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DUMONT

DUMONT

DEUTSCHE
SPRACHE
S T A D T B IB LIO T H E K _ , ...
S t e g ld z Z e h le n d o rf E 1 11 S c h l l ß H - K U r S
lflgcbo'g-Ofewitz-BihHo*hek

H e rb e rt G e n zm e r
geboren 1952 in Krefeld, studierte Linguistik in Berlin,
Düsseldorf und Berkeley, Kalifornien, wo er 1987 promovierte.
Er lebt als Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber
in Krefeld und Tarragona, Spanien. 1995 erschien
seine Grammatik der deutschen Sprache,
»Sprache in Bewegung«.
Vorwort 9
Exkurs: Von der Entstehung der Sprache 10

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen 12


Indoeuropäisch - eine prähistorische Ursprache 12
Völker wandern 13
Verwandtschaftsbeziehungen 16
Volk und Sprache 20
Linguistische Kriterien zur Bestimmung der Urheimat 20
Sprache als eigenständiger Organismus 22
Kein Volk: die Germanen 24
Urgermanisch 26
Die Erste Lautverschiebung 27
Das Vernersche Gesetz 29
Änderung der Akzentverhältnisse 31
Die Bildung der schwachen Verben im Germanischen 31
Die Präterito-Präsensverben 32
Das Verbalsystem reduziert sich 33
Entwicklung der Nomina 34
Wie das Germanische sich gliedert und zu Deutsch wird 34
Exkurs: Das Wort »Deutsch« 36
Gotisch 38
Krimgotisch, eine ausgestorbene Inselsprache 39
Exkurs: Entwicklung der Schrift 42

Das Mittelalter - Althochdeutsch 46


Das Ende der Antike 46
Sprache und Text 46
Handschriften in anderen Sprachen 48
Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung 50
Gründe für die Verschiebung 52
Der Umlaut 52
Artikel aus Demonstrativpronomen 54
Dialekte im althochdeutschen Sprachgebiet 56
Schreiber und Schreibsprache 59
Textsorten 60
Der Einfluss anderer Sprachen 62
Schreiborte 63
Die Texte 65
Die nachkarolingische Zeit 72
Übergang zur frühmittelhochdeutschen Literatur 74
Sprachliche Entwicklung in den Niederlanden 79
Exkurs: Dialekte 80
Mittelhochdeutsch 82
Entwicklung einer Nationalsprache 82
Die wichtigsten sprachlichen Eigenarten des Mittelhochdeutschen 83
Vokalwechsel durch Hebung 84
Vokalwechsel durch Senkung 85
Neuerungen im syntaktischen Bereich 85
Mittelhochdeutsche Dichtersprache 86
Sprachliche Entwicklung in Norddeutschland 88
Einflüsse anderer Sprachen 89
Die Kolonisation des Ostens 91
Das Rittertum 93
Die Minne 94
Walther von der Vogelweide 97
Meistersang 98
Mittelhochdeutsche Literatur 99
Formen des mittelalterlichen Dramas 103
Entwicklung in der Schrift 103
Jiddisch 103
Exkurs: Deutsch für Pferde 106

Frühneuhochdeutsch 108
Zwischen Mittelalter und Neuzeit 108
Humanismus 109
Beschäftigung mit Sprache 111
Entwicklungsmerkmale des Frühneuhochdeutschen 112
Sprachliche Merkmale 112
Vokaldehnung 113
Frühneuhochdeutsche Diphthongierung 114
Frühneuhochdeutsche Monophthongierung 114
Hochdeutscher Aussprachewandel von s >sch 115
Veränderungen der Syntax 115
Kanzleisprache 116
Der »Vater der deutschen Sprache« - Martin Luther 117
Flugblätter und Flugschriften 119
Deutsch für die Wissenschaften 120
Sprachliche Entwicklung in der Schweiz 122
Frühneuhochdeutsche Literatur 123
Exkurs: Vom Sauberhalten der Sprache 125
Der Weg zum Neuhochdeutschen 128
Nationalsprache im Barock 128
Grammatiken, Wörterbücher und andere Werke zur deutschen Sprache 129
Die Aufklärung 132
Literatur vom Barock bis zur Aufklärung 134
Französisch und Deutsch 138
Englisch und Deutsch 140
Das 19. Jahrhundert 141
Die Suche nach einer schriftlichen Norm 142
Orthografie 142
Interpunktion 144

Das Deutsch der Gegenwart 146


Drei große Veränderungen des Sprachraums 146
Expressionismus 147
Dada 149
Deutsch im Nationalsozialismus 151
Normierung der Sprache in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s 154
Präteritum vs. Perfekt 156
Deutsch in der DDR 156
Dichtung in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s 158
Die Rechtschreibreform 159
Ist Schreiben wie Sprechen? - 164
Neue Formen der schriftlichen Kommunikation

Das Vaterunser 168

Definitionen 172

Anhang
Bibliografie 184
Abbildungsnachweis 185
Personenregister 186
Orts- und Sachregister 188
Abkürzungen und Sonderzeichen in der Germanistik,
wie sie in diesem Buch verwendet werden:

Akk. Akkusativ m.a.W. mit anderen Worten


abair. altbairisch md. mitteldeutsch
afränk. altfränkisch mhd. mittelhochdeutsch
ags. angelsächsisch mnd. mittelniederdeutsch
ahd. althochdeutsch Neutr. Neutrum
altind. altindisch nhd. neuhochdeutsch
alem. alemannisch niederl. niederländisch
as. altsächsisch Nom. Nominativ
bair. bairisch nd. niederdeutsch
dän. dänisch obd. oberdeutsch
Dat. Dativ Part. Partizip
dt. deutsch Perf. Perfekt
engl. englisch Pers. Person
Fern. Femininum PI. Plural
fränk. fränkisch R. F. Rheinischer Fächer
franz. französisch russ. russisch
Gen. Genitiv schwed. schwedisch
germ. germanisch serb. serbisch
got. gotisch sg. Singular
griech. griechisch span. spanisch
i.e. indoeuropäisch Spr. Sprache
Inst. Instrumentalis tschech. tschechisch
ital. italienisch ungar. ungarisch
Jh. Jahrhundert VS. versus, gegen
Jt. Jahrtausend ★ Asterisk, kennzeichnet eine
lat. lateinisch vermutete Aussprache
Mask. Maskulinum
Vorwort

Vom Deutschen sagt man, es sei eine merkwürdige Sprache,


denn immer dann, wenn es ernst wird, hört man die Leute sagen:
»Das kann ja heiter werden.«

Die Geschichte der deutschen Sprache ist, wie die Geschichte jeder
Sprache, immer die Geschichte der Menschen, die sie sprechen.
Menschen schaffen sich einen sprachlichen Raum, in dem sie leben,
arbeiten und sich bewegen. Mit diesen Aktivitäten formt sich die
Sprache und bricht sich eben den Raum, in dem sie lebt. Die Ge­
schichte der Sprachentwicklung zeigt, dass verschiedene neben­
einander existierende Sprachen sich durch ihre Sprecher und deren
Verkehr untereinander gegenseitig beeinflussen.
Dieses Buch über die deutsche Sprache zeigt sowohl ihren inneren
wie ihren äußeren Bau, denn beide haben die Sprache gestaltet und
zu dem gemacht, was sie heute ist. Die Einflüsse wechseln sich ab,
wie die Zeiten sich ändern, einmal nimmt die Sprache verstärkt äuße­
re Einflüsse auf, dann wieder gewinnt sie an Selbstständigkeit und
strahlt nach außen ab. Dieses dynamische Wechselspiel wird hier
gezeigt. Dabei soll ein kompaktes Buch wie dieses nicht mehr leisten
als eine Einführung in das Thema. Die dargestellte chronologische
Abfolge der deutschen Sprache von ihren indoeuropäischen Wurzeln
über das rekonstruierte Germanisch zu den Anfängen des Deutschen,
wie wir es heute kennen, dem Althochdeutschen, weiter über das
Mittelhochdeutsche zum Frühhochdeutschen und bis zum Deutschen,
wie es derzeit in seiner großen dialektalen Vielfalt in Wort und Schrift
gelebt wird, zeigen die Eigenarten des Zustands der Sprache in der
jeweiligen Epoche auf. Die Textbeispiele geben ein deutliches Bild von
Lautstand und Schriftsprache in ihrer jeweiligen Zeit.
Die zahlreichen Fachbegriffe, die in der Linguistik zur Eingrenzung
von Spracheigenschaften und -besonderheiten verwendet werden,
habe ich in einem Instrumentarium an das Ende des Buches gesetzt,
sodass der Leser es als Glossar für sich nutzbar machen bzw. an ent­
sprechender Stelle im Buch direkt dort nachschlagen kann.
Ich danke Dr. Helga Bister-Broosen für ihre Zeit, die Gespräche zum
Thema und ihre vielfältigen Anregungen.

Herbert Genzmer
Von der Entstehung der Sprache

»Schon als Tier hatte der Mensch reißen der Nahrung dienen - die Vo­
Sprache.« raussetzungen für geordnete Laut­
Johann Gottfried Herder bildung war gegeben, denn der Arti­
kulationsapparat bildete sich derart
In der Entwicklung von menschlicher aus, dass er überhaupt in der Lage
Sprache spielt die Hand als Instru­ war, differenzierte Laute zu produzie­
ment eine wesentliche Rolle. Die ren. So erklärte der amerikanische
Hand diente den Primaten zur Fort­ Linguist Philip Lieberman, der Nean­
bewegung, sie diente ihnen als Ar­ dertaler habe nicht die anatomischen
beitsinstrument und war ihr Mittel Voraussetzungen für die menschliche
zur Verständigung, die ursprünglich Sprache besessen. Andererseits hat­
gestisch gewesen sein muss. Noch te sich der Neandertaler bereits aus
wichtiger wurde dieses Glied, als der dem Tierreich entfernt, darauf ver­
Mensch die Angewohnheit des klet­ weisen die Werkzeuge, die er sich
ternden Tiers aufgab und sich auf­ schuf und verwendete, oder der Be­
richtete: die Hände wurden frei und stattungskult, den er zelebrierte.
konnten noch gezielter als Instru­ Der russische Sprachwissen­
mente eingesetzt werden. Da die schaftler Nikolaj Jakowlewitsch Marr
Hand aber frei war, setzte gleichzei­ (1865-1934) geht davon aus, dass
tig der Prozess der Rückbildung der die Gestik allein nicht zur Verständi­
Kieferknochen ein, denn Mund und gung ausgereicht hat, sondern dass
Zähne mussten nicht mehr zum Zer­ sie schon früh und in einer komple-

Die Neandertaler verfügten bereits über


Werkzeuge und zelebrierten einen Bestat­
tungskult; ob ihr Artikulationsapparat in der
Lage war, differenzierte Laute zu produzie­
ren, ist allerdings fraglich.
11

Wichtige Sprachwissenschaftler des 19. Jh.s und ihre Werke:


Friedrich Schlegel: Über die Sprache und Weisheit der Inder, 1808
Franz Bopp: Über das Konjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem
der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache, 1816
Jacob Grimm: Deutsche Grammatik, 1819-34
Jacob Grimm: Geschichte der deutschen Sprache, 1845
Friedrich Dietz: Grammatik der romanischen Sprachen, 1836-44
Karl Brugmann: Kurze vergleichende Grammatik der indogermanischen Sprachen, 1904

xer werdenden Umwelt von Lauten langte auch das Lautsystem immer
begleitet wurde. Diese noch relativ größer werdende Differenzierung und
ungeordneten Laute müssen eine Präzisierung, Vokale und Konsonan­
Bestärkung der Geste gewesen sein, ten wurden unterschieden - nicht
eine besondere Hervorhebung. Marr nur gegeneinander, sondern auch in­
stellte die These auf, dass Laute sich nerhalb eines Vokals durch Hervor­
dann auf der Ebene magischer oder hebung, Längung und Kürzung.
kultischer Handlungen weiterentwi­ Unterschiedliche Lebensbedingun­
ckelt hätten. Mit dem Mund, der nun gen mit jeweils anders gearteten ter­
dazu zunehmend in der Lage war, ritorialen Eigenschaften ließen ver­
wurden vorerst willkürliche Laute schiedene Sprachen entstehen, die
hervorgebracht, die die Tätigkeit der alle den einen Apparat zur Produkti­
kommunizierenden Hände begleite­ on von Lauten benutzten, ihn aber
ten. Lexikalisch waren sie seiner unterschiedlich einsetzten. Die zu­
Meinung nach zunächst ohne Bedeu­ nehmende Mobilität der Menschen
tung, hätten aber durch die ständige führte dazu, dass sich die Sprachen
Wiederholung im Laufe der Zeit an sowie auch die Stämme, ihre Träger
ritualisierter Bedeutung gewonnen, also, miteinander vermischten. Von
bis ein bestimmter Laut oder eine nur einer gemeinsamen Ursprache
Lautfolge mit einer bestimmten auszugehen, kann also nur ein theo­
Handlung zusammenfiel, damit asso­ retisches Konstrukt bleiben, denn
ziiert, wiederholt und systematisiert Sprache ist kein Naturgeschenk,
wurde, bis schließlich der reine Laut, sondern eine Schöpfung des Men­
ohne die Anwesenheit des Dings schen. Er schuf sie sich auf der
oder des Sachzusammenhangs vo­ Grundlage seiner Lebens- und Um­
rauszusetzen, auf den er Bezug weltbedingungen und je komplexer
nahm, allein darauf verwies - das diese wurden, desto differenzierter
sprachliche Zeichen war geboren. gestaltete sich die Sprache.
Mit zunehmender Komplexität ver­
Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Indoeuropäisch - eine prähistorische Ursprache


Die Geschichte der deutschen Sprache beginnt mit
den Indoeuropäern und ihrer Sprache, die, da es keine
Dokumente aus dieser Sprache gibt, nur in einer theo­
retischen und rekonstruierten Version existiert. Wie
in jener mystischen Zeit vor dem Bau des Turms zu
Babel, existiert diese Sprache für unseren Sprachraum
monolithisch und unantastbar. Mit ihr und ihren Spre­
chern jedoch beginnt das, was in der Geschichte vom
Turmbau berichtet wird: Die Sprache zerfällt in viele
miteinander verwandte Fragmente - Einzelsprachen.
Gerade deshalb ist Deutsch keine isolierte Sprache,
sondern das, was sich heute als Deutsch erweist, ist
parallel mit anderen Sprachen gewachsen und hat mit
vielen anderen Sprachen derselben Familie im asiati­
schen und europäischen Raum den einen gemeinsa­
men Ursprung: Indoeuropäisch. Die Sprecher dieser
prähistorischen Grundsprache wurden nach den östli­
chen und westlichen Völkern, Indern und Germanen,
benannt, die sich ihrer bedienten; allerdings ist es nie
gelungen, neben der Sprache eine Urkultur dieser Völ­
kergruppe zu rekonstruieren.

Indoeuropäisch /Indogermanisch: Vor allem früher wurde


ausschließlich der Begriff Indogermanisch verwendet, der aber
heute weitgehend durch Indoeuropäisch ersetzt wurde. Inner­
halb Deutschlands findet man ihn auch heute noch vereinzelt,
international allerdings spricht man durchgängig von Indoeu­
ropäisch.

Einer der ersten Wissenschaftler, der die Beziehungen


zwischen einzelnen Sprachen, hauptsächlich zwischen
dem Gotischen, Griechischen, Lateinischen, Keltischen
und Sanskrit entdeckte und systematisch untersuchte
und damit zu einem der bedeutendsten Wegbereiter
der Indoeuropäistik/Indogermanistik wurde, war Sir
William Jones (1746-1794). Sein Buch The Sanscrit Lan-
guage von 1786 gilt als das erste Werk vergleichender
Indoeuropäisch | Völker wandern 13

Sprachwissenschaft. Es legte den gemeinsamen Ur­


sprung des Griechischen, Lateinischen und Sanskrit
dar und deckte darüber hinaus die Verwandtschaft mit
dem Gotischen, den keltischen Sprachen und dem Per­
sischen auf.
Aus der Kenntnis dieser und weiterer Sprachen
schloss man auf eine ihnen zugrunde liegende Grund­
sprache, die aus den bekannten Sprachen rekonstru­
iert wurde. Indoeuropäisch ist also eine von Sprach­
wissenschaftlern des 19. Jh.s ausschließlich durch
Rekonstruktion bekannte prähistorische Sprache,
Dokumente gibt es nicht.

Sanskrit
»Die Sprache des Sanskrit, wie alt sie auch sein mag,
ist von wundervoller Struktur. Sie ist perfekter als das
Griechische, ergiebiger als das Lateinische und verfei­
nerter und kultivierter als beide, obwohl sie mit beiden
starke Verwandtschaftsbande sowohl in den Stämmen
der Verben als auch in der Form der Grammatik unter­
hält. Das kann kein Zufall sein. Die Bande sind tatsäch­
lich so stark, dass kein Philologe sie je untersuchen
könnte, ohne zu dem Schluss zu gelangen, sie alle
müssten von einer gemeinsamen Quelle stammen, die,
mag sein, auch nicht mehr existiert.« Auszug aus einem
Vortrag von Sir William Jones vom 2. Februar 1886:
Über die Hindus. (Übers. H.G.)

Porträt von Sir William


Völker wandern Jones (1746-1794)
Bestimmte Zweige der historischen Sprachwissen­ aus der »Gallery of
Portraits«, Radierung,
schaften betrachten Sprache als einen von Sprechern 1833, Privatsammlung
unabhängigen Mechanismus oder gar als eigenständi­
gen Organismus. Dabei sind alle Veränderungen, die
Sprachen erleben, unabdingbar verbunden mit den
Menschen, die diese Sprachen benutzen. Wie sonst
sollte man sich den Zerfall einer Sprache und das Ent­
stehen verschiedener neuer Sprachen aus den Resten
der anderen vorstellen? Natürlich dauert ein solcher
Veränderungsprozess, denn um einen solchen handelt
es sich ja und keineswegs um ein Produkt, wie man oft
14 Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Zeittafel der Völkerwanderungen:

seit 2000 v. Chr. Erste Indoeuropäische Völkerwanderung


1800-1200 v.Chr. Hethiter in Kleinasien
seit 1600 v. Chr. Wanderung der Arier nach Indien
1425 v. Chr. Die Achäer erobern Kreta
seit 1200 v. Chr. Zweite Indoeuropäische Völkerwanderung
um 375 n. Chr. Einfall der Hunnen in das Gotenreich und Beginn der
Germanischen Völkerwanderung
476 n. Chr. Zerfall des Weströmischen Reichs
um 500 n. Chr. Theoderich der Große und Chlodwig I.
568 n. Chr. Die Langobarden besiedeln Oberitalien- die Germanische
Völkerwanderung endet

glauben lassen möchte - lange Zeit. So verhält es sich


auch mit dem Indoeuropäischen, der Ursprache zahl­
loser europäischer und asiatischer Sprachen. Dabei
war schon diese Ursprache keine isolierte Sprache, sie
war in Kontakt z. B. mit dem Babylonischen, von dem
sie höchstwahrscheinlich die Ahnen der deutschen
Wörter Stern und Beil entlehnte, überdies die Grund­
lagen für ihr duodezimales Zählsystem.
Seit ca. 2000 v. Chr. drangen indoeuropäische Völ­
ker in die Mittelmeerwelt vor und behaupteten sich in
Form neuer indoeuropäischer Reiche neben den
schwächer werdenden alten. Semitische Völker nutz­
ten den Niedergang der herrschenden Mächte und
drangen in deren Gebiete vor - eine Zeit großer Aus­
einandersetzungen im mittelmeerisch-orientalischen
Raum begann. Es war eine wesentliche Begleiterschei­
nung dieser Entwicklung, dass für mehr Menschen
weniger Raum zur Verfügung stand und die politisch­
kulturellen Verflechtungen von Völkern und Staaten
weitaus enger geworden waren als zuvor. Nach dem
Jahr 2000 v. Chr. drangen indoeuropäische Stämme
wie Ionier und Achäer in Griechenland ein und gründe­
ten Fürstentümer wie Mykenä, Tiryns oder Athen.
Diese mykenischen Kulturen exisiterten etwa von
1600-1200 v. Chr. Von dort aus begann ein reger Han­
del mit den Inseln, 1425 v. Chr. eroberten die Achäer
Völker wandern 15

Kreta. In der Folge wurden stark befes­


tigte Burgen wie Mykene angelegt, die
sich durch gewaltige Kyklopenmauern
mit Fresken nach kretisch-minoischem
Vorbild auszeichneten; die Toten begrub
man in Kuppelgräbern. Kreta und der
Peleponnes erlebten mit der kretisch-
mykenischen Kultur eine Blütezeit.
Kleinasien wurde seit etwa 1200 v.
Chr. von Stämmen erobert, die Klein­
staaten gründeten und sich später zum
hethitischen Reich zusammenschlos­
sen. Teile der ostindoeuropäischen
Arier drangen bis nach Indien vor und
unterwarfen dortige Kulturen. Ein ande­
rer Zweig dieser Gruppe, Meder und
Perser, siedelten sich in Mesopotamien
Teilansicht des Löwen­
an, gewannen aber erst ca. tausend Jahre später an
tors der Akropolis von
Bedeutung. Mit der Zweiten Indoeuropäischen Völker­ Mykene. Die mykeni-
bewegung setzte die dorische Wanderung ein, die für sche Kultur ist eine
Mischung aus
die Bildung Griechenlands entscheidend werden sollte.
indoeuropäischen und
Die Dorer unterwarfen die Achäer, während die Ionier mediterranen Elemen­
sich in Attika behaupteten. Gleichzeitig wurde das ten.

hethitische Reich von thrakisch-phrygischen Stämmen


vernichtet und das phrygische Reich gegründet, wel­
ches wiederum um 700 v. Chr. von den Lydern ab­
gelöst wurde. Nach dem Abschluss der Zweiten In­
doeuropäischen Wanderung waren Griechenland,
Kleinasien und Italien besiedelt, und die Grundlage für
die griechische und die römische Geschichte war ge­
schaffen.
In Bezug auf die Sprachentwicklung ist all dies ein
äußerst vielschichtiger und komplizierter Prozess, der
nur wenig mit den klaren und sauberen Stammbäumen
der Philologen zu tun hat. Verschiedene Sprachen im
Kontakt beeinflussen sich gegenseitig durch Entleh­
nungen, veränderte Aussprachen und immer neue
Sachzusammenhänge in der Welt.
F rü h n e u h o c h d e u ts c h

stark analytischem zu synthetischerem Sprachbau


vollzieht sich auch hier konsequent.

K a n z le is p r a c h e

Unter einer Kanzleisprache versteht man eine von ver­


schiedenen Schreibdialekten verwendete gemeinsame
und überregionale Sprachvariante, wie sie von einzel­
nen Kanzleien, etwa der Prager Kanzlei Karls IV., ver­
wendet wird, die aber gleichzeitig auf Prag und einige
wenige böhmische Städte begrenzt bleibt. Für die
Entwicklung der deutschen Sprache spielt die Kanzlei­
sprache eine große Rolle, da das Sprachgebiet durch
eine Vielzahl von Dialekten extrem zersplittert ist. Es
ist vor allem die sächsische Kanzleisprache Meißens
(manchmal auch Meißnischdeutsch genannt), die die
weiteste Verbreitung findet, denn sie bewegt sich hin
zu einer Standardsprache, die sich auf der Basis ver­
schiedener regionaler Dialekte entwickelt. Martin
Luther orientiert sich in seiner Bibelübersetzung von
1545 an dieser Schriftsprache, und seine Übersetzung
hat großen Einfluss auf die deutsche,Schriftsprache.
Die Orientierung daran fällt ihm leicht, cfenn er ist in
seiner mitteldeutschen Heimat mit dem sächsischen
Dialekt aufgewachsen und beherrschte ihn gut.
»... ich brauche der gemeinen deutschen Sprache,
dass mich beide, Ober- und Niederländer [gemeint
sind Norddeutsche, A. d. A.] verstehen mögen. Ich
rede nach der sächsischen Canzeley, welcher nach-
folgen ale Fürsten und Könige in Deutschland; alle
Reichsstädte, Fürsten-Höfe schreiben nach der
sächsischen und unseres Fürsten Canzeley.«
(M. Luther: Werke, Tischreden, Bd. 1 Weimar 1912:524)

Außerdem nimmt der sächsische Dialekt geografisch


und linguistisch zwischen den süd- und norddeutschen
Dialekten eine Mittelstellung ein. Für die Vereinheit­
lichung und Schaffung einer frühneuhochdeutschen
Schriftsprache spielt das eine entscheidende Rolle.
Verwandtschaftsbeziehungen 17

Indoeuropäische Finnisch-ugrische Turksprachen I I Indoeuropäische Sprachen


Sprachen Sprachen 28 Tschuwaschisch l'S:. ..:l Finnisch-ugrische Sprachen
1 Niederländisch 18 Estnisch 29 Tatarisch I I Turksprachen
2 Walisisch 19 Ingrisch 30 Karatschaiisch-
K I Kaukasische Sprachen
3 Friesisch 20 Wotisch Balkarisch
4 Sorbisch 21 Karelisch 31 Nogaiisch I I Sprachen, die keiner dieser
5 Tschechisch 22 Wepsisch 32 Kumykisch Familien zuzurechnen sind
6 Slowakisch 23 Lappisch 33 Karaimisch
7 Albanisch 24 Liwisch Sprachgrenze
8 Aromunisch 25 Mordwinisch -Staatsgrenze
9 Makedonisch
10 Moldauisch Komi-
11 Slowenisch (Udmurtisch) !Syrjänisch
12 Kroatisch
13 Serbokroatisch- Färöisch Komi-/
Kroatoserbisch
14 Serbisch
15 Ossetisch Russisch
16 Litauisch Schottiscti-,^
17 Lettisch
Irisch

Irisch
^Weiß/
russiscf Kasachisch
Polnisch
Bretonis leutsch

Portugiesisch' ''Rumänis*

^ Kpukasfsch^Spridfrfe n / /
34 Kabardinisch

36 Tscnetscheni'sah-1nguscjiisch
37 Abassinisch
Maltesisch 38 übrige Nakhodaghestanische Sprachen

Sprachverteilung

kann diese Ursprache in ihre Grenzen verlegt und ein- mEüropa


geordnet werden. Der Grad der Ähnlichkeit zwischen
verschiedenen Sprachen ermöglicht der Untersuchung
eine weitere Einteilung in Unter- und Obergruppen.
Die rekonstruierte Grundsprache des Indoeuropäi­
schen verfügt über ein Flexionssystem und kennt den
Ablaut (s. S. 172).
Heute unterteilt man die Sprachen dieser Familie
gemeinhin in west- und ostindoeuropäische Sprachen,
früher jedoch teilte man sie in Kentum- und Satem­
sprachen.
Die indoeuropäischen Sprachen gliedern sich in die
folgenden großen Untergruppen und Einzelsprachen:
* Albanisch
* Armenisch
Baltische Sprachen (Lettisch, Litauisch)
18 Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

• Germanische Sprachen (Dänisch, Deutsch,


Englisch, Färöisch, Friesisch, Isländisch jiddisch,
Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch)
• Griechisch
• Iranische und Indische Sprachen
• Keltische Sprachen (Bretonisch, Gälisch, Irisch,
Komisch (Cornwall), Kymrisch (Wales))
• Lateinisch und die daraus hervorgegangenen
romanischen Sprachen (Französisch, Italienisch,
Katalanisch, Portugiesisch, Rätoromanisch,
Rumänisch, Spanisch)
• Slawische Sprachen (Polnisch, Slowakisch,
Tschechisch; Bulgarisch, Russisch, Serbokroatisch,
Slowenisch, Ukrainisch)
Die Verwandtschaft zwischen diesen Sprachen und
Sprachgruppen zeigt sich in Wortschatz, Lautstand und
in der grammatischen Struktur. Nehmen wir das Wort
Vater \n seiner Geschichte und Verbreitung: dt. Vater,
niederl. vader, engl, father, schwed. Fader. Aber auch
in nichtgermanischen Sprachen treten ähnliche For­
Darstellung des
Verbreitungsraums der
men auf: lat. pater, griech. pater, altind. pitä, altirisch
indoeuropäischen äthir.
Sprachfamilie
Verwandtschaftsbeziehungen 19

Die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den ein­


zelnen Sprachen des Indoeuropäischen wurden 1853
erstmals von dem deutschen Sprachwissenschaftler
August Schleicher (1821-1868) in einem Stammbaum
dargestellt, wie er in der Biologie z. B. von Charles
Darwin (1809-1882) als schematisierendes Mittel ver­
wendet wurde, um Beziehungen zwischen verschiede­
nen Arten zu zeigen. Sprache unterlag für Schleicher,
ebenso wie biologische Zusammenhänge, der Gesetz­
mäßigkeit der natürlichen Evolution. Von Schleicher
stammen die noch heute verwendeten Bezeichnungen August Schleicher
wie »Abstammung« oder »Verwandtschaft« in Bezug (1821-1868) betrachtete
die Linguistik als Teil der
auf Sprache und deren Entwicklung.
Naturwissenschaften
und Sprache als natür­
Kentum- und Satemsprachen: In der vergleichenden Sprach­ lichen Lebensbestand­
wissenschaft wurde aufgrund von Lautrekonstruktionen eine teil, der Veränderungen
unterworfen ist. Holz­
Unterteilung in eine westliche und eine östliche Sprachgruppe
stich nach Fotografie
vorgenommen, die nach ihrer Bezeichnung für »hundert« unter­
schieden wurden: hundert ist lat. c e n tu m , Sanskrit s a tä m . Da­
raus entwickelten sich die sogenannten Kentumsprachen (die
germanischen Sprachen, Griechisch, die keltischen Sprachen,
Lateinisch und das Tocharische) und die danach benannten Sa­
temsprachen (Albanisch, Avestisch, die frühen baltischen und
slawischen Sprachen, Persisch und Sanskrit). Als Gesetzmäßig­
keit wurde postuliert, dass der palatale Verschlusslaut [k]
durchgängig dem [s] der Satemsprachen entspricht. Durch die
Entdeckung des Hethitischen (1904) und des Tocharischen
(1906) jedoch - beides im Osten beheimatete Kentumsprachen
- wurde die Unterteilung in geografisch und phonologisch (s.
S. 179) unterteilte Sprachgruppen weitgehend widerlegt.

So etwa bildeten die oskisch-umbrischen Dialekte


gemeinsam mit dem Lateinischen das Ur-Italische.
Diese Sprache wurde aus dem Vergleich der beiden
vorgenannten rekonstruiert. Da aber die oskisch-um­
brischen Dialekte nur aus vereinzelten Inschriften und
aus Angaben bei griechischen und römischen Autoren
bekannt sind, bleibt die rekonstruierte Ursprache nur
fragmentarisch, an dem wenigen aber lässt sich erken­
nen, dass Griechisch und Ur-Italisch in geschwister­
licher Verbindung zueinander stehen.
20 Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Volk und Sprache


Bei allgemeinen sprachwissenschaftlichen Betrachtun­
gen über die Ursprache geht man ebenfalls von einem
sogenannten Urvolk aus, dessen Sprache Indoeuro­
päisch war, wobei es jedoch zwei­
felhaft bleibt, ob es sich dabei um
ein Volk im modernen Verständnis
des Wortes gehandelt hat, das
nämlich durch eine gemeinsame
Sprache und eine gemeinsame
Kultur verbunden war, denn es

Durch die Abdrücke von


lässt sich, wie schon oben gesagt,
Schnüren verzierter keine gemeinsame Urkultur nachweisen bzw. aus der
Krug des späten Neoli­ rein linguistischen Rekonstruktion erschließen.
thikums (ca. 2800 bis
2200 v. Chr.). Zeugnisse
Der russische Sprachforscher Nikolei Sergejewitsch
dieser Keramikkunst aus Trubetzkoy (1890-1938), dessen Hauptverdienst es
dem 3.-2. Jt. v. Chr. war, die Linguistik um die Phonologie bereichert zu ha­
finden sich in Mittelruss­
land und in Mitteleuropa
ben, kam durch komparative Studien zu dem Ergebnis,
vom Rhein bis zur die Urheimat der indoeuropäischen Sprachgruppe
Weichsel. müsse zwischen Nordsee und Kaspischem Meer ange­
siedelt werden, zwischen den finno-ugrischen und den
mediterranen oder kaukasisch-semitischen Sprach-
gruppen. Geografisch befindet sich der Kern dieses
Gebiets nördlich und westlich des Schwarzen Meers
und um die beiden Flüsse Dnjepr und Donau. In der
Archäologie bringt man die spätsteinzeitliche Schnur­
keramik mit diesem indoeuropäischen Urvolk in Ver­
bindung, sprachlich sind überdies die Verbreitung von
Flussnamen und die Bezeichnungen für Flora und Fau­
na wegen ihrer großen Ähnlichkeiten im bezeichneten
Gebiet auffällig.

Linguistische Kriterien zur Bestimmung


der Urheimat
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann
man davon ausgehen, dass es keine schriftlichen
Funde über die Zeit des indoeuropäischen Urvolkes
und aus dieser Zeit geben wird, darum stehen für eine
Volk und Sprache | Linguistische Kriterien

Bestimmung dessen, was das Volk ausmacht - seine


Sprache und seine Kultur - fast ausschließlich linguis­
tische Kriterien zur Verfügung. Sprachwissenschaftler
gehen davon aus, dass bestimmte Wörter schon beim
Urvolk vorgekommen sein müssen, wenn sie später in
anderen indoeuropäischen Sprachen existieren. Man
vermutet, dass das Urvolk den Wagen und das Rad
kannte, denn Wörter wie Nabe, Rad und Wagen gehen
aus einer gemeinsamen Wurzel hervor. Auch das Pferd
muss nicht nur als Arbeitstier, sondern darüber hinaus
als Streitross wichtig gewesen sein, überhaupt exis­
tierte ein großer gemeinsamer Wortschatz aus dem
Bereich der Viehzucht und der Tierhaltung allgemein
(Vieh, Kuh, Stier, Ochse, Pferd, Fohlen, Schwein, Hund,
Biene, Gans, Ente, Herde, Wolle, melken, etc. - nicht
dagegen Katze und Esel), der darauf schließen lässt,
dass man es mit einer Hirtenkultur zu tun hat. Zur
Erhärtung dieser Vermutung kann man aus der Her­
leitung von lat. pecus (Vieh) zu lat. pecunia (Geld)
ersehen, dass Reichtum über den Besitz von Vieh an­
gezeigt wurde. Da es keinen gemeinsamen Wortschatz
für Bäume, Wald, Nutzholz etc. gibt, liegt die Vermu­
tung nahe, dass es sich um ein Volk handelte, dass in
Savannen- oder Heidegebieten lebte. Es gab Wörter
für Gold und Silber, doch für Eisen existierte kein ge­
meinsames Wort, es muss also aufgekommen sein,
als die Trennung zwischen verschiedenen Teilen jenes
Volkes schon weit vorangeschritten war, wodurch sich
also Begriff und Wort separat formierten. Aus Funden
weiß man, dass Eisen um ca. 2000 v. Chr. aufgekom­
men sein muss, es liegt also der Schluss nahe, dass
Indoeuropäisch zu diesem Zeitpunkt schon keine ge­
meinsame Sprache mehr war.
Der Linguist Paul Thieme (1905-2001) siedelte in
den 1950er Jahren die Urheimat der indoeuropäischen
Ursprache im Gebiet der in die Nord- und Ostsee mün­
denden Lachsflüsse an und begründete diese Theorie
mit der auffallenden Gemeinsamkeit des Wortes für
22 Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Lachs, *laksos, in räumlich sehr weit voneinander ent­


fernt liegenden indoeuropäischen Sprachen. Für diese
Annahme sprechen auch die bereits erwähnten zahllo­
sen Beispiele von Gemeinsamkeiten der Gewässerna­
menskunde (Hydronymie). Wie Forschungen ergeben
haben, dringt die Gewässernamenskunde bis zu den
ältesten überlieferten Namen vor, Beispiele wie Rhein
(*reinos), Main (*moin), Elbe (*albia), Oder (*odra),
Weser (*wisura), Saale (*sala) oder Flussnamen kelti­
scher Herkunft wie Donau (*danovios) oder Inn (*enos)
gehen auf indoeuropäische Flussnamen zurück und
müssen also von vorgermanischen bzw. vorkeltischen
Bewohnern stammen.

Einige Beispiele der durch Rekonstruktion nachgewiesenen Verwandtschafts­


beziehungen zwischen wichtigen indoeuropäischen Sprachen:

nhd. Mutter Vater drei neu ist gebäre (=trage)


engl. mother father three new is bear
got. - fädar reis niujis ist baira
russ. matj - tri novji jestj beru
griech. meter pater treTs neos esti phero
lat. mäter pater tres novus est ferö
altind. mätär pitär tres nävya asti bhärämi
i.e. * mäter *pitär *treies *neuo *esti *bheremi

Sprache als eigenständiger Organismus


Bei den frühen Arbeiten der Philologen legte man be­
sonderes Augenmerk auf die Lautveränderung bei der
Entwicklung von einer in die andere Sprache. Man ging
davon aus, dass diese Veränderungen bestimmten
Gesetzmäßigkeiten unterlagen, die, wie Naturgesetze,
fast als unabhängig von den jeweiligen Sprechern der
Sprache zu existieren schienen. Jedes Auftreten einer
Ausnahme von der Regel erklärte man durch Analogie.
In den 70er Jahren des 19. Jh.s formierte sich in
Leipzig eine Gruppe von Sprachwissenschaftlern, die
als »Leipziger Schule« oder »Junggrammatiker« bekannt
Sprache als eigenständiger Organismus 23

Ferdinand de Saussure (1857-1913)


Der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure gilt als
der Gründer der modernen Linguistik. In seinem
postum herausgegebenen Hauptwerk C o u rs de

lin g u is t iq u e g e n e r a le (1916) entwickelt er nicht nur


eine allgemeine Theorie von Sprache, die sich
deutlich von der rein historischen Betrachtung der
Junggrammatiker absetzt, sondern darüber hinaus
eine brauchbare Methode, Sprache als systemati­
sches Zeichensystem zu analysieren. So unter­
scheidet er la n g a g e (Sprache) nach drei wesent­
lichen Dichotomien (Zweiteilung, Gliederung nach
zwei Gesichtspunkten):
a) die von Konventionen gesteuerte und als so­
ziales Produkt gewachsene, aber nicht unmittelbar
sichtbare la n g u e im Gegensatz zu den tatsäch­
lichen Äußerungen von Sprechern, p a r o le ;

b) die Teilung des Zeichens in eine Wechselbezie­


hung von S ig n ifik a t (Bezeichnetes = Objekt oder
Ferdinand de Saussure in einer Sachverhalt in der Wirklichkeit) und S ig n ifik a n t
Porträtaufnahme von F. H. Jullien (Bezeichnendes = sprachliches Zeichen); Bedeu­
aus dem Jahr 1909 tung existiert ausschließlich im Kontrast zu an­
deren Zeichen und nicht in den Objekten und
Bildliche Darstellung von Saussures Sachverhalten der Wirklichkeit;
(= Bild/Zeichnung von
S ig n ifik a t c) s y n c h ro n e Sprachbetrachtung, d. h. zu einem
einem Baum) und S i g n i f i k a n t (= Laut­ bestimmten Punkt in der Zeit, vs. d ia c h r o n e
schriftdarstellung des deutschen Sprachbetrachtung, d. h. die historischen Ent­
Wortes BAUM /bau:m/) wicklung über einen Zeitraum hinweg.

Für Saussure ist das sprachliche Zei­


chen die Verbindung aus der geistigen
Vorstellung eines Symbols und dem
Lautbild, das mit diesem Symbol ver­
bunden ist. Es hat zwei Eigenschaften:
willkürlich und linear.
Willkür bedeutet für Saussure, dass es
keine natürliche Beziehung zwischen

/ den Lauten und dem Bezeichneten


gibt. Auf dieser Basis erklärt er die
Existenz mehrerer Sprachen. Gleich­
zeitig jedoch fußt die Verbindung auf
Konventionen, denn eine einmal zugewiesene Lautfolge ist für jeden Sprecher einer Spra­
che verbindlich und muss eingehalten werden. Z. B. gibt es keinen nachvollziehbaren
Grund, warum ein Tisch »Tisch« heißt, soll die Kommunikation aber funktionieren, kann und
darf er nicht willkürlich »Stuhl« genannt werden. Sprachliche Zeichen stellen sich in der
Zeit dar und sind von Bedingungen bestimmt, die, so Saussure, linear verlaufen.
Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

wurde. Ihre Hauptvertreter waren Karl Brugmann


(1849-1919), Eduard Sievers (1850-1932), Hermann
Paul (1846-1921), Wilhelm Braune (1850-1926), Her­
mann Osthoff (1847-1909), Otto Behagel (1854-1936),
Karl Verner (1846-1896), Sophus Bugge (1833-1907)
und Graziadio Isaia Ascoli (1829-1907). Die Untersu­
chung von Sprache mittels der Beschreibung ihres ge­
schichtlichen Wandels war das Hauptziel der Gruppe.
Im Zuge dessen stellten die verschiedenen Vertreter
die Gesetze des Lautwandels auf und postulierten de­
ren Ausnahmslosigkeit. Die Ergebnisse, zu denen man
dabei kam, beruhten auf dem Vergleich verschiedener
Sprachen sowohl in dem zur Zeit der Junggrammatiker
angewandten Zustand als auch auf früheren Stufen.
Diese sogenannte diachrone Sprachbetrachtung der
Junggrammatiker ging davon aus, dass es zum Verste­
hen einer Sprache in ihrer aktuellen Form nicht ausrei­
che, die gegenwärtigen Erscheinungen aufzuzeigen,
man müsse vielmehr ihre Entwicklung betrachten, um
verbindliche Aussagen machen zu können. System­
widrigkeiten, das sind Ungereimtheiten und Unregel­
mäßigkeiten, sind nur einzuordnen und zu verstehen,
wenn man begreifen und analysieren kann, dass sie
oftmals auf althochdeutsche oder gar germanische
Zeiten zurückgehen. Die Sprachwissenschaft der Jung­
grammatiker will also Werden und Entwicklung von
Sprache allgemein ebenso sichtbar machen wie kon­
kret bei einer Sprache.

Kein Volk: die Germanen


Die Germanen als ein Volk mit einem Staat, einer Spra­
che und einer Identität im modernen Verständnis, das
sich auch selbst so bezeichnet hätte, hat es nie gege­
ben. Im Gegenteil: Die verschiedenen Stämme, die
unter diesem Überbegriff zusammengefasst werden,
bekämpften sich untereinander.
Das Wort Germanen taucht zum ersten Mal um das
Jahr 80 v. Chr. bei dem griechischen Geschichtsschrei­
Kein Volk: die Germanen 25

ber Poseidonios (135-51 v.


Chr.) auf und wird seitdem
verwendet; vor allem aber
fand es durch die Aufzeich­
nungen von Gaius Julius Cä­
sar (100-44 v. Chr.) über den
Gallischen Krieg (58-51/50
v. Chr.), De bellogallico (ge­
schrieben 52/51 v. Chr.),
Verbreitung. Die südeuropäi­
schen Hochkulturen der Grie­
chen und Römer wussten nur
wenig über die Barbaren des
Nordens, wie sie sie nannten,
wobei »Barbar« nur einen
Menschen bezeichnete, der
nicht in den Genuss einer
griechisch/römischen Ausbil­
dung gelangt war. Aller Kon­
C o m m e n t a r ii d e b e l l o
takt mit diesen Barbaren war auf kriegerische Ausein­ von Gaius Julius
g a llic o

andersetzungen beschränkt. Cäsar (100-44 v. Chr.),


Textblatt mit dem Be­
»Germanen« ist ein Oberbegriff für verschiedene
ginn des Werkes aus
Stämme, die sich ab circa dem 2. Jt. v. Chr. im Gebiet einer lateinischen Hand­
der unteren Elbe (heutiges Dänemark), in Südnorwe­ schrift Ende des 11. Jh.s.
Ms.Ricc.541, Florenz,
gen, Südschweden und zwischen den Flüssen Donau,
Biblioteca Riccardiana
Weichsel und Rhein niederließen. Er kann jedoch kaum
von den Menschen stammen, die so bezeichnet wur­
den, denn sie identifizierten sich ausschließlich über
ihre Stammes- und Sippengemeinschaften, nannten
sich selbst aber nicht »Germanen«. Die Forschung des
19. Jh.s bestimmte die ethnische Identität dieser Men­
schen über die Sprache, die sich in ihrer rekonstruier­
ten Form über die Erste (Germanische) Lautverschie­
bung definiert. Das Urgermanische, das sich so aus
dem Indoeuropäischen entwickelte, bildete mit den Ur­
sprachen der slawischen und baltischen Sprachen eine
gemeinsame Dialektgruppe, bevor es sich auch aus
dieser Gruppe löste.
V o m In d o e u r o p ä is c h e n z u m D e u ts c h e n

U r g e r m a n is c h

Als rekonstruierte Sprache und Vorläufer aller germa­


nischen Sprachen, zu denen heute neben anderen
Deutsch, Englisch, Niederländisch und Schwedisch
gehören, bleibt das Urgermanische eine Hypothese,
denn ebenso wie beim Indoeuropäischen gibt es keine
Textfunde. Rekonstruiert wurde diese Vorstufe der
deutschen Sprache als eine der Fortsetzungen des
Indoeuropäischen aus den bekannten und durch Text­
zeugnisse belegten frühesten altgermanischen Einzel­
sprachen sowie durch vergleichende Studien mit den
anderen Zweigen des Indoeuropäischen. Urgermanisch
wird etwa zwischen dem 5. Jh. v. Chr. und der Zeiten­
wende angesiedelt.
Die Trennung vom Indoeuropäischen vollzog sich
durch einen durchgängigen Wandel bestimmter Konso­
nanten und Vokale. Da diese Lautwandel nur aus dem
Vergleich von frühen germanischen und nichtgermani­
schen Zeugnissen feststellbar sind, bleibt eine Datie­
rung sehr schwer, man vermutet jedoch, dass sie sich
bereits ab dem zweiten Jahrtausend vor der Zeitrech­
nung zu vollziehen begann. Das Warum des Wandels,
den die Junggrammatiker noch als ausnahmslos und
quasi als Naturgesetz betrachteten und irgendwie
losgelöst von den Sprechern, muss durch sprachliche
Mischung oder durch Analogiebildung bei der Unter­
werfung fremder Völker, die nun die Sprache der
Sieger annehmen mussten, erklärt werden. Es ist ein-

Substrattheorie
Theorie, nach der sprachlicher Wandel auf Sprachaustausch
bzw. Sprachübertragung zurückzuführen ist. Durch Sprachkon-
takt und Sprachmischung wird die Sprache eines z. B. durch
kriegerische Auseinandersetzungen unterlegenen Volkes (lat.
sub- = unter und lat. s tra tu m = Schicht) von der Sprache der
Eroberer oder Sieger überlagert und damit durchsetzt. Gleich­
zeitig wirkt die unterlegene Sprache auf die dominierende
Sprache zurück und beeinflusst sie.
Urgermanisch | Die Erste Lautverschiebung

leuchtend, das eine Sprache aus dem Mund eines


Fremden durch dessen Muttersprache gefärbt sein
muss, außerdem müssen sich für den Wandel bereits
im Indoeuropäischen vorhandene dialektale Unter­
schiede mit der Nordwestwanderung der Germanen
bemerkbar gemacht haben.
Die Wandlungen, die zur Konstituierung des Germa­
nischen führten, sind die folgenden:
• Erste oder Germanische Lautverschiebung, die alle
plosiven Konsonanten betraf.
• Eine Reihe von Vokalverschiebungen.
• Der Akzent wird auf der Stammsilbe des Wortes
fixiert.
• Eine große Reduktion der Formen in Konjugation
und Deklination.
• Die Entwicklung einer zweiten oder »schwachen«
Adjektivdeklination.
• Die Entwicklung »schwacher« Verben.
Es ist nicht klar, wie lange diese Wandel bis zu ihrer
Vollendung brauchten, und nicht alle waren abge­
schlossen, bevor sich die germanischen Sprachen wei­
ter teilten, aber man geht davon aus, dass die Erste
Lautverschiebung um 500 v. Chr. begann und etwa im
1. Jh. v. Chr. abgeschlossen war. In jedem Fall also,
bevor die germanischen Stämme andauernden Kon­
takt mit den Römern hatten. Man kann sich dieser
Zeitspanne relativ sicher sein, weil keines der Lehn­
wörter aus dem Lateinischen im Germanischen je von
diesem Wandel betroffen wurde.

D ie E r s te L a u t v e r s c h ie b u n g

Der Ausdruck Lautverschiebung beruht auf der Annah­


me, dass bestimmte Konsonantengruppen beim Über­
gang vom Indoeuropäischen zum Urgermanischen
wechselseitig die Plätze getauscht, sich »verschoben«
haben. Als auffälligster Wandel vom Indoeuropäischen
zum Germanischen gilt der Konsonantenwechsel, den
Jacob Grimm (1785-1863) definierte. Man nennt die-
V o m In d o e u r o p ä is c h e n z u m D e u ts c h e n

sen Wandel, bei dem die indoeuropäischen Verschluss­


laute betroffen sind und Veränderungen erfahren, die
Erste Germanische Lautverschiebung oder Grimm­
sches Gesetz: Die stimmlosen Verschlusslaute (Tenu-
es) p, t, k und die stimmhaften behauchten Verschluss­
laute ph, th, kh werden zu den stimmlosen Reibelauten
(Spiranten oder Frikativen) f, p, x, z. B.:
• griech. treTs, got. preis (p wird wie das stimmlose
engl, th gesprochen) - nhd. drei;
• lat. pater, got. Fadar - nhd. Vater,
• lat. pisci - nhd. Fisch.
Ausnahmen von diesen Regeln: stimmlose Verschluss­
laute ändern sich nicht nach Frikativen (Reibelauten)
und in sp, st, sk bleiben p, t, k auch im Germanischen
erhalten:
• lat. spuere, got. speiwan - nhd. speien,
• lat. hostis (Feind, eigentlich Fremdling), got. gasts
(Fremdling, Gast), ahd. Gast,
• lat. m iscere, ags. m iscian, ahd. miskan - nhd.
mischen.
Auch bleibt das t nach p und k unverschoben, z. B.
• lat. octo, got. ahtau, ahd. ahto - nhd. acht,
• lat. neptis, ahd. nift - nhd. Enkelin.
Die stimmhaften Verschlusslaute (Mediae) b, d, £ wer­
den zu den stimmlosen Verschlusslauten p, t, k, z. B.
• griech. baita (Lederrock), got. paida (Rock),
• lat. decem, engl, ten - nhd. zehn,
• lat. genu, dt. Knie - nhd. Knie.
Die stimmhaften behauchten Verschlusslaute (Aspiran­
ten) bh, dh, gh werden zu den stimmhaften Reibelau­
ten (Spiranten) t), d, g , die später großenteils zu b, d,
£ werden, z. B.
• altind. bhrätar, griech. phrätör, lat. fräter,
got. bröthar, engl, brother - nhd. Bruder,
• altind. dvärah (Nom. PL), griech. thyrä, lat. fores (PL),
got. daüröns (PL), ags. duru, engl, door - nhd. Tür,
• griech. khörtos, lat. hortus, got. gards (Haus, Familie,
Hof), as. gardo, engl, garden - nhd. Garten.
Das Vernersche Gesetz

Als systematisierte Regel kann gelten:


i.e. T germ. A
i.e. A germ. M
i.e. M germ. T
p ,t,k = T; bh, dh, gh = A; b, d, g = M
(A = Aspiranten; M = Media; T = Tenues )

D a s V e r n e rs c h e G e s e tz

Der dänische Sprachwissenschaftler Karl Verner for­


mulierte 1875 eine Ausnahme der Ersten Lautverschie­
bung, die in der Gruppe der Junggrammatiker als
Vernersches Gesetz postuliert wurde. Nach diesem
Gesetz werden die nach der Ersten Lautverschiebung
im Germanischen vorhandenen stimmlosen Frikative
(Reibelaute) in einer stimmhaften Umgebung ebenfalls
stimmhaft, wenn sie nicht unmittelbar auf einen Ak­
zent folgen, etwa bei Schnitt aber schneiden, Nerv aber
nervös. Also wurden f, s zu t), d, g , z; z.B.:
• griech. pater (Akzent auf dem e), got. fadar -
nhd. Vater, aber
altind. bhrätar- (Akzent auf dem ersten a),
got. Bröthar- nhd. Bruder.

