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Reigen Referat

Das süße Mädel


– In Begegnung mit Gatte und Dichter wird es nicht nur als zeitgenössische
Klischeevorstellung, sondern darüber hinaus als männlicher Interpretationskomplex entlarvt
– Stilisiert der Dichter das Mädchen zum unschuldigen Naturwesen, scheint der Gatte in ihr
vielmehr das Verdorbene zu suchen
– Gatte, auf der Suche nach einer Geliebten, die ihm Abwechslung vom Eheleben verspricht,
vergewissert sich im Gespräch sukzessive ihrer Verfügbarkeit, die ihm die Affäre erleichtert
– Von Bedeutung sind Fragen nach Kontrolle durch die Mutter sowie ihrer Vergangenheit und
bisherigen sexuellen Erfahrungen
– Schonungslos offenbart sich das die pragmatisch ausgerichtete Suche des Gatten nach einer
geeigneten Geliebten, nach eben jener Frau, vor denen er in der vorausgegangen Szene,
seine Ehefrau ausdrücklich warnte
– Im süßen Mädl glaubt er die perfekte Geliebte gefunden zu haben, gerade weil er sie nicht
als „anständige“ Frau lieben muss
– männliches Begehren außerhalb der Ehe, insbesondere in Bezug auf Frauen die zur Dirne
erklärt werden nimmt S. Vorweg was Freud über die männliche Libido sagen wird
– frühkindliche Fixierung auf Mutter als erstes Liebesobjekt → Bemühen des Mannes,
emotionale Zuneigung und enthemmte Sexualität auseinanderzuhalten
– Dieses männliche Bemühen, jede Frau (außer die eigene) als Dirne zu sehen, bedeutet die
Reduktion der Frau auf ein Lustobjekt

– Der definierende männliche Blick tritt gerade in der Begegnung mit dem Dichter zutage, der
– im Gegensatz zum praktischen Sinn des Gatten – die Situation durch letzlich sinnentleerte
Phrasen, sentimental auszuschmücken versucht
– In der Szene kulminieren sämtliche Vorstellungen, die das Klischee des Frauentyps
konstituieren zu einem Höhepunkt ironischer Stilisierung
– Deutlich wird der Kontrast zwischen den eher schlichten und nüchternen Entwürfen der
Frau und der Rethorik des Dichters, der sich in die Stilisierung des geistlosen, unschuldigen
Naturwesens hineinsteigert
– Der Dichter erscheint nicht zuletzt deswegen komisch, weil sich hinter seinem sentimentalen
Blick wieder einmal das männliche Wunschdenken verbirgt, welches die sozialen Gründe
des weiblichen Unwissens – nicht zuletzt fehlende Bildungsmöglichkeiten – vollkommen
ignoriert
– Das süße Mädel bleibt wieder einmal in seiner weiblichen Individualität vollkommen
unberücksichtigt und dient mit seiner scheinbaren bedingungslosen Zuneigung als Typ
lediglich der männlichen Selbstbestätigung und Eitelkeit
– Schnitzler setzt sich in dieser Szene überaus gelungen mit der Fiktionalität des Frauenbildes
auseinander, da er durch die ironische übersteigerte männliche Stilisierung nicht nur das
süße Mädchen als männlichen Interpretationskomplex offen legt, sondern gleichzeitig durch
die Figur des Dichters die ästhetische Inszenierung der Frau grundsätzlich ironisiert
– Entlarvung der zeitgenössischen Tendenz, die Frau in einem rein männlichen Diskurs zu
beschreiben, sondern auch die Gefahr künstlerischer Entwürfe fiktiver Frauenbilder und
diese mit der Realität zu verwechseln

Die junge Frauen

– Reigen als Markstein innerhalb der Literatur der Jahrhundertwende → Zensur, 25 Jahre
danach kommt es noch zu einem Prozess mit Aufführungsverbot
– Frage nach literarischem Wert aufgrund der zweifelhaften moralischen Absicht und
pornographischer Bildlichkeit
– Es ist bezeichnend für den damaligen Diskurs über Sexualität, das ein Stück welches
Schreckensbilder der damaligen Sexualität, wie Amoralität und gelebte Promiskuität
darstellt, die in zeitgenössischen sexualwissenschaftlichen und kulturphilosophischen
Veröfentlichungen angeprangert wird auf eine derart strikte Zensur trifft
– Dies erklärt sich durch einen Blick in das Stück,denn Schnitzler, der damit nach eigener
Aussage „einen Theil unserer Cultur eigentümlich beleuchten“ wollte, nimmt dabei keine
wertende Instanz ein
– Skandal resultiert somit nicht allein durch die Entrüstung über dargestellte Freizügigkeit,
sondern auch durch die neutrale Position, die Schnitzler dabei einnimmt

