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©crfcarfc ScftuIge^Pfadjcr / Das 3efuiten*2Ju#

Ba# 3Wutten<3Sud>
3&dtgef$i$te dne£ faifdjen ;pdeftertum£

<35erl?ar6 S^ul^e^Pfac^cr

12*— 21* Eaufenä

25runnen-t>eriag / XX>tl li 23ifd?off / ^erlitt


2t II« &«<$ t « dom P«f l«8 / Ptinted in Germtny
Copytigfct I 9S6 by Srunncn-PttUg / Willi 23 i f«^ off Btrlin

Dnttt; »IbUoflrapMtöee 3nftfiut %<&., Mpil*


„tKnö tote Mjt’jS mit ben gefuften?“

3Bif?en Sie nod), 5<mer«&, wie wie uns 311m etjlen

ttlale begegnetem £>ie (Bebanfenfegler, bie mir bamala


freujen liefen, ftnb vor Slnfer gegangen. Wir Ijaben fein
Äogbud) unferer geizigen ^af>rt geführt, warum foflten wir
una aud) fo wichtig machen! Unfrc ^rad)t aber wog als
£ebenagut fchwer, ich woßte fte tyinttvtyct noch genauer
fickten. 0o iß jule^t biea 2$uch entßanben.
Ehe id) nun ber Keihe nad) auapaefe, woßen wir una ein

wenig erinnern. Wo begann unfere lluareife* Wir benfen


fo gern jurüdf, benn ea war furj nad) bem 0iege bea beut*
fd>en (Bewiffena im Saargebiet, an einem 'ttbenb im Ja-
nuar J 9 J$\ Währenb baa winterliche 2>orf fdjon fdßafen
ging, tyo&ttn wir in ber Sdjulßube auf ben ütfnberbänfen,
um baa große Jeitgefdrehen nadjjuerleben. Wir fyatten bie

glikflidje ^eimfehr unferer X>olfabrüber an ber Saar in

fdjöner i£ochßimmung begangen. 3efct foßte ich von ber


unerfreulichen ^e^rfeite bea Äampfea um ben beutfdjen
(Brenjgau fpredjen, unb ich bemühte mich, jene internatio*
nalen Äräfte ju fchilbern, bie immer wieber baa natürliche
Eigenleben ber X>ölfer ßören woßen.
3liich an ber Saar hatten wir folche Wühlarbeit volfa*
frember (Beißer beobachtet. 3?ie 'ßnfdßäge waren (Bott fei

£>anf fchmählich gefcheitert. 3Die fceutfehen, bie bort feit

altera $u ^aufe ftnb, Ratten fd)licht unb flar ihren Wil*


len Funbgetan: bas Paterlanb, im Xeid?e geeint, ifl bas
»^öchfie. Uber es gibt auch innerhalb ber PolFsgrenzen aller*
lei (Bruppen von Leuten, bie ihre XPunfchbilber außerhalb
fuchen. Sie jagen volFlofen, überftaatlichen £inbilbungen
nach, fie wollen ber Nation bas Xecht zur Selbftbejhmmung
rauben. XDenn ein Poßblutfranzofe bei einem (Brenjjtreit
für FeanFreich jlimmt, fo tut er bamit feine Pflicht. XPenn
aber verfprengte Prinzipienreiter einen Fünftlichen Status
aufrichten wollen, mufj ftd) bie PolFsnatur bagegen zur
XPeh r fetzen. $5ie internationalen Freibeuter fdjäbigen heute
bie eine Nation unb morgen bie anbere. Sie gefährben ben
Frieben z*vifchett ben organifchen (Bebilben, fie Fönnen nur

ber Perwirrung bienen, benn töefialtung ifi ben firnen


ohne fcfle ißrbwurzeln verfagt.
Sie pflegen ftcf> fef>r menfdjenfreunblich zu tarnen, biefe
bürren Firanten Sie putjen ihre grauen SDogmen blumig
!

heraus. 3cf) nahm bie einzelnen UTasFen aus ben Ijifloti*


fc^en t&oftümfchränFen unb hielt fie Dime« zu genauerer Be-
trachtung tyn. 2>a ffcHten ftd) bie (Brimaffenfchneiber bes
proletFults unb bes feubalen Hochmuts vor, bie phantaften

ber Humanität, bie UFrobaten bes £>enFens, bie Weltbürger*


licken(BelbfäcFe, bie Äajfenpanfcher ohne ieh*fueeh* vor

bem Blut. XPir Famen auf MTarpijten, Freimaurer unb


3uben zu fprechen. 3cf) fcfjübcrtc bie Cypen ber SpeFutan*
ten unb ber fchwärmenben llufrührer, bie am liebjien bort

auf Fiföfang sehen, wo PölFer eine fchwere Ärifis burch*


leiben.

„XPenn einer noch Fragen hat, bitte" — fagte ich ab*


fchliefjenb. Unb jemanb rief mir zu: „XPie jlcht’s benn
eigentlich mit ben ^efuitens" 2>as waren Sie, Äamerab!
Simen verbanFe ich fcamit ben erften 2lnjlofj zu &em Buche,
bas je$t vor Shnen liegt. $>ie ^efuiten hatte ich in meinem
Vortrag nicht erwähnt, nicht etwa aus UnFenntnis ober
Verge jjlichFeit, fonbem id) rooßte jeben %n laß $u religiöfem
Streit vermeiben. 3tmfcfyen fatf>oIifc^em Glauben unb fefui*

tifchem Unwefen einen gerechten Crenmmgsfirich $u ziehen,


fehlen mir befonbers fd)wer.
£>ie römifche Äird)e f>at nämlich bie berüchtigten Unter*

nebmungen bes Cfefuitenorbens fafi immer gebecFt, fte bat


ben gefährlichen cDrben nur einmal unter bem SrucF.ber
Nationen faßen laßen. 3Dic Fatholifchen VölFer wanbten ftd)
freilich oft genug gegen bie jefuitifchen Umtriebe unb $eig*

ten bamit, baß ein Fatholifcher Ch f *f* nod) fein „3efuiter"


)u fein braucht. Tlud) im Saargebiet tyattcn ftch ja bie beut*

fchen ÄatholiFen treu jum Reiche beFannt. 3Die Gläubigen


bes rbmifchen Bultus erregen f«ch leicht, wenn man bas
3efuitentum, biefen wunbeßen punFt ihrer Äirchengefchichte,
berührt, ^ier lauert bas lieber bes „politifchcn Christen»
tums", hier tritt bie Religion über bas retigiöfe Sebürfnis
hinaus unb quält bie Seelen ber VölFer. 2Darf man eine
Keligion für ben mißbrauch verantwortlich machen, ber mit
ihrem glauben getrieben wirb* i£ine ungeheuer fchwie*
rige ^rage.
3Das aßes ging mir bamals burd) ben Äopf, als Sie, mein
Äamerab, plöfclich wißen wollten, roie’s mit ben ^efuiten
ßünbe. „Von benen Fönnte ich 3hnert bis morgen früh
fpannenbßen Geferchten erjählen", gab ich Of)ntn $ur 'ßnt*
wort, hoch ich warum ich SebenFen hätte. Sei
fügte h* n 3 u /
bem Äapitel CJefuiten rnüße man ben gatbeßanb forg faltig
prüfen, bamit bie Tlnfchulbigungen auch wirFlich ins
Schwarte träfen. Itlfo vießeidft fpäter einmal, für heute
möchte genügen, baß wir bie ^efuiten g<m$ gewiß nicht $u
unfern ^reunben $u wählen hätten.
3n Dhrem jungen, frifchen Geficht, Äamerab, las ich Un*
wißen über meine X>orfid>t. Sie bauten wohl, fo flnb biefe
TtFabemiFer, vor lauter Vielwißerei Fönnen bie nicht mit

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ber Sprache rausrücfen. Schon ßanben Sie vor mir. 3hr
Blidf traf mich mie ein Speer; unb id) Ijörte 3f>re
'
f troffen

Worte: „Wenn bie ^efuiten unfere ^einbe ßnb, bann brau-


chen mir nicht brum rum su reben, bann behanbeln mir fte

auch fal" 3Damit hatten Sie meinen männlichen 23eifaß,


auch wenn es mir felbß nach meinem *$er?ommen nicht lag,
in bem fd)mierigen Porßeßungsbereich bes Heligiöfeii biefe
folbatifche Äürje anjumenben. So brehte ich be n Spie# ein-
fach um unb fragte, mas Sie vom 3efuitentum müßten.
Unb Sie f (hoffen mie aus ber pißole: „SDte tfefuiten, bas
ßnb bie Pfaffen, bie ihre fchmarjen (Befchäfte meinen, menn
fte vom Wißen Lottes prebigen."
J)asmar grobes Äaliber, aber Sie hatten nicht fd)lecht
gejielt. 3hr 3nßin?t traf mirHid) in ein Zentrum ber

(Drbenslehre, benn ein berühmter tfefuitcnfa# lautet: „Wir

müffen unfern Willen 3 U bem Wißen (Bottes umbilben."


Unb bas b<*ken nicht nur Sie, ÜRamerab, fonbern auch vov'
fleißige Theologen für eine Hnmaßung erflärt. 2Denn von

hier aus iß nur ein Heiner Schritt $u ber mahnmifcigen


Behauptung; Was mir moßen, iß (Bottes Wiße, unb mer
etmas anberes miß, iß verflucht. &amit mürbe biefer geiß-
liche (Brben ben Hnfprud) erheben, bie X>ölfer hätten feinem
Wißen untertan ju fein, unb verfucht hat er bas oft. 3mar
mürbe auch iw ber tJefuitenfüche nicht gan$ fo heiß gegcffen
mie gefocht, aber mie viele ihrer Äoßgänger haben fi<h ben

Schlunb verbrannt!

Wir befanben uns alfo fchon mitten im (Befecht. Sie hat-


ten ben Sampf gegen bie „fchmarjen ^ufaren Äoms", mie
man bie (Bcfeßfdjaft Cfefu nannte, fchneibig aufgenommen.
Huf mich mirfte 3h* X>orßoß befreienb, unb ich ließ mich
mitreißen* 3d) erzählte aßerlei toße Stüdfchen aus ihrem
pfäffifctyen <5elfcenleben; wie fie einen mönchifcfjen *£od)'

Rapier jum 3aren von Kußlanb machten, wie fte ben Kai f er
von Cf>irta mit ber dichte bes papßes verheiraten trollten,
wie fte mit ben Onbianern bas Kriegsbeil ausgruben, wie
fte einen fommunißifchen (Dperettenßaat in ©übamerifa
grünbeten. Wir folgten ihnen in bie 25ouboirs ber franjö-
ftfehen KÖnigsliebchen unb auch an ben vergolbeten Wiener
Seichtfhthl, in bem fte bas Unheil bes ^Dreißigjährigen
Krieges fteraufftefchworen.
3a, ba ßaunten 0ic! ©pater verft<herten©ie mir, sunäcftß
nur von ber Kanjelhefce biefer fchlimmen Väter gewußt

$u h<*feen, wie fte auch h cutc noch manche Kaplane nicht


laffen fönnen. Väs hatte3hnen fdjon burchaus genügt, unb
mit Kecht. tlach ein paar €agen brüeften ©ie mir rüdf-

ftlicfenb 3hte Verblüffung aus. „Wie fonnten ftch ttten-


fdjen mit gefunben ©innen jahrhunbertelang folgen ©chwin-
bei gefallen laffen!" 3cft antwortete 3ftnen: „Vie tttenfehen
haften hoch nicht immer fo gefühlt wie ein fünfunb^wan^ig-
jähriger SDeutfcfyer von heute. KÜes, was mit ber Religion
jufammenhing, übte, je weiter bie 3eitalter jurüdfliegen,
eine mehr unb mehr umfaffenbe ^errfchaft aus. 3m tttit-

telalter fahen bie UTenfchen in ber Xeligion bie h Öchße


Summe ihres ©chicffals unb maßen ben irbifchen Vorgän-
gen nur eine untergeorbnete &ebeutung bei. Vänn began-
nen ftch <&ottesreich unb weltliche Lebensaufgaben allmäh-
lich fchärfer ju fcheiben. Vie Trennung vollzog ftch junächß
in wilben Kulturgewittern. ^ie ©ünbe — tyt ©eligfeit!
Welcher <5naben ftebarf man? Wie finbe ich ben Weg $u

(Bott? Vamit rangen prießer unb Laien in h«f?cr Leiben-


fchaft. Kls man in religiöfen Vingen immer toleranter
würbe, fehlen bie Kirche nur noch eine öffentliche Einrich-
tung wie anbere auch ju fein, man hatte ihr bas Keffort
ber ©eelentröfhmg unb ber ©äufterung ber (Bemiffen ge-
laffen. $>ie ©chnfucht, Lottes aflmächtige ^anb auch iw

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Sieafeita zu fpüren, brach immer wieber burd). Wenn tarnt

bie Sufjprebiger ben ^eilafucbern eine fircblid) bemalte


Äebenaführung befahlen, würben fte leicht in bie politif

verfcblagen, unb baa gab meidend ein Unglücf."

nun cntfpann ft<b jwifc^en une etwa folgenber Sialog,


bei beffen Aufzeichnung ich ber Überfielt wegen unfere lang-
wierigen (Befpräcbe jufammenjiette. Sie fagten: „Waa gebt
ee uns an, baß ftd) bie Äcute früher ju Sflaven bea Set»
fd)emela machen liefen."
darauf id): „Wir bürfen una nicht bamit begnügen, ben
pfäffifeben Scblagworten nur einen anbern Äampfruf ent»

gegenzufefcen. Unfer (Begcnwille muß aua ber Ciefe ber


Anfdjauung feböpfen. 3n weit licken Gingen reicht bie zeit*

genöfftfebe Überzeugung als tttaßfiab aua, in rcligiofen

haben wir nicht einfach frembe SorfteQungen abzutun. Waa


Sie einen unbegreiflichen Scbwinbel nannten, war ben
Gläubigen heiliger Oirnft."

Sie: „Aber bie 3efuiten h<*&rn bo<b (Bott nur ala T>or»
wanb benutzt."
3d): „(Bott h«t fich biefe prießer nicht erwählt, fte hüben
ihn für ihre 3iele befchiagnahmt. Aber fte glaubten auch
an baa ^eilbringenbe ih^cr böfen Caten."
Sie: „Wenn ihre Siele ftbwinblerifcb waren, mußte (Bott

fte entlarven."
3d>: „Saa h<ü er getan, er h«t fte verworfen, inbem er
ihnen ben entfebeibenben Qieg verfagte. Beben wir una
ihre 3iele genauer an: Sie^efuiten wollten, ala bie römifebe
(Dberherrfchaft über bie Chriftcn ina Wanfett geriet, bie .

totale UTachth^heit ber fatbolifcben Keligion Wieberber*


fteüen. Sie BTenfcbcn foHten ftch aufa neue mit ihrem gan-
zen Safein bem Spruch bea höcbßen Pricßera beugen. 'Much
bie politif, ber irbifche «$äuferbau ber (Bemeinfcbaften, foEte

jo
wieber wie einf* ber 3enfur ber Kirche, ber Segnung ober
t>erflud)ung burcf) ben vermeintlichen Beauftragten Ch^ifH
unterworfen fein. Würbe biefer nach rückwärts gerichtete

plan nicht in feiner (Ganzheit erreicht, fo war er total ge*

fcheitert. Unb er blieb im ganzen ein vergebliche» Unter*

fangen, bie felbftbewufjte »tenfehheit wollte fich nicht mehr


in bie alte Kirchenbinbung fügen."
Sie: „^Demnach waren bie 3efuiten Reaktionäre."
3ch: „Bejfer gefagt, (Gegenrevolutionäre. Unter einer
(Gegenrevolution vergehe ich bie»: ÜSine revolutionäre Be*
wegung tmt bas £ebensgef üge veränbert, unb bie Anhänger
bes früheren 3ufianbes fuchen je§t bie alten Berhältniffe
wieber $u erzwingen, inbem fte fich fogar ben Kampfmitteln
ber Revolutionäre anpaffen. Blofte Reaktionäre lernen
nichts $u, ihre Opposition träumt nur von ben vergangenen
3eiten, fie ftnb bie Schlaf rnügen ber C5efcf>ichte. Bie (Gegen*
revolutionäre mit fcharfen Rügen bie UTethoben bes
^einbes, feine Stärken unb Schwächen erfpäht, fie arbeiten
mit vielen Giften, unb ihre Rktionen wirken fo unaufrichtig,
weil UTittel unb 3wed?e einanber nicht entfprechen."
Sie: „Rh«! Barum erfanben bie 3efuiten alfo ben SaQ
,Ber 3weck heiligt bas tttittelV'

3d): „Bas Wort flammt jwar nicht von ben 3efuiten,


unb es war ihnen immer höchß unangenehm, bie X>äter
biefer alarmierenben Ct>efe genannt $u werben, aber fie

haben taufenbfach banach gehanbelt. Ber (Gebanke ifl rein


weltliche» Urfprungs unb juerfl von bem revolutionären
Renaiffancepolitiker tftacchiaveüi in Umlauf gefegt. Ber
Cfefuitenorben entfianb ein paar 3ahre fpäter. Sie feben
alfo auch an biefem Bcifpiel, wie fich b« ytfuittn bas
Dbeengut aneigneten, bas jur Revolution ber großen Ber*
weltlichung gehört. UTacchiavetti verkünbete nur bas Tüefen
ber mobernen Politik: bas Staatswohl geht über alles, tftan
muß, um bas nationale <Glücks$iel $u erreichen, nötigenfalls
aud) brutale unb frummwegige tttittel gebrauchen. ÜSine
foldje präzis entfprid)t ber irbifc^en Wirflichteit unb ihren
Sebürfnijfen, aber fte iß unchrißliß) unb im Sinne bes
fatholifchen (Blaubens eine Sünbe. Wenn nun bie gegen*

revolutionären Kämpfer für bie altbogmatifdfye Kirchen*


vermacht mit undjrißlichen, mit Jünbigen* tftethoben
operieren, fo empfinben mir bas als Heuchelei unb nennen
es fcheinheilig."
Sie: „Sa tyabtn tvir ja ben poiitifchen prießer, ben pfaf*
fen, ber mit heiligem Kugenauffdßag ßd) bie HTacht auf
Ärben erfdßeichen tritt. Och h^e.von vornherein recht ge-

habt, unb Oh** 3urücfhaltung war überflüfftg."


Och: „cBewiß tyatten Sie recht, aber Sie fottten wißen,
tvarum Sie recht V?och möchte ich 0« bem Sefeh*
rungseifer eines Clcfuiten nicht ausliefetn, er würbe Ohnen
arg jufefcen."
Sie: „Was würbe er mir fchon vorreben tonnen!"
Och: „£r würbe erß einmal alles jugeben, was wir beibe

jeQt gegen bas ^cfuitentum vorgebracht \)<xbtn. Sann würbe


erSie ausfragen nach Ottern, was Sie über (Bott unb bie
Weit in biefer unb jener ^inficht fühlen unb benfen. Salb
würbe Ohnen ber Kopf rauchen, unb Sie müßten ftcf> ein*
geßehen, von (Bott unb ber ÖJwigfeit feine fichere X>or*
ßettung ju haben. Ohnen wäre elenb zumute, Sie würben
verjagt, vielleicht jerfnirfcht fein unb ftd) nach einem feßen
^alt f ebnen. Sann aber würbe ber ^efuit mit feinem über*
legenen, burd) lange Äperjitien gefaulten Witten auf Oh re
jermürbte Seele einbringen, er würbe Ohnen fuggerieren,
baß Sie bas £eben aus einer falfchen, weil irbifch vergäng*
liehen perfpeftive betrachten, baß Sie aber burdj .heiligen
Sorfatj* eine freie unb feße Haltung erwerben tonnten, bie
Sie über bie .armfeligen 3u falle* bes Safeins fyinausfytH
unb mit bem ewigen ^eil verbinbet. Äadjen Sie nicht! Sie
Oefuiten tyciben Utänner auf ben hßcn
h<> c irbifchen Slicf*
warten überrumpelt, Könige, ^elbfccrren, Staatsmänner,
bie fi<h $unächfi alle fet>r felbftftcfyer vorkamen."
Sie: „Aber juletjt haben fte bod) überall einen Auftritt
bekommen."
3d): „Ut eigene! Gott fei $>ank! 2?ann Ratten fte freilich

fdjon viel Verwirrung unb 0djaben gegiftet."


Sie: „SDie .armfeligen 3ufätte‘ ftnb natürlich bie Staate*
orbnungen, bie ben tfefuiten nicht gefallen. Unb ber »heilige
Vorfafc* foll bie Auffäfftgkeit gegen bie Gebote ber irbifdjen
UTacht fein. $>as burchfchaut man ja fofort."
Od): „XZtin, bas burchfchaut man nid)t fo fd)neH. Wenn
Sie gottlos wären, bann wäre bie 0ad)e einfad). SDann
würben Sie eben jebe Gottesherrfchaft für UTumpilj er*
Hären. Aber Sie glauben ja, bafj Gott über uns waltet.
iCs gibt ein verfängliches religiöfes Wort, bas lautet; .ttTan

fott Gott mehr gehorchen als ben tltenfchen.' Gottes Witte


giltbem Gläubigen als myjttfd) offenbart, hoch über bie
Anwenbung bes göttlichen Gefefces urteilen irrenbe Ulen*
fchen, urteilen befonbers willkürlich bie ^efuiten. Wie löft

ftd) bie Verwicklung* Sie löfi ftch überhaupt nicht! 2>ie

Cheologie aller Aonfefftoncn bietet jwar unenblid) viele


^Erklärungen an, aber es ftnb alles nur bogmatifche Um*
fchreibungen ber ^rage, nicht juverläfftge Antworten. Gine
folche Äöfung ift auch 0 ar nicht nötig. Grinnern Sie ftch

an bas gute Wort von UtÖtter van ben 23 ruck, man müffe
bie Araft haben, in Gegenfä^en ju leben. Gott unb Wett
kommen nicht jufammen, aber man verliert Gott nicht,
wenn man ihm ben Fimmel juweift unb uns bie Grbe, ihm
bie Gwigkeit unb uns bie Gnblichkeit. Wir burchleben in
uns ben Gegenfa$, keine ber Sphären kann ber anbern be*
fehlen. 0 eber fott ben Fimmel fo glauben, wie er ihn nach
feiner Offenbarung glauben mufj, aber auf Grben haben
wir unfere Angelegenheiten irbifch $u orbnen, burch menfeh*

liehe Äicbe unb burch menfd)iid)en *£aft. Och mar baher


1
^urücffjaltenb , fo nannten Sie es, als wir »on feem rein
biesfeitigen Unheil bes tftarpismus auf ein religiöfes übel
$u fprecf)en Famen."
Sie: „«inverftanben. Wenn nur bie priefter aud) fo
bähten, ^tber Fein Pfaffe trieb bas anerFennen. SDie priefter
wollen ftd) nid)t auf ben ^immel bcfdjränFen, fonbern auf
iBrben tttacht traben. Unb bas geht fo weit, bafj fte bie
ntenfd)en, bie ftd) ihnen rtid)t fügen, vom Fimmel aus*
fperren wollen. Unb mit biefer $>rof)ung waren hoch wof)l
bie 3efuiten befonbers fd)neU bei ber ^anb. Was f>at bie

^rau von pompabour für Ungfi gefd)wi$t, als ib>r ber


mächtige ^ofpfaffe ben Himmel vorenthielt, bis ftd) irgenb*
ein Fleines priefterchen finben lieft, bas ihr bie ۟r $ur
SeligFeit auffd)lofj. Unb bas waren nod) <Beifilid)e ber*

felben Äonfeffton. £s gibt wohl in allen Ätrd)en foldfye unb


fold)e. UTit 23ewu£tfein bin icf) nod) Feinem 3efuiten be*
gegnet, aber genug prieflern, bie weld>e fein Fönnten."
3 d): „(Bewift, aber wir trollen genauer unterfefjeiben. £üe
Fatholifd)e Äird)e l)at bas jefuitifdfe Creiben begünjHgt,
benn fte hielt an ber totalen &evormunbung burd) bas
prieflertum feft. 3lber bie CätigFeit bes (Drbens fanb aud)
in ihrer &ird)e lebhaften Wiberfprud). 5?ie fcominiFaner

entrüfieten ftd), wenn bie ^efuiten als Uhrmacher, (Befcfyüij*

giefjer, (BartenFünfMer, Hdnbler unb Seeleute auftraten, um


hintenherum für ben (Blauben $u werben. (Bottes Wort
müffe boch mächtig genug fein, um burd) feine eigene Uraft
bie Herren 3u gewinnen. 15s war aber nicht mehr mächtig
genug, um h°d)enttricFelte (BigenFulturen ber PölFer im
römifchen Äird)enftnne um;uformen. fcaher hol ten ftd) bie

3efuiten bie fortgefchrittenen Hilfsmittel ber irbifchenWelt


ju *$il fe, um als KÜesFönner bie Pormad)t in ben Äänbern
inbireFt ju erwerben. Sie würben Berater unb «Beicher
ber Xegierenben. £>a$ papfltum wäre ohne bie ^efuiten
im )0. unb J7. ^ahrhunbert trabrfd)cinlid) Feine Weltmacht
geblieben. 3Dureb ihre wiKensmäcbtigen Heilungen für bie

Itrhaltung ber römifcben Kircbenmacbt festen ftcf) bie jcfui*

tifcfjen tltetboben halb mehr unb mehr burd). waren


,fünbige* tttittel, mit benen man bie tt>elt für ben ^eiligen
X>ater‘ zurücferobern wollte. $?abei zeigte ftd> / wie f darnach

bie Keligion an ftcf> geworben war, wie fet?r fte frcmber


Krücfen beburfte. 3t>ie VDelt würbe nicf>t mehr vergöttlicht,

fonbem umgefehrt würbe bie tytiligt Kirche ein Bammel#


beeten für weltliebt UTacf)tintereffen. Da® geistliche 3icl

würbe verfehlt, bie Kirche fam aus bem (Beftrüpp ihrer


weltliehen Politisierung nicht mehr heraus. tTtan tonnte
barin eine Cragöbie bes Christentums fehen. 5)er jefuitifebe
Kircbengeifi ifi nicht auf ben (Drben befebränft geblieben,
ein großer Ceil bes Klerus bentt unb hobelt längfi ge#
wohnheitemä^ig nach jefuitifebem tttu(fcr. ttlit falfchen
Härten, Falltüren, fttätreffen, Onbianerhorben unb Bon#
nenfinfierniffen arbeitet man natürlich nicht mehr, aber
biefer priefierlicbe Schlag ifi ein unerbittlicher (Begner ber
nationalen Kulturen geblieben."
Bie: „23isher h^en Bie nur von ben römifcben £>unfel#
männern gefproeben. £s gibt hoch auch nod> anbere."
Och: „tHancher proteffantifebe «£ofprebigcr hätte feinen
Anlagen nach einen vorzüglichen ^efuiten abgegeben. Kber
bie reformatorifchen Kirchen haben teine (Brunbfage ent#
wictelt, bie ben mobernen Cenbenzen bes Staates unb ber
©efeüfchaft fcharf wiberfprechen müßten. Reibungen gab
unb gibt es auch hier. XOo im proteftantismus zmifeben
Religion unb irbifcher (Drbnung Streit entftanb, fam er
nicht aus ftarrem Prinzip, fonbern aus offener ober heim#
lieber politifcher (Begnerfcbaft. (Sin proteftantifcher cBeift#

lieber, ber zu pfäffifebem ttTachtfireben neigt, ift leiber feine

£inze(erfcbeinung mehr, hinter ihm fteht aber feine flerifale


Bewegung, unb befonbere ^äUe bilben baher fein Symptom
einer öffentlichen (Befahr. 3Die protejtanten haben bie Bafra#
mente weggeraumt, feie jum ÄonfliPt mit feem irfeifc^ett

£eben führen müffen, unfe nur feie Caufe unfe bas ttbenb«
mahl, $wei rein geifHid)e Hulthanblungen, als Saframente
bemalten. Wieviel Xtli$bvmd) trieben bagegen feie ^efuiten
mit feen römifc^en Sakramenten feer «hc unfe feer Reichte.

£fef>ef(^iie^ung/ C(?efcf)eifeung unfe Sünbenvergebung unter«


fteHen fie in allen fcfjnnerigen unfe gewichtigen fällen feem

tauften, feen feer priefierliche Spruch für feie &ird)enmad)t


bringt So beuteten fie faPrale «Einrichtungen $ur priefter*
licken fciPtatur über bas Familienleben unfe feie (Beftrtnun*

gen aus. £>ie päpfte liefen ftd> oft von jefuitifcfyen Scharf*
mauern beeinflußen, weil feie Stofjenergie fees (Drfeens feie

verföhnlicheren lluffaffungen fees PatiPans überrannte. 5>ie


römifd)e Kurie ^at an feem verheerenden dreißigjährigen
KeligionsPrieg in £?eutfchlanb viel weniger Schuld gehabt
als feie Cfefuiten in TDien unfe ttTüncf^en. Uber fie Ponnten
auch beifee #ugen jubrüefen, wenn ihnen mit erheuchelter
Freunfefchaft mehr gefeient war. «inen CharaPter, feer hin*
tcr lächelnder «Ergebenheit feine verborgenen plane fpinnt,
pflegt man auch iw gewöhnlichen £eben juw^ilen einen
^efuiter" ju nennen. £>as tyat allerfeings nicht viel Sinn.
£>enn feas «Eigentümliche jefuitifchen tOefens begeht eben
darin, baß ein priefter fees göttlichen Heiligtums mit aUju
irbifdjen, alfo artfremden tttitteln feie tftenfehen umgarnt."
Sie; Artfremde tHittel! Oft nicht überhaupt feie ganje
tTTiffionstätigPeit feer chrifHichen Kirchen ein artfremfeer
Überfall auf feie PölPer gewefen, feie ftd) bisher in ihren
eigenen Kulturbahnen glücPlich fühlten! \Par es nicht auch
fchon jefuitifcher (Beifi, feer feen römifchen prieftern eingab,
unfere germanifchen Porfahren feem Chriftentum bienftbar

3u machen!"
Och: „Sie müffen feem Oefuitentum nicht alles in feie

Schuhe fRieben, was Ofyntn an feem (Bang unferer Kultur«


gefchichte mißfällt. 3Das Chrißentum war von Knfang an
gewalttätige tttifffonsbewegung. teilte Öeelcnbewegung ber
UTenfcbbeit fonnte mit ber Coletanz beginnen. Ratten bie
(C^rijten bea etffen Clabrtaufenbs ben Reiben ihre eigene
Glaubensfaffon gelaffen, fo würbe beute faum ein tftenfcb

no<b etwas von ben (Evangelien wiffen. (Ob bas ein (Blüc?
ober ein Unglücf märe* SDer fultureHe Kuffcbwung (Europas
Zum böcbffentwicfelten Äcbensfreis ber (Erbbewobner fynt

ftd) ebenfo burd) wie gegen bas Cbriffentum vollzogen.


Um bas 3«b c jjoo, als bie ebriffliebe (Einbeitsfultur in
b&bffer 23lüte ffanb, bekannten ftd) faff alle bamals er*

reidjbaren Äänber zum Kreuz, nur ber mobammebanifebe


Orient wehrte ftd) noch. 3n ben Kreuzzügen blieb ber ffreit*

baren Kirche jum erffen UTale ber (Enberfolg verfagt. (Es


ging bann mit ber d)rifflicben Kraft jur Totalität fd)neU
abwärts, bie revolutionäre Verweltlichung fe$te ein. Oe*
rabc in ber 3eit ber febmerffen Krifis würben neue Welt*
teile für ben Verfebr erfdffoffen ober fogar militärifcb er-
obert. 3Die 3efuiten waren bie erffen tHifffonare ber inner*

lieb unt> äußerlich völlig veränberten (Epodje. Ver Orünber


bes Orbens, Ignatius von Äoyola, ging bei feiner UTifffons*

begeifferung nod) von ben Kreuzzügen, von ben mittelaltcr*

lieben 3erufalem träumen aus. (Cr b<*tte es anfangs allein

auf UTufelmanen abgefeben. Kls Kreuzritter fühlten ftd)

biefe Orbensbrüber ffets, aber fte waren eine verfpätete


Schar, bie zu verwerflichen Wletboben griff, weil ffc anbers
nicht mehr vorwärtsfam. 3Dic große UTifftonsfraft bes
Cbriffentums war erfdjöpft unb fonnte ficb auch nicht mehr
an ben Wiberffänben fräftigen. Was zulcfct als Reiben*
1
miffton ber verfebiebenen christlichen Kirchen übrigblieb,
war mehr eine allgemeine Sivilifterung ber farbigen im
Knfdffuß an bie imperiale Weltpolitif ber Großmächte. $>ie
(Entfcbeibung über bie eppanffven unb intenfiven möglich*
feiten, bie für bas Christentum noch beffanben, war fd)on
um bie mitte bes )S. 3abrbunberts gefallen. ^Xad) bem

% QdjuUjcfPfatljtr, Da* ^JcfuitentSudj )7


£nbe ber europäifcben Äeligionßfriege mußten f«b bie Kir*
cbenbefenntniffeunb bic freien TDeltanfcbauungen neben*
einanber cinricbten."
Sie: „ 3Die grofje 'KFtionöjeit ber 3 efuiten mürbe alfo
jmeitjunbert CM>re umf affen frf>on unb um 37*0 jum 2lb*

fdflufj fommen. KHerhanb, bafj mir uns fyzutz, alfo mieber

faft 3meif?unbert 3ahtc fpäter, noch über bie 3efuiten auf*


regen muffen!"
3 d): 㣧 ift fo. S?ie jmei 3at>r^)unberte ber jefuitifeben

,Kreu33üge‘ haben bie verfebiebenen (Beftcbte r ber neuen


.Cbriftentümer*, »>ie id) einmal fagen möchte, unb ihrer
(Begenfpieler gef^affen. 2 Der tttijjbraucb ber Keligion bureb
ben gegenrevolutionären päpftlicben Kampforben lief* nur
bie vielfältig getrennten Kulturlagen beutlicf) merben. &a£
ber 3 efuitenorben um *770 verboten mürbe, ift fein 3 ufaU,

man brauste ihn nicht mehr, er fompromittierte mehr als

er noch f?alf. *211» ber (Drben im j$. 3«^f>unbert mieber


erflanb, mar er vor allem eine umfehbete ifirinnerung unb
eine reaftionäre römifebe Sehnfucbt. £>er ^efuitißmuß blieb
bie fatbolifebe Strömung, bie ben fachlich längfi außfiebtß*

lofen Kampf ber Kircbenbiftatur gegen bas freimaebfenbe


Kulturleben ber X>ölfer nicht aufgeben miH."
Sie: „SJarnit mären mir ungefähr mieber am Kußgangß*
punft angelangt. Unb bie Kunbreife bat fi'cb gelohnt. £ß ifi

ja nicht nötig, bafj ich alle Catfacben unb iEinbrücfe fo vor*

fiebtig abmäge mie Sie. X}un muffen Sie mir noch ein um*
faffenbeß Such empfehlen, baß bie $mei 3abrhunberte jefui*

tifeber Kreussugßabenteuer ober beffer bie gan3e (Drbenß*


gefebiebte er3äblt."

3 <b: „Leiber meifj ich nicht recht, maß ich Styntn ba


empfehlen foU. fEß gibt natürlich eine ungeheure Literatur.
Uber bie ftreng thcologifcben ober bie fonftigen fadjmiffen*

fcbaftlicben tUerfe merben 3 bnen langmeilig fein. SCsie

tDerbefcbriften ber 3efuiten felbft ober ihrer ^reunbe orien*

ja
"

tieren natürlich ebenfo einfeitig wie bie heftigen Äampf*


fchriften ber GSegner. £s gibt einige fd)einbar neutrale, auch
intereffante SDarjleHungen, aber fie erweifen ficf> juletjt bod)

als Stimmungsmache für ben (Drben. Od) befürchte, ba£


bie X>erfaffer, als fie fich von ben patres tttaterial h ölten,
boch grünblich eingefeift würben. So h <*ben alfo ihre
Bücher unbeabfichtigte 23eweife für bie berühmten fefui*

tifchcn überliftungsfünfte erbracht."


Sie: „SDann fchreiben Sie boch «in Oefuitenbud)!"
3ch: ,,^mn5 —
€in Sphantafttofrb ^r^anifator

©ie „societas Jesu“ ijt bie Schöpfung eines Htannes, bef*

fen Cfjacafter ftcf> ebenfo ferner bur^fc^nuen läfjt wie fein

XDerf. tUas biefer fpanifche Witter 3gnatius von Äoyola


ber TDeit hinterlajfen ijat, grub feine ©puren in alle ffrb*

teile ein. &er Clefuitenorben trug ben bizarren (Beifi feines


(Briinbers als einen ©egen, ber $um Unfegen verbammt mar,
von Korn aus bis ins fernfte Ifften unb 'Kmerifa. 2lu£er
SUeyanber bem (Broten unb Napoleon ^«t wohl fein ©terb*
lieber eine folche 'JCusweitung feines XDirfens erlebt.

Äoyolas Lebensweg ijt burd) bie angeborene Sucht $ur


Übersteigerung feiner TDünfche unb feiner ^anbtungen be*
Stimmt worben, ©eine Vtatur beburfte von 3ugenb an ber
äugerften llufreijung ber Seele, um befriebigt ju fein. fCr
fonnte fein 3Dafein nur in luftigen ifytremen erfiitten, jebe

burdjfchnittliche TOorftellung, jeber einfach ausgeglichene 3«'

Sianb waren ihm unerträglich/ er fud)te flcts nach &«m Buper»


lativ bes Erlebens unb Äeiftens, im fehlen wie im (Bemeinen,
in ben weltlichen wie in ben jenf eiligen Gingen.
Äafftfche unb fojiale i^erfunft begünstigten feinen ^ang
jum Übermaß, ffr Stammt aus norbfpanifchem Xitterblut,
in bem ftch basfifche, romanifche unb weftgotifche ferbftröme

mifchen. 23asfifd)e ^ärte, romanifche feitelfeit unb gotifche

io
Küh nfftit geilten fein tiefen. Phantafkifches Schweifen
unb jkrenger Xegelswang ftnb ihm burdj bie Dorfahren unb
bie frühen ICinflüffe ber Umwelt überliefert. \Dir kennen
jene fpanifdje ^elbenmelt mit ihren feltfamen YDiberfprücfyen
aus ben altklaffifchen Kittermären bes Äanbes. Diefe Kecken
unb Höflinge tragen alle ben abenteuerlichen £inbilbungs-
fpuk eines Don Quichotte mit fid) herum. Die Anfänge bes
jungen 3nigo verlaufen in (Begenfäijen von befonberer Kraß-
heit. Kls ©obn eines verarmten Üübetmannes wächfk er mit
3wölf (Gefchwifkern in Dürftigkeit auf. Doch halb winkt ihm
bie glückliche Kusfi'cht: (Bin Perwanbter, ber (Gouverneur
ber Königlichen Kefibenj, Don X>elasque3 y (CueÜar, nimmt
ihn als Pagen auf, er kommt plößlich in bas gro$e »£of-
getriebe von Kajkilien unb ftehb bas Äeben auf ben ^öhen
feiner Seit.
Die fpanifche Kultur offenbart ihm fogleid) ihre 3wie-

fpältjgen Süge in Überfd^wang unb Weiterungen. König


^erbinanb tyat nach bem Cobe ber etnfken, rajklos planenben,
rechnenben unb betenben 3fabella bie franjöftfche prin 3 efftn
(Germana geheiratet, bie ben üppigjken Sinnenfreuben unb
allem erbenklichen Äujrus h u *bigt. &ie ungeheuren Keich-
tümer, bie aus ben überfeeifchen Äänbcrn jkrömen, ermög-
lichen eine beifpiellofe Werfchwenbung, bie tkrfüHung jeber

(Genufilaune. Ulan treibt es bei ben Schlemmerfejken fo toll,

bafj mancher ber (Gä{ke von Scf)lafmangel unb DÖtterei über-


wältigt tot auf ben £jkrich finkt. Die unerfättlidje Äebens-

gier bes Kenaiffancegeijtes 3 errüttet auch bas moralif che (Ge-

füge, bie einzigen Kämpfergejlalten erfchlaffen im tttüjjig-

gang unb entarten in verbrecherifchen Neigungen. Uber ba-


neben befielet noch bas Spanien ber mÖnd)ifchen Kf 3 efe, bes
fanatifcljen 23üf$ertums, aufs einbrucksvoHjke verkörpert in
bem (Grofjinquifitor unb Kan 3 ler (Cisneros, ber als ber
reichte unb mächtigjke tttann bes £anbes in grober Kutte
auf bem nackten ^uf hoben fchläft, ber fajket unb ftd) kafkeit,
wenn ber fünbige *£of feine Brgien feiert, mitunter »erfen
£?el unb Überbruß einen praffenben Äüfiling in bie büßerifche
ißntfagung, bie bann »ieberum bis $ur »ütenben Setbft-
jerftörung übertrieben »irb.
£>er page Äoyola bient ber £>onna y (CueKar, ber intimen
^reunbin ber neuen Königin, mit glühenber Eingabe, mit
ber früheren Königin 3fabelta f?at bie Bouverneuragattin
pfatmenfmgenb in ben ÄapeHen gefniet, für bie je^ige maje*
flat erfinnt fte raufchenbe "Dergnügungen, lüjlerne Canj*

fpiele unb raffinierte Überrafthungen. 3n bem Jüngling


brennt unb raft ber «tjrgeij, er fucht ftd) in aßen mobilen

Bitten unb Unfitten hervorjutun, er möchte feine Hltere-


unb Stanbeagenoffen burcfyaus übertrumpfen, baa bloße
Benießertum genügt ihm nicht, er »iß von ftd) reben machen,
bie Huafd)»eifungen besagen ihm erfi, trenn er babei als ber
»ilbefie anerkannt »irb.
tJiin angehenber Xitter l?at ftd) nad) altfeubalem 25raud)
feine „^ersensbame" 5u füren, er tragt feine Itugen 3U ber
Königin ju ergeben unb ihre färben im XPaffengang ber
furniere ju tragen. Uber er verfchmäht aud) nicht bie leich-

ter erregbaren grauen, mögen fte nun vornehme Tonnen


ober SdjanHbirnen fein, mit feinen Äiebeahänbetn brüflet
er ftd) offen unb laut, er geijt nach &em einea trügen
Perführera, je fthamlofer baa Unternehmen, befto mehe
£Timbua unb Äavalieraruhm. Huf feinen Streifjügen burch
bie provin$fläbte fdjrecft er vor keinerlei Huafd)reitung unb

Schurkerei surücf. tUo immer ftch bie Belegenheit bietet,

»erben bie 23ürgerfrauen vergewaltigt, unb wenn ber eigne


löeutel leer ift, vergreift man ftch <* n feembem But. Später
muß er bekennen, fogar Unfchulbige ber Cat berichtigt unb
ihre 23eflrafung mitangefehen ju \)abtn. Binb ihm bie Be-
richte »egen „enormer ^Delikte" auf ber Spur, fo »eiß er ftch

burch bie flucht J« entziehen ober bie Spuren in flauer


Heuchelei ju ver»ifchen. 3n einer Hkte bea bifd)öflid)en Be-
richte, Neffen tttilfee ihn nach feem böfen Ausgang eines Äar*
nevals retten foH, wirfe er als „ hinter lifiig unfe gewalttätig"
gefchilfeert. -Doch was ficht ihn eine fotcf>e Xennjcichnung an,

er hält ficf> für feen „mafellofen, hochherrlichen 23efchüfcer feer

Äönigin".
*

<£ines Cages geht freilich feie t>öfifd)e (Bnafeenfonne aud>


für 3mgo Äoyola unter, als feie Königin in launifchem HTut*
willen ihre ^reunfein verflögt; feie Cueltars unfe if>rc Sippe
werfeen aus feer Kejtfeenj verbannt. 3Der junge Äitter, feer

feen Wanfeel feines $>afeins noch leicht nimmt, wanfeert ins


(Brenjlanfe Uavarra unfe tritt feort in feie &tenfie fees betrog*
liefen X>i 5efönigs. 23alfe mug feer locfere Höfling erfennen,
feag er feen £>cgen bisher nur wie ein Spieljeug geführt l>at.

3um wirflid^en Solfeaten gehört eine gan$ anfeere Energie,


nur beharrliche Übung unfe tofeesmutiger £infat$ gewähren
feen Horbeer fees Ärieges. Unfe wiefeer fttirjt ftch fein flam*
menfeer Wille auf feas erfehnte 3*cl. 3Das liefecrlicfyc Äeben
hat ihn nicht ju entnerven vermocht, er ifl jetjt feer ißifrigfie

beim ^elfefeienjl vor feen Coren Pamplonas unfe ferillt feinen

Raufen unermüdlich in *£ifce unfe Staub, tfahrc vergehen in

firaffer (BleichförmigFeit, feine tttannfd)Aft fürchtet ftd) vor


feiner brutalen Schärfe, er h ält fte in eiferner klammer,
feine Cruppe foH feie fchlagfräftigfle fein. 3h n aber quälen
unfe entjücfen in einfamen Mächten phantaften.
Seit er feen Hbcnteurerroman fees ttmabis fee (Baula, feen
„Witter fees (Brünen Schwerts" gelefen unfe wiefeer gelefen
bat, verfolgen ihn in feinen Wachträumen feie (Bemalten
feiefer wunderbaren «rjählung. Wie feer ^elfe feort als
2>ulfeer unfe Streiter feurch magifch verworrene Sd)i<ffaie
auch er als Sieger über feie Dämonen feer Ciefe
raft, fo will

;uleQt Welt nach feinen Dfeealen prägen. UCes, was feer


feie

^auptmann Loyola tut unfe erträumt, fleht unter feem 3wang


äußerfler llnfpannung, fein 2lrm, fein (Besten, fein *3cr$ v er-
langen nach ber verwegenjlen Äraftentfaltung.
fSnblich fefct ber Ärieg feine aufgeflauten Triebe in

Schwung. £in franjöfifches *5eer bringt über bie Pyrenäen,


vertreibt ben fpanifchen Statthalter unb wäl$t ficf) vor bie

tttauern von Pamplona. 2>ie Stabt ergibt ber Über«


macht, aber auf ber SitabeHe befeuert Äoyola, ber jüngfle unb
fchneibigfte ber (Dffijiere, feine Äameraben $um TPiberflanb,
ohne nach ben Kusftchten ju fragen. On fchwärmerifcher 5Ube
prebigt er bie eines fpanifchen ^ibalgo. Vüaghalfig eilt
er auf bie fd)wächfte ©teile ber Baflion, läßt bas Schwert
über fi'ch blifcen unb forbert ben ^einb heraus. 2>a jerreißt
ihm eine StücF füget bas Bein, bie einbringenben ^ranjofen
finben ihn bewustlos in feinem Blute liegen. Bie moberne,
unperfönliche VDaffentechniF h Ät feine menfchliche Bampf«
ftärFe überwältigt.
©ie haben ben ©chwerverwunbeten auf einen TDagen ge*

laben unb fahren ihn auf Bergpfaben Über £anb, bis er

fd)ließlich in bem ©tammfchloß feiner Familie ‘Aufnahme


finbet. »£ier müht fich ein Chirurgus um feine jerriffenen,
fd>icf verheilenben Beine. 'Uber er wiß fein Ärüppel werben,
ben CBebanfen erträgt er nicht, lieber will er bie furchtbarfien
©chmerjen aushalten. £t läßt ftcf> bie Änochenauswüchfe ab«
fägen, bas Beingerüfi wieber unb wieber brechen unb unter«
brücft feben tPehlaut. YDenn es ihm nicht mehr gelingen
foHte, bie G5ehwerf$euge richtig ju gebrauchen, erfcheint ihm
fein Bafein verpfufcht. Benn wie Fönnte ftch feinem gelben«
ehrgeij noch eine Bahn offnen, wenn er an ber ÄrücFe einher«
humpeln müßte! Äeine ^rau würbe ihm bewunbernb $u«

lächeln, Fein ^ürfi feine Caten belohnen.


tftit ©chrecFen fieht er, bas eine Bein ifl verFürjt. Ba«
gegen hilft vielleicht noch bie ©trecFmafchine. *£r läßt fi'ch an
ben 3ugapparat feffeln, unb fo liegt er unter ^ößenqualen
bes Leibes unb bes ^erjens Wochen unb tttonate. Burd)

24
*

GSauPeleien bet ^inbilbungsFraft verfugt et beit Äeibett bie


0pi$e $u bieten. ©as Riebet peitfeht bie PhantaftiF auf, fein
ungeftümer tDiHe fucfyt bie verworrenen gilbet $u orbnen
unb fefijuhalten. ©o cf> bas will nicht gelingen; bie ftolje Koni*
gin 0etmana verttmnbelt ft cf) $um verfolgten Kitterfräulein,
bie tugenbhafte ©ame jut *oure, bet ritterliche ©egnet $um
pefihAudjenben ©rachen. dichte lägt ftcf> jut Knbetung ober
$ur Perabfcheuung bannen unb flöten; et beginnt allmählich
in bie Per^weiflung ju ftnFen.

©a fallen ihm einige fromme Üirbauungsfchriftcn in bie


*3änbe, bie einzigen büchet, bie bi» in bas abgelegene Kitter*

fchlofj gebtungen ftnb. Sie enthalten bas £eben Chti<H unb


bie TDunberltgenben bet ^eiligen, alfo <0ef Richten, bie et
aus bem üblichen Kultus ju fennen glaubte, bie ihm inbeffen
jeQt immer neuartiger, auftegenbet unb heilbringenber et

fcheinen, feit et ftch nach anfänglichem 3ögern tiefer unb


tiefer in fte hineinfühlt. ©ie (Dpfertaten ber heiligen UTän*
net, jene herrlichen (5nabenerhöhu«0en, mit benen ftc ge*

fegnet mürben, begeifern fein fehnfüchtiges ^erj. t^ier

finbet er anberen ^elbenftnn unb anbere Krönungen als bie

bisher in feinen Porfiellungen maltenben Sbeale.


lEr fteht ftch in ein überirbifdjes Königreich verfetjt,

Chriftus thront als ^ürft, bie UTutter ttlaria als ^errin;


©ie ^eiligen ftnb bie Kitter ber Krone unb empfangen für
ihren Kampf fo viel (Blan; unb iJtacht, wie fte fonfl Fein
Sterblicher erringen fann. ©er (Efefolgsmann Chrifh befieht
bie gemaltigfien Kbenteuer ju £h een feiner ^errfchaft, Fein

fahrenber ^ibalgo vermag ftch foIcf>er Eingabe unb folcher


Siege ju rühmen, ©em frommen pilger, ber naeft burch bie
YDüfie irrte, brachte täglich ein fgngel bie göttliche Speife.
®in anberer burfte, wenn er bie Krme ju ben tPolFen erhob,
feine Ärbenfchwere abftreifen unb in bie Äüfte emporfteigen.
Unb ber tytilige ^ranjisFus mußte mit einem 2Mid? bie
Kaubtiere jti 3ähmen. Wenn er hoch biefen auserwählten
»äitnmetsrittern gleich werben fönnte! £s iji junachft bie
eitle, irbtfe^e ifhrfucht, bie ihn $um chriftlichen (Bottesreich

treibt.
*

tt>as frommt ihm nod) länger bie Strecfmafchine! UTag


fein jerfchoffenes Sein hoch nachhinfen, bie neue ^erjens.
bame tttaria, bie (Bottesmutter, achtet barauf nicht, $u Zeiti-
gen Sufjtaten bebarf es feiner fchimmernben Aüftung, feiner
Aeiterfünjle. Sie gelben bes (Blaubens trugen ein Settier,
gewanb, fife wanberten auf ben TDegen bes tflenbs, fie ver.

Sichteten auf jeben Aörpergenuß unb richteten alle innere


TUachfamfeit auf ben Aampf gegen bie Ceufelswelt. Dm
Silbe bes Krieges erfaßt £oyola bie tnmmlifdje unb bie
irbifche ^ront, als Aitter im göttlichen ^eere will er Ätieg
gegen bas Söfe führen, fein leibenfchaftlich ho*hfah p enber
Sinn ahnt nicht, wie fehr er felbft bem angeblich f« höfen
Siesfeits verhaftet ift.

Als er von feinen Angehörigen im Frühjahr yszz Abfchieb


nimmt, um nun als Streiter Chrifii auf Aventüren ju
Sieben, gelobt er ihnen, bas äefchlecht ber Äopola burch fei*

nen fünftigen YUanbel unfterblid) su machen. VJur um bes


Auhmes willen begibt er fich in h^rteffe Sienjtbarfeit.
Unterwegs begegnet er einem getauften UTauren unb forbert
ihn ju einem Disput über bie ^ungfräuiiehfeit feiner i£tv*
Sensbame UTaria heraus. Sa ber Araber bejweifelt, bafj eine
Ututter noch Jungfrau fein fönne, will er ihn nieberjlofjen,
hoch ber UTaulefel bes cBottesritters ift ftörrifch unb fträubt
ftd),bem Leugner nad)3ufe$en. Sollte Chriffus nicht wollen,
bafi man ben Gegner nach Schwertbrauch tötet? So grübelt
ber Aecfe, ber noch weit wehr ein Spanier als ein volfs.
entrüefter ^eiliger ift,

jum Serge tttontferrat, ber Surg bes (Brals*


ifö jieht ihn

wunbers, wo er ftd) vor bem UTarienaltar bes Alofiers sum


„miles Christi" weihen will. Sein Äavaliersfleib hat er mit
bett Äumpen eines Straßenbettlers getaufdjt, nun wirft ec

ftch bem (Bnabenbilbe z« ,$üßen unb verharrt eine VJ«ef>t

auf bem Stein. SDarauf pilgert er burdj bie ^GUiiftungen bes


(Öebirges unb verFriecht fi'ch in eine ^öf^le, wo er Cag unb
Hacht betenb im Falten Schlamm liegt. Wenn er nach lan-
gem Mafien ein StücF Srot aus bem SacF nimmt, taucht er
es erft in ben Schmutz, um ja Feinen WohlgefchmaeF z«
fpüren. Htifcht er ftch in bem nal>en Stäbtchen Hlanrefa
unter baa elenbe, vor ber Kirchentür lungernbe PolF, fo
galten fte ihn nicht für einen büßenben Settier, fonbern für
einen PerrücFten unb johlen ihm nach.

Safür erregt er aber baa fromme Wohlgefallen vor-


nehmer Samen, bie ben zerlumpten unb offenftchtlich fd)on

ferner zerrütteten Süßer mit neugieriger unb anbächtiger


Ceilnahme betrachten. Sein ebel gefdpiittener Kopf, feine
eleganten UTanieren, fein Flugea lluge mit bem fchwärmen-
ben (BlanzblicF, baa alles flicht fo feltfam von feinem jämmer-
lichen Kufzug ab. Sie erwarten ihn fdjon, wenn ec aua
feiner Wilbnia zur StabtFirdje von UTanrefa wanFt, unb ala
bann enblich fein gepeinigter Äeib ben (Behorfam verfagt,
als er ohnmächtig zufnmmenbricht, tragen ft'e ihn in ben
Palaft ber Sonna be Kmigant. Sie kürzte flelten eine lebens-
gefährliche «rFranFung feft. Unter feinem SberFleibe finbet
man bie furdjtbarflen UTarterwerFzeuge, Ketten mit eifernen
Sornen, bie er fich um Srufl unb <£üften gefdjlungen h<»t*

t^un liegt er wieber wochenlang z*»ifchen ICob unb £eben


in fiebern unb tFiterbeulen. Seine Pflegerinnen Füffen fein

Sußgewanb unb verteilen bie fetzen als tyeilige Reliquien,


jebe will ein StücF feiner <&eißlerinfirumente befttjen. Wenn
er aus feiner Senommenheit aufwacht, verFünbigt er feine
(ßefichte. IFr habe bie iFrfchaffung ber Welt burch (Sottvater
erlebt, ben (Bottesfohn im weißen Äichte ber ißrlofung ge-
fehen, unb bie SreieinigFeit ftrahle wie ein golbener SaH,
viel größer als bie Sonne. Seine Piftonen führen ihn von

27
ben (Bipfeln bet ScligPeit t>inab in bie ©d)lünbe bet 3er*
Fnirfchung. (Blaubte er eben nod) b«s ewige parabies er*
obert ju fyahzn, fo fürchtet er halb barauf, er fei ben Crtig*
bilbern bes ^öUenfürften jum cDpfer gefallen. Von ber
fünften Äujl bis jum grauftgften Wahn burchmifjt er alle
(EFflafen bes (Befühle, ohne feine (Empfinbungen jügeln $u
Fönnen. 3n (Beflalt „eines fchlangenartig föiHernben (Etwas

mit vielen geheimnisvoll funFelnben klugen" verfolgt ihn


ber ©atan. 3Det fpätere „HTeifier ber SfffeFte", ber julefct
feine viftouären Schauer nach ber ©anbuhr Fommen unb
gehen ift noch völlig feinen feelifchen Cobfuchtsan*
fällen ausgeliefert. £)ie Verehrung ber gläubigen tarnen be*
gliicFt feinen gottesritterlichen (Ehrgeij unenblich/ «ber bann
greift er nach bem pilgerfiocF unb fchlägt wilb auf fie los,
um in ihnen bie ©chlangen ber ^injternis 3U verfluchen.
*
Äaum hat er feine Kräfte halbwegs wicbcrgewonnen, ba
genügt ihm fein irrlidjternbes ^eiligungswerP nicht mehr*
(Er wiU ein Äreu 3ritter fein unb ins ^eilige danb ziehen,
um bie Stätten bes ^Jerrn von ben Ungläubigen $u befreien.
(Es ift nur ein altmobifcher (EinfaH, wie fich überhaupt «He
feine religiöfen mittel unb 3iclc vorläufig nicht burch (Eigen*
art, fonbern nur burch Übereifer ausjeichnen. 3Die 3eit ber
Friegerifchen Unternehmungen gegen bie iflamifchen 2$e*
herrfcher von paläftina liegt fchon um jwcihunbert 3«hre
3 urücP, nur als verblichener Craum webt biefe 3bee noch in
ben frömmften (Semütern. Wenn päpfte unb Äaifer jum
Äampf gegen bie CürFen aufrufen, meinen fie nicht mehr
bie (Erfiürmung ^erufalems, fonbern ben ©chufc bes euro*
päifchen ©üboftens vor bem Knfturm bes ^albmonbes. £>er
Schwärmer Äoyola, ber in 3ion bas chrifiliche Banner
aufrichten will, verfolgt lebiglich eine fpanifche &on*
guichotterie.

(Eine Pilgerfahrt ins ^eilige Äanb bebeutet nur ein hei*

*8
ligea Abenteuer, ba$u muf; man viel <5elb faben, reife*
luftig, organifatorifef finbig unb fel>r wiberftanbafäfig fein.
Kings um bas tftittelmeer fat ftef ein meitveesroeigtes 'Der*
fefrsgetverbe enttmdfelt, bas aue ber Beförberung ber 3e*
rufalempilger ein tDucfergefcf äft maef t. &avon weiß ber
pfantäjiifcfe Cor Loyola aßerbings nid) ts. Als er in Barce*
lona anfommt, ift ber ^afen wegen ber peft in Italien ge*
fcfloffen. £r fat Seit, er fefct feine auffaßenben Buß*
Übungen fort, er treibt ftef in Spitalern, Älöftern, (ßefäng*
nijfen, ISlenbsquartieren pfalmobierenb unb bettelnb ferum,
ein grober Sacfftoff umfüßt ifn bia auf bie Änöcfel, am
Leibfiridf trägt er jRürbisflafcfe unb ^lageßantenpeitfcfe,
bie ^aarjotteln faßen if m bis auf bie Schultern. 2>od) fein
Antlifc leuchtet jünglingfcfön, unb feine Derbeugungen jeigen
<Branbe$$a. XDicber ftnb es müßige, feine tarnen, bie ftd) an
ifn Rängen, ifm (ßuartier gewäfren unb ifn auf feinen
Büßgängen begleiten. Abenbs verteilt er vor ben ^enfiern
feiner Anfängerinnen bie Almofen, bie er $ufammengebrad)t
fat. An bie Cafeln ber reichen VDitmen läbt er bas verpom*
mene (BaffenvolP, man fpottet in ber Stabt weiblicf über
baa närrifefe Creibenj unb bie Beworben ftnb frof, als ftef

enblicf ein Scf iffer erbietet, ifn um (Botteslof n naef Dtalien


mitymefmen.
Ba er aße Liebesgaben feiner <35Önnerinnen, \Deg$ef rung,
Äiffen unb Oecfen abgelefnt fat, gelangt er naef fiürmifcfer
IJTeerfafrt voßig ausgejefrt unb feruntergePommen naef
Korn. 2)ie reichen Spanier in ber XDeltfauptflabt nefmen
an biefem verlotterten Lanbsmann aus feubalem (ZSefcflecft

bas fefwerfte Ärgernis, fie brängen ifm <2$olbjtücPe auf, bie

er freilief fofort an bie Armen teeiterfcfenPt. iftur mit einem


päpftlicfcn pilgerbrief in ber Cafcfe wanbert er gen 'Dene*
big, um fief bort einen Segler naef bem Orient ju fuefen.
Cln (Dberitalien wütet noef bie pefl, bie verängstigten iJTen*

fefen f liefen ifn wie ein (Befpenft. öfters fperren bie tDacfen

29
itm als feuchenverbächtig ins Curmloch, er wartet gebulbig,
bis fi'e ii?n mit ^u^tritten wieber herauswerfen.
3lls fich ihm enblich bie BrücPen von X>enebig Öffnen,

wähnt er. fchon im Porhof bes Cempels }u fein. “Kber bie


gewinnfüchtigen Beherrfdjer ber £TtarPusftabt (affen bie
Äreujpilger nur ein, um fie gehörig ju fchröpfen, eine
fchlechte Äagerjiatt foH eine ^anbvott Silbers Pofien, unb
bie Überfahrt nach paläfttna ift nid)t unter adjtjig BuPaten
ju haben, ^ür fchwärmenbe Büffer hat man hier nicht ein*
mal ein mitleibiges Äächeln; ohne (Selb Pönne er ftd) böcf)-

fiens in ber Lagune erfäufen, wenn es ihn nach fcem ^immel


gelüfte. Pergebens Pniet unb fleht er an ber Kaimauer im
Sonnenbranb. 3 uleQt hat ber einfältige Cropf hoch wieber
(BlücP, ein fpanifcher BanPier, ber einft mit bem ^aufe

£oyola in (Befchäftsverbinbung fianb, entbecPt ihn unb leiht

ihm feine ^ilfe. SDurch bie Permittlung bes grofjen (Selb*


mannes läfjt ihn ber Boge auf einer Staatsgaleere mit-
fahren, bie über Cypern nach Claffa fährt. 3Die £anbung auf
türPifchem Boben ift auch nur gegen hohe (Bclbtape erlaubt,
aber ber Bujjprebiger 3nigo hat unterwegs ein paar
»^anbelsleute bePehrt, bie für ihn bie heibnifdje Steuer
erlegen.

Wie (Befangene werben bie 3 ionspilger von ben mufel-


manifchen Wad)en ju einem Raufen jufammengetrieben,
ausgeplünbert unb nach 3 erufalem gehest. 3n ber heiliger*
Stabt bietet ihnen bas ^ranjisPanerPlofter 3uflucht unb Be-
treuung. Sobalb ftch bie pilger burch Wein unb Schlaf ge-
flärPt haben, reichen ihnen bie Brüber eine brennenbe Äerje,
unb es geht 3 «r heiligen itteffe unb Nachtwache am (Brabe
bes «rlöfers. (Pin UTarmorbau überragt bie ^elfengruft,

eine runbe Öffnung in ber !SttrchenPuppel lä£t ben BlicP jum


^immel frei, bie Wallfahrer verharren in llnbacht, bis bie

Sterne am Firmament erlöfchen. 3Dann IcnPt man ihre


Schritte noch auf ben älberg, 3 um *£aufe MTarias unb 3U

?o
ben \Punberßätten. £>amit bann aber bie pilgerfeier be»

enbet, unb ea geht ohne Umfehweife wieber ^eimtvärts*


£oyola tyat fid) nicht um einer furjen &eftchtigung mißen
3 um Orabe bes ^eilanba burchgebettelt. Ctyn befthweren bie
gewaltigen &inge. Seine eingebilbete Utiffion foß jeigt erfl
beginnen. Es erfcheint ihm wie Fahnenflucht, wenn er ben
Ort verlief/ wo er bod> bie ehriflH«he ^ofjcit wieber auf»

richten woßte. Slber fd)on fein erfler Verfug jur 2(bfonbe»


rung von ben pilgerfcharen mißlingt %Iq er, von feinen

Eingebungen Ijingeriffen, ben Ungläubigen feine Erlöfungs»


vifionen auf ber alten Cempelhöhe funbtun miß, greifen ihn
bie türfifchen tPachen als ^ieberbefaßenen auf unb bringen
if?n ins Älo^er jurücf. Er befchwört ben ^ranjiafanerprior
mit flet?enben Oebärben, it>n ala Kpojtel bea l)immlifcf)en

3erufalema unter ben Ungetauften wirfen ju laffen, er

fcfyeue fein tHärtyrerlos.


SDer 2lbt fchüttelt freunblid) baa weife ^aupt, er fenne baa
fchon, gar mancher füt?le ftd^ plötjlich berufen, aber baa fei

nid)t ber tPißen ber Äirche. Äoyolos fdjwärmerifcfjea 23e»

gehren wiberfpreche bem Pertrage jroifdjen Papjl unb


Sultan, ber ^eilige Pater verbiete ben TPaßfahrern aße
^efehrungaverfuche in paläjlina, weil fonft fein C^rift
mef>r 3 um Or abe bea ^errn 3utritt erhielte. X>er Ent»
täufchte winbet ft'dj in ber (Dual feiner Seele. tPoßte er nid)t

eine treuer Witter C^rijli fein* 3um Solbatentum gehört


hoch vor aßem Oehorfam! Unb ber innerlich bebenbe
Äreusfahrer 3 wingt ftd) in £>emut unter ben 23efel?l, er mup
feine felbflerwahlte ttliffion ber Heiligung anberawo auf»
nehmen. 3urüdf in bie Heimat! Unter taufenb ElenbenÖten
fd)lägt fid) ber glühenbe Hf 3et wieber nach Spanien burd).
3n feinem Sacfe hütet er ein Ääfichen mit Erbfrümeln unb
Oräfern von ben Stätten ber Offenbarung, er wiß ea ben
^Tonnen in Barcelona ala ehrfürchtige Erinnerung an feinen
vergeblichen &reu 33 ug giften.

3)
£>ie berühmte Univerfität von Hlcalä bilbet Me rtächfle

Station feines Wanberlebens. (Es if>n freilich nicht in


ben i^rfälen, bie fd)olafiifd?e vCbcoIogie bietet feiner er*
lebnishungrigen Seele ju trocfene Äofl. lEr mag ftcf) nicf?t
einlernen, was bie alten tfieifter bes göttlichen töebanfens
in bürres ^ormwetf gejwängt tjabzu, fonbern tritt felbji
ÜirmecFer, 'Zlpojlel, Rührer fein. SDie Hotte eines geglichen
igibalgo erfcheint ihm als innere 23efHmmung, er fud)t
eine „Cruppe erleuchteter Seelen" $u grünben, ein „Stylt*
lein entfchloffener ^efusflreiter" aufjuftetten. WTit ben fröm*
melnben tarnen ber vornehmen (Befettfcfjaft lä$t er ftch

nicht mehr ein, er tyat fchon erfannt, bafj fein fuggeftiver

«Einfluß auf biefe Schicht nichts £Teues bewirft, ba$ er fte


hoch nicht aus ihrer Sphäre weltlicher «^offart los*

löfen Fann. 3Die (Pefolgfchaft, bie er an ftch fetten will, fott

ihm ohne Vorbehalt ergeben fein. 3n ihm fotten fte ihren

Hetter, in feinem prophetifchen Befehl ihr ausfchliefjliches


^eil fehen. So wenbet er ftch juattererft an CSefcheiterte unb
Verwahrlose, bie er mit feinen religiöfen (Erjiehungsfuren
wieber aufrichten will. 3n bem buntgemifchten Greife, ben
er um ftch ftnb bie meinen ihrer jbtshcrigctt Um*
weit entlaufen, fei es, ba£ fte fehlere Schulb auf Sch «je*

laben ty&ben ober baß fte ju georbneter irbifc^cr Werf*


tätigfeit nicht taugen.

Dn ber Hrt, wie er feine „Cruppe" eineperjiert, zeigen


ftch bie erjfcn 3lnfä$e jener UTethobe, bie einmal all*

berühmt unb weltmächtig werben fottte. 3n einer Scheune


am Hartbe ber Stabt hoefen fte auf &er Strohfchüttung, er
in ber tttitte, bas (5e ficht mit ben ^änben bebeeft unb in

ftch hmcinlaufchenb. £>ann ffcttt er fragen, bie ftch auf ihre

Sünben beziehen. Wer eine Antwort gibt, bie mit feiner


eignen 2Ju£empfinbung jufammenflingt, ben nimmt er ins

HreujverhÖr. 3mmer tiefer unb bohrt er in ihr


forfcht
Schulbbewujjtfein hinein. ©ie müffen bann in ftrenger
Selbfibeobachtung ihre VerfenFung in bas ihnen einwoh» 1

nenbe 23öfe allein fortfetjen, «Brfl wenn fte babei von tiefßer
CraurigFeit ergriffen finb unb ihr Sünbenleib als Fötper*
liebes ^röjleln fpüren, tritt bie Tüenbe ein, unb nun Fönnen
fte if>re Seele von Stufe ju Stufe empor jur göttlichen
Schau erheben. Von ber erßen h*mmlifchen CrojHabung
geht es aufwärts jur (Bnabenvifton unb jur erbentbun*
benen VerjücFung.
hinter bem geheimnisvollen (Betue unb ber myftifchen
«ßinFleibung erFennt man ein pfychologifches Verfahren; bie

Sewußtfcinselemente ber 'Jlffefte fpannen unb löfen ftch,

bis fte fortfehreitenb immer fiärFere WirFungsgrabe er*

reichen.&ie abFlingenben ÄeijeffeFte ber noch von außen


her gehemmten Übung werben als Crübftnn unb Crofiloftg*
Feit empfunben. Äoyola nennt bas bie «Finmifchung bes

Ceufels, ber bie Seele am Huffchwung $u (Bott verhinbern


witt. Wenn ftch bie 23üßer einbilben, Satan leibhaftig ab
lüfternes Cier ju fehen, beginnt bie äußerfie Abwehr. 3Die

myßifchen (Befühle verbieten unb Flären ftd) jum Triumph


bes ßrahlenben ttyrifiw, vor bem ber mölfifche Räuber bie
flucht ergreift.
Hoch weiß Äoyola freilich nicht $u lehren, was fpäter
bas Wichtigße, bas «Fntfdfeibenbe an biefem Seeleneper*
jitium würbe: es fehlt bie Umfchaltung ber fchwärmerifchen
Ver^ücFung auf bie anbauernbe Wittensleißung. 3Der (Be*

fühlsßrubel müßte ein praFtifch brauchbares KäberwerF an*


treiben, fonß verraufcht bie KffeFtbattung wieber ins Äeere.
£>ie VerjücFten ftnb noch nicht befähigt, ihre planmäßig er*
worbenen viftonären Äräfte $u einer bifjiplin vollen, gott*

feligen Cat $u nufcen. «Cs fehlt an ber juchtvotten, willens*


geficherten Verwertung biefer religiöfen «Behebung. Baratt
ftnb Äoyolas frühße Cruppen wieber jugrunbe gegangen.
Sie liefen, fobalb feine beherrfchenbe perfönlichFeit nicht
mehr vor ihnen ßanb, als ein 3 elne epaltierte Schwärmer

5 S$wli)«*;pfa«ljer. Va* ^efuitwioBud? 33


auseinanber ober fugten rtarf> einet gewiffen 3lffe!terfchöp*

fung ben fchnetlen Jtticf weg in bie irbifrf>e VTormalwelt.


Smmerfnn iß biefe „Mobilifierung bet llffefte", bie ftrf)

von ben mittelalterlichen 25uße£ßafen burcf) bie Methobif


bet gewollten tttenfehenführung unterfcheibet, fdjon etwas
treues unb Eigenes, was bet ißrfinber Äoyola aus ben be*
fonbern (Baben feinet £Tatur unb feinet Seit gefd)öpft fyat.

Huch in i^m ßrömte bau umwäljenbe jö. 3<*h r^ un bert, wenn*


gleich ihn bas Sd)id?fal fpäter ba$u berufen foHte, einet
geißlid)en (Gegenrevolution ju bienen. tDo et bie Dbeeh
eines myßifd)en £per$itiums urfprünglich hrrgenommen
hat, ob aus beutfehen ober fpanifdjen MÖnchsfchriften obet
aus arabifchen tftagierunterweifungen, iß auch bei ben
Fachgelehrten ßrittig geblieben; es fommt ja auch wr allem
auf bie Frrnwirfung bet Üiperjitienlehre in bie tleujeit an.
2?as Spiel feinet Phantafie ifl eher bürftig als reich
nennen, bie ^Deutung, bie Äoyola feinen XMßonen $u geben
pflegt, ftnb bas Begebnis einet hSchf* wißfürlichen XDahl,
bie fein Perßanb unb fein TDiße trifft. tt>as als (Geißer*
werf fein (Gemüt bewegt, brängt auf aktives 3icl, unb biefe

XPiUenstenbenj unterfcheibet feine Hrt von bet bloßen 2Je*


fchaulichfeit bes Mittelalters.
£>aß biefes wunberliche Creiben bes Hlcaläer Stubenten
halb bie Mißbilligung bet 3ehörben fanb, iß verßänblich*
£>ie (Dbrigfett argwöhnt 3auberei unb macht bie geißliche
3nquifttion auf biefe Hotte von Seftierern aufmerffam,
bie fich in ihrem (Gebaren über bie geltenben Sitten hinweg*
fefccn. &ic Snquißtionsjußij pflegt milbe $u fein, folange
es ftch nut um gläubige Sd)warmgeißerei hnnbelt, aber mit
Strenge gegen geheimbünblerifche Äehren unb firchen*

wibrige 23eßrebungen vorjugehen. Äoyola unb feine Hn*


hänget werben verhaftet; bei ben Perhören ergibt ftch/ baß
er fein theologifches TDiffen beft'Qt unb offenbar nur an
tnrßifcher Öberfpannung leibet. SDie (Ghnmachtsanfäße ber

J4
Büßer fdjeinen nicht burdy ben T>erfehr mit bem Ceufel,
fonbern nur burd) haften unb Phantafieren verurfad)t zu
fein, tU an begnügt fid) alfo mit (Drbnungsfirafen unb
Perwarnungen.
Um ftch ben llufpaffern zu entziehen, wanbert Loyola
mit feiner Ccuppe nad) Balamanca, in bie große »^ochfchul*

ftabt, wo er ftd) ber Beobachtung weniger ausgefetjt glaubt.


*5ier gelingt es i^m, zahlreiche Btubenten für feine feelen*
retten ben Übungen zu gewinnen; als aber bie Univerfitäts-
behörben ernennen, baß biefe jungen £eute ftd) völlig vom
wiffenfchaftlichen Btubium abtvenben unb burch fyz fana*
tifches Bettelunwefen zur (Brbnungsplage werben, verbieten
fte jebe gemeinfame Knbachtsübung unb jeben 3ufammew
halt ber Cruppe. TPenn Loyola feine Bestrebungen weiter
fortfefcen will, bleibt ihm nur ber tDeg in bie ^rembe, in
ein Äanb mit freierer geistlicher Entfaltung, unb bas ift für
einen UTann feiner ^erfunft unb XPefensart ^ranfreich, cs
Zieht ihn zu ber theologifchen Dnternatipnale ber Borbonne.

Beinen Keinen Bücf)erfcha£ auf einem Efel vor ftd) f)tt*

treibenb, wanbert er gen XXorben unb tritt in Paris in bas


Kollegium HTontaigu ein. Otyne wiffenfchaftliche Kenntniffe
Pann man hier freilich nicht mitreben, unb fo wirft er ftd)

Zunächst eifrig auf bie verfäumte (BrammatiP. Bein fonber*


bar phantajtifches Auftreten gibt er inbeSfen nicht auf. 3n
bem afchfahlen (Befiehl mit bem wirren fchwarzen Bart
brennt ein unheimliches Kugenfeuer, im langen, grauen
Calar wirft er fi’ch betenb in ben Btraßenfd)mu£ unb wirft
auf bie meiften feiner (Benoffen überaus ab jtoßenb. Uber
um fo ftärfer zieht er einige fpanifche Äanbsleute an, bie
im t^achbarfotteg Bte. Barbe ftubieren unb ihm in man*
ehern feelenverwanbt erfcheinen. Er beftimmt fte,' ihre f£abe
ZU verfaufen, ben Erlös z« verfchenfen unb mit ihm von
Almofen ju Üben. 3wifchen ben beiben Kollegien fommt ea

jum Streit unb $u recht unheiligen Aaufhänbeln. Bie Äol*


legen wollen ihn ala Verführer unb Unruhestifter öffentlich
auapeitfeffen. Äangfam fommt nun Cfäigo boef) ju ber (Sin*

ficht, bafj er junächft auf eine unauffällige TUeife für feine


fcf)wer erflärbaren 3iele werben müffe. Um eine juverläffi'ge

geifUiche Cruppe ju bilben, muf er jebea einzelne OHieb in


langfamer, jäher ^reunbfehaftabemühung an ftd) fetten.

3n biefem Sinne macht er fiel) ganj int ftillen an feine


beiben 3immergenoffen im Äoßeg tyetün; bas ftnb ber
fchlichte favoyarbifche ^irtenfoh« peter ^aber, ein grünb*
lieber Äenner bea Ariflotelea, unb ber Iftavarrenfer ^ranj
lavier, ein weltmännifcher, eitler (Beniefjer, ber ftch Auf
eine Amtepfrünbe in feiner i6eimat Burch
vorbereitet.
methobifche Ausfragung beginnt er ihre inneren Regungen
blofjjulegen, ^aber fucht ftch burd) wiffenfchaftlichen «Cifcr
vor ben Anfechtungen ber böfen (Beifter ju fcf)ügen, bie ben
vierfchrötigen, bäuerlichen IHenfchen burch heftige ^re£luft
bebrängen. Äoyola bettelt für ihn gewaltige Vlfohtunga*
mengen jufammen unb bebrängt bann ben Überfättigten mit
ber £ocfung, bafj ea viel herrlichere Utittel gäbe, ben jun-
ger ju fhßen unb feclifche Auhe ju finben. Bern leichtfln-
nigen lavier verfchafft er bie (Selber für feine Auafdfwei*
fungen unb fegt bann bem £rfd)öpften mit Betrachtungen
über ben Unwert bea irbifchen (Benuffea ju.
Beibe wehren ftch Anfänge mit natürlichem tUiberwiÜen
gegen Äoyolae teile myftifche, teile fthulmeifUrliche £in*
flüfterungen. Bocf> mit ber 3eit verlieren ftch urfprüng*
liehen Angewohnheiten unb Bafeinafrifen, fte laffen ftch Ala
tUerfjeuge für fein überlegenea tDotlen gebrauchen. 1fr h«t
feine Bufjmethobe ju einem „examen particulare" erweitert,
baa ift eine pfychifche Übung jur Sünbenbefreiung, bei ber

bae allgemeine Uotgefühl wiffenfchaftlich genau unterfucht


unb jergliebert wirb. Baa Sünbenbewufjtfein fpaltet ftch
babei in Diele Fleine iCinjelfünben auf, bie bann Stritt fiit

Schritt burcfj befiimmte (GegenwirFungen gebannt »erben.


£>ie Äajleiungen finb je£t fdjon »eit mehr auf iFnergie*
jürfjtung als auf ieFftafe gerietet. ©o fchtafen jte auf ^ols*
jiapelnim ^ofe, um ftd) vorn warmen ©tubenlager unab»
hängig ju machen, unb fie üben ftdfy barin, auch nach ben
Strapazen unb iFntbehrungen ber ißverjitien voll arbeite»
fähig ju bleiben.
Hur ganj langfam Dermehrt ftch bie neue Cruppe; jeber
Fünftige (Gefolgsmann »trb forgfältig geprüft unb gefault,
©tets beginnt Äoyola feine TDerbung mit ^ilfsleijlungen,
bie auf bie bisherigen XDünfche feines PloDijen KücFficht
nehmen. i£r vergeht ftch aufs (Gelbbefchaffen, er ifi längft
ein itteijkr ber frommen Bettelei, aber er »eifj auch feinen
^reunben bie materiellen (Genüffe halb völlig abjugewöhnen.
&er portugiefe Kobriguej, ein tHenfd) von fd)»ärmerifch’er
poetifcher Dnbrunft, »irb halb ber hingebungsvolle feiner
jünger, ber bitter ^öobabiHa ent»i<felt ein folbatifcbes

(Drganifationstalent, unb ber ehrgei3ige Äainej, ber ihm


aus ©alamanca nachgefolgt ijl, jeigt bei ben tftebitationen

ein befonberes pfychologifches (Gefcf)icF.

tt>o finbet Äoyola für feine ©d>ar eine »eitgefirecFte


llufgabe, eine $ielbe»ufjte praFtifche OtigFeits 'Clod) immer
fällt ihm nichts anberes ein als ein ^reujjug nach palä*
fiina, er h^ff* <*uf eine günfVige (Gelegenheit/ mit feinen
^efusjtreitern jur Eroberung von ^erufalem aufjubrechen.
£v h«t alfo bie Freujrittcrliche phantafhF noch tticht über*
»unben, wenn auch bie 3»eifel feinem (Gewiffen fch»er $u

fchaffen machen. %m ^immelfahrtstage bes Jahres


fch»oren fie fich in ber UTarienFapeHe auf bem ITTontmartre
ihre (Gelübbe ju, mönchifche 'Jtrmut unb Xeufdfyfyeit, folba*

tifchen (Gehorfam unb iSinfaig ihres Gebens im j&ampf gegen


bie mohammebanifchen Reiben. HTu$ es nicht verwunberlich
erfcheinen/ ba$ Äoyola noch überhaupt nicht an bie 23e*

37
Fämpfung bes Keizertums benFt? G5erabe in biefen fahren
erreicht ber TlbfaH von ber römifchen Kirche ben *£öhepunFt;

nicht nur in Seutfchlanb, fonbern auch in ^ranFreich unb


Italien f>aben bie reformatorifchen Semegungen wachfenbe
Erfolge.
Kber von folgen Fircf)Iid)en Kuseinanberfetjungen inner*
f?alb ber Chriftenheit füt>It ft<h ber fpanifdje (Botteshelb
noch Faum berührt. £r tyat ftch viel 3 uwenig mit Sogma
unb ©a$ung ber Kirche befchäftigt, unb ber inbivibueSe
(Sewiffensbrang beg evangelifchen Glaubens liegt feiner reli*

giöfen Hatur zu fern, um it)n zu aFtiver (Begnerfchaft


herauszuforbern. ©o flürzt er ftcf> benn in ber praFtifchen
Sielfe&ung mif bie religiöfen Abenteuer mittelalterlichen
Urfprungs, feine SeFehrunggziele gelten ben Ungetauften.

£>ie Cruppe l>at fuf) von Paris nach Venebig begeben, in


bas ißinfaHstor nach bem türFifchen (Drient. 3Die Schmierig*
Feiten foldjer Keifen vermag ihre gefchloffene Wißenszucht
leichter ju bewältigen als ein lofer ^aufe von Settel*
mönchen. Äoyola entfenbet brei feiner Vertrauten nach Korn,
fte foHen vom papfi Paul III. ©egen unb GSeleitbriefe für

bas Kreuzzugsunternehmen erbitten. $>er greife «gumanift


auf bem ©tuhle petri, ber bei ber ICafet gern mit jungen
tHagiftern bisputiert, labt bie Kbgefanbten zu Cifd) unb
erörtert mit ihnen gnäbig ben Fühnen piam Wohl gibt er
ihnen ben ©egen mit, aber er prophezeit ihnen «rfolg*
loftgFeit. 3war bricht ber abenblänbtfche Krieg gegen bie
SürFen halb wieber aus, aber es ftnb rein weltliche ^elb*
Züge, unb CJerufalem liegt babei ganz außerhalb jeber Keid)*
weite, bie geiftliche Cruppe mu$ in Italien zurücFbleiben.
Was nun? Wo foll biefer noch winzige, aber taten*
glühenbe ^efusbunb bas ^elb feiner CätigFeit finbem
Äoyola reift mit Äainez unb ^aber nach Korn, fte bieten bem

3$
Papf ihre IDienfe an. 3«, was in «Her Welt wollen fte

benn unternehmen? Was können bie paar übereifrigen tttän*


ner fchon 23efonberes fdjaffen! 5>ie Äurie mahnt fte jur
&efcheibenheit. ITtögen einige von ihnen an ber Bapientia,
ber römifchen Cheologenfchule, Verträge halten, vielleicht
über vertiefte (Bebetsübung, bas if immerhin eine 'Äus*
$eicf)nung, aber fte wirb vielen Btubierten nuteil. 3m übri*
gen können fte nach llrt ber 23ettelorben in ber Polksprebigt
unb in ber Krankenpflege ihren (Belübben nachleben. 3pä
ILoyola auf eine erhoffte BonberfeHung vernichten mufj unb
nicht mit ben Beinen als auserwählte (Barbe bes papfes
feinen «Ehrgei 3 befriebigen kann, fo werfen fte ftch fogleidf
mit krampfhafter Heibenfchaft auf bie geringen JDienf*
leifiungen, um bie übrigen tttönchsgefellfchaften im Wett*
bewerb ausnufiechen. «Es ift eine ganj moberne, ber Kirche

bisher frembe Kekorbfucfyt, bie fte ju *£öd) fleifhingen an*


fächelt, unb babei wirb ihnen bie Belbfübertrumpfung
wichtiger als ber Hugen für bie Bache, ber fte ftch wibmen.

£>as monchifche (Drbenswefen neigt in biefer 3eit wieber


bie erfen fpärlichen Knfätne nur «Erneuerung, nnnt Kuffieg
aus tief fern t>erfall. 2>ie eirtfl fo volkstümlichen 23ettel*
orben ber ^ranniskaner, ^Dominikaner unb Kugufiner hat*
ten ihren «Einfluß unb ihr Knfehen in ben breiten Sd)ich'

ten verloren, fte galten nicht mehr als bie Reifer ber «Elen*
ben unb bie 'Hufrüttler ber (Bleichgültigen. Bie hatten fleh

entweber in ben bequemen (Benuf? ber pfrünben nurück*


genogen ober ftch in ben Aufgaben verweltlicht, bie burch
bie vielen neuen Silbungsberufe gefeilt würben, eine

katholifche Polksreformation aus altchriflidjem überneu*


gungsgrunbe kommen fte nunädjf weniger in betracht. STur
einige junge, von ber Krifts unbelafete 23ruberf<haftcn,
voran ber (Drben ber Cheatiner, haben bas karitative unb
volksmifftonarifche «Erbe naghaft unb bemütig angetreten.
Äoyolas Cruppe finbet alfo viel freie 25ahn für begeiferte
WirFfamFeit vor; ftc mu§ fich jebod) auf ber einen Seite
gegen bas mißtrauen ber 25evölFerung burchfe^en, auf ber
anbern gegen bie übrigen Präger ber verjüngten UTönchs*
bewegung, bie ä'ngjtlich barüber wachen, ba£ it>re llufbau*
arbeit nicht burd) eitlen XDeltgeifl gefchäbigt wirb. Äoyola
fu<ht fo fc^neü wie möglich ben Öffentlichen (BinbrucF $u
verbreiten, bafj er bie ICheatiner weit übertreffe, bafj bie
ÄiebeswerFe ber ©einen, beifpiellos feien.

^ebenfalls verfielt bie Fleine CJefusFompanie halb über*


all in Otalien von fich reben zu machen, fie verfteht es bef*
fer als bie anbern, weil fie ihr Erachten in bewußter (Be*

fd>idflichFeit auf bie äußeren Wirkungen richtet. 5>as X>olF


foH fiaunenb gewahren, wie biefe Cfcfnsmänner vor Feinem
noch fo wiberwärtigen £>ienft zurücFfchrecFen. ©ie gehen als
ÄranFenpfleger in bie fchmufcigjten Raufer unb zn ben
©iechen, bie mit ben eFelhaftejten Reiben behaftet finb, fie

fargen bie peftleichen ein, entleeren bie Äotgruben; fie tun


bas vor ben 'Jlugen ber <bffentli<hFeit, bamit man als hei'
lige Eingabe anerFenne, was juinnerfi aus (ßhrfucht ge*
fchieht. ©ie fürchten fi<h vor Feiner KnftecFung, fie fchlafen

neben ben Husfäfcigen; wenn fte (Fiterbeuten ausgebrücFt


haben, wafchen fie fich nicht etwa bie i^änbe, fonbern be*

fchmieren fich mit bem Unrat bas eigene (Beficht, um bas


©chaubern zu verlernen unb als wahrhaft bemütige 2$rüber
bes Jammers bazuftehen. ©ie wählen bie Äagerftatt mit
bem übelften Ungeziefer, fie beefen fich mit ben Ochern zu,
bie eben erfi einen an ber tUajferfucht X>erftorbenen um*
hüllten.

&en fanitären ©pitalbienfi förbern foldje Pfleger gewifj


nicht, eher bürften fie bamit bie TRranFheitsherbe weiter*
gefchleppt haben. Unb für bie (Beziehung z«e ©elbftüber*
winbung hntte Äoyola boch fchon viel feinere UTittel ge*

40
funben. Tiber er will mit feiner Cruppe Huffeljen erregen,
obfdjon feie ed>te KranFenpflege iljrem fctylid)ten, auf opfern*
ben Wefen nadj für Senfationen gar nid)t geeignet ift. 3Dod>
bie Cruppe foH um jeben preis in ben Kuf ber CapferFeit
Fommen, wo fie aud) immer wettFämpfenb angefefct wirb.
SDie alte llbtötungöibee bes ^leifc^ee wirb ab Nüttel ju
bem mobcrnen 3we<F ber tHaffengewinnung benutzt. Seljt
l?er, wir finb bie 2tUerfrömm{ten ! Hoyola ift ja längfi nidjt

met^r ein inbivibueUer Buftfcfywärmer im Stile ber Über*


lieferung wie in feinen Anfängen, fonbern ber (Drganifator
einer (BefeUfdjaft, bie neue fuggefiive Verfahren auspro*
biert, um burd) bie N?ad)t über bie fersen aud) wirFlid>e
^errfc^aft aussuüben.
VTocf) ftecFt bie lofe Planung bes Fleinen «Trupps voller
(Bcgenfä^e. 3u weld)er realiftifdjen Älarf>eit werben bie

Äeute gelangen, wenn fie bie romantifdjen Coltyeiten it>res

Werben# erft von fid) abgetan t>aben> SDie perfönlid)Feit


bes (Brünbers läfjt in it^rer vielfpältigen £eibenfcf)aft fd>on
einen ^auptjug bes Fünftigen WirFens l?ervortreten: Sie
werben viele NTasFierungen vcrwenben unb in allen KofHi*

men mit flürmifdjen Übertreibungen Auftreten, um jule^t


weber (Bott nocfy ber N?enfd>f>eit ju bienen, fonbern bie eine
NTadjtibee ju erfüllen, bie ^ü^rer unb Cruppe befeelt unb
verbinbet. 3f>r unausgefprodjenes i^odj$iel ijl bie tttadjt an
fid), bas ^errfc^en über anbere. Wer it?rc (Fnergieleifhmg
in Knfprud? nimmt, foH ftd) i^rem Willen unterwerfen, fie

füllen fid) Feiner iüadjt untertan, bie außerhalb ber Cruppe


unb iljres Prinzips vortjanben ift, $)as Christentum muß
ihnen bie priefterlidjen IFinFleibungen liefern, bamit if?r

Ulac^tgebanFe niemals nacFt $u erfc^einen braucht. SDas erfte

^ahrjehnt ber jefuitifd)en (DrbensentroicFlung jwifdjen

unb bringt manchen heftigen Weddel ber NTethoben


unb ber (Bebiete ihrer Betätigung. Äoyola ift ftets ju eilig*
fter Umstellung bereit, wo er eine Steigerung von Kraft
unb tTtac^t burd) mittel erPennt, bie ihm bieder frcmb
waren. Kber er gliebert unb rerbinbet alle einzelnen Unter»
nehmungen burd) weitfcfyauenbe ^ührungabifjiplin.
Per papßhof foH bie Cruppe nicht aua ben Kugen rer»
lieren, barum bietet Äoyola in Korn befonbera grette @<hau*

fpiele bar. mit ^acfetn unb blechmuft'P jiehen fie burd) bie
©tragen, um Kimofen ju fammeln unb auajuftreuen, um bie

Käufer ron ben böfen (Beizern ju reinigen. iCuf Cragbah-


ren führen fie ^albrerljungerte mit, bie f*d> unter Äabung
mit ©peife unb ©egen fid)tbar erholen. tPenn bas PolP ftd^

unter freiem Fimmel flauen foH, um if>re prebigt ju frören,


Plettern fie h«tebredjerifch an ben ©äulenfaffaben umher
unb machen bie Porübcrgehenben burd) überrafd)enbe 3u*
rufe neugierig. 3hre PolPaprebigten an bie menge finb auf
bie Cageagefpräche ber (Baffe jugefchnitten, fie pacPen marPt*

fd)reierifd) baa einfache (Bemüt. ©ie überfd)ütten bie Äeute


mit einem wohlüberlegten Schnellfeuer ron (Bewiffena-
fragen unb zwingen ihnen fleta bie eine Antwort auf: tPir
3efu»brüber fagen euch einjig unb allein, was ber ^err ju
eurer Kettung rerPünben läßt.
Unb 3 e fua
h^ft mitunter ben bußfertigen, bie ftd> jer*
Pnirfcht in ben ©taub werfen, mit wunberbarer ©chneßig*
feit. Per prebiger hat nämlich tyinttv ffch in ber Hifche
juror einen Raufen erbettelter Kleiber rerßecPt, bie fd)leu»

bert er jefct benen ju, bie ihre ©ünbennot am reuigfien be-


kennen. Kla PorgefdpnacP auf bie ^reuben ber ©eligen im
Parabies wirb füßea bacPwerP rerteilt. Um bie Rollen-
ftrafen ber Unbelebten ftnnfällig ju machen, hält man
ihnen eine grauenerregenbe buntjeid)nung hin ofce? fcedft

gar einen gräßlich t>etßümmelten £eirf)nam auf, ben man


irgenbwo an einer Stätte bea Unheila eben aufgelefen hat.
UTit fo braßifchen mitte ln hatten bie alten bettelmönchc
Paum je'ju fpielen gewagt, jeijt Pomntt auch noch eine bia
ina Pleinfle erPlügelte bered)nung ber ©timmungawirPung
tyinju. Spannung, «ntfeijen, (Belachter unb Cfubel ergreift
bie tftaffe in cfyaotifcßem Xmrcßeinanber, ber Sann ber «in*
brücFe bleibt lange befielen, gerabe bas Wiberßreitenbe
ber (Befühle feffelt immer neu unb fdjafft bie geifilid^e Un*
tvfyt, burd) bie bann bie arme Seele jum WurfbaU für bie
jefuitifeße ÄenFung wirb.

