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Angela Sommer-Bodenburg:

geboren 1948 in Reinbek, Studium


der Pädagogik, Soziologie und
Psychologie, 12 Jahre
Grundschullehrerin in Hamburg, lebt
in Rancho Santa Fe, Kalifornien,
USA.
Veröffentlichungen: «Der kleine
Vampir» und «Anton und der kleine
Vampir», 16 Bände, seit 1979; «Sarah
bei den Wölfen», Gedichte, 1979;
«Das Biest, das im Regen kam»,
1981; «Ich lieb dich trotzdem
immer», Gedichte, 1982; «Wenn du
dich gruseln willst», 1984; «Die
Moorgeister» 1986; «Coco geht zum
Geburtstag», Bilderbuch, 1986;
«Möwen und Wölfe», Gedichte,
1987; «Julia bei den Lebenslichtern»,
Bilderbuch, 1989; «Gerneklein», Bilderbuch, 1990; «Florians gesammelte
Gruselgeschichten», 1990; «Schokolowski», vier Bände, seit 1991.
Übersetzungen in 21 Sprachen.
Verfilmung: 13teilige internationale TV-Serie «Der kleine Vampir», 1986/87,
auch in Belgien, England, Frankreich, Island, Italien, Schweden, Spanien; «Der
kleine Vampir 2» 1992/93; Theaterstück «Der kleine Vampir», Uraufführung 1988
in Tampere, Finnland.
Hörspielkassetten: «Der kleine Vampir» und «Anton und der kleine Vampir», seit
1979.

Amelie Glienke: Studium der


Malerei und freien Grafik bei
Professor Georg Kiefer, Hochschule
der Künste in Berlin; arbeitet als
Grafikerin, Zeichnerin und (unter dem
Namen HOGLI) als Karikaturistin in
Berlin und hat zwei Kinder. Sie
illustrierte u. a. die «Geschichten ab
3» von Hanne Schüler (rotfuchs 149,
267, 330, 397, 428); «Hexen hexen»
von Roald Dahl (rotfuchs 587.

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Angela Sommer-Bodenburg

Der kleine Vampir


in Gefahr
Bilder von Amelie Glienke

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Lektorat Renate Boldt

249.-252. Tausend Juni 1998

Originalausgabe
Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg, September 1985
Copyright © 1985 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg
Umschlaggestaltung Barbara Hanke
Umschlagillustration Amelie Glienke
rotfuchs-comic Jan P. Schniebel
Alle Rechte vorbehalten
Gesetzt aus der Garamond (Linotron 202)
Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
ISBN 3 499 20.401 0

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Dieses Buch ist für Burghardt,
der jeder Gefahr ins Auge sieht,
für Katja, die auch ganz schön mutig ist –
und für alle, die so tollkühn sind,
Vampirgeschichten zu lesen.

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Die Personen dieses Buches
Anton liest gern aufregende, schaurige
Geschichten. Besonders liebt er Geschichten
über Vampire, mit deren
Lebensgewohnheiten er sich genau
auskennt.

Antons Eltern glauben nicht recht an Vampire.

Antons Vater arbeitet im Büro, seine Mutter ist Lehrerin.

Rüdiger, der kleine Vampir, ist seit


mindestens 150 Jahren Vampir. Daß
er so klein ist, hat einen einfachen
Grund: er ist bereits als Kind Vampir
geworden. Seine Freundschaft mit
Anton begann, als Anton wieder
einmal allein zu Hause war. Da saß
der kleine Vampir plötzlich auf der Fensterbank. Anton zitterte
vor Angst, aber der kleine Vampir versicherte ihm, er habe
schon «gegessen». Eigentlich hatte sich Anton Vampire viel
schrecklicher vorgestellt, und nachdem ihm Rüdiger seine
Vorliebe für Vampirgeschichten und seine Furcht vor der
Dunkelheit gestanden hatte, fand er ihn richtig sympathisch.

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Von nun an wurde Antons ziemlich eintöniges Lehen sehr
aufregend: der kleine Vampir brachte auch für ihn einen
Umhang mit, und gemeinsam flogen sie zum Friedhof und zur
Gruft Schlotterstein. Bald lernte Anton weitere Mitglieder der
Vampirfamilie kennen:

Anna ist Rüdigers Schwester – seine


«kleine» Schwester, wie er gern betont.
Dabei ist Anna fast so stark wie Rüdiger,
nur mutiger und unerschrockener als er.
Auch Anna liest gern Gruselgeschichten.

Lumpi der Starke, Rüdigers großer


Bruder, ist ein sehr reizbarer Vampir.
Seine mal hoch, mal tief krächzende
Stimme zeigt, daß er sich in den
Entwicklungsjahren befindet. Schlimm
ist nur, daß er aus diesem schwierigen
Zustand nie herauskommen wird, weil
er in der Pubertät Vampir geworden
ist.

Tante Dorothee ist der blutrünstigste


Vampir von allen. Ihr nach
Sonnenuntergang zu begegnen, kann
lebensgefährlich werden.

Die übrigen Verwandten des kleinen Vampirs lernt Anton


nicht persönlich kennen. Er hat aber einmal ihre Särge in der
Gruft Schlotterstein gesehen.

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Friedhofswärter Geiermeier macht
Jagd auf Vampire. Deshalb haben die
Vampire ihre Särge in eine
unterirdische Gruft verlegt. Bis heute
ist es Geiermeier nicht gelungen, das
Einstiegsloch zur Gruft zu finden.

Schnuppermaul kommt aus Stuttgart und ist


Friedhofsgärtner. Er soll Geiermeier helfen, den
Friedhof zu verschönern und die Vampire zu
vertreiben.

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Das Foto
Als Anton am Samstagmorgen beim Frühstück erschien,
spürte er sofort, daß etwas Unangenehmes in der Luft lag.
Auf den ersten Blick schien alles wie immer: der gedeckte
Tisch mit den frischen Brötchen, die Musik aus dem Radio,
und doch...
Er setzte sich, begann ein Brötchen zu streichen und wartete.
Er brauchte sich nicht lange zu gedulden: sein Vater
räusperte sich, dann sagte er: «Anton, wir müssen mit dir
reden.»
«Mit mir?» sagte Anton und wollte sich betont gleichgültig
Milch einschenken. Natürlich zitterte seine Hand, und er goß
die Hälfte daneben.
«Kannst du nicht aufpassen?» rief seine Mutter verärgert.
Anton holte ein Wischtuch.
«Also...» fing sein Vater noch einmal an. «Es geht um deine
seltsamen Freunde.»
«Welche Freunde?» stellte Anton sich unwissend.
«Um Anna und Rüdiger!»
Eine leichte Röte stieg Anton ins Gesicht – wie immer, wenn
das Gespräch auf seine besten Freunde kam: auf den kleinen
Vampir, Rüdiger von Schlotterstein, und seine Schwester
Anna.
«Und was ist mit ihnen?»
«Hier!» Sein Vater zog aus der Innentasche seiner Jacke eine
längliche rote Tüte hervor – eine Fototüte.
«Ja, und?» sagte Anton und zuckte mit den Achseln. Was
interessierten ihn die Fotos seiner Eltern!
«Guck ruhig hinein», sagte seine Mutter mit rauher Stimme.
«Wenn ihr meint...» Anton holte einen Stapel Fotos aus der
Tüte und sah sie sich widerstrebend an. Die ersten Fotos waren
genauso, wie er erwartet hatte: langweilige Aufnahmen von

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Häusern, Bäumen, Wolken...
Aber dann – Anton erstarrte!
Es war das Bild, das sein Vater am letzten Samstag von ihm
und Anna gemacht hatte. Anton erkannte die Papierschnipsel
auf dem Teppich, die umgestürzten Blumentöpfe, das
zerwühlte Sofa... nur Anna sah er nicht. Sie war nicht auf dem
Foto, obwohl sie bei der Aufnahme neben Anton gestanden
hatte!
Er konnte sich noch lebhaft daran erinnern, wie das grelle
Blitzlicht sie erschreckt hatte und wie sie mit einem Aufschrei
die Hände vors Gesicht geschlagen hatte.
Während er verblüfft das Foto betrachtete, hörte er seinen
Vater sagen: «So, und jetzt möchte ich wissen, was du dazu
sagst!»
«Wozu?» fragte Anton.
Erregt antwortete sein Vater: «Ich weiß genau, daß ich euch
beide fotografiert habe. Warum ist Anna dann nicht auf dem
Foto?»
«Wieso fragst du mich?» stotterte Anton.
«Weil es deine Freunde sind», rief seine Mutter, «diese
Vampire!»
Es war das erste Mal, daß sie das Wort «Vampire» nicht in
einer spöttischen, abwertenden Weise gebrauchte. Jetzt klang
es plötzlich ernst, bedrohlich – als glaubte sie an Vampire.
Anton war viel zu verwirrt, um etwas entgegnen zu können.
Daß Vampire kein Spiegelbild haben, wußte er – aber daß man
sie auch nicht auf einem Foto festhalten kann, davon hatte er
keine Ahnung gehabt.
«Ich... wahrscheinlich hast du sie nicht richtig aufs Bild
gekriegt», murmelte er.
«Nicht aufs Bild gekriegt!» wiederholte sein Vater empört.
«Sieh dir das Foto mal genau an!»
Anton tat es – und da entdeckte er etwas ganz und gar
Unglaubliches: ein Buch schien in der Luft zu schweben. Er

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drehte das Foto, so daß er den Buchtitel lesen konnte. Es war
«Romeo und Julia», das Buch, das Anna am Samstag gelesen
hatte.
Es schwebte genau dort, wo Annas Hand sein mußte nur: die
Hand war nicht zu sehen!
Unvorstellbar... aber Anton hatte den Beweis vor Augen!
Er merkte, wie ihn seine Eltern beobachteten.
Irgend etwas mußte er sagen – aber was?
«Das Buch –» begann er – «es sieht aus, als ob es gerade
runterfällt.»
«Nein.» Seine Mutter schüttelte heftig den Kopf. «Es sieht
aus, als ob jemand das Buch festhält.»
Anton nahm schnell sein Milchglas, um zu verbergen, wie
aufgeregt er war.
So gelassen wie möglich sagte er: «Wie soll denn das gehen?
Die Person müßte ja durchsichtig sein.»
«– oder ein Vampir!» ergänzte seine Mutter und sah ihn
scharf an. «Vampire haben doch kein Spiegelbild, oder?»
«Kann schon sein.»
«Und wer kein Spiegelbild hat, kann auch nicht fotografiert
werden.»
«Ich denke, du glaubst nicht an Vampire», bemerkte Anton.
«Bislang nicht; aber seit ich das Foto gesehen habe...»
Nach einer Pause fügte sie hinzu: «Heute abend sind Vati
und ich bei Frau Dr. Dösig eingeladen. Dann werden wir ihr
die Sache mal schildern.»
«Welche Sache?» fragte Anton unbehaglich.
«Deine Beziehungen zu diesen –» sie zögerte und suchte
nach einem passenden Ausdruck – «zu diesen – Gestalten!»
Anton überlief es kalt. Langsam schien es brenzlig zu
werden... für ihn, für den kleinen Vampir und für Anna!
Zaghaft wandte er ein: «Wieso – was hat Frau Dr. Dösig
damit zu tun?»
«Das laß nur unsere Sorge sein!» erwiderte seine Mutter

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kühl, und Antons Vater vervollständigte: «Morgen früh sehen
wir weiter.»
Anton preßte die Lippen aufeinander und schwieg.
Was sollte er auch anderes tun?
Er konnte nur warten und hoffen – warten, was Frau Dr.
Dösig sagen würde, und hoffen, daß der kleine Vampir heute
abend zu ihm kam!

Klopfzeichen aus dem Jenseits


Nachdem seine Eltern gegangen waren, wartete Anton am
offenen Fenster.
Ein kühler Wind wehte, und Anton verschränkte fröstelnd die
Arme. Lange würde er hier nicht stehen können...
Es war kurz nach acht, und in vielen Wohnungen brannte
Licht. Jetzt saßen die meisten Leute vor dem Fernseher. Für
Rüdiger eine günstige Zeit, ungesehen heranzufliegen!
Anton strengte seine Augen an – aber nirgendwo entdeckte er
den kleinen Vampir. Inzwischen war ihm so kalt geworden,
daß er zitterte.
Er ging an seinen Schrank und zog sich einen dicken
Wollpullover über.
Als er zurückkehrte, sah er im äußersten Winkel des Fensters
einen Schatten – und dann ertönte ein dumpfes Gelächter.
So lachte nur einer!
«Rüdiger!» sagte Anton freudig.
«Guten Abend, Anton», antwortete der kleine Vampir und
kletterte ins Zimmer. Er blickte zur Tür und fragte mißtrauisch:
«Sind deine Eltern da?»
«Nein. Sie sind weggegangen.»
«Ins Kino?»
«Nein.»
«Ins Theater?»

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Anton schüttelte den Kopf.
«Aha – zum Tanzen!» meinte der Vampir und grinste
sachkundig.
«Schön wär’s», sagte Anton trübsinnig.
«Wieso, wo sind sie dann?» fragte der Vampir, hellhörig
geworden.
Anton seufzte. «Bei Frau Dr. Dösig. Um über Vampire zu
reden.»
«Was?» schrie der kleine Vampir auf.
«Ja. Das blöde Foto ist schuld.»
«Welches Foto?»
«Das mein Vater am letzten Samstag von Anna und mir
gemacht hat. Anna ist auf dem Foto nicht drauf – nur das Buch,
das sie in der Hand hatte.»
«Verdammt! Das hätte sie wissen müssen!» sagte der Vampir
und pfiff leise durch die Zähne. «Unsere Eltern haben uns extra
eingeschärft, daß wir uns nicht fotografieren lassen sollen.»
«Anna wollte es ja auch nicht», nahm Anton sie in Schutz.
«Aber mein Vater hat einfach losgeknipst.»
«Etwa mit Blitzlicht?»
Anton nickte.
«Oje!» sagte der Vampir und ging mit langen Schritten im
Zimmer auf und ab. Sein Gesicht wirkte angespannt und
sorgenvoll.
«Jetzt begreife ich, woher Annas rätselhafte Krankheit
kommt.»
«Anna ist krank?» fragte Anton bestürzt.
Der Vampir warf ihm einen düsteren Blick zu. «Seit einer
Woche liegt sie im Sarg. Sie hat schreckliche Kopfschmerzen,
und wenn sie aufsteht, wird ihr schwindlig. Und sie kann nicht
richtig gucken – vor ihren Augen verschwimmt alles.»
Anton schlug betroffen die Hand vor den Mund. Seinetwegen
ging es Anna schlecht – nur weil sie ihm am letzten Samstag
beistehen wollte, als seine Eltern überraschend zurückkamen!

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«Kann man ihr nicht helfen?» fragte er.
Der Vampir zuckte hilflos mit den Schultern. «Wie denn?»
Eine Pause entstand.
«Hast du den zweiten Umhang mit?» fragte Anton dann.
Der Vampir nickte und zog einen löchrigen Vampirumhang
unter seinem eigenen hervor.
«Hier. Ich dachte, wir könnten noch etwas unternehmen.»
«Nein, danke», sagte Anton. «Ich möchte lieber zu Anna.
Vielleicht kann ich irgend etwas für sie tun.»
«Du?» sagte der Vampir und blickte grinsend auf Antons
Hals. Dabei fuhr er sich langsam mit der Zungenspitze über
seine scharfen Eckzähne. «Ja, warum eigentlich nicht...?»
Hastig schlug Anton den Kragen seines Pullovers hoch. «So
war das nicht gemeint», sagte er. «Außerdem trinkt Anna doch
noch Milch, oder?»
«Nur in Notfällen», antwortete der Vampir mit rauher
Stimme.
«Und dies ist ein Notfall», erklärte Anton entschieden. Er
stand auf und ging in die Küche.
Im Kühlschrank fand er eine angebrochene und eine volle
Milchpackung. Anton nahm die volle, steckte sie in eine
Plastiktüte und ging zu Rüdiger zurück.
Der Vampir saß auf Antons Bett und blätterte in einem Buch.
Es war «Klopfzeichen aus dem Jenseits», das sich Anton erst
vor ein paar Tagen gekauft hatte und in dem er jeden Abend
vor dem Einschlafen las.

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«Ist das gut? Kann ich das mal mitnehmen?» fragte der
Vampir und machte schon Anstalten, das Buch unter seinem
Umhang verschwinden zu lassen.
Aus Erfahrung wußte Anton, daß es recht zweifelhaft war, ob
er das Buch überhaupt zurückkriegen würde.
Deshalb sagte er gedehnt: «Spannend? Nein, eher trocken
und langweilig.»
«Trocken? Langweilig?» krächzte der Vampir und
schleuderte das Buch angewidert von sich. Es prallte gegen den
Kleiderschrank und fiel auf den Teppich.
«Langweilige Bücher sollten verboten werden!»
«Tja», machte Anton nur und bückte sich schnell nach dem
Buch, damit der kleine Vampir sein zufriedenes Gesicht nicht
sehen konnte.
«Und warum liest du solche Bücher?» forschte der Vampir.
«Warum?» wiederholte Anton und stellte das Buch, das nur
eine kleine Delle davongetragen hatte, betont sorgfältig ins
Regal zurück. Dabei überlegte er, was er antworten sollte.

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«Weil ich etwas für meine Bildung tun möchte», sagte er
dann, und in einem oberlehrerhaften Ton fügte er hinzu: «Nicht
alle Bücher müssen spannend sein.»
«Pah – Bildung!» schnaubte der Vampir verächtlich.
Er sprang vom Bett auf und begann, seine dünnen Arme und
Beine zu schütteln, als wären sie ihm eingeschlafen. «Fliegen
wir endlich?» knurrte er.
«Von mir aus», sagte Anton und streifte sich den
Vampirumhang über.
«Und die Tüte da?» fragte der Vampir und deutete mit einem
Kopfnicken auf die Plastiktüte.
«Da ist Milch drin. Für Anna.»
«Und wie willst du damit fliegen?»
«Fliegen?» Darüber hatte Anton noch gar nicht nachgedacht!
«Na siehst du, wenn du mich nicht hättest», meinte der
Vampir mit sanfter Stimme. «Ohne mich wärst du abgestürzt.»
Beklommen spähte Anton in die Tiefe.
«Aber mir kannst du die Tüte geben», sagte der Vampir
großspurig. Er packte die Tüte und schwang sich in die Nacht
hinaus.
Anton blieb auf dem Fensterbrett sitzen und sah zu, wie der
kleine Vampir erfolglos versuchte, das Gleichgewicht zu
halten. Schon nach wenigen Armstößen mußte er im
Kastanienbaum notlanden.
«Angeber!» kicherte Anton.
Er breitete die Arme unter dem Umhang aus und flog
hinterher.

Durst
Als er im Baum ankam, war der kleine Vampir gerade dabei,
mit seinen dürren Fingern die Milchpackung aufzureißen.
«He, was machst du da?» rief Anton empört.

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«Ich habe Durst», antwortete der Vampir mit Grabesstimme,
«nur deshalb bin ich hier im Baum gelandet.»
«Die Milch ist aber für Anna!»
Ohne Antons Einwand zu beachten, setzte der Vampir die
Packung an den Mund. Doch er nahm nur einen kleinen
Schluck – dann warf er die Milchpackung mit einem heiseren
«Bäh!» von sich.
Anton sah, wie sie unten auf dem Rasen aufschlug und
platzte.
«Das ist gemein!» sagte er wütend. «Du wußtest genau, daß
dir die Milch nicht schmeckt.»
«So?» sagte der Vampir und lächelte scheinheilig. «Und
warum hätte ich sie dann wohl aufmachen sollen?»
«Warum? Weil du einen Vorwand brauchtest, um sie
wegzuwerfen. Du wolltest bloß nicht zugeben, daß du um ein
Haar abgestürzt wärst!»

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Daß Anton mit seiner Überlegung den Nagel auf den Kopf
getroffen hatte, merkte er an der Reaktion des Vampirs: ein
verlegenes Grinsen huschte über sein Gesicht.

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Doch gleich darauf hatte er sich wieder in der Gewalt. Er
knurrte: «Blödsinn. Ich hatte nur Durst, weiter nichts.»
Und den Blick auf Antons Hals gerichtet, setzte er hinzu:
«Oder darf ich heute mal bei dir...?»
«Natürlich nicht!» sagte Anton schnell und spürte, wie sich
unter dem lauernden Blick des Vampirs seine Haare sträubten.
«Wirklich nicht?» Der Vampir beugte sich vor. «Auch nicht
ein kleines bißchen?»
«Nein!» Anton rückte von ihm ab. «Und jetzt hör auf damit –
schließlich sind wir Freunde!»
In diesem Augenblick vernahmen sie ein Geräusch unter dem
Baum: ein Scharren und Schmatzen, und dann rief eine
Frauenstimme: «Susi, wo bist du?»
«Frau Puvogel!» flüsterte Anton dem kleinen Vampir zu.
Mit der Hundeleine in der Hand stand Frau Puvogel auf dem
Plattenweg und hielt Ausschau nach ihrem Dackel.
«Susilein! Komm zu Frauchen, ei, ei!» lockte Frau Puvogel,
aber Susi dachte nicht daran, zurückzukommen. Sie schlürfte
die ausgelaufene Milch – und zwar so laut, daß es auch Frau
Puvogel nicht entging. «Susi? Bist du da unter dem Baum?»
Jetzt klang ihre Stimme nicht mehr so freundlich. «Susi! Ein
feiner Hund wühlt nicht im Dreck.»
Doch auch das störte Susi nicht. Unbeirrt schmatzte sie
weiter.
«Hierher!»
Susi hob den Kopf, leckte sich das Maul – und machte sich
wieder über die Milch her.
«Warte! Dir werde ich Beine machen.» Schnaufend wie eine
Lokomotive näherte sich Frau Puvogel dem Baum und
schwang dabei drohend die Leine.
Das wirkte: Susi kläffte ein paarmal – dann rannte sie zu den
Büschen am Spielplatz.
«Mistköter, verdammter!» fluchte Frau Puvogel und lief
schwerfällig hinter ihrem Dackel her.

