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MITTELALTERSTUDIEN
des Instituts zur Interdisziplinären Erforschung des Mittelalters
und seines Nachwirkens, Paderborn

Herausgegeben von
ERNST BREMER, JÖRG JARNUT, STEPHAN MÜLLER
und MATTHIAS WEMHOFF

Schriftleitung:
NICOLA KARTHAUS, SUSANNE R Ö H L

Band 14

München 2007
Andres Laubinger • Brunhilde Gedderth
Claudia Dobrinski (Hg.)

Text - Bild - Schrift


Vermittlung von Information im Mittelalter

Wilhelm Fink
Umschlagabbildung:
Nach einem Holzschnitt aus der Gülfferich-Han'sehen Offizin, Frankfurt a. M. 1549(?)
(Bibliotheka Jagielloriska, Krakau, ehemals Berlin,
Deutsche Staatsbibliothek 1 an Yq 290 R, o. R).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen


Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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einzelner Textabschnitte, Zeichnungen oder Bilder durch alle Verfahren wie Speicherung
und Übertragung auf Papier, Transparente, Filme, Bänder, Platten und andere Medien,
soweit es nicht §§ 53 und 54 URG ausdrücklich gestatten.

© 2007 Wilhelm Fink Verlag, München


(Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags-KG, Jühenplatz I, D-33098 Paderborn)
wTvw.fink.de

Satz: Thomas Eifler, Berlin


Einbandgestaltung: Evelyn Ziegler, München
Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Paderborn

ISBN 978-3-7705-4409-7

Po 4 P/\A r S r )
INHALT

Vorwort 7

WOLFGANG E R N S T
Fehlt die Zahl?
Medien, mittelalterlich , 9

SEBASTIAN STEINBACH
HERIMANNVS REX - Münzen als Informationsträger
am Beispiel der Goslarer Gepräge Hermanns von Salm 27

STEPHAN FREUND
Offene Briefe, fehlende Boten, mühsame Reisen -
Nachrichtenübermittlung und Kommunikation
am Beispiel des Petrus Damiani 45

JAN R Ü T T I N G E R
Die Einseitigkeit von Information.
Die Silvesterkapelle von SS. Quattro Coronati
und ihre päpstliche .Propaganda' 65

SANDRA L I N D E N
Das sprechende Buch.
Fingierte Mündlichkeit in der Schrift 83

JÜRGEN H E R O L D
Die Interpretation mittelalterlicher Briefe
zwischen historischem Befund und Medientheorie 101

JÖRG M E I E R
Städtische Kommunikation
im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit 127

HEINZ-DIETER HEIMANN
henchin hanautve und seine Welt an der Medienschwelle um 1500.
Nachrichten-, brief- und verkehrsgeschichtliche Eindrücke
,fußläufiger' Medien 147

REGINA DAUSER
Im Osten nichts Neues?
Vernetzte Briefkommunikation über die Türkenkriege
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 161
6 INHALT

Abkürzungen 187

Farbabbildungen 189

Register 197

Adressen der Autoren und Herausgeber 203


VORWORT

Das Schlagwort Informationstransfer, die Kommunikation auf elektronischem


Wege, apostrophiert in unserer Zeit den Wandel zu einer (post-)modernen Infor-
mationsgesellschaft: Die so genannten neuen Medien scheinen seit dem 20. Jahr-
hundert das konventionell gedruckte Wort zunehmend abzulösen. Dabei werden
die Dimensionen der sich durch die Computertechnik rasant entwickelnden, gera-
dezu potenzierenden Veränderungen gerne verglichen mit der epochemachenden
Verbreitung und Nutzung des gedruckten Wortes selbst, des Buchdrucks. Unwill-
kürlich richtet sich so ein besonderes Augenmerk auf die historische Entwicklung
des Buchdrucks, seine Anfänge, aber auch auf seine Vorgeschichte. Bereits der
Informationsaustausch des Mittelalters - von Angesicht zu Angesicht - konnte
durch mannigfaltige Mittel durchaus die räumliche und zeitliche Barriere über-
winden; folgerichtig hat sich die Mediävistik diesen Medien in den vergangenen
Jahren verstärkt zugewandt.
Der vorliegende Band will in diesem Rahmen einen Beitrag zur Erforschung
von Wort, Bild und Schrift als Informationsvermittler leisten. Die hier publizier-
ten Aufsätze gehen auf ein gleichnamiges Kolloquium zurück, das im Novem-
ber 2004 in Paderborn stattfand. Mit ihm lud das Paderborner MittelalterKolleg
„Kloster und Welt im Mittelalter", angesiedelt am Institut zur interdisziplinären
Erforschung des Mittelalters und seines Nachwirkens (lEMAN) an der Universi-
tät Paderborn, zum vierten Mal in Folge zum Austausch zwischen Nachwuchs-
wissenschaftlern und etablierten Fachvertretern einerseits, den verschiedenen Dis-
ziplinen andererseits. Germanisten, Historiker und Kunsthistoriker zeigten mit
Hilfe ihrer jeweils fachspezifischen Methoden die vielfältigen Aspekte von Infor-
mationsvermittlung auf. Wenn hier nun fast ausnahmslos die Vorträge des Kol-
loquiums als Aufsätze publiziert werden, spiegelt der Band damit auch die Breite
und die Vernetzungsmöglichkeiten der einzelnen Fachausrichtungen und deren
Schwerpunkte.
Dass „Medien im Mittelalter" grundsätzlich zu differenzieren sind von einem
unreflektierten MedienbegrifTder Alltagssprache, verdeutlicht eingangs eindring-
lich der mittelalterliche Umgang mit der Zahl (Wolfgang Ernst). Dieser hat hand-
greifliche Auswirkungen nicht zuletzt in seinem medienarchäologischen Bezug
zum „Handelsäquivalent der Münze". Obwohl Münzen nämlich primär andere
Funktionen zugeschrieben werden, konnten sie mit ihren Prägungen - zunächst
Garant für ökonomisch bedeutsame Aussagen - als Medien(träger) in Wort und
Bild Macht- und Herrschaftsverhältnisse vor Augen führen (Sebastian Steinbach).
Wie sich im beginnenden Hochmittelalter gleichzeitig die Kommunikation vom
mündlich überlieferten zum schriftlich vermittelten Wort wandelt, offenbaren
die Briefe des Petrus Damiani, die als Propagandainstrument der Kirchenreform
„bewusst auf öffentliche Wirksamkeit abzielten" (Stephan Freund). Zwar wird
gerade für die Kirche mit der Verschriftlichung von Information die Vermitt-
lung durch das Bild keineswegs obsolet, wie das eindrucksvolle Beispiel des
8 VORWORT

Freskenzyklus von SS. Quattro Coronati in Rom demonstriert (Jan Rüttinger).


Doch dass sich zugleich die Literatur als ein brief unde ein bode präsentiert, um
die durch räumliche und zeitliche Trennung von Autor und Leser gefährdete
Autorität des Buches vermittels einer erneuten Verkörperung zu sichern (Sandra
Linden), spricht für den Erfolg der komplexen Strategien, welche innerhalb einer
historischen (Medien-)Theorie des Briefes erkennbar werden (Jürgen Herold):
Die Defizite der indirekten Kommunikationssituaticn sucht diese Textsorte
etwa durch eine Semantisierung der Form aufzufangen, die die Beziehungen von
Adressat und Absender als Kommunikationspartner abbildet. Eine systematische
Erfassung der Kommunikationskonstellationen erhellt dabei insbesondere für
den städtischen Schriftverkehr im Spätmittelalter ein ausdifferenziertes System
von Textmustern der schriftlichen Informationsvermittlung (Jörg Meier). Die-
ses war zugleich auf ein leistungsfähiges Übermittlungssystem angewiesen, so
dass der tiefgreifende Wandel des städtischen Botenwesens zur fortschrittlichen
StafFettenreiterei der Thurn und Taxis durchaus als „Medienschwelle" angesehen
werden möchte (Heinz-Dieter Heimann). Illustriert wird das abschließend durch
einen prominenten Fall: das Fuggersche Korrespondenzwesen (Regina Dauser).
Hier wird noch einmal evident, welche Möglichkeiten die Thurn und Taxis'sche
Post bot, wie ein gut ausgebauter Informationsvorsprung Macht verschaffte und
dass der Briefverkehr zugleich auch jene Vormachtstellung der Fugger abbildete,
die auf dem kaufmännischen Rechenbrett und seinen Münzen ruhte. Gleichzei-
tig lassen sich hier nochmals Breite und Differenziertheit des Kommunikations-
rahmens der Vormoderne erahnen.
Der thematisch bedingt weit gespannte Rahmen der versammelten Beiträge
aus verschiedenen Disziplinen zwang hinsichtlich der Formalia zu mancher Ver-
einheitlichung, die in Einzelheiten gegenüber andersartigen Gepflogenheiten der
einzelnen Fachrichtungen ungewohnt erscheinen mag. Im Interesse des Lesers
dieses interdisziplinären Sammelwerks die entsprechenden Entscheidungen zu
treffen, war auch für die Herausgeber nicht immer leicht. Den Beiträgerinnen und
Beiträgern sei für ihr Verständnis gedankt.
Schließlich sind die Herausgeber auch für das Zustandekommen dieses Ban-
des zunächst den Autorinnen und Autoren verpflichtet, die ihre überarbeiteten
Vorträge zur Verfügung stellten. Ganz besonderer Dank sei Herrn Professor Jörg
Jarnut sowie dem gesamten Direktorium des IEM AN ausgesprochen, ohne dessen
Unterstützung diese Publikation nicht möglich geworden wäre.

Claudia Dobrinski Brunhilde Gedderth Andres Laubinger


WOLFGANG E R N S T

Fehlt die Zahl? Medien, mittelalterlich

Die Analyse der medien- und zeitspezifischen Vermittlung von Information im


Mittelalter wird immer wieder Acht geben müssen, ob hier von Modalitäten oder
Medien der Kommunikation die Rede sein soll, ob es um zwischenmenschliche
Interaktion oder um genuine Intermedialität von Rede, Schrift, Druck und Bild
gehen soll. Fokussieren wir vor diesem Hintergrund einen Bereich, der in der
klassischen Fixiertheit auf Schrift- und Bildrelationen eher ausgeschlossen wird:
Information, die mathematisch zustande kommt - nicht als bildliche Operation,
nicht als literarischer Text, nicht als alphabetische Schrift, sondern im Symbol
der Zahl. Fehlt dem Mittelalter hier etwas, nämlich die epistemische Dimension
mathematischer Aufschreibesysteme? Der alphanumerische Code kam erst dann
wieder zum Zug, als arabische Ziffern in buchstäbliche Texte eindrangen und sie
damit numerisch adressierbar machten. Die konstante Paginierung von Texten
seit dem Buchdruck bedeutete zugleich den Einbruch der Algebra in das Reich
der Buchstaben. Wobei der Setzkasten - das entscheidende mediale Element im
Buchdruck - nicht nur für das Prinzip der Ersetzbarkeit kleinster Informations-
einheiten (Lettern) steht, sondern auch die Stelle eines leeren Platzhalters vorsieht
- das spatium, und damit das mathematische Denken der Null typographisch
flankiert, das für mathematisch diskret programmierbare Medien unabdingbar
ist.' Eine solche Operation ist dem Mittelalter fremd.
Das Paderborner Kolleg „Kloster und Welt im Mittelalter" lud im Oktober
2002 zu einem Vortrag des Mathematikers Benno Fuchssteiner ein. Dessen Frage
„Das Mittelalter: ein Schwarzes Loch in der Mathematikgeschichte. Warum?"
wollen wir aufgreifen. Einerseits beschreibt das „schwarze Loch" graphisch die
Form der Null, die in der Tat fehlte im Mittelalter. Da aus kosmologischer Sicht
im Universum kein Nichts existiert, entstand kein metaphysisches Bedürfnis
nach der Null. 2 Damit auch kein Fluchtpunkt perspektivischer Bilder, damit kein
Rechnen im Stellenwertsystem.
Medien meinen die Verschränkung von Logik und Materie. Von daher die
medienarchäologische Aufmerksamkeit für die Frage, ob die zögerliche Einfüh-
rung und Aufwertung der Null an der mangelnden Greifbarkeit respektive Mate-
rialität von linearer Schrift im Vergleich zur tabellarischen Mehrdimensionalität
des Rechenbretts mit seinen Hornsteinen lag. Rechenbretter sind durch Spalten
in verschiedene Einheiten für Zahlenmengen aufgeteilt; die Präsenz oder Absenz

1 Siehe KITTLER, Friedrich A.: Daten - Zahlen - Codes, Leipzig 1998, S.7.
2 FRÖHLICH, Jürgen: Meßkram oder Die Einwanderung der Null in den modernen Schaltkreislauf
über das spätmittelalterliche Rechnungsbuch, in: SCHMITZ, Ulrich/WENZEL, Horst (Hg.), Wis-
sen und neue Medien, Bilder und Zeichen von 800 bis 2000, Berlin 2003, S. 135-158, hier S. 143.
10 WOLFGANG E R N S T

eines Zahlsteins ist darauf unmittelbar augenscheinlich. Wo aber Zahlen auf


Papier geschrieben werden, flottieren die Absenzen im Stellenwertsystem. „Und
so stellt sich das Aufkommen der Null nicht nur als wissenschaftsgeschichtliches,
sondern auch als mediales Phänomen dar."3
Und so ist das Mittelalter nicht allein ein schwarzes Loch in der Mathematik-
geschichte, sondern umgekehrt auch die Mathematik ein schwarzes Loch im Mit-
telalter. Ist das Mittelalter .dunkel', weil es nicht rechnet? Das Mittelalter gilt als
die Epoche, welche Zahlen vor allem symbolisch begreift. Versuchen wir uns dem-
gegenüber an einer Sondierung des operativen Einsatzes von Mathematik im Mit-
telalter. Neben Architektur und Chronologie ist es das Feld der Musik, in dem
sich ein Wiedereintritt von Mathematik auch auf der nicht-symbolischen Ebene
abzeichnete.
Inwieweit hat im Mittelalter (vor Fibonacci) die Zahl nicht nur auf der symbo-
lischen, sondern auch auf der operativen Ebene eine Rolle gespielt? Ist die opera-
tive, analytische Verwendung der Zahl ein Kennzeichen für das Ende des Mittel-
alters, oder ihm entscheidender eingeschrieben, als bislang der Aufmerksamkeit
bewusst? Das würde eine Rekonfiguration der unter dem Epochenbegriff .Mit-
telalter' adressierten Datenbestände nach sich ziehen. Dieser Fragehorizont ist
ein aktueller: unsere Medienkultur, d.h. die Allgegenwart des Computers. Die-
ser ist nicht ohne mathematische Kulturtechniken denkbar geworden; zweitens
ist er nicht nur Logik, sondern operative Logik, mechanisierte Logik, mathema-
tisierte Maschine. Insofern interessiert die Rolle von Maschine und Mathema-
tik, von der Mechanisierung von Logik im Mittelalter. Tatsächlich gibt es ja logi-
sche Spiele, die auch ohne Computer funktionieren. Das Buch The Renaissance
Computer sucht in symbolischen Maschinen Pendants zum aktuellen Rechner.'1
Ramon Lullus (ca. 1232-1316) entwarf eine mechanische Vorrichtung zur Erzeu-
gungwahrer Sätze bzw. eine entsprechende Kombinatorik, die mechanisierbar ist.
Neu gegenüber der klassischen rhetorischen Kombinatorik ist sein Verfahren, aus
einer begrenzten Menge von Grundtermini unbegrenzt viele Aussagen automa-
tisch herzuleiten. Dem setzt die Medienarchäologie den Hinweis entgegen, dass
die Kopplung von Maschine und Kombinatorik noch nicht eine genuine Maschi-
nisierung der Mathematik ist, wie sie David Hilbert und Alan Turing dann zum
Computer führen.

Operative Mathematik im Mittelalter? Der Zahlenkampf zwischen Wille zum


Wissen und Spiel

Notieren wir die scheinbare Nähe audiovisueller Kommunikationsformen des


Mittelalters zur multimedialen Kultur der Gegenwart, um über die Differenzen

3 Ibid., S. 148.
4 RHODES, Neil/SAWDAY, Jonathan (Hg.): The Renaissance Computer. Knowledge Technology in
the First Age of Print, London/New York 2000.
FEHLT DIE Z A H L ? M E D I E N , MITTELALTERLICH 11

aufzuklären. Das Mittelalter gilt es in medialer Hinsicht zu diskontinuieren, um


das Denken der aktuellen Medienkultur nicht kulturgeschichtlich zu verharm-
losen. Denn die Bedingungen, unter denen sich die Vermittlung von Information
über Sprache, Texte und Bilder vollzieht, sind heute anderer Natur als im Mittel-
alter. Bedingung dafür, dass Sprache, Texte und Bilder digital erscheinen können,
ist die radikale Entsprachlichung, Enttextlichung und Entbildlichung in kleinsten
indifferenten Informationseinheiten, binary digits, die nur zwei Zustände darstel-
len können, aus dieser binären Mathematik aber eine wunderbare Welt des Audio-
visuellen zu generieren vermögen. Diese Übersetzung von Schriften, Bildern und
Tönen in den binären Code trennt die Kulturtechniken der Vergangenheit von
der Medienkultur der Gegenwart. Schon Albrecht Dürers neues, messendes Ver-
hältnis zur ,Hand' unterscheidet sich von der mittelalterlichen Zählhand, mit der
chronologische Daten komputiert wurden. Bei Dürer wird die Hand vom Sub-
jekt zum Objekt des zählenden Vermessens - ein Effekt des Buchdrucks (präzise
Messung, analog zu präzisen Typen)? Vor dem Buchdruck hatten der Gehörsinn
und der Tastsinn eine ganz andere Priorität gegenüber dem Auge. Der Übergang
von der symbolischen Zahl zu ihrem operativen Einsatz in der Messung in der
Zeit des Buchdrucks bedeutet die Verschiebung von der körpergebundenen Zahl
zur abstrakten Mathematik und zur Verwendung technischer Instrumente 5 - ein
Moment, in dem aus körperbezogenen Kulturtechniken genuine Medientechni-
ken werden.
An der Darstellung einer Gedächtnishand von Heinrich Stepsius, 1607 bei
Christoph Lochner in Nürnberg gedruckt (Abb. l), weist Horst Wenzel nach,
wie die Regeln des Setzkastens das Bild definieren. „Diese technisch bestimmen-
den Zahlen, die dem Layout seine symmetrische Präzision verleihen, werden aber
nicht benannt, sie bleiben implizit, verborgen"6 - verborgen wie das Zahlenwerk
von Computern heute, hinter dem Bildschirm. Diese mediale dissimulatio artis
verführt zu vorschnellen Analogien von Interfaces.
Wenn heute jedes Computerspiel im Grunde auf Algorithmen und nume-
rischen Operationen beruht, die hinter der audiovisuellen Oberfläche und den
narrativen Plots scheinbar zum Verschwinden kommen (aber in der Interakti-
vität operativ aufscheinen), hat das Mittelalter eine Urform dieser mathemati-
schen Spiele generiert. Arno Borst hat dies in einer beeindruckenden Monogra-
phie erforscht.7 Moritz Cantor interessierte sich Ende des 19. Jahrhunderts für
mittelalterliche Zahlenkampfspiele im Zuge wissenschaftsgeschichtlicher Erinne-
rung an frühe Mathematik und Naturwissenschaft;8 Kulturhistorie als Medien-
archäologie verläuft in Rückkopplungsschleifen, rekursiv. Begründet durch Asilo

5 WENZEL, Horst: Schrift, Bild und Zahl im illustrierten Flugblatt, in: SCHMITZ, Ulrich/WENZEL,
Horst (Hg.), Wissen und neue Medien, Bilder und Zeichen von 800 bis 2000, Berlin 2003,
S.113-133, hier S. 123.
6 Ibid., S. 125.
7 BORST, Arno: Das mittelalterliche Zahlenkampfspiel, Heidelberg 1985.
8 CANTOR, Moritz: Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, 4 Bde., Leipzig 1880-1908.
12 WOLFGANG E R N S T

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Qniui ^'J...:;•» jhi v> l'tinf<i' myen i&ut|

Abb. 1: Geistliche Deutung vnnd Beschreibung vorgemalter Handt, Nürnberg 1607 bei Christoph
Lochner d.Ä. ( H A R M S , Wolfgang (Hg.): Deutsche Illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahr-
hunderts, Bd. 3: Die Sammlung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, Kommentierte
Ausgabe, Teil 3, Tübingen 1987, III, 87, S. 169).

von Würzburg um 1030, wurde die Rithmimachie lange Zeit nicht als operative
Mathematik bewertet, sondern als Ausdruck eines metaphysisch bewerteten Ord-
nungswillens und Harmoniestrebens der Spätantike.9 Gibt es eine gewisse Blind-
heit der klassischen Kulturgeschichte gegenüber der Mathematik?
In Huizingas Homo ludensxa spielt das Zahlenkampfspiel keine Rolle. Eine
scheinbar altgriechische Tugend wird damit im Mittelalter wiederentdeckt: die

9 Siehe HAUBRICHS, Wolfgang: Ordo als Form. Strukturstudien zur Zahlenkomposition bei Otfrid
von Weißenburg und in karolingischer Literatur, Tübingen 1969.
10 HUIZINGA, Johan: Homo ludens. Versuch einer Bestimmung des Spielelementes der Kultur,
Amsterdam 1939.
FEHLT DIE ZAHL? M E D I E N , MITTELALTERLICH 13

Kombination von Zahl und Spiel als Kombination aus Operationen am Rechen-
brett, Methoden des Bruchrechnens und der Proportionslehre des Boethius; eine
Verbindung von materieller Geometrie (Zeichenbrett) und Arithmetik (Zahlen-
verhältnisse). Die Rithmimachie verschränkt Rechenpraxis und Zahlentheorie
zugunsten des Spiels. „Mitten in dem furchtbaren Reich der Kräfte und mitten
in dem heiligen Reich der Gesetze baut der ästhetische Bildungstrieb unvermerkt
an einem dritten fröhlichen Reiche des Spiels und des Scheins, worin er dem Men-
schen die Fesseln aller Verhältnisse abnimmt und ihn von allem, was Zwang heißt,
sowohl im Physischen als im Moralischen entbindet"11 - eine Entbindung, die im
Reich technischer Medien nicht mehr gültig ist.
Zur Frage nach der Medialität von Informationsübertragung im Mittelalter
tritt hier die Frage nach den medialen Gesetzen der Überlieferung des Mittel-
alters selbst. Die Edition der Quellentexte zum Zahlenkampf ist besonders über-
lieferungskritisch, denn neben die Signale aus der Historie zur operativen oder
spielerischen Verwendung von Arithmetik im Mittelalter tritt der random noise
der Manuskriptüberlieferung im Kanal der Tradition. Dies spielt hier deshalb
eine verschärfte Rolle, weil im Zahlenspiel kein Verschreiben gestattet ist - wozu
erst der Buchdruck eine standardisierende Differenz setzt. Borst trifft auf eine
schmerzliche Grenze: Das Zahlenkampfspiel ist uns ausschließlich literarisch
bezeugt, ohne komplementäre Materialität archäologischer Funde. Die fragile
Unterlage für Zahlenkampfspiele bestand aus Pergament, Holz, oder in Sand; die
Steine aus Holz oder Knochen. Das Wesen solcher logischen Spiele ist immate-
riell wie Alan Turings Definition des Computers als „Papiermaschine" - und
zugleich eine Mahnung, dass hier ein immaterielles Kulturerbe zu registrieren
ist, dessen Überlieferungsunwahrscheinlichkeit sich heute dringender denn je
stellt. Und das in einem Sinn, der die Mathematik selbst betrifft. Erst mit dem
typographischen Buchdruck werden Zahlen präzise reproduzierbar, die Bedin-
gung mathematischer Überlieferung. Nirgendwo weiß man dies besser als in der
Historischen Hilfswissenschaft der Diplomatik: Kein Teil der Urkunden ist in
höherem Maß der zufälligen Veränderung durch die Überlieferung unterworfen
gewesen als die Datierungszeile mit ihren verschiedenen Angaben und Zahlzei-
chen. Hier rauscht es im Kanal der Tradition: Flüchtige Kopisten haben oft die
einzelnen Zahlzeichen verwechselt oder ungenau wiedergegeben, falls sie diese
überhaupt zu entziffern vermochten.
Das Zahlenkampfspiel wurde bildhaft vollzogen, nicht mathematisch-analy-
tisch. Genau deshalb kann hier Mathematik zur Maschine werden, äußerlich. Der
Würfel zeigt sechs Zahlen, „aber die Spieler brauchten kein Einmaleins, um die
Punkte zu erkennen. Brettspiele wie Schach bedienten sich abzählbarer Züge und
geometrischer Konstellationen; mathematisches Denken erleichterte Spielern die

11 Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Brief 27, ed. von Benno VON
WIESE (Nationalausgabe, Bd. 20), Weimar 1962, S. 404-412, hier S. 410.
12 Siehe DOTZLER, Bernhard: Papiermaschinen. Versuch über Communication and Control in Lite-
ratur und Technik, Berlin 1996.
14 WOLFGANG E R N S T

geistige Konzentration. Dennoch waren auch sie nicht auf Zahlenkunde angewie-
sen; Würfelspieler und Brettspieler wichen vielmehr der Mathematik eher aus".13
Mathematik ist zu jener Zeit vielmehr auf praktisches Messen und Wägen aus-
gerichtet; demgegenüber verbleibt die Verbindung von Spiel und Zahl im Zah-
lenkampfspiel in einer Sonderstellung gegenüber dem Würfel- und Schachspiel.
Messen ist nicht identisch mit Mathematik. In Nikolaus von Kues' Dialog Idiota
de staticis experimentis (1450) figuriert die Waage als zentrales Messinstrument.
„Der Eingang des Dialogs führt gleich in medias res - weg von der Metapher hin
zum Experiment."'4 Kusanus steht operativer Rechenpraxis und Zahlentheorie
ebenso nah wie der Zahlensymbolik und geometrischen Spekulation. Gott hat
„alles geschaffen nach Zahl, Gewicht und Maß",15 doch fehlt die (mathematische)
Maßeinheit und damit die Standardisierung als Bedingung eines genuin medialen
Übertragungsprozesses von Information. Kusanus steht an der Grenze von Mittel-
alter und Renaissance - oder gibt selbst einen Maßstab für diese Grenzbestim-
mung an.
Borst wählte als Titelbild für seine Monographie über das Zahlenkampfspiel
eine Federzeichnung in Thomasin von Zerclaeres Der Welsche Gast (1215/16):
eine Illustration der artes liberales}6 Hier hält die Dame Arithmetica dem Herrn
Pitagoras eine Zahlentafel vor, die zwar so in Boethius' Institutio arithmetica
steht,1 doch dort in römischen Ziffern; hier operiert sie erstmals in einem deutsch-
sprachigen Kontext mit indisch-arabischen Zahlen. Eine Resonanz der Rithmi-
machie: Bestimmend sind die Proportion der Ausgangszahlen und der Endsieg der
größten Harmonie, als Quintessenz von Arithmetik und Musik. Doch „Thoma-
sins Schreiber waren, obwohl sie etwas Latein verstanden, bereits mit der präzisen
Wiedergabe der Zahlenfolgen und Kreisbögen überfordert".18

Dixit Al-Chwarizmi

Mathematische Operatoren markieren das Ende des Mittelalters und koinzidie-


ren mit der Gutenberg-Ära. Ein Streit, der sich auch auf Hardware-Ebene abspielt
und ins Mittelalter hineinzieht: Rechnen mit dem Abakus versus Rechnen auf
Papier. Wettstreit um Rechengeschwindigkeit zwischen Abakisten und Algori-
sten. In Gregor Reischs Illustration des Wettstreits zwischen Abakisten und Algo-

13 B O R S T : Zahlenkampfspiel ( A n m . 7 ) , S . 267.
14 K A L I S C H Eleonore: Konfigurationen der Renaissance. Z u r Emanzipationsgeschichte der ars
theatrica, Berlin 2 0 0 2 , S. 197.
15 Nicolaus von Cues: Der Laie über Versuche mit der Waage, übers, von Hildegrund M E N Z E L -
R O G N E R , Leipzig 1944, S. 19f, unter Bezug auf Pythagoras.
16 Fol. 139r im C o d . Pal. G e r m . 389 der Universitätsbibliothek Heidelberg, vermutlich 1256 ange-
legt in Bayern. Vgl. das Digitalisat unter der PURL http://digi.ub.uni-heidelberg.de/cpg389.
17 Boethius: Institutio arithmetica, lib. II, c.2, ed. von Gottfried F R I E D L E I N , in: Boetii De institu-
tione arithmetica libri duo, Leipzig 1867 ( N D Frankfurt a. M . 1966), S. 8 0 - 8 3 .
18 BORST: Zahlenkampfspiel ( A n m . 7), S. 4 9 4 .
FEHLT DIE ZAHL? M E D I E N , MITTELALTERLICH 15

risten Margarita Philosophica von 1503 rechnet Boethius schon sichtbar mit der
Null und mit Brüchen, während Pythagoras beim Abakus verbleibt. Die Algo-
risten operieren mit einem anderen Verfahren, der schrittweisen, also algorithmi-
schen Ausführung mathematischer Kalkulationen: Incipit über algorithmi. Al-
Khwarazmis Schrift aus dem frühen 9. Jahrhundert ist im Original verloren, doch
die lateinische Ausgabe Algorithmi de numero Indorum samt der damit einher-
gegangenen Latinisierung des Verfassernamens ließ diesen zum terminus technicus
werden. Hiermit übertrug sich das indische Stellenwertsystem ins Abendland;
das .Medium' der Zahl im Mittelalter war die arabische Welt. Auch die Algebra
gelang in den Westen vermittels Al-Khwarazmi; das arabische ,al-jabr meint die
operative Reduktion von Termen bei der Auflösung von Gleichungen.
In Gerhard Kropps Geschichte der Mathematik. Probleme und Gestalten zeich-
net sich der Beginn der Frühneuzeit geradezu durch mathematische Demarkie-
rung als Abwendung vom Mittelalter ab. Nicht nur streng medienarchäologisch
macht Gutenbergs Buchdruck (wie von Elisabeth Eisensteins Printing Press as an
Agent ofChange10 eindrucksvoll nachgewiesen) eine Differenz in der Exaktheit, da
er nicht nur antike Werke massenhaft wiederauflegbar macht (Euklids Elemente
etwa, lateinisch 1482 durch E.Ratdolt), sondern vor allem auch die exakte Wis-
senschaft Mathematik durch notwendig exakte Zeichen exakt reproduziert. Kauf-
männische Bedürfnisse vor allem in Oberitalien (cossisten von ars rei/causa) und
der Beginn perspektivischer Malerei (Albrecht Dürers Underweysung der Messung
mit dem Zirkel und richtscheyt, 1525) fordern nach einer neuen Mathematik.
Schrieb die Kirche im Mittelalter den Kaufleuten noch das Rechnen in römi-
schen Zahlzeichen vor, tauchen ab 1494 in den Kontobüchern der Medici nur
noch arabische Zahlzeichen auf; die Algebra ersetzt auch auf der mechanischen
Ebene das Rechnen mit Abaki und Linien (Adam Ries).
Gehörte Fibonacci in Pisa noch dem Mittelalter an? Welchem Mittelalter, dem
europäischen? Operative Zahlenpraxis im Mittelalter meint vor allem Araber und
Inder. Hier aber wird der Begriff .Mittelalter' als Epochenbegriff asymmetrisch
und ent-universalisiert.

Mathematik mit Oresme

Noch einmal: Ist die operative (nicht nur symbolische, ästhetische) Zahl dem Mit-
telalter fremd? „Das Griechische ist errechnete, das Gotische lebendige Form"."1
Doch schauen wir genau hin, wird sogleich eine nicht nur hermeneutisch, son-
dern auch in der medialen Formatierung aufscheinende Fremdheit offenbar - in

19 KROPP, Gerhard: Geschichte der Mathematik. Probleme und Gestalten, Wiesbaden 1994, hier
S.61ff.
20 EISENSTEIN, Elizabeth L.: The Printing Press as an Agent ofChange: Communications and Cul-
tural Transformations in Early-Modern Europe, 2 Bde., Cambridge 1979.
21 „Grecian Art is Mathematic Form; Gothic is Living Form", William Blake: On Virgil, ed.
von G. E. BENTLEY, in: William Blake's Writings, Bd. 1, Oxford 1878, S. 668.
16 WOLFGANG ERNST

Nikolaus Oresmes Algorismus proportionum. Ausgerechnet die binär kodierte


Welt (das Göttinger Digitalisierungszentrum) gibt uns diese Ansicht aus der
Galaxis der vor-gutenbergischen Schriften zurück (Abb. 2).

CHARTER • PAGE 13
Fol Digltalislerungs-
"Ol" Zentrum Algorismus proportionum magistri Nicolay O r e m . Parisius.
lr MONOGERM PUP.I: htlo://sw^-o<]f.s-jb.uni-Qo<iM^ep dg/cii-btn/aioblb CQi>PPN3n920142X
Der Algorismus proportionum des Nicolaus Oresme
Information Nicolaus.
Table ofCnnients
Bihliographv

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\ , Na media dobot sie scribi —, vna tertia BIC — et duo tortie sie

77; et sie de atijs. et numorus, qui supra uirgulam, dicitur im.


raorator, Ute tiero, qui est sub uirgula, diettur denomioator. 9. Pro-
portio dupla acribitur iito modo 2. 1 ', et tripla iato modo 3 . u ; et »ic
de alije. Proportio scsquialtora aic acribitur 1. 77, et sesquitertia
»1 9%
1. -0. Proportio superpartiena duaa terüas acribitur aic 1. •—. Pro*
p 2
portio dupla tuperpartions duaa quartaa acribitur sie 2. v j e t sie do

alijs, 3. Medietaa duple acribitur aic -^2., quarta pars dtiplo aea-

quialtcrc acribitur sie—2.77; ot aic de alijs. 4, Et queeunquo pro-


portio rationalis acribitur per auos terminos sev numeros mini mos,
aieud dicetur proportio . 13 . ad . 9., quo uocatur auperpartiens qua-
tuor iionas. 5. Sinnliter proportio irrationalis aieud medietaa auper-
2
partien» — acribitur sie; Medietaa proport ioais . 5 . ad tri»; et ita
de alijs. 6- Oronis proportio irrationalis, do qua nunc est meocio,
deuoniuatur a preportiono rationali talitcr, quod dicitur pars oius
aut partes; sieud dicendo medietaa triple, aut tertia para triplc,
uel due tertie quadruple, vnum patet quod in deuominatoria [loco]
Ulis proportioois irrationalia sunt trin, BOT numerator, doDomiuator

Abb. 2: D e r A l g o r i s m u s p r o p o r t i o n u m d e s N i k o l a u s v o n O r e s m e , n a c h der Lesart der H a n d s c h r i f t


R . 4 ° 2 . d e r G y m n a s i a l - B i b l i o t h e k z u T h o r n ( e d . v o n E r n s t L . W . M . C U R T Z E , B e r l i n 1 8 6 8 , S. 13
(PURL http://www-gdz.sub.uni-goettingen.de/cgi-bin/digbib.cgiPPPN30920142X).
FEHLT DIE Z A H L ? M E D I E N , MITTELALTERLICH 17

Was sehen wir: Zahlen, zu Brüchen angeordnet. Was lesen wir: media. Gemeint
ist damit jedoch schlicht eine Hälfte, ein Bruch 1:2. Es geht hier um Proportio-
nen, worunter im Mittelalter ein geometrisches Verhältnis verstanden wird. Dann
aber eine dramatische Eskalation: Oresme erweitert Potenzbeziehungen dahin,
dass er deren medietas anschreibt. Potenzen mit gebrochenen Exponenten also
- womit er vorwegnimmt, was wissenschaftsgeschichtlich erst Simon Stevin von
Brügge Anfang des 17. Jahrhunderts zugeschrieben wird. Neu an Oresme ist, dass
er die offensichtlichen Irregularitäten im Umlauf der Sterne durch ein mathema-
tisches Argument, nämlich Bruchrechnung löst. Kommen Zahlen ins Spiel, wird
jedoch aus einer kontinuierlichen Bewegung eine diskrete: Omnis res mensurabilis
exceptis numeris ymaginatur ad modum quantitatis continue.21
Oresme stirbt am 11. Juli 1382. Ende des Mittelalters oder Beginn der Neu-
zeit? Die Untersuchung der Rolle kulturtechnisch operativer Zahlen im Mittel-
alter dient der Absicht, ein anderes, nicht-philologisches Kriterium aufzufinden,
welches das Mittelalter von der Neuzeit, unserer Zeit, und zugleich von der Zeit
der Griechen scheidet, so dass das Mittelalter wie eine Klammer, wie eine Aus-
klammerung, eine epoche erscheint. Warum fragen wir überhaupt nach der Zahl
im Mittelalter? Weil die Gegenwart von Rechnern definiert wird. Die Form des
Computers aber ist genau die Differenz zur Zahl im Mittelalter. „In der Geschich-
te der Wörter hat der Computer den Computus ums Leben gebracht"23 - nicht
nur begriffsgeschichtlich.

Mittelalterliche Zahlensymbolik

„Nimm allem die Zahl und alles zerfällt", schrieb Isidor von Sevilla um 600 - eine
Fortschreibung der pythagoreischen Lehre. Sprechen wir von der Bedeutung der
Zahl im Mittelalter, finden wir die Menschen „eingezwängt zwischen zwei Vorstel-
lungen: einerseits die traditionelle Vorstellung, daß die Zahl keine wissenschaft-
lich meßbare Größe sei, sondern eine symbolische. Manche Zahl hielt man für
bedeutender als andere, die Drei etwa oder die Sieben"24 - das Erbe Pythagoras',
doch nicht wissenschaftlich (die Beschäftigung mit der Zahl um der Liebe zum
Wissen willen, als Mathematik), sondern kosmologisch (neo-platonisch, immer
schon eine Idealisierung zugunsten der Harmonia). Wenn - wie am Musikinstru-
ment des Monochord gewonnen - die als harmonisch empfundenen Verhältnisse
mathematisch abbildbar sind (Tonhöhe und Länge der schwingenden Saiten) und
auf den Abstand der Gestirne übertragen werden, die an aufeinanderfolgenden
.Sphären' befestigt sind, kippt Zählen in Symbolik. Erst die tatsächliche Messung

22 Siehe Nicole Oresme and the Medieval Geometry of Qualities and Motions. A Treatise on che Uni-
rormiry and Difformity of Intensities Known as 'Tractatus de configurationibus qualitatum et
motuum', ed., übers, u. eingel. von Marshall CLAGETT, Madison/London 1968, S. 64.
23 BORST, Arno: Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas, Berlin 1990, S. 103.
24 LE GOFF, Jacques (im Gespräch): Die Erfindung der Seele, in: Die Zeit vom 12. April 1991.
18 WOLFGANG E R N S T

der Schwingungsfrequenz von Saiten ersetzt seit dem 17. Jahrhundert diese har-
monische Metaphysik.
Nun ist ja der Computer dasjenige Medium, das tatsächlich aus der Behaup-
tung des Pythagoras, alles sei Zahl, Praxis gemacht hat - insofern seine digitalen,
streng binären Operationen alles (zumindest alles, was berechenbar ist) berech-
nen. Ist Mathematik das Modell oder das genuine Abbild der Welt? Diese Frage
war die längste Zeit eine philosophische; praktisch ist sie heute beantwortet. Denn
an die Stelle der sprachlichen Reflexion sind heute Rechner getreten, in denen sich
die Zahlen verselbständigt und die mathematisch strengen und unverbrüchlichen
Zeit- und Raum-Vorstellungen vollkommen revolutioniert haben.25 G.W. F. Hegel
schreibt in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie: „Zahlen, wie bei
den Pythagoräern bemerkt werden wird, sind unpassende Medien, den Gedan-
ken zu fassen" - es sei denn, Denken meint Computing. Erst mit dem Aufblühen
des Handels im Spätmittelalter werden Zahlen auf eine arithmetische, praktische,
also operative Größe hin präzisiert (oder auch reduziert) - eine medienarchäologi-
sche Erinnerung daran, dass auch Pythagoras' Mathematik (der These Wolfgang
Heises zufolge) durch das Handelsäquivalent der Münze, also durch die Quantifi-
zierbarkeit von Werten angeregt wurde.2 Zwischen den symbolischen und opera-
tiven Vorstellungen der Mathematik entstanden Kurzschlüsse, als apokalyptische
Millenniumsvorstellungen (also tausend Jahre) nicht mehr nur symbolisch eine
sehr lange Zeit meinen, sondern arithmetisch mit Jahren im Fegefeuer verrech-
net werden (Geldsummen als Ablass). Der operative Geist der Mathematik ist ein
Kind der Buchhaltung.28

Poetische Numerologie

Die alte Kunst der Gematrie erlaubt, Buchstaben zugleich als Zahlwerte zu inter-
pretieren. Kreuzgedichte sind Bilder aus diskreten Buchstaben, „numerale Medi-
alität"29 - doch nicht Bilder aus Zahlen, digital. Arithmetologische Poesie bleibt
symbolisch, eine Kunst. Hrabanus Maurus, seinerseits Verfasser eines Traktats
De computo, zeigt um 800 manifestes Interesse an alphanumerischen Codes. Sei-
ne diagrammatischen Figuren aber lassen uns im Unklaren; die Entzifferung

25 Dazu STINGELIN, Martin: Das Netzwerk von Gilles Deleuze. Immanenz im Internet und auf
Video, Berlin 2000, S. 16f.
26 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (Werke in 20
Bänden, auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ed. Ausgabe, Bd. 18), S. 110. Siehe auch
COY, Wolfgang: Das All und Alles ist die Zahl, in: PIAS, Claus (Hg.), Medien. Dreizehn Vorträge
zur Medienkultur, Weimar 1999, S. 241-261.
27 Pythagoras-Vorlesung (Typoskript), Wolfgang Heise-Archiv, Humboldt-Univeristät zu Berlin,
Seminar für Ästhetik.
28 Siehe MlLO, Daniel S.: Trahier le temps (Histoire), Paris 1991.
29 ERNST. Ulrich: Die Kreuzgedichte des Hrabanus Maurus als multimediales Kunstwerk. Textua-
lität - Ikonizität - Numcralität, in: SCHMITZ, Ulrich/WENZEL, Horst (Hg.), Wissen und neue
Medien, Bilder und Zeichen von 800 bis 2000, Berlin 2003, S. 13-37, hier S. 29.
FEHLT DIE Z A H L ? M E D I E N , MITTELALTERLICH 19

eines Imago-Gedichts schwankt zwischen synchroner visio und sukzessiver lectio.


Mathematische Poesie klingt auch in Chretien de Troyes' Erec et Eneide am Ende
an. In der Krönungszeremonie trägt Erec ein Gewand, auf dem die vier Künste des
Quadriviums allegorisch eingewebt sind; die Arithmetik zählt darin alle Entitä-
ten der Welt, Sandkörner und Baumblätter, Wassertropfen und Sterne.30 Zahlen-
werk und Textilkunst sind ihrerseits wissensgenealogisch ineinander verstrickt.31
Wo Welt als mathematische Präzision und Welt als poetische Lizenz untrenn-
bar sind, kann Zahlenwerk kaum operativ werden. Zuweilen scheint es, dass die
Antike sich weitgehender an den empirischen Daten der Physik orientierte, wäh-
rend das Mittelalter hier zu symbolischen Deutungen neigte. Doch auch die phi-
losophische Schule der Pythagoreer in Unteritalien stand unter Verdacht, wider
besseres Wissen empirische Daten zugunsten ideal-harmonischer Relationen zu
korrigieren. Und so ist „der Übergang von der symbolischen Zahl zur Messung
nicht als Alternative zu denken [...], sondern als ein Verhältnis der Gleichzeitig-
keit".32 Dennoch bleiben Kriterien der Diskontinuität zwischen beiden Kultur-
techniken. Es gilt für die mittelalterlichen Buchstabengedichte wie für die maleri-
sche Perspektive der Frührenaissance, dass sich die ikonischen Strukturen in einen
symbolischen Kode überführen lassen, doch die Differenz der symbolischen Form
liegt in der Funktionalität solcher Berechenbarkeit. Die perspektivische Illusion
beruht auf einer strikt mathematisch kalkulierten Täuschung des Auges; Toleranz
bleibt hier nur für einen symbolischen Rest.

Und doch: Mathematik im Mittelalter

Die Spätantike beerbte das Mittelalter mit der Zweiteilung der Arithmetik in den
computus, also die Kunst der christlichen Zeitrechnung als operative Mathematik
(kulturtechnisch), und andererseits als reine Zahlentheorie und -Symbolik, eher
neoplatonisch denn in der Tradition aristotelischer Analyse.
Hrabanus Maurus führte in seinem Buch über die Zeitrechnung 820 den grie-
chischen Begriff der Atome zur Unterteilung einer Stunde (wieder) ein; anders als
in der antiken Philosophie wurde diese Atomisierung jedoch nicht zur Grundla-
ge einer operativen Mathematik. Zwischen Spätantike und Frühmittelalter steht
Boethius; seine Institutio arithmetica (ca. 500) lehrt eine unmystische Mathe-
matik, die aber nur mit ganzen Zahlen rechnet (gerade/ungerade), zumal ihm
als Zeichenvorrat nur die römische Ziffer zur Verfügung steht, die keine Brü-
che anzuschreiben vermag - Grenzen der Denkbarkeit, gesetzt durch Schreib-

30 Chretien de Troyes: Erec et Enide, V. 6694-6706, ed. u. übers, von Albert GIER, Stuttgart 1987,
S. 376. Dazu WANDHOFF, Haiko: Im virtuellen Raum des Textes: Bild, Schrift und Zahl in
Chretiens de Troyes „Erec et Enite", in: SCHMITZ, Ulrich/WENZEL, Horst (Hg.), Wissen und
neue Medien, Bilder und Zeichen von 800 bis 2000, Berlin 2003, S. 37-56, hier S. 42.
31 Siehe HARLIZIUS-KLÜCK, Ellen: Weberei als episteme und die Genese der deduktiven Mathema-
tik - in vier Umschweifen entwickelt aus Piatons Dialog Politikos, Berlin 2004.
32 WENZEL: Schrift, Bild und Zahl (Anm. 5), S. 123.
20 WOLFGANG ERNST

Systeme. Will eine Kultur nur das Wissen, was ihre Medien ihr anzuschreiben
erlauben? Die christliche Kultur des Mittelalters war bis in die Hochscholastik
hinein nicht vorrangig an mathematischen Fragen interessiert; lediglich einige
logische Probleme wurden angegangen. Mitte des 9. Jahrhunderts verfasste der
Freisinger Gelehrte Waltherius ein Buch über Flächengeometrie auf den Grund-
lagen Euklids; operative Mathematik schreibt sich aus der Antike anhand römi-
scher Werke der Agrimensoren undgeomatici (Feldmesser) fort - Kulturtechnik,
buchstäblich. Zur Theorie um der Liebe zum Wissen willen erhebt sie sich kaum.
Und so blieb mathematische Operativität im Mittelalter pragmatisch. Die älteste
erhaltene Karte des Mittelalters, die Carta Pisa von 1275, überrascht durch ihre
genaue Angabe relativer Entfernungen. Wir entziffern noch kein Gradnetz, aber
die Karte ist von Linien übersponnen, die den wichtigsten Kompasskursen ent-
sprechen.33
Mathematische Kompetenz im Mittelalter bleibt größtenteils nach ihren
praktischen Anwendungen differenziert und erhebt sich kaum zum universalen
Kalkül. Computus meint die richtige Abfolge der Zeit - ein Algorithmus kalen-
darischer Art. Ein Mitte des 5. Jahrhunderts durch Victorius von Aquitanien ver-
fasster Calculus hingegen lehrt die Grundrechenarten, den kalkulierten Umgang
mit Maßen und Gewichten. Arithmetik wird mit Rechenbrettern und Finger-
rechnungen ausgeführt. Die Rechenbretter mit ihren Linien und Zählsteinen
(calculi oder apices, von daher metonymisch Abakus) sind eher Kulturtechniken
denn mathematisches Kalkül.
Die ars geometriae et arithmeticae im Mittelalter geht auf Pythagoras und
Euklid zurück. Boethius' Institutio arithmetica überliefert um 500 die antike
Zahlenphilosophie ans Mittelalter. Alkuin entwickelt um 776 in seiner Calculatio
Albini Magistri die Differenz negativer und natürlicher Zahlen. Nach dem Fall
Toledos (1085) gelangt über die arabische Welt das dort weiterentwickelte Erbe
griechischer Mathematik ins Abendland und überwindet die „Sterilität des
mathematischen Denkens im Mittelalter".34
Für den Pariser Magister Hugo von St. Viktor (1096-1141) ist der Gegenstand
von Mathematik die von der Realität abstrahierte Quantität, also eine theoreti-
sche Wissenschaft; sie soll komplexe Realität durch logische Schlüsse erkennbar
machen. Arithmetik fungiert im scholastischen Wissenssystem als Lehre von den
Zahlen; Musik als die von Proportionen, Geometrie als die Behandlung der Aus-
dehnung, Astronomie als die Lehre der Bewegung. Doch Hugo setzt daneben
erstmals sieben mechanische Künste;35 das Interesse der Scholastik an der operati-
ven Mathematik ist pragmatisch.

33 Dazu: Winkelmessinstrumente. Vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert, Ausstellungskatalog,
bearb. von Franz Adrian DREIER, Berlin !1989, S. 52.
34 KROPP: Geschichte der Mathematik (Anm. 19), S. 58.
35 Hugo von Sankt Viktor: Didascalicon de studio legendi, übers, u. eingel. von Thilo OFFERGELD,
Freiburgi.Br. u.a. 1997.
FEHLT DIE ZAHL? M E D I E N , MITTELALTERLICH 21

Fibonacci (Leonardo aus Pisa) macht nach weiten Reisen zu den Kontaktstel-
len der muslimischen Welt mit seinem Liber abaci (1202) die indisch-arabischen
Ziffern in Alteuropa heimisch. Prominent figuriert seitdem die .Null' in den
Fibonacci-Zahlen: 0, 1,1, 2, 3, 5, 8 ...
Der Oxforder Magister Thomas Bradwardine (1290?—1349) schließt an die
Arithmetik des Boethius an; seine Euklid-Bearbeitung und der Anschluss an die
Kreismessung des Archimedes aktiviert antikes Wissen. Seine Abhandlung De
continuo stellt sich Fragen des Infinitesimalen, insbesondere der Stetigkeit, und
behandelt die Proportionslehre nicht, um Gottes Schöpfungswerk in harmo-
nischen Entsprechungen zu fassen, sondern um im Rahmen der aristotelischen
Physik Geschwindigkeiten verschiedener Körper zu vergleichen. Hier befreit sich
die mathematische Messung von den Restriktionen der Theologie. Nikolaus von
Oresme setzt dieses Werk in Paris fort; sein Algorismus proportionum bildet eine
Vorstufe der Logarithmenrechnung.
Seine Abhandlung von 1371 De uniformitate et difformitate intensionum
(gedruckt 1482 verkürzt als Tractatus de latitudine formarum) ist der Anfang
einer Koordinatengeometrie: Längen und Breiten in der Sphärik dienen als Vor-
bild; Kurven (Jbrmae, latitudines) figurieren als Ordinalen in Abhängigkeit von
den longitudines (Zeiten) (Abb. 3). Hier kommt Bewegung erstmals im Abend-
land zur Darstellung; auf diesen Flügeln erhebt sich Oresme über das antike Erbe.

blffomig rnifoimiter wnatfo rc4<üt vnifoi top.t faf ad fi1


tmur oiflv.'mifcr oiftormcj. (J l a ü t n ! vnl
form c Cm ort« c I U q uu cAallue graduuj
<q oiftäauj fLur cüdt ^pcrtoj a.u m a < p / ätih
poicöe eqücarid. Tla .1 uir occltfle graduuj D«fför« oiffohi
üiccr ic eq oiiUauü ^iwrait jpponoi cqnta'
De üccä a;im° vnifo:mic oir.oriautpjc;
tirtiiuuouiiwij incmbro:um fcciuic ouiiiioia
TK urlug u nulla proporcio feruac tmc nal!a Jfl
poltet atcendi viuormicaa in laumdwc caU x Cr * or, o-rfvfu
fa noaeiTcf vnifarmcer oino.m t oiffoirme
C jLilai* oiffamucr oiffoimuer oiftormie
I iiU q uirer CJCCITUÖ groduu eqoe oiftantiuj
Hon leruat candem proporaonem ficu.'m fe
conda partepatebic. Tlorandum remen dl
^f Heut irt fopradicna otfFiiucöib9 ubi logtur . fe
Occfcdfr graduum incer fe eque oilUimum

Abb.3: Nikolaus von Oresme: Tractatus de latitudine formarum, Padua 1486 (GlEDEON, Siegfried:
Die Herrschaft der Mechanisierung. Ein Beitrag zur anonymen Geschichte (Europäische
Bibliothek 8), Frankfurt a. M. 1982, S. 36).
22 WOLFGANG E R N S T

War Descartes 1637 unmittelbar davon angeregt? Frances Yates wies nach,
wie das räumliche Modell der ars memoriae letztlich erst mit Descartes durch ein
topologisches, auf diagrammatischen Beziehungen beruhendes Modell von Rela-
tionen ersetzt wird.36 Zahlen ersetzen die eikones. Und so endet das mathemati-
sche Mittelalter erst mit der exakten Geometrie Galileis und Descartes'. Galilei
sucht nicht mehr nach ikonischen Abbildern des Kosmos, sondern konzipiert
- ein epistemischer Bruch in der Pythagoras-Tradition, doch diesmal nicht-sym-
bolisch - „das große Buch des Universums, das unserem Blick immerzu offen
steht",37 gerade weil es geschrieben stehe in der Sprache der Mathematik. Deren
Zeichen sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, und damit ana-
lytisch berechenbar.

Paramathematische Architektur? Kathedralen

Der Test dieser epistemologischen Fragen ist die tatsächlich realisierte Hardware
der mittelalterlichen Kultur. Angesichts des Freiburger Münsters stellt sich die
Frage nach einer mathematischen Ästhetik: „Heilige Zahlen überall?"38 Inkorpo-
rieren die Maße des Münsters die Intervalle der harmonischen Tonleiter? Analy-
tisch korrespondiert dies mit der Messbildphotographie (Photogrammetrie),
den stereoskopisch aufgenommenen Photos für die Herstellung von Planzeich-
nungen. Dieses Datennetz ist dann übersetzbar in den elektronischen Raum.
Operative Maschinen aber verbleiben im Mittelalter auf Seiten des Handwerks,
nicht im Dienste des Wissens. Villards de Honnecourt Bauhüttenbuch manife-
stiert ein massives Interesse an Hebeapparaten (um 1230/1235). Der Baumeis-
ter Argentinus von Straßburg schreibt ausdrücklich, dass „keine Zahl" eine Rolle
spielen soll - eine Verteidigung geistiger Freiheit gegenüber Regeln, die nicht von
Geist, sondern von Schrift, Geometrie und Zahl sind. Umso erstaunlicher, dass
Kathedralen tatsächlich baubar wurden. Auch hier wieder treffen wir auf das ver-
traute mathematisch-metaphysische double-bind: Die Baumeister der Kathedralen
machten sich die Wissenschaft von den Zahlen, die in den Schulen gelehrt wurde,
zunutze. Robert Grossetestes Traktat über die Linien, die Winkel, die Figuren, die
Spiegelung und die Lichtbrechung befähigt zu einer Geometrie der architektoni-
schen Aufrisse. Doch tatsächlich prägten die von ihnen in Auftrag genommenen
Bauwerke das tote Steinmaterial mit dem Denken der Professoren und ihren dia-
lektischen Wegen. Sie wurden zu einer Demonstration der katholischen Theorie,

36 YATES, Frances A.: The Art of Memory, London 1966.


37 Galileo Galilei: II Saggiatore (1623), ed. von Antonio FAVARO (Edizione Nazionale. Bd. 6), Flo-
renz 1896, S. 197-372, hier S. 232. Siehe BLUMENBERG, Hans: Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt
a.M. 1981, S.74.
38 GILLESSEN, Günther: Goldener Schnitt und heilige Zahlen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 16. November 1996.
FEHLT DIE ZAHL? M E D I E N , MITTELALTERLICH 23

besonders .Licht', .Strahlen'.39 Ein anderer, diaphaner Medienbegriff. „Der Raum


ist nichts anderes als das hellste Licht" (der Neoplatoniker Proklos). Die Anmut,
mit der vielfarbige Juwelen das Materielle ins Immaterielle verwandeln, ließ Abt
Suger von St. Denis in seiner Abhandlung Über die Wandlung über die Vielfäl-
tigkeit der heiligen Tugenden nachdenken. Dies verleitet nicht zur mathemati-
schen Analyse physikalischer Optik, sondern zur Metaphysik. „Die Kathedrale ist
nicht mehr so rhetorisch, weniger um Gefälligkeit bemüht; sie sorgt sich eher um
eine dialektische Analyse der Strukturen. Sie strebt nach der Klarheit der schola-
stischen Beweisführung".42
Die baustatische Spannung im Strebewerk der Kathedrale von Chartres ist com-
puteranalysabel; heißt dies im Umkehrschluss: Was medienarchäologisch fassbar
ist, basiert auch auf Zahlen? Die Konstruktionsprinzipien, nach denen spätgoti-
sche Rippengewölbe entworfen wurden, sind in der Form von festen Algorithmen
beschreibbar, so dass man sie als Computerprogramm formulieren kann und sich
mit Hilfe dieser Programme dreidimensionale Bilder von solchen Gewölben her-
stellen lassen, die - wie in den damaligen Mustersammlungen üblich - in Form
einer abstrakten Herstellvorschrift, also ihrerseits algorithmisch, überliefert wor-
den sind.
Unverrückbare Grundlage für alle Rechenoperationen virtueller Rekonstruktionen solcher
Architektur bildet ein jeweils nach den Regeln des spätgotischen Steinmetzhandwerks erzeug-
ter Datenblock, dessen Struktur von allen nachfolgenden Manipulationen unberührt bleibt,
so dass die auf seiner Grundlage hergestellten Computergraphiken historische Authentizität
beanspruchen können'"

- eine medienarchäologisch begründete, strukturelle Authentizität im Unter-


schied zur klassischen historischen Authentizität. Der medienarchäologische
Blick steht auf Seiten der Kalkulation (weshalb er auch auf Maschinen übertrag-
bar ist). Mittelalter ist, was sich dieser Kalkulierbarkeit entzieht.

Musik, Komposition und Mathematik

Im Versuch einer Balance von numerus, pondus und mensura schwankt die Bau-
kunst der Spätgotik mit ihrer virtuellen Vegetabilisierung architektonischer
Gliederungselemente zwischen konstruktiver und ikonologischer Deutung. Die

39 DUBY, Georges: Die Zeit der Kathedralen. Kunst und Gesellschaft 980-1420, Frankfurt a.M.
1992, S. 252.
40 vgl. Proklos: In Piatonis Rem Publicam, ed. von Wilhelm KROLL (Bibliotheca scriptorvm
Graecorvm et Romanorvm Tevbneriana), Bd. 2, Leipzig 1901 (ND Amsterdam 1965), S. 198,
Z. 25-29, passim; derselbe ebenso bei Simplicius: In Aristotelis Physicorum libros quattuor priores
commentaria, ed. von Hermann DIELS, Berlin 1882, S. 612, Z. 27-29.
41 Siehe DUBY, Georges: Saint Bernard. L'art cistercien, Paris 1979, S. 16.
42 DUBY: Die Zeit der Kathedralen (Anm. 39), S.254.
43 MÜLLER, Werner/QuiEN, Norbert: Computergraphik und Video nach Algorithmen der spät-
gotischen Steinmetzkunst, Abstract zum Referat auf dem XX VIII. Internationalen Kongress für
Kunstgeschichte, 15.-20. Juli 1992, Berlin.
24 WOLFGANG E R N S T

Schwierigkeit liegt darin, dass die Statik hier zuweilen negiert zu werden scheint,
als sei der Wille zur Imitation von Astwerk dominanter als die baustatische Ein-
sicht. Ist also die Geomettie mittelalterlicher Kathedralen eher eine Funktion von
Formwillen denn von mathematischer Geometrie? Hier vermittelt der Begriff
der Komposition. Der Begriff componere wird seit Guido von Arezzos Micrologus
im Sinne schriftlicher Ausarbeitung verstanden. So kommt medienarchäologi-
sche Aufmerksamkeit ins Spiel, die Materialität, Symbolik und Logik von Nota-
tion, „vorstoßend zu Zeitstrukturen, die jenseits der musikalischen Realzeit lie-
gen, außerhalb aller Vergehens-Zeit". * Verbunden mit dieser Visualisierung des
musikalischen Prozesses ist die Elementarisierung des Musikdenkens, zugunsten
von Einzeltönen, singulären Intervallen und zum Setzen von Pausen, die nicht
auf physiologisches Atemholen reduzierbar sind, sondern operativ werden - ein
Äquivalent zur mathematischen Null. Guidos Ausgangspunkte sind die fünf
Vokale, die in Folge (a-e-i-o-u) den litteris monochordi, den Buchstaben des
Ton (höhen) Systems unterlegt werden - als Modell geerdet in tatsächlich media-
len Artefakten (das Instrument des Monochord). Es handelt sich hier um quasi
automatisierte Kompositionsmaschinen, die auch gegen den natürlichen Zeit-
verlauf operieren und damit nicht mehr nur Erweiterungen des menschlichen,
kulturtechnisch ausgebildeten Sinnesapparats sind, wie sie Marshall McLuhan
definiert. „Hier ist der Ort, um nun doch die Begriffe .Mediatisierung' und
.Medialität' einzuführen. Ich beschreibe mit ihnen eine mehrfach gestufte Abhe-
bung, Entfernung des Handeln von primärer Lebenswirklichkeit".46 Kultische
Handlung im traditionellen Ritus schafft zwar eine kognitive Distanz, doch die-
se wird im Vollzug auch wieder aufgehoben, durch Körpcrdramaturgic eingeholt.
„Hochgradig mediatisierte Verfahrensweisen dagegen, wie die graphisch gelenkte
Komposition, bieten für die Rückkehr zum Leiblichen nur sehr bedingt noch die
Gewähr; Komposition entfernt sich vom Gesang". Sie tut dies tiefenstrukturell,
also auf einer genuin medienarchäologischen, nicht mehr nur kulturtechnischen
Ebene: durch die Umstülpung von Zeitmustern und kognitive Elementarisierun-
gen im Medium der Notation. Einmal fixiert, wird die musikalische Mathema-
tik im Sinne der pythagoreischen Musiktheorie und des Traktats von Boethius
kalkulierbar. Der medienwissenschaftliche Blick auf dieses Kapitel abendländi-
scher Kulturgeschichte ist nicht historisch auf Schrift, kunsthistorisch auf Bilder
oder musikologisch auf Töne fixiert, sondern denkt Bild, Schrift und Zahl als
drei Komponenten, deren Kombination und Rekombination Kultur technisch
schreibt und als Technik damit erst mechanisierbar wird.
Das pythagoreische Erbe definiert eine dezidierte Verbindung von Musik und
Mathematik, die aber nicht zeitkritisch begriffen wird - Mathematik an sich ist

45 KADEN, Christian: „... auf daß alle Sinne zugleich sich ergötzten, nicht nur das Gehör, son-
dern auch das Gesicht". Wahrnehmungsweisen mittelalterlicher Musik, in: MÜLLER, Jan-Dirk/
WENZEL, Horst (Hg.), Mittelalter. Neue Wege durch einen alten Kontinent, Stuttgart/Leipzig
1999, S. 333-367, hier S. 358.
46 Ibid., S. 366.
47 Ibid.
FEHLT DIE Z A H L ? M E D I E N , MITTELALTERLICH 25

nicht zeitkritisch. Solange dominiert der Begriff der zeitunkritischen „Harmonie"


als Verblendung der zeitkritischen aisthesis zugunsten der harmonischen Ästhe-
tik:
Darüber belehrt bin ich durch die musikalischen Maßverhältnisse, aus denen ich ersehe, dass
nichts anderes dem Geiste gefällt und Schönheit bewirkt, als nur die vernunftmäßigen Abstän-
de [intervalla] der verschiedenen Töne [vocum], die - miteinander in Beziehung gebracht -
den anmutigen Reiz des musikalischen Erklingen bewirken. [...] Denn nicht die verschiede-
nen Töne [soni], etwa der Orgel-Pfeifen, der Lyra-Saiten [...], die - gewissermaßen durch die
Sinnesempfindung wahrgenommen - offenbar in der Anzahl der Gegenstände gegeben sind,
bewirken den harmonischen Wohlklang [harmonicam suavitatem], sondern die ebenmäßigen
Verhältnisse der Töne [sonorum] und die Maßentsprechungen, die - mit sich in Übereinstim-
mung gebracht - allein der innere Sinn des Geistes erfassen und unterscheiden kann.48

Isidor von Sevillas Etymologia analysiert die Musikalität in drei Komponenten.


Lesen wir seine Worte im Original, da sie auf das hinauslaufen, was dieser Beitrag
zu sagen versucht: Prima est harmonica, quae ex vocum cantibus constat. Secunda
organka, quae exflatu consistit. Tertia rythmica, quae pulsu digitorum numeros
reeipit.^ Gemeint ist alles, was durch Anschlagen ertönt, etwa die Kithara. Die
Informationsübermittlung von akustischen Signalen geschieht über den media-
len Kanal Luft - jenseits von Text, Bild, Schrift. Der sonus aber erschließt sich erst
über die Zahl, über die Periodizität von Frequenzen. Musikalische Notation im
11. Jahrhundert praktizierte eine erste mathematische Analyse von Klangmustern
über die Zeit, also Perioden. Nikolaus von Oresme unternimmt in der Hochscho-
lastik eine Quantifizierung zeitlicher Vorgänge, die über das Silbenmaß antiker
Prosodie (von Augustinus bewusst reflektiert) hinausgeht, doch in der Anschau-
lichkeit noch verfangen bleibt: eher über Geometrisierung denn über Arithmeti-
sierung.50 Anschauliche Operationen bleiben ein Erbe von Antike und Mittelal-
ter bis zur Anschauungskrise der Mathematik um 1900. Erst als sich Mathematik
von symbolischen Mehrwerten löst, wird sie von einer Kulturtechnik zu jener
Medienpraxis, die seitdem die Geschicke unserer Kultur bestimmt.

48 Iohannes Scotus: De divisione naturae, V, 36, col. 965B-966C, hier zitiert nach WAELTNER,
Ernst Ludwig: Organicum melos. Zur Musikanschauung des Iohannes Scotus (Eriugena), Mün-
chen 1977, S. 37.
49 Isidor: Etymologiarum, lib. III, 19, 1, ed. von W. M. LINDSAY, in: Isidori Hispalensis Episcopi
Etymologiarum sive Originem Libri XX, Oxford 191 l,o.S., Z. 12-14.
50 TASCHOW, Ulrich: Nicole Oresme und der Frühling der Moderne. Die Ursprünge unserer moder-
nen quantitativ-metrischen Weltaneignungsstrategien und neuzeitlichen Bewußtseins- und Wis-
senschaftskultur, Bd. 1, Halle 2003, S. 87.
SEBASTIAN STEINBACH

HERIMANNVS - Münzen als Informationsträger


REX
am Beispiel der Goslarer Gepräge Hermanns von Salm

Sie sind selten größer als 20 mm, wiegen in der Regel zwischen 0,9 und 1,5 g und
erschließen sich dem modernen Betrachter insofern am besten unter Zuhilfenah-
me einer Lupe oder eines anderen optischen Vergrößerungsinstruments.
Die Rede ist von den ostfränkisch-deutschen Münzen des 10. und 11. Jahrhun-
derts.' So leicht, wie mancher Besucher einer historischen Ausstellung an der oft-
mals unscheinbaren Vitrine, in der sie liegen, kommt man an ihnen nicht vorbei,
wenn man nach Medienträgern zur mittelalterlichen Informationsübermittlung 2
fragt.
Wohl kaum ein Bild- und Schriftinformationsträger des behandelten Zeit-
raums fand eine so weite Verbreitung wie die Münzen des Frühmittelalters. Wenn
im Folgenden der definitorisch nicht immer leicht zu fassende Begriff .Frühmittel-
alter' Verwendung findet, so möchte dieser Zeitrahmen aus numismatischer Sicht-
weise verstanden werden. In diesem Fall umfasst er alle geldgeschichtlichen Ereig-
nisse zwischen der so genannten .Karolingischen Münzreform'3 um 800 bis zum

1 Zur Einführung in die Numismatik des 10. und 11. Jahrhunderts siehe KLUGE, Bernd: Deutsche
Münzgeschichte von der späten Karolingerzeit bis zum Ende der Salier, ca. 900 bis 1125 (Römisch-
Germanisches Zentralmuseum, Monographien 29), Sigmaringen 1991; KLUGE, Bernd (Hg.):
Fernhandel und Geldwirtschaft. Beiträge zum deutschen Münzwesen in sächsischer und salischer
Zeit, Ergebnisse des Dannenbcrg-Kolloqiums 1990 (Römisch-Germanisches Zentralmuseum,
Monographien 31), Sigmaringen 1993; GRIERSON, Philip/BLACKBURN, Mark A.S.: Medieval
European Coinage (With a Catalogue of the Coins in the Fitzwilliam Museum), Bd. 1: The Early
Middle Ages (5th-10th Century), Cambridge 1986, und SUHLE, Arthur: Deutsche Münz- und
Geldgeschichte von den Anfängen bis zum 15. Jahrhundert, Berlin '1975.
Grundlegend für die Zitierweise ist immer noch DANNENBERG, Hermann: Die deutschen Mün-
zen der sächsischen und fränkischen Kaiserzeit, 4 Bde., Berlin 1876-1905. Im folgenden Text
werden die jeweiligen Zitate dementsprechend als ,Dbg. #' abgekürzt und verweisen somit auf die
entsprechende Beschreibung und Abbildung in Hermann Dannenbergs Publikation.
2 Bibliographisch zu diesem Thema seien an dieser Stelle nur auszugsweise genannt: H E I M A N N ,
Heinz-Dieter (Hg.): Kommunikationspraxis und Korrespondenzwesen im Mittelalter und in der
Renaissance, Paderborn/München/Wien/Zürich 1998; RÖCKELEIN, Hedwig (Hg.): Kommuni-
kation (Das Mittelalter 6.1), Berlin 2001; RÖSENER, Werner (Hg): Kommunikation in der länd-
lichen Gesellschaft (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 156), Göttingen
2000; SPIESS, Karl-Heinz (Hg.): Medien der Kommunikation im Mittelalter (Beiträge zur Kom-
munikationsgeschichte 15), Wiesbaden 2003.
3 Einführend zur .Karolingischen Münzreform' und den karolingischen Geprägen vgl. GRIERSON/
BLACKBURN: Medieval European Coinage (Anm. 1), S. 190-266; KLUGE, Bernd: Nomen im-
peratoris und Christiana Religio. Das Kaisertum Karls des Großen und Ludwigs des Frommen
im Lichte der numismatischen Quellen, in: 799 - Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Ausstel-
lungskatalog, hg. von Christoph STIEGEMANN und Matthias WEMHOFF, Bd. 3: Essays, Mainz
1999, S. 82-90; BERGHAUS, Peter: Wirtschaft, Handel und Verkehr der Karolingerzeit im Licht
numismatischen Materials, in: D Ü W E L , Klaus/jANKUHN, Herbert/SlEMENS, Harald/TlMPE,
28 SEBASTIAN STEINBACH

Beginn der regional gültigen Pfennigwährung seit etwa 1125 - also im Wesentli-
chen die Herrscherdynastien der Karolinger, Ottonen und Salier.'' Auch soll der
Fokus hier aus Zeitgründen nur auf das ostfränkisch-deutsche Reich gelegt wer-
den, mit dem Wissen, dass andere europäische Regionen einen anderen wissen-
schaftlichen Befund zu Tage fördern könnten.
Glaubt man den von Michael Metcalf gemachten Schätzungen des Geldum-
laufs im Reich zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert, die er mit Hilfe von Stem-
peluntersuchungen5 begründete, so wurde in ottonisch-salischer Zeit ein Mini-
mum von 2.330.000.000 Münzen ausgeprägt,6 was bei einer Zugrundelegung von
189 Jahren Prägung- dem von Metcalf untersuchten Zeitraum zwischen 936 und
1125 - einer jährlichen Verfügungsmenge von etwa 12.328.042 Münzen entspre-
chen würde. Selbst wenn man berücksichtigt, dass diese Zahlen nur eine grobe
und äußerst spekulative Schätzung sind, die von unbegrenzter Edelmetallverfüg-
barkeit und optimalen Stempelschlagzahlen (10.000 Schläge pro Stempel) aus-
geht,7 und man gleichzeitig annimmt, dass auch kleinere Münzstätten in der Lage
waren, diese ökonomisch wie technisch zu erreichen, dürfte in einer Zeit ohne

Dieter (Hg.), Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- u n d frühgeschichtlichen Zeit in
Mittel- u n d Nordeuropa, Teil IV: Der H a n d e l der Karolinger- u n d Wikingerzeit. Bericht über
die Kolloquien der Kommission für die A l t e r t u m s k u n d e Mittel- und Nordeuropas in den Jah-
ren 1 9 8 0 - 1 9 8 3 , G ö t t i n g e n 1987, S . 7 0 - 8 5 ; S U C H O D O L S K I , Stanislaw: Die Hauptprobleme der
karolingischen M ü n z p r ä g u n g , in: Litterae Numismaticae Vindobonensis 3 (1987), S. 2 8 9 - 3 0 9 ;
S U H L E : Deutsche M ü n z - u n d Gcldgeschichte ( A n m . 1), S. 2 7 - 4 4 .
4 Nach der in G r u n d z ü g e n noch immer gültigen Arbeit von HÄVF.RN1CK, Walter: Epochen der
deutschen Geldgeschichte im frühen Mittelalter, in: H a m b u r g e r Beiträge zur N u m i s m a t i k 9/10
(1955/56), S . 5 - 1 0 .
5 Z u r M e t h o d i k der Stempelkritik vgl. B E R G H A U S , Peter: Zur A n w e n d u n g der stempelvergleichen-
den M e t h o d e bei M ü n z e n aus wikingerzeitlichen Schatzfunden, in: Nordisk Numismatisk U n i o n s
Medlemsblad 1967, S. 1 7 3 - 1 7 8 , u n d K L U G E , Bernd: Stempelvergleichende Untersuchungen deut-
scher Münzserien des 10. und 11. J a h r h u n d e r t s . Fragen, Ergebnisse und Perspektiven einer M e t h o -
de, in: FMSt 2 3 (1989), S. 3 4 4 - 3 6 1 . Zu den Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns auch übersicht-
lich B E R G H A U S , Peter: Die frühmittelalterliche N u m i s m a t i k als Quelle der Wirtschaftsgeschichte,
in: J A N K U H N , Herbert/WENSKUS, Reinhard (Hg.), Geschichtswissenschaft u n d Archäologie
(Vorträge und Forschungen 22), Sigmaringen 1979, S. 4 1 3 - 4 1 5 .
6 Erstmals in M E T C A L F , Michael: Some Speculations on the Volume of the G e r m a n Coinage in the
lOth and l l t h Centuries, in: L A G O M , FS Peter Berghaus zum 6 0 . Geburtstag, hg. von Thomas
F I S C H E R und Peter I L I S C H , Münster 1981, S. 1 8 5 - 1 9 3 ; später präzisiert von M E T C A L F , Michael:
Some Further Reflections on the Volume of the G e r m a n Coinage in the Sahen Period ( 1 0 2 4 -
1125), in: K L U G E (Hg.), Fernhandel und Geldwirtschaft ( A n m . l ) , S. 5 5 - 7 2 , u n d B L A C K B U R N ,
M a r k : Coin Circulation in G e r m a n y during the Early Middle Ages. The Evidence of Single Finds,
in: ibid., S. 3 7 - 5 4 . Michael Metcalf war in seinen 1981 gemachten Untersuchungen von M ü n s t e -
raner Pfennigen ausgegangen, die zuvor von Gert H a t z ausführlich untersucht worden waren. Er
stellte ca. 1.000 Vorderseiten- u n d 2.750 Rückseitenstempel fest, legte eine optimale Schlagzahl
von 10.000 Exemplaren pro Stempel zugrunde und rechnete das Ergebnis mit Hilfe des Anteils
der Denare aus Münster am Gesamtmaterial der schwedischen Hortfunde (1,18%) hoch. Als
Grundlage der Stempeluntersuchung diente H A T Z , Gert: Tieler Denare des 11.Jahrhunderts in
den schwedischen M ü n z f u n d e n ( C o m m e n t a t i o n e s de n u m m i s saeculorum I X - X I qui in Suecia
repertis sunt 2), Stockholm 1968, S. 9 7 - 1 9 0 .
7 L Y O N , C . S . S . : The Estimation of the N u m b e r of Dies Employed in a Coinage, in: N u m i s m a t i c
Circular 73 (1965), S. 1 8 0 - 1 8 1 .
HERIMANNVS REX - M Ü N Z E N ALS INFORMATIONSTRÄGER 29

Buchdruck oder gar elektronische Kommunikationsmittel kein ikonographisches


und gleichzeitig schriftliches Vermittlungsmedium eine derart starke Verbreitung
erfahren haben.
Man ist oftmals geneigt, derartige in die Millionen gehende Schätzungen für die
Frühzeit des Mittelalters in Frage zu stellen. Dennoch sollte man sich vor Augen
halten, dass große Schatzfunde wie z.B. der von Stora Sojdeby (i) auf Gotland
mehr als 2000 Einzelobjekte enthalten können.8 Diese Tatsache und die wenigen
Erwähnungen von Münze und Geld in den schriftlichen Quellen jener Zeit las-
sen erahnen, um wie viel größer die Menge des umlaufenden Silbers gewesen sein
muss, bzw. welch einen Bruchteil der Gesamtmenge die Gepräge ausmachen, die
uns erhalten geblieben sind.9 So ging Bernd Kluge in einem Aufsatz sogar von 5 0 -
100 Millionen gleichzeitig im Reich umlaufenden Münzen aus, selbst wenn man
sich nicht erklären könne, wofür diese riesigen Mengen Geldes benötigt worden
seien.10
Zwangsläufig stellt sich die Frage, ob die jeweiligen weltlichen und geistlichen
Münzherren das kommunikative Potenzial der Gepräge erkannt und entspre-
chend regulativ eingreifend genutzt haben? Dass eine umfassende Betrachtung
der im 10. und 11. Jahrhundert ausgebrachten Münzen im Hinblick auf diese
Fragestellung im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes nicht erfolgen kann, liegt
auf der Hand. So möchte ich mich auch bei meinen Ausführungen auf ein einzig-
artiges Beispiel der Nutzung des Mediums Münze zur .politischen' Informations-
übermittlung beschränken, mit dem Wissen, dass dieses Phänomen in seiner
Interpretierbarkeit für den Untersuchungszeitraum nahezu singulär ist und der
Analyse und Ausdeutung übermittelter .Münzbotschaften' bedingt durch Mach-
art und z.T. schlechte Überlieferungslagen der Gepräge enge Grenzen gesetzt
sind. Bevor ich mich jedoch diesem speziellen Informationsträger zuwende, soll
zunächst noch kurz auf die Frage nach dem Empfänger der geprägten Informati-
on und mithin deren möglichen Verbreitungsraum eingegangen werden.
Um den Rezipientenkreis einer möglichen, wie auch immer gearteten,,Münz-
botschaft' zu ermitteln, lohnt ein kurzer Blick auf die geographische Verteilung

8 Der Fund von Stora Sojdeby (I) enthielt 2.310 Münzen (3051,56 g geprägtes Silber), siehe M AL-
MER, Brita: Corpus nummorum saeculorum IX-XI qui in Suecia reperti sunt, 1. Gotland: 4. Fard-
hem - Fröjel, Stockholm 1982, S. 101-173.
9 So hat Wolfgang Heß den Gesamtbeitrag der bei Thietmar von Merseburg (Thietmari Merse-
burgensis episcopi Chronicon, lib. VI, c. 18, ed. von Robert HOLTZM ANN (MGH Scriptores rerum
Germanicarum, Nova Series9), Berlin 1935, S. 294-297) im Zusammenhang der .Dortmunder
Verbrüderungssynode' erwähnten aufzubringenden Leistungen auf 25.500 Pfennige beziffert, was
schon 25% aller jemals gefundenen deutschen Münzen des 10. und 11. Jahrhunderts ausmachen
würde. Nach den Zahlenangaben von KLUGE: Münzgeschichte (Anm. 1), S. 9, berechnet: (25.500
x 100) H- 10.1400 = 25,174928 %. Vgl. HESS, Wolfgang: Bemerkungen zum innerdeutschen Geld-
umlauf im 10., 11. und 12. Jahrhundert, in: Sigtuna Papers - Proceedings of the Sigtuna Sympo-
sium on Viking-Age Coinage l-4June 1989 (Commentationes de nummis saeculorum IX-XI in
suecia repertis, Nova Series 6), Stockholm 1990, S. 114.
10 KLUGE, Bernd: Münze und Geld um 1000, in: Europas Mitte um 1000. Beiträge zur Geschichte,
Kunst und Archäologie (27. Europaratsausstellung), hg. von Alfried WIECZOREK, Bd. 1: Essays,
Stuttgart 2000, S. 188-194.
30 SEBASTIAN STEINBACH

der Münzstätten und der Münzfunde. Die Zentren der Geldproduktion lagen,
wie sich anhand der von Bernd Kluge 1991 erstellten Karte" unschwer erkennen
lässt, entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse, in der sächsischen Harzregion
und regional punktuell verteilt im stark herzoglich - seit Heinrich II. (1002-
1024) auch königlich - numismatisch zentralisierten bayerischen Herzogtum.12
Mit anderen Worten in den .wirtschaftlichen Zentralräumen' des Reiches entlang
der wichtigsten Verkehrswege.
Ein Blick auf die Fundorte der Gepräge offenbart dagegen ein völlig anderes
Bild: Demnach ist der überwiegende Teil anscheinend in den europäischen Nor-
den und Osten abgeflossen.13 Allein aus Skandinavien besitzen wir 38% und aus
dem slawischen Osteuropa sogar 50% aller jemals gefundenen deutschen Mün-
zen des untersuchten Zeitraums. Dagegen fällt die Anzahl der auf heimischem
Boden gefundenen Silberprägungen mit nur 12% verschwindend gering aus.14
Doch auch Münzen anderer europäischer Währungssysteme finden sich praktisch
nicht auf deutschem Boden, was für die besondere Akzeptanz der Währung des
ostfränkisch-deutschen Reiches auch im Inland spricht. Eine genaue Erklärung
dieses Phänomens würde an dieser Stelle zu weit führen, zumal wissenschaftsge-
schichtliche Entwicklungen in der mediävistischen Numismatik berücksichtigt
werden müssten. Deshalb sei hier nur auf die Überblicksdarstellungen zu diesem
Thema verwiesen.15 In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Zahl der im Inland
gefundenen deutschen Münzen aufgrund verbesserter archäologischer Grabungs-
methoden und eines verstärkten Sondengängertums angestiegen, jedoch ohne die-
ses Bild eines massenhaften Abflusses in den Norden und Osten des Kontinents
wesentlich beeinträchtigen zu können.

