Sie sind auf Seite 1von 156

www.brandeins.de brand eins 20.

Jahrgang Heft 06 Juni 2018 10 Euro C 50777

brand eins

Du hast
dich so verändert
Geld
Schwerpunkt
%*&&30#&36/(
%*(*5"-&/8&-5
%&3#.8 FS.*5#64*/&441",&5 6/%
#.8%*&4&-3œ$,/").&7&3413&$)&/ 

#VTJOFTT1BLFUPQUJPOBMFSI¤MUMJDI %BT#.8%JFTFM3¼DLOBINFWFSTQSFDIFOHJMU XFOOEJFGPMHFOEFO7PSBVTTFU[VOHFOLVNVMBUJWFSG¼MMU


TJOE&JOF,¶SQFSTDIBGUEFT¶GGFOUMJDIFO3FDIUTPSEOFUOBDIEFS(SVOETBU[FOUTDIFJEVOHEFT#VOEFTWFSXBMUVOHTHFSJDIUTWPNFJO
'BISWFSCPUBVTTDIMJFŸMJDIG¼S%JFTFMGBIS[FVHF[VN;XFDLFEFS-VGUSFJOIBMUVOHJOOFSIBMCFJOFS(FNFJOEFJNEFVUTDIFO#VOEFTHFCJFUBO%BT
'BISWFSCPUUSJUUX¤ISFOEEFS-BVG[FJUEFT-FBTJOHWFSUSBHFTJOFJOFS(FNFJOEFJOFJOFN3BEJVTWPO,JMPNFUFSOVNEFONFMEFSFDIUMJDIFO
&STUXPIOTJU[PEFSEJF"SCFJUTTU¤UUFEFT-FBTJOHOFINFSTJO,SBGUVOEEBTWFSUSBHTHFHFOTU¤OEMJDIF'BIS[FVHJTUWPOEFN'BISWFSCPUCFUSPGGFO
%FS-FBTJOHOFINFSTDIMJFŸUFJOFONJUEFNCJTIFSJHFO-FBTJOHWFSUSBHWFSHMFJDICBSFO"OTDIMVTTWFSUSBH¼CFSFJO'BIS[FVHEFS.BSLF#.8
PEFS.*/*CFJEFS#.8#BOL(NC) )FJEFNBOOTUSBŸF .¼ODIFOBC"MT'BISWFSCPUHJMU XFOOFJONBMJHBOFJOFN8PDIFOUBH
8FSLUBH 4POOVOE'FJFSUBH
EJF&JOGBISUJOFJO(FCJFUVOUFSTBHUXJSE"MTFJOWFSHMFJDICBSFS"OTDIMVTTWFSUSBHHJMUFJO-FBTJOHWFSUSBH EFSJN
%&3
'SFVEFBN'BISFO

7FSHMFJDI[VNCJTIFSJHFO-FBTJOHWFSUSBHFJOFONBYJNBMVNHFSJOHFSFO'BIS[FVH(SVOEQSFJTWPSTJFIU PEFSFJO'JOBO[JFSVOHTWFSUSBH 
EFSEFOHMFJDIFOPEFSFJOFOI¶IFSFO'BIS[FVH,BVGQSFJTJN7FSHMFJDI[VN'BIS[FVH(SVOEQSFJTEFTCJTIFSJHFO-FBTJOHWFSUSBHFTWPSTJFIU
%JFTFT"OHFCPUJTUJOOFSIBMCEFT"LUJPOT[FJUSBVNFTWPNCJTCFJ/FVGBIS[FVHFOVOE7PSG¼ISXBHFOEFS.BSLF#.8
WFSG¼HCBS%JF,POEJUJPOFOEFT"OTDIMVTTWFSUSBHFT -FBTJOHFOUHFMU -BVG[FJU -BVꠌFJTUVOHEFT-FBTJOHGBIS[FVHFTFUD
SJDIUFOTJDIOBDIEFN
EVSDI-FBTJOHPEFS'JOBO[JFSVOH[VꠋOBO[JFSFOEFO'BIS[FVHTPXJFOBDIEFO[VN;FJUQVOLUEFT"CTDIMVTTFTEFT"OTDIMVTTWFSUSBHFTCFJEFS
#.8#BOL(NC) )FJEFNBOOTUSBŸF .¼ODIFOG¼SEFSBSUJHF-FBTJOHVOE'JOBO[JFSVOHTWFSUS¤HFBMMHFNFJOH¼MUJHFO,POEJUJPOFO
VOE"MMHFNFJOFO(FTDI¤GUTCFEJOHVOHFO'¼SXFJUFSF#FEJOHVOHFOVOE*OGPSNBUJPOFO[VN#.8%JFTFM3¼DLOBINFWFSTQSFDIFOCFTVDIFO
4JFCJUUFXXXCNXEFEJFTFMSVFDLOBINFWFSTQSFDIFOPEFSGSBHFO4JF*ISFO#.81BSUOFS"CCJMEVOH[FJHU4POEFSBVTTUBUUVOHFO
Editorial

Geldwert
• Was gibt es über Geld schon groß zu sagen? Die einen haben zu viel davon, die anderen
zu wenig. Es kann Gutes und Schlechtes bewirken, macht nicht glücklich und steckt hinter
den meisten Verbrechen.
So abschätzig geht es gern zu, wenn die Sprache auf jenes Medium kommt, das als Treib-
stoff der Wirtschaft und vielen als Wurzel allen Übels gilt. Emotionslos über Geld zu reden
scheint außerhalb der Wissenschaft nahezu ausgeschlossen, aber gerade die Finanzbranche –
und womit sie wie handelt – verdient den nüchternen Blick.
Das ist spätestens bei der Krise von 2008 offenkundig geworden: Wie Banker getrickst,
Risiken verschoben und ihre Kunden betrogen haben, war so dreist, dass man es zu lange für
Fiktion hielt. Danach hat sich die Branche ein wenig geschämt, dann geschüttelt – und wei-
tergemacht. Der Staat beglich derweil die Schulden. Woher er die Milliarden hatte? Er weitete
einfach das Geldvolumen aus. „Geld-Doping“ nennt das der Soziologe Wolfgang Streeck und
beschreibt es als durchaus probates Mittel, mit einem kleinen Problem: „Niemand weiß, was
geschieht, wenn man die Politik des billigen Geldes beendet“ (S. 70, 116).
Solange man sie aber laufen lässt, ist mehr Geld da, als man braucht und sinnvoll investieren
Fotografie: kann. Das zeigt sich bei der Jagd auf die wenigen vielversprechenden Start-ups, dafür sprechen
André Hemstedt & Tine Reimer die steigenden Preise für Immobilien, Aktien oder Kryptowährungen, und das demonstriert der
Blick auf unscheinbare Lagerstätten an internationalen Flughäfen: Dort horten Menschen, die
nicht mehr wissen, wohin damit, ihre Kunst. Außerdem fördert die Geldschwemme den inter-
nationalen Handel, macht China reich und steigert dadurch erstaunlicherweise den Lebens-
standard der Amerikaner: Es ist ein vertracktes Spiel, aus dem es keinen einfachen Ausweg gibt
(S. 42, 32, 102, 76, 84).
Aber vielleicht werden in den kommenden Jahren die Karten sowieso neu gemischt: Die
Finanzbranche lernt gerade, dass das verlorene Vertrauen im Zusammenspiel mit der Digitali-
sierung brandgefährlich werden kann. In fast allen Geldhäusern suchen Expertenteams nach
neuen Geschäftsmodellen, beschäftigen sich mit Techniken wie Blockchain, wollen Plattform
werden, bevor andere es sind. Denn warum soll Amazon nicht bald auch die Geldgeschäfte
übernehmen, wenn es per Alexa den intimen Kontakt zum Kunden hat? Und wer ist überhaupt
noch Kunde, wenn der Roboter einen guten Teil der Arbeit übernimmt (S. 52, 104, 112)?
Geld ist der Treibstoff der Wirtschaft, immer noch. Aber die Wirtschaft ändert sich. Und
wenn es nicht gelingt, dem Geld zu neuem Wert zu verhelfen, wird es nutzlos, und es werden
Ersatzstoffe entstehen. Anerkennung gilt bereits als Währung, Daten als das neue Gold. Und
Kröten zu scheffeln als ziemlich peinlich (S. 94, 90, 126).
Nüchtern betrachtet, ist das Geld gerade ziemlich arm dran. –

Gabriele Fischer, Chefredakteurin, gabriele_fischer@brandeins.de


Redaktion brand eins, Speersort 1, 20095 Hamburg
Titelbild:
David M. Elmore / Getty Images brandeins.de, facebook.com / brand.eins, twitter.com / brandeins

4 brand eins 06/18


Ganz neu: das
NOMOS-Ringdatum.

Datum beidseitig schnell


verstellbar.

Klassiker Tangente
in groß und automatisch.

Das erste neomatik-Werk


mit Datum.

Handgefertigt,
aus Glashütter Manufaktur.

Update für eine Ikone. Die berühmte Tangente von NOMOS Glashütte wird zu Tangente neomatik 41 Update mit einem völlig neuen Datum. Dieses und weitere
Modelle mit dem neuen neomatik-Kaliber gibt es jetzt im besten Fachhandel – Aachen: Lauscher, Lücker; Augsburg: Bauer, Hörl; Berlin: Christ im KaDeWe,
Lorenz; Bielefeld: Böckelmann; Bonn: Hild; Bremen: Meyer; Darmstadt: Techel; Dresden: Leicht; Düsseldorf: Blome, Niessing; Erfurt: Jasper; Essen: Mauer;
Frankfurt am Main: Pletzsch; Glashütte: NOMOS Kaufhaus; Hamburg: Becker, Mahlberg; Hannover: Kröner; Köln: Gadebusch; Lübeck: Mahlberg; München:
Fridrich, Kiefer; Münster: Oeding-Erdel; Stuttgart: Kutter; Ulm: Scheuble. Und überall bei Wempe, Bucherer und Rüschenbeck. Mehr? Hier: nomos-glashuette.com
Inhalt 82 Staat oder Markt?
Wer soll was bezahlen?
Antworten von Stephan A. Jansen

84 „China finanziert Trump“


Wie sehr die Weltwirtschaft vom
Aufstieg Asiens geprägt ist,
beschreibt Finn Mayer-Kuckuk

90 Sind Daten das neue Geld?


Eine Analyse von Thomas Ramge

94 Staatsverschuldung, yo!
Ein Musical über einen Finanz-
minister: Das klingt nach einer öden
Show. Warum sie dennoch so er-
folgreich ist, weiß Christoph Koch
70 Mag bizarre Auftritte: der US-Finanzminister mit Gattin
Foto: Andrew Harrer / Bloomberg via Getty Images
100 Drei-Rubel-Russland (2)
Was Stefan Scholl tut, wenn er sich
etwas Besonderes gönnen will

102 Angsthasen kriegen nichts!


Die Risikokapitalgeber Ann
4 Editorial a Schwerpunkt Winblad und Lars Leckie über
8 Mikroökonomie: Geld die Jagd auf Einhörner.
Ein Influencer in Deutschland Mit ihnen sprach Steffan Heuer
10 Die Welt in Zahlen 41 Prolog
12 Das geht: Lass wachsen
14 Markenkolumne: 42 Was zählt
Villeroy & Boch – Von Alt Luxem- Geld ist nicht das Problem, sondern
burg bis Heavy Metal die Lösung. Solange es Ideen gibt,
16 Ökonomie der Elemente: die sie voranbringt Von Wolf Lotter
Magnesium
18 Wirtschaftsgeschichte: Zeit ist Geld 52 Von Geldhäusern zu Marktplätzen
Die Deutsche Bank will zur
Plattform werden. Die Hintergründe
Was Wirtschaft treibt beschreibt Christoph Koch

20 Vertraut den Daten! 60 Darf’s etwas weniger sein? (1)


Das fordern Krypto-Gründer. Sie Was Jenni Roth tut, wenn sie sich
wollen mit der Blockchain-Technik etwas Besonderes gönnen will
die Wirtschaft revolutionieren.
Ein Report von Sarah Sommer 64 Neue Menschen braucht die Bank
Welche, das erläutert der Berater
30 Zahlt sich das noch aus? Kai Pfersich Christian Sywottek
Fragt sich der Finanzdienstleister
Western Union. Antworten darauf 70 Rolle rückwärts
gibt die Bilanz, analysiert von Wieso man in den USA zehn Jahre
Patricia Döhle & Bettina Schulz nach der Finanzkrise wieder ins
Risiko geht, erklärt Mischa Täubner
32 Wachstum um jeden Preis
Warum Start-ups nur eines im Sinn 76 Geldspeicher im Niemandsland
haben, erläutert Thomas Ramge Eine Foto-Story

6 brand eins 06 /18


104 Würde Alexa Rotkäppchen trinken? 126 Beruf: Geldvernichter
Bald könnten smarte Assistenten Könige, Snobs, Rapper: eine
entscheiden, was wir kaufen. Typologie von Peter Laudenbach
Von Lisa Goldmann

108 Geld in Zahlen


Was Menschen
Gesammelt von Ingo Eggert bewegt
112 Guten Tag, Herr Kollege! 132 Die Wurzeln einer Region
Wenn die Roboter arbeiten, wer Wie ein Mann das Massensterben
verdient dann das Geld? Drei Mo- der Olivenbäume Süditaliens aufhal-
delle prüft Matthias Hannemann ten will, erzählt Barbara Bachmann

