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Handbuch

religionswissenschaftlicher
Grundbegriffe
unter Mitarbeit von
Günter Kehrer und Hans G. Kippenberg

herausgegeben von
Hubert Cancik
Burkhard Gladigow
Matthias Laubseher

Band I

Systematischer Teil
Alphabetischer Teil:
Aberglaube - Antisemitismus

Verlag W. Kohlhammer
Stuttgart Berlin Köln Mainz
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Inhalt
~~nd~uch reli~ionswissenschaftlicher Grundbegriffe / unter
ttar . von ~unter Kehrer u. Hans G. Kippenberg. Hrsg. von
Hubert Canc1k ... - Stuttgart ; Berlin . Köln . M . .
Kohlhammer ' ' amz ,
NE: Cancik, Hubert [Hrsg.] Vorwort . . . . . . . . 9
Bd ..L S~s.tematischer Teil; Alphabetischer Teil: Ab 1 b - Abkürzungsverzeichnis . 11
Anttsem1t1smus. _ 1988 erg au e
ISBN 3-17-009553-6
Hinweise zur Benutzung 15

Einleitung . . . . . . . 17

Feststellung und Festsetzung religionswissenschaftlicher Grundbegriffe


(Hubert Cancik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Gegenstände und wissenschaftlicher Kontext von Religionswissenschaft
(Burkhard Gladigow) 26

Systematischer Teil. . 41
Kultur und Religion (Dario Sabbatucci) 43
Religionssoziologie (Günter Kehrer) . . 59

KMU Leipzig Religionspsychologie (Hartmut Zinser) 87


UNIVERSITÄTSElBLIOTHE!\ Religionsgeographie (Karl Hoheisel) . . 108
Außenstelle Sektion Theologie
Religionsästhetik (Hubert Cancik/Hubert Mohr) 121
Religionsethnologie (Gerhard Schlatter) . . . . . 157
Didaktik der Religionswissenschaft (Sigurd Körber) 195
Wissenschaftsgeschichte . . . . . . . . . . . . . . 217
Geschichte der Religionswissenschaft (Karl-Heinz Kohl) 217
Die >Ecole des Anna/es< (Hubert Mohr) . . . . . . . . . 263
Prosopographie 1 (Ethnologie, Religionswissenschaft, Geschichte) 272
Philosophische Ansätze und Methoden . . . . 303
Religionsphilosophie (Hartmut Zinser) . . . 303
Religionsphänomenologie (Hartmut Zinser) 306
Religionskritik (Hartmut Zinser) . . . . . . 310
Religionsphilosophische Autoren von der Aufklärung bis zur Gegenwart
Alle Rechte vorbehalten
(].Edgar Bauer) . . . . . . . . 319
© 1988 W. Kohlhammer GmbH
Stuttgart Berlin Köln Mainz Prosopographie II (Philosophie) 333
Verlagsort: Stuttgart
Umschlag: hace
Gesamtherstellung: Alphabetischer Teil 385
W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. Stuttgart
Printed in Germany Aberglaube - Antisemitismus 387
120 Religionsgeographie

hungen festzuhalten, die Religionsgeographie zu anderen kulturgeographischen For-


Religionsästhetik
schungsschwerpunkten hat. 52 Dabei ergibt sich, daß neben den rein religionskundli-
chen Stoffen und Methoden von Fall zu Fall praktisch sämtliche Teilbereiche der
Kulturgeographie, von der historischen über Siedlungs- und Bevölkerungs- bis hin zur
Sozialgeographie zusammenwirken können und müssen, um die Verflechtungen des in
sich sehr vielschichtigen Phänomens Religion mit dem Raum herauszuarbeiten.
A Die Bestimmung des Begriffs B Systematik I. Die philosophische Ästhetik (18.-19. Jh.)
1. Begrenzung des Themas 2. Die Religion im System von A. G. Baumgarten 3. »Religion der
Kunst«: Hegels »Vorlesungen über die Ästhetik« 4. Die Ästhetik des Häßlichen bei Karl Rosen-
Literatur
kranz II. Der Körper, die Sinne und die Wahrnehmung 1. Anthropologie und Geschichte von
Körper und Sinnen 2. Ausdruck und •Sprache< des Körpers III. Zeichen 1. Zur Terminologie
BüTINER, M.-HOHEISEL, K.-KöPF, U.-RINSCHEDE, G.-SIEVERS, A. (Hrsg.), Geographia Reli- 2. Die optische Konstruktion des Heiligen 3. Das sogenannte Häßliche C Ausblick
gionum, Bd. 1-4, 1985-1988.; HULTKRANTZ, A., Ecology of Religion: its scope and methodology,
in: HONKO, L. (Hrsg.), Science of Religion. Studies in methodology 1979, 221-236; mit sechs
Stellungnahmen und abschließender Diskussion (ebd. 237-298).; KöPF, u„ Kirchengeschichte u.
Geographie. Möglichkeiten und Grenzen einer historischen Geographie des Christentums, in:
A Die Bestimmung des Begriffs
Zeitschr. f. Theo!. u. Kirche 77 (1980) 42-68.; MoNTI, S., Religione e geografia. I. Cristianesimo e
Islamismo 1983.; No LA, A. di, Geografia e religione, in: Enciclopedia delle religioni 2 (1970)
1698-1712.; PLANHOL, X. de„ Les Fondements geographiques de l'histoire de !'Islam 1968, dt.
1975.; SCHWIND, M. (Hrsg.), Religionsgeographie 1975.; SPROCKHOFF, J. FR„ Religiöse Lebens- 1. Der Ausdruck •Ästhetik< wurde von ALEXANDER GüTTLIEB BAUMGARTEN
formen u. Gestalt der Lebensräume. Über das Verhältnis von Religionsgeographie und Religions- (1714-1762) in seiner »Aesthetica« (1750/58) zur Bezeichnung der Wissenschaft von
wissenschaft, in: Numen 11 (1964) 85-146.; WIRTH, E„ Theoretische Geographie 1979. den Sinneswahrnehmungen, dem Gedächtnis, der Schönheit und den Künsten einge-
führt1:
Karl Hoheisel »Aesthetica (theoria liberalium artium, gnoseologia inferior, ars pulcre cogitandi, ars
analogi rationis) est scientia cognitionis sensitivae." Die Bezeichnung erinnert an antike
Titel »über Wahrnehmung« (gr.: per{ aistheseos; lat.: de sensu). 2 Diese Beziehung von
Ästhetik auf die Sinne und die antike, von Baumgarten benutzte Zeichenlehre (scientia
signorum; characteristica semiologica) 3 bilden die Grundlage für diesen Versuch, die
Ästhetik von Religion(en) zu bestimmen.
Die philosophische und kunstwissenschaftliche Forschung hat seit BAUMGARTEN zahl-
reiche und widersprüchliche Definitionen des Begriffs •Ästhetik< hervorgebracht und das
Begriffsfeld stark differenziert. 4 Die •Kunsttheorie< wird in enger Berührung mit den
Kunstwerken entwickelt; sie behandelt deshalb auch ihre Technik und Wahrnehmung.
Die >Kunstkritik< untersucht die Geschmacksbildung, die Kriterien des >Schönen< und
>Nicht-Schönen<, die Ausbildung von Kanon und Zensur; sie hat einen beschreibenden,
historischen Charakter und ein normatives Ziel. All dies kann aber auch unter dem Titel
>(Historische) Ästhetik< verhandelt werden.

2. Der Ausdruck >Religionsästhetik< wird eingeführt, um das, was an Religionen


sinnlich wahrnehmbar ist, wie Religion den Körper und die verschiedenen Sinnesorgane
des Menschen aktiviert, leitet und restringiert, möglichst einheitlich zu beschreiben und

1 BAUMGARTEN, Aesthetica § 1: »Die Aesthetik (Theorie der freien Künste, niedere Erkenntnis-
lehre, Kunst schön zu denken, eine der Vernunft analoge Kunst) ist eine Wissenschaft von der
sinnlichen Erkenntnis.«
2 Gr. aisthdnesthai - wahrnehmen; Aisthetik6s - einer, der Sinneswahrnehmungen hat. - Als Teil

der antiken Erkenntnislehre, Optik, Akustik o. ä. ist der Ausdruck *aisthetike (sc. episteme) u. W.
nicht belegt.
i BAUMGARTEN, Sciagraphia Encyclopediae philosophicae, 1769 (postum), §25; §80ff., vgl. hier:
B 1.
52 Ein entsprechendes Schema entwirft WIRTH 79. 4 Vgl. G. POCHAT, M. BARASCH, W. TATARKIEWICZ.
122 Religionsästhetik Die ßestimmtmg des Begriffs 123

theoretisch zu durchdringen. Da religiöses Handeln immer symbolisches Handeln in Diese schon antike Diskussion wurde in der Neuzeit zu einem typologischen Gegensatz
einem durch Zeichen (über-)determinierten Felde ist, kann die Funktion von Kunst in von Bildreligion und _,.. Buchreligion verhärtet. Kulturmorphologische Überlegungen
Religion als ein - bedeutsamer - Sonderfall begriffen werden. erweiterten diesen Gegensatz zu einer Antithese von eidetischen versus akustischen
Dementsprechend betrachtet Religionsästhetik an Religion: Kulturstilen. In der (angeblichen) Antinomie von griechischem und hebräischem Denken
(a) die Zeichen, Gegenstände und Handlungen, insofern sie in religiöser Kommunika- wurde dieser Gedankengang besonders griffig ausgearbeitet. 8
tion wahrgenommen werden; hierzu gehören >Kunstwerke<, die >in< oder >anstelle von<
Religion fungieren; 4. Viele Disziplinen, Kunstgeschichte und Wahrnehmungspsychologie, Philosophie
(b) die Arbeit der Sinne und den Prozess der Wahrnehmung der visuellen Zeichen, der und Liturgiegeschichte, haben diese Probleme untersucht. Einige Schlagworte und
Farben, Gerüche und Töne, bzw. das Fehlen der Zeichen und/oder ihrer Wahrnehmung; Namen, Methoden und Erkenntnisse der Human-, Gesellschafts- und Kulturwissen-
besonders wichtig sind Wahrnehmungsweisen, die durch Gebetspraxis, die Beobach- schaften seien im folgenden zusammengestellt, die in diesen und verwandten Fragen für
tung der Gestirne (Vögel, Blitze, Tiere, Innereien; Geräusche) und sakrale Innen- oder eine Religionsästhetik Fortschritte gebracht haben.
Außenräume entwickelt, bzw. nicht entwickelt werden· TALCOTI PARSONS hat untersucht, wie Personalität, Kultursystem und Sozialsystem
(c) die Empfindungen und Reaktionen der Wahrnehme~den, also die (inneren) Emotio- aufgebaut sind und wie die Wertvorstellungen und Rollen tradiert werden; er hat dabei
nen und ihren Ausdruck in Gesten, Gebärden, in der Produktion (Setzung) von Zeichen, die Zeichen von »belief-syste1ns« und die »expressiven Symbole«, die Affekte mitteilen,
symbolischen Handlungen, Erzählungen (Mythen), Kunstwerken. in seine »Handlungstheorie« eingeschlossen. 9 EDMUND LEACH hat die »Logik der
Symbole« im Rahmen der social a11thropology entwickelt. Er hat im Anschluß an
3. Unter diesen Gesichtspunkten können traditionelle Gegenstände und alte Probleme zahlreiche Vorgänger betont, daß »all die verschiedenen nicht-sprachlichen Bereiche der
der Religionswissenschaft neu gefaßt und mit neueren Methoden und Erkenntnissen der Kultur, wie Kleidung, Stadtanlage, Architektur, Mobiliar, Essen, Kochen ... als Serien
Kulturwissenschaften verknüpft werden. Drei Beispiele seien genannt: von Mustern so organisiert sind, daß sie verschlüsselte Informationen enthalten.«10
(a) Die Konkurrenz, die sich - besonders stark im 19. Jh. - zwischen Religion und der Jede soziale Handlung, besonders Arbeit, Tausch, Kauf, Schenken, enthält Wertvorstel-
Kunst als einer >Ersatzreligion< (-7 >Pseudoreligion<) ausbildete, ist ein Sonderfall der lungen, ist Teil einer Rolle des Handelnden, verwirklicht seine Motive, offenbart
(west-)europäischen Religionsgeschichte. Emotionen und Einstellungen. Deshalb ist jede dieser Handlungen mehr oder weniger
(b) Erscheinungen in der Natur, Zeichenhandlungen von Propheten, Wundertaten der dicht von Symbolen oder expressiven Gebärden durchsetzt, die wahrgenommen werden
Charismatiker erfordern in allen Religionen eine mehr oder weniger kunstmäßige und so einen Teil der Interaktion bilden.
Deutung von Zeichen. Häufig werden dafür Spezialisten benötigt. In Schriftkulturen Ein »semiotisches Konzept von Kultur«, in das Religion als System von Symbolen gut
werden Sammlungen der Zeichen und ihrer Deutungen angelegt und Prinzipien der integriert ist, wurde im Anschluß an DuRKHEIM, MAX WEBER, FREUD, MALINOWSKI
Auslegung fixiert. 5 Wie das Zeichen (signum) mit dem Bezeichneten (sig11atum) zusam- und PARSONS von CLIFFORD GEERTZ entwickelt. 11 Er definiert Kultur als »an histori-
menhänge - o? durch Teilhabe (Partizipation, teilweise Gleichheit), Ähnlichkeit (simili- cally tra11smitted pattem of meanings embodied in symbols, a system of i11herited
tud?)'.Analog1e (Stellvertretung, Widerspiegelung) -, war, zumal in der jüdischen und conceptions, expressed in symbolic forms by means of which men communicate
ch.nsthchen Tra~ition, eine wichtige Frage. Wie verhält sich der Gott (der Kaiser) zu perpetuate and develop their knowledge about and their attitudes toward life«. 11
semer Statue (semem Bild): sind sie identisch, wohnt er nur darin ist sie sinnliches Mit hohem theoretischen Anspruch und genauen Interpretationen hat VICTOR TURNER
Zeichen seiner unsichtbaren Kraft? 6 Wie wirken die sakrament;len Zeichen wie (1920-1983) eine »symbolische Anthropologie« (symbolic anthropology oder compa-
können sie von sog. >magischen Praktiken< unterschieden werden? Wie ist das Verhilltnis rative symbology) aufgebaut. In den »symbolischen Formen« wird die Verbindung von
von Brot und Leib Christi zu denken? Ein theologisch konstruierter, aber durchaus im
Kult gesungener Hymnus formuliert?:
Nulla rei fit scissura,/signi tantum fit fractura,/ s Z.B. bei 0. SPENGLER, Der Untergang des Abendlandes, 2 Bde. 1918-1922, und Tn. BoMANN,
qua 11ec status nec statura/signati minuitur. Das hebräische Denken im Vergleich mit dem Griechischen, 1952, (6 1977); vgl. H. CANCIK,
Mythische und historische Wahrheit. Interpretationen zu Texten der hethitischen, biblischen und
(c) Der Kult oder die Verehrung von Bildern wird oft mit dem Hinweis auf die
griechischen Historiographie, 1970; ders., Die Rechtfertigung Gottes durch den »Fortschritt der
Offenbarung durch das Wort Gottes kritisiert, das in einer heiligen Schrift bewahrt sei. Zeiten«. Zur Differenz jüdisch-christlicher und hellenisch-römischer Zeitvorstellungen, in: Die
Zeit (hrsg. v. A. PEISL und A. MoHLER), 1983, 257-288. LION FEUCHTWANGER (Der jüdische
5
Z. B. M. Tullius.Cicero, de divinatione; vgl. H. CANCIK, Libri fatales. Römische Offcnbarungsli- Krieg, 1932 ==Teil 1 der Romantrilogie »}osephus«) hat diese Antinomie in der Konstellation des
teratur und Geschichtstheologie, in: D. HELLHOLM (Hrsg.), Apocalypticism in the Mediterranean römischen Malers Fabullus zu dem jüdischen Priester und Politiker Josephus personalisiert.
World and the Near East, 1983, 549-576; W. BANCK Das chinesische Tempelorakel I 1978 II 9 T. PARSONS, The Social System, 1951, 384ff.
1985. ' ' ' ' ' 10 E. LEACH, Culture, 6.
; JOHANNES V. DAMASKUS, Üb~r die Bilder (Patrol~gia Graeca Bd. 94); - Ikonoklasmus. 11 C. GEERTZ, Interpretation, 5, vgl. 29.
THOMAS v. AQUI~O, Lauda Ston Salvatorem: »Keme Spaltung der Sache wird gemacht (sc. beim 12 GEERTZ, Religion, in: ders., Interpretation, 87-125. Die Bestandteile dieser Definition werden