11 KLUGE: Deutsche Münzgeschichte (Anm. 1), S. 22.


12 Zur Sonderrolle des bayerischen Münzwesen vgl. H A H N , Wolfgang: Moneta Radasponensis. Bay-
erns Münzprägung im 9., 10. und II. Jahrhundert, Braunschweig 1976, und kurz KLUGE, Bernd:
Ein Zeichen herrscherlicher Autorität: Heinrich II. ließ sein Bildnis auf Münzen prägen, in: KIR-
MEIER, Josef/ScHNEiDMÜLLER, Bernd/WEINFURTER, Stefan/BROCKHOFF, Evamaria (Hg.),
Kaiser Heinrich IL 1002-1024, Stuttgart 2002, S. 163-165.
13 Zu diesem Phänomen v.a. H A T Z , Gert: Handel und Verkehr zwischen dem Deutschen Reich und
Schweden in der späten Wikingerzeit: Die deutschen Münzen des 10. und 11.Jahrhunderts in
Schweden, Stockholm 1974; JONSSON, Kenneth: Coin Circulation and the Pattern of Harding
in the Viking Age and Middle Ages, in: KLUGE, Bernd/WEISSER, Bernhard (Hg.), XII. Interna-
tionaler numismatischer Kongress Berlin 1997, Bd. 2: Akten, Berlin 2000, S. 911-916; JONSSON,
Kenneth: Hoards and Single-Finds from the Middle and Northern Baltic Sea Region c. 1050-
1150, in: Studia Baltica Stockholmiensia 9 (1992), S.79-89; JONSSON, Kenneth: The Routes for
Importation of German and English Coins to the Northern Lands in Viking Age, in: KLUGE
(Hg.), Fernhandel und Geldwirtschaft (Anm. 1), S. 205-232; JONSSON, Kenneth: The Import of
German and English Coins to Denmark and Sweden c. 920-990, in: Sigtuna Papers - Proceedings
of the Sigtuna Symposium on Viking-Age Coinage 1-4 June 1989 (Commentationes de nummis
saeculorum IX-XI in suecia repertis, Nova Series 6), Stockholm 1990, S. 139-143, und KLUGE,
Bernd: Bemerkungen zur Sttuktur der Funde europäischer Münzen des 10. und 11. Jahrhunderts
im Ostseegebiet, in: Zeitschrift für Archäologie 12 (1978), S. 181-190.
14 Die Zahlenangaben wurden berechnet nach KLUGE: Deutsche Münzgeschichte (Anm.l),S.9.
15 Siehe Anm. 13.
HERIMANNVS REX - M Ü N Z E N ALS INFORMATIONSTRÄGER 31

Wenn sich größere Schatzfundkomplexe im so genannten .Inland' 16 ausmachen


lassen, dann sind diese von ihrer Zusammensetzung her stark regional und tem-
porär auf wenige Münzstättenserien konzentriert, wie u. a. die von Wolfgang Heß
bereits 1993 angefertigte Karte verdeutlicht.17 Dass die Verbreitung von Münz-
geld aber vor allem im stärker monetarisierten Westen des Reiches größer gewesen
sein muss, als die vergleichsweise spärlichen Funde vermuten lassen, dafür spre-
chen in letzter Zeit gemachte Untersuchungen schriftlicher Quellen, darunter vor
allem klösterlicher Urbare und Traditionen.18
Zusammenfassend haben wir es also mit zwei hauptsächlichen Rezipienten-
kreisen zu tun: erstens einem inländischen, regional um die Produktionsstät-
te konzentrierten Abnehmerzirkel und zweitens einem durch den Fernhandel
bedingten nord- und osteuropäischen Abflussgebiet.
Damit lässt sich, wenn man die Transferentfernung zwischen Prägeort und
Fundvergrabung berücksichtigt, in einem sehr eindrucksvollen Beispiel, dem
Fund vom Rautasjaure in Lappland,19 ein Wirkungsradius von mehr als 3.600 km
Luftlinie belegen. Dieser Schatzfund enthielt nämlich als südlichste Gepräge zwei
Münzen aus Regensburg. Natürlich entspricht dieses außergewöhnliche Exem-
pel nicht dem .durchschnittlichen Umlaufradius'20 einer deutschen Münze der

16 Die Verwendung dieses Begriffs ist natürlich problematisch, da sich für das 10. und 11. Jahrhun-
dert keine festen Grenzen sondern allenfalls Einflusssphären herrschaftlicher Präsenz erkennen
lassen. Hätte man nur die Münzschatzfunde, so könnte man glauben, große Teile Skandinavi-
ens hätten v.a. seit der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts zum Reich der Ottonen/Liudolfinger
gehört. Dieses Problem wurde auch in der numismatischen Forschungsliteratur erkannt und the-
matisiert. Vgl. KILGER, Christoph: Pfennigmärkte und Währungslandschaften. Monetarisierun-
gen im sächsisch-slawischen Grcnzland ca. 965-1120 (Commentationes de nummis saeculorum
IX-XI qui in Suecia repertis sunt, NovaSeries 15), Stockholm 2000, S. 35-39.
17 HESS, Wolfgang: Pfennigwährungen und Geldumlauf im Reichsgebiet zur Zeit der Ottonen und
Salier, in: KLUGE (Hg.), Fernhandel und Geldwirtschaft (Anm. 1), S. 17-36. Weiterhin HESS,
Wolfgang: Bemerkungen zum innerdeutschen Geldumlauf im 10., 11. und 12. Jahrhundert, in:
Sigtuna Papers - Proceedings of the Sigtuna Symposium on Viking-Age Coinage 1-4 June 1989
(Commentationes de nummis saeculorum IX-XI in suecia repertis, Nova Seriesö), Stockholm
1990, S. 113-119, und HESS, Wolfgang: Münzstätten, Geldverkehr und Märkte am Rhein in
ottonischer und salischer Zeit, in: DIESTELKAMP, Bernhard (Hg.), Beiträge zum hochmittelalter-
lichen Städtewesen, Köln 1982, S. 111-133.
18 Vgl. dazu die Arbeiten von PETRY, Klaus: Monetäre Entwicklung, Handelsintensität und wirt-
schaftliche Beziehungen des oberlothringischen Raumes vom Anfang des 6. bis zur Mitte des
12. Jahrhunderts (Trierer Petermännchen. Wissenschaftliche Reihe 2), Trier 1992, sowie weiter-
führende Angaben bei KILGER, Christoph: Pfennigmärkte und Währungslandschaften. Mone-
tarisierungen im sächsisch-slawischen Grenzland ca. 965-1120 (Commentationes de nummis
saeculorum IX-XI qui in Suecia repertis sunt, Nova Series 15), Stockholm 2000, und ILISCH,
Peter: Münzfunde und Geldumlauf in Westfalen in Mittelalter und Neuzeit (Veröffentlichungen
des Provinzialinstituts für westfälische Landes- und Volksforschung 1/23) Münster 1980.
19 H A T Z : Handel und Verkehr (Anm. 13),Fundnr. 362, Fundort Rautasjaure, Kirchspiel Jukkasjärvi,
vergraben um 1106, Karte la.
20 Dieser könnte erst durch eine verbesserte Fundpublikation errechnet werden und wird z. B. durch
die außergewöhnliche Häufung deutscher Gepräge auf Gotland beeinflusst. In Gert Hatz' Unter-
suchung schwedischer Schatzfunde stehen 244 gotländische Schatzfunde .nur' 175 festlandschwe-
dischen Horten gegenüber. Vgl. H A T Z : Handel und Verkehr (Anm. 13). S. 59-63.
32 SEBASTIAN STEINBACH

ottonisch-salischen Zeit, illustriert jedoch in herausragender Weise die geographi-


schen Möglichkeiten der Informationsvermittlung.
Voraussetzung und gleichzeitig stark relativierendes Element ist dabei natürlich
die Annahme, dass es dem jeweiligen Empfänger möglich war, die in der Münzprä-
gung enthaltene Botschaft zu deuten - also sowohl die lateinische Inschrift lesen
wie auch die im Münzbild verborgene Symbolik verstehen zu können. Das zumin-
dest Ersteres bei einem Großteil der Abnehmer des gemünzten Silbers nicht der
Fall war, dafür spricht die Masse der anonymen - ohne den Namen eines Münz-
herren oder einer Münzstätte versehenen - und immobilisierten - über den Tod
des jeweiligen Münzherren hinaus unter dessen Namen angefertigten - Gepräge,
sowie die oftmals sinnlosen oder stark verstümmelten Legenden. Letztlich ent-
schied demnach das Bild einer Münze über deren Akzeptanz im Warentransfer,
und so erklären sich auch die zahllosen Nachahmungen gängiger Münzsorten,
wie z. B. der S-COLONIA-A Gepräge aus Köln nicht nur im westfälischen Raum,21
und die Anordnung Ottos III. (983-1002) an das Kloster Selz aus dem Jahre 993
imagine et superscriptione utriusque monete Argentinensis et Spirensis praefigurate
zu prägen,22 also schlichtweg Straßburger oder Speyrer Münzen zu imitieren,
um den Absatz der Gepräge zu garantieren. Natürlich ist die Münze in erster
Linie Zahlungsmittel gewesen und als solches bürgten bestimmte, offensichtlich
zumeist bewusst einfach gehaltene Münzbilder für eine gewisse Qualität, d.h. in
diesem Fall einen hohen Edelmetallgehalt.
Darüber hinaus gibt es jedoch auch Gepräge, die sich von den im allgemei-
nen gebräuchlichen Symbolen23 unterscheiden und an deren Stelle individuel-
lere Gestaltungselemente setzen, deren genaue Bedeutung sich aber oftmals nur
schwer entschlüsseln lässt.
Der Numismatiker Alain Baron versuchte in seiner 1987 in Wien angefertigten
Dissertation zum Straßburger Münzwesen zwischen 751 und 1123 eine bewusste

21 Zum Kölner Münzwesen und dem Problem der Nachahmung Kölner Gepräge seien nur auszugs-
weise genannt HÄVERNICK, Walter: Die Münzen von Köln. Die königlichen und erzbischöfli-
chen Prägungen der Münzstätte Köln, sowie die Prägungen der Münzstätten des Erzstifts Köln.
Vorn Beginn der Prägung bis 1304, Köln 1935; ALBRECHT, Günther: Das Münzwesen im nieder-
lothringischen und friesischen Raum vom 10. bis zum beginnenden 12. Jahrhundert (Museum
für Hamburgische Geschichte), Hamburg 1959; ILISCH, Peter: Anmerkungen zu einigen außer-
deutschen Nachahmungen der ottonisch-kölnischen Münzprägung, in: Bremer Beiträge zur
Münz- und Geldgeschichte 3 (2001), S. 35-46; ILISCH, Peter: Anmerkungen zu Nachahmungen
des kölnisch-ottonischen Münztyps, in: Hamburger Beiträge zur Numismatik 36/38 (1982/84),
S. 135-139 und Tafel 5.
22 MGH D. H. III. Nr. 130, ed. von Theodor SICKEL (MGH Diplomatum regum et imperatorum ger-
maniae 2/2: Ottonis III. Diplomata), Berlin -1957, S. 541-542
23 Zur gebräuchlichen Münzsymbolik siehe BERGHAUS, Peter: Die Darstellung der deutschen Kai-
ser und Könige im Münzbild, in: SCHRAMM, Percy Ernst, Die deutschen Kaiser und Könige in
den Bildern ihrer Zeit, hg. von Florentine M Ü T H E R I C H , München 1983, S. 133-144, und Kl UGF:
Münzgeschichte (Anm. 1), S. 79-87.
HERIMANNVS REX - M Ü N Z E N ALS INFORMATIONSTRÄGER 33

Anbindung bestimmter Prägeserien an historische Ereignisse.24 Als Beispiele seien


hier nur zwei Typen aus der Regierungszeit Heinrichs II. (1002-1024) genannt:
Zum einen brachte Baron eine Prägung mit der Darstellung des Königs in
Gestalt eines antiken Herrschers mit Strahlenkrone auf der Vorderseite mit einem
Hoftag Heinrichs II. im Juni 1004 in Verbindung, da er dem Münzbild eine
ereignisbezogene Absicht unterstellte:25 „Den Beginn einer regen Münzprägung
in Straßburg unter Heinrich II. könnte man mit dem Jahr 1004 annehmen, als
der König im Juni einen Hoftag in der Stadt hielt und auch das Fest Johannes
des Täufers feierte, somit würde ich folgende Datierung vorschlagen: Juni 1004-
1009."26
Es handelte sich bei diesem Denar um eine eindeutige Reminiszenz an den
Antoninian als Münznominal der spätantik-römischen Kaiser seit Caracalla, der
dieses Münznominal 214 oder 215 n.Chr. einführte.27 Anscheinend muss dem
Stempelschneider ein solches Objekt bei seiner Arbeit vorgelegen haben, denn die
Ähnlichkeit mit den antiken Vorbildern ist durchaus verblüffend.
Zum anderen bezog Baron die Darstellung eines Kirchengebäudes auf der
Rückseite eines weiteren Straßburger Denars - genauer gesagt in den Winkeln
einer ins Kreuz gestellten ARGEN-TINA Legende - auf den Beginn der Bauarbei-
ten am Straßburger Münster im Jahre 1015 durch Bischof Werner I. (1001-1028),
verzichtete aber in diesem Fall auf eine entsprechende Datierung.28

24 BARON, Alain: Die Münzprägung der Bischöfe, Kaiser und Könige in Straßburg (751-1123), Diss.
masch. Wien 1987.
25 BARON: Münzprägung in Straßburg (Anm. 24), S. 234-236, Typ Nr. 24, Dbg. 916, und KLUGE:
Deutsche Münzgeschichte (Anm. 1), Nr. 79.
26 BARON: Münzprägung in Straßburg (Anm. 24), S.234.
27 Zum römischen Nominal des .Antoninian' vgl. einführend HOWGEGO, Christopher: Geld in der
antiken Welt. Was Münzen über Geschichte verraten, Darmstadt 2000, S. 133-135 und die Tafeln
140-143,145-146 und 148.
28 Vgl. BARON: Münzprägung in Straßburg (Anm. 24), S. 247-251, Typ Nr. 28, Dbg. 920, und
KLUGE: Münzgeschichte (Anm. 1), Nr. 82. Der Typ 28 gehört zu den am häufigsten vorkom-
menden Münzen in den schwedischen Schatzfunden. Allein das Münzkabinett in Stockholm
besitzt über 200 Exemplare dieses Typs. A. Baron konnte bei 96 von ihm untersuchten Münzen
87 Vorder- und 94 Rückseitenstempel ausmachen, was nach seinen Berechnungen unter Zuhilfe-
nahme der von M. Metcalf und C.S.S. Lyon (siehe Anm. 5 und 6) entwickelten Formel einen Prä-
geausschuss von insgesamt 45.120.000 Stück bedeuten würde. Diese Zahl erscheint ziemlich hoch,
denn sie würde einen jährlichen Ausstoß (1014-1024) von 4.512.000 Stück bedeuten. Bei einer
Verwendung der Baron'schcn Daten und der Lyon'schen Formel ergeben sich meiner Einschätzung
nach jedoch andere Zahlen:
D = (n x d) -r (n - dj) D = ursprüngliche Stempclzahl
n = Zahl untersuchter Münzen
d = Zahl dabei gefundener Stempel
d, = Zahl nur in einem Exemplar vorkommender Stempel
Vorderseitenstempel: D = (96 x 87) + (96-79) = 8352 + 17 = 491,29411
Rückseitenstempel: D = (96 x 94) + (96-92) = 9118 H- 5 = 1823,6
Nimmt man nun wie M. Metcalf an, dass sich mit jedem Stempel mindestens 10.000 Münzen
schlagen ließen, so ergeben sich Emissionen von:
Vorderseite: 491,29411 x 10.000 = 4.912.941,1
Rückseite: 1823,6 x 10.000 = 18.236.000
34 SEBASTIAN STEINBACH

Dass solche Zuweisungen mit Blick auf die oftmals dürftige Quellenlage zu
Ereignissen der Zeit nur mit äußerster Vorsicht zu betrachten sind, dürfte hin-
länglich klar sein. Trotzdem zeigen sie die Möglichkeiten der Verbreitung von
Informationen mittels Münzprägung auf.
Es gibt jedoch einen Münztyp aus salischer Zeit, dessen Funktion als infor-
mationsübermittelndes Medium klar ersichtlich und eindeutig interpretierbar ist
und dem ich mich nun zuwenden möchte:
Sedgens dura nee damno monita est nee signo; quin potius ut obsitnatione vinceret, quod manu
nonpoterat, Herimannum novum sibi regem conslituit [—]."

Mit dieser vergleichsweise kurzen Bemerkung kommentiert die Vita Heinrici IV.
imperatoris die Wahl des Gegenkönigs Hermann von Salm30 (1081-1088) am
6. August des Jahres 1081 in Ochsenfurt durch sächsische und schwäbische Adli-
ge. Nach der Wahl und Krönung Rudolfs von Rheinfelden (1077-1080), des Her-
zogs von Schwaben, war dies bereits der zweite Gegenkönig in der Regierungs-
zeit des salischen Herrschers Heinrich IV. (1065-1106). Seine Krönung fand vier
Monate später in Goslar, am 26. Dezember, durch Erzbischof Siegfried I. von
Mainz (1059-1084) statt.
Trotz einiger militärischer Erfolge gegen den Salier bei Höchstädt am 11. August
1081 und Pleichfeld in der Nähe von Würzburg ebenfalls am 11. August, diesmal
des Jahres 1086, konnte sich Hermann von Salm auf Dauer nicht gegen Hein-
rich IV. durchsetzen. Über die Regierungspraxis des zweiten salischen Gegenkö-
nigs lassen sich nur spärliche Angaben machen." Lediglich zwei Urkunden sind
von ihm überliefert, die beide in Goslar ausgestellt wurden:

Dies würde einer jährliche Emission von 1.823.600 Münzen entsprechen. Eine derartige Emission
erscheint zwar immer noch recht hoch, liegt jedoch bei weniger als 50% der von A. Baron veran-
schlagten Menge.
29 „Allein das halsstarrige Volk ließ sich weder durch Schaden noch durch Zeichen belehren, und um
durch Hartnäckigkeit zu erreichen, was es im Kampf nicht vermocht hatte, setzte es Hermann als
neuen König über sich.", Vita Heinrici IV. Imperatoris, Vita 4, ed. von Rudolf BUCHNER, in: Quel-
len zur Geschichte Kaiset Heinrichs IV. (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mit-
telalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Bd.XIl), Darmstadt 1963, S.424.
30 Biographisch zu Hermann von Salm bislang nur MÜLLER, Hugo: Hermann von Luxemburg.
Gegenkönig Heinrichs IV, Diss. Halle 1888, und HEINECKE, Wilhelm: Die Regierungszeit Her-
manns von Luxemburg (1081-1088) nach Quellen dargestellt, Diss. Jena 1867, sowie STRUVE,
Tillmann: Hermann von Salm, in: LexMA4 (1999), Sp. 2159-2160. Zur Familie der Luxembur-
ger vgl. TWELLENKAMP, Markus: Das Haus der Luxemburger, in: WEINFURTER, Stefan (Hg.),
Die Salier und das Reich, Bd. 1: Salier. Adel und Reichsverfassung, Sigmaringen 1991, S. 475-501,
und HLAWITSCHKA, Eduard: Die „Verwandtenehe" des Gegenkönigs Hermann von Salm und sei-
ner Frau Sophie. Ein Beitrag zu den Familienbeziehungen der rheinischen Ezzonen/Hezeliniden
und des Grafenhauses von Formbach/Vornbach, in: Bayern - Vom Stamm zum Staat, FS Andreas
Kraus zum 80. Geburtstag, hg. von Konrad ACKERMANN, Alois SCHMID und Wilhelm VOLKERT
(Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 140), Bd. 1, München 2002, S. 19-51.
31 Zu seinem Herrschaftsgebiet in Ostsachsen und dem Verhältnis zu den dortigen Adeligen siehe
GIESE, Wolfgang: Reichsstrukturprobleme unter den Saliern - der Adel in Ostsachsen, in: WEIN-
FURTER, Stefan (Hg), Die Salier und das Reich, Bd. 1: Salier, Adel und Reichsverfassung, Sigma-
ringen 1991, S. 273-308; GIESE, Wolfgang: Der Stamm der Sachsen und das Reich in ottonischcr
HERIMANNVS REX - M Ü N Z E N ALS INFORMATIONSTRÄGER 35

Die eine, auf den 3. August 1082 datiert, bestätigt den Klöstern Corvey und
Herford ihre Rechte und Besitzungen in den Bistümern Paderborn, Bremen
und Osnabrück sowie den kaiserlichen und päpstlichen Schutz.32 Die andere, am
13. April 1083 ausgefertigt, schenkt der bischöflichen Kirche zu Halberstadt die
Güter des kinderlos verstorbenen Grafen Dietrich.33
Außer den schriftlichen - diplomatischen und historiographischen - Quellen
sind uns jedoch andere Möglichkeiten zur Erschließung der Herrschaftspraxis
Hermanns von Salm an die Hand gegeben. Es handelt sich um einige, gar nicht
selten auftretende Münzprägungen, deren Prägung zurück nach Goslar führt.
Aufgrund der erwähnten Urkunden ist zu vermuten, dass Hermann sich nach der
siegreichen Schlacht bei Höchstädt wohl im Frühjahr 1082 na:h Goslar begeben
hatte, um dort einen königlichen ,Hof zu etablieren und sich die nächsten Jahre
dort festzusetzen.
Der Verlust Goslars an die salische Opposition wog für Heinrich IV umso
schwerer, als es sich bei dieser Stadt zugleich um eine der bedeutendsten Münz-
stätten und damit ein .wirtschaftliches Zentrum' des Reiches handelte.3'* Hein-
rich III. (1039-1056) hatte am 28. Oktober 1047, seinem 30. Geburtstag und
zugleich dem Tag der Heiligen Apostel Simon und Judas, ein eben jenen Heili-
gen geweihtes Stift gegründet. Dazu kamen zahlreiche Privilegierungen und der
Bau einer königlichen Pfalz,35 die sich bald zum Lieblingsaufenthaltsort des Kai-
sers entwickelte. Ein Münzprivileg ist für Goslar nicht nachzuweisen, doch kön-
nen wir mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass dort bereits vor Heinrich III.

und salischer Zeit, Wiesbaden 1979, und FENSKE, Lutz: Adelsopposition und kirchliche Reform-
bewegung im östlichen Sachsen (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 47),
Göttingen 1977.
32 MGH D.H. Nr. 1, ed. von Dietrich GLADISS (MGH Diplomatum regum et imperatorum ger-
maniae 4/2: Heinrici IV Diplomata), Hannover 1952, S. 677-678.
33 MGH D.H. (Anm. 32) Nr. 2, S.679-680. Für beide Urkunden zeichnet ein Brun cancellarius
verantwortlich, der oftmals für den Verfasser des Liedes vom Sachsenkrieg gehalten worden
ist. Carmen de bello Saxonico, ed. von Rudolf BUCHNER, in: Quellen zur Geschichte Kaiser
Heinrichs IV. (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom
Stein-Gedächtnisausgabe, Bd. XII), Darmstadt 1963, S. 143-189.
34 Zur Münzstätte Goslar vgl. CAPPE, Heinrich Philipp: Beschreibung der Münzen von Goslar, Dres-
den 1860; H A T Z , Vera: Die Anfänge der Münzprägung im Herzogtum Sachsen (10. und 11. Jahr-
hundert), Hamburg 1952, S.74-75; KLUGE: Deutsche Münzgeschichte (Anm. 1), S. 51, und die
Aufarbeitung der in Goslar befindlichen Gepräge durch BOGON, Winfried: Zur Münzgeschichte
Goslars. Die Goslarer Brakteaten 1150-1290, Schriftliche Hausarbeit zur Erlangung des akademi-
schen Grades eines Magister Artium (M.A.) an der Humboldt-Universität zu Berlin 1998, S. 2 0 -
22.
35 Zur Königspfalz Goslar vgl. u.a. DAHLHAUS, Joachim: Zu den Anfängen von Pfalz und Stiften
in Goslar, in: WEINFURTER, Stefan (Hg.), Die Salier und das Reich, Bd. 2: Die Reichskirche in
der Salierzeit, Sigmaringen 1991, S. 373-428. HOELSCHER, UVO: Die Kaiserpfalz Goslar (Die
deutschen Kaiserpfalzen 1), Berlin 1927; MECKSEPER, Cord: Zur salischen Gestalt des Palas der
Königspfalz Goslar, in: BÖHME, Horst Wolfgang (Hg.), Burgen der Salierzeit 1 (Römisch-Germa-
nisches Zentralmuseuni, Monographien 25), Sigmaringen 1991, S. 85ff.
36 SEBASTIAN STEINBACH

gemünzt worden ist. Dafür spricht nicht zuletzt die Nähe Goslars zum Harz und
den reichen Silbervorkommen des Rammeisberges.36
Eine besondere Rolle kommt in diesem Zusammenhang wohl den in der For-
schung als .Otto-Adelheid-Pfennige' bezeichneten anonymen Geprägen zu. Bei
ihnen handelt es sich nicht nur um die mit Abstand am weitesten verbreitete
Münzsorte des 10. und 11. Jahrhunderts, 37 sie sind auch Dreh- und Angelpunkt
eines nun schon seit mehr als hundert Jahren andauernden numismatisch-mediä-
vistischen Forschungsstreits, der sich im Wesentlichen um die Fragen dreht, wo
und in welchem Zeitraum sie geschlagen worden sind und wer als Münzherr ver-
antwortlich für die Prägung war. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen,
auf die einzelnen Theorien einzugehen, doch sind bereits gute Überblicksdarstel-
lungen zur Forschungsgeschichte erschienen, auf die an dieser Stelle lediglich hin-
gewiesen werden kann.38 Fest steht jedenfalls - aufgrund entsprechender metall-
urgischer Untersuchungen - dass die .Otto-Adelheid-Pfennige' zum größten Teil
aus dem Silber des Harzer Rammeisberges hergestellt worden sind.39
Eine deutliche Zäsur bildete das Jahr 1047 in der Goslarer Münzprägung. Von
nun an erscheint ein neuer Typ, der sehr schnell große Verbreitung fand und mit

36 Eine erste chronikalische Erwähnung über die Öffnung von Silberadern (venas argenti) im
Harz bei Goslar durch Otto I. (936-973) findet sich bei Widukind von Corvey, vgl. Widukindi
monachi Corbeiensis Rerum gestarum Saxonicarum libri III, lib. III, c. 63, ed. von Paul H I R S C H /
Hans-Eberhard LOHMANN (MGH Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim
editi 60), Hannover 1935(ND 1989),S. 137-139. Thietmar von Merseburgwiederholtdie.se Nach-
richt in seiner Chronik (Thictmari Mcrscburgcnsis episcopi Chronicon (Anm. 9), lib. II, c. 16,
S. 56-59). Zum Harzer Silberbergbau des 10. und 11.Jahrhunderts siehe HILLEBRAND, Werner:
Von den Anfängen des Erzbergbaus am Rammeisberg bei Goslar, in: Niedersächsisches Jahrbuch
für Landesgeschichte 39 (1967), S. 103-114, und JÖRN, Erhard/JöRN, Rudolf: Der Beginn des
Westharzer Bergbaus auf Silber und die Schaffung der Otto-Adelheid-Pfennige (Wiedaer Hefte 5),
Wieda 1997. Weiterhin H A T Z , Gert/HATZ, Vera/ZwiCKER, Ulrich/GALE, Noel/GALE, Zofia:
Otto-Adelheid-Pfennige. Untersuchungen zu den Münzen des 10./ll. Jahrhunderts (Commenta-
tiones de nummis saeculorum IX-XI qui in Suecia repertis sunt, Nova Series 7), Stockholm 1991,
S. 9-16.
37 Siehe KLUGE: Deutsche Münzgeschichte (Anm.l), S. 16 die Tabelle nach H A T Z , Gert: Handel
und Verkehr zwischen dem Deutschen Reich und Schweden in der späten Wikingerzeit: Die deut-
schen Münzen des 10. und 11. Jahrhunderts in Schweden, Stockholm 1974.
38 Siehe H A T Z / Z W I C K E R / G A L E : Otto-Adelheid-Pfennige (Anm. 36); H A T Z , Vera: Zu den in
Schweden gefundenen Otto-Adelheid-Pfennigen, in: KLUGE (Hg.), Fernhandel und Geldwirt-
schaft (Anm. 1), S. 243-250; H A T Z , Vera: Zur Frage der Otto-Adelheid-Pfennige. Versuch einer
Systematisierung auf Grund des schwedischen Materials (Commentationes de nummis saeculorum
IX-XI qui in Suecia repertis sunt 1), Stockholm 1961, S. 107-144; KLUGE, Bernd: Sachsenpfenni-
ge und Otto-Adelheid-Pfennige. Anfänge und Dimensionen der Münzprägung in Magdeburg und
Sachsen zur Zeit der Ottonen, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Bd. 1: Essays, hg. von
Matthias PUHLE, Mainz 2001, S. 417-426; KLUGE, Bernd: Überlegungen zu den Otto-Adelheid-
Pfennigen. Stempelkritische Untersuchungen der Typen Hatz II (Dbg. 1166, 1170) und AMEN
(Dbg. 1171), in: Sigtuna Papcrs - Proceedings of the Sigtuna Symposium on Viking-Age Coinage
1-4June 1989 (Commentationes de nummis saeculorum IX-XI qui in Suecia repertis sunt, Nova
Series 6), Stockholm 1990. Weiterhin relativ neu und aufschlussreich RUNDBERG, Jonas: Otto-
Adelheid-Pfennige. Ett försök tili revidering av en omdebatterad tysk myntgrupp fran vikinga-
tiden, Stockholm 2000.
39 H A T Z / Z W I C K E R / G A L E : Otto-Adelheid-Pfennige (Anm. 36), S.59-146.
HERIMANNVS REX - M Ü N Z E N ALS INFORMATIONSTRÄGER 37

seiner stilistischen Gestaltung Vorbildfunktion für andere Münzstätten des Rei-


ches ausübte.40 In den schwedischen Schatzfunden belegt er nach den .Otto-Adel-
heid-Pfennigen' und Münzen aus den Werkstätten von Köln, Mainz und Worms
den fünften Platz.41
Dieser neue Typus zeigt auf seiner Vorderseite das gekrönte und mit seitlich
herabhängenden Pendilien geschmückte Brustbild des Herrschers. Die Umschrift
nennt +HEINRICVS /AIP[ER.ATOR] und ist durch die eindeutige Nennung des
Kaisertitels auf die Zeit zwischen 1047 und 1059 zu datieren. Die Rückseite prä-
sentiert nebeneinander die nimbierten Brustbilder zweier Heiliger, bei denen es
sich um die in der Legende genannten +SS SIMON und SS IVDAS handelt.42 Die
Gründung des Goslarer Stifts fiel also offensichtlich direkt mit der Einrichtung
einer königlichen Münzstätte zusammen, für die sich das Kloster auf der Rück-
seite im Namen des Herrschers auf der Vorderseite zuständig zeigte, wenn man
die Nennung der Apostel auf den Geprägen dahingehend auslegen möchte. Diese
Münzstätte befand sich offensichtlich fest in der Hand Heinrichs III., wie uns das
Vorderseitenbild vermuten lässt.
Interessant ist die Erwähnung des zum königlichen Pfalzbau gehörenden Stifts
St. Simon und St. Judas zur Bezeichnung des Prägeortes auf der Rückseite, die
anstelle eines Stadtnamens, z.B. in der Form GOSLARIVM CiviTAS, gewählt wur-
de und die besondere Verbindung Heinrichs III. zu seinen Geburtsheiligen wider-
spiegelt. Die Nennung von Heiligen zur Repräsentation eines bestimmten Ortes
begegnet uns ansonsten in der Regel bei geistlichen Münzstätten, wie z. B. dem
Hl. Willibrord für Echternach43 oder dem Hl. Eucharius für Trier.44 Auch zeigt
ein Blick auf die typologisch angelehnten sächsischen Gepräge, dass mit Ausnah-
me von Halberstadt alle anderen Münzen dieses Typs im sächsischen Raum den
Namen der Stadt zur Bezeichnung des Prägeortes nennen.45 Letztlich wird sich
dieser Aspekt hier nicht zweifelsfrei klären lassen, zumal er tiefergehende For-

40 Siehe KLUGE: Deutsche Münzgeschichte (Anm. 1), S. 52.


41 Siehe KLUGE: Deutsche Münzgeschichte (Anm. 1), S. 16 nach den Fundauswertungen von H A T Z ,
Gert: Handel und Verkehr zwischen dem Deutschen Reich und Schweden in der späten Wikinger-
zeit: Die deutschen Münzen des 10. und 11. Jahrhunderts in Schweden, Stockholm 1974: 2.062
Goslarer Münzen aus 57 schwedischen Schatzfunden des 11. Jahrhunderts mit zusammen 59.167
Münzen.
42 Dbg. 667-668. Dieses Münzbild blieb in Goslar für die nächsten 250 Jahre maßgebend.
43 Zur Münzstätte Echternach vgl. KLUGE, Bernd: Conspectus Nummorum Germaniae Medii Aevi
(CNG). Kommentierter Typenkatalog der deutschen Münzen des Mittelalters - von den Anfän-
gen bis zur Ausbildung der regionalen Pfennigmünze, von 880 bis um 1140, Teil 7: Obcrlothrin-
gen (6) - Die Abteien Echternach und Prüm, in: Geldgeschichtliche Nachrichten 200 (2000),
S. 328-330.
44 Zur Trierer Münzprägung vgl. WEILLER, Raymond: Die Münzen von Trier I, 1. Beschreibung der
Münzen vom 6.Jahrhundert bis 1307 (Publikation der Gesellschaft für Rheinische Geschichts-
kunde 30), Düsseldorf 1988, und seinen Nachtrag: Die Münzen von Trier I, 1 - Nachtrag, in: Trie-
rer Zeitschrift für Geschichte und Kunst des Trierer Landes und seiner Nachbargebiete 60 (1997),
S. 303-320.
45 Vgl. die Anm. 49-51, 55-57.
38 SEBASTIAN STEINBACH

schungsdiskussionen zur Problematik des Münzprägerechts und der Münzbild-


nisse berührt. 46
Die typologische Umstellung der Münzprägung ist wohl als Teil einer umfas-
senderen Münzreform Heinrichs III. in Sachsen zu verstehen. Das neue Vor-
derseitenportrait47 ist als ,Goslarer-Typ', mit seitlichen Pendilien, und als ,Dort-
munder/Duisburger-Typ' ohne dieselben in den folgenden Jahren zumindest in
Arnstadt,48 Dortmund,*9 Duisburg,50 Erfurt,51 Gittelde,52 Goslar,53 Halberstadt, 5 '
Heimarshausen,55 Hildesheim,56 Stade 5, und einer weiteren unbekannten Münz-
stätte 58 geprägt worden.59 Dazu kommen noch die Münzstätten im niederloth-
ringischen Celles60 und Remagen.61 Heinrich IV. (1056-1106) setzte die Prä-
gung seines Vaters am Ort fort und fügte dem Vorderseitenbildnis lediglich einige
Beizeichen - wie Lanze, Kreuzstab oder Ringel - und Buchstaben - A(lpha) und
O(mega) - hinzu, anhand derer sich einzelne Prägeserien unterscheiden lassen.62
Diese herausragende salische Münzstätte bekam also Hermann von Salm in die
Hand, als er seine .Residenz' 1082 in Goslar einrichtete. In den bereits erwähn-
ten Urkunden Hermanns findet sich zwar keine Erwähnung oder Verleihung des

46 Vgl. v. a. KAMP, Norbert: Probleme des Münzrechts und der Münzprägung in salischer Zeit, in:
DIESTELKAMP, Bernhard (Hg.), Beiträge zum hochmittelalterlichen Städtewesen (Städtefor-
schung A / l l ) . Köln/Wien 1982, S. 94-110.
47 Wenn an dieser Stelle der Begriff .Portrait' gebraucht wird, so möchte ihn der Autor als numismati-
schen Terminus verstanden wissen, der die Darstellung des Antlitzes eines Herrschers bezeichnet,
und nicht als realitätsnahe Wiedergabe eines tatsächlich existierenden Vorbildes. Mit Ausnahme
des so genannten .Bildnisdenars' Karls des Großen konnte noch keine Münze des 9.-12. Jahrhun-
derts gefunden werden, von der man annimmt, sie habe versucht auf ihrem Bilde eine wirklich-
keitsgetreue Abbildung der dargestellten Person zu präsentieren.
48 Siehe KLUGE: Deutsche Münzgeschichte (Anm. 1), Typ 129 (im folgenden Text als ,DMG #' abge-
kürzt) mit dem Stadtnamen +ARNISTADT auf der Rückseite.
49 Dbg. 758a, DMG 130 mit dem Stadtnamen THORTMANNE auf der Rückseite.
50 DMG 133 mit dem Stadtnamen DIVSBVRG auf der Rückseite.
51 DMG 128 mit dem Stadtnamen +ERFESFVRT auf der Rückseite.
52 DMG 124 mit Nachprägung der Goslarer Rückseite.
53 DMG 121 und 123.
54 DMG 127 mit dem Namen des Bistumspatrons +SS STEPHANVS.
55 Dbg. 1621, DMG 131 mit dem Stadtnamen [+HEL]MWARDESHVSVN MifAet Rückseite.
56 DMG 125 mit dem Stadtnamen +HILD[ENES]HEIM auf der Rückseite. Zur Hildesheimer Münz-
prägung siehe KLUGE, Bernd: HILDENESHEM und MVNDBVRUC Bischof Bernward als Münz-
herr, in: Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen, Ausstellungskatalog, hg. von
Michael BRANDT und Arne EGGEBRECHT, Bd. 1., Mainz 1993, S. 323-335, und KLUGE, Bernd:
EGO SUM HILDENSEMENSIS. - KunstGeld in Hildesheim, in: Abglanz des Himmels. Romanik
in Hildesheim, Ausstellungskatalog, hg. von Michael BRANDT, Regensburg 2001, S. 31-43.
57 Dbg. 720, DMG 132 mit dem Stadtnamen STATHVzuider Rückseite.
58 DMG 126 mit +VICMANVS IN-A auf der Rückseite.
59 Siehe KLUGE: Deutsche Münzgeschichte (Anm. 1), S. 52.
60 DMG 138.
61 DMG 135 und 136 - letzterer übernimmt statt der Vorderseite die Rückseite des Goslarer Typs
und zeigt als Nachprägung die Apostel Simon und Judas mit der Umschrift +RIGEMAGO.
62 Vgl. KLUGE; Deutsche Münzgeschichte (Anm. 1), S. 58; BoGON: Zur Münzgeschichte Goslars
(Anm. 34), S. 22; JAMMER, Vera: Die Anfänge der Münzprägung im Herzogtum Sachsen, 10. und
11. Jahrhundert (Numismatische Studien 3/4), Hamburg 1952, S. 74-75.
HERIMANNVS REX - M Ü N Z E N ALS INFORMATIONSTRÄGER 39

Münzrechts, doch können wir davon ausgehen, dass dieses zu den bestätigten und
in diesem Zusammenhang nicht näher spezifizierten Rechten der Klöster Cor-
vey63 und Herford64 gehörte. In seiner Eigenschaft als oberster Münzherr übte
er jedoch selbständig das Münzrecht zumindest an der Goslarer Prägestätte aus.
Dafür sprechen in ihrer Bild- und Legendengestaltung eindeutige Gepräge, die
wir nach ihrem Aussehen in zwei Phasen unterteilen können:
In der ersten Phase wurde zunächst das Aussehen der Gepräge Heinrichs IV.
von den Stempelschneidern übernommen. Auf der Vorderseite der Münzen fin-
det sich die bereits bekannte Darstellung des Herrschers als gekröntes Brust-
bild von vorne mit seitlich herabhängenden Pendilien. Dazu kommt aber nun
die Umschrift HERIMANNVS REX. Auf der Rückseite begegnet uns weiterhin
das Münzbild der zwei Stiftsheiligen mit der Legende +S SIMON S IVDAS, deren
Nimbi sich fortan überlagern.65
Es wurde also gar nicht erst in Erwägung gezogen, das Antlitz des Herrschers
zu ändern, um auf die gegenwärtigen Verhältnisse im Reich hinzudeuten.66 Statt-
dessen reichte es offenbar vollkommen aus, die Umschrift, welche wohl nur einem
kleinen Teil schrift- und lesekundiger Personen zugänglich war, entsprechend
abzuändern. Man war wohl bestrebt, dem hervorragenden Absatz der Gepräge
keinen Schaden durch eine Bildtypenänderung zuzufügen.
Dafür, dass dieser Typus in größeren Mengen emittiert worden ist, spricht der
Umstand, dass sich immerhin drei verschiedene Prägeserien anhand der Beizei-
chen unterscheiden lassen - es sind Münzen ohne Beizeichen67 und solche mit
einem Stern68 oder einem Ringel69 belegt. Man könnte vermuten, dass diese Prä-
gung in der Serie ohne Beizeichen gleich nach der Krönung vom 26. Dezember
1081 an ausgegeben wurde. Entsprechende Stempel standen zur Verfügung und

63 Nach dem erstmals durch Ludwig dem Frommen 833 erteilten und durch Ludwig das Kind 900
für Horhusen/Marsberg erweiterten Münzrecht, bestätigt durch Otto I. - MHG D. O. I. Nr. 73
Erweiterung für Meppen 945 und MGH D. O. I. Nr. 77 Bestätigung für Meppen 946, beide ed.
von Theodor SICKEL (MGH Diplomatum regum et imperatorum germaniae 1: Conradi L, Hein-
rici I. et Ottonis I. Diplomata), Berlin -1956, S. 152-153 bzw. 157. Zur Münzprägung Corveys vgl.
ILISCH, Peter: Kleine Corveyer Münzgeschichte, in: Heimatkundliche Schriftenreihe 30 (Volks-
bank Paderborn), Paderborn 1999, und BERGHAUS, Peter: Kleine Corveyer Münz- und Geldge-
schichte, in: Zehn Jahre Museum und Kunstausstellung in Corvey, Höxter 1958, S.3-9.
64 973 Bestätigung des Münzrecht für das Kloster in Herford durch Otto L - M G H D.O. I.(Anm. 63)
Nr. 430, S. 583-584. Eine Verleihungsurkunde des Prägerechts kennen wir für Herford nicht. Zur
Münzprägung Herfords vgl. BERGHAUS, Peter: Münzgeschichte Herfords, Herford 1971.
65 Dbg. 676 und 676 a-c; DMG 191; CAPPE, Heinrich Philipp: Beschreibung der Münzen von Gos-
lar, Dresden 1860, Typ 45 und 46. Im folgenden Text als,Cappe #' bezeichnet.
66 Zu den Darstellungen der Gegenkönige Heinrichs IV auch SCHRAMM: Die deutschen Kaiser und
Könige (Anm. 23), S. 117-118, 245-246 und die Abbildungen 176-179. Leider wird dort nicht
auf die Rückseite der Gepräge oder gar auf die Bei- und Herrschaftszeichen eingegangen, sondern
lediglich bemerkt: „So vererbt sich ein Münzbild nicht nur vom Vater auf den Sohn, sondern selbst
auf den Feind." (S. 118).
67 Dbg. 676.
68 Dbg. 676a.
69 Dbg. 676b und c.
40 SEBASTIAN STEINBACH

man musste lediglich die Umschrift der Vorderseite ändern, was sich z.B. durch
die Verwendung von Punzen relativ schnell bewerkstelligen ließ.
Nach einiger Zeit entschloss man sich dazu, das Bildnis der Rückseite abzu-
ändern. An die Stelle der Heiligen tritt nun die Darstellung eines Gebäudes mit
Tor, Giebel und zwei Türmen, darum die Legende GOSLARIVM:0 Kam es haupt-
sächlich darauf an, sich von der salischen Traditionslinie zu lösen, so ist natürlich
bemerkenswert, dass man lediglich das Münzbild der Rückseite änderte, die ver-
breitete Herrscherdarstellung der Vorderseite aber unangetastet ließ. Genauso gut
hätte man lediglich die Rückseitenumschrift von den Heiligen- auf den Stadtna-
men abändern können, wie dies bei vielen Nachprägungen gemacht worden ist.
In jedem Fall fanden die neuen .Burgpfennige' weniger Akzeptanz als die alten
.Apostelpfennige', wie ein Blick auf das Vorkommen der Münzen in den Schatz-
funden zeigt.71 Dafür, dass solche Typenwechsel auch bei vergleichsweise kleinen
Objekten wie den Münzen von den Zeitgenossen sehr wohl bemerkt worden sind,
sprechen nicht zuletzt die zahlreichen Prüfmarken, welche die Händler mit einem
Messer durch Einkerbungen (pecks) auf dem Bild oder Verlegungen und Ritzun-
gen an den Rändern der Münze (notches/nicks) vornahmen.72
Von Heinrich IV. sind ebenfalls Münzen belegt, welche diesen Typus Her-
manns mit der Stadtansicht übernehmen und auf der Vorderseite +HEINRICHVS
IMP als Prägeherren nennen.73 Auch von diesen scheinen nur wenige in den
Umlauf gelangt zu sein, weshalb man schon kurz darauf wieder auf das bekannte
Motiv der Stiftsheiligen zurückgriff74
Die Münzprägung des Gegenkönigs ist auch insofern bemerkenswert, da uns
von dem ersten Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden (1077-1080), Herzog von
Schwaben, keinerlei numismatische Zeugnisse überliefert sind, und das, obwohl
dieser auf eine weitaus breitere Machtbasis zurückgreifen konnte als sein oppo-
sitioneller Nachfolger. Anscheinend blieb Rudolf aufgrund seiner militärisch
bedingten Unrast keine Zeit, die Münzwerkstätten umzustellen. Möglicherweise
spielte auch seine verwandtschaftliche Nähe zum salischen Herrscherhaus eine
Rolle/ 5 Auf der anderen Seite scheinen es die in seinem Einflussbereich gelege-
nen Prägestätten vorgezogen zu haben, beim salischen Typ zu bleiben, der einen
unproblematischen Absatz der Gepräge garantierte, und erst einmal das Kriegs-
glück Rudolfs abzuwarten, welches ihn schließlich bei der Schlacht an der Elster
(16.10.1080) verlassen sollte.

70 Dbg. 675; Cappe 44, DMG 192.


71 JAMMER: Münzprägung im Herzogtum Sachsen (Anm. 52), S. 75.
72 Die Begriffsdefinitionen verschiedener Arten von Probierungen an Münzen bei LINDER WELIN,
U.S.: Graffition Oriental Coins in Swedish Viking Age Hoards, in: Meddelanden frän Lunds Uni-
versitets Historiska Museum 1956, S. 149-171.
73 Dbg. 671; DMG 189.
74 Dbg. 674; DMG 190.
75 In der erster Ehe war er mit Mathilde, einer Tochter Kaiser Heinrichs III. und Agnes' von Poitou
verheiratet, danach mit Adelheid von Turin, einer Schwester von König Heinrichs IV Gemahlin
Bertha.
HERIMANNVS REX - M Ü N Z E N ALS INFORMATIONSTRÄGER 41

Insofern konnte also Hermann von Salm, bedingt durch seine ständige Prä-
senz in Goslar, leichter Einfluss auf die dort gefertigten Denare nehmen. Andere
Münzstätten seines ohnehin beschränkten Einflussbereichs schlössen sich diesem
Typenwechsel jedoch nicht an. Auch von Heinrichs IV. drittem Gegenkönigtum,
dem seines Sohnes Konrad (1087-1101), legen keinerlei Münzen Zeugnis ab.
Zwar hatte noch Hermann Dannenberg hinter einem stark beschädigten Mainzer
Gepräge eine Münze Konrads vermutet,76 doch ist diese neueren Untersuchungen
zufolge wohl eher Konrad III. (1127/38-1152) zuzuweisen. Insofern ist die kurz-
weilige Münzprägung eines Gegenkönigs ein singuläres Ereignis in der frühen
Reichsgeschichte geblieben, dokumentiert aber dennoch in herausragender Wei-
se die Möglichkeit der Vermittlung eines Herrschaftsanspruchs in salischer Zeit.
Vom historisch-politischen Hintergrund vergleichbar ist nur noch eine Münze
des lothringischen Herzogs Konrad .des Roten (944-953) aus Mainz, die er dort
wohl im Zuge des gemeinsamen Aufstandes mit Herzog Liudolf von Schwaben
(950-954) gegen König Otto I. ,den Großen' (919-936) prägen ließ.77

Letztlich lassen sich also meiner Meinung nach drei Formen der monetären Infor-
mationsvermittlung ausmachen:

1. Die vorrangig wirtschaftliche Information als .Absatzgarantie' der Gepräge


im Warentransfer. Dazu gehören vor allem solche im Münzbild einprägsa-
men Serien wie die .Otto-Adelheid-Pfennige', die Sachsenpfennige sowie die
S-COLONIA-A Gepräge und ihre Nachahmungen.
2. Die vorrangig herrschaftsrepräsentative Information, welche die Ausübung des
Münzregals durch eine bestimmte Institution, sei sie königlicher, geistlicher
oder weltlicher Art, in den Vordergrund rückt.
3. Die Weitergabe von Informationen, die sich auf konkrete historische Ereignisse
beziehen, jedoch in der Regel nicht mehr genau zu datieren sein werden, da die
Quellenlage und die Feinchronologie der Objekte dazu noch nicht ausreicht.

Natürlich können diese drei Informationen auch gleichzeitig auf einer Münze
auftreten, wobei im Einzelfall eine bestimmte Informationsweitergabe im Vor-
dergrund stehen mag. So transportieren die ersten Gepräge Hermanns aus Gos-
lar sowohl wirtschaftliche Informationen, indem sie den gängigen SIMON-IVDAS-
Typ imitieren, als auch herrschaftsrepräsentative Intentionen, da sie die Legende
-rHEiNRicvs IMP durch HERIMANNVS REX ersetzen. Darüber hinaus legen sie

76 Dbg. 1751.
77 Dbg. 800 und KLUGE: Münzgeschichtc (Anm. 1), Nr. 224 und S. 32. Vorderseite: Gekrönter Kopf
nach links, MOGONTIA IESE, Rückseite: Gebäude mit Giebel. CVONO DVX. Daneben sind noch
Münzen aus Speyer und Bingen belegt. Zu Konrad vgl. u.a. ALTHOFF, Gerd: Adels- und Königs-
familien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Studien zum Totengedenken der Billunger und
Ottonen, München 1984, sowie ALTHOFF, Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat,
Berlin/Köln 2000; GLOCKER, Winfrid: Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der
Politik, Köln/Wien 1989.
42 SEBASTIAN STEINBACH

Zeugnis von einem aktuellen Ereignis, der Übernahme des Zentralortes Goslar
durch einen Gegenkönig, ab. Allerdings steht hier noch eindeutig der wirtschaft-
liche Informationsaspekt im Vordergrund, welcher dann im nächsten Schritt,
der Einführung der Stadtansicht mit GOSLARIVM im Münzbild, durch einen vor-
rangig herrschaftsrepräsentativen Charakter abgelöst wird.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal die wesentlichen Ergebnisse dieser kur-
zen Betrachtung in drei Thesen zusammenfassen:

1. Wirkungsraum und Verbreitungsmenge lassen den Münzen des 9. bis frühen


12. Jahrhunderts ein hohes kommunikatives Potential zukommen.
2. Es muss offensichtlich zwischen absatzstärkeren Geprägeserien wie z.B. den
Goslarer .Apostelpfennigen', deren Informationsvermittlung sich auf wirt-
schaftliche Zusammenhänge konzentriert, und geringer verbreiteten Münz-
serien mit individuelleren Bildgestaltungen wie den .Burgpfennigen', die
sich auf herrschaftsrepräsentative und aktualitätsbezogene Informationen
beschränken, unterschieden werden.
3. Inwiefern im Münzbild auffällige Gepräge jedoch auf konkrete historische Er-
eignisse Bezug nehmen, wird sich nicht immer einwandfrei erschließen lassen.
Dazu musste zunächst die Chronologie der Prägeserien verbessert werden. Eine
noch umfassendere Aufbereitung und Publikation der Fundkomplexe ist in
diesem Zusammenhang unumgänglich.

Dass sich bei der Untersuchung von Münzen auf ihre Funktion als Medium der
Informationsübermittlung durchaus interessante Resultate ergeben können,
haben nicht nur die Arbeiten Percy Ernst Schramms und Alain Barons aufge-
zeigt.78 Welches noch zu erschließende Potential in ihnen verborgen liegt, werden
erst zukünftige Untersuchungen mit verfeinerten Chronologien aufzeigen kön-
nen.
Letztlich hoffe ich mit dieser Betrachtung den Blick für die analysierten,
optisch relativ unscheinbaren Relikte des frühen Mittelalters geschärft zu haben,
damit dieser dann auch gelegentlich in die Vitrinen der Ausstellungen fällt, in
denen sie verborgen liegen.

78 Vgl. auch FRIED, Torsten: Schrift und Bild - Münzen als Herrschaftszeichen, in: Turbata per
aequora mundi, Dankesgabe an Eckhard Müller-Mertens, hg. von Olaf B. RADER (MGH Studien
und Texte 29), Hannover 2001, S. 233-252, und als Beispiel für eine andere der so genannten histo-
rischen Hilfswissenschaften Bi EWER, Ludwig: Wappen als Träger von Kommunikation im Mittel-
alter: Einige ausgewählte Beispiele, in: SPIESS (Hg.), Medien der Kommunikation im Mittelalter
(Anm. 2), Wiesbaden 2003, S. 139-154.
HERIMANNVS REX - M Ü N Z E N ALS INFORMATIONSTRÄGER 43

Typenkatalog

Der folgende kleine Typenkatalog erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er


soll lediglich die wichtigsten Merkmale der im Text behandelten Goslarer Mün-
zen erfassen und sie mit den gängigen Quellenzitaten versehen, so dass es jedem
Interessierten ermöglicht wird, sich anhand der genannten Literatur über Schatz-
fundzusammenhänge, Größenverhältnisse, Gewichte u.a. weiter zu informieren.
Die Zeichnungen sind dem Tafelband von Herrmann DANNENBERG (Die deut-
schen Münzen der sächsischen und fränkischen Kaiserzeic (Anm.l)) entnom-
men; Fotos aus dem Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Fotograf:
Hans-Jürgen Lübke. Alle Abbildungen hier in leicht vergrößertem Maßstab, für
die genaue Größe der Originale vgl. die Angaben.

Hermann von Salm (1081-1088)

Vorderseite: Gekröntes bärtiges Brustbild von


vorne, in der rechten Hand ein
Kreuzstab, in der linken Hand ein
Lilienzepter.
+HER1MANNVS REX.
Rückseite: Brustbilder der Apostel Simon und
Judas.
+SS SIMON SS 1VDAS.
Zitat: Dbg. 676.

Vs.: Gekröntes bärtiges Brustbild von vorne,


in der rechten Hand ein Kreuzstab, in der
linken Hand ein Lilienzepter.
+HERIMANNVS REX.
Rs.: Brustbilder der Apostel Simon und Judas,
darüber ein Stern.
+SS SIMON SS IVDAS.
Zitat: Dbg. 676a, 676c; DMG 191; Cappe 45,46;
Bogon M0167 (19 mm - 0,98 g),
M0169 (19mm-1,07g).

Vs.: Gekröntes bärtiges Brustbild von vorne,


in der rechten Hand ein Kreuzstab, in der
linken Hand ein Lilienzepter.
+HERIMANNVS REX.
Rs.: Brustbilder der Apostel Simon und Judas,
darüber ein Ringel.
+SS SIMON SS IVDAS.
Zitat. Dbg. 676b; Bogon M0168
(18mm- 1,21g).
STEINBACH

Vs.: Gekröntes bärtiges Brustbild von vorne,


in der rechten Hand ein Kreuzstab, in der
linken Hand ein Lilienzepter.
-+HERIMANNVS REX.
Rs.: Mauerringmit einem zweitürmigen kreuz-
gekrönten Gebäude in der Mitte.
GOSLARIVM.
Zitat: Dbg. 675; DMG 192; Cappe 44;
Bogon M0166 (18,5 mm - 0,97 g).

Vs.: Gekröntes bärtiges Brustbild von vorne,


in der rechten Hand eine Lanze, in der
linken erhobenen Hand der Reichsapfel.
+HEINRICHVS IMP.
Rs.: Mauerring mit einem zweitürmigen kreuz-
gekrönten Gebäude in der Mitte.
GOSLARIVM.
Zitat: Dbg. 671; DMG 189; Bogon M0117
(18 m m - 0 , 8 7 g ) ,
M0118(18mm- 1,18g).

Vs.: Gekröntes bärtiges Brustbild nach links,


davor eine Lanze und eine Kugel (Reichs-
apfel?).
+HE1NRICHVS IMP.
Rs.: Brustbilder der Apostel Simon und Judas,
zwischen ihnen ein Kreuzstab.
+SS SIMON IVDA.
Zitat: Dbg. 674; DMG 190; Cappe 1, 2;
Bogon M0134 (18,5 mm - 0,80g),
MOBS (19mm-0,69g).
STEPHAN F R E U N D

Offene Briefe, fehlende Boten, mühsame Reisen -


Nachrichtenübermittlung und Kommunikation am Beispiel
des Petrus Damiani

[...] da der herbeigerufene Träger dieses Briefes [...] noch nicht erschienen ist, möchte ich noch
Einiges zu Eurer Erbauung anführen, denn vielleicht wurde mir gerade aus diesem Grund der
Bote durch himmlische Bestimmung entzogen, damit in der nun unerwartet zur Verfügung
stehenden Zwischenzeit mein Griffel zu einem anderen Gegenstand hingeführt werde.1

Die kurze, rhetorisch stilisierte Passage aus einem im Juli/August des Jahres 1064
verfassten Brief des Eremiten und Kirchenreformers Petrus Damiani an Papst
Alexander II. öffnet schlaglichtartig den Blick auf das Gebiet der mittelalterlichen
Nachrichtenübermittlung, deren genauer Ablauf uns ansonsten weitgehend ver-
borgen bleibt, da er wegen seiner Alltäglichkeit kaum einmal Gegenstand mittel-
alterlicher Quellen ist. Das Schweigen der Quellen über diese Vorgänge mag auch
der Grund sein, weshalb die konkreten Formen der Nachrichtenübermittlung
und der Kommunikation im Mittelalter kaum einmal Gegenstand der moder-
nen Forschung sind,2 obwohl die Thematik zentrale Aspekte der mittelalterlichen
Lebenswirklichkeit betrifft: Die Frage nach den Informationswegen, auf denen
der Herrscher Nachrichten aus den einzelnen Reichsteilen erhielt und diesen sei-
ne Beschlüsse bekannt machen ließ oder Bischöfe und Päpste ihre Reformvorha-
ben erst zur Kenntnis und dann zur Durchsetzung brachten, aber auch Gelehr-
tenkreise miteinander in Gedankenaustausch standen, berührt nämlich weite
Teile der mittelalterlichen Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen, bildete das
Vorhandensein und die Effizienz der Nachrichtenverteilung doch eine Grund-
voraussetzung für das Funktionieren mittelalterlicher Herrschaft und für die
Regelung des gemeinsamen Miteinanders.
Die folgenden Ausführungen wollen daher die Thematik des mittelalterlichen
Informationsaustauschs, die damit zusammenhängenden Probleme - in der mittel-

1 Verkürzte und freie Wiedergabe von Petrus Damiani, Brief 109, S. 207. Enthalten in: Die Briefe
des Petrus Damiani, 4 Bde., ed. von Kurt REINDEL (MGH Die Briefe der deutschen Kaiserzeit 4),
Teil 1: Nr. 1-40, München 1983; Teil 2: Nr. 41-90, München 1988; Teil 3: Nr. 91-150, München
1989; Teil 4: Nr. 151-180 und Register, München 1993. Vgl. zu diesem Brief REINDEL, Kurt: Stu-
dien zur Überlieferung der Werke des Petrus Damiani, Teil 1, in: DA 15 (1959), S. 23-102, hier
S.60.
2 Vgl. dazu FREUND, Stephan: Briefe und Boten - Formen und Wege der bayerisch-italienischen
Kommunikation vom frühen bis ins hohe Mittelalter, in: Bayern und Italien. Politik, Kultur,
Kommunikation (8. bis 15. Jahrhundert). Beiträge der Tagung in Salzburg, 22.-24. Juni 2000, FS
Kurt Reindel zum 75. Geburtstag, hg. von Heinz DOPSCH und Stephan FREUND (ZBLG Beiheft
18, Reihe B), München 2001, S. 55-103, mit einer Zusammenstellung der wichtigsten, wenngleich
spärlichen einschlägigen Literatur.
46 STEPHAN F R E U N D

alterlichen Praxis ebenso wie bei unserem Bemühen sie heute nachzuvollziehen -,
zugleich aber auch die sich daraus ergebenden Erkenntnismöglichkeiten exempla-
risch aufzeigen. Solche, den Quellen vielfach nur mühsam abzugewinnende Ein-
blicke sind zumeist auf der Ebene der Herrscher zu finden.3 Als Beispiel soll hier
jedoch der Eremitenprior Petrus Damiani dienen, der als Kardinalbischof von
Ostia (seit 1057) zu den Vorkämpfern der Kirchenreform zählte und als wichtig-
ster Vertreter ihrer M> genannten vorgregorianischen Phase gilt.4
Geboren um 1006/07 in Ravenna und dort sowie in Faenza und Parma sorgfäl-
tig in den artes liberales geschult, war Petrus Damiani zunächst als Rhetorikleh-
rer in seiner Heimatstadt tätig, ehe er sich um das Jahr 1035 in die damals noch
vollkommen unbedeutende, in einem abgelegenen Tal der Marken in der Nähe
von Gubbio gelegene Einsiedelei Fönte Avellana zurückzog. Dort machte er rasch
.Karriere', wurde bereits zu Beginn der 1040er Jahre mit der Reformierung einiger
Klöster beauftragt, übernahm die Verwaltung der Einsiedelei und wurde schließ-
lich im Jahre 1043 deren Prior. Schon bald entstand dort eine Bibliothek, wurde
eine Kirche erbaut und entwickelte sich infolge der regen, durch Petrus Damiani
von Fönte Avellana aus entfalteten Gründungstätigkeit eine kleine, aus rund
zehn Einsiedeleien und Klöstern bestehende Kongregation.5 Doch der glühende
Reformer begnügte sich nicht damit, Missstände innerhalb der Kirche auf der
Mikroebene auszumerzen, sondern strebte nach der Reform der Kirche und des
Papsttums als Ganzes. Auf der Suche nach Gleichgesinnten trat er schon bald in
Kontakt zu reformwilligen Kreisen im Umfeld des Papsttums und Heinrichs III.
Diese Hinwendung erfolgte in Form von Briefen.6 Einem dieser Werke ent-
stammt nicht nur die eingangs zitierte Passage und das darin aufscheinende prak-
tische Problem nicht zur Verfügung stehender Boten, sondern das 180 überlie-
ferte Stücke umfassende Briefwerk des Petrus Damiani - das umfangreichste
des Hochmittelalters überhaupt - stellt einen ausgesprochenen Glücksfall für
die hier diskutierte Thematik des hochmittelalterlichen Nachrichtenaustauschs
dar: Seine Briefe erreichten einen außerordentlich großen und illustren, über wei-
te Teile des damaligen Europa verteilten Adressatenkreis, und sie geben auf diese
Weise einen Kommunikationsrahmen zu erkennen, der von einer kleinen abge-
legenen Einsiedelei in den Marken aus ganz Italien umfasste, sich darüber hin-
aus jedoch bis über die Alpen ins Reich und bis an den französischen Königshof

3 Vgl. dazu FREUND, Stephan: Kommunikation in der Herrschaft Heinrichs IL, in: ZBLG 66
(2003), S. 1-32. Der Verfasser bereitet dazu ein größeres Forschungsprojekt vor.
4 Zu seiner Biographie vgl. REINDEL, Kurt: Petrus Damiani, in: NDB 20 (2001), Sp. 229-230;
REINDEL, Kurt: Petrus Damiani, in: TRE 26 (1996), S. 294-296; FREUND, Stephan: Petrus
Damiani, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 7 (1994), Sp. 346-358 (mit umfang-
reicher Bibliographie); FORNASARI, Giuseppe: Petrus Damiani, in: LexM A 6 (1993), Sp. 1970f.
5 Siehe dazu unten bei Anm. 53.
6 Zur generellen Bedeutung von Briefen und Briefsammlungen als Quelle für die Geschichte des
Nachrichtenaustauschs und der Kommunikation vgl. FREUND: Briefe und Boten (Anm. 2).
O F F E N E BRIEFE, FEHLENDE BOTEN, MÜHSAME REISEN 47

und nach Cluny. ja sogar bis über die Adria nach Konstantinopel erstreckte. Das
Spektrum der Empfänger umfasste geistliche und weltliche gleichermaßen, deren
sozialer Rang von einfachen Mönchen und einfachen Laien bis hin zu den Äbten
einflussreicher Großklöster, zum Patriarchen von Konstantinopel, zu Päpsten,
aber auch zu weltlichen Herrschern wie Heinrich III. und Heinrich IV. reichte.8
Repräsentativ für die generelle Fragestellung ist aber auch die inhaltliche Seite,
bilden diese Schreiben doch die ganze Bandbreite der in brieflicher Kommunika-
tion anzutreffenden Themen ab: Kirchenreformerische, theologische und kirchen-
rechtlich-liturgische Fragen dominieren, doch daneben finden sich auch Briefe,
die Trost spenden, aber auch ganz Alltägliches ansprechen. So wird die Rückgabe
von Büchern gefordert oder werden Fische für die Zeit des Fastens erbeten. Und
nicht zuletzt steht das Werk des Petrus Damiani exemplarisch für den in der Zeit
der Kirchenreform einsetzenden Wandel auf dem Gebiet der Kommunikation:
Mündliche und schriftliche Nachrichten wurden nun zunehmend zu einem Mit-
tel in der Auseinandersetzung um die Reform der Kirche, in deren Verlauf man
bewusst die Öffentlichkeit suchte.9 Wie zu zeigen sein wird, kann Petrus Damiani
geradezu als einer der Motoren dieser Entwicklung gelten, der über die Ebene
der schriftlichen Kommunikation hinaus auf mehreren Reisen im Dienste des
Papsttums persönlich dazu beigetragen hat, den Anliegen der Kirchenreform zur
Durchsetzung zu verhelfen.
Die hier kurz skizzierten Facetten der praktischen Seite des mittelalterlichen
Nachrichtenaustauschs und der damit zusammenhängenden Kommunikation
sollen daher - gewissermaßen leitmotivisch - anhand von drei, mit Schlagworten
aus den Briefen des Petrus Damiani überschriebenen Kapiteln für das 11. Jahr-
hundert aufgezeigt werden.10

Offene Briefe

Schon geraume Zeit vor dem eigentlichen Beginn der so genannten Kirchenre-
form waren seit dem 10., vermehrt seit dem frühen 11. Jahrhundert Rufe nach
einer gründlichen kirchlichen Erneuerung laut geworden. In unterschiedlichen

7 Brief 91 an Konstantin Lichoudes, den Patriarchen von Konstantinopel, Brief 131 an den Abt und
die Mönche des dortigen Marienklosters. Zu den sonstigen Empfängern siehe unten bei Anm. 6 4 -
77.
8 Zu den Empfängern siehe unten bei Anm. 64-77.
9 Eine umfassende neuere Untersuchung zur so genannten Publizistik des Investiturstreits steht aus.
Neben den Passagen in den gängigen Quellenkunden und Handbüchern ist daher noch immer von
den Untersuchungen von MIRBT, Carl: Die Publizistik im Zeitalter Gregors VII., Leipzig 1894;
FAUSER, Alois: Die Publizisten des Investiturstreits. Persönlichkeiten und Ideen, Diss. München
1935, und ERDMANN, Carl: Die Anfänge der staatlichen Propaganda im Investiturstreit, in: HZ
154 (1936), S. 491-512, auszugehen. Vgl. dazu jedoch die kritischen Bemerkungen von ROBIN-
SON, Ian S.: Authority and Resistance in the Investiturc Contest. The Polcmical Litcrature of the
Late Elevcnth Century, Manchester 1978.
10 Siehe die Anm. 1 (fehlende Boten), 26 (offene Briefe) und 80 (mühsame Reisen).
48 STEPHAN F R E U N D

Regionen des damaligen Europa" hatten sich insbesondere monastische und ere-
mitische Reformkräfte geregt und damit begonnen, entschiedene Maßnahmen in
die Wege zu leiten, um vor allem das klösterliche Leben, das infolge der Wikinger-
und Ungarneinfälle des späten 9. und frühen 10. Jahrhunderts sowie aufgrund
der Schwäche der königlichen Zentralgewalt in eine schwere innere und äußere
Krise geraten war, zu früherer Strenge und die Beachtung der Regeln des gemein-
samen Lebens zu alter Klarheit zurückzuführen.12 Bis in die Mitte des 11. Jahr-
hunderts agierten diese Reformgruppen weitgehend getrennt voneinander.13 Die
Synode von Sutri (20. Dezember 1046) brachte die Wende: Mit der durch Hein-
rich III. im Vorfeld seiner Kaiserkrönung angestoßenen Befreiung des päpstlichen
Amtes aus den Händen der stadtrömischen Adelsfamilien, der damit verbunde-
nen Beendigung des Ämterschachers an der Spitze der Christenheit14 und der am
24. Dezember desselben Jahres erfolgten Wahl Suidgers von Bamberg zum neuen
Papst, Clemens II.,15 hielt der Wille zu einer grundlegenden Änderung der bishe-
rigen Zustände auch in Rom und im Umfeld des Papsttums endgültig Einzug.16
Die bislang kaum kooperierenden Reformkreise begannen seitdem zusammen-
zufinden. Ihre Bemühungen bündelten sich nunmehr im gemeinsamen Ziel einer
grundlegenden Reform der Kirche und des Papsttums.17 Im Zusammenhang mit

11 Zur Diskussion um den Europabegriff GOETZ, Hans-Werner: Europa im frühen Mittelalter 5 0 0 -


1050 (Handbuch der Geschichte Europas 2), Stuttgart 2003, S. 17f; BORGOLTE, Michael: Europa
entdeckt seine Vielfalt 1050-1250 (Handbuch der Geschichte Europas 3), Stuttgart 2002, S. 11-
23,356-378.
12 Als Hinführung zur Vorgeschichte und zu den Anfängen der Kirchen reform vgl. GOEZ, Werner:
Kirchenreform und Investiturstreit 910-1122, Stuttgart/Berlin/Köln 2000; TELLENBACH, Gerd:
Die westliche Kirche vom 10. bis zum frühen 12. Jahrhundert (Die Kirche in ihrer Geschichte 2,
Lieferung F 1), Göttingen 1988.
13 Zu nennen wären hier unter anderem die in Burgund und Lothringen entstandenen Reformzen-
tren in Cluny und Gorze, die über St. Maximin in Trier auch auf den Südwesten des Reiches aus-
strahlten; die Reformer um Ramwold von St. Emmeram und Godehard von Niederaltaich, die mit
Unterstützung Heinrichs II. insbesondere im süddeutschen Raum wirkten, aber auch die seit dem
Beginn des 11. Jahrhunderts in Italien wieder aufgeblühte Eremitenbewegung, zu deren prominen-
testen Vertretern der frühen Phase Nilus von Rossano und Romuald von Camaldoli zählten. Vgl.
dazu GOEZ: Kirchenreform und Investiturstreit (Anm. 12), S. 17-56.
14 Zur Synode von Sutri und zur Debatte um die Absetzung bzw. Selbstabsetzung det Päpste Gre-
gor VI., Benedikt IX. und Silvester III. vgl. ENGELBERT, Pius: Heinrich III. und die Synoden von
Sutri und Rom im Dezember 1046, in: Römische Quartalschrift für christliche Altertumskun-
de und Kirchengeschichte 94 (1999), S. 228-266; WOLTER, Heinz: Die Synoden im Reichsgebiet
und in Reichsitalien von 916 bis 1056 (Konziliengeschichte, Reihe A: Darstellungen), Paderborn
u.a. 1988, S. 379-394; SCHMALE, Franz-Josef: Die Absetzung Gregors VI. in Sutri und die syno-
dale Tradition, in: Annuarium historiaeconciliorum 11 (1979), S. 55-103.
15 Vgl. zu ihm WENDEHORST, Alfred: Clemens IL, in: LexMA 2 (1983), Sp. 2138; LAQUA, Hans-
Peter: demente II, in: Dizionario biografico degli Italiani 26 (1978), S. 178-181.
16 Vgl. zu diesen bereits mit der Wahl Gregors VI. verbundenen Hoffnungen der Reformer Brief 13
und 16, Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 1, S. 142-145 bzw. S. 153f, die Petrus Damiani
schon bald nach dessen Wahl an ihn gerichtet hatte und mit denen er ihn aufforderte, sich für die
Reformierung der Kirche einzusetzen.
17 Vgl. dazu TELLENBACH: Westliche Kirche (Anm. 12), S. 120-145; SCHIEFFER, Rudolf: Motu
proprio. Über die papstgeschichtliche Wende im 1 I.Jahrhundert, in: Historisches Jahrbuch 122
(2002), S. 27-41, besonders S. 34-40. Die Frage, wann und wie diese Reformkreise in Kontakt
O F F E N E BRIEFE, FEHLENDE BOTEN, MÜHSAME REISEN 49

den durch Clemens II. und seine Nachfolger Damasus II., Leo IX. und Viktor II.,
die so genannten deutschen Päpste,18 initiierten Reformschritten ist zu beobach-
ten, dass es zu einer grundlegenden Erneuerung des päpstlichen Schriftwesens
kam und generell zu einer Zunahme der Schriftlichkeit. Briefe und lange, theo-
logische und aktuelle kirchenpolitische Probleme gleichermaßen thematisieren-
de Traktate sollten dazu beitragen, den Reformvorhaben Schwung zu verleihen
bzw. in kritischen Situationen die eigenen Anhänger hinter sich zu scharen sowie
zögerliche Kreise zu mobilisieren.
Zwei Briefe des Petrus Damiani vermögen dies zu verdeutlichen: Brief 40 und
Brief 58. Im ersten, dem so genannten Liber gratissimus, der wohl bekanntesten
Schrift des Fonteavellaner Eremiten,19 wird der in den frühen 1050er Jahren in
Reformkreisen heftig umstrittene Umgang mit Simonisten thematisiert, ein Pro-
blem, das seit dem Pontifikat Clemens II. virulent war und das auf einer durch
Leo IX. abgehaltenen römischen Synode des Jahres 1051 eine große Rolle spielte.
Der in der heutigen Druckfassung 125 Seiten umfassende und damit den Umfang
eines Briefs sprengende, die kirchenrechtliche Seite des Problems eingehend eruie-
rende Traktat ist formal an Erzbischof Heinrich von Ravenna (1052/53-1065/70,
t 1072) gerichtet. Petrus Damiani, ein entschiedener Gegner der so genannten
Reordinationen, griff damit die Bitten von Reformbefürwortern auf und leiste-
te insbesondere einer Aufforderung Papst Leos IX. Folge. Mit seinem aus dem
Sommer des Jahres 1052 stammenden Brief schuf er ein aus dem Kirchenrecht
geschöpftes Kompendium, das eine Art Handreichung für den Umgang mit Simo-
nisten darstellen sollte.20 Dass der Brief sein Ziel, die Kontroversen innerhalb der
reformerisch gesinnten Kreise im Sinne des Eremiten zu beeinflussen, erreich-
te, zeigt nicht nur der Umstand, dass sich fünf Codices aus dem 11. Jahrhundert
erhalten haben,21 sondern dies zeigen vor allem die Dekrete der Lateransynode des
Jahres 1060: Damals wurde hinsichtlich des Umgangs mit Simonisten folgende
Festsetzung getroffen: Von Simonisten gratis ordinierte Kleriker sollten intuitu
misericordiae anerkannt werden.22 Dieser Beschluss belegt, dass die im Brief ent-
faltete Argumentation des Petrus Damiani publik gemacht worden ist und in den

zueinander getreten waren und diese Beziehungen in der Folgezeit aufrechterhalten wurden, die
nicht zuletzt eine Frage des konkreten Nachrichtenaustauschs ist, bedarf noch einer eingehenden
Untersuchung, die im Rahmen der vorliegenden Ausführungen nicht zu leisten ist, der ich aber in
anderem Zusammenhang nachgehen werde.
18 Vgl. zu dieser Phase des Papsttums BEUMANN, Helmut: Reformpäpste als Reichsbischöfe in der
Zeit Heinrichs III., in: FS Friedrich Hausmann, hg. von Herwig EBNER, Graz 1977, S.21-37;
GOEZ, Werner: Papa qui et episcopus. Zum Selbstverständnis des Reformpapsttums im 11. Jahr-
hundert, in: Archivum Historiae Pontificiae 8 (1970), S. 27-59.
19 Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 1, S. 384-509. Das Schreiben wurde zu Beginn der
1060er Jahre nochmals überarbeitet. Zur Werksgeschichte vgl. Die Briefe des Petrus Damiani
(Anm. 1), Teil 1,S. 385 Anm. 3.
20 Vgl. dazu insbesondere Brief 40 (Anm. 19), S. 390-393.
21 Vgl. Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 1, S. 385f.
22 Decretum contra simoniacos, ed. von Ludwig WEILAND (MGH Constitutiones 1), Hannover
1893. S. 549-551.
50 STEPHAN F R E U N D

Reformkreisen den Boden bereitet hatte zugunsten einer pragmatischen Lösung


des Problems, die gegenüber der rigorosen Haltung des Kardinals Humbert von
Silva Candida die Oberhand behielt.23
Erzbischof Heinrich von Ravenna ist möglicherweise auch der Adressat des
zweiten hier anzusprechenden, aus dem Jahre 1058 stammenden .offenen Brie-
fes.24 Das Schreiben entstand in der schwierigen Situation nach dem Tod Papst
Stephans IX. (29. März 1058), als Teile des römischen Klerus die Gelegenheit
witterten, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und deshalb binnen weniger
Tage im Handstreich und gegen den erklärten Widerstand der Reformpartei
den Bischof von Velletri als Papst Benedikt X. erhoben.23 In den folgenden
Monaten arbeiteten Petrus Damiani und andere Mitglieder der Reformpartei
fieberhaft an der Wahl eines reformfreundlichen Papstes und hatten sich zum
Zeitpunkt der Abfassung des Schreibens bereits auf Gerhard von Florenz ge-
einigt. Für die Durchsetzung seiner Kandidatur suchte man nun Unterstützung.
Entgegen der von Erzbischof H. geäußerten Bitte um Verschwiegenheit forderte
Petrus Damiani explizit dazu auf, den Inhalt des Schreibens öffentlich bekannt zu
machen, um auf diese Weise Beistand im Kampf gegen den Usurpator und die von
ihm ausgehende Gefährdung der Kirche zu erlangen.26 Vermutlich am 6. Dezem-
ber 1058 kam es daraufhin in Siena zur Wahl Gerhards von Florenz zum neuen
Papst Nikolaus II.27 Das aber legt den Schluss nahe, dass der im Sommer 1058
veröffentlichte Appell des Eremiten um Unterstützung für den Kandidaten der

23 Vgl. dazu FREUND, Stephan: Studien zur literarischen Wirksamkeit des Petrus Damiani. Anhang:
Johannes von Lodi, Vita Petri Damiani (MGH Studien und Texte 13), Hannover 1995, S. 11-15.
Die Arbeit von DISCHNER, Margit: Humbert von Silva Candida. Werk und Wirkung des loth-
ringischen Reformmönchs (Politik im Mittelalter 2), Neuried 1996, fällt in Positionen der älteren
Forschung zurück. Vgl. dazu die Besprechung von JASPER, Detlev, in: DA 55 (1999), S.301.
24 Brief 58, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 2, S. 194, Z. 18-20 und Anm. 11. Zu diesen
.offenen Briefen' vgl. REINDEL, Kurt: Petrus Damiani und seine Korrespondenten, in: Studi Gre-
goriani 10 (1975), S. 203-219, insbesondere S. 212f, und Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1),
Teil 1, S. 11 Anm. 91 mit Verweis auf Brief 12, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 1,
S.141,Z.18-S.142,Z.l.
25 Vgl. dazu den Bericht des Liber Pontificalis, ed. von Louis DUCHESNE, Bd. 2, Paris : 1955, S. 279,
334-336 (Annales Romani); SCHIEFFER, Rudolf: BenediktX., in: LexMA 1 (1983), Sp. 1860;
CAPITANI, Ovidio: BenedettoX, in: Dizionario biografico degli Itaüani 8 (1966), S. 366-370.
Zur in der Forschung geführten Diskussion, ob es sich dabei um Johannes (Mincius) von Velletri
(was zutrifft) oder um den in Reformkreisen hohes Ansehen genießenden Benedikt von Velletri
(was mittlerweile als widerlegt gelten kann) handelte, vgl. Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1),
Teil 1,S. 191 Anm.3.
26 Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 2, S. 194, Z. 14-20: Quod autem scripsisti, ut
mitterem vobis litteras taciturnitate signatis, quasi paterno mihi consulentes affectu, ne adversa
fortassis incurrerem, si sensa cordis cum libertateproferrem, absit a me, ut in tali negotio dura prorsus
et aspera perpeti subterfugiam, et neglegendo tarn ingenuae matris incestum sub umbra degenerfilius
delitescam. Immopeto, ut episto/a haec in publicum veniat, sicqueper vos, quid super hoc totius mundi
periculo sentiendeum sit, omnibus innotescat.
27 Zur Wahl Nikolaus' IL und zur Diskussion um Wahlort und -datum vgl. Die Briefe des Petrus
Damiani (Anm. 1), Teil 2, S. 194 Anm. 10 mit weiterer Literatur.
O F F E N E BRIEFE, FEHLENDE BOTEN, MÜHSAME REISEN 51

Rerormpartei auf großen Widerhall gestoßen war,28 zumal sich Nikolaus II. in
den folgenden Monaten dann auch - nicht zuletzt dank der Hilfestellung seitens
des deutschen Königshofes - durchsetzen konnte.
In beiden Fällen wirft der Aufruf des Petrus Damiani, Öffentlichkeit herzu-
stellen, die Frage nach den Adressaten dieses Appells und nach der generellen
Rezeptionssituation auf sowie nach dem .technischen' Ablauf. Letztere ist jedoch
nur zum Teil zu beantworten. Ein Blick auf die Überlieferungssituation der Brie-
fe des Petrus Damiani zeigt, dass die Briefempfänger wohl durchaus für die wei-
tere Verbreitung sorgten, denn in Montecassino sowie im Umfeld des Papsttums
wurden noch im 11. Jahrhundert Abschriften der genannten Briefe vorgenom-
men.29 Doch auch Petrus Damiani selbst scheint auf diesem Feld tätig geworden
zu sein. Er behielt nämlich Abschriften der Briefe in seiner Einsiedelei zurück.
Bei Bedarf konnte er darauf zurückgreifen und aus ihnen zitieren. In diesem Vor-
gang drückt sich der explizite Wille zur Tradition, zur bewussten Bewahrung und
Weitervermittlung aus. Dieses Traditionsbewusstsein veranlasste den Kirchenre-
former auch, die Bischöfe Theodosius von Senigallia und Rudolf von Gubbio, spä-
ter seinen Schüler Johannes von Lodi sowie die Äbte Gebizo und Tedald zu Zen-
soren seiner Schriften zu bestellen und sie aufzufordern, eine kritische Durchsicht
vorzunehmen und das Briefwerk auf Fehler hin durchzusehen.30 Die Überliefe-
rung der Briefe legt bis heute beredtes Zeugnis davon ab, dass diesen Absichten
Erfolg beschieden war, denn kein einziger ist im Original erhalten. Die Schreiben
wurden vielmehr als größere Konvolute in Form von - vielfach thematisch geord-
neten - Briefsammlungen tradiert 11 und spiegeln zugleich die bis ans Ende des
Mittelalters bestehende Aktualität der Werke des Petrus Damiani in kirchenre-
formerischen Kreisen wider.32
Wie bereits anklang, waren als Adressaten dieser Aufrufe zunächst die Reform-
befürworter angesprochen, also gebildete Geistliche, die in der Lage waren, dem
bisweilen hohen theologischen Argumentationsniveau dieser Diskussionen zu fol-
gen bzw. innerhalb der Reformkreise für Unterstützung zu sorgen. Doch Petrus
Damiani beschränkte sich bei seinem Kampf gegen innerkirchliche Missstände
nicht darauf, die litterati, also eine klerikal-intellektuelle Öffentlichkeit anzu-
sprechen, sondern suchte den direkten Zugang zu leseunkundigen Kreisen, also

28 Wenngleich der Brief deutlich geringer tradiert ist. Zur Überlieferungssituation vgl. Die Briefe des
Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 2, S. 190; demnach ist der Brief in insgesamt sieben Handschriften
überliefert, darunter in zwei aus dem 11. Jahrhundert stammenden Codices.
29 Vgl. Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 1, S. 21-23.
30 Vgl. den nach April 1059 entstandenen Brief 62, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 2,
S. 219f, an Bischof Theodosius von Senigallia und Bischof Rudolf von Gubbio sowie den um 1064
verfassten Brief 116, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 314-316. Zu Johannes von
Lodi vgl. FREUND, Stephan: Giovanni da Lodi, in: Dizionario biografico degli Italiani 56 (2001),
S. 72-74. Zur möglichen Identifizierung Gebizos und Tedaids vgl. Die Briefe des Petrus Damiani
(Anm. l),Teil 3,S. 314f. Anm. 1 und 2. Zur Zurückbehaltung von Abschriften vgl. REINDEL: Stu-
dien zur Überlieferung, Teil 1 (Anm. 1), S. 60f.
31 Vgl. dazu REINDEL in: Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 1, S. 13-29.
32 Vgl. dazu FREUND: Studien (Anm. 23), S. 126-157.
52 STEPHAN F R E U N D

einer laikal-,bürgerlichen' Öffentlichkeit avant la lettre-?7. Wie einem Brief aus der
Fastenzeit des Jahres 1065 zu entnehmen ist, bediente er sich bei solchen Gelegen-
heiten einer bewusst einfachen, .rustikalen' Ausdrucksweise.34
Ähnliche Vorgänge lassen sich anhand eines plakativen Beispiels aus der Früh-
phase der kirchenreformerischen Bestrebungen beobachten. Es sind dies die Er-
eignisse, die sich in den 1030er Jahren in Florenz um Johannes Gualberti zutru-
gen. Auch damals wurde bewusst Öffentlichkeit hergestellt, um Reformvorhaben
durchzusetzen:35 Der wie Petrus Damiani einer angesehenen Familie entstam-
mende Johannes Gualberti hatte sich um das Jahr 1030 infolge eines Bekehrungs-
erlebnisses vom weltlichen Leben abgewandt und war als Mönch in die oberhalb
von Florenz gelegene Abtei S.Miniato al Monte eingetreten, die damals refor-
miert und auch baulich wiederhergestellt wurde. Als Johannes feststellen muss-
te, dass der äußere Schein der Abtei nicht mit den inneren Befindlichkeiten über-
einstimmte, sondern dass der dortige Abt, Obertus, durch Simonie in sein Amt
gelangt war, suchte er auf den Rat eines Einsiedlers namens Teuzo den Weg an
die Öffentlichkeit:36 Auf dem Marktplatz von Florenz erhob Johannes Gualberti
öffentlich Anklage gegen Abt Obertus, aber auch gegen den Florentiner Bischof
Hildebrand, der offen mit seiner Ehefrau zusammenlebte, sich also des Verge-
hens des Nikolaitismus schuldig gemacht hatte, forderte von beiden den Rücktritt
und rief alle Anwesenden dazu auf, diesen Zuständen in der Florentiner Kirche
ein Ende zu bereiten. Der weitere Fortgang der Ereignisse, die um das Jahr 1037
zur Gründung des Klosters Vallombrosa, eines der bedeutendsten toskanischen
Reformzentren, führten, ist hier verzichtbar.37
Sowohl im Falle des Petrus Damiani als auch in dem des Johannes Gualberti
ist entscheidend, dass auf Seiten der Kirchenreformer etwa seit dem zweiten Drit-
tel des 11. Jahrhunderts zunehmend der Versuch zu beobachten ist, Missstände
bewusst über den Weg der Öffentlichkeit zu bekämpfen und den Reformanliegen

33 Zur Diskussion um den Begriff .Öffentlichkeit' im Zusammenhang mit dem Mittelalter vgl.
M I E T H K E , Jürgen: Publizistik, in: LexMA 7 (1995), Sp. 313-317; HÖLSCHER, Lucian: Öffent-
lichkeit, in: Geschichtliche Grundbegriffe 4 (1978), S. 413-467, hier S. 413-422. Vgl. auch SCHU-
BERT, Ernst: Erscheinungsformen der öffentlichen Meinung im Mittelalter, in: Das Mittelalter 6
(2001), S. 109-127; HAVERKAMP, Alfred: „... an die große Glocke hängen". Über Öffentlichkeit
im Mittelalter, in: Jahrbuch des Historischen Kollegs 1995 (1996), S. 71-112, die sich beide jedoch
mehr mit dem Spätmittelalter befassen.
34 Vgl. Brief 121, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 392-397, hier S. 393, Z . 5 - 8 :
Immo quia contra rusticos et inperitos ac litterarumprorsus ignaros loquor, dignum est, ut eis congruens
rusticeproloquor, et ut ipsi dieunt, quidquid in buccam venerit, neglegenter effundam.
35 Vgl. zu ihm GOEZ, Werner: Johannes Gualberti, Abt von Vallombrosa (t 12.7.1073), in: GOEZ,
Werner, Lebensbilder aus dem Mittelalter. Die Zeit der Ottonen, Salier und Staufer, Darmstadt
:
1998, S. 139-149; SPINELLI, Giovanni: Johannes Gualbertus, in: LexMA 5 (1991), Sp. 580.
36 Vgl. zu ihm Petrus Damianis Brief 44, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 2, S. 8 Anm. 1
mit weiterer Literatur.
37 Zur Geschichte von Vallombrosa vgl. AVAGLI ANO, Faustino: Vallombrosa, in: LexMA 8 (1997),
Sp. 1395f.
O F F E N E BRIEFE, FEHLENDE B O T E N , MÜHSAME REISEN 53

damit Nachdruck zu verleihen:38 Durch Beeinflussung weiterer Kreise der gebil-


deten Schichten, aber auch der breiten städtischen Bevölkerung sollte von unten
Druck erzeugt werden, um damit vollendete Tatsachen zu schaffen und, wenn
dies nicht gleich gelang, gezielt Gefolgschaft aufzubauen.
Für die Beurteilung der Briefe des Petrus Damiani bedeutet dies, dass zahl-
reiche von ihnen nicht als Korrespondenz im quasi-privaten Raum oder als ver-
schwiegene Nachrichten, die unter Vertrauten ausgetauscht wurden, anzusehen
sind, sondern bewusst auf öffentliche Wirksamkeit abzielten. Auf diese Weise
bieten sie nicht nur Einblick in den Wandel der Kommunikationsgewohnheiten
zu Beginn des Hochmittelalters, sondern eröffnen bis heute den Zugang zu den
internen Reformdebatten der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Über den exemplarischen Einzelfall hinaus lassen sich an dieser Stelle weitere
Beobachtungen zur Entwicklung der mündlichen und schriftlichen Kommuni-
kation in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts mitteilen: Die Briefe des Petrus
Damiani stehen am Beginn eines Prozesses, der Teil des Fortschreitens der Kir-
chenreform war und zur Folge hatte, dass im Kreise einer - heute würde man
sagen - .intellektuellen' Öffentlichkeit in Form von Traktaten oder traktatähnli-
chen Werken über den weiteren Verlauf der Reformen diskutiert wurde. Die dann
später so genannten Streitschriften des Investiturstreits markieren in dieser Hin-
sicht eine deutliche Veränderung im Verhältnis von mündlicher und schriftlicher
Kommunikation. Sie zeigen - wie dies bereits an Inhalt und Umfang mancher in
Briefform abgefasster Werke des Petrus Damiani abzulesen war -, dass die Dis-
kussionen an Komplexität gewannen, weshalb es zunehmend darauf ankam, die
Argumente sorgsam zu setzen. Hier besaß die Schriftform eindeutige Vorteile
gegenüber dem rein mündlichen Vortrag.39 Dass das Vertrauen in die Schriftlich-
keit in jener Zeit allgemein wuchs und zudem der Wunsch bestand, die Klärung
vermeintlicher Widersprüche innerhalb des kirchlichen Rechts herbeizuführen,
belegt nicht zuletzt der Umstand, dass es gerade in jenen Jahren auch zur Abfas-

38 Im Jahre 1067 griff Johannes Gualberti zu ähnlichen Mitteln und wandte sich wiederum an
die Öffentlichkeit, um mit Hilfe des florentinischen Populus den simonistischen Bischof Pietro
Mezzabarbazu vertreiben. Vgl. dazu SPINELLi: Johannes Gualbertus (Anm. 35). Vgl. dazu auch den
an Bürger und Mönche in Florenz gerichteten Brief 146 des Petrus Damiani aus dem Jahre 1067,
Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 531-542, mit dem dieser im Streit zwischen
Bischof Petrus Mezzabarba und Johannes Gualberti zu vermitteln suchte. Petrus Mezzabarba ver-
lor damals sein Amt. Vgl. dazu SCHWARTZ, Gerhard: Die Besetzung der Bistümer Reichsitalicns
unter den sächsischen und salischen Kaisern. Mit den Listen der Bischöfe 951-1122, Leipzig/Ber-
lin 1913, S. 210.
39 Zu klären bleibt dabei jedoch noch immer, inwieweit diese .Streitschriften' möglicherweise als eine
Art Handbücher anzusehen sind, die dazu dienen sollten, bei öffentlich geführten Debatten ein
Nachschlagewerk zur Verfügung stehen zu haben, aus dem man rasch die geeigneten Argumente
schöpfen konnte. Dieser Art von .pragmatischer Schriftlichkeit' versuchr vor allem der Münstera-
ner Sonderforschungsbereich 231 „Träger, Felder, Formen pragmatischer Schriftlichkeit im Mit-
telalter" nachzuspüren. Vgl. dazu die Ausführungen von SUCHAN, Monika: Königsherrschaft im
Streit. Konfliktaustragung in der Regierungszeit Heinrichs IV. zwischen Gewalt, Gespräch und
Schriftlichkeit (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 42), Stuttgart 1997, S. 176-291.
54 STEPHAN F R E U N D

sung von Kanonessammlungen kam, die sich diese Ausmerzung von Wider-
sprüchlichkeiten zum Ziel gesetzt hatten.40
Von dieser übergeordneten Ebene aus soll der Blick nun hingelenkt werden
zur Praxis des Nachrichtenaustauschs im Spannungsfeld von Mündlichkeit und
Schriftlichkeit.

