tex­
tes aufgedeckt, gilt es in einem letzten Schritt, noch übrig bleibende Widersprüche
in eine weitere konkurrierende Lesweise einzubringen, um die soziale Praxis zu
konstruieren: Maas arbeitet heraus, wie die traditionellen bäuerlichen Vorbehalte
gegen die Obrigkeit neutralisiert werden, vage Drohungen des sich ankündigenden
Terrors hineinspielen, um die Unterordnung des Auditoriums unters "Ganze" zu
plausibilisieren (das "Landvolk" macht in der/ durch die Rede die Erfahrung, das es
nur als Teil eines "Volksganzen" eine Rolle spielen kann, d.h. in die Pflicht ge­
nommen wird).
Damit ist der einleitende Überblick abgeschlossen. Gezeigt wurde, dass erst mit
der allmählichen Ausarbeitung von Untersuchungsansätzen zur Text- und Diskurs­
analyse und zur funktional bestimmten Pragmatik Instrumente vorhanden waren,
um nationalsozialistische Reden adäquat rekonstruieren zu können. Zusätzlich wur­
de die Art und Weise der Analyse an einem Beispiel verdeutlicht. Dann ist es nun
an der Zeit, den Lesern eine Übersicht über bisher erreichte Untersuchungsergeb­
nisse zu verschaffen. In den Mittelpunkt stelle ich die Hitler-Rede zum 1. Mai
1933, die schon viermal von Sprachwissenschaftlern analysiert wurde. Daran lassen
sich die Veränderungen der sprachwissenschaftlichen Aktivität gut zeigen. Daran
schließt sich ein letztes Kapitel an, in dem ich Ergebnisse und Desiderate der
sprachwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Redner Hitler bespreche.

2. Hitler spricht zum 1. Mai 1933


Deutsche Volksgenossen und -genossinnen! "Der Mai ist gekommen". So heißt es im deutschen Liede.
Und durch viele Jahrhunderte war der Tag des Maianfangs nicht nur das Symbol des Einzugs des Früh­
lings in die Lande, es war auch der Tag der Freude, der festlichen Stimmung und Gesinnung. Es kam
eine Zeit, die diesen Tag für sich in Anspruch nahm und den Tag des werdenden Lebens und hoff­
nungsvoller Freude verwandelte in einen Tag des Streites und des inneren Kampfes. Eine Lehre, die un­
ser Volk ergriffen hatte, versuchte, den Tag der erwachenden Natur, des sichtbaren Frühlingseinzugs zu
verwandeln in einen Tag des Hasses, des Bruderkampfes, des Zwistes und des Leides. Jahrzehnte sind
Uber die deutschen Lande hinweggegangen, und immer mehr schien dieser Tag die Trennung und Zer­
rissenheit unseres Volkes dokumentieren zu sollen. Es kam aber endlich auch die Zeit der Besinnung,
nachdem das tiefste Leid unser Volk ergriffen hatte, eine Zeit des Insichkehrens und des neuen Sichzu-
sammenfindens deutscher Menschen.
Und heute können wir wieder mit dem alten Volkslied singen: "Der Mai ist gekommen". Unseres Vol­
kes Erwachen ist da. Das Symbol des Klassenkampfes, des ewigen Streites und Haders wandelt sich
nun wieder zum Symbol der großen Einigung und Erhebung der Nation. Und deshalb haben wir diesen
Sprachwissenschaftliche Forschung zu Hitler 103
Tag der erwachenden Natur für alle kommenden Zeiten gewühlt als Tag der Wiedergewinnung unserer
eigenen Kraft und Stärke und damit auch zugleich jener schaffenden Arbeit, die keine engen Grenzen
kennt, nicht gebunden ist an die Gewerkschaft, an Fabriken und Kontore, einer Arbeit, die wir überall
anerkennen und fördern wollen, wo sie in gutem Sinne für Sein und Leben unseres Volkes geleistet
wird (Hitler, 1.05.1933, Abschnitt I und 2 von insgesamt 27, zitiert nach Bosch 1980, 134f., wahr­
scheinlich nach der damaligen Wochenschau).

Mit größtmöglichem Aufwand wurde der erste Erste Mai nach dem Januar 1933 ge­
feiert, ein Staatsakt auf dem Tempelhofer Feld vor den Toren Berlins (also nicht in
der Innenstadt, wo die Arbeiterbewegung immer ihre Maikundgebungen abgehalten
hatte), mit Abordnungen der Betriebe, Musik, und nach der Hitler-Rede, die direkt
im Radio übertragen wurden, einem Feuerwerk (zu den Einzelheiten vgl. Behrens
1980). Kurz zuvor hatte die neue Reichsregierung diesen Tag zum Feiertag erklärt
und war damit einem langgehegten Wunsch nachgekommen - oder vielleicht zu-
vorgekommen. Jedenfalls wurden am nächsten Morgen die Gewerkschaftshäuser
besetzt, die Gewerkschaften verboten und die führenden Funktionäre inhaftiert.
Dabei handelte es sich teilweise um dieselben Männer, die die Arbeiter aufgerufen
hatten, den neuen Maifeiertag mit den Nazis zusammen in organisierter Form zu
verbringen. Ein "Irrtum" über den wahren Charakter der neuen Regierung, wie es
noch viele weitere "Irrtümer" geben sollte.
Es geht nun natürlich nicht an, die Rede ausschließlich aus der Sicht von uns
Heutigen zu analysieren. Im Gegenteil ist es erforderlich, einen Zugang zu ihr zu
finden, der offen ist für den damaligen Kontext und somit erst ermöglicht, den ei­
gentlichen Impetus des Redners zu erkennen und nachzuvollziehen. Die Frage, die
man sich dabei prinzipiell stellen muss, ist die nach der Weise, wie eine antinatio­
nalsozialistische, eine oppositionelle Haltung desartikuliert und statt dessen die er­
wünschte artikuliert wird. Der Redner - Hitler, von dem zunächst nur die beiden
ersten Abschnitte zitiert wurden - führt einen Seiltanz vor, weil er einen Weg zwi­
schen der organisierten Arbeiterbewegung, der er den Ersten Mai weggenommen
hat bzw. wegnehmen will, und der NSDAP, die sich genau an diese Stelle setzen
soll, finden muss. Der Degen muss jetzt geführt werden, die groben Geschütze ste­
hen für später bereit. Er hat etwas zu bieten, einen freien Tag (von dem jedoch der
Nachmittag und Abend für die Aufmärsche reserviert wird), und er hat etwas zu
nehmen, die traditionellen Kundgebungen der sozialdemokratischen und kommu­
nistischen Arbeiter. Schweigen und Freizeit "einfach so" steht nicht zur Debatte, al­
te Texte müssen vom neuen Text übertönt und übertroffen werden. Daher steht zu
erwarten, dass sich die Diskurse im Redetext verschlingen und viele Stimmen zum
Tönen gebracht werden müssen, dass die Konkurrenz der Maierzählungen in der
Rede irgendwie ausgetragen wird und dass den Zuhörern neue Perspektiven gebo­
ten werden, die die alten überflüssig machen sollen. Intertextualitäl wäre eine theo­
retische Kategorie, die man heranziehen könnte, ebenso Mehrfachadressierung und
(ideologische) Amalgamierung (Emst Bloch nannte dies "Entwendungen aus der
Kommune"). Dabei handelt es sich nicht um genuin sprachwissenschaftliche Ter­
mini, wohl aber um solche, die in der funktionalen Pragmatik und Diskursanalyse
verwendet werden, im steten Wechselbezug von sprachlichen Formen (der textli-
104 Christoph Sauer

chen Realisierungsmittel) und sozialen Praktiken (des Unterwerfens, des Werbens


und des verbalen Enteignens). Sehen wir nun, was bisherige Veröffentlichungen
daraus gemacht haben.

2.1 Wedleff (1970)

Wedleff geht von der Hypothese aus, dass Hitler offensichtlich "eine sozusagen
hypnotische Kraft gehabt haben muss". Und sie fährt fort: "Sie macht es erst be­
greiflich, dass der oft dürftige Ideeninhalt seiner Reden ein ganzes Volk mit sich
reißen konnte" (108). Folgerichtig beschränkt sie sich darauf, formale Mittel aufzu­
listen, deren sich Hitler in seinen Maireden bedient, die irgendwie diese "hypnoti­
sche Kraft" belegen. Diese Mittel ähneln denen, die oben schon von von Kotze/
Krausnick (1966) gefunden worden waren, einschließlich der Disparatheit. Es fällt
schwer, den verschiedenen Kategorien etwas Nationalsozialistisches zu entnehmen:
Wenn man nicht weiß, dass Hitler der Autor ist, käme man nicht sofort auf ihn. Mit
vielen Belegstellen aus dem Korpus der Maireden werden "Übertreibungen" auf­
gelistet, "Wiederholungen", "Beschimpfungen und Schmähungen", "Metaphern",
"Euphemismen", dazu "syntaktische Besonderheiten" wie "Fragen", "Ausrufe und
Einwände", "Einschaltungen und Anakoluthe", schließlich Erscheinungen des
"Wortschatzes", wie beispielsweise "Berauschungswörter" (?!), "Fremdwörter",
"Sonderwörter". Die Ebene des Textes wird auf diese Weise nicht erreicht. Es
bleibt beim Aufspießen einiger Besonderheiten, ganz im Sinne der moralisierenden
Sprachkritik, die sich als überlegen gegenüber den nationalsozialistischen Anfech­
tungen geriert.
Wedleffs Verfahren ist entlarvend. Die Texte werden auf bestimmte Erschei­
nungen ertappt. Nicht thematisiert wird der Standpunkt, von dem aus die Aufde­
ckung erfolgt, und auch nicht die Perspektive, der man zuarbeitet. Wedleff bleibt
sogar den Beleg schuldig, dass Hitlers Reden "dürftig" gewesen seien, zeigen doch
ihre vielen Zitate gerade einen beträchtlichen, wie man es nennen könnte, Einfalls­
reichtum. Jedoch wird dieser nicht zum Gegenstand der Untersuchung. Hitler redet
halt so, wie Politiker in der Öffentlichkeit reden, vielleicht etwas ordinärer und tri­
vialer als bürgerliche Politiker, aber nicht wesentlich anders. Ein vorgängiges Ge­
schmacksurteil muss dafür sorgen, dass die negative Bewertung aller aufgelisteten
Erscheinungen erhalten bleibt, sonst gäbe es kein Halten mehr. Diese Scheinsicher­
heit kennzeichnet eine Arbeit, die keine einzige Rede als ein konkretes kommunika­
tives Ereignis wahmimmt, geschweige denn analytisch rekonstruiert. Somit Fehlan­
zeige, wenn man etwas Genaueres über Hitlers Reden in Erfahrung bringen möchte.
Sprachwissenschaftliche Forschung zu Hitler 105

2.2 Hasubek (1972)

Hasubek behandelt die Rede zum 1. Mai 1933, weil sie in den Lesebüchern als ex­
emplarische Rede auftaucht. Die Lesebücher selbst sieht er als "Spiegel" der NS-
Ideologie, hervorgegangen aus einer "Symbiose von Deutschunterricht und Poli­
tik". Die Mairede kommt in seiner Publikation zweimal vor: Im Kapitel "Die ideo­
logische Bedeutung der Arbeit im Lesebuch" (82-88) wird sie "inhaltlich" betrach­
tet, als "Themenbereich"; im Kapitel "Sprache und Symbole im Dienste der politi­
schen Ideologie" (151-172) wird sie "sprachlich" betrachtet.
Um mit Letzterem zu beginnen: Hasubek fasst die folgenden Erscheinungen zu­
sammen (160): "Sentimentalisierung, Intensivierung, imperatives Sprechen, allge­
meines Sprechen, persönliches Sprechen, verschleierndes Sprechen". Dieser Zu­
sammenstellung sieht man - ähnlich wie bei von Kotze/Krausnick (1966) und Wed-
leff (1970) - nicht an, worin die Spezifik des Nationalsozialismus bestehen könnte.
Eine Ausnahme bildet die "Sentimentalisierung", welche als eine sprachpolitische
Verfahrensweise - im Sinne von Maas (1984) oder Sauer (1998) - zumindest nicht
ausgeschlossen werden kann, und zwar hinsichtlich der Gefühlssteuerung, des Aus­
lebenlassens von Gefühlen oder der Indienstnahme von Gefühlen für andere Zwe­
cke: Hasubek verdeutlicht, dass das Anknüpfen an das Volkslied (siehe oben die
beiden ersten Abschnitte der Mairede) eine "Brücke des Gefühls" (155) zur Verfü­
gung stellt, eine "emotionale Einstimmung" leistet ("feierliches Pathos"), blendet
aber den möglichen Wirkmechanismus sogleich aus, wenn er dies als "irrationale
Komponente" denunziert und die Anspielung auf den Klassenkampf gewisserma­
ßen als Verweigerung der konkreten Argumentation ansieht. Als ob nicht gerade
der Fokus positiver Mai-Gefühle auch dazu dient, beim Klassenkampf vor allem an
Streitigkeiten und Unangenehmes zu denken und von der Warte dieser Alltagsbe-
grifflichkeit den politischen Hintergrund zu entpolitisieren!
Die übrigen Kategorien sind leer und kommunikativ gesehen sekundär: Es muss
ein X intensiviert werden, in Befehlsform gegossen, allgemein, persönlich oder ver­
schleiernd verbalisiert werden, so dass es letztlich darauf ankäme, diese X näher
herauszuarbeiten, bevor auf die Art des X-ens eingegangen werden könnte. Bei der
"inhaltlichen" Betrachtung liefert Hasubek dies in fragmentarischer Form. Er arbei­
tet heraus, dass mittels des Konzepts "Arbeit" die sozialintegrative Praxis der
"Volksgemeinschaft" konnotiert ist, die zu einem "Scheinsozialismus" führe (84).
Perfide banalisierend führt Hitler im vierten Abschnitt der Mairede aus: "Das deut­
sche Volk muss sich wieder gegenseitig kennenlemen!" Das ist nun in der Tat all­
gemein und persönlich verbalisiert, aber Hasubek unterlässt es, die nähere Bestim­
mung heranzuziehen, dass die Zielvorgabe der klassenlosen Gesellschaft nämlich
nicht des Zwanges entbehrt, denn Hitler führt im sechsten Abschnitt aus: "Wir ha­
ben den unerschütterlichen Willen, diese große Aufgabe vor der deutschen Ge­
schichte zu erfüllen, haben den Entschluss, die deutschen Menschen wieder zuein­
ander zu führen, und wenn es sein muss, zueinander zu zwingen". Freude, erwa-
106 Christoph Sauer

chende Natur und gesellschaftlicher Zwang sind die Vorgaben, mit denen Hitler
hier operiert. Hasubek deutet nur kurz an und hält die kritische Analyse viel zu
schnell an, weil er sich mit einigen allgemeinen inhaltsunspezifischen Kategorien
zufrieden gibt und die ideologische Arbeit in der Mairede systematisch unter­
schätzt.

2.3 Bosch (1980)

Bosch will die Entlarvungsattitüde und das Geschmacksurteil von sich streifen und
interessiert sich für das Wie der ideologischen Arbeit: "wie er (=Hitler) Zustim­
mung zum Faschismus organisiert" (111). Dabei interessiert er sich für Vermi­
schungen, Umdrehungen, Verschiebungen, "Techniken", mit denen der "nationale
Sozialismus" den internationalen Sozialismus/Kommunismus verdrängt, entplausi-
biliert, aus dem Alltag entfernt. Zu Beginn der Rede schon, so Bosch, berichtet Hit­
ler von einem Wandlungsprozess, dem das "Symbol" unterliegt, bei gleichbleiben­
der Grundbedeutung "Mai = Frühlingsanfang". Hitler betreibt diesen Wandlungs­
prozess aktiv als Bedeutungswandel, indem er von "Leid", "Klassenkampf' zu
"Freude" übergeht und damit eine triumphiererische Entwendung der Symbole der
Arbeiterbewegung inszeniert, als Reaktion auf den Kommunistenführer Emst
Thälmann, den heimlichen Adressaten der Rede. Hitler fährt in seiner Ansprache
folgendermaßen fort:
Das deutsche Volk hat eine grauenvolle Not hinter sich. Nicht als ob diese etwa mangelndem Fleiß zu­
zuschreiben wäre, nein! Millionen unseres Volkes, sie sind tätig wie früher, Millionen Bauern schreiten
hinter dem Pflug wie einst, Millionen Arbeiter stehen am Schraubstock, am dröhnenden Amboss. Mil­
lionen unseres Volkes, sie sind tätig, und Millionen andere, sie wollen tätig sein, doch sie können es
nicht! [...]

Es ist eine politische Not! Das deutsche Volk ist in sich zerfallen, seine ganze Lebenskraft wird für den
inneren Kampf verbraucht. [...] Das Volk zerfällt, und in diesem Zustand schwindet seine Lebenskraft,
die Kraft zur Lebensbehauptung. Die Ergebnisse dieses Klassenkampfes sehen wir um uns und unter
uns, und wir wollen daraus lernen. [...]

Die Ursache der "Not", die im Textzusammenhang als Arbeitslosigkeit erscheint,


wird nunmehr zu unterschiedlichen Zuschreibungen benutzt, aus denen sich gegen­
sätzliche Handlungsanweisungen ergeben: weg von der Orientierung an Internatio­
nalismus und Klassenkampf, hin zu einer neuen Vorgabe, die als "Volksgemein­
schaft" artikuliert wird. Bosch (1980, 113, 117) hält vorläufig fest: "Derartige Be­
deutungen organisieren offenbar, mit wem man sich gegen wen in den Auseinan­
dersetzungen wiederfindet", und: "Es ist also die Benennungstechnik von 'Mai' und
'Klassenkampf, mit der Hitler die Ergänzungsaktivitäten der Hörer so steuert, dass
die Identität des Klassenkämpfers alles Positiven, Einheitsstiftenden beraubt und zu
einer reinen, nicht mehr lebensfähigen Negativ-Identität wird". Damit ist der Boden
bereitet für die folgenden Verschiebungsoperationen. Das "kulturelle Wir", das sich
in den Maibräuchen, Volksliedern u.Ä. zeigt, wird mit der "Nation" zum "nationa-
Sprachwissenschaftliche Forschung zu Hitler 107

len Wir" verknüpft. Das Erwachen der Natur wird dem Erwachen der Nation
gleichgestellt. Im zehnten Abschnitt sagt Hitler:
Dieser 1. Mai soll zugleich dem deutschen Volke die Erkenntnis vermitteln: Fleiß und Arbeit allein
schaffen nicht das Leben, wenn sie sich nicht vermählen mit der Kraft und dem Willen eines Volkes.
Fleiß und Arbeit, Kraft und Wille, wenn sie zusammen wirken, erst wenn hinter der Arbeit die starke
Faust der Nation zu Schutz und Schirm sich erhebt, kann wirklicher Segen erwachsen.

Auf wessen Seite der Staat steht, wird hier abhängig gemacht von der Frage, auf
wessen Seite die Zuhörer sich stellen (wollen oder sollen). Mit dem "Segen" mischt
Hitler religiöse Konnotationen hinein, auf die er noch mehrere Male zurückkommt.
Er "verknüpft die ideologische Einheit "Nation' mit dem 'Volk Gottes', die Unter­
stellung unter den Staat mit der Unterstellung unter Gott. Wer gegen den Staat auf­
steht, versündigt sich" (Bosch 1980, 126).
Boschs Analysen, die hier nur gerafft dargelegt werden können, zielen auf die
"ideologembündelnde Leistung" von Hitlers Rede: "Seine Wahl der Stilebene -
vielfach mit dem Topos 'vulgär' abqualifiziert - ist funktional zur Verklammerung
des Unten mit Oben. Auch sprachlich präsentiert sich Hitler als Mann aus dem
Volke" (Bosch 1980, 128). Damit ist Bosch nicht nur in der Lage, oberflächliche
Beobachtungen zur NS-Sprache, wie sie oben kurz aufgezeigt worden sind, funkti­
onal auf ideologisch-sprachpolitischen Diskursbündelungen zu beziehen und damit
ihrer Oberflächlichkeit zu entkleiden, sondern auch, aufzuzeigen, wie kulturelle
Dimensionen des sprachlichen Handelns zur Artikulation der "Volksgemeinschaft"
genutzt und aus potenziell-antifaschistischen Positionen herausgebrochen werden.

2.4 Winckler (1983)

Winckler legt einen differenzierten und elaborierten Ansatz vor, er geht von der
klassischen Rhetorik aus, deren Kategorien er in der Rede wiederfindet, er berück­
sichtigt ausführlich die außersprachlichen Faktoren des "Inszenatorischen", kommt
zu einer Beschreibung der Rede als "Appell" und "Dialog", welches letztlich der
"Erzeugung sozialer Bewusstlosigkeit" (492) dient:
Hitler kämpft um die symbolische Besetzung des 1. Mai durch Begriffe der faschistischen Ideologie -
mit dem Ziel der Uminterpretation des gewerkschaftlichen Klassenkampf-Subjekts in das faschistische
'Volksgemeinschafts-Subjekt. Erreicht werden soll dieses Ziel durch eine Methode, die soziale Be­
wusstlosigkeit auf dem Weg der Erregung individueller Betroffenheit erzeugen möchte: das Leid und
die Freude, reale soziale Ängste und Hoffnungen der Zuhörer im Krisenjahr 1933 werden zum Auslöser
der ideologischen Debatte um Klassenkampf und Volksgemeinschaft. Der Appell an die inneren Ord­
nungsrepräsentanzen im Menschen - Pflichtgefühl, Gewissen, Idealismus und Opfersinn - wird zum
Ausgangspunkt der vorgeschlagenen Lösungshandlung (494).

Es gelingt jedoch nicht, die hier zusammengestellten sozialen Praktiken mit der
Analyse der sprachlichen Formen zu vermitteln. Insofern ist Wincklers Einschät­
zung noch beträchtlich vage, entbehrt sie doch der Unterfütterung durch Rekon­
struktion. Auch bleibt es erstaunlich, dass Winckler nicht auf den religiösen Dis-
108 Christoph Sauer

kurs eingeht, in den Hitler seine Ansprache münden lässt (letzter Abschnitt der
Mairede, nach Bosch 1980, 140):
[...] Das deutsche Volk ist zu sich gekommen. Es wird Menschen, die nicht fUr Deutschland sind, nicht
mehr unter sich dulden! Wir wollen uns den Wiederanstieg der Nation durch unseren Fleiß, unsere Be­
harrlichkeit, unseren unerschünerlichen Willen ehrlich verdienen! Wir bitten nicht den Allmächtigen:
"Herr, mach uns frei!" Wir wollen tätig sein, arbeiten, uns brüderlich vertragen, gemeinsam ringen, auf
dass einmal die Stunde kommt, da wir vor den Herrn hintreten können und ihn bitten dürfen: "Herr, Du
siehst, wir haben uns geändert Das deutsche Volk ist nicht mehr das Volk der Ehrlosigkeit, der Schan­
de, der Selbstzerfleischung, der Kleinmütigkeit und der Kleingläubigkeit. Nein, Herr, das deutsche
Volk ist wieder stark in seinem Willen, stark in seiner Beharrlichkeit, stark im Ertragen aller Opfer.
Herr, wir lassen nicht von Dir! Nun segne unseren Kampf um unsere Freiheit und damit unser deut­
sches Volk und Vaterland!

Da zuvor programmatische Äußerungen über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und


Straßenneubau fallen, ist diese Wendung zu einem imaginierten Allmächtigen zu­
mindest überraschend: Hitler benötigt offensichtlich religiös gestimmte Gefühle,
um die Einordnung und Unterordnung zu operationalisieren (vgl. auch Cancik
1980). Er wird dann selber zum Vorgänger der Gemeinde, ein primus inter pares,
der nur ausspricht, was alle denken. Leidvolle Erfahrungen und Opferbereitschaft
wohnen diesem Diskurs seit alters inne; was hier hinzutritt, ist die Drohung an die­
jenigen, "die nicht für Deutschland sind", denen somit die Position des Antichrist
zugeschrieben wird. Sie ist "offen" für weitere Maßnahmen und Personenkreise und
fungiert als Terrorpotenzial, mit dem sich trefflich (an)spielen lässt, freundlich-
verbindlich, aber mit drohendem Unterton. Da ist er, der schaurig-schöne Hitler,
bei dessen Worten es einem eiskalt über den Rücken läuft. Man sei gemeint, das
wird als Unausweichlichkeit realisiert.

3. Ergebnisse und Desiderate sprachwissenschaftlicher For­


schung

Wie aufzuzeigen versucht wurde, wohnt vielen sprachwissenschaftlichen Veröffent­


lichungen zu Hitler dem Redner eine Tendenz zur Auflistung sprachlicher Mittel
inne, aus denen sich jedoch weder eine einheitliche Perspektive auf die spezifischen
Leistungen nationalsozialistischer Redeereignisse noch eine Durchdringung der je­
weiligen textuellen Organisationsformen einstellen will. Man spießt bestimmte Be­
obachtungen auf und verlässt sich offensichtlich nur allzu oft darauf, dass sich auf
die Dauer schon ein einheitliches Bild ergeben wird (so etwa bei Sluzalek 1987,
Przewieslik 1992). Es ergibt sich aber nicht. Beziehungsweise, es ergibt sich nur
dort, wo die Begrenztheit der Mittel auch theoretisch zu rechtfertigen ist. Letzteres
ist der Fall bei den Analysen von Hitler-Reden im Wahlkampf zu den Reichstags­
wahlen am 6.11.1932, die Plöckinger (1999) vorgelegt hat, in welchen er einerseits
Redestrategien näher herausarbeitet, wobei er sich auf Maas (1984) stützt, anderer­
seits die untersuchten Reden mit den regionalen und lokalen Wahlergebnissen
kombiniert, um Aussagen über die mögliche Wirkung dieser Reden machen zu
Sprachwissenschaftliche Forschung zu Hitler 109

können. Sein ernüchterndes Fazit ist, dass Hitlers Wortmächtigkeit überschätzt


wird, dass eine Wirkung auf die jeweiligen Wahlergebnisse nicht erkennbar ist,
dass der Mythos Hitlers als eines mit der "Macht des Wortes" Begabten wohl schon
verblasst war. Plöckinger kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Redegewalt Hit­
lers eine Konstruktion der Zeit nach 1933 war, die noch lange über das Jahr 1945
hinaus gewirkt hat. Ohne die Genauigkeit seiner Analysen wäre eine solche Aussa­
ge unmöglich gewesen. Es handelt sich um eine Stemstunde der funktional­
pragmatischen und diskursanalytischen Sprachanalyse - freilich um eine solche, die
um andere Analysen (Wahlkampfstatistiken) ergänzt wurde. Zu lernen ist, dass es
eines größeren Aufwandes als vielleicht zuvor bedacht bedarf, um Angaben über
Wirkungen von Hitler-Reden zu machen.
Generell hat in der Sprachwissenschaft ein Paradigmawechsel eingesetzt. Schon
seit längerer Zeit geht es nicht mehr um die nationalsozialistische Sprache oder
NS-Sprache, sondern um die Sprache im Nationalsozialismus (zusammenfassend
rekapituliert bei von Polenz 1999). Aus dieser Erweiterung des allgemeinen Unter­
suchungsansatzes ergibt sich, dass sehr viel anderes Sprachmaterial als "nur" die
Reden eine Rolle spielen (am breitesten wohl von Bauer 1988 behandelt, der eine
Fülle von divergenten, darunter auch privaten, Materialien behandelt und auch die
Schwäche der potenziellen Faschismusverhinderer nicht vergisst). Dadurch ent­
schwindet Hitler ein wenig aus dem Fokus der Analyse - zugunsten der sprachli­
chen Verhältnisse, die ihn trugen und die er mittrug.
Diese sprachlichen Verhältnisse sind bislang nur ungenügend erschlossen, müs­
sen sie doch gegen das vorherrschende Schweigen über die "Transformationen der
Mentalität und deren Umsetzung in gesellschaftliches Handeln" (so Ehlich 1998
zusammenfassend) neu errungen werden. Dabei erweist es sich nicht als hilfreich,
sich auf indoktrinatorische Energien und persuasive Techniken zu konzentrieren.
Zu sehr sind diese gebunden an bestimmte Persönlichkeiten des NS-Regimes - und
damit an die Aufzeichnungen und geheimen Quellen, die in zunehmendem Maße
zwar veröffentlicht werden (wie beispielsweise die Tagebücher von Goebbels), die
aber fatalerweise ein Ausblenden der öffentlichen Texte - und der Reden - mit sich
bringen. Insgesamt setzt sich in dieser Betrachtungsweise ein allgemeiner Manipu­
lationsverdacht durch. Noch Analysen von Hitler-Reden, die sich in erster Linie
darauf einlassen, wie er Beifallsbekundungen und Zustimmungsäußerungen (also
Reaktionen des Auditorium, die auf den überlieferten Tonbändern hörbar sind - und
somit transkribierbar und analysierbar) steuert und ihnen zuarbeitet, sind dieser
Manipulationsthese verhaftet und können sich im Grunde auf nicht mehr berufen
als auf "politische Rede als Interaktionsgefilge" (Beck 2001). Als ob der Interakti­
onismus nicht charakteristisch für alle Formen politischer Rede ist, und somit die
eigentliche Herausarbeitung, die spezifisch nationalsozialistische Weise dieses In­
teraktionismus, noch geleistet werden muss.
Damit komme ich zum Ende. Zunächst einmal gilt es, sich einer Illusion zu ent­
ledigen, der Illusion nämlich, dass es in naher oder ferner Zukunft einmal eine Ge-
110 Christoph Sauer

samtdarstellung der sprachlichen Verhältnisse im Nationalsozialismus geben könn­


te. Es wird diese Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus genauso wenig geben
wie die der in ihm herrschenden sprachlichen Verhältnisse. Somit ist ein letztes
sprachwissenschaftliches Wort über Hitler und seine Reden ebenfalls nicht zu er­
warten. Die Herausforderung jedoch, um die es geht, bezieht sich auf die Themati-
sierung und sprachanalytische Realisierung übergreifender Dimensionen sprachli­
chen Handelns unter den spezifischen Bedingungen nationalsozialistischer Prakti­
ken. Zu diesen Praktiken zählt u.a., dass unzählige Zeitzeugen von einem Wider­
spruch berichten, wenn sie ihre Erfahrungen angesichts des Beiwohnens von Ver­
anstaltungen mit Hitler als Hauptredner weitergeben: dass sie nämlich beeindruckt
waren von der Veranstaltung selber und seinem Auftreten, dass sie aber nichts von
dieser Beeindruckung wiederfanden, wenn sie beispielsweise am nächsten Tag den
Abdruck der gerade erst erlebten Rede nachlasen. Wie weggeblasen war der leib­
haftige Hitler, als so inhaltsleer erfuhren sie den gedruckten Text. Interessant an
diesen so vielfältig überlieferten Beobachtungen ist nun allerdings nicht, dass eine
lebendige Rede und ihr Text irgendwie nicht Zusammengehen, weil das überall
vorkommt, wo die Entourage derartig im Vordergrund steht; interessant sind die
Folgerungen, die sich historisch aus diesen Erfahrungen ergeben haben. Kam es
dadurch zur Ablehnung Hitlers, zum Skeptizismus, zur abwartenden Haltung? Oder
spielte der Kontrast zwischen dem Gehörten/Gesehenen und dem Gelesenen keine
Rolle? Hier hätten wir es mit einer Erscheinung zu tun, die dringend der sprach-
analytischen Bearbeitung bedarf.
Gesellschaftliche Wissenssysteme - diese sind überwiegend sprachlich verfasst,
aber manifestieren sich auch im System visueller Zeichen - wurden im Herrschafts­
bereich des Nationalsozialismus destruiert, und diese Destruktionen bildeten die
Voraussetzung dafür, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen die Verbre­
chen, die in ihrer Mitte geschahen, jahrzehntelang verdrängten. Welchen Anteil an
dieser Verdrängung haben Hitler-Reden, sei es in mündlicher, sei es in schriftlicher
Form? Wie die wenigen Analysen gezeigt haben, die der Komplexität ihrer Aufga­
be gewachsen sind, organisierte Hitler durch seine Reden die Selbstunterstellung
der Zuhörenden und zuhörend Verstehenden unters Regime. Haben diejenigen nun,
die diese Selbstunterstellung an sich selber erfuhren, Hitler "richtig" verstanden
oder vielleicht doch "falsch"? Die Kluft zwischen dem Gesagten und dem Gemein­
ten bedurfte immer der Ergänzungsaktivitäten und der Anschlusshandlungen. Darin
lag und liegt ihre Ambivalenz - und vielleicht auch das Angebot, dem sich die
Deutschen über lange Jahre nicht verschließen wollten. Die sprachanalytische Re­
konstruktion der Diskursverschlingungen, der Bedeutungstransformationen und der
ideologischen Verschiebungstechniken, wie sie in Hitlers Reden so prominent Vor­
kommen, kann dazu beitragen, die Gefährdung der gesellschaftlichen Wissenssys­
teme aufzuarbeiten. Ihre Brisanz dürfte dann deutlich werden, mit ihrer Virulenz
muss man sich auch weiterhin auseinandersetzen. Sie geht ein ins kollektive Ge­
dächtnis der Deutschen.
Sprachwissenschaftliche Forschung zu Hitler 111

Literatur

Bauer, G.: Sprache und Sprachlosigkeit im "Dritten Reich", Köln 1988.


Beck, H.-R.: Politische Rede als Interaktionsgefüge Der Fall Hitler, Tübingen 2001.
Behrens, M : "Ideologische Anordnung und Präsentation der Volksgemeinschaft am 1. Mai 1933", in:
P/T(1980) 81-106.
Beming, C.: Vom "Abstammungsnachweis" zum "Zuchtwart" Vokabular des Nationalsozialismus,
Berlin 1964.
Bohse, J.: Inszenierte Kriegsbegeisterung und ohnmächtiger Friedenswille. Meinungslenkung und
Propaganda im Nationalsozialismus, Stuttgart 1988.
Bosch, H.: "Ideologische Transformationsarbeit in Hitlers Rede zum 1. Mai 1933", in: PIT(1980) 107-
140.
Bühler, K.: Sprachtheorie. Die Darstellungsfimktion der Sprache, Jena 1934.
Cancik, H.: '"Wir sind jetzt eins'. Rhetorik und Mystik in einer Rede Hitlers (Nürnberg 11.09.1936)",
in: G. Kehrer (Hg.): Zur Religionsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, München 1980,
13-48.
Dieckmann, W.: Sprachkritik (Studienbibliographien Sprachwissenschaft Bd 3), Heidelberg 1992.
Diekmannshenke, H./Meißner, I. (Hg ): Politische Kommunikation im historischen Wandel, Tübingen
2001.
Diekmannshenke, H./Zorbach, D.: "Auswahlbibliographie zur politischen Kommunikation im histori­
schen Wandel", in: Diekmannshenke/Meißner 2001, 401-458.
Ehlich, K. (Hg ): Sprache im Faschismus, Frankfurt/M.1989.
Ders.: "'... LT1, LQ1 - Von der Unschuld der Sprache und der Schuld der Sprechenden", in: Kämper
/Schmidt 1998,275-303.
Fest, J.C.: Hitler. Eine Biographie, Berlin 1973.
Ders./Herrendörfer, C.: Hitler - Eine Karriere, Madison Video 1977 [Ungekürzte Originalfassung o.J.].
Habscheid, S.: "'Medium' in der Pragmatik. Eine kritische Bestandsaufnahme", in: Deutsche Sprache
2 (2000) 126-143.
Hasubek, P : Das Deutsche Lesebuch in der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Literatur­
pädagogik zwischen 1933 und 1945, Hannover 1972 [Mit einer Analyse der Hitler-Rede zum 1.
Mai 1933],
Hoffmann, L.: "Pragmatische Textanalyse. An einem Beispiel aus dem Alltag des Nationalsozialismus",
in: Möhn/Roß/Tjarks-Sobhani 2001, 283-310.
Jäger, S.: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung, (DISS-Studien) Duisburg 1993.
Ders.: Wie die Rechten reden Sprachwissenschaftliche und diskursanalytische Veröffentlichungen zu
den Themen Faschismus. Rechtsextremismus und Rassismus Eine kommentierte Bibliographie,
(DISS-Texte 29) Duisburg 1996.
Kämper, H./Schmidt, H (Hg ): Das 20. Jahrhundert. Sprachgeschichte - Zeitgeschichte, (Institut für
deutsche Sprache, Jahrbuch 1997) Berlin-New York 1998.
Kinne, M./Schwitalla, J.: Sprache im Nationalsozialismus, (Studienbibliographien Sprachwissenschaft
Bd. 9) Heidelberg 1994.
Klemperer, V.: £77. Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1975 [urspr. 1947],
Knopp, G./Hillesheim, H.: Hitler - Eine Bilanz Der Verführer, ZDF 1995.
112 Christoph Sauer

Knopp, G.: Hitler. Eine Bilanz, Berlin 1995,


Lange, G.: "Sprachform und Sprechform in Hitlers Reden”, in: Muttersprache 78 (1968) 342-349.
Leiser, E.: Mein Kampf. Dokumentarfilm, 1959 [Video BMG München 1996],
Maas, G.: "Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand". Sprache im Nationalsozialismus. Ver­
such einer historischen Argumentationsanalyse, Opladen 1984.
Marek, M.: '"Wer deutsch spricht, wird nicht verstanden!’ Der wissenschaftliche Diskurs Uber das Ver­
hältnis von Sprache und Politik im Nationalsozialismus - Ein Forschungsbericht", in: Archiv für
Sozialgeschichte 30 (1990) 454-492.
Möhn, D./Roß, D./Tjarks-Sobhani, M. (Hg ): Mediensprache und Medienlinguistik. Festschrift für
Jörg Hennig, (Sprache in der Gesellschaft, Bd. 26) Frankfurt/M. u.a. 2001.
Müller, S.: Sprachwörterbücher im Nationalsozialismus Die ideologische Beeinflussung von Duden.
Sprach-Brockhaus und anderen Nachschlagewerken während des "Dritten Reiches", Stuttgart
1994
PIT (= Projekt Ideologie-Theorie) (Hg ): Faschismus und Ideologie 1/2, (AS 60/62), Berlin 1980.
Plöckinger, O.: Reden um die Macht? Wirkung und Strategie der Reden Adolf Hitlers im Wahlkampf
zu den Reichstagswahlen am 6. November 1932, Wien 1999.
Przewieslik, W.: Aggressive Diffamierung und Negation. Inhalt und Vortragsstil der Hitler-Reden
1933-1945, (Diplomarbeit HdK Berlin, FB 5) Berlin 1992 [erhältlich Uber Diplomarbeiten Agen­
tur, Hamburg. Zugang Uber http://www.diplom.de] [mit einer Analyse der letzten Rede Hitlers am
30. Januar 1945].
Rehbein, J./Fienemann, J./Ohlhus, S./Oldörp, C.: "Nonverbale Kommunikation im Videotranskript", in:
Möhn/Roß/Tjarks-Sobhani 2001, 167-198
Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie (Hg ): Die Tagebücher der Anne Frank, Frankfurt/M. 1988
[übersetzt von Mirjam Pressler],
Römer, R.: Sprachwissenschaft und Rassenideologie in Deutschland, München 1985.
Sauer, C.: "Nicht drinnen und nicht draußen. NS-Sprachpolitik, die Niederlande und das 'Neue Europa'
im Februar/März 1941", in: Diskussion Deutsch 78 (1984) 408-432 [Analyse einer Seyß-Inquart-
Rede],
Ders : "Sprachwissenschaft und NS-Faschismus. Lehren aus der sprachwissenschaftlichen Erforschung
des Sprachgebrauchs deutscher Nationalsozialisten und Propagandisten ftlr den mittel- und osteu­
ropäischen Umbruch?”, in: Steinke 1995, 9-96.
Ders.: Der aufdringliche Text. Sprachpolitik und NS-ldeologie in der "Deutschen Zeitung in den Nie­
derlanden", Wiesbaden 1998.
Ders.: "Technisch-kommunikative Potenziale in alten und neuen Medien", in: OBST 63 (2001) 147-
160. [Themenheft "Hypermedien und Wissenskonstruktion"].
Schmitz-Beming, C.: Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin-New York 1998.
Schmölders, C.: "Zur Klanggestalt des Dritten Reiches", in: Merkur 581 (1997) 681-693.
Schnauber, C.: Wie Hitler sprach und schrieb, Frankfurt/M. 1982.
Sluzalek, R.: Die Funktion der Rede im Faschismus. Oldenburg 1987 [mit Analyse einer Hitler-Rede
am 10.12.1940 in Berlin vor Rüstungsarbeitem],
Steinke, K. (Hg ): Die Sprache der Diktaturen und Diktatoren, Heidelberg 1995.
Sprachwissenschaftliche Forschung zu Hitler 113

Stemberger, D./Storz, G./Süskind, W.E.: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Neue erweiterte
Ausgabe mit Zeugnissen des Streites über die Sprachkritik, Hamburg-Düsseldorf 1968
[ursprünglich in Zeitschriftenform 1945, als Buchausgabe zuerst 1957],
Straßner, E.: Ideologie-Sprache-Politik. Grundfragen ihres Zusammenhangs, (Konzepte der Sprach-
und Literaturwissenschaft, Bd. 37) Tübingen 1987.
Titscher, S./Wodak, R./Meyer, M./Vetter, E.: Methoden der Textanalyse. Leitfaden und Überblick,
Opladen 1998.
Volmert, J.: "Politische Rhetorik des Nationalsozialismus", in: Ehlich 1989, 137-161.
von Kotze, H./Krausnick, H. (Hg.): "Es spricht der Führer". Sieben exemplarische Hitler-Reden, Gü­
tersloh 1966.
von Polenz, P : Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band III 19. und
20. Jahrhundert, Berlin-New York 1999.
Wedlcff. M.: "Zum Stil in Hitlers Maireden", in: Muttersprache 80 (1970) 107-127.
Winckler, L.: "Hitlers Rede zum 1. Mai 1933 - Oder: Des Kaisers neue Kleider", in: Diskussion
Deutsch 73 (1983)483-498.
Zifonun, G./Hoffmann, L./Strecker, B.: Grammatik der deutschen Sprache. 3 Bände, Berlin-New York
1997.
Rhetorik, Propaganda und Masse in Hitlers
Mein Kampf
Othmar Plöckinger

1. Einführende Bemerkungen: Entstehung, Aufbau, Publikation,


Quellen

Aus der Zeit des Nationalsozialismus ist die Erinnerung vor allem an ein Buch
wach geblieben: Hitlers Mein Kampf. Ähnliches kann höchstens noch über Alfred
Rosenbergs Mythus des XX. Jahrhunderts gesagt werden. Hitlers "erstes" Buch er­
reichte nach 1933 den Status höchster Autorität und im negativen Sinne behielt es
diesen auch nach 1945 bei, zumindest was die nationalsozialistische Rhetorik und
Propaganda betraf. Im Nachfolgenden können erste Eindrücke einer größeren, noch
laufenden Untersuchung dargelegt werden.
Die Entstehungsgeschichte von Mein Kampf ist in vielerlei Hinsicht unklar und
kam damit, ob gewollt oder nicht, der Mythenbildung entgegen. Hitler selbst hat,
wie es auch in anderen Bereichen seine Art war, dazu keine Angaben gemacht.
Konrad Heiden vertrat weitgehend alleine die These, die ersten Teile wären schon
in jenen für Hitler schwierigen Monaten entstanden, die der politischen Niederlage
am 1. Mai 1923 folgten.1 Aus verschiedenen Dokumenten lässt sich schließen, dass
Hitler jedenfalls im April/Mai 1924, also nach der Verurteilung aufgrund seines
Putschversuchs, bereits an einem Buch gearbeitet hat. Nach den Angaben von Au­
genzeugen setzte die intensivere Arbeit an Mein Kampfjedoch erst ein, als Hitler
klar wurde, dass er von der Festung in Landsberg aus seinen Einfluss auf die sich
spaltende völkisch-nationale Szene nicht würde aufrecht erhalten können. In einer
eigenen Anzeige im Völkischen Kurier am 7. Juli 1924 legte er öffentlich die Füh­
rung der Nationalsozialisten zurück und verbat sich Besuche im Gefängnis, um in
Ruhe an seinem Buch arbeiten zu können.2
Wurde in diesen Monaten nicht nur von Hitler noch mit einem Erscheinen im
Herbst/Winter 1924 gerechnet, so verzögerte sich der Termin bis zum 18. Juli
1925, als der erste Band endlich im Eher-Verlag in München veröffentlicht werden
konnte. Die Gründe für diese große Verzögerung sind noch näher zu untersuchen,

1 Vgl. Heiden 1936, 163. Heiden geht 1944 sogar noch weiter und datiert die ersten Vorarbeiten be­
reits auf 1922 (1944, 208). Immerhin bekäme damit Rosenbergs umstrittene Bemerkung vom Ja­
nuar 1923 Sinn, Hitlers "eigene Arbeit" sei noch nicht zur Drucklegung fertig (vgl. Maser 1974,
17).
2 Vgl. Lurker 1933, 55f.; Jäkel/Kuhn 1980, 1241.
116 Othmar Plöckinger

doch kann davon ausgegangen werden, dass der erste Band in mehreren Phasen
entstanden ist und die ersten Konzepte wenig mit dem später veröffentlichten Text
zu tun hatten. Vom ursprünglich geplanten Titel "4 Vi Jahre Kampf gegen Lüge,
Dummheit und Feigheit, eine Abrechnung" ist nur im Untertitel des ersten Bandes
geblieben: "Eine Abrechnung".3 Am 11. Dezember 1926 erschien beinahe unbe­
merkt von der Öffentlichkeit auch der zweite Band.
In dieses Bild eines eher konfusen, zumindest mehrfach gebrochenen Entste­
hungsprozesses passt auch die Diskussion darüber, welche Personen an der Nieder­
schrift und Korrektur des Buches beteiligt waren. Dabei ist man weitgehend auf die
Angaben ehemaliger Mithäftlinge und anderer Zeitzeugen angewiesen, die oft ihre
Erinnerungen erst nach 1933 oder gar nach 1945 zu Papier gebracht haben. Verklä­
rungen, Verzerrungen oder schlicht Erinnerungslücken sind damit anzunehmen. Die
Berichte sind daher teilweise widersprüchlich, und die später von der Forschung
formulierten Annahmen sind ein Beispiel dafür, wie aus zeitgenössischen Vermu­
tungen und zweifelhaften Berichten akzeptierte Ansichten entstehen können.
Dass Hitler Teile des ersten Bandes Emil Maurice und Rudolf Heß diktiert hat4,
erscheint plausibel, wenngleich sich Ilse Heß später gegen diese Version aus­
sprach.5 6Verworrener sieht es mit den Korrekturen des ersten Bandes und der Erar­
beitung des zweiten aus. Hier findet sich in der Literatur alles ein, was Rang und
Namen hatte, und wird in den verschiedensten Kombination als Helfer Hitlers zu­
sammengestellt: Rudolf Heß, Geli Raubal, Pater Bernhard Stempfle, Herausgeber
des antisemitischen Miesbacher Anzeigers, Adolf Müller, Inhaber der NS-Drucke-
rei, Stolzing-Cemy, Mitarbeiter des Völkischen Beobachters, Max Amann, Chef
des Eher-Verlages, Karl Haushofer, Professor für Geopolitik, General und Mentor
von Rudolf Heß, Emst Hanfstaengl, früher Anhänger Hitlers aus großbürgerlichem
Haus. In Ian Kershaws neuerster Biographie finden sich gar alle vereint - und haben
nach Kershaw gleich ganze Abschnitte aus- und umformuliert.'’ All das bestreitet
letztlich wiederum Ilse Heß, nach ihr habe niemand an Mein Kampf "mitgearbei­
tet", lediglich stilistische Korrekturen seien - dies allerdings exklusiv - von ihr und
Rudolf Heß vorgenommen worden.7
Die Sache stellt sich insgesamt also reichlich verwickelt dar und die unter­
schiedlichen Angaben über die Entstehung belegen vorerst nur, dass es offenbar ei­
niges an Arbeit bedurfte, um aus dem Hitler'schen Rohmaterial ein einigermaßen
lesbares Buch zu machen. Aufgrund der turbulenten Entstehungsgeschichte ver­
wundert es nicht, dass Mein Kampf zunächst einen oft willkürlichen, ja unzusam-
3 Der Nachsatz des ursprünglichen Titels Eine Abrechnung ist in der Forschung schlicht "vergessen"
worden, ausgehend wohl von der Untersuchung von Hermann Hammer Im zugrundeliegenden Ori­
ginaldokument findet sich dieser Nachsatz eindeutig; vgl. Maier-Hartmann 1938, 174.
4 Vgl. Lurker 1933, 56 u. 33; Frank 1953, 45.
5 Vgl. Maser 1974, 30ff; auch bei Kallenbach findet sich kein Hinweis; vgl. Kallenbach 1939, 106.
6 Vgl. Kershaw 1998,301.
7 Vgl. Maser 1974, 32 u.66ff.
Rhetorik, Propaganda und Masse 117
menhängenden Eindruck erweckt. Doch schon Eberhard Jäckel hielt fest: "Aber die
Interpretation seiner Schriften und Reden bietet bei sorgfältiger und wiederholter
Lektüre keine besonderen Schwierigkeiten, sondern sie erweist sogar, daß er gera­
dezu starrsinnig deutlich erkennbaren Aufbauprinzipien folgte."8 Speziell auf Mein
Kampf bezogen schließt sich dem auch Barbara Zehnpfennig an.9 Die Struktur des
ersten Bandes wirkt noch improvisiert, viele ideologische Betrachtungen fließen
mehr oder weniger schlüssig in Hitlers biographische Beschreibungen ein. Nur
zwei Kapitel tragen eine "programmatische" Überschrift ("Kriegspropaganda" und
"Volk und Rasse"). Dies bestätigt Albrecht Tyrells Vermutung, dass Hitler in
Landsberg nicht nur seine künftige Strategie grundlegend geändert, sondern auch
sich selbst ins Zentrum gerückt hat, um "einen geradezu universalen politisch-
ideologischen Führeranspruch anzumelden.'"0 Die Verkündung des Parteipro­
gramms am 24. Februar 1920 dient als Nahtstelle zwischen den beider. Bänden,
womit auch ein gewisser Perspektiven- und Themenwechsel angedeutet wird. Das
Buch bekommt im zweiten Band mehr den Charakter einer Programmschrift und
weniger den eines "Erlebnisberichtes", obwohl die Vermischung von persönlicher
und Parteigeschichte mit ideologischen Darlegungen nicht fehlt. Insgesamt wirkt
der zweite Band kompakter als der erste, es ist wesentlich mehr der Mann zu hören,
der in die politische Arena zurückgekehrt ist, es spricht "der Politiker, der um die
Eigengesetzlichkeiten politischer Praxis weiß"." Dem Publikumsinteresse scheint
dies jedoch nicht entgegengekommen zu sein. Das Erscheinen des zweiten Bandes
wurde in der Presse kaum zur Kenntnis genommen, und selbst nach 1933 hinkte der
zweite Band im Publikumsinteresse dem ersten stets hinterher.
Bei der Veröffentlichung war Max Amann selbst angesichts des Stellenwertes
des Autors nicht bereit, für den Eher-Verlag ein Risiko einzugehen, und sicherte
sich vor dem Erscheinen in jeder Hinsicht ab. Das Unternehmen begann mit einem
Gutachten im Mai 1924 darüber, wie weit ein Buch Hitlers überhaupt Erfolg haben
würde.12 Und in einer redaktionsintemen Mitteilung des Völkischen Beobachters
anlässlich des 2-Millionen-Jubiläums von Mein Kampf 1935 wird daraufhingewie­
sen, dass die erste Auflage "grösstenteils von Anhängern der Bewegung, die sich
auch trotz der Verbotszeit der Partei nicht von der Idee trennten, vorausbestellt
war."13 Als Vorabdrucke erschienen aus dem ersten Band im April 1925 ein Auszug
aus dem Kapitel "Der Weltkrieg" im Leipziger Deutschen Volkswart14 und aus dem
zweiten im Februar 1926 die Broschüre Die Südtiroler Frage und das deutsche
Bündnisproblem. Ab 1930 erschien die verbilligte einbändige "Volksausgabe",

8 Jäckel 1981, 130.


9 Vgl. Zehnpfennig 2000, 40.
10 Tyrell 1975, 165.
11 Zehnpfennig 2000, 173.
12 Abgedruckt in Maier-Hartmann 1938, 174.
13 BA Berlin, NS 8/117. In den Presseartikeln erschien jedoch kein Hinweis darauf.
14 Vgl. Deutscher Volkswart (7) 7. H„ 205-211.
118 Olhmar Plöckinger

1932 folgte die noch billigere, wieder zweibändige kartonierte Ausgabe. Wie in der
Literatur meist zutreffend angegeben, dürften bis zur Machtübernahme 1933 etwa
287.000 Exemplare verkauft worden sein. Ab 1933 sind pro Jahr kaum mehr als 1
Million Exemplare herausgebracht worden, gelegentlich auch weniger. Die oft ge­
nannte Überreichung von Mein Kampf an Brautpaare ab 1936 hat im übrigen kei­
nen Einfluss auf die Auflagenentwicklung gehabt, ihre Bedeutung war also eher
marginal. Wesentlich drastischer war der Einschnitt mit Beginn des Krieges. Ab
1940 kam neben den inzwischen sehr zahlreichen Ausgaben die Dünndruckausgabe
für die Wehrmacht heraus. Sie trug erheblich dazu bei, dass die Auflagenzahlen mit
Kriegsbeginn massiv in die Höhe schnellten. Noch 1944 sind mehr als 1,5 Millio­
nen Stück produziert worden. Die bislang letzte nachgewiesene Auflage erschien
im Herbst 1944 und vermerkt eine bis dahin erreichte Zahl von 12.450.000 Stück.15
Somit sind in den Kriegsjahren die weitaus meisten Exemplare produziert worden,
nämlich rund 7 Millionen - gegenüber rund 5,5 Millionen in den Jahren 1925-
1938/39.
Beim Erscheinen des ersten Bandes von Mein Kampf fiel Stefan Grossmann im
Berliner Tagebuch zu Hitlers Kenntnisse und Lektüre auf:
Dieses Wissen ist eben nichts als Zeitungswissen. Es ist, auch das soll nicht verachtete werden, in ei­
nem Winkel eines Wiener Arbeitercafes erworben. Es mögen auch ein paar Agitationsbroschüren dabei
gewesen sein [...] Marx, Kautsky, Sombart, Henry George - kein Name, kein Buchtitel wird je genannt,
aber der Leser wird mit allem Wiener Krimskrams der Neunzigerjahre heimgesucht, mit den Problemen
Schönerers, Luegers, mit Theaterklatsch und Beleidigungsprozessen, kurz mit all dieser Zeitungswis­
senschaft, von der sich der junge Hitler wirklich genährt hat. 16

Wie schon damals erkannt umschließt die Frage nach den Quellen die Frage nach
der Lektüre Hitlers vor 1924 - und die ist schwer zu beantworten. Hitler nennt in
Mein Kampf selbst Favoriten seiner Gedankenwelt nur beiläufig: Eckart und
Chamberlain, Wagner und Schopenhauer werden nur einmal erwähnt. Für andere
gilt, was Joachim Fest schrieb: "[...] kein Autor, kein Buchtitel findet je Erwäh­
nung, immer sind es, wie in einer abseitigen Äußerungsform seines Quantitätskom­
plexes, ganze Wissensgebiete, die er sich aneignete [...].",7 Übersehen wurden da­
bei oft ein Autor und ein Werk, die für Hitler all das darstellten, was ihm ein Gräu­
el war: Karl Marx' Kapital. Das will er gleich zweimal studiert haben - zuerst in
Wien (68)'*, dann in München (234). Solche Erwähnungen waren jedoch eine Aus­
nahme, ja Hitler ließ später gar einige zuvor noch angeführte Namen aus Mein
Kampf streichen.19 Dieses Streben nach "namenloser Bildung" hatte Hitler bereits
1921 in einer biographischen Skizze gezeigt, in der er über die Themen berichtete,
mit denen er sich in Wien auseinandergesetzt hatte. Er war

15 Diese 1027-1031. Auflage befindet sich in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover.


16 Das Tagebuch, H. 45 vom 7.11.1925.
17 Fest 1973,289.
11 Es werden bei Hinweisen auf oder Zitaten aus Mein Kampf im Text nur die Seitenzahlen angege­
ben.
19 Vgl. Maser 1974, 86.
Rhetorik, Propaganda und Masse 119
(...) mehr und mehr mit politischen Dingen beschäftigt, weniger durch Besuch von Versammlungen als
vielmehr durch gründliches Studium volkswirtschaftlicher Lehren, sowie der damals zur Verfügung
stehenden gesamten antisemitischen Literatur. Seit meinem 22. Jahr warf ich mich mit besonderem
Feuereifer über militärische Schriften und unterliess die ganzen Jahre niemals, mich in sehr eindringli­
cher Weise mit der allgemeinen Weltgeschichte zu beschäftigen.20

In Mein Kampf liest es sich wenige Jahre später sehr ähnlich (21). Doch selbst
wenn mehr konkrete Angaben von Hitler über seine Vorbilder und Quellen vorhan­
den wären, so wäre damit nicht allzu viel gewonnen, da mit erheblichen Verzerrun­
gen und Stilisierungen zu rechnen wäre, wie Eberhard Jäckel bemerkte: "Die Ent­
stehung seiner Weltanschauung also gab er in 'Mein Kampf nur stilisiert und damit
weithin bewußt falsch wieder."21 ln Landsberg, seiner "Hochschule auf Staatskos­
ten",22 dürfte Hitler jedenfalls bald über einen beträchtlichen Fundus an Büchern
verfügt haben, gespeist aus Geschenken von Besuchern und Anhängern. Zu verwei­
sen ist auf die Angaben und Bücherlisten von August Kubizek, Dietrich Eckart,
Hans Frank und Emst Hanfstaengl23, deren gründliches Erinnerungsvermögen und
Objektivität freilich nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden können. Et­
was Abhilfe bieten hier zeitgenössische Analysen - wie sie etwa Hermann Sacher
1931 in seiner Arbeit zum "Schrifttum des Nationalsozialismus" vorgelegt hat.