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«Puh!» machte der Vampir, als sie verschwunden war. «Bei
der möchte ich kein Hund sein.»
«Das sagen meine Eltern auch immer», kicherte Anton.
«Deine Eltern...» Plötzlich schien dem Vampir etwas
Wichtiges einzufallen. «Hattest du nicht vorhin erzählt, sie
wollten sich mit einer Frau – wie hieß sie noch? – Döserich
über Vampire unterhalten?»
«Frau Dr. Dösig», verbesserte Anton.
«Und wer ist das?»
«Unsere Hausärztin.»
«Und wieso wollen sie ausgerechnet über Vampire reden?»
«Das blöde Foto hat sie mißtrauisch gemacht.»
«Das, auf dem Anna nicht drauf ist?»
«Ja. Früher glaubten sie nicht an Vampire. Aber seit dem
Foto...»
«Und diese Frau Döserich, glaubt die an Vampire?»
«Keine Ahnung.»
«Hm.» Gedankenvoll kaute der Vampir auf seiner
Unterlippe. «Weißt du, wo sie wohnt?»
«Ja.» Anton zeigte auf ein Haus am Ende der Siedlung. «Da
hinten.»
«Warum fliegen wir nicht hin?» fragte der kleine Vampir.
«Hinfliegen?» wiederholte Anton. «Willst du etwa bei ihr
klingeln?»
«Nein.» Der Vampir lachte heiser. «Aber durchs Fenster
gucken. Vielleicht können wir hören, worüber sie reden.»
«Eine tolle Idee!» sagte Anton anerkennend. «Darauf wäre
ich gar nicht gekommen.»
«Aber ich!» grinste der Vampir.

Horcher auf dem Balkon


Das Haus von Frau Dr. Dösig war kleiner als die anderen

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Häuser der Siedlung und stand etwas abseits.
Es hatte nur zwei Stockwerke: das Erdgeschoß, in dem sich
die Praxis befand, und den ersten Stock, in dem die Wohnung
lag.
In der Praxis war Anton schon oft gewesen, aber in der
Wohnung noch nie.
Deshalb konnte er auch nur vermuten, wo das Wohnzimmer
sein mußte: hinter dem großen Blumenfenster. Durch die leicht
geöffnete Balkontür drangen gedämpfte Stimmen.
«Sind das deine Eltern?» fragte der Vampir.
«Ja, bestimmt», nickte Anton.
«Na prima», sagte der Vampir vergnügt und landete auf dem
Balkon.
Anton folgte ihm zögernd. Zum Glück gab es neben der
Balkontür eine Nische, in der sie sich verstecken konnten. Sie
war allerdings so eng, daß sie ganz dicht beieinander stehen
mußten – nicht gerade angenehm für Anton!
Der muffige Geruch, der von Rüdiger ausging, nahm ihm fast
den Atem. Sein Herz schlug bis zum Hals, und er wußte nicht,
vor wem er sich mehr fürchten sollte: vor seinen Eltern und
Frau Dr. Dösig – oder vor dem kleinen Vampir, der aus der
Nähe plötzlich viel gefährlicher wirkte. Und jetzt grinste er
auch noch und zeigte seine makellosen Raubtierzähne...
«Hast du Angst?» fragte er.
«Angst? Wie k-kommst du denn darauf?» wehrte Anton ab.
«Ach, ich dachte nur. Dann muß ich mich wohl getäuscht
haben.»
«... in diesem Jahr konnten wir leider keinen Urlaub
machen», hörten sie eine Männerstimme sagen. Das war
vermutlich Herr Dösig.
«Irgendwas pocht hier!» bemerkte der kleine Vampir
hintergründig. «Ist es nicht vielleicht doch dein Herz?»
«Mein Herz?» Anton wurde rot. «Nein. Das ist das Vampir-
Suchgerät, das Frau Dr. Dösig in ihrem Wohnzimmer

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aufgestellt hat.»
Das selbstsichere Lächeln des Vampirs verschwand.
«Vampir-Suchgerät?» fragte er nervös.
«Psst!» Anton legte einen Finger auf den Mund. «Nicht so
laut, sonst schlägt das Gerät Alarm.»
«Im nächsten Sommer wollen wir auf jeden Fall nach
Tunesien fahren», sagte eine Frauenstimme, die Anton kannte:
Frau Dr. Dösig. «Dann sind wir garantiert urlaubsreif.»
«Marokko ist auch schön.» Das war Antons Mutter.
«Noch schöner als Klein-Oldenbüttel?» knurrte Anton – in
Erinnerung an ihren mißglückten Urlaub auf dem Bauernhof.
«Erinnere mich nicht daran!» stöhnte der Vampir leise auf.
Ihn hätte der Urlaub in Klein-Oldenbüttel beinahe Kopf und
Kragen gekostet!
«Wir werden im nächsten Jahr an die Nordsee fahren», fuhr
Antons Mutter fort. «Vor allem wegen Anton.»
Anton horchte auf. Jetzt schien es interessant zu werden!
«Ja, die Nordseeluft ist sehr gesund», pflichtete Frau Dr.
Dösig bei. «Besonders, wenn man oft erkältet ist.»
«Erkältet ist Anton eigentlich selten.» Das war die Stimme
seines Vaters. «Aber etwas anderes beunruhigt uns – hm, wie
soll ich mich ausdrücken?»
Er druckste herum. Wahrscheinlich fürchtete er, sich
lächerlich zu machen, wenn er anfing, über Vampire zu
sprechen.
«Anton hat so merkwürdige Freunde», sprang ihm Antons
Mutter bei. «Sie sind ganz blaß, tragen immer schwarze
Umhänge – ja, und wir haben sie noch nie bei Tageslicht
gesehen.»
«Grrrr!» machte der kleine Vampir leise.
Frau Dr. Dösig lachte.
«Die typischen Stadtkinder!»
«Das würde ich nicht sagen», bemerkte Antons Vater und
räusperte sich. «Wir glauben, daß es – Vampire sein könnten!»

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Eine Pause entstand. Anton hörte, wie Rüdiger neben ihm
zischend ein- und ausatmete.
Dann sagte Frau Dr. Dösig: «Vampire?» Ihre Stimme klang
eher belustigt. «Das ist doch ein ganz überholter Aberglaube.»

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«Bislang dachten wir das auch», sagte Antons Mutter.
«Aber sehen Sie selbst!»
«Jetzt zeigt sie ihr das Foto», flüsterte Anton dem kleinen

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Vampir zu.
«Mir fällt nichts auf!» erklärte Frau Dr. Dösig.
«Das Buch!» half ihr Antons Mutter auf die Sprünge.
«Stimmt! Es scheint in der Luft zu schweben. Seltsam...»
«Es schwebt aber nicht in der Luft», sagte Antons Vater.
«Ein kleines Mädchen hält es in der Hand.»
«Und wo ist das Mädchen?»
«Genau das fragen wir uns auch», sagte der Vater. «Ich weiß
jedenfalls, daß sie neben Anton stand, als ich das Foto machte
– und sie hatte das Buch in der Hand.»
«Sehr eigenartig, wirklich...» Jetzt wirkte Frau Dr. Dösig
ziemlich verwirrt, fand Anton.
«Aber es muß doch irgendeine vernünftige Erklärung dafür
geben.» Das war die Stimme von Herrn Dösig.
«Was? Soll das etwa heißen, wir Vampire seien
unvernünftig?» brummte der kleine Vampir.
«Vielleicht ist es beim Entwickeln des Fotos passiert»,
meinte Frau Dr. Dösig.
«Nein», sagte Antons Vater. «Das haben wir schon geprüft.
Auch auf dem Negativ ist sie nicht.»
«Und was hat Anton damit zu tun?» wollte Frau Dr. Dösig
wissen.
Antons Vater zögerte. «Angenommen, diese Freunde von
ihm sind tatsächlich Vampire – dann müssen wir doch
befürchten, daß sie auch bei Anton...»
Er sprach nicht weiter – in der Annahme, daß Frau Dr. Dösig
ihn schon verstanden hatte. Doch sie war offenbar recht
begriffsstutzig.
«Was haben sie bei Anton?» fragte sie. «Ich verstehe nicht –»
Anton kicherte leise. «Frau Dr. Dösig macht es ihnen ganz
schön schwer.»
«Ja, also...» begann Antons Mutter. Ihrer Stimme war
anzumerken, wie unbehaglich sie sich fühlte. «Wir denken, daß
sie bei ihm vielleicht – Blut gesaugt haben.»

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«Blut gesaugt?» wiederholte Frau Dr. Dösig ungläubig.
«Aber –»
Dann lachte sie. «Nein, das wäre einfach zu verrückt.»
«Das hätten wir vor zwei Tagen auch gesagt», erklärte
Antons Vater. «Aber dieses Foto hier hat uns mißtrauisch
gemacht. Jetzt fragen wir uns, ob wir nicht in der
Vergangenheit viel zu sorglos waren.»
«Wie meinen Sie das?»
«Antons Freunde – wir mochten sie von Anfang an nicht.»
«Ganz meinerseits!» knurrte der Vampir.
«– und dieser Vampirzauber, der Anton so gefällt. Wir haben
das nie ernst genommen. Wahrscheinlich hätten wir mehr
darüber nachdenken müssen.»
«Und Sie glauben wirklich, daß es Vampire gibt?»
«Wir machen uns jedenfalls Sorgen um Anton», antwortete
die Mutter ausweichend.
«Das verstehe ich», sagte Frau Dr. Dösig.
Nach kurzem Schweigen meinte sie: «Ich könnte ja ein
Blutbild von ihm machen.»
«Was?» schrie Anton auf. Sofort preßte ihm der kleine
Vampir seine knochige Hand auf den Mund.
«Idiot!» zischte er.
«Ein Blutbild, das ist eine gute Idee», verkündete Antons
Mutter.
«Ich will mir aber kein Blut abzapfen lassen!» sagte Anton
zähneknirschend.
«Nein?» grinste der Vampir. «Auch nicht von mir?»
«He, laß mich!» Anton versuchte den Vampir von sich
wegzuschieben.
«Magst du mich nicht mehr?» fragte der kleine Vampir und
näherte sich Antons Hals.
«Ich schreie!» drohte Anton.
«Spielverderber.» Mit beleidigter Miene wandte sich der
Vampir ab.

26
«Und wann sollen wir zum Blutabnehmen kommen?» Das
war die Stimme von Antons Mutter.
«Wir vor allem –» sagte Anton grimmig.
Er hörte, wie Frau Dr. Dösig «Montag um halb acht»
antwortete.
Dann fuhr sie im Plauderton fort: «Und Sie wollen also im
nächsten Jahr an die Nordsee fahren! Haben Sie sich schon
einen bestimmten Ort ausgesucht?»
«Nein», sagte Antons Vater. «Können Sie uns einen
empfehlen?»
«... und so weiter und so weiter...» ächzte der Vampir. «Mir
reicht es. Fliegen wir!»
«Zu Anna?» fragte Anton freudig.
«Wenn’s unbedingt sein muß...»
Leise kletterten sie auf das Geländer des Balkons, und ohne
daß jemand sie bemerkte, flogen sie ab.

Stimmen der Nacht


Kurz bevor sie die alte Friedhofsmauer erreicht hatten, sagte
der kleine Vampir plötzlich: «Ich hab’s mir anders überlegt...
ich komm doch nicht mit!»
«Was?» schrie Anton auf. «Willst du mich etwa im Stich
lassen?»
«Im Stich lassen – du übertreibst mal wieder!» sagte der
Vampir unwirsch. «Ich will nur nicht das fünfte Rad am
Wagen sein.»
«Du weißt genau, daß ich noch nie allein in der Gruft war»,
rief Anton.
«Irgendwann ist es immer das erste Mal», erwiderte der
Vampir und segelte davon.
«Verräter!» sagte Anton wütend und landete im hohen Gras
hinter der Friedhofsmauer.

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Mit einem Frösteln blickte er zu der hohen Tanne hinüber,
unter der sich das Einstiegsloch zur Gruft befand. Sollte er es
wirklich wagen, den Stein wegzuschieben und sich in die Tiefe
hinabgleiten zu lassen?
Er dachte an Anna. Wie einsam mußte sie dort unten sein,
von allen Vampiren verlassen, die sich wie immer nur um ihre
eigenen Bedürfnisse kümmerten – so wie Rüdiger. Vielleicht
hatten sich Annas Kopfschmerzen und Sehstörungen noch
verschlimmert?
Der Gedanke gab Anton einen Stich. Er würde ihr so gern
sagen, wie leid ihm das alles tat.
Wenn es bloß nicht so gefährlich wäre...
Der Friedhof war voller fremder, unheimlicher Geräusche,
und Anton besaß nicht die scharfen Augen der Vampire, nicht
ihre empfindlichen Ohren und nicht ihre Vertrautheit mit den
Stimmen der Nacht.
Er hörte, wie es knackte und knisterte, raschelte und
wisperte, und wußte nicht, wer oder was diese Geräusche
verursachte.
Und falls er heil unten anlangte – würde er auch wieder
hochkommen? Allein bestimmt nicht, und Anna war
möglicherweise zu schwach, um ihm zu helfen.
Während er noch unschlüssig dastand, drangen auf einmal
Stimmen an sein Ohr.
Anton hatte das Gefühl, zu Eis zu erstarren. Es gab nur zwei
Möglichkeiten: entweder waren das Vampire – oder
Friedhofswärter Geiermeier und sein Assistent Schnuppermaul.
Sein erster Gedanke war wegzulaufen. Aber dann sagte er
sich, daß er sie dadurch ja überhaupt erst auf sich aufmerksam
machen würde. Und falls es Vampire waren, konnten sie ihn
ohne große Mühe einholen...
Angstvoll sah er sich um und entdeckte zu seiner großen
Erleichterung einen umgestürzten Baum. Schnell lief er dorthin
und verkroch sich im Laubwerk.

28
Es war allerhöchste Zeit gewesen, sich zu verstecken, denn
jetzt sah Anton, wie sich zwei Gestalten näherten. Sein Herz
klopfte wie rasend.
Gerade trat der Mond hinter den Wolken hervor, und da
erkannte Anton, daß es Geiermeier und Schnuppermaul waren.
Sie trugen graue Arbeitskittel, aus deren Taschen lange, spitze
Holzpflöcke hervorguckten.
Anton merkte, wie er eine Gänsehaut bekam.
Nur keinen Muckser machen! dachte er und zog sich den
Umhang wie eine Kapuze über den Kopf.

«Keiner da! Wir sind wieder zu spät gekommen!» hörte er


die heisere Stimme Geiermeiers.
Schnuppermaul ließ den Holzpflock sinken. Seine Stimme
klang erleichtert, als er sagte: «Dann sind sie wohl schon

29
ausgeflogen!»
«Und nur deinetwegen», brummte Geiermeier, «weil du so
lange in der Badewanne liegen mußtest.»
«Aber ich war sehr schmutzig», verteidigte sich
Schnuppermaul. «Ich habe den ganzen Tag in der schwarzen
Friedhofserde gewühlt, und da mußte ich mich erst mal frisch
machen.»
«Pah – frisch machen!» knurrte Geiermeier. «Dein
Reinlichkeitstick geht mir langsam auf die Nerven. Ein
Friedhofsgärtner, der sich vor ein bißchen Dreck unter den
Fingernägeln fürchtet, sollte den Beruf wechseln.»
«Wie bitte?» schrie Schnuppermaul erschrocken auf. «Heißt
das, du willst mich nicht mehr haben?»
«Nein, natürlich nicht», antwortete Geiermeier
beschwichtigend. «Du weißt doch, wieviel wir vorhaben in den
nächsten Wochen.» In einem schwärmerischen Tonfall fügte er
hinzu: «Bald schon werden wir diese Wildnis in einen
herrlichen Garten verwandelt haben, und dann –» Er machte
eine Pause, bevor er mit erhobener Stimme fortfuhr: «Und
dann ist ein für allemal Schluß mit diesem Vampirgesindel,
dieser Blutsaugerbande!»
«Ja-jawohl», stotterte Schnuppermaul, überwältigt von dem
Gefühlsausbruch des Friedhofswärters. «Selbstverständlich.»
«Gehen wir!» kommandierte Geiermeier, und Anton sah, wie
sie kehrtmachten.
Erst jetzt traute er sich, tief durchzuatmen. In seinem Kopf
wirbelte es.
Was hatte Geiermeier da gesagt – «den Friedhof in einen
Garten verwandeln» und «Schluß mit dem Vampirgesindel» –
War das nur ein Wunsch – oder bereits ein handfester Plan?
Anton wußte es nicht. Aber eins war ihm klar: daß die
Vampire gewarnt werden mußten!
Und das konnte nur einer tun – er selbst!

30
Krankenbesuch
Anton nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging durch
das hohe Gras zum Einstiegsloch. Dort schob er den
moosbewachsenen Stein zur Seite, sah sich noch einmal
vorsichtig um – und als er nichts Verdächtiges entdeckte,
rutschte er mit den Füßen zuerst in den engen schwarzen
Schacht hinein. Kaum war er unten angelangt, da hörte er eine
helle Stimme rufen: «Wer ist da?»
Das war Annas Stimme!
«Ich bin’s, Anton!» rief er und zog den Stein wieder über das
Loch.
«Anton?» Annas Stimme klang überrascht. «Was willst du?»
«Dich besuchen», antwortete er und lief die Stufen zur Gruft
hinunter.
Im Schein einer schon halb heruntergebrannten Kerze an der
Wand sah er Anna in ihrem Sarg liegen. Ihr kleines blasses
Gesicht war spitz geworden und wirkte fast durchscheinend.
«Anna!» Freudig und aufgeregt ging er auf sie zu.
«Ich... ich bin krank», sagte sie abwehrend und senkte ihren
Blick.
Anton ergriff ihre kleine kalte Hand und drückte sie. «Geht
es dir nicht schon etwas besser?»
«Ein bißchen», murmelte sie, aber es klang nicht sehr
überzeugend.
«Ich wollte dir sagen, daß – daß es mir sehr leid tut.» Wie
schwer es war, so etwas auszusprechen! Anton hustete
verlegen.
Mit einem schwachen Lächeln schlug Anna die Augen zu
ihm auf.
«Danke», sagte sie leise, und Anton sah, daß ihre Augen
geschwollen und entzündet waren.
«Kann ich dir irgendwie helfen?» fragte er teilnahmsvoll.
«Mir helfen? Ich weiß nicht – ja, vielleicht...»

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«Und wie?»
«Es gibt Tropfen – ich habe Tante Dorothee einmal davon
berichten hören.»
«Augentropfen?»
«Tante Dorothee nannte sie Teufelstränen.»
«Und die würden dir helfen?»
«Ja. Aber ich weiß nicht, wo es die gibt.»
«Kannst du nicht Tante Dorothee fragen?»
«Nein.» Sie schüttelte entschieden den Kopf. «Dann käme ja
alles heraus. Du weißt doch, daß wir Vampire keinen
freundschaftlichen Kontakt zu Menschen haben dürfen.»
«Stimmt», sagte Anton. Der kleine Vampir hatte deswegen
sogar schon einmal Gruftverbot bekommen!
«Vielleicht kriegt man die Tropfen beim Arzt», meinte er.
«Glaubst du?» sagte sie zweifelnd.
«Ja, warum eigentlich nicht!» Je länger er darüber
nachdachte, desto besser fand er die Idee. «Hast du noch nie
von der Arzneimittelflut gehört?»
«Wovon?»
«Heute gibt es für jede Krankheit ein Extramittelchen.
Warum sollte man also keine Teufelstränen kriegen?»
Ein Hoffnungsschimmer zeigte sich auf Annas Gesicht.
«Wenn das möglich wäre...»
«Und die anderen kümmern sich überhaupt nicht um dich?»
Anton sah sich in der Gruft um. Die unordentlich zur Seite
geschobenen Sargdeckel zeugten vom eiligen Aufbruch der
übrigen Vampire. Nur ein Sarg war geschlossen: der von Onkel
Theodor. Aber Onkel Theodor weilte ja schon lange nicht mehr
unter den – ähem – Lebenden!
Anna zuckte mit den Schultern. «So ist das eben bei uns.»
«Und Rüdiger hat auch noch die Milchtüte weggeworfen, die
ich dir mitbringen wollte», sagte Anton anklagend.
«Ich trinke gar keine Milch mehr», antwortete Anna sanft.
«Überhaupt nicht?»

32
«Keinen Tropfen.»
Anton spürte einen kalten Schauder. Anna war die einzige
gewesen, die sich wenigstens hin und wieder noch von Milch
ernährt hatte.
«Aber ich würde lieber verdursten als bei dir –» sagte sie und
errötete.
«Ich – äh – muß dir unbedingt was sagen», lenkte Anton
hastig ab.
«Ja?» fragte sie erwartungsvoll.
«Geiermeier und Schnuppermaul – ich habe gehört, wie sie
sich über euren Friedhof unterhalten haben. Sie wollen ihn in
einen Garten verwandeln!»
Anna gab einen erstickten Aufschrei von sich. «Das haben
sie gesagt? Und du hast dich nicht verhört?»
«Nein.»
«Dann muß unser Familienrat tagen!» erklärte sie heftig
atmend. «Und ausgerechnet jetzt, wo ich das mit den Augen
habe... Aber du besorgst mir die Teufelstränen?» Flehend
blickte sie Anton an. Ihm wurde ganz warm.
«Ja!»
«Jetzt gleich?» fragte sie drängend.
Anton sah sie überrascht an. Aber heute ist Samstag, wollte
er entgegnen, doch dann besann er sich und sagte: «Gut, wenn
du willst.»
«Natürlich will ich!» rief sie. «Vielleicht hängt mein
Vampirleben von diesen Teufelstränen ab.»
«Dann geh ich jetzt», murmelte Anton und schämte sich ein
bißchen, daß er ihr damit falsche Hoffnungen machte; denn er
konnte frühestens am Montagmorgen bei Frau Dr. Dösig
versuchen, die Tropfen zu kriegen. Aber so kam er wenigstens
schnell aus der Gruft heraus – bevor einer der anderen Vampire
zurückkehrte! Nur mußte ihm Anna beim Raufklettern helfen...
«Warum gehst du nicht?» fragte sie, als er neben ihrem Sarg
stehenblieb.