Der veränderte Luftdruck, bedingt durch die jeweilige


Position des Akzents, erklärt diesen Wandel auch phy­
siologisch. Jacob Grimm hatte dieses Phänomen nicht
schlüssig erklären können und es »Grammatischen
Wechsel« genannt (von griech. gramma = Buchstabe),
also Buchstabenwechsel.
Ein gutes Beispiel dieses Akzentwechsels und seiner
Auswirkungen auf die Stimmhaftigkeit des Reibelauts,
das noch heute im Deutschen beobachtet werden
kann, ist der Wechsel von Hannover zu Hannoveraner.
Durch den Akzentwechsel wird der Reibelaut in der Be­
zeichnung für die Bewohner der Stadt Flannover (mit
stimmlosem v= Reibelaut) stimmhaft.
Besondere Auswirkungen hatte das Vernersche Ge­
setz auch auf die Partizipformen der starken Verben.
V o m In d o e u r o p ä is c h e n z u m D e u ts c h e n

Warum hat das Deutsche verschiedene Artikel,


während das Englische mit nur einem auskommt?
Das Althochdeutsche hat insgesamt und ihrer Funktion nach
24 Artikel: jeweils Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ (die
vier Fälle) für Maskulinum, Femininum, Neutrum in Singular
und Plural. Übrig geblieben sind im Neuhochdeutschen noch
die folgenden Formen der bestimmten Artikel: der, die, das,
des, dem, den. Es reicht also heute die relativ begrenzte Men­
ge von sechs Formen, um die 24 Funktionen des bestimmten
Artikels im Deutschen eindeutig anzuzeigen. Das Englische im
Gegenzug verfügt lediglich über eine einzige Form des be­
stimmten Artikels »the«. Beispiel:
Der Mann streichelt den Hund.
The man caresses the dog.
Durch seine noch relativ intakte Deklination hat die deutsche
Hochsprache eine größtmögliche Flexibilität im Satzbau, denn
auch alle folgenden Formen dieses Beispielsatzes sind korrekt:
Streichelt der Mann den Hund?
Streichelt den Hund der Mann?
Der Mann den Hund streichelt.
Den Hund der Mann streichelt.
Den Hund streichelt der Mann.
Diese große Freiheit in der Wortstellung verdankt das Deut­
sche seiner synthetischen Struktur, d. h. der klaren Markie­
rung, dass der Nominativ (der) den Handelnden anzeigt,
während der Akkusativ (den) den Empfänger dieser Handlung
benennt. Weil diese Markierungen intakt sind, ist die Position
im Satz gleichgültig.
Verändert man im Englischen den Satzbau zu z. B.
The dog caresses the man
verändert man zwangsläufig die Bedeutung des Satzes, denn
nun ist es nicht mehr der Mann, der etwas tut (streicheln),
sondern es ist der Hund. Im Englischen gilt durch den starren
Satzbau Subjekt, Prädikat, Objekt (S P 0), dass immer der, der
in erster Position steht, der Handelnde ist, während das Ob­
jekt (an letzter Stelle) immer empfängt (hier: gestreichelt
wird). Das Englische, das nicht mehr über intakte Deklinati­
onsformen verfügt, muss zum Zwecke der Eindeutigkeit zu ei­
nem analytischen Mittel greifen, um eindeutig sein zu können.
Das Deutsche ist allerdings besonders in der Pressesprache
auf dem Weg zu dieser (englischen) Situation, die durch den
Wegfall der Artikel das Verstehen undeutlich macht: »Mutter
gleitet Baby aus dem Arm«. (Süddeutsche Zeitung, 1. 9. 81)
Wer gleitet? Die Mutter oder das Baby? Oder: »Verkehrstod
Kampf angesagt.« (Frankfurter Rundschau 4.11.81) Der Kampf
dem Verkehrstod? Der Verkehrstod dem Kampf? Dem Ver­
kehrstod den Kampf? Und überhaupt: Von wem?
Änderung der Akzentverhältnisse

Ä n d e r u n g d e r A k z e n tv e r h ä ltn is s e

Im Indoeuropäischen konnte je nach Länge des Wortes


jede Silbe die Betonung tragen, denn der Wortakzent
war frei. Die Flexibilität der Betonung zeigt sich am lat.
Roma, Romänus, Romanörum, Romanorümque. Dies
wurde zugunsten der Initialbetonung (Anfangsbeto­
nung), wo sich meist auch die Wurzelsilbe befand, auf­
gegeben (Ausnahmen z. B. Ürlaub, weil dieses Wort zur
Zeit der Änderung schon gebildet war). Diese Entwick­
lung war nach Meinung vieler Linguisten weit folgen­
schwerer als die Konsonantenverschiebungen, denn
sie führte in der Entwicklung der Sprache zur Ände­
rung des Lautbestands und darüber hinaus zu einer
Reduzierung der Wortendungen und damit morpholo­
gisch (s. S. 177) wichtiger Teile der Wörter, die die
grammatische Funktion anzeigen, wie Flexions- oder
Pluralendungen. Durch dieses »Abschleifen« der En­
dungen änderte sich der gesamte Bau der Sprache
selbst. Allmählich ging die synthetische Struktur verlo­
ren, in der die grammatische Funktion jedes einzelnen
Wortes sichtbar gemacht wurde, und eine analytische
Struktur gewann langsam die Oberhand. Allerdings trat
diese Akzentverschiebung nicht gleichzeitig mit der
Ersten Lautverschiebung auf und so sollte es noch bis
ins Mittelalter und in die Neuzeit dauern, bis dieser
Wechsel seine volle Wirkung zeigte.

D ie B i l d u n g d e r s c h w a c h e n V e r b e n i m G e r m a n i s c h e n

Jacob Grimm wählte den Ausdruck »schwache Verben«


und »starke Verben« als formale Klassifizierung nach
dem Muster der Konjugationsformen. Grimm wollte
damit ausdrücken, dass ein starkes Verb »aus eigener
Kraft« in der Lage war, seine Präteritumform durch
eine Veränderung der Wurzel zu bilden (singen >sang;
riechen >roch etc.). Im Gegensatz dazu benötigen die
schwachen Verben ein formales Element zur Markie-
rung des Präteritums, als Zusatzelement dient das
Suffix -te (sagen > sagte; nähen > nähte etc.). Aus
V o m in d o e u r o p ä is c h e n z u m D e u ts c h e n

sprachgeschichtlicher Sicht sind die starken Verben


die älteren, während die schwachen Verben eine ger­
manische Neubildung darstellen und vielfach aus den
Stammformen der starken Verben abgeleitet oder Ab­
leitungen aus anderen Wörtern sind.
Als Ableitungen bedienen sie sich des -te (germ.
-de), um das Präteritum zu markieren. Dieses -te ist
vermutlich ein Überbleibsel von ahd. tuon, dt. tun, i.e.
*dhe. Da diese Verben als solche gekennzeichnet
werden mussten, wurde ihr »Tun« durch dieses Verb
gekennzeichnet, wie es z. B. im Türkischen bei entlehn­
ten Verben oft durch das Verb yapmak (machen, tun)
geschieht.
Im Neuhochdeutschen gibt es immer noch ca. 160
starke Verben (vgl. Augst 1975), das sind im Vergleich
zu früheren Stadien der deutschen Sprache relativ
wenig. Tendenziell nehmen sie zugunsten der schwa­
chen Verben weiterhin ab. Heute sind nur noch die
schwachen Verben produktiv, d. h. sie sind es, die
Neubildungen schaffen, und alle Lehnwörter (Wortü­
bertragungen, Wortübersetzungen etc.) werden auto­
matisch schwach. Darüber hinaus sind viele ehemals
starken Verben heute schwach, z. B. backen, nagen,
bellen, jäten, kreischen, schmerzen, und den Spre­
chern sind die starken Formen nicht mehr geläufig
oder es koexistieren starke und schwache Formen ne­
beneinander wie in glimmen (glomm vs. glimmte);
schaffen (schuf vs. schaffte); backen (bukvs. backte).

D ie P r ä te r it o -P r ä s e n s v e r b e n

Es gibt eine weitere Gruppe von Verben - ebenfalls bis


heute erhalten -, die präteritale Flexionsformen in prä-
sentischer Bedeutung und die neu gebildeten schwa­
chen Präteritumformen, die sogenannten Präterito-
Präsensverben (Gegenwart durch Vergangenheit):
dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wissen, wollen.
Das Gotische kannte noch elf, das Althochdeutsche
schon nur noch neun dieser ursprünglich starken Ver-
Die Präterito-Präsensverben

ben. Sie sind älter als die schwachen Verben, wahr­


scheinlich sogar aus dem Indoeuropäischen überlie­
fert, denn Vieles spricht dafür, dass es sich dabei nicht
um unvollständige grammatische Formen - wie man
eine Zeit lang annahm -, sondern um tatsächliche Bil­
dung in dieser Art handelt. Formen wie griech. öida
(ich habe gesehen = ich weiß) ist lat. vidi (ich habe
gesehen), ahd. ich weiz und nhd. ich weiß sind etymo­
logische, semantische und morphologische Entspre­
chungen. Das verlorene Präteritum wird hier analog
zum schwachen Präteritum neu gebildet. Diese Verben
zeichnen sich durch zwei Gemeinsamkeiten aus:
a) 1. und 3. Pers. Sing. Präsens sind endungslos
(ich/er darf, kann, weiß etc.) und
b) unterscheidbare Vokale in Sing. und Plur. Präsens
(ehemals Präteritum) (ich darf, wir dürfen-, ich kann, wir
können; ich weiß, wir wissen etc.).
Von diesen Verben gibt es nur eine kleine Zahl, aber
sie werden sehr häufig verwendet, und es mag daran
liegen, dass sie ihre unregelmäßig scheinenden For­
men bis heute gehalten haben. Darüber hinaus bekom­
men sie durch ihre Verwendung als modale Hilfsverben
eine spezifische Funktion, die sie unerlässlich für die
Sprache macht und also ihre Anwendungshäufigkeit
sehr hoch liegt.

D a s V e r b a ls y s te m r e d u z ie r t s ic h

Im Verhältnis zum Germanischen verfügte das Indo­


europäische noch über sechs grammatische Zeiten
(Tempora). Die Frage, warum es zu germanischen Zei­
ten nur noch zwei Tempora gab, nämlich das Präsens,
das gleichzeitig auch als Futur diente, und das Präteri­
tum, das alle Vergangenheitsformen einschloss, ist
schwer zu beantworten. Am einleuchtendsten ist es,
sie mit fehlender Notwendigkeit zu beantworten. Die
Lebensumstände der Sprecher und ihre Art, die Welt
zu sehen und zu begreifen, müssen Ursache für diesen
Schwund gewesen sein. Auch andere verbale Katego­
34 Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

rien gehen im Germanischen verloren, sie werden auf


Indikativ, Optativ und einen unvollständigen Imperativ
beschränkt. Erst in späteren Zeiten bildeten sich zu­
sätzliche, auf analytische Weise gebaute Zeitenformen
mit haben und sein heraus.

Entwicklung der Nomina


Ebenso wie bei den Verben die Konjugation erfährt
auch die Deklination im Germanischen eine umfangrei­
che Reduktion bei gleichzeitiger Beibehaltung der in­
doeuropäischen Wortstruktur, bestehend aus Stamm,
Themazeichen und Flexionsendung. Aber auch hier
macht sich, wie weiter oben beschrieben, durch die
Der römische Ge­
Akzentverschiebung auf den Wortanfang, neben ande­
schichtsschreiber Pub-
lius Cornelius Tacitus ren Phänomenen die sogenannten Auslautverhärtung
(55-120 n. Chr.) berich­ bemerkbar. Auch die Themavokale ändern sich im Falle
tet in seiner ethnogra­
der aus dem Lateinischen bekannten Deklinationsklas­
fischen Studie von drei
germanischen Kultge­ sen, so wird aus der i. e. o-Deklination die germ. a-De-
meinschaften und damit klination und die i. e. ä-Deklination die germ. ö-Dekli-
von einer dreisprachigen
nation, alle anderen (i-, u- und n-Deklination) bleiben
»Verkehrsgemeinschaft«
innerhalb der im (heuti­ gleich. Weiterhin kommt es zu einer Reduzierung auf
gen) Norddeutschland vier Fälle: Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ - der
lebenden Germanen.
Ablativ oder Instrumentalis fällt weg.
Lithografie von Bernard
Romain Julien
Wie das Germanische sich gliedert
und zu Deutsch wird
Es muss noch einmal darauf hingewiesen
werden, dass Germanisch, Ur- oder auch
Gemeingermanisch nur theoretische, d. h.
angenommene Stufen der deutschen
Sprache sind, die eine Trennung vom In­
doeuropäischen markieren. Es gibt aus
dieser Zeit außer einzelnen Wörtern bei
Cäsar oder Tacitus keine Belege. Zwar
fanden Archäologen 1812 nordöstlich von
Maribor, in der Nähe von Negau, Sloweni­
en, 26 Bronzehelme aus dem 3. oder 2. Jh.
v. Chr., und einer von ihnen, der soge-
Wie das Germanische sich gliedert 35

Auf dem Negauer Helm


B sind drei germanische
Lexeme zu sehen: *ha-
ria, *gasti, *teira. Er
zählt zu den ältesten
Helmen aus dem Depot­
fund von Zenjak-Negau
und ist wegen der In­
schrift, die in einem
norditalischen Alphabet
in die Krempe eingeritzt
wurde, berühmt. Die von
rechts nach links ge­
schriebene (Besitzer-?)
Inschrift »harigastiteira«
nennt den vermutlich
germanischen Namen
Harigast(i). Bronze,
gegossen und nach­
getrieben, H. 20,6 cm,
0 23,5 x 25,4 cm.
Hallstattzeit, 1. Hälfte d.
nannte Negauer Helm B, trägt die germanische In­
5. Jh. v. Chr., Kunsthisto­
schrift »harigastiteira«, ist somit also das einzige ger­ risches Museum Wien,
manische Sprachdenkmal vor der Zeitenwende - Auf­ Antikensammlung

schluss bietet diese Inschrift indes nicht. Robert Nedo-


ma (* 1961) vermutet, dass es sich um einen
germanischen Doppelnamen handelt, dass also der
Text, der überdies an unspektakulärer Stelle ange­
bracht ist, nichts weiter als eine Version der germa­
nisch gebräuchlichen Doppelnamigkeit ist und den Be­
sitzer oder einen Träger des Helms ausweist.
Durch spätere umfangreiche Sprachfunde in unserer
Zeitrechnung (n. Chr.) kann man darauf schließen,
dass schon früh erhebliche Unterschiede zwischen den
einzelnen Sprachen bestanden haben müssen, es sich
also nie um eine homogene Sprache handelte.
Grundsätzlich teilt man das Germanische in drei Grup­
pen:
• Ostgermanisch ist die Variante, die die mit der
Völkerwanderung nach Osten ziehenden Völker wie
Burgunder, Gepiden, Goten, Heruler, Rugier, Van­
dalen ausmacht. Davon ist einzig das Gotische
schriftlich überliefert.
Das Wort »Deutsch«

»Diutischin sprechin, Diutischin liute Jahrhunderten nur sehr selten ver­


in Diutischemi lande« - Diese Zeile wendet und wenn, dann immer nur
aus dem Annolied, das zwischen für die Sprache, nie für Land oder
1077 und 1081 vermutlich von einem Volk. Ebenfalls ist im 9. Jh. das alt­
Mönch im Kloster Siegburg verfasst hochdeutsche Wort frenkisg (frän­
wurde, behandelt in 878 Versen Le­ kisch) für die Sprache gebräuchlich,
ben und Wirken Annos II., der von und erst als die romanisch sprechen­
1056 bis 1075 Erzbischof von Köln den Franken im Westreich dieses
war. Dies ist die erste Quelle, in der Wort für sich selbst verwenden, setzt
diutisc, deutsch, auf Sprache, Volk man *theodisc als Kontrast bzw.
und Land gleichzeitig angewendet Markierung für die andere Sprache
wird. Vorher hatten weder Sprache dagegen. Gleichzeitig bleibt das alt­
noch Land oder Leute eine echte und hochdeutsche Wort germanischen
gebräuchliche Bezeichnung. Ursprungs diutisc selten in seiner
Erstmals taucht das Wort in latei­ Verwendung, und es dauert einige
nischer Form 786 auf, als der päpst­ Jahrhunderte, bis es sich durchset­
liche Botschafter Georg von Ostia zen kann - dies aber immer nur für
Papst Hadrian I. die Berichte von die Sprache -, bis es im eingangs zi­
zwei Synoden in England vorlegt. Alle tierten Annolied voll eingesetzt wird.
dort gefassten Beschlüsse sollten in Im Ostfränkischen bezeichnet man
Latein, der Sprache der Kirche, und die Sprache als thiotisk, abgeleitet
in der Sprache des Volkes vorgetra­ vom ahd. thiot, Volk - eben Sprache
gen werden, latine et theodisce, des Volks. Noch zum Ende des 9. Jh.s
damit sie allseits verstanden werden erscheint parallel dazu ein aus dem
konnten. Belege für dieses lateini­ Lateinischen stammender Konkur­
sche Wort theodiscus sind im Mittel­ rent von theodiscus: teutonicus,
lateinischen des 9. Jh.s häufig. Wört­ teutoni, der aber zur Zeit des Anno­
lich übersetzt ist es das gelehrte lieds um 1050 zum letzten Mal belegt
Wort für genti/is (völkisch, heidnisch) werden kann. Im Mittelhochdeut­
und stammt vom germanischen schen wandelte es sich zu tiutsch
*\beudö (Volk); an dieses Wort wird oder diutsch, woraus schließlich
noch die Adjektivendung -iska ge­ deutsch wurde.
hängt, was dem neuhochdeutschen Der Name für »die Deutschen« in
-isch entspricht. Zunächst noch be­ den anderen Sprachen leitet sich
zeichnet dieser Ausdruck aber nichts jeweils von dem Wort ab, das in dem
weiter als eben die germanische germanischen Stamm verwendet
Volkssprache im Gegensatz zum La­ wurde, mit dem das jeweilige
teinischen. Er wird in den folgenden Volk/die jeweilige Sprache zuerst
37

mania für das Land, aber tedesco für


eine Person dieses Landes. Im Russi­
schen ist es Germanija aber njemjet
Änno für die Personen. Dieses letztere
rolom
cnfls
Wort für die Deutschen leitet sich
aus dem Tschechischen nemec her,
»der Stumme«. Man geht davon aus,
dass im Mittelalter deutsche Stäm­
me in tschechischen Gebieten leb­
ten. Man verstand sie nicht und sie
verstanden die anderen nicht, und da
sie an den Gesprächen also nicht
teilnehmen konnten, betrachtete
man sie als Stumme. Diese tsche­
chische Bezeichnung setzte sich
dann im gesamten slawischen
Sprachraum durch. Ungarisch, das ja
keine indoeuropäische Sprache ist,
hat das Wort als Lehnwort eingeführt
Bischof Anno von Köln mit Modellen der und übernommen. So heißt es
von ihm gebauten Klöster. Abbildung aus der
sogenannten D a r m s t ä d t e r A n n o - V i ta , um
tschech. nemecko, ungar. nemetors-
ca. 1180, Kloster Siegburg, Universitäts-und zäg, serb. nemacka und eben russ.
Landesbibliothek Darmstadt, fol. 1v aus Hs njemjet. Das japanische Wort für
945
Deutschland, doitsu, ist eine Entleh­
nung aus dem Niederländischen. Die
Kontakt hatte. So wurde aus dem im Niederländer waren die einzigen Eu­
Süden Europas gebräuchlichen ale- ropäer, denen die japanische Regie­
mant (heute noch Alemannen) franz. rung während der über 250 Jahre an-
Allemagne oder span. Alemania. Aus dauenden Abschließung des Landes
Germanen wurde ital. Germania, von der Außenwelt eine Handelsnie­
engl. Germany, griech. reppavlcx derlassung auf der Insel Deshima zu­
oder russ. l"epMaHMfl. Aus teutschen gestanden hatte.
[diutisk, theodisk, tuitsch, duitsch
etc.) wurde schwed./dän. Tyskland
und niederl. Duits/and (sprich: deuts-
1and). Manche Sprachen verwenden
verschiedene Wortursprünge für un­
terschiedliche Inhalte, so ital. Ger­
Vom In d o e u r o p ä is c h e n z u m D e u ts c h e n

• Nordgermanisch bezeichnet die Sprachen des


nördlichen Europas wie Dänisch, Färöisch, Islän­
disch, Norwegisch, Schwedisch (wer hier Finnisch
vermutet, muss bedenken, dass es sich dabei nicht
um eine Indoeuropäische Sprache handelt).
• Westgermanisch umfasst das Deutsche (Ober-, Mit­
tel-, Niederdeutsche), Englische, Friesische und Nie­
derfränkische (Niederländisch und Flämisch).
Diese hier angebotene Gliederung wird von verschie­
denen Wissenschaftlern noch differenziert bzw. in wei­
tere Gruppen zerbrochen. Da es aber um eine Gliede­
rung des Germanischen im Hinblick auf das Deutsche
geht, soll die genannte Aufteilung als verbindlich gelten.
Man geht davon aus, dass nach dem Abwandern der
Angelsachsen nach Britannien ab dem 5. Jh. n. Chr.
Prozesse zwischen dem Nordseegermanischen (Säch­
sisch), dem Weser-Rhein-Germanischen und dem Elb­
germanischen (später Oberdeutsch) einsetzten, die
sich innerhalb des Althochdeutschen in den dort reprä­
sentierten verschiedenen Dialekten spiegelten, aber
eine erste (weitgehend) einheitliche deutsche Sprache
schufen.

Gotisch
Gotisch war vermutlich die gemeinsame Sprache von
ost- (ostro-) und west- (wisi-) gotischen Stämmen, die
in Sü jvien ansässig waren und um die Zeiten-
wenc iden an die Weichselmündung zogen.
Ab 200 n. Chr. setzten sie ihre Wanderungen fort bis
Südrussland, auf den Balkan und dann weiter bis nach
Italien und Südfrankreich, wo sie verschiedene Reiche
gründeten.
Gotisch ist durch die Bibelübersetzung des westgoti­
schen Missionsbischofs Wulfila (311 -382) das früheste
Dokument germanischer Sprachen. Erhalten ist es in
Fragmenten im kostbaren Codex argenteus.
Als Sprache weist das Gotische bereits einige Ab­
weichungen vom rekonstruierten Germanisch auf, aber
Gotisch | Krimgotisch 39

Fundorte gotischer Sprac


□ Codex argenteus (6. Jh.)
■ Codex Gissensis (6. Jb^s-
□ Codex Carolinus (5. Jh.)
N o rd s e e
0 Codices Ambrq|&hi (6. $i
\7 Einzelblatt desCodex arge
□ Skeireins aus Bobbio

{K o w e l
A tl a n t i s c h e r O z e a n

W E S TG O T E N
iS T G O T E N (200-375) ^
(ab 419)'4 iy £
ie tro a s a
1 cchwa
W E S TG O TE N
(460-711)

O STG O TE!
(489-555)

es bleibt das wichtigste Zeugnis für die Entwicklung Wanderung, Ausdeh-


nung und Sprache der
der deutschen Sprache nach der Ersten und Zweiten Goten
Lautverschiebung. Grammatisch umfasst das Gotische
fünf Fälle (Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ und Vo­
kativ), zwei Zeiten (Vergangenheit und Nicht-Vergan­
genheit) und drei Numeri (Singular, Plural und Dual,
um die Paarigkeit des Subjekts auszudrücken).
Der Dual ist einzig noch im heutigen Bairischen in
der Form enk (euch), auch in enker (euer) erhalten:
Pfiad’s enk! = Führe euch! Behüt euch! im Sinne von
»Auf Wiedersehen«.

Krimgotisch, eine ausgestorbene Inselsprache


Während der Wanderung der Goten nach Südrussland
gibt es schon seit dem Jahr 258 Zeugnisse von goti­
schen Siedlern auf der Halbinsel Krim am Schwarzen
Meer. Diese »Gothi« werden noch im Mittelalter er­
wähnt. Als im 16. Jh. Kaufleute aus Nürnberg an die
Küsten der Krim verschlagen wurden, begegneten sie
einem jungen Mann, mit dem sie sich deutsch unter­
halten konnten. Aus dergleichen Zeit, 1562, liegt der
Bericht von Ogier Ghislain de Busbecq (1522-1592)
40 Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Wulfila (griech. u lf ila s ; 311-383, Dimi­


y e i n- u i m a i <|>\n =\i
nutivform von got. w u lfs , Wolf) stamm­
; f a : •. s n : u j * k i n s • y a i k i}> A • y i K <; te als Arianer von kappadokischen
m u • s y « : i N h im in a m a h a n a
>• : K • h N M } : M N J i , \ j t f v f ! A <fiA H s
'! ! l M Christen ab und kam um das Jahr 337
T - ! i -1 f \ N n j; 11N s h ä I ? M t\ A 1’ ,Y tj^ h
A f; ,\C> T U N ! - (J> i I S K n A A N f i S I c, M i nach Konstantinopel, wo er ca. 341
m • r . v A K y u v, n h y t u s M : a « r ,\ n <j>ÄT
K 111\ K M n N ■i )\ j< j \l f 1 • C, K i l W l.l > fl I r zum Missionsbischof für die Goten
1’A l s n M !» Y N f t j t J v K S T n b M t ; , M ■ A R A A H
U H ! i l N Ü | \j : < j > K M M A 4! B l A I i l • 1- r i ’ U , geweiht wurde. Als er nach sieben­
i j u i l M K I K T t|) 111K K N l 'K )< M • t ) K h M j \ l )
c > h y n N < |jn } iY N K iy iN S k m ö n
jähriger Tätigkeit zusammen mit sei­
f l N T 6 C, B M ^ N *> T I (}> M Jv N N A M ner Gemeinde vertrieben wurde, such­
M i s t ; A K tiK i n s Y z « a|^ a t s t 1 4 * y \ h
Y x. y i »; a t t M z y s a n }; A)< h i m i n f - te er Zuflucht im Römischen Reich.
Y<!><; A 5 A i i l i A j: K B T l (j ) H A N m A n n K ;
S A t-.M N k Y z 6 * N It f ’ Ä n A T T M X Seine herausragende Leistung war,
y jN , j M - T I t j j M u h ; a Y< . \ 1 4. M l y A
neben der Bibelübersetzung aus dem
•|>, m , /y <j l i i ü n i a m m a H ^ Griechischen ins Gotische, die Tatsa­
che, dass er für die Niederschrift eine
M V TüSX ifd .;,'
von ihm aus germanischen Runenzei­
n i i i 11 i chen und griechischen Buchstaben
entwickelte eigene Schrift verwende­
te. Dieses älteste schriftliche Denkmal
einer germanischen Sprache ist einzig­
artig. Weitere spätere Textdenkmäler
stammen fast alle aus Italien, wo die
Ostgoten unter Theoderich (geb. 526)
Während Renovierungsarbeiten in der Afra­ um das Jahr 500 ein starkes Reich er­
kapelle des Speyerer Doms wurde 1970 das richteten. Es finden sich Zeugnisse
letzte Blatt des C o d e x a r g e n t e u s entdeckt. Es des Gotischen in zahlreichen Namen,
enthält das Ende des Markus-Evangeliums und in einer Verkaufsurkunde aus Raven­
beschreibt den auferstandenen Jesus und
na, dem Bruchstück eines gotischen
dessen Himmelfahrt. Ursprünglich bestand die
Kalenders, dem sogenannten »Skei-
Wulfila-Bibel aus 336 Blättern, von denen 149
reins«, und in schriftlichen Deutungen
verloren gingen. Das Faksimile des Speyerer
des Johannesevangeliums. In Osteuro­
Blatts ist in der Domschatzkammer im Histori­
pa finden sich überdies einige wenige
schen Museum der Pfalz in Speyer zu sehen. Alle
Runeninschriften.
anderen Blätter, von denen hier eines zu sehen
ist, befinden sich in Uppsala.

vor, eines Gesandten am kaiserlichen Hof in Konstan­


tinopel, in dem Wörter und Wendungen aus dieser,
später Krimgotisch genannten, Sprache aufgezeichnet
sind. Bis zum 18. Jh. wurde das Gotische jedoch vom
Tatarischen verdrängt. Das vorliegende Material ist
nicht ausreichend, um Rückschlüsse auf spätere pho-
nologische Veränderungen des Gotischen zu ziehen, es
dient einzig, um zu zeigen, dass dort Gotisch tatsäch­
lich als Inselsprache, d. h. losgelöst von Raum und Zeit
anderer Sprecher, überlebt hat.
Steckbrief: Deutsch

S te c k b r ie f : D e u t s c h

Als westgermanische Sprache eine indoeuropäische Sprache.

Sprecher des Deutschen weltweit:


ca. 105 Mio. Muttersprachler
ca. 80 Mio. Fremdsprachler, davon 55 Mio. in der EU

Deutsch wird gesprochen in:


Belgien, Brasilien, Chile, Dänemark, Deutschland, Frankreich
(Elsass-Lothringen), Italien (Südtirol - Walser und Zimbern),
Kanada, Kasachstan, Liechtenstein, Luxemburg, Namibia,
Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweiz, Slowakei,
Südafrika, Togo, Tschechien, Ungarn, USA, Vatikanstaat

Deutsch ist Amtssprache in:


Belgien, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Österreich,
Schweiz, Italien (Südtirol), EU (Amts- und Arbeitssprache)

Deutsch ist anerkannte Minderheitensprache in:


Dänemark, Rumänien, Slowakei, Tschechien, Ungarn

Deutsch hat eine offizielle Stellung in:


Belgien (Amtssprache)
Deutschland (Amtssprache)
EU (Amts- und Arbeitssprache)
Italien (Amtssprache in Südtirol)
Liechtenstein (Amtssprache)
Luxemburg (Amtssprache)
Namibia (Amtssprache)
Österreich (Amtssprache)
Polen (Hilfssprache in zahlreichen Gemeinden)
Schweiz (Amtssprache)
Slowakei (Krahule/Blaufuß, Amtssprache auf Gemeindeebene)
Vatikanstaat (Verwaltungs- und Kommandosprache der
Schweizergarde)
E n tw ic k lu n g d e r S c h r ift

Schrift ist ein konventionalisiertes


System grafischer Zeichen zur Auf­
zeichnung gesprochener Sprache.
Als solches wurde es schon sehr früh
in der Geschichte der Menschheit
entwickelt und benutzt. Die Schrift
passte sich den kulturhistorischen
Mitteln an, die den Schreibern zur
Verfügung standen, und im Lauf der
Geschichte veränderten sich sowohl
die Mittel zum Schreiben wie das
Material, das beschrieben wurde.
Waren die ersten Untergründe Fels­
wände und die ersten Malinstrumen­
te Kohlestücke, die schon im 15. Jt. 1833 gelang es dem französischen Sprach­
vor der Zeitrechnung entstanden, wissenschaftler Jean-Frangois Champollion
(1790-1832), die demotische Schrift des Ro­
wurden daraus später Ton- oder
settesteins zu entziffern, wodurch der Weg
Wachstafeln, Leder, Knochen, Perga­ zur Entzifferung der Hieroglyphen geebnet
ment, Papier. Erste Schreibwerkzeu­ war. Gemälde von Leon Cogniet, 1831,
Öl auf Leinwand, 73,5 x 60 cm, Musee du
ge dienten zum Ritzen, spätere zum Louvre, Paris
Beschreiben mittels Farben und Tin­
ten. Solange die Kommunikation auf die Aufgabe von Schrift ist es einer­
die Gemeinschaft eines Stammes im seits, die lautliche (phonetische)
überschaubaren Raum beschränkt Wirklichkeit zu spiegeln, andererseits
blieb, reichte das gesprochene Wort die Einheiten zu systematisieren, die
aus, und Völker ohne Schrift haben bedeutungstragend sind (Morpholo­
normalerweise ein genaues und fähi­ gie). Die frühesten Schriftzeichen
ges Erinnerungsvermögen. Sobald dienten allerdings weniger den
aber die Notwendigkeit erwuchs, his­ genannten Zwecken, sondern sie
torische, wirtschaftliche oder Verwal­ waren immer stark verbunden mit
tungsdaten zu bewahren und diese magischen und mystischen Bedeu­
über weite Entfernung zu kommuni­ tungsinhalten und dienten primitiven
zieren, mussten Mittel gefunden wer­ Religionsvorstellungen. Das Phäno­
den, das leicht vergängliche gespro­ men Schrift entwickelte sich parallel
chene Wort zu fixieren. Bilderschrif­ bei verschiedenen Völkern auf der
ten waren die ersten Schriften, aus ganzen Welt: bei den Ägyptern, den
denen sich schon bald eine Wort- Chinesen, den Sumerern und den
und Silbenschrift entwickelte, denn Maya in Mexiko.
43

Die älteste noch heute im Ge­ Hieroglyphen-Schrift ist eine Bil­


brauch befindliche Schrift ist die chi­ derschrift, die auf Monumente ge­
nesische; sie ist seit dem zweiten schrieben wurde. Als man die Mittel
vorchristlichen Jahrtausend belegt. besaß, auf Papyrus zu schreiben, ver­
Eine andere Schrift, die sich eben­ änderte sie sich zur hieratischen und
falls über viele Jahrtausende gehal­ in einer noch vereinfachteren Form
ten hat, ist die ägyptische Hierogly- zur demotischen Schrift. Alle drei
phen-Schrift (aus griech. hieros, Formen koexistierten in Ägypten für
heilig, und griech. glyptos, in Stein lange Zeit, die demotische davon am
geschnitten). Sie hat ihre Ursprünge längsten, nämlich bis ins 5. Jh. n. Chr.
im dritten Jahrtausend v. Chr. und Eines der ältesten überlieferten
blieb bis ins 3./4. Jh. n. Chr. unver­ Schriftsysteme ist die sumerische
ändert. Keilschrift, die mittels eines Holz­
griffels in weichen Ton gedrückt
Während Napoleons ägyptischer Expedition wurde. Die Tontafeln brannte man
wurde 1799 bei Rosette im Niltal eine stei­ anschließend, um sie so bewahren zu
nerne Stele aus dem Jahr 196 v. Chr. gefun­
den, der nach seinem Fundort benannte Ro­
können. Dort, wo der Griffel tiefer in
settestein. Darauf befindet sich ein Dekret den Ton gedrückt wurde, entstand
des Rats der ägyptischen Priester in drei ver­ ein dickerer Strich, der wie ein Keil
schiedenen Schriften: in ägyptischen Hiero­
glyphen, in demotischer Schrift und in Grie­
erscheint - daher der Name »Keil­
chisch. Durch den griechischen Text war der schrift«. Ursprünglich verfügte das
Stein der Schlüssel zur Entzifferung der ägyp­ Sumerische über etwa 2.000 ver­
tischen Schriften.
schiedene Zeichen, die im Laufe der
Geschichte der Schrift auf etwa 350
reduziert wurde.
Für die Geschichte der Schrift sind
die westsemitischen Konsonanten­
schriften am wichtigsten, denn sie
systematisierten stärker und redu­
zierten das Zeicheninventar. Die
wichtigste dieser Schriften war die
phönikische. Wie die modernen ara­
bischen oder hebräischen Schriften
bestand sie nur aus Konsonanten.
Die heutigen Alphabetentypen
gehen auf die griechische Schrift
zurück, die wieder eine direkte Be­
ziehung zur phönikischen Schrift hat.
E n tw ic k lu n g d e r S c h r ift

Dafür gibt es eine Reihe von Bewei­


sen:
• Die Griechen nannten ihre Schrift
selbst phönikisch,
• die Schriftzeichen lassen sich
leicht aus den phönikischen her­
leiten,
• die Reihenfolge des Alphabets ist
gleich und auch die Buchstaben­
namen haben große Übereinstim­
mungen: alpha, beta, gamma, de/ta
vs. aleph, beth, gimel, daleth.
Doch bleibt die Schrift sehr lange ein
Handwerkszeug für Eingeweihte,
Priester, Schamanen und Wahrsager.
Nur sie waren in der Lage, die ge­
heimnisvollen Zeichen zu interpretie­
ren bzw. überhaupt zu erkennen. Je
unwissender ein Volk, umso größer
war die Gewalt der Schriftzeichen.
Das älteste germanische Alphabet ist
Der Runenstein nahe dem schwedischen
das runische. Die Wurzel von rune Ödeshög bei der Kirche von Rök.
bedeutet »geheim« oder »geheimnis­
voll«, das deutsche Wort raunen lässt
sich daraus herleiten, was ursprüng­ Die Goten auf dem Balkan verwen­
lich das Hersagen von Beschwörun­ deten die Runen als ihr Schriftsys­
gen oder Zaubersprüchen bedeutete. tem und, wie schon weiter oben ge­
Das deutsche Wort lesen bedeutete sagt, war es Wulfila, der die Bibel ins
seinerseits ursprünglich »aussuchen, Gotische übersetzte und sich dazu
wählen« (daher auch die gängige Be­ eines von ihm entwickelten Alpha­
deutung von »auslesen«), denn es bets bediente, das er aus dem Grie­
war der Priester, der die Runen aus­ chischen und der Runenschrift schuf.
wählen und interpretieren konnte. Im Westen jedoch war es nicht das
Diese Tradition des Priesters als Mitt­ Griechische, sondern das Lateini­
ler, als »Schriftgelehrter«, der zu sche, das von denen, die die Schrift
lesen und zu interpretieren versteht, beherrschten, also von Priestern und
hat sich in Judaismus, Islam und Mönchen, verwendet wurde. Latein
Christentum bis heute bewahrt. war die Sprache der Kirche. Latein
45

war die Sprache der Bildung, von


Lehre, Literatur, Jurisprudenz und
Regierungsangelegenheiten. Als man
also begann, Deutsch zu schreiben,
war es nur folgerichtig, dass man
sich des lateinischen Alphabets be­
diente, denn es war das einzige, das
die, die lesen und schreiben konnten
- die Kirchenmänner - beherrschten.
Dort, wo sich Schwierigkeiten bei der
Umsetzung deutscher Laute erga­
ben, wurde die Schrift bisweilen

Beispieltabelle für die Entwicklung des


lateinischen Alphabets Johannes Gutenberg, Kupferstich von Andre
Thevet, 1584 (später koloriert)
römische Kapitalschrift

karolingische Minuskel
G rie c h is c h

klassisches Latein

holprig, undeutlich, vor allem aber


deutsche Schrift
gotische Schrift

Kursive 20. Jh.


Kursive 6. Jh.
Unziale 7. Jh.

gefärbt vom Dialekt des jeweiligen


k la s s i s c h e s

Lautwert

Schreibers, was bis heute eine reiche


r—..... .

Quelle für das Studium der alten


A a A A a A a 01 jcc Sprachstufen und ihrer dialektalen
B b B B B I, b ü Ir & Vielfalt darstellt.
r g C C c C C r /C
Als Johannes Gutenberg (ca.
A d D D d a d Ö d
E e E E e t c p fr z
1400-1468) 1450 in Mainz die
u F F Druckkunst mit beweglichen Typen
F f f f4
Y y V U U u u u u u erfand, war dies für die Schrift wohl
H h,e H H n h h ll f A ein ebenso revolutionärer Schritt wie
I i I I i l X i i die Erfindung der Schrift selbst vor
K k K K ft M *
A I L L L l t 1 l Tausenden Jahren.
M m M M 00 17} m tn w. m Nach vielen verschiedenen Druck-
N n N N N 71 n n M, 71 und Schrifttypen führte man die
0 0 0 O O 0 o 0 V Ü
Deutsche Schrift ein, die heute kaum
.n P P P P V V P f noch verwendet wird und in wenigen
q Q Q q 7 1 0W-
LP r R R R r r r T Jahren ebenso zu einem Museums­
S s S s f f fs 4 4 stück geworden sein wird wie ihre
T t T T T r X t l t Vorgängerinnen in der Geschichte
X x.kh X X X X X i t 36 der Schrift.
D a s M it t e la lt e r - A lth o c h d e u ts c h

D a s E n d e d e r A n tik e

Die Wanderung der Völker, die sich teilweise mit er­


staunlicher Schnelligkeit bewegten, nahm ihren Lauf,
und nach dem ersten Einfall von Kimbern und Teuto­
nen in Italien versuchten germanische Stämme immer
wieder, in das Römische Reich vorzudringen. Gleich­
zeitig bewegen sich die Alemannen um die Mitte des
3. Jh.s n. Chr. nach Süddeutschland und die Goten
über die untere Donau in die nördlichen Balkanprovin­
zen. Mit dem Einfall der Hunnen ins Gotenreich um
375 zerfällt dieses Reich. Vereinzelte Germanenstäm-J
me drängen jetzt verstärkt nach Süden und in das be-|
reits stark geschwächte Rom, um fernab von den Hun<
nen germanische Reiche im weströmischen Raum zu j
gründen, denn dort, wo sie bisher gelebt haben, wer- i
den die Reiche von den Hunnen eingenommen. Gleich^
zeitig einen die Merowinger im Frankenreich zahlrei­
che westgermanische Stämme.
Diese ständige Bewegung der Völker schafft die
Voraussetzungen für eine neue Ordnung der Welt:
Während sich die antike römische Welt im Niedergang
befindet, entsteht im Nordwesten Europas ein neues
Zentrum. Macht, Reichtum und Kultur verlagern sich
zunehmend von Süden nach Norden. Die Germanen
haben entscheidenden Anteil an der Entstehung Euro­
pas: Auf den Trümmern des römischen Imperiums ent­
stehen auf der iberischen Halbinsel die Reiche der
Westgoten, südlich der Alpen die der Ostgoten, der
Angelsachsen in England und der Franken im heutigen I
Frankreich und Deutschland, wo der Grundstein für
das Reich Karls des Großen (747-814) gelegt wird. Die,
Antike geht zu Ende und wird vom Mittelalter abgelöst
- eine epochemachende Zeit beginnt.

S p ra c h e u nd T e x t

Die Geschichte der deutschen Sprache als eigenstän­


dige Einheit setzt erst mit der Ausgliederung der deut­
schen Dialekte aus dem Germanischen ein. Die Zweite
Sprache und Text

oder Althochdeutsche Lautverschiebung markiert die-


sen Übergang. Die systematische Verwendung des
Volksnamens Deutsch, ahd. thiudisk (s. S. 36ff.), mar­
kiert diesen Zeitpunkt. Man unterscheidet jetzt zwi­
schen der germanischen Volkssprache und der romani­
schen Sprachform des fränkischen Reichs sowie der
lateinischen Kirchen- und Verwaltungssprache. In den
Studien der historischen Linguistik des 19. Jh.s zeigt
sich aber, dass diese »teudisca lingua« (deutsche
Sprache) weit davon entfernt ist, einheitlich zu sein.
Auch die textliche Überlieferung in den verschiede­
nen althochdeutschen Dialekten beginnt erst im 8. Jh.
n. Chr. Aus diesen Dialekten entwickelt sich später das
Mittelhochdeutsche mit seinen Variationen. Alle Texte,
die zwischen dem 8. und 11. Jh. in dieser »Sprache des
Volkes« geschrieben werden, befassen sich mit den
praktischen Aspekten des Lebens der Zeit, und dazu
gehören vor allem Religion, Krieg und Recht.
Gleichzeitig fixieren die schriftlichen Texte zum er­
sten Mal all das, was in einer bisher von mündlicher
Überlieferung bestimmten Welt als Dichtung existierte,
obwohl der mündliche Vortrag und die mündliche
Weitergabe von Texten noch jahrhundertelang mit der
schriftlichen Überlieferung koexistieren. Man darf
nicht vergessen, dass in der Gesellschaft des frühen
Mittelalters nur die Kirchenmänner der Schrift kundig
waren, die Mehrheit der Bevölkerung war auf münd­
liche Überlieferung angewiesen. In der Betrachtung
der verschiedenen Handschriften fallen die teilweise
großen Abweichungen auf. Auch hier bleibt zu beden­
ken, dass ein existierender Text oft von einer Vielzahl
von Mönchen unterschiedlichster Herkunft ^geschrie­
ben wurde, um ihn an verschiedenen Orten zugänglich
zu machen. Daraus ergeben sich große Abweichungen
in Wortwahl, Umfang und sogar im Inhalt der einzelnen
Werke. So existieren z. B. vom Nibelungenlied 34 Hand­
schriften und Bruchstücke, von Wolfram von Eschen­
dachs Parzival 83 und von Gottfried von Straßburgs
Das Mittelalter - Althochdeutsch

Tristan 20. Die Handschriften wurden jeweils einzeln


mit Feder und Tinte auf Pergament und ab der Mitte
des 14. Jh.s meist auf Papier geschrieben. Nie zuvor
oder später existierte ein ähnlicher Gleichstand von
Schriftsprache und gesprochener Sprache.

Handschriften in anderen Sprachen


Mit dem Althochdeutschen koexistieren im germani­
schen Sprachraum fünf große Sprachblöcke: Alteng­
lisch, Altfriesisch, Altniederfränkisch, Altnordisch und
Altsächsisch. Von allen existieren schriftliche Zeugnisse
Die Völker, die sich selbst als deutsch bezeichneten,
haben als ihre älteste schriftlich überlieferte Sprache
das Althochdeutsche, das man etwa zwischen dem 8.
und der Mitte des 11. Jh.s ansetzt. Der Begriff grenzt
sich gegen das Mittel-, Früh- und Neuhochdeutsche
ab, die spätere Epochen der Sprachgeschichte dar­
stellen, und bezeichnet einen geografischen Bereich
im Gegensatz zum Niederdeutschen, wie es heute
heißt - Altsächsisch und Altniederfränkisch, wie es im
Mittelalter genannt wurde. Die Zweite oder Althoch­
deutsche Lautverschiebung markiert die Grenze zwi­
schen den hochdeutschen und den niederdeutschen
Sprachen, dabei sind Alemannisch, Bairisch, Mittel­
fränkisch, Ostfränkisch und Rheinfränkisch hochdeut­
sche Dialekte.
Folgende Bedingungen markieren das Althochdeut­
sche:
• Die Zweite Lautverschiebung,
• die Bildung des Artikels aus dem Demonstrativ­
pronomen,
• die Herausbildung eines umschriebenen
(analytischen) Perfekts, Futurs und Passivs,
• die Vermehrung schriftlicher Zeugnisse oder
größere Verschriftlichung,
• die Ablösung des Stabreims durch den Endreim,
• das Nebeneinander verschiedener Dialekte ohne
verbindende Hochsprache.
Handschriften in anderen Sprachen 49

Altenglisch wird oft auch Angelsächsisch genannt,


nach den dominierenden Stämmen der Angeln (von lat.
anglia), die die Kelten und die Jüten in die Randgebiete
drängten und nach denen die gesamte britische Insel
im 10. Jh. benannt wurde. Die Sprache der keltischen
Urbewohner wurde an die Küsten, nach Schottland,
Cornwall und Wales gedrängt.
Die wichtigsten Werke aus dieser Zeit sind das
germanische Heldenepos Beowulf, das um 1000 ge­
schrieben wurde, das Exeter Buch als Sammlung von
kirchlichen und weltlichen Dichtungen und der Codex
vercellenis mit Predigten und kleinen Dichtungen.
Altfriesisch ist die Sprache der Nordseeküste (der
Nordseeinseln und des Teils, der heute Nordholland
Das Meeresungeheuer
oder Friesland ist). Die Zeugnisse beschränken sich
Grendel hatte die große
auf Gesetzestexte, die allerdings erst seit dem 13. Jh. Flut überlebt und wurde
bekannt sind. Es ist interessant, dass die Bezeichnung von Beowulf mit einem
besonders geschmiede­
Altfriesisch (die bis in 15. Jh. hinein anhält) parallel mit
ten Schwert erschlagen.
dem steht, was Mittelhochdeutsch und Mittelnieder­ Grendels Blut jedoch
deutsch genannt wird. war so heiß, dass es
auch das Metall dieses
Altniederfränkisch (oft auch Altniederländisch) ist in
Schwertes zum Schmel­
nur sehr beschränktem Umfang aus dem 9. bis 12. Jh. zen brachte.

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50 D a s M it t e la lt e r - A lth o c h d e u ts c h

überliefert. Aus diesem Dia­


lw lekt entstanden die beiden
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b e t» - U u p < 1 u f n < t li» ^ e if b t l* g 0 t t t u u A i. '1 t lb * n g if ib t a »

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Dialekte von Brabant und
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Holland, die Grundlage des
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tu u m J u n - U u x r u n w n ta a lA jk n A e fltr x fiU d * - - iö h m n b t tJ ta tir A modernen Niederländisch,
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x n in e r u iile m tndt darum die Gleichsetzung der!
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Begriffe. Es wird im heutigen!
e g w ti& T C A n e n iu i tu t* i~ fA J u I t t f iA h e r i' f m u a * r w 3 v * n J * i* g e f
Holland und am Niederrhein
d e d b u lo lb tn . Am»kjwmBWxionf i i t + t n * A . t f tm t r A t t n

jawLip-A>ttew»r«»Wiw«r»üriW- 'X b a u * * r A * f gesprochen.


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fo u tu J ttm tu n x l tta U n U a n m x m u n - u tA tv lm A i t tn n tr *
Altnordisch ist der Sam­
g w r tftu p t A*ttuerpJlfj*rm*u4*- (ntfciwittrWfA en megtn
fW^tmuij'- An m A t t g r iA k r r f i'- rrtd n n x n ru n a f» ' J^«W melbegriff für die skandinavH
A x c rA irra g tp u jttn fic < p A e lm & tt»td t4 *ä «0
A to d *-vcfd tL ‘p lA n e rtx f**r~ T f~ lc rttn ■ A x n a f'tx u Ju f ( xt a J .
sehen Sprachen, Isländisch
A f j a r r tJ - fp L c ■ tu u s rx U c t t f a l> * t~ U A d tw r u t i t e f f in r * * * » » - und Norwegisch als West­
■ & *» * u n it b c f h f r d u * r fc u lu n lfffiltH A n e * » - e f d > A u m f h d u n o ^ it '

U l* * ' th o L m ■h d id r f t t f ir v UeUL?- \b o fp r A d w c r x g te n o d .
nordisch sowie Dänisch und
m an « Iw n u u n / it t u rv - t h e a u a i'tb e fu a e r v d e f 'tto A p J * e r tA Schwedisch als Ostnordisch.
b u r fm m n b t fo f d fc r v lu u L * U ^ if> t> * T a u j> r U e h e x e t»

h A J tm tn A g lc t r r * n c n . ir r U t t t x n d fc r u g e r r d u tu J m b a J t
Die alten Zeugnisse dieser
ih * f t * c J h f ß * J e f 'h u & r g a m tn » H eld *-'tu ta r J h n tb e f~ tu n h e
Sprachen waren Runenin­
schriften. Bedeutendstes
Dieses Fragment des Zeugnis der Literatur aber ist die »ältere« oder Lieder-
Heliand wurde 1978 in
Edda, die im späten 13. Jh. schriftlich fixiert wurde. Sie
der Bibliothek in Strau­
bing entdeckt. Heute be­ enthält 30 Götter- und Heldenlieder aus der Wikinger­
findet sich die Textseite zeit. Als Snorri-Edda (1220) bezeichnet man die My­
aus der Handschrift in
der Staatsbibliothek
thendichtung von Snorri Sturluson (gest. 1241).
München. Altsächsisch ist auf dem Kontinent ebenso wie Alt­
englisch und Altfriesisch ein Teil des Nordseegermani­
schen. Diese Sprache unterscheidet sich vom Althoch­
deutschen hauptsächlich durch die Tatsache, dass sie
die Zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht hat. Die
wichtigste schriftliche Überlieferung dieser Sprache ist
die um 840 verfasste Bibeldichtung des Heliand. Darin
wird Jesus als strahlender germanischer Held, Heer­
führer und Fürst dargestellt, dessen Gefolgsleute und
Krieger seine Jünger sind.

Z w e it e o d e r A lt h o c h d e u ts c h e L a u tv e r s c h ie b u n g

Ähnlich der Ersten Lautverschiebung veränderte sich


in der Althochdeutschen Lautverschiebung die Laut­
qualität von germanisch p-, t-, /r-Reibelauten:
Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung

• Zu Doppelfrikativen ff, zz, hh nur nach Vokal im


gesamten hochdeutschen Gebiet,
• zu den Affrikaten (Verbindung eines Verschlusslauts
mit einem Reibelaut) pf, tz (z), kch (ch) im Anlaut, bei
Konsonantenverdopplung und nach Konsonanten.