Fehlende Boten

Die Klage des Petrus Damiani über fehlende Boten41 soll pars pro toto für die prak-
tisch-technische Seite des Nachrichtenaustauschs stehen, und für Probleme, die
sich bei der Entstehung von Briefen und ihrer Übermittlung ergeben konnten.
So ist zu erfahren, dass es mitunter schwierig war, geeignete Schreiber und Per-
gament zu finden.42 Doch auch der technische Vorgang des Briefeschreibens lässt
sich den Werken des Eremiten bis in Details entnehmen. Seine Briefe entstan-
den in einem dreistufigen Verfahren: Der Text wurde einem Schreiber diktiert,
der ihn zunächst auf Wachstafeln festhielt, danach fand eine Korrektur statt, der
dann die abschließende Reinschrift folgte.43 Doch damit begannen in vielen Fäl-
len erst die eigentlichen Probleme. Vielfach drängte die Zeit oder sollte der Emp-
fänger nicht mit noch mehr Geschriebenem belastet werden, weshalb der münd-
lichen Nachrichtenübermittlung der Vorzug gegeben wurde.44 Diesen Weg schlug
man aber auch ein, um zu verhindern, dass brisante Nachrichten in falsche Hände
fielen.45 Die mündliche Überbringung von Nachrichten barg allerdings Probleme
in doppelter Hinsicht: Für die mittelalterlichen Absender und Empfänger ging
mit der Mündlichkeit die Gefahr der Umformung der ursprünglichen Nachricht

40 Vgl. dazu den Überblick bei HARTMANN, Wilfried: Der Investiturstreit (Enzyklopädie deutscher
Geschichte 21), München 1993, S. 115f.
41 Siehe dazu oben Anm. 1.
42 Zum Problem, Schreiber und Pergament zu finden, vgl. Petrus Damiani, Brief 95, Die Briefe des
Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 42, sowie Brief 96, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1),
Teil 3, S. 50, vgl. dazu REINDEL: Studien zur Überlieferung, Teil 1 (Anm. 1), S. 60.
43 Vgl. dazu REINDEL, Kurt: Die Handschriften der Werke des Petrus Damiani, in: S. Pier Damiani.
Atti del convegno di studi nel IX centenario della morte, Faenza, 30 settembre - 1 ottobre 1972
(Societä Torricelliana di scienze c lettere), Faenza 1973, S. 93-113, hier S. 95- 97; REINDEL: Stu-
dien zur Überlieferung, Teil 1 (Anm. 1), S. 52-55, sowie Brief 159, Die Briefe des Petrus Damiani
(Anm. 1), Teil 4, S.91, Z. lfi, 9-14; Brief 153, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 4,
S. 42, Z. 22-24; Brief 96, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 50, Z.24; Brief 121,
Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 393, Z. 3-5.
44 Vgl. Brief 167, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 4, S. 237, Z. 11-13: Nolumus autem
sanctos oculos vestros onerare pluribus litteris, set omnia, que dicenda sunt, committimus experiencie
portitoris. Vgl. dazu FREUND: Briefe und Boten (Anm. 2), S. 99.
45 Zur Gefahr, Inhalte von Briefen könnten falschen Personen zur Kenntnis gelangen, vgl. Brief 12,
Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 1, S. 141, Z.18-S. 142, Z. 1: Quorum videlicetpartem
in hac eciam epistola scriberem, si curiosum supervenientis oculum non timerem. Vergleichbares lässt
sich auch am Beispiel anderer Quellen und Regionen aufzeigen. Vgl. dazu FREUND: Briefe und
Boten(Anm.2),S.68f.
O F F E N E BRIEFE, FEHLENDE BOTEN, MÜHSAME REISEN 55

einher.46 Für die moderne Erforschung des mittelalterlichen Nachrichtenwesens


hat dies zur Folge, dass - ungeachtet des generellen Problems der geringen Über-
lieferungschance von Briefen - der weit überwiegende Teil dieser Informationen
unwiederbringlich dahin ist, wir also nur einen verschwindend geringen Bruch-
teil des damaligen Nachrichtenaustauschs greifen können.
Ausschnittsweise lässt sich diese Problematik am Beispiel von Petrus Damianis
Brief 99 vom Juni 1063 illustrieren: In diesem an Erzbischof Anno gerichteten
Schreiben bat der Kirchenreformer den Kölner Metropoliten um die Einberu-
fung eines Generalkonzils, um den Kampf gegen den Gegenpapst Honorius II.
(Cadalus von Parma) zu Ende zu bringen.47 Soweit die für uns anhand des über-
lieferten Briefes nachvollziehbaren Vorgänge. Der weitere Informationsaustausch
erfolgte dann allem Anschein nach auf mündlichem Weg und ist für uns daher
nur zu erschließen: Über den Inhalt dieses mit Alexander II. nicht abgestimmten
Schreibens des Petrus Damiani müssen in den folgenden Monaten unterschiedli-
che Nachrichten nach Rom gedrungen sein. Sie führten zu einer - schriftlichen,
allerdings nicht erhaltenen - Reaktion Papst Alexanders II. und des Archidiakons
Hildebrand. Die beiden rügten den Kardinalbischof wegen seiner Eigenmächtig-
keit und forderten ihn auf, nach Rom zu kommen. Petrus Damiani lehnte dieses
Ansinnen - in schriftlicher (erhaltener) Form - ab, schickte jedoch eine Abschrift
seines Schreibens an Anno von Köln nach Rom, um sich zu rechtfertigen.'*8 Wir
greifen damit nicht nur an einem konkreten Fall, dass sich der Nachrichtenaus-
tausch im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit vollzog, sondern
erhalten damit ein weiteres Motiv, das Petrus Damiani veranlasste, Abschriften
seiner Briefe in Fönte Avellana zurückzubehalten: Er war sich der Gefahr der Ver-
änderung von Informationen offenbar bewusst und wollte ihr wirksam begegnen
können.
Und schließlich wirft ein weiterer Brief des Petrus Damiani an Papst Alexan-
der II. ein Schlaglicht auf die Gefahr des Untergangs, der Briefe offenbar in beson-

46 Vgl. dazu VOLLRATH, Hanna: Das Mittelalter in der Typik oraler Gesellschaften, in: HZ 233
(1981), S.571-594; ANGENENDT, Arnold: Verschriftlichte Mündlichkeit - vermündlichte
Schriftlichkeit. Der Prozeß des Mittelalters, in: DUCHHARDT, Heinz/MELViLLE, Gert (Hg.), Im
Spannungsfeld von Recht und Ritual. Soziale Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit
(Norm und Struktur 7), Köln/Weimar/Wien 1997, S.3-25, sowie die grundsätzlichen Überle-
gungen von FRIED, Johannes: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memo-
rik, München 2004.
47 Brief 99, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 97-100. Vgl. dazu JENAL, Georg: Erz-
bischof Anno IL von Köln (1056-1075) und sein politisches Wirken. Ein Beitrag zur Geschichte
der Reichs- und Territorialpolitik im 11. Jahrhundert (Monographien zur Geschichte des Mittelal-
ters 8), Stuttgart 1974, S. 192, 195, 209 und 243f; ARDUINI, Maria Ludovica: Kirchengeschicht-
liche Probleme im 11.Jahrhundert. Das Verhältnis Kölns zu Rom zur Zeit Annos IL, in: Revue
benedictine 92 (1982), S. 141-148.
48 Brief 107, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 185-188. Vgl. dazu auch SCHMIDT,
Tilmann: Alexander IL (1061-1073) und die römische Reformgruppe seiner Zeit (Päpste und
Papsttum 11), Stuttgart 1977, S. 210-212.
56 STEPHAN F R E U N D

derem Maße ausgesetzt waren.49 Dem Schreiben aus dem Sommer des Jahres 1064
ist nämlich zu entnehmen, dass offenbar die Angewohnheit bestand, Briefe - ins-
besondere solche mit brisantem Inhalt - nach der Lektüre zu vernichten.'0
Wenngleich diese Befunde unseren Erkenntnismöglichkeiten Grenzen auf-
erlegen, lassen sich dennoch einige übergeordnete Feststellungen treffen, die das
früh- und hochmittelalterliche Nachrichtenwesen als Ganzes charakterisieren: So
demonstriert das Beispiel des Petrus Damiani, dass die Nachrichtenübermittlung
im frühen und hohen Mittelalter51 überwiegend dezentral organisiert war und
über eine Vielzahl lokaler, regionaler, aber auch überregionaler Netze erfolgte.'2
Ausgehend von der Einsiedelei Fönte Avellana hatte Petrus Damiani einen klei-
nen Verband von Klöstern und Einsiedeleien geschaffen,53 bestehend aus den Ein-
siedeleien SS. Trinitä di Monte S. Vicino (di Frontale),54 Preggio,55 S. Barnaba oder
Gamugno,56 den Klöstern Acereta,5^ S. Gregorio in Conca,58 S. Maria in Sitria,'9
S. Salvatore di Monte Acuto,60 S. Bartolomeo in Camporeggiano,61 S. Niccolö del
Corno 62 sowie dem Eremitenkloster Ocri.63 Die Kongregation verteilte sich auf
die Diözesen Faenza und Rimini, die die nordöstliche Grenze bildeten, über die
Bistümer Sarsina, Camerino, Perugia, Nocera, Gubbio bis Penne als südlichstem
Punkt und erstreckte sich damit insgesamt auf rund 250 Kilometer. Die diesem
Netz angehörenden Einsiedeleien und Klöster wurden von Petrus Damiani nicht

49 Vgl. dazu generell EsCH, Arnold: Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall als methodi-
sches Problem des Historikers, in: HZ 240 (1985). S. 529-570.
50 Brief 109, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 200-223, hier S. 201, Z. 20-23:
Praecepit mihi beatitudo tua, venerabilis pater, ut numquam tibi litteras mitterem, quae leve quid
et oblivione dignum acfrivolum continerent, quas scilicet mox ut lector transiliendo percurrerit, edax
flamma consumit. Vgl. dazu REINDEL: Studien zur Überlieferung, Teil 1 (Anm. 1), S. 62. Da keine
Briefe des Petrus Damiani bekannt sind, auf die dieser Vorwurf zutrifft, sind diese Briefe in der Tat
vernichtet worden. LUCCHESI, Giovanni: La „Vita S. Rodulphi et S. Dominici Loricati" di S. Pier
Damiano, in: Rivista di Storia della Chiesa in Italia 9 (1965), S. 166-177, hier S. 166 Anm. 2.
51 Für das Frühmittelalter verweise ich auf die Ergebnisse meiner Untersuchung FREUND: Kommu-
nikation (Anm. 3).
52 Den konkreten Verlauf werde ich in einer größeren Studie vorstellen.
53 Vgl. dazu CACCIAMANI, Giuseppe Maria: Le fondazioni eremitiche e cenobitiche di S. Pier
Damiano. Inizi della Congregazione di S.Croce di Fönte Avellana, in: Ravennatensia 5 (1976),
S. 5—33; PlERUCCl, Celestino: San Pietro Damiani e Fönte Avellana, in: Fönte Avellana nella
societädei secoli XI eXII. Atti del II Convegnodel Centrodi studi avellaniti, Fönte Avellana 19 7 8,
S. 157-178.
54 Das heutige Sanseverino, Gemeinde Apiro, Provinz Macereta. Vgl. dazu FREUND: Studien
(Anm. 23), S. 227 Anm. 119 und S. 228 Anm. 120.
55 Provinz und Diözese Perugia, Gemeinde Umbertide. Vgl. dazu ibid., S. 228 Anm. 121.
56 Gemeinde Marradi, Provinz Florenz. Vgl. dazu ibid., Anm. 123.
57 Gemeinde Marradi, Provinz Florenz. Vgl. dazu ibid., S. 229 Anm. 124.
58 Gemeinde Morciano, Provinz Forli. Vgl. dazu ibid., Anm. 125.
59 Zu Füßen des Monte Nocria, rund fünf Kilometer von Fönte Avellana entfernt. Vgl. dazu ibid.
60 Südlich von Gubbio gelegen. Vgl. dazu ibid.
61 In der Nähe von Umbertide, südwestlich von Gubbio. Vgl. dazu ibid.
62 Zu Füßen des Monte Corno in der Nähe von Isola del Gran Sasso. Vgl. dazu ibid.
63 Zu Füßen des Monte Ocri und des Monte Aquilone. Vgl. dazu ibid.
O F F E N E BRIEFE, FEHLENDE BOTEN, MÜHSAME REISEN 57

nur regelmäßig visitiert,6"1 sondern er stand mit ihnen auch in beständigem Brief-
kontakt, wenngleich die erhaltenen Briefe aller Wahrscheinlichkeit nach nur
einen Bruchteil dieser Beziehungen widerspiegeln und davon auszugehen ist, dass
vor allem auf dem Weg mündlich überbrachter Botschaften ein ständiger Aus-
tausch erfolgte. Die rasch ins Kloster Acereta gedrungene Nachricht vom Tod des
Kirchenreformers in Faenza65 zeigt zudem, dass sich über dieses gewissermaßen
.interne' Netz Neuigkeiten in Windeseile verbreiteten, man also über Zuträger
verfügte, die bei Bedarf rasch in Aktion traten und auf diese Weise ein zuverlässi-
ges Informationsnetz schufen.66
Die Briefe des Kirchenreformers demonstrieren überdies, dass sich seine Infor-
mationsnetze keineswegs auf die lokalen oder regionalen Kreise seines klöster-
lich-eremitischen Verbandes beschränkten, sondern dass er auch in ein regiona-
les Nachrichrennerz eingebunden war, das die Kontakte mit den Bischöfen und
Amtsträgern der Marken und der angrenzenden Regionen - Frauen und Männer
gleichermaßen - sicherstellte:67 Den nördlichsten Punkt bildeten hier Pomposa
und Ravenna, den südlichsten Fermo. Die Verbindungen verliefen entlang des
Küstensaums der Adria, reichten aber zugleich weit ins bergige Landesinnere hin-
ein. Und schließlich ist zu beobachten, dass Petrus Damiani selbst in der eremi-
tischen Abgeschiedenheit Fönte Avellanas am Fuße des Monte Catria über weit
darüber hinausgehende Beziehungen verfügte, die es ihm ermöglichten, die zum
Teil tagesaktuellen innerkirchlichen Entwicklungen zu verfolgen, und ihm gestat-
teten, an den darüber geführten Diskussionen aktiv mitzuwirken: Dieses Netz
umfasste Kontakte zu allen Päpsten von Gregor VI. bis zu Alexander II.,68 zu den
Königen/Kaisern Heinrich III. und Heinrich IV.69 sowie zu Kaiserin Agnes"0 und
zur französischen Königin Anna/ 1 Hinzu traten Kontakte zu den Kardinälen"2
und führenden Persönlichkeiten im Umfeld des Papsttums, wie zum Archidiakon

64 Zu den regelmäßigen Visitationsreisen des Petrus Damiani vgl. ibid., S. 230.


65 Vita Petri Damiani c. [XXII], ed. von FREUND: Studien (Anm. 23), S. 260. Siehe dazu auch unten
bei Anm. 101.
66 Daneben gab es offenbar auch ein familiäres Verbindungsnetz, über das Petrus Damiani die Kon-
takte zu seinen Schwestern, seinem Bruder und seinen Neffen aufrechterhielt. Briefe 93, 94, 123,
132, 138, 158. Auf diese Weise lernen wir eine privat-persönliche Seite des Eremiten kennen, die
enge Bindungen innerhalb einer Kernfamilie sichtbar werden lässt. Zur Diskussion um den mit-
telalterlichcn^wnAtf-Begriffund zu den derartigen Gruppierungen innewohnenden Identitäten
vgl. GOETZ, Hans-Werner: Familie, in: LexMA 4 (1989), Sp. 255f, 270-275 (mit weiterer Lite-
ratur); GOETZ, Hans-Werner: Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterfor-
schung, Darmstadt 1999, S. 158f, 226f, 240. Vgl. auch MITTERAUER, Michael: Mittelalter, in:
GESTRICH, Andreas/KRAUSE, Jens-Uwe/MlTTERAUER, Michael: Geschichte der Familie (Euro-
päische Kulturgeschichte 1), Stuttgart 2003, S. 160-363.
67 Briefe 2, 20, 23, 51,66,67,68, 114, 141,143,148,151, 154.
68 Briefe 13,16,26,31,33,46,57,60,61,72,79,96,98,107,108, 109, 122,140,164,167.
69 Briefe 20,43, 120.
70 Briefe 71, 104, 130, 144, 149.
71 Brief64.
72 Briefe 48, 69, 97, 156.
58 STEPHAN F R E U N D

Hildebrand, aber auch dem stadtrömischen Präfekten Cencius und anderen.73


Daneben stand Petrus Damiani in Korrespondenz mit den Klöstern Cluny74 und
Montecassino,75 verfügte über gute Kontakte zum oberitalienischen Episkopat,76
wandte sich bei Bedarf aber auch an Bischöfe in Deutschland und Frankreich.77
Sein Kommunikationsrahmen war europaweit gespannt.
Über das Einzelbeispiel hinaus reicht auch die Beobachtung, dass Klöster und
Bischofssitze beim Prozess der Nachrichtenübermittlung eine zentrale Rolle spiel-
ten.78 Über ihr dicht gesponnenes und eng miteinander verwobenes Netz, das
durch die jeweils zugehörigen Hintersassen ergänzt wurde, konnten Informatio-
nen rasch - und vor allem zuverlässig! - befördert werden.
Die vielbeschworene Interaktion zwischen Königtum und Kirche in der Zeit
der so genannten ottonisch-salischen Reichskirche fand nicht zuletzt auf diesen
Wegen statt. Hält man sich dies vor Augen, dann wird deutlich, welchen Umbruch
das Zerbrechen dieser Einheit von regnum und sacerdotium am Ende des 11. Jahr-
hunderts darstellte und in welchem Maße die Herrschaftsgrundlagen des König-
tums durch den Investiturstreit betroffen waren: Das Königtum verlor dadurch
nämlich nicht nur seine sakrale Legitimation und den Zugriff auf die Kirche,
sondern auch einen für seine Funktionsfähigkeit ganz entscheidenden Teil seiner
Infrastruktur.
Wo das geschriebene Wort nicht ausreicht, ist persönliche Präsenz erforderlich.
Damit berührt die Frage nach Nachrichtenübermittlung und Kommunikation
auch den Bereich des Reisens,79 dem der dritte und letzte Abschnitt gewidmet
sein soll.

Mühsame Reisen

„Ich habe die Reise aus Furcht vor der damit verbundenen Mühsal nicht auf mich
genommen", so der Kirchenreformer in einem Schreiben aus dem Jahre 1047 an
Papst Clemens IL80 Petrus Damiani rechtfertigte damit, weshalb er sich der Bit-
te Heinrichs III., er möge sich persönlich ein Bild von den Zuständen der Kirche
in den Marken verschaffen und den Papst darüber unterrichten, entzogen hatte.
Wenngleich diese Klage über die Beschwerlichkeit des Reisens als vorgeschoben
gilt und kaschieren sollte, dass die Unzufriedenheit des drängenden Reformers
mit dem schleppenden Fortgang der päpstlichen Erneuerungsbemühungen der

73 Briefe 11,49, 52, 57,63,65,75,77,79,83,107, 135,145, 155, 156,160.


74 Briefe 100, 103, 113.
75 Briefe 82,86,90,95,102, 105,119,126,127,159,161.
76 Briefe 57, 58, 88, 89, 101,112.
77 Briefe 99, 111.
78 Vgl. dazu FREUND: Briefe und Boten (Anm. 2), S. 100; FREUND: Kommunikation (Anm. 3),
S. 18, mit vergleichbaren Beobachtungen für andere Regionen und Zeiten.
79 Vgl. dazu generell OHLER, Norbert: Reisen im Mittelalter, Düsseldorf 1999.
80 Brief 26, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 1, S. 239-242, hier S. 240, Z. 10.
O F F E N E BRIEFE, FEHLENDE BOTEN, MÜHSAME REISEN 59

eigentliche Grund für die Absage war, so illustriert sie doch zweierlei: Die Rolle
des Petrus Damiani als persönlicher Vermittler und die inhaltliche Sprengkraft,
die seine Reisen „mühsam" werden ließ.
Petrus Damiani hat nämlich während seiner Tätigkeit im Dienste der Kirchen-
reform eine ganze Reihe von langen und beschwerlichen Reisen auf sich genom-
men, um bei Konflikten schlichtend tätig zu werden. Wenn dies der Fall war und
sich der Kardinaibischof persönlich auf den Weg machen musste, hatten die Kon-
troversen zumeist eine derartige Schärfe erreicht, dass lokale Vermittler nichts
mehr vermochten.
Brisant war insbesondere die so genannte Mailänder Mission.81 Diese Legati-
on führte Petrus Damiani um das Jahr 1059, bestallt mit päpstlichen Vollmach-
ten, nach Mailand, den damals wohl am heftigsten schwelenden Herd kommuna-
ler und religiöser Unruhen in Oberitalien.82 Die Kritik eines Teils der Mailänder
Pataria richtete sich gegen simonistische Praktiken und die wenig sittenstrenge
Lebensweise des Mailänder Klerus, insbesondere gegen Erzbischof Wido (Guido)
von Velare (1045-1071), einen übel beleumundeten Kirchenfürsten.83 Die Petrus
Damiani übertragene Aufgabe wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass sich in
der Mailänder Kirche seit der Amtszeit des Kirchenvaters Ambrosius ein regel-
rechtes Sonderbewusstsein entwickelt hatte, demzufolge die Mailänder Kirche
nicht nur eine Vorrangstellung in Oberitalien genieße, sondern zudem keiner
anderen Kirche untergeordnet sei, auch nicht der Römischen. Dem Kardinal-
bischof von Ostia gelang durch sein persönliches Erscheinen und seine Ansprache
nicht nur die Beruhigung der Gemüter, sondern auch die Durchsetzung des päpst-
lichen Primats. Wir treffen damit ein Musterbeispiel von mündlicher und zugleich
schriftlicher Kommunikation an, denn Petrus Damiani hat über die Mailänder
Mission und ihre Begleiterscheinungen einen umfangreichen Bericht in Briefform
verfasst.84

81 Vgl. dazu PALAZZINI, Pietro: La missione milanese di San Pier Damiani e il "Privilegium S R .
Ecclesiae", in: Atti e Memorie della Deputazione di Storia Patria per le Marche, Serie 8, Bd. 7,
1971-1973, Ancona 1974, S. 171-195.
82 Vgl. dazu VIOLANTE, Cinzio: La pataria milanese e la riforma ecclcsiastica, Bd. 1: Le premesse
(1045-1057) (Istituto Storicoltaliano per il Medio Evo. Studi storici 11-13), Rom 1955; KELLER,
Hagen: Pataria und Stadtverfassung, Stadtgemeinde und Reform: Mailand im „Investiturstreit",
in: FLECKENSTEIN, Josef (Hg.), Investiturstreit und Reichsverfassung (Vorträge und Forschun-
gen 17), Sigmaringen 1973, S. 321-350; GOLINELLI, Paolo: La Pataria, Novara 1984; ENGLBER-
GER, Johannes: Gregor VII. und die Investiturfrage. Quellenkritische Studien zum angeblichen
Investiturverbot von 1075 (Passauer Historische Forschungen 9), Köln 1996, S. 52-92; SCHULZ,
Knut: „Denn sie liebten die Freiheit so sehr...". Kommunale Aufstände und Entstehung des euro-
päischen Bürgertums im Hochmittelalter, Darmstadt 1992, S. 21-47.
83 Vgl. zu ihm RAPETTI, Anna Maria: Guido da Velate, in: Dizionario biografico degli Italiani 61
(2003), S. 429-433. Vgl. auch LAUDAGE, Johannes: Wido (Guido) von Velate. in: LexMA 9
(1998), Sp. 71 f., mit dem pointierten Urteil, wonach Guido „den Typus eines mit Intriganz, Bered-
samkeit und Weltklugheit begabten Landadeligen [repräsentierte], dem es an theologischer Bil-
dung und persönlicher Integrität fehlte".
84 Brief 65, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 2, S. 228-247.
60 STEPHAN F R E U N D

Die Ereignisse müssen dramatisch gewesen sein. Allein, nur Anselm von Baggio
als Begleiter an seiner Seite, habe er vor der tobenden Menge gestanden, die die
unnachgiebige Bestrafung und Absetzung aller Simonisten gefordert, zugleich
aber die Unterordnung unter die Römische Kirche verweigert habe. Er sei sogar
mit dem Tod bedroht worden. Nur mühsam sei es ihm gelungen, Gehör zu finden.
Petrus Damiani unterbreitete schließlich einen Kompromissvorschlag: Es solle
eine sorgfältige Untersuchung aller Simonievorwürfe stattfinden. Wer frei von
persönlicher Schuld und untadelig in seiner Amtsführung sei, der solle nach einer
schriftlich abgelegten Buße, in der er beteuerte, künftig die kirchlichen Vorschrif-
ten zu achten, sein Amt behalten dürfen. Der Simonie Überführte hingegen, die
zudem ungebildet oder schlechten Lebenswandels seien, sollten ihr Amt verlieren.
Auch der Erzbischof musste einen derartigen Eid leisten. Da sich der Zorn eines
Teils des aufgebrachten Popolo auch gegen den päpstlichen Legaten und dessen
Einmischung richtete, stand zuletzt freilich nicht weniger auf dem Spiel als der
Primat der Römischen Kirche. Doch trotz der vor dem Bischofspalast tobenden
Menge war Petrus Damiani nicht der Mann, sich von Drohungen einschüchtern
zu lassen. Ungerührt bestieg er den Balkon des bischöflichen Palastes und erhob
seine Stimme:

Ihr möget wissen, dass ich nicht wegen der Ehre der Römischen Kirche gekommen bin, sondern
um Eures Ruhmes willen, um Euch Heil und Gnade Jesu Christi mit Hilfe der Römischen Kir-
che zu verschaffen. [...] Welche Provinz innerhalb aller Königreiche der Erde kann man finden,
die frei sein solle von dessen Rechtssprechung, durch dessen Willen sogar der Himmel geöff-
net und geschlossen wird? Alle Kirchen, welcher Würde auch immer, hat entweder ein König
oder irgendein Mensch eingerichtet und ihnen je nach seinen Vorstellungen bestimmte Rechte
zuteil werden lassen. Die Römische Kirche aber hat einzig derjenige errichtet und über dem Fels
des Glaubens erbaut, der Petrus, dem seligen Schlüsselträger des Himmels, zugleich die Rech-
te des Himmels und der Erde übertragen hat. Durch dessen Verleihung aber wird sie gestützt,
durch dessen Autorität aufrechterhalten. Es kann daher kein Zweifel sein, dass wer auch immer
irgendeiner Kirche ihr Recht entzieht, ein Unrecht begeht, wer aber das Vorrecht der Römi-
schen Kirche, Privilegium Romanae ecclesiae, das von jenem Haupt aller Kirchen übertragen
worden ist, zu stehlen wagt, der verfällt der Häresie. Derjenige verletzt nämlich den Glauben,
der gegen diejenige vorgeht, quae mater estfidei, die die Mutter des Glaubens ist.8s

Dieses so genannte Privilegium Romanae Ecclesiae, die bis zu diesem Zeitpunkt


klarste Formulierung des Primatsanspruchs der Römischen Kirche, fand noch im
11. Jahrhundert Eingang in die wichtigsten Kirchenrechtssammlungen der Zeit
und wurde auf diese Weise Bestandteil des bis heute gültigen Kirchenrechts.86
Nimmt man eine kommunikationsgeschichtliche Einordnung der Vorgänge vor,
so kann man die Mailänder Ereignisse als unmittelbar-persönliche Kommunika-
tion im öffentlichen Raum bezeichnen.

85 Ibid., S. 232, Z.10-S.234.Z.6.


86 Zur Rezeptionsgeschichte des von Petrus Damiani formulierten Privilegium Romanae Ecclesüe,
das später unter dem Namen Papst Alexanders IL verbreitet wurde, vgl. FREUND: Studen
(Anm. 23), S. 88-95, 96-98, 102f, 122f.
O F F E N E BRIEFE, FEHLENDE BOTEN, MÜHSAME REISEN 61

Ähnliches kann für zwei weitere Legationen des Petrus Damiani gelten. Die
erste führte ihn im Jahre 1063 nach Burgund, wo er eine heftige Auseinanderset-
zung zwischen Abt Hugo von Cluny und Bischof Drogo von Macon zu schlich-
ten hatte. Letzterer hatte zum wiederholten Male den Versuch unternommen,
die Rechte des päpstliche Immunität genießenden Klosters zugunsten seiner Stel-
lung als zuständiger Diözesanbischof zu schmälern.87 Zugleich verfolgte die Reise
des Kardinalbischofs die Absicht, den Anhang des sich damals mit Cadalus von
Parma einem Gegenpapst gegenübersehenden Papstes Alexander II. innerhalb des
französischen Episkopats zu stärken, weshalb dem Legaten umfassende päpstliche
Vollmachten verliehen worden waren.88 Ein anonym überlieferter Bericht infor-
miert ausführlich über den im Sinne des Klosters Cluny ausgehenden Verlauf die-
ser Vermittlungstätigkeit.89 Die Brisanz dieser Reise erhellt jedoch vor allem ein
Brief, den Petrus Damiani nach der Rückkehr an die Mönche von Cluny sandte.90
Darin schildert er mit beredten Worten, dass er aufgrund der Sorge vor Nachstel-
lungen der Anhänger des Cadalus von Parma erst Ende Oktober statt wie geplant
Anfang August nach Fönte Avellana zurückgekehrt war.91
Und auch die Sprengkraft der zweiten, ungleich spektakuläreren Reise des
Petrus Damiani über die Alpen war inhaltlicher Natur: Trotz seines mittlerwei-
le beträchtlichen Alters - Petrus Damiani war 1069 bereits über sechzig Jahre
alt - hatte Alexander II. seinen engsten persönlichen Vertrauten damals erneut
über die Alpen nach Frankfurt entsandt. Den Anlass bildete diesmal die Absicht
Heinrichs IV., sich von seiner Gemahlin Bertha von Turin zu trennen.92 Die von
Heinrichs Ansinnen offensichtlich völlig überraschten Teilnehmer der Wormser
Reichsversammlung erblickten den einzig möglichen Ausweg in Rom und erbaten

87 Vgl. dazu DIENER, Hermann: Das Verhältnis Clunys zu den Bischöfen vor allem in der Zeit seines
Abtes Hugo (1049-1109), in: TELLENBACH, Gerd (Hg.), Neue Forschungen über Cluny und die
Cluniacenser, Freiburg i.Br. 1959, S. 219-352; H U N T , Noreen: Cluny under Saint Hugh 1049-
1109, London 1967.
88 Alexander II. Diploma de legatione S. Petri Damiani in Gallias, ed. von D. Constantinus CAIETA-
NUS (Migne PL 145), Paris 1853, Sp. 857f. (JL 4516).
89 De Gallica Petri Damiani profectione et eius ultramontaneo itincre, ed. von Gerhard SCHWARTZ
und Adolf HOFMEISTER (MGH Scriptores 30/2), Leipzig 1926, S. 1034-1046. Der Streit wurde
zugunsten des Klosters entschieden. Vgl. dazu Brief 100, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1),
Teil 3, S. 104 Anm. 5.
90 Brief 100, Die Briefe des Petrus Damiani (Anm. 1), Teil 3, S. 101-115.
91 Ibid., S. 102, Z. 5-14: Nam ut unum dumtaxat annotare sußiciat, quo caetera colligantur, promissum
mihi est, quod in kalendis Augusti forem regressus ad propria. Sed proßigato postmodum trimenstri
fere curriculo, et quanta potui celeritate cucurri, et tarnen vix quinto ante kalendas Novembris die
jontis Avellani, undeprocesseram, cacumenascendi. Unde noster animus, dum per tot intumescentium
vada torrentium, per tot nivalium Alpium scopulosa praeripia, per tot etiam, quod peius erat,
Cadaloicifuroris conglobatas insidias suspectus inciderem, densam, ut ita loquar, intestini certaminis
grandinem pertulit.
92 BÜHLER. Arnold: Kaiser Heinrich IV. und Bertha von Turin - Eine schwierige Ehe im Spiegel der
Urkunden, in: AKG 83 (2001), S. 37-61; ZEY, Claudia: „Scheidung" zu Recht? Die Trennungsab-
sicht Heinrichs IV. im Jahr 1069, in: Von Sachsen bis Jerusalem. Menschen und Institutionen im
Wandel der Zeit, FS Wolfgang Giese zum 65. Geburtstag, hg. von Hubertus SEIBERT und Gertrud
THOMA, München 2004, S. 163-183.
62 STEPHAN F R E U N D

daher eine päpstliche Entscheidung. Aufgrund seiner großen Erfahrung, seiner


überragenden moralischen Autorität und nicht zuletzt aufgrund seiner in dieser
Situation erforderlichen glänzenden Kenntnisse auf dem Gebiet des Kirchen-
rechts erschien Petrus Damiani als die einzig geeignete Persönlichkeit zur Durch-
führung dieser politisch überaus brisanten Aufgabe.
In beiden Fällen werden die Einzelheiten der Reisetätigkeit und die damit ver-
bundenen Probleme - die Überquerung der anschwellenden reißenden Flüsse
und die Überschreitung der schneebedeckten, schroff abfallenden Abhänge der
Alpen - nur beiläufig erwähnt, waren demnach allem Anschein nach nachran-
gig-93
Wie auf dem Gebiet der Kommunikation - das zeigen diese Beispiele - war die
Welt auch auf dem Feld des Reisens in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts im
wahrsten Sinne des Wortes ,in Bewegung' geraten: Seit der mit der Synode von
Sutri im Jahre 1046 eingeläuteten Reform der Kirche begann das Papsttum sei-
ne bis dahin anzutreffende, rein reaktive Haltung zu überwinden und seine Pri-
matsansprüche aktiv voranzutreiben.94 Das Mittel dazu war die jetzt regelmäßige
Abhaltung von Reformsynoden, vor allem aber der nun systematisch erfolgende
Einsatz von päpstlichen Legaten, die - mit umfangreichen Vollmachten ausge-
stattet - die Reformziele in weiten Teilen Europas bekannt machen und damit
für deren Umsetzung sorgen sollten. Papst Leo IX. war dabei mit persönlichem
Einsatz vorangegangen, hatte er während seines Pontifikats doch nicht weniger
als sechs Mal die Alpen überquert und auch außerhalb Roms zahlreiche Synoden
abgehalten. Auf diese Weise erlangte er gemeinsam mit den von ihm aus seiner
lothringischen Heimat nach Rom geholten Mitarbeitern entscheidenden Anteil
daran, dass das Papsttum seit den 1050er Jahren seine bis dahin charakteristische
Provinzialität überwinden und zu einer in ganz Europa anerkannten und über
Einfluss verfügenden Autorität aufsteigen konnte.95 Das Einsetzen der Reformen
war daher zugleich verbunden mit einer ungeheuren Mobilisierung der mittelal-
terlichen Welt, die den bis dahin anzutreffenden, durchaus regen Pilgerverkehr
deutlich zu übertreffen begann, zumal es ja eines der Reformanliegen war, die
päpstliche Autorität gerade in kirchenrechtlichen Fragen durch persönliche Prä-
senz zur Durchsetzung zu bringen. Die über die zweite Hälfte des 11. Jahrhun-
derts berichtenden historiographischen Quellen liefern denn auch zahlreiche
Belegstellen über den Austausch von Gesandtschaften und Informationen.

93 Gefährdungen dieser Art scheinen überhaupt ein größeres Problem dargestellt zu haben als Alpen-
überquerungen oder ähnliche Vorhaben, denn bei diesen Gelegenheiten ist nur selten von größeren
Problemen oder Risiken zu erfahren. Der spektakuläre, durch Lampert von Hersfeld dramatisch
ausgemalte Canossagang Heinrichs IV. im Winter 1076/77 bildet eine weit überschätzte Ausnah-
me! Vgl. dazu auch FREUND: Briefe und Boten (Anm. 2), S. 75.
94 Vgl. dazu SCHIEFFER: Motu proprio (Anm. 17).
95 Vgl. dazu JOHRENDT, Jochen: Die Reisen der frühen Reformpäpste. Ihre Ursachen und Funktio-
nen, in: Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengcschichre 96
(2001), S. 57-94.
O F F E N E BRIEFE, FEHLENDE BOTEN, MÜHSAME REISEN 63

Die Person und die Reisetätigkeit des Petrus Damiani stehen exemplarisch für
diesen Prozess, sind aber zugleich repräsentativ für diese Methoden und Kommu-
nikationsmöglichkeiten, mit deren Hilfe es den Päpsten in der zweiten Hälfte des
11. Jahrhunderts gelang, den Reformvorhaben Breite und schließlich auch Durch-
setzungskraft zu vermitteln.96
Anstelle einer Schlusszusammenfassung soll am Ende der Untersuchung ein
nochmaliger Blick auf Petrus Damiani den an seiner Person ablesbaren Kommu-
nikationsraum im Kleinen sowie die Funktionsfähigkeit seiner Kommunikations-
netze illustrieren. Damit lässt sich zugleich am konkreten Einzelfall demonstrie-
ren, dass die ihm unterstellten Klöster und Einsiedeleien wichtige Fixpunkte im
Prozess des Nachrichtenaustauschs darstellten. Der Zusammenhalt untereinan-
der wurde durch briefliche Korrespondenz gewährleistet,97 durch mündlich über-
brachte Botschaften, aber auch durch regelmäßig stattfindende Visitationsreisen,
die zu einem Austausch von Nachrichten führten, zugleich aber die Einhaltung
der durch Petrus Damiani gesetzten Leitlinien für das eremitische Leben gewähr-
leisten sollten.98 Eine derartige Visitationsreise unternahm der Eremitenprior im
Jahre 1072 im Anschluss an eine päpstliche Legation, die ihn in seine Heimat-
stadt Ravenna geführt hatte, wo er die Aussöhnung der Stadt mit dem Papst-
tum bewerkstelligte.99 Die rund 65 Kilometer nordwestlich von Ravenna gelege-
ne, um das Jahr 1053-1055 gegründete Einsiedelei Gamugno war erstes Ziel der
Visitationsreise. Auf dem Weg dorthin gelangte Petrus Damiani von Ravenna aus
zunächst bis nach Faenza.100 Dort wurde er in der Nacht vom 21. zum 22. Februar
des Jahres 1072 im Kloster S. Maria foris portam von Fieber ergriffen und ist dar-
an binnen Kürze verstorben.101 Was danach geschah, demonstriert die Geschwin-
digkeit und Zuverlässigkeit seines eremitisch-klösterlichen Kommunikationsnet-
zes: Bereits am nächsten Morgen - so berichtet die Vita des Kirchenreformers
- waren Brüder aus dem Fönte Avellana unterstellten Kloster Acereta herbeige-
eilt, um den Leichnam mit sich zu nehmen und ihn bei sich oder in Fönte Avel-
lana zu bestatten.102 Doch sie mussten unverrichteter Dinge von dannen ziehen,

96 Mehr als alle theoretischen Ausführungen vermag das päpstliche Legationswesen zu zeigen, welch
beeindruckende Breite der päpstliche Kommunikationsrahmen binnen weniger Jahre und Jahr-
zehnte erlangte und sowohl hinsichtlich des ihm zur Verfügung stehenden Personenreservoirs als
auch hinsichtlich seines Wirkungskreises international wurde. Eine systematische Übersicht ver-
spricht die noch ungedruckte Habilitationsschrift von ZEY, Claudia: Die päpstliche Legatenpoli-
tik des 11. und 12. Jahrhunderts (masch. München 2002).
97 Siehe dazu oben bei Anm. 53.
98 Zu den Visitationsreisen vgl. FREUND: Studien (Anm. 23), S. 230.
99 Vgl. dazu Vita Petri Damiani c. [XXI], ed. von FREUND: Studien (Anm. 23), S. 258-260.
100 Man kann hier exemplarisch die durchschnittlich an einem normalen Tag zu Fuß zurückgeleg-
te Entfernung ablesen, rund 3 0 - 4 0 km. Die vielfach gestellte Frage nach der Geschwindigkeit
mittelalterlichen Reisens lässt sich allerdings kaum pauschal beantworten, da das Tempo von
einer ganzen Reihe von Faktoren wie Geländebeschaffenheit, Größe des Trosses, aber auch der
Dringlichkeit des Vorankommens abhängig war. Vgl. dazu FREUND: Briefe und Boten (Anm. 2),
S. 81f; FREUND: Kommunikation (Anm. 3), S. 2 Anm. 5 (jeweils mit weiterer Literatur).
101 Vita Petri Damiani c. [XXII], ed. von FREUND: Studien (Anm. 23), S. 260.
102 Ibid., S. 261.
64 STEPHAN F R E U N D

denn die Mönche von S. Maria foris portam waren nicht bereit, den Körper des
berühmten und im Rufe der Heiligkeit stehenden Kardinalbischofs herauszuge-
ben, wussten sie doch um die mit seiner möglichen Bestattung verbundene Aus-
sicht, zu einem regelrechten Kultort aufzusteigen und zum Ziel entsprechender
Pilgerfahrten zu werden. Sie sollten Recht behalten und so fand Petrus Damiani
zunächst in S. Maria foris portam,103 später im Dom von Faenza10'' seine letzte
Ruhestätte, an der er schon bald als Heiliger verehrt wurde und bis heute wird, um
schließlich von Dante Alighieri in der Divina Commedia in den siebenten Him-
mel oder Saturnhimmel aufgenommen zu werden und auf diese Weise bis heute
in Italien großes Ansehen zu genießen.105 Praktischer Nachrichtenaustausch hatte
also letztlich zu Kommunikation auf einer literarischen Ebene geführt und für
die Verankerung des Petrus Damiani im .kollektiven Gedächtnis' Italiens gesorgt.

103 Zur Lage des Grabes Damianis in der Kirche S. Maria foris portam vgl. SAVIOLI, Antonio: La
Chiesa di S. Maria „foris portam" a Faenza e la tomba di S. Pier Damiani, in: Studi Gregoriani 10
(1975), S. 111-130, hier S. 128-130; LUCCHESI, Giovanni: I viaggidi Pier Damiani, in: San Pier
Damiani. Atti del Convegno di Studi nel IX centenario della morte, Faenza 30 sett.-l. ott. 1972
(Societä Torricelliana di scienze e lettere), Faenza 1972, S. 71-91, hier 81-83.
104 Zur Verehrung Damianis in Faenza und zu den mehrfachen Translationen vgl. CAVALLI,
Armando: Vita di S. Pier Damiano, o.O. 1938, S. 89-99, und LANZONI, Francesco: San Pier
Damiano e Faenza. Memorie e note critiche, Faenza 1898 (ND in: LANZONI, Francesco: Storia
ecclesiastica e agiografica faentina dal XI al XV secolo (Studi e Testi 252), Rom 1969), S. 1-97,
hier S. 55-97.
105 Dante Alighieri: Divina Commedia, XXI, 121, ed. von Giorgio PETROCCHI, in: Dante Alighieri,
La Commedia secondo l'antica vulgata, Turin 19 7 5, S.364. Vgl. dazu FREUND: Studien
(Anm. 23),S. 158-161.
JANRÜTTINGER

Die Einseitigkeit von Information.


Die Silvesterkapelle von SS. Quattro Coronati und ihre
päpstliche Propaganda'

Etwa um das Jahr 920 verfasste ein unbekannter Autor aus Oberitalien ein Epos,
welches das Leben König Berengars I. von Italien (888-924) nachzeichnet, die so
genannten Gesta Berengarii Imperatoris} Das vierte und abschließende Buch die-
ses Werkes beschreibt unter anderem Berengars Kaiserkrönung im Jahr 915, die
von Papst Johannes X. (914-928) vollzogen wurde. Nach seinem Empfang vor der
Stadt reitet Berengar in Rom ein und wird zum Papstpalast, dem Lateran, gelei-
tet, wo er vom Papst begrüßt wird. Vom Lateran aus begeben sich Johannes X.
und Berengar gemeinsam nach St. Peter. Dort wird dem italienischen König eine
Darstellung der Taufe Konstantins durch Papst Silvester gezeigt, wahrschein-
lich ein Bestandteil eines umfassenderen Bilderzyklus', der das Leben und Wir-
ken Kaiser Konstantins zum Inhalt hatte und sich in der Petronilla-Kapelle von
Alt-St. Peter befunden haben soll.2 Jene aus der Mitte des 8. Jahrhunderts stam-
mende Kapelle diente als cappella regis Francorum und wurde aus diesem Grund
besonders ausgestaltet. Der Schreiber nimmt nun dieses Bild der Konstantins-
taufe zum Anlass, eine Analogie zwischen der Beziehung Konstantins zu Silvester
und jener Berengars zu Johannes X. herzustellen. Wie Konstantin und Silvester,
die Gründer der Roma Christiana, so symbolisieren auch Berengar und Johannes
den Bund zwischen Kaisertum und Papsttum, zwischen weltlicher und geistlicher
Macht, zwischen imperium und sacerdotium?
Wie dieses Beispiel zeigt, bedingen bestimmte Darstellungen durch ihre Iko-
nographie, hier die Taufe Konstantins, eine Interpretation, die in den Dienst einer
politischen Aussage gestellt werden kann. Die Ikonographie, das heißt die ein-
deutige Zuweisung und Identifizierung einer dargestellten Figur oder Szene, ist
gleichzusetzen mit einem Informationstransfer. Ein Attribut oder eine Insignie
können eine Figur eindeutig bestimmen und sie so identifizierbar machen. Die
Unterscheidung in Würde- und Herrschaftszeichen, wie sie im Folgendem vorge-
nommen werden soll, wird aber erst durch den Kontext und die Tradition, in der
sie stehen, deutlich. Die zur ikonographischen und ikonologischen Bestimmung

1 Gesta Berengarii Imperatoris, ed. von Paul VON WINTERFELD (MGH Poetae Latini 4/1), Berlin
1899, S. 354-403.
2 Zur Petronillakapelle vgl. Voci, Anna Maria: „Petronilla auxilatrix regis Francorum" Anno 757:
sulla „memoria" del re dei Franchi presso San Pietro, in: Bullettino dell'Istituto storico italiano per
il mcdio evo e archivio muratoriano 99.1 (1993), S. 1-28.
3 Gesta Berengarii Imperatoris (Anm. 1), S. 400.
66 JAN R Ü T T I N G E R

notwendigen Attribute und Insignien im Bild können demnach als Informations-


träger bezeichnet werden. Ein besonderes Beispiel für die politische Intention von
Kunstwerken ist der Freskenzyklus mit der Silvesterlegende des römischen Klo-
sters SS. Quattro Coronati. Seine Ikonographie entwickelt eine eindimensionale
Bildaussage zugunsten des päpstlichen Standpunktes, die als Propaganda bezeich-
net werden kann.4
Im Folgenden soll anhand einzelner, prägnanter Bildbeispiele aus dem Fresken-
zyklus der Silvesterkapelle von SS. Quattro Coronati diese päpstliche Propaganda
aufgezeigt werden. Dabei spielt die Datierung der Fresken eine besondere Rolle,
da durch sie der historische Kontext des Bildprogramms näher bestimmt werden
kann. Zu welcher Zeit herrschte in Rom das anti-kaiserliche Klima, das eine sol-
che pro-päpstliche Darstellung wie im Silvesterzyklus von SS. Quattro Coronati
ermöglichte? Um den päpstlichen Primat herauszustellen, wurden Mittel ange-
wandt, die im Bereich des ikonographischen Programms zum Tragen kommen.
Vor allem die verschiedenen dargestellten Insignien, ihre Bedeutung sowie Hier-
archisierung spielen bei der besonderen Bildaussage eine Rolle. Im Mittelpunkt
der Analyse stehen die Bildfelder der Nordwand der Silvesterkapelle, in denen das
kaiserlich-päpstliche Verhältnis dargestellt wird. Die Fresken der Südwand, die
dem Bekehrungstopos verpflichtet sind, sollen ausgeklammert werden, da sie für
die Fragestellung nicht in diesem Maße relevant sind.

Abb. 1: Rom, SS. Quattro Coronati, Klosteranlage mit: a) Kreuzgang b) Basilika c) Kardinalsresidenz
d) Silvesterkapelle (nach URL http://www.santiquattrocoronati.org, Fig.4).

4 Zum BegriffPropaganda vgl. DIECKMANN, Walthcr: Zum Wörterbuch des Unmenschen: Propa-
ganda, in: Zeitschrift für deutsche Sprache 21 (1965), S. 105-114.
D I E E I N S E I T I G K E I T VON INFORMATION 6-

Die Frage der Datierung

Der Freskenzyklus findet sich in einer dem heiligen Papst Silvester geweihten
Kapelle im Kloster von SS. Quattro Coronati in Rom.5 Das Kloster erhebt sich am
nördlichen Hang des Celio zwischen dem Kolosseum und dem Lateransbezirk.
Ursprünglich überragte es alle Gebäude seiner Umgebung und war selbst aus der
Entfernung, z. B. vom Palatin aus, leicht zu erkennen. Doch dieser Eindruck ist
heute durch die moderne Bebauung verloren gegangen. Der die Außenansicht des
Klosters prägende Bereich ist die nötdlich an das Atrium der Kirche angebaute
Kardinalsresidenz, zu der die Silvesterkapelle gehört (Abb. l). Der Ursprung dieser
Anlage geht auf einen Ausbau des Klosters unter Papst Leo IV. zwischen den Jah-
ren 847 und 855 zurück.6 Nach der Zerstörung des Klosters durch die von Robert
Guiscard angeführten Normannen im Jahre 1084 ließ der Kardinalpriester
Stefano Conti in der Mitte des 13. Jahrhunderts auf den Fundamenten des nicht
wieder aufgebauten Bereiches des karolingischen Nordseitenschiffes seine Resi-
denz errichten, die aus einem Wohnturm, in dessen Erdgeschoss die Silvesterkapel-

5 Grundlegende Arbeiten zum Klosterkomplex, der Kardinalsresidenz und den Fresken der Silvester-
kapelle: M U N O Z , Antonio: II restauro della chiesa e del chiostro dei SS. Quattro Coronati, Rom
1914; APPOLONJ G H E T T I , Bruno M.: SS. Quattro Coronati, Rom 1964; M A T T H I A E , Guglielmo:
Pittura politica del medioevo Romano, Rom 1964; KANTOROWICZ, Ernst H.: Constantinus
Strator, in: Mullus, FS Theodor Klauser, hg. von Alfred STUIBER und Alfred H E R M A N N , Mün-
ster 1964, S. 181-189; M A N Z I , Pietro: II convento fortificato dei SS. Quattro coronati nclla storia
e nell'arte, Rom 1968; KRAUTHEIMER, Richard/CoRBETT, Spencer: SS. Quattro Coronati, in:
KRAUTHEIMER, Richard/CoRBETT, Spencer/FRANKL, Wolfgang (Hg.), Corpus Basilicarum
Christianarum Romae. Le basilichc paleochristiane di Roma (IV-IX sec), Bd. III, Vatikanstadt
1976, S. 1-34; MITCHELL, John: St. Silvester and Constantine at the SS. Quattro Coronati,
in: ROMANINI, Angiola Maria (Hg.), FredericoII. e l'arte del Duecento italiano. Atti della III
settimana di studi di storia dell'arte mcdievale dell' Universitä di Roma, Galatina 1980, S. 15-32;
GOEZ, Werner: Ein Konstantin- und Silvesterzyklus in Rom, in: ALTRICHTER, Helmut (Hg.),
Bilder erzählen Geschichten, Freiburg i.Br. 1995, S. 133-148; BARBERINI, Maria Giulia: Santi
Quattro Coronati in Rom, Rom 1997; BARELLI, Lia/PuGLiESE, Raffaele: Nota sulla basilica
titolare dei SS. Quattro Coronati in Roma, in: Palladio 13 (1994), S. 19-24; BARELLI, Lia/
FALCONI, Mara: I SS. Quattro Coronati a Roma: Nuove acquisizioni sugli edifici annessi alla
basilica carolingia, in: Palladio 16 (1995), S. 5—14; SOHN, Andreas: Bilder als Zeichen der Herr-
schaft. Die Silvesterkapelle in SS. Quattro Coronati (Rom), in: Archivum Historiae Pontificiae
35 (1997), S.7-47; BARELLI, Lia: II palazzo cardinalizio dei SS. Quattro Coronati a Roma nel
basso medioevo, in: II Lazio tra antichitä e medioevo, Studi in memoria di Jean Coste, hg. von
Zaccaria MARi/Maria Teresa PETRAIA und Maria SPERANDIO, Rom 1999, S. 111-124. Zuletzt
im Zuge der Aufdeckung eines zeitgleichen profanen Freskenzyklus' in der so genannten sala
gotica: DRAGHI, Andreina: II ciclo di affreschi rinvenuto nel Convento die SS. Quattro Coronati
a Roma: un capitolo inedito della pittura romana del Duecento, in: Rivista dell'istituto nazionale
d'archeologia e storia dell'arte 54 (1999), S. 115-166; DRAGHI, Andreina: L'Aula gotica nel
complesso dei Santi Quattro Coronati: considerationi sul Ciclo dei mesi, in: MONCIATTI, Alessio
(Hg.), Domus et splendida palatia. Rcsidenze papali e cardinalizie a Roma fra XII e XV secolo; atti
della giornata di studio Pisa, Scuola Normale Superiore, 14 novembre 2002, Pisa 2004, S. 43-58.
6 Le Liber Pontificalis, Bd. 2, ed. von Louis DUCHESNE, Paris 21955, S. 106; BARELLI: II palazzo
cardinalizio (Anm. 5), S. 111, 114-116. Die umfassendste Chronologie des Baus bei KRAUTHEI-
M E R / C O R B E T T : SS. Quattro Coronati (Anm. 5), S. 2-5.
68 JAN RÜTTINGER

le eingerichtet wurde, sowie weiteren wehrhaften Gebäuden bestand.7 Sie ist durch
den Eingang zum heutigen Nonnenkloster von SS. Quattro Coronati zugänglich.
Der Raum, den man zuerst betritt, ist die ursprüngliche Sakristei der Silvesterka-
pelle und war an den Wänden mit einem liturgischen Kalender, der nur noch frag-
mentarisch erhalten ist, ausgestattet.8 Durch die Form der Buchstaben und der
Schriftzüge kann der Kalender in das 13. Jahrhundert datiert werden. Der Eintrag
der Heiligen Elisabeth von Thüringen am 19. November erlaubt darüber hinaus
eine genauere Datierung, da Elisabeth erst 1235 durch Papst Gregor IX. (1227-
1241) heilig gesprochen wurde.9 In dem Kalender taucht kein kanonisierter Hei-
liger aus dem Pontifikat Innozenz' IV. auf, was die Datierung weiter präzisiert.10
Der Kalender und damit auch die Kardinalsresidenz müssen also zwischen 1235
und 1246 entstanden sein. In der so genannten salagotica über der Kapelle finden
sich weitere Fresken, die aus der Zeit der Errichtung der Kardinalsresidenz stam-
men und diese Datierung unterstützen. Einer der dargestellten Heiligen kann als
der im Jahre 1234 kanonisierte Heilige Domenikus identifiziert werden." Damit
ist das Jahr 1234 ein terminus post quem für die Datierung der Kardinalsresidenz.
Eine Inschriftentafel an der inneren Südwand12 überliefert als Weihedatum
der Kapelle den 22. März 1247, was einen terminus ante quem für die zeitliche Ein-
ordnung der Fresken darstellt." Mit Ausnahme einer zweiten Inschriftentafel,14
die ebenso im Innenraum der Kapelle zu finden ist, sind heute keine weiteren
Quellen bekannt, die übet die Errichtung der Kardinalsresidenz von SS. Quattro
Coronati und über die Entstehung der Silvesterfresken genauere Auskunft geben

Vgl. eine Inschriftentafcl, die sich heute im Silvesteroratorium befindet, publiziert bei FORCELLA,
Vincenzo: Iscrizioni delle chiese e d'altri edificii di Roma dal secolo XI fino ai giorni nostri, Rom
1876, S.290, Nr. 718: Ad laudem Dei Omnipotentis et honorem Beati Silvestri Papae Confessoris
dedicata est hoc Capella per Dominum Rainaldum Hostiensem Episcopum adpreces Domini Stephani
tituli Sanctae Mariae Transtyberim Presbyteri Cardinalis qui Capellam et Domos Aedificari ficit.
Zitiert nach ZAHLTEN, Johannes: Barocke Freskenkopien aus SS. Quattro Coronati in Rom: Der
Zyklus der Silvesterkapelle und eine verlorene Kreuzigungsdarstellung, in: Römisches Jahrbuch
der Bibliotheca Hertziana 29 (1994), S. 19-43, hier S. 22. Zahlten hat die Inschrift aufgelöst nach
APPOLONJ G H E T T I : SS. Quattro Coronati (Anm. 5), S. 89; zu Stefano Conti: THUMSER, Mat-
thias: Rom und der römische Adel in der späten Stauferzeit, Tübingen 1995, S. 87f; MALECZEK,
Werner: Papst und Kardinalskolleg von 1191 bis 1216. Die Kardinäle unter Coelestin III. und
Innozenz III., Wien 1984, S. 195-201; MALECZEK, Werner: Conti, Stefano, in: Dizionario bio-
grafico degli Italiani 28 (1983), S. 475-478.
8 KLAUSER, Theodor: Ein Kirchenkalcndcr aus der römischen Titelkirchc der Vier Gekrönten, in:
Scientia Sacra, Theologische Festgabe für Kardinal Schulte, Köln/Düsseldorf 1935, S. 11-40, wie-
der abgedruckt in: KLAUSER, Theodor, Gesammelte Arbeiten zur Liturgiegeschichtc, Kirchenge-
schichte und christlichen Archäologie, hg. von Ernst DASSM ANN, Münster 1974, S. 46-70.
9 Regesta Pontificium Romanorum, Bd. 1, ed. von August POTTHAST, Berlin 1874, Nr. 9929;
vgl. das Verzeichnis der Heiligsprechungen im 13.Jahrhundert bei KLAUSER: Kirchenkalender
(Anm. 8), S. 39.
10 SOHN: Bilder als Zeichen (Anm. 5), S. 15. Edmund von Canterbury ist der erste Heilige, der unter
Innozenz IV. kanonisiert wurde (15.11.1246), vgl. KLAUSER: Kirchenkalender (Anm. 8),S.39.
11 DRAGHI: II ciclo diaffreschi (Anm. 8),S. 147.
12 Vgl. Anm. 7.
13 Zur Datierung vgl. SOHN: Bilder als Zeichen (Anm. 5), S. 10 Anm. 15.
14 FORCELLA: Iscrizioni delle chiese (Anm. 7), S. 290, Nr. 719.
D I E E I N S E I T I G K E I T VON INFORMATION 69

könnten. Der ausführende Künstler der Fresken der Silvesterkapelle und seine
Werkstatt können somit bisher nicht benannt werden. Es wird allgemein akzep-
tiert, dass es sich um einen Meister handeln muss, der zusammen mit drei anderen
Künstlern um 1231 die Krypta des Domes von Anagni mit Fresken ausmalte.15
Stefano Conti hatte die Arbeit dieses Künstlers wahrscheinlich in Anagni wäh-
rend seines dortigen Aufenthaltes im Zuge der Sedisvakanz zwischen den Jahren
1241 und 1243 kennen gelernt, eventuell auch den Künstler selbst. Nach der dor-
tigen Wahl Sinibaldo Fieschis zu Papst Innozenz IV. (1243-1254) am 25. Juni
1243, an der Kardinal Conti beteiligt war,16 hätte er den Künstler dann für sein
Vorhaben gewinnen können. Dieser Meister wird mit dem so genannten Maestro
Ornatista gleichgesetzt,17 der unter anderem auch an den Fresken von SS. Giovanni
e Paolo in Rom,18 S. Niccolö in Filettino19 und auch im Sacro Speco von Subiaco
gearbeitet haben soll.20 Auffallend an seinem Stil ist die byzantinische Manier mit
ihrer graphischen Vereinfachung, die an die Darstellungsweise in süditalienischen
Fresken und Mosaiken erinnert, weshalb die Werkstatt in diese Gegend lokali-
siert wird.21 John Mitchell stellte eine enge Verwandtschaft der Silvesterfresken
von SS. Quattro Coronati mit den Mosaiken der Kathedrale von Monreale auf
Sizilien fest und begründete dies mit dem Wirken sizilianischer Mosaizisten im
Latium des 13. Jahrhunderts. 22 Die Fresken könnten demnach also zwischen
1243, der Wahl Innozenz' IV., bzw. eventuell auch erst 1244, nach der päpstlichen
Flucht nach Lyon und der damit verbundenen Ernennung Stefano Contis zum
vicarius urbis, und der Weihe der Kapelle im Jahr 1247 entstanden sein.

Die Bildfelder

Der einzige Zugang zur Silvesterkapelle bestand im Mittelalter durch den west-
lich vorgelagerten Kalenderraum.23 Die Wände der tonnengewölbten Kapelle
sind bis auf den barocken Altarraum mit mittelalterlichen Fresken versehen
(Farbabb. 2), wobei das untere Drittel der mittelalterlichen Malereien zum größ-

15 BOSKOVITS, Miklös: Gli affreschi del duomo di Anagni: un capitolo di pittura romana, in:
Paragone 30,357 (1979), S. 10.
16 MALECZEK: Conti (Anm. 7), S. 477.
17 TOESCA, Pietro: Gli affreschi della cattedrale di Anagni, Anagni 1994, S. 79.
18 DEMUS, Otto: Romanische Wandmalerei, München 1968, S. 127.
19 BOSKOVITS: Gli affreschi del duomo (Anm. 15), S. 9f.
20 TOESCA: Gli affreschi della cattedrale (Anm. 17), S. 79.
21 HERM ANIN, Francesco: La ieggenda di Costantino imperatore nella chiesa di S. Silvestro a Tivoli,
in: Nuovo Bullettino di Archeologia Cristiana 19 (1913), S. 186.
22 MITCHELL: St. Silvester and Constantine (Anm. 5), S.30-32.
23 Der mittelalterliche Eingang wurde erst im Zuge der Restaurierungsmaßnahmen unter Antonio
Munoz zwischen 1912 und 1914 wieder freigelegt. Vgl. MUNOZ: II restauro della chiesa (Anm. 5),
S. 103. Der heute noch zu sehende Zugang vom ersten Innenhof ist erst später entstanden, wie die
Inschrift des Architravs verrät. Vgl. FORCELLA: Iscrizioni delle chiese (Anm. 7), S. 290, Nr. 721.
Dieser diente der Universitä dei Marmorati seit 1570 als Zugang zu ihrer Kapelle. MUNOZ: II
restauro della chiesa (Anm. 5), S. 103.
70 JAN R Ü T T I N G E R

ten Teil heute verloren ist. Der Freskenzyklus stellt die ausführlichste erhaltene
Erzählung der Silvester- und Konstantinslegende des mittelalterlichen Rom dar.24
Unter der westlichen Lünette mit Christus als Weltenrichter und eingerahmt
von einer Medaillonbüstenreihe alttestamentarischer Patriarchen, Könige, Rich-
ter und Propheten unterhalb 25 und einem ornamentalen Akanthusband ober-
halb beginnt in der südwestlichen Ecke das Erzählband. Die erste Szene zeigt die
klagenden Mütter vor Konstantin. Die weiteren Szenen der Westwand schildern
den Traum Konstantins sowie die reitenden Boten (Farbabb. 3,l). Auf der anschlie-
ßenden Nordwand sind zunächst die kaiserlichen Boten vor Silvester am Monte
Soracte zu sehen (Farbabb. 3,2), daran schließen sich die Szenen der Bekehrung des
Kaisers an: Silvester zeigt Konstantin das Antlitz der Apostel (Farbabb. 4,l), die
Taufe Konstantins (Farbabb. 5,1 und 5,2), sowie die zwei Szenen der Visualisierung
der Konstantinischen Schenkung (Farbabb. 5,1; Farbabb. 2). Die Südwand ist durch
den Bekehrungs- und Überwindungstopos geprägt, der in den Szenen des Stier-
wunders, der Auffindung des Heiligen Kreuzes und dem Drachenwunder veran-
schaulicht wird. Am westlichen Ende der Südwand markiert eine Fensteröffnung
das Ende der Bilderzählung.
Die unter dem Topos .Propaganda' aussagekräftigsten Darstellungen finden
sich an der Nordwand. In der übereck angeordneten, ungetrennten Szene der rei-
tenden Boten und der Boten vor Silvester am Monte Soracte (Abb. 2) klingt in
der Art der Darstellung eine imitatio Christi an, die auf die Heiligen Drei Könige
und ihre Anbetung des Christuskindes verweist. Die sich dem Kloster nähern-
den Boten sind gleichsam wie die Heiligen Drei Könige dargestellt. Wie bei den
Heiligen Drei Königen seit dem 12. Jahrhundert üblich, unterscheiden sich ihre
Gesichter und stellen drei verschiedene Menschenalter dar.26 Die Boten schei-
nen auf einen außergewöhnlichen Baum mit einer oktogonalen Baumkrone auf
der Nordwand zuzureiten. Die Zahl acht verweist auf die Taufe und die daraus
resultierende Erlösung des Kaisers, sie bildet sozusagen eine Heilsverheißung.27
Im Zusammenhang mit der Ikonographie der Heiligen Drei Könige erlaubt diese

24 Die Textgrundlagen bilden der Actus Silvestri und das C o n s t i t u t u m C o n s t a n t i n i . Die hier ver-
wendeten Editionen: Actus Silvestri, ed. von Boninus M O M B R I T I U S (Sanctuarium seu Vitae
Sanctorum 2), H i l d e s h e i m / N e w York ' 1 9 7 8 , S. 5 0 8 - 5 3 1 ; C o n s t i t u t u m Constantini, ed. von
Horst F U H R M A N N ( M G H Fontes iuris Germanici antiqui in usum scholarum separatim editi 10),
Hannover 1968; vgl. P O H L K A M P , Wilhelm: Kaiser Konstantin, der heidnische und der christliche
Kult in den Actus Silvestri, in: FMSt 18 (1984), S. 3 5 6 - 4 0 0 ; P O H L K A M P , Wilhelm: Textfassungen,
literarische Formen und geschichtliche Funktionen der römischen Silvesterakten, in: Francia 19.1
(1992), S. 115-196, bzw. L E V I S O N , W i l h e l m : Konstantinische Schenkung und Silvester-Legende,
in: Miscellanea Francesco Ehrle, Bd. 2: Per la storia di Roma, Rom 1924, S. 159-247; F U H R M A N N ,
Horst: Konstantinische Schenkung und Silvesterlcgcnde in neuer Sicht, in: DA 15 (1959), S. 5 2 3 -
540.
25 Johannes Zahlten rekonstruiert eine ursprüngliche Anzahl von 30 Büstenmedaillons, vgl. Z A H L -
T E N : Barocke Freskenkopien ( A n m . 7), S. 2 3 .
26 S M I T H , Michael Q u i n t o n : Drei Könige, in: LCI 1 (1968), Sp. 540f.
27 DöLCER, Franz Joseph: Das O k t o g o n u n d die Symbolik der Acht, in: Archeologia Chrisriana 4
(1934), S. 153-187.
D I E E I N S E I T I G K E I T VON INFORMATION 71

Abb.2: Rom, SS. Quattro Coronati, Silvesterkapelle, SO-Ecke: Komposition der Szene der kaiserli-
chen Boten und das Treffen der Boten mit Papst Silvester am Monte Soracte mit dem Verweis
auf die Hl. Drei Könige.

Baumkrone meines Erachtens auch die Assoziation zum Stern der Weihnachtsge-
schichte und stellt in dieser Lesart das göttliche Licht der Erlösung dar. Durch die
anbetende Haltung vor dem Papst im Kloster von Monte Soracte wird die Paral-
lelität zu den Drei Königen ein weiteres Mal deutlich. Silvester nimmt in seiner
Funktion als Papst und nicht als Heiliger die Position Christi ein. Wäre die Dar-
stellung eine imitatio Christi, wie sie in vielen Heiligenlegenden verwendet wur-
de, so musste Silvester wenigstens in dieser eng an die biblische Geschichte ange-
lehnte Szene einen Nimbus besitzen. Aber gerade diese Szene ist die einzige des
gesamten Freskenzyklus, in welcher der Papst ohne den Heiligenschein dargestellt
wird. Erkennt man das Motiv der Heiligen Drei Könige und zieht die Verbindung
zu den drei kaiserlichen Boten, ergibt sich auch der Bezug zwischen Christus und
dem Papst. Zusätzlich ist bei der Interpretation der Erlösungsgedanke zu berück-
sichtigen: Wie Christus die Welt von Sünden befreite, so erlöst Silvester Konstan-
tin von seinen heidnischen Leiden. Das Papsttum, das hier stellvertretend durch
Silvester repräsentiert wird, steht also in der Nachfolge Christi, und der Papst ist
als vicarius Christi zu erkennen.28
Die nachfolgende Szene zeigt das erste Aufeinandertreffen der Protagonisten.
Begleitet von zwei Glaubensbrüdern zeigt der in Rom angekommene Silvester

28 Allgemein und grundlegend zum vicarius Christi-Gedunken: MACCARRONE, Michel: Vicarius


Christi. Storia del titolo papale, Rom 1953.
72 JAN R Ü T T I N G E R

Konstantin ein Bild mit den Darstellungen der Apostelfürsten (Farbabb. 4,l). Die-
ser erkennt in ihnen die beiden Gestalten wieder, die ihm im Traum erschienen
sind. Schon hier, in der ersten Begegnung zwischen Kaiser und Papst, wurde eine
klare Hierarchisierung vorgenommen. Beide Gruppen, sowohl die päpstliche links
als auch die kaiserliche rechts, werden deutlich unterschieden. Silvester und seine
Begleiter sind barhäuptig, Konstantin und sein Hofstaat tragen dagegen Kopfbe-
deckungen: der Kaiser die Krone, seine Begleiter Phrygien. Damit wird die Kopf-
bedeckung hier allgemein zum weltlichen Herrschaftssymbol, dem erst in der
Szene der Insignienübergabe die Mitra als bischöfliche Insignie entgegengestellt
wird. Anstelle eines Diakons, wie die Quellen berichten,29 zeigt Papst Silvester
selbst das Bild mit den nimbierten Häuptern der Apostelfürsten. Dadurch, dass
er hier zum ersten Mal mit einem Nimbus erscheint, wird die Analogie zu den bei-
den Aposteln klar ersichtlich: Silvester steht in der Tradition der Apostelfürsten.
Zwischen Papst und Kaiser erkennt man eine kassetierte, halb geöffnete Tür.
Diese kann im Zusammenhang mit der antikisierenden Architektur im Hinter-
grund als Eingang zum Baptisterium interpretiert und somit auch als Schwelle
zwischen Heiden- und Christentum gesehen werden. Konstantin muss sie über-
schreiten, um seine Krankheit, d.h. seinen Unglauben, zu besiegen. Damit lei-
tet dieses Detail zur folgenden Taufszene sowie zur Bekehrung und Erlösung des
Herrschers über.
Silvester erlöst Konstantin von seinem Leiden, indem er ihn tauft (Farb-
abb. 4,2).,0 Die Taufe Konstantins ist das zentrale Motiv der Silvesterlegende und
daher unverzichtbarer Bestandteil aller Silvester- oder Konstantinszyklen.31 Im
Gegensatz zur Darstellung der Konstantinstaufe von S. Silvestro in Tivoli, die
an der Wende des 12. zum 13. Jahrhundert steht, wird im römischen Zyklus die
Anwesenheit Gottes nicht impliziert. In jener Darstellung markiert ein Farben-
halbkreis am oberen Bildrand, direkt über dem Taufbecken, die göttliche Teil-
habe und das göttliche Eingreifen in die Handlung. 32 In der Silvesterkapelle von
SS. Quattro Coronati dagegen geht die Erlösung des Kaisers allein von Silvester

29 Constitutum Constantini (Anm. 24), S.73.Z. 115-116; Actus Silvestri (Anm. 24), S.512.
30 Dies widerspricht dem Bericht des Eusebius von Caesarea, der in seiner Vita Constantini schreibt,
dass die Taufe Konstantins erst an dessen Lebensende von einem Bischof in Nikomedien vollzogen
wurde, vgl. Eusebius: Life of Constantine, übers, u. komm, von Averil CAMERON/Stuart G.
H A L L , Oxford 1999, S. 177f., 341; dazu POHLKAMP: Kaiser Konstantin (Anm. 24), S. 362-364;
AMERISE. Marilena: II battesimo de Costantino il Grande. Storia di una scomoda ereditä, Stutt-
gart 2005.
31 Vgl. TRÄGER, Jörg: Silvester I., in: LCI 8 (1976), Sp. 355-357; EPP, Sigrid: Konstantinszyklen in
Rom. Die päpstliche Interpretation der Geschichte Konstantins des Großen bis zur Gegenreforma-
tion, München 1988.
32 LANZ, Hanspeter: Die romanischen Wandmalereien von San Silvestro in Tivoli, Bern 1983, S. 105.
Zur Datierung: DEMUS: Wandmalerei (Anm. 18), S. 125, datiert die Fresken 1205-1210; LANZ:
San Silvestro in Tivoli (Anm. 32), S. 54, zwischen 1210 und 1225; ROMANO, Serena: Tivoli. San
Silvestro, in: PARLATO, Enrico/ROMANO, Serena (Hg.), Romanik in Rom und Latium, Würzburg
1995, S.362, Ende des 12. Jahrhunderts; ZCHOMELIDSE, Nino M.: Santa Maria Immacolata in
Ceri. Pittura sacra al tempo della Riforma Gregoriana. Sakrale Malerei im Zeitalter der Gregoria-
nischen Reform, Rom 1996, S. 312, um 1180.
D I E E I N S E I T I G K E I T VON INFORMATION 73

aus. Dahinter kann das Selbstverständnis des Papstes als vicarius Dei, als Stellver-
treter Gottes auf Erden, gesehen werden, der nicht mit, sondern durch die Hand
Gottes handelt.
Die oben beschriebenen gemeinsamen Szenen von Silvester und Konstantin
zeigen eine Differenzierung der Protagonisten. Der Papst ist die gebende Instanz:
Er gibt die Einwilligung, nach Rom zu kommen, deutet den erlösenden Traum
und spendet die Taufe. Der Kaiser erscheint entsprechend nur als nehmende
Instanz. Dabei spielen immer wieder Details bei der Hierarchisierung der Figu-
ren eine Rolle. In den folgenden beiden Szenen der Konstantinischen Schenkung
wird der Blick von der Handlung zu den Insignien gelenkt und dadurch der Pri-
mat des Papstes betont.
Das erste Bildfeld zeigt die Übergabe der imperialen Insignien an Papst
Silvester, wie sie im Constitutum Constantini beschrieben ist (Farbabb. 5,l).33 Dabei
ist zwischen den päpstlichen Amts- und Würdezeichen (Ferula und Mitra), den zu
übergebenden imperialen Insignien (Phrygium, Solecchium, Schimmel mit roter
Schabracke34 und Thron35) und den beim Kaiser verbleibenden Insignien (Krone
und Schwert) zu unterscheiden. Das Pallium36 und den Purpurmantel 3 ' hat der
Papst bereits empfangen, die Dalmatik 38 und das Szepter39 dagegen fehlen.
Nach heutigem Wissensstand wird in der Silvesterkapelle von SS. Quattro
Coronati der Akt der Konstantinischen Schenkung zum ersten Mal ausführlich
in das Medium des Bildes umgesetzt und nicht wie im Mosaik der Lateransvor-
halle durch die bloße Übergabe der Schriftrolle dargestellt (Farbabb. l).40 Als pars
pro toto für die gesamten imperialen Insignien erscheint in dieser Szene das Phry-
gium, das - wie die eigentliche Urkunde im Lateransmosaik - von Konstantin

33 Constitutum Constantini (Anm. 24), S.87, Z. 220-227: deinde diademam videlicet coronam
capitisnostrisimulqueßygium necnon etsuperhumerale, \...\quiimperialecircumdareassoletCollum,
verum etiam et clamidem purpuream atque tunicam coccineam et omnia imperialia indumenta seu et
dignitatem imperialium praesidentium equitum, conferentes etiam et imperialia sceptra simulque et
contra atque signa, banda etiam et diversa ornamenta imperialia et omnem processionem imperia/is
culminis et gloriam potestatis nostrae.
34 Ein Schimmel als Herrschaftszeichen mit dieser Farbsymbolik tritt, soweit heute bekannt, im Sil-
vesterzyklus von SS. Quattro Coronati zum ersten Mal auf, vgl. PARAVICINI BAGLIANI, Agostino:
II trono di Pietro L'universalitä del papato da Alessandro III a Bonifacio VIII, Rom 1996, S. 34.
Der Schimmel wird im Constitutum Constantini zwar nicht explizit als imperiale Insignie aufge-
führt, er ist aber durch seine lange Tradition als kaiserliches Herrschaftszeichen in einer Szene mit
pro-päpstlicher Bildpropaganda unabkömmlich, vgl. TRÄGER, Jörg: Der reitende Papst, München
1970, S.9f.
35 Das Solecchium, der Schimmel und der Thron werden im Constitutum Constantini nicht expli-
zit genannt und erscheinen in der Quelle nur als omnia imperialia indumenta seu et dignitatem
imperialium praesidentium equitum, [...] diversa ornamenta imperialia, vgl. Constitutum Con-
stantini (Anm. 24), S.88, Z. 224-226.
36 Ibid.. S. 87, Z. 221 -222: superhumerale, [...] qui imperiale circumdare assolet Collum.
37 Ibid., Z. 223: clamidem purpuream.
38 Ibid.: tunicam coccineam.
39 Ibid., S. 88, Z. 225: imperialia sceptra.
40 Zu den Architravmosaiken der Lateransvorhalle vgl. H E R K L O T Z , Ingo: Gli eredi di Costantino. II
papato, il Laterano e la propaganda visiva nel XII secolo, Rom 2000, S. 159-209.
74 JAN R Ü T T I N G E R

und Silvester gemeinsam gehalten wird und die direkte Machtübergabe von
Konstantin an Silvester visualisiert. Während des Pontifikats Innozenz' III. wur-
de das Phrygium bzw. die Tiara als herrschaftliches Symbol verstanden.41 Dem
gegenüber stand die Mitra, die das Symbol des Hohepriestertums war. Dadurch,
dass Silvester hier die liturgische Mitra und nicht wie im Lateransmosaik die Tia-
ra trägt, wird seine Stellung als römischer Bischof sowie sein Amt als Priester und
nicht sein imperialer Anspruch deutlich, den er erst durch Konstantin erhält. Er
tritt dem Kaiser demnach nicht als weltlicher Primas, sondern als geistlicher Wür-
denträger gegenüber.
Die zweite, sich allein auf das Constitutum Constantini beziehende Szene zeigt
das von Konstantin durchgeführte officium stratoris (Farbabb. 5,2).42 Die verschie-
denen Herrschafts- und Würdezeichen werden erneut gezeigt und in den Vollzug
des kaiserlichen Stratordienstes eingebunden. Silvester trägt die Tiara, die nach
dem Constitutum Constantini als imperiale Nachahmung während der päpstli-
chen Prozession in die Stadt hinein getragen werden sollte.43 Wie im Constitutum
Constantini beschrieben, zieht Papst Silvester triumphal und feierlich in seine neue
Residenzstadt Rom ein.44 Dass Konstantin trotz seiner untergeordneten Stellung
hier im Fresko eine wichtige Rolle zufällt, zeigt seine kaiserliche Krone und die
dem Kaiser vorausschreitende Begleitfigur, welche das kaiserliche Schwert dem
päpstlichen Zug voranträgt: Konstantin bleibt weiterhin im Besitz seiner welt-
lichen Macht, die er zum Schutz der Kirche braucht. Seine Aufgabe dem Papst-
tum gegenüber ist die Verteidigung der Kirche.45 Die kaiserliche Unterordnung
wird durch die Art und Weise, wie Silvester in die Stadt einreitet, weiter verstärkt,
Eine deutliche Geste der Demut ist dabei das Zufußgehen des Kaisers, für das es
seit dem 9. Jahrhundert kein weiteres Beispiel gibt. Üblicherweise ritt ein Herr-
scher auf einem Pferd in die Ewige Stadt. Er stieg erst ab, um den Papst zu begrü-
ßen.46 Trotz der in den Szenen der Südwand eindeutigen Hierarchisierung zwi-

41 Innozenz III.: Sermo III in consecratione pontificis, ed. von Jacques-Paul MIGNE (Migne PL 217),
Paris 1855, Sp. 659-666, hier Sp. 665: In Signum spiritualium contulit mihi mitram, in Signum
temporalium dedit mihi coronam [= Tiara]; mitram pro sacerdotio, coronam pro regno. Zur Tiara:
LADNER, Gerhard B.: Der Ursprung und die mittelalterliche Entstehung der päpstlichen Tiara,
in: Tiania, FS Roland Hampe zum 70. Geburtstag, hg. von Herbert A. C A H N und Erika SIMON,
Mainz 1980, S. 449-481.
42 Constitutum Constantini (Anm. 24), S.92, Z. 257-258: et tenentes ßenum equi ipsius pro
reverentia beati Petri stratoris oßicium illi exhibuimus. Zum Stratordienst vgl. HOLTZMANN,
Robert: Der Kaiser als Marschall des Papstes. Eine Untersuchung zur Geschichte der Beziehung
zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter, Berlin/Leipzig 1928; HACK, Achim Thomas: Das
Empfangszeremoniell bei mittelalterlichen Papst-Kaiser-Treffen, Köln 1999, S. 504-535; zum
Verhältnis Papst - Pferd vgl. TRÄGER: Der reitende Papst (Anm. 34).
43 Constitutum Constantini, S.92f, Z. 259-261: statuentes, eundemßygium omnes eius successores
pontifices singulariter uti in processionibus ad imitationem imperii nostri.
44 Ibid., S. 92, Z. 255-258.
45 Ein Brief Innozenz'III. aus dem Jahr 1201 weist auf diese kaiserliche Aufgabe hin: Regestum
Innocentii III super negotio Romani imperii, ed. von Friedrich KEMPF, Bd.79, Rom 1947, S. 214:
Novimus enim quod imperium a Grecia in Germaniam per Romanam ecclesiam prc sua fuerit
defensione translatum.
46 HACK: Das Empfangszcrcmoniell (Anm. 42), S. 344-347.
D I E E I N S E I T I G K E I T VON INFORMATION ^5

sehen Silvester und Konstantin wurde am Ende der Gegenüberstellung von Papst
und Kaiser nicht vergessen, dem demütigen weltlichen Herrscher seine eigentli-
che Aufgabe zuzuweisen: den Schutz der Kirche und der Stadt Rom als patricius
Romanorum, visualisiert in dem vorangetragenen Schwert.
Da es dem Auftraggeber darauf ankam, die Bedeutung des Papsttums im Ver-
hältnis von Papst Silvester zu Kaiser Konstantin zu zeigen, wurde auf die legen-
denhaften Elemente der Überlieferung vom Leben Silvesters zum größten Teil
verzichtet. Es kam nicht auf die herausragende Rolle Silvesters als Heiliger an,
sondern auf seine Funktion als bekehrender Papst, als Empfänger der weltlichen
Macht und der imperialen Insignien. Daher wurde auch nicht die Silvesterlegende
des Actus Silvestri als Quelle benutzt, sondern das darauf basierende Constitutum
Constantini.

Zum System der dargestellten Insignien

Betrachtet man die Erzählung des Silvesterzyklus bis hierhin, so wird deutlich,
dass jede einzelne Wand einem bestimmtem Thema zugeordnet wurde. Die Sze-
nen der Westwand sind allein Kaiser Konstantin gewidmet und stellen die welt-
liche Herrschaft dar, die unter dem richtenden Christus zu erfolgen hatte. Dazu
passen die Medaillons mit den bekrönten Königen David und Salomon und ihre
Spruchbänder.4" Durch die Medaillonbüsten der alttestamentarischen Gestalten
und der Darstellung Christi als Richter wird der Silvesterzyklus visuell eingebun-
den und ikonographisch damit in Verbindung gesetzt. Der dadurch entstandene
gemeinsame Kontext reicht von der Zeit des Alten Testamentes bis zum Jüngsten
Gericht und lässt dazwischen Raum für die gegenwärtige Geschichte des Papst-
tums. Ein Vergleich aller noch vorhandenen Medaillonsprüche zeigt den immer-
währenden Hinweis auf Christus, der sich aber ebenso auf das Papsttum beziehen
könnte. In den Medaillonsprüchen finden sich außerdem Elemente der weltlichen
Herrschaft wie Herrschaftszeichen48 und Anleitungen zur .guten' Herrschaft.49
Darüber hinaus spielt der Opferungsgedanke eine wesentliche Rolle. Dies fängt
an bei Abraham und Isaak in den Medaillons und setzt sich in der Selbstopferung
des Kaisers in der Szene mit den klagenden Müttern fort. Durch sie wird der vom
Aussatz betroffene Kaiser veranlasst, auf das angeblich heilende Bad in dem Blut
der Kinder zu verzichten. Dem Motiv des Selbstopfers folgend, erscheint Christus
nicht nur als Weltenrichter, sondern durch die ihn begleitenden arma Christi auch
als Opfer (Farbabb. 2). Die arma Christi beziehen sich auf die Herrschaftszeichen
sowohl der kaiserlichen als auch der päpstlichen Macht. Die Krone erscheint als
Leidenswerkzeug in der Form der Dornenkrone, dagegen als Herrschaftsinsignie

47 Spruchband Davids: Deßuctu ventris tuiponam super sedem meam (Ps. 132,11), Spruchband Salo-
mons: Diligite iustitiam qui iudicatis terram (Buch der Weisheit 1,1).
48 Isaak: omnesgentes; Samuel: seeptrum; David: sedem meam; Daniel: unetio.
49 Abraham: Tres vidit et unum adoravit (Gen. 18); Salomon: Diligite iustitiam qui iudicatis terram;
Ezechiel: Aperti sunt celi et vidi visiones dei (Ez. 1,1).
76 JAN R Ü T T I N G E R

in jenen Bildfeldern, in denen Konstantin oder Kaiserin Helena agieren. Dem-


zufolge stellt die goldene Krone das Leidenswerkzeug des Kaisers dar, bis zu dem
Zeitpunkt, als er durch die Taufe zum Christentum übertritt und zum christli-
chen Herrscher wird. Nach dem Buch der Sprüche (Spr.4,9) ist die Krone ein Zei-
chen der Weisheit, das direkt von Gott kommt und den gläubigen und gerechten
Menschen schmückt. Wenn also Konstantin schon zu Beginn des Freskenzyklus
mit einer Krone dargestellt wurde, ganz im Gegensatz zu den als Vorbild dienen-
den Szenen der Vorhalle der Lateransbasilika, wo der Kaiser ganz ohne Kopfbede-
ckung dargestellt wurde, ist dies ein Zeichen für den Beginn seiner Läuterung und
Bekehrung, die in seiner Entscheidung, die Kinder nicht zu töten, ihren Ausgang
hat. Die Weisheit und Gerechtigkeit des heidnischen Herrschers bilden somit die
Voraussetzungen für seinen Wandel zum christlichen Herrscher. Durch die Taufe
Konstantins wird aus der antiken corona triumphalis die vom Apostel Paulus pro-
klamierte himmlische Lebenskrone, die dem kaiserlichen Herrscher die himmli-
sche Mitherrschaft erlaubt.
Die übereck angeordnete Szene der reitenden Boten besitzt für den Freskenzy-
klus eine Angelfunktion: Von der ausschließlich durch Konstantin beherrschten
Westseite der Kapelle wird auf die Nordseite übergeleitet, die durch die Begeg-
nung Konstantins mit Silvester geprägt ist und somit auf die Unterordnung der
weltlichen unter die geistliche Macht verweist. Aus diesem Grund stehen auch die
jeweiligen Insignien der beiden Amtsträger im Mittelpunkt, was in den Szenen
der Konstantinischen Schenkung kulminiert. Neben der Krone erscheint auch
die Ferula als ein Element der arma Christi. Weder in der Szene der Boten vor
Silvester noch bei der ersten Begegnung zwischen Kaiser und Papst in der Traum-
deutungsszene wird sie gezeigt, sondern erst beim liturgischen Akt der Spende des
Taufsakramentes für Konstantin durch Silvester. Im Folgenden tritt die Ferula in
jedem weiteren Bildfeld als Insignie des Papstes auf. Silvester wird also nach der
Andeutung im Bildfeld mit dem Zusammentreffen der drei kaiserlichen Boten
mit Papst Silvester am Monte Soracte erst durch die Taufe Konstantins ersicht-
lich zum Stellvertreter Christi auf Erden, zum vicarius Christi. In den auf dem
Constitutum Constantini basierenden Szenen wird durch die jeweilige Hierarchi-
sierung der handelnden Figuren sowie durch die einzelnen Insignien die Sonder-
stellung des Papstes hervorgehoben. Beide Szenen halten sich daher eng an die
Textvorlage. Durch seinen Primatsanspruch gewährt Silvester dem Kaiser die
Krone, damit dieser weiter im Sinne Christi regieren kann, sowie das Schwert, um
das Christentum zu verteidigen.
Neben dem thronenden Christus im Fresko der Eingangswand und dem thro-
nenden Konstantin in der Szene mit den klagenden Müttern (Farbabb. 2) ist bei
der Durchführung des Schenkungsaktes auch der thronende Papst dargestellt
(Farbabb. 5,l). Das ist durchaus nicht ungewöhnlich, auf den Fresken der Laterans-
vorhalle nimmt er die gleiche Position ein. Der päpstliche Thron in der Schen-
kungsszene sowie das kaiserliche Möbel in der Szene der klagenden Mütter haben
jeweils Insigniencharakter. Damit wird zum einen die Funktion des Thrones als
cathedra und Zeichen des geistlichen Primats unterstrichen, zum anderen aber
D I E E I N S E I T I G K E I T VON INFORMATION 77

auch seine Funktion als sella aurea und Zeichen der weltlichen Herrschaft. Die
Übertragung der imperialen Gewalt und Ehre an den Stuhl des Heiligen Petrus
folgt der Forderung des Constitutum Constantini}0 Durch den thronenden Chri-
stus als Weltenrichter ergibt sich eine offensichtliche Reihenfolge, die man in der
Abfolge der Betrachtung nachvollziehen kann. Der Thron, das heißt die Legiti-
mation der imperialen Gewalt, stammt von Gott bzw. Gottes Sohn und wird an
den weltlichen Herrscher übergeben. Konstantin gibt diese Gewalt nun freiwil-
lig durch das Constitutum Constantini an den Nachfolger Petri, Papst Silvester,
zurück. So schließt sich der Kreis zum Anspruch des Papstes als vicarius Christi.