Uber fdjon nad) einigen ^a^ren erFlärt Äoyota biefe

groben prebigteyerjitien mit jufaHig jufammengelaufenen


UTaffen für eine t^ebenfadje. 2>ie Cruppe bürfe fte f)öd)ftens

bort fortfetjen, wo man in ber 25evölFerung nod) nidjt


Wurjel gefaxt ^>abe, wo bie (BefeUfdjaft nod) Fein geifiließet

ttta^tbegriff fei. HTan müffe inbeffen ben feßeren Itnfcßluß


an bie f>errfd)enben Äreife erßreben, an bie wof)ll>abenben

Bürger, bie Beamten unb (Butsljerren. 3Dic tltaffe mürbe


bod) wieber un^uverläffig werben, wenn man fte aud) nur
eine Weile ftd) felbß überließe, unb es mürbe bie Kräfte
ber Cruppe aHmä^lid) überßeigeit, menn man alles ßänbig
unter »^odjbrucF galten wolle. 3gnatius l>at es nämlid) nießt
mefjr nötig, bie Geltung feiner Bewegung von unten ^>et

ju erweitern unb ju ßü^en. 3Die (Bunß ber heießen iß jwecF*


bienlicßer; in Xom l>at er ftd) jefct fdjon ein geräumiges
igaus erbettelt, unb von biefem ^auptftfc ber Cruppe aus
läßt er feine Senbboten im (Befolge ber Stanbesperfonen
in bie ^erne ausreifen, bamit fte aud) bort bei ben Vor-
nehmen für bie 3ntereffen bes <t>rbens werben.

3Der 3eitgeiß madjt eine SdjwenFung, bie von oben l>er

ausgef>t. Äoyola fyat fc^on bie erßen Symptome erFannt


unb will fte weiblid) ju feinem Vorteil nufcen. bisher l>atte

bie weltliche Sinnesfreube ber Äenaiffance bie £ebensfüh-


rung ber f?öt)eren Sdßd)ten immer ßärFer beeinflußt. 5>te

heibnifd) antiFen Dbeale fdjienen bas SDenFen unb Cradjten


immer ausfdjließlicßer $u beßimmen unb ben djrißlidjen

4*
Sittengehalt mehr unb mehr ju verbrängen. £>a erhob ftcb

ptaton über Cfjrifius, bas fcbmelgerifcbe Sympofton über


bas tfteßopfer, in ben Palästen fpottete man aller 23uß*
litaneien. 3efct fefct ber ÄücPfcblag ein, $war nod) tängjt

nicht überall unb ohne einbeutige Urfacben, aber bie Luft


weht anbers, man fehnt f*cf> nach einem ^rieben 3 urücF, ben

bie irbifeben (ßenüffe nicht gaben. tTTan empfinbet bie Leere


ber bunten Pergnügungen, bie (Sefahren ber TPunfcbfreiheit,
man fudjt &ube, lUrnSt, innere Sicherheit.
3n ber vornehmen (BefeUfcbaft war juvor an bie Stelle

ber christlichen ißinebe bie freie Liebe ber tlntiFe getreten,


man ^>ulbigte ber Äurtifane wie einer Liebesgöttin, nach
ber 2lrt ber grieebifeben Hetären beanfpruebten bie 23uhle*
rinnen alle weiblichen £twen. 5Da aber eine gewöhnliche
tCbcbrecberin ober Fäuflicbe 3Dirne noch läng{t feine peri*
fleifcbe Slfpafta ift, fo mußte biefe erotifebe Freibeuterei
im Überbruß unb in ber rohen Perberbnis enben. 3u ber
inneren Überfättigung fommt nun aber auch bie waebfenbe
pbyftfcbe 2lng{t vor ber ratfelh<*ften Luftfeucbe, bie immer
verwüftenber um ftcb greift unb bie (Dpfer nur feiten ge*

funben läßt. SDiefe blutverpejtenbe Q5efchlecbtsFranFbeit ift

aus bem \Pefien gefommen, aus Spanien unb F r <*nFreicb,


nirgenbs Fennt man ben Urfprung, unb alle (DuacFfalbe*
reien halten bie fürchterlichen F^^en nicht auf. ÜDa bie
Prostitution ber ^auptFanal ber UnftecFung ilt, fo bietet
ein christliches Liebesieben ben ficberften Scbu^. UToral unb
XTTebijin geben biefelbe Perhaltungsmaßregel.
^ier erblicFt Loyola ein weites 'tlngriffsfelb für bie
Truppe, hier Fann er gleichseitig mit religiöfer 3ußinbrunft
unb mit Pernunftgrünben operieren, ^ier Fann er ftcb «u<b
in bas intime Privatleben ber Pornebmften einmifeben; er
möchte bie iTtacbtroHe einer geheimen Sittenpolizei über*
nehmen. \Penn man bie verstoßene (beliebte eines Sarbi-
nals als büßenbe ITTagbalena betreut, fo gewinnt man bie

44
genaueren Äenntnige vom Treiben ber tttacf)tt>abe r. tDeig
man um bie verfchwiegenen ©ünben ber i^errfchenben, fo
hat man immer eine SDrohung $ur i^anb, befonbers feit bas
allgemeine Schamgefühl wieber junimmt. Agnatius eröffnet
feinen ^elbjug jur Ausrottung ber Unzucht mit ben fd)on
üblichen fenfationeUen MTitteln, «8 gibt je$t genug Äurti-
fanen, bie von ihren Liebhabern auf bie ©trage gefegt finb
unb im (Elenb umherirren; bie Cruppe nimmt fid) i^rer

an, birgt fie in „Hlarthahäufer" unb lagt fie mit Bug-


liebem auf ben Lippen, mit hänfernem ©trid? gatt bea un-
heiligen ©efchmeibes um ben frönen i^als burd) bie ©tabt
Sieben unb vor ben herrfd)aftlid)en Raufern bemongrieren,
wo noch bie Ausfdjweifung eine Stätte hat.
3Die tfefuagreiter erfahren natürlich halb mit Leidgigfeit,
wer mit wem ein e^ebrecfyerifcfyea XJerhältnis hat, unb
nähern fid) folgen perfoncn, um fie $u warnen, ihnen $u
btohen unb bie Befehlen $u retten, wobei biefe bann wohl
ober übel in bas jefuitiftfje (Einflugne$ geraten. £>ie

Äupplerguartiere werben nacfyts von tHitgliebern ber


Cruppe überwacht; fie notieren, wer aus- unb eingebt, man
lägt bitter fcfginbar ehrbaren SDamen ©chmähverfe b et>
rufen unb gecft gefallenen ^Tonnen unbemerft eine Ceufels-
Waue an ben Aleiberrücfen. (Eifetfüdgige (Ehemänner lagen
ihre ©attinnen von ben Cfefuiten auf einen Buhlfdjafts-
verbacht hin beobachten; man beginnt überhaupt bie jefui-

tifd>e ^ilfe in Anfpruch $u nehmen, wenn man jemanbem


einen Lebenswanbel vorwerfen wiH. Baburch
unsittlichen

hätte fich nun Loyolas Mtannfchaft eigentlich viele ^einb-


fchaften jujiehen mügen. tDenn bas inbegen nur feiten ge-

fchah/ fo jeugt es von ber unwichtigen unb gefehlten 3Dis-

fretion, mit ber fie vertrauliche Aufträge burchjuführen


wugten. Sliemanb fennt fich mit ihnen genauer aus, man
mutmagt nur unbegimmt, bag fie hier unb bort ihre Ringer
im Spiel haben, unb ba ig’s für älle ^ätte beger, ge burch

45
„gute Werfe" vcrföhnlich $u jliinmen. £>enn fte betrachten
ja auf recht pfäffifche Weife <&efchenfe als einen 25c weis
bafür, bafi ber ©penberftch burch gottcsfürchtiges Cun von

feinen Sünden reinigen wolle. @o mehren ftch ihre iCin*


Fünfte von Cfch»* 3 U 3<*h c fte erwerben weiteren (Brunb*
/

befttj unb richten einen Äanjleibetrieb ein, ber ftch mit bem
manches dürften meffen Fann.

fSa empfiehlt ftch für hofhr>ermögenbe £eute, mit ber


23ruberfchaft Äoyola gut ^reunb zu fein. Sie ifl jwar noch
nicht vom papfl als (Drben befiätigt, benn bie Äarbinäle
lieben biefe 2lrt von tttönchseifer nicht, aber fte beftfct über*
aU bie einfluftreichflen (ßuerverbinbungen, ihr praFtifcher
Xat hat *£anb unb ^uj5, fte weifj barüber öefcheib, was
hinter (Gerüchten flecFt, vielleicht beflügelt ober floppt bie
Cruppe felber bie ^ama, fe nach ihrem Wohlwollen ober
ihrer Abneigung. 'Uber Loyola betont ben 2MttfleUern gegen*
über mit aller religiöfer üeibenfchaft, bafj feine v^ilfeleijlung

nicht in ber weltlichen Sphäre enben bürfe, bafj er nur


benen $ur ©eite flehe, bie burch feine ^ürforge bie tymm*
lifche ©eligFeit erringen wollten, ©eine eigne religiös ent*
Zünbete Seele wehrt ftch noch glühenb gegen ben anbern
Crieb feiner 23rufl, gegen ben ^ang zur irbifchen Pinzette*
lung, zur abenteuerlichen ober flauen trtachenfchaft.
Was foUen bie tTTenfchen tun, um vor Äoyola cBnabe zu
finden* 2>ie plebejifchen 23uf?efflafen auf ben ©tragen ftnb
nichts für £eute in geordnetem Ssafein, bie auf ihren Äang
unb ©tanb zu achten haben. Äommt in bie Äirchen zu unfe*
rcn ^eiltgungsfeiern unb prebigten, macht £rnfl mit bem
3ei<htverlangen, Fommt in ben 25eid)tfluhl, beFennt eure
©ünben unb verlangt bie 2lbfolution. 3Die (Dhrenbeichte war
in ben lebten hundert fahren zur flüchtigen ^ormfache ge*
funFen, bie immer zahlreicheren päpfllichen Kbläffe hatten

46
0

feie Sünbenvergebung immer tiefer h«£<*bgewürbigt. Warum


foßte man
norf) vor bem priefler feine tHiffetaten peinlich

aufjählen,wenn man für eine ^anbx?oH Utünjen bie Ver-


gebung einfach im paufchale erFaufen Fonnte! Äoyola aber
faßt bie Beichte wieber ala einen pfycf>o!ogifcf)en Ent-
lafiungaaFt auf. Ber Beichtenbe foll ftd) bis in äße Einjel-

heiten feiner Vergeben erinnern, fie foHen ihn nod) einmal


mit ganzer Schwere bebrücFen, bis ber priefler im gött-
lichen (Bnabenauftrag ben Reumütigen von feiner Sdjulb
befreit. Baa (Seftänbnia bringt bem BeFennenben fleta eine

gewiffe Erleichterung, bas h«t man fchon in vorchristlicher


Seit unb nicht nur in ben priefiereligionen ernannt unb an-
geraten.Bie Philofophie ber StoiFer lehrte, baß bie über-
winbung ber Äafter nur möglich fei, wenn man fte nicht
mehr geheimhielte, fonbern fie mutig ben ^reunben offen-
barte. Ruch fchon in uralten afiatifchen Kulten hängt bie
Fultifche „Häutung" bea beflecFten tftenfchen vom BeFenntnia
bea Büßcra ab.
Bie Fatholifche Beicht$eremonie betont nun bie Utacht-

hoheit bea priefiera mit myftifcher EinbrucFaFraft unb bin-


bet bie BeichtFinber an fein BiFtat. Ber prieftcr tyat $u
beurteilen, ob bie einzelnen BeichtbeFenntniffe ala Sünben
ju werten finb ober nicht, unb bie Sünben fhift er in ver-

fchiebene <5rabe ein. Er erteilt alfo 3cnfuren für menfchlichea


Verhalten, für (BebanFen unb Caten, bie fich hoch 3U aUermeift
auf irbifche Vorgänge erftrecFen. Unb wenn er auch, theolo-
gifch genommen, einen jenfeitigen Utaßftab anjulegen fyat,

fo beeinflußt er hoch ala Sittenrichter bie natürliche Vor-


ßellungamelt ber Beichtenben. 3« unb gefehl-
feinfühliger
ter ber Beichtvater burch ^rage unb Utahnung baa Be-
Fennen in ,$luß bringt, befto weniger wirb baa BeichtFinb
mit feinen cBefiänbniffen jurücFhalten wollen. Wenn ea ftch

#öte refiloa vom fersen fpricht, tritt auch


feine ein« voH-
Fommene feelifche Erlöfung unb Befriebigung ein. Ber

47
Beichtenbe tüiri> ftch baher am liebten einem Beichtiger
eröffnen, ber in ber inbivibueHen ittenfchenbehanblung ein
tHeifier ift
3n ber (D^renbeit^te entbeeft Hoyola ein unvergleich*
liches pfychologifches tTCachtmittel für feine Cruppe. Stuf
eine gan 3 geräüfd)lofe unb unftchtbare \Deife geminnt ber
Beichtvater feetifdje (Bemalt über ben fünbigen XXlit*

menfehen. Bor (Bott muffte es gleich fein, ob ein Äönig ober


ein Änecht fein Befenntnis ablegt 2lber es ift für ben
Beichtvater burchaus nicht gleichgültig, men er ermahnt,
jenftert, berät, *£ält er Beichtgericht über einen (Brofjen ber
fßrbe, fo greift er bamit, fei’s auch no<h f° inbireft unb
leife, in bas Schief fal eines biesfeitigen (Bebilbes ein, bas

mieber mit anbern BafeinserfMeinungen in \Bechfelmirfung


fleht. £in meltfunbiger Beichtvater mirb ftd) bei ber
Slbfolution nicht mit firchlicher Schablone begnügen; er
fann feinen eigenen tBillen jur ittacht betätigen, menn er
bie lEntfdjlußfraft bes mächtigen, ber vor ihm als Sünber
unb Katfuchenber fniet, in eine beflimmte Dichtung brängt.
Benn nicht nur (Befchehenes, irbifch Unabänberliches unter*
liegt bem Beichturteil, fonbern auch (Beplantes, bas ftch erfi
im (Beiße bes Beichtenben vorbereitet

Hoyola beft^t biefen tBillen $ur ntacht, unb er bilbet

feine Cruppe ju Beichtvätern aus, bie ftch auf bie Slbfolu*


tion von «£ochßehenben befonbers gut vergehen follen. Bei
einem befehlsgemaltigen manne iß ber fünbhafte Catbeßanb
viel fomplijierter als bei einem alten Borfmeibe, man muß
alfo Unterfcheibungen machen, man muf ben erlauchten
^errn mit befonberem Caft unb Berßänbnis im Beicht*
fiuhl behanbeln. dgnatius bringt es $um?ge, baß es bei ben
Bornehmen halb UTobe mirb, einen Clefuiten jum Beicht*
vater ju mählen. Bas Beichtmefen iß bie Heiter, an ber

48
bie Ctuppe auf bie i^öhen ber (Befchichte emporklimmt.
Ber WTifjbrauch bea ChriStentuma $u politifchen HTacht*
$t»ccfen tritt nirgenba fo pfäffifch gefährlich jutage wie in
ber jefuitifcfyen ,$ürftenbeichte, bie burch 3<*hrh un berte in
allen katholifchen £anben Dntrigenverwirrung unb Schaben
für bie Bolkaeintracht Stiftete. Dm Seitalter ber unbefchränk-
ten fürftlichen UTacht regieren in X0al)t\)tit bie hinter»
männer, bie täglich baa d>hr bea tttonarchen l?aben; unb ber
jefuitifche Beichtvater h<*t oft von bem intimen ^ofgemach
aua mehr XDeltgefdjichte gemacht ala ber öffentlich bestallte

Staatamann unb ^elbherr.


Bie ersten tjöfifc^cn Beichterfolge ber ©einen betrachtet
ber UTeifter noch rott gewiffer Beforgnia. Bie (Bunft ber
^errfcher ift wanbelbar, bie Borteile konnten $ur Schäbi*
gung werben, wenn bie Äaunen ber Machthaber Umfragen.
Boch er fteht mit optimiSiifcher ^reube, bafi bie katholifchen

dürften biefe neue Beichti&erart befonbera ju fchäfcen fchei-

nen. £?o<h ftnb bie ^efuiten ala geiftliche ^ofchargen überall

hoch willkommen, bie politifchen (Befahren bleiben ben ȣerr*


fchern unb ihren träten lange verborgen. (Crft ale bie irbifche

TDeltentwicklung fich von ber geistlichen Bormunbfchaft


weiter entfernt, wirb biefer geheime £influ£ ber Beicht*
priefier allmählich f>i cr unb b$rt ala £aft ober gar ala Ber*

hängnie empfunben. So kann ftd) vorerit bae neue Macht*


Pfaffentum im jefuitifchen Beichtstuhl ein grojsea, gut ver*
fchleiertea Bollwerk errichten, £Toch einmal fetjt fich in
katholifchen Äanben ber 'Hnfchein burch, ala h^be ber cf)riSt*

liehe ^immelabefehl über bie Reiche von biefer tBelt ju


verfügen.
Biefer Drrtum, vom religiofen tBnhn einer kleinen ehr*
unb ina Äiefenhnfte geweitet, h**
geizigen (Bruppe erzeugt
baa Christentum auf bie Bauer viel mehr erfchüttert ala
bie Patriotenbewegung ber Bolkaftaaten.
Bie jefuitifche Beichtbiplomatie konnte natürlich nicht

4 ödjult)»äVf(ttl3tT, £>«# 3efuitcnäöui> 4^


mehr t»ie fch»ärmerifchen Umgangaformen gebrauten, mit
benen bie Cruppe im »lieberen X>olk it?re JSroberungsaüge
gemalt tyattt. £>ie bußeFjtatifchen Tollheiten ber llnfanga-
jeit lehnt £oyola allmählich immer entliehener ab, er ver-
bietet je$t ben Seinen fogar alle Kuafchreitungen ber
Effekte. Sie follen ftch nicht me^r ^emmungsloe in bie

myfhfche Überfmniid)Feit entrücken laßen, fonbern auch im


3ußanbe äußerßer religiöfer Eingabe bie ^errfd)aft über

ftch felbß bemalten. &ie Tugenb ber £>if$iplin gilt alfo nid)t

nur für bie (Drbnung ber ©emeinfehaft, fonbern auch für


bas Innenleben bea einzelnen, bas in jebem Kugenblitf vor
ber Selbstkontrolle befielen foH. Um fücf? barin ju üben,
müffen bie 23rübcr ftch gegenfeitig von ben Pifionen be*

rieten, bie fte bei ber ©ebetsverfenkung erlebt tjaben. Sie


erörtern bann bie je»eila richtige Sekunbe für ben wiHena-
mäßigen llbbrud) ber religiöfen pi;antaftefd)au. ^at bann
aber, fo muß man fragen, bie 23ußver$ückung überhaupt
nod) einen ^ö(>eren Sinn ala ben einca intereffanten pfycho*
logifd)en tkpperimenta mit ftch felbfh Äoyola mürbe er*

»ibern, baß ohne priefterlit^e RffektSteigerung ber £aien*


mertfd) in Feinen tiefen 2>ußbann geriete. £>er jefuitifdje
priefter foü $rear ber Treiber in bie iCPftafe fein, felbft aber
nicht in bem (ESefüblameer jteuerloa »erben, fonbern ftd) in
jebem Augenblick bie Äanbung am Ufer ber Realitäten be-
fehlen können.
Üiin juverläfftger XUiUe entfaltet ftd) aber nur in einem
ausgeglichenen ÄÖrper. Oft ber £eib burcf) Afeefe ver-
krampft, fo tuirb auch ber XDiHe in feinen 3ielfe$ungen
ungefunb verzerrt. 3Darum Schluß mit ber falfchen %b-
tötung bea ^leifchea, burch bie nur ber geizige tUiHe brüchig
unb kränklich »irb! Alle übertriebenen 23ußübungen f<hmä-
lern bie Überlegenheit ber bifjiplinierten ©efam tperf Örtlich-
keit. 3Die iSrer^itien »erben eine planvolle Selbftauabilbung
ber ikigenfehnften, bie jurn (Behorchen unb jum befehlen
befähigen» Unterordnung und Rührung find nur jwei Set-
ten derfelben einheitlichen WiBenshaltung. Loyola unter-
lagt den Brüdern aufs ftrengfte das Geißeln, das 23arfuß-
laufen, das fragen quälender Kleider und das übermäßige
Mafien. Sie foBen ein bequemes £ager und eine gut nährende
Soft tyabtn, ihre £ebensgewohnheiten dürfen im 3Dur<h-
fchnitt denen eines befd)eideneren «delmannes entfprechen.
SDicfe Pflege des leiblichen tttenfehen fott dem WiBen ein
„harmonifches Gehäufe" liefern. 5>er WiBe ift das Wert-

voBfle, was der einzelne $um Sufftieg des Ganjen einfeQen


kann, WiBensenergie fchmiedet den Schlüffel jur UTacht.
£e$ten Gndes foB nicht der feelforgerifche Erfolg entfehei-

dend fein, fondern „die Gkkupation der Utenfchhei* durch


die Gebote, die der Grden im Suftrag des ^öchften jur aB-
gemeinen Geltung bringt". T>as ift eine imperialiftifche

formet, ein militärifcher Tagesbefehl an die Truppe, die


ausjieht, ein Weltreich ju unterwerfen, in dem fte kom-
mandieren, begnadigen und verdammen kann. 3Das Sreu)
Ch?ifti wird jum &annerwappen erwählt, aber die Parole
brauchte nicht anders $u lauten, wenn der Sampf im tarnen
der göttlichen tttajeftät eines altrömifchen Saifers geführt
würde.
*

VJod) bei Äoyolas £ebjeiten erftreefen ftd) die Grdens-


provinjen über das ganje Sbendland, und die erften pioniere
find fchon nach Überfee in die Solonien und die noch uner-

forfchten fernen unterwegs. Grft nach fahren des 3ögerns


erteilt der Papft im September j ?40 der Societas Jesu die
kirchlichen Grdensrechte, anfangs nur mit der 23efd)ränkung

auf fech3ig Mitglieder, denn die Pielgefchäftigkeit der


Äoyolatruppe, ihr Methobenwandel und Hw Machthunger
erfchienen derSurie noch immer bedenklich. Dgnatius wünfehte
jwar „dem Regiment der ftreitenden Sirdje" eine fchlag-

f)
4*
Fräftige !Rampftruppe $ur Verfügung $u tyalttn, aber fein
<t> rben foHtc in ber BienffbarFeit für bas papfftum hoch
recht frei unb beweglich bleiben. Kls nun ber ©rben eine
betätigte Einrichtung ber Kirche geworben iff, ffräubt fi<h
Loyola, bas 'Kmt bes ©enerals anjunehmen; auch && «ine

altrömifche Cäfarengeffe, feine ^führerwürbe foß in ber


t^otwenbigFeit feiner Leitung begehen. 3(ls ©rbensober*
haupt tritt er Faum noch priefferlid) an bie cbffentlichFeit,

man fagt, er fei allmählich äußerlich menfchenfcheu gewor*


ben, um feine Programme unb feine ausführenben ©rgane
im ©ebanFenffubium ju burchleuchten.
beffo fchärfer
Sein Eatwiße richtet ftd) je$t vornehmlich auf bie orga*
nifatorifche Straffung ber Bifeiplin. tiefer jefuitifche

„:&abavergehorfam", an bem Loyola bis ju feinem Cobe ge*


ffaltet fyat, iff von ber einfachen folbatifchen Äommanbo*
pyramibe burchaus verfchieben. ©ewiff, ber VTachgeorbncte
hat ju gehorchen, aber ber Befehlenbe wirb auch von unten
her an ben 3ügel genommen. 3eber Bruber hat über feinen
unmittelbaren Borgefetjten an ben nächffhöh cren Fritifchen
Bericht 3 u erffatten. Bas führt 3ur Überwachung aßer burch
aße, nichts bleibt oben verborgen, was innerhalb ber unteren
©rbensinffaiijen gefehlt. Hur bie h&hf*e Steße, ber ©e*
neral, behält fiel) bas Xecf)t vor, einjelnen Brübern ©eheim*
aufträge ju geben, über bie fte ju jebem anbern fd)weigen
muffen. Barum weiff Feiner auffer bem ©eneral, welche
SonberfunFtionen bie Brüber noch nebenbei ober vielmehr
heimlich in ber ^auptfadje ausüben, Ulan fyat bies Syffem
eine geniale Befpifcelung genannt; es jeugt gewiff nicht
von ehrlichem ^reunbesftnn, aber es bebeutet auch eine auffer*
orbentliche £eifhmgsprüfung unb £eiffungsffeigerung bes
©efamtapparats. Ungeborfam unb Umtriebe ftnb nahezu
ausgefchloffen, grofffprecherifche Bortäufchungen ebenfo.
Um Äoyolas Bifjiplinregelung ju vergehen, muff man ftch

vergegenwärtigen, baff bie Cruppe ja längff nicht mehr als

sz
gefcbloffene Kompanie marfebiert. £in paar Rimbert tHän*
ner finb in ben Säumen 3mifd)en Äiffabon, Paris, Wien,
Warfebau, Rom auseinanbergejogen, eine Botfdjaft von
hier nach bort braucht mitunter MTonate. Ba muß bie ;£ülle

ber Berichte bie üangf amfeit ber Übermittlung ausgleicben.


Äoyola fyattc noch einige JTtale gegen Suffäffigfeit anju«
fämpfen, einige ber älteren ©enoffen tonnten ftcb am
ferner jten an bie neue inteHertueHe Cecbnit ber Sufammen*
arbeit gewönnen, fie glaubten ber febmärmerifeben £rteucb*
tung mehr geborgen 3U foHen als bem 0rf>at^telprinjip ber
Porfcbriften. Sobriguej fe^t als (Drbensprovinsial von
Portugal bie Bupafleiungen unb grotesten Suftüge fort,

bis ityn ber moblunterid)tete General abberuft. Wer in ©e*


mijfenstonflirte gerät, barf ficb nicht mehr ju einftebleri*

frfjer XJerfenftmg in bie überirbifebe 0 cbau jurürfjieljen,

fonbern b<ü feine 0 rrupel ben verfammelten Brühern vor*


3utragen. Barauf gibt jeber fein ©utaebten ab, unb 3uteQt
fieHt ber ^ü^rer fefi, mie ftcf> ber 0cbmanrenbe in 3uftmft

ausjuriebten fyabt.
Ber alternbe ©eneral geniest bei feinen Brübern eine

X?erebrung, bie nad) ben Jeugniffen aus feiner Umgebung


mit unheimlichen (Cinbrücfen burebmifebt mar. ©efpenflifcbes
umfebmebt feine 3üge. 0ein Rusbrud? foH ftcb binnen meni*
ger 0tunben berart vermanbelt tycibt n, bafj ibn reiner
miebererrennen ronnte, ber ibn nur einmal juvor erbücTt
batte. Bas Wefen biefes feltfamen UTannes ijt fo viel*

glieberig, ba$ reine Formulierung bas ganje ©ernebe feines


3 nnern ju febilbern vermöchte, ©lut unb Rälte, Dnbrunft
unb 0 cblaubeit mobnen in ihm biebt nebeneinanber. Pom
tttabonnenläcbeln bis 3ur Rriegermut rann bies RntliQ bas
^er3 miberfpiegeln. Crotj, ©eiaffenbeit unb ©Ute treten ab*
mecbfelnb als Cb<tt<*rtermerrmal b^vor, aber in jeber feiner

Regungen febmingt mehr. 0 inb bie Äippen nicht hochmütig


unb ironifcb gerniffem 0prübt nicht ©ebairbeit aus feinen
Augen* 3n bas Sinn iß ^crrfc^ecenccgic gemeißelt, aus
ben Stirnfalten fpricfjt ber wißenbe Ciefßnn. VTiemanb
Pennt if>n wirFlich ganz, aßc beugen ßd> erfd)aubernb vor
bem Sätfel feiner perfönlichFeit.

Seine (Gegner tyabtn it>n als großen Scfyaufpieler abtun


wollen, er iß wohl auch bas, aber er läßt ein XDerF zurücf,
bas it)n als einen gewaltigen Catmenfdjen ausweiß. “2tucf>

feinSomöbiantentum, ein fpanißhes &iuterbe, führt zulefct


immer zur Sealität unb miinbet in eine Art Sechenepempel.
(Fr iß ber Schöpfer beßen, was bie moberne tVelt unter
Propaganba verße^t. 3n unbewußter Schwärmerei beginnt
er mit ben tVerbeaPtionen, bie er bann pfyd)otecf)nif<h be-
wußt entwicFelt. SDie „Propaganda fides“ iß ein fpäteres
3efuitenfchlagwort, ße verßanben barunter Äoyolas Hletho-
benle^re für bie Verbreitung Jener (SläubigFeit, bie ber
(Drben für bie aüeinfeligmachenbe hielt.
3Die äußere ttlifßonsarbeit bes Orbens beginnt bezeich-
nen bermeife mit ber 0ubenbeFehrung. 3Die jübifche Säße iß
für bie fefuitifche Art ber Seligionsübung befonbers emp-
fänglich. JDiefe (FrfolgsmethobiF, bie ßch einer gefehlten
tttifchung aus 3nteEeFtualismus, tttagie unb (Drganifation
bebient, Fommt ben Anlagen bes Jübifchen (Beißes entgegen.
25ie internationale *£eimatloßgFeit biefes VolFes, bas ber
mittelalterlichen &inbung an bas (Ghetto entrinnen will,
entfpricht ben überßaatlichen Sielen bes (Drbens, ber Feine
weltlichen Vorurteile Pennt, auf bas beße. Loyola fefct ßch
mit VTachbrucF beim Papß für bie Caufe ber tfuben ein.
(Fr errichtet ^eime für jübifche Sonvertiten unb verbinbet
bie CaufaPte mit pomphaften feiern, in benen ßch bie
tVeltpropaganba für ben ßegreichen Chrißus veranfdjau-
lichen foü.

SDer Stifter biefes grenzenlos weitwirFenben propaganba-


orbens neigt mit ber Seit immer mehr zur Anonymität,
feine perfon foH hinter ber Sache verßhwinben, fein (5hr-

*4
gei$ r>erfacf)licf)t ftch- ifr (?at darauf verjidjtet, ber Cruppe
feinen tarnen ju geben, bie iörüber haben feinem men»
fd)en bie Creue $u geloben, fonbern ben 3ielen, für bie ge*

firitten wirb» XOo er merft, fte wollen mit ihm ^ührerfult


treiben, entwinbet er ftch ihnen fcf>roff abweifenb. Rein ein*

jiger tttaler barf ihn fonterfeien, fein 2Mlbnis foU bie


^reunbe nicht von bem Pienfte für bie 3bee ablenfen. 3m
23ilbe, fagt er, ließe ftch nur ber flüchtige ffinbrucf erf affen,
ben bas menfchliche Rngeftcht jufäHig auf ben betrachten*
ben macht, er wolle nicht, baß ftch feine jünger ihn in ber
einfeitigen Ruffaffung eines Rünftlers vor Rügen hielten,

fte mögen ftch lieber an bie ^üHe ber Pflichten erinnern,


bie er ihnen hinterlajfen werbe.

Rls er unerwartet im 3uli )fS6 ^infe^eibet/ vergeffen

bie um ihn tDeilenben in ihrem Schmer j feinen Wunfch


unb beftellen einen berühmten Hofmaler, ber ber Coten
porträtieren foU, ehe ber Ropf verfällt, mit ifile macht ftch

ber Rünftler ans Wert, aber er erfd>ricft unter ber (fin*

bilbung, Loyola richte ftch h^« cnt> unb brohenb auf unb
)iehe (Brimaffen, um ihn an feiner Rrbeit $u hinbern. bebenb
voHenbet ber maler bas bilb, aber es erfcheint ihm tro#
aller aufgewanbten Runft nicht gelungen. Craurig beflgti*

gen bie brüber, bas fei ihr Äoyola nicht, bas fei irgenbein
fluges, frembes (Beftcht, fo \)<xbt er weber gelächelt noch mit
Strenge breingeblicft. Solange es noch WTaler gab, bie ben
(Drbensgencral bei Webseiten gefehen hatten, würbe ber Per*
fuch wieberholt, feine echten 3üge auf bie &einwanb ju
bannen, man rücfte bie Staffeleien fogar vor ben Rltar
unb las heilige Uleffen, währenb ber Rünftler aus Üirinne*
rung unb Phantafte ben Perblichenen formte, aber niemals
fonnten bie Seinen ausrufen: Pas ifi er. Pie höchßen
meifter bes pinfels von Ci;ian bis Rubens fydbtn feine
*

(ßeßalt in mannigfacher Huffaffung ibealiftert, boef) überall


begegnet uns etwa« tttasfenhafte«.
TDer er mirflich mar, lehrt nur feine Schöpfung, bie bas
endgültige prinjip be« törünber« niemals verleugnete.
Schon bie Umflänbo feine« Code« jeigen fymbolifch an, mie
er in feinem TDerfe unterjutaudjen münfehte: iEv fühlt fich
elenb, feine Strafte nehmen fchnetl ab, er fi$t in feiner nieb*

rigen l&laufe vor ben $u Stapeln getürmten 23rieffad)en.


2>er dSänfefiel jittert, bie £uchfiaben flimmern, aber heute
hat er feine Seit $um Sterben. £>enn in ber ^rüt)e geht bie

Poft nach Spanien unb Überfee ab, ba muß alle« fertig fein,

feine Äijte barf jurücfbleiben. UTorgen wirb er ben ^ ei


ligen Pater um ben 2lbfchieb«fegen bitten laffen unb bie
letjte <bl ung nehmen. 3Do<h ber Cob miU nicht märten, $mi*
fchen £Tad)t unb Hlorgen paeft er ihn jäh. $>er große (St*
neuerer ber Seifte geht felbjt ohne lefcte Reichte jur CCmig»
feit ein. 3Die rieftgen TDeltgefchäfte feine« <Drben« maren
ihm julefct boch michtiger gemefen al« bie Sorge um feine
eigene Seligfeit.
iWifftonjtfafcenteuer im jfrattn «©fiten

©ec orbis terrarum ertueitcrt flrf) im Zeitalter Loyolas für


bas abenblanbifche 23ewufjtfein von 3<*hr ju 3ahr. 3Die
Erbe muß alfo hoch etwas Äugelähnliches fein, wahrfchein-
lief) mit allerlei Dörfern unb Schlünben. 2>as mögen im
einzelnen bie Geographen unb Seefahrer fefifieHen. &ie
Äönige von Portugal unb Spanien betrachten ftd) «te ^er*
ren ber neuentbecPten Äänber, fie wollen bort ihre Roheit
aufrichten unb Sdjätje einheimfen. SDen Streit jwifdjen ben
beiben meerbeherrf^enben Nationen tmt ber papft ge-
f deichtet; alles, was wefttich eines befiimmten Äängengrabes
am nahen ÄtlantiP liegt, fott ben Spaniern gehören, aller
Öfiliche Äolonialbeftij ben portugiefen. 2>afür fyat ber papfi
bie unfierblichen Seelen aller biefer Eingeborenen in feine
(Dbhut genommen. Sie wiffen nichts von tfefus (Cbnftus,
fi'e foHen bie Caufe empfangen, um erfl baburch 3u voHwer*
tigen UTenfchenfinbern $u werben. Erfl als Ehrijien ftnb fte

rechtsfähige perfonen; wie Pönnten fte beifpielsweife einen


Untertaneneib fchwören, folange fte Reiben ftnb!

Schon mit ben portugieftfehen Schiffen bes T>asco ba


Gama, bie 21fr iPa umfegelten unb Dnbien erreichten, waren
Priefier hit**usge$ogen. Columbus führte bas *3cil«nbsPreu$
gen 'JlmeriPa. 2lber bie erften gewaltfamen tHaffenbePehrun*
gen boten recht unwürbige Schaufpiele, man verPünbete ben
Einheimifchen bie chrifiliche Äiebesbotfchaft unb behcmbelte

S7
fte bod) nad) brutalften 3nflinBten, fte Hieben in \Pahrheit
vogelfrei. 3Diefe europäifchen Äotonifien waren meift ein
wüfter Slbenteurerfchlag, if>r Chciftentum beftanb nur in
leeren (Bebräuchen, im übrigen führten fte einen viel fd)lim*
meren TDanbel ab bie farbigen Sarbaten, benen fte baa
£id)t ber cf>rifllicf>en Kultur bringen foUten.

mit Unwillen erfährt ber papfi von ben grauenhaften


mißßänben in biefen neuen Weltreichen ber Chciftenheit,
er ruft bas (Bewiffen bea portugieftfd)en Königs an unb
empfiehlt ihm, einige mitglieber ber jungen Gruppe 3 efu
ab mifftonarc nad) 3nbien 3U fenben. Äoyola \)&t von
feiner alten (Barbe gerabe nur ^rang lavier gur Per*
fügung, ben er einfi in Paria beBehrte. £ßr fcf>icft ben völlig
Unvorbereiteten fofort nad> Portugal ab, Sefehl i# Sefehl.
t*ur mit feinem Srevier gerüjiet, tritt ber Bünftige „Hpoftel

bea (Bjtena" bie Seefahrt an, bie ihn um bas Cap ber (Buten
Hoffnung nad) 3nbien führt. (Cr fommt nach (Boa, in bie
^auptßabt ber portugieftfehen Kolonie; ungeahnt phan*
taflifche Silber bieten ftd> ihm bar. %m Ufer bea tttanbovi*
fluffea, gwifdjen ÄoBoawälber gebettet, liegt bie prunBvoD
errichtete Ißuropäerfiabt. (Br finbet eine jieinerne Rathebrale
vor, einen Sifdjof, ein ^rangiaBanerBlofter, übermütige
Kblige, freche Suhlerinnen unb breitfpurige matrofen.
3lHea breht fid) um (Belb unb (Ben ufj, auch bie reichen
ffinhetmifchen jtnb fchon burch bie &ajier verborben. $>ie
XofenBränge, bie ihnen tief über bie Schultern hängen, ftnb
aua Bofibaren Steinen, man murmelt bie (Bebete nach Por*
fchrift, beugt bie Bnie vor bem weihraud)buftcnben llltar
unb führt hoch ein unbeBümmertea üeben in Caumel unb
Oier. (Bleich tyintev ber Stabt aber beginnt bie ^eibenwelt,
in ber ea trolg (Böigenbienjt unb Cieropfcr viel orbentlicher
unb anjiänbiger gugeht. Saa iffc ber fchwerjie Kummer bea
Paters, Me TDilben frnb leiber hoch beftere Utenfc^en. Don
ber Problematik «Her auswärtigen tHiffionsarbeit wirb er
freilich nicf)t angefochten, trenn er mit ber »^eibenbekehtung
nod) wartet. Er will jefct bas „wahre" Christentum junächft
unter ben europäifchen HItchriSten in (Boa $um Durchbruch
bringen unb überfteht/ baß bamals bas £eben in Hom ober
MTabrib auch ^ttes eher als mönd)ifch war.
Hber er befmnt ftd) auf bie jefuitifche Diplomatie unb
beginnt unter ben Beamten, (Bffijieren unb ^anbelsherren
mit Husfragungen unb fytMidftn VJächforfchungen. Hls
befefjeibener pater labt er ftd) bei ihnen ju (Baft unb kunb*
fchaftet mit h<*rnnlofer tttiene alles aus, was er über ihre
Praktiken triften will. Dann berichtet er, ber fcheinbar ganj
Einflußlofe, birekt an ben Honig nach Äiftabon, fchtlbert
ihm bas Creiben feiner Beauftragten unb bittet, an biefem
unb jenem burth Honfiskation ber (Büter unb Einkerkerung
ein Epempel }u Statuieren, fonSt würben alle Derfuche jur
^Örberung bes Christentums in Onbien vergeblich fein. Ulan
werbe halb erleben, baß ber 3orn (Bottes bie igoffartigjten
heimfuchen werbe, Streut er in ber inbifchen «gauptftabt aus,
unb noch kein 3af>r ist vergangen, ba trifft feine prophe*
jeiung ein. Diele entfd)ließen ftd), erfchreckt burch ben könig*
liehen Unwillen, $u einem bußfertigen (Behaben, ohne bes*
halb hoch von ihren Unfttten ju laffen. Hber lavier kommt
hinter ihre ©deiche, er freunbet ftd) mit ben Dienstboten
an, ber Hbchin bringt er neue He$epte, bem Diener erwirkt
er Urlaub, unb fte plaubern ihm aus, was er hören witt.

Dem Bifdjof von (Boa verheimlicht er feinen Hang als

päpjtlicher Äegat, fein fehlstes mönchtfchfcs Huftreten er*

leichtert ihm auch *m Domftift unb HloSier bie Beobachtung.


tJTit unermüblichem gleiße eignet er ftch bie verfchiebenften
Berufskenntniftc an, mit ben Bankiers, mit ben Baumei*
Stern, mit ben Hapitänen, mit ben perlenhänblern weiß er
fachmännifch ju reben unb ihnen fogar Hat $u erteilen, er
triß fte lehren, ohne betrug unb (Betnalttat fogar noch mehr
ju verbienen. (Bott werbe ihre (Befdjäfte fegnen, fofern fte

nur Xeue empfänben unb Bufie täten, £r betrachtet es als


ben Wißen bes Rimmels, bafj er mit „frommer £ijl" fein
3iel verfolge. 2>en fermer fronenben (eingeborenen verfpriebt
er fojiale (Erleichterungen, trenn fte ben (Beboten bes ebriji*

lieben (Blaubens aufmerffant nacbleben trollten. Bie armen


farbigen, ju benen noch fein Weiter fo verlocfenb ge»
fprod)en tyat, ihm ihr Pinblicbes Vertrauen, fte
febenken
Pnien hingebungsvoß vor bem litreuj bes Beichtvaters, aber
fte werben ihren Herren auffäfftg unb I>offeti auf bie
©tunbe, mo fte ftch felbji in bie Sänften unb Äaroffen
fetjen trerben. 0nbien müffe erft in weltliche Unruhe rer»
fetjt trerben, ehe es für bas £eid) (Bottes $u getrinnen fei,

febreibt ber pater nach Xom.


*
Dnjtrifcben ftnb von bort febon treitere Brüber ber
Gruppe 3efu nach dnbßtt abgefahren, lavier unterrichtet
bie Heulinge in feinen UTifftonsmethoben unb arbeitet

CJnfiruPtionen für ihr Auftreten aus, in benen er fagt: „f£ r»


Punbigen ©ie ftch fPets nach ben Äafiern ber £eute, fehen ©ie,
trer befieeblicb if* unb trer mit lofen Weibern Umgang h«i*
Wenn ©ie bann mit ben ©ünbern unter vier klugen über
beren Vergebungen fpreeben, fo tun ©ie es flets mit lachen*
bem (Befiehl unb in liebenstrürbigem Zon, als trenn ftch

bas von felbfl verftünbe. ©ie trerben ben einen bureb


freunbfcbaftlicbe Umarmung getrinnen, ben anbern bureb
Unterwürfigkeit, ben britten, inbem ©ie ihm bureb über*
legene Bilbung imponieren." Wenn ftch lavier in ben
UTatrofenfcbänFen ju ben 3e<bern unb Spielern fefct, macht
er mit ihnen mit, befteßt eine neue ^lafche unb leiht ben
Verlierenben (Selb. Warum foHen fte bem netten Pfaffen
nicht auch «nen (Befaßen tun, unb fo laffen fte ftch von ihm
ju UTeffe unb Beichte fcbleppen.

60
2?er (Bouverneur möchte ben läfigen tfefuiten, ber in
alles feine Vlafe feeft, mieber los fein unb forbert ihn auf,
bie entlegenen Büfenfämme ju miffionieren. 3m Süben
leben bie paraver, eine Bafe von peelenfifd)ern, bie fiel)
unter portugiefifchen Sd)u$ gesellt fjaben, um vor ben
mohammebanifchen Seeräubern Buhe ju t)«be n. 2?ie portu-
giefifche flotte erfchien, bie paraver mußten am Stranbe

antreten unb mürben burd) prieferliche Zeremonien in bie


d)rif liehe (Bemeinfchaft auf genommen. Sie verfanben fein
TPort, bod) fie fmben 3ettel mit Caufnamen befommen, bie
fie um ben ^als tragen foUen, unb bamit if bas Beid)
Chrifi wieber um 3 man 3 igtaufenb Seelen vermehrt!
3u biefen „Chrifen", bie in Schilfmatten mittler glühen-
ben SDünen wohnen, fommt ber jefuitifche «^eitebringer,

nachbem er in ihrer Sprache (Bebete gelernt h<**‘ 23arfu£


wanbert er in fchroar 3 er Butte burch ben heilen Sanb,
fchmingt ein (Blöcfchen unb forbert bie £rfaunten auf, ihm
3u folgen, benn er wolle ihnen (Butes tun. Sie laffen ihre

Warfen, von benen fie fonf in bie fluten tauchen, am Ufer


ifehen unb fcharen fiel) um ihn. Unb nun merfen fie, er tyat
es auf bie alten Cempel in ben BoFoshainen abgefehen unb

miK fie hier von ben böfen (ßrbgeifern befreien.


Sie hören von ihm, was bie feierliche ^anblung bamals
bebeutet tyat, als jene freinben priefler mit bem Breu 3
Famen. £*un, wenn biefer neue weife 23cte nicht perlen
nehmen, fonbern nur ben 3auber ber (Dpferfätten 3 erfören

min, fo foU er es ruhig tun, aber fie felbf muffen jeigt

wieber an bie Brbeit gehen. Um fo begeiferter laufen bie


Binber hittter Javiers (Blocfe her, es gibt hier eine herr-

liche Tlbwcchflung bei ihren Spielen. i£v lehrt fie Sprüche


unb X>erfe, fie muffen auf chrifliche TDeife Fnien, fingen
unb bas Breu 3 fchlagen. Tiber viel fchöner if es, wenn er

fie in ben YDalb 3u ben <Bo$enaltären führt, fie bürfen bie


bemalten fiehmfiguren, bie Tlffen, Schlangen unb Büf)e bar-
(letten, mit Bteinmürfen jerfchlagen unb bie Klumpen 3 er»
trampeln. 0 ie biirfen fogar an ben unheimlichen feiler*
(letten, mo bieder ^ifrfje unb Körner ala (Dpfer verbrannt
mürben, auafpucfen unb ihre VTotburft verrieten. £>ie 2Un*
ber möchten ben guten XJater überhaupt nicht mehr fort*

laffen, (i'e geloben, ihn nicht ju vergeben unb ben Kreujgott


auch nic^t, benn fte motten im Fimmel felig merben unb
nicht im tiefen ^öttenfeuer brennen. Kbe r ihre tttütter unb
*Däter fotten mit ihnen bie ^reuben bort broben genießen,

fo merben bie Kinber mieberum bie MTiffionare ihrer (Eltern.

lavier $ieht meiter an ben Küßen entlang unb fommt


nach Ceylon $u bem mächtigen ^ürßen von Canby, Kud) er
hatte ^ortugieß'fche gegen feine ^einbe in Knfprud)
genommen unb baf ür bie 23efehrungjum Chrißentum ge*
lobt, lila aber bie meißen Cruppen tpieber fein Äanb per*
ließen, fümmerte er ftd) nicht länger um fein T^erfprechen,

fonbern manbte fid) mieber bem 23ubbf>afult $u. 0ein Äanb


birgt $mei l?ocbbcrül>mte Heiligtümer, bie pagobe mit bem
3ahne Äubb^as unb ben Reifen mit feinem ^ußabbruef.
0eit er ben Cempel mit bem ^eiligen Sahn mieber öffnen
Heß, bat er ea mit ben portugiefen perborben, Kufa neue
von Hacbbarn bebrängt, fragt er Papier um Kat, ber fid)
erbietet, baa 3ünbnia mit Portugal mieberherjußelten,

menn er bafür ermächtigt merbe, ben beibnifchen Kber*


glauben aufagrünblichße auajurottem Wieber bebient ßd)
ber 3efuit ber Kinber ?u feinem Serßörungamerf. 0ie per*
brennen ben Cempel unb jerfdßagen ben Sahn ju 0taub,
ber Reifen mirb fo lange behämmert, bia bie ^ußfpur bea
(Erhabenen perfchmunben i(l. C5ie 3ugenb tyat ihren 0paß,
unb be* prießer forgt bafür, baß fte meiterhin „chrißlich"
befchäftigt iß, fei ee mit Permüßung ober mit Koeläuten
unb ^ahnenfehmingen. Unb Canby erhält jum (ErfaQ für
feen vernichteten 3ahn *> ae Fingrrgliefe eines christlichen ^t \,

ligen als Zeitige Stiftung gefchentt. Vlun reift feer große


ttlifftonar von einem infeifchen ^iirflenhof jum anfeern, feine

(Blocfe fd>aHt, er verheißt portugiefffche Xt>«ffent?ilfe mit


Pulver unfe Slei, feie Rinfeer laufen ihm nach/ feie (Bögen*
bilfeer fallen. 3n Europa merfeen feie Siegesberichtc fees

erfolgreichen Kpoftels von feen fatholifchen Rangeln feierlich

verlefen.
Unterfeeffen richtet lavier feine Sehnfucht nach feen tttär*

chenlänfeern fees fernen (Dftens, feen man bisher nur aus


phantafiifchen £r$ählungen Pennt. Mitunter mären fchon
Seeleute nach feen japanifchen Dnfeln verfchlagen morfeen,
hatten ftch aber nicht mit feen IPinmohnern verffänfeigen
tonnen unfe mußten feaher nur ganj äußerliche Schilfeerun*
gen $u geben. 3Der pater hf**
enfelich (BlücP; in tfTalaPPa
finfeet er einen japanifchen Flüchtling, feer ftch u>e 0 *n eines

UTorfees in feiner Heimat nach einer portugieß'fchen Sliefeer*


laffung feurchfchlagen mußte. £>er 3<*P<*ner erfährt von feem
fremfeen prieftcr, er Pönne von feiner 23lutfchulfe befreit
merfeen, menn er feen (Blauben feer meißen Raffe annähme,
aber er müffe ftch feafür gan? feem fcienft fees Chriften*
gottes meihen. £>er fcttörfeer mirfe auf feen Rpoffelnamen
Paulus getauft unfe foß nun aunächft feer Äehrmeifter fees

3efuiten in japanifcher Sprache unfe Rultur merfeen. Paulus


entflammt feer Schicht unfe vermag jufammen*
gebilfeeten

hängenfee 23ilfeer von tf^pan unfe auch von feem legenfeären


Raiferreich China ju geben, lavier melfeet alles, mos er
erfährt, fogleich nach Rom an Äoyola meiter unfe jubelt
er merfee mit ^ilfe feines lieben Paulus feie legten ^eifeen*
länfeer f|*r Chrifius erobern, fo mie einft feer Rpoftel feen

tPefien gemann.
£>ie Japaner feien viel Plüger unfe felbftbemußter als feie

infeifchen PölPer, erPlärt feer VJeugetaufte, fte mürfeen feas


Ch^iftentum nur annehmen, menn fte ftch feurch Pernunft#
grünbe überzeugten, bafj biefer glauben nützlicher fei als
ber alte, lavier vernimmt/ bafj ihre Religion eine bubbhi*
fhfdje Slbart fei, bie Süd)er feilen in einer
<Beheimfprad)e abgefafjt fein, bie nur bie priefter vergehen.
Paulus meifj nur/ bafj auch Cbinefen unb Mongolen ftd)
nach liefen göttlichen (Beferen richteten. Staunenb t>orcf>t
ber chriflliche priefier auf/ als ber Japaner bie Äultformen
fchilbert. 3luch bort leben ehelofe tHönche in Älöftern unb
heiligen ftd) burch Mafien unb Utebitationen. Sie lehreit/

bafj es nur einen (Bott, aber noch mancherlei munberfraftige


^eilige gebe, bafj bie Seelen ber 'Jlbgefchiebenen hintmlifch
erhöht unb hoÖif<h verbammt mürben, bafj fte burch bie
Fegefeuer ber Reinigung müßten. Sollte etwa bas Chrifien*
tum fchon einmal im <B|ten verkünbigt unb^tjur burch falfcf>c

Auslegung unb Übung getrübt fein? Paulus meint, man


muffe in 3apan unb China bie priefier in ber feinen geifti*

gen Disputation überminben; brächte lavier bie ftärkeren


Argumente bei, fo mürbe man mit einer „Verbefferung"
ber Äeligion einverfianben fein.

Huf einer malaiifchen Dfcfjunke machen fte ftch Übers


ITteer nach 3apan auf, lavier hat noch mehrere (Drbens*
brüber $u ber abenteuerlichen Äjrpebition h^rangeholt. Sie
lanben in ber Heimat von paulus, ber nun als Cheijt bie
Vergeltung feiner Untat nicht mehr fürchtet. Neugierig
ftrömen bie Japaner jufammen, fte belagern bie Wohnung
ber Weiten unb befhirmen fte mit fragen, benn enblid)
ift nun eine Unterhaltung mit ben ^remben möglich. Ulan
hat vergeffen, bafj ber Dolmetfch paulus ein Utörber mar.
Ulit gefreuten Seinen ftfcen fte auf ihren Hiffen im Äreife
herum, auch *>ie kaf)lgefch<?renen, fchmarjbemäntelten prie»
fterbonjen finben ftch ein, noch ahnen fte nicht ben Wett*
bemerb einer anberen Keligion. Salb flickt ber (Bebiets*

Ö4
*

fürft, ber Paimyo von CaFaftha, um bie ungemöhnlichen


(Bäfle in feinen palaft ?u laben, Mit bcn ehrenvoEfien 3 ere
monien empfangt ec bie ^cemben unb forfcht fte, mäheenb
ftc um if)n herum auf Matten Fauern, einen falben Cag
lang nad) ihren (Bebräuchen, ©chätjen unb Machtmitteln
auß. CaFaftha intereffiect ftcf> menigec für (Blaubenßfafce als
füc Äanonen unb (Bemehce, ec miE bie XParen Fennenlernen,
bie «Europa mit 3apan außtaufchen Fann. lavier lenFt bie

(Befpräche auf bie HaturFräfte hin, er rebet von ben fErjen


in 23ergeßtiefen, von TUafferFünften, vom Ponner unb 23liQ,

vom £auf ber (Beftirne unb entmicFelt ganj verblüffenbe


tRenntniffe, bie für bie Japaner unerhört unb hoch ein*
leud)tenb ftnb. XUer h<*t nun baß 2tE mit feinen tPunbern
erfchaffen? Hach japanifchem tälaubtn ift bie \Pelt auß
einem im ©türme ^erbrochenen «Ei heevorgegangen, baß
«Eiweiß mürbe jum ^immel, ber Dotter jum Meer unb bie
©chale $um £anb, aber baran glaubt man nicht mehr fo
recht, ba eß ein Märchen fei.

lavier meifj bejfer 23efcheib. (Bott Pater fd>uf in fed)ß


Cagen bie XPelt unb ben Menf d)tn, aber ba fchon ber erfic

Menfch ber ©ünbe verfiel, fchicFte (Bott feinen ©ohn, um


baß Menfchengefchlecht von ber Perbammniß $u erlöfen.

Per Paimyo unb bie 23 on$en Fraufen nachbenFlich bie ©tirn,


wenn biefer gelehrte Mann baß behauptet, mirb er eß auch
betveifen FÖnnen. Pie enblofen Pebatten behnen ftch von
tPoche $u tPoche, oft mirb ber Miffionar burch baß Äreuj*
feuer ber «Einmänbe in Perlegenheit gebracht. tPie fpifc*
finbig finb biefe Menfdhen! tPenn (Bott aEmächtig ift, fo
hatte er eß hoch gar nicht nötig, er ft feinen ©ohn 3» opfern,
bann Fonnte er einfach <*Eeß befehlen, maß er moHte, ent*
gegnen fie ihm. Unb marum h^ (Bott nicht längft ben
Ceufel getötet unb bie ^öEenfeuec selöfcht, menn er all*

gütig ift? lavier muf; alle bialeFtifd>en Calentc fpringen


taffen, fte fefcen ihm immer heftiger $u, er braucht ftch nur

6 @d?uItjf>Pfdtl)(r, fiai 3cfuitcn>&u4>


Auf ber Strafe $u jeigen, fdjon umfehwirren il>n bie 3u*

rufe, bie £eute haben fid) immer Fniffligere fragen jurecht*


gelegt. Wenn er $u prebigen beginnt, unterbrechen fk ihn
mit ihren Meinungen, es gehört fdjon unenblid)e (Bebulb
ba$u, um überhaupt ihren (Einwanben ftanb^uhalten. Sinb
fie enblich befriebigt, fo taffen fie fid) auch aus Höflichkeit
„taufen", fie benutzen bann jur (Bebetsjeremonie bas von
JEavier geweihte Waffer, wäfjrenb fie bisher bas teuer ge*
kaufte Waffer benmgten, in bem ft<h ber Äaifer bie ^üfe
gewafchen hatte.
sfr

Wer ifi ber Äaifer, wo fteht fein ICh* 0 «* lavier will


ju ihm hi«/ er will ihm (Brüfe unb (BefchenFe bes römifchen
Herrn ber Chrifenheit überbringen. £>er Weg in bie Xefi*
ben$ geht h u «&ert HTcilen norbwärts über jerFlüftete (Be*
birge, unb als er in bem heutigen Äioto anlangt, finbet er
bie Xaiferftabt von 23ürgcrFriegen verwüftet. 23arriFaben
verfperren bie Strafen, bie Kbelsgefd)lechter ftehen in er*
bittertem Äampf um bie tltacht. 3Diehohe Schule, an ber
lavier bie chriftlichen lehren vortragen wollte, ftnb ge*
fchloffen, bie prief er beteiligen fich an ben wilben politifchen
Jehben. Unb ber „grofe X>oo", ber Faiferlid)e (Bötterfohn,
ift Feineswegs ber 23eherrfd)er bes £anbes, fonbern nur eine
lebenbige (Bötjenfigur, beren Fultifche (Erhabenheit Feine 23e*
rührung mit ber wirFlichen Welt verträgt. Hiemanb barf
bem ftaifer ins (Beficht fehen, feine würbe ba*
burch befchmulgt. Seine Haremsf rauen reichen ihm täglich
ein neues (Bcwanb unb ein frifch aus bem (Dfen geFommenes

Por^ellangefäf für bie Nahrung; 2tleib unb Schüffel müf*


fen nach einmaligem (Bebrauch vernichtet werben, liefen
Foflfpietigen Hoffet vermag ber Äaifer fchon längfi nicht
mehr }u befreiten, bie palaftmauern verfallen, bie göttliche
HTajefiät muf burch Papierfchitme vor ben 3lugen ber X?eu*

66
gierigen gefchüfct werten. £>urch bie Aijfe im (Gemäuer
ßrecfen bie ^ofbeamten ben Arm heraus unb bitten bie
Porübergehenben um eine milbe (Babe. Ber große Poo
beftgt weniger irbifd^e ttTad)t als ber jüngste Ariegshaupt*
mann, feine einzigen (Einfünfte finb nur noch ber Perfauf
feines Babcwaffers unb ber Cufchblätter, .auf bie er ^eilige

Sprühe pinfeit.

lavier l>at ftch jwär um eine Aubienj bei bem armen


(PöQenmenfd)en beworben, ba er aber, nur burcfy einen
t&anbfd)irm von ihm getrennt, platt auf ber «Erbe liegen
müßte, verjuxtet er auf bie Vlähe bes (Erlauchten, um feine

Abgötterei $u begehen. (Er verlädt biefe traurige Äaifer*


flabt, um ftch an bie tttänner ju wenben, bie bas Kegiment
ausüben, es finb bie Baimyos, bie Cerritorialherren, bie
eiferfüchtig um bie Porherrfchaft ringen. (Ein waf>rl>aft

gigantifcher plan entfielt im (Beifie bes ^efuiten: er will


ben mächtigflen biefer Baimyos $um chriftlichen Aaifer von
3«P<*n machen.
Ber ,für{l von 3amagutfd)i f^eint für feine AbßEd)t am
meinen geeignet ju fein, ihm läßt er feinen Befuch burch

eine pomphafte Botfchaft melben. lavier legt prunfenbe,

golbgeßicfte (Bewänber an, benn für mönchifch* Bemut


haben bie Japaner fein Perjlanbnis. Ben ehrfüd)tigen ,für*
ften begrübt er mit ben Citeln, bie nur bem Äaifer jufom*
men; ber allmächtige (Chri(fengott wolle ihn über alle anbern
Baimyos jum überhaupt feigen. Ber Abgefanbte bes papfies
öffnet bie (Bef c^enf trugen unb überreicht europäifche YPun*
berwerfe, barunter eine Uhr, „bie genau jwölfmal am Cag
unb gwölfmal in ber tfjachtgeit fchlägt", ein Ulufifinftru*
ment, bas von felbft unb ohne menfdjliche Berührung fyttt*
liehe Alänge von ftch gibt, auch $läfer für bie Augen, „mit
beren ^ilfe ein (Breis ebenfo fcfyarf fehen fann wie ein
3ünglirfg". Ber hocherfreute Jürß gebattet gern bie Per»
breitung bes chriftlichen (Blaubens, mit beffen ^ilfe er ben
Äaiferthron bezeigen foll, ec läfit ftd) felbft burcb bas Zauf*
waffer $ur tjöcf^flen politifcben XDürbe treiben.
Tibet auch ber Xivale bes fcaimyo von ^amagutfcbi, ber
nicht minber grojjmäcbtige &aimyo von 23ungo, tyat von
bem fremben ©ottesgefanbten vernommen unb möchte |>in*
ter bem 3 amagutf<ber nicht }urücEfteh cn Um ber ebrift* *

licken ©acbe willen eilt lavier auch an ben 23ungoer ^of,

obwohl nun bie Äage febwieriger wirb. Isic ©efcbenEe ftnb


verteilt, wie gewinnt er biefen VTeiber? ©ott er einen ©egen*
faifer auffietten? SDod) eben trifft ein portugieftfebes Schiff
im 23ungolanbe ein, bem ^immel fei SDanf. 3Der priefier
fanit neue ©cbä^e bes 'Jlbenblanbes barbieten, unb bie ©ee*
leute bilben für lavier ein prächtig ausßaffiertes (Befolge,
ttlan fcblie^t einen ^reunbfebaftepaft, 2Jungo foH von bem
fünftigen ^anbelsverfebr bie allergrößten Vorteile tyaben,
unb barum barf lavier auch tytt balb fein Ulifftonswerf

offen in Angriff nehmen.


*
©o überwinbet ber jefuitifebe Diplomat nach unb naeb bie

politifeben VDiberjlänbe, aber bafür mehren fid) bie reli*

giofen. 2>ie 23on$en tyatten anfangs bie theologifcben TIm*


einanberfe^ungen mit bem Chrifientum als einen ©ebanfen*
fport aufgefaßt, aUmählieb fürchten ft'e biefen neuen geift*
lieben (Einfluß unb beginnen bie fanatifebe (Energie, bie

unerbittliche £>ogmenflrenge bes fremben prießers ju hoffen.


£>ie ofiafiatifeben Äulte, befonbers ber bes ©binto, beffen
Anhänger bie ©onne, bie ^elbenahnen unb Fabeltiere an*
beten, finb mit bem (Evangelium nicht gleicbjuricbten, bas
erfennt lavier immer heutiger unb fcbmerjlicber; barum
wettert er je£t auch immer hcfÜ 0 cr gegen ben höHifcben
'Hberglauben. £as bringt auch feine ©egner in tDaEung,
unb bas auch geißig fampflußige japanifebe X>olf ßürjt in
weltanfcbaulicbe XDirren, in benen bas €h r ^ entüm lieber
faß gan$ verfebüttet wirb.

(>$
£>o d) lavier i(F nicht ber UTann, ber ftd) gefchlagen gibt.
(Fr hat erfahren, ba£ bic japanifche Kultur aus China
Fommt. Warum wiffen bcnit bic Chinefen nichts von 3efus,
haben bic Bonjen it>m h^hniffh vorgehalten. 3n China,
nicht in (Curopa, fei bic ältefle Weltweisheit offenbart, bie

heilige CSefetjesmoral, ber viel mehr Äraft als ben (Gott*

feiten innewohne. JDa^er entfchlie^t ftd) jet^t ber 'Flpoftel,

ben o(Faftatifd)en (Glaubensfetbjug nad) China ju verlegen.


«Cr Feiert nad) Onbien jurücF, um ein großes Unternehmen
ju rüflen, er will an ben chineftfd)en jRaiferhof nach PeFing,
wo ein „Sohn bes Rimmels" bie tatfäcf)lid)e 3entralmacht
in ben ^änben haben foll. Ber plan f inbet 'Hnflang unb
Unterfiütjung, ein reicher pfefferFaufmann aus Portugal i(F

bereit, bie flotte ju (Fellen, wenn er Föniglid)er Botfdjafter

am ^ofe $u peFing mürbe. JEaviers propaganba fetjt alle

phantafievoHen (Gemüter in Bewegung, viele freiwillige


melben ftch für bas fromme 'Abenteuer, peFing gilt plöfclid)
als bas 2(om bes (Gftens, als eine Fünftige UTetropole ber
Ct>rifFrcnt>cit.

tflit (Genehmigung bes PijeFönigs fegeln bie Schiffe von


(Goa ab, hoch in UTalaFFa verbietet ber ^afenFapitän bic
TDeiterfahrt; als portugieftfdjer Beamter hanbelt er rechts*
wibrig unb wirb von lavier mit ben fcf)wer(Fen Kirchen*
(trafen bebroht. Bocf) bas Fümmert ben (Gewalthaber nicht,

er will nämlich felbft einen ^anbelsverFehr mit (China et*

offnen unb in bie eigene Cafcf)e verbienen. Währenb ftch

bie (Fppebition auflöfl, wartet lavier auf eine heimliche


(Gelegenheit $ut überfahrt. (Fine SchmuggelbfchunFe nimmt
ihn auf bie 3nfel 0an*Ct)oan mit, bie bem ^afen von £an*
ton vorgelagert i(F. Uber Feiner ber d)ineftfd)en Schmuggler
wagt ihn auf bas feftlanb hinüberjubringen, es i(F bei

Cobes(Frafe verboten, einen (Europäer in bas Keicf) ber


UTitte einfehlüpfen $u laffen. lavier bietet vergeblich ben

höchften £ol)tt; fte würben ftch alle gern be(Fed)en la(fcn,

09
einer t>erfprid)t auch, bas waghalfige C5efcf>äft $u verfugen/
aber bann bleibt er aus, bie chine jtfehen Beworben ftnb
allju wachfam.
Winterfhirme umbraufen bie einfame 3nfel, lavier will
fid) in feiner Sinfenhütte bis jum Frühjahr gebulben. £>o<h
bas lieber wirft ihn aufs £ager, er beginnt irrejureben,
lauft in allen erlernten 0ftfprarf>en prebigenb am Stranbe
umher, verfchmäht bie Pflege feines einzigen ©ieners unb
gibt im SDejember jm feinen (Beifi auf. ®in gewaltiger
Willensmenfch, ein Fühner pionier feines Glaubens geht
mit ihm baljin; aber hätte er ben fremben Haffen wirFlidj
bas ^eil gebracht, wenn er erfolgreicher gewefen wäre*

(Banse Scharen von |efuitifrf>cn ^Nachfolgern treten in

feine ^u£tapfen. 3n gfyina regiert bie nationale ttting*


SDynajHe, bie bas Äanb forgfam vor fremben (Cinflüffen
fd)ü£t; ohne amtliche Erlaubnis würbe jebe WirFfamFeit in
China unmöglich fein, tttan h<*t bereits vorwiQige portu»
giefifche Haufleute gefangengefetjt. &ie jefuitifchen patres
bieten fchriftlich ein Sühnegelb an unb bürfen $u ben Per*
hanblungen barüber nach Danton hinein. SDer djineftfehe

Statthalter finbet an biefen gelehrten, liebenswürbigen


ITtännern, bie fich gan$ anbers als bie weiten Freibeuter
aufführen, fogleich (Befallen. XDieber bahnt eine tidfenbe

Uhr bie Freunbfchaft an.

£>ie Fremben laffen nichts bavon merFen, ba£ fie priefler


finb. Sie fagen, ba$ fie fich überhaupt nur auf bie TDanber*
fchaft gemacht hatten, weil ber hohe Huf ber chineftfchen
Weisheit ju ihnen gebrungen fei. £|un wollten fie bie grofi*

artigen chinefifchen £inri<htungen jhibieren, um bamit auch


ihre Sarbarenheimat bcglücFen $u Fönnen. 5? ie Sitte wirb
fchlie^lich gewährt, fte h<*&en fich bie (ßrlaubnis erfchmei*
ehelt, ber erfte Sann ifl gebrochen. 3n ben jefuitifchen tTTif*

70
fionsFollegs merben fortan bie beften UTathematiFer unb
llftronomen für ben Sienft in C^ina vorgebilbet, bcnn bie
mechanifchen unb rechnerifchen fünfte finb ja im Keicf) bet

Ulitte befonbers gefragt.


3n cf)incfifcf)cr Cracf)t unb unter genauer 3(npaffung an
bie Äanbesfttten bringen bie patres allmählich ins innere
vor; als @d>riftgelel>rtc befugen fte bie Ulanbarine unb
Äiteratenfchulen. lila ber pater Wlatteo Kicci aus Äom in

Äanton eintrifft, bringt er eine Ulenge munberlichcr pt>yfi-


Falifcher Instrumente mit, er ijt ein Schüler bea großen
UTathematiFera Clavius unb bef>errfd)t bie epaFten TDiffen*
fctyaften Europas bia zur PoHenbung. Kicci läßt ftcf? erft

lange nötigen, ehe er feine Äinfen, (Duabranten, 3irFel,

^ebermerFe, Suffoien, Uleßrohre unb penbel ben Ctnuefen


$eigt unb erFlärt. Hd), baa alles mürbe man tt>ol)l in Cl^ina
rneit voHFommener befigen, meint er befcheiben; fte bezwei*
fein baa nicht nur aua ^öflichFeit, fte ftnb halb überzeugt,
baß ber ^rembe t>on biefen Singen ganz einzigartige Rennt*
niffe l?at.

Tticci, ber SoFtor £i<ma<tau nennen läßt, bat aud)


eine felbjtgejeicfynete XPcltFarte in feinem 3immer Rängen,
barauf ift baa „&ei<h ber Ulitte" nur ala ein ÄanbftücF am
öftlicf^en £nbe ber IFrbfläche zu fehen. Sie Ct>inefen Ratten
aber ihr Reich bisher flets ala baa beherrfchenbe *£aupt*
gebiet ber \Pelt betrachtet unb baa Rualanb ala unbcbeu*
tenbe RanbbezirFe. ©oUte ber gelehrte SoFtor (Li etwa
recht \Penn man von Portugal nach Ranton ein

halbes 3ahr lang burch bie ttteere fegelt, muß allerbinga


bie roeflliche XPelt noch viel größer als China fein! Unb
bie Ulappen mit Rupferftichen, bie er feinen ^rcunben aus»
breitet, zeigen paläfte unb Cempel in ben herrlichßen Sau*
formen; folche Föhnen Cürme unb kuppeln fyat hier noch
niemanb erfonnen, bie europäifchen ©täbte unb Surgen
fcheinen XPunbermerFe hochFultivierter PÖlFcr zu fein. XPo

7)
feie Chmefen erß an ihrer eigenen Überlegenheit ju zmei*

fein beginnen, gerät auch il)t geiziges XPeltbilb ins TDan*


Fen, unb ihre nationale Sicherheit wirb gefühlsmäßig ge*

fchwächt. So erliegt ihre alte 3entralmacht allmählich ben

von korben einbringenben SteppenvÖlFern unb fpäter ber


imperialißifchen 3ivilifation ber Europäer.
Äicci iß ber erße, ber bie gefd)loffene nationale Haltung
ber chinefifchen ^ührerfchidß zur Erfchütterung bringt. So*
halb fich Xuf
ber feiner gelehrten Autorität gefeßigt h<*t,
reiß er von Provinz zu Provinz, überall mit ber Ehrerbie*
tung empfangen, bie man einem hervorragenben VDififen*

fchaftler in Chm* 3 U $e>Hen pflegt, lln ber Univerfität von


Chi*ngß becFt er bie 3rrtümer in ben mathematifd>en
Lehrbüchern auf, er weiß ben (Eelehrten ihre fehler bei
ber t>ermcffung nach unb fchreibt ihnen neue Äompenbien ber
(ESeometrie, ber UTechaniF unb HFußiF. 3lber in bie tech*

nifchen Betrachtungen läßt er auch chrißliche SDogmatiF ein*


fließen, er nennt bas bie göttlichen aSrunbgefeije, bie über
ber menfdßichen ErFenntnis walten. 3n ber ^orm von weit*
betrachtenben ^Dialogen ergänzt er bie bobenßänbige tttoral*
lehre burch ben chrißlichen ErlöfungsgebanFen. So zerfeijt

er bie alten einheitlichen NaturvorßeUungen unb Lebens*


prinjipien bcs G5aßvolFes. SDie „wohlriechenben 5>üfte bes
(Glaubens ßrömen fchon wie Blumenatem burch bas Lanb",
berichtet bie Chwamifft'on in wütiger Nachahmung ber

fremben “JlusbrucFs weife an ben ^efuitengeneral.


*
3Das XDunfchziel bes mathematifchen Chrißenmiffionars
iß natürlich bie Faif erliche Keftbenz in peFing. SDer palaß
bilbet eine riefige ^eßungsßabt für fich, man muß fchon hohe
Beziehungen h*ben, um nur burch bie äußerßen Cormachen
in bie mittlereBeamtenregion zu gelangen. Kicci umwirbt
einen TDürbenträger, an ben er Empfehlungen h*t; enblich
finbet ß'ch ber bereit, eine ^eberuhr, bie fich t* ßhem öfters

7t
als BifitcnParte wirpfam erwies, auf bem XOtQt über bie

Utinifter an ben litaifer weiterjuleiten. Ber »Jimmelsfohn


finbet, wie ju erwarten war, an bent praPtifchen unb
fd)en Spielzeug Vergnügen, ^ür bie h<?h* tnajefiat, beren

£?ame unausfpred>lich ifi, beren Hamenfchriftjeichett Pein

anberer gebrauchen barf, jiemt es fich freilich burchaus nicht,

etwa nach bem fremben Überbringer $u fragen. Um nächte«


Cage flehen aber bie Uhrzeiger fliH, unb bas CicPtad? tyat

aufgehört.Ber Äaifer erfucht feine *£ofleute, bas Dnflru*

ment wieber in Bewegung $u feJjen, was ihnen aber allen

Bemühungen $um Cro£ nicht gelingt.

Ulan mu£ alfo ben BoPtor SS Pommen laffen, ber nun


jum erflen tftale jwifchen ben Pünftlichen (Bartenfeen bie
fd)war$e Brad)enbrücPe überfchreiten barf. 2(uf ber bunt
glafierten 3iegelterraffe wirb er vor ben großen Xat ber
^ofmanbarine geführt. Ulit wenigen (Griffen 1)<A Xicci bie
Uhr wieber in (Bang gebracht unb wirb gleich batauf mit
höflichen BanPesworten entlaßen. Bas wieberholt fich jetjt

Cag für Cag, bis Si bie Stunbe für gePommen fyält, um


einen ganjen Stapel von IShrengaben für ben Äaifer mit*
jubringen unb ein prächtig gemaltes (Befud) an ben t^im*
melsfohn beijulegen, 3n bem SchrifttücP bietet er feine
Biente als SternPunbiger an, bie (BefchenPe feien Sinn*
bilber ber göttlichen Äehren in feiner i^eimat.
t^un h <*t ber Ulinifler ber Xiten fein (Butadien ab$u*
geben, es fallt für ben Spenber unb BittfleHer nicht günflig
aus, benn es lautet: „Europa h<*t Peine natürliche Berbin*
bung mit uns unb will auch unfere weifen (Befere gar nicht
annehmen. Bie Bilber, bie £i*ma*tau als Unterpfanb bringt,
teilen einen nacFten, gemarterten UTann als t^immelsherrn
bar unb eine lächelnbe Jungfrau, fte finb ohne fünflferifchen
tDert. Ber ^rembe überreicht auch einen Schrein, ber nach
feiner Husfage (Bebeine von Unterblieben enthalten foH.
Uber bie ^eiligen nehmen hoch, wenn ft« jum ^immel auf*

7?
fahren, ihre ßebeine mit! 25er Weife FUn Cfu h<*t für
ähnliche ^JäHe entfcßieben, man rniiffe folcße falfcßen £el?ren
bem palaß fernf>alten, benn fte brächten nur Unheil. Wir
meinen baßer, man foHe bic ©efcßenFe nicht annehmen, fon*
bern bem £i*ma*tau ben 'Jlufentßalt am *£ofe verbieten.
Ulan möge ißn überhaupt wieber in fein £anb jurücF*
fcßicFcn!"

Uber ber Äaifer ifF in^wifcßen auf ben wunberlicßen Hus*


länber fcßon ju neugierig geworben, er läßt ißn $ur Hubien$
Fommen unb ernennt it>n $u feinem Uhrenaufjieher. 25aburcß
erhält nun ber 25oFtor aus «Europa regelmäßigen Zutritt
$um Äaifer, bem
verwert, mit feinem (Bnomon bie
er
«$immetserfcheinungen aufs genauere meffen unb erFlären
$u Fönnen. t^acßbem er einige proben feines Könnens ge*
geben t)at, will ber jRaifer auch bie anbern ^cfuitenmiffto-
nare Fennenlernen, bie nad) Äis Angaben noch viel meßr
als er von folcßen gingen verfielen foHen. So entfielt
eine ^efuitennieberlaffung innerhalb ber Xofenmauer ber
PalafFfFabt; bie ^remben haben ben geheiligten Se^irF er*
obert, ber fonfF nur ben allervornehmfFen Chinefen ju*

gänglich ifF. Unb bie chrifFlicßen Silber erhalten «Eh«n*


plä$e in ben Faif erließen (Gemächern, bie weißen Rimmels*
gelehrten bürfen bavor mit Ber$en unb Weihrauch ih rc
llnbacßtsjeremonien verrichten. 25er junge Thronfolger
lernt bei ihnen europäifeße ÄecßenFunfF unb UtetaphyfiF.
Salb läuten bie (BtocFen bes chrifFlicßen „FttoralbienfFes"
hierunb bort in Stabt unb £anb, bie Taufe wirb als bie
^eier eines befFanbenen «Spamens eingeführt, unb viele an*
gefehene Äeute ftnb fFolj barauf, auch biefen auslänbifcßen
Silbungsgrab erworben ju haben.

2lls Xicci bie Kugen fcßließt, orbnet ber Äaifer ein prunF*
volles Äeicßenbegängnis an; bie 3efuitenFolonie von peFing

74
iß längß burcfy £anbfcf)enFungen, (Behälter unb Würben*
Verleihungen reich geworben. Über bie patres müffen it?r

Ünfehen ßets burch fenfationette Weißungen verteibigen,


benn ße ßnb ben Crabitionshütern ein Ärgernis, unb bie
Eofminißer tyabtn alle Ulühe, bie altnationalen tHanbarine
unb Literaten zu befrfpmdßigen, bie ben machthunger unb
ben (Blaubensfanatismus ber Jefuiten burchf «hauen. Uun
fpielt im öffentlichen Äeben bes chineßßhen PolFes bas
tRalenbermachen eine außerorbentliche, fa eine entßheibenbe
Kölle. (Es gibt in ber Haiferßabt ein oberßes Rimmels*
tribunal, bas jährlich ben neuen üalenber berät unb feß*
legt. 35ie Üufzeichnungen über bie (Einteilung bes Jahres
n>erben ; auf Foßbaren Kotten vervielfältigt, ber Eaiferlidjen
Familie unter ehrfurchtsvollen ^eßbräuchen überreicht.
3Diefer Kalenber iß ber äußere ÜusbrucF bes geheimnis«
vollen (Beferes, bas Weltall unb tttenßhen aneinanber
binbet. 3Die Fosmifche Harmonie, nach ber auch ber tttenfeh

fein &afein einrichten muß, um (Bleichmaß unb ®lüd? zu


finben, bas Cao. 3n bem Äauf ber ßeßirne, in ben
Wellen bes MTeeres, im Wachstum ber Pflanzen, im Wechfel
ber Jahreszeiten hcrrfcf>t biefe ^>eili^e Grbnung von (Ewig*
Feit. 3Die jRalenberaßronomen haben bie Üufgabe, biefes
Walten zu ernennen unb in zeitliche Kegeln zu bringen. &ie
eßineßfeße Wißenfcßaft Fonnte freilich mit ihren trabitio*
netten WerFzeugen ben JaßresFosmos ber (Erbe nur unge*
fä'hr vorauserforfchen. Wenn ße ßch irren, gilt bas 0cßicF»
fai bes ganzen £anbes als fchwer gefährbet. $>enn ber
Kalenber beßimmt auch bi* günßigen Cermine für bie

menf glichen Unternehmungen, für bie Üusfaat, für ben Ün*


tritt von Keifen, für ben Kriegsbeginn, für ben Hausbau,

für bie heiraten unb fogar für bie Einrichtungen. Wirb


bas PolF von Unheil heimgefucht, fo iß ber Kalenber falfch
gewefen, man hat bas Cao nicht gefunben.
£>ie ^oficfuiten in China bauen nun biefen £ao*(Blauben
für i \)tt UlachtzroecFe aus. 3Da bas Aeidj neuerbings von
inneren Schmierig Feiten bedrängt wirb/ bietet ber pater
©chaH eine neue richtigere Berechnung an. £t will ben
Sweiflern beweifen, bafj er ftch beffer aufs Cao vergeh*;
unb fagt eine bevorftehenbe Sonnenfinsternis auf bie Uli»
nute bes Anfanges unb £nbes voraus. BDiefe Wimmele*
erfcheinung gilt in China als bie wichtigfle Offenbarung
unb ihre vorherige (FrFunbung als eine befonbers gnäbige
Schicffalsfügung. Ba ber pater recht behält unb ber ^of
bas Ereignis mit großem Fultifchem Aufwanb begehen Fann,
fo überträgt ber Äaifer ben CJcfuiten bie Oberaufftcht über
bas ganze Äalenberwefen unb bamit gerabeju bie Rührung
ber öffentlichen Angelegenheiten.
5>och bas Cao ber Europäer betnährt ftd) nicht für län*
ger, benn im £anbe brechen Unruhen aus, unb bie mongo*
lifchen Nachbarn im Horben machen ftd) bie TDirren ju*
mtfce. 3Die fremben Ariegshorben fluten unb bas
tTCing-Äaifertum gerät in bie fchlimmfte Bebrängnis. CJeftt

legt ftch ber jefuitifche Rührer fogleich auf bie AriegstechniF,


er giefjt bronzene Oefchütjrohre unb rüfiet eine Artillerie

nach europäischem tnujter. 3Den AanonenFugeln müjfen bie

^einbe weichen/ aber fte Fommen wieber, ba pater ©chall


bie innere chineftfche Parteiung nicht meifhrn Fann. SDie

Aufrührer bemächtigen ftch ber ^auptfiabt; als fte in ben


Palafl -bringen/ erhängt ftch ber ©oh« bes Rimmels, bie
lebten ttting»prinzen entFommen mit ^ilfe ber UTifftonare
unb $um Chriftentum über. Aber gleichzeitig Fnüpfen
treten

bie patres mit bem Utongolenfürften Perbinbungen an, ber

mit feinem ^eere nach PeFing zieht, bie Orbnung wiebet*


herftellt unb felbfF ben verlaffenen Äaiferthron befieigt.

fortan bienen bie ^efuiten ben ^immelsföhnen aus ber tat*

Fräftigen, FultureU gröberen UtanbfchwPynafHe.


VDährenb ber (Drbcn auf djineftfchem 23oben feilten

ttTachteinflufj $wei tfahrhunberte tjinburd) in aßen tDechfel*


fällen $u behaupten vermag, mißlingt ber gigantifd)C plan
einer „chrifklichen (Einkreifung Rftens", ben nod> Äoyola in
feiner letzten Äebensjeit fkrategifch burchbadjt h<*tte. VTicf>t
nur von ben Rüjken aus, fonbern auch über bas viel un$u*

gängigere Äanbmafftv foU ber ungeheure (Erbteil von ber


3 efuitenmiffton umklammert werben. Ber pater 23arjäus
bringt als erfker burch Dnbien bis an bie perftfehe tötete
vor. Dn ber reichen (Brenjfkabt (Drmujb, wo fid) bie Rara*
wanenjkrafjen freuten, begegnen ftcf> alle vorberaftatifcfyen
Religionen unb Raffen. UTohammebaner, CJuben, 23 ralv
manen, parfis unb Armenier, fte alle kommen in ben 23a*
fären jufammen unb fonbern fich an ihren Rultjkätten ab.
23ar3äus geht in bie Synagoge, um bie (Erfüßung ber mef*

ftanifchen TDeisfagungen 3 U künben, in bie Utofchee, um ftd)

als einen neuen Propheten, ben wieber erfkanbenen 3ohan*


nes ben Cäufer, verehren 3U laffen. tttit ben Dnbern er*
Örtert er bie fragen ber Heiligung unb ber Unfkerblich*
feit. Überall fud)t er bie chrifklichen ©laubensibeen in bie
fremben Rulte Ijineinjufd^muggeln. Rber bas 23eginnen
bleibt fdjon beshalb vergeblich, weil ftd) bas bunt gemifchte
^änblervolk wieber nach «Hen Richtungen jerfkreut unb bas
wirre (Erlebnis vergibt.
Dm turfefkanifchen Horben regiert ber (Brofjmogul Rkbar,
ein Hachfomme bes gewaltigen Camerlan. X>on feinem
iflamifchen Bekenntnis h<*t ber enttäufchte Rfbar ft<h ab*
gewanbt, er fyängt bem phantafkifchen Craume nach/ bie

echte Urreligion aufjufinben. SDaju läfjt er kleine Rinber


ber verfchiebenfken Herkunft von aller trabitioneßen Um*
gebung abgefonbert heranwachfen unb hofft/ fte würben ben
wahrenUrfult von felbfk hervorbringen. Ba bas (Experiment
begreiflicherweife völlig mißlingt, befchreitet er einen anbern
VUeg: priefker aßer Religionen foßen fid) um ihn verfam*

77
mein unb fo lange bisFutieren, bi» ber befie (Staube über bie
Drrtümer ber anbern triumphiert *uch bie 3efuiten

erfahren bavon unb fcfjicfen fofort ihre Funbigfien unb ge*


tnanbtefien Äebner an ben HTogulhof. Sei biefem jahrelang
fortgef egten religiofen TCDettfhreit ertveifen ficf> bie tttänner

von ber Cruppe ^jefu als weit überlegen/ fie triften in allen
beteiligten Äultformen Sefcheib, tna'hrenb bie anbern X>er*
treter nur ihre eignen Wehten Fennen. Sie ^efuiten er*

Flären, bajj alle übrigen SeFenntnifte „Sorftufen bes


Chriftentums" feien. Feiner tyabt ganj unrecht, aber nur bie
Christen befaßen bas volle tPiffenvon ben h<>cbften Gingen.
Ser (Sroftmogul gibt ben europäifchen Senblingen theo*
retifch im großen unb ganzen recht, aber fein Sefpotenhirn

Fann ftch nicht mit ber peinlichen Catfache befreunben, baft


ber (Sottesfohn Rnechtsgeftalt annahm. Sarum Fann er ftch
hoch nicht entfchliefjen, ben Chriftenglauben ju feiner Staats*
religion ju erheben, Er lägt fich von ben 3efuiten auf bie
^elbjüge begleiten unb grübelt bis ;u feinem Cobe über bas
Evangelium nach*
Sod> julegt ifl alle Bemühung auf beiben Seiten
vergeblich getnefen. 3n>ar bringen einige mutige patres
über bas pamirhochlanb unb bie tDüfte (So bi bis nach
ber tttongolei, anbere überqueren fogar ben Himalaja
unb greifen burch Eibet, fte abenteuern unter vielen Ser*
mummungen, ohne in biefer fiarren afiatifchen i^ochlanbs*
tuelt für ihren (Stauben Serftänbnis toecFen ju Finnen. Sorfj
fte meißeln menigfiens bie (Drbensjeichen in bie ^elsmauem,
um Spuren ihrer TDanberreForbe $u binterlaften.

Dhre erftaunlichfle fttasFenteifhmg bleibt allerbings bie

HTifftonsarbeit unter ben inbifdjen Srahmanen. Sei ber


vornehmen *5inbuFafie beherrfcht ber Äult bie gefamte
Lebensführung, fte bürfen nur unter ftch verFehren, Fein

7$
unb (einen Wein anrühren, vor (einem ^remben ben
Körper entblößen, fonfi werben fte unrein unb fmfen $u ber
verachteten Poftstnaffe ber Parias ^>inab. Huch bie europä-
ifchen Bolonifien finb in ihren 'Äugen nicht mehr als ein

Paria, a(fo £eute, von benen fte fid) nie unb nimmer he*

lehren Per pater be Nobili, aus italienifchem


liefen.

^iirftenhoufeßammenb, ftubiert als erfter bie brahmanifchen


Bräuche, bis er fte vollcnbet nachahmen (ann, unb gibt fleh
bann im Curban unb gelben Heinentalar als ein ^inbu ber
höchflen Äafte aus. Kud) bie Spitzen ber römifchen OefeH*
fchaft feien 33rahmanen, behauptet er allen Ornftes, man
habe ihn abgefanbt, bamit er bie h eiligen Schriften ber
inbifchen j&aßenbrüber mit ben römifchen vergleiche.
Pie echten drahmanen finb atterbings über feine umfaf*
fenbe Kenntnis ber Weben verblüfft, ber ^rembe ifl mit ber
(ultifchen Sanslritfprache fafl beffer als fte felbft vertraut,
er bichtet (unfivolle (Bottesgefänge auf palmblättern unb
verflögt auch in (einem pun(te gegen bie Sittenreinheit.
So beginnen fte ihm allmählich 3« glauben, baj? bie gött-
liehen Offenbarungen ber Chriflenbibel eine noch työfytvt

Weisheitsform als bie Weben barfiellten.

Knbere Cfefuitcnväter treten als bü£enbe «£inbus, als


(Blieber ber 3ogi(afte auf, benn bie 3ogi bürfen mit atten
haften (Bemeinfchaft haben. Paburdj gelingt es ben frem-
ben prieflern, bas ganje Äaflenfyflem mit ihrem Oinfluß ju
burchfeQen. Warum aber biefe überfchlaue 23e(ehrungs-
methobe trotj f theinbarer Cauferfolge in tyotym 3iffem ver-
geblich Hieb, liegt auf ber i£anb. Os hanbelt ftcf> bei ben
^inbufitten nur $um (leinen Ceil um Religion; biefer !Rult
gehört unlösbar jur Cotalerfcheinung bes Poftstums. Unb
bie Xaffenfcheibung wir(t felbftverftänblich unenblith flär(er

als jeber Perfud) einer (ünfilichen Pogmenverfchmeljung,


jumal auf fo heuchlerifdjer ©runblage.

*
79
Kus ben gleichen Urf adjen mißglüeft juleijt aud) baa
23efehrungawerf auf beit japanifd)en 3nfeln, baa lavier,
ber 23ahnbre<her ber ^efuitenmiffion, mit ^ilfe bea flüch-
tigen tttörbera begonnen fy&ttc. Seinen Schülern gilt bie
(Eroberung bea Äanbea, bem ber felige tHeißer unb UXär-
tyrer feine ^auptfraft gewibmet h<*tte, ala befonbere ^er-
jenafache. 2>er aftivißifchen £Tatur ber Japaner entfpre-
djenb, verläuft hier baa Abenteuer weit bramatifcher ala in
bem epifch ruhigen 3nbien, um fdßießlich in ein wahrhaft
tragifdjea finale auajuflingen. 3Die rafftfehe Abneigung ber
Japaner grollt anfanga in heimlicher Dumpfheit unter ber
(Gberfläche freunblicher ^Öejiehungen. tttan höre, wie ein
jeitgenöfßfcher Äeridjt bie weiten ItTänner malt: „Otyt
tTtäuler reichen bia $u ben <Dt> ren, ihre 3ähne gleichen benen
einea pferbea, ihre Fingernägel fi'nb bie ÄraHen einea
3ären, unb wenn fte bie llrme heben, ftef>t man eine Fieber-

maua mit auagefpreijten Finten vor ftdj." tTtit lächelnbem


tPiberwiHen ßhiefen bie Japaner ber höheren Qd)i<hten
ihre Sinber in bie neuen ^efuitenfchulen, ftc tun ee nur,
weil fte bie nülglichen Fertigfeiten, bie bort gelehrt werben,

für baa £anb verwenben wollen.


