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Inhalt

1 Einführung ............................................................................................................................... 1
1.1 Methodik und Vorgehensweise .................................................................................. 2
1.2 Novelle? ..................................................................................................................... 2
2 Rechtsverhältnisse und Rechtsgefühl in Michael Kohlhaas ................................................... 3
2.1 Theoretische Annäherungen ....................................................................................... 5
2.1.1 Historische, staatsphilosophische und rechtsgeschichtliche Kontexte ............... 5
2.1.2 Terminologische Vorüberlegungen .................................................................... 8
2.1.3 ›Rechtsgefühl‹ .................................................................................................. 10
2.2 Textuntersuchung | Zum Rechtsgefühl in Michael Kohlhaas .................................. 12
2.2.1 Beginn des Konflikts auf der Tronkenburg ...................................................... 12
2.2.2 »Geschäft der Rache«....................................................................................... 18
2.2.3 Zur Engelmetaphorik und den Kohlhaas’schen Mandaten .............................. 19
2.2.4 Peripetie und Katastrophe ................................................................................ 23
3 Conclusio ............................................................................................................................... 25
4 Literaturverzeichnis ............................................................................................................... 27
4.1 Primärliteratur .......................................................................................................... 27
4.2 Sekundärliteratur ...................................................................................................... 27
1 Einführung
Beleuchtet wird im Folgenden mit Michael Kohlhaas »einer der rechtschaffensten zugleich und
entsetzlichsten Menschen seiner Zeit«1, dessen Streben nach Gerechtigkeit so groß ist, dass es
alle Widerstände überwindet; oder aus heutiger Perspektive: einer der berühmtesten
literarischen Protagonisten. Denn mit einer komplexen Dichte an rechtsphilosophischen,
historischen und religiösen Diskursbezügen hat die gleichnamige Novelle von Heinrich von
Kleist ein vielfältiges Diskussionspotential und vermag es, die Leserschaft zu polarisieren.
Doch wie nähert man sich einem Text, der vom Nationalsozialismus ebenso rezipiert wurde
wie von Lion Feuchtwanger und Franz Kafka, bis hin zu Aktualisierungen im Zuge des ›RAF‹-
Terrorismus?2 Kleists 1810 publizierte Novelle Michael Kohlhaas hat sich längst im Kanon der
deutschen Literatur etabliert, und ist im Brennpunkt solch mancher juristischen Diskussion zu
finden. Denn vor allem ist Michael Kohlhaas eines, nämlich die Erzählung über einen
Rechtsfall. In ironisch pointierter Weise schreibt Kleist von einem Pferdehändler, welcher des
Rechts willen den Kampf gegen das korrupte Justizsystem aufnimmt und dabei Diskrepanzen
zwischen Recht, Gesetz und Gerechtigkeit zum Vorschein bringt.
Dabei öffnet die Komplexität der Rechtsverhältnisse je nach Perspektivierung verschiedenen
Bewertungen die Tür – denn eine allgemeine, distinkte ›Moral der Geschichte‹ wird hier
schwerlich aufzufinden sein.3 Eine solche wird in der vorliegenden Untersuchung auch
keineswegs angestrebt. Vielmehr geht es in Antizipation Kleist’scher Ambivalenzen,
Uneindeutigkeiten und kontextueller Interdependenzen darum, auf dem Weg des Rechtsgefühls
in die ›Kohlhaaswelt‹ hineinzufinden. Richtungsweisend ist für diese Arbeit die Frage,
inwiefern sich das Rechtsgefühl des Protagonisten als Motivation seines Handelns hin zum
»Räuber und Mörder« (9) erkennen lässt. Miteinbezogen werden dabei auch die
rechtsphilosophischen Einflüsse bzw. die Rechtsverhältnisse.

1
Kleist, Heinrich von: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. In: Ders.: Sämtliche Werke und Briefe.
Zweibändige Ausgabe in einem Band. Hg. von Helmut Sembdner. Bd. II. München: DTV 2013, 9–103, hier 9.
Sämtliche Zitate aus Michael Kohlhaas beziehen sich auf diese Ausgabe und werden im Folgenden im Fließtext
als (Seite) notiert.
2
Vgl. Hamacher, Bernd: Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart:
Reclam 2003a, hier 101–109.
3
Als wertvoller Überblick in die Vielfalt an Sekundärliteratur zu den Rechtsverhältnissen in Michael Kohlhaas
erwies sich Hamacher, Bernd: Schrift, Recht und Moral: Kontroversen um Kleists Erzählen anhand der neueren
Forschung zu ›Michael Kohlhaas‹. In: Knittel, Anton Philipp und Inka Kording (Hg.): Heinrich von Kleist: neue
Wege der Forschung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003b, 254–278.

1
1.1 Methodik und Vorgehensweise

In methodischer Hinsicht handelt es sich hier um eine literaturwissenschaftliche,


hermeneutische Untersuchung, welche angesichts der Relevanz der Kontexte und Diskurse, die
Kleist in Michael Kohlhaas eingeflochten hat, eine sozialgeschichtliche Tendenz hat. Der Frage
nach dem Rechtsgefühl wird mit Blick auf die generellen Rechtsverhältnisse nachgegangen,
sodass ein Schwerpunkt auf der inhaltlichen Argumentation des Textes entsteht. Zweifelsohne
wäre ein genauerer Blick die stilistische Kunst Kleists äußerst interessant, welchem hier
abgesehen von der Metaphorik angesichts des knappen Rahmens nur am Rande nachgekommen
werden kann.
Zum Verständnis der Rechtsverhältnisse bedarf es einiger Vorüberlegungen zum historischen
und rechtsphilosophischen Kontext, beispielsweise über die Theorien zum sogenannten
Gesellschaftsvertrag. Das wird nun – nach gattungstheoretischen Überlegungen – im Kapitel
2.1.1 skizziert, woraufhin einige Begrifflichkeiten diskutiert werden, die für diese
Untersuchung zum Rechtsgefühl Michael Kohlhaases relevant sind. Die Analyse des
Rechtsgefühls im Text findet im zweiten Teil des Hauptteils statt und ist auf die erste Hälfte
der Novelle fokussiert. Sie erlaubt sich auch einen Ausblick auf die Schlusspassage, ohne
jedoch den Anspruch zu erheben, die Causa Kohlhaas in ihrer facettenreichen Handlung
vollständig zu untersuchen. Vielmehr steht der zentrale Stellenwert des Rechtsgefühls in der
Charakterisierung Kohlhaases im Brennpunkt, und die Frage, inwiefern es als determinierender
Faktor für sein Verhalten relevant ist.

1.2 Novelle?

Gern wird Michael Kohlhaas als einer der Vorreiter in die Reihe der Klassiker der Gattung
›Novelle‹ gereiht.4 Goethe bestimmte die Novelle als ›eine sich ereignete unerhörte
Begebenheit‹, und in der Folge sei die »Konfrontation einer Figur mit einem einschneidenden,
konfliktträchtigen Ereignis« zum Wesensmerkmal der Gattung avanciert. Auch die Affinität
zum Drama sei zu beobachten.5 Beides ist für Kleists Darstellung des Kohlhaas-Stoffes gewiss
griffig. Bei der Gattungszuordnung sollte jedoch bedacht werden, dass sich die erzählerischen
Gattungsnormen um 1800 noch im Entstehen befanden. Das deutsche Wort ›Novelle‹ wird erst
seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Begriff in der Literaturwissenschaft verwendet

4
Vgl. Kindt, Tom: Novelle. In: Lamping, Dieter (Hg.): Handbuch der literarischen Gattungen. Stuttgart: Kröner
2009, 540–548, hier 546; Sander, Gabriele: Epik (Erzähltexte). In: Becker, Sabina [u.a.] (Hg.): Grundkurs
Literaturwissenschaft. Stuttgart: Reclam 2006, 126–128, hier 127.
5
Vgl. Sander: Epik (Erzähltexte), 127f.

2
und Kleist ging selbst vage mit Gattungsbegriffen um.6 Für den Prosaband, in dem Kleist den
gesamten Michael Kohlhaas 1810 publizierte, wäre auch der Titel ›Moralische Erzählungen‹
eine Option gewesen.7 Breuer summiert für Kleists erzählerisches Werk »Kombinationen und
Radikalisierungen bestehender Muster und Traditionen«, was »zu einem regelrechten
Nomadisieren in den Traditionen der Erzählliteratur von der Frühen Neuzeit bis zur Romantik,
von der Anekdote bis zur Novelle« führe.8 Für Michael Kohlhaas lässt sich das im Sinne der
literarischen Diskussion eines juristischen Sachverhalts mit moralischen Überlegungen lesen,
was, zumindest aus heutiger Sicht, die Grenzen zwischen Disziplinen sowie zwischen Fakt und
Fiktion verschwimmen lässt.
Mit dem Untertitel »Aus einer alten Chronik« (9) rückt Kleist seine nachfolgende Erzählung in
einen Schein von Authentizität und Historizität.9 Die Anrufung einer Chronik, einer
dokumentarischen Gattung mit dem Anspruch, vertrauenswürdige Angaben zu Zeit und
Geschehen festzuhalten, wird allerdings vom Text unterlaufen.10 Die Kleist-Forschung hat
nämlich herausgefunden, dass Michael Kohlhaas bezüglich der Zeit-, Namens- und
Ortsangaben erstens von der historischen Fehde des Hans Kohlhaase abschweift, sowie, dass
es zweitens Widersprüchlichkeiten innerhalb des Textes selbst gibt.11 Denn generell ist die
»Unzuverlässigkeit der Kleist’schen Erzähler« zu konstatieren.12

2 Rechtsverhältnisse und Rechtsgefühl in Michael Kohlhaas


Michael Kohlhaas, gebildeter13 Pferdehändler, frommer14 Familienvater und Hofbesitzer, ist
der berühmte Protagonist dieser Kleist’schen Novelle. Sein Streit mit dem Adelsgeschlecht der
von Tronka aufgrund zweier, wohl unrechtmäßig als Pfand geforderter Rappen sollte sich von
einer juristischen Instanz zur nächst höheren schrauben, einen gewalttätigen Rachefeldzug in

6
Vgl. Kindt: Novelle, 541; Breuer, Ingo: Erzählung, Novelle, Anekdote. In: Ders. (Hg.): Kleist-Handbuch.
Stuttgart, Weimar: Metzler 2010, 90–97, hier 90–92;
7
Vgl. Breuer: Erzählung, Novelle, Anekdote, 92.
8
Breuer: Erzählung, Novelle, Anekdote, 94.
9
Allerdings könnte dieser Zusatz auf den Verleger zurückgehen – vgl. Breuer: Erzählung, Novelle, Anekdote, 90.
10
Vgl. zur Chronik auch Melville, Gert: Chronik. In: Weimar, Klaus (Hg.): Reallexikon der deutschen
Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Bd. I: A–G. Berlin,
New York: De Gruyter 1997, 304–307; z.B. wird die Gattung hier definiert als am »naturalen Zeitablauf orientierte
Form der geschichtlichen Darstellung.« (Ebd., 304)
11
vgl. Hamacher, Bernd: Michael Kohlhaas. In: Breuer, Ingo (Hg.): Kleist-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.
Stuttgart, Weimar: Metzler 2013, 97–106, hier 102; Ders.: Heinrich von Kleist (2003a), 7; Breuer: Erzählung,
Novelle, Anekdote, 94;
12
Ebd.
13
Vgl. »Sohn eines Schulmeisters« (9).
14
Vgl. »die Kinder [...] erzog er in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue« (9).