Die Umstände und Hintergründe der Entstehung der Fresken

Den historischen Hintergrund, der zur Errichtung der Kardinalsresidenz führ-


te, bildet die Auseinandersetzung zwischen Papst Innozenz IV. und Kaiser Fried-
rich II.S1 Innozenz IV. floh im Juni 1244 nach Lyon, um dem Druck der kaiserli-
chen Macht in Italien zu entgehen. In Rom blieben vier Kardinäle zurück, welche
die Stadt und das vom Papsttum beherrschte Gebiet gegen Friedrich II. und seine
Anhänger verteidigen sollten. Unter diesen Kardinälen befand sich auch Stefano
Conti, der die Funktion eines vicarius urbis ausfüllte.52 Er war damit der wichtig-
ste Mann in Rom.53 Conti baute das ganz in der Nähe des Lateranbezirkes gele-
gene Kloster von SS. Quattro Coronati fortifikatorisch zu seiner neuen Residenz
aus, um besser als im Lateran vor einem möglichen Angriff der Truppen Fried-
richs II. geschützt zu sein.54 Gleichzeitig kontrollierte er die einzige Straße, die
vom Kolosseum zum Lateransbezirk führte und die als Prozessionsweg vom Vati-
kan zum Lateran genutzt wurde.
Als Vorbild für das Bildprogramm diente der universale Anspruch Papst
Innozenz' III., dessen Neffe Stefano Conti war. In einer Predigt an die Römer zu
seinem Weihetag bezeichnete er sich als Stellvertreter Christi, Nachfolger Petri
und Gesalbter des Herrn. Außerdem stehe er zwischen Gott und den Menschen,
unter Gott und über den Menschen, sowie als alleiniger Richter auf Erden.55

50 Constitutum Constantini (Anm. 24), S. 81f, Z. 165-170: Et sicut nostra est terrena imperialis
potentia, eins sacrosanctam Romanam ecclesiam decrevimus veneranter honorare et amplius, quam
nostrum imperium et terrenum thronum sedem sacratissimam beati Petri gloriose exaltari, tribuentes
eipotestatem etgloriae dignitatem atque vigorem et honorificentiam imperialem.
51 STÜRNER, Wolfgang: Friedrich IL, Bd. 2: Der Kaiser 1220-1250, Darmstadt 2000, S. 518-592.
52 Die erste bekannte Benennung Stefano Contis als Vikar des Papstes, domini pape vicarius, stammt
vom 7. Oktober 1244 (Bibliotheca Apostolica Vaticana, Archivio S. Maria in Via Lata, cass. 306,
19; Bibliotheca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 8049/11, fol. 83-85), vgl. THUMSER: Rom und der
römische Adel (Anm. 7), S. 88 Anm. 369.
53 Zur Situation im Rom jener Zeit vgl. politisch THUMSER: Rom und der römische Adel (Anm.7),
S.311-326; stadtgeographisch vgl. KRAUTHEIMER, Richard: Rom. Schicksal einer Stadt. 312-
1308, München 1987, S. 263-356.
54 SOHN: Bilder als Zeichen (Anm. 5), S. 13.
55 Innozenz III.: Sermo II in consecratione pontificis, ed. von Jacques-Paul MIGNE (Migne PL 217),
Paris 1855, Sp. 653-660, hier Sp. 658.
~8 JAN R Ü T T I N G E R

Eine von ihm gehaltene Festtagspredigt zum Fest des Heiligen Silvester verdeut-
licht sein Verständnis vom Verhältnis der Mitra zur Tiara, zwischen dem päpst-
lichen und dem imperialen Zeichen.56 Dies ist genau das, was in den auf dem
Constitutum Constantini basierenden Darstellungen gezeigt wird. Während die
Mitra, die Silvester zunächst trägt, das Signum pontificium ist, erscheint die Tiara,
die der Papst danach trägt, als Signum imperii.
Die primäre Absicht, die hinter der Ausstattung der Silvesterkapelle stand, war
die Glorifizierung des Papsttums. Das Patrozinium sowie die Reliquienaustattung
und die Wahl des Konsekrators implizieren ein Anspruchsdenken der päpstlichen
Partei, das im Bildprogramm der Silvesterkapelle seine Erfüllung fand. So wurde
nach längerer Zeit in Rom wieder ein Sakralraum mit dem Patrozinium des hei-
ligen Silvester versehen. Obwohl in nächster Nähe, im Lateranspalast, ein solches
Oratorium seit dem 7 Jahrhundert existierte, entschied sich Stefano Conti für das
Silvesterpatrozinium. Die Reliquienausstattung umfasste vor allem die Überreste
heiliger Päpste, unter anderem von Linus, dem direkten Nachfolger Petri, Lucius
(253 -254) sowie Bonifatius I. (418-422) }7 Der Konsekrator der Kapelle, Rinaldo
da Jenne, Kardinalbischof von Ostia und ranghöchster Kardinal in Rom seit der
Flucht Innozenz' IV. nach Lyon,58 war ein naher Verwandter Stefano Contis. Die
Fixierung auf das Papsttum spiegelt sich auch in der Auswahl der Heiligen im
liturgischen Kalender des Kapellenvorraumes wider. Auffällig ist die relativ häu-
fige Nennung von heiligen Päpsten, so werden z. B. allein im Monat April zehn
Nachfolger Petri aufgeführt.59 Neben den oft genannten Päpsten treten auch jene
auf, derer eher selten gedacht wurde, so etwa Siricus (384-399) und Benedikt II.
(684-685). 60 Letzterer war ein großer Vertreter des Primatsanspruches der römi-
schen Kirche und soll als erster Papst überhaupt Dekretalen erlassen haben.61 Bei
genauerer Betrachtung der Einträge der Heiligen fällt eine Nähe zu den Heiligen-
festen und Festoffizien der Lateransbasilika und der Laurentiuskapelle, mithin zur
Kapelle des Papstes, auf,62 womit die Bedeutung des Laterans für die Kardinals-
residenz von SS. Quattro Coronati deutlich wird.
Der Bezug des Bildprogramms zum Schicksal der Familie der Conti muss bei
der Interpretation des Silvesterzyklus' ebenso in Betracht gezogen werden. Im
Heiligenkalender des Vorraumes der Kapelle wird die Herkunft des Bauinitia-
tors Stefano Conti geklärt. Dort ist unter dem 24. April hinter dem Eintrag des
heiligen Papstes Benedikt II. die Inschrift O.R. COMES.PAf.JS[...J zu lesen, die

56 Innozenz III.: Sermo in festo D. Silvestri, ed. von Jacques-Paul M I G N E (Migne PL 217), Paris 1855,
Sp. 481-484, hier Sp. 481.
57 SOHN: Bilder als Zeichen (Anm.5),S. 20f.
58 Er war später auch dessen Nachfolger als Papst Alexander IV. (1254-1261).
59 SOHN: Bilder als Zeichen (Anm. 5), S. 16 Anm. 38.
60 Ibid., S. 16f.
61 SCHIMMELPFENNIG, Bernhard: Das Papsttum. Von der Antike bis zur Renaissance, Darmstadt
-1996,S.50f.
62 JOUNEL, Pierre: Le eulte des saints dans les basiliques du Latran et du Vatican au douzieme siede,
Rom 1977, S. 355-363.
D I E E I N S E I T I G K E I T VON INFORMATION 79

von Marc Dykmans folgendermaßen aufgelöst wurde: Obiit Riccardus comespater


Stepphani cardinalis.tö Dies beweist seine Zugehörigkeit zur römischen Grafen-
familie der Conti, die in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, vor allem wäh-
rend des Pontifikats Innozenz' III., zu den mächtigsten Familien in Rom zählte.6'1
Die besondere Förderung, welche die Conti durch Innozenz III. erfuhren, erklärt
sich aus der engen verwandtschaftlichen Verbindung des Papstes zu dieser Fami-
lie, er und der oben genannte comes Riccardus (= Riccardo di Segni) waren Brü-
der. Zu Beginn der 20er Jahre des 13. Jahrhunderts geriet die Familie der Conti
in die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst. Friedrich II. verpfände-
te 1210 die Grafschaft Sora, die von Riccardo di Segni verwaltet wurde, an den
Papst. 1215 verzichtete Friedrich schließlich auf alle Rechte über die Grafschaft.65
Im Zuge der Rückgewinnung verlorener Rechte verlangte der Kaiser auf dem
Hoftag von Capua am 10./11. Dezember 1220 die Grafschaft aber wieder zurück
und verlieh seiner Forderung durch den Einsatz militärischer Mittel zusätzlich
Nachdruck.66 Ende des Jahres 1221 war die Übermacht Kaiser Friedrichs II. zu
groß, trotz des Widerstandes, an dem sich auch Kardinal Stefano Conti beteiligte,
musste Riccardo di Segni seine Grafschaft aufgeben.67 Der Verlust der Grafschaft
von Sora an die Truppen Friedrichs II. bedeutete für ihn eine erhebliche Macht-
einbuße im südlichen Latium.68 Somit ist zu vermuten, dass durch die Darstellung
der Übergabe der imperialen Insignien im Silvesterzyklus auch der Anspruch der
Familie der Conti auf die von Friedrich II. besetzten Gebiete in der nördlichen
Campagna, vornehmlich die Grafschaft Sora, visualisiert werden sollte. Kaiser
Friedrich II. verstieß gegen das von Kaiser Konstantin an die Päpste übergebene
Recht der Herrschaftsausübung im südlichen Latium. Durch die Einbindung des
rechtlichen Aktes der Konstantinischen Schenkung in den Heiligenzyklus sowie
dessen Darstellung in einem geheiligten Raum wird aus der Übergabe der kaiser-
lichen Insignien und dem Stratordienst - profane Gesten der Ehrerbietung - eine
sakrale Handlung. Die Übergabe der weltlichen Macht an das Papsttum visuali-
siert den Machtanspruch, den die Päpste, allen voran Innozenz III., insbesondere

63 DYKMANS, Marc: Les obituaires romains. Une definition suivie d'une vue d'ensemble, in: Studi
Medievali III 19.2 (1978), S. 633.
64 THUMSER: Rom und der römische Adel (Anm.7), S.75-97; CAROCCI, Sandro: Baroni di Roma.
Dominazioni signorili e lignaggi aristoeratici nel Duecento e nel primo Trecento, Rom 1993,
S. 371-380. Lothar di Segni, der spätere Papst Innozenz III., war der Bruder des oben genannten
comes Riccardus (= Riccardo di Segni), was die besondere Förderung durch den Papst erklärt.
65 MGH Const. F. IL Nr. 409 und 416, ed. von Ludwig WEILAND (MGH Constitutiones 2), Hanno-
ver 1896, S. 540f. bzw. 546f.
66 STÜRNER: Friedrich IL, Bd. 2 (Anm. 51), S. 9f.
67 Ryccardi de Sancto Germano: Chronica, ed. von Carlo Alberto GARUFI (Retum Italicarum
Scriptores. Raccoltadegli storici italianidal Cinquecento al Millecinquecento, Bd. VI 1/2), Bologna
1937, S.93: Sora, quam comes Ryccardus, ßater olim Innocentii pape, tenebat, ipsi imperatori se
reddidit. Roggerius de Aquila comes, mandato Imperatoris roccam Arcis aretat et odsidet, quam
Stephanus cardinalis saneti Adriani, qui eam tenebat, ipsi Imperatori resignari mandavit. Vgl. auch
Quellen zu den Conti: THUMSER: Rom und der römische Adel (Anm. 7), S.75 Anm. 318.
68 Zum umfangreichen Besitzkomplex vor allem südlich von Rom vgl. THUMSER: Rom und der römi-
sche Adel (Anm. 7), S. 80-88; CAROCCI: Baroni di Roma (Anm. 64), Karte 8.
80 JAN R Ü T T I N G E R

über Rom und Latium erhoben. Da es sich bei dieser Rechtsübergabe aus Sicht
der Päpste - und damit auch der Familie Conti - um eine heilige Handlung han-
delte, die würdig genug war, in einem Sakralraum dargestellt zu werden, beging
Friedrich II. nicht nur an der Familie Riccardos di Segni, sondern auch am Papst-
tum ein Unrecht, für das er im Diesseits wie im Jenseits sühnen müsstc. Konstan-
tin sollte dabei für Friedrich II. als Idealbild des christlichen Herrschers dienen
und anzeigen, dass die Macht bzw. die Gebiete an das Papsttum in der Person
Innozenz' IV. bzw. seinem Stellvertreter in Rom zu übergeben seien.
Es ist nicht davon auszugehen, dass das Silvesteroratorium mit seinem Bildpro-
gramm vom Kaiser und seinem Gefolge wahrgenommen wurde oder dass es an
diese Betrachter adressiert war. Schriftliche Quellen, die jedenfalls auf eine Reak-
tion der kaiserlichen Seite hinweisen könnten, sind bis heute nicht bekannt. Von
einem früheren, das Verhältnis zwischen Papst und Kaiser darstellenden Fresko
im Lateranspalast ist dagegen bekannt, dass es am Hof des Kaisers wahrgenom-
men und sehr kritisch gesehen wurde.69 Die Darstellung, welche die drei Statio-
nen der Kaiserkrönung Lothars III. in Rom zeigte, wurde zum Gegenstand der
Diskussion während des Hoftags von Besancon 1157, auf dem die Übersetzung
eines päpstlichen Schreibens durch den Kanzler des Kaisers, Rainald von Dassel,
zu einem Eklat führte. Im Zuge der Auseinandersetzung über die Abhängig-
keit des Kaisers vom Papst, auf welche diese Übersetzung insistierte, wurde auf
das Lateranfresko und die deutlich dargestellte Lehensabhängigkeit Lothars III.
von Innozenz II. hingewiesen." Die Fresken der Silvesterkapelle, die eine ähnli-
che Bildaussage vom kaiserlichen Standpunkt aus transportieren, wurden dage-
gen in keiner Weise Gegenstand der schriftlichen Auseinandersetzung zwischen
Friedrich II. und Innozenz IV. Es ist aber auch fraglich, ob die verbleibende Zeit
des Konfliktes - zwischen der Weihe der Kapelle und dem Tod des Kaisers lagen
keine vier Jahre - dafür ausreichte, dass die Darstellungen in der Kapelle von der
kaiserlichen Partei hätten wahrgenommen werden und bei ihr eine Reaktion hät-
ten hervorrufen können. Daher ist zu konstatieren, dass die Fresken also haupt-
sächlich von dem in Rom verbliebenen Teil der Kurie betrachtet und verstanden
wurden. Man kann sie zum einen als Motivation der in Rom Verbliebenen verste-
hen, zum anderen aber auch als Visualisierung des eigenen Anspruches, sowohl
von päpstlicher als auch von familiärer Seite.

69 Das Fresko wurde eventuell von Friedrich I. selbst gesehen. Nach einem Disput mit Hadrian IV.
um den Marschall- und Stratordienst soll dem Kaiser die Entfernung des Freskos inklusive der pro-
päpstlichen Inschrift {Post homofitpapae) zugesichert worden sein. WALTER, Friedrich Christo-
pher: Papal Political Imagery in the Medieval Lateran Palace, in: Cahiersarcheologiques 20 (1970),
S. 166-169. LADNER, Gerhart B.: Die Papstbildnisse des Altertums und des Mittelalters, Bd. 2,
Vatikanstadt 1970, S. 17-22; ibid., Bd. 3, 1984, S. 46-47.
70 Rahewini gesta Friderici, lib. III, c. 10, ed. von Georg W A I T Z (MGH Scriptores rerum Germani-
caruminusumscholarumseparatimediti 46), Hannover 1912, S. 176-177. Weitere Beschreibungen
bei SCHRAMM, Pcrcy Ernst: Die deutschen Kaiset und Könige in Bildern ihrer Zeit 751-1190,
hg. von Florentine M Ü T H E R I C H , München 1983, S. 256; STROLL, Mary: Symbols as power. The
papacy following the investiture contest, Leiden 1991, S. 188-192, 198-203.
D I E E I N S E I T I G K E I T VON INFORMATION 81

Auffällig ist, dass die Weihe an keinem symbolischen Tag, einem Heiligenfest
oder Sonntag, vollzogen wurde, sondern am 22. März, noch vor der Karwoche."1
Dabei könnte der Ablass, der jedem gewährt wurde, der die Kapelle am Weihetag
oder in den darauf folgenden sieben Tagen besuchte, eine Rolle gespielt haben.
Nach Andreas Sohn war dies ein jährlicher Ablass, der vom Freitag vor Palmsonn-
tag bis Karfreitag erworben werden konnte. Wegen der Nähe zur Lateransbasili-
ka, in der während der Osterzeit die päpstlichen Gottesdienste stattfanden, hatte
Stefano Conti wohl den Gedanken gehegt, die Silvesterkapelle von SS. Quattro
Coronati als eine Station der Gläubigen und Pilger während dieser Zeit in Rom
zur Verfügung zu stellen/ 2 Die Wahl des Weihetages und der damit verbunde-
ne Ablass zeigen, dass das Bildprogramm der Kapelle nicht nur einem exklusiven
Kreis zugänglich war, sondern auch der breiten Öffentlichkeit. Aus diesem Grund
lässt sich der Begriff der Propaganda auf den Silvesterzyklus anwenden.
Die Nähe des Laterans und dessen .propagandistische' Ausstattung waren die
Grundlage, auf der Stefano Conti mit dem Anspruch des vicarius urbis seine Resi-
denz ausgestaltete. Man kann das Bildprogranim als Reflexion auf die Bedrohung
der Stadt des Papstes durch Kaiser Friedrich II. bzw. auf die vom Papst vollzogene
Absetzung des Kaisers 1245 sehen. Der allgemeine Tenor der Fresken weist auf
die weltliche Herrschaft des Papsttums in der imitatio imperii hin/ 3 Die weltli-
che Herrschaft des Papstes wurde vor allem unter Innozenz III. mit Verweis auf
kaiserliche Privilegien vorangetrieben und verwirklicht, um vor allem das römi-
sche Umland und die südliche Toskana zu beherrschen.74 Friedrich IL, seit dem
20. März 1239 zum zweiten Mal exkommuniziert, versuchte das Königreich Sizi-
lien mit Reichsitalien und dem nordalpinen Reich zu verbinden. Dazu muss-
te er Gebiete, die unter der Herrschaft des Papstes standen - die Mark Ancona
und das Herzogtum Spoleto - erobern. Schon die Eroberung der Grafschaft
Sora 1221 bedeutete für das Papsttum den Verlust eines von ihm beanspruch-
ten Gebietes. Vor allem aber seit 1239 baute Friedrich II. sein Reich auf Kosten
6.<ts Patrimonium petri aus und stand bis 1243 mehrmals mit seinem Heer vor
den Toren Roms, wobei es jedoch nie zu einer Eroberung kam. 5 Nach der Flucht
Papst Innozenz' IV. nach Lyon am 28. Juni 1244 standen die Truppen des Kaisers

71 F O R C E L L A : Iscrizioni delle chiese ( A n m . 7), S. 290, Nr. 719.


72 S O H N : Bilder als Zeichen ( A n m . 5), S. 21f.
73 S C H R A M M , Percy Ernst: Sacerdotium u n d Regnum im Austausch ihrer Vorrechte. Eine Skizze
der Entwicklung zur Beleuchtung des Dictatus papae Gregors VII, in: B O R I N O , G. B. (Hg.), Studi
Gregoriani. Per la storia di Gregorio VII e della riforma gregoriana, Bd. 2, Rom 1947, S. 4 0 3 - 4 5 7 .
74 W A L E Y , Daniel: The papal State in the thirteenth Century, London 1961, S . 3 0 - 7 1 . Der Macht-
anspruch bezog sich auf die C a m p a g n a , die südliche Toskana, Umbrien, die Mark Ancona, das
Exarchat von Ravenna u n d die .Mathildischen Güter'. Vgl. M O R R I S , Colin: The Papal Monarchy.
The Western C h u r c h from 1 0 5 0 - 1 2 5 0 , Oxford 1989, S. 4 2 0 - 4 2 2 .
75 Im September 1239 w u r d e die Mark A n c o n a und das H e r z o g t u m Spoleto erobert, vgl. Die Regesten
des Kaiserreichs unter Philipp, O t t o IV, Friedrich II, Heinrich (VII), C o n r a d IV, Heinrich Raspe,
Wilhelm und Richard, 1 1 9 8 - 1 2 7 2 . Kaiser und Könige, ed. von J U L I U S F I C K E R (Regesta Imperii,
Bd. V/1,1), Innsbruck 1881, Nr. 2 4 6 8 a - 2 4 7 2 , im Februar 1240 Montefiascone u n d Viterbo, ibid.,
Nr. 2821a, 2825ab, im März 1240 u.a. C o r n e t o , Tuscanella (= Tuscania) und Montalto, ibid.,
Nr. 2821a, im August 1241 Tivoli, ibid., Nr. 3221, sowie u.a. das Kastell M o n t a l b a n o und mehrere
82 JAN R Ü T T I N G E R

immer noch in den päpstlichen Gebieten und die Bedrohung für die Stadt Rom
blieb so weiterhin bestehen.76 Unter diesen Umständen entstanden wahrschein-
lich die Silvesterfresken von SS. Quattro Coronati, die demnach den weltlichen
Anspruch des Papsttums auf die von Friedrich besetzten Gebiete mit dem Ver-
weis auf die Konstantinische Schenkung verbildlichten. Stefano Conti ließ unter
dem Eindruck der vorangegangenen Jahre eine ihm persönlich bekannte Situa-
tion unter Anwendung des universalen Anspruches Papst Innozenz' III. als pro-
pagandistisches Bildprogramm in der Kapelle seiner Residenz realisieren. Unter
dem Eindruck der Politik Papst Innozenz' IV., der die Linie Papst Innozenz' III.
fortsetzte - daher auch die Namenswahl - , und angesichts der erneut angespann-
ten Situation zwischen Papst und Kaiser nach dem Friedensschluss im Lateran
vom März 1244 und der Absetzung des Kaisers durch Innozenz IV. im Jahre 1245
entstand der Silvesterzyklus von SS. Quattro Coronati.
Als Fazit kann man Folgendes feststellen: In den Fresken der Silvesterkapelle
von SS. Quattro Coronati findet der Informationstransfer anhand der Ikonogra-
phie und im Speziellen in der Darstellung von Insignien statt. Ohne die Darstel-
lung der Insignien hätte man hier zwar eine Erzählung der Silvesterlegende, die
Hierarchisierung und Unterscheidung der Protagonisten sowie ihr Verhältnis
zueinander wäre aber nicht ersichtlich. Das Bildprogramm ist zusammen mit sei-
nem architektonischen Umfeld durch seine Komplexität in der mittelalterlichen
Kunst Roms einmalig und macht aus der Silvesterkapelle ein einzigartiges Monu-
ment des mittelalterlichen Papstverständnisses. Durch die zeitliche Einordnung
am Ende der staufischen Herrschaft und dem Beginn des Interregnums markiert
der Zyklus den Abschluss der bildnerischen Auseinandersetzung zwischen Papst-
und Kaisertum. Durch die Gegenüberstellung der verschiedenen Würde- und
Herrschaftszeichen entsteht der Kontext, in dem die propagandistische Aussage
des Silvesterzyklus zum Tragen kommt. Erst durch sie wird die Differenzierung
und Hierarchisierung, d.h. das Herausstellen der päpstlichen Primatsstellung,
möglich. Durch diese Aussage des Bildprogramms entstand eine einseitige Infor-
mationsvermittlung, eine Art von Propaganda.

dem Kloster Farfa zugehörige Burgen, vgl. THUMSER: Rom und der römische Adel (Anm.7),
S.301-310 und 317-322.
76 THUMSER: Rom und der römische Adel (Anm. 7), S. 324f Anm. 351 und 353; STÜRNER:
Friedrich IL, Bd. 2 (Anm. 51), S. 524f, 529f.
SANDRA LINDEN

Das sprechende Buch.


Fingierte Mündlichkeit in der Schrift

In Zeiten, in denen das Hörbuch Konjunktur hat, scheint man sich an den
Gedanken gewöhnt zu haben, dass Bücher sprechen können. Ohnehin ist das
Medium Buch im alltäglichen Sprachgebrauch durch eine ausgeprägte Körper-
metaphorik bestimmt: Wir sprechen von Kopfzeilen, Fußnoten, Buchrücken
usw.; warum sollte man dieser Zuschreibung menschlicher Eigenschaften an das
Buch also nicht auch noch die Stimme hinzufügen und das Buch zu einem spre-
chenden machen? Simplicissimus zumindest ist, nachdem er den laut lesenden
Einsiedel beobachtet hat, aufsprechende Bücher gefasst:

ALs ich das erste mal den Einsidel in der Bibel lesen sähe / konte ich mit nicht einbilden / mit
wem er doch ein solch heimlich / und meinem Bedunken nach sehr ernstlich Gesprach haben
muste; ich sähe wol die Bewegung seiner Lippen / hingegen aber niemand / der mit ihm redet /
und ob ich zwar nichts vom lesen und schreiben gewust / so merckte ich doch an seinen Augen /
daß ers mit etwas in selbigem Buch zu thun hatte: Jch gab Achtung auffdas Buch / und nach-
dem er solches beygelegt / machte ich mich darhinder / schlugs auff / und bekam im ersten
Griff das erste Capitel deß Hiobs / und die davor stehende Figur / so ein feiner Holtzschnitt /
und schön illuminirt war / in die Augen; ich fragte dieselbigc Bilder selzame Sachen / weil mir
aber kein Antwort widerfahren wolte / wurde ich ungedultig / und sagte eben / als der Einsidel
hinder mich schlich: Jhr kleine Hudler / habt ihr dann keine Mäuler mehr? habet ihr nicht
allererst mit meinem Vatter (dann also muste ich den Einsidel nennen) lang genug schwätzen
können?'

Simplicissimus ist durch die Beobachtung des laut lesenden Einsiedel dem Irrtum
aufgesessen, dass man mit Büchern wie mit realen Personen Gespräche führen
könne, dass man sie befragen und eine Antwort erwarten dürfe.
Auch wenn Simplicissimus natürlich ein Extrembeispiel ist und Grimmelshau-
sen die Naivität der Figur zur Erzeugung von Komik einsetzt, muss man für das
Mittelalter und die frühe Neuzeit mit ungewöhnlicheren und weniger konventio-
nell geregelten Umgangsmethoden mit dem Buch als den heute gängigen rechnen.
In einer weitgehend mündlich geprägten Gesellschaft stellt das volkssprachige
Buch eine Besonderheit dar, für die man keineswegs von eingespielten Umgangs-
und Nutzungsweisen ausgehen kann. Vielmehr lassen sich für das Phänomen
Buch eine Reihe von experimentell-spielerischen Annäherungsversuchen und
Denkmodellen finden, wobei den in Schrift gebannten flüchtigen Worten durch-
aus eine Wirksamkeit jenseits realistisch-rationaler Gesetzmäßigkeit zugestanden

1 Hans Jacob Christoffel von Grimmeishausen: Der abentheurliche Simplicissimus Teutsch, 1. Buch,
10. Kapitel, ed. von Dieter BREUER, in: Hans Jacob Christoffel von Grimmeishausen, Werke 1/1
(Bibliothek deutscher Klassiker 44, Bibliothek der Frühen Neuzeit 4/1), Frankfurt a.M. 1989,
S.43.
84 SANDRA LINDEN

wird, wie das vielzitierte Beispiel Priester Wernhers zeigt, der schwangeren Frauen
empfiehlt, bei der Geburt sein Buch in Händen zu halten.2 Von den Möglichkei-
ten, die Leistung des abstrakten Kommunikators Buch plastisch zu vermitteln, ist
eine die Vorstellung des sprechenden Buchs, das wie eine reale Person im mündli-
chen Gespräch agieren kann.

1. Die Schrift. Ein Medium der Distanz

Was macht Simplicissimus falsch? Sein Fehler ist, dass er die Bedingungen des
Mediums Schrift nicht kennt und das Phänomen Buch nach den Funktionsme-
chanismen der Mündlichkeit zu verstehen versucht. Er deutet den beim Lesen laut
sprechenden Einsiedel nach dem Schema der ^«"-/o^/ire-Kommunikation und
sucht zwischen den Blättern des Codex einen realen Gesprächspartner. Tatsäch-
lich findet er in der Buchillustration ein körperliches Bild, kann aber nicht verste-
hen, dass derjenige, der hier kommuniziert, dies ohne Stimme, ohne Gestik und
Mimik tut. Der Einsiedler kann das Missverständnis nach einiger Verwunderung
über das eigenartige Verhalten seines Zöglings aufklären:

Der Einsidel muste wider seinen Willen und Gewonheit lachen / u n d sagte: Liebes K i n d / diese
Bilder können nicht reden / was aber ir Thun u n d Wesen sey / kan ich auß diesen schwartzen
Linien sehen / welches m a n lesen nennet / u n d w a n n ich dergestalt lese / so haltest du darvor /
ich rede mit den Bildern / so aber nichts ist [.]'

Forscher wie Marshai McLuhan, Eric A. Havelock oder Jack Goody haben gezeigt,'
wie entscheidend Veränderungen der Kommunikationssituation durch Verände-
rungen ihrer Materialität geprägt sind. Der Medienwandel5 von der Stimme zur

2 Priester Wernher: Driu liet von der maget, A V. 2 5 0 5 - 2 5 1 3 bzw. D V. 2 8 5 3 - 2 8 5 9 , ed. von Carl
W E S L E , in: Priester Wernher, Maria. Bruchstücke und Umarbeitungen, Halle 1927, S. 139.
3 Grimmeishausen: Simplicissimus ( A n m . 1), S. 4 4 .
4 Vgl. H A V E L O C K , Eric A.: Preface to Plato, Cambridge, MA '1982; M C L U H A N , Marshall: Under-
standing Media. The Extensions of M a n , C a m b r i d g e / L o n d o n M996, vor allem S. 8 1 - 8 8 zum
Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit; O N G , Walter J.: Orality and Literacy. The
Technologizing of the Word, London 1982; G O O D Y , Jack: The Interface betwecn the W t i t t e n and
the O t a l , C a m b r i d g e / L o n d o n / N e w York u.a. 1987, sowie in zusammenfassender Form G O O D Y ,
Jack/WATT, Ian: Konsequenzen der Literalität, in: G O O D Y , Jack/WATT, I a n / G o u G H , Kath-
leen (Hg.), Entstehung und Folgen det Schriftkultur (stw 6 0 0 ) , Frankfurt a. M. 1986, S. 6 3 - 1 2 2 ;
G U M B R E C H T , H a n s Ulrich: Beginn von .Literatur' / A b s c h i e d vom Körper?, in: S M O L K A - K O E R D ,
Gisela/SPANGENBERC., Peter M . / T I L L M A N N - B A R T Y L L A , Dagmar (Hg.), Der U r s p r u n g von Lite-
ratur. Medien, Rollen, Kommunikationssituationen zwischen 1450 und 1650, M ü n c h e n 1988,
S. 1 5 - 5 0 ; GlESECKE, Michael: Det Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie
über die D u r c h s e t z u n g neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, Frankfurt a. M.
1991.
5 Unter M e d i u m verstehe ich im Folgenden ein System von Kommunikationsmitteln, vgl. die Defi-
nition von P O S N E R , Roland: Z u r Systematik der Beschreibung verbaler und nonverbaler Kommu-
nikation. Semiotik als Propädeutik der Medienanalyse, in- B O S S H A R D T , H a n s - G e o r g (Hg.), Per-
spektiven auf Sprache. Interdisziplinäre Beiträge (Grundlagen der K o m m u n i k a t i o n ) , Berlin 1986,
D A S SPRECHENDE BUCH 85

Schrift bezeichnet nicht nur Veränderungen in der Technologisierung des Zei-


chens, sondern einen vollständigen Weltbildwandel, da orale, skriptographische6
und typographische Kulturen über unterschiedliche Formen der Wahrnehmung
und des Denkens verfügen. Das Medium der Schrift führt zu einer Objektivie-
rung der Sprache, d.h., das flüchtige gesprochene Wort wird in ein System sicht-
barer und dauerhafter Zeichen überführt, die nicht an eine konkrete mündliche
Kommunikationssituation gebunden sind. Der Körper als primärer Gedächtnis-
träger der oralen Kultur wird durch die Permanenz der Schrift als Wissensarchiv
entlastet, brain memory wird durch die komplexer strukturierte Script memory7
ergänzt. Die Script memory ist nicht an die individuelle Leistungsfähigkeit des
menschlichen Gedächtnisses gebunden, sondern zu einem festen Wissensspeicher
objektiviert. Zudem verändert sich mit der Schrift nicht nur die zeitliche, sondern
auch die räumliche Ausdehnung des Wissens, da sie das Wort vom Körper des
Autors ablöst.8 Die Schrift eröffnet so die Möglichkeit weiter Verbreitung, erkauft
wird die größere Reichweite aber durch die Situationsentbindung der Schrift von
der gemeinschaftlichen Kommunikation.
Doch ist die Schrift in ihrer Verweisrelation durch einen ambivalenten Cha-
rakter bestimmt: Zwar kann sie als Darstellung abstrakten Wissens eine gewis-
se Selbständigkeit erlangen, doch da man die mündliche face-to-face-Situation
immer als Grundmodell der Kommunikation versteht, bleibt sie stets auf die
sekundäre Funktion beschränkt, die mündliche Kommunikation zu spiegeln. Als
Speichermedium erfunden, muss sich die Schrift überhaupt erst als Kommuni-
kationsmedium etablieren. Sie erscheint - um mit Havelock9 zu sprechen - als

S. 267-303, hier S. 293f: „Jede Kommunikation ist auf Kommunikationsmittel angewiesen. Sie
werden gewöhnlich Medien genannt und lassen sich nur im Systemzusammenhang definieren.
Geht man von dem üblichen Wortgebrauch aus, so ist ein Medium ein System von Kommunika-
tionsmitteln, das wiederholte Kommunikation eines bestimmten Typs ermöglicht. Etwas genauer
und zugleich allgemeiner formuliert, ist ein Medium jeweils ein System von Mitteln für die Pro-
duktion, Distribution und Rezeption von Zeichen, das den in ihm erzeugten Zeichenprozessen
bestimmte gleichbleibende Beschränkungen auferlegt."
6 Während McLuhan den revolutionären Medienwandel an den Buchdruck rückbindet, fordert
Giesecke eine eigene Phase für die Handschriftenkultur ein und macht die differenzierte Unter-
scheidung der Eigenarten und Bedingungen skriptographischer und typographischer Medien zu
einem „Hauptanliegen" (S. 29) seiner Monographie, vgl. GIESECKE: Der Buchdruck in der frühen
Neuzeit (Anm. 4).
7 Die Begrifflichkeit übernehme ich von WENZEL, Horst: Hören und Sehen. Schrift und Bild. Kul-
tur und Gedächtnis im Mittelalter, München 1995, S. 204.
8 McLuhan versteht Kommunikationstechnologien als Ausdehnungen des physischen und nervli-
chen Systems des Menschen, d. h., indem ein Autor seine Dichtung in die Schrift fasst, kommt es
zu einer Erweiterung seines Körpers im Raum, vgl. M C L U H A N : Understanding Media (Anm. 4),
S.90.
9 Vgl. HAVELOCK: Preface to Plato (Anm. 4), vor allem Kapitel 3 („Poetry as Preserved Communi-
cation"), S. 36-60. Havelock bezeichnet so die Möglichkeit einer dauerhaften Weitergabe von
Gedächtnisinhalten in der Tradition - ein Vorgang, der durch die Haltbarmachung semantischer
Bezüge gekennzeichnet ist, vgl. bei NiklasLuhmannentsprechenddenBegriffder „gepflegten Seman-
tik" (LUHMANN, Niklas: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der
modernen Gesellschaft, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1980, S. 19f.). Vgl. dazu auch KELBER, Werner H.:
Die Fleischwcrdung des Wortes in der Körperlichkeit des Textes, in: GUMBRECHT, Hans Ulrich/
86 SANDRA L I N D E N

preserved communication, als konservierte Kommunikation, die die Unmittelbar-


keit und körperliche Präsenz der mündlichen Kommunikation, in der Produkti-
on und Rezeption simultan erfolgen, durch Distanz ersetzt. Wichtige mündliche
Ausdruckselemente wie Gestik oder Mimik fehlen und müssen in einer konzep-
tionellen Schriftlichkeit vom Schreiber durch entsprechende Maßnahmen ausge-
glichen werden.10 Die Abwesenheit zwischen Autor und Leser ist eine zweiseitige:
Beide können, obwohl sie sich in einem kommunikativen Austausch miteinander
befinden, einander nicht sehen oder hören. Die Anrede an das Buch durch den
Dichter und das zum Leser sprechende Buch sind zwei literarische Stilmittel, die-
se Distanz aus unterschiedlichen Perspektiven zu verringern:

Das Buch, mit dem das Wissen von der Präsenz eines Wissenden unabhängig wird, scheint sei-
ne Abstraktheit noch nicht auszuhalten; es wird selbst wieder zum Körper gemacht, der spre-
chen, zuhören und reisen kann."

Dass der mittelalterliche Dichter das Schreiben nicht notwendig als stille und ge-
stisch reduzierte Handlung eines einsamen Autors, sondern eher als eine Äuße-
rungsform mit dem Pergament als Gegenüber begreift, zeigt eine Reihe von Minia-
turen, die den Dichter mit der Schreibfeder vor dem Buch abbilden und zugleich
über ausladende Handbewegungen und Gestik der Figur anzeigen, dass er sei-
ne Dichtung laut deklamiert, bevor oder während er sie niederschreibt.12 In der
Schrift sieht der Autor seine Rede plötzlich material vor sich und produziert in
dieser Objektivierung der eigenen Gedanken automatisch ein Du, das er in Form
der Buchapostrophe ansprechen kann. Der Schreibende konrerkariert seine Ein-
samkeit, indem er das Buch zu seinem angesprochenen und in der Konsequenz
durchaus auch sprechenden Gegenüber macht.

PFEIFFER, K. Ludwig (Hg.), Matetialität der Kommunikation (stw750), Frankfurt a.M. ! 1995,
S. 31-42, vor allem S. 35.
10 So schreibt noch Schiller am 25.1.1795 an Garve über die besonderen Bedingungen der Buchkom-
munikation (ed. von Günter SCHULZ (Nationalausgabe, Bd. 27), Weimar 1958, S. 125-127, hier
S. 126f): „Ich hielte diesen Gegenstand auch schon deswegen für desto wichtiger, da es ein ganz
eigenthümliches Unterscheidungs Zeichen der neueren Welt von der Alten ist, den größten Theil
ihrer Ausbildung auf diesem Wege zu erhalten. Aus dem ganz eigenen Umstand, daß der Schrift-
steller gleichsam unsichtbar und aus der Ferne auf einen Leser wirkt, daß ihm der Vortheil abgeht,
mit dem lebendigen Ausdruck der Rede und dem accompagnement der Gesten auf das Gemüth
zu wirken, daß er sich immer nur durch abstrakte Zeichen, also durch den Verstand an das Gefühl
wendet, daß er aber den Vorteil hat, seinem Leset eben deswegen eine größere Gemüthsfreyheit zu
lassen, als im lebendigen Umgang möglich ist, u. s. f."
11 WENZEL: Hören und Sehen (Anm. 7). S. 215.
12 Vgl. NICHOLS, Stephen G.: Voice and Writing in Augustine and in the Troubadour Lyric, in:
DOANE, Alger Nicolaus/PASTERNACK. Carol Braun (Hg.), Vox intexta. Orality and Textuality in
the Middle Ages, Madison, WI 1991, S. 137-161, vor allem S. 139-141.
D A S SPRECHENDE BUCH 87

2. nu varhin, weihischer gast. Das Unbehagen an der Distanzkommunikation

Anders als beim mündlichen Vortrag, wo der Dichter die Reaktion der Rezipien-
ten beobachten und das Verständnis sicherstellen bzw. im Vortrag selbst korrigie-
ren kann, ist der Leser oder Vorleser mit den Deutungsmöglichkeiten, die ihm
die Schrift im Buch eröffnet, allein. Das Auslegungsmonopol des Vortragenden
besteht nicht mehr, und so zielt auch Piatons vielzitierte kritische Einschätzung
der Schrift im Phaidros auf die mangelnde hermeneutische Kontrolle des Autors
über den Verstehensakt des Rezipienten. Der Autor, der die Verbreitungswege sei-
nes Buchs nicht kennt, kann sein Werk nicht sicher auf ein spezifisches Publikum
abstimmen, und die Schrift kann anders als der personale Lehrer auch nicht situa-
tionsbezogen und selbständig auf Verständnisprobleme reagieren. Sokrates bringt
die mit der unkontrollierten Verbreitung des Buches auftretenden Sinnbildungs-
unsicherheiten auf den Punkt:

D e n n dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, u n d ist darin ganz eigentlich der Male-
rei ähnlich: D e n n auch diese stellt ihre Ausgeburten h i n als lebend, wenn m a n sie aber etwas
fragt, so schweigen sie gar e h r w ü r d i g still. Ebenso auch die Schriften. D u könntest glauben, sie
sprächen, als verstünden sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so enthal-
ten sie doch nur ein u n d dasselbe stets. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall
jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, u n d untet denen, für die sie sich
nicht gehört, u n d versteht nicht, zu wem sie reden soll u n d zu wem nicht. U n d wird sie beleidigt
oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe; denn selbst ist sie
weder imstande sich zu schützen noch sich zu helfen."

Platon sieht das Buch als reine Gedächtnisstütze, der kein eigenständiger kom-
munikativer Wert zukommt. Es kann auf Nachfragen des Lesers, die der Autor
nicht vorausgesehen hat, nicht reagieren, Spontaneität und persönliche Adressie-
rung des mündlichen Lehrgesprächs fallen aus. Dies wird vor allem für eine Dida-
xe zum Problem, die ihre Lehr- und Erziehungsinhalte individuell auf die jeweili-
ge Person abstimmen will.
Das Unbehagen darüber, die vom Buch ausgehende Kommunikation nach
der Veröffentlichung nicht mehr beobachten und steuern zu können, bringen die
Autoren in der warnenden Anrede an das Buch zum Ausdruck. Der Autor pro-
phezeit dem Codex Gefahr durch schlechte und unverständige Leser und scheint
wie der besorgte Vater, der den ausziehenden Sohn am liebsten bei sich behalten

13 Platon: Phaidros 275d, ed. u. übers, von G ü n t h e r EiGLER, in: Platon, Werke in acht Bänden.
Griechisch und deutsch, B d . 5 : Phaidros, Parmenides, Briefe, Darmstadt ! 1 9 9 0 , S. 181 u. 183. In
seiner pessimistischen Beurteilung der Schrift steht Platon in der Antike keineswegs allein, so lässt
etwa Vergil Aeneas die cumaeische Sybille auffordern, ihre Weissagungen nicht aufzuschreiben,
sondern mündlich zu verbreiten, vgl. Vergil: Aeneis VI, V. 7 4 - 7 6 , ed. u. übers, von H . Rushton
F A I R C L O U G H , in: Virgil, Eclogues, Georgics, Aeneid I-VI (The Loeb Classical Library 63),
Cambridge, M A / L o n d o n 2 1935 ( N D Cambridge, M A / L o n d o n 1994), S. 510: foliis tantum ne
carmina manda, / ne turbata volent rapidis ludibria ventis; / ipsa canas oro. (Erteile deine Orakel
nicht auf Blättern, damit sie nicht wirr durcheinander als Spielwerk für die W i n d e fliegen; ich bitte
darum, dass du sie selbst singst.).
88 SANDRA L I N D E N

möchte,'4 mit dem Drang des Buches nach Veröffentlichung gar nicht einverstan-
den. In diesem Akt der Verabschiedung des Buches durch den Autor treten die
Rede und ihr Produzent auseinander, und das Buch muss sich in Zukunft allein,
ohne vereindeutigende Hilfestellungen des Autors bewähren. Die Abschiedsapo-
strophe an das Buch wird zu einem probaten Mittel der Autorstilisierung, da die-
ser im Gespräch mit dem Buch implizit seine Position und Erwartungen an den
Rezipienten aufbauen kann, ohne den Leser mit einer direkten Forderung zu kon-
frontieren. Schon die Antike formt mit der Abschiedsapostrophe an das Buch
einen beliebten Topos, der nicht nur Auskunft über die gewünschte Rezeption
gibt, sondern die vermeintliche Bescheidenheit des Autors betont, der mit der Ver-
öffentlichung nur zögernd dem dringenden Wunsch des Buches nachgibt. Horaz
beschimpft seine nach Publikum verlangende Epistelsammlung als undankba-
ren Jüngling, der sich allen Mahnungen zum Trotz als lasterhafter Liebessklave
in der Stadt verdingen wolle.15 Der Autor prophezeit seinem Buch nach anfängli-
chen Erfolgen eine finstere Zukunft mit Wurmfraß und Verschickung in entfern-
te Provinzen, ja Martial droht in Epigramm III, 2 seinen Schriften sogar mit dem
Schicksal, in der Küche als Einwickelpapier für Thunfisch zu dienen.16
Ein etwas optimistischeres Bild des Rezeptionsprozesses findet sich im Epilog
der Lehrschrift mit dem personifizierenden Titel Welscher Gast, die um 1210 ent-
standen ist.17 Thomasin von Zircljere mahnt hier sein Buch, sich auf seiner Reise
von Herberge zu Herberge nicht bei bösen Menschen aufzuhalten, sondern sich
zu einein guten Leser zu setzen und seinen Schoß als Lehen zu nehmen:

14 Während das Maskulinum liber vor allem als Sohn angesehen wird, wendet sich der Autor an die
weibliche tabula mitunter in zärtlich-werbendem Ton, vgl. dazu Baudri de Bourgueil: Gedicht
Nr. 234 (Adtabulas), ed. von Phyllis ABRAHAMS, in: Les ceuvres poetiques de Baudri de Bourgueil
(1046-1130), Paris 1926, S. 333-335.
15 Vgl. Horaz: Epistel I, 20, ed. von D. R. SHACKLETON BAILEY, in: Q. Horati Flacci, Opera (Biblio-
theca scriptorvm Graecorvm et Romanorvm Tevbneriana), Stuttgart 1985, S.290f. Ein Gegenmo-
dell zum erlebnishungrigen Buch bei Horaz liefert das Gesprächsbüchlein Vadiscus des Ulrich von
Hütten, das seiner Veröffentlichung mit Sorge entgegenblickt und lieber länger beim Autor geblie-
ben wäre, vgl. Ulrich von Hütten: Deutsche Schriften, ed. und mit Anmerkungen versehen von
Peter UKENA. Nachwort von Dietrich KURZE, München 1970, S. 60-135, hier S.60, V. 1-10: Ich
bin ein büchlin, wie man sieht, /An sondre Arbeit zugericht, / Und grüß ein jeden, der mich liest, /
Wo anders mein ein Leser ist. / Eh mich der Tichterfertigt ab, / Den Rat ich ihm mit Treuen gab, /
Daß er doheim mich länger bhielt; / Von ihm ward ich alsbald gestillt / Und getrieben aus in fremde
Land, / Zu werden weit und breit bekannt.
16 Vgl. Martial: Epigramma 111,2, ed. von D. R. SHACKLETON BAILEY, in: M. Valerii Martialis, Epi-
grammata (Bibliotheca scriptorvm Graecorvm et Romanorvm Tevbneriana), Stuttgart 1990, S. 82.
Der Autor mahnt das Buch, sich einen Anwalt zur Unterstützung zu nehmen, ne nigram cito raptus
in culinam / cordylas madida tegas papyro / vel Iuris piperisve sis cucullus (damit du nicht gleich in
die dunkle Küche geschleppt wirst und dort mit durchnässtem Papier Thunfische einhüllen musst
oder Tüten abgibst für Weihrauch und Pfeffer). Bei Martial wird die Buchapostrophe zur gängi-
gen Stilfigur, vgl. WISSIG-BAVING, Gabriele: Die Anrede an das Buch in der römischen Dichtung.
Studien zum Verhältnis des Dichters zu seinem Werk (Europäische Hochschulschriften 15/50),
Frankfurt a. M./Bern/New York/Paris 1991, S. 178, die 16 Beispiele zählt.
17 Vgl. Der Wälsche Gast des Thomasin von Zirclaria, ed. von Heinrich RüCKERT. Mit einer Einlei-
tung und einem Registet von Friedrich NEUMANN (Deutsche Neudrucke, Texte des Mittelalters),
Berlin 1965.
D A S SPRECHENDE BUCH 89

Nu var hin, welhischcr gast,


und hüet durch minen willen vast
daz du körnest ze herbcrge niht
zuo deheinem bcesewiht,
und ob du im körnest zuo,
son sitze niht, wan du tuo
daz du schiere körnest dan,
wan dich sol ein biderbe man
müezeclichen an gesehen:
sitze üf sin schöz, daz hab ze lehen. ' 8

Die Unkontrollierbarkeit des Rezeptionswegs wird dadurch überspielt, dass


Thomasin dem Buch uneingeschränkte Handlungsfähigkeit und somit auch die
Fähigkeit zuspricht, sich selbständig den richtigen Leser, d. h. nicht den bcesewiht,
sondern den biderben man, auszusuchen. Schon durch die Wortwahl wird deut-
lich, dass es Thomasin nicht nur auf die hermeneutische Kompetenz des Rezipi-
enten, auf seine Fähigkeit, das Buch richtig zu verstehen, sondern vor allem auf
seine moralische Eignung ankommt.19 Nur der biderbe, der rechtschaffene Mann
erkennt die Qualitäten des Buchs und ist bereit, die notwendige Zeit und Sorg-
falt bei der Lektüre zu investieren. Das Buch scheint keineswegs zur Passivität ver-
bannt und der Willkür seiner Benutzer ausgeliefert, vielmehr wird suggeriert, es
könne wie ein menschlicher Lehrmeister selbst dafür sorgen, dass seine Lehre den
richtigen Adressaten findet.20 Wie ein Sohn, der auf Reisen geht, braucht das Buch
nur ein bisschen guten Willen und die richtigen Ratschläge des Vaters, damit sein
Vorhaben einer kommunikativen Verbreitung gelingt.
Gegenüber dem bösen Mann besitzt das Buch bei Thomasin eine Art Selbst-
schutz, weil dieser es mangels Interesse einfach wieder beiseite legt. Anders als die
transitorische mündliche Rede kann das Buch Phasen, in denen es sich nicht beim
Zielpublikum befindet, überdauern und aufbessere Leserwarten:

ob dich begriff ein bcesewiht,


so habe des dehein angest niht
daz er dich lange getürre sehen,
ich mac des harte wol gejehen
daz er an dir siht daz im tuot
vil w u n d e r n w e in sinem muot.
so wirfet er dich in ein schrin,

18 Thomasin von Zirclzre: Der Wälsche Gast ( A n m . 17), V. 1 4 6 8 5 - 1 4 6 9 4 , S. 399f. W E N Z E L : H ö r e n


und Sehen ( A n m . 7 ) , S. 210, deutet die Schoßsetzung als gängiges Adoptionsritual, Thomasin
bleibt hier also konsequent in der Bildlichkeit des Vater-Sohn-Gesprächs.
19 Diese doppelte Qualifikation zeigt sich auch in Vers 14695f, S. 4 0 0 , wo dem Buch vrume ritr.guote
vrouwen und wisephaßen als ideale Rezipienten anempfohlen werden.
20 Dass m a n die Handlungsfähigkeit des Buches nicht überschätzen datf, macht Thomasin durch-
aus bewusst, indem er den Topos vom verstockten Leser einfügt, vgl. Thomasin von Zirclacre: Der
Wälsche Gast ( A n m . 17), V. 14712-14719, S. 4 0 0 : ez ist verlorn /swaz man dem wolfgesagen mac/
päter noster durch den tac, / wan er spricht doch anders niht / niwan lamp. alsam geschiht / dem barsen
man; swaz man im seit, /daz vert vür die wärheit /zeim Aren üz, zem andern in.
90 SANDRA L I N D E N

da solt du ligen, buoch min,


unz du dem kumest ze hant
dem du wirst liht baz erkant
und der dich dicke überlist
und dich wol handelt zaller vrist.21

3. Spiegelungen mündlicher Kommunikation in der Schrift.


Lehrgespräch und Minnewerbung

Die Abschiedsapostrophen der Autoren an ihre Werke ahmen die mündliche^zft*-


to^ire'-Kommunikation in der Schrift nach, die Mündlichkeit wird im Medium
der Schrift gespiegelt. Die Autoren gestalten das Buch als realen Gesprächspart-
ner, der sich nicht nur mit seinem Schöpfer, sondern - so soll man schließen -
auch mit den Rezipienten unterhalten kann. Hier werden nicht etwa Möglich-
keiten einer konzeptionellen Schriftlichkeit22 eröffnet, die neue, dem Medium
Schrift angemessene Kommunikationsformen anvisieren, sondern man suggeriert
dem Leser, dass er es einfach mit einer räumlich versetzten face-to-face-Kommu-
nikation zu tun habe und weiterhin nach den Regeln der Mündlichkeit kommu-
nizieren könne. Man fordert vom Rezipienten der Schrift keine spezifisch auf die
Schrift abgestimmte Wahrnehmungsleistung wie etwa das Erkennen subordinati-
ver Strukturen anstelle von additiver Linearität, sondern liefert eine mimetische
Nachahmung der Mündlichkeit, eine suggerierte Reoralisierung, die aber den
medialen Rahmen der Schrift doch nicht sprengen kann. Vor allem literarische
Texte entwerfen dabei raffinierte Überblendungen von Text und Körper, indem
der Ich-Erzähler, der die Leser wie ein personales Gegenüber anspricht und trotz-
dem ungreifbar bleibt, nun die Stimme des Buches übernimmt. Was zunächst als
Ersatzkonstruktion für den abwesenden Autor konzipiert war,25 wird als Bücher-
Ich zu einem neuen Register der Leiblichkeit und Personalität.

21 Thomasin von Zirclare: Der Wälsche Gast (Anm. 17), V. 14697-14708, S. 400.
22 Zur konzeptionellen Schriftlichkeit vgl. BÄUML, Franz H.: Autorität und Performanz. Gesehene
Leser, gehörte Bilder, geschriebener Text, in: EHLER, Christine/ScHAEFER, Ursula (Hg.), Ver-
schriftung und Verschriftlichung. Aspekte des Medienwechsels in verschiedenen Kulturen und
Epochen (ScriptOralia94), Tübingen 1998, S. 248-273. Eine alternative Terminologie zur kon-
zeptionellen Schriftlichkeit ist die Unterscheidung von Verschriftung und Verschriftlichung, vgl.
OESTERREICHER, Wulf: Verschriftung und Verschriftlichungen Kontext medialer und konzeptio-
neller Schriftlichkeit, in: SCHAEFER, Ursula (Hg.), Schriftlichkeit im frühen Mittelalter (Script-
Oralia 53), Tübingen 1993, S. 267-292, vor allem die BegriffsklärungS. 271f. Verschriftung meint
hier lediglich die Umsetzungvon phonischen Äußerungen in das Medium der Schrift, während die
Verschriftlichung den Übergang zu einer konzeptionellen Schriftlichkeit bezeichnet, die die Mög-
lichkeiten des neuen Mediums bewusst anwendet und ausschöpft. Zur konzeptionellen Schrift-
lichkeit als Sprache der Distanz in Unterscheidung zur konzeptionellen Mündlichkeit als Sprache
der Nähe vgl. KOCH, Peter/OESTERREICHER, Wulf: Sprache der Nähe - Sprache der Distanz.
Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachgeschichte, in:
Romanistisches Jahrbuch 36 (1985), S. 15-43.
23 Vgl. GUMBRECHT: Beginn von .Literatur' (Anm. 4), S. 25-32.
DAS SPRECHENDE BUCH 91

In der mittelalterlichen höfischen Gesellschaft, auf die sich der Blickwinkel im


Folgenden verengen soll, muss man von einer engen Verquickung von Mündlich-
keit und Schriftlichkeit ausgehen;24 das gilt sowohl für die Literaturrezeption in
ihrer Spannbreite vom öffentlichen Vortrag bis zur privaten Lektüre25 als auch für
die Literaturproduktion, die im Gespräch mit dem Buch die Wahrnehmungsfor-
men mündlicher Kommunikation im Medium der Schrift weiterführt und mit
der Metapher des sprechenden Buchs in spielerischer und experimenteller Weise
über die neue Literarizität der Laienkultur reflektiert.26

3a. Lehrdichtung

Eine Gattung, in der die Bindung an die mündliche Vermittlungssituation beson-


ders konstant in der Schrift erhalten bleibt, ist die Lehrdichtung. Das mittelal-
terliche Erziehungssystem basiert im weltlichen Bereich auf einem System der
Anschauung und Nachahmung, d.h., die jungen Höflinge sollen mittels einer
Lesbarkeit der Körper27 aus der Beobachtung anderer lernen und werden zu die-
sem Zweck einer lebhaften Vermittlung an fremde Höfe geschickt.28 Die Lehre

24 Vgl. beispielsweise GUMBRECHT, Hans Ulrich: Schriftlichkeit in mündlicher Kultur, in: Ass-
MANN, Aleida/ASSMANN, Jan/HARDMEIER, Christof (Hg.), Schrift und Gedächtnis. Beiträge
zur Archäologie der literarischen Kommunikation, München 1983, S. 158-174, oder auch RAIBLE,
Wolfgang: Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, in: Mit-
teilungen des Deutschen Germanistenverbandes 33 (1986), S. 14-23.
25 Zu den Varianten Formen des Umgangs mit Literatur vgl. SCHOLZ, Manfred Günter: Hören und
Lesen. Studien zur primären Rezeption der Literatur im 12. und 13.Jahrhundert, Wiesbaden
1980, und CURSCHMANN, Michael: Hören - Lesen - Sehen. Buch und Schriftlichkeit im Selbst-
verständnis der volkssprachlichen literarischen Kultur Deutschlands um 1200,in: PBB 106(1984),
S. 218-257, der S. 245 daraufhinweist, dass die Autoren selbst den legit-et-audit-Topos nutzen, um
sich nicht auf eine bestimmte Rezeptionsform festzulegen.
26 Kiening sieht die Überblendung von Text und Körper als Typisches Merkmal einer Übergangs-
phase von einem mündlichen zu einem schriftlichen Literatursystem, vgl. KIENING, Christian:
Der Autor als .Leibeigener' der Dame - oder des Textes? Das Erzählsubjekt und sein Körper im
.Frauendienst' Ulrichs von Liechtenstein, in: ANDERSEN, Elizabeth/HAUSTEIN, Jens/SiMON,
Anne/STROHSCHNEIDER, Peter (Hg.), Autor und Autotschaft im Mittelalter. Kolloquium Mei-
ßen 1995, Tübingen 1998, S. 211-238, vor allem S. 237. Auch Luhmann setzt keine lineare Ablö-
sung der Mündlichkeit durch die Schriftlichkeit an, sondern spricht von Überlagerungen der Ver-
breitungstechniken (Rede, Schrift, Druck) und der Formen der Systemdifferenzierung (segmentär,
stratifikatorisch, funktional), vgl. LUHMANN, Niklas: Das Problem der Epochenbildung und der
Evolutionstheorie, in: GUMBRECHT, Hans Ultich/LiNK-HEER, Ursula (Hg.), Epochenschwellen
und Epochenstrukturen im Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie (stw486), Frankfurt a.M.
1985, S. 11-33, hier S. 20.
27 Das Bewusstsein, dass der Körper ein Kommunikations- und Repräsentationsinstrument darstellt,
ist in der mittelalterlichen höfischen Kultut stark ausgeprägt, vgl. die Gebärdenforschung von
SCHMITT, Jean-Claude: Die Logik der Gesten im europäischen Mittelalter (1990), übers, von Rolf
Schubert und Bodo Schulze, Stuttgart 1992.
28 Zur höfischen Erziehung vgl. Nicholas O R M E : From Childhood to Chivalry. The Education of
the English Kings and Aristocracy 1066-1530, London 1984; JAEGER, C. Stephen: The Origins
of Courtliness. Civilizing Ttends and the Formation of Courtly Ideals 939-1210 (The Middle
Agcs), Philadelphia 1985, vor allem S. 128-161, sowie FENSKE, Lutz: Der Knappe: Erziehung und
92 SANDRA L I N D E N

wirkt nicht über abstrakte Verhaltenssätze, sondern erzielt ihre Memorierbarkeit


vor allem über szenische Einbindung und personale Orientierung an Vorbildern.
Die memoria ist an den Körper gebunden und wird im Gespräch mit dem Erzie-
her in die gewünschten Bahnen gelenkt. Diese den Lernprozess prägende perso-
nale Autorität des Erziehers darf auch in der schriftlichen Didaxe nicht fehlen,
wenn sie sich zur alternativen Lehrinstanz entwickeln soll. Und so steht Richard
de Bury mit seiner Einschätzung im Philobiblon, dass Bücher ohnehin die besse-
ren Lehrer abgeben, da sie nie müde, überheblich oder schlecht gelaunt, sondern
stets zugänglich und kompetent seien, eher allein.29 In den meisten Fällen ist die
Akzeptanz für das belehrende Buch keineswegs selbstverständlich, sondern muss
erst eigens gegründet werden. Um die erforderliche memoria, die in der münd-
lichen Erziehungssituation zentral über die Stimmerinnerung funktioniert, zu
gewährleisten, werden in der Didaxe Strategien erdacht, die die sinnliche Kraft
des Leseeindrucks verstärken sollen. Das Buch wird nicht mehr lediglich in der
Buchapostrophe durch den Autor personalisiert, sondern übernimmt nun selbst
die Regie und spricht seinen Rezipienten z. B. in Der Minne Freigedank wie ein
Lehrmeister direkt an:
Ich bin ein minne büchelin
Vnd tuo mangem helfe schin,
Swer volget miner lere
Der hat sin from vnd ere.
Ich haisse der minne fürgedank [...].*'

Man glaubt, mit der direkten Ansprache durch eine personal fassbare Lehrauto-
rität eine verbindlichere Handlungsanweisung formulieren zu können als über

Funktion, in: FLECKENSTEIN, Josef (Hg.), Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritter-
lichen Kultur (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 100), Göttingen 1990,
S. 55-127. Die klerikale Erziehung bevorzugt grundsätzlich das Gegenmodell eines schriftlichen
Wissenserwerbs, doch scheint auch hier die personale Vermittlung durch den Erzieher ein wichti-
ges pädagogisches Element zu sein. Sehr anschaulich - wenn auch innerhalb des Argumentations-
gangs des Abtgesprächs in zugespitzter Form - stellt Hartmann von Aue im Gregorius klerikale
und laikale Ausbildung einander gegenüber, vgl. Hartmann von Aue: Gregorius, V. 1531-1640, ed.
von Hermann PAUL, neu bearbeitet von Burghart WACHINGER (ATB 2), Tübingen |,; 2004, S. 55 —
60.
29 Vgl. Richard de Bury: Philobiblon, Kapitel 1, ed. von Ernest C . T H O M A S , in: The Philobiblon of
Richard de Bury, London 1888, S. 13f: Postremo pensandum, quanta doctrinae commoditas sit in
libris, quamfacilis, quam arcana. Quam tuto libris humanae ignorantiae paupertatem sine verecundia
denudamus! Hi sunt magistri qui nos instruunt sine virgis et ferula, sine verbis et cholera, sine pannis
et pecunia. Si accedis, non dormiunt; si inquirens interrogas, non abscondunt; non remurmurant, si
oberres; cachinnos nesciunt, si ignores. (Schließlich ist zu bedenken, welche Bequemlichkeit für die
Wissenschaft in Büchern liegt, wie leicht, wie geheim. Wie sicher wir mit Büchern die Armseligkeit
menschlichen Unwissens ohne Zurückhaltung enthüllen! Das sind Lehrer, die uns ohne Stock und
Rute, ohne Scheltworte und Zorn, ohne Tracht und Schulgeld unterrichten. Wenn man zu ihnen
kommt, schlafen sie nicht; wenn man sie befragt, verbergen sie sich nicht; sie murmeln nicht wider-
sprechend, wenn man irrt; sie kennen keinen Spott, wenn man etwas nicht weiß.).
30 Der Minne Freigedank = Die zehen Gebote der Minne, V. 1-5, ed. von Bern. los. DOCEN, in: Mis-
cellaneen zur Geschichte der teutschen Literatur, Bd. 2, München 1807, S. 171-188, hier S. 172.
DAS SPRECHENDE BUCH 93

abstrakte Wertkategorien und Sollenssätze. Indem man in der Fiktion der Schrift
an das bekannte Vermittlungsschema zwischen Lehrer und Schüler anknüpft,
hofft man auch die Wirkungsintensität, die im personalen Gespräch durch die
Autorität des Lehrers ausgelöst wird, übernehmen zu können. Doch während
ein schriftliches Erzähler-Ich die direkte mündliche Ansprache problemlos nach-
ahmen kann, macht das Buch-Ich die veränderte Kommunikationssituation der
Schriftlichkeit gerade explizit. Von seinem Autor emanzipiert, suggeriert das
sprechende Buch eine Verantwortlichkeit für die vermittelten Inhalte, diese läuft
jedoch ins Leere und hat lediglich im Gestus der Ansprache Bestand.
Die neuen Lehrmeister entfalten zumindest in der Volkssprache kaum ein
dynamisches Lehrgespräch und lösen sich nicht von einer gewissen Formelhaftig-
keit: Sie nennen ihren Namen, umreißen ihre Lehrabsicht und versprechen Erfolg,
falls man ihre Ratschläge in die Tat umsetzt. Und so formuliert der Magezoge
ganz parallel zu Der Minne Freigedank:

Ich heize ein spigel der tugende


und ein magzoge der jugende:
swer minne zuht und ere,
der volge miner lere."

Die einfache Ich-Ansprache durch das Buch wird recht pragmatisch mit Blick auf
den Lehrerfolg eingesetzt32 und geht nicht etwa in eine poetische Reflexion über,
in der sich das Buch seiner selbst vergewissern würde. Die schlichte Formel eta-
bliert sich so in der Gattung der Lehrschrift schnell als gängiges Einleitungsele-
ment, über das weder Autor noch Rezipient intensiver nachzudenken scheinen.

3b. Minnebriefe

Wesentlich aufwendiger wird die personifizierte Schrift in einer anderen Gattung


gestaltet, nämlich in der literarischen Situation der Minnewerbung: Der Min-
nebrief, der im Gegensatz zum Werber die Distanz zur Geliebten und die stren-
ge huote überbrücken kann,31 geriert sich hier wie ein mündlicher Bote, der mit

31 Der Magezoge, V. 1-4, ed. von Gustav ROSENHAGEN, in: Kleinere mittelhochdeutsche Erzäh-
lungen, Fabeln und Lehrgedichte, Bd. 3: Die Heidelberger Handschrift Cod. Pal. Germ.341
(DTM 17), Berlin 1909, S. 21-29, hier S. 21. Vgl. etwa auch die Eingangsverse des Buch der Rügen
(ed. von Theodor VON KARAJAN, in: ZfdA 2 (1842), S. 6-92) oder von Freidanks Bescheidenheit
(ed. von Heinrich Ernst BEZZENBERGER, Halle 1872 (ND Aalen 1962)).
32 Ähnlich pragmatisch vorgehende sprechende Bücher findet man in der zunehmenden Konkur-
renzsituation, die sich mit dem Buchdruck ausbildet. Aut dem freien Buchmarkt übernimmt das
sprechende Buch die Aufgabe, beim Publikum für sich zu werben, und buhlt mit Sprüchen wie So
kaufmich fiel und lese mich / Das wird gereuen nimmer dich um die Käufergunst. Weitere Beispiele
finden sich bei GIESECKE: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit (Anm. 4), S. 643-645.
33 Dass der Brief zum Stellvertreter des Werbers bei der Dame wird und seinen eingeschränkten kör-
perlichen Aktionsrahmen erweitert, benennt Hartmanns zweites Büchlein recht plastisch, vgl. dort
V. 811-814, ed. von Herta ZUTT, in: Hartmann von Aue, Die Klage. Das (zweite) Büchlein aus
94 SANDRA LINDEN

der Dame in ein Gespräch eintritt und für den Werber Partei ergreift.34 Das im
Minnesang eingespielte Kommunikationsschema des Botengesprächs wird in der
Schriftlichkeit beibehalten und ins Metaphorische gewendet, indem die Schrift
die Botenfunktion übernimmt.35 In einem Minnebrief vom Ende des O.Jahr-
hunderts wird das Changieren der Sprecherrolle zwischen mündlicher Boten- und
schriftlicher Brieffunktion besonders deutlich:
Ich bin ein brief unde ein bode.
in mins juncherren gebode
sol ich williclichc wesen.
du solt mich, vrowe, gerne lesen.' 6

Und diese mediale Ambivalenz wird auch für die Äußerungsformen des Briefbo-
ten proklamiert, wenn er mit Bezug auf seinen Auftraggeber angibt:
clagen unde schriben
haizet er mich sin lait.'"

Über Wesen und Handlungsweise des textuellen Ich herrscht Unsicherheit: Das
Ich ist Brief und Bote, es schreibt und klagt zugleich.
Eine besondere Form fingierter Präsenz in einer Minnebotschaft liefert Ulrich
von Lichtenstein in seiner fiktiven Minnedienerautobiographie Frauendienst™,
die ca. 1255 entstanden ist. Da der junge Minneritter Ulrich der ersten Dame sei-
ne Gefühle nur über eine komplizierte Distanzkommunikation vermitteln kann,
schickt er ihr ein Büchlein von etwa 400 Versen,39 das die Problematik der Boten-

dem Ambraser Heldenbuch, Berlin 1968, S. 163: Kleinez büechel, swa ich si, /so wone minerfrowen
bi: / wis min zunge und min munt / und tuo irsute minne kunt [...]. Schon Ovid nutzt das personifi-
zierte Buch zur Ü b e r b r ü c k u n g von räumlicher Distanz, indem der von Augustus verbannte Autor
das Buch statt seiner in die Stadt Rom gehen lässt, vgl. O v i d : Tristia 1,1, ed. u. übers, von A r t h u r
Leslie W H E E L E R , in: Ovid, Tristia. Ex Ponto (The Loeb Classical Library 151), Cambridge, M A /
London 1975, S. 2.
34 Z u m personifizierten Brief vgl. P U R K A R T , Josef: .Der heimliche Bote' - Liebesbrief oder Wer-
bungsszene?, in: ABäG 2 (1972), S. 157-172.
35 Vgl. P U R K A R T : ,Der heimliche Bote' ( A n m . 34), S. 159: „Da bei der Überreichung einer schrift-
lichen Botschaft diese selbst die Mitteilung des Liebenden vermittelt, k a n n sie als Bote im meta-
phorischen Sinne betrachtet werden. Diese Möglichkeit führte dazu, Briefe zu personifizieren und
selbst als Sprechei auftreten zu lassen. O b w o h l nun diesem Brieftyp die meisten Funktionen eines
.wirklichen' Boten z u k o m m e n können, unterliegt er noch immer dem Wesen und den Schranken
einer schriftlichen Botschaft, die einen Boten als Überbringer braucht."
36 E T T M Ü L L E R , Ernst Moritz Ludwig: Sechs Briefe und ein Leich nebst einigen Bemerkungen über
die Fraucnliebe im Mittelalter, in: Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich 2.4
(1843), S. 9 7 - 1 1 4 , hier S. 106, V. 1-4. Weitere Beispiele von personifizierten Briefboten finden
sich bei P u R K A R T : , D e r heimliche Bote' ( A n m . 34), S. 161-165.
37 Ibid.,V8f.
38 Vgl. Ulrichs von Liechtenstein Frauendienst, ed. von Reinhold B E C H S T E I N , 2 Teile (Deutsche
Dichtungen des Mittelalters 6, 7), Leipzig 1888.
39 Z u m Büchleinboten im Frauendienst Ulrichs von Liechtenstein vgl. K E L L E R M A N N , Karina/
Y O U N G , Christopher: You've got mail! Briefe, Büchlein, Boten im Frauendienst Ulrichs von
Liechtenstein, in: B E R T E L S M E I - E R - K I E R S T , C h r i s t a / Y o u N G , C h r i s t o p h e t (Hg.), Eine Epoche im
D A S SPRECHENDE B U C H 95

kommunikation auf künstlerisch-ästhetischer Ebene explizit macht und sie durch


das Fingieren einer face-to-face-Kommunikation zu überwinden versucht. Im
Medium der Schrift bildet der Autor Ulrich ein Gespräch zwischen dem Minne-
ritter Ulrich und dem Boten ab, wie es üblicherweise einer Botschaft an die Dame
vorausgeht. Mit dieser literarischen Fiktion gibt Ulrich der stets an der Aufrich-
tigkeit ihres Minnedieners zweifelnden Dame Einblick in eine Kommunikations-
situation, die ihr normalerweise verborgen bleibt. Er suggeriert ihr, direkt an sei-
ner Tür lauschen zu können, und scheint so Authentizität und Glaubwürdigkeit
der Botschaft steigern zu wollen. Doch der Bote, mit dem Ulrich sich unterhält,
ist keine reale Person, die der Dame eine mündliche Botschaft überbringt, sondern
eben jenes Büchlein, das die Dame nun in Händen hält und das das Gespräch in
der Schrift wiedergibt.
Ulrich kann zwar nicht selbst zum Gespräch mit der Dame erscheinen, und
auch der Bote mit der Minnenachricht tritt nicht in ein aktuelles mündliches
Gespräch mit der Dame ein, aber Ulrich kann, indem er das fingierte mündliche
Botengespräch in die schriftliche Botschaft überführt, ein literarisches Abbild sei-
ner selbst senden. Die Figur Ulrich präsentiert hier eine literarische Verhüllung
des Ich, indem er die Dame nicht direkt anspricht und so die normale Kommu-
nikationssituation des Briefs aufnimmt, sondern sie beobachten lässt, wie er mit
anderen scheinbar aufrichtig und ohne strategische Verstellung über sie spricht.
Anders als die meisten in der Schrift sprechenden Boten präsentiert sich der
Büchleinbote ganz konsequent nicht in der Körperlichkeit eines Menschen, son-
dern in der eines Buches, das die Dame beim Lesen des Dialogs in Händen hält.
Das Büchlein-Ich imaginiert im Vorgespräch mit Ulrich ausführliche Vernich-
tungsszenarien durch die Dame, die auf die Buchkörperlichkeit abgestimmt sind,
dem Büchlein aber zugleich menschliches Empfindungsvermögen zusprechen:
si gepiutet über mich zehant
in it zorn, daz ich verbrant
werde üf einem röste,
wer kumt mir da ze tröste?
oder mir geschiht ze liden
von ir ein solhez sniden,
daz nimmer geheilet.',0

Umbruch. Volkssprachliche Literalität 1200-1300. Cambridger Symposium 2001, Tübingen


2003, S. 317-344; GUTWALD, Thomas: Der Minnediener als Souverän. Die Ordnung von buoch
und büechelin im Frauendienst Ulrichs von Liechtenstein, in: H A R M S , Wolfgang/JAEGER,
C. Stephen/WENZEL, Horst (Hg.), Ordnung und Unordnung in der Literatur des Mittelalters,
Stuttgart 2003, S. 143-163; LINDEN, Sandra: Kundschafter der Kommunikation. Modelle höfi-
scher Kommunikation im .Frauendienst' Ulrichs von Lichtenstein (Bibliotheca Germanica 49),
Tübingen/Basel 2004, S. 70-74.
40 Ulrich von Lichtenstein: Frauendienst (Anm. 38), 1. Büchlein, V. 122-128, S.54f. Richard de
Bury lässt das Buch im Philobiblon einen ganzen Katalog von Gebrechen aufzählen und imagi-
niert dabei ebenfalls eine sehr differenzierte Buchkörperlichkeit, vgl. Richard de Bury: Philobiblon
(Anm. 29), Kap. IV, S. 28: Morbis variis laboramus, dorsa dolentes et latera, etjacemus membratim
paralysi dissoluti, nee est qui recogitet, nee est ullus qui malagma procuret. Candor nativus et luce
perspieuus jam in fuscum et croceum est conversus, ut nemo medicus dubitet ictericia nos infectos.
96 SANDRA L I N D E N

Ulrich freilich beurteilt die Möglichkeiten des Büchleins wesentlich positiver


und formuliert den Wunsch eines Rollentauschs: Viel lieber läge er selbst anstelle
des Büchleins in den Händen der Dame, wobei er die naturgemäße Passivität des
Büchleins freilich nicht übernehmen möchte und mit Kussraub durchbricht:
ich wünschet, daz ichz du solde sin.
zehant als du kumst aldar,
u n d dich ir wize hande clär
beginnen! ze wenden
vor güete in mangen enden,
u n d an dich kert dicke
ir tougen spilnde plicke
und an dich gewendet ir röten m u n t ,
sä an der selben stunt
wolt ich dar ab ein küssen stein." 1

Der Minneritter Ulrich möchte gern zum Text transformiert werden, da er in


der Form des Buches ungehindert die räumliche Distanz zur Dame überwinden
und in ihre Nähe gelangen könnte. Wenn Ulrich diese Nähe einmal erreicht hat,
möchte er die menschliche Körperlichkeit jedoch nicht missen, um die Liebesge-
nüsse mit allen Sinnen auskosten zu können. Die Grenzen zwischen Buchkörper
und menschlichem Körper werden verwischt, indem Ulrich sich wünscht, je nach
Situation zwischen beiden Existenzformen wechseln zu können. Während die
Figur Ulrich zunächst an die Körperlichkeit gebunden ist, verschafft sie sich als
Autor des Büchleins eine Existenz im Text, die in Form des Ich-Erzählers zwi-
schen Körperlichkeit und Nichtkörperlichkeit42 und im imaginierten Rollen-
tausch mit dem Büchlein zusätzlich noch zwischen Buchkörper und menschli-
chem Körper changiert.

4. Das sprechende Buch. Visualisierungsstrategie oder Verfremdungseffekt?

Nach dieser Reihe von Beispielen gilt es, zusammenfassend nach dem literarischen
Effekt zu fragen, den das sprechende Buch in seinen verschiedenen Ausformungen

Arthriticam patiuntur nonnulli de nobis, sicut extremitates retortae insinuant evidenter. Fumus et
pulvis, quibus infestamur assidue, radiorum visualium aciem hebetarunt etjam lippientibus oculis
ophthalmiam superducunt. (Wir leiden an den verschiedensten Krankheiten: Rücken und Seiten
t u n uns weh; wir liegen mit gelähmten Gliedern herum, und niemand d e n k t daran, und niemand
sorgt gütig für Linderung. Unser natürliches, durchsichtiges Weiß ist schon in Grau und Gelb ver-
wandelt, so dass kein Arzt daran zweifelt, dass wir von Gelbsucht befallen sind. Viele von uns haben
Gicht, wie ihre zusammengerollten Enden deutlich zeigen. Rauch und Staub, durch die wir schwer
angefeindet werden, haben die Schärfe unseres Gesichts abgestumpft und unsere bereits triefenden
Augen blind gemacht.).
41 Ulrich von Lichtenstein: Frauendienst ( A n m . 3 8 ) , 1. Büchlein, V. 1 8 4 - 1 9 3 , S. 57. Mit dem Motiv
des Kussraubs stellt Ulrich eine intertextuelle Verbindung zur so genannten Reinmar-Walther-
Fehde her.
42 Z u m Changieren des Erzähler-Ich zwischen Körperlichkeit u n d Nichtkörperlichkeit vgl. K I E N I N G :
Der Autor als .Leibeigener' ( A n m . 26), besonders S. 213f.
DAS SPRECHENDE BUCH 97

erzielen kann. Rhetorisch betrachtet, bieten die Autoren mit dem Stilmittel des
sprechenden Buchs eine fictio personae, die über die Vermenschlichung des Buchs
beim Rezipienten eine Affekt- und Aufmerksamkeitssteigerung bewirken will.43
Indem man das Buch wörtlich zum Sprechen bringt, wird die Abstraktheit der
Schrift beiseite gelassen und die Kommunikationsleistung des unbelebten Objekts
anschaulich ins Bild gesetzt. Um an die eingespielten Strukturen und Funktions-
muster der mündlichen Kommunikation anknüpfen zu können, wird in der Dar-
stellung des Buchs auf das menschliche Körperschema zurückgegriffen. Das Buch
bringt nicht Buchstaben in eine räumlich konstante Ordnung, sondern spricht
mit menschlicher Stimme und präsentiert sich als fühlendes und vernunftbegab-
tes Wesen mit oft nur allzu menschlichen Wünschen und Ängsten. Mit der Perso-
nifikation des Buchs scheint der Autor darauf zu spekulieren, dass die Direktheit
der Ansprache und ein möglichst prägnanter Ausdrucksstil, zu dem man das spre-
chende Buch zweifellos zählen kann, mit einer besseren Memorierleistung beim
Rezipienten einhergehen.
Man könnte versucht sein, dieses Bemühen um Plastizität und Präsenz in der
Kommunikation mit dem Rezipienten in eine allgemeinere Poetik der Visualisie-
rung, die dem höfischen Erzählen gern attestiert wird,44 zu integrieren. Die Poe-
tik der Visualisierung zielt darauf, in der Schrift die körpergebundenen Wahr-
nehmungsschemata beizubehalten und die Inhalte des Erzählens über eine Art
Schaubildtechnik vor Augen zu führen. Mit besonderer Aufmerksamkeit auf die
Blickführung montiert der Autor eine Beobachterinstanz in seine Erzählung,
deren Perspektive der Rezipient übernehmen soll. Es werden mentale Bildwelten
erzeugt, die der Rezipient, falls der Autor die Kunst der descriptio und des szeni-

43 Vgl. die Definition bei UEDING, Gert/STEINBRINK, Bernd: Grundriß der Rhetorik. Geschich-
te, Technik, Methode, Stuttgart 21986, S. 295: „Die Gedankenfigur det fictio personae beruht auf
der Einbildungskraft (phantasia oder den visiones), die dem Redner nicht wirklich vorhandene
oder gegenwärtige Personen oder Dinge so lebhaft vor Augen treten läßt, daß sie in der Rede als
wirkliche und anwesende Personen sprechend bzw. handelnd dargestellt werden können. Da diese
Darstellung hochgradig evidente Eindrücke beim Publikum herstellt, ist die fictio personae eine in
besonderem Maße Affekte erregende Gedankenfigur und erinnert an magische Ptaktiken."
44 Vgl. dazu WENZEL, Horst: Imaginatio und Memoria. Medien der Erinnerung im höfischen Mit-
telalter, in: ASSMANN, Aleida/HARTH, Dietrich (Hg.), Mnemosyne. Formen und Funktionen der
kulturellen Erinnerung, Frankfurt a. M. 1991, S. 57-82; WENZEL, Horst: Szene und Gebärde. Zur
visuellen Imagination im Nibelungenlied, in: ZfdPh 111 (1992), S. 321-343; WANDHOFF, Haiko:
Der epische Blick. Eine mediengeschichtliche Studie zur höfischen Literatur (Philologische Studi-
en und Quellen 14), Berlin 1996; BRÜGGEN, Elke: Inszenierte Körperlichkeit. Formen höfischer
Interaktion am Beispiel der Joflanze-Handlung in Wolframs .Parzival', in: MÜLLER, Jan-Dirk
(Hg.), .Aufführung' und .Schrift' in Mittelalter und Früher Neuzeit (Germanistische Symposien,
Berichtsbände 17), Stuttgart/Weimar 1996, S. 205-211; WEGNER, Wolfgang: lesen und poetische
Visualisierung als Medien moralischer lere im Jüngeren Titurel, in: Euphorion 94 (2000), S. 2 7 1 -
292, sowie MORSCH, Carsten: Bewegte Betrachter. Kinästhetische Wahrnehmung im Schauraum
höfischer Texte, in: LECHTERMANN, Christina/MoRSCH, Carsten (Hg.), Kunst der Bewegung.
Kinästhetische Wahrnehmung und Probehandeln in virtuellen Welten (Publikationen zur Zeit-
schrift für Germanistik 8), Bern 2004, S. 45-72.

Baye/ischo
Staatsb'büotne
^fliinrhpn
98 SANDRA LINDEN

sehen Erzählens beherrscht, wie ein Werk der bildenden Kunst bzw. wie eine Sze-
ne im Theater vor sich sieht.45
Doch die Visualisierung und Personifikation des Mediums, die beim sprechen-
den Buch vorliegen, implizieren noch nicht, dass die vermittelten Inhalte ebenfalls
einer Poetik der Visualisierung folgen. Im Gegenteil scheint das sprechende Buch
gerade in den Gattungen besonders beliebt, die wie die Lehrdichtung keine figu-
renbasierte plastische Geschichte erzählen, die man in lebendige Schaubilder auf-
falten könnte, sondern eher abstrakte Themen verhandeln. Das sprechende Buch
scheint hier gewissermaßen das Bemühen um eine Visualisierung zu sein, die sich
auf der Ebene der Buchinhalte nicht ohne weiteres durchführen lässt.
Wie über das Motiv des sprechenden Buchs ein Diskurs entwickelt wird,
in dem die Laienkultur im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlich-
keit über ihre neue Literarizität reflektiert und sich spielerisch mit ihr auseinan-
der setzt, soll abschließend ein kurzer Blick auf den zwischen 1208 und 122046
entstandenen Roman Wigalois des Wirnt von Gravenberg zeigen. Sprechende
Bücher sind immer auch eine Form der Selbstreflexion und der Autorvergewis-
serung. Doch was hat es zu bedeuten, wenn sich nicht der Autor in der mittelba-
ren Präsenz des Erzähler-Ich47 zu Wort meldet, sondern explizit das Buch als sein
dichterisches Produkt das Wort ergreift? Der nahe liegende poetische Effekt, der
sich aus dieser stilistischen Maßnahme ergibt, ist ein Spiel mit der Erwartungs-
haltung des Publikums, das das Ich im literarischen Text ganz selbstverständlich
mit dem Erzähler oder vielleicht sogar dem Autor identifizieren möchte und sich
angesichts des sprechenden Buchs in seiner Vorannahme enttäuscht sieht. Nicht
immer erfolgt diese Korrektur der gängigen Kommunikationssituation so schnell
wie im Wigalois-Prolog, der mit einer prägnanten Frage einsetzt:

Wer hat mich guoter üf getan?


si ez iemen der mich kan
beidiu lesen und verstän,
det sol genäde an mir begen,
ob iht wandeis an mir si,
daz er mich doch läze vri
valscher rede: daz eret in.18

45 Auch Hans-Georg GADAMER hat sich in einem Beitrag mit dem Titel Hören - Sehen - Lesen
damit befasst, wie die menschliche Vorstellungskraft die gelesene Schrift in mentale Bilder über-
führt (in: Antike Tradition und Neuere Philologien, Symposium zu Ehren des 75. Geburtstages
von Rudolf Sühnel, hg. von Hans-Joachim ZIMMERMANN, Heidelbetg 1984, S. 9-18).
46 Der terminuspost quem 1208 ergibt sich aus der Hochzeit Ottos VII. von Andechs-Meranien mir
Beatrix von Burgund, der terminus ante quem 1220 u.a. aus der Abreise Kaiser Friedrichs IL nach
Italien.
47 Der komplexe Status der Erzählerfigur und die mittelbare Präsenz des Autors können hier nur
angedeutet werden, einige klärende Bemerkungen zur Diskussion über die Unterscheidung von
Erzähler und Autor hat Michael CURSCHMANN: Der Erzähler auf dem Weg zur Literatur, in:
Wolfram-Studien 18 (2004), S. 11-32, beigetragen.
48 Wirnt von Gravenberc: Wigalois oder der Ritter mit dem Rade, V. 1-7, ed. von Johannes M.N.
KAPTEYN (Rheinische Beiträge und Hülfsbücher zur germanischen Philologie und Volkskunde 9),
Bonn 1926, S. 1. Zum Wigalois-Prolog vgl. SCHOLZ: Hören und Lesen (Anm. 25), S. 125-130;
D A S SPRECHENDE B U C H 99

Wer hat michguoter üfgetan? ist keine Frage des Erzählers, sondern eindeutig die
Äußerung eines Buches, das zur Lektüre aufgeschlagen wird. Was in der priva-
ten Lektüre zwar ungewöhnlich, aber als literarischer Topos genügend eingeführt
war,49 wirft im mündlichen Vortrag durch einen Vorleser massive Perspektiven-
probleme auf.50 Im mündlichen Vortrag wird das Erzähler-Ich, das der abwesende
Autor als eine Art Ersatzpräsenz im Text hinterlassen hat, durch die Verweiskon-
vention des Personalpronomens ,Ich' normalerweise ganz automatisch mit dem
Ich des Vorlesenden identifiziert. Dies geschieht selbst dann, wenn ein literarisch
versiertes Publikum die Ich-Rede des Vorlesers als eine Rollenübernahme erkennt.
Im Moment des Vortrags reflektiert niemand über gestaffelte Ich-Instanzen, son-
dern akzeptiert das Als-ob ganz selbstverständlich, um die erwartete spannende
Geschichte zu genießen. Doch sämtliche kommunikativen Standards der Litera-
turrezeption werden mit einem Vorleser, der ein Buch in Händen hält, gleichzeitig
aber so spricht, als sei er selbst eines, erschüttert. Der Inhalt der Aussage ist nicht
mit dem Aussagenden vereinbar und kann auch nicht mit der Hilfskonstruktion
einer expliziten Rollenübernahme des Sprechers geglättet werden. Hat Wirnt mit
dem Wigalois also vielleicht einen Roman verfasst, den er ausschließlich zur pri-
vaten Lektüre vorgesehen hatte?51 Nach allem, was wir über den volkssprachigen
Literaturbetrieb des 13. Jahrhunderts wissen, ist dies kaum wahrscheinlich. Viel-
mehr scheint der Autor den Verfremdungseffekt, den der mündliche personale
Erzähler bei seinem Publikum mit dem Satz Wer hat mich guoter üjgetan? erzielt,
durchaus zu beabsichtigen.
Das sprechende Buch im Wigalois wäre somit keine unreflektierte Übertragung
mündlicher Kommunikationsgewohnheiten in die Schriftlichkeit, kein unbeab-
sichtigtes Derivat einer vorgängigen Mündlichkeit, sondern in der Konkurrenz
von schriftlichen und mündlichen Autoritätsansprüchen eine raffinierte schrift-
liche Gegenmaßnahme des abwesenden Autors gegen die gängige Gleichsetzung

CuRSCHMANN: Hören - Lesen - Sehen (Anm. 25); sowie HAUG, Walter: Lireraturtheorie im
deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, Darmstadt 21992,
S. 274-278.
49 Bei der im Mittelalter gängigen Technik des lauten Lesens ist aber auch für die Rezeption im Pri-
vatraum mit gewissen Verunsicherungen der Identifikation zu rechnen. Zum lauten Lesen vgl.
EPPING-JÄGER, Cornelia: Die Inszenierung der Schrift. Der Literalisierungsprozeß und die Ent-
stehungsgeschichte des Dramas, Stuttgart 1996, S. 146 und 168-171, sowie NICHOLS: Voice and
Writing (Anm. 12), passim.
50 Dass sich die Rede des Buchs kaum in die mündliche Aufführung durch einen Vorleser integrie-
ren ließ, mag mit dazu beigetragen haben, dass die Überlieferung einige Handschriften kennt, die
das sprechende Buch wieder zum Schweigen bringen und den Text erst mit Vers 20 beginnen las-
sen, vgl. beispielsweise Hs.S, Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Codex 2881, und Hs.k,
ehemals Fürstlich Fürstenbergische Hofbibliothek Donaueschingen Nr. 71, jetzt Antiquariat Jörn
Günther, Hamburg (A Selection of Manuscripts and Miniatures, Hamburg/London 2003, Nr. 11).
CuRSCHMANN: Hören - Lesen - Sehen (Anm. 25), S. 225-227, votiert für einen doppelten Pro-
log, der beide Möglichkeiten der Rezeption, nämlich in Vers 1-19 die private Lektüre und ab Vers
20 die öffentliche Vortragssituation berücksichtigt.
51 SCHOLZ: Hören und Lesen (Anm. 25) zieht diese Schlussfolgerung durchaus und nimmt eine stille
private Lektüre an, vgl. S. 126f.
100 SANDRA LINDEN

des Vorlesers mit dem Ich-Erzähler. Das sprechende Buch, das nun in der mündli-
chen Vortragssituation in den Vordergrund tritt, verweist - wenn auch eingebun-
den in einen Bescheidenheitstopos - deutlich auf die Leistung des abwesenden
Autors. Indem er statt des konventionellen Ich-Erzählers eine explizit textuelle
persona gestaltet, hinterlässt der Autor in der Schrift Signaturen, über die er sich
unmissverständlich als ein schreibender Dichter etabliert, dessen Schaffen sich im
konkreten Körper des Buches manifestiert. Er reiht sich nicht in eine Linie münd-
licher anonymer Weitergabe von Erzählstoffen ein, sondern formuliert den deut-
lichen Anspruch individueller Autorschaft.52 Mit dem sprechenden Buch gestaltet
Wirnt in einem diffizilen literarischen Spiel das Ich absichtlich so, dass der Vorle-
ser sich in der Performanz nicht ungebrochen damit identifizieren kann, und lie-
fert so eine augenzwinkernde Erinnerung daran, dass derjenige, der spricht, nicht
notwendig derjenige ist, der die Dichtung verantwortet.