3Die jüngeren (Generationen, bie fd)on unter d)rißlichem
(Einfluß heranwachfen, fcheinen bem neuen (Glauben wie
einem angenehmen F$etfchritt ergeben ju fein, unb bie
patrea f ehr eiben fchon mit ßoljer (Genugtuung nach ^ont,
in einem tttenfchenalter würbe baa ganje Polf ben «^eilanb
befennen. Sie laßen bie althergebrachten Äebena formen
feineawega außer acht, fie pflegen bie 3eremonitn beim
Ceetrinfen mit einer faß übertriebenen Feinheit, unb bei
ihrer F r <>nleichnamapro$effton markieren wie bei einem
einheimifchen Äeichenjug gerüßete Ärieger in ben altfulti-
fchen ^elbenfoßümen mit.
3Dem japanifthen fcämonenfpuf begegnen bie Utifftonare,

inbem fte ßch felbß ju 3aubereyperimenten hergeben. Sie


taffen ftd) von ben 23on$en mit Salben einfchmieren unb ficfy

Seetangen um ben igals legen, ohne baburd) in teuflifd)e


Kaferei 311 verfallen. 3Die gekannten 3ufd)auer muffen mit
ftiUem ärger gefielen, bafj Th*#«» ftärFer ift. €in d)rifHid)
er 3ogener SDaimyo erobert enblid) mit jefuitifrfjer Beratung
bie weltliche Äaif ermaßt, aber gerabe biefer Triumph ih***
ITTifftonswerFes foH bie \Dur 3 el ihres Perhängniffes wer*
ben. 2>er übereifrige ÜDiFtator lä£t bie 23ubbhifientempel
nieberbrennen unb bie 23on3en ins (Gefängnis werfen. 25a*
gegen empört ftd) ber alte PolFstrofc. Uls bie 3efuiten ben
neuen Äaifer ju £roberungs 3 ügen an ben gegenüberliegen*
ben Hüften ermuntern unb bie ^ilfe einer portugieftfd)en
flotte in Husftd)t {teilen, befürchten bie entrüfteten llnhän*
ger ber alten (Drbnung, bie Chciftenpriefter wollten Cl^pan
unter portugieftfd)e 23otmäfjigFeit bringen.
SDiefer Argwohn wirb noch von ben See*
fahtern beftärFt, bie neuerbings als ^anbelsFonFurrenten
ber portugiefen bie Dnfeln antaufen. 25ie nationale XeaF*
tion ermorbet ben Faiferlid)en tttachthaber, unb bie VTad)*

folger muffen, um ftd) als ^errfcher 3u behaupten, ber


tf)riftenfeinblicben Stimmung Schritt für Schritt nachgeben.
&ine SittenFrifts verfiärFt bie <5ewitterfd)wüle: bie ge*

tauften 3 un 0 fr<wen weigern ftd), mit ungetauften Äanbs*


leuten ohne chrifilidje t>as Hager 3U teilen;

baburch erhält bas patriard)alifd)e japanifche Familienleben


bebenFliche Hiffe. VToch wäre es für bie patres 3eit, unan*
gefod)ten unter Preisgabe bes 23eFehrungswerFes bas 3nfel*
lanb 3u aus unb nehmen als ftanb*
verlaffen, aber fte'hAcren

hafte Solbaten ber Truppe 3efu bas tHärtyrerlos auf ftch*


llus ber paffionsgefchichte tyabtn bie Japaner bie Hreu$i*
gung als ^inrichtungsart Fennengelernt, unb fo bereiten fte
ben F rcm bcn ben Utartertob, ben il)r <25ott geftorben ijt.

tDäre bie d)rijtlid)e Religion für bas japanifd)e PolFstum


auch nu ? halbwegs tragbar gewefen, fo hätten wohl gerabe

6 0djmltS«'PfacJj<r, Pa» 3rfuitcn«&it4> 8)


biefe 23lutopfer beit neuen ©tauben gefestigt, aber auch bie
jurücFbleibenben ©emeinben b«tnlicber C^riften jer^reuen
ftch balb, unb nur legenbäre Erinnerungen bleiben im
23ewuf|tfein Späterer 3eiten erhalten.

©ajj einzig bie C^inefenmiffton ber 3 efuiten bis ine ad)t*

Zehnte 3 al>rbunbert hinein ab ßarfer europäifd>er Hultur*


faFtor in (Dßaften wirFfam blieb, erFlärt ficf> vornehmlich aus
ber inteUeFtueHen Eigenart ber c^inefifc^en Veranlagung. ©a«
christliche tnyjterium berührt bie Seele be« Chinefen nicht
im geringsten, 3 U einer myS*ifd)en VerfenFung in ©lauben«*
tiefen i(t er nicht fähig. ©ie 3 efuiten hatten bas balb er*
Fannt unb begnügten ftd) baher auch weiterhin mit einer
vorwiegenb weltlichen ©ätigFeit. ©a« Wefen be« ©rben«
Fennzeichnet ftd) in biefem Verhalten auf« beutlichSte. ©ewi$,
bie ^efuiten finb glaubenetreu bi« zum ^elbcntob für bie
Heibfahne 3 efu. ©od) über ben religiöfen Honfequenzen

Steh t jener Wille zur nTacf)t an ftd), ber fte auch bort um
bieRührung Fämpfen wo bie Erlöfungebotfchaft be«
Evangelium« auf ftocFtaube ©h rcn trifft.
3n ber neuen Epoche be« Ch inareich«, bie mit ben
WTanbfchuoÄaifern beginnt, fefcen fte ba« CricFfpiel mit ihren
wijfenfchaftlichen HenntniSfen inimmer größeren Huamajjen
fort, ©er Salenber* unb Hanonenpater Schalt beFommt
einen gelehrten mohammebanifchen Kivalen, ber bem 3 efui*
ten einen Hochverrat nachwciSt. Schall foll enthauptet wer*
ben, wenn bie von bem tHoeiem prophezeite nächste Sonnen*
finSterni« eintrifft. Hbet bie Sonne fcheint ruhig weiter,
unb Sd)all iSl gerettet. Hb nun gar bie jefuitifchen Hftro*

nomen balb barauf bie erwartete VerbunFelung be« Cage«*


geStirn« richtig vorausfagen, ftnb fte obenauf wie noch nie.
t*id)t Ch ri f* u& / fanbern bie peFinger Sternwarte verleiht
ihnen bie Hraft be« Übergewicht«. Sie unterhalten jefct eine
*

ßä'nbige gelehrte Berbinbung mit bem großen bänifchen


»^immelsforfcher Cydjo Brahe, ber ihnen feine neuen (Er*
finbungen, Beobachtungen unb HTeßrefultate burch Gebens*
Furiere jurVerfügung fieUt. 2lls tttanbarine erßer ^Uaffe,
von einem Baibachin umfehirmt, mit einer prächtigen £eib
mache als (Befolge, reiten bie jefuitifchen ©ternbeutcr täglich
nach bem „Berg ber (Beheimniffe" in ber 'Cläfyt ber »£aupt*
ßabt, mo ihr (Dbfervatorium mie eine Cempelburg auf ragt.
Halfer Äang*fi iß ein aufgeFlärter ttlonarch, bem feine
chrißlichen ^reunbe als bie Cräger bes Bernunftfortfchrittes
gelten. (Begen bie Fonfervativen Befchüfcer ber alten Äulte
richtet er einen burch unb burch liberalen (Erlaß, ber aus*

gerechnet unter jefuitifchem (Einfluß hunbert 3ahre früher


als in (Europa bie religiöfe Toleranz in China $ur offiziel-
len ÄnerFennung bringt. „(Dbmohl es jebem geßattet iß"/

fo fchreibt er in feiner Berorbnung, „bie lamaißifchen,


bubbhißifchen unb anbern Cempel zu befugen, um bort
tDohlgerüche zu verbrennen, moUt ihr ben (Europäern, bie
hoch auch «i«hts Unerlaubtes tun, folches verbieten. Biefe
Unterf Reibung erfcheint uns recht unlogif ch, unb mir ftnb
ber ttleinung, baß fernerhin niemanb baran gehinbert mer*
ben möge, auch in ben Cempcln bes h^ntlifchen Chrißen*
herrn XBohlgerüche zu verbrennen." 3n (Europa finb bie
3efuiten zu gleicher 3eit bie erbittertßen (Begner ieber Äon*
fefßonsfreiheit gemefen, unb märe Äaifer Äang*fi ins
Äbenblanb gereiß, fo ty&ttt ihm bie bortige IBirFfamFeit
bes (Drbens höchß „unlogifch" erfcheinen muffen,

Ber neuerungsfüchtige ^errfcher Fann jmar nicht feiber

(Europa befuchen, aber er möchte feine Beziehungen zum


tDeßen enger geßalten unb ßch bazu mit ber Cochter bes
erhnbenßen europäifchen ^ürßen vermählen. Hach ber Bar*
ßeHung ber ^efuiten iß bas ber römifd)e Papß, ber aller*
bings Feine Cöd)t ec t)&bzn barf, hoch eine „VJidjte" tut’s
auch, unb fo richtet Kang*fi' ein Schreiben an ben ^eiligen
Vater, in bem er um bie ^anb feiner VTidjte bittet liefet

Brief, ber als eines ber Furiofeßen KrchivßücFe ber (Be*


fd>id>te aufbewahrt wirb, rebet ben papß Clemens als ben

„gefegneten Kaifer aller päpße unb chrißlichen Kirchen,


^errn über bie Könige Europas unb ^reunb (Bottes" an.
Kber Kang*fi läßt feine «gerrlichFeit noch geller erßrahlen:
„SDer HTächtigße aller mächtigen auf Üirben, ber größer iß
als alle (Broßen unter ber Sonne unb bem tttonb, ber auf
bem fmaragbenen Cl>ron bes Äaiferreicßs China ft£t, er*
hoben auf hunbert golbenen Stufen, um allen (Betreuen bas
Wort (Bottes $u erFlären, ber bas Xecßt bes Gebens unb bes
Cobes über hunbertfünf3ehn Königreiche unb bunbertfiebjig.
3 nfeln ausübt, fchreibt biefen Brief mit ber jungfräulichen
^eber bes Straußes."
£>ie papßnichte, bie er 3ur Kaiferin von China erheben
will, foH freilich nu<h recht anfpruch$voIle Bebingungen er*
füllen: „Wir wünfehen, baß fte bie llugen ber Caube fyabe,
bie ben ^immel unb bie ÜJrbe betrachtet, unb bie Rippen
einer HTufchel, bie ßd) vom tttorgenrot nährt. 3h r 'Älter

foU 3t»eihunbert HTonbe nicht überfchreiten, ihr Wuchs foll

von ber Hänge eines grünen Wei3enhalms unb ihre Dicfe


3

wie ein ^anbvoU troefenen (Betreibes fein." Bafür bietet


ber Sohn bes Rimmels bem Vater Europas ein politifches
Bünbnis unb eine weitere rafß'fdjje Verfippung an: „Unfere
(Befere werben vereinigt fein, wie bas Schlinggewächs ßd)
bem Baume anfehmiegt. Wir werben felbß unfer Faifer*
licßesBlut nach vielen provin3en verbreiten unb werben
bas Bett eurer Sürßen mit einigen unferer Cödjter wär*
men, von benen bie tttanbarine als unfere (Befanbten euch
Bilbnijfe überbringen werben." Offenbar beßanb bei ben

3 efuiten in China bie Kbßdß, irgenbeine vornehme Miuro*


päerin, bie ja nicht unbebingt papßnichte 3u fein brauchte,

$4
jur ,$ejiigung ihres ©inffuffes auf ben Chron von pePing
$u bringen. 2lber ber Äurie erfchien ber plan wohl $u ab*
furb, man \)at it> n nicht weiterverfolgt.
ICud) ohne biefen groß angelegten ^eiratsfchwinbel btfyaV
ten bie 3efuiten unter &ang*ft ihren führenben (Einfluß,
unb immer mehr C^inefen Pommen vor ben christlichen 3lltä*
ren „TDohlgerüche verbrennen". %ls ^riebensvermittler unb
befonbers burch einen Pertragsabfchluß mit Äußlanb er*
werben bie patres ft<h fo0ar Staatsverbienfie um <£itfna.

£>en atternben !Hattg*ft werfen ^ieberanfäfle aufs ftran*


Penbett. £Tun Pönnen bie tfefuiten beweifen, baß fte auch
ben einheimifchen lirjten überle0en ftnb. 3n Dnbien ^aben
fte eine Kinbe entbedft, bie bas lieber bannt, es ifi bie

fpäter weltberühmt geworbene Chinarinbe (Ct>inin)^ bie ber


Äaifer einnehmen foH. ©egen biefe 3umutun0 empört fich

nun hoch bie chineftfche Crabition. tüotten bie ^remben ben


Äaifer mit einem unbePannten tTCitteI töten ober verbau*
bern? Pas tTtittel wirb erfi an einten 2lngehörigen bes
^ofes erprobt, unb ba es ihnen nicht fchabet, fchlucPt auch

ber Äaifer bie Pulver. 2lls er jufehenbs 0efunbet unb wie*


ber ju Kräften Pommt, erweifl er ben ttTifftonaren bie
hö<hfte fttyvung, bie er $u ver0eben tmt. Sie bürfen bei bem
„großen %o tau" ftfcenbleiben, wä’hrenb fich «He ©roßen bes
Reiches mit ber Stirn auf ben 23 oben werfen müffen. 'Jlber

auch ^An0*fts Cage ftnb einmal gezahlt, fte geben bem


Sterbenben von ihrem geweihten tTfeßwein ju Poften, um
feine Seele $u retten.

Per Chronfolger mißtraut ben geheimnisvollen ^reunben


bes Paters; l)&btn fte etwa burch ihren SaubertranP ben
Äaifer von feinen Hfyntn getrennt? Per junge ^errfcher
läßt fogleich burch bas Kitenminifierium Unterfuchungen
über bie chrifilichen ©eheimlehren anjteÜen. Paß ihr ©ott
bem Schoße einer Jungfrau in tnenfdjengeftalt entfproffen

fei, Pann nur burch gefährlichen Pämonenjaubcr gefchehen


fein. £>«8 Tribunal Fommt ju bem Urteil, baß fämtliche
dßneßfche Ctyrißen bei Unbrohung fd)werer Äeibesßrafen
bem fremben Äult abfdjwören muffen. 3Das wäre nun bas
fd)limmße nod) nid)t, benn was wißen fd>on biefe angeblich
BeFehrten vom magren ^eilanbsglaubeni Kber ber öffent-
liche Einfluß ber patres iß bahin; wie Fönnen ße ihn
wiebergewinnen? tParum foIEten fte entmutigt fein, ihre
tttifßon ^at ßhon manchem XücFfchlag ßanbgehalten! 3u-
näd)ß werben bie patres weiter gebulbet, weil man ße nod)
für bie biplomatif d)en (Befdjäfte mit ber Cartarei unb mit
Kußlanb brauet. 'Mmälßxd) ^aben aber bie Clßnefen ben
patres ihre aßronomifchen unb ßaatsmännifchen ^ä^ig*
Feiten abgelernt, bie tttifßonare müßen ßd) alfo wieber
burch anbere neuartig wirFenbe Rünße unentbehrlich machen.
*

211$ es bann wieber einen ^Dl>r onmccf^f ei gibt, Fommt ein

größenwahnßnniger Jüngling jur Regierung, ber alle gött-

lichen 4Cf> ren für ßch allein beanfprudß unb ben rätf eihaften
Chfißengott als einen tücFifchen Nebenbuhler betrachtet.

Noch bie UTifßonare einige ^ofämter inne, baburch


ßnb ße imßanbe, bie Faunen bes Äaifers ju erforfchen.
Beine prunFfucht verführt ihn ju phantaßifchen ttusßat-
tungsplänen, er will ben palaßbejirF burch Äußhäufer unb
(Bartenanlagen erweitern, bie alle bisherige tnärd)enprad)t
noch »eit übertreffen follen. TPer formt bie Fächer bes
Pavillons in ben verfchlungenßen Bchwunglinien, wer
malt bie farbenfd)önßen Pögel, bie lieblichßen £anbfd>aften
auf porjeHanwänbe unb vergolbete Bediengewölbe? XPer
fchafft in ben ParFs bie parabießfchen BurchblicFe, bie See,
(Bebirge unb Blumengärten als lanbfchaftliche Einheit er-
Bie ^efuiten trauen ßch $u, auch bie toHßen
fcheinen laßen?
XPünßhe bes Äaifcrs ju befriebigen. Bie Cruppe 3efu ver-
fügt, wenn es fein muß, in Fürjeßer Seit auch ü&ec bie

$6
gervorragenbffen &aumeiffer, tttaler unb (Bartenfünffier,
man lägt ben Äaifer wiffen, bic chrifflicge Ärgre befähige
ja vor allem ju folgen beifpiellofen Schmucfleiffungen.

3Die patres fielen je$t mit ^arbtöpfen auf ben Leitern


unb jaubern wunberbare (Bebilbe ber Cier* unb pftanjen»
weit auf bie foffbaren flächen. Sie malen bie Porträts ber
faiferlicgen Familie auf Seibenpanneaup, fte legen Stein*
grotten unb Pafengatcrien an. I>er Äaifer lägt ffeg fcglieg*

lieg ba$u herab, fte bei igrer Arbeit 3 u befugen, unb brüeft
ignen feine 25efriebigung aus. Unb er fagt bem cgrifflicgen

Äult wieber Sponung 3 U; eine £egrc, bie folcge Caufenb*


fünffler gervorbringe, biirfe man wogl borg nicht ausretten.
Aber Äaifer Äien*long wirb nur noch unerfättlicger in feinen
Anfprücgen an bic patres, er verlangt von ignen bie male*
«fege Parffellung großer Staatsf$cnen, fte feilen an einem
Cage bie ^ulbigung ber Cataren auf bie Äeinwanb brin*

gen, unb alle Geftcgter muffen genau bem Äeben entfpreegen.


Sie malen mit äugerffer XDiUensanfpannung bei Cag unb
ttaegt, fte finb 3um Umfallen erfegöpft. Uber ber Äaifer

gönnt ignen feine paufe, bic Aufträge übergiirjen fug, unb


ber 3orn bes tHacgtgabers würbe fte fürchterlich treffen,

f obalb er fte für fäumig hielte.


&er ^immelefogn gat bei ignen franjöftfcge Aupferfficge

gefegen, nun follen bie patres in berfelben UTanier feine


^elb^üge verherrlichen, unb es bleibt ihnen nichts übrig,
als bicfe fegwere 3 eicgnerifcge Cecgnif im i^anbumbregen ju
lernen. Auf einem ber europäifchen Blätter gat Äien*long
^igurengruppen erblicft, aus benen tPafferffraglen in bie
Äuft ffeigen, um bann wieber in bic 3eefen jurüefjufprügen.
£>er ‘Allgewaltige befiehlt fogleich, bag auch in feinen (Bär*
ten folcge Springbrunnen 3u plätfcgern hatten, pumpen*
werfe unb namentlich unterirbifege tPafferbewegung ge*
hören noch ben fegwierigffen Aufgaben ber praftifegen
Phyfif, aber bie unetmüblicgen patres 3ermartern igr ^irn

«7
unb experimentieren, bis bic Salb Pann ftd)
Sache gliidft.

ber Äaifer an bcm lufigen Spiel ber feigenben unb faßen*


ben TDaffer ergeben.
Um ihren Paiferlichen ©uälgeif bei £aune $u erhalten,
benPen fie fi'ch immer neue Überrafd)ungen aus. £inem aus*
geköpften Ciger fefcen fie mechanifche Criebfebern in ben
Saig unb laßen itm bem )uerf befürjten, bann begeiferten
^errfc^er über ben XDeg laufen; es macht ihm fortan einen
biebifdjen Spaß, feine TUiirbenträger mit bem Pünflichen
Äaubtier $u erfchrecfen. Schließlich fchalten bie erfinberifchen
tniffionare TDafferPünfe, UhrwerPe unb automatifch be*

wegte Ciere ju ©efamtmechanismen jufammen: auf einer


©laßplatte läuft ein ausgefopfter Schwan wie ein 3eiger

auf bem 3ifferblatt, unb bei vollen Stunben feigen ber 3al>l
entfprechenb bie Fontänen

So gelingt es ben patres immer wieber, bies im ©runbe


Pinbliche Cyrannengemüt von ber Chrifenverfolgung ab*
julenPen. ©s Pommen auch wieber ^immelsföhne auf ben
Chton, mit benen fie leichter fertig werben. Sie Chrifen*
gemeinben behaupten ftch, wenn auch *h r Äult mit bem
abenblänbifchen 2Ur<henwefen nicht allzuviel Serührungs*
punPte befttjt. Siefe Catfache wirb bet Chinamiffton ber
tlefuitcn mit ber 3cit verberblich; nicht von pePing, fonbern
von ©uropa gehen bie ^einbfehaften aus, bie allmählich
ihre UTachtfphäre im Xeich ber UXitte jerfören. Sas
©rbens if im Patholifchen
ofafiatifche tTtiffionswerP bes
©uropa einer immer heftigeren ÄritiP ausgefefct. Sie TDur*
jeln ber tPiberfänbe liegen freilich noch tiefer, benn bie
gefamte überfecifche UTiffionsarbeit ber 3efuiten begegnet
in ber Patholifchen XPelt einem wachfenben tPiberfanb.
Ulan wirft ihnen vor, baß fte bie Religion um eyotifcher
Ulacht^wecPe wißen verfälfehen.

SS
£>ie alten bettelorben 6er pominiFaner unb ,$ran$i$Faner
trollten bie äußerlich fo erfolgreichen CJefuiten auch in ber

Chinamiffton übertreffen, aber fte oerfcbmähen bie Tarnung


als Uhrmacher, Kftronomen, (Befdjüsgießer «nb PeForations*
Fünftier, £>i e tlTönche, bie bas unoerfälfd)te Fatholifche
bogma China oerbreiten unb bie Äanbesfitten als Cob*
in

fünben oerbammen, werben balb als Äeichsfeinbe aus bem


Äanbe gewiefen, unb jwar mit höd)ft undenklicher Vlachhilfe
ber ^Jefuiten, bie ftch auch nicht fcheuen, einen päpftlichen
UnterfuchungsFommiftar oon ben Chinefen einFerFern unb
langfam oerhungern $u laßen. 3Die bominiFanifche Äon*
Furrenj f)&t immerhin genug ÜiinblicFe in bas chineftfdje
23eFehrungswerF ber Cruppe 0efu getan, um bas Schein*
Christentum ber getauften Chinefen bei ber römifchen dn*
quifttion Fräftig anprangern $u Fönnen. Pie chinefifchen

„Chriftcn" hatten ja jum ßintfefcen ber PominiFanermönche


Feine Ähnung oon ber Äreujigung bes ^errn auf (Solgatha,
fte feierten h c ibnifrf)e Cotenopfer, bei benen fte allerlei

<Bebrau<h»binge oerbrennen, um fte ben Ulmen ins 3enfeits


nachjufchicFen. bei ber triefte tragen bie ^efuiten ein heib»
nifches ©elehrtenFoftüm, auf ben Ältären fehlen Äru^ifip
unb £amm, bie Liturgie beliebt in SDeFlamationen oon
chineftfcher blumenpoefte.
3Das päpjtliche (Bericht fdjenFt freilich <*udj ber jef uitif djen

Perteibigung (BehÖr: bie Äreusigung bes £rlöfers fei ben


Chinefen fo unbegreiflich, baß man nur bie im (Blauben
Äewährteften oorftchtig unb heimlich barin einweihen Fönne.
Unb bie Ähnenopfer wären ein unumstößlicher PolFsbrauch.

Äange Streiten fte im fernen PatiFan h* n nnb fyer, bie


peFinger patres wiften ben ungünstigen Saeßoerhait Flug
$u oerwifchen. X^ur bie jefuitenfreunblichen päpfte ftnb noch
geneigt, biefe Christianisierung in China h^bwegs $u bil-

ligen. 3ule$t werben ben Utifftonaren hoch fo Strenge geift*


liehe Porfchriften gemacht, baß biefes fragwürbigSte aßer

S9
&e?e$rungewerfe halb taf>mliegt. %ufy ber 3u$ug von
4>rbensbrübern wirb fpärtic^cr, benn bie portugieftfd)en
Beworben in ben aftatifd)en »£äfen fangen bie fransöftfd>en

patres unterwegs weg, weit fte jwifcfjen ^ranfreicf) unb


Cf)ina politifefye Bestellungen anbaf>nen, bie bem Staat bes
europäifd?en „Sonnenkönigs" jum lirger ber älteren !RoIo<«
nia(mad)t ben reiften (Gewinn einbringen. So läuft ftd)
biefes einjigartig groteske tttiffionsunternefunen burcl) intri-
gante Äämpfe tot. Ct>ina ifi nicfyt d)riftlid) geworben, bod)
bie feiner T>olkskultur eingeimpften fremben Stoffe gären
im VTationalkörper giftig fort. 3Das Raifertum verliert bie

kuttifd>e ^ütjrung. Unb bie Ökonomiken Beutemad)er aus


ben wefttictyen ®rofjmäd)ten traben fpäter ein leichtes Spiet.

oo
®ragütomööic toott jKojaitau bf$ lonüott

3n ber fdjroebifdjen ^ouptflabt erfdwnt um Nw 2(n^c )S7f


ein beu tfcfjer <5ottesgeIebrter, ber fief? als fcoftor ber luthe-
rifchen Ct>eoio gie ausgibt unb auf feine Beziehungen jur
Wittenberger t^ocf)burg bes ^Evangeliums pod)t. ITTan räumt
ii?m gerne bie Ranzel ber St.-cDlafs-Rirche ein, tue er an-
geblich proteßantifche lErbauungsvorträge über bie Tren-
nung ber chrißlichen Ronfefßonen halten miE. (Bt finbet
eine große unb banfbare 3uhörerf<haft, bie eine Bekräfti-
gung i^rea ßreng proteßantifchen Glaubens fuefß unb an-
fangs auch finbet. $>od) allmählich beginnt ber SJoftor
VJifolai, mie er ftch nennt, gegen bie Lehren bes Luther-
tums EÜnmänbc $u erheben. £r behauptet, baß bie altFirch-
liehen Ruffaßungen bem TDefen bes Chtißentums beßer

gerecht mürben. 3us ben Schriften Luthers führt er eine


Reihe von SteEen an, bie beweifen foEen, baß ber Refor-
mator felbß Kusföhnung mit ber papßfirche bis juleijt
bie

gemünfeht habe, währenb erß feine eigenmächtigen Schüler


bie Kluft smifthen ben Konfefßonen gefchaffen unb vertieft

hätten. 5>aß biefe Luther -3itate gefällt finb, können bie


Stocfholmer fo fchneE nicht nachweifen, baju fehlt noch bas
Rüßjeug, aber fte werben verwirrt unb ratlos, ber ganzen
Stabt bemächtigt ftd) eine gewaltige Aufregung. möge ber
König, ber bem £>oftor Hifolai befonbers gnäbig geßnnt
ift, als oberer &ird)enherr von Schweben baju Stellung
neunten.
Äönig 3<>h Änn III. aus bem bobenftänbigen TDafa
weif), ba$ ec in bem SDoPtor VJiPolai ein Utitglieb ber
Cruppe ^efu vor fidj f)at, unb 1)ütet bas (Beheimnis in
feiner Brufi. yotyann ifl eine wanPelmütige, unaufrichtige
ttatur, ein ehrgeijiger Sd)wäd)ling, ber ftd) internationale
Erfolge erfd)leid)en möchte. Seit er mit ber Codier bes
lebten polnifchen ^agettonenPönigs verheiratet ifl, neigt er
jur Patholifchen VUelt, mit beren ^ilfe er öjHidje tnad)t*
träume verwirFlid)en möchte. Katharina 3ageHo ifi von ben
tDarfdjauer 3efuiten erlogen unb baber bem römifchen Be*
Penntnis leibenfchaftlid) ergeben, währenb ihr X>ater unter
bem ißinfluß ber evangelifchen Äultur in Preußen fchon
fd)wanPenb geworben war. 2lls Sd)webenPönigin bemüht
ftd) Katharina, ihren (Bemahl für ben Äatholijismus ju
gewinnen. 3Die t>erfpred)ungcn ber t&urie locFen ihn, aber
er fürchtet ftd) vor ber proteflantifdjen Überjeugungstreue
feiner Untertanen. £Tun h<** bie jRurie einen 3 c fu **en P Ätcc
gefanbt, ber in ber UtasPe eines Pritifchen Äutheraners bie
PotPsftimmung jerrütten foll.

*
3n biefem 3eitalter ifl in fafl allen europäifd)en Bönig*
reichen ber religiöfe 3uftanb ungePlärt unb ungcftd)ert; bie
Utonarchen folgen $umeifi ben wed)fe!nben Pulturpolitifchen
Strömungen, ber Vorteil überwiegt bie (Beftnnung. Xom
läfjt Pein Utittel unverfucht, um bie abtrünnigen Äänber
bem papfte jurücPjuerobern. 3Der europäifche Vlorben \)at ftd)
am fd)neUfien entfrembet, hier fetjt bie Burie ihre fiä'rPften

^ebel an. 3u anrüchigen Aufträgen bebient fte ftch am lieb*

fien ber Cfefuiten, fte ftnb ttteifier ber abenteuerlichen Cäu*


fd)ung, fte freuen vor Peiner Heuchelei jurücP, ihre UToral
erlaubt ja ben frommen betrug, wenn bas 3iel bie

BePehrung ifl.
3n Stockholm ijl bie Dntrige auf» feinfte gefabelt, btt

maskierte pater \)&t ben König ju einem abgekarteten Spiel


verleitet, bas von einer gerabeju genialen VTieberträdjtig-
feit jeugt, 3n ber Kirche foH ein feierlicher Disput über
bie (Blaubensfäije ftattfinben, ber König Fommt mit bem
»gofflaat unb hört fich junächfl bie polemif bes Doktors
gegen bie proteflantifchen drrtümer an. £>ann erwibert ber
König ganj im Sinne ber fchwebifchen evangelifchen £ehte,
aber er tut es nach Vereinbarung mit feinem vermeintlichen
(Begner nur plump unb bürftig. Hach mancherlei Heben
unb (Begenreben erklärt fich Johann für überwunben, bie
Argumente Hikolais feien flärker, unb er empfiehlt bähet
eine Wieberannäherung an ben katholifchen Kultus im
Sinne bes fremben (Belehrten. STikolai wirb profeffor bes
königlichen EheologenkoHegs, man fchickt fchwebifche pfarr*
kanbibaten nach Horn, »nb am fchwebifchen *£ofc weht immer
fpürbarer eine fatholifche £uft.
3et$t fchickt ber ^efuitenorben einen anbern pater, ber
als vornehmer fEbelmann verfleibet ijl unb vorgibt, ein

kaiferlicher Diplomat ju fein. Kn biplomatifdjem Talent


erreicht biefen Kntonio poffevino kaum einer ber künftigen
Hriflokraten, bie jet$t als mittler unb ^e^er an ben ^öfen
immer gewagtere politifche Partien fpielen. poffevino fo0
bie 25ebingungen feftlegen, unter benen Schweben in ben
Kreis ber katholifchen Völker jurücfkehrt. (kr verfpricht
bem König eine Schiffslabung fpanifches (Bolb, auch bie
Kusficht auf ben (Erwerb ber polnifchen Krone. &er ängft*
liehe König verlangt aber wenigflens priefterehe unb £aien*
kelch, um fein Volk ju befchwichtigen. 5Das gefleht poffevino

nicht 3u, aber er fchafft vorerfl einen Übergangskult, unb


ehe Johann bie ungewiffe Sachlage überfchaut, ifl er katho-

lifch geworben, währenb bas fpanifche (Bolbfd)iff bloßes


(Beflunker bleibt.
Söoch bie Königin Katharina flirbt unerwartet, unb in

93
zweiter (Bfye führt ber König eine einhetmifche SlMige t^eim,
(Sunna 23ilf, bie ebenfo entfliehen proteßantifcf) fühlt wie
ihre Vorgängerin fatholifcfj. 3Der fchwache ittonarch wirb
je$t vom jebett aus evangelifeh beeinflußt, bie proteftan-
ten kommen fofort wieber zur ittacht, unb bie päpjHidjen

23räucbe verfchwinben ebenfo wie bie römifchen Benbboten.


poffevino hat aber ben f<hwebifd)en C^ronfolger Bigis*
munb, ben Bof>n Katharinas, in feine Obhut gebraut; er
läßt ihn fatholifd) erziehen, um ihm bann fpäter $unäd)ß
ben polnifchen Chron ju verfcbaffen. Kls bann Bigismunb
aud) auf bie väterliche Krone von Bestreben Knfprud) er-
hebt, verlangen bie fchwebifchen Btänbe von ihm Verbriet
fung ihrer proteßantifcfyen Freiheiten. £>ie Kntwort bes
königlichen Cfcfuitenzöglings ift ein Kriegszug gegen fein
Vaterlanb. tHit polnifchen Truppen bricht er in Bd)t»eben
ein, wirb aber von bem VolPsheer gefchlagen, unb ber
proteflantifche Herzog von Böbermanlanb bezeigt ben
fchwebifchen Thron. £Jur eins haben bie ^efuiten erreicht:
bie Verfeinbung jmifchen polen unb Bdjweben beherrfcht
ein 3ahrh«nbert lang bie blutige 05efcf>icf>tc bes Oßens.

*!

Warfdyau wirb für bie nächte Seit ber KngelpunFt für


bie jefuitifchen Treibereien in Ofteuropa. poffevino hat ben
großzügigen plan gefaßt, bie flawifche Welt unter ber
geglichen Oberhoheit bes papfies ju einen. Vaju müßte
bas fchismatifche Kußlanb gewonnen werben, bas mit polen
in uralten Fehlen lebt. 3m Kreml regiert ber verfchlagene
3ar 3wan, ber feinen Beinamen „ber Bdjredfliche" burch
Orauf amfeit unb ^interlift reichlich verbient hat. 3n ber
Wahl ber tHittei ifi 3wan ebenfo bebenfenlos wie ber
3efuit, ber ihn für bie römifchen 3wed?e einfpannen will,
fcer 3ar hat eine Äotfchaft an ben Papft gefchidft, man
möge ihm ben polenfönig Btephan 23athory, ber zwifchen
ben häufet« 3ageHo unb tUafa als folbatiföer Htad^aber
$ur Regierung gekommen ift, vom ^alfc fd>affen. 3wan
verfpricfyt bafür Beteiligung an bem d)rißlid?en „Äre ujjug"
gegen bie dürfen. Biefe Sdpmare, bec einfi aud) Loyola
nad^ing, fpuft nod) immer in fat^oliftfyen (Semütern, wenn
aud) bie ^efuiten injwifdjen längß wiffen, baß bamit nur
bie weltlichen Ulachtintereffen ber Potentaten ausgehanbelt

werben.
Bönig Stephan Bathory befinbet fidj auf bem ftegreid>en
Bormarfd) nad? Ku^Ianb; wie fann man ihn ju einem Ber*
$id)t auf bie ^ortfetjung bes Krieges bewegen? poffevinos
iCnbjiel iß bie Batholifterung ber Xuffen; alle ßaatlid)en

Bebürfniffe foHen ficf? biefem (Sebanfen unterorbnen, unb


barum wünfe^t er aud> ben polen, als beren treuer ^reunb
er ftd> auffpielt, feine militarifdjen Erfolge gegenüber bem
3arenreid). Batljory foH für bas ^efuitenprojeft baburd)
gewonnen werben, baß man ihm ben (Dberbefehl aller \>er*

bünbeten H1äd)te bei bem großen „Breujjug" anbietet. Bod>


biefer ^elblagerfönig iß fein phantaß, fonbern ein nüd>*
terner Keiner unb mißtrauifd)er Xcaliß. tBo finb bie ita*
lienifdjen unb beutfdjen ^eere, bie er gegen ben ^albmonb
führen foH? Unb auf ben Schürfen 3wan fei bod) gar fein
Berlaß, ber wolle nur bie polnifcfjen VBaffen überlißen unb
ßd) bann ins ^äuffc^en lachen, poffeuino reiß nach Xom,
nach Benebig unb an bie ^öfe ber Habsburger. Bie meer*
beherrfd)enbe Xepublif an ber Kbria möchte lieber mit ben
dürfen ^rieben galten unb r£tmbel treiben, «ber poffeuino
weiß ber Signorie ein fünftiges Bünbnis mit Xußlanb in
fo einleudßenben färben ju Silbern, baß ber Boge fdßieß*
tie^ bie renetianifche UTad^t für ben Cürfenfrieg einfeQen
will, alles in Erwartung ber rufßfchen Silberbarren unb
£belßeine. 3n <25ra$ mad)t ber ^efuit ben ifcitat&vtcmittiUc,
eine iSrjt^er^ogin foll feinen Sd)üQling, ben fünftigen polen*

fönig Sigismunb, jum (Satten h«ben. 3n XBien verfpricht er


feem t>erfd)ulfeeten «5ofe rufftfd)e Subfibien, in präg beflißt
er bas (Peftnbe Xufeolfs, fees f)«Ibnärrifc^en Xaifers, feer ftd)

oon feinen t&öchen unfe 23arbieren beherrfchen läßt*


Hun bleibt nod) bas Schmerfle ju tun, j&önig 25athory

muß ficf> mit 3n>an oerßänbigen. 55ann wären feod) enblich

feie Vorausfeijungen für feen Cürfenfreu&ug gefchaffeni


Bo fpricht poffevino in ^eiligem 23rußton, aber bas ifi

alle® biplomatifche (Baufelei, er will ftcf> nur eine günftige


Situation für feie Umgarnung fees fcßrecflichen 3wan fdjaf*

fen. Öathory firäubt ficf> nod) immer, er ift freilich ein ju

ehrlid)*nait?er Äatholif, um an unlautere MTad)enfcf)aften


fees ^efuiten ju glauben. 3m Heerlager $u Wilna führt feer

T>erfcf)loffene Solbatenfönig ein farges, büfteres Heben, er


ißt feie &noblaud)fuppen fees gemeinen HTannes, geht im
fchäbigen, gef lief ten Xocf, ft$t feie VJädjte über Äartenpläne
gebeugt ober bei feer Heftürc fees piutard) unfe Uriftoteles.
pofieuino fängt ihn burd) fluge überrebung, burd) bohrenbe
ÜDialeftif unfe fuggeßi\>e Überfälle in feinen (Bebanfenfreis

ein. £)ie einfache ,£eßigfeit fees foniglichen Willens erliegt


fchließlid) poffevinos raffinierter Jermürbungsfunfl, er gibt
nach unfe läßt feen ^Jefuiten mit einem (Beleit oon polnifchen
Leitern ju X>erhanfelungen nach tttosfau 3iehen.

%\s feer pater nach langen 3rrfal?rten in einer Wolga*


feßung feen 3aren finfeet, tritt er als Hegat fees papßes auf,
fees „Statthalters 2fefu Ch r *f*t *uf ^rfeen", wie er fogleicf)

mit floljer Würbe verfünfeet. 3wan fitst mit barbarifdjem


Prunf in feinem bunten (Beßühl unfe runjelt feie Stirn. 3Der
fremfee 23ote nimmt fid) oiel vor feem allmächtigen Selbß*
herrfd)er feer Küßen tyevaus, feer fid) minbeßens ebenfooiel
3U fein feünft wie feer römifche (Dberhirte. %Umäl)Ud) finfeet

3wan an feiefer felbßbewußten Haltung fees (ESefanbten (Be*

fallen, aber 3 unäd)ß muß er fehen, ob feer auch int Reffen

9b
unb Saufen feinen tltann fteht. fcoch was Fönnte ein 3efuit,
wenn es notwenbig iß, nicht; mit gtranjig Bechern Wein
tut er Befcheib. Oman umarmt ihn gerührt unb t>ält bc*

raufd)te £obreben auf bie pap filiere ^eiligfeit unb ihren


wacFern Vertreter.
3n ben politifcfyen Befpredpingen Fommt aber auch ber
gewiegte ^efuit nicht vom , bie Xuffen grinfen unb
fchweifen ab, trenn er ben geizigen 3ügcl anfpannen tritt.

Sie trerfen bie ungereimteren IDinge bagwifchen, verfdßafen


bie 3eit, betrinFen fich, geben auf bie CJagb unb troffen bann
plöfclid) alles trie eine Bagatelle in ber SeFunbe erlcbigen.
,$riebensfchluß mit polen? (Bewiß, aber trie ßeht’s benn im
^elbe? Bathorys ftampfenergie iß ßbon geßhwächt,
bie JCuffen fühlen ftd) trieber obenauf unb machen bie über*

mütigßen Porfchläge. poßevino tut, als fpiele vertröbelte


3eit für ihn Feine Xotte, er ahmt bie rufßfchen Sitten nach
unb umfchmeichelt ben 3aren mit wohlgelaunten, leeren
Späßen. (Fines Eages Füßt it>n ber £)efpot brüberlid) auf
bie Wangen, ^remben geprüft unb als ^reunb
er tyabt ben

befunben; braunen ßänben bie gut gerüßeten Schlitten, er


foffe ftd? gleich <* u f ben Weg $um polenFönig machen, um

ben ^rieben in bie Wege gu leiten.


poflfevino liegt mehr baran, ftd) bie (Bunß bes 3aren für
fpäter trarm $u erhalten, als ehrlicher tftaFler für beibe
Parteien ju fein. 3m polenlager finbet er ben flüchten
Bathory in 3treifeln jerriffen; einen faulen ^rieben glaubt
er nicht verantworten $u Fönnen. SDer pater nimmt ihn
fcharf ins (Bebet, es fei (Bottes Witte, baß polen ft<h füge.
55a Fommt Nachricht von einer neuen Schlappe bes
bie
polenheeres. Ber 0efuit faltet banFbar bie *$änbe, ber
Fimmel tritt nicht, baß polen bies Blutvergießen ver»
längere, ber igerr h<*t ein 3ei<hen gegeben! Ba bricht ber
leigte Wiberßanb bes Königs jufammen, ber ^rieben mit
3tran fott nun um jeben preis gefchloffen werben. Balb tref*

7 Pa# 3(fuitm.Su4 97
fen in ber Wl?c von VJowgorob polnifche unb ruffifdje

Rborbnungen jufammen. I)er 3efuit f>at ftch bas 0d)iebs*


richteramt ausbebungen; vor feinem Rcifealtar fiehenb, führt
er ben Vorftig. Wenn bie Parteien biefem unb jenem punFt
nid^t beipflichten motten, braucht er nur Oott ju befragen.
£>er ^efuitenorben iji jum erftenmal ein ausfd)laggebcnber
^aftor in ber großen Btaatengefchichte geworben! 3ar3wan
Fann mit bem Ergebnis aujserorbentlicf) juf rieben fein, unb
er ifl es auch auf feine Weife.
3Das jeigt ftd), als ber 3efuit fogleid) nach IHosFau
jurücFFehrt, um bie ^rüdjte feiner Vermittlung $u ernten.
h Ä * pojfevino wirFlich 3cit unb Ruhe, um fich bem
Btubium ber ruffifchen Olaubensfrage ju wibmen. £>er hoch*
geehrte (Saft farm ftd) gan$ nacf) belieben bewegen, unb er
beobachtet bas rätfeihafte Beelenleben, bie wahnmifcigen
^errfcherlaunen bes 3aren mit bem Bcharfjinn bes jefui*

tifc^en priejters. Dwans Rafercien entfpringen ber Rngjt


vor ber 0ünbenfd)ulb, er ijt ber te Rirchenfürjt feiner

rufftfchen Rirche, aber er vermag ftd) nicht von ber Ver*


bammnis losjufprechen. Welch ein 25iib bes wenn
biefes geiftliche Oberhaupt in religiöfer 3erFnirfchung bie
Äirchengewänber anlegt, mit Ciara unb Äreujflab über ben
Roten piafc $u ber grell gligernben Wafftli*Rirche hinüber*

fchmanFt, um felbfi bie Olocfen ju läuten unb vor ben


3Fonen Croft für fein beflecFtes Ocwijfen $u fuchen. JOit

Oefpenfier ber Oemorbeten zerren an ihm, er jittert am


ganzen Rörper unb lallt pfalmengefänge, um bie blut*
triefenben Ouälgeifter ju verfcheuchen. SUir bie Onabe ber
fatholifchen Rirche Fönnte ihm ^rieben fchenFen, ber papfi
wirb bas fünbige ©ewiffen bes unglücFlichen ©ewalt*
menfchen entlaßen! 5>a$u mufj aber auch ber 3ar vor Rom
fein Rnie beugen unb bie geifUiche Oberhoheit bes t?achfol*
gers auf Petri Btuhl anerFennen! Bo fteht ber feclen*
Funbige pojfevino feine 23eFehrungsaufgabe an.
3tt>an wirb freilich nicht nur von Crieben unb Büßten
umhergeworfen, fonbern liebt auch fpitjfinbige Kuscinanber-
fegungen, in benen er als tri^iger Befferwiffer $u prunfen
wünfeht. $>urch ben Umgang mit feinen jPopen h*t er eine
^üHc theologifcher Bruchftttcfe in firf? aufgenommen, bie er

nun in red)t^aberifd)em 3Durd)einanber von ftcf> gibt. Wenn


er ftd) mit bem CJefuiten in religiöfe <Befpräcf>c einläfjt, fo

tut er es junächfl nur, um baa römifcfye päterchen burd)


verblüffenbe Behauptungen unb Narreteien aufa Cßlatteiö
3u führen; bann bröhnt fein (Belachter burch bie i^alle, unb
ber grobe Ulf macht ihm für eine Weile bas ^erj frei.

WiKfl bu bie Breifaltigfeit fehen? Unb er sieht nachein*


anber feine brei ^ofen aus. £fr lüftet ben ^ut, unb eine
Caube fliegt ba von; ber ^eilige (Beifi ifl meinem Kopf
entfprungen! Kber ber 3efuit \)<xt eine fdjaurig heulenbe
Bacfpfeife im Kamin angebracht* *5örji bu, ber Ceufel ruft,
er will einen ©pötter fyoltn, unb ber 3ar erbleicht.

ifnbfich läfjt fich ber 3ar ju einer großen Kirchenbisputa-


tion mit bem CJefuiten bewegen. 3Die Kerzen brennen, bie
alten, in ©ilber gebunbenen Schriften liegen aufgefdjlagen.
Bojaren unb popen flehen in fteifen (Bewanbern auf ben
Stufen unter Dwans ^o«hft£. poffevino beginnt, er fpriebt
von ben Kirchenvätern, von ber alten (Blaubenseinheit
jwifchen Byjanj unb Kom. Chryfojlomua unb Baftlius hät-
ten nichts anbrea gelehrt als bie römifchen Bifchöfe, unb
ber papft richte ftch nach ben frühen Konsilien ebenfo
wie jeber rufftfcf>e Krchimanbrit. Kber inswifchen hätten ftch

Srrtümer in bie Kirche bes (Dflens eingefchlichen, weil fte

an ber Weiterentfaltung bes Chrifientuma nicht mehr teil-

genommen h<*e- Per papft, ber über ber Einheit bes (Blau-
bena su wad)tn habe, wolle großmütig ben rufftfehen Chnften
ihr befonberea Kitual laffen, fte müßten ftch nur ju ber
gottgewollten Autorität bes ^eiligen Kömifchen Paters
befennen.

7* 99
XPenn er vor taufenb CMtren geboren märe; mürbe er
aud> ben petrusring füffen, envibert ironifd) bcr 3ar. Über
bic päpße ber fpäteren 3cit hätten vor feinem Perbrechen
jurücfgcfchrecft. tltit gefällten Sdjenfurfunben Ratten fic

Äänber an ftd) gebracht, ben Üaifern unb Königen hätten


ß'e bie Untertanen in ben Üufruh? gebest. Unb bann fei
ber päpßliche Stuhl butd) tvüße Üusfchweifungen gefd)än*
bet worben. £>er 3efuit nidft fcufjenbe 3ußimmung, unb
altes ßufct. I)ann tytbt er bie Stimme, ber papßthton fei
aHerbings burcfj fo!df>e Sünben ebenfowenig entweiht wie
ber rufftfcfye tCl?ron burd) 3aren, bie i^r eigen 23lut ^in*

gemorbct unb bie Einwohner ganzer Stabte lebenbig vcr*


brannt batten.
Stvan verbreit bie Üugen in gräßlicher XPut, er greift
nach bem ferneren 3epter, mit bem er fchon manchen
Schabet jerfchmettert t>at. Über ber 3efuit blidft it)n ohne
3ucfen feß an, unb ber 3ar, in Schmeiß gebabet, läßt bie
Heule aus ber fraftlofen ^anb gle'iten. ÜHmähli<h faßt er
ficfy. „TPenn ber Papß auch ein bofes Cier iß, er t?at Utän*
ner, bie ich brauchen fönnte." poffevino lächelt fein. ,,^aß

btt ben papß nicht gebeten, bir ^rieben mit polen ju fchaf*

fcn, unb er t>at bir beigeßanben, mie ein Pater bem Sohn."
Dman brütet lange bumpf vor fid) h*n, bann ergebt er ßd>
fcfytper unb brücft bem pater bie ^änbe, ber vor bem 3aren
bemütig nieberfällt. Üm anbern €age wirb er jum ^üfjrer
ber rufßfchen (Befanbtfchaften an ben abenblänbifd>en ^bfen
ernannt, er foll bem ^eiligen Pater (Befchenfe unb brüber*
liehe (Brüße bes 3aren bringen, in üom unb im Äreml
foH man einanber in bie Üir$engebete einf fließen.
Ulit ben h^chßen PoOmachten verfemen, reiß poffevino
gen XPcßen, er t?at überall freie ^anb, man t>eißt il?n als ben
mächtigen Utann, ber alle politifchen 5>cä^te in <Dßeuropa
ju lenfen weiß, ehrerbietig tviUfommen. £r fließt einen
^anbelsvertrag $tmfchen üußlanb unb Penebig, er ferlichtet
beit Streit jmifdjen bem Reifer unb Bathory um Sieben*-
bürgert, er bePehrt bas G5renjvolP ber Kuthenen zur Pathc*
lifchen Rirche. On ben Karpaten unb an ber &üna grünbet
er (Bemei nben, Schufen unb Älöfler; über bie ganze Breite

ber (DftvölPer (treuen feine BrucPerpreffen volPstÜmliche


Schmähfchrif ten auf alle (Begner ber römif d>en Sache aus.
Rber bas größte iUifftonswerP, bie Eroberung Rußlanbs
für bas papfHum, ift erft angebahnt, als poffevino ben
Strapazen erliegt. Seine Nachfolger wollen jebe noch fo
abenteuerliche ttTöglichPeit ergreifen, um bies Hauptziel ber

öftlichen ReligionspolitiP ju erreichen.


*
3n polen Pommt jegt jener fchwebifdje Sigismunb an bie

Regierung, ben poffevino zum jefuitifchen WerPzeug tyttan*


gebilbet hatte. On Rußlanb tritt nach bem Cobe Omans ein
Onterregnum ein, benn ber Thronerbe ift minberjährig, unb
bie Bojaren fuchen ftch ber ^errfchaft ju bemächtigen, wie
es in HTosPau $u gefchehen pflegt, wenn Pein tatPräftiger
3ar fte bä'nbigt. Rus ben Wirren geht ber Bojar Boris
(Bobunow als Sieger tyrow, ein größenwahnsinniger unb
im (Brunbe untüchtiger Wüterich- £r lagt nach bem wilben
Brauche bei rufftfehen palaftrevolutionen bie Sarinwitwe
ermorben unb bas SarenPinb heimlich befeitigen. Rngeblich

ifi ber Äronprinj Bmitri in einem entlegenen Schlöffe ge*


fiorben, bas VolP raunt, er fei ben ^äfchern entflohen unb
halte ftch verborgen, um in beffercr Stunbe jurücfjuPehren.
Nur bie Vertrauten bes Ufurpators wiffen, wie er getötet
würbe. Sunächfl fegt Boris bobunow ben jüngeren ibioti*
fchen Sohn bes 3aren Owan Puppe auf ben Chron, bann
als
tut er ben legten Schritt unb läßt ftch felber jum 3aren
Prönen. JDas Blutregiment bes neuen ^errfchers peinigt bas
VolP bis $ur Verzweiflung, bas ftch um fo fefier an ben
(Blauben Plammert, ber rechtmäßige 3<*r Bmitri werbe halb
wieber auftauchen.
fciefe fef>nfü$tige Stimmung macht ftcf> ein junger ruf»

fifdjer UTönd> zunu^e, um bie KoHe bes geretteten 3*ren ZU


fpielen. <Db er allein ben plan erfonnen ^at, ober ob er von
vornherein iu bem betrüge gebungen warb, iß nie ans
£i<ht gekommen, jedenfalls fonnten bie tfefuiten an biefem
weltgefchithtlichen Schwindel zunächß wohl noch nicht be-
teiligt fein, XDie er fein großes Porhaben anfpinnt, jeigt
ihn als Hteißer ber Perßettungsftmß unb ber politifchen
Xänfe. (Cr pilgert nach Äiew, angeblich/ um in bem be-

rühmten orthodoxen jRloßer ju beten, macht ftch aber fo-

gleich an ben litauifchen dürften TDiesnicfi, ber enge Be-


ziehungen zum polnifchen *£od)abel beft£t. Haum h<*t er im
^aufe bes dürften ein Unterfommen gefunden, ba fiettt er

fich ßerbenstfranf unb forbert einen prießer zur lebten


Reichte. UTan möge ihn, bittet er, wie einen Prinzen be-
graben; wer er fei, werbe man in einem ÜSofument finben,
bas er unter feinem Äager verborgen habe, £>amit finüt er
in bie j&iffen jurücf, als wenn es mit ihm ju Üinbe geh«.
3Der prießer hol* ben dürften hf^bei, fte lefen bas papier,
auf bem er als ber Jarenfohn Ssmitri bezeichnet wirb, Huf
feiner Bruß entdecken fte ein biamantenes Schmucfßücl? in

Xreuzform, es fcheint wirflid) aus bem 2&remlfthaQe zu


ßammen. Während ß'e noch in ihrem Staunen befangen
ß'nb, fpringt ber Sterbenbe auf unb wirb plöfclich gefunb.

Rein Zweifel, er iß’s, (Sott bat an feinem (erwählten zum


Zweiten Htale ein Wunder getan.
55er ^ürfl bringt feinen Schübling nach Polen hinüber
unb läßt ihn gegen rufßfdje ^achßeHungen gut bewachen.
Bas (Gerücht vom Wieberauftauchen bes Jarenfohnes eilt

wie ein Lauffeuer burch ben <Dßen. 05ewiß, es gibt Un-


gläubige, bie biefe abenteuerliche (Befeuchte nicht ernß
nehmen. Kber anbere, unb gerabe bie (einflußreichen, halten
gerne für wahr, was ihren Wünßhen unb planen entfpricht.

Bie ^efuiten haben ftch felbßverßänblich fchon bei ber erßen

)02
Äunbe aufs lebhaftere für ben intercffiert. Sic Pennen
ftd) jwar Vorgängen viel $u grünblid) aus,
in ben rufftfchen

um von ber £d)theit bes C^ronnnwärtcrs überjeugt ju fein.


Uber bleibt es nid)t gleichgültig, tuet fein Pater mar, wenn
ihn nur ber *£mmtl auserfehen hnt/ Kußlanb mit bem
römifchen (Blauben $u beglücPen! Pie patres bieten ihm
ihren religiofen Peiftanb an; fchon fein Pater 3wan l^ätte

ftch heimlich bem Pathöiifd)en PePenntnis $ugewanbt, nun


möge ftd) ber Sohn ohne Porbehalt ber papßPirthe anver*
trauen, Per falfd)e Pmitri geht leichten ^erjens barauf ein,

er beichtet unb voUjieht ben Übertritt.


Pie patres bemühen ftd) nun um Seugen, bie ben jungen
Mann als leibhaftigen Jarenfohn ausweifen. Dn polen
leben viele vornehme Jtuffen in ber Perbannung, bie als

Knhänger bes alten ^errfcherhaufes vor töobunow ge*

flüchtet finb. Sie finben ftch ohne Peftnnen bereit, bie

#hnlichPeit 3tt>ifd)ett bem prätenbenten unb bem Äinbe, bas


fie einß Pannten, $u beglaubigen; benn fie hoffen, burch biefe
feltfame Rügung in Macht unb £1)Vtn heimPehren ju Pön*
nen, unb ftd)erlid) bilben ftch bie meißen auch ein, baß ihre
befd)worene llusfage $uträfe. Pie ^efuiten fammeln bie

SthriftßücPe, in benen bie UnerPennung protoPottiert iß,

für ihre weiteren ßaatsrechttid)en 3wecPe. Pemetrius, wie


ftch jetjt ber falfd)e prinj als Äömling nennt, läßt burch

feine arißoPratifche Haltung bie ^erPunft glaubhaft er*

fcheinen, er führt auf Soften feiner GSönner ein fürstliches


£eben, er iß leutfelig, waffengewanbt unb von Pühnem
^errengeiß getrieben.
nun gilt es, bie Machtmittel $u gewinnen, bie ein

3arewitfd) braucht, um feinen 'Mnfprüchen nadjbrucF ju


verleihen. 3n Sanbomir refibiert ein unermeßlich reicher
\Poiwobe, beffen £h r0 e i$ einen großen ^errfcherthron für
feine Itochter erträumt; ihm Pommt ber £Crbe ber 3aren*
Prone gerabe 3 ured)t. \Penn ftch Pemetrius mit feiner
Cocf)ter Utarina verlobt, tritt er für ben Schmiegerfobn
ein Bölbnerbeer rüßen. $>er Cbronanwärter wirb nach
Sanbomir eingelaben unb ber nod) obenbrein bilbfcbönen
TUoiwobentochter vorgeßettt. ©«0 Utäbchen verliebt ftd) in
ben ßattlidjen prinjen, unb alles gebt pl>antaflifc^ wie im
tnärd)en feinen (Bang.

3m fechsfpännigen prunFwagen $iebt Demetrius mit


feiner Sraut in RraFau ein, unb fogar ber päpßliche VTun-
tius t>ulbigt ibm. 3Die t>erbanblungen mit bem polnifcben
^ofe übernehmen bie ^efuiten, bie fortan auch atte anbern
internationalen (Befcbäfte für Demetrius eifrig beforgen.
®r b<ü ß«b &«ftir in feierlicher UrFunbe verpflichten müf«
fen, als 3ar bie rufftfche Kirche bem papß untertan $u

machen. Äönig Bigismunb wagt niemals anberer ttteinung


)u fein als bie patres, unb bie 23ebenFen bes Kbels wißen
fie $u serßreuen. Polen leibt bem 3arewitfch feine Unter«
ßügung, unb bie Roßen übernimmt sum
bes ^elbjuges
größten Ceil ber tüoiwobe von Banbomir.
Öemetrius, von ben patres beraten unb geleitet, bringt

mit feinen Cruppen in Äußlanb ein unb läßt ftch in ben


befeQten (Gebieten als Befreier vom 3ocbe (Bobunows
feiern, aus beßen Rrmee bie Überläufer in Bcharen $u ber
^abne bes fcheinbar rechtmäßigen «^errf chers ßrömcn. Balb
ßebt er in ber t?äbe von UTosFau, unb von feinen X>er»
fprechungen gelocFt, sieben ibm bie rufßfthen Großen jur
£ibesleißung entgegen; (Bobunow vermag Feinen ernßlichen
XPiberßanb mehr $u leißen. Uls ber wutentbrannte Cytann
vom Bchlagfluß getroffen nieberßürjt, fiebt ganj Xußlanb
barin ein Gottesgericht. 5>er Äreml öffnet ftch frem gott«
gefanbten Grben unb gelben, er wirb mit feiner Utarina
nach &en alten prunFseremonien geFrönt.
fcie Bojaren unb Popen bemerFen freilich ntit Utißfallen,

l©4
bafj ber junge 3ar ftcf> ganj ben fremben priejtern überant*
wertet, er betet mit ihnen, unb nur mit ihnen ertebigt er
bie wichtigsten Hegierungsgefdjäfte. Wer ben neuen romi*
fc^en Äirchentult mitmacht, erhält bie höchsten H?h*enSteEen.
t?ur in einem jeigt fich Demetrius nid echter Hujfe unb
2>lut$ar; er befiehlt, Gobunows Witwe unb ^inber $u
töten, auch <*He Vertrauten bea Vorgängers werben blutig
verfolgt, unb fo fchafft er fich fchneU wieber eine feinbliche
Gegenpartei. pater Sawicti, ber allmächtige ^ofminifter,
merft balb, bafj bie jefuitifche politif bei bem Umfchwung
in Hu|$lanb voreilig unb leichtfertig war. So fchneU unb
einfach laffen fich bie Starren rufftfchen Verhältniffe nicht
änbern. Uber man h<*t nicht mehr 3eit, bie quirlenbe ®nt*
wicflung ber Dinge $u beruhigen. Huf £ug unb Crug war
bas Unternehmen gegrünbet, mit benfelben Ulitteln fucht
man fich weiterjuhelfen. Der 3ar gibt befannt, ber römifche

Papft fei lebiglich Xufjlanbs Verbünbeter, unb bie patres


hätten nur bie Hufgabe, ihn unb bie Bojaren in ber latei»
nifchen Wiffenfchaft unb Diplomatie ju förbern.
Hm ^ofe beginnt nun ein emfiger lateinifcher Unterricht,
ju bem auch bi* Kojoten erfcheinen müffen. Hber in ifwe
Dicffchäbel gehen bie toten Vofabeln nicht 1)intin f fie ent'
fchlummern, wä'hrenb ber 3ar mit ben ^efuiten feine ®Fer*
jitien treibt. Doch ber Hrgwohn ber rufftfchen (Broten ijt
um fo wacher, unb wenn fie vermuten, bajj biefe Geheim*
fprache ba$u bient, bas rufftfche Volt an ben papiftifchen
Wejten ju verraten, fo h «ben fte ja im Grunbe nicht unrecht.

23alb bitben fich im Hremt bie erften Verfchwörungen, bie


Patres fudjen vergeblich bie Gegenfäge $u verwirren, bie
(Dppofition ju fpalten unb aufeinanbcr ju heilen. Sie miiffen
Schließlich ihre Sache in Hufjtanb verloren geben unb machen
fich, ehe bie neue Palastrevolution $um Husbrud) fommt,
aus bem Staube. 3ar Demetrius, ber betrogene Betrüger,
fucht ftch, als bie Schlofjgarbe meutert, in einem Wintel bes
Äremt ju verftecFen; man jieht ihn vor, bie JDoldje bligen
unb jerfetjen feinen £eib bis $ur UnFemttlichFeit. 3Die &ache
bes Scfyicffalö hat einen ^ochßapler ereilt; ber in ber <&b)t
bes vorübergchenb erreichten Siels wohl Faum feinesgleichen
finbet.

3Die mitfchulbigen ^efuiten müflen nun vorläufig ihre


öfHichen Umtriebe wieber auf polen befchränFen. Sie hatten
bie TDafa*£)ynafhe nach Polen gebracht, fte betrachten ftch
auch weiter als ihre politifchen X>ormünber. &>as polnifche
Staatswefcn erlebt freilich 0 erabe im fiebjehnten CJahr*

hunbert feinen unaufhaltfamen X^iebergang. $>aran ifl bie


Utifjwirtfchaft bes 3lbels fcfjulb, bem bie patres freie ^anb
laffen, weil fie ihn als bie Stü$c ber FleriFalcn Utachtinter*
effen nicht entbehren Fönnen.
Johann Äaji'mir, ber leiste polnifche tUafa^önig, war
als prinj in ben geijUichen Stanb getreten unb biente fogar
aFtiv in ber truppe tfafu. Uls er auf ben Chron berufen
wirb, fühlt er fich auch weiterhin bem (Drben burch Pflicht
bes (ßehorfams verbunben, unb bie (Befchichte hat ihm mit
Jlecht ben Beinamen ber „CfefuitenFönig" verliehen. JDoch
gerabe ihren geFrönten 23ruber lenFen bie 0rbensmänner be»
fonbers fchlccht. £r läf?t fich in Kriege mit Kujjlanb, Schwe-
ben, löranbenburg verwicFeln, es ftnb alles Staaten mit
nichtrömifchem 2>eFenntnis. überall unterliegt er, nad)bem
er vergeblich auf Faiferliche »gilfe gehofft hat, t»ie ihm ber
(Drben in Überfettung ber Fatholifchen ÄeligionspolitiF
verfprochen hatte. llls ber banFrotte tJefuitenFÖnig j 66 $ ab»
banFen mu£, nehmen auch bie großen öfHichen (Croberungs*
manöver bes Cfefusorbens einen unrühmlichen 'Husgang.
3lber ber ÄleinFrieg bes (Drbens geht in ben Fulturtragen*
ben Stabten bes polnifchen Reiches auch n och im jS. CJahr»

hunbert hinterhältig unb blutig weiter. &ie ^auptorte ber

jo6
(Brenzgebiete ftnb religiös unb völFifrf) bunt gemifcht ober
gefeuchtet. 3n Cf^orn, ber alten Utetropole bes polnifd)*
preufjifchen BinnenverFebrs, überwiegt unter ben heftigen*

ben Bürgern bas beutfehe unb zugleich auch proteflantifche


Element. 3Dic patres bes ^efuitenFollegs, gefhi$t auf Krone
unb Xeicbstag, l>aben tjier bem evangelifchen tttagiftrat
fdjon feit langem burcf) loFale Bosheiten unb politifche
Intrigen fermer zu f Raffen gemacht. 3m 3uti J 724 treibt
nun ber cBegenfafc einem tlusbrud) zu, ber unter bem VTamen
bas „Corner Blutbab" als berüchtigter jefuitifcher 0cf)anb*
aFt in bie (Befchichte eingegangen iffc. 3Dic (Brbensprozeffton

bat ftd) wieber einmal in bie proteftantifche tDobngegenb


begeben; man märtet nur barauf, ba£ bie Knbersgläubigen
ber fatholifchen UTonfiranz bie «Ehrenbezeugung verfagen.
Cfefuitenzöglinge fd)lagen ben Bürgern bie
evangelifchen
^üte vom Cumult
Hopf, fchon braufl ber burch bie Strafen.

3Die entrüfiete proteftantifche Utenge zieht vor bas 3efuiten*

Folleg, zertrümmert bie ^enfter unb rietet auch in einigen

3nnenräumen aUerlei Perwüftungen an.


Soweit wäre bas ein 3wifchenfaü, wie er im 3eitalter

fchroffer FonfeffioneHer ^einbfehaft nicht gerabe ju ben Sei*


ten heiten gehört. Kber bie Chorner 3efuiten machen baraus
mit FunftvoHen Perbrebungen eine grofje StaatsaFtion; fte

Flagen vor bem tParfchauer i^of* unb Uffefforialgericht


gegen ben Chorner Utagifirat wegen Begünstigung eines
Aufruhrs. “Huf bie Kusfagen ber patres tyn f bie bei ben
tParfchauer Utachtbabern natürlich ftarFen «Sinflujj heftigen,

werben ber Bürgermeister Kösner, ber Pizebürgermeifter


SerneFe unb fteben Katsherren znm Cobe verurteilt. Kber
ben Kistern Fommen KnFlage unb Spruch felbfi nicht ge*
heuer vor; befHmmen baber, bas Urteil foUe nur voll*
fte

flrecFt werben, wenn ein 3efuit zufammen mit fechs «Bibes*

belfern aus bem polnifchen Kbel bie Scbulb burch feinen «Eib
beFräftige. «Es ift z*»«r burch nichts bewiefen, baf* ber Uta*

J07
gifirat abfufytlicfy ben Schufc bes ^efuitenfoHegs verweigert
hätte.Mber auf Befehl bes ^efuitenreftora in Chorn wirb
ber Eib gefchworen, ber neun ehrenhafte Stabthäupter ins
Vcrberben bringt. Ber päpftliche Nuntius Santini fyattt

bie patres brieflich gebeten, biefen Eib als bes h eiligen


Stanbes unwürbig nicht zu fchwören; auch bie dichter hat*
ten ben ©rb?n noch einmal gewarnt. Es half nichts, ber
jefuitifche Megerha# war nicht zu erweichen. ‘Mm 7. Bezem*

ber fallen bie neun €horner Stabtherren auf ihrem eigenen


HTarFtplafc unter ben Streichen bes ^enfers. Much bie Mn*
rufung ber ©nabe bes Kbnigs war vergeblich gewefen, benn
Muguft von Sachfempolen, als Konvertit felbft oft be*

fpottelt, wollte ftch nicht als protefiantifcber Befd)ü$er bem


Verbacht ausfefcen, fein Übertritt jum Katholizismus fei

nicht ernft ju nehmen. Mber bas „Ztyotntt Blutbab" hat


bafiir bas ©eftcht bes ^efuitenorbens in ben weiten norb*
öjtlichen £anben für alle 3eiten befubelt.

3e weiter bie MufjenbezirFe Europas von bem römifd)en


KulturFreis entfernt liegen, fchärfer ftch ihr rafftfches unb
je

geopolitifches Eigenleben von ber romanifchen ^ormenwelt


abhebt, befto ausftchtslofer ftnb bie jefuitifchen Verfuge,
biefe Äa'nbcr im tarnen bes papfhum bauernb mit ihrem
©eift zu burchbringen. Biefe 3one zieht ftch von Kußlanb zu
ben norbbeutfch'fFanbinavifchen Küjten hinüber unb cnbet
auf ber britifchen Dnfel. Much Englanb wehrt ftch mit zäher
VolFsPraft gegen religionspolitifche überfrembung, Much

hier erobert bie truppe 3efu vorübergehenb bas ©elänbe,


wenn fte Fatholifdj geftnnte Monarchen verführt hat. Mber
bie Erfolge Pönnen Feinen Beftanb haben, weil ber englifche
UnabhängigFeitsftnn eine VTebenregierung internationaler
KleriPermächte nicht bulbet.

JOS
niemals war ber britifd>e Dird>enFult mit ber papßwelt
fo eng verbunben gernefen wie ber Fontinentale. Dud) im
Htittelalter f^atte ftcf> bas OnfelvolF eine gewiße Fulturette
SelbßänbigFeit bewahrt, bie römifchen Lehren unb <&t*
bräune überbecFten nur lofe ben (Drganismus ber Nation.
£>ie englifd)e ^römmigfeit befaß immer einen ^ang $um

praFtifchen, jur Ertüchtigung in ber natürlichen Gebens»


bahn. Englanb lag lange außerhalb ber politifd)en Dampf»
region bee römifchen Stuhles, es gab bort nicht wie in
&eutfd)lanb eine „ultramontane" Dirchenfrage. So ßeigt
benn auch bie proteßantifche Deformation ber Englänber
nicht mie bie ber $>eutfchen aus ticfßen Wewißensnöten
empor.
Ein englifcher Dönig will feine Ehe löfen, unb ber
Papß fagt nein, bamit beginnt ber DonfliFt. JDiefer ^tin*
rieh VIII. iß ein viel ju felbßbewußter ^err, um fleh von
bem römifchen (Dberprießer vorfchreiben ju laßen, ob er bie
Erwählte feines ^ersens heimführen barf ober nicht. Er
heiratet bie fchöne Dnna £otepn auch ohne ben Fatholifchen
Segen unb grünbet ßd), als ber Crennungsßrich gezogen iß,

eine eigene StaatsFirche. Unb bie Ration ßimmt ju, nicht

gerabe um bie Liebesabenteuer bcs hemmungslofen Wton»


archen ju unterßüfcen, fonbern weil ße bie für Englänber
geltenben ßaatsbürgerlichen Dechtsformen nicht von außen
her 3u bejiehen wünfeht.
Hun geht es h<*rt auf hart 55er Dönig läßt feinen wiber»
ßrebenben Danjler, ben romtreuen igumanißeh Thomas
tJTore, hineich ten, bie Weißlichen müßen bem Dönig auch ln
geißlichen Gingen Wehorfam fchwören ober bas Dmt nieber»
legen. 2Die Durie mahnt unb broht vergebens. Dis bie

papiernen Dampfmittel verfagen, fdßcFt ße $wei 3efuiten


nach bem Fatholifch gebliebenen Drlanb, ße foHen bie 3ren
jum Dbfatt von Englanb aufreisen. £>och biefe patres ßnb
noch Dnfänger in ber politifchen Wühlarbeit, unb bas Unter»
neunten ferlagt ^ür Purje 3eit Peß rt Änglanb feßeinbar
in ben römifeßen Scßoß zurüdf, cid ^einrieße älteße Cocßter
aus ber erßen, nocß päpßlicß legitimierten Utye regiert. Aber
bann Pommt bie Cocßter jener Anna 23olepn $ur ^errfeßaft,
um beren Beirat ber Streit entbrannte. Königin Üilifabeth
iß £nglänberin bureß unb bureß, eine fet>r Pluge unb ener-
gifeße Hüterin ißrer UTacßt. Sie gilt bei ben päpßlicßen
unb muß ißren Cßron als lefctes CuborFinb
als 23aßarbPinb
mit äußerßer Strenge gegen bie biplomatifcßen Umtriebe
verteibigen, bie auf eine neue Äatßolißerung bes Äanbes
bureß bie Stynaßie ber Stuarts 1)in$i eien.

glifabetß h<** ben jefuitifeßen Agenten ber Stuarts bas


betreten englifeßen Kobens verboten unb eine feßarfe Äon*
trolle beßcllt. 3ebes Scßiff, bas vom ^eßlanb Pommt, wirb
genau bureßfueßt, jeber pä'pßlicße Senbling foU fofort ver-
haftet werben: 2>ie englifeßen 23ehörben erfahren, baß zwei
Patres ßcß einfcbleicben trollen, unb verboppeln ihre Wacß-
famPeit. Üiines Cages berichtet ein in 35overanPommenber
Äapitän, er h«be bie ^efuiten in Calais beobachtet, ße mür-
ben woßl feßon mit bem nacßßen Segler bie überfahr*
tragen. 3um JsanP für feine AusPunft bittet er um bevor-
zugte Abfertigung feines ^reunbes, eines irifeben ^änblers,
mit bem er in Äonbon <5cfcf>äfte zu erlebigen h^be. Ulan
Pommt bem Überbringer einer fo wichtigen Nachricht gern
entgegen, unb ber angePünbigte ^änbler barf ohne Umßänbe
pafßeren. VTaeß einiger 3eit vergeblichen" Wartens auf bie
römifeben prießer vernimmt bie Äonboner Polizei bureb
ihre Spifcel, baß bie beiben Gefuchten ßcb längß feßon im
Äanbe befinben unb in ben geheimen papißifeßen Greifen
eine lebhafte CätigPeit entfalten. 25er freunblicße Kapitän
war ber eine 3efuit gewefen, unb fein ^reunb, ber angebliche
irifeße ^anbler, ber anbere.
£>ie patres foEen in bem ^aufe eines tno^I^abenben
Glaubensgenoffen verflecPt fein, bod) als man bort einbringt,
ftnb fte fd}on ausgeflogen. tDieber unb wieber Fommt man
auf il)re 0pur, aber fte wechfeln fiänbig itytt Scf)lupfwinFel.
Sie benutzen niemals ben XOeg bur<h bie Haustüren, fon*
bern Flettern nad)ts burch bie ^ad)luFen. Am Cage x>tt*

flecFen fte ftch in ben AeEcrn unb Hinterhöfen, bort brucPen


fte auch Pamphlete gegen bie Königin unb bie Staatspolitik
£>ie Flugblätter werben ben Gpforber Stubcnten jugefteEt,
fte Heben an ben Airchentüren, fie liegen auf ben parla*

mentstifchen, fte finben ftch unter ber Umhüllung ber


TUarenbaEen, unb Feiner Fann bie Attentäter faffen. 3Die

öffentliche ttteinung wirb immer erregter, beinahe ganj


Bonbon beteiligt ftch <*» ber 3efuitenjagb. £lach ben An*
gaben über verbächtige £rfcheinungen, bie aus bem publi-
Fum einlaufen, müf?te es ftch um ein ganzes Hccc uon
3efuiten h<mbeln. VToch weifj man nicht, bafj bie Fleine

(Bruppe ber Unruhefhfter fiänbig bie AofHime vertaufcht,


baf fte als tttatrofen, als Äaufleute, als Stubenten,
dauern, H<mbwerFcr unb fogar in ben Amtstrachten von
Staatsbeamten unterwegs ftnb.
Gnblich erfpäht man einen ber patres, ber in ber Fracht
eines tfbelmannes auf ÄanbftQen erfcheint, wo noch *> ec

römifche Kultus Anhänger um bort bie Reichte $u


hören. £h e man ihn greifen Fann, fpringt er jum F cn f>cr
hinaus unb entFommt auf fchneEem Pferb. 3Doch man
lauert ihm auf, unb bei einem anbern Befud) wirb er ein*
gefangen. Sie binben feine Beine unter bem pf erbeleib
jufammen unb tyeften ihm ein ptaPat an ben XücFen:
„Gbmonb Campian, ber jefuitifche 23anbit." Äs ifi niemanb
anberes als ber irifdje H^nbler, ber in „Gefchäften" nach
Äonbon mu£te. Unter bem H°h n ' unb 3ubelgebrüE bes
Äonbon in ben Cower esFortiert. 3Dort
X>olFes wirb er nach
fpannt man ihn auf bie Falter, er foE bie tarnen ber ttlit*
verfctyworenen nennen, SOoch ber 3efuit erträgt ftanbhaft
bie Oualen unb verrät bie (Benoffen nicht. $>ie E<*nptftabt

\)<A jwar baa Sdhaufpiel feiner Einrichtung mit Kab unb


(Balgen, aber ber ^efuitenfcfyrecf geht weiter um. Offenbar
ftnb auch von * tn ^imlidftn Anhängern bea römifchen
Bults nur bie wenigften in bie Schliche ber E^uptagitato*
ren eingeweiht. Sie kennen bie plötglid) erfcheinenben prie«

fter nicht, bie ihnen baa SaPrament fpenben, fte glauben,


baß ea immer wieber anbere feien, Ber Patholifche (Botten
bienft ift an ftch nicht gerabe verboten, nur bie E e& e
bie staatlichen Einrichtungen Englanbs, unb man Pann ben
(Bläubigen, bie ftd) nur nach einer römifchen ‘Kltarhanblung

fehnen, meifl nichts Staatagefährlichea nachweifen.

Bie polijeibehörbe fcijt fdjließlich rieftge Belohnungen


für bie EntbecPung bea jefuitifchen ^nuptquattict» «ns*
Ba melbet ein (Bärtner von Caftle bei TDorcefler,
baß im Schloß h«u fig «uffaHenbe (Beftal ten aus* unb ein«

gingen. Ber Xiefenbau, ber einer römifd) gefrönten Bbele«


familie gehört, wirb überrafd)enb umzingelt unb befegt, bie

Eäfcher tappen burch E«H*n unb Säle, burch (Bange unb


(Balerien, fte burchfuchen (BewÖlbe unb Ciirme, nirgenba
finben fte eine Utenfchenfeele, baa ganje (Bebäube liegt ver-

laden ba. tPie löft ftch bas Xätfeh 3tla bie potyiften er«
fahren, baa Schloß fei bolb nach *h Bbmarfch wieber
bewohnt gewefen, ohne baß jemanb bie Pforten burch*
fchritten fyabt, richten fte ftch «nf «ine förmliche Belage«
rung ein.

Enblich Pommt ein Schloßbieuer $u ihnen Übergelaufen,


ber baa (Beheimnia enthüllt. Boa Erbgefchoß ift burch
türen mit BeHerräumen verbunben, bie Peinen anbern Zu-
gang im Enufe tyabtn; von bort führen unterirbifdfe (Bange
nach braußen intyofylt Bäume. 3n ben oberen StocPwerPen

in
ftnb bie tDänbe hinter beit Silbern unb (Bobeline brehbar,
von ben Kaminen aua erreicht man verborgene Creppen*
f<hächte. 3n ben (Üetyeimfammtvn finben fte nun genug 23e*

weiamaterial; ba liegen bie falfd)en iöärte, bie perütfen,


bie Äoßümgarberoben für atte Stänbe, bie gefällten llua»
weife unb bie Scfymäbfchriften. Pie Pcrfchworenen ßnb
freilich entFommen, man muß tveiter nad? ihnen fahnbeit.
fortan tvirb jebes verbädßige ^aua bei ber 5>urdj*
fucbung mit lipten unb €pi$l>a<fen bearbeitet, unb tatfäd?*
tid? {teilt fttf? ^eraua, baß ea aud> an anbern (Drten fold?e
PerßecFe gibt, bie fogar immer erfinberifcher angelegt ftnb.

Einmal erwifchen fte jemanben, ber ftd? in ben Schnapp-


med)aniamua einer Geheimtür eingeklemmt tyat, aber ber
Unbekannte verrät mctyta. iFrß aua fpäteren (Drbena*
cßroniFen läßt ftrf> Cruppe 3efu im ein»
erfehen, tvie bie
Seinen babei ju VDerFe ging. JDer RonßruFteur ber ßnn*
reifen PerßecFe war ein 3efuitenpater 4>wen, ber ßd?
rühmt, burcb feine mechanißhen Xünße ^unberte von ver-
folgten 23rübern vor bem Cobe gerettet ju ^aben. UTit*
unter Ralfen fte ftcf> au d? burd? Geißeagegetnvart unb
XPiOenaFraft; ein pater erzählt, er hätte ftd? bei einem
Überfall von unten l)tv an bie €ifd?platte mit Urmen unb
deinen feßgeflammert unb in biefer £age ßunbenlang aua*
gedarrt. £in anberer berichtet, baß er mit elenber JTticne

ben Schergen anbettelte, ber ihm barauf eine Utün$e ge»


reicht h <*be unb tveitergegangen fei. ÜJin britter umarmt,
ala man ihm nacfyßeHt, einen alten 3uben nad? v^ebräcrart
unb fchaufpielert burch biefen ÜberrafcßungatricF bem Huf*
paffer feine ^armloftgfeit vor.
tiefer BleinFrieg auf großem ^intergrunbe fdüeppt {ich

in£nglanb faß über bie gan$e zweite Hälfte bea fecßjehnten


3ahrhunberta hin- Vtath Hblauf bea elifabetbanifchcn Seit*
altera, baa für bie englifd?c VTationalFultur Flafftfd) ge*
worben iß, Fommt swar ber Sohn ber fatbolifcßen Utaria

t ©4M»le*«Pfacljtr, £>a» 3«fuitt«.Su4) JJJ


©tuart ala I. jur Regierung, aber an bem Fultu*

reHen Gefamtbilb änbert ft'ch nicht viel. 2?ie £r$iehung bea


prinjen war Fatholifch beeinflußt worben, er ber
römifd) gefinnten 'DolFaminberheit erhebliche X>erfprechun*
gen gemalt, aber ala !Rönig Fann er fte nicht einlöfen. £>ie

X)olFavertretung würbe ea nietet bulben, unb ber Chron ift

ihm mehr ala eine UTeffe wert. Vjach Furjer paufe nehmen
bie enttäufchten ^efuiten ben Äampf wieber auf, fte ver»
bieten ihren Slnhätxgern, ben ©taataeib ju leiden unb ver*
unglimpfen bie angliFanifd)e Äirt^e. 3a, fte werben fogar
ju geizigen Urhebern unb Utitwiffern einea verbrechen*

fchen llnfchlaga, ber auf eine ungeheure ÜUtaftrophe ab**

jielt: baa englifche Parlament foH in bie Äuft gefprengt


werben. SDod) ehe bie im ÄeUer bea palaftea verborgenen
pulvertonnen loage^en, wirb ber böfe plan aufgebecFt. SDie

(Cntrüfhmg bea PolFee fdjlägt fhirmifche TDogen. VTach


einem fenfationeUen Kiefenprojeß enbet ber mitfcf)ulbige
pater, ber julefct fein leugnen auf gegeben l?atte, ala ber
abfd>eulicf>e römifrfye 'Jlntichrifl auf bem Blutgerüfi.

£>en Äönig fud)en allmählich immer heftiger bie gcbanF*


licken ©Frupel l;eim, benn bie beiben gegnerifchen TDelt*
anfdjauungen jenen in feiner Brufl, bie urfprünglid) Fatho*
lifch empfanb. Um ftch bavon ju befreien, wibmet er ftch

leibenfchaftlicf) bem ftaatap^ilofop^ifc^en ©tubium.


£rgebnia feiner Betrachtungen faßt er in einer ©cfyrift
über baa (ßotteagnabentum ber ÄÖnige 3 ufammen: XOtn n
ber himmlifche TDille ben UTonarchen bie höchfle UTacht auf
iFrben verleide, fo müffe barin auch bie geiftliche (Dberauf*

ficht über bie ©eelen enthalten fein? benn ber £>rang ber
©eele entfalte ftch hoch auch in ben irbifchen Vorgängen.
@o beruhigt tRonig 3<rto& mit gelehrten Spiegelfechtereien
fein eignea «Sewiffen; er h<*$ f«h nun fUber bewiefen, baß
ea für ihn feine fremden Autoritäten geben barf. 3n frohem
Stolje fd^icft er fein Wert an alle gefrönten Häupter
Europas. Sie follen von ihm lernen, wie man bie Allmacht
bea ^errfchera gegen bie geijHichen ÜÜnmifchungen $u ver»
tcibigen \)at. An ben fat^olifdjen ^öfen fpottet man jwar
über ben „flugen Harren" auf bem Aönigathron, bod) in
ber Aurie nimmt man bie Sache feineawega auf bie leiste

Ad)fel; benn manchen fürfilichen ^errn wanbeln in ber


Prapia ähnliche (Belüfte an, aud) wenn er ftct? nod) aua reli»

giöfer Überlieferung an baa alte £>ogma l?alt,

$>arum befommen jefct bie ^cfuiten vom papfle ben


Auftrag, ben englifdjen Aönig mit ber theologifchen Streit»
feber ju wiberlegen; unb fit beforgen auch baa mit einer
(Befchicfliehfeit, bie ihren fct)aufpielerifcfyen unb turncrifchen
Äeifhmgen in Bonbon um nidjta nachfieht. £>ie flügften

Aöpfe ber ^cfuitenfottega in Portugal, Spanien, Aom unb


äfterreid) machen ftd? an bie Arbeit, unb fo entfielt eine
Literatur, in ber $um erften ttlale baa Staataleben ber
Heujeit in all feinen inneren (Begcnfäfclichfeiten bur<h»
leuchtet wirb.

$>ie Dbeenfolge, mit ber bie beiben gefcfpneibigfien


Genfer bea (Brbena, Suarej unb 2$eHarmin, operieren,
fntipft mehr an baa Prinzip ber großen tnad)t»
nicht

päpfte an, baa bie Aönige nur $u weltlichen £ehnat rä'gern


ber päpftlichen Cotalherrfdjaft über bie Chriffenheit ma»
chen wollte. 2>ie römifchen Staatathcologen erfennen jefct

an, baj? bie Aönige in allen weltlichen Gingen felbfthcrrlich

feien, folange fit nicht baa Seelenheil ber Untertanen ge»


fährbeten. 3Der moberne (BrunbfaQ einer frieblichen Schei»
bung von Staat unb Airdje wirb bamit grunbfätjlid) feft»

gelegt.Aber waa gefährbet baa Seelenheil? TPer entfeheibet


barüber? 3Daa finb bie Streitthemen ber Aulturfämpfe bia
auf ben heutigen Cag geblieben. Hach jefuitifcher Äehre
entfeheibet natürlich ber Papft in allen geiftlichen Gingen.
Bber wo ijt bie Grenze jtmfc^en geiftlich unb weltlich? Bie
cnglifche Brone hat ftdj beifpielsweife angemaßt, über bie
ißinrichtung ber CC^e felbjl zu verfügen. 3n ben fdjwierig»
fien fragen bringen bie jefuitifchen Unterfud)ungen alfo
feine neue £öfungen, fonbern nur moberne Probleme.
Tpo es fid) um bie irbifche ittacht hanbelt, finb bie

^efuiten nicht fchüchtern, fonbern fogar unter Benutzung


uralter (ßebanFen für jene Seit übermobern. Sie meinen
nämlich, baß bie potestas bes Bönigs fich vom BolFswiHen
Verleite. Bber wie burften bann bie ^efuiten ein Spreng-
Attentat auf bas Parlament begünftigen? 3Die TDirFlidjFeit

bes Bampfes ifi eben etwas anberes als bie Betrachtung


ber philofophie. Sie mürben fidj bamit ausreben, baß ber
Bampf gegen ben englif d)en Bönig aus geifUidjen (Brünben
notwenbig fei, unb baß er auch bem PolFe gelten müffe,
trenn es einen folgen Bönig an feiner Spifce haben moHe.
Solche flaatstheologifchen Buseinanberfegungen FÖnnten
uns fehr viel gleichgültiger fein, trenn fte nicht einen gro-
ßen €eil ber Brifenfubjtanz unferer abenblänbifd>en <Be-

fd)ichte enthielten. ISs trar ja ein politifcher Bnlaß, ber ba-


mals bie jefuitifchen Schriftsteller auf ben plan rief, es ging
um Souveränität ber europäifd)en Rührer. Bönig 3aFob
bie

foUtc gebudft unb in feinen Bedien gefchmälert trerben.


So einfach, wie ft<h ber Fönigliche Philofoph von £Fng-
lanb fein (Bottesgnabentum vorftellt, läßt fich ber Sachver-
halt allerbings hoch nicht Flären, trenn man jenes 3ahr*
hunbert überzeugen triH, bem bie (Blaubensbinge eben zur

geißigen ,$rageßeiiung getrorben ftnb. Ber Bönig merFt


halb, baß feine Brgumente in ber europäifchen tOelt nicht
burchfchiagen. tDie fo viele verbiffene CheoretiFer, bie mit
bem tDiberfprud) nicht fertig trerben, läßt er fich nun 3U

Maßnahmen fyinrci^cn, bie er urfprünglid) burchaus nicht


getrollt hatte. £r wirb jefct zum wilbeßen 3efuitenverfolger,
alle heimlichen Senbboten Borns, bie in feine «£änbe faSen,
werten auf bet ©teile gelängt, lebet bet (Beridjtalorb mujj
feuf3enb bePennen: „TDaa nütjt e» un», für jeben, ben wir
aufPnüpfen, jutb 3wei neue ba!" *£& ifi bie 3 city wo bie

Cruppe 3 *fu bie f>öcf$e Htt3iel>ung0?raft auf junge Äeute

au»übt, bet (Drben braucht um Vlacfjwud)», bet auef) bis

3 um HTärtyrertobe entfcf)loffen ifi, nietet verlegen 3u fein.

$>et nädjfte ©tuartPönig Harl I. trägt bas vom T>ater


ererbte 3ewufjtfein feine» (Botteagnabentuma mit eleganten
Xitteraflüren 3 u* ©djau. £>ie fronten englifcfyen Hui*
turPampfe» verfcfjieben ftcf> weitet nad) bet ©eite, bie man
politifdj bie ÄinPe nennt. 3 e$t bitbet bie Hönigapartei mit
bet angtiPanifdfjen @taat»Pird)e fdjon bie HeaPtion, unb bie
puritanifdje Bewegung bet tabiPalen Parlamentarier
Pämpft gegen ben Pöniglicfyen .feubaliamu». SDie jefuitifcfjeit

patte» finb in britifcfyen Äanben vom $tlbt bet fSntfcfyei*

bungen völlig verbrängt; wo fte bennoefj eine (Buertreibcrei

verfugen, riöPieren fte füt eine gan3 ^offnungalofe ©acfye


ben Hopf. Hud) bet autoPratifdje Honig enbet unter bent
Hidjtfdjwert, unb bie Revolution Crom weU» gibt ®ng»
lanb ein fefjarf proteftantifcfye» <E$epräge.