Die geografische Ausdehnung dieses Wandels


erstreckt sich bei den drei Konsonanten jeweils unter­
schiedlich weit (s. S. 53):
. p>pf{ um das 6./7. Jh. nur im oberdeutschen
Gebiet = Bairisch, Alemannisch, Ostfränkisch):
germ. *plegan, ahd. pflegan - nhd. pflegen
germ. *appla, ahd. apful - nhd. Apfel (vgl. engl, apple)
germ. *scarpa, ahd. scarpf - nhd. scharf (vgI. engl.
sharp)
• t>tz (um das 5./ 6. Jh. im gesamten althoch­
deutschen Gebiet):
germ. *taiknam, ahd. zeihhan - nhd. Zeichen
germ. *satjan, ahd. settian - nhd. setzen
germ. *holta, ahd. holz - nhd. Holz
• k >kh (um das 7./8. Jh. nur im Bairischen
und Alemannischen):
germ. *korna, fränk. korn, abair. kchorn - nhd. Korn
germ. *werka, fränk. werk, abair. werkch - nhd. Werk
germ. *quekka, fränk. quec, abair. kchwek, kchwech
- nhd. lebendig

Die germanischen Medien (stimmhafte Verschlusslau­


te) b, d, g werden etwa um das 8./9. Jh. zu den
Tenuesp, t, k verschoben:
8 b>p
nur im Alemannischen und Bairischen mit einigen
Ausnahmen
8 d> t
im Oberdeutschen und teilweise im Rheinfrän­
kischen:
as. dag, ahd. tag - nhd. Tag (vgl. engl, day), auch:
as. blöd, ahd. bluot - nhd. Blut (vgl. engl, b/ood)
52 D a s M itt e la lte r - A lth o c h d e u ts c h

• g> k
nur im Bairischen fast voll durchgeführt:
abair. kot - nhd. Gott;
abair. perg - nhd. Berg

Gründe für die Verschiebung


Der Grund für die Zweite Lautverschiebung ist um­
stritten, wieder führt man die Substrattheorie als Er­
klärungsversuch an (s. S. 26), vor allem auch, weil es
schon erste Belege für frühe Verschiebungen in Nord­
italien gibt, wo sich in germanischen Wortformen
bereits im 6. Jh. bestimmte Tenues-Verschiebungen
finden. In jedem Fall aber hat sich die Verschiebung
wellenförmig von Süden nach Norden ausgedehnt, ist
im Alemannischen am stärksten und wird, je weiter sie
sich nach Norden erstreckt, um so schwächer, was
man noch heute in den deutschen Dialekten nachvoll­
ziehen kann - man vergleiche das Schweizerdeutsch
Die Speerspitze aus
mit dem Dialekt, der z. B. in Hamburg gesprochen
Wurmlingen zeigt die
runische Inschrift IDORIH wird. Bei dieser Süd-Nord-Entwicklung verlor die Ver­
(oder nur DORIH, da das änderung, je weiter sie nach Norden vordrang, an Kraft,
erste Zeichen unsicher
am Rhein fächerte sie sich im sogenannten »Rheini­
ist). Man datiert sie um
das Jahr 600 n. Chr., schen Fächer« in einer Reihe von Isoglossen aus.
denn sie zeigt für viele Erhalten blieb der größte Unterschied zwischen den
Sprachwissenschaftler
deutschen Dialekten, zwischen Nieder- und Hoch­
bereits die Verschiebung
von k zu h , got. r e ik s , deutsch, denn die niederdeutschen Dialekte weisen
hier - r i h , nhd. - r e ic h . An­ keins der Merkmale auf, das die Zweite Lautverschie­
dere Wissenschaftler
bung mit sich brachte. Ebenso verhält es sich mit dem
wie Henrike Lähnemann
sehen keine Anzeichen Niederländischen und dem Englischen.
für die Zweite Lautver­
schiebung, da bei i d -
noch keine Medienver­
Der Umlaut
schiebung aufgetreten Als Umlaut bezeichnet man den Prozess der Anglei­
sei und der zweite Teil chung des Vokals der Haupttonsilbe an den Vokal der
zusammen mit an­
- r ih
deren altgerm. - r i c h - F o r -
folgenden (unbetonten) Silbe. In gewisser Weise wird
men betrachtet werden der Ton der Folgesilbe vorweggenommen. In allen ger­
müsse. Die Spitze befin­
manischen Dialekten (außerdem Gotischen) kommt
det sich im Landesmu­
seum in Württemberg, der sogenannte »/-Umlaut« vor, der seit etwa 750 n.
Stuttgart. Chr. durch ein /, Toder j in der Folgesilbe zur Umlau-
Der Umlaut 53

Der Rheinische Fächer


Die Verdichtung von Isoglossen (s. Kasten) oder Mundart­
grenzen, die durch die unterschiedliche Entwicklung bzw.
das unterschiedliche Voranschreiten der Zweiten Lautver­
schiebung entstanden, bildeten eine sogenannte Staffelland­
schaft. Diese Staffellandschaft in Form eines Fächers mit
ihrem Drehpunkt im Rothaargebirge und ihren Ausläufern am
Rhein, wo die Wirkung abschwächt und sich deshalb zerfa­
sert, nennt man den Rheinischen Fächer (R. F.).
Der R. F. setzt sich aus den folgenden Hauptisoglossen zu­
sammen (Kontrast jeweils Nord/Süd):
• Uerdinger Linie - i k / i c h (Niederfränkisch)
• Benrather Linie - m a k e n /m a c h e n (Südniederfränkisch)
• Eifelschranke - d o r p / d o r f (Ripuarisch, z. B. Kölsch,
Bönnsch etc.)
• Hunsrückschranke - d a t / d a s (Moselfränkisch)
• Speyerer Linie - A p p e l/A p fe l (Rheinfränkisch, z. B. Pfäl­
zisch, Südhessisch etc.)

Dabei ist die Uerdinger Linie die jüngste Lautverschiebungs­


grenze des R. F., die sich aus der im 13. Jh. fest gewordenen
Die geographischen
Benrather Linie ausfächerte und im 15. Jh. haltmachte.
Grenzen des Rheini­
schen Fächers
D a s M it t e la lt e r - A lth o c h d e u ts c h

tung des vorausgehenden Vokals führt. Der Begriff


stammt von Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803),
der damit ursprünglich jede Art von Vokalwandel in
Kurzsilben bezeichnete, Jacob Grimm wandte ihn erst­
mals auf das hier beschriebene Phänomen an. Dieser
Vokalwandel zeigt sich wie folgt:
• a > e (ä)
ahd. faran - nhd. fahren, ferit - nhd. er fährt,
ahd.gast, - nhd. Gast, gesti, - nhd. Gäste;
ahd. mähtic, mhd. mähtec - nhd. mächtig;
• a > eferit, gesti, mähtec
• ä > ae ahd. mär/, mhd. maere - nhd. Erzählung;
• u >ü ahd. ubir, mhd. und nhd. über;
• ü > iuahd.hlüten, mhd. Hüten - nhd. läuten;
• ö > ceahd.sköni, mhd. schoene - nhd. schön;
• ou > öu ahd. loufit, mhd. löufet - nhd. er läuft;
• uo > üe ahd. guoti, mhd. Güete - nhd. Güte.

Auslösender Faktor für den Umlaut (der systematisch


vollzogen wurde) war der Endsilbenverfall, bei dem die
/-haltigen Silben verlorengingen. Heute ist er nicht
mehr produktiv, unterscheidet aber immer noch zwi­
schen verschiedenen (morphologischen) Kategorien
wie der zweiten und dritten Person bei den starken
Verben (ich fahre, du fährst, er fährt; ich laufe, du
läufst, er läuft), zwischen Plural und Singular (Mutter,
Mütter; Apfel, Äpfel; Haus, Häuser), zwischen Positiv
und Komparativ (groß, größer; jung, jünger; hoch,
höher)

A r tik e l a u s D e m o n s tr a tiv p r o n o m e n

Das Indoeuropäische vereinigte noch in einem Wort


alle Angaben zu Geschlecht, Fall, Zeit, Beziehung zu
anderen Wörtern usw. Durch die Abschwächung der
Endsilben jedoch, die durch die Verschiebung des Ak­
zents hervorgerufen wurde, der nun auf der ersten
Silbe lag (s. S. 29f.), fiel laut Gerdes und Spellerberg
(1983:22) mehr als die Hälfte des althochdeutschen
Artikel aus Demonstrativpronomen 55

pormenbestands zusammen. Diese gravierende Verän­


derung führte zu einem großen Wandel des Systems.
Auswirkungen hatte dies auch auf die Art, wie man mit
Substantiven umging. Das Germanische kannte, wie
andere indoeuropäische Sprachen auch, ein dem Sub­
stantiv vorausgehendes Wort, allerdings hatte es stets
eine (hin)weisende oder hervorhebende Funktion - es
war ein Demonstrativpronomen. Durch den Wandel
des Systems diente dieses Pronomen plötzlich nicht
mehr allein zur Hervorhebung, sondern auch zur Mar­
kierung der grammatischen Eigenschaften des Haupt­
worts, vor das es gestellt war - es bekam eine neue
Funktion und wurde zum Artikel. Dieses Pronomen als
Artikel wurde im Lauf der Zeit so stark, dass es
schließlich ständige Verwendung fand und zur alleini­
gen Markierung für das Substantiv wurde - d. h. nicht
mehr das Substantiv trägt wie noch im Indoeuropäi­
schen die Information über z. B. Geschlecht, Fall, Zeit,
sondern der Artikel. Das Substantiv ist meist bis auf
die Unterscheidung Singular vs. Plural markierungslos.
Ursprünglich ist der bestimmte Artikel mit dem
Demonstrativpronomen identisch, von dem es die
schwache bzw. die unbetonte Form ist. Die Endungen
sind mit denen der Pronomen der 3. Pers. gleich:

Sg. Mask. Fern. Neutr. PI. Mask. Fern. Neutr.


Nom. der diu da Nom. die dio diu
Akk. den dia da Akk. die dio diu
Gen. des dera des Gen. dero dero dero
Dat. demu deru demu Dat. dem dem dem
Inst. *diu *diu Inst.

dieses neue Wort ermöglichte auch die Substantivie­


rung von Nichtsubstantiven, von Verben, Adverben,
Personalpronomen oder Adjektiven, eine bis dahin un-
°ekannte Ausdrucksvariante, die im Lauf der Zeit sehr
Produktiv wurde:
D a s M it t e la lt e r - A lth o c h d e u ts c h

• Das Gehen fiel im schwer, (substantiviertes Verb)


• Das Schöne jedoch beflügelte seinen Schritt,
(substantiviertes Adjektiv)
• Dabei lebt er nur im Heute, (substantiviertes
Adverb)
• Auf diese Weise wächst sein Ich in ungeahnter
Weise, (substantiviertes Personalpronomen)

Im Althochdeutschen gibt es zunächst jedoch noch


viele Verwendungen ohne den noch sehr neuen Artikel:
• ahd. Man giang aftar wege, zöh s?n hros in handum.
(keine Artikel)
• nhd. Ein Mann ging den Weg entlang, führte sein
Pferd an der Hand.
In wörtlicher Übersetzung müsste es heißen »zog sein
Ross in Händen«, was nicht möglich ist, darum die
Übersetzung mit dem bestimmten Artikel. Allerdings
gibt es im Deutschen auch heute noch feste und nicht
analysierte Formen, die ohne Artikel auskommen und
als idiomatische Formen behandelt werden: Sie hält
sein Glück in Händen, er tritt es mit Füßen.
Andere idiomatische Beispiele als Überbleibsel einer
Zeit vor den Artikeln, die sich im Neuhochdeutschen
bewahrt haben, sind z. B. Mann und Maus, Tag für Tag,
über Berg und Tal, nach Hause gehen, zu Hause sein,
zu Bett gehen, zu Bett liegen, bei Tisch sitzen, mit Kind
und Kegel.
Das althochdeutsche Demonstrativpronomen im
Nom./Akk. Sg. Neutr. ditz ist durch eine gesonderte
Entwicklung entstanden.

D ia le k t e im a lth o c h d e u ts c h e n S p r a c h g e b ie t

Der Unterschied zwischen den verschiedenen deut­


schen Dialekten und die Aufteilung des Sprachraums
existiert seit dem Mittelalter und hat sich eigentlich im
Bereich der gesprochenen Sprache nur wenig verän­
dert. Was die Schriftsprache angeht, haben große Ver­
änderungen durch Standardisierungen eingesetzt, aber
Dialekte im althochdeutschen Sprachgebiet

das gesprochene Wort unterscheidet sich in den heuti­


gen Versionen der Dialekte nur wenig von denen vor
hunderten Jahren. Alle regionalen Umgangssprachen
sind stark von den jeweiligen Dialekten gefärbt, ob­
wohl durch die zunehmende Mobilität der Sprecher ei­
ne Annäherung zu beobachten ist. Eine einheitliche
deutsche Aussprache gibt es tatsächlich erst seit
1898, als der Sprachwissenschaftler Theodor Siebs
(1862-1941) mit der Deutschen Bühnenaussprache
das erste Standardwerk für die deutsche Aussprache
vorlegte.
Aus dem Mittelalter kennen wir die geschriebene
Sprache als Schriftdialekte. Gleichzeitig kann man für
diese Zeit das Lateinische als vereinende Sprache der
Verwaltung und der Kirche betrachten, als lingua fran-
ca. Was man also als Althochdeutsch bezeichnet, ent­
spricht nicht einem Konzept, wie wir es heute vom
Neuhochdeutschen haben: Es gab keine althochdeut­
sche Sprache in diesem Sinn. An den schriftlichen
Dokumenten können wir den Unterschied zwischen
den einzelnen Dialekten in Wortwahl, in Flexions- und
Wortbildung, im Satzbau und überhaupt im Wortschatz
erkennen. Allerdings muss man sich auch bewusst
machen, dass diese Texte nicht die Sprache der Men­
schen spiegeln, sondern die der Mönche. Geistliche
waren aber eine Art von Bildungselite und schon des­
halb muss sich ihre Sprache von der des »gemeinen
Volkes« unterschieden haben - wenn nicht im Dialekt,
so bestimmt in der Wortwahl und in der Komplexität
der Sätze und Diskurse. Diese Mönche und Priester
orientierten sich am jeweiligen Dialekt der Region, in
der sie schrieben, aber auch an dem Dialekt der Ge­
gend, aus der sie jeweils stammten, was nicht dersel­
be Ort gewesen sein muss. Allein aus einem solchen
Unterschied, einerseits der eigenen Veranlagung fol­
gend und andererseits die Auflagen des jeweiligen
Kosters befolgend, ergaben sich nicht unwesentliche
Unterschiede. Weiterhin wurde die Sprache innerhalb
58 Das Mittelalter - Althochdeutsch

Das G e o r g s li e d aus dem


späten 9. Jh. n. Chr.
stammt aus dem ale­
mannischen Raum. Heu­ ' N tmWlon
te ist nur noch eine frag­ fr-eimwi. Ikrwf t
mentarische Abschrift pjc LrS'L i , -kma./?rm tm ir*
erhalten. Es ist die erste WU-
Heiligenlegende in deut­ xl\ er* t& IW lerari #*
scher Sprache.
/ <#V ^ -u fr.
.TMfi.il* '“W .
fieTP^ ifark&wrrwtk it* k’
nn %/fe in U tn * Am Ai r »fma'njbi
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,,

des Klosters in Orthografie, Grammatik und Wortwahl


standardisiert, bisweilen innerhalb eines Kreises von
Klöstern, die miteinander in Kontakt standen und sich
gegenseitig schriftlich austauschten. Einige dieser
»schriftlichen Dialekte« haben ihren eigenen Standard
teilweise unverändert über mehrere Generationen be­
wahrt, weil sie ihn einer ständigen strengen Kontrolle
unterzogen. Dennoch traten bei den Abschriften im­
mer wieder Probleme auf, die mit der schriftlichen
Umsetzung vom einen in einen anderen Dialekt einher­
gingen, oder mit der Umsetzung des Lateinischen in
den jeweiligen Dialekt. So schrieb der Mönch Wisolf,
Schreiber des Georgslieds, ans Ende seiner Arbeit »ich
kann nicht mehr« - und das tat er auf Lateinisch, denn
darin gab es keine Probleme für ihn.
In der Forschung des 19. Jh.s war es besonders Karl
Lachmann, Zeitgenosse der Gebrüder Grimm, der die
Schreiber und Schreibsprache

Texte systematisierte, deren Rechtschreibung


alten
normalisierte und bahnbrechende Arbeiten im Bereich
der Textrekonstruktion und -edition leistete.

Karl Lachmann (1793-1851), Königsberger Altphilologe, zählt


zu den Begründern der historisch-kritischen Editionspraxis. Bei
mehrfach variierenden Texthandschriften, die ja bei der älteren
Dichtung fast immer vorkamen, ging es ihm um die Überliefe­
rungsgeschichte und die älteste vorhandene Abschrift, den Ar­
chetypus. Die Analyse der verschiedenen »Fehler« der Schrei­
ber sollte ihn an die ursprüngliche Version heranführen, denn
aus den »Fehlern« gelang die vollendete Textrekonstruktion.
Fehler wird hier in Anführungsstriche gesetzt, weil diese »Feh­
ler«, da sie oft auf den Dialektmerkmalen der jeweiligen
Schreiber beruhten bzw. durch sie hervorgerufen wurden, be­
sonderen Aufschluss über Abschrift, ihren Schreiber und vor
allem über den jeweiligen Dialekt lieferten.

Schreiber und Schreibsprache


Der einzige Standard (im engeren Sinn), der im gesam­
ten althochdeutschen Sprachgebiet gesprochen wur­
de, war die von Mönchen und Priestern verwendete
lingua franca: Lateinisch. Sie waren wohl auch neben
Regierungsbeamten die einzigen, die eine gewisse
Mobilität hatten und reisten. Die meisten Menschen
hatten in einem aufblühenden Feudalsystem wenig In­
teresse an Angelegenheiten, die sich außerhalb ihres
Dorfes abspielten, auch wenig Kontakte, die nicht aus
dem Dorf oder der näheren Umgebung kamen - vor
allem aber fehlte es ihnen wohl an Möglichkeiten. Man
vermutet, dass Rheinfränkisch, das am Hofe Karls des
Großen gesprochen wurde, als Sprache des »karolingi­
schen Hofs« in gewisserWeise alle Bedingungen erfüll­
te, zu einer Art von Standard zu werden. Der Aachener
Hof des im Jahre 800 gekrönten fränkischen Kaisers
war schnell das Zentrum des kulturellen Lebens gewor­
den, hier sollten nach antikem Vorbild Wissenschaften,
Bildung und Künste gefördert und zusammengeführt
Werden. Der Kaiser umgab sich mit den wichtigsten
60 Das Mittelalter - Althochdeutsch

Wissenschaftlern der Epoche, und


sie arbeiteten an seiner Hofaka­
demie oder in den Klöstern des
Reichs. Die Theodisca lingua, die
deutsche Volkssprache, wurde per
Dekret gefördert. In der Admonito
generalis von 789 wurde sie für die
Verkündung des Christentums
stark in den Vordergrund gestellt
und das Lateinische verlor an Raum
- deutsche Sprache und Kultur
wurden in nie gekannter Weise
belebt.
Aber mit Blick auf einen Stan­
dard bedeutete dies bestenfalls,
Karl der Große (768-
814) war König der Fran­
dass die Sprache des Kaisers über einen gewissen
ken und seit 800 römi­ Zeitraum großes Prestige genoss, sich aber nicht zum
scher Kaiser. Sein Reich Standard durchsetzen konnte. So blieb Latein die ein- j
erstreckte sich vom Sü­
den der Pyrenäen und
zige, alle Dialekte übergreifende Sprache.
Mittelitalien bis an die Wie schon oben gesagt ist die Schriftsprache der
Nordsee und im Osten vorhandenen Dokumente nicht unbedingt die Sprache
bis an die Donau. An sei­
nem Hof wurde Rhein­
der Menschen der Epoche, sondern vielmehr ein
fränkisch gesprochen, Spiegel der Sprache der Geistlichen, die sie schriftlich
diese Sprache des Hofes fixierten, gleichzeitig aber ständig vom Lateinischen
konnte sich aber nicht
als Standard des Deut­
bestimmt und beeinflusst wurden.
schen durchsetzen. K a i­

s e rk rö n u n g d u rc h L eo
Textsorten
III. , 1847, kolorierte Krei­
delithografie Zu den verschiedenen Textsorten, die während der
Periode des Althochdeutschen hauptsächlich in Bene­
diktinerklöstern produziert wurden, gehörten vor allem
klerikale Texte, Beicht-, Segens- und Taufformeln, Ge­
bete und Evangelienharmonien.
Eine andere Textsorte waren Glossen, d. h. in den
lateinischen Handschriften vorkommende Übersetzun­
gen, Erklärungen oder Erläuterungen bestimmter,
schwer verständlicher Textstellen. Sie dienten auch
zum Erlernen des Lateinischen. Oft wurden sie in Ge­
heimschrift in Glossaren gesammelt, Wörterbüchern
Textsorten 61

also, die entweder zu bestimmten Themen zusammen-


gestellt wurden wie der Hilfswortschatz für Reisende,
jas Vocabularius St. Galli, oder alphabetisch geordnet
wie der Abrogans, ein spätlateinisches Synonymlexi­
kon, das um 765 verdeutscht wurde und seinen Titel
jem ersten Eintrag verdankt.
Glossare geben heute wichtige Aufschlüsse zur Kul­
tur- und Sprachgeschichte, man kann sie als eine frühe
Stufe der Lexikografie verstehen.
Dichtungen machen eine weitere Textsorte dieser
Epoche aus, dazu gehören Zaubersprüche, z. B. die
Merseburger Zaubersprüche, das um 870 in Fulda ent­
standene Muspilli, ein Gedicht über Endzeit und Welt­
gericht, dessen stabreimende Langzeilen bereits erste
Ansätze zum Endreim zeigen, und das beeindruckende
Hildebrandslied, ein Heldenlied, das um 780 entstand.
Das uns heute vorliegende schriftliche Material
macht allerdings nur noch einen Bruchteil dessen aus,
was in jener Zeit tatsächlich geschrieben wurde. Vor
allem durch die Bemühungen Karls des Großen, Schu­
len, die Wissenschaften und die Ausbildung allgemein
in einem vorher nicht gekannten Maß zu fördern, um
dem Volk kirchliche und erbauliche Texte zugänglich zu
machen und damit die Position der Kirche zu stärken,
wird die Sprache der Epoche erheblich verschriftlicht.

Abrogans: Dieses Glossar ist das älteste * T


Sprachdenkmal in deutscher, d. h. in alt­ cto& xs ev «e-reRe
hochdeutscher Sprache. Die Nieder­
JO . i ‘
0W ~ r l t * e « y m f 5 e i ! ' hum«
schrift erfolgte auf Pergament um 770
V P i S t l r f w iC M JC « C i' A l » l » c c . &
vermutlich in Freising und enthält ca.
3.670 Begriffe und 14.600 Belege. Das
W * fc n ic x r u e n & i*
Original befindet sich in der Stiftsbiblio­
thek St. Gallen. Der erste Eintrag lautet:
Abrogans. dheomodi. (niedrig, demütig)
humilis: samftmoati. (sanftmütig)
abba. faterlih (väterlich) pater, fater: (Vater)
abnuere. ferlaucnen. (verleugnen) renuere. pauhnen. (abweisen) recusare. [faruuazzan]
(zurückweisen)
D a s M it t e la lt e r - A lth o c h d e u ts c h

D e r E in flu s s a n d e r e r S p r a c h e n

Da Latein als eine Art Standard fungierte, wundert es


nicht, dass es die junge deutsche Schriftsprache be­
einflusste. So sind es auch im eigentlichen Sinn im
Althochdeutschen nicht »andere Sprachen«, wie die
Kapitelüberschrift suggeriert, sondern in dieser Epo­
che ist es vornehmlich das Lateinische. Die Schreiber
waren auf der Suche nach neuen Wörtern, die dem
lateinischen Ausdruck, für den es keine direkte Über­
setzung ins Deutsche gab, entsprechen sollten. Die
Klöster waren Orte lateinischer Bildung und erst in
zweiter Linie galt es hier, Deutsch zu (er)schaffen. Der
deutsche christliche Grundwortschatz existierte nur in
sehr bescheidenem Maße und die deutschen Wörter
beschränkten sich auf einige wenige: Kirche aus
griech. kyriake, Bischof aus lat. episcopus, Pfaffe aus
lat. papa etc. Diese Wörter stammen wohl von germa­
nischen Stämmen, die auf römischem Boden mit dem
Christentum in Berührung gekommen waren. Dabei
waren derart konkrete Begriffe relativ leicht in die
Sprache zu integrieren, ungleich schwerer war es, die
neuen abstrakten Begriffe und Wertvorstellungen in
die Sprache und das Denkschema der germanischen
Heiden zu übertragen.
Bei der Wahl oder Schaffung der (neuen) deutschen
Wörter ging es indes immer um eine mehr oder weni­
ger große Annäherung an das lateinische Original. Aus
den bekannten Handschriften geht man (nach Werner
Betz, 1965) davon aus, dass das Althochdeutsche etw<
3 % Lehnwörter enthielt, Lehnbildungen schätzt man
auf etwa 10 % und Lehnbedeutungen auf 20 %. Viele
der neuen Wörter kann man nur wenige Male - im
Extremfall nur einmal - belegen, sie verschwinden wie­
der, weil sich bessere Vorschläge leichter durchsetzen
konnten oder eine Version zu regional begrenzt war.
Aber auf diesen ständigen Prozess ist es zurückzu­
führen, dass manchmal bis zu zehn verschiedene Be­
griffe für eine Sache nebeneinander standen wie z. B.
Der Einfluss anderer Sprachen | Schreiborte

Lehnwörter aus dem Lateinischen: j


pie Klosterkultur des frühen Mittelalters hat in einer Reihe von i
Bereichen unzählige Lehnwörter aus dem Lateinischen einge­
führt, etwa in: j
Religion und Kirche: lat. p r o p ö s i t u s , ahd. P rö b ö s t - nhd. P ro b s t; \

lat. p e l e g r in u s , ahd. P ilig r T m - nhd. P i lg e r ; lat. t e m p lu m , ahd.


Tem pal - nhd. T e m p e l; lat. c e ll a , ahd. C e ll a - nhd. Z e l l e ; lat. ite I
m is s a e s t c o n t i o (Endformel der Messe), ahd. m is s a , m e s s a -
nhd. M esse; lat. m a tu tin a , ahd. m e ttln a , m a ttm a - nhd. M e tte ; I
lat. fir m a r e , ahd. F ir m ö n - nhd. fir m e n ; lat. dom us, ahd. T uom i
- nhd. D o m ; lat. p r a e d i c a r e , ahd. P r e d ig ö n - nhd. p r e d ig e n .
Schrift und Volksbildung: lat. s c h ö la , ahd. S c u o la - nhd. S c h u le ; i
lat. tin c ta , ahd. T in c ta - nhd. T i n te ; lat. t a b u la , ahd. T a v a la - i
nhd. T a fe l; lat. m a g is te r , ahd. M e is t a r - nhd. M e is t e r ; lat. b re v e , i
ahd. B r ia f - nhd. B r ie f; lat. g r a p h i u m , ahd. G r iff il - nhd. G r iffe l; t
lat. s i g il u m , ahd. In s ig ili - nhd. S ie g e l; lat. p e r g a m e n t u m , ahd. j
P e r g a m in - nhd. P e r g a m e n t. {
Obst und Gartenbau: lat. liliu m , ahd. L il j a - nhd. L ilie ; lat. ro - f
sa, ahd. R ösa - nhd. R ose; lat. p e t r o s ilim , ahd. P e t e r s ilia - nhd. t
P e te r s ilie ; lat. s a lv e g ia , ahd. S a lb a i a - nhd. S a lb e i'; lat. c ip o lla ,

ahd. C ib o ll a - nhd. Z w i e b e l.

lat. resurrectio, ahd. urrist, urrestT, urstant, urstöda/F,


irstandinT, arstantnessi, erstantnunga, üferstende -
nhd. Auferstehung.

S c h r e ib o r te

Die Orte, an denen die Schriften entstanden, sind von


entscheidender Bedeutung für Wortwahl, Satzbau,
Formenwahl und Klang, d. h. der Dialekt des jeweiligen
Schreibers ist - geprägt durch seine Art zu sprechen -
in den einzelnen Texten deutlich vorhanden. Insofern
unterscheiden sich die Texte je nach dem Ort, an dem
sie entstanden. Die wichtigsten Schreiborte und damit
Dialektvariationen und die dort entstandenen Haupt­
werke waren:

Alemannisch
^iemannisch ist eine oberdeutsche Mundart, die noch
heute im Eisass, der Nordschweiz, Südbaden, Württem­
berg und dem Regierungsbezirk Schwaben gesprochen
64 Das Mittelalter - Althochdeutsch

wird. Hauptort der Schrift war St. Gallen, dort finden


sich neben Gebeten vor allem kommentierte Überset­
zungen antiker Werke. Einer der Hauptschreiber war
Notker Labeo.
Ein weiterer an Handschriften, besonders an Glos­
saren und Interlinearversionen der Benediktinerregel
reicher Ort ist Reichenau mit seiner Blütezeit im
9. Jh. Aus dem Kloster Murbach stammen vor allem
Hymnen.

Bairisch
Der Heilige Benedikt
In Regensburg wurden im 9. Jh. das Samanuga, eine
übergibt seine Regel an
St. Magnus und andere gekürzte Version des Abrogans, und das Muspilli
Mönche. Die »Regula (s. S. 61/68) geschrieben. In Mondsee verfasste man
Benedicti« oder »Bene­
den Isidor. In Salzburg und am Tegernsee finden sich
diktinerregel« wurde im
frühen 6. Jh. von Bene­ hauptsächlich Glossen, in Freising die berühmte Ver­
dikt von Nursia verfasst. sion des Abrogans, das endreimende Petruslied aus
In 73 Kapiteln wird darin
dem Jahr 850 und das erste deutsche Kirchenlied.
das Verhalten im Klos­
terleben festgelegt. Die
Handschrift ist wohl um M ittelfränkisch
820 - nach einer Ab­
schrift des sogenannten
Schriftliche Dokumente stammen aus Köln, Trier und
Reichsexemplars in Echternach. Hier entstand Mitte des 11. Jh.s der lat./
Aachen - abgeschrieben dt. Mischtext De Henrico, ferner die Trierer Kapitulare,
worden. Buchmalerei
aus einem Chorbuch,
die Übersetzung von Gesetzestexten Ludwigs des
Abbazia di Monte Cassi- Frommen aus dem 10. Jh. sowie Gebete wie der Trierer
no, Museum Pferdesegen oder die Trierer Sprüche wider den Teufel
aus dem 9. Jh.

Ostfränkisch
Hauptort war hier Fulda, wo zahlreiche Übersetzungen
von Evangelienharmonien entstanden. Eine Evangelien­
harmonie ist ein Text aus Teilen des alten Evangeliums,
der in fortlaufender Weise das Leben Jesu erzählt,
wenn man so will eine Neufassung der Evangelien.
Hier entstanden auch Übersetzungen des Syrers Tatiar
aus dem 4. Jh. Aus Würzburg kennt man Grenzbe­
schreibungen vom Ende des 10. Jh.s und aus Bamberg
die CantUena de miraculis Christi (Lied über die Wun-
Schreiborte | Die Texte 65

Die althochdeutschen
Dialekte und wichtigsten
Schreiborte
Fulda
MITTEL-
OST-
F R Ä ppgnkfuft
FRÄN KISCl
Echternadh Maln2 ö ’ \
° s* RHEINFRÄNKISC
Trier -x o, y
Worms 1 Lorsch

WeissenburgQ J/ Regensburg(
SÜDRHEINFRÄNI

Straßburg1/1 Freisim Passau

Murbach

S a lzach

der Christi) oder die nach vorchristlicher Überlieferung


bekannten Merseburger Zaubersprüche in Stabreimen.

Rheinfränkisch
Rheinfränkisch war der Dialekt des kaiserlichen Hofs
Karls des Großen mit den wichtigsten Schreiborten
Worms, Speyer, Mainz und Lorsch. Hier entstanden
vorwiegend Beichtformeln und verschiedene andere
religiöse Texte. Weiterhin bekannt sind die Straßburger
Eide aus dem Jahr 841.

Südrheinfränkisch
Der Mönch Otfried verfasste im Kloster Weißenburg
um 865 in endreimenden Langzeilen den Weißenburger
Katechismus, ein Glaubenskompendium für Priester
mit einer kommentierten Übersetzung des Vaterunser
und andere religiöse Texte.

Die Texte
}ie folgende Auswahl der wichtigsten Texte in der Ori­
ginalversion und ihrer Übersetzung soll einen Eindruck
von der darin verwendeten Sprache vermitteln.
66 Das Mittelalter - Althochdeutsch

Das Hildebrandslied
Dieser in vieler Hinsicht faszinierende Text zweier
Mönche aus dem Kloster Fulda ist das einzige Helden­
lied in althochdeutscher Mundart, das germanisches
Gedankengut beschreibt. Der Text ist mit seinen 68
Zeilen unvollendet, weist Lücken auf und ist auf seine
Weise ein Kuriosum, denn er wurde auf die Deckelin- j
nenseiten einer theologischen Handschrift geschrie­

Das Fragment des H il d e ­


ben, als wäre der Platz ausgegangen, weshalb den
wurde auf
b r a n d s lie d s Lesern das Ende versagt bleibt. Das Hildebrandslied
die Vorderseite des ers­
entstammt vermutlich dem Sagenkreis um Theoderich
ten Blattes und die Rück­
seite des letzten Blattes Odoaker und Attila. Die bairische Fassung, die um
einer lateinischen theo­ 770/780 entstand, wurde auf der Grundlage eines
logischen Handschrift in
gotischen oder langobardischen Urtextes verfasst. Der
karolingischer Minuskel
geschrieben. Es befindet alte Hildebrand, ein Gefolgsmann Dietrichs von Bern,
sich heute in der Landes­ kehrt nach dreißig Jahren in die Heimat zurück und
bibliothek Kassel.
begegnet seinem Sohn
, Hadubrand, der ihn nicht als
J T I « f c r t i L ? ^ u m n tu a seinen Vater erkennt. Die
-nrt •U iln w w c r o n i t d A t i h t - t t t t c : tm aurd> ertn n x u e n t,
<«nnfaxag~*n$t> freöt-onlroi» Ehre zwingt die beiden zu
ig> A U d n i u i x - j r o i n < lh t r v f u e r z A n x U e h A o f unterschiedlichen Lagern
d c f ie z n A e r v U ih p r v m n U t t n b r a h t
T e r t L r a r r c e r ( u n u b e i ~tm xt(~ VervrT>
gehörenden Krieger zum
m&n f t r d i e f frovorv■ gif'ixianz' foltern Zweikampf. Das Gedicht
it
u tw r-n itn p f r - t f r t f a c e t - f A t H ftt-e u ln fb lc h re A J o
wurde in Dialogform ver­
I fd ih li? f2 n a e fk r J u ftr ib a A n m tg n A n fA g e r tU
IjrnAeo o r t t 1 11err,chtna InAmmncndt^ chid/flr fasst und ist, wenn man so
- jlm r tm J g w ■k d u b t T i h c g t r n n k d l a L h t l r t
will, der erste Krimi der
c i tf nrrcertuHii. iLxrßgetunrnt U!$r~eltvjq dhnf tnn
(Jei(Atn^»ilhtn
i frv t# d ^ irlrih a k n u r r lußcxt deutschen Literatur, denn
mxn izvcer- tly U e t trat da der Text plötzlich abreißt,
p f i nett- flo h b e t- crcadtr*fT?tJ§>m<*~ m tn -tk e e rm ftlte
weiß man nicht, »wer der Tä-|
trm fitimoAegpno fh< •het- furtdft In Linre- htm Lu
ftrrfr? yr~iixr ln t u r f «*> ter ist«, will sagen, was pas­
U e ^ ^ o fh a r d n n X ^ A ä C ftid e r r t h h e A a tA > l 5t siert und wer von beiden
fki0 tiu ” *f%v&~et~frrrttrijjjß'-’te&uinirfofrtMtf**''
stirbt. Wir müssen dabei
L&öfrn
na dVcLt/to ta rn Aeaxr-xd>kerd&rA&&fantv»iri- davon ausgehen, dass die
\ter?<u po folcU efax-enre Schreiber das Ende nicht
mArtrtam
bewusst verheimlichen; der
VA h U h j J h h ^ ^ m jK ^ r r tr -

Ausgang ist gefroren in der


Zeit, weil ihnen der Platz
ausging und kein weiteres
Die Texte 67

Papier - mag sein - für einen derart mondänen Text


zur Verfügung stand.
Stilistisch sind jeweils zwei Kurzzeilen durch den
Gleichklang im Anlaut miteinander verbunden und
bilden so eine Langzeile. Der sogenannte Stabreim
oder die Alliteration wird durch den Reim gleicher Kon­
sonanten und Vokale zu Beginn der Zeilen erzeugt. Das
Ende des Gedichts lautet:
do stoptun to samane
staim bort chludun, heuwun harmlicco
huitte scilti, unti imo iro lintun
luttila wurtun, giwigan miti wabnum ...

Da ritten sie gegeneinander,


spalteten farbige Schilde,
schlugen gefährlich auf weiße Schilde,
bis ihnen ihre Lindenschilde zu Bruch gingen,
zerstört von den Waffen ...

An dieser Stelle bricht der Text ab, niemand wird je


den Ausgang erfahren.

M erseburger Zaubersprüche
Diese beiden magischen germanischen Sprüche wur­
den im 9. Jh. in einem Kodex mit ausschließlich kirch­
lichen Texten des Merseburger Domkapitels in ostfrän­
kischem Dialekt niedergeschrieben und dort 1841 von
dem Historiker Hans Waitz gefunden. Es sind die ein-

Stabreim oder Alliteration


Der Stabreim wird vorwiegend in Heldengedichten verwendet
und die zwei oder drei Stäbe tragen die Hauptbedeutung,
wodurch sie gleichzeitig die wichtigsten Stellen hervorheben.
Eine Alliteration ist ein Gleichklang im Anlaut von Silben und
Ton (z. B. aus dem H ild e b r a n d s lie d ) : Hiltibrand gimahalta,
Heribrantes sunu - her uuas heroro man - oder auch: M ann

u n d M a u s , H im m e l u n d H ö ll e . Diese Form des Reims schafft


durch einen straffen Rhythmus Regelhaftigkeit und Klarheit.
Das Mittelalter - Althochdeutsch

zigen Zaubersprüche in althochdeutscher Sprache.


Beide sind verfasst in stabreimenden Langzeilen. Die
Merseburger Zaubersprüche zeigen noch die Nähe der
heidnischen Vergangenheit in der sich etablierenden 1
neuen christlichen Welt.
Über die Funktion von Zaubersprüchen schrieb Ru- ;
dolf Simek, sie dienten dazu, »durch die Macht des ge­
bundenen Wortes die magischen Kräfte, die sich der j
Mensch dienstbar machen will, nutzbar zu machen«
(1995). Der erste Merseburger Zauberspruch lautet:
Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandum, inuar uigandun.

Einst ließen sich die Idisen nieder,


setzten sich hierhin und dorthin
Einige fesselten, andere hielten das Heer auf,
wiederum andere lösten die Fesseln; :
löse dich aus den Fesseln, entflieh dem Feind!

Die Idisen sind germanische Halbgöttinnen, die zum


Schutz angerufen wurden. Sie sind nicht identisch mit
den Walküren. Der Zauberspruch ist eine Anrufung, um
gefangene Krieger aus der Gefangenschaft zu befreien.:;
Erst die letzte Zeile formuliert die eigentliche magische
Anrufung.

M uspilli
Dieses Fragment einer aufrüttelnden Schilderung vom
Ende der Welt wurde um 870 in altbairischem Dialekt !
im Kloster Fulda geschrieben. Über Herkunft und Be­
deutung des Titels weiß man nichts, vermutet aber
nach dem Inhalt des Gedicfits, dass es soviel wie
»Weltuntergang durch Feuer« bedeutet. Das Wort ist
nur noch zwei weitere Male belegt, im altsächsischen
Heliand und in der altnordischen Edda. Wie das Hilde-
brandslied ist das Muspilli unvollendet - es fehlen so-
Die Texte 69

w ohl Anfang als auch Ende.


Inutnrt' inro^nx»m-toUr»- | k C Ü H St/MM£ M tK
Auch sind die Autoren unbe- PARUO HlufiouuiCfUHLLü -
c^uix
annt und der Text wurde auf
H U M T IH HU6TUS {
JLut*r LLerta nr .rrumJi
freie Seiten bzw. auf die Sei­ eeruf J j f ö etur UumdroS-
OfruLlT £H fsi*uLuf :mca*2

tjm».muififi« dmn»Sc&.
tenränder einer anderen S ClUcft nw\
ni«4'fpf* efretttm ui
landschrift geschrieben. Hier urc cumJü fMxft'
ueyfis pxiTOkmLf
ticumfeS fyü l nfAJvuU
ein Auszug aus der Mitte des frtCTUS AÜs L
SFKunLuf it s n u u s \
j» er' r ’w n n t t r ■ J rir'pttfte
Gedichts ab Zeile 50: „nun 0,
, f r fi \ l iU i t lu n - b ffr n p * u *
iHrvnü -* ;•>j t
'
p iii< w U jr
141
, , m - u u ir * -
puafrUtt,

... so daz Eliases pluot B •■'-■rrvjtnto-Ud'i

in erda kitriufit, Das M u s p illi wird nach


Baumann und Oberle
so inprinnant die perga, pounn ni kistentit
(1986:16) auch »das ver-
enihc in erdu, ahä artruknent, zweifelste Stück alt­
muor varsuuilhit sih, suilizöt lougiu der himil, hochdeutscher Dich­
tung« genannt.
mäno vallit, prinnit mittilagart,
sten ni kistentit, verit denne stuatago in lant,
verit mit diu vuiru viriho uuisön:
dar ni mac denae mäk andremo
helfan vora demo muspille.

... so dass des Elias’ Blut auf die Erde tropft,


dann brennen die Berge, kein einziger Baum bleibt
stehen
auf der Erde, die Wasser trocknen aus,
das Moor verschlingt sich, die Flammen verbrennen
den Himmel,
der Mond fällt herunter, es brennt der Erdkreis,
kein Stein bleibt bestehen, wenn der Sühnetag ins
Land zieht,
er kommt mit Feuer, sucht die Menschen auf:
Da kann kein Verwandter dem anderen helfen vor
dem Muspilli.

Die Straßburger Eide


Mit Straßbuger Eide wird ein weltlicher Text von 842
bezeichnet, der in Altfranzösisch, Althochdeutsch und
Latein verfasst wurde - ein deutliches Indiz für ver­
schiedene nebeneinander koexistierende Sprachen.
70 D a s M it t e la lt e r - A lth o c h d e u ts c h

Der geschichtliche Hintergrund für die Eide ist der


Folgende: Ludwig der Fromme (778-840), Sohn Karls
des Großen, hatte bereits 817 für seine drei Söhne
Lothar I. (795-855), den ältesten, Pippin I. (797-838)
und Ludwig II. (806-876) die Erbfolge geregelt: Wäh­
rend Lothar den größten Teil des Reiches erhielt und
bereits zu Lebzeiten seines Vaters regierte, bekam Pip­
pin die südfranzösische Provinz Aquitanien zugespro­
chen und an Ludwig, später genannt »der Deutsche«,
fiel Bayern. 829 jedoch verstieß der Vater gegen seine
eigene Erbregelung, indem er für seinen Sohn aus
Darstellung Ludwigs I., zweiter Ehe, Karl II. (823-877), später genannt »der
des Frommen, als »miles Kahle«, ein viertes Teilreich einrichtete und diesem ver-
Christi« (Soldat Christi) i
um 831 in einem Ge­
machte. Die drei älteren Söhne erhoben sich daraufhin
dicht von Rabanus Mau­ gegen den Vater, um ihn abzusetzen. Nach Ludwigs
rus (780-856), Abt des Tod beteiligte sich auch Karl II. an diesen kriegerischen
Klosters Fulda. Fleute
befinden sich Text und
Auseinandersetzungen und verbündete sich mit Lud­
Abbildung in Rom, Bi- wig gegen Lothar; Pippin war schon 838 gestorben.
blioteca Apostolica Vati­
841 schlugen die beiden den älteren Bruder in der
cana, Codex Vat. Reg.
lat. 124, folio 4 v. Schlacht von Fontenoy, und am 14. Februar 842 be-
gegneten sie sich in Straßburg,
um mit den Straßburger Eiden
ihr Bündnis gegen Lothar zu
erneuern.
Im Jahr 843 einigten sich die
drei Brüder im Vertrag von Ver­
dun auf die Teilung des Reichs,
und mit dem Aussterben von )
Lothars Erbfolgelinie wurde
»Lotharingien« (Elsass-Lothrin-
gen) unter den Nachfolgern
Karls des Kahlen und Ludwigs I
des Deutschen aufgeteilt.
Das Bündnis der Brüder von
841 und ihre Zusammenkunft
zeichnen die Entstehung
Frankreichs und Deutschlands
vor. Gleichzeitig legt es zusam-
Die Texte 71

rnen mit der späteren Entwicklung den Grundstein für


das seit damals immer wieder zwischen Frankreich
und Deutschland umkämpfte Gebiet westlich des
Rheins. Jeder der beiden Herrscher sprach in der je­
weils anderen Sprache, damit er vom Heer des ande-
en verstanden werden konnte. Überliefert sind die
Texte in der auf Lateinisch abgefassten Historiae des
Nithardus (ca. 800-845), eines Enkels Karls des
Großen.
Hier ein Auszug des Eidestexts zuerst in altfranzö­
sisch, der Sprache Ludwigs, denn er war der ältere:
Pro Deo amur et pro Christian poblo et nostro com-
mun salvament, dist di in avant, in quant Deus savir
et podir me dunat, si salvaraeio eist meon fradre
Karlo, et in adiudha et in cadhuna cosa, si cum om
per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi
fazet; et ab Ludher nul plaid numquam prindrai, qui
meon voi \666\cist meon fradre Karle in damno sit.

Dieselben Worte in althochdeutscher Sprache, der


Sprache Karls IL:
))in godes minna ind in thes christanes folches ind
unser bedhero gehaltnissi, fon thesemo dage fram-
mordes, so fram so m ir got geuuizei indi mahd furgi-
bit, so haldih thesan minan bruodher, soso man mit
rehtu sinan bruodher scal, in thiu thaz er mig so sama
duo, indi mit Ludheren in nohheiniu thing ne gegango,
the minan uuillon imo ce scadhen uuerdhen. «

Auf Neuhochdeutsch:
In Gottes Liebe und in des christlichen Volkes und
unser beider Erlösung, von diesem Tage an ferner­
hin, sofern mir Gott Weisheit und Macht [dazu] gibt,
so halte ich diesen meinen Bruder, so wie man mit
Recht seinen Bruder soll, in dem dass [=damit] er
mir dasselbe tue, und mit Lothar in keinen [einzigen]
Dingen nicht [zusammen-]gehe, die meinen Willen
ihm zu Schaden werden [lassen würden].
72 Das Mittelalter - Althochdeutsch

Straßburger Eide,
14. Februar 842. Ludwig
der Deutsche und Karl
der Kahle leisten die Eid­
schwüre gegen den ab­
wesenden Bruder
Lothar. Holzstich von
1866

Die n a c h k a ro lin g is c h e Z e it
Die Germanen waren vorwiegend durch angelsächsi­
sche Missionare christianisiert worden. Als in diesem
Zuge der Mönch Bonifazius Pippin, den Vater Karls des
Großen, im Jahr 751 in Soissons als König aller Fran­
ken krönte und damit den Grundstein für die karolingi­
sche Dynastie legte, waren weite Teile der Bevölkerung
bereits zum Christentum übergetreten. Für die Krö­
nung bedurfte es jedoch insofern noch des Rückhalts
der Kirche, als Pippin keiner königlichen Familie ent­
stammte und also nachträglich noch zum König ge­
salbt werden musste.
Im Gegenzug wurde die Verbindung zwischen Pippin
und dem heiligen Stuhl durch die »Pippinsche Schen­
kung« des Jahres 756 gefestigt, denn der König schütz­
te den Papst gegen die Langobarden und verbriefte
ihm mit dem Dukat von Rom Landbesitz: Der Grund­
stein für den Kirchenstaat war gelegt. Für diese Leis­
tung wurde dem Frankenkönig der Titel Patricus
Romanorum verliehen, der ihn mit Oberhoheit und
Schutzpflicht über Rom und der wichtigsten Stimme
bei der Wahl des Papstes ausstattete. Diese enge Ver- j
bindung zwischen Kaiser und Papsttum ist für die spä-
Die nachkarolingische Zeit 73

tere Regierung Karls des Großen sehr wichtig und


leibt für das gesamte frühe Mittelalter bestimmend.
Die Nachfolger Karls des Großen erwiesen sich als
unfähig, das Reich zusammenzuhalten; sie konnten
ben einfallenden Wikingern, die sich seit 890 in der
Normandie festsetzten, nicht standhalten und blieben
auch gegen die ins Ostreich einfallenden Ungarn unter­
legen. Mit dem Ende der karolingischen Zeit um 911
stehen statt eines starken Reichs fünf Stammesher-
ogtümer als fast selbstständige Gebilde da: Bayern,
Franken, Lothringen, Sachsen und Schwaben. Da sie
stark sind, verhindern sie eine Zentralregierung und
oereiten so den Boden für die territoriale Entwicklung
Deutschlands, das im Laufe seiner Geschichte immer
wieder Bestrebungen erfährt, dieses Heilige Römische
Reich auferstehen zu lassen.
Gleichzeitig mit diesem politischen Ende zerfällt die
deutschsprachige Schriftsprache und damit ihre gera-

Bonifazius
Im Jahr 723 fällt Bonifazius die Thor-Eiche ab jetzt Zentrum ihrer Häuser und ihres
in Geismar, Thüringen, um mit ihr sinnbild­ Lebens sein; ihre Nadeln seien immer
lich die heidnischen Götter zu zerstören. grün, wie Christus immer Licht ihrer Leben
Aus den Wurzeln der gefällten Eiche sprießt sein solle; sie stehe wie ein Pfeil, der in den
der Legende nach eine Tanne, und Bonifazi­ Himmel weise, Christus solle ihr Wegweiser
us ruft sie zum neuen christlichen Symbol und ihr Trost sein. Als »Tannenbaum« bleibt
aus. Ihr Holz diene zum Bau ihrer Häuser, die Tanne Wahrzeichen des Weihnachts-
erklärt er den Ungläubigen, Christus solle fests.

Bonifazius fällt die Donar-Eiche


von Geismar. Farblithografie,
um 1900, Dortmund, Westfä­
lisches Schulmuseum
74 Das Mittelalter - Althochdeutsch

Notgers Anlautgesetz dient zur Regelung der Schreibung von j

( Explosivlauten im Althochdeutschen: Endet das unmittelbar


i vorausgehende Wort auf einen stimmlosen Konsonanten (p, t, \

J k, pf, z, ch, b, d, g, f, h, z), so wechselt der erste Buchstabe des


Folgewortes (im Anlaut) von b, d, g zu p, t, k. Endet das voraus-
i gehende Wort auf einen Vokal oder einen stimmhaften Konso­
nanten (I, r, m, n), schreiben sich die Konsonanten im Anlaut 1
als b, d, g.

de keimende Literatur für ca. 150 Jahre bis zur Mitte


des 11. Jh.s. Allein Latein ist in der gängigen Ideologie
der Zeit - und einer erstarkenden Kirche - die ange- !
strebte Schriftsprache. Ein Rückfall nach den Bemü­
hungen Karls des Großen um die deutsche Sprache
und Kultur. Gleichzeitig wird durch diese konservative
Entwicklung der Grundstein dafür gelegt, dass bis weit
ins 17. Jh. hinein Latein die Sprache von Wissenschaft
und Bildung bleibt.
Große Verdienste um die deutsche Schriftsprache
erlangte um diese Zeit der Benediktinermönch und
Leiter der Klosterschule von St. Gallen, Notker Labeo
(950-1022). Seine Werke gehören zu den bekanntes­
ten und wichtigsten der Zeit. Er übersetzte und kom­
mentierte antike Literatur in althochdeutsche Prosa, i
um die biblischen Inhalte verständlicher zu machen.
In seinem Hauptwerk Psalter, einem liturgischen Text­
buch mit Psalmen und Wechselgesängen, entwickelte
er als erster eine konsequente phonetische Recht­
schreibung des Deutschen, die in der Sprachwissen­
schaft als »Notkers Anlautgesetz« bezeichnet wird.