52 Wirnts sprechendes Buch ist freilich eine elegantere Vermittlung von Autorschaftsansprüchen als
die simple Namensnennung, auch wenn diese in Vers 141 des Prologs, der mittlerweile wieder zur
regulären Erzählerrede übergegangen ist, nachgereicht wird.
JÜRGEN H E R O L D

Die Interpretation mittelalterlicher Briefe


zwischen historischem Befund und Medientheorie

Am 19. April des Jahres 1484 wandte sich Barbara de Gonzaga, Gräfin von
Württemberg, damals seit fast elf Jahren Gattin des Grafen Eberhard von
Württemberg, aus Stuttgart mit einem Brief in ihrer italienischen Muttersprache
an ihren Bruder, den Markgrafen von Mantua Federico de Gonzaga. Dieser Brief
hat folgenden Inhalt:
Hochgeborener Herr, ehrwürdiger Vater. Da sich mir gerade die Gelegenheit eines Boten nach
Italien ergibt, möchte ich Eure Herrlichkeit über mein Wohlbefinden unterrichten. Gegenwär-
tig bin ich durch Gottes Gnade gesund, was gleichermaßen ich zu erfahren wünsche von Eurer
Herrlichkeit, die ich außerdem bitte, wenn sich Ihr die Gelegenheit eines Boten ergibt, mich
ebenfalls über Ihr Wohlbefinden zu unterrichten sowie über die gegenwärtigen Ereignisse in
Italien. Sonst nichts, außer dass ich mich Eurer Herrlichkeit unendliche Male empfehle. Gege-
ben in Stuttgart am Montag nach Pfingsten 1484.
Barbara, Tochter und Schwester,
mit Empfehlung.'
Ein solches Schreiben mag uns insofern merkwürdig erscheinen, als dass es offen-
sichtlich keinen Gegenstand hat, sondern nur aus Floskeln und Versatzstücken
besteht. Und doch, es enthält nicht nur alle Elemente und Formbestandteile, die
für einen spätmittelalterlichen Brief typisch sind, sondern entspricht auch den
Regeln der damaligen Brieflehre.
Ich habe diesen Brief als Beispiel gewählt, weil er gerade durch seine .Inhalts-
losigkeit' einen ungetrübten Blick auf die formalen Strukturen des mittelalter-
lichen Briefwesens und insbesondere des fürstlichen Korrespondenzwesens im
15. Jahrhundert gewährt. In der Terminologie der mittelalterlichen Brieflehre, der
ars dictaminis, die einen regulären Briefaufbau aus bis zu fünf Teilen - salutatio,
captatio benevolentie, narratio, petitio, conclusio - vorsieht,2 könnte man dieses
kurze Schreiben folgendermaßen interpretieren.

1 Jllustris domineßater honorande. Cadendome questo messo in Italia, me parso de aduisare vostra
signoria del mio benestare. Per dio gracia alpresente sonne sane e cosi sonno desideroso de intendere el
simile de vostra illustre signoria. Et priego quella a cadendoue messo, me vogliate dare aduiso elsimile
del vostro bene stare e cossi delle cose diuerentie, che sonno alpresente in Italia. Non altro alpresente
se non che infinite volte me recommando a vostra illustre signoria. Datum Stutgardie die lune ante
fest um pasce 1484.
Barbarafilia & soror cum recommendatione.
Archivio di Stato di Mantova, Archivio Gonzaga, busta 2106, fol. 55.
2 CAMARGO, Martin: Ars dictaminis - ars dictandi (Typologie des sources du moyen äge Occidental
60), Turnhout 1991; CONSTABLE, Giles: Letters and Letter-Collections (Typologie des sources
du moyen äge Occidental 17), Turnhout 1976; MURPHY, James J.: Rhetoric in the Middle Ages. A
History of Rhetorical Theory from Saint Augustin to the Renaissance, Berkley/Los Angeles/Lon-
don 1974 (zur ars dictaminis S. 194-268); SCHALLER, Hans Martin: Ars dictaminis, Ars dictandi,
in: LexMA 1 (1980), Sp. 1031-1034.
102 JÜRGEN H E R O L D

Die Anrede des Adressaten am Beginn ist eine Form der salutatio. Sie wird
in den Briefstellern des 15. Jahrhunderts als .verborgener Gruß' oder salutatio
subintellecta bezeichnet.3 Darauf gibt die narratio den Anlass für das Schrei-
ben wieder, nämlich die Gelegenheit, dass ein Bote nach Italien geht, zu nutzen,
um den Bruder über das eigene Wohlbefinden zu unterrichten. Die petitio kehrt
die Richtung dieses Gedankens um, indem nun die Absenderin ihrem Wunsch,
dass es ihrem Bruder gleichermaßen gut gehen möge, Ausdruck verleiht. Damit
verbunden äußert sie die Bitte, er möge sie über Neuigkeiten aus ihrer früheren
Heimat unterrichten, wenn sich hierfür wiederum die Gelegenheit ergibt. Die
conclusio wird durch eine typische Kommendationsformel gebildet. Das tatsäch-
liche Ende erreicht der Brief jedoch erst mit dem datum und der subscriptio.
Bis auf die captatio benevolentie scheinen alle .kanonischen' Briefteile vorhan-
den zu sein. Das sprachlich-formale Zentrum besteht aus einem narrativen und
einem petitiven Element. Der Vergleich mit anderen Briefen zeigt jedoch, dass es
sich bei dieser Kombination um eine konventionalisierte Formel handelt, die in
längeren Schreiben lediglich als captatio benevolentie dient. Auch der anfängliche
Hinweis auf die Gelegenheit eines Boten und die abschließende Bitte um die Mit-
teilung von Neuigkeiten geben dieser Floskel keine andere Richtung, da jene eben-
falls topisch und in zahllosen Briefe jener Zeit anzutreffen sind. Mehr noch: Diese
reziproke formula valitudinis ist eine der ältesten stehenden Wendungen in Brie-
fen überhaupt. Von der Altorientalistik wird sie als .Amarna-Formel' bezeichnet,
da man sie in Briefen aus dem Palastarchiv von Teil el-Amarna aus dem H.Jahr-
hundert v. Chr. erstmals beobachtet und danach benannt hat.4 In antiken lateini-
schen Briefen tritt sie in der Form si vale, bene est, ego (quidem) valeo auf.
Dieser Brief lässt sich daher mit den Mitteln der ars dictaminis auch in der Weise
interpretieren, dass er nur aus salutatio, captatio benevolentie und conclusio besteht.
Und schließlich ist es auch möglich, beide Interpretationen gleichzeitig zuzulas-
sen, so dass narratio und petitio auf der einen, sowie die captatio benevolentie auf
der anderen Seite zu einer Klausel miteinander verwoben erscheinen.
Offensichtlich ist der Brief nur dem Anlass geschuldet, dass gerade ein Bote
von Stuttgart nach Italien geht, der anscheinend auch Mantua passieren wird. Es
handelt sich um einen typischen Kontaktbrief, den die Absenderin ohne eigenen
Anlass, nur weil sich gerade eine Transportmöglichkeit bietet, expedieren ließ.
An ihm lässt sich zeigen, dass der Status eines konventionalisierten Textbau-
steines, in diesem Falle der formula valitudinis, nicht in jedem Fall feststeht. In
längeren Briefen mit einem über die reine Kontaktaufnahme hinausreichenden

3 Zur salutatio subintellecta siehe JOACHIMSEN, Paul: Aus der Vorgeschichte des „Formulare und
deutsch Rhetorica", wieder abgedruckt in: Paul JOACHIMSEN, Gesammelte Aufsätze, ausgewählt
u. eingeleitet von Notker HAMMERSTEIN, Bd. 2, Aalen 1970, S. 23-120, hier S. 71-72.
4 HAGENBUCHNER, Albertine: Die Korrespondenz der Hethiter, 1. Teil: Die Briefe unter ihren
kulturellen und thematischen Gesichtspunkten (Texte der Hethiter 15), Heidelberg 1989, S. 49.
D I E I N T E R P R E T A T I O N MITTELALTERLICHER BRIEFE 103

Gegenstand bildet eine solche Formel einen Teil der pragmatischen Peripherie,
wogegen er in diesem Briefbeispiel das pragmatische Zentrum einnimmt.5
Um das Ineinandergreifen der verschiedenen Funktionen und Ebenen zu ana-
lysieren, reichen die Mittel der traditionellen Brieflehre nicht aus. Hier bietet sich
eine Interpretation nach den Kriterien der Medien- und Kommunikationstheorie
an. Doch soll dieser Gesichtspunkt zunächst zurückgestellt und später wieder auf-
gegriffen werden.
Zunächst will ich mich dem ersten der beiden im Titel dieser Abhandlung
ausgewiesenen Teilbereiche zuwenden und versuchen, den historischen Befund
mittelalterlicher Briefe zu systematisieren. Der folgende Abschnitt wird daher
generalisierend, d.h. in großen Linien, auf die Überlieferungsformen und Über-
lieferungszusammenhänge von mittelalterlichen Briefen eingehen. Im zweiten
Teil werde ich ein Strukturmodell des mittelalterlichen Briefes nach kommunika-
tions- und medientheoretischen Ansätzen vorschlagen.

TEIL 1: H I S T O R I S C H E R B E F U N D

Systematisierungsrichtungen

Die Systematisierung der historischen Briefüberlieferung kann grundsätzlich


nach zwei Richtungen vorgenommen werden. Einmal, indem man eine Vielzahl
verschiedener Briefe nach unterschiedlichen funktionalen und formalen Kriteri-
en in Gruppen einteilt, die man als Briefarten, -Sorten, -typen und dergleichen
bezeichnen kann. Je nach Systematisierungsziel können Art und Anzahl der Kri-
terien für Differenzierung und Vergleich variieren, so dass es prinzipiell möglich
ist, zu verschiedenen taxonomischen Systemen zu gelangen. Eine solcherart in
Angriff genommene Systematisierung richtet sich letztlich auf die Identität der
Gattung, indem sie nicht umhin kommt, auch nach den Gattungsgrenzen und
somit nach der Gattungsdefinition zu fragen.
Da ich mich im Folgenden aufschreiben konzentrieren werde, deren Zugehö-
rigkeit zur Gattung .Brief in allen Disziplinen, die sich mit historischen Briefen
beschäftigen, weitgehend unstrittig ist - weil sie weder in das Gebiet der Urkun-
den und Akten, noch in das der Literatur hineinragen -, will ich diesen Aspekt
der Gattungsdifferenzierung nicht weiter verfolgen, sondern gleich zur zweiten
hauptsächlichen Systematisierungsrichtung übergehen.
Diese beruht auf der Beobachtung, dass es unterschiedliche Erscheinungsfor-
men oder Manifestationsweisen ein und desselben Briefes geben kann, wie z. B.
Konzept, Ausfertigung, Registereintragung und Kopie. Einerseits sind das Kon-

5 Zur Unterscheidung zwischen pragmatischem Zentrum und pragmatischer Peripherie siehe KOCH,
Peter: Urkunde, Brief und Öffentliche Rede. Eine diskurstraditionelle Filiation im Medienwech-
sel, in: Das Mittelalter 3 (1998), S. 13-44.
104 JÜRGEN H E R O L D

zept, die Ausfertigung, der Registereintrag eines Briefes sowohl der Form als auch
der Funktion nach etwas jeweils Verschiedenes. Andererseits gibt es zwischen die-
sen aber eine Übereinstimmung, die es erlaubt zu sagen, es handele sich bei allen
um denselben Brief. Die Forschung hat für dieses Phänomen den Begriff der
Überlieferungsform geprägt.
Die Frage nach dem Zusammenhalt der unterschiedlichen Überlieferungsfor-
men eines Briefes führt zwangsläufig zur Frage nach dei Identität desselben. Da
die Unterschiede zwischen den Überlieferungsformen sich sowohl auf die materi-
elle als auch die sprachliche Form erstrecken können, es sogar bei Übersetzung in
eine andere Sprache noch möglich ist, von dem selben Brief zu sprechen, kann die
Identität nur in der konzeptuellen Grundlage gesucht werden.

Probleme der Überlieferungssituation

Eine erste Schwierigkeit für die Systematisierung der mittelalterlichen Briefüber-


lieferung besteht im Umfang der zu betrachtenden Epoche. Es ist nicht anzuneh-
men, dass über einen Zeitraum von tausend Jahren das Briefwesen eine konstante
Größe bildete. Ein schwerwiegendes methodisches Problem bereitet die unein-
heitliche Überlieferungssituation, weniger wegen der unterschiedlichen Über-
lieferungsdichte, sondern weil die Überlieferungszusammenhänge und davon
abhängig auch der Quellencharakter der frühmittelalterlichen Überlieferung sich
auch qualitativ von den spätmittelalterlichen Befunden unterscheiden.
Über das äußere Erscheinungsbild frühmittelalterlicher Briefe wissen wir
kaum etwas, denn aus dieser Epoche ist nur eine Hand voll von ihnen erhalten
geblieben. Überliefert ist darüber hinaus eine nicht unbeträchtliche Anzahl von
Brieftexten, die als Abschriften in Kodizes Eingang fanden, die man als Brief-
sammlungen bezeichnet. Vorausgesetzt, dass diese Brieftexte auf reale Vorlagen
zurückgehen und nicht etwa fingiert sind, ist ihre Verlässlichkeit hinsichtlich
der Überlieferungstreue sehr unterschiedlich. Abweichungen vom Original sind
dabei entweder absichtlich vorgenommen worden oder haben sich unbeabsich-
tigt eingestellt. Grundsätzlich kann man sagen, dass es in Abhängigkeit davon,
aus welchem Grund oder zu welchem Zweck eine Sammlung zusammengestellt
wurde, verschiedene Arten gibt. Manche Briefsammlungen wurden angelegt, um
den in Briefen geäußerten geistigen Nachlass einer Person zu konservieren und zu
publizieren. Andere dienen didaktischen Zielen bei der Vermittlung der Fähig-
keit, Briefe kunstgerecht zu verfassen, oder wurden von den Lernenden selbst zu
Übungszwecken angelegt. Wieder andere nutzte man als Hilfsmittel beim Verfas-
sen von Briefen. Manche Brieftexte solcher Sammlungen waren niemals Bestand-
teil einer konkreten, praktischen Briefkommunikation und somit von vornherein
fiktiv. Bei anderen ging der ursprüngliche kommunikative Zusammenhang mit
D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 105

der Aufnahme in eine solche Sammlung verloren, wobei sie Element eines neuen
Kommunikationsprozesses wurden.6
Eine andere Art von Briefsammlungen stellen Register dar. Bei ihnen handelt
es sich um Verzeichnisse der an einem bestimmten Ort, einer Kanzlei oder kanz-
leiartigen Institution, aus- und eingegangenen Schreiben. Im Unterschied zu den
oben beschriebenen Sammlungsarten bleiben die in sie aufgenommenen Texte
mit dem ursprünglichen Kommunikationsvorgang verbunden. Die Funktion die-
ser zusätzlichen Speicherung liegt in der Rückstabilisierung des Kommunikations-
prozesses.
Die Briefüberlieferung aus frühmittelalterlicher Zeit beruht überwiegend auf
Briefsammlungen im engeren Sinne, ferner auf Formelsammlungen sowie auf
einem geringen Registerbestand aus der päpstlichen Kanzlei. Dementsprechend
ist die Anzahl der erhalten gebliebenen Ausfertigungen von Briefen - von so
genannten .Originalbriefen' - nur sehr gering. Neben einigen Papstbriefen sind
bisher nur je ein Schreiben des Bischofs Waldarius von London an Erzbischof
Bertualdus von Canterbury (704-705), Ludwigs des Frommen an Bischof Bade-
rad von Paderborn (831-833), Karls des Dicken an das Volk von Barcelona (876)
sowie des Bischofs Hildegrim von Halberstadt an Reginbert, Propst von Verden
(876-877) bekanntgeworden.7
Gleichermaßen gering ist die Überlieferung von Briefkonzepten, die sich, wie
die Register, nur aus der päpstlichen Kanzlei erhalten haben.8
Seit dem 12. Jahrhundert kann eine stetige, wenn auch zunächst nur langsa-
me Zunahme der Überlieferung außerhalb von Briefsammlungen und Formel-
büchern verzeichnet werden. Nun kamen auch Briefe in den Volkssprachen auf.
Als ältester Brief in deutscher Sprache gilt inzwischen ein Schreiben der Gräfin
Mechtild von Sayn aus dem Jahre 1262.9

6 Über den Charakter mittelalterlicher Briefsammlungen wurde in den zwanziger und dreißiger Jah-
ren des 20. Jahrhunderts eine längere wissenschaftliche Kontroverse geführt. Siehe hierzu folgende
Arbeiten: SCHMEIDLER, Bernhard: Über Briefsammlungen des frühen Mittelalters in Deutsch-
land und ihre kritische Verwertung, in: Vetenskaps-Societeten i Lund, Arsbok 1926, S. 5-27;
SCHMEIDLER, Bernhard: Kaiser Heinrich IV. und seine Helfer im Investiturstreit. Stilkritische
und sachkritische Untersuchungen, Leipzig 1927; H I R S C H , Hans: Reichskanzlei und Reichspoli-
tik im Zeitalter der salischen Kaiser, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichts-
forschung 42 (1927), S. 1-22; ZATSCHEK, Heinz: Studien zur mittelalterlichen Urkundenlehre.
Konzept, Register und Briefsammlung (Schriften der Philosophischen Fakultät der Deutschen
Universität in Prag4), Brunn u.a. 1929; PIVEC, Karl: Studien und Forschungen zur Ausgabe des
Codex Udalrici, 3 Teile, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung
45/46/48 (1931/1932/1934), S. 409-485/257-342/322-413.
7 Sämtliche Briefe abgedruckt und abgebildet bei CHAPLAIS, Pierre: The Letter from Bishop
Wealdhere of London to Archbishop Brihtwold of Canterbury. The earliest original 'letter close'
extant in the West, in: Medieval Scribes, Manuscripts & Libraries, Essays presented to N. R. KER,
London 1978, S. 3-23.
8 ZATSCHEK: Studien zur mittelalterlichen Urkundenlehre (Anm. 6), S. 26-27; KEHR, Paul: Die
Minuten von Passignano. Eine diplomatische Miscelle, in: Quellen und Forschungen aus italieni-
schen Archiven und Bibliotheken 7 (1904), S. 8-41.
9 BOHN, Thomas: Mechtild von Sayn (1200/03-1285). Eine Studie zur rheinischen Geschichte und
Kultur (Rheinisches Archiv 140), Köln/Weimar/Wien 2002, S. 430, 527f. und Abbildung S. 619.
106 JÜRGEN H E R O L D

Vom ausgehenden 13. Jahrhundert an gewinnt die Originalüberlieferung


schließlich an Intensität, um bis zum Ende des Mittelalters fast explosionsartig zu
expandieren.
Mittelalterliche Briefsammlungen schließen an antike Vorläufer an.10 Dassel-
be gilt für Formelbücher, deren Tradition allerdings jünger ist, da sie erst in der
Spätantike aufkamen. Ihr Prototyp sind die Institutiones des Cassiodor aus dem
6. Jahrhundert."
Auch das Briefwesen des lateinischen Altertums war lange Zeit nur aus Brief-
sammlungen bekannt, bis man im ausgehenden 19. Jahrhundert bei archäologi-
schen Erkundungen auf Papyrus geschriebene Originalbriefe vor allem aus helle-
nistischer, aber auch aus römischer Zeit fand. Dennoch belief sich bis in die 70er
Jahre des 20. Jahrhunderts die Zahl lateinischer Originalbriefe aus der Zeit bis
300 n. Chr. - einschließlich der Ostraka, Holz- und Wachstafelbriefe, die man
in Nordafrika und im Nahen Osten entdeckte - auf nicht mehr als 300 Exem-
plare.'2
Ein besonderer Glücksumstand trat ein, als man in der Nähe der englischen
Ortschaft Corbridge in den 70er Jahren bei Ausgrabungen auf dem Gelände des
ehemaligen römischen Kastells Vindolanda nach und nach eine große Zahl von
Holztafelbriefen aus dem 1. und 2.Jahrhundert n.Chr. zu Tage brachte." Ein-
schließlich aller Fragmente konnten bis heute weit über tausend Exemplare gebor-
gen werden. Sie geben uns nicht nur einen Einblick in den militärischen und zivi-
len Alltag jenes Ortes zu jener Zeit, sondern erlauben auch Rückschlüsse auf die
damalige Praxis des Briefverkehrs. Ein weiterer wichtiger Fundort solcher Briefe
befindet sich in Windisch in der Schweiz.1'*
Bemerkenswert ist, dass sich auf fast allen diesen Briefen jeweils zwei verschie-
dene Handschriften identifizieren lassen (Abb. l).

10 Als Standardwerk hierzu gilt immer noch PETER, Hermann: Der Brief in der römischen Literatur
(Abhandlungen der philologisch-historischen Classe der königlich sächsischen Gesellschaft der
Wissenschaften 20), Leipzig 1901.
11 Magni Aurelii Cassiodori Variarum libri XII, ed. von Ake Josefsson FRIDH (CCSL96 = Magni
Aurelii Cassiodori senatoris opera pars I), Turnhout 1973; FRIDH, Ake Josefsson: Terminologie
et formules dans les variae de Cassiodore. Etudes sur le developpement du style administratif aux
dcrnicrs siecles de I'antiquite (Studia Graeca et Latina Gothcburgensia 2), Stockholm 1956;
PFERSCH Y, Bettina: Cassiodors Variae. Individuelle Ausgestaltungeines spätrömischen Urkunden-
formulars, in: Archiv für Diplomatik 32 (1986), S. 1-127.
12 GARRISON, Mary: Send more socks: On Mentality and the Preservation Context of Medieval Let-
ters, in: New Approaches to Medieval Communication, hg. von Marco MOSTERT, Turnhout 1999,
S. 69-99, hier S. 80.
13 BOWMAN, Alan K./THOMAS, J. David (Hg.): Vindolanda. The Latin Writing-Tablets (Britannia
Monograph Series 4), London 1983; BOWMAN, Alan K./THOMAS, J. David (Hg.): The Vindo-
landa Writing-Tablets (Tabulae Vindolandenses II), with Contributions byj. N. ADAMS, London
1994; BOWMAN, Alan K.: Life and Letters on the Roman Frontief. Vindolanda and its Pcople,
London 1994.
14 Siehe die Zusammenstellung bei CUGUSI, Paolo: Corpus epistolarum latinarum papyris, tabulis,
ostracis conseruatarum. Florenz 1991.
D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 107

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Cl(audia) Seuera Lepidinae [suaej [dient] interuentü tuo facturä si
[sa}l[u]tem
Jii Jdus Septembr/ejs soror ad d'tem Cerialfem ljuum sululä Aelius mens (...)
sollemnem natalem meiim rvgö et füiolus salutunt
libenter faciäs ut uenias spcrabo te soror
uale soror anima
adnos iocundiorem mihi mea ita ualeam
karissima et haue

Abb. 1: Claudia Severa an SulpiciaLepidina, 2 . J a h r h u n d e r t n . C h r (nach B O W M A N , Alan K.: Life and


Letters on the Roman Frontier. Vindolanda and its People, London 1994, Appendix 21 und
Tafel VI).

Von der jeweils ersten Hand wurde dabei stets, mit der Eingangsformel beginnend,
die gesamte Mitteilung und die Adresse notiert, während die zweite Hand offen-
bar lediglich den Schlussgruß hinzufügte. Die Regelmäßigkeit dieser Erscheinung
lässt keinen Zweifel daran, dass der Absender gewöhnlich nur den Schlussgruß
selbst notierte, sich aber bei der Niederschrift des übrigen Brieftextes eines Gehil-
fen bediente. Das gleiche Phänomen begegnet auch auf ägyptischen Papyrusbrie-
fen aus der Römerzeit und kann daher als konstitutiv für das antike lateinische
Briefwesen gelten. Wer es sich leisten konnte, schrieb seine Briefe nicht selbst,
sondern ließ schreiben, was im Übrigen auch aus anderen Quellen belegt ist.15
Durch diesen Befund wird u. a. die Frage der Autorschaft grundsätzlich proble-
matisch, da man dem Brief nicht entnehmen kann, wie groß der Einfluss jeder der
beteiligten Personen auf Inhalt und Form war, d.h., der Brief lässt nicht erken-
nen, ob der Schreiber ihn fallweise nicht etwa auch formuliert oder gar den Inhalt
selektiert hat.
Solche Problematiken verschweigen uns Briefsammlungen. Sie sind eine Quel-
lengattung suo generis - ein eigenes Medium mit eigenen Problemfeldern. Wenn
sie auf tatsächlichen Briefen beruhen, überliefern sie lediglich deren Texte, bei
denen man zudem davon ausgehen muss, dass sie für die Sammlungsform speziell
zugerichtet wurden. In dieser Hinsicht können sie zu Recht als literarische Über-

15 O L S S O N , Bror: Papyrusbriefe aus der frühesten Römerzeit, Diss. Uppsala 1925.


108 JÜRGEN H E R O L D

lieferung gelten. Das trifft in ähnlicher Weise auch auf Formelbücher zu, die man,
da sie der Unterweisung in Unterricht und Praxis dienten, als didaktische Über-
lieferung bezeichnen kann.

Zur inneren Struktur historischer Briefe

Einen Hauptgesichtspunkt der Systematisierung stellen die Unterschiede in der


äußeren und inneren Beschaffenheit von Briefen sowie deren Wandel in der Zeit
dar. Die Briefüberlieferung reicht bis in das dritte Jahrtausend vor unserer Zeit-
rechnung und damit bis in die Frühzeit der Entstehung der Schrift zurück. Die
ältesten erhaltenen Briefe stammen aus der sumerischen Kultur. Sie sind aus
schriftlichen Boteninstruktionen hervorgegangen, deren Form sie teilweise beibe-
halten haben. Charakteristisch für ihren formalen Aufbau ist die Zweigliedrigkeit
des Textes. Er beginnt mit einem Präskript, in dem der Bote aufgefordert wird, das
im zweiten Teil Formulierte dem Empfänger mitzuteilen, nach dem Muster ,zum
Empfänger sprich: Folgendes sagt der Absender'. Die Mitteilung für den Empfän-
ger wurde zunächst ebenfalls an den Boten gerichtet, dann aber, auf der nächsten
Entwicklungsstufe, an den Adressaten selbst.16
Auf einer weiteren Stufe des typologischen Wandels dieser Urform des Briefes
wird in altbabylonischer Zeit eine Grußformel in das Präskript hineingezogen.1'
Daraus bildete sich eine feste Form, die in allen folgenden Zeiten und Kulturen
in ihrer Grundstruktur unverändert bleiben sollte. Auch die antiken lateinischen
Briefe, die uns hier vor allem als Vorläufer der mittelalterlichen interessieren, wur-
den ganz regelmäßig in dieser Weise verfasst. Ihr Präskript weist eine Struktur
auf, die man mit der Formel ille illi salutem (dicit) ausdrücken kann. Der Absen-
der im Nominativ entrichtet dem Empfänger im Dativ den Gruß im Akkusativ.
Die Briefe Ciceros an seinen Bruder Quintus beginnen daher mit dem Satz: Cicero
Quinto fratri salutem dicit. Auch die mittelalterlichen Briefe folgten weiterhin
dieser Form. Das Präskript erfuhr aber nun eine zunehmende programmatische
Aufwertung, indem man den Namen verschiedene Beiwörter hinzufügte und den
Ausdruck des Grußes um eine so genannte supersalutatio erweiterte. So wurde aus
dem schlichten ille illi salutem ein weitschweifiger Satz wie etwa [1] Honorabili
viro ac dilecto amico suo magistro Gotfrido domini pape capellano et sacre imperialis
aule prothonotario [2] Parcevallus de Lavelen eiusdem domini pape subdyaconus et
capellanus [3] salutem et sincere dilectionis incrementum}*

16 KIENAST, Burkhart/VoLK, Konrad: Die sumerischen und akkadischen Briefe des III.Jahrtau-
sends aus der Zeit vor der III. Dynastie von Ur (Freiburgcr altorientalische Studien 19), Stuttgart
1995.
17 MEISSNER, Bruno: Altbabylonischc Briefe, in: Beiträge zur Assyriologie und semitischen Sprach-
forschung 2 (1890), S. 557-564.
18 Parcival von Lavagna an den königlichen Protonotar Magister Gottfried über den Tod Papst
Nikolaus III., ca. September 1280, ed. von Oskar REDLICH, in: Eine Wiener Briefsammlung
(Anm. 23), S. 159, Nr. 146; zum Formenwandel des Präskripts siehe LANHAM, Carol Dana:
D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 109

Das von der Boteninstruktion ererbte Präskript wurde, wenngleich vielfäl-


tig modifiziert, Jahrtausende lang beibehalten, obwohl das Wissen um dessen
ursprüngliche Funktion längst verloren war. Ein entscheidender Wandel hin zu
den Formen des modernen abendländischen Briefes setzte zwischen der Mitte des
13. Jahrhunderts und den beiden ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts ein.
Aus den Bausteinen der traditionellen Form entstand ein neuer Brieftypus. Bei
ihm erscheint das Präskript aufgebrochen und dessen drei Elemente, die von der
mittelalterlichen Quellenkunde als intitulatio, inscriptio und salutatio bezeichnet
werden,19 an jeweils anderer Stelle der Briefdisposition neu platziert.
Die intitulatio wurde - je nach den Rangverhältnissen der Kommunikations-
partner - als Über- oder Unterschrift vom übrigen Text grafisch sichtbar abge-
setzt. Die inscriptio verschwand von der Innenseite des Briefes und wurde zur
Außenadresse, in der mittelalterlichen Brieflehre als suprascriptio bezeichnet. Die
Grußformel stand nun allein am Beginn des übrigen Brieftextes, wurde aber in
der Regel um eine direkte Anrede (im Vokativ) an den Empfänger - in den Brief-
stellern des 15. und 16. Jahrhunderts auch als .verborgener Gruß' oder salutatio
subintellecta bezeichnet - ergänzt oder sogar durch diesen ersetzt.20
In der Primärüberlieferung21 deutet sich dieser Wandel nach dem gegenwär-
tigen Kenntnisstand schon am Beginn des 13. Jahrhunderts an.22 In der Sekun-

Salutatio Formulas in Latin Letters to 1200: Syntax, Style, and Theory (Münchener Beiträge zur
Mediävistik und Renaissance-Forschung 22), M ü n c h e n 1975. Die Bezeichnungsupersalutatio lässt
sich erstmals in der Poetria des J o h a n n e s des Garlandia (zwischen 1220 u n d 1235) nachweisen.
Auch dessen etwas jüngerer Zeitgenosse Gaufridus Anglicus (um 1270) verwendete sie; siehe The
Parisiana Poetria' of J o h n of Garland, ed. u. übers, von Traugott L A W L E R (Yales Studies in Eng-
lish 182), N e w H a v e n / L o n d o n 1974, sowie B E R T O L U C C I P I Z Z O R U S S O , Valeria: Un trattato di
Ars dictandi' d e d i c a t o a d A l f o n s o X , in: Studi mediolatini e volgari 15-16 (1968), S . 3 - 8 8 .
19 B R E S S L A U , Harry: H a n d b u c h der U r k u n d e n l e h r e für Deutschland u n d Italien, Bd. 1, Leipzig
2
1912, S.47. Die Bezeichnung salutatio w u r d e u n d wird auch auf das gesamte Präskript ange-
wandt.
20 Zur salutatio subintellecta siehe J O A C H I M S E N : Vorgeschichte ( A n m . 3).
21 Zu den Begriffen .Primärüberlieferung' und .Sekundärüberlieferung' siehe S. 112.
22 Shirleys Ausgabe von Briefen aus der Regierungszeit Heinrichs III. von England enthält ein Schrei-
ben eines Bernard H u r s t m a r e an den König von etwa 1225, das innen noch nach der alten Form
verfasst wurde, als Außenadresse aber bereits eine förmliche suprascriptio (Domino suo illustri
regi Angliae Bernardus Hurstmare) aufweist. Ediert von Walter W. S H I R L E Y in: Royal and other
Historical Letters illustrarive of the Reign of H e n r y III., Bd. 1 (Rerum Britannicarum medii aevi
Scriptores, or Chronicles and Memorials of Great Britain and Ireland d u r i n g the Middle Ages 27.1),
London 1862, S. 258, Nr. C C X V I . Der bislang älteste bekannte Originalbrief, der mit Sicherheit
der neuen Form zugerechnet werden kann, ist ein Schreiben des Konvents des Klosters Hersfeld
a n J o h a n n Graf von Ziegenhain v o m j u l i 1315 aus der Briefsammlung des Rudolf Losse, ed. von
E d m u n d Ernst S T E N G E L , in: Nova Alamanniae. U r k u n d e n , Briefe u n d andere Quellen beson-
ders zur deutschen Geschichte des 14. Jh., 2. Hälfte: Zweiter Teil (unter M i t w i r k u n g von Klaus
S C H Ä F E R ) , H a n n o v e r 1976, Nr. 1192. Siehe auch D Ü L F E R , Kurt: U r k u n d e n , Akten und Schrei-
ben in Mittelalter u n d Neuzeit. Studien zum Formproblem, in: Archivalische Zeitschrift 53 (1957),
S. 1 1 - 5 3 ; H E R O L D , Jürgen: Der Aufenthalt des Markgrafen Gianfrancesco Gonzaga zur Erzie-
h u n g an den Höfen der fränkischen Markgrafen von Brandenburg 1455-1459. Z u r Funktions-
weise u n d zu den Medien der K o m m u n i k a t i o n zwischen M a n t u a u n d Ftanken im Spätmittelalter,
in: N O L T E , Cordula/SpiESS, Karl-Heinz/WERLICH, Ralf-Gunnar (Hg.), Principes. Dynastien
und Höfe im Spätmittelalter (Residenzenforschung 14), Stuttgart 2 0 0 2 , S. 1 9 9 - 2 3 4 , hier S. 2 2 3 ;
110 JÜRGEN H E R O L D

därüberlieferung23 sowie in der Brieftheorie2'' finden sich Spuren, die nahelegen,


dass der neue Typus um die Mitte oder im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts
wenigstens vereinzelt in Gebrauch war. Dieser Wandlungsprozess führte zu einer
zielgerichteten Semantisierung des grafischen Erscheinungsbildes. Etwas Ähnli-
ches hatte es zwar in den antiken lateinischen Briefen durch den Gegensatz der
verschiedenen Handschriften schon einmal gegeben.25 Doch diente dies seinerzeit
nicht zur Kennzeichnung der Rangverhältnisse, sondern wurde als persönliche
Geste der Zuneigung, vielleicht aus als Ausdruck der Authentisierung des Briefes
durch die Person des Absenders verstanden.
Eine solche Instrumentalisierung der Stellung der intitulatio beschränkte sich
jedoch nicht auf deren wahlweise Verwendung als superscriptio (Überschrift) oder
subscriptio. Vielmehr wurden in der subscriptio (Unterschrift) je nach Rangver-
hältnis noch einmal drei verschiedene Positionen vorgegeben, am linken Rand, in
der Mitte und am rechten Rand.
Welche der insgesamt vier möglichen Positionen für die intitulatio jeweils in
Frage kam, hing sowohl vom absoluten Rang des Absenders innerhalb der Stände-
hierarchie als auch vom jeweiligen Verhältnis zwischen Absender und Empfänger
ab. Die superscriptio stand nur Prälaten und Herren des oberen und mittleren Gra-
des gegenüber minderrangigen Adressaten des eigenen wie der jeweils niedrigeren
Grade, insbesondere gegen eigene Untertanen zu. Gegenüber Gleich- und Höher-
rangigen war auch für diesen Personenkreis die subscriptio vorgeschrieben. Perso-
nen des niederen Grades konnten die intitulatio nur in die Unterschrift setzen.
Dabei galt, dass gegenüber Höherrangigen die subscriptio an den rechten Rand

LACKNER, Christian: Hof und Herrschaft. Rat, Kanzlei und Regierung der österreichischen Her-
zoge (1365-1406) (Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergän-
zungsband 41), Wien/München 2002, S. 218-220. Zu den Einzelheiten der Enrwicklung verweise
ich auf meine kurz vor Abschluss stehende Dissertation über das mittelalterliche Briefwesen am
Beispiel der transalpinen Korrespondenz der Markgrafen von Mantua mit ihren Verwandten im
Reich und in Dänemark.
23 Die so genannte Wiener Briefsammlung' enthält unter 323 Einträgen drei Briefmuster nach der
neuen Form, die vom Herausgeber in die Jahre 1278 (Nr. 114) sowie 1283 bis 1285 (Nr. 243, 244)
eingeordnet wurden; Eine Wiener Briefsammlung zur Geschichte des Deutschen Reiches und der
Österreichischen Länder in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, nach den Abschriften von
Albert STARZER ed. von Oskar REDLICH (Mitteilungen aus dem Vaticanischen Archiv 2), Wien
1894.
24 Die Brieftheorie des Mittelalters war wegen ihrer pragmatischen Ausrichtung ausgesprochen kon-
servativ. Dies zeigt sich vor allem darin, dass sie die neue Briefform, obwohl in der Praxis bereits all-
gemein verbreitet, mehr als hundert Jahre lang ignorierte. Abhandlungen, die von der neuen Brief-
form ausgehen, traten erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts auf. Der älteste Traktat in Deutschland
ist die Nötdlinger Rhetorik aus dem Jahre 1427 (siehe Anm. 26). Dennoch findet sich der frühe-
ste Hinweis auf das Auftreten der neuen Form in einem solchen Traktat, nämlich in der Summa
dictaminis des Jacob von Dinant, entstanden zwischen 1282 und 1295, der die Form zwar nicht
direkt behandelt, aber auf sie verweist, und zwat unter Hinweis auf den Kardinal Wilhelm von
Bray (Bray-sur-Seine). Er gehörte von 1262 bis 1282 dem Kardinalkollegium an und soll Briefe in
der neuen Form verwendet haben; POLAK, Emil J.: A Textual Study of Jaques de Dinant's Summa
dictaminis (£tudes de philologie et d'histoire 28), Genf 1975, S. 1415.
25 Siehe oben S. 107.
D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 111

zu stellen war. Bei gleich- oder minderrangigen Adressaten sollte man sich in der
Mitte unterschreiben. Wenn man sich aber gegen einen Höherrangigen nicht all-
zu sehr erniedrigen oder einem Gleich- oder Minderrangigen einen Ehrenvorrang
einräumen wollte, war es auch möglich, die Unterschrift am linken Rand vorzu-
nehmen.26
Eine weitere Semantisierung des Schriftbildes lässt sich spätestens für das
15. Jahrhundert durch die Rückkehr der Eigenhändigkeit - des ganzen Briefes
oder nur der subscriptio - als Bedeutungsträger feststellen. Die persönliche Unter-
schrift der Moderne hat hier ihren Ursprung.
Die traditionelle Briefform blieb neben der neuen weiterhin in Gebrauch, was
zu einem erheblichen Teil auch der Antikenrezeption des Humanismus geschul-
det war. Dass sie nicht in dem Maße verschwand, wie die neue Form sich verbrei-
tete, ist somit auf die Wertschätzung und Nachahmung, die der antike lateinische
Briefstil insbesondere Ciceros unter den Humanisten genoss, zurückzuführen.27

Überlieferungsformen und -zusammenhänge im Einzelnen

Wenden wir uns nun den Überlieferungsformen von Briefen und Briefelementen
im Einzelnen zu. Grundsätzlich kann man unterscheiden zwischen Einzelüberlie-
ferung, d.h. Überlieferung einzelner Briefe in ihrer ursprünglichen Materialität,
sowie Sammelüberlieferung, worunter ich Zusammenstellungen einer Mehrzahl
von Brieftexten auf einem gemeinsamen materiellen Schriftträger - auf Rollen,
Bögen, Lagen, Büchern und Buchserien - verstehe, bei denen es sich um Text-
sammlungen handelt.
Hierbei treten vier Hauptformen auf. Neben den bereits genannten Brief-
sammlungen im engeren Sinne, den Formelbüchern und den Registern, trifft man

26 Vorschriften zur subscriptio und superscriptio finden sich in der Ars epistolandi sowie in der Deut-
schen Rhetorik des Friedrich von Nürnberg, in der Ingolstädter und Nördlinger Rhetorik sowie
in den Handbüchern von Friedrich Riederer, Ludwig Fruck, Alexander Huge und Fabian Frangk;
JOACHIMSEN: Vorgeschichte (Anm. 3), S. 54-67; Friedrich von Nürnberg: Deutsche Rhetotik,
ed. von Joachim KNAPE, in: KNAPE, Joachim/RoLL, Bernhard (Hg.): Rhetorica deutsch. Rhe-
torikschriften des 15. Jahrhunderts (Gratia40), Wiesbaden 2002, S. 69-87, hier S. 74-75; Ingol-
städter Rhetotik, ed. von Joachim KNAPE, in: ibid., S. 126-155, hier S. 140; Nördlinger Rhetorik,
ed. von Joachim Knape, in: ibid., S. 43-52, passim; Friedrich Riederer: Spiegel der waren Rhetoric,
Straßburg 1517, fol. 83v; Ludwig Fruck: Rhetorik vnnd Teutsch Formular, Frankfurt a.M. 1549
bei Herman Guelfcrich, fol. 61r; Alexander Huge: Rhetorika und Formulare teutsch, Tübingen
1554, fol. 5v; Fabian Frangk: Ein Cantzley und Titel buechlin. Wittenberg 1531 (ND Documenta
linguistica, Reihe 4: Deutsche Grammatiken des 16. bis 18. Jahrhunderts, Hildesheim/New York
1979), o.S.
27 Zu den Humanistenbriefen siehe vor allem H A R T H , Helene: Poggio Bracciolini und die Brieftheo-
rie des 15. Jahrhunderts. Zur Gattungsform des humanistischen Briefes, in: WORSTBROCK, Franz
Josef (Hg.), Der Brief im Zeitalter der Renaissance (Deutsche Forschungsgemeinschaft/Mitteilun-
gen der Kommission für Humanismusforschung 9), Weinheim 1983, S. 81-99; H A R T H , Helene:
Überlegungen zur Öffentlichkeit des humanistischen Briefs am Beispiel der Poggio-Korrespon-
denz, in: HEIMANN, Heinz-Dieter (Hg.), Kommunikationspraxis und Korrespondenzwesen im
Mittelalter und in der Renaissance, Paderborn/München/Wien/Zürich 1997, S. 127-133.
112 JÜRGEN H E R O L D

Zusammenstellungen von Brieftexten auch in Diarien und Chroniken an. Der


Unterschied der verschiedenen Sammelformen ergibt sich aus den jeweils unter-
schiedlichen Motivationen, mit denen sie angelegt wurden und die sich folgen-
dermaßen charakterisieren lassen: Exklusivität im Falle der .literarischen' Samm-
lungen, Exemplarizität im Falle der Formelbücher, Aktualität (im Sinne von
konkreter Handlungsmöglichkeit) im Falle der Register und Historizität bei den
Diarien und Chroniken und dergleichen.
Die Überlieferungsformen nicht-fiktiver Briefe (d.h. Briefe, deren äußere kom-
munikative Rahmenhandlung nicht von vorn herein frei erfunden ist) unterschei-
den sich danach, ob sie unmittelbare Emanationen einer tatsächlichen, histori-
schen Briefkommunikation oder nur verschiedenartig motivierte Reminiszenzen
auf eine solche darstellen. Im ersten Fall kann man von primärer (originaler, prag-
matischer), im zweiten Fall von sekundärer (literarischer, didaktischer, histori-
scher) Überlieferung realer Briefe (nämlich in Briefsammlungen und Formelbü-
chern, Chroniken, Diarien und dergleichen) sprechen.
Betrachten wir nun die Primärüberlieferung nicht-fiktiver, d.h. pragmatischer,
realer Briefe des Mittelalters. Anknüpfend an das zuvor Gesagte sollen unter Pri-
märüberlieferung solche Formen von Briefen verstanden werden, die zum Zwecke
einer realen Briefkommunikation angefertigt wurden, bei der die reale Absicht
bestand, dass ein realer Absender eine reale Botschaft an einen realen Empfänger
in Form eines Briefes sendet.
Nun ist nicht jeder Brief das Ergebnis eines spontanen, ununterbrochenen
.Schreibvorganges einer einzelnen Person. Viele der überlieferten mittelalterlichen
Briefe, wenn nicht die meisten, erweisen sich als das Ergebnis eines verzweigten
Prozesses, der über mehrere Stufen und im Zusammenspiel mehrerer Personen
verlief und der zudem weder mit der Expedition durch den Absender noch mit der
Rezeption seitens des Empfängers zu Ende sein musste. Solche Briefe sind nicht
einfach nur Mittel innerhalb eines Kommunikationsverlaufes, sondern können
auch beabsichtigte Ziele von Kommunikationsprozessen, daher sowohl Mittel als
auch Zweck sein. Die Briefkommunikation kann in solch einem Fall als ein gene-
rativer Prozess verstanden werden, der auf verschiedenen Stufen unterschiedliche
Materialisationen hinterlässt (Abb. 2).
Ein solcher Prozess kann auf Seiten des Absenders mit einer Kanzleinotiz
beginnen und sich über ein Konzept, die Ausfertigung und einen Registereintrag
bis zu Abschriften durch und zur Kenntnis Dritter (Exempla) fortsetzen.
Somit erweist sich bereits die Herstellung eines Briefes als ein Kommunikati-
onsprozess, in dessen Verlauf die aufeinander folgenden Überlieferungsformen als
verschiedenartige Medien zum Einsatz kommen. Notizen und Konzepte dienen
der Kommunikation des Absenders mit sich selbst. Unter Absender ist dabei nicht
in jedem Fall nur eine einzelne Person, sondern auch und vor allem eine Instituti-
on im Sinne einer organisierten Vereinigung, für die sich die Bezeichnung .Kanz-
lei' eingebürgert hat, zu verstehen. Das Konzept stellt nicht nur die Vorstufe des
zu expedierenden Briefes dar. Es fungiert auch als Medium eines Kommunikati-
onsvorganges, dessen Ziel es ist, die Ausfertigungeines Briefes zu erzeugen. Wenn
D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 113

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exklusiv aktuell historisch exemplarisch

Primarüberliefetung

Sekundärüberlieferung

Abb. 2: Überlieferungsformen und Überlietcrungszusammenhänge.

Konzepte aufbewahrt wurden, diente dies der Rückstabilisierung des Kommuni-


kationsprozesses. Genau diese Aufgabe, jedoch mit einem höheren Maß an Syste-
matik und Verlässlichkeit, hatten auch die Register. Die Ausfertigung gelangte
ihrer funktionalen Bestimmung gemäß zum Empfänger, wo man ebenfalls damit
rechnen muss, dass eine Registrierung erfolgen konnte.
Exempla sind Kopien von Briefen zur Kenntnis Dritter. Das Beschaffen bzw.
Versenden solcher Exempla zwischen den europäischen Städten und Höfen er-
reichte im 15. Jahrhundert einen beträchtlichen Umfang. Die größeren europä-
ischen Mächte unterhielten hierzu ein verzweigtes Netz von Agenten, von denen
der einzelne auch für mehrere Auftraggeber arbeitete. Die Aufgabe dieser Agenten
bestand unter anderem darin, solche Abschriften zu beschaffen. Sie arbeiteten teils
offen, teils im Verborgenen, waren mal Nachrichtenkorrespondent, mal Spion.
Über die Exempla, aber ebenso über deren Vorstufen, konnten die Brieftexte
schließlich auch in die Diarien, tagebuchartige Aufzeichnungen von nicht so sehr
privater als eher offiziöser Natur, gelangen.28 Die Anfertigung von Exempla zur

28 Bekannt sind vor allem die Diarien des Marin Sanudo zu Venedig, die den Zeitraum von 1496 bis
1533 umfassen und sehr viel Briefmaterial enthalten; I Diariidi Marino Sanuto, ed. von F. STEFANi
u.a., Venedig 1879-1903; eine beträchtliche Zahl von Brieftexten findet sich auch, um noch eine
weiteres Beispiel zu nennen, in den Diarien des Cicco Simonetta, dem Leiter det Mailänder Kanz-
lei unter den Sforza, die jedoch nicht annähernd den Umfang des Werkes von Sanudo erreichen; I
diari di Cicco Simonetta, ed. von Alfio Natale ROSARIO (Acta Italica I), Mailand 1962.
114 JÜRGEN H E R O L D

internen wie externen Distribution konnte wiederum auch auf Empfängerseite


geschehen.
Ein und derselbe Brieftext kann an allen Positionen dieses Schemas, d.h. auf
mindestens acht verschiedenartigen Medien, die jeweils unterschiedliche Funkti-
onen haben, erscheinen. Im Sinne der oben gegebenen Definition sind allein fünf
davon Formen der Primärüberlieferung.

TEIL 2: M E D I E N T H E O R I E

Die theoretische Beschäftigung mit dem Brief dürfte fast so alt wie dieser selbst
sein. Die diesbezügliche Überlieferung ist jedoch eher dürftig. Aus der griechi-
schen und römischen Antike sind aber immerhin zwei Briefsteller in griechischer
Sprache, ein griechisch-lateinisches Briefmusterbuch (der so genannte Bologna
Papyrus) sowie eine Anzahl weiterer brieftheoretischer Texte auch anderweitig
bekannter Autoren wie Cicero, Seneca, Gregor von Nazianz, Julius Victor u. a.
erhalten.29 Aus der Zeit des Frühmittelalters kennt man, bis auf eine Ausnahme,30
keine derartigen Abhandlungen. Daher ist es um so bemerkenswerter, dass im
ausgehenden 11. Jahrhundert mit der ars dictaminis eine eigenständige Brieflehre
entstand, die bis zum Ende des Mittelalters Hunderte von Traktaten mit Anlei-
tungen zum Verfassen von Briefen hervorbrachte.
Aus der antiken Brieftopik ist vor allem der Vergleich des Briefes mit dem
Gespräch bekannt.31 Dieser findet sich auch in den Traktaten der ars dictaminis,
doch ist in der mittelalterlichen Brieftheorie ein anderer Vergleich, nämlich der
des Briefes mit dem mündlich berichtenden Boten, von größerer Bedeutung, was
aber bislang von der Forschung nicht hinreichend beachtet wurde.32 Dies verwun-
dert umso mehr, als seit längerem in der mittelalterlichen Briefforschung darü-
ber Einigkeit besteht, im wechselseitigen Verhältnis von Bote und Brief eines
der wesentlichen und konstitutiven Merkmale des mittelalterlichen Briefwesens
zu sehen: „Das Wichtigste am Brief war im Mittelalter der Bote."33 Bis zu die-

29 Siehe die Zusammenstellung und Edition bei MALHERBE, Abraham }.: Ancient Epistolary Theo-
rists (Sources for Biblical Studys 19), Atlanta 1988.
30 Hierbei handelt es sich um das letzte Kapitel der anonymen Excerpta rhetorica aus dem S.Jahr-
hundert mit der Überschrift De epistolis; ed. von Karl HALM, in: Rhetores latini minores, Leipzig
1863, Bd.2,S. 585-589.
31 MALHERBE: Ancient Epistolary Theorists (Anm. 29), S. 12; KOSKENNIEMI, Heikki: Studien zut
Idee und Phraseologie des griechischen Briefes bis 400 n. Chr. (Annales Academiae scientiarum
Fennicae B 102), Helsinki 1956, S. 36; KRAUTTER, Konrad: Acsi ore ad os ... Eine mittelalterliche
Theorie des Briefes und ihr antiker Hintergrund, in: Antike und Abendland 28 (1982), S. 155-
168.
32 KRAUTTER: Acsi ore ad os... (Anm. 31). Krautter stützt sich in seiner Abhandlung einseitig auf
die Praecepta dictaminis des Adalbertus Samaritanus.
33 HOFFMANN, Hartmut: Zur mittelalterlichen Brieftechnik, in: Spiegel der Geschichte, Festgabe
für Max Braubach zum 10. April 1964, hg. von Konrad REPGEN und Stephan SCHALWEIT, Mün-
ster 1964, S. 141-170, hier S. 145.
D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 115

ser Erkenntnis war es allerdings ein weiter Weg, denn die mediävistische, insbe-
sondere die historisch-quellenkundliche Briefforschung stand zunächst ganz im
Schatten der Urkundenlehre. Eine nennenswerte selbständige Briefforschung
begann auf dem Gebiet der historischen Quellenkunde erst mit den Arbeiten von
Carl Erdmann zu den Briefen Kaiser Heinrichs IV.34 Seitdem hat sich die Zahl
der Abhandlungen zu mittelalterlichen Briefen stetig erhöht. Dennoch resümier-
te Rolf Köhn noch vor wenigen Jahren, dass es immer noch nicht an der Zeit sei,
„analog zur Urkundenlehre eine Brieflehre des Mittelalters zu wagen."35 Neben
der historischen Quellenkunde des Mittelalters sowie der Aktenkunde 36 und in
geringem Umfang auch der Kulturgeschichtsschreibung37 fand Briefforschung
in der Vergangenheit auch auf linguistischem und philologischem Gebiet statt,
wobei mittelalterliche Briefe jedoch kaum Berücksichtigung fanden.
Mit der Herausbildung der Kommunikations- und Medienwissenschaften nach
dem zweiten Weltkrieg entstand ein Wissenschaftsfeld, das eigentlich prädesti-
niert dazu erscheinen musste, der Briefforschung neue Impulse zu verleihen. Wäh-
rend einerseits von den traditionell mit Briefforschung befassten Fächern Begriffe
aus der Medien- und Kommunikationsterminologie unvoreingenommen - aber
leider nicht immer sachdienlich - aufgegriffen wurden, hinterlässt andererseits
der Beitrag, den die Medienwissenschaft selbst der Briefforschung verlieh, eher
Ernüchterung. Der Literaturwissenschaftler Peter Bürgel gab 1979 in einem der
ersten Handbücher zur Medientheorie folgende Charakteristik: „Wichtiges Medi-
um symbolischer Interaktion, sofern sie nicht unmittelbar abläuft, ist seit langem
der B."38 Die sachliche Richtigkeit dieses Satzes wird man nicht bestreiten können,
obgleich dessen Relevanz nicht recht erkennbar ist. Auch die in einem zwanzig

34 ERDMANN, Carl: Studien zur Briefliteratur Deutschlands im 11. Jahrhundert (MGH Schriften 1),
Leipzig 1938; ERDMANN, Carl: Untersuchungen zu den Briefen Heinrichs IV., in: Archiv für
Urkundenforschung 16 (1939), S. 184-253.
35 KÖHN, Rolf: Zur Quellenkritik kopial überlieferter Korrespondenz im lateinischen Mittelalter,
zumal in Briefsammlungen, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung
101 (1993), S. 284-310, hier S. 290.
36 Auf aktenkundlichem Gebiet ist für die historische Briefforschung insbesondere Kurt DÜLFERS
Rezension zu MEISNER, Heinrich Otto: Urkunden- und Aktenlehre der Neuzeit, Leipzig 1950
(in: Der Archivar 4 (1951), Sp. 41-45) bedeutsam. An weiteren aktenkundlichen Arbeiten sind
zu nennen: MEISNER, Heinrich Otto: Aktenkunde. Ein Handbuch für Archivbenutzer. Mit
besonderer Berücksichtigung Brandenburg-Preußens, Berlin 1935; MEISNER, Heinrich Otto:
Archivalienkunde vom 16.Jahrhundert bis 1918, Leipzig 1969; SCHMID, Irmtraud: Briefe, in:
BECK, Friedrich/HENNING, Eckart (Hg.), Die archivalischen Quellen. Eine Einführung in ihre
Benutzung, Weimar 1994, S. 99-107; ECKHARDT, Hans Wilhelm/STÜBER, Gabriele/TRUMPP,
Thomas: „Thun kund und zu wissen jedermäniglich". Paläographie - Archivalische Textsorten -
Aktenkunde (Archivhefte 32), Köln 1999.
37 Hier ist vor allem die zweibändige Geschichte des Deutschen Briefes von Georg Steinhausen
zu nennen, die noch immer als Standardwerk gilt. STEINHAUSEN, Georg: Geschichte des deut-
schen Briefes. Zur Kulturgeschichte des deutschen Volkes, 2 Teile, Berlin 1889/1891; zur Bedeu-
tung Steinhausens siehe auch HEROLD, Jürgen: Georg Steinhausen und die Kulturgeschichte, in:
Archiv für Kulturgeschichte 85 (2003), S. 29-70.
38 BÜRGEL, Peter: Brief, in: FAULSTICH, Werner (Hg.), Kritische Stichwörter zur Medienwissen-
schaft (Kritische Stichwörter 4), München 1979, S. 26-47, hier S. 26.
116 JÜRGEN H E R O L D

Jahre später erschienen Handbuch des gleichen Herausgebers zu lesende Defini-


tion: „Kommunikationstheoretisch ist der Brief [...] eine auf Papier geschriebe
ne, an eine Adresse gerichtete Kommunikation [...] und wird durch eine Person
oder Organisation übermittelt",39 kann die Briefforschung nicht bereichern, eben-
sowenig die Briefdefinition, mit der der Herausgeber sich einige Jahre später selbst
hervorwagte: „Der Brief ist eine auf Papier geschriebene Mitteilung, die an eine
Adresse gerichtet ist und durch eine Person oder Organisation mit raum-zeitlicher
Verzögerung übermittelt wird."40 Davon abgesehen, dass beide Begriffsbestim-
mungen mehr oder weniger tautologisch sind, fehlt ihnen - z. B. in der Festlegung
auf ein bestimmtes Material - die historische Perspektive.
Die Gründe dafür, dass die Medienwissenschaft der Briefforschung bislang
nicht die zu erwartenden Impulse verliehen hat, sind vielfältig. Unter anderem
beruhen sie darauf, dass dieses Fach selbst bislang zu keiner einheitlichen theoreti-
schen Basis gefunden hat. Folgt man den einschlägigen Handbüchern, wird Medi-
enwissenschaft gegenwärtig auf vier verschiedenen Theoriefeldern ausgetragen: als
Einzelmedientheorie, als kommunikationstheoretische Medientheorie, als gesell-
schaftskritische Medientheorie und als systemtheoretische Medientheorie.4'
In deutschsprachigen wissenschaftlichen Publikationen finden sich Aussagen
zum Brief, die über drei Textzeilen hinausgehen, nur im Zusammenhang mit ver-
gleichenden Einzelmedientheorien, vornehmlich in Werken, für die Werner Faul-
stich vom Institut für angewandte Medienforschung der Universität Lüneburg als
Herausgeber oder Autor verantwortlich zeichnet.42 An den Beiträgen kann man
zwei Grundtendenzen feststellen. Entweder sind sie aus der Perspektive einer tra-
ditionellen Einzelwissenschaft mit Rekurs auf Begriffe der Medientheorie ver-
fasst43 oder aus medienwissenschaftlicher Perspektive mit Rekurs auf Aspekte der
Einzelwissenschaften.44
Beim ersten Typus setzt die Theorieebene niedriger an, die Medienterminolo-
gie wird gewissermaßen herabgezogen, es besteht jedoch eine größere Detailschär-
fe und Genauigkeit bei Einzelaussagen. Beim zweiten Typus ist der theoretische
Ansatz zwar höher, aber wenn es so etwas wie Trivialwissenschaft gäbe, musste
man diese Einzelmedientheorien des Briefes als trivial bezeichnen. Sie greifen auf
ganz unterschiedliche Einzelarbeiten linguistischer, philologischer, historischer
Natur zurück, brechen dort Einzelaspekte heraus (die häufig missverstanden oder
durch ihre Isoliertheit missverständlich werden) und verbinden diese allein über

39 UKA, Walter: Brief, in: FAULSTICH, Werner (Hg.), Grundwissen Medien (UTB 8169), München
1998, S. 114-132, hier S. 114.
40 FAULSTICH, Werner: Medienwissenschaft (UTB 2494), Paderborn 2004, S. 59.
41 FAULSTICH: Grundwissen Medien (Anm. 39), S. 22.
42 Siehe Anm. 38-41 sowie FAULSTICH, Werner: Medien und Öffentlichkeiten im Mittelalter 800-
1400 (Die Geschichte der Medien 2), Göttingen 1996, S. 251-268 (Kap. 12: Der Bedeutungswan-
del des Schreibmediums Brief).
43 BÜRGEL: Brief (Anm. 38).
44 UKA: Brief (Anm. 39); FAULSTICH: Medienwissenschaft (Anm. 40).
D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 117

die Art der Argumentationsstrategie und Textorganisation. Solche Abhandlun-


gen sind wie ein Konglomerat aus ganz unterschiedlichen Bestandteilen, dessen
Integrität allein dadurch, wie die Sedimente an ihren Rändern miteinander ver-
schmolzen werden, zustande kommt. Sie beruhen, wie man an den angeführten
Beispielen ersehen kann, nicht auf selbständiger Forschung, sondern auf Kompila-
tion unter ein bestimmtes, nämlich das medienbegriffliche Paradigma.
Dennoch meine ich, dass es möglich ist, mit Hilfe der Medientheorie das Ver-
ständnis historischer, aus der Vergangenheit überlieferter Briefe zu fördern. Dazu
werde ich im Folgenden zwei Grundsätze aus der Medien- und Kommunikations-
theorie aufgreifen. Der erste Grundsatz lautet, dass Kommunikation, um erfolg-
reich zu sein, stets auf zwei Ebenen stattfinden muss, auf der interpersonalen oder
Handlungsebene sowie auf der Ebene der Gegenstände, über die kommuniziert
wird.45 Der zweite Grundsatz besagt, dass Medien gestaffelt auftreten, dass also in
der Kommunikation mehrere, in einer bestimmten Weise aufeinander bezogene
Medien zum Einsatz kommen.
Zunächst werde ich jedoch auf die verschiedenen Aspekte des Wirklichkeits-
bezuges in der Briefkommunikation eingehen.

Zur strukturellen Fiktionalität der Briefkommunikation

Meine Überlegungen hierzu knüpfen an Peter Bürgeis bereits erwähnten Bei-


trag von 1979 an, worin er die Ansicht vertritt, dass eine „gegenwärtige Reflexion
zur Gattung .Brief [...] bei der Brief-Gesprächs-Parallele einsetzen musste", die
„jedoch unter den Aspekten der Wesens- und Funktionsfrage genauer [zu] dif-
ferenzieren [sei]."46 Bürgeis weiterführender, „literar-historischer" Ansatz beruht
auf der Annahme, dass dem Brief, insbesondere dem Alltagsbrief, jede Fiktiona-
lität abzusprechen sei. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass, wenn man über-
haupt vom Wesen des Briefes sprechen kann, die jedem Brief innewohnende spe-
zifische Fiktionalität den wohl bedeutendsten Wesenszug darstellt.
Um diesen Gesichtspunkt zu verdeutlichen, ist es zunächst wichtig, zwi-
schen den Begriffen .Fiktivität' und .Fiktionalität' klar zu unterscheiden. Im
Anschluss an Lutz Rühle soll mit den Ausdrücken .fiktional' und .Fiktionalität'
eine bestimmte „ D a r s t e l l u n g s w e i s e , derart, dass das Dargestellte nicht exi-
stiert" bezeichnet werden. Fiktionalität lässt sich somit als auf die narrative Struk-
tur von Texten bezogen auffassen, auf die Handlungsebene der Kommunikation,
oder darauf, wie das Wort gerichtet wird. Demgegenüber bezeichnet Fiktivität
eine „bestimmte E x i s t e n z w e i s e von Gegenständen (im formalen Sinne) der-

45 BURKART, Roland: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder, Wien/Köln/


Weimar "2002, S. 81-86.
46 BÜRGEL: Brief (Anm. 38),S. 32.
118 JÜRGEN H E R O L D

art, dass diese Gegenstände nicht existieren."47 Wobei unter Gegenständen ebenso
Personen, Sachverhalte usw. zu verstehen sind.
Wie wendet sich der Absender einer Mitteilung an einen Empfänger, der nicht
gegenwärtig ist oder an den er sich aus anderen Gründen nicht direkt wenden
kann? Dies kann nur in der Einbildung des Absenders geschehen. Die Ausgangs-
situation einer jeden brieflichen Mitteilung beruht daher darauf, dass der Absen-
der sich den Empfänger in einer bestimmten Weise vorstellt. Die narrative Struk-
tur des Briefes baut hierauf auf. Sie ist insofern fiktional, als dass sie sich einer
Darstellungsweise bedient, bei der das Dargestellte, nämlich die Kommunikati-
onssituation, nicht in der dargestellten Weise existiert. Im Brief wird die Mittei-
lung an den Empfänger gerichtet, als wäre dieser gegenwärtig, ohne jedoch gegen-
wärtig zu sein, als würde er angesprochen werden, ohne dass er angesprochen
wird. Die Gleichartigkeit mit der Gesprächssituation, die dem Brief gewöhnlich
zugesprochen wird, beruht auf Imagination. Sie ist eine Metapher, deren hohe
Wirksamkeit darauf zurückgeht, dass sie von allen am Briefverkehr Beteiligten
nicht nur akzeptiert, sondern auch in einer Weise internalisiert ist, dass ihr meta-
phorischer Charakter nicht mehr wahrgenommen wird.

Kommunikationsebenen

An dieser Stelle ist auf die Unterscheidung der verschiedenen Kommunikations-


ebenen zurückzukommen. In der Kommunikationswissenschaft gilt inzwischen
als unumstritten, dass sprachliche Kommunikation sich stets auf zwei funktional
getrennten Ebenen (Dimensionen) vollzieht. Einmal ist es die Ebene der Gegen-
stände oder Sachverhalte, über die Verständigung erzielt werden soll. Zum ande-
ren die Ebene der Intersubjektivität, auf der die an der Kommunikation betei-
ligten miteinander .sprechen' (kommunizieren), auf der Verständigung über den
Status des Kommunikationsvorganges (Typus des gesetzten Sprechaktes) und die
Positionen (davon ausgehend auch das Rollenverhalten) der Beteiligten erzielt
wird. Verständigung kann nur dann zustande kommen, wenn die Kommunikati-
onspartner „in gleicher Weise beide Ebenen betreten".48 Die Funktion der Fiktio-
nalität des Briefes als Wirklichkeitsentwurf besteht in der Strukturgenese auf der
Handlungsebene der Briefkommunikation.
Der Gesichtspunkt der strukturellen Fiktionalität des Briefes lässt sich noch
vertiefen, wenn man danach fragt, wie interpersonale Kommunikation im Allge-
meinen und - daran anknüpfend - Briefkommunikation im Konkreten zustande
kommt. Nach Niklas Luhmann entsteht Kommunikation durch reziproke Kon-

47 RÜHLE, Lutz: Fiktionalität und Poetizität, in: ARNOLD, Heinz Ludwig/SiNEMUS, Volker (Hg.),
Grundzüge der Literatur- und Sprachwissenschaft, Bd. 1: Literaturwissenschaft, München '"1992,
S. 25-51, hier S. 29.
48 BURKART: Kommunikationswissenschaft (Anm. 45), S. 81.
D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 119

tingenz reflexiver Wahrnehmung von Personen.49 Eine Person A nimmt eine Per-
son B wahr und umgekehrt, was aber A ebenso wahrnimmt (nämlich dass sie von
B wahrgenommen wird); auch das nimmt B wahr, was aber A wiederum wahr-
nimmt usw. So entsteht ein System, das seine eigene Struktur fortlaufend selektiv
erzeugt.50 Dieses System kann als Wahrnehmungsraum aufgefasst werden, in dem
man sich der Kommunikation nicht mehr entziehen kann, außer man verlässt die-
sen Raum. Dort, und nur dort, gilt im Übrigen der bekannte Satz von Watzlawick,
dass man nicht nicht kommunizieren könne, in voller Konsequenz.51 Da bei der
Briefkommunikation eine direkte zeitgleiche Wahrnehmung der Beteiligten fehlt,
kann nur (und muss) ein virtueller Wahrnehmungsraum - in der Vorstellung des
Gesprächs - gebildet werden, den die Briefpartner im Augenblick der Briefkom-
munikation, sei es in der Rolle des Absenders oder des Empfängers, nacheinander
und an verschiedenen Orten entstehen lassen und betreten.
Briefe sind fiktional, weil sie auf der Handlungsebene etwas vorgeben, das der
tatsächlichen Handlung nicht entspricht. Darauf beruht die scheinbar zeitlo-
se formale Gültigkeit und Verbindlichkeit. Gerade dadurch, dass die Handlung
einer abstrakten Inszenierung folgt, die von allen, die am Briefverkehr erfolgreich
teilnehmen wollen, verinnerlicht sein muss, erlangt die Briefkommunikation ihre
Effizienz.
Mit der Fiktionalität und der dadurch erzeugten Selbstbezüglichkeit auf der
Handlungsebene erfüllt jeder Brief formal und von vornherein die Grundvor-
aussetzung für Literarizität. Ein Brief wird im engeren Sinne literarisch, wenn er
auch auf der Ebene der Gegenstände, Fiktivität erlangt.52 In diesem Sinne erwei-
sen sich Briefsammlungen als literarisch, da sie, unabhängig davon, ob sie auf rea-
le oder fingierte Briefe zurückgehen, Brieftexte zu einem anderen Medium als es
der einzelne, reale Brief ist, verbinden. Die Briefsammlung richtet sich nicht wie
bei einem realen Brief von einem konkreten Absender an einen konkreten Emp-
fänger, sondern ist von einem Autor für ein Publikum verfasst oder zusammen-
gestellt. Der einzelne Brieftext erscheint so in einem völlig anderen funktionalen
Zusammenhang. Briefsammlungen wurden und werden daher von der histori-
schen Quellenkritik zu Recht der literarischen Überlieferung und damit der .Tra-
dition' zugerechnet, während wirkliche Briefe als Überreste im engeren Sinne
oder Überbleibsel gelten.53

49 LUHMANN, Niklas: Einfache Sozialsysteme, in: Zeitschrift für Soziologie 1 (1972), S. 51-65.
50 Siehe hierzu auch MERTEN, Klaus: Grundlagen der Kommunikationswissenschaft (Einführung
in die Kommunikationswissenschaft 1), Münster 1999, S. 191-192, über die doppelte Funktion des
Auges als Emissions- und Rezeptionsorgan. Man kann dem Auge ansehen, ob oder dass es etwas
sieht; „denn genau über die Reflexivität optischer Wahrnehmung wird Kommunikation gene-
riert".
51 WATZLAWICK, Paul/BEAVIN, Janet H./JACKSON, Don D.: Menschliche Kommunikation. For-
men, Störungen, Paradoxien, Bern/Stuttgart/Wien 41974, S. 53.
52 Über Fiktivität als Merkmal zur Unterscheidung zwischen eigentlichen und uneigentlichen Brie-
fen siehe NICKISCH, Reinhard M.: Brief (Sammlung Metzler 260), Stuttgart 1991, S. 19-22.
53 Zum Begriff des Überrestes siehe BERNHEIM, Ernst: Lehrbuch der Historischen Methode und der
Geschichtsphilosophie, Leipzig '1908, S. 255f.
120 JÜRGEN HEROLD

Neben der literarischen gibt es aber noch weitere Derivationen des Briefes:
Urkunden, Widmungsbriefe, Pamphlete, offene (publizistische) Briefe, Anschlä-
ge, die Zeitung usw., für die hier der Raum fehlt, auf sie einzugehen.
Die direkte mündliche Kommunikation verläuft in der Regel auf zwei Kanä-
len, einem optischen und einem akustischen, zwischen denen in gewisser Weise
eine Funktionsteilung besteht. Die Handlungsebene findet ihren Ausdruck vor
allem durch non- und paraverbale Mittel wie Mimik und Gestik, die Prosodie der
Stimme sowie die jeweils gegenwärtige Gesamtkonstellation, indem sich die an der
Kommunikation Beteiligten begegnen. In der Briefkommunikation stehen die
meisten dieser Ausdrucksmittel nicht zur Verfügung, da sie allein durch den opti-
schen Kanal verläuft, auf dem sich auch die gesamte Handlungsdimension aus-
breiten muss. Peter Bürgel, auf den ich an dieser Stelle noch einmal zurückkom-
me, hat (anscheinend) daraus geschlossen, dass dem Brief der analog-konnotative
Beziehungsaspekt weitgehend fehle, der digital-denotative Inhaltsaspekt dagegen
vorherrsche.54 Wenn Bürgeis Behauptung zuträfe, hätte es aber einen Brief wie
den eingangs vorgestellten der Barbara de Gonzaga an ihren Bruder Federico und
dementsprechend unzählige gleichartige Schreiben aus dem Spätmittelalter, in
denen sich fast ausschließlich die Handlungsebene zeigt, nicht geben können.

Die Staffelung der Medien im Brief

Warum auch solche scheinbar gegenstandslosen Briefe kommunikativ sinnvoll


und erfolgreich sein können und sind, kann durch den zweiten, bereits angespro-
chenen medientheoretischen Grundsatz, wonach Medien gestaffelt auftreten,
deutlich gemacht werden. Die Staffelung kommt dadurch zustande, dass Medi-
en ihrerseits wiederum Medien enthalten können. Für den Brief lässt sich dies als
eine Art Medienpyramide darstellen (Abb. 3).

Gegenstandsebene

Bedeutung

Handlungsebene

•• Bedeutung

•• Bedeutung

•• Bedeutung

•• Bedeutung

Transport) + SpeicheO-Medium
(Kanal)

Abb. 3: Die Staffelung der Medien in der Briefkommunikation.

54 BÜRGEL: Brief (Anm. 38), S. 32.


D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 121

Die Bedeutung wird durch das Medium der Sprache vermittelt, die Sprache
durch das Medium Schrift und die Schrift durch das Medium des Schriftträgers,
nämlich durch den Brief als materiellen Gegenstand mit einer Oberfläche, auf
der die Schrift angebracht werden kann. Der Brief stellt demnach eine Folge aus
mindestens drei miteinander verschachtelten Medien dar, ist also ein dreistufiges
Medium, bei dem der materielle Träger (der physische Gegenstand) als Basis-
medium bezeichnet werden kann, das die darauf sitzenden Medien funktional
integriert.
Dass Briefkommunikation prinzipiell Erfolg versprechend ist, obwohl ein
direkter Kontakt zwischen den Kommunikationspartnern fehlt, kann im Wesent-
lichen auf zwei Aspekte zurückgeführt werden. Zum einen wird auch in der
direkten mündlichen Kommunikation die Handlungsdimension nicht nur durch
außersprachliche Mittel erzeugt, sondern ebenso im Rahmen sprachlicher Äuße-
rungen. Dies geschieht sowohl durch die Art und Weise, wie der Absender sich
selbst, den Empfänger und gegebenenfalls Dritte bezeichnet, also durch die Art
der Anreden - Titel und Ehrwörter, im Singular oder Plural - und durch Höf-
lichkeitsbezeugungen in Form wiederkehrender Floskeln.
Für den Brief stehen diese Mittel nicht nur ebenfalls zur Verfügung, sondern
es drängt sich geradezu auf, sie weiter auszubauen und - wenn man so will - als
Ersatz für die fehlenden parasprachlichen (prosodischen), situativen, mimischen
und gestischen Ausdrucksmöglichkeiten zu gebrauchen.
Zum anderen enthalten im Brief die Medien der unteten Stufen nicht nur das
jeweils höhere Medium. Sie sind vielmehr ebenso geeignet, auch direkt Bedeutung
auf der Handlungsebene zu vermitteln.
Dies setzt unter Umständen bereits bei der Auswahl des Materials ein. Bei-
spielsweise „hatte es etwas zu bedeuten", dass die Republik Venedig für ihre aus-
wärtige Korrespondenz das gesamte Mittelalter über teures Pergament benutzte,
während alle anderen Mächte bereits zum preiswerten Papier übergegangen waren.
Das Festhalten an der Tradition diente der herrschaftlichen Legitimation und war
in Zeiten stets knapper Staatskassen zugleich ein Ausdruck von Prestigedenken
und ökonomischer Machr. Darüber hinaus trägt der Brief als Gegenstand nicht
nur die Schrift, sondern in vielen oder sogar den meisten Fällen weitere Medien
wie das Siegel, das nicht nur den Verschluss sichert, sondern durch sein Bild- und
Schriftprogramm ebenfalls Bedeutung auf der Handlungsebene vermittelt.
Auf der nächsten medialen Stufe erscheint die Schrift, die nicht nur Träger von
Sprache ist, sondern bereits durch ihr grafisches Erscheinungsbild, ohne dass es
nötig ist, den Text zu lesen, Bedeutung vermitteln kann, etwa durch die verschie-
denen Positionen, welche die intitulatio auf der Fläche des Schriftträgers und in
Beziehung zum übrigen Text einnehmen kann. Dadurch wird, noch bevor man
den Brief liest, das Rangverhältnis zwischen Absender und Empfänger deutlich.
In diesen Bereich spielt auch die Frage der Eigenhändigkeit des gesamten Brie-
fes oder nur der subscriptio hinein, die ihre mediale Wirkung daraus bezieht, dass
der Empfänger die Handschrift des Absenders erkennt oder dass ihm dies durch
einen ausdrücklichen Hinweis wie manu propria kenntlich gemacht wird. Ein-
122 JÜRGEN H E R O L D

richtung und Ausrüstung der Schrift wie auch die Instrumentalisierung der indi-
viduellen Handschrift wurden dazu eingesetzt, auf nonverbale Weise Bedeutung
auf der Handlungsebene zu vermitteln.
Die Bedeutungsvermittlung durch Sprache, die im Brief den Gipfel der Medien-
pyramide einnimmt, ist - wie sprachliche Kommunikation überhaupt - komplex
und vielschichtig. Für eine umfassende Darstellung dieser Problematik fehlt hier
der Raum. Daher will ich an dieser Stelle nur zwei Aspekte herausgreifen.55
Bedeutung hat nicht nur, was man sagt, sondern - insbesondere für die Hand-
lungsebene - auch, wie etwas gesagt wird. Dies beginnt bereits bei der Auswahl
des Idioms, in dem der Brief geschrieben wird, vorausgesetzt es besteht eine solche
Wahlmöglichkeit. Grundsätzlich lässt sich für das Spätmittelalter, als der Brief-
verkehr in den Volkssprachen bereits üblich geworden war, eine Orientierung
am Idiom des Empfängers feststellen.56 Dahinter steht einerseits die Absicht des
Absenders, den Interpretationsrahmen und damit auch die Möglichkeit der Fehl-
interpretation empfängerseitig möglichst zu beschränken. Andererseits hat es aber
auch etwas Zeichenhaftes, dass man sich bemühte, dem Empfänger entgegenzu-
kommen und in der Sprache oder dem Dialekt zu schreiben, der für ihn am ver-
ständlichsten war. Darüber hinaus ist hierbei auch mit einer Erwartungshaltung
zu rechnen, die besonders deutlich wird, wenn vom Gewöhnlichen abgewichen
wurde, wie das folgende Beispiel zeigt.
Die Briefe der Gräfin Barbara de Gonzaga von Württemberg an ihre Familien-
angehörigen in Mantua sind in der Regel in italienischer Sprache verfasst. Unter
ihnen ist jedoch ein Schreiben an Barbaras Bruder Federico überliefert, dass auf
Grund besonderer Umstände - ihr italienischsprachiger Sekretär war nicht ver-
fügbar - auf Deutsch niedergeschrieben wurde, was die Absenderin allerdings
eigens begründete: vnnd ich hett uch in welsch oder lattin geschriben, so hab ich
diser zyt minen schriber nit by mir}7
Um Irritationen vorzubeugen, fühlt sich die Absenderin in diesem Fall veran-
lasst, die für sie ungewöhnliche Verwendung der deutschen Sprache zu rechtferti-
gen und wohl auch zu entschuldigen, da weder ihr Bruder noch das Kanzleiperso-
nal ihrer mächtig waren und es somit besondere Umstände verursachen musste,
den Inhalt des Briefes zur Kenntnis zu nehmen.
Das zweite Beispiel betrifft die Textdisposition. In den Präskripten der Briefe
des älteren Typs ist die Reihenfolge von intitulatio und inscriptio durch das Rang-
verhältnis zwischen Absender und Empfänger bestimmt. Der Höherrangige wird
zuerst genannt. Bei Gleichrangigen lässt man dem Empfänger den Ehrenvorrang

55 Ausführlich behandele ich die Problematik der Bedeutungsvermittlung durch Sprache im Brief in
meiner kurz vor Abschluss stehenden Dissertation über das Mittelalterliche Briefwesen am Bei-
spiel der transalpinen Korrespondenz der Markgrafen von Mantua mit ihren Verwandten im Reich
und in Dänemark.
56 Siehe hierzu MÖLLER, Robert: Regionale Schreibsprachen im überregionalen Schriftverkehr. Emp-
fängerorientierung in den Briefen des Kölner Rates im 15. Jahrhundert (Rheinisches Archiv 139),
Köln/Weimar/Wien 1998.
57 Archivio di Stato di Mantova, Archivio Gonzaga, busta 514, fol. 111 (1483.03.27, Urach).
D I E I N T E R P R E T A T I O N MITTELALTERLICHER BRIEFE 123

und nennt ihn ebenfalls zuerst. Auf die explizite Textaussage hat dies jedoch kei-
nen Einfluss. Es ist allein auf der Handlungsebene von Bedeutung.
Die Medienpyramide der Briefkommunikation lässt sich nach unten noch
erweitern, wenn man auch den Boten, der den Brief überbringt, mit einbezieht.
Der Status eines solchen Boten im Rahmen einer Briefkommunikation kann sehr
verschieden sein, vom bloßen Briefträger bis zum Botschafter in eigener oder frem-
der Sache. Zwar ist im Briefverkehr nicht in jedem Fall ein Bote notwendig, da
Briefe auch am Ort ihrer Entstehung hinterlegt werden können, so dass nicht der
Brief sich zum Empfänger, sondern der Empfänger sich zum Brief begibt. Doch
kann man dies eher als einen Ausnahmefall betrachten. Der mittelalterliche Bote
überbrachte in vielen Fällen nicht nur den Brief, sondern vertrat in gewisser Wei-
se auch den Absender, insbesondere wenn er zusätzlich zum Brief Informationen
übermittelte. Im fürstlichen Korrespondenzwesen des Spätmittelalters lässt sich
sogar feststellen, dass im Brief die Gegenstände häufig nur angedeutet wurden
und die Übermittlung des ganzen oder eigentlichen Anliegens dem Boten über-
tragen war.58 Dabei war auch der soziale Rang oder dessen Legitimation als amt-
lich bestellter, geschworener Bote ein kommunikativer Faktor auf der Handlungs-
ebene.

Die beiden Handlungsebenen des Brieftextes

Was aus kommunikationstheoretischer Sicht als die Ebene der Intersubjektivi-


tät oder als die Handlungsdimension bezeichnet wird, findet in den Traktaten
der mittelalterlichen Brieflehre, der ars dictaminis, eine Parallele im Begriff der
captatio benevolentie. Er entstammt - wie die meisten Kategorien der mittelalter-
lichen Briefschreiblchre - der klassischen Rhetorik. Unter den gewöhnlich vier
partes orationis kam der ersten, dem exordium, die Aufgabe des attentum, docilem
et benivolem facere zu, um die Hörerschaft in einer bestimmten Weise einzustim-
men. In die Briefschreiblehre fand nur der letzte Aspekt, das benivolem captare,
Eingang, wobei der Ausdruck captatio benevolentie schließlich sogar zum Syno-
nym für exordium wurde.59 Doch bereits die frühen Vertreter der ars dictaminis
sahen die captatio benevolentie nicht auf das exordium als eine der fünf partes
epistole beschränkt. Nach Hugo von Bologna (um 1120) soll sie sich ebenso in der
salutatio und in der conclusio manifestieren.60 Bei Ludolf von Hildesheim (Mitte

58 Siehe hierzu auch HEROLD: Der Aufenthalt des Markgrafen Gianfrancesco Gonzaga (Anm. 22),
S. 229-232.
59 Rudolf von Tours in der Summa dictaminis: Quidam autem dicunt, quod exordium nichil aliud est
quam captacio beneuotencie, ed. von Ludwig ROCKINGER, in: Briefsteller und Formelbücher des
11. bis 14. Jahrhunderts (Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte
IX/l-2),Bd. 1, München 1863, S. 95-114, hier S.108.
60 Hugo von Bologna: Rationes dictandi prosaice, ed. von Ludwig ROCKINGER, in: Briefsteller und
Formelbücher des 11. bis 14. Jahrhunderts (Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deut-
schen Geschichte IX/1-2), Bd. 1, München 1863, S. 47-94, hier S. 57.
124 JÜRGEN H E R O L D

des 13. Jahrhunderts) findet sie sich schließlich auf alle fünf partes ausgedehnt.61
Wir haben es hier gewissermaßen mit einer vorwissenschaftlichen Thematisierung
dessen, was die Kommunikationswissenschaft als Handlungsdimension bezeich-
net, zu tun.
So wie mit der captatio benevolentie, die sich einerseits als eigener Briefteil mani-
festieren, andererseits aber auch in den Brief als Ganzes einfließen kann, verhält es
sich auch mit den verschiedenen Ebenen der Kommunikation im Brief. Sie sind
zwar stets miteinander verwoben und dadurch überall präsent, treten aber in ver-
schiedenen Teilen des Briefes mit wechselnder Dominanz hervor.
Dies zeigt sich auch in dem eingangs vorgestellten Brief Barbaras de Gonzaga
an ihren Bruder Federico. Die Gegenstandsebene ist in diesem Schreiben nur sehr
schwach vertreten, eigentlich nur in der Bitte Barbaras, ihr Bruder möge sie über
Neuigkeiten in Italien auf dem Laufenden halten. Die Handlungsebene tritt dafür
umso stärker hervor. Doch lassen sich diesbezüglich zwei verschiedene Arten von
Referenz unterscheiden. Zum einen gibt es einen Bezug auf das interpersonale
Verhältnis der Briefpartner, der sich im Gruß und in den Anreden, in derformula
valitudinis und im Briefschluss zeigt. Daneben kommen aber auch Briefteile vor,
die keinem Anlass außerhalb der Briefkommunikation geschuldet sind, sondern
sich auf den Brief selbst beziehen. Am deutlichsten tritt ein solcher selbstreferen-
zieller, auf das Medium gerichteter Bezug im Datum hervor, das weder auf das
gegenseitige Verhältnis der Briefpartner noch auf den Gegenstand der Briefkom-
munikation, sondern nur auf den Brief als solchen verweist. Dies bedeutet, dass
man bei der Briefkommunikation von zwei Handlungsebenen ausgehen kann,
einer inneren, interpersonalen, sowie einer äußeren, auf das Medium bezogenen.
Auf die äußere Handlungsebene richtet sich in unserem Beispiel auch die Bemer-
kung, dass die Gelegenheit eines Boten zum Anlass genommen wurde, diesen
Brief zu verfassen. Hier weist allerdings der Bezug über das konkrete Schreiben
hinaus auf das Briefwesen im Allgemeinen oder als System.
So wie das System auf der einen Seite den Beteiligten überhaupt erst ein Han-
deln ermöglicht, begrenzt es dieses zugleich. Ein solcher Systemzwang äußert sich
auf zweierlei Art. Zum einen, indem Normen zur Gestaltung von Briefen und
des Briefverkehrs aufstellt werden. Wenn man vom .Normalen', von dem, was
der Empfänger gewöhnlich erwarten konnte, durch gewisse Umstände abwei-
chen musste, bedurfte dies in der Regel einer ausdrücklichen Rechtfertigung. Dies
zeigt sich in dem bereits erwähnten Brief der Gräfin von Württemberg an ihren
Bruder den Markgrafen von Mantua, in dem sie ausdrücklich begründet, warum
sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit in deutscher Sprache schreibt. Ein wei-
teres Beispiel hierfür ist ein Brief der Königin Dorothea von Dänemark an ihre
Schwester, Markgräfin Barbara von Mantua, die Mutter der bereits öfters genann-
ten gleichnamigen Gräfin von Württemberg. Da sie nicht auf das übliche Siegel

61 Ludolf von Hildesheim: Summa dietaminum, ed. von Ludwig ROCKINGER, in: Briefsteller und
Formelbücher des 11. bis 14. Jahrhunderts (Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deut-
schen Geschichte IX/1-2), Bd. 1, München 1863, S. 347-402, hier S. 367.
D I E INTERPRETATION MITTELALTERLICHER BRIEFE 125

zurückgreifen konnte, musste sie ein anderes benutzen. Um Missverständnis-


sen vorzubeugen, wies sie im Siegelvermerk am Ende ihres Briefes ausdrücklich
auf diesen außerordentlichen Umstand hin: Ex Castro nostro Segeberge comitatus
Holtzare die xiifebruarii anno etcetera Ixxiii nostro sub reginali secreto minutissimo
quo hie singulariter vtimur in defectu secreti nostri consueti etcetera}1 Die andere
Seite des Systemzwangs besteht darin, dass es so etwas wie eine Kommunikations-
pflicht gibt. So wie man an einem Bekannten nicht grußlos vorübergehen kann,
ohne Irritationen hervorzurufen, konnte die Gräfin von Württemberg die Mög-
lichkeit eines Brieftransportes nicht ohne weiteres ungenutzt lassen. Sie musste
vielmehr davon ausgehen, dass man seitens ihrer Verwandten in Mantua das Aus-
lassen einer Kommunikationsgelegenheit bemerken und interpretieren würde. Im
weitesten Sinne, d.h. vom System des Briefwesens her gedacht, gilt auch hier der
Grundsatz, dass man nicht nicht kommunizieren kann.