HI» bann aber bie Stuart» mit Hatl II. wieberPel>ren,


fudjen fte burd) ^teunbfe^aft mit ben Pattjolifdjen TDelt*
machten ifjren £l>ron 3u fefiigen. Hodj t>ält ftcf) bet Honig
3urücP; bie ^efuiten, bie iHorgenluft wittern, werben offi-

ziell nicfyt gebulbet, bet Hultu» bleibt angliPanifd). Über


auf bem Sterbebett bePennt fiefy bet Honig 3ur papfiPircfye,

Vlun beginnt mit bem Regierungaantritt ^aPoba II. notfy

eine Pur3e Criumpf>3eit füt bie englifd>en tfefuiten. Rönig


3 aPob l?atte fd>on al» ptin3 au» feinet römifdyen C5 eftnnitng
Pein ^el>l gemacht, al» Honig erPIärt et fogar, „ein ©ol>n"

m
bes (Brbens 3efu zu fein. Ssie bisher geächteten patres
rücfen in tyofyc Staatsstellungen auf, fatholifche JSbelleute
verbrängen bie alten Beamten. 25er (Drben grünbet im
Palaflbezirf von 0t. CJames ein prunfvolles Kolleg, in
(Dpforb unb Cambribge beferen patres bie Katheber. Uber
bie Nation unb ber *^of geraten in einen bebrohlichen
<Begenfa$, bas X>olf wartet auf bie Btunbe, wo es bas
ttefuitenjoch wieber abfchütteln fann. Utitten in Blocht
unb cBlanz machen ftch bie patres bereits wieber bie fthwer*
flen Jufunftsforgen. £>er englifche (Drbensprovinjial be-

richtet nach Kom: „tDenn ber König feinen legitimen


männlichen Ärben erhält, ijt bas Bdjicffal bes Äanbes ganz
ungewiß. tt)ie foHen bie Katholifen ftch bann jwifcfjen fo

vielen ^äretifern behaupten; benn auf einen Katholifen


fommen jwanjig Ke$er. tflöge ber ^err bas Wtige ge*
fchehen taffen unb alles )um befien lenfen!"
Unb (Bott fcheint ben ^efuiten gnabig zu fein, unerwartet
wirb ein fpäter Chronerbe geboren. (Bber haben fte ber
“üorfehung nachgeholfent 2>ie (Berüchte, bas Kinb fei unter*
gefchoben, verbichten ftch immer bestimmter. £>as nationale
Hinglanb gewinnt bie Überzeugung, es haubete ftch um ein
ganz f affiniertes jefuitifchestfTanöver. X>on ber Schwanger*
fchaft ber Königin wäre bis zuletzt nichts zu merfen ge*

wefen, ber König hätte bei feinem Klter unb bei feiner
Kranfheitsfchwäche feinen Nachwuchs mehr zeugen fönnen.
£>ie Königin hätte feinen anglifanifch gefmnten Krzt zu*
gezogen, ftch auch in ber 3eit, ba fte angeblich Ututter
würbe, mit «^ofbamen umgeben, bie zur jefuitifchen Reichte
gingen. £)as Kinb fei überbics fd)on viel zu groß gewefen,
als man es für neugeboren vorgezeigt habe. (Cs flamme
von einer Vlonne, bie ben 3®fuiten bes hohen 3w^fs wegen
ZU TPiHen gewefen fei; boch mit ben Cerminen ber ganzen
Kftion hätte es fchließlich nicht gefloppt. &ie abenteuerliche
(Bcfchichte ift niemals zuuerläfftg als wahr erwiefen, aber
auF nictyt fFlngenb «überlegt tuorben. £>af? bic nüc^tcimen
iCnglänber bamala feft baran glaubten, brauet angeft'Fts
fo manchen früheren tollen tJefuitenftüdfc nid)t i»unbet$u*

nehmen.
3ebenfatts ^at bas «^aus £rf Fütterungen
biefe

nid)t überftanben, ber Cljron Äönig 3aFobs pürjt unter


ben Wogen ber X>ol?$empörung jufammen. 4*nglanb ruft
ben falvinifFcn (Dränier über ben ÜLanal. On ber „glorious
revolution“ wirb aud) bie ^reifyeit ber englif Fen (Glaubens*
Fultur gefiF^rt. JDer europäifFe korben ijl fortan ben
jefuitifd)en £roberung$gelü{ten uerfFtoffen.
Mit 3Brf$ftätet &e$f £>oimenfeimf$$f

©er parifer Htontmartre ift bie erjte 2$e?enntnisftätte


ber jungen tttannfchaft, bie ben Stamm bes Orbens bilbet.
Loyola war nad) ^ranfreich gePommen, weil er tytt bie
Strenge ber 3nquifition nicht zu fürchten 1)at te. Köm if eher
Rirchenfanatismus entfprad> bisher bem franzöfifchen
Geijie nicf^t. 3n ^ranPreid) l>ntte ftcf> bie päpftlich gebunbene
Recheneinheit bes tftittelalters bereits im vorreformato*
rifd>en 3ahrhunbert allmählich gelocfert. Pie gaüiPanifche
Rirche befitjt fd)on feit etwa 5400 eine weitgehenbe Selbjl*
Verwaltung. Pie päpfiliche Rurie war vorder nach Hvignon
auf franzöfifchen 23obcn ausgewanbert, es gab zeitweilig
aucf) nocf> einen zweiten ^eiligen Pater in Rom. Piefes
Schisma tyattt bie papfimacfjt gefchwäcfyt, unb biefe Einbuße
machte ficf> in ^ranfteich befonbers bemerkbar.
Per papfl bleibt zwar als geifHidjes Oberhaupt anet*
Pannt, aber er barf nicht über bie Pirchlichen Hmter unb
Finanzen verfügen. HHe feine Erlaffe werben baraufhin
nachgeprüft, ob fte nicht ben £ebensgrunbfä$en bes Üanbes
wiberfprechen. 3n biefe Aufgabe teilen fid) zwei nationale

Huffichtsinfianzen: bie oberften (Berichtspariamente unb bie

parifer Univerfität. Pie *£ochf<hule gibt bie gottesgelehr*


ten Gutachten, unb bie Parlamente fällen nach Politiker
Erörterung ben Rechtsfpruch. Huch fönigliche tDiüensaPte
von PulturcHer Cragweite bebürfen ber 23eflätigung burch

120
feie höchßen prüfungsftcHen. profefforen unb Kbvofaten
verkörpern alfo bas machtvolle Selbftbemußtfein ber
Nation*
tiefer 3ußanb mußte bem ^efuitenerben von vornherein
ein 55orn im Kugc fein. £Tun breitet ftch feit ben vierziger

fahren bes Keformationsjahrhunberts in ^ranfreief) auch


noch ber (Genfer Kalvinismus aus, zunächfi nur wenig an*
gefodjten.König Heinrich II. läßt bie $inge treiben, er er*
laubt auch *** Gruppe 3cfu, ftch in ^ranfreich nieberju*
laßen. Kls aber bas Parlament biefem Freibriefe zußimmen

foü, gibt es bie erften Reibungen. Wer ftnb bie 3cfuiten?


&ie Kichter finben, baß biefer neue 0rben „auf eine unver*

fchämte Weife ben VJamen bes ^eilanbs mißbraucht", Et


habe burch geheime Verpflichtungen einem auslänbifchen
prieftergeneral unbebingten (Bchorfam gelobt, unb er könne
in F ran ^rc ^ ch nichts anbres im 0d)ilbe führen, als bie
nationalen Einrichtungen $u ftören unb Meutereien )u
ßiften. Kuch einheimifche fatholifche Klerus ifl ben
ber
jefuitifchen Einbringungen feinblich geftmtt; ber papß h<*& c

ihnen hoch offenfichtlich eine bevorzugte Stellung nur ein*


geräumt, bamit fte bie i£errfchaftsintereffen bes Kömifchen
Stuhls mit rücfftchtslofen Mitteln vertreten foHen.

XTtach bem Cobe bes Königs, als unter ber Vormunbfchaft


feiner Witwe Maria von Mebici im £anbe ein Übergangs*

chaos entfteht, bilben ftch brei Kulturparteien tyevaw: &ie


falvinifchen proteßanten, gefhiQt auf bie tüchtigßen 2Jür*
gereichten, gewinnen wachfenbenEinfluß. &ie Parlaments*
partei will einen unabhängigen, gemäßigten Voifsfatholi*
Zismus. 5>ie Körnlinge, bie balb unter fefuitifcher Führung
flehen, forbern bie papißifche (Gegenreformation im (Beiße
bes Cribentiner Konzils. 3Die Kegentin Maria fchwankt an*
fänglich, um ftch bann hoch F urcht *>or ber göttlichen
Strafe ber entfdjiebenflen altPirdjlichen Richtung 311311*

neigen. Äoyolos Nachfolger, ber CJefuitengeneral &aint$,


einfl als parifer Stubent 3U ben ttlitbegrünbern ber Cruppe
gehörig, erf Kredit burdj lifiige Reben bie tTtebiceerin. 3Die
Nationen hätten bas Recht, fo grollt er ihr su, bie Königs*
Raufer 3u entthronen, bie ber Kefcerei Porfdjub leiden. Pas
ift ein neuer, bebrohlidjer Con, ben ber SorgeninflinPt ber
Königinmutter fogleich verficht, ^ranPreich gärt in revo*
lutionärer Unruhe. Rottet bas Königtum nicht bie Kefcer
aus, fo Pönnten vielleicht gerabe bie entfchloffenflen Katho*
liPen bas ^aus Palois fiür3en.

3n ben RetigionsPriegen, bie jeijt entbrennen, wirb


bas gan3e Äanb 3um Scfjauplas blutiger (Greuel. 3ahr*
3ehntelang toben mörberifche Äeibenfchaften ber (Blau*
bensgeftnnung, wie fi'c ^ranPreich nie Pannte. Crüge*
rifd>c ^riebensfchlüffe gewähren nur Pur3e Kampfpaufen.
3 uweilen gewinnen bie Palvinifchen Hugenotten bie (Dber*

hanb, aber bann fammein fich wieber bie uneinigen


Patholifchen (Bruppen. Perrat unb UTeuchelmorb wer*
ben allmählich 3ur politifchen (Bewohnheit. Pie Königs*
familie, burch RänPefucht unb Äafler 3errüttet, büfjt ihre
Autorität immer mehr
ein. Pie Patholifchen Ultras werben

von ber intriganten Sippe ber H cp3öge von ®uife ge*


führt, bie ftch ber ^efuiten bebienen, um bie parifer beftia*

lifch auf3uputfchen. £s Pommt 3U jener berüchtigten Bar*


tholomäusnacht, bie fech3igtaufenb Reformierten bas Äeben
Poflet. König Karl IX. unb nach ihm fein jüngerer Bruber
Heinrich III. hänfen frevel auf frevel. 3n ben Bechern
lauert bas (Bift, hinter ben Bettvorhängen ber Pold).
Heinrich III., ein intriganter £üftlin g, ber fchon eine
Pur3e, lächerliche (Bafiroüe als polenPönig gab, ifl ohne
jeben religiöfen $rnft. £r fchleppt ftch mit verborbenen
jungen (BecPen herum unb läfjt feine „Ulignons" nach ih cen
wüflen Faunen («halten. Cßin Perfdjwöreraufruhr löjl ben

m
anbern ab. Die Äa^otifen beginnen ft<h gegen ben Bönig
Zu wenben, weil er burd) feinen Äeichtfinn bas £anb zum
Xuin führt. Da nähert er ftch feinen bisherigen hugenotti*
fd)en (Begnern, unb ber 23ürgerFrieg nimmt neue, womög»
lid) noch fcheußlichere (Beftchter an. Die Fatholifchen (Brup*
pen fließen f«h einer „Ligue“ zufammen, bie mit fin*

flerften (Beheimmitteln arbeitet unb vor nichts juriidffchredft.


Die 3efuiten erhi&en }um tDahnfmn, bie
bie (Bemüter bis

moralifdje Derlumpung auf allen Seiten fchreit jum i£im*


mel. Heinrich III. l)&t fich nun offen mit bem protefhmti-
fchen hatten feiner Schwerer, bem fühnen unb verfehle*
nen Bönig Heinrich von Navarra, verbünbet, fte ziehen
je£t gemeinfam gegen bie Äigue $u ^elbe. Der ^ranzofen*
FÖnig, nun als Anführer ber Bcfcer von ben parifern wilb
geh aßt, mu§ feine eigene ^auptflabt belagern.

Da bringt ein junger fanatifdjer Htönch unter einem Dor*


wanb in bas BÖnigszelt bem Monarchen fein in
unb flößt
ber Butte verborgenes Dolchmeffer in ben Äeib. Der tttör*
ber h<*t von ben 3efuiten gelernt, baß Fetjerifche Könige
vogelfrei feien, unb vorher von feinem 23eid)tiger Bbfo-
lution bekommen. So geht bie Prophezeiung bes 0rbens*
generats in Erfüllung. Bis Chtonerben betrachtet fleh

rieh von Navarra, ber nach weiteren fdjweren Kämpfen ben


23ürgerFrieg fiegreich beenbet. Der ^riebensbringer befleigt

ben Chron, unb Henry quatre, biefer vorurteilslofe ^err-


fchergeifl, nimmt ben Fatholifchen Bultus an, benn Paris
ifl ihm „eine ttteffe wert". Die Cage bes jefuitifchen tTtacht*

raufches hören jefct auf, man bulbet ihre ^e^e nicht länger.
Der fpanifche ^efuitenprofeffor MTariana h <*t in einem
iöuehe über bas XPefen bes ^ürflentums foeben ben ttteu*
chelmorb an bem franjofifchen Bönig verherrlicht. Bbtrün*
nige Defpoten muffen, fo fd>rieb er, mit ttlorbgewalt be*
feitigt werben, unb ber tttönch, ber ben Dolch gegen
rieh III* gejüdft h «he, fei „eine ewige 3ierbe ^ranFreichs".

m
Hun verfudjt audj nod) ber franjöfifdje Cfefuitenjögling
C^atel ein Attentat auf ^einrid) IV., ben er mit feinem
Poldje verwunbet. 3eijt t?o!t bas Parlament jum <Begenßo$
aus. Per genfer verbrennt Wtarianas fpanifdjes Äetjrbud)
bes Terrors, bas wieber einen ÜTorbflal)l in Bewegung
fefcte. Pie patres, von benen Cfmtel unterliefen würbe,
enben am (Balgen, alle übrigen tTTitglieber bes (Drbens wer*
ben aus bem £anbe gejagt. Pas \Pof>n^aus bes Attentäters
lägt bas Parlament nieber reifjen unb an feine ©teile einen
PenPmalbau errichten, bie „©cfyanbfäule", bereu dnfcfyriften

bie Perbrecfjen ber falfcfyen 3efuspriefler burd> „ewige Per*


ftucfyung" anprangern.

Aber biefe iBwigPeit bauert nur ein yäfyvyfynt. Über bem


Raupte »5eintid)s IV. fcfywebt nodj immer ber päpftlictye
Sann, unb ber papjVwiH ben alten (Bcgnet Aoms, ber um
ber Krone willen bie Kultformen, aber wol>l Paum bie (Be*
fi'nnung wedjfelte, nocfy immer nicfyt losfpredjen. Podj bie

Cfefuiten fe$en es burd>, gerabe fie bemühen jtcfy je$t, bie

tTtadjt bes Königs 3U ftärPen, ber fie mit ©djimpf unb


Qdjanbc vertrieben f?atte unb beffen Cobfeinbe fie gewefen
waren. 3l>r ^rontwedjfel bient bem ^Öljeren geijtlid>en

3wed?: i^einridj foH nid)t wieber vom Katholizismus ab*


fallen. ISr Pönnte fidj ja, wenn Aom it>m ©djwierigPeiten
machte, an bas englifdje Seifpiel halten, ©o Pommt nun
audj bie Ausfüllung mit ben ^efuiten juftanbe. ©ie bürfen
nach ^ranfreic^ jurücffe^ren unb bie ©cfyanbfäule feierlich
jerftören. Pem Könige Ratten fie einen pater als Ö5eifel
jtetten müffen, ber im <Bewal?rfam bes ^ofes lebt. Salb
mac^t fid> aber biefer Pater Cotton beim Könige fo beliebt,
bafj er vom 3 wangsbürgen jurn Aatgeber aufrüdft. VTun
beeinfluffen bie ^efuiten bie ©taatspolitiP als ^reunbe unb
Reifer bes ^errfdjers. Heinrich will feine £t>e löfen, um ftd)

124
mit maria von MTebici au vermählen; in tiefem be-

fürwortet ber <t>rben bic Scheibung, benn bic neue IFrwählte


ift ftreng päpftlich erlogen, ba Fann man fdyon einmal bas
ibbefnframent aufjer Kraft fefcen.

Heinrich ift freilief} ein ju eigenwilliger politifcher Kopf,


um fich ben Kutten immer $u fügen. Schon will er im
23unbe mit protefiantifchen dürften gegen bas öfter reichifch'

fpanifd)e ^abeburg bas Schwert sieben, ba bliQt wieber ein


£>olch, beffen Stilen ber König biesmal erliegt. Unb was

(teilt fich heraus? 3Der tftörber, f cf) wärmer ifcher Körnling,

i(t vorder bei ben 3efuiten im 23eid)tjtu^l gewefen. £>er


Pater erklärt im Verhör, (Pott \)&bt ihn alles vergeben
laffen, was bei ber 2>eicf)te gefprochen fei. Anfangs ftefjt es

fo aus, als würbe man nun bie 0<f>anbfäule wieber auf*


richten; Parlament unb i£ochfchule wallen je$t enbgültig
mit ber 3efuitenwirtfcf)aft Schlufj machen. Kber bie 3eiten
haben ftd) gewanbelt, bie Königsmacht i(t ju fefigefügt unb
ber £influ£ bes (Drbens am ^ofe fefjon $u ftarF. pater Cot-
ton beherrfd)t bie Königinmutter, ber er jur Krone versoffen,
als fein gehorfames 33eicf)tFinb, unb burch fte, bie Kegentin,

bas Lanb. 3Die Küjtungen gegen Spanien werben einge-


keilt, man plant jegt f ogieich bas Gegenteil, ben Krieg
gegen bie protejiantifd)en Staaten. Va aber ^absburg ber
natürliche europäifche Gegner ^ranFreichs bleibt, wirb bar-
aus nichts, bie nationalen 3ntereffen ^ranFreich» bleiben
3 um Leibwefen ber tlefuiten (tärFer als bie religiöfen.
3Die Kegentin verleiht ben patres volle aFabemifche Lehr-
freiheit, um ber Univerjttät ihre trabitioneHe Schlüffel*
(teSung bei ber Schlichtung Fultureller Streitfragen ju neh-
men. Catfächlich verliert bie Sorbonne baburth ihr geijtiges
Übergewicht als 3entrale ber franjöftfchen Wiffenfchaft; bie
3efuitenFollegs werben bie Cräger neuFleriFaler 23ifbungs-
gebanFen, unb allmählich lö(l (ich bas Koüegwefen in einen
intriganten Wettbewerb politischer unb literarifcher Cliquen

m
«uf. Streit Keinen ©ohn, ben Cl?ronerben Äubrnig XIII.,
hat bie bigotte Königin tHaria $u einem mußerepernplat
jefuitifcher (Brunbfäfce erjiehen faffen, aber bec ^eranwach*
fenbe verabfcheut bie «Drbensleute, bie ihn ju ihrem tüerP»
$eug ßugen wollen, unb fielet in bec mutter, bie bahinter
ßecPt, feine (ßuälerin. 3(19 Äubwig bie Regierung felbß über»
nimmt; fucf>t er marias (BünfUinge abjufd^ütteln unb bie
VTationalpolitiP feines Paters trieber aufjunehmen, VTocf)
bemmt ihn ber »^ofbeichtiger Cotton, ben er fo fcf)neß nicht
bewerben Pann, unb bas jefuitifd)e Seichtmonopol fdjeint

fo gefeßigt ju fein, baß er auch nach ber Entfernung von


Cotton unb anberen immer wieber einen pater vom Cfefue*
orben nehmen muß, Äubwig iß eine fchwächlichc/ von über*
legenen Kräften leicht lenPbare £Tatur, unb nur in feinem
^aß auf bie mutter unerfchütterlich. ©0 fchwanPt bas
©taatsfdßff in Äubwigs ^rühseit in aßen \Pinben hin nnb
her, bis er ben jielß'cheren ©teuermann finbet. Unb ber iß
enbgültig ba, als bec Prälat Richelieu bie Rührung ergreift,
ber ^ranfreichs flügger ©taatsmann werben foß.

X*un werben bie Umtriebe ber Seichtväter immer wir*

Pungslofer, Eben hatte noch Pater ©uffren bas £anb an ber


©eite ber beiben ^absburgermächte in bie großen mittel*
europäifchen Religionswirren hweinjiehen <voßen. Sas
Pommt unter Richelieus Leitung als unvorteilhaft für bas
Äanb überhaupt nicht mehr in Setracht. ©uffren muß mit
ber Königinmutter in bie Perbannung. Richelieu hanbelt
auch im purpur bes Karbinals nur als franjoßfeher Patriot;
wo fich römifcher Papismus bem nationalen ©taatsmann

entgegenwirft, ba Pennt ber minißer Peinerlei (Glaubens*


rücPfichten. Ser Seicht vater Coufftn, ben Richelieu wegen

feines Rufes als juverläfftgec ^ranjofe bem König beßeßt

hat, läßt fich noch einmal vom (Drbensgeneral jum miß*


brauch bea Beichtamtes befiimmen. £z Brü-
verfpricht ben
hern, bafür ju wirfen, ba£ ber Bönig von einer Unter*
fiü^ung ber beutfdjen protefianten ablaffe. Bie Sünben ber
Rönige, bie ftcf> mit politifcher £Jotwenbigfeit entfchulbigten,
feien nicht milber 311 beurteilen als bie rein menfchlichen ber
Privatleute, meint Coufftn ju feiner Rechtfertigung. tUas
nü^ten bem Äanbe bie irbift^en «Erfolge, wenn ^ürft unb
Untertanen ber ewigen X>erbammnis anheintfielen! Rber bie
iEntfchulbigung bes aüfeits befliffenen Beichtvaters nimmt
ber minijier nicht an, er läfjt ben 3efuiten, ber Politik unb
Seligkeit vermengen will, als Staatsfeinb in bie ^eftung
fperren.
Ber allmächtige tttinifier wirb mehr unb mehr sum Sinn-
bilb bes abfoluten Staatsgebanfens, er ifi barüber hinaus
wohl ber erfte bewußte VJationalifi ber neueren ©efchichte.
UTit Recht fann Richelieu vor feinem Cobe fagen, er h<*be
niemals ^einbe gehabt, bie nicht zugleich bie ^einbe ^ranf*
reichs waren. X>on ben ©egnern wegen feiner unerbittlichen
Strenge gehajjt unb gefürchtet, vom X>ol¥e befiaunt unb
verehrt, führt ber minifter-Rarbinal mit nie erlahmenbcr
tUillensfraft bie 3ügel. Ria bie ©idjt feine ©lieber lähmt,
lägt er ftch in ber Sänfte von Schloß $u Schloß, von Stabt
3U Stabt tragen, unb nichts entgeht feinem ^alfenblidf. «Er
bleibt ein frommer, Eatholifcher (Chrif* «ber er liefert vor
aller XUelt ben Beweis, bafj man wahrhaft gläubig fein
fann, ohne bas TJaterianb einem pfäffifd)en machtwahn ju
opfern. Seine Rnfchauungen finb alfo benen ber völfifch
wur3ellofen ^efuiten fchroff entgegengefeijt. Sobalb bie

patres ftch Hvon überzeugt h«& en / baj* fte gegen biefen


mann unb fein Syrern rein gar nichts ausrichten fönnen,
änbern fie ihre Haltung unb bieten ftch gerabeju als X>tr*
bünbete an, um ftch iw £anbe ju behaupten. 3 n ihren Schu-
len preifen fte jetgt bie fran3öftf<he Staatsautorität unb

wagen nicht 3U wiberfprechen, wenn bie Regierung bie mo-


berne Huffaffung, baß bie Hultform auslänfeifcßer Staaten
^ranfreieß nickte angele, feßarf unterßreießt.
3Die 3efuiten hoffen auf ein neues Interregnum, in bem fteß

aEes naeß ißren ßeimlicßen Wünfcßen wenben fönnte; benn


naeß bem Cobe Hubwigs XIII. iß ber Cßronfolger wieber
unmünbig. JDocß bie ungeflärte 3wifcßenßerrfcßaft frönt'
meinfeer tDeiber wiE Hicßelieu nießt wieber ^ulaffen, er ßat
ß'eß in tfta^arin einen ^Jaeßfolger als major domus erlogen,
ber bie große Äinie bes tJtinißcrs fortfetjt. So muffen bie
patres »arten, wie ß'eß bie tVefensart Äubwigs XIV. ent*
faltet, feeffen Augenblicken Werbegang fte nießt beeinflußen

bürfen.

£s jeigt ßcß halb, baß ber junge Honig bis $ur Selbßver*
götterung von feiner Hönigswürbe bureßbrungen iß. Hieße*
lieu unb tttasarin ßaben ißm bie tllacßtvorausfetjungen ge*

feßaffen, fo baß fein majeßätifeßer SDünfel feine leere (Beße


bleibt, gubwig frönt mit voEen <5enießer$ügen feiner
Sinnlicßfeit, er liebt bie raufeßenben Vergnügungen, bie ben

(Blanj feiner Hrone pßantaßifcß erßößen foEen. 3Docß er ver*


gißt barüber bureßaus nießt bie Staatsaufgaben, bie bem
blüßenben £anbe bureß feine reießen tflittel geßeEt ßnb. On
feinen politifeßen unb militärifeßen Unterneßmungen iß er
nießt weniger unerfättlicß als in feinen erotifeßen unb tßea*
tralifeßen (Belüßen. &er „Sonnenkönig" benft nießt entfernt
baran, bem papß in (Eßrfurcßt ju ßulbigen. £r will autß in
geißließen Gingen ber *£err über ^ranfreieß fein, unb Horn
bleibt nur bie Waßl, $u biEigen ober $u breeßen. 3Die Äurie,

burtß viele feßlimme Cfcrfaßrungen Plug geworben, brüdft


ein Huge unb maneßmal beibe ju, $>ie 3efuiten, als bes

papßes „leießte Heiterei", werben feßon bie Seele bes Äö*


nigs attaefieren, fobalb er innerlicß arm unb entblößt ißren
Croß fueßen wirb, £Tocß feßlt ißm aEe $>emut vor (Bott;
in 6er Äird)e bat 6ie (Bemeinbe 6en Blid! nid)t bem 3£Itar,

fonbern 6cr FÖniglichen £oge jujuFehrcn.


Bas höfif<he Treiben wahrt nicht einmal mehr 6en Schein
ber chrijllichen Sitte. Ratten ftd) früher bie dürften mit
heimlichen Äiebfchaften begnügt, fo verleiht Äubwig XIV.
ben gefäEigen Barnen einen h°hen ^ofrang an feiner Seite.
Ber Ehebruch wirb abliges (BefeEfchaftsfpiel, eine vornehme
Vergnügung wie 3agb unb Cheater. tVenn ber Äönig feine
MTätreffen wechfelt, fo ifi bas gerabeju ein öffentliches
Staatsereignis, unb man wartet ftunbenlang auf bie

Äutfche, in ber bie angetraute ÄÖnigin mit ben (Beliebten


ihres (Bemahls jufammenftst. Bie Höflinge ahmen bas
Fönigliche Vorbilb nach, unb mancher von ihnen wünfeht in
feinem Ehrgeij fehnlichfi/ feine ^rau ober Cochter möchte
bie ittätreffe eines vielvermögenben tttannes werben, ber
ihm jum 3luffiieg verhelfen Fann. 311s ber Äöntg bie ebenfo
Fluge wie reijenbe ^rau von JTIontespan ju feiner intimen
Vertrauten wählt, weiß fie ben s£of fo gefd)ittt unter ihren
(Einfluß ju bringen, baß ihre (Bunßlaunen über bie tttacht*

Verteilung bejtfmmen.
3Die jefuitifchen Beichtväter fehen ftch in einer peinlichen
£age. Sie müffen, wie ftch einer von ihnen ausbrücFt, „mit
ber fleifchlichen Sünbe als bem fiärFfien <Befd)ü£ im Äanbe"
rechnen. Ohre Ermahnungen fruchten nichts, ber Äönig be*
trachtet bie Beichte nur als eine 3eremonie, nicht anbers als
bas Äever unb bas »^änbewafchen, w pbei bie höchften Staats*
Chargen ihre vorgefchriebenen ^anbreichungen h«b £ m Ver*
weigert ein gefirenger pater bem tttonarchen bie Kbfolu*
tion, fo ficht biefer barin auch nuc eine «müfante 3iererei.
Einmal poltert ber pater Bourbaloue im öffentlichen
(BottesbienfF gegen ben Föniglichen Ehebruch los; alles er*

bleicht, ber Rönig $ürnt unb vergißt. Barum bequemt ftch

ber lächelnbe Beichtvater £a <Ch<*ifr Jur BulbfamFeit, er


meint, (Bott werbe noch mit ftch «ben laffen, wenn ftch ber

$ @<$ul£tfPfactj<r, £>«# 3»fuitcn*öiid? J29


König nur im Klter beflere. 3Dic menßhliche VTatur fei ja fo

eingerichtet, baß bie finnlichen Begierben mit ber 3eit ßill

würben, unb bann wäre es zur Bekehrung auch noch nicht


ju fpät.
Porerß bitten bie patres im Beichtßuhl nur um Gehör,
wenn wichtige kirchliche #mter zu beferen finb. £>er groß-
mütige König erfüllt gern ihre Tüünfche, wenn fte feine
Kreife nicht ßören unb bafür forgen, baß nicht wieber foldj
ein grober geißlicher 3elot von ber Kanzel her bie Gewiffen
erfd)reckt. 3Die vcrßänbnis vollen patres bleiben bei ^ofe be-
liebt, zumal fte bas langweilige Salbabern auf ein Hlinbeß-
maß einfeßränfen unb im übrigen um viele ergötzliche IDinge
wißen. 3u ben ^ofmoben gehört jefct bas XUettfammeln von
Schaumünzen, unb bie ^fefuiten können immer bie feltenßen
Stücke befchaffen. 2lu<h ihre verfchönernben Einfälle bei ben
Gartenfcßen finb fehr geßhä^t, fte vergehen ftdj ja längß
auf überrafeßenbe Szenerien unb ^eßbeleuchtungen. Bei
ben chinefifchen ^immelsföhnen machte ihnen bie höfifch«
Unterhaltung mehr Kopfzerbrechen; jefct faßt es ihnen leicht,

ben ^of bes Sonnenkönigs mit ben tUunbern ber chinefifchen


XUelt zu belußigen, unb bie „Chinoiserie“ wirb halb in ganz
(Europa ein mobiler Beßanbteil fürßlid)en Kufwanbs.

Paris erlebt in biefen 3ahrzehnten einen überaus merk-


würbigen Kulturkampf, ber in ben Krißokraticn ber Geburt
unb ber Bilbung groteske Blüten treibt unb hoch hinter ben
wirren Senfationseffekten eine tiefe philofophißhe Bebeu*
tung birgt. Dn einer tPalbnieberung bei paris liegt bie

vornehme VTonnenabtei Port Koyal, beren Scßweßern


unter ber Rührung ber jungen übtiffin Kngelika Krnoulb
ber bisher bort herrfchenben Äebensluß abgefagt haben, um
als bußfertige, fchwärmerißhe Gottesßreiterinnen fich ganz
ber Heiligung unb ber Bekehrung z« wibmen. Kuf bie

130
parifer 0efellfchaft, ber bic Tonnen familiär verbunben
finb, macht tDanblung ber früher fo weit*
bicfe eFftatifche

fronen Blofterbamen einen gewaltigen iEinbrud?, unb viele


Ungehörige ber Fultivierteflen Breife eifern ben frommen
iCrbauungsübungen nach* Sie fdjlafen auf Stroh unb Fleiben
fich in grobe ISÜfjerFittel, fie fprechen von nichts anberem
als von bem ewigen *^eil unb ber göttlichen (ESnabe.

Um ihren frommen ^reunben in ber ^auptfiabt näher ju


fein, verlaffen bie Tonnen ihr ÄanbFlofler unb grünben nun
in Paris eine neue Bbtei Port Boyal, bie jum UlittelpunFte
ber Bewegung wirb. 3wif<hen bem Blofter unb ben parifer
Salons entwickelt ftch ein X>erFehr, ber bie verfliegenden

formen annimmt. Ulan liegt fich in ben llrmen, um fchluch*


jenb einanber bie Sünben ju gegeben, man lieft gemeinfam
theologifd)e Streitfchriften, bejubelt unb verbammt bie Äehr»
meinungen, es finben fich au£fy *>ie intereffanten Bbb^s, bie
in biefen gefchwätsig*fentimentalen JirFeln elegante unb an»
regenbe ^Deutungen vortragen.
3Die Strömung erfaßt auch &ie UTännertvelt; Kavaliere,
BbvoFatcn unb profefforen vertagen ihre hohen Stellungen
unb ihre gewohnte llrbeit, um fich gans ber geglichen 23e*

fchauung htnjngeben. Sie sieben fich nach bem alten port


Boyal bes champs, in bie von ben Tonnen verlaffene iüiw
öbe jurücF, errichten fich Jütten in ber Umgebung ber ver»
faUenben Bloftergebäube unb entfumpfen in freiwilliger

Utühfal bas romantifche (Belänbe. 3n ben alten fallen foÜ


ein geiftliches Bolleg entfielen, bort will man in frommer
23ruberfchaft ben „wahren Bern bes heilen Glaubens" er»

grünben. Oie verwöhnten, nach feltfamen Beiden begierigen


Oamen ber ^ofgefeüfcbaft Fommcn hinausgefahren, fie fin»

ben, bafj biefes nebelfeuchte Cal befonbers geeignet fei, um


bas Seelenheil ju erringen. Utan fügt auf rohen ^ols»
Flögen, man trinFt bas reine (BueUwaffer, bas auch gegen

üeibesverftopfung gut fein foH, man ruht auf harten 2$vtU

9* 15)
tern unb löffelt beit <5erfienbrei, ben bie früheren Paria*
menteräte gerührt h<*ben. Uber man Weiß»
laufest aud) ben
feiten ber altdjriftlichett Kirchenväter unb ihrer mobernen
Kommentatoren. £>ann feeren bie ^erjoginnen unb Htar*
cgiifen befriebigt in ihre parifer Bouboirs jurücf.

KÖmählid) prägt fid) bas religiöfe Schweifen unb Crad>*


ten bes frommen Bunbes ju festerer (Beflalt. 3Dic Bewegung
empfängt ihr Programm aus ber nachgelaffenen Schrift bes
flanbrifchen Bifdjofs Cornelius 3anfen, ber niemals ge*
wünfeht ober geahnt hatte, bafj feine gelehrten, ferner les*

baren Betrachtungen über ben ^eiligen Kugujtinus ju einer


weithin tönenbett, ^ranfreich unb bie Welt erregenben
Kampfparole werben fotlten.

5>ie auguftinifche Hehre geht von ber «rbfünbe aus, bie

ben iTTenfchen ber ^ähigfeit beraubt habe, aus eigener Kraft


ein geheiligtes Heben ju führen unb bas »£eit $u erlangen.

iDer irbifche Wille fönne von ftd) aus nichts <5utes be*

roirfen, er bleibe in ©chulb unb Ohnmacht gefangen. STur


burch göttliche ©nabe werbe ben Sterblichen bie Befreiung
von ben ^effeln, bie«rlöfung von ber Verworfenheit ge*
währt, unb es flehe einjig bei <J5ott, ob er bie fünbige
Kreatur errettet ober in ber Verbammnis läfjt. ©eit einem
^ahrtaufenb hat mm bie römifche Kirche fchon mit biefem
fchroffen SDogma von ©ünbe unb <5nabe gerungen, ohne fid?

einbeutig für ober gegen Kuguftin ju entfeheiben. 5?ie Be*


benfen, bie gerabc bas fpätere papfttum gegen biefe fata*

liftifdje Kuffaffung hegen mufjte, fmb einleuchtenb: wenn


nämlich ber tttenfeh völlig aufjerflanbe ifl, bie ©ünbenfehulb
burch fein gutes ©treben $u überwinben ober wenigstens ju
verringern, bann nü^en auch bie „guten Werfe" nichts. Unb
auf ben guten Werfen beruht ja gerabe bie fultifdje tftadjt
be s Katholijismus.

m
Ohne theologif d)t £infleibung läuft bie Jrage barauf
hinaus, ob ber menfd)lid)e Witte ftd) frei entfalten fann,
ober ob überperfönlid)e Utächte, gemeinhin „bas Sd)icffal"
genannt, bas Erleben unb T>ottbringen im £injelbafein be*
fHmmen. 3Die normale Perkanbesprapis pflegt einer einbeu*
tigen Antwort ausjuweid)en, benn offenbar ik ber wottenbe
Utenfch in mannen gingen frei, in anbern aber gebunben.
hingegen fud)en bie (Blaubensfchwärmer ebenfo wie bie

@y<tembenfer |tcf> nad) einer Seite entfliehen fefljulegen.


£>ie theologifchen tfteinungen innerhalb ber großen Welt»
religionen neigen von vornherein ju ber Einnahme, baf? ber
UTenfd) unfrei fei, benn bie Mmadjt (Bottes mürbe ja ihren

Sinn verlieren, wenn ber UTenfd) nach eignen llnftchten unb


Caten fein Äos gehalten fönnte. Wtf)t nur in religiöfer,
fonbern aud) in profaner »oinficht ifl bie Potkettung von ber
menfchlichcn (Bebunbenheit bie tiefere, ft'e erforbert eine ftär*
fere, innigere Perfenfung in bie (Beheimnifle bes Bafeins.

Wer Erfolge unb Utifjerfolge oberflächlicher wertet, wem


es vor allem auf bie pfydjologie ber tHenfd)enbeh<*nblung

unb bie CechniP bes Utachtgewinns anfommt, wirb ber


Willensfreiheit einen recht grofjen Spielraum juerfennen.
3Die CJefuiten waren fd)on halb nach ber (Drbensgrünbung
mit ben Theologen ber &urie in einen Streit über bie (Brett*

jen menfehlicher Freiheit unb Unfreiheit geraten. Sie ver*


fuchten babei ben 'Mftionsrabius bes freien Wittens möglich^
weit ausjubehnen. 3hr ganjes Wirfen boch auf 3wecf*
leiftung, auf glatte Bewältigung frfjwierigker Perhältniffe
eingekeilt. Sie glauben an ben Sieg ber Energie, fte unter*
werfen fid? riner einjigartigen Wittensfchulung, bas Keid)

Ch^ft* ifl Ulachthohcit bes papftes nicht


ju trennen. Sie fönnen erfiaunliche Äeiftungen vorweifen,
bie mehr ihrer £ifl unb 'tfusbauer ju entfpringen fcheinen
als bem Wunber aus ber ^öhe. Sie fagen, wenn wir auf
bie göttliche (Bnabe warten wollten, fo würbe auf ißrben
berweilen ber fünbige Kbfatt von (Pott unb feinem ©teil*
vertretet bei dürften unb Untertanen immer fchlimmer
werben. 5)enn bie HTenfchen befaßen ja «icfjt nur bie ^rei*

t>cit $um (Puten, fonbern aud) bie Freiheit $um 23öfen, $ur
©ünbe. ©ie motten alfo ben Witten jum (Puten wenben,
inbem fie ben tHenfchen bat>in bringen, ba£ er burd) Beizte
unb gute Werfe ber papjhnacht unb bamit bem plane
(Pottee in freier 23ereitfd)aft bient.
*
Ille bie alte augufhnifcfje (Prbfünbenlehre bur<h bie 2$e*
wegung von port Boyal wieber lebenbig wirb, fehen bie
3efuiten barin einen gefährlichen Angriff auf ihre Welt*
anfdjauung. ©ie fürchten für ihre ©tettung ale i^ofbeich*
tiger, für ihren geizigen £influfj in ber gebilbeten Welt.
&et papfi h<*t »hrc Chefen von ber freien Wittenefraft
niemale auebrücflich gebilligt, fonbern nur verlegen ge*
bulbet. ©olange bie llueeinanberfe^ung über ©ünbe unb
(Pnabe nur ein tftönthegejänf war, konnten bie 3c f u t*rn
beruhigt fein, benn bie Bontroverfen gelehrter ^orfcher
laufen fi'<h halb tot. ©o waren auch fc« augujtinifchen
Chefen bee profeffore unb Sifdjofe 3 Ä|t f cn d h ne breitere
Wirfung auf bae Äaienvolf geblieben, bie ftch bie vor*
nehmen, ho<h£je&i&rten Greife um port Boyal ale „^anfe*
niften" $u fühlen begannen. Wie tief ber (Pegenfatj jwifchen
Cfefuiten unb tfanfenijten bae franjöfifche Bulturleben burch*
bringt, wirb in ben SDramen ber beiben größten Cragöbien*
bichter bee 3eitaltere offenbar. Corneille ijt 3efuitenfd)üler,
Kacine in ber (Pebanfenwelt von port Boyal gebilbet, beibe
fpiegeln in ihren Stücfen ben philofophifdjen (Peiji, in bem
fie erjagen würben.
Corneittee Figuren ^attbeln, ale ob fie freie UTenfchen
wären, fie fühlen fid) bei ihren Schritten von feinem työfyt*

ren tttuh gezogen, fie glauben, bah ihre Witteneentfchlüffe


jfärfer ale bie Wiberwärtigfeiten finb. Dhr (Pefchicf nehmen

m
fie als baa (Crgebnia ibrea gewollten Cuna unb Unterlaffena
bin. Pie (Bemalten 3£ncinea fpüren über f*cf> baa gottgewollte
0d)icffal, baa Perbängnia unb bie (Bnabe. Per tttenfd> iß

gang bem Walten ber bimmlifd)en Rügung unterworfen/ im


tragiftfjen 3ufammenbrucb l)at er ben Croß, baß ibm biefea
Unheil burd) ben (Crbflud) auferlegt würbe. Xacinea
„Pbäbra" iß baa Porbilb für bie „0d)icffalaßüd?e" gewor*
ben, beren fpätere Perflacßung burd) platte Hacbabmer
natürlich nidßa gegen bie Ciefe ber 0rf)icffalaibee beweis
wie fie beibnifcf? bei 0opf>oflea, cßrißlicb bei 3(ugußinua
ihren gewaltigen Kuabrud? finbet.
0eit bie tarnen bea ^ocl>abela unb bie jungen, weit*
gewanbten Poftoren bem ^anfeniamua gefettfcbaftlid) unb
literarifcß gur Porberrfcbaft verbolfen traben, nimmt ber
'Zlbwcfjrfampf ber ^efuiten europäifdje lluamaße an. Per
(Brben b<*t ben Dnbalt bea 'Hugußinuabucbea von ^anfen in
fünf überfpitgte 0ätge gefaßt unb verlangt nun vom papß,
er foHe biefe Cbcfen ala Feigerifcb verbammen. 3Die erße

befagt, baß bie tTTenfdjen, benen (Pott feine (Bnabe fdjenfe,

von vornherein gum Äaßer beßimmt feien; bie leigte fol*

gert baraua, baß Cb r *ft UÖ ß<b nuc für bie von (Bott
(Crforenen am Äreuge geopfert Per Papß befragt
bie 3nquifition unb bie Btfcßöfe, wie ca feine Vorgänger
fdjon öftere in ähnlichen 0treitfaUen getan b^ben. Pie
Cbefen werben vertuorfen, man bürfe baa cßrißlicße (Cr*
löfungawerf nid)t gu einer Wittfürlaune bea 0<böpfera
machen.
*

'Hud) bie tfonfenißen fügen ftcf> bem 0prucb, ße erflaren

nämlich, baß biefe 0aige in bem Wert von ^anfen gar nid)t
enthalten feien, baß ea fidj b^r um eine jefuitifebe Per*
gerrung unb (CntßeUung b<*nble; man fönne mit bem Perbot
biefea tttanövera nur einverßanben fein. Pie patree ge*

raten in wilbe Wut, fie wollen unter allen Umßänben bie


Sichtung ber töitfenifiifcfyett Ächten e^wingen. 3Dic Unfebl'
barPeit bes pappes foß nid^t nur über £ebrmeinungen rich-

ten Pönnen, fonbern auch 'Hnnatjmen Aid Catfachen feplegen.

«0 pellt p'd) nämlich heraus, bap man in Xom bie biep*

leibigen Folianten bea Cornelius 3 anfen gar nicht gelefen


bat. Bann ber papp
ihm vorgelegten Cbefen auch bann
bie

3um ©ebanPeninbalt bes CJanfenfchen VDerPes Pempeln, wenn


fte von bem Perfaffer gar nidp vertreten ftnb? iPr Pann es,

verp'chern bie ^efuiten, unb fte bewegen bie liturie, biefen

unbegreiflichen ©tanbpunPt ernpiich einjunebmen. 3lnpatt


nun enblicb nad)3uprüfen, was ^anfen fd)war$ auf weip be*

bauptet b«t, f<bicPt ber Papp einen £rlap, ber allen per*
fonen geiplichen ©tanbes befiehlt, ein Formular 3U unter*
3eicbnen, in bem es beipt: „Och verurteile mit *£er3 unb
trtunb biefe fünf ©ä^e, bie in bem 'KugupinusPommentar
von Cornelius Cfattfen peben."

Per !König empfinbet biefen parteien3wip, ber bis in


feine fröhlichen ©emächer flutet, als läpig unb pörenb. ©o
gleichgültig ihm bie ©acbe auch ip, fo albern ihm ber
i^anbel erfcheint, er will ^rieben b<*ben unb verorbnet baber
bie priPte Purchfübtung bes römifcf)en ITTanbats. XOtt ftd)

weigert, foß unter bem PrucF ber ©chiPanen mürbe werben.


Scblieplich unterfchreiben bie einen mit pbilofopbifcbem
Vorbehalt, nie anbern wanbern in ben ÄerPer ber Sapiße.
©egen bas rebeßifche VJonnenPloper von Port Koyal läpt
ber präfePt Cruppen aufbieten, bie 'Hbtei wirb geräumt,
bie Tonnen, bie pcb aufs beftigpe präuben, werben auf
Darren gebunben unb in jßlöper verfchleppt, bie unter jefui*

tifcher (Dbbut peben. Voltaire, ber fpätet eine ironifd)e


©efcpichte von Port Xoyal gefchrieben f) 4 t, meint ba3u:
„Was war \)itt närrifcher? Pie Zumutung, bie jEUoper*
fchwepern foßten burch ityvt Unterfchrift beeiben, in einem
lebernen Äateinbuche feien fünf bunPle ©ä$e aufgepeßt, —
ober ber tofle Wiberpanb biefer ^Jungfrauen?"
5>ie ^efuiten ftnb nur bie fdjeinbaren Sieger, fte haben
ftch ju viele 2Möfjen gegeben, bic von ihren Gegnern
höhnifch belichtet werben. Huf janfeniftifcher Seite Fämpft
2Maife Pascal, ber feinte unb fd)ärfjte (Seift jener 3eit, ben
feine augujtinifdje ^rommigFeit nicht hinbert, ben jefuitifchen
^einb mit äfcenber XPitjlauge $u übergiefcen. „^atte man
bie ^efuiten", urteilt Poltaire, „bisher nur verljafjt ge-

malt, fo tat Pascal viel mehr, inbem er fte lächerlich

machte." 3n erbidjteten (Befpräd)en jwifc^en einem ^cfuiten


unb einem Cfanfenifien, bie als „provinjialbriefe" anonym
erfc^einen unb halb bas ganje £anb aufregen, legt Pascal
bem (Drbensmann bas aynifche 23efenntnis boppelter Huf*

faffung in ben ntunb. £>ie Willensfreiheit fei bie ^rei^eit


ju fünbigen unb auch bie Sünben ju vertufdjen. Oer Beicht*
vater müffe alle bie XPerFe für gut erFlären, bic ber Partei
ber patres einen Porteil bei ^ofe cintrügen. Oer ifytbtufy
fei entfdjulbbar unb nützlich, wenn bie ^rau bem Firmen-
treuen (Beliebten eine Fe^erifche Perirrung ihres (Satten
enthülle, ber nun überwacht werben Fönnc. Ourd) foldje

pointierte Übertreibung ber jefuitifchen lehren werben


bie fpottluftigen ^ranjofen leicht in geiftige XPaHung ge-

bracht. Vjun l>at fogar ein echter tfefuit in einer unvor-


faltigen Schrift wirFlid) gefagt, man braune nur
$ur Kommunion $u gehen, wenn man häufig fünbigen wolle,
bann fei bie fromme (Drbmrng wieberhergeftettt. Pascal
fdjeint alfo noch nicht einmal allju jtarf auf getragen $u traben.
Hud> bie XPunberheilungen, bie im Älofler port Hoyal
$ur plöglidjen (Senefung FranFer Utäbd)en geführt Ratten,
wirFen in ber PolFsfeele noch immer nadf. Poltaire be-
richtet, bie ^efuiten hätten fogleid) vcrfud)t, auch in ihren
Hnjialten XPunber ju tun, „hoch fie Fonnten ihre XPunber
nicht burchfefcen, benn bamals waren nur bie XPunber ber
3nnfenijten in tlTobe".
Hls bie Core bes Älofterhofes behörblich verfiegelt wer-
beit/ f>cftct jemanb bie 3nfcf)rift an: „3m Hamen bes
Bönigs! £s wirb bem Herrgott unterfagt, f}ier Wunber 3 U
tun." 3Die janfenijlifche Strömung mar burch bie (Bemalt*
afte nur in unterirbifche Banale abgelenft morben, fte

fommt mieber $um t>orfchein, fobalb bie Bngelegenheit bei

papft unb Bönig .in Äangfam bevol*


t>ergeffenheit gerät.
fert ftcf> mieber bie Bbtei von Port Boyal. Hach jmei 3a^r*

jehnten bricht bie ^el)be um bie berüchtigten fünf Säfce von


neuem los. 3n bem gelehrten (Dratorianermöncfj (Buesnel ifl
ben 3 anfenifien ein überlegener Rührer erlauben unb ben
3 efuiten ein biffiger ^einb. SDurch feine Ißvangelienüber*
fefcung fül>rt er feiner Sache viele neue Anhänger ju. 3 mar
vermögen bie ^efuiten ben Bönig bahin ju bringen, bafj er

(Buesnels Werfe für fiaatsgefätmlich erflärt unb ben


SchriftfteHer ins (Befängnis mirft, aber bei ben afabemifchen
Bontroverfen jief>t bie Partei ber ^ofbeichtiger ben für*
jeren. Wieber greift auf ihr betreiben ber papft ein, unb
Port Boyal mirb in einer Bulle als „Be^erhöKe" befchimpft.
£>ie Schergen vermüften bas Blofler unb reifen fogar bie
(Bräber bes Birchhofs auf, um bie toten ^anfeniflen in un*

gemeihter Ißrbe auf einen Raufen $u merfen. Ber Bolfshafc


gegen bie ^efuiten fchmiUt burch bie fchänbliche Cat fo be*
brohlich an, ba$ fie fi'ch ohne bewaffneten Büttel nicht auf
bie Strafen trauen.

Bönig £ubmig jeigt ftch injmifchen ben jefuitifchen £in*

flüfterungen immer offenfunbiger ergeben; ber alternbe


«oerrfcher verliert allmählich in religiöfen gingen fein auto*
fratifches Bemufjtfein mehr unb mehc. Bie Beichtväter hat*
ten feine Hatur ganj richtig eingefchätjt, menn fie annahmen,
er merbe fahren feine Weltluft burch ängft*
in vorgerüeften

liehen Bu^eifer fühnen. Sie felber fuchen ihm jeQt eine


tMätreffe aus, bie ihn in feiner chrijtlichen Beue beftärfen
foH. Bafj fi cf) galante Bamen häufig in alte Betfcfywefiern
verwanbeln, ifl i^nen nicf>t unbeFannt; in ber ,frau von
ttlaintenon traben fte bie verblültenbe Schöne gefunben, bie
ben entnervten tttann burcf) tjäusli d)e G5emütlid)Feit unb
burcfyfromme Betgemeinfcfjaft feffeln foH. <D£ne puber wnb
perücFe, ot>ne prunFrocf unb fonftige <Blan$ftaffage wirFt
ber ©onnenFönig nur nod> wie eine Jtuine, er leibet an
<ßicf)t, an <J5efcfjwüren unb Atemnot, nädjtlirfje 3wangs*
vorfteHungen rauben i^m ben ©cfylaf. ©ein majeflätifdjer
Nimbus wirb nur burdj mü^felige UtasFierung aufredjt*
erhalten.
^rau von tttaintenon gibt ftcf) als $üd)tige ^römmlerin,
fte ft$t bem müben König im ©effel gegenüber unb lieft
i^m aus ben (Bebetbüdjern vor, bis er entfcfylummert, kom-
men bie tttinifter unb «^ofpriefter mit i!)ren (Befdjäfts*
anliegen, fo bleibt fte babei, ben BlicF auf if>re ©ticFarbeit

gerietet. Uber es entgeht if>r Fein XBort, unb wenn ber


Klte fiel) nid)t ju entfetyliefjen vermag, wirb fie fcf>on f>inter*

I?er bie ©acfye ine reine bringen. Ber Beid)tvater £a Ctjaife

muß fie fogar oft genug jur Utäfjigung mahnen, fte würbe
am liebften ben ganzen ^of in ein Klofter verwanbeln. Bie
raufdjenben ©djaujteHungen gehören aber audj $um flaats*

politif<f>en ©til, unb bie 3efuiten finben es swecFmäfjiger,

wenn bie <Bef>eimfpf>äre il>rer tTtad)t tief hinter ber pf>an*

taftifcfyen ÄeudjtFraft ber KepräfentationsFuliffen verbot*


gen bleibt.
Bie TDenbung bes Königs jur FleriFalen Unbulb*
famFeit beFunbet ftef) in ber Kufljebung jenes fFbiFtes von
Nantes, in bem einft ber Flügere i^einrid) IV. ben prote*
ftanten Keligionsfreifjeit verliefen Ijatte. Unter bem Bor*
wanbe, zweierlei Religion fei für bie fran$öftfcf>e iCinfjeit
nicfyt tragbar, fe^t nun eine neue TDelle von (Glaubens*
Verfolgungen ein, beren Brutalität fogar noefj bie früheren
Slusfdjreitungen übertrifft, ©eit l>unbert 3al>ren ^atte

m
^ranfreich fonfefftoneßen ^rieben gehabt unb in biefer 3eit
einen Hefigen politifchen unb fultureßen Huffiieg erlebt, tts
gab alfo für ben neuen Heligionsfrieg nur einen (Grunb,
ben jefuitifchen Fanatismus, beffen mörberifd)e *3e#e fogleich
wiebet losbrach, als bie Umgarnung bes erfchlaffenbcn
Honigs gelungen war.
Pie „Pragonaben", bie Streifzüge ber föniglichen Pra*
goner unter ^Teilnahme ber patres, fiürzen bas £anb in bie
blutigfien tPirren. Per tDeihroebel weift ber tHorbwaffe
bie Hidjtung. Purcf> bie Jwangsbefehrung mit Feuer unb
Schwert werben Caufenbe Ritter, glüdflicher (Drtfchaften in

krümmer gelegt, fleißige (Bewerbetreibenbe ins £pil gejagt,


bie Familien jerjiört, bie kleinen Hinber ben tJTüttern ent*

riffen, tTtaffenerfdf)ie$imgen ber Unglüdflidjen in ihren


tt)albverfted?en fmb feine Seltenheit. tttarfdjaß Pauban, ber
fluge (Drganifator ber franzöfifchen Staatsfraft, macht in
großenber Hritif bie Perlufirechnung auf: ^ranf reich ift um
vierhunberttaufenb Einwohner unb fechzig tttißionen F?an*
fen ärmer geworben, bie flotten ber ^einbe finb um neun*
taufenb gute tttatrofen, bie gegenerifchen ^eere um jwölf*
taufenb vorzügliche Solbaten vermehrt. Penn bas Huslanb,
vor aßem bie ^oßänber, (Bnglänber unb Peutfchen, nimmt
bie hanbwerflich unb friegerifch befonbers tüchtigen »£uge*
notten mit Jreuben auf. 3n ber fübfranzöfifchen Cevennen*
lanbfdjaft tobt ein jahrelanger (Buerißafrieg jwifchen bem
ITtilitär unb ben „(Camifarben", ben hugenottifchen Selbfl*
fdjutzverbänben; Ciedfs VToveße „Per Huf rühr in ben
Cevennen"gibt ein fchaurig anfchauliches2$ilbvonben£eiben*
fdjaften unb (Greueln, bie biefe ibyßifd)en (Gebirgstäler in
Stätten bes Schredfens verwanbeln. Pie ^Jefuiten vergehen
fich gut genug auf fchlaue Heuchelei, um bie graufamen Hus*
brüche Öffentlich zu beflagen unb fogar für bie (Dpfer ihrer
Hufreizungen zu beten. Sie fcfjieben je$t bie Schulb auf ihr
tPerfzeug, bie ^rau von UTaintenon, fie habe ben Honig

)40
t

3u ben grimmigen tftaßnahmen betrogen/ währenb bie

Patres angeblich jum „tPeg ber <33üte" geraten Ratten.

Ü-

£ubwig$ le^ter Beichtpater iß ber ftnjlere £e CeHier,


ber ftd> bie enbgültige Ausrottung ber janfenifiifchen :&e$erei
jum 3iele gefegt I?at. 30er Äönig, jefct gan$ im Banne
bigotten XDahns, bittet ben papfl um eine feierliche Per*
fluchung jener (Frbauungsliteratur, bie burd) (Duesnels
fchriftjhHerifche CätigFeit in Paris jur begehrteren ÄeFtüre
geworben ifi, 3Dod) ben päpftlichen ißiferern pafftert babei
ein böfes mißgefchid?; in ber langen Aeihe ber Säfce, gegen
bie bas Anathema gefdjleubert wirb/ jtnb einige wörtlich
ber Bibel entlehnt, was ben römifchen Sd)riftgelehrten ent«
gangen war. Als bie 3anfeniften bie Catfache ans £id)
bringen, empören ftch auch bie bisher außerhalb bes Streites
ßehenben fran$öftfchen <35eifHi<f^cn. €s Fommt Sturm«3u

feenen auf einem ÄanbesPonjil. &a aber papfl unb ÄÖnig


jefct in biefer Sache perbünbet ftnb, wirb es ben tfefuiten«
anhängern möglich, bem offenfichtlichen Unftnn ber Bulle
(Geltung 3u perfchaffen. Auf bie Häupter ber XDiberfpen«
fügen regnet es lettres de cadiet, jene Haftbefehle aus
Föniglid?er tDiHFür; mehr Als |ehntaufenb Fatholifche
Cfefuitengegner füllen bie StaatsFerFer ^ranFreichs. $>ie be«
brängten Cfanfeniflen greifen wieber jur XDunberpropa«
ganba, fte jiehen mit ihrer mon{lran 3 burch bie Straßen,
unb bie AranFen melben ftch fogleich gefunb. Bußprebiger
unb dSeißler treten por ben Äirchen auf unb perFünben ihre
(Beftchte, bie Berührung ihrer Utarterwunben foll bas letzte
cßnabenheil bringen.

mit einem Schlage iß bas aSes aus unb wie weggeblafen;


ben alten £ubwig h«t nun enblich ber ungebulbige Satan

W
geholt, wie feie ^anfenifen fagen. Ber Regent Philipp von
(Drleans, feer für feen Weinen Urenkel feie <£eerfcf>aft führt,

befd>ränkt ftcf> auf XoHe eines jynifchcn Lebemannes, feer


feie

nach feinen eignen Worten feen Borbellen vor feen Äapeüen


feen Porjug gibt. 3efuiten, 3anfenifen unfe Hugenotten

mögen anbeten, was fie wollen. V*ur bei H°f e flm& alle
Pfaffen burdjaus unerwünfcht. tatfächlicf) erreicht biefer

gottlofc Schwelger unfe Spötter, was feinem geiflid)en


3eloten gelungen war; feer Xeligionsfriebe if plöiglich fea,

feenn es lohnt fich jetjt nicht mehr, feen ltnfeersgläubigen


niefeer;ufchreien ofeer beim Staat $u verklagen, feie religiöfen
Streitereien l>ören einfach auf, gefeHfchaftliche tTTobc ju
fein. Ber böfe Beichtvater CeHier wirfe vom Hofe ver-
wiefen, unfe feer Äarbinal-Üirjbifchof VJoaiües entzieht, vom
Regenten feabei mit tytynifötv $v eufee unterfütjt, feen ihm
längf unbequemen ^efuiten überhaupt feie ikrlaubnis jum
Beichtehören.
Unter Äufewig XV. erhält feer Berfailler Hof lieber
einen feflichen Schimmer wie in fees Sonnenkönigs heßfen
tagen. Bas UTätreffenwefen if höfifd)e Bitte ofeer Unfitte

geblieben, unfe feer Xönig gibt fich feiefer angenehmen Cra-


feition mit Begeiferung h*n. 2lu<h &ie jefuitifchen Beicht-

väter bieten fich wiefeer als tylftttäft Wegweifer in feen

Himmel an. 'Much fie möchte feer !Eönig nicht entbehren, er


leibet häufig an Äatjenjammer unfe macht fich kann fcüfere
Sorgen um fein Seelenheil. Ba er langfamen ©eifes if,
flüchtet er um fo lieber in feie jefuitifche tröfung, wo fich

feem frommen (Bemüte alles fo einfach Märt, Boch feie patres


finfe nicht mehr fo großzügig bei feer Pergebung feer
brüche, man hat ihnen in feer fatholifchen Welt feeswegen
überall Lapheit vorgeworfen, Bas freie Liebesieben am
franjöfifchen Hofe if ja längf fchon bei feen kleinfett euro-

päifchen Potentaten feas bewunfeerte Porbilfe einer vor-


nehmen Lebensführung geworben; unfe feie römifche Birche
fteht mit Borge baa djrijtliche Bittengefefc in ben feurigen
amouröfen Faunen ber dürften bahinfdjmeljen. Barum
follen unb wollen bie 3efuiten in ^ranFreid) jetjt wieber bie

„fepueHe (Drbnung im Binne bea ^eiligen BaFramentea"


erneuern.
Bie Btimmungewünfche bea KÖniga fcfjwanFen jwifdjen
Binnengelüjt unb gläubiger 3erFnirfchung burd) bie 3at>r*
3 ehnte. ^Üf^lt er fich frifd) unb munter, fo flehen bie C5e*
liebten feinem ^erjen am nädjflen, befällt ihn aber ein
Unwohlfein, unb bas Fommt bei biefem Äeben voller Ber*
gnügungajirapajen häufig vor, bann led)3 t er nad) beidjt*
väterlichem 3ufprud), nach frommer iSntfühnung. 3Die patrea
haben ihm bie ^ÖHenqualen im ^enfeita mit ganj fürchter*
liehen BchrecFbilbern auagemalt, unb er glaubt an bie VTöte
in ber Berbammnia wie an ein fchlimmjiea Förperlichea
Übel. Beine ^efuiten fteUen ihm vor, ea lohne jtd)

nicht, baa bischen BinnenFitjel mit ber ewigen tttarter ju


bejahten. Kla er auf einer Keife mit fchwerem lieber ba*
nieberliegt unb CobeagebanFen ihn befchleichen, will ihm
ber Beichtvater baa letjte BaFrament nicht reichen, folange

bie ihn begleitenbe tttätreffe bei ihm weilt. Ber König


fehieft fie fofort nach paria jurüd? unb empfängt nun bie

Kbfolution. Kber Faum ifl er wieber genefen, ba läfjt er

fchon einen Boten h* n * cr *h c h ereilen, ber fie wieber ina


^oflager rufen foK.
3u feinem MTinifier Choifeul äujjert ber ^errfcher einmal
allen Ärnftee, (Pott werbe ea wohl nicht gleich bemerken,
wenn er ftdj noch ein weiterea Liebchen anfehaffen würbe,
benn ea gäbe ja bei ^ofe fo viele wechfelnbe Äiaifone, bafj

man im Fimmel nicht jebe einzelne Kffäre genau unter*


fcheiben Fönne. Kber bem jefuitifthen Kufpajfer entgehe
nichta, entgegnet ber Utinifier ironifch belufiigt. Bor ber
nächften (DjierFommunion Fönne er ja ber Barne wieber ben
Kbfchieb geben, bann fei bie Bünbe nicht mehr fo fdjwer*
wiegenb, grübelt ber Äöttig weiter. tftan bebenke: biefer
Lubwig XV. ift ein 3eitgenoffe Voltaire», er fieht an ber
0pi^e ber Station, bie in biefen Jahrzehnten bem cBeifie

ber Aufklärung bie Bulturwelt erobert. Uber bie Jefuiten

fudjen ben Aönig von Frankreich in einen VorfieHungsPreis

$u ketten, ber aud) in einer weit rückwärtigen, altkirchlich


befttmmten f£po<he naiver Unfug wäre. Wenn ber kritifche
Voltaire vorauefagt, bie franjöfifchen Äönige gefährbeten
fich burch i^re geizige Ahnungslofigkeit mehr als burd)
if>re Verfdjwenbung, fo ift bas ben jefuitifchen Setigmachern
unb ^eilswaltern ine Stammbuch getrieben.

Ber moralif^e 3orn ber patree richtet fich immer h c f'


tiger gegen bie Utarquife von pompabour, bie es meifiertich

verfianben l)at, ihre Utätreffenfiellung ju einer großen


biplomatifdjen Weltrolle ju erweitern. Bie lebenskluge
Pompabour will ben Jefuiten gar nid)t im Wege fein, fie

buhlt fogar um beren (Bunfi, hoch bie Beichtväter tun, ale


fei fie gerabeju bie Inkarnation ber Bünbe. Um bicfe ge*

fchicPte ^rau vom ^of ju entfernen, bie fie wegen


ihres politifd)en Verftanbes hoffen, wenden fie alle Bruck*
mittel an, bie ihnen bas Beichtamt bietet. Bie UTarquife
foü für einen UTonat ins Üüofier gehen, bamit ber Aönig
berweilen in Xul?e zur Beichte vorbereitet ober mit anbern
Worten ju ihrem Sturze gebrängt werben könne, Als biefer
Anfd)lag fehlgeht, verlangen fie ihre XückPehr ju ihrem
früheren (Batten; hoch ber Kavalier vernichtet, unb bie ge*
bemütigte Utabame be pompabour erhält beshalb auch nicht
bie erbetene Abfolution, beren fie fchon aus gefeüfd)aftlidjen
(Brünben bebürftig ifi, weil bie Beichte ja mit jum 3ere»

monieü eines katholifchen ^ofes gehört.


3uleint fpielen ihr bie patres einen Streich, ber fie burd)
eine pikante Lächerlichkeit unmöglich machen foü. Bie fieHen

J44
ihr bieSünbenvergebung in Kuaftdjt, wenn fte bie Creppc
umbauen lägt, bie ihre TDohngemacher im Stoffe mit
benen bea Xöniga verbinbet. Sie gebt wobt ober übel
barauf ein, unb nun münbet bie Creppe nicht mehr in ibc
Schlafzimmer, fonbern in ihren Salon. 5>ie t^ofleute amü»
fteren ftch wirtlich föniglicf), befonbera ala fie erfahren, baf
bie pompabour auch bamit genaafübrt ifi, weil ihr ber
^ofbeichtiger nach **>ie wt bie Kommunion verweigert.
5>a entfchliefjt fleh UTabame, bie ^ofetifette einfach 5« burch*

brechen, fte fährt in bie Stabt zu einem ganz gewöhnlichen


TDeltpriefler, ber fie ohne Umfiänbe abfolviert. Unb baa
war gewiffermafien baa £i bea Äolumbua. UTan fagt jetzt

bei ^ofe: TUozu brauchen wir eigentlich biefe eingebilbeten,

heuchlerifdjen ^efuiten! $)ie Notwehr ber pompabour h<*t

ben 25eichtnimbua ber Gruppe 3efu, bie wichtigfte unb fafi

fdjon letzte Quelle ihrer höfifthen MTacht jerfiort. Vlod)


ahnen bie patrea freilich nichta bavon, ba$ bie franzöftfehe
Regierung bereita heimlich bie 23eftrebungen anberer großer
^öfe unterfhiQt, bie auf bie völlige Vernichtung bea
3efuitenorbena tyinsitlen.

JO 0<$uh}<<Pfacljcc, 3Da» 3(fuittntÖu4> HS


$unt>m Jafjre öeuttöjtr <Olaubenjsftdeg

©er erjle 3efuit, btt ii&ec Sie ttlpen nait) $3 cutfd)knfc


fommt, ift peter ,$aber, ber favoyarbifdje ^irtenfnabc unb
ältefle parifer ßefolgsmann bes ©rbensjhfters. £o?ola h<*t

i£>n wegen feiner bäuerlichen Derbheit unb feiner troefenen

wiffenfchaftlichen Ciefgrünbigfeit gen korben gefehlt, benn


biefe ißigenfehaften fcheinen ihni auch bie he^orjtechenben
3ügc ber SDeutfchen ju fein. X>on bem innern Deichtum ber
beutfehen Seele ahnen bie romanifchen (Drbensleute noch
nicht», fte hatten Deformation nur für eine
bie beutfehe
grobe Duffäffigfeit von eigenfinnigen Ulönchsgelehrten unb
habgierigem t£o<habel. jfaber wohnt ben Deligionsgefprächen
ju XUorm» unb Degensburg bei. ttlit (Cntfe^en gewahrt er,

bafj bie ißvangelifchen nicht eine fleine Ke^erfefte, fonbern


bie beherrfchenbe Deichspartei währenb
bilben, ft<h bie

Papjlfirche in matter Dbwehr auf bem DücFjug befinbet.


5>er hohe Klerus fucht burch Perhanblwtgen ju retten, was
ftch noch äußerlich retten läfjt, aber bie innere (Glaubens*
Irraft bes rbmifchen Kultes fcheint t)iw völlig gebrochen
3u fein.
SDeutfchlanb für bie alte Kirche surüefjugewinnen, foUte
bie heiligte unb bringeitbfte Dufgabe bes jungen (Drbens
werben, fo berichtet ^aber in Dom, unb Äoyola jtimrnt $u,

oh«e freilich bas tPefen ber beutfehen Kulturrevolution ju


begreifen. Unb bie ^Icfuiten würben für ein volles 3ahr*
hunbert bas beutfdje Verhängnis. Dn feinem anbern £anbe
haben fte bie Sd)icffalsentwicflung fo tiefgehenb beeinflußt/
obwohl ber jefuitifche <Beifi bem SDeutfdjtum immer in ber

Ortung $uinnerfi entgegenwirfte. £>cr (Drben würbe für


fceutfchlanb jurn gefährlichen ^ieberherb, er brachte ber
Nation Ärfranfungen auf Cob unb £eben unb tjinteriieß
ben fpäteren beutf(f>en (Befchlechtern bie fc^merjli^en
Stacheln gefcf>icf>tlic^er «rinnerung. tttit beißenber Kichtig*
feit fagt ein beutfcfyer ^ijtorifer bes jo. ^atwhunberts:
„£>er bleierne Vogel, ber wäl>renb Pamplonas Belagerung
burd) bie ^ranjofen im CJahre jsz j ben fpanifc^en ifbel*
mann Von Dnigo nur verwunbete, war einer ber t>er*

hängnisvollfhn, ber je x>on eines Sehütjen ^anb entfenbet


würbe, ^ätte er ihn biefem irbifc^en ^ammertale entrüeft
ober if>n gänzlich verfchont, beibes wäre eine Wohltat für
bie nTenfd)l?eit unb für Veutfchlanb gewefen. Dm festeren
^alle würbe er höchfiens als tapferer fpanifdjer ^auptmann
glänjen . . . Unglücflicherweife würben ihm, wätwenb ben
Äriegsuntauglichen feine Wunben ans Äranfenlager fcflfcl-

ten, ^eiligengefcfücfyten Unterhaltung gegeben."


3Die ^fefuiten tyabm in ber Cat in beutfehen Äanben wie
ein böfer 3ufaU von außen gewirft, nicht wie eine unum*
gängige innere Vorfehung. lluch i h« bleibenben Ceih
erfolge bieten ein gan$ wiüfürliches Bilb, benn es ijl auf
feine Weife einjufehen, warum etwa bie Vüffelborfer ein
anberes (Bottbefenntnis als bie Kölner haben müßten. 3Die
<Befef>icf)tc ber ^efuiten in Veutfchlanb befchreibt wohl biefe
wirren firchenpolitifchen unb fulturfämpferifchen Wege,
aber fte erweijt biefes (Befdrehen feineswegs als innere
3 wangsläufigfeit.

Vie jefuitifchen Dntrigen auf beutfd)em Boben fetjen mit


bem 'Jlugsburger Dnterim im 3 ahre ^48 ein. ÄaiferÄarlV
h«t bie proteßantifchen ^ürßen vorläufig beßcgt, unb ein
halbrömifches (Blaubensgemifch foH einßweilen in 2>eutfch*
lanb von %m ts wegen als Religion gelten. 3Dic UnPlarheit

ber Situation ermuntert bie Cruppe Cfefu 3« ih«*» erßen


beutfc^en Unternehmungen. <Bbwot>l fte fämtlid) Äanbfrembe
ßnb unb noch Paum bie beutßhe Sprache beherrfchen, wollen
fte fogleich bie Slusbilbung ber Patholifchen (Betulichen in
ihre ^anb bringen.
£>ie beiben großen beutßhen Cerritorialfürßen, bie ß'd)

noch 3 «nt römifchen Äultus bePennen, ftnb ber Habsburger


^erbinanb in ben ößerreichifcfcböhmifchen Äronlänbern unb
ber ^ayernherjog Wilhelm IV. Sie ßnb auch faß ßhon
bie einzigen noch Pntholifd) gerichteten Potentaten; auch
in ben geißlichen fturfürßentümern am 3U)ein ftnb bie

Stimmungen unb UTachtverhältniffe fchon fd)wanPenb ge*


worben. Äoyola erPennt ßrategifdj ganz richtig, baß Äöln,
Utiinchen unb XUien bie Zentren ber ^efuitenarbeit in

3Deutfd)lanb werben müßten, unb biefc Stabte blieben ja auch


bis in bie (Begenwart hinein bie tUittelpunPte Patholifchen
Äebens.
Peter ^aber geht an ben Xhein, wo bie VJähe ber fpani*
fchen Vlieberlanbe einen Patholifchen KücPh<*lt bietet. 3Der
proteßantifd) geftnnte Kölner Ißrjbifchof iß von ben Paifer-

lichen Cruppen vertrieben; bie leichtherzige, weltfrohe 23e*


völPerung fürchtet bie Spanier unb iß in (Blaubensbingen
läfftger als anberswo. igiet fetzt ^aber mit feiner 25ePeh*
rung ein. llls «Bperzitienmeißer erfchrecft er bie unftchern
Herzen mit ber furchtbaren Ausmalung ber Höflenßtafen
unb bilbet wieber leibenfchaftlich entflammte (Bemeinben ber
alten IKirche. (Bv fammelt bie verßreuten prießerzöglinge
Zu einem römifchen Stubentenbunb, in bem ber (Beiß ber
jefuitifchen (Drbensanfänge nun auch fyiev lebenbig wirb.
Schon vorher h<*t ^aber einen jungen (Belehrten aus bem
hoHänbifchen Umwegen gewonnen, ber zu ben beßen Hoff'
nungen berechtigt, Peter Canis, genannt (Caniftus, einen Htann
von gefchmcibiger Äraft, phantaftevoE unb propaganbifiifch
gefchicFt, ben fte fpäter ben beutfchen „ 7Intiluther" nennen.
Dn 23ayern macht ber verträgliche *5er$og gleich mit ben
erfien patres fchlechte Erfahrungen, fte gegen bas
Interim, bas ben Xeichsfrieben anbahnen foE, unb bas ge#
plante CJefuitenFoBeg Fommt vorerfi nicht juftanbe. Aber
in$wifcf)en öffnet fleh in Wien ein päbagogifches Arbeitsfelb,
benn es gibt in cbfterreich Feinen ÄleriFernachwuchs mehr.
SDer franjöftfche Äoyolajünger £ejay begrünbet eine Unter#
richtsanftalt für angehenbe Theologen unb fchmeichelt fiel)

in bas Vertrauen £önig ^erbinanbs ein, ber ihn jum


2Mfd)of von Wien $u machen wünfd)t. 25er pater fchütjt,

von Äoyola gelungen, feine 2>emut als (Brunb für bie


Ablehnung vor. 3Der (Drbensgeneral h<*t nämlich eben ver#
fügt, ba£ bie tHitglieber feiner Gruppe niemals ein h^he®
Äirchenamt annehmen bürfen, benn bas vertrüge fleh nicht

mit bem (Behotffam, ben fte in erfter Äinie bem Raupte bes
(Drbens fchulbet. So entziehen ftch bie 3efuiten von vorn#
herein aller Verantwortung für bie £iö$efen, fte wollen
immer nur ein unftchtbares Firchliches SJebenregiment aus#
Üben, niemals aber bie bobenftänbigen Dntereffen bes
Sprengels behüten.

Dn^wifchen Fommt jyyy ber Augsburger Aetigionsfriebe


juftanbe, in bem ber Aaifer, ber wieber vor ber proteftan#
tenmacht jurticFweichen mufjte, bie Freiheit bes lutherifchen
&eFenntniffes verbrieft. 2)as ift natürlich nicht nach
<3er$en ber CJefuiten, fte erheben in Sübbeutfchlanb lärmen#
ben Wiberfprud). Aaifer Aarl läfjt ben heftigen Pater
23obabiBa, ber in öayern gegen ben ^rieben be<3 t, verhaften
unb nach Italien $urücFfd)affen. £>ie anbern fangen es
fchlauer unb heimlicher an; fte verbreiten, ber neue Bayern#

J4 9
f>er$og 'Mlbredjt V., ber feinem \>ater Wilhelm gefolgt ift,

habe ju bem fcf)impf licken Äirdjenf rieben geraten. We X>er«

mittler tritt jefct ber junge,, wenbige Canifiue in l&rfdjei»


nung, er bejlimmt ben ^erjog, burd) Übergabe ber Dngol«
fiäbter ^odjfdmle an ben (Drben ben X>erbacf)t feiner Pat^o*

lifcf>en £äffigPeit abjutun. 3Dae fcttanöver gelingt, unb ber


d>rben fy&t nun im Süben bee Xeicbee fefien ,$ujj gefaxt, er

richtet im bayriftfyen ^erjogsgebiet feine BottwerPe auf,


um von bort nacf) Qcfywaben unb vfranPen weiterjufiofjen.
Ber banPbare Äoyola ernennt nod) Pur$ vor feinem Cobe
Canifiua jum beutfdjen provinjial; baa Vorfpiel jur Xüd?«
eroberung Beutfdjlanba iji bamit beenbet.

Canifiua l?at richtig erPannt, bafj bie evangelifcf)en Äir«

d)en i^re Äebrerfolge in ber XMPebreite vor allem bem


Äatedjiemue verbanden, ben Cuttere plafiifd)e WortPraft
geraffen fyat. Baa wid)tigjie ted>nifd)e Werbemittel ber
Jteformationebewegung war bie Brudferpreffe gewefen; bie
Wittenberger ^lugfdjriften Ratten baa neue BePenntnia
burd) bie Äanbe gewirbelt. Ber jefuitifcbe G5egenreformator
mad)t ftdj nun ebenfalla an bie publijifiifdje Urbeit, bie bia*

ber in ber Patbolifdjen Seelforge noch Peine volPetümlid)e


XoHe gefpielt tyattt, „Inbegriff ber (briftlid)en Äebre" nennt
Canifiua feinen Patbolifd>en Äatedjiemue, in bem er ben
Segen ber „guten WerPe" befonbera b ccvot ^ebt; von
folgen WerPen will ja ber römifd)e Äampforben ju aller«

meifi profitieren, Ber Äaifer bem „Inbegriff"


felber fdjreibt
ein empfeblenbea Borwort, baa Buch wirb von allen beutfdj*
Patbolifcben dürften ala Ceitfaben cingefiifjrt, ea foU bie

„heilige tTTild) für bie 3ugenb" Balb wirb


fein. ea in alle
Weltfpradjen überfefct unb wanbert im jefuitifdjen UTifftona«
gepäcP bie ine ferne 3lf»en unb 'KmeriPa.
^ür bie Sd)ulpropaganba bea (Drbena, ber bie f)um&
niftifch*weltlichen £ateingymnaften überall ju verbrängen
fuft, ijt Canifiua’ lateinifthe (BrammatiP bejeifnenb. On
bie Äebrtepte ber alten Sprache werben Patholiffe (Bebete
auf beutfd) eingcfloften, unb jwär fo, ba$ bie beutffen
Formulierungen eine Hrt ißfclabrücPe 3u ben lateiniffen
tPenbungen barfleHen. Ber Schüler wirb alfo gerabe, wenn
er ftdj’ö bequem machen will, in ben religiöfen Bann ge*

3ogen. Huf ein „ttlahn* unb £rbauungabuf für Fünften"


arbeitet Caniftua mit lifliger (Beff icPlif Peit aus. Bie *£err»

ffer foüen bei allen ihren tTtorgcn» unb Hbenbgebeten


(Bott barum bitten, bafc er auf fre abtrünnigen Stanbea*
genoffen jutn wahren (Blauben 3 urücPbringe. Bicfer Fünften*
fpiegel bat auf bie junge prin^engeneration in cbfterreif
unb Bayern ref t unheilvoll eingewirPt, er würbe baa tag»
liehe Brevier ber beiben ^errffer, bie ben großen Ärieg
in Beutff lanb entfeffelten. Huf Betreiben bca organifato*
riff unermüblifen Canifiua wirb in Xom baa jefuitiffe
Collegium Germanicum gegrünbet, eine Huabilbungaanflalt
für begabte beutffe Jünglinge von fünfzehn bia jwanjig

fahren, bie für bie HefcerbePämpfung in Beutfflanb be*


fonbera breffiert unb ber Seele frea PolPea planmäßig ent»
frembet werben. Hua biefem ff einbar nationalen, in tDahe»
heit ben beutfehen BürgerPrieg vorbereitertben Onfiitut ifl

ber berüchtigte von tDürjburg, Achter von


tttefpelabrunn, hetvovgegangen, &er PultureQ fo reich
blühenbe $rmUn in eine ffolaftiffc «perjitienanfpalt unb
einen (Befpenflermalb bea Hberglaubena umwanbelte.
Bie fübbeutfehen Bifchbfe flehen sunäffl ben jefuitifchen
„Reformen" innerlich ablehnenb gegenüber, ebenfo wie auch
bie tftagijirate unb baa RirfenvolP. Ber gefunbe OnftinPt
ber gebilbeten unb ber h«nbwerPerlichen Schichten wehrt ftf
gegen bie Schleifereien ber „fpaniffen priefler", bie ff on
in Orient gegen alle beutffen fCrneuerungawünffe mit
reaPtionärer £ntff iebenheit aufgetreten finb. Ohre Stüfce

Kl
finb anfangs nur b(v baprifdje *£of unb als bifchöflidjc Aus-
nahme ber ehrgeizige <Dtto Crudjfejj von Slugsburg, ber bcn
fremben patres feine neue Univerfität Gillingen zur T>er-
fügung fteßt, bie halb jur UTufieranfialt für unbulbfame
£ehrfd)olaßiP wirb. Dm l^erjoglic^en 23ayern fud?en bie

patres bie Verwaltung unter ihren ßiinflu$ ju bringen, um


fid) reichen Äanbbefitj, geräumige Raufer unb Selber für
Riesenbauten zu ftchern. lEs gäbe hier, Plagen fte, viel mehr
Wirtshäufer als (ESotteshäufer, unb auf ben Pfarren träfe
man mehr uneheliche PfarrPinber als ÄrbauungsfSriften
an. «Bewifj, bie ^efuiten prägen bem gemütlichen Bajuwaren*
lanbe manche fVrengeren formen auf, bas £eben bePommt
eine Prampfhaft ftarre 5>ecPe, unb ber ^of bemäntelt je$t
bie ^reube am Bpieltrubel unb am „vollen 3apfen" mit
bigotter Frömmelei.
Als Wilhelm V. )$70 feinem Vater AIbred)t folgt, ge-

lingt es ben 3efuiten, als IjerjogliSe *5ofbeid)tiger bie

heimliche Leitung bes £anbes an ftch 3ü reifen. Wilhelms


Beichtvater, &er t>offa'rtigc tHengin, h A * bie Herzogin )u
feinem wißentofen WerPzeug gemalt, er verfügt je$t über
äße Pultureßen Aufwenbungen unb (Bnabenbeweife. Aber bie
Raffen ftnb leer, bas t&tvvfötvfyaw ift ben Untertanen
fS»er verfSulbet, bie „Reformen" ber tlefuiten, ihr mafj-

lofer Aufwanb für Pirchüche Rep räfentationszwecPe \)&btn


aßes Verfehlungen. £>a fteßen fid) bie patres, um bie t^of*

fSatuße $u entlaßen, auf bie Rangeln unb verPünben heud)-


Sinfennehmen fei fünbhafter Wucher U nb fd)on
lerifS/ afles
von ben Rabenvätern verbammt. Bamit niemanb Bchaben
an feiner Seele leibe, werbe ber Herzog für bie Anleihen
Peine 3infen mehr befahlen. £>och bamit ifi bie BevölPerung
Peineswegs einvcrflanben, ber Unwiße mad)t ft<h (Pürmifd)
Äuft, jumal ber (Drben ftd) gerabe feijt in tttünchen eine
prunPPirche baut, bie mit ben grofjartigflen fpanifchen unb
römifben Vorbilbern wetteifern foß. 3Diefe Art von „guten
XDerfen" wirb offen als bie fcfylimm(te 3uswu$erung be*
$eicf)net. Unb bie gefcfjäftstücfytige Äanjelpfäfferei verfagt,
bie 3infen müffen weiterbeja^lt werben. 3bie Äirdjenbauten
werben freilief? weitergefü^rt, bie Güter unb 0tubien^äufer
bes Grbens mehren ftd) von 3af?r ju 3at?r; bie patres
iiber)iel>en bas £anb mit immer bitterem VT efc, bie „fpani-
fdjen Sur gen" nennt bas Polk tyre VTieberlaffungen.

3Der gefdfaftige Caniftus unb feine Trabanten ^>aben

unterbeffen auef) ben beutfdfen VTorbweften mit ifjrer

2Uformarbeit l>eimgefud)t. 3n tPeftfalem ^atte ftdf? bas blut*


kräftige Sürgertum von feinem verberbten bifdföflictyen

£anbesfcerrn abgewanbt unb evangelifdje paftoren eingefefjt


0eit ein blinbergebener ^reunb ber tfcfuiten ben Sifdjofsftfc
von paberborn erklommen f>at, fudjen bie patres f)ier bie
XYladjt bes Brummftabes wieber $u feftigen. llls „3efu-

wiber" werben fte vor ben Äirdjcntüren begrübt, bas


übermütige Polk fpielt ben 0dfwar$kutten aüert?anb
VTarrenspoffen.
0ie tragen bas mit ingrimmiger Gebulb unb (treuen, als

fie mit ben örtlichen 3uftänben vertraut finb, aufregenbe


Gerüchte aus. $>ort l?at eine prote(tantin ein mi£geftaltetes
Äinb jur XPelt gebracht, unb einem kefcerifdfen Xatsljerrn

i(t bas Piel> an ber 0eud?e krepiert. 0oHten bas nidft gött-
liche 0trafen fein? 'Mber ein anberer, ber $um alleinfelig-
mad?enben Glauben jurücfkefjrte, tyat Gnabe gefunben, fein
^ausjtanb gebeizt, feine Coctyter würbe gefunb. %n ben
katfjolifdjen ^cfltagen veranftalten bie 3efuiten prunkvolle

Slufjüge; auf ber 0d>auwiefe jtetten fte lebenbe Silber, für


itjre tttuftkcfyöre fudjen fte Trompeter unb 0änger, fte ver*
teilen Srejeln unb Slutwürfte, unb ganj aHmä^li<f> fdflägt
bie Polksfthnmung um. 3Der Sifdjof hilft ein bifjd)en mit
Gewaltakten gegen bie proteftantifdfen prebiger nad), fte
werben eingePerPert ober bes Äanbes verwiefen. ^ietr unb ba
gibt es $war noch eine Pleine Kevolte, aber bie ehr f am
fpießbürgerlicbe proteffpolitiP iff bet* pfäffifeben Äiff nid)t
gewaebfen. 3Dic Bistümer paberborn, ^ilbea^cim,, (Dsna*
brücf unb tttünffer geben bem Äutbcrtuin wieber verloren.

Uber bie ^efuiten bleiben ftcb barüber Plar, baß i^>re

norbbeutfeben fCrfolge nicht ben Slusfdffag geben. Der


beutfdtje ScbwerpunPt liegt noch in ben ^nböburger £anben,
auf bie Paifcrlicbe ^errfdfjerfamilie Pommt es vor allem an.
Habsburg unb Wittelsbacb müffen in bet KetjerbePämpfung
eng jufammengeben. Wilhelm V. von Bayern banbeit fcf^ön
ffreng nach bem (Brunbfatj, ben ibn bie patres gelehrt haben:
„(Lottes i£f)vt unb bas Seelenbeil geben allen weltlichen
KücPftcbten vor." So benPen aber bie Habsburger vorläufig
burebaus nicht. Sie wollen ihre iprblanbe Peineswegs wie
Bayern bureb tttaffenausweifung von Protestanten entvöl*
Pern. Sluf ben Patbolifd) gemäßigten 'Äaifcr ^erbinanb I. iff

mit ittayimilian II. ein verffänbiger, gerecht benPenber


Wlacbtbaber gefolgt, ber bie freie Keligionsübung bes Slugs*
burger ^riebens ehrlich gelten läßt unb bie guten Seiten
bes proteffantifeben Kulturlebens anerPennt. Ber (Drben
fcbicPt feine Plügffcn Diplomaten nach Wien, fte umgarnen
bie Kaiferin, boeb ber Kaifer fclbff bleibt ffanbhaft; bie
^efuiten muffen in Wien, wo fte viele altPEöfferlicbe liegen*

febaften an ftcb gerafft batten, ben erfeblicbenen Kaub


größtenteils wieber berausgeben.
Slle tttayimilian leiber viel $u früh für bie Beruhigung
bes Bonaulanbes bie Slugen fcbließt, überwiegt in «bfferreicb
unb Böhmen bas evangelifebe BePenntnis bei weitem, be»

fonbers ber ganbabel unb bas Bauerntum halten ftcb jum


neuen Glauben. Hach bes Kaifers Cobe ffeigt bie Derwir«
rung in ben Kronlänbern an, wo je$t mehrere Habsburger*
fiirften mit wechfelnber Religionstaftif nebeneinanber re*

gieren. Inifer Rubolf II. auf feinem prager t^rabfchin iS


ein verfchloffcner, unberechenbarer Qonberling, ben bie

biiflere (Erziehung in Spanien verborben tyat. f£v will in

feinem phantasiert Seitvertreib nicht gehört fein, man


fann bei ihm alles erreichen, wenn man feine ^offreaturen
Zu nehmen weiß. die ^efuiten finb felbSverSänblich nicht

fchüchtern, ße gewinnen Rubolfs zahlreiche 23uhlbirnen


burcf) üppige (Befchenfe, bie fich zehnmal bezahlt machen,
benn fie tytimf en bafür eine 23eftizverf(hreibung nach ber
anbern ein. daß Rubolf als Rührer einer großen Fatho-
lifchen Sampfbewegung ebenfowenig wie fein abenteuernber
23ruber tttatthias zu brauchen iS/ fy&btn fit gleich ernannt,
unb fo fuchen fie nach einem ^absburgerzweig, ben fie in

3uFunft an bie Spitje bes geplanten (Bewaltunternehmens


Sellen Fönnten.
die ßeirifche £inie fcheint ihnen am meiSen geeignet zu
fein, fie fyäbtn ben in (Braz refibierenben (Crzhcrzog Sari
mit ber bayrifchen prinzeffin ttTaria verheiratet, bie man
nicht zu Unrecht „bie tttuttcr bes dreißigjährigen Srieges"
genannt h<*t. fciefe SchweSer bes UTünchener TDilhelm iS
nicht nur eine bis zur *£yfttvit verSiegene 23etfchweSer,
fcnbern auch eine fnnatifch ehrgeizige Herrin unb Ututter.
Ohr (Batte h<** mit ben fchlimmSen (Betbnöten zu ringen,
feine faS ganz proteßantifchen ÄanbSänbe bewilligen ihm
bie tTTittel immer fpärlicher, feit bie 3efuiten in (Braz agi-
tieren. t^otgebrungen muß ber t£vtf)tv}OQ feinem (Bencral-
lanbtag eine weitgehenbe Religionsfreiheit verbriefen, fehc
Zum lirger ber (Battin, ihrer geliebten ^efuiten unb bes
ganzen ^ofes.
3Doch bie patres fchaffen Rat unb i^ilfe, fit holen Sub-
ßbiengelber aus Rom h crbci, ber (Brben unb bie Sird)e wol-
len fich bie Befreiung bes ^ürßen aus ben Rängen ber
Se$er etwas Foßen laßen, der «Erzheejog foH nicht ver-
pfli d>tet fein, ben ^einben bea ^eiligen (Blaubena baa IPort
ju tyalttn. Hun werben bie evangelifd)en Pfarrer but<f>

jefuitifd) gefaulte priejter erfefct, baa (Brauer CJefuitenfoHeg


wirb $ur Äanbeauniverfttät erhoben. Pon ben Stäbtern ver*
langt man einen fatljolifcfyen Pürgereib. Pie Pevölferung
murrt, aber fte leidet feinen bewaffneten tPiberjtanb, ob*

wofrl fte an tttadjimittefn ber ^ofclique unenblid) überlegen


ift. Sie behält bie evangelifdje 'Kettung vor ber (Dbrigfeit
bei,obwohl baa Regiment ju jebem Creuverrat fäf>ig ift.

Äarla ßewiffenaffrupel bcenbet ein früher Cob, er hinter*

läfjt einen «Krbfolw ^erbinanb, ber vom Pater ben hinter*


faltigen YPanPelmut, von ber mutter bie bigotte, eitle
£eibenf<baft überkommen l>at. Sein geringer geiziger *£ori*
jont unb feine balb fdjeue, halb aufglü^enbe, aber meifl
l>eud)lerifd) gut verhüllte tDefenaart machen ilm }ur ibealen
UTonard^enfigur ber jefuitifd>en Prabtjieber. Sie forgen
bafür, baf; er enblid) if>r Äriegafaifer wirb.