116 „Geld ist eine Glaubenssache“


Warum auch der Kapitalismus 146 Was wäre, wenn …
nicht ohne Doping funktioniert, … Facebook zerschlagen würde?
sagt der Soziologe Wolfgang Ein Szenario von Christoph Koch
20 Berät Krypto-Gründer:
Nina-Luisa Siedler Foto: Max Zerrahn
Streeck Peter Laudenbach 149 Prototyp: Auflösungserscheinungen
Von Frank Dahlmann
122 Vom großen Glück (3) 151 Leichte Sprache:
Was Philipp Maußhardt tut, wenn er Denn sie wollen alle gerade Zähne
sich etwas Besonderes gönnen will Eine Bemerkung des Bundesrech-
nungshofs übersetzt Holger Fröhlich
125 Auf dem Konto nichts Neues 152 Leserservice und Impressum
a Den Schwerpunkt gibt es als Hörversion Aufklärung über die Normalität ne- 154 Letzte Seite: Wer hat’s gesagt?
unter b1.de /audioversion gativer Realzinsen von Ingo Eggert Das brand eins-Gewinnspiel

32 Kein Risikokapital mehr: der Unternehmer


Paul Schwarzenholz Foto: Nikita Teryoshin

132 Sind von einem Bakterium bedroht:


Olivenbäume in Süditalien Foto: Patricia Kühfuss 7
Mikroökonomie

Die kleinste wirtschaftliche Einheit: Verdienst, Grundkosten, Altersvorsorge


der Mensch Robin Blase nimmt monatlich 4500 Euro
brutto ein, vor allem durch Markenkoope-

Ein rationen, außerdem durch Moderationen,


Beratung sowie Youtube-Werbung. Pro-

Influencer duktionskosten und Büromiete schlagen


mit knapp 1600 Euro zu Buche. Für seine

in Krankenkasse zahlt er 422 Euro, für Al-


tersvorsorge gibt er kein Geld aus. Blase
zahlt pro Monat etwa 830 Euro Steuern.
Deutschland Die Miete (1300 Euro) teilt er sich mit sei- kreativ sein zu müssen. Es gibt schon mal
ner Lebensgefährtin, an Fahrtkosten fallen Tage, an denen das schwerer fällt.
Text und Foto: Martin Giesler etwa 100 Euro an. Für Unterhaltung wie
Computerspiele, TV- und Musik-Strea- Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Besonde-
mingdienste gibt er 140 Euro aus. res gönnen wollen?
Aktuell wollen wir einige neue Möbel an-
Was bedeutet Ihnen Arbeit? schaffen – und sind schon lange auf der
Mit anderen kreativen Leuten interessante Suche nach den perfekten Objekten.
und unterhaltsame Videos zu erschaffen.
Das Tolle an meinem Job ist, dass er sehr Was erwarten Sie von der Zukunft, und
schnell Resultate hervorbringt: Wenn ich was tun Sie dafür?
an einem Video arbeite, ist das fertige Pro- Ich kann nicht für immer im Rampenlicht
jekt ein bis zwei Wochen später im Netz stehen. Daher arbeite ich auch als Unter-
samt Feedback der Zuschauer. Und dann nehmensberater und habe mit meiner
geht es auf zum nächsten. Lebensgefährtin eine Produktionsfirma
gegründet, um unabhängig von meiner
Robin Blase, 24, hat eine Schauspiel- Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben? Arbeit als Influencer Projekte umzusetzen.
ausbildung in Los Angeles absolviert, Meine Familie, Spaß zu haben – und mit
außerdem einen Bachelor in Film- meinen Inhalten Leute zum Lachen und Was täten Sie, wenn Sie sich ein Jahr nicht
und Fernsehproduktion. Er arbeitet als zum Nachdenken zu bringen. um Ihren Unterhalt kümmern müssten?
sogenannter Influencer und Youtuber. Ich würde Inhalte erstellen, unabhängig
Zusammen mit seiner Freundin, Was möchten Sie an Ihrem Leben ändern? vom Zeitaufwand und davon, ob ich am
die auch seine Geschäftspartnerin ist, Ich würde gern mein Team vergrößern Ende damit Geld verdiene.
lebt er in Berlin. und meinen Youtube-Kanal mit mehreren
Festangestellten betreiben. Wie viele Menschen können von einem
Beruf wie Ihrem leben?
Welche sind Ihre größten Probleme, und Allein in unserem Büro sind es noch sie-
wie gehen Sie damit um? ben weitere. Ich schätze, in ganz Deutsch-
Das größte Problem ist es, durchgängig land sind es weit mehr als tausend. –
Grafik: Carte Blanche Design Studio

Deutschland Aktuelle Durchschnittskosten

Einwohner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82,7 Millionen Durchschnittspreis einer Digitalkamera . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442 Euro


Währung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Euro Durchschnittspreis eines Smartphones . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436 Euro
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (1 Euro = 100 Cent) Eröffnung eines eigenen Youtube-Accounts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0 Euro
BIP pro Kopf (2015) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 454 Euro Kinobesuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8,63 Euro
Human Development Index . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Platz 4 (von 188) Malm-Bett von Ikea . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 Euro

8 brand eins 06/18


Too much HomeWork,
not enough play?
Come play, explore and
experiment with us!
WorkHouse
02.06. – 15.07.2018, Berlin
www.usm.com/homework
#homework
Die Welt in Zahlen
Text: Nils Wischmeyer

Fläche, die ein Immobilienkäufer für eine Million Dollar in Dubai bekommt, in Quadratmetern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
Fläche, die ein Immobilienkäufer für eine Million Dollar in Berlin bekommt, in Quadratmetern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Fläche, die ein Immobilienkäufer für eine Million Dollar in Monaco bekommt, in Quadratmetern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

Anteil der Finanz- und Versicherungsbranche an der Bruttowertschöpfung in Deutschland, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . 3,8
Anteil der Branchen öffentlicher Dienst, Erziehung und Gesundheit an der Bruttowertschöpfung
in Deutschland, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18,3

Durchschnittliche Bonuszahlung für Manager in der New Yorker Finanzbranche im Jahr 2016, in Dollar . . . . . . . . . 158 000
Mittleres Jahreseinkommen eines Haushalts in den USA im Jahr 2016, in Dollar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 000

Anteil der Männer unter den Spitzenverdienern bei Ryanair, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97


Anteil der Männer unter den Spitzenverdienern bei Easyjet, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
Anteil der Männer unter den Spitzenverdienern bei British Airways, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66

Wert der Kleidung, die die Modemarke H&M bis zum Ende des ersten Quartals 2018 nicht verkaufen konnte
und deswegen lagern muss, in Milliarden Euro . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,5

Konsum in Deutschland, im Jahr 2016:


Fruchtsaft und -nektar, in Litern pro Person . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Bier, in Litern pro Person . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
Bruttoinlandsprodukt von Deutschland im Jahr 1993, in Milliarden Euro . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1749
Bruttoinlandsprodukt von Deutschland im Jahr 2017, in Milliarden Euro . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3263
Zahl der Niederlassungen der Tafel, die Lebensmittel an Bedürftige verteilt, in Deutschland im Jahr 1993 . . . . . . . . . . . . . . . 1
Zahl der Niederlassungen der Tafel, die Lebensmittel an Bedürftige verteilt, in Deutschland im Jahr 2017 . . . . . . . . . . . . 934

Anteil der Personen in Rheinland-Pfalz, die zwischen 2012 und 2017 ein ehrenamtliches Engagement
begonnen oder verstärkt haben, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
Anteil der Personen in Rheinland-Pfalz, die bei der Bundestagswahl 2017 die AfD wählten, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Anteil der Personen in Sachsen, die zwischen 2012 und 2017 ein ehrenamtliches Engagement begonnen
oder verstärkt haben, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Anteil der Personen in Sachsen, die bei der Bundestagswahl 2017 die AfD wählten, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

Zahl der Passagiere auf dem Verkehrsflughafen Frankfurt/Main im Jahr 2017, in Millionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64,4
Zahl der Passagiere auf dem Verkehrsflughafen Peking im Jahr 2017, in Millionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94,9
Zahl der Passagiere auf dem Verkehrsflughafen Berlin-Brandenburg im Jahr 2017 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0

Quellen: Knight Frank Research; Statistisches Bundesamt; Office of the New York State Comptroller, United States Census Bureau; Gender Pay Gap Team
Government Equalities Office, »Süddeutsche Zeitung«; Hennes & Mauritz; Statista, European Fruit Juice Association, The Brewers of Europe; Tafel Deutschland e. V.;
Fidelity International, Der Bundeswahlleiter; Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen, Airport Council International

10 brand eins 06/18


PERFEK TIONIERT
DEINE FOTOS.
DURCH KI UNTERSTÜTZTE LEICA TRIPLE KAMERA.

consumer.huawei.com
Farben, Formen, Interface und Funktionen dienen nur als Muster.
Aussehen und Funktionen des Produkts können abweichen. RENAISSANCE DER FOTOGR AFIE
Das geht

Lass zu Hause gelingen. Sie müssen lediglich


die Schubladen mit Samenmatten bestü-
von der US-Weltraumbehörde Nasa abge-
guckt haben. Bei der Aeroponik genann-
cken und schließlich das Gemüse ernten. ten Methode werden die Wurzeln mit ei-
wachsen Wann der richtige Zeitpunkt gekommen nem Nährstoff-Wasser-Nebel eingesprüht,
ist, zeigt eine App an. der sie optimal versorgt.
Intelligente Boxen erlauben Ursprünglich wollten die Gründer In den Phasen, in denen nicht gesprüht
den Gemüseanbau Maximilian Lössl und Philipp Wagner eine wird, lässt sich gezielt Trockenstress aus-
in der heimischen Küche. große vertikale Farm betreiben. 2012 war lösen, der bestimmte Pflanzen anregt, ver-
Lössl auf das Konzept gestoßen und hatte stärkt Geschmacksstoffe zu bilden. „Wir
sich in den Niederlanden während seines haben vorhandene Technik für die private
Text: Torben Müller Studiums „International Food and Agri- Anwendung angepasst und uns die Um-
Fotografie: Robert Fischer business“ damit beschäftigt. Doch dann setzung patentieren lassen“, sagt Jobczyk,
entdeckte er mit seinem heutigen Kompa- der sein Studium der Biotechnologie für
gnon Wagner, einem Mechatroniker und seine Firma hat sausen lassen.
Mathematiker, die Nische des vertikalen Rund 80 000 Euro haben er und Rich-
Anbaus zu Hause, und sie kamen auf die ter bislang in das Unternehmen gesteckt.
• Tausende Jahre war klar: Eine Pflanze Idee, die Technik zu schrumpfen. Sie haben mit vier Studenten mehrere Pro-
braucht Sonne, Erde, Wasser und Luft, um „Der Plantcube ermöglicht es, jederzeit totypen konstruiert und arbeiten jetzt an
zu gedeihen. Mittlerweile genügen dafür frisches Gemüse zu ernten, das ein Maxi- einer Kleinserie. Partner für die weitere
neben Luft elektrisches Licht und eine mum an Nähr- und Geschmacksstoffen Entwicklung und den Vertrieb seien ge-
Nährlösung, mit der die Wurzeln regelmä- enthält und gleichzeitig ohne Pestizide funden, sagt der Industriedesigner Richter.
ßig benetzt werden. Und wenn die Vision auskommt“, sagt Lössl. „Dabei verbraucht Nun spreche man mit potenziellen Inves-
von der vertikalen Landwirtschaft eines unsere Methode bis zu 95 Prozent weniger toren. „Wir brauchen rund 1,7 Millionen
Tages Wirklichkeit wird, wächst unser Ge- Wasser und bis zu 60 Prozent weniger Euro, um in Produktion zu gehen. Dann
müse mitten in der Stadt: in geschlossenen Düngemittel als die konventionelle Land- könnten wir innerhalb von zwei Jahren auf
Gebäuden, platzsparend auf mehreren Ebe- wirtschaft.“ den Markt kommen.“
nen übereinander. Im viel kleineren Maß- Mehr als vier Jahre haben Lössl, Wag- Zwischen 5000 und 6500 Euro wird
stab wird das bald in der heimischen Küche ner und ihre mittlerweile 22 Vollzeitmit- die erste Serie der Neofarms voraussicht-
möglich sein. Zwei junge Unternehmen arbeiter an dem System gearbeitet. Inves- lich kosten, der Plantcube rund 2980 Euro.
wollen Gewächsschränke auf den Markt toren wie Osram, Tengelmann Ventures Beide Firmen haben wohlhabende Käufer
bringen, die ihre Besitzer rund ums Jahr und Kraut Capital haben zusammen einen im Blick, die auf ihre Ernährung achten
mit frischen Kräutern, Sprossen und Salat einstelligen Millionenbetrag in das Unter- und gern kochen.
versorgen sollen. nehmen gesteckt – zu Weihnachten sollen Heike Mempel, Professorin für Ge-
Die Münchener Firma Agrilution hat die ersten Geräte verkauft werden. wächshaustechnik und Qualitätserhaltung
ihre Entwicklung Plantcube genannt. Sie So weit ist der Konkurrent Neofarms an der Hochschule Weihenstephan-Tries-
sieht aus wie ein kleiner Kneipenkühl- noch nicht, der in Hannover an einem dorf, hält die Gewächskühlschränke für
schrank mit Glastür, nur dass auf den bei- ähnlichen Gewächsschrank für den Haus- Lifestyle-Produkte, die aber durchaus inte-
den Einschüben keine Bierflaschen liegen, gebrauch arbeitet. Dieser soll jedoch nicht ressant sind. „Man kann mit solchen
sondern Pflanzen wachsen. Zum Beispiel nur mit den herstellereigenen Samenmat- Geräten Wasser und Pflanzenschutzmittel
Kräuter, Minisalate und junge Keimpflan- ten, sondern auch mit Saatgut und Steck- deutlich einsparen.“ Allerdings sei die
zen, die nach wenigen Tagen geerntet lingen fremder Herkunft funktionieren – Energiebilanz schlechter als beim Freiland-
werden können. und rund zwei Quadratmeter Anbaufläche anbau, „denn Sonnenlicht ist CO2-neutral
LED-Lampen bestrahlen die Gewäch- bieten, fast sechsmal so viel wie der Plant- und kostenlos – und der Transport nach
se, aus einem Wassertank werden ihre cube. 30 bis 40 Kilo Salat soll man darauf Deutschland fällt in der Rechnung auch
Wurzeln nach Bedarf versorgt – alles voll- pro Jahr ernten können. bei einem Salat aus Südeuropa kaum ins
automatisch und an die jeweiligen Pflan- Zudem arbeitet Neofarms mit einer Gewicht.“ Das Supermarktangebot wer-
zen angepasst. So soll selbst Menschen Versorgungstechnik, die sich die Gründer den die Geräte Mempels Ansicht nach nur
mit einem braunen Daumen der Anbau Henrik Jobczyk und Maximilian Richter ergänzen, nicht ersetzen können. –