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Kleinlaut sagte er: «Ich – ich schaff es nicht allein.»
«Was?»
«Den Schacht hochzuklettern.»
«Ach so! Dann benutz doch den Notausgang.»
«Und wo ist der?»
Anna lachte leise und zeigte auf Onkel Theodors Sarg. «Da
drüben. Du mußt den Deckel öffnen.»
«Und dann?»
«Dann wirst du schon sehen.»
Widerwillig näherte sich Anton dem großen schwarzen Sarg.
Das kunstreich geschnitzte «T», von zwei Schlangenkörpern
eingerahmt, sah nicht gerade einladend aus! Doch er überwand
sich und zog mit aller Kraft an den beiden goldenen Griffen.
Erst passierte gar nichts, aber dann gab es einen Ruck, und
der schwere Deckel rutschte zur Seite.
«Na?» rief Anna gespannt. «Siehst du den Notausgang?»
«Nein. Alles ist pechschwarz.»
«Dann nimm die Kerze von der Wand.»
«Die Kerze?» Anton drehte sich zögernd um. Er war sich gar
nicht sicher, ob er das Innere des Sarges wirklich so genau
sehen wollte.
«Ja. Du mußt sowieso Licht haben, wenn du durch den
Notausgang gehst. Da drin ist es nämlich stockfinster,
jedenfalls für euch Menschen.»
«Brauchst du die Kerze nicht?» fragte Anton, noch immer
unentschlossen.
Sie schüttelte traurig den Kopf. «Nein. Ich kann ja doch nicht
lesen.»
Anton holte die Kerze, und mit sehr gemischten Gefühlen
leuchtete er in Onkel Theodors Sarg hinein.
Zunächst sah er nur große, dicke Staubflocken und ein paar
tote Spinnen. Als er zum Kopfende des Sargs kam, entdeckte er
einen Gang, der schräg in die Erde hineinführte wenig
verlockend, fand er.

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«Ich... ich weiß nicht», murmelte er.
«Du brauchst keine Angst zu haben, daß er einstürzt»,
beruhigte ihn Anna.
«Hab ich auch nicht. Aber mir könnte doch einer
entgegenkommen. Tante Dorothee zum Beispiel.»
«Nein. Es ist streng verboten, ihn als Einstieg zu benutzen.»
«Wirklich?» sagte Anton, nun schon zuversichtlicher.
«Ja», erklang ihre Stimme aus dem Dunkel der Gruft.
Nach einer Pause fügte sie hinzu: «Und außerdem finde ich
es wichtig, daß du unseren Notausgang kennst – jetzt, wo sich
die Sache mit Geiermeier und Schnuppermaul so zuspitzt.»

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«Das stimmt», nickte Anton. «Dann – dann geh ich jetzt.»
«Viel Glück», sagte sie leise. «Und vergiß die Teufelstränen
nicht!»

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Anton stieg in den Sarg, zog den Deckel zu und kroch in den
Gang hinein.

Der Notausgang
Ganz vorsichtig bewegte er sich voran, damit die Kerze nicht
ausging. Ihr kleines schwaches Licht zitterte und schwankte –
aber es erlosch nicht.
Das machte Anton Mut, und er sah sich neugierig um.
Die Wände waren sorgfältig geglättet. An einigen Stellen
hatte jemand etwas eingeritzt. Anton entdeckte ein großes «L»,
dann einen Mund, aus dem Vampirzähne ragten, und
schließlich ein Herz, in dem «A + A» stand. Das Herz war
bestimmt Annas Werk! Und wen sie mit den beiden «A»
meinte, konnte Anton sich auch denken. Mit dem Fingernagel
schrieb er ein dickes Fragezeichen dahinter.
Der Gang wurde jetzt schmaler. Es mußte nicht mehr weit bis
zum Ende sein, das merkte Anton an dem zunehmenden
Luftzug, der das kleine Licht der Kerze immer stärker zittern
ließ.
Plötzlich erlosch es, und Anton stand in völliger Finsternis.
Doch nur für einen Augenblick – dann hatten sich seine
Augen an die Dunkelheit gewöhnt.
Vor sich sah er nun einen matten Lichtschein, der durch
einen Spalt zu kommen schien. Im Weitergehen erkannte er,
daß ein Stein vor dem Ausgang lag, an dessen Seiten ein wenig
Licht hereinfiel.
Es mußte eine Grabplatte vom Friedhof sein. Sie fühlte sich
so kalt wie Marmor an und war so schwer, daß Anton sie nur
Zentimeter für Zentimeter zur Seite schieben konnte.
Endlich hatte er es geschafft. Er schlüpfte vorbei – und schrie
laut auf: vor ihm tat sich ein Abgrund auf, ein schwarzes, mit
Wasser gefülltes Loch.

37
Er sah gemauerte, moosbewachsene Wände und eine
schmale Leiter, die nach oben führte. Und da wußte er
plötzlich, wo er war: in einem alten Brunnen!
Ängstlich spähte er nach unten, in das leise glucksende
Wasser, in dem sich der Mond spiegelte: wenn er da
hineingefallen wäre...
Aber vielleicht war es gar nicht so tief? Er fand einen
Kieselstein und ließ ihn ins Wasser plumpsen. Sogleich gab es
ein klackendes Geräusch.
Anton atmete auf: demnach konnte das Wasser kaum knietief
sein. Eigentlich hätte er sich das denken können, überlegte er.
Anna würde es niemals zulassen, daß er ahnungslos in sein
Verderben tappte!
Er rüttelte an der Leiter. Sie war aus Eisen, schon ziemlich
verrostet, aber noch fest in der Wand verankert.
Anton zog sich hinauf, und dann stieg er langsam, Sprosse
um Sprosse, nach oben.
Kein einziges Mal blickte er zurück – aus Angst, ihm könnte
schwindlig werden und er würde in die Tiefe stürzen. Er hatte
mal von einem Mann gelesen, dem das passiert war.
Als er den Brunnenrand erreicht hatte, seufzte er tief.
Nur ein paar Schritte entfernt sah er die alte Kapelle. In
dieser Kapelle machte sich Geiermeier oft und gern zu
schaffen, und Anton nahm an, daß er dort seine Werkzeuge zur
Vampirbekämpfung aufbewahrte: seine Holzpflöcke, seine
Hammer und seine Knoblauchvorräte. Brrr! Am besten, Anton
verschwand von der Bildfläche, bevor Geiermeier hier
vielleicht noch auftauchte! Er breitete die Arme unter dem
Umhang aus und flog los.
Zu Hause stellte er erleichtert fest, daß seine Eltern von
ihrem Besuch bei Familie Dösig noch nicht zurückgekehrt
waren.
Rasch versteckte er den Umhang im Schrank und zog seinen
Schlafanzug an.

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Dann ließ er sich ins Bett fallen, drehte den Kopf zur Wand
und schon schlief er.

Nicht mal gelogen


Sonntagmorgen... Anton wachte auf und blinzelte. Er hatte
das Gefühl, von weit her zu kommen. Wie durch einen Nebel
sah er, daß jemand neben seinem Bett stand – seine Mutter.
Er kniff die Augen wieder zu und brummte: «Warum weckst
du mich so früh?»
«Früh?» Sie lachte spöttisch. «In anderen Familien wird
längst zu Mittag gegessen.»
«Wie spät ist es denn?»
«Halb eins.»
Anton schreckte hoch. Halb eins – das war sein bisheriger
Rekord!
«Was war gestern abend hier los?» Die Stimme seiner Mutter
klang schneidend.
«Hier? Wieso?»
«Du bist doch draußen gewesen, stimmt’s?»
Anton kratzte sich am Kopf. «Hm – ja.»
Er hatte zwar keine Ahnung, woher sie das wußte, aber
offensichtlich hatte es keinen Zweck zu leugnen. «Ich wollte
frische Luft schnappen.»
«Frische Luft schnappen – soso!» wiederholte sie gereizt.
«Das ist ja ganz neu bei dir.»
«Ich hatte Kopfschmerzen.»
«Soll ich dir mal sagen, was ich glaube?» Mit blitzenden
Augen sah sie ihn an. Anton wurde ganz flau zumute. «Ich
glaube, du wolltest dich mit deinen Freunden treffen.»
«Mit welchen Freunden?»
«Mit diesen – Vampiren! Welchen Grund solltest du sonst
haben, im Dunkeln draußen herumzustreifen.»

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Anton wußte nicht, was er entgegnen sollte. Um überhaupt
etwas zu tun, fuhr er fort, sich zu kratzen.
«Hör endlich auf, deinen Kopf zu kratzen!» rief seine Mutter
ärgerlich. «Erzähl mir lieber, wie du zu diesen total verdreckten
Schuhen und dieser lehmverschmierten Hose gekommen bist!»
Sie ergriff Antons Schuhe, die vor dem Fenster lagen, und
die Hose, die er auf den Boden geworfen hatte, und schwenkte
sie vor ihm hin und her.
Mit Schrecken stellte Anton fest, daß sie aussahen, als hätte
er sich im Schlamm gewälzt.
«Ich...» begann er stockend.
«Ja?» fragte sie. Unter ihrem forschenden Blick wurde Anton
erst rot und dann blaß – bis ihm plötzlich die rettende Idee kam
– eine Ausrede, die noch nicht mal gelogen war: «Ich hab
trainiert – fürs Sportfest.»
«Sportfest?» Überrascht, verblüfft starrte sie ihn an.
«Ja! Am Freitag ist unser Sportfest, und dafür mußte ich
üben.»
«Ausgerechnet am Samstagabend, als es schon dunkel war?»
«Ach», sagte er gedehnt, «das Fernsehprogramm war so
langweilig.»
Dann fiel ihm noch etwas ein: «Und den Liter Milch hab ich
auch fürs Sportfest getrunken – damit ich eine Urkunde
gewinne. Ihr wollt doch, daß ich eine Urkunde gewinne?»
Seine Mutter warf ihm einen wütenden Blick zu. Sie spürte
wohl, daß Anton ihr nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte.
Aber nachweisen konnte sie ihm das natürlich nicht.
«Dein Frühstück steht in der Küche», sagte sie und ergänzte
ironisch: «Sportsfreund!»
«Komme sofort», grinste Anton, «ich muß mich ja stärken
für Freitag!»
In Wirklichkeit konnte er Sportfeste nicht ausstehen: dumm
in der Gegend herumrennen, in ein Sandloch hüpfen und einen
Gummiball, der eierte, durch die Luft schmeißen, das war nicht

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nach seinem Geschmack. Das einzig Gute war, daß an dem Tag
der Unterricht ausfiel!

Das Rezept
Schulfrei hatte Anton allerdings auch am Montag. Da saß er
schlecht gelaunt und ohne einen Bissen im Magen in Frau Dr.
Dösigs Labor und sah zu, wie ihm die Assistentin Blut
abzapfte. Sie machte es sehr geschickt, und es tat kaum weh.
«Was machen Sie eigentlich mit dem Blut?» wollte Anton
wissen.
«Wir untersuchen es», gab sie zur Antwort.
«Und danach?»
«Wird es weggegossen.»
«Schade!»
«Schade?» Sie hob den Kopf und musterte Anton halb
erstaunt, halb belustigt. «Weißt du denn eine bessere
Verwendung?»
«Ich?» grinste Anton. «Wieso ich?»
Die Assistentin zog die Nadel aus dem Arm, und es piekste.
«Au!» schrie Anton.
«War’s schlimm?» fragte sie.
«Ach, ich bin Kummer gewohnt», meinte er.
Sie lachte. «Na gut, dann bis zum nächstenmal.»
«Lieber nicht!» sagte Anton und trottete ins Sprechzimmer,
wo seine Mutter schon neben Frau Dr. Dösigs Schreibtisch
Platz genommen hatte.
«Da kommt ja unser Sportler!» begrüßte ihn Frau Dr. Dösig.
«Sportler?» brummte Anton und rieb sich die Einstichstelle
unter dem Pflaster.
«Ja. Deine Mutter hat mir schon berichtet, wie eifrig du für
euer Sportfest übst.»
«Ach so –»

41
Sie lächelte Anton zu und zeigte auf den Stuhl direkt vor
ihrem Schreibtisch. «Setz dich doch!»
Widerstrebend ließ sich Anton auf dem Polsterstuhl nieder.
Er hatte das Gefühl, daß ihm eine lange, zermürbende Fragerei
bevorstand.
Frau Dr. Dösig klickte mit ihrem Kugelschreiber.
«Na, Anton, dann erzähl mal, wie es dir geht!»
«Mir? Prima!»
«Keine Probleme?» Wieder machte sie das klickende
Geräusch mit ihrem Kugelschreiber.
«Nur meine Augen tun manchmal weh», sagte Anton und
hoffte, daß er nicht rot wurde.
Er sah, daß seine Mutter und Frau Dr. Dösig einen
überraschten Blick wechselten.
«Deine Augen?» fragte Frau Dr. Dösig dann. «Was hast du
denn für Beschwerden?»
«Na ja –» Anton hatte sich vorher genau zurechtgelegt, was
er sagen wollte. Aber einer Ärztin etwas vorzuschwindeln war
schwieriger, als er gedacht hatte! «Sie brennen so. Und neulich
in der Schule konnte ich nicht richtig lesen, weil sie so
juckten.»
«Warum hast du mir das nicht gesagt!» rief Antons Mutter in
vorwurfsvollem Ton.
«Ich – es ist ja nur manchmal, und deshalb hatte ich es
vergessen.»
Frau Dr. Dösig notierte etwas, bevor sie aufstand.
«Dann wollen wir mal gucken!»
«Es tut doch nicht weh?» rief Anton.
«Nein.»
Er mußte ein paar Verrenkungen mit den Augen machen.
«Ich kann nichts Ungewöhnliches entdecken», bemerkte Frau
Dr. Dösig. «Vielleicht liest du zuviel?»
«Ja – diese verdammten Vampirgeschichten!» sagte Antons
Mutter mit nur schlecht unterdrückter Wut.

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«Vampirgeschichten?» Frau Dr. Dösig horchte auf.
Zu Anton gewandt, fragte sie: «Liest du gern solche
Geschichten?»
Gegen seinen Willen mußte er grinsen. «Ja.»
«Und glaubst du, daß es Vampire auch im wirklichen Leben
gibt?»
«Das glaubt doch keiner», sagte Anton und mußte wieder
grinsen.
Seine Antwort hatte Frau Dr. Dösig anscheinend befriedigt.
Sie nickte Antons Mutter zu und sagte: «Sehen Sie! Er kann
sehr wohl zwischen Phantasie und Realität unterscheiden.»
Erneut schrieb sie etwas. Dann reichte sie Anton einen Zettel
– ein Rezept.
«Für deine Augen», erklärte sie. «Ich habe dir Tropfen
aufgeschrieben. Die nimmst du, sobald deine Augen wieder
brennen.»
Anton sah gebannt auf das Rezept und versuchte, ihre
Handschrift zu entziffern.
Der erste Buchstabe könnte ein «T» sein...
Mit klopfendem Herzen fragte er: «Und wie heißen die
Tropfen?»
Das war zwar ein bißchen unverschämt – aber er mußte es
wagen.
«Tulli-Ex», antwortete Frau Dr. Dösig.
«Tulli-Ex?» wiederholte Anton voller Enttäuschung.
«Wolltest du andere?» fragte Frau Dr. Dösig verwundert.
«Ähem... können Sie mir vielleicht – Teufelstränen
aufschreiben?»
«Wie bitte? Teufelstränen?» Frau Dr. Dösig lachte
befremdet. «Von denen habe ich noch nie gehört. Nein, du
nimmst mal schön deine Tulli-Ex, die sind mild und gut
verträglich.»
«Teufelstränen!» sagte Antons Mutter aufgebracht. «Das hat
er bestimmt in einem seiner Gruselbücher gelesen!»

43
Frau Dr. Dösig legte den Kugelschreiber vor sich auf den
Tisch. Offensichtlich war die Untersuchung beendet.
Anton fühlte, wie sich sein Körper entspannte.
«Und das Blutbild?» fragte seine Mutter.
«Das bekomme ich erst morgen. Rufen Sie mich dann bitte
noch einmal an.»
Frau Dr. Dösig erhob sich, und Anton folgte erleichtert ihrem
Beispiel.
«Gut, dann rufe ich morgen an.» An der verdrießlichen
Miene seiner Mutter erkannte er, daß sie sich von dem
Arztbesuch mehr versprochen hatte.
Tja, dachte Anton vergnügt, vor bösen Überraschungen ist
man eben nie sicher.
Wie recht er damit hatte, merkte Anton gleich darauf im
Auto, als seine Mutter sagte: «Übrigens, mit dem vielen Lesen
ist jetzt erst mal Schluß! – Und mit dem vielen Fernsehen
auch!»
«Wieso denn?» rief Anton empört.
Sie holte das Rezept aus dem Handschuhfach und wedelte
damit vor Antons Gesicht herum. «Deshalb!»
Anton biß die Lippen zusammen und schwieg.
Was er nicht alles auf sich nahm... für Anna!
Während der Fahrt überlegte er, welche Möglichkeiten noch
bestanden, an die Teufelstränen heranzukommen. Er könnte
zum Beispiel den Biologielehrer fragen – oder im Lexikon
nachgucken – oder sich in der Bücherei erkundigen – oder bei
der Zeitung anrufen. – Sehr vielversprechend fand er die
Möglichkeiten aber nicht.
Plötzlich fuhr seine Mutter an den Straßenrand und hielt.
Anton schreckte hoch – und sah ein großes Schild: Apotheke.
Daß er daran nicht selbst gedacht hatte!
Mit einer schnellen Bewegung nahm er das Rezept an sich.
«Ich mach das schon!» erklärte er und öffnete die Wagentür.
«Du?» sagte seine Mutter verblüfft.

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«Wieso nicht?» grinste Anton und stieg aus.
Gott sei Dank! Seine Mutter blieb sitzen und kam nicht
hinterher.
Ziemlich aufgeregt betrat er die Apotheke. Sie war leer – bis
auf einen nett aussehenden Mann in einem weißen Kittel, der
hinter dem Ladentisch stand und etwas in ein Buch eintrug.
Er blickte erst auf, als Anton sein Rezept hinlegte. Dann
holte er eine Packung aus einem der Regale – «Tulli-Ex» stand
in aufdringlich großen Buchstaben darauf – und stellte sie vor
Anton hin.
Doch Anton rührte sich nicht.
«Hast du noch einen Wunsch?» fragte der Apotheker, ein
wenig verwundert.
Anton räusperte sich. «Ich – äh, Tulli-Ex sind doch
Augentropfen, oder?»
«Ja!»
«Können Sie mir die empfehlen? Ich meine, würden Sie die
selbst nehmen, wenn Sie mal –»
«Warum nicht?»
«Es ist nämlich so –» Anton holte tief Luft. «Es soll da ganz
besondere Tropfen geben, ein Freund hat sie mir empfohlen...»
«Ja, und?» Der Apotheker musterte ihn mit unverhohlener
Neugier.
«Sie heißen Teufelstränen», erklärte Anton.
«Teufelstränen?» Der Apotheker lachte, so daß Anton seine
langen gelben Zähne sehen konnte. «Nie davon gehört.
Augentropfen sollen das sein?»
Anton nickte.

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«Ich könnte mal den Computer fragen.»
Der Apotheker schaltete ein Bildschirmgerät ein. Nach einer
Weile meinte er: «Wie ich schon vermutet habe: Teufelstränen
gibt es nicht. Da hat dich dein Freund zum Narren gehalten.»
Er zeigte auf «Tulli-Ex»: «Versuch es doch mal mit diesen.»
«Ja, danke.»
Anton steckte die Packung ein und ging.
Arme Anna! dachte er.

Tulli-Ex
In seinem Zimmer öffnete Anton die Packung und nahm die
kleine Flasche aus durchsichtigem Kunststoff heraus.
Vorsichtig träufelte er sich ein paar Tropfen der klaren
Flüssigkeit auf die Hand und roch daran.
«Tulli-Ex» roch nach gar nichts.
Ob Teufelstränen genauso farb- und geruchlos waren?

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Blöd, daß er Anna nicht danach gefragt hatte! Sonst könnte
er ihr einfach «Tulli-Ex» mitbringen und behaupten, es seien
Teufelstränen.
Wenn Anna das glaubte, würden ihr vielleicht auch die
«Tulli-Ex»-Tropfen helfen!
Anton zog den engbedruckten Zettel aus der Packung und
versuchte zu lesen, was da über «Tulli-Ex» mitgeteilt wurde.
Es wimmelte von Fremdwörtern, und alles war sehr
kompliziert ausgedrückt. Aber immerhin verstand Anton, daß
«Tulli-Ex»-Tropfen «ungewöhnlich mild» waren und daß man
sie bei allen möglichen Augenbeschwerden verwenden konnte:
von müden, gereizten Augen bis hin zu
Bindehautentzündungen.
Er wußte zwar nicht, welche Augenkrankheit Anna hatte,
aber schaden konnte ihr «Tulli-Ex» bestimmt nicht.
Nachdenklich besah er sich die Flasche von allen Seiten und
auf einmal hatte er eine Idee: er brauchte ja nur das Etikett zu
entfernen, auf dem «Tulli-Ex» stand. Dann konnte niemand
mehr mit Bestimmtheit sagen, was für Tropfen in der Flasche
waren. Und vielleicht gelang es, Anna glauben zu machen, daß
es ihre ersehnten Teufelstränen waren!
Wie man ein Etikett ablöst, wußte Anton noch aus der Zeit,
als er Briefmarken gesammelt hatte.
Er ging ins Badezimmer und holte eine Schüssel mit Wasser.
Dann schraubte er die Flasche sorgfältig wieder zu und legte
sie in das lauwarme Wasser.
Und zum Schluß deckte er noch seinen Atlas darüber. Seine
Mutter mußte ihm ja nicht unbedingt auf die Schliche
kommen!