Pie patrea bringen il>ren «Erwählten $ur forgfältigen


3(uabilbung n ad) i^rer bayrifdjen Stubienborfjburg 3ngol*
flabt. Port ftfct in ben Porlefungen neben il?m fein Petter
tltapimilian von Bayern, ber £rbe bea ^erjogtuma. Per
Payer neibet bem ®r$ber$og feinen työtytven Xang, fte fül-
len fid) ala Xivalen unb werben miteinanber nicfyt warm.
Iftapimilian ift klüger, tatkräftiger, von fyotytn i^errfcber*
jielen burdjbr ungen; ber junge ^ababurgift^e Petter wirft
neben if)tn nur ala Pudfmaufer. Xber in i^rer Reißen
gäbe für bie fatl>olifd)e Sache ftnb fte ftdj gleich. Pie 3efui*
ten pfropfen bie beiben jungen £eute, bie einmal ala bie
»^auptträger ber römifdjen macht in Peutfcblanb jufammen*
wirken follen, mit ihrer Staataweiaheit voll, beren hoppelte*

IHoral ganj auf ben beabftdjtigten klerikalen mißbrauch ber


beiben beutfehen prinjen jugefebnitten ift. Solange fte ber
Kirche gehorfam fein würben, fönnten fte mit ih«n Völfern
nach (Butbünfen f dealten; als abtrünnige ober im (Blauben
läfftge dürften hätten fte hingegen bie Ereupflicht ber
Untertanen verwirft. Sarf ein gut fatl>olif(^er ^ürft aud)
bie feiger bes VJachbarflaates unter feine rechtgläubige <für*

forge bringen*, fo fragt ber lebhafte, von fühnen träumen


bewegte UTapimilian, (bin Äaifer, bem bas Seelenheil über
alles geht, foUte es ihm mit ^reuben geflatten, lächelt

ber 3efuit.
Sei ^eimfehr nach <Bra3 finbet ^erbinanb bie
feiner
Proteftanten wieber im WTachtvortcil. „3ch will lieber
ein verwüjtetes als ein verbammtes £anb", ruft ber

gelehrige CJ«fw*tcttfc^iiIcr. CJefct werben bie lebten evange*


lifchen £ehr- unb Rultflätten gefchloffen, bie Rührer ber
Äetjerbewegung furjerhanb verjagt, bie übrigen Äuthe*
raner erhalten eine (Bnabenfrift. Schwören fte injwifchen
nicht ab, fo müjfen fte auswanbern, unb ein Ceil ihres
SeftQes verfällt bem Staat, %\x& biefen befchlagnahmten
Werten laffen ftd) bie ^efuiten fräftig botieren, unb bie

flüfftgen Wtittcl fteefen fte in bas näd)jte Sefehrungsunter*


nehmen, bas jefct von Wien aus bas öfterrcidjifche Äern*
lanb ins Unglücf ftürjt. 3h * Wiener Vertrauensmann ift
ber Sifdjof Älefl, ein proteflantifcher Säcfersfohn, beffen
robufte Seele bie patres noch redjtjeitig retten fomtten,
um ftch i e Öt feiner bei allen üblen (Befchäften um fo ftcherer

3u bebienen. Älefl ift ein bis 3ur :&omif ehrfüchtiger tttann,


ber, auf volfstümliche Sieberfeit getarnt, bei ben Umtrieben
innerhalb bes (Cr 3 haufes eine bunfle ÄoHe fpielt. ICin uw
glücflicher Kufftanb proteflantifcher Säuern in (Dberöfter*
reich liefert ben Vorwanb 3U einer gewalttätigen (Begen*
reformation an ber Sonau. 1£Tur in Söhnten behaupten ftch

bie proteftantifchen Stänbe als gefchloffene Machtgruppe.


«Erzherzog tttatthias lebt mit feinem Faiferlichen Brufecr
Rufeolf feit langem in Unfriefeen; fees Raifers Schrullen
finfe in feer Cat für feie anfeern ^amiliengliefeer unerträglich
geworben. tiefer 3wiS im ^aufe «gabsburg iS feie letjte

Hoffnung feer proteflanten. "Huf jefuitifches Betreiben einigt


fith feie ganze X>erwanfetfd)aft auf eine RFte; fearin wirb feer

Raifer wegen „CSemütsblöbheit" als Oberhaupt feer Familie


abgefefct, unbtHatthias tritt an feine ©teile. Oer leicf^tfinnigc,

bebenFenlofe UTatthias benufct feie Vollmacht, um mit feinen


^reunben, feen proteflantifc^en Ungarn, Verträge zu fcf^Iie-

fcen, feie ihnen volle Religionsfreiheit juftchern. Seither ift

Hlatthias im ganzen evangelifcf)en £ager beliebt unfe feem*


gemäfj feen ^efuiten, feie il?n vorcrS für feas Fleinerc Übel
gehalten Ratten, zum fchtuerflen lirgernis geworben. Sie
nähern fid) wiefeer feem verwahrlosen Raifet unfe hegen
jetzt bei Rufeolf in präg gegen feen verhaften Bruber.
Rufeolf will UTatthias um feie Nachfolge auf feem Raifer*
thron bringen unfe begünstigt auf Vorfthlag ber patres feen

jungen <5rajer ^erfeinanfe; unfe feamit fcheint feer (Drfeen

fchon einen beträchtlichen Schritt weitergeFommen zu fein.


VJicht iUatthias, fonfeern feer bisher im Reiche noch wenig
anerFannte ^erfeinanfe wirfe als offizieller Vertreter fees

Raifers auf feen Regensburger Reichstag entfanfet. Rber feer

erzürnte Utatthias verfügt über feie tatfäcf)liche UTacht. tttit

einem ungarifchen t^eere, feem ftef) feie öSetreichifchen prote*


Santen anfchliejzen, zieht er nach präg unfe zwingt feen hilf'

lofen Rufeolf zum Verzicht auf Ungarn, <&Serreich unfe

Utähren. Oie 3efuiten h<ü>en feiefen BrufeerFampf im ^aufe


^absburg vorerS verloren, fit müffen warten, bis fie hinter
UTatthias ihren ^erfeinanfe feurchfegen Fönnen, unfe feazu

werben noch viele intrigante RnSrengungen nötig fein.


Tr-

otts? ^erfeinanfe als fürSlicher OlaubensFämpfer bereits


auf verfeienSliche Weisungen pocht, fpornt feinen Vetter
tTTapimilian zur \2acbeifcrung an. Hber wo foH ec beginnen?
©ein eignes Lanb ift ja langft ber 3efuitenfu<btel untertan,

£r t>at ein ftarP gerüftetes HriegsvolP jufammengebra^t,


bas er }um Hummer feiner bebrücPten ©tänbe bauernb unter
tDaffen i>ätt; angeblich ift es gegen bie CürPen gerichtet, bie

immer vorgefertigt werben, wenn ein beutfeber Lanbesfürfi

Priegerifcbe Hnfcblage auf feinen Nachbarn plant,


25a ficb ihm noch Peine blutige HampfmÖglicbPeit bietet,
will er erft einmal ein friedliches JöePebrungsmanÖver ver*
fud>en. &er Herzog b<*t fi<b &<*3U feinen ©tammesvetter, ben
lutberifcben pfalzgrafen Philipp Lubroig von VJeuburg, als

(Dpfer auserfeben. ©ie Pommen überein, in Hegensburg ein

Hcligionsgefpräcb abjubalten, jeber l>offt bie anbere ©eite

überzeugen zu Pbnnen. UTapimilian b<** feine ^ofjefuiten,


ber pfalz^euburger feine lutberifcben prebiger mitgebraebt.
Schon am zweiten Cage b<*t ficb ber (Blaubensfireit feft-

gefahren, boeb beileibe nicht einer d)rifMi<ben (Drunblebre


wegen. CbeologengezdnP b<*t immer ben Crieb, zu nebenfäch-
lieben SDingen abzufebweifen unb bort fiecPenzubleiben. 2>ee
Hegensburger SDisput überbietet freilich <tHe anbern trüben
(Erfahrungen. 3ei ber Auslegung ber ^eiligen Schrift be-
hauptet ber ^efuit (Bretfer, baf$ ber *£unb, ber bem Cobias
nacbgelaufen fei, mit bem ©cbwanze gewebelt b<*be. £>ie

Lutheraner befreiten bas heftig, fie meinen, ein Cbrifi


Pönne auch zur ©eligPeit eingeben, wenn ber «gunb bes
Tobias ben Schwanz beim Laufen ruhig gehalten b<*t> e *

darüber erbten ficb bie Hopfe berart, bah bie ©iijung ver-
tagt werben mufj. 23ei einer neuen ©effton verrennen fie ficb
in ber Jrage, ob ein guter Cbrift überzeugt fein muffe, bah
ben ^übinnen bes Hlten ICefiaments bie ©eligPeit verfagt
bleibe, weil man an ihnen nicht bas ©aPrament ber 23efcbnei-
bung vollziehen Pönne. VDie bürfen fie ohne biefe (Blaubens*

weihe im ^immcl anlangen? 25er 3efuit Hbam Canner


meint bazu, man hätte ben ^uben empfehlen foUen, ihre
UTabthen vielleicht an einer anbren ©teile, etwa an ber Hafe,
3u befchneiben. Kber auch barüber iß Peine Einigung su er*
Sielen.

©o müften alfo bie Disputanten Über ^unbeiuebeln unb


tttäbchenbefchneibung ohne 23ePehrungserfolge nad) *£aufe
gelten. Ulan nahm aber ein folches „Keligionsgefprach" ba*
male voll Pommen ernß; fd)on bie Catfad)e, baß barüber im
CJaljre )6oa mehr als s&ansig gelehrte Schriften erßheinen
Ponnten, beweiß es. Der Kampf stvifchen ben Konfefßonen
iß theologifd) auf lächerliche Kbtoege geraten, bie geißlid)e
KuseinanberfeQung $um Unfug entartet. Utan tüftelt über
ÄinfäHe, bie mit ben religiöfen Kernfragen überhaupt nichts
SU tun fabtn. Kud) bie tiefgläubige, braßifche ©djimpf*
polemiP ber Äutherseit iß verlorengegangen. XOo je$ t bie
CJcfuiten mit Qchmähfchmf*™ eingreif en, hobelt es ßch
nicht um religiöfe (Plaubensfätje, fonbern um rein politifche
Agitation. ©o befchimpfen bie patres bie proteßantifdjen
fließen auf Präftig irbifche TDeifej in ihren iSrbauungs*
briefen nennen ß'e ben Kurfürßen von ©adjfen bie „burdj*
lauchtige ©au $u Dresben", ben Kurfürßen von ber Pfals
bie „23eßie von i^eibelberg", ben £anbgrafen von Reffen
bas „hochgelahrte ©chrvein", ben iger$og von Württemberg
ben „reichen Cempelrauber $u Stuttgart". WirPlich lebenbig
finb von bem großen 23ePenntnisßreit nur bie (BefühlsPräfte

ber KulturpolitiP geblieben, bie man nicht in Programme


faßen Pann. Die gegnerifd)en <J3efinnungen ßnb echt, bie im
Kampfe angetvanbten irtittel aber beßimmt nicht mehr bas
rein religiöfe ^ersensbebürfnis.

Kuf eine politifche «Eroberung sielt auch UTapimilian ab,


nachbem fein Cheologengefprad) fo Pläglid) gefcheitert iß.
Die patres lenPen feine begehrlichen 23lid?e auf bie freie
KeichsßabtDonaumörth/ bie vor^Jahrhunberten einmal ben

jöo
VDittclabachern gehörte unb bann bie reidjaunmittelbaren
Üechte erhalten t>attc. Bonauwörth beFennt f«h )um Luther»
tum, bie übte bea Fatholifchen Äloftera fydben fid) ßiß per»
halten, bia jeigt bie ^efuiten ben neuen, pon ihnen berufenen
Übt £conharb $u Bemonftrationen bestimmen, Ber tftagi»

(trat unb bie Bürger woßen bie aufreijenben prunFprojef»

fionerc te$ Äloftera nicht bulben unb entreißen ben Ün*


hängcrn bea Übtea bie «5eiligenfahnen. Baa Bloßer be»

fchwert fsd> beim Faiferlichen Xcicf>el>ofrat in präg, ber


nach längerem projeßfhreit unb neuen 3wifd)enfäßen ben
Bayernher$og mit bem „Schwj" ber Bonauwörther Äatho*
liFen beauftragt. 3Die Stäbter weifen ntapimiliana Übge»
fanbte trofcig unb ^>öt>nif(h JurücF, ber ^erjog perlangt jur
Sül?ne bie Sulaffung ber 3efuiten in ber üeichaftabt, bie
felbßrerßänblich perweigert wirb. Bie patree fefcen ea
burch, baß bie freie Stabt ber üeichaacht perfällt, unb baß
Iftapmilian mit ber BoßftrecFung beauftragt wirb.
Biefea fcharfe Vorgehen wiberfpricht in aßen punFten
ben Keichegefctjen. Bas Befchwerberecht bea ftäbtifchen
Xeichajtanbee beim üeid)8tag trieb grob mißachtet, Bonau*
wÖrth liegt außerbem im fchwäbifchen ÜeichaFreia, wo ber
Bayer nid) tu ju fud)en hat. Über tttayimilian r lieft fogleid)

mit großer Cruppenmacht por bie tttauern ber Stabt, bie


nach Fur$er Belagerung bie Core Öffnet, ba man ihre Xeli*
gionafreiheit angeblich n**ht perlenen wiß. Über waa gilt

ein ^efuitenwort, baa Äeigern gegeben ifl! Bie patrea


rauben mit bayrifcher VDaffenhilfe bie Kirchen unb Schulen,
unb MTayimilian entzieht bem Kat fogar bie Kegierunga*

gcwalt. Bonauwörth wirb bayrifche Äanbßabt; mitten im


Keichefrieben h<d fid? *3er$og ei« freiea (Bemeinwefen
unterjocht.

Burd) bie proteftantifchen £anbe geßt ber Schrei ber £nt*


rüßung. Tt>o bleibt ber Keid)8tags Ber perweigert bem
Äaifer bie Steuern, aber waa nü$t baa! Bie Freiheit ber

II uitjtcPfiieCjer, $<*• 3tfuitcnc<&u4>


evangelifchcn Xeid)sf}änbe ifi in (Befand 3Der römifchc Kn ti*
chrifl fielet mit jtählerner Küjhmg gewappnet, um bas
frembe Pfaffentum )u einer allgemeinen fceutfdyen ganb*
plage ju matten! Unter Furpfäljifchet Rührung fcfjliefjen ftch

evangelifche dürften unb Xeichsftäbte $ur „Union" jufam*


men, um im Hotfaü ein 25unbesheer aufjujteUen. Die
3efuiten betreiben f ogieich eine Gegengrünbung unter tflapi*
milians militärifcher Leitung. Sein Harne, ber feit Donau*
wörth in Deutfchlanb gefürstet ift, unb feine fchlagfertige
Kriegsmacht bilben bie bebrohliche Vormacht biefer „hei*
ligen giga". Die vielen übrigen UTitglieber jaulen nicht
red>t, es ftnb bie priefterfürften ber geifUichen t^errfd)aften.
SDiefc regierenben 23ifcf>öfe unb Prälaten mögen ihren
Sädfel nicf)t auftun, fie betrachten ihre Stellung als

Pfrünbe, nicht ale Verpflichtung.


Wenn ein Firchlich (Beweibter aus abligem ^aufe bas
Glücf gehabt hat, geiftlicher Keichsfürft $u werben, fo beutet
er bas gänbehen für feine Familie aus; benn bie günftige
Gelegenheit, feiner Sippe $u einem großen Vermögen 3 U
verhelfen, Fommt wohl fo halb nicht wieber. Unb nun foUen
biefe 2$ifchöfe fogar für bie jefuitifchen Kriegsbiplomaten
ihre Schäfte herausrücFen. Der £r$bifct)of Wolf -Dietrich

von Salzburg macht feinen Unwillen über bies neue tTCanö*


ver bes habgierigen, machtlüfternen Grbens in Briefen unb
Keben guft, er wagt cs fogar, ben patres fein ganb $u ver*
bieten. Da beftimmen bie 3efuiten ihren Kriegshauptmann
UTapimilian ju einem überfall auf bas Saljburger «£och*
ftift. Die Dergfefie wirb im Sturm genommen, ber Grj*
bifchof entflieht, man greift ihn auf frembem Gebiet unb
FcrFert ihn als Gefangenen ber giga ein; er bleibt bis an
fein gebensenbe Gefangener bes 3efuitenher$ogs.
So hoben fid) bie SolbFnedjte ber heiligen giga auerfl
gegen einen Glaubensgenoffen gerichtet. Hid)t nur ber
Hefter ift ber ^einb, fonbern jeber ber ben 3 efuiten im
Wege jieht. Bie Cruppe CJefu befi$t je$t eine ftets bereite
unb juverläfftge Kriegsmacht, ber Orben if* nun nicht mehr
aEem auf feine Intrigen gesellt, fonbern fann feinem WiEen
mit ben Waffen Hachbrud? verleiden. 3n ben Krummjiab*
länbern gittert man vor einem ähnlichen ©chicPfal, mie es
©aljburg erlitt; bie patres Pönnen je£t auch in Bamberg,
Paffau, Eiichfiäbt unb Konftang nach WiEPür fdjaiien unb
malten.

«Hinen neuen, überaus lijiig angelegten Erfolg erringen

fie burd) bie Befeurung bes »^erjogs Wolfgang Wilhelm


von Heuburg unb Cleve. Biefer fireng lutherifch erlogene
Sohn jenes Neuburger pfalsgrafen,. ber fich einige 3«hre $u»
vor auf bas ^unbefc^manj'ÄoUoquium einliefj, tyat jufarn*
men mit Kurbranbenburg bas reiche 3ülid)*Clevefche Khein*
lanb geerbt. Um Kaifcrhof l>at man biefe ttlehrung ber pro»

tefiantifchen tHacht h&hf* ärgerlich aufgenommen, am lieb*


ften hätte man bas Keichslehen für erlebigt erPlärt unb einen
Habsburger bort eingefeßt. Wenn aber fchon ein ^ürfl aus
anberm H ÄU f*/ bann hoch menigfiens ein Patholifcher! Wolf*
gang Wilhelm, ein ehrgeijiger unb unruhiger ©eifl, möchte
bie KEeinherfcfjaft an Xhein unb Xuhr gewinnen, woju bei
ber StärPc bes Branbenburgers vorerji Peine rechte Kus*
fiieht befleht. Ms fich Wolfgang Wilhelm barüber mit fei*

nem tftitregenten bei ber Weintafel auseinanberfeijt, fchlägt

ihm ber beraufchte Berliner Kurfürft eine faftige Ohr*


feige. (Sine hö^f* verhängnisvoEe UTauIfchcEe; fie leitet

bas Porfpiel $u bem meflbeutfdjen ©laubensPriege ein.


55er ferner gePränfte Heuburger brütet Haihe unb fieht

ft<h nach ^ilfe um. Bie ^efuiten h«hen von ber Ohrfeige
Winb befommen unb bieten ihm bie UnterfiüQung ber £iga
an, wenn er jum alten ©lauben jurücPFehren woEc. Bas ifi

für ben Heuburger ein fürchterlicher £ntf<hluf, man hat

i! )63
il;n baheim ju einem befonbers Grammen proteßanten ge»

brillt, et mußte bereite fünfunbjwanjigmal bie 23ibel von


vorn bie hinten aufs genauere burchlefen, unb oEe jur
Widerlegung bee (Begners dienlichen ©teilen je nach ihrer

Wichtigkeit mit roter, blauer ober grüner Cinte bezeichnen.


X>icIIeicf>t genügt es, wenn er Utajjimilians Schweßer jur
®t>e nimmt? Per Payer mürbe bod) wohl bem Schwager
feine i^eeresmacht ausleihen. Kber in ttlünchen mu§ er er*

fahren, baß bie <£anb ber prinjeffm tftagbalena nur für


einen Patholifchen dürften ju hoben fei. Wolf gang Wilhelm
fühlt einen ©tieh im ©ewiffcn, er möchte webet auf fein

PePenntnis noch ouf bw politifche i^Ufe verachten.

Während feinee (Baßaufenthaltes am JTtünchener «5ofe,


wo ber innerlich 3errijfene eine h<><hß unglückliche ^igur
macht, werben bie patres feine feelenkunbigen Berater unb
Ächrmeißer. £t fchmanPt unb winbet ßd), bo<h endlich hoben
fie ihn überwunben; h«ntlidj fchwört er feinem glauben
unter ber Pebingung ab, baß bei gebjeiten feines alten
Paters fein Übertritt nicht bekannt werben bürfe. Per VJeu*
bürget pfaljgraf foE ficf) fogar ber Hoffnung hingeben, baß
feine Pünftige Schwiegertochter tftagbalena lutherifd)
würbe. Uber halb nach ber ^odjjeit forgen bie 3«fniten
bafür, baß ber KbfaE Wolfgong Wilhelms in ollen Patho*

lifchen Kirchen mit feierlichem Cf übel begangen wirb. Per


Pater in Heuburg iß fo fchmerjlid) erfchüttert, baß er ftch

fchon nach wenigen Wochen aufs Sterbebett legt. Um fein

(Bewiffen ju betäuben, lebt fich ber Konvertit ih eine wilbe


römifche PePennerwut hinein; er fchreibt an ben papß, baß
er entfehoffen fei, „bas Kcfcertum ausjureuten, ber Komi*
fchen Kirche Säule $u fein, bie ^reiftellung bes Glaubens
abjufchaffen, bas liußerße gegen bie proteßanten ju ten*
bieten unb für fte Perberben unb Untergang 3« fuchen".
Paran läßt es ber PleubePehfte nicht fehlen. Schon am
Kbenb feiner UnPunft in VJeuburg übergibt er bie Schloß»
firdje bem pater Keihing, ber in tHünchen fein iCperzitien*
meifler war unb ihn jefct nie Beichtvater begleitet. (Bt}e
ber ^efuit ben fatholifchen Kultus eröffnet, läfjt er Slltar

unb Äanzel mit Xuten peitfchen, bamit ber böfe Eutt>erifcf>e

'Xftergeifi grünblich vertrieben werbe. 2>en wiberfpenfligen


Untertanen werben bayrifche Gruppen fo lange ins (Duartier
gelegt, bis fie allmählich mürbe werben. Dn SDüffelborf fetzen

fid) bie patres freilich viel weniger burd). „Behüt uns,


Herrgott, vor Calvinern unb ^efuitern", beten bort fogar
bie llltgläubigcn. Vergebens bemüht fid) ber ^ofjefuit
Äei!>ing, bie Bevölfetung ju unbebingter papfttreue ju
bringen. £r fhtbiert bie älteren Äircfyenfcfyriften, um bie

3weifelnben ju überzeugen; bod> er erreicht fein geijHid)es


3iel ebenfowenig wie fein ^ürft bas politifche. UTayimilian
unb feine Xatgeber galten it>rc \)erfpred)ungen nid)t, ber
Branbenburger weicht nid)t von feinem rf>einifd)en i£vb*

befi'fc, Äiga unb Union flehen f¥<f> abwartenb gegenüber, unb


ber enttäufd)te tUolfgang YDilhelm reift vergeblich von ^of
ZU ^of. 3lber er tröffet fid) wenigfiens mit bem Seelenheil,
bas ihm bie römifche UTeffe eingebra(ht h «t. 3nbeffen, auch
wenn es im tDefien losgehen wirb, foH gerabe fein (Dpfer
unbelohnt bleiben.
Ber UTann, ber ben dürften zum HbfaH bewog, ber ^of*
pater Xeihing, ift eines Cages verfchwunben. (£v h<*l fo
lange im Schrifttum ber fatholifchen Kirche geforfcht, bis
er felbft vom Gegenteil beffen, was er ben Äckern beweifen
wollte, zuinnerft überzeugt ift. Ohne 'Jluffehen z« machen,
geht er bavon. XXad) einiger 3cit taucht ber (ßyjcfuit als
Profeffor ber lutherifchen Ökologie in Tübingen auf. £ine
Chronif erzählt, ber Herzog fyabt von ber X>erwanblung
feines Befehrers feine Kenntnis erhalten unb fei ihm bann
plötjlid) begegnet. tUolfgang tUilhelm fmbe feinen geift*

liehen t)ater gerührt in bie Tlvmt fd)liefjen wollen, ber aber


fei entfett zurücfgewid)cn unb h<*be fleh wegen feiner jefui*
tifchen ©ünben verflucht. ©ie f>ätten ftd) nun beibe gegen*

fertig mit leibenfchaftlichen Beteuerungen angefleht, jum


früheren Bekenntnis juritefjukehren. Xiearba ^uef) ty&t in

ihrer bichterifchen (Besaitung bes großen Krieges aus biefer


<25efchichte eine paefenbe ©$ene gefdjaffen. ^ijtorifch ver*
bürgt iß bie fieberhafte tXXüfyz bes (Drbens, ben abtrünnigen
Keihing $urüd? 3 ugewinnen, ber (Drbensgeneral Piteflefchi

bot ihm fogar flSrfüßung «Her feiner TDünfche an. tttan


fürchtete, ber Abtrünnige könne aus ber ^cfuitenfchule plau*
bern. ÜDod) ber ehemalige pater hat weber bas eine noch
bas anbere getan, er lebte fortan jurüefgejogen in ber tPelt
feiner Bücher.

3Dte großen, entfeheibenben Ärifen ber Xeligionspolitik


breiten ftef) in ben ©tammlanben bes Baifers aus. $>er
halb entmachtete, binfaßige Aubolf fielet fich immer tiefer

in bie Intrigen feiner Perroanbtcn unb ihrer fefuitifchen


Buliffenfchieber verfangen. 3u ben ©egenjügen ber Brea*
turen bes Balfcrs gehört neuerbings eine überrafchenbe
©rofoügigkcit in CSlaubensfragen. 2>ie Böhmen erhalten in
bem benkwürbigen ttlajeßätsbrief von )0og bie vollen reli*

giöfen ^reiheitsrechte. £in protefhmtifches Bonfifiorium


übernimmt bie kultureße Permaltung bes Äanbes, unb bie

patres büßen in präg faß aßen ihren tßinfluß ein. 3Docf>

eine politifche Beruhigung fchafft biefer befpöttelte „tHaufe*


brief" nicht. Bubolf h Ät ©ölbner geworben unb bebroht
halb bie böl;mifchen ©tänbe/balb feinen Bruber tHatthias,
ber bie Umtriebe ber Prager Hofburg mit einem neuen
^elb^ug gegen feinen faiferlichen Bruber beantwortet.
Baifcr Bubolf verliert nun auch noch bie böhmifche Brone
unb ßirbt, von aßen verlaffen, im £lenb, ein (Dpfer ber
boppeljüngigen Politik, bie burch bie patres in ben ^abs«
burgerlanben aßmählich $ur UTobekrankheit geworben iß.

)66
'Mud) Utatthiaa, je$t als 25öhmenFönig unb Äaifer auf ber
^öljc bea (Blüdfe, ivirb biefer TPirren nid)t ^err. 55cit

Böhmen mufj er ben tTTajefiätabrief betätigen, unb in TDien


betreibt Älefl, ben bie 3efuiten je$t jum ersten ^ofminifter

unb Äarbinal gemacht traben, feine groteaFen 3Durd)jhd)ereien.

tDieber geht es um bie Nachfolge in ber Faiferlid)en unb


hababurgifdjen UTacht £>er einft fo Ungetüme UTatthiaa ifl

im (Benufj bea ^reichten halb erfd)lafft, er fürchtet von ^er*


binanb ala fefierForenem Cfjronfolger baa gleiche Sd)idffal,
baa er früher feinem 23ruber Kubolf gefponnen ty&t, Hud)

im Reiche bejtet>t Feine Heigung, ben bigotten ^erbinanb


$um romifd)en ÄÖnig $u mahlen. 25ann fd)on lieber Ulapi*
milian von Bayern, ber tvenigftena tüchtig ift unb außer-
halb bea ,$amiiienchaoa ber ^nbeburger fleht! 3et$t leiden
bie tJefuiten if>r ttleifterfHicF. Bie fetjen bie Krönung ihrea
^erbinanb in Böhmen unb Ungarn burcf), fie tvijfen ihm
aud) im £cid)e bie Äurfiirfienmehrheit ju fid)ern. XUie fie

baa burcf) ihre fürfllichen unb bifcf>Öflicf>en tttittelemänner


juroege bringen, tuie fte von Ungarn bia Spanien ihre ^ebel
anfe^en, $cigt ein beifpiellofea ,$alfd)fpielergefd)icf. 23 en
Spaniern verfpredjen fie bie Äeidjalanbe ißlfaß unb 23reia*
gau, ben Ungarn unb 23öf>men aüea, tvaa protefhmtifd)e
^erjen begehren, unb bie Fatholifd)en Äurfiirften follen alle

(Bebiete einfledfen bürfen, bie fie ben Betjern abgetuinnen.

lila 25öhmenFönig f?at ^erbinanb ben tttajeflätabrief be*

fchmören müffen, unb jroar mit ber Formel, er tuoUe lieber

fein Äeben laßen, ala fein tDort brechen. Uber feine patrea
haben it>n fogleid) in verfd)n?iegenet Kapelle von biefem
ißibe entbunben. Ulattl)iaa muf 23öhmen räumen, unb ^er*
binanb beginnt feine Regierung mit SchiFanen gegen bie
protejtantifcf)en Stänbe. Burggraf wirb an Stelle bea prote-
ftantifcf)en (Brafen lCt)urn ber von ben ^fefuiten beFel;rte
UTartiniQ. &er n?eltgefd)id)tlid)e tRampf bricht im UTai j6j$
bei einem unbeträchtlichen 'Mnlaß, bem Streit um einen

}<>7
Meinen Kirchenbau, los. Kls martiniig unb fein ttmtsgenoffe

Slawata in ber Prager 23urg ?um ^cnfier hlnausfliegen,


ifl bas Signal jum Kufftanb gegeben. £>er bohmifche Übel
bemächtigt ftd) fchncH bes ganjen Hanbes, bie Äofmtg \}zx$t
Perteibigung „gegen ben SFlaven Spaniens unb b;r
fuiten". 3Die parole jünbet auch in mähren unb VTieber*

öfterreich. ^
Aufruhr
er lobert von ben Subeten
bis jur

&onau. ^erbinanb unb feine Ratgeber vertrauen auf frembe


Waffengewalt. Klefl, ber $um ^rieben mahnt, wirb jetjt auf
3efuitenbefehl gefangengefetjt unb nach Circl verfchleppt,
er erntet ben fchlimmen 2?anf ber patres, bie ihn nicht mehr
als mittler brauchen.

3Die neuen Herren von Böhmen fetjen ^erbinanb ab unb


werfen bie fpanifdjen Cruppen jurücf, bas üanb macht fith

felbftänbig unb wählt ben protefiantifchen Kurf tieften von


ber Pfalj jum König. 3Die ^auptfchulbigen fchen bie böt>*

mifchen Stänbe mit Ked)t in ben tJefuitcn, bie bas PolF


bei ^erbinanbs Wahl fo fchänblich betrogen haben. &as
SDoFument, in bem bie Pcrbannung bes <£>rbens verfügt
wirb, rebet eine beutliche Sprache: „Wir Kbgefanbtcn wiffcn
insgefamt, in welchen großen Gefahren bies Königreich
23öhmen bie ^ahre tyev, feit bie fcheinanbächtigc 3efuiten*
fefte allhier eingeführt worben, immerhin geftanben, Wir
haben auch * n Wahrheit befunben, ba£ bie Urheber all

biefes Unheils obgebachte ^efuiten feien, bie ftd) gan$ bah*n


verwenben, wie fie ben Kömifd)en Stuhl befejiigen unb alle

Königreiche unb £änbet unter ihre macht unb (Bewalt brin*


gen mögen; bie fich $u folchem Jwecfe ber unerlaubteren
Utittel bebienen; bie Kegenten gegeneinander verhexen;
unter ben Stänben eines jeben Äanbes, fonberlid? in folgen,
beren Keligion verfchieben ift, Kufruhr unb iEmpÖrung an*
fpinnen; 0brigFeiten gegen Untertanen, Untertanen gegen

)0$
(Dbrigfeiten aufhefcen. 55a fte nun folchergeftalt bie Urheber
bes übelftanbes finb, unter welchem bas Königreich erliegt,
fo traben fie von Kedjts wegen verbient, nicht mehr in be*

fagtem Königreiche gebulbet gu werben."


^erbinanb, eben jeigt nach tTTattl>i«e ICobe legitimer
llllein^errfcber geworben, bef inbet ftd) in ber f^wierigfien
fiage. Soll er Berjlänbigung fudjen* *£v bittet ben papft
um fein (Butadien, unb in Xom twt ber <Drben bie Scharf*
madyer in Bewegung gefelgt, ^erbinanb als ber angestammte
ittonard) würbe ftd) nod) immer mit feinen Untertanen ver*

föhnen Pönnen. Uber bie ^efuiten tjaben von ben £anbftän*


ben feine freiwillige Bulbung mehr gu erwarten, barum finb

fie gegen jebes 3ugeftä'nönis. Sie haben ja im Habsburger*


reiche jet$t nichts mehr gu verlieren, aber alles gurüefguge*
winnen. Ber neue Kaifer f>at f«h feinem Beichtvater Beca*
nus verpflichtet, Peinerlei politifche Schritte ohne bas £in*
verjtänbnis bes Brbens gu tun. Wenn bas Schwert entfehei*
ben foU, Pamt nur UTapimilian von Bayern wirPliche H*ife
bringen. 3wif<hen ihm unb ^erbinanb hcrt*fd>t <£iferfu<ht
unb X>cr|timmung, Peiner will ben anbern gu grof; werben
laffen. 55ie patres gleichen bas aus, Becanus überrebet ben
Kaifer gur Einnahme bes hohen preifes, ben ber Bayer
für bie tDaffenhilfe verlangt: tttayimilian will bie Kur*
würbe unb Ceile ber Kheinpfalg.
Dm Frühjahr j6jo treffen bie feinblichen Hcccc 3ufam*
men, bie proteftantifchen Cruppcn bes pfälgifdjen „tUinter*
Pönigs" werben am Weißen Berge bei präg vernichtenb
gcfchlagen. tttayimilian unb fein ^elbherr Cilly haben bie
tPntfcheibung herbeigeführt unb verfprechen bei ihrem iPin*

gug in Prag ben Bcfiegten christliche Schonung, bettn fie


wollen Habsburg nicht gu mächtig machen. Ben ^efuiten
paßt folchc politifche UTilbe nicht, fte verbreiten, baß nicht
bas bayrifche Heer, fonbern ein wunbertätiger Bußapoftel
ben Sieg hc^cigefüh^t habe, ber bem Kaifer gebühre.
^erbinanbs igelbentum foE in ber Fatholifd)en tPelt er*

prahlen; <Bott tyabt Funbgetan, fo flüftern fie ben fröm*


melnben ®emütern am Äaiferhof ein, bafj bic Äetjer mit

ben abfchrecFenbften Strafen gerichtet würben, ^erbinanb


jögert, er möchte lieber ber cBnabenFaifer als ber 25Iutl)unb

genannt werben. &o«h bie beiben ^ofjefuiten 23ecanus unb


Äamormain fetjen ihm fo lange ju, bis er bie Cobesurteile
gegen bie böl>mifd)en ^aupter unb bie ÜinteignungsebiFte
gegen alle lanbgefeffenen Empörer betätigt.

t*un wütet ber Cerror burd) 23öhmen, ittähren unb


^übrer verbluten auf betn altftäbti*
Scfyleften. 3Die abligcn

fd?en Xing $u Prag unter ben Streiken bes ȣenFers, Cau*


fenbe fliehen unb verlieren ihr töut. 2lud) einer ber vor*
nehmften unb reichen Fatholifchen £blen, Cjernin von £1?«*
benifc, mu£ ohne Sdjulb aufs Schafott, bie ^efuiten h«ben
es nämlich auf feine Sdjlofjhen^fdjnften abgefehen, bie fich

befonbers gut $u ÄoEegs inmitten enlfefcerter eßegenben


eignen. <2s fei nur ju wünfehen, berichtet ber böhmifche
Delegat bes (Drbens nach Wien, ba£ auch ein Fatholifd>er
iCbelmann falle, bamit bas 2Mutgerid)t nicht ber j&irche $ur

Äaft gelegt werbe, fonbern einen weltlid)*politifchen “Kn*

fchein behalte. 3Die Faiferlichen Heiter burch$iehen plünbernb,

morbenb unb brennenb bas gefchlagene £anb, bas T>olF wirb


mit ^e^peitfehen unb SuEenbeifjerit $ur Itteffe getrieben.
VDer jur partei ber ^efuiten gehört, Fann je$t bie fd)ön*

ften 23eftt$tümer beinahe umfonft erhalten, eine neue £Tut$*


nie^erfchicht fteigt über bem JHeitb empor, ^unberte von
^errenfitjen unb adjtjigtaufenb ^auernßeEen werben be*

fdjlagnahtnt unb an Anhänger bes alten Hlerus verteilt,

5>ie „Seligmacher", wie bie patres je$t aEgemein tytifon,

richten ftd) in Böhmen über brei^ig HoEegien ein; natürlich


bringen fte auch bie altberühmte prager ^ochfchule in ihre

170
GSewalt. 3of>attn i&w, ber böhmifche Hattonalheilige, wirb
feierlichvon ben ^cfuiten entthront, bie ^usbcnfmälcr ver*

twanbeln ftd) in Statuen Hepomufs, beffen firchliche heilig-

fprechung je$t in Kom mit ißite betrieben wirb, bamit bie


verführten Böhmen immer einen redeten (Glaubens*
hoch
tröjter vor Kugen hatten. Unb wie in Böhmen, geht es

nun, wenn auch weniger blutig/ in ben übrigen Habsburger*


Iänbern. 5Dic fulturpolitifche Kbfonberung cbfierreichs vom
übrigen Beutfd)lanb beginnt, fie ijb ein burch unb burch
Wer?. ttlit Kecfjfe hat Bismarcf bie Schlacht am
jefuitifches

Weißen Berge bieSchitffalsfiunbetöroßbeutfchlanbs genannt.


*

Burd) bie Hieberlage bes pfäljifchen Böhmen?önigs ifi

balb ber beutfehe Horben unb Weften in bie Kriegshanbel

verwicfelt, bie im Hamen bes (Glaubens geführt werben.


ii& geht nicht nur um bie 3u?unft ber Pfalj, ber Kheinlanbe
unb ber mittclbeutfchen geglichen Stifte, fonbern um bie

3u?unft ber gefamten Keichsorbnung. ITtayimilian unb fein


tapferer H ÄU & c 0 cn Cißy fireiten für bie Dormacht bes
bayrifchen H ÄU eöf /
&ie norbbeutfehen Keichsfiänbe für bas
alte beutfehe Betfaffungsleben, ber Kaifer will fich auch in
ben proteftantifchen Kegionen $um biftatorifchen <25ebieter
machen. Bie (Blaubensfrage wirb mehr unb mehr $um Bor*
wanb für weltliche Ittachtpoliti?. Kud> in ben fefuitifchen
HofjirMn ?ommt bas jum Itusbrucf; bie Beichtväter bes
Kaifers unb bes neuen bayrifchen Kurfürjten betreiben ihre
(Befchäfte jefct wie üanbesminifter.
25er Wiener pater Hamormain fühlt fich als H^burger
Diplomat/ ber tTCüwhener pater Conigen als Beauftragter
Bayerns. Sie geraten wegen ber gegenfätjlidjen dürften*
intereffen fogar f>cftig aneinanber; ber (Drbensgeneral muß
fte $um (ßehorfam rufen, fte foHen ben römifchen Witten
vollziehen unb ftd? nicht als Biener ber Souveräne be*

17 )
trachten, üamormain will bod) nicf>t etwa ber ögerreichtfche
Eichelieu werben* Wenn er bas woEte unb fönnte, wäre
er freilich fein echter jünger Eoyolas. Was Eamormain
aber einjig im Sinne tyat, ig *£errfchmacht, ig bie nacfte
Hlactyt, bie über ben wechfelnben Vorgängen fdjwebt. Ba
ber Beichtvater aber zugleich im geheimen ben Heiths*
mittiger bes Euswärtigen fpielt, reifen ihn bie Kriegs*
affären immer wieber in bie Staatsintereffcn ögerreichs

hinab.
Eamormains Briefwechfel mit ben ^öfen, Stanbesperfo*
nen unb politifcfjen 'Egen ten in aEen Eanben häuft ftcf> halb
ins Ungemeffene. 3n feinem Erbeitsraum türmen fid) bie

biplomatifchen Eftengüdfe bis jur Becfe hinauf/ jebes Eanb


unb jebes Xeffort ty&t gefonberte Rächer. tttan fpricht in
Wien, in Beutfdganb, in gan$ Europa von biefer grogen
politischen Kegigratur eines Paters unb nimmt baran En*
flog. Ächt jefuitifd) fcf^veibt ihm fein römifcher (Drbenschef:
„tTtan tabelt Ofyttn grogen Briefverfehr, unb es fcheint mir
boch angebracht biefes Briefard)iv entweber gan$ $u ent*
fernen ober boch weniggens burch einen Vorhang ben
Eugen ber Befucher $u entziehen."
Bie fathofifchen Waffen finb auch in Weberbeutfchlanb
gegreid), bas faiferlidje Banner weht an ber (Dgfee unb in

Wegfalen. Ber Stern bes. WaEengeiners ig auf gegangen;


auch er verbanft feinen Eufgieg ber böhmifchen Kaubpolitif
ber tfefuiten, bie ihm $u ungeheuren BegQtÜmern verholfen
haben. Ber ÜUifer fann bas „Kegitutionsebift" wagen, bas
ben proteganten aEe einge$ogenen vorreformatorifchen Üir*
«hengüter wieber abnehmen wiE. Bei ber Verteilung biefer
gewaltigen nTadjtwerte jeigt ficf? ber 3wiefpalt jwifchen
geiglichen Wünfdjen unb weltlichen Enfprüchen, jwifeben
Xom unb Wien, Bwifdjen bem l&aifer unb ben patres auf
ber unb bem Bayernfürgen mitfamt ben anbern
einen
fatholifchen Stäuben auf ber anbern Seite jum ergen UTale

172
unverhüllt. Vie Kurie miH fein ju mächtiges ^absburg,
bas bem papfie felbfff>crrlicf? gegenüberträte, ber Kaifer
aber möchte bie Btänbe entmachten, bie ftcf> bagegen unter
bayrifcher Rührung zur Wehr fe$en.

Viefer Borge werben fte alle miteinanber enthoben, als


ftch mit bem «rfdjeinen bes Bchwebenfönigs bie ganze Badj-
läge /völlig verflicht. Wahrfcheinlich märe ber beutfehe
^rieben vor ber &anbung (Buflav Hbolfs zufianbe gekommen,
wenn bie patres ben Kaifer nicht auf ber ^Öhc feines
Triumphs verblenbet hätten. Bie triften aber, ba$ bie
proteftanten nicht ^rieben fchliefjen trollen, folange nicht
ein &eithsgefe$ bie CJefuiten als bie Urheber bes Krieges
aus Veutfclftanb verbannt. Va fte ftch nicht felber preis-

geben fönnen, müften fie bie ^ortfcQung bes Kampfes bis


Zum enbgültigen Biege erftreben. Unb bie proteftantifchen

(Eigner müften bis zur «rfcf>öpfung ber äufterften Kampf-


mittel burchhctlten, benn jeber ^riebenfchluf? bliebe Bchein-
friebe, folange ber fefuitifche <Brunbfa$ gilt; «in Wort, bas
man ben Kegern gibt, ifl null unb nichtig.

Kls ber Kaifer burch ben fdpuebifchen Bieg Über Ciüy


in neue, fernere 25ebrängnis gerät, fott Wattenftein ihn
retten. 3Die einzigartigen Vollmachten, bie ber ^rieblänber

forbert, ftnb ben patres ein Vorn im Kuge. Ver gelehrige


Bchüler ber ^cfuiten unb bie römifchen Machthaber in
Wien burchfehnuen ftch gegenfeitig genau. Währenb Wal-
lenfteins Kbftchten ben treltlichen Röfleuten bes Keichsfriegs-
rates immer rätfelhaftcr werben, Fennen ftd) bie 3efuiten
in ben ganzen ^intergrünben aus. Ver General if ftm us
fämpft trie fte felbft um eine abfolute ^errfchaft, er will
nicht bem Kaifer, nicht ber Kirche, nicht Veutfchlanb, auch
nicht ben proteftanten bienen, fonbern bie Macht an unb
für ftch <*#em behaupten unb mehren. Vie patres erraten

m
VDaöenfteina geheimjte ßebanPen wie er bie ihren. Sie be*
flaunen gegenfeitig bie (Bröfze ihrer Prinzipien. Solange
fie einanber nicht bie Sahn verfperren, fonbern am gleiten
Politiken Strange ziehen, behanbeln fte ft<h als Per*
bünbete. Slber einmal müffen fte ^einbe werben; bie Cfefuiten
wittern tUaÜenjleina Hbfaß, ehe er it>n plant. Sie über*
feljen eine längere politifche \PegjtrecPe ala biefer *2lugen*
blicPamenfch, ber f«h fälfehlich für ben tflann ber SuPunft
hält unb in hemmenbea Grübeln barüber verft'nPt.

So fällt ben ^efniten ber Sturz bea ^elbherrn nicht


ferner, fte ftnb längfi barauf eingerichtet. %l& \Pattenfiein
bie Überlegenheit ihrer Intrigen zu fpüren beginnt, Pann
ftch feine bämonifch getriebene VTatur bagegen nicht praP*
tifch wehren. £r äußert feinen Unmut über bie patrea in
grämlichen ^Porten, aber er nimmt ihre Treibereien ale
bunPlea Perhängnia hin* 3h** XoHe bei feiner Slbfefcung
liegt offen zutage. SDafj fte an feiner £6rmorbung beteiligt
waren, ifl nur zu vermuten. Paa 23lutbab von &ger, in
bem \PaHcnjlein unb feine betreuen gemeuchelt werben,
würbe zn?ar im prager 3efuitenPoHegium beratfchlagt, hoch
haben bie patree forgfam aUea befeitigt, waa ihre UTorb*
fchulb erhärten Pönnte. Per <Drben gab nach tPallenfieina
traurigem CCnbe bie tDeifung, nur Äühmenawertea über ihn
ZU verbreiten. Pie frommen Heucheleien nach blutiger Tat
gehörten ja fieta zur jefuitifchen prapia; halte« fte hoch bem
Äaifer wäfwenb ber böhmifchen Hinrichtungen bie fd)wer*
fte« Pufj* unb Petübungen auferlegt.

Pie ^riebenafehnfucht ber beutfehen dürften unb Stämme


wächft nun von 3ahr zu 3ahr. Pie Paiferliche ÄampfPraft
erlahmt, Peine Partei Pann einen voHftänbigen Sieg er*

Zwingen. Pie Schweben Pämpfen nach (Bujtav 'Jlbolfa Tobe


mit franzöftfeher H*lfe ohne feften plan. Sachfen fchlieft

174
wiE folgen. t*ur bie 3efuiten
einen Sonberfrieben, Reffen
woEen ben Rampf verewigen. konnten fte bie Verffänbigung
mit Sachfen nicht hinbern, fo bringen ftc bod) ben Vertrag
mit ber verffänbigen Raffeier Äanbgräfin noch in lefcter

Stunbe jum Scheitern. 3>enn Reffen iff reformiert, unb bie

Calviner ftnb botfy noch fchlimmere Ceufel als bie Äut^c-


raner! 3Der Wiberffanb ber Raif erlichen vertjinbert J 640
auf bem Regensburger Reichstag eine aBgemeine Reichs*
amneffie; bas tykfo, reben bie patres bem Raifer ein, bie

Sünben ber Reiger auf gut ¥atf?olifcfye Schultern laben unb


bamit vor (Bott fo ffraffäflig wie bie Verfluchten felber

werben.
2)en britten ^erbinanb, ben Sohn ihres erwählten Rriegs*
faifers, h«ben fie in ben angeblich geglichen Vingen noch
ebenfo feff in ber ^anb wie ben Vater. Hur ftnb bie 3eiten

für bie beutfchrömifche £inheitsi 6 ee fe$t viel ungünstiger


als bamals vor $ef>n fahren, als Veutfchlanb bem Raifer
$u ^üfjen tag. V?un möchte tVien ber fatholifchen Rur*
fürffenmehrheit einen Ausgleich anheimgeben, boch bie 3 e*
fuiten tyabtn, als man ftd) baju in ^ranffurt vereint, wie*
ber jebe JTtöglichfeit vereitelt. ÜDen protejtantifchen Stänben
wirb es immer flarer, baff man leiber ohne bie UTithilfc ber
auslänbifchen tJTarf)te nie jum beutfehen ^rieben fommen
würbe, ^ranjofen unb Schweben muffen beim ^riebens*
fchluff mitwirfen, weil nur ber JDrucf ber fremben Staaten
bie fefuitifd)en Rriegsverlangcrer beifeitef «hieben fann.
Äieber wollen bie Habsburger unter beutfehen £anbverlufien
ben ^ranjofen weichen, als fich freiwillig $u einer Verföh*
nung mit ben beutfehen Re^crffanben bequemen.
Mtapimilian, ber alte bayrifd)e Rämpfer, beffen Äanb bie

H«uptlaft bes Rrieges getragen h<*t unb nun ausgeblutet


banieberliegt, fchliefft enblich mit ^ranjofen unb Schweben
ben WaffenffiEffanb. 5)a fpielen bie ^fefuiten bem dürften,
ber feit faft fünfjig fahren ihr (Bonner unb ihre Schwert*
hanb war, nod) einen SchurFenflreidj. Sie Überreben ben
bapr if d)en Befehlshaber Johann von XOtvti), einen empor*
gekommenen Draufgänger, $um Äanbesverrat; er verfugt,
bie bayrifchen Gruppen ben i^absburgern jujuführen. Ulit

biefer i^eeresmacht troffen bie patres, noch einmal ben Ärieg


für bie römifche ÄaiferbiFtatur ingroßem Stile aufnehmen
311 Fönnen. Doch bas fc^nöbe beginnen bringt neues UnglücF
für Wien wie für UTünchen. Die Waffen haben gegen bie
alten Fatbolifdjen Vorflreiter unb il?rc „Seligmacher"
entfliehen.
Seit J 64 ?, bem fünfunbswanjigften bes beutfdjen
Unheils, tagen in tttünßer unb (DsnabrücF bie verfchiebenen
Ausflüße, bie ben ^rieben vorbereiten foHen. 3n beiben
Stabten beftQen bie 3efuiten ÄoHegienhäufer unb bamit bie
beften Vorbebingungen für eine großzügige Wühlagitation
unb Spionage. Da fajt alle Fatholifchen Äabinette Europas
in biefer 3eit jefuitifch beeinflußt ftnb, Fönnen bie patres
als biplomatifcfje 3wifchenträger jahrelang alle Vorfchläge
unb plane immer wieber burd)Freu$en. Der fpanifche <Be*

fanbte baut fich neben bem (Barten ber 3efuiten in tttünjier


ein *£aus, um jeberjeit ungefehen mit ihnen verFehren zu
Fönnen. Den aüerfchwerjten Stanb hat ber friebenswillige

öflerreichifche Vertreter (Braf Crautmamtsborff, gegen ben


bie patres bie übelften (Buertreibereien in (Bang fe$en.
Den Schweben fällt ein Brief bes münjfcrifchen 3efuiten*
reFtors an ben Faiferlichen Beichtvater in Wien in bie
t^änbe; ba heißt es, alle Bemühungen, Crautmannsborff
mit Anbrohung ber F>öHifc^en Strafen bas (Bewijfen z»
rühren, wären fruchtlos geblieben. Die ben Äefcern bereits
gewährten 3ugeßänbni(fe feien fo ruchlos, baß Feine V7 ot*
wenbigFeit fit zu entfchulbigen vermöchte. Der Beichtvater
müffe ben Äaifer fofort jur Abberufung bes (Brafen be*
wegen unb ihm bie weitere ^ortfe^ung bes Krieges als ben
Willen (Bottes beFunben. Crautmannsborff wirb in ber Cat
' jum KücFtritt ge 3 wungen, aber G5ott 6cm Äaifet bes*
halb nicht weitet. ttod) einmal ergiefjen fid) bie ftanjöftfc^en
unb fdjwebifchen Cruppen übet Sübbeutfchlanb, unb jetjt

3wingt bet erfd)öpfte tTtapimilian ben Äaifer 3 ur 'Ubfdjütte*

lung bet jefuitifchen ^e^et, bie ja felbft nicht bie Mafien unb
Äeiben $u tragen tyaben. 3Der 23ayer bat auf feine alten
läge enblid) if>rc Selbjtfucht erFannt.

£in proteftantifcher Eintrag beim ,friebensFongrej$, bie

jefuitifche Bampftruppe für immer aus 3Deutfd)lanb ju t>er»

bannen, finbet nicht bie Unterjhitjung bet Schweben. Sie


wollen nach ^aufe, unb i^nen als auslänbifcher XHaä)t ifl

aud> an ber wirf licken 23eftiebung 2>eutf<hlanbs nichts ge*


legen. 'Jlls im (Df tobet > 64 $ bie ^tiebensglocfen läuten,
bietet 3Deutfd>lanb ein troftlofes 23ilb bet T>etwüfhmg. £Tur
in ben ^absbutgetlänbetn h flt bie Fatholifche Sache bie

Slnfangserfolge behauptet, bas übrige Keich ijF 3 erriffener

benn je 3 uoor. Uber bie dSewiffensfreiheit unb bamit bet


TDeg in bie JuFunft blieb ben Stämmen erhalten, bie fortan
bie tDciterbilbüng bet nationalen (Defdjichte beforgen follten.

5?er grofje römifche 2lnfd)lag auf fceutfchlanb ift 3 unichte


geworben, aber mit welchen (Dpfetn unb X>etlujten! Unb
manche bet fchlimmen Fulturpolitifchen folgen liefen fich

auch »n ^ahrhunberten nidjt wieber gutmachen.

£>ie ^efuiten tyabtn ben Slusgang bes $)reifjigjähtigen


Krieges flets als ihre fchwerfte ^liebetlage im (EHaubens*
Fampf betrachtet, unb fie war bas auch, wenn man ihren un*
geheuten (ßinfafc, ihre Hoffnungen unb weltgefd)id)tlichen
3iele in 3Deutfd)lanb bebenFt. Otyve fpäteren 2Cnjh*engungen

auf beutfehem ^oben trugen 3 wat noch immer ihren alten


gefährlidjen DntrigencharaFter, aber fte Fonnten nur noch
am Xanbe bet großen $reigniffe wirFfam werben. tTTit

|J 0d>ultjüpfatl$tr, JDa» ^c{uitcn>Su<^ >77


einem äußerlich Criumph Fann ftd) bet
einbrucFsvoßen
(Drben halb nachbem Kriege nod) einmal vor aßet Welt
brüßen. Vie Codier bes großen proteflantifchen Kettete,
bie Ct?ronerbin (Bufiav Kbolfs, Königin Chrißine von

Schweben, tritt halb nach bem Kbfdjluß bee Wefifälifchen


^riebens 311t aßeinfeligmachenben Kirche übet. 3Die tHajefiät,
in beten ^Tarnen bas VertragswerF suflanbe Farn, bas ben
UTißerfolg bes (Drbens in Veutfd)lanb befiegelt, wirb ein
(Dpfer bet jef uitifcfyen Kad>e. 3wei patres, als teifenbe ita-

liemfche (Cbelleute verFleibet, erfcheinen an intern StocF-


holmer *^of Mb umgarnen bie e^sentrifche ^rau. Sie mu§
bet Krone entfagen unb folgt ben Verführern nach Korn.

Dn Veutfdjlanb gibt ber (Dtben nach bet vergeblichen


(BewaltaFtion eines ttlenfchenalters bie CaFtiF bet iTtaffen-
beFehrung aßmählich auf. Vie Profelytcnmacherei im ein*

Seinen ^aße, auf bie man fsd? jefct jumeifl befd)tänFt, h<ü
Feine breiteten Fulturpolitifchen folgen, aud) wenn es ftd)
babei um regierenbe Dürften hanbelt. 35er Stiebe von tHün-
fter ty&tte ben Keligionsftanb bet erften Kriegsjeit betätigt.
3Der (Drunbfafs „cuius regio, eius religio“ gilt weitet, bie
Äanbesherrfchaft bejiimmt bas Fultifche (Depräge in ihrem
(Gebiet. Wenn aber ein Potentat fein 23eFenntnis wechfelt,
batf et feine Untertanen nicht mehr, wie bas einjt Wolf-
gang Wilhelm von t^euburg tat, jum Übertritt swingen.
(Dans ohne Sebeutung bleibt eine fürfHiche Konverfton frei-

lich nie, benn wenigfiens bie hbfifch* 1* Kteifc pflegen mit


ihrem ^ettfchet gemeinfame Sache su machen. 3n ben Fon-
fefftoneß gemifchten Cerritorien Fommt es noch h« Mb ba
Su KeQerverfolgungen, wenn es ben 3efuiten gelingt, einen

Fatholifchen Machthaber befonbers su fanatifteren.


Vom *£aufe ^absburg erwarten bie pattes nichts (Dropes

)7$
mehr, fte lohnen bem Xaifer mit fd)nöbem Unbank unb wen*
ben ihre hoffenben Blicke it ach Frankreich, wo btt alternbe
Äubwig XIV. ftc^ bod) noch btt klerikalen 2Umpfpolittk
verfchrieben hat. Um Äaiferhof nehmen fte batytt vorwie*
genb bic 3ntereffen ber gegnerifchen XHädftt wahr. Ba
XDien bie abfolute »^errfchgcwalt in Ulitteleuropa nicht er*

ringen konnte, wünfd?en bie patres fetjt ein fchwad)es cbfier*

reich, bas fi<f> leitet 311 Sompromiffen verfielt. Sie wollen


mit ihrem biplomatifchen Dntrigennefc halb f?ier halb bort
im katholifchen Europa im trüben fifd)en, unb bazu brau*
d)en fte Unklarheiten in ben Beziehungen jtuifchen cbjter*

reich, Bayern, (Dberitalien, Spanien unb Frankreich. &as


3 eitalter ber Äabinettskriege mit feinen ICrbfolgefireitig*
keiten unb feinem territorialen Schacher entwickelt ftd) in
ber biplomatifchen 3efuitenfchule ju voller Blüte.
£>er tapfere, aufrechte Prinz *£ugen von Savoyen hat
bie jefuitifchen Umtriebe in ben t^absburgerlanben oft genug
Zu fpüren bekommen, wenn er bas Xeich gegen bie beute*
luftigen XJad)barn im XUeften unb im Sübofien, alfo gegen
Franzofen unb Cürken, verteibigte. £>as für Mitteleuropa
fo gefährliche Jufammenfpiel jtüif c^ert Paris unb !Rortfian*

tinopel wirb von ben patres immer wieber in Schwung


gebracht, wenn es zu erlahmen fcheint. Schien bie (Begner

XPiens biplomatifche Senbboten nach bem Bosporus, fo


reifen patres in Bebientenkleibern mit, um bann hinter ver*
riegelter Cür bie geiftige Fügung zu übernehmen. Sie
wollen Frankreich um jeben Preis gefällig fein, auch wenn
fte bazu mit ben mohammebanifchen Feinen ber «Ch^iften-
heit paktieren muffen, bie £oyola einft bis hinter ^erufalem
Zurückbrängen wollte.

ti-

telt ©efunbheit Haifer Äeopolbs I., einer phlegmatifchen,


nervenkräftigen unb zu 'Jlbenteuern nicht geneigten Mittel*

n* J70
mäfjigHett, verfpricht eine ben CJcfuitcn aH$u befiänbige
Regierung, 25a verfallt bet Äaifer im 3<*h cc >670 in eine
unerHlärliche Äranfheit; et ijt abgejehrt unb bis jum
£7ieberftnFen erfchlafft, BehwinbelanfaUe unb unlÖfd)bares
Surjtgefühl plagen ihn. Bchliefjlich betuft man ben tttai*
länber Sorro, einen berühmten, wegen feinet naturwiffen*
fcfyaftlicfyen Bereiften von ber Dnquifition verfolgten Slrjt.

Sotto entbeeft, bafj bie beiben btennenben XDachsFerjen auf


bem Scfyreibtifd) bes Äaifers eine gelblich flacüernbe flamme
haben, aus bet ein feinet Sunft jut SecFe auffteigt, wo ft d)

bavon eine graue Slblagerungsfchicht gebilbet l)at. 3n ben


anbetn Xäumen brennen bie Äer$en toter unb ruhiger, aud)
fehlt bet giftgefchwängerte Sunft.
Sie Unterfuchung, bie bet djemifd) erfahrene Sotto mit
ben Faif erlichen Äeibärjten anfteHt, t?at ein überrafdjenbes

Ergebnis. Set Socht bet Äerjen, bie in £eopolbs Arbeite*


jimmet Serwenbung finben, ift mit einet KrfeniFlöfung ge*
tränFt, ehe er mit XDachs umwogen würbe. l£in *£unb, bem
man Hieine BtücFchen bes jerfchnittenen Sockte in bas Stef-
fen mengt, fhrbt in wenigen Btunben unter (Dualen, ^üt
ben Äaifer war ein befonberer Porrat an Richtern befotgt
worben; biefe Äetjen follten angeblich von bejfetet Sefdjaf*

fenfjeit fein als bie anbetn. Sei ber Sluffchmeljung bes


Äersenftapels forbert man übet $wei pfunb SlrfeniF zutage.
Unb wer ift bet Lieferant gewefen* Set pater proFurator
bet tUiener ^efuitenniebetlajfung!
Ser Üaifer, bet nun rafd> wieber gefunbet, Iaf|t ben
Bcfyulbigen verhaften; bod) bet Seichtvater befdjwört ihn,
einen öffentlichen BFanbal $u vermeiben, benn bet Sitten*

tätet fei füt fein Perbrechen allein verantwortlich, unb ber


(Drben habe bamit nichts ju tun. Bo wirb bie nieberträchtige

Slffäre vertufcht, aber Hein (Deringerer als bet ehrenhafte


prin 3 £ugen t>&t fie bet Fachwelt überliefert. Ser ruchlofe
pater verfchwinbet aus Wien, ber (Drben verwifcht feine
©pur in Europa unb fd)icft ihn nad) ©übamerifa in feinen
tttifftonsfiaat Paraguay. IDoftor Borro, ber Kettet bes
Kaifers, aber wirb ein <t)pfer ber jefuitifchen Kac^e; fie

lodfen ihn, ber fich mit bem faiferlichen ©cfju^brief fieser

fühlt, unter falfchen XJorfpiegelungen nad) Xom, wo fie ihn


bis an fein Äebensenbe in ben Ketfern ber Engelsburg ge-
fangenhalten.
TDas hatte ber <Drben mit bem jweifellos abgefarteten
Utorbanfd)lag bewirten »ollen? Kaifer £eopolb befafj ba-
mals nod) feinen männlichen Erben, mit ihm wäre bas
Haus *£absburg im ttTanncsfiamme erlofd)en, unb bie
Chconanfprüche ber weiblichen (Bliebet bes Kaufes waren
umfiritten. ©o hätte alfo bamals beim Cobe Äeopolbs ein
Erbfolgefrieg ausbrechen fönnen, wie er breißig 3af>re
fpätcr um bie fpanifcf>e Krone entbrannte. 3Die ^efuiten
planten, bie römifch-beutfche Kaifcrwürbe beim Husjterben
ber Habsburger £ubwig XIV. $u verfchaffen, bem fie einen
neuen imperialiftifchen Krieg um bie 3ufunft Europas unter
bem X>orwanb ber Xecf)tgläubigfeit aufbringen wollten.

3n ben protejiantifchen beutfehen Äänbern befi^en bie

Patres natürlich feinen unmittelbaren Einflufj auf bie

©taatsgefd)äfte; fie muffen fich tytv, wo fie auch Peine


eignen Knfialten tyabetx, mit viel befcheibeneren KoHen be-

gnügen. SDer (Drben verfügt, ba$ fich an jeber evangelifchen


Univerfität ein paar 23>rüber als ©tubenten ber jurifiifchen
unb mebi 3 inifchen ^afultäten einfehreiben taffen, um bie

profefforen $u beobachten unb unter ben Hörern unauffällig


fatholifche ©aatförner ausjuftreuen. ©ie treten auch als
Sprachlehrer unb junge weitgereifie tftagifter auf, bie bas
Äoblieb frember fultureHer Einrichtungen fingen unb bie
Knfd)auungen ber hefigen Kreife in Zweifel sieben. 3ei
theologifchcn Unterhaltungen geben fte fich als ©ynfretifien,

m
.

als ^reunbe ber fonfeffioneflen X>erffänbigung aus. £ßine

foldje Bewegung war gegen fßnbe bes großen kriegte von


ber braunfdjweigifchen UniverfttÄt in i^elmftebt Ausgegangen,
prof eff or (Beorg Calijct, it>r 23cgrünber, tyatte ft cf) mit
bem CJbealismus eines Stubengelehrten für einen folgen
Ausgleich eingefeQt; er wies $war mit &ecf)t barauf t>irt,

baff auch Luthertum fcfjon wieber verknöchert unb


reformbebürftig geworben fei, aber er unb feine Anhänger
tÄufchen ftch bei ihren Porfdjlägett vöttig über bas wahre
TDefen ber Patholifchen Äirche.
fciefe Strömung machen ftch patres junutje. 3n ben
a?abemif<hen unb h^fifc^en Jirfeln ber protefiantifchen
Stabte werben fie eifrig für ein angeblich überfonfefftoneßes
Chriftentum. ^aben ftc ihre (Bpfer bafür gewonnen, fo lüf-
ten fte bie iftasHe ein wenig unb fdjlagen vor, man wofle
gemeinfam Itttfcbhiff an Fatholifche (Beifiliche fuchen, benn
von ber alten Htutterfirche aus liefen ftch e ^ en 3iele

beffer vermutlichen. 25ie caliptinifchen (Bebantengänge be-


günftigen alfo biefe inbivibueßen 23cfehrungsverfu<he ber
Cfcfuiten. £>er Äonvertit finbet ibeale unb fcheinbar über-
legene Äechtfertigungsgrünbe für feinen Schritt. 5>ocf) ifi

ber «rfofg bei ben fulturtragenben Schichten recht bürftig


geblieben. Huffehen erregen nur wenige ^äße, fo ber Über-
tritt bes fchleftfchen SDicfjters Johann Scheffler, ber als
Kngelus Sileftus jur Blütenlcfe ber beutfchen Äyrif gehört,
unb ber llbfafl bes ^elmffebter Äirchengefchichtlers Chriftian
2Mume, ber mit einigen feiner Schüler in bie ^efuiten-
faße gerät.
£>as verwerflichfte UTittel jum Seelenfang bilben bie

fogenannten „Honvertitenfaffen" unb „Äonverftonscomp-


toire" bes (Bebens, bie nach & cm Jteligionsfriege in ben füb-

beutfchenÄanben mit gemachtem 2Jefenntnis gegrünbet


würben unb bis weit in bas ja. ^ahrhunbert tyintin be-
ffanben. 3n biefen Comptoiren fann man gegen Fljngenbe
WTünze ben (Slaubertawechfel vollziehen; natürlich wijfen bie
Patres um bie £#d)t0würbigPett unb beit religiöfen Unfug
biefer Übertritte 23eftheib, aber fte brauchen fieigenbe Qtati-

ftiPen, um ihre PultureHen Slnfprüche, etwa in Bchulfragen,


erweitern zu Pönnen.
überall, wo ftch bie 23evÖlPerung auf beibe Äonfeffionen
verteilt, wacf)t man argwöhnifch über bie Parität. 3n einer

fdjwäbifchen 2leid)sflabt l>at nun ein pater herausgefunben,


baß bie beiben 0tocPPned)te bea paritätifd) befeQten tttagi-
(trat® proteflanten ftnb. £r entfeffelt einen proteftfturm,
unb bie Bache Pommt bis vors XeichsPammergeritht. tDie
Pann man es wagen, Patl>oIifd)eXücßen, aucf> wenn fte
tTTiffetätern gehören, nur von tReßern prügeln $u laffen!
ißnblich wirb eine paritätifche StocPprügelorbnung erlaffen,

bie Beilage miiffen in geraber verorbnet werben, bie


eine Hälfte verabfolgt ein protefiantifetyer, bie anbere ein

Patf>olifd)er Stodfbüttel.

0ft geht es freilief) um fef>r viel ernfiere $>inge, unb jebe


^nberung bes prozentualen Perhältniffes ber (Blaubens*
ricfytungen gibt ben 3efuiten Knlaß, Öffentliche Unruhe zu
erzeugen. On Seiten ber Hot unb Neuerung Pommen bie

23eftQfofcn fcharenweife zum Äonverftonscomptoir gelaufen,


um gegen einen btanPen Silberling ihr ewiges ^eil ber
römifd)en Kirche anzuvertrauen unb bafür wenigftens bas
irbifche «$eil garantiert zu erhalten, «£aben bie Überläufer

aber für längere 3eit ben Patholifchen Kultus brav mit*


gemacht, fo erhalten fte als 23ebürftige aus ber Äonver-
titenPaffe regelmäßige Unterfhigung ober auch Ärebite zur
ISpißenzgrünbung.

3lm meinen ifl ben tfefuiten natürlich an ber 25ePeh-


rung fürftticher Stanbesperfonen gelegen; auch wenn biefe

nicht regieren, fo beeinfluffen fte hoch bie Haltung ihrer


Käufer unb bie allgemeinen Utachtverbältniffe. Nun ftnb
bie an fiel) fefjon fo ja^lceic^en beutfeben ^Ürftenfamilien

meifl noch mit überreichlichem Nachwuchs gefegnet, mit


legitimem unb in biefer liebesfrohen 3eit er(l recht mit
ißegitimem* 3n ber Fatholifdjen Weltorbnung fieben ben
armen, befcbäftigungslofen Prinzen unb Gräflein annehm-
liebe Pfrünben vom Pomherrn bis jum Karbinal zur Per»

fiigung. 3n protefiantifdjen £änbern gibt es bas nicht, unb

fo fühlt ftcb mancher junge ^eubale verlodft, ben Glauben


ber Pater abzufebwören unb mit jefuitif<ber ^ilfe in ber
Äaufbabn ber papfihierarebie fein Glücf ju verfugen.
Cbarafterifhfcb für ein folebes Konverftonsunternebmen
if* ein ^aß, ber ftcb im ^erjogtum Sacbfen-3ei£ ereignete,
wo zeitweilig eine albertinifcbe Nebenlinie felbfianbig re-
gierte. Per jweitgeborene 0obn, Prinz CbeifVinn Kugufl,
tritt, ba ihm fein regierenber älterer 23ruber, ^erjog Wtoriiz
Wilhelm, nur eine Fümmerlicbe Apanage zahlt, in Paris

zum Katholizismus über unb wirb Pomherr in Äütticb,


Pomprobfi in Köln, Pifcbof von Kaab in Ungarn unb
fcbliefjlid) bort Grzbifcbof von Gran, Xeicbsprimas unb

Karbinal mit einem jährlichen Ginfommen von über hnn-


berttaufenb Calern. Gr fd)itft ben gewanbtefien profelyten-
macber jener Xage, ben tfefuiten ^ranz Schmelzer, als feinen
Pertrauten nach 3ei$, wo ftcb biefer als ungarifeber Äega-

tionsfefretär vorfteßt unb ben Herzog UTorifc Wilhelm


ebenfaßs zur Fatholifcben Kirche bekehren foß. Pen Herzog
reizen bie materießen Porteile, bie ihm ber Perführer in
leuebtenben färben fdjilbert. ^at nicht bie Fatholifcbe Kirche

fogar feinem Pruber, bem Habenichts, unerhörte Schäle in

ben 0cbof? geworfen! Ku<b läfjt ftcb ber Übertritt mit ber
caliptinifcben Perfiänbigungslebre entfcbulbigen.

Kls ber Heejoß unter ben Fittichen bes brüberlicben Kar-


binals ben Glaubenswecbfel voßzogen tyat, wirb er freilich

von feinem Beichtvater Schmelzer mit ber Kusftd)t auf bie

m
himmlifchen Wonnen abgefunben. £r verliert fogar feine

befte ißinkommensqucEe, bas Stift £Jaumburg*3eit$, benn


nad) ben 23ejiimmungen bes Weftfälifchen ^rieben» muß
jeber Snhaber bei einem Deligionswechfel auf bie Perwal*
tung vernichten. Serenifftmus wurmt bas fd^Eecf>te G5efchäft,

unb allmäljlid) fruchtet bie evangelifche tTTahnung nur Bück*


kehr, er bekennt ftch in Hoffnung auf Wiebergewinn feines
Stiftes aufs neue $u Äuther. Bis er wenige Cage barauf
gann plöijlich bie Bugen fdfyfic^t, galten bie Batholiken bas

für ein Strafgericht (Lottes; bie Protestanten glauben, baß


ihm Schmelzer nach berüchtigten tttuStern ein tobliches <Bift

gereicht h^be.

«•

3Der bekanntere Sekehrungstriumph katholifchen


Birchc i<t bie Schwenkung, bie ber Burfürß Buguß ber
Starke von Saufen voEnog, um Bönig von polen ju
werben. 3Die ^efuiten finb baran nur inbirekt beteiligt, fie

hatten bie polnifchen Beichsftänbe nu bem Gelöbnis gebracht,


baß kein Be$er bie polnifche Brone tragen bürfe. &er ^eros
ber Saxe galante war eine viel ;u ftnnenberaufchte, frivole
Hatur, um ftd) über ben (Glauben tiefere (Bewiffensgebanken
3u machen. Sachfen, bas Urfprungslanb ber lutherifchen
Deformation, läßt ftch burch feinen dürften nicht irremachen,
fonbern bleibt bei ber evangelifchen Äehre. &er Burfürft
hat ben fächftfchen Stänben feierlich bekräftigt, baß er ben
(Srbprinjen proteflantifch erziehen taffe, aber zugleich ver*
fpricht er bem papfte ebenfo feierlich (Begenteil. tHan
fchickt aus Dom ben eleganten Salonjefuiten Salerno, ber
bem ^offtaat bes Burprinjen jugeteilt wirb. Salerno geht
mit feinem 3ögling auf bie Buslanbsreife, fte befuchen bie
glännenbfien Bultfiatten ber alten Birche, unb balb h<*t **

ihn fo weit, baß er angeblich gann freiwiEig unb ohne bas


3utun bes Paters in Bologna feinem Seligmacher erliegt.
&as branbenburgifch'preufjifche tyat ftd) ben tattyo*
lifd)ctt ikinflüfterungen fiets gefKff entlieh ferngehalten, ohne
beshnlb in dtfaubensbingen intolerant zu fein. Bis Burfürft
^riebrid) III.von Branbenburg für fein preufcifd)C8 (£vb*
lanb bie Bönigswürbe erwerben will, glauben bie 3efuiten,
je&t fei hie? ihre Stunbc gekommen. Baifer Äeopolbs Ein-
willigung erfd)eint jahrelang ausfichtslos; es würbe freilief)
etwas anberes fein, wenn bas ^errfcherhaus zur katholif chen
Birdje jurücffetjren wollte. Ulan fcf)ickt ben in polen wir*
kenben 3efuiten Barl UTorifc Pota, einen Utann von vielen
Talenten, wieberl>olt an ben kurfürstlichen ^of nach Königs*
berg unb Berlin. ^riebrid) unterhält ftcf> oft unb gern mit
bem weltkunbigen pater, ber ftd) aud) eifrig um bie Beffe-
rung ber Beziehungen jwifdjen Preußen unb polen be-

müht, bie fief) feh? verfd)lechtert Ratten, feit ber Qkofje Bur-
fürft bie Unabhängigkeit Preußens von polen erzwang.
Pota entwickelt bem Burfürften in mehreren Penkfchrif-
ten feine plane; bie *3ohenzoIIern feien von ber Porfehung
baju befiimmt, vielleicht fogar ben fübrenben Einflu# in
3>eutfd)lanb zu gewinnen, aber bas vermöge nur ein katho
lifd)er Staat, ^riebrirf) foUe bie Bönigskrone nicht vom
Baifer, fonbern aus ben ^anben bes ^eiligen Paters in
Empfang nehmen. Pota taufet ftd) in feiner
35er kluge
Prophezeiung, foweit fte ftch «uf &en (Stauben bezieht, unb
erfi recht in ber Beurteilung bes UTonarchen, beffen Sinn

für repräfentative prachtentfaltung er für bie römifd)e


Sache ausbeuten will. Uber ^riebrich, ber Pota trotz feines
unmöglichen Bnftnnens gewogen blieb, ifl im (ESrunbe ein

nüchterner STorbbeutfdjer, ber ftch intereffante phnntaften


lächelnb anhört unb bann hoch in feiner Wirklichkeit lebt.
Piel berber ifl fein Sohn, ber Solbatenkönig, gegen bie
patres aufgetreten. „0efuwitter", fchreibt er in feinem
ITefiament, „müffet 3h? in eure üenber nicht bulben; fein

£>euffel$, bie ba kapable zu vielten Böhfes, unter was

)86
pretcp fic ftch auch wollten einniftdn in eure £änber." Unb
als bie tJ^fuiten ben Kaifer ju einem fd>arfen Befcfjmerbe*
brief wegen Benachteiligung preujjifcher KatholiFen veran*

bem ßefanbten jur Kntwort: „Och mache


taffen, gibt er es
wie tUaUenflein. tDenn ber vom Kaifer (Drbre beFam, fo

Füfjte er bas Siegel unb warf bann bas Schreiben ungelefen


}um <Jenfler hinaus."

$5ie lefcte grofje GHaubensverfolgung auf beutfehem Boben


fefcen bie Oefuiten um bas 3ahr j7Jo im Erjbistum Salj*
bürg ins TDerF. $5ie urmüchftgen (Bebirgsbauern ber «^och*

täler hatten ftd) tyr reines Evangelium jweihunbert 3af>re


ber Krummfiabregierung $um Crofc erhalten Fönnen. 2>ie
Errichtung proteflantifd)er Kirchen ifi ihnen vermehrt, bie
gottesbienfilid)en 3ufammenFünfte werben auch burch bie

abgefd)iebene alpine Äage ber ^öfe behinbert. So hat f*<h

bei ihnen ein Äaienpriefiertum entwidfelt, bas in ber i$aupt*

fache aus täglicher X>erlefung von BibelfleHen begeht $5as


heilige Buch ifl ber Ortbegriff ihres retigiöfen Erlebens;
von Kerzen unb Sträußen umgeben, ruht es auf ber ^ami*
lientruhe wie auf einem Kltar, unb wenn es ber Hausvater
ehrfürchtig auffchlägt, fleht bie Sippe unb bas ®eftnbe mit
gefalteten «£änben baneben aufgereiht.
3Die Erjbifdjöfe haben biefen bobenflänbigen Kult bisher
mit Stittfd)meigen gebulbet, es genügte ihnen, friebliche unb
arbeitfame Untertanen $u haben. 3Da Fommt im 3ai?re )727
mit bem ^reiherrn von ^irmian ein Fatholifchcr Kirchen*
fürfl von unerfättlicher (Benufffucht unb ESelbgier $ur t^err*

fchaft. ttlit ber ^rau feines (Dberflallmeiflers, ber fd)önen


(ßräfin von llrco, führt er ein verfchmenberifches £eben im
X>erfaiHer ^offlil. Seine tfcfuiten foHen ihm bie UTittel
heranfehaffen, unb wenn ftd) bamit ein gottgefälliges Kampf*
unternehmen gegen bie KeQer verbinben läfjt, um fo beffer.

)S7
Als Bußprebiger sieben bie patres in bie Bergwelt hinauf/
an ben Areujwegen bauen fte (Berufe mit bunten ^eiligen*
bitbern; bas XMF wirb unter Anbrohung von (Belb- unb
£eibesßrafen vor bie Bretterbühnen jitiert. Unb bie Pfaf-

fen verFünben, wer auch nur »aus XTeugier" einen einjigen


Sa$ in ber ^ausbibel lefe, begehe eine Cobfünbe. Als bie
Bauern wiberßreben, beginnen bie patres mit ihren Scher-
gen 3agb auf bie Bibeln $u machen, bie ^öfe werben burch*
fuefß, unb äße ^eiligen Schriften wanbern ins ^euer. Wer

unbefehrt ßirbt, barf nicht auf bem ^riebhof beßattet wer-


ben. Neugeborene, bie man nicht $ur Fatholifchen Caufe
bringt, gelten als ^urenFinber unb als enterbt.
Uber bie erjbifchöflichen Behörben warten vergeblich auf
eine VolFsrebeflion, bie ben Vorwanb ju außerßen tttaß-
nahmen liefern Fönnte. Ba laßen bie ^cfuiteit bas Zeughaus
in Werffen aufbrechen unb bie Waffen rauben, um crFlaren
ju Fönnen, bas hatten bie Fetjerifchen Bauern getan. Ber
Anßifter ber SchurFerei, ber pater UTichaei 3eth, von feinem
(Drben als ber „große Saljburgermifßonar" gefeiert, be-
ßimmt ben iCrjbifchof su einer AFtion beim Äaifer. Bie
Untertanen bes ißrjßifts hatten ß'd) gegen ben Aeichsfrieben
vergangen, ihre Vertreibung aus bem Äanbe fei baher
gerechtfertigt, er erbitte Faiferliche Bragoner jur Voß-
jiehung. VJun hebt ein wilber Aaubterror an. Wer nicht

binnen wenigen Cagen bie biblifchen Ae^ereien abfehwört,


muß mit bem BettelfacF bas Äanb verlaßen. Über breißig-
taufenb Utenfchen werben ihrer ^eimat beraubt unb ins
iFlenb geßoßen. Boch ^irmian wirb feiner Beute nicht froh;
bie Fatholifchen Siebter, benen er bie einge$ogenen igöfe ver-

pachten wiß, finb nichtsnutziges VolF, unb bas bisher fo


blühenbe Salzburger £anb verarmt.
Bie ^lüchtlingsFolonnen ber vertriebenen Bauern finbett

in ben proteßantifchen (Bauen gaßtiche unb begeißerte Auf-


nahme. Auch in vielen Fatholifchen Greifen mahnt ber Htiß-
erfolg bes brutalen Utanövera zwr 23eftnnuitg. £ie Äeicfja*

ftänbe planen neue (Barantiegefefce gegen bie unzeitgemäße


Wieberbolung folcfjer böfen jefuitifcfjen Streiche. 2)en ©alj»
burger Emigranten bereitet ber «5ol>enzoßernfiaat im bünn
bevölkerten ößlictyen preußen eine zweite igeimflatt, in ber

fie ts z« 2lttfef>en unb Woblftanb bringen. 3Die Weflen ber


religiöfen Verfolgung ftnb bamit in 3Deutfd)Ianb verebbt.
Sababurg verliert in ben l>eraufzief>enben politiftfyen Kriegs*
wirren bie Äraft unb ben Wißen zw® gewalttätigen Unter*
ßütjung fonfefftoneßer Abenteuer.
<£ht „jHufihftaat“ im Z&rtoato

©ie fpAnifthen ÄonquiflAboren jettrümmerten bei ihrem


PotmAtfd) burd) bie „Heue Welt" bie Alten 3nFAFultuten
mit einet ©rfjneHigfeit, bie ebenfo grouenvoll wie unver*
ftAnblid) erfcf^eint. Wie Font es, bafj Aud) bie fyodftntvoiätl*
ten iBingeborenenvolFer SlmeriFAS bAlb nAd) bet SlnFunft
bet iFuropÄer 3U „Wilben" ^erabfanFcn? SDie Sewohner
von ittepiFo ober petu etwA WAren, bcn fpArlidjen ChroniFen
unb 0teinbenFmÄlern nAtfy 3u urteilen, im 23eft^e einet
vielfältig burd)gebilbeten 3ivilifAtion. WÄl>renb Aber bie
ojlAftAtifdjen X>ölFer ihre £i gen j}«n big Feit gegenübet ben
Weiten behAupten Fonnten, vermochten bie AtneriFAnifchen
3nbios nur nod) in bAtbAtifc^et Ciefe ihr SDnfein ju fristen,

fofetn fte nidjt übertjAupt Ausgerottet würben. C£s gibt füt


biefen X>orgAng rtAtürlich genug erFlÄrenbe «Sinjelgtünbe,
Aber bA 8 Wefentliche bleibt bie CAtfAdje felbft, bie weit*

gerichtliche Rügung, bet 3ug bes 0cf>icFfAl8. 2?et neue


Erbteil würbe bAS grojje SluswAnberungslnnb füt bie Attfc^e

ÄAffe. SDie (FuropÄer begAnnen fd)on ftüljjeitig gAnj in*

flinFtiv biefe ungeheuren ÄAnbftri<f)e Als ein ihnen ver*


liehenes (Eigentum ju bettAchten unb bie urfprünglichen On*
hnbet Als völlig restlos Anjufehen.
Uur eine Fleine (Bruppe von weiten SlmeriFAfAhrern
wollte fich biefem gewAltigflen UmwÄljungsptoje^ von vorn*

)0o
herein bewufjt entgegen werfen: es waren bie 3efuiten. tt)as

bewog fte ba$u? Sie finb bocf) fonfl nie als Cräumer in bie
^eene gegangen, fonbern immer mit Katen Kbftchten unb
planen. Kuch bei biefcn Unternehmungen leitet fte ein ju*-

nachft gan$ folgerichtiger dSebanke: fte fagen ftch, baß ein


jweites Europa auf amerikanischem 23oben ber Weltmacht
ber Fatholifchen Kirche nur wenig botmäßig fein wirb. Bott
ihre geistliche Kolonifation in Kmerika feften ,fufj faffen,

fo bürfett bie (EHücksritter ber Ulten Welt brüben nicht un*

umfchränft gebieten, benn biefe Äeute werben eher alles


anbre als religiöfe Vorkämpfer fein. Wenn man hingegen
ben dnbios, biefen unverborbenen Beelen, biefer befonbers
leicht $u lenkenben Kaffe, eine christliche Btaatsorbnung
brächte, fo würbe fi<h unter jefuitifcher Rührung ein ganjer
Kontinent für Korn gewinnen laffen. 3Der cDrben will baher
bie Bache ber Urbevölkerung vertreten, um
fo KmeriFa für
feinen papiStifchen UTachtgebanFen ju erobern. Vabei müffen
bie patres halb mit ihren europäifchen Kaffegenoffen in
Konflikt geraten, bie ben h «rten pionierFampf hoch nur
aufnehmen, um bie unbefchränFte ^errenfchicht ju werben.

X>on ben Küften beiber <D$eane aus finb bie fehr unheili*
gen „weiten i^eilanbe" in Kitterrüftung ber Lockung bes
<5olbes gefolgt, erft Staunen unb bann Schrecken vor ftch

her verbreitenb. ÜDie 3nbios flüchten vor ben furchtbaren


(BÖttern ju pferbe, benen fte nicht ftanbhalten können, in bie
Bteppen unb Berge. Von befestigten plätjen aus unternehmen
bie Koloniflen ihre Kaubjüge, um bie fabelhaften Üirbfchätje,

bie eblen Utetatte unb Steine in ihre ^anb ju bringen.


Kls nun bie ^efuitenpatres auf frieblichen pfaben biefe

rieftgen Äänberweiten burchStreifen, nehmen bie t£ingebore*

nen auch *>or ihnen Keifjaus, benn fte halten bie fremben
UTänner in ber Kutte natürlich für ebenfolche Käuber wie
bie im Koller. KHmähli<h faffcn fie aber Zutrauen $u ben
weifjen prieStern, bie halb mit ihnen in ber h*itnifcf)en
©prAche verkehren, bie Auch niemanden totfchlAgen unb aus»
plünbern. 3Die tttifftonAre erforfchen nun plAnmÄ^ig bie

Binnengebiete von Cepns bis ÄAlifornien, von Peru übet


Bolivien bis $ur £A»piAtA*lftünbung.
Es finb ungeheure Eppebitionsleifiungen, bie ftc in kleinen
Trupps, ohne bie Hilfsmittel fiAAtlicher (BrofjorgAnifAtion,

vollbringen. 3n ben Schlupfwinkeln ber Stämme fpridjt es

ftef) Ijerum, wie freunblich unb f)ilf reich biefe priefier feien,

unb fo können fie bAS Volkstum wirklich fiubieren, bie


©tAmmesunterfchicbe erkennen unb genAuere ÄAnbkArten
jeichnen. 3l>re geogrAphifche Arbeit kommt leiber Auch ben

Gröberem zugute, bie ftch nun überAlI nAchbrängen. Bie


ethnogrAphifche Erkunbung feilte einaig bent künftigen Htif*
ftons 3 iel bienen, ber ©Ammlung ber jer freuten Eingeborenen»
IjAufen $u chrijtlichcn G5emein ben, $u größeren ©ieblungs»
körpern unb enblid) $u bobenftänbiger VolkSAUtonomie. So»
gAr bie gefürchteten ÜUnnibAlen lAffen fid) von ben milben,
immer gebulbigen „SchwArjröcken" jA^men, obwohl ftc An»
fAngs nicht feiten in bie dSefAhr gerieten, von ben tHenfchen»
freffern verfpeijt $u werben. Bie ITTiffionAre können freilich

ben V?omAben, bie fid? von 3ngb unb Knub nÄhren, nicht
immer in ihre tVüfteneien nAchfolgen. Barum geflAtten bie
^Könige von SpAttien unb portugnl ben pntres, bie inbiA*

nifche Bevölkerung ber einzelnen iUtnbflriche in fogenAnn»


ten „Hebuktionen" jufAmmenjufchlie^en, bAmit bAS Bekeh'
rungswerk leichter vonfVAtten gehe. Bie piÄne ber ^efuiten
knüpfen bei ben hbh e rfl*henben ©tÄmmen An bie Kultur»

beftrebungen ber Alten OnkAhäuptlinge An, bie fchon ver»


fucht hatten, eine fübAmerikAnifche Einheitsfprnche ju fdjAf»
fen. 3et$t verfAffen bie pAtres ©prechtepte unb <25rAmmA»
tiken $ur Vereinheitlichung ber BiAlekte, fte verbreiten Auf

biefe tVeife nicht nur bie christlichen <BlAubensgefd)ichten,


fonbern Auch bie europnifchen Fertigkeiten in UckerbAU unb
HAusgewerben. Sie wollen freilich gleich juviel, benn

m
vielen Stämmen ijt noch 6 er Pflug unb bie ^austierzudjt
ganz unbekannt.

$5ie meinen Roloniften beobachten bas alles mit Scheel*


fudjt unb Unbehagen; hier werben bie 3nbios 3U Selbfi-
bcwufctfeinunb (Figenwirtfchaft erzogen, wä'hrenb bie (Cin-
wanberer billige unb unterwürfige RrbeitsFräfte brauchen,
um zu tPohljtanb zu gelangen. £>ie (Gouverneure, bie Sieb-
ter unb bie ^änblergenoffenfchaften fehen in ben RebuFtio-

nen eine Fünftliche 23el>inberting ihrer nicht nur gewinn-


füchtigen, fonbern auch patriotifchen Rbfichten, benn Süb-
ameriFa foß fpanifdj unb portugiefifch, nid)t aber inbianifdj
fein. So gibt es ftänbige Reibereien zwifchen ben jefuitifdjen
3nbioterritorien unb ben europäifchen Unternehmern. £iefe
Fömten freilich offen nic^t viel bagegen tun, benn bie tttif-

fionare pochen auf bie Föniglichen Privilegien, mitunter


vertreiben bie (eingeborenen bie Folonialen HTachth<*ber,
bann fetjen bie ^efuitcn eine vorläufige (Drbnung nach ih«n
XUünfchen ein. Rommen bie weiten Sieblungsbehörben
ZurücF, fo gibt es Swift unb £>urcheinanber, unb manchmal
werben bie patres von ihren erzürnten Äanbsleuten ge-

feffelt unb verfchleppt. £mrch biefe jefuitifche Schu&politiF,


bie aus ihren dnbios freie £eute machen will unb fich fo

menfchenfreunblich ausnimmt, entfieht ein empfinblicher


UTangel an Rrbeitsleuten für bie Pflanzungen unb UTinen.
Unb nun Fommen bie portugiefifchen überfeehänbler auf ben

verhängnisvollen (GebanFen, an ber tUeftFüjte RfriFas


£Teger einzufangen, in bie Schiffe zu pferchen unb nach Stib-
ameriFa als SFlaven zu verFaufen.
3e^t erhebt fich Me Streitfrage, ob biefes „fdjwarze t>ieh
in tttenfchengejtalt" auch eine Seele befäfje, bie ber chrift-

lichen Religion bebürftig fei. 3um Bürger ber ^änbler unb


Roloniften bejahen bas bie ^efuiten entfchieben, nicht nur

J5 QdjulJjet Pfa *(jer, Pa# ^tfintcinSudf) J03


aus theologifchen (Brünnen; fonbern audj ber Kontrolle
wegen, bie ihnen bamit jufäUt. 3Die Einrichtung bcr Sfla*
verei, obwohl bem (Beifi nad) burcfyaus unchrifilich, tragen
bie patres nicht bireFt $u bekämpfen unb entfchulbigen ftch

mit einem recht bürftigen Pauluswort über bie Knecfytfcbaft.