Ü b e rg a n g z u r fr ü h m itte lh o c h d e u ts c h e n L ite ra tu r
Um die Mitte des 11. Jh.s geht die althochdeutsche
Literatur zu Ende. Ausgehend vom Kloster Cluny (ge­
gründet 910) im französischen Burgund, setzte eine
Welle großer Religiosität ein - Scholastik nannte sich
diese Form der Theologie, die versuchte, Glaubens­
inhalte philosophisch-wissenschaftlich zu deuten und
Übergang zur frühmittelhochdeutschen Literatur 75

die W eltgeschichte als direkte Folge göttlicher Offen­


barung betrachtete.
1059 wird das Papsttum per Dekret von jeder Art
der Einflussnahme durch weltliche Kräfte befreit; die
Kirche hatte in den letzten Jahrhunderten stark an
Macht gewonnen und benötigte den Schutz eines welt­
lichen Herrschers nicht mehr. Von nun an wählen aus-
chließlich Kardinäle den Papst. Die Kirche fordert
nicht nur ihre absolute Unabhängigkeit, sondern darü­
ber hinaus die Unterwerfung der weltlichen Herrscher
unter ihre Vormacht.
Im »Wormser Konkordat« von 1122 kommt es
Nach seiner Gründung
schließlich zur Trennung von kirchlichen Ämtern und 910 erlebte das Kloster
weltlichem Recht. Die Bischofsweihe findet zwar noch Cluny einen sehr ra­
schen Machtzuwachs.
im Beisein des Kaisers statt und er stattet den Geist­
1098 nannte Papst Ur­
lichen mit weltlichen Gütern und Rechten aus, verliert ban II. das Kloster »das
aber gleichzeitig jede Macht über sein Wirken. Papst­ Licht der Welt«. Nach
der französischen Revo­
tum und Kaisertum sind gänzlich unabhängige Mächte lution wurde Cluny 1790
geworden. Gewinner dieser Machtrangeleien zwischen geschlossen, seine Ge­
Kaiser und Kirche ist (neben der Kirche selbst) der ho­ bäude wurden als Stein­
bruch freigegeben.
he Adel, der sich Besitz und Ho­
heitsrechte auf Kosten des Königs
aneignet und schließlich das Kö­
nigswahlrecht durchsetzt. Gleichzei­
tig und folgerichtig sind die Bischöfe
eine Art Staat im Staat geworden,
als geistliche Reichsfürsten gehören
sie zum hohen Adel und profitieren
gemeinsam mit ihm von den grund­
legenden Veränderungen.
Es verwundert nicht, dass in die­
ser Zeiten großer Religiosität und
politischer Vormachtstellung der
Kirche der Erste Kreuzzug fällt. Zwi­
schen 1096 und 1099 ziehen christ­
liche Soldaten in Judäa ein, um die
Wirkstätten Christi aus moslemi-
scher Hand zu befreien, da Palästina
D a s M itt e la lte r - A lth o c h d e u ts c h

1070 von den Seldschuken erobert worden war. Die


Schriften der Zeit sind vorwiegend deutsche religiöse
Gebrauchstexte, die das Volk auf den rechten Weg
weisen sollen, wie das Ezzolied des Geistlichen Ezzo
aus Bamberg um 1063. In einem 34-strophigen Hym­
nus werden die Erschaffung des Menschen und Christi
Tod am Kreuz als Vollendung des göttlichen Heilspla­
nes besungen.
Notker Zwiefalten (vor 1065 bis nach 1090) schrieb
im Kloster Hirsau, das stark von der cluniazensischen
Reformbewegung geprägt war, um das Jahr 1070 mit
dem Memento mori die erste deutsche Büßpredigt in |
Reimform: ein Aufruf zur Weltabkehr und zur Askese
im Sinne von Cluny.
Das 12. Jh. liefert milder gestimmte Texte in Form
von Mariendichtungen, hier herrscht volkstümliche
Einfachheit und Frömmigkeit vor mit Maria als weib­
licher Mittlerin zwischen Mensch und Gott. Beispiel­
haft für diese Texte ist der folgende Auszug der
Mariensequenz aus dem Schweizer Kloster Muri:
Ave, vH lieh tu maris stel/a,
ein lieht der christinheit, Maria,
alri magide lucerna.

Sei gegrüßt heller Stern des Meeres,


ein Licht der Christenheit, Maria,
Leuchte aller Jungfrauen.

Die Mariendichtung bildet in gewisser Weise den sach­


ten Übergang zu den sogenannten vorhöfischen Dich­
tungen mit stärkerer Hinwendung zu weltlichen Belan­
gen, ritterlichem Leben und schließlich Abenteuern.
Maria ist als Mutter Gottes und weltliche Frau für den
Übergang kennzeichnend, die ausschließlich religiös
geprägte Dichtung kommt zu ihrem Ende. Man will in
diesem neuen Spiegel der Welt seinem Gott, gleich­
zeitig aber auch der Welt zugewandt sein und beiden
gefallen.
Übergang zur frühmittelhochdeutschen Literatur

In diese Zeit fällt die Kaiserchronik, die erste Ge-


hichtsdichtung in deutscher Sprache. Über 17.000
Verse bilden den Übergang zum Frühmittelhochdeut­
schen. Die ursprünglich Cronica genannte Schrift wur-
e von einem anonymen Geistlichen am Regensburger
Hof verfasst und bricht mit den Vorbereitungen zum
Zweiten Kreuzzug 1147 abrupt ab. Episodenhaft wer-
en die Leben von 54 römischen und deutschen Kai­
sern dargestellt.
Nach der französischen Vorlage über das Leben
aiexanders des Großen von Alberich von Besangon
(um 1120), von der nur noch 1205 Verse erhalten sind,
erfasste der vermutlich aus dem Rheinland stammen­
de Geistliche Lamprecht, genannt »der Pfaffe«, zwi­
schen 1120 und 1150 das Alexanderlied. Damit beginnt
:ie Einflussnahme der französischen Literatur auf die
deutsche, die jahrhundertelang anhalten wird. Hier der
Anfang aus der um 1170 entstandenen Straßburger
assung:
Daz liet, daz wir hie wirken,
daz su/t ir rehte merken.
S/n gevöge ist vHgereht.
Iz tihte der paffe Lamprecht
unde saget uns ze mere,
wer Alexander were.
Alexander was ein listich man,
vii manige riche er ge wan,
er zestörte manige lant.

Das Lied, das wir hier vortragen,


dem sollt ihr gebührende Aufmerksamkeit schenken,
denn es ist genau und richtig gefügt.
Der Pfaffe Lamprecht hat es gedichtet
und uns ferner berichtet,
wer Alexander gewesen ist.
Alexander war ein kluger Mann,
der viele Reiche gewann
und viele Länder zerstörte.
D a s M it t e la lt e r - A lth o c h d e u ts c h

Die Jahre zu Beginn des 12. Jh.s sind reich an Stoff


für die sogenannte Spielmannsdichtung, der Erste
Kreuzzug (1096-99) ist nach unendlichen Strapazen
vorüber, und die Kämpfer kehren mit wilden Geschich­
ten von unbekannten Ländern und nie gesehenen
Menschen und Tieren zurück nach Hause. Der Erste
Kreuzzug ist von Erfolg gekrönt, Jerusalem wird er­
obert und in Syrien und Palästina werden fränkische
Reiche gegründet. Die Angreifer kämpfen geschlossen
und eng verbündet - was in den späteren Kreuzzügen
nicht mehr der Fall sein soll, wenn Uneinigkeit die
Christen schwächt - und es kommt nicht zu den Mas­
sakern und Gräueltaten an der mohammedanischen
Bevölkerung, wie in den späteren Kreuzzügen. Neben
dem Stoff für die Fantasie, den die Fremde liefert,
bereichern die weiteren Kreuzzüge die Kultur des
Abendlandes erheblich. Der Kontakt mit dem kulturell
viel höher stehenden Islam wirkt sich positiv aus, die
arabischen Ziffern werden übernommen, Kenntnisse in
Geografie, Naturwissenschaften und Philosophie
fließen nach Norden, morgenländische Werren und Aus­
drücke kommen in die nördlichen Kulturen. Letztend­
lichen Gewinn aus den Kreuzzügen ziehen das Papst­
tum, denn sein Ansehen steigt, und italienische Städte
wie Venedig, Pisa, Genua sowie Handelszentren in
Frankreich und Deutschland.
Zu den abenteuerlichen Kriegserlebnissen kommen
neue Sagen, Märchen und Tatsachenberichte ebenfalls
aus fremden Ländern, die von jungen Geistlichen oder
Absolventen von Klosterschulen an den Höfen münd­
lich, mit Witz und Gesang vorgetragen wurden. Litera­
tur diente nicht mehr allein der geistlichen Erbauung,
sondern vor allem auch der Unterhaltung, sie ist Vor­
reiter der ritterlich-höfischen Dichtung, die ebenso
wie die Spielmannsdichtung in Süddeutschland, dem
heutigen Österreich und hauptsächlich im nördlichen
Schwaben zu finden war - in den bairischen, alemanni­
schen und ostfränkischen Dialekten also. Es ist schwer
Sprachliche Entwicklung in den Niederlanden

zu sagen, welche Rolle die Staufer für die Entwicklung


der Dichtung gespielt haben, obwohl zwei ihrer Könige,
ieinrich VI. (1165-1197) und Konrad IV. (1228-1254)
Minnesänger waren, die allerdings vermutlich persön­
lich keine Beiträge geliefert haben. Fest steht, dass die
dchtersprache des Mittelhochdeutschen ein Produkt
der höfischen Kultur war, deren Qualität und Vielseitig­
em Friedrich I. Barbarossa (1122-1190) zu verdanken
:st Man vermied regionale Formen und Ausdrücke und
wählte Reime, die sich leicht in andere Mundarten
bertragen ließen, um eine Dichtersprache zu finden,
die sich über den gesamten deutschen Sprachraum in­
klusive des niederdeutschen Sprachraums ausdehnte,
bwohl sie nie bis in die Niederlande vordrang.

S p r a c h li c h e E n t w i c k l u n g in d e n N i e d e r l a n d e n

Auf dem Gebiet der heutigen Niederlande entwickelte


sich um das Ende des 13. Jh.s auf der Grundlage des
liederfränkischen Dialekts rasch eine Sprache jenseits
des Lateinischen, die von Verwaltung, Gerichtsbarkeit,
für den Kontakt zwischen Handelsniederlassungen und
ien Umgang des gebildeten Bürgertums verwendet
wurde. Hier hatte die mittelhochdeutsche Dichterspra­
che keine Wirkung. Im 16. Jh., mit der Abspaltung der
Niederlande und dem Kräftegewinn des Calvinismus
als Variante des Protestantismus etablierte sich diese
Sprache als Standard für die geografische Region. Dar­
aus entwickelte sich das moderne Niederländisch.
Man kann also sagen, dass das Niederländische dem
Mitteldochdeutschen weit näher steht als das moder­
ne Deutsch.
D ia le k te

■Ein Dialekt (griech. dialektos = Rede­ ten Ort, dort wird er die meiste Zeit
weise, Unterredung) ist die Variation verbringen müssen. Er beginnt in
einer Hochsprache, die in Ausspra­ Dünkirchen (auf französischem
che, im Satzbau, in den grammati­ Sprachgebiet) mit einer südwestflä­
schen Formen und in der Wortwahl mischen Mundart, die es ihm gestat­
vom Standard abweicht. Eine der tet, auf der belgischen Seite leicht
wichtigsten Fragen jedoch in der Be­ den dort gesprochenen westflämi­
stimmung dessen, was ein Dialekt schen Dialekt zu verstehen und zu
ist, bleibt: Was unterscheidet einen sprechen. In jedem weiteren Ort wird
Dialekt von einer Sprache? er etwas Neues dazulernen, aber
Zur Erklärung zeichnet der nieder­ auch etwas zuvor Erlerntes verges­
ländische Linguist Klaas Heeroma sen können - nie jedoch wird er das
(1909-1972) den Fall eines engli­ Gefühl haben, eine Sprachgrenze
schen Touristen, der eine Wanderung überschritten zu haben. Schon gar
vom französischen Dünkirchen nach nicht, wenn er, aus Belgien kom­
Danzig in Polen plant; Zeit spielt da­ mend, die Schelde überquert und
bei keine Rolle. Er will an jedem Ort von Zeeuws-Flandern auf die Inseln
bleiben, an den er kommt, und mit Zeelands gelangt. Jede Sprachvarian-
den Leuten sprechen, jedoch nicht te geht mehr oder weniger nahtlos in
in der jeweiligen Landessprache (im­ die nächste über und so wird aus
merhin Französisch, Niederländisch, Südholländisch Nordholländisch und
Hochdeutsch, Dänisch, Polnisch), schließlich der Dialekt, der auf der
sondern im jeweils vorherrschenden deutschen Seite der Grenze gespro­
regionalen Dialekt, den er zuvor ler­ chen wird: Sprache als Kontinuum!
nen muss. Auf eine solche Sprach- Man kann vermuten, dass der
reise, so Heeroma, kann man sich Deutsche, der hinter der Grenze lebt,
nicht vorbereiten, denn, so definiert den niederländischen Nachbarn bes­
er Dialekt, »örtliche Mundarten stel­ ser versteht als zum Beispiel einen
len dem interessierten Außenstehen­ Bayern oder einen Alemannen. Den­
den keine Lehrmittel zur Verfügung. noch aber sind alle drei Deutsche,
Dafür sind es eben Dialekte. Der Dia­ während der Holländer, mit dem sich
lekt ist eine örtlich festgelegte Form der deutsche Grenznachbar nahezu
menschlicher Sprachexistenz, ein so­ perfekt verständigen kann, ein Aus­
ziales Kontaktmittel zum Gebrauch länder ist. Wieso? Heeroma beant­
im eigenen Lebensbereich. Dialekt wortet diese Frage so: »Die deutsch­
wendet sich nicht an den Außenste­ niederländische Staatsgrenze ist
henden.« Heeromas Engländer muss keine Volkssprachengrenze, vielmehr
sich einarbeiten - vor allem am ers­ eine Kultursprachgrenze«. Aber es ist
81

;iiCht die Sprache, die über Zugehö­ In gewisser Weise ist also der Stan­
rigkeitsgefühle entscheidet, es ist dard selbst zu einer Art (sozialem)
■in eher abstraktes Gefühl, das man Dialekt geworden, an dem deutlich
S o lid a r it ä t nennen könnte, ein politi­ Herkunft, Schulbildung, Universitäts­
sches Gefühl, kein geografisch und Klassenzugehörigkeit abgelesen
jgionales. werden können.
Tatsache ist, dass Hochdeutsch Doch die meisten Menschen be­
;nd Niederländisch zwei sehr unter­ dienen sich nicht nur einer Sprache,
schiedliche Sprachen sind, ihre sich sie »surfen«, durchbrechen Grenzen,
geografisch nahe liegenden Dialekte bewegen sich frei zwischen den so­
ingegen nicht Der Dialekt dient im­ zialen und regionalen Dialekten, ver­
mer der persönlichen Kommunikati­ wenden Sprache in verschiedenen
on, in ihm ist der Mensch zu Hause, sozialen Situationen und setzen sie,
■ährend die Standardsprache dem wenn sie es können, in jeder
Statusgewinn dient, denn sie hat Situation angemessen ein. Können
heute vor allem diese Funktion. sie es nicht, wird sanktioniert. Im
Neben dem regionalen Dialekt gibt deutschsprachigen Raum des Mittel­
es noch den sozialen Dialekt oder alters gibt es die folgenden Dialekte in
Soziolekt. Darunter versteht man die ihren jeweiligen Spraehlandschaften:
spezielle Sprachverwendung sozialer a) Oberdeutsch: Alemannisch
Gruppen wie Jugendsprache, be- (Südbaden, Schweiz, Eisass, Süd-
timmte Berufssprachen oder sogar Württemberg, Vorarlberg) und Bai­
Männer- und Frauensprache. Jeder risch (Tirol, Kärnten, Steiermark,
regionale Dialekt hat soziale Register Ober- und Niederbayern, Ober- und
Sprache ist dreidimensional. Niederösterreich, Oberpfalz).
Wer spricht aber tatsächlich den b) Mitteldeutsch: Westmittel­
Standard einer Sprache? Wahr­ deutsch (Mittelfränkisch (Köln-Trier),
scheinlich in seiner reinen und unge­ Oberfränkisch (u.a. Rheinfränkisch
färbten Form nur sehr wenige Spre­ (Pfälzisch, Hessisch)) und Ostmittel­
cher einer Sprache. Als Beispiel: Auf deutsch (Thüringisch, Obersäch­
der Welt gibt es etwa 350 Millionen sisch-Nordböhmisch, Schlesisch).
Muttersprachler des Englischen und c) Niederdeutsch: Mittelnieder­
}is zu einer Milliarde Zweitsprachler. deutsch (hat sich mit West-, Ostfäli-
Man schätzt, dass nur etwa drei Pro­ schem und Nordniedersächsischem
zent aller Muttersprachler das spre­ aus Altsächsisch entwickelt) und
chen, was man als englische Hoch­ Mittelniederländisch (aus Altnieder­
sprache (Standard oder RP-English, fränkisch).
rQceived pronounciation) bezeichnet.
M itt e lh o c h d e u ts c h

E n tw ic k lu n g e in e r N a t io n a ls p r a c h e

Die Periode des Mittelhochdeutschen als Ablösung


des Althochdeutschen erstreckt sich von der Mitte
des 12. Jh.s als Frühmittelhochdeutsch über das Klas­
sische Mittelhochdeutsch vom Ende des 12. bis Mitte
des 13. Jh.s bis hin zum Spätmittelhochdeutschen, das
je nach Quelle bis zum Ende des 15. Jh.s dauert.
Das Ende der althochdeutschen Periode zeichnet
sich nicht mehr durch große literarische Tätigkeit aus.'
Diese setzt erst wieder um die Mitte des 12. Jh.s mit
dem Beginn der Herrschaft der Hohenstaufen ein, hebt
die deutsche Sprache aus der regionalen Begrenzung
und macht sie zum ersten Mal zu einer wichtigen eu­
ropäischen Sprache. Es beginnt die Ära der großen
Hofdichter wie Wolfram von Eschenbach (ca. 1170 bis
ca. 1230), Hartmann von Aue (ca. 1160 bis ca. 1210),
Gottfried von Straßburg (gest. um 1215), Der von.
Kürenberg (Mitte des 12. Jh.s), Walther von der Vogel­
weide (ca. 1170 bis ca. 1230), Heinrich von Morungen
(gest. um 1220) oder Neidhardt von Reuenthal (1180-
1246), deren Vers-Werke weitgehend weltlich geprägt
sind und keine geistlich-kirchlichen Themen mehr be­
handeln, obwohl sie noch von religiösen Gedanken
durchdrungen sind. Die Werke, die zwischen circa 1170
und 1250 entstanden, begründen das erste klassische
Zeitalter deutschsprachiger Literatur. Während die
episch-lyrischen Werke in deutscher Sprache überwie­
gen, war es immer noch Latein, das die (wenn auch
wenigen) Prosatexte bestimmte. Im Verlauf der mittel­
hochdeutschen Periode und besonders gegen deren
Ende in den Jahren zwischen 1300 und 1350 wächst
die Zahl der Prosadokumente auf Deutsch, bis Deutsch
Latein als Verwaltungssprache langsam abzulösen be­
ginnt.
Um 1225 übersetzte Eike von Repgow (1180/90-
1233) den Sachsenspiegel, einen Gesetzestext, aus
dem Lateinischen ins Niederdeutsche. Bald schon wur­
de der Text auch ins Hochdeutsche übertragen. Damit
Entwicklung einer Nationalsprache

setzt eine langsame, aber stetige Verdeutschung der


Amtssprache ein. Das älteste kaiserliche Dokument in
deutscher Sprache datiert 1240, weitere folgen und ab
1275 ist eine deutliche Zunahme zu verzeichnen. Aus
der Zeit bis 1300 sind etwa 2.500 Dokumente erhalten
- dem standen allerdings immer noch fast eine halbe
Million (!) in lateinischer Sprache gegenüber. Aber ge­
gen Mitte des 14. Jh.s verwenden fast alle Kanzleien
Deutsch. Für diesen Wechsel vom Lateinischen zum
Deutschen gibt es soziale Gründe: Latein wird mit der
Knute traditioneller feudalistischer Interessen und vor
allem mit der Kirche assoziiert, jedoch sind die aristo­
kratischen Feudalherren zu dieser Zeit vielfach von
Bürgertum und niederem Adel als treibende Kräfte der
Gesellschaft abgelöst worden.
Andererseits bleibt die Kirche als Bewahrer des
Lateinischen und widersetzt sich standhaft jeder Ein­
mischung durch die Verwendung der Umgangsspra­
che; man verbot die Veröffentlichung jeglicher Texte
religiösen Inhalts in deutscher Sprache, und 1369 er­
ließ Karl IV. sogar ein allgemeines Verbot derartiger
Texte. In einer Zeit, da über religiös-philosophische
Dinge in weitem Rahmen nachgedacht wurde, stellte
die kirchliche Position eine starke Behinderung in der
Entwicklung der deutschen Sprache dar. Noch im Jahr
1486 erklärt der Bischof von Mainz, deutsche Bibeln
seien in seiner Diözese nicht erwünscht.

Die w i c h t i g s t e n s p r a c h lic h e n E ig e n a r te n

des M itt e lh o c h d e u t s c h e n

Sprachlich wird das Mittelhochdeutsche durch drei


Veränderungen gegenüber dem Althochdeutschen
Markiert:
' Durch die Reduzierung der vollklingenden Vor-,
Neben- und Endsilbenvokale a, e, /, o, u zu einem
schwachtonigen [a] (Schwa), geschrieben als »e«,
außer in den Ableitungssilben -ung, -nis, -üch, -heit,
-keit, -inne, -in etc., z. B.:
M itt e lh o c h d e u ts c h

ahd. Dat. PI. tagun, mhd. tagen - nhd. tagen; ahd. ich
nimu, ginoman, mhd. ich nim(e), genomen - nhd.
nehmen, genommen; ahd. scöno, mhd. Schöne -
nhd.schon.
• Durch die grafische Kennzeichnung des Sekundär­
umlauts.
• Durch die grafische und lautliche Änderung von sk
zu sch.
Andere lautliche Entwicklungen wie Monophthongie-
rung (mhd. lieber mueder bruoder - nhd. Heber müder
Bruder), Diphthongierung (mhd. mm ntuwes hüs - nhd.
mein neues Haus) und Dehnung in offener Tonsilbe
(ahd. wagan hatte ein kurzes a, das im nhd. Wagen
lang wird; ebenso wird faran zu nhd. fahren) sind spä­
tere Phänomene, die den Wechsel vom Spätmittelhoch­
deutschen zum Frühneuhochdeutschen markieren.

Sekundärumlaut
(zu Primärumlaut s. S. 52 ff.) Bis zum Verschwinden der den
Umlaut auslösenden Umgebung, also durch den Wegfall der/-
haltigen Silben beim Verfall der Endsilben ca. um das Jahr
1200, wurde der Umlaut in allen umlautfähigen Silben (a , u, o)

durchgeführt. Diese ausnahmslose Regelmäßigkeit des Wech­


sels in der Flexion von z. B. mhd. m aht zu m ä h t e (auch nhd. d ie i
M acht zu d ie M ä c h t e ) , g u o t zu g ü e t e , ahd. u b ir zu mhd. und
nhd. über bezeichnet man als Sekundärumlaut.

V o k a lw e c h s e l d u r c h H e b u n g

Als Flebung bezeichnet man den Wechsel von e > i in


der Wort- und in der Formenbildung. Die neuhochdeut­
schen Verben mit Vokalwechsel [geben - gibt, werfen
- wirft) oder Wortableitungen (Berg - Gebirge, Recht-
richten) stammen daher, dass e vor /, T, j oft auch vor
einem u der Folgesilbe, zum Flochzungenvokal /geho­
ben wurde (Flebung). Man beachte die korrespondie­
renden Beispiele aus dem Althochdeutschen:
gibirgi berg
rihten reht
wirfu, wirfit werfan
gibist geban
Neuerungen im syntaktischen Bereich

V o k a lw e c h s e l d u r c h S e n k u n g

Als Senkung bezeichnet man den Wechsel von u (ü) > o


n der Wortbildung. Der Wechsel im Neuhochdeut­
sch en (Huld - hold, füllen - voll, gülden - Gold) rührt
jäher, dass der Hochzungenvokal u vor a, e, o der Fol­
gesilbe zu o gesenkt wird (Senkung), also an die nach­
folgenden Vokale, die eine geringere Zungenhebung
rfordern, angepasst wird. Andere Bezeichnungen für
diesen Wechsel sind »a-Umlaut« oder »Brechung«. Man
beachte die korrespondierenden Beispiele aus dem
althochdeutschen:
ahd. hold (aus got. hui s) - huldF
mhd. holt - hu/de
ahd. fol (aus got. fulls) - füllen (got. fu/ljan)
mhd. vol - vullen
ahd. scolta, scolo - sculum, sculdfg
mhd. solde, schol - su/n, schu/dec.

N e u e r u n g e n i m s y n t a k t i s c h e n B e r e ic h

Der Verfall der Endsilben wirkte sich auch stark auf


den Satzbau aus, denn die Flexionsendungen, die ja
der Schaffung von Eindeutigkeit dienen sollen, verlie­
ren diese Funktion und gewährleisten deutliches Ver­
stehen nicht mehr. Anders als noch im Althochdeut­
schen tritt nun ein Personalpronomen an das flektierte
Verb: ahd. Gilaubiu, mhd. ich geloube - nhd. ich glaube.
Waren die Flexionsendungen der Substantive im Alt­
hochdeutschen noch vollkommen klar, so sind sie nun
abgeschliffen und darum undeutlich für den jeweiligen
grammatischen Fall, ihnen wird stets ein Artikel voran­
gestellt:
ahd. heilegemo gesite, mhd. dem heiligen geiste -
!hd. dem Heiligen G eist
Hier die Deklinationsformen der schwachen Feminina:
Ho m. PI. ahd. zungün mhd. die zungen
^kk. zungün die zunge
^en. zungöno der zunge
)at. zungöm den zungen
Mittelhochdeutsch

Man sieht eine deutliche Entwicklung weg von einer


synthetischen hin zu einer analytischen Bauweise.

Mittelhochdeutsche Dichtersprache
Im Gegensatz zur geschriebenen ist die gesprochene
Sprache wie zuvor, in althochdeutschen Zeiten, ein
Zusammenspiel zahlreicher Dialekte. Es zeichnen sich
allerdings erste Unterschiede im Gebrauch der Spra- ?
che ab, die nicht nur auf die Verwendung von regiona­
len Dialekten, sondern auch auf die Entwicklung von j
Soziolekten hindeuten: Gebildete Menschen unter­
schieden sich in ihrer Sprache von ungebildeten -
wobei die dialektale Basis bei beiden dieselbe war. Da­
durch entstanden Ähnlichkeiten in der Sprache einer
Bildungselite, c^e dialektgrenzenübergreifend war und
sich absetzte von der täglichen Sprache der Bauern
und Dörfler.
An den fürstlichen Höfen hat sich eine solche über­
greifende Variante gehalten und von dort aus verbrei- \
tet, denn hier kamen Menschen aus allen Teilen des
Landes zusammen.
Eine noch größere Übereinstimmung gibt es in der j
Diktion der Dichter der klassischen Periode. Zwar ist I
ihre regionale Abstammung erkennbar, aber die Spra­
che ihrer Werke zeichnet sich durch ein hohes Maß an
Gleichheit aus. Es muss allerdings darauf hingewiesen
werden, dass man dies nicht im selben Umfang verste­
hen darf wie den Gebrauch des modernen Deutsch, wo
Orthografie, grammatische Verwendung und Formge- 1
bung eines jeden Wortes reguliert und standardisiert j
sind - im Mittelalter wurde eine derartige Einheitlich- I
keit natürlich nie erreicht und das, was dafür galt, blieb
einigen privilegierten Gruppen Vorbehalten. Aber inner­
halb eines jeden Dialektgebiets wurden Übereinstim- I
mungen (um das Wort Standardisierungen zu vermei- 1
den) in der gesprochenen und der Schriftsprache ge- 1
schaffen, die sich wiederum gegenseitig beeinflussten.
Bei einigen alemannischen Dichtern lassen sich sogar 1
Mittelhochdeutsche Dichtersprache 87

Bestrebungen erkennen, bestimmte Eigenarten des


Dialekts zu vermeiden, um überregional verständlich
und akzeptabel zu sein. So wurden, wie in der mittel­
hochdeutschen Phonetik mit Ausnahme des Alemanni­
schen, die unbetonten Vokale zum unbestimmten [a]
(Schwa) reduziert, gleichgültig, ob es sich um einen
langen oder einen kurzen Vokal in der althochdeut­
schen Periode handelte. Die alemannischen Dichter je­
doch verwenden stets das nicht spezifische Schwa,
wie es in allen anderen Dialekten außer dem ihren ver­
wendet wurde. Es gelang den mittelhochdeutschen
Dichtern, zum ersten Mal in der Geschichte der deut­
schen Sprache, so etwas wie eine Einheit der Sprache
zu schaffen, die allerdings nur innerhalb der herrschen­
den Feudalklasse Verwendung fand und das Volk unbe­
teiligt ließ. Es handelt sich, wie Hugo Moser (1909-
1989) es nennt, um eine »künstlerische Sonderspra­
Das Kyffhäuser-Denk-
che«. Diese Sprachvariante nennt man gemeinhin die
mal in Thüringen: Auf
»Mittelhochdeutsche Dichtersprache«. Dieser Prozess Barbarossa wurde seit
war zum einen wegen eines größer gewordenen Kom­ 1519 die Kyffhäuser-
Sage übertragen,
munikationsradius möglich, zum anderen und vor al­
wonach er noch heute
lem aber durch den kaiserlichen Hof. Mit dem Verfall im Fels sitzt und auf
der kaiserlichen Institutionen jedoch und dem späteren seine letzte Schlacht
wartet.

Friedrich I. Barbarossa
Unter dem Schlagwort »renovatio imperii« will Friedrich
I. Barbarossa (Rotbart, 1122-1190) die Macht des Im­
periums in der alten Dreieinheit Deutschland, Italien,
Burgund wiederherstellen, um die kaiserliche Macht zu
stärken und einen festgelegten Lehnstaat zu schaffen.
Barbarossa führt Reich und Kaisertum erneut zu großer
Macht, und seine Gestalt bleibt beim Volk über Jahr­
hunderte das Ideal eines mittelalterlichen deutschen
Kaisers, denn er ist gleichzeitig einer der volkstümlichs­
ten Herrscher seiner Zeit. 1189 bricht Friedrich an der
Spitze seines Heers zum Dritten Kreuzzug auf, man will
Jerusalem zurückerobern. Auf dem Weg dorthin ertrinkt
er bei einem Bad im Fluss Salef in Anatolien. Seinem
Sohn gelingt es nicht mehr, die Ritter zu einen und den
Kreuzzug fortzusetzen, er wird abgebrochen.
M itt e lh o c h d e u ts c h

i Der Unterschied zwischen Alt- und Mittelhochdeutsch wird


durch einen direkten Vergleich deutlich. Das folgende Beispiel
gibt den Anfang des C re d o (Glaubensbekenntnis) in beiden
Sprachen sowie in Latein wieder:
ahd.
G il a u b i u in g o t f a t e r a lm a h t i g o n s c e p p u h io n h i m i l e s e n t i e r d a .

E n d e i n h e i l e n t o n C h r i s t s u n o s i n a n e in a g o n t r u h t i n u n s e r a n

mhd.
Ich geloube an got vater qalmechtigen schephaer himels un­
de der erde unde an Jesum Christ sun sinen einigen herren
unseren

lat.
»Credo in deum patrem-ömnipotentem, creatorem caeli et
terrae. Et in Jesum Christum, filium eius unicum, dominum
nostrum.«

Untergang der Hohenstaufer verfiel diese Sprache,


denn auf die analphabetischen Massen hatte sie nie
Einfluss.
Die deutsche Sprache hatte zum ersten Mal (wie die
Dichtung in dieser Sprache) europäischen Rang er­
reicht und wurde zum Ausdruck seelischer Zustände
und sachterer Gefühle verwendet, sie fiel jedoch nach
dieser Periode in ihren regionalen Charakter zurück
und verlor den eben gewonnenen nationalen Charaktei
wieder.

S p r a c h l i c h e E n t w i c k l u n g in N o r d d e u t s c h l a n d j

Durch das florierende soziale und wirtschaftliche Le- j


ben in den Hansestädten im Norden Europas etabliert j

sich hier ab der Mitte des 14. Jh.s eine eigenständige j


regionale Standardsprache, die an den meisten nord- \
deutschen Kanzleien und Gerichten verwendet wird.
Durch die Niederlassungen der Hanse in Skandinavien,]
den Niederlanden, Russland, England sowie im gesam-j
ten baltischen Raum und durch die Anerkennung des j
Gesetzestextes von Lübeck in all diesen Städten und
Regionen gewinnt diese Variante des Deutschen ein
größeres Prestige außerhalb der Grenzen, als es je zu-
Einflüsse anderer Sprachen

;r oder später der Fall war. Lange Zeit ist es sowohl


die Handelssprache für den gesamten Nordeuropäi­
schen Raum als auch Vehikel für eine lebendige nie­
derdeutsche Literatur. Und wie so oft: Mit dem Fall der
Hanse als wirtschaftlichem Motor verfällt die Sprache.
Bis zum Ende des 15. Jh.s ist sie weitgehend durch
hochdeutsch ersetzt.

Die Hanse
Ursprünglich ist die Hanse ein Zusammenschluss von Kaufleu­
ten aus Sicherheitsgründen. Per Land und auf See benutzt man
gemeinsame Handelskarawanen und errichtet im Ausland Han­
delsniederlassungen, die z. T. mit Privilegien des Gastlandes
ausgestattet sind. Der Begriff stammt aus dem Althochdeut­
schen und bedeutet »bewaffnete Schar«. Ursprünglich ent­
stand die Hanse im 12. Jh. in Flandern, England und Deutsch­
land. Ab 1358 ist die Deutsche Hanse für ca. 200 Jahre ein un­
ter der Führung Lübecks stehender Verbund von Städten mit
wirtschafts- und handelspolitischen Zielen und dem Handels­
monopol im Ostseeraum. In ihrer Blütezeit hat sie weit über
100 Mitgliedsstädte, nach dem Dreißigjährigen Krieg jedoch
löst sich die Hanse 1669 auf. Wichtige Hansestädte waren:
Antwerpen, Brügge, Hamburg, Riga, Lübeck, Nowgorod, Lon­
don, Bergen, Köln, Duisburg, Dortmund.

E in flü s s e a n d e r e r S p ra c h e n

Fahrende Ritter, geistiger Austausch zwischen den ver­


schiedenen Fürstentümern und Höfen und internatio­
nale Verflechtungen führen zu einem verstärkten Ein­
guss anderer Sprachen auf das Deutsche. Es sind vor
allem altfranzösische und provenzalische Wörter und
Formen, die in die Sprache einfließen: am our- Liebe;
garzun (frz. garqon) - Knappe; schevaiier - Ritter, turnei
~ Turnier, palias (frz. palais) - Palast.
Aus dieser Zeit stammt auch die Übernahme der
altfranz. Endung -ier = -ieren, z. B. loschieren - beher­
bergen. Dies ist eine bis heute sehr produktive Wort­
bildungsendung, die aus nichtdeutschen Verben deut­
sche macht wie etwa telefonieren, renovieren, impor­
tieren, tradieren, fotografieren etc.
M itt e lh o c h d e u ts c h

Vom duzen und irzen


Jacob Grimm beschreibt in seiner vierbändigen Grammatik
von 1819-37 den Gebrauch von »du« und »ir« im 12. und
13. Jh.: 1. gegenseitiges duzen galt unter Geschwistern und
Geschwisterkindern. 2. Eltern duzen ihre Kinder, der Vater
empfing von Sohn und Tochter ir, die Mutter vom Sohn ir, von
der Tochter gewöhnlich du, weil es zwischen Mutter und Toch­
ter eine größere Vertraulichkeit gab. 3. Eheleute irzen sich. t
4. Liebende, Minnewerbende nennen sich ir, gehen aber leicht i
in das vertrauliche Du über. 5. Der Geringere gibt dem Höhe­
ren ir und erhält du zurück. 6. Zwischen Freunden und Gesel­
len gilt du. 7. Frauen, Geistliche und Fremde erhalten ir. 8 Per­
sonifizierte Wesen werden vom Dichter geirzt. 9. Das einfache
Volk hat das Irzen unter sich noch gar nicht angenommen,
sondern bleibt beim duzen. 10. In stark emotionalen Reden
wird nicht auf die Sitte geachtet und es wechseln höfisches ir
{ und vertrauliches du.

Ebenfalls nach frz. Vorbild (frz. vous) setzt sich die


Anrede in der 2. Pers. PI. mhd. irzen durch - Siezen
kommt erst im Lauf des 16. Jh.s auf.
Durch die Kreuzzüge kommen neben exotischen
Waren auch orientalische Ausdrücke in die Sprache
(Schach - Schach; zuccer - Zucker; dschubba - Joppe),
andere Wörter aus dem Arabischen: Alkohol, Alma-
nach, Algebra, Alchemie, Kaffee, Mokka, Sandei- und
Ebenholz, Damast, Kattun, Satin, Sakko, Kümmel,
Safran, Droge, Natron, Benzin, Harem, Giraffe, Ha­
schisch, Baldachin, Matratze, Talisman, Jasmin.
Viele Wörter werden auch mittels anderer Sprachen
übernommen: Spinat gelangt aus dem Persischen ins
Arabische, in die romanischen Sprachen, ins Deutsche,
Kampfer aus dem Indischen, Giraffe aus dem Abessini-
schen und Dolmetsch aus dem Türkischen.
Aus dem Italienischen z. B. mhd. spacziren <spazi-
are - nhd. spazieren; mhd. r?s<riso - nhd. Reis; mhd.
damasc, damast<damasco, damasto - nhd. Damast,
Stoff, mhd. gross(en), groschen <grosso - nhd. Gro­
schen; mhd. karat<carato - nhd. Karat, Edelsteinge­
wichteinheit; mhd. stival <stivale - nhd. Stiefel; mhd.
salat <insalata - nhd. Salat.
Die Kolonisation des Ostens

Auch in der Seefahrt sind italienische Ausdrücke


übernommen worden, so stammen »Festland« und
»hohes Meer« von terra ferma und alto mare.

D ie K o l o n i s a t i o n d e s O s t e n s

Im 13. Jh. erweitert sich der deutsche Sprachraum


durch die Ostkolonisation entscheidend. Der Ausdruck
ist an sich irreführend, denn er klingt nach einer rein
deutschen Ausdehnung, es sind aber zunächst Mönche
verschiedener Orden, die in Missionstätigkeit nach
Osten ziehen. Vor allem aber erlebt das Abendland ei­
nen starken Bevölkerungszuwachs, der durch Binnen­
regelung wie die Neugründung von Städten oder den
Ausbau bestehender Siedlungen nicht aufgefangen
werden kann. Diese Entwicklung betrifft ganz Europa,
und so ziehen Franzosen nach Spanien in die von den
Mauren zurückeroberten Gebiete, Normannen dringen
bis zum Mittelmeer vor und Rheinländer, Niederländer,
Franken, Sachsen und andere Gruppen wie Ungarn
und slawische Stämme wandern in den dünn besiedel­
ten Osten.
Seit 1226 wirkt der Deutsche Orden in Ostpreußen,
deutschsprachige Sprachinseln wie Siebenbürgen,
Zipser Land (heutige Slowakei) entstehen in Südost­
europa und auch die Randgebiete Böhmens und Mäh­
rens werden besiedelt. Diese Besiedlung des Ostens
wird von den Fürsten in Böhmen, Pommern, Mecklen­
burg, Schlesien und Polen gefördert, denn die zahlrei­
chen Dorf- und Stadtgründungen und der damit einher­
gehende Handel bringen ihnen wirtschaftliche Vorteile.
Lediglich die Besiedlung des baltischen Raums ist mit
kriegerischen Auseinandersetzungen verbunden, der
Rest verläuft weitgehend friedlich.
Für die Siedler ist der Osten attraktiv, denn sie er­
warten neben einer größeren persönlichen Freiheit
bessere wirtschaftliche Bedingungen als im übervöl­
kerten Westen. Für die Geschichte der deutschen
Sprache ist interessant, dass sich auf dem neuen Terri-
92 Mittelhochdeutsch

So-TanWer.' Deutscher Orden


Der Deutsche Orden (auch Deutschritter, Kreuzritter,
Deutschherren) ist ein 1190 im Dritten Kreuzzug
(1189-92) ursprünglich zur Pflege von Kranken ge­
gründeter Orden, der aber in einen Ritterorden um­
gewandelt wird. Der Wahlspruch des Ordens lautet
»Helfen, Wehren, Heilen«, und sein Zeichen ist ein
schwarzes Tatzenkreuz auf weißem Grund, das auf
der rechten Seite eines weißen Mantels angebracht
ist. Neben den Templern, den Maltesern und den
Johannitern ist er der dritte zur Zeit der Kreuzzüge
gegründete Orden. Die Deutschritter waren ent­
scheidend an der Kolonisation und Missionierung
des Ostens beteiligt, wobei es in erster Linie um
einen eigennützigen Landgewinn in den östlichen
Gebieten ging. So ist der Orden bei der Unterwer­
Tannhäuser als Deutschordens­ fung der heidnischen Preußen beteiligt, die 1283 ab­
ritter, Buchmalerei, Zürich um geschlossen ist, erst danach wird das Land mit deut­
1310-1340. Große Heidelberger schen Bauern besiedelt. Ab 1309 wird die Marien­
Liederhandschrift (Codex Manes­ burg nahe der polnischen Stadt Malbork neuer
se), Pergament, 355 x 250 mm, Ordenssitz. Es folgen lange Kriege mit den Litauern,
Heidelberg, Universitätsbibliothek also eine weitere nach Osten gerichtete Bewegung,
die dem Orden schließlich ein zusammenhängendes
Herrschaftsgebiet bis nach Estland sichert.

torium Sprecher verschiedener Dialekte begegnen und


ab jetzt Zusammenleben, was die Dialekte jeder einzel­
nen Volksgruppe stark beeinflusst. So lässt sich zum
Beispiel in der Gegend des heutigen Meißen ein Sied- j
lerstrom aus der Gegend des oberen Main über Würz- ]
bürg und Bamberg nachziehen, ein anderer aus dem
westlichen Deutschland über Erfurt bis nach Meißen, i
ein dritter aus dem Norden via Magdeburg. Diese Mi­
schung der Bevölkerung, die sich auch in der Lausitz, j
Schlesien, Böhmen und Mähren aufzeigen lässt, führt
zur Herausbildung eines gemischten kolonialen Dia­
lekts, der sowohl nördliche wie südliche und westliche
Elemente in sich vereint.
Diese migratorische Entwicklung fällt mit der Macht­
ergreifung der Burg Wettin bei Halle an der Saale
durch die Wettiner zusammen, die ihr Einflussgebiet
von Meißen aus nach Thüringen ausdehnen und so die
Das Rittertum

Grundlage für den mächtigen Staat Sachsen mit sei­


nem wirtschaftlichen Zentrum in Leipzig bilden. Der
usammengewürfelte Dialekt dieser Gegend wird mit
dem Machtausbau der Wettiner zur Handels- und Um­
gangssprache für den gesamten ostmitteldeutschen
Raum, von der sich auch die verschiedenen Amtsspra­
chen der Gegend ableiten. Zwei davon, die Amtssprache
Prags und die Meißens, sind besonders seit der Verle­
gung des kaiserlichen Hofs von Karl IV. (König von Böh­
men 1347-78) nach Prag von besonderer Bedeutung.
Als um die Mitte des 14. Jh.s die Pest zu wüten be­
ginnt, versiegt der Siedlerstrom aus dem Westen, die
östlichen Gebiete - inzwischen alle christianisiert -
gewinnen an eigenständiger Macht und erlangen Un­
abhängigkeit.

Das Rittertum
In mittelhochdeutscher Zeit liegen Schrift, Sprache
und Dichtung nicht mehr in den Händen der Kirche,
und geistliche Themen werden bestenfalls in welt­
lichem Gewand behandelt, sind aber nicht mehr
Selbstzweck und Mittelpunkt der Darstellung. Zwar
wird an den Bischofssitzen und in den Klöstern weiter­
hin gearbeitet, aber parallel dazu ist eine neue Adels­
schicht an ihren Höfen und in den neu gegründeten
Städten kulturell tonangebend geworden. Träger dieser
neuen Kultur ist das in der staufischen Zeit erstarkte
Rittertum. Ritter sind die führende Kraft in Gesell­
schaft und Politik und auch die neuen Produzenten von
Literatur. Erst im Spätmittelalter wird sich das auch
auf die nichtadlige Gesellschaft ausdehnen.
Mit dem Ritter als Idealfigur, der gesellschaftliche
Jnd religiöse Verpflichtungen in sich vereinigt, werden
dessen Werte festgelegt. Thema dieser neuen Literatur
war es, als Ritter Gott und Welt, also nicht nur seinem
Schöpfer, sondern auch dessen Werk zu Gefallen zu
sein. Es entwickeln sich die ethischen Werte, die sich
'n den folgenden Leitbegriffen konzentrieren: hoher
Mittelhochdeutsch

muot (heitere, lebensbejahende Grundeinstellung), e J


(Ansehen, Ehre), triuwe (Treue), milte (Erbarmen mit
Schwächeren, Großzügigkeit, Freigebigkeit), staete
(Beständigkeit), mäze (Selbstbeherrschung, Charakte
festigkeit), zuht (Beherrschung der gesellschaftlicher*
Regeln, gutes (höfisches) Benehmen), minne (lieben-:
des Gedenken).

D ie M in n e

Einen eigenen Abschnitt verdient diese letzte ritter-


liehe Eigenschaft der minne, aus der sich die literari­
sche Form des Minnesangs als Bezeichnung für die I
Verehrung höfischer Frauen entwickelt. Der Ritter be­
singt die Frau, die erzürn Idealbild erhoben hat, und
vollbringt Heldentaten für sie. Er stellt sein Leben unc
sein gesamtes Tun in den Dienst dieser von ihm aus- l
I
erkorenen adligen Dame. Die adlige Frau genießt im )
Mittelalter eine hoch geachtete Stellung in der ritten-]
liehen Gesellschaft.
Die ersten bekannten deutschen Lieder aus dem
12. Jh. sind meist noch anonym überlieferte Verse, d iJ
von Liebe und allgemeinen Lebenserfahrungen sprecher]
du bist m?n, ich bin d?n,
des so Hst du gewis sm.
du bist beslozzen
in rninem herzen:
verlorn ist daz slüzzelin,
du muost ouch immer drinne s?n.

du bist mein, ich bin dein,


dessen kannst du gewiss sein,
du bist eingeschlossen
in meinem Herzen:
verloren ist das Schlüssellein,
du musst immer drinnen sein.

Der Minnesang entwickelt sich aus der provenzali-


schen Troubadourdichtung und verehrt und wirbt um■
;
Die Minne 95

Bedeutungswandel der Wörter W e ib und D a s M ä d c h e n , d ie u m d ie E c k e b o g .

F ra u vom Mittelhoch- zum Neuhoch­ statt


deutschen D a s M ä d c h e n , d a s u m d ie E c k e b o g .

W e ib : Im Althochdeutschen bedeutet w ib Dieser Verzicht auf die grammatische


verhüllte Braut, verheiratete Frau - eine Kongruenz zugunsten des natürlichen Ge­
Braut ist durch den Schleier verhüllt, eine schlechts trat schon im Mittelhochdeut­
verheiratete Frau trägt ein Kopftuch. schen auf:
Im Mittelhochdeutschen bedeutet w ip ver­ e in w ip d ie m a n h a t e r k a n t [ . . . ] d iu n

heiratete Frau, ehrbare Frau, Hausfrau und b e d a rf [. ..]

ist allgemeine Bezeichnung für das weib­ F ra u , ahd. fr o u w e , mhd. vro u w e , bedeutet
liche Geschlecht im Gegensatz zum Mann; Herrin, Dame von Stand, Edelfrau, Herr­
allgemein ist es das Gegenteil von Jungfrau scherin, Gebieterin. Etymologisch lässt es
oder v ro u w e , was Herrin oder Dame be­ sich wie der altisländische Name der Göt­
deutet. tin F r e y ja von einem im Deutschen ausge­
Im Neuhochdeutschen wird »Weib« nur storbenen Wort für H e r r herleiten. Seit
noch poetisch, umgangssprachlich, als dem 17. Jh. wird F ra u als Standesbezeich­
Lustobjekt, abwertend oder als niedere Be­ nung von D am e verdrängt, ist aber als »er­
zeichnung für Frau verwendet (Rasseweib, wachsene weibliche Person« oder »Ehe­
Superweib, Drecksweib etc.). Es ist unter frau« an die Stelle von mhd. w ip getreten.
den Oberbegriff »Frau« gefallen, bezeich­ Im Lauf der Geschichte verliert sich die
net aber eigentlich nur noch die »niedrig edle Bedeutung des Wortes und neuhoch­
Gestellte«. deutsch ist F ra u zur allgemeinen Ge­
Das engl, w if e bedeutet heute immer noch schlechtsbezeichnung geworden, eine Be­
(nur) »verheiratete Frau« und ist nie pejo­ deutung, die mhd. w ip innehatte, v ro u w e

rativ, während die Bedeutung des nieder­ verlor seine Bedeutung als »Herrin« voll­
ländischen w ijf sich ebenso verhält wie im kommen. In der Anrede wurden besserge­
Deutschen. stellte weibliche Personen über eine kurze
Weib ist grammatisch Neutrum: d a s W e ib . Periode als »Dame« bezeichnet, heute
Ebenso verhält es sich bei das M ädchen heißt es aber »Herr und Frau Schmitz«.
und d a s F r ä u le i n . Das grammatische Ge­ Im Althochdeutschen existierte noch die
schlecht muss also nicht zwingend mit quena, die juristische Ehefrau und die k e b i-

dem biologischen übereinstimmen. Die sa, die Nebenfrau, deren unehliche Kinder
Funktion des grammatischen Geschlechts man »Kegel« nannte und nennt (s. mit Kind
ist es lediglich, durch Kongruenz zu Adjek­ und Kegel). Vom ahd. quena leitet sich
tiven den Bezug zu entsprechenden Prono­ heute noch das englische Wort queen her.
mina herzustellen, m. a. W. einen Text ein­ Zur Bezeichnung einer biologisch jungen
deutig zu machen. Es setzt sich aber in Frau bzw. Dienerin kannte das Althoch­
Satzgefügen immer häufiger das natürliche deutsche d io r n a , mhd. d ie r n e , das sich im
Geschlecht durch, und so heißt es: Neuhochdeutschen zu »Prostituierten ge­
wandelt hat.

die meist verheiratete Frau des Lehnsherrn. Dabei


drängt der Minnesang auf Liebe nicht in ihrer sinnlich
erfüllbaren Variante, sondern als Ausdruck gesell­
schaftlichen Tuns: Geistreiche Unterhaltung, Einhai-
96 Mittelhochdeutsch

D ie M a c h t d e r F r a u M i n ­

ne, Einblattholzschnitt,
koloriert, 15. Jh., Berlin,
SM PK, Kupferstich­
kabinett

tung höfischer Disziplin und höfischer Regeln stehen I


im Mittelpunkt. Diese streng reglementierten sozialen ]
Umgangsformen spiegeln sich auch in der äußeren
Form der Dichtkunst und ihren festen, ja vorschrifts- I
mäßigen Regeln.
Das Ziel des Minnedienstes besteht darin, die Trauer
über die Unerreichbarkeit der angebeteten Frau zu
überwinden und in »hohen muot« umzuwandeln. Ein- ;
ziger Lohn des Minnesängers ist ein kleines Zeichen, 1
ein Gruß, eine freundliche Haltung der Angebeteten, j
Gleichzeitig wacht die höfische Gesellschaft streng
darüber, dass das Ideal nicht korrumpiert wird und es !
nicht zum Ehebruch kommt. Sie gestattet die schwär­
merische Liebe, die auch dem Ehemann schmeichelt, |
Leidenschaften müssen aber ideell bleiben. In den Ge­
dichten des Minnesangs bleibt das Grundmotiv immer
das Wissen um die Hoffnungslosigkeit des Ansinnens, I
die stete Unerfüllbarkeit nach Erhörung; die Kunst die- jl
ser Form besteht gerade darin, dieses Gefühl psycho­
logisch und künstlerisch zu variieren. Wenn ein Minne­
sänger - der ja fast immer auch Ritter ist - seine ver- 1
ehrte Frau zu umwerben beginnt, muss dies formell,
ideologisch und anstandsmäßig korrekt sein. Es ist die
Figur des (mhd.) merkaere, des Merkers, des Aufpas- 1
sers - oft auch ein Geistlicher - der die Liebenden be­
spitzelt, bei Sängerwettstreiten als Richter tätig ist und ]
Walther von der Vogelweide 97

der streng auf Form, Anstand und Ideologie achtet,


pie formalen Ansprüche an den Minnesang sind ent­
sprechend groß, es wird die Reinheit des Reims gefor­
dert und daktylischer Rhythmus steht neben einfa­
chem Wechsel von Hebung und Senkung. Die älteren
fyiinnedichtungen sind einstrophig mit vier paarweise
gereimten Zeilen und einer gelegentlichen reimlosen
wischenzeile (der Waisen). In ihrer Blütezeit sind die
Lieder dreistrophig.
Die Strenge der Form, die oft dem Inhalt den Vorzug
gibt, entspricht dem Wesen des Mittelalters, im Minne­
sang geht es nicht um empfindsame Liebesdichtung,
sondern um konventionelle Unterhaltung bei Hofe. Mit
der Zeit jedoch verändert sich der Minnesang stark, er
entwickelt sich einerseits zum Volkslied und anderer­
seits zum Meistersang.