„An einer Parteinahme des Autors ist nicht einmal im Ansatz zu denken. Schnitzler
stellt sich außerhalb der gängigen Moral und verharrt strikt auf der
Beobachterposition, um sich als Moralist seinen Reim auf die menschlichen
Befindlichkeiten im zeitgenössischen Wien zu machen“ - Felix Salten

– zeitgenössische Doppelmoral zeigt sich in den konservativen Reaktionen zu dem Stück


– Der Aufschrei dieser Gesellschaft die so davon besessen ist die Sexualität zu klassifizieren
und zu dämonisieren, beweist nicht zuletzt damit ihr verstecktes Interesse
– Schnitzler trifft somit mit seiner radikalen Darstellung eines gesellschaftlichen Tabus, den
Nerv der Zeit
„über diesen Gegenstand, das Geschlechtsleben unserer Zeit, auf wenigen Seiten mehr lebendige
Anschauung gewinnen lässt, als aus manchen, diesen Decktitel tragenden halb- oder
ganzwissenschaftlichen Folianten“ - Neurologe Albert Eulenberg“

– Formal steht der Geschlechtsverkehr im Zentrum jeder Szene, verborgen durch


bedeutungsvolle Gedankenstriche
– Schnitzler rückt das Reden über die Sexualität, damit verbundene Moralvorstellungen und
deren Verlogenheit in den Vordergrund
– Reigen wird angeklagt, weil er das allzumenschliche auf die Bühne bringt und so
selbstverständlich und kaum verfremdet auf die Bühne bringt und somit die Distanz zwischen
Zuschauer und Bühnengeschehen verkürzt
– Durch Verzicht auf Namensgebung der Figuren, die als Typen und damit Vertreter einer
undefinierbaren Menge fungieren, lädt der Reigen zur Identifikation ein
– Die Frauenfiguren sind – bedingt durch ihr mehrfaches Auftreten- unterschiedlichen
männlichen Blicken ausgesetzt, die abhängig vom Dialogpartner das Bild der Frau konstituieren
– Trotz Typendarstellung müssen die Figuren in den unterschiedlichen
Kommunikationssituationen, unterschiedlichen Rollenansprüchen genügen

– Durch Inszenierung außerhalb moralischer Grenzen existiert keine legitime oder illegitime
Sexualität, Dirne Stubenmädchen sind eigentlich substituierbar → Hinterfragen des Frauenbildes
welches den Antagonismus von Heiliger und Hure pflegt
– S verzichtet darauf, Frauen als Opfer inszenieren. sie wissen um die Konzessionen, die das
Liebesspiel einfordert
– ausschließlich Frauen durchschauen den Liebesreigen mit seiner zeitgenössischen
Doppelmoral und den restriktiven Sittengesetzen, die nur Sex in der Ehe zulassen → süßes Mädel
hält dem Gatten seine Untreue vor
– Schnitzlers bewusstes Inszenieren sozialer Bedingungen kontrastiert deutlich mit
zeitgenössischen anthropologischen Entwürfen, die in Bezug auf die weibliche Sexualität soziale
Fragestellungen völlig aussparen
– Die weibliche Sexualität, ihre Nicht- Existenz oder aber ihr amoralisches Erscheinungsbild
werden aussschließlich durch physiologische Ursachen, psychopathologische Prozesse und die
vermeintliche weibliche Geistlosigkeit erklärt
– Reigen hinterfragt in seinen sozialen Implikationen damit Freuds Theorie, welche den
Geschlechtstrieb als alles bestimmenden und auch gesellschaftliche Normen sprengenden Impuls
darstellt
– S. ordnet die menschliche Libido den sozialen Bedingungen unter und gelangt damit zu
einem weitaus authentischeren Sittengemälde des beginnenden 20. Jahrhunderts, als die
wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, welche die weibliche Sexualität zum Maßstab all ihrer
Befunde werden lässt
„In dieser brillianten Komödie bricht der Autor zwar mit den Theaterkonventionen und auch mit der
Hechelei angeblicher bürgerlicher Moral, aber anders als Freud zeigt er nicht, dass der Trieb stärker ist als
die gesellschaftlichen Normen und sich diese dienstbar macht, sondern er zeigt, wie jeder und jede in die
vorgeschriebenen Fußstapfen steigt, auch dort, wo es um das Intimste geht“ - Ruth Klüger