Brotbrec?en), nur eme Brechung des Zeichens wird gemacht, durch die weder Zustand noch Statur von GEERTZ detailliert erläutert. Die Semiotik im engeren Sinne, Aesthetik und Wahrnehmungs-
des Bezeichneten gemindert wird.« lehre werden dabei jedoch nicht genutzt.
125
Die lJestimrmmg des Begriffs
124 Religio11siisthetik
Rang »akkumuliert« werden können.17 Ein System durch ~rfahrung ~:w.orbener,
Wahrnehmung, Kultur, Erkenntnis sichtbar. 13 TURNERS Untersuchungen von afrikani- »einverleibter« und dauerhafter »Dispositionen« (der »Habitus«) ermoglicht den
schen Ritualen, von antiken, außereuropäischen und neuzeitlichen Wallfahrten, von »Akteuren« beliebig viele »Spiel «-»Züge« bzw. »Strategien« (nach L. WrrrGENST~IN).
Divination, Übergangsriten, Grenzen (Liminalität) und Theater liefern der Religions- Bourmrnu hat seinen Ansatz bei Feldforschungen über die Kultur der ~!gen.sehen
ästhetik reichlich Theoreme und Materialien. Die soziale Handlung auf der Bühne der Kabylen entwickelt, weitete diesen aber in der Folge zu einer »Ethno-Soz10log1e ~er
Gesellschaft ist »soziales Schauspiel« und »symbolische Handlung«. Die Rollen und französischen Gegenwartsgesellschaft« aus. Schwerpunkte seiner Unter~uchungen smd
Symbole dieses Theaters der Öffentlichkeit müssen von Spielern und Zuschauern nach dabei die gesellschaftliche »Reproduktion« im Bildungssystem und die Stellung v~n
Größe, Farbe, Konsistenz (hart, weich, schlüpfrig), Lage (oben/unten; links/rechts) und Kunst und deren schichtenspezifische Wahrnehmung und Gebrauch (Geschmacksbil-
Abfolge (Sequenz) wahrgenommen, unterschieden und bewertet werden. Die Grenze dung, >Kunstverstand< etc.). 18
muß sichtbar sein; damit der Kranke ausgegrenzt und integriert werden bnn, muß ein
gegliederter Raum geschaffen werden. Die Route einer Wallfahrt muß durch natürliche 6. Diese Umschreibung von Gegenstand und Forschungsstand der Religio.nsästhet.ik s~i
(Berg, Paß, Quelle), künstliche (Kreuz, Kapelle, Hinweisschild) oder durch Kunst mit einem aktuellen Beispiel abgeschlossen. Die Liturgiereform des Zweiten Vat1cam-
gesteigerte natürliche Zeichen markiert sein. Der Pilgrim geht über die Grenze ins ·Aus- schen Konzils (1962-1965) brachte der römisch-katholischen Kirche eine lange vo~
land< (lat.: per-egr-inus- Pilger), er lebt in einem zeitweiligen und freiwilligen Exil (lat.: vielen Gruppen_ etwa der »Liturgischen Bewegung« in Deutschland- ersehnte Befrei-
exilium) und ist deshalb durch Tracht gekennzeichnet (-'> Kleid/Bekleiden). ung von barocken und nachbarocken Überwucherungen des al~en k~ltischen ~.estan~es
der römischen Kirche. fünfzehn Jahre danach stellt die Ze1tschnft Conc1ltum eme
5. Im Unterschied zu der hier vorgestellten angelsächsischen Sozialanthropologie und merkwürdige Leere fest, eine Armut an visual appeal: und dies angesichts eine~ stürm~­
Ethnologie hat die »historische Anthropologie« der italienischen, französischen und schen Entwicklung der audiovisuellen Medien, die angeblich unse~e Kult~~ »':1ede~. mit
deutschen Forscher sich den Hochkulturen zugewandt und dabei die geschichtlichen, den älteren Zivilisationen und denen von Asien und Afrika verbmden«, Die Grunde
politischen und ideologischen Faktoren betont. Nur wenige Themen seien genannt: die werden bis auf die Symbolarmut der römischen Christen der Ant!ke zurückgefü~rt,
Geschichte des Körpers und seiner Sinne (HELMUTH PLESSNER); die Unterdrückung von deren angebliche »intellectual aristocracy« ~nd »pover~ of. the vzsua~<<. Als Abhilfe
Sinnlichkeit und die Elitebildung im Zusammenhang mit der Rationalisierung westeuro- dienen wieder einmal die Liturgien der Ostkirche und, dies eme erfreuliche Neuerung,
päischer Kultur (MAX WEBER, NORBERT ELIAS, HANS PETER Dürm); die Zurichtung der Eleme~te der populär~n Kultur, auch der Unterschichten und de~ ~rbeiten.den ~lasse.
Körper durch Arbeit, Strafen und Erziehen, die »Mikrophysik der Macht«, die »Archiio- Diese Bestandsaufnahme des Co11cilium lehrt, daß aus der gere1111gten L1turg1e se~bst
logie des ärztlichen Blicks« (MICHEL FouCAULT); die »Naturbeherrschung am Men- keine Impulse zu ihrer Aktualisierung oder Revitalisier~ng hervorg~gangen . smd,
schen« (RuooLF ZUR LIPPE). 14 PIERRE BouRDIEUs »genetischer Strukturalismus« geschweige denn Schöpfungen, die die Kultur außerhalb d.1eser Konfess10n bere1c~ert
untersucht die »symbolischen Formen« einer Gesellschaft in ihrem ökonomischen, hätten. Diese Situation hat sich durch die Erfolge des Erzbischofs Le~ebvre vers~harft,
herrschaftsgebundenen und klassenspezifischen Verwendungszusammenhang als ein der mit seiner Pius-Bruderschaft die tridentinische Form der römisch-katholischen
»System kohärenter Praktiken«. 15 »Praxis« aber heißt für BOURDIEU nach der 1. Messe propagiert. Dieser reaktionären Bewegung stehen zahlrei~he Versuche ~egenüber,
Feuerbachthese des frühen MARX: »sinnlich-menschliche Tätigkeit«. Das Ausgehen von die Errungenschaften von Kommunikations- und Zeichentheone, S~ruktur~lism.us, von
Alltagserfahrung (»sens pratiqzte«) 16 gestattet es ihm, in einer »allgemeinen Theorie anthropologischen Theorien und synzbolic action zur Er~orsch~ng ~1es~r Knse emz.uset-
der Ökonomie von Handlungen« den Einsatz von Verhaltensweisen und Verständi- zen und damit den, sei's ehrwürdigen, sei's unverständlichen liturg1ew1ssen~chaftliche.n
20
gungsmitteln als »Arbeit« zu verstehen, die als »symbolisches Kapital« zu Ehre, Prestige, Jargon zu erneuern und Anschluß an die zeitgenössische Forschung zu.gew~nnen. Die
Ethnologen ihrerseits haben vorgearbeitet. VrcToR TURNER .hat mit se.men letzten
13 Studien die Brücke von der Religionsethnologie zur kulturw1ssenschafthchen Erfor-
V. TURNER, Ritual Process, Vf. Die Abgrenzung zu ERNST CASSIRERS »symbolischen Formen«
ist bei TURNER deutlich. Vgl. TURNER, From Ritual to Theatre, und: On the Edge, Prologe: „from
Ndembu to Broadway«. Über »Ethno-Ästhetik« (der Ausdruck ist m. W. von BARBARA BABCOCK,
~.iner Schülerin V. TURNERS, geprägt worden) vgl. URSULA KuBACH-REUTrER, Überlegungen zur 17 ScHMEISER, 172. . f · u h' d
Asthetik in der Ethnologie, 1985, bes. 17 ff. (zum Ausdruck »Meisterwerke primitiver Kunst«) und 18 z. B. La Distinction. Critique sociale du jugement, 1979 (2198~) (~t. Di.e e1~en ntersc ie e.
30ff. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, 1982~; Elemen:s d'une theone soc10log1que de la percep-
14 R. ZUR LIPPE, Naturbeherrschung am Menschen, 1974; ZUR LIPPE ist Professor für Sozialphi- tion artistique; in: Revue internationale des sC1ences soc1ales 20 (1968) 640-66~ (<lt'. Elemente zu
losophie und Ästhetik an der Universität Oldenburg. einer soziologischen Theorie der Kunstwahrnehmung, in: P. BouRDIEU, Zur Soz10log1e der symbo-
15
Der Kampf um die symbolische Ordnung. P. BoURDIEU im Gespräch mit A. HONNETH, lischen Formen. Aus dem Frz. v. W. FIETKAU, 1970, Tb. 1974, 159-2.01). .
H. KoCYBA und B. Scuwrns (Mai 1984), in: Ästhetik und Kommunikation 16, H. 61/62 (1986) 19 A. NoCENT, Gestures, Symbolsand Words in Presentday Western L1turgy, m: L. MALDONADO
141-63; hier: 152 (BOURDIEU). - M. ScHMEISER, P. Bourdieu - Von der Sozio-Ethnologie - D. POWER, Symbol and Art in Worship, in: Concilium'. Febr. 198.0'.19-27; vgl. VII f. .
Algeriens zur Ethno-Soziologie der französischen Gegenwartsgesellschaft. Eine bio-bibliographi- 20 G. s. WoRGUL, From Magie to Metaphor. A Validauon of Chnsuan Sacramenrs, 1980 (~1.t
sche Einführung, in: ebd„ 167-183; hier: 171.
16
· v
emem orwort v. ·
p FRANSEN SJ) 3· »Many authors have described the sacramental crzsts
' , · · h [ · [
Das MARX-Zitat führt BouRDIEU im »Gespräch«, Mai 1984, 152 an. - »Le Sens pratique« ist spanning the last two decades.« WoRGUL will »behavioral reflections« verbinden mit »t eo ogtca
der Titel eines Buchs von 1980; vgl. auch das Resumee der algerischen Forschungen in: »Esquisse affirmations on sacraments«.
d'une theorie de Ja pratique, precedee de trois etudes d'ethnologie kabyle«, 1972.
126 Systematik 127
Religio11säst/;etik

~chung d:r Medien in ~en zeitgen?ssis~hen J:fochkulturen geschlage11 .21 Im Verlauf Schauspiels. Von den Stoikern kamen, wie gesagt, Zeichenlehre, Allegoresetechnik und,
ihrer ''.sozialanthropolog1sc~e.~ S.tud1en« ~ber die >Sumpfiren< (Bog Irishmen in London) von CICERO im besonderen, viel Rhetorik und die Materialien zur Divination (Zeichen-
und die Abschaffung des fre1taghchen Fleischverbotes (1967) stellt MARY DOUGL . b · deutung). Es gibt also, sogar wenn ein doppeltes Auswahlkriterium - Religion und Kunst
d~m ~at~olis.chen Episkopat von England erhebliche Mängel fest. Seine »Aufnah~ef:~ - die Auswahl regelt, schon innerhalb der Antike und der Antikerezeption so viel
h1gke1~ fur mehr-verbale Symb~le« sei »abgestumpft«, er sei für ihren »Bedeutungsge- Material, daß die Beschränkung auf das 18. und 19. Jh. wohl begründet erscheint.
halt blmd gemacht« worden; dieser Umstand spiele eine nicht unwesentliche R ll b ,· c) Unter den Begriff >Religionsästhetik< fällt nicht nur die >religiöse Kunst< im engeren
den Schw1eng' ' ketten,
· · denen sich
m · das Christentum heute befinde.22 0 e Cl
Sinne, also die Devotionalien, die Kultbilder, die Sakralbauten mit ihrer Ausstattung an
Die]'religionswissenschaftliche Forschung bringt diese >Krise< mit der CJUanti'tati' Gerät und Schmuck. Religiöse und aesthetische Kommunikation besitzen einige grund-
. ' ven un d
q~a 1tat1ven Veränderung der modernen Informationskultur in Zusammenhang die legende Gemeinsamkeiten: (a) überwiegen nicht-verbaler Kommunikation; (b) Aus-
mcht nur ungeheur~ Subventionen in die Medien pumpt (Verkabelung, Fernseh-Sa~elli­ schluß (Zurückdrängung) von unmittelbaren Bedürfnissen und Zwecken; (c) Gemein-
ten), sondern auch m !hea~erkultur, Filmkunst, h~ppening, rock sehr viele Möglichkei- schaftserlebnis; (d) Einmaligkeit jeder >Vorführung< bei prinzipieller Wiederholbarkeit
ten
. moderner
. Interakt10nsntuale geschaffen hat, die nicht alle als Abfall
' der lv
L1ass
,
.· ·
enz1v1- (Ritual, Partitur, Bühnentext). Unter besonderen Umständen kann sich deshalb >Kunst<
l1sat10n verdammt werden können. als >autonomer< Bereich von Kultur verselbständigen und, für gewisse Schichten und
Kreise, als Konkurrent oder >Ersatz< der (alten) Religion, d. h. als eine andere, neue
Religion dienen. Auch diese >Kunst<, nicht nur die >religiöse Kunst< im engen Sinne, ist
Gegenstand der Religionsästhetik.
B Systematik Die Lösung der Kunst von der Religion kann auch als >Säkularisierung< (Verweltlichung)
oder >Verlust der Mitte< (ab-) gewertet werden. 25 Dieser Einschätzung entspricht häufig
1. Die philosophische Ästhetik (18.-19. Jh.) eine besondere geschichtsphilosophische Hypothese, nach welcher der Ursprung von
Kunst und ihr eigentlicher Sinn in der (den) Religion(en) zu suchen ist.
1. Begrenzung des Themas Die verschiedenen Annahmen, mit denen das Verhältnis von Kunst zu Religion gefaßt
wird, lassen sich schematisch folgendermaßen darstellen:
~~Die philo~ophische und kunstwissenschaftliche Aesthetik bildet, dem besonderen Ort (a) Kunst in Religion: Devotionalien, Kultlyrik, sakrales Gerät, Kultbild (>religiöse
~ ~un~.t m ?er westeuropäischen Kultur entsprechend, einen wichtigen Teil der Kunst< im engeren Sinne, oft von Werkstätten am Tempel oder Wallfahrtsort hergestellt
Re!ig10nsasthet1k. Ohne Anspruch auf kunsttheoretische Abrundung oder repräsen-
und dort verkauft).
. Erfassung der Que ll en oder Th emen wer den des h alb zu ßegmn
dtative · dieser Systematik
'
(b) Kunst neben Religion: Es besteht ein (mehr oder weniger) selbständiges Kulturseg-
rei Vertreter der deutschen Philosophie des 18./19. Jh. - BAUMGARTEN HEGEL
ROSENKRANZ - und ihre Th ment >Kunst< neben Wissenschaft, Religion, Bildungssektor; dieses Verhältnis hat sich,
"ßl' h emen - Autonom1e · der Kunst, Entgötterung der Welt
' das' ausgehend von der mediterranen Antike, in verschiedenen Schüben und Renaissancen
sog. Ha tc e - genannt . . d V h"l . ' ,
E d . ' soweit sie as er a tn1s Kunst und Religion behandeln.2J seit dem 18. Jh. in der (west-)europäischen Kultur und ihren Ausläufern durchgesetzt.
zr~t h anach werden die Themen der Religionsästhetik entwickelt: Körper und Sinne
eic e~ ~nd symbolische Handlung. ' Zwischen den Teilen der Kultur findet ein verschieden gerichteter Austausch statt (z. B.
~ N~~urhch h~ben die genannten Gelehrten ihre Lehrer, alle Theorien ihre Vorstufen- Sakral isierung/Desakralisierung).
(c) Kunst statt (als) Religion: Es entsteht eine Konkurrenz von Kunst und Religion;
ebr ,ihnsatz mit .d~r Renaissance 24 oder der Antike ließe sich rechtfertigen. Die ni~
ge roc ene Trad1twn · h d · erstere wird in >gehobenen Kreisen< zu einer >neuen Religion< anstelle (oder neben) der
.d „ emes me r o er weniger paganen Plato11ism11s lieferte immer >alten<. Der Typ >Künstler< wird vom Handwerker, der im Dienste anderer Zwecke
wie
h'1 er neue
]' h Anstoße· · os un c on e1t, d'1e »gott
Er d S h" h . „ l'1che Raserei« der Dichter der
(Behausung, Bekleidung, Unterhaltung, Erziehung) steht, zum Genie und Schöpfer.
F ~7 ~sc; Ur~pr~?g der Ideen, die politisch-theologische Kritik an den mythologis~hen Ästhetische Philosophie idealistischer oder materialistischer Richtung kann dieses Ver-
a e eipenh er vi.el lugenden Dichter. Bei ARISTOTELES fanden sich Theorien zu Wahrneh-
mung, antas1e Traum d G d" h . . p . hältnis begründen (>Kunstreligion<, >Artistenmetaphysik<) oder als Ideologie, Schein und
Gel h ' un e ac tms; eme oenk der Tragödie mit einer für die
e rten von LESSING bis Nr f . . d Trug kritisieren.
Aff k d . . ETZSCHE aszm1eren en Lehre von der Reinigung der
e te o er ncht1ger·· ih rer Entla d ung d urch Sch recken und Schauder des tragischen (d) Kunst aus Religion: Eine Annahme über die Anfänge der Kunst (Künste), meist
verbunden mit einer Wertbehauptung über den (wahren) Ursprung jeder (wirklichen,
21
TURNER (H ) echten, guten) Kunst.
i2 M D' rsg. '.Celebration, und: On the Edge of the Bush.
. OUGLAS Rnual K 3 D' S f
Die Zerstörung' der Si' l'ap . .= » .1e um? ~Iren«'. ~· LORENZER, Das Konzil der Buchhalter.
Liturgismus in· Fr kfnn 1chHkef1t. Eme Relig10nskrmk, 1981, rez. v. R. FABER, Atheistischer
2J F" d' K' · .an urter e te 10 (1983) 41-47.
ur 1e unstw1ss
24 E G . enschaft vg.1 das Literaturverzeichnis.
·
. RAss1, Die Theorie d S h „ • d A 'k 25 Vgl. H. SEDLMAYR, Verlust der Mitte. Die bildende Kunst des 19. und 20. Jh. als Symptom und
Geschichte des abe dl" d' ehs c onen m er nti e, 1970; ders., Die Macht der Phantasie. Zur
' n an 1sc en Denkens (1979), 1984. Symbol der Zeit, 1948.
128 Religio11siist/Jetik Systematik 129
2. Die Religion im System von A. G. BAUMGARTEN (1714-62) von BAUMGARTENS Ästhetik zu einem Repertorium der (römischen) Religion.29 Die
In seiner »Al/gemeinen Philosophie« weist BAUMGARTEN der Ästhetik und Semiotik Divination ist also bei BAUMGARTEN ein Teil der Ästhetik, nicht der Semiotik. Weitere
einen festen Platz an26: Aussagen über die Religion sind in die »metaphysischen« und »psychologischen« Teile
Philosophia seines Systems eingebaut. 30 Zur antiken und neueren Kunst äußert BAUMGARTEN sich
äußerst selten. Für die Geschichte der Ästhetik wurde wichtig, daß WrNCKELMANN in
Halle die Vorlesungen BAUMGARTENs hörte.31