2. Rhetorik, Propaganda und Masse in Mein Kampf

Wenn hier versucht werden soll, die drei Bereiche Rhetorik, Propaganda und Mas­
senpsychologie einzeln zu behandeln, so stellt dies natürlich ein nachträgliches
"Hineinstrukturieren" von Themenbereichen in Mein Kampf dar, die es in dieser
Form nicht gegeben hat. Hitler war in Mein Kampf ein viel zu unsystematischer Ar­
beiter, als dass er zwischen diesen Teilbereichen konsequent unterschieden hätte.
Dennoch erscheint eine differenziertere Betrachtung sinnvoll, da nur auf diese Wei­
se die durchaus unterschiedlichen Einschätzungen und Bedeutungen der einzelnen
Teilbereiche sinnvoll berücksichtigt werden können.

2.1 Rhetorik

Im ersten Band finden sich Hitlers Ausführungen zur Rede noch über den ganzen
Text verstreut, sodass von einem festgefügten Bild kaum gesprochen werden kann.
Vielmehr geht er "intuitiv" vor, wie es auch seiner Einschätzung der Rede entspro-

20 Jäckel/Kuhn 1980, 526.


21 Jäckel 1981, 130.
22 Vgl. Frank 1953,46f.
23 Fest 1973, 289 bzw. 1071; Fn. 7. Werner Maser gab eine ganze Liste von Autoren an, die Hitler
gekannt haben soll, wogegen sich Erich Fromm vehement gewendet hat, da er darin eine Tendenz
zur Aufwertung des ''Hitlerbildes'' sah (vgl. Maser 1974, 103; Fromm 1977, 471).
120 Othmar Plöckinger

chen haben dürfte. Denn grundsätzlich scheint Hitler die Fähigkeit zu reden für ei­
ne "Gabe" gehalten zu haben, die man besitzt oder eben nicht. Er sieht sie beim
"kleinen Rädelsführer" schon im Ansatz vorhanden (3). Erlernt kann sie offenbar
nicht werden, bestenfalls geschult. Freilich sind für einen Redner ein umfassendes
Wissen und ein gutes Gedächtnis von entscheidender Bedeutung, wie er unter der
Überschrift "Die Kunst des Lesens" bemerkt (38). Die damit verbundene Angst, als
Redner oder gar als Leiter eines Staates bei Diskussionen zu unterliegen, dürfte ein
wesentlicher Grund gewesen sein für die ständigen Versicherungen Hitlers, nicht
nur Bücher gelesen, sondern sich stets gleich ganze Wissensgebiete angeeignet zu
haben:
Ein Redner zum Beispiel, der nicht auf solche Weise seinem Verstände die nötigen Unterlagen liefert,
wird nie in der Lage sein, bei Widerspruch zwingend seine Ansicht zu vertreten, mag sie auch tau­
sendmal der Wahrheit oder Wirklichkeit entsprechen. Bei jeder Diskussion wird ihn das Gedächtnis
schnöde im Stiche lassen: tr wird weder Gründe zur Erhärtung des von ihm selbst Behaupteten noch
solche zur Widerlegung des Gegners finden. Solange es sich dabei, wie bei einem Redner, in erster Li­
nie nur um die Blamage der eigenen Person handelt, mag dies noch hingehen, böse aber wird es, wenn
das Schicksal einen solchen Vielwisser, aber Nichtskönner zum Leiter eines Staates bestellt (38).

Mit diesem für Redner und "Staatsleiter" - eine Verknüpfung, die Hitlers Vorstel­
lung von Herrschaft beleuchtet - notwendigen Wissen war für Hitler verbunden die
Vorstellung von der unter keinen Umständen mehr zu revidierenden "Erkenntnis",
so sie einmal gefunden und vertreten worden ist. Sie verweist auf "Hitlers geradezu
panische Angst, seine Meinung zu ändern."24 Aus diesem Grunde sah er sich in
Wien auch weniger nach öffentlichen Auftritten um, sondern setzte seine "rhetori­
sche Schulung" im kleinen Kreise fort, um so später vor Pannen gefeit zu sein:
"Dieses Sprechen im engsten Rahmen hatte viel Gutes für sich: ich lernte so wohl
weniger 'reden', dafür aber die Menschen in ihren oft unendlich primitiven An­
schauungen und Einwänden kennen. Dabei schulte ich mich, ohne Zeit und Mög­
lichkeit zu verlieren, zur eigenen Weiterbildung" (73). Im Gegensatz zum zweiten
Band wird von Hitler in der Folge die Rede aus der Sicht des Zuhörers, zumindest
des passiven Beobachters geschildert. Ausführlich tritt daher dem Leser das Phä­
nomen "Rede" erstmals in "negativer" Form gegenüber: Hitler beschreibt seine
Eindrücke vom Wiener Parlament und spricht nur mit Spott und Hohn von den dort
gehaltenen Reden. Lediglich die Alldeutschen nimmt er teilweise aus - doch ihnen
wirft er anderes vor:
Sowie der Biertisch des Versammlungssaales endgültig mit der Tribüne des Parlaments vertauscht war.
um von diesem Forum aus die Reden statt in das Volk in die Häupter seiner sogenannten 'Auserwähl-
ten’ zu gießen, hörte die alldeutsche Bewegung auch auf, eine Volksbewegung zu sein, und sank in kur­
zer Zeit zu einem mehr oder minder ernst zu nehmenden Klub akademischer Erörterungen zusammen
(116).

Für Hitler verwerflich, wie er später mehrmals unterstreichen wird. Er gibt deutlich
zu verstehen, dass es weder im verhassten Parlament noch in einem anderen "aka-

24 Jäckel 1981, 127. Auch bei anderen überprüft Hitler deren Wissen nicht anhand von Gesprächen
mit ihnen oder der Lektüre ihrer Bücher: nein, er wirft einen Blick auf deren Reden (vgl. etwa
467).
Rhetorik, Propaganda und Masse 121
demischen Klub" jene "geniale" Form der Rede geben kann, die er für entscheidend
hält. Der wahre Redner spricht nicht vor Institutionen, sondern zum Volk, zur
"Masse". Die oberste Priorität in der öffentlichen Auseinandersetzung ist eindeutig
der Rede zugeordnet. Und Hitler formuliert nun explizit seine Auffassung, dass die
Rede keine Kunst, sondern eine Gabe, eine Gnade ist: "Wem aber Leidenschaft
versagt und der Mund verschlossen bleibt, den hat der Himmel nicht zum Verkün­
der seines Willens ausersehen" (116f.). So ist denn für Hitler die christlich-soziale
Partei von Karl Lueger, dem Wiener Bürgermeister, zwar in Sachen Propaganda
ein Vorbild, in rhetorischer Hinsicht jedoch erwähnt er auch sie und ihren Führer
nicht. Den einzigen zeitgenössischen Politiker, dem Hitler ausdrücklich seine An­
erkennung als Redner zollt, ist David Lloyd Gorge, was er allerdings erst im zwei­
ten Band bekennen wird (533).
Nach dieser ersten Grundforderung, dass der wahre Redner sich an das Volk zu
wenden hat, kehrt Hitler erst wieder am Ende des ersten Bandes zur Rede zurück.
Er tut dies im Zusammenhang mit der (zweitmaligen) "Entdeckung" seiner Fähig­
keit zu reden, die er ganz im Sinne seiner Auffassung nicht erlernt hat, sondern die
ihm als Gabe zugefallen ist. In den ausführlichen Abschnitten, die er der "Gewin­
nung der breiten Massen" und der "Nationalisierung der Massen" (367-377) wid­
met, kommt er schließlich noch einmal darauf zu sprechen. Sein Ideal ist der Red­
ner, dem es gelingt, "vor Schlossern und Hochschulprofessoren zugleich in einer
Foim zu sprechen, die beiden Teilen in ihrem Auffassungsvermögen nicht nur ent­
spricht, sondern beide Teile auch gleich wirksam beeinflußt oder gar zum rau­
schenden Sturm des Beifalls mitreißt" (376). Er sieht jedoch auch ein, dass eine
solche große Ausnahme (als die er offensichtlich sich selbst sieht) nicht ausreichen
wird, um die breite Masse zu "nationalisieren". Er ist bereit zu akzeptieren, dass
"selbst der schönste Gedanke einer erhabenen Theorie in den meisten Fällen seine
Verbreitung nur durch kleine und kleinste Geister finden kann" (376). Historisch ist
dies wohl als ein abschätziges Urteil über seine früheren "Mitkämpfer" zu sehen.
Nicht von ungefähr urteilt Hitler über Karl Harrer, den ersten "Reichsvorsitzenden"
der DAP hart: "er war kein Redner für die Masse" (391). Nur Anton Drexler ver­
fällt einem noch schwereren, weil zweifachen Verdikt: "als Redner ebenfalls wenig
bedeutend, im übrigen aber kein Soldat" (391). Theoretisch freilich bindet er damit
die oberste ideologische Instanz an den führenden Redner der Bewegung, was aus
seinen bisherigen Ausführungen heraus nur konsequent ist: vereinigt doch der geni­
ale Redner in sich diese von der Vorsehung verliehene Gabe mit dem größten Wis­
sen und den umfangreichsten Erkenntnissen, da er niemals gezwungen war, seine
Ansichten und Ausführungen zu revidieren. Ihm ist es Vorbehalten, vor zwei oder
mehr Lagern gleichzeitig zu sprechen, der "kleine Geist” hat sich bei seiner Rede
zu spezialisieren.25

25
Dies begründet auch Hitlers "Sucht", vor möglichst vielen Foren zu sprechen. Beim Parteitag 1923
plante er, an einem Tag vor 12 Versammlungen aufzulreten, im Herbst 1923 stieg die Zahl noch
auf 14 an einem Tag.
122 Olhmar Plöckinger

Gleichzeitig formuliert Hitler in diesen Stellen einige Kriterien, die ein Redner,
der zum Volk sprechen und es gewinnen will, zu berücksichtigen hat, um erfolg­
reich sein zu können. Zum einen sind der Ton, die Ausdrucksweise und die Gebär­
de an die "Derbheit des Gefühls der Masse" anzupassen. Zum anderen ist die Rede
nicht an den Verstand zu richten, sondern an das Herz. Und schließlich existiert die
Kategorie "Wahrheit" nicht, sie wird ersetzt durch "Richtigkeit", die sich wiederum
am Erfolg misst. Es gilt daher grundsätzlich: Auch eine Rede ist "in Inhalt und
Form auf die breite Masse anzusetzen und ihre Richtigkeit ist ausschließlich zu
messen an ihrem wirksamen Erfolg" (376). So formuliert denn Hitler bereits im ers­
ten Band die wesentlichsten Punkte seiner Auffassung von Rhetorik: er definiert
das Publikum, die grundlegenden Methoden, die Voraussetzungen für einen großen
Redner und dessen überragende Bedeutung in der Partei und in der Gesellschaft.
Im zweiten Band versucht Hitler wesentlich systematischer an das Thema "Die
Bedeutung der Rede" heranzugehen, wie er nun ein ganzes Kapitel, verbunden mit
dem Bericht Uber den "Kampf der ersten Zeit", überschreibt. Als Anknüpfungs­
punkt dient ihm der einleitende Hinweis, seine Betonung der Rede im ersten Band
habe in der Presse zu einer "längeren Diskussion" besonders seitens der "bürgerli­
chen Schlauköpfe" geführt (525). Davon ist freilich in der zeitgenössischen Presse
nichts zu finden, auch nicht in der von Hitler erwähnten großen "deutsch-nationalen
Zeitung in Berlin" (528). Hitler dürfte damit wohl die Berliner Kreuz-Zeitung ge­
meint haben, die als einzige größere Berliner Zeitung sich eingehender mit dem ers­
ten Band von Mein Kampf beschäftigt - und Vernichtendes geschrieben hat: "Man
sucht nach Geist und findet nur Arroganz, man sucht Anregung und erntet Lange­
weile, man sucht Liebe und Begeisterung und findet Phrasen, man sucht gesunden
Haß und findet Schimpfworte. [...] Ist das das Buch der Deutschen? Schlimm wäre
es!"26
Hitler scheint gerade diese Kritik getroffen zu haben, vor allem da es sich die
C. V.-Zeitung (das "Organ des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens e.V.") nicht nehmen ließ, anstelle einer eigenen Kritik mit einigem Ver­
gnügen ausführlich aus der Kreuz-Zeitung zu zitieren.27 Es scheint ihm daher ein
Bedürfnis gewesen zu sein, seine knappen und verstreuten Bemerkungen aus dem
ersten Band nun präziser und fundierter vorzutragen. Er knüpft zunächst an seine
eigene Rolle als begnadeter Redner an:
Fast immer war es so, daß ich in diesen Jahren vor eine Versammlung von Menschen trat, die an das
Gegenteilige von dem glaubten, was ich sagen wollte, und das Gegenteil von dem wollten, was ich
glaubte. Dann war es die Aufgabe von zwei Stunden, zwei- bis dreitausend Menschen aus ihrer bisheri­
gen Überzeugung herauszuheben, Schlag um Schlag das Fundament ihrer bisherigen Einsichten zu zer­
trümmern und sie schließlich hinüberzuleiten auf den Boden unserer Überzeugung und unserer Weltan­
schauung (522).


Vgl Neue Preußische Zeitung (Kreuz-Zeitung) Nr. 459 vom 1.10.1925.
27 Vgl. C. V.-Zeitung, Nr. 41/1925.
Rhetorik, Propaganda und Masse 123
Und was er schon im ersten Band angedeutet hat, fuhrt er nun im Zusammenhang
mit diesen ersten eigenen Erfahrungen deutlicher aus: die Notwendigkeit der Schu­
lung - jedoch nicht im Sinne einer "akademischen" oder einer Verbreiterung des
Wissens, sondern eine Schulung im Umgang mit den Gegnern, die ein Lernen von
ihnen einschloss. Mit einigem Respekt spricht er von der "unglaublichen Diszipli­
niertheit" und der "einheitlichen Schulung" seiner Gegner (522). Ebenso anerkennt
er nun ausdrücklich die Notwendigkeit der im ersten Band wenig freundlich be­
dachten "kleinen Geister", denn er sieht, was sie beim Gegner erreichen:
Was dem Marxismus die Millionen von Arbeitern gewonnen hat, das ist weniger die Schreibart mar­
xistischer Kirchenväter als vielmehr die unermüdliche und wahrhaft gewaltige Propagandaarbeit von
Zehntausenden unermüdlicher Agitatoren, angefangen vom großen Hetzapostel bis herunter zum klei­
nen Gewerkschaftsbeamten und zum Vertrauensmann und Diskussionsredner; das sind die Hunderttau­
sende von Versammlungen [...] (529).

Das Vorbild eines organisatorischen Aufbaus umfassender rhetorischer Propaganda


wird hier sichtbar - wohl eine Einsicht in die Widrigkeiten des "Redeverbotes", das
Hitlers Aktionsradius beschränkte, ohne dass er auf einen brauchbaren Ersatz hätte
zurückgreifen können. Hitler deutet das Ziel an, das es zu erreichen gälte:
Und das waren weiter die gigantischen Massendemonstrationen, diese Hunderttausend-Mann-Aufzüge,
die dem kleinen, armseligen Menschen die stolze Überzeugung einbrannten, als kleiner Wurm dennoch
Glied eines großen Drachens zu sein, unter dessen glühendem Atem die verhaßte bürgerliche Welt der­
einst in Feuer und Flammen aufgehen und die proletarische Diktatur den letzten Endsieg feiern werde
(529).

Aber nicht nur die Beschäftigung mit der Organisation des Gegners fordert Hitler,
sondern auch mit dessen Inhalten: "Es war wichtig, sich in jeder einzelnen Rede
vorher schon klar zu werden über den vermutlichen Inhalt und die Form der in der
Diskussion zu erwartenden Gegeneinwände und diese dann in der eigenen Rede be­
reits restlos zu zerpflücken" (522f.).
Die schon im ersten Band geforderte Anpassung an das Publikum wird näher
beschrieben und zugleich mit dem Primat der Rede verbunden. Hitler spricht, wie­
derum im Sinne seiner genialistischen Sichtweise, vom "psychologischen Instink­
tes] für Massenwirkung und Massenbeeinflussung", da der Redner "aus der Menge
heraus, vor welcher er spricht, eine dauernde Korrektur seines Vortrages erhält"
(525). Dahingegen verliert der Schreiber das, was für den Redner so wichtig ist: ei­
nen gewissen Grad "an psychologischer Feinheit und in der Folge an Geschmeidig­
keit" (526). Hitler variiert dieses Thema mehrmals und unterstreicht so die Bedeu­
tung, die er ihm beimisst:
Der Redner kann meinetwegen das gleiche Thema behandeln wie das Buch, er wird doch, wenn er ein
großer und genialer Volksredner ist, denselben Vorwurf und denselben Stoff kaum zweimal in gleicher
Form wiederholen. Er wird sich von der breiten Masse immer so tragen lassen, dass ihm daraus ge­
fühlsmäßig gerade die Worte flüssig werden, die er braucht, um seinen jeweiligen Zuhörern zu Herzen
zu sprechen (527).

Diese Anpassung fordert Hitler dann auch auf argumentativem Bereich: "primitive"
und deutliche Erklärungen, vorsichtiger und langsamer Gedankenaufbau, mehrma-
124 Olhmar Plöckinger

lige Wiederholung des Gesagten in stets neuen Beispielen und Vorwegnahme mög­
licher Einwände (527).
Und auch auf die Forderung aus dem ersten Band, dass sich Reden letztlich an
das Gefühl und nicht an den Verstand zu wenden haben, greift er wieder auf, denn:
"Falsche Begriffe und schlechtes Wissen können durch Belehrung beseitigt werden,
Widerstände des Gefühls niemals. Einzig ein Appell an diese geheimnisvollen
Kräfte selbst kann hier wirken" (527f.). Idealtypisch scheint Hitler seine Vorstel­
lungen in Lloyd George verkörpert zu sehen. Kaum einer anderen Person wird in
Mein Kampf so viel Ehre zuteil. So kann dessen Charakterisierung als Zusammen­
fassung all jener Erfordernisse gesehen werden, die aus Hitlers Sicht einen genialen
Redner ausmachen: an das Herz des Volkes gerichtete Reden verbunden mit Primi­
tivität, Ursprünglichkeit in der Ausdrucksform und mit leicht verständlichen Bei­
spielen (534).
Auffallend ist, dass Hitler wenig darüber schreibt, wie die "geheimnisvollen
Kräfte" konkret angesprochen oder der Widerspruch aufgeklärt werden soll, dass
seine zuvor gegebenen argumentativen Ratschläge gerade nicht den Bereich des
Gefühls berühren. Er scheint die Mittel für den "Appell an diese geheimnisvollen
Kräfte" gerade nicht in der Rede selbst zu sehen. Denn er leitet hier über zum Um­
feld einer Rede, dem die zentrale Aufgabe zukommt, die "Verbindung", den "Kon­
takt" (530) zum Publikum herzustellen (er will hier sogar "Proben" durchgeführt
haben): Uhrzeit, Raum, Licht (531 f.), Menschenmassen ("Rudel") (536). Genauere
Hinweis kann oder will Hitler doch auch hier nicht geben. Er zieht sich, wenn es
um konkrete Hinweise geht, immer wieder auf den intuitiven, gefühlsmäßigen, "ge­
nialen" Bereich zurück. Etwa wenn er zum Ort einer Rede schreibt: "Es gibt Räu­
me, die auch kalt lassen aus Gründen, die man nur schwer erkennt, die jeder Erzeu­
gung von Stimmung irgendwie heftigsten Widerstand entgegensetzen" (531).
Auch beim Formalen bleibt Hitler im ersten wie im zweiten Band weitgehend
blass. Keine Hinweise auf günstige oder ungünstige Strukturen einer Rede, über
Einstieg, Schluss, Sprechformen etc. Seine wenigen Schlagwörter aus dem ersten
Band ergänzt er im zweiten lediglich um die Bemerkung, dass vom "Massenver­
sammlungsredner" auch Pathos zu erwarten sei sowie "die Geste, die der große,
tausende Menschen fassende Raum erfordert" (524). Aus Hitlers Redner-Ver­
ständnis sind weitere Anweisungen aber auch nicht notwendig: Dem genialen Red­
ner gibt die Vorsehung die rechten Worte zur rechten Zeit.21
Hitlers Vorstellungen über die Rede lassen sich damit in folgende Punkte zu­
sammenfassen:

21 Dass auch bei Hitler die Realität ganz anders aussah, belegen die zahlreichen vorhandenen Rede-
Entwürfe und -Skizzen Hitlers. Seine Rede beim Prozess 1924 hat er gar zuvor wortwörtlich nie­
dergeschrieben und mehrfach durchgearbeitet, wie die erhalten gebliebenen Unterlagen zeigen (vgl.
Jäckel/Kuhn 1980).
Rhetorik, Propaganda und Masse 125

- Der "geniale" Redner ist durch diese "Gabe" auch als Denker und Führer aus­
gewiesen.
- Die "Gabe" kann und muss (am Gegner) geschult, kann aber nicht erworben
werden.
- Die wahre Rede hat als Publikum stets das Volk vor Augen zu haben.
- Diesem Publikum hat sich der Redner weitgehend anzupassen.
- Das Angriffsziel einer Rede sind die Emotionen, nicht der Verstand der Zuhö­
rerschaft.
- Die Verbindung zwischen Redner und Publikum haben die Rahmenbedingun­
gen der Rede herzustellen; sie müssen dem Redner die Emotionen des Publi­
kums zugänglich machen.
- Auf die emotionale Empfänglichkeit baut die argumentative Auseinanderset­
zung auf.
- Der Erfolg, d.h. die Gewinnung des Publikums, ist das einzige Kriterium für ei­
ne gelungene Rede.

2.2 Propaganda

Das Kernstück der Propaganda ist für Hitler die Massenversammlung, in deren
Zentrum die Rede steht. Alles andere ist dieser Propagandaform untergeordnet,
"Schrifttum” und Zeitungen ebenso wie Flugblatt und Plakate. Hitler rechtfertigt
diese seine Ansicht über einige Seiten hinweg, die er unter die Überschrift "Not­
wendigkeit der Massenversammlung" stellt. Die Massenversammlung erhält aus
dem Umstand ihre überragende Bedeutung, dass nur sie zu bieten hat, was für die
"gefühlsmäßige" Beeinflussung wesentlich ist, nämlich eine "Masse":
Die Massenversammlung ist auch schon deshalb notwendig, weil in ihr der einzelne, der sich zunächst
als werdender Anhänger einer jungen Bewegung vereinsamt ftlhlt und leicht der Angst verfällt, allein
zu sein, zum erstenmal das Bild einer größeren Gemeinschaft erhält, was bei den meisten Menschen
kräftigend und ermutigend wirkt (535f ).

Erst wenn jemand "als Suchender in die gewaltige Wirkung des suggestiven Rau­
sches und der Begeisterung von drei- bis viertausend anderen mitgerissen wird [...]
- dann unterliegt er selbst dem zauberhaften Einfluß dessen, was wir mit dem Wort
Massensuggestion bezeichnen" (536).
Freilich lassen sich Hitlers Ansichten über die Propaganda im Allgemeinen nur
schwer fassen, da er schon alleine den Begriff sehr willkürlich verwendet. In den
Abschnitten zur "Bedeutung der Rede" im zweiten Band gebraucht er ihn nicht sel­
ten synonym für die Rede. Es finden sich jedoch auch gänzlich andere Deutungen
und Verwendungen. Erstmals erwähnt Hitler den Begriff "Propaganda" im ersten
Band in einem überraschenden Zusammenhang - und liefert dabei auch gleich eine
Definition des Begriffes mit: "Der weitaus gewaltigste Anteil an der politischen
'Erziehung', die man in diesem Falle mit dem Wort Propaganda sehr treffend be­
zeichnet, fällt auf das Konto der Presse" (93). Im Zusammenhang mit der Propa-
126 Olhmar Plöckinger

ganda im Krieg bringt er den Begriff auch in Verbindung mit "Aufklärung" (193)
und suggeriert mit den Begriffen "Erziehung" und "Aufklärung" einen objektiven
inhaltlichen Charakter der Propaganda. Genauer und in eher entgegengesetztem
Sinn formuliert er etwas später: "Die Aufgabe der Propaganda liegt nicht in einer
wissenschaftlichen Ausbildung des einzelnen, sondern in einem Hinweisen der
Masse auf bestimmte Tatsachen, Vorgänge, Notwendigkeiten usw., deren Bedeu­
tung dadurch erst in den Gesichtskreis der Masse gerückt werden soll" (197). Im
zweiten Band finden sich schließlich die Begriffe "Aufklärung und Propaganda"
(524) gemeinsam, eine Vorwegnahme der Bezeichnung von Goebbels späterem
Ministerium.
Auch wenn hier der Begriff "Propaganda" nach Gutdünken verwendet wird, so
sind die von Hitler diskutierten Aspekte durchaus denen ähnlich, die ihn auch bei
der Rede interessiert haben, was doch eine gewisse Systematik vermuten lässt. Pro­
paganda kann man richtig oder falsch oder gar nicht einsetzen, jedenfalls hat sie
sich ihrem Zweck anzupassen, der den "inneren Wert" der Propaganda bestimmt
(194). Was Hitler damit gemeint haben könnte, ist freilich unklar. Neben der
Zweckorientiertheit (heftig wettert er gegen "ästhetische" Ansprüche an die Propa­
ganda) streicht er einen zweiten Aspekt heraus: die Frage, an wen sich die Propa­
ganda zu wenden hat (196). Dass die Antwort nicht anders ausfällt als bei der Rede,
nämlich an das Volk, überrascht ebenso wenig wie die Frage nach der Stoßrich­
tung: Die Propaganda muss "auch immer mehr auf das Gefühl gerichtet sein und
nur sehr bedingt auf den sogenannten Verstand" (197). Genau so verhält es sich mit
der Umsetzung, und wie bei der Rede bleibt Hitler auch hier sehr vage: "Jede Pro­
paganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der
Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten ge­
denkt" (197). Und schließlich beweist auch die Propaganda ihre "Richtigkeit oder
Unrichtigkeit" nur durch den Erfolg bei den Massen (198).
Hitlers oft zitierte Hinweise auf methodische Fragen beziehen sich nicht, wie
gelegentlich dargestellt, speziell auf die Rhetorik, sondern auf die gesamte Propa­
ganda (wenngleich er, wie bereits erwähnt, dazwischen nicht immer unterscheidet).
Propaganda soll sich auf wenige Punkte beschränken, und diese sind "schlagwortar­
tig" stets zu wiederholen (198). Etwas später bezeichnet er dieses Prinzip als den
fundamentalen Grundsatz jeder Propaganda: "Sie hat sich auf wenig zu beschrän­
ken und dieses ewig zu wiederholen" (202). Eindringlich warnt er jedoch davor, bei
der Propaganda den Bogen zu überspannen und sich durch leicht falsifizierbare
Behauptungen angreifbar zu machen (er verweist auf die falsche Propaganda
Deutschlands, die im Weltkrieg den Gegner lächerlich gemacht habe anstatt ihn als
schrecklich zu schildern) (199). Gleichzeitig fordert er von der Propaganda aber
auch "die grundsätzlich subjektiv einseitige Stellungnahme derselben zu jeder von
ihr bearbeiteten Frage" (200). An dieser Stelle findet sich auch Hitlers höhnische
Ablehnung des "Objektivitätsfimmels": "Es gibt hierbei nicht viel Differenzierun­
gen, sondern ein Positiv oder ein Negativ. Liebe oder Haß, Recht oder Unrecht,
Rhetorik, Propaganda und Masse 127

Wahrheit oder Lüge, niemals aber halb so und halb so oder teilweise usw." (201).
Das richtige Maß zwischen argumentativer Sicherheit und emotionaler Einseitigkeit
zu finden, darin ist wohl letztlich das zu sehen, was Hitler die "psychologisch rich­
tige Form" der Propaganda nennt (198).
Die Bewunderung der englischen Propaganda - die französische erwähnt er erst
im zweiten Band kurz (621) - und die Verachtung für die deutsche mögen, wie Hit­
ler selbst meint, ein Grund gewesen sein, sich "noch viel eindringlicher mit der
Propagandafrage zu beschäftigen" (193). Dass er seine Überlegungen dazu aller­
dings so offen preisgab, verwunderte nicht wenige Zeitgenossen. Ein Grund dafür
lag vermutlich darin, dass Hitler sich auch auf diesem Gebiet seinem Gegner, "dem
Juden", als ebenbürtig, ja überlegen präsentieren wollte, denn für ihn war bereits im
ersten Band klar: "Daß durch kluge und dauernde Anwendung der Propaganda ei­
nem Volke selbst der Himmel als Hölle vorgemacht werden kann und umgekehrt
das elendeste Leben als Paradies, wußte nur der Jude, der auch dementsprechend
handelte" (302). Was lag also näher als zu dokumentieren, dass er, Hitler, ihm mü­
helos das Wasser reichen konnte. So sah er denn seine Ausführungen bereits im
ersten Band nicht nur als eine Kritik an der Kriegspropaganda, sondern als eine
"Abhandlung" über seine eigene Auffassungen, nach denen er die Propaganda der
Partei dann ausgerichtet habe (401 f.).
Im zweiten Band geht Hitler zum Thema Propaganda kaum mehr über das hin­
aus, was er bereits im ersten geschrieben hat. Vor allem im Kapitel "Propaganda
und Organisation" präzisiert er lediglich einige seiner allgemeinen Betrachtungen
zur Propaganda in Richtung Parteipropaganda, wenn er etwa von ihrer Aufgabe
spricht, Anhänger zu werben (651). Doch bleibt er auch hier weitgehend vage, ja
gelegentlich widersprüchlich: "Die Propaganda versucht eine Lehre dem ganzen
Volke aufzuzwingen", meint er gleich darauf (652), ohne auf diese ungeheure Kluft
zwischen Zwang und freiwilliger Anhängerschaft einzugehen. Schließlich spricht er
noch von der "Zersetzung des bestehenden Zustandes und die Durchsetzung dieses
Zustandes mit der neuen Lehre" (654) als eine weitere Aufgabe der Propaganda,
sodass sich das Bild einer dreifachen Zielsetzung der Propaganda ergibt: erstens die
Bekämpfung der Gegner und ihrer Lehren, zweitens die Gewinnung von Anhängern
und drittens die Durchsetzung der eigenen Lehre. Die Radikalität der Propaganda
war dabei nicht reiner Selbstzweck, sondern sollte eine wesentliche "Auslesefunk­
tion" erfüllen: "Denn je radikaler und aufpeitschender meine Propaganda war, um
so mehr schreckte dies Schwächlinge und zaghafte Naturen zurück und verhinderte
deren Eindringen in den ersten Kern unserer Organisation" (658). Damit schließt
Hitler seine Darstellungen zur Propaganda und geht in der Folge ungewöhnlich de­
tailliert auf den Aufbau einer Parteiorganisation ein, deren ausführliche Schilderung
die Vagheit seiner Ausführungen zur Propaganda noch deutlicher vor Augen führt.
128 Olhmar Plöckinger

2.3 Die Masse

Schon der von Hitler oft wiederholte Hinweis auf die Arbeitsteilung zwischen Pro­
paganda und Organisation - die eine hatte Anhänger zu werben, die andere aus dem
so gewonnenen "Material" die brauchbarsten Mitarbeiter auszusieben lässt er­
kennen, dass er zum Objekt seiner rhetorischen und propagandistischen Bemühun­
gen ein gespaltenes Verhältnis hatte.
Die "Psyche der Masse", die ihm meist eine "breite" war, beschäftige ihn schon
in der Wiener Zeit, und die mangelnde Kenntnis über sie sah er als den entschei­
denden Fehler der Alldeutschen an. Dass er diesen Fehler nicht zu wiederholen ge­
dachte, ist eine implizite Botschaft der über den gesamten Text verstreuten, oft bei­
läufigen und den Charakter des Selbstverständlichen ausstrahlenden Bemerkungen:
"Die Psyche der breiten Masse ist nicht empfänglich für alles Halbe und Schwache.
Gleich dem Weibe, dessen seelisches Empfinden weniger durch Gründe abstrakter
Vernunft bestimmt wird als durch solche einer undefinierbaren, gefühlsmäßigen
Sehnsucht nach ergänzender Kraft [...]" (44). Es ist schwer zu entscheiden, ob sol­
che Bemerkungen mehr über Hitlers Sicht der Masse oder der Frau aussagen, doch
sind gerade ähnliche Vergleiche eine Konstante: "Das Volk ist in seiner überwie­
genden Mehrheit so feminin veranlagt und eingestellt, daß weniger nüchterne Über­
legung als vielmehr gefühlsmäßige Empfindung sein Denken und Handeln be­
stimmt" (201). Um diesen zentralen Aspekt der "Emotionalität” sind im wesentli­
chen all jene oft verachtend klingenden, gelegentlich widersprüchlichen Charakteri­
sierungen der "breiten Masse" angeordnet: denkunfähig (52), instinktiv (96),
schwankend (129), beschränkt (198), dumm und einfältig (356), derb (376), träge
(441), primitiv (480), faul (526), begeistert (543) oder verhetzt (549) - diese und
ähnliche, oft situationsabhängige Beschreibungen wiederholt er in verschiedenen
Zusammenhängen und Kombinationen immer wieder. Wenngleich Hitler für einige
Verwirrung sorgt, indem er nicht immer unterscheidet, ob er von der "Masse" bei
einer Versammlung oder über die Masse des Volkes spricht, so sind doch solche
Charakterisierungen keineswegs stets als negativ aufzufassen; gerade die Ursprüng­
lichkeit, der Instinkt der Masse korrespondiert stark mit Hitlers Vorstellung über
das Wirken fundamentaler Naturgesetze, die er als allein entscheidend betrachtet.29
Denn schließlich muss erkannt werden: "Die breite Masse ist nur ein Stück der Na­
tur [...]" (371). Und der gilt es zu ihrem Recht zu verhelfen.
Gleichzeitig will Hitler in Wien schon Verständnis für die schwierige Lage ei­
ner (von der Sozialdemokratie) propagandistisch "bearbeiteten" Masse gehabt ha­
ben: "Nur ein Narr vermag bei Kenntnis dieser ungeheuren Vergiftungsarbeit das
Opfer auch noch zu verdammen" (44). Und in die Einsicht in das Zusammenspiel
zwischen Propaganda und Gewalt mischt sich der Eindruck von Mitleid: "Nicht
minder verständlich wurde mir die Bedeutung des körperlichen Terrors dem ein­
zelnen, der Masse gegenüber" (46). Der Organisator, der vor allem Psychologe sein
29
Vgl. Zehnpfennig 2000, 128.
Rhetorik, Propaganda und Masse 129

muss, "hat den Menschen zu nehmen, wie er ist, und muß ihn deshalb kennen. Er
darf ihn ebensowenig überschätzen wie in seiner Masse zu gering achten" (650).
So schließt sich der Kreis, denn erst in der Bändigung der zugleich gehassten
und bemitleideten, "femininen", instinktiven "breiten Masse" offenbart sich der
wahre Propagandist, in ihrer Beherrschung und Führung der geniale Redner: "Denn
Führen heißt: Massen bewegen können" (650). Es ist die "Masse, die, durch über­
legene Geister erst einmal in einer bestimmten Richtung in Bewegung gesetzt, dann
aber auch, einem Schwungrade ähnlich, der Stärke des Angriffs Wucht und gleich­
mäßige Beharrlichkeit gibt" (118). Und so gilt denn: "Wer die breite Masse gewin­
nen will, muß den Schlüssel kennen, der das Tor zu ihrem Fierzen öfftiet. Er heißt
nicht Objektivität, also Schwäche, sondern Wille und Kraft" (371).

3. Quellen zur Rhetorik, Propaganda und Masse

Schon bei einem ersten Blick auf die spärlichen Angaben, die Hitler selbst zu sei­
nen Quellen gibt, fällt auf, dass immerhin viele Themengebiete kursorisch genannt
werden. Zu jenen Gebieten allerdings, die Hitler in der Praxis so gut beherrschte
und in Mein Kampf so ausführlich bespricht - Rhetorik, Propaganda und Massen­
psychologie -, finden sich nicht einmal summarische Hinweise auf theoretische Be­
schäftigungen oder Lektüren irgendwelcher Art. So ist man denn bei der Spurensu­
che nach Quellen zu diesen Bereichen ganz besonders auf Vermutungen späterer
Interpreten angewiesen, Vermutungen, die auf der einen Seite allzu oft eingängige
Stereotype wiedergeben und auf der anderen Seite notwendigerweise im Wissen
und in der Interessenslage der Interpreten ihre Grenzen finden. Wie auch bei der
Frage nach der Entstehung von Mein Kampf fließen und flössen auch hier das
Nachweisbare und das Mögliche gelegentlich ineinander.
Wenngleich Hitler 1919 keineswegs als jenes Redner-Genie in die Münchner
Szene gefahren ist, als das er sich in Mein Kampf stilisiert, so ist doch unbestritten,
dass - wenn überhaupt irgendwo - in der propagandistischen Praxis seine originärs­
ten Einsichten liegen. Er nahm zwar Schauspielunterricht, ließ Fotostudien von sich
anfertigen - doch dies alles erst nach dem Putschversuch 1923 und somit zumindest
für den ersten Band von Mein Kampf unwesentlich.
Wie bereits erwähnt ist David Lloyd George der einzige Redner, den Hitler in
Mein Ä2wwp/ausdrücklich als "genial" bezeichnet. Paradoxerweise bildet sich Hitler
dieses Urteil anhand schriftlicher Wiedergaben von Reden Lloyd Georges (533f.).30
Warum Hitler dem bewunderten "Menschenkenner" Karl Lueger solche Anerken­
nung in Mein Kampf \trsagt hat, ist auf den ersten Blick schwer verständlich, vor

30 Um welche konkreten Texte es sich dabei gehandelt hat, ist noch unklar. Dass der Respekt gegen­
seitig war, zeigte der Besuch Lloyd Georges am 4.09.1936 auf dem Berghof (vgl. Picker 1989,
442)
130 Olhmar Plöckinger

allem da er 1941 über Lueger gemeint hat, er hätte ihn hassen wollen, "aber ich
konnte nicht anders, ich mußte ihn doch bewundern; er besaß eine ganz große Red­
nergabe".31 Brigitte Hamanns Hinweis, Hitler hätte im ersten Band von Mein Kampf
seine Erörterung über die Gewalt des Wortes am Beispiel Luegers besprochen,
trifft nicht zu.32 Das Gegenteil ist vielmehr der Fall: er setzt sich mit der Bedeutung
der Rede im Zusammenhang mit dem Scheitern der Alldeutschen im Wiener Par­
lament auseinander, von Lueger ist dabei schon lange nicht mehr die Rede (111 ff.).
So scheint Hitler ganz bewusst auf einen Hinweis auf den Redner Lueger verzichtet
zu haben, und es liegt die Vermutung nahe, dass er damit vermeiden wollte, mit ei­
nem unmittelbaren Vorbild in Verbindung gebracht zu werden und so seinen An­
spruch, ein rednerisches Talent sui generis zu sein, nicht mehr aufrecht erhalten zu
können (bei Lloyd George war ein solcher Vorwurf schwer möglich). Dies bedeutet
nicht, dass Hitler nicht von Lueger gelernt hätte, was wohl in großem Ausmaße der
Fall war, doch sagt es einiges aus über Hitlers Selbstdarstellung als Redner, dass er
gerade hier "vorbildlos" bleiben wollte.
Fehlen auch die Namen konkreter Vorbilder, so sieht sich Hitler in seinem rhe­
torischen Bestreben zugegebenermaßen auch in der Tradition der Linken stehen.
Die "Erfolge des Marxismus" gingen seiner Ansicht nach vor allem auf deren Re­
den und "gigantische Massendemonstrationen" zurück. Zumindest tendenziell ver­
rät hier Hitler seine Lektüre, sofern es auf diesem Gebiet eine solche gegeben hat:
Bis 1923 (und weit darüber hinaus) war das Thema "Masse" sowohl von sozialisti­
schen wie von nationalistischen Autoren beinahe ausschließlich mit "linken Mas­
sen" verknüpft worden, die Bezugspunkte stellten der Bolschewismus und die Fran­
zösische Revolution dar.33 Gerade hierin mag für Hitler auch eine Herausforderung
gelegen haben, sich über die Entwicklung einer rechten Massenbewegung zu äu­
ßern. So ist das von ihm gezeichnete Bild von der überragenden Bedeutung der Re­
de eine Mischung aus Eindrücken und eigenen Erfahrungen in Wien und München
und seinem von Leopold von Ranke und Heinrich von Treitschke geprägten Bild
über die Bedeutung des Individuums in der Geschichte34: "Die Vereinigung aber
von Theoretiker, Organisator und Führer in einer Person ist das Seltenste, was man
auf dieser Erde finden kann; diese Vereinigung schafft den großen Mann" (651).
Schrieb Hitler diese Zeilen immerhin erst im zweiten Band, so verrät es einiges ü-
ber sein nach dem Putschversuch bald wiedergewonnenes Selbstbewusstsein, dass
er schon im ersten Band implizit seine im wesentlichen auf Bayern beschränkten
Erfolge als Agitator ohne Umschweife auf die weltgeschichtliche Ebene transfe­
rierte: "Die Macht aber, die die großen historischen Lawinen religiöser und politi-

31 Hamann 1996, 394.


32 Vgl. ebd., 409.
33 Vgl. Plöckinger 1999, 170f.
34
Ranke und vor allem Treitschke werden schon von Zeitgenossen als wesentliche Ideengeber auch
auf anderen Gebieten genannt. Vgl. Frank 1953, 46; Sacher 1931, 321.
Rhetorik, Propaganda und Masse 131

scher Art ins Rollen brachte, war seit urewig nur die Zauberkraft des gesprochenen
Wortes" (116).
Hitlers Sicht auf die Propaganda war zunächst stark geprägt von der "Kriegs­
propaganda". Er bewegte sich in seiner Beurteilung ganz in den sich bald nach
Kriegsende herausbildenden rechts-konservativen Vorstellungen. Schon früh wurde
in Deutschland die Beschäftigung mit der Propaganda an die Auseinandersetzung
mit dem Ersten Weltkrieg gekoppelt. Von großem Einfluss war dabei Edgar Stem-
Rubarths Arbeit Die Propaganda als politisches Instrument (1921), da sich mit ihr
in nationalen Kreisen die These durchsetzte, dass Deutschland im Krieg militärisch
nicht besiegt worden, sondern lediglich der überlegenen feindlichen Propaganda
unterlegen sei.35 Es erscheint daher nicht unwahrscheinlich, dass Hitler das Buch
gekannt hat. Stem-Rubarths allgemeine Bemerkungen zu Methoden und Techniken
der Propaganda erinnern streckenweise an die Darstellungen bei Hitler und Le Bon,
der sogar im Literaturverzeichnis aufscheint. Nennt Hitler in diesem Zusammen­
hang in späteren Ausgaben konkret wiederum nur Lloyd George, so weist Konrad
Heiden auf zwei weitere Namen hin: "Er hat unbefangen auch von den Sozialisten
gelernt, aber seine wichtigsten Lehrer waren offenbar Lord Northcliff und Wick-
ham Steed."36 Freilich gibt Heiden - wie auch sonst - keine Belege für diese These
an, doch hatte Hitler ab 1930 tatsächlich den Namen von Northcliff aus Mein
Kampf streichen lassen (Steed war darin von Anfang an nicht erwähnt).37
Folgt man Willi Münzenbergs Propaganda als Waffe (1937), so war für die
Propaganda-Auffassung führender Nationalsozialisten auch Die Kunst der Massen­
beeinflussung in den Vereinigten Staaten von Amerika (1924) von Friedrich Schö­
nemann prägend.38 Schönemann vertrat wie Stem-Rubarth, den er wiederholt zi­
tiert, die These: "Tatsächlich waren wir [die Deutschen, d.V.] die harmloseste unter
den Weltmächten und ohne allen Arg im Punkte Propaganda."39 Immerhin verwei­
sen schon 1930 Oheme/Caro darauf, dass sich Hitler in seinen Ansichten zur Pro­
paganda stark von amerikanischen "Reklamegesetzen" habe inspirieren lassen.40
Für ihre und Münzenbergs Ansicht sprechen einige Ausführungen Hitlers in Mein
Kampf in denen er Parallelen zwischen geschäftsmäßiger Reklame und politischer
Propaganda zieht: "Was würde man zum Beispiel über ein Plakat sagen, das eine
neue Seife anpreisen soll, dabei jedoch auch andere Seifen als 'gut' bezeichnet?
Man würde darüber nur den Kopf schütteln. Genau so verhält es sich aber auch mit
politischer Reklame" (200, auch 203).

35 Zu Stern-Rubarths Einfluss vgl. Plöckinger 1999, 158.


36 Heiden 1936, 109.
37 Vgl. Hammer 1956, 176.
18 Vgl. Münzenberg 1937, 85. Ross Scanlan weist 1949 ebenfalls auf Schönemann hin. Gerhard
Voigt greift 1975 MUnzenbergs (unbelegten) Hinweis in "Goebbels als Markentechniker" auf.
39 Schönemann 1924, 30.
40 Oehme/Caro 1930, 19.
132 Othmar Plöckinger

Ob der Anstoß, sich mit Methoden der Massenbeeinflussung zu beschäftigen,


tatsächlich vom "persönlichen Erlebnis der Reden Luegers" kam, wie Brigitte Ha­
mann meint, ist schwer zu verifizieren. Immerhin gibt sich Hitler für seine Wiener
Zeit in Mein Kampf gelegentlich noch gerne ahnungslos massenpsychologischen
Phänomenen gegenüber: "Ich konnte schwer verstehen, wie Menschen, die, allein
gesprochen, immer noch vernünftige Anschauungen besaßen, diese plötzlich verlo­
ren, sowie sie in den Bannkreis der Masse gelangten" (64).
Als zentral für Hitlers Verständnis der Masse wird seit 1945 die Arbeit Psycho­
logie der Massen (deutsch 1908) von Gustave Le Bon genannt. Wilhelm Vleugels
wies 1930 nachdrücklich auf die Forschungstradition hin, in der Le Bon stand bzw.
die er mitbegründete: Zum einen lagen die Ursprünge bei "Massenverbrechen"
(Tarde und Sighele), zum anderen diente bei Analysen stets die "proletarische Mas­
se" (Französische Revolution, Arbeiterbewegung, Bolschewismus) als Bezugs­
punkt. Die Grenzen zwischen Verbrechern, Pöbel und Masse waren konsequenter­
weise meist verschwommen.41 Die Masse wurde als Bedrohung, bestenfalls als Stö­
rung gesehen. Dementsprechend heftig war die Kritik an Le Bon von linker Seite.
Manes Sperber meinte 1939 in einem Essay zur Massenpsychologie: "Ihr Begrün­
der, der Franzose Le Bon, hatte revolutionäre Massen vor Augen, die er haßte und
fürchtete, ln seiner Massenpsychologie schuf er sich gleichsam eine Revanche."42
Doch unabhängig davon zählte er seit den frühen 20er Jahren zu den "Klassikern"
der Massenpsychologie und hatte großen Einfluss auf die Bestrebungen um eine
"deutsche Redekunst": "Die Idee von der neuen deutschen Redekunst entsteht unter
dem Eindruck der Werke zur Massenpsychologie. Der Franzose Gustave Le Bon
wird zum vielzitierten Autor in deutschen Redelehren."43
Umso mehr überrascht es, dass die in den 20er und 30er Jahren oftmals kriti­
sierten Auslassungen Hitlers über die Masse nie mit Le Bon in Verbindung ge­
bracht wurden. Hermann Sacher, der sich 1931 eingehender mit den Wurzeln des
nationalsozialistischen Schrifttums und insbesondere mit Hitlers Mein Kampf aus­
einandergesetzt hat, kennt Le Bon noch nicht. Für Walther Poppelreuther, Universi-
tätsprofessor und früher parteinaher Exeget von Mein Kampf gilt 1932, dass Hitler
"intuitiv" dasselbe "neu gefunden" hat wie Le Bon und dabei völlig selbständig
war: "Was Hitler an Psychologie schreibt, denkt und tut, das ist nicht angelesen, in­
direkt übernommen usw., sondern teils 'intuitiv' erfaßt, teils 'selbst erlebt'. So finden
wir also bei ihm keine 'Fachpsychologie' mit schönen Fremdwörtern und Zitaten,
dafür aber wirkliche Psychologie."44 Poppelreuthers Zeugnis mag nicht allzu viel
besagen, doch tauchen die ersten Hinweise auf Le Bon tatsächlich erst ab 1936 auf
und bleiben selten.45 Die massiven Hinweise auf Le Bon setzen erst nach 1945 ein.