3
Gang setzen, und schließlich zur Völkerrechtsangelegenheit zwischen zwei Fürstentümern
werden, bis ihm doch noch Recht gesprochen und er zugleich unter dem Schafott hingerichtet
wird.
Schon im ersten Satz der Novelle wird die Komplexität des Titelhelden in einem Oxymoron
gefasst: »einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.« (9)
Damit betont Kleist die Relevanz dieses Stoffes und seine einzigartige, zu Extremen
tendierende Hauptfigur.15 Auch scheut er nicht davor zurück, Christusanalogien einzuflechten:
»Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten
Staatsbürgers haben gelten können.« (9) Genau in dem Alter, da Jesus zu predigen beginnt und
damit Einfluss auf das Weltgeschehen nimmt, beginnt Michael Kohlhaas mit allen Mitteln sein
Recht zu verfolgen. Kleist entschließt sich in dieser zweiten Fassung16 seiner
Kohlhaaserzählung für folgende weitere Charakterisierung zu Beginn:

[N]icht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner
Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen,
wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum
Räuber und Mörder. (9)

In diesem ersten Absatz des Textes deutet Kleist bzw. seine Erzählerfigur die zentralen
Elemente der Handlung an. Dass jedoch gerade die Radikalität in der Hingabe an das
Rechtsgefühl den Fall Kohlhaas, der im Sinne der Novellentradition eine ›unerhörte
Begebenheit‹ darstellt, erinnerungswürdig macht, wird allerdings ignoriert. Derartige
Ambivalenzen, die die Leserin bzw. den Leser zu Reflektion drängen, sind im untersuchten
Text häufig zu beobachten. Bevor ich nun die Relevanz des Rechtsgefühls in Michael Kohlhaas
untersuche und die paradoxe Charakterisierung des Protagonisten als »einer der
rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit« (9) erörtere, bedarf es
einiger begrifflicher und kontextueller Annäherungen.

15
Außerdem ist Hamacher zufolge die ironische Konnotation des Werks in dieser semantischen Unvereinbarkeit
von ›Tugend‹ und ›Ausschweifung‹ bereits präsent, da ›Tugend‹ nach der aristotelischen Ethik und Affektenlehre
inhaltlich bestimmt sei als Maß und Mitte zwischen zwei Extremen und damit der Gegensatz zu ›Ausschweifung‹
sei – vgl. Hamacher: Michael Kohlhaas, 103.
16
Vgl. Sembdner, Helmut: Anmerkungen zu den Erzählungen und Anekdoten: Michael Kohlhaas. In: Heinrich
von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Zweibändige Ausgabe in einem Band. Hg. von Dems. Bd. II. München:
DTV 2013, 895–899, hier 895f. An dem Stoff arbeitete Kleist seit 1805. Das erste Viertel der Erzählung wurde im
November 1808 in der Zeitschrift Phöbus publiziert, die Fertigstellung erfolgte erst für die Buchausgabe (nämlich
unter dem Titel »Erzählungen«, Band I.) im Sommer 1810. In der Phöbusfassung hieß es »einer der
außerordentlichsten und fürchterlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser merkwürdige Mann würde, bis in sein
dreißigstes Jahr [...]« (Sembdner 292), was der Rechtschaffenheit noch weniger Relevanz einräumt als die zweite
Fassung, an der sich diese Untersuchung orientiert.

4
2.1 Theoretische Annäherungen

2.1.1 Historische, staatsphilosophische und rechtsgeschichtliche Kontexte

In Michael Kohlhaas überlagern sich zwei Jahrhunderte: Positioniert ist das Geschehen in
Anlehnung an die historische Stoffvorlage im Sachsen und Brandenburg des 16. Jahrhunderts.
Es war die Zeit der frühen Neuzeit, als die Reformation sowie die Emanzipation des Bürgertums
prägnant waren. In der Erzählung thematisiert dies der Konflikt zwischen Kohlhaas, der eben
von Beginn an als freier Bürger präsentiert wird, und dem feudalistisch behafteten
Adelsgeschlecht der von Tronka. Kleist benutzte die dokumentierte Fehde des Hans Kohlhase17
als Ausgangslage und ging sehr frei mit dem Stoff um.
Als zweiter geschichtlicher Kontext muss die Entstehungszeit des Textes (1805 bis 1810)
beachtet werden. Das lange 19. Jahrhundert, um mit Eric Hobsbawm zu sprechen,18 hat zur
Schaffenszeit Heinrich von Kleists bereits gar manche Erschütterung der gesellschaftlichen und
politischen Ordnung erfahren: Die Nachbeben der Französischen Revolution halten die Welt in
Atem, während Napoleon Europa mit Krieg durchzieht und das Heilige Römische Reich 1806
aufgelöst wird. Kleist engagiert sich in der Folge patriotisch-politisch,19 und interessiert sich
für die seit 1807 beginnenden Preußischen Reformen, welche die gesellschaftliche Basis für
den antinapoleonischen Befreiungskampf schaffen sollten.20 Insbesondere deren Justiz- und
Wirtschaftsreform erhielten in Kleists Kohlhaasnovelle Einzug, beispielsweise die
Gewerbefreiheit, für die Kleist eintrat, und welche auf Adam Smith zurückgeht.21
Im zeitgenössischen philosophischen Diskurs ist das Denken der Aufklärung virulent, welches
für Kleist, insbesondere dasjenige Rousseaus, prägend ist.22 Für Michael Kohlhaas von
zentralem Stellenwert sind die Theorien zum ›Gesellschaftsvertrag‹, welche von der These
ausgehen, dass es beim Heraustritt aus dem Naturzustand zu der Übereinkunft zwischen den
Menschen kommt, sich zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen. Sie geben im Rahmen
eines Vertrags ihre natürlichen, angeborenen Rechte an das Gemeinwesen ab. Daraus ergeben

17
Vgl. Sembdner, 896; Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 58–78.
18
Gemeint ist damit die die Phase von der Französischen Revolution 1789 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs
1914; Hobsbawm, Eric: Das lange 19. Jahrhundert. Übers. von Udo Rennert. 3 Bde. Darmstadt: Theiss 2017.
19
Man denke beispielsweise an den Katechismus der Deutschen; Kleist, Heinrich von: Katechismus der
Deutschen. Abgefasst nach dem Spanischen, zum Gebrauch für Kinder und Alte. In: Ders.: Sämtliche Werke und
Briefe. Zweibändige Ausgabe in einem Band. Hg. von Helmut Sembdner. Bd. II. München: DTV 2013, 350–360.
20
Vgl. Schmidt, Jochen: Politik. In: Breuer, Ingo (Hg.): Kleist-Handbuch. Stuttgart, Weimar: Metzler 2013, 268–
272, hier 269–271.
21
Vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 81f.
22
Vgl. Moser, Christian: Französische Aufklärung. In: Breuer, Ingo (Hg.): Kleist-Handbuch. Leben – Werk –
Wirkung. Stuttgart, Weimar: Metzler 2013, 195–203, hier 195–203.

5
sich sowohl für das Gemeinwesen, also den Staat, als auch für die Individuen Rechte und
Pflichten. Beispielsweise hat der Staat das Recht auf das Gewaltmonopol und die Pflicht, seine
Bürgerinnen und Bürger vor Unrechtmäßigkeiten und Übergriffen anderer zu schützen.23
Besonders im 17. Jahrhundert24 gibt es eine Bandbreite an Theorien zum Charakter des
Gesellschaftsvertrags und zum adäquaten Staatswesen. Schon 1651 entwirft Thomas Hobbes
in Leviathan or the Matter, Form and Authority Government den Naturzustand als ökonomisch
geprägter Krieg aller gegen aller und betont die Notwendigkeit eines autoritären Souveräns.25
John Locke (Two Treatises on Government, 1690) sieht hingegen einen natürlichen
Friedenszustand und deklariert Leben, Freiheit sowie – man denke wiederum an die Rappen –
Eigentum als Naturrechtsgüter, die auch im Staat geschützt werden müssen.26 1762 formuliert
Jean Jacques Rousseau in Du contrat social eine auf Volkssouveränität ausgerichtete Spielart
des Gesellschaftsvertrags, welche den Naturzustand als friedliche, sittliche »Tugendrepublik«
darstelle, die aber durch Konflikte aufgrund von Privateigentum verfalle.27 Daher ziele
Rousseau auf eine Gesellschaftsreform ab, welche die ursprüngliche Gleichheit unter den
Menschen in einem besseren Gesellschaftsvertrag auf Basis des volonté générale
wiederherstellen sollte.28 Rousseaus kulturkritischer Ansatz ist für Kleists Oeuvre wichtig,
inwiefern er jedoch bezüglich der zentralen Rolle des Eigentums in Michael Kohlhaas griffig
ist, wird in 2.2.3 nochmals aufgegriffen. Die aus den kontraktischen Theorien folgende und viel
diskutierte Frage ist, inwiefern eine Vertragsverletzung zur Kündigung des
Gesellschaftsvertrags und demnach zum Wiedereintritt des Naturzustands führt.29 Ein Recht
auf Widerstand gibt es bei Hobbes und Rousseau nicht, bei Locke hingegen schon, nämlich,
wenn die Herrschergewalt die natürlichen Rechte der Individuen nicht gewährleistet.30

23
Vgl. Hamacher: Michael Kohlhaas, 99; Ders.: Heinrich von Kleist (2003a), 83.
24
Vgl. Euchner, W.: Gesellschaftsvertrag, Herrschaftsvertrag. In: Ritter, Joachim und Karlfried Gründer (Hg.):
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Völlig neubearb. Ausg. des ›Wörterbuchs der philosophischen Begriffe‹
von Rudolf Eisler. Bd. 3: G–H. Basel: Schwabe & Co 1974, 476–480, hier 476.
25
Vgl. genauer zum Hobbe’schen Naturzustand Hügli, A.: Naturrecht, IV. In: Ritter, Joachim und Karlfried
Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Völlig neubearb. Ausg. des ›Wörterbuchs der
philosophischen Begriffe‹ von Rudolf Eisler. Bd. 6: Mo–O. Basel: Schwabe & Co 1974, 582–594, hier 585–587.
26
Vgl. Euchner: Gesellschaftsvertrag, Herrschaftsvertrag, 478f.
27
Euchner: Gesellschaftsvertrag, Herrschaftsvertrag, 479. Ebenfalls zu beachten ist Rousseaus Discours sur
l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes (1754); Moser weist auf das paradoxe Zusammenspiel
von Zufall und Notwendig beim Fall aus dem Naturzustand hin – Moser: Französische Aufklärung, 201.
28
Vgl. Moser: Französische Aufklärung, 202; Euchner: Gesellschaftsvertrag, Herrschaftsvertrag, 478f.; Schmidt:
Politik, 269.
29
Vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 84–89; Ders.: Michael Kohlhaas, 99.
30
Vgl. Euchner: Gesellschaftsvertrag, Herrschaftsvertrag, 479.