organica theoretica practica 3. Die »Religion der Kunst« in G. W. F. HEGELS »Vorlesungen über die Ästhetik«
(1818-1829)
a) Mit einer ausdrücklichen Polemik gegen die Schule von CHRISTIAN WoLFF, der
intellectualis BAUMGARTEN angehört, beginnt HEGEL seine Vorlesungen über die Ästhetik32;
sensitiva
»Diese Vorlesungen sind der Ästhetik gewidmet; ihr Gegenstand ist das weite Reich des
Schönen, und näher ist die Kunst, und zwar die schöne Kunst ihr Gebiet.«
Nach dieser zweifachen Einschränkung des Gebiets paßt der Name >Ästhetik< nicht
Aesthetica mehr:
Semiotica (ars signandi, Semiologia, Symbolica):
Philologia universalis, Emblematica, Rhetorica. »Für d_~esen Gegenstand freilich ist der Name Ästhetik eigentlich nicht ganz passend,
denn >Asthetik< bezeichnet genauer die Wissenschaft des Sinnes, des Empfindens .. .<<
Die Ästhetik selbst enthält die folgenden zehn »Künste«2 7 : (1) Ars attendendi; (2) ars Diese idealistische Reduktion von Ästhetik auf »Philosophie der schönen Kunst« betrifft
abstrahendi; (3) ars sentiendi (»Empirische Aesthetik«); (4) ars imagi11mzdi; (5) ars weiterhin das »Naturschöne«, das mit beachtlichen Gründen ausgeschieden wird, ferner
ingeniose cogitandi; (6) ars acute cogitandi (vor allem die Aufhellung des Dunkeln: die unterhaltende, spielerische, schmückende Kunst, denn sie ist, laut Hegel, nur eine
Rätselkunde); (7) ars mnemonica; (8) ars fingendi seu mythologia philosophica (dazu dienende KunstB:
gehören >Mythen< mit göttlicher Bedeutung: » Theologica«, Drama, fabulae Romaizses- »Was wir aber betrachten, ist die auch in ihrem Zwecke wie in ihren Mitteln freie
Roman und das heroische Epos); (9) ars diiudicandi (»kritische Aesthetik «: die Formung Kunst,«
des Geschmacks); (10) ars praevidendi (Mantica). Erst die aus »anderen Zwecken« losgelöste Kunst kann sich »in freier Selbständigkeit zur
Die Beispiele für diese Kunst kommen aus den lateinischen Klassikern: PLAUTUS, Wahrheit ... « erheben; erst in Freiheit ist die schöne Kunst auch eine »wahrhafte
TERENZ, CICERO, VERGIL, HoRAZ, Ovm, PLINIUS, QurNTILIAN; wenig griechische, Kunst«:
keine christlichen, keine neuzeitlichen Autoren. Nach Bau und Stoff wirkt dieses System (sie) »löst erst dann ihre höchste Aufgabe, wenn sie sich in den gemeinschaftlichen Kreis
geradezu spätantik. 28 Die Rhetorik und Mantik liefern das meiste Material. mit der Religion und Philosophie gestellt hat und nur eine Art und Weise ist, das
Die »Kunst des Vorhersehens und Vorhersagens« ist wiederum in zahlreiche Arten und Göttliche, die tiefsten Interessen des Menschen, die umfassendsten Wahrheiten des
~nterarten aufgegliedert: (1) Orakel (mündlich oder aus Büchern; als Beispiele werden Geistes zum Bewußtsein zu bringen und auszusprechen.« Die idealistische Lösung der
Sibylle, Zoroaster, die Druiden und die jüdische bath kol - >Himmelsstimme< aufge- Kunst von Sinnlichkeit, Natur, dem Häßlichen, von Spiel, Schmuck und Vergnügen,
führt); (2) Astrologie; (3) Traumdeutung; (4) Los (Beispiele: Pfeile, Stöcke, Ringe, führt zu einer erheblichen Aufwertung: was bei BAUMGARTEN ein Teil der »niederen
Hähne; das Losorakel von Praeneste; Bibelstechen); (5) die Weissagung aus den Erkenntnislehre« war und sich mit Bauchrednern und Eingeweideschau beschäftigte,
Elementen (Erde; Feuer: Blitzdeutung, Meteore, Deutung aus Rauch, Asche, Weih- wird jetzt als »Philosophie der schönen Kunst« zusammen mit Religion und Philosophie
rauch; Wasser: Meerwasser/Quellwasser; Wachs- und Bleigießen); (6) Augurium ein Teil des Reiches des absoluten Geistes.34
(Vogelzeichen im weiteren Sinne, Himmelsschau, Weissagung aus Leber, Wein; Nekro- 29 Hauptquelle ist: CICERO, de divinatione.
mantik und Geisterbeschwörung u. a. m.). 1
'J Eine Spezialuntersuchung über die Religion bei BAUMGARTEN und seine eigenen theologischen
Da die antike Divination aufs engste mit dem Kult verbunden ist, gerät der zehnte Teil Vorstellungen ist mir nicht bekannt. Zur Rhetorik vgl.: M.-L. LINN, A. G. ßaumgarrens >Aesrhe-
tica< und die antike Rhetorik, in: Dr. Vierteljahresschr. f. Lit.wiss. u. Geistesgesch. 41 (1967)
26 424-443.
A. G. BAUMGARTEN, Philosophia generalis, 1770 (postum hrsg. v. ]. CH. FornsTER, Nachdr. 31 C. Jusn, Winckelmann und seine Zeitgenossen 1 (1866), 41943 (Neudr. 1983), 91 ff.
1968).
27 WINCKELMANNs »Geschichte der Kunst des Altertums« erschien 1764.
BAUM.GARTEN, Philosophia §146ff. Die Spezialausdrücke lassen sich folgendermaßen 32 HEGEL, Vorlesungen über die Ästhetik (1818; 1820; 1829; von H. G. HoTHO 1835/1842
umschreiben: Kunst der Aufmerksamkeit, der Abstraktion, der Empfindung, der Einbildung -
redigierte Vorlesungsnachschriften), in: Werkausgabe suhrkamp (hrsg. v. E. MoLDENHAUER u.
Vorstellung, des einfallsreichen und scharfsinnigen Denkens des Gedächtnisses der Fiktion oder
philosophischen Mythologie, der Urteilskraft, der Weissagu~g.
K. M. MICHEL), ßd. 13-15; abgek.: VÄ !-III; das Zitat: VÄ I 13.
'
28 H VÄI,20f.;vgl.183-89. '
Vgl. MARTIANUS CAPELLA, Über die Heirat der Philologia mit Mercurius (5. Jh. n. Chr.). 31 VÄI,138f.
130 Religionsästhetik Systematik 131

Diese Aufwertung der schönen, freien Kunst erhöht den Status des Künstlers. Aus dem 4. Die Ästhetik des Häßlichen bei KARL ROSENKRANZ
namenlosen Handwerker wird der freie, schöpferische Mensch 35 : HEGELS ästhetisches System kann hier nur in Andeutungen und in der Absicht, das
»Seine Produktion nämlich zeigt sich als das freie Tun des besonnenen Menschen, der Gebiet der >Religionsästhetik< zu umschreiben, vorgestellt werden. Die Kritik daran zielt
ebensosehr weiß, was er will, als er kann, was er will ... « Es ist offenkundig, daß in nicht nur auf Epochenbildung oder klassizistisches Vorurteil, sondern auch auf die
dieser Sicht der klassischen griechischen und der zeitgenössischen Kunst HEGEL die Trennung von >dienender< und >freier< Kunst oder der Schönheit von Sinnlichkeit und
kunstsoziologischen Umwälzungen der bürgerlichen Epoche bedenkt. Glück. Die Ausgrenzung des sog. Häßlichen und die Bewertung des Grotesken, Verzerr-
b) Die Entwicklung zur freien, schönen Kunst faßt HEGEL nach seiner Weise systema- ten, Bizarren, Dunklen, Maßlosen als »äußerlich mangelhaft und zufällig« ist, zumal für
tisch und in einem geschichtlichen Dreischritt- Erstreben, Erreichen, Überschreiten. Die religionswissenschaftliche Forschung, völlig ungenügend. KARL ROSENKRANZ hat ver-
künstlerische Entwicklung erscheint bezeichnender Weise als Fortschritt auch der sucht, das HEGELsche System auch hierin zu reformieren. 40 Seine »Aesthetik des
Religion(en). Die »allgemeine Idee des Kunstschönen« entwickelt sich demnach in Häßlichen« will eine Lücke in der »Metaphysik des Schönen« schließen; wie in der
folgenden Kunstformen, Kunstarten, Epochen und Räumen 36 : Medizin von Krankheit, in der Ethik vom Bösen, »in der Religionswissenschaft vom
(1) Symbolische Kunstform: »bloßes Suchen der Verbildlichung« Begriff der Sünde gehandelt« werde, müsse der Begriff des Häßlichen »als die negative
- Kunstpantheismus des Morgenlandes; Mitte zwischen dem des Schönen und dem des Komischen« entwickelt werden. 41
- Unruhe, Maßlosigkeit, grotesk, bizarr, rätselhaft, erhaben; ROSENKRANZ bleibt dem HEGELSchen Ansatz auch insofern verhaftet, als er das »Häßli-
- Baukunst. che« als das »Negativschöne« bestimmt. Dementsprechend gilt ihm »Wohlgefallen am
(II) Klassische Kunstform: »freie adäquate Einbildung der Idee« Häßlichen« ohne die notwendigen Besonderungen als »Krankheit«. 42 Die ästhetischen
- griechischer Götterglaube; Kategorien, in die er das Natur-, Geist- und Kunsthäßliche faßt, sind hilfreich:
- die menschliche Gestalt; vollendet, natürlich; sinnliche Gestalt des Geistes; (a) die Formlosigkeit (Amorphie, Asymmetrie, Disharmonie); (b) die Incorrectheit
- Plastik. (Verfehlen gegen das Normale, die Gesetzmäßigkeit, den Kanon der einzelnen Künste;
(III) Romantische Kunstform: »freie konkrete Geistigkeit« gegen physische Richtigkeit - »nach der Natur«); (c) die Verbildung (das Gemeine -
- Christentum; Gott als Geist; kleinlich, schwächlich, niedrig, gewöhnlich, roh; das Widrige-plump, leer, scheußlich).
- innerlich, geistig, subjektiv; Die negativen Extremwerte dieser Skala werden mit religiösen Ausdrücken benannt:
- Malerei, Musik, Poesie. (A) Das Gemeine ... (B) Das Widrige - (1) - (II) - (III) Das Scheußliche: (1) das
Die historische und soziale Bedingtheit dieses Schemas braucht hier nicht nach~ewiesen Abgeschmackte, (2) das Ekelhafte, (3) das Böse: (a) das Verbrecherische, (b) das
zu werden. Wichtig ist die Sonderstellung der griechischen Kunst, die mit ihrer Uberein- Gespenstische, (c) das Diabolische 43 : - das Dämonische, - das Hexenhafte, - das
stimmung von Inhalt und Form begründet wird. Die Wahrheit der griechischen Kunst sei Satanische. Die Differenzierungen am Ende der Skala steigern sich in drei Triaden. Die
dem Sinnlichen adäquat, deshalb seien die griechischen Götter »ein echter Inhalt für die christliche Dämonologie bietet ein ehrwürdiges und, da die Sexualität zumindest als
Kunst«37: »die griechische Religion ist die Religion der Kunst selber.« verteufelte sich ausbreiten kann, abwechslungsreiches Material. ROSENKRANZ hält die
Die griechischen Kunstwerke sind - ähnlich wie die »Meisterwerke der primitiven »Annahme wirklicher Hexen« für grundlos und die Hexenprozesse für »entsetzlich«. 44
Kunst« - durch die Zerstörung der antiken Kultur und den Untergang der griechischen Seine Darstellung des Hexenwesens freilich ist oberflächlich; die Kritik der »orthodoxen
Religion - beziehungsweise durch den Raub der Kolonisatoren und den Sammeleifer der Phantasie der katholischen wie der protestantischen Kirche«, die diesen »diabolischen
Ethnologen - endgültig aus ihrer Lebenswelt gelöst und >absolute< Kunst gewordcn. 38 Cultus« imaginierte, um »lncorrectheiten« zu unterdrücken bzw. zu verinnerlichen,
Diese wurde Teil einer neuen Bildungswelt und dadurch zu einer Ȋsthetischen
bleibt in der Materialerschließung wie in der sexualwissenschaftlichen und psychologi-
Kunst«.39 Befördert durch gelegentliche (Re-)Paganisierung wird die >griechische
schen Analyse unzureichend.
(Kunst-)Religion< zu einem wichtigen Impuls für die moderne >Kunstreligion< über-
Die religionsästhetische Untersuchung wird den Begriff des >Häßlichen< differenzieren,
haupt.
40 KARL ROSENKRANZ (1805-1879), Meine Reform der Hegelschen Philosophie, 1853; ders.,
Psychologie oder die Wissenschaft vom subjectiven Geiste, 2 1844; ausdrückliche Auseinanderset-
zung mit HEGEL: ROSENKRANZ, Aesthetik, 356ff.: Kann das Böse aesthetisches Interesse erregen?
41 ROSENKRANZ, Acsthetik des Häßlichen, 1853, III f.; 53.

41 ROSENKRANZ, Aesthetik, 52.


41 ROSENKRANZ, Aesthetik, 353-386.
35 VÄ II; 27 (im Zusammenhang mit den Fortschritten der griechischen Kunst).
36 VÄ I, 104ff. Im Vergleich zu BAUMGARTEN ist die Erweiterung des geographischen und 4-1 ROSENKRANZ, Aesthetik, 370, vgl. 371: »Das Hexenwesen mit seinem aberwitzigen Apparat

historischen Raumes und die Loslösung von antikisierenden Schemata beeindruckend. spielt hauptsächlich in einem Kreise rohsinnlicher Begierden, in der Sphäre wollüstiger, schadenfro-
37 VÄ II, 26; vgl. I, 23f. her Weiber, in einer phantastischen Scheinwelt.« Hauptquelle ist GOETHES Walpurgis-Nacht, die-
38 Vorstufen in der Ausbildung ästhetischer Gegenstände gibt es in der Antike, s. H. CANCIK, nach ROSENKRANZ, 370 - schon damals so viele Kommentatoren hatte, daß ROSENKRANZ
Nutzen, Schönheit, Aberglaube, in: H. ZrNSER (Hrsg.), Der Untergang von Religionen, 65-90. Interessenten für das »Hexenhafte« darauf verweisen konnte. Für die Religionsgeschichte Deutsch-
39 VÄ I, 107. lands im 19. Jh. und ihr Frauenbild findet sich hier reiches Material.
Systematik 133
132 Religionsästhetik
Verhalten (Propriorezeption); die Augen registrieren durch die Veränderung der Licht-
die Faktoren bestimmen, die das >Niedrige< und >Gemeine< zum >Hiißlichen< und reize die eigenen und des Kopfes Bewegungen.
>Kranken< machen. Eine »Ästhetik des Schreckens« wird nicht die Zeichen des Diaboli- JAMES J. GrnsoN hat folgende Einteilung der Wahrnehmungssysteme vorge-
schen von denen des »Heiligen« trennen, insofern dieses als »treme11dum« (»das, wovor schlagen48:
du zittern sollst«) konstruiert wird (R. Orro).45 Der >Geschmack< zeigt, bzw. erzeugt
eine soziale Grenze; das Exotische fasziniert und schreckt: die Anderen sollen »raus«;
Bezeichnung Art der Auf- Rezeptive Anatomie Tätigkeit Zur Verfügung Gewonnene äußere
Ekel wird gelernt; die Demonstration des Gemischten, Verzerrten, Chaotischen prote- merksamkei t Einheiten des Organs des Organs stehende Reize Information
stiert gegen Trennung, Ausrichtung, Sauberkeit und Ordnung: Deshalb müssen in der
Grundelegen- Allgemeine Mechano- Vestibular- Körper- Gravitations- Richtung der Gra-
Religionswissenschaft historische, soziologische und psychologische Aspekte philoso- des Orientie- Orientierung rezeptoren organe gleichgewicht und Beschleuni- vitation, nach un-
phische und literarische Überlegungen wie die von KARL ROSENKRANZ ergiinzen bzw. rungssystem gungskriifte ten gezogen werden

ersetzen. Die Wiederkehr des Verdrängten in Mythos und Kult, die Todesphantasien der Gehörsystem Horchen Mechano- Innenohr, Orientierung Luft- Art und
ars moriendi, die Präsentation des enthusiastischen Körpers in Besessenheit, Ekstase, rezeptoren Mittelohr, zur Schall- schwingungen Lokalisation der
äußeres Ohr quelle Schallereignisse
Epilepsie und ähnlichen Erscheinungen in allen Religionen können auch mit dem
Begriffsapparat eines reformierten HEGEL nicht zutreffend beschrieben werden. Haptisches Tasten Mechanore- Haut (Oberflä- Erkundungs- Deformation Kontakt mit dem
System zeptoren und chen- und Tie- tätigkcit viel- von Hautschich- Boden, mechani-
möglicher- fenorgane), Ge- facher Art ten, Stellungsrei sehe Eigenschaften,
weiseTher- lenksorgane ze der Gelenke, Formen von Objek-
morezep- (mit Einschluß Dehnung der ten, Materialarten,
II. Der Körper, die Sinne und die Wahrnehmung toren der Organe in Muskelfasern Festigkeit oder Vis-
den Geweben), kosität
Muskelorgane
1. Anthropologie und Geschichte von Körper und Sinnen (mit Einschlufl
der Sehnen)
a) Eine Ästhetik der Religion, wie sie im ersten Teil umschrieben wurde, beginnt nicht -
Geruch- und Riechen Chemo- Organe in der Beriechen Zusammen- Art der Geruchs-
wie eine Semiotik - mit dem (religiösen) Zeichen, dessen Arten und Kombinationen, Geschmack- rezeptoren Nasenhöhle setzung des quellen
sondern mit dem »Sinnenbewußtsein« (RUDOLF ZUR LIPPE) des wahrnehmenden system (Nase) Mediums
Menschen, dessen Körper Zeichen aufnimmt und produziert. Körper, Sinne und Gehirn Schmecken Chemo-und Organe in der Kosten Zusammen- Nährwert und
sind aktive, komplexe, (teil-)autonome Systeme. Der Körper ist als ganzer ein Wahrneh- Mechano- Mundhöhle setzung derauf- Bekömmlichkeit
rezeptoren (Mund) genommenen
mungs- und Ausdrucksorgan. 4 6 Er ist der früheste Selbsterfahrungsraum des Men- Substanzen
schen. An und mit ihm bildet er seine primären räumlichen (oben/unten; innen/außen
Visuelles Schauen Photo- Okulare Mecha- Regulierung Strukturvariab!t Alles, was sich in
mit der Haut als Grenze; Gleichgewicht/Gravitation; Hälftigkeit des Körpers und einiger System rezeptoren nismen(mitEin- der Akkom- des umgebenden der Struktur des
seiner Teile) und zeitlichen (Atemrhythmus, Herz- und Lidschlag) Orientierungen. schluß der inne- modation, der Lichtes umgebenden Lich-
ren und äulleren Pupillenweite, tes ausdrückt (In-
Hierauf beruhen Körpersymbolik, Gestik und der Entwurf körperbezogener Weltmo- Augenmuskeln, der Fixation formation über
delle. der Beziehung und Konver- Dinge, Lebewesen,
·Die Sinne sind nicht einfach Eingänge und Kanäle für Daten, die sie aufnehmen und zu den Vcstibu- genz, Erkun- Bewegungen, Er-
larorganen und dung eignisse und Orte)
weiterleiten, nicht Sensoren, die auf Reize nur reagieren; sie sind vielmehr koordinierte, zu Kopf-und
aktive Systeme, die den Reiz suchen, die Information verarbeiten, vereinfachen, formie- Körperhaltung)

ren (>abstrahieren<), Invarianten (identische Objekte) aus wechselnden Eindrücken