Bber fte trotten burch bie Kufftcht über bie Sflavenfeelen
bie fokale Struftur regulieren unb bamit ihren macht*
einfluff gärten. Sie fchaffen ftch jahlreiche Sflaven
an, benen fte als 3eid)en ber geglichen ^Örigfeit ein Breuj
in bie Stirn brennen taffen. 3Die ^efuitenfHaren bürfen ein
faules Äeben führen unb werben gut verpflegt, baher
möchte halb feber Sd)war$e bie patres 311 Herren haben.
Grifft in ben ^äfen eine neue Labung Sflavenware ein,

fo gehen fte auf bie Schiff«/ um bie Heger fogleich $u „be*

fehtcn"; unb fte haben ein erzwungen, nach bem


feiner weiterverfauft werben barf, ehe er nicht „mit
Erfolg" am Caufunterricht teilgenommen hat. So fonnen
fte bie Transporte nach $utbünfen jurücfhatten ober frei*

geben, unb fte haben bamit bie UTarftregelung im Sinne


ihrer 3ntereffen gan$ in ber ^anb. Die Kltarbilber ber
Sftavenmiffton feigen ben weifjen «$immelsherrn im trauten
23unbc mit Hegern, unb bie Schwarten entnehmen baraus,
ba£ fte ftch mit ben Weiften auf eine Stufe ffetten bürfen.
Das förbert bie Kaffenvermifchung, bie ben europäifchen
Kolonialherren höchff unerwünfcht iff, benn bie mifchblüti*
gen Daffarbe, weit nirgenbs zugehörig, entwicfeln ftch
23anbiten, machen bas ttanb unffcher unb fefcen bie Kaffen*

verfchtechterung fort.
Dom papff unb ben Königen haben ftch bie ^efuiten
gegen ben Witten ber Bolonialbehörben bas Kecfyt erwirft,
jeber^eit an ben Brbeitsffätten ber Sflaven Batechetenfurfe
abjuhalten, bie fie nach geifilichem Ermeffen gehalten unb
ausbehnen fönnen. Das untergräbt Brbeitsorbnung unb
Difciptin, fofern fte es nur barauf anlegen, unb fie tun es,

J94
um unbußfertige Grunbbefttjer $u grafen, unb fogar ganj
allgemein, um bie kolonialen XDirtfchaft»pioniere nicht ju

mächtig merben ju laßen. SDoch bie Unternehmer mißen ftcf>

mit Gegenmitteln $u Reifen, fie veranstalten 3 ur Xacbe


tttenfehenjagben auf bie befonberen SchüQlinge ber tJefuiten,
auf bie einheimifchen 3nbio», bie frieblich jurüdfgejogen in
i^ren 2)orfbiflrikten leben. Urfprünglich galt es ben Euro-
päern als fclbflverflänblich, baß fie für ihre Krbcit»höfe
nach belieben Dnbio» einfangen können. 3Dann erhielten bie
Kolonisten au» Äiffabon bie einfehränkenbe 2>efugni», alle in
„gerechten Kriegen" gefangenen Dnbianer 3U knechten unb
al» Sklaven ju verkaufen. £Jun tverben folche „gerechten"

Kaubjagben auf bie Rothäute in» Werk gefegt, unb Schließ-


lich finden e» bie Sklavenhalter am bequemflen, ftch ih*
ttTcnfchcnmiib au» ben börflichen Umfriebungen ber 3efui-
ten ju holen. Kuf bie 2>auer menbet fid) bie fchlimme, aber
3 mang»läufige Sojialentroicflung beutlich gegen bie patre».
3hrPrin3ip: „Amerika ben eingeborenen Amerikanern", läßt
fich immer meniger burchführen, aber fie geben ba» Spiel
nicht auf, fonbern
bereiten fich 0 erabe auf eine befonbere
£eißung»probc im Süben be» Erbteil» vor.

3 n 3 tvifchen hotte auch bie Kolonifterung Horbamerika»


^ortfehritte gemacht; fie begann Später at» bie be» Süben»
unb fließ auf Stärkere TDiberftänbe ber Eingeborenen, bie
hier im härteren Klima ber offenen nörblicßen Ebenen viel
kriegerifcher geartet mären. E» ftnb religiöfe Emigranten
au» Englanb, bie fich feit Anfang be» j7* tfahehwbert» on
ber amerikanifchen (Dftküfte nieberlaßen. 2?a fich bie eng-

lifchc Staat»kirche gegen 3mei entgegengefelgte 23ekenntni6-


gruppen, gegen Puritaner unb Katholiken richtete, fo mirb
bie cßrißliche Kirchenfpaltung auch öleich in bie Heue XUclt
übertragen. 5>aß bie katholifchen Au»manberer von tfefuiten
begleitet unb teilweife geführt werben, vergebt fid) eigene
lieb febon von felbfi. Kn ber tttünbung bes potomaS grün»
ben fie bie Kolonie tttarylanb, unb zunäcbji gilt es in

febwerer Kärrnerarbeit bie Verforgung ju fiebern. 3Dann


Sonnen fid) bie patres enblicb ihrer IJtiffionspolitiS wibmen.
<5egen bie Sampftücbtigen Kotbäute Sonnen fid) bie Siebter
noch nicht weit vorwagen, bei ben Überfällen gibt es Seine
Schonung, eine Seite b«t immer wieber an ber anbern
Kacbe $u nebmen. 2>a begeben ftcb bie patres mit frieblicben
ÄocSmitteln hinüber, fie angeln ficb bie 3nbianer, bie noeb
Seine KngelbaSen Sennen, bucbftäblicb, auch bie füfcen *5onig-
Sud)en ber ^efuiten fcbmecSen ben HaturSinbern vorzüglich,
unb ein Sd^lucS „Keuerwaffer" ift ein Vorgef cbmad? auf bie

SeligSeit. Schon werben bie erften ^riebenspfeifen geraucht.

25er (Dberbäuptling ber umwobnenben Dnbianerflämme


lä£t fich von ben weiten „tnebijinmännern" unterweifen,
entfagt ber Vielweiberei unb läfjt ficb fcbliefjticb taufen, er
erhält fogar ben Hamen King Charles, ben ber englifd)e
König trägt, unb feine Squaw wirb zur cüueen itTary er-

hoben. ÜDie rote ^ürftenfamilie fcbultert ein ^olzSreuz, bie


patres fingen bie Litanei, unb fiatt auf bem Kriegspfab
Ziehen fie nun in ber prozeffion. 3Die banSbaren 3nbianer
haben ben patres grofje ilanbftricbe gefchenSt, was ben
anbern Sieblern immer weniger bebagt, ba bie priefler es
auch b* c r mehr mit ben Eingeborenen als mit ben Farmern
halten. 3Die Kolonie, in ber allmählich ber puritanifebe (Seift
ben SleriSalen verbrängt, will ben reichen tHifftonsbeftfc

gefe^licb einziehen, hoch bie patres haben bas Äanb febon


ihren engeren Knbängern heimlich it* bie ^änbe gefpielt.

3n allerlei VerSleibungen bie ^efuiten aus tHary-


lanb fort, um halb hier, halb bort $tt>ifd>cn Kot unb Weif;
bie verf Rieben jten mittler* unb ^e^erroHen z« fpielen.
2>a bas Schul wefen noch völlig im argen liegt, fueben
fie auch als itebrer auf bas beranwaebfenbe (Befcblecht Ein*
fluff 3 U geminnen. ©ie möchten europäifche unb inbianifebe
Kinber gemeinfam erziehen, benn bamit mürben ftc beibe in

ihrer XWFstrabition fchmäcf)en unb $u miHfä'hrigen WerF*


jeugen jcfuitif(f)cn Kultmillens umprägen. Bas Beginnen
fdjeitert Aber an ben gefunben KaffeinffinFten. Bie patres

muffen überhaupt bie trübe fßrfatjrung machen, baff auch


bie Fatholifchen (Sinmanberer ftcfj bem Papismus mehr unb
mef>r entfremben. Bas norbameriFanifche ^armerlanb jucktet

einen trotzigen ,£reiheitsftnn, unb bie römifchen Beicf)tängffe


fechten bie ffählernen i£er$en nicht an. Bas fdEylidEjtc, praF*
tifcf>e Cf?riffentum ber Puritaner iff biefer jungen, merben*
ben Weit viel lebensnaher als bas alte Iateinifdje Kegeln
merF unb bas unverffänbliche tttyfferium bes ttteffopfers.

Wenn bie patres bei ben Snbianern BeFehrungserfolge in


fechsffeüigen Wahlen verjei ebnen, fo befagt bas FultureH bod)

faff gar nichts. Ulan Fönnte ben Koten ebenfo jebe beliebige

anbere (Bottesoffenbarung prebigen, fte mürben bie (Be*

brauche nachahmen, fobalb fte überzeugt mären, baff ber


meiffe ttlebijinmann einen ffärFeren 3auber f)at Bie frem*
ben «inbringlinge fcheinen übrigens, mie bie Dnbianer ‘beob*
achten, fich felber über ihren (Blauben nicht im Flaren $u
fein, fonff mürben hoch nicht bie einen fo unb bie anbern
mieber gattj anbers beten. Smeierlei tTTifffonsbotfchaft in
bemfelben KolonialFreis locFert unb verflacht auf bie Bauer
bas religiöfe Bemufftfein.
\

tttiffl ingt auch & cn Patres ih* geistliches ^eiligungsmerF,


fo miffen fte ft'cb hoch in ben Weltgefchäften unentbehrlich
ju machen, ©ie betätigen fich fojufagen als ÄanbsFnechte
ber Folonialen Biplomatie; heute fdjicFen bie Knftebler bie
^efuiten ju Perhanblungen mit ben Kothäuten, morgen treten
bie Kutten anbersmo als Kbgefanbte ber dnbtaner auf, um
ben Bleichgeftchtern ^riebensbebingungen anjubieten. Ber

)97
Grben fennt in folgen Rollen feine grunbfägliche Partei-

nahme/ er folgt bem ewig römifchen prinsip; divide et


impera, (palte bie tUachtfphäre/ unb bu wirft über bie firei*

tenben Ceile herrfchen. £>ie jeweilige Keligionspolitif ber


europäifchen d5rofjmäd)te wirft auch <*uf Me jefuitifdjen

Kmerifaunternehmungen h^über. 3n Banaba unb am


unteren ittifftffippi fyabtn bie ^ran$ofen ^uß gefaßt; wenn
nun bie patres am parifer H°f in fycfytt Gunfl flehen/ er-

halten fte auch wi* Heidjjtigfcit foloniale Vollmachten unb


treten ben Gingeborenen fo gegenüber/ als ob fte allein im
tarnen ber Weißen $u beflimmen hätten, &ann reifen fte
als „weiße Häuptlinge" mit großem Gefolge, fallen bie
Patres an ben europäifchen Höfen in Ungnabe, fo fchütteln
bie Gouverneure fte fdjleunigfl ab, unb bie UTifftonare ver-

brüefen ftch als tttebijinmänner unb Parteigänger ber


Koten ins anbere Hager hinüber.
3n ber britifchen Bronfolonie t^euyorf ftnb fte währenb
ber fatholifchen H etrtr fd)*fl 3afobs II. obenauf/ grünben
BoEegs unb fpielen ben engiifch-amerifanifdjen H<*«&el ihren

Anhängern ju. Bis aber Gnglanb nach ber glorreichen Kevo-


lution bem papflglauben enbgültig abfagt/ fchlagen ftch Me
tfefuiten gan 3 jur Partei ber ^ranjofen. Iftorbamerifa foE
nun unter franjbftfche Gberhoheit fommen, unb fte befämp-
fen fortan bie angelfächftfche G^panfion mit Hifi unb Gewalt.
Von Banaba aus mobilifteren fte bie 3nbianer $um GinfaE
in bie englifche 3one. Ven menfthenreichett/ friegswilben
Stamm ber Huronen tyabm fte $ur Bampftruppe für ihre
^ranjofenpolitif auserfehen, fte woEen ein chrifllich $ivili-

ftertes Huronenreicf) aufbauen, bas als VafaEenflaat bes


Parifer Sonnenfönigs aEe inbianifchen unb weißen Partei-
gänger ber britifchen Dntereffen in Schach tyält. Was bie

patres bei ber „Seelenjagb" auf bie *&tvcontn an Strapazen


unb Gntbehrungen aushalten, ifl wirflich eine außerorbent-
liche Gppebitionsleiflung bes fleinen römifchen Vortrupps.

m
Diefe von Sturzbäd>en unb hornigem DufchwerF
felftge,

burchzogene Äanbfchaft ifi noch völlig ungebahnt Die Äanus


auf bem zerflogenen XücFen, müffen bie patres burch (Berötl

unb Schlinggewächs, bis ftc bcr nächfie Stromlauf ein StücF


weiterträgt. Der Aufenthalt in bcn rauchigen, von Sehmufc
unb Ungeziefer fiarrenben Wigwams ber Auronen ift für
Europäer eine wahre <üual. Sie b<*ben erfl gegen bie blut»
rünftigen Sitten, bie wilben i£unbe, gegen bie Sommerglut,
bie WinterFälte, bie Seuchen unb bas tttifjtrauen ben Kampf
aufzunehmen, ehe bie rohen huronifd)en ^orben fich für bie
imperialiflifchen 3wecFe ber fremben Seligmacher gebrauchen

laffen.

Capfer tragen bie Auronen bann ihre ^aut für ,£ranF*


reich zu HTarFte, unb zur Belohnung richten bie patres

ihnen glänjenbe Hochzeiten mit reichen ÖSefchenFen aus. Sie


follen nun aber auch bie Üünehe ernfl nehmen unb ben
Fatholifchen Aitus erfüllen. Doch populärer als bie 23ibel
wirb ber Schnaps unb bas Kartenfpiel, überhaupt ftnFt ihre
DolFsFraft unter ben neuen europäifchen Sitte'n unb Un*
fttten fchneÜ herab. Die englifd)en Koloniflen h<tben ftcf> zur
Abwehr ber ^uronen bie noch völlig ungebänbigten Ovo*
Fefen geworben, bie nun bas HuronenvoIF barbarifch fteg*
reich bekriegen unb allmählich nahezu vernichten. X)ier jefui*

Rührer ober richtiger Verführer ber ^uronen wer*


tifche

ben von ben 3roFefen fFalpiert unb am WTarterpfahl ver*


brannt. Aber anbern patres gelingt es in iroFefifcher (Befan*
genfehaft, bie Wächter burch aHerhanb Cafchenfpiclcreien zu
verblüffen, fte bürfen ihre KunftftücFe vor verfammelter
Kriegsmannfchaft wieberholen, werben bafür von ben Aoten
„aboptiert" unb richten ftch nun als Drüber ber DroFefen
in beren Wigwams ein.

So werben nun bie AroFefen zu XJorFämpfern für bie


heilige Sache ^ranFreichs. Die patres wollen bie bisherigen

fehler ber 3errüttung burch bie 3ivilifation vermeiben unb

)99
it )tm neuen roten ^reunben vor allem bas ^euertuaffer ent*
jie^en. Kber bas ift burdjaus nid)t nach bem C5efd>macF ber
weißen Fanabifchen ^änbler, bie für eine ^lafc^e fchled)ten
Kum einen ganzen *£au fen Biberfelle eintaufchen. Wenn bie

CJcfuiten ihren 3öglingen einreben wollen, bie Branntwein*


trinFer Famen alle in bie ewige ^öUenqual, fo fdjütteln bie
ZJnbianer ben ftörrifchen Kopf, benn bann müßten ja aud)
alle bie großen weißen Herren in ber i^öHe braten, bie ftd)

bod> in Feiner Weife vor bem 3aubertrauF freuen. ©erließ*


lid) verorbnet ber fran$öfifd)e (Gouverneur, bie 3nbianer
bürften $war ^euerwaffer Faufen unb genießen, aber ftd)

nicht betrinFen; wer beraufd)t angetroffen würbe, müffe


Fronarbeit leiften. £& gibt wüjten Kufruhr bei ben Koten
unb wirre Verlegenheit bei ben Weißen, bie patres fc^Iicf>-

ten ober intrigieren, ben Schaben haben auf bie Bauer


immer bie prärieföhne, bie burch bas „OnabengefchenF ber
göttlichen Hehre" nicht glücFlich werben, unb bie barunter
überhaupt nur bie erfchlaffenben (Benüffe unb bie praFtifchen
(Frrungenfchaften vergehen, bie ihnen bie Weißen beibringen.
*

Bie bebrängten unb oft fchon verzweifelten Kothäute


fuchen als franjöftfche „Kolonialtruppen" für ihre verlöre*
nen Weibepläfce auf englifchem ©ieblungsboben ißrfaQ zu
finben. Bas haben ihnen ihre jefuitifd)en F«unbe geraten,
bie cs allmählich immer bejfer vergehen, inbianifche tttiet*

linge zum Kampf gegen bie angelfächftfchen Kefcer auf zu*


bieten. iCine Seitlang fieht es fo aus, als würbe KmeriFa
ben F*anzofen zufaflen; von oben unb unten treibt bie fran*
Zöfifche Kolonialmacht ihre Keile tief in bas gewaltige Hanb*
maffiv hiuein, unb bie Organifation ber einhrimifd)en *£ilfs*

völFer übernehmen bie patres, bie fich am ttTiffiffippi, bef*

fen Oberlauf fie entbccFen, wie am ^ubfon unb Ontariofee


mit Hanb unb Heuten grünblich ausFennen. Ba fefcen bie

200
englifd)en Gouverneure Äopfprämien auf bie ^efuiten; für

jeben pater, ber ihnen tot ober lebenb abgeliefert wirb,


wollen fte ben Dnbianern hunbert Dollar $at>len. Aber bie

Grbensleute haben wohlweislich mit ben befreunbeten inbia*


nifchen Häuptlingen Blutsbrüberfchaft getrunfen, unb auf
biefen l>eibnif£^en Creufehwur ijl mehr Perlaß als auf bie
d)ri|Hid)e Perbunbenheit.
tPenn bie ^ranjofen trofc ber wertvollen Unterfhifcung
burd) bie papfttruppe unb bie getauften Aothäute fiel) julefct

bodj nicht in Amerifa behaupten, fo liegt bas an bem lodfe*

ren ÜJjrpebitionscharafter ihrer Unternehmungen. Sie ent*


fernen fid) all$u weit von ihrer Bafts, fd)weifen burd) un*
geheure Aäume, ohne burd) Sieblung tPurjel ju faflfen;

mißglücft ein ßrategifches Utanöver, fo ifl gleich aHjuviel

in ^rage gefteUt. Ulan fpürt in biefer folonialen ^ehlleitung

ben allgemeinen Grunbfehler jefuitifd)er Cätigfeit, bie fich

überall auf bie abenteuerlid)ften UTanöver cinläßt, ohne in


irgenbeiner gefieberten Begrenzung zu H<*u fe ju fein. Pie
englifchen Farmer unb Äaufleute aber, bie ohne religiöfe
unb biplomatifdje phantaftereien von ihrem home and
castle aus ben Boben befetjen, foHen mit ber Seit bie aUei-
nigen Dnhaber biefes ganzen ^Torbfontinents werben. 3Die
franjöfifche ^efuitenmiffion bleibt in ihrer fonfefftoneüen
Befangenheit fteefen. Per £*ad)fdjub aus ^ranf reich h^rt
auf, weil bort nur bie Hugenotten auswanberungsluflig
finb, unb fte haben natürlich feine 8m% bie jefuitifd)en

Guälgeifter in Paris mit benen in Äanaba $u vertaufchen.

Pie folonialen \Pirren in Sübamerifa haben bagegen


feinen djrifHid)en Äonfeffionsftreit als Hintergrund fte ftnb
vorwiegenb hobelt ftdj ja jumeift um bie
fojial bebingt, es

Befdjaffung von Jronfnedjten für bie Ausbeutung bes


Bobens im Großbetrieb. Spanien unb Portugal, bie beiben
I>icr im Wettbewerb ftehenben europäif <hen JTTächte, ftnb
beibe ftreng Patholifch, aud) fonft in vielem artverwanbt,
aud) ihre politifchen Rivalitäten in ber treuen Welt be-

gehen nur in gelegentlichen Reibereien unb piänFeleien. 3Das


Sntereffe ber ^Jefuiten wettbet ftch baher in SübameriPa
immer mehr ber „Äöfung ber fozialen ^rage w ju. <Dber um
ein neues Schlagwort aus jener foziologifchen 3beenwelt ju
gebrauchen, fte möchten einen „3ufunftsftaat" errichten, wol-
len ein (Bemeinfchaftsgebilbe fchaffen, bas bie bisherigen
irbifchen Unzulänglichkeiten, bas Rlaffenwefen, bie Habgier,
bie <Spijtenznot, bie (Benußleibenfchaften, befeitigt unb in ab-

gefchloffenem 23ezirF eine ibeale Äebensorbnung verwirklicht.


bisher h«Uen nur bie Philofophen folche glückliche «Ci-

lanbe erbittet; im Zeitalter ber Renaiffancc ftnb verfchie-


bene phantaftevolle Schriften berühmt geworben, bie folche
eblen Träumereien zur romanhaften &ar|HUung brachten.
Warum gerabe bamals folche fehnfuchtsvoHen X>orfteIlutt*

gen bie <Beifter bewegten, ifl für ben Rulturbeobachter leicht


Zu erfehern bas mittelalterliche Rbenblanb trug gegenüber
ber neuzeitlichen Unraft ibyüifche 3üge. SDamals lebte bie
chriftliche tltenfchheit in feelifcher (Cinheit, unb bie Ärwetbs-
gier war burch fefte ftänbifche 23inbungen eingebämmt.
SDann aber zerriß ein tolles (BlücFsrittertum bas alte,

fromme (Befuge; Reichtum unb ißlenb, 5>efpotismus unb


Rnechtfchaft klafften fchroff auseinanber. Rein Wunber alfo,
baß romantifch fromme (Bemüter bem Traum von einer
befferen Welt prophetifch nachhingen unb bas verlorene
Parabies erneuern wollten. 3Diefc fchwärmenben Flüchtlinge
aus einer ke£erifdf> geworbenen (Begenwart fühlten natur-
gemäß burch burch katholifch, benn ihre Rlage galt ja
bem Sufammenbruch ber kirchlich bevormunbeten Eintracht
ber Rnfchauungen.
T>er Dominikanermönch CampaneHa h «tte einen „Son-
nenftaat", eine Republik unter priefierlichcr cr'

202
funben. igier follte aller 23eft$ ber (Bemeinfchaft gehören,
bic Verteilung ber Arbeit unb ber erzeugten Verbrauchs*
güter gottesbien ßlich geregelt fein. Vie „Solarier" betrat!)*
ten ihr ganzes &afein als Vanfopfer, bas (Befe^bud) befiehl
aus einer Sammlung geiftlicher lieber, bie bei ber Krbeit
unb bei ben heften gefungen werben. <£in anberer poetifcher

Genfer, ber papfhreue englifcbe Kanzler iEbomas UTore, ifl

ber Vater ber ,


Utopie", bie von feiner ttTärcheninfel

„Utopia" ben tarnen hat* SDort gibt es ein von Stäb*


ten, bie ftch in gleicher (Bröße unb beflimmten Kbflänben
über bas £anb hinziehen. 3ebe Stabt ift von einem Kcfer*
gebiet umgeben, bas bie (Bemeinfchaft ßücfweife an bie 23ür*

ger verpachtet. Vom ^elbe beziehen fte ihre Nahrung unb


entrichten bie Pacht burch gewerbliche JSrzeugniffe, benn
jeber muß noch ein fiäbtifches t^anbwerf ausüben. Voraus*
fe$ung für biefe (Bemeinwefen ifl ihre völlige Kbgefchieben*
heit von aller übrigen tVelt; nur in ber Knbetung (Bottes
finb fte mit bem ganzen biesfeitigen unb jenfeitigen Kosmos
verbunben.

3Die defuiten wollen in Sübamerifa etwas lihnlidjes ver*


wirf liehen; auch ihr geplantes (Experiment zielt auf einen
religiöfen Kommunismus. S>ie geographifchen unb folonial*

potitifchen Vorbebingungen fcheinen gegeben ju fein. Ulan


braucht nur eine jener großen Vtfeberungsbreiten swifeßen
ben beiben (trennen $u wählen, bie burch Urwalbfümpfe,
23ergmauern unb WajferfäHe fchwer zugänglich finb. ^hre
Kbftcht entfpringt freilich feinte reinen philofophifchen
Cheorie, fonbern mehr ben praftifchen UTachtzielen, bie fte

mit ihrer (Eingeborenenpolitif verfolgen. Sie hatten bie


Dnbios in Xebuftionen gefammelt, um fte zu felbjhätigen
Verwaltern ihres ^eimaterbes fo heranzubilben, baß fte ftd)

gegenüber ben Europäern behaupten fönnten. Vie Kebuf*

20J
tion foH feie 3cHe einet 0 «n$ neu artigen Staatsorbnung
werden. 3n ben erjten lofen formen hat ftdj bie Sache aber
nicht bewährt. 3Die Sflavenjäger brechen immer wieber in
bie Schutzgebiete ein, fangen bie Dnbios weg, verwifchen
ihre ^erfunft unb führen fte ben (Grofgrunbbeftfcern $u,
benen gefefclicf) gebattet ifi, eine gewiffe Elnjahl Eingebo-
rener „$ur praftifchen Einleitung im christlichen £eben" als
leibeigene $u galten. Eluch bie Freiheit nützt ihnen bann
fpäter nichts mehr; fobalb fte erft unter ber ^uchtel ber
rohen europäifdjen Spekulanten gewefen ftnb, bleiben fte

verborbenes Äumpenpacf.
fcaher wollen bie patres je# bie Hebuftionen auf einem
abgegrenjten (Grofzterritorium $u einem politiftfyen Eigen-
gebilbe ausgefialten. 3Das 3ufunftsparabies, von bem
(CampaneHa unb tTCore fabuliert hatten, foll nie# me#
„Utopia" bleiben, fonbern Catfadje fein. 3Die UTifftonare
betreiben baher ihre „Seelenjagb", bie berühmte „conquista
de almas“, nach großzügigem X>erwaltungsplan. 3Die be-

brohten Hebuftionen werben aufgelöjt, i#e Bewohner wan-


bern unter Rührung ber patres £aufenbe von tfteilcn ben
neuen, gefchüfcteren Sieblungsgebieten entgegen, t?t|r noch
Hefte langen an, benn bie Cücfen ber £Tatur unb bie Über-

fälle ber weifen Haubbanben reiben bie abenteuerlichen


tUaKfahrerjüge mit ihren ^eiligenbilbern an ber Spi#
unb ihren fultifchen Umftänblichfeiten allmählich auf. Elts
bie Rührer ftch am 3 iele wahnen, haben fte bie meijten ihrer

(Gefolgsleute verloren unb müffen alfo erjt neue „Seelen" für


bas Hettungswerf I>ert>cifdhaffcn. Honig Philipp IV. von
Spanien bewilligt bie (Gefuch e ber ^efuiten um eigene
Holonialprivilegien, benn fte verfprechen bem gelbbebürf-
tigen *3errfdjer, für jebes Wtitglieb bes künftigen (Gemein-
wefens eine Hopfjteuer $u zahlen, währenb bie 3nbios bis-
her feinen Tribut entrichteten. £>er (Drben erhält alfo bie
23efugnis, einen fajt unabhängigen Staat su grünben, ber

204
nur burch bie Kbgabenpflicht im Bafallen Verhältnis $uv
fpanifdjen Ärone fielet UTan E>at bic (Bebiete gewählt, bic

hinter ben Äataraften bes parana mtb bes Uruguay fluff es


beginnen, weite jungfräuliche Steppen unb Urwalblanb*
fchaften, bie fpanifche Cßro^fcf^iffc nicht ju erreichen wer*
mögen. Hud) ijt ben Europäern bas betreten bes neuen
Staatsgelänbes ohne jefuitifche Erlaubnis ftreng verboten.
£s finb bas bie ^iu^ebenen unb Bergtälet, bie ftd) h*«te
vom brafilianifchen Sübzipfel über einen argentinifchen
Streifen nach Paraguay unb Bolivien hinüberziehen, ein
(Bebiet, fo gro£ wie bas halbe Europa.

tttit fleinen booten burchfahren bie patres jene unenb*


liehen (Baue, bie fte fogieich mit ihren ttteßinftrumenten
topographifch befiimmen. Babei fingen unb flöten ftc milbe,
gcijtliche tPeifen, um bie Onbios aus bem Bicficht hervor*
Zulocfen. überall, wo fte über bie verzweigten tUafferläufe
gleiten, nahen ftch ihnen bie Haturfinber vertrauensfelig,
von ber UTacht ber Cöne bezwungen. Om Banne biefer
fchönen, fremben tftelobien tun fte alles, was bie tDeijzen
von ihnen wünfehen. 25er flerifale franzöft'fche dichter
Chateaubrianb hat anberthalb ^ahrhunberte fpätcr bas
fioblieb bes jefuitifcf>en „UtufiPftaates" gefungen. „Bie
Onbianer fielen", fo fagt er, „in bie füfje ^aüe, viele ftürz*

ten ftch *ns tBaffer unb folgten fchwimmenb bem Sauber*


boot. Pfeil unb Bogen entglitten ben Rauben ber TDilben,
unb in ihre Seelen z<>0 bie Süjje ber tttenfchlichfeit ein."

So beglüefen fie hauptfäd)lich bie Stämme ber (Buaranis


unb Chiquitos, zn benen ftch halb noch anbere gefeüen, unb
alle ftnb noch üon &er europäifchen Siwilifation unberührt,

alfo „echte YDilbe" mit (ehr geringer «igenfultur, fo bafc


bie patres fie ganz nach ihren (Crziehungsibeen bilben fön*
nen. Sie foHen weber Spanifch noch portugieftfch leerten, bie

Patres fprechen unb fingen mit ihnen inbianifd) unb latei*

nifd). Sie tragen einen Sdjurs aus WilbfeHen unb fd)müd?en


bie (Dhren mit Gebern, ben ^als mit bunten Stein* unb
Knochenfd)nüren.
Die fch&eifenben Sippen werben in -Dörfern feßhaft ge*

macht, bie erße größere Drtfchaft heißt nach bem (Drbens*


grünber St. 3gnacio; mit ben Sieblungen Äoretto unb
St. Knna werben fie $um 3entrum bes jungen Staates,
an ben Ufern bes breit bahinßrömenben Parana gelegen.
«3 finb im Durcfßchnitt nicht mehr als $wei(>unbert patres,
bie eine taufenbmal {tariere Sevöllerung von cBrunb auf
umformen, unb ba3 u noch in wüßen Kegionen ohne alle
Äanbwege, wo rCntfemungen wie von Wien nach Utabrib
leine Seltenheit finb. Das einenbe 23anb, bas {ich immer
wieber am beßcn bewahrt, iß bie tttufil. Die 3nbios hören
nicht nur mit wahrer 3nbrunß bie llanglichen Darbietun*
gen ber UTiffionare, fonbern fie erweifen fich auch felbß als
hochmufilalifch unb lernbegierig.
Daher laßen bie (Drbensbriiber aus ihren europäifchen
Weberlaßungen Wtufilinßrumente aller Krt in großen
tTTengen lommen. Sie fchaffen dSefangschöre, aus bencn viel*
ßimmig unb rein bie 3efuslieber, bie Hymnen auf bie

Gottesmutter burch ben ßißen Urwalb raufchen. Sie richten


große ©rcheßer ein, in benen trompeten, Körner, Warfen,
flöten, Klarinetten, Diolinen, Säße unb Paulen ertönen.
Die HTufillehrer unb Kapeflmeißer ß'nb jumeiß beutfche
patres, bie an ben latholifchen ^ürßenhöfen ihre Kusbil*
bung empfingen, ß'e üben nicht nur geißliche Choräle unb
tftotetten, fonbern auch fchneibige WTärfdje unb zierliche

Cänje. 3ebes Dorf erhält eine Kapelle aus pofaunenbläfern,


^agottißen, Diolinfpielern unb Crommtern, bie Solofänger
fchmettern ihre Krien, unb nach getaner Krbeit wirb jum
Dollstan; aufgefpielt. Km frühen Utorgen rufen Crom-
petenflänge bie Dnbios jur Uteffe, ftngenb lernen fit ©lau»
bensfäQe unb ^eilanbsgefchichte. „X^irgenbs erfüllt ftch bas
Keich ©ottes auf (Erben fo lieblich wie hier", berieten bie
tftifjtonare ftolj nach Korn.

Um ihre (Erfolge vor aller Welt funb^utun, laben bie


patres bisweilen Jreunbe aus (Europa ju ©afi, unb bie
Keifeberichte erregen bann in ber Ulten Welt gewaltiges
Kuffehen. So fdplbert beifpielsweife ber Tiroler pater
Sepp, wie fte bie wehrhaften Übungen mit bem Kultus ver-
binben: „Km Ufer fianb ber pater Superior mit $wei
Schwabronen Kavallerie unb $wei Kompagnien ^ußvolf,
alles Dnbianer, aber überaus reijenb gefleibet. 3f)tt Waf-
fen waren Säbel, Pfeile unb Bogen, Schlingen unb Keulen,
fit führten einen Sd)einfampf auf fprangen auch in ben

^luß unb fämpften halb über, halb unter bem Waffer.


Unter beffcn fchwangen bie vier Fähnriche ihre Jahnen, vier
Trompeter bliefen Klarm, bie Körner, Fagotte unb Schal-
meien fpielten fröhliche Qtüdfe. Wir traten aus ben grünen
Laubhütten, umarmten uns unb jogen unter ©locfengeläut,
von etlichen taufenb Onbianern Ber
begleitet, $ur Kirche.

Weg ging burch Triumphbögen aus Blumen unb Baum-


Zweigen, an bie man lebenbe X>ögel gebunben h<*tte, unb in
fieinernen Wafferbehältern fchwammen fchiHernbe ^ifche.
Bas alles follte fo ausfehen, als ob bie ganje t^atur an ber
t^ulbigung für bas Saframcnt teilnähme." 3n ben Quar-
tieren bem Befud)er aus (Europa
ber (Eingeborenen wirb
freilich bes „unleiblichen Bampfes" wegen recht unwohl,

weil es hier „von Kinbern unb Kinbesfinbern, von f£unben,


Kafcen, tttäufen unb Katten wimmelt, von ©rillen unb
Schwaben in ganzen Schwärmen". (Er hält ftch lieber in
bem „großen, fchönen Kraut-, Blumen-, Baum- unb Wein-
garten" ber Brübcr unb am ^riebhof auf, ben palmen unb
3itronenbüfche umgeben.
2>ie tDirtfd)aft 0 r>erf«ffung des Staatstvefens faltet das
Privateigentum nicht völlig aus, tveiji ihm aber nur eine

untergeordnete &oEe ju. <Ss gibt den ,/Hcfer des UTannes",


3 u dem das ^amilienhaus gehört, ^ier Pann jeder frei

(galten und anpflan$en, was ihm beliebt. Uber auch diefer

Sonderheft^ vererbt ftd) nicht, jeder erhält einen folgen


tVohnacPer jugeteilt, wenn er mündig wird, daneben ^at
jedes fcorf feinen (Bemeindebeftfc, den „(BottesacPer", über

deffen BejteEung die Ulifftonare entfeheiden. i^ier gibt es

Pflanjungen, die mit UTais, CabaP, Weiten, Bohnen und


tPrbfen bejieEt find, an günjtigen Stellen baut man 3ucPer«
rohr, BaumwoEe und Cee. 3Der Ertrag Pommt in das
Vorratshaus, aus dem jeder den nötigen Jufatjbedarf erhält.
2)ie Witwen und ihre unverheirateten Cöcfyter wohnen in

Witwenhäufern, tvo fte die ^aummoEe fpinnen und weben.


KEe (Bemeindeglieder erhalten jweimal jährlich neue %iti*
der. Brei läge in der Woche h«* jeder leifhmgsfähige (Sv «

tvachfene für den (BottesacPter ju arbeiten, wer ju ^aufe


faul ift und mehr aus den gemeinfamen Vorräten braucht,
wird dann länger draußen für die dSefamtheit befchäftigt.

3Der begriff (25eld bleibt den Indianern vöEig fremd, fte

bePommen nie eine tHünje ju fehen, aufjer bei der Trauung,


tvo das paar die ftlbernen SdjaujtücPe mit den Bildern des
Äönigs und der Königin von Spanien austaufd)t. Unter«
einander dürfen fte Caufdjh<mbel treiben, doch nur für ihren
Befüg und Verbrauch, nicht $u Paufmännifchen 3wecfen. (Sin
Stahlmejfer Poftet ein Pferd, ein £opf ^onig einen Äeder«
gürtet, ein Kngelgerät ein Äalb. Ber gemeintvirtfchaftliche
Warenüberfluß tvird an befiimmten Stapelplätjen auf«
gefpeichert, die unter der direPten Verwaltung der patres
fteben. Sie fleEen auch bie (Beleitfcheine für europäifche
Händler aus, Cage an ihrem 3ielort
die ftch längftens drei

in der ^efuitenrepubliP aufhalten dürfen, und jwar nur in

abgefonderten ^remdenhäufern und ohne mit den iPinge«


bereiten irgenbwie )u verfehren. Sie werben auf Schritt
unb Critt von poßen bewacht, bis ße mit ben getauften
(Bütern bie (Brcnje wieber überf dritten |>aben. Sie bejah*
len bie wegen ihrer Qualität (ehr begehrten Äanbeserjeug*
niffe teils mit technifchen Rrtifeln, bie aus Europa ßammen,
teils aurf) mit barem (Selbe, bas fie in ben Rüßenßäbten
abliefern. Pon biefen Summen werben auch bie Ropfßeuern
an ben RÖnig von Spanien erlegt, ohne baß bie 23eßeuerten
irgenb etwas bavon merfen.
*
55ie Dubios wißen auch nicht, baß fte in ben alten Rultur*
errungenfehaften Europas gefault werben, fte feiten in ben
patres bie alleinigen Renner aller biefer Rünße unb ver*
ehren fte als gottgefanbte, allmächtige tDefen. 3Die Ulifßo*
nare haben natürlich halb erfaßt, wo bie befonberen Calente

ihrer Schüler liegen. ifs gibt bei ihnen überhaupt feine


unmuftfalifchen Utenfchen, unb barüber hinaus geigen faß
alle eine ungewöhnliche Univerfalbegabung für alle nach*
ahmenbe Rulturübung. Dhre jeichnerifche C5efcf>icf licf>fcit be*

fähig t fte, bie alten lateinifchen Religionsbücher mitfamt


ben Initialen unb *£ol$fchnittbilbern voUenbet ju Bopieren,
fte bringen es auch i« ganj eigentümlichen Weißungen mit
Stift unb pinfel. Rls (Bolbßhmiebe unb Cöpfer entwicfeln
ße feinen plaßifcßen ^ormenftnn unb beforativen (Befchmacf.
Dhre (Bobelinwebereien, ihre Spifcen, Uhren unb Spiel*
inßrumente ßeben halb nicht mehr hinter ben Stücfen
jurücf, bie ihre iLehrmeißer als HTußervorlagen aus Europa
fommen ließen, hingegen verfagen ße völlig in öfono*
mifchen SDingen, fie bleiben fcßlechte Rechner, bie feine 3ah*
len im Ropf behalten unb bei Kbjählen auf bie Ringer an*
gewiefen ftnb. Sie fönnen auch nicht mit ihren Vorräten
haushalten unb ergeben ftch, folange ße Überfluß h Ä&cn ,

ber PöIIerei. Sie fdßürfen ben Cee aus großen 23ottid)en


unb legen ßch bann aufgebunfen in bie Sonne. XUenn ße

!4 ©c^ulftdipfaetjrr, 5>a* 3ffuitm*2>ui% zog


mit pftugodffen bin^usgcfcfficFt werben, um ben Slcfcr $u
bereiten, Fommt ca häufig vor, baff fte ot?ne bie 3ugtiere
beimFommen, benn fie b<*ben fte unterwegs gefc^Iac^tet unb
Auf gef reffen*
&iefe guten unb fdjlecfjten Anlagen werben bureb bas
FünfWid)e, von ben 3efuiten erfunbene Äebensfyffem befon*
bers beffärFt, unb alle biefe Ärfcbeinungen erklären ficb
jiemlid) einfach aus ben (BrunbfäQen biefer Staatsutopie.
\l>xctfcf>aftlicf?feit unb IHäffigFeit erlernt man nur im febar*

fen SDafeinsFampf, ber ihnen tyiev völlig erfpart bleibt. Dn


folgen VTaturFinbern fc^lummern gewöbnlitb reiche Funff*
banbwerFlid)e ^ä^igFeiten, bie ftd) überrafc^enb entfalten,
wenn fie in ungeflörter Pflege gewecFt werben. Ber XXad}'
abmungstrieb naiver Beelen förbert Schöpfungen jutage,
bie für eine gewiffe 3eit fogar ben ißinbrucF einer eigenen

(Besaitung machen. Slbet mit allen folgen ^übfc^ erfon*


nenen ÜIpperimenten wirb Feine X>olFsperfönli<bFeit b^an*
gebilbet, bie ficb in ben Bewegungen unb Spannungen ber
wirFlicben Welt behaupten Fann. tiefem Onbianerffaat fehlt
mit einem Wort bie politiF, ber Wille jur tätigen X)er*
antwortung. Bie jefuitifeben Bormünber ftnb (BÖtter ex
machina, vom ^immel gefallene 3auberer, Bie prieffer*
berrfebaft \)&t nicht bie VJation im “Sluge, fonbern ein tbeo*
logifcf) erFlügeltes Keicb (Bottes auf «Crben. Bie nehmen ihr
ißrleben nur als ein feltfames MtiraFel bin. Bie Dubios wer*
ben jwar jur Selbffvertnaltung angebalten, fte beFleiben in
ben ÄebuFtionen bie Würben von Äorregiboren unb SllFal*

ben, von Amtmännern unb Bürgermeiffern, fte bürfen auch


ju (Bericht fttjen, aber bas iff nur Spielerei unb 3eitvertreib.

Bie follen alle 3tuifd)enfälle in (f)rifflirf>er tttilbe fd)licf>ten,

Beizte unb Buffe erfe^en ben Jvealismus bes irbifeffen


Strafgefetjes. £0 gibt Feine Cobcsffrafe unb Feine Aus*

ffoffung, baber auch Fein burcfjgreifenbes tHittel ber


AbfcbrecFung.
Wer tttenfchenblut vergieftt, foH bie Qualen ber ewigen
©erbammnis erletben. ©odj wie reimt ficf> bas wieber mit
ber Äanbesverteibigung jufammen* ©er Staat wirb feine

(Brennen nicht fchütjen fönnen, wenn er ben ^einb nid)t mit


ber Waffe abwehrt, er liegt ja nicht in einem tftärchen*
lanb, fonbern inmitten raubluftiger VTachbarn. ICs wäre ein

Wunber, wenn bie „auswärtige politiF" bes ^efuitenjtaates,


bie ja eigentlich nur in ber liftigen unb ängjtlichen Ofotie-
rung befielt/ auf längere ©auer von Erfolg fein fönnte.

Sollen bie weiften Siebter ber Hanbfolonien es ftch ge»«

fallen laffen, baft ftch quer über ben Kontinent ein rieftges
Territorium als Sperrblorf h^^ert* 3efuitenreich
hinbert ben ©urchgangsverfehr, unterbietet, weil nicht auf
Profit angewiefen, bie Warenpreife, macht bie fonjt überall
in Sübamerifa gefnechtete „Hrbeiterflaffe" $u STuignieftern
unb werft in ben Sflaven ber folonialen (Crwerbsbetriebe
bas begehrliche Streben, auch ein folches parabies ju
gewinnen.
'Kümählich h at ftch bie Snbiorepublif weit über bie ur*
fprünglichen piäne ber ^efuiten t^inauagebe^nt, immer
mehr Dnbianerftämme fchlieften ftch an, unb bas ^aupt*
Werbemittel ifi babei nach wie vor bie tttufrf. tHag biefe
ÜJppanfton auch noch fo frieblid) vor ftch gehen, bie herum*
wohnenben weiften Holonialherren fehen barin einen für fte

unerträglichen priefterlichen Imperialismus, ©ie patres


fd)ei nen bie ^errfchaft über ben Kontinent $u erftreben, was
man ihnen auch als letztes Qeheimjiel mit gewijfem Hecht
unterteilen fann. ©ie Holonialregierungen ber Hüften*
ftrid)e fönnen freilich &en 3efuitenfiaat nicht offen befrie*
gen, benn er fleht unter ber förmlichen Oberhoheit bes
fpanifchen Honigs. Sie begünftigen baher bie Äanben ber
Sflaven jäger, bie in ben <Bren 3 be$irfen bes inbianifchen
(Bemeinwefens bas willfommene 23eutefelb fehen. Äs ftnb

meftijifche tTtifchlinge, von ben Spaniern „UTamelufen"


genannt, burd) bie jetzt bie Weißen ben fozialen unb raf-

ßfcßen X)erni<f)tungsfdb 3 ug gegen ben verhaften „Muftf-


ßaat" eröffnen taffen. 55ie jefuitifcßen ^üt?rer treffen junächß
feine Kbwehtmaßnahmen, fte laffen es z«, baß gaufenbe
unb aber gaufenbe ihrer Staatsbürger bei berartigen ICin-

fällen in bie Sflaverei verfdßeppt werben. Schließlich räu-


men ß'e bie am meißen gefährbeten (Bebiete unb bringen bie

23et»ohner im Dnnern in Sicherheit. 3Do<h bie Mamelufen


werben frecher unb wagen ftch immer tiefer ins £anb hinein.
ffinblich müffen bie patres ihre Cheorie ber (Bewaltloftg-
feit aufgeben unb eine fampffräftige Militärmacht organi-
fieren. bislang war bas Solbatenfpielen ein unfchulbtges
Sportvergnügen gewefen, ein malerifcher, lußiger Schein,

benn zu ber 3bee biefer geißlichen Staatsgemeinfchaft ge-


hörte auch bie abfolute ^riebfertigfeit nach außen. Wenn
bie patres je$t ben Pazifismus von ihrem Programm
ßreicßen müffen, fo geben fte bamit ihrem Staate bie volle
Realität, bie erß burch ben X>erteibigungswiHen gcfchaffen
wirb. Mit ber £inß'cht, baß fein Staat für ftd) allein be-

ßeht, baß er nur burch bie fämpferifche Kuseinanberfetgung


mit ben anbern beßehen fann, iß auch ßebanfe bes
(Bottesreidjes auf £rben als Utopie entlarvt.
Sobalb bie Mifftonare erß mit bem Prinzip ber reinen
Friebfertigfeit gebrochen haben, betreiben fte bie Kufrüßung
mit gewohnter gatfraft. ÜDer 'Honig von Spanien geßattet
ihnen, ein ßehenbes f£eev zu halten, nachbem ftch <&£&en
verpflichtet hat, ber fpanifchenKrone auch gegen frembe
Kolonialmächte Kriegshilfe zu leißen. VJun fommen große
Schiffslabungen mit (Bewehren an, bie patres errichten
pulvermühlen unb aSefchütjgießereien, fte üben bie gruppen
im (Bebrauch ber mobernßen Feuerwaffen, bie Mifftonare
verwanbeln ftch Offiziere unb Feßungsingenieure. 3Die
Mamelufen werben beß'egt unb niebergemacht, benn bie

roten Chrißen lernen fchneU um, nachbem ihnen bie patres


im (Begenfatj $u ber früheren Unterweifung beigebracht
hoben, baß Blutvergießen jeijt ein ^eiliges (Bottesgebot fei.
iDamit gebt freilieb auef) bie einfältige Scheu, bas befchau»
lid)e Kulturleben verloren, fte ßnb je$t f>aI& 3 itoiUftertc

Wilbe, bie ßd) unter frembem Kommanbo hrrumfchlagen.


mit ben erßen Erfolgen wäd)ß bie friegerifche Unter»
nehmungsluß. Unb wie bie ^efuiten immer, wenn fte eine

neue Sache in bie ^anb genommen b a^ en , burd) il>rc fana*


tifche ÄinbilbungsFraft ine £ptrem geriffen werben, fo ßiir*

Jen fte ßch fefct in militärifcbe Abenteuer.

3Die portugiefen ftnb mit ben Spaniern in einen (Brenj*

Fampf geraten; fefjon greifen bie patres mit einem Kaval*


lerieForps unb einem Scbü^enbataiflon in bie Kriegshanb#
lung ein. Bei einem Fühnen Sturmangriff auf bie portu*

gießfehen Befeßigungen läßt ber jefuitifebe Rubrer mit


fechshunbert feiner 3nbios bas £cben. man riibmt $war
bas ÜDraufgängertum ber „Pfaffentruppe", aber bie beiben
weißen Äolonialnationen fyabtn nicht bie Slbftcht, ihre
t^änbel in einem langwierigen ^elbjug ausjutragen. Äiffa*
bon unb mabrib verßänbigen ffch halb; in bem ^riebens*
vertrag tritt Spanien ben ößlithen Äanbßreifen ber
3efuitenrepubliP an bas portugießfehe Braßlien ab. man
Fönnte bie Einigung auf Koßen bes ‘Derbünbeten von Spa«
nien unbanFbar finben, aber es t>anbclt ßd) um ein un*
ruhiges (Bebiet, bas fchon lange ber 3ankapfel war. 3Dic
Patres hätten/ ba ße noch immer ein rießges Territorium
behalten foDten, um bes ^riebens willen nachgeben müffen.
3Doch if?re Kriegsleibenfchaft treibt ße jur KebeHion gegen
ben Föniglichen <Dbe rherrn, ße tun, als hatten ße eine natio*
nale PolFsehre gegen einen fremben Tyrannen ju verteil
bigen. Otyte ^elbenroSe entbehrt babei burchaus ber inneren

Wahrhaftigkeit. 3Da ihre StaatsFonßruFtion einer frieb*


lid>en (Bottesgemeinfchaf* 3r»angsläufig in bic 23rüche ge*
gangen iß, haben ß'e auch feine heiligen (Crrungenfchaften
burd) Auflehnung gegen bas politifche ©iftat ber über*
gebt?bneten Staatsraifon 311 ßhüfcen. ©ie Pfaffenarmee aber
nimmt gegen Portugal unb auch gegen Spanien in eigener
Sache ben Krieg auf. £s gibt 3ufammenßöße, Aufßänbe,
©erhanblungen unb neue, ernßere <5 efed)te. ©ic patres for*
bern fdßießlich «He fübamerifanifchen Anbios 3«nt Freiheits*

Fampf gegen bie Weißen auf. Sie haben fich bamit felbß
von Europa losgefagt, fte ft'nb nur noch Freibeuter für ihre
Fiftion.
©as Kebeflenheer tnirb von ben auch folbatifd) tüchtigen
Patres hervorragenb geführt, bie Spanier unb Portugiefen
erleiben, auch nachbem fte ihre Kräfte vereint haben, eine
Weberlage nach ber anbern. ©er jefuitifdjen Strategie ge*
lingt es fogar, ein großes fpanifches Keiterforps gefangen*

junebmen. Sie erfinben auch ein gan 3 neuartiges Kampf*


mittel, inbem fte ben erßen „(fteneralßreif" ber Welt*
gefehlte organifteren. Kein Anbianer barf ben Weißen
eine «^anbreichung leißen, in ben Kampfgebieten vernichten
bie Koten auf (Beheiß ber patres bie 23rotbäume unb fchüt*
ten bie Srunneh 3 U. Auch ben 23eichtßuhl mobilifteren fte

gegen bie Katholifen im anbern £ager, fte verbreiten als


Kriegsliß einen gefäifd)ten 23ifchofsetiaß, ber angeblich
allen prießem verbietet, ben Kämpfern gegen bie 3ef uiten*
republif Abfolution 3 U erteilen.

ASmählich erlahmt freilich bie militärifche Schlagfraft


ber inbianifeßen fftannfehaften. ©as forgfältige tCraiehungs*
werf ber patres hält bem Kriegschaos nicht mehr ßanb.
©ie Anbios, bie früher von ber böfen Welt bort braußen
nichts ahnten, erliegen ber moralifcßen JerfeQung. Auch in

ben Kernrebuftionen von Paraguay löß ftd) bie fromme


(Drbnung. An ben jefct fthledjt beaufßchtigten i^eimßätten
vertilgen bie 3urüd?gebliebenen freßwütig ben ganjen pro-
viant. Bie Gruppe erhält Feinen Hachfchub, fte hängt tn bet*

Äuft, übergelaufenea Geftnbel verführt bie Getreuen, unb


fd)liefjlich bleibt von ber llrmee fo wenig übrig wie von
bem Gefüge bea ganzen UTufiFjtaatea. 3n wenigen 3ah«n,
man fchreibt jefct )76o, ift bas einzigartige ©taatagebilbe
Zerjtört, baa in anbertl>alb 3af)rl>unberten aufgebaut war
unb mehrere UTenfchenalter hindurch in voller Blüte ftanb.

lila letjter UFt folgt ber großen conquista spiritual bie

CJagb ber Äolonialbehörben auf bie geflüchteten jefuitifchen


llufrührer. X>iele werben an ber Äüjle aufgegriffen unb
gefeffelt in ben Äaberäumen ber Schiffe nach Guropa ge*

fchafft, um bort in ben ©taataFerFern ju verfchwinben.


Unter ben fübameriFanifchen tDeifjen geht ber Glaube um,
Paraguay ungeheure ©«bälge an Golb
bie tlefuiten hatten in
unb ©maragben aufgehäuft. Bie Gerüchte wiffen auch von
geheimen ©ilberbergwerFen ber patrea. Utan burchfucht in
ben t^auptfieblungen bea vernichteten ©taatea jeben XUinFel
unb f inbet nichta; aber in ber TUut über biefen HTifjerfolg
werben bie meiflen baulichen unb Funfigewerblicben ©cfjöp*

fungen bea muftfd>en Keichea zertrümmert. Bie Golbfchätje


feien, fo 1>ei%t ea noch nach Generationen im PoiFemunb,
von ben lebten Getreuen zmifch^n ben ^elablöcFen bea großen
©tromea verftecFt worben, um bei ber lluferftehung bea
heiligen Äeichea wieber h ervorgeholt zu werben. Ser
Graum vom fcbönen Utopia im Urwalb befcbäftigt noch
lange bie Pbantafic ber armen, wieber in ber tDilbnia ober
ber ©Flaverei lebenben Dnbioa.
*

»Set Ztoedt Jidligt öa$i Mittel“

©er groteste Streit jroifdjtn beit Sdjnwmern von Port


Xoyal in Paris unb ben franjöftfchen tJefuiten iß burchaus
feine bloße tttobeerf Meinung gewefen. 25er thcologifche 3»«iß,
ber hinter biefem bunten unb wirren 3eitgewebe jum X>ov
fchein fam, entflammt fogar ber Urteile aller Keligtonsphilo
fopbie. 25ie bis jum Kopffd)Ütteln eigenartigen Mlorallehren
ber 3efuiten finb nur ju erfaßen, wenn man ftch bie (Brunb*
lagen unb bie Fulturgefc^ic^tlic^e £ntwi<ffung ber attge*

meinßen mcnfcfjlicben (Btaubensgebanfen vergegenwärtigt.


KUcs religiöfe unb weltliche tftoralbegfen Fnüpft an uralte
T)orßeIlungen unb fragen an, mag es noch fo abfonberlich
auftreten.
Wenn ft<h ber betracfytenbe tTTenfcb in fein Wefen rer»
fenft, flößt er juaflererß auf bie »frage, ob er aus freiem
«ntfehluß ju wollen vermag, ober ob ihn bunPle Kräfte ju
feinen Jlebensäußerungen swingen. 3 ft unfer Wille frei,

ober ftnb wir mächtigeren Welten unterworfen) &as älteße


23efenntnis jur Unfreiheit iß bie primitive Xeligionsvor»
vorßeHung. 25ie (Bottbeit beßimmt unfer £os, fte muß burch
(Bpfer sufriebengeßeKt werben, bamit ße bas (Befcheben
gnäbig lenft.

25er natürliche Knfchein fpriebt aber bafür, baß ber tftenfeh


bei vielen, womöglich *ti allen feinen ^anblungen bie freie
Wahl h<*be, baß er ft<h für bas 3a ober VJein, für bas Cun

2)6
ober Waffen entfcheiben fönne. Xttan macht uns ja hinterher
für unfere Caten unb fogar für unfcre Kbft elften verant-
wortlich- ^u6 bet Freiheit bes TDählens fchcint bie ftttftdje
Pflicht ju erwachfen. tftit welchem Rechte bürftc man uns
moralifdj fdjulbig Sprechen, wenn bie böfe Cat nicht ber
Kusfluf? unferes freien TDißena wäre? tttte foßten wir bie
^orberungen einer JTtorai erfüßen, wenn unfer TDiße ohn-
mächtig biiebev Kber wir füllen una auch' in eine „Urfdjulb"
verftricFt, hon Crieben bebrängt, von unerbittlichen Ge-
walten auf Bahnen, bie wir nicht gewählt haben, hin unb
her geflogen.
ißin Kbgrunb von tDiberfprüdjen unb Zweifeln tut ftdj
auf. XDer überbrücFt ihn* Philofophen unb religiöfe Gen-
fer fmb feit unenblichen 3eiten barum bemüht, aber auch
dichter wie SophoFles, SDante unb Goethe haben in prophc-
tifcher Schau mit bem tTtenfchenfchicFfal gerungen. £0 han-
beit fich hier um. Feine „theoretifcfje" ^rage, fonbern uni ein

tiefes, unmittelbares Äebensbebü rfnia. 3Die llntworten lau-


ten von Grunb aus verf Rieben; nur ber große dichter ver-
mag bie gegenfäfclichen GebanFen burch lebenbige Gestaltung
)u binben. 3Die Philofophen geben nur ihre unverbinblichen
Knftchten wieber unb fudjen nach einleuchtenber Begrün-
bung. Bie Theologen berufen ftch zwar auf bie göttliche

(Offenbarung, aber wenn fie bas Glaubenabogma auf bie


irbifchen BejirFe übertragen, Fönnen fie auch nur in ben
Begriffen ihres menfchlichen Geiftes philofophieren.

Kuguftin, bie bebeutenbfte Autorität unter ben christlichen


Kirchenvätern, fpracf) bem tHenfchen bU Freiheit zum Guten
ab; nur Kbam hätte fich noch frei entfcheiben Fönnen unb
bie Sünbe, bas Böfe gewählt. 3Durdj ben Sünbenfaß feien
bie tttenfchen mit bem ^ang )um Schlechten erblich belastet,
unb nur bie göttliche Gnabc errette fte vom zeitlichen unb
ewigen Perberben. (Bleichwohl verlangt Ruguflin ein cner-
gifthes fittliches »^anbeln, ohne ftch um bie Wiberfprüche
jwifchen feiner Geologie unb feiner tllorallehre ju füm*
mern. ft r fudjt wieber ben Rnfchluj? an bie vorzeitliche

Philofophie/ wenn er bie Cugenb ein mit ber Vernunft


übereinftimmenbee Perhalten nennt, bas zur (Bliicffeligfeit

führe. Piefe Ruff aff ung fyattt im Altertum Rriftoteles am


beutlicfyfien ausgefprochen, fte enthält gerabeju bie flafftfche
Äehre von ber ^reif>eit bea Wittens unb ber Freiheit jum
moralifchen Äebenswanbel.
3Die Cl)ri^ent)eit befaßte ftcJ> ftets aufs eifeigfle mit ber
augufiinifchen Äe^re von ber Öirbfünbe; barüber brach nod)
Zu feinen Äebjeiten ein großer Rirchenfireit aus. 3Der
britifdje lHöncf) pelagiua hatte bie ißrbfünbe geleugnet unb
behauptet, (Bott habe ben tttenfchen bie Freiheit jum Wol-
len unb t?td)twoDen gelaffen, ihm alfo aucf) ein beliebiges
^anbeln freigefieEt. Ruf bem Äonjil ju «phefus würbe bie
pelagianifcbe SLttytt in (Brunb unb 23oben verbammt, unb
fpäteehin galt es in ber Zeitlichen Welt als eine befonbers

fZtvere PcrFe^erung, wenn femanb bea pelagianiamua be-


fZulbigt würbe, iflobcrnen HTenfZen mag ber gewaltige
fcogmenfampf um ben Urfprung ber ©ünbe fc^on beshalb
abwegig erfZeinen, weit wir ben iHythos von Rbams <JaE
unb 23efh*afung als eine unzureiZenbe Rntwort auf bie
fragen nach Freiheit unb tttoral empfinben. PhilofophifZ
betrachtet, fann (Bottes plan von vornherein nur einheitlich

unb ausnahmslos gewefen fein, «ntweber ifl ber IHenfZ


immer unfrei unb unzulänglich/ theologifZ gefprochen „ver-
bammt" gewefen, bann finbet er im höZten waltenben Wil-
len feine Rechtfertigung, theologifZ ausgebrüdft, feine
(Bnabe in (Bott. <Dber ber HtenfZ ift im petagianifchen ©inne
frei, alfo in feinem <$anbeln nach &er guten wie nach &er
bofen ©eite unabhängig, bann jieEt bie Philofophie einfach
ihre Cugenbgefefce auf unb ift fertig.
Aber für Me Cf>eologie beginnt bann erft bas Dilemma.
Wenn ber tttenfch ßutes tun fann unb bod) nicht tut, »nie
verfolgt er bann (Potts £r fann fich ben (Pnabenanfpruch
erwerben, inbem er bie Sünben burch Werfe ber 23ufie unb
iöefferung auslöfcht. Aeichen feine eignen „guten Werfe"
nad) Anftcht ber Xirche nicht aus, um bie Vergebung ber
tttiffetaten 511 bewirfen, fo fann er aus bem aufgefpeicherten
„(Pnabenfchafc" ber Airdje bie ®ntfübnung als Segens*
gefdjenfempfangen ober fogar als „Ablaj?" burch ’&tyfy*
lung erfaufen. 3Das iji bie Auffaffung unb vor allem bie
Prapis ber fpäteren papftfirche gcwefen. Sie beruht, auch
wenn bas nicht eingeftanben wirb, auf ber PorfieHung von
ber Wahlfreibeit bes Willens, zuminbejl auf einer ftill*

f<f>weigenben Annäherung an biefe. £>ie ^efuiten haben bie*

fen (Pebanfengang fdjärfer als jebe anbere neuere tbeolo*


gifdje Äichtung beeausgearbeitet. danach fönnen bie Sün*
ben alfo burch menfchlidje Perbienfie abgetragen werben.

&ie lehren von ber Sünbe unb ihrer Pergebung be*

3 eidjnen zugleich bie fiärfjie unb auch &ie fdjwächfie Stelle

im inneren 23au bes Ch^ifientums. Aeine anbere Welt*


religion erfaßt bas menfchliche Seelenbebürfnis nach ®nt*
fünbigung, bie Sehnfucht nach «intlang mit bem Willen
(Pottes von vornherein fo tief. Aber bie christlichen Aultur*
träger müffen auf zwiefpältige, zweifelhafte Weife philo*
fophieren unb organisieren, um bie Äanäle von ber Sünben*
not zur Seligfeit zu bauen. £s ifl ja allbefannt, bajj bie

Auflöf ung ber abenblänbifchen Cheiftenheit im } 6 . tfahr*


hunbert zum großen Ceil bie ^olge bes marftfchreierifchcn
tttifjbrauchs mit fäuflid>em Sünbenabla^ war. 5)er (Pnaben*
Vorrat war gerabezu ein päpfHichcs Warenlager geworben;
wer genügenb <Pelb hatte, brauchte um fein Seelenheil nicht
beforgt zu fein, er erfaufte ftd) gewijf ermafjen bie Freiheit
Zu einer wiEPürlichen, aber vor (Sott gerechtfertigten
Lebensführung. tiefes unwürbige, von feiner Cytologie
unb philofophie mehr zu biEigenbe Perfahren führte zur
Grifts unb zur Spaltung, zur XücFbeftnnung im (Srunb*
legenben unb zur UmßeEung in ben fultifchen Bräuchen,
«s entßanben jtuei neue, völlig gegenfäfcliche SPntfübnungs-
(ehren. Pie fati>olifd)e Reform ber SÜnbenvergebung ift

bas WerF ber CJefuiten, bie proteflantifche (Snabenlehre


fdjufen Calvin unb Luther.
3n beiben chrtfHichen Lagern erfannte man, baß bie

Kirche ftd) wieber als geizige Utadjt, als „Seelenanßalt"


entfalten müßte, nachbem fte bis zur Unerträglichfeit in
materiellen Ontereffen verfchlammt war. £Tid)t nur bie

Hblaßzettel waren eine unheilige Husbeutung ber gläubigen


gewefen, fonbern ber „große UTagen" ber Hird)e hatte weit
über ben Unfug ber Hblaßfchnorrerei hinaus einen (Sroßteil
bes irbifcf)en 25eft$es an ftd) gerafft. £fin Prittel aller

öffentlichen iSinfünfte fiel ohne weiteres auch in weltlichen


Eanben bem 23ifd)of 3 u. Pazu Pamen bie unzähligen Liegen*

fd)aften, Rechte unb Schälgüter ber Hird)enfürflen, Hlöfler,


(Drben, Pfarreien. ÜberaE fehlten bie tttittei für ftaatlichen

Huf(lieg unb irbifche Wohlfahrt, währenb ungeheure


Hierifermaßen ftd) ohne eigmprobuftive Hrbeit aufs befle

verforgen ließen. Woher flammten aber afl biefe überreichen


Pfrünbem Pie Hirche hatte fte angefammelt aus ben „guten
Werfen", aus ben Stiftungen, bie um ber SÜnbenvergebung
wiEen vom Äaifer bis zum ärmften Säuern bargebracht
worben waren. Pie materieEe Hufhäufung von Heichtümem
unb ber verfäufliche (SnabenfchaQ bes papftes beruhten
beibe auf ber menfglichen Sehnfucht, bas in (Sott ruhenbe
Schicffal ber Sterblichen gnäbig zu ßimmen. Unb biefes
Sebürfnis befianb auch fort, als bie tttenfchen bie bisherige
Husplünberung burth bie Kirche fatt bePamen. Sie fuchten
nach onberen, fchlichteren, innigeren UTitteln zum feligen

410
3wecF, unb bie (Peinlichen würben in biefe weltanfchauliche

Wenbe mit ^ineingeriffett.

3Die proteßantifchen Rührer leimten jebe ^alb^eit in bcr

Wißensfrage rücPftchtslos ab, bas fdßaue "Husweichen ber


Papßfirche, bie Äosfprechung bes Sünbers gegen (PefchenFe
unb Honorare jugunßen bes Hirchenvermögens galt ihnen
als fatanifdjes 2>lenbwerF. 2>ie Unfreiheit bes menfchlichm

Willens mürbe $ur bogmatifchen llchfe für bas lutherifche


^efenntnis. 55er fünbige UTenfch Fann nur burch Lottes
(Pnabe entfißmt werben, unb (Pott läßt nicht mit ßch h* n '
beln, er ßhenft bie (Pnabe jebem, ber an bie IBrlöfung burch
bas (Dpfcr £h*ißi glaubt, „(Pleid) einem Älotj, einem Stein,
einem ÄehmFloß ober einer Saljfäule", fei ber tTTenfch un*

fähig, aus eigenem Willen (Put es ju wirFen, fagt Äuther.


3Der Sünber bleibe, „wenn er ßch gleich mit guten Werfen
ju lobe martert", verbammt, folange er nicht burch ben
(Plauben (Pottes barmheraige (Pnabe erlangt. 55ie guten
Werfe finb alfo ohne jeben erlöfenben Wert, ße ftnb nur
eine Sache von äußerlicher, irbifcher Schicflichfeit, vor
(Pott aber bebeuten fte nichts.
Satvin geht fogar noch c * rten Schritt weiter unb gelangt
bis jur lebten Sonfequenj ber Unfreiheit bes Willens.
IDurd) „ewigen Katfdßuß Lottes" fei von vornherein feß*
gefegt, „was aus jebem tttenfchen werben foH". 5>iefe Fal*
vinifd)e £ehrc von ber präbeßination, von ber Voraus*
beßimmung, orbnet auch bic ^ähigfeit jum (Plauben ber
göttlichenVorfehung unter. Vjur ber von <E5ott berufene
Fann gläubig fein unb bamit ben llnfpruch auf (Bnabe er*
langen. 3n philofophißher ^inftcht iß biefe Falvinifche
^olgerichtigPeit jwingenb; wenn ber tttenfch nichts (Putes
frei wollen unb wirFen Fann, fo vermag er togifcherweife
auch ohne ben Wunfch (Pottes ßch nicht jum (Plauben auf*
jufchmingen. fytvtfdft alfo ber begriff betr Determina-
tion mit benPerifcher UnerbittlichPeit, es iß berfelbe, ben
mir in ber vulgären Weltanfchauung Fatalismus nennen.
G5egen bie fatalißifche VorßeHung mirb von ben %vfyän*
gern ber Willensfreiheit gemeinhin eingemanbt, fie führe
jur völligen Äähmung ber menfchlichen CatPraft. %btt bie
(Befeuchte ber Palvinifchen 25emegung bemeiß burchaus bas
Gegenteil: bie (Gläubigen biefes 23ePenntniffes Ijaben ftch

ßets als „Kusermählte (Bottes" betrachtet unb im Ver-


trauen auf bie ihnen jugemiefene (Bnabe bas Heben in Pühner
Äampfßcherheit unb ßrenger Sucht gemeißert. Sefonbers
ber englifche VolPsgeiß tyat biefes (Befühl bes 'Jlusermählt-
feine, bie innere (Bemißhei* ber göttlichen Berufung in ftd?

aufgenommen unb jur fchöpferifchen Heißung geßaltet. Huch


außerhalb bes Ch^iflentums tyat ber F Ät nlismus bie Ärafte
eher beflügelt als gefeffelt; bie Pismetgläubigen tttufel*

manen jeigten auf ihren (Eroberungsjügen eine berferPer-

hafte ÄriegstapferPeit, meil (Bott es fo moKte unb er ihr


Hos gan 3 in feinen ^änben tyüt.
Die propaganba gegen bie beterminierte unb religions-
bogmatifch proteßantifche Weltbetrachtung mürbe vornehm-
lich *>on ben 3efuiten betrieben. Unter ihrem (Einfluß lehr-
ten Descartes unb Heibnij bie Willensfreiheit. &i«

^efuiten hobelte es fich freilich nicht um eine abßraPte


geißige (Entfärbung, fonbern um eine SebarfsbecPung, ein
Xüß;eug für ihr Pirdßiches WirPen. Dht (Eintreten für bie

Willensfreiheit mar nur eine SmecPphilofophie bes prießer-


lichen Vorteils.
*

Haffen mir einmal bie Dogmen bes (Blaubens unb bie


Syßeme ber Philofophie ganj aus bem 0piel. Was lehrt
uns felbß bie innere (Einfchau in unfer Dafein? Wir mißen
nicht, mohin unfere Hebensreife geht; taufenbfach merben
unfere Slbfichten burchPreujt unb in anbere 3med?e einge-

1*2
fchmoljen. Hud) wo ftd) ^«roifc^e Bräfte in uns regen, fpüren
wir fte nicf>t als eine üppige Äaune ber freien VTatur, fon-
bern als eine 33egnabung, als einen Auftrag bes Schicffals.
ibinen Rührer, ber feine l?öi?ere Senbung vorweifen fönnte
als feinen unternehmungslujtigen Willen, würben wir h<>ch'
fiens falt bewunbern, niemals aber mit Eingabe als ben
(Crfütter unferes ^offens erleben fönnen. Wer bie über uns
fcfywebenbe Rügung leugnet, mufj ftcf> bem 3ufaH unb ber
gelungenen tTTac^enfcfjaft ausliefern. 3n einer Welt, bie

allein vom freien Willen bes tHenfdjen gelenft fein follte,

würbe (Sott jur bloßen Phnntafteattrappe. Wer aber an


bas göttliche ^atum glaubt, iji unmittelbar an (Sott gebun»
ben, er bebarf freilief} auch nicht ber fir^lic^en 3 wifd>en»
fdjaltung, um feinen piatj im plane (Sottes $u finben.

3n ben proteflantifchen Beligionsformen fommt bat>er ber

Birdie feine entfeheibenbe 23ebeutung 3U. 35er gläubige


fann (Sottes (Snabe auch ohne fte genießen, bie Bircf)e fiärft
unb ihm nur
erleichtert fein (Sottbefennen in $eitfid}er

(Dehnung. daraus erflären ftd) bie organifatorifdjen Schwä-


chen ber Beformationsfirchen. Va biefe Birdie nicht von
igwigfeit ijl, ba (Sottesglaube unb (Snabe auch ohne fefie

fultifche Cfinrichtung bem Utenfchen gegeben ftnb, h<** fich

bas proteftantifche Birchenwefen vielfältig 3 erfplittert. &as


hat Nachteile gebracht; bie Seftenbilbung fchuf manche Un-
ruhe unb Verwirrung, bie Streitigfeiten würben oft recht
bifeiplinlos auf bem UTarfte ber (Sebanfen ausgetragen, ber
(Sinflufj wechfelnber 3 eitfirömungen machte fich gar 3 U rafd)
unb ungehemmt bemerfbar. Bber bie proteftantifchen Bir*

chen waren von tieffter fittlicher f 6 h?lid}feit erfüllt unb ge-

tragen. (Dbwohl ftevon priefiern gegrünbet unb geführt


würben, haben fte bem priefiertum nicht einmal in geglichen
gingen bie ausfchlaggebenbe tTtacht jugewiefen. 25ie (Seift-
titelt roollten nur Verfünber feer göttlichen Sotfchaft fein, nicht

Statthalter bea Wimmele, nicht Befehlshaber unb dichter


int Auftrag bea göttlichen (Dberherrn. 3\)vtm fchlicht'ver-

fiänblichen Bcfenntnis getreu, haben fit ftd) fein bogma*


tifchee Aecßt ju pfaff ifcf>er tftachtanmaßung Vorbehalten.
&ie fatholifche Kirche h Ät bagegen niemals bem (Blau*
bigen feine Auaeinanberfetjung mit (Bott anheimgegeben.
Sie fchaltet baa prieftertum jwifchen (Bott unb tTTenfchen
gewiff ermaßen ala eine jroeite Vorfehung ein: extra eccle-
siam nulla salus, außerhalb ber Rirche fein ^eil. SDiefer augu»
ftinifche Safc mochte annehmbar fein, fotange fein chrift*

lichea Bemußtfein einen TDiberfprud) jnrifchen ber XDefen*

heit (Bottea unb ber Äirchenprajria empfanb. damals fonn*


ten auch bie £ehrmeinungen ber ftirche unb ihrer tuiffen*

fchaftlichen (Drgane in ber ^rage ber WiHenafreiheit fchman*


fen, ea fchabete nichts, ea galt eben einfach alles als richtig,

n>aa bie Kirche genehmigte. HTan fonnte aua Auguftin unb


achthunbert Cfahre fpater aua thornas von Aquino, bem
fcholaftifchen Älafftfer, immer baa h e ?aualefen, maa bie
Kirche gerabe $ur Unterßügung ihrer Abftchten unb litt*

fprüche gebrauchte. ^Determinierte (Bnabemuahl unb freie

tViHenamoral fonnten behauptet unb burd) Zitate aus ben


„Autoritäten" belegt tverben. Es tvar nämlich fcholaflifche
(Bepflogenheit, bei theologifchen Erörterungen bie (Brunb-
Probleme nicht felbft ju unterfuchen, fonbern ftch nur auf
bie älteren Schriften $u berufen, bie ftch ber befonberen
^ochfehä^ung ber Äirchc erfreuten.

Ala ber römifche t&lerua ftch «Ad) bem proteflantifchen


Abfall um eine flare bogmatifche (Brunblage für bie 3u-
funft bea Aatholijiamua bemühen mußte, gerieten bie

Bifchöfe unb JDoftoren in bie allergrößte Verlegenheit. 3Daa


Cribentinifche !Hon$il einigte ftd? fcßließlid) auf eine ^ormu*

«4
licrung, bie bis jur AomiF verFrampft unb unwahrhaftig
iß. 3ebcr 0at$ fleEt bas Gegenteil bte vorhergehenben fefh
Um bie TDerFheiligung/ bie PircfjUcfye Gr trage* unb tttacfy*

gueEe $u retten, i>ei$t es junächß mit i?orf)trabenber Steuer*


beit: „TDer b« f«gt, ber freie tDiEe bes tttenfehen fei burefj

bie Sünbe Abams verloren unb ausgelöfdjt, ber fei ver*


flucht, anathema sit." Gleich barauf wirb «ber bie ESrbfünbe
wieber aufgenommen, um ben Kirchenvater Augußin nicht
jum Kronzeugen ber Keger werben zu laßen. Pie C^riften
feien «Ifo hoch „ohne ihr eigenes 3utun zur Gnabe berufen"/
ber ^eilige Geiß vermittle biefe Gnabe, «ber fte trete erß
in Kraft, nachbem ß'd> ber Gläubige burch gute tPerFe
gerechtfertigt habe.
Per papß tyat biefes ttlachwerF ber flauen Pernebelung
für „unfehlbar" erFlärt, «ber ben ^eiligen Patern iß babei
niemals wohl gewefen, fte verfugen einer theologifchen
KlarßeEung «uf jebe XPeife auszuweichen. Als ber göwener
profeffor 23ajus firf) in eine Auseinanberfefcung mit ben
Kalvinißen eingelaffen h<*Ue unb bie prabeßinierte Gnaben*
wähl $ule$t, ohne es recht zu merFen, anerFannte, fchicFte ber

papß eine 23uEe nach Äöwcn, in ber burch ungewöhnliche


SnterpunFtion bie Stellungnahme bes römifchen PiFtators
zweifelhaft blieb* fte Fonnte für ober gegen &ajus verßan*
ben werben. Pen wilben internationalen Cheologenftreit um
biefe @a£jeichen woEte man bamit flüchten, baß man ben
papß um eine neue, beutliche Ausfertigung ber &u0e bat.
daraufhin traf aus Xom eine Abfchrift ber 23uEe ein, bie
überhaupt «Be DnterpunFtionen wegließ. Hun Fonnte fi<h

jeber benFen, was er woEte. Roma locuta, aber jeber war fo

fchlau unb fo bumm wie zuvor.

Pie Cfefuiten erfpähen in biefem wirren Leerlauf bie


UtöglichFeit zu einem großen Porßoß über bas Pogmatifche

)5 S$u lft«»{>far(jcr, Da* 3«fi»ite?u2>iK& *29


finaua in bie reine tttacftfpfäre bea priefiertuma. 3Die
„guten Werfe" waren fpärlicfer geworben, man fefenft ber
Birtfe nüft mefr fo freigebig wie früher Schlöffet unb
Weinberge, Dörfer unb Walbungen; bie fatfolifefen ^Jür*

ffen unb Herren finben vielmehr am Säfularifteren autf


fefon immer mefr (Befcfmacf. UTan mufjtc alfo bie Werf*
Heiligung verfeinern, fie in bie menfd)licfc Seele verlegen
unb nieft mefr bie rofe Abgabe verlangen, fonbern bie
ganje perfönlicffeit bea einzelnen ^eilafucfera mit 23efcflag
belegen. Wenn bas Öeicftfinb feinen t»eltlirf>ert «Einfluß im
Dntereffe ber priefkrmaeft einfe^t, fo fann bie Birtfe nieft
)u für) fommen. $>aa ifi bie (Brunbibee ber neuen jefui-
tifefen Seelforge. 2?a)u brauchen fie bie Äefre vom freien
Willen, benn je weniger fief ber tftenfcf auf *baa göttliche
(Bnabenwalten verlädt, befto efer wirb er geneigt fein, aus
freien Stüefen bem priefter )u folgen, ber ifm ben £ofn
für bie gute Cat verfeifjt unb bie ftfleefte mit ber *£ölle
bebrof t. (Bute Caten ftnb Verfolgung unb Befähigung von
Betern, (Bef orfam gegenüber papft unb Blerua, ^örberung
ber 3efuitenma<ft, (Bclöbniffc, WaUfafrten unb Wunber.
anbetungen, bie ber priefterliefen Autorität nutzen unb ber
weltlicfen Bbbrucf tun. Wer ein llmt befleibet, foll ea nieft

naef feinem faefliefen (Ermeffen auaüben, fonbern naef bem


Bäte bea 3efuiten, ber ifm fagen wirb, waa (Bott wofl»
gefällig unb waa eine firefenwibrige, eine fünbige ^anblung

ift unb fein wirb, ^ür alle vorfommenben ^äUe, für feben
Äafua wollen bie patrea eine fafuifiifcfe Buafunft bereit
falten. JDer 23eicftfhif l ijt ber verfcfan 3te ÖtüQpunft, von
ifm aua wollen fte bie Welt für bie römifefe Bircfe
3 urüeferobern.

3uerfi aber feifit ea für ben (Brben bie tfeologifcfen


£ebenflicffeiten ber päpfle )erfireuen. £>ie römifefen (Dber*
firten finb ängftliif, fie füreften einen neuen (Einfhir) ifrea
(Bebäubea, wenn fie entweber ber Werffeiligung im freien

«6
£ntfühnung aus himmlifdjer (Bnabe juviel
XDitten ober ber
Spielraum geben. £>od) bie Clefuiten wagen bas fCptrem;
einer ihrer profefforen, ber portugiefe Ulolina, wirb vor-
gefcfjirft. 3Der Sitel feinem bicF en ^oliobanbes: „Concordia
liberi arbitrii cum gratiae donis“, übereinflimmung bes freien
Willens mit ben ©nabengaben/ ifl fd)lau getarnt, er Flingt
ganj tribentinifd). 'Mber was in bem Buche enthalten ifl,

fcheint ja gerabeju von bem alten 2te$er pelagius $u flam-


men, ben bie jRircfye fdjon vor über taufenb fahren ab-
getan hatte!
Utolina behauptet, ber menfchliche Wille Fönne fich frei

ber göttlichen (Bnabe wiberfeljen, jeber habe es burch feine


(Befinnungen unb Säten in ber ^anb, bie (Bnabe anjunehmen
ober ab^ulebnen. (Bottes 2lHwiffenheit unb 'HHmächtigFeifc
beflehe nur in einer „scientia media“, in einer Urt von
halber (BrFenntnis, (Bott Fönne nur vorausfehen, bafj ein
Seil ber UTenfchen geneigt fei, auf ben Erwerb ber (Bnabe
3u vernichten. Bamit haben bie Cfefuiten (Bott im £nt-
fühnungsprojefj tatfa'cfylicb bei feite geflohen, um fiel), alfo
bie Beichtpriefler, an feine Stelle $u fehwingen. (Bottes
Xotte ifl leer unb nichtig geworben, er fpielt bie lächerliche
^igur eines (Breifes, ber jwar ein Unheil Fommen fieht,
aber eingefchlafen ifl, ehe er ftd) nur Abwehr entfchliejjt.
JDie 3efuiten Fönnen nun bem UTenfchen (Bnabe fpenben
ober verweigern, je nadjbem fie feinen Willen nach ber
ÖenfurfFala gut ober böfe beurteilen.
Wie 3u erwarten war, trug bas Buch UTolinas in bie
römifche Äirchenwelt eine ungeheure Erregung, aber bie
3efuiten hatten ftch darauf vorbereitet, ben Streit bis jum
£nbe burchsufechten. Sie antworten auf bie (Cntrüflung ber

Sheologen aus ben ÄonFurrennorben mit wilben (Beg en-


angriffen, in benen fie fogar bie ^ranaisFaner ber Falvini-
fchen Äefcerei befchulbigen. 3n Korn beflürmen ber franjis-
Fanifche unb ber jefuitifche (Brbensgeneral abwechfelnb ben
ratiofett papft. Pie von ben gefuttert beider r festen beutfehen
Univerfttäten, barunterWien, Prag, dngolfiabt, PiHingen
unb Wiir^burg, begutachten im Wiberfpruch 3U ber Criben«
tincr „unfehlbaren" Gntfcheibung bie tifytt Utolinas als
rechtgläubig. Per ‘König von Spanien, bie beutfehe Kqiferin

unb anbere Patholifche Potentaten tverben von ihren jefui-

tifchen Beichtvätern mobil gemacht.


Poch bao römifthe Snquifttionsgericht ift von ber theolo*

giften ^altlofigPeit biefer neuen ^efuitenlehre voll über#


jeugt; tttolina foH unrecht bePommen. Per papft fürchtet

ftch aber, bie PerbammuitgsbuHe }u unterfchreiben, er


möchte lieber bie KPten, bie ftch 3 « papierbergen getürmt

haben, noch einmal felbft burchfehen. Pamit wirb er nie


fertig, unb fein Nachfolger auch wicht. Kls bie Cfefuiten*
gegner bringlicher tverben unb ein Kuffchub ber Perurtei*
lung HTolinas nicht mehr möglich crfchcint, Pommt ber
Cruppe 3 efu ein weltlicher SwifchenfaH 3u ^ilfe. Pem
Kirchenstaat broht von ber XepubliP Pettebig ernftliche

Kriegsgefahr, unb ohne bie ^efuiten formen biefe weltlichen


«
5 änbel nicht beigelegt werben. Sie {teilen bie Bebingung,
baß bie WiÜenßbogmatiP ihres Dtolina unbeheKigt bleibe.
Unb bem ^eiligen Pater liegt bie irbifche Sorge näher als
ber gan3e theologifche Kram, auch wenn es bie Glaubens*
grunblagen ber Patholifchen Kirche ftnbl Pas Knathema
bleibt ungefprochen, ber papjt verbietet KnPlägern unb
Kichtern, ben Streitfall noch weiterhin 3u erwähnen, er
möge für ewig begraben fein.

Piefe erflaunliche „Äöfung" 3eigt bas pap{ttum ebenfo


in feiner WiHPür wie in feiner Schwäche. Pie römifche
Spruchweisheit verfagt, wenn bie biplomatifchen Umftänbe
bie Perbreitung einer falfchen Ü.ehre als bas Pleinere Übel
erfcheinen laffen. Pie Bullen mit ben Bannflüchen Pönnen
auch noch im lebten KugenblicP vor ber Kbfenbung ver*
nichtet werben. Unb ber (Drben fcheut ftch nicht, ben nach
anwmjig jährigem Äampf rein zufällig errungenen £rforg
mit bemonjlrativen feiern nie Bieg 3U begehen. fcurch bie
Btraßen ber Univerfttätsfläbte tragen bie patres bei ben
Umzügen Bchilber mit ber ICuffdjrift „Molina Victor!“; in
ihren ^eflreben bejeitf^nen fte bie Willensfreiheit als päpfl*
Iicf> anerPannt. Huf ber pyrenäenhnlbinfel laben fte bas
PolP ju BtierPämpfen, um ihren ttlathttriumph allen

Bchaulaufligen t>orjufül>ren. 0 ie veranjlalten UtasPenfefle


unb laffen if>re beliebten ^euerwerPsPünfle jum ^immel
{leigen. Unb fie Ijaben im (Brunbe auch berechtigten Hnlaß
3um ©iegesjubcl. Hts ftch ein tfahrhunbert nach biefem
Biege ber berühmte ^efuitenflreit mit ben parifer fe
'

ni{len fcharf 3ufpit$t, mu§ bie römifche Äurie ihnen $ur


0eite benn Horn h Ä * es notgebrungen t?erabfäumt,
flehen,

bie Propheten ber Willensfreiheit in bie chranPen 3U 0


weifen; unb in3wifchen ftnb fte 3U ben maßgeblichen Crägern
bes neuen Patholifchen iSntfühnungsPuItes geworben.

Ignatius Loyola h^Ue feinen Jüngern bie Utahnung er*

teilt: „£aßt {eben pönitenten fo erleichtert aus bem Reicht*


fluhl Weggehen, baß er gern bereit ifl, halb wiebersu*
Pommen." ©eine jünger leiten nun in biefem 0 inne aus
ihrer Willenslehre eine „WToralPafuifiiP" ab, bie ben Reicht*
Pinbern bie Hbbüßung ihrer 0 ünben möglidjfl angenehm
machen fott. »Tan legt es alfo, um einen mobernen ICusbrucP
3u gebrauchen, auf ben „Äunbenbienfl" an. Ulan will ben

Pönitenten fo weit cntgegenPommen, wie es ftch mit mora*


lifchen ßrünben ober ©cheingrünben irgenb vereinbaren
laßt. Hber biefe MToralbegriffe muffen 3ugleid> fo lofe unb
behnbar fein, baß ber Beichtvater bem (Staubigen tyatt
3ufejgen Pann, wenn bas um ber prieflermacht willen 3wecf*
mäßig erfcheint.

220
Die alte arijiotelifche pt?ilofopt>ic bietet ben bereit pI>ilo»

fopf>ifc^c« Ausgangspunkt für eine folcfje WToral von ^afl


ju ,$aß. Die Bewertung ber menfchlichen ^anblungen, fo
lebet Arijloteles, müffe fich banad) richten, ob bie Cat in
freier ikntfchliefjung unb mit voller Verftanbeseinfuht be-
gangen fei. Wenn ^anblungen nidjt vom Verfianbe gelenkt
unb vom Wißen wirklich gewoßt waren, könnte man fte

auch ni d)t mit ftttlichem tTTafjjiabe richten. Die 3efuiten


folgern nun baraus, ber tttenfeh fei für feine böfen Criebe
gar nicht ober nur wenig su tabeln, folange er feinen eige-

nen Verfehlungen nicht „mit bem Willen beifhmmt".


Die Wißenslehre bes Ariftotcles \)rt übrigens nicht nur
bie ^rfuiten ange$ogen, fonbern fchon viel früher bie römi-

fchen Strafrechtler. Sei ber Semeffung ber Strafe halten


fte ben „dolus“, bie böfe Abficht, für wichtiger als ben objek-
tiven Schaben, ber jemanb jugefügt worben war. Diefer
antike (Bebanke ber fubjektiven unb relativen Straffälligkeit
$ieht ftch über bas IHittelalter bis in ben Liberalismus ber
tTeujeit hinüber: ein fchlimmes Werk ijl banach fehr viel
leichter su entfchulbigen, wenn ber Cäter vernunftgetrübt
war ober eine halbwegs „anfiänbige" Abficht hätte.
Die CJefuiten h<*ben jeboch biefe Cheorie $u einer grotes-
ken tttoralprapis umgebogen, bie burch bie 3<*h c h un berte
in bem üblen <Berud) ber «Heuchelei geblieben ijl, bie fchlecht-

hin als „^cfuitenmanier" gilt, auch »o bie ittitglieber bes

(Drbens mit bem ^aße gar nichts $u tun haben. Die katho-
lifche Kirche unterfcheibet jwifchen ber „Cobfünbe", bie ber
priefier nicht löfen kann, unb ber „läßlichen Sünbe", bie

ben menfchlichen DurchfchnittsfaH bes „Zurückbleibens tynttt


ber göttlichen ^orberung" barfteßt unb burch Reichte unb
Sufie gefühnt wirb. Die ^efuiten hatten nun bas größte
Dntereffe baran, ihre 3ujtänbigkeit auf recht viele ftinbhafte
^anblungen ausjubehnen, alfo in ben aßermeijten ^äßen
„Dämlichkeit", unb fogar eine mögliche geringfügige, fejiju-

2 JO
pellen, bamit ber Pönitent fich nicht Fünftig bem Einfluß
bes 3eichtigers entziehe.
3Dic Cobfünbe ber ^ävefie, bes SlbfaHs von ber göttlichen
(Dffenbarung, foU auch nur läßlich fei«/ »wenn jemanb eine
^ärefie äußerlich Funbgibt, ihr aber im Innern nicht ju<
pimmt". 5>er prieper behält fleh bamit vor, auch bie

2Ut$erei $u vergeben, wenn er bem BeicfpFinb ben Haren


tDitten su einer folgen Cobfünbe nicht jutrauen mag. 55er.

felbe jefuitifche BeidpFafuip meint, bie furcht Fönne ben


freien tüiHen fo herabminbern, baß bie Sünber praffrei
ausgehen müffen. %U Beifpiele führt er folgcnbe ^ätte an:
55ie Ehebrecherin braucht bem betrogenen' (Satten ihr X>er*
gehen nicht $u bekennen, benn fte mürbe feine Xacfp heraus,
forbern unb fich fchweren (Befahren ausfeQen. Es foU auch
bem Unechte erlaubt fein, ben ^errn bei frevelhaften 5aten
3 u unterßü^en, wenn er beforgen müffe, baß ihn ber Brot»

geber fonp auf bie Straße fefct.

Uber bie berühmtere Entfchulbigungsform ber gewun.


benen ^efuitenmoral ip bie £ehre von bem guten 3wedf,
ber bas WTittel „heiligen" foU, wobei man logifcherweife an
fünbige tttittel benFt, benn gute ^eiligen fief) felbp. Unter
ber Formel „55er 3wecF heiligt bas tttittel" ip biefe Chcfe
geflügeltes tttort geworben. 55er (BebanFe war burch bie

marfpavellipifthe Staatsphilofophie ber Xenaiftance in

tttobe geFommen. 55ie 3efuiten leugnen, bas Schlagwort


geprägt $u haben, fte behaupten, etwas „ähnlich anbres" ju
meinen unb berufen fich auf Feinen (Beringeren als Xugupin,
ber einmal gefchrieben hat: „Xcfpe nicht viet barauf, was
ber tttenfdj tut, fonbern worauf er bei feinem Cun hinjielt."

Unb nach Eh^mas von Xquin beFommen bie ^anblungcn


nur burch ben Wert bes BejmecFten ihren pttlichen aber
unftttlichen CharaFter. Xber biefe 3eugniffe ber alten Fircf)-
liefert genfer bilben leine gntlaßung, benn in ihren %m»
fagen ftnb nicht ber 3 wcd? unb bie tttittel als an ft<h rer*
fc^ieben gut gegenübecgeßellt, fonbern bie inbifferente
iCinjeltat erbalt ihre erfie Wertung.
3Der ^efuitenorben h Ä * ben Porwurf ber Heiligung
fd)lechter tttittel immer wieber burcf) fdjlaue Scfyad^üge 3U
entlräften verfuefjt. Ulan nahm in neuerer 3eit fogar eine

öffentliche Auslobung vor, inbem man bemjenigen 3wei*

taufenb (Bulben $u jaulen verfprach, ber in irgenbeiner


^efuitenfehrift bas geflügelte Wort auffinben würbe,
darauf melbete ftch ein O>eologe, ber früher bem (Drben
ange^Ört tyattc, unb legte verriebene Teptftellen vor, bie
bem Schlagwort ganj nahefamen. 3n bem Prozeß vor bem
Kölner (Dberlanbesgericht, ber weniger um ber jweitaufenb
(Bulben als um bes Prinzips willen geführt würbe, wies bas
(Bericht bie Klage mit ber 23egrünbung ab, man möge über
bie 3 efuitenmoraI benfen wie man wolle, ber pl>i(olo 0 ifcf>
genaue Hachweis fei nicht erbracht.