Der Rest des Tages verlief eher trostlos.


Anton durfte nicht lesen und nicht fernsehen, wie seine
Mutter schon angekündigt hatte.
Als es dunkel wurde, zog er seinen Trainingsanzug an,

47
steckte «Tulli-Ex» in die Tasche und ging ins Wohnzimmer.
Natürlich saßen seine Eltern vor dem Fernseher. Sie guckten
sich eine dieser lahmen Familienserien an.
«Na, seht ihr wieder Familie Bohnsack und ihre Freunde?»
grinste Anton.
Seine Mutter warf ihm einen verärgerten Blick zu.
«Hast du deine Tropfen genommen?»
«Ja. Darf ich noch mal runtergehen?»
«Jetzt? Draußen ist es stockfinster!»
«Aber ich muß fürs Sportfest trainieren.» Er biß sich auf die
Lippen – wie immer, wenn er nicht lachen wollte. «Und so
finster ist es gar nicht. Ich laufe ja nur an der Straße, wo die
Lampen sind.»
«Und warum bist du nicht am Nachmittag gelaufen, als es
noch hell war?»
«Da habe ich in meinem Zimmer trainiert», sagte Anton.
«Kniebeugen und – wie heißen die noch? – Liegepfütz.»
«Liegestütz!» verbesserte Antons Vater. «Also, ich finde es
prima, daß Anton jetzt endlich Lust bekommen hat, Sport zu
treiben. Und warum soll er nicht ein paar Runden vor dem
Haus laufen, schließlich ist er kein Baby mehr.»
«Genau!» freute sich Anton.
«Gut, wenn ihr meint», sagte Antons Mutter spitz.
«Dann bis nachher!» Anton federte in den Knien, um zu
zeigen, wie sportlich er war, und ging zur Tür.
Im Fahrstuhl nahm er «Tulli-Ex» aus der Tasche. Wenn er
Glück hatte, traf er unterwegs den kleinen Vampir, und dann
konnte er ihm die Tropfen für Anna mitgeben!

Ein Wiedersehen
Auf dem Plattenweg vor dem Haus machte Anton ein paar
Übungen, die er aus dem Sportunterricht kannte: Rumpf

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beugen, Fußspitzen berühren, Arme kreisen, hüpfen. Dabei
schielte er nach oben – immerhin konnte es ja sein, daß ihm
seine Eltern zusahen.
Anton hatte den Eindruck, daß sich die Gardine vor dem
Küchenfenster leicht bewegt hatte, aber ganz sicher war er sich
nicht.
Er setzte sich in Bewegung.
Ein dicker Mann mit einem Aktenkoffer kam ihm entgegen
und ging nur widerwillig einen Schritt zur Seite.
«He, junger Mann, hier ist kein Sportplatz!» knurrte er.
«Ach, wirklich?» sagte Anton und stieß ihn mit Absicht im
Vorbeilaufen etwas an.
«Bengel, verdammter! Wenn ich dich kriege!» rief der Mann
und lief ein Stück hinter Anton her, doch er hatte natürlich
keine Chance, Anton einzuholen.
«Sie sollten Sport treiben, so wie ich», rief Anton ihm zu und
grinste übers ganze Gesicht.
«Warte nur, du Früchtchen!» Der Mann blieb stehen und
rang nach Luft. «Eines Tages erwische ich dich, und dann...»
Was er dann machen wollte, erfuhr Anton nicht mehr, denn
er hatte die Straße überquert und war in einem
dichtbewachsenen Weg verschwunden.
Hinter einem Busch verschnaufte er sich. Er hatte heftige
Seitenstiche – ein Zeichen, daß er auch nicht besonders gut in
Form war. Aber es hatte immerhin gereicht, um dem Dicken
davonzulaufen. Solche Leute dachten immer, ihnen würde alles
gehören: der Fußweg, die Straße, am besten die ganze Welt.
Überhaupt – diese Typen mit ihren Aktenkoffern konnte Anton
nicht ausstehen!
«Bravo, gut gemacht!» sagte da plötzlich eine rauhe Stimme
neben ihm. Anton fuhr herum – und erblickte Lumpi.
«Das hätte ich dir gar nicht zugetraut!»
«W-was?» stotterte Anton und trat einen Schritt zurück.
Lumpis Gesicht war mit roten Pusteln übersät, wie ein

49
Streuselkuchen. Am Kinn, zwischen den spärlichen
Bartstoppeln, prangte ein großes, blutverschmiertes Pflaster
brr!
«Daß du so mutig bist», erklärte Lumpi und machte zwei
Schritte auf Anton zu. «Wie du den Dicken angerempelt hast –
einfach toll! Du fürchtest weder Tod noch Teufel, was?»
Er legte seine großen, kräftigen Hände auf Antons Schultern.
«Schön, daß wir uns endlich wiedersehen!» sagte er heiser
und zeigte Anton seine makellosen Zähne.
«Ja, sehr schön», stammelte Anton und versuchte, sich aus
Lumpis Griff zu befreien.
Doch der hielt ihn fest wie mit Schraubstöcken.
«Du siehst noch besser aus als früher!» Mit leuchtenden
Augen musterte Lumpi ihn, und langsam ließ er seinen Blick
über Antons Gesicht wandern, bis hinab auf seinen Hals.
«Du siehst richtig gesund aus!»
«Findest du? Meine Mutter ist da anderer Meinung.»
«Ach, tatsächlich?» Lumpi war deutlich anzumerken, daß er
Anton kein Wort glaubte. «Was sagt sie denn, deine Mutti?»
«Sie hat mich sogar gezwungen, zum Arzt zu gehen.»
«Arzt – pfui Spinne!» Lumpi verzog seinen breiten Mund.
«Sie hätte dich lieber zu mir schicken sollen.» Und mit einem
begehrlichen Blick auf Antons Hals fügte er hinzu: «Schon ein
klitzekleiner Biß von mir kann Wunder wirken, glaub mir.»
Anton durchrieselte es eisig. Er zog die Schultern hoch und
sagte: «Ich – ich habe Blutarmut!»
«Was? Blutarmut?» kreischte Lumpi und spuckte auf die
Erde. «Das ist die überflüssigste, unerfreulichste Krankheit, die
ich kenne!» Er spie noch einmal voller Abscheu aus.
Dann nahm sein Gesicht einen verschlagenen, listigen
Ausdruck an, und mit einem Augenzwinkern meinte er zu
Anton: «Nur eins glaube ich nicht: daß du diese Krankheit
hast!»
Anton bemühte sich, ganz kühl zu bleiben. «Und warum

50
nicht? Die Ärztin läßt sogar ein Blutbild von mir machen.»
«Ein Blut-Bild?» wiederholte Lumpi und lauschte andächtig
dem Klang des Wortes.
Dann wechselte seine Stimmung aufs neue, und er donnerte:
«Wieso die Ärztin? Ich kann mir genausogut ein Bild von
deinem Blut machen!»
Bestürzt sah Anton, wie Lumpis Augen diesen starren Glanz
bekamen... es war der Blick, mit dem die Vampire ihr Opfer
hypnotisierten.
Jetzt mußte Anton handeln!
Mit einer hastigen Bewegung zog er «Tulli-Ex» aus der
Tasche und hielt es Lumpi direkt unter die Nase.
Lumpi gab ein ärgerliches Schnaufen von sich. «Was soll
das?» knurrte er.
«Es sind Tropfen – für Anna!»
«Anna, Anna...» murmelte Lumpi dumpf. «Jetzt gibt es keine
Anna mehr. Jetzt gibt es nur noch uns beide... dich und mich!»
Er stieß ein tiefes, kehliges Brummen aus – wie ein wildes
Tier! dachte Anton zitternd –, dann riß er seinen großen Mund
auf und wollte seine Vampirzähne in Antons Hals schlagen.
Doch da steckte ihm Anton im letzten Augenblick – «Tulli-
Ex» zwischen die Zähne!
Mit einem knackenden Geräusch schloß sich Lumpis Gebiß
um die Flasche.
So verharrte er sekundenlang. Dann allmählich schien ihm
bewußt zu werden, daß irgend etwas nicht stimmte. Er öffnete
die Zähne, und «Tulli-Ex» fiel heraus.
«Was ist passiert?» fragte Lumpi verstört.
«Ich wollte dir nur Annas Tropfen geben», sagte Anton
hastig und hob die Flasche vom Boden auf.
Lumpis offensichtliche Verwirrung nutzend, drückte er ihm
«Tulli-Ex» in die Hand und sagte: «Hier! Das sind die Tropfen
für Anna!»
Wie benommen stand Lumpi da – mit diesem abwesenden,

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glasigen Blick.
Es berührte Anton ganz seltsam, ihn in einer solchen
Verfassung zu sehen. Er wußte, daß Lumpi einer der
gefährlichsten und unberechenbarsten Vampire war. – Und
jetzt auf einmal ließ er sich widerstandslos «Tulli-Ex» geben
und hielt es fest wie ein braves, folgsames Schulkind.
Ob das an den «Tulli-Ex»-Tropfen lag? Hatten sie Lumpi
durch die Flasche hindurch benebelt?
Oder kamen die Vampire immer in diesen Zustand, wenn sie
glaubten, ein... ähm... Opfer vor sich zu haben?

52
Anton wußte es nicht.
Aber ihm war nur allzu klar, daß er nicht mehr lange zögern
durfte. Wenn Lumpi erst mal aus seiner Erstarrung erwacht

53
war, ging er Anton bestimmt an den Kragen – oder besser
gesagt: unter den Kragen!
Mit Nachdruck sagte er noch einmal: «Und denk an die
Tropfen! Sie sind für Anna – und sehr wichtig!»
Dann sauste Anton los. Er rannte den Weg entlang, ohne sich
noch einmal umzudrehen. Als er die Straße erreicht hatte, hörte
er ein heiseres Gebrüll hinter sich.
«Anton? Wo bist du?» Das war Lumpis Stimme, und sie
klang sehr wütend.
Offenbar war er wieder zu sich gekommen.
Anton lief so schnell er konnte. Mit diesem Tempo würde er
auf dem Sportfest alle Rekorde brechen! dachte er. Völlig
außer Atem kam er zu Hause an.
«Du trainierst wohl schon für die Olympischen Spiele»,
witzelte sein Vater.
«Nein», keuchte Anton. «Das war Überlebenstraining.»
«Überlebenstraining?» wiederholte seine Mutter abfällig.
«Du machst auch jede Mode mit!»
«Ich?» antwortete Anton nur und blickte grinsend auf ihre
neuen halbhohen Stiefel.
Sie wurde ein wenig rot – und wandte sich rasch dem
Fernsehprogramm zu.

Anton und die Sauberkeit


«Ich geh dann ins Bett», sagte Anton.
«So wie du bist?» fragte seine Mutter scharf.
Anton sah an sich herunter: sein Trainingsanzug war
durchgeschwitzt und klebte am Körper.
«Nein. Den Anzug zieh ich noch aus.»
«Das meine ich nicht!»
«Und die Turnschuhe auch», fügte er unwirsch hinzu. «Darf
ich jetzt in mein Zimmer gehen?»

54
«Nein!»
«Und warum nicht?»
«Weil du zuerst ins Badezimmer gehen wirst.»
«Sag das doch gleich», knurrte Anton.
«Und dort wirst du dich duschen!»
«Duschen? So spät noch?»
«Ja. Das gehört unbedingt dazu», meinte Antons Vater. «T
und D ist das Motto jedes Sportlers!»
«T und D?» brummte Anton. Was konnte das schon sein!
«Trainiere und dusche!» erklärte sein Vater und brach in ein
lautes, selbstgefälliges Lachen aus.
Anton fand seine Bemerkung überhaupt nicht witzig. Aber
ihm fiel keine Entgegnung ein, und so ging er ins Badezimmer.
Während er sich auszog, überlegte er, ob er sich duschen
oder nur das Wasser laufen lassen sollte. Aber vermutlich
würde seine Mutter die Handtücher kontrollieren – und dann
war es einfacher, gleich jetzt unter die Dusche zu steigen.
Als er den kräftigen warmen Strahl auf der Haut spürte,
machte es ihm sogar Spaß. Aus Leibeskräften sang er «War
einst ein kleines Segelschiffchen» – bis jemand von der
anderen Seite gegen die Wand schlug und irgend etwas brüllte.
Anton stellte die Dusche ab und rief: «Sie haben recht, ich
bin auch gegen zuviel Sauberkeit!»
Da wurde die Badezimmertür geöffnet.
«Bist du verrückt geworden?» schimpfte seine Mutter.
«Willst du, daß uns die Nachbarn aufs Dach steigen?»
«Aufs Dach?» sagte Anton grinsend und blickte zur Decke.
«Ich dachte, über uns wohnt noch jemand.»
Verärgert schlug sie die Tür zu.
«Na ja», sagte Anton und schlang sich das Handtuch um die
Schultern. «Manchen Leuten kann man es eben nie recht
machen!»
Er wollte in sein Zimmer gehen – da stürmte plötzlich seine
Mutter an ihm vorbei.

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«Dein Fenster steht noch offen», rief sie und verschwand in
Antons Zimmer.
«Was? Mein Fenster ist offen?» tat Anton empört und
begann schon vorsorglich zu zittern. «Ich soll mich wohl
erkälten!»
«Es hat wieder so fürchterlich gestunken», sagte sie und
schloß das Fenster mit einem Ruck. «Wenn ich nur
herauskriegen könnte, woher dieser Geruch immer kommt!»
Anton wußte, was so stank: der Vampirumhang in seinem
Schrank!
Heute war der Geruch allerdings besonders stark. Obwohl
das Fenster eben noch offengestanden hatte, roch es schon
wieder wie in einer Raubtierhöhle.
«Hast du vielleicht alte schmutzige Socken im Schrank?»
erkundigte sich seine Mutter und machte Anstalten, die
Schranktür zu öffnen.
«Halt!» schrie Anton.
Sie zögerte. «Wieso soll ich nicht in deinen Schrank
gucken?»
«Weil – es sind Geschenke drin, die ich für euch bastle.»
«Geschenke?» fragte sie argwöhnisch.
«Ja. Für Weihnachten.»
Heute war zwar erst der 22. Oktober, aber trotzdem:
«Manche fangen eben früh mit ihren Vorbereitungen an!» sagte
Anton und grinste unverschämt.
Ob sie ihm nun glaubte oder nicht – er hatte sie jedenfalls
von ihrem Vorhaben abgebracht, seinen Schrank zu
durchwühlen.
«Gut, dann guckst du selbst nach», erklärte sie. «Und ich
erwarte, daß du mindestens vier Paar schmutzige Socken
zutage förderst! – Obgleich es, dem Gestank nach, mehr als
fünfzig Paare sein müßten!» fügte sie spitz hinzu und verließ
das Zimmer.
«Schmutzige Socken», brummte Anton, «ich kann doch nicht

56
zaubern.»
«Hier, wenn du noch Socken brauchst!» hörte er da eine
schnarrende Stimme, und dann sah er, wie eine dürre Hand
unter seinem Bett hervorkam und ihm zwei zerlöcherte
schwarze Socken entgegenstreckte!
«Rüdiger, du?» stammelte er.
«Ja.» Die Hand mit den Socken wurde zurückgezogen.
«Aber verrat mich nicht.»
«Was machst du da unten?»
«Ich muß mit dir reden.»
«G-gleich.» Antons Herz schlug noch immer schnell und
unregelmäßig, so sehr war ihm der Schreck in die Glieder
gefahren. «Ich... ich muß meiner Mutter erst die Socken
bringen.»
«Wenn du mir frische gibst, kannst du meine haben», erklärte
der Vampir und lachte heiser.
«Frische Socken? Kein Problem!» Anton trat an den
Schrank. Säuberlich zusammengerollt, lagen da mehrere Paare.
«Welche Farbe willst du?»
«Schwarz. Oder nein – rot, blutrot!»
Anton warf ihm ein Paar leuchtendroter Socken zu. Er hatte
sie von seiner Oma bekommen, aber noch nie getragen, weil er
nicht wie ein Storch herumlaufen wollte.
Der Vampir pfiff durch die Zähne.
«Verdammt hübsche Dinger!» krächzte er, und gleich darauf
landeten seine schwarzen Vampirsocken vor Antons Füßen.
Anton hätte am liebsten eine Kneifzange gehabt, um sie
aufzuheben. Er hielt sich die Nase zu, und dann griff er mit
spitzen Fingern nach den Socken.
Sie starrten dermaßen vor Dreck, daß sie schon ganz steif
waren, und sie rochen... einfach unbeschreiblich!
Aber immerhin hatte er seiner Mutter nun etwas
vorzuweisen. Er trug die Socken ins Badezimmer und ließ sie
mit einem tiefen Seufzer in den Wäschekorb fallen. Dann rief

57
er ins Wohnzimmer hinüber: «Ich hab die Socken gefunden,
die so gestunken haben.»
«Na prima», antwortete seine Mutter. «Und wo sind sie
jetzt?»
«Im Wäschekorb.»
«Gut. Dann wasche ich sie morgen. Schlaf schön!»
«Ja. Gute Nacht!»

Schreckliches steht bevor


Als Anton in sein Zimmer zurückkehrte, war Rüdiger nicht
zu sehen. Er schloß die Tür, und da kam der kleine Vampir
unter dem Bett hervor.
«Ist die Luft rein?» fragte er mit rauher Stimme.
«Ja», sagte Anton und fügte hinzu: «Deine Socken sind ja
nicht mehr da!»
«Stimmt!» grinste der Vampir. Er setzte sich aufs Bett,
streckte die Beine aus und wackelte mit den Zehen in seinen
neuen roten Socken. «Die sind wirklich höllisch!»
«Olga hätten sie bestimmt auch gefallen», witzelte Anton.
«Olga?» Der Vampir fuhr in die Höhe und sah Anton mit
blitzenden Augen an. Dann sank er wieder in sich zusammen
und murmelte dumpf: «Sprich nicht von Olga. Du rührst damit
an eine Wunde tief in mir, die noch immer nicht verheilt ist.»
Anton verkniff sich ein Lachen. Niemand außer Rüdiger
würde je begreifen, wie man sich in ein so hochnäsiges, affiges
Vampirfräulein wie Olga von Seifenschwein verlieben konnte.
Der kleine Vampir schniefte, und dann fuhr er sich mit seiner
dürren Hand über die Augen.
«Reden wir nicht über Vergangenes», sagte er heiser. «Die
Gegenwart ist schlimm genug.»
«Wieso?» fragte Anton besorgt.
«Der Friedhof... Schreckliches steht bevor.»

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«Meinst du das, was Geiermeier und Schnuppermaul
vorhaben?»
Der Vampir sah Anton überrascht an. «Du weißt etwas
davon?»
«Ich habe gehört, wie sie sich unterhalten haben. Daß sie den
Friedhof in einen Garten verwandeln wollen und daß dann
endgültig Schluß sein soll mit –» Anton brach ab.
«Womit?» forschte Rüdiger.
«Mit euch Vampiren!»
«Das bestätigt meine schlimmsten Befürchtungen!» sagte der
Vampir mit Grabesstimme.
«Was ist denn passiert?» wollte Anton wissen.
«Eben wurden zwei große Fahrzeuge auf den Friedhof
gebracht. Und Geiermeier und Schnuppermaul standen dabei
und rieben sich die Hände.»
«Was für Fahrzeuge?»
«Baumaschinen, glaube ich. Kennst du dich mit Maschinen
aus?»
«Hm – ja.»
«Na bitte!» freute sich der Vampir. «Das dachte ich mir. Ja,
und deshalb...»
Er machte eine bedeutungsvolle Pause.
Ungeduldig fragte Anton: «Was?»
«Deshalb sollst du uns helfen!»
«Ich soll euch helfen?» wiederholte Anton und machte den
fordernden Tonfall des kleinen Vampirs nach. «Und was ist,
wenn ich nicht will?»
Bestürzt sah Rüdiger ihn an. «Du willst nicht?»
«Na ja, es könnte doch sein», meinte Anton und genoß die
Fassungslosigkeit des Vampirs.
Würdevoll fügte er hinzu: «Herumkommandieren lasse ich
mich nicht, auch nicht von dir.»
«Ent-schuldige», stotterte der Vampir. Dann fragte er
kleinlaut: «Aber unser Freund bist du doch noch, oder?»