Abb. 1: Die Wahrnehmungssysteme (aus: J.J. GrnsoN, Die Sinne und der Prozess der Wahrneh-
feststellen; sie steuern die weitere Suche oder motorische Reaktion von >Zentren< aus, die
mung. Hrsg. von 1. KOHLER, '1982: Verlag Hans Huber AG, Bern).
unterhalb von >Bewußtsein< und >Willen< liegen. Bewußtsein ist eine Tätigkeit; die Sinne
leisten Arbeit: Das Auge blickt, lauert, starrt, fixiert; die Nase schnüffelt, das Ohr
horcht, die Zunge kostet, die Haut tastet.47 Die Reize kommen nicht nur aus der Es ist eine grundlegende Aufgabe der Religionsästhetik festzustellen, welche Sinne in
natürlichen und künstlichen Umwel~ des Menschen; die Eigentätigkeit der (inneren) welcher Kombination durch welche Reize erregt werden, welche Information sie gewin-
Organe erzeugt fortlaufend verschiedenartige Reize. Die Organe registrieren ihr eigenes nen. Hierbei ist die Untersuchung, welche Folgen/Ziele der Entzug von Reizen hat, von
besonderem Interesse.
b) Die Experimente der Wahrnehmungspsychologen haben gelehrt, wie (a) das Fehlen
45 Vgl. hier B III 2: die optische Konstruktion des Heiligen. - K. H. BOHRER, Die Ästhetik des
von Reizen (sensorische Deprivation), (b) die gleichförmige Reizung, (c) der Entzug von
Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk, 1983. - Zum »tre-
mendum«: R. Orro, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Nahrung und Schlaf, (d) die Zufügung von Schmerz (Elektroschocks) und (e) Belohnung
Verhältnis zum Rationalen (1917), 301958. die Wahrnehmung der Versuchspersonen, ihr Gefühl und Denken verändert. Anlaß
46 DAVID KAUFMANN, Die Sinne. Beiträge zur Geschichte der Physiologie im Mittelalter, 1884;

H. PLESSNER, die Einheit der Sinne, in: ders., Anthropologie der Sinne, Ges. Sehr. in 10 Bdn., Bd. III. 48 GrnsoN, Sinne, 75.
47 ]. ]. GrnsoN, Die Sinne, 18 ff., 53 ff.
134 Religio11sästhetik Systematik 135

dieser Experimente war nicht die Religionswissenschaft, sondern die Arbeitsweise (Frontalunterricht, Schlagrituale, Geschlechtertrennung) gesellschaftliche und kultu-
moderner Fabriken und Büros, militärische und astronautische Bedürfnisse oder die relle Orientierung. Spätere Wahrnehmung ist von diesen Erfahrungen beeinflußt, von
Praktiken im Strafvollzug (>Isolation<). Erinnerung (Angst, Haß, Wut) und Erwartung (Furcht, Hoffnung, Vorfreude). Jede
In verschiedener Intensität und Dauer üben auch zahlreiche Religionen sensorische (und/ Wahrnehmung ist von der Geschichte der Person geformt, gefiltert, bewertet. Die
oder motorische) Deprivation oder Homogenität (gleichförmige Stimulierung), die von Geschichte der Person wiederum ist abhängig von der Art, wie sie sich selbst wahrnimmt
plötzlichen Reizen unterbrochen und/oder beendet wird (>ein großes Licht im Dunkel<). und präsentiert. Die >Prägung< der Person durch Umwelt, Kultur, Lernen führt dazu, daß
Die homogene Reizung (Summen, Rauschen, diffuses Licht) von Versuchspersonen in bestimmte Reize nicht gesucht/nicht wahrgenommen/vergrößert oder verkleinert wer-
schalldichten, lichtlosen und teilweise sehr engen Behältnissen führt zu Unruhe, Angst, den. (Ästhetische) Wahrnehmung ist nicht physikalische Optik, sondern Teil der histori-
Schwindel, Halluzinationen, Gefühlen von Entpersönlichung, in Extremfällen zu Panik schen Anthropologie: Die Vergangenheit ist als Dressur, Trauma, Zwang, Stigma,
und Schreikrämpfen. Es ist auffällig, daß völlige Stille und Dunkelheit von Menschen Fertigkeit in mir präsent, formt den Raum meiner (imaginären) Vorstellungen, lenkt
leichter ohne Depressionen ertragen werden. Die kognitive und emotionale Füllung und meine Aufmerksamkeit und Wahrnehmung und ihre Bewertung.
Bewältigung einer Situation, die einer Versuchsperson Sinneseindrücke und Bewegungs- Welchen Anteil hat der Faktor Religion an diesem historischen Sozialprodukt von
möglichkeit entzieht, wird von ihrer Erwartung beeinflußt, die durch Erfahrung oder Mensch, Wahrnehmungsweisen und Umwelt? Welche Bedeutung hat Religion für die
Belehrung geformt ist. Sozialisierung der Sinne - also nicht für Moral oder Denken, sondern für die Entwick-
Ähnliche Untersuchungen liegen in reicher Fülle für die Wahrnehmung von Farben, lung, Formierung, Befreiung oder Unterdrückung der Sinne?
Formen, Gestaltqualitäten vor. 49 Untersuchungen zum Einfluß von Körperhaltung, d) Die Verschränkung physikalischer, neurologischer und kultureller Faktoren sei
Atemtechniken, Geruchstoffen oder psychotropen Mitteln auf Wahrnehmung und am Aufbau des Farbfeldes veranschaulicht. BERLIN und KAY haben die grundlegen-
Emotionen der Beteiligten sind für die Religionswissenschaft besonders aufschluß- den Farbausdrücke (basic color terms), die in den natürlichen (d. h. nicht-techni-
reich.so Die Sammlung, Analyse und Deutung dieser Experimente, Beobachtungen und schen) Sprachen in auffällig beschränkter Anzahl vorkommen, folgendermaßen ge-
Erfahrungen im Rahmen von Forschungen zu >Medizin und Religion< (>Religionsphysio- ordnet52:
logie< u. ä. ~ Anthropologie) ist u. W. ein Desideratum.
Die Grenzen räumlicher Wahrnehmung zu zeigen und die Möglichkeit, diese zu überstei- Stufe II III IV V VI VI
gen (>transzendieren<) ist Ziel zahlreicher religiöser Übungen. Die Entwicklung von
Wahrnehmungs- und Meßapparaten in der Modeme haben den Wahrnehmungsbereich
des Menschen weit über seine biologischen Grenzen hinaus erweitert (Magnetnadel; Ausdruck
weiß }
~rot,
/ a) grün ~ a) gelb
oder oder ) blau ~(braun) ~{~;:~ur
rosa
Radioteleskop; Infrarotzielgerät). Sensoren und Meßmaschinen transformieren das schwarz \.. b) gelb ~ b) grün
orange
Unsichtbare, Unfaßbare, Unhörbare in anschauliche Kurven und Muster. Am Ende
Abb. 2: basic color terms
dieses Jahrtausends ist die Erfahrung dadurch umgeprägt worden, daß die Sinne in der
verstrahlten Natur versagen und der Geigerzähler die zum überleben notwendige
>Verlängerung< unserer sensorischen Ausstattung geworden ist. Es besteht eine kulturübergreifende Einheit in der Bezeichnung von rot, grün, blau, gelb
c) Die »Geschichte der Sinne« ist besonders von französischen und deutschen Gelehrten als >reine< Urfarben. >Rot< gilt als besonders stark gesättigte und strahlende Farbe;
erforscht worden.s 1 Die natürliche und künstliche Umwelt des Menschen seine erste wahrnehmungspsychologische Proben haben ergeben, daß rote Gegenstände räumlich
und »zweite« Natur (M. TuLLIUS CrcERo), enthält Entwicklung, Geschicht~, Ordnung, näher wahrgenommen werden (chromatic aberration): daher löst Rot den Eindruck von
Information. Die soziale und kulturelle Umwelt ist mit Zeichen, Signalen, Symbolen Anziehung oder Bedrohung aus. Daß die Urfarben Komplemente bilden, ist ebenfalls ein
verschiedener Art und Funktion durchsetzt. Was und wie ich wahrnehme, ist ein kulturübergreifendes Phänomen: rot - grün/blau - gelb. Diese Systembildung scheint
historisches Sozialprodukt. Ich lerne unter bestimmten pädagogischen Bedingungen neurophysiologisch begründet. MARSHALL SAHLINS folgert5 3: »the basic color catego-
ries are basically natural categories«.
Die kulturelle Nutzung dieses physikalisch und neurologisch geordneten Systems ist aber
49
~: D. :'ERNON, Wa!1rnehmung und Erfahrung: reiche Literaturangaben; Titel, die auf
!ehg1ons~1ssc;nsch~.ft.we1se.n, habe ich darin nicht gefunden; zur sensorischen Deprivation: 138 ff.
nun keineswegs so einheitlich wie der linguistische Befund. >Rot< ist Zeichen von
Vgl. die emschlag1ge Literatur zu den Themen Halluzinogene, Peyote sowie die Artikel >Gefahr< und >Freude<: der anschauliche Mittelbegriff ist Blut; viele Symbole und Riten
~Ekstase und ~Mystik. arbeiten mit dieser Ambivalenz von Leben/Tod der Opfermaterie >Blut<. Die Ambivalenz
51
~um folgenden vgl. o. A 5 und M. DouGLAS, Ritual, 112 f., 121 (zu Körperkontrolle und von weiß/schwarz für Trauerkleidung ist bekannt: beides sind Nicht-Farben. Aber im
S?z1a.lsystem nach!· PAR.SON~); A. LEROI-GouRHAN, Hand und Wort, dt. 1988; K. HOLZKAMP, buddhistischen Ceylon ist der Tod und (deshalb) die Kleidung der Mönche gelb
Smnhche Erkenntms - Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung,
1973; .KAM PER - Rn:NER, Zur Geschichte des Körpers, 1976; CHRISTA KARPENSTEIN, >Bald führt
der Bhck das Wort em ... <. Sehen, Sprechen und der sprachlose Körper, in: Kursbuch 49 ( 1977) 52B. BERLIN - P. KAY, Basic Color Terms, 1970.
59-76; G. SELLE, Kultur der Sinne, 1981. Weitere Angaben zu M. FoucAULT, A. NITSCHKE, 53M. SAHLINS, Colors and Cultures, in: Semiotica 16 (1976) 1-22 (dass. in: J. L. DoLGIN u. a.
C. WULF, R. ZUR LIPPE u. a. s. Literaturverzeichnis. (Hrsg.), Symbolic Anthropology, 1977, 165-180.
Religionsästhetik Systematik 137
136

(Leichenfarbe),54 Da die Sonne und das Gold gelb leuchten, trägt in Rom der Hoch- eher Mitteilung die Tradition antiker Rhetorik und Physiognomik aufgenommen59;
zeitsgott ein safranfarbenes Gewand, Amor bringt »gelbe Fesseln« zum Ehebund. 55 Linguistik, Paralinguistik und Psychiatrie haben neue Materialien und Unterscheidun-
Das Bilderverbot des Dekalog (2 Mose 20,4) soll die Entwicklung des Farbsinnes und gen hinzugefügt. 60
eines Farbenvokabulars in der israelitisch-jüdischen Kultur verhindert haben; Farbsym- Nichtverbale Mitteilung geschieht bei jedem menschlichen Verkehr. Der Körper selbst
bolik sei >heidnisch<.56 ist ein »natürliches Symbol« 61 ; durch Bemalung, Maskierung, (Ver-)Kleidung, >Abzei-
e) Ebenso wie der Gebrauch der Farben ist die Aktivierung oder Ausschaltung einzelner chen< (Insignien) und >Schmuck<, Tätowierung wird sein Ausdruck gesteigert, modifi-
Sinne in der Religion und ihren Kulten sehr verschieden. Die Skala reicht von möglichst ziert oder eingeschränkt. Ein Ornat aus starrem Stoff mit reicher Stickerei und Besatz
vollständiger sensorischer Deprivation (Initiation, Mysterien, Asketen, Eremiten) bis zur zwingt zu langsamer, steifer, also vornehmer und feierlicher Bewegung. 62 Der Körper
Einbeziehung möglichst aller Sinne. Das Ritual wird zum Gesamtkunstwerk: Musik, präsentiert seinen Ort im Sozialsystem auch durch die Beherrschung der Körperfunktio-
Gesang, Rezitation, Schreien; Tanz, dramatische Spiele, Prozession, Opfer; der süße nen. 63 Hoher Rang in einer fest gegliederten Gesellschaft bedeutet Unterdrückung
Opferduft steigt zum Himmel; Blumen, Weihrauch, verschiedene Holzarten, Fackeln, >niederer< Körperfunktionen in der Öffentlichkeit und Ablehnung körperlicher Unge-
Wachs, Kräuter, Mineralien, Schwefel, Öle, aber auch Blut, Kot, Fett erzeugen in antiken hemmtheit, etwa beim Essen, Lachen, Tanzen, Spucken, Erbrechen. Die Bedeutung
und nichtchristlichen Religionen einen Geruchskosmos, den auch ein pontifikales dieser Akte ist kulturell verschieden und muß gelernt werden. Dies gilt nicht nur für
Hochamt nach römischem Ritus nicht mehr erzeugen kann. Die Duftstoffe werden Höflichkeitsformen, Begrüßung, Einladung, sondern auch für scheinbar einfache und
versprüht, gesprengt, verdampft, verbrannt. Der Opfergeruch lockt die Götter an; ihre >elementare< Akte wie Lachen (mit/ohne Entblößung der oberen und/oder unteren
Erscheinung ist von »göttlichem Wohlgeruch« begleitet: »auch durch die Gerüche Zahnreihe), Lächeln, Weinen, für Schmerz und Trauer, Scham, Schreck, für Coitus und
bewies sie (Venus) sich als Göttin«. 57 Die »Desodorierung« der Religion beginnt mit Gebärhaltung (im Sitzen, Knien, Liegen). 64 Nur zu einem kleinen Teil nämlich ist,
der Abschaffung der blutigen Opfer und dem Vordringen von Bibellesung, Predigt und entgegen verbreiteter Annahme, der Ausdruck des Körpers >tmmittelbar< verständlich,
Gebet. 58 Die spiritualisierte Kuhsprache sagt: >wie Opferduft steigen die Gebete zum sozusagen >instinktiv< wie ein Signal oder >Auslöser<. Selbst wo solche >Auslöser< wirken,
Himmel empor<. Dennoch läßt sich bis heute die Konfessionsverschiedenheit von sind sie in andere Zeichensysteme integriert, kulturell überformt (>deformiert<) und mit
Sakralbauten auch mit dem Geruchsorgan schmecken. Die extreme Reizung der Sinnes- zusätzlichem >Sinn< beladen.
organe ist von anderen kulturellen Institutionen übernommen worden: Theater, Disco- Der Körper lernt dieses Ausdrucksverhalten durch Nachahmen, Mitsprechen, Arbeiten,
thek, happening, Sport; kulturelle Orte der Passivierung, der sensorischen oder motori- durch Anerkennung und Strafen, die ihm »auf den Leib geschrieben werden«. Narben,
schen Deprivation scheint es - in der westeuropäischen Welt - nicht zu geben. Stigmata, Verstümmelung, Verkümmerung und Hypertrophie nicht beanspruchter oder
überforderter Glieder sind das Gedächtnis des Körpers.
Religion ist ein ausgezeichneter Lernort für Körpersprache. Rituale haben auch Aus-
2. Ausdruck und >Sprache< des Körpers
drucksfunktion. Die Bilder der Götter reproduzieren - verzerrt, gesteigert - das Körper-
a) Der Körper des Menschen ist Organ für Wahrnehmung, für Ausdruck und Mitteilung. bewußtsein der Menschen. Feste mit Tänzen, Spiele, gymnischen und musischen Agonen
Die Mitteilung ist sprachlicher und nicht-sprachlicher Art (11011-verbal co11m11111icatio11). bieten ein reiches Repertoire an Rollen und Szenarien.
Jede sprachliche Äußerung vermittelt durch Sprechrhythmus, Tonhöhe, Sprechge- b) Die Elemente der Körpersprache sind sehr zahlreich, ihre Kombinationen variabel,
schwindigkeit, Modulation, Lautstärke, Pausen, Artikulation (scharf, weich; nasal ist ihre Funktion muß nach Klassen, Kulturen, Epochen, Geschlecht und Situation unter-
>vornehm<) zusätzlich eine Fülle nichtsprachlicher Hinweise. Sie werden verstärkt durch schieden werden. Die linke und die rechte Körperhälfte werden zwar oft gegensätzlich
den Ausdruck des Gesichtes (Stirn runzeln, Augenbrauen hochziehen, Augen rollen,
Nasenflügel blähen, Wangenmuskel spannen, Kinn vorrecken), die Haltung des Kopfes, 59 Zu ßAUMGARTEN vgl. o. ß 1 2 und Literaturverzeichnis; G. AusnN, Chironomia: or a Treatise