41 Vgl. Vleugels 1930, 8 bzw. 17.


42 Sperber 1987, 111. Zur früheren Kritik vgl. Geiger 1936, VII und 175ff.; Man 1932, 22.
43 Hethey 1988, 135.
Poppelreuther 1934, 7.
45
Vgl. Lange 1968,90.
Rhetorik, Propaganda und Masse 133

Die Genese dieser Verknüpfung erscheint bisher wenig klar, jedoch konnte etwa
Margarethe Grimm bereits 1949 eine Dissertation über Massenpsychologie und
Propaganda im Dritten Reich schreiben, in der sie ihre Ausführungen über die
"Massenpsychologie" und Hitlers Auffassungen beinahe ausschließlich auf Le Bon
aufbaute. In Untersuchungen zur Rhetorik Hitlers oder zu Mein Kampf gehört in­
zwischen der Verweis auf Le Bon zum Standard. Kotze/Krausnick (1966) verwei­
sen auf Le Bon ebenso46 wie Christian Zentner, der 1974 meinte, Hitlers Ausfüh­
rungen seien von Le Bon "ganz entscheidend" bestimmt worden.47 Und Barbara
Zehnpfenning meint: "Mit erkennbar von Gustave Le Bons 'Psychologie der Mas­
sen' vorgeprägtem Blick analysiert Hitler das Phänomen der Massenwirksamkeit
von politischer Propaganda."48
Parallelen zwischen Hitlers und Le Bons Ausführungen sind unbestritten. Ob
ihn Hitler jedoch tatsächlich gelesen hat, lässt sich nur vermuten - Werner Maser
bezieht sich immerhin auf eine Auskunft von Hermann Esser aus dem Jahr 1952.49
Einige Autoren formulieren zurückhaltender. Albrecht Tyrell verweist in diesem
Zusammenhang darauf, dass Ende September 1919 im Völkischen Beobachter aus­
führlich die eben erst veröffentlichte Broschüre Die Massenseele des Nervenarztes
J.R. Rossbach besprochen wurde, der seinerseits stark auf Le Bon zurückgegriffen
hat: "Die genauere, wenn auch einseitige Psychologie der Massen finden wir in
dem Büchlein von Gustave Le Bon, dem ich auch meine Betrachtungen zugrunde
lege."50 Es scheint durchaus möglich, dass Le Bon auf diesen Umweg zu Hitler ge­
langt ist und so seinen bald darauf einsetzenden Drang in die Öffentlichkeit geprägt
hat. Jedenfalls greift auch Gerhard Paul auf diese These zurück, wenngleich er die
Gemeinsamkeiten zwischen dem Vortrag bzw. der Broschüre Rossbachs und Hit­
lers Auffassung zu umfassend sieht. Dennoch: "Unabhängig davon, ob Hitler Le
Bon und McDougall direkt oder indirekt über den Umweg Roßbachs rezipierte, las­
sen sich eine Reihe von Gedanken der reaktionären Massenpsychologie in Hitlers
Schriften wiedererkennen [,..]."51
Mit William McDougall und seiner Arbeit The Group Mind (Die Meinung der
Masse, deutsch 1920) ist eine zweite Quelle ins Spiel gebracht, die vor allem von
Maser betont wurde, sich aber in der Forschung kaum durchgesetzt hat.52 Doch was
für Le Bon zutraf, galt für McDougall noch viel mehr: Er wurde von Autoren, die

46 Vgl Kotze/Krausnick 1966, 31 ff.


47 Zentner 1974, 14.
48 Zehnpfennig 2000, 52.
49 Vgl. Maser 1974, 106 bzw. 407; Fn. 31.
50 Rossbach 1919, 9. Der Text beruht auf einem Vortrag, der bereits Ende Januar 1919 gehalten wor­
den ist. Die Broschüre enthält freilich auch Ausführungen, die denen Hitlers entgegenstehen; vgl
Tyrell 1975, 54f.
51 Paul 1992, 33.
52 Vgl. Maser 1974, 106. Bereits 1954 hat Wolfgang Thate in seiner Dissertation McDougall erwähnt
(vgl. Thate 1954, 12,36,60).
134 Olhmar Plöckinger

zur Massenpsychologie schrieben, seit Anfang der 20er Jahre zwar wahrgenommen
(und ähnlich wie Le Bon kritisiert), doch von niemandem wurde die nach Maser so
offensichtliche Parallele zu Hitler gezogen.53
Von John Toland wurde auch Sigmund Freuds Massenpsychologie und Ich-
Analyse (1921) als Quelle genannt.54 Eine Ansicht, mit der Toland jedoch alleine
blieb - und dies aus guten Gründen, hatte doch Freuds Arbeit wenig gemein mit
dem, was Hitler unter Massenbeeinflussung verstand. Theodor W. Adorno sah je­
denfalls keinen Zusammenhang, vielmehr wies er darauf hin, dass gerade Freud
sich für die politische Seite des Problems kaum interessierte.55

4. Zur Bedeutung von Mein Kampf

Die Bedeutung von Mein Kampf kann nicht losgelöst betrachtet werden von der
Frage nach der Rezeption des Buches. Viktor Klemperer bezeichnete es in seiner
LTl als größtes Rätsel, "wie es dennoch zur Herrschaft Hitlers und zu zwölfjähriger
Dauer dieser Herrschaft kommen konnte, obwohl die Bibel des Nationalsozialismus
schon Jahre vor der Machtergreifung kursierte."56 Klemperer setzt damit voraus,
dass das Buch gelesen worden ist. Dem steht die These vom "ungelesenen Bestsel­
ler" gegenüber. Sie ist ein Produkt der Nachkriegszeit57, deren Entstehung und
Funktion einer weiteren Betrachtung Vorbehalten bleiben müssen. Eine wesentliche
Rolle spielte jedenfalls Karl Langes Hitlers unbeachtete Maximen (1968).58
Ein erster Überblick über die zeitgenössischen Diskussionen zeigt jedoch, dass
diese These nicht zu halten ist. Spätestens seit 1930 stand Mein Kampf in beinahe
jeder Auseinandersetzung um den aufstrebenden Nationalsozialismus im Mittel­
punkt des Interesses: Von der Justiz, der Mein Kampf in (Hochverrats-)Prozessen
als Beweismaterial diente, über die allgemeine und politische Publizistik, die mit
Zitaten aus Mein Kampfje nach eigener Position pro, kontra oder betont "neutral"
argumentierte, bis hin zur Theologie, in der man sich anhand von Mein Kampf dem
Punkt 24 des Parteiprogramms ("positives Christentum") und Alfred Rosenbergs

53 Vgl. Freud 1984,22ff.; Geiger 1926, 182; Vleugels 1930, 57ff.


54 Toland 1983, 300. Lediglich Werner Maser nimmt Freud, unkommentiert, in seine Liste von Auto­
ren auf, die Hitler seiner Ansicht nach als Quellen benutzt hat (vgl. Maser 1974, 105).
55 Vgl Adorno 1971, 3 7f.
56 Klemperer 1969, 29f.
57 Vor 1945 finden sich weder bei Anhängern noch bei Gegnern solche Ansätze. Lediglich in einer
Arbeit von Weigand von Miltenberg (1931) findet sich die abschätzige Bemerkung, Mein Kampf
sei ein Buch, "das die Nation nicht liest, noch je lesen wird" (Miltenberg 1931, 60f ).
58 Vgl. Lange 1968, 30ff. Langes ebenso informative wie einflussreiche Arbeit ist in manchen Berei­
chen freilich widersprüchlich. Vor allem verstellt seine Verquickung von "Nichtbeachtung" mit
"fehlendem Widerstand" oft den Blick auf die Frage nach der Rezeption. Hinzu kommt, dass Lange
nicht unwesentlich auf Aussagen und Quellen aus der Zeit nach 1945 aufbaut.
Rhetorik, Propaganda und Masse 135
Mythus des XX. Jahrhunderts eine leidenschaftliche Fehde über den richtigen Um­
gang mit dem Nationalsozialismus lieferte - kaum jemand kam um Mein Kampf
herum. Von großem Interesse ist daher die Frage nach der zeitgenössischen Deu­
tung von Mein Kampf. Die Verzerrungen, Ausblendungen, Betonungen oder Ver­
harmlosungen verschiedenster Abschnitte und Stellen (insbesondere der radikal an­
tisemitischen) sind gelegentlich atemberaubend. Es ist davon auszugehen, dass
Mein Kampf in den meisten Fällen weniger zur Aufklärung als zur Untermauerung
längst gebildeter Urteile verwendet und entsprechend selektiv rezipiert und inter­
pretiert worden ist. Nur in jenen Wissenschaften wurde Mein Kampf konsequent
ignoriert, deren Auseinandersetzung damit so dringend notwendig gewesen wäre:
Massenpsychologie und Sprechkunde und Sprecherziehung.
Der Bereich der Propaganda ist jener in Mein Kampf der früh und insbesondere
von den Gegnern als bemerkenswert angesehen wurde. Oehme/Caro meinten 1930,
Hitlers Sätze über die Propaganda ergäben eine "Bibel der Demagogie"59, und Emst
Niekisch urteilte 1932, die Ausführungen zur Propaganda in Mein Kampf seien das
Beste, was Hitler je habe drucken lassen.60 Diese Urteile wurden auch später beibe­
halten, etwa 1936 von Konrad Heiden oder 1939 von Kenneth Burke.61 Solche
Würdigungen blieben auch nach 1945 aufrecht und führten in der Folge zu einer
Überschätzung der entsprechenden Passagen, denn sie übersahen oft, dass der Be­
herrscher des Münchener "Zirkus Krone" aus den frühen 20er Jahren mit seinen
5000 Zuhörern nur in wenigen Grundzügen übereinstimmte mit dem Agitator vor
den Hunderttausenden in den 30er Jahren. Spätestens seit 1930 traf sich die propa­
gandistische Praxis der Nationalsozialisten nur noch am Rande mit den theoreti­
schen Überlegungen in Mein Kampf. Zeitpunkt, Lichtverhältnisse und Raum einer
Rede spielten in den Wahlkämpfen dieser Jahre eine untergeordnete Rolle, sie
mussten sich ganz anderen Überlegungen unterordnen. Erst nach 1933 wurden sol­
che Aspekte wieder berücksichtigt, nun jedoch in einem Ausmaß, das die Vorstel­
lungen des Landsberger Häftlings bei weitem sprengte und damit wohl als Neu-
schöpfung dieser Jahre angesehen werden kann.
Eine Einordnung der Ausführungen Hitlers in den zeitgenössischen Rahmen der
20er Jahre muss festhalten, dass Hitler weder in der Propaganda noch in der Mas­
senpsychologie Neues bot - unabhängig davon, ob er nun Le Bon, Rossbach, Stem-
Rubarth, McDougall oder andere Autoren gelesen hat oder nicht. Selbst im Lichte
der Sprechkunde und Sprecherziehung bewegte sich Hitler in bekannten Bahnen:
Das Primat der Rede war in den Kreisen um Ewald Geißler u.a. längst etabliert, die
Forderung nach einer "deutschen Redekunst" in Verbindung mit der Massenpsy-

59
Oehme/Caro 1930, 20.
50
Vgl Niekisch 1932, 33.
61
Vgl. Heiden 1936, 109; Burke 1967, 8
136 Othmar Plöckinger

chologie längst vorhanden.62 Dies mag ein Grund gewesen sein, warum gerade in
diesen Wissenschaftsdisziplinen die Rezeption von Mein Kampf ausblieb.
Was Hitler jedoch heraushob, war die Umlegung theoretischer Überlegungen
auf die politische Praxis in einer Konsequenz, zu der all die anderen Autoren nie in
der Lage sein würden, wie Hitler höhnte: "Daher möge jeder Schreiber bei seinem
Tintenfasse bleiben, um sich 'theoretisch' zu betätigen, wenn Verstand und Können
hierfür genügen; zum Führer aber ist er weder geboren noch erwählt" (117). Wie
radikal und gewalttätig Hitlers Positionen in den 20er Jahren waren, zeigt ein Ver­
gleich zwischen Mein Kampf und einem Ratgeber für Versammlungen von Ge­
werkschaftern. Hitler schrieb zur nationalsozialistischen Versammlung im zweiten
Band von Mein Kampf.
Es wurde nicht darum gebettelt, unseren Vortrag gnädigst zu gestatten, auch nicht von vornherein je­
dem eine endlose Aussprache zugesichert, sondern kuizerhand festgestellt, daß die Herren der Ver­
sammlung wir seien, daß wir infolgedessen das Hausrecht besäßen, und daß jeder, der es wagen sollte,
auch nur einen Zwischenruf zu machen, unbarmherzig dort hinausflöge, von wo er hereingekommen sei
[...]; wenn Zeit bleibe und es uns paßte, so würden wir eine Diskussion stattfinden lassen, wenn nicht,
dann keine, und der Herr Referent, Pg. Soundso, habe jetzt das Wort (549).

Dagegen schrieb Gerhard Sartorius in dem ebenfalls im Jahr 1926 erschienene


Bändchen zur Werbetechnik der Massenbewegung zu dem selben Bereich der
"Versammlungsleitung":
Ein guter Versammlungsleiter muß zunächst auf dem ganzen Gebiet der parlamentarischen Gepflogen­
heiten, die ja maßgebend fllr die Handhabung des Vorsitzes sind, gründlich beschlagen sein [...]. Der
Vorsitzende darf keinen Mißbrauch der Redefreiheit dulden, aber er soll eine anständige Opposition
gewähren lassen. Es ist nie auf die Dauer gut gewesen, gestützt auf eine gefügige Mehrheit jede unbe­
queme Kritik durch geschäftsordnungsmäßige Maßnahmen abzuwürgen. 63

Doch sind nicht nur die Verbindungen und Bruchstellen zu den zeitgenössischen
Diskussionen über Rhetorik und Propaganda für die Einschätzung von Mein Kampf
von Interesse. Auch die parteiinternen, oft divergierenden Überlegungen verdienen
Aufmerksamkeit. Denn mit der Bedeutung der Rede eng verknüpft war die Frage
nach der Bedeutung der Presse, die im Laufe der Jahre eine immer wichtigere Rolle
spielte und damit innerhalb der Partei ganz erheblich Hitlers Ansatz vom Vorrang
der "rhetorischen Propaganda" entgegenwirkte. Tatsächlich sah er die Presse nicht
als Teil der Propaganda an, sondern als ein Erziehungsmittel:
Man pflegt gerade in Joumalistenkreisen die Presse gerne als eine 'Großmacht' im Staate zu bezeichnen.
Tatsächlich ist ihre Bedeutung denn auch eine wahrhaft ungeheuerliche. Sie kann überhaupt gar nicht
überschätzt werden: bewirkt sie doch wirklich die Fortsetzung der Erziehung im späteren Alter (262).

Hitler dachte dabei offensichtlich an eine gelenkte Staatspresse, die in keinem


Konkurrenzverhältnis zu anders gesinnten Medien stehen würde. Entsprechend
skeptisch stand er einer parteieigenen Presse gegenüber, da sie eben nicht Erzie­
hung leisten, sondern Propaganda betreiben müsste - wozu sie jedoch nur in Ver-

62
Vgl. Hethey 1988, 134f.
63
Sartorius 1926, 18.
Rhetorik, Propaganda und Masse 137
bindung mit Versammlungen und Reden fähig wäre: "Der sozialdemokratische
Winkelredakteur, der fast stets aus dem Versammlungslokal in die Redaktion
kommt, kennt seine Pappenheimer wie kein zweiter" (529). Die Gau-Presse der
NSDAP entstand denn auch mehr an Hitler vorbei, wenn nicht gar gegen seinen
Willen (nicht zuletzt auch, da sie die Eigenständigkeit der Gauleiter förderte). Ab
1930 wurde in der Partei immer klarer, "daß Hitlers Konzept vom Vorrang der Re­
de offenbar wiederholter Kritik von maßgeblicher Seite ausgesetzt und keineswegs
unumstritten war."64 Die Wahlerfolge seit dieser Zeit sind ohne die Presse nicht
denkbar, wobei nicht nur die parteieigene Presse eine Rolle spielte, sondern in ers­
ter Linie die "Selbstgleichschaltung" bürgerlich-nationaler Blätter seit 1931/32. Sie
machte den wesentlichen Teil des Erfolges aus, da erst durch ihre Vermittlung die
Inszenierungen und Reden Hitlers ihre Wirkung entfalten konnten. Auf ein ähnli­
ches Phänomen mit umgekehrten Vorzeichen geht Hitler in Mein Kampf selbst ein,
wenn er bei seinem Bericht über die vergeblichen Mühen der Alldeutschen in Wien
festhält: "Die Presse aber schwieg sie entweder tot oder zerriß ihre Reden so, daß
jeglicher Zusammenhang, ja oft sogar der Sinn verdreht wurde oder ganz verloren­
ging und dadurch die öffentliche Meinung ein nur sehr schlechtes Bild von den Ab­
sichten der neuen Bewegung erhielt" (114). Implizit anerkannte Hitler damit offen­
bar die große Bedeutung der Vermittlungsrolle der Presse. Die unmittelbare Wir­
kung seiner Reden hingegen dürfte in den großen Wahlkämpfen bis 1933 eher be­
grenzt gewesen sein, wie Analysen der Wahlergebnisse zeigen.65
Nach außen jedoch blieb die Form gewahrt, öffentlich wurden die in Mein
Kampf geäußerten Thesen nicht in Frage gestellt, weder vor noch nach 1933. Damit
wurde ein Bild von der nationalsozialistischen Propaganda geschaffen, das weit
über 1945 hinaus wirkte. So fungierte in der Wissenschaft nach 1945 Mein Kampf
lange als eine Art Steinbruch, aus dem herausgebrochen wurde, was gerade vonnö­
ten war. Der Umgang damit war weitgehend unkritisch und vielfach ersetzte eine
griffige Belegstelle aus Mein Kampf Analysen der tatsächlichen Verhältnisse. Eine
überwältigende Wirkung der Propaganda und Rhetorik wurde damit als selbstver­
ständlich vorausgesetzt und die Thesen von einer "Verführung" und "Manipulati­
on" durch die "Macht des Wortes" teilweise bis in die Gegenwart fortgeschrieben.66
Dessen ungeachtet gab es seit den 70er Jahren auch Versuche, von dieser Tra-
dierung nationalsozialistischer Bilder wegzukommen. Stark in diese Richtung wirk­
te eine der bekanntesten Arbeiten aus dem Umfeld der "Frankfurter Schule", die
Studie zur gesellschaftlichen Funktion faschistischer Sprache (1970) von Lutz
Winckler, der versuchte seine argumentativen, stilistischen und lexikalischen Beo­
bachtungen in Mein Kampf in Verbindung zu setzen mit den sozioökonomischen
und gesellschaftlichen Bedingungen im "Dritten Reich". Trotz aller Kritik stellt
Wincklers Arbeit bis heute neben jener von Burke die sprachanalytisch intensivste

64 Plöckinger 1999, 25.


65 Vgl Plöckinger 1999, 154IT.
66 Vgl. Sauer 1995, 20f.
138 Othmar Plöckinger

Auseinandersetzung mit Mein Kampf dar. Im Zuge der seit Ende der 60er Jahre
breiteren Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wurde Mein Kampf neu
gedeutet: als Teil der nationalsozialistischen Propaganda und nicht mehr als deren
Beschreibung.
So sehr Hitlers Expertentum in Sachen Propaganda und Rhetorik in Mein
Kampf lange Zeit überschätzt und an die Stelle kritischer Untersuchungen gerückt
wurde, so sehr wurde die Bedeutung des Buches für das Weltbild Hitlers unter­
schätzt. Erst ausgehend von Eberhard Jäckels Analysen zu Hitlers Weltanschauung
(erstmals 1969) wurde die umfassendere ideologische Bedeutung von Mein Kampf
erkannt. Jäckel unternahm in seiner Arbeit den Versuch nachzuweisen, dass Hitler
nicht zuletzt in Mein Kampf Teile eines Weltbildes entwickelt hat, das bei allem
Abstoßenden doch in sich geschlossen und konsistent war. Zuletzt hat Barbara
Zehnpfenr.ig in ihrer umfangreichen Interpretation von Mein Kampf festgehalten:
"Hitlers Denken, so wie es sich in 'Mein Kampf zeigt, hat durchaus systematischen
Charakter. Damit ist nicht unterstellt, Hitler habe dies bewußt so angelegt. Gewollt
hat er es allerdings;"67 Vorläufer, die kaum Gehör gefunden hatten, gab es dabei ei­
nige: Jäckel selbst nennt die Studie von Robert C.K. Ensor zu Hitlers Selbstoffen­
barung in 'Mein Kampf (1939).68 Der früheste Ansatz in diese Richtung dürfte al­
lerdings die ungewöhnlich hellsichtige Analyse der außenpolitischen Ansichten
Hitlers in der ansonsten nicht übermäßig informativen Schrift Die große Trommel
(1930) von Tacitus Redivivus sein.69
Daneben hat Mein Kampf auch immer wieder zu gut gemeinten Texten gereizt,
die oft in verständlichen Verurteilungen Hitlers, damit aber auch in der Konstatie­
rung von Banalitäten stecken blieben. Zu nennen wäre etwa die Artikel Hätten sie
doch nur 'Mein Kampf gelesen! (1989) von Konrad Löw oder Annäherung an ein
Buch, das es nicht gibt (1991) von Klaus Podak. Und wenn Mein Kampf - selten
genug - in Literaturgeschichten auftauchte, so waren die Ausführungen simpel, ja
gelegentlich schlicht falsch: "Die Unverschämtheit dieses Manifests zeugt von Nai­
vität und Unreife"70, hielt die Sammlung Bücher, die die Welt veränderten (1976)
fest und erging sich in Stereotypen der 20er und 30er Jahre. Bei Dietrich Schwanitz
(1999) fand sich zu Mein Kampf die erschöpfende Beschreibung:
Unlesbares Gebräu aus Antisemitismus, Rassismus, Militarismus, Chauvinismus, Lebensraumtheorie,
Geschichtsdeutung und politischer Propaganda, das wegen der offenbaren Blödsinnigkeit niemand
ernst nahm: 'Mein Kampf war das einzige Buch, das durch seine Unwirksamkeit wirkte.71

67 Zehnpfennig 2000, 34.


68 Vgl. Jäckel 1981, 17f.; einige weitere in: Zehnpfennig 2000, 31 f.
69 Vgl. Tacitus Redivivus 1930, 11 Off. Wer hinter diesem Pseudonym stand, konnte bisher nicht ge­
klärt werden.
70 Busse 1976, 739.
71
Schwanitz 1999, 510.
Rhetorik, Propaganda und Masse 139

Solchen Tendenzen konnte sich selbst der kenntnisreiche Artikel in Kindlers


Literaturlexikon nicht entziehen: "Das in weiten Passagen von unerträglicher
Banalität erfüllte Buch, in dessen monströsem Stil die barbarische Mentalität
Hitlers unmittelbaren Ausdruck findet, ist vor allem der hemmungslose Erguß eines
hypertrophen Selbstbewußtseins [...]”.72 Die Besprechung des Buches ist denn auch
eine Mischung aus historischem Abriss und Darstellung der Ideologie Hitlers.
Bezeichnenderweise hat schon Josef Nadler in seiner Literaturgeschichte des Deut­
schen Volkes (1941) stillschweigend auf jeden Hinweis auf Mein Kampf verzieh-
tet ^
' Es scheint letztlich kein Zufall zu sein, dass sich seit Beginn der 70er Jahre, als
die Auseinandersetzung mit Mein Kampf eine neue Dimension bekam, auch immer
wieder Künstler und Philosophen mit Mein Kampf beschäftigten. Erstmals 1973
tourte der österreichische Schauspieler und Kabarettist Helmut Qualtinger mit Le­
sungen aus Mein Kampf durch Deutschland (was er 1985 in Österreich kurz vor
seinem Tod wiederholte). Auf Qualtingers Spuren wandelte in den 90er Jahren der
deutsche Schauspieler Serdar Somuncu. "Hitler plus Macht ist grausam, aber Hitler
minus Macht ist eine Komödie", meinte Somuncu, dessen zahlreiche Lesungen un­
ter Polizeischutz stattfinden mussten.74 Der israelische Schriftsteller und Satiriker
Ephraim Kishon, der als Jugendlicher vor den Nationalsozialisten fliehen musste,
nannte sein "humorvolles Buch über eine unmenschliche Zeit" in Anspielung auf
Hitler Mein Kamm.™ Auf die folgenreiche Verknüpfung zwischen Rassismus und
Genie-Gedanken in Hitlers Mein Kampf, insbesondere im Kapitel "Volk und Ras­
se", hat Jochen Schmidt 1988 hingewiesen.76 Und Carl Amery empfahl im Zusam­
menhang mit der "Leitkultur-Diskussion" in Deutschland mahnend eine neuerliche
Lektüre von Mein Kampf7 Mit am intensivsten hat sich George Tabori mit Mein
/frwwp/beschäftigt. In zwei verschiedenen Fassungen (Prosa 1986, Drama 1987) hat
er den Text verfremdet und umgedeutet in ein "Anti-Passionsspiel", in eine Farce,
ein Stück als "Kunstwelt und Zerrspiegel der Geschichte in einem."78
Nach wie vor ist der Bayerische Staat Eigentümer der Urheber- und Verlags­
rechte an Mein Kampf. Noch immer ist der Neudruck des Buches verboten, wenn­
gleich außerhalb des deutschsprachigen Raumes dieses Verbot immer wieder miss­
achtet wird und nicht zuletzt durch die Verbreitung im neuen Medium Internet ein
Graubereich entstanden ist, der es jedem in kürzester Zeit ermöglicht, an den Text
des Buches heranzukommen. Die immer wieder geforderte kommentierte Neuaus­
gabe ist dennoch ein schwerer Schritt, kann doch nicht einfach ignoriert werden,
dass Mein Kampf nicht nur ein Buch, sondern eines der zielstrebig installierten
72 Kindlers Literaturlexikon 6155.
75 Vgl. Nadler 1941,232f.
74 Vgl BR-Online vom 29.06.2000.
75 Vgl. Gespräch mit Kishon in: BR-Alpha Forum vom 18.12.2000.
76 Vgl. Schmidt 1988, 227.
77 Vgl. Interview mit Carl Amery in: BR-Alpha am 22.02.2001.
78
Vgl. Haas 2000, 129.
140 Othmar Plöckinger

Herrschaftssymbole des Nationalsozialismus war. Der bayerische Finanzminister


vertrat daher im Jahr 2000 nach wie vor die offizielle Ansicht: "Der Freistaat Bay­
ern sieht vor allem die berechtigten Belange der Opfer des Nationalsozialismus.
Das Buch ist nicht einfach ein Stück Literatur, sondern vor allem ein Symbol des
Nationalsozialismus. Ich meine, dass das Nachdruckverbot bestehen bieiben
muss."79

Literatur

Adorno, Th.W.: "Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda (1951)", in:
Ders.: Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt/M. 1971.
Burke, K.: Die Rhetorik in Hitlers "Mein Kampf' und andere Essays zur Strategie der Überredung,
Frankfurt/M. 1967.
Busse, K. (Hg.): Bücher, die die Welt veränderten, München 1976.
Fest, J.C.: Hitler. Eine Biographie, Frankfurt/M. u.a. 1973.
Frank, H.: Im Angesicht des Galgens. Deutung Hitlers und seiner Zeit auf Grund eigener Erlebnisse
und Erkenntnisse, München/Gräfelfing 1953.
Freud, S.: Massenpsychologie und Ich-Analyse, Frankfurt/M. 1984 (Original: 1921).
Fromm, E.: Anatomie der menschlichen Destruktivität, Reinbek 1977.
Geiger, Th.: Die Masse und ihre Aktion. Ein Beitrag zur Soziologie der Revolution, Stuttgart 1926.
Hamann, B.: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 21996.
Haas, B.: Das Theater des George Tabori. Vom Verfremdungseffekt zur Postmoderne, Frankfurt/M.
2000.
Hammer. H.: "Die deutschen Ausgaben von Hitlers 'Mein Kampf", in: VfZ 4 (1956) 161-178
Heiden, K.: Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Eine Biographie, Zürich 1936.
Ders.: Der Fuehrer. Hitler's Rise to Power, Boston 1944.
Hethey, R.: "Von der Mündlichkeit in die Unmündigkeit? Einige notwendige kritische Blicke auf die
Geschichte der Rhetorik im 20 Jahrhundert", in: Rhetorik 7 (1988) 133ff.
Hitler, A.: Mein Kampf, 464.-468. Aufl., München 1939.
Jäckel, E./Kuhn, A. (Hg.): Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905 - 1924, Stuttgart 1980.
Jäckel, E.: Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft, Stuttgart 1981.
Kallenbach, H.: Mit Adolf Hitler auf Festung Landsberg, München 1939.
Kershaw, I.: Hitler. 1889-1936, Stuttgart 1998
Kindlers Literaturlexikon, Band VII, Zürich 1964.
Klemperer, V.: "LTI". Die unbewältigte Sprache. Aus dem Notizbuch eines Philologen, München
1969.
Kotze von, H./Krausnick, H. (Hg ): "Es spricht der Führer". 7 exemplarische Hitler Reden, Gütersloh
1966.
Lange, K.: Hitlers unbeachtete Maximen. 'Mein Kampf und die Öffentlichkeit, Stuttgart u.a. 1968.
Löw, K.: "Hätten sie doch nur 'Mein Kampf gelesen!", in: Jahrbuch Extremismus & Demokratie 1
(1989) Bonn, 99-121.


BR-Online vom 29.06.2000.
Rhetorik, Propaganda und Masse 141

Lurker, O.: Hitler hinter Festungsmauern. Ein Bild aus trüben Tagen, 2. Aufl., Berlin o.J. [1933].
Maier-Hartmann, F.: Die Sammlung Rehse. Dokumente der Zeitgeschichte, (hg. v. A. Dresler), Mün­
chen 1938.
Man de, H.: Massen und Führer, Potsdam 1932.
Maser, W.: Adolf Hitler Mein Kampf Der Fahrplan eines Welteroberers, Esslingen 1974.
Miltenberg von, W. [=Herbert Blank): Adolf Hitler - Wilhelm III, Berlin 1931.
Münzenberg, W.: Propaganda als Waffe, Paris 1937.
Nadler, J.: Literaturgeschichte des Deutschen Volkes. Dichtung und Schrifttum der deutschen Stämme
und Landschaften, 4. Bd., Berlin 1941.
Niekisch, E.: Hitler -ein deutsches Verhängnis, Berlin 1932.
Oehme, W./Caro, K.: Kommt "Das Dritte Reich"?, Berlin 1930.
Paul, G.: Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933, Bonn 21992.
Picker, H.: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Frankfurt/M.-Berlin 1989.
Plöckinger, O.: Reden um die Macht? Wirkung und Strategie der Reden Adolf Hitlers im Wahlkampf
zu den Reichstagswahlen am 6. November 1932, Wien 1999.
Podak, K.: "Spiegel des Unheils. Hitlers 'Mein Kampf: Annäherung an ein Buch, das es nicht gibt", in:
Bohleber/Drews (Hg ): Gift, das du unbewußt eintrinkst, Bielefeld 1991, 16-24.
Poppelreuther, W.: Hitler, der politische Psychologe, Langensalza 1934.
Rossbach, J.R.: Die Massenseele. Psychologische Betrachtungen über die Entstehung von Volks-
(Massen-)Bewegungen (Revolutionen) [1], München 1919.
Sacher, H.: "Das Schrifttum des Nationalsozialismus", in: Literarischer Handweiser. Kritische Mo­
natsschrift 67 (1930/31) 6. H„ März 1931, 321-330.
Sartorius, G.: Die Werbetechnik der Massenbewegung, Berlin 1926.
Sauer, Ch.: "Sprachwissenschaft und NS-Faschismus", in: K. Steineke (Hg ): Die Sprache der Diktatu­
ren und Diktatoren, Heidelberg 1995.
Schmidt, J.: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Philosophie und Politik 1750-
1945, Bd. 2, Darmstadt 21988.
Schönemann, F.: Die Kunst der Massenbeeinßussung in den Vereinigten Staaten von Amerika, Berlin
1924.
Schwanitz, D.: Bildung. Alles, was man wissen muss, Frankfurt/M. 1999.
Sperber, M.: Die Tyrannis und andere Essays aus der Zeit der Verachtung, München 1987.
Stem-Rubarth, E.: Die Propaganda als politisches Instrument, Berlin 1921.
Tacitus Redivivus: Die grosse Trommel. Leben Kampf und Traumlallen Adolf Hitlers, Berlin-Zürich
1930.
Thate, W.: Die Rolle des Emotionalen in der Nationalsozialistischen Propaganda, Berlin (Diss.) 1954.
Toland, J.: Adolf Hitler, 2 Bde.. Bergisch Gladbach 21983.
Tyrell, A.: Vom 'Trommler' zum 'Führer'. Der Wandel von Hitlers Selbstverständnis zwischen 1919
und 1924 und die Entwicklung der NSDAP, München 1975.
Vleugels, W.: Die Masse. Ein Beitrag zur Lehre von den sozialen Gebilden, München-Leipzig 1930.
Zehnpfennig, B.: Hitlers 'Mein Kampf. Eine Interpretation, München 2000.
Zentner, Ch.. Adolf Hitlers "Mein Kampf. Eine kommentierte Auswahl, München 1974
Laut/Sprecher Hitler
Über ein Dispositiv der Massenkommunikation in der
Zeit des Nationalsozialismus'
Cornelia Epping-Jäger

Am 11. Februar 1933 notierte Joseph Goebbels in sein Tagebuch: "Der Lautspre­
cher ist ein Instrument der Massenpropaganda, das man in seiner Wirksamkeit heu­
te noch gar nicht abschätzen kann. Jedenfalls haben unsere Gegner nichts damit an­
zufangen gewußt. Um so besser müssen wir lernen, damit umzugehen" (1987, 370).
Von welchem Lautsprecher ist hier die Rede? Das Tagebuch gibt keine eindeutige
Antwort: "Zum Sportpalast. Überfüllt. An 10 Plätzen Menschenmengen. Im ganzen
Reich an die 20 Millionen Zuhörer" (370). Lautsprecher also allenthalben: Im
Sportpalast selbst, denn dieser verfügte seit einigen Jahren über entsprechende An­
lagen12; auf zehn umliegenden Plätzen, die zum Zweck der Außenübertragung mit
'Riesenlautsprechem' ausgestattet worden waren3, - und schließlich die in den Äther
sendenden Rundfunklautsprecher. Joseph Goebbels reagierte auf diese Kommuni­
kationssituation adressatenorientiert: "Erst bürste ich die Presse ab. Dann spreche
ich über alle Sender" (370f.). Mixed communication: Die Pressebeschimpfung wird
durch Lautsprecher in den Sportpalast und auf die umliegenden Plätze übertragen,
die als Reportage getarnte Hinhalterhetorik auf den Advent des Führers dagegen
spricht er ausschließlich für den Rundfunklautsprecher.4 "20 Minuten Reportage.
Es geht blendend. Ich habe gar kein Lampenfieber." Dann ist das Ziel erreicht:
"Hitler kommt. Ich reportiere und eröffhe dann. Hitler hält eine phantastische Rede.
Zum Schluß großes Pathos. 'Amen' Das hat Kraft und haut hin" (371). Zu bestäti-

1 Dieser Aufsatz entstand im Rahmen des durch die DFG geförderten Projektes "Laut/Sprecher: Me­
diendiskurse und Medienpraxen in der Zeit des Nationalsozialismus'' des SFB/FK 427 "Medien
und kulturelle Kommunikation" an der Universität zu Köln.
2 Vgl. Arenhövel 1990.
3 Vgl. Göttert 1998, 444.
4 Ein kleiner Ausschnitt soll illustrieren, wie sich diese 'Reportage' von Goebbels anhörte: "Ich bitte
Sie nun ihre Phantasie zu beflügeln. Stellen Sie sich vor: dieses Riesengebäude, unten ein riesiges
Parterre, an den beiden Seiten des Seitenparterres aufflankiert, der erste Rang, der zweite Rang - al­
les eine Masse Mensch! Die einzelnen Menschen sind schon gar nicht mehr zu erkennen, man sieht
(einzelne Sprechchöre heben an) nur noch Menschen, Menschen, - Masse Mensch. Sie hören, wie
aus der Masse heraus die Rufe 'Deutschland erwache!' erklingen, wie auf den Führer der Bewe­
gung, auf den Reichskanzler Adolf Hitler, Heilrufe ausgebracht werden". Vgl. Heiber 1971, 67ff.
144 Cornelia Epping-Jäger

gen scheint sich hier, dass Medien der blinde Fleck im Mediengebrauch5 bleiben,
schließt Goebbels doch von der Wirkung der durch Lautsprecher direkt in den
Sportpalast übertragenen Hitler-Rede - "die Massen in sinnlosem Taumel" - auf ei­
ne analoge Wirkung der durch Rundfunklautsprecher verbreiteten Rede: "Ganz
Deutschland wird Kopf stehen" (ebd.).
Im Grunde aber wusste Joseph Goebbels bereits zu diesem Zeitpunkt, dass die
Rechnung des 'a medium is a medium is a medium' nicht aufgehen konnte. Zehn
Tage zuvor, am 1. Februar 1933, hatte Adolf Hitler nämlich sein Rundfunkdebüt
gegeben, live, vor einem in der Reichskanzlei aufgestellten Mikrophon.6 Goebbels
jubelte, empfand die Rede als "sehr schlagend und wundervoll in den Argumenten"
(1987, 363). Kasemenhofartig, unsympathisch und gar nicht 'deutsch' hörte sie sich
dagegen fiir die aufmerksamen Hörer des "Volksfunks"7 an, die bis zu einem ge­
wissen Maß ja bereits an die schnarrenden Verkündigungstöne und die militärische
Diktion des Weimarer Rundfunks gewöhnt waren.8 Die Funkleute rieten zur Kor­
rektur, tags darauf wiederholte Hitler seine Ansprache für eine Schallplattenauf­
nahme. Dass Adolf Hitler auch mit der Reparaturmaßnahme nicht zufrieden war,
das lässt sich in einem ungewöhnlich selbstkritischen Interview vom März 1933
nachlesen: "Das muß so werden, daß jeder plastisch vor Augen hat, was er hört.
Der Ton ist meiner Ansicht nach viel suggestiver als das Bild. Aber die Möglich­
keiten des Rundfunks auszunutzen, das will erst gelernt sein. Ich war selber vor
dem Mikrophon fast verzweifelt. Und auch jetzt bin ich immer noch damit unzu­
frieden."9
Das Scheitern Adolf Hitlers vor dem Mikrophon zeigt augenfällig, dass der
Text einer Rede nicht einfach realisiert, sondern als ein raum-zeitliches Ereignis
performativ konstituiert wird.10 Da die Rede grundsätzlich an das Medium der
Stimmlichkeit gebunden bleibt", stellt die Stimmlichkeit des Vortrags ein Prinzip
der Texterzeugung selbst dar.12 Gleichwohl fungiert die Stimme nie als ein bloßes
Werkzeug der Rede. Stimmen - auch das demonstriert das obige Beispiel - lassen
sich nicht auf eine Funktion als Informationsträger reduzieren, sagen sie doch "von
Anfang an mehr und anderes als sie sagen.'"3 Sie kommentieren und deuten die Re­
de, und nicht selten handeln sie deren Intention entgegen, indem sie den Hörem
ungewollt etwas über den Sprecher mitteilen, über sein Alter und Herkommen

5 Vgl. Krämer 1998b, 74.


6 Vgl. die Beschreibungen dieser Szene bei Höhne 1991, 13ff.
7 Vgl. Volksfunk 1933, 7, 35; zit. n. Diller 1980, 63.
8 Vgl. Amheim 1979,48.
9 Vgl. Diller 1980, 62f.
10 Vgl. Zumthor 1988, 703 und 1994, 37ff.
11 Vgl. Krämer 1998a, 32.
12 Vgl. Zumthor 1994.
13 Waldenfels 1999, 12.
Laut/Sprecher Hitler 145

ebenso wie über seine Spannungs- und Erregungszustände. Kurzum: "Die Stimme
sagt auch, was die Rede verschweigt."14
Wie aber lässt sich eine Stimme 'lesen', deren "Kosexpressivität" durch das Me­
dium Rundfunk "suspendiert" wurde15, wie lässt sich also eine Stimme deuten, die
unabhängig von Gestik, Mimik und Körperhaltung als rein akustisches Phänomen
vergegenwärtigt wird? Und schließlich: Wie lässt sich absehen davon, dass die
elektroakustische Technik Stimme immer nur als das Produkt technischer Bearbei­
tungen präsentiert, aufgenommen mit Technik und Apparaten, die einen ganz be­
stimmten technik-historischen Stand repräsentieren? Historische Stimmen sind me­
dial vermittelt, umcodiert und geschnitten - und das ist unhintergehbar. Was bleibt,
ist der Medienvergleich16, denn die Form und der Inhalt von Stimme und Rede
werden allererst durch die je spezifische Materialität der Medien geprägt und her­
vorgebracht. Das Medium hinterlässt, um eine These von Sibylle Krämer zu variie­
ren, eine unverwechselbare Spur, die sich an der Botschaft des Mediums bewahrt
(vgl. 1998b, 79).
Versteht man die Stimme als unbeabsichtigte Spur, die sich gegenüber der ab­
sichtsvoll gebrauchten Rede zur Geltung bringt17, dann steht die als unsicher, als
verschleifend und militärisch zugleich wahrgenommene Stimme Adolf Hitlers in
einer contra-intentionalen, vom Sprecher nie vollständig kontrollierbaren Spannung
zum Inhalt der Rede. Den 'Aufruf an das deutsche Volk' spricht - das nehmen Hörer
und Sprecher sehr wohl wahr - kein souveräner, die Suggestivkraft der Stimme ge­
zielt einsetzender Redner, sondern ein vor dem Rundfunk-Mikrophon Verunsicher­
ter. Dieser Verlust aller rednerischen Routine lässt sich in seinen Ursachen wohl
nur aufhellen, stellt man in Rechnung, dass die Adolf Hitler vertrauten rhetorischen
Mittel der Massenrede im Massenmedium Rundfunk ihre Effizienz verlieren. Hier­
für sind zwei strukturelle Bedingungen des Mediums Rundfunk maßgebend: Zum
einen die Ausschaltung der gesamten körpersprachlichen Rhetorik durch den Weg­
fall der visuellen Präsenz des Redners, zum zweiten die Zerdehnung der Kommuni­
kationssituation, d.h. die Trennung des Redners von seinen Adressaten und deren
Resonanzaktivität. Die von der Rundfunkrede - anders als von der Massenrede -
bewirkte Engflihrung der Kommunikation auf die Stimme wird durch den Fort­
schritt der Mikrophontechnologie forciert.