12 brand eins 06/18


Die Technik soll auch Menschen ohne grünen Daumen
Erfolgserlebnisse verschaffen.
Foto: © Lennart Helal

Was sprießt denn da? Philipp Wagner und Maximilian Lössl (rechts) vor ihren Plantcubes.
Das kleine Bild zeigt das Produkt der Konkurrenz aus Hannover

brand eins 06/18 13


Was Marken nützt

• Am Hauptsitz in Mettlach kann man


Von Alt sich – je nach Stimmung – in unterschied-
„der starken Marke, mit der hierzulande
schon jeder in Berührung gekommen ist“,
lichem Ambiente erleichtern. Eine jüngst sowie der eindrucksvollen Familienge-
Luxemburg bis sanierte und heute als Bürogebäude und schichte der Villeroys und Bochs.
Konferenzzentrum genutzte ehemalige Die Firma hat schon immer einen
Heavy Metal Fabrik bietet sieben verschiedene Sanitär-
bereiche mit entsprechender Musik: vom
breiten Kundenkreis im Visier. So gibt es
neben Geschirr-Klassikern wie „Alt Lu-
„Zen-Garten“ bis hin zum im Metallic- xemburg“ zahlreiche weitere Kollektio-
Look gestalteten WC. Die Örtchen sollen nen. Für die Generation Convenience sind
Die traditionsreiche europäische
demonstrieren, was mit den Produkten Coffee-to-go-Becher aus Porzellan im
Marke Villeroy & Boch steht seit von Villeroy & Boch alles möglich ist. Angebot und für den asiatischen Markt
270 Jahren auf tönernen Füßen. Das saarländische Traditionsunterneh- Teller mit Elefanten-Motiven, gegen die
Und will nun auf zeitgemäße Weise men ist – nach schwierigen Jahren – da- jede Mahlzeit verblassen muss. Und in der
mit ihrer Geschichte wuchern. bei, sich neu zu inszenieren. Maßgeblich Sanitärausstellung steht eine mit Swarov-
verantwortlich dafür ist die Marketing- ski-Steinen verzierte Badewanne.
Leiterin Béatrice Jungblut. Sie kam vor Das Sortiment soll künftig in opulen-
Text: Jens Bergmann vier Jahren zu Villeroy & Boch. Anders als tem Rahmen präsentiert werden. Das im
Illustration: Manu Burghart
bei Henkel, einem ihrer vorigen Arbeit- Dreiländereck zu Frankreich und Luxem-
geber, hat sie es nun mit sehr langlebigen burg idyllisch an der Saar gelegene Werks-
Produkten zu tun. „Keramik hält ewig“, gelände – mit einer ehemaligen Abtei als
sagt die 47-Jährige. Die Ausgangsma- Schmuckstück – wird derzeit aufwendig
terialien – Ton, Feldspat und Quarz umgestaltet. Die Arbeiten sind Teil eines
– sind das verbindende Element der Mettlach 2.0 genannten Stadtentwick-
beiden unterschiedlichen Sparten lungsprogramms von Gemeinde und Un-
Tischkultur sowie Bad und Well- ternehmen. Villeroy & Boch investiert bis
ness. Das Geschäft mit Toiletten und zum Jahr 2021 rund 20 Millionen Euro in
Waschtischen läuft derzeit wegen des das Projekt. Eine „Markenerlebniswelt“
Bau-Booms gut. Das mit Geschirr soll Shopping-Touristen und Freunde der
stagniert wegen sich verändernder Industriekultur anlocken.
Lebensstile; 36-teilige Services zur Man setzt auf ein Pfund, mit dem an-
Aussteuer sind heute außer Mode. dere nicht wuchern können: Geschichte.
Das Unternehmen ist mit der industri- Die hält auch Überraschungen bereit. So
ellen Produktion einstiger Luxusprodukte erfuhr Béatrice Jungblut nach Antritt ihres
groß geworden, weshalb man sich in Jobs, dass sie in die Fußstapfen ihres Ur-
Mettlach gern die „Demokratisierung von großvaters getreten ist: „Er hat bei Villeroy
Tisch- und Badezimmerkultur“ auf die & Boch Porzellanmaler gelernt, bevor er
Fahnen schreibt. Jungblut schwärmt von sich als Künstler selbstständig machte.“ –

François Boch gründet 1748 in festes Steingut, das erheblich billi- geht das Unternehmen an die die 2010 eine EU-Kartellstrafe von
Lothringen eine Töpferei. Später ger als Porzellan ist. 1836 fusio- Börse; die mehr als 200 Aktionäre 71,5 Millionen Euro zu zahlen ist.
zieht die Firma nach Luxemburg niert Boch mit dem Konkurrenten der Familie behalten dank ihrer Göring gelingt die Wende. Er setzt
um und entwickelt sich dank staat- Nicolas Villeroy; gemeinsam ex- Stammaktien bestimmenden Ein- auf Internationalisierung und die
licher Förderung und zeitgemäßer pandieren sie ins Ausland. Später fluss. Nach dem Vereinigungs- Kraft der Marke.
Technik zum ersten Großbetrieb wird das Sortiment um Fliesen und Boom gerät die Firma in Schwie-
des Landes. Jean-François Boch Sanitärartikel erweitert. Die Firma rigkeiten. Ab 2009 leitet mit Frank Villeroy & Boch AG
aus der dritten Generation kauft übersteht die beiden Weltkriege, Göring ein externer Manager das Mitarbeiter: 7500; Umsatz 2017:
1809 eine ehemalige Benediktiner- die Grenzverschiebungen in der Unternehmen. Er muss die Folgen 836,5 Mio. Euro; davon Bad
Abtei in Mettlach, baut dort eine Region und wächst mit dem deut- der Finanzkrise und verbotener und Wellness: etwa zwei Drittel;
Fabrik auf und entwickelt weißes, schen Wirtschaftswunder. 1990 Preisabsprachen bewältigen – für Gewinn: 29,8 Mio. Euro

14 brand eins 06 /18


seat.de/arona

Mitte 20 sagt feiern.


Mitte 30 sagt ackern.
Ich sage Arona. 
Der SEAT Arona
mit bis zu 2.000 €1
Wechselprämie. Do your thing.
Warum alles machen wie die anderen?
Mit dem SEAT Arona kannst du deinen eigenen
Weg gehen. Der City-Crossover bietet alles,
was du dafür brauchst. Einzigartiges Design,
Full Link-Technologie2 und Wireless Charger3
sorgen dabei für einen starken Auftritt.
Also: einsteigen und los.

4 Jahre sorgenfrei unterwegs mit Garantie plus Inspektion & Verschleiß.


Ab 14,90 € im Monat.4 Mehr Infos auf www.seat.de.

1
Die SEAT Deutschland GmbH, Max-Planck-Str. 3–5, 64331 Weiterstadt, gewährt ab dem 01.04.2018 bis zum 30.06.2018 eine Wechselprämie von bis zu 2.000 € beim Kauf eines neuen SEAT Arona und
gleichzeitiger Inzahlungnahme eines Pkw, der nicht zu den Marken des VW Konzerns gehört und zum Zeitpunkt der Inzahlungnahme mindestens 6 Monate auf den Käufer des Neuwagens zugelassen war.
Nur gültig für Privatkunden. Die Wechselprämie wird als Nachlass auf den Kaufpreis gewährt, ihre Höhe ist abhängig von der gewählten Variante des SEAT Arona. 2 Optional für Style. Serie für XCELLENCE und
FR. 3 Optional ab Style. 4 Ein Angebot der SEAT Leasing, Zweigniederlassung der Volkswagen Leasing GmbH, Gifhorner Straße 57, 38112 Braunschweig. Alle Leistungen sind gebunden an die Vertragslaufzeit
des Leasingvertrags bzw. Service-Management-Vertrags mit der SEAT Leasing. Bei Überschreiten der vereinbarten Gesamtfahrleistung entfällt der Leistungsanspruch des Kunden. Nicht für gewerbliche
Leasingkunden, Sonderabnehmer und Großkunden. Der Angebotspreis ab 14,90 € (inkl. MwSt.)/Monat gilt für die SEAT Arona Modellreihe. Mehr Infos auf SEAT.de. Abbildung zeigt Sonderausstattung.
Die Ökonomie der Elemente

Die Reaktionsfreude des Metalls nutzt gramm schweren Barren, die auf Holz-
man in der Schifffahrt. Schiffsrümpfe erhal- paletten zu einem Gewicht von 1,5 Ton-
ten einen Anstrich mit Magnesiumlegie- nen gestapelt werden.
rungen, diese Schicht reagiert mit dem
Meerwasser und bewahrt den Rumpf da- Der Preis …
vor zu rosten.
Als Nahrungsergänzungsmittel setzen … wird nicht an einer Börse ermittelt,
Leistungssportler gern Magnesium ein, sondern von China bestimmt. Derzeit
um sich vor Muskelkrämpfen zu schützen. kostet Magnesium etwa drei US-Dollar
Außerdem wird das Element für Brand- pro Kilogramm, ein leichter Anstieg im
bomben, Leuchtmunition, Unterwasser- Vergleich zu 2017. Im Jahr 2008 stand die
Was im Periodensystem fackeln, Feuerzeuge und Bleistiftanspitzer Notierung noch bei sechs Dollar.
an Wirtschaft steckt verwendet.
Wie geht es weiter?
Wo findet man es?
In mehreren Ländern gibt es Bestrebun-
Magnesium Fast überall, das achthäufigste Element
der Erde ist in vielen Erzen gebunden, vor
gen, wieder eine eigene Primärproduktion
aufzubauen. In Deutschland will man das
(Mg) allem im Dolomit. Große Vorkommen
existieren in Russland, China, Nordkorea,
Leichtmetall aus dem Meer gewinnen: Ein
Kubikmeter Nordseewasser enthält mehr
der Türkei, Australien oder Nord- und als zwei Kilogramm Magnesium. Für die
12 . . . . . . . . . . Ordnungszahl im Periodensystem Südamerika – und natürlich in den Dolo- Gewinnung könnte auf der See produzier-
Mg . . . . . . . . . Elementsymbol; silbrig-glänzend miten. Auch in Deutschland kommt es ter Windstrom eingesetzt werden. Heute
24,305 . . . . Relative Atommasse vor; zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt wäre das allerdings noch nicht wirtschaft-
Magnesium als das „Deutsche Metall“. lich. Anders am Toten Meer: Dank des
hohen Salzgehalts gewinnt dort ein israe-
Text: Dirk Böttcher
Wer verkauft es? lisches Unternehmen bis zu 30 Kilogramm
pro Kubikmeter. Die Firma kooperiert mit
Anfang des Jahrtausends noch viele Unter- Volkswagen; durch den Ausbau der Elek-
nehmen – dann begann China ein ruinö- tromobilität steigt der Bedarf an Autos in
Die besondere Eigenschaft ses Preis-Dumping. Heute ist die Produk- Leichtbauweise.
tion in Norwegen, Kanada, in den USA Für die Luftfahrt wird erforscht, wie
Magnesium ist sehr reaktiv, der Schmelz- und Australien stark eingeschränkt. Einer Magnesium durch Zugabe von Nanoparti-
punkt mit 650 Grad Celsius sehr niedrig. der größten chinesischen Anbieter ist die keln, etwa aus Keramik, hitzebeständiger
Das unedle Metall ist im festen Zustand China Magnesium Corporation. In Euro- werden kann, um zum Beispiel Triebwerke
stabil, als Pulver oder aufgeschmolzen pa gibt es mit der zur britischen Luxfer daraus zu konstruieren. Flugzeugbauer
kann es sich selbst entzünden. Magnesi- Gruppe gehörenden Magnesium Elektron wollen Magnesiumlegierungen auch für
um ist extrem leicht: Es wiegt ein Drittel einen großen Anbieter, der den Rohstoff Sitzschalen einsetzen, um mehrere Hun-
weniger als Aluminium. aber auch aus China bezieht. Der größte dert Kilo pro Jet zu sparen.
deutsche Händler, Magontech, ist in aus- Als vielversprechend gilt Magnesium
Wer braucht es? tralischem Besitz. auch für die Medizintechnik. Denn es löst
sich in feuchter Umgebung auf, ist im
Branchen, die Gewicht sparen müssen wie Der Weltmarkt … menschlichen Körper ungiftig und wird
Foto: © Science Photo Library

die Raum-, Luftfahrt und Autoindustrie. dort abgebaut oder ausgeschieden. So


Am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht bei … ist mit etwa 85 Prozent der Jahrespro- müssten Implantate aus Magnesium – wie
Hamburg zeigen Wissenschaftler, dass man duktion von knapp 1 000 000 Tonnen in zum Beispiel Schrauben zur Fixierung ge-
ein Auto aus vielen Magnesiumteilen kon- chinesischer Hand. Industriell gehandelt brochener Knochen – nach einer Opera-
struieren kann. wird Magnesium in Form von acht Kilo- tion nicht mehr entfernt werden. –

16 brand eins 06/18


Sie finden uns in:
Hannover
Braunschweig
Die norddeutsche Art.
Bremen
Düsseldorf
Hamburg
Magdeburg
München
Oldenburg
Schwerin
Stuttgart

Wir unterstützen Sie,


Ihre unternehmerische Zukunft zu sichern.