6
Inwiefern Kleist dazu in Michael Kohlhaas Stellung bezieht, zeigt sich im »Geschäft der
Rache« (31) seines Protagonisten.31
In rechtshistorischer Perspektive sei für die Aufklärung noch auf Montesquieu hingewiesen,
der 1748 in L`esprit des lois die Gewaltenteilung einführt und damit der Demokratie den Weg
bereitet. Außerdem sind der fehderechtliche Kontext des 16. Jahrhunderts32 sowie die
Entwicklung positiven Rechts während der Aufklärung zu beachten. Bezüglich Letzterem ist
für Kleists Werk besonders das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten (ALR) von
1794 relevant, das u.a. Montesquieus Gewaltenteilung aufgreift.33
Von Relevanz für Kleists philosophische Haltung wären noch Adam Müller und Immanuel
anzuführen, deren Ansichten zum Gesellschaftsvertrag beispielsweise von Rousseaus markant
abweichen. Erstgenannter lehnt das Vertragstheorem, und damit auch individuelles
Widerstandsrecht gegen den Staat, ab.34 Und inwiefern Kleist in Michael Kohlhaas die
kantische Lehre herausfordert, weil das Aufbegehren gegen die Herrschaftsgewalt bei Kant als
»Akt wider die menschliche Vernunft« zu klassifizieren wäre, kann leider in dieser
Untersuchung angesichts des knappen Rahmens nicht weiterverfolgt werden.35 Es resultiert
aber die Vielfalt an Interpretationsansätzen zu diesem Text, welche mitunter auf der
»Unvereinbarkeit der Theorien, die zum diskursiven Kontext der Erzählung gehören«m
fußen.36 Diese nun grob skizzierte Dichte an Einflüssen lässt sich vielleicht mit Hamacher
summieren: »Bei Kleist wird dieser religiöse Horizont [bzgl. Luther, Anm. C.A.] mit der
frühneuzeitlichen Fehderechtsdebatte und der aufklärerischen Diskussion zur Theorie des
Gesellschaftsvertrags und des Widerstandsrechts verbunden.«37 Indem Kleist die
Staatsphilosophie seiner Gegenwart ins fiktive 16. Jahrhundert rückprojiziert, lässt sich ein
Anachronismus erkennen. Ott beispielsweise formuliert die Gewichtung der historischen und

31
vgl. dazu auch Voßkuhle, Andreas und Johannes Gerberding: ›Michael Kohlhaas‹ und der Kampf ums Recht.
In: Frick, Werner (Hg.): Heinrich von Kleist. Neue Ansichten eines rebellischen Klassikers. Freiburg [u.a.]:
Rombach 2014, 231–255 (=Litterae 186), hier 241–244.
32
Vgl. etwa Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 98f. sowie Ders.; Schrift, Recht und Moral, 258, wo u.a. auch
die ›Carolina‹, die Strafgerichtsordnung Karls V. (1532) erörtert wird.
33
Auch garantierte es den Untertanen des preußischen Staates Gleichheit vor dem Gesetz und die Unabhängigkeit
der Rechtsprechung, sprich Gewaltenteilung; Vgl. Künzel, Christine: Recht und Justiz. In: Breuer, Ingo (Hg.):
Kleist-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart, Weimar: Metzler 2013, 272–275, hier 272f.; Zur kritischen
Reflexion des ALR durch Kleist siehe Ott, Michael: Privilegien. Recht, Ehre und Adel in ›Michael Kohlhaas‹. In:
Blamberger, Günter [u.a.] (Hg.): Kleist-Jahrbuch 2012. Stuttgart, Weimar: Metzler 2012, 135–155. In der weiteren
Entwicklung des positiven Rechts ist bis heute höchst relevant Napolons Code civil von 1804.
34
Vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 88.
35
Voßkuhle/Gerberding: ›Michael Kohlhaas‹ und der Kampf ums Recht, 242. Dort findet sich eine
aufschlussreiche Überlegung bzgl. Kant und Kleist (siehe bsd. 242–244).
36
Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 88.
37
Hamacher: Michael Kohlhaas, 98.

7
rechtsphilosophischen Kontexte zugunsten der für Kleist zeitgenössischen der aufklärerischen
Rechtsreform, und erkennt gleichzeitig die Pluralität der derartig ausgerichteten
Forschungsergebnisse.38

2.1.2 Terminologische Vorüberlegungen

Im Zentrum von Michael Kohlhaas steht ein komplex geschichteter Rechtsfall. Bevor ich mich
diesem aus literaturwissenschaftlicher Perspektive annähere, scheint ein Innehalten bei den
Begriffen, die in dieser Arbeit und Kleist’schen Novelle zentral positioniert sind, angebracht.
Zuerst einmal wäre da ›Recht‹ – und schon wird im Historischen Wörterbuch der Philosophie
auf die Mehrdeutigkeit dieses Begriffs hingewiesen, da Recht einen rein relationalen Charakter
habe. Jedenfalls bedürfe es eines Bezugspunktes, an dem der Zustand oder die Handlung, die
im Recht sein soll, gemessen und bewertet werden kann.39 So ist ›Recht‹ dahingehend zu
differenzieren, inwiefern es sich um göttliches, natürliches oder kodifiziertes, also positives
Recht handelt. Letzteres bezieht sich auf gemeinhin verbriefte, gesetzte Rechtssätze, deren
Geltung auf einer Entscheidung – des Souveräns bzw. ›Staats‹ – beruhen.40
Im Gegenteil zum positiven steht das Naturrecht, welches von der Gleichheit aller Menschen
ausgeht. Es wurde »im Zuge der Aufklärung und der Auswirkungen der Französischen
Revolution zum Inbegriff unaufgehbarer politischer Grundrechte des Bürgers gegen den
Staat«.41 In diesem Sinn ist das Aufbegehren von Kohlhaas gegen die Herrschergewalt unter
dem Blickpunkt zu betrachten, inwiefern er dadurch seine Grundrechte schützt. Einflussreich
im Naturrechtsdiskurs zu Kleists Zeit ist auch Samuel Pufendorf, der im 17. Jahrhundert auf
dem Grundprinzip der Solidarität ein Naturrechtssystem entwickelt, welches im 19. Jahrhundert

38
Vgl. Ott: Privilegien, 143f.
39
Vgl. Herberger, Maximilian: Recht, I. In: Ritter, Joachim und Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch
der Philosophie. Völlig neubearb. Ausg. des ›Wörterbuchs der philosophischen Begriffe‹ von Rudolf Eisler. Bd.
8: R–Sc. Basel: Schwabe & Co 1992, 221–229, hier 221.
40
Ein Beispiel ist das AL – vgl. Grawert, Rolf: Recht, positives; Rechtspositivismus. In: Ritter, Joachim und
Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Völlig neubearb. Ausg. des ›Wörterbuchs der
philosophischen Begriffe‹ von Rudolf Eisler. Bd. 8: R–Sc. Basel: Schwabe & Co 1992, 233–241, hier 235. Die
Begrifflichkeiten von Staat und Souverän sind mit Vorsicht zu verwenden, da sich staatliches Denken zum
Entstehungszeitpunkt zur Zeit Kleists im Wandel befand und die Entstehung der europäischen Nationalstaaten erst
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stattfand.
41
Wolf, E.: Naturrecht, I. In: Ritter, Joachim und Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der
Philosophie. Völlig neubearb. Ausg. des ›Wörterbuchs der philosophischen Begriffe‹ von Rudolf Eisler. Bd. 6:
Mo–O. Basel: Schwabe & Co 1974, 560–563, hier 562.

8
Einfluss auf Gesetzesbücher hat.42 Mit dem Naturrecht ist das göttliche eng verknüpft, etwa,
wenn Rousseau an Gott als Quelle aller Gerechtigkeit glaubt.43
Eine Anlehnung an das kontraktische Denken findet sich etwa bei Kant, der Recht beschreibt
»als ›Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des andern
nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann‹«44. In
Anlehnung daran wird ›Recht‹ folglich in dieser Arbeit so verstanden, dass es im Naturzustand
des Individuums wurzelt (d.h. im Sinne von Naturrecht), welches sich dann im
Zusammenschluss mit anderen für Regeln zur Wahrung des guten, gerechten Zusammenlebens
in der Gesellschaft – eben dem positiven Recht – entschließt.
Außerdem ist, wenn man über ›Recht‹ nachdenkt, besonders für diese Untersuchung, das
Verhältnis zur ›Gerechtigkeit‹ zu beachten. Im Lateinischen offenbaren ius und iustitia die
Verwandtschaft beider Begriffe, die über die Etymologie hinausreicht zur Prämisse jeden
positiven Rechts, Recht solle gerecht sein. Die enge Verschränkung von Recht und
Gerechtigkeit tritt auch in der umgekehrten Denkrichtung zutage, wenn Ulpian ›Gerechtigkeit‹
im 3. Jahrhundert n. Chr. für den engeren Rechtsbereich definiert als »de[n] feste[n] und
dauernde[n] Wille[n], jedem sein Recht zuzuteilen«.45 In theologischer Perspektive ist
›gerecht‹, wer den Willen Gottes erfüllt und gottesfürchtig ist.46 Zudem differenziert die
paulinische Rechtfertigungslehre eine Gerechtigkeit Gottes als eigentliche Gerechtigkeit von
einer unzureichenden, menschlichen Gerechtigkeit, die aus den Werken des Gesetzes komme.47
Diesem Ansatz folge auch noch Luther.48 Und nicht zuletzt lässt sich für die hier untersuchte
Novelle diagnostizieren: »Der Kampf ums Recht des Michael Kohlhaas ist der Kampf für
Gerechtigkeit.«49
Wenn Recht und Gerechtigkeit verschränkt sind, muss in einem weiteren Schritt beachtet
werden, inwiefern Recht »als Inbegriff der Gesetze«50 zu verstehen ist. Das scheint aus heutiger
Sicht besonders angesichts totalitärer Systeme diskutabel, und hängt vom subjektiven

42
Vgl. Hügli: Naturrecht, 599f.
43
Vgl. Rousseau, Du contrat social zit. nach Hügli: Naturrecht, 588.
44
Kant, Immanuel: Metaphysik der Sitten zit. nach Herberger: Recht, 223.
45
»Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum unicuique tribuendi.« Ulpian zit. nach Hauser, R.:
Gerechtigkeit, I. In: Ritter, Joachim und Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Völlig
neubearb. Ausg. des ›Wörterbuchs der philosophischen Begriffe‹ von Rudolf Eisler. Bd. 3: G–H. Basel: Schwabe
& Co 1974, 329–334, hier 331.
46
Vgl. Hauser: Gerechtigkeit, 331.
47
Vgl. Ebd.
48
Vgl. Ebd., 333.
49
Voßkuhle/Gerberding: ›Michael Kohlhaas‹ und der Kampf ums Recht, 246.
50
Herberger: Recht, 223.

9
Betrachtungspunkt ab. Wenn eine Diskrepanz zwischen Recht und Gesetz entsteht, muss auf
den im Gesellschaftsvertrag vereinbarten Schutz der Individuen und ihrer Rechte durch den
Staat hingewiesen werden. Dieser mögliche Konflikt zwischen Recht und Gesetzen sowie der
daraus resultierende Aspekt des Widerstandsrechts sind für Michael Kohlhaas relevant.

2.1.3 ›Rechtsgefühl‹

Für diese Untersuchung sei ›Rechtsgefühl‹ in der Prägung Kleists aufgefasst als inneres
Bewusstsein für Gerechtigkeit, also als ein Gespür für Recht und Unrecht, das natürlichen
Ursprungs ist und gewissermaßen als Teil des Menschen anzusehen ist. Zudem sei mit Benthien
darauf aufmerksam gemacht, dass Kleist mit seiner Schreibweise »Rechtgefühl« (z.B. 9)
ebenso auf das Adjektiv ›recht‹, im Sinne von ›richtig‹, wie auf ›das Recht‹ verweist.51
Die innerliche Instanz des Gefühls durchzieht das Oeuvre dieses Autors generell.52 Der frühe
Kleist formuliert in einem Brief an Wilhelmine von Zenge 1801, also während seiner
Erkenntniskrise bzw. ›Kantkrise‹: »Ich trage eine innere Vorschrift in meiner Brust, gegen
welche alle äußeren, und wenn sie ein König unterschrieben hätte, nichtswürdig sind. [...] Ach,
es ist so schwer, zu bestimmen, was gut ist, der Wirkung nach.«53 Hier ist Rousseaus sentiment
intérieur54 nicht weit. Doch wie Breuer aufzeigt, ist Kleists Rousseau-Rezeption von einer
kritischen Haltung geprägt, die weniger den Glauben an das Gefühl als einzig richtige, da
innerliche, kognitive Instanz zeigt, als vielmehr Rousseau in der »Gefühlskritik« folgt.55 So
bleibt das Gefühl bei Kleist Port zufolge als »Urteilsinstanz [...] prinzipiell irrtumsanfällig« und
insbesondere das Rechtsgefühl stellte eine »zwiespältige Größe« dar.56 Relevanz besitzt es für
Kleist zweifelsohne, wie beispielsweise im Drama Die Familie Schroffenstein:

Denn über alles siegt das Rechtgefühl,


Auch über jede Furcht und jede Liebe,
Und nicht der Herr, der Gatte nicht, der Vater
Nicht meiner Kinder ist so heilig mir,

51
Vgl. Benthien, Claudia: Schuld und Scham. In: Breuer, Ingo (Hg.): Kleist-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.
Stuttgart, Weimar: Metzler 2013, 359–361, hier 359; Ich verwende in dieser Arbeit die der aktuellen
Rechtschreibung entsprechende Variante mit Genitiv-›s‹.
52
Vgl. Port, Ulrich: Gefühle und Affekte. In: Breuer, Ingo (Hg.): Kleist-Handbuch. Stuttgart, Weimar: Metzler
2010, 315–318 – siehe 315f. zu der begrifflichen Konzeption von Kleists ›Gefühl‹, welche auch für dessen
Verständnis in der vorliegenden Untersuchung ausschlaggebend ist.
53
Kleist, Heinrich von: Brief an Wilhelmine von Zenge am 10. Oktober 1801. In: Ders.: Sämtliche Werke und
Briefe. Zweibändige Ausgabe in einem Band. Hg. von Helmut Sembdner. Bd. II. München: DTV 2013, 691–696,
hier 692; dieser Brief gibt auch Einblick in Kleists als ›Kantkrise‹ bekannte Erkenntniskrise.
54
Vgl. Moser: Französische Aufklärung, 197; Franke, U. und G. Oesterle: Gefühl, I. In: Ritter, Joachim und
Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Völlig neubearb. Ausg. des ›Wörterbuchs der
philosophischen Begriffe‹ von Rudolf Eisler. Bd. 3: G–H. Basel: Schwabe & Co 1974, 82–89, hier 82.
55
Moser: Französische Aufklärung, 198.
56
Port: Gefühle und Affekte, 318.