die natürliche und konventionalisierte, erlernte Bewegung von Hand, Finger, Faust, on Rhetorical Delivery, comprehending many Precepts, both Ancient and Modem ... London 1806
Arm, durch die Bewegung des Rumpfes und die Art, bei der Rede fest zu stehen oder (Nachdr. 1966, mit Abb.).
60
locker sich zu bewegen. Die neuzeitliche Aesthetik hat in der Darstellung nichtsprachli- Zur Mimik bei seelischen und geistigen Erkrankungen vgl. A. RAINER, in: Katalog Körperspra-
che, 1973 (mit Literatur).
61 M. DouGLAS, Ritual, Kap. 5: »Die zwei Körper«; dies., Purity and Danger, 1966.
54
Die Farbsymbolik der Trobriander hat ß. MALINOWSKI (Argonauts of the Western Pacific, 62 Vgl. den Ornat der römischen Salier oder der israelitischen Priester nach 2 Mose, 28-29 und 3
1922), die der Ndembu V. TURNER (Forest of Symbols, 1967) untersucht. Mose, 8: Leinenrock, Purpurrock, Leibrock, Gürtel, Amtsschild mit Zeichen Licht und Recht, Hut,
55 T!BULL 2, 18: flavaque coniugio vincula portet Amor ... ; Ovm, Metamorphosen 10, 2:
Krone; die Kleider werden geweiht und sind »heilig«. Das Farbprogramm ist vorgeschrieben: Gold,
Hymenaios im Safrangewand. blauer und roter Purpur, Scharlach und weiße Leinwand (2 Mose, 28, 4). Auf dem Leibrock sitzen
56
MORRIS FARBRIDGE, Studies in Biblical Symbolism, 21970, 277, vermittelt durch G. Soro- zwei Sterne aus Onyx mit den Namen und Siegeln der Kinder Israel; auf dem Amtsschild sitzen vier
LEM, Farben und ihre Symbolik, in: ders„ Judaica 3, 21977, 98ff., 101; ScHOLEM bringt einige Reihen von Steinen: Sarder, Topas, Smaragd; Rubin, Saphir, Demant etc. -alle in Gold gefaßt. Vgl.
Korrekturen zu FARBRIDGE und Texte aus der jüdischen Mystik. die Kommentare z. St. - G. RANDSZUS, Die Zeichensprache der Kleidung. Untersuchungen zur
57 DONAT zu VERGIL, Aeneis 1, 405: odoribus quoque deam se monstravit.
Symbolik des Gewandes in der deutschen Epik, 1985.
58 Die kulturgeschichtlichen Parallelen hat, für die Epoche 1750-1850 in Frankreich, A. CORBIN 63 N. ELIAS, Der Prozess der Zivilisation (1936), 21969.
(Pesthauch und Blütenduft, <lt. 1984) beschrieben. 64 KEY, Nonverbal Communication, 12ff.: »Relationship of Physiology to Communication«.
138 Religionsästhetik Systematik 139

bewertet (glücklich/unglücklich), aber in verschiedener Weise bei den einzelnen Kultu- chung (Deformierung, Antierotik) aus Trauer oder zur Erfüllung eines Gelübdes. Die
ren; die Unsicherheit wird durch verschiedene Abbildungsweisen der Künstler vergrö- Beweglichkeit des offen fliegenden Haares ist Zeichen von Ungebundenheit, Jugend,
ßert.65 Stehen ist im alten Rom eine Respekthaltung66, aufrecht sitzen zeigt Autorität Leben; durch Zauber mit den abgeschnittenen Haaren und Nägeln einer Person kann
(der Beamte auf seinem Sessel, der Pantokrator auf Weltkugel oder Regenbogen), auf der dieser Schaden zugefügt werden.73
Erde sitzen zeigt (Selbst-) Erniedrigung, Demut oder Trauer. c) Von diesen Elementen der Körpersprache, der einfachen Mimik und den symbolischen
Viele Rituale enthalten Anweisungen, sich (jemanden) zu verkleinern oder zu vergrö- Bedeutungen des Körpers und seiner Teile sind die stärker konventionalisierten Gebär-
ßern: den Kopf neigen, den Rumpf beugen, auf ein oder beide Knie sinken, flach auf dem den und Gesten zu unterscheiden. Am stärksten rationalisiert ist die Hand- und
Boden liegen. 67 Der Grad der Selbsrverkürzung ist nach Situation und Gegenüber Fingersprache der Taubstummen. 74
(Gott, Maria, Heilige) verschieden.
Die Teile des Körpers können isoliert und zu selbständigen Zeichen werden: der Finger
als Zeiger; das Auge des Gesetzes; die Hand Gottes, die schützt, festhält, führt; das
Gesicht der Gorgo, das Haupt der Medusa, das HerzJesu (Mariä). Körperteile dienen als
Symbole, häufig als Votivgabe. 68 Geschlechtsspezifische Merkmale erregen besondere
Aufmerksamkeit, wie die Messung der Augenbewegungen und der Veränderungen der
Pupillengröße bestätigt hat. In der Präsentation69 oder Verdrängung dieser Merkmale A B c 0 E F G H
(Verehrung des Phallus/die Gottheit ist männlich gedacht, aber ohne Geschlecht)
unterscheiden sich Religionen und religiöse Künste stark. Ihr Einfluß auf die Bildung von
Geschlechterrollen, Wünschen, Phantasien ist erheblich.
Es muß betont werden, daß Nacktheit und Entblößung so wenig wie andere Zeichen der
Körpersprache >einfache< und >unmittelbar< verständliche Signale sind. Die Angehörigen
einer Kultur beachten Schamgrenzen, die dem außenstehenden Beobachter unsichtbar J K l M N 0 p Q
sind.7° Die (kultische) Nacktheit ist meist partiell und als Durchgangsstufe (z. B. eines
Reinigungsrituals) konzipiert. 71 Auch literarische Zeugnisse sind nicht immer eindeu-
tig: Die römischen luperci laufen an ihrem Feste »nackt« {lat. 1111di; gr. gymnoi), d. h. mit
einem Schurz von Ziegenfell umgürtet.72
Eine besondere Gruppe mit eigenem Zeichenwert bilden abtrennbare Teile des Körpers
und seine Ausscheidungen, also Haar, Nägel, Zähne, Exkremente, Schweiß, Menstrual-
blut, Sperma, Speichel. Diese Gegenstände waren Teil eines Subjektes und sind >totes<
R s T u V X V z
Objekt geworden. Ihre kulturelle und religiöse Wertung ist sehr unterschiedlich (unrein, Abb. 3: Das Taubstummen-ABC (aus: M. LöPELMANN, Menschliche Mimik, 1943--44, S. 222.
zauberkräftig, ekelerregend). Das Haar abscheren kann Weihe zum (geistlichen oder Weltbild Verlag GmbH, Augsburg).
realen) Tode bedeuten, Statuswechsel (Ephebie; Tonsur des Mönchs) oder Verhäßli-
Besonders reich sind die symbolischen Hand- und Fingerstellungen (sanskrit: mudrä -
65 B. A. USPENSKY, >Left< and >Right< in Icon Painting, in: Semiotica 13 (1975) 33-39 (über die Siegel, Marke, Geste) und Körperfiguren in den indischen Religionen ausgebildet
interne Orientierung einer Darstellung; in manchen Ikonen spiegelverkehrt für den äußeren worden 7 5 Lotussitz (padrnäsana), gefangener Lotussitz (baddha-padmäsmza), Stellung
Betrachter; der äußere muß sich also in einen bildinternen Betrachter umdenken. Anders verfährt des Weisen (siddhasana), großes Siegel (mahamudra), große Fessel (mahabandha),
die Kunst der Renaissance.) Löwenstellung u. a. m. Die römische Gesellschaft war verhältnismäßig stark struktu-
66 SuEToN, Divus Iulius, 79.
riert, die militärischen und zivilen Karrieren sehr genau vorgeschrieben, die Rangfolge
67 Die Spezialausdrücke der römischen Rituale lauten: i11cli11atio capitis, corporis, kleine/grolle
der Priesterschaften (ordo sacerdotum) festgelegt. Die öffentliche Darstellung von Rang,
Genuflexion, Prostration.
68 K. GRoss, Menschenhand und Gotteshand in Antike und Christentum, 1986 (postum hrsg. v.

W. SPEYER); D. MORRIS, Körpersignale, dt. 1968; Körperteilvotive: P. DECOUFLf, La notion d'ex 71 VERGIL, Aeneis IV 698-705; STATIUS, Silvae III 4: Die Haare des Flavius Earinus. L. SOMMER,
voto anatomique chez !es Etrusco-Romains, 1964. Das Haar in Religion und Aberglauben der Griechen, Diss. Münster 1912; 0. WEINREICH, Eine
69 Vgl. barocke Darstellungen der Wunden Jesu und ihrer Nägel, in: W. HOFMANN (Hrsg.), delphische Mirakel-Inschrift und die antiken Haarwunder, 1925.
»Luther und die Folgen für die Kunst«, Kat. Hamburger Kunsthalle 1983/84, Abb. 138, S. 262. 74 M. LöPELMANN, Menschliche Mimik, 1943--44; das Taubstummen-ABC: S. 222. - Die Arbeit

70 H. P. Dumm, Nacktheit und Scham, 1988. von R. A. S1CARD (Theorie des signes pour l'instruction des sourdmuets, 1808) ist aus seiner
71 J. HECKENBACH, De nuditate sacra sacrisque vinculis, 1911 (RVV IX 3 ); W. A. MüLLER, Tätigkeit an einem Taubstummen-Institut hervorgegangen.
Nacktheit und Entblößung in der altorientalischen und älteren griechischen Kunst, 1906. 7 s Einige Abbildungen bei A. LOMMEL (Hrsg.), Katalog »Buddhistische Kunst«, 1986;
72 Ovrn, Fasti 2, 283 ff.; 287: ipse deus nudus nudos iubet ire mi11istros; DIONYS v. HALIKAR- E. D. SAUNDERS, Mudrä. A Study of symbolic gestures in Japanese Buddhist sculpture, 1960;
NASS, Antiquitates Romanae 1, 80. A. AVALON, The Serpent Power, 11931.
140 Religionsästhetik
Systematil~ 141
Verdienst, Schichtzugehörigkeit, Amt und Würde nach Kleidung, Abzeichen, Beglei-
tung, Gestik ist eine wichtige Funktion römischer Kunst. Die Rede war ein (halb)- vom Hexensabbat (-7 Hexe/Hexenmuster) - bringt heraus, was sanktioniert oder
öffentliches Schauspiel; die Gestikulation, die abgemessenen Bewegungen der Hand verdrängt war. Die Deutungsmuster konvulsivisch - ekstatischer Körpergesten v:rän-
(chironomia) wurden sorgfältig studiert; Theater, Mimus und Pantomimus gaben dern sich im Lauf der europäischen Geschichte. In der Antike herrscht pathologische
reichlich Anschauung.7 6 Die öffentlichen Feste vor den Tempeln, die Prozessionen und Einstufung vor (gr. pnix hysterike - durch die Gebärmutter hervorgerufene Erstickung!,
Rituale und ihre Abbildungen auf stattlichen Reliefs und Münzen verbreiteten die in der frühen Neuzeit - im Zusammenhang mit Mystik und Hexenverfolgung - die
offizielle Körpersprache der Hochreligion mit Hilfe einer massenhaften Produktion. religiöse.s2 Seit dem 18. Jh. treten derartige Manifestationen als Bekehrungskrisen i.m
Größendifferenz, Mittelstellung (Zentralität) und Frontalität heben die Hauptfigur, Umfeld von Erweckungsbewegungen auf. 83 Als klinische Phänomene der >Hystene<
meist den Kaiser hervor. Er steht ruhig, die Toga überm Kopf (capite velato), legt finden sie ihren Höhepunkt am Ende des 19. Jh. im Szenarium der Pariser Klinik »La
Weihrau~h in die Flamme, gießt eine Spende aus, schreitet im Opferzug; ohne Aufre- Salpetriere« unter JEAN-MARTIN CHARCOT. 84 Bemerkenswert ist, daß mit der wiss~n­
gung, Ekstase, Erschütterung wird die heilige Handlung abgewickelt: in guter Ordnung, schaftlichen »Auflösung eines konsistenten Hysteriebegriffs« 85 auch das Krankheits-
nach dem Gesetz (!ex sacra), richtig (rite). Diese Frömmigkeit lehren die offiziellen bild seit dem ersten Drittel des 20. Jh. verschwindet.
Darstellungen der römischen Religion.77 Die griechische Religion und Kunst - und die e) In ritualisierten Formen der Tötung und Autoaggression (Nekrose) wird der mißhan-
von ihr abhängige private römische - präsentieren häufiger den ekstatischen Körper, delte Körper präsentiert. Herrschaft ist Zugriffsrecht auf den Körpe.r. I~ Geg~nsat~ zt~m
meist im Kontext dionysischer Religion (Satyrn, Silene, Maenaden). Der Körper ist modernen europäischen Strafsystem seit der Aufklärung, wo die Offenthchke1t im
verdreht, balanciert instabil auf den Fußspitzen, der Kopf wird geschüttelt, die offenen Regelfall während des Prozesses, bei Verhandlungsführung und Urteilsverkündun.g
Haare fliegen. Über die Renaissance (GHIRLANDAIO, BoTTICELLI) und die Rezeption garantiert ist, die Bestrafung dagegen als Verwaltungsakt unter ~uss~hluß des .Publ.1-
dionysischer Religion und Kunst durch FR. CREUZER, H. HEINE, FR. NIETZSCHE, ABY kums geschieht, stehen im Mittelpunkt der traditionelle~ Strafprax~s seit der A~nke die
WARBURG wurde dieses Körperbewußtsein der Neuzeit vermittelt. 78 »öffentlichen Strafaktionen« gegen den Körper. 86 Die (a) sozialen Sankt10nen -
d) Der besessene, enthusiastische, hysterische Körper wurde ein bevorzugter Gegenstand >Ehrenstrafen< so besonders seit der Herausbildung der Ständegesellschaft im 15./
des (religions-) psychologischen Blicks. Die Gruppe von Phänomenen, die durch Über- 16. Jh. (wie di~ Bloßstellung am Pranger) - sind zu unterscheiden von (b) Verstüm~e­
steigerung der Motorik (Verrenkungen, Tremor), rhythmische Bewegungen (Chorea lungsstrafen (Handabschlagen oder Abschneiden, Aufschlitzen d:r Zt~~ge, oft ~~s >spie-
rhythmica) wie die des Schwimmens, Fliegens, Tanzens, vegetative Sensationen (Herz- gelnde Strafen< gegen Diebe oder Verleumder verhängt) und (c) ntuahs1erten Totungen
klopfen, Atemstockung, Ohrensausen), Halluzinationen, Glossolalie u. a. gekennzeich- (Hinrichtung mit dem Schwert, am Galgen, durch Verbrennen oder auf dem Rad!. B~i
net ist, gehört zu den expressivsten Formen der Körpersprache.7 9Je nach Publikum und den letzteren gesellt sich zu einem »Theater des Schreckens« 87, .in de~ das Bed~1rfms
diskursiver Einordnung (labeling) werden sie als Frauenkrankheit 80 (Hysterie von gr. der Herrschaftsträger nach Terror, Repräsentation und Rechtfertigung sich au~druckte,
hystera - Gebärmutter; vgl. lat. uterus) oder im religiösen Zusammenhang negativ als - eine »Liturgie des gewaltsamen Sterbens« 88 , die die Absieh~ der Sühne, de.r Wiedergut-
zu exorzierende - >Besessenheit< bzw. positiv als (mystischer) Begeisterungszustand machung und der Wiederherstellung der Ordnung vonseiten der Gememsc~aft zum
eingestuft. Die körperlichen Erscheinungen bilden sich im theatralischen Zusammen- Inhalt hatte. Der Weg zu Richtstätte sollte zum »Opfergang« werden, »der ?1e Gesel~­
spiel (setting) von Akteur(in) und Publikum. Sie können als »dramatische Pantomime« schaft reinigte«89: Die Verurteilten trugen Leichenwäsche, den Zug begleiteten. reli-
(R. SCHAPS) aufgefaßt werden, mit deren Hilfe unterdrückte Wunschvorstellungen (oft giöse Funktionäre, deren Anwesenheit ein Reuebekenntnis entsprechend dem weltlichen
sexueller Art) oder Gefühle sich öffentlich ausagieren. Den Zuschauern wiederum dient
das Verhalten der Akteure »als eine Art Rorschach-Test, in den Erwachsene ihre eigenen
Bedürfnisse oder Erwartungen hineinlesen.«8 1 Es findet ein nichtsprachlicher >Diskurs 81 z.B. die >dämonische Besessenheit< von Nonnen in den Klöstern von Loudun (1632-16~0)
des Verbotenen< statt. Der Körper erhält dadurch die Möglichkeit, die Ausdrucksformen und Louviers (1642-1647): La possession de Loudun, presentee par M. D~ CERTEAU (collecuon
wiederzugewinnen, die ihm gesellschaftliche Konvention oder persönliche Einschrän- Archives 37), 1970; Soeur Jeanne des Anges, Superieure du c?uvent de_s_ Ursulmes de Loudun (XVII'
siede). Autobiographie d'une hysterique possedee. Annote et pubhe p~r l.es doct~urs GAnRIH
kung versagt hatten. Der >Diskurs über das Verbotene< -wie etwa in den Vorstellungen LEGuf: et G1LLES DE LA ToURETTE. Preface de CHARCOT, 1886 (Nachdr. mit emem Bemag: »Jeanne
des Anges« von M. DE CERTEAU). . ..
76 QUINTILIAN, Institutio oratoria 11, 3, 65 ff. BJ In den USA erstmals: Northampton 1734 (Little Awake11ing); als Endpunkt emer posltlven

77 lNES Scorr-RYBERG, Rites of the State Religion in Roman Art, 1955. R. BRILLIANT, Gesture Umwertung des Besessenheitsmusters überzeugend gedeutet bei BoYERIN1ssENBAUM, Salem Pos-
and Rank in Roman Art, 1963. sessed, 23-30.
78 Zu WARBURG vgl. den Artikel von R. KANY, s. u. Prosopographie I. 84 H. F. ELLENBERGER, Die Entdeckung des Unbewußten, dt. 2 1985, 156ff.