Mit individuellen Finanzkonzepten der NORD/LB ergeben sich für mittel-


www.q-gmbh.com

TU˜OEJTDIF6OUFSOFINFOOFVF1FSTQFLUJWFO%BCFJQSPÝUJFSFO4JFBMT'JSNFO
kunde von partnerschaftlicher und verlässlicher Beratung aus einer Hand.
8JFL©OOFOXJS4JFCFJEFS4JDIFSVOH*ISFSVOUFSOFINFSJTDIFO;VLVOGUVOUFS
TU¯U[FO 6OTFSF"OTQSFDIQBSUOFSÝOEFO4JFVOUFSXXXOPSEMCEFÝSNFOLVOEFO
Wirtschaftsgeschichte

Zeit ist Geld


Frederick W. Taylor wollte Arbeit so effizient wie möglich machen –
nicht zur Freude der Arbeiter.

Text: Ingo Malcher


Schaute anderen gern bei der Arbeit
zu: Frederick Winslow Taylor (o.).
Wurde zum Studienobjekt: ein Arbeiter
der Bethlehem Steel Cooperation
um das Jahr 1937

18 brand eins 06/18


• In seinen Schriften nannte Frederick Taylor wurde 1865 in Germantown nur die Geschwindigkeit, mit der Eisen-
Winslow Taylor den Mann „Schmidt“, in im US-Bundesstaat Philadelphia als Sohn barren auf Güterwaggons geladen wur-
Wirklichkeit aber hieß er Henry Noll. einer wohlhabenden Quäker-Familie ge- den, verdreifachte. Taylor entwickelte
Der war dem Forscher Taylor im Jahr boren. An der Phillips Exeter Academy in auch ein System, mit dessen Hilfe die
1898 unter den Arbeitern der Bethlehem New Hampshire lernte er, dass Leistung Produktion geplant wurde. Damit konnte
Steel Corporation in Pennsylvania aufge- Arbeit geteilt durch Zeit ist, als sein das Management zu jeder Zeit feststellen,
fallen, weil er selbst nach einem langen Mathematiklehrer stoppte, wie lange die welche Menge Stahl zu welchem Preis
Arbeitstag nicht müde war und schnellen Schüler zum Lösen von Aufgaben brauch- hergestellt wurde – und sofort reagieren,
Schrittes nach Hause ging. Offenbar laste- ten. Nach dem Abschluss schaffte Taylor wenn etwas nicht stimmte. In dieser Zeit
te Noll der Job nicht aus. Das war fast ein die Aufnahmeprüfung für Harvard, ent- gelang Taylor praktisch alles, so wurde er
Wunder, denn der bestand darin, Eisen- schied sich aber für eine Lehre als Werk- nebenbei auch amerikanischer Tennis-
barren auf Güterwaggons zu stapeln. zeugmacher. Nach der Ausbildung wech- meister im Herren-Doppel.
Zwölfeinhalb Tonnen Eisen konnte selte er zu Midvale Steel, dessen Präsident Aber er war ebenso detailverliebt wie
ein ungelernter Arbeiter am Tag bei Beth- ein guter Freund seiner Eltern war. herrschsüchtig. Regelmäßig geriet er mit
lehem verladen. Aber Taylor war sich si- Bei Midvale Steel Works kannten sie anderen Managern in Streit und wurde
cher, dass da noch mehr möglich war. Taylor als den Mann mit der Stoppuhr. In daher 1901 bei Bethlehem gefeuert.
Also stellte er sich mit einer Stoppuhr an der Fabrik wurden unter anderem Dampf- Im Alter von 45 Jahren hatte Taylor
die Verladerampe, teilte die Tätigkeit in turbinen gefertigt, gigantische Maschinen, mehrere Beteiligungen an Industrieunter-
unterschiedliche Abschnitte ein und fand deren Herstellung aufwendig und teuer nehmen und genug von der Arbeit. Er
bald heraus, welche Handgriffe und Wege war. Man konnte mit ihnen viel Geld ver- entschied sich, in Rente zu gehen und an
die Arbeit beschleunigten. dienen und ebenso viel verlieren. seinem Buch über die „Grundsätze der
Dann versprach Taylor Noll, ihm mehr Als Produktionschef war Taylor da- wissenschaftlichen Unternehmensfüh-
Fotos: © Margaret Bourke-White / The LIFE Picture Collection / Getty Images (l.); mauritius images / Paul Fearn /Alamy (l. o.)

Lohn zu zahlen. Seine einzige Bedingung: von besessen zu erfahren, für welchen rung“ zu arbeiten. Das Werk erschien im
Der Arbeiter müsse mehr Eisen pro Tag Handgriff ein Arbeiter wie viel Zeit Jahr 1911 und wurde der erste Wirt-
verladen als bisher. Noll war einverstan- brauchte. Daher sah man ihn im Jahr schaftsbuch-Bestseller überhaupt.
den, und Taylor wies ihn an, kürzere Wege 1881 oft mit einer Stoppuhr und einem Seinem Autor brachte die Schrift
zu gehen und kürzere Pausen zu machen. Notizblock durch das Werk laufen. Tay- Ruhm ein. Der Begriff des Taylorismus
Am Ende schaffte Noll 47 Tonnen Eisen lor protokollierte einzelne Tätigkeiten. steht seitdem für effiziente Betriebsfüh-
täglich. Statt 1,50 Dollar pro Tag verdiente Er stellte sich neben Arbeiter, die aus rung. Und selbst der russische Revo-
er nun 1,85 Dollar. runden Stahlplatten Zähne für ein Zahn- lutionär Wladimir Iljitsch Lenin hatte es
Taylor war der Begründer der betriebs- rad herausschnitten. Er notierte sich jede offenbar gelesen. Jedenfalls versuchte er,
wirtschaftlichen Arbeitswissenschaft und Bewegung und stoppte, wie viele Sekun- sowjetische Arbeiter davon zu überzeu-
einer der ersten Management-Berater. Ar- den sie dauerte. gen, „jeden wissenschaftlichen und fort-
beit war für ihn nicht einfach nur Arbeit, Die Gewerkschaften hassten ihn für schrittlichen Vorschlag des Taylor-Sys-
sondern eine Abfolge von Tätigkeiten, die seinen Drang, alles effizienter und tems auszuprobieren“.
genau untersucht werden mussten. Er schneller zu machen. Das Management Und Henry Noll? Ihn hatte Taylor in
wollte die Fabrik als System verstehen, aber schätzte ihn, schließlich gelang es dem Buch als einen Mann beschrieben,
von den Entscheidungen des Manage- Taylor, bei Midvale die Produktivität zu „der so dumm ist, dass er die meisten Ar-
ments und des Vertriebs bis zur Produk- verdoppeln. beiten nicht ausführen konnte“.
tion. All diese Abläufe so effizient wie Mit dieser Referenz wurde er im Jahr Dass der Arbeiter einen Schulabschluss
möglich zu gestalten war sein Ziel. Letzt- 1890 Chef der Manufacturing Investment hatte, verheiratet war und ein Haus gebaut
endlich wollte Taylor beweisen, dass „das Company und begann, Unternehmen hatte, interessierte Frederick W. Taylor
beste Management eine wahre Wissen- dabei zu beraten, wie sie ihre Prozesse nicht. Noll, der hart dafür geschuftet hat-
schaft ist, der klar definierte Gesetze zu- verbessern konnten. So kam er auch zur te, Taylors Thesen zu bestätigen, wurde
grunde liegen“, wie er später schrieb. Bethlehem Steel Corporation, wo er nicht nur 53 Jahre alt. –

brand eins 06/18 19


Was Wirtschaft treibt

Vertraut den Daten!


Mit der Blockchain
ist mehr möglich
als nur der Handel
mit Bitcoin & Co.
Die Pioniere der
Technik versprechen
nicht weniger als
eine neue Welt-
wirtschaftsordnung.

Text: Sarah Sommer


Fotografie: Marina Rosa Weigl, Max Zerrahn

Demonstriert Seriosität mit Fischertechnik:


Stephan Noller und sein Modell (unten)
Zwei sehr selbstbewusste Unternehmer: Stephan Noller und Robert Küfner (rechts)

• Die Revolution der Weltwirtschaft kommt daher wie ein gehe weit über die Abwicklung von Finanztransaktionen hinaus,
Projekt für „Jugend forscht“. Ein Schreibtisch in der Ecke eines sagt Noll. Denn sie beruhe auf drei Prinzipien, „die in unserer
Konferenzraums, darauf zwei Konstruktions-Sets aus einem vernetzten Wirtschaftswelt immer wichtiger werden: Dezentra-
Fischertechnik-Baukasten – schwarzrote Bauteile, zusammen- lität, Vertrauen und Sicherheit“.
gesteckt zu Roboterarmen, Transportbändern, einer Stanzma- Die kleine Demonstrationsanlage dient ihm und seinem
schine. „Hier links“, sagt Stephan Noller, „das ist, sagen wir mal, Team auch dazu, ihre Seriosität zu unterstreichen. „Es ist sehr
eine Fabrik in Shenzhen, die stellt Autoteile her.“ Auf der anderen wichtig, dass wir etwas ganz Praktisches zeigen können, etwas
Seite des Schreibtisches Bausatz Nummer zwei: „ein Autoherstel- zum Anfassen“, sagt Noller. Das Blockchain-basierte Fertigungs-
ler in Süddeutschland.“ Dazwischen, unsichtbar: eine Kette von modell, das er Maschinenbauern, Automobilherstellern und an-
Datenpaketen, die die beiden Fabriken, Maschinen und produ- deren Industrieunternehmen schmackhaft machen will, soll Fol-
zierten Teile miteinander verbindet. Die Blockchain. gendes können: „Wenn unsere chinesische Fabrik hier ein Teil
Während alle Welt noch darüber diskutiert, wie lange der produziert, etwa einen Kotflügel, dann loggt sie gleichzeitig
Hype um Krypto-Währungen wie Bitcoin oder Ether wohl noch über die Blockchain sämtliche Fertigungsdaten in eine öffent-
anhalten wird, wie viele Menschen die Spekulation mit dem liche Blockchain ein.“ Das heißt: Die Daten werden in verschlüs-
regierungs- und bankenunabhängigen Digitalgeld reich machen selten Datenblocks verpackt und dezentral auf Rechnern welt-
wird und wie viele Anleger ruiniert sein werden, wenn die Blase weit gespeichert. „Der kryptografische Schlüssel zu diesen
platzt, arbeiten Unternehmer wie Stephan Noller mit seiner Fir- Daten reist aber auf einem Chip oder Sensor mit, der fest in dem
ma Ubirch daran, die Technik hinter den virtuellen Währungen jeweiligen Teil verbaut ist“, fährt Noller fort. Welche Toleranz-
für handfeste Geschäfte nutzbar zu machen. Sie funktioniert so: werte wurden bei der Fertigung erreicht? Wie viel Energie wur-
Daten werden in miteinander verknüpften Blocks verpackt, ver- de für die Produktion dieses Teils verbraucht? Wann, wo, von
schlüsselt und weltweit verteilt. Das Potenzial der Blockchain welcher Maschine, in welcher Fabrik wurde es hergestellt? All