10
Daß ich den Richterspruch verleugnen sollte,
Du bist ein Mörder.57

Im Gegensatz zu Port steht Dehrmann, welcher dem Kleist’schen Rechtsgefühl zur


»Gedankenfigur von der Bestimmung des Menschen« in der Philosophie Johann Joachim
Spaldings folgt. Diese kenne bereits ein »Gefühl für Recht und Unrecht, die Vorstellung also
von einem dem Menschen per Natur gegebenen Vermögen zur moralischen wie auch
ästhetischen Orientierung«.58 Ähnlich der zu Beginn dieses Kapitels formulierten Annäherung
an das Kleist’sche Rechtsgefühl gebe es in Spaldings Denkrichtung die moralphilosophische
Figur des moral sense, welche im Individuum verankert sei, unter anderem auf
Rechtschaffenheit ziele,59 und auf die sich Kohlhaas berufe.60 Auch bezüglich des
Rechtsgefühls offenbart ein Blick in die Sekundärliteratur somit Widersprüchlichkeiten.
Inwiefern das Rechtsgefühl ein unfehlbares Gerechtigkeitsbarometer darstellt, sei dahingestellt,
denn dazu müsste eine tiefgehende Wertung von Recht und Unrecht in der Kohlhaaserzählung
vorangehen – ein Vorhaben, das die umfangreiche Kleist-Forschung immer wieder aufs Neue
beschäftigt.61 Stattdessen wird hier der zentrale Stellenwert des Rechtsgefühls in der
Charakterisierung von Kleists Titelheld betrachtet, sowie der Frage nachgegangen, inwiefern
es als determinierender Faktor für sein Verhalten relevant ist.
Eine Herausforderung ist dabei, dass sich das Rechtsgefühl stellenweise mit Rache überlappt,62
und besonders mit Kohlhaases generellem Rechtsverständnis so eng verwoben ist, dass
bezüglich letzterem besser von einem Komplex gedacht werden sollte. Angesichts der
Stellungnahmen des Textes selbst – »Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und
Mörder« (9) – begegnet diese Untersuchung dieser Grauzone aus Rechtsverständnis und
Rechtsgefühl schlichtweg mit der Begrifflichkeit aus Michael Kohlhaas: dem Rechtsgefühl.

57
Kleist, Heinrich von: Die Familie Schroffenstein. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. In: Ders.: Sämtliche Werke
und Briefe. Zweibändige Ausgabe in einem Band. Hg. von Helmut Sembdner. Bd. I. München: DTV 2013, 49–
152, hier 116.
58
Dehrmann, Mark-Georg: Die problematische Bestimmung des Menschen. Kleists Auseinandersetzung mit einer
Denkfigur der Aufklärung im Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden, im Michael Kohlhaas und der
Herrmannsschlacht. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 81 (6/2007),
193–227, hier 194f.
59
Vgl. Ebd., 217.
60
Vgl. Ebd., 219.
61
Vgl. für einen Überblick Hamacher: Schrift, Recht und Moral (2003b).
62
Vgl. hierzu 2.2.1 und Grassau, Catharina Silke: Recht und Rache. Eine Betrachtung der inneren Wendepunkte
in Kleists Michael Kohlhaas. In: Barthel, Wolfgang und Rolf-Peter Janz (Hg.): Beiträge zur Kleist-Forschung.
Frankfurt (Oder): Kleist-Museum 2002, 239–258.

11
2.2 Textuntersuchung | Zum Rechtsgefühl in Michael Kohlhaas

Angesichts der Interdependenz zwischen den allgemeinen Rechtsverhältnissen und dem


Rechtsgefühl fragt eine Untersuchung des Letzteren auch nach dessen Einbettung in den
größeren Zusammenhang. Wenn im Folgenden also das Rechtsgefühl in Michael Kohlhaas
beleuchtet wird, so sind beispielsweise auch die Interpretationsperspektiven auf den
Gesellschaftsvertrag, Naturrecht und göttliches Recht von Interesse. Beleuchtet wird das
anhand ausgewählter, für das Rechtsgefühl signifikanter Textpassagen, welche Kohlhaases
Charakterisierung als »einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen
seiner Zeit« (9) und seine vom Rechtsgefühl motivierte Hinwendung »zum Räuber und
Mörder« (9) veranschaulichen. Angesichts des Rahmens muss dabei vieles ungesagt bleiben,
was Beachtung verdienen würde – man denke bloß an Grassaus Ausdehnung der
Strukturanalyse auf die inneren Wendepunkte,63 an das Leitmotiv der Rappen, welche als
»Symbol der geschundenen Gerechtigkeit«64 mehrmals auftauchen, oder an die Einflüsse des
physiognomischen Denkens Lavaters, um nur einige Aspekte dieses semantisch so dichten
Textes zu nennen.

2.2.1 Beginn des Konflikts auf der Tronkenburg

In der Beschreibung des Protagonisten zu Beginn betont Kleist dessen überdurchschnittlich


ausgeprägtes Rechtsgefühl, was sich in einer Antizipation auf das nachfolgende Geschehen,
welche zudem den Spannungsbogen anzieht, steigert: »Das Rechtgefühl aber machte ihn zum
Räuber und Mörder.« (9)
In der mit dem nächsten Absatz einsetzenden Eingangsszene auf der Tronkenburg setzt der
Grundkonflikt zwischen Kohlhaas und dem Junker von Tronka bzw. dem Schlossvogt die
Handlung in Gang. Hier ist die Perspektive der Auseinandersetzung zwischen Bürgertum und
Adel im modernisierten kodifizierten Recht aufschlussreich, welche Ott bzgl. der Privilegien
des Adels im ALR beleuchtet.65 Die Forderung des Binnenzolls (9f.) eröffnet eine ökonomische
Argumentationslinie der sich bald entfaltenden Causa Kohlhaas, da hier die Gewerbefreiheit
mit dem Junkersystem in Konflikt steht. Den historischen Hintergrund hierzu liefern die
Preußischen Reformen, an denen Kleist engagiert und interessiert war.66

63
Vgl. Grassau: Recht und Rache.
64
Schmidt: Heinrich von Kleist, 238.
65
Vgl. Ott: Privilegien, insbesondere 144–149; auch erörtert Ott die karikierenden Bezüge zum Rittertum,
z.B.146f.
66
Vgl. Schmidt: Heinrich von Kleist, 217, 224 und 229; Hamacher: Michael Kohlhaas, 99.

12
Das Rechtsgefühl geht in dieser Eingangsszene Hand in Hand mit rationaler, juristisch korrekter
Haltung. Außerdem ist eine dreigliedrige, klimaktische Struktur zu bemerken, welche mit der
Hierarchie des feudalen Personals korrespondiert. Zuerst bezahlt Kohlhaas die vom Zollwärter
geforderte Gebühr am Schlagbaum, in der zweiten Konfliktstufe mit dem Burgvogt
argumentiert er weiterhin sachlich und beruft sich auf die ihm bisher bekannte Gesetzeslage
(10). Kohlhaas vermutet einen Irrtum, bleibt aber trotz der unfreundlichen Art seines
Gegenübers besonnen, das heißt rational.67 Erst auf der dritten Konfliktstufe mit dem Junker
und dessen Beleidung68 klingt die Gefühlssphäre an, wenn Kohlhaas es, »aus einer dunkeln
Vorahndung, an nichts fehlen [ließ], die Pferde an sie los zu werden.« (11) Er ist hier also
bestrebt, einem Streit aus dem Weg zu gehen.
Bezüglich des Stils dieser Textpassage ist Kleists Verwendung der Symbolik des Wetters
auffallend. War es in der ersten Konfliktstufe am Schlagbaum noch lediglich Kohlhaases »im
Winde flatternde[r] Mantel« (10) beim Bezahlen der Zollgebühr, so muss sich der Burgvogt
schon etwas energischer »schief gegen die Witterung« (10) stellen, um den Passschein zu
fordern. Die – relativ friedliche und zugunsten der Qualitäten des Pferdezüchters ausfallende –
Beschau der Tiere in der dritten Stufe findet nach einem Regen statt (11), während Kleist die
Eskalation des Konflikts zeitdeckend mit dem Ausbruch eines Sturm setzt:

Kohlhaas, über eine so unverschämte Forderung betreten, sagte dem Junker, der sich die
Wamsschöße frierend vor den Leib hielt, daß er die Rappen ja verkaufen wolle; doch
dieser, da in demselben Augenblick ein Windstoß eine ganze Last von Regen und Hagel
durchs Tor jagte, rief, um der Sache ein Ende zu machen: wenn er die Pferde nicht loslassen
will, so schmeißt ihn wieder über den Schlagbaum zurück (12)69

In dem Moment also, da Kohlhaas Unrecht erleidet, erreicht der Sturm seinen Höhepunkt und
wendet sich gegen die Burg, also gegen den Junker. Als Kohlhaas weiterreitet, findet das Wetter
wiederum keine Erwähnung mehr. Diese semantische Leerstelle könnte darauf hindeuten, dass
das Wetter, welches natürlichen Ursprungs ist und damit Gott untersteht, auf Seiten Kohlhaases
steht und damit gewissermaßen den Zorn Gottes andeutet. Gleichzeitig ist es in einer
stilistischen Interpretationsweise als dramatische Untermalung der Eskalation zu sehen – eine
Technik, welche Kleist (nicht nur) in dieser Novelle wiederholt verwendet.70 Denn die

67
»Der Roßhändler, den diese ungesetzlichen Erpressungen zu erbittern anfingen, stieg, nach einer kurzen
Besinnung, vom Pferde, gab es einem Knecht, und sagte, daß er den Junker von Tronka selbst darüber sprechen
würde.« (10f.)
68
In der Verhandlung um den Kaufpreis der Pferde sagte der Junker, »daß er [Kohlhaas, C.A.] nach der Tafelrunde
reiten und sich den König Arthur aufsuchen müsse, wenn er die Pferde so anschlage.« (11)
69
An dieser Textstelle lässt sich im Übrigen Kleists charakteristischer Stil mit der eigenwilligen Interpunktion und
dem komplexen Satzbau bemerken.
70
Vgl. die Klosterszene (35f.), analysiert in 2.2.2; zur Klimax der Emotionen in dieser Szene vgl. Grassau: Recht
und Rache, 244f.