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«Ja, sicher.»
«Und würdest du uns vielleicht, ich meine... könntest du uns
vielleicht... helfen?»
Es war dem Vampir deutlich anzumerken, wie schwer es ihm
fiel, Anton um etwas zu bitten.
Anton grinste breit.
«Wenn du so freundlich fragst!»
«Dracula sei Dank!» sagte der Vampir und seufzte
erleichtert.
«Und was soll ich machen?» fragte Anton.
«Also, es wäre schön, wenn du – wenn du morgen
nachmittag auf den Friedhof gehen würdest und dich für uns
umhorchen könntest.»
«Ich soll mich für euch umhorchen?»
«Schließlich bist du ein Mensch! Du wirst bestimmt keinen
Verdacht erregen.»
«Glaubst du?»
«Ja. Du mußt nur eine Gießkanne und eine kleine Harke
mitnehmen, dann fällst du überhaupt nicht auf.»
«Ich werd’s mir überlegen», brummte Anton.
Der Vampir warf ihm einen flehenden Blick zu. «Bitte!»
«Na gut, meinetwegen», sagte Anton geschmeichelt.
«Und ich komme morgen abend zu dir!» Der Vampir
schlüpfte in seine Schuhe und stieg aufs Fensterbrett.
«He, warum hast du es plötzlich so eilig?» fragte Anton.
Der Vampir grinste. «Hörst du es nicht?»
«Nein, was denn?» erwiderte Anton.
«Mein Magen knurrt!» sagte der Vampir, und mit einem
krächzenden Gelächter schwang er sich in die Nacht hinaus.

Da bist du von den Socken


Am nächsten Morgen wurde Anton sehr unsanft geweckt.

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Seine Mutter kam ins Zimmer, schaltete das Licht ein und
rief: «Woher stammen diese ekelerregenden Dinger?»
Anton blinzelte. «Mach doch das Licht aus!»
«Erst wenn du mir gesagt hast, wem diese abscheulichen
Lumpen gehören!»
«Welche Lumpen?» Anton öffnete vorsichtig die Augen
obwohl das eigentlich gar nicht mehr nötig war, denn er hatte
schon am Geruch erkannt, was ihm seine Mutter da vor die
Nase hielt: Rüdigers schwarze Socken.

«Wieso?» sagte er mit Unschuldsmiene. «Ich sollte doch


meine schmutzigen Socken aussortieren.»
Voller Abscheu ließ sie die Socken fallen. «Deine! Nie und
nimmer gehören dir diese stinkigen Dinger!»
«Na ja», sagte Anton gedehnt. «Jetzt schon.»
«Wie – jetzt schon?»
«Ich – wir haben getauscht.»

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«Wer? Das mußt du mir näher erklären.»
Anton stöhnte leise. Er war kaum aufgewacht, und schon
mußte er Rede und Antwort stehen.
«Rüdiger und ich», sagte er. «Ich habe ihm welche von mir
gegeben, und er hat mir dafür seine Socken geschenkt.»
«Socken nennst du das?» rief seine Mutter. «Die bestehen ja
nur aus Löchern.»
Erbost schüttelte sie den Kopf.
«Und welche Socken hast du Rüdiger dafür gegeben?»
«Die roten.»
«Etwa die von Oma?»
Er grinste. «Da bist du von den Socken, wie?»
«Unglaublich! Tauscht er seine neuen Socken gegen so
was!» Sie stieß mit der Fußspitze gegen Rüdigers Socken und
verzog das Gesicht. «Und wie die stinken! Mir ist gestern fast
schlecht geworden im Badezimmer.»
Anton kicherte. «Du wolltest schmutzige Socken – und jetzt
hast du welche.»
Seine Mutter lachte schnippisch. «Glaubst du wirklich, ich
würde mir die Mühe machen, diese Lumpen in die
Waschmaschine zu stecken?»
«Wieso nicht?» sagte Anton. «So dreckig, wie sie sind, kann
ich sie wohl nicht anziehen.»
«Du wirst sie überhaupt nicht anziehen», erwiderte seine
Mutter. Sie bückte sich, und mit angeekelter Miene hob sie die
Socken wieder auf. Dann ging sie zur Tür.
«Was willst du mit den Socken machen?» rief Anton. Er
hatte zwar nicht vorgehabt, sie jemals zu tragen – aber er
wollte sie aufbewahren, immerhin waren es echte
Vampirsocken. Allerdings mußten sie vorher gewaschen
werden!
«Ich will sie wegwerfen», sagte seine Mutter.
«Wegwerfen? Und wenn Rüdiger damit nicht einverstanden
ist?»

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Sie sah ihn über die Schulter hinweg spöttisch an.
«Ich denke, er hat sie dir geschenkt?»
«Ja, schon –»
«Und falls Rüdiger neue Socken braucht – ich gehe gern mit
ihm welche kaufen.»
«Das würde ich nicht tun.»
«Und warum nicht?»
«Weil Rüdiger sich nie die Füße wäscht.»
Das war zuviel für Antons Mutter! Sie gab einen verärgerten
Laut von sich und schlug die Tür hinter sich zu.
Anton sprang aus dem Bett, riß das Fenster auf und holte tief
Luft. Hu! das tat gut nach dem Mief! Dann zog er sich an und
ging in den Flur.
Seine Mutter stand vor dem Spiegel und war dabei, ihren
Mantel zuzuknöpfen.
«Du gehst schon?» fragte er überrascht.
«Ja. Ich will vor der Schule noch schnell bei Frau Dr. Dösig
vorbeischauen.»
«Was willst du denn bei Frau Dr. Dösig?»
«Fragen, wie dein Blutbild ausgefallen ist.» Sie ging zur
Wohnungstür. «Oder hast du etwas dagegen?»
«Ich?» sagte Anton und versuchte, sie nicht merken zu
lassen, wie gut ihm das paßte. «Nein!»
Doch seine Mutter war schlauer, als er angenommen hatte.
«Du denkst, du könntest die ekligen Socken wieder
hervorkramen, wenn ich weg bin», meinte sie mit einem
Lächeln. «Aber die Arbeit kannst du dir sparen!»
Sie zeigte auf eine Plastiktüte, die neben ihrer Schultasche
stand. «Die Socken nehme ich mit und werfe sie unterwegs in
einen Papierkorb.»
«Rüdigers Socken? In einen Papierkorb?» rief Anton.
Sie nickte. «Schließlich sind wir keine Lumpensammler.»
Anton kniff verärgert die Lippen zusammen.
Dann sagte er: «Wenn wir schon beim Sparen sind – ich

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weiß, was du dir sparen kannst!»
«Und das wäre?»
Er grinste. «Den Weg zu Frau Dr. Dösig.»
Jetzt war die Reihe an ihr, sich zu ärgern. «Warten wir’s ab!»
sagte sie.

Neue Schwierigkeiten
Anton sollte recht behalten: mit seinem Blut war alles in
Ordnung.
«Du bist vollkommen gesund», berichtete seine Mutter beim
Mittagessen. An der Art, wie sie das sagte, merkte Anton, daß
sie mit dem Befund nicht so zufrieden war.
«Vollkommen gesund...» wiederholte er aufgekratzt.
«Genau, wie ich es vorausgesagt hatte!»
Er langte noch einmal bei den Kartoffeln zu – damit sie sah,
daß auch sein Appetit «gesund» war!
Mit vollem Mund meinte er vergnügt: «Siehst du! Dann war
die ganze blöde Untersuchung umsonst.»
«Das würde ich nicht sagen», antwortete seine Mutter.
«Und wieso nicht?»
«Weil Frau Dr. Dösig uns jetzt an einen Psychologen
überwiesen hat.»
«Wohin?» Fast wäre Anton die Kartoffel im Hals
steckengeblieben.
«Morgen nachmittag gehen wir zu einem Psychologen einem
Seelenarzt. Ich habe vorhin angerufen und einen Termin
vereinbart.»
«Was?» schrie Anton auf. «Ohne mich zu fragen?»
Seine Mutter lächelte kühl. «Weißt du überhaupt, was ein
Psychologe ist?»
«Na klar! Aus dem Fernsehen.» Zornig setzte er hinzu: «Und
ich habe keine Lust, so einen Pickelogen in meinem

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Seelenleben herumwühlen zu lassen.»
Sie lachte. «So schlimm wird’s schon nicht werden.
Außerdem bin ich ja dabei.»
Anton schob den halbvollen Teller von sich weg und stand
auf. Ihm war der Appetit restlos vergangen!
«Wohin willst du?» rief seine Mutter.
«Auswandern», knurrte er.
In seinem Zimmer setzte er sich aufs Bett und dachte erst mal
nach. Psychologen... Das waren Leute, die ihre Nasen in alles
steckten, Besserwisser, die glaubten, sie hätten die Weisheit
gepachtet.
Und zu so einem wollte ihn seine Mutter schleppen! Am
besten, er wanderte wirklich aus. Aber wohin? Nicht mal in der
Gruft Schlotterstein war man heutzutage noch sicher...
Ihm fiel ein, was er dem kleinen Vampir versprochen hatte.
Irgendwo mußte er noch seinen Sandeimer und die Schaufel
haben...
Er suchte, bis er sie schließlich hinter dem Stapel alter
Comic-Hefte in seinem Schrank entdeckte. Dann schlich er auf
Zehenspitzen zur Wohnungstür. Aus der Küche hörte er Musik.
Ohne daß seine Mutter es merkte, öffnete er die Tür und zog
sie hinter sich wieder ins Schloß.
Es war zwar sonst nicht seine Art, sich einfach so
davonzustehlen – aber immerhin hatte seine Mutter auch den
Psychologen angerufen, ohne mit ihm gesprochen zu haben!
Anton holte sein Fahrrad aus dem Keller, klemmte den Eimer
mit der Schaufel auf den Gepäckträger und fuhr los.
Hoffentlich traf er unterwegs keinen aus seiner Klasse! Sonst
gab es morgen in der Schule nur ein Gesprächsthema: Anton
spielt noch im Sand...!

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Umweltzerstörer
Doch er hatte Glück: bis auf ein älteres schwarzgekleidetes
Paar begegnete ihm niemand.
Er stellte das Rad neben der Friedhofsmauer ab und ging
durch das Eingangstor, das weit offenstand.
Der Friedhof wirkte heute noch trostloser als sonst. Auf den
Gräbern lagen an Stelle der bunten Blumensträuße vom
Sommer nur noch triste Gestecke aus Tannen, und die meisten
Bäume und Büsche waren kahl geworden. Jetzt konnte Anton
sogar Geiermeiers Haus durch die Hecken hindurchschimmern
sehen.
Und noch etwas sah er: etwas Großes, Gelbes hinter der alten
Kapelle...
Das mußten die Baufahrzeuge sein!
Während er langsam auf die Kapelle zuging, wurden mit
ohrenbetäubendem Lärm zwei Motoren angelassen. Eine
scheußliche blaue Abgaswolke zog über Anton hin.
Er hustete. Diese Umweltzerstörer schreckten wirklich vor
nichts mehr zurück – nicht mal vor der Ruhestätte der Toten!
Allerdings hatte der Krach, den sie machten, für Anton einen
Vorteil: niemand merkte, wie er um die Kapelle herumlief und
sich hinter einen Mauervorsprung stellte. Jetzt konnte er den
hinteren Teil des Friedhofs überblicken, ohne selbst entdeckt
zu werden.
Und was er da sah, ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Ein
großer Bagger war dabei, die Erde aufzugraben. Die Grabsteine
und die Kreuze, die er zutage förderte, wurden von einer
Planierraupe auf einen Haufen geschoben.
Der alte, verwilderte Teil des Friedhofs – eine Baustelle war
daraus geworden!
Nur ein paar Bäume waren verschont geblieben. Anton
erkannte die große Tanne, unter der das Einstiegsloch zur Gruft
Schlotterstein lag.

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Und jetzt fuhr der Bagger auf die Tanne zu, blieb stehen, der
Greifer senkte sich und hob einen flachen, mit Moos
überzogenen Stein hoch.
Es war der Stein, mit dem die Vampire das Einstiegsloch zu
ihrer Gruft verschlossen! Nun lag der Schacht offen da, für
jeden zugänglich...
Wenn Geiermeier und Schnuppermaul den Einstieg
entdeckten, waren die Vampire verloren!
Anton spürte einen Druck auf der Brust. Er sah Geiermeier
und Schnuppermaul, sie liefen hinter der Planierraupe her,
freudig und erregt wie kleine Kinder.
Aber den Schacht bemerkten sie nicht – noch nicht. Sie sahen
zu, wie der moosbewachsene Stein neben anderen Steinen
landete.
Für den Augenblick waren die Vampire in Sicherheit – aber
wie lange noch?
Anton ballte die Fäuste in ohnmächtiger Wut. Wenn er daran
dachte, daß die Vampire da unten völlig hilflos in ihren Särgen
liegen mußten und nicht den kleinsten Finger rühren konnten,
bis die Sonne unterging!
Schnuppermaul und Geiermeier hatten Maschinen und
Hilfskräfte. Die Vampire dagegen hatten niemanden – nur ihn,
Anton!
Aber was konnte er schon allein gegen vier erwachsene
Männer, einen Bagger und eine Planierraupe ausrichten? Er
war machtlos, vollkommen machtlos!

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Oder doch nicht?
Plötzlich wurden die Motoren abgestellt, die Fahrer kletterten
heraus, und in der Stille hörte Anton, wie einer sagte:

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«Kaffeepause!»
Und dann kamen sie direkt auf Anton zu, der sich in den
Mauervorsprung drückte. Ohne ihn zu sehen, gingen sie an ihm
vorbei und verschwanden im Innern der Kapelle. Geiermeier
und Schnuppermaul folgten ihnen, und auch sie bemerkten
Anton nicht.
Auf einmal war Anton allein auf dem Friedhof. Er blickte zu
der großen Tanne hinüber, und da wußte er, wie er den
Vampiren helfen konnte.
Mit seinem Sandeimer und seiner Schaufel in der Hand
rannte er los.

Kein Herz für Kinder


Sein erster Gedanke war, das Einstiegsloch einfach
zuzuschütten. Dann würden Geiermeier und Schnuppermaul es
nie entdecken, und die Vampire könnten trotzdem ihre Gruft
verlassen – durch den Notausgang.
Als Anton vor dem Einstiegsloch zur Gruft stand und in die
Tiefe spähte, wurde ihm klar, daß er Stunden brauchen würde,
um den Schacht zuzuschütten. Nein, er mußte es anders
machen...
Er sah sich um und entdeckte eine Baumwurzel, die so groß
wie die Öffnung war. Mit einiger Kraftanstrengung gelang es
ihm, sie ein Stück in den Schacht hineinzudrücken. Die
entstandene Kuhle füllte er schnell mit Friedhofserde auf und
nichts war mehr zu sehen.
Stolz und erleichtert hob er den Kopf – und blickte in das
wutverzerrte Gesicht Geiermeiers.
«Was hast du hier zu suchen?» schrie Geiermeier. Seine
kurzen, dicken Finger zuckten, als würde er sich gleich auf
Anton stürzen.
«Ich... ich such gar nichts», stotterte Anton. Mit weichen

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Knien erhob er sich. «Ich spiele hier nur!» Zum Beweis hielt er
ihm Eimer und Schaufel entgegen.
«Ach, wie niedlich!» rief Schnuppermaul, der neben
Geiermeier stand.
«Niedlich?» herrschte Geiermeier ihn an. «Der Bengel
stöbert hier herum, und du findest das niedlich!»
«Ich habe früher auch so gern im Sand gespielt», verteidigte
sich Schnuppermaul.
«Im Sand gespielt!» Mit funkelnden Augen blickte
Geiermeier zuerst Anton und dann Schnuppermaul an. «Siehst
du nicht, daß der Bengel viel zu groß dafür ist?»
Drohend trat er einen Schritt auf Anton zu. «Gib’s zu, du
wolltest etwas auskundschaften!»
Anton machte einen Schritt zurück – nicht nur, weil er Angst
hatte, sondern weil Geiermeier entsetzlich nach Knoblauch
roch. «Nein», sagte er. «In unserer Sandkiste zu Hause wird
heute der Sand ausgewechselt.»
«Der Sand? Ausgewechselt?» Geiermeier sah ihn finster an.
«Du willst mich wohl für dumm verkaufen!»
«Doch, das macht man neuerdings», mischte sich
Schnuppermaul ein. Mit einem Kichern fügte er hinzu:
«Wegen der kleinen – Hundehäufchen!»
«Pah!» machte Geiermeier wütend. Dann fragte er in
barschem Ton: «Und wieso spielst du ausgerechnet auf dem
Friedhof? Der Frieden und die Ruhe der Verstorbenen sind uns
heilig, jawohl!»
«So?» sagte Anton. Gerade bestieg der Baggerführer seinen
Bagger.
Da packte ihn Geiermeier unvermittelt am Kinn und hielt ihn
fest.

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«He!» murmelte er und pfiff durch die Zähne. «Kennen wir
uns nicht, Bürschchen?»
«N-nein!» stammelte Anton. Er bekam fast keine Luft mehr,
so stark war der Knoblauchgeruch.
«Doch!» sagte Geiermeier mit leiser, böser Stimme. «Dich
habe ich früher schon einmal hier gesehen!»
«Laß ihn doch, Hans-Heinrich!» murrte Schnuppermaul.
«Oder hast du kein Herz für Jungen – äh, Kinder?»
In diesem Augenblick ließ der Baggerführer den Motor an.
Eine Wolke von Abgasen hüllte sie ein wie eine Nebelwand.
Geiermeier, der dem Auspuff am nächsten stand, schlug die
Hände vor den Mund und hustete.
Diese Gelegenheit nutzte Anton, um zu entwischen. Er lief
zum Ausgang, schwang sich auf sein Fahrrad und raste davon.

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Ein echter Naturschützer
Zu Hause empfing ihn seine Mutter mit vorwurfsvoller
Miene. «Seit wann verläßt du die Wohnung, ohne mir Bescheid
zu sagen?» rief sie.
Anton verzog trotzig die Mundwinkel. «Seit du hinter
meinem Rücken Psychologen anrufst.»
«Aber doch nur, weil wir uns Sorgen machen!»
«Sorgen? Sorgen habe ich auch», knurrte Anton und ging in
sein Zimmer.
Sie folgte ihm. «Anton! Können wir nicht mal vernünftig
darüber reden?»
«Worüber?» So wie er war – in seiner Jacke und mit den
schmutzigen Stiefeln – setzte er sich aufs Bett.
Doch ausnahmsweise schimpfte seine Mutter nicht.
Wahrscheinlich spürte sie, daß mit ihm etwas nicht in Ordnung
war.
Ungewöhnlich sanft sagte sie: «Über deine Sorgen zum
Beispiel.»
Anton hatte plötzlich ein Kratzen im Hals. Mit rauher
Stimme rief er: «Diese verdammten Umweltzerstörer. Alles
machen sie kaputt!»
Wütend kniff er die Lippen zusammen.
«Was machen sie denn kaputt?» fragte sie.
«Alles», sagte er noch einmal und fügte dann düster hinzu:
«Den Friedhof.»
«Den Friedhof? Soll da etwa gebaut werden?»
«Nein. Aber den schönen verwilderten Teil haben sie
plattgewalzt. Ein Park soll das werden – als ob wir nicht schon
genug von diesen blöden Parks hätten.»
«Aber dir kann der Friedhof doch ganz egal sein», meinte sie
und lachte.
Egal? Wenn sie wüßte! dachte Anton – aber er sagte nichts.
Weil er nicht weiter ausgefragt werden wollte, begann er,

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sich die Stiefel auszuziehen. Mit grimmiger Freude
beobachtete er, wie sich kleine Sandberge auf dem Teppich
bildeten. Und die Sandberge sah natürlich auch seine Mutter.
«Anton, hör sofort auf damit! Dein schöner Teppich!» rief
sie mit schriller Stimme.
«Ja, gleich», antwortete er und zog und zerrte, bis er beide
Stiefel in der Hand hielt.
Rot vor Ärger ging sie zur Tür. «Den Dreck machst du aber
selbst weg!» rief sie.
«Dreck?» sagte Anton und schob den Sand zu einem Haufen
zusammen. «Ist doch alles Natur! Und du bist doch für die
Erhaltung der Natur, oder nicht?»
Peng! Seine Tür knallte zu.
Anton streckte sich auf dem Bett aus und seufzte. Er hatte es
zwar mal wieder geschafft, sich den leidigen Fragen seiner
Mutter zu entziehen, aber richtig freuen konnte er sich darüber
nicht. Er war viel zu besorgt wegen der Vampire.
Was würden sie jetzt tun? Wegziehen? Vielleicht gingen sie
sogar nach Transsylvanien zurück? Anton merkte, wie ihm
Tränen in die Augen stiegen. Und er konnte gar nichts tun nur
hoffen, daß Rüdiger trotz der Gefahr, in der die Vampire jetzt
schwebten, heute abend zu ihm kam!
Wenn nur die Zeit bis dahin schneller vergehen würde!
Als es draußen endlich schummerig wurde und Anton schon
erwartungsvoll am Fenster stand, klopfte es an seiner
Zimmertür.
«Anton, Abendessen ist fertig!»
«Ich hab keinen Hunger», antwortete er.
«Keinen Hunger?» Antons Vater spähte ins Zimmer. «Auch
dann nicht, wenn ich dir verrate, daß ich Obstsalat gemacht
habe?»
«Obstsalat?» Normalerweise leckte sich Anton die Finger
danach, aber heute würde er bestimmt keinen Bissen
herunterkriegen. «Ich – komm gleich.»