22 brand eins 06/18


diese Daten werden mit dem Kotflügel bis in die Fabrik beim nung könne alles automatisiert über die Blockchain erfolgen –
süddeutschen Automobilhersteller mitgeliefert. „es reicht, dass sich die Maschinen gegenseitig vertrauen“.
Weil die Daten unveränderbar bei der Herstellung des Teils Auch könnten Unternehmen ihre Geschäftspartner jederzeit
erzeugt und in der Blockchain abgelegt wurden, kann man die- wechseln. „In einer Blockchain-basierten, dezentralen, weltwei-
sen Informationen vertrauen. „Die Maschine vor Ort, die das ten Datenbank könnten Unternehmen einer Branche Informa-
Teil weiterverarbeitet, liest diese Daten automatisch aus – und tionen darüber freigeben, welche Fertigungskapazitäten ihre Ma-
passt eigenständig die Weiterverarbeitung des Kotflügels ent- schinen gerade haben“, sagt Noller. „Diese Kapazitäten könnten
sprechend an“, sagt Noller. Hersteller dann automatisiert buchen – just in time.“
Das klingt zuerst einmal: praktisch. Viele Fertigungsabläufe Noller ist Psychologe und hat als Vizepräsident des Bundes-
könnten dank eines automatisierten Datenaustauschs zwischen verbands Digitale Wirtschaft (BVDW) schon genug Gespräche
Maschinen effizienter und sicherer werden. „Der Blockchain- mit Politikern und Unternehmern geführt, um zu wissen, dass
basierte Datenfluss kann aus unserer Sicht aber viel mehr verän- ein solches Szenario eine Zumutung ist: für mittelständische
dern als das“, sagt Noller. „Was wir hier entwickeln, könnte die Zulieferer, die um ihre Geschäftsgeheimnisse und um lang ge-
Zusammenarbeit in industriellen Wertschöpfungsketten grund- pflegte Beziehungen bangen. Für Konzerne, die nicht bereit sind,
legend verändern.“ Denn die Blockchain fungiere „wie eine Art ihre Daten preiszugeben. Für Betriebsräte, die fürchten, dass mit
digitaler Notar, der alle relevanten Informationen und Transak- den Maschinendaten auch Daten über die Leistungsfähigkeit
tionen mitschreibt und beglaubigt“. So brauche der Automobil- von Arbeitern verknüpft werden. Noller ist sich bewusst, dass er
hersteller seinen chinesischen Lieferanten nicht mehr persönlich von der Verwirklichung seiner Idee noch weit entfernt ist.
kennenzulernen, um mit ihm Geschäfte zu machen. Von der „Aber das liegt nicht an der technischen Machbarkeit. Die
Auftragsvergabe über die Qualitätskontrolle bis zur Abrech- Technik, die wir als Baukastenmodell auf dem Schreibtisch >

GLOSSAR

Die Technik ist noch neu, („Nodes“) verteilt. Bei die- chainbasierten Verträge Tagesgeschäftes soll damit Kryptokatze
hat aber schon allerhand sem Prinzip braucht es können auch in andere überflüssig werden. Eine der erfolgreichsten
Fachbegriffe hervor- keine „Miner“ (Schürfer), die Software-Anwendungen Anwendungen auf der
gebracht. Hier sind die neue Datenblocks mit viel und digitale Geschäfts- ICO Blockchain-Plattform
wichtigsten. Rechenleistung produzie- modelle integriert werden. Bei einem Initial Coin Of- Ethereum war im vergan-
ren. Stattdessen muss jeder fering (ICO) werden quasi genen Jahr das Sammler-
Distributed Ledger Nutzer, der eine Transak- DApps digitale Wertpapiere auf- spiel Cryptokitties. Nutzer
ist der Oberbegriff für de- tion abschließen will, zuvor sind dezentralisierte, auto- gelegt. Viele Krypto-Start- können mit dieser Anwen-
zentral gesteuerte und welt- zwei weitere Transaktionen nom arbeitende Apps, also ups finanzieren sich und dung virtuelle Kätzchen
weit verteilte Datenbank- validieren. Dadurch soll Anwendungen. Anders als ihre Projekte über diesen züchten und mit ihnen
systeme, zu denen auch die das Netz unendlich wach- klassische Apps werden sie Weg. Eine Firma erzeugt handeln. Die teuersten
Blockchain-Technik zählt. sen können – und weniger Open Source entwickelt, sogenannte digitale Token Kätzchen werden derzeit
Viele Fachleute benutzen Energie und Rechen- alle Daten und Protokolle (vergleichbar mit Coupons) für sechsstellige Summen
lieber den Oberbegriff. leistung verbrauchen als werden öffentlich in einer und verkauft sie anschlie- verkauft. Das kanadische
Zum einen, um sich vom klassische Blockchains. Blockchain gespeichert. ßend. Da ICOs weitgehend Design-Studio Axiom Zen,
umstrittenen Geschäft mit Eine DApp erzeugt Token unreguliert sind, ist dieses das sich den viralen Block-
Krypto-Währungen abzu- Smart Contracts – eine Art digitaler Anteils- Krypto-Crowdfunding chain-Hit ausgedacht hat,
grenzen. Zum anderen, Krypto-Währungsplattfor- scheine an dem Projekt, umstritten und gilt als hat gerade zwölf Millionen
weil inzwischen komple- men wie Ethereum bieten über die Nutzer Zugang höchst riskantes Invest- Dollar Risikokapital
xere Varianten der Technik Entwicklern die Möglich- zur Anwendung erhalten. ment. Dennoch wächst der erhalten, um weitere
entwickelt werden. keit sogenannter Smart ICO-Markt rasant. In den Blockchain-basierte Spiele
Contracts. Eine beliebige Decentralised Autono- ersten drei Monaten des zu entwickeln. Die sollen
Tangle Transaktion – das kann mous Organization (DAO) Jahres 2018 sammelten laut den Gründern nicht
ist eine dieser Weiterent- zum Beispiel der Kauf eines Eine DAO ist eine neue Unternehmen auf diese Art nur die Games-Industrie
wicklungen. Anders als bei Produkts oder einer Dienst- Form der Organisation, bereits mehr Kapital ein auf den Kopf stellen –
der Blockchain werden leistung sein – wird auto- deren Geschäftsordnung, als im gesamten Vorjahr. sondern vor allem auch
Transaktionsdaten nicht matisch unter der Voraus- Gesellschaftsvertrag oder Den Rekord für die größte Spielern außerhalb der
chronologisch hintereinan- setzung abgewickelt, dass Satzung durch einen Smart Token-Platzierung hält Krypto-Szene das
der angeordnet, sondern in alle beteiligten Parteien die Contract festgelegt und bislang der Messaging- Blockchain-Prinzip
einem netzwerkartigen zuvor in der Blockchain automatisch ausgeführt Dienst Telegram mit einem verständlich machen.
Gewirr („Tangle“) mit viel- niedergelegten Konditionen werden. Ein zentral orga- Volumen von umgerechnet
fältigen Knotenpunkten erfüllt haben. Solche block- nisiertes Management des 850 Millionen Euro.

brand eins 06/18 23


stehen haben, wird schon
dieses Jahr in einer realen
Fabrik arbeiten“, sagt er. In-
genieure der Rheinisch-
Westfälischen Technischen
Hochschule (RWTH) in
Aachen wollen 2018 mit
einem selbst entwickelten
Elektroauto, dem Kleinwa-
gen E-Go Life in Serie
gehen. „Wir arbeiten daran,
dass die Fertigungsmaschi-
nen in der Aachener Fabrik
über unsere Blockchain-
Technologie bald miteinan-
der kommunizieren wer-
den.“ (Siehe auch: brand eins
03/2017: „Ich muss den Im-
puls setzen, sonst glaubt
Berät Krypto-Gründer: die Rechtsanwältin Nina-Luisa Siedler mir das keiner“.) *
Noller ist nicht der Ein-
zige, der derzeit an solchen
Pilotprojekten arbeitet. Auch Entwickler und Unternehmer aus
der Krypto-Szene wenden sich nun der Industrie zu. Und das mit
DER PLATZHIRSCH großem Selbstbewusstsein. „Ich möchte jetzt wirklich nicht
arrogant rüberkommen“, sagt etwa Robert Küfner. „Aber wir
Die Ethereum-Plattform ist bei Entwicklern derzeit das beliebteste
sind diejenigen, die diese Technik verstehen und die Anwendun-
Blockchain-System. Sie profitiert von Netzwerkeffekten: Jedes
neue Ethereum-Entwicklungsprojekt trägt dazu bei, dass die bestehenden gen in der Realwirtschaft umsetzen können.“
Projekte an Wert gewinnen. Das Wachstum fördert nicht zuletzt Der 30-Jährige ist einer der Pioniere, die früh in das Geschäft
die Enterprise Ethereum Alliance (EEA): Zahlreiche internationale mit Krypto-Währungen eingestiegen sind – und damit sehr
Großkonzerne haben Ethereum zur Blockchain ihrer Wahl
erklärt und sich zu einem Konsortium zusammengeschlossen, das
schnell sehr viel Geld verdient haben. Mit seinem Unternehmen
die Nutzung der Technik vorantreiben soll. nakamo.to und einer eigens zu diesem Zweck gegründeten bör-
sennotierten Gesellschaft, der Advanced Blockchain AG, will
Küfner Unternehmer bei Blockchain-Anwendungen beraten. „Es
ist nicht etwa so, dass wir als Start-up jetzt mit unseren Ideen
rumrennen und bei den Konzernen Klinken putzen“, sagt Küfner.
DIE ZEHN GRÖSSTEN BLOCKCHAIN-SYSTEME „Es ist umgekehrt – die Konzerne kommen zu uns. Wir können
uns Projekte und Partner aussuchen. Wir bestimmen das Tempo,
Mindestzahl an Entwicklern
wir bestimmen die Themen, die wir umsetzen wollen.“
Ethereum 991 Denn es gebe nur wenige Fachleute, die entsprechende Pro-
Stellar 242 jekte auch tatsächlich umsetzen könnten. Oder: umsetzen woll-
Litecoin 184 ten. „Monetär sind Krypto-Entwickler kaum zu motivieren“,
Ripple 176 sagt Küfner. „Zum einen haben viele mit Krypto-Währungen so
Bitcoin 170 viel verdient, dass sie eigentlich nicht mehr arbeiten müssten.“
EOS 162
Zum anderen könnten sich Kenner der Szene Kapital relativ ein-
Cardano 146
IOTA 125 fach über einen ICO beschaffen, wobei quasi digitale Wertpapie-
NEO 122 re aufgelegt werden (siehe Glossar).
Bitcoin Cash 22 „Und man darf auch nicht vergessen, dass die ganze Krypto-
Szene eigentlich eine politische Bewegung ist“, sagt Küfner.
Quelle: Crypto Code Watch (Stand: 11. Mai 2018) „Viele der kreativen und genialen Köpfe aus dieser Szene >

24 brand eins 06/18


ALLIANZEN

Unternehmen und Institu- Beratungsunternehmen, Beteiligt sind die Deutsche Alternative zu klassischen EU-Blockchain
tionen wie die EU sowie Medien- und Pharma-Kon- Börse, SAP, Daimler, Blockchain-Techniken – Die EU hat im Februar das
die Vereinten Nationen zerne sowie Firmen aus der Airbus, J.P. Morgan und das „Tangle“ genannte Netz weltweit aktive Ethereum-
kooperieren mit Software- Industrie. EEA-Arbeits- der chinesische Such- (siehe Glossar) soll schneller Start-up Consensys als
Entwicklern, um Standards gruppen arbeiten an maschinenkonzern Baidu. wachsen können. Bosch hat Partner für ihr „EU Block-
für Blockchain-Anwendun- Anwendungen für ein Unternehmen wie die sich mit seiner Risikokapi- chain Observatory and Fo-
gen in ihren jeweiligen sehr breites Feld unter- Deutsche Bank, HSBC talgesellschaft RBVC auch rum“ ausgewählt. 22 EU-
Branchen und Einfluss- schiedlicher Branchen und und Unicredit haben ange- direkt an IOTA beteiligt. Staaten wollen unter dem
gebieten zu erarbeiten so- Themenbereiche. kündigt, auf Basis von Zahl der Mitglieder: Dach der Initiative koope-
wie die Weiterentwicklung Zahl der Mitglieder: Hyperledger eigene Block- rund 30 rieren und Pilotprojekte für
der Technik in ihrem Sinne rund 300 chain-Anwendungen zu Wirtschaft und Verwaltung
zu beeinflussen. Wer setzt entwickeln. Deutsche Telekom Block- entwickeln.
auf welche Technik? Das Hyperledger Netz- Zahl der Mitglieder: chain Group
werk mehr als 200 Der Konzern hat im UN-Blockchain
Die Enterprise Ethereum versteht sich als Dach- November 2017 mit seiner Auch die Vereinten Natio-
Alliance (EEA) organisation, unter der Trusted IoT Alliance Tochter T-Labs eine klei- nen (UN) setzen auf Ethe-
Die Plattform Ethereum verschiedene Open- Bosch hat im September nere Gruppe gegründet, der reum-Anwendungen, um
ist bei Entwicklern sehr Source-Blockchains weiter- 2017 gemeinsam mit Cis- sich Berliner Krypto-Start- die internationale Zusam-
beliebt, weil sie die Mög- entwickelt werden. Die co, dem Finanzdienstleister ups wie BigchainDB, menarbeit bei Projekten
lichkeit bietet, sogenannte Initiative wurde 2016 von BNY Mellon und einer IOTA, Jolocom und Riddle wie der Klimaschutz-Agen-
Smart Contracts und Nutzern der freien Soft- Reihe von Krypto-Start- & Code angeschlossen da oder bei der Flüchtlings-
DApps zu entwickeln (siehe ware Linux ins Leben ups die Trusted IoT Alli- haben. Die Idee: Entwick- hilfe effizienter zu gestalten.
Glossar). Die im Frühjahr gerufen. Im Fokus des ance gegründet. Dort sollen ler können über den Flüchtlinge können in UN-
2017 gegründete Enterprise Konsortiums stehen vor allem Anwendungen „Stack“ der Blockchain Camps etwa mit Krypto-
Ethereum Alliance (EEA) Anwendungen für die rund um das Internet der Group Anwendungen ent- Gutscheinen bezahlen.
bezeichnet sich selbst als Finanz- und Gesundheits- Dinge sowie die Industrie wickeln, die verschiedene Außerdem arbeitet die UN
„weltgrößte Open Source branche sowie das 4.0 entwickelt werden. Die Distributed-Ledger- an einer blockchain-
Blockchain Initiative“. Lieferkettenmanagement beteiligten Firmen setzen Techniken kombinieren. basierten, weltweit gültigen
Mitglieder sind Tech-Kon- von Industrie- und auf die Krypto-Währung Sie müssen sich nicht digitalen Identität.
zerne wie Microsoft, Cisco, Handelsunter nehmen. IOTA, hinter der die Ber- auf ein System festlegen.
Samsung und Intel, Roh- Neben den Linux-Leuten liner IOTA Foundation
stoffkonzerne wie BP und ist IBM ein maßgeblicher steht. IOTA versteht sich
Shell, diverse Großbanken, Akteur in dem Netzwerk. als Weiterentwicklung und