13
Wetterlage kann die starke Interdependenz von inneren und äußeren Zuständen in der
Kleist’schen Erzählung symbolisieren.
Die im Lauf der Erzählung zusehends gesteigerte karikative Darstellung des Junkers71 ist in der
zitierten Textstelle bereits mit seiner Markierung als ›Schwächling‹, der sich vor dem Wetter
flüchten will, bemerkbar. Dass es sich um eine »unverschämte Forderung« handelt, die also
zuwider adäquaten Verhaltens verläuft, handelt, hebt sich durch folgende, theatralisch zu
denkende und daher unaufrichtig, heimlich und beschämt wirkende Formulierung besonders
hervor: »Der Verwalter meinte, in den Bart murmelnd, er könne ja die Rappen selbst
zurücklassen.« (12, Hervorh. C.A.) Die Lächerlichmachung des adeligen Antagonisten von
Kohlhaas bestärkt sich außerdem dadurch, dass er Entscheidungen nicht selbst trifft, sondern
seinem Verwalter folgt, also einen schwachen Willen zeigt.
Vor der zweiten Begegnung auf der Tronkenburg untermauert der Text nochmals die
Charakterisierung Kohlhaases als gerecht: Die Überprüfung der Passcheinforderung in Dresden
legt das »Märchen« des Junkers offen, »was ihm allerdings sein erster Glaube schon gesagt
hatte« (13). Kohlhaases Rechtsgefühl erweist sich als funktionstüchtig. Obwohl gewissermaßen
Kohlhaases Ehre verletzt wurde,72 »kehrte er, ohne irgend weiter ein bitteres Gefühl, als das
der allgemeinen Not der Welt, zur Tronkenburg zurück.« (13) Der rechtschaffene Kohlhaas73
vertraut der Gesetzeslage und hat dementsprechend keinerlei Grund für emotionale
Verstimmtheit. Dies kippt angesichts der »menschenverachtenden Willkür der junkerlichen
Herrschaft«,74 nämlich der unrechtmäßigen75 Ausnutzung der beiden Rappen und der
Behandlung seines Knechts Herse: »Kohlhaas fluchte über diese schändliche und abgekartete
Gewalttätigkeit, verbiß jedoch, im Gefühl seiner Ohnmacht, seinen Ingrimm [...]« (14). Trotz
der Rechtsverletzung und dementsprechender emotionaler Erregung folgt er also nicht affektiv
seinem Zorn, sondern diskutiert noch auf sachlicher Ebene mit dem Junker.76

Dem Roßhändler schlug das Herz gegen das Wams. Es drängte ihn, den nichtswürdigen
Dickwanst in den Kot zu werfen, und den Fuß auf sein kupfernes Antlitz zu setzen. Doch
sein Rechtsgefühl, das einer Goldwaage glich, wankte noch; er war, vor der Schranke
seiner eigenen Brust, noch nicht gewiß, ob eine Schuld seinen Gegner drücke; (14)

71
Vgl. Ott: Privilegien, 146.
72
Vgl. Ott: Privilegien, 148f.
73
Vgl. bzgl. der mitunter negativen Konnotation von ›rechtschaffen‹ Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 7f.
74
Schmidt: Heinrich von Kleist, 208.
75
aus der Sicht des Protagonisten; seine Argumentation rückt in die Sphäre des Naturrechts, wenn er den Junker
der unrechtmäßigen Schindung der Rappen anklagt – »ob das wohl menschlich wäre?« (14).
76
Als Beweis des Tatbestandes versucht er, »die erschöpften Gaule durch einen Gertenstreich anzuregen, und
zeigte ihm, daß sie sich nicht rührten.« (14)

14
Die Metapher der Goldwaage rückt die Ambivalenz des Rechtsgefühls in den Fokus, da dieses
überaus feine und genaue Messinstrument noch wankt.77 Die Waage bzw. Kohlhaases
Rechtsgefühl hat also noch kein Equilibrium und damit kein Urteil offenbart, daher hält er
seinen Zorn noch im Zaum.78 Zugleich schwingt in diesem Bild mit, dass es sich beim
Rechtsgefühl um eine durchaus exakte Messinstanz handelt. Darüber hinaus ist die Waage das
Attribut der griechischen Göttin der Gerechtigkeit, Justitia, sodass abermals Kohlhaas als
gerechter Mensch präsentiert wird, nämlich konkret als einer, der über Recht und Unrecht
entscheidet. Das Rechtsgefühl drängt sich hier also bereits vor, allerdings gibt Kohlhaas sich
ihm noch nicht völlig hin, sondern versucht abermals, die Auseinandersetzung mit dem
Verwalter auszudiskutieren – nämlich »in stiller Erwägung der Umstände« und »mit gesenkter
Stimme« (14), also seine Emotionen im Zaum haltend.
Der Umschwung dieser Passage wird vom Text deutlich markiert: »als sich die Szene plötzlich
änderte, und der Junker« auftritt. (15) Der Verwalter macht nun gegenüber seinem Herrn
Kohlhaases Anliegen lächerlich. Erstmals konnotiert Kleist seinen Protagonisten hier als
›Rebell‹,79 und prompt wagt der es, die Stimme zu erheben, was sich als Zeichen der Erregung
lesen lässt: »Kohlhaas rief: ›das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr! [...] Ich will meine
wohlgenährten und gesunden Pferde wieder haben!‹« (15) Auf eine darüber hinaus gehende
Beschreibung des körperlichen Zustands von Kohlhaas wird verzichtet, was angesichts der
Häufigkeit von physiognomischen Hinweisen bezüglich des Junkers auffällt. Dessen Reaktion
auf die Kohlhaases Forderung ist nämlich, dass »ihm eine flüchtige Blässe ins Gesicht trat« und
er vom Pferd steigt (15). Wenn sich Blässe als Signal der Ratio lesen lässt,80 so wäre hier zu
folgern, dass der Junker vernünftig genug ist, um die Rechtmäßigkeit der Forderung
anzuerkennen, und deshalb absteigt, also seine Niederlage demütig ausdrückt. Hier ist auch die
Bildlichkeit von Kleists Stil bemerkbar, die oftmals an Theaterszenen erinnert.
Zwischen der Tronkenburg-Szene und den Begegnungen mit seiner Frau Lisbeth und dem
Knecht Herse rückt die Erzählerstimme an die Perspektive des Protagonisten und lässt ihn den
Konflikt reflektieren. Wenn er nun die möglicherweise doch bestehende Schuld seines Knechts
bedenkt, so resultiert daraus eine Untermauerung seiner Aufrichtigkeit sowie seines
Rechtsverständnisses, das sich im folgenden Zitat als deckungsgleich mit seinem Rechtsgefühl

77
Vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 15; Port: Gefühle und Affekte, 318.
78
Das ›gegen das Wams‹ schlagende Herz ist ein Beispiel für den bildlich oft stark geladenen Sprachstil Kleists.
79
»Der Schloßvogt« zeigte dem Junker, »unter der gehässigsten Entstellung der Sache, an, was dieser Roßkamm,
weil seine Rappen ein wenig gebraucht worden wären, für eine Rebellion verführe.« (15)
80
Wünschenswert wäre generell für die Interpretation von Michael Kohlhaas eine fundierte Einbindung der
physiognomischen Theorie Lavaters, was jedoch angesichts des knappen Rahmens hier leider in den Hintergrund
zugunsten einer inhaltsfokussierten Untersuchung zu den Rechtsverhältnissen, besonders dem Rechtsgefühl, rückt.

15
präsentiert. Gewissermaßen legt der Kleist’sche Erzähler hier die Basis, um die Leserinnen und
Leser von der Rechtmäßigkeit des weiteren Tuns des Protagonisten zu überzeugen. Hinzu
kommt, dass Kohlhaas dem Erzähler zufolge nicht nur für seine eigene Sache, sondern im
Interesse seiner Mitbürgerinnen und -bürger handelt:

Dagegen sagte ihm ein ebenso vortreffliches Gefühl, und dies Gefühl faßte tiefere und
tiefere Wurzeln, in dem Maße, als er weiter ritt, und überall, wo er einkehrte, von den
Ungerechtigkeiten hörte, die täglich auf der Tronkenburg gegen die Reisenden verübt
wurden: daß wenn der ganze Vorfall, wie es allen Anschein habe, bloß abgekartet sein
sollte, er mit seinen Kräften der Welt in der Pflicht verfallen sei, sich Genugtuung für die
erlittene Kränkung, und Sicherheit für zukünftige seinen Mitbürgern zu verschaffen. (16)

Sein Rechtsgefühl ist also die Triebfeder, um sich mit allen ihm möglichen Mitteln Genugtuung
und Rechtssicherheit zu verschaffen. Schon hier hebt er außerdem seinen Krieg für
Gerechtigkeit von einer persönlichen auf eine gesellschaftliche Stufe, will also für die
Allgemeinheit handeln, was sich dann später in den Kohlhaas’schen Mandaten verstärkt.81
Mit der Einbeziehung eines Juristen (21) beginnt der Rechtsstreit und wächst von einer Instanz
zur nächsten, scheitert jedoch an den Unzulänglichkeiten des Rechtssystems, insbesondere
dessen Aushöhlung in Sachsen durch die Intrigen und die Korruption der Tronka-Sippschaft,
deren am Dresdner Hof einflussreichste Mitglieder »Hinz und Kunz« (z.B. 49) mit ihren Namen
formelhaft auf ›jedermann‹ hindeuten.82 Hier lässt sich eine Referenz Kleists auf die
Rechtssituation seiner Zeit erkennen, da das Junkerwesen im Konflikt mit den neuen Gesetzen
stand.83
Eine für Kohlhaases Rechtsverständnis zentrale Aussage lässt sich erkennen, nachdem die
Klage bei der Obrigkeit in Dresden zum zweiten Mal abgelehnt wird84 und er in Einklang mit
seinem Rechtsgefühl85 beschließt, seinen Bauernhof zu verkaufen: »weil ich in einem Lande,
liebste Lisbeth, in welchem man mich, in meinen Rechten, nicht schützen will, nicht bleiben
mag.« (27) Vor dem philosophischen Hintergrund der Aufklärung lässt sich das als eine klare
Stellungnahme bezüglich des Gesellschaftsvertrages auffassen, welche auch an später im

81
Vgl. die spätere Analyse in 2.2.2.
82
Vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 19; Schmidt: Heinrich von Kleist, 230; ebenso fällt auf, dass die
beiden Kurfürsten nie mit einem Namen konkretisiert werden, sondern stets mit ihrer Position, was die universale
Konnotation des hier erzählten Geschehens befördert.
83
vgl. Schmidt: Heinrich von Kleist, 214–230; Ott: Privilegien, 136.
84
Kohlhaas sei »ein unnützer Querulant« (24).
85
Denn »mitten durch den Schmerz, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken, zuckte die innerliche
Zufriedenheit empor, seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen.« (24)