14 Krämer 1998a, 32.


15 Vgl. zu diesem Zusammenhang Meyer-Kalkus 2001, 451. Den Begriff der "Koexpressivität” über­
nimmt Meyer-Kalkus wiederum von Panofsky 1993, 24f.
16 Vgl. Fohrmann 2002, MS, 4: "Alles, was sich Uber ein Medium sagen läßt, ergibt sich erst aus ei­
nem Medienvergleich."
17 Vgl. Waldenfels 1999, 35: "Aufs Ganze gesehen entpuppen sich Zeichen, die wir geben und ent­
gegennehmen, die wir produzieren und rezipieren, als Spuren, die ein Geschehen hinterläßt, an
dem wir beteiligt sind, ohne es zu lenken [...] Spuren sind Wirkungen, die sich gleichzeitig in un­
seren Leib einschreiben und die erst nachträglich, also nie endgültig ihren Sinn finden."
146 Cornelia Epping-Jäger

Ab der Mitte der zwanziger Jahre steht eine technische Konfiguration zur Ver­
fügung, die ein elektromagnetisches Aufhahmesystem, einen Röhrenverstärker und
das elektroakustische Wandlersystem 'Lautsprecher' umfasst. Neben der größeren
Lautstärke und einer reduzierten Störanfälligkeit bringt diese technische Weiter­
entwicklung auch eine Erweiterung des Hörbereichs von bisher 168 - 2000 Hz auf
100 - 5000 Hz mit sich, und in den Aufnahmestudios wird das Aufnahmehom
durch das Mikrophon ersetzt.18 ln der Konsequenz fuhrt diese medientechnologi­
sche Entwicklung der Konfiguration Mikrophon/Verstärker/Lautsprecher zu einer
Radikalisierung der Engführung der Stimme, sowohl in produktiver als auch in re­
zeptiver Hinsicht. Auf der Produktionsseite wird die Stimme ausschließlich auf das
Mikrophon ausgerichtet, auf der Rezeptionsseite wird sie durch die Erweiterung
des Hörbereichs differenzierter wahrgenommen. Eng damit verbunden ist das Prob­
lem der Zerdehnung der Kommunikation. Das Mikrophon trennt das Sprechen und
das Hören voneinander: Hier der Sprecher, der die eigene Stimme an einen reso­
nanzlosen Äther adressiert, dort der Hörer, der aufgefordert ist, die Botschaft der
'disembodied voice' in einen Zustand glaubwürdiger Information rückzuüberführen.
Der Rundfünkdiskurs der frühen dreißiger Jahre reflektiert diese Zerdehnungserfah-
rung noch nicht als strukturelle Besonderheit des Mediums, sondern thematisiert sie
vielmehr als Spannung zwischen der "Einsamkeit des Sprechers vor dem Mikro­
phon" und der "unbarmherzigen Nacktheit des Lautsprechers, die wie eine Vergrö­
ßerung jede kleinste Unebenheit der Sprache, jeden geringsten Fehler plastisch" he­
raushebe.1'' Die Ausschaltung der gesamten körpersprachlichen Rhetorik durch den
Wegfall der visuellen Präsenz des Sprechers schließlich führt so zu jener Apotheo­
se der Stimme, die den zeitgenössischen Radio-Diskurs charakterisiert.
Nun haben neuere Untersuchungen aber zeigen können, dass der Erfolg von
Kommunikation weniger durch die Übermittlung von Information als vielmehr
durch die extralinguistischen, körpersprachlichen Faktoren Gestik und Mimik be­
stimmt wird.20 Da der Rundfunk diese Momente jedoch systematisch ausschließt,
und da das junge Medium zudem noch nicht über hinreichend ausgebildete rhetori­
sche Kontrollstrategien verfügt, die diesen Ausschluss systematisch kompensieren
könnten, gewinnt die Frage, welche Faktoren den kommunikativen Erfolg im Rund­
funk zu garantieren vermögen, außerordentliche Relevanz. Wer ist Freund und wer
Feind, welche Informationen sind glaubwürdig, welche üben Verrat? Die Antwort
ist eindeutig: "Nur eine Wesensäußerung gibt es", formuliert der Intendant des
WDR Emst Hardt, "welche der Selbstkontrolle und dem Täuschungsbedürfhis ent­
zogen ist, weil man sie selbst niemals wahmehmen kann: die eigene Stimme. Und
der Hörer, der nur hört, wird durch nichts mehr, was außerhalb der Stimme lebt,
beeinflusst, in die Irre geführt, voreingenommen und bestochen ... So hat das Mi­
krofon etwas vom Jüngsten Gericht an sich" (1930, 178f.). Nackte Stimmen lügen

ii
Vgl Hiebier 1997, 29.
19
Leers 1932, 129.
20
Vgl Dittami/Grammer 1993, I62f.
Laut/Sprecher Hitler 147

nicht? In der Tat, gerade die 'disembodied voice' muss entziffert werden, und dies
geschieht, indem man hinter ihr eine Person imaginiert, die sich in ihr verkörpert.
"Die Stimme" - so charakterisiert Iwan Heilbut dieses Problem - "ist von der Per­
sönlichkeit nicht zu trennen. In ihrer äußeren Erscheinung konnte sie täuschen, in
der hörbaren nicht. [...] Der Mann am Mikrophon hat keine Möglichkeit, durch
Kleidung, gefällige Haltung oder durch ein Lächeln zu bestechen. Vor dem Hörer
erscheint, was ist, was sich nicht spielen lässt: die Stimme, der Atem, das Wesentli­
che" (1933, 548).
Auch wenn die Wissenschaft in diesen Jahren intensiv an einer Erforschung der
Qualitäten der menschlichen Stimme arbeitet21, steht den Rundfunkmachem im
Grunde kein ausgefeilteres Beurteilungsinventar zur Verfügung als die Behauptung:
"Die Wirkung eines Menschen durchs Mikrophon weicht von seiner natürlichen im
allgemeinen nicht ab".22 Sollen darüber hinaus Stimm-Differenzen markiert werden,
dann greift man auf das 'alter ego' des Rundfunklautsprechers, auf den Lautsprecher
in Massenveranstaltungen zurück. Diese Abgrenzung lag nahe, denn im Wahlkampf
des Jahres 1930 führte allein die NSDAP 34.000 Wahlversammlungen durch, bei
denen der Lautsprecher massiv zum Einsatz kam.23 Es ist also sicherlich nicht unbe­
rechtigt anzunehmen, dass die Apotheose der Stimme die 'andere Seite' der durch
den Lautsprecher übertragenen Stimme in der Massenrede darstellte. "Im Vortrags­
saal" - so formuliert Walter Leers den Standpunkt des Rundfunkmannes - "mag die
demagogische Technik verblüffen, im Rundfunk wird der Nichtkönner entlarvt."
"Hier", in der Massenrede, "getragen von der Begeisterung seiner Anhänger und
aufgestachelt durch die Zwischenrufe und Störungen der Gegner, ist die Hauptwaf­
fe des Redners das Schlagwort, das die seelische Atmosphäre des Raumes elektri­
siert". Dort, "vor dem Mikrophon steht er einer ganz anderen Situation gegenüber”:
die "räumliche Bindung zur Zuhörerschaft fehlt [...] in den Wohnungen zerstreut
sitzen die Hörer, mit geringen Ausnahmen isoliert [...] also in einem Annäherungs­
zustand der Objektivität, der sonst selten erreicht wird" (1932, 129).
Blickt man von hier aus noch einmal auf das Beispiel der Sportpalastrede, dann
wird deutlich, dass Goebbels und Hitler aus dem gescheiterten Rundfünkversuch
sehr wohl Konsequenzen zogen. Die Sportpalastrede nämlich stellt das erste Bei­
spiel jenes Medienverbundes dar, der von nun ab für die Übertragung von Hitler-
Reden kennzeichnend wurde: Die Stimme des 'Führers' wird nie mehr direkt und
unmittelbar aus dem Studio an das anonyme Kollektiv der Radiohörer adressiert,
sondern indirekt als Exempel einer zuvor gelungenen Adressierung im Rahmen ei­
ner Massenveranstaltung an das Rundfunkpublikum gerichtet.24 Die Pointe besteht

21 Vgl. hierzu etwa die ausführlichen Diskussionen der 1. Tagung der Internationalen Gesellschaft für
experimentelle Phonetik (hg. v Menzerath 1930).
22 Heilbut 1933, 546.
23 Vgl. Grieswelle 1972, 29.
24 Zum Konzept der 'Adresse' als medialem Bezugproblem vgl Andriopoulos/Schabacher/Schuma-
cher 2001.
148 Cornelia Epping-Jäger

dabei darin, dass sich die Rundfunkhörer als eine natürliche Extension der Zuhörer­
schaft der Massenveranstaltung begreifen sollen, obgleich sie in Wirklichkeit an
der Inszenierung nicht partizipieren, deren Teil sie zu sein scheinen. Was die Rund­
funkhörer hören, ist nicht einfach die Stimme des 'Führers', sondern die durch die
affirmative Resonanz eines präsenten Massenpublikums imprägnierte Stimme des
Redners. Hitlers Stimme ist nicht mehr 'nackt' aus dem Studio in den Äther gespro­
chen, sondern durch eine Massenakklamation armiert, deren Teil zu werden das
Rundfunkpublikum genötigt ist. In diesem Sinne setzen Goebbels und Hitler also
nicht auf die gleiche Wirkungsmächtigkeit von Rundfunk- und Massenrede, son­
dern auf den Rundfunk als globales Distributionsmedium gelungener lokaler Mas­
senkommunikation. Auf diese allein projiziert sich die strategische Hoffnung des
wirkungsmächtigen In-Szene-Setzens der ’Führer'-Stimme, dem Rundfunk wird nur
noch zugemutet, erfolgreiche und erfolgte Inszenierungen zu verbreiten. Der Rund­
funk ist in diesem Sinne kein Inszenierungsmedium der politischen Stimme, son­
dern ein Verbreitungsmedium der Stimminszenierung.
Es sind also die in Rundfunk und Massenveranstaltungen jeweils strukturell
grundlegend unterschiedlichen Performanz- und Einsatzbedingungen des Mikro­
phon/Lautsprecher-Ensembles, die für die Propagandatheorie des Nationalsozialis­
mus seine Verwendung zur Übertragung der Massenrede attraktiver erscheinen las­
sen als seine rundfunkspezifische Nutzung. Die für den Nationalsozialismus typi­
schen Großveranstaltungen integrieren die technologische Konfiguration Mikro­
phon/Lautsprecher in einen Performanzrahmen, der es einerseits erlaubt, sie - wie
im Rundfunk - massenkommunikativ einzusetzen, ohne dass andererseits die oben
skizzierten strukturellen Verluste durch die rundfunkspezifische Engführung der
Stimme hingenommen werden müssten. Weder wird die körperlich-visuelle Koex-
pressivität des Redners ausgeschaltet, noch entzieht die Zerdehnung die Resonanz­
aktivität der Adressaten der Wiederverarbeitung durch den Redner. Insofern verei­
nigt das 'Dispositiv Laut/Sprecher'25 in Massenveranstaltungen die massenhafte Dis-
tribuierung von Information mit den rednerseitigen Steuerungspotentialen hinsicht­
lich der Adressaten in eine "Kommunikation im Raum wechselseitiger Wahrneh­
mung".26 Tatsächlich unterscheiden sich in analytischer Perspektive die beiden Per­
formanzrahmen für den Einsatz der Mikrophon/Lautsprecher-Technologie, nämlich
Rundfunk- und Massenrede, so grundlegend, dass sie - obgleich der Rundfunk in

25 Paech 1997 hat mit Blick auf das Kino 'Dispositiv' als eine "Struktur apparativen Erscheinens"
charakterisiert, als eine "Topik”, eine "Anordnung des Sehens", ln dem hier diskutierten Zusam­
menhang ist 'Dispositiv' entsprechend als eine 'Anordnung des Sprechens im diskursiven Geftlge'
zu verstehen, mithin als ein Begriff, "der die Funktion des Abstands und der Distanz zwischen al­
len, an der Produktion eines 'medialen Effekts' beteiligten Instanzen akzentuiert, die sich an keiner
Stelle des Dispositivs zu 'einer' dominierenden Ursache verdichten" (vgl. Balke 2001, 13). Die
Schreibweise 'Laut/Sprecher' wurde gewählt, um die performative Situierung der Mikrophon/Laut­
sprecher-Konstellation im Kontext der Massenrede von der Verwendung dieses Ensembles im
Kontext des Rundfunks abzugrenzen.
26
Vgl. Luhmann 1972, 51 f.
Laut/Sprecher Hitler 149

der skizzierten Weise für die Massenrede funktionalisiert werden kann - als zwei
divergente Dispositive angesehen werden müssen.
Vor dem Hintergrund der skizzierten Entwicklung ist es einigermaßen überra­
schend, dass das Dispositiv Laut/Sprecher in der Massenrede in seinen differenz­
theoretischen Bestimmungen zum Rundfunk bislang so gut wie keine Aufmerksam­
keit gefunden hat. Dies um so mehr, als ein Blick in die Tagebuchnotizen von Jo­
seph Goebbels aus dem Jahr 1925 zeigen kann, dass die NSDAP sehr wohl auf die
medialen Differenzen der beiden Dispositive aufmerksam geworden war: "Der
Deutsche vergißt über Radio Beruf und Vaterland! Radio! Das moderne Verspieße-
rungsmittel! Alles zu Hause! Das Ideal des Spießers!" (1987, 47). Liest man das
Notat differenztheoretisch, dann wird deutlich, dass Goebbels einerseits sehr früh -
denn noch steckte das Medium in den Kinderschuhen - registrierte, dass sich der
Rundfunk zu einem Massenmedium entwickeln würde. Andererseits erkannte er
aber ebenso scharfsichtig, dass der Rundfunk für die Zwecke der NSDAP, die ih­
rem Selbstverständnis nach ja eine sozial-revolutionäre Massenbewegung darstell­
te, deshalb nicht primär geeignet sein würde, weil seine differenzierten Adressen­
ordnungen für das Entdifferenzierungsbedürfnis der Partei wenig geeignet erschien.
Das Entdifferenzierungsbedürfnis der 'Massenbewegung' macht auch verständ­
lich, warum sich die NSDAP seit ihrer Wiedergründung im Jahre 1925 als Redner­
partei konstituierte.27 Ihr ging es zunächst nicht um die anonym bleibenden, kollek­
tiv nur schwer zu adressierenden und in ihrem Rundfünkverhalten kaum zu kontrol­
lierenden Rundfünkhörer, sondern vielmehr um die im öffentlichen Raum versam­
melten massenhaft je Einzelnen, die gleichsam einer Logik direkter Interaktion ver­
fügbar gemacht werden sollten.
Die Ausrichtung auf die Kontrolle und Resonanz von Auditorien wiederum
dürfte sich der Zentralstellung des 'Führers der Bewegung', der ja als ihr Hauptred­
ner fungierte, verdanken. Bereits in "Mein Kampf' lässt sich das nachlesen. "Die
NSDAP", so führt Hitler in dem Kapitel zur "Bedeutung der Rede" aus, "durfte
nicht ein Büttel der öffentlichen Meinung, sondern musste ein Gebieter derselben
werden. Nicht Knecht soll sie der Masse sein, sondern Herr. [...] Ich selbst habe da­
mals in Versammlungen von zweitausend Menschen gesprochen, in denen mich oft
die Blicke aus dreitausendsechshundert feindlichen Augen trafen. Und drei Stunden
später hatte ich vor mir eine wogende Masse voll heiligster Empörung und makel­
losestem Grimm" (1939, 520). Dass sich eine solche Disziplinierung des Auditori­
ums aus dem Spannungsfeld von Feedback-Verarbeitung und Selbstinduktion des

27 Dass “der fähige und erfahrene Redner" als "das Rückgrat der weltanschaulichen Schulungsarbeit
der NSDAP" - vgl. 'Der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Hauptschulungsamt: Wochenlehr­
gang I', o.J., Bundesarchiv Koblenz, Archivalie NS D 9/65, 1539 - angesehen wurde, lässt sich in
den NSDAP-Rednerinformationen und Rednermaterialicn ebenso nachlesen wie in den Materialien
zur Organisation des Rednerstabes der NSDAP, die im Bundesarchiv Koblenz lagern und bislang
noch nicht systematisch ausgewertet wurden. Zum Komplex der 'nationalsozialistischen Versamm­
lungspraxis'vor 1933 vgl. Buytwerk 1996.
150 Cornelia Epping-Jäger

Redners sowie aus einer vorgetäuschten Logik direkter Interaktion entfaltet, lässt
sich der folgenden Einschätzung entnehmen: "Der Redner [erhält] aus der Menge
heraus, vor welcher er spricht, eine dauernde Korrektur seines Vortrags, insofern er
unausgesetzt aus den Gesichtem seiner Hörer ermessen kann, inwieweit sie seinen
Ausführungen mit Verständnis zu folgen vermögen und ob der Eindruck der Wir­
kung seiner Worte zum gewünschten Ziele führt". Der Redner wird sich daher "von
der breiten Masse so tragen lassen, dass ihm daraus gefühlsmäßig gerade die Worte
flüssig werden, die er braucht, um seinen jeweiligen Zuhörern zu Herzen zu spre­
chen" (524ff). Es ist nicht sicher, ob sich in dem von Hitler 1926 niedergeschrie­
benen zweiten Teil von "Mein Kampf' bereits die Erfahrungen des Einsatzes der
Mikrophon/Lautsprecher-Technologie reflektieren, gleichwohl sind es diese Reso­
nanzeffekte, in denen das technische Medium seine den Massendiskurs organisie­
renden Eigenschaften genuin entfalten konnte.
Die Mikrophon/Lautsprecher-Konfiguration erwies sich jedenfalls - und dies
haben die NS-Theoretiker der Massenkommunikation und Massenpropaganda früh
erkannt - als ein technisches Medium mit weitreichenden organisatorischen Poten­
tialen, dessen theoretische und praktische Exploration zunächst weniger im Kontext
des Rundfunks, als in dem des Dispositivs Massenrede vorangetrieben wurde. Die
ideologische Faszination der neuen Technologie lag dabei insbesondere in dem
Umstand, dass die durch die elektroakustische Wandlung vom Leib des Redners
getrennte Stimme in den performativen Szenarien der Massenrede die Aufgabe
übernehmen konnte, Massenkommunikation gleichwohl als leib-anwesende Kom­
munikation in Szene zu setzen. In diesem Zusammenhang ermöglichte das Mikro­
phon/Lautsprecher-Ensemble in zweifacher Hinsicht Leistungen der Entdifferenzie­
rung: Indem es zum einen die Innovativität des neuen technischen Mediums mit
dem Wiederaufruf vormodemer Kommunikationsformen verband, inszenierte es
die massenhaft je Einzelnen als gleichsam prämodemes Kollektiv2*; zum anderen
konstituierte es einen Wahmehmungsraum, der die räumliche Zerdehnung zwischen
leib-anwesender Stimme und massenhaft Adressierten gleichsam aufhob und so die
technischen Leistungen des Massenmediums mit der Form einer 'Kommunikation
im Raum wechselseitiger Wahrnehmung' verknüpfte.
In rhetorischer Perspektive stützte sich dieses Entdifferenzierungsverfahren auf
die oben bereits angesprochenen Konstituenten der lautsprecher-mediatisierten
Massenrede: erstens auf die Wiedereinsetzung der im Rundfunk 'suspendierten Ko-
expressivität' des Redners, zweitens auf die Funktionalisierung der Massenresonanz
zum Zwecke der Effektivitätssteigerung der Rede.

28 Das Vormodeme und das Moderne werden hier im Gegensatz zur traditionellen Modemisierungs-
theorie nicht als zeitlich entgegengesetzte Pole eines Entwicklungskontinuums begriffen, sie exis­
tieren vielmehr gleichzeitig und werden in der kulturellen Praxis der Menschen gemeinsam repro­
duziert. Vgl. dazu Beck 1993, 94: "Die Moderne [...] ist immer durch ihr Gegenteil begrenzt prak­
tiziert worden Mit anderen Worten Modernisierung [...] und Gegenmodemisierung sind gleich ur­
sprünglich."
Laut/Sprecher Hitler 151
Betrachtet man die erste Konstituente genauer, dann macht bereits der 1926
vom Telefunken-Chefkonstrukteur Hans Gerdien veröffentlichte Grundlagenartikel
"Über die klanggetreue Schallwiedergabe mittels Lautsprecher" (1926, 28ff.) auf
die Möglichkeit einer Inszenierung der - so lässt sich in Anlehnung an Emst Kanto-
rowicz formulieren - 'Zwei Körper des Redners'29 aufmerksam. Die Telefunken-
Konstrukteure hatten in einer 16.000 Personen Platz bietenden "riesigen Autohalle
am Kaiserdamm in Berlin" eine Lautsprecheranlage aufgebaut, da sie austesten
wollten, "wie die riesigen Dimensionen eines Saales vollkommen durch eine einzi­
ge menschliche Stimme zu beherrschen" seien. Die Versuchsanordnung, die mit ei­
nem "Kondensatormikrophon als Aufhahmeorgan" und mit "acht, in der Höhe der
Galerien an Pfeilern befestigten Blatthallem" arbeitete, "gelang hervorragend gut,
auch auf den vom Redner entferntesten Plätzen war die Sprache vollkommen ver­
ständlich wiedergegeben, was um so eigenartiger wirkte, als man von den Gesten
des Redners und seinem Gesichtsausdruck selbstverständlich auf diese Entfernung
nichts mehr erkennen konnte" (36f.). Wie hat man sich die hier beschriebene Span­
nung zwischen der Sichtbarkeit des Redners und der Hörbarkeit seiner Stimme in
Hinsicht auf die durch die Mikrophon/Lautsprecher-Konfiguration wiedereinge­
setzte Koexpressivität vorzustellen? Folgt man der Studie von Detlev Grieswelle
(1972), dann ergibt sich für den Redner Hitler die folgende Charakteristik: Er betrat
meist wie träumend das Podium, zögerte den Beginn der Rede hinaus, "erweckte
den Eindruck, als fände er den Anfang der Rede nicht" (122). Dann der plötzliche
Entschluss: Ruckartig und mit tiefer Stimme eröffnet er den Vortrag. Zu Beginn der
Rede steht er "in Grundstellung, mit durchgedrückten Knien, die Füße leicht geöff­
net, die Arme gesenkt, mit lockeren Schultern. Seine Hände treffen sich vor dem
Leib", der Nacken ist nach vom gerichtet (122). Er beginnt mit ruhigen, beinahe
zögerlich gesprochenen Sätzen: Das Publikum gerät in einen Dämmerzustand.
Dann, plötzlich, schnellt der Kopf nach vom, die Gesichtszüge werden finster, die
aufgerissenen Augen starren ins Leere. Unmittelbar darauf erfolgt ein - so analy­
siert Schwitalla - "überfallartiger Tonsprung nach oben mit noch weiter steigernder
Intonation und maximal lautem Sprechen bzw. Schreien" (1994, 212). Die Hassti-
raden werden nun unter Anwendung der - von der NS-Rhetorik so genannten -
"Mittel- und Fernblicke"30 direkt in die Zuhörer der sichtbaren Reihen geschrieen.
Das wirkt wie ein Schock. Nun bewegt Hitler auch seine Arme, er reißt sie in die
Höhe, zeichnet Kreise in die Luft, aus der geballten Faust schleudert "das Handge­
lenk den Zeigefinger mahnend oder drohend in die Luft". Manchmal öffnet sich
diese Hand, um nach einem kurzen Ruck waagrecht, "mit geschlossenen innervier-
ten Fingern" stehen zu bleiben, dann wieder wird die Hand "unter gleichzeitigem
Öffnen von oben steil, fast senkrecht nach unten" geführt. Der Kopf wird ruckartig

29 Kantorowicz 1990.
30 Vgl. Kruse 1939, 16. Der 'Fernblick' , so Kruse ebd., soll dem Redner helfen, "Herr seiner Blick­
richtung" zu werden. Dieser Fernblick allerdings hilft dem Redner nur dann, wenn er auch sein
"Gegenstück", den "Mittelblick" beherrscht, mit dem der Redner einzelne Personen "in die Bahn
des eigenen Willens herüberzwingen" kann.
152 Cornelia Epping-Jäger

zurückgeworfen, untermalt von einer hämmernden Faust. Der Mund ist gespannt,
die Nasenflügel gebläht. Der insgesamt vollkommen angespannte Körper lehnt
"seitwärts zum Publikum" (Grieswelle 1972, 123). ln Momenten höchster Erregung
schnellt Hitler auf die Fußballen, reiht in Sekundenschnelle alle Bewegungen an­
einander. Begleitet wird dieses motorische Verhalten von lautlichen, sprachlich
nicht verstehbaren "Klimaxfiguren mit mehrfach wiederholter globaler Steigerung
auf jeweils höherem Tonniveau, größerer Lautstärke und zunehmendem Tempo bis
zu einem absoluten Gipfel, auf den dann ein plötzlicher, starker Ton- und Lautstär­
kenabfall folgt" (Schwitalla 1994, 209). Nun ist der "rhetorische Kulminations­
punkt" erreicht, unter dem "orkanartigen Beifall der Zuschauer" lässt Adolf Hitler
die Arme fallen, "die Haltung wird gelassener, der Stromkreis ist geschlossen, [...]
emotionale Spannung erfüllt den Raum" (Grieswelle 1972, 124).
Hat man es hier, in der visuell-akustischen Reichweite des Redners, also bereits
mit einer auschoreografierten ’Körperinszenierung' zu tun, die bis in die Tiefe von
ca. sechzig Metern sichtbar - und wohl auch hörbar - war, so entfaltet das Mikro­
phon/Lautsprecher-Ensemble seine volle Wirksamkeit allererst im Zusammenspiel
mit der jenseits dieser visuell-akustischen Grenze stattfindenden rituellen 'Inszenie­
rung des Körpers des Redners'.
Zu diesen Inszenierungsstrategien gehörte grundlegend, dass die Räume der
Massenveranstaltungen unter akustischen Gesichtspunkten ausgewählt und ausge­
stattet wurden, denn die Sichtbarkeit des 'Körpers des Redners' war maßgeblich auf
eine funktionierende technische Übertragung der Stimme des Redners angewiesen.
Hitler hatte bereits in "Mein Kampf' hervorgehoben, es gebe "Räume [...], die je­
der Erzeugung von Stimmung irgendwie heftigsten Widerstand entgegensetzen",
und er hatte darauf verwiesen, verschiedentlich akustische "Proben" unternommen
zu haben.31 "Heute" - so notierte Goebbels 1928 in sein Tagebuch - "probt der Chef
im Sportpalast die Lautsprecher aus" (1987, 187). Dabei aber blieb es nicht, wie
sich aus den Versuchsanordnungen der großen, an der Entwicklung der Mikro­
phon/Lautsprecher-Konfiguration beteiligten Firmen erschließen lässt. Den Wün­
schen der NSDAP entsprechend erprobten u. a. Siemens & Halske und Telefunken
Lautsprechereinrichtungen vor allem in solchen öffentlichen Räumen, die sich für
eine politisch-rhetorische Inszenierung eigneten. Das Tempelhofer Feld etwa wurde
für die Großveranstaltung zum 1. Mai 1933 mit eigens zu diesem Zweck entwickel­
ten 'Pilzlautsprechem' bestückt32, auf dem Nürnberger Parteitagsgelände errichtete
man mit Hilfe der "Großlautsprechertechnik"33 jenes technisch manipulierbare
Schallfeld34, das allererst die Voraussetzungen dafür zur Verfügung stellte, dass

31 Hitler 1937, 531.


32 Vgl. Artikel "Lautsprecher", in: Der Große Brockhaus 1933.
33 Mainka 1935, 583ff.
34 Dass hierbei keinerlei Risiken in Kauf genommen wurden, zeigt sich zudem darin, daß die NSDAP
ab den frühen dreißiger Jahren sowohl Uber eigene Lautsprecheranlagen als auch über eigens zum
Zwecke der Lautsprecherinstallation ausgebildete Experten verfügte; vgl in diesem Zusammen-
Laut/Sprecher Hitler 153
sich die Inszenierung des 'Körpers des Redners' massenwirksam zu entfalten ver­
mochte.
Wie hat man sich diese Inszenierung nun vorzustellen? Zunächst einmal so,
dass Hitler ausschließlich in adressatenorientiert ausgewählten Räumen sprach: Re­
dete er etwa vor Arbeitern, dann meist in großen Fabrikhallen35, sprach er dagegen
vor deutsch-nationalem Publikum, dann bevorzugte er traditionsreiche Orte von na­
tionaler Bedeutung. Durch die Ortswahl wird hier also die 'Aura' des jeweiligen
Schauplatzes beliehen. Der Veranstaltungsraum selbst - dies betrifft Innen- und
Außenräume gleichermaßen - wird durch eine technisch exakt ausgeprobte Lichtre­
gie auf den 'Körper des Redners' zentriert: Die Scheinwerfer sind von Beginn an
zentral auf die Rednertribüne hin ausgerichtet, die Zuschauerrote liegen im Halb­
dunkel; findet die Veranstaltung im Freien statt, grenzen Lichtscheinwerfer zudem
Außen- und Innenraum voneinander ab. Da der Großteil der Veranstaltungen im
Dunkeln, d.h. in den späten Abendstunden oder auch in den Nachtstunden statt­
fand36, kommt der Dekoration des Veranstaltungsortes besondere Bedeutung zu:
Zur Standardausgestaltung gehörten die blutroten Fahnen der 'Bewegung', aber
auch Wimpel, Fackeln und Hoheitszeichen, denen die Aufgabe zukam, flutende
Bewegungsabläufe selbst dann noch zu repräsentieren, wenn die Massen im Ver­
sammlungsraum in ihrer Konzentration auf die 'Führer'-Rede stillgestellt wurden.
Auch die Sitz-Formationen der Zuhörer wurden szenisch arrangiert: In markierten
Einteilungen werden die verschiedenen - etwa ständisch oder als Betriebsgruppen
organisierten - Massen auf ihr Zentrum, die Führer-Rede, hin angeordnet. Für den
ungestörten organisatorischen Ablauf war die bereits 1920 zum 'Schutz' des Red­
ners gegründete SA zuständig, die zur Eröffnung der Veranstaltung - unter lauten
Trommelwirbeln - zusammen mit SS-Standarten und gefolgt von Hunderten von
Parteifahnen in den Versammlungsraum einzog. Als uniformierte Marschsäulen
schritten SA und SS mit ihren Fahnen nun den selben Weg ab, den später auch der
'Führer' einschlug. Der Aufzug der Fahnenträger auf der Bühne und die Besetzung
der Treppe durch die SS-Rednerwache37 beendete das Vorspiel. "Die Menschen
stehen nun, singen und warten mit erhobenen Händen."3' Üblicherweise - und im­
hang die Hinweise bei Schröder 1937, 120 u. 132, der anlässlich des Wahlkampfes in Lippe im Ja­
nuar 1933 Uber den Einsatz einer Lautsprecher-Techniker-Truppe unter Leitung des Gaupropagan­
daleiters Leopold Guttcrer, vom Einsatz NSDAP eigener Lautsprecher-Wagen sowie über die "vor­
bildlich arbeitende Lautsprccheranlagc des Parteigenossen Schäfer" berichtet.
’5 Vgl Kindt 1934, 12: "Eine Rede vor Arbeitern hat naturgemäß eine ganz andere Resonanz, wenn
sie in der Dynamohalle der Siemenswerke, als wenn sie in einem bürgerlichen Versammlungslokal
abgehalten wird."
’6 Vgl dazu Hitler 1937, 530, der davon ausgeht, die Massen seien zu diesen Stunden leichter
beeinflußbar und gefügiger 'unter einen Willen zu zwingen'.
37 Ab 1920 übernahm die SA die Aufgabe, den Redner vor Störungen zu schützen, vgl. Hitler 1937,
549: Es "wurde kurzerhand festgestellt, daß die Herren der Versammlung wir seien [...], und daß
jeder, der es wagen sollte, auch nur einen Zwischenruf zu machen, unbarmherzig dort hinausflöge,
von wo er hereingekommen sei." In den späteren Massenveranstaltungen übernahmen SS-
Abordnungen die Aufgabe des direkten Rednerschutzes.
38 Vgl. dazu die bei Heiber 1971, 67ff. abgedruckte Reportage von Goebbels.
154 Cornelia Epping-Jäger

mer bewusst geplant - verspätete sich der 'Führer'. Kurze Reden von 'Unterführern'
steigerten bis dahin die Spannung. "Wann würde er kommen? War doch etwas Un­
erwartetes dazwischen getreten? Niemand beschreibt das Fieber, das in dieser At­
mosphäre um sich griff. Plötzlich, am Eingang hinten, Bewegung."39 Die Stimme
des 'Unterführers' auf dem Podium brach unvermittelt ab, Kommandorufe wurden
laut, Fanfarenstöße verkündeten nun die unmittelbare Ankunft des 'Führers'. "Alles
springt mit Heilrufen auf. Und mitten durch die schreienden Massen und die schrei­
enden Fahnen kommt der Erwartete"40 und eilte mit starrem Blick und ebenso erho­
bener Rechten durch ein Spalier von SA- und SS-Männern zur Estrade.
Der Körper des Redners wird hier, im Ritual und im Raum der Versammlung
also gleichsam rhetorisch-koexpressiv inszeniert: Denjenigen, die Hitler von ihren
Plätzen aus nicht mehr sehen, sondern 'nur' noch hören werden, stehen differenziert
choreographierte, visuelle Substitute zur Verfügung, die die Sichtbarkeit des 'Kör­
pers des Redners' im Gesamtraum garantiert. "Es ist", so beschrieb Emil Dovifat
1937 diese imaginäre Sichtbarkeit, "als erreiche das ruhige, schweifende Auge" des
Führers "auch die letzten Hörer in den höchsten und entferntesten Plätzen, zu denen
das Wort nur noch durch den Lautsprecher klingt. Die faszinierende Wirkung des
Namens und Ansehens und die große, politisch oft entscheidende Stunde, in der er
spricht, tut das übrige" (144). Wie auch immer man diese zeitgenössische Schilde­
rung einschätzt, so kann man ihr doch zumindest insoweit folgen, als sie mit Recht
hervorhebt, dass die Reichweitenbeschränkung der visuellen Sichtbarkeit von Ges­
tik und Mimik des Redners durch die quasi liturgische Ästhetisierung und Inszenie­
rung des 'Körpers des Redners' außer Kraft gesetzt wird.
Eine wesentliche Bedingung für das Gelingen einer omnipräsenten Anwesenheit
des Redners wird jedoch vor allem auch dadurch befördert, dass im Gegensatz zur
Sichtbarkeit die Hörbarkeit der Rednerstimme tatsächlich technisch für den Ge­
samtraum sichergestellt werden kann.41 Während der begrenzten Sichtbarkeit des
Redners für das Auditorium umgekehrt auch eine begrenzte Sichtbarkeit des Audi­
toriums für den Redner entsprach - und entsprechend auch die optische Nutzung
von Adressatenreaktionen für die Redeorganisation visuell limitiert blieb - erlaubte
allein der durch das Mikrophon-Lautsprecher-Ensemble konstituierte akustische
Resonanzraum eine fortlaufende Wiederverarbeitung von Reaktionen des gesamten
Adressatenkollektivs.42

39 Paul 1972, 124.


40 Paul 1992, 34.
41 Der erfolgreichen technischen Installation von Lautsprechern in großen Versammlungsräumen gin­
gen umfangreiche Tests durch Akustikexperten voraus. Eines der zentralen Probleme stellte die
Ausschaltung von Störeffekten durch akustische Rückkopplungen dar, vgl. Gerdien 1924, 33f. Das
Problem, daß sich "die Schallwellen der einzelnen Lautsprecher überstrahlen", wurde durch den
1933 von der Firma Telefunken entwickelten 'Pilzlautsprecher' behoben, vgl. Der große Brock­
haus, Ergänzungsband A-Z, Leipzig 1935.
42 Wenn die NS-Rhetorik also in Anlehnung an Le Bon und dessen Adaption durch Hitlers Ausfüh­
rungen in Mein Kampf das Resonanzverhältnis zwischen Redner und Hörer als das eines seine Op-
Laut/Sprecher Hitler 155
Die zweite Konstituente der durch das Mikrophon/Lautsprecher-Ensemble or­
ganisierten kommunikativen Entdifferenzierung kann in der Funktionalisierung der
Massenresonanz gesehen werden. Anders als der Rundfunk, dessen differenzierte
Adressenordnung keine Kommunikationsformen zur Verfügung stellt, die es
erlaubten, den Massenbewegungscharakter der NSDAP zum Ausdruck zu bringen,
kann die durch die Mikrophon/Lautprecher-Konfiguration übertragene Massenrede
als Erfüllungsform dieser Bewegungsideologie angesehen werden. Die Massenrede
transformiert die für die Bewegung charakteristischen Orte der Versammlung in
Resonanzräume, in denen der Redner mit der 'Volksgemeinschaft' scheinbar unmit­
telbar interagierte. Die Performanzmerkmale dieser kommunikativen Inszenierun­
gen sichern also nicht nur - wie bislang deutlich wurde - die imaginäre Sichtbarkeit
des ’Rednerkörpers' für ein Massenpublikum, sondern sie stellen zugleich einen
technischen Interaktionsrahmen zur Verfügung, in dem sich die Führerstimme
durch die Resonanz der jeweils kollektiv adressierten Masse affizieren und aufbau­
en kann. Die zentrale Eigenschaft der stimmlichen Verlautbarung besteht - um mit
Jacques Derrida zu reden - darin, dass bereits die "Operation des Sich-sprechen-
Hörens eine singuläre Selbst-Affektion schlechthin" darstellt. Das Subjekt kann
sich "hören und aussprechen, sich also vom selbstproduzierten Signifikanten affi­
zieren lassen, ohne den Umweg über die Instanz des Außen, der Welt, des Fremden
nehmen zu müssen" (1974, 135).43 Durch die Mikrophon/Lautsprecher-Konstel­
lation der Massenrede, so könnte man nun sagen, wird dieser Prozess der Selbstin­
duktion so erweitert, dass der Redner seine Stimme durch ein technisch verzögertes
Feedback in eins mit einer Imprägnierung durch die Massenresonanz wieder ver­
nimmt. Da der Lautsprecher die Stimmsignale immer mit einer gewissen zeitlichen
Verzögerung überträgt, wird die unmittelbare Selbstwahmehmung des Redners
durch die technisch vermittelte, zeitlich verschobene äußere Resonanz - durch die
Stimme, die alle gehört haben - überschrieben.44 Die durch die Mikrophon/Laut­
sprecher-Konfiguration medial vom Leib getrennte Stimme schreibt sich als kollek­
tiv ratifizierte erneut in den Körper des Redners ein. Sie wird durch die Mikro-
phon/Lautsprecher-Konfiguration auratisch inszeniert in einem paradoxen Zugleich
von Nähe und Feme: Die Stimme ist unmittelbar bei sich und doch technisch dis­
tanziert, sie ist Massenkommunikation und doch intime 'Kommunikation im Raum
wechselseitiger Wahrnehmung'. Es ist diese Synthese eines techno-akustischen
Formats mit neuen Formen performativer Inszenierung der Stimme, aus der die
Wirkungsmächtigkeit des Dispositivs Laut/Sprecher in der Zeit des Nationalsozia­
lismus hervorgeht.

fer durch den Blick bannenden Hypnotiseurs charakterisieren, dann stellt das wohl ein Selbstmiß­
verständnis dar.
41 Derrida 1974, 135, der sich in diesem Kontext kritisch mit der phänomenologischen Rekonstrukti­
on der Stimme durch Husserl auseinandersetzt.
44 Zum einen gelangen die vom Mikrophon in Wechselströme gewandelten Sprachsignale Uber den
Verstärker und die Leitungen mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung zum Lautsprecher, zum
zweiten müssen die wieder ruckgewandelten akustischen Schwingungen vom Lautsprecher durch
den Raum zum Sprecher zurück transportiert werden.
156 Cornelia Epping-Jäger

Literatur

Andriopoulos, S./Schabacher, G./Schumacher, E. (Hg ): Die Adresse des Mediums, Köln 2001.
Arenhövel, A.: Der Berliner Sportpalast und seine Veranstaltungen 1910 - 1973, Berlin 1990.
Amheim, R.: Rundfunk als Hörkunst, München-Wien 1979.
Balke, F.: "Allgemeine Einleitung“, in: Antrag des Forschungskollegs "Medien und Kulturelle Kom­
munikation" (2. Förderungsphase), Köln 2001, 1-47.
Beck, U .: Die Erfindung des Politischen, München 1993.
Bytwerk R.L.: "Die nationalsozialistische Versammlungspraxis. Die Anfänge vor 1933", in: G. Diese-
ner/R. Gries (Hg.): Propaganda in Deutschland. Zur Geschichte der politischen Massenbeeinflus­
sung im 20. Jahrhundert, Darmstadt 1996, 35-30.
Derrida, J.: Die Stimme und das Phänomen, Frankfurt/M. 1979.
Diller, A: Rundfunkpolitik im Dritten Reich, München 1980.
Dittami, J./Grammer, K.: "Kommunikationskanäle beim Menschen und ihre Manipulation", in: Signale
und Kommunikation, Heidelberg-Berlin-Oxford, 162-184.
Dovifat, E.: Rede und Redner. Ihr Wesen und ihre politische Macht, Leipzig 1937.
Fohrmann, ].: Der Unterschied der Medien, (unveröffentl. Manuskript).
Gerdien, H.: "Über klanggetreue Schallwiedergabe mittels Lautsprechern", in: Telefunken-Zeitung 43
(1926) VIII. Jg., 28-38.
Grieswelle, D.: Propaganda der Friedlosigkeit. Eine Studie zu Hitlers Rhetorik 1920-1933, Stuttgart
1972.
Goebbels, J.: Die Tagebücher. Sämtliche Fragmente Bd. 2. Teil I: Aufzeichnungen von 1924 - 1941
(hg. v. E. Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte in Verbindung mit dem Bundesar­
chiv), München 1987.
Göttert, K.H.: Geschichte der Stimme, München 1998.
Hardt, E.: "Wort und Rundfunk", in: Kunst und Technik (hg. v. L Kestenberg), Berlin 1930, 177-181.
Heiber, H. (Hg ): Goebbels-Reden Bd. I: 1932 - 1939. Düsseldorf 1971.
Heilbut, I. "Stimme und Persönlichkeit", in: Rufer und Hörer III (1933) 546-548.
Hiebier, H.: "Zur Technikgeschichte der akustischen Medien", in: Medien & Zeit. Forum für histori­
sche Kommunikationsforschung 4 (1997) 22-39.
Hitler, A.: Mein Kampf 2 Bde, 417.-418. Aufl., München 1939.
Höhne, H.: Die Zeit der Illusion: Hitler und die Anfänge des Dritten Reiches 1933-1936, Düsseldorf
1991.
Kantorowicz, E.: Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters,
München 1990.
Kindt, K.: Der Führer als Redner, Hamburg 1934.
Krämer, S.: "Sinnlichkeit, Denken, Medien: Von der 'Sinnlichkeit als Erkenntnisform' zur 'Sinnlichkeit
als Performanz'", in: Der Sinn der Sinne (hg. v. der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepu­
blik Deutschland), Bonn 1998a, 24-39.
Dies.: "Das Medium als Spur und als Apparat", in: Dies. (Hg ): Medien. Computer. Realität. Wirklich­
keitsvorstellungen und Neue Medien, Frankfurt/M. 1998b, 73-94.
Kruse, U.J.: Die Redeschule, Leipzig 1939.
Leers, P.W.: "Die politische Rede im Rundfunk”, in: Funk 8 (1932) Heft 33, 129-130.
Laul/Sprecher Hilter 157

Luhmann, N.: "Einfache Sozialsysteme", in: Zeitschrift für Soziologie I (1972) 51-65.
Mainka, A.: "Großlautsprechertechnik auf dem Nürnberger Reichsparteitag 1935", in: Funk (1935,
583).
Menzerath, P. (Hg ): Bericht über die I. Tagung der Internationalen Gesellschaft für experimentelle
Phonetik in Bonn vom 10. bis 14. Juni 1930, Bonn 1930.
Paech,"Überlegungen zum Dispositiv als Theorie medialer Topik", in: Medienwissenschaft 4 (1997)
400-420.
Panofsky, E.: "Stil und Medium im Film", in: E. Panofsky: Die ideologischen Vorläufer des Rolls-
Royce-Kühlers <£ Stil und Medium im Film (hg. v. H. und U. Raulff), Frankfurt-Paris 1993, 17-52.
Paul, G.: Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933, Bonn 1992.
Schröder, A.: "Hitler geht auf die Dörfer ..." Der Auftakt zur nationalen Revolution, Erlebnisse und
Bilder von der entscheidenden Januarwahl 1933 in Lippe, Detmold 1938.
Waldenfels, B : Vielstimmigkeit der Rede. Studien zur Phänomenologie des Fremden 4, Frankfurt/M
1999.
Zumthor, P.: "Körper und Performanz", in: H.U. Gumbrecht/K.L. Pfeiffer (Hg.): Materialität der
Kommunikation, Frankfurt/M. 1988, 703-713.
Ders.: Die Stimme und die Poesie in der mittelalterlichen Gesellschaft, München 1994.
Lachen über Hitler den Redner im Flüsterwitz
Klaus Hansen

"Ich hasse Witze. Ich vergesse immer die Pointe. Aber


dann ziehe ich ja auch Ernstes vor. Schließlich ist das
Leben eine sehr ernste Angelegenheit." Adolf Hitler in
George Tabori: Mein Kampf. Eine Farce.

1. Vorbemerkung

Hitler ist heute, 57 Jahre nach dem Tod des 56-jährigen, eine globale Vielzweck­
waffe. Wir hören von Hitler-Doubles in den USA, die von Künstler-Agenturen
vermittelt und als Partyschreck engagiert werden. Zum Hitler-Double gehört nicht
viel: durchschnittliches Gesicht, eine in die Stirn fallende schwarze Haarsträhne
und ein Schmutzfleck auf der Oberlippe, ln Taiwan ist A.H. im Dienste elektrischer
Heizlüfter unterwegs. Auf riesigen Plakaten tritt uns ein lächelnder Hitler in Khaki-
Uniform und schwarzen Schaftstiefeln entgegen, der den rechten Arm zum "Füh­
rergruß" erhoben hat. Darunter der Slogan: "Declare war on the cold front!" Die
Werbestrategen benutzen Hitler zu einem einzigen Zweck: dem Hinweis auf das
"Made in Germany". Denn die Heizlüfter kommen aus Baden-Württemberg. Und
Hitler ist in Taiwan nur ein anderer Name für Deutschland, für ein verlässliches
Land, dessen Produkte halten, was von ihnen versprochen wird (vgl. Palm 2001).
Für die nordrhein-westfälische FDP ist Hitler ein Lehrer, der dann seine Schüler
findet, wenn andere, bessere Lehrer fehlen. Darum taucht er zu Anfang des Jahres
2000 auf einem umstrittenen Wahlkampfplakat auf, das gegen den Lehrermangel in
den Schulen zu Felde zieht. - Die Verniedlichung des "Führers" ist ubiquitär. Wie
überhaupt die Rückbesinnung auf das "Dritte Reich" in dem Maße, wie das histori­
sche Geschehen vom "kommunikativen Gedächtnis" ins "kulturelle Gedächtnis"
übergeht (vgl. Dubiel 1999, 243f.), zum Bestandteil eines weltweiten Unterhal­
tungsprogramms zu werden scheint. In einer Umfrage zu den Lieblingsbeschäfti­
gungen der US-Amerikaner rangiert das "Remember the Holocaust" auf Platz elf
von "40 funny things to do" (vgl. FAZ, 8.09.2001, 49). Folgerichtig betont der
Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland den Wohlfühlfaktor, wenn er vom
zu errichtenden Holocaust-Denkmal südlich des Brandenburger Tores fordert, es
müsse ein Ort werden, "wo man gern hingeht" (vgl. zusammenfassend v. Ackeren
1999). Ungefähr zur gleichen Zeit, da der Bundeskanzler den Besuch des Völker­
mord-Denkmals in die "funny things to do" einreihen möchte, erschließt Roberto
Benigni mit seinem Film "La Vita 6 bella" (Italien 1997) der Filmkomödie einen
bis dahin tabuisierten Schauplatz: das KZ. War die Person Hitlers schon seit 1940
160 Klaus Hansen

ein Objekt des Lachens der Bühnenkultur - erinnert sei an Chaplins "The Great
Dictator" (USA 1940) und Lubitschs "To Be Or Not To Be" (USA 1942) - so tritt
mit Benignis Film die Gattung der "Auschwitz-Komödie" ins gesellschaftliche Le­
ben.1
Über Hitler und die Barbarei des Dritten Reiches wird heute nicht nur gelacht,
sondern es wird auch darauf geachtet, dass man sich dabei wohlfühlt und einem das
Lachen nicht im Halse stecken bleibt. Der Siegeszug des von Andreas Dömer un­
tersuchten "Feel-good-Faktors" bei der medialen Darstellung von Politik und Ge­
schichte, auch der totalitären und genozidalen, ist unübersehbar (vgl. Dömer 2001,
62ff.).
Heute über A.H. und das Dritte Reich zu witzeln, zu spötteln und zu lachen ist
also Bestandteil des medialen Unterhaltungsangebotes und stellt kein Risiko mehr
dar. Interessanter - nach wie vor - ist die unserer Ansicht nach unbeantwortete Fra­
ge des "gefährlichen Lachens" in der Zeit der NS-Herrschaft: Wie ist es zu erklä­
ren, dass für das Lächerlichmachen politischer Autoritäten sogar Todesurteile ge­
fällt wurden? Wir möchten diese Frage zunächst am Beispiel des politischen Wit­
zes im Nationalsozialismus allgemein erörtern (Kap. 2 u. 3) und sie dann auf den
"Führer" fokussieren: War "Hitler der Redner" ein Gegenstand des "Flüsterwit­
zes"? (Kap. 4).

2. Der verfolgte Hitler-Witz

Der politische Witz ist immer tendenziöser Witz (vgl. Röhrich 1977, 206ff.); er
nimmt Tendenz auf die Mächtigen und Herrschenden, auf das politische Personal.
Dies kann er in positiver, zustimmender Art und Weise tun, dann gilt er als politi­
scher "Für-Witz", oder in negativer, kritisierender, aggressiver Weise, dann handelt
es sich um jene "pointierte Kurzerzählung" (vgl. Berger 1998, 105), die unter be­
stimmten Voraussetzungen "Flüsterwitz" heißt, ein Begriff, der 1935 aufgekommen

1 Zugleich wird damit der filmische Kanon der Holocaust-Repräsentation des 20. Jahrhunderts abge­
steckt: Claude Lanzmanns Shoa, Steven Spielbergs Schindlers Liste und Roberto Benignis Das
Leben ist schön repräsentieren die ganze Breite des Spektrums. La Vita b bella zeigt (fast) nichts
vom Leiden der Opfer im Lager, sondern (fast nur) von ihren Hoffnungen Das Lachen der Zu­
schauer Uber diese Auschwitz-Komödie ist ein melancholisches Lachen. Man lacht Uber die kleine
Humanität innerhalb der großen Inhumanität; man lacht aus Ohnmacht: Uber die Unmöglichkeit,
dem Grauen wirksam entgegentreten zu können; man entäußert ein robustes Lachen Uber den un­
verwüstlichen Optimismus der Opfer: Das Leben ist schön - unbeschadet dessen, was war, was ist
und was sein wird.
Lachen über Hitler im Flüsterwitz 161
ist (vgl. Willenbacher 1935) und durch H.J. Gamm populär gemacht wurde (vgl.
Gamm 1963).2
Folgender Hitler-Witz aus der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre ist ein politi­
scher Für-Witz; er stellte für seine Erzähler keinerlei Risiko dar; auch in den Kanti­
nen von Partei, Polizei und Militär wurde er kolportiert: "Wer ist der größte Elek­
triker Europas? Adolf Hitler! Er hat 80 Millionen gleichgeschaltet, Deutschland i-
soliert, Rohm geerdet, Moskau ausgeschaltet, Italien eingeschaltet und ganz Europa
in Hochspannung versetzt, ohne einen einzigen Kurzschluß zu erzeugen" (vgl. Hir-
che 1964, 69; Gamm 1963, 107). Eine schlüssige Übertragungsleistung der Fach­
terminologie des Elektrohandwerks auf die gloriosen Taten des Führers; der Zuhö­
rer wird dies - wenn nicht die Aussage, so doch die Technik: das Spiel mit dem
Doppelsinn der Wörter - mit gemäßigtem Anerkennungs-Lachen quittieren. Hitler
und Goebbels, die selbst zum eher zynischen Herrenwitz von oben herab neigten
und keinerlei Fähigkeit zur Selbstverspottung erkennen ließen (vgl. Gamm 1963,
7f., 167ff.; Strohmeyer 1989, 21f.), betonten wiederholt ihrer Aufgeschlossenheit
gegenüber dem Witz, allerdings müsse er "anständig" sein und "Haltung" zeigen
(vgl. Picker 1989, 235f.) - wie das voranstehende Exemplar.3
"Flüsterwitz" nennen wir den aus dem Geist des Widerspruchs geborenen poli­
tischen Angriffswitz "von unten", aus dem Reservoir der "Volkskultur" (Michail
Bachtin) oder des "Volksvermögens" (Peter Rühmkorf), erzählt unter den Bedin­
gungen eines totalitären Staates, die es ratsam erscheinen lassen, im vertrauten
Kreise zu "flüstern" statt für jedermann, auch den Denunzianten, vernehmlich zu
sein. Der Flüsterwitz teilt alle Merkmale des Witzes; er gehört zur Wortkomik, die
zu allererst eines will: lachen machen. Zu seinen Eigenschaften zählen Mündlich­
keit; temporale und formale Kürze; eine dreigliedrige Komposition ist die Regel;
seine Rätselhaftigkeit am Anfang mündet in eine überraschende, oft unvordenkliche
Plausibilität der Pointe, die ganz am Schluss zu stehen hat. Als tendenziöse Aussa­
ge, die sich gegen die politischen Machthaber und ihr politisches System richtet,
verzichtet der Witz auf die Geradlinigkeit des Agitprop und widerspricht auf an­
spielungsreichem, mindestens doppelsinnigem Wege den herrschenden Verhältnis­
sen. "Zu verstehen geben im Modus des Anspielens (...) ist die innere Form des
Witzes" (Plessner 1961, 129). Seine große Kunst besteht in der Unmissverständ­
lichkeit seiner Tendenz trotz Indirektheit der Aussage. Verwandelt sich die Indi­
rektheit in Direktheit, verfliegt der Witz.
Vom Flüsterwitz sagt man, er sei Ausdruck des "kleinen Widerstandes" (vgl.
Frei 1978); das durch ihn hervorgerufene Lachen sei eine von den Diktatoren ge­
fürchtete Waffe. Wir wissen von Gefängnis- und Todesstrafen, die für das Verbrei-

2 Als Gegenstand akademischer Abschlussarbeiten ist der Flüsterwitz ein außerordentlich seltenes
Thema. Lediglich zwei Dissertationen und eine Magisterarbeit sind mir bis dato bekannt: Buchele
1956, Schmidt 1988 und Wöhlert 1997.
3 Nach Marlis Steinert schätzte Goebbels in Gesprächen und auch in seinen Tagebüchern die
anständigen Witze als harmlosen "Stuhlgang der Seele" ein; vgl. 1970, 606.
162 Klaus Hansen

ten von Flüsterwitzen verhängt wurden (vgl. u.a. Daniman 1983; Justiz im Natio­
nalsozialismus 1989; Wiener 1994). Wir möchten wissen, worin denn nun genau
die "umstürzende Potenz" (Jurzik 1986, 39) des Flüsterwitzes besteht. Die zwei re­
gierungsamtlichen Antworten der NSDAP kennen wir: "Defätismus" und "Zerset­
zung". Der Witz untergrabe das Vertrauen der Bevölkerung in die politische Füh­
rung, so im "Heimtückegesetz" vom 20. Dezember 1934 nachzulesen. Der Witz
schwäche den Selbstbehauptungswillen des deutschen Volkes im Krieg, so in der
"Verordnung über das Sonderstrafrecht im Kriege und bei besonderem Einsatz"
vom 17. August 1938 festgehaiten. Daran mag glauben, wer will. Die in beiden
Vorhaltungen unterstellte Verschwörung der Witzemacher gegen den Staat hat es
faktisch nicht gegeben. Was auch immer die Flüsterwitze-Erzähler waren, ernsthaf­
te Widerstandskämpfer - verglichen mit Georg Elser und den Männern des 20. Juli
- waren sie objektiv und ihrem Selbstverständnis nach nicht, obwohl sie behandelt
wurden wie diese.
Halten wir uns an das, was beobachtbar ist: Flüsterwitze machen lachen. Wo­
durch aber reizt der Flüsterwitz zum Lachen? Wir lachen, wie bei allen Witzen, zu­
nächst über seine Machart, seine Technik, und das heißt im weitesten Sinne über
seine "Inkongruenz", das sagen alle maßgeblichen Theorien über das Lachen von
Kant (1977, urspr. 1798), Schopenhauer (1997, urspr. 1819 u. 1844) über Freud
(1958, urspr. 1905) und Plessner (1961, urspr. 1941) bis hin zu Koestler (1966) ge­
meinsam aus: Witzig ist, was verblüfft. Der Witz induziert kraft der strukturierten
Polysemie seiner Wörter und Wendungen systematisch Rätsel und Missverständ­
nisse, die dann doch keine sind, wie wir zu unserer perplexen Überraschung mit
ventilierendem Lachen quittieren müssen. "Ähnliche Wörter werden für verschie­
dene Dinge und verschiedene Wörter für ähnliche Dinge gebraucht" (vgl. Eco
1982, 595): Homonoymie und Synonymie sind zwei verbreitete Techniken. Wort­
spiele, Denkfehler, logische Paradoxien, auch szenische Situationskomik sind wei­
tere. Erheiternd wirkt der Witz nur beim ersten Mal; kennt man ihn schon, bleibt
sein Effekt schal. Der Überraschungsmoment, der Aha-Effekt, ist also konstitutiv
für den Witz.
Wir lachen beim Flüsterwitz aber nicht nur dank seines Aha-Effektes, sondern
auch über seinen Haha-Effekt, seine aggressive Tendenz, die sich gegen die
Machthaber richtet und dabei kein Tabu kennt, um vor allen deren Dummheit, Lü­
genhaftigkeit und moralische Verkommenheit - nicht selten in Verbindung mit se­
xuellen und fäkalischen Sujets - zu brandmarken. Unser Lachen wird dabei, wie
Freud betont (1958, 83ff.), durch den plötzlich überflüssig gewordenen Hem­
mungsaufwand stimuliert, der normalerweise mit diesen Themen verbunden ist. Der
und das Unterdrückte machen sich im Witz-Lachen Luft. Aber kommt, müssen wir
mit Friedrich Torberg fragen, die Erleichterung, die das einbringt, nicht auch den
Unterdrückern zugute? (vgl. Torberg 1967, 41) Denn die Energie, die über das
Ventil des Witzes abfließt, fehlt den Witzemachem für die faktische Veränderung
Lachen über Hitler im Flüsterwitz 163

der Verhältnisse, einerseits. Andererseits lassen sich in der Luft, die man sich im
Politwitz macht, die schwer erträglichen Zustände weiter ertragen.