Finanzierung von Blockchain-Firmen durch Risikokapital


im Vergleich zu ICOs, in Milliarden Dollar

2,8

KRYPTO-KAPITAL Finanzierung
durch Risikokapital

Finanzierung
1,6
Die Gründer von Blockchain-Start-ups stammen oft durch ICOs
selbst aus der Entwickler-, Schürfer- und Spekulanten-
Szene, die rund um die Krypto-Währungen wie
1
Bitcoin und Ether entstanden sind. Viele stecken ihr
Geld in ihre Unternehmen. Wenn sie zusätzliches
Kapital brauchen, setzen sie selten auf klassische Risiko-
kapital-Investoren – und zapfen stattdessen über 0,4
0,3
Initial Coin Offerings (ICOs) direkt die liquide Krypto- 0,2
0,1 0,1 0,1
Gemeinschaft an. Diese finanzielle Unabhängigkeit
von klassischen Investoren sorgt für Selbstbewusstsein 3. Quartal 4. Quartal 1. Quartal 2. Quartal 3. Quartal 4. Quartal
bei den Gründern. 2016 2016 2017 2017 2017 2017

brand eins 06/18 Quelle: CB Insights 25


würden niemals bei einem Konzern anheuern. Die sind Anti- kamp weiter aus. „Unsere Vision ist, dass jeder Mensch, jedes
Government, oft auch Antikapitalismus, stammen aus der glei- Unternehmen, jede Institution und jedes Ding eine eigene, unver-
chen Bewegung wie Occupy Wall Street oder der Piratenpartei fälschbare und eindeutige digitale Identität bekommt. Und dass
hier in Deutschland.“ Mit einem Unterschied: Während Occu- diese Identität auch vom Gesetzgeber, von Behörden und Ver-
py-Aktivisten und Piraten inzwischen wieder weitgehend ver- waltungen anerkannt wird. Erst auf dieser Basis können Block-
schwunden sind, wollen die Krypto-Propheten jetzt erst richtig chain-Anwendungen wirkliche Breitenwirkung bekommen.“
loslegen – und die Wirtschaftswelt verändern. Hoffnung machen ihm Politiker wie der französische Präsi-
Wo Start-ups aus der Szene und etablierte Unternehmen zu- dent Emmanuel Macron, der dem Thema wohlwollend gegen-
sammenkommen, prallen daher oft Welten aufeinander, berich- übersteht. „Wenn einer wie Macron sagt: Wir machen in Zu-
tet Nina-Luisa Siedler. Die auf Finanztransaktionen spezialisierte kunft Regierungsprojekte Open Source und erwarten auch von
Berliner Rechtsanwältin kam vor einigen Jahren eher zufällig auf Unternehmen, dass sie ihre Algorithmen transparent machen
das Thema Blockchain, als sie sich mit Fintechs befasste – und und Daten teilen – dann ist das ein wichtiges Signal für Unter-
verbringt heute ihre Zeit damit, ICOs zu organisieren und Kryp- nehmen und Entwickler weltweit, dass Politiker in Europa ver-
to-Gründer zu beraten. „Ich hatte mich anfangs mit ein paar Be- stehen, worum es geht.“
kannten aus der Szene hier in Berlin zusammengesetzt und mir Ein ähnliches Signal erhofft er sich von der deutschen Politik.
erklären lassen, was die da eigentlich machen“, erinnert sie sich. „Ich bin vorsichtig optimistisch, dass sich etwas tut. Im Koali-
„Die sagten irgendwann einfach nur: Sorry, Nina, aber dein tionsvertrag taucht ja immerhin schon sechsmal das Wort Block-
Recht ist für uns nicht attraktiv.“ Sie aber werbe dafür, sich mit chain auf.“ Noch besser als Absichtserklärungen wären aber kon-
rechtlichen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen, wenn krete, staatlich geförderte Projekte: „Warum nicht zum Beispiel
man in der realen Welt etwas verändern wolle. das geplante EU-weite Drohnen-Register von Anfang an auf
„Seit ein paar Monaten sehen wir etliche Projekte aus unter- Blockchain-Basis umsetzen?“, fragt er. „Jede Drohne hätte immer
schiedlichen Branchen, in denen Krypto-Entwickler und etab- noch ein klassisches Nummernschild, aber wichtiger wäre der
lierte Unternehmen zusammenarbeiten wollen“, berichtet Sied- Blockchain-Chip oder -Sensor, der darin verbaut wäre und jeder-
ler. Das Verständnis füreinander sei aber noch begrenzt: „Die zeit einer Person oder Organisation zugeordnet werden könnte.“
Konzerne wollen ihre Geschäftsmodelle beibehalten, ihre eige- Ein solches Projekt könnte seiner Ansicht nach Signalwirkung
nen Standards setzen, ihre Profite absichern.“ Es ginge ihnen haben. „Die politischen Entscheider würden damit zeigen, dass
meist darum, „eine dezentrale Infrastruktur zu nutzen, um sie dieses Mal die Digitalisierungswelle nicht verschlafen wollen.
einige Abläufe effizienter zu gestalten“. Die Entwickler in den Und dass sie Rahmenbedingungen schaffen, mit denen Block-
Krypto-Start-ups auf der anderen Seite versuchten die Großun- chain-Anwendungen rechtssicher umsetzbar werden.“ –
ternehmen davon zu überzeugen, alle ihre Datensilos zu öffnen
und auf der Basis von Open-Source-Techniken zusammen zu- * b1.de/eGO_ Life
arbeiten. Ambitionierte Projekte etwa zur Künstli-
chen Intelligenz brauchen ungeheure Datenmengen.
„Ein einzelnes Unternehmen kann die nicht schnell Hofft auf Rückenwind aus der Politik: der Lobbyist Joachim Lohkamp
genug sammeln“, sagt Siedler. Daher sollten die Fir-
men ihre Daten auf offenen Plattformen teilen – wo
kein einzelner Beteiligter die Kontrolle hat.
Doch zu so weitreichenden Schritten seien der-
zeit nur wenige Unternehmen bereit, sagt Joachim
Lohkamp, Gründer des Berliner Blockchain-Start-
ups Jolocom und Schatzmeister im Lobbyverband
der Krypto-Szene. „Damit die Blockchain-Techno-
logie ihr volles Potenzial entfalten kann, müssen erst
einmal alle Beteiligten verstehen, worum es eigent-
lich geht – Unter nehmen ebenso wie Politiker und
Konsumenten“, sagt er. „Der große Vorteil der
Blockchain ist, dass Datenflüsse transparenter und
leichter teilbar werden. Dass ich aber gleichzeitig die
volle Kontrolle darüber behalten kann, welche Da-
ten ich wann und wo mit wem teile“, führt Loh-

26 brand eins 06/18


„Das Argument
der Demokratisierung
ist nur vorgeschoben“
Der Technikphilosoph
Bruno Gransche, wissen-
schaftlicher Mitarbeiter
am Forschungskolleg
„Zukunft menschlich
gestalten“ der Universität
Siegen, teilt die
Blockchain-Euphorie S U M M E R PA N T S

nicht.

brand eins: Herr Gransche, die Blockchain-Szene for-


dert: Rewrite everything! Das Ergebnis soll eine de-
zentrale, digitalisierte Ökonomie sein, in der jeder
mit jedem interagieren kann. Und in der wir weder
staatliche Instanzen wie Grundbuchämter und Zen-
tralbanken brauchen noch Mittelsmänner wie Nota-
re, Energieversorger oder Autovermieter. Das klingt
reizvoll, oder?
Bruno Gransche: Das Versprechen lautet, dass man
nicht mehr auf einzelne, veraltete, womöglich über-
forderte, vielleicht sogar korrupte Institutionen an-
gewiesen sei. Die Macht, die Entscheidungsgewalt,
die diese Institutionen haben, soll verteilt werden.
Der Hintergrund, vor dem solche Ideen Einfluss ge-
winnen, ist der eines generellen Vertrauensverlustes
in politische und wirtschaftliche Institutionen. Vie-
le Menschen sind auf der Suche nach neuen oder
aber wiedererstarkten alten Institutionen, denen sie
zutrauen, in einer globalisierten und digitalisierten
Welt Lösungen zu finden. Insofern entstehen Trends
wie der Blockchain-Hype aus ähnlichen Gründen
wie das derzeitige Erstarken nationalstaatlichen und
rechtspopulistischen Gedankenguts. Das sind Aus-
gleichsbewegungen zu einem teils gefühlten, teils
realen Kontroll- und Vertrauensverlust. Das Ver-
sprechen, auf diesem Wege die Kontrolle zu- >

alberto-pants.com
brand eins 06/18 27
keiten zu schaffen. Neue Eliten zu schaffen, die die
alten ablösen. Auch hier wird es Zugangsbeschrän-
kungen geben, denn Blockchain-Anwendungen
brauchen eine Infrastruktur. Und viel Energie, um
sie ins Laufen zu bringen, das haben wir schon bei
den ersten Anwendungen in der Finanzbranche
gesehen. Blockchains brauchen jede Menge Rech-
nerleistung. Und es erfordert ein sehr spezielles
Know-how, um diese Technologien zu gestalten
und zu nutzen. Was wir derzeit sehen, sind doch
in erster Linie privilegierte Akteure – diejenigen,
die sich mit der Technik auskennen und die Zu-
gang zur nötigen Infrastruktur haben. Sie wollen
ihre jeweiligen Geschäftsmodelle nun an den Mann
bringen.

Ist das nicht sehr pessimistisch gedacht?


Bestimmte Kompetenzen werden belohnt, andere
entwertet. So funktioniert Wandel in der Wirt-
schaft – ich sehe keine Gründe, warum es mit
Blockchain-Technologien anders laufen sollte.

Kontrolle ist besser, findet: Bruno Gransche Also die Revolution absagen?
Die Geschichte hat uns gelehrt, dass bei Revolu-
tionen immer auch Köpfe rollen. Ich sage nicht,
rückzugewinnen, halte ich allerdings für fragwür- dass die Technologie kein Potenzial hat. Aber wel-
dig. ches sich tatsächlich entfaltet, das hängt von
gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedin-
Wieso? gungen ab. Wenn wir als Gesellschaft sagen: Ja,
Das Blockchain-Versprechen ist das einer Dezent- wir wollen diesen Wandel, dann müssen wir dar-
ralisierung und Demokratisierung. Dieses Verspre- auf achten, dass wir dabei nicht lang und hart er-
chen hat schon einmal viele Menschen elektrisiert kämpfte gesellschaftliche Errungenschaften aufs
– in den Anfangszeiten des Internets. Was ist dabei Spiel setzen, sei es versehentlich, fahrlässig oder
herausgekommen? Neue starke, monopolitische gar absichtlich. Eine dieser Errungenschaften ist
Unter nehmen wie Facebook, Google, Amazon, die, dass wir Akteure, die gesellschaftlichen Wan-
die sich demokratischer Kontrolle und gesell- del gestalten, wählen oder durch gewählte Instan-
schaftlicher Verantwortung weitgehend entziehen zen kontrollieren. Dass diejenigen, die bei so ei-
können. Auch in der digitalen Welt gibt es Zu- nem Wandel abgehängt werden könnten, ein
gangsbeschränkungen, bilden sich Eliten, die die Einspruchsrecht haben – oder zumindest gehört
Profite abschöpfen. werden. Was hier geschaffen werden soll, sind
neue mächtige Cyber-Institutionen. Aber man
Die Blockchain soll diese Akteure ja entmachten: muss das mal realistisch sehen: Bei der Kontrolle
Onlineplattformen wie Facebook oder Amazon digitaler Institutionen sind wir noch sehr, sehr
würden ihren Einfluss – dank der Dezentralisierung schlecht. Wir können ja derzeit nicht einmal Unter-
und Fälschungssicherheit der Daten – verlieren. Das nehmen wie Facebook und Co angemessen kon-
eröffnet ganz neue Möglichkeiten. trollieren. Damit müssten wir anfangen: Kontroll-
Das mag sein. Ich befürchte allerdings, dass das möglichkeiten und Wissen aufbauen. Und den
Argument der Demokratisierung, der Liberalisie- Zugang zur Infrastruktur möglichst frei gestalten.
rung, für viele Akteure auf diesem Markt ein vor- Damit am Ende nicht diejenigen mit dem schnells-
geschobenes ist. Es geht darum, Profitmöglich- ten Rechner entscheiden, wessen Köpfe rollen. –

28 brand eins 06/18


Manchmal sind

Quelle: groupelephant.com © 2018 SAP SE oder ein SAP-Konzernunternehmen. Alle Rechte vorbehalten.
es die Stärksten
unter uns,
die am meisten
Hilfe brauchen.
Jedes Jahr sterben über tausend afrikanische
Nashörner und Elefanten durch Wilderei.
Die Hilfsorganisation „Elephants, Rhinos & People“
(ERP) rettet vom Aussterben bedrohte Tiere
mithilfe von SAP HANA®. Die Auswertung von
Drohnenaufnahmen und GPS-Daten ermöglicht,
die gefährdeten Tiere zu überwachen und vor
Wilderern zu schützen. Damit unser wertvolles
Ökosystem auch für zukünftige Generationen
erhalten bleibt. DIE BESTEN ORGANISATIONEN
VERÄNDERN DIE WELT.
Mehr unter sap.de/artenschutz
Blick in die Bilanz

Zahlt sich das


noch aus?
Seit mehr als 150 Jahren schicken Auswanderer
mit der Western Union Company Bargeld in
Milliardenhöhe nach Hause. Ein Auslaufmodell
in Zeiten digitaler Zahlungsmethoden?