16
Gespräch mit Luther wiederkehrt.86 Zudem ist dieser Satz rezeptionsgeschichtlich brisant.87
Kommt der Staat seiner Pflicht, seine Bürger und deren Rechte zu schützen, nicht nach, so ist
der Gesellschaftsvertrag obsolet und der Naturzustand tritt ein, in welchem das Individuum
über seine Rechte direkt selbst verfügt. Erinnert man sich dabei an die Locke’sche Trias life,
liberty und property so klingt das für Kohlhaases Situation schlüssig, da die sächsische
Obrigkeit es zu diesem Zeitpunkt unterlässt, seinen Rechtsfall gerichtlich zu bearbeiten und
seine Rechte – also die Rappen als property – zu gewährleisten. Dementsprechend erteilt der
Kleist’sche Protagonist diesem Staat eine radikale Absage, was sich im Verkauf des Hauses
äußert, und sodann noch emotional steigert: »Lieber ein Hund sein, wenn ich von Füßen
getreten werden soll, als ein Mensch!« (27) Der Hund wiederum lässt sich als Absage an die
Gesellschaft bzw. als Brückenschlag zum Naturzustand lesen. Kleists kritische Haltung
gegenüber dem philosophischen Diskurs, im Übrigen auch der Gesellschaft generell, zeigt sich,
indem in seinen Texten der »Naturzustand dem Gesellschaftszustand nicht voran[geht],
vielmehr existiert er in einer widersprüchlichen Gleichzeitigkeit mit ihm.«88
Bevor Kohlhaas sein berühmtes »Geschäft der Rache« (31) aufnehmen sollte, bedarf es einer
weiteren Steigerung seiner Causa. Seine Frau überbringt eine Bittschrift an den Landesherrn
von Sachsen, wird dabei aber ›unglücklicherweise‹ von einem Wachmann verletzt und stirbt.
Sie will ihren Mann noch mittels der christlichen Prämisse, seinen Feinden zu vergeben, zur
Umkehr bewegen. Dabei handelt es sich um die dritte Aufforderung, den Rechtsstreit mit dem
Junker von Tronka fallen zu lassen. Die landesherrliche Resolution auf diese Bittschrift fällt
wieder gegen Kohlhaas aus (31). Nach diesem drei erfolglosen Versuchen, sein Recht im
sächsischen Justizwesen einzuklagen, nimmt der Protagonist seinen Rechtsfall in die eigene
Hand, offenbar unter Einhaltung des Fehderechts.89 Mittlerweile hat er ohnehin zusätzlich zum
inneren Rechtsbestreben noch Rache als Grund dafür, den Junker von Tronka zu bestrafen.90

86
Vgl. 2.2.3, im Primärtext S. 45.
87
Im Zuge der ›Gleichschaltung‹ des Werks Heinrich von Kleists im Nationalsozialismus wurde dieser Satz
allerdings von Herrmann Böhme zur Legitimierung des Austritts NS-Deutschlands aus dem Völkerbund
instrumentalisiert. Lion Feuchtwanger hingegen verwendet ihn im Exilroman Die Geschwister Oppermann
(1933), um den Schüler Berthold Oppermann zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Klassenzimmer
zu inspirieren. Vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 102–105.
88
Böschenstein zit. nach Moser: Französische Aufklärung, 202.
89
Vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 25.
90
Bezüglich der komplexen Interdependenz von Recht und Rache in Kohlhaases Handlung zeigt sich etwa in
Grassaus entsprechend fokussierter Untersuchung eine Relevanz der Rache – vgl. Grassau: Recht und Rache, z.B.
245–248.

17
2.2.2 »Geschäft der Rache«

Mit der an den Bereich des Märchens sowie der Bibel91 erinnernden Zahl von sieben Knechten
eröffnet er seine Fehde gegen den Junker von Tronka, beginnend mit der Niederbrennung der
Tronkenburg: »Der Engel des Gerichts fährt also vom Himmel herab« (32). An Radikalität und
Direktheit mangelt es dem Kleist’schen Erzähler nicht, wenn es im Relativsatzgefüge heißt,
Kohlhaas schleudere einen Verwandten seines Antagonisten »in den Winkel des Saals [...], daß
er sein Hirn an den Steinen versprützte« (32). Kohlhaas wird zum idealen Kämpfer und später
zum klugen Feldherrn, der vor nichts zurückschreckt, um den Verantwortlichen für die
unrechtmäßige Passschein- und Pfandforderung sowie die Ausnutzung der Rappen zur
Rechenschaft zu ziehen. Daher überzieht er, immer auf der Suche nach dem Junker von Tronka,
Sachsen in einem an Dynamik und Einfluss gewinnenden Guerilla-Feldzug.92 Dessen sachliche,
nüchterne Benennung als »Geschäft der Rache« (31) ist für Hamacher ein Signal dafür, dass es
sich um ein »Rechtsgeschäft« handle. Demgegenüber steht jedoch die Klosterszene, in welcher
die erneut gelungene Flucht des Junkers für Kohlhaas bedeutet, dass er »in die Hölle
unbefriedigter Rache zurückgeschleudert« wird (35). Das ließe sich dahingehend interpretieren,
dass es sich nicht mehr nur um eine Austragung eines Rechtsfalls handelt, sondern das
Rachebegehren dominant ist. Außerdem tritt hier wieder das Wetter als Stilmittel zum
Ausdruck des Zusammenhangs aller Dinge in Erscheinung. In dramatisch zugespitzter Weise
schildert der Erzähler, dass Kohlhaas gerade das Stift niederbrennen lassen wollte, »als ein
ungeheurer Wetterschlag, dicht neben ihm, zur Erde niederfiel.« (35) Religiös gedeutet mag
der Blitz auf Gott als überweltlichen Richter hinweisen, der ihn daran hindert, ein Unrecht an
den Nonnen zu begehen. Jedenfalls kommt Kleists Protagonist zur Besinnung, untersucht in
der Sphäre der Vernunft den Sachverhalt und reitet schließlich mit einer Geste des Respekts –
»indem er kurz den Hut vor der Dame rückte« (36) – weiter gen Wittenberg. Auffallend ist also,
dass die äußeren Umstände exakt mit dem inneren Befinden des Protagonisten korrelieren.
Denn nach dem Moment von Blitz und Zorn löscht »ein plötzlich furchtbarer Regenguß« (35)
nicht nur die Fackeln, sondern zugleich symbolisch auch Kohlhaases emotional geladenes
Rachebegehren – anzunehmen ist eine Interdependenz des Bildes von innerem Feuers mit Wut
– und ermöglicht ihm den Eintritt in die Ratio.

91
Hamacher beispielsweise auf die Offenbarung des Johannes hin, wo sieben Engel mit sieben Plagen erscheinen
– vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 17.
92
Als »unerhört und beispiellos« wird sein Feldzug zwischen dem zweiten und dritten Brand Wittenbergs
bezeichnet (40).

18
2.2.3 Zur Engelmetaphorik und den Kohlhaas’schen Mandaten

Während des ›Geschäfts der Rache‹ rekurriert Kleist in der Charakterisierung seines
Protagonisten auf die Eingangspassage. Dass Kohlhaas »einer der rechtschaffensten zugleich
und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit« (9) sei, kommt nun in einer aus mehreren
Vergleichen bestehenden Metapher zum Ausdruck: »Der Engel des Gerichts fährt also vom
Himmel herab« (32). Hier bringt der Text einen Aspekt zur Eruption, der bereits durch den
Namen des Protagonisten von Beginn an angelegt war.93 Im Christentum gilt Michael, der mit
dem Schwert, und mitunter wegen seiner Rolle im Jüngsten Gericht auch mit der Seelenwaage,
dargestellt wird, als Anführer der himmlischen Heerscharen und als Bezwinger des Bösen,
welches laut der Offenbarung des Johannes in Gestalt eines Drachen in der Apokalypse oder
des Teufels von Michael besiegt wird.94 Durch die namentliche Engführung des Protagonisten
mit diesem Erzengel und der Bezeichnung als »Engel des Gerichts« tritt eine religiöse zur
juristischen Perspektive des Konflikts hinzu, da Kleists Protagonist von Gott gesandt wirkt. So
betrachtet wird Kohlhaas Gerechtigkeit als Eigenschaft zugeschrieben, denn, wie bereits in
2.1.3 beleuchtet, ist in theologischer Perspektive ›gerecht‹, wer den Willen Gottes erfüllt.95
Agiert Kohlhaas nun also nicht nur seinem Rechtsgefühl und dem Rachebegehren, sondern
auch dem göttlichen Recht entsprechend, gewinnt sein Verhalten an zusätzlicher Legitimation.
Zudem sei an die Metapher der Goldwaage erinnert, welche die Assoziation zur Göttin der
Gerechtigkeit in Kohlhaases Charakteristik integriert.
So gesehen erscheint es konsequent, wenn er in seinem zweiten Mandat den Mut findet, den
Junker von Tronka gar »als de[n] allgemeinen Feind aller Christen« zu bezeichnen (36). Mit
diesem ersten einer Reihe an Kohlhaas’schen Mandaten erhält der Konflikt eine weitere
Dimension. War dieser bisher in der Sphäre des Handelns verortet, also einer persönlichen,
aktiven und oralen Dimension, so inkorporiert der Text von nun an immer wieder Schriftstücke,

93
In deutlicher Abweichung von der Quelle benennt Kleist seinen Titelhelden ›Michael‹ anstelle des historischen
›Hans‹ Kohlhase, also Johann(es), was die Relevanz des Michaelbildes verstärkt. Außerdem ist der Hl. Michael
der Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches und später Deutschlands.
94
Vgl. Offenbarung des Johannes (Apokalypse), 12,4–7. https://www.die-bibel.de/bibeln/online-
bibeln/lutherbibel-1984/bibeltext/bibelstelle/Offenbarung%2012,%207-12/ [23.09.18]. »Und es entbrannte ein
Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen.« (Apk 12,7) Zudem gilt er als
Beschützer der Menschen. So markiert das Auftreten Michaels im Buch Daniel die Unterstützung für das Volk
Gottes in der gewaltigen Krise des eschatologischen Zeitenumbruchs: »Zu jener Zeit wird Michael, der große
Engelfürst, der für dein Volk eintritt, sich aufmachen.« (Dan 12,1) In: https://www.die-bibel.de/bibeln/online-
bibeln/lutherbibel-
1984/bibeltext/bibel/text/lesen/?tx_bibelmodul_bibletext%5Bscripture%5D=dan+12%2C1[23.09.18].
95
Vgl. Hauser: Gerechtigkeit, hier 331.

19
welche den juristischen Charakter der Handlung betonen.96 Schmidt weist bezüglich der
schriftlichen Rechtsschlüsse von Kohlhaas darauf hin, dass dieser sich in einer rechtlosen Welt
gezwungen sieht, selbst Recht zu setzen und folglich Unrecht zu bestrafen.97 Diese Perspektive
ist insofern plausibel, als sich Kohlhaas im folgenden Mandat »einen Reichs- und Weltfreien,
Gott allein unterworfenen Herrn« (36) nennt. Das lässt sich das einerseits als Aufbegehren
gegen den Staat mit der Legitimation des verletzten Gesellschaftsvertrags sehen.98 Andererseits
eröffnet der Erzähler der Leserin bzw. dem Leser jedoch eine andere Perspektive, indem das
als »eine Schwärmerei, krankhafter und mißgeschaffener Art« (36) bewertet wird. Daraus aber
auf den völligen Wandel in der moralischen Neigung des Textes zu schließen, mag etwas weit
gegriffen sein. Vielmehr sei auf Kleists Spiel mit der Erwartungshaltung der Leserschaft
hingewiesen, da er diese zu einer kritischen Haltung gegenüber der narrativen Autorität und zu
Erkenntnis anregen will.99
Denn auch im biblischen Subtext treten rasch Widersprüchlichkeiten zutage, wenn Kohlhaas
nach dem zweiten Brand Wittenbergs als »Drache[]« bezeichnet wird (37). Es ist der sächsische
Landvogt, Otto von Gorgas, welcher gegen Kohlhaas und seine Truppe ins Feld zieht.100
Gewissermaßen bezieht die narrative Instanz hier also in seiner Formulierungsweise Position
zugunsten des Subjekts des Satzes. Für Kleists Stil ist es charakteristisch, seinen Erzähler die
Erlebnisperspektive der unmittelbar betroffenen Figur übernehmen zu lassen.101 Ob man also
von einem objektiv bewertbaren Umschlag des Kohlhaasbildes vom ›guten‹ Engel hin zum
›bösen‹ Drachen sprechen kann oder vielleicht doch schlichtweg Kleists charakteristische
Ambivalenzen auftreten, sei dahingestellt. Denn objektive Tatsachen in dieser Novelle und
ihrem Komplex an Wahrscheinlichkeiten zu erkennen, ist eine Herausforderung, wie sie nicht
nur der vielschichtige Rechtskonflikt, sondern gewissermaßen als Mikrokosmos auch das Bild
von Engel/Drache veranschaulicht. Zum ersten Mal tritt es aus der Erzählerperspektive auf
(»Engel des Gerichts«, 32), das zweite Mal von der Gegenseite (»Drache[]«, 37) formuliert,
und das dritte Mal im Kohlhaas’schen Mandat während des dritten Brandes von Wittenberg:

96
Das Verhältnis der schriftlichen und der oralen, aktiven Ebene der Causa Kohlhaas zueinander wäre gewiss eine
weitere spannende Interpretationsperspektive.
97
Vgl. Schmidt: Heinrich von Kleist, 208.
98
Hier könnte man auch Rousseaus Perspektive in Betracht ziehen, welcher, ähnlich zu Kohlhaas, eine bessere
Gesellschaft mittels eines neuen, dem Naturrecht verbundeneren Gesellschaftsvertrag anstrebt (vgl. 2.1.1).
99
Vgl. etwa Hamacher: Schrift, Recht und Moral (2003b), 256–264; Schmidt: Heinrich von Kleist, 212.
100
»Der Landvogt [...] zog [...], am Tage des heiligen Gervasius, selbst aus, um den Drachen, der das Land
verwüstete, zu fangen.« (37) Der Vergleich mit dem Drachen steht semantisch und bildlich auch in Interdependenz
mit »Mordbrenner[]« (39), wie Kohlhaas wiederholt bezeichnet wird.
101
Vgl. Schmidt: Heinrich von Kleist, 213.