3 u ihrer Perteibigung lieben bie tfefuiten gegenüber ben


Protestanten eine angebliche Äußerung Luthers 3 U zitieren;

er foU ju ben Diäten bes iLanbgrafen von Reffen gefagt


haben: „Was wäre, wenn einer fchon um 23efferes unb ber
christlichen Kirche willen eine gute, ftarle £üge täte 23ei

Luthers vollblütigem Temperament wäre es vielleicht nicht

ausgefchloffen, baß ihm eine folche Wenbung einmal ent*


fahren ift, aber biefer grunbehrlichc Polterer, ber in feiner
ganzen Haltung bas (Begenjtüd? eines 3 efuiten bilbet, tyat

bamit gewiß lein fpifcfinbiges Syliem ber hoppelten tttoral


auffteüen wollen.
16 s lommt nicht auf Wortllaubereien, fonbern auf ben

(Beift ber Utorallehre an. £>ie ^efuiten haben in ihren


25elehrungsfelb3ügen nicht nur bie gewöhnliche £üge, fon*
bern auch bas groß angelegte Setrugsmanöver als ein er*

laubtes unb geheiligtes Htittel ad maiorem Dei gloriam an*


gefehen. tttan benfe etwa an ben pater/ ber in ber Hla»Ee
eine» Wittenberger Cheologieprofeffor» in Stockholm er-
friert/ um bie (Bemüter ju verwirren/ ober an ben 3efuiten,
ber al» Sd^iffefapitan bie verbotene englifche 3nfel an-
fteuerte, ober in allergrößter Sünbenbimenfton an bie ge-
heime j&rieg»heQe bei ben großen ^öfen. 3lu<h in ber
SlHtagsmoral empfehlen bie patre» als 23eid)tväter unb
publi^iften immer bie Heinere Sünbe al» ein ftatthafte»
UTittel gegen eine Perfehlung, bie ihnen vom römifchen
Äirchenßanbpunft au» noch großer erfcheint.

2?er Beichtvater fott eine geringere Qünbe anraten, ja


fogar ju ihr „anreijen", wenn e» gefriert, um einer fdjwe-
reren Öünbe vorjubeugen ober um ihre ^ortfeQung $u ver*
hinbern. 3Diefc Pcrhinberung ber frommeren ©djulb wirb
bann al» guter 3wed? bezeichnet. £)a» fdjlechte Mlittel ift

fittlich geheiligt/ weil e» inbireft ber T>erbefferung ber


Utoralfphäre bient. Dn ben fafuißifchen Lehrbüchern ber
führenben (Drbensmoralißen finben (ich beifpielsweife fol-

genbe „Xatfchläge":
„Wenn bu burchau» entfchloften biß, zu fünbigen, fo rate
irf) bie, baß bu unter 25eif eitelaffen ber größeren Sünbc,

Z. B. be» (Battenmorbe», eine anberey Heinere ©ünbe be-

geht, nämlich/ baß bu noch «ne zweite (Battin l)inju-

nimmß . . . Wenn jemanb befchloflen hat, (E hebrud) 3U be-

gehen, fo barf if>m geraten werben, baß er lieber mit einer


Unverheirateten Unzucht treibe, weil bie fittlicße Bo»heit
ber Unzucht geringer iß ... (Ein ißhentann, ber feine ^rau
wegen (Ehebruch» im X>erbad)t hat/ barf ber ^rau zum (Ehe-

bruch (Belegen heit geben, unb fie mit 3eugen belaufd)en,


bamit er ben (Ehebruch beweifen unb bie Trennung von ihr
herbeiführen fann. $5a nämlich ber (Ehemann mit ber un-
getreuen ^rau nur in fünbiger (Ehrloftgfeit jufammenleben
Eönnte, barf er ba» Unrecht abwehren, inbem er e» zuläßt
unb burch 3«*gen al» wirHich gefchehen erhärtet . . . Wenn
bie t£^efrau von einem Äiebhnber einen unFeufdjen Antrag
bem Perführer im (Einverfiänbnis mit ihrem
erhält/ barf fte
iEJ)emann <Drt unb ©tunbe $u bem (Ehebruch angeben. (Efye
bie ©ünbe voüenbet iji, foH ber G5atte bajmifchentreten, um
ben (ertappten ber ©träfe aus^uliefern . . . tDenn ber Pater
ben jum SDiebfhxhl neigenben ©obn überführen »iH, möge
er ben ©d)lüffel im GSelbFajien fiecFen laffen. 3n biefem
^aUe ifi bas tflittel fogar völlig inbifferent unb fdjon an
unb für f«f> ganj unfchulbig . . . WTan fott bem, ber feinen
^cinb töten »iH, raten, er foHe nur mit ber ^auf\ ober bem
©tod? prügeln, fd)limmftenfaHs möge er ben (Gegner baburd)
»ehrlos machen, bajj er ihm bie ^anb abhnut. Bei folcher
Körperverletzung entgeht ber eine bem Cobe, ber anbere
ber fdjmerjlen Blutfdjulb . . . (Einem Biebe ober Xäuber,
ber fefl entfd)loffen ift, bei einem (Einbrud) ben ganzen Por-
rat an G5olb»aren ju fiehlen, rate man, fofern er von bem
Porfatj nicht abjubringen ifl, fich mit ber Hälfte zu be-
gnügen. &enn biefer Kat »ürbe ben guten 3»edl erreichen,
bafj bem (Eigentümer bie anbere ig&fte feines Befttjes ver-
bleibt, »as zweifellos als eine tDohltat anjufehen ijt"

©o lieft man es bei ben grofjen (Drbensmoralifien bes


)7. 3ahrhunberts, bei Becanus, bem Beichtvater Kaifer
^erbianus II., bei UTolina, Äaymann, ©anchez, Caftropaolo
unb anbern. Unb es hobelt ftd) tytt nicht et»a um bie ab-

feitigflen ^äUe, fonbern um bie ©djulbeifpiele, bie einer vom


anbern übernimmt, um bie Katfd)läge mit fdjeinbar neu-
gewanbeten Argumenten ^uftimmenb »eiterzugeben. Ulan
beachte, bafj \}kv von fällen bie Kebe ift, in benen ber pöni-
te nt ben fcften PorfaQ $ur böfen Cat zu h^cn fdjeint, »o
er alfo in h<*hgrabiger Willensfreiheit ein »ohlüberlegtes
Porget>en plant. Würbe ber ©ünber fich in jäher Äeiben-

fchaft vergangen h nben, fo konnten bie ^efuiten ihm mit

bem Urteil ju ^ilfe Fommen, er Ȋre ohne Flaren Por-


bebacht auf bie fd)icfe Bahn geraten unb h&te baburd) be-
trächtige iEntlaftungsgrünbe. Pascal, bei; fatirifdfye 0efuitett*

gcgner, legt in feinen Briefen einem pater bie ©elbftironie


in ben JHunb: „Wir reinigen bie Hbficht unb milbern bie

Untat, «Denn mir bie *£anblung fclbft nicht tyinbern Fönnen,


unb fo beffern mir burch einen guten 3t»ed? menigflens bie

©djlechtigFeit ber ttTittel. Unb bamit (teilen mir bie Welt


nach aßen ©eiten jufrieben."

3Dic Welt „miß" offenbar betrogen merben, biefe traurige


«Erfahrung Ijaben bie ^cfuiten forgfältig in ihre Fafuijiifche
Rechnung eingeflcßt. SDiefe Cäufchungen reichen von ber
Vorfpiegeiung bes Kaufmannes, ber feine Waren trügerifd)
anpreift, bis $um UTeineib, ber unter falfcher Anrufung
«Bottes gef c^moren mirb. 3Die Äiigen aus triebhafter
©chmäche, aus «EitelFeit ober anbern Zotbtitcn, auch bie
tXotlügen, merben mit mangelnber Klarheit unb Freiheit
bes Wißens entfchulbigt. Jiir bie freien Kbftd)tslügen gibt
es $mei «Erlaubnisformen, in benen bas t>cticJ>Icrifdhc trtittel

bes guten 3med?es megen genehmigt mirb. Vas finb bie

llmphibologie, bie Irreführung, unb bie reservatio mentalis,

ber gebanFliche Vorbehalt.


Vie amphibolifche Irreführung befleht in ber Vermen*
bung von boppelbeutigen fragen unb llntmorten. Kls 23ei*

fpiele führen bie 3efuiten (BeridjtsfäEe aus ber inquifito*


rifchen prajfis an. Ver bif (höfliche dichter vernimmt eine
*£epe, bie ben VerFehr mit bem ICeufel h<*rtnäcFig leugnet.
«Er verfpricht ihr, bafj er fie nicht nur lebenslänglich mit
Währung verfehen, fonbern ihr auch rin neues ^aus bauen
mofie, menn fie nur ihre ©djulb gefleht. 3Us fie bie 3auberei

baraufhin jugibt, mirb fie fogleid) jurn ©cheiterhaufen ge*

führt. Ver dichter h^* nietet bie Unmahrh«* gefprochen,


benn er meinte mit bem neuen ^aus bas 23alFengerüfi unb
bie ©trohbünbel, unter benen fie verbrannt merben foßte.
*

3n einem anbern ,faUe hat bet 3nquifitor bem angeflagten


Keger verfprochen, et merbe (Bnabe malten (affen, wenn bet

Befdjulbigte aKe heimlichen tftitglieber bet Kegergemeinbe


angeben trolle. Kls bas gefchehcn ifl, legt man alle in
betten. Ver Kicktet butfte bas tttittel anmenben, lehren bie
3efuiten, et fprach bie Wahrheit, benn et trollte $nabe
für bie Kirche malten laffen; unb alles, mas für ben Beflanb
bet Kirche getan mitb, ifl hoch gnabenreich.
Bie UTentalrefervation befiehl in einet Verfchmeigung
bet Wahrheit obet in einet fallen Behauptung, für bie
man eine unausgefprochene geiflige Kusrebc h<*t* 3rntanb
mitb gefragt, ob er an bem Wadjtbienfl teilgenommen habe,
et barf ben Catfacfyen jumiber mit ja antmorten, menn feine
cBebanPen ihm eingeben, er fei „im (Beifle" babeigemefen.
Kuf biefe Weife Pönnte man )ulegt fafl jebcn ttteineib ent

fchulbigen. Unb mitPlid) haben ftd) bie Kafuiflen mit einigen


Vorbehalten, bei benen fte gemiffermaßen reservatio mentalis
an ihrer eigenen Äehre üben, fo meit verfliegen: „Wer
unter $ib etmas ^alfches ausfagt, braucht beshalb Peine
fchmere Bünbe ju begehen, benn et ruft (Bott nicht als
3eugen für bas ^alfche an, mas er äußerlich ausfpricht, fon-
bern für bas Wahre, bas er in feinem 3nnern ^urücPbehält."
Ver bayrifche ^ofjefuit Haymann, bet biefes tolle, mohl in
bet ganzen cBrbensliteratur unübertroffene Wort geprägt
hat, gehörte $u ben geifligen Urhebern bes Vreißigjährigen
Krieges. ( Äaymann, Theologia moralis, über quartus, edit.
Monach. J62$\)
trieben folgen verruchten Behauptungen, bie ebenfo eine
Verhöhnung bes £ibes mie eine (Bottesläflerung bebeuten,

finben fich auch BetrugsPniffe mit humoriflifchem (Einfchlag,


etma, menn es heißt: „3fl es erlaubt, jur (Erlangung bes

VoPtorgrabes auf einer Univerfität ju fchmöten, man habe


bie vorgefchriebcnen Bebingungen erfüllt, menn man fte
nicht erfüllt hat; 3a, rin folcher Bchmur ifl erlaubt, menn

«6
man ftd) feie für feen SDoFtorgrab nötigen Remttniffe zutraut.
Oann liegt nämlich bie geregte Urfadje vor, feafj ein Wür*
feiger feen SDoFtortitel erhält. Unfe seitens wirb niemanfe
feurd) einen folgen £ib gefchäbigt, vielmehr erlangt feer

Staat baburd) nod) einen befonberen Vorteil, infeem er je#


einen würbigen 5)oFtor me# beft#."

IHan l?at feie jefuitifche moral fchon oft mit feen Hehren
fee» jübifchen Calmub verglichen unfe mancherlei überein*

fiimmungen fefigeftellt. Sie erklären ftch au» feem gemein*


famen fehler, feer in jefeer RafuifiiF flecFt. Huch ber Cal*
mufe löfl feie SittlichFeit in eine grojje Hnjahl motalijiifcher
^ragejleüungen auf. Wo aber feie allgemeine ethifche Richt-
linie fehlt, lägt ftch b<** rabulijtifche ^irn bei feinen VenF*
fdjlüffen leicht su Urteilen brängen, feie jefees (Bewiffenethos
verloren freilich war auch Hriftoteles Rafuift, im
bemühten (Begenfat; ju feinem Lehrer piaton, feer feie 3feee

fee» (Buten jum h$chf*en Richtmaß für feie Sittlichkeit nahm.


Ooch Hriftoteles befdjränFte ftch «uf feie gefonfeerte ,feft*

ficHung feer feen einseinen Utenfchen erreichbaren Cugenfe,


tvähcenfe feie ^efuiten vorwiegenb feie negative Seite fee»

richtigen Verhaltens, feie £*a<htfeitc fee» Hebens, erforfchen


unfe mit ihrer (BebanFenwiEFür aufheUen woEen. Sie be*

fcfjäftigen ftch weniger mit feer Cugenfe als mit Sünfee.


30icfe jefuitifchen 3we<Funterfudjungen entfernen ftch ÄU <h
völlig von feer philofophifd)en Sichtungsaufgabe. 3Der tat*
fachliche ^aU war fdjliefjlich nur noch Vorwanfe für eine
pfiffige Spielerei mit Sünfeen unfe Hosfprechungsgrünben.
man fdjuf eigentlich nur eine ungeheure RartotheF von
HusFünften, feie feen „Runben" auf eine mögliche fchmerjlofe

Weife befriefeigen unfe feem (Drfeen feie beften Unternehmer*


erfolge bringen foUten.
Was hat es noch mit geglichen ober geizigen Prinzipien

«7
wenn ftcf> bie ^tafuiften Sanchez,
Zu tun, gefftus, Banez unb
Bufenbaum freiten, wieviel PuPaten ber Sohn feinen
Eltern fielen mufj, um eine fdjwere Sünbe ju begehen!
Banez meint, wenn cs weniger als fünfzig (BolbfiücPe fltnb,

Pönne man noch IHilbe üben, Äefftus will nur bei zwei ge-
flogenen (BolbfhicPen bie 'Äugen zubrücPen. tüenn ber Pater
reich fei, will Sandoz allenfalls nod) bie fPntwenbung von
fechs PuPaten burchgehen laffen, ein anberer f inbet fünfzig
PuPaten nur erlaubt, wenn ftd> ein Prinz an ber fürfl-

licken Schatulle feines Paters vergreift. Pie abfolvierten


Piebe haben fich felbflverjiänblid) ben Beichtvätern, bie ftch

mit ihrer Äosfprcchung fovicl tttühe geben, gebühtenb banP*


bar zu erweifen.
Pie erfuttbenen Pafuiftifchen tHufierbeifpiele mögen Cau-
fenbe unb aber Caufenbe von fallen theoretifch erfajfen, mit
bem wirPlichen Ralle becPen fte fid) bocf) niemals vottPommen,
bas geben wirb ja in unenblichen Pariationen gelebt. XOit
wirb nun bas (Befeg, bas nach einem angenommenen Ratte
Ponjlruiert ifl, auf ben lebenbigen Porgang angewanbt?
Pas antiPe Strafrecht begnügte ftch im allgemeinen mit
bem (Brunbfatj, in dubio pro reo, b. h* bei zweifelhafter

Sachlage fott ber Bcfdfyulbigte freizufprechen fein. giegt bie


Cat burch Beweis ober ßeftänbnis Plar zutage, fo Pann es
noch Zweifelhaft f««/ feer Catbejianb unter bas gefeJzlidje

Per bot fäüt ober nicht. Pon alters her haben bie lUfuifien
nun befonbere Reinheiten unb SpifcfmbtgPeiten erPlügelt,

um bie ©eltungsmacht bes Gefefces z« fchüfcen, teils


teils

um bem Befchulbigten bie Perteibigung zu erleichtern. Pie


„Cutioriflen" wollten bas (Befefc auch bann noch anwenben,
wenn ber Sonberfatt von bem Utuflerbeifpiel erheblich ab-
Zuweichen fcheint. Pas anbere Üiptrem vertraten bie „pro-
babiliflcn", bie fchon bei geringem 3weifel zugunsten bes
BePlagten entfeheiben möchten.

2J8
SDag bie ^fuiten ftcf> jum probabilismus bePennen, ent*
fpricf>t burcf)«u8 ihrer Gefamthaltung auf bcm Gebiete bcr
MToral. Sic l?aben biefc Pnifflithe Utethobe überhaupt erfi
ju fo großer praPtifchcr 23ebeutung entwicfelt, bag barüber
im j 7. unb j S. ^ahrhunbert ein 'Hflerweltsftreit entfielen

Ponnte. Wieber mugte bcr freie Wille für bie jefuitifchen


23egrünbungen I>crl?altcn. Wenn ber HTenfd) feiner X^atur
nach frei fein foB, Pann biefe Freiheit nur burch eine gan$
fixere Gefe$esverpfli<htung eingefdjränPt werben. Spreche
alfo irgenbeine Sinnahme gegen bie (Leitung bes Gefefces,

fo l)abe biefes in bem erörterten ^aBe gar Peine Geltung.

Gs genüge, baß irgenbein Argument für bie SchulbloftgPeit


vorhanben fei. Solange verfchiebene UTeinungen über bie
KnwenbbarPeit bes Gefetjcs möglich finb, foB ^reifprudj
erfolgen. MTag auch bie „größere Wahrfch«nlichPeit" für bie
(Geltung bes Verbotes unb nur bie „Pleinere Wahrfchein*
lichPeit" für bas Gegenteil pläbieren, fo foB bie «£anblung
bennoch erlaubt fein. 55as Gewiffen barf beruhigt fein, fo*
lange für bie Cat eine inteBePtueBe Gntfdjulbigung vor«
gebracht werben Pann.
^ür ben probabilismus traben bie 3*fnitcn eine wohl'
Plingenbe, volPstümliche Formel geprägt, fte lautet: „Kleber

h«t bas Kecht auf bie milbefte Sluffaffung." Gine Stuffaffung


fei fd>on bann probabel, lehrt ber berühmte Grbenstheore*
tiPer Gscobar, wenn fie fief) „auf Grünbe von einiger
WichtigPeit" ftü$e. fciefe „WichtigPeit" Pann nach feiner
Slnftcht auch barin begehen, bag eine Autorität in Gingen
ber Pafuifiifcfjen UToral irgenbwann eine Slnftcht geäußert
hat, bie ftch 3ur Gntlafiung eines anbern pönitenten
eignet. Um nun biefen in ben Genug ber milbegen 'Huf*
faffung ju fefcen, mug man fo lange in ber Uloralliteratur
tjerumfudjen, bis man einen paffenben Gntfc^ulbigungsgrunb
aufgefpürt l>at. £>as „Slnfehen eines gelehrten UTannes" fei

ja aud) Pein oberflächlicher, fonbern ein wichtiger Grunb.


folgerichtig tyat £acobar weiter behauptet, bet; Beicht-
vater mtiffc fogar eine i^anblung genehmigen, bie er felbft

verbamme, wenn bas BeichtPinb eine probable £ntfd)ulbi*


gung vorweife* £>as war gegen nicf>tjefuitifrf>e priefter ge-
badet, bie man bamit 3wingen wollte, bie jefuitifchen UToral-
Pommentare anjuerPennen. VTod) beutlid>er wirb Gacobar,
wenn er fagt, biejenigen feien im Red) t, „bie zu mehreren
(Belehrten gehen, bis fte einen finben, ber ihnen günfttg ift
wenn er nur Plug, fromm unb nicht ganz vereinzelt zu fein
fcheint". Ulan Pann ftch alfo gewiffermafjen Rechtsanwälte
für bie Äoafpredjung von feinen Sünben nehmen. Unb bie

tfefuiten forgten aufa bereitwiHigfte, bajz ftch 0iinjtig ge-

ftnnte unb nicht vereinzelt bafiehenbe Uloraltüftler ala


Reifer fanben.
*

Ria ber probabiliamua im )7. 3ahrhunbert bie grofje


Utobe ber Patholifchen tPelt geworben war, machte ftch ein
aUgemeinea RbftnPen ber ftttlichen PorfleHungen bemerPbar.
Biepäpfle würben baher von ben&ominiPanern gebrängt, ben
Probabiliamua allen priefiern zu verbieten. £>ie Kurie be-

fchtänPte ftch freilich barauf, ein paar £>u$enb Praffefter


fefuitifcher probabiliamen zu verurteilen, bie bem £aj;is-

mua, ber ftttlichen (BleichgültigPeit, gar zu offen Porfdjub


leiteten. Ruch bie Staaten, unb vor allem bie f inanzminifter,
hatten gegen bie £ehre von ber probablen Ruarebe fcharf
protefiiert. (einige aua ihren Staaten gewijj nicht ohne
triftigenGrunb auagewiefene ^efuiten hatten nämlich bie
Chefe veröffentlicht, „bem Untertanen foH es gejtattet fein,
bie 3Ahlung einer Steuer zu verweigern, wenn biefe nach

einer wahrfcheinlichen UTeinung ungerecht ift".

Rber bie patrea verfianben, ben f ürften unb ihren Kabi-


netten auch probabel zu machen, bafj biefe Uforalmethobe

ftch boch jebcnfaHs vorzüglich zur Begrünbung von Gewalt-


taten eigne. Ulan Pönne bamit Perhaftungen von zweifei-
f>after Berechtigung und fogar EtoberungsFriege einleuch-
tend verteidigen. Bas iß denn auch *« Biplomaten*
Fampf, der den ©panifchen ErbfolgeFricg begleitete, ausgiebig
gegeben. Bie ©taatsraifon dürfe, fo lehrten die jefuitifeben
Ratgeber der Utinißerien, fogar eine ttteinung als gebilligt

anfeben, deren Argumente von ibr fclbß flammen, aller*

dings müffe dann die (Begenfeite eine andere ©taatsraifon


fein, Hufs praFtifcbe übertragen, würde das etwa beißen,
niemand Fönne felber fcbuld an einem Kriege baden. Kurz*
um, auf jedem Gebiet führt diefe UToralmctbode zuletjt zur
Hnarcbie und zur abfurden Heuchelei.
Bern probabilismus haben vor allem die großen prote*
ßantifeben Pbilofopben die fcbärfße geißige ^ebde angefagt.
Ber deutfebe Idealismus Fonnte endlich in dem reinen Glanze
feines Weltbildes die 3deenßrenge piatons wiederberßeHen.
Bie arißotelifcben, fd)otaßifcben, jefuitifeben ^äUetüftler der
JJTorat wurden aus der großen europäifeben Pbilofopbie
verßoßen und auf die betont FleriFaten Greife befdjränFt.
Ratten die ^efuiten das Gewiffen bis }u einer fyHogißifchen
GedanFenpoffe entwürdigt, fo lehrt Hant mit einfacher,
Fompromißlofer Klarheit: „Bas Bewußtfein, daß eine
Handlung, die ich unternehmen will, recht fei, iß unbedingte
Pflicht." Und ^egel erFlart den probabilismus für eine
„Geßalt der Heuchelei", denn die Entfcbeidung über Gut und
Böfe werde ganz dem „Belieben und der WiHFür" anheim*
geßellt, und gleichzeitig werde behauptet, das Urteil habe

einen objeFtiv bindenden CharaFter.


*
Es Fonnte nicht ausbleiben, daß die jefuitifeben Hafuißen
auch Vorgänge des intimen Gebens in einem Umfange
und in einer Hrt zergliederten, die mit ernßen ßttlidjen Er-
wägungen nichts mehr zu tun hat. ‘Huch um bT0ienifche
Beratung war es ihnen dabei nicht zu tun, fondern um die
Beherrfchung der OTenfchen durch Überwachung der jtnn*

/0 ©4>ult)*f Pfa r Ijer, Da* 3(fuitm*Sw^


liehen Criebe. £s i{t eine uralte Üirfahrung, bafj jtdj bie
(Bemüter leicht von folgen perfonen bestimmen lajfen, bie

fie ju tttitwiffern ihrer erotifchen (ESctyeimniffe gemalt


traben. £>ie berüchtigte 23cttfcf>niiffelei i{t oft gehäffig mit
perverfen tttönchsregungen in XJerbinbung gebracht worben,
Sumeift wohl' mit Unrecht. £>er Cfcfuitenorben erjog feine
UTitglieber $u falten ‘OerStanbesmenfchen, es ftnb im £>ur<h*
fchnitt nur Naturen mit folcher Einlage im Cfcfuitenorben
heimifch geworben. $>as fcHbnchsgebot ber gefchlechtlichen

*JCf 3 cfc ifl nach funbiger Schätzung in feinem anbern (Drben


fo feiten übertreten worben. UTan weift barüber einiger*
maften 23efd)eib, weil bie IDifsiplinaraften bes ®rbenß bei
ber Auflöfung im 3ahre J77J in Staatliche Archive gerieten.
Klein, es war eine Icibenf chaf tlichc tHachtberechnung, bie
gerabe bie jefuitifchen patres baju trieb, bevorjugte X>er*
traute aller berer $u werben, bie fich in einer Art „Sepual*
not" wähnten. £>ie christliche Äirche hat aus uralter Xra*
bition ben „f leiblichen" Angelegenheiten eine fehr ftarfe
religiöfe Bebeutung jugemejfen unb gegenüber ben fejrueHen

Sünben auch noch ln ber VTeuseit oft eine verftänbnislofe


^ärte an ben Cag gelegt. &ie ^efuiten bebienten ft<h biefer

Überlieferung burchaus nicht bes Starren CBrunbfatjes wegen,


fonbern in ber Abficht, bie pönitenten burch genaue Kenntnis
ihrer £afler von fich abhängig $u machen. Sie wechfelten
baher jwifchen iEinfchüchterung unb milber £Ta<hficht be*
Stänbig ab. Was in ben fepualfafuiStifchen Cejcten fchwarj

auf weift $u lefen fteht, nimmt feinerlei Kücfftcht auf bie

natürliche Unwägbarfeit biefer ginget „Non peccat negans,


quando alter immoderate petit, post tertiam vel quartam
vicem eadem nocte .“
. . 3E5ic lateinifche Sprache hat freilich

auch bamals für bie breitere 4>ffentlichfeit biefe erstaunlichen


Weisheiten jugebeeft, es ift aber für bie jynifche \>or*

urteilsloftgfeit ber CJefuiten bejeichnenb, baft fte folche £>inge

überhaupt jur moraltheologifchen 2>isfuffion Stellten.


tDir fabelt bisher bie Fafuißifchen tftußerbeifpiele für bie

3efuitenmoral größtenteils ber Flafß'fchen (Epoche bes (Drbens,

bem J7. 3«hrhunbert, entnommen. XUm Fönnte meinen,


biefe alten Ausgrabungen bemiefen nichts mehr für bas
heutige tltoralbenFen ber 3efuiten. bo<h ber (Drben fyat bis

jur (Begenmart an ben urfprünglidjen StanbpunFten unb


tttetl?oben mit 3äf?igFeit feßgehalten. SDie StruFtur ber
(ßefettfehaft \)at fief) freilich in 3 mifcßen fo ßarF gemanbelt,
baß mir über manche ber alten Streitfälle, mie etma über
bie fünfjig geßohlmen 3DuFaten, nur noch lädjelnb ben Äopf
fcßütteln Fönnen.
*
X>on höchßer aFtueller bebeutung ftnb aber vor allem bie
jefuitifdjen tTTorallehren geblieben, bie fiel) auf bie Aus*
einanberfegung jmifchen Staat unb Äirche beziehen. Auf
biefem feßmierigen boben mar ber (Drben auch noch in ben
lebten hunbert 3<*hren Stoßtrupp ber papßFirche. baß bie

Patres nichts vergeben unb nichts jugelernt fmben, jeigen


bie Schriften bes mobernen beutfdjen 3efuiten £e^mFuf>l,
ber in ben legten ^atjrjefmten vor bem XDeltFriege mirFte
unb auch ber Sentrumspartei als Fulturpolitifc^e Autorität,
befonbers bei ber (Einführung bes „bürgerlichen Q5efeg*
bueßes" im Aeicße, jur Seite ßanb. 3n feinem tDerFe „Casus
conscientiae“, ju beutfd) (BemiffensfäHe, erfeßienen in ameiter

Auflage in ^reiburg jooj, erf inbet ÄehmFuhl folgenben


ttlußerfaH, um feine JTtorallehre ju veranfchautichen:
„ber burd) Fircf)enpolitifche 05efege aus feinem Pater*
lanbe verbannte prießer Aemigius Fommt bennod) häufig
verFleibet jurüdf, auch ber (Erholung megen, übt geißliche
^unFtionen aus unb freut fich baran, baß er ungeßraft bie
<E$e fege verlegt. Als bies ber beamte Paulus erfährt, läßt
er jmar unbeachtet, nimmt aber hoch erßaunt baran
es
Ärgernis, baß Aemigius bie von ber legitimen (Semalt er*
laffenen (ESefege nicht beobachtet. burd) einen ^reunb läßt
er Kemigius bitten, es in ber ^olge ju unterlaßen, bamit er
nicht, trenn er it>m angejeigt wirb, it>n nach Kntt unb
(Betriff en beßrafen müße. &cmigius läßt it>m fcßerj^aft ant*
Worten, er fürchte treber <Befe£ noch ©trafen. Werbe ihm
©träfe auf erlegt, fo habe er einen Schlüßel 3ur Perfügung,
tromit er ben (Belbfcßranf bes Paulus öffnen fonne, um ihm
bas (Belb jur Begleichung ber Strafe ju entnehmen. Werbe
er ju (Befängnis verurteilt, fo l)abt er llrme unb Waffen,
tromit er ftd) verteibige."
„ißs fragt ftd)", fährt Äehmfuhl fort, „tras ifl erßens von
jenen (Befefcen unb ©trafen 3U h<*f*en? Streitens: ^at &emi»
gius recht gehanbelt, ober tyat Paulus mit &e<ht Ärgernis
genommen? 3Darf brittens Xemigius, tras er im Sd)er3 an»
gebroht tyat, im £rnß ausführen? 3 ch anttrorte sur —
erßen ^rage. daraus, baß bie gefefcgebenbe (Bemalt foldje
(Befere erlaßen tyat, folgt noch nid)*/ &<*ß es wahre (Befere
finb. Sonß mußte man auch &ie biottetianifdjen Erlaße
gegen bie Chrißen wahre (Befefce nennen. VTach ber Äehre
bes h eiligen Chomas von llquin gehört 3um Wefen bes
(Beferes, baß es eine Slnorbnung ber Pernunft fei ... 3 Diefc
(Befe&e finb aber in Wirflichfeit unb Wahrheit feine
orbnungen ber Pernunft. Hus mehrfachen (Brünben ßnb fic

ungerecht, weil ße bas höherßehenbe Kecht bes prießers,


bas Kecht bes fatholifchen Polfes, verleben. 3 a, vielleicht

verfucht man fogar, ben prießer 3u Unehrenhaftem unb Un»


erlaubtem an3uhalten. ©ie ergehen nicht von bemjenigen,
bem bie Sorge um bie (Bemeinfchaft obliegt, alfo nicht von
Sorge für bie religiöfen
ber rechtmäßigen (Bewalt. SDenn bie
Pinge obliegt nicht bem Staate. Somit iß hier bie legitime
Autorität noch weniger vorhanben, als wenn bie fran3ößfcf)e
Regierung für bas £>eutfche JUich (Befere machen wollte.
Wenn bie (Befere als prohibitivgefetje nichtig ßnb, fo wirb
auch burch ße verhängte Strafe nicht rechtmäßig
."
verhängt . .

*44
. .

„3m: jweiten ,$rage antworte id): Xemigius ^at fic^-

feiner (Befegesverlegung fd)ulbig gemacht. <Db er alfo ber


(Erholung wegen ober um anbern geifitiche ^ilfe ju bringen
in fein Paterlanb $urüd?Pehrte, eine (Befeijesverlefcung war
nicf>t vorl)anben. Seine ^reube über bie nicht gejaulte
Strafe ifi alfo eine völlig einwanbfreie, um fo mehr als

auch bie ^reube über bie XJerletjung biefer irt ftch nichtigen
(Pefetje nicht ftttlid) fehlerhaft ijt. £)as Ärgernis bes Paulus
ifl alfo nicht begrünbet. Hud) ijt für gewöhnlich eine «£anb*
lungsweife wie bie bes Remigius für t&atholifen nicht
(Begenfianb bes Hrgerniffes, fonbern ber Erbauung .

„Huf bie britte ^rage antworte ich: Dft nicht Paulus,


wenn er bem Hemigius bie (Belbflrafe auferlegt, wegen Ver-
legung ber (Berechtigfeit jur tViebercrftattung verpflichtet?
3Darf ftch Xemigius einem Verhaftungsverfud) wiberfegen?
3Das erfle ifl $u bejahen, weil bie ^anblung bes Beamten
Paulus objeftiv ungerecht unb theologifch fdE>rt>cr fünbtjaft
wäre ... (Dbwohl Hemigius beffer auf bie t>auptfä<f>Uchcn
Schäblinge, nämlich auf bie Urheber bes ungerechten (Be*
feges, jurüdfgreift, barf er ftd) hoch auch an jeben unmittel-
baren Urheber bes Sdjabens halten, jumal wenn bie anbern
Urheber fdjwer ju erreichen ftnb . . . (Bi ne 3urwet>rfegung,
wenn fte ohne befonbere Äörperverlegung bes 23eamten g e-
fchieht, ifi nicht unerlaubt, jumal wenn fie erfolgreich ifi . .

dlutige Verteibigung ober Äörperverlegung bes Beamten


wäre für gewöhnlich hauptfäthlich beshalb unerlaubt, weil
fte ber Hnlaj? für größere übel unb für Volfsunruhcn

wäre ..."
30ief es einbruefsvoße &ofument jefuitifd)en (Beifies ent-
hält alle be$eid)nenben UTerfmale ber (Bebanfentnoral, bie in
biefem Äampforben von alters h ec üblich ifi. Von vorn-
herein fehlt feber fittlidje (Ernfi; benn wie foUte ftd) fonfi
ber priefler barüber freuen, bafi er bie (Befere verlegt,
lCs ifi gewij? feine überrafchung mehr, bafj biefe fonfeejuent
Fatt)olifd)e Huffaffung bie Fir^lidjen Dntereffen über bie
nationalfiaatlidjen (Feilt. Hber bie oppofitionette begrün«
bung, t& fmnble fid) bei ben beutfd)cn Keidjegefetjen um
Feine „Hnorbnung ber T>ernunft", i(F in il)ter tfjomifiifdjen

£>ummfd)laul?eit beinahe entmaffnenb. Ulan benote aud)


bie ^loaFel „für g emöfmlid)", bie bei ber f<i>eint>eUigen

Warnung vor „XJoIFeunru^en" eingefügt i(F. Om ungemöljn*


licken/ im entfdjeibenben politifcfym Äampffalle, befielen
biefc motalifdjen SebenFen gegen ben Höfruljr nidjt, mie
bie G5efd>i d)te ber ^efuiten ljunbertmal ermiefen t>at. SDiefes

£el>mFul)Ifd)e ITtujFerbeifpiel gibt ein richtiges Bpiegetbilb


if>ree £enFens unb üert>altens im T>orber* unb hinter*
grunb. l£s i(F nod) immer berfelbe <Bei(F, ber auö ber „Imago

primi saeculi“, bern ^ubiläumsbucfye $ur erften tfafu^unbert*


feier bes ctkbenö, fpricfyt; „^rieben ifl ausgefdjloffen, bie

©aat bes paffes i(F uns eingeboren. Was ^amilcar für


^annibal mar, bas ift Dgnatiuö für un9. Huf fein d3et>ei$
t>aben mir an ben Hitären ben Fe$erifd>en Wölfen emigen
ftrieg gefdjmoren."
Uon einem €]dl in ba£ andere

©üblich ber Pyrenäen J>at es bie Cruppe 3efu niemals


wie in Beutfchlanb, ^ranPreich unb Ignglanb, mit Pe$erif<hen
Bewegungen $u tun gehabt. Dfjre Aufgaben in Spanien
unb Portugal tragen baf>er einen wefentlicf) anberen Ct>a»

raPter. £e Rauheit ftcf> hier nicfyt um bie Eroberung ber


strittigen Öffentlichen macht für bas PleriPale prinjip, fon*

bern um bie unmittelbare 3Dur<hbringung bes StaatsPörpers


mit ihrem Willen, um eine birePte STationalverwaltung.
^ier tragen bie patres für bie £anbesgefchtd?e baher viel
mehr Verantwortung als bort, wo fte nur eine Pämpfenbe
Pulturpolitifdje Parteirichtung neben ben anbern ftnb. (Beht
es hier mit bem Wohl bes Staates unb bes VolPes bergab,
fo Pönnen bie jefuitifchen machthaber bie mij${timmung
nicht ablenPen, alle Schulb wirb ihnen $ugemeffen werben.
Vas ift bie einzige (Befahr für bie KÜeinherrfchaft einer
Pleinen, abgePapfelten (Bruppe, unb ihr ift ber (Brben im
)3. 3ahrhunbert in ben portugieftfehen unb fpanifchen £an*
ben auch erlegen.
*
3n Portugal finben bie 3efuiten von Unfang an Peinerlei

Wiberftänbe. 'Much bei wechfelnbcn politifchen Verhältniflfen


bleiben fte obenauf. Balb wirb in ber Verwaltung von
Staat unb Äirdje Peine führenbe Stelle mehr ohne ihren
Vorfchlag ober ihre Zustimmung befefct. man tyält es für

247
ein felbfiverftänbliches (Gewohnheitsrecht, da# fte als Beid)t*
väter bes föniglichcn Kaufes über ittinifletn, (Gouver-
neuren unb Bifdjöfen flehen. Bo hat f&h benn aud) ber un-
ruhige, reformfreudige Politiker Born (Carvalho, ber fpätere
iftarquis von pombal, bei ihnen um ben poften bes erflen
ttliniflers beworben, ben fte ihm verfdjaffen, nachbem fte
fein Programm gebilligt haben, pombal tritt bas verfallende
portugieftfche Heid) in flraffer (Drbnung jufammenf affen;
bie weitverjweigten Kolonialunternehmungen überfleigen
bie inneren Kräfte bes Keinen Mutterlandes, ein engerer
Anfd)lufj an ben h e intifd)en Kontinent fcheint bringenb
notwendig.
Als Minifier merFt pombal bei feinen Heflauratibns-
beftrebungen halb, ba£ ihm bie ^efuiten hinbernb im tt>ege
flehen. Bas flrenge, felbfhrittige Regiment behagt ihnen
nicht, fte trollen mit bem ^ochabel bie alte, unbeflänbige
(Günfilingswirtfchaft fortfefcen. 3n ben Kolonien tritt ber
3efuitcnfiaat Paraguay mit ber VDaffe in ber ^anb ber
Äiffaboner Kabinettspoliti? entgegen; bie jefuitif d>en tttif*

ftonsintereffen geraten mit ber Kolonialmacht in Konflikt.


Bald hält pombal bie Beteiligung ber patres für bie brin*
genbfle Forderung ber Btaatsraifon unb macht fich mit
f raffen, bebenfcnlofen Mitteln an bie fühne Äöfung ber ge-
fährlichen Aufgabe. (Cr veröffentlicht $unäd)fl einen fenfatio*
netten „Bericht über bas Heid) ber ^efuiten in Paraguay",
ber in ber ganzen TDelt ein ungeheures Auffehen erregt unb
auch int Batifan wie eine Bombe einfehlägt Bie patres
hätten, behauptet pombal, einen ber ihrigen als Hifolaus I.

in Stibamerifa ;um Kaifer ausgerufen. Als Beherrfcher


bes bortigen Handels hätten fte eine tvucherifche Ausbeutung
getrieben. Biefer tfjifolaus ifl jwar nur ein von ihnen ge-

taufter 3nbio, ber eine rote Kampftruppe gegen bie VPeijjen

anführt, aber im Übrigen find viele ber phantaflifd) Hingen-


ben Borwürfe richtig.

»4 *
©er papß verorbnet eine Vißtation bes (Drbens in Por-
tugal/ unb ber unterfuchenbe Rarbinal entbecFt bie ärgßen
Htißßänbe. ©ie patres traben verbotene GSelb* unb Waren*
geftfyxfte gemacht/ fte betreiben einen ßhwunghaften Wein*
bnnbel unb taffen ftd) beim HbfaQ ber HolonialprobuFte
Sdjmiergelber jaulen. Uber bas genügt nod) nicht für ben
geplanten großen Schlag.
©a Fommen pombal f>öfifcf>e £iebesFabalen ju ^ilfe. ©er
genußfüdßige, b^ltlofe jRönig 3<>feph in järtlichen
©ejie^ungen ju einer ©ame bes Kaufes Cavora; bei einer
feiner Heimfahrten aus ihrem palaßc wirb auf ihn ein
myßeriöfes Attentat verübt, ber :&önig trägt eine Schulter*
wunbe bavon, ben Schuß h<** offenbar ein anberer £ieb*
haber ber ©ame abgefeuert, ©ie Cavoras unb ihr 2tnh<tng
ftnb ^reunbe unb eifrige ©eichtfinber ber 3efuiten, in benen
ber UTinißer bie Urheber bes Knfchlages fehen will. tftan
unterwirft bie befchutbigten patres, barunter auch &en faß
achtzigjährigen Htalagriba, ihren einflußreichen Senior, ber
Cortur; aber fte gesehen nichts, vielleicht ftnb fte in biefem

^aüe überhaupt unfchulbig.


©ie Öffentliche Uteinung bes fteigeißigen Europa Fommt
in Verlegenheit, fte iß jwar ben ^efuiten feinblich geßnnt,

aber ße mißbilligt auch Vorgehen pombals, biefes „bef*

potifchen ^lufFIärers". Sein franjoßfcher tftinißerFoÜege


Cboifeul ermuntert ihn $u einer burchgreifenben SlFtion;
$wif<hen ben Häfen von £ißabon unb tttabrib bereitet ßd>
ein geheimes ißinverßänbnis jur Vernichtung bes (Drbens

vor. 3m Januar läßt pombal bie lebten Firchlichen

Xücfßchten fallen. SlUe 3efuiten in Portugal, über taufenb*


fünfhunbert an ber 3ahl, werben verhaftet; auch in ben
Kolonien, in 3nbien, UfriFa unb ©raßlien, legt man ße in

^effelnunb fchleppt ße auf bie Schiffe. 3hre riefenhaften


©eßgungen, ihre Äaßen, ihre Warenlager verfallen bem
Staat, ©ie beFannteßen patres hebt man für politifche
Sd)a uprojefle auf, bie übrigen (Befangenen werben in «5afen*

lagern gefammelt, in Äauffahrerfchiffen nufammengepfercht


unb in Civitavecd)ia, bem ^afen bes Äirchenßaates, an ben
Stranb gefegt £>er ^eilige X>ater möge fid) felbß feiner
Pfaffen annehmen!
5Die von allem entblößten (Drbensleute überfchwemmen
nun £om, bort werben fie anfangs als Wtärtyrer gefeiert,

aber halb als eine unbequeme Äaft beifeitegefd)oben. £Iie*


manb Fümmert ftd) um bie entrüßeten 23reves bes papßes,
man gönnt ben bisher fo übermütigen CJefuiten ihr nicht
unverfchulbetes unb nun auch noch mit £äcßerlicf>feit behaf*
tetes UnglücF. pombal läßt ficß von biefer X>olFsßimmung
ju einem graufigen ^ußijverbrechen fortreißen. $>a man bem
greifen Pater ITtalagriba an bem Attentat auf ben Äönig
feine Scßulb nachweifen Fann, wirb it?m in Äijfabon ber
Dnquifitionsprojeß wegen religiöfer Drrlehre gemacht. Dn
feinen papieren ^aben ficß unverßänblicße, myßifd)e Cage*
bucßbetracbtungen gefunben, barauf grünbet fich nun bie

SlnFlage ber ÄeQerei. tttan veranßaltet mit feierlichem

Pomp ein 2lutobaf6, tTTalagriba wirb vor bem Scheiter*

häufen erbroffelt, fein Äcichnam verbrannt unb bie 2lfd)e in

ben Cajo geworfen.


#

£>ie fran^öftfche Xegierung finbet beffere (Befetjesgrünbc


für bie Austreibung bes (Drbens. J)ie ^efuiten haben ftch in
^ranfreich nicht mit ben reichen Föniglichen Schenfungen
begnügt, fonbern ftch in faufmännifche <Befd)äfte von groß*
tem Ausmaß eingelaßen. Sie ßedfen jwar gern bie (Bewinne
ein, pflegen aber bie X>erluße nach JTtöglichFeit auf frembe

Schultern abjuwäljen, ihre (Bläubiger foHen auf ihre ^or*


berungen für einen „frommen 3wed!" vernichten. £)a nun
ber ^ranjofe in vertragsrechtlichen gingen befonbers for*
malißifch benFt, erregt ihr eigenartiges <Befd)äftsgebaren
viel lirgentis. f£e Fommt 311 einem XiefenfFanbal,
nlß ber pAter ^AvAlette, profurAtor ber 2lntiHenmiffton,
feine QpeFulAtionßfchulben in bee enormen ^Ölje von jwci*
einhAlb tttiflionen £ivreß nid>t bejahlen will, obwohl ec
baju imflnnbe ifl. 3t?m ftnb einige @d)iffßlAbungen von ben
ICnglänbern weggeFApert; bas ifl baß XiftFo folcher ^anbeiß'
Unternehmungen, unb nun weigert er ftd), bie in tTtarfeiHe

fälligen \t>ecf>fcl einjulöfen. &ie ^aFtoreien unb Pfl4n$un*


gen beß (Drbens auf itTnrtinique ty&btn jwar Allein ben
met>rfAcf)en XDert ber Perluflfumme, Aber bie ttliffton tut

nichts, um it?rc ©d)ulb ju becFen. tttan bietet ben (Sefc^äbig#

ten alß (Frfats ein paac l)unberttAufenb Qeelenmeffen An!


Uber fo gläubig ftnb biefe (Staubiger nid)t.
3Daö iftarfeiller (Bericht verurteilt bie ^efutonmiffion,
ber gcfAmte (Drben wirb für IjAftbAr erFlärt. Uber ber
3efuitengeneral in Kom ernennt bie Qcfpilb nicht An, weil
baß tniffionßgefd)äft Angeblich nicht ben SaQungen beß
(Drbenß entfprochen \)<xbt. VTun Fommt ber Streitfall in
höchfler dnflans vor baß pArlAment in pAriß, bie patreß
ftnb fo unFlug, vor biefer, ihnen burcffauß Abgeneigten 23e-
hörbe ihre fdF>lcdf>te Sache ju vertreten. 3Die parlamentß*
räte verlnngen bie Statutenbefchlüffe ber (BeneralFongre*
gationen beß (Drbenß Fennenjulernen; bArAuf hin erklären fte

eine Keihe von 25eflimmungen für unfittlich unb ben franko*


ftfcf)cn (BefeQen wiberfprechenb. Kuß bem Faufmännifchen
3ivilprojej5 ifl ein StaatßFriminalfaH geworben, baß Paria-
ment verbietet bie VJieberlaffungen beß (Drbenß Auf franko*

ftfehem Äoben.
Hoch einntAl legt ftd) ber Äönig jugunflen ber Cfefuiten
inß tTTittel, benn woju gibt eß benn ^ofbeichtiger! tltinifler

«Choifcul befiehl Aber bar Auf, bafj ber (Drben minbeflenß feine

Perfaffung $eitgemä£ änbere. papft (Clemenß XIII. fleht


jeboch gan$ unter bem IFinflufj beß ^efuitengeneralß Xicci;
bie beiben wollen bie Perfallßerfcheinungen in ber (BefeÜ-
fch«ft 3 efu nicht fet>en unb Pümmern f«h in ihrem fittu
Palen «igenftnn nicht um bie Stimmen ber aufgePlärten
VölPer, benen wr allem bie jefuitifche Beichtmoral ein
Pfaffengreuel geworben Der papft betätigt bem (Drben
ij>.

in feierlicher UrPunbe feine Cugenb unb Unfd)ulb; ben


(Befanbten ber Staaten erPlärt er: Sint, ut sunt aut non
sint, fte foHen fein, wie fte finb, ober fit follen nicht fein»

^ür ^ranPreich tyti$t bas non sint. Dm Huguft J762 wirb


ihre Verbannung rechtsPräftig, Äönig £ubwig XV. barf
nicht mehr jögern, er befchlagnahmt ben frangöftfchen
(DrbensbeftQ für ben Staat, ^rau von pompabour trium*
phiert, Äönig Äubwig Plagt 3U ihr in müber Betrübnis:
„&s ifi meine einzige Hoffnung, ben guten Beichtvater
peruffcau als Kbb6 im Cfenfeits wiebergufehen."
Der päpfHiche Stuhl erleibet eine furchtbare Demütigung,
bas gnäbige Sittenjeugnis bes ^eiligen Vaters wirb in
^ranPreich unb Portugal als ttlajefiätsbeleibigung burch
ben ^enper verbrannt, unb Spanien, Neapel, Utailanb unb
Sizilien verbieten bie Veröffentlichung. VTo<h ehe man ftch

im VatiPan von bem SdjrecP erholt h«t, folgt Spanien mit


einer Überrafchenb einf eigen ben KPtion.

Ott tltabrib h «tte es ber (Drben niemals fo leicht gehabt

wie brüben in giffabon, benn ber h$h e fp«nif<he Älerus be*


günfiigte trabitioneü bie DominiPaner, bie alten feiger«
meiner ber Kirche. Die Cfefuiten erweifen ftch ih n *n «ber
als theologifche Splitterrichter, als Beicf)tpraPtiPer unb
Diplomaten in ben RonPurrengPä'mpfen halb überlegen. 3m
)7. tfahrhunbert regierte ber Cfcfuitenpater £*eibhart, ein
ehemaliger beutfcher Xeiteroffigier, bas £anb als Premier#
minißer unb ßroßinquifttor eine 3eitlang unumfchränPt.
Die fortfchreitenbe Verarmung Spaniens, bie Überflügelung
burch bie proteftantifchen Seemächte ^oDanb unb £nglanb
id größtenteils eine Folge ber neuerungsfeinblichen, rom*
gebunbenen 3efuitenwirtf<haft. 3e reifer ihr (Drben wirb,
bedo tiefer ftnft bas Bol? ins $lenb ^inab. Um bie HTitte

bes js. 3a^rt>unbert9 macht ficb ber Kuin auf allen <Be*

bieten bemerkbar; beim Cobe Karls II. war nicht einmal

mehr bas (Selb in ber StaatsPaffe, um bie üblichen jehn*

taufenb Seelenmeffen für ben verdorbenen UTonarchen $u


bezahlen. Bie 3efuiten Ratten ficfy bereite alle finanziellen
Betriebsmittel für bas irbifche unb himmlifchc ^eil ber
Spanier angeeignet.
Bie patres trollen bie Unzufriebenheit bes BolPes ab*
lenPen, et>e fie falber bie (Dpfer ber Kadfye trerben. tßines
Htorgens ift ber treite piafc vor bem königlichen palad mit
bichtgebrängten UTenfchenmaffen gefüllt, bie alle in ber alt*
heimatlichen Eracht mit breitPrempigen ^üten unb fdprar.
Zen Kabmänteln erfcfjienen ftnb. „lieber mit ben franko*
ftfehen ^üten!" fdjrcit bie Ulenge, „(Cs lebe ber Sombrero!
Weber mit ber Neuerung, es lebe ber billige UlarPt!"
Bedürft erfcheint König Karl III V ein verbiffener KutoPrat,
auf ber Freitreppe unb verfucht, innerlich wutentbrannt,
bie Bemondrnnten burch 3ugedänbniffe ju beruhigen; er
verfpricht fogar, ben andö^igen Finanjminider zu entlaßen.
Boch ber „Kufdanb ber igüte" id fo fchnett nicht zu bämpfen,
es fommt ju Scharmü$eln mit ben föniglichen (Barben.

Bie Kühe wirb erd wieberhergedeHt, als bie 3efuiten enb*

lieh bie altfpanifch PofHlmierten Kevoluzzer jurüdfrufen.

nicht ohne Berechtigung \)ü\t ber König bie patres für


bie Kndifter, fie h*ben bas BolP gegen bie neumobifchen
Sitten aufgehe^t unb bie „gute, alte 3eit" befchworen. 3h r
gefährlicher Üiinflud auf bas murrenbe Bol? id erwiefen,
ber König de h* w ihnen bie eigentlichen Staatsfeinbe unb
will dch ih re r nach portugieftf ehern Uluder entlebigen. Ba bie

patres, wie dch eben erd gezeigt tyat, dnr?en Utachtanhang


bedien, foH ber (Drben mit militärifcher SchlagPraft über*
rumpelt werben. tttinif erpräftbent Uranba, ein begeiferter
Äefer Voltaires unb aynifcber Clefuitenhaffer, fbicFt an alle

provinjgouverneure unb CruppenFommanbanten vcrfegelte


©cbreiben, bie erf am Slbenb bes 2 Ilpril biefes Jahres
.
J 767
ju öffnen f nb. 3Die (Drbre befiehlt, in ber X^acbt bie VTieber*

laffungen bes (Drbens überrafcbenb $u umzingeln; bie patres


foUen eingeFerFert, bie VTovisen gegen einen ©taatseib in
bie tDeltlicf)Feit entlaßen werben.

Unb fo gefcf)ief>t’s; feefjstaufenb 3efuiten wanbern binnen


wenigen Btunben in allen fpanifctyen (Bauen ins (Befängnis.
2>ie ganje 'Jlrmee fefct ftcf> von ihren (Barnifonen aus in
Bewegung, als bie einzelnen (Blieberungen ber (Drbenstruppe
halb barauf unter militärifdjer 23ebed*uttg in bie ^afenf äbte
gebracht werben. 2lucb Äönig £arl will feine ^efuiten bem
Papf „$um präfent machen". 3Diefes Utal trägt bie Flottille,
bie nach Italien fegelt, viermal mehr an geiflicber Uten*
febenfraebt, als bamals vor acht fahren bie portugiefen ab*
liefern Fonnten. 3n Civitaveccbia wiH man jetjt bie
nabme bes f^öfyttifc^cn (BefcbenFs verweigern; auf Wunfd)
bes (Drbensgenerals b* nt>crrt bi* papflicben ^orts bureb
Äanonenfcbüffe bie Üanbung ber ©ri^iffe. 2>ie gequälten
patres werben fcbliefjlicb in ÄorfiFa ausgefefct, wo bie

Überlebenben ein jämmerlicbes 2>afein frifen, bis man fie

auch bort wieber verjagt.

3Die näcbtlicben Überfälle auf bie (Drbenshäufer werben


nun auch in Italien faatlicbe UTobe. 25er 23ourbonenfaat
Neapel macht es ebenfo, bann folgen ber ^erjog von parma
unb ber (Brofimeifer von tHalta. Tlnlaffe unb projefj*
verfahren glaubt man nicht mehr nötig $u haben. „Äraft
ber allmächtigen (Bewalt, bie ber göttliche £enFer aller Ver*
nunft in bie monarcbifd)en i^änbe gelegt fyät", wirb bie

jefuitifebe „&otte ber ^infernis", wie es im ©tile ber 2luf*


Plärungsjeit aus ben philofophifth erleuchteten £an»
ben vertrieben. V)as ftch h^r abfpielt, ijt eine Drt nach'
traulicher Deformation in ber Patholifchen Welt, es fehlt

freilich alle religiöfe Äeibenfchaft; bas *£auptbebürfnis richtet


fich auf bie SäPularifterung ber von ben ^^fuiten bis jur
Öffentlichen UntragbarPeit vermehrten Dirchengüter.
3Die Patholifchen Xtlädftt wollen ftch freilich mit ber Dus*
treibung bcs (Drbens aus ihren (Brennen nicht jufrieben*
geben, bcnn bie Erfahrung lehrt, ba# fte bei veränberten

politifchen YVinben immer wiebet Pomnten. Ssaher unter»


nehmen je£t Spanien, ^ranPreich unb Neapel, alfo bie brei

bourbonifchen ^öfe, einen DoIlePtivfchritt in Dom. Sie for»

bern bie „gänzliche unb völlige Aufhebung ber (BefeUfchaft


3efu". Clemens XIII. fucht feine Schwäche burch ein fchroffes
t^ein ju verhüllen. 3>ie Patholifchen YDeftmächte brohen mit
(Bemalt, fte erwägen fchon bie Vertreibung bes papftes, bem
feine (Betreuen für ben notfaH ju einer flucht nach cbfter»
reich raten. £>a flirbt ber papft mitten in feiner Pritifchen

Stunbe; bie fernere £ntfcheibung mup unter feinem nach'


folget fallen.
5>as DonPlave ber Darbinäle ifl von biplomatifchen Stür»
men umtobt, bie 23ourbonenftaaten trollen ben Pünftigen
papft nur anerPennen, trenn er bie 23efeitigung bes (Brbcns
verfpricht. 2?er fügfame ^ranjisPaneP (Banganelli ift ber
jefuitenfeinblichen Doalition genehm unb Pann als Cie*

mens XIV. ben Dömifchen Stuhl bejteigen. £a er um jeben


preis ben ^rieben wieberherfleHen will, barf man von
feiner unfelbftänbigen natur bas Verbot erwarten.
nur bie Daiferin UTaria Cherefta fucht bem (Drben noch
eine letjte ^ilfe ju leiften. 3Die rührfelige Jrau mag ftd) von
ihren „geliebten Dinbern", bie einfl ihre £r$ieher waren,
nicht trennen. „Sei (Bt nur ohne Sorge, folangc ich lebe,

habt 3h r nichts ju fürchten", fchreibt fte ihrem geglichen


^reunb, bem pater Doffler. Dber ihr Sohn unb (Crbe
3ofeph II. ifi ein wefilich aufgeFlärter ^Ürfl, er h«* bem
franzöftfehen tttinifier Choifeul feinen 23eifaU ausgefprod?en
unb geäußert, er Fenne bie jefuitifchen Seftrebungen „Sin*
flernis über ben iCrbboben zu verbreiten unb Europa vom
Kap ^iniftere bis an bie VJorbfee zu regieren unb zu ver-
wirren". Seine arme HTutter aber finbet Feinen Schlaf,
wenn fie folche läfterlichen Worte hört. Sie bittet ben ^ei-

ligen Pater in einem 2>rief, ben ihre tränen genest tyabtn,


er möge ben furchtbaren Stritt boch wenigftens verfchieben.
Clemens XIV. beruft ftd) mit ^reuben auf ben Wunfd)
ber Kaiferin, er hofft noch immer auf eine göttliche Rügung,
ober, irbifd) ausgebrücFt, auf einen politifchen Krad) unter
ben (Drbenshaffern. Aber in biefer ^rage fleht Europa
immer fefter jufammen. 3Der Wiener Banaler Kaunitz ver-
langt XücFfichtnahme auf ^ranFreid); tTTarie Antoinette, bie
Cochter ber Kaiferin, ift bie Gemahlin bes Dauphin ge-
worben, unb «bflerreich barf ben VTufcen biefer Perbinbung
nicht burch neue Perfiimmungen gefährben. ttlaria Cherefta
fleht bas allmählich FummervoH ein; „wegen ber ^efuiten
bin ich untröfilid) unb in Pcrzweiflung", vertraut fte ihren
Aufzeichnungen an. Hun ftnb fleh alle Fatholifchen Staaten
gegen bie 3efuiten einig geworben, ber bayrifchc Kurfürfi
hat fogar bie geglichen Aheinfürften für bas „große Kom-
plott ber Sünbe" gewonnen, wie fid) bie noch immer höd)ft
betriebfamen patres auszubrüdfen belieben. Hoch währenb
bes gewaltigen Keffeltreibenswagt ber hochmütige 0rbens-
general Xicci einem 23efucher zu fagen: „Sehen Sie, von
biefem Fleinen Kabinett aus regiere ich b« Welt, mag auch
bie ganze Welt verfugen, gegen uns zu regieren."

fcrfl vier 3ahre nach feiner Wahl, im 3uli )77J,


unterfchreibt ber papfl bas Cobesurteil gegen ben mäd)tig-
flen Orben, ben bie römifche Kirche hervorbrachte. Üis ifl
r

bas Breve „Dominus ac redemptor noster“, „Unfer ^er


unb iSrlöfer . . bas ben Haren Schlußstrich jietjen will.

3Dic Bulle, mit ber einft bic Cruppe Loyolas ihre (Drbens*
redete erhielt, begann mit bem Hinweis auf bas Regiment
ber streitbaren Äirche. Per jetzige papft, ber bie römifche
Äampfgarbe notgebrungen wieber auflöft, beginnt feinen
fcrlaß mit ber Anrufung bes FHebensfürften 3efus, ber auch
feine Wiener ju Boten bes ^riebens be(timmt tyabt. Pon
Anfang an wäre bie (Befeflfchaft 3efu eine ©törerin biefes
^riebens gewe fen, wenn fte auch ber Äirche „bemerPens*
werte Porteile" gebracht hätte. Otyv Begehen verhinbere
ben wirPfamen unb bauerhaften ftirchenf rieben unb gefährbe
ben ©egen, ben bie \PerPe bes (Bfaubens fpenben. „Parum
erPlären wir Praft apoftolifcher tttachtvoHPommenheit be*
fagte (BefeUfchaft für aufgelöjl, unterbrücPen fte, heben fte

auf unb f Raffen fte ab."


(Benerat Kicci wirb ats (Befangener bes papftes in bie
(Sngelsburg abgeführt, man behanbelt ihn „ehrenhaft wie
einen Priegsgefangenen Offizier", aber bie Freiheit fteht er
nid)t mehr wieber. Pie Äurie weiß, baß bie JTtitglieber bes
verbotenen (Bebens ftd) juallererft an ihren General gebun*
ben füllen. YPürbe er bie Fortführung ber ^cfuitenarbeit
außerhalb ber päpfttichen Heichweite befehlen, fo Pönnte er
ftd) auf ben Äabavergehvrfam feiner Cruppe verlaffen, bie
ftd) auch weiterhin ats feft jufammengehörig betrachtet unb
bamit beweijt, baß fie wirPIich ein ©onbergebilbe unb in

mancher ^inftcht fogar ein F^embPörper ber Pathoüfchen


Äirche geworben ifi.

Pie £yjefuiten flreuen f ogieich phantaftifche Äegenben


über bie tragifche KoUe bes papftes aus. £r hätte bas
Breve nachts an einem Fenßer bes Quirinats mit Blut
unterfchrieben, wäre bann ohnmächtig jufammengebrochcn
unb hätte bie näthfien Cage nacPt unb wie gelähmt auf
feinem Bette gelegen unb immerfort gefchrien: „Och bin

17 @4ul^c«Pfatl}(r, 5>ae 3cfuit<n.Bu4j 297


verflucht, bie*£öKe ift meine 25 e£aufung." Kls (Clemens XIV.
fcfyon ein 3 at>r nad) feinem fcfpeFfalsfctyweren £rla% aus bem
£eben fdjeibet, felgen fie barin ben Ringer GJottcs. (t>b fie

babei, wie oft behauptet würbe, nacbgef>olfen ^aben, ifl un*


gewi£. fcer Ceufel l>abe, berieten fie felbft, ben (Seift bes
papfies mit tVa^nfinn gefdjlagen, unb nur burd) ein tPun*
ber fei Btunbe oor feinem Cobe nod> einmal
er in lefcter
3ur Vernunft gekommen. JDa Ijätte er fid> mül)fam $u
feinem pult gefefyleppt, um fid) in einem 'Jlbfd)iebsfd)teiben
als ben unwürbigfien aller päpfie
3p bejeiebnen unb bas
fünbl?afte 23 reoe ju wiberrufen. i^eimlid) jeigen fie aud)
iljren llitfjängern ein gefälfcfytes Qdjriftftüd? vor, in bem
ber papfi feine (Drber eine redjtlid) unwirFfame (Crpreffung
3u nennen fdjeint. 'tluf bie tTtaffe ber (Staubigen matten bie

£äufd)ungsmanöoer ber patres Feinen fonberlictyen f£in*

brucF, nur bie religiös überfpannten Älofiernonnen weinen


ifmen bittere tränen nad).

Wo ber Wille bes papftes nid>t gilt, alfo in Feftcrifc^en

unb fcfjismatifc^en Äänbern, erfahrt bie Haltung ber Xegie*


rungen gegenüber bem (Drben Feine ^inberung. JDafj ^rieb*

rief) ber (Srofje bie ^efuiten in ©Rieften unb Weftpreufcen,


feinen neuerworbenen (Dfipeooin3en, weiterbulbete, ift ftets

als befonberes Fulturpolitifdjes Üuriofum gewertet worben,


fcie religiöfen Ver^ältniffe, bie ^riebrid^ bei feinem £in»

marfd) in @d)leften oorfanb, waren freilich bie Fompli3ier*

tefien, bie es bamals in Veutfdjlanb gab.


2Jis juin £>rei£igjäl>rigen Kriege überwog in ben lang*

gefireeften fcfyleftfdjen Äanben, bie in eine Keil>e von ^er3og*


tümern unb ©tanbesl)errfd>aften 3erfielen, ber eoangelifd)e

(Slaube. Uad> ber böfjmifcfyen (Segenreformation würben


aucty (Dberfdjleften unb (Slafc t>on ben ^efuiten 3wangs*
beFel>rt 3n tttitteb unb £Iiebcrfd)lcficn blieb bie £a ge aud)
-

nach bem Weflfälifchen ^rieben ungePlärt. Wo auf ben $tv*

fplitterten Cerritorien protefhwtifche ^ütrficn walteten, galt

(Bewiffensfreiheit; in bem habsburgifchen <5ausgebiet herrfch*


ten bie alleinfeligmachenben Rutten. Rls ber Raifer jö7? bie
piajtifdjen Herzogtümer Liegniiz, Stieg unb Wohlau rechts*

wibrig als erlebigtes Lehen an fich brachte, gewannen bie

Cfefuiten in ben verwaisen Stabten bie (Dberhanb. Der


3

faiferliche Lanbesherr i^atte ben proteftantifchen Rultus


auf ein paar börfliche „(Bnabenfirchen" befchränft, fic burf-
ten aber nur aus H olz unb Lehm errichtet werben. Rarl XII.
von Schweben vergaffte burd) feine Siege über bas fatho-
iifcfye ^Mitteleuropa ben fchleftfchen Lutheranern lErleichte-
rung. £>ie (Bnabenfirchen würben vermehr, f*c burften jetzt

auch <*“8 ©tein erbaut unb mit Cürmen geziert werben. SDer
Raifer verfprach fogar bie Restitution ber feit J64 8 ben
Protestanten entzogenen Ruit- unb Unterrichtsfiätten, aber
bie Cfcfuiten wußten bie ^ifVorifcf>c Rechtslage fo gefchieft ju
verwirren, baß fich 5740 bei ber preußifchen (DPfupation
eigentlich niemanb mit bem Vurcheinanber ber Rnfprüche
ausfannte.
Rönig ^riebrich verfichert f ogieich, „feine (BrunbfäQe feien
unenblich weit von allem entfernt, was in Sachen ber Reli-
gion nach Verfolgung unb 3*»ang fehmeeft". iS r wolle „alle
Rechte, Gebräuche, Privilegien unb Freiheiten bestätigen,
ohne baß jemanb ausgenommen wirb, nicht einmal bie 3e
fuiten". Unb F r * c beich ift in ber Cat ber erjte beutfehe, ja

europaifche UTonarch, ber mit bem (Brunbfatj ber Coleranj


buchstäblich unb bem Sinne nach völligen £rnjl macht. (Sv

bevorzugt fein Sefenntnis, weil feine Weltanfdjauung


feiner fonfeffionellen Lehre vor ber anbern ben Vorrang
gibt; möge jeber feiner Untertanen felber fehen, wie er feine
Seligfeit fucht unb finbet. Vie 3 cfuiten erfcheinen ihm
baher auch nicht als eine religiöfe (Befahr. Wer ftch etwa
freiwillig von ihnen befehlen läßt, l>at bas mit fi'ch felber
nus^umachen. Wenben ß'e $5rucPmittel, etwa burd) “llus-

nufcung wirtfd)aftli<her HbhängigPeiten, an, fo vergeben fi'c

fid) gegen bas ©taatsgebot bet <5ewiffensfreiheit unb wer-


ben bemgemäß beßraft. fciefer wiHensPlare abfolute
tTTonard} traut fid) bie iCittfiIckten unb «Energien ju, um reli-

giofe ^riebensßorer nieberjuhalten.


2lls ber papß nun ben Cfefuitenorben in ber ganzen Welt
verbietet; iß auch ber preußenPbnig Pirchenrecfßlicb befugt,
bie 23eßfctümer ber ^efuiten in Spießen $u fäPularifieren
unb ben patres ©eelforge wie ÄehrtätigPeit $u unterfagen.
Warum tut er es nichts ©djon 3770 l>at er witjelnb an
X)oltaire gefdjrieben, er werbe „feine lieben tfefuiten, bie
man überall verfolgt, wie ein Poßbares ©amenPorn bewah-
ren, um einß benjenigen bavon mitteilen ju Pönnen, bie
£uß Ratten, biefe Poßbare pflanze ju Pultivieren". «Er l>at
jwar an anberer ©teile geäußert, fo billige Schulmeißer unb
Pfaffen wie bie ^efuiten bePäme er nidß wieber. Slber aud)
bas iß mehr ein ironifdjer «Einfall als eine ßidjhaltige 23e-
grünbung. 5>er «Brunbbeßij <Drbens in ©Rieften beeft
feinen Unterhalt rcicf^licf>. ^riebrich Pönnte ja ben (Brunb-
beftfc einjiehen unb ben jefuitifd>en Äehrern bafür (Bemalt
jaulen. Catfädjlich erfolgt biefe llblöfung aud) fchrittweife,
unb bie ©taatsverwaltung wirtfdjaftet halb höhere «Erträge
aus ben Gütern heraus als bie geißlufyen proPuratoren. «Es
geht bem Äönig im Ö5runbe nicht um praPtifdje Jwedlmäßig*
Peit; er will vor allem bie XTtabelßidje politifdj erwibern, mit
benen il>n ber päpßlicße ^of bebaut h<*tte.

£>ie Äurie nennt ihn nämlich noch immer ben „tTCarP-


grafen von ^ranbenburg", fte erPennt bas Königreich Preu-
ßen nid)t an, weil fie auf bem ©tanbpunPt ßeht, bas ehe-
malige preußifdje (Drbenslanb fei bem £>eutfchen Kitterorben

von ben ^ohenjoHern wiberrechtlich entriflen worben. Wäh*


renb Korn bie bänifefjen unb fchwebifdjen Könige troQ ihres
proteßantifdjen (Blaubens refpePtiert, h<*t man ihn als ben

2ÖO
„gottlofen Berliner tttarquis" gefcfpnätt. &as f>cilige

(Dffijium f>at überbies nocf> feine pfnlofopt>ifcf>en Schriften


als „lügenhaft" auf ben 3nbep ber verbotenen Büdjer ge®

fetjt. ICr möd)te bat>er bie Bosheiten bes Papjtes mit einem
©treid) parieren, ber fo red)t naef) feiner witjigen £aune ifi.

©eit bie ^efuiten bie römifdje Ungnabe ausFoften müffen,


beljanbclt er feine „bons peres Ignatiens“ mit befonberer
^reunblic^Feit.
£Tocf) t\)t ber papfi bas Vetbammungsbreve veröffent®
lid)t, läfjt er ben (Drbensgeneral butd? ein Betreiben feines

Wtinifters Carmer einlaben, ben gefal>rbeten Amtsfis von


Korn na<t Preußen $u verlegen. „Acfy Fann verfiltern",
fcfjreibt bet HTinifier, „wenn ber (Beneral feinen ©i£ in tyi*

ftgen Äanben auffcfjlagen wollte, bafj er bei ©einer HTajeftä't

eine fe^r grajiöfe Aufnahme finben mürbe." 2>er Föniglicte


©pafjvogel meint es bamit auf feine 2frt völlig ernft, er

fürchtet ftd> vor ben patres nid)t, er würbe fie fcfyon in

©<tad> galten, wenn fie wirFlicf> unter bem (Belachter unb


ber £ntrüfhmg ber Parteien in preufjen 3ufiud)t fucfyen
wollten. &iefe grofje Blamage bleibt bem papfi $war er®

Preußen anfäf ftgen „Ignatiens“ gelten auf


fpart, aber bie in
^riebrid)8 Anregungen ein, fte bleiben gegen ben päpfUicten
Willen als <örbensgefellfd)aft beifammen unb geraten jum
Vergnügen bes ttlonarcten mit bem Breslauer Bifrfjof an®
einanber. £>er Äönig ty&t bie Verlefung bes Aufiöfungs®
breves in feinen Äanben unterfagt, ber Bifcfyof fielet nun für
ftd) um „(Bewiffensfreiljeit", er will feine jefuitifcfyen @d)o®
laftiFer mef>r orbinieren, er t<*t ^Ctt fangen
Befehl, „bie Giften unb fd)änblicf)en plane ber Äinber ber
Bosheit, bie in Preußen ausgebrütet werben, $unid}te $u
machen". ^a^relang verfolgt bie Weit mit ©pannung unb
©cf)abenfreube ben grotesFen ÄonfliFt.
Als Clemens XIV. plöigtief) fbirbt, fcfjreibt ber franjöfiftte

Ptilofopt b’Alembert an feinen FÖnigiidE>en ^reunb: „AHe


Briefe aus kom üerfichern, bet 0 ob bes papßes ein
ttteißerßücP ber jefuitifchen kpotbePe iß. konnte £ure
tHajeßä t nicht für biefe Ehrenmänner in ihrem koßeg 3u

Breslau einen Äehtßuhl für Pharma 3 eutiP errichten/ worin


fie fo bewanbert 3 u fein fcheinen," 3Der könig antwortet mit

abwehrenber Äürje: „ttteine guten patres finb in alle biefe

(Breuel nicht verwicPelt." Uber aßmäl)lich wirb er ber fultur-

politifdjen komöbie überbrüfßg, er jief)t bie Cfefuiten wie-

ber aus feiner kampflinie heraus, unb fie führen als „prie*
ßer bes königlichen Bchulinßituts" fortan ein ßißes preu-
ßifches 23eamtenbafein.
*
3u einer viel größeren TDirPfamPeit im kämmen ber
Orbenstrabition gelangen bie Epjefuiten in kußlanb. kai-
ferin katf>arina II. iß bem 23eifpiel ^riebrichs gefolgt; auch

fie läßt bas päpßliche 23rcoe nicht in kraft treten. Bie h Ä *


bie patres ja eben erß in ihren 0 d)ut 3 übernommen; bei ber
Erßen Teilung Polens waren ihr J772 bie weißruffifchen
Gebiete mit ihrer römifd)-Patholifchen 23et>ölPerung juge-
faßen. Einen regelmäßigen öffentlichen 0chulunterricht h«tte
man bisher in kltrußlanb Paum gcPannt. kein tVunber, baß
bie Sarin in ber ^Übungsarbeit ber 3 efuiten, bie ber
XDeßen Böhne ber ^inßernis nennt, eine Errungertfcf)aft

bes ^ortfehritts erblicPt. Bie bürfen fich in Petersburg


nieberlaffen unb bie Er 3 iel)ung bes kbels übernehmen. Vor-
läufig finb fie Plug genug, ihren 23ePehrungseifer ju jügeln
unb fich auf bie £ehrtätigPeit 3U befchränPen, für bie ihnen
bie Regierung im ganzen keiefje knßaltshäufer unb kenten
3 ur Verfügung ßeßt. kus ben unterbrücFten (Drbensproxun*
3 en erhalten fie mehr unb mehr Sujug, fte behalten tarnen

unb 0 rganifationsformen bei unb bilben auch wieber


t^ot)i 3 en aus.
£>ie beiben nächßen päpße, ber fedjße unb ber ßebente
Pius, finb bem aufgelößen 0rben günßiger gefinnt Ulan

262
g tt)t in Äom allmäljlid) $ur ^eimlidjen fculbung bes fefui*

tifcfjen ®piften$fampfe8 unb bann $ur ßiHfdjmeigenben Unter*


ßütjung über. 2Die große fran$öftfcf)e Revolution bringt
einen TDanbel in ber (Beftnnung ber alten i£öfe, bie jegt er*
fennen, welche 0efat>r bie (Beißesfreiljeit für fte felbß be*
beutet. 0n ben meltanfd)aulid>en Stürmen bes alten 3a*>r*
ljunberts bilben ftcf> neue fattjolifcfye 23ünbe, bie bas jefui*
tifdf^e prin$ip mieber auf nehmen unb größtenteils aus alten
(Drbensmitgliebern beße^en. 0n Italien grünbet ber t>errfd)*
füdßige Scfymärmer paccanari, ber ftcfy als jmeiter £oyola
füf>lt, bie w (Befellfcf)aft vom (Glauben 3efu", unb in Belgien
entfielt bie „(Befellfcfyaft vom ^eiligen »£er$en tfefu", bie fiefy

ber parifer propaganba ber liberalen ttlenfcfyenredjte ent*


gegenmirft. £)i e beiben 25rüberfdjaften [erließen ftd) immer
enger ben ruffif<f>en 3efuiten an.
0m tjofjen fatyolifdjen Älerus mirb bie tPieberfjerßellung
bes ßrbens halb mieber eifrig erörtert. £>ie gemäßigte, ein*
ftcf>tige Richtung verfpricf>t fid) bavon nirfßs (Butes; man
müfle bie religiöfe tßintradjt förbern, niefß aber bie XPelt
bes Glaubens burdj eljrgeijige Äampftrupps entzweien. 0n
biefem Sinne äußert fid) aucty ber erße beutfdje Äird)enfürß
jener 3eit, Äurfürß UTapimilian von Röln, tttaria Cl)ere*

fiens jüngßer Soljn: ,,0d) befürchte, baß man, oljne bas


übel $u l>eben, burdj bie \Piebereinfüf>rung ber ßefeHfdjaft
3efu bie GÜärung bloß vermehren, bie Perlegenfjeit ver*
großem tvürbe. 0d) mar gottlob nie tfefui*/ nie 3anfeniß,
nie Sfotiß, nie Cfcomiß, nie Uloliniß, fonbern ßrebte nur
$u fein ein guter <D?riß. £>ie Perfd)iebenl?eit ber gelehrten
ttteinungen unb ber geißlid>en (Drben f?at fo verriebene
^aftionen in ber :&ird>e Cfcrißi hervor gebracht, baß id>

auf bie Perminberung als bie Permefjrung folget Unter*


abteilungen bes Älerus antragen mürbe, menn id> nid)t

überhaupt von VTeuerungsfudjt entfernt märe ... Uls bie

^cfuiten juerß errietet mürben, mar bie Unmiflentjeit fetjr

*6 $
0*o|?; es mar i^tten bemnach leitet, fich bes KHeinhanbels
ber <Belef>rfamPeit unb bes Unterrichte ju bemeiftern. tfefct
ift es nicht mehr fo. £>ie fähigen jungen Äeute finb nicht
mehr Cfefuiten, fonbern bem (Gegenteil zugetan. Tier ^u#
ber alten ^efuiten i# verloren. (Gelehrte, <Beif>lid>e von
^ähigPeitcn unb ejremplarifchcm Wanbel mürben fich gegen
foldje Wiebereinführung aller berjenigen tttittel bebienen,

bie ehemals von ben Cfefuiten fclbft benuijt mürben. Es


mürbe bas P leine Häuflein ber noch reblich cf>rifHicf> T>en-
Penben in (Gärung bringen, trennen unb ben Wiberfachern
nur Vorteile zur gänzlichen Vernichtung ber Religion an
bie i^anb geben."
*
Vie fchärfjten ^efuitengegner ber Seit ftnb natürlich bie

parifer ^aPobiner; mährenb ber SchrecPensherrfchaft Kobes*


pierres merben in ^ranPreich alle ehemaligen Ungehörigen
bes (Gebens ergriffen unb zur (Guillotine gefchleppt. Napo-
leon als politifcher Vollenber ber Revolution t>ätt ft<h natür-
lich für einen überzeugten Wiberfacher jefuitifcher Prin-
zipien; er ahnt nicht, ba# feine Weltpropaganba bie von
ben 3 efuiten zuerft entmicPelten UTethoben einfehlägt. Kls
junger Saifer fchreibt er feinem polizeiminijter ^ouche:
„Beobachten Sie forgfaltig alle heimlichen Begebungen
ber fpanifchen Äoyola-priejler. Sie nehmen alle Krten von
(Beftchtern an. miH aber meber ein ,*5erz 3efu‘ noch eine

,
23 rüberfchaft bes heiligen SaPraments', noch irgenb etmas,
mas einer (Grganifation religiöfer tttiliz ähnlich f*et>t. Tei-
len Sie ben RebaPteuren mit, ba# ich ben Namen ber
3efuiten überhaupt nicht genannt miffen miH. KHes, mas
bie Rebe auf biefe GSefeUfchaft bringen Pönnte, foH in ben
Leitungen vermieben merben, ich merbe nie bie Wieber-
einführung bes (Gebens erlauben, jebe Erörterung barüber
nütjt lebiglich unfern ^einben."

^ouch^s geheime übermachungsPanzlei, beren ^äben burch

264
ganj Europa laufen, ifi freilich ganj nach jefuitifchen X>or*
bilbern eingerichtet; er bebient fi'ch für feine unterirbifchen
3wed?e mit Vorliebe Politiker „Konvertiten" aus ber alt*

feubalen <BcfcHfef>aft unb weif? baher gan$ genau, bei welcher


angeblichen polnifchen Cänjerin etwa ber öfber r eichif d^e

Äegationsrat geftern abenb foupiert h«t- CaHeyranb, fein


(Benoffe unb Konkurrent in ben Künften ber (Beftnnungs*
lofigfeit, fyat Mouche nicht mit Unrecht als ben „neuen
poüjeijefuitcn Europas" befpöttelt.

Als Napoleon ben ^elb$ug gegen Kujilanb vorbereitet,


leiden bie ^efuiten bem 3aren bie bejien Kunbfchafterbienfte.

Sie finb nun in ber ruffifchen tUelt längß fjeimifeh ge-


worben unb genießen bie f>öchf^cn £heen. Kaifer Paul I.

hat ihnen bie Univerfität YPilna ausgeliefert, bie nun noch


einmal bie barocke Kulturfcholaftik verblichener 3eiten fünft*
lieh Aufblühen Iäfit. Om 3<*h^e j$oj {teilt papft pius VII.
burch bas Sreve Catholicae fidei bie (BefeUfchaft 3efu als
eine Schulkongregation für Xu^lanb wieber her. 3eigt wäh-
len bie patres wieber einen (Beneral unb betrachten Aufj*
lanb als ihr Sprungbrett für neue tPeltunternehmungen;
fie fehiefen auch fchon wieber ©enbboten nach Spanien unb
Neapel aus, wenn ihnen bort ein politifches Lüftchen lächelt.

Pertreibt man fie wieber, fo fchabet bas nichts; fie rechnen


nicht mit längerer $>auer ber napoleonifchen i^errfchaft, ber
„^öttenfaifer" werbe noch früh genug bem Äichte bes (Blau*
bens unterliegen. Napoleon weif; bie (Befahren, bie ihm von
ben tfefuiten in Kufjlanb brohen, ganj richtig $u ermeffen.
3u feinen Kriegssielen im (Dften gehört auch bie „enbgültige
Ausrottung biefer pfaffengefeüfchaft, bie ftch in bie äufjer*

{ten tPinkel bes Erbteils verkrochen h at,/ * 3Da$ aber bie


(Dfenheijer unb (Befchirrwäfcher in ben von ihm befetjten

ruffifchen Schlöffern Cfefuiten fein könnten, kommt ihm nicht


in ben Sinn. Auch bie eingefangenen Säuern, bie ben fran*

SÖftfchen Gruppen falfche Wege burch bie «Binöben weifen,


(teilen fid) fo bumm an, baßman fie niemals für gelehrte
Patres galten würbe.
3n ber Seele Äaifer Rlepanbers von Ruf?Ianb, bes jüng*
fien fürfHid)en ^efuitenproteftors, mifc^en ftcf> phantafiifth
bie alten aufflärerifchen unb bie neueren romantifchen Vor*
Teilungen. Vie patres beflärPen ihn in feinen myfiifchen
planen, bie auf eine chrifHich'patriarchalifche tVeltbeglücPung
abjielen. 3Dic Obeen ber „^eiligen REians", bie Europa
politifch unb PuitureE befrieben foEen, machen ihm bie 3e*
fuiten in (Befprächen unb in VenPfchtiften ihrer mittels*
männer fo munbgcrecht, ba$ er fte für fein eigmftes (Beban*
Pengut ^ält. £r fchwärmt von einer cfjrijUidjen Üiinheits*
religion unb möchte feine griechifche Rirche fo umbilben, baf?
jebes Schisma fällt. ÜDaju fiubiert er bas Prayerbook. ber
englifd)en «gochPirche cbenfo wie bie neuherausgegebene
Staatslehre bes jcfuitifcf>cn Philofophen 23eHarmin. Va bas
Papfhum in ber napoleonifchen tfra entmachtet ijt, fielet

es jefct fo aus, als PÖnne man bie Rechnung ohne Korn


machen. 3Da$ bie 3 efuiten biefe unklaren romantifchen Cräu*
mereien an feubaten Kaminen für nebelhafte DEuftonen
halten, verfchweigen fte wohlweislich/ fte trollen ihre wirf*
liehe JuPunft, f obalb es bie Umfiänbe julajfen, wieber eng

mit bem papfitum verknüpfen.


*
3m ^rühfahr * 8)4 Pann pius, ber feit einem 3ahr$ehnt
halb hier, halb bort, bie gewalttätige „GSaftfreunbfchaft"
Napoleons genoffen wieber bie ^errfchaft über ben
Äirchenfiaat antreten. Ver Sturj bes Torfen h«t bie £age
in Europa von (Brunb auf gewanbelt; man weif? noch nicht,
ob bas Rab ber ©efchichte vorwärts ober rücPwärts rollen
wirb. Vie ^efuiten ftnb jwar bie Verbünbeten ber legitimen
tttonarchen im Kampfe gegen bie ßeiftesmächte ber liberalen
unb nationalen Revolution, aber fte woüen viel bewußter
unb entfehiebener in bie Rultur ber Vergangenheit jurücf.
$>er Papji gewährt i^nen fefct mit ^reuben bie offizielle

£Te ubejtätigung burd) bie ‘Eirene. %m 7 * Eugufi j8j 4 feiert


Rom bie VTeubegrünbung bea ^fefuitenorbena mit fcfilidjem

<J3ep ränge. £>ie ^at>nen weiten, alle (BlocPen läuten, unb


Priegerifrf> fragen bie Söller. $>er papfi, von ben Pete,
ranen bea (Drbena begleitet, beugt baa ȣaupt vor bem be.
Pränjten Stanbbilb bea ^eiligen Dgnatiua in ber petera.
Patyebrate, $u beffen ^üfien ftd) baa fdjeufjlicfye Ungeheuer
Prümmt, ber SDämon ber Retjerei. ÜDann wettbet ftd) ber
Zug mit tTTufiPdjören, ^eiligenfa^nen unb Reliquien nad)
bem <Befu, ber alten ^auptPirdje ber 3efuiten, beren weit,
räumiger, barocPer prad)tbau ^eute ber (BefeHfdjaft 3efu
3urüd?verliet)en wirb. ^ier erwartet ben Papjl ber Pater
senex bea (Drbena, ber f>unbettfecf>aunb$wan$igjät)rige Klbert
be ttlontalbo, ber im 3af?re 1706 baa ßelübbe abgelegt f>at
unb fomit fcfy?n l>unbertad>t lang bem 0rben an.
gehört. „0et>t, weld) ein Äebenawunber bea »£öd>jten", ruft
ber ergriffene papft, „möge bie <Bnabe, bie auf biefem
Sterblichen ru^t, ein Symbol für bie UnfierblidjPeit bea
3efuitenwerPea fein!"
£>ie näd>fien ^atjre geben bem wieberljergeflellten (Drben

nur einen fel?r befdjränPten Spielraum, er Pann fid> nur in


ben italienifcfyen Staaten unb in Spanien vorwagen. 3Die
(Brojjmäc^te fürchten feine äJinmifd)ung in ben Wiener
Rongre#; „wir l>aben an einem Weftfälifdjen ^rieben genug",
fagt ber preufje Wilhelm von i^umbolbt, ala bie Ruffen
bei ber Sehanblmtg ber fctywierigen polnif^en ^rage ein
Sdjriftftüd? vorlegen, baa offenfid)tlid) ber ^efuitenfeber
entstammt Eud> bie Euaeinanberfe&ung mit tyren erwar.
tungevoUen Untertanen mödjten bie Regierungen ohne jefui.

tifdje (Buertreibereien vornehmen, benn man barf ben patrea


burd)aua 3utrauen, bafj fte ftd) baa weltanfdjauliche 3tmelidjt
für unPontroDierbare 3t»ed?e ^unu^e machen möchten.
55er 0rbenageneral Cl^abbäua Srjojowffi ift pole unb
ceftbiect aud) tveitec^in in Xufftanb; ec mal>nt feine 23cttbec

$uc Pocfidjt bei tycem tDiebececfdfeinen in Blittel» unb


tDeffeucopa; baciibec Fommt es bei ber gefundenen SDifji»
plin, bem natüclicffen iFcbe bec XJecbotsjeit, ju heftigen
neuen Sluseinanbecfetjungen. £>aff Aber bec (Dcben im (Bcunbe
gan$ bec alte geblieben iff, baff ec feine Dbeale, feine pcad»

tiFen unb feine ^elffec beibeljalten f>at, jeigt ftd) gecabe in

biefen lebten 3at>cen feinec cufftfcfyen CätigFeit. £>ie „^eilige


llllianj" iff Fein von Kom aus gefpieltes CJnflcument ge»
tuocben, fonbecn ein tDeitjcaucfytempel bec monaccfyifdjen
unb biplomatifdfen ißiteldeiten; es lol>nt fid) fiic bie patces
ni d)t, mit bem glatten 0FeptiFec ^ciebcid) von (ESenfc, bem
pcopaganbiffifdjen 0pcad>col>c bec 0iegecmäd>te auf ifjcen
Äongceffen, um eine politiF bes n?at>cen (Glaubens ju
macFten.
£>acum legen fte je# bas ^auptgemic^t auf bie Batljoli»

ftecung Kufflanbs unb entfeffeln einen ÄultucFampf, in bem


bie (Dbecfdjidjten bes 3acenceid)es $um erffen Btale in ffäc»
Fece geiffige 23et»egung gecaten. SDec Äaifec \)at bec eng»

lifdfen 23ibelgefeHfd)aft Privilegien vertiefen; fte füf>ct bie

^eiligen Steiften in ben veefdfiebenen 0pcad)en bes (Dffens


ein; bie Blaff enauf lagen ecmöglic^en einen fo billigen peeis,

baff fid> alle ÄefeFunbigen bas ^eilige 23 ud) bec Cl?ciffen^eit


anfdjaffen FÖnnen. t^un tvettecn bie patces gegen bie

Äetjecei bes 23ibellefens / fie fangen fogac mituntec bie

BüdfecFiflen ab unb vecbcennen fte bei 3ugenbum$ügen auf


ben 0d)eitecl?aufen. 3n ben Kanbgebieten ^etjen fte bas
niebece X>olF bec ICffen, Äetten unb Äitauec gegen iljce

„lutljecifcfyen Cycannen" auf. 3Die miffenfd)aftlid> oft cücF»


ffänbigen cufftfcfjen Popen machen fte als £)ummFöpfe
lad)eclid>. 2ln bec tDolga unb am 0d)tvac3en Bleec vec»
fud)en fie von iljcen Bliffionsffationen aus Blaffe nbeFeljcun»
gen in 0jene $u fegen. Anfangs traben fte babei jiemlid)
leistes 0piel, ba bie cufftfd>»oct£obope Äiccfye ftrf> ebenfo»

16 $
wenig wie feie proteflantifehe für aÜemfeiigmäcfjenb t?ält unb
überbies weber auf Eingriff noch auf llbwehr eingekeilt ift,

3Die jefuitifdjen profelytenmacher ^«ben auch beim ruf*

ftfchen 2lbel,.ben ber hift^rifche VJimbus bes papfitums unb


ber fatholifd>en t^öfe locft, mancherlei überrafchenbe £r*
folge; aber gerabe biefe foHen bem (Drben verhängnisvoll
werben. Äaifer Ulepanber fietyt feine Craumphantaften von
einer neuen chrifilid)en Una sancta unter feiner Rührung 5 er*

rönnen unb fühlt ft<h auch *><>» einem jtürmifchen, $ e rrütten*


ben 2teiigionswirrwarr bebrängt. £>ie Sdjulb ber CJefuiten
liegt offenfunblich jutagej lllepanber entzieht ihnen je^t
um fo leichteren ^erjens feine G5unjt, als ihm jefct auch
fchon einhcimifthe £ehr?räfte 3 ur Verfügung ftehen. (Bin
Petersburger 25efehrungsffanbal bringt ben Äonflift $wi*
fchen Staat unb Crben jum fraffen Slusbrud). £>er junge
^ürft <E5ali£in, einer ber vornehmen unb reichten 8Ta*
gnaten bes *£ofes, wirb unter bem cCinfluj? ber patres von
einem wilben Henegatenfieber ergriffen. Ißr f>üllt ficf> in ein
grobes 2$ufjgewanb, behängt ftch mit ^eiligenbilbern, jieht
Litaneien ftn 0 cnb unb prebigenb burch bie Strafen unb will
feinen riefigen ^amilienbefi^ bem (Drben fchenfen. &amit
ift bas tttafj voll, ber Äaifer befiehlt im HTätj ) 8 io bie

Kusweifung ber Cfefuiten aus bem ganzen JUid), nachbem er


fle fchon vorher aus ben beiben ^auptjtäbten verbannt h<*tte.