3. Das gefährliche Funktionsquartett des Lachens

Warum wird gleichwohl das Lachen von totalitären Machthabern gefürchtet? Weil
sich ihnen im Lachen über den Flüsterwitz der Untertan entzieht. Ein für totalitäre
Systeme durch nichts zu billigender Kontroll- und Einflussverlust. Der Flüsterwitz hat
eine zentrifugale Kraft, die dem zentripetalen Druck zur Uniformität und Geschlos­
senheit totalitärer Regime entgegenwirkt (vgl. Bachtin 1998). In allen vier Funktio­
nen, man könnte von einem Funktionsquartett des Lachens sprechen:
- Stolzlachen
- Enthemmungslachen
- Auslachen
- Mitlachen

stellt das Flüsterwitz-Lachen für totalitäre Machthaber eine Provokation dar, die sie
nur als Gefahrenquelle wahmehmen können.
Stichwort "Stolzlachen".
Die Genugtuung darüber, dass wir bei aller Verschlüsseltheit und Kürze die Pointe
Y?rstanden, das Rätsel auf der Stelle gelöst haben, äußern wir lachend. Jeder Witz
ist eine Probe auf die intelligente Geistesgegenwart seines Zuhörers. Gibt es etwas
Peinlicheres als bekennen zu müssen, man habe den Witz nicht verstanden? Auf
Anhieb verstanden, das ist wichtig, denn ein Groschen, der pfennigweise fällt, hat
seinen Wert verloren. - Das Stolzlachen macht die Lacher selbstbewusst.
Stichwort "Enthemmungslachen".
Über die tabulose Unverschämtheit von Thema und Tendenz brechen wir in ein La­
chen aus, dessen Rücksichtslosigkeit uns selber gelegentlich nicht ganz geheuer ist.
Die Intensität des Lachens bemisst sich am Tabu, das der Witz bricht. "Lachen ist
ein Phänomen, das in und durch den Körper ausgedrückt wird" (Le Goff 1999, 49).
Diese Verbindung zum Körper, über den der Lachende seine Beherrschung verliert,
wenn er wirsch gestikulierend und grimassierend sich "ausschüttet vor Lachen",
dieses zügellose, anarchisch-ungehörige, auch: plebejische Moment begründet ein
Gutteil des Misstrauens autoritärer Machthaber vor dem Lachen ihrer Untergebe­
nen. Lachen bedeutet das Gegenteil von Selbstbeherrschung. Aus dem christlichen
Mittelalter weiß man, dass es als "niedere Äußerung" zugleich das Gegenteil von
Stille, Bescheidenheit und Demut ist. Im Roman "Der Name der Rose" warnt Jorge
von Burgos, der blinde Mönch und mörderische Herr über die Bücher, eindringlich
vor dem Übermut, der durch das Lachen freigesetzt wird. Der Lachende spiele sich
als Herr über die Herrschaftsverhältnisse auf und, dies das gefährlichste, er sei für
164 Klaus Hansen

die Momente des Lachens ohne Angst (vgl. Eco 1982, 603f.). Der laute, unbe­
herrschte und angstfreie Bürger ist nicht mehr der dienemütige Untertan totalitärer
Machthaber und setzt dem Anspruch ihrer Autorität Grenzen. Auch aus diesem
Grunde muss der homo ridens dem Diktator unheimlich sein. - Das Enthemmungs­
lachen macht die Lacher unerschrocken.
Stichwort "Auslachen".
Lachen ist - so wissen wir seit Platon und Aristoteles - eine Überlegenheitsgeste.
Thomas Hobbes hat den Sachverhalt in die "sudden glory" - Hypothese gekleidet.4
Die Autoritäten, denen wir im realen Leben unterliegen, werden im Flüsterwitz
verhöhnt, wir erheben uns über sie: Prävalenz-Lachen und degradierendes Lachen
bilden die zwei Seiten ein- und derselben Medaille (vgl. Schmidt 1988).
Das Lachen ist ein Queli des Vergnügens für mindestens zwei der drei beteilig­
ten Personen. "Der tendenziöse Witz braucht im allgemeinen drei Personen, außer
der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Objekt der feindseligen (...) Aggres­
sion genommen wird, und eine dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu
erzeugen, erfüllt" (Freud 1958, 80). Diesen Gedanken hat Freud von Bergson über­
nommen, und Le Goff ist der Auffassung, es sei der einzig lohnende Gedanke in
Bergsons ansonsten enttäuschender Schrift Le rire aus dem Jahre 1900 (vgl. Le
Goff 1999, 42). Dass es der dritten Person, über die gelacht wird, mitunter nicht
zum Lachen zumute ist, macht einen Teil ihrer Schwäche aus. Das heißt: Das Flüs­
terwitz-Lachen musste den Nazi-Führern, die so sehr auf die Dankbarkeit und die
Verehrung durch ihre Untertanen erpicht waren, auch deshalb gefährlich erschei­
nen, weil sie nicht die Souveränität zum Mitlachen (oder zur Ignoranz) besaßen und
statt dessen schweres juristisches Geschütz auffuhren, wodurch sie den Nachweis
ihrer Lächerlichkeit selbst besorgten. Bei der sozialpsychologischen Ursachenfor­
schung weisen Gamm (1963, 168) und Haffher (2000, 22) wiederholt auf den Ty­
pus der "gescheiterten Existenz" hin, der in den Nazi-Größen Hitler, Goebbels, Gö-
ring, Ley, Hess u.a. an die Macht gelangte. Es handelte sich um unsichere "kleine
Leute", die mit gewaltigen Gebärden "eine Zone der Ehrfurcht" um sich zu verbrei­
ten suchten. "Wer darüber witzelte, durfte aller Ungnade gewiß sein" (Gamm,
ebd.).
Stichwort "Mitlachen".
Das Lachen über Witze ist ein soziales Phänomen. Man lacht nicht für sich allein.
Diejenigen, die über die gleichen Flüsterwitze lachen, versichern sich gegenseitig
der Zustimmung zu ihrer Tendenz. Das Lachen verfügt über starke gemeinschafts­
stiftende Kräfte, die situativ Zentrum und Peripherie definieren: Lose einzelne wer­
den zur lachenden Gruppe formiert, denen das Lächerliche als ausgeschlossenes
Drittes gegenübersteht (vgl. Lederle 1997, 19f.). Das gemeinsame Lachen erfüllt

4 "... die Leidenschaft des Lachens ist nichts anderes als ein plötzliches Glücksgeftlhl, das durch die
plötzliche Erkenntnis von der eigenen Überlegenheit im Vergleich zur Schwäche anderer entsteht”
(Hobbes, zit. n. Handwörterbuch d Rhetorik 5 (2001) 10).
Lachen über Hitler im Flüsterwitz 165

die Funktionen eines "Einschluß-Lachens" (Louis Dupreel) oder "Kooptationsla­


chens" (Odo Marquard), hat also integrierende Wirkung - und fährt die Lacher zu
einer klandestinen Komplizenschaft und Opposition zusammen - befurchten die zu­
tiefst misstrauischen Machthaber.
So bleibt zu resümieren, dass das Lachen über den aggressiven Politwitz allen
autoritären Systemen deshalb gefährlich erscheint, weil sie darin eine Schule des
Ungehorsams erkennen, die ihrem Anspruch auf tendenziell totalen Gehorsam zu­
widerläuft. Dass sie es nicht besser wissen, gehört zur Dummheit dieser Systeme.
Während zum Klugheitsfortschritt, den sich Demokratien zugute halten, auch das
ironische Gelächter über sich selbst gehört. Das hängt nicht nur mit der Meinungs­
freiheit und der Freiheit des Redens und Publizierens zusammen. Es gründet tiefer,
schreibt Peter von Matt, und zwar im Wissen, dass jede eingerichtete Ordnung et­
was Vorläufiges ist und jederzeit wieder geändert werden kann, ohne dass dadurch
die Unzulänglichkeit der Welt beseitigt würde (vgl. v. Matt 1989). Ein gesundes
Defizit an metaphysischer Fundierung ist eines der Kennzeichen der Demokratie.

4. Hitler der Redner im Flüsterwitz

Man sollte meinen, bei einem Politiker, der wie kaum ein anderer auf die Einfluss­
macht des gesprochenen Wortes setzte, der größten Wert auf Redetechnik und Rhe­
torik legte, dessen Stimme dank des jungen Rundfunkmediums und des "Volks­
empfängers" bis in die abgelegensten Regionen des Reiches drang, dieser Rhetor
Hitler sei auch eine beliebte Zielscheibe des Flüsterwitzes gewesen. Doch weit ge­
fehlt! Die Durchsicht der vier repräsentativen Witz-Sammlungen (Gamm 1963,
Hirche 1964, Daniman 1983, Wiener 1994) brachte eine karge, enttäuschende Le­
se. ln ausländischen Theatern, Filmen und Kabaretts, in literarischen Parodien und
Satiren ist der Redner Hitler bereits in der Zeit seiner Führerschaft eine vielverspot­
tete Figur (vgl. Scholdt 1993, 339ff.). Aber im heimischen Flüsterwitz macht es
Mühe ihn zu finden.
Dass Hitler in München Schauspiel- und Sprechunterricht genommen hat, ist
belegt. Dabei hat er viel Nützliches gelernt, meint Brecht, z. B. fürchterlich zu brül­
len ohne heiser zu werden. Was für seine Gelehrigkeit bei den Atem- und Artikula­
tionsübungen spricht. In seinem Parabelstück von 1941, "Der aufhaltsame Aufstieg
des Arturo Ui", lässt Brecht Hitler mit einem alten Tragöden trainieren: "zuerst das
Gehen", dann das "Stehen vor Leuten", schließlich "das Sitzen" und das "Reden"
(vgl. Brecht 1965, 54ff.). Ist es Zufall, dass das "Reden" erst an vierter und letzter
Stelle kommt? Alles und jedes will bedacht sein, das Eintreten in einen Saal - "Der
Führer tritt ein, wie Führer eintreten. Er erscheint und ist da, das sagt alles" (H.
Mann, 1989, 104) -, auch das Armeverschränken vor der Brust und das Händever-
schränken vorm Geschlecht. Nichts möchte Hitler der Spontaneität und dem Zufall
überlassen, so dass er den satirischen Rat seines österreichischen Landsmannes An-
166 Klaus Hansen

ton Kuh gewiss verachtet hätte: "Überlaß Dich dem regelmäßigen An- und Ab­
schwellen der Stimme, es klingt bereits nach Politik" (Kuh 1989, 120). Brecht be­
obachtete bei Hitler schon in den zwanziger Jahren seine konzentrierte para- und
extraverbale Theatralik: wie er bei öffentlichen Auftritten den ganzen Körper kal­
kuliert einsetzte, um eine unnahbare Helden-Figur abzugeben. Um selbst beim Ge­
hen - Arturo Ui: "Wenn ich gehe, wünsche ich, daß es bemerkt wird, daß ich gehe"
(Brecht 1965, 55) - noch wichtig zu erscheinen, setzte er "den Fuß mit den Zehen­
spitzen zuerst auf, und das Bein blieb steif. Dieser Gang schien majestätisch, be­
sonders wenn man dabei das Kinn einzog" (vgl. Meyer 1998, 98). Dieses unfreiwil­
lige Angebot an Komik taucht aber im Flüsterwitz nicht auf. Und bei den gut tau­
send Witzen, die wir durchgesehen haben, findet sich nur zwei - zugegeben mäßige
- Exemplare, die sich auf Hitlers Inszenierungs-Sinn und Gestik beziehen:
"Hitler trifft mit Gefolge in einer Stadt ein. Zur Begrüßung soll ihm ein kleines Mädchen einen Blu­
menstrauß überreichen, stolpert dabei und wird vom Führer in seinen Armen aufgefangen. Dabei
spricht er einige Worte. Eifrige Reporter bemühen sich anschließend um das kleine Mädchen, um zu er­
fahren, was der Führer gesagt habe 'Hoffmann, jetzt schnell eine Aufnahme', war die Antwort" (Gamm,
1963, 105f)5
"Gerade wenn er steht, hält der größte Feldherr aller Zeiten immer die Hände vors Geschlecht. Warum?
Weil ihm keiner gewachsen ist” (Hirche 1964, 88).

Hitlers raue, gutturale Artikulation findet sich in nur einem Exemplar angespro­
chen:
"Hitler und Mussolini treffen sich. Langes Händeschütteln. Pathetisch beteuert der Duce: 'Ihr Eid ist
mein Eid!' Hitler umarmt den Freund und ruft mit grollend-rollendcm R: 'Mein Sinn ist Irr Sinn!"'
(Gamm 1963, 150).

Hitler könne nur "salbungsvoll oder höhnisch" sprechen, hat Viktor Klemperer an­
gemerkt; Alain Bullock betont seine "Neigung zu Kraftausdrücken" - nichts davon
spiegelt sich im Flüsterwitz. Hitler spreche ein "verballhorntes Deutsch", stellte
Thomas Mann fest, zudem mit "bajuwarischem Akzent" - nichts davon im Witz.
Zu den verbalen Eigenschaften, die gelegentlich im Witz aufs Korn genommen
wurden, gehören bestimmte Stereotypen. Nach jeder "Lebensraumerweiterung" der
Vorkriegszeit pflegte Hitler zu beteuern, jetzt habe er "keinerlei territoriale Forde­
rungen" oder "territoriale Interessen" mehr. So kam nach der Abtretung des Sude­
tenlandes ans Deutsche Reich (1.10.1938) folgender Witz in Umlauf:
Hitler hält eine Rede: "Nachdem, Dänemark, Norwegen, Schweden, Polen, Un­
garn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Griechenland, Italien, Spanien, Frank­
reich, Belgien, Holland und England unter deutscher Herrschaft sind" - bedeutsame
Pause, dann mit Hitlers gurgelndem Pathos - "haben wir keinerlei territoriale An­
sprüche mehr an Europa!" (vgl. Gamm 1963, 116).

5 Heinrich Hoffmann war der "Leibfotograf” Hitlers.


Lachen über Hitler im Flüsterwitz 167

"Die Deutschen grüßen jetzt mit AHOI." - "Wieso?" - "Adolf Hitler ohne Inte­
ressen" (Hirche 1964, 134).6
Folgender Witz glossiert eine weitere stereotype Sentenz, "die Anrufung der 14
Jahre". Damit ist die "Systemzeit" gemeint, die Weimarer Zeit mit ihren "Erniedri­
gungen" für die Nationalsozialisten, an die Hitler immer wieder pathetisch erinner­
te, um den Geist der "Kampfzeit" wachzuhalten bzw. heraufzubeschwören. "Hitler
muß operiert werden. Um die Wirkung der Narkose zu überprüfen, soll Hitler zäh­
len. Bei 8, 9, 10 wird seine Stimme immer schwächer, plötzlich aber, bei 14, brüllt
er los: 'Vierzehn Jahre haben wir die Schmach ertragen!' usw. Da blickt der Arzt
die Schwester bedeutsam an und sagt: "Schwester, ich gehe jetzt zum Mittagessen,
ln zwei Stunden bin ich wieder zurück, vorher dürfte der Mann ja doch nicht fertig
sein"' (vgl. Wiener 1994, 33; Gamm 1963, 110).
Ein seichtes Exemplar von Politwitz. Dennoch dichtet ihm Gamm eine Aggres­
sivität gegen den Führer-Nimbus an: "Mit kleinen Mitteln werden hier große Wir­
kungen erzielt; der 'Stichwort'-Charakter Hitlers ergibt sich: er konnte aus gegebe­
nem Anlaß immer losbrüllen, ob im Schlaf, ob gar unter dem Messer des Chirur­
gen. So vollständig hatte Hitler seine Rolle gelernt, so unablösbar war er mit ihr
verschmolzen, daß der psychische Mechanismus der Bewußtwerdung nicht mehr
bedurfte." (Gamm 1963, 111)

5. Schlussbemerkung

Wir wissen von Hitler dem Redner, dass er frei sprach; dass er bei seinen Reden
keine Zwischenrufe duldete; dass er Diskussionen nicht mochte, sie waren ihm ein
Ausdruck verhasster Intellektualität; dass er sich an gewagten Superlativen be­
rauschte7; dass er über eine extreme Modulationsskala verfügte; dass er sich redend
bis an die Grenze der Hysterie aufpeitschte usw. Doch alle diese Sujets lässt der
Politwitz ungenutzt. Hitler der Redner kommt im Flüsterwitz so gut wie gar nicht
vor. Was bedeutet dieser Null-Befund? Sind selbst die Spötter unter seiner Gegnern
derart beeindruckt vom Rhetor Hitler, dass ihnen vor lauter Bewunderung der Witz
versagt? Während über Hitlers vermeintliche Impotenz, über Goebbels' großes
Mundwerk, Röhms Homosexualität, Görings barocken Hang zu Orden und Lamet­
ta, Leys Alkoholismus usw. zahlreiche harmlose Für-Witze und bissige Contra-

6 Der "deutsche Gruß" ist ein beliebter Gegenstand des Witzes. Unübertroffen die Erwiderung Hit­
lers auf den Hitler-Gruß bei Ernst Lubitsch: "Heil myselfl".
7 Hitlers Größenwahn als grammatikalische Unbescheidenheit bediente sich häufig des Versatzstü-
ckes "aller Zeiten”: So nannte er den Ersten Weltkrieg den "blutigsten Krieg aller Zeiten"
(30.01.1937), das Winterhilfswerk "größtes soziales Werk aller Zeiten" (5.10.1937), den Westwall
die "gewaltigste I^istung aller Zeiten" (12.09.1938), den Versailler Vertrag den "größten Wort­
bruch aller Zeiten”(8.09.1939), den Fall von Dünkirchen die "größte Schlacht aller Zeiten"
(5.6.1940), den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt den "größten Kriegsverbrecher
aller Zeiten" (13.04.1945); vgl. Wiener 1994, 31.
168 Klaus Hansen

Witze erzählt wurden, existiert über Hitler in der Rolle des Redners kaum ein Witz.
Aus der Führungsriege der NSDAP kennen wir nur eine Figur, Heinrich Himmler,
über den es fast gar keine Witze gibt (vgl. Wiener 1994, 21; Wöhlert 1997, 117).
Der Polizeichef und "Reichsführer SS" war zu "schrecklich" und "furchteinflö­
ßend", um über ihn Witze zu machen, heißt es bei Meike Wöhlert (ebd.). "Sich
über jemanden lustig zu machen, heißt ja auch immer, ihn nicht ernst zu nehmen"
(ebd.). Himmler aber wurde sehr emstgenommen. Heißt das, auf Hitler den Redner
übertragen, in seiner verbal-rhetorischen Rolle war der "Führer" absolut furchtein­
flößend und wurde allseits respektiert? Darum keine Witze über Hitler den Redner?
Vielleicht findet sich in dieser naiv anmutenden Idee doch ein überlegenswerter
Gedanke. Dass Hitler der Redner "emstgenommen" wurde, lag vermutlich weniger
an seiner Rede als an seiner Redlichkeit. Redlich ist einer - im etymologischen und
a-moralischen Sinne des Wortes-, dessen Tun seiner Rede gleicht. Dass Hunde, die
bellen, nicht beißen, traf auf Hitler nicht zu. Hitler der Redner ließ seinen Worten
die angekündigten Taten folgen, in den ersten sieben Jahren seiner Führerschaft
ganz gewiss. Diese Redlichkeit machte ihn "ernsthaft" und "gefährlich" - und zu ei­
nem schwer verdaulichen Objekt des Witzes.8
Haffner meint, Hitlers Fähigkeit, Versammlungen verschiedenster Menschen in
eine Art Trancezustand zu versetzen und dann "etwas wie einen kollektiven Or­
gasmus zu bereiten", habe weniger mit seiner Redekunst als mit seiner "hypnoti­
schen Fähigkeit" zu tun, "sich eines kollektiven Unterbewußtseins, wo es sich zur
Verfügung stellte, jederzeit zu bemächtigen" (Haffner 1978, 23). Aber die "hypno­
tische Fähigkeit" war doch gewiss an den nonverbalen und verbalen Ausdruck ge­
bunden, schließlich ist die "Verbalsuggestion" ein wichtiges Werkzeug jedes thera­
peutischen Hypnotiseurs. Hypnotisierte Menschen allerdings haben keinen Witz
und machen auch keinen. Der Witz verlangt Wachheit und Geistesgegenwart; hyp­
notisierte Menschen aber sind betäubt. In der Tat berichten viele Zeitzeugen Hitlers
von einer an die hypnotische Somnolenz erinnernden "Benommenheit", die sie an
sich beobachteten, während sie dem "Führer" zuhörten und in einen "oratorisch
produzierten Rausch" (Scholdt 1993, 346) verfielen. "Die Männer stöhnten oder
pfiffen (...), die Frauen brachen ungewollt in Schluchzen aus" (Bullock 1967, 52).
War also Hitlers Redekunst witztötend? Für die Augen- und Ohrenzeugen des Red­
ners Hitler jedenfalls scheint es so gewesen zu sein.

* Nicht zuletzt rührt die Lebensqualität in Demokratien auch von der Vorherrschaft der "Konjunktiv-
Politiker" und "Ankündigungsminister” her. Wie schrecklich, wenn alle Hunde, die in der Demo­
kratie frei bellen dürfen, auch beißen würden! Hier hat der Witz leichtes, aber auch nichtssagendes
Spiel.
Lachen über Hitler im Flüsterwitz 169
Literatur

Ackeren. M.v.: "Ein Ort, wo man gern hingeht", in: Rheinische Post vom 26.06.1999.
Albrecht, R.: "... fremd und doch vertraut" - Skizzen zur politischen Kultur des Witzes gestern und
heute, Münster 1989.
Bachtin, M.: Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur, Frankfurt/M. 21998.
Berger, P.L.: Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Erfahrung, Berlin 1998.
Brecht, B.: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Frankfurt/M. 1965.
Buchele, M.: Der politische Witz als getarnte Meinungsäußerung gegen den totalitären Staat. Phil.
Diss., München 1956.
Bullock, A.: Hitler. Eine Studie über Tyrannei, Düsseldorf 1967.
Danimann, F.: Flüsterwitze und Spottgedichte unterm Hakenkreuz, Wien-Köln-Graz 1983.
Dörner A.: Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft, Frankfurt/M 2001.
Dubiel, H.: Niemand ist frei von Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des
Deutschen Bundestages, München-Wien 1999.
Eco, Li.: Der Name der Rose, München-Wien 1982.
Finck, W.: "Vorwort”, in: M. Dor/R. Federmann: Der politische Witz, München-Wien-Basel 1964, 7-
11.
Frei, B.: Der kleine Widerstand, Wien 1978.
Freud, S.: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, Frankfurt/M. 1958.
Gamm, H.-J.: Der Flüsterwitz im Dritten Reich, München 1963.
Haffner, S.: Anmerkungen zu Hitler, München 1978.
Hirche, K.: Der "braune" und der "rote" Witz. Zwei deutsche Diktaturen in 1200 politischen Witzen,
Düsseldorf-Wien 1964
Hirche, K : West-östlicher Witzdiwan. 555 politische Witze, Düsseldorf-Wien 1977.
Hüttenberger, P.: "llcimtückefälle vor dem Sondergericht München", in: M. Broszat/E. Fröhlich/A.
Grossmann: Bayern in der NS-Zeit IV. Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt, München 1981,
435-526.
Jurzik, R.: "Die zweideutige Lust am Lachen. Eine Symptomanalyse", in: D. Kamper/Chr. Wulf (Hg ):
Lachen-Gelächter-Lächeln. Reflexionen in drei Spiegeln, Frankfurt/M. 1986, 39-51.
Justiz und Nationalsozialismus: Katalog zur Ausstellung (hg v Bundesminister der Justiz), Köln 1989.
Kant, I.: Schriften zur Anthropologie. Geschichtsphilosophie. Politik und Pädagogik. Bd. 2 (hg. v. W.
Weischedel), Frankfurt/M. 1977, 537fT.
Koestler, A.: Der göttliche Funke Der schöpferische Akt in Kunst und Wissenschaft, Bem-MUnchen-
Wien 1966.
Kuh, A.: "Die Schlacht von Lembacher (urspr. 1936)", in: K. Strohmeyer 1989, 118-121.
Le Goff, J.: "lachen im Mittelalter", in: J. Bremmer/H. Roodenburg (Hg ): Kulturgeschichte des Hu­
mors, Darmstadt 1999, 43-56.
Le Winter, O.: "Der jüdische Witz: seine Psychologie und Sprache", in: Ch. Bloch: Jüdische Witze und
Anekdoten, Augsburg 1990, 301-316.
Lederle, J.: "Befreiendes Lachen, lächerliche Befreiung. Gedanken über das Komische und seinen me­
dialen Widerschein", in: E. Karpf (Hg ): "Ins Kino gegangen und gelacht”: Filmische Konditionen
eines populären Affekts, Marburg 1997, 17-25.
170 Klaus Hansen

Mann, H.: "Die Rede (urspr. 1937)", in: K. Strohmeyer 1989, 102-107.
Matt, P.v.: "Zur Demokratie gehört das Gelächter", in: FAZ vom 23.12.1989.
Meyer, Th : Politik als Theater. Die neue Macht der Darstellungskunst, Berlin 1998.
Palm, G.: "Hitlers posthume Karriere als Reklameherrscher", in: telepolis magazin der netzkultur vom
21.07.2001.
Picker, H.: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Frankfurt/M.-Berlin 1989.
Plessner, H.: Lachen und Weinen Eine Untersuchung nach den Grenzen menschlichen Verhaltens,
Bem-Milnchen 31961 (urspr. 1941).
Reiter, R.: "Der 'heimtückische' Witz im Dritten Reich als politisches Gleichnis", in: Muttersprache
107(1997) Heft 3, 226-232.
Röhrich, L.: Der Witz. Figuren, Formen, Funktionen, Stuttgart 1977.
Roth, P.: "Flüsterwitze", in: Die politische Meinung 350 (1999) Heft 1, 92-95.
Schmidt, A : Politische Autorität im Witz. Zur Grundlegung der Prävalenz als Agens des politischen
Witzes in der Bundesrepublik Deutschland inklusive eines Forschungsberichtes. Phil Diss., Mar­
burg 1998.
Scholdt, G.: Autoren über Hitler Deutschsprachige Schriftsteller 1919-1945 und ihr Bild vom "Füh­
rer", Bonn 1993.
Schopenhauer, A.: Die Welt als Wille und Vorstellung. 1. Bd., §13, Köln 1997, 112-116 (urspr. 1819);
2. Bd., Kap. 8, 124-139 (urspr. 1844).
Steinert, M.G.: Hitlers Krieg und die Deutschen. Stimmung und Haltung der deutschen Bevölkerung
im Zweiten Weltkrieg, Düsseldorf-Wien 1970.
Strohmeyer, K. (Hg): Zu Hitler fällt mir noch ein ... Satire als Widerstand, Reinbek 1989.
Torberg, F.: "Fug und Unfug des politischen Witzes", in: Der Monat 19 (1967) Heft 224, 35-43
Wiener, R.: Gefährliches Lachen. Schwarzer Humor im Dritten Reich, Reinbek 1994 (zuerst Rudol­
stadt 1988).
Willenbacher, J. (Hg ): Deutsche Flüsterwitze. Das Dritte Reich unterm Brennglas, Karlsbad 1935.
Wöhlert, M.: Der politische Witz in der NS-Zeit am Beispiel ausgesuchter SD-Berichte und Gestapo-
Akten, Frankfurt/M.-Berlin-Bern u.a. 1997.
Hitler - "der Verführer”
Guido Knopp zieht Bilanz
Alexander Kirchner

1. Vorbemerkung

"Historisierung" lautet das Programm, in dessen Namen der Nationalsozialismus


kurz vor der Jahrhundertwende eine Renaissance erlebt. Angenommen hat sich des
massenattraktiv gestalteten Programms das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF). Mit­
te der 90er Jahre schlug der Sender einen neuen Weg in Umgang und Darstellung
von Geschichte ein. Einschaltquoten von über zehn Prozent (bis zu sieben Millio­
nen Zuschauer je Folge) und Marktanteile von um die 20 Prozent haben die Fem-
sehmacher in ihrer Entscheidung bestärkt. Wie kein zweiter deutscher Sender hat
sich das ZDF in jener Zeit einen Namen ftir die unterhaltsame Präsentation natio­
nalsozialistischer Themen gemacht. Zugleich etabliert der Sender dabei eine Dar­
stellungsform, die in der deutschen Femsehlandschaft neuartig ist und das Genre
der Dokumentation ausreizt, wenn nicht gar verlässt.

2. Die ZDF-Serie "Hitler. Eine Bilanz"

Was ist geschehen? 1995, als sich der Tag der Kapitulation zum 50. Mal jährt, be­
ginnt das ZDF mit der Ausstrahlung der Femsehserie "Hitler. Eine Bilanz". Zu­
nächst ist die Serie auf dem deutsch-französischen Sender "Arte" im Spätsommer
zu sehen, vom 9. November 1995 an strahlt dann das ZDF die sechs Folgen (anders
gestaffelt) aus. Sie tragen die Titel: 1. Der Privatmann, 2. Der Verführer, 3. Der Er­
presser, 4. Der Diktator, 5. Der Kriegsherr, 6. Der Verbrecher. Die einzelnen Fol­
gen dauern in der Regel 52 Minuten, entsprechend international üblicher Filmlän­
gen. Die im ZDF ausgestrahlten Folgen allerdings sind um knapp zehn Minuten ge­
kürzt. Dass einige Portraits aus der 1996 und 1998 ausgestrahlten Serie "Hitlers
Helfer" in der ZDF-Version inhaltlich präziser sind als jene in der ungekürzten Fas­
sung, stellte Ulrike Schwab beispielhaft dar. Auf dem internationalen Markt sowie
als Video-Kassette in deutschen Bibliotheken und Mediotheken finden sich bis heu­
te allerdings jene längeren Portraits, deren teilweise "naiver Zug [...] nahezu ten­
denziös ist'" (Grundlage für die folgenden Betrachtungen sind die als Langversion
vertriebenen Kassetten.).

i
Schwab 2000, 22; vgl. auch die weitere Stellungnahme von Knopp 2000, 29f.
172 Alexander Kirchner

Die Serie "Hitler. Eine Bilanz" stellt 1995 den Auftakt für eine ganze Reihe von
Dokumentationen dar, die sich allesamt des Themas Nationalsozialismus annehmen
und im ZDF sowie in Arte und Phoenix ausgestrahlt werden. Es folgen "Hitlers
Helfer 1 und II" (1996 und 1998), "Hitlers Krieger” (1998), "Hitlers Kinder"
(2000), "Holokaust'7"Hitlers Holocaust" (2000) und "Hitlers Frauen" (2001). Jede
Dokumentarreihe umfasst sechs Folgen. Dass in naher Zukunft weitere Staffeln
produziert werden, ist anzunehmen (so existiert beim ZDF bereits der Arbeitstitel
"Hitlers Volk").
Verantwortlich für das gesamte Projekt "Hitler", das dem ZDF inzwischen fast
eine Monopolstellung bei der medialen Darstellung nationalsozialistischer Ge­
schichte einräumt, ist Guido Knopp. Knopp, 1948 in Aschaffenburg geboren, leitet
als promovierter Historiker seit 1984 die von ihm geschaffene Redaktion "Zeitge­
schichte" des ZDF. Seine Karriere führte ihn über die Printmedien "Bunte", "Frank­
furter Allgemeine Zeitung" und "Welt am Sonntag" 1978 schließlich zum ZDF. In
den 80er Jahren wurde sein Gesicht einem breiten Publikum vor allem durch das
Geschichtsmagazin "Damals" bekannt, von dem über 700 Folgen produziert wur­
den. Neben seiner Tätigkeit beim ZDF ist Knopp Professor für Journalistik an der
Gustav-Siewerth-Akademie im baden-württembergischen Weilheim, wo er sich et­
wa mit Themen der zeithistorischen Dokumentation beschäftigt.
Lob, Tadel und Anfeindungen für seinen Stil der Präsentation nationalsozialisti­
scher Geschichte blieben in den vergangenen Jahren nicht aus. So erhielt er zahlrei­
che Femsehpreise, eine Auszeichnung des Simon-Wiesenthal-Zentrums und das
Bundesverdienstkreuz. Zugleich musste er sich - verstärkt seit den Folgen um "Hit­
lers Helfer" - kritische Kommentare zu Person und Darstellungsstil gefallen lassen:
Das Spektrum reicht vom "Top-Verkäufer schwieriger zeitgeschichtlicher The­
men"2, "Femseherzähler"3, "Mainzer Light-Historiker"4 und "Geschichtsnachhilfe­
lehrer der Nation"5 bis hin zu "der historikergewordene Kollateralschaden deut­
scher Geschichte"6 oder der Bemerkung des Satire-Magazins "Titanic", Guido
Knopp gelte unter Historikern soviel wie der Femseh-Moderator Jürgen Fliege un­
ter Bibelforschern7.
Sich selbst sieht Knopp als ein "Journalist für Zeitgeschichte", nicht als Doku-
mentarfilmer.* Mit seinem Stab von festen und freien Mitarbeitern konzipiere er
Beitragsreihen, die ein Millionenpublikum ansprechen wollen. "Fernsehen ist kein
Oberlehrerseminar. Ich will und muss um 20.15 Uhr auch den Arbeiter von der

2 Süddeutsche vom 28.01.1997.


Berliner Zeitung vom 29.09.2000.
4 Berliner Zeitung vom 10.08.2000.
5 Junge Weh vom 2.02.1999.
6 TAZ vom 14.03.2002.
7 Titanic 6 (1999).
* Vgl Knopp, in: Spiegel 46 (1999) 15.11.1999, 136-138.
Hitler - "der Verführer' 173

Werkbank erreichen, der sonst lieber RTL sieht."9 Thematischer Schwerpunkt der
Sendungen sind immer wieder der Nationalsozialismus und seine Folgen. Neben
den für die abendliche "Prime Time" konzipierten Hitler-Folgen produziert die Re­
daktion Zeitgeschichte beispielsweise den Mehrteiler "Die große Flucht" (2001)
über die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg oder "Der Jahrhundertkrieg"
(2002/2003) über Schlachten im Zweiten Weltkrieg. Auch das Geschichtsmagazin
"History", das Knopp moderiert, widmet sich im Schwerpunkt dem Dritten Reich.
Fast auffällig sind da schon die vereinzelten Produktionen, die sich anderer The­
men des Jahrhunderts annehmen, etwa "Vatikan - Die Macht der Päpste" (1997),
"Kanzler - Die Mächtigen der Republik" (1999) oder das "Deutschlandspiel"
(2000) über die Deutsche Wiedervereinigung.
Das starke Engagement der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte bei der Aufarbeitung
der nationalsozialistischen Vergangenheit kann auch verstanden werden als ein Bei­
trag zur "Historisierung" (Broszat) jener Epoche, die eine Normalisierung in der
deutschen Geschichtsschreibung über das Dritte Reich erreichen will. Der Sonder­
status der NS-Vergangenheit, der durch eine pauschale Distanzierung bewirkt wer­
de, sei immer noch eine Form von Verdrängung und Tabuisierung.10 Mit seinen
Dutzenden von Filmen fügt sich Knopps Bilanz tatsächlich in eine an zahllosen his­
torischen Fakten orientierte Aufarbeitung der NS-Zeit ein, ohne dabei das Gesche­
hene zunächst zu bagatellisieren oder zu leugnen. Im Gegenteil: Immer wieder
weist Knopps Redaktion darauf hin, dass es ihr durch aufwendige Recherchen und
gegebenenfalls hohe Honorarzahlungen gelungen sei, sich bisher unveröffentlichtes
Filmmaterial zu sichern. Dieses vom ZDF propagierte Bild der Investigation ist ge­
eignet, beim Zuschauer den Eindruck zu erzeugen, dass durch die neuen Aufnah­
men eine höhere Transparenz entstehe und das Unbegreifliche nun endlich ver­
ständlich werden würde.

3. Hitler - "der Verführer"

3.1 Knopps Dokumentationsstil

Die Kritik an Knopps Aufklärungsversuchen in den vielen Folgen der "Bilanz"-


Serie konzentriert sich indes differenzierter auf vier Themen, die zugleich charakte­
ristisch für seinen Dokumentationsstil sind: Der Umgang mit NS-Propaganda-
material, die "szenischen Zitate", die vielen Aussagen von Zeitzeugen und der emo-
tionalisierende Stil der Darstellung.

9
Knopp, in: TV-Today vom 20.03.1998.
10 Broszat 1985.
174 Alexander Kirchner

Um das Geschehene zu illustrieren, greift die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte in


"Der Verführer" und den anderen Folgen über Hitler auf historisches Bildmaterial
zurück. Durchaus bedenklich daran ist, dass durch die Reproduktion von Nazi-
Bildern wie etwa aus dem Riefenstahl-Film "Triumph des Willens", der bis heute
mit rechtlichen Sanktionen belegt ist, deren implizierte Ideologie übernommen
wird. Auch die faszinierende Wirkung der Reden Hitlers beispielsweise wird nicht
als eine medial produzierte Faszination hinterfragt, so lange die ZDF-Folgen das
Bildmaterial selbst nicht in Frage stellen. Die in NS-Wochenschauen und Propa­
gandafilmen als Realität inszenierte ideologische Weitsicht gerät so im Fernsehen
zur historischen Realität." Unterstützt wird die Vorstellung, dass es sich bei den
NS-Propaganda-Aufnahmen um ideologisch unbedenkliche Bilder der Zeit handelt,
zudem durch die Praxis der Schrifteinblendungen. Ein Kinderlied des Dritten
Reichs wird korrekt als "NS-Propagandalied" identifiziert, ein Kommentar aus der
NS-Wochenschau konsequent als "Originalton NS-Wochenschau" gekennzeichnet.
Gänzlich ausgeblendet jedoch bleibt, woher das Film- und Bildmaterial selbst
stammt. Indem die originalen Tonbeiträge aus der damaligen Zeit explizit als pro­
pagandistisches Material deklariert werden, wird dem Zuschauer vermittelt, die
Bilder seien es nicht.
Wo dem ZDF originale Filmaufnahmen für die Präsentation der Historie fehlen,
drehen die Redakteure manche Szenen mit Schauspielern nach (vor allem in der Se­
rie "Hitlers Helfer"). Dieses von der britischen BBC bekannte Verfahren des "sze­
nischen Zitats" soll eine höhere Authentizität gewährleisten. Es hat mit zur vehe­
mentesten Kritik an Knopps Stil beigetragen. "Wer in einer zeitgeschichtlichen Re­
daktion das Tor von Auschwitz mit Nebelschwaden versieht und Mengeles Auftritt
mit Gruselmusik begleitet, vertraut nicht mehr auf die historischen Tatsachen."12
Wo Fiktion und Dokumentation, Text und Musik durcheinandergehen, verliert sich
die Linearität des dokumentarischen Erzählens." Der Zuschauer muss letztlich dar­
auf vertrauen, dass die Bilder tatsächlich zu dem gehören, was der Kommentator
vorträgt.
Ein weiteres Charakteristikum der Knopp'schen Dokumentationsart ist es, in
den einzelnen Folgen Aufnahmen von Zeitzeugen zu präsentieren, die dem Gezeig­
ten weitere Authentizität verleihen sollen. Hierfür hat das ZDF eigens das Projekt
"Die Augen der Geschichte" mit einem "Jahrhundertbus" initiiert. Ein Fahrzeug mit
einem mobilen Aufnahmestudio reist seit 1998 umher, um täglich in bis zu 15 Ge­
sprächen die Erlebnisse von Zeitzeugen zu dokumentieren. Sie führen dazu, dass im
Fernsehen manch profane Aussage eine profunde Analyse ersetzt. Dass Hitler "all
die Jahre" mit Zwieback, geriebenem Apfel und Kamillentee täglich das gleiche ge-
frühstückt hat, macht schließlich das Böse banal. Die fragmentierten subjektiven

11
Vgl Keilbach 1998.
12
Schirrmacher 1998.
13
Vgl. ebd.
Hitler - "der Verfiihrer" 175

Wahrnehmungen sind selten geeignet, größere Zusammenhänge kenntlich zu ma­


chen.
Wie sich der Dokumentationsstil von Knopp in den vergangenen Jahren entwi­
ckelt hat und welche Schwerpunkte Knopp auch in der Hitler-Reihe setzt, wird of­
fenbar, wenn man zwei Portraits des Propagandaministers Goebbels miteinander
vergleicht. Beide entstanden unter Knopps Leitung, "Goebbels. Der Verführer" (!)
1986, "Goebbels. Der Brandstifter" 1996. Ohne den Vergleich hier im Detail leis­
ten zu wollen, wird am Ende deutlich: Knopps Stil der 90er Jahre lebt von einer
bildlichen, textlichen, sprachlichen und musikalischen Pointierung, die eine Emoti­
onalisierung des Publikums erzwingen will. Das beginnt beim Satzbau (parataktisch
verdrängt hypotaktisch), setzt sich fort bei den Aufnahmen von Zeitzeugen (einst in
ihren buntem Wohnzimmer, nun vor schwarzem Hintergrund in Großaufnahme)
und zeigt sich im Hervorheben des Privaten in den Biographien der Nazi-Größen
(ihr Verhältnis zu Frauen oder ihre Lebensgewohnheiten). Im inszenierten Spiel
zwischen Färb- und Schwarzweiß-Aufnahmen dramatisiert Knopp, statt inhaltlich
stärker auf Widersprüche und Diskrepanzen im Dritten Reich einzugehen. Wenn
Knopp schließlich in der "Bild"-Zeitung Stellung nimmt zu Fragen, ob Hitler
schwul oder krank gewesen sei, kann allgemein von einer "fortschreitenden Ver­
harmlosung, ja Verniedlichung Hitlers"14 ausgegangen werden.
Kritik bringt Knopp ein, dass Geschichte in seiner Hand zur zeitgemäßen
"History" wird. Seinem "Borderline-Dokumentarismus"'5 haftet der Charakter von
Video-Clips und Doku-Soaps an, in einem "fast rauschhaften Steigerungs- und
Überbietungswillen"16 der einzelnen Folgen werden die "Motive der Zustimmungs­
und Unterwerfungsbereitschaft"17 der Deutschen jedoch wenig erhellt. Dass die
hämischen Kommentare über Knopps Arbeiten Ende der 90er Jahre deutlich zu­
nehmen, mag auch motiviert sein durch einen Neid auf seinen Erfolg. Immerhin
wurden seine Femsehserien inzwischen in über 50 Ländern ausgestrahlt; die Aufla­
ge der Bücher zu den Filmen geht in die Hunderttausende.

3.2 Entlarven durch Annähern

Zurück jedoch zu den Anfängen, zur Sendereihe "Hitler. Eine Bilanz". Die sechs
einzelnen Folgen bilden den Auftakt für das Knopp'sche Projekt. Als genus proxi-
mum für diese und alle weiteren Sendereihen kann der Zusatz "Eine Bilanz" ver­
standen werden. Denn Knopp zieht nach 50 Jahren Bilanz, macht rechtzeitig vor
der Jahrhundertwende einen Strich unter die Geschichte und resümiert. Zeit wird's.
Entsprechend begründet er in den ersten Zeilen der Buchausgabe zu der Sendereihe

14 Adorjan 2002.
13 Berliner Zeitung vom 29.09.2000.
16 Schirrmacher 1998.
17
Thamer 1995.
176 Alexander Kirchner

"Hitler. Eine Bilanz" sein Vorhaben: "Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen. Über fünf Jahr­
zehnte nach dem Tode Hitlers ist es nicht mehr nötig, Angst vor ihm zu haben. Hit­
ler ist durchschaut. Er kann uns nicht gefährlich werden.'"' Im pathetischen Stil be­
schließt Knopp das Vorwort mit den Zeilen: "Um von Hitler frei zu werden, müs­
sen wir ihn annehmen. Je mehr wir uns von ihm entfernen wollen, desto näher rückt
er uns. Je mehr wir uns von der traumatischen Erinnerung Hitler lösen wollen, des­
to gnadenloser ist sie da. Um uns aus Hitlers Bann zu lösen, müssen wir uns mit
ihm auseinandersetzen. Wenn wir ihn verdrängen, wird er uns bedrängen. Wenn
wir uns ihm nähern, wird er sich entfernen. Keine Angst vor Hitler! Wenn wir uns
ihm angenähert haben, lässt er sich entlarven. [...] Wir, die nach dem Krieg Gebo­
renen, sind für Hitler nicht verantwortlich zu machen. Doch wir sind verantwortlich
für das Erinnern, gegen das Vergessen und Verdrängen - und das Leugnen. Keine
Kollektiv-Schuld, aber Kollektiv-Verantwortung - für Auschwitz und für Hitler.
Wir müssen beide Wunden annehmen. Wir müssen uns zu ihrem Schmerz beken­
nen. Beide sind unauslöschlicher Bestandteil unserer Geschichte. Wer das einsieht,
ist ein Patriot."19 Wer das schreibt, kein Journalist! Im suggestiven und appellativen
Wir gibt Knopp die Intention seiner Sendereihe aus. Wenigstens für das breite Pub­
likum (das Charakteristikum für einen Patrioten findet sich in der Presse-
Vorankündigung der Femsehreihe bei ansonsten ähnlichem Wortlaut nicht20.)
Knopps Vorhaben hat also ein klares Programm: Entlarven durch Annäherung.
Doch seine Methode ist strikt an Auflagen geknüpft, einem oberflächlichen Annä-
hem würde sich Hitler entziehen. Die an sich selbst gestellte Herausforderung be­
steht für Knopp nun darin, ein Verfahren zu finden, um im dialektischen Span­
nungsfeld zwischen Nähe und Distanz die Person Hitler begreifen zu können. Er­
folgreiche methodische Vorbilder für eine Technik des Distanzierens sind altbe­
kannt und existieren auch im Umgang mit dem Nationalsozialismus längst: etwa die
Satire, wie sie Charly Chaplin in "Der große Diktator" mit einem jüdischen Friseur
präsentiert, oder die Parabel, die Bertolt Brecht im "Aufhaltsamen Aufstieg des Ar-
turo Ui” darstellt. Knopp jedoch findet sein eigenes Verfahren, das etwa auch im
Verfremden und Verzerren von Ton und Bild besteht. Ob dies der Entlarvung
dient, wie er sich vomimmt, und ob er damit den eigenen Anspruch einlöst, diese
Fragen muss sich Knopp am Ende gefallen lassen.

3.3 Hitlers Rhetorik nach Knopp

Auf Hitlers Rhetorik nun rekurrieren Knopp und sein Team - mal mehr, mal weni­
ger - in allen sechs Folgen der "Bilanz". Seien es die zahlreichen Redeausschnitte,
die audiovisuell erfahrbar machen, wie massiv und sprachgewaltig Hitler tatsäch­
lich aufgetreten ist; seien es die Nebenbemerkungen in den erläuternden Kommen-
" Knopp 1997, 8.
19 Knopp 1997, 30.
20 ZDF 1995, 5.
Hitler- "der Verführer' 177
taren des Sprechers, die auf seine Redegewalt anspielen (etwa: Hitler sprach in der
Bevölkerung "Gefühl statt Verstand" an (aus: "Der Erpresser")); seien es schließ­
lich Fotos und Standbilder, die Hitler gestikulierend zeigen (insbesondere die Auf­
nahmen von Heinrich Hoffmann aus dem Jahre 1927, die Hitler beim Einüben einer
Rede darstellen, werden mehrfach eingeblendet.) All das hält her als Beleg für das
rednerische Talent eines Mannes, der die deutsche Bevölkerung in seinen Bann
zog. Sieht man zunächst von der Folge "Der Verführer" ab, so wird Hitlers Rheto­
rik in der "Bilanz" jedoch weder thematisiert noch gar analysiert. Statt dessen wird
sie immer wieder dämonisiert und theatralisch überhöht. Kaum eine Zoomaufnah-
me in eine rednerische Pose hinein, die nicht ohne ein Fortissimo eines Orchesters
auskommt, das den Zuschauer kalt überrascht. Hitler-Aufnahmen zur Musik eines
Horrorfilms.
Eine detaillierte Betrachtung von Hitlers Rhetorik verspricht Knopp für die
Folge "Der Verführer": "Wie der Film zeigt, kalkulierte Hitler von Beginn an sein-
genau die Wirkung seiner Worte. Seine Posen, Gesten und Gebärden waren einstu­
diert. Wie ein Schauspieleleve übte er seine Auftritte vor dem Spiegel."21 Nach dem
Betrachten der Folge ist - gemessen an dem Versprechen - der Eindruck allerdings
ernüchternd.
"Der Verführer" (verantwortlich für die Folge ist neben Knopp der Journalist
Holger Hillesheim) beginnt zunächst mit der Feststellung: "Was ihn für viele
glaubhaft macht, ist nicht das Argument. Es ist die Inbrunst seiner Rede." Mit die­
ser Gabe, fährt der Kommentar im "Voice-Over"-Verfahren zu Bildern eines Auf­
marsches fort, konnte Hitler Massen in Marsch versetzen. Dafür musste er in der
deutschen Bevölkerung Gefühle nicht erst schaffen, sondern lediglich die vorhan­
denen Ängste und Sehnsüchte wecken und als legitim erscheinen lassen.
Im ersten Drittel nimmt sich der Film dann dessen an, was man im engeren Sin­
ne als "Rhetorik bei Hitler" verstehen kann. Als Mittel einer "flächendeckenden
Verführung" werden der Rundfunk angesprochen, die Wahlkampffeden ("21 Städte
in 7 Tagen") sowie ausgefeilte Strategien für "Redeschlachten". "Jede Geste, jedes
Mienenspiel ist sorgsam eingeübt wie im Theater." Dazu präsentiert Knopp die be­
kannten Bilder aus Hoffmanns Atelier. Mit dem Satz "Rhetorik macht nicht satt,
der Führer braucht Erfolge" leitet der Film dann über zu allgemeineren Mitteln und
Konsequenzen des VerfÜhrens. Ohne einen engeren Bezug zur RedefMhigkeit Hit­
lers herzustellen, werden die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, "KdF"-Erholungs-
reisen auf der Wilhelm Gustloff, Erntedankfeste auf dem Bückeberg bei Hameln
und (Wehr-)Sportübungen für die Jugend gezeigt. Es fehlt nicht der Hinweis in
Bild und Text, wie Hitler, der Verführer, von Dutzenden junger Frauen angehim-
melt wird und wie sie seine Nähe suchen. Als "Höhepunkt der Täuschung des deut­
schen Volkes" wird schließlich die Olympiade in Berlin angesprochen, bevor dann
Bilder aus der Pogromnacht die Kehrseite des Verführers Hitler zeigen.