20
Er nannte sich [...] ›einen Statthalter Michaels, des Erzengels, der gekommen sei, an allen,
die in dieser Streitsache des Junkers Partei ergreifen würden, mit Feuer und Schwert, die
Arglist, in welcher die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen.‹ Drauf rief er [...] das Volk
auf, sich zur Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge, an ihn anzuschließen; und das
Mandat war, mit einer Art von Verrückung, unterzeichnet: ›Gegeben auf dem Sitz unserer
provisorischen Weltregierung, dem Erzschlosse zu Lützen.‹ (41)

Dieser vom Protagonisten subjektiv vorgenommene Vergleich mit dem Erzengel 102 und seine
messianische Selbststilisierung zum Verfechter einer besseren Weltregierung erzeugen im
Sinne einer Hyperbel Ironie. Und Kleists Erzähler wendet die Kohlhaasfigur ins
Unberechenbare, Wahnsinnige, wenn er ihr »eine[] Art von Verrückung«, also Verrücktheit,
diagnostiziert. Zugleich ließe sich dies wiederum als ironisch konnotiertes Understatement
lesen.
Auf der Inhaltsebene verwendet Kohlhaas in diesem Mandat religiöse Legitimation und
beschreibt sich als Kämpfer gegen den gesellschaftlichen Verfall und das Unrecht auf der Welt,
worin sich die Assoziation zu Rousseaus Gesellschaftskritik denken lässt. Hamacher
kommentiert die »provisorische[] Weltregierung« als »vorläufige, auf dem Naturrecht
begründete Regierung, mit dem Ziel der Überführung in einen staatlichen Rechtszustand, also
einer (Neu-)Gründung des Gesellschaftsvertrags.«103 Außerdem lässt sich in diesem
Revolutionsaufruf an das Volk zur Errichtung einer besseren, will meinen: gerechteren
Weltordnung ein dramatischer Höhepunkt der Handlung erkennen.104
Zur kontraktischen Argumentation seitens Kohlhaas müsste auch der Dialog mit Luther genauer
untersucht werden, was hier nur auszugsweise möglich ist.105 Per Plakat verurteilt Luther das
Aufbegehren gegen die Obrigkeit – »ein Rebell bist du und kein Krieger des gerechten Gottes«
(43). Dem setzt der Text einen Kontrapunkt entgegen, indem der Protagonist mit einer
Christusanalogie bedacht wird (»zwölf Knechte«, 44) und sein gerechtes Verhalten betont wird.
Denn mit einem »Cherubsschwert« (43), was, aus dem biblischen Kontext bei Moses abgeleitet,
für die Gerichtshoheit Kohlhaases stehe,106 wollte er einige plündernde Knechte aus seinem
Kriegstrupp richten. Hier besitzt Kohlhaases Aktion also noch den im zuvor zitierten Mandat

102
Zum Vierten erhält diese Metapher an späterer Stelle im Text, nämlich in Dresden, eine weitere Spielart, wenn
es heißt »der Würgengel« sei da, »der die Volksbedrücker mit Feuer und Schwert verfolgte« und die ganze Stadt
deswegen auf den Beinen sei (54). Hier tritt der Aspekt zutage, dass Kohlhaas zugunsten der Allgemeinheit für
Rechtssicherheit kämpft, also gewissermaßen als Volksheld und Rebell konnotiert wird. Der ›Würgengel‹
hingegen ist möglicherweise als radikalere, gesteigerte Form der ersten Spielart als ›Engel des Gerichts‹ zu sehen.
103
Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 31.
104
Vgl. bzgl. der fünfgliedrigen Struktur Schmidt: Heinrich von Kleist, 208–211.
105
Beispielsweise beleuchtet Schmidt das Aufeinandertreffen des naturrechtlichen Denkens von Kohlhaas mit dem
obrigkeitlichen von Luther – vgl. Schmidt: Heinrich von Kleist, 209f.
106
Vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 34.

21
formulierten »Herrschaftsanspruch mit Jurisdikation und Exekutive«, unabhängig von der
sächsischen Obrigkeit.107 Auch diese Szene ist ein Beispiel dafür, wie in dieser Erzählung
immer wieder drauf hingewiesen wird, dass sich Kohlhaas einer Tugend, eben dem Streben
nach Gerechtigkeit, exzessiv zuwendet. Im Gespräch mit Luther in Wittenberg argumentiert
der Protagonist dann in markanter Anlehnung an das Konzept des Gesellschaftsvertrags:

Verstoßen, antwortete Kohlhaas, indem er die Hand zusammendrückte, nenne ich den, dem
der Schutz der Gesetze versagt ist! Denn dieses Schutzes, zum Gedeihen meines friedlichen
Gewerbes, bedarf ich; ja, er ist es, dessenhalb ich mich, mit dem Kreis dessen, was ich
erworben, in diese Gemeinschaft flüchtete; und wer mir ihn versagt, der stößt mich zu den
Wilden der Einöde hinaus; er gibt mir, wie wollt Ihr das leugnen, die Keule, die mich selbst
schützt, in die Hand. (45)

Auffallend ist hierbei die ökonomische Argumentationslinie des Pferdehändlers, hinter der sich
Lockes Theorie erkennen lässt. Insbesondere der Gedanke an dessen Trias life, liberty und
property ist relevant. Die Keule bezieht sich klar auf den Naturzustand, denn sie symbolisiert
die Verteidigung der individuellen (Menschen-)Rechte. Sie mag das Hobbe’sche Theorem vom
Naturzustand als Krieg aller gegen aller nahelegen, richtet man jedoch den Fokus auf das
Privateigentum, so erinnert man sich an Locke.108

Die Verletzung des Rechtsgefühls chiffriert die Verletzung der Locke’schen


Naturrechtsgüter Leben, Freiheit und Eigentum. Es verlässt damit die Domäne des
Emotional-Affektiven und wird zum Sensorium für die untrügliche Erkenntnis eines dem
Menschen vorgegebenen, überpositiven Rechts.109

Kohlhaases Rechtsgefühl, welches Voßkuhle und Gerberding also als Gefühl ebenso wie als
kognitive Instanz erkennen, ist auch in der Szene mit Luther noch so stark, dass er im Konflikt
mit dem Junker nicht von seinem Anspruch auf Genugtuung abweicht. Selbst die Mahnung
durch den Vertreter Gottes vermag Kohlhaas nicht von dem, was er für gerecht hält, abbringen.

Laßt mich den Kurfürsten, meinen beiden Herren, dem Schloßvogt und Verwalter, den
Herren Hinz und Kunz, und wer mich sonst in dieser Sache gekränkt haben mag, vergeben:
dem Junker aber, wenn es sein kann, nötigen, daß er mir die Rappen wieder dick füttere.
(48)

Dass er seine Causa gegen den Junker vor dem höchsten Gericht in Sachsen zur Verhandlung
bringen will – und durch Vermittlung Luthers (49) auch kann –, zeigt abermals die extreme
Ausprägung seines Rechtsbegehrens. Er geht das Risiko ein, wegen seines gewalttätigen

107
Schmidt: Heinrich von Kleist, 209.
108
Und dabei wird die zuvor bezüglich der »besseren Ordnung der Dinge« (41) aufgeworfene Verwandtschaft
zum Rousseau’schen Gesellschaftsideal wieder unterminiert, denn Eigentum ist für Rousseau gewissermaßen die
Wurzel des Bösen. Vgl. 2.1.2 und Anm. 97.
109
Voßkuhle/Gerberding: ›Michael Kohlhaas‹ und der Kampf ums Recht, 242.

22
Rachefeldzugs verhaftet zu werden, nur für die Chance, im Rahmen des kodifizierten Rechts
Genugtuung zu erwirken. In Dresden kommt es allerdings wieder zum Scheitern seines
Gerichtsverfahrens, was summiert sei als ironisch überzogene Vorführung eines »chaotisch
rechtlosen Staat[es]«.110

2.2.4 Peripetie und Katastrophe

Obgleich der Fokus dieser Arbeit in der Steigerungsphase der Handlung und Kohlhaases
Entwicklung zum ›Räuber und Mörder‹ liegt, so seien dennoch einige Aspekte insbesondere
zum Schlussteil der Novelle angemerkt. In der Peripetie durch das Eingreifen des Kurfürsten
von Brandenburg (77) schwingt sich die Causa Kohlhaas gewissermaßen auf eine
supranationale Ebene, um mit heutiger Terminologie zu sprechen, denn Kohlhaas ist offenbar
doppelter Staatsbürger und seine Hinrichtung in Sachsen wäre damit »eine Verletzung des
Völkerrechts« (78).111 Die ehrenvoll konnotierte112 Verurteilung in Berlin »wegen Verletzung
des öffentlichen, kaiserlichen Landfriedens« (94) signalisiert die Eingliederung des
Protagonisten in den Staat, nämlich einen, dessen Justiz er als gerecht empfindet, da seine Klage
»Punkt für Punkt, und ohne die mindeste Einschränkung gegen den Junker Wenzel von Tronka
[...] durchgesetzt« (101) wurde. Als »Szenerie einer restitutio ad integrum«113 gestaltet sich
also die Lösung dieser Causa vor dem brandenburgischen Gericht, welches als Kontrapunkt
zum korrumpierten sächsischen Justizwesen vorgeführt wird. Zudem wird damit der zentralen
Prämisse, dass Kohlhaas »einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen
seiner Zeit« (9) sei, in dieser Kombination aus Rechtsprechung und Verurteilung in ihrem
paradoxen Gehalt nachgekommen.
Gar so harmonisch und eindeutig ist die Kleist’sche Erzählung indessen aber nicht, vielmehr
gibt es noch ein überraschendes Moment im letzten Abschnitt der Handlung. Deren Lösung
erhält durch die Episode mit der Zigeunerin zusätzliche Komplexität, denn die Sphäre des
Wunderlichen dringt ein. Gewissermaßen als deus ex machina114 – dramatische Mittel lassen
sich auf Kleists Novellistik gewiss ebenso wie die Termini der Struktur übertragen – bietet sie
Kohlhaas ein Mittel zur Rache am Kurfürsten von Sachsen: ein Zettel befindet sich in seinem