79 Vgl. REGINA SCHAPS, Hysterie und Weiblichkeit. Wissenschaftsmythen über die Frau, 1982, 85 SCHAPS, Hysterie, 8. . .
Kap. II 1 (»Der hysterische Anfall«); über den Umfang der dabei auftretenden Erscheinungen 86 M. FoucAULT, Surveiller et punir. Naissance de Ja pnson; R. v. DüLMEN, Theater des

informiert die Liste der »körperlichen Dauerstigmata« für Hysterie von CHARCOT, ebd. 65. Schreckens. Gerichtspraxis und Strafrituale in der friihen Neuzeit (1985), 2 1988, 7.
so Systematisiert von J.-M. CHARCOT (1825-1893) im Krankheitsbild der »grande hystCrie«. 87 FoucAULT, Surveiller, 67: »thedtre de /'atroce«. . . .
~Ekstase,~ Mystik. ss DüLMEN, Theater des Schreckens, Kap. VIII, 161-179; vgl. FoucAULT, Surve1ller, 38: »lzturgie
81 P. BoYER, ST. NISSENBAUM, Salem Possessed. The Social Origins of Witchcraft, 1974, 30. punitive«.
89 DüLMEN, Theater des Schreckens, 10.
142 Systematik 143
Religionsästhetik

Schuldbekenntnis gewährleisten sollte.90 Die Hinrichtung war Hoheitsakt und Volks- Zeichen (Zeichenkomplexe)
fest; Züge eines Reinigungsrituals konnten durch die Hinrichtungsarten des Verbren-
nens, Ertränkens und Lebendigbegrabens betont werden (--'? Hexe/Hexenmuster).
Zu~ätzlich war die Blutgerichtsbarkeit von einer Serie von Entschuldigungstechniken elementare inszenierte imaginäre
umgeben. Sie waren zentriert auf den Henker und sollten das Außerkraftsetzen des (natürliche) (künstliche, (imaginierte,
artifizielle, fiktive,

A
Tötungsverbots gesellschaftlich sanktionieren.
Der mißhandelte, entstellte, tote Körper des Gerichteten an der Richtstätte war demnach technische) visionäre,
ein Zeichen der Geltung der bestehenden Ordnung. Dieses bildete sich im »Diskurs des phantasierte)
Schafotts«9 1 zwischen Akteuren (Henker, Obrigkeit, Geistlichen) und Zuschauern 1

1
heraus und wurde im »semiologischen Gleichgewicht«92 von herrschaftlichem und physikogen biogen 1

~
1
religiösem >Code< gesetzt. Die gewaltsame Durchsetzung einer Hinrichtung konnte unter 1

Umständen eine solche Zeichensetzung stören. Teile der Bevölkerung werten das 1 1

Spektakel um: die Verurteilten werden von Verbrechern zu Martyrern. Bekanntestes Blitz; Gestirne durch durch durch :
Beispiel ist die Kreuzigung des Jesus von Nazareth.93 Dieser >Skandal< (gr. skdnda- Flora Fauna Menschen 1

lon)94 wurde vom Justizmord zum Sündenbockritual, von Strafe zu stellvertretendem : : (anthropogen) :
1 1 1 1
Opfer umgedeutet. Das Thema Leiden, Leidensbereitschaft und Leidensfähigkeit wurde
-----------~----1 _____ ~ _______ J _______ 1 ____ _
dadurch in der europäischen Religionsgeschichte als die Zeichensprache von Kreuz und
Opfer festgeschrieben (vgl. Stigma, --'?Mystik). Kranz der Ariadne Efeu Bock Phallos, Prozession Tiermenschen,
Wein Zerreißung mitThyrsos/ Gottmenschen;
des Dionysos Phallos, Efeu, Erscheinung von
III. Zeichen Weinlaub und Dionysos, Satyr,
Schiffskarren Silen, Maenade
1. Zur Terminologie
Abb. 4: Anordnung der Zeichen nach ihrer Genese
a) Die Wahrnehmung sucht Zeichen; sie wird von ihnen aktiviert/inhibiert; ihre Reize Botschaft
werden gegebenenfalls mit Bewegungen beantwortet. Die einfachste Einteilung der
Zeichen bezieht sich deshalb auf die Sinne: visuelle (Gesicht), auditive (Gehör), hapti-
sche (Gespür), olfaktorische (Geruch, Geschmack), räumlich orientierende (Gleichge- (1) Anzeiger (2) Signal
wicht). Oft wirken mehrere Zeichen und Reize gleichzeitig und erzeugen mehr oder
(i11dex)
weniger feste Synaesthesien (z. B. Sprache - Gesichtsmimik).
Eine andere Einteilung bezieht sich auf das Material und die Entstehung (Genese) der
Zeichen95 : s. Abb. 4.
~
(3) Signum (4) natürlicher Anzeiger
Vorgestellte (fiktive) Zeichen können künstlich hergestellt und inszeniert werden, (natural index)
(sigm1m)
physikalische werden menschlich gedeutet (corona borealis - die an den Himmel
versetzte Strahlenkrone der Ariadne) und künstlich hergestellt (Bilder des Sternenhim-
mels).
(5) Symbol (6) Zeichen
90
Am deutlichsten im Schauspiel des »Auto da fe« der spanischen Inquisition; vgl. W. HOFMANN (symbol) (sig11)
(Hrsg.), Luther und die Folgen für die Kunst. Kat. Hamburger Kunsthalle 1983/84, 291 f.
91 FoucAULT, Surveiller, 68 ..
92
G. PAmco, II carnefice e Ja piazza. Crudelra di Stato e violenza popolare a Napoli in era (7) standardisiertes Symbol (8) privates Symbol
moderna, 1985, 87 (zit. nach der Rezension von M. BENAITEAU, in: Annales ESC 42 ( 1987) (nonce symbol)
1341-1343, hier: 1342.
(standardized s.)
9J ]. BLINZLER, Der Prozeß Jesu (1951), 41969, 357ff. mit Exkurs XVIII (»Zur Archäologie der
Kreuzigung«), 375-381; M. HENGEL, Crucifixion in the Ancient World and the Folly of the ~
Message of the Cross, 1977. (9) konventionelles S. (10) Icon
4
9 1. Kor. 1, 23; vgl. H. CANCIK, Christentum und Todesstrafe. Zur Religionsgeschichte der (conventional s.) (icon)
legalen Gewalt, in: H. v. STIETENCRON (Hrsg.), Angst und Gewalt, 1979, 213-251.
95 Diese Einteilung erweitert die von UMBERTO Eco (Zeichen, 1973, dt. 1977, 44) vorgeschlagene Abb. 5: Anordnung der Zeichen nach dem Grad der Konventionalität (nach: E. LEACH, Culture and
Klassifizierung. Communication, ... , s. Lit. 4).
Stern Schlange Pfeil Kreuz
144 Religionsästhetik

~~~~
Zeichnung Realistisch

EDMUND LEACH hat einen Definitionsbaum nach der Funktion der Zeichen und dem
zunehmenden Grad von Konvention (Arbitrarität, Willkür) errichtet96: s. Abb. 5.
n;Jd Bild Bild Bild
Diese verschiedenen Kommunikationsereignise werden folgendermaGen bestimmt:
Schematisch

G
(1) Der Anzeiger A zeigt auf mehr natürliche oder mehr künstliche Weise den Sachver-
halt Ban.
~ /
(2) Das Signal A löst automatisch oder mechanisch bei C eine Reaktion B aus.
(3) Das Signum ist nicht natürlich, sondern durch Wahl, Verabredung, Konvention Anordnung\·Sehcma Querschnitt Techmschc Zeichnung Plan
kulturell festgelegt.
(4) Beispiel: >Rauch< ist der natürliche Anzeiger von >Feuer<.
(5) Das Symbol ist eine beliebige Vertretung von B durch A. Beispiel: Die Buchstaben in
mathematischen Formel~. -Die Biermarke >Kronenbier< führt als Symbol eine Krone. Es
besteht kein sachlicher oder gedanklicher Zusammenhang.
(6) Das Zeichen Aist zwar ein konventionelles Signum für B, hat aber an B teil (pars pro
Symbol Zum Symbol
erhobene Zeichen
oder Gegenstände

Zum Symbol
~ [O]
~ll'r,el S,1lomom SchlJ.ngc der Ewigkeit
B CIJ
Friede Christenheit

~~~~
kombinierte Zeichen
toto; Metonymie); es besteht ein sachlicher Zusammenhang. Beispiel: Die Krone ist oder Arrribute
Zeichen für das Königtum. - Die Buchstaben als Lautwerte in Worten. - Zeichen
erscheinen immer als Teil eines Kontextes dieser Zeichen.
hl.un Sünde Liebe Dreieinigkeit
(7) Standardisierte Symbole vermitteln intersubjektiv Informationen.
(8) Beispiel: individuelle Traumchiffren.

l""~,J t.L:!.J !„.:.:: ,1L.,


Zeichen Konvention
(9) Beispiel: Der Adler ist das Tier des Zeus. mir crkennb.1rcm
WissenschJftliche Gegenstand
(10) Das Icon gibt eine standardisierte und geregelte Ähnlichkeitsbeziehung von A mit B. Zeichen
Beispiel: Landkarte; Modell.
b) Eine einfache Nomenklatur, die sich an sozialen Verwendungsweisen orientiert,
1 l.o.h. 1

~ B [Q:J C2J
Reine Konvention,
unterscheidet Signale, Signaturen, Formeln (Formelzeichen, technische Zeichen) und Verli1st des
weltanschauliche Zeichen (ideologische Zeichen, Symbole)9 7, vgl. Abb. 6. Gegenständlichen
Ein >Signal< ist nicht so sehr ein kommunikativer Akt als vielmehr >Auslöser< (Anwei-
sung, Befehl) für >tmmittelbare< Reaktionen. Eine >Signatur< bezeichnet Zugehörigkeit. ,\\lt'ti\k ahnlich mUnnlkh. Mars weiblich, Venus

Sie kann sich (a) als >Besitzzeichen< auf Gegenstände und (b) als >Gemeinschaftszeichen<

~ ~ []J [±]
Sign.itur-Zeichen Markierung,
bzw. >heraldisches Zeichen< auf Personen beziehen, deren Zuordnung zu einer Gruppe Unterschrift,
Besitz-Zeichen
(Clan, Sippe, Nation, Konfession) sie angibt. Markierungen, die den Anspruch auf ein
Territorium signalisieren, finden sich auch im Tierreich. Für den religiösen Bereich sei an
H Stt·innit·tn· Lucao; Cranach Brand-Marke (Texas) l lermes-Zeichen
die Absteckung von (sakralen) Grenzen durch Steine mit Marken oder die Auszeichnung