Walther von der Vogelweide \h i ™ "flu-

Walther von der Vogelweide wird wahrscheinlich um


1170 in Niederösterreich geboren und stirbt um 1230
nach dem Fünften Kreuzzug. Es ist Walther, der sich
von den streng höfischen Themen löst und als vollen­
deter Formkünstler die strenge Form der Dichtung
überwindet. So löst er sich von der »hohen Minne« und
nimmt die »niedere Minne« ebenfalls in seine Lieder
auf. Im Gegensatz zur hohen schließt die niedere Min­
ne auch die Liebe zu einer unverheirateten und nicht­
adligen Frau ein. Somit gleicht er seine Lyrik den ver­
änderten Bedingungen der Welt an, die unerfüllte Lie­
be allein ist nicht mehr Ziel seiner Dichtung, sondern Walther von der Vogel­
ihre Erfüllung. Auch liegt die Schuld für die unerreichte weide zog nach dem Tod
seines Gönners Fried­
Liebe nicht mehr beim Werbenden, sondern (wie im
rich I. durch das gesam­
folgenden Auszug) bei der Geliebten. te Reich und nahm auch
ledoch so tuot si liedes mir so vH. am Fünften Kreuzzug
teil. Miniatur aus der
si kan mir verseren
Manessischen Hand-
herze und den muot schrift ( C o d e x M a n e s s e )
nü vergebez ir got dazs an m ir missetuot. aus der ersten Hälfte
des 14. Jh.s
ner nach mac si sichs bekeren
Mittelhochdeutsch

Doch tut sie mir so viel Leid.


Sie weiß mir zu verwunden
Herz und Sinn
Nun vergeh ihr Gott, was sie mir unrecht tut.
und mag sie sich bekehren.

In seiner weiteren Entwicklung vereinte Walther Minne


und Liebe zur »ebenen Minne«, zur Liebesdichtung, die
die gegenseitige Liebe zwischen Mann und Frau be- i
singt. Vor allem durch die Schrecken der Kreuzzüge
wandelt sich Walthers Dichtung dann im hohen Alter j
abermals, dunkle Aspekte fließen in seine spätere
Lyrik ein:
diu Welt ist uzen schaene, wizgrüen unde rot
und innan swarzer varwe, vinster sam der tot.

Die Welt ist außen schön, weiß, grün und rot


und innen von schwarzer Farbe, finster wie der Tod.

Meistersang
Ab etwa der Mitte des 13. Jh.s beginnen die ritterliche
Kultur und die damit verbundenen Ideale an Wirkung I
zu verlieren. Die Literatur der Zeit bis 1500 zerfällt in
verschiedene Genres und dehnt sich mit einer massi- 1
ven Verschiebung der Struktur der Gesellschaft über j
verschiedene Gruppen der Bevölkerung aus - mehr
und andere Menschen entdecken die Kunst für sich.
Mit dieser Verschiebung geht auch ein Werteverfall j
einher, der die Themen der Literatur neu definiert.
Einer der großen Auslöser war die Pestepidemie in den
Jahren von 1347 bis 1353, der etwa ein Drittel der
europäischen Bevölkerung zum Opfer fällt; ca. 25 Mio.
Menschen sterben. Die Pandemie gelangt auf dem
Seeweg auf Schiffen von Asien nach Europa und ent- I
völkert ganze Landstriche. Weltliche und geistliche
Herrscher erleiden erheblichen Autoritätsverlust ange­
sichts des Massensterbens, und damit strukturiert sich
die Gesellschaft neu: Mehr Menschen als je zuvor be­
Meistersang 99

kommen Zugang zu Zünften, die ihnen zu­


vor verschlossen waren, und es fehlen in
roßem Maße Arbeitskräfte, was zu einer
ersten Mechanisierung bestimmter Arbei­
ten führt. Auch der Hundertjährige Krieg
wischen England und Frankreich (1339-
1453) um die Herrschaft in Frankreich
hinterlässt seine Spuren in Deutschland.
Die Naturwissenschaften erlebten einen
Aufschwung, und die Zahl von Schulen
und Universitäten nimmt zu. Bürger und
Handwerker gelangen in den Genuss wei­
terreichender Bildung und setzen sie auch
n bürgerliche Literatur um, indem sie den
ritterlichen Minnesang nachahmen und
neu aufleben lassen. In Singschulen wird
Pestarzt in der »Kleidung
trenge und formentreue Dichtung gelehrt, die sich pe­
wider den Tod zu Rom«,
dantisch am ritterlichen Vorbild orientiert. Der Tabula­ anno 1656
tor, das Regelbuch von Form und Inhalt der neuen
Kunst mit genauen Vorschriften über Sprache und be­
handeltes Thema, über die Vertonung und den Vortrag
des Liedes, bestimmt das Wirken der oft fahrenden
»Meistersänger«, die hauptsächlich durch den süd­
deutschen Raum ziehen. In einer Welt, in die auch seit
er Mitte des 14. Jh.s die Inquisition eingedrungen ist,
sind die Themenvorgaben der Sänger streng auf reli­
giöse Themen festgelegt und entwickeln sich erst lang-
am zu weltlichen Anliegen.

Mittelhochdeutsche Literatur
Hier einige der wichtigsten Werke der mittelhochdeut­
schen Erzählprosa und ihre Autoren:
Hartmann von Aues Werk Der arme Heinrich ent­
stand um 1195. Der Ritter Heinrich unterwirft sein
Leben strenger ritterlicher Zucht. Er ist angesehen,
geliebt und wird verehrt. Als er vom Aussatz befallen
wird, zieht er sich von der Welt zurück. Ein Arzt aus
Salerno erklärt ihm, dass die Medizin gegen sein Lei-
100 Mittelhochdeutsch

den nicht für alles Geld der Welt zu haben sei,


denn er müsse das »herzebluot« (Herzblut) ei­
ner freigeborenen Jungfrau freiwillig von ihr I
bekommen, um geheilt zu werden. Heinrich <
verschenkt sein Hab und Gut und lebt zurück­
gezogen bei einer Pächterfamilie, deren Toch­
ter ihn hingebungsvoll pflegt und schließlich j
bereit ist, sich für den Ritter zu opfern, indem
sie sich das Herz aus der Brust schneiden las­
sen will. Heinrich erkennt sein Leid als Strafe
für seine Weltverfallenheit und seine Eitelkeit.
Er heiratet das ihm märtyrerhaft gewogene
Mädchen, lebt mit ihr in christlicher Hinge­

H a rtm a n n vo n A u e ,
bung und wird durch seine Bekehrung geheilt.
Miniatur aus der Wein- Sein Zeitgenosse Gottfried von Straßburg rühmte die i
gartener Liederhand­ »cristalTnen wortelin« (die kristallklaren Wörtlein) der I
schrift
Prosa Hartmanns. Hier ein Auszug aus dem Armen
Heinrich mit der dramatischen Stelle, als Heinrich dem
Mädchen eröffnet, wie es geopfert werden soll:
ich ziuhe dich uz, so stästü blöz,
und wirt cfin schäme harte gröz,
die du von schulden danne hast,
so du nacket vor m ir stäst.
ich binde dir bein unde arme,
ob dich dm Up erbarme,
so bedenke disen smerzen:
ich snide dich zem herzen
und brich ez lebende uz dir.
fröuwelin, nu sage mir,
ie d?n muot dar umbe ste.

Ich zieh dich aus, dann stehst du bloß


und deine Scham wird groß,
die du deshalb empfindest,
weil du nackt vor mir stehst.
Ich binde dir Beine und Arme,
auf dass sich dein Leib erbarme,
denn bedenke den Schmerz:
Mittelhochdeutsche Literatur 101

ich schneide bis zum Herzen


und breche es lebend aus dir.
Fräulein, nun sagt mir,
wie es mit deinem Mut steht.

Der Parzival des fahrenden Sängers Wolf­


ram von Eschenbach mit seinen über
25.000 Versen gehört zu den meistgele­
senen Büchern des Mittelalters. Parzival, j
der sagenhafte Ritter aus Artus’ Tafel­
runde ist bei Wolfram der Vertreter des a
christlichen Rittertums. Parzival, der Tor, i
geht seinen Weg von kindlicher Unschuld
über schuldhaftes Versagen bis zur Reue. I
Sein Ziel ist es, sowohl Gott als auch der .v...
Welt zu gefallen.
swes leben sich so verendet,
daz got niht wirt gepfendet
der sele durch des libes schulde,
un der doch der werlde hulde
behalten kan mit werdekeit
daz ist ein nütziu arbeit Szenen aus dem P a r z i­
v a l, Buchmalerei aus
dem 13. Jh.
Wer am Ende seines Lebens sagen kann,
dass er seine Seele Gott bewahrt und sie nicht
durch Sündenschuld verloren hat,
und wer es außerdem versteht, sich durch Würde
der Welten Gunst zu bewahren,
der hat eine gute Arbeit geleistet.

Das um 1200 von anonymer Hand entstandene Nibe­


lungenlied \/ere\n\gt in seinen über 2.500 Strophen in
39 »aventiuren« (Abenteuern) alle Elemente des Hel­
denepos; in ihm wurden heidnische und christliche,
Märchen- und Fabelelemente verbunden. Seine Form,
die sogenannte »Nibelungenstrophe«, bestehend aus
vier Langzeilen mit jeweils einem An- und einem Ab-
vers, eignet sich sehr gut für den mündlichen Vortrag.
102 Mittelhochdeutsch

Im ersten Teil erzählt es vom Werben


des Ritters Siegfried um Kriemhild und
schließlich von seinem Tod. Der zweite
Teil besingt den Untergang der Nibelun­
gen, dem als historische Grundlage die
Vernichtung der Burgunder durch Attila,
den Hunnenkönig, zugrunde liegt.
Uns ist in alten maeren
wunders vil geseit
von helden lobebaeren,
von grözer arebeit,
von freuden, höchgezTten,
K r i e m h i l d z i e h t z u E tz e l. von weinen und von klagen,
Buchmalerei aus einer von küner recken striten
um 1440 entstandenen
Handschrift des N ib e lu n ­
muget ir nu wunder hoeren sagen.
g e n lie d s

In alten Geschichten
wird uns viel Wunderbares berichtet:
von ruhmreichen Helden, von hartem Streit,
von glücklichen Tagen und Festen,
von Weinen und Klagen,
vom Kampf tapferer Recken
hört Ihr jetzt Wunderbares berichten.

Das wichtigste spätmittelalterliche Prosawerk, Der


D e r A c k e rm a n n a us

Böhm en, Titel des Basler Ackermann aus Böhmen, wurde von Johannes von Tel-
Drucks von 1473. Karls­ pe (1350-1414) geschrieben. Es ist das Streitgespräch
ruhe, Landesbibliothek
zwischen dem personifizierten Tod und einem Bauern,
dessen Frau gestorben ist. Der Bauer ist leidenschaft­
licher Ankläger, wandelt sich aber im Verlauf zum
demütigen Fürbitter für seine Frau. Ihm gegenüber
steht der weltverachtende Tod. Der Dialog endet im
Schiedsspruch Gottes.
ir habet beide wol ge fochten. Den twinget leit zu
klagen, disen die anfechtung des klagers, die warheit
zu sagen. Darvmb: klager, habe ere, Tot, habe sige,
seit ieder mensche das leben dem Tode, den leib der
erden, die sele vns pflichtig ist zu geben.
Formen des mittelalterlichen Dramas 103

Ihr habt beide gut gefochten: den zwinget sein Leid


zu klagen, diesen der Angriff des Klägers, die Wahr­
heit zu sagen. Darum Kläger, habe Ehre! Tod, habe
Sieg! Jeder Mensch ist pflichtig, dem Tod das Leben,
den Leib der Erde, die Seele uns zu geben.

Formen des mittelalterlichen Dramas


Parallel zu den Dichtungen und Liedern des Minne­
sangs und seiner Vorläufer bzw. der späteren Entwick­
lung entstand neben einer starken Erzählprosa im
13. Jh. auch das erste deutschsprachige Schauspiel.
Die Überwindung der Pest rückte geistlich-christliche
Themen wieder stärker in den Vordergrund, und neben
den Schwankdichtungen bildeten sich Geißlerlieder
und Totentänze im Spätmittelalter. Zu den Dramen, die
auf den öffentlichen Plätzen aufgeführt wurden und al­
so nicht mehr nur einer Elite Vorbehalten waren, son­
dern sich an das Volk richteten, zählen Fassnacht-,
Weihnachts-, Oster- und Passionsspiele. Sie erfreuten
sich großer Beliebtheit und Zuschauerschaft.

Zwischen 1523-26 fer­


Entwicklung in der Schrift tigte Hans Holbein das
Seit dem 14. Jh. zeichnet sich eine Veränderung in der Totentanzalphabet, den
Totentanzreigen auf dem
Schriftsprache ab, die für das Deutsche sehr wichtig
Schweizerdolch und die
werden wird: Schon im Frühmittelalter schrieb man Totentanzfolge an.
den Strophen-, Satz- und Versanfang ebenso wie im Hans Holbein d.J. (1497-
1543), D a s K in d , Holz­
13. Jh. die Eigennamen mit Großbuchstaben, nun wer­
schnitt
den aber auch Substantive und bald schon Adjektive
zur Hervorhebung groß geschrieben.

Jiddisch
Als im 2. Jh. n. Chr. die Juden aus Palästina vertrieben
wurden, verteilten sie sich auf das gesamte römische
Reich und den Orient. Sie sprachen hebräisch-aramä­
isch, passten sich aber sprachlich rasch den Gegeben­
heiten ihrer jeweils neuen Heimat an, behielten aber
als Sprache religiöser Handlungen ihre Sprache bei.
Wegen der schnell einsetzenden Verfolgung und
104 Mittelhochdeutsch

Diskreditierung der Juden in den neuen Gebieten ent­


wickelten sich in der Isolation rasch sogenannte
Judensprachen, Spaniolisch in Spanien, das schnell
Verbreitung im Mittelmeerraum fand, Judenpersisch in
Persien jiddisch in Deutschland.
Jiddisch gilt als westgermanische Sprache, die sich
im Mittelalter aus dem Mittelhochdeutschen ent­
wickelte und noch heute den deutschen Dialekten
verwandt ist. Dabei behielt das Jiddische auch in der
Aufzeichnung fremder Sprachen die hebräische
Schreibweise von rechts nach links bei. Nach Art der
semitischen Sprachen schreibt man im Jiddischen nur
ausnahmsweise Vokale. Es ist klar, dass die Konsonan­
ten allein ausreichen (wenn man eine Sprache be­
herrscht), um den Sinn von Geschriebenem zu verste­
hen: Ptrgth jdn Mttg mit snr Fr ins Rstrnt. Der so ge­
schriebene Text bietet den Vorteil, dass er in jeder
Region auf diese Weise geschrieben wird, währendddie
Vokale im jeweiligen Regionaldialekt gesprochen wer­
den können - die Einheitlichkeit der Schriftsprache ist
garantiert.
Während der großen Pestpandemie (1347-53) fan­
den Judenverfolgungen statt, man bezichtigte die Ju­
den der Brunnenvergiftung und brandmarkte sie als
Verursacher der Seuche. Viele von ihnen wandern da­
her aus den deutschen Gebieten nach Osteuropa, nach
Polen und Litauen, aus. Durch diese Migrationsbewe-

Entwicklung der Städte


Bis zum Jahr 1200 gab es etwa 250 deutsche
Städte. Diese Zahl wuchs aber im 13. Jh. auf
1.000 an und war um 1500 schon auf 3.000
gestiegen. Die meisten Städte (2.500) hatten
weniger als 500, nur 150 verzeichneten mehr als
1.000 Einwohner. So zählte Köln beispielsweise
schon im 12. Jh. ca. 30.000 Einwohner. Augsburg
und Nürnberg erreichten diese Zahl im 15. Jh. In Der Kupferstich der Stadt Trier
ähnlichen Dimensionen bewegten sich Danzig, von Matthäus Merian (1593-1650)
Lübeck, Straßburg, Ulm, Erfurt, Zürich. entstand 1646.
Jiddisch 105

Gründungsjahre von Universitäten


Durch das Erstarken der Städte und damit des aufstrebenden
Bürgertums sowie durch die Verschriftlichung des Geschäfts­
verkehrs kamen immer mehr Menschen in den Genuss einer
Ausbildung und strebten folglich auch eine höhere Bildung an.
Dies erklärt die Vielzahl neu gegründeter Universitäten in sehr
kurzer Zeit: Prag 1338, Wien 1365, Heidelberg 1386, Köln
1388, Erfurt 1392, Leipzig 1409, Rostock 1419, Greifswald
1456, Freiburg i.Br. 1457, Basel 1460, Ingolstadt 1472, Trier
1473, Mainz 1476, Tübingen 1477. An den Universitäten gilt
nach wie vor Latein als die Sprache der Wissenschaften, ledig­
lich in der Verwaltung etabliert sich Deutsch.

gung kommt es zu einer geteilten Entwicklung: Im


Westen entwickelte sich das Jiddisch parallel zum
Deutschen weiter und glich sich im Verlauf der folgen­
den Jahrhunderte weitgehend an, das Ostjiddisch be­
hielt weitgehend als Inselsprache seinen mittelhoch­
deutschen Stand bei, nahm lediglich slawische Wörter
in seinen Wortschatz auf und veränderte sich syntak­
tisch und morphologisch im Sinne der es umgebenden
slawischen Sprachen. Man spricht darum heute bei et­
wa drei Millionen Sprechern von Ostjiddisch und West­
jiddisch, wobei Westjiddisch fast als Variante des
Deutschen zu betrachten ist.
Etwa 15 % des jiddischen Wortschatzes kommt aus
dem Hebräischen, der größte Teil jedoch (ca. 70 %) ist
deutsch. Die restlichen 15 % sind Entlehnungen aus
dem Polnischen, Russischen, Rumänischen, Ukraini­
schen oder Slowenischen. Mit der Migration der Juden
aus Russland seit Ende des 19. Jh.s hauptsächlich in
die USA wurde das Ostjiddische stark mit englischen
Ausdrücken angereichert.
Das Deutsche nahm eine begrenzte Menge Wörter
(um 50) meist hebräischen Ursprungs auf: Schlam as­
sel, Moos (f. Geld), malochen, Moloch, Kassiber, Tinnef,
Schmus, meschugge, Mischpoke, Schm iere, Reibach,
Kaff, Ganove, petzen etc.
D e u ts c h fü r P fe rd e

R e z e p tio n d e u t s c h e r S p r a c h e u n d helm Leibniz (1646-1716) verkünd*


L i t e r a t u r in d e n l e t z t e n 5 0 0 J a h r e n te: »Wer nicht durch unzeitigen Eif^
»Mit Männern soll man französisch verblendet, muss gestehen, was bi
reden, mit seinen Geliebten italie­ uns für wohl geschrieben geachtet»
nisch, mit seinem Gotte spanisch wird, sei insgeheim kaum dem zu 1
und deutsch mit seinen Pferden«, vergleichen, so in Frankreich auf 6i
sagte Kaiser Karl V. (1500-1558). untersten Stufe stehet. Hingegen
Es scheint, dass damit vor etwa wer also französisch schreiben wolj
500 Jahren die negative Bewertung te, wie bei uns oft deutsch geschri^
der deutschen Sprache begann. Aus ben wird, der würde auch von Frau***
seinem Ausspruch zu folgern, dass er enzimmern getadelt und bei den
als deutscher Kaiser kaum des Deut­ Versammlungen verlachet werden.^,
schen mächtig war, er deshalb nur Die Geringschätzung der deut­
mit den Pferden sprechen konnte schen Sprache wird auch bei Gotfcd
und so aus der Not eine Tugend fried August Bürger (1747-1794)
machte, dürfte den Tatsachen ent­ deutlich: »Mir ist aus der ganzen LifJ
sprechen. Allerdings teilte Karl V. sei­ raturgeschichte kein Volk bekannt,
ne Abneigung gegen die deutsche welches im ganze so schlecht mit i
Sprache ebenso wie seine Unkennt­ seiner Sprache umgegangen wäre, j
nis derselben mit der damaligen welches so nachlässig, so unbeküms
Oberschicht. Man schrieb und redete mert um Richtigkeit und Schönheit,!
französisch, Wissenschaftliches ver­ ja welches so liederlich geschrieben
fasste man auf lateinisch und auch in hätte als bisher unser deutsches
Reden, wissenschaftlichen Diskursen Volk«.
und Geistlich-Klerikalem hielt man Georg Friedrich Treitschke (1776h
diese tote Sprache lebendig. 1842), der sich als Dramatiker täg- j
Seitdem hielt sich eine tiefe Abnei­ lieh mit der deutschen Sprache au$
gung gegen die deutsche Sprache, einandersetzen musste, rammt i
die man lediglich als Medium benutz­ sie gar in Grund und Boden: »Dem i
te, um sie den analphabetischen Durchschnitt des lebenden Ge- 1
Massen vorzuwerfen, denen das schlechts gebricht das Sprachgefühl
gesprochene Wort als das Wort so gänzlich wie keiner anderen Geni
schlechthin galt. Deutsch blieb die ration seit Lessings Tagen. Ja, selbd
Sprache der Pferde, bestenfalls die die Deutschen des 17. Jahrhunderts]
des ungebildeten Pöbels. versündigten sich an ihrer Sprache !
Dieses negative Gefühl gegen die nicht so frech wie die heutigen«.
deutsche Sprache blieb über Jahr­ Friedrich Nietzsche (1844-1900) \
hunderte aktiv. Noch Gottfried Wil­ hingegen dämpft es international: .•
107

»Keines der jetzigen Kulturvölker hat Welt ist ihr ferngeblieben«, denn, so
eine so schlechte Prosa als das deut­ argumentiert er weiter, »der Deut­
sche; und wenn geistreiche und ver­ sche ist kein geborener Unterhalter«.
wöhnte Franzosen sagen: es gibt Deutsche Autoren werden im Ver­
Keine deutsche Prosa - so dürfte lauf der Sprachgeschichte geschol­
man eigentlich nicht böse werden, ten als Schulmeister, belanglos Da­
da es artiger gemeint ist als wir es herredende, des Plaudertons Unfähi­
verdienen«. ge, humorlos allemal oder sie sind,
Da »die Deutschen« literarisch ver­ glaubt man dem Literaturkritiker
sagt hatten, wurden sie über die Wis­ Marcel Reich-Ranicki (*1920), dem
senschaften dann doch noch etwas. Alkohol verfallen und von Drogen­
Zwar vermittelte sich das zunächst problemen gebeutelt. Uwe Wittstock
über den Umweg des Lateinischen, (* 1955) indes weiß Rat für die deut­
aber aus der deutschen Sprache schen Autoren: »Ein kluger Schrift­
wurde, wenn schon nicht die Spra­ steller begegnet seinen Lesern heute
che der Kultur, die Sprache der Wis­ nicht besserwisserisch - denn er ist
senschaften. Friedrich Schiller sich klar darüber, dass er fast nichts
(1759-1805) fasste zusammen: »Es besser weiß. Er formuliert seine
ist das Unglück der Deutschen, dass Weltentwürfe eher bescheiden als
man ihre Sprache nicht gewürdigt ironische Spiele, so attraktiv und un­
hat.« terhaltsam wie möglich.« - deutsch
Dem Deutschen und seiner Litera­ eben!
tur haftete stets etwas Ungelenkes, Es scheint fast, als habe man das
Weltfernes an, kritisiert man. Der berühmte Wort Karls V. für bare Mün­
Philosoph Arthur Schopenhauer ze genommen, es sich gut gemerkt
(1788-1860) forderte, die Kommen­ und obendrein im Lauf der Geschich­
tare zu lateinischen Schriftstellern te der deutschen Sprache die Gele­
nicht auf Deutsch abzufassen, denn genheit genutzt, mit Äpfeln von Karls
man schreibe doch nicht für »schwa­ Pferden auf Sprache und Schriftstel­
dronierende Barbiergesellen«. Auch ler zu schmeißen. Das ist umso unan­
diese Ansicht hat sich gehalten und genehmer, als sich die deutschen
weiter herumgesprochen. »Der deut­ Autoren, so Wittstock, in der »Sack­
schen Prosa«, stellte der Schriftstel­ gasse« befinden, woraus es bekannt­
ler Ludwig Reiners (1896-1957) 1940 lich kein Entkommen weder vor Pfer­
fest, »haftet auch heute noch ein lei­ deäpfeln noch vor anderen Anwürfen
ser Duft von Kanzel und Katheder an. gibt.
[••.] Der Schwung der lebendigen
Konversation, die Luft der großen
108 Frühneuhochdeutsch

Zwischen Mittelalter und Neuzeit


Die frühneuhochdeutsche Epoche dauert bis etwa
1650 und gilt als Zwischenstufe zum modernen
Deutsch. Sie entwickelt sich nicht aus oder durch spät­
mittelalterliche Dichtung, sondern aus zunehmender
Fachliteratur, durch Amts-, Gerichts- und Verwaltungs­
sprache. Tatsache ist, dass diese Variationen der Spra­
che viel weiter verbreitet sind als die Dichtung und für
Menschen aller Stände zugänglicher und auch weitaus
bedeutsamer; die Zahl der überlieferten mittelalter­
lichen Dokumente der Fachliteratur übersteigt die der
mittelalterlichen Dichtungen um ein Vielfaches.
Die beiden großen Meilensteine für die Entwicklung
der deutschen Sprache und ihre Verbreitung als
Schriftsprache sind die Erfindung der Druckerkunst
Mitte des 15. Jh.s durch Johannes Gutenberg (um
Verbreitung der Buch­ 1400-1468) und die Reformbewegung Martin Luthers
druckerkunst

SCHW EDEN
• w ic h t ig s te D r u c k o r t e
S c h le s w ig ^ 1 4 8 2 (O d e n s e ) 1 4 8 3 (S to c k h o lm )
w V e r b r e it u n g s w e g e d e r
(1 4 8 6 ) D a n z ig (1 4 9 8 )
B u c h d ru c k e rk u n s t
O ^5. / >oi:übecl?Rostoai
/ 0 \ < ,4 7 5 >
ENG LA ND
H a m b iu r g y (4 9 1 )^ \ \
1 4 7 7 (W e s tm ln s te r ) / ° A
/ ) Lü neburg V - / & ,
\ N IE D E R L A N D E
/ ! (1 4 9 3 ) \ S t e n d a l (1 4 8
\ 1 4 7 3 (U tr e c h t)

<jA M a g d e b u rg K W itt e n b e r g (1 5 0 9 )}
(1 4 8 0 ) V °
\ \ V °
M V b u rg (1 4 7 3 )L o . \ % B r e s la u
(1 4 7 5 )

Krakau
W ü rz b u rg ) / T p ra g i
/B a m b e r g (u m 1460)

Anheim (14^)1 V P il s e n U 4 7 1 )
S p e y e r (1 4 7 6 ) > ° ( 1 4 8 5 ) ■*.# Nürnberg (1470)
"\— U
B rün n

la u
/ $ ^ uttSart
f 1 4 8 9 ) 7 < & ^ ( i 4 8 6 ) E s s l in g e n
! R e g e n s b u r g (1 4 8 5 ) ^ (1 4 9 1 )

(1458) J u fm n g e n N ° ( 1473)

u rg ( 1 4 9 |) o ( 1 4 9 7 )° f1W 4))Frejsjn^ 1495 y \ J ^ ^


ma o /K B la u b e u r e n [^Augsburg --- ^
J X o (1460) N a ss a u (14 8 1 )
fin g e n ( M 8 2 ) M ü rv c h e n (1 4 8 2 ) D o " 30

(1468)

S P A N IE N Zürich (1504). ITAUEN


1474 1 4 6 5 (K lo s te r S u b i a c o )
Zwischen Mittelalter und Neuzeit 109

(1483-1546), der weithin als Begründer


der neuhochdeutschen Schriftsprache
betrachtet wird.
Die Sprache Luthers dehnt sich
schnell in Ostmitteldeutschland und im
westmitteldeutschen Bereich überall
dort aus, wo sich seine Lehre durchset­
zen kann.
Gutenbergs Erfindung von beweg­
lichen Lettern ist für die damalige
Buchproduktion eine Revolution, die
schnell in ganz Europa populär wird.
1455 erscheint Gutenbergs Bibel, und
eine bis dahin hauptsächlich zum
mündlichen Vortrag bestimmte Litera­
tur wird von Werken abgelöst, die sich
an gebildete Leser richten. Die Produk­
Buchdruckerpresse
tion und Verbreitung von Büchern wächst schnell, in
1520 - »Offizin« nannte
nur zehn Jahren verzehnfacht sich die Jahresproduk­ man zu Gutenbergs Zei­
tion von 1515 noch ca. 100 Büchern auf ca. 1.000 im ten eine Druckerei; der
»Ballenmeister« tupft
Jahr 1524. Doch noch 1570 erscheinen 70 % aller in
mit einem mit Hunde­
Deutschland gedruckten Bücher auf Lateinisch. leder bespannten und
mit Lumpen gefüllten
Tampon Farbe auf die
Humanismus
Lettern; der Drucker­
Seit etwa 1500 nimmt die italienische Renaissance knecht dreht die Stange,
großen Einfluss auf die Entwicklung von Wissenschaft damit Druck zustande
kommt.
und Kultur in Deutschland. Diese neue Strömung wird
als Humanismus bezeichnet und verdrängt zusehends
die starre Scholastik, die die Wissenschaften, allen
voran die Philosophie, der kirchlichen Lehre unter­
stellt. Sprachlich war diese durch die Kloster- und
Domschulen propagierte Lehre (die bis heute die offizi­
elle Philosophie der katholischen Kirche ist) durch den
Gebrauch von Latein dominiert. Im Humanismus wur­
de dieses Kirchenlatein als unelegantes »Küchenla­
tein« abgetan, das Latein der antiken Dichter hingegen
als differenziertes Ausdrucksmittel wiederentdeckt
und kultiviert.
110 Frühneuhochdeutsch

Humanismus - Der
Mensch schaut hinter
die Welt, mit seinen Sin­
nen und seinem Ver­
stand erkennt er im
Weltall die Maschinerie,
die alles bewegt. Niko­
laus Copernicus gab der
Vorstellung von der
Sphärenharmonie einen
neuen wissenschaftli­
chen Sinn, mit ihm be­
ginnt die Revolution des
Weltbildes. Deutscher
Holzschnitt aus dem
Jahr 1530

Mit dem Aufkommen des Humanismus - das Wort


»humanitas« bedeutet sowohl Menschlichkeit als auch
»höhere Bildung« (humanistisches Gymnasium) - be­
ginnt eine Beschäftigung mit der Antike als Verkörpe­
rung vollendeten Menschentums in einer nachantiken
Welt. Abermals findet Latein über Lehnwörter, in Satz­
bau und Wortbildung seinen Weg ins Deutsche, denn
vielfach wird vor allem in gebildeten Kreisen eine
Mischsprache, bestehend aus beiden Sprachen, ver­
wendet. Die Wissenschaften schöpfen Wörter auf der
Grundlage griechischer und lateinischer Wurzeln - ein
Merkmal, das bis heute produktiv geblieben ist. Als
Folge wird der Wortschatz des Deutschen erheblich
erweitert. Es entstehen viele lateinische Lehnwörter
wie Kantor, Edition, zitieren etc. und Wortbildungssil- I
ben am Wortende (Suffixe) wie -ant, -enz, -ion, -ur (Mu­
sikant, Eloquenz, Nation, Natur etc.). Das lateinische i
Suffix -ianus schafft neue Wörter (Grobian, Schlendri­
an), lateinsch -antia oder-entia wird deutsch zu -anz
(Distanz, Instanz) bzw. -enz (Audienz, Eloquenz).
Auch Lehnprägungen aus dem Lateinischen etablie­
ren sich (obwohl viele davon wieder aus dem Wort­
schatz verschwunden sind): raritas (Seltenheit), syn- <
chronus (Zeitgenosse), Renaissance (widererwaxsung);
Beschäftigung mit Sprache 111

ebenso eine Reihe von Lehnübersetzungen: minder­


jährig aus lat. minorennis, Völkerrecht aus lat. ius gen­
tium, Hauptsache aus lat. causa principalis.
Auch das Griechische treibt Blüten; so kommen Ana­
lyse, Paraphrase, Autodidakt, Aristokratie, Metamor­
phose u. v. a. m. ins Deutsche.
Die Verehrung der griechischen und lateinischen
Antike geht so weit, dass Leute sich lateinisierte oder
ins Lateinische übersetzte Namen geben: Schwarzerd
wird zu Melanchthon, Fischer zu Piscator oder die
deutschen Namen werden mit Endungen versehen -
Buschius aus Busch.
Wie schon im Mittelalter bleibt Latein die Sprache
der Gebildeten. Von 2.531 erhaltenen Briefen Luthers
sind 1.507 lateinisch und nur 1.024 deutsch abgefasst.
Die Zahl der auf Deutsch gedruckten Bücher wird erst
im Jahr 1681 mit der der auf Latein gedruckten gleich­
ziehen.
Die Gelehrten beschäftigen sich mit römischen und
griechischen Quellen, übersetzen antike Schriftsteller
und schreiben Nachdichtungen ihrer Texte in lateini­
scher Sprache, wobei sie sich in Stil und Rhetorik stets
streng am antiken Vorbild orientieren. Zu den Gebilde­
ten zählen nun auch reiche Bürger, die Kunst, Wissen­
schaft und Literatur mitprägen. Die Zentren des deut­
schen Humanismus befinden sich im süddeutschen
Raum mit Universitäten wie Straßburg, Heidelberg,
Tübingen und Wien, wo 1456 der erste Lehrstuhl der
»studia humanitatis« gegründet wird. Geldhandel löst
den Naturalienhandel ab, und reiche Familien wie die
Bugger in Augsburg ermöglichen die Verbreitung der
neuen Kultur.

Beschäftigung mit Sprache


Durch die neue und sehr viel offenere Sichtweise auf
die Welt gewinnt die Sprache eine neue Dimension und
rückt selbst ins Blickfeld der Untersuchungen. Dies
2eigt auch die Veröffentlichung der ersten deutschen
112 F rü h n e u h o c h d e u ts c h

Wörterbücher in dieser Zeit - Gerard van der Schlie­


ren: De Teuthonista, 1477; Johannes Melber: I/ocabulft
rius, 1488.
Viele dieser Wörterbücher werden in Randgebiete^
der deutschen Sprache verfasst, was darauf hindeutf
mag, dass man dort unsicherer im Umgang mit der
Sprache und den Übersetzungen aus dem Lateinisch^
ist. In Sachsen dagegen ist man vom 16. Jh. an davon
überzeugt, die einzig richtige deutsche Sprache zu
sprechen, das Meißnische Deutsch. Vielleicht ein
Grund dafür, dass dort in dieser Zeit keine Wörter­
bücher entstehen.

E n tw ic k lu n g s m e r k m a le d e s F r ü h n e u h o c h d e u ts c h e n

Historisch bestimmen zwei Merkmale diese Epoche


der deutschen Sprache. Zum einen hat sich der deut­
sche Sprachraum vor allem durch die Ausdehnung
nach Osten hin stark vergrößert. Außerdem führt der
Niedergang der Hohenstaufer und der damit verbun­
dene Zerfall des Rittertums zur Stärkung eines neuen
städtischen Bürgertums sowie fürstlicher und geist­
licher Territorialherren. Für die Sprache bedeutet dies
Aufsplitterung von Macht einen Rückgang in den Ein­
heitsbestrebungen. Zum anderen gewinnt zeitgleich
das geschriebene Wort - eben durch Gutenberg und ;
Luther - zunehmend an Bedeutung. Diese beiden Ent­
wicklungen fördern erneut den Drang zur Vereinheit­
lichung der Schriftsprache. Zusammenfassend lässt i

sich also feststellen, dass die Epoche von zwei gegem


läufigen Bewegungen gekennzeichnet ist: anfänglich©!
Zersplitterung und anschließende Vereinheitlichung.

S p r a c h lic h e M e r k m a le

Die wichtigsten sprachlichen Merkmale des Frühneu­


hochdeutschen im Gegensatz zum Mittelhochdeut­
schen sind Vokaldehnung, Diphthongierung, Monoph-
thongierung und der Aussprachewechsel von s zu sch4
Sprachliche Merkmale 113

Vokaldehnung
pie Längung kuriv,. jetonter Vokale in offenen Silben,
Dehnung genannt, ist eine wesentliche Unterschei­
dung zwischen dem Mittel- und dem Frühneuhoch­
deutschen. Der Wechsel dehnt sich, von Norden kom­
mend, über das hochdeutsche Sprachgebiet mit Aus­
nahme von Teilen der Schweiz aus. Eine Silbe, die auf
einen Vokal endet, nennt man »offen«, die auf einen
Konsonanten endende »geschlossen«. Im Deutschen
beginnt eine Silbe mit einem Konsonanten, darum teilt
man tages in ta-ges - der Vokal a erfährt eine Längung.
Bei vielen Wörtern - wie zum Beispiel Tag - kommt die
Zweisilbigkeit durch die Flektierung zustande. So also:
mhd. (kurzj wip - nhd. Weib, Wei-bes (lang)
mhd. (kurz) bote - nhd. Bo-te (lang)
mhd. (kurz) nemen - nhd. neh-men (lang)
(als orthografische Neuerung wird ein h eingefügt,
um die Längung auch schriftlich zu markieren)
mhd. (kurz) tregit - nhd. tra-gen (lang)
mhd. (kurz) siben - nhd. sie-ben (lang)
(das lange / wird orthografisch als ie dargestellt, um
die Längung zu markieren).

Es gibt viele Fälle von analoger Dehnung im Präteritum


der starken Verben:
mhd. nam - nhd. nahm
mhd. las - nhd. las
(es sei auf die oft fehlende Konsistenz der deut­
schen Rechtschreibung hingewiesen; mal wird ein
h eingefügt, um die Länge zu markieren (nahm), mal
nicht (las).

Es gibt Ausnahmen von der Regel: vor m oder t


keine Längung:
mhd. komen - nhd. kommen
mhd. gate - nhd. Gatte
mhd. him el - nhd. Himmel
mhd. hamer - nhd. Hammer
114 Frühneuhochdeutsch

mhd. satel - nhd. Sattel


mhd. bleter - nhd. Blätter.
Die orthografische Kennzeichnung durch Dopplung
mm, tt etc. zur Markierung der Kürze setzt im 15. Jh. j
ein, nimmt im 17. Jh. zu, ist aber bis heute nicht regel- I
mäßig durchgeführt worden.

F r ü h n e u h o c h d e u t s c h e D i p h t h o n g ie r u n g

Die mittelhochdeutschen langen Vokale /, ü, iu werden


zu den Diphthongen ei, au, eu:
mhd. min niuwes hüs - nhd. mein neues Haus.
In den Dialekten unterscheiden sich diese neuen
Diphthonge von den alten mhd. e i (ahd. ai) und ou
(ahd. au) und werden nicht miteinander gereimt. Das
Reimschema ist wichtig, denn es zeigt die unterschied­
liche Lautung.

F r ü h n e u h o c h d e u ts c h e M o n o p h th o n g ie r u n g

Die mittelhochdeutschen Diphthonge ie, uo, üe wan­


deln sich zu den Monophthongen ?, u, ü (/wird oft ie
geschrieben):
mhd. lieben guoten brüeder - nhd. Hebe gute Brüder.
Die alemannischen und bairischen Dialekte behalten
die mittelhochdeutschen Diphthonge.

Schreibung von ß, Eszett


Durch die Zweite Lautverschiebung (s. S. 50 ff.) waren aus
dem germanischen t nach Vokal (z. B. engl, w a te r, nhd.
W a s se r) zwei Laute geworden, die anfänglich noch als z z ge­
schrieben wurden. Um die Laute zu unterscheiden, schrieb
man aber seit dem Mittelalter entweder sz oder tz . Im Laufe
der Zeit wurde die Verwendung des einen oder anderen Zei­
chens zur Wiedergabe des jeweiligen Lauts verwechselt, weil
ss und sz zusammengefallen waren. So entstand das ß (»Es­
zett«, »scharfes S«) als Ersatz für das alte sz und wurde für das
lange d o p p e l- s s geschrieben. Eine einheitliche Verwendung
wurde jedoch erst in der Zweiten Rechtschreibkonferenz 1901
festgelegt, wo man bis zur Reform von 1996 im Auslaut für ss
immer Eszett verlangte.
Veränderungen der Syntax 115

Geografisch-politisch­
kulturelle Zentren
»hochsprachlicher« Ten­
denzen in der deutschen
Sprachgeschichte

H o c h d e u ts c h e r A u s s p ra c h e w a n d e l v o n s > s c h

Vor Konsonanten werden in Aussprache und Schrift sl,


sn, sm, sr, st, sp, sw (schriftlich mit Ausnahme von st
und sp) zu schl, sehn, schm, sehr, seht, schp, sch w.
Dieser Wandel setzte im Oberdeutschen schon in mit­
telhochdeutscher Zeit ein und erstreckte sich nach
Norden, wo allerdings ein bestimmter Teil die Ausspra­
che von st und sp ohne sch- behielt,
mhd. sinden - nhd. schneiden,
mhd. srieben - nhd. schreiben,
mhd. slange - nhd. Schlange.

V e rä nd e ru n ge n d e r Syntax
Mit zunehmender Etablierung der neuhochdeutschen
Schreibsprache wird die Wortstellung im Satz, die im
Mittelhochdeutschen noch relativ frei war, rigider.
Standen im Mittelhochdeutschen Haupt- und Neben­
satz noch relativ frei nebeneinander, werden sie nun
durch Konjunktionen in ein starreres Gefüge von Über-
und Unterordnung gepresst. Auch diese Entwicklung
stammt ebenso wie die damit verbundene Verbfinal­
stellung aus dem Lateinischen. Der Übergang von
116 F rü h n e u h o c h d e u ts c h

stark analytischem zu synthetischerem Sprachbau


vollzieht sich auch hier konsequent.

K a n z le is p r a c h e

Unter einer Kanzleisprache versteht man eine von ver


schiedenen Schreibdialekten verwendete gemeinsam!
und überregionale Sprachvariante, wie sie von einzel-'
nen Kanzleien, etwa der Prager Kanzlei Karls IV., ver- :
wendet wird, die aber gleichzeitig auf Prag und einige!
wenige böhmische Städte begrenzt bleibt. Für die
Entwicklung der deutschen Sprache spielt die Kanzleii
spräche eine große Rolle, da das Sprachgebiet durch
eine Vielzahl von Dialekten extrem zersplittert ist. Es
ist vor allem die sächsische Kanzleisprache Meißens
(manchmal auch Meißnischdeutsch genannt), die die
weiteste Verbreitung findet, denn sie bewegt sich hin
zu einer Standardsprache, die sich auf der Basis ver­
schiedener regionaler Dialekte entwickelt. Martin
Luther orientiert sich in seiner Bibelübersetzung von
1545 an dieser Schriftsprache, und seine Übersetzun|
hat großen Einfluss auf die deutsche Schriftsprache.
Die Orientierung daran fällt ihm leicht, denn er ist in
seiner mitteldeutschen Heimat mit dem sächsischen
Dialekt aufgewachsen und beherrschte ihn gut.
»... ich brauche der gemeinen deutschen Sprache,
dass mich beide, Ober- und Niederländer [gemeint
sind Norddeutsche, A. d. A.] verstehen mögen. Ich
rede nach der sächsischen Canzeley, welcher nach*j
folgen ale Fürsten und Könige in Deutschland; alle
Reichsstädte, Fürsten-Höfe schreiben nach der
sächsischen und unseres Fürsten Canzeley.«
(M. Luther: Werke, Tischreden, Bd. 1 Weimar 1912: 52^

Außerdem nimmt der sächsische Dialekt geografisch7


und linguistisch zwischen den süd- und norddeutscher
Dialekten eine Mittelstellung ein. Für die Vereinheit­
lichung und Schaffung einer frühneuhochdeutschen
Schriftsprache spielt das eine entscheidende Rolle.
Kanzleisprache | Martin Luther 117

Zum Vergleich drei Versionen des Matthäusevangeliums


(Matthäus X, 5-10, Neues Testament) nach Martin Luther:

Erste Ausgabe 1522 (sächsisch):


D is e z z w e l f f e s a n d t e J h e s u s , u n d g e p o t t y h n u n d s p r a c h , G e h t

m i t a u f f d ie S tr a s s e d e r h e y d e n , u n d z i h e t n i t y n d ie s t e d t e d e r

S a m a r it e r , S o n d e r n g e h e t tz u d e n v e r lo r e n s c h a f f e n a u s d e m

h a u s Is r a e l, g e h t a b e r v u n d p r e d ig t , v u n d s p r e c h t , d a s h y m e l -

r e y c h i s t n a h e , e r b e y k o m e n , m a c h t d ie s c h w a c h e n g e s u n d ,

r e y n i g t d ie a u ß s e tz ig e n , w e e c k t d ie to d t e n a u f f [ . . . ]

Die Endausgabe von 1546 (Kanzleisprache Meißens):


) ) D je s e z w e l f f e s a n d t e J h e s u s , g e b o t j n e n , u n d s p r a c h , G e h e t

n i c h t a u f f d e r H e i d e n S tr a s s e n , u n d z i e h e t n i c h t i n d e r S a m a r i­

t e r s t e d t e , S o n d e r n g e h e t h in z u d e n v e r lo r e n S c h a fe n , a u s

d e m h a u s e Is r a e l. G e h e t a b e r v n d p r e d i g t , v u d s p r e c h t , D a s j
H im e lr e i c h i s t h a n e h e r b e y k o m e n . M a c h e t d ie K r a n c k e n g e ­

s u n d , R e i n ig e t d ie A u s s e tz i g e n , W e c k e t d ie T o d te n a u f f [ . . . ] «

In der heutigen Version:


Diese Zwölf sandte Jesus, nachdem er ihnen folgende Weisung
gegeben hatte: ‘Den Weg zu den Heidenvölkern schlaget nicht
ein und tretet auch in keine Samariterstadt ein, geht vielmehr
zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Auf eurer Wan­
derung predigt: ‘Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!’
Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein [...]

D e r » V a te r d e r d e u ts c h e n S p r a c h e « - M a r t in L u t h e r

Der Sohn eines Bergmannes wurde 1483 in Eisleben


geboren und studierte an der Universität Erfurt. 1512
erlangte er die Doktorwürde in Wittenberg, wo er Pro­
fessor für Theologie wurde. Von 1505 bis 1524 war er
Augustinermönch. Am 17. Oktober 1517 erfolgte sein
Anschlag der 95 Thesen, was ihm 1521 durch die
päpstliche Bannbulle Decret Romanum Pontificem die
Exkommunikation und anschließend die Reichsacht
durch Kaiser Karl V. eintrug. Das sogenannte »Wormser
Edikt« verbot die Lektüre und Verbreitung von Luthers
Schriften ebenso wie dessen Lehre. Seine Schriften
sollten verbrannt werden, und jeder - das bedeutet die
»Acht« -, der seiner habhaft werden konnte, sollte ihn
an Rom ausliefern; außerdem war es strikt verboten,
118 F rü h n e u h o c h d e u ts c h

ihn zu beherbergen. Friedrich III. von


Sachsen gewährte dem streitbaren
Theologen Asyl auf der Wartburg, wo
dieser mit der Übersetzung des Neuen I
Testaments begann. Luthers Überset- 1
zungen zeichnen sich ebenso wie seine
Lieder, Tischreden und anderen Schrif- 1
ten im Gegensatz zu der von ihm als
erstarrt angeprangerten und am Lateini­
schen ausgerichteten Kanzleisprache
durch einen volksnahen Stil aus. Er for- j
derte von der Sprache - auch in ihrer
Verwendung in Predigten klar, plas- j
tisch und humorvoll zu sein.
In seiner Bibelübersetzung (nach der
textkritischen Ausgabe des Neuen Tes­
taments im griechischen Urtext von
»Die Sprache ist ein
Erasmus von Rotterdam (1465/69-1536) aus dem Jahr
Werkzeug der christli­
chen Lehre.« M a r t i n 1516/19), die 1534 in Wittenberg zum ersten Mal ge­
Ölgemälde von
L u th e r, druckt wird, geht es Luther nicht um sachliche Wieder­
Lucas Cranach d. Ä.,
gabe, er fordert vielmehr eine Übertragung, die das
1526
volkstümliche Sprachempfinden spiegeln und stärken
soll. Er legt seine Grundsätze folgendermaßen dar:
»Man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen
sprachen fragen, wie man soi Deutsch reden, wie
diese esel thun, sondern man mus die mutter im
hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen
man auff dem markt drumb fragen, und den selbigen
auff das maul sehen, wie sie reden und darnach dol-
metzschen; so verstehen sie den und mercken, das
man Deutsch mit ihn redet.«
(M. Luther: Sendbrief von Dolmetzschenn und Fürbit
der heiligen, 1530)

Auf diese Weise wird er zum »Vater der deutschen


Sprache«, beeinflusst sie entscheidend und gestaltet
sie. Zwar schafft Luther keine neue Sprache und auch
kein neues Schriftsystem, doch seine Schreibsprache
Flugblätter und Flugschriften 119

nähert sich weitgehend dem Stil des ge­


sprochenen Wortes an. Geschickt greift er
bereits vorhandene Tendenzen auf und
führt sie konsequent weiter. Jacob Grimm
bezeichnet die lutheranische Standard­
sprache der Zeit als »protestantische
Sprache«. Die weite Verbreitung seiner
Schriften (nicht nur seiner Bibel) hat
großen Einfluss auf die Vereinheitlichung
in Lautung, Flexion, Wortwahl und Satz­
bau des Deutschen.
Auch in den von ihm geschriebenen
und komponierten Kirchenliedern geht es
Luther darum, dass die Gläubigen mitsin­
gen und vor allem, dass sie die Texte verstehen kön­ »Man kennt die Dinge

nen. Zahlreiche Wortschöpfungen gehen auf Luther nur durch die Worte;
wem die Macht über
zurück: anschnauben, Bubenstück, Ehescheidung, die Sprache fehlt, der
Feuereifer, friedfertig, gastfrei, Glaubenskampf, Gna­ wird notwendigerweise
kurzsichtig, verblendet
denbild, gottesgelehrt, Herzenslust, Kleingläubige,
und närrisch in seinem
Landpfleger, Lückenbüßer, Machtwort, wetterwendisch. Urteil über die Dinge
Wieder ist es der religiöse Bereich, der die deutsche sein.« Erasmus von Rot­
terdam (1469-1536),
Sprache entscheidend beeinflusst und neu gestaltet.
C i c e r o n i a n u s s iv e d e
Dabei ist Luthers Bibelübersetzung keinesfalls die er­ o p t im a d i c e n d i g e n e r e ,

ste, schon vorher hat es deutsche Bibeln gegeben, 1528

z. B. die von Johannes Mentelin (1410-1478) aus dem


Jahr 1466.