ZUSAMMENFASSUNG

Im ersten Teil der Darstellung habe ich gezeigt, in welchen Formen und Zusam-
menhängen Überlieferung realer Briefe vorkommt, und dabei zwischen Sammel-
formen, bei denen eine Mehrzahl von Brieftexten auf einem gemeinsamen Schrift-
träger verzeichnet ist, und Einzelformen aus einem Schriftträger mit nur einem
Text unterschieden. Die Sammelüberlieferung lässt sich klassifizieren nach dem
Kriterium der maßgeblichen Motivation, unter der die Sammlung erfolgte: Exzep-
tionalität im Fall der Briefsammlungen im engeren Sinne, Exemplarizität bei den
Formelsammlungen, Historizität im Rahmen der chronikalischen Überlieferung
und Aktualität bezüglich der Register. Die drei zuvorderst genannten Sammel-
formen stellen Sekundärüberlieferungen dar, wohingegen die Register zur Primär-
überlieferung zu zählen sind, da sie Bestandteil einer realen Briefkommunikation
sind, indem ihnen eine spezifische Funktion, die der Rückstabilisierung des Kom-
munikationsprozesses, zukommt. Zur Primärüberlieferung sind ferner eine Rei-
he von Einzelformen zu rechnen: Notiz - Konzept - Ausfertigung - Register -
Exempla. Diese stellen, obwohl sie denselben Brief repräsentieren können, jeweils
einen eigenen Typ von Medium dar, mit jeweils spezifischer und somit unter-
schiedlicher Funktion.
Im zweiten Teil ging es mir darum, Grundzüge einer möglichen Medientheorie
des historischen, insbesondere des mittelalterlichen Briefes aufzuzeigen, und zwar
unter drei Hauptgesichtspunkten.
Zum einen habe ich dargelegt, dass Brieftexte grundsätzlich fiktional sind, da
sie auf der Handlungsebene etwas suggerieren, das dem tatsächlichen Handeln
beim Verfassen und Rezipieren einer brieflichen Mitteilung nicht entspricht.
Damit eine Briefkommunikation erfolgreich sein kann, bedient man sich notwen-
digerweise der Metapher des Gesprächs - obwohl kein Gespräch stattfindet -, um

62 Archivio di Stato di Mantova, Archivio Gonzaga, busta 439, fol. 153.


126 JÜRGEN H E R O L D

einen virtuellen Wahrnehmungsraum zu erzeugen, den die Briefpartner nachein-


ander betreten.
Der zweite Hauptgesichtspunkt baute auf der Feststellung auf, dass sprachliche
Kommunikation stets auf zwei Ebenen gleichzeitig verlaufen muss: der Ebene der
Gegenstände, über die kommuniziert wird, und der Ebene der Intersubjektivität
oder Handlungsebene, auf der gewissermaßen kommuniziert wird.
Drittens wurde dargelegt, dass Medien in Medien enthalten sind und somit
gestaffelt auftreten. Der Brief zeigt sich in dieser Hinsicht - vom Schriftträger
über die Schrift zur Sprache - als ein dreistufiges Medium. Die einzelnen media-
len Stufen vermitteln dabei nicht nur das jeweils höhere, abstraktere Medium,
sondern tragen jeweils auch Bedeutung auf der Handlungsebene der Kommuni-
kation. Wenn man in die Überlegungen auch die Problematik des Brieftranspor-
tes mit einbezieht, erweitert sich die Medienpyramide nach unten um das Trans-
portmedium des Boten, das ebenfalls nicht nur den Brief vermittelt, sondern wie
die drei Speichermedien des Briefes Bedeutung auf der Handlungsebene tragen
kann.
Als viertes habe ich darauf verwiesen, dass in Brieftexten eine doppelte Hand-
lungsebene existiert, die Ebene der interpersonalen oder inneren Handlung und
die medien- und systembezogene äußere Handlung.
Schließlich war es mein Anliegen, zu zeigen, dass durch medien- und kommu-
nikationstheoretische Ansätze das Verständnis historischer Briefe geförderr wer-
den kann, so dass sich auch ein zunächst banal wirkender Kontaktbrief wie der
am Anfang vorgestellte als aussagekräftige Quelle für die mittelalterliche Sozial-,
Geistes- und Kulturgeschichte erschließen lässt.
JÖRG M E I E R

Städtische Kommunikation im Spätmittelalter und


in der Frühen Neuzeit

1. Einleitung

In verschiedenen Untersuchungen der letzten Jahre wird Sprachgeschichte im


Sinne einer Sprachverwendungs- und Kommunikationsgeschichte gesehen, da
auch historische Texte „nur im Diskurs, in der sozialen Interaktion vollstän-
dig zu verstehen" sind.1 Eine Sprachgeschichtsschreibung, die soziopragmatisch
orientiert ist, geht „über bloße historische Linguistik" hinaus und weist „auf
historische Zusammenhänge zwischen Sprache und Gesellschaft im Rahmen
kommunikativer Praxis" hin.2 Dabei kommt der Darstellung der Medien- und
Bildungsgeschichte sowie der Textsortenentwicklung ein besonderer Stellenwert
zu.3 Der traditionellen sprachgeschichtlichen Beschreibung eines System- und
Strukturwandels, anhand einer isolierten Formengeschichte, werden die vielfälti-
gen Aspekte des Funktionswandels von Sprache entgegengestellt.4
In den vergangenen Jahren rückten zunehmend die Bedingungen, unter denen
Texte entstehen, in den Blickpunkt der Betrachtungen, die Organisation und Ziel-

1 GROSSE, Rudolf: Überlieferte Texte und erschlossene Sprachnormen - Grundfragen der Sprach-
geschichtsforschung, in: Soziolinguistische Aspekte der Sprachgeschichte. Dem Wirken Rudolf
Großes gewidmet, hg. von Herbert H Ö R Z , Berlin 1991, S. 8-20, hier S. 16.
2 VON POLENZ, Peter: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 1:
Einführung- Grundbegriffe - 14. bis 16.Jahrhundert, Berlin/New York 2 2000, S.9.
3 Vgl. SCHANK, Gerd: Ansätze zu einer Theorie des Sprachwandels auf der Grundlage von Text-
sorten, in: BESCH, Wetner/REICHMANN, Oskar/SONDEREGGER, Stefan (Hg.), Sprachgeschich-
te. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung (Handbücher
zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2/1), Berlin/New York 1984, S. 761-768; STE-
GER, Hugo: Sprachgeschichte als Geschichte der Textsorten/Texttypen und ihrer kommunikati-
ven Bezugsbereiche, in: ibid., S. 186-204; VON POLENZ, Peter: Mediengeschichte und deutsche
Sprachgeschichte, in: Die Etscheinungsformen der deutschen Sprache. Literatursprache, Alltags-
sprache, Gruppensprache, Fachsprache, FS zum 60. Geburtstag von Hugo Steger, hg. von Jürgen
DiTTMANN/Hannes KÄSTNER und Johannes SCHWITALLA, Berlin 1991, S. 1-18; STEGER,
Hugo: Sprachgeschichte als Geschichte der Textsorten, Kommunikationsbereiche und Semantik-
typen, in: BESCH, Werncr/BETTEN, Anne/REICHMANN, Oskar/SoNDEREGGER, Stefan (Hg.),
Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung
(Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2/1), Berlin/New York : 1998,
S. 284-300; VON POLENZ: Deutsche Sprachgeschichte, Bd. 1 (Anm. 2), S. 114-116.
4 Vgl. u.a. MOSER, Hans/WELLMANN, Hans/WoLF, Norbert Richard: Geschichte der deutschen
Sprache, Bd. 1: Althochdeutsch - Mittelhochdeutsch, Heidelberg 1981; VON POLENZ, Peter:
Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 2: 17. und 18. Jahrhundert,
Berlin/New York 1994; VON POLENZ, Peter: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis
zur Gegenwart, Bd. 3: 19. und 20. Jahrhundert, Berlin/New York 1999; VON POLENZ: Deutsche
Sprachgeschichte, Bd. 1 (Anm. 2).
128 JÖRG M E I E R

Setzungen der historisch, kulturell und sozial geprägten Domäne, in der und für
die Texte entstehen, Parameter der unmittelbaren Textproduktion sowie Größen,
die an die Person des Textproduzenten gebunden sind.5 Textproduzieren wird
verstärkt aus der Sicht der am Schreibprozess Beteiligten und ihrer Interaktions-
beziehungen gesehen.6 Bisher vernachlässigte Aspekte, wie die sozialen Kontex-
te von Schreibaufgaben und ihre Auswirkungen auf die Ziele, Motivationen und
Vorgehensweisen der Textproduzenten,7 rücken mit der Orientierung auf domä-
nen- und kulturspezifische Formen der Texterzeugung ins Blickfeld.8
Textsorten sind aufgrund ihrer Vielschichtigkeit für eine kommunikativ ori-
entierte Linguistik von hohem Interesse, denn gerade im Wandel der Textsorten
wird Sprachwandel sowohl als Veränderung „zeichenlinguistischer Elemente wie
auch pragmatischer Muster greifbar".9 Die bereits für das Mittelalter häufig pro-
blematischen Textsorten- bzw. Gattungseinordnungen sind für das Spätmittelal-
ter und die Frühe Neuzeit noch erheblich schwieriger, zum einen, weil die Fül-
le der Texte noch nicht annähernd erfasst und ausgewertet wurde, zum anderen,
weil sich viele Texte weder inhaltlich noch formal eindeutig eingrenzen lassen.
Die konkreten historischen Bedingungen von Texten lassen sich in einem integra-
tiv orientierten Textmodell, in dem die Herausbildungs- und Entwicklungspro-
zesse der verschiedenen schriftlichen Textsorten in ihrer lebensweltlichen Praxis
untersucht werden, am besten beschreiben. Dabei sollten Typologisierungsversu-
che sich - wie in zahlreichen neueren Ansätzen der Sprachgeschichtsschreibung
üblich - von der traditionellen Trennung in .interne' und .externe' Sprachge-
schichte distanzieren und den Sprachwandel in seinen pragmatischen Verwen-
dungskontexten situieren.'"
Eine Aufgabe der modernen Sprachhistoriographie besteht darin, „die alltägli-
chen Kommunikationsnetze, ihre Entstehung, Veränderung und Frequentierung

5 Vgl. JAKOBS, Eva-Maria: Vom Umgang mit den Texten anderer. Beziehungen zwischen Texten im
Spannungsfcld von Produktions-, Rezeptions- und Reproduktionsbeziehungen. Tübingen 1999.
6 Vgl. z.B. LEHNEN, Katrin/GÜLICH, Elisabeth: Mündliche Verfahren der Verschriftlichung: Zur
interaktiven Erarbeitung schriftlicher Formulierungen, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft
und Linguistik 108 (1997), S. 108-136.
7 POGNER, Karl-Heinz: Schreiben im Beruf als Handeln im Fach (Forum für Fachsprachenfor-
schung 46), Tübingen 1999.
8 ADAMZIK, Kirsten/ANTOS, Gerd/jAKOBS, Eva-Maria (Hg.): Domänen- und kulturspezifisches
Textproduzieren (Textproduktion und Medium 3), Frankfurt a.M./Berlin/Bern/New York/
Paris/Wien 1997.
9 SCH ANK: Theorie des Sprachwandels (Anm. 3), S. 762.
10 MEIER, Jörg: Kommunikation im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Zur Textsortenklas-
sifikation des Frühneuhochdeutschen, in: WIESINGER, Peter (Hg.), Akten des X. Internationalen
Germanistenkongresses Wien 2000. „Zeitenwende - Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins
21. Jahrhundert (Jahrbuch für Internationale Germanistik, Reihe A: Kongreßberichte 55), Bern/
Berlin/Bruxelles/Frankfurta. M./New York/Oxford/Wien 2002.S. 107-112; MEIER,Jörg: Zwi-
schen Textphilologie, Kulturwissenschaft und „neuen Medien". Interdisziplinäre Anmerkungen
und Fragestellungen zum Textbegriff, in: Fix, Ulla/ANTOS, Gerd/ADAMZIK, Kirsten/KLEMM,
Michael (Hg.), Brauchen wir einen neuen Textbcgriff? (Forum Angewandte Linguistik 40),
Frankfurt a. M./Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien 2002, S. 83-92.
STÄDTISCHE K O M M U N I K A T I O N 129

und deren grundsätzliche Bedeutung für die Entwicklung der Sprache aufzuzei-
gen, ohne den direkten Einfluß auf die Sprache in jedem einzelnen Fall immer
beweisen und beziffern zu können"." Damit wird die Beschreibung der histori-
schen Kommunikationspraxis einer Sprachgemeinschaft, also auch der alltägli-
chen Kommunikation samt ihrer Netzwerke und der aus diesen Zusammenhän-
gen resultierenden und in diesen Diskursen wirkenden Texten und Textsorten,
zu einem zentralen Bestandteil der Sprachgeschichte. Die exemplarische Unter-
suchung der Kommunikationspraxis einer Stadt und ihrer Kanzlei unter Berück-
sichtigung der vorhandenen Textsorten, mit einer Textdokumentation und
Interpretation, welche Möglichkeiten bietet, neben der Erfassung sprachlicher
Charakteristika und ihren Veränderungen auch die Entwicklung einzelner Text-
sorten nachzuvollziehen, ist ein Ansatz zur Aufarbeitung bestehender Desiderate
der germanistischen Sprachgeschichtsschreibung.12
Da Sprache für den Aufbau, die Erhaltung oder Veränderung von Gesell-
schaftsstrukturen und gesellschaftlichen Tätigkeiten konstitutiv ist, kann Sprach-
geschichte nicht nur potentiell in einer gewissen Korrelation zur Sozialgeschich-
te etforscht werden, sondern ist vielmehr ein zentraler Bestandteil von Sozial-
geschichte. Innerhalb einer so verstandenen Sozialgeschichtsforschung werden
einerseits bestimmte soziale Teilgruppen oder Institutionen untersucht und ande-
rerseits auch die allgemeine Geschichte im Rahmen einer Sozialgeschichte als
.Gesellschaftsgeschichte' in anderer Weise dargestellt.13

2. Zu einem integrativen Ansatz einer Historischen Textlinguistik

Unter dem Einfluss der so genannten .pragmatisch-kommunikativen Wende'


in der Sprachwissenschaft werden seit dem Ende der 60er und den frühen 70er
Jahren zunehmend Texte in den Mittelpunkt linguistischer Beschreibungen
und Analysen gestellt. Aus der Hinwendung zum Text als linguistischem Unter-
suchungsgegenstand ergaben sich früh zentrale Fragestellungen, die die gesamte

11 WEGERA, Klaus-Peter: Deutsche Sprachgeschichte und Geschichte des Alltags, in: BESCH, Wer-
ner/BETTEN, Anne/REICHMANN, Oskar/SoNDEREGGER, Stefan (Hg.), Sprachgeschichte. Ein
Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung (Handbücher zur Sprach-
und Kommunikationswissenschaft 2/1), Berlin/New York M998, S. 139-159, hier S. 141.
12 MEIER, Jörg: Städtische Textsorten des Frühneuhochdeutschen. Die Leutschauer Kanzlei im
16. Jahrhundert, in: BISTER-BROOSEN, Helga (Hg.), Beiträge zur historischen Stadtsprachenfor-
schung (Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft 8), Wien 1999, S. 131-157; MEIER, Jörg:
Kanzleisprachenforschung im Kontext Historischer Stadtsprachenforschung und Historischer
Soziopragmatik, in: MEIER, Jörg/ZlEGLER, Arne (Hg.), Aufgaben einer künftigen Kanzleispra-
chenforschung (Beiträge zur Kanzleisprachenforschung 3), Wien 2003, S. 9—21.
13 KOCKA. Jürgen: Sozialgeschichte im internationalen Überblick. Ergebnisse und Tendenzen der
Forschung, Darmstadt 1989, S.2f.; VON POLENZ, Peter: Deutsche Sprache und Gesellschaft in
historischer Sicht, in: BESCH, Werner/BETTEN, Anne/REICHMANN, Oskar/SoNDEREGGER,
Stefan (Hg.), Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer
Erforschung (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2/1), Berlin/New York
:
1998, S. 41-55, hier S. 42f.; VON POLENZ: Deutsche Sprachgeschichte, Bd. 1 (Anm. 2), S. 15.
130 JÖRG M E I E R

textlinguistische Forschungstradition kennzeichnen und bis heute keine einheit-


lichen und umfassenden Antworten erfahren haben. Offene Fragen sind nach wie
vor u. a., was ein Text ist, wodurch ein Text konstituiert wird, wie die Elemente
eines Textes miteinander verknüpft sind, ob es eventuell in Analogie zu Satzbau-
mustern Textbildungsregeln gibt, die die Struktur des Textes betreffen, und ob es
hierarchische Zwischenstufen zwischen Satz und Text gibt.
Dass eine Historische Textlinguistik als integrativer Bestandteil einer Histo-
rischen Pragmalinguistik, bzw. einer Historischen Soziopragmatik, zu sehen ist,
wird in der neueren germanistischen Sprachgeschichtsforschung nicht bestrit-
ten,14 doch bisher fehlte sowohl der methodische als auch der theoretische Rah-
men einer explizit formulierten Historischen Textlinguistik. In einer größeren
Arbeit wurden unlängst erstmals - im Rahmen einer integrativen textlinguisti-
schen Konzeption auf historisch soziopragmatischer Grundlage - Städte und ihre
Kanzleien als Orte und bedeutende Kulminationspunkte einer spätmittelalter-
lichen bzw. frühneuzeitlichen Kommunikationspraxis in den Mittelpunkt text-
linguistischer Untersuchungen gestellt.15 Dabei wurde nach den grundlegenden
Faktoren sowie kontextuellen Bedingungen für einen Schreibusus gefragt und die
Stadt als Ort des Frühneuhochdeutschen in den allgemeinen Rahmen eines histo-
risch-gesellschaftlichen Diskurses positioniert.
Für eine historisch-textlinguistische Untersuchung auf soziopragmatischer
Grundlage bedeutet die Konzentration auf den Untersuchungsgegenstand .Text'
vor allem auch, dass sie sich von bestimmten Vorstellungen, die den struktura-
listischen Textbegriff geprägt haben, lösen muss. In diesem Zusammenhang ist
vielmehr einerseits eine .holistische Sichtweise' zu postulieren, die Texte als in
einen gesellschaftlichen Diskurs eingebettete funktionale Ganzheiten betrach-
tet,16 sowie andererseits eine Erweiterung der Perspektive hin zu einer Beschrei-
bung von Textmustern und -architekturen, die andere Dimensionen der Textver-
flechtung eröffnen.17

14 ERNST, Peter: Pragmatische Aspekte der historischen Kanzleisprachenforschung, in: GREULE,


Albrecht (Hg.), Deutsche Kanzleisprachen im europäischen Kontext. Beiträge zu einem internati-
onalen Symposium an der Universität Regensburg, 5.-7. Oktober 1999 (Beiträge zur Kanzleispra-
chenforschung 1), Wien 2001, S. 17-31.
15 MEIER, Jörg: Städtische Kommunikation in der Frühen Neuzeit (Deutsche Sprachgeschichte -
Texte und Untersuchungen 2), Frankfurt a. M./Bcrlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien
2004.
16 STORRER, Angelika: Was ist „hyper" am Hypertext?, in: KALLMEYER, Werner (Hg.), Sprache und
neue Medien (Institut für deutsche Sprache, Jahrbuch 1999). Berlin/New York 2000, S. 222-249,
hier S. 244.
17 Vgl. SANDIG, Barbara: Formulieren und Textmuster. Am Beispiel von Wissenschaftstexten, in:
JAKOBS, Eva-Maria/KNORR, Dagmar (Hg.), Schreiben in den Wissenschaften (Textprodukti-
on und Medium), Frankfurt a.M./Berlin/Bern/New York/Paris/Wien 1997, S. 25-44; ANTOS,
Gerd: Texte als Konstitutionsformen von Wissen. Thesen zu einer evolutionstheoretischen Begrün-
dung der Textlinguistik, in: ANTOS, Gerd/TlETZ, Heike (Hg.), Die Zukunft der Textlinguistik:
Traditionen, Transformationen, Ttends (Reihe Germanistische Linguistik 188), Tübingen 1997,
S. 43-63.
STÄDTISCHE K O M M U N I K A T I O N 131

Vor dem Hintergrund der bisherigen Forschung stellen sich bei der Untersuchung
einer städtischen Kommunikationspraxis u.a. folgende Fragen:

(1) Gibt es - bei aller Heterogenität - im Rahmen einer städtischen Kommuni-


kationspraxis relativ feste sozialhistorische Parameter, die eine Textgestaltung
prägen?
(2) Auf welche Weise lassen sich diese Parameter für das gesamte Schrifttum einer
Stadt oder Kanzlei erfassen?
(3) Wie ist unter textlinguistischen Aspekten der Untersuchungsgegenstand zu
fassen?
(4) Was sind sinnvolle Kriterien für eine Typologisierung von Textmustern?
(5) Folgt die Kommunikationspraxis einer Stadt oder Kanzlei spezifischen über-
geordneten Textmustern, die - obwohl interkulturell vermittelt - in ihrer kul-
turspezifischen Existenz als ein fester Bestandteil einer Text(muster)geschichte
des Deutschen zu interpretieren wären?

Zusammenfassend ergibt sich aus den skizzietten Fragestellungen und Aufga-


ben das in Abb. 1 visualisierte Basismodell einer Historischen Textlinguistik. Da
im Unterschied zur bisherigen gegenwartsorientierten Textlinguistik das Beson-
dere der Historischen Textlinguistik in dem ausschließlichen Angewiesensein
auf schriftliche Quellen zu sehen ist, versucht das Schaubild zu verdeutlichen, in
welche Richtung sich eine historisch-textlinguistische Untersuchung orientie-
ren muss, wenn Erkenntnisse erlangt werden sollen, die den Rahmen einer tra-
ditionellen Textanalyse überschreiten. Für die Historische Textlinguistik bedeu-
tet dies, dass sie sich vorrangig der über den Text vermittelten Musterbildungen
zuwenden muss, ohne dabei die soziopragmatische Einbettung des Textes zu ver-
nachlässigen.
Die Abbildung verdeutlicht, dass grundsätzlich von einer Mehrebenenstruktur
in Texten auszugehen ist,18 wobei die hier angedeuteten Ebenen keinesfalls exklu-
siven Charakter haben. Es wird vielmehr davon ausgegangen, dass auch weitere
relevante Ebenen in Texten existieren, die über Musterbildungen erfassbar sind,
weshalb es sich bei der Abbildung lediglich um ein im Bedarfsfalle zu modifizie-
rendes Basismodell handelt. Hinsichtlich der Strukturtiefe ist selbstverständlich
auch in historischen Texten zwischen einer makrostrukturellen und einer mikro-
strukturellen Ebene zu differenzieren, die wiederum durch unterschiedliche Text-
schichten repräsentiert werden. Wenngleich die Strukturiertheit von Texten auf
durchaus unterschiedlichen Abstraktionsebenen zu analysieren ist, sind bisher nur
einige davon untersucht worden. Die Strukturiertheit von Texten und die Eigen-
schaft der Musterbildung werden dabei als generelles Textmerkmal angesehen.

18 WILSKE, Ludwig: Textsortenstrukturen. Grundlegende Aspekte det Strukturiertheit von Text-


sorten, in: KRAUSE, Wolf-Dieter (Hg.), Textsotten. Kommunikationslinguistische und konfron-
tative Aspekte (Sprache, System und Tätigkeit 33), Frankfurr a.M./Berlin/Bern/Bruxelles/New
York/Wien 2000, S. 68-85, hier S. 68.
132 JÖRG M E I E R

Historisch-gesellschaftlicher Diskurs

Voreinstellungen - Bewertungen-


TEXT
I

Textarchitektur Textkomposition Thema-Rhema

i i
Textmuster

SIluatforT '

Abb. 1: Grundmodell einer Historischen Textlinguistik.

Gerade Textarchitekturen haben für die Teilnehmer einer Sprach- und Kom-
munikationsgemeinschaft indizierenden Charakter. Es kann davon ausgegan-
gen werden, dass die zugrunde liegenden Textmuster den Kommunikationspart-
nern in einem konkreten historisch-gesellschaftlichen Diskurs bekannt sind und
dass sie vor jeder Entscheidung, die eine Textgestaltung betrifft, zunächst aus
dem Angebot der kommunikativen Möglichkeiten das für einen entsprechenden
Anlass geeignete Muster wählen. Insofern scheinen besonders textarchitektoni-
sche Muster geeignet, Rückschlüsse auf diskursive kommunikative Wissensbe-
stände einer Gesellschaft zu ermöglichen. Die Textproduzenten und -rezipienten
einer Kommunikationsgemeinschaft entscheiden sich durchaus bewusst für oder
gegen eine bestimmte Textform, wohingegen sprachliche oder gar grammatikali-
sche Entscheidungen, die den Text betreffen, eher sekundär sind.

3. Städtische Kommunikationspraxis im Spätmittelalter und in der Frühen


Neuzeit

3.1. Kommunikation in der Stadt

In der beginnenden europäischen Neuzeit waren Stadt und Staat - als Konkur-
renten oder Antagonisten, aber auch als Partner, die sich gegenseitig unterstütz-
ten und förderten - eng aufeinander bezogen. Staatsbildung und Urbanisierung
waren von Anfang an in Europa eng miteinander verbunden, doch verschob sich
STÄDTISCHE K O M M U N I K A T I O N 133

allmählich das Verhältnis zwischen den Partnern.19 In manchem, was später den
Staat ausmachte, hatten die Städte zu Beginn einen deutlichen Vorsprung, denn
den Staat im neuzeitlichen Sinne gab es erst, nachdem „die rechtliche, politische,
ökonomische und gesellschaftliche Formierung in den Städten bereits weit voran-
geschritten war. Die europäische Stadt, die [...] sich abgesehen von der städtischen
Siedlungsweise durch eigene Rechts-, Verwaltungs- und Wirtschaftsträgerschaft
sowie durch eine je nach den konkreten Umständen mehr oder weniger große
politische Autonomie auszeichnete, war im späten Mittelalter in vielfacher Hin-
sicht Kristallisationskern für Innovationen und modernisierenden Wandel".20
Obwohl die Städte der Frühen Neuzeit viele Strukturelemente der mittelalter-
lichen Städte bewahrten, gab es wichtige neue Einflüsse auf die Stadtentwicklung
und den Städtebau, und im 15. Jahrhundert erreichten viele Städte den vorläufigen
Höhepunkt ihrer Prosperität.21 Zahlreiche Städte wurden zu sozialen, politischen,
kulturellen und wirtschaftlichen Zentren größerer Einzugsgebiete und gewannen
dadurch einen immer bedeutsameren Einfluss auf Sprache und Kommunikations-
verhalten ganzer Regionen. Die wirtschaftliche Attraktivität vor allem größerer
Städte führte in der Folge zu einer gesteigerten Mobilität, die sich durch einen
ständigen Zuzug von Menschen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schich-
ten äußerte. Der Disparität der Stadt in sozialer Hinsicht entsprach eine sprach-
liche Heterogenität. Es gab sowohl verschiedene sozial distribuierte Varietäten,
aber auch das Nebeneinander ganz verschiedener Sprachen.22
Das Bild der Einwohnerschaft einer Stadt im Spätmittelalter und in der Frü-
hen Neuzeit ist vor diesem Hintergrund so komplex, dass es nahezu unmöglich
erscheint, eine als .typisch' zu charakterisierende Sozialstruktur anzunehmen.

19 Vgl. zur Stadt im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit u.a. RAUSCH, Wilhelm (Hg.): Die Stadt
am Ausgang des Mittelalters (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 3), Linz 1974;
RAUSCH, Wilhelm (Hg.): Die Stadt an der Schwelle zur Neuzeit (Beiträge zur Geschichte der
Städte Mitteleuropas 4), Linz 1980; RAUSCH, Wilhelm (Hg.): Das Städtewesen Mitteleuropas
im 17. und 18. Jahrhundert (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 5), Linz 1981;
STOOB, Heinz: Die Stadt. Gestalt und Wandel bis zum industriellen Zeitalter, Köln/Wien 21985;
ENNEN, Edith: Die europäische Stadt des Mittelalters, Göttingen 41987; VAN DÜLMEN, Richard:
Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit, Bd. 2: Dorf und Stadt 16.-18. Jahrhundert, Mün-
chen 1992; ENGEL, Evamaria: Die deutsche Stadt des Mittelalters, München 1993; SCHILLING,
Heinz: Die Stadt in der Frühen Neuzeit (Enzyklopädie deutscher Geschichte 24), München 1993;
BOOCKMANN, Hartmut: Die Stadt im späten Mittelalter, München '1994; ENGEL, Evamaria/
LAMBRECHT, Karen/NoGOSSEK, Hanna (Hg.): Metropolen im Wandel. Zentralität in Ostmittcl-
europa an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit (Forschungen zur Geschichte und Kultur des
östlichen Mitteleuropa), Berlin 1995; KNITTLER, Herbert: Die europäische Stadt in der frühen
Neuzeit. Institutionen, Strukturen, Entwicklungen (Querschnitte. Einführungstexte zur Sozial-,
Wirtschafts- und Kulturgeschichte 4), Wien/München 2000; MEIER: Städtische Kommunikation
(Anm. 15).
20 SCHILLING, Heinz: Die neue Zeit. Vom Christenheitseuropa zum Europa der Staaten. 1250 bis
1750 (Siedler Geschichte Europas 3), Berlin 1999.
21 Vgl. BENEVOLO, Leonardo: Die Stadt in der europäischen Geschichte, übers, von Peter Schiller,
München 1993; BENEVOLO, Leonardo: Die Geschichte der Stadt, übers, von Jürgen Humburg,
Frankfurt a. M./New York "2000.
22 Vgl. MEIER: Kommunikation im Spätmittelalter (Anm. 10); MEIER: Textbegriff(Anm. 10).
134 JÖRG M E I E R

Die traditionelle Dreiteilung der spätmittelalterlichen Stadtbevölkerung in Patri-


zier, Mittelschicht mit Bürgerrechten und eine Unterschicht ohne Bürgerrechte
täuscht eine Übersichtlichkeit vor, die es vermutlich weder rechtlich noch sozial
in dieser Form gegeben hat. Selbst der Versuch einen Typus des Stadtbürgers zu
beschreiben, der mehr verkörpert als einen bloßen Rechtsbegriff, ist in vielen Fäl-
len nicht möglich.23 Da Stände und Ständeordnungen .gedachte' Wirklichkeiten
sind, beruht gerade darin ihre konstitutive Wirkung. „Jeder Stand repräsentiert
eine spezifische Kultur und Wert-Welt, und alle Stände-Ordnungen stellen Ord-
nungen solcher jeweils verschiedener Wert-Welten dar. Diese Vielzahl der Wert-
Welten in der mittelalterlichen Gesellschaft vermehrt sich, sobald wir nicht nur
Stände, sondern auch soziale Gruppen in unsere Überlegungen einbeziehen".2"1
In der städtischen Struktur bewegten sich nicht nur eine Vielfalt .gemeindlich'
verfasster Gruppen z.T. in Konkurrenz, wie Gilden, Zünfte und Bruderschaften,
sondern auch andere wie Familien, .Geschlechter', Verwandtengruppen, mona-
stische und klerikale Gemeinschaften, die jeweils unterschiedlichen Wertevorstel-
lungen und Formen des sozialen Handelns folgten.25
Für die Sprachgeschichtsforschung bieten sich hier - eine gute Quellenlage
vorausgesetzt - Möglichkeiten, einerseits unter Berücksichtigung verschiedener
sprachexterner Faktoren (z.B. Absender, Adressat, Schreiber etc.) sozial distri-
buierte Varietäten als subsystemische Varianten im Diasystem .Stadtsprache' zu
ermitteln und andererseits im Sinne einer äußeren Sprachgeschichte über das
Quellenstudium zumindest die gehobenen gesellschaftlichen Schichten einer
Stadt zu charakterisieren. Nur selten erlaubt es die Überlieferungssituation ein
genaueres Bild von unteren sozialen Schichten der Stadt im Spätmittelalter und
in der Frühen Neuzeit zu entwerfen, da sie häufig in den unmittelbaren Quellen,
d.h. den Grundbüchern, den Steuer- und Rentenbüchern, nicht auftauchen.26
Seit der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts begann sich im schriftlichen
Bereich allmählich die Rechtsfähigkeit der deutschen Sprache gegen die Domi-

23 Vgl. u.a. ROECK, Bernd: Lebenswelt und Kultur des Bürgertums in der frühen Neuzeit (Enzyklopä-
die deutscher Geschichte 9), München 1991; M Ü N C H , Paul: Lebensformen in der Frühen Neuzeit
1500 bis 1800, Frankfurt a.M./Berlin 1996; vgl. hierzu auch CRAMER, Thomas: Geschichte der
deutschen Literatut im späten Mittelalter (Geschichte der deutschen Litetatur im Mittelalter 3),
München 21995, S. 236-238; VON POLENZ: Deutsche Sprachgeschichte, Bd. 1 (Anm.2), S. 107f.
24 OEXLE, Otto Gerhard: Stände und Gruppen. Über das Europäische in der europäischen Geschich-
te, in: BORGOLTE, Michael (Hg.), Das emopäische Mittelalter im Spannungsbcgen des Vergleichs.
Zwanzig intet nationale Beiträge zu Praxis, Problemen und Perspektiven der historischen Kompara-
tistik (Europa im Mittelaltet 1), Berlin 2001, S. 39-48, hier S. 45; vgl. auch OEXLE, Otto Gerhard:
Soziale Gruppen in der Ständegesellschaft: Lebensformen des Mittelalters und ihre historischen
Wirkungen, in: OEXLE, Otto Gerhard/vON HÜLSEN-ESCH, Andrea (Hg.), Die Repräsentation
der Gruppen. Texte - Bilder - Objekte (Veröffentlichungen des Max-PIanck-Instituts für Ge-
schichte 141), Göttingen 1998, S. 9-44.
25 Vgl. DILCHER, Gerhard: Die Rechtsgeschichtc der Stadt, in: BADER, Karl S./DILCHER, Gerhard
(Hg.), Deutsche Rechtsgeschichte. Land und Stadt - Bürger und Bauer im Alten Europa, Ber-
lin/Heidelberg/New York 1999, S. 249-827, hier S.485; MEIER: Städtische Kommunikation
(Anm. 15).
26 Vgl. MEIER: Städtische Kommunikation (Anm. 15).
STÄDTISCHE K O M M U N I K A T I O N 135

nanz des Lateinischen durchzusetzen. Immer komplexere Kommunikationsab-


läufe, die nicht mehr ausschließlich mündlich zu bewältigen waren und nun auch
in größerem Maße des Lateinischen Unkundige betrafen, führten im Spätmittel-
alter - und stärker noch in der Frühen Neuzeit - zu einer Verbreitung des Deut-
schen als Geschäfts-, Verwaltungs- und Rechtssprache.27
Einem äußeren Wachstum zahlreicher Städte entsprachen häufig eine im
Innern vollzogene Gewinnung kommunaler Freiheitsrechte und deren Ausgestal-
tung. Dabei erscheint ein expandierendes städtisches Verwaltungswesen und ins-
besondere der teilweise bereits im 12. Jahrhundert, zumeist aber im 13. Jahrhun-
dert urkundlich bezeugte Rat als ein wichtiger Faktor. Mit wachsender Bedeutung
der Administration wurde in den größeren Städten das Rathaus - in dem Bürger-
meister, Richter und Rat der Stadt residierten und bereits früh Textsammlungen
zur juristischen Sicherung ihrer Angelegenheiten anlegten - zum organisatori-
schen Mittelpunkt städtischer Verwaltung und damit verbunden auch zum kom-
munikationstechnischen Mittelpunkt der Stadt.28
Auch in breiteren Kreisen der städtischen Öffentlichkeit wurde allmählich das
Bedürfnis nach juristischer Absicherung persönlicher Angelegenheiten spürbar,
so dass ein „von einem größeren Personenkreis ausgehendes Sicherheitsbedürfnis
im Rechtsverkehr auch andere Formen des Rechtswesens (eine verstärkte Schrift-
lichkeit)" forderte,29 was in der Folge nicht nur zu einer Expansion rechtssprachli-
cher Texte, sondern städtischer Schriftlichkeit insgesamt führte. Neben kirchliche
und fürstliche traten städtische Kanzleien, und die Ausweitung des öffentlichen
Schriftverkehrs, die allgemein wachsende schriftliche Fixierung sowie die Zunah-
me der geschäftlichen Korrespondenz führten in der Folge zu einer deutlichen
Vermehrung und Differenzierung der städtischen Textsorten. Es wurden in den
städtischen Kanzleien Geschäfts- und Pachtverträge sowie Schuldverschreibun-
gen fixiert, Mietangelegenheiten wurden schriftlich verhandelt, umfangreiche
Korrespondenzen geführt sowie Bücher über Einnahmen und Ausgaben der
Stadt. „Die Verschriftlichung des Prozeßwesens führte zu einer Vermehrung der
Quellen, indem nun mehr oder weniger regelmäßig auch Akten wie Gerichtspro-
tokolle geführt wurden".30 Die zunehmende Bedeutung der Schriftlichkeit war

27 SCHILDT, Joachim: Deutsche Sprachgeschichte und Geschichte von Institutionen, in: BESCH,
Werner/BETTEN, Anne/REICHMANN, Oskar/SoNDEREGGER, Stefan (Hg.), Sprachgeschichte.
Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung (Handbücher zur
Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2/1), Berlin/New York 21998, S. 55-63; SCHMIDT-
W I E G A N D , Ruth: Deutsche Sprachgeschichte und Rechtsgeschichte bis zum Ende des Mittelalters,
in: ibid., S. 72-87; SCHMIDT-WIEGAND, Ruth: Deutsche Sprachgeschichte und Rechtsgeschichte
seit dem Ausgang des Mittelalters, in: ibid., S. 87-98; MEIER, Jörg/PiiRAiNEN, lipo Tapani: Der
Schwabenspiegel aus Kaschau (Beiträge zur Editionsphilologie. Editionen und Materialien 1), Ber-
lin 2000, S. 13-15.
28 Vgl. u.a. KROESCHELL, Karl: Deutsche Rechtsgeschichte, Bd.2: 1250 bis 1650, Opladen/Wies-
baden "1992; SCHILLING: Die Stadt (Anm. 19), S. 72-74; M E I E R : Städtische Kommunikation
(Anm. 15).
29 SCHULZE, Ursula: Lateinisch-deutsche Parallelurkunden des 13.Jahrhunderts, München 1975,
S.13.
30 SCHMIDT-WIEGAND: Sprachgeschichte und Rechtsgeschichte (Anm. 27), S.90.
136 JÖRG M E I E R

selbstverständlich nicht ausschließlich auf den städtischen Raum beschränkt,


aber nirgendwo war der schriftliche Text so sehr in alltägliche Lebensumstände
einbezogen wie in der Stadt.31
Wenngleich sich die „Bedeutung der Städte für Entstehung und Ausdehnung
einer volkssprachlichen Schriftlichkeit" selbstverständlich nicht einheitlich dar-
stellen lässt, da sie „wesentlich durch die ökonomische Basis, die Sozialstruktur
und den Rechtsstatus der jeweiligen Stadt bestimmt" war und „starken zeitli-
chen und regionalen Variationen" unterlag,32 kann festgehalten werden, dass die
Städte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit soziale Orte waren, in denen
Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen sozialen Ranges mit-
einander lebten und kommunizierten, und die als kommunikativer Kulminati-
onspunkt einer Kulturlandschaft und Entstehungsort bedeutender außersprachli-
cher Institutionen wie Kanzleien, Schulen, Universitäten, Druckereien, Behörden
etc. bewirkten, dass diese Institutionen auf die Entwicklung der Sprache und des
kommunikativen Verhaltens in der Stadt, der Region und bisweilen weit über die-
se hinaus Einfluss nahmen.33
Ausgehend von der Annahme, dass die Stadt als gesellschaftlich vielschichtiges
Gebilde zu charakterisieren ist, das zu einer soziokommunikativen Ausdifferen-
zierung und „insgesamt zu einer gesellschaftlichen Dynamisierung" tendiert(e),3''
wirkte sich dieser Einfluss in mindestens vierfacher Weise aus:35

(l)Die Stadt war ein Ort des sprachlichen Ausgleichs der unterschiedlichen
neben- und miteinander existierenden Varietäten, der durch die Koexistenz
verschiedener sozialer Gruppen gefördert wurde. Dieser zweifelsohne vorhan-

31 Vgl. MEIER: Städtische Kommunikation (Anm. 15), Kap. 3.3.


32 H A R T W E G , Frederic/WEGERA, Klaus-Peter: Frühneuhochdeutsch. Eine Einführung in die
deutsche Sprache des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit (Germanistische Arbeitshefte 33),
Tübingen 1989, S. 49.
33 Vgl. MEIER: Städtische Kommunikation (Anm. 15).
34 Vgl. HOFFMANN, Walter/MATTHEIER, Klaus J.: Stadt und Sprache in der neueren Sprachge-
schichte: eine Pilotstudie am Beispiel von Köln, in: BESCH, Werner/REICHMANN, Oskar/SoN-
DEREGGER, Stefan (Hg.), Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache
und ihrer Erforschung (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2/2), Berlin/
New York 1985, S. 1837-1865, hier S. 1838f.
35 Vgl. BESCH, Werner: Dialekt, Schrcibdialckt, Schriftsprache, Standardsprache. Exemplarische
Skizze ihrer historischen Ausprägung im Deutschen, in: BESCH, Werner/KNOOP, Ulrich/
PUTSCHKE, WoIfgang/WiEGAND, Herbert Ernst (Hg.), Dialektologie. Ein Handbuch zur deut-
schen und allgemeinen Dialektforschung (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissen-
schaft 1/2), Berlin/New York 1983, S. 961-990; ERNST, Peter: Die Wiener Stadtsprache im Spät-
mittelalter und in der frühen Neuzeit, in: MEIER, Jörg/ZlEGLER, Arne (Hg.), Deutsche Sprache
in Europa. Geschichte und Gegenwart, Wien 2001, S. 87-97, hier S. 88; MEIER, Jörg: Orte des
Alltags in der Sprachgeschichte. Die ländliche Gemeinde und ihte Kommunikationsformen im
Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: GREULE, Albrecht/MEIER, Jörg (Hg.), Die länd-
liche Gemeinde im Spätmittelalter. Deidesheimer Gespräche zur Sprach- und Kulturgeschich-
te (Germanistische Arbeiten zur Sprachgeschichte 4), Berlin 2004, S. 9-40; MEIER: Städtische
Kommunikation (Anm. 15).
STÄDTISCHE K O M M U N I K A T I O N 137

dene Sprachausgleich darf allerdings nicht aus heutiger Sicht und Erfahrung
mit Stadtsprachen überbewertet werden.
(2)Die Stadt wirkte als sprachliches Ausgleichszentrum ihrer Region. Vor allem
größere Städte übten einen prägenden Einfluss auf die Gebiete des gemeinsa-
men Wirtschaftsraumes aus.
(3)Die Stadt stellte einen wesentlichen Faktor bei der Ausbildung einer überregio-
nalen Einheitssprache dar.
(4)Die Stadt entwickelte sowohl in sozialer als auch in sprachlicher Hinsicht ihre
Eigengesetzmäßigkeiten, zu denen die verschiedenen Varietäten ebenso gehör-
ten wie das Nebeneinander verschiedener Sprachen, wobei die jeweiligen Spra-
chen - in der Regel - auf bestimmte Textsorten beschränkt waren.

Für die historische Stadtsprachenforschung haben sich daraus u. a. die Aufgaben


ergeben, möglichst viele Texte (bzw. Textsorten) aus unterschiedlichen Schreib-
situationen, Dialekt- und Zeiträumen auf den verschiedenen sprachlichen Ebenen
nach ihren Sprachformen zu untersuchen und dabei sowohl nach sprachlichen
als auch außersprachlichen Bedingungen - unter Berücksichtigung der sozialge-
schichtlichen Dimensionen von Texten und ihren Produzenten - zu fragen.

3.2. Schriftlichkeit in der städtischen Kanzlei

Für die einzelnen städtischen Kanzleien des Spätmittelalters und der Frühen
Neuzeit sind selbstverständlich sehr unterschiedliche kommunikative Reichwei-
ten anzunehmen, und ihr Einfluss auf eine Entwicklung des Frühneuhochdeut-
schen differierte je nach kommunikativen Funktionen, die wiederum verschiede-
ne Textsortenspektra erforderten, erheblich. Ebenso wie die Städte stellten auch
die Kanzleien hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Entstehung, Expansion und
Distribution deutschsprachiger Textsorten kein einheitliches Phänomen dar. Je
nach Größe und Bedeutung der Stadt waren der Aufbau und der Organisations-
grad der einzelnen Kanzleien im deutschsprachigen Raum sehr unterschiedlich.
Sicher scheint aber, dass die hauptamtlichen Stadtschreiber zumeist Bürger waren
und in vielen Fällen auch Mitglied des Stadtrates. In den Kanzleien der mittelal-
terlichen Städte war der Stadtschreiber zudem oft lange Zeit der einzige rechts-
kundige kommunale Beamte.36
Selbstverständlich differierte auch der jeweilige kanzleisprachliche Schreib-
usus erheblich, was bereits Zeitgenossen auffiel. Die verschiedenen ökonomischen,
strukturellen, politischen und sprachlichen Voraussetzungen führten auch zu
unterschiedlichen kommunikativen Anforderungen und somit zu spezifischen

36 MEIER, Jörg/ZiEGLER, Arne: Textsorten und Textallianzen in städtischen Kanzleien, in: SIMM-
LER, Franz (Hg), Textsortentypologien und Textallianzen von der Mitte des 15. bis zur Mitte des
16. Jahrhunderts. Akten zum Internationalen Kongress in Berlin 21. bis 25. Mai 2003 (Berliner
Sprachwissenschaftliche Studien 6), Berlin 2004, S. 129-166.
138 JÖRG M E I E R

Formen der Kommunikation, die für jede Stadt und Kanzlei eine gesonderte
Betrachtung und Untersuchung erfordern und nur selten eine Allgemeingültigkeit
beanspruchen können. Obwohl im Rahmen von Untersuchungen zur städtischen
Kommunikationspraxis im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit immer
wieder betont wird, wie stark normiert und vereinheitlicht Kanzleisprache(n)
sei(en),37 zeigen Analysen zu verschiedenen kanzleisprachlichen Texten bzw.
Textsorten innerhalb einer Kanzlei, dass diese Annahme nicht vorbehaltlos über-
nommen werden kann, sondern dass sehr wohl eine äußerst heterogene sprachli-
che Gestaltung in den Texten wirksam wird.38
Die kommunikativen Funktionen der städtischen Kanzleien waren äußerst
vielfältig, denn sie fungierten als .Sprachrohr' der Stadt, als Bürgerforum, Steuer-
behörde, Verwaltungsamt, juristische Institution, als Mittler zwischen Adel, Kle-
rus, Bürgern, Handwerkerschaft, Kaufleuten etc. und waren „Zentralstellen der
Landes- und Stadtverwaltung für das gesamte Schreibwesen".39 Als ein zentraler
Ort deutscher Schriftlichkeit im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit sind
Kanzleien sozialgeschichtlich eng mit der Entstehung neuer städtischer Lebens-
formen verbunden. Die kanzleisprachliche Schriftlichkeit ist daher primär sozio-
pragmatisch zu charakterisieren, insofern durch sie neue Gebrauchsfunktionen
in einer neu entstandenen städtischen Öffentlichkeit wahrgenommen wurden.40
Die städtische Schreibpraxis erscheint als Ergebnis gesellschaftlicher Kommuni-
kationsbedürfnisse, derer nur eine professionelle und institutionalisierte Textpro-
duktionsstätte gerecht werden konnte.41
Spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Kanzleien sind als wesentliche Orte
des Frühneuhochdeutschen zu untersuchen, sowohl im Rahmen einer Beschrei-
bungsperspektive, bei der die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache
als ein Prozess, in dem sich Sprachformen verschiedener Sprachlandschaften in
unterschiedlichem Ausmaß durchsetzen, und die areale Gültigkeit sowie die
Häufigkeit bestimmter sprachlicher Merkmale als regulierende Prinzipien gese-

37 Vgl. u. a. GESENHOFF, Marita/RECK, Margarete: Die mittelniederdeutsche Kanzleisprache und die


Rolle des Buchdrucks in der mittelniederdeutschen Sprachgeschichte, in: BESCH, Werner/REICH-
MANN, Oskar/SoNDEREGGER, Stefan (Hg.), Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte
der deutschen Sprache und ihrer Erforschung (Handbücher zur Sprach- und Kommunikations-
wissenschaft 2/2), Berlin/New York 1985, S. 1279-1289; MOSER, Hans: Die Kanzleisprachen, in:
ibid., S. 1398-1408; FISCHER, Christian: Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert.
Variationslinguistische Untersuchungen zum Schreibsprachenwechsel vom Niederdeutschen zum
Hochdeutschen (Niederdeutsche Studien 43), Köln/Weimar/Wien 1998.
38 Vgl. u.a. SPÄCILOVÄ, Libuse: Deutsche Testamente von Olmützcr Bürgern. Entwicklung einet
Textsorte in der Olmützer Stadtkanzlei in den Jahren 1416-1566 (Schriften zur diachronen
Sprachwissenschaft 9), Wien 2000; SPÄCILOVÄ, Libuse: Das Frühneuhochdeutsche in der Ol-
mützer Stadtkanzlei. Eine textsortengeschichtliche Untersuchung unter linguistischem Aspekt
(Germanistische Arbeiten zur Sprachgeschichte 1), Berlin 2000; MEIER: Städtische Kommunika-
tion (Anm. 15).
39 EGGERS, Hans: Deutsche Sprachgeschichte, Bd. 2: Das Frühneuhochdeutsche und das Neuhoch-
deutsche, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 23.
40 KUHN, Hugo: Entwürfe zu einer Literatursystematik des Spätmittelalters, Tübingen 1980, S. 21 f.
41 Vgl. MEIER/ZIEGLER: Textsorten und Textallianzen (Anm. 36).
STÄDTISCHE K O M M U N I K A T I O N 139

hen werden,42 als auch im Kontext der Bedeutung des sozialen Prestiges für eine
Durchsetzung sprachlicher Formen.43
Kanzleien schufen den institutionellen Rahmen, der einen spezifischen sprach-
lichen Schreibusus überhaupt erst ermöglichte und der dann die jeweiligen Kanz-
leitexte prägte. Sie bewirkten wiederum einen kanzleisprachlichen Diskurs, der
seinerseits Rückwirkungen auf verschiedene Einflussfaktoren hatte und damit
auch den konkreten historisch-gesellschaftlichen Diskurs, der die städtische Kom-
munikationspraxis ermöglichte, mitgestaltete. Der noch im 14. Jahrhundert recht
große individuelle Spielraum der Schreiber wurde im Spätmittelalter und in der
Frühen Neuzeit zunehmend durch den „Zwang des Schreibusus der Institution
oder des Schreibortes"44 eingeschränkt.
Wenn die Kommunikationspraxis einer Stadt im Spätmittelalter oder in der
Frühen Neuzeit beschrieben werden soll, begegnen weniger .Stadtsprachen' im
Sinne sozial distribuierter Varietäten, die sich über eine städtische Gesellschaft ver-
teilen, sondern in erheblich größerem Ausmaße kanzleisprachliche Äußerungen
bzw. .Kanzleisprachen'. Aufgrund der immer noch geringen Lese- und Schreibfä-
higkeit sind - trotz aller quantitativen und qualitativen Expansion, besonders seit
der Mitte des 15.Jahrhunderts - z.B. Zeugnisse unterer sozialer Schichten selten
belegt.
Da sich eine Kommunikationspraxis mit einer zugrunde liegenden kommuni-
kativen Funktion selbstverständlich stets nur im Spannungsfeld zwischen Absen-
der und Adressat entwickeln kann, ist das Verhältnis der interagierenden Perso-
nen oder Gruppen für die textuelle und sprachliche Ausgestaltung der konkreten
Texte besonders relevant. Koch und Oesterreicher machen ausdrücklich auf die-
se Bedingungen aufmerksam, indem sie ein Profil kommunikativer Varianz ent-
wickeln, das wesentlich auf den Kategorien .kommunikative Distanz* und .kom-
munikative Nähe' basiert.45 Unter diese Kategorien fassen sie eine Vielzahl von
Parametern, wie z. B. Vertrautheit versus Fremdheit der Partner, Privatheit versus
Öffentlichkeit etc., deren konkrete Abstufungen letztlich für eine kommunika-

42 Vgl. BESCH, Werner: Sprachlandschaften und Sprachausgleich im 15. Jahrhundert. Studien zur
Erforschung der spätmittelalterlichen Schreibdialekte und zur Entstehung der neuhochdeutschen
Schriftsprache (Bibliotheca Germanica 11), München 1967.
43 Vgl. MOSER: Die Kanzleisprachen (Anm. 37).
44 H A R T W E G / W E G E R A : Frühneuhochdeutsch (Anm. 32), S. 50.
45 Vgl. hierzu KOCH, Peter/OESTERREICHER, Wulf: Sprache der Nähe - Sprache der Distanz.
Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachgeschichte, in:
Romanistisches Jahrbuch 34 (1985), S. 15-43; KOCH, Peter/OESTERREICHER, Wulf: Gesproche-
ne Sprache in der Romania: Französisch, Italienisch, Spanisch (Romanistische Arbeitshefte 31),
Tübingen 1990; KOCH, Peter/OESTERREICHER, Wulf: Schriftlichkeit undSprache, in: G Ü N T H E R ,
Hartmut/LUDWIG, Otto (Hg.), Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein inter-
disziplinäres Handbuch internationaler Forschung. An Interdisciplinary Handbook of Inter-
national Research (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 10/1), Berlin/New
York 1994, S. 587-604; OESTERREICHER, Wulf: Zur Fundierung von Diskurstraditionen, in:
FRANK, Barbara/HAYE, Thomas/ToPHlNKE, Doris (Hg.), Gattungen mittelalterlicher Schrift-
lichkeit (ScriptOralia 99), Tübingen 1997, S. 19-41.
140 JÖRG M E I E R

tive Variation verantwortlich sind. Auf diese Weise entsteht ein .konzeptionel-
les Kontinuum' mit den Extrempolen .Distanz' und ,Nähe', zwischen denen sich
jeder konkrete Text einordnen lässt.46 Nicht immer ist dabei der genaue Punkt,
den ein Text einnimmt, zu bestimmen, sondern lediglich, welchem der Pole der
Text näher steht.
Unabhängig davon, ob den kommunikativen Mustern spezifische Textmuster
entsprechen, kann zunächst davon ausgegangen werden, dass Textklassen zwar
einzelsprachliche Erscheinungen sind, die jedoch aufgrund spezifischer sozial-
historischer Besonderheiten des kommunikativen Raumes und der Sprachkontakt-
situation auch Merkmale enthalten, die über Einzelsprachliches hinausreichen. Da
Texte „sprachlich-kommunikative Phänoneme" sind, „die sowohl Einzelsprachli-
ches als auch Universelles in sich vereinen",47 ist die Frage nach ihrem Geltungsbe-
reich in einer Kommunikationsgemeinschaft von erheblicher Bedeutung. Dabei
sind zunächst die funktionalen Geltungsbereiche, die in Öffentlichkeiten, Kom-
munikations-, Handlungs- und Funktionsbereiche differenziert sowie als sozio-
pragmatische Parameter der textlinguistischen Analyse zusammengefasst wer-
den können, aber auch der areale Geltungsbereich als kommunikativer Radius zu
erfassen. Außerdem muss zwischen einem primären und einem sekundären Kom-
munikationsradius städtischer Kommunikation differenziert werden. Während
im primären Kommunikationsradius die Ortschaften erfasst werden können, die
in häufigem oder kontinuierlichem Kontakt zu einer Stadt oder Kanzlei standen,
sind die restlichen Texte fremder Provenienz dem sekundären Kommunikations-
radius zuzuordnen.
Eine städtische Kommunikationspraxis - die immer das Ergebnis historischer
und sozialer Prozesse ist - lässt sich hinsichtlich ihrer situativen Bedingtheit und
unter Berücksichtigung einer Reihe von soziopragmatischen Parametern einer
historiolinguistischen Analyse - stark vereinfacht und in den Relationen nicht
gewichtet - wie in Abb. 2 darstellen.
Von den dargestellten Analyseparametern kann angenommen werden, dass sie
- in unterschiedlicher Art und Weise - deterministisch auf die textuelle Gestal-
tung wirken und insbesondere die verwendeten Textmuster als kognitive Reprä-
sentationsschemata prägen. Eine Analyse makrostruktureller Musterbildungen
in Texten ist nur vor dem Hintergrund einer zuvor geleisteten Analyse der sozio-
pragmatischen Zusammenhänge sinnvoll.
Der Begriff der K o m m u n i k a t i o n s p r a x i s wird gewählt, um eine be-
wusste Abgrenzung zum Begriff der Sprachpraxis als einem eher systemlingu-
istisch fundierten Begriff vorzunehmen. Ausgehend von der Annahme, dass die
Grundlage jeglichen sprachlichen Handelns durch den Bereich der sprachlichen
Möglichkeiten determiniert wird, innerhalb derer zwischen sprachlichen Mit-
teln und sprachlichen Mustern zu unterscheiden ist, konstituieren die in einer

46 Vgl. OESTERREICHER: Fundicrung von Diskurstraditionen (Anm. 45), S. 22.


47 KRAUSE, Wolf-Dieter: Text, Textsortc, Textvergleich, in: ADAMZIK, Kirsten (Hg.), Textsorten.
Reflexionen und Analysen (Textsorten 1), Tübingen 2000, S. 45-76, hier S. 60.
STÄDTISCHE K O M M U N I K A T I O N 141

Städtische
Kommunikationspraxis

Die Öffentlichkeiten ^ ^ -

del I Rat/Stadt ] Bürger ! Klerus I Handel i

Kommunikationsbereiche

f
z> \
innerslädtische außerstädtische
Kommunikation Kommunikation

1 1t

Texlproduktion
Die städtische Kanzlei und ihre Schreiber

i
Y
Textwissen

Abb. 2: Die soziopragmatischen Parameter im Überblick.

Stadt zu einer bestimmten Zeit zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel


eine bestimmte Sprachpraxis, die sprachlichen Muster hingegen eine spezifische
Kommunikationspraxis.48 Sprachliche Muster dienen zur Bewältigung bestimm-

48 Vgl. bereits CHERUBIM, Dieter: Mehrsprachigkeit in der Stadt der frühen Neuzeit. Am Beispiel
Braunschweigs und Hermen Botes, in: SCHÖTTKER, Detlev/WuNDERLiCH, Werner (Hg.),
Hermen Bote. Braunschweiger Autot zwischen Mittelalter und Neuzeit (Wolfenbütteler For-
schungen 37), Wiesbaden 1987, S. 97-118; vgl. auch ERNST, Petet: Sprachexterne Grundlagen
einer histotischen Stadtsprachenvarietät am Beispiel Wiens im Spätmittelalter, in: ELMENTALER,
142 JÖRG M E I E R

ter typisierter Situationen und kommunikativer Aufgaben und sind somit als
Sprachhandlungstypen, Funktionalstile, Textsorten, Diskurstraditionen etc. zu
beschreiben. Besonders Textmuster sind dabei nicht ausschließlich einzelsprach-
lich, langue-gebunden, sondern vielmehr im kollektiven Gedächtnis einer Kom-
munikationsgemeinschaft verankert.49
Textmuster existieren aufgrund ihrer Intertextualität, dennoch konnotiert der
Text als sprachliche Einheit mit einer konkreten Form und einem spezifischen
Kontext immer eine bestimmte Situation und in der Regel sogar eine bestimm-
te Klasse von Situationen.50 Die Rekonstruktion einer städtischen Kommunikati-
onspraxis ist somit gleichzeitig eine Rekonstruktion der kulturellen Determinan-
ten, die die Auswahl kultureller Formen - in diesem Fall der textuellen Formen
- steuern.
Unter kommunikationstheoretischen Aspekten sind die Fragen, welche (Teil-)
Ö f f e n t l i c h k e i t e n an der schriftlichen Kommunikationspraxis beteiligt
waren, wie die konkreten Bedingungen der T e x t p r o d u k t i o n und die Text-
rezeptionsbedingungen waren, wie das für die Kommunikationspraxis relevante
Te x t w i s s e n beschrieben werden kann und welche diskursbeeinflussenden Fak-
toren tradierten Textwissens eventuell eine Rolle spielten, welche K o m m u n i -
k a t i o n s b e r e i c h e zu differenzieren sind, in welche H a n d l u n g s b e r e i c h e
die städtische Schriftlichkeit eingreift und welche Funktionen sie übernimmt, von
besonderem Interesse.
A d e l , R a t bzw. S t a d t , B ü r g e r , K l e r u s , H a n d w e r k und H a n d e l
waren im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit für die städtische Schriftlich-
keit in unterschiedlichem Maße relevant, wobei die Teilöffentlichkeit der .Bürger'
(verstanden als Rechtsbegriff) nicht eindeutig von der Teilöffentlichkeit des Rates
oder der des Handels und Handwerks zu separieren ist, da sämtliche Angehörige
des Stadtrates sowie die ansässigen Kaufleute und Handwerker in der Regel das
Bürgerrecht besaßen, weshalb eine Bestimmung der Teilöffentlichkeit der Bürger
oft nur im Kontext des konkreten Handlungsbereichs möglich ist.
Unter dem Begriff ,Kom mu n i k a t i o n s b e r e i c h e ' wurden die von der
volkssprachlichen Schriftlichkeit erfassten Domänen in ihrer Relevanz für die
Beschreibung einer städtischen Kommunikationspraxis dokumentiert. Textsor-
ten sind für die Sprachgeschichte als sekundäre Phänomene zu charakterisieren,
da ihnen immer Kommunikationsbereiche vorausgehen. Unter Domänen wird
nicht nur der soziale Raum als Konglomerat spezifischer Rollenmuster, sondern

Michael (Hg.), Regionalsprachen, Stadtsprachen und Institutionssprachen im historischen Pro-


zess (Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft 10), Wien 2000, S. 155-175, hier S. 158.
49 Vgl. GABERELL, Roger: Probleme einer deutschen Textsortengeschichte - die „Anfänge", in:
ADAMZIK, Kirsten (Hg.), Textsorten. Reflexionen und Analysen (Textsorten 1), Tübingen 2000,
S. 155-174, hier S. 164.
50 Vgl. auch GROLIMUND, Christoph: Die Briefe der Stadt Basel im 15. Jahrhundert. Ein textlingu-
istischer Beitrag zur histotischen Stadtsprache Basels (Basler Studien zur deutschen Sptachc und
Literatur 69), Tübingen/Basel 1995.
STÄDTISCHE K O M M U N I K A T I O N 143

auch der geographische Raum gefasst, so dass sich eine städtische Kommunika-
tionspraxis grundsätzlich in eine i n n e r s t ä d t i s c h e und eine a u ß e r s t ä d t i -
s c h e Kommunikation differenzieren lässt.
Mit dem B e g r i f f , H a n d l u n g s b e r e i c h ' wird versucht, diese gesellschaft-
lichen Bereiche in einem Beschreibungsschema zu erfassen, indem die Textpro-
duzenten, bzw. Absender, und die Textrezipienten, bzw. Adressaten, als relevante
Faktoren der konkreten kommunikativen Situation begriffen werden. Handlungs-
bereiche rekurrieren dabei wesentlich auf das Verhältnis der an der Kommunika-
tion Teilnehmenden zueinander und sind insofern als eine Art Rollenverhältnis
zwischen den Kommunikationspartnern zu charakterisieren.51 Auf der Textebene
erschließt sich der Handlungsbereich analytisch somit über eine Einordnung der
Absender und Adressaten in bestimmte gesellschaftliche Bereiche. Die gesell-
schaftlichen Handlungsbereiche der Kommunikation werden dabei in der Text-
linguistik üblicherweise in die Kategorien . p r i v a t ' , . o f f i z i e l l ' und . ö f f e n t -
lich', teilweise unter Berücksichtigung weiterer Subkategorien wie ,halboffizieir
etc., klassifiziert.52 Mit der Differenzierung in Handlungsbereiche werden die
sozialen Rollen, d. h. die Komplexe von Verhaltenserwartungen, erfasst, in denen
sich die an der Kommunikation beteiligten Personen bewegen.
Bei einer Beschreibung von F u n k t i o n s b e r e i c h e n deutschsprachiger
städtischer Schriftlichkeit im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit wird
implizit von einer funktionalen Binnendifferenzierung des Deutschen in der
Kommunikationspraxis sozialer Organisationsdomänen ausgegangen. Dabei
rückt der Text als Schnittstelle zwischen den gesellschaftlichen Handlungsberei-
chen und den über ihn vermittelten Funktionen innerhalb dieser Handlungsbe-
reiche stärker ins Zentrum der Berrachtung. Der Begriff der Funktion ist dabei
systemtheoretisch im Sinne des Beitrags eines Elements zur Gesamtfunktion des
vollständigen Systems - in diesem Falle des Systems der Kommunikationspraxis
einer Stadt - definiert. Die Zielgerichtetheit von Tätigkeiten und die Zweckbe-
stimmtheit der Texte bzw. der über den Text wahrnehmbaren Textmuster kann
als ihre Funktion bestimmt werden.53
Ausgehend von der Frage, was Texte in Interaktionsakten einer schriftbasierten
urbanen Kommunikation im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit bewir-
ken können, lassen sich die folgenden primären Funktionsbereiche der städtischen
Kommunikationspraxis konstatieren: D o k u m e n t a t i o n (mit den dominanten
Funktionen .erinnern' und .bewahren'), I n f o r m a t i o n (mit der dominanten

51 Vgl. ERMERT. Karl: Briefsorten. Untersuchungen zu Theorie und Empirie der Textklassifikation
(Reihe Germanistische Linguistik 20), Tübingen 1979, S.75.
52 Vgl. u.a. ERMERT: Briefsorten (Anm. 51); SPÄCILOVÄ: Deutsche Testamente (Anm. 38);
SPÄCILOVÄ: Olmützer Stadtkanzlei (Anm. 38).
53 Vgl. DE BEAUGRANDE, Robert-A./DRESSLER, Wolfgang U : Einführung in die Textlinguistik
(Konzepte der Linguistik 28), Tübingen 1981, S. 190; MICHEL, Georg (Hg.): Grundfragen einer
Kommunikationsbefähigung. (Von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Georg Michel),
Leipzig 1985; H E I N E M A N N , WoIfgang/ViEHWEGER, Dieter: Textlinguistik. Eine Einfühtung
(Reihe Germanistische Linguistik 115), Tübingen 1991, S. 148.
144 JÖRG M E I E R

Funktion .informieren'), A p p e l l a t i o n (mit der dominanten Funktion ,kon-


taktieren'), L e g i t i m a t i o n (mit der dominant deklarativen Funktion ,in Kraft
setzen und .bestätigen'), I n s t r u k t i o n (mit der dominant direktiven Funktion
.steuern' und .gebieten').
Bei den angeführten Primärfunktionen städtischer Kommunikationspraxis
ist grundsätzlich von einem Inklusionsverhältnis auszugehen, das die Polyfunk-
tionalität des konkreten Textes begründet. So vermitteln legitimierende Texte
selbstverständlich auch Informationen und informierende Texte nehmen auch
eine Kontaktfunktion wahr, die, verstanden als Bereitschaft zur und Realisierung
von Kommunikation, als Grundvoraussetzung des Kommunizierens angesehen
werden kann. Die Übergänge zwischen den angeführten Typen sind fließend und
lediglich das Dominanzkriterium scheint geeignet - wenn auch nicht zweifelsfrei
und intersubjektiv gültig - die Funktionsbereiche voneinander zu trennen.54

4. Historische Soziopragmatik und Historische Textlinguistik

Eine soziopragmatisch und textlinguistisch orientierte Sprachgeschichte und eine


Synthese von neueren Forschungsergebnissen und -ansätzen der kommunikati-
ven wie textlinguistischen Richtung darf nicht nur formal beschreiben, sondern
muss auch nach gesellschaftlichen und kommunikativen Zusammenhängen fra-
gen. Eine Ambition dabei ist es, Sprachgeschichte nicht als ein Kompendium von
Elementen, Formen und Strukturen sowie ihrer Entwicklung zu sehen, sondern
sie als Destillation aller sprachlichen Erscheinungsformen in dem sozialen, gesell-
schaftlichen, literarischen und medialen Gebrauch zu erkennen. Aussagen und
Äußerungen sollen in ihren Gesamtkontexten erschlossen, das geschichtlich und
gesellschaftlich Bedingte verstanden, das Mitverstandene, das Textsorten-, Kom-
munikationsformen- und Textmuster-Bezogene in der Gesamtheit von Zusam-
menhängen ermittelt werden.
Es ist eine der zentralen Aufgaben eines integrativen Modells Historischer
Soziopragmatik und Historischer Textlinguistik, mit der Erfassung, Beschrei-
bung und Analyse der Textmuster die Interdependenz zwischen soziokultureller
Identität historischer Sozialformationen und ihren kommunikativen Routinen
herauszuarbeiten und der Sprachgeschichtsforschung dadurch einen eigenständi-
gen Teilbereich im Rahmen von Sozial- und Kulturgeschichte zu erschließen.55
Wenn nach relevanten Textmustern einer Kommunikationsgemeinschaft
gesucht wird, dann sind vor allem die institutionalisierten Lebensbereiche einer

54 Vgl. H E I N E M A N N / V I E H W E G E R : Textlinguistik (Anm. 53), S. 149.


55 Vgl. VON POLENZ: Deutsche Sprache und Gesellschaft (Anm. 13), S. 43f; LINKE, Angelika:
„Wer sprach warum wie zu einer bestimmten Zeit?" Überlegungen zur Gretchenfrage der Histo-
rischen Textlinguistik am Beispiel des Kommunikationsmusters .Scherzen' im 18. Jahrhundert,
in: AMMON, Ulrich/MATTHEIER, Klaus J . / N E L D E , Peter H. (Hg.), Historische Soziolinguistik
(Sociolinguistica 13), Tübingen 1999, S. 179-208, hier S. 183.
STÄDTISCHE K O M M U N I K A T I O N 145

Gesellschaft zu betrachten, denn eine Institutionalisierung ist ohne kommuni-


kative Musterbildung nicht denkbar. Dabei wird deutlich, dass die immer wie-
der attestierte große Vielfalt spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Kom-
munikation eher eine s c h e i n b a r e ist, da sich - zumindest unter bestimmten
Prämissen - die untersuchten Texte auf wenige fundamentale Textmuster bzw.
makrostrukturelle Prototypen - wie z.B. narrative, registrative und protokollie-
rende Typen - zurückführen lassen. Doch erst die Kombination der Textmuster
und ihrer zahlreichen Modifikationen führt zu der wahrgenommenen Komple-
xität einer Kommunikationspraxis, wobei fundamentale Muster u.a. über das
Prinzip der Merkmalsreduktion und damit der Prototypikalität sowie über das
Prinzip der unscharfen Mengen ermittelt werden können. Bei der Annäherung
an eine zu schreibende Textgeschichte bzw. Geschichte einzelner Kommunikati-
onsformen des Deutschen eröffnet sich ein Weg über die genaue Beschreibung der
grundlegenden Textmuster einer Kommunikationsgemeinschaft.
Die Textmuster müssen dabei nicht den traditionellen Einteilungen bestimm-
ter Textsorten und auch nicht vorliegenden Klassifikationen der historischen und
archivalischen Wissenschaften entsprechen, sondern sind vielmehr textliche Ein-
heiten auf einer anderen - textstrukturellen - Ebene und als solche auch von dieser
aus zu beschreiben. Nicht erst seit Steger ist es im Rahmen sprachhistorischer For-
schung üblich geworden, Textsorten und ihre Entwicklungen als Periodisierungs-
kriterium in der Sprachgeschichte einzusetzen.56 Dabei werden die mit einem sol-
chen Vorgehen verbundenen Probleme - welche Merkmale konstituieren eine
Textsorte, wo liegen die Grenzen zu benachbarten, aber dennoch verschiedenen
Textsorten etc. - weitgehend ignoriert, obwohl diese in der Vergangenheit immer
wieder Anlass zu durchaus kontroversen Diskussionen gaben.57 Daher sollte sich
eine Historische Textlinguistik von dem Begriff der Textsorte als Kriterium für
eine Textgeschichte des Deutschen weitgehend lösen und vielmehr den Blick auf
die die Texte konstituierenden T e x t m u s t e r in einem gegebenen kommunika-
tiven Raum richten.

56 STEGER: Sprachgeschichte als Geschichte der Textsorten/Texttypen (Anm. 3); STEGER: Sprach-
geschichte als Geschichte der Textsorten (Anm. 3).
57 Vgl. UHLIG, Btigitte: Die Rezension - Eine Textsorte des 18. Jahrhunderts in Deutschland, in:
Sprachgeschichte als Textsortengeschichte, FS zum 65. Gcbuttstagvon Gotthard Lerchner, hg. von
IrmhildBARz/Ulla Fix/Marianne SCHRÖDER und Georg SCHUPPEN ER, Frankfurt a.M./Berlin/
Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien 2000, S. 337-365, hier S. 337.
HEINZ-DIETER HEIMANN

henchin hanauwe
und seine Welt an der Medienschwelle um 1500.
Nachrichten-, brief- und verkehrsgeschichtliche Eindrücke
,fußläufiger' Medien

Mediävistik ist aktuell: Dem Wandel der Mediengesellschaft und der Wissenskul-
turen unserer Tage weiß die Mittelalterforschung mit Orientierungsangeboten
beizukommen. Wer nur auf das traditionell große Gewicht der Buchkultur
schaut, die im Reich der so genannten kleinen Fächer zwischen Codicologie und
Paläographie, zwischen Kalligraphie und Inkunabelwissenschaften einmal breit
aufgestellt war, stößt auf eine reiche Forschungstradition zu Schriftgebrauch und
Verschriftlichungsprozessen, die mit den gegenwärtigen methodischen Positions-
bestimmungen des Faches Raum genug bieten, die heutigen Medieninnovationen
und ihre sozialen Folgeerscheinungen historisch nüchtern abzumessen. Das geht
über die Tragfähigkeit der Anwendung des Begriffs .Medien' auf entsprechend
mittelalterliche Tatbestände weit hinaus.1 Ein weiterer zwischen den verschiede-
nen Disziplinen der aktuellen Mittelalterforschung angesiedelter Hauptstrang
gilt nicht den Medien an und für sich, viel eher der Kommunikationsgeschich-
te, die jüngst anspruchsvoll zwischen „Mediengeschichte und der Geschichte der
sozialen Kommunikation" angesiedelt wurde.2 Als weiterer und ertragreicher For-
schungsstrang in diesem Metier erweist sich nicht weniger die erweiterte Diplo-
matie - mit der ihr medial zuzuordnenden Nachrichtenverkehrsgeschichte, ver-

1 Zum Stand der Modernität der Mediävistik jetzt GOETZ, Hans-Werner/jARNUT, Jörg (Hg.):
Mediävistik im 21. Jahrhundert. Stand und Perspektiven der internationalen und interdisziplinä-
ren Mittelalterforschung, Paderborn 2003; KUCHENBUCH, Ludolf: Sind mediävistische Quellen
mittelalterliche Texte? Zur Verzeitlichung fachlicher Selbstverständlichkeiten, in: GOETZ, Hans-
Werner (Hg.), Die Aktualität des Mittelalters, Bochum 2000, S. 317-354; KELLERMANN, Karina
(Hg.): Medialität im Mittelalter (Das Mittelalter 9.1), Betlin 2004, mit Auswahlbibliographie.
2 Die Fülle der Literatur und die verschiedenen Richtungen innerhalb dieses Diskurses sind hier
nicht annähernd adäquat wiederzugeben, deshalb so auch als vorläufigen Wegweiser DEPKAT,
Volker: Kommunikationsgeschichte zwischen Mediengeschichte und Geschichte sozialer Kom-
munikation. Versuch einer konzeptionellen Klärung, in: SPIESS, Karl-Heinz (Hg.), Medien der
Kommunikation im Mittelalter (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 15), Wiesbaden 2003,
S. 9 - 4 8 , für hier angesprochene Sachverhalte besonders S. 9f, 32-43; WILKE, Jürgen: Grundzüge
der Medien- und Kommunikationsgeschichte. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Köln
2000, differenziert über die Entstehung der Massenmedien zwischen Medien und Kommunikati-
on um 1500. CRIVELLARI, Fabio/KlRCHM ANN, Kay (Hg.): Die Medien der Geschichte. Histori-
zität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive, Konstanz 2004.
148 HEINZ-DIETER HEIMANN

knüpft zur einen Seite mit der Rechts- und Verfassungs- und zur anderen Seite
mit der Sozialgeschichtsforschung.3
Die Aktualität dieser und weiterer ihr zugehöriger Forschungen auf diesem
Feld entbehtt schließlich mit Blick auf die Selbstetikettierungen unserer Zeit mit
ihrer Medienrevolution als .neues' Mittelalter oder Renaissance nicht der Frage,
wo denn in der Kommunikationsgeschichte wie auch in der Mediengeschichte die
Epoche .Mittelalter' ende bzw. die frühmoderne Moderne anzusetzen sei. Diese
Bemerkung sei an den Anfang gestellt, um aktuelle Vorstellungen vom Mittelalter
als Hintergrund mit aufzurufen, vor dem aus Anlass der Konferenz „Vermittlung
von Information im Mittelalter" Boten und Läufern als den unverzichtbaren ,fuß-
läufigen' Medien nachzugehen ist.

1. Vom Echo der Kommunikationsrevolutionen

Schulbücher beantworten die Frage nach dem Ende der Epoche des Mittelalters
für gewöhnlich mit dem Verweis auf Gutenberg und den mit diesem Namen ver-
bundenen Buchdruck. Was hier soweit didaktisch noch vertretbar scheint, wird
weiter gehend zum Ausgangspunkt genommen, ein .Zeitalter Gutenbergs' bis in
unsere Tage zu konstituieren, in deren Medienwandel jene Epoche heute ende.
Mir liegt nun nicht daran, Johannes Gutenberg, den „Mann des (letzten) Jahrtau-
sends", und seine Zunft rund um das Buchgewerbe vom Denkmal epochaler Größe
zu stürzen. Mich bewegen hier eher die Konsequenzen solcher eilig an Gutenberg
festgemachter Zäsuren für das damit verbundene gegenwärtige Geschichtsbild
vom Mittelalter. An zwei Beispielen aus dem gipfelreichen Gebirgszug der Litera-
tur zur Geschichte menschlicher Kommunikation, kultureller Medien und ihrer
sozialen Effekte sei solchen Zusammenhängen nachgegangen. Sie bieten auch
Gelegenheit, den Horizont der Medienschwelle um 1500 am mittelalterlichen
Nachrichtenverkehrswesen zu öffnen.
Michael North reklamierte die „frühneuzeitliche Kommunikationsrevolution"
und erhob damit als Wirtschaftshistoriker sozialgeschichtliche Prozesse im Wech-
sel von Staatsbildung, Öffentlichkeit, Handel, Kapital und Verkehr in ihrer neuen
Qualität im ausgehenden 16. Jahrhundert zu den Faktoren, die den Beginn der

3 Zuletzt SCHWINGES, Rainer C . / W R I E D T , Klaus (Hg.): Gesandtschafts- und Botenwesen im spät-


mittelalterlichen Reich, Ostfildern 2003. Deutlicher als dort ausgewiesen resultieren entsprechend
international aufgenommene Fragestellungen zum Nachrichtenverkehrswesen neben der methodi-
schen Öffnung der Spätmittelalterforschung auch aus dem Echo des so genannten „Postjubiläums
1490-1990". H E I M A N N , Heinz-Dieter: Neue Wege für die Geschichte der Post, in: HZ 253
(1991), S. 661-674; BEHRINGER, Wolfgang: Bausteine zu einer Geschichte der Kommunikation,
in:ZHF21 (1994), S. 92-112.
HENCHIN HANAUWE UND SEINE W E L T 149

(frühneuzeitlichen) Moderne qualifizierten.4 Wolfgang Behringer5 bekräftigte


ähnliche Ansprüche durch seine Untersuchung der Unternehmensgeschichte der
Thurn und Taxis, der systematisierten Verkehrs- und Betriebswege eines europa-
weit regulierten Postkutschenwesens und dessen Bedeutung für die Verbreitung
der Zeitungswesens, um daran eine neue Zeit der Mobilität und des Wissens zu
qualifizieren.
Der hier eingebrachte Revolutionsbegriff ist strukturgeschichtlich gemeint.
North und Behringer verschieben darüber methodisch und periodengeschicht-
lich die der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts gemeinhin nachgesagte
Qualität, durchaus im Sinne älterer Wirtschaftshistoriker wie Werner Sombart,
um zwei Jahrhunderte zurück ins ausgehende 16. Jahrhundert. Das mag plau-
sibel sein. Der Effekt aber für das Verständnis der vorausgehenden Epoche? Sie
konstruieren bzw. konstituieren die Frühneuzeit soweit aus der Perspektive der
Modernisierungstheorie, blenden hingegen die mittelalterlichen Faktoren aus. Sie
vermitteln für ihre Untersuchungszeit eine Fortschrittlichkeit auf diesem Gebiet,
in der sie - überspitzt formuliert - die Rückständigkeit des Mittelalters leichthin
illustrieren, ein auch antiquiertes Verständnis vom Mittelalter vorgeben.
Mein zweites Beispiel aus einer Reihe entsprechender Forschungen gilt Alei-
da Assmann und ihren Markierungen der „Medienschwelle" um 1500. Sie führt
die Neukonzeption der Schrift im Übergang zum Buchdruck an und konstatiert
in Anlehnung unter anderem an Elisabeth Eisenstein und Michael Giesecke den
Beginn des Druckzeitalters um 1500 in der neuen Buchkultur.6 Diesen promi-
nent erforschten medialen Umbruch qualifiziert sie - und darin steht sie nicht
allein - mit der neuen Rolle des Buches insbesondere als Speichermedium, um
technik-, kultur- und sozialgeschichtlich daran den Demokratisierungsanspruch
als Grundzug eines bis in die Vernetzung der Postmoderne ausgedehnten Epo-
chenzusammenhangs auszumachen. Eben das Buch wird von ihr als Vehikel sozi-
alen Wandels in der Frühneuzeit reklamiert, was gar nicht zu bestreiten ist. Aber
die Rolle des Buches in der mirrelalterlichen Gesellschaft seit dem 12.Jahrhun-

4 N O R T H , Michael: Kommunikationsrevolutionen. Die neuen Medien des 16. und 19. Jahrhunderts,
Köln/Wien 1995; N O R T H , Michael: Kommunikation, Handel, Geld und Banden in der frühen
Neuzeit, München 2000.
5 BEHRINGER, Wolfgang: Thurn und Taxis. Die Geschichte ihrer Post und ihrer Unternehmen.
München 1990; BEHRINGER, Wolfgang: Veränderung der Raum-Zeit-Relation. Zut Bedeutung
des Zeitungs- und Nachrichtenwesens während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in: VON
KRUSENSTJERN, Benigna u.a. (Hg.), Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg
aus der Nähe, Göttingen 1999, S. 39-81.
6 Beispielsweise ASSMANN, Aleida: Zur Neukonzeption von Schrift an der Medienschwelle um
1500, in: Tausend Jahre Abendland. Die großen Umbrüche. Frankfurt a.M. 1999, S. 125-147;
GIESECKE, Michael: Der Buchdruck in der Frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die
Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, Frankfurt a.M. 1991, mit
der kritischen Rezension aus mittelaltergeschichtlicher Perspektive NEDDERMEYER, U.: Wann
begann das „Buchzeitalter", in: ZHF 20 (1993), S. 205-216; EISENSTEIN, Elizabeth Li Die Dru-
ckerpresse. Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa, Wien 1997, die bereits in vorausge-
gangenen Arbeiten von einer „unacknowledged revolution" spricht.
150 HEINZ-DIETER HEIMANN

dert wird von ihr vergessen; so blieb auch das schrift- und buchtechnisch wegwei-
sende Didascalicon des Hugo von St. Viktor ungenannt. Deshalb auch ist hier Falk
Eisermann zu folgen, der unlängst die Reserven in den verschiedenen Disziplinen
gegenüber dem Begriff .Medienrevolution' zusammenstellte und diesen für den
ihm wesentlichen Bereich der Drucküberlieferung im 15. Jahrhundert ablehnte,
um eine gewisse Sonderrolle des Buchdrucks, eine .Medien-Evolution', wenn man
so will, gelten zu lassen.7
Meine These deshalb: Die angeführte Medienschwelle um 1500 lässt sich nicht
allein in einer Buch-Technik-Folgegeschichte adäquat ermessen. Die Nachrichten-
verkehrsgeschichte erlaubt auch andere Zeitsetzungen. Als sozusagen Nabel-
schnur des gefassten Informationsgeschehens zeigt sich in einem weiter reichen-
den Maße ein Wettlauf konkurrierender Benachrichtigungssysteme, in dem die
Kommunikations- wie auch die Mediengeschichte verzahnt mit der Verfassungs-
geschichte auffällt: Ältere dezentrale Organisationsformen werden durch jünge-
re, zentralisierte Formen überformt und schließlich verdrängt.8 Die Qualität des
dezentral organisierten spätmittelalterlichen Nachrichtenverkehrswesens zu erfas-
sen, heißt, dem Boten- und Briefwesen ausdrücklicher nachzugehen und die ange-
führte Medienschwelle deutlicher auch nach den Eindrücken dieser .fußläufigen'
Medien zu umreißen.

2. Zwischen ars scribendi und newe zitung

7M den Leitmedien europäischer Kultur- und Gesellschaftsentwicklung gehört


seit dem 12. Jahrhundert der von der strengen Urkundenform sich lösende Brief
als mediale Grundform verschriftlichter Kommunikationsweisen für unterschied-
lichste soziale Gruppen und Herrschaftsträger. Die „Erschütterung der Welt" -
wie man die Wende des Investiturstreits künftig von Paderborn aus auch nennen
wird - wäre ohne das Briefwesen wohl anders verlaufen. So macht das Aufblü-
hen der ars dictamini an den neuen Universitäten den Brief zum Spiegel der sich

7 Immer wieder wegweisend ILLICH, Ivan: Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moder-
ne entstand, Frankfurt a. M. 1990. Siehe dazu auch KUCHENBUCH (Anm. 1). Im weiteren Zusam-
menhang BERNDT, Rainer SJ (Hg.): Schrift, Schreiber, Schenker. Studien zur Pariser Abtei Sankt
Viktor und den Viktorianern, Berlin 2005; SCHANZE, Frieder: Der Bruchdruck eine Medienre-
volution?, in: HAUG. Walter (Hg.), Mittelalter und frühe Neuzeit, Tübingen 1999, S. 286-311;
EISERMANN, Falk: Bevor die Blätter fliegen lernten. Buchdruck, politische Kommunikation und
die „Medienrevolution" des 15.Jahrhunderts, in: SPIESS, Karl-Heinz (Hg.), Medien der Kommu-
nikation im Mittelalter (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 15), Wiesbaden 2003, S. 289-
320, hier S.309. Neuerlich EISERMANN, Falk: Vilgrozer brefe sint angeslagen. Typographie und
öffentliche Kommunikation im 15. Jahrhundert, in: Literatur - Geschichte - Literaturgeschichte,
FS Volker Honemann zum 60. Geburtsstag, hg. von Nine MIEDEMA und Rudolf SUNTRUP,
Ftankfurt a. M./Berlin 2003, S. 481-502.
8 Ausführlicher H E I M A N N , Heinz-Dietet: Räume und Routen in der Mitte Europas. Kommunika-
tionspraxis und Raumerfassung, in: MORAW, Peter (Hg.), Raumerfassung und Raumbewußtsein
im späteren Mittelalter (Vorträge und Forschungen 49), Stuttgart 2002, S. 203-231.
HENCHIN HANAUWE UND SEINE W E L T 151

sozial formierenden ständischen Gesellschaft und markiert neben dem zugleich


funktional definierten Buch, wie es Hugo von St. Viktor zeigt, einen qualitativen
Schub in der schriftgebundenen Medienkultur und europäischen Literalität, der
begleitet von wenn auch bescheidener Alphabetisierung bald neue Formen des
Geschäftsschriftgutes erlaubte.9
Auf dieser Grundlage stieg zum 14. Jahrhundert hin das Korrespondenzwesen
quantitativ und qualitativ geradezu explosionsartig an und die Konsequenzen
zeigen sich ebenso im Beginn eines .Aktenzeitalters', im Kanzlei- und Gesandt-
schaftswesen wie in der Formierung der Individualitäten und Identitäten durch
privates Schreiben.'0 In den einzelnen europäischen Städtelandschaften zeigt sich
diese Entwicklung vielförmig, freilich zunächst mit Entwicklungsvorsprüngen in
Oberitalien gegenüber Deutschland, bis sich hier dann im 15. Jahrhundert Nürn-
berg als eines von mehreren funktionalen Nachrichtenzentren im Reich und für
das Reich herausbildete, mit weit ausgeprägteren Leistungspotentialen als der
Großteil landesherrlicher Kanzleien." Die Reichsverwaltung bzw. die Königs-
dynastie zog in dieser Entwicklung aus strukturellen und außenpolitischen
Veränderungen im Kreis der europäischen Mächtewelt erst im letzten Viertel des
15. Jahrhunderts nach.