~ füG~
von Kultgerät und Dokumenten durch Monogramme (»Chrismo11«-Zeichen) erinnert. Emblem-Zeichen Zeichen der
Zugehörigkeit
>Gemeinschaftszeichen< sind Totems der Stammeskulturen, Wappen der feudalistischen zu einer Gruppe,
Gesellschaften, Nationalfarben und Flaggenzeichen. In organisierten Religionen können Familie, Staat
z.B. die Zeichen >Hahn< und >Kreuz< die Sakralbauten der beiden groGen Konfessionen
Fodcration Familicnzeii.:hen (Japan) Gruppe (Skorpion) Staat (Wappen)
unterscheiden, Halbmond und Kreuz zwei Weltreligionen. >Formelzeichen< dienen der

~~~~
Marken-Zeichen, Bcrufs~Zeichen,
verkürzten, eindeutigen, genormten Aussage. Sie sind verdichtete Handlungsanweisun- Signcttc Wirtschaft
gen, meist werden sie in Reihen (»Sätzen«) bei beruflicher Spezialistenarbeit benutzt. 98
Ihr unmittelbarer Zweck ist die Rationalisierung (>Taylorisierung<) und Standardisie-
rung von Arbeitsvorgängen (vgl. Zimmermanns- und Steinmetzzeichen, choreologische J\.krn·dt·~ Ant. Apotheke British Rail Bank

[@] [&J ~ ~
96 LEACH, Culture and Communication, 12 f. - Im Englischen und in der hier gegebenen Signal Anweisung
für Verkehr,
Übersetzung von LEACHs Terminologie haben die Wörter >Symbol - Symbol< und >sign - Zeichen< Bedienung usw.
eine im Verhältnis zur deutschen, vor allem von GOETHE geprägten, geisteswissenschaftlichen
Tradition umgekehrte Bedeutung.
Explo~iomr,dahr Kurve Riehtung Hott''i Krt·u1.
97 Diese Nomenklatur ist mit Modifikationen referiert nach FRUTIGER-HEIDERHOFF, Zeichen;
aus diesem klaren und praktischen Werk stammt die folgende Abbildung. Abb. 6: Zeichen, Symbole, Signete, Signale (aus: A. FRUTIGERIH. HEIDERHOFF, Der Mensch und
98 FRUTIGER-HEIDERHOFF, Zeichen, 130 f. seine Zeichen, 1981: WEiss-Verlag, Dreieich. <O A. FRUTIGER).
146 Systematik 147
Religio11sästhcti/.:.

Aufzeichnungssysteme von Tänzen und Notenschrift ) 99 D "b l · b · k ·1 der hier vorgelegt wird, gesellschaftlich und geschichtlich bestimmt. In jedem Akt der
Gebraueh - auc h 1m · F II d · en . aru er 1maus ew1r t 11r
a e er religiöse n Spez1a · 1·1sten - d'1e Abgrenzung cheses · ·
Arbeitszu- Wahrnehmung ist Erinnerung, Wunsch, Projektion enthalten. Jeder Akt ist Teil einer
sammenhanges

von anderer Tätigkeit· '
d d J d d ·
a urc l wer en as Spezialistentum und seme · · Serie, eines Lernvorgangs; er bildet Erfahrung. Jeder Zeichenkomplex, zumal der
Trager
. hervorgehoben.
. Der Zugang
' A ß . h d ·
u enste en er wird erschwert; das Erlernen religiöse, zeigt Spuren von Geschichte und, in besonderen Fällen, die Unterschiede der
dieser >Sonderzeichen< kann ritualisiert werden· · E' ·1 ( 1 ·· · )b Zeit, ihrer Rhythmen und Geschwindigkeit, zwischen den verschiedenen Segmenten
.
d1e Ab G h . I I ' eme 111we1 rnng -:> 111t1at1on etont
. grenzung (. e e1m 1a tungspf11'cht· -' E 'k)
, ~ soteri . 1e agypnsc D' „ · lien I-I'1erog Jyp J1en einer Kultur. Der Festkalender rekapituliert die Stadien der römischen Geschichte, und
und. ihre spekulativen
. Deutungen
. in cle r Ann'k e un d Rena1ssance · sowie · ehe · Symbolik
· · cj er die sakrale Landschaft Roms bewahrt in der Verteilung der Kultplätze, den Routen der
Freimaurer. smd. lehrreiche
. . Beispiele · 100 >Welta nsc liau 1·1c1ie ze1c · 1ien< (-:> sym boJ) Prozessionen und den Namen der Plätze und Straßen die Spuren der Geschichte.10 4
betonen mcht wie die Signaturen die o rga111satonsc · · he -Zuge h ongke1t
„ · ·
sondern verweisen · Dies sind einerseits unbewufSte Schichten, Ablagerungen, die aber nicht funktionslos
auf .ein
. .Glaubenssystem
. ' eine Tradit1'0 · W h 1
n, eme ert a tung; so steht die fodesrune f"ur ' · - sind und aktiviert werden könnten, andererseits Zeichen, die bewußt eingesetzt werden,
paz1f1st1sche
. Gesmnung ' die Swast1'ka · 1·1s1erte
f"ur rev1ta .· · t u. a.
ariscne „ • •
Trad1t1onen. um das Alter von Religion und die Ungleichzeitigkeit von Kultur und Religion zu
c) Zahlreiche
. . Autoren haben in cl N hf J •
er ac o ge von C. S. PEIRCE Ze1chentheonen ~ • · markieren: kleine alte Kultplätze, billiges Kultgerät; verwitterte, schwarze Kultbilcler;
entwickelt, die abstrakter ' logisch scha"rfer· l md eJa borierter · · d 1 1· J ·
sm a s c 1e 11er re enerten f · Gebete, die unverständlich geworden sind. Religion fungiert u. a. als kulturelles >Lang-
Terminologien. 101 Versuche ' me hr o d er wemger · · · Zeichentheorien
rigide · · auf rel1g1ose · .„ zeitgedächtnis<. Ihre visuellen, akustischen, taktilen Zeichen verbinden mit der >Urzeit<
S~chve~h~lte ~nzuwenden, liegen vor. 102 Dabei ist zu beachten, dafS die Vorstellung, (>Ursprung<) und geben GewifSheit von transpersonaler Dauer. (-:>Tradition)
di~ .Rehg10.n, 1h.re Symbole und heiligen Zeichen seien eine Sprache, ihre Liturgie ein
h.eihges. Spiel, eme ehrwür.dige Selbstdeutung der Religionen, also zunächst Theologie 2. Die optische Konstruktion des Heiligen
smd. Die modernen Theorien der Information, Kommunikation, Zeichen, der symboli-
schen !'fandl~ng (Interaktion) benutzen, z. T. mit giinzlich anderen Voraussetzungen Die Zeichen, die >Alter< anzeigen, sind nicht als solche >heilige< Zeichen, genau so wenig
und Zielen, ~ieselben o~er ähnlich klingende Ausdrücke. Daher die Gefahr, dafS diese wie die Beispiele, die im folgenden zusammengestellt sind. Erst durch ihre Verwendung
neu~n Theorien nur zu emem aggiornamento jener Theologien führen, zu einer Umfor- an bestimmten Orten, zu >heiligen Zeiten<, im Zusammenhang von Zeichenhandlungen
mulierung unter dem Anschein der Modernität. (Ritualen) gewinnen sie die Bedeutung von >Zeichen für Heiliges<.
Den Unterschied zwischen sprachlichen und visuellen Zeichen hat M. A. HARDIN zu Kult- oder Andachtsbilder sind schwarz vor Alter; oder sie sind vom Himmel gefallen,
Rec~t hervorgehoben; die Variationen innerhalb eines visuellen Systems sind gröfScr, die sind damit aufSerhalb von Zeit und Mode. 105 Die kunstgeschichtliche Retardation
Bez1eh.un~.von A~sclruck zu Inhalt weniger streng als in einem sprachlichen System. 101 antiker Kultbilcler zeigt sich an ihrer Ruhe, Starrheit, Frontalitiit, Geschlossenheit
Theorien uber Zeichen, ~trukturen, anthropologische Universalien, Wahrnehmungssy- (Kompaktheit). GemäfS dem Gefälle von Innen/Außen zeigen die äußeren Teile einer
s~eme laufen. Gef~~r, bei der (notwendigen) Formalisierung ihrer Gegenstandsfelder Kultanlage und die Weihegaben oft einen moderneren Stil von Dekoration und Kunst-
diese zu enth1stori.s1~ren. Herrschaft und Gewalt, Krieg und Unterdrückung, Klassen- werken. Die kunstgeschichtlichen Divergenzen weisen dementsprechend auf Grade der
kampf und Imperialismus tauchen in den referierten anthropologischen und semioti- Sakralität. 106 Kultbilder und Kultanlage sind oft ausgezeichnet durch Abstand, Feme,
sch.e~ ~ystemen selte~ ~~1r auf. Selbsttragende Superzeichensysteme, sagt die Kritik, Distanz. Ihr Gott ist durch Gitter, Vorhänge, Podest entrückt, kaum mit eiern Auge zu
leg1t1m1eren und stab1hs1eren sich selbst; ihre globalen Subsumtionstendenzen sind erreichen. Die Distanz - eine räumliche und soziale Kategorie - kann zur Unsichtbarkeit
allgemein und formal; sie können Interessen, Katastrophen und Schmerz bruchlos gesteigert werden. Der Gott, der nicht mit eiern Auge berührt werden kann, ist dem
integ.rier~n; da: Selbst (das An - Sich) der Natur, Dinge, Menschen, Handlungen Zugriff sogar des menschlichen Fernsinnes entzogen; er ist unverfügbar. Die unsichtbare
erodiert 1m Ze1chenprozeß zu einem Zeichen seiner selbst. Diese Gefahren bestehen, Macht ist unberechenbar; ihr Potential an Schutz und Bedrohung ist gröfSer. 107
können aber begrenzt werden. Andererseits mufS Hilfe nahe sein. Das Prinzip des fernen (verborgenen, sich entziehen-
Die Wahrnehmung, der Körper, die Zeichen sind in dem religionsästhetischen Versuch, den, abwesenden) Gottes (deus absco11ditus) wird gekreuzt vom Prinzip der Nähe des
104 Beispiele: Luperca/ia, Argei, Septi111011ti11111. Vgl. H. CANCIK, Rome as Sacred Landscape, in:
99 KEY, Nonverbal Communication, 76ff. (mit Abb.). Visible Religion 4/5 ( 1985/86) 250-256.
100 ios Zu den Himmelsbildern vgl. gr. diipetes dgalma - vom Himmel gefallenes Bild, --'> Ikono-
Vgl. DIODOR 3, 4; HoRAPOLLON, Hieroglyphica, 5. Jh. n. Chr.
lOl R. BARTHES, U. Eco, V. TEJERA, s. Literaturverzeichnis. klasmus.
102 106 Beispiele: a) die Krypten christlicher Kirchen und ihre archaisierende Restauration in der
Nur zwei Beispiele: TH. FAwcE·rr, Thc Symbolic Language of Religion, 1970, 13 ff.: Sign-
Language; 26 ff.: Symbols; 39 ff.: Allegorics and Parables; 69 ff.: Models; 95 ff.: Myths; Schluß: Neuzeit; b) die archaisierende Kunst des 2. Jh. in Rom (ionisierende Rundaltiire im Konservatoren-
The Erosion of Symbolism in Western Thottght, mit Bemerkungen zur Dcsakralisicrung und einem palast); c) die byzantinisierende Kunst von Maria Laach während der Weimarer Republik.
107 M. BARASCI!, Das Bild des Unsichtbaren, in: J. TAUBES (Hrsg.), Gnosis und Politik, 1984,
Ausblick in die Zukunft. - !so BAUMER hat verschiedene Theorien zur Analyse von Wallfahrt
zusammengetragen:!. BAUMER, Wallfahrt als Handlungsspiel. Ein Beitrag zum Verstiindni> religiö- 185-197. - Beispiele: Der Vorhang vor dem Gott-Kaiser im Zeremoniell des spätantikcn Hofes: der
sen Handelns, 1977. Kaiser hört, der Bittsteller sieht ihn nicht; so wird die Macht als Geheimnis inszeniert; b) die
103 »tmbetretbaren« Teile des antiken Tempels (gr. d-bato11); c) das Symbol des leeren Thrones, des
M. A. HARDIN, Applying Linguistic Models to the Dccorativc Arts: a Prcliminary Considaa-
tion of the Limits of Analogy, in: Semiotica 46 (1983) 309-322. gesattelten aber rciterlosen Pferdes.
148 Religionsästhetik Systematik 149

Heilandes, Retters, Mittlers (deus praese11s). Oft sind diese Prinzipien auf Vater- und schicht-, kulturspezifisch. Die Ästhetik des Häßlichen, wie sie in der Kritik an KARL
Sohn-Gott verteilt. ROSENKRANZ skizziert wurde 114 soll hier durch einige religionsgeschichtliche Beispiele
Wenn Götter erscheinen, sind sie oft sehr groß; sie füllen den Raum zwischen Himmel veranschaulicht werden.
und Erde. Ihre Kultbilder und -anlagen sind dementsprechend oft übermenschlich. Der a) Monstrosität: Der deformierte Körper, verstümmelt oder verwachsen, wirkt mon-
Mensch vor ihnen wird ganz klein; eine Menschenmasse muß versammelt werden, um strös. Die anthropologischen Orte der Ungeheuer (der Monster, des Anormalen) sind die
den Riesenraum zu füllen und mit der Masse zu dekorieren. Die Größe kann zur unzugängliche Feme und die Unsicherheit von Empfängnis und Geburt. Ungewöhnliche
Übergröße gesteigert werden. Der Koloß ist überdimensional, e-norm, er sprengt durch Größe von Riesen und Zwergen, genetische Fehlbildungen (Rind mit zwei Köpfen,
einen Maßstabsprung die Dimensionen seiner Umgebung. >Kolossal< ist dabei nicht nur siamesische Zwillinge, Zwitter), die natürliche Verschiedenheit der Rassen und deren
die absolute Größe, sondern das inszenierte Zeichen, das Verhältnis zum Ensemble und kulturelle Steigerung durch künstliche Verformung von Fuß oder Kopf erwecken
die Wirkung auf den Betrachter, dessen Maßstab in der Begegnung mit einem Koloß wie Neugier, Angst, Phantasie. Die Mißbildungen werden zum Auslöser oder Katalysator
durch einen ästhetischen Schock deformiert wird.108 von diffusen Ängsten; sie werden gedeutet (lat. monstrum von mo11ere - gemahnen,
Das Kultbild zeigt seine numinose Qualität entweder durch altes und einfaches Material erinnern), gereinigt, beseitigt. Die >Geschichte< der Monstra führt einerseits in die
oder durch die Seltenheit und Kostbarkeit seiner Bestandteile. Ein Koloß pdsentiert Geschichte der --+ Divination, andererseits in die Sozialpsychologie der Außensei-
Masse. Kostbares und hartes Material wird bevorzugt; sie zeigen Unangreifbarkeit, ter.115 Wenn eine Gesellschaft ihr Selbstbewußtsein und ihre Identität durch Erzeu-
Unzerstörbarkeit, Unvergänglichkeit. Das Goldelfenbeinbild der Parthenos gehörte zum gung und Austreibung von Sündenböcken und die Reinigung von schmutzigen Fremden
Staatsschatz von Athen. Der Glanz der polierten Steine oder Metalle blendet und bannt erreichen muß, werden die >Anderen<, die Mißgeburten, Krüppel, Freaks, >alte Hexen<,
den Betrachter. 109 Hoher Materialwert, Härte, Dauer und Glanz sind bevorzugte zu >existentiellen Außenseitern<.116
Kategorien für Kultbauten und -bilder der dominanten Religionen (Staatsreligionen). b) Vennischung: Die Umgestaltung des Körpers, Zerstückelung, Montage zu un-/über-
Marginale und unterdrückte Richtungen machen es mit vergänglicherem Material, natürlichen Mischwesen ist ein bevorzugter Gegenstand religiöser Phantasie. Seit etwa
billig, klein, unförmig - oder, aus der Sicht von oben - >häßlich<. Andere optische 3000 v. Chr. treten fast gleichzeitig in den frühen Schriftkulturen am Nil, im Zweistrom-
Elemente, mit denen heilige Bilder konstruiert werden, können hier nur genannt werden, land und Industal Mischungen von Tieren oder von Menschen und Tieren aufl17:
etwa Frontalität, Symmetrie, heraldische Komposition, Zentralität.110 übergangen Kentaur, Sirene, Pegasos, Flügelmenschen, Sphingen, Schakalgott, Minotauros, Chi-
sind die anderen Sinne und Zeichen - etwa der »Geruch der Heiligkeit« -, die philoso- maere. Mischungen von Pflanzen, Baum und Mensch erscheinen in den »grotteschi« der
phische, asketische, spiritualistische, sublimierende Kritik jener optischen Konstruktion römischen Villen und Paläste zu Pompei und Rom (Palast Neros/Villa Lante), in
des Heiligen, die prophetische und praktische Kritik der Bilder durch Bilderverbot und pharmakologischen Handschriften (Mandragora), in mythischen Metamorphosen
Bilderzerstörung und die zahllosen Antikritiken der >Bilderdienw. 111 Das sogenannte (Ovrn und Ovrn-Illuminationen) und in der spätmittelalterlichen Dämonologie eines
Häßliche jedoch erfordert eine knappe religionsaesthetische Analyse. HIERONYMUS BoscH. Im Verlaufe der westeuropäischen Religionsgeschichte werden
die Mischwesen zunehmend entmächtigt und verdrängt, die Ungestalt und Mischgestalt
orientalischer Götter als >fremd< abgelehnt. Auf dem Schilde des Aeneas kämpfen
3. Das sogenannte >Häßliche<
ägyptische Tiergötter gegen die menschengestaltigen (»anthropo-morphen «) Götter der
>Häßlich< ist eine ästhetische und moralische Kategorie.112 Sie dient der Ordnung und griechisch-römischen Kultur.118
Bewertung von Sinneseindrücken und Handlungen, als Grenze gegen das Fremde, gegen Die Dämonisierung des Vermischten wird mit der Christianisierung noch einmal
sozial und kulturell >Anderes<.m Die Kategorie >häßlich< ist deshalb epochen-,
jugement, 1979; zur kulturellen Grenze s. z. II. die Kataloge zur Exotismus-Ausstellung, Stuttgart
108
H. CANCIK, Kolossalität §3.1. 1987 {Hauptkatalog »Exotische Welten - Europäische Phantasien«), wobei dort der entgegenge-
109
Zur Kategorie des Glanzes in der römischen {Sakral-) Architektur vgl. I-1. DRERUP, Zum richtete Gesichtspunkt der Aneignung im Vordergrund steht.
Ausstattungsluxus in der römischen Architektur, 1957; H. CANCIK, Untersuchungen zur lyrischen 114 Vgl. o. III 4: Zur Ästhetik des Häßlichen bei ROSENKRANZ.

Kunst des P. Papinius Statius, 1965 §22.3; 31.3: »Zur Ästhetik der Kunstbeschreibungen des 115 W. v. SODEN, Einführung in die Altorientalistik, 1985, 145-149: »Die babylonische Vorzei-
Statius«; §31.4: »Glanz und Sternkult«. chenwissenschaft«; R. BLOCH, Les prodiges dans l'antiquite classique, 1963; C. 0. THULIN, Die
110
]. P. VERNANT, Die religiöse Erfahrung der Andersheit: Das Gorgo-Gesicht, in: R. SCHLESIER etruskische Disciplin, II: Die Haruspicin (1906), III: Die Ritualbücher und Zur Geschichte und
{Hrsg.), Faszination des Mythos, 1985, 399 ff. {das Gesicht der Gorgo ist nur frontal überliefert); Organisation der Haruspices (1909), Ndr. in einem Bd., 1968; R. WITIKOWER, Marvels of the East.
A. H. BORBEIN, Zur Bedeutung symmetrischer Kompositionen in der hellenistisch-italischen und A Study in the History of Monsters; in: The Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 5
spätrepublikanischen-römischen Reliefplastik, in: P. ZANKER {Hrsg.), Der Hellenismus in Mittel- (1942) 159-197; hier: 184-186; CL. KAPPLER, Monstres, demons et merveilles ala fin du Moyen
italien II, 1976, 502ff. Age, 1980.
111
Gr. ikono-do1Uoi - Bilderdiener. 116 Vgl. H. MAYER, Außenseiter, 1975 {zit.: suhrkamp tb. 736, 1981, 13-18).
112
Im engl. Sprachgebrauch: »the grotesque«; vgl. TH. WRIGHT, A History of Caricamre and 117 Vgl. H. MoDE, Fabeltiere und Dämonen in der Kunst. Die fantastische Welt der Mischwesen,
Grotesque in Literature and Art, 1865 {Ndr. mit wichtiger Einleitung von FRANCES K. IIARASCH, 1973, 21983; P. COSTELLO, The Magie Zoo. The Natural History of Fabulous Animals, 1979.
1968). 118 VERGIL, Aeneis 8, 698ff.: Om11ige111m1q11e deum monstra et latrator A1111bislcontra Nep-
lll Zur sozialen Grenze des >Geschmacks< s. P. BouRDIEu, La distinction. Critique socialc du t111111111 et Ve11erem co11traque Mi11ervam/te/a te11e11t.
150 Religionsästhetik Systematik 151

gesteigert(---> Zwischenwesen). Das >Böse< selbst, der >Teufel< erscheint in Mischgestalt: d) Destruktion: Zu den >unästhetischen< Zeichenkomplexen, Wahrnehmungs- und
ein degenerierter Pan oder Satyr mit Tierfuß, Schwanz und spitzen Ohren. Das moderne Verhaltensweisen gehört die Zerstörung, das Beschädigte, Trümmer, Schrott, Ausschuß.
>Arsenal des Grauens< hält diese Vorstellung in Literatur und Film lebendig.119 Die Ruine ist sentimentaler Ort der Vergänglichkeitsbetrachtung und »sozialer Bedeu-
c) Amorphität: >Formlosigkeit< bezeichnet einen optischen und haptischen Sinnesein- tungsträger«: Trümmer zeigen die Überwindbarkeit der »steinernen Gewalt«. 124 Sie