73
«Warte nicht zu lange», meinte sein Vater, «sonst ist er alle!»
Damit schloß er die Tür wieder.
«Um so besser, wenn er alle ist!» knurrte Anton.
Er blieb am Fenster stehen und sah in das seltsame bläuliche
Licht hinaus. Er spürte, wie sich sein Herzschlag
beschleunigte.
Jetzt kletterten die Vampire aus ihren Särgen, reckten sich,
gähnten, zogen ihre Umhänge zurecht. Anton stellte sich vor,
wie der erste die Gruft verlassen wollte – und wie er dann
merkte, daß der Einstieg versperrt war. Da hörte er die Stimme
seiner Mutter: «Anton, wir warten auf dich!»
Widerwillig trottete er in die Küche.
Leider war der Obstsalat keineswegs aufgegessen: ein großer
Teller, bis zum Rand gefüllt, stand auf seinem Platz.
«So viel schaffe ich nie!» protestierte er.
«Dir ist wohl der Umweltschutz auf den Magen geschlagen!»
witzelte sein Vater.
«Wie meinst du das?»
«Mutti hat mir berichtet, daß du unter die Naturschützer
gegangen bist.»
«Und? Ist doch nicht verboten?» brummte Anton. Unlustig
stopfte er sich ein Stück Apfel in den Mund.
«Nein, natürlich nicht. Wir freuen uns, daß du dich für den
Umweltschutz einsetzt. Nur – warum muß es ausgerechnet
wieder der Friedhof sein?»
Anton merkte, wie er rot anlief. «Weil sich außer mir
niemand um ihn kümmert!»
«So? Glaubst du?» antwortete sein Vater. «Willst du hören,
was in der Zeitung steht?»
Ohne Antons Antwort abzuwarten, griff er sich die Zeitung
und begann vorzulesen: «Friedhofs-Verschönerung. Aus dem
hinteren Teil unseres Friedhofs soll ein Park werden. Das ist
der Wunsch des Friedhofswärters, Hans-Heinrich Geiermeier.
Seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, daß auf der

74
letzten Sitzung des Haushaltsausschusses fünftausend Mark zur
Verschönerung des Friedhofs bewilligt wurden.»
Er ließ die Zeitung sinken. «Siehst du! Es stimmt also nicht,
daß sich niemand um den Friedhof kümmert.»
Er blickte noch einmal in die Zeitung: «... seinem
unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken...»
«Verdanken!» rief Anton, und seine Stimme überschlug sich.
«Wieso?» sagte sein Vater. «Es ist doch nur gut, wenn aus
einem Stück Ödland, von dem keiner etwas hat, ein schöner
Park für alle wird.»
«Keiner? Woher willst du das wissen?» sagte Anton erregt.
«Weißt du denn jemanden?» fragte sein Vater belustigt.
«Allerdings! Die Vam-» rief Anton und brach erschrocken
ab. Um ein Haar hätte er sich verraten!
Schnell sagte er: «Die Wan-Wanderratten und – und auch
noch andere Tiere, die jetzt vom Friedhof vertrieben werden.»
Sein Vater lachte. «Du bist ja wirklich ein echter
Naturschützer!»
Doch Antons Mutter blieb ernst. «Anton wollte etwas ganz
anderes sagen...»
Und zu Anton gewandt, fragte sie scharf: «Du wolltest sagen:
die Vampire! Stimmt’s?»
«Ich...» stotterte Anton und wurde wieder rot.
Diesmal fiel ihm keine Ausrede ein.
Sie gab einen tiefen Seufzer von sich.
«Gott sei Dank, daß wir morgen den Termin beim
Psychologen haben! Langsam bin ich wirklich mit meinem
Latein am Ende!»
«Latein?» knurrte Anton und stand auf. «Ich wußte gar nicht,
daß man da auch Sprachen lernen kann!»

75
Wut im Bauch
An diesem Abend ließ der kleine Vampir lange auf sich
warten. Immer wieder trat Anton ans Fenster und hielt nach
ihm Ausschau – bis er endlich eine kleine schwarze Gestalt
heranfliegen sah.
«Rüdiger!» sagte er erleichtert. «Ich dachte schon, du
kommst nicht mehr.»
«Es hätte auch nicht viel gefehlt», knurrte der Vampir und
ließ sich ins Zimmer gleiten. «Bei uns ging alles drunter und
drüber! Stell dir vor: jemand hat versucht, unsere Gruft
zuzuschütten, und Tante Dorothee hat sich fast das Genick
gebrochen.»
«Was?» rief Anton bestürzt.
Rüdiger nickte. «Unser Einstiegsloch war mit einer
Baumwurzel versperrt. Tante Dorothee, die als erste losfliegen
wollte, hat sie nicht gesehen und ist mit dem Kopf dagegen
gestoßen.»
Anton schlug die Hand vor den Mund.
«Sie ist... gegen die Baumwurzel gestoßen?» An diese
Möglichkeit hatte er überhaupt nicht gedacht! «Und ist sie
schlimm verletzt?»
Jetzt grinste Rüdiger. «Na ja. Sie hat eine Beule, einen
Brummschädel – und eine riesengroße Wut im Bauch!»
«Wut? Auf wen denn?» fragte Anton zitternd.
«Auf den natürlich, der die Wurzel in den Schacht gezwängt
hat.» Er machte eine Pause, bevor er in vertraulichem Ton
hinzufügte: «Sie will ihm den Lebensfaden durchbeißen!»
«Ha-habt ihr schon einen Verdacht?»
«Wir glauben, daß es Geiermeier war!»
«Geiermeier?»
«Ja. Wer soll es sonst gewesen sein?»
«Vie-vielleicht Schnuppermaul», stotterte Anton.
«Ach, der –» Rüdiger machte eine verächtliche

76
Handbewegung. «Der würde doch keine schmutzige
Baumwurzel anfassen – aus Angst um seine gepflegten
Fingernägel!»
Bei dem Stichwort «Fingernägel» blickte Anton ahnungsvoll
auf seine eigenen Hände – und erstarrte: er hatte noch immer
schwarze Friedhofserde unter den Nägeln!
Rasch steckte er die Hände in die Hosentasche. Doch der
kleine Vampir war viel zu aufgeregt, um sich für Antons
Fingernägel zu interessieren.
«Warst du heute nachmittag auf dem Friedhof?» fragte er.
Anton nickte.
«Und? Hast du etwas herausgefunden?»
«Geiermeier hätte mich fast geschnappt, als ich –»
Erschrocken hielt Anton inne. Beinahe hätte er verraten, daß er
es gewesen war.
«Was – als du?» rief der Vampir ungeduldig.
«Als ich – mir die Planierraupe angucken wollte.»
«Planierraupe, Planierraupe!» äffte ihn der kleine Vampir
verärgert nach. «Das weiß ich auch, daß sie eine Planierraupe
haben. Und weiter hast du nichts herausgekriegt?»
«Nein», sagte Anton. «Nur daß sie den ganzen hinteren Teil
plattgewalzt haben.»
«Das habe ich auch gesehen!» sagte der Vampir gereizt.
«Und in der Zeitung stand es», fiel Anton ein.
«Was?»
«Daß Geiermeier fünftausend Mark bekommen hat für die
Friedhofs-Ver-» Verschönerung wollte Anton lieber nicht
sagen, um den Vampir nicht noch mehr in Wut zu bringen.
Doch bevor Anton ein passendes Wort eingefallen war, kam
ihm der Vampir zu Hilfe: «Friedhofs-Verschandelung wolltest
du wohl sagen!»
«Genau!» nickte Anton.
Eine Pause entstand. Aus dem Wohnzimmer hörten sie das
Geräusch des Fernsehers.

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«Und wie geht es jetzt mit euch weiter?» fragte Anton mit
belegter Stimme.
«Mit uns?» sagte der Vampir. Sein totenbleiches Gesicht mit
den eingefallenen Wangen und den dunklen Augenrändern sah
auf einmal sehr müde aus.
«Irgendwie wird es schon weitergehen. Es ist ja immer
irgendwie weitergegangen», sagte er dumpf. Trübsinnig setzte
er hinzu: «Glaub nicht, daß es für uns Vampire der erste
Umzug wird!»
«Ihr zieht um?» rief Anton erschrocken.
«Denkst du, wir warten, bis die Gruft ganz zugeschüttet ist?»
«Nein!» sagte Anton und schluckte. «Aber daß es so bald
sein würde...»

«So bald nun auch wieder nicht», entgegnete der Vampir und
wandte sich zum Fenster. «Außerdem haben wir ja noch den
Notausgang. Und dann tagt heute der Familienrat. Danach
sehen wir weiter.»

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«Der Familienrat? Ist Anna auch dabei?»
«Natürlich.»
«Und ihre Augen? Sind die wieder in Ordnung?»
«Ja. Lumpi hat ein Zaubermittel für sie auf getrieben.»
«Tatsächlich?»
«Ja. Er ist die ganze Nacht herumgeflogen, hat er uns erzählt,
und hat überall gesucht und gefragt – bis er schließlich bei
einem alten Kräutermännlein die allerletzte Flasche eines
uralten Wundermittels gefunden hat. Teufelstränen oder so
ähnlich heißt es.»
«Bei einem Kräutermännlein – na so was!» sagte Anton.
«Aber die Hauptsache ist, es hat gewirkt!»
«Ich muß jetzt fliegen», erklärte der kleine Vampir.
«Vielleicht wird meine Hilfe gebraucht.»
«Schade, daß ich euch nicht helfen kann», meinte Anton.
«Du könntest schon...» antwortete der Vampir und verzog
seine schmalen, völlig blutleeren Lippen. Mit einem
sehnsüchtigen Blick streifte er Antons Hals.
«S-so meinte ich das nicht!» stotterte Anton, der eine
Gänsehaut bekommen hatte.
«Ja, also dann –» sagte der Vampir, stieg aufs Fensterbrett
und breitete die Arme unter dem Umhang aus.
«Komm bald wieder!» rief Anton ihm zu.
Der kleine Vampir gab keine Antwort. Ohne Abschiedsgruß
und ohne sich noch einmal umzusehen, flog er davon.
Anton schloß das Fenster und begann, seinen Schlafanzug
anzuziehen. Er tat es langsam, fast mechanisch. Voller
Mitgefühl dachte er an die Vampire. Wie jämmerlich ihr
Dasein war! Nicht nur, daß sie in ständiger Finsternis leben
mußten – überall wurden sie gejagt und verfolgt. Und wenn sie
einmal ein ruhiges Plätzchen gefunden hatten, dauerte es nicht
lange, bis jemand sie vertrieb.
Und immer mußten sie um ihr Leben fürchten.
Anton spürte, wie ihm die Tränen übers Gesicht liefen, aber

79
er wischte sie nicht ab. Er trat ans Fenster und sah in die Nacht
hinaus. Irgendwo dort draußen war der kleine Vampir –
vielleicht in Lebensgefahr!
Anton hörte Schritte, die über den Flur kamen, dann wurde
eine Tür geöffnet.
«Du bist noch wach?» fragte seine Mutter überrascht und trat
ins Zimmer. «Warum liegst du nicht im Bett? – Und die
Vorhänge hast du auch nicht zugezogen!» fügte sie
vorwurfsvoll hinzu.
«Ich konnte nicht schlafen», murmelte Anton.
«Und warum nicht?» forschte sie.
«Ich mußte an etwas denken», sagte Anton und fuhr sich
über die Augen.
«Du mußtest an etwas denken, soso!» Ihre Stimme klang
gereizt. «Wahrscheinlich hast du darüber nachgedacht, was du
morgen dem Psychologen erzählen willst!»
Anton warf ihr aus den Augenwinkeln einen finsteren Blick
zu. «Wahrscheinlich», knurrte er.
«Aber versuch nicht, ihm einen Bären aufzubinden!» sagte
sie warnend.
«Einen Bären aufbinden?» brummte Anton. «Dann schon
lieber einen Vampir!» Und mit leiser, trauriger Stimme setzte
er hinzu: «Falls er bis dahin nicht weggeflogen ist.»
«Er will wegfliegen?» wiederholte seine Mutter verblüfft
dann lachte sie schrill. «Ach, Anton, das wäre zu schön!»
«Ja», sagte Anton zähneknirschend. «Für dich!»
«Für uns alle», erwiderte sie. «Aber das kannst du jetzt noch
nicht verstehen.»
Damit ging sie.
«Verstehen?» sagte Anton und warf sich schluchzend auf
sein Bett. «Nein, das kann ich nicht verstehen. Das will ich
nicht verstehen!»

80
Beim Psychologen
Als Anton am nächsten Morgen verschlafen sein Radio
einschaltete, hörte er gerade noch den letzten Teil der
Nachrichten: «... völlig ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Die
Temperaturen sanken in der vergangenen Nacht unter den
Gefrierpunkt. Durch gefrierenden Regen sind die Straßen jetzt
spiegelglatt. Die Polizei bittet alle Autofahrer, unbedingt
öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.»
Plötzlich war Anton hellwach. Gefrierender Regen,
spiegelglatte Straßen – das klang ja wie Musik in seinen
Ohren!
Denn seit seine Mutter einmal auf vereister Fahrbahn gegen
einen Baum geprallt war, blieb sie bei Glatteis am liebsten zu
Hause.
Ob sie unter diesen Umständen den Termin beim
Psychologen absagen würde...?
Schnell zog Anton sich an und ging in die Küche. Seine
Eltern saßen am Tisch und tranken Kaffee. Aus dem kleinen
Radio auf dem Küchenschrank kam Musik.
«Habt ihr schon die Verkehrsdurchsagen gehört?» erkundigte
er sich. «Die Straßen sollen spiegelglatt sein!»
«Ja. Ich fahre mit dem Bus in die Schule», erklärte seine
Mutter.
Antons Herz klopfte schneller. «Und – heute nachmittag?»
Sie lachte trocken auf. «Ach – du glaubst wohl, auf diese
Weise bliebe dir der Besuch beim Psychologen erspart!»
«Na ja», meinte Anton und grinste hinterhältig. «Ich wollte
nur verhindern, daß du noch mal gegen einen Baum fährst.»
Sie warf ihm einen giftigen Blick zu. «Danke! Aber wir
nehmen den Bus.»
«Den Bus? Hast du nicht gesagt, daß der Psychologe ganz
weit weg wohnt?»
«Und?» sagte sie nur. «Wir werden schon irgendwie

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hinkommen.»
Irgendwie... das stimmte! Nach einer schier endlosen Fahrt
quer durch die Stadt, mit zwei verschiedenen Bussen und
einem Taxi, landeten sie vor einem großen altmodischen Haus,
in dessen Erdgeschoß der Psychologe seine Praxis hatte.

Jürgen Schwartenfeger
Eheberatung, Kindertherapie

stand auf der Eingangstür.


«Na, wenigstens der Name ist lustig», knurrte Anton.
Er fühlte sich wie bei einem Zahnarztbesuch – nur noch
schlechter. Beim Zahnarzt wußte er zumindest vorher, welche
unangenehmen Dinge ihn erwarteten: Bohren – oder eine
Spritze kriegen –
Beim Pickelogen dagegen...
«Du hättest Vati mitnehmen sollen!» sagte er zu seiner
Mutter. Sie war blaß und nervös – als wäre sie es, die
ausgefragt werden sollte!
«Vati? Wieso?» fragte sie zerstreut und drückte auf den
altertümlichen Klingelknopf.
«Weil da Eheberatung steht!» antwortete er und grinste.
«Ach!» sagte sie verärgert.
Schritte näherten sich, und dann öffnete ihnen eine rundliche
Frau mit einem schwarzen Haarknoten die Tür.
«Guten Tag!» sagte sie und lächelte so freundlich, daß Anton
für einen Augenblick seine Abneigung gegen Psychologen
vergaß.
«Bohnsack! Wir sind angemeldet», sagte Antons Mutter ein
wenig zu forsch.
Die Frau nickte. «Bitte kommen Sie! Mein Mann erwartet
Sie.»
Ihr Mann? dachte Anton verwundert und erfreut. Dann
konnte Herr Schwartenfeger auch nicht so eklig sein, wie er

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befürchtet hatte.
Herr Schwartenfeger war groß und sehr dick. Statt eines
weißen Arztkittels trug er einen Pullover, der sich über seinem
Bauch spannte, und eine ausgebeulte Cordhose. Er hatte einen
Oberlippenbart, und um seine Augen lagen viele Lachfältchen.
«Weißt du, weshalb du hier bist?» fragte er mit einer
angenehmen tiefen Stimme und musterte Anton
erwartungsvoll.
«Ähem...» murmelte Anton und sah zu seiner Mutter
hinüber.
«Hat meine Mutter Ihnen das nicht gesagt?» versuchte er sich
herauszureden.
Herr Schwartenfeger lächelte. «Doch. Aber ich wollte es
gern von dir hören.»
«Hm. Ja, also ich...» Anton hatte sich zwar innerlich darauf
eingestellt, Fragen zu beantworten – aber nicht, von sich aus
etwas zu erzählen.
«Nun red schon!» rief seine Mutter ungeduldig. «Du bist
doch sonst nicht auf den Mund gefallen!»
Wütend kniff Anton die Lippen zusammen.
«Drängen Sie Anton nicht», sagte Herr Schwartenfeger.
Genau! stimmte Anton ihm in Gedanken zu. Selbstbewußt
reckte er sein Kinn. «Ich glaube, ich möchte lieber mit Herrn
Schwartenfeger allein sprechen», sagte er.
Seine Mutter gab einen entrüsteten Laut von sich und stand
abrupt auf. «Gut, wenn ich hier störe!»
«Natürlich stören Sie nicht!» widersprach Herr
Schwartenfeger. «Aber es ist vielleicht ganz günstig, wenn ich
zuerst einmal mit Anton unter vier Augen spreche.»
«Wie Sie meinen.» Antons Mutter rauschte aus dem Zimmer.

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Die Hauptperson
Anton blickte ihr mit einem zufriedenen Grinsen hinterher.
Dann schlug er die Beine übereinander.
«Das war eine gute Idee von Ihnen!» sagte er.
«Was?»
«Meine Mutter rauszuschicken!»

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«Das war doch deine Idee!»
«Na ja –» Anton mußte grinsen. «Aber ich hätte nicht
gedacht, daß Sie das so sagen würden. Jetzt ist sie bestimmt

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beleidigt.»
«Nein, das glaube ich nicht», erwiderte Herr Schwartenfeger.
«Aber selbst wenn es so wäre – du bist hier die Hauptperson!»
Anton spürte, wie ihn ein warmer, wohliger Schauer überlief.
Hauptperson zu sein – das hörte sich vielversprechend an!
«Und meine Mutter?» fragte er. «Ist die keine Hauptperson?»
«Ja – welche Rolle spielt deine Mutter?» gab Herr
Schwartenfeger die Frage zurück.
Anton verzog sein Gesicht.
«Eine schlechte! Sie ist gegen alles, was mir Spaß macht,
gegen meine Bücher, gegen das Fernsehen – und gegen meine
Freunde ist sie auch.»
«Sie hat aber nur gegen bestimmte Bücher etwas», warf der
Psychologe ein.
«Gegen meine Lieblingsbücher!» rief Anton erregt.
«Und welches sind deine Lieblingsbücher?»
«Dracula, Frankenstein – alle, die spannend und gruselig
sind.»
«Und was hat deine Mutter gegen sie?»
«Es sind keine wertvollen Bücher, sagt sie.»
«Wertvoll?» wiederholte Herr Schwartenfeger zweifelnd.
«Ist nicht für jeden Menschen etwas anderes wertvoll?»
«Eben!» nickte Anton. «Und ich mag nun mal gruselige
Bücher.»
«Was gefällt dir denn besonders an ihnen?»
«Daß sie aufregend sind. Und außerdem glaube ich, daß in
jedem Menschen etwas Böses steckt –»
Anton brach ab. Er hatte plötzlich das Gefühl, schon viel
zuviel verraten zu haben.
«Und von diesem Bösen, das in uns allen steckt, handeln die
Bücher, stimmt’s?» sagte Herr Schwartenfeger.
«Ja», bestätigte Anton und wurde rot.
«Du bist ein Junge, der seine Umwelt und seine
Mitmenschen sehr aufmerksam beobachtet!» Herr

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Schwartenfeger machte ein ernstes, beinahe feierliches Gesicht.
«Und du denkst über vieles nach, das gefällt mir.»
Anton merkte, wie ihm wieder ganz warm wurde.
«Aber könnte es nicht sein, daß du manchmal zuviel
nachdenkst?»
«Wie – zuviel?» fragte Anton verständnislos.
«Ich meine es so: du könntest darüber das Spielen mit
anderen Kindern vergessen.»
Anton sah ihn mit großen Augen an. «Das verstehe ich
nicht.»
«Deine Mutter sprach davon, daß du keine richtigen Freunde
hast.»
«Keine richtigen Freunde?» empörte sich Anton. «Ich habe
sogar sehr gute Freunde!»
«Aber du sitzt oft allein in deinem Zimmer, sagt sie.»
Anton schob trotzig die Unterlippe vor. «Meine Freunde
haben auch nicht immer Zeit. Sie müssen nämlich
mitarbeiten.»
«Mitarbeiten?» fragte Herr Schwartenfeger teilnahmsvoll.
«Müssen sie Zeitungen austragen?»
«Ja, so etwas Ähnliches», antwortete Anton und schaffte es,
nicht zu grinsen.
«Ach so», meinte Herr Schwartenfeger.
Eine Pause entstand. Herr Schwartenfeger raschelte mit
seinem Notizblock, dann sagte er: «Da war noch etwas. Deine
Mutter hat mir erzählt, daß du Vampire kennst.»
Anton versuchte, ganz ruhig zu bleiben. «Vampire?» sagte er
betont gleichmütig.
«Ja.» Herr Schwartenfeger musterte ihn forschend. «Stimmt
das?»
«Glauben Sie denn an Vampire?» fragte Anton zurück.
Herr Schwartenfeger wiegte bedächtig den Kopf hin und her.
«Ich würde es so ausdrücken: ich interessiere mich für
Vampire.»