Flugblätter und Flugschriften


Sehr wichtig für die Verbreitung der lutherischen
Schriften und damit der vereinheitlichten Schriftspra­
che ist die Vielzahl von Flugblättern und -Schriften. Die
sogenannten Einblattdrucke sind im 16. Jh. weit ver­
breitet, sie werden als »Zettel«, »Brief«, »Büchlein«
oder »Zeitung« bezeichnet, Luther selbst nennt sie
Sendbriefe. Die 95 Thesen, die Luther am 31. Oktober
1517 an der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen
haben soll, finden als Flugblätter innerhalb weniger
Wochen große Verbreitung.
120 F rü h n e u h o c h d e u ts c h

Ablasshandel, Kritik an
der »käuflichen Kirche«.
Ein Ablass ist nach der
katholischen Kirche der
Nachlass von begange­
nen Sünden durch Gebe­
te oder gute Taten. Zur
Zeit Luthers entwickelt
sich der Ablasshandel
statt der geistlichen Tä­
tigkeit zu einer der
Hauptaufgaben und
Haupteinnahmequellen
der Kirche. Man kann
Ablassbriefe mit vorge­
fertigten Gebeten erwer­
ben und sich allein Flugblätter allgemein haben verschiedenste Inhalte
durch Geldspenden sün­
und nehmen die Funktion erster Zeitungen ein: Es
denfrei machen.
werden darin Todesanzeigen annonciert, berühmte
Persönlichkeiten vorgestellt, von Naturkatastrophen
berichtet; sie veröffentlichen Kalender, moralische Un­
terweisungen, Anweisungen für ein christliches Leben
und Kirchenlieder - auch die Kirchenlieder Luthers.
Sie dienen der Unterhaltung, der Information, der Er- «
bauung und dem Gebet. Ergänzt werden die fliegenden
Blätter oft durch derbe Illustrationen, um sich auch an
das analphabetische Publikum zu richten.
In einer Zeit großer religiöser und sozialer Unruhe
prangern sie Missstände an und berichten über aktuel­
les Zeitgeschehen. In der Gegenreformation von 1560
kämpfen katholische Kräfte um die Rückgewinnung
der inzwischen protestantischen Gebiete und Pfründe,
obwohl der Augsburger Religionsfrieden von 1555 noch
die freie Wahl der Konfession garantierte. Anfängliche
kriegerische Auseinandersetzungen gipfeln schließlich
1618 im Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs, der mit
dem Westfälischen Frieden von 1648 endet.

Deutsch für die Wissenschaften


Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Ho- J
henheim, genannt Paracelsus (1493-1541), ist in seiner
Grundeinstellung antihumanistisch, was sich beson- j
Deutsch für die Wissenschaften 121

ders in seiner Forderung zeigt, die deutsche Sprache


zur Sprache der Wissenschaften zu machen. Konse­
quent hält er im Winter 1526/7 in Basel die ersten Vor­
lesungen in deutscher Sprache, findet aber zunächst
keine Nachfolge.
In der Folge setzt sich auch Johann Fischart (1546-
1590) stark für eine Verwendung des Deutschen in den
Wissenschaften, aber auch allen anderen Lebensberei­
chen ein. Er betont, die Muttersprache sei wie keine
andere für die Beschäftigung mit der Philosophie und
anderen wissenschaftlichen Disziplinen geeignet. Der
Jurist Fischart, streitbarer Lutheraner und schließlich
Calvinist, kämpft im lothringischen Forbach gegen
Papsttum und Jesuiten und schreibt den ersten Sonet-
tenzyklus in deutscher Sprache, außerdem unter dem Paracelsus hinterließ
zahlreiche medizinische,
Titel Geschichtsklitterung sein literarisches Hauptwerk.
astrologische, philoso­
Er selbst nannte es: »ein verwirretes vngestaltes Mus­ phische und theologi­
ter der heut verwirrten vngestalten Welt«. Nach dem sche Schriften und Bü­
cher, die auf Deutsch
Vorbild lateinischer Schulgrammatiken werden in die­
abgefasst und vielfach
ser Zeit die ersten deutschen Grammatiken geschrie­ erst nach seinem Tod
ben, deren Autoren aus jeweils veröffentlicht wurden.

verschiedenen Regionen Deutsch­


lands stammen, die also ihre Dia­
lektmerkmale durchscheinen las­
sen: Fabian Frangk (Lebensdaten
unbekannt) aus Schlesien ver­
fasste 1531 Orthographia\ Johann
Clajus (1535-1592) aus Sachsen
Grammatica Germanicae Linguae
(1534), Valentin Ickelsamer (um
1500-1547) aus Ostfranken 1534
Teutsche Grammatica, der Würt-
temberger J. E. Meichsner (Le­
bensdaten unbekannt) das Hand-
büchlin der Orthographie und
Grammatic (1537); der Elsässer
Albert Ölinger (Lebensdaten un­
bekannt) Underricht der Hoch
F rü h n e u h o c h d e u ts c h

Teutschen Spraach, 1574. Es ist diesen frühen syste­


matischen Auseinandersetzungen mit der deutschen
Sprache zu danken, dass die Terminologie der Gram­
matik stets lateinisch bleibt.
In dieser Zeit erscheinen auch Wörterbücher; 1540
von Erasmus Alberus (um 1500-1553), 1586 von
Nicodemus Frischlin (1547-1590) und 1561 das bedeu­
tendste deutsche Wörterbuch von Josua Maaler (1529-
1599) aus Zürich: Die Teütsch spraach. Alle Wörter,
namen, un(d) arten zu reden in Hochteutscher spraach,
dem ABC nach ordentlich gestellt, unnd mit gutem La­
tein gantz fleissig unnd eigentlich vertolmetscht, der-
gleychen bißhär nit gesähen, durch Josua Maaler burger
zu Zürich.

S p r a c h l i c h e E n t w i c k l u n g in d e r S c h w e i z

Von jeher ist die schwyzertütsche Schriftsprache von


der deutschen unterschieden, überdies ist sie land­
schaftlich vollkommen begrenzt. Es sind aber auch die
Schweizer, die sich am stärksten gegen den sächsi­
schen Standard auflehnen, hier geht außerdem die Ab­
lehnung gegen das Flabsburger Reich Hand in Hand
mit der feindlichen Stimmung reformierterfrotestan-
ten gegenüber Lutheranern. Es waren die Drucker, die
als Erste Konzessionen machten. Schon vor 1500 hat
man dort die neuen Diphthonge ei, au, eu (aus mhd. 7,
ü, iu) angenommen, und als sie um 1630 auch in
Zürich verwendet werden, dann deshalb, um Zwinglis
Bibelübersetzung als Erwiderung auf Luthers Übertra­
gung zu veröffentlichen und ihr so eine größere Vertei­
lung zu garantieren. Es dauert aber noch bis weit ins
17. Jh., bis die neuen Diphthonge auch in öffentlichen
Dokumenten auftauchen, so in den amtlichen Mittei­
lungen des Rats zu Zürich. Andere Vereinheitlichungen
mit der deutschen Schriftsprache werden allerdings
erst sehr viel später angenommen, und es ist noch
heute so, dass Schwyzertütsch als regionaler Dialekt
die Umgangssprache aller Schichten ist und sich deut­
Sprachliche Entwicklung in der Schweiz 123

lieh vom Neuhochdeutschen absetzt - so sehr, dass es


von Norddeutschen kaum verstanden werden kann.

F r ü h n e u h o c h d e u t s c h e L it e r a t u r

Während das »protestantische Deutsch« (Jacob


Grimm) Martin Luthers sich als Schriftsprache durch­
setzt, schreitet gleichzeitig das Hochdeutsche auf nie­
derdeutschem Gebiet weiter vor und gelangt bis in die
Kanzleien der Hansestädte. Mundarten finden sich
auch in der Literatur, wo sich mehrere Genres zeigen.
So gibt es etwa in den Jahren zwischen 1480 und
1540 den berühmten und berüchtigten »Doktor Faus-
tus«, Magier, Alchimist, Marktschreier, Geisterbe­
schwörer, Astrologe und Scharlatan. Unzählige Sagen
und Legenden ranken sich um diese schillernde Figur,
die neuzeitliche Wissenschaftlichkeit mit Zauberei ver­
bindet. Anonym erscheint das Volksbuch von Doktor
Faustus, das das Leben dieses Mannes erzählt. Der
vollständige Untertitel des »Volksbuchs« lautet:
Historia von D. Johann Fausten, dem weitbeschreyten
Zauberer und Schwartzkünst/er, Wie er sich gegen dem
Teuffel auffeine benandte zeit verschrieben, was er
hierzwischen für seltsam e Abentheuwer gesehen,
selbst angerichtet und getrieben, bis er endelich seinen
wo! verdienten lohn empfangen. M ehrertheils auß sei­
nen eygenen hinderlassenen Schrifften, allen hochtra­
genden, fürwitzigen und Gottlosen Menschen zum
schrecklichen Beyspiel, abscheulichen Exempel und
treuherziger Warnung zusammengezogen, und in den
Druck verfertigt.
Das Buch hat großen Erfolg und wird ins Französi­
sche, Niederländische und Englische übertragen. Seit
Anfang des 17. Jh.s kommt der Stoff auch auf die Büh­
ne und ins Puppentheater und wird in den folgenden
Jahrhunderten z. B. von Gotthold Ephraim Lessing
(1729-1781), Johann Wolfgang von Goethe (1749-
1832), Heinrich Heine (1797-1856) oder Thomas Mann
(1875-1955) bearbeitet.
124 Frühneuhochdeutsch

Als Überbleibsel aus dem Mittelal­


ter hält sich die sogenannte Narrenli­
teratur. Schon 1494 hatte Sebastian
Brant (1458-1521) sein in ganz Euro­
pa bekannt gewordenes Narrenschiff
herausgebracht. Der Dichter lädt alle
Narren auf sein Schiff und zur Fahrt
nach Narragonien ein. In den Reim- 1
versen werden mit spitzer Feder
Stände, Zeitgeschehen und gängige 1
Moral vorgeführt. Die Narren als die jj
sündigen und unvernünftigen Men- j
sehen stoßen mit Vernunft und bür- 1
gerlichen Werten zusammen. Hier die
Vorrede zum Buch:
»Ein vorred in das narren schyff. Zu
nutz vnd heylsamer ler / vermanung
vnd ervolgung der wyßheit / ver-
Sebastian Brant erkann­ nunfft und guter sytten: Ouch zu Ver­
te die Kraft des Bildes achtung vnd straff der narheyt / blintheyt yrrsal vnd
und illustrierte sein N a r ­
dorheit / aller staet / vnd geschlecht der men­
114 Holz­
r e n s c h iff m \.

schnitten. Man vermu­ schen.«


tet, dass ein Großteil da­
von von Albrecht Dürer
Der Nürnberger Dichter, Meistersinger und Schuhma­
angefertigt wurde. Titel
der Erstausgabe von cher Hans Sachs (1494-1576) setzt in Schwänken, Fa­
1494 beln und Fastnachtspielen die Tradition der Narrenli- >j
tertur als satirische Darstellung fort. Sachs ist äußerst
produktiv, sein Werk umfasst über 6.000 Titel. Sein um
1550 entstandenes Spiel Der fahrendt Schüler im Para-
deiß wird auch heute noch immer wieder auf die Bühne
gebracht. Hier der Anfang dieses Spiels in vierhebigem
alternierendem Paarreim:
))Ach wie manchen seufftzen ich senck, Wenn ich
vergangner zeit gedenck, Da noch Lebet mein erster
Man, Den ich ye Ienger lieb gewan, Dergleich er
mich auch wiederumb, Wann er war einfeltig vnd
frumb. M it jm ist a ll mein frewdt gestorben, Wie wol
mich hat ein andr erworben.«
\
Vom S a u b e r h a l t e n d e r S p r a c h e 125

Auf das moderne deutsche Vokabu­ triotismus’ und nicht nur in Deutsch­
lar von etwa 400.000 Wörtern ent­ land.
fallen rund 100.000 Fremdwörter, Immer wieder entstehen Werke
in privaten Briefen liegt ihr Anteil mit Titeln wie Wörterbuch zur Er­
durchschnittlich bei 5 %, in Zeitungs­ klärung und Verdeutschung der unse­
artikeln bei ca. 15 %. Es gibt und gab rer Sprache aufgedrungenen fremden
immer Bemühungen und Bewegun­ Ausdrücke (1801) von Joachim Hein­
gen, die Sprache »rein« zu erhalten. rich Campe (1746-1818), Sprich
Diese Reinheit der Sprache soll im­ Deutsch! Ein Buch zur Entwelschung
mer in alten, historischen Formen (1917) und Deutsche Sprachschöpfer,
derselben Sprache gefunden werden, ein Buch deutschen Trostes (1919)
alles andere bezeichnet man als Kor­ beide von Eduard Engel (1851-1938)
ruption und Verfremdung der Spra­ oder Der eingedeutschte Wortschatz
che, und zu solchen Zeiten spricht der Weisheitslehre von Fl ans Lorenz
man von einer »Fremdwortflut«, die Stoltenberg (1934), Wörterbuch von
uns zu überschwemmen droht. Im Verdeutschungen entbehrlicher
17. Jh. war es der Kampf gegen fran­ Fremdwörter: Engländerei in der deut­
zösische Kultur und Sprache, der von schen Sprache von Wolfgang Viereck
Dichtern wie Friedrich von Logau und Fiermann Dünger (1989, Nach­
(1605-1655) oder Philipp von Zesen druck der Ausgabe von 1882). Dort
(1619-1689) ausgetragen wurde. Sie erzeugt man künstliche Wortschöp­
benutzten die Sprachgesellschaften, fungen, die sich zum großen Teil bis
um beides - Kultur und Sprache - heute gehalten haben: Geistgruppen­
zu reinigen und die Sprache vor Ver­ wissenschaft statt Kultursoziologie,
fremdung, Verwelschung, Sprachver- Seelkunde statt Psychologie, Wei­
ketzerungzu bewahren. Derartige bisch tum statt Feminismus, Vertrag-
»sprachhygienische« Aktivitäten tum statt Sozialism us, Mundart statt
tauchen immer wieder auf - und Dialekt, Verfasser statt Autor, Wör­
nicht nur in Zeiten gesteigerten Pa­ terbuch statt Vokabular, Augenblick
Vom Sauberhalten der Sprache

statt Moment sowie Lehrsatz, Staats­


mann, Briefwechsel etc.
Auch abstruse Sprachgebilde wer­
den vorgeschlagen, die es jedoch
glücklicherweise nicht über Zeit und
Raum geschafft haben: aus Spiegel
sollte Schauglas werden, aus Mumie
Dörrleiche, Aurora (Göttin der Mor­
genröte) sollte zu Rötinne, Venus
(Göttin der Liebe) zu Lustinne
werden; Philipp von Zesens kreierte
folgende Schöpfungen: Tageleuchter
für Fenster; Jungfernzwinger für Klos­
ter, Gesichtserker für Nase (was ver­
meintlich für ein Lehnwort gehalten
wurde). Postmeister General Heinrich von Stephan,
Aber auch heute werden neue der Eindeutscher der Ausdrücke des deut­
Wörter auf Deutsch geschaffen: schen Postwesens

Klapprechner statt Laptop (übernom­


men von der Stiftung Deutsche Spra­ diadyoin« (»zwei-für-eins« oder »dop­
che), /C'/7£y/o/rstatt Hyperlink, netzens peltgemoppelt«) wird: elektrischer
statt online, Strombrief statt E-Mail Strom oder kurz E-Strom.
(als einzelne Nachricht), Strompost Es war Postmeister General
statt E-Mail fals Medium), strom­ Heinrich von Stephan (1831 -1897),
schriftlich statt per E-Mail. der »Weltpostmeister«, wie er ge­
Ende des 19. und zu Beginn des nannt wurde, dem Deutschland die
20. Jh.s war es d e r».Allgemeine Deut­ Erfindung der Postkarte und das
sche Sprachverein«, Vorgänger der Deutsche die Verdeutschung von
^Gesellschaft für deutsche Sprache«, über 700 Ausdrücken des Postwe­
der - wiederum hauptsächlich gegen sens in den 70er Jahren des 19. Jh.s
das Französische - das Vokabular im verdankt, die sich weitgehend bis
Straßen- und Schienenverkehrzu re­ heute gehalten haben: einschreiben
gulieren versuchte: Landstraße statt statt rekommandieren, postlagernd
Chaussee, Schaffner statt Conduc- statt poste restante, Fernsprecher
teur, Fahrschein statt Bi/Iet, Kraftwa­ statt Telefon, Briefumschlag statt
gen statt Automobil, Abteil statt Couvert etc.
Coupe, und auch Strom statt Electri- Den beiden Sprachgelehrten
cität, woraus dann sogar ein »Hen- Justus Georg Schottel (1612-1676) i
127

und Konrad Duden (1829-1911) ist per-S. Supercharged. Is it love?«.


die deutsche Sprache für eine eigene Bewahrer des reinen Deutschen
grammatische Terminologie ver­ wie Wolf Schneider (geb. 1925) for­
pflichtet. So sagt man: Tätigkeitswort dern, »gespreizte, ausgeleierte oder
(Tuwort) statt Verb, Leideform statt neu aufgetauchte Fremdwörter« aus
Passiv, Doppel/aut statt Diphthong, der Sprache zu verbannen oder zu­
Mehrzahl statt Plural, Einzahl statt mindest zu regeln, wann ein Fremd­
Singular, Fall statt Kasus, Hauptwort wort verwendet werden darf. Das
statt Substantiv etc. Auch heute Fremdwort ist willkommen oder min­
noch werden Hauptschüler von Gym­ destens erlaubt, falls es:
nasiasten durch diese Sprachbarrie­ a) verständlich und treffend ist
re getrennt. (Sex, Ironie),
b) verständlich und auf dieser Stil­
ebene nicht durch ein deutsches zu
ersetzen ist (homosexuell),
c) Lokalkolorit vermittelt (Dat­
scha),
d) zwar nicht allgemeinverständ­
lich, aber bisher ohne deutsche Ent­
sprechung ist.
»War es schlecht, dass J. H. Campe
anno 1801 aus der Exkursion den
Ausflug machte und aus dem Sup­
plikanten den Bittsteller? Hat nicht
der Hubschrauber eine Anschaulich­
keit, die der Helikopter in keiner
Sprache besitzt, in der er heimisch
Karl Kraus (1874-1936)
ist?«, fragt Schneider und fordert
darum kompromisslos: »Weg mit den
Die Frage ist: Wie sollte heute eine Anglizismen!«
Sprache ohne Fremdwörter funktio­ Karl Kraus sieht den Einfluss ande­
nieren? Besonders in Werbung und rer Sprachen auf das Deutsche indes
Jugendsprache finden sich immer gelassen: »Das beste Deutsche
mehr Wörter und ganze Sätze aus könnte aus lauter Fremdwörtern zu­
anderen Sprachen, besonders aus sammengesetzt sein, weil nämlich
dem Englischen: »Relaxen im V-Shirt der Sprache nichts gleichgültiger
von Tschibo«; »SAP: Ich bin Head­ sein kann als das Material, aus dem
hunter«; »Handy-Shop«; »Mini Coo- sie schafft.«
D e r W e g z u m N e u h o c h d e u ts c h e n

N a tio n a ls p r a c h e im B a r o c k

Die neu gestärkten Nationalgefühle in Europa fallen


mit einer Epoche zusammen, die einen Namen trägt,
der - zunächst noch abfällig verwendet - aus dem
Ende des 19. Jh.s stammt: Barock. In Deutschland ist
die Frage nach der Nationalsprache wegen der großen
politischen Zersplitterung besonders heiß umkämpft -
man sucht die gemeinsame Sprache, vor allem die
gemeinsame Schriftsprache, als einigendes Band für
die Nation. Die Sprache war ja besonders durch latei­
nische, französische, aber auch spanische und italieni­
sche Entlehnungen gezeichnet worden.
In Frankreich fand der Prozess der Sprachreinigung
und der Befreiung vom Lateinischen schon sehr früh
statt. Der Dichter Francois de Malherbe (1555-1628)
stellte am französischen Hof und damit für die Dicht­
kunst im Allgemeinen strenge formale Ansprüche an
die Sprache und wurde einer der wichtigsten Wegbe­
reiter der französischen Klassik.
Zu Beginn des 17. Jh.s bildeten sich die ersten
Sprachgesellschaften, so der »Palmenorden« oder die
»Fruchtbringende Gesellschaft« in Weimar im Jahr 1617
nach dem Vorbild der 1583 in Florenz gegründeten
»Accademia della Crusca«. Sie wurde »zu Erhaltung
und Fortpflantzung aller Ritterlichen Tugenden, Auf­
richtung und Vermehrung Teutschen wohlgemeinten
Vertrauens und sonderlich daß unsere bishero verlas­
sene, verachtete und in letzten Zügen ligende Teut-
schinne sich erholend, ihre nothleidende Kinder, Teut-
sches Geblüts und Gemüts in etwas sich ermuntern«
aus der Taufe gehoben. Andere Sprachgesellschaften
folgten nach: die »Deutschgesinnte Genossenschaft«
in Hamburg 1642, der »Hirten- und Blumenorden an
der Pegnitz« in Nürnberg 1644 und der »Elbschwanen-
orden« in Lübeck 1658.
Zur selben Zeit, 1635, wurde in Frankreich die »Aca-
demie frangaise« mit vierzig auf Lebenszeit berufenen
Mitgliedern, den sogenannten »Unsterblichen«, ge­
Nationalsprache im Barock 129

gründet, die die Vereinheitlichung und Pflege der fran­


zösischen Sprache betreiben soll.
Im »Palmenorden« gehörte es zu den Aufgaben der
Mitglieder - unter ihnen Dichter wie Martin Opitz
(1597-1639), Johann Michael Moscherosch (1601 -
1669), Johann Rist (1607-1667), Philipp von Zesen,
Friedrich von Logau (1604-1655) und Grammatiker wie
Justus Georg Schottelius (Name lateinisiert aus Schot­
tel, s. S. 111) - ein normatives Wörterbuch und andere
Referenzwerke wie Grammatiken, Werke zur Rhetorik
oder zur Poetik zu erstellen: Die barocken Sprachpfle-
ger in Deutschland streben die grammatische Rege­
lung der Sprache an. Es geht aber auch darum, die
deutsche Sprache gegen die Erzrivalen Latein und
Französisch abzugrenzen und durch eine einheitliche
Sprache mit einheitlicher Aussprache durchzusetzen.
»Sprachliche Einheit«, schreibt Hugo Moser
(1961:41), »bedeutet nun und künftig ein Doppeltes:
Beseitigung der Verschiedenheiten der schriftsprach­
lichen Gebilde und gelenkte äußere und innere Weiter­
entwicklung der Schriftsprache zur Einheitssprache,
mehr und mehr auch auf dem Gebiet der Rechtschrei­
bung und der Aussprache.«

G r a m m a tik e n , W ö r t e r b ü c h e r u n d a n d e r e W e r k e

z u r d e u ts c h e n S p ra c h e

Anfang des 17. Jh.s entstehen zahlreiche Wörterbücher,


so 1607 Teutsche Orthographey und Phraseologey von
Johann Rudolph Sattler, Georg Henischs Teutsche
Sprach und Weisheit 1616 oder W. Schönsieders
Promptuarium Germanico-Latinum 1618, und Gramma­
tiken, vor allem Teutsche Sprachkunst (1641) und Aus­
führliche Arbeit von der Teutschen Haubt-Sprache
(1663) von J. G. Schottelius. In seinen Werken setzt
sich Schottelius für einheitliche Rechtschreibung und
die Ersetzung der grammatischen lateinischen Aus­
drücke durch deutsche ein. Es ging ihm hauptsächlich
um die einheitliche Schriftsprache, er akzeptierte
130 Der Weg zum Neuhochdeutschen

Luthers Version und auch die der Kanzlei- j


en, an denen sich die Schriftsprache ori- ‘
entierte, forderte aber, eine literarische
Sprache solle sich keinesfalls an einem
Dialekt oder einer Regionalsprache orien­
tieren, sondern an dem Sprachgebrauch j
»gebildeter und gelehrter Männer«.
Die wohl einflussreichste Figur ist Mar- I
tin Opitz, der mit seinem Buch von der
deutschen Poeterey. In welchem alle jhre
eigenschafft und zuegehör gründtlich er- 1
zehlet, und mit exempeln außgeführet wird
(1624) den Rahmen der Grammatik
Johann Christoph
sprengt und Regeln für poetische Sprache in Bezug auf
Gottsched (1700-1766)
Themenwahl, Versmaß, Sprache und Stil für weit über
die kommenden einhundert Jahre festlegt.
Georg Phillip Harsdörffer (1607-1658), Gründer der
»Nürnberger Sprachgesellschaft« und selber Dichter,
schreibt praktische Ratgeber für die Verwendung der

Johann Christoph Gottsched


1730 wird Gottsched außerordentlicher Professor
für Poesie und Beredsamkeit in Leipzig, ab 1734
ordentlicher Professor für Logik und Metaphysik.
Er wird zum Reformer und geistigen Führer der
Frühaufklärung. Besondere Verdienste erzielt er im
Bereich des deutschen Theaters, er sorgt für eine
deklamatorische Ausbildung der Schauspieler und mit bett<£rcmpcfnunferer beffcti ©ic&ter er(4«fcrt.
anftfl«
hebt das soziale Ansehen des Standes. Seine Hal­
einer (gmleiftma fff £>itf)tfunj?
tung gegenüber dem Theater bleibt dabei starr und ufofefst, unt; mit Sfamerfimgtn cttäutfrt.
2>iefe neue S(us5ga6c ift, fonbctli# im »• Xbeile,
dogmatisch, er will das Wunderbare, Fantastische, mit eitlen neuen ^aupffiürfen setme^rrt,

ja jede Art von Gefühl daraus verbannt sehen. In


3o£ann ©ottftyebem
den Jahren bis 1762 gibt er eine Reihe von litera­
rischen Zeitschriften heraus, und es erscheinen
zahlreiche Artikel und Bücher. Von seiner A u s f ü h r ­
lic h e n R e d e k u n s t sagt er selbst, er wolle Rhetorik
als »beständiges Lehrfach auf Universitäten«
sehen. 53irtte fr&r Nimf&t« aufagt, mit «KtränÜijJi« firner it.

'75l>
S3ecfegts Gfcrf|tep$ Söttitfopf.

Titelblatt der gottschedschen »Dichtkunst«


Grammatiken, Wörterbücher und andere Werke 131

poetischen Sprache: Poetischer


Trichter, die Teutsche Dicht- und
Reimkunst, ohne Behuf der lateini­
schen Sprache, in sechs Stunden
einzugießen (1647-1653). Hars-
dörffer sind einige Eindeutschun­
gen zu danken, die bis heute er­
halten sind: im Theater Aufzug für
das Fremdwort Akt, beobachten
für observieren, Briefwechsel für
Korrespondenz, Prismenfernglas
für Teleskop.
In der zweiten Hälfte des 17.
und der ersten Hälfte des 18. Jh.s
gibt es eine lange Reihe von Ge­
lehrten, die sich für die deutsche Sprache einsetzen, D ie B r ü d e r J a c o b u n d
W il h e lm G r im m , Gemäl­
darunter bedeutende Philosophen wie Gottfried Wil­
de von Elisabeth Jeri-
helm Leibniz (1646-1716) oder Christian Wolff (1679- chau-Baumann, Öl auf
1754). In Bezug auf die Sprache tut sich besonders Jo­ Leinwand, 63 x 54 cm,
Berlin, SMPK, National­
hann Christoph Gottsched (1700-1766) hervor, seine
galerie
Deutsche Sprachkunst von 1648, in der er grammati­
sche und stilistische Regeln festlegt, bleibt lange Zeit
eines der bedeutendsten Bücher zur deutschen Spra­
che. Wie Schottelius hält er die literarische Sprache für
die wichtigste Variation, unabhängig von Region, sozia­
ler Gruppe und Dialekt. Tatsächlich schreibt er selbst
im ostmitteldeutschen Standard, und es ist seiner Ar­
beit zu danken, dass auch der Süden diese Schriftspra­
che als den Standard akzeptiert.
In enger Anlehnung an Gottsched folgen 1774-86
Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen
Wörterbuchs der hochdeutschen Mundart, das erste
große Wörterbuch mit normativer Funktion, und Anwei­
sung zur deutschen Orthographie (1788) von Johann
Christoph Adelung (1732-1806).
Die deutschen Romantiker mit ihrem speziellen In­
teresse am Mittel alter sind ermutigt zum Studium alter
Stadien der deutschen Sprache und betreiben germa-
132 Der Weg zum Neuhochdeutschen

igggg nistische und vergleichende Sprachwissenschaften,


die an verschiedenen Universitäten erfolgreich sind,
und legen auch für andere Länder und deren Sprachen
Die Gram m atik bahnbrechende Arbeiten vor. Das wohl bedeutendste
Hi * I mm i«wr4**VVort Werk aus dieser Zeit ist das Deutsche Wörterbuch von
m m S m j./ » h i n , e h e B e h fie I* fÖ»Hort-
htWime. ktmjogatMm. I fcMtaat«.«
.irxitrrn Bmkfec 4er Sprache.
mä ttk
Jacob und Wilhelm Grimm, mit dessen Herausgabe die
beiden Brüder 1852 begannen. Die Ausgabe wurde
vollständig erst 1960 fertiggestellt.
Im späten 19. Jh. wird die Forderung nach wirklicher
Einheitlichkeit der Sprache immer zwingender, denn
Duden Grammatik, die die Zahl der Veröffentlichungen nimmt ständig zu, die {
für das Deutsche als Regierung schaltet sich ein und versucht, den schrift­
verbindliches normati­
lichen Standard per Dekret zu schaffen. 1880 er­
ves Regelwerk gilt
scheint Konrad Dudens (1829-1911) Vollständiges
Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache
(heute: Rechtschreibung der deutschen Sprache und
der Fremdwörter) und wird zum verbindlichen Stan­
dardwerk für das Deutsche.
Der immer noch vorhandene regional-dialektale
Unterschied wird besonders von Schauspielern als dis­
kriminierend empfunden. Der Wunsch also, auch im
gesprochenen Bereich einen verbindlichen Standard zu
schaffen, wird, ausgehend von der Bühne, immer
größer. Es verwundert also nicht, dass Theodor Siebs I
(1862-1941) sein 1889 erschienenes Standardwerk der
Aussprache Deutsche Bühnenaussprache betitelt. Hier 1
wird der norddeutschen Aussprache vor allen anderen 1
deutschen Dialekten der Vorzug gegeben.

Die Aufklärung
Nach dem Ende der großen religiösen Auseinander­
setzung - des Dreißigjährigen Krieges -, in dem es vor
den Schablonen von religiösen Interessen eigentlich
um eine Neuordnung der Welt geht, setzt sich als
Gegenbewegung ein Rationalismus durch, der auf Er­
kenntnis setzt. Staatsräson, wie das Konzept von dem
italienischen Staatsphilosophen Niccolö Macchiavelli
(1469-1527) genannt wurde, in der Machtgewinn zum
Die Aufklärung 133

Zweck des Staats erhoben wird, vor dem ethische, reli­


giöse und traditionelle Erwägungen verblassen sollen,
wird zur gängigen politischen Vorgehensweise, Ver­
tragsbrüche und Koalitionswechsel Tagesordnung.
Der Westfälische Friede von 1648 hat den Reichs­
ständen die volle Landeshoheit mit dem Recht ge­
bracht, Bündnisse auf jeder Ebene außer gegen Kaiser
und Reich schließen zu können. De facto bedeutet
dies, dass das Reich zu einem Verbund souveräner
Staaten wird. Der Reichstag aber, der seit 1663 stän­
dig in Regensburg tagt, fordert Einstimmigkeit.
Die Landkarte wird 1648 neu definiert, die Schweiz
und die Generalstaaten (Flandern und die Niederlande)
treten aus dem Reich aus; Metz, Toul, Verdun, Oberel-
sass mit Sundgau, Breisach und Phillipsburg gehen an
Frankreich, Vorpommern, Bremen, Verden und Wismar
an Schweden, Brandenburg erwirbt Hinterpommern,
Kammin, Halberstadt, Minden und die Anwartschaft
auf Magdeburg. Durch diese Neuverteilung erhalten
Schweden und Frankreich, die jene Gebiete des Reichs
als Lehen bekommen, das Recht auf Sitz und Stimme
im Reichstag - Einstimmigkeit wird also im Reichstag
fast nie erzielt.
Vor diesem Hintergrund wird im neuen Denken der
Zeit alles, auch alle Bereiche der Kultur, an der Ver­
nunft, an wissenschaftlich nachprüfbaren Daten ge­
messen. Aufklärung wird zur Kurzformel für die Epo­
che, die sich zum Ziel setzt, den Menschen aus der
Unmündigkeit in politische, religiöse und soziale Mün­
digkeit zu führen. Dies bedeutet aber vor allem, den
Menschen die Sprache zu geben, in der sie sich am
besten ausdrücken können: Nationalsprachen erleben
eine erhebliche Stärkung und einen enormen Zuwachs
an Selbstbewusstsein vor allem gegenüber dem Latei­
nischen.
Aber gemeinsam mit der gerade errungenen Macht­
stellung rückt eine neue, kulturell dominante Sprache
in den Mittelpunkt: Französisch. Nachdem Spanien in-
134 Der Weg zum Neuhochdeutschen

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus sei­


ner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündig­
keit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes oh­
ne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstver- 1
schuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache
derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern
der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner
ohne Leitung eines anderen zu bedienen. S a p e re

audo! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu


bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.«
Immanuel Kant, B e a n tw o rtu n g d e r F ra g e : W as is t A u f­

k lä r u n g ? , 1784

Immanuel Kant (1724-1804),


Gemälde von Gottlieb Döbler, 1791

folge des Pyrenäenfriedens von 1659 als Großmacht


ausgeschieden war, begann politisch und vor allem
kulturell das französische Zeitalter.

L ite ra tu r v o m B a ro c k b is z u r A u fk lä ru n g
Martin Opitz formuliert in seinem Werk die Regeln für
die Lyrik des Barock, dessen häufigste Formen das
Sonett, die Ode, das Emblem und das Epigramm sind.
Die bedeutendsten Lyriker dieser Epoche sind Paul
Fleming (1609-1640), dessen gesammelte Lyrik
1641/2 nach seinem frühen Tod unter dem Titel Teut-
sehe Poemata erscheint. Fleming reist weit und viel,
kommt sogar bis nach Persien und Russland, und die­
se Erfahrungen spiegeln sich neben seinem großen
Thema, der Liebe, in seinen Texten. Er schreibt auch
über die Verzweiflung und die Leiden, verursacht durch
den Dreißigjährigen Krieg. Hier das erste Quartett sei­
nes Sonetts An sich:
Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
weich keinem Glücke nicht, steh’ höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht’ es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit ver- I
schworen.
Literatur vom Barock bis zur Aufklärung 135

Andreas Gryphius (1616-1664) schreibt ebenfalls


über die schrecklichen Erfahrungen des Kriegs. Viele
seiner Sonette beschreiben den finsteren Abgrund des
Krieges und die menschliche Natur, die durch ihn zum
schlimmsten getrieben wird. 1639 erscheinen seine
Sonn- und Feiertags-Sonette, die auf perfekte Weise
den Zwiespalt des barocken Menschen zwischen Ge­
fühlen von Eitelkeit und Vergänglichkeit zeigen: Ent­
weder auf das Jenseits zu hoffen oder in strotzendem
Lebensgenuss in den Tag hinein zu leben. Hier das
erste Quartett seines Sonetts Es ist alles eitel:
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden,
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo jetztund Städte stehen, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Sonett: Wörtlich aus dem Italienischen übersetzt bedeutet es


»kleines Tonstück« oder auch (vor allem im Barock) »Klingge­
dicht«. Das Sonett hat eine klare Form, besteht aus 14 Verszei-
len, die auf vier Strophen aufgeteilt werden: zwei Vierzeiler
(Quartett) und zwei Dreizeiler (Terzett).
Ode: In der griechischen Antike ist jede Lyrik, die man zur Mu­
sikbegleitung vorträgt, eine Ode. Die Ode zeichnet sich weniger
durch eine feste Form aus, als vielmehr durch einen patheti­
schen Sprachstil, durch Feierlichkeit, Erhabenheit, Würde -
auch in der Themenwahl.
Epigramm: Ursprünglich handelt es sich um eine Grabinschrift,
die in ihrer Entwicklung eine poetische Erweiterung erlebt. In
knappster Form wird Gefühlen und Gedanken zu einer Situation
Ausdruck gegeben. Philipp von Zesen nannte es auf Deutsch
»Sinngedicht«.
Emblem: Im Barock häufig eine Unterschrift (oft in Form eines
Epigramms) unter einem Bild, meist einem Holzschnitt, die den
symbolischen oder allegorischen Sinn des Bildes aufgreift und
erläutert.

Andere bedeutende Dichter der Epoche sind Fried­


rich Spee von Langenfeld (1591-1635), Christian Hoff­
mann von Hoffmannswaldau (1617-1679) und Friedrich
von Logau, dessen Epigramme zu den bekanntesten
der Zeit gehören:
136 Der Weg zum Neuhochdeutschen

Was willstu weisse Lilien


zu rothen Rosen machen?
Küß eine weisse Galathe
sie wird erröthet lachen.

Die Tradition mittelalterlicher und barocker Mystik


setzt sich im Pietismus (von lat. pietas, Frömmigkeit)
fort, der im Gegensatz zur starren kirchlichen Orthodo­
xie eine individuelle Gotteserfahrung sucht. Seine
£>ec
Sprache belebt alte mystische Begriffe neu und prägt
Ctttfer ©efang.
neue Begriffe, die sich vielfach des Präfixes durch-
ttflftMrfj« ®«fc, fcer (3nhy«i
fd)m <£rW/ung,
bedienen. So entstehen Wörter wie durchdringen,
btt 5R»(fia* auf O b tn in friitjf
Sffiettfcbbat wflettb»t,
Unb burcf) bte <r 31bam* S/fcfjltcf)« bit tirfce brr Sott fr ft
durchglühen, durchblitzen, durchmessen, durchrieseln,
SRit bem SSIutr b«<*briüg« SBunb« b»n tiftwm gtftbmft
fiat.
Illfo geftf)a$ b ri ffwigen SBiUt 33crärfxn« trbub flrf)
durchschallen, durchgeistigt etc., Begriffe, die sich
©afatt roibtr brn gdttlidim © ojjn; urafonfj fianb 3»bäa
fiBib« if>n auf; tr t&atfl, uub DOflbradjft bte groffriS«. eignen, das menschliche Verhältnis zu Gott auszudrü­
ftfbnung.

3brr, o StBerf, bad nur®£)u aßgtgrnnxhtig rrfmn rt cken. Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) ist
SDarf ffcb bie £>i(f>t(unft audi recbl autS bunllrc J rttir
blr nijirm b
ysityt fit, ©rifl © d fip fjr, cor bem leb im (Jtfien bur wohl der Haupt Vertreter pietistischer Literatur in
btt«;
0 i §ütjrt
Deutschland, sein Messias. Ein Heldengedicht von
1748 zeigt deutlich den Einfluss von John Miltons
Seite aus Klopstocks
(1608-1674) Paradise Lost (dt.: Das verlorene Para­
M e s s ia s , Erstdruck in
den »Bremer Beiträgen«, dies, 1667); es ist das erste Heldenepos seit dem
1748. Mittelalter.

Der Begriff Rokoko, der gegen Ende des 17. Jh.s auf­
kommt, bezieht sich auf die verspielten Muschelele­
mente der spätbarocken Architektur. Als Zwischenzeit
zwischen Barock und Aufklärung hat das Rokoko einen
heiteren, spielerischen Charakter, der sich in den so- I
genannten »Idyllen« spiegelt, in Pastoralen, Liebeslie­
dern, Szenen bevölkert von Nymphen und Faunen.
Gott Bacchus, Symbol des Weins, des Genusses und
der Fruchtbarkeit, und Venus als Göttin der Liebe und
der Schönheit werden besungen. Christoph Martin
Wieland (1733-1813) ist der bedeutendste Dichter der
Zeit, sein Versepos Musarion, oder die Philosophie der \
Grazien von 1768 besingt heitere Lebenszuwendung
als Mittelweg zwischen Weltverachtung und Weltver- J
herrlichung.
Literatur vom Barock bis zur Aufklärung 137

Die Literatur der Empfindsamkeit mit Dichtern wie So­


phie von La Roche (1731-1807) oder Matthias Claudius
(1740-1815) hat ihre Wurzeln im Pietismus. »Empfind­
sam« wird in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s zum Mo­
dewort. Adelung definiert es in seinem Wörterbuch:
• Fähig, leicht sanfte Empfindungen zu bekommen,
fähig, leicht gerührt zu werden; für das gemeinere
und vieldeutigere empfindlich.
• Sanfte Empfindungen verrathend, erweckend.
Matthias Claudius
Die Aufklärung indes setzt sich von diesen Stilen ab (1740-1815)

und beurteilt »Barockes« als überladen, schwülstig,


dunkel. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) gilt als
der philosophische Wegbereiter der Aufklärung. Man
sucht die Helle, das Nüchterne, Sachliche, Direkte und
prägt eine philosophische Terminologie mit Wörtern
wie Bewusstsein, Begriff, Bedeutung, Verständnis, Um­
fang. Gottsched verwirft Bild, Metapher und Allegorie
als Ausdrucksformen - die ja im Barock und im Roko­
ko besonders in den Mittelpunkt gerückt waren - und
fordert Inhalt vor Form. Als bedeutendster Literat der
Zeit schreibt Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) in
einem klaren, knappen Stil, setzt jedoch gegen Gott­
scheds Forderung Metaphern und Allegorien ein, die
aber nun nicht mehr um ihrer selbst willen Vorkom­ Gotthold Ephraim
men, sondern zur Erhellung und Verdeutlichung eines Lessing (1729-1781),
Gemälde von Anton
Gedankens eingesetzt werden.
Graff, um 1779
Die Epoche zeichnet sich durch starke pädagogische
Bemühungen aus, in starkem Umfang geht es darum,
die deutsche vor der lateinischen Sprache durchzuset­
zen. In den europäischen Ländern werden umfangrei­
che Enzyklopädien populär, so in Frankreich zwischen
1751 und ’80 die 35-bändige Encyclopedie ou Diction-
naire raison ne des scineces, des arts et des metiers, in
England zwischen 1768 und 71 die Encycopaedia Bri-
tannica und in Deutschland zwischen 1732 und ’54 mit
64 Bänden das Große vollständige Universal-Lexikon al­
ler Wissenschaften und Künste, nach dem Verleger
D er W eg zum N e u h o c h d e u ts c h e n

kurz Zedlersches Lexikon genannt. Eine Vielzahl von


Zeitschriften erscheint: Der Vernünftler, eine morali­
sche Wochenschrift (1713-14), Der Patriot (ab 1724),
die Zeitschrift Bibliothek der schönen Wissenschaften
und der schönen Künste, von Gotthold Ephraim Lessing
und Moses Mendelsohn (1729-1786) herausgegeben,
erschien 1757, und ab 1773 gab Christoph Martin
Wieland (1733-1813) den Teutschen Merkur heraus.

F ra n z ö s is c h u n d D e u ts c h

Im 17. Jh. setzt sich Ludwig XIV. (1638-1715) als abso­


luter Herrscher in Frankreich durch. Kardinal Richelieu
beseitigt alle Sonderrechte der Reformierten, die
Macht der Stände wird beschnitten, die Macht in Paris
zentralisiert, ein stehendes Heer eingerichtet. Deutsch­
land ist durch den Dreißigjährigen Krieg in die Knie
gezwungen, der Stern des Weltreichs Spanien sinkt
schnell. Während der Regierungszeit Ludwigs XIV. ge­
winnt die französische Kultur einen so hohen Stellen­
wert, dass die höfischen Kreise in den deutschen Städ-
ten, und überhaupt die gesamte deutsche Oberschicht,
alles Französische über die Maßen bewundert und
nachahmt: Architektur und Malerei, Literatur und
Theater, Musik und Kleidung, soziale Umgangsformen
und eben die Sprache selbst, die für die höfliche Um­
gangssprache als weitaus geeigneter erachtet wird als
das Deutsche - man spricht und schreibt Französisch.
Trotz eines immer stärker werdenden Nationalgefühls,
besonders während der späteren Regierungszeit Napo­
leons (1799-1815), und selbst vor dem Hintergrund .
einer starken klassischen deutschen Literatur, bleibt
französisch in aristokratischen Kreisen bis weit ins
19. Jh. die bevorzugte Sprache.
Zwar arbeiten Philologen am Ausbau des Deutschen,
aber die Ergebnisse finden keinen direkten Eingang in
den täglichen Lebensablauf, vielmehr verbleiben sie in
intellektuellen und elitären Kreisen. Ebenso verhält es
sich mit dem Französischen; dennoch muss, wer sozial
Französisch und Deutsch 139

aufsteigen oder sich behaupten will, Französisch spre­


chen. Das wiederum ruft - vor allem in Zeiten des
Krieges - Nationalisten auf den Plan. Johann Gottlieb
Fichte (1762-1814) zum Beispiel erklärt 1808 in seinen
Reden an die deutsche Nation, die deutsche Sprache,
der deutsche Charakter und seine politische Mission
besäßen weitaus größeren Wert als Sprache, Charak­
ter und Mission der Franzosen.
Das zentrale Problem jedoch liegt in der fehlenden
Organisation der Deutschen, denen es nicht gelingen
will, einen gemeinsamen Standard zu schaffen. Von
großer Bedeutung ist, dass in den folgenden Jahren
bedeutende deutsche Schriftsteller wie Klopstock,
Lessing, Johann Gottfried Herder (1744-1803), Wie­
land, Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und
Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759-1805)
sowie die Romantiker im ostmitteldeutschen Standard
schreiben, ihn verfeinern und ausbauen - aber das ist
der zweite Schritt. Der erste ist allein Gottscheds Ver­
dienst, der den Wiener Hof für eine sprachliche Eini­
gung hatte gewinnen können. Seit 1764 setzt sich
auch der Jesuit Ignaz Weitenauer (1709-1783) in Inns­
bruck für die gemeinsame Schriftsprache ein. Als
schließlich unter dem Einfluss Johann Caspar Lavaters
(1741 -1801) und Johannes Gessners (1709-1790) ge­
gen Ende des 18. Jh.s auch die Schweiz den ostmittel­
deutschen Standard übernimmt, ist endlich eine
sprachliche Region schriftlich vereint - ein Zustand,
der in Frankreich schon etwa 150 Jahre zuvor erreicht
worden war. Darum ist es nicht verwunderlich, dass
Französisch gegenüber dem Deutschen immer eine
stärkere Position behält, denn Regionen - auch an sich
kulturell und dialektal vielschichtige Regionen - kön­
nen sprachlich (und damit kulturell) größeren Einfluss
ausüben als fragmentierte oder gar untereinander
uneine Regionen.
D er W eg zum N e u h o c h d e u ts c h e n

E n g lis c h u n d D e u ts c h

Der Ausdruck »empfindsam« (s. S. 137) war 1768 von


Lessing als Übersetzung des englischen sentimental
vorgeschlagen worden. Englisch, das zuvor nur gerin­
gen Einfluss auf das Deutsche hatte, wird im 18. Jh. im­
mer wichtiger. Viele literarische Einflüsse dieser Jahre
kommen aus England. So ist der von Sophie von La
Roche verfasste, aber anonym erschienene Briefroman
Geschichte des Fräuleins von Sternheim deutlich an
den Briefromanen des englischen Schriftstellers Sa­
muel Richardson (1689-1761) orientiert und spielt in
seinem zweiten Teil sogar in England. Das deutsche
Interesse an England wächst, belesene Deutsche stili­
sieren das Land Großbritannien zur wahren Heimat der
Aufklärung. Das war noch ein Jahrhundert zuvor an­
ders, damals hatte kaum jemand Englisch gesprochen.
Jetzt aber lösten englische Vorbilder die französischen
ab. Die ersten Ausdrücke, die ins Deutsche fließen,
sind Begriffe aus der Politik: Debatte, Demonstration,
Hochverrat, Oberhaus, Pressefreiheit, Streik, Unter­
haus und andere; mit der literarischen Entwicklung
sind es Wörter wie Ballade, Blankvers, boxen, Bulldog­
ge, Elfe, Gin, Grog, Klumpen, Panorama, Portwein,
Schal, Sherry, Steckenpferd (hobby horse), tote Spra­
chen (Lehnübersetzung von dead languages), Tourist,
Volkslied, Whiskey und andere, die in die Sprache kom­
men; Begriffe wie Barometer, Blutkreislauf, Freidenker
(Lehnübersetzung von free thinker), Materialist,
negativ, positiv, Rationalist kommen in die Wissen­
schaften und die Philosophie; die Schifffahrt wird be­
reichert um Brigg, Brise, Kutter, Linienschiff, Schoner,
Finanzwelt und Industrie um Banknote, Blitzableiter,
Budget, Dampfmaschine, Export/Import, Flanell, Mull,
Nationalschuld, Patent, Repetieruhr, Ventilator.
Gegen das Englische verwehren sich erst Sprachpu-
risten des 20. und 21. Jh.s; da man aber im 18. Jh. mit
England nicht kriegerisch verhandelt und der Einfluss
neu ist, empfindet man ihn als Bereicherung und nicht
Englisch und Deutsch | Das 19. Jahrhundert

als Schmach. Das soll sich schon bald ändern, als


ganze Bände mit amerikanischen Wörtern gefüllt wer­
den können, die ins Deutsche fließen.

D as 19. J a h rh u n d e rt

Auswanderung bestimmt das beginnende 19. Jh. Die


Menschen verlassen ihr Land und ziehen besonders
nach Nordamerika. Mit dieser Auswanderungswelle
geht eine Ausdehnung des deutschen Sprachraums
einher. Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts wächst
der Überseehandel und Kolonien werden erschlossen.
Die industrielle Revolution bringt technische Neue­
rungen:
1825 Erste technische Hochschule in Karlsruhe
1835 Erste Eisenbahnlinie Deutschlands von
Nürnberg nach Fürth
1867 Werner von Siemens entdeckt das dynamo­
elektrische Prinzip

Gleichzeitig setzt Landflucht (Binnenmigration) ein,


vermutlich sogar, wie meist, vor der Emigration ins
Ausland. Die Bevölkerungszahlen der deutschen Städ­
te schnellen in die Höhe: Hamburg hat 1816 154.000
Einwohner, 1864 sind es 279.000; Berlin hat 1816
198.000 Einwohner, 1864 zählt die Stadt 633.000 Ein­
wohner. Weitere 50 Jahre später sind die Zahlen noch
einmal um ein Vielfaches angestiegen: 1910 leben in
Hamburg 1.015.00 Menschen, in Berlin werden
2.071.000 Einwohner gezählt.
Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 eska­
liert die Gewalt in unbekannter Härte. Nationaler Hass,
der latent immer vorhanden ist, wird beidseitig ge­
schürt. Frankreich verliert den Krieg und muss hohe
Tilgungszahlungen, den Verlust Elsass-Lothringes und
deutsche Besatzung akzeptieren.
In dieselbe Zeit fallen die verschiedenen Gesetz­
bücher und weitere Vereinheitlichungen im gerade ent­
standenen Deutschen Reich: 1869 das Handelsgesetz-
142 D e r W e g z u m N e u h o c h d e u ts c h e n

buch, 1872 das Strafgesetzbuch, 1879 wird die


Gerichtsverfassung für alle Staaten verabschiedet,
1900 schließlich das Bürgerliche Gesetzbuch. Die In­
stanzen werden zentralisiert, das Reichsgericht kommt
nach Leipzig, überdies werden Währung und Maße ver-
einheitlich: Kilogramm, Liter, Mark, Meter; die Reichs­
post entsteht.
Was es in Deutschland nie gab - eine zentralistische
Regierung - wird neu geschaffen. Damit vereinfacht
sich der Weg zu einer gemeinsamen Sprache auch in
der Aussprache (s. S. 132). Frankreich, Spanien, Eng- I
land waren schon sehr lange zentralistisch und so
konnte sich der Dialekt der jeweiligen Hauptstadt (Pa- Ü
ris, Madrid, London) zum verbindlichen Standard mit
Prestige entwickeln. In Deutschland war dies bis dato l
unbekannt.

Die S u che nach e in e r s c h riftlic h e n N o rm


Der sprachliche Standard wird zusehends erreicht,
man bemüht sich nun um eine Normierung der Recht­
schreibung.