9 Grundlegend CONSTABLE, Giles: Letters and Letter-Collections, Tornhout 1976; WORSTBROCK,


Franz-Josef (Hg.): Der Brief im Zeitaltct der Renaissance, Weinheim 1983; WORSTBROCK, Franz-
Josef/KLAES, Monika/LüTTEN, Jutta: Repertorium der Artes dictandi des Mittelalters, Teil I: Von
den Anfängen bis um 1200, Münster 1992; KELLER, Hagen: Vom „heiligen Buch" zur Buchfüh-
rung. Lebensfunktionen der Schrift im Mittelalter, in : FMSt 26 (1992), S. 1-31; BAURMANN, Jür-
gen (Hg.): homo scribens. Perspektiven der Schriftlichkeitsforschung, Tübingen 1993; BAI.ARD,
Michel (Hg.): La circulation des nouvelles au Moyen Age, Paris/Rom 1994; FRIED, Johannes
(Hg.): Dialektik und Rhetorik im frühen und hohen Mittelalter, München 1997; POHL, Walter/
HEROLD, Paul (Hg.): Vom Nutzen des Schreibens. Soziales Gedächtnis, Herrschaft und Besitz im
Mittelalter (Denkschriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-
Historische Klasse 306, Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 5), Wien 2002.
10 WENZEL, Horst (Hg.): Gespräche - Boten - Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im
Mittelalter (Philologische Studien und Quellen 143), Berlin 1997; H E I M A N N , Heinz-Dieter/
HLAVÄCEK, Ivan (Hg.): Kommunikationspraxis und Korrespondenzwesen im Mittelalter und in
der Renaissance, Paderborn 1998, mit entsprechenden Beispielen. Ferner hier Anm. 12.
11 SlLAGl, G.: Landesherrliche Kanzleien im Spätmittelalter, 2 Bde., München 1984; H E I N I G , Paul-
Joachim: Der König im Brief. Herrscher und Hof als Ihema aktiver und passiver Korrespondenz
im Spätmittelalter, in: HEIMANN/HLAVACEK (Hg.), Kommunikationspraxis (Anm. 10), S. 3 1 -
51; W Ü S T , Wolfgang: Reichsstädtische Kommunikation in Franken und Schwaben. Nachrich-
tennetze für Bürger, Räte und Kaufleute im Mittelalter, in: ZBLG 62 (1999), S. 681-707; VON
SEGGERN, Harm: Das Botenwesen Friedrichs III. (1440-1493). Eine europäische Besonderheit?
in: SCHNABEL-SCHULE, Helga (Hg.), Vergleichende Perspektiven - Perspektiven des Vergleichs,
Mainz 1998, S. 67-122; VON SEGGERN, Harm: Herrschermedien im Spätmittelalter. Studien zur
Informationsübermittlung im burgundischen Staat unter Karl den Kühnen, Ostfildern 2003. Zum
Verhältnis von Politik und Emotionalität in persönlichen Fürstenbriefen MÜLLER, Mario: Herr-
schermedien und Freundschaftsbeweis. Der hohenzollerische Briefwechsel im 15. Jahrhundert, in:
KELLERMANN (Hg.), Medialität (Anm. 1), S. 44-55 im Vorgriff auf weiter gehende Daten und
Studien.
152 HEINZ-DIETER HEIMANN

Zum zeitgenössischen Massenschriftgut, das Kanzlei- und Verwaltungsbriefe,


zunehmend auch persönliche Briefe und humanistische Korrespondenzen bilde-
ten, äußert sich nicht nur eine „Blüte" des volkssprachlichen Briefwesens, wie es
Georg Steinhausen in der bis dato einzigen Geschichte des deutschen Briefwesens
vor mehr als 100 Jahren notierte. Nach Praxis, Theorie und Überlieferungsbefund
avancierte vielmehr nun der Brief, eben der Sendbrief, zu einem bis heute sozial
offenen, d. h. von jedermann in Anspruch zu nehmenden Medium in den Hän-
den von Boten. Als vielseitig funktionierendes Schreib- und .Bildmedium' gab
dieser Brieftyp nun gleichsam die Mutterform für das mediendifferenzierte Infor-
mations- und Nachrichtenverkehrsgeschehen ab, aus dem die - später kommer-
zialisierte - Zeitung zunächst als kopierte (Bei-)zettel und newe zitung erwuchs.
Der alltägliche Gebrauch des sich typologisch und in den Nutzungsschichten dif-
ferenzierenden Briefwesens macht dieses Medium zur integralen Komponente der
Geschichte der Öffentlichkeitsbildung, nicht weniger als der der Ausbildung von
Individualitäten und Identitäten, im Kontext des Geschäftslebens nicht weniger
als in dem des Religiösen oder der politischen Propaganda.12 Mündlichkeit im
Informationsfluss war damit freilich nicht aufgehoben, die gebildete Rede und
das Gerücht, gemain sag, geschrei, stehen dafür. Im Briefwesen spiegelt sich struk-
turgeschichtlich der Zusammenhang von wachsender Schriftlichkeit und einer
sich seit dem 12. Jahrhundert ausdifferenzierenden Gesellschaft mit wachsender
raumgreifender Mobilität, mit erweitertem Weltwissen und neuen Organisations-
ansprüchen. Das - grob gesprochen - 13. Jahrhundert, von J. Le Goff überhaupt
als das „Jahrhundert der Organisation" qualifiziert, erscheint von hier aufs Ganze
gesehen als Inkubationszeit der informations- und mediengebundenen Dienstlei-
stungskultur. 0 Das Briefwesen und seine funktionale Breitenwirkung kann daher
als Entwicklungs- bzw. als Steuerungsindikator sozialen Wandels begriffen wer-
den, dessen technisch-mediales Wirksamwerden auf den Menschen selbst - aktiv
und passiv - angewiesen war. Dazu gab es keine alternativen technischen Prothe-
sen, um Raum und Zeit horizontal zu überbrücken. Die Funktion des Briefwe-

12 Bisher als Quellensammlung unersetzt STEINHAUSEN, Georg: Geschichte des deutschen Briefes.
Zur Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Leipzig 1891; NICKISCH, Richard M.G.: Brief, Stutt-
gart 1991; BEYRER, Klaus/TÄUBRICH, Hans Christian (Hg.): Der Brief- Eine Kultutgeschichte
der schriftlichen Kommunikation, Heidelberg 1996. Fußend auf Steinhausen das von Klaus
ARNOLD herausgegebene Lesebuch In Liebe und Zorn. Briefe aus dem Mittelalter, Sigmaringen
2003; VAN DÜLMEN, Richard (Hg.): Entdeckung des Ich. Die Geschichte der Individualität vom
Mittelalter bis heute, Köln 2001; GRIESE, Sabine: Viel Andacht gehabt vor den heiligen Briefen.
Der private Gebrauch des gedruckten Bildes im 15.Jahrhundert, in: KAMMEL, Frank Matthias
(Hg.), Im Zeichen des Christuskindes. Privates Bild und Frömmigkeit im Spätmittelalter, Nürn-
berg 2003, S. 16-29; LUTTER, Christina: Politische Kommunikation an der Wende vom Mittel-
alter zur Neuzeit, Wien 1998; BEYRER, Klaus/DALLMEiER, Martin (Hg.): Als die Post noch Zei-
tung machte, Gießen 1994; W I L K E : Grundzüge (Anm. 2), S. 18-25.
13 H E I M A N N , Heinz-Dieter: Zur Visualisierung städtischer Dienstleistungskultur. Das Beispiel der
kommunalen Briefboten, in: Visualisierung städtischer Ordnung. Zeichen - Abzeichen - Hoheits-
zeichen (Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1993), S. 22-37; HEIMANN: Räume
(Anm. 8).
HENCHINHANAUWE UND SEINE W E L T 153

sens - ausweislich so greifbarer Informationsströme und informeller Geschehnis-


se - hing von der Effizienz der Leistungen der Boten ab, deren Anerkennung sich
denn auch in der Rechts- und Verwaltungsgeschichte abbildete.

3. haenschen hanauwe und sein Mitläufer

Die Grundform des mittelalterlichen Nachrichtenverkehrswesens resultiert


aus den rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen des nachkarolingischen
Lehnswesens und seiner Ausdifferenzierung. Ungleich den zentralen Strukturen
des antiken Staatswesens, auch im Nachrichtenverkehrs- und Straßenwesen, fie-
len derlei Aufgaben und Leistungen aus dem spätantiken Wandel in die Verant-
wortung der sich formierenden einzelnen sozialen Verbände, Korporationen und
ihrer Hierarchien, abgesehen von der mittelalterlichen Papstkirche, die als einzige
übergreifende Institution kommunikativ wirkte.14 Entlang dieser Strukturen, die
überwiegend auch den Nachrichtenbedarf des Fernhandels und des Wirtschaftsle-
bens formierten, entfalteten sich Mündlichkeit und Schriftlichkeit, der Übergang
von der überwiegend oralen zur nach und nach auch literalisierten Kommunika-
tion, wobei Mobilität und Internationalität diesen Geschehenszusammenhängen
nicht fremd waren.
Aus Bedürfnissen der Verbände und Gruppen resultierten daher aufs Ganze
gesehen entsprechende primäre Kommunikationskreise und in der Fläche ein folg-
lich dezentrales, in der Menge der Teile auf die gesamten zentralen Siedlungszonen
und ihre Peripherien sich erstreckendes, parallel strukturiertes Unterrichtungs-
und Benachrichtigungssystem von königlichen Beauftragten (missi dominici,
legati) bis zu gelegentlich beanspruchten Botendiensten von Angehörigen der
Grundherrschaften, Klöstern und Dienstnehmern weltlicher und geistlicher
Herrschaftsträger.15 Mit der Entfaltung des Städtewesens seit dem 12.Jahrhun-

14 JANKUHN, Herbert u.a. (Hg.): Untetsuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühge-
schichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa, Teil 5: Der Verkehr. Verkehrswege, Verkehrsmittel,
Organisation, Göttingen 1989; ADAM, Hildegard: Das Zollwesen im Fränkischen Reich und das
spätkarolingische Wirtschaftsleben. Ein Überblick über Zoll, Handel und Verkehr im 9. Jahrhun-
dert (Beihefte der Vierteljahrschrit für Wirtschafts- und Sozialgeschichte 126), Stuttgart 1996;
H E I M A N N , Heinz-Dieter: Verkehrswege und Reisen im frühen Mittelalter, in: 799 - Kunst und
Kultur der Karolingerzeit, Ausstellungskatalog, hg. von Christoph STIEGEMANN und Matthias
WEMHOFF, Bd. 3: Essays, Mainz 1999, S. 417-423; WEISS, Stefan: Die Urkunden der päpstlichen
Legaten von Leo IX. bis Coelcstinlll. 1049-1198, Köln/Wien 1995; MALECZEK, Werner: Die
päpstlichen Legaten im 14. und 15.Jahrhundert, in: S C H W I N G E S / W R I E D T (Hg.), Botenwesen
(Anm. 3), S. 33-86.
15 KUCHENBUCH, Ludolf: Bäuerliche Gesellschaft und Klosterherrschaft im 9. Jahrhundert. Studien
zur Sozialstruktur der Familia der Abtei Prüm (Beihefte der Vierteljahrschrift für Wirtschafts-
und Sozialgeschichte 66), Wiesbaden 1978; ELZE, Reinhard: Über die Leistungsfähigkeit von
Gesandtschaften und Boten im 11.Jahrhundert, in: PARAVICINI, Werner/WERNER, Karl-Ferdi-
nand (Hg.), Histoire comparee de l'administration (Beiheft Francia9), München 1980, S. 3-10;
SCHÄFER, Roland: Zur Geschwindigkeit des „staatlichen" Nachrichtenverkehrs im Spätmittelal-
ter, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Steiermark 76 (1985), S. 101-121; ZULLIGER, }.:
154 HEINZ-DIETER HEIMANN

dert ist eine neue Entwicklung abzusehen, die verknüpft mit der Genese der kom-
munalen Verfassung sowie den wachsenden externen Kontakten die Einrichtung
von spezifischen Boten bzw. entsprechenden Personaldienststellen fördert. Kor-
respondierend mit der Handhabe des pragmatischen Schrifttums und dem Ent-
wicklungsvorsprung der städtedichten Regionen Oberitaliens und Flanderns,
ihrer städtischen Gewerbe, Zünfte, der Handelsgesellschaften, Banken und hier
auch der Universitäten, lassen sich dort vetgleichsweise früh cursores, Boten, teils
auch freie, nachweisen.16 Diese Daten sind zugleich Grundelement der mit dem
Städtewesen über die traditionelle Epochenzäsur des Mittelalters hinaus verbun-
denen frühmodernen Dienstleistungskultur.
Entsprechend lässt sich statistisch nun eine weitere Formierung dieses städti-
schen Botenwesens im ausgebildeten Städtewachstum bis ins weitere 14. Jahrhun-
dert ausmachen. Damit wird im kommunalen Raum zeitlich früher als auf der
politisch-territorialherrschaftlichen Ebene eine raumgreifende Grundstruktur
des Nachrichtenverkehrswesens fassbar, die regional gegliedert ist und auch hier-
archisch funktioniert. Je nach Potenz der Städte werden bis ins 15. Jahrhundert
zwischen einem und fünf haupt- und nebenamtlich beschäftigte Boten für die
Bewältigung des schriftlichen und mündlichen Nachrichtenverkehrs - und fall-
weise bei Gesandtschaftsreisen - herangezogen. Vom Rat vereidigte Boten han-
delten vorzugsweise als weisungsgebundene Übermittler, nicht wie ein ratssässi-
ger Gesandter, dabei im Regelfall sichtbar legitimiert durch Amtszeichen, aber
auch durch eine über die Regelmäßigkeit der Kontakte gewachsene persönliche
Bekanntschaft mit den Adressaten. Vereidigt auf den Schutz der Stadt, standen
zumal die Hauptboten in vertraglich definierten Dienstverhältnissen, sachlich
zumeist dem Protonotar unterstellt, mit vereinbartem Meilen- bzw. Dienstgeld,
Sondervergütungen für (Dienst-)Kleidung, aber auch für Kohle, Krankengeld
oder gar eine Dienstwohnung und Rente.17
Die Effektivität dieses dezentral strukturierten Botenwesens korrelierte mit
der von der jüngeren Verwaltungsgeschichtsforschung im 15. Jahrhundert aus-

„Ohne Kommunikation würde Chaos herrschen". Zur Bedeutung von Briefverkehr und Boten bei
Bernhard von Clairvaux, in: AKG 78 (1996), S. 251-276.
16 SZABO, Th.: Botenwesen, in: LexMA 2 (1983), Sp. 484-486; SCHNEIDMÜLLER, Bernd: Boten
und Briefe im Mittelalter, in: LOTZ (Hg.), Deutsche Postgeschichte (Anm. 23), S. 10-13.
17 Mit einzelnen Nachweisen für größere und mittlere Städte des engeren Reichsgebiets und nähe-
ren verwaltungsgeschichtlichen Daten u. a. für Köln, Trier, Aachen, Maastricht, Wesel. Ftankfurt.
Nürnberg, Konstanz und Straßburg H E I M A N N , Heinz-Dieter: Brievedregher. Kommunikations-
und alltagsgeschichtliche Zugänge zur vormodernen Postgeschichte und Dienstleistungskultur, in:
Kommunikation und Alltag in Spätmittelaltet und Früher Neuzeit (Veröffentlichungen des Insti-
tuts für Realienkunde 15), Wien 1992, S. 250-292; H E I M A N N : Visualisierung (Anm. 13); W Ü S T :
Kommunikation (Anm. 11); HÜBNER, Klara: Botenwesen und überregionale Nachrichtennetze
als Innovationen spätmittelalterlicher Städte im eidgenössischen Raum, in: GILOMEN, Hans-Jörg
(Hg.), Innovationen, Voraussetzungen und Folgen - Antriebskräfte und Widerstände, Zürich
2001, S. 321-328; HÜBNER, Klara: „Nüwe mer us Lamparten". Entstehung, Organisation und
Funktionsweise spätmittelalterlicher Botenwesen am Beispiel Berns, in: S C H W I N G E S / W R I E D T
(Hg.), Botenwesen (Anm. 3), S. 265-286, die leider Teile der jüngeren Forschungsliteratur zum
Vergleich hier ausblendet. Zum sozialen Status der Boten ibid., S. 276 -281.
HENCHINHANAUWE UND SEINE W E L T 155

gemachten Explosion des Brief- und Korrespondenzwesens, was aber auch heißt,
dass umgekehrt die Verdichtung und Beschleunigung im mündlich/schriftlich
organisierten Informationsaustausch in der Organisationsleistung und der Funk-
tionalität insbesondere des städtischen Botenwesens gründete. Dieses in der Flä-
che präsente städtische Botenwesen schrumpfte also nicht in einer Zeit, die struk-
turell durch die Intensivierung frühmoderner Staatlichkeit auf der Ebene der
Territorien und zeitversetzt auch des Reiches auffällt, im Gegenteil. Nicht nur die
Führungsgruppen der potenteren und um wirtschaftliche und politische Einfluss-
möglichkeiten beim König, der Kurie, bei den Landesherren suchenden Städte
investierten in derartige Verwaltungseinrichtungen ihrer Kanzleien. Diese Ent-
wicklung ist abgestuft flächendeckend ablesbar und zeitigt - unbeschadet der
Tatsache weiterer gruppenspezifischer Boten und Gelegenheitsbeauftragter - ein
stadtamtlich bis berufsständisch organisiertes kommunales Botenwesen, das ver-
bunden mit der Identität der Stadt ein maßgebliches Instrumentarium zur inne-
ren und äußeren Gestaltung städtischer Lebenswelt meint.
Die hierzu erst ansatzweise ausgewerteten Akten, Missivbücher und Stadt-
rechnungen spiegeln die entstehende behördliche und später auch eher betriebs-
wirtschaftliche Struktur dieses Benachrichtigungssystems. Sozialgeschichtlich
lassen sie den städtischen Personenhaushalt rangniedriger Dienstleute erkennen,
der botten und läufer, ritent boten, zubotten oder louffende boiden mit der silveren
bussen. Ihre Namen geben Hinweise auf regionale Herkunft, lassen soziale Karrie-
ren ausmachen und sind bald auch stadtamtlich .bildlich' dokumentiert, wie in
Frankfurt am Main z.B. der Bote henchyn hanauwe{i in seiner ausweisartig ge-
nutzten in den Stadtfarben gearbeiteten Amtstracht und ihren berufsspezifi-
schen Attributen. So legitimiert hatten diese Boten in der Regel ihre Arbeits- und
,Reise'-Welt zu gestalten, wenn es denn die Situation so erforderte.
Dort, wo für Städte im engeren Reichsgebiet, für Österreich und die schwei-
zerische Eidgenossenschaft Nutzungsstruktur und Disposition des ausgebildeten
Botenwesens untersucht werden konnten, zeigen sich um 1500 Innovationen und
Effektivität des Botenwesens für Räte, Bürger, Wirtschaft, Handel und Diplo-
matie ähnlich. Veranschaulichen lässt sich diese Leistung auch im Aufkommen
und Fortschreiben von Botendienstverträgen und Botenordnungen, wie z.B. für
Straßburg.19 Für Straßburg haben sich vom frühen 15. Jahrhundert bis in die Mit-
te des 16. Jahrhunderts eine Reihe detaillierter Ordnungen über die wachsende
Ausgestaltung des vielgliedrigen städtischen Botenwesens und seiner Routen

18 Stadtarchiv Frankfurt a.M., Boten-/Bürgermeisterbücher Nr. 23, 24; H E I M ANN: Brievedregher


(Anm. 17), S. 260.
19 BRUCKER, J. (Hg.): Die Straßburger Zunft- und Polizeiordnungen des 14. und 15.Jahrhunderts,
Straßburg 1899; EHEBERG, Karl Th. (Hg.): Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte
der Stadt Straßburg bis 1681, Straßburg 1899; LAUFFER, Otto: Der laufende Bote im Nachrich-
tenwesen der früheren Jahrhunderte. Sein Amt, seine Ausstattung und seine Dienstleistungen, in:
Beiträge zur deutschen Volks- und Altertumskunde 1 (1954), S. 19-60; GACHOT, Henri: Louffen-
de Botten. Die geschworenen Läuferboten und ihre Silberbüchsen mit besonderer Berücksichti-
gung der Straßburger Botenordnungen, in: Archiv für deutsche Postgeschichte 1994.2, S. 1-19.
156 HEINZ-DIETER HEIMANN

erhalten. Die älteste Botenordnung enthält bereits dienst-, arbeits- und reiserecht-
liche Bestimmungen. Nachfolgend wird hier die Funktion der Boten als Teil der
sozialen Öffentlichkeit definiert und konstituiert in der Weise, dass ihre Indienst-
nahme nicht dem alleinigen Anspruch des Rates vorbehalten ist, sie also nicht
ausschließlich wie Kuriere arbeiteten, sondern dass ihre Dienste statuarisch fest-
gelegt ausdrücklich jedermann zur Verfügung standen - gegen Zahlung entspre-
chender Gebühren.20 Deutlich gesagt: Die städtischen Boten konnten somit von
jedermann zum Zwecke privater Übermittlung von Nachrichten und Sachgütern
eingesetzt werden.
Diese soziale Qualität der Benutzbarkeit eines bedarfsgemäß funktionieren-
den Nachrichtensystems für jedermann gehört im 15. Jahrhundert zum Struktur-
merkmal des Mediengebrauchs, Informationswesens und organisierter Meinungs-
bildung.21 Daneben zeigt sich in dieser Entwicklung eine Wechselbeziehung
zwischen innerstädtischen Reformprozessen und Verbesserungen des Nachrich-
tenverkehrswesens. Die Ordnungen zeigen ferner, wie die Regulierungsdichte der
Betriebsabläufe angesichts wachsender Informationsnachfrage intensiviert wurde,
eine Funktionskontrolle mit der Tendenz einer Professionalisierung der fußläufi-
gen und reitenden .Datenträger' einsetzte und in diesem Sektor in Verpachtungen
dieser Leistungen ein betriebswirtschaftliches Denken Platz ergriff.
Boten rechneten dabei nicht nur Reisen ab. Sie sammelten auch spezielles
Wissen um Land und Leute. Ihre .Reisen' und ihr .Unterwegssein' trug ihnen
ein (Fach-)Wissen ein, das einen eigenen Wert in sich barg. Ihr praktisches Wis-
sen um Wege, Furten, Fähren, Brücken, Geleite oder nur um Namen und lokale
Gelegenheiten machte eine so nicht mehr ganz ferne Ferne zur Nähe, trug mithin
zum Wandel des Weltbildes im Kleinen und eines so zugleich vergrößert wahrge-
nommenen Europa bei. In der Straßburger wie auch der Nürnberger Ratskanzlei
beispielsweise wusste man um den Vorteil dieses Wissens. Denn hier gingen die
praktischen Reiseerfahrungen in das geschützte Wissen der Obrigkeit ein, wur-
den aber auch sekundärer Teil entstehender Deutschland- bzw. Europabeschrei-
bungen, wie beispielsweise in der gedruckten Chronistik des Straßburgers Kasper
Hedio oder in Nürnberg, dem auch informellen centrum Europae um 1500, im
Fall der gedruckten Kartenwelt eines Erhard Etzlaub und seiner Nachfolger.22

20 EHEBERG (Hg.): Straßburg (Anm. 19), Nr. 223, 279 passim.


21 Dazu auch BULST, Neithard: Normative Texte als Quelle zur Kommunikationsstruktur zwischen
städtischen und territorialen Obrigkeiten im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, in:
Kommunikation und Alltag im Spätmittelalter und Früher Neuzeit (Veröffentlichungen des Insti-
tuts für Realienkunde 15), Wien 1992, S. 127-144; MÜLLER, Albert: Mobilität - Interaktion -
Kommunikation. Sozial- und alltagsgeschichtliche Bemerkungen anhand von Beispielen aus dem
spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichem Österreich, in: ibid., S. 219-250; HÜBNER: Kommu-
nikation (Anm. 11); HÜBNER: Lamparten (Anm. 17); WÜRGLER, Andreas: Boten und Gesandte
an den eidgenössischen Tagsatzungen, in: S C H W I N G E S / W R I E D T (Hg.), Botenwesen (Anm. 3),
S. 287-312.
22 H E I M A N N , Heinz-Dieter: Dorfbild - Ereignisbild - Weltbild. Die neue Sicht der „kleinen"
Welt in frühen Kartenwerken, in: RöSENER, Werner (Hg.), Kommunikation in der ländlichen
Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für
Geschichte 156), Göttingen 2000, S. 189-209.
HENCHINHANAUWE U N D SEINE WELT 157

4. Und die Konkurrenz? - Im Schatten der Postreiter

Was unterscheidet dieses soweit bedarfsgerecht und in der Zahl der Städte flächen-
deckend funktionierende Botenwesen, das jedermann zugänglich war, von den
Postreitern der Taxis-Betriebe? Worin äußerte sich die Rivalität zwischen diesem
und jenem städtischen .Betrieb', und was ließ das städtisch-mittelalterliche Boten-
wesen an der Medienschwelle um und nach 1500 als rückständig erscheinen?
Die aus dem oberitalienischen Bergamo vom Haus Habsburg engagierten Tassis
leisteten nach entsprechenden Vorbildern ausschließlich für das Kaiserhaus den
vertraglich und betriebswirtschaftlich organisierten Aufbau und Unterhalt eines
in fest installierten Linien ausgerichteten Stafetten-Reiterdienstes.23 Sie installier-
ten ab 1490, dem emblematischen Jahr der Gründung der nachmalig erst gebilde-
ten (Reichs-) Post, ein Kuriersystem. Der Anspruch des 1490 erstmals zwischen
Innsbruck und Mechelen (Brüssel) organisierten Stafetten-Kuriersystems ent-
sprang und entsprach der Struktur des habsburgischen Herrschaftsgebietes zwi-
schen Österreich und Burgund und seinem Bedürfnis, politische Aktionen der
Herrscherfamilie schnellstmöglich zu initiieren bzw. kontrolliert zu koordinie-
ren. Das Kuriersystem der darüber bald in entsprechend diesen Anforderungen
eingerichteten weiteren Linien war nicht, noch nicht, das, was man gemeinhin
mit dem Begriff,Post' verbindet. Es war zunächst ein abgeschlossenes herrschafts-
technisches Steuerungsinstrument, das vorrangig den gestiegenen Anforderungen
der dynastischen Großherrschaft zu genügen hatte, das aber keineswegs legaliter
jedermann zur Verfügung stand. Dieses Kuriersystem arbeitete in gebotener Wei-
se folglich nicht flächendeckend und funktionierte auf der Basis von ausgehan-
delten Verträgen zwischen dem Unternehmer Franz von Taxis (1459-1517) und
dessen Nachfolgern aus der Familiengemeinschaft derer von Taxis mit dem Kai-
serhaus.
Die Exklusivität aber ließ sich nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Ver-
schuldung der Habsburger und der häufigen Illiquidität ihrer Staatskasse bei
dem Unternehmer Taxis nicht in der ursprünglichen Weise aufrechterhalten,
so dass der risikobereite Unternehmer jede Gelegenheit nutzte, die Nutzbarkeit
des privilegierten Kuriersystems für die Benutzung von privater Post zu öffnen.
Die Planmäßigkeit des Ausbaus der Linien zwischen den europäischen Höfen
der Habsburger führte zu einem transnationalen Liniennetzwerk eines dynasti-
schen Postwesens. In Verträgen wie dem vom November 1516 wurde bestimmt,
„die Posten sind nur für königliche Briefe und Geschäfte in Bewegung zu set-

23 NORTH, Gottfried: Die Post. Ihre Geschichte in Wott und Bild, Heidelberg 1988, S. 31-34; 500
Jahre Post. Katalog zur Ausstellung anläßlich der 500jährigen Wiederkehr der Anfänge der Post in
Mitteleuropa 1490-1990, Regensburg 1990; GLASER, Hermann/WERNER, Thomas: Die Post in
ihrer Zeit, Heidelberg 1990, S. 16-22; BEHRINGER: Thurn und Taxis (Anm. 5); LOTZ, Wolfgang
(Hg.): Deutsche Postgeschichte, Berlin 1989.
158 HEINZ-DIETER HEIMANN

zen", während aber tatsächlich diese Postreiter längstens die Betriebskasse durch
(Mit-)Beförderung privater Sendungen salvierten.24
Der spanische Staatsbankrott, der Aufstand in den Niederlanden, die Ansprü-
che der Reichsfürsten auf eigene Dienste und die Konkurrenz der bestehenden
städtischen Botendienste, die auch neuerlich effektiv in ordinarii-Betrieben zum
Teil in Verbindung mit Handelsgesellschaften geführt wurden, verschärften die
Krise der Taxis-Postunternehmen. Die finanz- und betriebswirtschaftliche Lösung
kam 1597: Kaiser Rudolf II. erhob das Postwesen im Reich zu einem kaiserlichen
Regal und stattete das Unternehmen der Taxis hoheitsrechtlich mit einem Mono-
pol auf die Briefbeförderung aus. Die Postreiter obsiegten soweit mit kaiserlicher
Hilfe, städtische und private Konkurrenz sollte verboten sein. Das wohlfunktio-
nierende private und städtische Botenwesen wurde reichsrechtlich illegalisiert;
Zentralisierung behauptete sich gegen dezentrale Ordnungsstrukturen. Der Kon-
flikt um Brief und Informationen blieb Teil der Verfassungsgeschichte des Rei-
ches bis zu dessen Ende.
Das konfliktträchtige verfassungsrechtliche Geschehen bis ins späte 16. Jahr-
hundert beschreibt folglich die äußere Bruchkante der angesprochenen Medien-
schwelle, nach der das dezentral strukturierte städtische Botenwesen von dem
neuen System der Taxis-Postreiter im doppelten Sinne überholt wurde. Die Kon-
sequenzen dieses Überholvorganges waren auf der Straße absehbar, im Kampf um
Nachrichtenkanäle, um Bücher, Briefe, um Zeitungsplätze und Kunden.
Die Postreiter gewannen deshalb nicht gleich auf jeder Strecke im Nachrichten-
geschäft. Ihr auf Beschleunigung und Zuverlässigkeit ausgerichtetes Prinzip ver-
schaffte ihnen dabei doch Platzvorteile auf dem Medienmarkt um 1500. Albrecht
Dürer zeichnete eben diesen „reitenden Boten", privilegiert auch im Gebrauch des
Posthorns. Dieses Erinnerungszeichen hat es Epochen übergreifend zum Symbol
des Postbetriebs geschafft. Noch heute verstehen wir es, es verbindet verschiedene
Medienzeitalter.
Bilder bergen Botschaften - auch die der Boten, wie der Blick auf das vorliegen-
de Tagungsprogramm unterstreichen mag. Die Bildauswahl transportiert denn
auch eine mediengeschichtliche Wertung der städtischen Boten und ordinarii-
Botenbetriebe. Der ,alte' Bote repräsentiert auch das .alte' System im Nach-
richtenverkehr. Wer sich weiter in diesem Bildersaal noch nahezu ungenutzter
Medienarchäologie umschaut, findet um 1500 Zeichen und Stimmen, die eben
jenen Boten sozial deklassieren, ihn als einen geschwätzigen und - gegen gefälliges
Zubrot und reichlich Wein in den Herbergen - als gegenüber jedermann redseli-
gen Informanten bloßstellen. Bilder, Lieder und Sprüche füllen dieses Bild. Lah-
me Beine, Hunger und Durst hielten bei diesen Boten der gefälligen Neugier nicht
stand, wie man in dem um 1500 lateinisch und deutsch gedruckten Narrenschiff
des Sebastian Brand, der auflagenstärksten Ständesatire jener Jahrzehnte, illu-
striert findet. Hier beginnt ein eigener .Bilderkampf' um das Ansehen der Boten

24 Die entsprechenden Verträge bei DALLMEIER, Martin: Quellen zur Geschichte des europäischen
Postwesens, 2 Bde., hier Bd. 2, Kallmünz 1977, S. 4-11.
HENCHIN HANAUWE UND SEINE W E L T 159

gegenüber jenen Postreitern. Entsprechend wird auf dem neuen Kalender- und
Zeitungsmarkt in Zukunft der hinkende Bote vom Posthorn schwingenden Frie-
densreiter überholt, dem so ikonographisch-emblematisch inszenierten Träger der
aktuelleren und - womöglich - zuverlässigeren Nachricht. Der deklassierte Bote
wurde derweil so einem .Zeitalter der Langsamkeit' zugewiesen.
Das Bild auf dem Tagungsprogramm möchte man so gesehen auch in der
Abteilung Bildpropaganda wissen. Ein weniger abträgliches Bild des städtischen
Botenwesens vermitteln für die Medienschwelle um 1500 die Bilder und Statuen
von den Boten eidgenössischer Städte, in Bern und Basel auf Denkmälern und
Brunnen kommunal geschätzt.25
Für eine Sozialgeschichte des Nachrichtenverkehrswesens an der Medien-
schwelle bleiben die .fußläufigen Medien unverzichtbar. Ihre Geschichte endete
nicht mit dem Erfolg der Druckerpresse und der Zeitungen. Eher möchte man in
ihren fußläufigen Eindrücken ein Stück .langes' Mittelalter erkennen, dessen sozi-
ale Ordnung bis ins 19. Jahrhundert währte. Mit der Nationalisierung der Post
nun verloren sich die letzten Spuren jenes Botenwesens, das in der mittelalterli-
chen Autonomie der Städte seinen Ursprung hatte.

5. Boten im Horizont der Medienschwelle

Boten, funktional und rechtlich unterschieden von Gesandten, wenngleich diesen


technisch zugeordnet, verkörpern Entwicklungsstränge gefassten mündlichen wie
schriftlichen Nachrichtenverkehrs komplexer organisierter Gruppen und Verbän-
de. Sie sind Spiegel des Verfassungslebens, auch Ohr und Auge in der Geschich-
te menschlicher Kommunikation. In ihrer Geschichte werden die Entwicklungs-
möglichkeiten und die Offenheit der Entwicklungsrichtung bedarfsorientierter
Formierungen menschlicher Mitteilungsorganisation greifbar, deren Wirksam-
werden eine Medienschwelle in diesem Fall an die Entfaltung des europäischen
Städtewesens bindet. Das städtische Botenwesen zeigt sich - neben dem der Kurie
- als das leistungsfähigste Instrument im Nachrichtenverkehrswesen des Mittel-
alters und wirkt hier eben so lange als ein Instrument informeller Integration,
bis es durch ein zentralisiertes, reichsrechtlich monopolisiertes Übermittlungssy-
stem überformt, verfassungsgeschichtlich gesprochen zu einem des-integrativen
Moment des Staatswesens und deshalb auch illegalisiert wird, ohne freilich gänz-
lich aus der Fläche zu verschwinden.
Eine medienstrukturgeschichtliche Einheit für und mit dem Botenwesen
ergibt sich beginnend im 12. Jahrhundert, in der sich das Buch- und Briefwesen
gleichermaßen rückgebunden an den Verschriftlichungsprozess entfaltete. Damit
stehen nicht allein Gutenberg und seine Zunft an der Medienschwelle um 1500,

25 Vgl. Farbabb. 6-9. WYSS, Arthus: Die Post in der Schweiz. Ihre Geschichte durch 2000 Jahre,
Bern/Stuttgart 1987. mit entsprechenden Abbildungen S. 31-33, 37f; HÜBNER: Lamparten
(Anm. 17), S. 266 Anm. 4.
160 HEINZ-DIETER HEIMANN

vielmehr auch die ungezählten und für uns namenlosen henchyn haunauws, die
Boten, Läufer, Briefträger, dann auch ihre Konkurrenten.
Noch einmal - Mittelalter ist aktuell: Wenn unsere Gegenwart medienge-
schichtlich hier und dort als .neues' Mittelalter apostrophiert wird, so gehören in
dieses Bild nicht nur PIN-Codes und Piktogramme, sondern nach dem abgeleg-
ten Postmonopol im postmodernen Staatswesen nun die Wiederkehr dezentraler,
privater Nachrichtenverkehrsbetriebe. Die neuen Boten und Transportdienstlei-
ster von „Egge-Post" und UPS grüßen auf ihre Weise wie tatsächliche Kollegen
aus dem einstigen Mittelalter. Darin wird - mit Verlaub gesagt - Innovation in
der gegenwärtigen Moderne als Wiederkehr von Vergangenem augenfällig, und
so das Bild vom .rückständigen' Mittelalter im doppelten Sinn überholt. Um dies
in seinen Zusammenhängen zu verstehen, ist es mehr als opportun, wenn man
hier in Paderborn nicht nur das Mittelalter erforscht, sondern auch dessen Nach-
wirkungen.
REGINA DAUSER

Im Osten nichts Neues?


Vernetzte Briefkommunikation über die Türkenkriege in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts

Hir wirdt nun von dem niderlendisch auch jezo von portugösisch krieg gesagt; was wider den
Türgg aber der Christenheit erbfeindt fürgenomen wirdt, davon schweiget man gar, als ob am
selben ort guter rhue und frid wer.'

Was Hans Fugger, Freiherr von Kirchberg und Weißenhorn, zugleich Vertreter
der berühmten Augsburger Kaufmannsfamilie und Repräsentant eines noch jun-
gen Adelsgeschlechts, in einem Brief an Leutnant Heinrich Erb im Frühsommer
1580 konstatierte, war eine - zumindest in seinen Augen - verquere .Nachrich-
tenhierarchie' seiner Umgebung: Die großen militärischen Konflikte im Nord-
westen und im Südwesten Europas, der niederländische Aufstand gegen die spa-
nische Herrschaft und der spanisch-portugiesische Thronstreit, dominierten die
heimische Nachrichten-Diskussion. Die fortwährenden Kämpfe gegen osmani-
sche Verbände an der Ostgrenze des Reiches, über die Erb von der ungarischen
Grenze aus zu berichten wusste, schienen aus dem Bewusstsein weitgehend aus-
geblendet.
Betont brachte Fugger die Besonderheit der militärischen Auseinandersetzung
mit dem Osmanischen Reich auf den Punkt: Der Krieg gegen die Türggen - so die
zeitgenössische christliche Bezeichnung für die Osmanen im Rückgriff auf ältere
Begriffstraditionen - war gerade durch die scharf gezogene religiöse Trennlinie
zu den ewigen Gegnern, dem erbfeind der Christenheit, mit keinem anderen ver-
gleichbar.2 Die Eroberung Konstantinopels 1453 bildete den Ausgangspunkt für

1 Hans Fugger an Heinrich Erb, 13.06.1580, FA 1.2.10 H.35, pag. 384 (II/l 1627). Die Anga-
ben in Klammern verweisen hier wie im Folgenden auf die Regesten der Briefe Hans Fuggers, vgl.
KARNEHM, Christi: Die Kotrespondenz Hans Fuggers von 1566-1594. Regesten der Kopierbü-
cher aus dem Fuggerarchiv, Bd.I: 1566-1573 (unter Mitarbeit von Maria Gräfin von PREYSING);
Bd. II/l: 1574-1581; Bd. II/2: 1582-1594 (Quellen zur Neueren Geschichte Bayerns, Abt. III,
Privatkorrespondenzen), München 2003. Signatur und Paginierung nach den Kopierbüchern
Hans Fuggers im Gräflich und Fürstlich Fuggerschen Familien- und Stiftungsarchiv, Dillingen/
Donau (FA). - Der vorliegende Beitrag basiert auf Recherchen im Rahmen meines Dissertati-
onsprojekts „Informationskultur und Beziehungswissen - das Korrespondenznetz Hans Fuggers
(1531-1598)", Augsburg 2004 (Drucklegung in Vorbereitung). Angaben zu statistischen Auswer-
tungen der Korrespondenz beziehen sich auf die Ergebnisse der Dissertation.
2 Vgl. hierzu ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Die Türkenkriege als Traditionselement des katho-
lischen Europa, in: BARNER, Wilfried (Hg.), Tradition, Norm, Innovation. Soziales und litera-
risches Traditionsverhalten in der Frühzeit der deutschen Aufklärung (Schriften des Histori-
schen Kollegs, Kolloquien 15), München 1989, S. 19-29. Die Geschichte des Erbfeind-Begriffs bei
BEHREND, Fritz: Im Kampf mit dem Erbfeind, in: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 25 (1915),
S. 6-17. - Zur Bezeichnung .Türken' vgl. die konzise Zusammenfassung der Begriffsgeschichte
162 REGINA DAUSER

die Präsentation der osmanischen Expansion als einer gesamteuropäischen Bedro-


hung; gut dreißig Jahre später entging Wien nur knapp der Einnahme durch
Süleyman den Prächtigen und gab der Furcht vor einem immer weiter westwärts
vordringenden muslimischen Gegner am prominenten Beispiel neue Nahrung. 3
Dass die potentielle Gefährdung durch weitere Gebietsgewinne des Sultans aller-
dings von der Bevölkerung des Reiches in manchen Zeiten unterschiedlich inten-
siv wahrgenommen wurde, davon zeugen außer Fuggers brieflicher Äußerung
noch zahlreiche weitere Quellen.4
In Gang kam eine reiche Medienproduktion - Turcica, die sich in Wort und
Bild mit der Problematik der Konfrontation zwischen christlichen Mächten
und Osmanen auseinandersetzten, drängten in einer reichen Vielfalt seit der
Mitte des 15. Jahrhunderts an die Öffentlichkeit.5 Nachrichtenflugblätter oder
-Schriften, wie handschriftliche Nachrichten als Neue Zeitungen bezeichnet, Tür-
kenkriegsreden, -epen und -predigten, Gebete, Lieder, Reiseberichte und historio-
graphische Werke, Briefanthologien, politische wie militärische Denkschriften,
religiöse Visionen hielten in einer enormen Vielzahl bis ins 18. Jahrhundert hinein
das Bewusstsein eines christlich-muslimischen Gegensatzes wach.6 Zwar existier-
ten auch besonnene Bewertungen des Osmanischen Reiches,7 doch lieferte eine
große Zahl von Turcica schematische Vorstellungen, die sich seit dem Ende des
15. Jahrhunderts in allen Bevölkerungsgruppen und Konfessionen - mit unter-

bei HöFERT, Almut: Den Feind bcschicibcn. „Türkengefahr" und europäisches Wissen über das
Osmanische Reich 1450-1600 (Campus Historische Studien 35), Frankfurt a. M. 2003, S. 184-
187.
3 Die Vorstellung von einer Gefährdung des gesamten christlichen Europa wurde maßgeblich durch
Enea Silvio Piccolomini (den späteren Papst PiusII.) formuliert, erstmals in seiner berühmten
Rede vor der Reichsversammlung 1454, dazu MERTENS, Dieter: Europäischer Friede und Türken-
krieg im Spätmittelalter, in: DUCHHARDT, Heinz (Hg.), Zwischenstaatliche Friedenswahrung
in Mittelalter und Früher Neuzeit (Münstersche Historische Forschungen 1), Köln/Wien 1991,
S. 45-90, sowie HELMRATH, Johannes: Pius IL und die Türken, in: GUTHMÜLLER, Bodo/KÜHL-
MANN, Wilhelm (Hg.), Europa und die Türken in der Renaissance (Frühe Neuzeit 54), Tübingen
2000.S.79-137.
4 Indifferenz der Bevölkerung gegenüber der Bedrohung durch die osmanische Expansion wurde
im 16.Jahrhundert immer wieder konstatiert, vgl. SCHULZE, Winfried: Reich und Türkenge-
fahr im späten 16. Jahrhundert. Studien zu den politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen
einer äußeren Bedrohung, München 1978, S. 55, 59, sowie GROTHAUS, Maximilian: Vorbildlicher
Monarch, Tyrann oder Despot? Europäische Vorstellungen vom Osmanischen Reich zwischen
Renaissance und Aufklärung, in: Frühneuzeit-Info 6.2 (1995), S. 181-203, hier S. 190.
5 Wiewohl Drucke zur Türkenthematik seit dem 15. Jahrhundert einen bedeutenden Bereich des
Buchmarkts besetzten, dominierten sie die Druckproduktion nicht, vgl. die Angaben bei NEUBER,
Wolfgang: Grade der Fremdheit. Alteritätskonsttuktion und e.x/>er7>«f;<j-Argumentation in deut-
schen Turcica der Renaissance, in: GUTHMÜLLER, Bodo/KÜHLMANN, Wilhelm (Hg.), Europa
und die Türken in der Renaissance (Frühe Neuzeit 54), Tübingen 2000, S. 249-265, hier S. 249.
6 Durch die Vielfalt der 7Hrf<r<j-Gattungen führt im Überblick SCHULZE: Reich und Türkengefahr
(Anm. 4), S. 21-46.
7 Dies betont für das 15. Jahrhundert beispielsweise THUMSER, Matthias: Türkenfrage und öffent-
liche Meinung. Zeitgenössische Zeugnisse nach dem Fall von Konstantinopel (1453), in: ERKENS,
Franz-Reiner (Hg.), Europa und die osmanische Expansion im ausgehenden Mittelalter (ZHF Bei-
heft 20), Berlin 1997, S. 59-78.
IM O S T E N N I C H T S N E U E S ? 163

schiedlichen Akzenten - geradezu zum „Erbfeindsyndrom"8 verfestigten. Her-


vorgehend aus mittelalterlichen Wurzeln entstand ein Bündel von Stereotypen, in
denen die militärische Bedrohung mit dem religiösen Gegensatz und z.T. eschato-
logischen Vorstellungen zusammenfloss. Dem Türggen wurde als dem Antichrist,
als dem .Inbegriff des Bösen' Hochmut, Treulosigkeit und Wortbrüchigkeit,
Lüsternheit, Eroberungsgier und beispiellose Grausamkeit attestiert und anhand
zahlloser, angeblich verbürgter Beispiele exemplifiziert; all sein Sinnen und Trach-
ten sei auf die Vernichtung der Christen ausgerichtet.9 Allen christlichen Konfes-
sionen war die Vorstellung vom Vordringen .der Türken' als einer göttlichen Stra-
fe vertraut; entsprechende Buß-Propaganda arbeitete kirchlichen wie staatlichen
Bestrebungen der Sozialdisziplinierung zu. Die Ausdeutung der osmanischen
Expansion als Zeichen des nahen Weltendes dagegen war im 16. Jahrhundert in
erster Linie unter Protestanten verbreitet.10
Im Druck publizierte Texte und Bilddarstellungen, insbesondere Flugblät-
ter und -Schriften sowie gedruckte Reiseberichte, bildeten bislang das Gros der
Quellen, anhand derer die Auseinandersetzung mit der osmanischen Expansion
im 16. Jahrhundert beleuchtet wurde." Die kommunikations- bzw. medienge-
schichtliche Forschung hat die Bedeutung von Briefen als Quelle und Vorbild für
die Druckmedien zwar vielfach betont; handgeschriebene, auf postalischem Weg

8 SCHULZE: Reich und Türkengefahr (Anm. 4), S. 52.


9 Stereotype Elemente konzise bei SCHULZE: Reich und Türkengefahr (Anm. 4), S. 52-64, sowie
GROTHAUS, Maximilian: Vom Erbfeind zum Exoten. Kollektive Mentalitäten über die Türken
in der Habsburger Monarchie der frühen Neuzeit, in: FEIGL, Inanc (Hg.), Auf den Spuren der
Osmanen in der östetreichischen Geschichte (Wiener Osteuropa Studien 14), Wien 2002, S. 9 9 -
113, besonders S. 100-103. Zu Techniken der Publizistik vgl. SCHILLING, Michael: Aspekte des
Türkenbildes in Litetatur und Publizistik der frühen Neuzeit, in: KRIMM, Stefan/ZERLIN, Die-
ter (Hg.), Die Begegnung mit dem Islamischen Kulturraum in Geschichte und Gegenwart (Acta
Hohenschwangau 1991), München 1992, S. 43-60; SIGNORI, Gabriela: Frauen, Kinder, Greise
und Tyrannen. Geschlecht und Krieg in der Bilderwelt des späten Mittelalters, in: SCHREINER,
Klaus/SlGNORl, Gabriela (Hg.), Bilder, Texte, Rituale. Witklichkeitsbezug und Wirklichkeits-
konstruktionen politisch-rechtlicher Kommunikationsmedien in Stadt- und Adelsgesellschaften
des späten Mittelalters (ZHF Beiheft 24), Berlin 2000, S. 139-164.
10 Zusammenfassend über eschatologische Vorstellungen: ANDERMANN, Ulrich: Vom Amselfeld
nach Wien. Osmanische Kriegsdrohung, Apokalypse und Geschichtsdeutung vom späten Mittel-
alter bis zum Konfessionellen Zeitalter, in: BEYRAU, Dietrich (Hg.), Der Krieg in religiösen und
nationalen Deutungen der Neuzeit, Tübingen 2001, S. 41-60. Resümierend mit Angaben zur neu-
eren Literatur: KÖSTLBAUER, Josef: Europa und die Osmanen - Der identitätsstiftende „Andere",
in: SCHMALE, Wolfgang u.a. (Hg.), Studien zur europäischen Identität im 17. Jahrhundert (Her-
ausforderungen. Historisch-politische Analysen 15), Bochum 2004, S. 45-71, besonders S. 49f.
11 Angesichts der Fülle von Forschungsliteratur kann hier nur in Auswahl auf einige Arbeiten ver-
wiesen werden, so auf HÖFERT: Feind (Anm. 2); zwei neuere Sammelbände: GUTHMÜLLER,
Bodo/KÜHLMANN, Wilhelm (Hg.): Europa und die Türken in der Renaissance (Frühe Neu-
zeit 54), Tübingen 2000, und ERKENS, Franz-Reiner (Hg.): Europa und die osmanische Expansi-
on im ausgehenden Mittelalter (ZHF Beiheft 20), Berlin 1997; SCHULZE: Reich und Türkengefahr
(Anm. 4); GÖLLNER, Carl: Die Türkenfrage in der öffentlichen Meinung Europas im 16. Jahrhun-
dert (Bibliotheca bibliographica Aureliana 70), Bukarest/Baden-Baden 1978; ÖZYURT, §enol: Die
Türkenlieder und das Türkenbild in der deutschen Volksüberlieferung vom 16. bis zum 20. Jahr-
hundert (Motive. Freiburger folkloristische Forschungen 4), München 1972.
164 R E G I N A DAUSER

am schnellsten übermittelte Nachrichten lieferten denn auch noch im 18. Jahr-


hundert das Material für die periodische Presse und existierten weiter als eigen-
ständiges Produkt auf dem Nachrichtenmarkt.12 Ebenso wurde auf die gehäufte
briefliche Berichterstattung zu den Türkenkriegen mehrfach hingewiesen. Detail-
liertere Studien hierzu fehlen jedoch noch.13
Die systematische Erforschung von Korrespondenznetzen, mit denen insbe-
sondere Gelehrte, Politiker, Kaufleute grenzüberschreitenden Informations- und
damit auch Nachrichtentransfer organisierten, rückt seit einigen Jahren verstärkt
in den Fokus der Forschung.14 169 ausgehende Briefe Hans Fuggers über die Tür-
kenkriege, als Diktate in der heute noch rund 4.700 Briefe umfassenden Samm-

12 Vgl. W E R N E R , Theodor Gustav: Das kaufmännische Nachrichtenwesen im späten Mittelalter u n d


in der frühen Neuzeit u n d sein Einfluss auf die Entstehung der handschriftlichen Zeitung, in:
Scripta Metcaturae 1975.2, S. 3 - 5 1 . Briefe dienten als Quelle oder direkte Vorlage der D r u c k m e d i -
en, dazu a n h a n d von ü b e r n o m m e n e n Textsignalen A D A M , Wolfgang: Textelemente des Briefes auf
illustrierten Flugblättern der Frühen Neuzeit, in: H A R M S , Wolfgang/MESSERLI, Alfred (Hg.),
Wahrnehmungsgeschichte u n d Wissensdiskurs im illustrierten Flugblatt der Frühen Neuzeit
( 1 4 5 0 - 1 7 5 0 ) , Basel 2 0 0 2 , S. 3 4 1 - 3 7 0 . Z u r Entwicklung des frühneuzeitlichen Nachfichtenwesens
auch der Überblick bei W I L K E , Jürgen: G r u n d z ü g e der Medien- u n d Kommunikationsgeschichte.
Von den Anfängen bis ins 2 0 . J a h r h u n d e r t , K ö l n / W e i m a r / W i e n 2000, S. 1 7 - 6 5 . Grundlegend
zu Nachrichten im Flugblatt: S C H I L L I N G , Michael: Bildpublizistik det frühen Neuzeit. Aufga-
ben und Leistungen des illustrierten Flugblatts in Deutschland u m 1700 (Studien u n d Texte zur
Sozialgeschichte der Literatut 29), Tübingen 1990, S. 9 1 - 1 4 0 . Die Bedeutung handgeschriebener
.Zeitungen' bis ins 1 8 . J a h r h u n d e r t betonte jüngst: M A U E L S H A G E N , Franz: Netzwerke des Nach-
richtenaustauschs. Für einen Paradigmenwechsel in der Erforschung der „neuen Zeitungen", in:
B U R K H A R D T , Johannes/WERKSTETTER, Christine (Hg.), K o m m u n i k a t i o n und Medien in der
Frühen Neuzeit ( H Z Beiheft 41), M ü n c h e n 2 0 0 5 . S. 4 0 9 - 4 2 5 .
13 Vgl. für die T u r k e n k r i e g s - B e r i c h t e r s t a t t u n g a n h a n d von Beispielen aus der Korrespondenz Philipp
M e l a n c h t h o n s die frühe mediengeschichtliche Arbeit von G R A S S H O F F , Richard: Die briefliche
Z e i t u n g des XVI. J a h r h u n d e r t s , Diss. Leipzig 1877, S. 2 3 - 2 8 , 73f; für das Nachrichtenwesen des
Nürnberger Rates und die Tätigkeit von Nürnberger Nachrichtenschreibern die Erläuterungen bei
S P O R H A N - K R E M P E L , Lore: N ü r n b e r g als N a c h r i c h t e n z e n t r u m zwischen 1400 und 1700 ( N ü r n -
berger Forschungen 10), N ü r n b e r g 1968, besonders S. 3 9 , 4 8 , 7 8 - 8 9 .
14 Vor allem in der Wissenschaftsgeschichte ist vernetzte K o m m u n i k a t i o n in den letzten Jahren ver-
stärkt zum Thema von Einzelstudien geworden; über ihre Bedeutung handelt H A T C H , Robert A.:
Correspondence Networks, in: A P P L E B A U M , W i l b u r (Hg.), Encyclopedia of the Scientific Revo-
lution from Copernicus to N e w t o n (Garland Reference Library of the Humanities 1800), New
Y o t k / L o n d o n 2 0 0 0 , S. 168-170. Z u m Forschungsstand K E M P E , Michael: Gelehrte Korrespon-
denzen. Frühneuzeitliche Wissenschaftskultur im M e d i u m postalischet K o m m u n i k a t i o n e n ,
in: C R I V E L L A R I , Fabio u.a. (Hg.), Die Medien det Geschichte. Historizität und Medialität in
interdisziplinärer Perspektive (Historische Kulturwissenschaft 4), Konstanz 2 0 0 4 , S. 4 0 7 - 4 2 9 ,
besonders S. 4 0 7 - 4 1 0 . Zu der N a c h r i c h t e n s a m m l u n g von Vettern H a n s Fuggers, den b e r ü h m t e n
,Fuggerzeitungen', in diesem Sinne auch S C H I L L I N G , Michael: Die Fuggerzeitungen, in: P A U S E R ,
Josef u.a. (Hg.), Q u e l l e n k u n d e der Habsburgermonarchie ( 1 6 . - 1 8 . Jahrhundert). Ein exemplari-
sches H a n d b u c h ( M I Ö G Ergänzungsband 4 4 ) , W i e n / M ü n c h e n 2 0 0 4 , S. 8 7 5 - 8 8 0 . Vgl. auch die
jüngst erschienenen Publikationen: B E R K V E N S - S T E V E L I N C K , Christiane u.a. (Hg.): Les grands
intermediaires culturels de la Republique des Lettres. Etudes de reseaux de correspondances du
X V I e a u X V I I I e s i e c l e s (Lesdix-huitiemes siecles91), Paris 2 0 0 5 ; S T U B E R , M a r t i n u.a. (Hg.): Hal-
lers Netz. Ein europäischer Gelehrtenbriefwechsel zur Zeit det Aufklärung (Studia Halletiana 9),
Basel 2 0 0 5 . Vgl. auch die Fotmulierung von Forschungspostulaten für vernetzte Nachrichtenkor-
respondenzen bei M A U E L S H A G E N : Netzwerke des Nachrichtenaustauschs ( A n m . 12), besonders
S. 4 2 0 - 4 2 5 .
IM O S T E N N I C H T S N E U E S ? 165

lung Herrn Hannsen Fuggers aigen copierbuech von dessen Sekretären aufgezeich-
net, ermöglichen nicht nur die Bestimmung der individuellen Sicht Fuggers auf
die Auseinandersetzung mit den Osmanen. Sie erlauben darüber hinaus den Ein-
blick in die gezielte Nutzung eines solchen grenzübergreifenden Korrespondenz-
netzes. Durch das Zusammenspiel der persönlichen Voraussetzungen und Inter-
essen Fuggers wie auch seiner Briefpartner generierte dieses Beziehungsnetz, das
sich in einem regelmäßigen Briefaustausch materialisierte und gefestigt wurde,
einen themen- und .netzspezifischen' Kommunikationsraum, dessen Charakteri-
stika es im zeitgenössischen Diskurs über die Türkenkriege zu verorten gilt.

Grundlinien der Fuggerschen Nachrichtenorganisation

Fuggers Kopierbuch-Briefe, überliefert für die Zeit von 1566 bis 1594, dien-
ten nicht ausschließlich der Nachrichtenkommunikation; ebenso wenig sind sie
als genuine Geschäftskorrespondenz anzusehen, wie schon der Begriff des aigen
copierbuechs anzeigt. Da Hans Fugger allerdings rund dreißig Jahre lang als Stell-
vertreter seines Bruders Marx agierte, der unter dem Namen „Marx Fugger und
Gebrüder" die Firma nach dem Tod Anton Fuggers im Jahr 1560 und nach dem
Ausscheiden weiterer Teilhaber leitete, blieb seine aigene Korrespondenz als Raum
des persönlichen Schriftwechsels nie streng von geschäftlichen Dingen getrennt.15
Diese „halbierten Dialoge", wie Briefe in der frühesten überlieferten Äußerung
zum Wesen des Briefs im ersten vorchristlichen Jahrhundert genannt wurden,
nahmen vielfältige Gestalt an.16 Unter einer Vielzahl von Schreibanlässen wie
geschäftlichen Vorgängen, privaten Besorgungen, persönlich-intimen Angelegen-
heiten und Patronageanliegen bilden jedoch Nachrichtenmeldungen, vornehm-
lich zu den großen militärischen Konflikten der Zeit, in rund einem Viertel der
überlieferten Kopierbuch-Briefe einen gewichtigen Anteil an der Gesamtkorres-
pondenz.
Briefliche Nachrichtenkontakte wurden von Fugger sorgfältig gepflegt: Über
aktuelle politische und wirtschaftliche Entwicklungen unterrichtet zu sein, war
für das Fuggersche Handelshaus unerlässlich. Die Organisation des Nachrichten-
transfers, die sich im Unternehmen über lange Zeit hinweg etabliert hatte, konnte
auch Hans Fugger für seine aigen Korrespondenz nutzen. Wie andere europaweit
agierende Handelsgesellschaften unterhielt das Haus Fugger über die Reichs-
grenzen hinaus in wichtigen wirtschaftlichen und politischen Zentren Niederlas-

15 Eine biographische Skizze Hans Fuggers bei KARNEHM: Regestenl (Anm. 1), Bd. 1, S. 4"-16".
Details zur Entwicklung der Firma und ihren Teilhaberstrukturen können hier nicht erörtert
werden. Einen Überblick über die Geschichte von Familie und Firma bis zum Ende des Fugger-
handels Mitte des 17. Jahrhunderrs gibt KARG, Franz: Die Fugger im 16. und 17. Jahrhundert, in:
EIKELMANN, Renate (Hg.), „lautenschlagen lernen und ieben." Die Fugger und die Musik, Anton
Fugger zum 500. Geburtstag, Augsburg 1993, S. 99-110.
16 Zur Briefdefinition des Attemon THRAEDE, Klaus: Grundzüge griechisch-römischer Brieftopik
(Zetemata 48), München 1970, S. 17-25.
166 REGINA DAUSER

sungen, die Faktoreien, oder war zumindest durch so genannte Agenten - freie
Mitarbeiter vor Ort - vertreten. Insbesondere die Faktoreien, in erster Linie der
Faktor als Leiter der Niederlassung, waren zu regelmäßigen brieflichen Berichten,
auch zu Nachrichtenmeldungen, an die Augsburger Firmenzentrale verpflichtet.17
Die Stafettenreiter der Taxis-Post, städtische Botendienste und eigens beauftragte
Kuriere konnten zumeist eine Betichterstattung im Wochenrhythmus garantie-
ren.18
Zusätzlich wurden handschriftliche Berichte, insbesondere von italienischen
Novellanten, also gewerbsmäßigen Zeitungsschreibern, erworben und als Nach-
richtenquellen genutzt.19 Augsburg hatte aufgrund seiner verkehrstechnischen
Lage, seiner wirtschaftlichen und politischen Bedeutung „im deutschen Nach-
richtenhandel des 16. Jahrhunderts eine führende Stellung", weshalb sich gera-
de hier der Berufsstand der Zeitungsschreiber nördlich der Alpen am raschesten
etablieren konnte.20 In welchem Umfang die Fugger zusätzlich auf diesen lokalen
Nachrichtenmarkt, auf politische Informationen der Postmeister, auf Meldungen
an andere Handelshäuser oder auf Berichte Reisender zurückgriffen, ist nicht zu
rekonstruieren; zu erschließen sind nur wenige, recht unscharfe Bemerkungen
Hans Fuggers zu Informationen, die er, seine Brüder oder auch Handelsdiener
mutmaßlich vor Ort in Augsburg erfahren hatten.21

17 Über die personelle Organisation der Fuggerfirma und die zeitgenössische Begrifflichkeit
HILDEBRANDT, Reinhard: Diener und Herren. Zur Anatomie großer Unternehmen im Zeit-
alter der Fugger, in: BURKHARDT, Johannes (Hg.), Augsburger Handelshäuser im Wandel des
historischen Urteils (Collocjuia Augustana 3). Berlin 1996, S. 149-174. besonders S. 154. - Zur
Nachrichtenorganisation des Fuggerhandels vgl. SCHIELE, Hartmut: Betriebswirtschaftliche
Aufschlüsse aus den Fugger-Veröffentlichungen von Götz Freiherrn von Pölnitz, in: SCHIELE,
Hartmut/RlCKER, Manfred (Hg.), Betriebswirtschaftliche Aufschlüsse aus der Fuggerzcit (Nürn-
berger Abhandlungen zu den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 25), Berlin 1967, S. 5-110,
besonders S. 79f. Die Berichtspraxis lässt sich anhand det Überlieferung der Geschäftskorres-
pondenz im Fuggerarchiv nachvollziehen; erhalten sind auch einzelne Kopialbücher mit Türken-
kriegs-Berichten an die Fugger von Mitarbeitern in Wien und Prag, vgl. FA 2.1.21a: Kopialbücher
der Fuggerschen Gesellschaft mit ihren Vertretungen in Wien, Prag, Breslau usw., 1571-1575.
18 Über die Taxis-Post informiert umfassend BEHRINGER, Wolfgang: Im Zeichen des Merkur.
Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit (Veröffentlichungen des Max-
Planck-Instituts für Geschichte 189), Göttingen 2003. - Zu den zahlreichen städtischen Boten-
diensten fehlt eine größere zusammenfassende Darstellung. Über grundlegende Strukturen und
Leistungsfähigkeit H E I M A N N , Heinz-Dieter: Räume und Routen in der Mitte Europas. Kommu-
nikationspraxis und Raumerfassung, in: MORAW, Peter (Hg.), Raumerfassung und Raumbewußt-
sein im späteren Mittelalter (Vorträge und Forschungen 49), Stuttgart 2002, S. 203-231. Vgl. auch
Heinz-Dieter H E I M A N N S Beitrag im vorliegenden Band.
19 Namentlich erwähnte Hans Fugger die beiden italienischen Novellanten Acconzaioco und Donato
und deren Nachrichtensendungen im Brief an David Ott, 05.01.1577, FA 1.2.8b H. 27 (II/l
1018). Auch Marx Herwart, der einer Augsburger Kaufmannsfamilie entstammte, hat zeitweise
Nachrichten an die Fugger geliefert, vgl. Hans Fugger an Johann Tonner, 28.10.1580, FA 1.2.10
H. 37 (II/l 1752). Zu Novellanten-Berichten als Quelle vgl. auch Hans Fugger an Jakob Fugger,
23.12.1593, FA 1.2.16d H. 93 (II/2 3406).
20 Vgl. BEHRINGER: Merkur (Anm. 18), S. 324-330, Zitat S.324.
21 Vgl. Hans Fugger an Christoph Pflügel, 29.02.1572, FA 1.2.6a H. 22 (1683) (örtliche Truppenwer-
bungen für die spanische Armada), ähnlich an Hieronimus von Lodron, 22.11.1582, FA 1.2.12a
IM O S T E N NICHTS N E U E S ? 167

In Hans Fuggers aigen copierbuech sind direkte Belege für einen Nachrichten-
austausch zwischen Fugger und den Faktoren und Agenten des Handelshauses
eher selten, da Faktoren-Berichte in erster Linie als Geschäftskorrespondenz ein-
liefen. Dass Fugger jedoch diese Meldungen für seine eigene Nachrichtenkorres-
pondenz im aigen copierbuech nutzte, lässt sich aus dem Rhythmus der von ihm
versandten Nachrichten und aus seinen Angaben zur Herkunft der Meldungen
ableiten.22 So weisen von Fugger häufig erwähnte Herkunftsorte seiner Nach-
richten über die Türkenkriege, nämlich vor allem Wien, Prag und Venedig, sowie
zeitgenössische Abschriften der Faktorenkorrespondenz direkt auf Angestellte
und Agenten zurück.23 Mit diesen drei Städten sind zugleich die herausragenden
Informationszentralen zu den Türkenkriegen benannt. Aus Wien und Prag waren
durch den Kaiserhof bzw. durch die Zweigstellen des kaiserlichen Hofkriegsrats,
aus Venedig durch die Nähe zu Konstantinopel, ganz besonders aber durch Vene-
digs intensive diplomatische und wirtschaftliche Kontakte und ein hervorragend
ausgebautes Nachrichtensystem grundsätzlich treffende und weitgehend aktuelle
Einschätzungen der Lage zu erwarten.24

H. 45 (II/2 2224) (Gerüchre zum Kriegsverlauf in Portugal), an Joseph de Calepio, 23.11.1576,


FA 1.2.8b H. 27 (II/l 1101) (über Berichte eines durchreisenden lothringischen Hofdieners).
Zur Einschätzung der Nachrichtenlage in Augsburg auch MAUER, Benedikt: Gemain Geschrey
und teglich Reden: Georg Kölderer - ein Augsburger Chronist des konfessionellen Zeitalters
(Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg, Reihe 1: Studien zur
Geschichte des bayerischen Schwaben 29), Augsburg 2001, S. 45f.
22 Besonders für Fuggers Briefe zum niederländischen Aufstand sind zahlreiche Nachrichtensendun-
gen im Wochenabstand festzustellen, die er den brieflichen Mitteilungen direkt aus den Nieder-
landen verdankte. Wie ernst die wöchentliche Berichtspflicht für die dortige Niederlassung tat-
sächlich genommen wurde, belegt ein Brief Hans Fuggers an Hans Bechler und Philipp Römer,
Angestellte der Fugger in Antwerpen, aus dem Jahr 1574: Er zeigte sich verwundert, dass die bei-
den in der vergangenen Woche nicht geschrieben hätten und fügte an, dass sie auch dann schteiben
müssten, wenn sich in ihren Augen nur wenig Relevantes ereignet habe, vgl. Hans Fugger an Hans
Bechler und Philipp Römer, 08.06.1574, FA 1.2.7 H. 18 (II/l 124).
23 Die Angabe von Herkunftsorr und meist auch Datum einet ursprünglich brieflich übersandten
Nachricht war charakteristisch für die zeitgenössische Präsentation von Nachrichten, auch in
handschriftlich kopierten Zeitungsmeldungen und im Nachrichtendruck, vgl. BEHRINGER: Mer-
kur (Anm. 18), S. 355. - Beispiele in Hans Fuggers Korrespondenz zum Türkenkrieg sind Briefe,
in denen er seine Ausführungen auf das stützte, wasvonn Wien am datum 22july [1580] geschriben
wurde, was von ATey.[serlichen] hofin Prag weiter an die Fugger gelangte, oder er berief sich dar-
auf, dass von Co»i/[antinopo].// [...] Zeitungen durch Venedig gekommen seien, die seinen Meldun-
gen Glaubwürdigkeit verliehen. Vgl. Hans Fugger an Heinrich Erb, 05.08.1580, FA 1.2.10 H. 36,
pag. 510 (II/l 1665), an Sebastian Roll, 08.05.1593, FA 1.2.16c H. 91, pag. 268 (II/2 3396), an
Ludolf Halver, 23.12.1567, FA 1.2.5 H. 8, fol. 6r (I 164). - Das Fuggersche Kopialbuch für die
Faktorei Wien verzeichnet beispielsweise 1574 einen Bericht aus Wien über einen Waffenstillstand
mit den Osmanen, vgl. Hans Gärtner an Marx Fugger und Gebrüder, 22.11.1574, FA 2.1.21a, XII,
foI.21v.
24 Über den Hofkriegsrat als Informationszentrale informiert SCHULZE: Reich und Türkenge-
fahr (Anm. 4), S. 23; zur Position Venedigs GOFFMAN, Daniel: The Ottoman Empire and Early
Modern Europe (New Approachcs to European History 24), Cambridge 2002, S. 176-179, 2 2 8 -
231. Ein konziser Überblick zu Venedigs Informationstransfer über das Osmanische Reich bei
HÖFERT: Feind (Anm. 2), S. 124-134.
168 REGINA DAUSER

In der Fuggerschen Firmenzentrale in Augsburg wurden eingehende Nachrich-


ten durch Angestellte weiter bearbeitet: Nach der Anfertigung von Abschriften
erfolgte der Transfer an ausgewählte Korrespondenten, z.B. an Fuggersche Fami-
lienmitglieder wie die Grafen von Montfort.25 Häufig erwähnte Fugger in seinen
Briefen die Mitsendung einer Nachrichtenbeilage, etwa zu den Türkenkriegen
oder zum Aufstand in den Niederlanden, oder die Weiterleitung durch einen Han-
delsdiener.26 Der Informationstransfer unterlag der Aufsicht durch die Firmenlei-
tung, gab doch Hans Fugger briefliche Anweisung an die Mitarbeiter in der Fug-
gerschen Schreibstube, das Abschreiben und Versenden neuer zeittungen bis uff
unser hineinkhunfß, also bis zur Rückkehr Hans Fuggers und seines Bruders Marx
von einem auswärtigen Aufenthalt, ruhen zu lassen - ein wichtiger Hinweis, dass
hier kein .Gießkannenprinzip' zur Anwendung kam, sondern eine gezielte Aus-
wahl von Nachrichten für den jeweiligen Empfänger getroffen wurde.27

Die Relevanz der Türkenkriegs-Nachrichten für das Haus Fugger

Unter den Nachrichtenereignissen, von denen Fugger in seinen Briefen am häu-


figsten handelte, standen die 169 Briefe zu den Türkenkriegen an zweiter Stelle
- gleich hinter dem niederländischen Aufstand gegen Spanien. Fuggers Interesse
am Fortgang der militärischen Auseinandersetzung speiste sich aus vielerlei Quel-
len: Zum einen wurde insbesondere durch die fortgesetzten kriegerischen Akti-
vitäten der Osmanen im Mittelmeer der Bezug von Handelsgütern, Naturalien
vor allem, ebenso von Luxusgütern wie Korallen für die Schmuckverarbeitung
dauerhaft gestört. Auch Fugger und seine Korrespondenzpartner, für die er vie-
lerlei Waren des gehobenen Konsums vor allem über den venezianischen Handel
besorgte, bekamen dies zu spüren.28

25 Fugger kündigte in Briefen an seine Neffen Montfort die Nachrichtensendungen des Handels-
dieners Hans Besch mehrfach an, vgl. Hans Fugger an Anton von Montfort, 30.04.1583,
FA 1.2.12b H. 48 (II/2 2310), an denselben am 04.05.1584, FA 1.2.13 H. 53 (U/2 2477), an Hans
von Montfort, 05.07.1585, FA 1.2.14a H. 60 (U/2 2826) sowie an Jörg von Montfort, 05.07.1586,
FA 1.2.14b H. 64 (11/2 2997).
26 Die Nachrichtenbeilagen wurden nicht mit den Kopierbucheinträgen überliefert; bislang konnte
nur ein Einzelfund im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München (BayHStA) nachgewiesen werden
(BayHStA Kurbayern Äußeres Archiv 4851, fol. 369: Extract aines brießs von Antorßdes datum 3
jenner 1568).
27 Vgl. Hans Fugger an Sebastian Zäch, 21.07.1581, FA 1.2.11 H. 40 (II/l 1978). Zitiert nach Christi
KARNEHM. Zum Nachrichtenversand auch KARNEHM: Regesten (Anm. 1), Bd.I,S.54*.
28 Blumen- und Gemüsepflanzen aus dem Osmanischen Reich wuchsen in Hans Fuggers Gartenan-
lagen; importierte Samen für den Anbau vermittelte er auch an seine Verwandten, vgl. Hans Fug-
ger an Veronika von Spaur (Schwester Hans Fuggers), 21.03.1573, FA 1.2.6a H. 14 (I 940). - Ein
Beispiel zu Fuggers Ausführungen über die problematische Beschaffung von Korallen während
Kriegshandlungen im Mittelmeerraum in einem Brief an den bayerischen Herzog Wilhelm V,
08.08.1571, GHA Korrespondenz-Akten 607, Fuggerll (I 557). Der Brief entstammt einer
Sammlung von Briefen Hans Fuggers an Herzog Wilhelm, die im Geheimen Hausarchiv Mün-
chen (GHA) überliefert sind. - Über Sammlungen türkischer Handwerksprodukte und Waffen,
insbesondere in fürstlichen Schatzkammern seit dem 16. Jahrhundert, handelt zusammenfassend
IM O S T E N N I C H T S N E U E S ? 169

Durch die bis 1583 in Fuggerschem Besitz befindliche Herrschaft Bibersburg


nahe Pressburg im Königreich Ungarn war die Familie zudem mit den Folgen der
Kämpfe unmittelbar konfrontiert: 1539/40 wurde ein Dorf der Herrschaft durch
Streifscharen verwüstet, Bewohner verschleppt - Kriegsalltag war also sogar auf
Fuggerschem Territorium bereits Wirklichkeit geworden, und jeder erneute Vor-
stoß osmanischer Truppen barg neue Gefahr.29
Die größte Belastung allerdings entstand ohne Zweifel durch zahlreiche Kre-
ditgeschäfte der Firma Fugger mit den Habsburgern und deren Heerführern zur
Finanzierung der Kämpfe gegen die Osmanen im Mittelmeerraum und an der
östlichen Grenze des Reichs. Schon seit 1526 brachten sie hohe Kreditsummen
für die Kämpfe gegen türkische Truppen auf.30 Feldzüge sowie Aufbau und Erhal-
tung von Grenzbefestigungen in Ungarn, der so genannten Militärgrenze, bedeu-
teten einen enormen finanziellen Aufwand, für den immer wieder die Finanz-
hilfe der Fugger in Anspruch genommen wurde. Allein im Jahr 1594, während
des .Langen' Türkenkriegs Rudolfs IL gegen Sultan Murat III., bewilligten Marx
Fugger und Gebrüder die enorme Summe von 340.000 fl.31 1592/93 hatten Marx,
Hans und Jakob Fugger auf eigene Kosten ein Fähnlein als Teil eines kaiserlichen
Regimentes aufgestellt, in dessen Ausrüstung und Besoldung sie 24.000 fl. inve-
stierten.32

KOPPLIN, Monika: Turcica und Turquerien. Zur Entwicklung des Türkenbildes und Rezeption
osmanischer Motive vom 16. bis 18. Jahrhundert, in: Exotische Welten - europäische Phantasi-
en. Ausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen und des Württembergischen Kunstver-
eins, 2. September bis 29. November 1987, hg. vom Institut für Auslandsbeziehungen und dem
Württembergischen Kunstverein, Stuttgart 1987, S. 150-163, hier S. 156, 163.
29 Zum Überfall auf die Herrschaft Bibersburg, die 1535 erworben worden war, vgl. KALÜS, Peter:
Die Fugger in der Slowakei (Materialien zur Geschichte der Fugger 2), Augsburg 1999, S.240,
255.
30 Vgl. die Übersicht bei OBERLEITNER, Karl: Österreichs Finanzen und Kriegswesen unter Ferdi-
nand I. vom Jahre 1522 bis 1564, in: Archiv für österreichische Geschichte 22 (1860), S. 1-231,
besonders S. 27-37, 74, 80. Vgl. auch den unter FA 48.8 überlieferten Brief Erzherzog Ferdinands
von Tirol an Marx und Hans Fugger vom 26.07.1572 mit der Bitte um einen Kredit zur Anwer-
bung von Kriegsvolk gegen die Türken.
31 Vgl. FA 48.5, Kreditabschlüsse mit Rudolf IL vom 15.01. und 26.12.1594. - Den neuesten For-
schungsstand zur Finanzierung der Türkenkriege durch die österreichischen Habsburger, die eine
erhebliche Verschuldung nach sich zog, bei PÄLFFY, Geza: Der Preis für die Verteidigung der Habs-
burgermonarchie: Die Kosten der Türkenabwehr in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, und
RAUSCHER, Peter: Kaiser und Reich. Die Reichstürkenhilfen von Ferdinand I. bis zum Beginn des
„Langen Türkenkriegs" (1548-1593), beide in: EDELMAYER, Friedrich u.a. (Hg.), Finanzen und
Herrschaft. Materielle Grundlagen fürstlicher Politik in den habsburgischen Ländern und im Hei-
ligen Römischen Reich im 16. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische
Geschichtsforschung 38), Wien/München 2003, S. 2 0 - 4 4 und S. 45-83.
32 Über das Fuggersche Fähnlein handelt knapp LOEBL, Alfred H.: Zur Geschichte des Türkenkrie-
ges von 1593-1606, Bd. 2: Österreichs innere Zustände, das zweite Kriegsjahr, die Hilfsaktion
(Prager Studien aus dem Gebiete der Geschichtswissenschaft 10), Prag 1904, S. 112. Die Kosten
des Fähnleins und dessen Führung durch Hauptmann Schaller in Briefen Hans Fuggers an Chri-
stoph Tanner, 12.12.1592, FA 1.2.16b H. 90 (U/2 3309) und 13.02.1593, FA 1.2.16c H. 91 (II/2
3345).
170 R E G I N A DAUSER

Fuggers Korrespondenten

Was Hans Fugger also veranlasste, sich über Jahrzehnte hinweg konsequent über
den Fortgang der Kämpfe zu informieren, war weit mehr als nur eine diffuse Angst
vor dem stereotyp gezeichneten .Erbfeind' und vor dem, was passieren könnte,
wenn dieser Feind noch weiter gen Westen vordringen würde. Dem vitalen, gera-
de auch finanziellen Interesse des Hauses Fugger an einer erfolgreichen Abwehr
osmanischer Truppen entsprach die Strukturierung des Adressatenkreises, mit
dem Hans über die .türkische' Frage korrespondierte. Nur eine recht exklusive
Minderheit der 494 Korrespondenzpartner Fuggers, 50 insgesamt, empfing ent-
sprechende Schreiben aus Augsburg. Ein genauerer Blick auf die Adressaten zeigt,
dass es sich hier zu einem beträchtlichen Teil um einen echten Expertenkreis han-
delte: Mehr als zwei Drittel der Fuggerschen Türkenkriegs-Briefe gingen an Män-
ner, die als erfahrene Kriegsleute im Rang von Hauptleuten oder gar Obersten
vornehmlich in habsburgischen Diensten standen, zumeist direkt in den Kämp-
fen gegen die Osmanen eingesetzt waren und Fugger über ihre Erfahrungen
berichteten. Die große Bedeutung, die den Kriegsleuten für diesen Briefwechsel
zugeschrieben werden muss, wird unterstrichen, wenn man ihren Anteil an der
gesamten Korrespondenz betrachtet, erhielten sie von all den Briefen des Fugger-
schen Kopierbuchs doch nur 8%.
Eine herausragende Stellung nahm unter den insgesamt 18 Militärs Oberst
Hieronimus Graf von Lodron ein; mit 46 Briefen Fuggers zu den Türkenkrie-
gen war er dessen vorrangiger Austauschpartner. 1572 bis 1576 befehligte Lodron
Regimenter Philipps IL von Spanien im Mittelmeerraum gegen die osmanischen
Verbände zur See und blieb von seinen Stützpunkten in Messina, Korfu oder Nea-
pel aus mit Hans Fugger in Kontakt. Zwei Jahrzehnte später war Lodron 1592/93
kurz vor Beginn des .Langen' Türkenkriegs (1593-1606) als stellvertretender
Oberkommandierender mit der Sicherung der Grenze in Kroatien beschäftigt
und diente Erzherzog Ferdinand von Tirol als militärischer Berater.33
Als wichtiger Korrespondenzpartner ist auch Hauptmann Christoph Tanner
von Tann zu nennen, ein entfernter Verwandter Hans Fuggers. Er schrieb 1592
und 1593 vom Kriegseinsatz in Kroatien.34 Ebenso tat Obrist Engelhard Kurz in
den 1590er Jahren unmittelbar an der Front im Osten des Reiches Dienst; Leut-
nant Heinrich Erb, der den eingangs zitierten Brief erhielt, war schon zehn Jahre

33 Zur Karriere Lodrons vgl. EDELMAYER, Friedrich: Söldner und Pensionäre. Das Netzwerk Phi-
lipps IL im Heiligen Römischen Reich (Studien zur Geschichte und Kultur der iberischen und
iberoamerikanischen Länder 7), Wien/München 2002, S.229, 252-254, 259-261, sowie H I R N ,
Joseph: Erzherzog Ferdinand IL von Tirol. Geschichte seiner Regierung und seiner Länder, Bd. 2,
Innsbruck 1888, S. 298-300.
34 Über Verwandtschaft und Militärkarriere Tanners: KARNEHM: Regesten (Anm. 1), Bd. I, S.420f.
Zu Tanners Militärdienst gegen die Osmanen vgl. die Briefe Hans Fuggers an Christoph Tan-
ner vom 21.11.1592, FA 1.2.16b H. 90(11/2 3294), 28.11.1592, FA 1.2.16b H. 90 (U/2 3303),
12.12.1592,FA1.2.16bH.90 (11/23309),09.01.1593.FA 1.2.l6bH.90 (11/23323),30.01.1593,
FA 1.2.16c H. 91 (U/2 3334), 13.02.1593, FA 1.2.16c H. 91 (U/2 3345) und 13.03.1593,
FA 1.2.16c H. 91 (U/2 3363).
IM O S T E N N I C H T S N E U E S ? 171

früher in den Türkenkriegen engagiert gewesen.35 Nach den am häufigsten kon-


taktierten militärischen Fachleuten wurden nur noch wenige Briefpartner inten-
siver mit Schreiben bedacht, so Herzog Wilhelm V. von Bayern, Angestellte bzw.
Beauftragte des Fuggerschen Handels und Verwandte, darunter zwei der drei Söh-
ne Hans Fuggers. Zahlreiche weitere Empfänger von Fugger-Briefen, die sich um
die Türkenkriege drehten, darunter Hofbeamte, erhielten nur ein bis zwei Briefe
zu diesem Thema - für sie also nur ein Randgebiet in dieser Korrespondenz.
Bereits die Zahl von 169 Schreiben zu den Türkenkriegen, verteilt auf einen
Zeitraum von 1566 bis 1594, demonstriert, dass Fuggers Kopierbuch-Briefe nur
Ausschnitte aus dem Nachrichtenfluss präsentieren, der über das Haus Fugger
lief, und keine kontinuierliche Berichterstattung darstellen. Die Motivation, den
brieflichen Austausch zu diesem Thema über Jahrzehnte hinweg am Leben zu
erhalten, wie dies besonders deutlich bei Lodron der Fall war,36 musste sich aller-
dings nicht zwangsläufig allein aus den gegenseitigen Nachrichtenlieferungen
speisen, deren Bedeutung Fugger durch wiederholte Bitten, ihm dergleichen [...]
mitzuthaillen, mit Nachdruck untetstrich.37 Selten nämlich waren es allein Nach-
richten, die den ausschließlichen Schreibanlass bildeten.38 Die wichtigsten Nach-
richtenkorrespondenten waren Fugger gleichzeitig auch stets auf andere Weise
verbunden, die Anlass zu wiederholtem Briefaustausch bot: etwa durch Kredite,
die das Handelshaus den Kriegsleuten gewährte, beispielsweise zur Ausrüstung
von Regimentern,39 oder durch verwandtschaftliche Beziehungen wie im Fall
Christoph Tanners. Die weit gespannten Verbindungen der Familie Fugger konn-
ten außerdem ausgesprochen förderlich für die Karriere sein: Hans Fugger hat-
te sich bei Lodron mit einem Empfehlungsschreiben für eine Hauptmannschaft
Tanners stark gemacht, was noch ein Grund war, um den Briefkontakt zu dem
Förderer in Augsburg nicht einschlafen zu lassen.41' Die Überlagerung verschiede-

35 Engelhard Kurz führte noch 1594 ein Regiment gegen die Türken, vgl. VOCELKA, Karl: Die poli-
rische Propaganda Kaiser Rudolfs IL (1576-1612) (Veröffentlichungen det Kommission für die
Geschichte Österreichs 9), Wien 1980, S. 251.
36 Die Briefverbindung zu Lodron hielt von 1572 bis ins Jahr 1594 an.
37 So Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 27.09.1572, FA 1.2.6a H. 13, pag. 279 (I 845). Die-
se erste nachgewiesene Nachrichtenbitte an Lodron unterstrich Hans Fugger mit dem Argument,
dass ein Familienmitglied Lodrons, Albrecht von Lodron, ihm ebenfalls immer Nachrichten
geschickt habe (pag. 279). Vgl. auch die Bitten an Hieronimus von Arco, 29.09.1571, FA 1.2.5
H. 11 (I 575), an Heinrich Erb, 13.06.1580, FA 1.2.10 H. 35 (II/l 1627).
38 Die Korrespondenz mit Hieronimus von Lodron ist ein markantes Beispiel: Während 94 Briefe
Fuggers an Lodron von Nachrichten handelten, konzentrierten sich nur 22 dieser Schreiben auf
den Nachrichtentransfer als einzigen Briefinhalt; in allen anderen Briefbelegen wurde mindestens
ein weiteres Thema, insbesondere Kredite oder Waffengeschäfte, verhandelt, vgl. etwa Briefe Hans
Fuggers an Hieronimus von Lodron, 27.09.1572, FA 1.2.5 H. 13 (I 845), 31.03.1576, FA 1.2.8b
H. 25 (II/l 1100).
39 Häufig übernahm Hans Fugger nicht nur die Vorfinanzierung, sondern auch noch den Ankauf
von Waffen und Rüstungen in Augsburg und Nürnberg, vgl. als Beispiel den Brief Hans Fuggers
an Hieronimus von Lodron, 27.09.1572, FA 1.2.5 H. 13 (I 845). Dazu auch KARNEHM: Regesten
(Anm. l),Bd.I,S.44'f.
40 Vgl. Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 04.04.1573, FA 1.2.6a H. 14 (I 959).
172 REGINA DAUSER

ner Beziehungsebenen - die sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse verwendet


hier den Begriff der Multiplexität - konnte Fuggers Zielsetzung einer kontinu-
ierlichen Information möglicherweise bei seinen Adressaten zusätzliches Gewicht
verleihen; konkrete Hinweise für die Ausnutzung dieser mehrfachen Abhängig-
keiten fehlen zwar, ihr Auftreten gerade bei den wichtigsten Nachrichtenkorres-
pondenten Fuggers ist jedoch signifikant.41
Die Dominanz der Militärs als Adressaten der Türkenkriegs-Briefe könnte
eine .Einbahnstraße" des Nachrichtentransfers von den Augenzeugen vor Ort
nach Augsburg ins Fuggerhaus nahe legen. Ganz im Gegenteil ist aber die Per-
son Hans Fuggers geradezu als Vermittler, als .Nachrichtenbroker' im Korres-
pondenznetz zu werten. Er sammelte nicht nur Nachrichten verschiedenster Pro-
venienz, sondern versandte sie in einem regen Austausch wieder von neuem an
verschiedene Korrespondenzpartner. So konnte Fugger beispielsweise die Kriegs-
leute über die Vorgänge an weit voneinander entfernten Frontabschnitten auf dem
Laufenden halten. Auf diese Weise etablierte er ein Netz von indirekten Bezie-
hungen zwischen seinen Nachrichtenpartnern. 42 Hinweise aus seinen Schreiben,
in denen er für empfangene Nachrichten dankte und gegebenenfalls selbst Neuig-
keiten anfügte, lassen eine Analyse der .Nachrichtenströme' in der Fuggerkorres-
pondenz zu: Noch vor seinen Briefpartnern unter den Militärs war es Fugger, der
durch Quellen außerhalb der Korrespondenz die meisten Informationen zu den
Türkenkriegen liefern konnte.43
Gegenüber Berichten über Kämpfe und Truppenbewegungen, Indizien für
gesteigerte oder abflauende Rüstungsaktivitäten, ergänzt durch Mitteilungen zu
diplomatischen Verhandlungen, wurden die Auswirkungen der Kampfhandlun-
gen auf die Zivilbevölkerung oder auf die allgemeine Wirtschaftslage nur am Ran-
de zum Thema. Klar dominierte bei Hans Fugger also die militärische Perspektive
- in Entsprechung zur Strukturierung des Adressatenkreises.