Text: Patricia Döhle, Bettina Schulz

• Western Union ist ein Riese im Transfergeschäft. Jährlich


überweisen überwiegend Auswanderer über die weltweit gut
550 000 Zahlstellen des US-Geldhauses rund 82 Milliarden Dol-
lar an Angehörige in ihrer Heimat. In Nordamerika oder Europa
wird ein-, in sich noch entwickelnden Ländern wie Indien, Mexi-
ko, auf den Philippinen oder in Osteuropa ausgezahlt. Denn oft
verfügen weder der Absender noch der Empfänger über ein
Bankkonto. Western Union kassiert für jeden Transfer eine Ge-
bühr und kam mit 276 Millionen Transaktionen im Jahr 2017 auf
einen Umsatz von 5,5 Milliarden Dollar. Moneygram, der größte
Wettbewerber, schaffte nur 1,6 Milliarden Dollar. Dennoch war
2017 für den Marktführer kein besonders gutes Jahr, das Umsatz-
wachstum lag bei mageren zwei Prozent. Unterm Strich entstand
ein Verlust von 557 Millionen Dollar.

Sorgen muss man sich trotzdem nicht. Der Verlust ist Sonder-
faktoren geschuldet: zum einen eine hohe Steuerrückstellung,
zum anderen Wertberichtigungen in Höhe von 464 Millionen
Dollar in der Sparte Business Solutions, also Zahlungsverkehrs-
Angebote, die sich an Geschäftskunden richten. In dem Markt
erwies sich die Konkurrenz durch Banken und Start-ups als zu
stark, zuletzt rutschte der Bereich sogar in die roten Zahlen. Wes-
tern Union war dort eingestiegen, weil das Volumen von Trans-
fers durch Auswanderer weltweit stagnierte.

30
Was Wirtschaft treibt

Nun konzentriert sich die Firma wieder auf das Geschäft mit den
Auswanderern, und ihre Chancen stehen gut. Zwar bleibt der
Transfer-Markt volatil. Nach zwei Jahren der Schwäche stieg das
Volumen zuletzt wieder an. Die Weltbank warnt aber: Vorkeh-
rungen gegen Geldwäsche sowie die politische Stimmung gegen
Zuwanderer werden die Geldflüsse beeinträchtigen. Länder wie
die USA, Großbritannien und Saudi-Arabien bemühen sich schon
jetzt, ausländische Arbeiter loszuwerden. Doch für Western Uni-
on hat diese Entwicklung einen Vorteil: Sie hält die digitale Kon-
kurrenz, Start-ups wie Transferwise oder Azimo, auf Abstand.
Deren Geschäftsmodelle funktionieren über das Versprechen ge-
ringer Provisionen und über hohe Volumina. Wachsen sie nicht,
kommen sie aus den roten Zahlen nicht heraus. Anders Western
Union: In Jahren ohne Sonderfaktoren verdienen sie üppig, die
operative Marge (operatives Ergebnis als Anteil vom Umsatz)
liegt dann bei 23 Prozent.

Die Amerikaner sind so profitabel, weil sie durch ihre lange Tra-
dition auch dort präsent sind, wo digitale Technik noch fehlt,
etwa in Teilen Afrikas oder Lateinamerikas. Das Geschäft betrei-
ben kleine Händler vor Ort, die als Zahlstellen für Western Union
fungieren und Bares bereitstellen. Konkurrenz? Fehlanzeige. Ent-
sprechend hoch sind die Gebühren, die der Finanzriese verlangen
kann, sie betragen bis zu 20 Prozent der Transfersumme. Aller-
dings spürt Western Union trotzdem die zunehmende Konkur-
renz: In den vergangenen zehn Jahren sind die Gebühren für
private Geldtransfers laut der Weltbank im Schnitt um fast ein
Viertel gesunken. Daher bauen auch die Amerikaner zügig eine
Internet-Plattform auf. Der Umsatz dort wuchs 2017 mit 24 Pro-
zent pro Jahr. Er macht mittlerweile zehn Prozent der gesamten
Consumer-to-Consumer-Erlöse aus.

Der große Vorteil, den Western Union gegenüber der Internet-


Konkurrenz hat: Die Firma ist unabhängig. Während Transferwise,
der größte unter den digitalen Western-Union-Konkurrenten,
Ende 2017 erneut Mittel von Investoren in Anspruch nehmen
musste, dieses Mal in Höhe von 280 Millionen Dollar, erwirt-
schaftete der Traditionsanbieter weit mehr als das Doppelte aus
eigener Kraft. 736 Millionen Dollar betrug der operative Cash-
flow. Mehr als genug, um die jährlichen Investitionen zu finanzie-
ren, die zuletzt zwischen 150 und 100 Millionen Dollar schwank-
ten – und die Konkurrenz in Schach zu halten. –

Western Union wurde 1851 gegrün- Arbeitsmigranten, in 200 Ländern


det und stellte zehn Jahre später an mehr als 550 000 Zahlstellen
die erste landesweite Telegrafenlinie und 150 000 Geldautomaten Bargeld
fertig. Das Unternehmen baute ein- und auszahlen. Der Sitz des in
schnell ein Monopol für Telegrafen, New York börsennotierten Konzerns
Telegramme, später Faxe und ist in Colorado, er beschäftigt welt-
seit 1871 für Geldüberweisungen auf. weit rund 10 000 Mitarbeiter.
Heute können die Kunden, meist

31
Was Wirtschaft treibt

SERIE: Der Sinn eines Unternehmens


Folge 5: Start-ups

In Start-ups geht es immer nur um das eine:

Wachstum um jeden Preis


Text: Thomas Ramge
Fotografie: Nikita Teryoshin

Das Kapital

„Das Verhältnis von Gründern und Inves-


toren, das macht den Unterschied“, sagt
Christoph Keese. Der ehemalige Medien-
manager der Axel Springer AG hilft heute
als geschäftsführender Gesellschafter der
Digitalisierungsberatung Hy! etablierten
Unternehmen, ein bisschen mehr wie
Start-ups zu werden. Keese bringt das We-
sen der Firmengattung Start-up in einem
Begriff auf den Punkt: „das Kapital“. Da-
mit meint er die Mittel, die risikofreudige
Investoren einem Gründer mit einer Ge-
schäftsidee geben. Seiner Meinung nach
klärt die Kapitalfrage alle Unterschiede
zum klassischem Unternehmertum.
Der idealtypische Lebenszyklus eines
Start-ups sieht demnach so aus: Der Grün-
der hat eine Idee, wie er mithilfe digitaler
Technik einen neuen Markt schaffen oder
einen existierenden erobern kann. Er kon-
struiert einen Prototyp, ein sogenanntes
Minimal Viable Product (MVP). Das be-
kommt er finanziell noch mit eigenen Mit-
teln und der Hilfe von Familie und Freun-
den hin. Der Testballon zeigt im besten
Fall, dass die Idee funktionieren kann. Der
Jungunternehmer weiß, dass er schnell sein
muss, da andere Ähnliches vorhaben.
Organisches Wachstum wie bei klassi-
schen Mittelständlern, etwa mit einem
Bankkredit, ist keine Option. Ein Start-up
muss in kurzer Zeit groß werden – im
Fachjargon: skalieren –, damit es sich auf
schnell verändernden Märkten behaupten
kann. Dafür braucht der Gründer mehr
Kapital, als ihm eine Bank je leihen würde.
Nur ein sehr risikofreudiger Investor wird
ihm das Geld geben. Im Gegenzug muss
Der Einhorn-Erforscher: Julian Kawohl er dem Wagniskapitalgeber – englisch
Venture Capitalist (VC) – Anteile seiner
Firma überlassen. „Sobald ein VC in ein
Start-up einsteigt, ist alles Wirken und
Bestreben des Gründers darauf ausgerich-
tet, so schnell wie möglich zu wachsen. >
Denn je länger er braucht, desto mehr An-
teile muss er in weiteren Finanzierungsrun-
den abgeben“, sagt Christoph Keese.
Aus diesem Wachstumsimperativ er-
geben sich dann all die faszinierenden
Charakteristika eines Start-ups: die Beses-
senheit des Gründers, die schnell getroffe-
nen Entscheidungen in agilen Teams, die
Bereitschaft von jungen, talentierten Men-
schen, extrem viel zu arbeiten, und im Er-
folgsfall unfassbarer Reichtum für Grün-
der und Anteilseigner beim Börsengang
oder dem Verkauf der Firma an ein großes
Unternehmen. Keese fasst das Schluss-
kapitel so zusammen: „Ein klassischer
Unternehmer möchte sein Unternehmen
vererben. Beim Start-up ist der schnelle
Exit Teil des Paktes, den der Gründer
mit dem Wagniskapitalgeber schließt.“
Exit und hopp!
Paul Schwarzenholz nickt. Ja, das treffe
es ganz gut. Er kennt den Pakt mit den
Wagniskapitalgebern nicht nur aus der
Theorie, hat zusammen mit einem Freund
eine Firma gegründet, groß gemacht und
nach fünfeinhalb Jahren verkauft.
Nach dem Betriebswirtschaftsstudium
fängt Schwarzenholz als Produktionspla-
ner und Controller bei Lufthansa Technik
Vater zweier erfolgreicher Firmen: Paul Schwarzenholz an. Ein Halbsatz reicht ihm, die Zeit zu
beschreiben: „Nur Industriebeamten um
mich rum.“ Nach acht Monaten kündigt
Zahl der Gründer So alt waren er, geht zur Strategieberatung Bain, saugt
die 88 mit Alter
identifizierten Praxiswissen auf, sitzt am Wochenende
9
Gründer der aber mit einem ehemaligen Kommili-
erfolgreichsten tonen schon am Businessplan „für das ei-
8
Unternehmen
gene Ding“. Das ist ein Onlinehandel für
zum Gründungs-
7 zeitpunkt. hochwertige Parfüms und bekommt den
Im Durchschnitt Namen Flaconi.
6 war ein Unicorn- Die Kompagnons arbeiten sieben Tage
Gründer zum
Zeitpunkt der
die Woche, 16 Stunden am Tag. Sie über-
5
Gründung zeugen erste Frühphasen-Investoren, so-
4
32 Jahre alt. genannte Business-Angels, die Plattform
so lange zu finanzieren, bis sie für Risiko-
3 kapitalisten interessant wird. Dann be-
Quelle: Studie „Ein-
horn Dompteure“. ginnt ein scheinbar endloser Kampf ums
2 Untersucht wurden Geld. „In den folgenden fünf Jahren gab es
die 100 wertvollsten
Start-ups. Die Au- maximal drei Monate, in denen wir nicht
1 toren sind Julian
auf Kapitalsuche waren“, sagt der heute
Kawohl und Sascha
0 Grumbach 36-jährige Schwarzenholz. Dreimal war
20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46
Alter zum Gründungszeitpunkt in Jahren brand eins 06/18
Flaconi fast pleite, trotz wachsender Um- Das bedeutete für Paul Schwarzenholz, oder des Vertriebs zu sein. Erfolgreiche
satzzahlen. Mit jeder Krise mussten die diejenigen Kennzahlen zu liefern, „die den Gründer mögen oft Egomanen sein, rück-
beiden Gründer härter um Kapital kämp- Investoren am wichtigsten sind“. Nach sichtslos und eitel. Aber in der Regel offen
fen. Einig waren sich alle Beteiligten in fünf Jahren waren die Zahlen gut genug. für neue Ideen. In den meisten jungen Fir-
einem: Langsameres Wachstum ist wegen Flaconi machte zwischen 30 und 40 Mil- men sind Kritik und Verbesserungsvor-
der beinharten Konkurrenz im Online- lionen Euro Umsatz, bei weiter guten schläge tatsächlich erwünscht. Ihr enor-
handel keine Option. Wachstumsaussichten. Einer der Investo- mes Wachstum ist zudem attraktiv für die
Die Abhängigkeit von fremdem Geld ren, die Wagniskapital-Sparte von ProSie- Mitarbeiter – eine solche Story können
widerspricht eigentlich dem Selbstver- benSat1, bot 2015 an, alle Anteile zu über- auch erfolgreiche etablierte Unternehmen
ständnis des Gründers. „Du gründest ja, nehmen. Die beiden Gründer besaßen zu nicht bieten. „Start-ups schaffen in sehr
weil du kein Industriebeamter in einer gro- diesem Zeitpunkt noch 16 Prozent der kurzer Zeit etwas Neues. Jeder merkt, dass
ßen Organisation sein möchtest oder Be- Firma. Die waren dem Medienhaus einen er Teil dieses Neuen ist“, sagt Schwarzen-
rater mit Karrierepfad in einer Beraterpyra- „hohen siebenstelligen Betrag“ wert. Da- holz. Daher hätten bei Flaconi auch Ange-
mide“, sagt Schwarzenholz. „Du gründest, mit waren die beiden Gründer nach kur- stellte hart gearbeitet, die keine Anteile an
weil du unabhängig sein willst.“ Doch das zer Übergangsphase raus. der Firma besaßen und weniger verdienten
Kapital schlägt – als ob Karl Marx es sich Der Kampf ums Kapital zählt nicht zu als in Konzernen. In der Logistik sei das
ausgedacht hätte – dialektisch zurück. „Je Schwarzenholz’ Lieblingsdisziplinen. Aber Personal gar Sturm gegen die Entschei-
mehr Venture-Geld du einwirbst, desto er ist überzeugt: „Ohne den Geld- und dung gelaufen, nicht mehr jede Parfümver-
abhängiger wirst du. Die Unabhängigkeit damit verbundenen Zeitdruck könnten packung zusätzlich in Seidenpapier zu wi-
wächst erst wieder, wenn du erfolgreich Start-ups nicht die Unternehmenskulturen ckeln – obwohl die Arbeit für die Packer
bist. Denn dann geben dir die Investoren entwickeln, die sie so attraktiv machen.“ dadurch erleichtert worden sei.
wieder lange Leine und regieren nicht so Der Druck zwinge dazu, offen für jede Auch wenn sie oft schlecht bezahlt
stark in deine Entscheidungen rein.“ nur denkbare Verbesserung des Produkts sind, empfinden Mitarbeiter von Start- >