110
Schmidt: Heinrich von Kleist, 210.
111
Vgl. Hamacher: Heinrich von Kleist (2003a), 14.
112
Vgl. »seiner Milde ungeachtet« (94) und die Tatsache, dass er »unter einer allgemeinen Klage des Volks [...]
anständig auf dem Kirchhof der Vorstadt« (103) begraben wird. Vgl. Ott
113
Ott: Privilegien, 154.
114
Auffällig ist insbesondere, dass sich in diesem Handlungsstrang die Zufälle häufen, und dass die Sphäre des
Wunderbaren, Übernatürlichen die bisher doch recht sachliche Causa Kohlhaas beeinflussen. Die Zigeunerin tritt
völlig unerwartet und unwahrscheinlich auf, und ist außerdem mit Elisabeth, Kohlhaases verstorbener Frau,
assoziiert – vgl. Schmidt: Heinrich von Kleist, 239–242;

23
Besitz, welcher ihre Prophezeiung über die Zukunft des Kurfürsten von Sachsen festhält. Dies
lässt sich als Peripetie auffassen, ändern sich dadurch doch die Glücks- und damit auch die
Machtverhältnisse. Entsprechenderweise ist Kohlhaas höchst erfreut durch die unerwartete
Wendung:

Kohlhaas, der über die Macht jauchzte, die ihm gegeben war, seines Feindes Ferse, in dem
Augenblick, da sie ihn in den Staub trat, tödlich zu verwunden. (97) 115

[S]o würde ich ihm doch den Zettel noch, der ihm mehr wert ist, als das Dasein, verweigern
und sprechen: du kannst mich auf das Schafott bringen, ich aber kann dir weh tun, und ich
wills! (86)

Der Gedanke an das alttestamentarische Rechtskonzept von ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹
mag hier, trotz der nicht gänzlichen Kongruenz der Bedingungen, nicht fern sein, denn
Rachebestreben und Rechtsgefühl haben sich bei Kohlhaas, zumindest gegenüber demjenigen
korrupten Herrscher, der die Amnestie brach, gewissermaßen verbunden.116 Außerdem steht
die Figur der Zigeunerin außerhalb der Gesellschaft. Diese Eigenschaft kombiniert sich damit,
dass es ihr mittels des Zettels möglich ist, Kohlhaas über die Möglichkeiten der staatlichen
Justiz hinausgehend Recht zu verschaffen. Daraus lässt sich wohl folgern, dass Kleist hier eine
Einmischung Gottes zugunsten des Protagonisten einwebt. Dass es dieser Steigerung des
Kohlhaas zugesprochenen Rechts bedarf, nämlich über die Rechtsprechung durch die Instanz
des positiven, staatlichen Rechts hinaus, zeigt auf, dass eine Diskrepanz zwischen Gerechtigkeit
und positivem Recht besteht. Hier wirkt Voßkuhles und Gerberdings Feststellung treffend:
»Der Kampf ums Recht des Michael Kohlhaas ist der Kampf für Gerechtigkeit.«117 Das lässt
sich mitbedenken, wenn die Kombination der beiden kurfürstlichen Urteile mit der Genugtuung
aufgrund der Rache durch den Zettel dafür sorgt, dass Kohlhaas seinem höchsten irdischen Ziel
nachgekommen ist:

[S]o ließ er sich, aus der Ferne, ganz überwältigt von Gefühlen, mit kreuzweis auf die Brust
gelegten Händen, vor dem Kurfürsten nieder. Er versicherte freudig dem Erzkanzler, indem
er aufstand, und die Hand auf seinen Schoß legte, daß sein höchster Wunsch auf Erden
erfüllt sei. (102)

115
Die Dramatik und Bildlichkeit in der Ausgestaltung der Schlusspassage wurde von der Kleist-Forschung
vielfach betont – vgl. etwa Schmidt: Heinrich von Kleist, 239–244.
116
Schmidt beispielsweise erörtert die durch Intrigen und Sippenwirtschaft verkommene Justiz des Dresdner Hofs
und erkennt im Verhalten des Kurfürsten eine entsprechende Klimax – vgl. Schmidt: Heinrich von Kohlhaas, 209f.
117
Voßkuhle/Gerberding: ›Michael Kohlhaas‹ und der Kampf ums Recht, 246.

24
3 Conclusio
Die Annäherung an einen Text von solcher Dichtheit – bezüglich Handlung und Stil, wie auch
den ineinander verflochtenen zeitgenössischen und historischen Bezügen – wie es Kleists
Michael Kohlhaas gewiss ist, stellt Interpretationen vor die Herausforderung, sich weder auf
der Oberfläche des großen Ganzen zu verlieren, noch in einer rein punktuellen Analyse die
kontextuellen Bezüge zu ignorieren. Deshalb wurde in der vorliegenden Arbeit die Perspektive
des Rechtsgefühls eingebettet in die Rechtsverhältnisse betrachtet, und zwar hauptsächlich in
den ersten beiden Teil der Novelle bis hin zum Höhepunkt der Handlung,118 da diese die vom
Rechtsgefühl motivierte Entwicklung des Protagonisten hin zum ›Räuber und Mörder‹ am
deutlichsten abbilden. Eine Ausdehnung der in Kapitel 2.2 durchgeführten Textanalyse auf den
gesamten Text wäre in einem größeren Rahmen zweifelsohne bereichernd, konnte hier jedoch
nur zu einigen Aspekten der Schlusspassage in 2.2.4 vorgenommen werden.
Um der Frage, inwiefern das Rechtsgefühl als determinierender Faktor für Kohlhaases Handeln
relevant ist, unter Einbeziehung der generellen Rechtsverhältnisse nachzugehen, wurden in
Kapitel 2.1 die historischen und rechtsphilosophischen Diskurse sowie einige Begriffe, die in
dieser Novelle präsent sind, skizziert, worauf im Kapitel 2.2 die Textanalyse aufbaute.
Kleists Oeuvre steht im Zeichen der Aufklärung, deren Ideengut in Michael Kohlhaas vorrangig
in rechts- und staatsphilosophischer Hinsicht zutage treten. Eine wichtige Rolle spielt das
Theorem des Gesellschaftsvertrags, dessen Spielarten bei Hobbes, Locke und Rousseau
skizziert wurden. Besonders seitens der beiden zuletzt genannten lassen sich teils
konkurrierende Einflüsse auf Michael Kohlhaas erkennen – nämlich erstens bezüglich des
Rechts auf Eigentum, das Locke formuliert und im Brennpunkt der Causa Kohlhaas zu finden
ist. Mit Rousseau zu lesen wäre zweitens der revolutionär konnotierte Appell des Protagonisten
an das Volk am dramatischen Höhepunkt der Handlung, wenn Kohlhaas »zur Errichtung einer
besseren Ordnung der Dinge« (41) aufruft. Auch nimmt die Frage nach dem Widerstandsrecht
gegen einen unrechten Souverän eine zentrale Rolle in der Erzählung ein. Kleists Protagonist
argumentiert wiederholt für ein am Gesellschaftsvertrag basiertes Widerstandsrecht und übt
dieses im »Geschäft der Rache« (31) aus, also seinem Rache- und Straffeldzug gegen den
Junker Wenzel von Tronka und dessen Unterstützer. In diesem Konflikt klingt das Fehdewesen
nach, sowie beispielsweise bezüglich der Junker’schen Privilegien das Allgemeine Landrecht
für die Preußischen Staaten von 1794. Indem sich nämlich ein Geschäftsmann und Bürger
einerseits und ein Adeliger andererseits in dieser Causa gegenüberstehen, referiert der Text

118
mit Schmidt bzw. dem fünfgliedrigen Aufbau gesprochen – vgl. Schmidt: Heinrich von Kleist, 208–211.

25
wohl deutlicher noch denn auf die historischen Umstände der fiktiven Handlungszeit des 16.
Jahrhunderts auf die neuzeitliche Entwicklung des positiven Rechts. Zusätzlich zu Gesetzen im
Licht der Aufklärung, allen voran die Gleichheit aller Bürger, etabliert sich etwa
Gewerbefreiheit, wie sie auch genau zur Entstehungszeit des Textes im Zuge der Preußischen
Reformen in Diskussion stand. Damit wirkt Michael Kohlhaas gewissermaßen als
Diskursspeicher, also als Literatur, die sich zeitgenössischen – und hier eben auch
geschichtlichen – relevanten Fragen auf kritische Weise widmet.
Für die Novelle wie für diese Arbeit ist das Rechtsgefühl des Protagonisten zentral. In 2.1.3
wurde es begrifflich gefasst als ein in der Natur des Menschen verankertes Gespür für Recht
und Unrecht, das bei Kleist ebenso auf ›das Recht‹ wie auf ›recht‹ im Sinne von ›richtig‹ zu
denken ist. In Michael Kohlhaas wird es vom ersten Absatz als die markanteste Eigenschaft
des Protagonisten präsentiert. Es korreliert besonders in der ersten Phase des Rechtsstreits auf
und nach der Tronkenburg stellenweise mit Kohlhaases Ratio, und gibt sich, mitunter einen
Komplex mit Rache und generellem Rechtsverständnis formend, als wichtigste Motivation für
sein Handeln zu erkennen.
Den Deklarationen des Kleist’schen Erzählers, dass Kohlhaas »einer der rechtschaffensten
zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit« (9) sei und ihn das »Rechtgefühl [...] zum
Räuber und Mörder« (9) machte, leistet das Geschehen folge – man denke an seine
Beharrlichkeit im Rechtsstreit oder die dreifache Niederbrennung Wittenbergs. Dass ein
solches Sujet bei Kleist nicht ohne Ironie auskommt, ist ohnehin klar und zeigt sich an der
hyperbelhaften Konnotation der Handlung, oder schlichtweg an der »Dickfütterung der
Rappen« (77) als so banaler Grund all dessen. Beleuchtet wurde auch die mit dem Rechtsgefühl
verbundene Metaphorik, die sowohl in der »Goldwaage« als auch im mit dem göttlichen Recht
zusammenhängenden Bereich von Erzengel/Drache Ambivalenzen zum Vorschein brachte.
Auch in einem breiteren Blickwinkel weist diese Novelle Uneindeutigkeiten zur Genüge auf,
etwa die Unzuverlässigkeit des Erzählers oder, dass die Causa Kohlhaas je nach
rechtsphilosophischem Blickwinkel und nach Interpretationsschwerpunkt in anderem Licht
erscheint. Gerade hierin greift Kleists Erkenntnisstreben, das gern auch didaktische Züge hat.
In diesem Sinne gilt es zuletzt, das, was Kleists Erzählerfigur im engeren Sinn für die
Zigeunerin anmerkt, auf die in dieser Novelle präsentierten Geschehnisse ebenso auszuweiten
wie auf die Erkenntnisse der in der hier geworfenen Perspektive auf die Rolle des Rechtsgefühls
in Michael Kohlhaas:

Wie denn die Wahrscheinlichkeit nicht immer auf Seiten der Wahrheit ist, so traf es sich,
daß hier etwas geschehen war, das wir zwar berichten: die Freiheit aber, daran zu zweifeln,
demjenigen, dem es wohlgefällt, zugestehen müssen (96)

26
Im Blickwinkel dieser Untersuchung liefert Kleist in Michael Kohlhaas eine in ihrer Radikalität
ironische Darstellung dessen, was geschieht, wenn sich jemand völlig seinem Rechtsgefühl
entsprechend verhält und um seines Rechts willen vor nichts zurückschreckt – weder vor dem
Verkauf der Besitztümer, noch vor Gewalt, oder wiederum der Absage an diese, wenn die
Option auf Rechtsprechung vor Gericht auftritt.
Damit offenbart sich Literatur hier in einer ihrer – zumindest meiner Meinung nach –
bedeutendsten Formen: Als Spielwiese von Realität. Als Versuchslabor philosophischer,
gesellschaftlicher, anthropologischer Fragen. Und regt dadurch die Leserin bzw. den Leser zu
kritischer Reflektion und Erkenntnis an.

4 Literaturverzeichnis

4.1 Primärliteratur

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