41 Die sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse hält ein umfangreiches methodisches Instrumen-


tarium bereit, um die Struktur und Wirkung von Beziehungsnetzen zu erfassen, von dem auch
bei der o.g. Untersuchung des Fuggerschen Korrespondenznetzes profitiert werden konnte. Zur
Anwendung auf historische Fragestellungen grundlegend- R F I N H A R D , Wolfgang: Freunde und
Kreaturen. „Verflechtung" als Konzept zur Erforschung historischer Führungsgruppen. Römische
Oligarchie um 1600 (Schriften der Philosophischen Fachbereiche der Universität Augsburg 14),
München 1979. Der Einsatz in kommunikationsgeschichtlichem Zusammenhang bei PIEPER,
Renate: Die Vermittlung einer Neuen Welt. Amerika im Nachrichtennetz des Habsburgischen
Imperiums 1493-1598 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte 163), Mainz
2000.
42 Als grundlegende deutschsprachige Einführung in Ansatz und Begtifflichkeit der sozialwissen-
schaftlichen Netzwerkanalyse: JANSEN, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundla-
gen, Methoden, Anwendungen (UTB M.2241), Wiesbaden 2 2003.
43 Auch im Briefverkehr mit Lodron dominierten - soweit durch Briefhinweise zu eruieren - Hans
Fuggers Türkenkriegsinformationen (28) gegenüber denen Lodrons (18).
IM O S T E N N I C H T S N E U E S ? 173

Der Seekrieg im Mittelmeer in den Briefen Hans Fuggers

Die beiden Hauptschauplätze der Kriege gegen das Osmanische Reich im 16. Jahr-
hundert, der Mittelmeerraum und Osteuropa, dort vor allem das kroatisch-unga-
rische Grenzgebiet, beanspruchten die Aufmerksamkeit Hans Fuggers und seiner
Korrespondenten in wechselndem Maße. Nach einer gescheiterten Offensive Kai-
ser Maximilians II. in Ungarn im Jahr 156644 stammten Meldungen, die in der
Fuggerkorrespondenz reflektiert wurden, in erster Linie vom mediterranen See-
krieg mit der osmanischen Flotte in den 1570er Jahren. Fuggers Briefe über die
Lage im Mittelmeer waren geprägt von der generellen Stimmung, die auch die
Türkenkriegspublizistik durchzog: Ein Abebben der Kampfhandlungen, eine
Verständigung mit dem Gegner wie beispielsweise im Frieden Genuas mit dem
Sultan im Jahr 1568, wurde nur als Pause in einem Kampf betrachtet, der bei
nächster Gelegenheit wieder von neuem aufflammen konnte.45
Durch ihre Nachrichtenverbindung nach Konstantinopel kam Fuggers vene-
zianischen Quellen im Hinblick auf Berichte zu Planungen und Rüstungen der
Osmanen gesteigerte Bedeutung zu.46 Truppenwerbungen insbesondere Spaniens
für den Einsatz zur See wurden ihm frühzeitig durch die Kriegsleute Lodron und
Don Juan Manrique de Lara berichtet.47 Fugger bezog seine Nachrichten damit
aus den berufensten Quellen überhaupt: Die Militärs waren ganz direkt mit Trup-
penwerbungen befasst, und das venezianische Nachrichtensystem bot das wohl
leistungsfähigste Informationsnetzwerk zum Osmanischen Reich überhaupt, das
auf einer wöchentlich berichtenden diplomatischen Vertretung am Bosporus und
einem zusätzlichen Kreis von Agenten beruhte, zu denen auch Kaufleute zähl-

44 Vgl. dazu die Bewertung durch SCHÖNHERR, Klaus: Kaiser versus Sultan. Der militärische Kon-
flikt Maximilians II. mit Süleyman 1564-1566, in: Militärgeschichte NF 8 (1998), S.3-11.
45 Vgl. die verhaltene Reaktion Fuggers auf die genuesisch-türkische Einigung in den Briefen an Flo-
rian Griespeck, 20.07.1568, FA 1.2.5 H. 8 (I 269), sowie an den Herrn von Bernstein (Vorname
nicht überliefert), 20.07.1568, FA 1.2.5 H. 8 (I 270).
46 Vgl. hierzu insbesondere Nachrichten Fuggers an Wolfgang Pfalzgraf von Neuburg, 24.03.1567,
FA 1.2.5 H. 5 (I 50), fol. 28r: Allain schreibt man von Venedig vom 14 diß [sc. Monats, R. D.] das
alda die brießvon 8febrer aus Constan. [tinopo]/; anzaigten wie heur kain grosse armada sonnder
allain SOgaleren zu beschirmungderfrontieren, ausfaren würden. Ähnlich auch an Dr. Ludolf Hal-
ver, den bayerischen Gesandten in den Niederlanden, am 23.12.1567, FA 1.2.5 H. 8 (I 164), fol. 6r:
Von Const.[znunopo]li seind Zeitungen durch Venedig dz vor diser zeitgleichwol der Türekh grosse
preparation per mär thon lasst.
47 Vgl. Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 10.01.1573, FA 1.2.6a H. 14 (I 904), an denselben
auch der Brief vom 25.04.1573, FA 1.2.6b H. 15 (I 974). Durch Werbungen Manriques u.a. im
Augsburger Umland hatte Fugger zeitweise auch vor Ort in Augsburg eine gute Basis für aktuel-
le Nachtichten, die er dann wieder an Lodron im fernen Messina weitergeben konnte, vgl. dazu
Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 28.03.1573, FA 1.2.6a H. 14 (I 948). Zur Biographie
Manrique de Laras, der vom Hof in Wien als Söldnerführer in die Dienste Philipps II. von Spanien
wechselte, vgl. EDELMAYER: Söldner und Pensionäre (Anm. 33), S. 238.
174 REGINA DAUSER

ten.48 In Fuggers Briefen zu politisch-militärischen Ereignissen sind dementspre-


chend nur höchst selten eindeutige Falschmeldungen nachzuweisen.49
Die Aufrechterhaltungeines kontinuierlichen Nachrichtenflusses aus verschie-
denen Quellen war für Fugger schon deshalb eine absolute Notwendigkeit, weil
plötzliche Änderungen in den Plänen der Krieg führenden Mächte unliebsame
geschäftliche Konsequenzen haben konnten. So sollte Fugger im Januar 1575 im
Auftrag von Don Juan Manrique de Lara in Nürnberg Preise der Rüstungen für
ein Regiment deutscher Landsknechte eruieren lassen, das im Mittelmeer ein-
gesetzt werden sollte. Die Finanzierung dieser Rüstungskäufe hoffte Manrique
über einen Fuggerschen Kredit sicherzustellen. Vor diesem Hintergrund beauf-
tragte Hans den Nürnberger Faktor Carl Heel, für einen günstigen und raschen
Abschluss des Kaufs zu sorgen, da Gerüchte um die Werbung neuer Truppen die
Preise schnell in die Höhe treiben konnten. Noch vor Fuggers Kreditzusage trafen
jedoch im April Meldungen aus Italien ein, der Sultan plane in diesem Jahr keine
Angriffe zur See. Fugger folgerte daraus, dass der Marschbefehl für Don Juan in
Kürze Makulatur sein werde. Dementsprechend fiel seine briefliche Anweisung
an Carl Heel aus, alle Aktivitäten zu stoppen, um den Abschluss des Geschäfts
und damit die Ausgabe eines Kredits an Manrique, der als unsicherer Schuld-
ner galt, zu vermeiden:50 Wenn die italienischen Nachrichten stimmten, sei wol
zugedennckhen, das dißjar kain teutsch volckh inn It:{A\\a gefüret und des Don
Juan regiment auch zu rückhgeen werdt, darumb ist sich desto minder ein zulassen}1
Tatsächlich behielten Fuggers italienische Quellen recht: Im Jahr 1575 kam es im
Mittelmeer zu keinerlei Kriegshandlungen von größerer Bedeutung.52
Mit der Strategie, Meldungen aus verschiedensten Quellen zu sammeln und
miteinander zu vergleichen, konnten Pannen bei der Weiterleitung eines Nach-
richtenbriefes, Fehlinformationen oder der Ausfall eines Korrespondenzpartners
aufgefangen werden: Hieronimus von Lodron schrieb nach der Rückeroberung
von Tunis durch die Spanier im Januar 1574, sein Regiment werde nun demnächst
bezahlt und abgedankt. Eine Woche später korrigierte er seine Angaben: Neue

48 Vgl. die konzise Darstellung bei HÖFERT: Feind (Anm. 2), S. 124-142.
49 In einer Analyse von insgesamt 515 Nachrichtenmeldungen konnten durch Abgleich mit For-
schungsliteratut und den dort ausgewerteten Quellen lediglich 40 Mitteilungen als eindeutige
Falschmeldungen identifiziett werden, vgl. DAUSER: Informationskultur und Beziehungswissen
(Anm. 1). Dort auch zum Umgang mit Gerüchten und unsicheren Meldungen.
50 Gegen Manrique musste die Firma Fugger schließlich sogar einen Prozess anstrengen, um hohe
ausstehende Summen zurückzuerhalten, vgl. den Brief Hans Fuggers an Balthasar Ttautson,
18.10.1578, FA 1.2.10 H. 32 (II/l 1396).
51 Hans Fugger an Carl Heel, 26.04.1575, FA 1.2.8a H. 21, pag. 128 (II/l 438).
52 Die Ängste der militärischen Führer Spaniens vor neuen osmanischen Angriffen im Jahr 1575
belegt BRAUDEL, Fernand: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps IL,
Drittet Teil: Ereignisse, Politik und Menschen, Frankfurt a.M. 1994 (Orig.: La Mediterranee et
le monde mediterraneen ä l'epoque de Philippe II, Paris 1949, hier nach der vierten, durchgesehe-
nen und berichtigten Auflage 1979), S. 326-329. Zu 1575 als einer „period of comparative calm in
the Eastern Mediterranean", die von kleineren Überfällen per Schiff, nicht aber von großen strate-
gischen Operationen geprägt war: ANDERSON, Roger O : Naval Wars in the Levant 1559-1853,
Liverpool 1952, S. 57f.
IM O S T E N N I C H T S N E U E S ? 175

osmanische Angriffspläne waren gemeldet worden - was ein Fortbestehen sei-


nes Regiments nahe legte. Kam Lodrons erster Brief nach dreiwöchiger Reise in
Augsburg an, so traf seine zweite Botschaft mit den neuen wichtigen Nachrich-
ten erst recht verspätet Anfang März 1574 bei Fugger ein. Dieser hatte aber eben-
so wie der Obrist höchst zeitig noch im Januar erfahren - nämlich über Ungarn
und Wien -, dass der Sultan für die Wiedereroberung von Tunis rüstete. Die im
ersten Brief Lodrons erwähnte Entlassung der Truppen qualifizierte er daher in
seiner Antwort auch als reichlich voreilig ab - der Ausfall der Nachrichtenquelle
Lodron hatte sich dank der Verbindung zu weiteren Informationszentren nicht
negativ auf Fuggcrs Informationsstand ausgewirkt.53
Durch sein Nachrichtennetz, das ihn über alle wichtigen europäischen Kon-
fliktherde auf dem Laufenden hielt, war Fugger wohl besonders für die Interpre-
tation der osmanischen Expansionspolitik als einer gesamteuropäischen Bedro-
hung sensibilisiert, wie sie unter dem Schlagwort der concordia gerade im späten
16.Jahrhundert die Argumentation verschiedenster Turcica durchzog:54 Dem
Türkhen, so Fugger, sei doch ain so gewünscht spil gerade dadurch gemacht, dass
unter den Christen keine Einigkeit herrsche, sie sich vielmehr, wie etwa im Kampf
der niederländischen Provinzen gegen die spanische Oberherrschaft, untereinan-
der bekriegten und damit vom .eigentlichen' Gegner abgelenkt würden.55
Die langwierigen Bündnisverhandlungen Spaniens, des Papstes und Venedigs,
die als Heilige Liga 1571 den spektakulären Sieg in der Seeschlacht von Lepanto
feierten, schienen Fugger zunächst ebenso durch innerchristliche Querelen über-
schattet.56 Sein einziger erhaltener Kommentar zum Triumph bei Lepanto, der in
Jubelfeiern, Gemälden, Dankgebeten und einer reichen publizistischen Produkti-
on verherrlicht wurde, fiel vier Wochen nach der Schlacht allerdings bemerkens-
wert verhalten aus - er betonte, dass der Sieg teuer erkauft war.57 Herzog Ludwig
von Württemberg, der über Fugger mehr Details (particularia) über die Schlacht
erfahren wollte, berichtete er, als er dem Fürsten in einer Nachrichtenbeilage den
ganntzen successum übersandte: Es ist in wahrhait ain grosse victoria, die auff der
Christen Seiten auch nit ohne schaden, unndgroßpluetvergiessen abgangen}*
Dass Lepanto eine echte Zäsur im Kampf gegen die Türken bedeutet hätte, ist
aus Fuggers Briefen nicht zu entnehmen - die Euphorie, die aus der erwähnten

53 Vgl. Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 30.01.1574, FA 1.2.6b H. 15 (II/l 17) (Antwort
auf Lodrons Schreiben vom 08.01.1574), sowie Fuggers Brief an denselben vom 04.03.1574,
FA 1.2.6b H. 15 (II/l 36) (Antwort auf Lodrons Schreiben vom 16.01.1574).
54 Ein Überblick zum Einsatz des Concordia-Topos bei SCHULZE: Reich und Türkengefahr
(Anm. 4), S. 51, 61-66; zur Bedeutung der Concordia in den Türkenreden der Humanisten vgl.
KÜHLMANN, Wilhelm: Der Poet und das Reich - Politische, kontextuelle und ästhetische Dimen-
sionen der humanistischen Türkenlyrik in Deutschland, in: G U T H M U L L E R / K Ü H L M A N N (Hg.),
Europa und die Türken (Anm. 11), S. 93-248, besonders S. 210-213.
55 Vgl. Hans Fugger an Carl Welser, 30.08.1568, FA 1.2.5 H. 8, fol. 76v (I 296). Ähnlich auch an den
Fuggerschen Faktor Hans Heinrich Mundtprot, 01.07.1578, FA 1.2.9b H. 31 (II/l 1352).
56 Vgl. Hans Fugger an Wilhelm V, 17.03.1571, GHA Korrespondenz-Akten 607, Fugger II (I 516).
57 Zur Feier LepantosGöLLNER: Türkenfrage (Anm. 11), S. 148-153.
58 Hans Fugger an Ludwig Herzog von Württemberg, 06.11.1571, FA 1.2.5 H. 11, fol. 63r (I 604).
176 REGINA DAUSER

medialen Verherrlichung des christlichen Sieges sprach, hat sich in seiner Kor-
respondenz nicht niedergeschlagen, und die von der Forschung erschlossenen
Quellen belegen, dass dieser Erfolg unter strategischen Gesichtspunkten keine
anhaltenden Vorteile zeitigte.59 Die Anspannung hielt auch bei Fugger an, wie sei-
ne Reaktion auf den Friedensschluss Venedigs mit dem Osmanischen Reich im
Jahr 1573 zeigt. Vom laidig unchristlich friden zwischen dem Venediger und dem
Türggen6a schrieb er Hieronimus von Lodron: Venedig war aus der Heiligen Liga
ausgeschert, was von den ehemaligen Verbündeten empört ais Verrat an der Chri-
stenheit interpretiert und in der Fuggerkorrespondenz entsprechend eingeordnet
wurde.61
Fuggers letzter Brief zu Operationen im Mittelmeer datiert vom September
1575.62 Zwar kam es danach immer wieder noch zu kleineren Gefechten, über die
er vermutlich auch Nachrichten erhielt. Doch die Zeit der großen militärischen
Aktionen war vorbei. Das Osmanische Reich wandte sich verstärkt Marokko
und Persien zu, und Spanien, das in einer schweren Finanzkrise steckte, sah sich
mit den Kämpfen in den Niederlanden beschäftigt. Verhandlungen zwischen der
Pforte und dem spanischen König führten schließlich zu dem Waffenstillstand
von 1581.63 Bis dahin erhielt Fugger vermutlich weiterhin Mitteilungen über letz-
te Truppenbewegungen, doch in seiner Nachrichtenkorrespondenz tauchen sol-
che Meldungen nicht mehr auf. Relevant wurde nun der östliche Schauplatz: Der
Krieg gegen das Osmanische Reich war von nun an in seinen Briefen der Krieg an
der habsburgischen Militärgrenze.

Im Osten nichts Neues?

Nach der gescheiterten ungarischen Offensive Kaiser Maximilians IL im Jahr


1566 liefen die militärischen Auseinandersetzungen mit Verbänden der Osma-
nen an der Ostgrenze des Reiches fast dreißig Jahre lang immer nach demselben
Muster ab: Obwohl Waffenstillstände wieder und wieder verlängert wurden, blieb
die so genannte Militärgrenze von Kosice bis Senj, ein Gürtel von Wachtposten

59 Dazu ausführlich: HESS, Andrew O : The Battle of Lepanto and its Place in Mediterranean His-
rory, in: Past and Present 57 (1972), S. 53-73, knapp auch M A T U Z , Josef: Das Osmanische Reich.
Grundlinien seiner Geschichte, Darmstadt '1994, S. 139f. Anders wertet BRAUDEL: Mittelmeer
(Anm. 52), S. 279f. Zur medialen Verarbeitung des Ereignisses GÖLLNER: Türkenfrage (Anm. 11),
S. 148f.
60 Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 25.04.1573, FA 1.2.6b H. 15,pag. 14(1974).
61 Die Bewertung des Friedensschlusses, mit dem Venedig seine Handelsinteressen zu schützen ver-
suchte, bei BRAUDEL: Mittelmeer (Anm. 52), S. 307-309, sowie GOFFMAN: Ottoman Empire and
Europe (Anm. 24), S. 162-164.
62 In seinem Brief an seinen Agenten in Italien, Matthias Rechseisen, vom 24.09.1575, FA 1.2.8a
H. 23 (II/l 482), war nochmals von der Einschätzung neuet Truppenbewegungen im Mittelmeer
die Rede.
63 Vgl. HESS: Lepanto (Anm. 59), S. 66-69, sowie BRAUDEL: Mittelmeer (Anm. 52), S. 357f.
IM O S T E N NICHTS NEUES? 177

und Grenzfestungen, Schauplatz kleinerer Scharmützel, die für keine der Parteien
größere Gebietsgewinne erbrachten.64
Diese begrenzten Gefechtshandlungen stellten begreiflicherweise zwar nicht
den Nachrichtenschwerpunkt Fuggers für diese Zeit dar, doch eine kontinuierli-
che Beschäftigung mit der Problematik ist seinen Briefen dennoch zu entnehmen.
Den Gegner zu unterschätzen oder den Konflikt gar nicht wahrzunehmen, wie er
es 1580 in dem eingangs zitierten Brief an Leutnant Heinrich Erb seinen Lands-
leuten zum Vorwurf machte, schien Hans Fugger schlichtweg zu gefährlich. Zu
gegenwärtig waren ihm Hintergrundinformationen über anhaltende Schwächen
in der Verteidigung der Militärgrenze, die trotz etheblicher finanzieller Anstren-
gungen der Erblande, durch Reichssteuern unterstützt, permanent in einem
unbefriedigenden Zustand blieb.65 Waren die Grenzfestungen einmal überrannt,
so Fugger an den im Mittelmeerraum stationierten Lodron, dann lag der Weg für
den Feind frei: Dann ainmal seindt die greniz heußer übll verschen, dz lanndt vol
proviant und offen wie der herr selb waist.66
Wegen dieser Mängel in der Verteidigung schien es Fugger nicht geraten, die
mehrfach auf der politischen Tagesordnung stehende Verlängerung des seit 1547
bestehenden Waffenstillstands zu gefährden. Von der regelmäßigen Überbringung
der so genannten Türkenverehrung, einer Quasi-Tributleistung, die der Kaiser im
Gegenzug für einige Klauseln des Waffenstillstands zu erbringen hatte, erhoffte
er sich recht nüchtern zumindest, dass der Grenzkonflikt nicht weiter eskalierte.
Wiederholt wurde daher der rechtzeitige Transport der Verehrung nach Konstan-
tinopel, die zum Teil auch aus Augsburger Goldschmiedearbeiten bestand, The-
ma in seinen Berichten, so gegenüber Lodron, den er weiter auf dem Laufenden
hielt: Dan solte die Verehrung [...] khünfftig ine nit geen Constantinopelgebracht
werden, hat man sich der verlengerung des anstands [des Waffenstillstands, R. D.]
nit zu getrösten, sonder vil mer kriegs in Ungern zu besorgen, der [...] leider gar übel
gestaffirt ist}7
Zum großen Hauptthema der Nachrichtenkorrespondenz neben dem nieder-
ländischen Aufstand wurden die Kämpfe in Ungarn und Kroatien nach einer
Überlieferungslücke der Briefe von 1587 bis 1591 dann ab 1592 im Vorfeld des

64 Eine konzise Darstellung des Konflikts zwischen den 1560er und 1590er Jahren bei VocELKA:
Propaganda Rudolfs IL (Anm. 35), S. 219-222.
65 Dazu PÄLFFY: Preis (Anm. 31). Basal zur Bedeutung det Türkenfrage für das Reich und die Bera-
tungen auf den Reichstagen: SCHULZE: Reich und Türkengefahr (Anm. 4).
66 Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 28.03.1573, FA 1.2.6a H. 14, pag. 495 (I 948).
67 Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 24.10.1582, FA 1.2.12a H. 45, pag. 478 (U/2 2202).
Zur Türkenverehrung und der Geschichte der habsburgisch-osmanischen Waffenstillstände
PETRITSCH, Ernst Dieter: Tribut oder Ehrengeschenk? Ein Beitrag zu den habsburgisch-osma-
nischen Beziehungen in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts, in: SPRINGER, Elisabeth/
KAMMERHOFER, Leopold (Hg.), Archiv und Forschung. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in sei-
ner Bedeutung für die Geschichte Österreichs und Europas (Wiener Beiträge zur Geschichte der
Neuzeit 20), Wien/München 1993, S. 49-58.
178 R E G I N A DAUSER

.Langen' Türkenkriegs.68 Tatsächlich hatten die Grenzkonflikte seit Beginn


der 1590er Jahre eine neue Qualität erlangt; mehrere wichtige Grenzfestungen
waren von osmanischen Verbänden erobert worden.69 Mit den heftiger werden-
den Kämpfen nahm auch die Produktion von einschlägigen Druckwerken zu;
Winfried Schulze hat hier insbesondere auf den vermehrten Druck von Nach-
richten-Flugblättern und Flugschriften mit einer stärkeren Tendenz zur Fakten-
orientierung hingewiesen - allein schon angesichts der Flut neuer Meldungen
vom Schauplatz.70 Bei Fugget machte sich parallel zu dem verschärften Bedro-
hungspotential eine stärkere innere Anteilnahme an den Kämpfen und ihren
möglichen Konsequenzen bemerkbar. Zwar hatte er schon früher die Gefähr-
dung durch die osmanische Expansion auch als eine persönliche formuliert,
ganz so, wie es ja zahllose Propagandaschriften verbreiteten.71 Während er aber
angesichts der Kämpfe im Mittelmeer aus der Distanz heraus noch überwiegend
von den Christen oder der Christenheit71 sprach, die gegen .die Türken' kämpfe,
so häufen sich ab 1592 Belege, in denen Fugger immer wieder ganz explizit sich
und seine Adressaten als Teil einer bedrohten christlichen Gemeinschaft sah, die
jede Bewegung der Truppen mitverfolgte, als stünde sie selbst den Streifscharen
des Sultans gegenüber. Bezeichnend ist ein Brief an den Genueser Hauptmann
Sebastian Roll von 1593, kurz nach der Eroberung der ungarischen Festung Fülek
durch kaiserliche Truppen: [...] und helt es Gott der herr mit der Christenheit [...]
gar gnedig, dz sie uns sovil stattliche victorien so bald nacheinander verliehen [...],
und bemhiet sich Ir A^;[iserliche] A/f:[Maiestät] allein disemfeind den vorstraich
abzugewinen, und den krieg zu dirigiern, da [wohin, R. D.] sie wellen, welches nit
geschehen khindt, wann er vor uns ins veld khem, da müessten wir hinziehen, wa
er den kopffhinstreckhen.7i
Bis zu den militärischen Erfolgen der neu geworbenen Truppen Rudolfs IL, die
Fugger in diesem Zitat resümierend erwähnte, war es jedoch ein weiter Weg, der

68 1576-1586 handelten maximal sechs Briefe pro Jahr von den Türkenkriegen; 1592 sind dann 16
Schreiben zum Thema überliefert. Insgesamt hatten 1592-1594 62 Briete die Türkenkriege zum
Thema, während Fugger im gleichen Zeitraum zu den Kämpfen in den Niederlanden, für die ins-
gesamt mehr als doppelt so viele Briefe überliefert sind wie für die Türkenkriege, 64 Schreiben ver-
fasste.
69 Über diese Phase des Konflikts informiert H I R N : Erzherzog Ferdinand (Anm. 33), S. 290-299.
70 SCHULZE: Reich und Türkengefahr (Anm. 4), S. 25.
71 So schrieb Fugger 1578 an den Faktot der Firma in Antwerpen, Hans Heinrich Mundprot, dass
es ja schließlich das Ziel des Türggen sei, dz er uns under sein joeh bringen khan, vgl. das Schreiben
vom 01.07.1578, FA 1.2.9b H. 31, pag. 276 (II/l 1352).
72 Vgl. z.B. Hans Fugger an Ludwig Herzog von Württemberg, 06.11.1571, FA 1.2.5 H. II, fol. 63r
(I 604) (Es ist in wahrhait ain grosse victoria, die auff der Christen Seiten auch nit ohne
schaden, unndgroßp/uetvergiessen abgangen.), ähnlich der Brief an Hans Gärtner, 19.01.1572,
FA 1.2.5 H. 12, pag. 9 (I 643) (A/hie macht man an der Verehrung per Constantinoplfast [...], Gott
wolldas es der Christenhait mers zugutt als schaden kumb.) oder das Schreiben Fuggers an
Hieronimus von Lodron, 30.01.1574, FA 1.2.6b H. 17, nicht paginiert (II/l 17) (Gott der herr
verleich der Chris t enhait störkhe, dz man disemfeind khind widersteen). Alle Hervorhebun-
gen durch die Verfasserin.
73 Hans Fugger an Sebastian Roll, 08.12.1593, FA 1.2.16d H. 93, pag. 6f. (U/2 3400). Alle Hervor-
hebungen durch die Verfasserin.
IM O S T E N NICHTS NEUES? 179

von altbekannten Versäumnissen und auch ganz persönlichen Fuggerschen Sor-


gen geprägt war. Die jüngsten Erfolge der Osmanen hatten ihren Hintergrund
nicht zuletzt in der nach wie vor miserablen Ausstattung der Grenzverteidigung,
der es an (Kriegs-)iW<rA'/? genauso mangelte wie angelt,7'' was Fugger die Lage so
bedrohlich erscheinen ließ, dass er befürchtete, die gegnerischen Krieger könnten
bis nach Sachsen vordringen: 75 über 3. 4. jar khimbt er, und nimbt das übrig auch
ein?6 Die neu aufgestellten Regimenter konnten seine Befürchtungen nicht zer-
streuen - G r u n d für den anhaltenden Pessimismus waren die Nachrichten seines
Informationsnetzes.
Das Problem der Grenzverteidigung erschien nun noch einmal potenziert, als
erfahrene Kriegsleute wie Tanner u n d Lodron direkt u n d in rascher Folge aus
Kroatien berichteten. Seinem Schwiegersohn, dem bayerischen Pfleger Konrad
von Bemelberg, wusste Fugger im November 1592 zu melden, in Kroatien stehe
dz kriegs wesen altem gebrauch nach, in unordenlichem verderblichen wesen, zert
grosse uncostten auf, und wirdt doch nichts ußgericht, ist weder profiant, noch guete
Ordnung verbanden}7 Als teuer u n d dennoch unzureichend hatte H a n s Fugger die
Militärgrenze schon früher charakterisiert, doch neu war die dezidierte Kritik an
unordenlichem [...] wesen, die nun sehr deutlich Defizite im strategischen Bereich
in den Blick nahm. Die Quelle für diese harsche Kririk ist klar den Briefen Fug-
gers und ihrer Chronologie zu entnehmen: sie lag direkt im Heerlager in Kroati-
en. Der erste von vielen Hinweisen findet sich in der Replik H a n s Fuggers auf ein
Schreiben Christoph Tanners, von dem im Oktober 1592 zu lesen war, dz euch
[den Truppen in Kroatien, R. D.] ein rechtgeschaffens haubt mangelt.7S
Auch Hieronimus von Lodron, immerhin stellvertretender Kommandeur des
im Herbst 1592 neu nach Kroatien entsandten Truppenkontingents, kommen-
tierte die Unternehmung gegen die osmanischen Verbände drastisch, und Fugger
referierte ihn mit den Worten, dz inn nichten einige provision [vorausschauende
Planung, R. D.] der behör nach geschehen}9 Lodrons deutliche Worte sind nicht
nur ein Beleg für sein Vertrauen zu H a n s Fugger, sondern zeigen sehr deutlich
die desolate Verteidigungslage, gehörte er doch immerhin zum höheren militä-
rischen Führungspersonal. Sie stimmen mit den Informationen überein, die von
der historischen Forschung aus anderen Quellen zur Kriegführung im Vorfeld des

74 Hans Fugger an Wolf von Montfort, 18.07.1592, FA 1.2.16a H. 88, pag. 236 (U/2 3280).
75 Hans Fugger an Wolf von Montfort, 18.07.1592, FA 1.2.16a H. 88 (U/2 3280).
76 Hans Fugger an Sebastian Roll, 30.10.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 13 (U/2 3283).
77 Hans Fugger an Konrad von Bemelberg, 28.11.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 84 (U/2 3298). Zu
Bemelberg vgl. LANZINNER, Maximilian: Fürst, Räte und Landstände. Die Entstehung der Zen-
tralbehörden in Bayern 1511-1598 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschich-
te 61), Göttingen 1980, S. 298.
78 Hans Fugger an Christoph Tanner, 21.11.1592. FA 1.2.16b H. 90, pag. 59 (U/2 3294). Der Brief
Tanners datierte vom 26. Oktober.
79 Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 23.12.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 199 (U/2 3318).
180 REGINA DAUSER

Türkenkriegs von 1593 zusammengetragen wurden.80 Fugger war damit per Brief
in die Diskussion um essentielle Versäumnisse in der Kriegführung einbezogen
und konnte auf dieser Basis seine eigene Position formulieren. Durch seine Mög-
lichkeiten, Nachrichten direkt von den Experten bzw. den zentralen Nachrich-
tenknotenpunkten zu beziehen, konnte er sich zu einer Informationselite zählen.
Die indirekte Vernetzung, die Fugger durch die Weiterleitung dieser Informati-
onen an Adressaten wie den Genueser Hauptmann Sebastian Roll, Konrad von
Bemelberg und an seinen Neffen, den Kleriker Anton von Montfort, etablierte,
schuf somit einen Kommunikationszusammenhang, der weit über die Führung
isolierter „halbierter Dialoge" hinausging.
All die erwähnten Defizite kosteten Geld - nicht zuletzt Fuggersches Geld.
Umso schlimmer in den Augen Hans Fuggers, wenn in dieser verfahrenen Situati-
on - wieder einmal - Mitglieder der viel beschworenen christlichen Gemeinschaft
versuchten, aus der Koalition gegen das Osmanische Reich auszuscheren. Lodron
hatte bereits geschrieben, dass die Bevölkerung in den bedrohten Gebieten sich
recht unbeteiligt zeige.81 Christoph Tanner hatte noch mehr zu vermelden, was
Fugger umgehend Roll, Montfort und Bemelberg berichtete: In der Steiermark, in
Ungarn und Kroatien würden Parolen ausgegeben, es sei besser under dem Türggen
als under den papstischen zu sein-}1 die Prädikanten hätten dies öffentlich gepre-
digt und verbreitet, die Truppen seien in Wahrheit gekommen, um der protestan-
tischen Bevölkerung dz allein seligmachende euangelium zunemenP Diese „Tür-
kenhoffnung" war in den protestantischen Gemeinden der Erblande nicht selten,
die sich von einer rigiden landesherrlichen Konfessionspolitik bedroht sahen. Sie
hatte ihren Grund darin, dass Christen jeder Konfession gegen Zahlung einer
Kopfsteuer im Osmanischen Reich ihre Religion beibehalten konnten und dort

80 Vgl. die zusammenfassende Darstellung bei RAUSCHER, Peter: Zwischen Ständen und Gläubigern.
Die kaiserlichen Finanzen unter Ferdinand I. und Maximilian 11.(1556-1576) (Veröffentlichungen
des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 41), Wien/München 2004, S. 64-76. Ent-
sprechend auch Angaben bei WEBERNIG, Evelyne: Der „Dreizehnjährige Türkenkrieg" (1593-
1606) und seine Auswirkungen auf Kärnten, in: DOLINAR, France M. u.a. (Hg.), Katholische
Reform und Gegenreformation in Innerösterreich 1564-1628, Graz u. a. 1994, S. 449-458, beson-
ders S. 452, sowie VALENTINITSCH, Helfried: Die Windische Grenze und das steirische Proviant-
wesen vom letzten Viettel des 16. bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Siedlung, Macht
und Wirtschaft, FS Fritz Posch, hg. von Gerhard PFERSCHY (Veröffentlichungen des steiermärki-
schen Landesarchivs 12), Graz 1981, S. 512-532.
81 Vgl. Hans Fugger an Christoph Reitter, 12.11.1592, FA 1.2.16b H. 90 (U/2 3291). Fugger bezog
sich in dem Schreiben ausdrücklich auf Lodron als Gewährsmann.
82 Hans Fugger an Sebastian Roll, 05.12.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 117 (U/2 3304). Einen
ersten diesbezüglichen Bericht Christoph Tanners, datiert auf den 26. Oktober, erhielt Fuggcr am
20. November, so die Angaben im Brief an Tanncr, 21.11.1592, FA 1.2.16b H. 90 (U/2 3294).
83 Hans Fugger an Anton von Montfort, 04.12.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 132 (U/2 3306). Vgl.
auch den Brief an Konrad von Bemelberg, 28.11.1592, FA 1.2.16b H. 90 (U/2 3298). Eine von
Fugger erwähnte entsprechende Stellungnahme der steirischen Landschaft (Ständeversammlung)
erklärt sich außer mit den konfessionellen Präferenzen auch mit der Tatsache, dass die Steiermark
für die Unterhaltung des slawonischen Grenzabschnitts zuständig war, vgl. RAUSCHER: Stände
und Gläubiger (Anm. 80), S. 66.
IM O S T E N NICHTS N E U E S ? 181

auch keine den Verhältnissen im Reich vergleichbare Grundherrschaft existierte,


was für die bäuerliche Bevölkerung vielfach einen zusätzlichen Anreiz bedeute-
te.84
Angesichts dieser grosse[n] confusion^ votierte Fugger für drakonische Maß-
nahmen gegen die bewussten Prädikanten, die er gar an den Galgen wünschte;86
für die erwähnten Probleme einer effektiven Kriegführung hatte er weniger kon-
krete Ratschläge parat. Hier formulierte er wieder und wieder die Hoffnung, dass
der Allmechtig [...] dz haubt sein, und die Sachen uns zum hosten mit gnaden richten
werde.87 Zuversicht, die militärische Führung werde aus den bisherigen Missstän-
den ihre Schlüsse ziehen und grundlegende Reformen in die Wege leiten, äußer-
te er nur recht vage.88 Sein persönliches Urteil auf der Basis der eingegangenen
Berichte lautete vielmehr schließlich gegenüber Lodron vernichtend, dass wir zum
kriegen [Kriegführen, R. D.] so gar weder verstandt, lusst noch gelegenhait haben}9
Angesichts eklatanter menschlicher Schwächen schien allein die göttliche Hilfe
Rettung zu versprechen.
Die Briefe der Kriegsleute stimmten Fugger geradezu auf ein Untergangssze-
nario ein, in dem gar stereotype Vorstellungen vom grausamen Heiden an die
Oberfläche drängten. So resümierte er seinen Nachrichtenstand in einem Brief
an Lodron: Es siht im inn Sa: [Summa] gleich, als werde diser der Christenheit
erbfeind, uns zu letst gar fressen, die religion und gehorsamb mit dem säbel umbs
maul streifen, Gott wöll michs nit erleben lassen}0 Gegenüber Lodron brachte er
die Bedeutung der ungeschminkten Expertenberichte direkt vom Schauplatz

84 Dazu KISSLING, Hans Joachim: Türkenfurcht und Türkenhoffnung im 15./16.Jahrhundert.


Zur Geschichte eines „Komplexes", in: Südostforschungen 23 (1964), S.l-18, hier S. 13f, 16;
VOCELK A, Karl: Die inneren Auswirkungen der Auseinandersetzung Österreichs mit den Osma-
nen, in: Südostforschungen 36 (1977), S. 13-34, hier S. 23, 30; GROTHAUS: Vom Erbfeind
zum Exoten (Anm. 9), S. 104. Die Devise „Eher tütkisch als päpstisch" wurde auch noch in der
Flugschriftenliteratur des 17. Jahrhunderts verbreitet, dazu WEBER, Matthias: „Untet dem Türken
ist gut leben". Der publizistische Reflex der habsburgischen Türkenkriege in Schlesien, in: Jahr-
buch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 31 (1990), S. 57-81.
85 So Hans Fugger an Sebastian Roll, 28.11.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 75 (U/2 3296).
86 Vgl. Hans Fugger an Christoph Tanner, 21.11.1592, FA 1.2.16b H. 90 (U/2 3294).
87 Hans Fugger an Christoph Tanner, 21.11.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 60 (U/2 3294). Ähn-
lich auch in den Briefen an Sebastian Roll, 28.11.1592 (U/2 3296), an Konrad von Bemelberg,
28.11.1592 (U/2 3298), an Christoph Tanner, 28.11.1592 (U/2 3303), an Sebastian Roll,
19.12.1592 (U/2 3311), an Hieronimus von Lodron, 23.12.1592 (U/2 3318), an denselben,
08.01.1593 (U/2 3322), an Christoph Tanner, 09.01.1593 (U/2 3323) (alle FA 1.2.16b H. 90).
88 Vgl. Hans Fugger an Christoph Tanner, 28.11.1592, FA 1.2.16b H. 90 (U/2 3303), ähnlich an
denselben über dessen Pläne einer reformierten Kriegführung am 09.01.1593, FA 1.2.16b H. 90
(U/2 3323).
89 Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 08.01.1593, FA 1.2.16b H. 90, pag. 218 (U/2 3322).
90 Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 28.11.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 87f. (U/2 3299). Die
Formulierung, der eroberungswütige .Türke' werde die Christen gar noch „fressen", ist durchaus
zeittypisch, vgl. Beispiele bei SCHULZE: Reich und Türkengefahr (Änm. 4), S. 134 und W I E G AND,
Hermann: Neulateinische Türkenkriegsepik des deutschen Kulturraums im Reformationsjahr-
hundert, in: G U T H M Ü L L E R / K Ü H L M A N N (Hg.), Europa und die Türken (Anm. 11), S. 177-189,
hierS. 190.
182 REGINA DAUSER

auf den Punkt: Und thue mich gegen den herrn ganz dienstlich bedankhen, dz er
mir also comunicirt het, dann die so es nit versteen, bej uns offt widerwertiges [hier:
Gegensätzliches91, R. D.] ausgeben?1 Das Korrespondenznetz ermöglichte es Fug-
ger hier ein weiteres Mal, sich bei widerstreitenden Meinungen auf dem Nachrich-
tenmarkt zurechtzufinden.
Die Kämpfe an der Militärgrenze hatten ihre direkten Auswirkungen auf die
Fuggerschen Finanzen; die eintreffenden Nachrichten offenbarten aber auch
die Hilflosigkeit der Augsburger Bankiers gegenüber dem Kriegsverlauf. Das
oben erwähnte Fuggersche Fähnlein war zwar im September 1592 unter unsern
haubtman Peter Schaller9- nach Kroatien gezogen, doch erfolgten keine größeren
Kampfeinsätze. Bei anhaltend schlechter Witterung wurde vielmehr beschlossen,
das Fähnlein zusammen mit anderen Truppen wieder abzuziehen.94 Als Fugger
durch Tanner im November davon erfuhr, formulierte er deutlich die Ohnmacht,
mit der die Brüder Fugger das Fähnlein erwarteten, das doch .dem Türken' die
Stirn hätte bieten sollen: [...] wirdt er - gemeint war Hauptmann Schaller - also
wider unsern willen handien und heraus khemmen so haben ir selb zuerachten, wie
willkhomb er uns sein wirdt.9'1
Tanners Nachricht stammte vom 27. November und traf in der ersten Dezem-
berhälfte in Augsburg ein. Doch erst am 9. Januar wurde der Rückzugsbeschluss
des Markgrafen von Burgau, der den Truppen vorstand, durch die kaiserliche
Abberufung offiziell.96 So frühzeitig Hans Fugger informiert war, so hilflos muss-
te er der Entscheidung der Kriegführung zusehen. Als für März die Abdankung
der ,Fugger-Truppen' tatsächlich bevorstand, beklagte er die mangelnde Umsicht,
mit der er und seine Brüder sich in dieses finanzielle Abenteuer gestürzt hat-
ten: [...] wellen wir inn dem namen Gottes, unsern fendlen landtskhnecht auch
[...] abdankhen lassen, dz wirdt uns bis uffdieselb zeit nit weniger alsfl 24 U [d. h.
fl. 24.000, R. D.] cossten, weil wider den erbfeind so gar nichts ußgericht, ist diser
wie alle uncossten, wie hingeworffen. Zu achten, ein anders mal wellen wir uns bas
[besser] bedenckhen, und andern mit dergleichen hilffen vahen, denen wir dismal
gleich wol unbedechtlich, aber doch guter meinung vorgeloffen sein?7
Fugger dachte praktisch und stand daher hinter den Plänen, mit den Osmanen
zu verhandeln - nicht zuletzt wegen Nachrichten aus Konstantinopel, der Sultan
plane neue Angriffe in Kroatien und Siebenbürgen.98 Mit einer Veränderung des
Feindbilds hin zu größerer Friedlichkeit hatte das nichts zu tun, wie seine freu-

91 Zur Wortbedeutung BAUFELD, Christa: Kleines frühneuhochdeutsches Wörterbuch. Lexik aus


Dichtung und Fachliteratur, Tübingen 1996, S. 248.
92 Hans Fugger an Hieronimus von Lodron, 23.12.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 199f. (U/2 3318).
93 Hans Fugger an Christoph Tanner, 12.12.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 157 (U/2 3309).
94 Dazu LOEBL: Türkenkrieg (Anm. 32), S. 107-124.
95 Hans Fugger an Christoph Tanner, 12.12.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 166f. (U/2 3309).
96 Über die Abberufung der Truppen handelt H I R N : Erzherzog Ferdinand (Anm. 33), S. 298f.
97 Hans Fugger an Christoph Tanner, 13.02.1593, FA 1.2.16c H. 91, pag. 66f. (U/2 3345).
98 Vgl. Hans Fugger an Sebasrian Roll, 03.04.1593 (U/2 3368), an denselben auch am 10.04.1593
(U/2 3376) und am 08.05.1593 (U/2 3396) (alle FA 1.2.16c H. 91).
IM O S T E N N I C H T S N E U E S ? 183

digen Reaktionen zeigen, als sich das Kriegsglück wiederum wendete und die
Truppen des Kaisers Ende 1593 mehr und mehr an Boden gewannen. Hatte er im
Februar noch geklagt, die Türggen seien ein so machtige[r] feind, den christlichen
Truppen inn allem weit überlegen,99 so konnte er Sebastian Roll im Dezember mel-
den, dass die Türggen gar khlein laut100 würden. Das Stereotyp vom kriegslüster-
nen Türken, das Hans Fugger angesichts der osmanischen Erfolge so lange bestä-
tigt gesehen hatte, schien nun nicht mehr länger zu gelten: Sie haben dz herz darzu
verloren}01 wusste Fugger angesichts von Meldungen über die Flucht von Truppen
des Sultans zu berichten; Schwäche und Furchtsamkeit wurden nun plötzlich zu
ungewohnten Attributen für die altbekannten Feinde.102 Einblattdrucke aus die-
ser Zeit griffen ebenfalls Erfolge gegen die Osmanen auf und schmückten sie mit
phantastischen Berichten aus, in denen gar einzelne Christen massenhaft gegneri-
sche Truppen in die Flucht schlugen.103 Wie Fugger sich zum weiteren Kriegsver-
lauf des ,Langen' Türkenkriegs äußerte, muss allerdings verborgen bleiben - die
Überlieferung des aigen copierbuechs bricht im April 1594 ab.

Vernetzte Briefkommunikation und die Macht der Stereotypen

Die zuletzt genannten Briefbelege werfen nochmals die Frage nach der Bedeutung
der tradierten Türkenstereotypen für Hans Fugger und seine Korrespondenz-
partner auf. Auch hinter Berichten vom .furchtsamen Türken' schimmerte immer
noch allzu deutlich das Schreckgespenst von der ewigen osmanischen Eroberungs-
wut durch. Tatsächlich war Fuggers Sicht auf die militärische Auseinandersetzung
mit dem Osmanischen Reich nicht frei von schablonenhaften Bewertungsmaß-
stäben, wie sie in den Turcica verbreitet wurden: Neben der Eroberungsgier der
Osmanen, konventionell als erbfeind bezeichnet, erschien in einem Brief genau-
so die Behauptung der absoluten Grausamkeit gegenüber den christlichen Opfern
{die religion [...] mit dem säbel umbs maul streifen). Angesichts von Grenzüber-
fällen trotz des Waffenstillstands ereiferte sich Fugger in seinen Briefen über die
Wortbrüchigkeit des muslimischen Gegners; als Topos der türkischen perfrdia

99 Hans Fugger an Sebastian Roll, 06.02.1593, FA 1.2.16c H. 91, pag. 34f. (U/2 3338).
100 Hans Fugger an Sebastian Roll, 08.12.1593, FA 1.2.16d H. 93, pag. 7 (U/2 3400).
101 Hans Fugger an Daniel Ott, 23.03.1594, FA 1.2.16d H. 93, pag. 166 (U/2 3440).
102 Vgl. die Charakterisierungen durch Hans Fugger in den Briefen an Sebastian Roll vom 29.01.1594
(U/2 3418), vom 12.02.1594, FA 1.2.16d H. 93 (U/2 3426) und vom 02.04.1594 (U/2 3447)
(alleFA1.2.16dH.93).
103 Vgl. HARMS, Wolfgang (Hg.): Deursche Illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts,
Bd. 4: Die Sammlungen der hessischen Landes- und Hochschulbibliothek in Darmsradt, Kom-
mentierte Ausgabe, Tübingen 1987, IV.71: Warhaßier kurtzerBericht/'wie es sich in derSchlacht/
so im obern Kraiß Hungern/ das Teutsch und Hungerische Kriegsvolek [...] mit dem Erbfeind
Christliches Namens/dem Türeken [...] vor Sixo [...] gehalten [...] (München o. J. bei Adam Berg),
S. 98, sowie IV, 75: Warhafiige Zeitung aus Krabatn/ was massen ein Türckischer wasch [...] bey
dem Kloster und Vestung Zisekh ankörnen/ dasselbe vermeitn ein zu nemen/ welches vorhaben ihm
Gott lob mißlungen [...] (Wien 1592 bei Wolfgang Halbmaister), S. 104.
184 R E G I N A DAUSER

tauchte diese Argumentation in ähnlicher Form häufig in gedruckten Turcica


auf.104 An die Vorstellung einer despotischen Herrschaft des Sultans knüpfte Fug-
ger an, wenn er schrieb, der osmanische tirann10^ wolle die Christen under sein
joch106 zwingen. Und schließlich finden wir auch die Vorstellung von .den Türken'
als der Geißel Gottes, die auf die sündigen Christen niederfahre: scheint als sei es
ein sondere straff von unserm Hergott}07
Die reiche Feind-Propaganda, wie sie aus unzähligen Texten und Bildern sprach,
hatte ihre Wirkung auf Hans Fugger also nicht verfehlt. Dass seine Briefe jedoch
einem völlig anderen intentionalen Zusammenhang entstammten als Turcica, die
vor einem breiten Publikum für eine engagierte Bekämpfung der Osmanen wer-
ben wollten oder - schlichter - durch reißerische Inhalte einen schnellen Absatz
auf dem reichen Markt der Flugblätter und Flugschriften erhoffen ließen, spiegelt
sein Einsatz stereotyper Wendungen ausgesprochen deutlich: Zum einen kamen
sie unter der großen Zahl von Mitteilungen über Kampfhandlungen, Truppenbe-
wegungen, Rüstungsaktivitäten ohnehin nur in einer Minderheit von Schreiben
überhaupt zur Sprache, und dies bevorzugt dann, wenn angesichts wiederholter
militärischer Misserfolge das rationale Erklärungspotential zu versiegen droh-
te. Zum anderen fällt auf, dass topische Elemente jeweils nur anzitiert, aber nie
ausgeführt wurden, obwohl der vertraute Ton, der zwischen Fugger und seinen
Korrespondenzpartnern herrschte, eine ausführliche Erörterung ohne weiteres
zugelassen hätte: Fugger musste seine Korrespondenten nicht erst lange von der
Bedeutung der Türkenkriege überzeugen oder mit Aufsehen erregenden Details
auf seine Berichte aufmerksam machen.
Typische Elemente der Gräuel-Topik, etwa der viel zitierre Mord an Christen-
kindern und Schwangeren, die Verschleppung von Gefangenen und die Schän-
dung von Jungfrauen, wurden in Flugschriften, Predigten oder Reden publikums-
wirksam ausgemalt und überzeichnet,108 erfuhren in den Briefen Fuggers jedoch
nur knappe Erwähnung: An Sebastian Roll berichtete Hans Fugger 1592 kurz, in
Kroatien hätten die Truppen des Sultans vil 1000 armer Christen und 42 dörffer
mit dem brand weckh genommen}09 und Christoph Tanner schrieb er 1593, die
Türggen hätten dz volckh weckhgefiert, und dz landt jemerlich verderbt™ Ein

104 Vgl. W I E G A N D : Türkenkriegsepik (Anm. 90), S. 183. - Auf osmanischer Seite wurden die typi-
schen Überfälle von kleineren Streifscharen auf christliche Stellungen nicht als Bruch der Bestim-
mungen des Waffenstillstands gewettet, dazu VOCELKA: Innere Auswirkungen (Anm. 84), S. 15.
105 Hans Fugger an Niclas Heller, 20.01.1581, FA 1.2.11 H. 39, pag. 28 (II/l 1833).
106 Hans Fugger an Hans Heinrich Mundtptot, 01.07.1578, FA 1.2.9b H. 31, pag. 276 (II/l 1352).
Zum Vorwurf des Despotentums G R O T H AUS, Maximilian: Vorbildlicher Monarch (Anm. 4).
107 Hans Fugger an Sebastian Roll, 19.12.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 172 (U/2 3311). Ähnlich
auch der Brief an Hans Heinrich Mundtprot, 01.07.1578, FA 1.2.9b H. 31, pag. 277 (II/l 1352):
Gott wöllaniest sein zorn, und die wol verdiente straßabwenden und miltern.
108 Die schrittweise Verdichtung von Gerüchren zur .Wahrheit' wird eindrücklich am Beispiel der
berühmten Rede des Enea Silvio Piccolomini über den Fall Konstantinopels auf der Reichsver-
sammlung 1454 dargestellt bei SlGNORl: Bilderwelt (Anm. 9), besonders S. 150-156.
109 Hans Fugger an Sebastian Roll, 30.10.1592, FA 1.2.16b H. 90, pag. 12 (U/2 3283).
110 Hans Fugger an Christoph Tanncr, 13.03.1593, FA 1.2.16c H. 91, pag. 124(11/2 3363).
IM O S T E N N I C H T S N E U E S ? 185

kurzes Resümee oder die Anführung statistischer Daten genügte also. Die oben
erwähnten Nachrichtenbeilagen für die Korrespondenzpartner brachten in die-
sem Fall wohl keine zusätzlichen Angaben, denn dem zitierten Brief an Roll über
mehrere Tausend christliche Opfer war zwar ein zusätzliches Nachrichtenblatt
beigelegt, doch laut Fugger enthielt es lediglich Meldungen über den Krieg in den
Niederlanden.
Die kontinuierliche und überwiegend nüchterne Berichterstattung war Ergeb-
nis eines weit gespannten wie auch klug gehandhabten Korrespondenznetzes.
Zahlreiche verschiedene Quellen und vielfältige Beziehungsebenen - und damit:
vielfältige Informationskanäle - konnten ein breites Spektrum von Meldun-
gen und Einschätzungen einfangen. Verwandtschaftliche Verbindungen sowie
Geschäftsbeziehungen zu den Kriegsleuten als Basis eines brieflichen Kontakts
und der Nachrichtendienst von Fuggerschen Angestellten oder gewerbsmäßi-
gen Novellanten ergänzten einander. Fuggers verschiedene Quellen überbrück-
ten Informationslücken vor Ort, die vielen seiner Zeitgenossen gar nicht bewusst
waren.
Darüber hinaus wurde die Schaffung eines Diskussionsraums zum Problem-
komplex .Türkenkriege' ein Charakteristikum der Fuggerkorrespondenz in den
1590er Jahren. Die Diskussion von Stärken und Schwächen der Kriegführung
war in erster Linie Sache einer politisch-administrativen bzw. militärischen Ober-
schicht.111 Fundierte Erörterungen über ein erfolgreiches Vorgehen im Türken-
krieg existierten zwar zum Teil als gedruckte Literatur, etwa hinsichtlich der
Kriegsfinanzierung; sie waren allerdings in erster Linie auf die Rezeption durch
ein begrenztes Fachpublikum bzw. politische Handlungsträger zugeschnitten."2
Als Kriegsfinanzier hatte Hans Fugger über sein Briefnetz Zugang zu dieser
Gruppe gefunden, die ihn in die Ergründung von Ursachen für eine unzureichen-
de militärische Antwort auf die osmanische Machtstellung einbezog. Zwar fehlte
bei Fugger der Rekurs auf die göttliche Unterstützung nicht, doch Rückschläge
im Krieg wurden überwiegend als Ergebnis sehr menschlicher Schwächen fassbar.
Sein Blick auf den Konflikt und damit auch seine persönlichen Handlungsper-
spektiven wurden entscheidend durch die Verbindungen seines Korrespondenz-
netzes beeinflusst. Die Besprechung von .Insiderinformationen' durch militärische
Befehlshaber hebt ihn zugleich weit über die Position eines simplen kaufmänni-
schen Nachrichtenlieferanten hinaus.

111 So auch GROTHAUS: Vorbildlicher Monarch (Anm. 4), S. 182. Anhand von Abraham Bocks
handschriftlichem Memorial Bedenken unddiscurs [...] (1594) über die Bekämpfung der Türken,
verfasst wohl für die kursächsische Regierung, hat Vasselka Gärkova eine ähnliche Ursachenana-
lysc und Distanz zu stereotypen Wendungen herausgearbeitet, vgl. GÄRKOVA, Vasselka: Die Tür-
kengefahr im politischen und gesellschaftlichen Leben Sachsens, in: Bulgarian Historical Review
17.4 (1989), S. 29-39.
112 SCHULZE: Reich und Türkengefahr (Anm. 4), S. 29-33, differenziert bei der Besprechung der
„diskursiven Funktion" der öffentlichen Diskussion zur Türkengefahr klar zwischen Schriften,
die ein breiteres Publikum beruhigen sollten, und denen, die reichspolitisch ernst zu nehmende
Vorschläge zur Reform der Kriegführung bzw. Kriegsfinanzierung unterbreiteten.
186 REGINA DAUSER

Fugger füllte durch seine brieflichen Stellungnahmen seine Rolle als Diskutant
des Kriegsgeschehens aktiv aus; durch die Etablierung indirekter Nachrichtenbe-
ziehungen war es ihm möglich, zumindest in bescheidenem Umfang die Position
eines Multiplikators des nüchternen militärischen Blicks auf die Geschehnisse des
Türkenkriegs einzunehmen; weitere Korrespondenzpartner profitierten so von
Fuggerschen Kontakten. Eine solche Position in einem Nachrichtennetz erlaubte
es selbstverständlich auch, Meldungen gezielt zurückzuhalten oder den eigenen
Intentionen entsprechend zu bearbeiten - Möglichkeiten, derer sich Hans Fug-
ger, wie es andere Nachrichtenbeispiele seiner Korrespondenz zeigen, durchaus
bewusst war.113
Fugger kam nicht in die Gefahr zu glauben, dass in Ungarn rhue undfridnA
herrschten; für ihn gab es im Osten stets Neues, das fortgesetzte Wachsamkeit
erforderte, gerade auch aus einer klaren Zielperspektive, aus der Verantwortung
gegenüber der Firma Fugger heraus. Sein Nachrichtennetz, das Informationen
von Nachrichten-Experten aus allen Himmelsrichtungen bündelte, beeindruckt
nicht nur wegen der Fülle, der Geschwindigkeit und der sachlichen Richtigkeit
der Meldungen. Türkenkriegs-Briefe Fuggers sind Belege für die Vielgestaltigkeit
des Diskurses über die Kämpfe mit den Osmanen, jenseits der bloßen Repetiti-
on stereotyper Feindbilder, und konturieren die besondere Informationsleistung
vernetzter brieflicher Kommunikation. Aus der Praxis kommend und der Praxis
dienend, präsentieren sie als Zeugnisse einer aktiven und pragmatischen Ausein-
andersetzung mit der osmanischen Expansion die Konstituierung eines grenz-
übergreifenden Kommunikationsraums: Die Verknüpfung zahlloser „halbierter
Dialoge" durch den Vermittler Hans Fugger - hin zu einem vielstimmigen Aus-
tausch im Korrespondenznetz.

113 Vgl. dazu die Ausführungen zu Fuggers Briefen über den Kölner Krieg und den Augsburger
Kalenderstreit bei DAUSER: Informationskultur und Beziehungswissen (Anm. 1).
114 Hans Fugger an Heinrich Erb, 13.06.1580, FA 1.2.10 H. 35, pag. 384. Das vollständige Zitat im
Beginn des Beitrags.
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Verzeichnis der Abkürzungen in Literaturangaben

AbäG Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik


AKG Archiv für Kulturgeschichte
ATB Altdeutsche Textbibliothek
Cappe Cappe, Heinrich Philipp: Beschreibung der Münzen von Goslar,
Dresden 1860.
DA Deutsches Archiv zur Erforschung des Mittelalters
Dbg. Dannenberg, Hermann: Die deutschen Münzen der sächsischen
und fränkischen Kaiserzeit, 4 Bde., Berlin 1876-1905.
DMG Kluge, Bernd: Deutsche Münzgeschichte von der späten Karolinger-
zeit bis zum Ende der Salier, ca. 900 bis 1125 (Römisch-Germanisches
Zentralmuseum, Monographien 29), Sigmaringen 1991.
DTM Deutsche Texte des Mittelalters
FA Gräflich und Fürstlich Fuggersches Familien- und Stiftungsarchiv,
Dillingen/Donau
FMSt Frühmittelalterliche Studien
FS Festschtift
HZ Historische Zeitschrift
LexMa Lexikon des Mittelalters
LCI Lexikon der christlichen Ikonographie
MGH Monumenta Germaniae Historica
Migne PL Patrologia Latina, ed. von Jacques-Paul Migne, 217 Bde.,
Paris 1844-1855.
ND Nachdruck
NDB Neue Deutsche Biographie
NF Neue Folge
PBB Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur
stw suhrkamp taschenbuch Wissenschaft
TRE Theologische Realenzyklopädie
UTB Uni-Taschenbücher
ZBLG Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
ZfdA Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur
ZfdPh Zeitschrift für deutsche Philologie
ZHF Zeitschrift für historische Forschung
FARBABBILDUNGEN
FARBABBILDUNGEN 191

Farbabb. 1: Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, C o d . Barb. lat. 4 4 2 3 , fol. 14r: Die Konstantinische
Schenkung, Kopie des Mosaiks der ehem. Vorhalle der Lateranbasilika, bemalter Karton, 17. Jahrhun-
dert (Postkarte, Rom: De Cristofaro Editore, o.J.).

Farbabb. 2: Rom, SS. Q u a t t r o Coronati, Silvesterkapelle, Blick nach Osten (Postkarte, Rom: De
Cristofaro Editore, o.J.).
192 FARBABBILDUNGEN

<$r«Wj*^ : l^faTfi ^ * ^ V ^ H ^
.... ,;/...- ^
Farbabb. 3,1: Rom, SS. Quattro Coronati, Silvestctkapellc: Die kaiserli-
chen Boten auf dem Weg zum Monte Soracte, 1247 (Postkarte, Rom: De
Cristofaro Editore, o.J.).

Farbabb. 3,2: Rom, SS. Quattro Coronati. Silvestetkapelle: Die kaiserli-


chen Boten vor Papst Silvester am Kloster auf dem Monte Sotacte, 1247
(Postkarte, Rom: De Cristofaro Editore. o.J.).
FARBABBILDUNGEN 193

Farbabb. 4,1: Rom, SS. Quattro Coronati, Silvesterkapelle: Papst Silvester zeigt Kaiser
Konstantin das Antlitz der Apostelfürsten, 1247 (Postkarte, Rom: De Cristofaro Editore,
O.J.).

Farbabb. 4,2: Rom, SS. Quattro Coronati, Silvesterkapelle: Papst Silvester tauft Kaiser
Konstantin, 1247 (Postkarte, Rom: De Cristofaro Editorc, o.J.).
194 FARBABBILDUNGEN

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Farbabb. 5,1: Rom, SS.Quattro Coronati, Silvesterkapelle: Kaiser Konstantin übergibt die kaiser-
lichen Insignien an Papst Silvester (sog. Konstantinische Schenkung), 1247 (Postkarte, Rom: De
Cristofaro Editore, o.J.).

Farbabb. 5,2: Rom. SS.Quattro Coronati, Silvesterkapelle: Kaiser Konstantin führt den reitenden
Papst Silvester in die Stadt Rom (officium stratoris), 1247 (Postkarte, Rom: D e Cristotaro Editore,
o.J.).
FARBABBILDUNGEN 195

[i l ' 1
Farbabb. 6: Der Frankfurter Stadtbote Hen-
chin Hanauwe von 1439, Frankfurter Boten-
buch, 15. Jahrhundert ( N O R T H , Gottfried: Die
y
Farbabb. 7: Der Berner Standesbote Urs Lerber
aut dem Läuterbrunnen in Bern, 16. Jahrhundert
(WYSS, Arrhur: Die Post in der Schweiz. Ihre
Post. Ihre Geschichte in Wort und Bild, Heidel- Geschichte durch 2000 Jahre, Bern/Stuttgart
berg 1988, S. 123 (Ausschnitt)). 1987, S. 38).
196 FARBABBILDUNGEN

Farbabb. 8: Breslauer Bote, Der Stadt Breßlaw/Newe auff-


gerichte Botten-Ordnung, Breslau 1573 ( N O R T H , Gottfried:
Die Post. Ihre Geschichte in Wort und Bild. Heidelberg
1988, S. 29).

Farbabb.9: Bote, Holzschnitt aus der Gülfferich-Han'schen Offizin, Frankfurt a.M.


1549(?) (Biblioteka Jagicllohska, Krakau, ehemals Berlin, Deutsche Staatsbibliothek
lanYq290R,o.R).
REGISTER

Das Register erfasst die in den Beiträgen erwähnten landschaftlichen oder poli-
tischen Räume und Orte, Kirchen und geistlichen Kongregationen sowie die
historischen Personen, soweit diese nicht lediglich als Heilige in ihrer Eigen-
schaft als Kirchenpatron erscheinen. Mit St. oder S. zusammengesetzte Namen
von Klöstern wurden den s-Stichwörtern vorangestellt. Aufgenommen sind ferner
zitierte oder namentlich genannte Werke der Literatur und Malerei im weiteren
Sinne. Die Werke weiden in der Regel unter ihrem Verfasser verzeichnet, wo ein
solcher nicht bekannt ist, sind sie unter ihrer in der Forschung üblichen Bezeich-
nung aufgeführt. In jenen Fällen, in denen eine solche fehlte, waren Incipit oder
Ortsangaben maßgeblich.

Verwendete Abkürzungen: b. = bei; Bf. = Bischof; bibl. = biblisch; Bm. = Bistum;


Ebf. = Erzbischof; Freihr. = Freiherr; frk. — fränkisch; Gem. = Gemahlin;
Gf. = Graf; Gfn. = Gräfin; Gft. = Grafschaft; hl. = heilig; Hzg. = Herzog;
Hzm. = Herzogtum; Kard. = Kardinal; Kg. = König; kgl. = königlich;
Kgn. = Königin; Kl. = Kloster; Ks. = Kaiser; ksl. = kaiserlich; Ksn. = Kaiserin;
Mgf. = Markgraf; Mgfn. = Markgräfin; Rep. = Republik; röm. = römisch.

Abraham, bibl. Patriarch 75 Barbara de Gonzaga, Gfn. v. Württemberg


Acereta, Kl. s. Marradi 101,122,124-125
Actus Silvestri s. SS. Quattro Coronati - Briefe 101,122,124-126
Silvesterlegendc Basel 159
Agnes, Kgn. und Ksn., Gem. Heinrichs III. 57 Bayern, Hzm. 30
Albrecht v. Straßburg (Albertus Argentinus), Benedikt IL, Papst 78
Baumeister 22 Benedikt X., Papst, s.a. Johannes, Bf. v.
Alexander II., Papst, s.a. Anselm v. Baggio, Velletri, 50
45,55,57,61 Berengar L, Kg. v. Italien 65
Al-Khwarasmi, Muhammed ibn Musa - Bergamo 157
Algorithmi de numero Indorum 15 Bern 159
Alkuin, Abt v. St-Martin (Tours) - Calculatio Berrha (v. Turin), Kgn. und Ksn., Gem.
Albani Magistri 20 Heinrichs IV 61
Alpen 62 Besan^on 80
Ambrosius, Bf. v. Mailand und Kirchenvater Bibersburg 169
59 Blake, William - On Virgil 15
Anagni - Dom (Krypta) 69 Boethius - Institutio arithmetica 13-15,
Ancona, Mark 81 19-21,24
Anna, Kgn. v. Frankreich 57 Bologna Papyrus 114
Anno, Ebf. v. Köln 55 Bonifatius I., Papst 78
Anselm v. Baggio, s.a. Alexander IL, Papst, 60 Bradwardine, Thomas, Ebf. v. Canterbury -
Anton, Gf. v. Montfort, Kleriker 168, 180 Tractatus de continuo 21
Archimedes, Mathematiker 21 Brand, Sebastian - Narrenschiß 158
Arnstadt 38 Bratislava s. Pressburg
Asilo v. Würzburg - Quinque genera Bremen, Bm. 35
inequalitatis 11-12 Ich bin ein brief unde ein bode 94
Augsburg 161, 166, 168, 170-172, 175, 177, Burgund 61, 157
182
198 REGISTER

Cadalus, Bf. v. Parma, s.a. Honorius IL, Erfurt 38


Gegenpapst, 55, 61 Etzlaub, Erhard, Kartograph 156
Camerino, Bm. 56 Euklid, Philosoph - Stoicheia (Elemente) 15,
Campagna 79 20-21
Camporeggiano - S. Bartolomeo, Kl. 56
Capua 79 Faenza 46, 57,64; Bm. 56
Caracalla, röm. Ks. 33 S. Maria foris portam. Kl. 63-64
Carla Pisa 20 Federico de Gonzaga, Mgf. v. Mantua 101,
Cassiodor, röm. Senator - Institutiones 122,124
divinarum et saecularium litterarum 106 Ferdinand, Erzhzg. v. Tirol und Mgf. v.
Celles 38 Burgau 170, 182
Cencius, Präfckt v. Rom 58 Fermo 57
Chartres - Kathedrale 23 Fibonacci, Leonardo, Mathematiker
Chretien de Troyes - Erec et Eneide 19 s. Leonardo Fibonacci
Christoph v. Grimmeishausen, Hans Jacob s. Filettino - S. Niccolö 69
Grimmeishausen, Hans Jacob Christoph v. Flandern 154
Cicero, röm. Senator 111 Florenz 52
Epistulae ad Atticum 114 S. Miniato al Monte, Kl. 52
Epistulae ad familiäres 114 Fönte Avellana, Eremirenkongregation 46,
Epistulae ad Quintumfiatrem 108 49,51.55-57,61,63
Claudia Severa - Brief an Sulpicia Lepidina Frankfurt am Main 61, 155
107 Franz v.Taxis 157
Clemens IL, Papst, s. a. Suidger, Bf. v. Bam- Freiburg im Breisgau - Münstet 22
berg, 48-49, 58 Friedrich IL, Kg. und Ks., Kg. v. Sizilien und
Cluny, Kl. 47,58,61 Jerusalem 77,79-82
Constitutum Constantini 1Q,1'*,-19, 82 Fugger, Anton, Kaufmann 165
Conti, röm. Grafenfamilie 78-80 Fugger, Hans, Freihr. v. Kirchberg und
Conti, Stefano, Kardinalpriester 67,69, Weißenhorn, Kaufmann 161-186
77-79,81-82 Herrn Hannsen Fuggers aigen copierbuech
Corbridge s. Vindolanda, röm. Kastell (Briefe) 161-186
Corvey, Kl. 35, 39 Fuggcr, Jakob, Kaufmann 169
Fugger, Marx, Kaufmann 165, 168, 169
Damasus IL, Papst 49 Fülek 178
Dante Alighieri - Divina Commedia 64
David, bibl. Kg. 75 Galileo Galilei - II Saggiatore 22
Descartes, Rene - Discours de la methode pour Gamugno, Einsiedelei s. Marradi
bien conduire sa raison et chercher la viriti Gebizo, Arzt 51
dans les sciences 22 Genua 173, 178
Dietrich, Gf. 35 Georg, Gf. v. Montfort 168
Dominikus, hl. 68 Gerhard, Bf. v. Florenz, s. a. Nikolaus IL,
Dorothea, Kgn. v. Dänemark - Brief an Papst, 50
Barbara, Mgfn. v. Mantua, Muttet der Gesta Berengarii Imperatoris 65
Barbara de Gonzaga 124 Gittelde 38
Dortmund 38 Goslar 34-42
Drogo, Bf. v. Mäcon 61 Pfalz 35, 37
Duisburg 38 St. Simon und Judas, Stift 35,37
Dürer, Albrecht, Malerund Graphiker 11, Gregor VI., Papst 57
158 Gregor IX., Papst 68
Underweysung der Messung mit dem Zirkel Gregor v. Nazianz, Bf. - Epistulae 114
und richtscheyt 15 Grimmeishausen, Hans Jacob Christoph v. -
Simplicissimus 83-84
Eberhard, Gf. v. Würrtemberg 101 Grosseteste, Robett, Bf. v. Lincoln s. Robert
Echternach 37 Grosseteste
Elisabeth, Gfn. v. Thüringen 68 Gubbio 46; Bm. 56
Erb, Heinrich, Leutnant 161, 170, 177
REGISTER 199

Guido v. Arezzo - Micrologus de disciplina Innozenz IV, Papst, s. a. Sinibaldo Fieschi,


artis musicae 24 68-69,77-78,80-82
Guido v. Velate, Ebf. v. Mailand, s. Wido v. Innsbruck 157
Velate Isaak, bibl. Patriarch 75
Gutenbetg, Johannes 15, 148, 159 Isidor, Bf. v. Sevilla - Etymologia 17,24
Isola del Gran Sasso - S. Niccolö del Corno,
Halberstadt 37-38 Kl. 56
Dom 35 Italien 45-64,77,81, 102, 124, 166, 174
Harz 30, 36 Oberitalien 59,65, 151, 154, 157
Hedio, Kasper, Chronist 156 Unteritalien 19
Heel, Carl, Nürnberger Faktor des Hauses s. a. Latium, Toskana
Fugger 174 Iulius Victor s. Julius Victor
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich -
Vorlesungen über die Geschichte der Johannes X., Papst 65
Philosophie 18 Johannes, Gf. v. Montfort 168
Heilige Drei Könige 70-71 Johannes, Bf. v. Velletri, s. a. Benedikt X.,
Heinrich IL, Kg. und Ks. 30, 33 Papst, 50
Heinrich III., Kg. und Ks. 35, 37-38,46-48, Johannes Gualberti, Abt v. Vallombrosa 52
57,58 Johannes v. Lodi, Schüler des Petrus Damiani
Heinrich IV, Kg. und Ks. 34, 38-41,44,47, 51
57,61 Jukkasjärvi 31
Briefe 115 Julius Victor - Ars rhetorica 114
s. a. Vita Heinrici IV. imperatoris
Heinrich, Ebf. v. Ravenna 49-50 Karl der Dicke, frk. Kg. und Ks. - Brief an das
Helena, röm. Ksn. 76 Volk v. Barcelona 105
Heimarshausen 38 Köln 32,37,41
Henchyn Hanauwe, Frankfurter Stadtbote Konrad III., Kg. 41
155, 160 Konrad, Kg., Sohn Heinrichs IV. 41
Herford - St. Maria und Pusinna, Stift 35, 39 Konrad, Hzg. v. Lothringen 41
Hermann, Gf. v. Salm, Gegenkg. 34-35, Konrad, Freihr. v. Bemelberg 179-180
38-41,43-44 Konstantin, röm. Ks. 65,70-80
Hieronimus, Gf. v. Lodron 170, 171, 173- Konstantinische Schenkungs. Constitutum
177,179-181 Constantini
Hildebrand, Archidiakon 55,58 Konstantinopel 47, 161, 167, 173, 177, 182
Hildebrand, Bf. v. Florenz 52 Korfu 170
Hildegrim, Bf. v. Halberstadt - Brief an Kosice 176
Reginbert, Propst v. Verden 105 Kroatien 170,173, 176-183,184
Hildesheim 38 Kurz, Engelhard, Obrist 170
Höchstädt 34-35
Honorius IL, Gegenpapst, s. a. Cadalus, Bf. v. Latium 69,79-80
Parma, 55, 61 Leo IV, Papst 67
Horaz -Epistel 1,20 88 Leo IX., Papst 49, 62
Hrabanus Maurus, Abt v. Fulda, Ebf. v. Leonardo Fibonacci, Mathematiker 10, 15
Mainz -Decomputo 18-19 Liberabaci 20-21
Hugo, Abt v. Cluny 61 Lepanto 175
Hugo v. Bologna - Rationes dictandi prosaice Linus, Papst 78
123 Liturgischer Kalender s. SS. Quattro Coronati
Hugo v. St. Viktor, Theologe und Philosoph Liudolf, Hzg. v. Schwaben 41
150-151 Lothar III., Kg. und Ks. 80
Didascalicon de studio legendi 20, 150 Lothringen 38, 62
Humbert, Kardinalbf. v. Silva Candida 50 Lucius L, Papst 78
Ludolf v. Hildesheim - Summa dictaminum
Indien 15 123
Innozenz IL, Papst 80 Ludwig der Fromme, frk. Kg. und Ks. - Brief
Innozenz III., Papst 77,79,81,82 an Badurad, Bf. v. Paderborn 105
200 REGISTER

Ludwig, Hzg. v. Württemberg 175 Osnabrück, Bm. 35


Lyon 69,77,78,81 Österreich 155, 157
Otto L, Kg. und Ks. 41
Maestro Ornatista, Freskenmaler, s. a. Otto III., Kg. und Ks. 32
SS. Quattro Coronati, Kl. - Fresken-
zyklus, 69 Paderborn, Bm. 35
Der Magezoge 93 Parcival Fiesco v. Lavagna - Brief an
Mailand 59-60 Gottfried, kgl. Protonotar 108
Mainz 37,41 Parma 46
Manrique de Lara, Don Juan 173-174 Paulus, Apostel 72,76
Mantua 102, 125 Penne, Bm. 56
Marokko 176 Persien 176
Marradi Perugia, Bm. 56
Acereta, Kl. 56-57,63 Petrus, Apostel 60,72,77-78
S. Barnaba/Gamugno, Einsiedelei 56,63 Petrus Damiani, Kardinalbf. v. Ostia, Prior v.
Martial - Epigramm III, 2 88 Fönte Avellana 45-64
Maximilian IL, Ks. des Hl. Röm. Reiches Libergratissimus (Brief 40) 49
173, 176 Privilegium Romanae Ecclesiae (Brief 65)
Mechelen 157 60
Mechthild, Gfn. v. Sayn - Brief an Philipp IL. Kg. v. Spanien 176, 170
Theoderich, Abt v. St. Beatusberg Pisa s. Carta Pisa
(Koblenz), u.a. 105 PiusV, Papst 175
Messina 170 Platon - Phaidros 87
Der Minne Freigedank 92-93 Pleichfeld 34
Mittelmeer 168, 170, 173-178 Pomposa 57
Monreale - Kathedrale 69 Portugal 161
Monte Catria 57 Prag 167
Monte Soracte, Kl. s. Rom Prcggio, Einsiedelei 56
Montecassino, Kl. 51,58 Pressburg 169
Morciano - S. Gregorio in Conca, Kl. 56 Priester Wernher - Driu liet von der magei 84
Murat III., Sultan 174,182 Proklos - In Piatonis Rem Publicum 23
Pythagotas, Mathematiket 15, 17-18,20
Neapel 170
Niederlande 158, 161, 168, 175-176,185 Rahcwin - Gesta Friderici I. imperatoris 80
Nikolaus IL, Papst, s. a. Gerhard, Bf. v. Rainald v. Dassel, Ebf. v. Köln, ksl. Kanzler
Florenz, 50-51 80
Nikolaus v. Kues, Kard., Bf. v. Brixen - Idiota Rammeisberg, b. Goslar/Harz 36
de staticis experimentis 14 Ramon Lullus - Ars magna generalis et ultima
Nikolaus v. Oresme, Bf. v. Lisieux 25 10
Algorismus proportionum 16-17, 21 Rautasjaure s. Jukkasjärvi
De uniformitate et dißormitate Ravenna 46, 57
intensionum I Regensburg 31
Tractatus de configurationibus qualitum et Reisch, Gregor, Prior v. Johannesberg
motuum 17, 21 (Freiburg im Breisgau) - Margarita
Tractatus de latitudine formarum 21 Philosophica 14-15
Nocera, Bm. 56 Remagen 38
Nürnberg 151, 156, 174 Rheingebiet 30
Riccardo di Segni, Vater des Stefano Conti
Oberitalien s. Italien 79-80
Obertus, Abt v. S. Miniato al Monte (Florenz) Richard v. Bury, Bf. v. Durham - Philobiblon
52 92
Ochsenfurt 34 Ries, Adam - Rechenung [nach der lengej auß
Ocri, Eremitenkl. 56 der linihen 15
Osmanisches Reich 161-163, 173, 176, 180, Rimini, Bm. 56, 63
183 Rinaldo dajenne, Kardinalbf. v. Ostia 78
REGISTER 201

Robett Guiscard, Hzg. v. Apulien und Kala- S. Niccolö del Corno, Kl. s. Isola del Gran
brien 67 Sasso
Robert Grosseteste, Bf. v. Lincoln - De lineis SS. Quattro Coronati, Kl. s. Rom
angulis etfiguris seu deßactionibus et S. Salvatore di Monte Acuto, Kl. s. Umbertide
reflexionibus radiorum 22 SS. Trinitä di Monte S. Vicino (di Frontale),
Roll, Sebastian, Hauptmann 178, 180, Kl. s. Sanseverino
183-185
Rom 65,70,71,73-75,77-82 Sachsen 37-38,41, 179
Celio 67 Sacro Speco s. Subiaco
Kolosseum 67,77 Salomon, bibl. Kg. 75
Lateran 65,77,81-82 Sanseverino - SS. Trinitä di Monte S. Vicino
Basilika 78,81 (di Frontale), Einsiedelei 56
Bezirk 67,77 Sarsina, Bm. 56
Laurentiuskapelle 78 Schaller, Peter, Hauptmann 182
(Papst-)Palast 65,78,80 Scheggia - S. Maria in Sitria, Kl. 56
Silvesteroratorium 78 Schiller, Friedrich - Über die ästhetische
Vorhalle 73,76 Erziehung des Menschen 13
Monte Soracte, Kl. 70-71,76 Schweden 31, 37
Palatin 67 Schweiz 106, 155
SS. Giovanni e Paolo 69 Segeberg 125
SS. Quattro Coronati, KI. 65-82 Selim IL der Trunkene, Sultan 173, 175
Actus Silvestri s. Silvesterlegende Selz, Kl. 32
Atrium 67 Seneca - Epistulae morales ad Lucilius 114
Basilika 66 Senj 176
Freskenzyklus s. Silvesterlegende Siebenbürgen 182
Heiligenzyklus 79 Siegfried L, Ebf. v. Mainz 34
Inschriften 68 Siena 50
Kapellenvorraum 69,78 Silvester L, Papst 65,67-78
Kardinalsresidenz 66-67,77-78, 81 Silvestetlegende/-zyklus/-fresken
Klosteranlagc 66 s. Rom - SS. Quattro Coronari
Kreuzgang 66 Sinibaldo Fieschi, s. a. Innozenz IV, Papst, 69
Liturgischer Kalender 68, 78 Siricus, Papst 78
Nonnenkloster 67 Sizilien 69,81
Sakristei 67 Sora, Gft. 79, 81
sala gotica 67 Spanien 20, 158, 161, 168, 173,175-176
SilvesterkapelleAoratorium 65-82 Speyer 32
Silvesterlegende/zyklusAfresken Spoleto, Hzm. 81
66-72,75-76,78-82 Stade 38
St. Peter 65 Stefano Conti, Kardinalpriesrer
Alt St. Peter 65 s. Conti, Stefano
capella regis Francorum 65 Steiermark 180
Petronilla-Kapelle 65 Srephan IX., Papst 50
Vatikan 77 Stepsius, Heinrich - Geistliche Deutung vnnd
Rudolf IL, Ks. des Hl. Röm. Reiches 158, Beschreibung vorgemalter Handt 11-12
178,183 Stevin v. Brügge, Simon - De Thiende 17
Rudolf, Gf. v. Rheinfelden, Gegenhzg. v. Stora Sojdeby 29
Schwaben, Gegenkg. 34,40 Straßburg 32-33, 155-156
Rudolf, Bf. v. Gubbio 51 Münster, s. a. Albrecht v. Straßburg, 33
Stuttgart 101-102
S. Barnaba, Einsiedelei s. Marradi Subiaco - Sacro Speco 69
S. Bartolomeo, Kl. s. Camporeggiano Suger, Abt v. St-Denis - Deeonsecratione 23
S. Gregorio in Conca, Kl. s. Morciano Suidger, Bf. v. Bamberg, s.a. Clemens IL,
S. Maria foris portam, Kl. s. Faenza Papst, 48
S. Maria in Sitria, Kl. s. Scheggia Süleyman I. der Prächtige, Sultan 162
S. Miniato al Monte, Kl. s. Florenz Sutri 48,62
202 REGISTER

Tabulae Vindolandenses 106 Venedig 167-168, 173; Rep. 121, 167, 175-
Tanner v. Tann, Christoph, Hauptmann 170, 176
171,179-180,182,184 Victorius v. Aquitanien s. Viktor v. Aquita-
Tedald.Arzt 51 nien
Teil el-Amarna, Palastarchiv (Briefe) 102 Viktor IL, Papst 49
Teuzo, Eremit 52 Viktor v. Aquitanien - Liber calculi 20
Theodosius, Bf. v. Senigallia 51 Villard de Honnecourt - Bauhüttenbuch 22
Thomasin v. Zircla:re - Der Welsche Gast 14, Vindolanda, röm. Kastell (England), Briefe
88-90 s. Tabulae Vindolandenses
Thurn und Tassis/Taxis, s.a. Franz v. Taxis, Vindonissa, röm. Kastell (Schweiz), Briefe
149, 157-159,166 106
Tivoli - S. Silvestro (Konstantinstaufe) 72 Vita Heinrici IV. imperatoris 34
Toledo 20
Toskana 52,81 Waldarius, Bf. v. London - Brief an
Trier 37 Bertualdus, Ebf. v. Canterbury 105
Tunis 174-175 Waltherius v. Freising, Gelehrter 20
Werner L, Bf. v. Straßburg 33
Ulrich v. Lichtenstein - Frauendienst 94-96 Westfalen 32
Umbertide - S. Salvatore di Monte Acuto, Wido v. Velate, Ebf. v.Mailand 59-60
Kl. 56 Wien 162, 167, 175
Ungarn 161, 169, 173, 175-183, 186 Wilhelm V, Hzg. v. Bayern 171
Unreritalien s. Italien Windisch s. Vindonissa, röm. Kastell
Wirnt v. Gravenberg - Wigalois 98-100
Vallombrosa, Kl. 52 Worms 37,61
ADRESSEN DER A U T O R E N U N D H E R A U S G E B E R

D R . REGINA DAUSER
Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit
Philologisch-Historische Fakultät
Universität Augsburg
Universitätsstraße 10
86135 Augsburg
regina.dauser@phil.uni-augsburg.de

CLAUDIA DOBRINSKI M.A.


IEMAN
Universität Paderborn
Warburger Straße 100
33098 Paderborn
dobrinski@ieman.de

PROF. D R . WOLFGANG E R N S T
Seminar für Medienwissenschaft
Humboldt-Universität zu Berlin
Sophienstraße 22a
10178 Berlin
wolfgang.ernst@culture.hu-berlin.de

PD D R . STEPHAN F R E U N D
Historisches Institut
Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Fürstengraben 13
07743Jena
stephan.freund@uni-jena.de

BRUNHILDE G E D D E R T H M . A .
IEMAN
Universität Paderborn
Warburger Straße 100
33098 Paderborn
brunhilde.gedderth@upb.de
204 ADRESSEN DER A U T O R E N UND HERAUSGEBER

PROF. D R . H E I N Z - D I E T E R H E I M A N N
Historisches Institut
Universität Potsdam
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
heimannh@uni-potsdam.de

JÜRGEN H E R O L D M . A .
Arbeitsstelle Inschriften
Historisches Institut
Ernst-Moritz-Arndt-Universität
Domstraße 9a
17487 Greifswald
juherold@uni-greifswald.de

A N D R E S LAUBINGER
IEMAN
Universität Paderborn
Warburger Straße 100
33098 Paderborn
laubinger@ieman.de

D R . SANDRA L I N D E N
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Deutsches Seminar
Mediävistische Abteilung
Wilhelmstraße 50
72074 Tübingen
sandra.linden@uni-tuebingen.de

U N I V . - D O Z . D R . HABIL. JÖRG M E I E R
Universiteit Leiden
Duitse taal en eultuur
P.N. van Eyckhof 2, gebouw 1164
P.O. Box 9515
NL-2300 RA Leiden
j.m.meier@let.leidenuniv.nl

JAN R Ü T T I N G E R M.A.
IEMAN
Universität Paderborn
Warburger Straße 100
33098 Paderborn
jan.ruettinger@stud.uni-bamberg.de
ADRESSEN DER A U T O R E N U N D HERAUSGEBER 205

D R . DES. SEBASTIAN STEINBACH


Fritz Rudolf Künker e. K.
Münzenhandlung
Gutenbergstraße 23
49076 Osnabrück
sebastian.steinbach@kuenker.de
S C H R I F T E N R E I H E DES IEMAN

MittelakerStudien

Band 1:
Mediävistik im 21. Jahrhundert. Stand und Perspektiven der internationalen
und interdisziplinären Mittelalterforschung, hg. von Hans-Werner G O E T Z und
JörgjARNUT, 2003.

Band 2:
Ernst BREMER: Jean de Mandeville in Europa, bearbeitet von Ernst BREMER
und Randall H E R Z unter Mitwirkung von Alexandra NUSSER, 2007.

Band 3:
Erinnerungskultur im Bestattungsritual. Archäologisch-Historisches Forum,
hg. von JörgjARNUT und Matthias W E M H O F F unter Mitarbeit von
Alexandra NUSSER, 2003.

Band 4:
Vorstoß in historische Tiefen. 10 Jahre Stadtarchäologie in Paderborn,
hg. von Jens S C H N E I D E R und Matthias W E M H O F F unter Mitarbeit von
Annekatrein L o w 2003.

Band 5:
Kunigunde - consors regni. Vortragsreihe zum tausendjährigen Jubiläum der
Krönung Kunigundes in Paderborn (1002 - 2002), hg. von Stefanie DICK,
JörgjARNUT und Matthias W E M H O F F , 2004.

Band 6:
Susanne RÖHL: Der livre de Mandeville im 14. und 15. Jahrhundert.
Untersuchungen zur handschriftlichen Überlieferung der kontinental-
französischen Version, 2004.

Band 7:
Kleidung und Repräsentation in Antike und Mittelalter,
hg. von Ansgar KÖB und Peter RIEDEL, 2005.

Band 8:
Scherben der Vergangenheit. Neue Ergebnisse der Stadtarchäologie in Paderborn,
hg. von Sven SPIONG und Matthias W E M H O F F unter Mitarbeit von
Annekatrein Low, 2006.
Band 9:
Emotion, Gewalt und Widerstand. Spannungsfelder zwischen geistlichem und
weltlichem Leben in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. von Ansgar KÖB und
Peter RIEDEL, 2007

Band 10:
Klosterforschung. Befunde, Projekte, Perspektiven, hg. von Jens SCHNEIDER,
2006.

Band 11:
Language of Religion - Language of the People. Medieval Judaism,
Christianity and Islam, hg. von Ernst BREMER, JörgjARNUT, Michael RICHTER
und David WASSERSTEIN unter Mitarbeit von Susanne R Ö H L , 2006.

Band 12:
Jean de Mandeville in Europa. Neue Perspektiven in der Reiseliteratur-
forschung, hg. von Ernst BREMER unter Mitarbeit von Susanne R Ö H L , 2007.

Band 13:
Vom Umbruch zur Erneuerung? Das 11. und beginnende 12. Jahrhundert -
Positionen der Forschung, hg. von JörgjARNUT und Matthias W E M H O F F , 2006.

Band 14:
Text - Bild - Schrift. Vermittlung von Information im Mittelalter, hg. von
Andres LAUBINGER, Brunhilde G E D D E R T H und Claudia D O B R I N S K I , 2007.

Band 15:
Kloster und Wirtschaftswelt im Mittelalter, hg. von Claudia DOBRINSKI,
Brunhilde G E D D E R T H und Katrin W I P F L E R , 2007

Weitere Bände in Vorbereitung.

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