21
ZDF 1995,9.
178 Alexander Kirchner

Was lernt man nach dem Betrachten des Films über Hitlers Rhetorik? Erschre­
ckend wenig. Sie wird einerseits reduziert auf gekonnte und engagierte Schauspie­
lerei, ohne auch nur im Ansatz aufzuzeigen, wie sich Hitlers darstellerische Fähig­
keiten beispielsweise entwickelt haben und warum sie beeinflussend wirkten. Sie
wird andererseits verallgemeinert zu einem Verfaliren des dämonischen Verfüh-
rens, das ein Volk bei seinen verborgenen Gefühlen und geheimen Wünschen zu
packen versteht. Durch eine quellenlose Texteinblendung wie "Ich habe alles nur
durch Überredung geschafft." wird Hitlers Rhetorik schließlich dem Generalver­
dacht ausgesetzt, die eigentlich Schuldige am Dritten Reich gewesen zu sein. Für
etwas Entlastung sorgt Walter Jens, der im Film äußert: "Hinter Hitlers Rhetorik
stand Peitsche und Pistole. Es konnte ja keiner dagegen reden." Hätte jemand Ein­
wände vorgebracht, so Jens, wäre er erschossen worden. "Seine Rhetorik war ge­
walttätig im wörtlichen Sinne." Dass Knopps Analyse im Buch zum Film ein diffe-
renzierteres Bild entwirft, darauf wird unten noch einzugehen sein.
Doch bei der Erkenntnis, dass ein Film - zumal für die "Prime Time" konzipiert
- hinsichtlich seiner Gründlichkeit eben kaum an eine Buchvorlage heranreichen
kann, bleibt es nicht. Denn was die Knopp’schen Filme analytisch zu leisten nicht
im Stande sind, versucht der Historiker nun durch die spezifischen Möglichkeiten
des Films wettzumachen. Wie in den anderen Serien auch, treten in "Der Verfüh­
rer" Zeitzeugen auf, die aus ihrer Sicht zum Erhellen des Geschehenen beitragen
sollen. Walter Jens ist einer von ihnen. Dem Millionenpublikum wird der Rhetorik-
Professor salopp als "damals Schüler" vorgestellt. Jens schildert, wie er in einem
Kino einer Hitler-Rede mit geschlossenen Augen folgte, nur zuhörte und die Worte
auf sich wirken ließ. Sein Eindruck: "Entsetzlich. Von da an konnte man Hitler
nicht mehr ertragen. Ein Augenblick der Verfremdung genügte, um diesen Mann so
zu zeigen, wie er war." Ob es sich beim Schließen der Augen schon um Verfrem­
dung handelt und nicht eher schlicht um eine tiefere Konzentration auf das Gesagte
- was ja ebenfalls entlarvend sein mag -, darf man bezweifeln. Wenn Jens an ande­
rer Stelle über ein weiteres Projekt von Knopp äußert, die Schreibweise des "Holo-
kaust" mit "k" sei als "Verfremdung erhellend"22 - und Knopp dies wiederum als
Argument für seine "Holokaust"-Schreibweise nutzt -, erscheint die Semantik von
Verfremden zunehmend unklar.
Von dem nachvollziehbaren Gedanken des Aufdeckens durch Verfremdung
fühlt sich Knopp inspiriert, nun seinerseits eine Rede Hitlers mit filmischen Mitteln
zu verfremden. In der Presseankündigung heißt es dazu vielversprechend: "Die
Dokumentation zielt darauf ab, mit Mitteln der Distanz und Verfremdung die
künstliche Fassade der Diktatur zu entlarven. Die historischen Filmaufnahmen wer­
den ihrer propagandistischen Verführungskraft entkleidet." Im Film zeigt Knopp
dazu einen Ausschnitt aus einer Rede Hitlers, der zunächst wenig auffällig wirkt.
Knopps Verfahren des Entlarvens besteht nun darin, dass er denselben Ausschnitt
nochmals vorführt, dabei allerdings die lineare Zeitachse verlässt und ihn in der
22
Zit. n. Schmitz 2000.
Hitler - "der Verführer' 179

halben Geschwindigkeit wiedergibt. Zugleich wird der Ton entsprechend verlang­


samt und der Redner Hitler in einer extremen Vergrößerung dargestellt. Durch die­
ses Verfahren des "Time-Stretchings" und "Pitchshiftings", das eher aus modernen
Videoinstallationen denn dem Fernsehen bekannt ist, vernimmt der Zuschauer ei­
nen dumpfen, verzerrten Hitler, dessen Gesicht sich fratzenhaft verzieht. Dazu er­
klingen die bereits vertrauten musikalischen Versatzstücke des Horrors. Dieses
Vorgehen wiederholt sich in "Der Verführer" gleich mehrfach.
Knopps Verfahren des Verfremdens ist eine Konsequenz seines Versprechens,
durch eine distanzierte Annäherung lasse sich Hitler durchschauen und entlarven.
Diesen Anspruch jedoch erfüllt er bei Hitlers Rhetorik nicht. So originell und er­
folgversprechend die Idee ist, durch Verfremden etwas aufzudecken (wie etwa in
Brechts epischem Theater), so wenig gelingt Knopp in seinem Film ein entspre­
chender Transfer. Auf der distanzierten, abstrakten Ebene, die er schaffen will, er­
öffnet sich dem Zuschauer eben nicht die erwartete Klarheit. Die verfremdenden
Entstellungen suggerieren lediglich, dass Hitler durchschaubarer gemacht worden
sei. Doch sie wirken in ihrem surrealistischen Charakter hilflos, sind eine Kapitula­
tion vor einer distanzierten Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen
Vergangenheit. Indem sich Knopp der typischen Darstellungskonventionen des Bö­
sen bedient, schafft er geradezu Hitler, den Dämonen.23 Am Ende ist sein Versuch
des Entiarvens durch Annähem ein Substitut für eine fundierte Analyse von Hitlers
Rhetorik. Motiv für ein derartiges Vorgehen mag die "eitle Einschätzung"24 sein,
dass Hitler schon 1933 entlarvt worden wäre, hätte es denn das Fernsehen gege­
ben.25

4. Das Buch zum Film

Differenzierter und erhellender ist Knopps Buch zum Film, speziell jenes erste Ka­
pitel, in dem er sich zusammen mit dem Ko-Autor Peter Hartl über Hitlers Rhetorik
äußert. Dort heißt es: "Doch kann alle Meisterschaft in Redetechnik und Inszenie­
rung nicht darüber hinwegtäuschen, daß Hitlers Agitation nur auf der Basis einer
Grundübereinstimmung mit dem Publikum gedeihen konnte. Er sprach unverhohlen
aus, was seine Zuhörer insgeheim dachten. [...] Hitler mußte seine Anhänger nicht
überreden, denn im Kem war man sich einig"26. Wenn Knopp im Buch mit der
Feststellung fortfährt: "Hitler hat seine Zuhörer nicht verzaubert. Er verstand es nur
auf geschickte Weise, in ihnen die magische Kraft ihrer eigenen Vorurteile,

23 Vgl. Keilbach 1998.


24 Hesse 1998.
25 Vgl. ZDF 1995, 3.
26
Knopp 1997, 60.
180 Alexander Kirchner

Wunsch- und Wahnvorstellungen freizusetzen"27, dann steht diese Analyse Knopps


allerdings durchaus in einem Widerspruch zum Titel seines Films.

Die Kritik an der Darstellung des "Verführers" Hitler richtet sich letztlich auch
gegen Knopps eigene rhetorische Strategien. Eine Konfrontation mit ihnen wird zu
einer Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen selbst. Die Frage, wie die
nationalsozialistische Vergangenheit adäquat im Film aufgearbeitet werden kann,
bleibt damit offen. Mit Knopps Anspruch, Bilanz zu ziehen, verträgt sich das je­
doch nicht.

Literatur

Adorjan, J. "Das Böse der Banalität", in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 17.02.2002.
Broszat, M.: "Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus", in: Merkur 39 (1985) 373-
385.
Hesse, J .-O : "Die Inszenierung des Nationalsozialismus im Fernsehen", in: Deutsche Lehrerzeitung 5
(1998) 63-65.
Jakobs, H.-J.: "Die Clip-Schule vom Lerchenberg", in: Spiegel 46 (1999) 136-138.
Keilbach, J.: "Nazis in der Flimmerkiste", in: www.ruhr-uni-bochum.de/kanal-168, 1998.
Knopp, G.: Hitler. Eine Bilanz, München 1997.
Ders.: "Die Botschaft muß ankommen. Spiegel-Gespräch", in: Spiegel 19 (1998) 60-64
Ders.: "Anmerkungen zum Artikel von U. Schwab", in: Fernseh-Informationen 4 (2000) 29-30.
Ders.: "Leserbrief', in: Berliner Zeitung vom 8.04.2000.
Maischberger, S.: "Guido Knopp: 'Auch ich mußte weinen'", in: Message 2 (1999).
Schirrmacher, F.: "Hitler, nach Knopp", in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 18.04.1998.
Schmitz, J.: "Holokaust mit 'k' ein 'symbolischer Akt1. Gespräch mit Guido Knopp", in: Neue Osnabrü-
cker Zeitung vom 14.10.2000.
Schüler, Th.: "Zweites Standbein. Der ZDF-Historiker Guido Knopp lehrt an einer ultrarechten Hoch­
schule Journalismus", in: Berliner Zeitung vom 29.03.2000.
Schwab, U.: "Mit der zweiten sieht man besser! Knopps Hitlers Helfer in zwei Versionen", in. Fernseh-
Informationen 2 (2000) 22.
Spiegel (Hg ): "Papst Guido", in: Spiegel 4 (1997) 173.
Thamer, H.-U.: "Hitler. Ein Film", in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 13.12.1995.
TV-Today (Hg ): "Interview mit Guido Knopp”, in: TV-Today vom 20.03.1998.
ZDF (Hg ): Presse Special: Hitler Eine Bilanz, Mainz 1995.

27
Ebd.
War Hitler ein großer Redner?
Ein redekritischer Versuch
JosefKopperschmidt

"Nach Hitler noch Redner werden zu wol­


len, so etwas kann ich mir nicht vorstellen."
(Sten Nadolny 1990, 93)

1. Erfolgreich, aber nicht gut

Also: war er nun ein großer Redner oder nicht? Natürlich nicht! Fiele das Ergebnis
meiner redekritischen Überlegungen anders aus, ich würde es aus Scham nicht pub­
lizieren. Denn alles in mir sträubt sich dagegen, einen der größten Verbrecher in
der deutschen Geschichte einen großen Redner zu nennen. Entsprechend zielt das
Interesse dieses Beitrags auch primär darauf ab, Gründe zu finden für den intuitiven
Widerwillen gegen diese rhetorische Nobilitierung Hitlers - obwohl er fraglos "ein
erfolgreicher, wenn nicht gar der erfolgreichste Redner deutscher Zunge war" (Jens
1966, 13). Die damit implizit bereits eingeführte begriffliche Differenzierung zwi­
schen "erfolgreich" und "groß" will nicht dem - gewohnt pointierten wie holz­
schnitthaften - Urteil Reich-Ranickis widersprechen, der Hitler einmal "den größten
Redner in der Geschichte Deutschlands" nannte (1998, 197); denn was Reich-
Ranicki "bewusst schockierend" solchermaßen qualifiziert, ist erkennbar nur eine
andere Ausdrucksweise für das, was eben als "erfolgreich" spezifiziert wurde.
Nicht so sehr als Widerspruch gegen Reich-Ranickis Urteil also, wohl aber als Kri­
tik an seinem kategorial etwas unterbestimmten Beurteilungsmaßstab will das Insis­
tieren auf begriffliche Differenzierung verstanden werden. Die freilich erscheint nur
so lange als unproblematisch, wie "erfolgreich" und "groß" als kategorial verschie­
dene Urteile gelten, die entsprechend verschiedenen Codes angehören. So sympa­
thisch mir Jens' Vorschlag auch ist, mit Blick auf Hitler zwischen dem "erfolgrei­
chen" und dem "guten" Redner zu unterscheiden, die Kategorie "gut" ist nicht we­
niger erläuterungsbedürftig, als es die hier präferierte Kategorie "groß" ist.
Eben darum geht es auf den folgenden Seiten: Um den Versuch, die Kategorie
"groß" codetypologisch zu klären, um so die Kriterien zu bestimmen, die im
Gebrauch dieser Kategorie immer schon normativ zur Geltung kommen. Die Frage,
was "groß" meint, muss hier freilich so wenig neu erfunden werden wie deren rede­
spezifische Adoption. Doch das redekritische Verständnis der Kategorie "groß" ist
ebenso diffus wie Redekritik überhaupt zu den methodisch und kategorial am
182 Josef Kopperschmidt

schwächsten ausgebildeten Formen der Kritik zählt.' Daher erscheint es mir ratsam
zu sein, sich zunächst kundig zu machen, was denn historisch wie systematisch zur
Klärung des Begriffs "groß" allgemein wie redespezifisch geleistet worden ist
(Kap. 3), um dann (Kap. 4) mit Hilfe dieses Ertrags die Frage, ob Hitler ein großer
Redner war, etwas begründeter verneinen zu können, als es mit dem bereits ein­
gangs formulierten knappen Entscheid möglich war. Doch vorweg sei rekapituliert
(Kap. 2), warum es müßig ist, Hitlers Redeerfolge kleinreden zu wollen, über die er
sich - so Heuss' frühes zutreffendes Urteil von 1932 - machtpolitisch in singulärer
Weise "hochgeredet hat" (1932, 1), vom Weltkriegsgefreiten zum mächtigsten
Mann Deutschlands. "Ich habe alles durch Überredung geschafft" - ganz so falsch
lag Hitler mit dieser Selbsteinschätzung so wenig wie mit der anderen verwandten
Einschätzung, dass es nämlich Worte sind, die große Taten vorbereiten.12

2. Hitler - Karriere eines Redners

2.1 Dass Hitler als Redner Erfolg hatte und dass dieser rhetorische Erfolg einen
entscheidenden Anteil an seinem Erfolg in Partei und Politik hatte, das ist kein
"Mythos", sondern in der einschlägigen Literatur mittlerweile weithin unstrittig3;
unstrittiger jedenfalls als es die Gründe sind, warum Hitler rhetorisch so erfolgreich
war (dazu 2.2). Dabei kann hier an die Umstände nicht im Einzelnen erinnert wer­
den, die es Hitler erleichtert haben, sich in solch singulärer Weise gerade in einem
Land "hochzureden", dessen Volk nach Thomas Manns berühmt-berüchtigter Di­
agnose von 1918 "so gar kein Volk des Wortes war" (1988, 52; s.u. 9.11). Rheto­
risch betrachtet - und nur diese Perspektive interessiert hier - war Hitlers Biogra­
phie jedenfalls eine Erfolgsbiographie - zumindest seit 1919. Ihre einzelnen Phasen
sind leicht aufgezählt, weil sie einer plausiblen Entwicklungslogik zu folgen schei­
nen: Von seinem stupenden Interesse an erfolgreichen Rednern über die Fremdent­
deckung seiner Redebegabung und die Selbstentdeckung seines rhetorischen Kön­
nens bis zu seiner Karriere als gefragtester und entsprechend politisch einflussrei­
cher Redner liest sich Hitlers Biographie wie ein konsistenter rhetorischer Erfolgs­
weg.4 Zumindest von hinten her; denn Hitlers kauziges Fasziniertsein von großen

1 Vgl. neben dem Beitrag von Pankau in diesem Bd. und meine einleitenden Bemerkungen Kop­
perschmidt 1990, 1990/1; Burke 1967, 7ff.; Klein 1995. Exemplarisch für die redekritische Unsi­
cherheit ist Fetscher 1997; vgl. dazu Kopperschmidt im Jahrbuch für Rhetorik 20 (2000) 215ff.
Dass es der Sprachkritik nicht viel besser ergeht, dazu vgl. Sauer in diesem Bd.
2 Zitiert nach Knopp 1995, 31; vgl. Mein Kampf 1934/2, Kap. 6!
3 Ich erwähne neben Autoren wie Kershaw, Hamann und meinen einleitenden Bemerkungen hier nur
die Untersuchung von Anheier u.a. 1998 und Orth 1997, verschweige aber nicht, dass u.a. Bohse,
Dyck, Maas, Plöckinger u.a. eine moderat andere Position vertreten. Zum "Anteil" des rhetorischen
Erfolgs an Hitlers Macht s.u. 2.2 und Brockhaus 1997, 222ff.!
4 Zu Hitlers rhetorischer Erfolgsbiographie vgl. u.a. Fest 1973, 187ff.; Hamann 1996; Joachimstha-
ler 2000, 198fT.; Kershaw 1998, 149ff„ 175ff.; Klöss 1967, 13ff; Matussek u.a. 2000, 169ff„
220ff.; Schmölders 1999; 2000, 45ff.; Steinert 1990, 107ff.
War Hitler ein großer Redner? 183
Rednerfiguren wie vom revolutionären Volkstribun Cola di Rienzi aus Wagners
gleichnamiger Oper, die Hitler 1905 mit seinem Jugendfreund August (Gustl) Ku-
bizek in Linz sah (und deren Ouvertüre später Hitlers Parteitage regelmäßig eröff­
nen sollte), dieses Fasziniertsein des 16-jährigen von einem römischen Freiheits­
helden des 14. Jahrhunderts5, das Kubizek mal wieder stundenlanges Zuhören kos­
tete - natürlich war es 1905 noch nicht als das deutbar, was es in der Tat war, näm­
lich Hitlers "rhetorisches Erweckungserlebnis" (Schmölders 1999). Vergleichbar
dem anderen "Erweckungserlebnis", 8 Jahre später in Wien, als er den Film "Der
Tunnel" (nach Bernhard Kellermann) sah und seine Begeisterung über den Ingeni­
eur Mac Allan, der allein mit seiner Redekraft den Tunnelbau zwischen Europa und
den USA erzwingt, anschließend im Männerhaus an seinen Hausgenossen Reinhold
Hanisch in stundenlangen Monologen über "die Macht der Rede" abreagierte (Ha­
mann ebd., 238; Kershaw ebd., 88ff.). Hier in Wien war es auch, wo er das lebende
Konterfei seines bewunderten Römers Rienzi hautnah erleben und bewundern
konnte, nämlich in Karl Lueger, den christlich-sozialen Volkstribun in der Gestalt
eines Bürgermeisters.
Von Linz (1905-1907) über Wien (1907-1913) nach München, wo nach Joa-
chimsthaler "Hitlers Weg begann" (2000), zunächst als Soldat im Krieg (1914-
1918), dann aber - ab Februar 1919 - als Redner. Joachimsthaler hat bei der Neu­
auflage seiner zitierten Publikation von 1989 diesen "Weg" um die Jahre 1919 bis
Ende 1923 erweitert und dieser Erweiterung die programmatische Überschrift ge­
geben: "Redner und Politiker" (198ff.). Programmatisch ist diese Kapitelüber­
schrift, weil sie behauptet: Hitlers Weg in die Politik war der Weg des Redners Hit­
ler in die Politik! Dieser Weg führte vom Lazarettaufenthalt in Pasewalk (Oktober
1918), wo Hitler den folgenreichen Entschluss gefasst haben will, "Politiker zu
werden"6, Uber die kurze (später gern verschwiegene) Zeit "mit der roten Armbinde
der Revolution" im roten München der kommunistischen Räterepublik in den
Dienst der Konterrevolution, d.h. genauer: in den Dienst der Nachrichtenabteilung
Ib/P des Bayerischen Reichswehr Gruppenkommandos Nr. 4 ("Gruko"); denn das
"Gruko" war am 11. Mai 1919 gebildet worden, um nach der Zerschlagung der Rä­
terepublik das Übergangsheer durch antikommunistische Propaganda und professi­
onelle Indoktrination gegen subversive Ambitionen zu immunisieren. Anfang Juni
begannen unter der Regie des Hauptmann Karl Mayr, der bald Hitlers einflussrei­
cher Gönner wurde, die entsprechenden Kurse, die u.a. auch spezielle "Redekurse"
umfassten. Hitler gehörte zu der von Mayr handverlesenen Zahl der "V-Männer",
die zu einem Aufklärungskurs an die Uni München geschickt wurden, wo er sofort
dem Historiker Karl Alexander von Müller auffiel - wegen seiner rhetorischen Fä­
higkeiten. Schon im August zählt Hitler zu den 26 Ausbildern, die Mayr in das
Reichswehr-Lager Lechfeld schickt, um in einem 5-tägigen Kurs die heimkehren-
5 Auch der revolutionäre Wagner war von Rienzi sofort fasziniert, als er 1837 den gleichnamigen
Roman von E R. Bulwer-Lytton (1835) las und den Stoff für sein "grand opira" entdeckte.
6 Zur Hitlers Pasewalk-Legende (Mein Kampf 1934/1, Kap. 7 und 8) vgl. u.a. Kershaw 1994, 142ff.,
159, 172).
184 Josef Kopperschmidt

den Soldaten antimarxistisch einzuschwören. Hitler übernimmt während dieses


Kurses Planungsaufgaben und tritt selbst bereits als Vortragender auf, wobei er
wieder auffällt - wegen seiner rhetorischen Fähigkeiten ("ein geborener Volksred­
ner!"). In seiner Funktion als "V-Mann" lernt er im Aufträge Mayrs im September
1919 auch eine kleine Partei kennen, der DAP, deren Vorsitzendem Anton Drexler
Hitler sofort auffällt - wegen seiner rhetorischen Fähigkeiten, die er beweist, als er
in die Diskussion nach einem Vortrag über "Brechung der Zinsknechtschaft" enga­
giert eingreift ("Mensch, der hat a Gosch'n, denn kunnt ma braucha"); knapp 2 Jah­
re später ist Hitler selbst Vorsitzender dieser (zu NSDAP unbenannten) Partei. Und
endlich der Münchener Prozess 1924, den Hitler nicht nur publizistisch für sich
entscheidet (s. dazu u. S. 327ff.!), weil er (diesmal schon der überregionalen Pres­
se) auffällt - wieder wegen seiner strategisch alle anderen Mitangeklagten überra­
genden rhetorischen Fähigkeiten ("Ist doch ein toller Kerl, dieser Hitler!" - so ein
Richter nach Hitlers 1. Rede).
Es bedurfte für Hitler nicht erst so vieler Bestätigungen von anderen, um selber
zu bemerken, was er in dem knappen Satz in Mein Kampf im Landsberger Gefäng­
nis (1924) formulierte, nämlich: "Ich konnte reden" (1934/1, 390). Hitler hat sich
nicht geirrt! Mit 30 Jahren hatte er endlich seinen Beruf gefunden. Dieser und nur
dieser Beruf bewahrte ihn davor, als "verbitterter Veteran" sein Leben zu fristen
(Kershaw ebd., 175). Das zugrundeliegende "Pfmgsterlebnis" (Knopp 1995, 35)
datiert Hitler auf das Jahr 1919, genauer: auf den 16. Oktober 1919, als er auf der
1. öffentlichen DAP-Versammlung im Hofbräukeller als 2. Redner auftrat und die
111 Anwesenden in einer halbstündigen Rede in seinen Bann zog. Am 24. Februar
1920 füllte Hitler bereits den Festsaal des Hofbräuhauses im Zentrum von Mün­
chen und im Februar 1921 endlich den Zirkus Krone mit seinen ca. 6000 Sitzen.
Fraglos - Hitler war zum Starredner der Partei avanciert.
Seine Selbstentdeckung als Redner war für Hitler die Entdeckung "seines einzi­
gen Werkzeugs, seiner wahren Wunderwaffe" (Schmölders 1999; Kershaw ebd.,
172), die allein ihn nach oben bringen konnte. Darum beginnt mit dieser Selbstent­
deckung in der Tat sein eigentlicher "Eintritt in die Politik", so Joachimsthaler, mag
es genauerhin auch die Politik gewesen sein, "die zu ihm kam", nämlich "in die
Münchner Kaserne" (Kershaw ebd.), wo er bis zum 31. März 1920 (!) als Mitglied
der Reichswehr seinen Dienst tat. Gelegentlich waren es bis zu 15 Redeauftritte an
einem Tag, die Hitler zu bewältigen hatte.7 8Insofern hätte das über Hitler nach sei­
ner Haftentlassung am 13. März 1925 für Bayern verhängte Redeverbot® zu einer
scharfen Waffe werden können, die, wäre das Redeverbot reichsweit übernommen
und strikt durchgesetzt worden, Hitlers Aufstieg vielleicht hätte stoppen können.

7 Vgl die gründliche Auflistung für die Jahre 1933-1945 bei Beck 2001, 175ff.; für das Jahr 1920
vgl. Phelps 1963 Bereits 1923 erschien die erste Arbeit von Koerber Uber Hitlers Reden und 1930
von Weber die erste Dissertation (vgl. Plöckinger 1998, 10, 82ff, 176ff.; 1999, 157ff. und dessen
Beitrag 7.5 in diesem Bd ).
8 Das Verbot öffentlicher (!) Rede galt in Bayern vom 13.03.1925 bis zum 5.03.1927.
War Hitler ein großer Redner? 185

Was man auch immer über die libidinöse Tiefenstruktur von Hitlers Redemanie
halten mag, fest steht wenigstens so viel: Mit Hitler betrat ein Redner-Politiker die
öffentliche Bühne der Politik, was zumindest in Deutschland ungewöhnlich war.
Und doch - so Haffher (1989, 220) - war "Hitler die Erfüllung eines Wunschtrau­
mes vieler Deutscher", auch und gerade dieser Hitler "mit seiner ungeheuren Be­
redsamkeit die sich in Gestalt der Führerrede durchaus in die seit langem
durchdeklinierten Vorstellungen von "deutscher Beredsamkeit" einfügten (s. dazu
meinen Beitrag S. 455ff.!).
Was für den Redner-Politiker Hitler gilt, trifft auch auf seine "Bewegung" zu,
die keine normale Partei sein wollte: Es dürfte sich schwer ein anderes Beispiel für
eine Bewegung in Deutschland finden lassen, die so sehr eine Rede-Bewegung war
- mit eigener Rednerschule, eigener Rede-Zeitschrift, eigenen Reichsrednem, mit
eigenen Kämpfern, Helden, Toten - pardon: Märtyrern an der "Redefront" wie Pe­
ter Gemeinder, der nach 2000 "Redeeinsätzen" auf der Tribüne zusammenbrach.9
Mit Kriegsbeginn (1939) freilich wurden andere Fronten wichtiger, und aus dem
Redner Hitler wurde zunehmend der Kriegsherr Hitler, der bald nach eigener Aus­
sage Wichtigeres zu tun hatte als Reden zu halten, um schließlich redend sein Le­
ben zu beenden, wie es ihm Hermann Broch in seiner Satire "Hitlers Abschiedsre­
de" aus dem Jahr 1944 empfohlen hatte.10 Hitler konnte seine letzte Rundfunkrede
am 30. Januar 1945 ungestört halten und starb bekanntlich weniger stilvoll, - nicht
anders sein getreuer Ekkehart, der andere Großredner des Dritten Reichs, Goeb­
bels, der Hitler besonders nach Stalingrad ständig zum öffentlichen Redeauftritt er­
folglos drängte, wissend, dass er Hitlers Redner-Ethos, besser: dessen Redner-
Charisma nachweislich nicht besaß. Und worin bestand dieses Charisma?
2.2 "Nie habe ich ... verstanden" - so Klemperer über Hitler - "wie er mit seiner
unmelodischen und Uberschrieenen Stimme, mit seinen grob, oft undeutsch gefüg­
ten Sätzen, mit der offenkundigen, dem deutschen Sprachcharakter völlig konträren
Rhetorik seiner Reden die Masse gewinnen und auf entsetzlich lange Dauer fesseln
und in Unterjochung halten konnte" (1969, 59). Klemperers Unverständnis ist nicht
ganz so unverständlich; er hatte an dem 4. März 1933, als er am Dresdner Haupt­
bahnhof Hitlers Königsberger Rede aus den Lautsprechern hörte, gleichsam mit
dem falschen Ohr gehört. Nicht anders als die vielen anderen, ob sie Stefan Heym
heißen ("Doch nicht diese Stimme, dieses Geblafft"), Marion Gräfin Dönhoff ("Er
geiferte") oder Kurt Tucholsky ("Der Mann ... ist nur der Lärm, den er verur­
sacht"), ob Hans Mayer ("Theaterform seiner Rhetorik"), Carl Zuckmayer ("heu­
lender Derwisch") oder Walter Jens, der an Hitlers Reden "den Glanz (der) Perio­
den, den harmonischen, dem Sujet entsprechenden Wechsel von Parataxe und Hy­
potaxe ..., die Anschaulichkeit der verwendeten Bilder, die Kühnheit der Figuren
und Tropen, die Kraft der Metaphern" vermisste (1966, 13). Zu Ohren, die so zu

9 Vgl dazu Dyck 1983; Theweleit 2000/2, 120f.; Roß in diesem Bd. Informativ auch die Abrech-
nung mit dem Vater von H. Zechmann, Redner vor dem Hakenkreuz, Graz 1993.
10 In: Kommentierte Werkausgabe (KW) Bd. 6, Frankfurt/M. 1980, 333fF.
186 Josef Kopperschmidt

hören gewohnt sind, hat Hitler nie gesprochen - und auch nicht sprechen wollen,
wenn wir ihm seinem Spott über die "verbohrte Weltfremdheit unserer deutschen
Intelligenz" glauben (Mein Kampf 1934/2, Kap. 6). Entsprechend gering ist der
analytische Ertrag von Autoren mit solchen Hörgewohnheiten für die Erklärung der
eigentlich ja "ungeheuren Tatsache", dass nämlich Hitler trotz all seiner rhetori­
schen Unzulänglichkeiten rhetorisch so erfolgreich sein konnte, wie es das von
Klemperer zitierte Geständnis eines Münchener Juden bezeugt: "Niemand kann
ihm widerstehen" (1969, 60). Selbst im Jahre 1944 (!) traut Klemperers Gewährs­
mann Hitler noch zu, mit "einer einzigen Rede" die Deutschen wieder hinter sich
bringen zu können. Solche Redekraft hätte auch Klemperer als "Wunder" gelten
lassen müssen, würde der "Philologe" in ihm nicht eine andere Erklärung favorisie­
ren: Nach ihr beruhte Hitlers "ungeheure Wirkung" darauf, dass seine Zuhörer auf
eine solch "undeutsche" wie "schamlos offene Rhetorik" völlig unvorbereitet gewe­
sen wären (ebd.).
Ich will hier dem exkulpationsanfälligen Paradigma vom rhetorisch überlisteten
Volk nicht erneut widersprechen (s. Einleitung und S. 455ff.); gebe nur zu beden­
ken, dass eine näherliegende Erklärung für den rhetorischen Erfolg Hitlers seine er­
folgreiche - meinetwegen auch populistische - Orientierung an den ideologischen
Erwartungen seiner jeweiligen Zuhörer gewesen sein dürfte. Ich werde dieses Ele­
mentarprinzip jedes rhetorischen Erfolgs u. das Anschlussprinzip nennen. Dieses
Erfolgsprinzip dürfte Hitler nachweislich zutreffender eingeschätzt haben als seine
stilästhetischen Kritiker von damals (und heute), denen gelegentlich - so Stefan
Heym in seinem Nachruf (1988) - ein "durchschwitztes Hemd" als (hilfloses) Ar­
gument gegen den Redner Hitler dienen musste. Und auch Haffners sonst so kluge
Beobachtungen von 1939 (in Geschichte eines Deutschen) verlieren an analytischer
Schärfe angesichts eines Hitlers, der redend Massen begeistern konnte, von dem
sich aber die meisten Leute - so Haffners Vermutung - auf der Straße kein Feuer
geben lassen würden (2000, 87f.). Diese oft bemerkte Diskrepanz zwischen dem
charismatischen Redner Hitler und dem linkischen Privatmann Hitler nimmt Haff-
ner nicht zum Anlass, um nach den Bedingungen dieser Transsubstantiation des
Privatmannes Hitler in den faszinierenden Redner Hitler auf der Rednerbühne zu
fragen, wie es etwa Chaplin 1940 in seiner (sieht man vom kitschverdächtigen
Schluss einmal ab) großartigen Satire The great Dictator getan hat. Statt dessen
spekuliert Hafftier über die "Faszination durch das Monstrum", den "Zauber des
Ekelhaften und den Rausch des Bösen", dem Hitlers Publikum "widerstandslos er­
legen (sein soll)" (ebd., 88f.). Dass "sich kein Mensch gewundert hätte, wenn die­
ses Lebewesen bei seiner ersten Rede von einem Schutzmann am Kragen genom­
men und irgendwo abgestellt worden wäre" (ebd.)", dieser Satz sagt zwar einiges
über Haffners in der Tat intakten "geistigen Geruchssinn" (ebd., 102) aus, wenig
aber über die Gründe, warum der Schutzmann, als er dann endlich in der Gestalt
11 Ähnlich fragt sich Heinrich Mann 1933, warum denn niemand diesen Epileptiker abführt und ins
Bett zwingt (in: Koebner 1989, 13). Vgl. zur Beurteilung des Redners Hitler auch das Material bei
Plöckinger 7.6 in diesem Bd. und Scholdt 1993, 339ff.
War Hitler ein großer Redner? 187
des gegen Hitler erlassenen Redeverbots Zugriff, "dieses Lebewesen" eben nicht ein
für allemal irgendwo abzustellen vermochte, "wo man nie wieder etwas von ihm
sah" (und hörte). Hitler jedenfalls wusste über die Gelingensbedingungen der e.g.
Transsubstantiation genug, um die Gefahren seiner kommunikativen Selbstentzau­
berung zu erkennen und systematisch zu meiden, was u.a. sein notorischer Wider­
willen belegt gegen Situationen ohne theatralische Selbstinszenierungschancen (wie
private Intimität, deliberative Diskussion im Kabinett, familiäre Atmosphäre etc.)
(vgl. Kershaw 1998, 175ff; Nill in diesem Bd.). Hitler wusste m.a.W., dass Führer
Distanz brauchen - räumlich wie sozial; und die war nur in großen Räumen her­
stellbar - mit Massen, mit "Versammlungs- und Präsenzmassen" (Sloterdijk 2000,
16): "Ich brauche Massen, wenn ich spreche" (zit. nach Kershaw ebd., 177). Hier
und nur hier konnte Hitlers pathetische Selbstinszenierung und -mythisierung als
Führer gelingen. Dass der "Hitler-Mythos" (Kershaw 1999) auch ein "Führer-My­
thos" war und dass dieser "Führer-Mythos" nicht zuletzt auf Hitlers "Führer-
Rednertum" (Broszat 2000, 42) sich gründete, ist schwerlich zu bestreiten. Die
Führerrede war gleichsam die Form, in der sich das "Führerprinzip" des national­
sozialistischen "Führerstaates" (Frei 2001; Broszat ebd., 349ff.; Thamer 2002,
177ff.) kommunikativ realisierte und der "Führerwille" den Prozess deliberativer
Meinungsklärung und politischer Willenbildung wohltuend ersetze.12 Dass gerade
die Kommunikationsform "Führerrede" aus dem (anfänglichen) Dauerredner Hitler
nach und nach einen "unsichtbaren Redner" gemacht haben soll, ist ein durchaus in­
formatives Paradox, wenn man nämlich diese "Unsichtbarkeit" mit Schmölders als
Teil einer strategisch durchdachten rhetorischen Selbstinszenierung Hitlers versteht
(2060, 45ff.).

Es gab freilich auch andere, die den Redner Hitler genauer beobachteten, weil
sie sich als Beobachter in ihren Beobachtungen mitbeobachteten und so bemerkten,
dass andere anders beobachteten; z.B. dass andere von Hitlers Reden begeistert wa­
ren, wie etwa der junge Architekturstudent Albert Speer in Berlin, der im Dezem­
ber 1930 sein "Erweckungserlebnis" hatte, als er Hitler in der "Neuen Welt" hörte
und sich von ihm - wie Michael in Goebbels gleichnamigen Jugendroman (1936,
101 f.) - sofort fesseln ließ, und zwar so sehr, dass er sich "als ein veränderter
Mensch" fühlte, der seither von Hitler nicht mehr loskam (vgl. Fest 1999, 21 ff.,

12 Zur Führerrede vgl neben Ueding (in diesem Bd ), Behrenbeck 1996; Casmir 1996; auch Hork-
heimer 1936/1985, der die Führerrede als eine der zwei großen Redeformen historisch ("Massenre­
de" der frühen Neuzeit) wie systematisch ("Introversion") zu rekonstruieren versucht, sie dabei aber
etwas zu blauäugig der antiken, rational motivierenden Überzeugungsrede konfrontiert. Was weiß
man Uber Hitler, wenn man ihn typologisch zum spaten Nachfahren Savonarolas, Luthers, Calvins
usw macht? Ertragreicher sind da schon Freuds Überlegungen über den Zusammenhang zwischen
Masse und Führer sowie Uber die Bedingungen, unter denen das Ichideal zugunsten des im Führer
verkörperten Massenideals eingetauscht werden kann ("Massenpsychologie und Ichideal" (1921),
in: Gesammelte Werke Bd. 13 (1972) 71 ff. Nach Hitler heißt entsprechend "Führersein": "die Mas­
sen in Bewegung setzen können" (zit. nach Bullock 2000, 50). Vgl. Hoffer 1965, 91 ff.; Brockhaus
1991, 227ff.
188 Josef Kopperschmidt

bes. 43ff.). Klaus Mehnert bekennt, sich ein vergleichbares Erweckungserlebnis an­
lässlich einer Hitlerrede gewünscht zu haben; es blieb leider aus (1981, 106ff.).
Zu den e.g. selbstkritischen Beobachtern, die sich selbst mit in ihre Beobach­
tung hineinnahmen, zähle ich natürlich nicht Hitlers Paladine, Hofschranzen und
Claqueure, die Hitler - wie Hans Frank - für einen "grandiosen Volksredner ohne
Vorbild" halten mochten; zu den hier gemeinten Beobachtern zähle ich auch nicht
die Münchener "Konvertiten"-Schickeria um Putzi Hanfstaengl und schon gar nicht
die notorischen Opportunisten aus professioneller Redetheorie und epideiktischer
Redepraxis, die von einer antirömischen (=antiwestlichen) "deutschen Rhetorik"
faselten (Roß 1994, 32ff. und in diesem Bd.) und in der Führerrede Hitlers die
"Wiedergeburt der Rede" aus Aristotelischem Geiste (!) zu entdecken meinten
(Dovifat 1937, 14f., 135ff.). Eher schon gehören ausländische Beobachter dazu wie
der Schweizer Denis des Rougemont oder der Amerikaner H.R. Knickerbocker
oder der Engländer Ward Price, der Hitler den ersten deutschen "Volksredner nach
Luther" nannte.13 Ganz sicher gehört Rudolf Olden dazu14 oder erst recht Thomas
Mann (zumindest nach 1922), dessen dialektische Formel aus dem Jahr 1939 für
sein Verhältnis zu Hitler, nämlich "angewiderte Bewunderung", auch den Redner
Hitler miteinschließt (1977). Auch ein Emst Bloch gehört dazu, der den "Tribun
Hitler" nach dessen Münchener Prozessauftritt (s. S. 327ff.) eine "zweifellos mäch­
tige suggestive Natur" nannte, der "leider um gar vieles vehementer als die echten
Revolutionäre (sei), die Deutschland 1918 zitierten" (1966, 290). Oder ein Karl
Tschuppik, der 1927 widerwillig zugab, "unter den Stotterern von heute (sei) Hitler
ein Redner", nicht ohne (wie Bloch) zu bedauern, dass Hitler Münchens größte
Halle, den Zirkus Krone, mühelos (gegen Geld!) zu füllen vermöchte, während des­
sen freche Rhetorik seinen geborenen ideologischen Widersachern bloß die Spra­
che verschlüge oder der irrigen Hoffnung ausliefere, die Wahrheit werde sich schon
selbst durchzusetzen wissen (1966, 294ff.). Und auch er gehört zu den hier gemein­
ten scharfsinnigen Beobachtern, Bert Brecht, der Hitler nicht nur im April/März
1922 im Münchner Cafe Hofgarten beobachtet haben will, sondern auch "als öf­
fentlichen Redner" bei einem seiner vielen Auftritte. Dabei bemerkte Brecht etwas,
was ebenso banal wie wirkungspragmatisch elementar ist; er bemerkte nämlich,
dass Hitler bei seiner beliebten enumerativen Systematik ("Erstens", "Zweitens ...")
schummelte, indem er von "Viertens" auf "Sechstens" sprang. Doch er bemerkte
auch dies: "Niemand im Saal hatte bemerkt, daß 'Fünftens' überhaupt nicht erwähnt
worden war!" Und jetzt - statt der üblichen Verächtlichkeitsgeste betulicher Inter­
preten - eine Reaktion bei Brecht, die redeanalytisch empfohlen werden sollte: Er
konzediert, dass die pragmatische Wirkung der Hitler'schen Rede offensichtlich
überhaupt nicht von der numerischen Vollzähligkeit der versprochenen Argumente
abhing, sondern von dem "gewaltigen Eindruck", den "die zwanzig Beweise" psy-
13 Aus: Führer und Duce Wie ich sie kenne, Berlin 1939, 75; zu Des Rougemont und Knicker­
bocker vgl. 9.1 bzw. 8.3.
14 "Wer isl's?" (1935), in: Koebner 1989, 60ff., bes. 99ff.; Ders., Das Wunderbare oder die Verzau­
berten - eine Sammlung, Berlin 1932.
War Hitler ein großer Redner? 189
chologisch hinterließen, mit denen er "die Republik in zwanzig Punkten widerlegte
und demaskierte": "(Hitler) spielte den Logischen", und er spielte ihn "überzeu­
gend". Nicht ganz ohne Anerkennung für sein schauspielerisches Geschick be­
schreibt Brecht hier beispielhaft eine Technik des Redners Hitler, die er im Mes­
singkauf \ 939140 systematischer als "Kunstmittel der Einfühlung" bestimmt, ver­
möge deren es Hitler gelinge, "sein Publikum sagen zu machen, was er sagt" und es
so "an (seinen) Triumphen (als) Redner teilnehmen (zu lassen)" (1967, 501 ff.).
Brechts ebenso aufschlussreicher wie methodisch lehrreicher kleiner Bericht
über den "local agitator" Hitler, den er unter dem Titel "My Most Unforgettable
Character" für "Reader's Digest" 1942 schrieb15, benennt eine zentrale Bedingung
für analytisch ergiebige Beobachtungsinteressen: Hitler beim Reden zu beobachten,
macht nämlich analytisch nur Sinn, wenn es gelingt, möglichst viele der Wirkungs­
faktoren des performativen Redevollzugs in den Fokus der Beobachtung miteinzu-
beziehen. Die Unergiebigkeit vieler Redeanalysen erklärt sich m.a.W. daraus, dass
die Analytiker ihre Schreibtischposition als eine analytisch privilegierte Beobach­
terposition missdeuten.1'’ Das ist sie nur, wie ein einziger Blick in Brechts e.z. Mes­
singkauf lehren kann, wenn der Schreibtisch Paradigmen bereithält, die - wie
Brechts rhetoriknahes theatralisches Paradigma17 - Rekontextualisierungen der Hit-
ler’schen Reden erlauben, die deren analytisch notwendige Entkontextualisierung
weit mehr als wettmachen.
Neben Brecht, der sich anders als viele Exilautoren nicht durch moralische oder
ästhetische Entrüstung über Hitler jeden Erklärungsversuch für dessen Erfolg blo­
ckierte und daher Lion Feuchtwanger dezidiert wiedersprach, sich Hitler zu einem
"Nichts" kleinreden zu wollen.1* Außer Brecht wären noch viele andere Beobachter
zu nennen, sogar aus Hitlers Umgebung, denen es gelegentlich gelang, in die Rolle
des teilnehmenden Beobachters zu schlüpfen und aus dieser Position heraus den
Blick auf Hitler beim Reden zu richten. So etwa Otto Strasser, erst ein Anhänger,
dann ein entschiedener Gegner Hitlers, der auf die Frage, "worin denn die außer­
gewöhnliche Redegabe bestehe", die Hitler zum "größten Redner des Jahrhunderts"
mache, antwortete: "Ich kann es nicht anders erklären als durch jene wunderbare

15 In: Werke Bd. 20, Berlin-Weimar-Frankfurt 1997, 59ff. Eine deutsche Übersetzung publizierte
Der Spiegel 50 (1996) 23Iff. unter dem Titel "Ein fähiger Schauspieler".
16 Ein immer noch unübertroffenes Beispiel ftlr das methodologische Niveau von Redeanalysen bietet
die seinerzeit verbreitete Publikation von H. Schlüter, Grundkurs der Rhetorik, München 1974,
bes. 300ff. Zur redekritischen Literatur vgl. neben Pankau (in diesem Bd.) Kopperschmidt 1990,
1991. Zu ergänzen wäre Theweleit 2000/2, 119ff.
17 Vgl. dazu Meyer/Kampmann 1998; Scholdt 1993, 3548ff. Dass Hitlers Art, auf der politischen
Bühne Theater zu spielen, dem epischen Modell des Theaterspielens (erläutert an der "Straßensze­
ne" als Grundmodell) radikal widerspricht, versteht sich ebenso von selbst (Brecht 1967, 559) wie
die Theatralisierung der Politik entpolitisierend wirkt; vgl dazu meine Einleitung.
18 Aus. "Eine wirklich nationale Erscheinung", in: Koebner 1989, 213ff. "Man bekämpft Hitler nicht,
wenn man ihn als besonders unfähig, als Auswuchs, Perversität, Humbug, speziell als pathologi­
schen Fall hinstellt..." (ebd., 214); erst als "eine wirklich nationale Erscheinung" in der Gestalt ei­
nes "Volksfllhrers" bekommt Hitlers "Korruptheit" politisches Profil. Vgl. auch Burke 1967.
190 Josef Kopperschmidt

Intuition, die ihm die unfehlbare Diagnose von der Unzufriedenheit vermittelt, un­
ter der seine Zuhörer leiden Hitlers auffälliges Anfangsschweigen bei seinen
Reden bekommt so Sinn, wenn man es nämlich mit Strasser als "Prüfung der Atmo­
sphäre" versteht - von "Witterung aufhehmen" spricht gleichsinnig Bullock (2000,
355) -, wodurch es Hitler überhaupt erst jeweils neu gelingen konnte, sich zum
"Sprecher der geheimsten Wünsche... der Leiden und innersten Unruhe eines Vol­
kes zu machen" und sich so gelegentlich "in einen der größten Redner des Jahrhun­
derts zu verwandeln" (ebd.).
Während Strasser Metaphern wie "Seismograph der Seelen", "Membrane" be­
nutzt, andere von "Katalysator", "Sprachrohr", "Katharsis" usw. reden, bemüht der
promovierte Germanist Goebbels Goethes Torquato Tasso, um mit einer - freilich
etwas peinlichen, aber analytisch durchaus klärenden - Zitat-Anverwandlung das
Geheimnis des Hitler’schen Redeerfoigs zu benennen: "Ihnen gab ein Gott, zu sa­
gen, was wir leiden. Sie faßten unsere Qual in erlösende (!) Worte".20 "Er schrie
heraus, was viele fühlten" - so klingt das Goebbels'sche Pathos aus dem Munde von
Guido Knopp (1995, 20). Subtiler Sloterdijks Erklärungsversuch, nach dem Hitler
gleichsam "eine Trotzform des Verlangens nach Anerkennung" war (2000, 24).
Und "Genie" wagt Theweleit zu nennen, wer wie Hitler "die richtigen Heilwörter
für die zerstörten Leiber (kennt)", weshalb er sich weigert, die Hitler'sche Form der
Bedürfnisbefriedigung mit Bloch bloß als "ungeheueres Falsifikat" zu diskreditie­
ren (2000/2, 402, 458f.). Worin sich die meisten Analysen einig sind, lässt sich wie
folgt formulieren: Hitlers rhetorisches Erfolgsgeheimnis war seine ungewöhnliche
Fähigkeit, kollektiven Stimmungen eine Stimme zu geben und sie so aus ihrer quä­
lenden Sprachlosigkeit zu erlösen. Seine Stimme klang vielen so vertraut, dass sie
glaubten, es sei wirklich Hitler, "auf den (sie) geradezu gewartet hätten" - so Speer
in seinen Spandauer Tagebüchern (1975, 536). Und warum gerade auf ihn? Brecht
nennt es "das Repräsentative und Exemplarische" an Hitler und seinem Leiden an
Deutschlands Not, das ihn zum "großen Beispielhaßen" werden ließ (1967, 56lf.),
will sagen: Nicht seine Exzeptionalität also wäre der Schlüssel zu Hitlers Erfolg,
sondern im Gegenteil seine fast penetrante Normalität: "Ich bin nur (!) eure Stim­
me", lässt Brecht Hitler sagen (ebd., 566). Doch wie kann, so bleibt mit Fest zu fra­
gen (1973, 20ff), gerade "Normalität" so erfolgreich sein? Sie kann es, wenn sie
sich in einer Person exemplarisch zu verdichten und sprachlich repräsentativ zu ar­
tikulieren vermag. Eine solche Person gewinnt in dem Maße Macht über andere, als
sie für andere zu reden vermag, indem sie ihnen ihre Stimme leiht und ihnen so zu

19 Aus: Hitler und ich, Konstanz 1948, 85. Es gäbe viele gleichlautende Diagnosen zu ergänzen, von
Zeitzeugen bis zu Analytikern (s. Anm. 4): "Er sprach aus, was sie insgeheim dachten und woll­
ten", so Broszat 2000,42; vgl. Matussek u.a. 2000, 222; Mayer 1965, 124 spricht vom "repräsenta­
tiver" bzw. "stellvertretendem" Rollenverständnis.
20 Aus einem Huldigungsschreiben 1924 anläßlich des prozessualen Schlussworts von Hitler in Mün­
chen (vgl. Fest 1973, 288 und u. 8.3), später von Goebbels als Schlussemphase in seinen Aufsatz
"Der Führer als Redner" aufgenommen (1936, 34).
War Hitler ein großer Redner? 191

sozialer Existenz verhilft.21 Doch es bleibt ihre Stimme, mit der sie spricht, und es
bleibt ihre Stimme, in die sich die anderen Stimmen transponieren lassen müssen,
um durch diese Stimme repräsentiert werden zu können. In dieser Dialektik des
Stimme-Gebens und Stimme-Seins ist die elementare Dialektik rhetorischer Macht
bestimmt, wie sie u.a. bei Adam Müller 1812 klassisch formuliert ist: "Wer (rheto­
risch) siegen will, muß vielen gehorchen", weil "für sich allein ... niemand ein Red­
ner ist" (1967, 75 bzw. 72) (s.u. S. 455ff.!). Die rhetorische Ikonographie hat für
diese Dialektik das intuitive Bild der "goldenen Kette" erfunden; ein Bild, das un­
entscheidbar macht, wer bei einer fesselnden Rede eigentlich wen fesselt (Kop-
perschmidt 2000, 205ff.).
Was Müller hier behauptet, ist auch in eine vertrautere, nämlich theorienähere
Terminologie übersetzbar: Ob man mit Perelman von Publikumsbezug ("adapti-
on"), mit Marquard von "Anknüpfen" oder mit Luhmann von "Anschließen"
spricht, immer ist ein identisches Prinzip gemeint, das als Grundprinzip jeder
Kommunikation gilt und als Grundprinzip der persuasiv fokussierten Kommunika­
tion seit Jahrhunderten von der Rhetorik thematisiert ist, die geradezu als Methodi-
sierung dieses Anschlussprinzips definiert werden kann.22 Diese Methodisierung
des Anschlussprinzips verspricht freilich, was nach Luhmann (2001, 83) eigentlich
nicht mehr seriös versprochen werden kann, nämlich: allgemeinste (und nicht be­
reits medienspezifisch differenzierte) Bedingungen angeben zu können, die Kom­
munikation nicht nur möglich, sondern auch erfolgreich und damit das "Unwahr­
scheinliche" wahrscheinlich machen. Rhetorische Kompetenz ist so gesehen immer
Anschlusskompetenz, wobei solche Anschlusskompetenz natürlich ein Anschlie-
ßen-Können sowohl an materiale Plausibilitätspotentiale wie an formale, psychoso­
ziale, situative, strukturelle usw. Redeansprüche umfasst. Dass solches (mehrdi­
mensionale) Anschließen-Können unter Bedingungen des Anschließen-Müssens ei­
ne zentrale Quelle rhetorischer bzw. soziale Macht ist, versteht sich von selbst, ob
dieses Anschließen-Müssen sich nun fehlender Gewaltoption verdankt oder der
Einsicht in die prinzipielle Unmöglichkeit direkter, externer Beeinflussung.23

21 Gesellschaftlich ist nach Luhmann nur existent, was kommuniziert wird. Das meinte wohl auch
C.G. Jochmanns These, "ein stummer Gedanke (sei) ein toter Gedanke" ("Über die Sprache"
(1828), in: Politische Sprachkritik, Stuttgart 1983, 9fT). Dass Hitler diese Fähigkeit in singulärer
Weise besaß, Stimmungen eine Stimme zu geben, ist vielfach bezeugt (vgl. Anm. 19 und in mei­
nem Beitrag S. 455 Anm. 17); Hoffer 1965, 96ff.
22 Wenn man Kommunikation durch Selektionen definieren will (Luhmann 2001, 94ff), dann ließe
sich das Anschlussprinzip genauer als Koordinationsprinzip von Selektivität bestimmen (Ders.,
Soziale Systeme, Frankfurt/M 1984, 212ff.). Vgl. auch Kopperschmidt 2000, 219fT.; Ders., "Aris­
toteles' Neue Rhetorik?" Erscheint 2003 in: J. Knape (Hg ), Aristotelische Rhetoriktradition.
23 "Man muß der Tatsache Rechnung tragen, daß Wirkungen nur durch den Mitvollzug (!) aufSeiten
des die Wirkungen erleidenden Systems zustande kommen können" (Luhmann 2000, 105); das ist
die systemtheoretische Rcformulierung des rhetorischen Credos (vgl. u.a. das Müller-Zitat im Text
(2.2))! Die psychologische Begründung steht bei Bloch: "Fast alle hören am liebsten sich selber zu"
(1972, 103).
192 Josef Kopperschmidt

Wenn solche Bedingungen für das Dritte Reich auch nur bedingt unterstellt
werden dürfen, so unterlag doch auch Hitlers charismatisches "Führer-Rednertum"
einem strukturellen Anschlusszwang, und sein Aufstieg zur Macht beruhte zweifel­
los auch auf seiner singulären Fähigkeit, den virulenten Stimmungen seiner Zeit ei­
ne, und zwar seine Stimme gegeben zu haben. Und diese genuin rhetorische Kom­
petenz dürfte sich - so Fest (1973, 22ff.) - aus Hitlers "exemplarischem, gleichsam
normalem" Charakter leichter erklären lassen als aus dessen hilfloser "Dämonisie-
rung". Dass Hitler selbst das alles ganz anders sah, liegt an seiner voluntaristischen
Überschätzung externer Beeinflussungschancen von Subjekten, die er mit vielen
anderen (bis heute) teilt (s. Anm. 23!).
Bleibt resümierend festzuhalten: Hamanns These, "Hitler (sei) eindeutig als
Redner an die Macht gekommen"24, behauptet nicht, dass Hitlers politische Macht­
ergreifung in Wahrheit eine rhetorische Machtergreifung war, wohl aber behauptet
sie: Es gab vor der politischen eine rhetorische Machtergreifung. Oder genauer,
weil der Begriff "Machtergreifung" die tatsächlich stattgefundene "Machtübertra­
gung” auf Hitler durch die konservativen Eliten ziemlich unkenntlich macht (vgl.
Winkler 2000/1, 549ff.; Thamer 2002, 82ff.): Hitler wäre nie die politische Macht
angeboten worden, wenn er nicht ein politisch zu berücksichtigender Machtfaktor
gewesen wäre, und das war er, weil er sich "hochgeredet" hatte (Heuss, s.o.) bzw.
weil es tatsächlich das gegeben hatte, was man in Anlehnung an Faye Hitlers
"Machtergreifung in der Sprache" nennen kann (1977/1, 60). Diese Formulierung
macht präpositional präzis deutlich, dass die Beziehung zwischen der "Machtüber­
tragung" auf Hitler 1933 und Hitlers "Machtergreifung in der Sprache" seit 1919
(bzw. 1924) nicht simplifizierend kurzgeschlossen werden darf. "Machtergreifung
in der Sprache" behauptet nicht, es habe am 30. Januar 1933 eine Machergreifung
durch die Sprache gegeben, so dass dieses Schicksalsdatum deutscher Geschichte
umgeschrieben werden müsse - gar mit rhetorischen Kategorien in der Tradition
von Kindts Der Führer als Redner aus dem Jahre 1934 ("Hitler eroberte Deutsch­
land durch sein Wort" ebd., 7 bzw. 25). Fayes Formulierung behauptet vielmehr,
dass sich Hitler "in der Sprache" eine Machtposition erredet, meinetwegen auch
"erschrieen " (Schmölders 2000, 48) habe, die nicht mehr zu übergehn war, als die
Krisensituation nach 1929 - und Krisen haben Hitler immer "entgegengearbeitet",
um Kershaws Lieblingsbegriff zu zitieren (1998, 665ff.) - die Macht neu zu vertei­
len erlaubte. So verstanden muss weder Haffners frühes Urteil ("Reden-können war
sein erstes und lange Zeit einziges Kapital" 1978, 19) korrigiert werden noch Do-
marus' These ("Alles kann man Hitler vorwerfen, nicht aber, daß er ein schlechter
Redner gewesen sei ..." 1988, 51), noch endlich Bullocks Einschätzung ("das we­
sentliche Medium seiner (Hitlers) Macht war die Rede" 2000, 354).