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Er öffnete eine Schublade und holte eine dicke Mappe
heraus. «Weißt du, ich habe ein Lernprogramm entwickelt für
Menschen, die unter einer Phobie leiden.»
«Worunter?»
«Unter einer Phobie. So nennt man eine krankhafte Angst
vor bestimmten Personen oder Dingen. Die panische Angst vor
Spinnen ist zum Beispiel eine Phobie. Und diesen Menschen
will ich durch mein Programm helfen, ihre Ängste abzubauen.»
«Aha», machte Anton.
«Ich habe es schon bei vielen Patienten mit Erfolg
angewandt. Deine Mutter hat mich nun auf die Idee gebracht,
es auch einmal an Vampiren zu testen.»
«An Vampiren? Wieso?»
«Weil sie eine fast unüberwindbare Abneigung gegen das
Tageslicht haben. Wenn es mir gelingen würde, sie davon zu
heilen, wäre das eine Sensation!»
«Und das wäre möglich?»
Herr Schwartenfeger zeigte stolz auf seine Mappe.
«Mit meinem Programm...» sagte er.
«Ich... ich kenne aber keine Vampire», antwortete Anton
hastig.
Keine, die zu einem Psychologen gehen würden! setzte er in
Gedanken hinzu – und damit hatte er sogar die Wahrheit
gesagt.
«Du kennst keine?» Auf dem dicken, geröteten Gesicht des
Psychologen zeigte sich Enttäuschung. «Aber deine Mutter –»
«Ja, meine Mutter!» fiel Anton ihm ins Wort. «Die hat ja
selbst eine Fo-Fo-»
«Phobie?» half ihm Herr Schwartenfeger.
«Ja, genau! Richtig krankhaft ist das, wie sie überall Vampire
wittert!»
Er sprang auf und lief zur Tür. «Fragen Sie sie doch selbst!»
«Gut, wenn du möchtest», antwortete Herr Schwartenfeger
freundlich. «Dann hol jetzt deine Mutter herein.»

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Eis und rote Ohren
Antons Mutter saß in einem kleinen Warteraum am anderen
Ende des Flurs und blätterte in einer Illustrierten, als Anton
eintrat.
«Du bist dran!» verkündete er.
«Ich?»
«Ja. Herr Schwartenfeger will mit dir über deine Vampir-
Phobie sprechen.»
«Worüber?» Sie starrte ihn erschrocken an.
«Über deine krankhafte Angst vor Vampiren. Er hat nämlich
ein Programm dagegen entwickelt.»
Er sah, wie seine Mutter erbleichte.
«Ein Programm – für mich?»
Verwirrt und ungläubig ging sie zur Tür.
«Viel Glück!» rief Anton ihr nach.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sie zurückkam.


«Na, wie war’s?» fragte Anton neugierig.
Doch sie schüttelte nur den Kopf.
«Gehen wir», sagte sie.
Auf dem Weg zum Taxistand fragte sie plötzlich: «Hast du
Appetit auf ein Eis? Da drüben ist ein Café.»
«Eis? Bei diesem Wetter?» staunte Anton. Sonst behauptete
sie immer, Eis sei nur etwas für den Sommer!
«Ich würde gern eine Tasse Kaffee trinken», sagte sie, «und
wenn du ein Eis möchtest –»
«Ich? Jederzeit!» grinste er.
Zehn Minuten später stand ein riesiger Eisbecher mit
Früchten und Sahne vor Anton.
Wenigstens in dieser Hinsicht hat sich der Besuch beim
Pickelogen gelohnt! dachte er und löffelte sein Eis, während

89
seine Mutter in kleinen, hastigen Schlucken ihren Kaffee trank.
Als sie fertig war, lehnte sie sich mit einem Seufzer zurück.
«Herr Schwartenfeger hat mir viel über dich gesagt», begann
sie.
«Über mich?» Anton sah mit einem unguten Gefühl von
seinem Eis auf, doch seine Mutter lächelte.
«Ja. Er meint, daß wir uns überhaupt keine Sorgen
deinetwegen zu machen brauchen. Du bist ein sehr
aufgeweckter Junge, hat er gesagt, und für dein Alter weißt du
schon erstaunlich viel über die Natur des Menschen. Du
sprichst offen aus, was du denkst, und das hat ihm besonders
gefallen. Es wäre schön, wenn alle Kinder das täten, hat er
gesagt.»
Anton merkte, wie er rote Ohren bekam.
«Ein paar kritische Anmerkungen hat er allerdings auch
gemacht», fuhr sie fort und räusperte sich. Anton schluckte
nach so viel Lob kam jetzt wahrscheinlich das dicke Ende!
«Aber sie betreffen mehr Vati und mich.»
«Wie – Vati und dich?»
«Nun – es gibt da so einige Dinge. Unsere Ausgeh-Abende
zum Beispiel. Herr Schwartenfeger denkt, daß du noch etwas
zu jung bist, um jeden Samstagabend allein zu bleiben.»
«Zu jung? Ich?» rief Anton entrüstet.
«Ja. Er schlägt vor, daß wir uns vielleicht einen Babysitter
suchen.»
«Einen Babysitter? Für mich?»
Das war wirklich der Gipfel!
«Natürlich nicht im wörtlichen Sinne», sagte seine Mutter.
«Du bist ja kein Baby mehr. Aber vielleicht eine nette
Studentin, mit der du dann Spiele machen kannst oder
fernsehen oder Musik hören – wozu du gerade Lust hast.»
«Ich brauche keine Aufpasserin», sagte Anton wütend.
Seine Mutter lächelte. «Du mußt dich sicherlich erst mit dem
Gedanken anfreunden.»

90
«Anfreunden?» rief Anton. «Ihr denkt wohl, ich gewöhne
mich alle zwei Wochen an etwas Neues – wie es euch gerade in
den Kram paßt! Nein danke, jetzt habe ich mich daran
gewöhnt, allein zu bleiben!»
Seine Mutter machte ein betretenes Gesicht.
«Wir wollen uns nicht streiten», sagte sie und sah zu den
beiden älteren Damen hinüber, den einzigen anderen Gästen im
Café.
Die taten, als wären sie vollauf mit dem Zerteilen ihrer
großen Tortenstücke beschäftigt – aber sie hatten bestimmt
alles mit angehört.
«Die weiteren Dinge besprechen wir zu Hause!» sagte
Antons Mutter leise.
«Welche weiteren Dinge?» rief Anton erbost, und es war ihm
ganz egal, ob jemand zuhörte. «Mir reicht schon, daß ich einen
Babysitter kriegen soll!»
Doch seine Mutter war offenbar entschlossen, sich nicht aus
der Ruhe bringen zu lassen.
«Warte erst einmal ab, worum es geht!» sagte sie
besänftigend.
Und dann fragte sie: «Möchtest du noch etwas bestellen? Ein
Stück Kuchen? Oder eine Tasse Schokolade?»
«Nein», knurrte Anton – verblüfft über ihre plötzliche
Großzügigkeit. «Ich bin bedient!»
Die Rückfahrt verlief kein bißchen besser als die Hinfahrt.
Nur eins war anders: Antons Mutter bemühte sich in
auffälliger Weise, nett zu ihm zu sein. An einem Kiosk kaufte
sie für Anton ein Comic-Heft, obwohl sie bisher immer die
Meinung vertreten hatte, solche Hefte seien «Schund» und nur
dazu da, den Kindern – und Eltern – das Geld aus der Tasche
zu ziehen. Und als Anton unterwegs Durst bekam, durfte er –
zur Feier des Tages, wie sie sagte – eine Cola trinken. Insofern
war Anton gar nicht unzufrieden mit dem, was der Besuch
beim Psychologen bewirkt hatte.

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Doch ein unbehagliches Gefühl blieb – wegen der «weiteren
Dinge», die sie mit ihm besprechen wollte. Und wegen Anna
und Rüdiger.
Als ihr Bus am Friedhof vorbeifuhr und Anton die weiße
Friedhofsmauer und die Eingangspforte sah, durchzuckte es ihn
wie ein elektrischer Schlag.
Der Nachmittag war so aufreibend gewesen, daß er kaum
Zeit gehabt hatte, an die Vampire und die Gefahr zu denken,
die ihnen drohte.
Am liebsten wäre er an der nächsten Haltestelle
ausgestiegen!
Er versuchte, in den hinteren Teil des Friedhofs zu spähen,
doch die hohen Tannen versperrten ihm die Sicht.
Allerdings beruhigte ihn der Gedanke, daß auch die Arbeiten
auf dem Friedhof von dem plötzlichen Frosteinbruch betroffen
waren. Wenn es draußen fror, konnte man die Erde doch nicht
weiter umgraben, oder?
Vielleicht mußten die Verschönerungsarbeiten jetzt bis zum
Frühjahr aufgeschoben werden? Und vielleicht konnten die
Vampire noch so lange in ihrer Gruft bleiben? Ach, das wäre
zu schön!
«Woran denkst du?» fragte Antons Mutter, die neben ihm im
Bus saß und ihn beobachtete.
«Woran ich denke?» Anton wandte den Blick vom Fenster
ab. «An mein Bett.»
Sie lachte. «Das habe ich noch nie von dir gehört.»
«Ich bin todmüde», sagte Anton und gähnte. «Zu Hause gehe
ich sofort ins Bett.» – und warte auf den kleinen Vampir! fügte
er in Gedanken hinzu.
«Der Nachmittag war wirklich sehr anstrengend!» stimmte
seine Mutter zu. «Auch für mich. Dann setzen wir unser
Gespräch morgen fort, ja?»
Anton nickte erleichtert.
In der Wohnung angekommen, machte er schnell

92
Katzenwäsche, sagte seinen Eltern gute Nacht und legte sich
ins Bett – mit seinem Lieblingsbuch «Dracula», um sich
wachzuhalten.

Herzklopfen
Anscheinend war er aber doch eingeschlafen; denn plötzlich
schreckte er durch ein Geräusch hoch.
Er blinzelte und erkannte einen kleinen schwarzen Schatten
am Fenster.
«Rüdiger!» rief er.
Freudig stürzte er ans Fenster und öffnete es.
«Ich glaube, du brauchst Augentropfen!» antwortete eine
helle Stimme.
«Anna!» sagte Anton und wurde über und über rot – weil er
sie mit Rüdiger verwechselt hatte und weil er in seinem alten
ausgebeulten Schlafanzug vor ihr stand.
«Darf ich reinkommen?» fragte sie mit einem schüchternen
Lächeln.
«Ja, natürlich», sagte er und trat einen Schritt zur Seite.
Leichtfüßig sprang sie ins Zimmer. Sie sah noch immer
kränklich aus, und ihr Äußeres war nicht so gepflegt wie sonst.
Aber gerade mit ihrem strubbeligen Haar und ihrem
zerdrückten Umhang fand er sie so süß, daß er Herzklopfen
bekam.
«Sind deine Eltern da?» erkundigte sie sich und blickte
besorgt zur Tür.
«Ja. Die sitzen bestimmt im Wohnzimmer und reden über
mich.»
«Über dich?» Sie sah ihn an und lächelte schelmisch. «Da
wäre ich gern Mäuschen.»
«Wieso?»
«Sicherlich sagen sie nur Nettes über dich!»

93
«Das glaube ich nicht», meinte Anton.
«Nicht?» Sie machte ein ungläubiges Gesicht. «Mir würde
nur Nettes über dich einfallen – Nettes und Liebes!»
Anton wurde wieder rot.
Um das Thema zu wechseln, fragte er: «Was machen deine
Augen?»
«Denen geht es besser – dank Lumpi.»
«Lumpi, soso», sagte Anton spöttisch.
Anna warf ihm einen herausfordernden Blick zu. «Du hast
nun wirklich keinen Grund, abfällig über Lumpi zu sprechen.
Oder hast du es vielleicht geschafft, mir Teufelstränen zu
besorgen?»
Und bevor Anton etwas sagen konnte, fuhr sie fort: «Na,
siehst du! Aber Lumpi, der hat es geschafft! Die ganze Nacht
ist er für mich herumgeflogen und hat überall nach
Teufelstränen gefragt. Und schließlich –»
«– hat er bei einem alten Kräutermännlein die letzte Flasche
eines uralten Wundermittels gefunden, ja, ja, ich weiß!» fiel
Anton ihr ins Wort.
«Woher weißt du das?»
«Rüdiger hat mir das Märchen erzählt.»
«Märchen?»
«Allerdings! Lumpi hat das Fläschchen mit ‹Tu-› – mit den
Teufelstränen nämlich von mir bekommen.»
Um ein Haar hätte er sich versprochen und «Tulli-Ex»
gesagt!
«Von dir?» fragte Anna verwundert. Sie biß sich auf die
Lippen, und Anton konnte förmlich sehen, wie es in ihrem
Kopf arbeitete.
«Wenn das stimmt, dann hat Lumpi seine Freistellung von
der Tour de Sarg völlig zu Unrecht bekommen!» rief sie.
«Natürlich stimmt das!» verteidigte sich Anton – verärgert,
daß sie sich mit keinem Wort bei ihm entschuldigte oder sich
für die Tropfen bedankte.

94
Aber vielleicht war sie zu sehr durcheinander?
«Was ist eine Tour de Sarg?» fragte er. «Und was für eine
Freistellung meinst du?»
Anna atmete ein paarmal heftig.
«Deshalb bin ich ja hergekommen», sagte sie, «um dir das
alles zu erzählen.» Sie machte eine Pause. «Aber es fällt mir so
schwer», flüsterte sie dann und drehte sich zum Fenster.
Anton sah, wie ihre schmalen Schultern zuckten. Ob sie
weinte?
Um sie zu trösten, sagte er: «Der Frost hält bestimmt noch
an. Vielleicht müssen Geiermeier und Schnuppermaul ihre
Verschönerungspläne bis zum Frühjahr aufschieben. Wäre das
nicht toll?»
«Zu spät», erwiderte sie dumpf.
«Wie – zu spät?» fragte Anton, und seine Stimme zitterte.
«Weil die Tour de Sarg schon begonnen hat!»
Sie wandte sich wieder Anton zu. Ihre großen Augen
schimmerten feucht.
«Du und ich, wir werden uns nie verlieren», sagte sie leise.
Dann lächelte sie noch einmal und ging zum Fenster.
«Warte!» rief Anton. «Ich muß doch wissen, wie es
weitergeht mit euch! – Mit uns», fügte er hinzu und schluckte.
Anna stieg aufs Fensterbrett. Ohne ihn anzusehen, sagte sie:
«Wir ziehen in die Ruine im Jammertal. Das hat der
Familienrat gestern beschlossen. Heute nacht werden die ersten
Särge dorthin gebracht.»
«Zu Fuß?» fragte Anton.
Er war schon einmal mit dem kleinen Vampir auf einem
Vampirfest im Jammertal gewesen, und beim Hinflug hatte
Rüdiger ihm gesagt, wie weit es bis zur Ruine war: fünfzig
Kilometer!
«Nein, wir fliegen», antwortete Anna. «Immer zwei Vampire
nehmen einen Sarg in die Mitte und fliegen damit los. Das
heißt bei uns Tour de Sarg.»

95
«Und das machen alle Vampire?»
Sie schüttelte den Kopf. «Ich muß mich noch schonen, hat
meine Großmutter, Sabine die Schreckliche, gesagt. Und
Lumpi ist freigestellt worden – als Anerkennung dafür, daß er
die Teufelstränen besorgt hat.»
Sie lachte bitter. «Und ich kann ihm noch nicht mal
nachweisen, daß er uns alle angeschwindelt hat. Denn sonst
müßte ich ja zugeben, daß die Tropfen von dir sind!»
«O nein, sag das bloß nicht», stammelte Anton.
«Keine Angst!» Sie lächelte.

96
Langsam bewegte sie ihre Arme auf und ab, und sogleich
schwebte sie.
«Mach’s gut, Anton», sagte sie.

97
«Aber wir sehen uns doch wieder?» rief er bestürzt.
«Ja», sagte sie und schaute ihn zärtlich an. «Morgen – wenn
alles gutgeht!»
Dann flog sie hastig davon.

Symphonie des Grauens


«Wir haben eine Überraschung für dich!» eröffnete ihm seine
Mutter am nächsten Morgen beim Frühstück.
«So?» sagte er nur.
Sein Bedarf an Überraschungen war gedeckt!
«Willst du gar nicht wissen, was es ist?» fragte sein Vater.
«Wenn’s sein muß –»
Sein Vater lachte gutmütig. «Wir wollen dich ins Kino
einladen – heute zur Achtzehn-Uhr-Vorstellung.»
«Ins Kino? Heute?» fragte Anton erschrocken.
«Warum nicht», sagte seine Mutter, als sei das etwas ganz
Normales. Geheimnisvoll fügte sie hinzu: «Es gibt einen
Gruselfilm!»
«Einen G-Gruselfilm?» stotterte Anton.
Heute abend wollte er sein Zimmer unter keinen Umständen
verlassen – auch nicht für den tollsten Gruselfilm der Welt.
Seine Mutter nahm die Zeitung vom Küchenschrank und las
vor: «Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens. Gedreht 1922
von Friedrich Wilhelm Murnau. – Ist das nichts für dich?»
fragte sie.
«Doch...» murmelte er.
Sein Blick fiel auf die Schultasche, in der noch sein
Sportzeug von gestern steckte. Das brachte ihn auf eine Idee!
«Ich kann heute nicht ins Kino gehen», sagte er mit fester
Stimme.
«Und warum nicht?» wollte sein Vater wissen.
«Weil morgen unser Sportfest ist», antwortete er. «Und da

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will ich fit sein!»
Eigentlich verabscheute er das Wort «fit», aber diesmal
sprach er es richtig genüßlich aus. Er wußte ja, wieviel seine
Eltern taten, um «fit» zu bleiben: lange Spaziergänge machen,
gesund essen...
Er sah, wie sie einen Blick wechselten.
«Daran haben wir allerdings nicht gedacht», meinte Antons
Mutter.
«Und da du jetzt so sportlich geworden bist», ergänzte sein
Vater, «ist das Sportfest auf jeden Fall wichtiger!»
Anton grinste in sich hinein.
«Übrigens, Herr Schwartenfeger fand es sehr erfreulich, daß
du dich jetzt für Sport interessierst», meinte seine Mutter.
Anton sah von seinem Teller mit Müsli auf. «Wieso? Was
geht ihn das an?» fragte er unwillig.
«Wir haben uns auch über deine Hobbies unterhalten»,
antwortete sie. «Und dabei hat er mir den Rat gegeben –»
«Mir einen Babysitter zu verpassen, ich weiß!» unterbrach
Anton sie wütend.
Unbeirrt fuhr sie fort: «– mir den Rat gegeben, öfter etwas
mit dir gemeinsam zu unternehmen – etwas, was dir Spaß
macht. Und deshalb wollten wir mit dir heute abend ins Kino
gehen.»
«Herr Schwartenfeger sollte sich lieber um seine eigenen
Angelegenheiten kümmern», knurrte Anton.
Insgeheim war er aber doch beeindruckt. Der Pickeloge
schien recht brauchbare Ansichten zu haben!
«Und was hat er noch gesagt?» erkundigte er sich.
«Er möchte gern, daß Vati und ich zusammen in seine Praxis
kommen», sagte sie.
Anton hätte sich fast verschluckt.
«Hab ich’s doch gewußt!» prustete er los.
«Was?» fragten seine Eltern wie aus einem Mund.
«Eheberatung!» kicherte Anton. «Jetzt seid ihr an der

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Reihe.»
«Sehr lustig», sagte sein Vater mißvergnügt.
«Ja, wirklich, sehr komisch», stimmte Antons Mutter
griesgrämig zu.
«Dann lacht doch», sagte Anton und schnappte sich seine
Tasche.
Draußen stellte er mit Schrecken fest, daß es wärmer
geworden war. Verdammt! dachte er. Dann werden die
Arbeiten auf dem Friedhof bestimmt wiederaufgenommen! Auf
einmal hatte Anton große Zweifel, daß mit der Übersiedlung
der Vampire ins Jammertal alles gutgehen würde.
Wenn nur schon Abend wäre..

Das letzte Mal


Nervös und angespannt wartete Anton in seinem Zimmer
darauf, daß es endlich dunkel wurde. Sobald es anfing zu
dämmern, riß er das Fenster auf und spähte hinaus – doch er
sah keinen der Vampire. Vielleicht war es noch zu früh? Er ließ
das Fenster halb geöffnet und setzte sich auf sein Bett.
Dort schaltete er die Lampe ein und versuchte zu lesen.
Aber er war viel zu unruhig und besorgt, um sich auf die
Geschehnisse im Schloß des Grafen Dracula zu konzentrieren.
Immer wieder blickte er zum Fenster. Was würde er tun,
wenn Anna nicht käme? Sollte er allein zum Friedhof gehen?
Er hatte ja noch den Vampirumhang. Ein Klopfen an der Tür
unterbrach seine Überlegungen.
«Anton?» hörte er die Stimme seiner Mutter.
«Was ist?» fragte er unfreundlich.
«Ich habe dir ein Glas Orangensaft gemacht», antwortete sie
und kam ins Zimmer. «Frisch gepreßt! Für morgen!»
«Für morgen?» knurrte er. «Bis dahin ist er schlecht
geworden.»

100
Sie lachte. «Du sollst ihn jetzt trinken, damit du morgen beim
Sportfest in Form bist.»
«Ich bin immer in Form!» Er sagte das betont unwirsch, um
sie zu vergraulen. Doch seit dem Besuch beim Psychologen
war sie von einer geradezu engelhaften Geduld und
Langmütigkeit.
«Nun trink schon, alter Brummbär», antwortete sie und
stellte das Glas auf seinen Schreibtisch. Dabei bemerkte sie das
geöffnete Fenster.
«Wieso steht dein Fenster offen?» rief sie, nun schon etwas
weniger gelassen. «Glaubst du, wir heizen für die Vögel da
draußen?»
«Für die Vögel?» sagte Anton grinsend. «Warum nicht.
Vergeßt eure geflügelten Freunde nicht, sagt unser
Biologielehrer immer.»
Seine Mutter gab einen verärgerten Laut von sich und schloß
das Fenster.
«He!» protestierte Anton. «Weißt du nicht, daß man seine
Sportübungen bei frischer Luft machen soll?»
«Sportübungen?» erwiderte sie spitz. «Auf dem Bett, mit
einem Buch? Das kann wohl höchstens Augapfel-Gymnastik
sein!»
Anton verkniff sich ein Lachen. «Man wird doch eine
Verschnaufpause machen dürfen, oder?»
Er klappte sein Buch zu und stand auf. Er hatte plötzlich das
Gefühl, dieses tatenlose Herumsitzen, diese nervtötende
Warterei nicht länger ertragen zu können. Lieber wollte er auf
den Friedhof gehen und selbst nachsehen, was los war.
«Ich glaube, ich trainiere draußen weiter», sagte er.
«Draußen?» Seine Mutter sah erschrocken zum Fenster.
«Aber es wird schon dunkel!»
«Neulich hattet ihr auch nichts dagegen. – Und außerdem ist
es das letzte Mal.»
«Das letzte Mal?» fragte sie ungläubig.