druck, eine Eigenschaft organischer Stofflichkeit sowie, davon abgeleitet, psychische sind nicht immer einfach Zeichen von Zerstörungswut, eine »Destruktionsästhetik«
und soziale Vorgänge der Entgrenzung, Nicht-Ordnung, des Chaos. Gegenstände, die (HORST BREDEKAMP) wird sie im Zusammenhang sozialer Kommunikation und politi-
ober- oder unterhalb der Kapazität des menschlichen Auges liegen, die der Blick nicht scher Kämpfe deuten(---> Ikonoklasmus). Der Tanz auf den Trümmern der Bastille ist die
umfassen oder auflösen kann, sind für ihn ohne Struktur, Grenzen, Form (das Meer; neuzeitliche >Urszene< für die symbolische Destruktion von herrschaftlicher Gewalt und
Molekülaufbau; stochastische Symmetrien). fließende, nicht konsistente Substanzen Repräsentation. 125
geben keinen Halt, sind unfaßbar, gefährlich wie der Sumpf. 120 Die räumliche und e) Excessivität: Die Religionen bieten mehr oder weniger Raum für >Ausschreitung< (vgl.
zeitliche Begrenzung der Organismen ist unscharf, formlos: die Körperoberfläche ist ein El~-stase; super-stitio) und Entgrenzung. >Unproduktive< Freude, Ausgelassenheit,
Übergangsfeld (Haut, Haare, Nägel, Zähne, Körperöffnungen, Wunden), Anfang und Trance, sexueller und dionysischer Rausch kann in einer offenen Festkultur >ausgelebt<
Ende der Körper - Empfängnis und Verwesung - sind Metamorphosen. werden.
Die religiöse Nutzung der »Vermischungszustände der Körperränder« und der »Aggre- In der europäischen Religionsgeschichte zeigt sich eine sinnenbezogene >regulierte
gatszustände des Körperinneren« bleibt in der europäischen Religionsgeschichte ein Anarchie<, die allmählich bürgerlich >diszipliniert< wird, aber in plebeischen Tumultfor-
Extremfall. 121 Der Zerfall dagegen ist ein bevorzugter Gegenstand christlicher men wie Karneval und Fastnacht fortlebt. 126
Betrachtung. Die ars morie11di (»Kunst des Sterbens«) benutzt die physiologische Intellektuelle Opposition kann, in widersprüchlicher Verbindung zu diesen Formen und
Reaktion des Ekels vor verwesenden, faulen, verschimmelten und deshalb unge- Traditionen, ihre Kritik an kapitalistischer Oekonomie, Rationalität, Effizienz als eine
nießbaren Dingen. Die Angst vor der Auflösung des eigenen Körpers wird artikuliert >Politik der Verausgabung< vortragen, als »Prinzip der Vergeudung« (depellse). 127
und in einer besonderen Symbolik der Vergänglichkeit sei's aufgefangen, sei's ver- GEORGES BATAILLE und ROGER CAILLOIS (College de Sociologie, 1936-1939) versuch-
stärkt.122 ten, dieses Prinzip durch alte orgiastische und dionysische Reminiszenzen zeitgemäß zu
In vielen Mythen ist das formlose Anfang und/oder Ende der Welt: Schöpfung heißt, das resakralisieren.12s
Chaos ordnen. In der modernen Kosmologie und den daran orientierten Sozialmythen f) Armut - Kitsch: >Arme< Religion wird geschaffen (a) von Laien, d. h. nicht von den
geht die Weltgeschichte von einem geordneten (unwahrscheinlichen) Zustand in den Funktioniiren und Theologen dieser Religion, (b) in abhängigen Schichten und Subkul-
»Wärmetod« (Gleichverteilung der Elemente). Der nichtphysikalische Gebrauch des turen im Gegensatz zur Staatsreligion der dominanten Klasse und Kultur, (c) von
zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik als Sozialmetapher und apokalyptische Kolonisierten im Gegensatz zu ihren Kolonisatoren. Die Formen dieser >armen< Religion
Vision in der Kulturkritik des 19. und 20. Jhs. scheitert jedoch daran, daß kulturelle müssen in ihrem eigenen Ausdruck, Gehalt, in ihrer Zeichen- und Handlungslogik
Systeme, und damit auch das System >Erde<, >Offene Systeme< sind.123 beschrieben werden.
Das Beispiel des Voodoo in Westafrika, Haiti und Brasilien zeigt: Die kultische Verwen-
119 Hier mit der neuen Variante Mensch - Maschine: »Kyborg« = »Kybernetischer Organis- dung von französischen Parfums und Spraydosen, Nippes und Plastikpuppen ist nicht
mus«; das »Alien« von H. R. G1GER in R. Scorrs gleichnamigem Film von 1978; s. R. G1ESEN, >wahllos< oder >geschmacklos<. Diese Bewertungskriterien sind am europäischen Kunst-
Lexikon des phantastischen Films: Horror - Science Fiction - Fantasy, Bd. 2, 1984, s. v. Scott, geschmack, an dessen Ausrichtung an Avantgarde, Museum und Staatsreligion, entwik-
Ridley, 190-194.
120
kelt. Sie verfehlen die Arbeit >symbolischer<, und das heißt hier auch: sinnlicher,
K. THEWELEIT, Männerphantasien, Bd. 1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, 1977, 522.
121
THEWELEIT, Bd. 1, 289 ff„ 492ff. Schwer zu analysierende Informationen über ßarbelo-
Gnostiker, Koddianer u. a. (Genuß von Sperma, Menstruationsblut) tradiert EPIPHANIUS, Pana-
rion haereseon 26, 4f. (I, S. 280ff„ hrsg. v. HOLL), Übersetzung und Kommentar von H. LEISE- 124 H. BREDEKAMI', Kunst als Medium sozialer Konflikte, 1975, 99; vgl. W. Hül'l\IANN (Hrsg.),

GANG bei: G. ZACHARIAS, Satanskult und Schwarze Messe. Ein Beitrag zur Phänomenologie der Luther und die Folgen für die Kunst, Katalog Hamburger Kunsthalle, 1983/84.
Religion, 2 1970 (Ndr. 1979), 29-36; in der Verwendung als Ketzerstereotyp dargestellt bei 125 ERNST BLOCHS >Urszene< vom 14. 7. 1928 ist mitgeteilt unter dem Titel »Spielformen, leider

N. CoHN, Europc's Inner Demons, 1975. Der »Körper als Schmutz« ist aufschlußreich behandelt (2)", in: Spuren, 11969 (11930), Gesamtausgabe Bd. 1, 23-25.
anhand der Männerphantasien der Freicorps-Literatur aus der Weimarer Republik bei THEWELEIT, 126 Sie werden neu belebt in der Kunst, etwa in den Körperritualen der Wiener Aktionisten. Zu

1, 289 ff. den »Abreaktionsspielcn« des »Orgien Mysterien Theaters« von H. NITSCH s. E. STARK, Hermann
122
Als virtuose asketische Übung des »asubha-bhavana« (»Betrachtung des Häfslichen«) im Nitschs >Orgien Mysterien Theater< und die »Hysterie der Griechen«, Quellen, Traditionen im
Buddhismus; s. das Zitat aus dem Werk» Visuddhi-Magga« von BUDDHAGHOSA (5. Jh. n. Chr.), in: Wiener Antikebild seit 1900, 1987. Allgemein die Arbeiten von P. GoRSEN, z.B. die Aufsatzsamm-
Buddhistische Geisteswelt. Vom historischen Buddha zum Lamaismus. Texte ausgewählt und lung »Sexualästhetik. Grenzformen der Sinnlichkeit im 20. Jahrhundert«, rde 447, 1987.
eingeleitet von G. Mensching, 1955 (Ndr. o. ].),Nr. 70/71, 149-164. - Zur Volkskultur vgl. die 1l7 Dazu Kp. 1 »Das unproduktive Leben« in: M. MAFFESOLI, Der Schatten des Dionysos. Zu

Gattung der »Mementosargerl« (Betrachtungssärglein), Abbildung in: SIGRID METKEN (Hrsg.), Die einer Soziologie des Orgiasmus. Aus dem Frz. v. M. WEINMANN, 1986, 28-41.
letzte Reise. Sterben, Tod und Trauersitten in Oberbayern, Katalog München 1984, Nr. 15/16. m Aufschlußreich die Diskussion in: D. KAMPER, Clm. WuLF (Hrsg.), Das Heilige. Seine Spur
123 Vgl. R. ARNHEIM, Entropie und Kunst. Ein Versuch über Unordnung und Ordnung (1971), in der Modeme, 1987. Zu R. CAILLOIS: P. GEBLE, Soziologie des Heiligen -heilige Soziologie. Zu
dt. 1979. Roger Caillois' Entwurf einer Sakralsoziologie, in: ebd., 82-90.
152 Religionsästhetih Literatur 153

>Aneignung< fremder (hier: westlicher Industrie-) Kultur, die Modernisierungskrise und wird auch ein weitgehend >religionsfreies< sein: »Ein Nepali, der seine tägliche Andacht
den Kulturkonflikt, die sich hier Ausdruck schaffen. 129 vor dem Götterbild verrichten will, (muß) nach Amerika in ein Museum pilgern. Da mag
er dann sein Öllämpchen und seine Weihrauchstäbchen entzünden und den Göttern das
Blumenopfer darbringen - wenn die Museumsverwaltung es ihm denn erlaubt«. 134
C Ausblick
Literatur
Religionsästhetik untersucht, wie Wahrnehmung und Zeichen durch Religion geformt
werden. Diese Untersuchung verbleibt weder in der Vergangenheit noch in der Spekula- 1. Hilfsmittel
tion. Deshalb als Schluß eine >Geschichte<, die sich heure, vor unseren Augen Ästhetik und Kommunikation, 1970 ff. (Ztschr.); Bibliographie zur Symbolik, Ikonographie und
Mythologie. Internationales Referateorgan, begründet v. M. LURKER, 1968 ff.; Encyclopaedia of
abspielt. 130 Es handelt sich um einen Fall von zwangsweiser >Säkularisierung< und
Chinese Symbolism and Art Motifs, hrsg. v. C. A. S. WILLIAMS, 1960; Encyclopedic Dictionary of
>Musealisierung<, der Verformung von Kultobjekten in Kunstobjekte. Der >Kunstraub< Semiotics, hrsg. v. T11. S. SEllEOK (= Approaches to Semiotics 73), 3 Bde„ 1986; GRIMES, R. L.,
ist >Kultraub<. Die organisierte Plünderung der Kultstätten des Newa-Volkes im Kath- Research in Ritual Srudies. A Programmatic Essay and Bibliography (= ATLA Bibliography Series
mandu-Tal (Nepal) ist ein spätes Beispiel der kolonialistischen Aneignung fremder 14), 1985; Katalog Symmetrie in Kunst, Natur und Wissenschaft, 3 Bde„ 1986; KEY, M. R„
Kultur und fremder Resourcen. Die römische Kultur eignete sich fremde oder feindliche Nonverbal Communication. A Research Guide and Bibliography, 1977; Lexikon der christlichen
Götter durch »Herausrufung« und »Überführung« an 131 ; das christliche Europa der Ikonographie, 8 Bde„ hrsg. v. E. KrnscH!lAUM und W. BRAUNFELS, 1968-1976 (Bd. 1-4: Allge-
meine Ikonographie; Bd. 5-8: Ikonographie der Heiligen); Lexikon Ikonographicum Mythologiae
Neuzeit vollbringt dies durch Sammelleidenschaft, exotische Moden und einen kapitali-
Classicae, hrsg. V. L. KAHIL, 1981 ff.; Nönr, w„ Handbuch der Semiotik, 1985; SEBEOK, TH. A„
sierten Kunstmarkt. Das Ergebnis ist in beiden Fällen eine kulturelle und religiöse UMIKER-SE!lEOK, D. J. (Hrsg.), Speech Surrogates. Drum and Whistle Systems(= Approaches to
Entmächtigung als Folge machtpolitischer und ökonomischer Hegemonie. Semiotics 23/1-2), 2 Bde„ 1976; Symbolik der Religionen, hrsg. v. F. HERRMANN, bisher 18 Bde„
Seit den sechziger Jahren wird Nepal von >Kunst<-Riiuberbanden für einen westlichen 1958 ff.; Visible Religion. Annual of Religious Iconography, hrsg. v. H. G. KIPPENBERG, 1982ff.
Abnehmerkreis ausgeraubt. Zunächst verschwanden die Kleinbronzen, seit Anfang der
achtziger Jahre sind die steinernen Bildnisse und Holzskulpturen >an der Reihe<: »so gut 2. Philosophische Aesthetih!Kunsttheorie
2.1 Philosophische Ansätze
wie alle nepalischen Kunstwerke, die seit 30 Jahren in Europa, Japan und Amerika
ADORNO, TH. w„ Ästhetische Theorie, hrsg. aus dem Nachlaß V. GRETEL ADORNO u. ROLF
gehandelt werden und unsere Privatsammlungen und Museen füllen, (sind) gestohlen TrnDEMANN, (= Ges. Sehr. 7), 1970 (Tb. 1973); BAUMGARTEN, A. G„ Aesthetica acroamatica,
worden«. 132 Besonders schwer wiegt, daß hier nicht >wilde Archäologie< betrieben 2 Bde„ 1750-1758 (Ndr. 1970); ders„ Philosophia generalis. Edidit cum dissertatione prooemiali
wird und die >tote< Hinterlassenschaft vergangener Kulturen abtransportiert wird, De dubitatione et certitudineJ. C!m. FOERSTER, 1770 (Ndr. 1968); BENJAMIN, w„ Das Kunstwerk
sondern unmittelbar in bestehende Kulte und Gebräuche eingegriffen wird, ja diese im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (Erstdruck in frz. Fassung als »L'ceuvre d'art a
durch die Entfernung des Kultbildes zerstört werden. So wurde beispielsweise 1984 die l'epoque de sa reproduction mccanisee. übers. v. P. KLOSSOWSKI; in: Ztschr. f. Sozialforschung 5
(1936) 40-68); in: ders„ Ges. Sehr. hrsg. v. R. TrnDEMANN und H. ScmvEPPENfü\USER, Bd. I/2
Doppelstatue von Vishnu und Lakhshmi von Nasamana-Platz in Bhaktapur geraubt: sie
(1974) 431-508; CASSIRER, E„ Die Philosophie der symbolischen Formen, 3 Bde„ 1923-1929
diente bis dahin den Schwangeren als Orakel über das Geschlecht des kommenden (Teil 1: Die Sprache; Teil 2: Das mythische Denken; Teil 3: Phänomenologie der Erkenntnis);
Kindes. I-IAUG, W. F„ Kritik der Warenästhetik (= edition suhrkamp 513), 1971; HEGEL, G. W. F„
Ein Ende solch westlichen Bedürfnisses nach >echt asiatischer Kunst< ist nicht abzusehen. Vorlesungen über die Ästhetik (1818; 1820; 1829), redigiert v. H. G. Homo, 1835/42 (=
Seit 1951, als die ersten Besucher ins Land gelassen wurden, stieg deren Zahl bis heute Werkausgabe suhrkamp, hrsg. v. E. MoLDENIIAUER u. K. M. MICHEL, Bd. 13-15); HOLZ, H.-H„
auf 200 000 jährlich. Für die Jahrtausendwende werden eine Million Touristen pro Jahr Vom Kunstwerk zur Ware. Studien zur Funktion des ästhetischen Gegenstandes im Spätkapitalis-
mus (= Sammlung Luchterhand 65), 1972; LANGER, S. K„ Philosophy in a New Key, 1942 (dt.
angepeilt. 133 Sie werden ein weitgehend »kunstfreies« Land vorfinden. Dieses Land
Philosophie auf neuem Wege. Aus d. Amerikan. übers. v. A. Löwinr, 1965); LuKAcs, G„ Asthetik,
Teil I: Die Eigenart des Ästhetischen, 2 Halbbände(= Werke 11/12), 1963 (mehr nicht erschienen);
9
tz Am Beispiel der von den >Asafo<-Kompagnien der Fante (Südghana) errichteten >pos11ba11<- revidierte Ausgabe von J. JAHN: G. L., Die Eigenart des Ästhetischen, 2 Bde„ 1981; MARCUSE, H„
Schreine ausgeführt bei: F. W. KRAMER, Der rote Fes. Über Besessenheit und Kunst in Afrika, 1987, Die Permanenz der Kunst. Wider eine bestimmte marxistische Ästhetik. Ein Essay, 1977; ROSEN-
201-205. Zum westafrikanischen Voodoos. den gut bebilderten Überblick von G. C11ESI, »Voo- KRANZ, K„ Ästhetik des Häßlichen, 1853 (Ndr. mit e. Vorwort V. w. HENCKMANN 1973); VISCHER,
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130
Vgl. o. A 2 und 6; J. ScmcK, Die Götter verlassen das Land, in: GEO-Spezial 2 ( 1988), Widerstands. Roman, 3 Bde„ 1975-1981.
Themenheft »Himalaya«, 24-29; R. NoACK, Im Tal der Götter. Eine neue Zeit hat im hinduisti-
schen Königreich Nepal Einzug gehalten, in: Drn ZEIT 17 (22. 4. 1988), 65. J. ScmcK kündigt eine 2.2 Kunsttheorie
Dokumentation in Buchform an. AssUNTO, R„ Die Theorie des Schönen im Mittelalter, 1963 (Tb. 1982 = DuMont-Taschenbücher
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132 SCHICK, 29.

lJJ NOACK, Sp. 5.


IH KuNDA DrxIT (ein nepalischer Journalist) bei Schiel<, 29.
154 Religionsästhetik Literatur 155

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156 Religio11siisthetik

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10/1983, 41-47); DE MARTINO, E., Morte e pianto rituale nel mondo antico. Dei lamento pagano A Ethnologische Bedingungen: Fragen und Perspektiven !. Ethnologie am Scheideweg II. Das
al pianto di Maria(= Biblioteca di studi etnologici e religiosi 31), 1958; Die Nicht mehr schönen
Ende der »Naturvölker« 1. Das Versagen des Begriffs 2. Das Kriterium des »Fremden« 3. Nach
Künste. Grenzphänomene des Ästhetischen (= Poetik und Hermeneutik 3), hrsg. v. H.]. ]Auss
der Forschung die Trauer 4. Die koloniale Wut 5. Die unmögliche Authentizität 6. Der sich
(darin u. a.]. TAUBES, Die Rechtfertigung des Häßlichen in urchristlicher Tradition, 169-186;
auflösende Gegenstand III. Der Beginn der universalen Kommunikation IV. Die Autorität der
H.]. ]Auss, Die klassische und die christliche Rechtfertigung des Häfllichen in mittelalterlicher Ethnologie 11 Geschichte der Religionsethnologie !. Am Anfang die Ursprünge II. Exponen·
Literatur, 143-168; dazu die 4. Diskussion: »Gibt es eine >christliche Asthetik<?", 583-610); ÜHl\!, ten der Religionsethnologie und ihre Themen 1. Tylor und der Verfall der Degenerationstheorie
TH., Die Gebetsgebärden der Völker und das Christentum, 1948; SAUNDERS, E. D., Mudrä. A
2. Frazer, ein Lagerhaus und ein goldener Zweig 3. Durkheim und die soziologische Richtung aus
Study of Symbolic Gestures inJapanese Buddhist Sculpture ( = Bollingen Series 58), 1960; SJNDING· Frankreich 4. Malinowskis phantasievolle Ethnologie der Empirie III. Die Nachfolger der Pio-
LARSEN, S., Iconography and Ritual. A Study of Analytical Perspective, 1984; W,\ARDENBURG,].,
niere 1. Großbritannien 2. USA 3. Frankreich 4. Deutschland IV. Die Erfolge der Nachfol-
The Language of Religion and the Study of Religions as Sign Systems; in: L. HONKO (Hrsg.), Science ger C Theorie und lleschleunigung: Die Geschwindigkeit der Religionsethnologie !. Die End-
of Religion. Studies in Methodology (= Religion and Reason 13), 1979, 441-457 (458-483
lichkeit der Erkenntnisse 1. Animismus 2. Urmonotheismus 3. Totemismus 4. Magie 5. Ur-
Diskussion und Stellungnahmen).
sprungsideen II. Symbole, Menschen und Humor

Hubert C1111cik, Hubert Mohr

A Ethnologische Bedingungen: Fragen und Perspektiven

1. Ethnologie am Scheideweg

Die Ethnologie oder Völkerkunde ist die wissenschaftliche Disziplin zur Erforschung
fremder Völker. Sie befindet sich heute in einer tiefgreifenden Umbruchsituation, die das
Fach insofern auflöst, als bisherige Forschungstraditionen entweder überwunden oder
sogar strikt abgebrochen werden müssen, um einer veränderten Weltsituation gerecht zu
werden. Gelingt es, die Forschungsinhalte durch eine kritische Aufnahme der globalen
Veränderungen neu zu bestimmen, so wird die Auflösung des Fachs zur Voraussetzung
und Grundlage für seinen Fortbestand. Die Alternative zu einer hinsichtlich ihrer
Gegenstände und Ziele neu definierten Ethnologie, ist die Aufnahme nicht mehr zu
übergehender ethnologischer Fragestellungen eines an seinen Traditionen festhaltenden
und erstarrten Fachs durch andere Wissenschaften. Es ist ohnehin schwierig, die
Ethnologie von benachbarten Disziplinen, die sich ebenfalls als Wissenschaften vom
Menschen verstehen (Sozial-, Geschichts·, Religions- und Sprachwissenschaft), klar zu
unterscheiden. Ebensowenig kann der ethnologische Methodenpluralismus als Abgren-
zungskriterium zur Schaffung einer eigenen und eigenständigen Fachidentität herange-
zogen werden, die den Ethnologen als einen eindeutig mit bestimmten Arbeitsweisen,
Techniken und Strategien beschäftigten Spezialisten erkennbar werden ließe. Anderer-
seits liegt in der Methoden- und Themenvielfalt dieser Wissenschaft, verbunden mit
einer die Würde des Menschen unbedingt achtenden und daher herrschaftsfreien
Zielbestimmung die hervorragende Chance des Fachs. Es stellt sich weniger die Frage
welche Antworten die Ethnologie allein, als vielmehr, welche gerade sie mit besonderer
Autorität geben kann.