O r t h o g r a f ie

Noch Anfang des 19. Jh.s hat jede Druckerei eine eige- I
ne »Hausrechtschreibung«, und 1862 besagt eine Ver­
ordnung des preußischen Unterrichtsministeriums, die 1
Lehrer jeder Schule hätten sich auf eine eigene Recht- 8
Schreibung zu einigen. Es fehlt, wie bereits gesagt, der
deutsche zentralisierte Nationalstaat. 1879 gelingt es
Bayern, eine normierte Rechtschreibung einzuführen,
Preußen folgt 1880. Diese großen offiziellen Regelun­
gen gehen auf die Rechtschreibkonferenz von 1876,
spätere auf die von 1901 zurück. Bei der letzten Konfe­
renz entfernt man die überflüssigen »Letterhäufelun­
gen«: th wie in 77?or, 77?ier etc. wird zu Tor und Tier. Am
Thron jedoch änderte sich nichts, man interpretierte
das als Rütteln am Objekt, nicht am Wort. Diese Denk­
weise wird sich später noch häufig zeigen. Viele der
Die Suche nach einer schriftlichen Norm 143

I — ; r

Vollständiges Orthogra­
phisches Woerterbuch
Maßnahmen des 17. und 18. Jh.s jedoch greifen und der deutschen Sprache,
halten sich bis heute: Titelseite der Erstausga­
be Leipzig 1880 (unten
• G. Ph. Harsdörffer nannte die Reihung verschiede­
Mitte) neben weiteren
ner Buchstaben gleicher Aussprache »Letterhäufe- späteren, überarbeite­
lung« und schaffte sie ab. Heute hat sie sich in eini­ ten Ausgaben.

gen wenigen Wörtern, vor allem in Eigennamen ge­


Konrad Duden (1829-
halten: Godthardt, Stadt, er wandte sich um etc. 1911), Porträtaufnahme,
• Man beginnt für Homonyme verschiedene Schreib­ um 1900

weisen einzuführen: fiel (von fallen) und viel (große


Menge); Heer und her, hehr, leeren und lehren; Leib
und (Brot-)/a/ö; Meer und mehr, Moor und Mohr, Re­
ede und Rede; Waage und Wagen; Wahl und Wal; wi­
der und wieder etc.
• Markierung von langer und kurzer Aussprache:
Längenzeichen sind -e- (fiel, Hieb, stieb), -h- (nahm,
stahl, Wahl) und Doppelvokal (Aal, Boot, Meer). Dop­
pelkonsonanten bezeichnen kurze Aussprache
(Schafen - schaffen; Name - Hammer)
• Ursprünglich dienten Großbuchstaben zur Kenn­
zeichnung von Text- oder Satzbeginn, anschließend
zur Hervorhebung von Eigennamen und wichtigen
Wörtern im Text wie Christ, Gott, Kaiser, König,
Mensch, W eltetc. Bei Luther bedeutet HERR »Gott«
und herr »Mensch«, in der Aufklärung beginnt man,
dem Substantiv mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
D e r W e g z u m N e u h o c h d e u ts c h e n

Gottsched sind mehr oder weniger die heutigen For­


men der Großschreibung zu verdanken.

Interpunktion
Satzzeichen dienen ursprünglich als Markierungen für
Pausen und Atemeinschnitte in Texten. Komma kommt
aus dem Griechischen und bedeutet »Einschnitt, Ab­
schnitt«, daher stammt seine Pluralform Kommata. Von
Zesen verdeutscht Komma zu Beistrich, ein Begriff, der
sich nie durchsetzen kann. Fehlende Kommata ma­
chen Sätze schwer verständlich und oft sogar doppel­
deutig: Peter trank das Glas in der Hand der Freundin
zu. Daraus sollte werden: Peter trank, das Glas in der
Hand, der Freundin zu.
Das Komma entwickelt sich aus dem Virgel, einem
Schrägstrich in Buchstabenhöhe /; dieser Strich wird
ab dem 13. Jh. eingesetzt und wandelt sich im 18. Jh.
zum Komma, wie wir es heute kennen. Seine Bedeu­
tung und Kennzeichnung im Gegensatz zu Punkt oder
Colon (Doppelpunkt) reichte bis weit ins Mittelalter
hinein:
comma - kurze Pause
(Kennzeichnung - tiefer Punkt),
colon - mittlere Pause
(Kennzeichnung - mittlerer Punkt),
periodicus - lange Pause
(Kennzeichnung - hoher Punkt).

Das Fragezeichen taucht erstmals in der Schriftreform


Karls des Großen auf, seit dem 14. Jh. hat es Form und
Funktion des heutigen Zeichens.
Das Ausrufezeichen wird seit dem 18. Jh. regelmäßig
nach Wunsch-, Ausrufe- und Aufforderungssätzen,
nach Ausrufewörtern und nach bedingten indirekten
Fragen verwendet. Früher verwendete man es in der
Anrede von Briefen.
Klammern dienen zur Gliederung der syntaktischen
Form. Im Deutschen gilt die vielfache Verwendung von
Die Suche nach einer schriftlichen Norm 145

D e r E in f lu s s d e s D e u t s c h e n a u f a n d e r e S p r a c h e n

Auch das Deutsche übte im Lauf seiner Geschichte Einfluss auf


andere Sprachen aus, und deutsche Wörter wurden als Lehn­
wörter übernommen.
Ins Englische sind u.a. eingegangen:
a n g s t, b litz , d ie s e l, d ir n d l, d o b e r m a n , e r s a tz , fla k , g e m ü t,
g lo c k e n s p ie l, h e im w e h , k in d e r g a r te n , k its c h , k o h lr a b i, ie itm o tiv ,
lie d , m a rs h a i, ru c k s a c k , S c h a d e n fr e u d e , w a ltz , W e lta n s c h a u u n g ,
w e its c h m e r z , W u n d e rk in d .
Heutige Modewörter sind »ober-« in Zusammensetzungen, die
reihenbildend sind; o b e r c h a r m in g , o b e r c o o l, o b e r n e r d (= O b e r -
S tr e b e r ) , und »Meister«: h o r r o r - m e i s t e r , p u z z l e - m e is t e r , r o c k ­

m e is t e r .

Die großen Bergbauzentren befanden sich im Mittelalter im


deutschsprachigen Raum, darum sind viele Begriffe in andere
Sprache entlehnt worden, ins Englische beispielsweise: c o b a l t,

g n e is s , n ic k e l , q u a r t z , z in k .

Ins Französische wurden u.a. aufgenommen:


le b iv o u a k (dt. B e iw a c h e - zurückentlehnt ins dt. - B iw a k ) ,
la c h o u c r o u t e , i ’e r s a tz , l e f r e m d w o r t , i e K ir s c h , t r i n q u e r ( a n ­

s to ß e n ) , m a r e s h a l, le s c h n a p s , v a ls e , le W e lt a n s c h a u u n g .

Aus der Blütezeit der Hanse flössen Wörter in den baltischen


Raum, ins Russische beispielsweise: a n i s , g a r d i n a , s o ld a t, s tu l.

Tschechische Handwerker brachten deutsche Wörter in ihre


Heimat zurück: c v i k l ( = Z w i c k e l ) , e r m lo c h ( = Ä r m e ll o c h ) , fl i k o v a

( = fl i c k e n ) , p ig l o v a t ( = b ü g e l n ) ; slowakisch d r ö t ( = D r a h t) , p le c h

( = B l e c h ) , s c h r o u b o v ä k ( = S c h r a u b e n z i e h e r ) , s c h u b le ( = S c h u b l a ­

d e ) , v ir h a n k ( = V o r h a n g ) . Auf dem gl eichen Weg gingen ins Un­


garische ein: k r a c h ( = B ö r s e n k r a c h ) , p a r t v i s ( B a r t w is c h = H a n d ­

b e s e n ), s p a r h e r t ( = K ü c h e n h e r d ) , v e k k e r (= W e c k e r).

Klammern in einem Text als schlechter Stil; Strich­


punkt (Semikolon) und Doppelpunkt erhalten erst im
18. Jh. ihre heutige Bedeutung.
146 Das Deutsch der Gegenwart

I D rei g ro ß e V e rä n d e ru n g e n d es S p ra c h ra u m s

I Im 20. Jh. erlebt die Sprache drei erhebliche Verände-


I rungen: Zwei Weltkriege verursachen zweimalig eine
I Schrumpfung des geografischen Sprachraums, 1919
I weicht im Nordosten die Sprachgrenze zurück und ca.
I drei Millionen deutschsprachige Menschen aus den
I östlichen und westlichen Grenzbereichen werden auf-
I genommen. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg
; kommen zwölf Millionen Menschen aus Nordost- und
Südostdeutschland in die neuen Landesgrenzen. Außer
in Rumänien werden die Sprecher des Deutschen öst-
i lieh der Oder, der Görlitzer Neiße, der deutsch-tsche­
chischen und der österreich-ungarischen Grenze
Jacob van Hoddis, ausgesiedelt. Insgesamt jedoch bleiben wohl etwa
Porträt um 1911 zweieinhalb Million Sprecher des Deutschen in Jugo­

Das Gedicht W e tt e n d e
slawien, Rumänien und Sowjetrussland zurück. Das
von Jakob van Hoddis Jiddische, das vor 1933 von etwa zwölf Millionen Men­
(1878-1942) wird wie
schen gesprochen wird, ist nach 1945 durch den Terror
kein anderes zum Pro­
gramm der neuen Sicht­ der Nazis vom Aussterben bedroht. In Südamerika ver­
weise auf Leben und ringert sich die Zahl der Sprecher erheblich. Wichtig ist
Kunst:
aber vor allem der große Prestigeverlust des Deut­
»Dem Bürger fliegt vom
spitzen Kopf der Hut, in schen im Ausland, der zum Teil bis heute anhält und
allen Lüften hallt es wie der sich auch in der Zahl derer zeigt, die Deutsch als
Geschrei, Dachdecker
Fremdsprache lernen.
stürzen ab und gehn
entzwei und an den Küs­ Die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Welt­
ten - liest man - steigt krieg schafft zwei deutsche Sprachen, die sich immer
die Flut.
weiter voneinander weg entwickeln - die eine sprach­
Der Sturm ist da, die wil­
den Meere hupfen an lich vom Russischen, die andere vom Englischen/
Land, um dicke Dämme Amerikanischen beeinflusst, vor allem jedoch ideolo­
zu zerdrücken. Die meis­
gisch getrennt. Über das Englische sagte George Ber- )
ten Menschen haben
einen Schnupfen. Die nard Shaw, »England and America are two countries se-
Eisenbahnen fallen von parated bya common language«. Dasselbe kann man
den Brücken.«
über das Deutsche der Jahre 1949 bis 1989 sagen:
BRD und DDR, zwei Länder, getrennt durch eine ge­
meinsame Sprache.
In den 1990er Jahren versucht Österreich für sein
Deutsch, das seit 1951 im Österreichischen Wörter­
buch staatlich normiert ist, den Status einer National- j
Drei große Veränderungen des Sprachraums 147

spräche zu erlangen: »Österreichisch« - der Versuch


scheitert.
Das 20. Jh. ist weniger von mechanischen als von
kulturell-sozialen Phänomenen der Sprache bestimmt.

E x p r e s s i o n is m u s

Die Welt des beginnenden 20. Jh.s wird bestimmt von


Patriotismus und Militarismus, ihr Wohlstand ist auf in­
dustrielle und koloniale Ausbeutung zurückzuführen.
Dagegen rebellieren Künstler, sie lehnen sich auf ge­
gen die neue Verherrlichung des technischen Fort­
schritts, zweifeln den Positivismus der Wissenschaften
an. Alle Sorge um das Weitende wird 1914 mit Aus­
bruch des Ersten Weltkriegs schreckliche Wirklichkeit. Gottfried Benn um 1952;
»Ausdruckskunst«, nennt 1911 der Schriftsteller Kurt sein Gedicht Schöne Ju­
gend (1912) brachte das
Hiller (1885-1972) den Expressionismus auf Deutsch.
Gefühl seiner Zeit zum
Ziel der neuen Kunst es ist, inneres Erleben nach Ausdruck:
Außen zu tragen und Altes zu zerschlagen. Der Begriff
Der Mund eines Mäd­
»Expressionismus«, ursprünglich für die bildende Kunst chens, das lange im
geprägt, beschreibt eine literarische Epoche, die bis Schilf gelegen hatte,
1925 andauert und neben der Kunst auf Dichtung, sah so angeknabbert
aus.
Theater und, wenn auch in geringerem Maß, auf die Als man die Brust auf­
Prosa großen Einfluss hat. Vor allem aber beschreibt er brach, war die Speise­
eine Zeit, die sich nicht nur vom Impressionismus ab­ röhre so löcherig.
Schließlich in einer Lau­
setzen, sondern die sich über eine deutsche Welt be unter dem Zwerchfell
stumpfster Bürgerlichkeit erheben will, weil sie sie und fand man ein Nest von
jungen Ratten.
alles, wofür sie steht, mehr verachtet als alles andere
Ein kleines Schwester­
auf der Welt. Expressionismus ist Spielart moderner Li­ chen lag tot.
teratur, und das, was sich so nennt, wird während der Die anderen lebten von
Leber und Niere,
ganzen ersten Hälfte des 20. Jh.s lebendig gehalten.
tranken das kalte Blut
Anliegen des Expressionismus war und ist die Darstel­ und hatten
lung und Auseinandersetzung mit einer Wirklichkeit, hier eine schöne Jugend
verlebt.
die ständig vom Chaos unterspült wird, seine Themen
Und schön und schnell
sind Schreie, Rausch, Empörung, Krieg, Großstadt, Zer­ kam auch ihr Tod:
fall, Angst, Ich-Verlust, Apokalypse, Wahnsinn, Liebe - Man warf sie allesamt
ins Wasser.
sein Begehren ist Aufruf. Gottfried Benns (1886-1956)
Ach, wie die kleinen
Gedichtsammlung Morgue von 1912 bringt dieses Ge­ Schnauzen quietschten!
fühl perfekt auf den Punkt.
148 Das Deutsch der Gegenwart

Die Sprache soll im Expressionismus als Instrument


und Hilfsmittel überwunden, ihre Form gesprengt wer­
den, Texte sollen von neuen Wortschöpfungen leben, )
von der Zertrümmerung herkömmlicher Satzmuster, I
von gesteigertem Tempo, stärkerem Rhythmus. In
Trübsinn schreibt der Dichter Georg Trakl (1887-1914): i
Weltunglück geistert durch den Nachmittag.
Baracken fliehn durch Gärtchen braun und wüst.

Sprache wird bis ins Absurde, ja Groteske gewandelt,


so in Patrouille von August Stramm (1874-1915):
Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod.

Die Nationalsozialisten entwürdigen den Expressionis­


mus in den 1930er Jahren als »entartete Kunst«, viele j
der Künstler sind tot, die meisten im Krieg gefallen, an­
dere gehen nach 1933 ins Exil. Die Dramen des Ex­
pressionismus werden kaum noch gespielt, die Roma­
ne sind wenig bekannt, einzig die Lyrik hat ihren festen
Platz als das Manifest einer Zeit gefunden, das die
Brücken zur Vergangenheit wie keine andere Epoche
Im Juli 1937 eröffnete in
München die von den
Nazis organisierte Aus­
stellung »Entartete
Kunst«. Sie präsentierte
Werke, um sie lächerlich
zu machen, um den
»Schaden« am deut­
schen Volks- und Kultur­
gut zu demonstrieren.
Themen der Ausstellung
waren u. a. »Gottesläs­
terung« oder »Beleidi­
gung deutscher Weib­
lichkeit«.
Expressionismus | Dada 149

zuvor abbricht und als erstes die Sprache eines neuen


Jahrhunderts schreibt.

Dada
Der Erste Weltkrieg tobt seit zwei Jahren, Intellektuel­
le, Pazifisten und Kriegsgegner aus ganz Europa sind
aus »Protest gegen den Wahnsinn der Zeit« (Hans Arp,
1886-1966) in die neutrale Schweiz emigriert und an­
geführt von Hugo Ball (1886-1927) zaubern
sie 1916 ein »Narrenspiel aus dem Nichts« -
Dada. Der deutsche Schriftsteller Richard
Huelsenbeck (1892-1974) formuliert das
Gefühl so: »Dada macht eine Art Anti-Kul­
turpropaganda, aus Ehrlichkeit, aus Ekel,
aus tiefstem Degout vor dem Erhabenheits­
getue des intellektuell aprobierten Bour-
gois.« Nur fünf, sechs Jahre nach Beginn des
Expressionismus erklimmt Dada den Gipfel
des Expressionismus-Experiments und
bringt dessen theoretisches Gedankengut
präzise auf den Punkt: Dada ist wie der Ex­
pressionismus antibürgerlich, antiästhetisch
und versteht sich als Revolution, als Protest
gegen überlebte bürgerliche Konventionen,
bürgerliches ästhetisches Empfinden, ja,
Kunstempfinden schlechthin, gleichzeitig ist Hugo Ball (1886-1927)
er Überspitzung und Verhöhnung des Expressionismus, als »magischer Bischof«
zu dem er ja parallel existiert. Logische Zusammen­ 1916 im Cabaret Voltaire
in Zürich beim Vortrag
hänge werden eliminiert, auch in der Kunst muss der seiner V e r s e o h n e W o r te
Zufall überwiegen, der einige Jahre später im begin­ im selbstgefertigten ku-
nenden Surrealismus zum Prinzip erhoben wird. bistischen Kostüm

Viele der im Dada verfassten Texte sind Lautmale­


reien oder Montagen, denn die rationalen, konventio­
nellen Gedichtformen werden zerschlagen, Gedichte
sind Assoziationsketten oder willkürliche Lautfolgen.
Der Maler, Bildhauer und Schriftsteller Hans Arp
erklärt dieses Zufallsprinzip seiner Lyrik: »Wörter,
Schlagworte, Sätze, die ich aus Tageszeitungen und
150 D a s D e u ts c h d e r G e g e n w a rt

besonders aus Inseraten wähl­


AUTOREN-ABEND te, bildeten 1917 die Fundamen­
am Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Hetisscr, Richard Hutteenbtck,
Marcel janco, Tristan Tzara. te meiner Gedichte. Öfter be­
F re ita g , d e n 14, J u li 1 9 1 6 , a b e n d s 8'fc U h r
im stimmte ich auch mit geschlos­
Zunfthaus zur Waag
senen Augen Wörter und
I. DADA-ABEND Sätze.«
(Mucik. Tanz. Theorie. Manifeste. Verse. Bilder Kostfime. Masken)
Kunst als etwas Schönes und
Gutes, Kunst also, wie sie da­
PROGRAMM

t. mals das Bürgertum schätzt,


Hans Htussrr „PMude". .Waitauahiuihc". exotisch* Ta
.Eine WüMenskim'“ . (eigen* wird von Dada ad absurdum ge­
Emmy Hennings : „Zwei Frauen- (Prosut)

Haas Arp;
Vers« (.Makrele“ . „Atsther“ . „OtlSngnis-. „JttttantV")
Erläuterungen «t eigenen Bildern tPapierhilder I - Vi
führt. Die Gesetze von Morpho­
Harrt* /fall; „Osdji Seri Brnib*“ (Verse ohne Worte, in trigettetn Kos«»).
logie, Syntax und Semantik
Jane», Tiara.)
Chan! negre I (nach eigenen Motiven
Chant nigre II («ach Motiven aus tlr
l. Huetseabeck, Jaatco. Tiara.) werden aufgehoben, die schon
vom Expressionismus geforder­
Hans Hensser der Oper Chrysis” . Japamsehes Theehaus“ .

VvrstfJa*'urhenPecl: unj Tristan Trara Poeme tnoinementistv tMasqees par M. Ji


te Sprachzertrümmerung wird
voyeli*. Po6me de voyeile. Poime bruitiste
Dada Tänre
se (getarnt von Emmy Hennings. M.isnues par Marcel Janen. Min Schlagwort der Stunde und hier
. : Ball.)
Richttnt HuHstnturk: „Mpala Tano“ (Verse)
Cubistischer Ta
nt iKosrtime nml Arrangement v« liugo Ralf, Musik aus .1
mit unerbittlicher Konsequenz
von Amtrejew. Atifgtfbltrt », Huetsenbeck, Tiara.)
weitergeführt. Im Dada hält
Programm zum »1. Da- ausschließlich der Rhythmus
da-Abend« mit Hans die Wörter zusammen, nie der Sinn. Kunst soll und
Arp, Hugo Ball, Emmy
muss schockieren und provozieren. Hugo Ball schreibt
Hennings, Hans Heus-
ser, Richard Huelsen- zu seinen Gedichten: »Mit diesen Tongedichten wollten
beck, Marcel Janco, Tris­ wir verzichten auf eine Sprache, die verwüstet und un­
tan Tzara 1916 im Zunft­
möglich geworden ist durch den Journalismus. Wir
haus zur Waag in Zürich
müssen uns in die tiefste Alchimie des Wortes zurück­
ziehen und selbst die Alchimie des Wortes verlassen,
um so der Dichtung ihre heiligste Domäne zu bewah­
ren.« So liest sich dann sein Gedicht Seepferdchen und
Flugfische:
tressli bessli nebogen leila
flusch kata
ballubasch
zack hitti zopp
zack hitti zopp
hitti betzli betzli
prusch kata
ballubasch
fasch kitti bimm
Deutsch im Nationalsozialismus 15t

Auf sozialem Gebiet ist Dada scharfzüngige Bloßstel­


lung der Realität und Unsinnigkeit aller scheinbaren
Ordnung, ist totale Anarchie im Denken mit dem Ziel
der Bloßstellung der vermeintlichen Ordnung des Bür­
gertums und seiner hohlen Ideale, die zu nichts weiter
geführt haben als in den Abgrund des Kriegs.

D e u ts c h im N a tio n a ls o z ia lis m u s

Sprache wird von der Wirklichkeit beeinflusst und be­


einflusst ihrerseits die Wirklichkeit der Menschen, die
sie verwenden und ihr ausgesetzt sind. Infolgedessen
versucht ein totalitäres System alle Bereiche des Le­
bens zu durchdringen, natürlich auch die Sprache.
Diese Durchdringung geschieht mit Sprache und wirkt
sich über sie im Denken ihrer Sprecher aus - Sprache
ist Mittel ideologischer Manipulation und Korruption
der Menschen. Wie alle nationalistischen Systeme
sucht auch der Nationalsozialismus ein Eindeutschen
alles »Welschen« und verteufelt Fremdwörter: E in r e d e

für V e to , B lä h e für I n f la t io n , K e n n k a r te für In la n d p a ß etc.


Gleichzeitig hat man ein recht ambivalentes Verhält­
nis zu Fremdwörtern, in bestimmten Bereichen ver­
wendet man sie geradezu exzessiv, z. B. militärisch
( F r o n t, m o b ili s ie r e n etc.) oder in der Propaganda, wo
bestimmte Modewörter sowohl positiv ( a r is c h , d y n a ­

m is c h , g i g a n t is c h etc.) als auch verächtlich dominieren


( P a z i fis m u s , p l u t o k r a t i s c h , S y s t e m etc.).
Hinzu kommen ideologische Wortschöpfungen in
Form von Zusammensetzungen mit R a s s e , R e ic h und
V o lk : R a s s e n b io lo g ie , R a s s e n fr a g e , R a s s e n h y g ie n e ,

R a s s e n s c h a n d e , R e ic h s p a r t e it a g , V o lk s g e n o s s e , V o lk s ­

,
k ö r p e r V o l k s s c h ä d lin g etc.
Auch die Bildung von Euphemismen (Beschönigun­
gen) fällt ins Auge: E n d lö s u n g F ür M a s s e n m o r d , S o n ­

d e r b e h a n d lu n g für E x e k u tio n .
Der Wunsch des Regimes, kurz und prägnant zu sein,
lässt unzählige Abkürzungen entstehen, die Kürzel wir­
ken gewaltiger und auch militärischer als das, wofür
152 Das Deutsch der Gegenwart

sie stehen: ARLZ-Maßnahmen (Auf- j


lockerungs-, Räumungs-, Lähmungs- ]
und Zerstörungsmaßnahmen beim
Rückzug der Deutschen Wehrmacht);
BDM (Bund deutscher Mädel); Flibo I
(Fliegerbombe); gRs (Geheime
Reichssache); K (Kanone); KAB (Ka­
tholische Arbeiterbewegung); KZ
oder KL (Konzentrationslager); NA- 1
POLA (Nationalpolitische Erziehungs­
anstalten); OT (Organisation Todt); SA
(Sturmabteilung); SS (Schutzstaffel).
In den Reden der Parteioberen
steigert sich beständig die Menge
der Superlative, auch solcher, die es
gar nicht geben kann, weil die Wörter
Hitler bei einer Rede, bereits den Superlativ ausdrücken
»... die einzige Sache, (»total«) bzw. nicht mehr gesteigert werden können.
von der er etwas ver­
Goebbels’ Sportpalastrede vom 18.2.1943 ist ein gutes
stand« (lan Kershaw,
Biograf Hitlers) Beispiel: »Wollt Ihr den totalen Krieg? Wollt Ihr ihn
wenn nötig totaler und radikaler, als wir ihn uns heute I
überhaupt noch vorstellen können? [...] Ich frage Euch:
Ist Euer Vertrauen zum Führer heute größer, gläubiger j
und unerschütterlicher denn je?«
Zunehmend tauchen Wörter aus der Sakralsprache
im alltäglichen Diskurs auf, Zuhörer und Leser sollen
emotional immer stärker eingebunden werden: ewig,
Glaube, heilig, Hitlers Heilsbotschaft, Mission, Opfer,
nationalsozialistisches Glaubensbekenntnis (... Denn
die, die für das Reich fallen, sind nicht tot, sie schlafen
nur), politisches Glaubensbekenntnis, Treue, unsterb­
lich, Vorsehung.
Viele Begriffe aus der Biologie werden für Menschen
angewendet, sie dabei entmenschend und degradie­
rend: »[Der Jude] ist und bleibt der typische Parasit, ein
Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich im­
mer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährbo­
den dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber
Deutsch im Nationalsozialismus 153

gleicht ebenfalls der von Schmarot­


zern: Wo er auftritt, stirbt das Wirts­
volk nach kürzerer oder längerer
Zeit ab [...]«.
Man verwendet, was ideologisch
ins System passt und tut es bis zur
völligen Absurdität. Wörter sollen
nicht nur Zusammenhänge klären,
sondern sie auch verdunkeln und
gerade dazu (und sei es absurd wie
das folgende Beispiel) dient das Zu­
sammenspiel von Fremdwort und
Eingedeutschtem: »Individuum und
Persönlichkeit sind zwei grundver­
schiedene Begriffe. Wir müssen mit
kollektivistischem Denken brechen
und müssen vom Individuum Joseph Goebbels wäh­
zurückkehren zur Persönlichkeit.« rend einer Rede

Allgemein kann man sagen, dass neben der Abkür­


zungsflut und den Neuschöpfungen großer Wert auf
die Verschiebung von Sachzusammenhängen gelegt
wird. Der SS-Offizier und Linguist Manfred Pechau
(1909-1950) formuliert es in seiner Dissertation von
1941 so: »Das Hauptgewicht der nationalsozialisti­
schen Sprachbeeinflussung liegt auf der neuen Sinn­
gebung oft alter, bekannter Worte.«
Victor Klemperer (1881-1960) schreibt, durch die
Sprache sei der Nazismus in Fleisch und Blut der Men­
schen gedrungen »durch die Einzelworte, die Redewen­
dungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen
Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und
unbewußt übernommen wurden.«
Andere, wie Johannes Volmert, setzen Sprache in
den Kontext einer »Gesamtinszenierung«. Er schreibt:
»In diesem szenischen Kontext ist auch die Sprache
vielfach nur Dekor, und ganze Abschnitte faschisti­
scher Großkundgebungen werden inszeniert als
sprachlose Rituale.« Vermutlich, so Volmert, handelt es
154 Das Deutsch der Gegenwart

sich um ein Zusammenspiel zwi­


schen den unvorstellbar aufge­
peitschten Menschenmassen,
wie z. B. bei den Nürnberger Par­
teitagen, und den einpeitschen­
den Reden der Parteifunktionä­
re. Die Menschenmassen näm­
lich sind in einer derartigen
Gewaltdemonstration zu bloßen
Zuhörern degradiert, da sich die
Reichsparteitag in Nürn­
Gewalt, die in der Sprache zum Ausdruck gebracht
berg
wird, umgehend gegen jeden gerichtet hätte, der nicht
mitgejubelt oder gar Protest angemeldet hätte.
Viele der Wortschöpfungen und Formulierungen des
Nationalsozialismus sind im heutigen Deutsch erhalten
geblieben. Dolf Sternberger (1907-1989), Gerhard
Storz (1889-1983) und Wilhelm E. Süskind (1901 -
1970) untersuchen die Sprache im Nationalsozialismus
in ihrem Buch Das Wörterbuch des Unmenschen und
zeigen, wie leicht »normale« Wörter zu korrumpieren
sind. Vor dem Hintergrund des Sprachgebrauchs der
Jahre 1933-45 ist die Reflexion über die Verwendung
der Sprache von heute unerlässlich und dies nicht nur
im Zusammenhang mit blühendem Rechtsextremis­
mus, sondern vor allem im Zusammenhang mit der po­
pulären Verwendung der Sprache der Deutschen.

N o rm ie ru n g d e r S pra c h e in d e r z w e ite n H ä lfte


d es 20 . Jh.s
Im Bereich der Schriftsprache strebt man nach dem
Zweiten Weltkrieg die gemäßigte Kleinschreibung an,
die allerdings nie zur Geltung kommt - auch nicht in
der Rechtschreibreform von 1996, die eigentlich das
Problem Groß- und Kleinschreibung komplexer und
komplizierter gestaltet als in der alten Rechtschrei­
bung.
In der gesprochenen Sprache setzt sich Siebes Büh­
nenaussprache durch, sie wird zur allgemeinen »Hoch­
Normierung der Sprache 155

lautung«, wie Hugo Moser es nennt. Da sie in Rund­


funk und Fernsehen durchgängig verwendet wird und
somit für die meisten Deutschen allgegenwärtig ist,
nimmt sie deutlich Einfluss auf die öffentliche Rede.
Moser formuliert es so: »Es scheint, dass eben das Ide­
al der Schreib- auch das der Sprechrichtigkeit treffen
will« (1961:56).
Allgemein setzt sich die Tendenz zur Formenanglei­
chung, zur Vereinfachung und zur analytischen im Ge­
gensatz zur synthetischen Bauweise der Sprache wei­
ter durch.
Der Genitiv schwindet und wird vielfach durch den
Dativ ersetzt, in Zusammensetzungen mit einer Präpo­
sition stehen auch im Duden beide Formen nebenein­
ander: wegen des/dem schlechten Wetter(s); trotz
des/dem Andrang(s).
Verloren geht auch in starkem Maß der geschriebe­
ne Genitiv. Es heißt nicht mehr wie bei Goethe Die Lei­
den des jungen Werthers, es heißt die Mahnmale des
alten Athen, die Literatur des Barock. Aus Vaters Jacke
werden in der Umgangssprache die analytischen For­
men die Jacke von meinem Vater oder meinem Vater
seine Jacke. Überhaupt schmälert sich die Deklination,
das -e schwindet aus Dativ und Genitiv, wir geben dem
Manne keine Bananen mehr, und seine Frau Helenen
zu lieben bzw. deren Freundin Susannen zu verehren
ist antiquiert; es sind Helene und Susanne daraus ge­
worden.
Auch der Konjunktiv verwendet mehr und mehr die
analytische Form mit würd-: Er sagt, er würde morgen
kommen statt: Er käme morgen. Auch in der indirekten
Rede rückt der Konjunktiv II an die Stelle des (norma­
tiv vorgeschriebenen) Konjunktiv I: Sie sagt, sie käme
statt: Sie sagt, sie komme. Gleichzeitig nimmt der Kon­
junktiv I (der ja in der indirekten Rede verschwindet)
die Stelle des Konjunktiv II in der Irrealisform an. Statt:
Er tut so, als ob er Direktor wäre heißt es meist: Er tut
so, als ob er Direktor sei.
156 Das Deutsch der Gegenwart

Gemäßigte Kleinschreibung
Gemäßigte Kleinschreibung (manchmal auch gemäßigte
Großschreibung genannt) sieht Großschreibung nur am Satz­
anfang und bei Eigennamen vor.
Kritiker dieser Version der Orthografie merken an, es könnten
Zweideutigkeiten und Undeutlichkeiten wie im folgenden Bei­
spiel entstehen: S ie h a b e n i n M o s k a u H e b e g e n o s s e n bedeutet
in der normalen Großschreibung entweder: S ie h a b e n in M o ­

s k a u L ie b e g e n o s s e n , oder S ie h a b e n in M o s k a u l ie b e G e n o s ­

se n. Natürlich kommen im Sprachalltag kaum isolierte Sätze


wie hier vor, und so sorgt der Kontext stets für Eindeutigkeit.

Die Verbfinalstellung bei untergeordneten Nebensät­


zen wird vielfach aufgehoben, statt: Er kommt, weil er
uns besuchen will heißt es oft schon: Er kommt, weil
er will uns besuchen (wobei hinter weil beim Sprechen
eine kleine Pause gemacht wird).
In der Steigerung steht im Duden heute wie neben
a/s, so heißt es dann; Der grüne Tisch ist größer
w ie/als der rote Tisch.

P rä te ritu m v s. P e rfe k t
Das Präteritum weicht zunehmend der analytischen
Perfektform. Vor allem in den Dialekten tritt das Per­
fekt in den Vordergrund, wechselt der Dialektsprecher
aber in die Hochsprache, wechselt er auch alle Per­
fektformen in Präteritumformen um, um mit dieser
Korrektur auch das letzte Dialektmerkmal zu tilgen.

D e u ts c h in d e r DDR
Als Organ eines totalitären Staates weist die Sprache
in der DDR Gemeinsamkeiten mit der Sprache des Na­
tionalsozialismus auf, auch hier werden Begriffe neu
gebildet und den politischen, wirtschaftlichen und
ideologischen Bedingungen des Staates angepasst.
Hauptsächlich existieren Unterschiede im semanti­
schen Bereich. Im Wortschatz der DDR existiert z. B*
das Wort Weltreise nicht, denn es passt nicht in die * 1
Wirklichkeit der Menschen. Oftmals vermeidet man
Deutsch in der DDR 157

Übereinstimmungen mit dem Deutsch der Bundesre­


publik und sucht eigene Wege in der Darstellung von
Zusammenhängen oder Sachverhalten: Stadtrat (BRD)
ist Rat der Stadt (DDR, aber: Staatsrat).
Bestimmte Begriffe wurden in einem anderen Sinn
als in der Bundesrepublik verwendet: Diktatur (die
Herrschaft einer bestimmten Klasse; Demokratie,), mi­
litärische Überlegenheit (besteht dann, wenn das Volk
Waffen nutzt), Freiheit (Einsicht in die Notwendigkeit).
Folgende Wendungen und Ausdrücke waren Kenn­
zeichen für Linientreue: Abschnittsbevollmächtigter,
Genosse, Klassenfeind, Werktätige, Volkseigentum,
))unsere Deutsche Demokratische Republik«.
Um den eigenen Charakter des Landes durch die
Sprache hervorzuheben und gegenüberdem anderen
Deutschland unverständlicher zu werden, verschlüssel­
te man viele Begriffe in Abkürzungen. Sie dienen nicht
nur der Verknappung der Sprache, sondern gerade
auch als Mittel der Verdunklung: ABF (Arbeiter-und-
Bauern-Fakultät = Einrichtung für Arbeiter- und Bau­
ernkinder zur Erlangung der Hochschulreife), ABI (Ar­
beiter- und Bauerninspektion), ABV (Abschnittsbevoll­
mächtigter = ein Volkspolizist, der als Ansprechpartner
für ein bestimmtes, begrenztes Gebiet diente), ASV
(Armeesportvereinigung), ETW (Eierteigwaren =

Der »Trabbi«, Trabant


158 D as D e u ts c h d e r G e g e n w a r t

Nudeln), FDJ (Freie Deutsche Jugend), GOL (Grundor- |


ganisationsleitung der FDJ, z. B. an einer Schule), HO
(Einzelhandelsgeschäft der staatlichen Handelsorgani­
sation), VEB (Volkseigener Betrieb).
Wendungen, die die DDR-Wirklichkeit entweder ver- j
dunkelten oder ideologisch korrekt darstellten, waren
z. B.: Antifaschistischer Schutzwall (Bezeichnung der
befestigten Grenze zur Bundesrepublik und der Mau­
er), der feste/ klare Klassenstandpunkt (sozialistisches
Weltbild bzw. marxistisch-leninistische Weltanschau­
ung), der neue Mensch (Idealbild des Menschen im So­
zialismus), die guten Genossen (zuverlässige Parteika­
der), die historische Mission der Arbeiterklasse ..., (der
Spaßhaft nannte man Aufbau des Sozialismus), Diplomaten im Trainingsanzug
die Reflexion des Kreu­ (international erfolgreiche Sportler).
zes auf der Kuppel des
Die Vereinigung nach dem Mauerfall lässt die beiden
Fernsehturms am Ale­
xanderplatz die »Rache Sprachen wieder miteinander verschmelzen, aber eine
des Papstes«. eigene Verwendung bestimmter Wörter und Begriffe
bleibt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR bestehen.
Die Frage ist berechtigt, warum erlernte Ausdrücke
ausgetauscht werden sollten, anstatt sie, wie es sinn­
voll wäre, als eine Art DDR-Dialekt weiterzuverwen­
den, und sie wird sogar von bundesrepublikanischen
Medien aufgegriffen. Gleichzeitig fließen unzählige
Wörter in die ehemalige DDR-Sprache ein. Erhalten
bleiben aber insbesondere die alten Firmen- und Mar­
kenbezeichnungen (auch für Marken, die es lange
nicht mehr gibt) und Begriffe aus dem Staatsapparat.

D i c h t u n g in d e r z w e i t e n H ä l f t e d e s 2 0 . J h .s

Dada ist nicht tot - z. B. in der konkreten Poesie lebt


der Gedanke, die Sprache durch Sprachzerstörung auf
den Punkt zu bringen, erneut auf. Auch wächst das In­
teresse an der Mundartdichtung. 1958 veröffentlicht
der Wiener Dichter Flans Carl Artmann (1921-2000)
den Gedichtband med ana schwoazzn dintn (mit einer
schwarzen tinte). Aus dem Band stammt das Gedicht
blauboad 1 (blaubart), hier zwei Strophen daraus:
Die Rechtschreibreform 159

i bin a ringlgschbüübsizza
und hob scho sim weiwa daschlong
und eanare gebeina untan schlofzim-
abon fagrom.
heit lod i ma r ei di ochte
zu einen libesdraum- daun schdol i
owa s oaschestrion ei und bek s me n
hakal zaum!
Ernst Jandl (1925-2000) ist der Ernst Jandl während ei­
Sprachspieler der konkreten Poesie. Konkrete Poesie ner Lesung im Theater
enthält nichts, was man wissen kann, es geht wie im Neumarkt in Zürich, Mai
1995. Das Gedicht lic h -
Dada um das ästhetische Erleben der Sprache an sich, tu n g ist eins von Jandls
um die Möglichkeiten, die sich aus der Sprache er­ schönsten Wortspielen:
manche meinen
schließen. Sein Gedicht ottos mops erschien 1966 in
lechts und rinks
dem Gedichtband Laut und Luise: kann man nicht velwech-
Ottos Mops trotzt. Otto: fort Mops fort. Ottos Mops sern werch ein illtum!

hopst fort. Otto: soso. Otto holt Koks. Otto holt


Obst. Otto horcht. Otto: Mops Mops. Otto hofft.
Ottos Mops klopft. Otto: komm Mops komm. Ottos
Mops kommt. Ottos Mops kotzt. Otto: ogottogott.

D ie R e c h t s c h r e i b r e f o r m

Die Vertreter der deutschsprachigen Staaten einigten


sich am 1. Juli 1996 auf eine Reform der deutschen
Rechtschreibung. Diese Reform ist bis heute umstrit­
ten und wird sowohl angefeindet als auch nicht beach­
tet. So gibt es eine Reihe von Zeitungen und Verlagen,
die sich weiterhin an die alte Schreibweise halten. Auf
der Buchmesse 2004 Unterzeichneten sogar promi­
nente Schriftsteller wie Günter Grass (geb. 1927), Mar­
tin Walser (geb. 1927), Ulla Hahn (geb. 1946), Elfriede
Jelinek (geb. 1946), Hans Magnus Enzensberger (geb.
1929) und Ralph Giordano (geb. 1923) den sogenann­
ten »Frankfurter Appell«, in dem sie die sofortige Rück­
nahme der Rechtschreibreform fordern.
Die folgende Liste mit Beispielen fasst die wichtigs­
ten von Veränderung betroffenen Wortbildungs-, Or­
thografie- und Interpunktionskonzepte zusammen.
D a s D e u ts c h d e r G e g e n w a rt

1. L a u t-B u c h s ta b e n -Z u o rd n u n g e n

(e in s c h lie ß lic h F r e m d w o r t s c h r e ib u n g )

Die Veränderungen sollen sicherstellen, dass die Wör­


ter einer Wortfamilie zugeordnet werden können, der
Wortstamm soll dabei stets gleich geschrieben werden.

U m la u t s c h r e ib u n g

a lt e S c h r e ib u n g n e u e S c h r e ib u n g

behende behände (zu Hand)


belemmert belämmert (heute zu Lamm)
Gemse Gämse (zu Gams)
schneuzen schnäuzen (zu Schnauze,
großschnäuzig)
aufwendig aufwendig (zu aufwenden)
oder aufwändig (zu Aufwand)

V e rd o p p lu n g d e s K o n s o n a n te n n a c h k u rz e m V o kal

a lt e S c h r e ib u n g n e u e S c h r e ib u n g

Karamel Karamell (zu Karamelle)


numerieren nummerieren (zu Nummer)
plazieren platzieren (zu Platz)

ss fü r ß n ach k u rz e m V o ka l

Auch hier soll die Gleichheit in der Schreibung der


Wortstämme garantiert werden: Wasser/ wässerig/
wässrig oder müssen/er muss. Bei langen Vokalen je­
doch bleibt ß erhalten: Maß, Muße und Straße.
a lt e S c h r e ib u n g n e u e S c h r e ib u n g

hassen - Haß hassen - Hass


küssen - Kuß küssen - Kuss,
lassen - er läßt lassen - er lässt
daß dass

Z u s a m m e n s e tz u n g e n

Auch hier geht es um den Erhalt der Wortstämme. Tre­


ten bei Zusammensetzungen drei gleiche Konsonanten
auf wie bei Bett und Tuch, werden alle behalten: Bett­
tuch. Alternative Schreibung mit Bindestrich ist stets
Laut-Buchstaben-Zuordnungen 161

erlaubt. Auch das Suffix -heit bleibt erhalten und das h


wird gedoppelt: Rohheit (von roh), Zähheit (von zäh).
alte Schreibung neue Schreibung
Flußsand Flusssand
Stoffetzen Stofffetzen
selbständig selbständig/selbstständig

R e ih e n b ild u n g u n d S y s te m a t is ie r u n g

Finales h fällt weg, wenn gleiche Reihen bestehen:


blau, grau, schlau, also rau statt rauh. Ebenso Känguru
(statt Känguruh), weil Emu, Gnu, Kakadu.

F re m d w ö rte r

Die fremde Schreibung wird durch deutsche Schrei­


bung ersetzt oder eingedeutscht. Allerdings nicht in
allen Fällen - Philosophie, Phänomen, Metapher, Sphä­
re bleiben wie bisher und die Schreibung optional:
alte Schreibung neue Schreibung
Necessaire Necessaire, auch Nessessär
Orthographie Orthographie, auch Orthografie
Spaghetti Spaghetti, auch Spagetti
Variet Varietee, auch Variete
Kommunique Kommunique, auch Kommunikee
Katarrh Katarrh, auch Katarr
Fiämorrhoiden Flämorrhoiden, auch Flämorriden
Panther Panther, auch Panter
Thunfisch Thunfisch, auch Tunfisch

2 . G e tr e n n t- u n d Z u s a m m e n s c h r e ib u n g

Wurden mit den modifizierten Regeln von 2006 wieder


viele Wörter in den ursprünglichen Stand versetzt, so
bleiben z. B. vollquatschen, festnageln, vielversprechend
weiterhin (oder erneut) zusammengeschrieben. Ände­
rungen bleiben aber immer noch bestehen, etwa bei:
alte Schreibung neue Schreibung
radfahren Rad fahren
teppichklopfen Teppich klopfen
haltmachen Flalt machen
162 D a s D e u ts c h d e r G e g e n w a rt

oder auch:
soviel, wieviel so viel, wie viel
irgend etwas irgendetwas
irgendjemand irgendjemand

3. G ro ß - u n d K le in s c h r e ib u n g

Der Artikel und sein Gebrauch werden durch die


Rechtschreibreform in den Mittelpunkt gestellt, was
zu einer Vermehrung der Großschreibung führt.
Heute schreibt man Ordinalzahlen groß, etwa
der Erste, der Letzte, der Nächste (anstatt früher:
der erste, der letzte, der nächste).
Das Gleiche gilt für unbestimmte Zahladjektive
(anstatt alles übrige schreibt man heute alles Übrige,
anstatt nicht das geringste schreibt man heute nicht
das Geringste) und für Adjektive in festen Wortver­
bindungen:
a lt e S c h r e ib u n g n e u e S c h r e ib u n g

im klaren im Klaren
im folgenden im Folgenden
im nachhinein im Nachhinein
des näheren des Näheren

Auch in übertragener Bedeutung:


im Dunkeln tappen, im Trüben fischen oder:
a lt e S c h r e ib u n g n e u e S c h r e ib u n g

der nächste, bitte der Nächste, bitte


im großen und ganzen im Großen und Ganzen
im allgemeinen im Allgemeinen
es ist das beste das Beste
den kürzeren ziehen den Kürzeren ziehen

Substantive mit Präpositionen oder Verben werden


großgeschrieben:
a lt e S c h r e ib u n g n e u e S c h r e ib u n g

in bezug auf in Bezug auf


radfahren Rad fahren ^
(auch Auto fahren,
j
!
Groß- und Kleinschreibung 163

Tennis spielen, Zeitung


lesen, Maschine schreiben,
Angst haben).
Gleiches gilt für Sprachbezeichnungen:
auf deutsch, englisch ->auf Deutsch, Englisch.

Alle Tageszeiten werden großgeschrieben, wenn sie


zusammen mit heute, (vor)gestern oder (über)morgen
stehen:
alte Schreibung neue Schreibung
heute mittag heute Mittag
gestern abend gestern Abend

Ebenso Formeln zur Bezeichnung von Personen:


alte Schreibung neue Schreibung
groß und klein Groß und Klein
jung und alt Jung und Alt

4 . Z e ic h e n s e tz u n g

Bei der Reihung von Sätzen mit und, oder etc. lautet
die Kommaregel:
Bei der Reihung von Hauptsätzen, die durch und,
oder, beziehungsweise/bzw., entweder - oder, nicht -
noch oder weder - noch verbunden sind, kann ein
Komma gesetzt werden, um die Gliederung des gesam­
ten Satzes deutlich zu machen:
Hast du sie getroffen},) oder wirst du sie später anru-
fen? Der Wagen war geparkt},) und sie stiegen aus.
Die wörtliche Rede wird immer durch Komma vom
nachfolgenden Satz abgetrennt, auch dann, wenn sie
mit einem Ausrufe- oder Fragezeichen schließt:
»Komm sofort her!«, rief er.
»Hast du heute Zeit?«, fragte sie.
Im Großen und Ganzen wird bei der Zeichensetzung
größere Freiheit eingeräumt als bisher. Die Gliederung
soll durch Satzzeichen verdeutlicht werden, um das
Verstehen zu erleichtern oder um Missverständnissen
entgegenzuarbeiten.
164 Das Deutsch der Gegenwart

Bedenkt man aber den Raum, in dem sich jeder be­


wegt, so leben sehr viele Menschen bestimmt teilwei­
se in völlig rechtschreibungsfreien Räumen. Man be­
denke die SMS-Kürzel (s. Kasten). Dort wird ebenso
wie im Chat, in der E-Mail oder im Messenger die
Kleinschreibung verwendet. Wegen der großen Schnel­
ligkeit des Mediums gehören Rechtschreibfehler dazu
und werden nicht sanktioniert, ja sind gerade Aus­
druck der besonderen Wesensart dieser Medien. Auf
lange Sicht und vor dem Hintergrund eines Buches wie
diesem über die Geschichte der deutschen Sprache,
in dem der jahrhundertelange Kampf, eine Einigung in
der Schreibung oder in der Aussprache zu finden be­
schrieben wird, zeigt sich, dass nur solche Änderungen
sich durchsetzen, die von allen verwendet werden.

Is t S c h re ib e n w ie S p re c he n ? - N eue Fo rm e n d e r
s c h riftlic h e n K o m m u n ik a tio n
Die Schrift hat durch E-Mail, Chats und SMS neue Di­
mensionen bekommen. In diesen Medien gibt es keine
Zeit mehr für lange Texte, denn je kürzer der Text,
desto billiger ist er, wenn er per SMS verschickt wird.
Kürzel regieren: »KO10MISPÄ« (Komme zehn Minuten
später).
Besonders unter Jugendlichen werden eigene Kom­
munikationswelten geschaffen, die »man« kennt oder
nicht - kennt man sie nicht, bleibt man »außen vor«.

SMS-Nachrichten - je
knapper, desto schneller
und billiger
Neue Formen der schriftlichen Kommunikation

Die gängigen SMS- und Chat-Kürzel

2g4u too good for you - zu gut für Dich


2L8 too late (zu spät)
4e for ever (für immer)
4u for you (für Dich)
8ung Achtung
akla Alles klar?
as Ansichtssache
asap as soon as possible -
so bald wie möglich
BaB Bussi auf den Bauch
babs bin auf Brautsuche
bb bis bald
bbb bis bald Baby
bda bis dann
bdi brauche dich
bg big grin - breites grinsen
BGS brauche Geld sofort
bidunowa bist Du noch wach?
BIGBEDI bin gleich bei Dir
BIGLEZUHAU bin gleich zu Hause
bmvl biege mich vor lachen
BpG bei passender Gelegenheit
brb be right back - bin gleich wieder da
BSE bin so einsam
btw by the way - übrigens
bvid bin verliebt in Dich
cola Come later - komme später
CU see you - wir sehen uns
cul see you later - bis später
DaD denke an Dich
DaM denk an mich
dd drücke Dich
ddf drücke Dich fest
dg dumm gelaufen
div danke im Voraus
dk don’t know - weiß nicht
DN! du nervst!
dubido du bist doof
DUWIPA! du wirst Papa!
eb echt blöd
F2F face to face - unter vier Augen
FANTA fahre noch tanken
ff Fortsetzung folgt
FKK fahre Kaugummi/Kondome kaufen
166 D a s D e u ts c h d e r G e g e n w a r t

FOF? Freund oder Feind?


fümiein fühle mich einsam
fyi for your information -
zu deiner Information
ga go ahead - mach weiter
GdB ganz dickes Bussi
GG großes Grinsen
GiE ganz im Ernst
GIG ganz liebe Grüße
gn geht nicht
gn8 Gute Nacht
GNGB Geht nicht gibt es nicht.
GuK Gruß und Kuss
HaHu habe Hunger
Fland have a nice day
HaSe habe Sehnsucht
HD! halte durch!
hdg hab Dich gern
hdgdl hab Dich ganz doll lieb
hdl hab Dich lieb
hegl Herzlichen Glückwunsch!
HUND habe unten nichts drunter
ic I see - ich verstehe
ikd Ich küsse Dich.
ild Ich liebe Dich.
imo in my opinion - meiner Meinung nach
isdn ich sehe deine Nummer
J4F just for fun - nur zum Spaß
jj just joking - war nur ein Scherz
jk just kidding - war nur Spaß
jon jetzt oder nie
KSSM Kein Schwein schreibt mir.
KV kannst vergessen
I8er later (später)
LMIR! Lass mich in Ruhe!
lol laughing out loud - lauthals lachen
luauki Lust auf Kino?
LZS? Lust zu schreiben?
MaD Mag Dich
MaMiMa mail mir mal
mb mail back - schreib zurück
MeDiWi Melde Dich wieder!
mfg mit freundlichen Grüssen
mu miss you - ich vermisse Dich
mwn meines Wissens nach
nfd nur für Dich
Neue Formen der schriftlichen Kommunikation 167

NoK! Nicht ohne Kondom!