24
Mündlich in einem TV-Beitrag am 18.02.2002 zu Chaplins ''The great dictator".
War Hitler ein großer Redner? 193

3. Was ist rhetorisch "groß"?

3.1 Noch einmal: Was spricht dagegen, einen so erfolgreichen Redner, wie es Hit­
ler fraglos war, auch einen großen Redner zu nennen? Mein erster vorläufiger Ant­
wortversuch: Unter einem großen Redner verstehen wir intuitiv mehr als einen bloß
erfolgreichen Redner. Das meint: Es ist einerseits völlig abwegig, die Größe eines
Redners von seinem Erfolg strikt trennen zu wollen, weil man damit das o.g. An­
schlussprinzip als rhetorisches Grundprinzip aushebeln und damit die Kategorie
"Größe" rhetorisch unbestimmbar machen würde.25 Dabei gehört zum intuitiven
Vorverständnis dieser Kategorie aber auch, dass "Größe" soziale Macht bzw. sozia­
len Einfluss mitmeint; die aber gewinnt man unter soziostrukturellen Bedingungen
fehlender Gewaltoption nicht zuletzt durch rhetorische Macht im Sinne der Lizenz,
für andere reden zu dürfen (wie es etwa von Weizsäcker am 8. Mai 1985 gelungen
ist).26 Insofern ist es plausibel, dass wir uns regelhaft weigern, einen einflusslosen
Redner "groß" zu nennen. Man mag im Londoner Hyde Park zwar das Reden üben
können, seine soziale Macht kann man dort nicht plausibel rhetorisch unter Beweis
stellen. Andererseits gilt aber auch: Selbst wenn rhetorischer Erfolg auch eine not­
wendige Bedingung möglicher rhetorischer Größe ist, so reicht dieser Erfolg den­
noch nicht aus, um rhetorische Größe hinreichend zu bestimmen. Mit Blick auf Hit­
ler heißt das: Selbst wenn man an Domarus o.z. Urteil über Hitlers Redekompetenz
festhält, dieses Urteil delegitimiert nicht automatisch die Dialektik von Aussagen,
die Hitlers "Beredsamkeit inferior, aber massenwirksam" (Mann 1977, 223) nen­
nen, "erfolgreich, aber nicht gut" (Jens s.o.), "meisterhafte Demagogie" (Klöss
1967, 22) usw. Lässt man sich also einmal auf die karge Formaldefinition ein, rhe­
torische Größe sei "rhetorischer Erfolg + x", dann wird die Frage umso dringlicher,
wie sich dieses "x" denn nun befriedigend bestimmen lasse. Ich will es in vier
Schritten versuchen:
- Eigentlich müsste man bei diesem Versuch ja dort Hilfe erwarten können, wo
Preise für sogenannte "große Reden" vergeben oder Sammlungen von sogenannten
"großen Reden" angelegt werden. Obwohl es mittlerweile einige repräsentative Re­
desammlungen gibt27 und Redepreise sich zunehmender Beliebtheit erfreuen2', fal-

2' Im Sinne dieses empirischen Erfolgsbegriffs verstehe ich Quintilinas These, dass "eloquentia (im
Unterschied zu philosophia) non potest simulari"( Inst oral XII 3,12). Moderne Kritiker freilich
wie Widemann (1999) versuchen immer noch zu suggerieren, auch ein "schlechter Redner" könnte
erfolgreich sein und "ein ganzes Volk begeistern".
26 Vgl. Kopperschmidt 1989 und 1996.
27 Beispielhaft nenne ich die anonyme Sammlung Reden, die die Welt bewegten (Stuttgart 1959ff );
Reden, die Deutschland bewegten (Hamburg 1989); W. Minderer (Hg ), Deutsche Reden, 2 Bde.,
Stuttgart 1973; P Wende (Hg ), Politische Reden, 4 Bde., Frankfurt/M. 1990-1999; G. Ueding
(Hg.), Deutsche Reden von Luther bis zur Gegenwart, Frankfurt-Leipzig 1990; Brodersen, K.
(Hg ), Große Reden. Von der Antike bis heute, Darmstadt 2002. Wenn man wie Ueding ("Rede­
kunst in Deutschland", ebd., 835ff.) Rhetorik auf eine "Produktionslehre" reduziert, können in der
Tat "epochentypische" Unterschiede nur "thematisch" bzw. "inhaltlich" bemerkbar werden
194 Josef Kopperschmidl

len einschlägige kriterielle Recherchen enttäuschend aus, weil Wertungsmaßstäbe


entweder nicht vorliegen oder rhetorisch wenig einschlägig bzw. kaum operationa-
lisierbar sind. Der ohnehin bestehende Verdacht wird dadurch natürlich noch be­
stärkt, dass es auch bei Redepreisen nicht nur um das öffentliche Rühmen von Re­
den geht, sondern auch um den Aufmerksamkeitsgewinn, den die für sich erwarten,
die solch öffentliches Rühmen tun.
- Damit bestätigt sich noch einmal, was bereits o. gesagt wurde: Es gibt (zumin­
dest in Deutschland) keine elaborierte Redekritik, die wie andere Kritikformen mit
professioneller Kompetenz öffentlich ausgeübt wird. Die Debatte um Walsers
Paulskirchenauftritt hat noch einmal beispielhaft diese Unsicherheit des redekriti­
schen Diskurses bloßgelegt.29 Und Pörksens mutiger Versuch, die Frage "Was ist
eine gute Rede?" zu beantworten, liefert der Redekritik leider auch keine neuen
Kriterien noch reformuliert er die traditionellen wenigstens operationaler.30 Gleich­
wohl hat es vereinzelt immer wieder mutige Stimmen gegeben wie die von Walter
Jens, der sich mit redekritischen Beiträgen zu Wort gemeldet hat, ob im Fall Jen-
ninger31 oder im Fall Hitler. Wie seine bereits o.z. strikt stilästhetische Hitlerkritik
zu beurteilen ist, dazu hat Helmut Heiber mit wünschenswerter Deutlichkeit alles
Nötige gesagt: Hitlerreden mit literarischen oder stilästhetischen Kategorien ana­
lysieren zu wollen, heißt deren performative Erfolgsbedingungen schon methodisch
zu verfehlen.32 Ich ergänze: Selbst wenn der Hitler'schen Rhetorik alles das nicht
anlastbar wäre, was Jens' Defizitkatalog minutiös auflistet, selbst wenn Hitler also
"ein Meister der Sprache, der Komposition, des rhetorischen Witzes" gewesen wäre
- würde er dadurch etwa zu einem großen Redner werden? Der erkennbar rhetori­
sche Charakter dieser Frage beweist: Jeder Umkehrschluss der stilästhetischen Ar-

28 Vgl. u.a den "Cicero-Preis", seit 1984 verliehen vom "Reden Beraters" des Bonner Verlags für die
Deutsche Wirtschaft bzw. vom gleichen Verlag seit 2000 den "Predigtpreis" "für herausragende
Beiträge zur Redekultur im deutschsprachigen Raum" (tjl der Statuten); den "Dolf-Stembergcr-
Preis für öffentliche Rede", "Das goldene Mikrophon" der Bonner/Berliner/Münchener Redeschule
(Peter Ditko), seit 2002 auch der neue "Talk-Queen"-Preis für besondere frauliche Redeleistung;
seit 1998 der Preis für "die Rede des Jahres" des Tübinger Rhetorischen Seminars; "Das uner­
schrockene Wort" der Lutherstädte seit 1999, der "Schlappmaul-Orden" (seit 1989) der Kitzinger
Karnevalsgesellschaft; der Preis beim Rednerwettstreit auf dem Deutschen Anwaltstag (erstmals
2000 in Berlin); die diversen Preise der neuerlichen Redewettstreitforen, wie sie Debattierclubs an­
bieten oder die Hertie-Stiftung "Jugend debattiert" (vgl. dazu Beitrag 9.1, Anm. 34!). Außerdem
die Bewertungen von öffentlichen Reden durch den "Verband der Redelehrer deutscher Sprache
(VRdS e.V.)" mit seinem agilen Vorsitzenden Thilo von Trotha, der 2002 Gerhard Schröder die
rhetorische Bestnote 1 gab.
29 Vgl. dazu J. Kopperschmidt, "Was ist an Walsers Rede eigentlich preiswürdig?" In: Rhetorik 18
(1999) 128ff.; Ders., "Noch einmal Martin Walser und seine Paulskirchener”, in: Rhetorik 19
(2000) 103ff.; Ders., "Martin Walser oder Die unendliche Rede", in: Muttersprache 3 (1999) 85ff.;
Ders., "Deutsche Sonntagsreden", 2001, 269ff.
30 Zwar unterscheidet Pörksen (2001, 14ff.; Ders. 2002, 40ff„ 71) zwischen bloß "wirksamer" und
"guter Rede", doch die "gute Rede" spezifizierende Kategorie "das Richtige (!) sagen" bleibt eben­
so diffus, wie das Kriterium der "Neuorientierung" unbestimmt ist.
31 Vgl. dazu Kopperschmidt 1989, 213ff.; Ders. 1996.
32 Heiber 1971, XIXff.; Casmir 1996, 83ff; Klein 1995, 62ff; Matussek u.a. 2000, 220ff.
War Hitler ein großer Redner? 195
Argumentation von Jens misslingt, was heißt: Es sind nicht (oder zumindest nicht
primär) Ansprüche einer normativen Stilistik, die Hitlers Reden unbefriedigt lassen
und die seine Qualifizierung als "großen Redner" hintertreiben. - Hat denn wenigs­
tens die traditionsreiche Rhetoriktheorie mehr und einschlägigeres zur rhetorischen
Kategorie "Größe" zu sagen? Sie hat doch nicht zufällig die Catonische Rhetorik­
definition ("vir bonus, dicendi peritus") nie aufgegeben und damit nie an der Dop­
pelbedeutung des "bene" einen Zweifel gelassen, dass es nämlich mehr als bloß "er­
folgreich" meinen sollte.33 Und was wäre nun dieses "mehr"?
Die naheliegenste und verbreitetste Antwort steht im rhetorischen Konzept des
Rednerideals ("orator perfectus" bzw. "summus"), das im "bene" die technische
und moralische Komponente unlösbar aneinander koppelt: Nur ein technisch und
moralisch guter Redner kann ein großer Redner sein! Bei Quintilian klingt das so:
"Bene dicere non potest nisi bonus".3'1 Dass für ein Reden, das als sprachliches
Handeln verstanden wird, normative Handlungskriterien ins Spiel kommen, ist so
wenig überraschend, wie die Sicherheit im Umgang mit diesen Kriterien überra­
schend ist - zumindest für uns heute. Uns erfüllt solche Sicherheit eher mit Gewiss­
heitsnostalgie, weil unter Bedingungen moderner Gesellschaften mit erodierten
oder diskreditierten Gewissheitspolstem schwer auszumachen ist, was jeweils im
moralischen Sinne als "gut" zu gelten hätte. Und außerdem, um es im Vorgriff auf
Jacob Burckhardts Bedenken (s.u.) anzudeuten: Ist "Größe" wirklich so eng an Mo­
ralität zu koppeln? Gleichwohl! Die innertheoretische Insistenz ist bemerkenswert,
und sie verbietet es, das o.z. "bene" bloß stilästhetisch kleinzureden. Suchen wir al­
so weiter in der rhetorischen Reflexionstradition!
Tacitus' Analyse der Bedingungen großer Rede ist in ihrer Nüchternheit und po­
litischen Ambitioniertheit leichter reformulierbar als es das "orator perfectus"-ldeal
je sein könnte: Große Reden sind nicht umsonst zu haben, so seine kühle (anticice-
ronianische)35 Diagnostik: Große Rhetorik ("magna eloqucntia") und große Ruhe
("magna quies") sind vielmehr "res dissociabiles", will sagen: Große Rhetorik
braucht große Stoffe und große, ja kämpferische Auseinandersetzungen!36 So wenig
wie der Hyde Park als Ort, so wenig würde sich ein Geburtstag als thematischer
Stoff für Große Rhetorik eignen (vgl. Klein 1995, 95)! Das Merkmal "großer
Stoff', das ja die gelingende Einbettung der Rede in die jeweiligen großen Diskurse
anzeigt, scheint jedenfalls für rhetorische Größe konstitutiver zu sein als Moralität.

33 Vgl. dazu Rohling 2000, 67ff.; Andersen 2001, 194ff., 205ff., 213ff.; Oesterreich 1994, 88ff.;
Klein 1995, 62ff., 95ff.
34 Inst oral. II 5,34; vgl. I 1,9: "Nur ein guter Redner kann ein erfolgreicher Redner sein", vgl.
Rohling s. Anm. 33.; dazu Kopperschmidt 1990,488ff.
35 Vgl. Cicero, Brutus 45; Tacitus, Dialogus 40; vgl. Quintilian, Inst. oral. II 17,28f. Ps. Longin
(Über das Erhabene, Kap. 44) mokiert sich bereits über den demokratietheoretischen Glaubens­
satz.
36
So im Dialogus 36ff.
196 Josef Kopperschmidt

- Und wie sieht es mit der Kategorie "Größe" außerhalb des rhetorikaffmen Re­
flexionsstrangs aus? Gibt es nicht das großartige Kapitel über "Das Individuum und
das Allgemeine" in den postum (1905) edierten Weltgeschichtlichen Betrachtungen
(1868ff.) des bereits genannten Jacob Burckhardt, dessen suggestiver Brillanz sich
auch ein Joachim Fest nicht zu entziehen vermochte bei seiner Frage, "ob man ihn
(Hitler) 'groß' nennen solle" (1973, 17ff.)? Der mögliche Einwand, dass die dort auf
"historische Größe" fokussierten Überlegungen auf Redner nicht zu übertragen wä­
ren, ist leicht zu entkräften; denn Redner, wenn sie erfolgreich sind, haben fraglos -
und zwar aufgrund ihres sprachlichen Mediums - größeren Einfluss auf die menta­
len Einstellungen von Subjekten, auf deren Handlungsmotive und -legitimierungen,
kurz: auf die symbolische Aneignung von Welt vermittels ihrer handlungsrelevan­
ten Codierung, als es die nicht-sprachlichen Medien (wie Musik, Kunst usw.) je ha­
ben könnten. Rede - so eine gelungene Formulierung von Hinderer (1973/1, 57) -
ist eben das "wichtigste Produktionsmittel des öffentlichen Bewußtseins".
Es ist besonders eine Formulierung, die Burckhardts Bestimmung von "histori­
scher Größe" intuitiv Zustimmung abnötigt: "(Die) großen Individuen sind die Ko­
inzidenz des Allgemeinen und des Besonderen", insofern sich in ihnen "die Ge­
schichte zu verdichten" beliebt, was ihnen als Individuen diese "merkwürdige Dis­
pensation von dem gewöhnlichen Sittengesetz" konzediert (1956, 151 ff., hier 175).
Die rhetorische Adoption dieses Theorems fällt noch relativ leicht: "Groß" wäre
danach ein Redner, dem in und durch sein Reden eben diese "geheimnisvolle
Koinzidenz" gelänge. Doch was ist dieses "Allgemeine", dem "das große Indivi­
duum" (bewusst oder unbewusst) "dient" und "gehorcht"?
Wer möchte nicht Burckhardts Schlüsselbegriffe nachsprechen und vom "Ge­
samtwillen" reden, in dem sich das repräsentiert, "was die Nation eigentlich wollen
müßte", weil es nur "den gemeinen Nutzen" will? Wer möchte nicht glauben, dass
sich zwischen dem "Weltgeist zu Pferde" (Hegel über Napoleon) und dem Tromm­
ler des Ungeistes ebenso unterscheiden lassen müsste wie - um Burckhardts Sug­
gestivbeispiel zu zitieren - zwischen Napoleon und einem Richard III.? Und weiter:
Wer spräche nicht gern mit Hegel "von den Geschäftsführern des Weltgeistes"
(1976, 46) oder hätte nicht gern Vertrauen in "die List der Vernunft" (ebd., 49),
statt mit Thomas Mann an "Teufelslist" glauben zu müssen (s.o. Einleitung)? Doch
andererseits: Wer könnte so unbefangen Hegels Spott über die Kammerdiener aller
Zeiten teilen, denen der Blick für die "welthistorischen Individuen" versagt ist?
Und überhaupt: Wer hat heute nicht Verständnis für Marquards "Schwierigkeiten
mit der Geschichtsphilosophie"37, wie sie sich in den Hegel'schen Großbegriffen
wirkmächtig zur Geltung bringt und die Auskunft geben zu können verspricht über
das, "was Gott mit der Welt will", - oder sei es auch nur über die ehernen Gesetze,
denen die Evolution der Geschichte gehorcht? Alles schon tempi passati? Gilt die
"Weltgeschichte" nicht mehr als das "Weltgericht" (Schiller) (Gumbrecht 1999)?

37
Frankfurt/M. 1973 ("Abschied von der Geschichtsphilosophie" ebd., 20ff ); vgl. auch U. Dierse/G.
Scholtz, Art. "Geschichtsphilosophie" in: HWPh 3 (1974) 416ff.
War Hitler ein großer Redner? 197
Doch der Gedanke bleibt ja faszinierend, dass "groß" nur sein kann, wer sich in
die teleologische Dynamik großer Entwicklungsprozesse einfugt, sie fördert, sie gar
beschleunigt; Entwicklungsprozesse, die die Gesellschaft sozial, politisch, kulturell,
ja vielleicht sogar historisch/evolutionär weiterbringen. Ist dieses "Weiterbringen",
mit dem ich an Rortys nüchternes "Achieving our country" anknüpfen möchte
(1998), um das naive Fortschrittspathos herunterzustimmen, auch dem öffentlichen
Meinungsstreit ausgesetzt? Nicht oder kaum, wenn man dieses "Weiterbringen"
nicht inhaltlich definiert, sondern operativ: Uns bringt weiter, was möglichst vielen
erlaubt, an dem öffentlichen Diskurs über das, was uns weiterbringt, teilzunehmen.
"Menschenrechte" mit universalen Anspruch nennen wir solche kommunikativen
Teilnahme- bzw. Rederechte.
Es war übrigens ein Rhetoriker, Chaim Perelman, der 1958 (!) mit rhetorischen
(!) Kategorien einen Universalismus konzipierte, der kompatibel ist mit dem seit
Kant philosophisch approbierten und von Apel, Habermas u.a. fortgeschriebenen
diskursiven Universalismus, dessen Prinzip lautet: Legitime Geltung hat nur, was in
einem strukturell uneingeschränkten Diskurs allgemeine Zustimmung finden könn­
te.3" Jede Partikularisierung ist nach diesem Prinzip ein Indiz fehlender Geltungsle­
gitimität. In diesem Universalisierungstheorem ließe sich auch der Begriff von
"Größe" rhetorisch substantialisieren: "Groß" wäre danach eine Rede nach Maßga­
be ihrer präsumtiv universalen Zustimmungschance (bei Betroffenen). Erkennbar
wird bei diesem Verständnis von "groß" das o.g. Prinzip der "Koinzidenz des All­
gemeinen und Besonderen" reformuliert als Prinzip der Universalierung bzw. bes­
ser: der Transzendierung des Besonderen/Partikularen zugunsten des Allgemeinen.
Man könnte die in diesem Prinzip eingeklagte kommunikative Entgrenzung mit
Habermas genauerhin "Transzendenz von innen" nennen.39 Großen Reden gelingt
diese "Transzendenz von innen", weil ihnen diese kommunikative Entgrenzung des
Besonderen gelingt. Groß wären also Redner, die zu großen Reden in diesem Sinne
fähig sind.
3.2 Die bisherigen Überlegungen mögen ausreichen, um die Kategorie "Größe"
rhetorisch noch einmal zusammenfassend zu bestimmen. Ich möchte es mithilfe des
o. eingeführten und als elementar qualifizierten Anschlussprinzips versuchen: Groß
wäre danach ein Redner wegen seiner großen Anschlussfähigkeit. Dabei umfasst
Anschlussfähigkeit mindestens die folgenden drei Anschlussdimensionen: Groß ist
ein Redner,
- wenn er 1. erfolgreich ist, d.h. wenn er groß ist in seiner Anschlussfähigkeit an
jeweils konkrete Publika und ihre Überzeugungspotentiale;
- wenn er 2. einflussreich ist, d.h. wenn er groß ist in seiner Anschlussfähigkeit
an wichtige Themen, in denen die großen Fragen der Zeit sich verdichten;
38 Vgl. zu Perelman und seinem Traite de l'argumentation Kopperschmidt (s. Anm. 22).
39
Vgl. 1992, 11 Off., 127ff., bes. 125. Man könnte auch an Kants "Transzendentales Prinzip der
Publizität" erinnern, das im Anhang II Zum ewigen Frieden (1795) kriteriell entwickelt und
begründet wird.
198 Josef Kopperschmidt

- wenn er 3. bedeutsam ist, d.h. wenn er groß ist in seiner Anschlussfähigkeit an


das diskursive Evolutionspotential von Gesellschaften, indem er es für universa-
lisierbare Problemlösungen überzeugend zu aktivieren vermag.
Und wie wäre nun - um unsere anfängliche Frage aufzunehmen - der Code typo-
logisch zu charakterisieren, dem "groß" als Auszeichnung eines ebenso erfolgrei­
chen wie einflussreichen und bedeutsamen Redners kategorial angehört? Die ver­
suchte Bestimmung von "groß" mithilfe des rhetorischen Schlüsselprinzips, näm­
lich des dreifach dimensionierten Anschlussprinzips, war der Versuch, den originär
rhetorischen Charakter dieser Kategorie zu plausibilisieren, selbst wenn außerrhe­
torische Bestimmungsmerkmale (etwa Burckhardts Reflexion über "historische
Größe") für das rhetorische Anschlussprinzip adoptiert wurden.
Bleibt endlich zu fragen: Warum kann man nun, gemessen an dem skizzierten
Profil rhetorischer Größe, Hitler nicht einen "großen Redner" nennen? Warum ver­
körpert er in gleichem Maße allenfalls die exemplarische Verhunzung rhetorischer
Größe, wie er nach Thomas Mann "die Verhunzung des großen Mannes" verkör­
pert?40 Warum ändert sich dies Urteil nicht, selbst wenn man mit Fest dem riskan­
ten Gedanken zeitweilig nachgeben möchte, dass "Hitlers Lebensplan wie eine ein­
zige Demonstration (des Burckhardt'schen Koinzidenztheorems) erscheinen (könn­
te)" (1973, 19)? Natürlich gab es bei Hitler nach dem Zeugnis vieler seiner Beob­
achter genau das, was man "eine biographische Koinzidenz" von "individuellen
Motiven" und "kollektiven Pendants" nennen könnte (Matussek u.a. 2000, 171).
Und dennoch! Trotz aller seiner rhetorischen Erfolge und seines Einflusses als
Redner - es sträubt sich alles in uns, Hitler einen "großen Redner" zu nennen! Es ist
erkennbar die 3. der o.g. Dimensionen des rhetorischen Begriffs der Größe, die
man bei Hitler vermisst. Doch auf sie "kommt hier Alles an", wobei "hier" bei
Burckhardt meint: Bei der moralischen "Nachsicht", auf die wirklich große Persön­
lichkeiten rechnen dürfen wegen des Großen, das sie für den "gemeinen Nutzen"
geleistet haben. Und was hätte Hitler - nicht 193841, sondern im Mai 1945 - als "Er­
folg" vorzuweisen, was "Nachsicht" mit ihm begründen könnte? (Fest 1973,
1034ff.; Ders., 2002, 189ff.) Die Frage beantwortet sich von selbst, zumindest für
alle, denen mit Blick auf "Drittes Reich" und "Faschismus" von "Zivilisations­
bruch" (Diner/Benhabib 1988) zu sprechen selbstverständlich geworden ist. Ich be­
schränke mich daher nur auf drei abschließende Anmerkungen, die diese normative
Einschätzung mit Blick auf das Thema "Hitler der Redner" noch etwas spezifizie­
ren sollen:
1. "Führerrede" als zwar nicht faschismusspezifische, aber faschismustypische
Redeform bietet so wenig ein evolutionäres Muster öffentlichen Redens für moder-

40 Vgl. zur Kategorie "Größe" neben Fest 1973, 17ff., 742ff.; 1027 u.a. Bullock 2000, 793ff.; Haffner
1978, 37ff.; Kershaw 1998, 20ff.; Scholdt 1993, 463ff; Thomas Mann 1977; Heinrich Mann "Der
große Mann" (1933), in: Koebner 1989, 7ff.
41 Vgl. das gleichlautende Gedankenexperiment bei Fest 1973, 25 und Haffner 1978, 45f.; vgl.
Scholdt 1993,465.
War Hitler ein großer Redner? 199

ne Gesellschaften und deren Kommunikations-, Diskurs- bzw. Deliberationsbedarf


an, w ie es der totalitäre Führerstaat für die politischen Organisationsbedürfriisse ei­
ner sich zunehmend funktional differenzierenden Gesellschaft tut, selbst wenn die­
ser Führerstaat sich charismatisch zu kostümieren versteht. Hitler als Typ des cha­
rismatischen Führer-Redners ist nicht anschlussfähig und insofern ist er auch rede­
geschichtlich ein Anachronismus, der den in Deutschland fälligen Prozess der
Diskursivierung des öffentlichen Redens aufgehalten und statt dessen die Entpoliti­
sierung der Politik (bzw. die Erlösung von Politik) durch deren Sakralisierung,
Mythisierung, Ästhetisierung, Theatralisierung etc. gefordert hat, ob man das nun
"hoch technisierten Romantizismus" (Th. Mann 1973, 987, 991) oder "rückwärts­
gewandte Utopie" (Broszat 2000, 39) oder halbierte Moderne (Kiesel 2000, 150ff.;
Thamer 2002, 414ff.) nennen will. Insofern lag Gottfried Müller stilästhetisch gar
nicht so falsch mit seinem "Symphonischem Chorwerk", in dem er 1943 unter dem
Titel "Führerworte"42 Hitlerworte wie heilige Texte liturgisch zelebrierte und sie so
dem diskursiv-profanen Zugriff entrückte; denn Führerworte sind nicht auf Erwi­
dern, gar auf Widerreden angelegt. Das unterscheidet bloße "Redner" von "Prophe­
ten", die nicht sich verkünden, sondern als Sprachrohr einer Offenbarung auffreten,
die, weil sie Erlösung (Gumbrecht 1999) und nicht Information verspricht, Glauben
bzw. Gehorsam und nicht Diskussion will (vgl. u. S. 455ff.!). Stilsicher lässt Chap­
lin deshalb auch im Großen Diktator (1940) Hynkel während seiner 1. großen Rede
mit einer Rhetorik brillieren, die man mit Loiperdinger (1984, 240) "sinnliche Rhe­
torik" nennen könnte: Mit einer einzigen Handbewegung steuert Hynkel Beginn,
Dauer und Ende der applaudierenden Publikumsreaktion wie ein Dompteur.
Und ebenso stilsicher verschweigt Chaplin in seiner satirischen Verfremdung
einer Hitlerrede die andere Seite dieser "sinnlichen Rhetorik", nämlich ihren poten­
tiellen Gewaltcharakter, nicht: Es ist eben nicht nur eine "gutturale Stammei-
Suada", die Chaplin seinen Hynkel sprechen lässt43, vielmehr erfindet Chaplin für
ihn eine auf ihre lautliche Materialität reduzierte und korporal entgrenzte, eben ver­
sinnlichte Kunstsprache, die daher auch korporal wirken muss - auf Anhänger wie
auf Opfer: Im Getto bringt diese durch Lautsprecher verstärkte Kunstsprache alles
öffentliche Leben zum Erliegen und löst panische Flucht- und Erstarrungsreflexe
aus. Eine solch korporalisierte, versinnlichte bzw. "naturalisierte" Rhetorik44 ist ei­
ne notwendig entdiskursivierte Rhetorik, die deshalb den Diskursbedarf moderner
Gesellschaften ebenso wenig befriedigen kann wie sie sich parlamentarisieren lässt
(Theweleit 2000/2, 125). Auch als Redner - so mein Resümee - hat Hitler also

42 Den Hinweis verdanke ich Plöckinger 1998, 88.


43 U Jenny im Spiegel 7 (2002) 168; vgl. u. den Beitrag von Kirchner.
44 Vgl. Maas 1984, 240; Theweleit 2000/2, 119ff., der den performativen "Redeakt" mit recht gegen­
über dem "Mitgeteilten" betont und dem solch suggestive Formulierungen gelingen wie diese: "Er
streichelte sie, er liebkoste sie mit seiner Rede ..." (ebd., 401). Vgl. auch Brechts Der außialtsame
Aufstieg des Arturo Ui (1941), Szene 7 (Schauspielunterricht). Alle bestätigen damit Kubizeks Ur­
teil Uber Hitler, dass sich nämlich sein Erfolg weniger dem "Was" als dem "Wie" seiner Reden ver­
danken (A. Kubizek, Adolf Hitler, mein Jugendfreund, Stuttgart 1953, 22).
200 Josef Kopperschmidt

nichts als Trümmer und Ruinen hinterlassen, nichts mithin, dem "die Unfähigkeit
zu Überleben” nicht unauslöschlich eingeschrieben wäre, so Fest im Schlusskapitel
seines Buches (1973, 1027fF.). Über eine Rhetorik, die nach Blumenberg "die
Kunst des Überlebens" methodisieren sollte45, lässt sich kein vernichtenderes Urteil
fällen. Doch - so ist
2. ergänzend mit Sloterdijk anzumerken - "die Deutschen von damals (wussten),
dass sie nicht nur einer Militär- und Gesellschaftskatastrophe, sondern auch einer
Sprachkatastrophe entronnen (waren)" (1990, 36). Die kompromittierte "Groß­
sprecherei" der "ehemaligen ReichswortfUhrer” und "amtsenthobenen Redegewalti­
gen" hat es nicht nur Leuten wie Carl Schmitt klug erscheinen lassen, "sich gesund­
zuschweigen oder sich in eine andere Verfassung hinüberzuschweigen", sondern
hat es vielen erleichtert, sich im "kommunikativen Beschweigen" (H. Lübbe) einzu­
richten. Die Trümmer und Ruinen, die Hitler hinterlassen hat, sind also nicht nur
ein Nichts, auch fiir die weitere Redegeschichte nicht. Sie sind auch Zeugen einer
ungeheuren Zerstörung von Redechancen, die in den vielen "Schweigeverabredun­
gen" (Sloterdijk ebd.) begraben wurden, die das Schweigen, das Hitlers Rhetorik
strukturell implizierte, funktional für sich zu nutzen verstanden. Doch auch hier ist
letztlich und
3. nachzutragen: Die "deutschen Schweigegeschichten" nach '45 waren nicht
nur gut getarnte Selbstexkulpationsversuche von Überlebenden, die bloß ihre Haut
retten wollten. In diesen "Schweigegeschichten" steckt auch viel Verstummen, das
bis heute belastend nachwirkt; nicht nur als zunehmend lauter werdender Wider­
stand gegen ein (so der Verdacht bei Walser) politisch verordnetes öffentliches
Verstummen46 oder als Scham über das, was auch ein selbstverordnetes Verstum­
men alles stumm macht, bei Grass (Im Krebsgang 2002, 77). Es gibt ärgerlichere
Dimensionen dieses öffentlichen Verstummens, wovon am Ende von Hans-Jürgen
Syberbergs großem Film Hitler - ein Film aus Deutschland (1977) die Rede ist:
Die Hitlerpuppe in der Hand haltend lässt Syberberg dort Andrö Heller in einem
virtuellen Prozess sagen, worin Hitler trotz seiner beispiellosen Niederlage dennoch
"gesiegt (habe)": Seit Hitler sind nämlich nicht nur Symbole (Swastika), Farben
(Rot), Musik (Wagner), Daten (9. November; 30 Januar)47 usw. besudelt, sondern
es sind auch - so die These - alle großen Worte, Visionen, Träume, Ideen so sehr
korrumpiert, kompromittiert bzw. "verhunzt", dass wir sie bis heute zwanghaft (!)
meiden, um doch nur irritiert und erschreckt festzustellen: Wir haben sie bloß den
Glatzköpfen überlassen, deren Reden durch das Verstummen nicht hat geläutert
werden können, weil sie es gar nicht erlitten haben.

45 Vgl. dazu F.J. Wetz/ H. Timm (Hg ), Die Kunst des Überlebens, Frankfurt/M. 1999.
46 Neben der Paulskirchenrede (1998) vgl. bes. Über freie und unfreie Rede (1994); dazu Kop­
perschmidt 2001, 277ff. (s. Anm. 30).
47 Zum 9. November vgl. meinen Beitrag 8.3; zum 30. Januar vgl. Grass 2002, 116 u.ö. Uber "das
verdammte Datum".
War Hitler ein großer Redner? 201
Und so mag es dabei bleiben: Hitler ist auch als Redner nicht nur deshalb nicht
groß zu nennen, weil er nichts Großes hinterlassen hat, sondern auch, weil er das,
woraus Große vielleicht Großes gemacht hätten, so nachhaltig verhunzt hat.

Literatur

Andersen, O.: Im Garten der Rhetorik (1995), Darmstadt 2001.


Anheier, H.K./Neidhardt, F./Vortkamp, W.: Konjunkturen der NS-Bewegung Discussion Paper FS III
98-102, Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) 1998.
Beck, H.-R.: Politische Rede als Interaktionsgefüge: Der Fall Hitler, Tübingen 2001.
Behrenbeck, S.: "Der Führer", in: G. Diesener/R. Gries (Hg ): Propaganda in Deutschland, Darmstadt
1996, 51ff.
Binion, R.: "... daß ihr mich gefunden habt". Hitler und die Deutschen, Stuttgart 1978.
Bloch, E.: "Hitlers Gewalt" (1924), in: W. Weyrauch (Hg ): Ausnahmezustand. Eine Anthologie aus
'Weltbühne' und Tagebuch', München 1966, 289ff.
Ders.: "Sokrates und die Propaganda" (1936), in: Ders.: Vom Hasard zur Katastrophe, Frankfurt/M.
1972, 103 ff.
Bohse, J.: Inszenierte Kriegsbegeisterung und ohnmächtiger Friedenswille, Stuttgart 1988.
Brecht, B.: "Der Messingkauf 1937-1951", in: Gesammelte Werke Bd. 16 (Schriften zum Theater 2),
Frankfurt/M. 1967, 501ff.
Brockhaus, G.: Schauder und Idylle, München 1997.
Broszat, M.: Der Staat Hitlers (1969), München 2000.
Bullock, A.: Hitler (1953), Augsburg 2000.
Burckhardt, J.: "Weltgeschichtliche Betrachtungen" (1905), in: Gesammelte Werke Bd. IV, Basel 1956.
Burke, K Die Rhetorik in Hitlers 'Mein Kampf und andere Essays zur Strategie der Überredung
(1939), Frankfurt/M. 1967.
Carlyle, Th.: Über Helden und Heldenverehrung (1841), Berlin 1926.
Casmir, F.L.: "Hitler als Prototyp des politischen Redners", in: Diesener/Gries (s. Behrenbeck), 79ff.
Demandt, A.: Zeit und Unzeit Geschichtsphilosophische Essays, Köln u.a. 2002.
Deuerlein, E.: "Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr", in: Vierteljahrshefte für Zeitge­
schichte 7 (1959) 177ff.
Diner, D./Benhabib, S. (Hg.): Zivilisationsbruch, Frankfurt/M. 1988.
Domarus, M.: Hitler Reden und Proklamationen. 4. Bde. (1973), Leonberg 1988.
Dovifat, E.: Rede und Redner, Leipzig 1937.
Dyck, J.: "Rede bis in den Tod", in: uni-info (Oldenburg) 10 (1983/3) 2f.
Ders.: "Rhetorik und Propaganda im Nationalsozialismus", in: Kuratorium Schloss Ettersberg e.V.
(Hg ), Vom "Untergang des Abendlandes" zum Aufstieg des "Dritten Reiches" (Ettersberger Hefte
5), Weimar 1999, 29ff.
Faye, J.P.: Totalitäre Sprachen (1972), 2 Bde., Frankfurt/M. 1977.
Fest, J.: Hitler. Eine Biographie, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1973.
Ders.: Speer. Eine Biographie, Berlin 1999.
Ders.: Der Untergang, Berlin 2002.
202 Josef Kopperschmidt

Fischer-Hupe, K.: Victor Klemperers "LT1 Notizbuch eines Philologen." Ein Kommentar, Hildesheim
2001.
Frei, N.: Der Führerstaat (1987), München 2001.
Geißner, H : Rede in der Öffentlichkeit, Stuttgart 1969.
Goebbels, J.: "Wenn Hitler spricht", in: Der Angriff (1928), München 1935, 217f.
Ders.: "Der Führer als Redner", in: Adolf Hitler. Bilder aus dem Leben des Führers, Cigaretten/Bil­
derdienst, Gamburg 1936, 27ff.
Ders.: Michael Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern (1929), München 1936.
Grass, G.: Im Krebsgang, Göttingen 2002.
Gumbrecht, H.U.: "Die Weltgeschichte als Weltgericht", in: Neue Zürcher Zeitung vom 11./12. De­
zember 1999, 53.
Habermas, J.: "Transzendenz von innen, Transzendenz ins Diesseits", in: Texte und Kontexte, Frank­
furt/M 1992, 127ff
Haffner, S.: Anmerkungen zu Hitler, München 1978.
Ders.: Von Bismarck zu Hitler, München 1989.
Ders.: Geschichte eines Deutschen, Stuttgart-München 2000.
Hamann, B : Hitlers Wien, München 1996.
Hegel, G.W.F.: "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte", in: Werke in zwanzig Bänden, Bd
12, Frankfurt/M. 1976.
Heiber, H.: Goebbels Reden 1932-1939, Bd. 1, München 1971.
Heuss, Th.: Hitlers Weg, Stuttgart-Berlin-Leipzig 1932.
Heym, St.: Nachruf, München 1988.
Hinderen W. (Hg ): Deutsche Reden, 2. Bde., Stuttgart 1973.
Hitler, A.: Mein Kampf, München 1934.
Hoffer, E.: Der Fanatiker. Eine Pathologie eines Parteigängers, Reinbek 1965.
Horkheimer, M.: "Die Funktion der Rede in der Neuzeit" (1936), in: Gesammelte Schriften, Bd. 12,
Frankfurt/M. 1985, 23ff.
Jens, W.: "Im Stile eines schlechten Predigers", in: Die Zeit 32 (1966) 13f.
Ders.: "Von deutscher Rede", in: Von deutscher Rede, München 1969, I6ff.
Joachimsthaler, J.: Hitlers Weg begann in München 1913-1923, München 2000.
Kershaw, 1.: Hitlers Macht, München 1992.
Ders.: Hitler. 1889-1936, Stuttgart 1998.
Ders.: Der Hitler-Mythos (1987), Stuttgart 1999.
Ders.: Hitler. 1936-1945, Stuttgart 2000.
Kiesel, H.: "Der Nationalsozialismus. Faszination durch Erfolg?", in: H Maier (Hg ): Wege in die Ge­
walt, Frankfurt/M. 2000, I43ff.
Klein, J.: "Politische Rhetorik", in: Sprache und Literatur 75/76 (1995) 62ff.
Klemperer, V.: "LT1". Die unbewältigte Sprache, München 1969.
Klöss, E. (Hg ): Reden des Führers, München 1967.
Knopp, G.: Hitler Eine Bilanz, Berlin 1995.
Koebner, Th. (Hg ): "Bruder Hitler" Autoren des Exils und des Widerstands sehen den "Führer" des
Dritten Reichs, München 1989.
Kopperschmidt, J.: "öffentliche Rede in Deutschland", in: Muttersprache 99 (1989) 213ff.
War Hider ein großer Redner? 203

Ders.: "Gibt es Kriterien politischer Rhetorik?", in: Diskussion Deutsch 115 (1990) 479ff.
Ders.: "Der verflixte 8. Mai", in: Der Deutschunterricht 3 (1996) 71ff.
Ders. (Hg ): Rhetorische Anthropologie, München 2000.
Ders.: "Deutsche Sonntagsreden", in: H. Diekmannshenke/I. Meißner (Hg ): Politische Kommunikation
im historischen Wandel, Tübingen 2001,269ff.
Ders.: "Rhetorik 'auf platter Erde"', in: Rhetorik 21 (2002) 1 ff.
Kotze, H. von/Krausnick, H. (Hg.): Es spricht der Führer, Gütersloh 1966.
Loiperdinger, M.: Rituale der Mobilmachung, Opladen 1987.
Luhmann, N.: Aufsätze und Reden, Stuttgart 2001.
Maas, U.: "Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand". Sprache im Nationalsozialismus, Opla­
den 1984.
Mann, H.: "Der große Mann", in: Koebner 1989, 7ff.
Mann, Th : "Deutschland und die Deutschen" (1945), in: Hinderer 1973/1, 970ff. (=Gesammelte Werke
(GW), Frankfurt/M. 1960, Bd. XI, 1136ff ).
Ders.: Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland aus den Jahren 1940 bis 1945 (1945),
Frankfurt/M. 1987 (=GW, XI, 983ff ).
Ders.: Betrachtungen eines Unpolitischen (1918), München 1988 (=GW, XI, 9ff ).
Matussek, P./Matussek, P./Marbach, J.: Hitler. Karriere eines Wahns, München 2000.
Mayer, H.: "Rhetorik und Propaganda”, in: F. Benseler (Hg.): Festschrift zum achtzigsten Geburtstag
von Georg Lukdcs, Neuwied-Berlin 1965, 119ff.
Mehnert, K.: Ein Deutscher in der Welt, Stuttgart 1981.
Meyer, Th./Kampmann, M.: Politik als Theater, Berlin 1988.
Müller, A.: Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland (1812) (hg. von W.
Jens), Frankfurt/M. 1967.
Nadolny, St.: Selim oder Die Gabe der Rede, München-Zürich 1990.
Oesterreich, PL.: Philosophen als politische Lehrer, Darmstadt 1994.
Orth, D.: Nationalsozialistische Propaganda und Weimarer Wahlen, Opladen 1997.
Perelman, Ch./Olbrechts-Tyteca, L.: Tratte de l'argumentation. La nouvelle Rhetorique, Paris 1958.
Plöckinger, O.: Adolf Hitler als Redner, Diss. Salzburg 1998.
Ders.: Reden um die Macht?, Wien 1999.
Pörksen, U.: "Was ist eine gute Rede, was ihre erste Vorbedingung: Kompetenz oder Orientierung?",
in: Lüneburger Universitätsreden 5 (2001).
Ders.: Die politische Zunge Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede, Stuttgart 2002.
Ders.: "Notwendigkeit einer 'Akademie zur guten Rede’", in: H. Hesse (Hg ): Zukunftsfragen der Ge­
sellschaft, Mainz 2001,41 ff.
Reich-Ranicki, M.: "Eine Rede über Glanz und Elend der Redekunst", in: G. Ueding/Th. Vogel (Hg ):
Von der Kunst der Rede und Beredsamkeit, Tübingen 1998, 191 ff.
Rohling, F.-H.: "Topik und Begriffsgeschichte am Beispiel des vir bonus-Ideals", in: Schirren,
Th./Ueding, G. (Hg ): Topik und Rhetorik, Tübingen 2000, 67ff.
Rorty, R.: Stolz auf unser Land (1998), Frankfurt/M. 1999.
Roß, K.: Sprecherziehung statt Rhetorik, Opladen 1994.
Schmölders, C.: "Die Stimme des Bösen", in: Merkur 51 (1997) 681 ff.
Ders.: "Führers Stimme", in: Frankfurter Rundschau vom 20.11.1999, ZB3.
204 Josef Kopperschmidt

Ders.: Hitlers Gesicht, München 2000.


Scholdt, G.: Autoren über Hitler, Bonn 1993.
Sloterdijk, P.: ''Aus der Sprache des deutschen Schweigens", in: Versprechen auf Deutsch Rede über
das eigene Land, Frankfurt/M. 1990, 35ff.
Ders.: Die Verachtung der Massen, Frankfurt/M. 2000.
Speer, A.: Spandauer Tagebücher, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1975.
Steinert, M.: Hitler (\99\), München 1994.
Thamer, U.: Der Nationalsozialismus, Stuttgart 2002.
Theweleit, K.: Männerphantasien 1+2 (1977/78), Hamburg 2000.
Tschuppik, K.: "Hitler spricht" (1927), in: Weyrauch (s. Bloch), 293ff.
Widemann, A.: "Hitler lesen", in: Süddeutsche Zeitung vom 12.04.1999, 10.
Winkler, H.A.: Der lange Weg nach Westen, 2 Bde.. München 2000.
”Der Führer spricht..."
Hitler und der Rundfunk
Inge Marszolek

1. Vorbemerkung

Im März 1933 sagte Adolf Hitler in einem Interview über den Rundfunk: "Das
muss so werden, dass jeder plastisch vor Augen hat, was er hört. Man kann noch
unendlich mehr herausholen. Der Ton ist meiner Ansicht nach viel suggestiver als
das Bild. Aber die Möglichkeiten des Rundfunks auszunutzen, das will erst gelernt
sein. Ich war selber zuerst vor dem Mikrophon fast verzweifelt. Und auch jetzt bin
ich noch immer damit unzufrieden. Mit aller Kraft werde ich mich für die Entwick­
lung des Rundfunks einsetzen."1
Dreierlei sind an diesem kurzen Zitat bemerkenswert:
1. Das eine ist das Eingeständnis, als Redner im Rundfunk nicht perfekt, bzw. zu­
nächst gescheitert zu sein. In der Tat wurde seine erste Rede im Rundfunk am 1.
Februar 1933, also nach der NS-Machtergreifung, als Hitler einen vom Kabinett
gebilligten Aufruf an das deutsche Volk verlas, sowohl von den Fachleuten im
Funk wie von der Öffentlichkeit heftig kritisiert. Die sozialdemokratische Rund­
funkzeitung "Der Volksfunk" bemängelte, dass die Stimme Hitlers kasemen-
hofartig, unsympathisch und gar nicht deutsch geklungen habe.2 Nun mag man
das als Kritik aus den Reihen der Gegner abtun, aber immerhin wiederholte der
Reichskanzler diese Rede für eine Schallplattenaufnahme: Nunmehr benötigte
er für den gleichen Text drei Minuten länger. Er sprach also langsamer und
deutlicher. Die Rede wurde allein am 3. Februar 1933 dreimal gesendet.
2. Zum zweiten aber hatte Hitler die Faszination des neuen Mediums in einer Wei­
se beschrieben, die selten so deutlich ausgesprochen wurde: Der Rundfunk, der
zum Zeitpunkt der "Machtergreifung" knapp zehn Jahre in Deutschland sendete,
war von hoher Wirkungsmächtigkeit. Bereits am Ende der Weimarer Republik
entwickelte er sich vom Mittelstands- zum Massenmedium. Der Rundfunk war
für die Programmmacher und Techniker ein einzigartiges Laborfeld und besaß
für seine Hörerinnen und Hörer eine ungemeine Attraktivität. Dabei ging es
nicht zuletzt darum, dass Hören und Sehen durch das Radio in einer bisher noch
nie erfahrenen Weise verknüpft wurden. Nicht nur dass in den Rundfunkpro-

1 Zit n Diller 1980, 62.


2 Volksfunk 1933, 35; zit. n. Diller 1980, 63.
206 Inge Marszolek

grammen dezidiert "Hörbilder" gesendet wurden, auch die dort tätigen Repor­
ter, die erstmals Ende der Weimarer Republik auch life berichteten, schilderten,
was sie sahen. Das auditive Medium wurde von Anfang an in vielfältiger Weise
visualisiert. Die Rundfunkindustrie schaltete Anzeigen, auf denen nicht nur die
Geräte abgebildet wurden, sondern auch unterschiedliche Hörsituationen. Die
Radiosprecher wurden wie Stars in den Rundfunkzeitschriften vorgestellt.
Selbst das Radiohören, sei es in der Familie, sei es gemeinsam mit Freunden
oder gar in den öffentlichen Radiostuben wurde inszeniert. Man hörte gemein­
sam ein Konzert, lauschte einem Vortrag oder einer Rede. Das heißt, Hitler und
wohl noch mehr sein zukünftiger Reichspropagandaminister Joseph Goebbels
waren sich der Besonderheiten des neuen Mediums von Anfang an bewusst.
3. Daraus folgt drittens: Hitlers Versprechen sich mit aller Kraft für die Weiter­
entwicklung des Rundfunks einzusetzen, bedeutete nicht nur, dass die National­
sozialisten sich des Rundfunks und der Sendeanstalten bemächtigten, sondern
dass sie für eine umfassende Verbreitung von Rundfunkempfängern, auch in
Arbeiterfamilien und auf dem Land, Sorge tragen wollten.