3n bemfelben 3 ahre werben fic nach «wer GafiroHe in


Spanien auch bort fchon wieber burch „bas 25rüHen ber
^öUe" vertrieben. So nennen fit bie fpanifchen Cortej, in
benen bie liberale Verfaffungspartei bie (Dberhanb h«t. $>en
aus <Dft unb Weft Vertriebenen öffnet jetjt bie öfterreidjifch*

ungarifche £>oppelmonarchie jögernb ihre Core. 3Der all*

mächtige metternich ift als weltlich gerichteter Diplomat

Z69
jroar nicht tl>r ,$reunb, aber ec tmH ben Verfug machen, ob
ße ihm in ben fycfycten Qtänben eine juverläfßge 23ilbungs-

fchidß ^eranjiet^en, bie ihm ben Rampf gegen bie nationalen


„Demagogen" führen hilft* 30ie religiöfen <Beßd)tspunl?te
finb in ber erßen ^älfte bes jo. 3af>rt>unberts für bie
monarcf>ifd>en Regierungen nicht ausfdßaggebenb; bet Rultur-
fampf enttricPelt ftd^ vortviegenb in ben (Begenfronten ber
ßaatlichen Revolution unb ber Rcßauration. £>er Rlerifalis-
mus wirb als römifches Willenspcinjip ecß mieber felbßän-
biger, als bie großen allgemeinen (Beßaltungsfragen bes
^ecfaflungslebens unb ber Reichsgrünbungen in £>eutßh-
lanb unb Italien ihrer Äöfung entgegengeben.
JDrei (Brunbfräfte beßimmen Werben unb Normung biefes

tfahehunberts: bie vielverjtveigte liberale &etvegung, bie


fonfervative ^eubaltrabition unb bas tömifche Rultur*
bogma, beffen ßarrec Rern von eiaßt f eben Jütten umgeben
iß. £>er ^efuitismus ber päpßlichen Sphäre jugleich
ben feßen i£alt unb bie operative HeichtigPeit. 3Die 3eit ber
wilben (Blaubensfämpfe unb ber fonfefßoneHen 23efehrun-
gen iß vorbei, es f>anbelt ß<h je$t um bie Rnlage unb ben
Rusbau kultureller ^eßungstuerfe auf bem behaupteten Soben.

Wenn man bas Sähilum gemeinhin bas liberale nennt,

fo gilt bas mehr für bie äußeren ICrfdjeinungen als für bie
innere £age, bie in ben ßärfßen Wiberf prüfen gefcf>icf>tet

iß. Wir finben bie fonfervativen Rcäfte jcitweilig mit ben


flerifalen, fpäter ebenfo häufig mit ben liberalen verbünbet.
RleriFalc unb liberale betrachten ßch aber als unverföhn-
liehe (Begner. Üirß ber Iftiebergang bes parlamentarifchen
©yßems unb bie politifche Ratloßgfeit nach bem Weltkriege
ermöglicht in £>eutfd)lanb bie n>eltanfchauli<h naturoubrige
3ufammenarbeit ber Linksparteien mit bem römifch orien-
tierten Zentrum.
£>ie 3efuiten fyabtn bem mobernen Rlerikalismus in

Europa ben Weg gebahnt unb ßd) fclbß bei biefer Pionier*

170
arbeit oft als ber vorberße verlorene «$Aufc für bas papß*
tum aufgeopfert. Sie müßen an (Blanz unb ttlac^t viel
preisgeben, aber fte fyabtn bie 3erfeQungskrifen Über*
wunben, bie ben (Drben im 3eitalter ber Aufklärung auch
von innen f>er bebrot>t Ratten. Ver häufige Kegimewechfel
unterbem &rucf jener neuen Staatsmacht ber öffentlichen
Meinung führt jetzt recht oft zu ihrer Vertreibung unb
Wieberzulaßung in ben einzelnen Äänbern. Sie werben ba*
burch noch hcimatlofer unb verlieren allen feßen irbifchen
Schief falaboben unter ben ^üfjien. in biefen Epochen ber
fortfd)reitenben nationalen Sammlung wirken fte baher
immer fchemenhafter unb abßrakter. tVeil aber ihr weit*
lichea (Bepäcf allmählich immer geringer wirb, trifft fte nun

auch bi® Ausweifung aua biefem ober jenem Hoheitsgebiet


immer weniger.
in ben proteßantifchen Staaten, wo bie Katholifen nur
eine winzige tttinberheit bilben, iß ber (Drben vor Perfol*
gung am fteberßen. t^itv können bie CJcfuitcrt feinen Einfluß
auf bie Rührung erßreben, unb bie religiöfe
politifche

Sefenntniafreiheit verßeht ßch von felbß. 2>arum grünben


bie patres jetzt in Hoflanb/ Üinglanb, Sfanbinavien unb

auch in ben Vereinigten Staaten von Amerifa jahleeiche


(Drbensßge; \)itt richten fte ihre Ausbilbungsanßalten unb
ihre UTifftonszentralen ein. ttluß bie aftive Kampftruppe
ein Äanb verlaßen, fo finbet fte in biefen Stätten 3ufludjt
unb Kühe z«m neuen piänefchmieben.
Vie finanziellen UTittcl müßen natürlich in fatholifchen
(Bauen aufgebracht werben. Uber bie weltwirtfchaftliche
Freizügigkeit bes (Belbes, bie im j$. iahrhunbert halb feine
Hemmung mehr fennt, geßattet ihnen jebe beliebige über*
tragung ber 2$eftfcwerte. 55ie moberne 23etriebsform ber
klerikalen internationale iß völlig barauf angewiefen, vor
keiner Äanbesgrenje h<*l* machen zu müßen. Sobalb ber
überßaatliche Verkehr ins Stocfen gerät, ßnb bie römifchen

*7 )
0rben gezwungen, entweber bic ihnen fo unbequeme Zat*
fache bea nationalfiaatlichen ICigengefchicFa ju refpeFtieren
ober ungefetjlid) ju hobeln. Äeiber haben fit ftch ihrer
(Beifteahaltung gemäfc in vielen Ratten jum Ungehorfam
gegen bie Staatagefefce beflimmen laffen. Sie gebrauten
bann gern bie faule Ruarebe, bafj ihre „provinjen" älter
feien ala bie Staategebilbe.

£)er fähigfle unb entfchloffenfie ^fefuitengeneral ber neuen


Seit ifl ber ^oßänbifd)e pater Roothaan. 3n fein tfeneralat,
baa von )$z9 bia )$?? währt, fallen bie beiben internatio*
nalen Revolutionen ber liberalen Sturmgef eilen. f£r fteuert
ben (Drben mit Falter £ift an ben gefährlichen PolFaflrubeln
vorbei, fo baf? er von ben politifchen £j;pioftonen wenig be*

troffen wirb. On einem RufFlärungabrief an bie liberale


Weltpreffe entwirft ber (Beneral Fur 3 vor bem „tollen

CJahr" 1848 von bem tDefen unb ben Sielen ber ^efuiten
folgenbea t?armlofe 23ilb; „5>ie tTCitglieber ber (Sefetlfchaft
Cfefu gehören nirgenba einer Partei an. Unfere (ßefellfchaft
ifi ein religiöfer (Drben, fte verfolgt Feinen anbern 3wecF
ata ben, welcher in ihren Statuten vorgefTrieben fleht; bie
£f)vt <0ot tea unb baa ^eil ber Seelen. RIlea anbere unb
namentlich bie politiF ifl ihr fremb, fte hat ihr ScfpcFfal nie
an baa einer Partei gcFnüpft, weil ihre h^h crc
tttiffion eine

ifh KHcrbinga hat bie Perleumbung bie unehrlichen 3nft*


nuationen verbreitet unb bie CJefuiten ala politifche Dntri-
ganten hingefieHt. Rber ich fehc noch immer bem 23eweia
entgegen, bafj auch nur ein einiger ber (Drbenaleute ftch in

biefem punFte von bem <35eifi unb ben beflimmteflen Por*


fchriften unferer Statuten entfernt habe @inb bie poli*

tifchen Dnftitutionen einea £anbea mangelhaft, fo tragen bie


CJefuiten ihre fehler mit (Bebulb, vervoUFommnen ftch bie*

felben, fo freuen fte ftch über fold)e Perbefferungen von


.

Kerzen, gewinnt baa Volk neue Rechte, fo nehmen fte ben


(Benuß berfelben auch für f«h in Hnfprud) .

Hur biefer letzte t^inweia ifi tjalbtuega aufrichtig; fie

nehmen in ber Cat ben politifchen (Benuß ber bemokratifchen

£rrungenf (haften für ft<h in Hnfpruch, aber nur um baraua


reaktionäre Folgerungen abzuleiten. Wenn ea um baa Schuf-
wefen geht, freuen fie ftch burchaua nicht, in baa parla*

mentarifche „(Bebrüll ber ^öUe" miteinzufhmmen. Oh f kul-

turpolitifchea Hauptziel bleibt bie Knebelung bea Unter-


richte burch ben Willen ber Rirdje. Uber fte nennen biefe

Unterwerfung bea Bilbungawefena jeigt mit zeitgemäßem


Schlagwort „Unterrichtafreiheit". darunter vergehen fie

bie Aufhebung ber ftaatlichen Unterrichtahoheit unb bie


Hnerkennung bea <Brunbfafcea, baß Unterweifung ber ^u-
genb eine Privatangelegenheit ber Eltern unb Vormünber
fei. Huch in ben katholifchen Äänbern ftnb bie Regierungen
jetjt mehr unb mehr einet fachlichen £eziehungaweife ge-
neigt; (Befeuchte, Volkatum unb Literatur foKen baher nicht
mehr unter einfeitig römifchen (Beftchtapunkten gelehrt wer-
ben. (Begen biefen mobernen £ehrgrunbfag, ber bie welt-

lichen Rräfte zum ileitgebanken ber «Brziehung macht, feftcn


bie patrea bie katholifche Bevölkerung in Bewegung, fte

grünben Vereine unb preffeorgane, um bie gläubigen Eltern

Zu fireng klerikalen Fächerungen aufzurufen; baa katholifche


Volk foH für feine Äinber Schulen verlangen, bie bem
(Beifte bea tfefuitentuma bienen.
5?a bie Schulbilbung im jo. CJahrhunbert baa wichtigfte
tttittel für ben bürgerlichen Hufjtieg wirb, wollen ftch bie

Völker aber ein rückßänbigea Schulwefen, in bem ftch etwa


bie Haturwijfenfchaften nach biblifchen Wunbergefchichten
Zu richten tyahtn, burchaua nicht gefallen laßen. £>er h«w-
figen Vertreibung ber patrea aua ben katholifchen Staaten
liegen jefct immer Schulkonflikte zugtunbe, auch »enn eine
anbere fenfationeKe Cageafrage ben äußeren Hnlaß gibt.

SdjuKjf.Pfatljtr, Do» 3 u
e f t t(n *^ u<$ *75
Spanien verfliegt ftd) ihnen )$i$, )8st unb )$68, portu*
gal )$k »mb jsjp, VJorbitalien 1848 unb j 8f9, ^ranfreich
)8z8 unb )88o, Htepifo )8z) unb j 87 f, Braftlien jsj6 unb
JS74. Sobalb in ben ^änbern, bie fte i?inau9getuorfen Ijaben,
eine flerifale Strömung vorbringt, tauben fte wieber auf,
erfl tyeimlid) unb vorftchtig, bann immer öffentlicher, unb
}ule$t gebärben fte Vorfämpfer für ben
ftch als bie alten

„heiligen Beßanb ber $otte9orbnung, bie feinen Bruch be9


Geföttyew in Vergangenheit unb Gegenwart fennen barf".
3n ber Schwei} verfugen fte in ben vierziger fahren
noch einmal einen ITTachtPampf mit friegerifchen Gewalt*
mittein. Von ben brei fatholifchen Kantonen aus trachten
fte ihre Schulpolitik auch in &ie übrigen (Baue be9 Schweizer*
lanbe9 hinein }utragen, werben aber aua.Äujern, ba9 fie fdjon
für erobert halten, burd) bie evangelifcf)e Abwehr wieber
vertrieben. Vfun organifieren fte mit UTctternichs Unter*
jiüQung einen politifchen Sonberbunb ber flerifalcn Gemein«
wefen ber Schwei}. 3Die beiben Gruppen greifen }u ben
Waffen, ber erfie Vorfiofi ber ^efuitengegner wirb blutig
}urüd?gewiefen; aber in bem Bürgerkrieg von 1847 werben
Sonberbünbler unter fo ftarfen militärifchen
bie fathvlifchen

Brucf gefegt, bafj fte ihre plane aufgeben unb bie »Einheit
bes £anbe9 wieber anerfennen müffen. Ber ^rieben9fchiufj
bringt bie vöSige 2lu9weifung ber Cfefuiten au9 ber gan}en
Schwei}, £9 ift ba9 3ahr, in bem ber <Drben9generat
Koothaan ber Welt einreben will, ber (Befe&fchaft 3efu fei

bie politif unb bie weltliche parteiung völlig fremb.

Bie nationalen £inheit9beftrebungen in Beutfchlanb unb


in Italien betrachten bie Patre9 mit Unwillen unb Beforg*
ni9, benn fte fehen vorau9, bajj biefe Äeich^grünbungen ent*
fcheibenbe Siege bes mobernen t?ationalgebanfen9 barfteQen
würben. »Ein geeinte9 Italien fann nicht bauernb auf ben

*74
Äirdjenfiaat versiebten; unb wenn 5 er papjt aufhört, weit*
lieber i^errfcher 311 fein,, wanFen bic alten ^unbamente ber

römifchen macht. Ills ber piemonteftfche tttinifierpräfibent


Cavour an bie Spifce ber italienifchen ttolFsbewegung tritt,

arbeiten bie ^efuiten ihm mit fieberhaften Dntrigen baheim


wie im lluslanbe entgegen. 3 n piemont hatten fie fid) feiert

ein unvergeßliches CoEhausfhicP geleitet. Sie betörten


ben vierunbfechsigjährigen Äönig Äarl £manuel 3u reit-

giöfer Schwarmgeifterei; er trat, als er beshalb ber Ärone


entfagen mußte, als Novise in ben <Drben ein, beffen Äleib
er bis su feinem Cobe trug. 2>en epFöniglichen pater hatten
fte 3U einem phantafiifchen Cejtament veranlaßt. SDarin for-
bert er, man folle ihm in Curin ein SDenPmal fetjen, bas ihn
in 3efuitentracf)t mit ber Ärone 3a ^üßen barßelle. Natür-
lich hatten Regierung unb 1?olP ein folches Sinnbilb bes
Äirchentriumphs über bie weltliche ^errfchaft als entwürbi-
genb unb närrifch verhinbert.
3n ben italienifchen ^reiheitsPampfen bes Jahres
werben nicht nur bie (bflerreidjer gefchlagen unb verbrängt,
fonbern auch bie jefuitifchen Quertreiber. Tlls ber ^rei-
fchärler (Garibalbi Fürs barauf feinen abenteuerlichen 3ug
nach Öijilien unb Neapel glücFlid) voHenbet, muß ber (Drben
auch int Süben bas ^elb räumen. Noch bilbet ber Äircben-

ftaat bie trennenbe SchranFe für Otalien unb bas SottwerP


ber altrömifchen papßherrfchaft. Napoleon III. hatte JS49
bie aufßänbifchen römifchen Patrioten nach einer fd)weren

23 efd)ießung ber Äwigen Stabt auf bie Änie geswungen unb


ben geflüchteten Papfi surücFgeführt. Solange ber PleriPale
Nachfahr bes großen Äirchengegners ^onaparte in ^ranP-
reich gebietet, Pann ftch ber Papft in feinem umbranbeten

(Gebiet noch siemlich ftcher fühlen. 'Jlber bei ber nächflen


X>erfd)iebimg im Syftem ber europäifchen (Großmächte muß
ber Rirchenflaat zwangsläufig ber UmPIammerung burch ben
italienifchen Nationalismus erliegen.
3e fthwieriger ftd) bie weltliche Situation bea papfituma
gefaltet, beflo ftärfer wirb ber Einfluß ber 3 efuiten im
Patifan. papft unb tSturie machen fid) bic fompromijjlofen
Katfchläge bea (Drbena $u citfen. \Daa bie römifd)t Äirche

an realen Machtmitteln verliert, foU fie butd) Perfchärfung


ber (Bewiffenabiftatur erfetjen. Swifchen j 86 o unb )$70 fefc-

ten bie 3 efuiten bie unbebingte Anerkennung ber fchroffen


firchentechtlicf)en Äef>ren burch, bie im ) 7 3 «h c ^ ün *>crt
*

ihre gelehrten Häupter UTolina, Suarej unb 23eßarmin


entwicfelt Ratten unb bie bisher auch in ber fatholifd)en
XPelt umfiritten waren. 3e£t wirb bie jefuitifche Moral-
Geologie als richtunggebenbee Prinzip für bie Sünben-
Vergebung f eftgelegt. SDer „(Bro^e Syßabua" von 4 ver-
bammt baa nationale Staatarecht. unb fpric^t bie unbebingte
Überorbnung ber fanonifd^en (Befefce aua. 3Der römifchen
ISurie foß baa aßeinige Urteil barüber jufiehen, welche
öffentlichen fragen ale geiftlichea Aefervat $u betrachten
ftnb. 3Die Krönung ber entfchloffenpn Jtüdfmäriareform ins
Mittelalter ifl bie Unfehlbarfeit bea papftea, bie baa Pati-

fanifche Äonjil im Schief falejahre )$ 7 o )um unumflöfjlichen


2>ogma erhebt. $)ie fatholifchen Bistümer verlieren ihre
nationalen Porrechte, bie ®piffopate werben bem Xömifchen
Stuhl bireft unterfteUt. Unb bamit ift eine ^orberung er-

füllt, bie fchon Äoyola propagiert hätte, um bie boben-


ftänbige 23if<hof amacht ju fchmälern.
Hun \)at fich jwar bie päpftlid)e Hierarchie gebanflich
voßenbet, aber im gleichen 3 <*hrc h Ä * tcn *>ie föniglich italie-

nifchen Cruppen ihren ifinjug in Aom. 3Der beutfehe Ärieg


gegen ^ranfreich beraubt ben Papft feiner letjten (Brof;-

machtftü^e. £>ie (Brünbung bea proteftantifchen beutfehen


^aiferreichea bebeutet für bie XDeltpolitif bea Äatholijia-
mua einen fchweren Schlag, ber ultramontanen tPoge ift

bamit ein fiarfer Wall entgegengefetjt. Solange bie politifd)e

3 ufunft Peutfchlanba unentfehieben war unb öfterreid) ftär-

27(>
fere Crümpfe als preußen $u beßgen fchien, t>attc ftdf) bie

römifche Birdie um bie innerbeutfche AuseinanberfeQung

wenig geflimmert. Unter ber Regierung bes preußifchen


Bomantifers ^riebrich Wilhelm IV. erfreute ftd^ ber
römifche Bultus im Bheinlanb fogar befonberer staatlicher
Pflege. £rß in Bismarcf wittern bie Ultramontanen ihren
(ßegner aus norbifchem Dnftinft unb politifchem Weitblidf.

Vtoch ßeht preußen wie $u ^riebrichö bes (Broßen Seiten


ben ^efuiten offen, ba ber Anlaß ernßeren Bonfliften
bisher fehlte. Sie grlinben baher im ^ahre j86j, alfo gleich
nach Bismarcfs Amtsantritt, ein £ehr- unb propaganba-
inßitut in Utaria-ilaacb bei Anbernadf. Dn ben „Stimmen
aus UTaria-Äaach" eröffnen fte einen Agitationsfelbjug für
bie neuen £ehr» unb UTachtanfprüd)e bes papßtums unb
gegen bie mobernen „Drrtümer" ber nationalen Bewe-
gungen. Dm fatholifchen Abel bes Bheinlanbes wißen fte ftd)

bie feße (Befolgfchaft $u Ochern; bie ^örberung, bie fte bort


finben, mißbrauchen fte halb. Ber fanatifche Blerifalismus
geht unter ihrem «influß in Staatsfeinbfchaft über. Bei
einzelnen biefer mußpreußifchen Schloßherren bürfen bie
Patres es wagen, währenb bes Brieges von )S66 für ben
Sieg ber ößerreidjer unb währenb bes beutfehen Bampfes
gegen ^ranfreich fogar für ben Sieg ber franjößfehen Waf-
fen ju beten.
VJach ber Beicßsgrünbung, bie in ber jefuitifch gelenften
auslänbifcßen Bleriferpreffe ein (Bewaltßreich bes gottlofen
Bemagogentums genannt wirb, bereitet Bismard? fein

BeicßsgefeQ gegen bie tfefuiten vor. Dm (Dftober )87) faßt


ber Beutfche proteßantentag eine iCntfchließung, in ber es
heißt: „Ber ^efuitenorben beßebt burchweg aus UTitglie-
bern, welche ihrer Familie, ber bürgerlichen OBefeHOhaft unb
ihrem Baterlanbe entfrembet finb ... ISr fucht bie mittel-

*77
alterliche ^errfchaft bet römifchen Hierarchie über bie
(Beifier $u erneuern iinb $u verfchärfen unb bie päpjtliche
(Dberhoheit über bie dürften unb VÖlEer mieber aufju-

richten* Cr fiört unb untergräbt ben ^rieben ber Familien


unb bebroht bie für ben 25efianb unb bie (Entmicflung ber

Aonfeffionen unerläßliche (Bleichberedjtigung . . . (Er verbirbt

bie (Erziehung ber 3ugenb burd) geifiliche Vreffur, burdj


(Ertötung ber Wahrheitsliebe, burch Vernichtung getviffen-
hafter SelbfitätigEeit, burch fElavifche Unterwerfung unter
bie Autorität ber Hierarchie . .. (Er beförbert ben Aber-
glauben unb beutet bie Schwäche ber Utenfchen $ur Verm eh'
rung feiner Aeichtümer frevelhaft aus ... Varum forbert
ber 2Deutfd)e protefiantentag bas staatliche Verbot bes
tlefuitenorbens in Veutfchlanb unb betrachtet es als Pflicht
ber beutfehen Elation, mit aller Araft bahin $u wirfen, baß
jebe WirffamPeit in ber Schule unb in ber Kirche ben An-
gehörigen ober Affiliierten bes Cfefuitenorbens verfchlof-
fen werbe."
23ismarcE erflärt vor bem Aeichstag, er fehe bie eigent-
liche 3efuitengefahr nicht in bem religiöfen (Blaubeneeifer,
fonbem ihrer internationalen Verflechtung, in „ihrem
in

Äosfagen unb Hoslöfen von aßen nationalen 23anben unb


in ihrer 3erftörung unb 3erfeftung ber nationalen &anbe,
überall, wo fie h^fommen". Om CJuli )$7t Eommt bae
beutfehe Aeicfjsgefefc gegen bie 3efuiten jufianbe. (Es unter-
fagt ihnen bie (Errichtung von VTieberlaflungfen, bie Abhal-
tung von Volfsmifftonen unb jebe anbere Cätigfeit in Airdje
unb Schule. 3Die Äänberregierungen ererben ermächtigt, bie
©rbenemitglieber, fofern fie frembe Staatsangehörige ftnb,

ausjuweifen, unb ben Onlänbern ben Aufenthalt in befiimm-


ten 23e$irfen unb 4>rten $u unterfagen.
23alb bar auf muß 23ismartf ben großen, langjährigen
Aulturfampf gegen bie römifche Airche aufnehmen. Wenn
auch bie patres babei nicht mehr offiziell mitwirfen fönnen,

*7 8
iß bie Patholifche Strategie unb SaPtiP in biefem Gingen
bod) echteße 3efuitenfcf)ule; unb bie Verbannten traben bie
(Genugtuung, ben großen Staatsmann babei in fo vielen
Verlegenheiten $u fehen, baß er ben Kampf gegen ben Ultra*
montanismus fchließlid) unenifdjieben abbricht*

Kla ber (Drben feine moberne Äomfeße am Äaacfjcr See


verlaßen muß, überfchroemmt er von v£oHanb aus bie beut*
fd>en Äanbe mit feinen „Stimmen aus Utaria*gaach". Vort
fiebelt fith jetjt bie „Sseutfdje (Drbcnaprovinj" in ber Habe
ber (Brenje an, unb einige ihrer Dnßitute werben auch nach
£nglanb umquartiert mehrere nieberrbeinifche 'Xbelshäufer
beß'gen brüben im hoüänbifchen £imburg alte Schloßherr*

fdjaften; bie ßellen fte ben auagewiefenen patrea jur Ver*


fügung. VJur wenige Kilometer trennen bie römifchen
Kämpfer gegen bie beutfehe Kultur von ber Keichsgrenae.
£a iß ein befchämenbea 2Mlb, wie ber preußifd)*Patholifche
Kbel mithilft, bie beutfehen SchufcgefeQe unwirPfam ju
machen, inbem er ben pfäffifchen Xeichsfeinben einen fo
giinßig gelegenen Kampfplag einräumt unb ihren regen
Verfebr nach Veutfcijlanb vermittelt

Kuch im £pil h<*t ber (Drben feine KnjiehungsPraft auf


bie PleriPale beutfehe 3ugenb nicht eingebüßt, im 3ahre jgjo
weniger als 4 )j? JDeutfche, bie ihr Vaterlanb
finb ea nicht
aufgegeben h«ben, um ihm an^ugehören* ^ranPreich macht,
nachbem ea im 3af?re jSSo bie ^efuiten vertrieben h<*t,

biefelbe (Erfahrung; über 5000 ^ranjofen werben ju Knfang


bea 20 0ahrhunberta
. im (Drben gewählt 25er Keij bea Ver*
pönten iß bem jefuitifchen Seelenfang wieber einmal ju*
ßatten gcPommen. £>ie britte franjößfehe XepubliP h<*t mit
ber rämißhen KulturreaPtion grünblicher ala JDeutfchlanb
aufräumen Pönnen, obwohl bas £anb jum allergrößten Seile

t?9
beim katholißhcn Äultus geblieben iß. 3n DeutfcßUnb
fcßärft ber konfefftonette 3t»iefpalt bis in bie G5egenmart
hinein ben ultramontanen Hampfgeiß.
Wäßrenb bes Weltkrieges forberte bie beutfcße 3entrums*
partei bie Aufhebung bes 3efuitengefeges unb brang bamit
}9)7 im Xeicßstag auch burcß. Der xuefgef duftige, in |efui*
tifcßen Utethoben gefaulte Hbgeorbnete tkrjberger hatte ben
beutfcßen Äinksparteien vorgefpiegelt, ber papß mürbe einen
Verßänbigungsfrieben vermitteln, menn Deutfcßlanb bem
Xömifd>en Stuhl in berief uitenf rage ein preßigeopf er brächte.
Natürlich blieben bie römifd)en «gilfsverfprechungen mie fo
oft in ber fulturpolitifd)en Diplomatie bet tRurie blauer
Dunß. Die praktifdje Wirkung biefer lebten Cfefuitenjulaf*

fung ließ ß'd) ;unäcßß im einjelnen kaum abfchägen, ba ber


(Drben auf eine ftcßtbare Tätigkeit in Deutfcßlanb faß ganj
vernichtete. £r tyitlt ft cf) als klerikaler teinpeitfcßertrupp im
^intergrunbe unb flickte bas Weltprießertum unb bie

<Z>rben vor, beten Vjame keinen berart alarmierenben Blang


beßgt. Uber man miege ßd) nicht in ber 3uverßcht, baß bie
Hktionskraft ber ^efuiten erfchöpft fei. Das hat fcf^on

manche frühere (Beneration gehofft, um bann plöglid) eine


fchlimme Überrafchung $u erleben.
(Berabe im legten 3ahr$ehnt bat ber (Drben einen etßaun#
liehen Auftrieb bekommen. Um bie ^ahrhunbertmenbe wählte
er runb )6ooo Hlitglieber, etma ebenfo viele tvie in ber
2ttüte$eit vor jtveihunbert fahren; bamals bebeutete freilich

eine folche 3<xt>I im Verhältnis ju ber bünnen (Befamtbevöl*


kerung eine weit beträchtlichere Stärke. Dm Dahre j 0j?
mies bie <SefeHfdhaft 0efu einen 23eßanb von u 600 Htit*
gliebern aus; fte hat ftd) alfo im jmanjigßen Dah^bunbert
faß verboppelt. Huf bie „Hfß'ßenj Germania" entfielen joj?
aHerbings nur runb $000 Utitglieber, bemnach weniger als
fünfzig 3*h r* früher. Die jur 3eit größte Hfßßenj iß Spa#
nien mit über sooo tttitgliebem, boeß iß bie Wirkfamkeit
bea (Drbena in ber neuen fpanifcfyen KepubliP $iemlid) unter*
bunben. (Gegenwärtig entfaltet ber (Geben von Äfierreid)
aua eine befonbera £ampfgefd)ärfte Rulturpropaganba in
tTlitteleuropa. ©aa bebeutet natürlich eine ernfle flerifale
&ebrof>ung für ben reidjabeutfdjen ,$ü^rerftaat. ©ie ißnergie
unb Umfi(f)t bea ©ritten Xeictyea wirb aber biefen fonfef-
flonapolitifcfyen Angriffen aua jefuitifc^em ^intcrtjalt auef)

weiterhin voHfommen gewadrfen fein.


^ajtfftetaötn ber fefuftenftultut

^3öltfoafar ©t«jt«n, bet Seftor be» ^efuitenfoQege in


Carragona, tyat in feinem berühmten „^«nborafel" ein
,
Evangelium ber Weltflugheit" niebergelegt, bas bie Uten*
fchenverachtung $ur (Srunblage ber Unterweifung erflärt.
geht bavon aus, bie tflenft^en feien nicht wert, nach
ibealen ttta£ftäben bebanbelt 311 werben, ihre Statur ver*
biene nur 0eringfd)ÄQung, man foUe fte in ben weltlichen

X>orfiellungen wiegen, bie intern niebrigen ©innenbafein


fchmeichelten. &arum gibt (Brajian feinen Schülern folgenbe
£ebensregeln mit: Was (Bunft erwirbt, foll man felbjt ver*

richten, was Ungunfl bringt, burch anbere Ausfuhren laffen.


5>en heutigen ^reunben foll man fo trauen, als ob fte mor*
gen ^einbe fein werben, mit ben fremben llngelegenheiten
fpielen, um von ben feinigen ab^ujiehen. UTan foH fleh

mehr auf bie ftrüdfe ber Seit als auf bie Äeule bes ^erfules
verlaufen. 3ebes Wein möge burch eine 0 utc verfügt
werben, unb nie fchlage man etwas runb ab, bamit bie
tlbhängigfeit bes 23 ittfteHers länger anbauere. (Dhne ju
lügen, bürfe man hoch nie bie ganje Wahrheit enthüllen.
Stets foK man fo Auftreten unb hobeln, als werbe man
von allen beobachtet. &ie m endlichen tttittel hat man $u
hanbhaben, als ob es Peine göttlichen gebe, bie göttlichen,
als ob es feine menfchlichen gebe. Dmmer foH man bei feinen

Plänen unb Sielen bie Schwächen ber tttenfehen voraus*


berechnen.
Ber jefuitifdje Bilbungsgebanfe finbet f>iec feine unüber-
bietbar fcbtoffe Formulierung. SDiefe falte, nacfte ttTenfcben»

bebanblung verliebtet Beineswegs auf bie (Erzeugung von


3Huftonen, aber bem JTtenfcben als (Erziebungsobjeft werben
nur XDunfcbbilber Eingebaut/ weil er echten TDirflicbfeiten
nicht getuaebfen wäre. Ben norbifeb-antifen 3bealen ber
(Erziehung unb £ebensfübrung finb biefe örientalifcb an*
mutenben Prinzipien jutieffl entgegengefe^t Bie grieebifeb*
beutfebe, in ihrer flaffifcben Prägung bumaniilifcb genannte
Auffaffung betont als ben wichtigen (Erwerb unb BejtQ
bie tDürbe bes tttenfebentums. 3Die perfönlicbfeit gilt als

bas Glücf, bie (Erziehung foH bas Dnbivibuum zu


ben Sternen, zu ben platonifcben 3bealen, ben Goetbefcben
„trtüttern" emporabeln. 3n ber ^croifcbcn Haltung über-
winbet ber Sterbliche bie Htängel feiner t^atur unb
feiner 3eit.
liefern arifeben Streben nach Bcrebelung, nad) (Eins-

werben mit Borbilb unb Scbicffal, fieHt bie jefuitifebe

Schulung eine (Er 3 iebungstecbnif gegenüber, bie ein rohes


tttenfcbenmaterial zu beftimmten £eißungszwecfen abriebten
will, tttan barf nicht verfennen, ba$ eine folcbe Breffur-
metbobe fcbneHe unb verblüffenbe Erfolge b^tvorzaubern
fann. Bi e Cfefuitenzöglinge machten äußerlich flets erftaun»
liebe Fortföntt'* Wie oberflächlich unb meebanifeb ib«
Fertigfeiten blieben, wie febematifeb fte ftcb in leeren, oben
Benfgeleifen bewegten, war bem Beurteiler, ber nur t£anb<
greiflicbes, flott Funftionierenbes feben wottte, verborgen.
Bie bumaniftifeben Bilbungsfrticbte reifen viel langfamer,
wie jaimmer bas innerlich Perwurzelte, fcböpferifcb Burcb*
lebte mehr Seit braucht als bas nur Gemachte, tricfmäjzig
Angelernte.
*
3m j7. unb j 8. tJabrbunbert war bas ^cfuitenfoUeg ber
vorberrfebenbe Schultyp (Europas geworben. Auch

253
in protejhmtifdjen Äänbern, wo Feine patres, fonbern Uta*
gifiec ber weltlichen *$od)fd)ttlen ben Unterricht erteilten,
würbe jumeifl bie jcfuitifche £ei>rart angewanbt. Wer firfj

von bem tatfächlichcn KücFfchritt ber Silbung im CJefuiten*


Zeitalter überjeugen will, ber vergleiche etwa ben 23ricf
eines fürstlichen Xates aus ber ^umaniflifc^en tteformations*
jeit mit einem i>unbert 3ahre fpäter getriebenen, ben ein
ttlann in gleicher Stellung abfafjte. £r wirb in bem jweiten
ein luftiges Äauberwelfch finben, währenb ber frühere
Äraft unb tlnfchauIichFeit jeigt. Kber bas £ernen nach ber
^efuitenmanier war leichter; man brachte bAmit einem
größeren SchülerFrcife in Fürjerer Seit bie Singe bei, mit
benen man im praFtifchen (betriebe Auftrumpfen Fonnte. Seim
Unterricht in ber Ututterfprache unb im £ateinifchen follte
es nichtmehr barauf anFommen, ob Inhalt unb ^orm in
richtigerWeife 3 ufammenFlangen, fonbern bie pfiffigFeit
unb ^linFheit im gebrauch ber Lebensarten galten als
entfd>eibe»b.
3Die „Ratio atque Institutio Studiorum Societatis Jesu”
von }f09 blieb jahrhunbertelang bie £ehr* unb Schul*
orbnung ber patres unb AHer pä’bagogifchen Nachahmer.
Sie niebrigfle UnterridjtsShife bilbet bie „GJrammatiF",
burch bie bas fprachliche LegelwerF gebächtnismäfiig ein*
geübt wirb; bann folgt bie „KhctoriF" als Mtüre ber
Schriftbild/ an beren Stil ber Schüler feine eigene Sprach*
gemanbtheit entwicFeln foH. Sie leigte Stufe bilbet bie

„SialeFtiF", bie Übertragung bes (Gelernten auf bie ,fÄHe


unb fragen, bie eine befonbere Stellungnahme erforbern.
Sie tuiberfprechenben Argumente follen in ber h^hden Ein-
heit fcholafiifch <*ufgclöft werben. Sie Sinbung an bie

hörige „Summe" ber göttlichen Wahrheit, wie fte bie

mittelalterliche ScholaftiF jufammengetragen foü bavor


bewahren, ben „verführerifchen Mteinungen ber Seit" $u
verfallen.
£>em ^efmtenfcfyulmeifter liegt mehr an bem Einbrucf,
ben feine 3öglinge ju erwecPen vergeben, als an ihrem wirP-
lickenWiffen unb Hönnen, mehr an bem Schein als an bem
©ein. ©eine getingfd)ät$ige Beurteilung ber tnenfdjennatur
läfjt ihn auf bie Einbettung ber Gilbung in ben Cb^raPter
vernichten, er Pennt Pein Ethos ber 3 ud)t unb ber inneren
Ed)tbeit; bie ©d)üler foßen fsd) nur burd) bie Vorweifung

ober gar Vortäufcbung von Heilungen als tüchtig in ©jene


fefcen. £>ie EitelPeit ber jungen Heute wirb als ftärPfter 2ln-

fporn bes Hetneifers ausgenufct. ©ie müjfen einjeln ober


in Gruppen auf bas pobium Pommen unb miteinanber in

Wettbewerb treten. Wer ficf> bei biefen ©cbaujteßungen


fiper, vorlauter unb gewanbter jeigt, wer bie gebanPlic^e
Fußangel vermeibet unb aus einer ÄlcinigPeit eine grojje

Sache aufjie^en Pgnn, ifl ber Sieger, bem fogleicb bie ftcf>t-

bare 2lus$ei<bnung winPt, eine bunte Äofette, eine Blume,


ein Buch. So werben alfo bie Schüler ju Bienbern erjogen,
unb wie fie fyitv ftd) gegen feitig etwas vormacben, ben
anbern ©anb in bie klugen {treuen, foßen fie aud) im Heben
mit einer 2lrt routinierter ITTenfcbenveracbtung ben anbern
imponieren m * ftcb über bas profanum vulgus, bas tölpel-

hafte VolP, erbeben.


bem beeren Scbulwefen bes jg. 3«^bunberts
llucb in

bat ficb von ber jefuitifeben Erjiebungsmctbobe


noch viel
erhalten. Wir Pennen ben „ITtufterPnaben", ben „primus"
unb „lUtimus", bie febneß wccbfelnbe ^angorbnung inner-
halb ber Älaffe noch aus jüngster Vergangenheit. 3Das 'Hus-
wenbiglernen von gebrecbfelten Xeben, bie Berechnung ber
Heilungen bureb 'ßbbition von 3 enfuren$iffetn, bie Beur-
teilung bes Eptemporales nach ben j, 4 Reblern, bas aßes

flammt aus bem CfcfuitenPoßeg. 5>ie Überwertung ber


2lugenblicPsleifhmg verführte ben Schüler jum ütogeln; es

gibt wol;l Paum einen tttenfeben mit gymnaftaler 2(usbii-


bung, ber ohne bie aßbePannten Crugmittelcben bureb bie
Schute gegangen wäre. Hach ber 'Huffaffung ber patrea
Pennte man ftef) im 23eichtfhihl von folgen Sünben befreien;
bie 3efuitenmoral bot ja genug £ntfchulbigungagrünbe, bie

<Bebrechlich?eit ber fcTtenfchennatur galt ihnen als eine Cat*

fache, mit ber fte von vornherein als felbßverßänblich


rechneten.
*

Oerabe aufbie menfchliche Schwäche griinben bie ^efuiten

ihr eigentümlich^ «rjiehungawerf, bie geißlid)en ibpet*


jitien. 5>er im SJaturjußanb flatterhafte WiKe foS Pünßlich
abgetötet werben; burch fuggeßive Steigerungen tvirb bie
Seele in eine neue innere 3wangatid)tung gewiefen. BDie
Phantaffe unterwirft ftch bas ganje 23ewußtfein unb fdjlägt
bie «rfenntnis burch ***** viffonäre 2Mlberfchau in fehlen
&ann. 5>er juerß nur locfer ft'Qenbe rationale Oebanfe finbet
in bem phantaßifchen Erlebnis einen ffcheren i&c&t, bie ge*
fchauten unb gefühlten £inbrücfe ber £uß unb bca Schrecfena
brangen ben Willen in bie vorgefchriebene 23ahn.
£er $per3 itienmeißer weift bem Slbepten eine ftiüe 3ette
an, in ber er vier Wochen lang einfam häufen muß. &aa
Reglement iß nüchtern unb bürr, bie Übungen werben im
fnappen iCperjitienfhl auageführt. 55er HTeißer beginnt: Sei
gleichmütig unb gelaffen, bein X>erßanb h«t ßd) nur auf ben
göttlichen 3wecf bea 55afeina, auf bie £rfenntnia ber he*'
ligen Offenbarung einjußellen, 55er Schüler vertieft ßch
nun in bie XJotßeKungen, bie ihm ber Xeihe nach fc**«h &**

Schrifttepte unb bie auamalenben Worte bea ^ührera vor


bie Seele gezaubert werben. Om mitternächtlichen 55unFel
fchaut baa Oemüt bie Schrecfniffe ber i£ÖHe unb bie barin
greifbar lebenbigen Scharen ber gefallenen £ngel, bie Seele
ermißt fchaubernb bie Sünbe unb ihre Strafen, wenn ße ber
einzigen ^errlichfeit ber gefüllten (Beißer gebenft. 5>ort iß
ja eine Stunbe ber pein fchwerer ju ertragen ala hirr ein

3ahr ber fchwerßen 25uße!

z$6
$tin jroeites 23ilb: Kbant unb £va werben von bem
Cherub mit feurigem Bewert aus bem parabiefe getrieben.
5)er 23etra(^tenbe tyat ihr (Blücf/ ihren F«H/ ihr £lenb, ihre
Scham, il?re Slngfl, ihre Änechtfchaft vor Itugen. 3Dann ftefjt

er vor (Bottes Äichterthron, wo über bie Cobfünben bas


Perbammungsurteil gefallt wir^ er ernennt bie (Berechtig*
feit ber furchtbaren ^öHenjlrafen. STun erfcheint ihm ber
verfohnenbe Chrifhis am Stamme bes Äreujes, unb er barf
fid} mit einem Paterunfer erleichtern.
3m ittorgengrauen geht bie Übung weiter. 5)er ®per$i*
tant foH Kechenfchaft ablegen über fein ganzes €cben von
ber frühen j&inbheit an; feine Fehltritte werben lebenbig;
als ein fcheufjlicher 3ug von Spufgeflalten erfcheinen feine
Äafler. Ofyn pacft ber if fei, er bricht in Cränen aus: Was
bin ich Üilenber gegenüber ber Forberung Lottes! Änienb
ben er fo furchtbar beleibigt h «*/ um Per*
bittet er (Bott,

gebung, unb er banft inbrünfiig bafür, bajs ihn bie tfrbe


noch träg^ unb ba$ er ftd) beifern barf. 3n ben nächflen
ifperjitien empfiehlt er ftch ber Fürbitte ber tttabonna unb
ihres geopferten Sohnes. %m fünften Slbenb wirb er in ben
HöKenabgrunb jurücfgefchleubert. Por ihm wogt ein un*
geheures Flammenmeer, er hört bas Wutgeheul ber Per*
bammten r ihre Flüche wiber Cbrifius unb feine ^eiligen
gellen ihm ins <t>hr. 5?er Schwefelrauch benimmt ihm ben
lltem, feine Finjjer frümmen ftch in ber 23ranbglut. So
fieht, hört, fchmecft, riecht unb fühlt er bie Hölle. 2lber nach

biefer graufigen Höllenfahrt gefeilt ftch Chriflus $u ihm, ber

ihm bas Ärcujholj reicht/ an bem ftd) ber £rfd)ütterte feft*

halten barf, fo bafc er unverbientermaßen ber HöKe ent*

fommt. £>er ifpersitienmeifler entladet ihn nach einer


(Beneralbeichte burch bie Hbfolution.
$>ie Übungen ber jweiten Woche beginnen mit einem an*
mutigen 2$ilb: &ie Sonne lacht über bas ^eilige £anb mit

feinen Stabten/ bergen, Weilern unb Cempeln. ?Dann ein

2$7
neues ©ef!d)t: 3Der gefrönte igimmelsfürfi ffeigt aus ben
tDolfen, er fpricht: „XOtv mir folgen »iE, foE mtint tftühe
unb mein ©lüd? teilen!" 3Der Setrad)tcnbe fiimmt begeifert
ein unb »irb in ben lither cmporgehoben. 3»ifchen ifrbe
unb Fimmel tvanbclnb, überbaut er bie tttenfchen in ihrem
gegenfä$lichen Creiben, er erblicft Qjenen bes Krieges unb
bes ^riebens, Aachen unb Kummer, ©eburt unb Cob. $>ie
Unruhe fchwinbet, eine füfje Äuhe tritt ein: bie ^eilige
Jungfrau empfängt in ihrem igaufe ben iCrjengel Gabriel,
fte blicfen jum ^enfter hinaus unb feijen bie breieinige
©ottheit auf ihrem Strahlenthron. Unb aEe biefe Silber
leben für ben geiftlich Verfunfenen bis in jebe ©injel^cit

auf, ber «Cpersitant l^ört jebcs tVort, bas bie göttlichen per*
fonen reben, er fteEt ftd) ihre Haarfarbe unb ihre Äleiber
vor. @o erlebt er auch bie 3ugenb bes ^eilanbes von ber
©eburt bis jum erften Sefuch in CJerufalem.
“Jlber in ber nächfien UTitternacht erbrauft ber Ärieg
jtvifchen Chrift unb llntichrift, Jahnen »eben ben Streit*
fd)aren voran, Satanas fügt brüEenb auf rauchenbem throne
}u Sabylon, fteht mit ben Jüngern am lieblichen
*
5 ügel, ein fchöner, freunblicher Wlann, ber bie Seinen fanft
ermahnt. Siefes ©ejtcht fehtt mehrere UTale tvieber,

Chriftus prebigt mit erhobenen ^änben bie brei Stufen ber


VoEfommenheit, bie Äiebe, bie llrmut unb bie 2>emut. Hun
fafjt ber Setrachtenbe ben (ßntfchlufj, feinen neuen Gebens*
n?eg banach eingurichten, er roenbet ftd) vom Drbifchen ab
unb »ählt ben göttlichen £>ienfl. Vor bem Kngeftcht ©ottes
ift bie ißntfcheibung gefaEen, tvie fie bie £rfenntnis forbert.
SDic Seele ift ihrer felbfl mächtig, ber tftenfch h«* fei« Äeben
bem neuen, heiligen 3*»ed? geweiht. 3ur Sefeftigung bcs
großen ifntfchluffes läfjt ber igperjitienmeifter feinen Schüler
in ben beiben lebten Wochen bie Äeibensgefchichte unb bie
lluferftehung Chrifti 3ut Herrlichkeit bes Vaters von Sta-
tion 3U Station erleben. £)en 'Kbfchlufj bilben bie ©elöbniffe,

x$s
ber Rircf)t als ber 25raut unter Preisgabe bes
eigenen Urteils bei allen ihren Geboten unbebingten Gehör*
fam ju leiflen.
TDenn ftd) bem Geläuterten bie 3eÜe öffnet, f>at er einen
anbern XUiUen bekommen, bie £rlebniffe laßen ihn nicht

los, er muß bem neuen Lebensweg treu bleiben. Weht auf


bie ißr^eugung ober ben Genuß frommer Gefühle fam es

Jloyola, bem fßrfinber biefer geifllichen Übungen, an, fon*


bern er will eine Cat, bie Wahl bes neuen Äebenssiels auf
Grunb voHHommener ^errfc^aft über bas eigene Selbfl.
SDiefe groß angelegte, metbobifd) fortfchreitenbe myflifche
Projebur l?at jahrhunbertelang einen gewaltigen Einfluß
auf bie Seelenbilbung ber europäifchen UTenf^eit ausgeübt.
Ruch bie moberne pfychologie beflaunt bas „gerabe3 u fpifc*
bübifche Raffinement", mit bem bie pfyantafie bes übenben
ge3wungen wirb, eine ^üUe chrifllicher Rnf^auungsbilber
aus ficf> i>eraus 3 uquälen, bie bann nicht einmal ber religiöfen
(Crbauung bienen foHen, fonbern ber praftifchen Beugung
einer gan 3 einfeitigen Energie.

3Dic ^efuiten lyaben fcf>ärfcr als alle früheren Seelen*


führet erfannt, baß man einen tttenfcf>en am elften baburcf)
gewinnt unb feflfettet, baß man ftd) rücfftchtslos feiner

Phantafie bemächtigt. Ulan bringt „Geifier in ihn tyntxn,


bie er nur fchwer wieber abfchütteln fann", bie länger leben
als alle guten lehren, bie auch ungerufen noch it«d) 3<*h*'

3ehnten aus verborgenen liefen emporfleigen unb ben ent*


gegenflehenben tttotiven bes tUiHens fo mächtig gegenüber*
treten, baß bie Rraft bes alten $per3itiums fiegreid) bleibt*

£>ie geifllichen Übungen nötigen ben UTenfchen, bie Phan*


taftebilber auf Äommanbo ohne äußere Rnfchauungsmittel
in fleh erflehen 3 u laßen, aber von VJatur ftnb nur wenige
3u fo intenfi'ver Schau von innen tytv befähigt. 5>arum
wirb bie Ph«ntafie bes übenben vom (ßpe^itienmeifler be*
fonbers unterwiefen. 55er Schüler foH fich 3unächfl bie

04»uUj «»Pfacljtt, Da* 3cfuitcn*£>i»4» 2$9


6rtlichfeit flar vergegenwärtigen, bann bie perfonen in bas
£anbfchaftsbilb einjeid)nen unb barauf bie ©jene bramatifcf)
in Bewegung fegen. tXlan barf bas farbige 25ilb nid)t $u
lange in ßch feßhalten, benn bas 23ewußtfein mup ftd) fonß
berat* anßrengen, baß feine Äraft für ben XDiüensimpuls
übrigbteiben würbe. 3Das 23ilb iß ja nicht traumhafter
©elbßjwecf; cs „jerflattert in tüolluß", wenn es nid)t batb
verfchwiitbet, um bafür ber entfdjeibenben Hachwirfung
plag ju machen. fciefe Gleitung beruht auf richtiger

pfychologifcher £rforfchung. Ruch bei ber Unterfuchung


fünßlerifcf)er Äetrachtungsweifen vermitteln bie jefuitifchen
iEperjitien manche intereffanten Ruffdßüffe Über ben XDerbe*
gang unb bie Geßaltungsbichte ber Phantafie.

TDenn man ben gauFlerifd)en ©chaubilbern eine fo h°h c


Krjiehungsfraft beimißt/ muß man auch bas Cheaterfpicl
für einen ßarfen 23ilbungsfaFtor halten. 3Das 3efuiten*
theater bat auf ben überfpannten (Beiß ber 23arocfjeit ben
allergrößten Einfluß gehabt. tPährenb bas proteßantifche
©chutbrama bie gebanflichen Rulturelemente voranßellte
unb burch bie liefe feiner Probleme oft ermübenb wirfte,
fejfelte bie jefuitifche ©chaubühne burch *h** phantaßißhen
©innenreije. Loyolas (Cperjitien boten bie ßoffliche, ten*
benjiöfe unb technifche Anregung für eine Rollen* unb paf*
ßonsbramatif, bie ber Sußhauetmaffe bie irtyßerien ber
\>erbammnis unb ifrlöfung leicht faßlich vor bie klugen
jauberte. 55ie jefuitifchen £ehranßalten richteten, als ihre
Kulen für bie ^ülle ber ©chaulußigen nicht mehr ausreichten,
eigene £h e AterfäIe mit rießgen Ruliffenbühnen ein. 3Die

©chüler ber Rh*totiF traten als Öchaufpieler auf, bie patres


ßhrieben bie Cepte unb führten Regie; bie SDcforationen
unb Roßüme entwarfen bilbfünßlerifch begabte tttitglieber

unb ^reunbe bes RoHegs, bie ftd) babei häufig ju Berufs«»

190
malern auabilbeten ober als foldjc fcfyon einen Auf erworben
Ratten*
3n allen Fatholifcf)en Äänfcern, and) in ben aftatifchen unb
ameriFanifchen Äolonialmifftonen, wirb baa Jefuitentheater
eine höchfl bebeutfame öffentliche Angelegenheit 3u ben Auf*
führungen erfcheinen ber i£of, bie gelehrten Areife, bie An*
gehörigen ber Schüler, überhaupt alle, bie ein gefellfchaft*

lichea Anfehcn haben. Unter ber erfchütternben WirFung ber


religiöfen PramatiF entfchliefjen ftch viele jur Ableitung
ber unb auch mancher Aefcer wirb für bie Fatho*
tßjcerjitien,

lifche Airche gewonnen, häufig flicht man jeitgefchichtliche

fFreigniffe, etwa ben Sieg bea dürften über eine feinbliche

Armee, in bie biblifche v^anblung ein. 3n Dnbien unb Japan


ftnb bie ParfieEungen aua ben tniffionaabenteuern ^ranj
laviere befonbera beliebt, in Wien, (Braj unb präg werben
bie Triumphe bea Aaifera über proteflanten unb dürfen
verherrlicht Anfänge verachtet man auf ^rauengeflalten
gan 3, ba aber baa publiFum banad) verlangt, lägt man
weibliche ÄoEen von Jünglingen mit mäbchenhaftem Auge*
rem fpielen.

Um ben Aomöbiantentruppen gewachfen $u fein, bie nach


englifchem Porbilb auch auf bem Kontinent mit ihrem
Chefpi®f Ä rren von Stabt ju Stabt wanbern, müffen bie
Jefuiten bem volFatümlichen (BefdjmacF immer weitere 3u*
gefiänbnijfe machen. Ulan wünfeht heitere unb Fomifche
StücFe, man will ben luftigen „<5aneworf<ht" belachen unb
auch gewagte Scherje hören. Pen jefuitifchen WTcnfchen*
Verächtern wirb ea nicht fchwer, bie Schwächen unb Harr*
heiten ber einzelnen Stanbeatypen herauejufinben unb $u
verfpotten. Piefc Äomobieh unb poffen ber Jefuitcnbühne
halten etwa bie Utitte jwifchen ber berben SchwanFhaftig*
Feit bea PolFaftücFea unb ber verfeinerten CharaFterifte*
rungeFunft UToliörea. Waren bie UlFfjenen mit ihren Per*
wechflungafcherjen unb Clownerien anfange nur 3wifcf)en*
fpiele, fo werben fte halb für bie 3uhörer gur i£<*uptf<wbc*
3n ben „^aupt# unb StaatsaPtionen" nach englifcbem ttTufPer
barf bie erotifdje piPanterie rticf>t fehlen, aud) bie ShaFe#
fpearefdje 2lmme als ÄiebesPupplerin erfcbeint in ben 3nfge#
nierungen ber patres. 3n Xom ifi man mit bem jefuitifchen

Bomöbiantentum burdjaus nid)t immer einverfPanben, man


nimmt llnftofj an ben poffenrei^ereien unb ben amouröfen
7injüglirf)Peiten; ber oberbeutfcfye (Drbensprovingial gibt gur

Antwort: „2>as Wort Lottes bebient fid) aud) wunberlicber


XJerPleibungen, bie SlngiehungsPraft ber pfarrPircben ift

hier längfl nicht fo gro£ wie bie unferer t^eatralifc^en


Scbaufietlungen."
“Hud) bie einfdjmeidjelnben WirPungen bes Singfpiels, bes
0pernbramas unb bes 23aHetts haben bie ^efuiten halb er#
Pannt unb für ihre propaganba hrrangegogen. 3Das Utün#
ebener Äoüegttjeater mad)t mit ber X>erwenbung von Sing#
Chören ben Anfang. £>as erjie ttTuftPbrama „Philothea, bas
ijP Wunberlicbe Äieb Lottes gegen l>ie Seel bes UIenfd)en
aus r$l. Schrift gezogen unb in liebliche tttelobey ein#

geführt", wirb als Senfation beflaunt. 3Dic Utufi'Pmeifler


ber 3efuitenfd)ulen febreiben Wettbewerbe für 0pernPompo#
fitionen aus; überall fud)t man nad) mufiPalifd^en (Benies,
vor allem n ad) „WunberPnaben", benen (Bott eine befonbere
HTadjt über bie Cöne verlieben hat* £>er elfjährige tttogart
mujg für bas 3efuitenPoHeg in Salzburg eine lateinifcbe

0per in UluftP feigen unb nach ber Itufführung ben (Pbren#


gäjten bis tief in bie £Tacbt hinein am Slavier feine 2&unfi
beweifen. Unter bem «inbrucP ber 3rf u ifcenopern grünben
bie ^öfe fiänbige SängercbÖrc; auf ben Xat ber patres
werben bie Jünglinge Pajiricrt, bamit ihre Stimmen f)tü
unb Plar bleiben.

2luf ber 23ühne bes frangöfifeben Scbultheaters von Cler#


mont entfalten ftd? bie präd)tigjien attegorifeben Cangfpiele.
3?a gibt es ein „Ballett ber ein „Sprichwörter#
ballett", ein „Ballett bet Cräume" unb fogar ein Fultur*

polemifches „Ballett ber Willensfreiheit", in bem ber


©chicFfalsglaube als i^öttenfpuf verhöhnt unb ber Criumph
ber Freiheit verherrlicht werben. (Bi ne pomphafte f$enifd)e

Slusfiattung ©inne ber Betrachter gefangenju*


fucf>t bie

nehmen, fte follen ihren (Blauben an bas göttliche Wunber


burch ben übernatürlichen Borgang auf ber Bühne beFräf*
tigt finben. Bal)er ftnb bie jefuitifd)en Bühnenbilbner uner-
müblich in ber igrfinbung neuer DHuftonsmittel. BeFota*
tionen unb BerfatjflücFe werben in fkenger KeliefperfpeFtive
angeorbnet. Bie SeitenFuliffen begehen aus brehbaren pris*
men, fo ba$ ft<h mit wenigen Griffen eine gan$ anbere
cbrtlichFeit vortäufchen läfjt. Bas publiFum würbe an
*£ejrerei glauben, wenn es nicht wüfjte, ba# fyitv fromme
Utänner von ber göttlichen HHmacht ihre 3auberFräfte ent*

liehen tydbtn.
Bie BerfenFungen unb Slufjüge für Ö5eiftererf<heinungen
werben forgfam geheimgehalten. Wie Fommt es nur, bafj

auf Ö5ehei$ ber patres Bögel über bie Bühne fliegen, baf$

ber ©türm heult unb ber Bonner grollt? 3n einer alten

jefuitifchen ,$eftfpielchroniF wirb barüber berichtet: „Ba faf>

unb hörte bie erftaunte tTTenge (Drpheus, ben Bezwinger bes


wilben CBetiers unb CBejFeins, ber fo füfj unb lieblich 3 utr

Äyra fang, bafj Ciere, Reifen unb ©äulen ftd) bewegten unb
feinen Conen folgten. Bas war fo täufchenb bargefteüt, baß
mancher bumme Peter glaubte, Ciere, Reifen unb Pfeiler
feien lebenbig geworben. Bie 3uf<hauer brängten nach ber
Borflettung auf bie Bühne, fte wollten fehen, burch welches
göttliche Wunber £eben in bie Utaterien gefahren fei."

Dn ben bilbenben fünften h<*t bas fefuitifche ZHIuftons*

flreben feine bauerhäftefien ©puren hmterlaffen. Was ihre

Phantafte in Worte prägte, mußte veralten, benn ihre


allju abftcbtsvoHc Cagespropaganba entbehrt naturgemäß
ber gebanHlidjen Ciefe unb Weite. Sie beßacßen burtb T)cr*
blüffung, aber fi’e fonnten nicht burcb geißige Wahrhaftig*
feit juinnerfi überjeugen. 3n bert 2$itbwerfen jebocb läßt
ftd) fd>on bie iHufi'onäre Knfcbauung $u echter Heißung $u*

fammenbaKen. 3Die großen Fatbolifcben WTaler bes j7. CJabr*

bunberts verbanfen ihr fünßicrifcßes Werben votwiegenb


ben jefuitifcben £inflüfien. £oyolas religiöfe X>orßellung8*
weit b<»tte noch ben alten ttticbelangelo begeifert; ber achtzig*
jährige (Breis wollte bem (Drben in Kom eine Kirche ent*
werfen; bie an ßraffer ^ormeneinbeit in ber Weit nicht
ihresgleichen haben würbe, unb nur ber Cob b^berte
ibn baran.
3Die Blütezeit ber barodfen ^efuitenfunfi beginnt mit
paul peter Kubena, beffen Kufftieg bie ^efuiten mit allen
HTitteln $u förbern wußten, tfr burfte ficb im Scbufce biefer
Proteftion fogar an bie aufreijenbften JDarßeHungen ber
^leifd)ealuft wagen. Kubens batte bie geißlicben ICperjitien

gewiffenbaft burcbgemacßt, er war präfeft ber UTarianifcben


Kongregation unb bamit ein Rührer in ber jefuitifcben

^ugenbmiffion. Sein größtes Kepräfentationsbilb „CJgnatius


beilt 23efeffene" geigt bie ehrfürchtige «rgriffenbeit bea
Künßlers, ber in bem cDrbensßifter ben neuen llpoßel ber
Cbrißenbeit erblicft. Kubens Schüler van 5?yd? bat bie
jefuitifcben Knbacbtsbücber mit Kupfern verfeben; auch biefe

in ber ganzen Fatbolifcben Welt verbreiteten Stiche fchließen


ftcb in Stoff unb Kuffaffung ben geißticben Übungen an.
3Der Bilbbauer Horenjo 23ernini war eben falls burd) bie
Pbantafiemafchine ber £per 3 itien gefcbult, er befuebte vierjig
^abre lang regelmäßig bie 23ußübungen in ber römifchen
3efuitenfirche; bort bat er auch bas (BrabbenFmal für 23el*
larmin gefchaffen. (Enge ^reunbfehaft verbanb ihn mit bem
©rbensgeneral 0tiva, ber ihm bie Fünßlerifcbe (Dberaufßdjt
über bie gefamte £>eForationafunß bes (Drbens übertrug.
Bernini» ^«ng jum theatralifchen £ffeFt, in bem ihn bet
Propaganbawiüe ber patte» nod) beftärFte, \)at bie gauFle*

eifere WiHFür be» BarocFftils auf bie ©pi$e getrieben,


©eine (Beftaltengruppen fprengen bereit» bie Bewegung»*
mäße be» menfehlichen Rörpers; hinter biefem Raufd) be»
übersinnlichen ^ingenommenfeins ahnt man fdjon wieber
bebenFlidj bie Falte tnadje. Bagegen wirFt ber graufi'ge

Naturalismus ber fpanifchen tKperjitienbilber von ttton*


tanej unb tttena viel echter; wenn fte bie i^öllenqual unb
ben Äreujestob barjUtten, erlebt ber Betrachter bie furcht*
baren Biftonen nach, mit benen ber Büfjer bei ber Rbtötung
bes alten Kbams überwältigt wirb.
Ben fogenannten „jefuitifefjen Betrugsjtil" fyat ber pater
Rnbrea bet po&o bis jur Bollenbung entwicFelt. ®r ift ber
ttteifter jener ©djeinarchiteFtur, ’beren pfeilerreihen bis in
bie UnenblichFeit weiterlaufen wollen, beren BecFengewölbe
ftch bis in bie ^immelsregionen ber Ißngel Öffnen, po$$os

Behüten ftnb fo täufchenb, bafi man plötslid) gegen bie


UTauer flößen Fann, wo man einen Burdjgang in eine parF*
lanbfehaft wähnte. „perfpeFtive ifl einer ber fdjönflen Wege
jur Rnbacifl", fdjreibt er in einem feiner Lehrbücher ber
beForativen RaumFunfl. Bie BlicFpunFte feien bie Rügen
(Bottes, unb was irbifd) als Cäufchung erfcheine, biene ber

Berherrlicfjung bes (Cwigen. Bie (Brennen jwifcfjen UTasFe*


rabe unb cBottesbienfl follen alfo gänzlich aufgehoben fein.

Bie jefuitifche Berfüf;ruug fucht h^r nach einer Fosmifchen


Rechtfertigung. Ber Bluff wirb geheiligt, bas trügerifche

ttlittel burch ben faFraten 3wecF geweiht. Unb ber gehör*


fame Wille, ber fiel) „wie ein Leichnam nach allen ©eiten
wenben, wie ein WachsFügelchen in jebe ^orm brücFen unb
jiehen", wie „ein Fleines Rrujifip nach jeber ©eite brehen
unb richten" laßt, foE vor bem ©turj au» ber Ber$ücFung
in bie iFnttäufchung bewahren.
%ud) bie wahnhaften BorfteEungen unb Bräuche bes
mittelalterlichen Bolksglaubens tyabtn bie ^efuiten 3 ur plan»
mäßigen (Einnebelung ber Sinne neu kultiviert. Sie fdjeuen
babei vor keinem abergläubifchen Unfug, vor keiner
(Befchmackloftgkeit zurück, weil es für fie ja nicht auf bie

Pflege von eblem Überlieferungsgut ankommt, fonbern auf


bie Unterwerfung unb wiEige Bienflbarkeit ber (Bemüter.
3n bcn taufenben von kleinen Vereinen ihrer Bolksmiffton
erreichen fte jeben einzelnen im Bannkreife feines befchränk»
ten Horizonts; hier verkehren fte mit kleinen Leuten auf bie

einfältigfte tDeife unb Überreben bie naiven Seelen ju (Be»

löbniffen, Bittgängen, tUaEfährten, tBunberkuren unb


llbläffen.

Rotten fchon bie Franziskaner ben tttarienkult $u aEer»


hanb Narreteien ausarten laffen, fo überbieten bie 3efuiten
noch aEe bisherigen 'Hnbetungspoffen. Ularia preifen fte als
bie llboptivtochter (Bottes; ihr S<hof$ fei bas reine (Bemach

ber ^eiligen Breieinigkeit, ihre Brujl bas Schönfte, was


je eine *£anb betaftet, ihre Ulilch bas füfjejle aUer (Betränke
unb ber (BueE, aus bem ftch jeber Burfl löfchen laffe. Sie
lehren, es fei fchwer, bur<h Chrijtus, leirfyt, burch Ularia bie
Seligkeit ju finben. Ulan müffe nur vor Sonnenaufgang
Zwei feuchte 3weige brechen unb fte kreuzweife ber heiligen
Jungfrau auf bie FEße legen.
Sie entbecken viele neue G5nabenorte ber UTaria, meifl
bort, wo fte an einer Hebung bes Berkels intereffiert ftnb.

Sie befchreiben unb bezeugen bie neueren Wunbertatiett ber


(Bottesmutter; h*et haben ihre tränen einem Branbfhfter
bie Hunte gelofcfjt, bort ihr Hächeln einem (Blafckopf
bie t^aare wachfen laffen, !Riefelfteine in Silber ver wanbeit
ober Schneewaffer in Suppe für bie ^ungernben. tUo ber
Schritt ber patres „burch eine heilige UTacht gehemmt"
würbe, wo ihnen eine (Erleuchtung kam, ba mufj eine UTarien*
fäule errichtet, ein Utarienbilb mit brennenber Äerzc unter
<Blas gefefct werben. Ohre eigenen ©Triften rnibmen fte mit
Vorliebe ber t^immelsPönigin, fogar bie tHoraltheologien
mit ben recht unfauberen 3eicbtbetra<htungen über bas
fepueüe Äeben. ©ie vergeben auch nicht bie anbern Slot*
Reifer, bie 23ePenncr unb HTärtyrer, bie von ber Äirche felig

unb heilig gefprochen ftnb. Unabläfftg brängen fte in Äom


auf bie Pirchtiche Rangerhöhung ihrer h^^fagenben
Coten unb erreichen auch, bafj eine ungewöhnlich grofje 3ahl

von ^cfuiten in bie gebenebeite Rette ber ©eligen unb


^eiligen aufgenommen wirb. £>as gibt bem (Drben bann
jebesmal Rnlafc ju prunP wollen Ranonifationsfeiern, unb
neibifch müjfen bie anberen (Drben zufehen, wie ft'ch bie t?ün»

ger Äoyolas burch befonbere (BlaubenstüchtigPeit auszeid)nen.


TOo ein ^eiligenfult aus ber Übung gePommen iji, ba be*
leben fie ben alten unb entbecPen, wenn ihnen bas nützlicher
erfcheint, auch neue ©chufcpatrone. ^ür ihre eigenen
ligen fuchen fie Verehrungsflätten aus, bie einen recht reich'
liehen (Dpferertrag verfprechen. Sieben bem heiligen Ignatius
haben fie vier heilige ^ränje, ^ranj lavier, ^ranz von
Öorgia, ^ranj von Regis unb Jranz von (Beronimo, bazu
Pommen noch ein heiliger Rloyftus unb ein heiliger ©tanis»
laus, £nbe bes J7* Cfahrhunberts begrünben fie einen neuen
Ruit, beffen grotcsPe «igenart bie mittelalterlichen Rn*
betungsformen noch übertrifft, ben Ruit bes ^erjens 3efu,
von bem man auch int VatiPan lange nichts roiffen wollte,

„weit man mit ebenfolchem Rechte ja auch bie Rügen, bie


3unge unb anbere (Blieber 3efu zum (Begenfianb einer be*

fonberen Rnbacfjt machen Pönnte".


3Die Reliquienverehrung, bie zeitweilig immer wieber
etwas aus ber tHobe Pommt, förbern fte vornehmlich burch
©chaufteUung von RnbenPen an ihre (Drbenshciligen. jRlei-

bungsfeijen von Ognatius halfen zum 23cifpiel ben grauen


bei (Beburtswehen zu einer glücPliehen tßntbinbung; in

fehwierigen fällen ifi es nützlich, ber werbenben HTutter bas

W
bicfe 23ucf)Ecrpuö mit ben (Drbenaffatuten unter ben Hopf
Zu (egen. Vaa Cignatiuawaffer, baa burd) Eintauchen von
Reliquien unb ittebaiHen £oyoloa in gcwohnlid)ea tüaffer
entffeht, tyeilt bie meinen Hranfheitcn unb fogar moralifche
0ebred)en. £>ie patrea (affen ea in ihrer Sorge um baa
menfchlid)e ^ei( gleich f aff weife (>erffellen unb verliefen.
25ie überbleit»fe( £aviera erweifen ftd> in 3nbien bei lieber
unb Schlangenbiffen befonbera wirffqm. Um zugfräftigften
bleiben freilich bie Xeliquienartifel ber ^eiligen 3“^gfrau,
beren ^aare, Hamme unb Sdjleierffücfe überall mit ^reu-
ben ala <25tfd)enf genommen ober gefauft werben. Xttit ben
jefuitifd)en Spezialitäten auf allen Gebieten bea Reliquien'
gefdjäfta fann halb fein anberer (Drben mefjr fonfurrieren.

»fr

Und) gegen bie tCeufeleverhepung, bie roheffc ^orm bea


alten Sauberglaubena, haben bie 3efuiten nickte einzuwen*
ben gehabt, wenn bie Verfolgung ber *£öUenmagie ihrer
Sad)e von Vorteil war. Ver Hberglaube, baff manche Äeute
burd) 23ul)lfdjaft mit bem Ceufel übernatürlicher bofer
Hräfte teilhaftig würben unb fytt frommen tnitmenfd)en
heimlich an £eib, Seele unb 23efi'£ z« fd)äbigen wüfft^n,
blieb bia ina Seitalter ber Hufflä'rung hinein ein weitver*
breitetet volfatümiicffer tVahn. Hber in ben gelehrten
Schichten zweifelte man fd)on feit ber Henaiffance an ber
UTöglichfeit folcher realen 23ünbniffe mit fatanifchen Un*
holben. üteiff fchwiegen aber auch bie Einftcfftigen aua llngff
ober Äiff; teila fürchteten fte ftd) vor ber ^Sefchulbigung,
fte feien felbff bem Ceufel verfchworen, teila fahen fte ala
(DeifHiche unb dichter in ben ^epenprozeffen ein UTittel $ut

^effigung ihrer Autorität. Wir beferen mancherlei 3eug*


niffe führenber Xfefuiten, beifpielaweife von Hbam ICanner
unb paul Äaym ann, bie baa Unwefen ber ^ejrenverbren*
nung bef tagten; aber baa lieff ber (Drben offiziell nicht

29 $
gelten. 3m (Gegenteil, man legte ben größten Wert auf bie
literarifdje Propagierung ber i^ejrenverfolgung; ber berüch-
tigte „Äeigerhammer" (Bretfer ßhricb allein über
hunbert ^lugfchriften wiber bie Bräute unb Bölblinge bes
Ceufels, bie angeblich mit ben 3<*ubermitteln ber ^ötte ben
Äampf gegen bas Xeich Ch**ßi führten.
SDie patres fchufen ßd> in ber *5epenverfoIgung eine
furchtbare Waffe jur Ausrottung ber feiger. ißine foldje
Anflage hatte fcheinbar nichts mit ber Sonfefß'on $u tun.
Wenn man aber jemanbem ben ^epenprojeß machen wollte,
fo fuchte man ßdj natürlich bie tftißliebigßen fytvam, unb
bas waren eben bie Äefcer! ^aben bie ^efuiten eine (Begenb
jwangsbefehrt, unb ein Häuflein Unentwegter tyält am
proteßantismus feß, bann müflen fie bem Ceufel
hoch mit
im Bunbe ßehen, ber ihnen bie Araft jum Wiberßanb
gegen ben heiligen (Blauben verlieh. üis iß baher fein 3ufaH,
baß bie Hochflut ber ^epenprojeffe vor unb währenb bes.
dreißigjährigen Arieges einfefct unb am fchlimmßen in
^ranfen unb Schwaben wütet, wo Alt- unb t^eugläubige
bunt burcheinanbcr wohnen. Hach bem Siege ber bayrifdjen
Waffen werben am UTain, an donau unb £Ted?ar. bie
Ceufels 3 auberer unb ^epen $u Caufenben verbrannt; in ber
Flcinen probßei iFHwangen bringen bie tJefuiten in jwei
3ahren breihunbert Aefcer als ^epenmeißer auf ben
Scheiterhaufen.
das Schamlofeße, was fid) bie jefuitifche ßefdjichtsFlitte-

rung fpäter geleißet h<*t, iß bie Behauptung, baß ausge-


rechnet ße juerß bem Wahnwi# biefer ^ußi^morbe Einhalt
geboten hatten, der von feinem (Bewiflen bebrüdfte 3cfuit
^riebrich von Spee ließ im proteßantifdjen ^ollanb
feine „Cautio criminalis“ gegen bie ^epenprojeße als ano-
nyme Schrift ohne Erlaubnis
erfeßeinen, felbßverßänblich

unb gegen ben Willen bes (Drbens. ®r hatte ßch burd) biefen
Ungehorfam innerlich aus feiner (Bemeinfchaft ausgefchlof-
fett. 3Dic patres griffen, o t>ne ben T>erfaffer ju ahnen, bas
fc^tteüberühmt geworbene Such aufa l^eftigfie an. IPrfi
lange nach bem Cobe bes heimlich rebeHierenben paters
erfuhr bie Welt, baß ber ^efuit @pee für biefea BucPucEaei
verantwortlich war.
%U aber bie geizig befreite Welt enblich ben ^epenfpuP
niebergerungen tyattz, erklärten bie Cfefuiten, fte hätten burch
Spee ben teuflifd)en Wunberglaubcn jiterjl entlarvt, um
bem ^eiligen (Pottes$auber bie Sah» ju reinigen. Vorder
hieß ea bei ihnen in ber 'Jluseinanberfetjung mit ber Dnqui*
fttion gerabe umgekehrt: Wir bürfen Peines ber (Peheim*
niffe ber übernatürlichen Welt, auch nicht bie Ceufels*
jauberei, als Irrtum preiegeben. VTahme man bem X>olP
ben ^epenglauben, fo Pönne ea leicht auch bie himmlifchen
TtXivaHl in 3weifel jiehen. Htit anbern Worten: £>a fte noch
immer auf einen neuen KetigionsPrieg f>offtcn, wollten fte

bie Wunbermittel, bie fte bei ber Solbatenwerbung an*


preifen ließen, nicht ala törichten 'Jlberglauben erftheinen
laßen. £>enn fte übermittelten benen, bie für ben römifchen
(Plauben in ben Äampf ziehen wollten, „Waffenfalben", bie
baheim auf ben ^erbfeffel gefchmiert, im ^elbe bem Ärie*
ger bie Wunben heilen foHten. 2luch KofenPranje unb *^ut*

Pnöpfe, bie flieh* unb Pugelfefl machen, verleihen fte ihren


ausrücPenben SeichtPinbern.
deshalb hielten fte alfo auch am ^epenwahn fo lange fefl,

wie es irgenb anging. VTod) im 3ahre J 740 fd>ürt ber 3efuit


(Peorg (Paar in Würjburg ber £Tonne tttaria Renata wegen
Ceufelaheperei ben Scheiterhaufen unb h<*lt neben bem
,$euerftoß eine Xebe, in ber er bie tttenge aufforbert, gegen
bie Ceufelsbünbler Cag unb VTacht auf ber ^ut $u fein. Hur
vernunftlofe lUenfchen Pönnten ben böfen 2Micf ber Rollen»
Pinber ableugnen, baa „(Pefcfywaber ber jauberifchen (Peifter"
fei viel größer, als wir una gewöhnlich einbilbeten, nur
^umme unb (Pottlofe würben bas nicht begreifen.
Va bi e CJefuiten fiets bie Schwäche bcc ^ilfloftgfeit unb
bic naive (finbilbung ihrer UTitmenfd)en Ausbeuten, fo tuet*

ben fte burd) Alle felbflbewußten ^orfchungsergebnifife ber


weltlichen Wiffenfchaftler $unächß einmal in Verlegenheit
gebracht, Niemals lehnen fte eine £ntbed?ung, einen revolu«
tionierenben (Bebanfen von vornherein ab. Äs formte ja fein,
baff ftd) bie £eiflung bes (Belehrten ber römifchen Kirche
bienflbar machen ließe, baß er ficf) felbfl ber heiligen Kuto«
rität noch beugen lerne. So haben fte ben Kftronömen
(Balilei unb Kepler gegenüber bie Caftit ber „freunb«
fchaftlichen ^ehbe" befolgt, bis ber erfte fich bemütigte, ber
jweite julefct als hartnäcfiger Kefcer famt allen feinen 23e«
rechnungen verfemt würbe. Von £eibni$, ben fte gar $u gern
gewonnen hatten, behaupteten fte fälfd)lid), er fei noch in
feiner lebten Stunbe in ben tHutterfd)oß ber Kirche jurücf«

gefehrt. Vie patres felbfl haben als wiffenfchaftliche ,$or«


fcher feine einzige lßrrungenfd)aft von großer Tragweite
aufcuweifen; bagegen waren fte fiets bemüht/ bie frembe
(Beifiesarbeit fcholaflifch jurechtjuflufcen. Wo bas burchaus
nicht gelingen wollte, wie vor allem bei Kant, bem „prote«
flantifchen (frbfeinb", ba festen fte bem moberniflifchen
Orrtum bie „Katholijitä't bes 5>enfens" entgegen. Wenn
Kant behaupte, baß ber binglid)e &eft£ bes (Buten unmög«
lieh fei, baß alles ftttlid) (Bute bem Utenfchen nur als uw
enbliche Kufgabe gegeben fei, fo trage er „bas alte Kains«
jeithen bes Irrtums". Sie glauben, Kant abgefertigt 3 U
haben, wenn fte ihn mit ber Parole bes römifchen tttoral«
heiligen Äiguori berennen: „Wer auf (Bottes Wegen fort«

fchreiten will, ber unterwerfe ftd) einem gelehrten 23ei d)t«


vater unb gehorche biefem wie (Bott. Wer bas tut, braucht
Gott von feinen ^anblungen feine Kedjenfchaft abjulegen."
5>ie befanntefle (Belehrtenleiflung eines 0efuiten ifl ber
(Bregorianifche Kalenber, alfo be$eid)nenberweife eine Kngc«
legenheit ber (Drganifation, nicht ber £rforfd)ung. Kls ber
Äamberger tftathematiPer pater €laoiu$ ben pap ft Gre-
gor XIII. wirPlieh bat>on überzeugt hatte, bafi fein Xalenber
„immerwährenb" fei, Pam erft bie Hauptaufgabe, nämlich
biefen Äalenbtr in ber politif ch unb religiös serftücPelten
tDelt burchsufe&en, ein XDerP, bas bie patres mit Feuereifer
auf greifen. 3Die „fpanifd)en priefter" änbern bie ^Jahres*
Seiten, um bie TDelt umsufiürsen! rufen bie Protestanten.

Unb bie 3efuiten überwinben ben TDiberftanb weniger mit


t>immelsPunblid^en Seweifen als mit gewappneten Bütteln,
bie bas ^Icifd^ aus ben AauchPammern herausholen, weil
jefct nach bem neuen l&alenber (Dftern unb nicht mehr F^flen-
jeit ift. Unb als bie Augsburger nad) ber alten (Drbnung
ben Sonntag einläuten wollen, laffen fte einfad) bie Stränge
ber AirchenglocPen burcf)fd)neiben.
Als ICrfinber bürfen fte bie Laterna magica, bas Sprach*
rohr unb bie Auffpürung bes f>ypnotifcf>en Phänomens für
ftd; in Anfprudj nehmen, SDinge alfo, bie ausgeseid)net )u
ihrer tDefensart paffen. Xttit Hilfe feiner Laterna magica
Säubert ber pater Athanafius Rirctyer $eiftererf<heinungen
auf bie tt>anb, unb bie leute glauben an ein Heiligen*
munber, wenn plöfctid) eine «Cngelsgeftalt in bem Strahlen*
Pegel fid)tbar wirb. £ird)er hat fich auch mit Fafeinierungs'*

verfügen befchäftigt unb gefunben, bafj ein H^tm burd)


Areibeftriche gehemmt wirb. Als man bie Himmelfahrt oet*
anfd)aulid)en wollte, ergab f«h, bafj ein Gallon sur H<*h e
fteigt, wenn man ihn erwärmt. $>er moberne 3efuit XDas*
mann fudjt in ber DnfePtenwelt bie „Sdjriftsüge bes Him*
mcls"; auth bilbe ber „(0olbene Schnitt", bie altbePannte
mathematifche Proportion, einen wichtigen, univerfalen
(Bottesbeweis in ber Cier* unb pflansenwelt. £>ie £rfchei*
nungsform ber sectio aurea bei ben Ääfern fei eine herr*
liehe unb aUfeitige 23eftätigung ber chriftlich*fcholaftifchen
Harmonie" in ber länge
Vlaturauffaffung. J)ie „Plangootte
unb Breite ber Äörperabfchnitte beutet TDasmann als ben
Seitlichen TDiberhall be* göttlichen tDahrheitsgefege, bie

fein weltlicher Genfer verfälfdjen fönne.


*
3n ber streiten i^älfte bes yg. ^ahrhunberts nimmt bie

jefuitifd)e polemif in £>eutfd)lanb hauptfächlich üRlafftfer

ber Ration aufs &orn. £>ie beutfche 3Didjtung von ^Rlopßocf


bie jum Cobe ßoethes iß Polfsgut geworben. £>ie nteißer*
werfe ber Epoche füllen bie Büdjerfchränfe bee Bürger*
haufee unb bilben bie i^auptleftüre in ben tycfyvcin Schulen.
(Öoethe unb Schiller werben nicht nur ale $)id)terfürßen
gefeiert, fonbern ihre Phantaßefdjöpfungen burchbringen in
einer Stärfe unb Allgemeinheit/ wie man fte feit ber Antife
nicht mehr erlebt hat, bae X>olfsbewußtfein. Unb biefe Älaf*

ßfer, bie fegt minbeßens ebenfo häufig wie bie Bibel zitiert
werben, ftnb sum Lctbwcfen ber patres faß burchweg feine
Aatholifen! £Jur ein paar Aomantifer, bie erß in jweiter
Linie fommen, haben bem römifchcn Rultus ihren Cribut
entrichtet. Unb bas fchlimmße iß, baß fogar bie frommen

Äatholifen Goethe im UTunbe führen unb fich an Schillers


Pathos begeißern.
3Der (Drben gibt baher ben literaturfunbigen patres ben
Auftrag, bie Älaffifer burch h^mifche Angriffe auf ihre
Lebensführung verächtlich ju machen. £Eine gewiffe Ausß'djt
auf Erfolg verbürgt ihnen jene liberalißifche Schwäche ber
3eit, bie wenn ße
jerfegenbe Anftchten, geißreichelnb bie
öffentliche VJorm verlegen, immer h<>chß intereffant finbet.
So erobern ftd) auch bie Bosheiten, bie burch bie Üirgän*
jungshefte ber „Stimmen aus tHaria-Laach" ins publifum
geßreut werben, weiteße Beachtung. VUo biefe „originellen"
Äritifen h^rßammen, ahnen bie wenigßen, bie biefe pifan*
ten Lite raturfchwägereien von einer Stelle jur anberen
weitertragen. Ulan höre etwa, wie ber Pater Baumgartner
Schillers Leben für ben literartfchen Ceeflatfdj
auftifcht:

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„Hn wen immer bie Haura-cDben gerietet fein mögen/ ob
an bie verwitwete i^auptmännin X>ifc£>er/ bei ber Schiller
wohnte/ ober an eine anbere ähnliche tttufe: eine berartige
Poefte felgt im 3ufammenhang mit anberen Umfiänben ein
jiemlich wilbes unb wiißcs Heben voraus. Dn mannheim
geriet Schiller in bas ftttenlofe Treiben ber bortigen Schau-
fpieler, fo baß ihm fpäter bie Schaufpielererlebniffe in
Goethes „Wilhelm tTleijter" nichts Heues, fonbern viel-

me^r Selbßcrlebtes zu bieten fchienen. daneben verliebte


er fich in tHargarethe, bie Codier bes 23nchhänblers
Bcbwan, unb ließ ft<h mit ber verheirateten Chorlotte
von Xalb in ein fo leibenfchaftliches Verhältnis ein, baß er
fte ffbließlid) fogar jur i£h c fc^ e ibung brängte. 3n Fauerbach
hulbigte er mit törichter Hiebe einer anberen Charlotte, **r
Cocfjter feines Wohltäters von Woljogen, in Vresben fef-

feite ihn ein ^räulein von Hrnim. 3n Weimar fntipfte er

bas Verhältnis mit ^rau von Äalb öffentlich wieber an,


währenb er gleichseitig baran bachte, ftch mit einer Cochter
Wielanbs $u verehelichen, unb bie Voppellicbe $u ben <Zfe-
fchwiftern Hengefelb war nicht frei von Verfänglichfeit, bis
er enbtich „Hotte" jur ^rau erfor. Vas waren für jehn
tfahre gewiß genug Abenteuer, Gincs biefer Verhältniffe
hat Schüler fpäter felbfi eine „miferable Heibenfchaft" ge*
nannt unb bamit ben Charafter feines ^ugenblebens als
eine Äette von Verirrungen gezeichnet. Huf bie ^ugenb-
tiraben in feinen erjlen Vramen ift nicht viel zu geben, ba
er fchon als Harlsfchüler bie OTätreffe bes ^er^ogs, ^ran*
Zisfa von Hohenheim, wieberholt in ber tiberfchwenglichßen
Weife als ,3beal ber Cugenb* gepriefen hat, unb bie jun-

gen Heute wußten, was biefe ^ranjisfa war. Wä'hrenb ber


junge Goethe mehr weich unb weibifch war, zeigt ftd) ber
junge Schiller wilber, leibenfchaftlicher unb jtürmifcher.
immerhin vergeubete er nicht foviel 3cit in unenblichen
fentimentalen Wcibcrforrefponbenzen, warf fein Sinnen

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unb Streben nie fo rückhaltlos an fftäbchen unb grauen
."
weg, wie 6er i^ätfchelhans 6er ^rau Aja . .

Über 6en „Alten von Weimar" veröffentlichten 6ie 3e*


fuiten Pamphlete, 6ie ihn nicht nur als Äuftgreis vertuen,
fonbern auch als ^Dichter unb genfer entthronen feilten.

3Die patres Baumgartner unb Stocfmann bieten ihr ganzes


(Ballengift auf, um $u beweifen, baß Goethe ein Scharlatan
ber Heinfichen £itelfeit, ein theatralifcher Abenteurer ge*
wefen fei. „Seine 3been unb Dbeale gehen nur feiten über
bie Porftellungen bes allergemöhnlichStenpublifums hlna«®*"
Als ber Schreibung feine Äritifaftereien bem 3enfor ber
„beutfehen" Grbensprovinj im hoHänbifchen BlyenbecF jur
Genehmigung vorlegt, finbet man bas Wetf nicht auf*
reijenb genug, unb ber pater muß feine Pfeile in fcf)ärferes
(Bift tauchen. So ftnb benn fchließlich folgenbe Gemeinheiten
juftanbe gekommen :
„55er ^reunb 3clter berichtet bem fran*
fen Goethe von ben verwünfehten Cbeaterballetten unb bem
,t leinen Gpernjeug', von feiner erften Sängerin, bem ,an*
genehmen ittäbchen mit fünfter Stimme, unverwüstlicher
Äuft, ^olgfamfeit unb Aedfh«t', von zwei Wiener Cän*
jerinnen, ausgezeichnet ,burcf) Wohlgestalt, Leichtigkeit unb
Anmut in ben wunberlichften Sprüngen unb Stellungen*
ufw. im lüfternßen, leichtfertigsten Stile. An folgen £Tach*
richten tröftete ftd) ber greife dichter über ben t>erluft

feines einzigen Sohnes. JDenn 3elter war fein intimster Per*


."
trauter unb wußte, womit er aufzuheitern war . .

„®s iß charafteriftifd) für Goethe", es an anberer


Stelle, „baß er bei Shafefpeares ,Äönig ^Johann* fid) nicht

für beffen große politifche unb firchcnpolitifche probfeme


intereffierte, nicht für bie leibenfchaftlich gewaltigen tttänner*
rollen, fonbern vorwiegenb für bie jwei rührenben Szenen
bes Prinzen Arthur, ben ein trtäbchen in Anabenfleibern
fpielte — Christiane Reumann. Auf fte fam ihm in bem
StücP alles an. Als fte mit ber glühenben 3ange geblenbet

20 ©d)u(tsts pfat Ijer, tas ^«fuitftipöudj JOf


.

merben foHte, jcigte ß'e (Öoethe nicht genug llngß. 55a nahm
ber SDireftor (Boethe felber bie Sange, ßür$te auf Ch«ßiane
loa unb machte babei fo fc^cecflidje Kugen, baß biefe in
(D^nmac^t fiel. VJun erfchra? «Boethe felbß, f niete bei i\)t
nieber, unb ala fte mieber ju ftd) tarn, gab es einen Äuß.
3Daa iß bie ^auptfjene aua (Boethea faß vierzigjähriger
Cheaterbireftion. Sie betueiß ßhlagenb ben (BegenfaQ jn>i»

fd)en bem männlich'Univetfellen, ed)ten Pramatifer Shafc»


fpeare unb bem lyrifchen tttäbchen Verehrer Wolf gang
Goethe, ben biefer Äuß mehr Äönig Johann
interefß'erte ala

unb alle übrigen Könige von ißnglanb, Drlanb unb Sdjott»


lanb jufammen."
Unb bann zifclß ber i£aß in bidfen Strahlen nad) bem
23ilbe bea (Dlympiera: „Seine roanFelmütige Weiberliebe,
fein fdjnöbea Perfahren gegen bie ^rau von Stein, fein

ftonfubinat mit Ct^rißine X>ulpiua, fein ^iaafo in ber


Politik, feine ana Äinbifche gren;enben Pilettanterien in
toiffenfchaftlichen gingen, feine gröbßen Ääßerungen gegen
<Cl>rißua unb baa C^>rißentum, fein miberlid) 3 utage treten»

ber iEgciamua, ber Schtrinbel mit bem Bcrgtoerl? in

Dlmenau, bie djarafterlofe Haltung bei ben verfd)iebenen


Wanblungen ber beutßhen politif, bie fchmadjvoHe Per»
et?rung t^apoleona, bie vaterlanbalofe (Bleichgültigfeit für
ben beutfchen ^rei^eitefampf, bie vornehme Perachtung
aller volfatümlichen bemofratißhen VTeigungen, bie ßeifße
unb lächerlichße pebanterie im Äeben wie bie ungebunbenße
Äeichtfertigfeit in ber poeße — aUca, aUea warb ihm vct»
geben, weil bie öffentliche Uteinung fceutfchlanba ßch in
feinem £>ichterruhm gefdpneichelt füllte . . . Pon ^ürßinncn,
(Gräfinnen unb Baroninnen warb ber einßige tttarftfchreier

aua piunberaweiler jefct um Stammbuchx>erfe gebeten. So


hat (Boethe feine eigene Cfugenb» unb Blütezeit jum guten
Schluß felbß auf ben lEntenpfuhl gefegt. £a war a