101
«Ja! Schließlich ist morgen das Sportfest.»
Sie zögerte. «Na gut», sagte sie dann und wandte sich zum
Gehen. «Aber bleib nicht so lange weg!»
«Bestimmt nicht.»
«Und vergiß nicht, deinen Orangensaft zu trinken!»
Doch Anton hatte andere Dinge im Kopf: kaum war sie
gegangen, da holte er den Vampirumhang aus dem Schrank,
stopfte ihn unter seinen Pullover und lief in den Flur.
«Bis nachher!» rief er und zog die Wohnungstür hinter sich
zu.
Unten angekommen, verschwendete Anton keine Zeit darauf,
alberne Sportübungen zu machen. Ohne sich noch einmal
umzusehen, rannte er los und hielt erst an, als er die alte
Friedhofsmauer vor sich sah.
Hier streifte er sich den Vampirumhang über –
vorsichtshalber!
Dann sah er sich noch einmal aufmerksam um und horchte
auf ungewöhnliche Geräusche. Als ihm nichts Verdächtiges
auffiel, stieg er todesmutig über die Mauer.

Froschkönig
Er landete auf einer plattgefahrenen, kahlen Fläche. Und das
ist nun vom schönsten Teil des Friedhofs übriggeblieben!
dachte er voller Wut und Verbitterung. Die vielen kleinen
Büsche waren verschwunden, hinter denen er sich so oft
versteckt hatte, und auch das hohe Gras, durch das er gestreift
war und in dem er eines Tages die herzförmigen Grabsteine der
Vampire entdeckt hatte.
Nur ein paar große Bäume waren verschont geblieben – zum
Glück auch die Tanne über dem Einstiegsloch.
Ob der Schacht wohl noch mit Erde bedeckt war – oder ob
Geiermeier und Schnuppermaul ihn aufgespürt und freigeräumt

102
hatten? Vielleicht hatten ihn auch die Vampire selbst wieder
geöffnet – für ihre Tour de Sarg?
Davon mußte Anton sich als erstes überzeugen!
Er zog sich den Umhang über den Kopf, so daß nur noch
seine Augen und seine Nase rausguckten, und lief über das
freie Feld bis zur Tanne. Dort blieb er stehen und betrachtete
prüfend den Erdboden. Aber nichts deutete darauf hin, daß hier
der Einstieg zu einer unterirdischen Höhle war. Anton sah kein
Einstiegsloch, keinen Schacht – nur schwarze, aufgewühlte
Friedhofserde.
Also benutzten die Vampire jetzt ausschließlich ihren
Notausgang, drüben bei der alten Kapelle!
Anton hob den Kopf und blickte in die Richtung der Kapelle.
Ihr spitzes, kegelförmiges Dach zeichnete sich deutlich gegen
den Nachthimmel ab.
Und noch etwas erkannte Anton: die Umrisse der beiden
Baumaschinen, die neben der Kapelle standen. Sie sahen wie
große, bedrohliche Saurier aus – brrr! Nur gut, daß sie Anton
nicht gefährlich werden konnten, solange sich niemand hinter
das Steuer setzte! Trotzdem ging er mit einem unbehaglichen
Gefühl an ihnen vorbei. Irgendwie kamen sie ihm wie die
verlängerten Arme von Geiermeier und Schnuppermaul vor.
Doch nichts passierte, und Anton erreichte unbehelligt die
Kapelle. Den Brunnen konnte er von hier aus nicht erkennen,
aber das war ihm ganz recht.
Mit dem Rücken stellte er sich an die Kapelle, und so blieb er
erst einmal stehen und lauschte. Zuerst hörte er gar nichts.
Aber dann drang ein Flüstern an sein Ohr. Plötzlich vernahm
er einen unterdrückten Schrei, und gleich darauf polterte etwas.
Jetzt hatte Anton keine Ruhe mehr! Auf Zehenspitzen lief er
zu einer dichten Buchsbaumhecke, und nachdem er ein paar
Zweige zur Seite geschoben hatte, erblickte er den alten
Brunnen.
Drei Gestalten standen um ihn herum – zwei kleine und eine

103
große, dicke.
Die beiden kleinen waren Rüdiger und Anna. Die dritte
Gestalt erkannte Anton an ihrer massigen Figur und an ihren
wild aufgetürmten Haaren. Vor Entsetzen hätte er beinahe laut
aufgeschrien: es war Tante Dorothee!
Sie hielt einen Strick in der Hand, an dem sie verbissen
zerrte.
«Teufel noch mal – er sitzt schon wieder fest!» hörte Anton
sie fluchen.
Wer mochte mit «er» gemeint sein? Ihr Sarg?
«Nicht so doll, Tante Dorothee», antwortete eine helle
Stimme, die Anton gleich erkannte: es war Annas Stimme.
«Sonst geht noch was kaputt!»
«Ach, Papperlapapp. Von Umzügen verstehe ich mehr als
du!» erwiderte Tante Dorothee bärbeißig und zog mit aller
Kraft. Es knirschte und krachte, und dann gab es einen Schlag,
daß die Erde zitterte.
«O je...» Annas Stimme klang betroffen.
«Jetzt ist der Strick gerissen, na und?» schnaubte Tante
Dorothee. «Dann wird Rüdiger eben nach unten steigen und
ihn neu verknoten!»
«Ich?» schrie der kleine Vampir auf.
«Wer sonst?» fuhr Tante Dorothee ihn an. «Denkst du etwa,
ich?»

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«Nein, aber – Anna!»
Anton schnappte empört nach Luft. So eine Gemeinheit die
kleine Schwester vorzuschieben!

105
Doch diesmal hatte Rüdiger keinen Erfolg damit.
«Das könnte dir so passen», antwortete Tante Dorothee mit
einem höhnischen Lachen. «Anna muß sich noch schonen.
Oder willst du vielleicht, daß sie Sand in ihre kranken Augen
kriegt?»
«N-nein», sagte der Vampir kleinlaut.
«Na also. Marsch, ab in den Brunnen, du – Froschkönig!»
kommandierte Tante Dorothee.
Doch dazu sollte es nicht mehr kommen, denn in diesem
Augenblick ertönte aus der Richtung, in der Geiermeiers Haus
lag, ein rauhes, bellendes Husten.
Es war zwar noch ziemlich weit entfernt, doch es reichte, um
die Vampire in Alarmbereitschaft zu versetzen.
«Geiermeier!» stieß Tante Dorothee haßerfüllt hervor. «Den
kralle ich mir! Da nützt ihm auch sein ganzer Knoblauch nichts
mehr!»
Anton lief es eiskalt den Rücken herunter. Er zog sich den
Vampirumhang noch tiefer in die Stirn.
«Sollten wir nicht lieber fliehen?» fragte Anna.
«Nein!» fauchte Tante Dorothee sie an.
«Hast du vergessen, daß es Geiermeier war, der den Schacht
zugeschüttet hat? Seinetwegen hätte ich mir fast den Hals
gebrochen!»
«Aber bewiesen ist es nicht», wandte Anna ein.
«Ha, wer soll es sonst gewesen sein. Und außerdem: er ist
schuld, daß wir unsere Gruft verlassen müssen!»
«Wir sollten lieber wegfliegen!» Annas Stimme klang
drängend.
«Und mein Sarg? Soll ich den etwa hier im Brunnen
zurücklassen – mitsamt unserem Familienschatz?» Tante
Dorothee war so erregt, daß sie laut schnaufte. «Nie und
nimmer tue ich das!»
Wieder war das bellende Husten zu hören – diesmal schon
näher.

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«Steht nicht wie angewachsen da!» zeterte Tante Dorothee.
«Unternehmt etwas!»
«Was denn?» fragte der kleine Vampir.
«Lenkt Geiermeier ab. Nun lauft schon!»
«Und was machst du?» erkundigte sich Anna.
«Ich? Ich steige zu meinem Sarg und bewache ihn»,
antwortete Tante Dorothee fast zärtlich.
Anton sah, wie sie mit erstaunlicher Gewandtheit im
Brunnen verschwand.
Rüdiger und Anna rannten los – genau auf Anton zu. Nur ein
paar Schritte von ihm entfernt blieben sie stehen. Offenbar
hatten sie Anton noch nicht bemerkt.
«Was machen wir jetzt?» fragte Anna flüsternd.
«Mir reicht’s!» knurrte der kleine Vampir. «Soll sie doch
sehen, wie sie allein zurechtkommt!»
«Und Geiermeier? Wer soll den ablenken?»
«Tante Dorothee! Schließlich hockt sie jetzt als
Froschkönigin im Brunnen. Sie kann ihm ja die goldene Kugel
an den Kopf werfen, wenn er kommt. – Außerdem ist es nicht
mein Sarg, der feststeckt!»
«Du hast nur Angst!»
«Angst? Ich bin eben vorsichtig!» sagte der Vampir. «Aber
warum lenkst du ihn nicht ab?»
«Ich trau mich nicht – wegen meiner Augen», erwiderte
Anna.
«Du willst bloß nicht zugeben, daß du genausoviel Angst
hast! Anna die Mutige – daß ich nicht lache!»
Der Vampir stieß ein heiseres Krächzen aus. «Anna die
Ängstliche würde besser passen!»
Das war zuviel für Anton! Er hatte sich zwar vorgenommen,
keinen Mucks von sich zu geben und abzuwarten, was
passieren würde – aber daß Rüdiger Anna beschimpfte dem
konnte er nicht tatenlos zusehen! Mit wild klopfendem Herzen
verließ er sein Versteck.

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«Laß Anna in Ruhe!» herrschte er Rüdiger an.
Der kleine Vampir war so verdutzt, daß er seinen Mund weit
aufsperrte.
«Du?» sagte Anna, und ihre bleichen Wangen röteten sich.
«Ich werde Geiermeier ablenken!» erklärte Anton und war
verblüfft über seinen eigenen Mut. Aber er hatte plötzlich das
Gefühl, als könnte er für Anna über sich selbst hinauswachsen.
«Rüdiger ist ja anscheinend zu feige!»
«Feige?» Der Vampir lachte schnippisch. «Ich bin nicht feige
– nur schlauer als du.»
«Ach, Anton, daß du das tun willst!» Annas Stimme klang
gerührt.
«Und ich habe auch schon eine Idee, wie ich das mache!»
sagte Anton hastig – und bevor sie sehen konnte, daß auch er
rot anlief, war er zwischen den Hecken verschwunden.

Der nette Blonde


Antons Idee war, sich hinter den Baufahrzeugen zu
verstecken. Auf dem Weg zur Kapelle würde Geiermeier
bestimmt dort vorbeikommen – und sobald Anton ihn sah,
wollte er losrennen, zum Ausgang.
Wenn alles klappte, würde Geiermeier ihm hinterherlaufen,
und damit hatten die Vampire erst einmal Zeit gewonnen!
Jetzt hörte Anton wieder das bellende Husten. Es klang
schon sehr nah. Und dann hörte er noch etwas: jemand fluchte:
«Dein verdammter Husten! Er wird uns noch alles verderben.»
Das war die heisere Stimme Geiermeiers.
«Was kann ich dafür, wenn ich husten muß», antwortete eine
weinerliche Stimme – sie gehörte Schnuppermaul.
«Du kannst sogar sehr viel dafür!» sagte Geiermeier. «Du
mußt dir ja nicht jeden Tag die Haare waschen!»
«Muß ich doch!» erwiderte Schnuppermaul. «Ich hab

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nämlich fettige Haare – und Schuppen.»
«Die habe ich auch», knurrte Geiermeier. «Und trotzdem
wasche ich mir nur alle vier Wochen die Haare.»
«Igitt!» schrie Schnuppermaul auf.
«Verdammt! Nicht so laut!» zischte Geiermeier.
«Außerdem bist du schuld an meinem Husten», murrte
Schnuppermaul. «Du jagst mich immer mit feuchten Haaren
auf den Friedhof.»
«Weil das dein Beruf ist», entgegnete Geiermeier schroff.
«Schließlich bist du Friedhofsgärtner – und kein Friseur!»
«Wie du mit mir sprichst...» beschwerte sich Schnuppermaul.
«Ich hab dir doch nichts getan!»
«Psst! – verflucht noch mal!» zeterte Geiermeier.
«Gut, dann sage ich überhaupt nichts mehr», antwortete
Schnuppermaul gekränkt.
Danach war es tatsächlich still – bis auf das Geräusch ihrer
Schritte, die sich dem Bagger näherten, hinter dem Anton
zitternd vor Aufregung auf das Erscheinen der beiden wartete.
Minute um Minute verging – es kam ihm wie eine Ewigkeit
vor. Nichts war schlimmer als dieses Warten! Und dazu das
Knirschen der Schritte auf dem Kiesweg... Endlich tauchten sie
auf der anderen Seite des Baggers auf: der kleine Geiermeier
und der lange Schnuppermaul.
«Komm, wir prüfen, ob etwas mit den Maschinen ist!» befahl
Geiermeier.
«Was soll denn sein?» wehrte Schnuppermaul ab.
«Vielleicht haben sich Kinder daran zu schaffen gemacht»,
gab Geiermeier zur Antwort. «Denk nur an den Burschen, den
wir erst neulich hier auf frischer Tat ertappt haben!»
«Der nette Blonde?» fragte Schnuppermaul.
«Nett?» fauchte Geiermeier. «Das war einer von diesen
Halunken, deren Eltern ihre Aufsichtspflicht sträflich
vernachlässigen. Einsperren müßte man solche Eltern,
zusammen mit ihrem mißratenen Nachwuchs!»

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Anton schnaubte entrüstet durch die Nase. Geiermeier, dem
alten Ekel, würde er es richtig gönnen, wenn er Tante Dorothee
in die Fänge geriet!
Nur leider stank Geiermeier auf zehn Schritte nach
Knoblauch. Den stechenden, Übelkeit erregenden Geruch
konnte Anton sogar jetzt wahrnehmen, und dabei war
Geiermeier mehr als zehn Schritte von ihm entfernt!
«Hattest du nicht gesagt, wir wollten Vampire aufstöbern?»
fragte Schnuppermaul unzufrieden.
«Nachher!» antwortete Geiermeier. «Zuerst müssen wir die
Maschinen kontrollieren. Oder willst du, daß der Baggerführer
und sein Kollege morgen unverrichteterdinge wieder abziehen
müssen?»
«Nein», brummte Schnuppermaul.
«Na also! Du untersuchst die Planierraupe, ich nehme den
Bagger!» Das war das Stichwort für Anton. Er verkroch sich
zwischen den Rädern und wartete, bis Geiermeier auf den
Bagger gestiegen war.
Dann sprang er hervor und stieß einen Schrei aus – so laut
und so schrill, daß ihm die Ohren klangen. Dazu wedelte er mit
dem Vampirumhang, um keinen Zweifel aufkommen zu lassen,
daß er auch wirklich ein Vampir war.
Geiermeier und Schnuppermaul schienen darauf
hereinzufallen. Sie starrten ihn an wie einen Geist.
«Ein Vampir!» schrie Geiermeier, und so schnell ihm das mit
seinen kurzen, dicken Beinen möglich war, kletterte er vom
Bagger wieder herunter.
Anton ließ ihn bis auf wenige Schritte an sich herankommen
– und dann lief er in den dunklen Weg hinein, von dem er
annahm, daß er zum Ausgang führen würde. Er hörte, wie
Geiermeier rief: «Los, wir kreisen ihn ein!»
«Einkreisen? Wie denn?» fragte Schnuppermaul zurück.
«Idiot!» zischte Geiermeier. «Du läufst rechts herum, ich
links!»

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«Du willst mich allein lassen?» schrie Schnuppermaul. «Und
wenn mich der Vampir erwischt?»
«Zum Henker noch mal!» fluchte Geiermeier. «Dann läufst
du eben hinter mir her, wenn du die Hosen voll hast!»
Jetzt gabelte sich der Weg. Anton blieb stehen und sah sich
nach seinen Verfolgern um.
Laut keuchend kamen sie näher, und er hörte, wie Geiermeier
triumphierend rief: «Gleich haben wir ihn!»
Doch er sollte sich zu früh gefreut haben. Anton wartete, bis
sie ihn fast erreicht hatten – dann verschwand er in dem Weg,
der nach rechts führte. Es war nur ein schmaler Seitenweg, und
Anton wußte nicht, wo er enden würde. Aber er hoffte, daß er
weit weg vom alten Brunnen führen würde.
Er hörte, wie Geiermeier einen freudigen, überraschten
Schrei ausstieß.
«Er läuft zu unserem Haus!» rief er Schnuppermaul zu.
Anton stockte das Blut in den Adern. Zu Geiermeiers Haus?
Es lag unmittelbar neben der neuen weißen Friedhofsmauer,
und Anton konnte sich daran erinnern, daß die Mauer dort
mindestens anderthalb Meter hoch war und keine Risse oder
Vorsprünge hatte, die ihm beim Hinübersteigen helfen
könnten...
Jetzt fühlte er sich nicht mehr wie ein Lockvogel, sondern
wie eine Maus in der Falle – bis ihm plötzlich einfiel, daß er ja
den Vampirumhang trug!
Anton lief schneller, um seinen Vorsprung zu vergrößern.
Dann breitete er die Arme unter dem Umhang aus und spürte
mit wilder Freude, wie sich seine Füße vom Erdboden
abhoben. Er machte ein paar kräftige Armstöße – und flog!
Ein Gefühl ungeheurer Erleichterung durchströmte seinen
Körper.
Jetzt mochten Geiermeier und Schnuppermaul rennen wie die
Feuerwehr – ihn würden sie doch nicht einholen!
Er flog über die weiße Friedhofsmauer hinweg und weiter bis

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zum Spielplatz vor seinem Haus. Dort landete er hinter einem
Gebüsch und zog sich den Vampirumhang aus.
Plötzlich berührte ihn jemand am Rücken. Anton drehte sich
erschrocken um – und blickte in Annas Gesicht.

Das Pfand
Eine Veränderung schien mit ihr vorgegangen zu sein. Ernst
und nachdenklich ruhte ihr Blick auf ihm, und sie lächelte
nicht.
«Ist etwas schiefgegangen?» fragte Anton besorgt.
Sie schüttelte leicht den Kopf.
«Nein. Tante Dorothee und Rüdiger sind jetzt auf dem Weg
ins Jammertal. – Und ich muß gleich hinterher fliegen», fügte
sie leise hinzu. «Ich soll nur noch in der Gruft nachgucken, ob
wir nichts vergessen haben.»
Da begriff Anton, was mit ihr war.
Auf einmal war ihm die Kehle wie zugeschnürt.
War das – der Abschied für immer?
«Du hast uns sehr geholfen», sagte sie sanft. «Danke!»
«Ach, das hab ich doch gern gemacht», wehrte er ab.
Sie schaute ihn voller Zärtlichkeit an. «Willst du nicht
mitkommen?»
«Mitkommen?» Befremdet wich Anton vor ihr zurück.
«Nein!»
Anna schlug die Augen nieder. «Man sollte sich nie etwas
wünschen», sagte sie kaum hörbar. «Dann kann man auch nicht
enttäuscht werden.»
«Anna!» Sie stand so traurig und verloren da, daß es Anton
leid tat, unfreundlich und abweisend zu ihr gewesen zu sein.
«Ich wollte dir nicht weh tun, bestimmt nicht. Ich... weißt du,
ich möchte eben kein Vampir werden, das ist alles. Aber ich
mag dich noch immer», fügte er verlegen hinzu.

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«Ich dich auch», sagte Anna, und als sie ihn jetzt ansah, war
die Traurigkeit aus ihren Augen verschwunden.
«Und wir werden uns wiedersehen – bald!»
Mit einem Lächeln, das ihr kleines Gesicht von innen heraus
leuchten ließ, zeigte sie auf den Vampirumhang, den Anton
noch in der Hand hielt.
«Der bleibt bei dir!» erklärte sie mit fester Stimme. «Als
Pfand – daß wir uns nicht verlorengehen!» Dann drehte sie sich
um, und bevor Anton irgend etwas sagen konnte, hatte die
Dunkelheit sie verschluckt.
Als Pfand... Fast andächtig strich Anton über den rauhen
Stoff mit den vielen zerschlissenen Stellen und Löchern.
Plötzlich hatte der Umhang für ihn eine ganz neue Bedeutung
bekommen: er war nicht länger irgendein beliebiger
Vampirumhang – nun war er wie ein Stück von Anna; und von
Rüdiger natürlich auch.
Aufseufzend dachte Anton an die beiden Vampire und an
ihre Tour de Sarg. Hoffentlich ging alles glatt!
So vorsichtig, als wäre der Umhang etwas sehr Kostbares
und Zerbrechliches, legte er ihn zusammen und schob ihn unter
seinen Pullover.
Dabei stellte er verwundert fest, daß ihn der muffige Geruch
überhaupt nicht mehr störte. Im Gegenteil: er erinnerte ihn an
Anna und Rüdiger.
Heute nacht würde er den Umhang unter sein Kopfkissen
legen!
Langsam und in Gedanken versunken ging Anton nach
Hause. Alles kam ihm plötzlich so unwirklich vor: das
hellerleuchtete Treppenhaus, der Fahrstuhl, sogar seine eigene
Wohnungstür.
Anton atmete tief durch – und dann drückte er auf den
Klingelknopf.

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