2. Der Volksempfänger - eine Ikone des Nationalsozialismus

Diesem Ziel diente eine der ersten markt- und medienpolitischen Maßnahmen des
Regimes: Bereits am 28. April 1933 schlossen die 28 empfängerbauenden Firmen
einen Vertrag über den Absatz von Rundfunkgeräten. Nur kurze Zeit später ver­
pflichteten sich die gleichen Firmen freiwillig - sie benötigten nur einen kleinen
Anstoß seitens des NS-Regimes - zur Herstellung des "Volksempfängers", eines
normierten Markenartikels. Den Preis von 76,- RM legte das Reichsministerium für
Propaganda und Volksaufklärung fest, und es bedurfte nur einer kleinen diskursi­
ven Zuspitzung, um aus dem Gerät ein nationalsozialistisches Produkt zu machen:
"auch das Entstehen des Volksempfängers ist eine Bestätigung des Führerprin­
zips"3. Begleitet wurde die Implementierung des Volksempfängers und ab 1938 des
noch günstigeren Kleinempfängers (36,- RM) u.a. durch die Senkung der Rund­
funkgebühren für Fürsorgeempfänger und später generell für die unteren Einkom­
mensschichten, auf der anderen Seite aber auch durch propagandistische Maßnah­
men, die sowohl das Gerät, wie den NS-Rundfunk, sowie das Regime selbst bewar­
ben. So wurden zwischen 1933 und 1943 rund 4,3 Millionen Volksempfänger und
2,8 Millionen Deutsche Kleinempfänger produziert. Rein rechnerisch trug damit
mehr als jedes dritte im Deutschen Reich erfasste Gerät die Züge des vom Regime
propagierten Geräts. Eines der bekanntesten Plakate konstruierte gleichermaßen die
nationalsozialistische Öffentlichkeit wie eine medial präsentierte Führer-Gefolg-

3 Ein Gespräch mit Oberingenieur Griessing, dem Konstrukteur des VEs, in: E. Schwandt, "Der Er­
folg des Volksempfängers in Zahlen", in: Funktechnische Mitteilungen (1935) 67; zit. n. Schmidt
1998a, 141.
'Der Führer spricht... 207
Schaftsideologie. Im Mai 1933 erschien im "Völkischen Beobachter" eine Werbung
für den Volksempfänger: Aus einer Masse lauschender Menschen ragt ein riesiger
Volksempfänger heraus. Überschrift: Ein Zweizeiler "Ganz Deutschland hört den
Führer" - unten läuft der Text etwas kleiner weiter - "mit dem Volksempfänger".
Die Werbung inszenierte die Identität des Führers mit dem Gerät: Der Lautsprecher
des Volksempfängers symbolisiert einen überdimensionalen gesichtslosen Kopf,
die lauschenden Volksgenossen formieren sich zu Füßen des Geräts, sie verschwin­
den in der Unendlichkeit. Diese Grafik repräsentiert das "Idealmodell nationalsozi­
alistischer Massenöffentlichkeit". Sie kennt keinen Dissens mehr, Öffentlichkeit
wird auf das Erlebnis reduziert, Diskurs durch Empfangen ersetzt.4 Der "Führer"
wird hier im medialen virtuellen Raum als übermächtige Stimme inszeniert. Die
hier insinuierte Identität von Führer und Apparat verweist auf die Mediatisierung
von Herrschaft, die scheinbar im Einklang mit den Bedürfnissen der Masse steht.5
Dem entspricht, dass wie kaum ein anderes Alltagsobjekt der Volksempfänger zum
Symbol des Nationalsozialismus wurde. Erinnert wurde er im Volksmund als
"Goebbels-Schnauze".
Ein anderes Werbeobjekt, das gerade im Krieg die Propagierung des Rundfunks
im ländlichen Bereich anvisierte, war das auf der Kunstausstellung 1940 vom Ma­
ler Paul Mathias Padua präsentierte Gemälde Der Führer spricht. Gezeigt wird ei­
ne bäuerliche Großfamilie, die gemeinsam der Führerstimme aus dem Volksemp­
fänger, der wie ein Tabernakel über den Köpfen steht, lauscht. Über dem Gerät
prangt eine Hitlerfotografie. Zeitgenössische Interpretationen verweisen bereits auf
das quasi religiöse Inventar "Das Bild gleicht dem einer Gemeinde, die im schlich­
ten Dorfkirchlein andächtig unter der Kanzel aus dem Munde des Pfarrers das Wort
Gottes vernimmt oder dem Bild einer häuslichen Abendandacht"6. Dieses Gemälde
wurde massenhaft reproduziert und fungierte als Werbeträger für die Rundfunkin­
dustrie und -händler. Das Rundfunkgerät im nationalsozialistischen Design sollte so
auch im letzten Dorf Einzug halten und gleichzeitig die bäuerliche Kultur mit der
industriellen Massenkultur im nationalsozialistischen Sinn versöhnen.

3. Inszenierung der NS-VoIksgemeinschaft im Rundfunk

Tatsächlich war Reichspropagandaminister Goebbels derjenige, der den Rundfunk


zu einem höchst wirkungsvollen, wahrscheinlich dem wirkungsvollsten Propagan­
daorgan des Nationalsozialismus machte. Das wurde zum einen dadurch erleichtert,
dass die seit 1932 bestehenden Pläne, den Rundfunk zu verstaatlichen, von der
NSDAP nach 1933 nur noch festgeschrieben werden mussten. Zum anderen gelang

4 Dröge/Müller 1995, 325; die beiden Autoren beziehen sich hierbei auf den Habermas'schen öffent-
lichkeits- und Diskursbegriff.
5 Ebd.
6 Zit. n. Friemert 1996, 62; vgl. auch Schmidt 1998a, 150.
208 Inge Marszolek

es Goebbels binnen kurzem die personelle Gleichschaltung des Rundfunks durch­


zuführen, da er sich weitgehend auf den Austausch der Intendanten beschränken
konnte. Das Gros der Programmmacher und Redakteure schwenkte ohne großen
Druck und relativ rasch auf die nationalsozialistische Politik ein.7 Gleichzeitig
schaltete Goebbels andere Ministerien wie das Reichspostministerium und das
Reichsinnenministerium aus der Kontrolle des Rundfunks aus. Offenbar war sich
Goebbels von Anfang an bewusst, dass der Rundfunk als häusliches Medium zwar
als Propagandainstrument in den privaten Bereich hineinsendete und ihn durch­
drang, das Hören aber sich einer totalen Kontrolle entzog. Daher betonte er in sei­
ner ersten Rede im März 1933 vor den Intendanten, dass es nicht so sehr darauf an­
komme, "was man macht", sondern "wie man es mache": "Nur keine Öde. Nur
nicht die Gesinnung auf den Präsentierteller legen. Nur nicht glauben, man könne
sich im Dienste der nationalen Regierung am besten betätigen, wenn man Abend
für Abend schmetternde Märsche ertönen lässt (...) Gesinnung muss sein, aber
Gesinnung braucht nicht Langeweile zu bedeuten".**
Aber zugleich war es in den Anfangsjahren für Goebbels nicht möglich, nach
dieser Erkenntnis den Rundfunk zu organisieren. Tatsächlich drängte jeder Gaulei­
ter ins Radio. Die Zeit nach der Machtergreifung wurde, so Peter Reichel, durch ein
Trommelfeuer politischer Reden geprägt. Allein im Jahr 1933 wurden fünfzig Füh­
rerreden gesendet9, insgesamt gab es 118 öffentliche Verlautbarungen von Hitler10.
Hinzu kamen die Übertragungen von öffentlichen Veranstaltungen und von NS-
Feiertagen. Anzumerken ist aus medienspezifischer Sicht, dass der NS-Rundfunk
für die im Rundfunk Tätigen ebenso wie für Goebbels ein einzigartiges Experimen­
tierfeld darstellte, moderne Massenbeeinflussungsstrategien zu auszutesten. Bereits
im Wahlkampf im März 1933 probierte Goebbels aus, wie im und durch das Radio
die nationalsozialistische Bewegung und vor allem der Führer selber zu inszenieren
sei. So wurde am 1. März 1933, dem "Tag der erwachenden Nation" erstmalig eine
Rede Hitlers in Königsberg im gesamten Rundfunk übertragen. Den ganzen Tag
über marschierten die Formationen von SA und SS in den Städten auf, Fackelzüge
zogen abends durch die Orte. Der Höhepunkt des Tages war dann das gemein­
schaftliche Hören der Führerrede vor den Lautsprechern." Dieses Muster blieb in
den ersten Jahren des Regimes prägend.
Deutlich zugespitzt zeigte sich das in der Gestaltung des nationalsozialistischen
1. Mai 1933, dem "Tag der nationalen Arbeit"12. Goebbels zog den jungen Archi-

7 Vgl. hierzu Münkel 1998, 53 - anders die Einschätzung bei Reichel 1991, 161.
* Heiber 1972, hier Bd. 2, 206; zit. n. Reichel 1991, 159.
9 Reichel 1991, 165.
10 Beck 2001, 176. Beck bezieht sich dabei auf die Auswertung von Domarus 1973.
11 Domarus 1973,216.
12 Vgl. Heuei 1989. Heuei gibt im ersten Teil seiner Studie eine minutiöse Schilderung des Ablaufes
des 1. Mai 1933 wie auch eine textkritische Interpretation der Reden (1989, 42-187). Im Anhang
'Der Führer spricht... 209

tekten Albert Speer zur bühnenmäßigen Ausgestaltung des Tempelhofer Feldes, wo


die zentrale Kundgebung stattfand, zu Rate und wies zugleich dem Rundfunk eine
zentrale Rolle bei der Inszenierung des ersten "nationalen Tages der Arbeit" zu.13
Wohl einmalig in der Geschichte des Radios sendete der Rundfunk am 1. Mai 1933
ein dramaturgisch lückenlos durchgeplantes Programm, das zudem mit Ausnahme
von zwei Sendungen, - eine dreiviertelstündige und eine zehnminütige mit Marsch-
und Arbeiter-, Bauern- und Soldatenliedern - ein reines Wortprogramm war und
zwar von morgens 8.50 bis ca. 1 Uhr nachts. Da nur etwa ein Drittel aller Haushal­
tungen ein Rundfunkgerät besaß, wurde in den Lokalzeitungen aufgefordert, die
Geräte in die Fenster zu stellen, damit auch Nicht-Radiobesitzer mithören konnten.
Zentrale Lautsprecheranlagen in den Städten sorgten für die Verkoppelung der Ber­
liner Maifeier mit den regionalen Aufmärschen im gesamten Reich.
Ohne hier näher auf dieses Programm eingehen zu können, zeigen sich an die­
sem Tag, der die erste Inszenierung der NS-Volksgemeinschaft im Radio war, zwei
wichtige Gestaltungsmerkmale: Das eine ist die Verknüpfung von nationalsozialis­
tischer Ideologie mit den Ikonen der Moderne, wobei der Rundfunk sich im und
durch das Medium selbst als solche präsentierte. Neben Hörspielen, wie der "Sym­
phonie der Arbeit", in denen die 1 .Mai-Programmatik der sozialistischen Arbeiter­
bewegung konterkariert und neu konturiert wurde, kamen auch Marsch- und Volks­
lieder zur Ausstrahlung. Besonderes Aufsehen dürften sicherlich die Life-Berichte
erregt haben. So wurden Berichte über die Maifeiern in anderen Städten zugeschal­
tet. Reporter interviewten auf dem Tempelhofer Feld Angehörige der Arbeiterdele­
gationen, die per Flugzeug aus den "Gauen" des Reichs nach Berlin gebracht wur­
den. Diese Arbeiter, zweifellos aufgrund ihrer "Verdienste" für die NSDAP ausge­
sucht, brachten z.B. ihre Bewunderung für den Führer zum Ausdruck, der bereits
im Wahlkampf 1932 das Flugzeug benutzt hatte und sich nicht durch die "rauen
Winde" habe beeindrucken lassen. Ein anderer Reporter berichtete life aus dem
Zeppelin, der am Ersten Mai Uber Deutschland flog, und beschrieb aus der Vogels­
perspektive die mit Hakenkreuzflaggen geschmückten Schrebergartenkolonien, in
denen früher die roten Fahnen gehangen hätten.
Der auditive und visuelle Höhepunkt des Tages aber war die Inszenierung der
Führerrede.14 Adolf Hitler stand in einem von Speer konzipierten Lichtdom, nach
seiner Rede begann ein gigantisches Feuerwerk. Die Rede wie die Schilderungen

ein Transkript der Rede Hitlers, die als Schallaufnahme im DRA in Frankfurt erhalten ist (1989,
593-609).
13 Vgl. Marszolek 1998b, 122ff.
14 Vor der Rede Hitlers hielt Goebbels eine Art Totenrede auf die bei einem Grubenunglück ums Le­
ben gekommenen Bergarbeiter und auf zwei ermordete SA Leute in Naumburg und Kiel um deren
gemeinsamen "Opfertod" zu beschwören: "Die neuen Soldaten der Arbeit und der Politik fallen auf
dem Felde der Ehre." Anlässlich der Schweigeminute notierte Goebbels in seinem Tagebuch: "Nun
steht die ganze Nation still. Die Lautsprecher übertragen die Stille über Stadt und Land" (J. Goeb­
bels, Tagebücher Bd 2: 1930-1934 (hg. v. R.G. Reuth), Eintragung zum 1. Mai 1933 (Kaiserhof),
München 1992, 798.
210 Inge Marszolek

des Lichtspiels und des Feuerwerks - vier Reporter wechselten sich ab - wurden
über alle Sender übertragen und konnten sowohl in den Wohnungen wie auf den
Plätzen im gesamten Reich gehört werden.
Diejenigen, die am 1. Mai 1933 sich noch weigerten, die Hakenkreuzfahne zu
flaggen, diejenigen, die nicht auf den Maikundgebungen waren, oder die dem Auf­
ruf des ADGB nur resigniert und enttäuscht mit den "Fäusten in der Tasche" folg­
ten, kamen im Medium nicht vor. Auch in der Folgezeit waren die politischen Geg­
ner, wie die aus rassischen Gründen Ausgegrenzten, allenfalls marginal präsent, et­
wa in Vorträgen, die sich mit den sog. Volksfeinden beschäftigten. Eine Stimme
hatten sie nicht. Der Verbot des Besitzes von Radiogeräten für Juden und Jüdinnen
im Krieg, zu einem Zeitpunkt als die Deportationen begannen und die Mehrheit der
deutschen Juden bereits vertrieben waren, war nur eine logische Konsequenz der
Instrumentalisierung des Rundfunks im Sinne der medialen Inszenierung der
"Volksgemeinschaft".

4. "Der Führer spricht"

Spätestens nach 1935 wurden die politischen Reden ebenso wie die Übertragungen
von Veranstaltungen zugunsten der Unterhaltung zurückgefahren. Die Reden des
Führers wurden weiter in den Betrieben, auf öffentlichen Plätzen durch Lautspre­
cher übertragen. Lautsprecherwagen fuhren in abgelegene Dörfer, um auch hier die
Worte Hitlers unters Volk zu bringen. Allerdings gerieten die Masseninszenierun­
gen mit den Aufmärschen und Fackelzügen immer mehr in den Hintergrund. Diese
Formen von Massenmobilisierungen blieben wenigen nationalsozialistischen Groß­
ereignissen wie den Reichsparteitagen u.ä. Vorbehalten. Während zumindest bis
zum Ausbruch des Krieges ambivalente Äußerungen über die Rezeption dieser Re­
den in den Betrieben und Städten überliefert sind - je nach Zuhörerschaft - dürfte
das Auftauchen der Lautsprecherwagen in den ländlichen Regionen immer noch ei­
nen gewissen Neuheitswert gehabt haben. Gerade sozialdemokratische Arbeiter in
den Großbetrieben erinnern sich eher an Desinteresse denn an aufmerksames Zuhö­
ren. Allerdings sind diese Erinnerungen auch geprägt von einem gewissen Rechtfer­
tigungsmechanismus.
Leider ist bisher weder untersucht worden, wie viele Reden Hitlers im Radio
gesendet wurden, welche lediglich übertragen wurden, entweder life oder später
von einer Schallplatte oder welche er eigens im Rundfunk gehalten hatte. Ebenfalls
fehlen Analysen darüber, wie die Führerreden im Programm platziert wurden und
wie sie auch in der Tagespresse angekündigt bzw. kommentiert wurden. Zwar beto­
nen die Biografen Hitlers dessen Bedeutung als Redner, nicht jedoch in bezug auf
das Medium Radio.15

15 Etwa Fest 1973; Kershaw 1998. Jüngst hat der Medienwissenschaftler Dietrich Leder in der "Zeit"
die These geäußert, dass weder Goebbels noch Hitler das Radio als ihr Medium betrachtet hätten,
'Der Führer spricht..." 211
Während die Präsenz Hitlers im Radio in der Vorkriegszeit relativ hoch war,
veränderte sich das im Laufe des Krieges einschneidend. Das entspricht der Red­
nertätigkeit insgesamt, die sich bereits 1934 etwa halbierte, um dann ab 1941 sich
bei zehn Reden jährlich etwa einzupendeln.16 In den Jahren der Erfolge, also zur
Zeit der Blitzkriegsiege im Westen, nahm Hitler im Radio regelmäßig Stellung,
nicht zuletzt auch um die zunächst mangelnde Kriegsbegeisterung zu verstärken,
wie um die Deutschen auf die Ausweitung des Krieges vorzubereiten. Mit den ers­
ten Niederlagen an der Ostfront wurde die Präsenz geringer. Nach Stalingrad waren
Radioreden geradezu eine Seltenheit. Die Wirkungen der Reden wurden vom SD
genauestens verfolgt.17
So berichtete die Außenstelle des SD in Bad Kissingen über die Führerrede
vom 24. Februar 1941, dass die "unbedingte Siegeszuversicht des Führers (...) sich
sehr stark auf alle Volksgenossen ausgewirkt habe"18. Dabei, so Ian Kershaw in sei­
ner Studie über den "Hitler-Mythos", habe bereits der SD die starke, pseudoreligiö­
se Bindung gerade von einfachen Menschen an den Führer erkannt: So berichtete
ein SD Vertrauensmann aus der Gegend von Kitzingen, dass es "manchmal gerade­
zu rührend" sei, "mit welch kindlichen Vertrauen gerade Leute aus den einfachsten
Schichten heute zum Führer und unserer Staatsfuhrung aufblicken"19. Nach dem
ersten Winter des Russlandkrieges, als die Ausmaße der deutschen Verluste deut­
lich waren und ein Ende des Krieges in immer weitere Feme gerückt war, wurde, so
Kershaw, das immer "wiederkehrende Ritual der plebiszitären Begegnung von Füh­
rer und Volk" fast gänzlich aufgegeben. Goebbels inszenierte nunmehr "seinen
Führer" als einen zweiten Friedrich den Großen, als einsame entrückte Majestät,
der auf den entfernten Kriegsschauplätzen einen heroischen Kampf für sein Volk
focht.20 Allerdings blieb trotzdem der Glaube an den Führer, der allein das Blatt
noch wenden könne, bestehen. So berichtete die SD-Außenstelle Würzburg im Ja­
nuar 1942, dass viele Volksgenossen "geradezu das Bedürfnis" hätten, "wieder die
Stimme des Führers zu hören"21. Gleichzeitig aber wurden die Reden, allein Ker­
shaw nennt drei Reden von Januar bis April 1942, mit Skepsis aufgenommen und
wohl nur wenige teilten die von Hitler beschworene Siegesgewissheit. So kommen­
tierten NSDAP-Funktionäre die Rede vom 26. April 1942 dahingehend: "Verzagte
Gemüter, und deren gibt es nicht wenige, scheinen nur von einer Stelle der Rede
des Führers beeindruckt worden zu sein: als der Führer von den Vorbereitungen

sondern vor allem Life-Redner gewesen seien. Dabei übersieht er aber die Bedeutung der Übertra­
gungen von Veranstaltungen und der Rolle des Radios in der Inszenierung derselben (Leder 2001).
16 Beck 2001, 176f. nennt für 1934 60 Reden oder Verlautbarungen, 1939 waren es 41, 1940 18,
1941 12, 1942 11, 1943 9, 1944 10 und 1945 nur noch 2.
17 Boberach 1965; Steinert 1970, vgl. auch Kershaw 1980.
18 Zit. n. Kershaw 1980, 139.
19 Ebd., 140.
20 Ebd, 157f.
21
Ebd.
212 Inge Marszolek

zum Winterfeldzug 42/43 sprach. Nun aber ist das Ende noch nicht absehbar - dar­
unter leiden viele Frauen und Mütter"22. Nach dem Verlust Stalingrads brauchte
Hitler mehr als einen Monat, um anlässlich des Heldengedenktages, der vom 14.
auf den 23. März verschoben worden war, im Radio zu sprechen. Die relativ kurze
Rede wurde mit Enttäuschung wahrgenommen: "Die fast leidenschaftslose Sprache,
der monotone Vortrag habe sich eigenartig angehört (...) z.T. habe der Tonfall de­
primierend gewirkt."23
Hitler sprach danach erst wieder im am 10. September 1943 und dann am 8.
November zum Jahrestag des Novemberputsches von 1923, wobei er den Deut­
schen Vergeltung für die alliierten Bombenangriffe versprach. Dieses, ebenso wie
der kämpferische Duktus, scheinen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben, so jeden­
falls der Tenor aller SD-Berichte aus dem Reich. Nach dem Attentat vom 20. Juli
1944 tauchte Hitler in der Öffentlichkeit kaum noch auf, im Radio sprach er noch
zum Neujahr 1944 und am 30. Januar 1945, dem Tag der nationalsozialistischen
Machtergreifung, hielt er seine allerletzte Rede.

5. Der Rundfunk als Brücke zwischen Heimat und Front

Sicherlich sind die Reden Hitlers im Rundfunk und ihre Wirkungskraft ein wichti­
ges Indiz für die Geschlossenheit der NS-Volksgemeinschaft sogar im Krieg. Dar­
über hinaus bleibt die Frage, ob und inwiefern das Radio die zweifellos enge Bin­
dung zwischen Führer und Volk befördert haben mag. Medienerinnerungen sind
immer auch biographische Konstruktionen - und leider sind derartige Befragungen
kaum gemacht worden.24 Wir wissen jedoch gerade aus ländlichen Gebieten, dass
der Volksempfänger auf einem spitzengedeckten Ehrenplatz in der guten Stube
stand. Hörerinnenbriefe schildern, dass neben dem Gerät Bilder vom Führer oder
auch von Goebbels aufgestellt worden waren.25 ln den Feldpostbriefen schrieben
häufig die Frauen an ihre Männer, wie sehr sie von einer Rede Hitlers wiederaufge­
richtet worden waren, oder aber wie sehr sie bei einem Musikstück an den Mann an
der Front gedacht hätten, da sich gemeinsame Erinnerungen verbanden. "Im Radio
klingt gerade die Melodie Mädel, ich komm bald wieder und ist der Feind geschla­
gen, bleib ich immer bei Dir! Sicher kennst Du das Lied auch aus dem Film U-
Boote westwärts. An wen denke ich wohl jetzt?"26 Dieses Zitat aus einem Brief ei­
nes jungen Mädchens an einen jungen Soldaten ist nur ein Beispiel unter vielen.
Auch die Soldaten schrieben ähnliches an die Frauen und Mütter zu Haus.

22 Ebd., 170.
23 Ebd., 158.
24 Überhaupt scheinen Erinnerungen an Medienaneignung nur mühsam zu rekonstruieren sein, hierzu
Kubier 1987.
23 Schmidt 1998b, 325.
26 Marszolek 1999a, 57. Die Briefe befinden sich im Staatsarchiv Bremen
'Der Führer spricht... 213
Hitler und Goebbels wussten offenbar diese Funktion des Mediums als Trans­
porteur zwischen Heimat und Front zu nutzen und wiesen dem Rundfunk im Krieg
die zentrale Aufgabe zu, deren Einheit in der "Kriegsgemeinschaft" zu simulieren.
Das geschah besonders wirksam in der eigens hierfür entwickelten Unterhaltungs­
sendung "Das Wunschkonzert für die Wehrmacht”.27 Neu waren die Möglichkeiten
der direkten Hörerbeteiligung. Wünsche wurden nur von der Front akzeptiert, die
Volksgenossen und Volksgenossinnen zu Hause durften spenden. In dieser Sen­
dung traten alle Künstler von Rang und Namen auf, sowohl klassische Musik wie
Unterhaltung waren gefragt. Die Konstruktion der Volksfamilie als Opfergemein­
schaft wurde unterstrichen durch die Nennung der geborenen Kinder, Erzählungen
über den Alltag an der Front gerieten zur Anekdote, die über den Alltag der Frauen
waren unterlegt von dem Opfertod der Männer für die Volksgemeinschaft. Tatsäch­
lich suggerierte das gemeinsame Hören dieser Sendung an der Front und zu Hause
die Überwindung der räumlichen Trennung, wie viele Feldpostbriefe zeigen. Die
Wirkungsmächtigkeit des "Wunschkonzertes" belegt auch der gleichnamige Film
von 1940, (Regisseur E. v. Borsody) wie die dokumentarische Broschüre der Mo­
deratoren der Sendung, die in großer Auflage verkauft wurde.28 Auch hierzu ein Zi­
tat aus einem Feldpostbrief, den eine Frau aus Bayern an ihren Ehemann an der
Ostfront schrieb: "Sicher warst Du auch am Radio gesessen, es hat mir recht gut ge­
fallen. Es ist eine wunderschöne Einrichtung, dass man von einer Stelle aus zu so
vielen Menschen nach allen Himmelsrichtungen sprechen kann.1’29
Eine ähnliche Funktion hatte die Weihnachtsringsendung von 1942, in der, so
Uta C. Schmidt, mit den weitentwickelsten Hilfsmitteln der Funktechnik ein "Welt­
reich mit deutschem Gemüt" inszeniert wurde. Weihnachten 1942 wurde an alle
Fronten geschaltet: "Achtung an Alle - noch einmal sollen sich nun - unter dem
Eindruck dieser Stunden, die wir zusammen erlebten (...) alle Kameraden an den
entferntesten Übertragungsstellen melden und Zeugnis ablegen durch ihren Ruf von
dem umfassenden Erlebnis dieser unserer Ringsendung - Achtung (...) ich rufe noch
einmal den Eismeerhafen Lienehamering (...) Hier ist der Eismeerhafen Lienehame-
ring (...) Achtung, ich rufe noch einmal Stalingrad (...) Hier ist Stalingrad." Es folg­
te die Aufforderung, gemeinsam in das "schöne, alte deutsche Weihnachtslied "Stil­
le Nacht, heilige Nacht" einzustimmen. Man hörte dann mit starken Überlagerun­
gen eine Männergruppe das Lied singen, und ein Klavier spielte im Studio zur Un­
terstützung mit.30

27 Diese Sendung hatte einen Vorläufer "Das Wunschkonzert für das Winterhilfswerk", diese Sen­
dung wurde aber dann fllr die Kriegsgemeinschaft erfolgreich weiterentwickelt, wobei auf die Er­
fahrungen der "Volkssenderaktionen" zurückgegriffen werden konnte. Vgl. hierzu M. Pater,
"Rundfunkangebote", in: Marszolek/Saldem 1998b, 129-242, hier224ff
28 Goedecke, H./Krug, W., Wir beginnen das Wunschkonzert für die Wehrmacht, Leipzig 1940.
29 Zit. n. Marszolek 1999a, 50.
30 Schmidt 1998b, 337.
214 Inge Marszolek

6. Der nationalsozialistische Rundfunk - ein modernes Medium?

Fragt man nach der Wirkungsmächtigkeit des Rundfunks als Propagandainstru­


ment, so fällt zunächst die Selbstinszenierung des Mediums im Nationalsozialismus
auf. Hier sind nochmals die eingangs erwähnte Konstruktion der nationalsozialisti­
schen Öffentlichkeit wie die Versöhnung der Moderne mit der völkischen Ideologie
als Themen der Werbung ftlr den Volksempfänger zu betonen. Gleichzeitig wurden
im nationalsozialistischen Rundfunk, v.a. was den Unterhaltungssektor angeht, ge­
messen an den medien- und zeitspezifischen Möglichkeiten moderne Unterhal­
tungsprogramme produziert, die - wie das "Wunschkonzert" - die nationalsozialisti­
sche Volksgemeinschaft inszenierten und formierten. Offenbar hatte insbesondere
Joseph Goebbels - entgegen mancher früher Äußerungen31 - von Anfang an begrif­
fen, dass das Medium sich einer totalen Indienstnahme durch unmittelbare Propa­
ganda entzog. Das Hören fand im privaten Raum statt und selbst ein diktatorisches
Regime konnte diesen Raum nicht vollständig kontrollieren. Es konnte die Aneig­
nungspraxen und Umdeutungsprozesse nicht vollständig beeinflussen. Eben deswe­
gen reichte die Übertragung der Führerreden im Radiogerät nicht aus - es musste
gewährleistet werden, dass diese Reden im öffentlichen Raum zu hören waren, der
wiederum eigens inszeniert wurde. In seiner Untersuchung von ausgewählten, als
Tondokumente überlieferten Reden, kommt Beck zu dem Schluss, dass offenbar
der Eindruck der Rede vor Ort, also die Inszenierung vor einem Publikum oftmals
ein anderer war, als der medial vermittelte Eindruck, zumal in der Regel das Publi­
kum ausgesucht war. Das traf offenbar besonders auf die Rede Hitlers im Sportpa­
last am 26. September 1938 zu, also auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise. Wäh­
rend das Publikum frenetisch Beifall spendete, dokumentieren die Stimmungsbe­
richte, wie wenig Kriegsbegeisterung zu spüren war. Das spezifische Gemein­
schaftserlebnis, so Beck, war nur vor Ort zu schaffen.32 Allerdings ist anzumerken,
dass nie wieder die Kluft zwischen "Volksgemeinschaft" und ihrem Führer so groß
war wie in dieser Zeit, als man den Krieg noch fürchtete.
Gleichzeitig aber entzog sich das Radio als auditives Medium noch auf andere
Weise der Kontrolle durch das Regime. Gerade im Krieg wandten sich die Volks­
genossen und -genossinnen anderen Sendern zu: Feindsenderhören wurde, trotz
schärfster Sanktionen - das Verbreiten von Nachrichten aus den Feindsendem
konnte mit dem Tode bestraft werden - zum Massendelikt. Das bedeutet, dass die
Deutschen nicht nur sehr wohl um Bedeutung des NS-Rundfünks als Propagandain­
strument des Regimes wussten, sondern zugleich, dass sie - als es um ihre ureigens­
ten Bedürfnisse ging - durchaus zu Übertretungen der nationalsozialistischen Ge­
setze bereit waren, und die damit verbundene Bedrohung in Kauf nahmen. Aus me-

31 So sprach Goebbels noch in seiner Ansprache an die Intendanten und Direktoren der
Rundfunkgesellschaften am 25.03.1933 von den “geistigen Waffen", die mobilisiert werden
sollten, in: Heiber 1972, Bd. 1,90.
32
Beck 2001, 181 f.
'Der Führer sprichI... 215
dienwissenschaftlicher Sicht wird hier einmal mehr belegt, dass die Nutzung und
Aneignung von Medien sich einer totalen Kontrolle entzieht. Angesichts der Bom­
benangriffe und der katastrophalen Kriegslage entfalteten die Worte des Führers
nur noch partielle und punktuelle Wirksamkeit. Aber auch den "Feindsendem"
wurde nur bedingt Glauben geschenkt: Deren Botschaften waren zu keiner Zeit
handlungsorientierend. Anders die Unterhaltung: die dort wohl verpackten Bot­
schaften drangen tief in das Hörergedächtnis ein und wirkte bis in die Nachkriegs­
zeit hinein. Sendungen wie das Wunschkonzert prägten die Hörerwartungen an das
Medium bis in die fünfziger Jahre. Und während die Stimmen von Hitler und
Goebbels im Medium verstummt waren, milderten die Stimmen der Rundfunkspre­
cher und Unterhaltungsstars die Verunsicherungen der Deutschen in den Umbruch­
zeiten des Nach-Kriegs.

Literatur

Beck, H.-R.: Politische Rede als Interaktionsgefüge: der Fall Hitler, Tübingen 2001.
Boberach, H. (Hg.): Meldungen aus dem Reich, Neuwied-Berlin 1965.
Diller, A.: Rundfunkpolitik im Dritten Reich, München 1980.
Domarus, M.: Hitler. Reden und Proklamationen. 1932-1945, Wiesbaden 1973.
Dröge, F./Müller, M.: Die Macht der Schönheit. Avantgarde und Faschismus oder Die Geburt der
Massenkultur, Hamburg 1995.
Fest, J.C.: Hitler, Frankfurt/M.-Berlin 1973.
Friemert, Ch.: Radiowelten Zur Ästhetik der drahtlosen Telegrafie, Stuttgart 1996.
Heiber, H. (Hg ): Goebbels - Reden, 2 Bd„ Düsseldorf 1971/72.
Heuei. E.: Der umworbene Stand. Die ideologische Integration der Arbeiter im Nationalsozialismus
1933-1935, Frankfurt 1989.
Kershaw, I.: Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich, Stuttgart 1980.
Ders.: Hitler, Stuttgart 1998.
kubier, H.-D.: ''Medienbiographien - ein neuer Ansatz der Rezeptionsforschung?", in: M. Bobrowski/
W. Duchkowitsch/H. Haas H., Medien- und Kommunikationsgeschichte, Wien 1987, 53-63.
Uder, D.: "Die Macht des Mikros", in: Die Zeit vom 18.10.2001, 50.
Marszolek, I : "'Aus dem Volke für das Volk.' Die Inszenierung der 'Volksgemeinschaft' im und durch
das Radio", in: Dies./A.v. Saldem, Radiozeiten. Herrschaft, Alltag, Gesellschaft (1924-1960), Ber­
lin 1999a.
Dies.: "'Ich möchte Dich zu gern mal in Uniform sehen. Geschlechterkonstruktionen in Feldpostbrie­
fen", in: Werkstatt Geschichte 22 (1999b) 41-59.
MUnkel, D.: "Produktionssphäre'', in: I. Marszolek/A.v. Saldem, Zuhören und Gehörtwerden /. Radio
im Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablenkung, Tübingen 1998, 45-128.
Reichel, P.: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus, Mün­
chen 1991.
216 Inge Marszolek

Schmidt, U.C.: "Der Volksempfänger Tabernakel moderner Massenkultur", in: I. Marszolek/A.v. Sal-
dem, Zuhören und Gehörtwerden /. Radio im Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablen­
kung, Tübingen 1998a, 136-159.
Dies.: "Radioaneignung", in: I. Marszolek/A.v. Saldem, Zuhören und Gehörtwerden /. Radio im Nati­
onalsozialismus Zwischen Lenkung und Ablenkung, Tübingen 1998b, 243-360.
Steinert, M.G.: Hitlers Krieg und die Deutschen, Düsseldorf 1970.
Der Redner Hitler im Urteil seiner Zeitgenossen
Othmar Plöckinger

1. Ein Kaufmann wird Werberedner: Die Frühzeit (1919-1924)

Eine Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Sicht auf den Redner Hitler
kann nicht das Ziel verfolgen, den historisch "echten" Redner aufzuspüren. Wer
sich auf die Suche nach ihm machen würde, würde bestenfalls nur "seinen" Redner
finden - nicht anders als die Zeitgenossen Hitlers auch, wie sich zeigen wird.
Folgt man Mein Kampf, so entdeckte Hitler seine Fähigkeit zu reden 1919
gleich zweimal. Zunächst als "Bildungsoffizier" bei der Reichswehr (235)', wobei
er noch nicht allzu überzeugt von sich gewesen sein mag, denn in seinem Schreiben
mit der Bitte um Aufnahme in die DAP vom 19.10.1919 versicherte er: "Mein Be­
ruf ist Kaufmann, möchte aber Werberedner werden, man spricht mir diese Bega­
bung zu."12 Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt jedenfalls entdeckt er seine Red­
nergabe ein zweites Mal: "Ich sprach dreißig Minuten, und was ich früher, ohne es
irgendwie zu wissen, einfach innerlich gefühlt hatte, wurde nun durch die Wirk­
lichkeit bewiesen: ich konnte reden!" (390)
Nach Mein Kampf ist er 1919/20 wie ein Furor in die Rednerszene in München
gefahren, obwohl ihm in der Partei in Wirklichkeit andere Redner immer wieder
vorgezogen wurden, die zum Teil auch ein größeres Publikum erreichten als er.3
Großartig beschreibt er die "Verkündung" des Parteiprogramms am 24.02.1920,
mit der seine Karriere als Redner eigentlich begann. Den Hauptredner Dingfelder
erwähnt er nicht einmal und streicht seine eigene Bedeutung heraus, denn "als die
letzte These so den Weg zum Herzen der Masse gefunden hatte, stand ein Saal voll
Menschen vor mir, zusammengeschlossen von einer neuen Überzeugung, einem
neuen Glauben, von einem neuen Willen." (405) Das Ganze hat nach Hitlers Anga­
ben fast vier Stunden gedauert und vor etwa zweitausend Zuhörern stattgefunden.
Wenngleich der Polizeibericht Hitlers Angaben weitgehend bestätigt4, wussten
zeitgenössische Zeitungsberichte anderes zu melden. Bereits auf dem Ankündi-

1 Bei Hinweisen/Zitaten aus Mein Kampf werden nur die Seitenzahlen im Klammem angegeben.
2 Jackel/Kuhn 1980,91.
3 Vgl. Polizeiberichte Uber 10.12.1919 (Hitler), 16.01.1920 (Feder), 6.02.1920 (Eckart), in: BA Ber­
lin, NS 26/82.
4 Vgl. BA Berlin, NS 26/82. Die skurrile Entschließung gegen die Zuweisung von Weizenmehl an
Juden übergeht Hitler in Mein Kampf geflissentlich.
218 Othmar Plöckinger

gungsplakat zu dieser Veranstaltung fehlte Hitlers Name5 und auch die Münchener
Neuesten Nachrichten kannten ihn nicht. Lediglich die Münchener Zeitung erwähn­
te ihn kurz.6 ln einer parteiinternen Auflistung der Versammlungen bis Anfang
1921 ist unter dem 24.02.1920 nur zu lesen: '"Was uns not tut’ - Dingfelder - Hof­
bräuhaus".7 Selbst Emst Röhms knappe Schilderung aus 1928 klingt respektlos:
"Am 24. Februar 1920 gab die Partei in einer großen Massenversammlung im Hof­
bräuhaus-Festsaale das erste Mal vor einer breiten Öffentlichkeit in 25 Punkten die
Ziele der Bewegung bekannt."** Hitlers Schilderung in Mein Kampf setzte sich den­
noch durch und etablierte nach 1933 den 24. Februar als einen zentralen Festtag im
"nationalsozialistischen Festkalender".
Unzweifelhaft setzte sich Hitler von nun an als Redner durch. Er bestritt einen
großen Teil der Versammlungen der (NS)DAP und sprach im Herbst 1920 bereits
vor 3500 Zuhörern. Er wurde zur lokalen Sensation, die sein Publikum zu begeis­
tern wusste - von freundlich gesonnenen Behörden und Gönnern gefördert und von
rabiatem Antisemitismus getragen. Gesteigert wurde die Bekanntheit Hitlers durch
die Machtübernahme der Faschisten im Oktober/November 1922 in Italien9, denn
nun setzten sich auch Zeitungen außerhalb Bayerns mit den "bayerische Faschisten"
auseinander: Die Berliner Weltbühne etwa sprach von einem "Demagogefn] mittle­
ren Kalibers".10 Die gewalttätigen Umtriebe der Partei und deren Duldung wurden
im November 1922 gar Thema einer Interpellation der SPD im Bayerischen Land­
tag, denn mit Reden Hitlers war es nicht mehr getan, die Verquickung von Rhetorik
und Gewalt wurde zunehmend deutlicher." Daher beschäftigte sich der Reichs­
kommissar für Überwachung der öffentlichen Ordnung12 im Bericht vom 1.12.1922
erstmals näher mit der NSDAP und Hitler: "Hitler selbst, der ein sehr geschickter
Propagandist und glänzender Redner ist, hat selbst die größten Verdienste um das
Hochkommen seiner Organisation.'"3
Der erste nationalsozialistische Parteitag in München am 27728.01.1923 weckte
schließlich das Interesse rechtskonservativer Medien, die sich bisher kaum um Hit­
ler gekümmert hatten. In den deutschnationalen Eisernen Blättern hieß es: "Seine
Wirkung auf die Massen ruht in seiner Volksberedsamkeit und in den Zeitumstän-

5 Vgl. Abbildung bei Fest 1973, 177.


6 Münchener Neueste Nachrichten, Nr. 83 vom 25.02.1920, Abendausgabe; Münchener Zeitung,
Nr. 55 vom 25.02.1920.
7 BA Berlin, NS 26/82.
* Röhm 1928, 108
9 Vgl. ebd., 138.
10 Weltbühne, Nr. 47 vom 23.11.1922; vgl. auch Nr. 2 vom 11.01.1923.
11 Vgl. Vossische Zeitung, Nr. 556 vom 24.11.1922, Morgenausgabe; KampfTmeyer 1923, 22f.
12 Zu den Berichten des "Reichskommissars für Überwachung der öffentlichen Ordnung" vgl. Ritter,
Reichskommissar, 13ff. Künftig wird nur noch vom "Reichskommissar für Überwachung" gespro­
chen.
13 Staatsarchiv (StA) Amberg, Regierung der Oberpfalz, 14346/12.
Der Redner Hitler im Urteil seiner Zeitgenossen 219
den, die ihm Tausende Unzufriedener, Versinkender gerade aus den besten Kreisen
des Mittelstandes Zufuhren."14 Die Wahrnehmungen außerhalb Bayerns reichten
von ungläubigem Staunen bis zu ironischer Überzeichnung. Am 8.02.1923 schrieb
die C.V.-Zeitung, das Organ des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens, über den bis dahin "plumpen und rohen" Antisemitismus in Deutschland:
"Das änderte sich erst, als ein Mann mit dem ausgesprochenen Führertalent und ei­
ner bestechenden Volksrednerbegabung, wie sie Hitler besitzt, an die Spitze der
Bewegung trat. [...]. Nie wurde mit nationalen Erhabenheiten ärgere Demagogie ge­
trieben!'"5
Allerdings leitete der Parteitag für Hitler ein Krisenjahr ein, denn nur mit Mühe
konnte er dessen Verbot aufgrund seiner eigenwilligen Haltung in der Ruhrkrise
verhindern. Im März 1923 war für die von Theodor Heuss geleiteten Zeitschrift Die
Deutsche Nation die Sache klar: "Was den Agitator macht, das hat Hitler; was den
Führer macht, das fehlt ihm."16 Ebenfalls im März 1923 beschrieb Max Krell den
Redner Hitler im Berliner Tagebuch:
Die Reden des oberösterreichischen Tapezierers Hitler, vor dem das Geschrei Uber die landfremden
Elemente plötzlich verstummt ist, laufen in Drohungen aus, die die allgemeine verfahrene Situation an
irgendeinem Objekt rächen wollen. Der Vergeltungsgedanke bindet hier am stärksten. Aber schon das
Warum und Wieso verschwimmen im Nebelhaften. [...] Es ist der Exzeß unter allen Umständen, der sie
in die Arena lockt, nicht die tiefer liegende politische Idee noch die Ehrlichkeit eines notwendigen
Ideenkampfes. 17

Tatsächlich war der Agitator den rechtsgerichteten Verbänden in Bayern inzwi­


schen über den Kopf gewachsen. Man versuchte sich von ihm zu distanzieren. Ge­
neral Lossow sprach beim Prozess 1924 von der Ernüchterung über die Reden Hit­
lers: "Es wurde also für den, dessen Denkungsweise nüchtern eingestellt ist und der
suggestiver Beeinflussung nicht zugänglich ist, der Einfluß dieser Reden nach und
nach unwirksamer.'"* Am 1.05.1923 wurde Hitler gar gezwungen, die für diesen
symbolträchtigen Tag angesetzten 14 Versammlungen in München abzusagen.
Kurzfristig wurde es etwas still um den erfolgsverwöhnten, polternden Tribunen.
Die Vossische Zeitung meinte, seine "Kraft" wäre nun gebrochen, denn er sei ein
Mann,
[...] der seit vier Jahren mit den kleinen Mitteln eines Volksverhetzers, mit volkstümlicher Rednergabe
und der Kühnheit des Unverantwortlichen es verstanden hat, Bayern und zumal München in dauernde
Verwirrung zu halten und dem unkritischen Publikum in Deutschland vorzuspiegeln, daß in seiner Per­
son geistige Kräfte dem geknechteten Lande den Retter gesandt hätten. 19

14 Eiserne Blätter, Nr. 33 vom 11.02.1923.


15 C.V.-Zeitung, Nr. 6 vom 8.02.1923.
16 Die Deutsche Nation, H. 3 vom März 1923.
17 Tagebuch, H. 12 vom 24.03.1923.
18 Zit. in Andernach 1932, 9; vgl. auch Ritter 1979, Bestand R 134 - 19/27.
19 Vossische Zeitung, Nr. 460 vom 28.09.1923, Abendausgabe.
220 Olhmar Plöckinger

Für seine Anhänger blieb Hitler jedoch der Retter aus der Not und ein großer Red­
ner. Dies sollte die erste Sammlung Adolf Hitler. Sein Leben und seine Reden
(Herbst 1923) von Adolf Viktor von Koerber unterstreichen, die zum Prototyp aller
späteren Publikationen dieser Art wurde. Aus Anlass dieser Veröffentlichung
schrieb Ludwig Holländer in einem Leitartikel in der C.V.-Zeitung die erste um­
fangreichere Analyse einer Rede Hitlers, die jedoch vornehmlich am Inhalt und
wenig an der Form interessiert war (wie viele andere später auch):
So stellt sich die Rede des Herrn Hitler "Die 'Hetzer' der Wahrheit" als das Aneinanderreihen einer
Menge unverständlicher Schlagwörter dar. Warum solche Reden wirken, wird in Zusammenhänge mit
dem Inhalt der übrigen Ansprachen des Herrn Hitler demnächst geprüft werden müssen.20

Dieses Versprechen löste er wohl aufgrund der Ereignisse nicht mehr ein: am
879.11.1923 scheiterte Hitlers Putsch. Der "Volksredner" war in Haft, die Partei
verboten. So erlebte Hitler i924 ausgerechnet als Häftling den Höhepunkt seiner
bisherigen rhetorischen "Karriere".21 Seine Ausführungen beim Prozess wurden im
ganzen Reich verbreitet und seine Bedeutung als Redner hervorgehoben. Die Vos-
sische Zeitung widmete seiner Eröffnungsrede einen Leitartikel22, Carl von Ossietz-
kys Weltbühne beschäftigte sich ausführlich mit ihm23, und Emst Bloch interessierte
sich für das Phänomen der Wirkung Hitlers auf seine Anhänger:
Der Tribun Hitler [...) ist zweifellos eine mächtige suggestive Natur, [...] von einer Kraft des gesammel­
ten Willens, einem Vitaldruck und Talent der Bntzündung, einem Fanatismus der Vision, die ihn seinen
Jüngern aus dem Geschlecht Berhard von Clairvaux, ja, der Jungfrau von Orleans erscheinen läßt. 24

Der Prozess wurde zu einem vollen Erfolg. Noch 1936 waren diese Reden Hitlers
für Goebbels Anlass für euphorische Bemerkungen, denn damals hatte "der Führer
den Bergen von Akten, Bosheit und Verständnislosigkeit die strahlende Kraft sei­
ner offenen Wahrhaftigkeit und die durchschlagende Wirkung seiner hinreißenden
Beredsamkeit entgegenstellte."25
ln der Wissenschaft wurde Hitler jedoch weder vor noch nach dem Prozess re­
gistriert. Gerade Autoren, die in jenen Jahren zur Massenpsychologie oder zur Pro­
paganda arbeiteten, wären berufen gewesen, sich mit der neuen rechten Massenbe­
wegung zu beschäftigen. Doch viel zu sehr war die akademische Diskussion be­
herrscht vom Weltkrieg und den damit verbundenen sozialistischen Bewegungen

20 C.V.-Zeitung, Nr. 43 vom 27.10.1923.


21 Doch zunächst musste Hitler seine Niederlage mühsam verarbeiten: "ln den Vernehmungen, die bis
jetzt stattgefunden hätten, habe sich Hitler in sehr wenig günstigem Lichte gezeigt, teils sei er frech
gewesen, teils breche er in Heulkrämpfe aus." So beschrieb ihn der bayerische Ministerpräsident
von Knilling dem WUrttembergischen Gesandten in München, Karl Moser von Filseck (Haupt­
staatsarchiv (HStA) Stuttgart, E 130 b/367).
22 Vgl. Vossische Zeitung, Nr. 98 vom 27.02.1924, Morgenausgabe.
23 Weltbühne, Nr. 10 vom 6.03.1924.
24 Scholdt 1993, 73.
25 Goebbels, Führer, 34.
Der Redner Hitler im Urteil seiner Zeitgenossen 221
und Revolutionen. Nicht anders sah es im Bereich der ideologisch wesentlich näher
stehenden Sprach- und Sprechkunde aus.
Die Haft nutzte Hitler für die Arbeit an Mein Kampf, doch glaubt man seinen
Mitgefangenen, so konnte er es selbst in der Festung in Landsberg nicht lassen, ih­
nen gelegentlich mit Ansprachen zu Leibe zu rücken.26 Von der Politik zog sich
Hitler bald zurück, andere mussten die Erinnerung an ihn wach halten. Neben der
erwähnten Publikation von Koerber ist die Biographie Das Volksbuch vom Hitler
(1924) von Georg Schott zu erwähnen, die bis in die NS-Zeit hinein als Standard­
werk angesehen wurde und ein Kapitel dem "genialen Redner" widmete.27 Im Ok­
tober 1924 verkündete auch Adolf Bartels, dass die Bewegung vor allem durch die
"unermüdliche Propaganda Hitlers und vor allem seine gewaltige Rednergabe" ge­
wachsen sei, und mutmaßte: "Wenn man Hitler die ihm zugestandene Bewährungs­
frist zugute kommen ließe, würde er zweifellos eine segensreiche Tätigkeit entfal­
ten können. Aber man wird sich hüten."28 Man hütete sich nicht.

2. Schwere Zeiten für einen Redner: Redeverbote (1925-1927)

Am 20.12.1924 wurde Hitler auf Bewährung aus der Haft entlassen. Dass er in die
Politik zurückkehren würde, war für den Reichskommissar für Überwachung An­
fang 1925 klar:
F.in Mann, der seiner ganzen Veranlagung nach so sehr für das öffentliche Leben geschaffen ist wie
Hitler, der als suggestiver Redner Versammlungserfolge erlebt hat, wie kein anderer Redner in Deutsch­
land, ein Mann, der von einer großen Anhängerschaft derartig angebelet und verehrt worden ist, ver­
zichtet nicht so leicht auf die öffentliche Tätigkeit.29

Am 27.02.1925 wurde die Partei neu gegründet, dabei sprach Hitler "mit großer
Mässigung, warnte vor unbesonnenen Schritten und machte den Eindruck, als ob
die bei den Ereignissen vom Herbst 1923 und in der Gefangenschaft gesammelten
Erfahrungen sein Urteil reifer und abgeklärter, seine Haltung besonnener gemacht
hätten."30 Der Württembergische Gesandte in München traf damit eine Einschät­
zung, die sich später wiederholen sollte, denn nur wenige waren in der Lage, zwi­
schen der Taktik der Propaganda und Hitlers tatsächlichen Überzeugungen zu un­
terscheiden. Doch zumindest der Reichskommissar für Überwachung stellte zu Hit­
lers Rückkehr in die Politik scharf fest, "dass er in der langen Zeit seiner politi­
schen Ausschaltung nichts gelernt und nichts vergessen hat. Der Hitler von 1924

26 Vgl. Kallenbach 1939, 132.


27 Vgl. Schott 1924, 25ff. Darin auch erstmals veröffentlicht der bekannte Brief H. St. Chamberlains
an Hitler vom Oktober 1923.
28 Bartels 1924, 12 u. 17.
29 Ritter 1979, Bestand R 134 - 50/166.
30 Bericht der Württembergischen Gesandtschaft vom 2.03.1925, HStA Stuttgart, E 130b/BU 369.
222 Olhmar Plöckinger

[d.i. 1925] gefällt sich in derselben demagogischen Phraseologie, in der er sich im


Jahre 1923 bewegt hat."31
Das hatte für Bayern gereicht. Am 13.03.1925 wurde per Präsidialerlass in
Bayern ein Redeverbot verhängt. Die Berliner Weltbühne sah damit das "Ende der
völkischen Bewegung" gekommen, der "talentierte politische Zirkusclown" hätte
ausgedient.32 Verbote in anderen Ländern folgten jedoch erst mehr als ein halbes
Jahr später, da Hitler außerhalb Bayerns "bisher nirgends tatsächlich als Redner in
Erscheinung getreten [ist]. Seine vielfachen Reisen scheinen mehr der organisatori­
schen Aufbauarbeit und der Beseitigung innerer Parteidifferenzen zu dienen"33. Als
Hitler im Herbst 1925 mit seinen außerbayerischen Auftritten Emst machen wollte,
war es auch da zu spät: Preußen erließ am 26.09.1925 ebenfalls ein Redeverbot,
dem weitere in Hamburg, Sachsen, Baden, Hessen, Lübeck, Anhalt und Oldenburg
folgten.34 Nur in wenigen Ländern sah man die Sache anders, ln einer Sitzung der
Württembergischen Staatsregierung am 20.07.1925 äußerte sich der Minister des
Inneren: "Die werbende Kraft der Bewegung sei nicht mehr gross; er persönlich
habe keine Bedenken, Hitler ohne Beschränkung reden zu lassen." Das anwesende
Kollegium schlossen sich dieser Auffassung an,35 wogegen die Württembergische
SPD Sturm lief. Si