! np no problem - kein Problem
j o4u only for you - nur für Dich
j oic oh, I see - ich seh’s
Pg Pech gehabt
pIz please - bitte
I ppkm Persönliches Pech kein Mitleid
j ptmm please teil me more -
j bitte erzähle mir mehr
QK Quatschkopf
| RUMIAN ruf mich an
| SchSch Schnick-Schnack
j SFH Schluß für heute
SGUTWS schlaf gut und träum was Schönes!
SIM S Schatz, ich mache Schluss
SIW soweit ich weiß
SP Sendepause
StimSt Stehe im Stau
sz schreib zurück
t+ think positive - denke positiv
T2UL8R talk to you later - ich rufe später an
TaBu Tausend Bussis
ths thanks - danke (nicht oft genutzt)
thx thanks - danke
ts träume süß
vd vermisse Dich
vegimini vergiss mich nicht
velamini verlass mich nicht
vv Viel Vergnügen
wasa warte auf schnelle Antwort
wauDi warte auf Dich
wauMi warte auf mich
I wd will Dich
wdk will Dich knuddeln
WZTSD? Wo zum Teufel steckst Du?
WZTWD Wo zum Teufel warst Du?
Z&P Zuckerbrot und Peitsche
ZUMIOZUDI Zu mir oder zu Dir?
168 Das Vaterunser

Beispiele der Wandlung des Deutschen an verschiede­


nen Versionen des Vaterunser vom Lateinischen bis
zum heutigen Deutsch:

L a te in is c h , V u lg a ta
Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tu-
um; adveniat regnum tuum, fiat voluntas tua sicut in
caelo et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis
hodie; et dimite nobis debita nostra, sicut et nos dimi-
timus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tenta-
tionem; sed libera nos a malo. Quia tuum est regnum,
et potestas, et gloria in saecula. Amen!

G o tis c h (W u lfila , 3 6 0 )
Atta unsar (du in himinam * weihnai namo (Dein * qimai
(oiudinassus (Deins *w air (Dai wilja (Deins * sw e in himi-
na jah ana air (Dai *hlaif unsarana (Dana sinteinan gif
uns himma daga * jah aflet uns (Datei skulans sijaim a *
sw asw e jah w eis afletam (oaim skulam unsaraim * jah
ni briggais uns in fraistubnjai * ak lausei uns af (Damrna
ubilin * unte (oeina ist (Diudangardi jah mahts jah
wul (dus in aiwins * Am en!

A lts ä c h s is c h (H e lia n t, 9. Jh.)


Fadar üsa firiho barno, thu bist an them höhon himila
rikea, geuuThid sT thTn namo uuordo gehuuilico. Cuma
thTn craftag nki. Uuerda thTn uuilleo obar thesa uue-
rold alla, so sama an erdo, so thar uppa ist an them
höhon himilo rTkea. Gef üs dago gehuuilikes räd,
drohtin the gödo, thtna helaga helpa, endi alät üs, he-
benes uuard, managoro mensculdio, al so uue ödrum
mannum döan. Ne lät üs farledean leda uuihti so ford
an iro uuilleon, so uui uuirdige sind, ac help üs uuidar
allun ubilon dädiun.

A lth o c h d e u ts c h (S t. G a lle n, A le m a n n is c h , 8. Jh.)


Fater unsar, thü pist in himile, uuihi namun dTnan. qhu-
eme rThhi d?n. uuerde uuillo diin, so in himile sösa imer-
Das V a te r u n s e r 169

du. prooth unsar emezich kip uns hiutü. oblaz uns


sculdi unsarö, so uuir obläzem uns sculdTkem. enti ni
unsih firleiti in khorunka. üzzer lösi unsih fona ubile.
Amen.

A lth o c h d e u ts c h (F u ld a , O s tfrä n k is c h , u m 8 3 0 )
Fater unser thu thär bist in himile, si giheilagöt th?n na-
mo,queme thTn rThhi, sT th?n uuillo, so her in himile ist
so sT her in erdu; unsar bröt tagalThhaz gib uns hiutu,
inti furläz uns unsara sculdi, so uuir furläzemes uns-
aren sculdigon; inti ni gileitest unsih in costunga,
üzouh arlösi unsih fon ubile.

A lth o c h d e u ts c h (N o tk e r, A le m a n n is c h , u m 1000)
Fater unser du in himile bist. DTn nämo uuerde geheTli-
göt. DTn rTche chome. DTn uuillo gescehe in erdo (fone
menniscon) also in hfmele (fone angelis). Unser tage-
licha bröt kfb uns hiüto. Unde unsere sculde beläz uns,
also öuh uuir beläzen unseren scüldTgen. Unde in
chörunga ne leitest dü unsih. Nübe löse unsih föne
übele. Amen.

A lth o c h d e u ts c h (F re is in g , B a iris c h , u m 1000)


Fater unser, du pist in himilum, kawuuThit sT namo dTn,
piqhueme rThhi dTn, uuesa dTn uuillo, sama so in himile
est, sama in erdu. pilipi unsraz emizzTgaz kip uns eo-
gauuanna, enti fläz uns unsro sculdi, sama so uuir
fläzzames unsrem scolöm, enti ni princ unsih in
chorunka, uzzan kaneri unsih fona allem suntön.

M itte lh o c h d e u ts c h (R e in m a r v o n Z w e te r, u m 1240)
Got vater unser, da du bist // In dem himelrTche ge-
waltic alles des dir ist, / / geheiliget so werde dTn nam,
zuo müeze uns komen das rTche dTn . // DTn wille wer­
de dem gelTch / / Hie üf der erde als in den himeln,
des gewer unsich, // nu gip uns unser tegelTch bröt
und swes wir dar nach dürftic sTn. // Vergip uns allen
sament unser schulde, // also du wilt, daz wir durch
170 D as Vaterunser

dTne hulde // vergeben, der wir ie genämen // dekeinen


schaden, swie gröz er sT: // vor sünden kor so mache
uns vr? // und Icese uns ouch von allem übele. // amen

F rü h n e u h o c h d e u ts c h (L u th e r, 1522)
Vnser vater ynn dem hymel. Deyn name sey heylig.
Deyn reych kome. Deyn wille gescheheauff erden wie
ynn dem hymele. Vnser teglich brott gib vnns heutt,
vnd vergib vns vnsereschulde, wie wyr vnsernn schul­
digem vergeben, vnd fure vns nitt ynn Versuchung,
sondernerlose vns von dem vbel, denn deyn ist das
reych, vnd die krafft, vnd die herlickeyt inewickeyt.

F rü h n e u h o c h d e u ts c h (Z w in g li, 1 524)
Unser vatter in den himlen. Din nam sye heilig. Din
rych komme. Din will geschech ufferden wie in dem
himmel. Unser täglich brot gib uns hüt, und vergib uns
unsere schuld,wie wir unseren schuldigem vergebend,
und füer uns nit in versuochung, sunder erlössuns von
dem übel.

N e u h o c h d e u ts c h (18 6 9) ^
Unser Vater, der du bist im Himmel. Geheiliget werde
dein Name. Zu uns komme dein Reich. Dein Wille ge­
schehe auf Erden, wie im Himmel. Unser täglich Brod
gib uns heute. Und vergib uns unsere Schulden, wie
wir unser Schuldigem vergeben. Und führe uns nicht in
Versuchung. Sondern erlöse uns von dem Übel. Denn
dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit in
Ewigkeit. Amen.

L u x e m b u rg is c h
Eise Papp am Himmel, däin Numm sief gehellegt. Däi
Räich soll kommen däi Well soll gescheien wei am
Hilmmel sou op der Äerd. Gef äis haut eist deeglecht
Brout, verzei äis eis Schold wei mir och dene verzeien,
dei an eiser Schold sin. Feier äis net an d’Versuchung,
mä maach äis fräi vum Beisen. Amen!
Das V a te r u n s e r 171

N ie d e rlä n d is c h
Onze Vader, die in de hemelen zijt, geheiligd zij uw
naam, uw rijk kome. Uw wil geschiede, op aarde als in
de hemel. Geef ons heden ons dagelijkse brood. En
vergeef ons onze schulden, gelijk ook wij vergeven aan
onze schuldenaren. En leid ons niet in bekoring, maar
verlos ons van het kwade. Want van U is het Koningrijk
en de kracht en de heerlijkheid in eeuwigheid. Amen!

H o c h d e u ts c h
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Him­
mel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben
unseren Schuldigem. Und führe uns nicht in Versu­
chung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein
ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewig­
keit. Amen!

D e u ts c h , B a iris c h
Insa vädar im himö, ghäiligt soi werdn dai’ näm. Dai’
räich soi kema, dai’ wuin soi gschegn, wia-r-im himö,
aso äf dar eadn. Gib ins häind insa täglis broud, und
vargib ins insar schuid, wia-r-ä mia dene vagebm, de
an ins schuidig wordn sän. Und fiar ins net in d vasua-
chung, sundan darles ins vom ibö.

D e u ts c h , S c h w ä b is c h
Vatr unsr im Himml g’heiligt sei dain Nama, dai Reich
komme, dai Willa g’schehe wia im Himml, so au uf Aer-
da, Unsr däglichs Brod gib eis heit und vrgib eis eisere
Schulda wia au mir vrgeabat eisre Schuldigr und fiahr
eis it in Vrsuchung sondrn erles eis vom Besa Denn
s’dai isch s’Reich, d’Kraft und d’Harlichkait in Ewigkait.
Amen.
172 D e fin itio n e n

A b la u t

Den systematischen Wechsel bestimmter Vokale in


etymologisch zusammengehörigen Wörtern bezeichnet^
man seit 1819 nach Jacob Grimm (1785-1863) als Ab­
laut. Englisch bezeichnet man dieses phonetisch-pho-
nologische Phänomen als apophony. Der Ablaut hat
drei Stufen: Grund-, Dehn- und Schwundstufe.
Man unterscheidet zwischen dem Wechsel langer
und kurzer Vokale - geben, gab, gegeben (quantitativer
Ablaut) - und der Abtönung im Wechsel von Vokalen
gleicher Dauer - singen, sang, gesungen (qualitativer
Ablaut). Es gibt den Ablaut auch bei der Bildung von
Substantiven - geben, Gabe und für den Prozess der
Wortbildung allgemein - fahren: Fuhre, Fahrt, Furt, Ge­
fährt.

A n a lo g ie

Analogie in der Linguistik sind (auch regelübergreifen-


de) Angleichungstendenzen, die Einheitlichkeit und Re-
gelhaftigkeit in den Bereichen von Wortbildung, Dekli­
nation und Konjugation erzeugen. Analogie ist eine
Form sprachlicher Kreativität, eine Sichtbarmachung
des Sprachwandels. Beispiel: das deutsche Verb
backen, das als starkes Verb die Präteritumform buk
hat, aber in Analogie zu dem schwachen Verb hacken
inzwischen über zwei Präteritumformen verfügt: buk
und die schwache (und immer populärer werdende)
Form backte.

A u s la u t v e r h ä r t u n g

Der Auslaut ist der letzte Vokal oder Konsonant der


letzten Silbe eines Worts. Betroffen von dieser »Verhär­
tung« sind alle stimmhaften Verschluss- und Reibelau­
te wie b, d, g, v, z. So ist es geben [geben], ab ergab
[ga:p], sich aufregen [sich aufregen] aber reg [re:k]
(dich nicht auf). Es gibt keine phonetischen Unter­
schiede mehr zwischen Rad und Rat, beide Wörter
werden [ra:t] gesprochen. Das Englische hat diese Ent-
Definitionen | A - F 173

Wicklung nicht mitgemacht, weshalb es deutschen Ler-


nern des Englischen schwerfällt, in ihrer Aussprache
zwischen dock [dock] (Hafenbecken) und dog [do:g]
(Hund) oder had [ha:d] (hatte) und hat [hat] (Hut) zu
unterscheiden.

D i g lo s s i e

Von Diglossie (gr. di= zwei; glossa = Sprache) spricht


man, wenn in einer Sprache zwei oder mehr Varianten
existieren, von der eine höher bewertet ist als die an­
dere und in Folge dessen z. B. bei offiziellen Anlässen
oder als Schriftsprache verwendet wird, während die
andere entweder umgangssprachliche Verwendung fin­
det oder innerhalb bestimmter Gruppen gesprochen
wird (Dialektsprecher). Beide Sprachen sind situations­
abhängig, überschneiden sich also nicht. Meist zeich­
net sich eine von beiden durch größere grammatische
Komplexität, größeren Wortschatz oder Prestigeaus­
sprache aus. Eigentlich existiert Diglossie in jeder
Sprachgemeinschaft, in der regionale Dialekte existie­
ren. Deutlich erlebt man sie in der Schweiz.

E ty m o lo g ie

Herkunftslehre bedeutet das Wort im Griechischen


und bezeichnet den Teil der Sprachwissenschaft, der
Herkunft und Entwicklung von Wörtern untersucht, wo­
bei der Ursprung eines Wortes untersucht wird, weiter­
hin seine Wortbildungsgeschichte, vor allem im Zusam­
menhang mit dem Bedeutungswandel, dem einzelne
Wörter im Lauf ihrer Geschichte unterliegen. Im
Rahmen der historisch-vergleichenden Sprachwissen­
schaft betrachtet man die Veränderungen unter den
Aspekten der Lautgesetze.

F le x i o n

Im Deutschen ist Flexion die Beugung, Biegung oder


Formenlehre der Wörter. Man unterscheidet zwischen
Konjugation als Flexion der Verben (ich gehe, du gehst,
D e fin itio n e n

er/sie/es geht, wir gehen, ihr geht, sie gehen), der


Deklination als Flexion der Substantive (der Mann, der!
Mann, des Mannes, dem Mann) und der Komparation j
(groß, größer, am größten). |
Im Deutschen kann die Flexion durch Abwandlung |
des Stamms geschehen (gehen, ging) oder durch die
Anfügung bestimmter grammatischer Morpheme (s.
Flexion der Verben).

G enus

Im Deutschen unterscheidet man bei Substantiven drelj


Genera oder grammatische Geschlechter: Maskuli­
num, Femininum und Neutrum. Diese Bezeichnungen,
die sich am biologischen Geschlecht orientieren, ha­
ben nichts mit diesem zu tun, die Zuweisungen sind
will-kürlich. Außerdem gibt es in verschiedenen Spra­
chen nicht immer Übereinstimmungen, so ist der
Mond in den romanischen Sprachen feminin: la luna
(sp.), la lune (frz.), die Sonne maskulin: el so/ (sp.), le
soleil (frz). Durch die grammatisch nötige Übereinstim­
mung mit dem Substantiv (Kongruenz) übernehmen
auch andere Wortarten wie Adjektive, Artikel und Pro­
nomen diese Kategorien. Nicht alle Sprachen haben
drei Genera, viele kommen mit zweien aus.

G e r m a n is tik

Eigentlich die Wissenschaft von Wesen, Kultur, Eigen­


art und Geschichte der germanischen Völker, woraus
dann die Beschäftigung mit den germanischen Spra­
chen und Literaturen wurde.

G r a m m a t ik

Im eigentlichen Sinn bedeutet es »Lehre von den Buch­


staben« und war im Mittelalter die gesamte Stil- und
Sprachlehre inklusive der Rhetorik. Heute versteht
man darunter allgemein gefasst die systematische
Beschreibung des Regelapparats einer natürlichen
Sprache unter Berücksichtigung aller ihrer Aspekt^ wie
Definitionen | G - L 175

Form, Funktion, Bedeutung, Sprachproduktion,


Sprachverstehen und Interpretation.

Is o g lo s s e

von griech. glossa = Sprache, ist eine Grenzlinie zwi­


schen zwei Dialekten, die Unterschiede in der Verbrei­
tung bestimmter Merkmale zeigt.

Kasus

Der Kasus oder Fall bezeichnet die grammatische


Kategorie deklinierbarer Wörter, die ihre Rolle und
Funktion im Satz kennzeichnen. Im Deutschen gibt es
heute noch vier Fälle, jeweils in Singular und Plural:
Nominativ, Akkusativ, Genitiv und Dativ.

L e h n w o rt / F re m d w o rt

Nach Werner Betz (1965) unterscheidet man zwischen


verschiedenen Arten der Entlehnung:
• Fremdwort: Wort, das in seiner Originalversion als
lateinischer Ausdruck bleibt. Oft sind dies Fachbe­
griffe, die hauptsächlich in bestimmten Zusammen­
hängen Vorkommen (Sprache der Ärzte etc.).
• Lehnwort: Das fremdsprachliche Wort wird der es
aufnehmenden Sprache in Lautung, Schriftbild und
Flexion angepasst, z. B. lat. fenestra, Fenster, lat. vi-
num, Wein; lat. monasterium, ahd. munistiri, Münster.
• Lehnbildungen: Nachbildungen fremder Wörter in
der eigenen Sprache. Hierbei unterscheidet man je
nach Grad zwischen:
• Lehnübersetzungen: Ergebnis einer exakten
Glied-für-Glied-Übersetzung des fremdsprachli­
chen Ausdrucks, z. B. engl, steam engine, Dampf­
maschine; lat. dies lunae, Montag; franz. presence
d’esprit, Geistesgegenwart.
• Lehnschöpfungen: formal relativ unabhängige
Nachbildung in der eigenen Sprache, z. B. franz.
Milieu, Umwelt; franz. Cognac, Weinbrand (der
franz. Ausdruck wurde für deutsche Brandweine
176 D e fin itio n e n

verboten - ähnlich verhält es sich in der EU mit


Ausdrücken für Champagner, dt. Sekt, span, cava,|
ital. asti Spumante); griech. Telefon, Fernsprecherj\
griech. Symbol, Sinnbild. i
• Lehnübertragungen: Im Gegensatz zurexakten
Glied-für-Glied-Übersetzung gestattet sie einen
freien Umgang mit dem Ausgangswort, das durch
Annäherung übertragen wird: engl, skyscraper,
Wolkenkratzer (eigentl. ja Himmelskratzer); lat.
patria, Vaterland.

\
Lexem j

Ein Lexem ist eine sprachliche Basiseinheit, die in ver- j


schiedenen grammatischen Formen Anwendung finden j
kann wie z.B. tauch- in tauche, tauchst, taucht, tau- |
chen, Taucher oder als Teil anderer Lexeme: Taucher- j
anzug, Tauchgang. Als ein Element des Wortschatzes
ist es die kleinste semantische Einheit.

L e x ik o g r a f ie j

Darunter versteht man die wissenschaftliche Beschäl i


tigung mit dem Wortschatz, vorwiegend die Entwick­
lung von Lexika und Wörterbüchern.

L in g u is tik

Als Sprachwissenschaft ist die Bezeichung seit Fer­


dinand de Saussure (s. S. 23) gebräuchlich. Unter­
suchungsgegenstand dieser Disziplin ist die geschrie­
bene und gesprochenen Sprache. Teilbereiche sind
Morphologie, Syntax, Semantik, Phonetik. Während
man sich traditionell mit der Entwicklung der Sprache
unter historischen Aspekten beschäftigte, wird heute
verstärkt Aufmerksamkeit auf einerseits Grammatik­
theorie und Grammatikveränderungstherorie gelegt
und andererseits in Parallel- oder Unterdisziplinen wie
z.B. Psycholinguistik und Soziolinguistik auf die so­
zialen und psychologischen Aspekte der Sprache
allgemein.
Definitionen | L - N

M odus

Grammatische Aussageweise eines Satzes, die die


subjektive Position eines Sprechers ausdrückt. Modi
sind Indikativ (Wirklichkeitsform), Konjunktiv (Mög­
lichkeitsform), Imperativ (Befehlsform). Diese subjek­
tive/ modale Einstellung des Sprechers wird nicht nur
durch diese syntaktischen Formen dargestellt, sondern
kann auch durch Modalverben (wollen, können, mögen
etc.) und vor allem auch durch Satzadverbien (mög­
licherweise, vermutlich, vielleicht etc.) ausgedrückt
werden.

M o rp h e m

Ein Morphem ist die kleinste bedeutungstragende Ein­


heit einer Sprache. In der Analyse wird einerseits das
gesamte Morpheminventar einer Sprache beschrieben,
andererseits die Kombinationsmöglichkeiten der ver­
schiedenen Morpheme. Ein Morphem ist nicht mit ei­
nem Wort zu verwechseln. Beispiel: Das Wort (du)
machst besteht aus dem lexikalischen Morphem
[mach] und dem grammatischen Morphem [st], das
Tempus, Modus, Person/Numerus der Flexion anzeigt
- hier: Präsens, Indikativ, 2. Person/Singular; mach­
test ist erweitert um das grammatische Morphem -te-,
das das Präteritum markiert.

M o r p h o lo g ie

In der Linguistik versteht man unter Morphologie die


Lehre von den Formen. Goethe prägte den Ausdruck
zur Beschreibung von Form und Struktur lebender
Organismen. Die Linguistik übernahm den Ausdruck im
19. Jh. für die Untersuchung und Bestimmung von
Flexion und Wortbildung.

N u m e ru s

Numerus ist die grammatische Ein- oder Mehrzahl,


Singular oder Plural.
178 D e fin itio n e n

O p t a t iv

(von lat. optare, wählen) Diese Form des Verbmodus


war im Griechischen noch zum Ausdruck von erfüllba­
ren Wünschen aktiv und hatte ein eigenes vom Kon­
junktiv unabhängiges Formenschema (Paradigma). Der
Optativ wird heute im Deutschen durch den Konjunktiv
ausgedrückt: Möget ihr eine gute Reise haben!

O r t h o g r a fie

Orthografie ist die Lehre von der richtigen Schreibung


einer Sprache, Rechtschreibung. Die historische Ent­
wicklung ist oft dafür verantwortlich, dass heute Wör­
ter vielmals nicht mehr so geschrieben werden wie sie
gesprochen werden. Als markantes Beispiel sei der
englische Vokalwechsel gegeben, der sich etwa zwi­
schen dem 12. und 16. Jh. im Süden Englands vollzog.
An ihm lässt sich die oft schwer nachvollziehbare Or­
thografie dieser Sprache erkennen, denn es wurde ei­
ne Schreibung beibehalten, die seit dem Wechsel deut­
lich von der Aussprache abweicht. Im Groben erlebte
das Englische folgende Wechsel:
make /mae:k/ war ursprünglich /a/
feet /fi:t/ war ursprünglich /fe:t/
time /tajm/ war ursprünglich /ti:m/
boot /bu:t/ war ursprünglich /bo:t/
mouse /maus/ war ursprünglich /mus/

P a r a d ig m a /S y n ta g m a

Unter Paradigma versteht man einerseits die Gesamt­


menge der Konjugations- und Deklinationsformen
eines Wortes und ebenfalls die Flexionsformen für die
jeweilige Deklination oder Konjugation. Andererseits
meint der Begriff die vertikale Austauschebene von
Ausdrücken derselben Wortgruppe z.B. zur Feststel­
lung einer bestimmten Wortart in Zweifelsfällen. So
kann in dem Satz: Maria sieht den Vogel jedes der drei
Glieder vertikal ausgetauscht werden. Mit Maria steht
z. B. Paula, Karla, Else in paradigmatischer Beziehung,
Definitionen | 0 - P 179

wenn die Wortgruppe als Vorname, weiblich definiert


ist. Das Verb sieht kann durch andere Verben der
Gruppe »Verben sinnlicher Wahrnehmung« ersetzt wer­
den, z. B. hört, riecht etc. Vogel kann durch ein ande­
res Tier ersetzt werden, das der Gruppe Tier, maskulin
angehört, z. B. Fuchs, Hund etc. Im Gegensatz dazu
gibt es das Syntagma als horizontal verlaufende Bezie­
hung. Darin verlangt ein Wort in der Abfolge ein ande­
res Wort und kann mit bestimmten anderen keine (syn­
taktische) Beziehung eingehen. So könnte im Beispiel
oben nach dem Verb sieht z. B. nicht das Substantiv
Zeit stehen, denn die kann man nicht sehen.

P h on em

Ein Phonem ist die kleinste Lauteinheit der Sprache


mit bedeutungsunterscheidender Funktion. Man ermit­
telt den Phonembestand einer Sprache durch die Bil­
dung von sogenannten Minimalpaaren (zwei oder mehr
Wörter oder Morpheme, die sich nur in einem Laut un­
terscheiden):
/w/ vs. /r/ 14/ille, R\\\e
/k/ vs. /g/ Kasse, Gasse

P h o n e tik

Die Phonetik oder Lautlehre untersucht die Gesamt­


heit der Merkmale von Lauten aller Sprachen unter
Berücksichtigung des Artikulationsorts im Mund. Zur
Darstellung der Laute entwickelte man das internatio­
nale phonetische Alphabet oder Lautschrift.

P h o n o lo g ie

Die Phonologie ist die Lehre vom Funktionssystem der


Phoneme. Aus der fast unendlichen Menge der Kombi­
nationen verwendet die Wortbildung nur eine relativ
begrenzte Menge von Phonemen, die von Sprache zu
Sprache jeweils verschieden ist.
R e k o n s tr u k t io n

In der vergleichenden oder historischen Sprachwissen­


schaft ist die Rekonstruktion (auch Innere Rekonstruk­
tion) ein Werkzeug, um aus bekanntem unbekanntes
sprachliches Material herzuleiten und nachzuweisen.
Die durch die verschiedenen Verfahren rekonstruierten
Wörter werden durch einen Asterisk, einen kleinen
Stern *, gekennzeichnet, so *pötis\ indoeuropäisch be­
deutet es Gebieter und Gatte, verweist also auch auf
die patriarchalische Struktur der Gesellschaft und ist
Vorläufer des Neuhochdeutschen Vater, engl, father,
lat. pater etc. Rekonstruierte Sprachen bekommen im
Englischen das Präfix Proto-, im Deutschen Ur-, also
z. B. Urindoeuropäisch.

S c h r if ts p r a c h e

Unter der Schriftsprache versteht man seit dem 18. Jh.


die schriftliche Form der überregionalen Standardspra­
che. Sie grenzt sich gegen die gesprochene Sprache in
vielen Aspekten ab, vor allem den dialektalen, die je­
der Sprecher und jede Sprechergruppe verwenden. Im
Gegensatz dazu versteht man unter Schreibsprache
die regional begrenzte schiftliche Verwendung einer
Sprache vor der Entstehung eines Standards.

S e m a n t ik

Als »Lehre von der Bedeutung« beschäftigt sich Se­


mantik mit Analyse und Beschreibung der Bedeutung
von Wörtern und Worten.

S p ra c h e

Allgemein ist Sprache ein Verständigungssystem, ein


auf mentalen Prozessen aufbauendes und gesellschaft­
lich bedingtes Mittel zum Austausch und zum Ausdruck
von Gedanken, Empfindungen, Vorstellungen, Erfah­
rungen, Erkenntnissen und Informationen, das seiner­
seits einer historischen Entwicklung unterworfen ist.
Menschliche Sprache steht im Gegensatz zu Tierspra­
Definitionen | R - W 181

chen oder künstlichen Sprachen, und ihre wohl hervor­


stechendsten Eigenschaften sind ihre Kreativität, die
der Möglichkeit Platz gibt, mit einem relativ beschränk­
ten Zeicheninventar eine unendliche Menge sprach­
licher Aussagen zu schaffen, ferner die Fähigkeit be­
grifflich zu abstrahieren und überdies die Möglichkeit,
auf einer übergeordneten Ebene über sich selbst zu re­
flektieren und über sich selbst Aussagen zu machen.

S y n ta x

In der Grammatik versteht man darunter »Satzbau«


als ein System von Regeln, die das Zusammenstellen
verschiedener Elemente zu wohlgeformten Sätzen
einer Sprache organisieren. Die Grundelemente sind
Morpheme, Wörter oder Satzglieder.

s y n t h e t is c h v s . a n a ly tis c h

Dieses Gegensatzpaar für unterschiedlichen Sprach­


bau wurde 1818 von Wilhelm Schlegel eingeführt. Da­
nach werden im synthetischen Sprachbau die syntakti­
schen Beziehungen im Satz durch (morphologische)
Markierungen am Ende der Wörter gekennzeichnet;
so bedeutet sie singen nicht nur »ein Lied vortragen«,
sondern auch 3. Person, Plural, Präsens, Indikativ,
Aktiv. Mittels des analytischen Sprachbaus werden
syntaktische Beziehungen durch Hilfswörter wie Prä­
positionen oder Hilfsverben angezeigt, z. B. span, el
sombrero de madre, dt. Mutters Hut, oder spanische
Steigerung mas bonito, dt. schöner, oder sie werden
durch die Wortstellung geregelt.

Tem pus

Unter Tempus versteht man die grammatische Zeit­


form eines Verbs: Präsens, Präteritum, Perfekt, Plus­
quamperfekt, Futur, Futur II (vollendete Zukunft).

W o rta rte n

Zurückgehend auf die Unterteilung des Grammatikers


182 D e fin itio n e n

Dionysios Trax aus dem 1. Jh. v. Chr. spricht man meist


von acht Wortarten: Verb (Tätigkeitswort), Nomen (Na­
men- oder Hauptwort), Adjektiv (Eigenschaftswort), Ar­
tikel (Geschlechtswort), Pronomen (Fürwort oder Stell­
vertreterwort), Präposition (Verhältniswort), Adverb
(Umstandswort), Konjunktion (Bindewort).

W o r t b ild u n g

Die Wortbildung beschreibt und untersucht die Bildung


komplexer Wörter einer Sprache. Die sprachlichen Ver­
fahren zur Schaffung neuer Wörter, die der Wortschatz
braucht, sind:
1. Ableitung (Derivation): ein Wort wird aus einem an­
deren abgeleitet, z. B. der Tag, täglich.
2. Zusammensetzung (Komposition und wohl die häu­
figste Wortbildungsmethode) die Wand, die Lampe =
die Wandlampe.
3. Änderung der Wortart (Konversion) fischen aus
Fisch.

Es gibt verschiedene sprachliche Einheiten, die zur


Bildung neuer Wörter verwendet werden:
• Wort + Flexion: der Tisch, das Bein des Tischs
• Wort + Wort = Zusammensetzung: der Tisch, das
Bein = das Tischbein
• Mit Verb: schreiben + der Tisch = der Schreibtisch
• Mit Adjektiv: klein + der Wagen = der Kleinwagen
• Mit Adverb: rechts + der Ruck = der Rechtsruck
• Mit Präposition: aus + das Land = das Ausland
• Mit Numeral: dutzend + die Ware = Dutzendware
• Mit Pronomen: für + das Wort = das Fürwort.

• Affixe: man unterscheidet zwischen verschiedenen


Affixen:
•gebundene Präfixe (vorgestellt: un-, be-....):
Unglück, beschreiben,
• ungebundene Präfixe (vorgestellt: unter-?über- ...
meist Präpositionen): unterschreiben, überschreiben.
r
Definitionen 183

• Suffixe (nachgestellt: -bar, -lieh): s c h r e ib t,


glücklieh
• Infixe (eingefügt: -joch-): unter/oc/?en
Vielfach werden auch die Fugenelemente zu den In­
fixen gezählt. Fugenelemente (-e-, -en-, -er-, -es-, -s-)
werden hauptsächlich zur Erleichterung der Aus­
sprache da eingefügt, wo die Wortbildungsgrenzen
sind: Bundeskanzler, Lichterschein, Bestimmungsort
•Zirkumfixe (umstellende-... -e): Gerede, Getue
184 B ib lio g r a fie

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H a n d lu n g s s p ie l. E in in t e g r ie r ­ picture-alliance/dpa 49 u,
te s M o d e l l z u r s e m a n t is c h ­ 125, 153
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Walker Chambers, W. und Staatsbibliothek Berlin 102 o
John R. Wilkie: A S h o r t H is t o - Universitäts- und Landes­
r y o f th e G e r m a n L a n g u a g e . bibliothek Darmstadt 37
London/New York 1981 © Ken Welsh/The Bridgeman
Art Library 13
Wilpert, Gero von: S a c h w ö r-
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186 P e r s o n e n r e g is te r

A F K
Adelung, Johann Christoph Fichte, Johann Gottlieb 139 Karl d. Große 46, 59ff., 65,
131, 137 Fischart, Johann 121 70ff., 144
Alberich von Besangon 77 Fleming, Paul 134 Karl II., der Kahle 70, 72
Alberus, Erasmus 122 Frangk, Fabian 121 Karl IV. 83, 93
Alexander der Große 77 Frischlin, Nicodemus 122 Klemperer, Victor 153
Arp, Hans 149f. Klopstock, Friedrich Gottlieb
Artmann, H. C. 158 G 54, 136, 139
Ascoli, Graziadio Isaia 24 Gessner, Johannes 139 Köln, Bischof Anno von 36f.
Attila 66, 102 Giordano, Ralph 159 Konrad IV. 79
Aue, Hartman von 82, 99f. Goebbels Joseph 152f. Kraus, Karl 127
Goethe, Johann Wolfgang von Kürenberg, Der von 82
B 123, 139, 155, 177
Ball, Hugo 149f. Gottsched, Johann Christoph L
Bamberg, Ezzo aus 76 130f., 137, 139, 144 La Roche, Sophie von 137,
Barbarossa, Friedrich I. 79, 87 Grass, Günter 159 140
Benn, Gottfried 147 Grimm, Gebrüder 58, 131f. Labeo, Notker 64, 74
Bern, Dietrich von 66 Grimm, Jacob 11, 27, 29, 31, Lachmann, Karl 58f.
Bonifazius 72f. 54, 90, 119, 123, 172 Lamprecht, der Pfaffe 77
Bopp, Franz 11 Gryphius, Andreas 135 Langenfeld, Friedrich Spee von
Brant, Sebastian 124 Gutenberg, Johannes 45, 135
Braune, Wilhelm 24 108f., 111 Lavater, Johann Caspar 139
Brugmann, Karl 11, 24 Leibniz, Gottfried Wilhelm 106,
Bugge, Sophus 24 H 131, 137
Busbecq, Ogier Ghislain de 39 Hadrian I, Papst 36 Lessing, Gotthold Ephraim
Hadubrand 66 137ff.
C Hahn, Ulla 159 Lieberman, Philip 10
Campejoachim Heinrich 125, Harsdörffer, Georg Phillip Logau, Friedrich von 125, 129,
127 131f., 143 135
Cäsar, Gaius Julius 25, 34 Heeroma, Klaas 80 Lothar I. 70ff.
Champollion, Jean-Frangois Heinrich VI. 79 Ludwig der Fromme 64, 70
42 Henisch, Georg 129 Ludwig II., der Deutsche 70,
Clajus, Johann 121 Hennings, Emmy 150 72
Claudius, Matthias 137 Herder, Johann Gottfried Ludwig XIV. 138
Copernicus, Nikolaus 110 10, 139 Luther, Martin 108f, 111f.,
Cranach, Lucas d. Ä. 118 Hiller, Kurt 147 116ff., 130, 143, 170
Hitler, Adolf 152
D Hoddis, Jacob von 146 M
Darwin, Charles 19 Hoffmannswaldau, Christian Maalerjoshua 122
Dietz, Friedrich 11 Hoffmann von 135 Malherbe, Frangois de 128
Duden, Konrad 126, 132, 143 Holbein, Hans 103 Marr, Nikolaj Jakowlewitsch
Dünger, Hermann 125 Huelsenbeck, Richard 149f. 10f.
Dürer, Albrecht 124 Maurus, Rabanus 70
I Meichsner, J. E. 121
E Ickelsamer, Valentin 121 Melber, Johannes 112
Engel, Eduard 125 Mendelsohn, Moses 138
Enzensberger, Hans Magnus J Mentelin Johannes 119
159 Janco, Marcel 150 Merian, Matthäus 104
Eschenbach, Wolfram von 47, Jandl, Ernst 159 Milton Jo h n 136
82, 101 Jelinek, Elfriede 159 Morungen, Heinrich von
Etzel 102 Jones, Sir William 12, 13 82
Personenregister 187

Moscherosch, Johann Michale Sievers, Eduard 24


129 Simek, Rudolf 68
Moser, Hugo 87, 129, 155 Stephan, Gerneral Heinrich
von 126
N Sternberger, Dolf 154
Napoleon 44, 138 Stoltenberg, Hans Lorenz
Nedoma, Robert 35 125
Nithardus 71 Storz, Gerhard 154
Nursia, Benedikt von 64 Stramm, August 148
Straßburg, Gottfried von 47,
O 82, 100
Odoaker 66 Sturluson, Snorri 49f.
Ölinger, Albert 121 Süskind, Wilhelm E. 154
Opitz, Martin 129f., 134
Osthoff, Hermann 24 T

Ostia, Georg von 36 Tacitus 34


Otfried, Mönch 65 Tatian 64
Theoderich 14, 40, 66
P Thieme, Paul 21
Paracelsus, Ph. Th. A. Bom- Trakl, Georg 148
bastus von Hohenheim Trubetzkoy, Nikolei Sergeje-
120f. witsch 20
Paul, Hermann 24 Tzara, Tristan 150
Pechau, Manfred 153
Pippin I. 70 V

Verner, Karl 24, 29


R Vogelweide, W a lth e r v o n d e r
Repgow, Eike von 82 82, 97
Reuenthal, Neidhardt von 82 Volmert, Johannes 153
Richardson, Samuel 140
Richelieu, Kardinal 138 W

Rist, Johann 129 Waitz, Hans 68


Rotterdam, Erasmus von 118f. Walser, Martin 159
Sachs, Hans 124 Weitenauer, Ignaz 139
Wieland, Christoph Martin 136,
S 138f.
Sattlerjohann Rudolph 129 Wisolf, Mönch 58
Saussure, Ferdinand de 23, Wolff, Christian 131
176
Schiller, Johann Christoph Z

Friedrich von 107, 139 Zesen, Philipp von 125f., 129,


Schlegel, Friedrich 11 135, 144
Schleicher, August 19 Zwiefalten, Notger 76
Schneider, Wolf 127
Schottel, Justus Georg 126,
129, 131
Schottelius, Georg - s.
Schottel
Schueren, Gerard van der 112
Shaw, George Bernard 146
Siebs, Theodor 57, 132, 154
188 O rts - u n d S a c h re g is te r

A Barock 128f., 134ff., 155 Dual 39


Abessinisch 90 Bayern 70, 73, 80, 142 Duitsland 37
Abrogans 61, 64 Behagel, Otto 24
Academie frangaise 128 Belgien 41, 80 E

Accademia della Crusca 128 Beowulf 49 Elbschwanenorden 128


Admonito generalis 60 Blaufuß/Krahule 41 Eisass 63, 81
Affrikate 51 Böhmen 91f., 102 Elsass-Lothringen 41, 70, 141
Ägypten 43 Brabant 50 E-Mail 126, 164
Ägypter 42 Brasilien 41 Emblem 134f.
Akkusativ 30, 34, 39, 175 Brechung 85 Englisch 18, 26, 30, 38, 52,
Albanisch 17, 19 Bretonisch 18 80f., 95, 105, 123, 127,
Alemania 37 Bulgarisch 18 140f., 145f., 163, 172f., 178,
Alemannen 37, 46, 80 Burgund 74, 87 180
Alemannisch 48, 51f., 58, 63, Burgunder 35, 102 Epigramm 134f.
78,81, 86, 87, 114, 168f. Estland 92
Alexanderlied 77 C Eszett 114
Allemagne 37 Cantilena de miraculis Christi Exeter Buch 49
Alliteration 67 64 Expressionismus 147ff.
Altenglisch 48ff. Chat 164f. Ezzolied 76
Altfriesisch 48ff. Chile 41
Althochdeutsch 24, 30, 32, Chinesen 42 F

36, 38, 46ff., 82ff., 95, Codex argenteus 38, 40 Färöisch 18, 38
168f. Codex Manesse 92, 97 Femininum 30, 174
Altniederfränkisch 48, 49, 81 Codex vercellenis 49 Finnisch 38
Altniederländisch 49 Colon 144 Finno-urgische Sprachgruppe
Altnordisch 48, 50, 68 Cornwall 18, 49 20
Altsächsisch 48, 50, 68, 81, Flandern 89, 133
168 D Flexion 84, 119, 173ff., 177
Anatolien 87 Dada 149f., 158f. Frankreich 41, 46, 70f, 78, 99,
Angeln 49 Dänemark 16, 25, 41 106, 128, 133, 137ff., 141f.
Anlautgesetz, Notgers 74 Dänisch 18, 29, 38, 50, 80 Französisch 18, 79f, 106, 123,
Annolied 36 Dativ 30, 34, 39, 155, 175 125f., 129, 133, 137ff., 145
Aquitanien 70 DDR 146, 15öff. Friesisch 18, 38
Archäer 14 Demonstrativpronomen 48, Frikativ 28f.
Archetypus 59 54ff Fruchtbringende Gesellschaft
Armenisch 17 Deutsch 36f. 128
Artikel 30, 48, 54ff., 85, 162, Deutscher Orden 92 Frühneuhochdeutsch 84,
174, 181 Deutschgesinnte Genossen­ 108ff., 170
Aspirant 28f. schaft 128 Fugger 111
Athen 14, 155 Deutschherren 92 Futur 33, 48, 181
Attika 15 Deutschritter 92
Aufklärung 132ff., 140, 143 Dialekt 16, 19, 38, 45ff., 50, G
Augsburger Religionsfriede 52, 5öff., 78ff., 86f., 92f., Gälisch 18
120 104f., 114, 116, 121f., 125, Genitiv 30, 34, 39, 155, 175
Aussprachewandel, hoch­ 130ff., 139, 142, 156, 158, Georgslied 58
deutscher 115 173, 180 Gepiden 35
Dichotomie 23 Germanen 12, 24f., 27, 34, 37,
B Diphthongierung 84, 112, 114 46, 72
Bairisch 39, 48, 51f., 64, 66, Doppelfrikativ 51 Germania 37
78, 81, 114, 169, 171 Dorer 15 Germanisch 16, 27ff., 33ffv
Baltische Sprachen 17 Dreißigjähriger Krieg 120 38, 40, 46, 55, 174
Orts- und Sachregister 189

Germanische Sprachen 18 J 82f, 106ff., 115, 118, 122,


Germany 37 Jerusalem 78, 87 128. 131, 137, 168
Glossar 60f., 64 Jiddisch 18, 103ff, 146 Lautung 114, 119, 175
Glosse 60, 64 Johanniter 92 Lautverschiebung, Erste Ger­
Goten 35, 39f., 44, 46 Judäa 75 manische 25, 27ff., 39, 50
Gotisch 12f., 32, 35, 38ff., 44, Judenpersisch 104 Lautverschiebung, Zweite Alt­
52, 66, 168 Judensprachen 104 hochdeutsche 46ff., 50,
Grammatik 11, 13, 58, 90, Judenverfolgungen 104 52f., 114
122f., 129ff., 174, 176, 181 Jugoslawien 146 Leipziger Schule 22
Griechen 16, 25, 43 Junggrammatiker 22ff., 26, 29 Lettisch 17
Griechenland 14f. Jüten 49 Lexikografie 61, 176
Griechisch 12f., 18f., 40, 44, Liechtenstein 41
111, 118, 144, 173, 177 K Linguistik 19, 20, 23, 47, 172,
Grimmsches Gesetz 28 Kanada 41 176f.
Kanzleisprache 116ff. Litauen 104
H Kärnten 81 Litauisch 17
Hanse 88f., 123, 145 Kasachstan 41 Luxemburg 41
Hebräisch 43, 105 Katalanisch 18 Lyder 15
Hebräisch-Aramäisch 103 Kaukasisch-semitische
Hebung 84, 97 Sprachgruppe 20 M
Heiliges Römisches Reich 73 Keilschrift 43 Mähren 91f.
Heruler 35 Kelten 49 Malteser 92
Hessisch 81 Keltisch 12 Mariensequenz 76
Hethiter 14 Keltische Sprachen 13, 18f. Maskulinum 30, 174
Hieroglyphen 42ff. Kentumsprachen 17, 19 Maya 42
Hinterpommern 133 Kimbern 46 Mecklenburg 91
Hirten- und Blumenorden an Kleinschreibung, gemäßigte Meder 15
der Pegnitz 128 154, 156 Media 28f.
Hochdeutsch 52, 80f, 89, 113, Kloster Siegburg 36f. Merseburger Zaubersprüche
115, 123, 131, 171 Komma 144, 163 61, 64, 67f.
Hochzungenvokal 84f. Konjugation 27, 34, 172f., 178 Minnesang 94ff., 99, 103
Hohenstaufen 82 Konjunktiv II 155 Mitteldeutsch 38, 81
Holland 50 Konsonanten 104, 113, 115, Mittelfränkisch 48, 64, 81
Humanismus 109ff. 160 Mittelhochdeutsch 36,47,49,
Hunnen 14, 16, 46 Konstantinopel 40 79, 82ff., 112ff., 169
Hydronymie 22 Komisch 18 Mittelniederdeutsch 49, 81
Kreta 14f. Mittelniederländisch 81
Kreuzritter 92 Monophthongierung 84, 112,
Imperativ 34, 177 Kreuzzug, Dritter 87, 92 114
Indikativ 34, 176f., 181 Kreuzzug, Erster 75, 78 Morphologie 31, 42, 150,
Indische Sprachen 18 Kreuzzug, Fünfter 97 176f.
Indoeuropäisch 12ff., 54f., 180 Kreuzzug, Zweiter 77 Muspilli 61, 64, 68f.
Indogermanisch 12 Krimgotisch 39f. Mykenä 14
Interpunktion 144 Kyffhäuser-Denkmal 87 Mykene 15
Iranische Sprachen 18 Kymrisch 18
Irisch 18 N
Isidor 64 L Namibia 41
Isländisch 18, 38, 50 Langobarden 14, 16, 72 Narrenliteratur 124
Isoglosse 52f. Langue 23 Narrenschiff 124
Italien 15f., 38, 40f. 46, 87 Lateinisch 12f., 18f., 27, 34, Nationalsozialismus 151ff.,
Italienisch 18, 90, 106, 135 36, 44, 57ff., 63, 71, 79, 156
190 Orts- und Sachregister

Negauer Helm 35 P Runenschrift 44


Nemec 37 Palästina 75, 78, 103 Russisch 18, 37, 105, 145f.
Nemecko 37 Palmenorden 128f. Russland 41, 88, 105, 134,
Neuhochdeutsch 30, 32, 36, Papyrus 43
48, 56f., 71, 84f., 95, 109, Parole 23 S

115, 123, 128ff., 170 Parzival 47, 101 Sachsen 73, 91, 93,112, 118,
Neutrum 30, 95, 174 Passiv 48, 127 121
Nibelungenlied 47, 101, 102 Perfekt 48, 156, 181 Sanskrit 12, 13, 19
Niederbayern 81 Perser 15 Satemsprachen 17, 19
Niederdeutsch 38, 48, 81f. Persien 104, 134 Schlesien 91f., 121
Niederfränkisch 38, 53 Personalpronomen 55f., 85 Schlesisch 81
Niederlande 79, 88, 133 Petruslied 64 Schleswig-Holstein 16
Niederländisch 18, 26, 37f., Pfälzisch 53, 81 Scholastik 74, 109
50, 52, 79ff., 123, 171 Phönikisch 43 Schönsieder, W. 129
Niederösterreich 81, 97 Phonologie 20, 179 Schottland 49
Njemjet 37 Pietismus 136f. Schrift 40, 42ff., 63f., 93, 103,
Nomen 34, 181 Plural 30, 39, 54f.,125, 175, 115
Nominativ 30, 34, 39, 175 177, 181 Schwaben 63, 73, 78
Nordböhmisch 81 Poetik 129 Schwank 103, 124
Nordgermanisch 38 Polen 41, 80, 91, 104 Schweden 16, 25, 133
Nordholland 49 Polnisch 18, 80, 105 Schwedisch 18, 26, 38, 50
Nordniedersächsisch 81 Pommern 91 Schweiz 41, 81, 113, 122f., 133,
Nordschweiz 63 Portugiesisch 18 139, 149, 173
Normandie 73 Poseidonios 25 Sekundärumlaut 84
Norwegisch 18, 38, 50 Prädikat 30 Seldschuken 76
Präterito-Präsensverben 32f. Semikolon 145
O Präteritum 31ff., 113, 156, Semitische Sprachen 104
Oberdeutsch 38, 51, 81, 172, 177, 181 Sendbriefe 119
115 Preußen 92, 142 Senkung 85, 97
Obereisass 133 Pronomen 55, 174, 181f. Serbokroatisch 18
Oberfränkisch 81 Prosa 74, 100, 107, 147 Siebenbürgen 91
Oberösterreich 81 Psalter 74 Signifikant 23
Oberpfalz 81 Punkt 144f. Signifikat 23
Obersächsisch 81 Singular 30, 39, 54f., 127,
Objekt 23, 30, 142 R 175, 177
Ode 134f. Rationalismus 132 Skandinavien 88
Optativ 177f. Rätoromanisch 18 Slawische Sprachen 18f., 25,
Orthografie 58, 86, 121, 131, Rechtschreibkonferenz, Zweite 105
142, 156, 161, 178 114 Slowakei 41, 91
oskisch-umbrischer Dialekt Rechtschreibreform 154, 159, Slowakisch 18, 145
19 162 Slowenisch 18, 105
Österreich 41, 78, 146 Reibelaut 28f., 51, 172 SMS 164f.
Ostfälisch 81 Rheinfränkisch 48, 51, 53, Sonett 134f.
Ostfränkisch 36, 48, 51, 64, 59f., 65, 81 Sowjetrussland 146
67, 78, 169 Rheinischer Fächer 52f. Soziolekt 81, 86
Ostgermanisch 35 Rhetorik 111, 129f., 174 Spaniolisch 104
Ostgoten 40, Römer 16, 25, 27 Spanisch 18, 106, 128, 181
Ostgotenreich 16 Römisches Reich 40, 46, 103 Spätmittelhochdeutsch 82, 84
Ostgotisch/Ostrogotisch 38 Rugier 35 Spirant 28
Ostjiddisch 105 Rumänien 41, 146 Sprachbetrachtung, diachrone
Ostmitteldeutsch 81, 131, 139 Rumänisch 18, 105 23, 24
Orts- und Sachregister 191

Sprachbetrachtung, synchrone Vokaldehnung 112f.


23 Vokalwechsel 84f., 178
Stabreim 48, 64, 67 Völkerwanderung, Erste Indo­
S ta u fe r 79 europäische 14
Steiermark 81 Völkerwanderung, Germa­
Subjekt 30, 39 nische 14
Substantiv 55, 85, 103, 127, Völkerwanderung, Zweite
143, 162, 172, 174, 179 Indoeuropäische 14f.
Substrattheorie 26, 52 Vorarlberg 81
Südafrika 41 Vorpommern 133
Südamerika 146
Südbaden 63, 81 W

Südtirol 41 Wales 18, 49


Süd-Württemberg 81 Walser 41
Suffix 32, 110, 161, 182 Weltkrieg, Erster 147, 149
Sumerer 42 Weltkrieg, Zweiter 146, 154
Sumerisch 43 Westfälisch 81
Surrealismus 149 Westfälischer Friede 120, 133
Syntax 115, 150, 176, 181 Westgermanisch 38
Syrien 78 Westgoten 46
Westgotisch/Wisigotisch 38
T Westjiddisch 105
Tatarisch 40 Westmitteldeutsch 81
Tedesco 37 Wikinger 73
Templer 92 Wormser Edikt 117
Tempus/Tempora 33, 177, 181 Wörterbuch 60, 112, 122, 125,
Tenue 28f., 51f. 129, 131f., 137, 146, 154,
Teutonen 46 176
Thüringen 73, 87, 92 Wulfila 38, 40, 44, 168
Thüringisch 81 Württemberg 52, 63
Tirol 81
Tiryns 14 Z

Togo 41 Zeeuws-Flandern 80
Tristan 48 Zimber 41
Tschechien 41 Zipser Land 91
Tschechisch 18, 37
Türkisch 32, 90
Tyskland 37

Ukrainisch 18, 105


Umlaut 52ff., 84f., 160
Ungarn 41, 73, 91
Urgermanisch 25ff.
Ur-Italisch 19
USA 41

Vandalen 35
Vatikanstaat 41
Vernersches Gesetz 29
In g e b o rg -D re w itz -B ib lio th e k
N11 01357114702

S te g litz -Z e h le n d o rf

D e u ts c h e S p r a c h e

W as ist die deutsche Sprache? Welchen Weg nahm


ihre Verschriftlichung? Welche Sprachverwandt­
schaften gibt es? Wie haben sich Gram matik und
Wortschatz über Jahrhunderte verändert? W as ist
ein Dialekt?

Alle wichtigen Entwicklungen vom Indoeuropäischen


über das A lt-, M itte l-, Frühneuhoch- und Neuhoch­
deutsche bis zu den aktuellen Veränderungen
durch die modernen Kommunikationsmedien und
die Rechtschreibreform.

Eine Einführung in die deutsche Sprache, so über­


sichtlich wie ein Lexikon, so unterhaltsam wie ein
Roman, so anschaulich wie ein Bildband.
W d
h r L iH 'i