Wie würden
Sie sich
entscheiden?
Vergleichen Sie Investitionskosten,
Leitungswege, digitalen Komfort,
Energie- und Wasserverbrauch – Sie
werden sich für die dezentrale Warm-
wasserversorgung mit modernen,
energieeffizienten und gradgenauen
E-Durchlauferhitzern für Handwasch-
becken, Küche, Dusche und Bad
entscheiden. Wir beraten Sie gern.
> clage.de

Die abgebildeten Materialien sind nur beispielhaft für den Einsatz in einem Ein-
familienhaus zu verstehen. Menge und Auswahl der zu installierenden Materialien Made in Germany
hängen von den individuellen Anforderungen und der Objektgröße ab.
Die wichtigsten Märkte ups ihren Job als sinnvoll. Jeder einzelne
für Unicorns * erkennt die Wirkung seines Tuns mit
Finanzdienstleistungen
jedem neu gewonnenen Kunden, mit je-
dem Umsatzrekord, mit jedem Umzug
Software in das größere Büro. So kann nicht das
Gefühl entstehen, das viele Mitarbeiter
traditioneller Unternehmen haben: Es ist
Internet-
Privatkundengeschäft im Grunde egal, ob ich hier arbeite oder
nicht.
Devisenhandel Paul Schwarzenholz fasst das so zu-
sammen: „Das Energie-Level in der Start-
up-Kultur kannst du nicht verordnen. Es
entsteht aus dem Gefühl heraus, gemein-
sam ein Baby auf die Welt zu bringen.“
Zur Wahrheit gehört freilich auch: Der
Branchen, auf die Unicorns Gründer und seine Führungsmannschaft
Einfluss nehmen
Medien bringen das Baby nur aus dem Gröbsten
und Marketing heraus. Um die Erziehung müssen sich
Pharma dann andere kümmern.
und
Gesundheit Finanzen
und Versicherungen Können Konzerne Start-up?
Technik und
Telekommunikation „Start-up ist keine Kultur. Es ist ein Mo-
dell, eine Firma mit knallhart gesetzten
Verkehr
Meilensteinen schnell groß zu machen.“
E-Commerce
und Logistik und So antwortet Niko Wäsche auf die Frage,
Versandhandel ob auch Konzerne in den Start-up-Modus
schalten können. Er ist Gründer des
Wagniskapitalfonds German Media Pool
(GMPV) in Berlin, der unter anderem in
den Online-Modeshop About You, die
Gebrauchtwarenbörse Momox und das
Universitäten, die Unicorn-Gründer
besucht haben Fintech Clark investiert hat. Als Dozent
bringt er Studenten unter anderem an der
Columbia
WHU
University
Technischen Universität München bei, wie
University Brigham Start-ups funktionieren.
of Florida Young Shanghai Wenn er mit Konzernmanagern über
Jiao Tong
das Thema spricht und über deren
University Wunsch, wie Start-ups zu werden, hat er
of Illinois
oft den Eindruck: „Hier gibt es ein großes
Harvard University Stanford Missverständnis. Führungskräfte in etab-
UCLA lierten Firmen denken, bei Start-ups geht
University
of Oxford es um die große Mission, und alles ist total
agil – was auch immer genau Agilität für
London
School of sie heißen mag. Und natürlich denken sie
Cornell
Economics MIT University University an die Tischtennisplatte. Das ist Quatsch.
Indian of Waterloo Bei Start-ups zählen nur die harten Zah-
Institute len.“ So wollten Investoren zum Beispiel
wissen, wie viel jeder neue Kunde eine
junge Firma koste, wann und wie er
Quelle: Studie „Einhorn Dompteure“
* Start-ups mit einer Firmenbewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar, wie Facebook, Tesla oder Paypal brand eins 06/18
„monetarisiert“ werden könne, in wel-
chem Zeitraum die Kosten für die Akquise
jedes einzelnen Neukunden sinken, die
Skaleneffekte einsetzen und wann die
Rechnung aufgehe. Oder ob – wie so oft
– die Reißleine gezogen werden sollte und
Siedle Axiom
das Risikokapital abgeschrieben.
Wäsche findet es zwar sinnvoll, wenn
Intelligent Interior.
Großunternehmen Hierarchien abbauen
und das dann „Arbeit in agilen Teams“ Sicher die Tür im Blick, per Fingertipp
nennen oder wie der Daimler-Chef Dieter die Lichtstimmung wählen und die
Zetsche den Schlips ablegen und eine MQT×HRSDOQÂEDM EQDHROQDBGDMCNCDQ
„Schwarm-Organisation“ ausrufen. Solche UDQSQ@TKHBGLHS'¼QDQSDKDENMHDQDM #HD
Veränderungen der Entscheidungsprozesse 9TJTMESCDQ&DA«TCDJNLLTMHJ@SHNM
seien in Zeiten der Digitalisierung nötig. in ihrer schönsten Form.
Doch dies sei nicht der Kern des Wachs-
tumsmodells Start-up. Viele Manager dif- axiom.siedle.de
ferenzierten nicht „zwischen Kultur und
Inhalt der Unternehmensform“, sagt Wä-
sche. Aus diesem Grund seien viele Versu-
che von Konzernen, „ein bisschen wie ein
Start-up zu werden“, von vornherein zum
Scheitern verurteilt. Und die Erfolgsquoten
von Start-ups, bei denen Konzerne im Hin-
tergrund das Sagen haben, so gering.
Auch Julian Kawohl sieht in der Bezie-
hung zwischen neuer und alter Wirtschaft
Missverständnisse, „unter anderem hervor-
gerufen durch ein unterschiedliches Ver-
ständnis von Wachstum“. Er ist Professor
für strategisches Management an der
Hochschule für Technik und Wirtschaft
Berlin mit den Forschungsschwerpunkten
Business- und Start-up-Ökosysteme sowie
Partnerschaften zwischen Konzernen und
Start-ups. Bis zum Jahr 2015 leitete er
die Unternehmensentwicklung der Axa-
Gruppe in Deutschland.
Wenn Gründer an Wachstum denken,
so Kawohl, haben sie Erfolgsgeschichten
im Kopf wie die von Airbnb (der Unter-
nehmensname ist eine Kombination aus
Luftmatratze und Bed and Breakfast). Sie
versuchen mit neuer Technik eine Markt-
nische zu erobern und auszuweiten.
Airbnb begann in den USA mit privater
Bettenvermittlung zu Konferenz- und
Messezeiten in Städten mit besonders
hohen Hotelpreisen. Das Konzept ging
auf, wurde auf das gesamte Land >

brand eins 06/18 37


China
Frankreich
Großbritannien
Deutschland
Indien
Südkorea
Niederlande
Singapur
Schweden
Thailand
USA

Wie viele Unicorns wurden wo gegründet? Quelle: Studie „Einhorn Dompteure“

ausgeweitet, und schließlich entstand eine nentiell wachsenden Firma eine sich linear genz. All das wurde unter dem Dach des
weltweite Plattform, die Hoteliers das entwickelnde? Alphabet-Konzerns zusammengefasst.
Fürchten lehrt. Wenn allerdings Manager Paul Schwarzenholz sagt über seine
aus deutschen Konzernen über rasches Wann wird das Start-up ehemalige Firma: Nach dem Verkauf an
Wachstum nachdächten, so Kawohl, fiele zum Konzern? ProSiebenSat1 war Flaconi kein Start-up
ihnen eher die erfolgreiche Hotelkette mehr, sondern „digitaler Mittelstand“.
MotelOne ein. Niko Wäsches Antwort lautet: „Wenn es Zwei Jahre nach dem Verkauf der letzten
Kawohl charakterisiert MotelOne als vom Jäger zum Gejagten wird.“ Daran Gründeranteile setzt der Parfüm-Online-
klassisches Wachstumsmodell „eines phy- ändere sich auch nichts, wenn der Gejagte handel mit etwa 100 Millionen Euro rund
sischen Angebots mit Dienstleistungs- seine Start-up-Kultur zu bewahren suche, dreimal so viel um wie zuvor. Daher fragt
anteil“ – das aber eben keiner Start-up- mit agilen Teams und Tischtennisplatte. sich Schwarzenholz, ob er und sein Kom-
Logik folge. „Die wäre bei der Errichtung Julian Kawohl argumentiert ähnlich: pagnon später hätten verkaufen sollen.
von Hotels theoretisch möglich, wenn ein „Wenn das Skalierungspotenzial der ur- Zu grämen scheint er sich aber nicht.
Unternehmen über zahllose Grundstücke sprünglichen Geschäftsidee erschöpft ist, Kurz nach dem Exit haben er und sein
in zentraler Lage verfügte, es keine Bau- passieren in der Regel zwei Dinge.“ Ers- Partner gleich wieder eine Firma gegrün-
ämter gäbe und ein gigantischer 3D-Dru- tens gehe das exponentielle in ein lineares det, dieses Mal mit einer ganz anderen
cker ein Hotel nach dem anderen aus- Wachstum über. Zweitens beginne die Fir- Geschäftsidee. Zenloop hilft Unterneh-
spuckte.“ ma, „wie klassische Konzerne strategisch men dabei, digital Kunden-Feedback ein-
Peter Thiel, der so erfolgreiche wie Unternehmen aufzukaufen“. Der Such- zuholen, auszuwerten und schnell darauf
umstrittene Paypal-Gründer und Face- maschinen-Gigant Google erweiterte sein zu reagieren. Ihre neue Firma haben die
book-Frühinvestor, hat das auf die Formel Porfolio unter anderem um die Video- beiden Gründer bislang zum großen Teil
gebracht: Start-ups sind von null auf eins plattform Youtube, das Smartphone-Be- aus dem Verkaufserlös von Flaconi finan-
Unternehmen, die anderen folgen immer triebssystem Android, eigene Endgeräte ziert. Der Logik des Wachstums um jeden
einer Logik „eins plus x“. Woraus sich die und verschiedene Forschungsfelder wie Preis wollen sie sich, wenn möglich, nicht
Frage ergibt: Wann wird aus einer expo- autonome Autos und künstliche Intelli- noch einmal aussetzen. –

38 brand eins 06/18


ANZEIGE

Die drei größten an Gebühren fehlt als „Munition“ für die stärkste Waffe des Anle-
gers: den Zinseszinseffekt. Er sorgt langfristig für einen beschleu-
nigten Anstieg des Vermögens.

Fehler der 2. Fokus auf Kursprognosen, nicht auf Risiken

Privatanleger
Immer wieder lockt die Finanzindustrie die Anleger in aktiv ge-
managte Fonds – mit dem Versprechen, überdurchschnittliche
Renditen zu erzielen. Doch die Bilanz ist verheerend: 90 Prozent
der Eurozonen-Aktienfonds hinken über zehn Jahre ihrem Ver-
Professor Stefan Mittnik, Mitgründer des gleichsindex hinterher. Hauptgrund: Fast alle aktiven Fondsma-
nager setzen auf Stock-Picking. Sie prognostizieren Kurse und
digitalen Vermögensverwalters Scalable Capital,
suchen nach besonders attraktiven Aktien. Doch wissenschaftli-
erklärt, worauf Investoren bei der Geldanlage che Studien zeigen, dass sich Kursentwicklungen nicht systema-
achten sollten tisch vorhersagen lassen.Risiken lassen sich dagegen weit zuver-
lässiger prognostizieren. Turbulente Börsenphasen können so
umschifft werden – durch dynamisches Risikomanagement. Das
schont nicht nur die Nerven. Auch die Chancen auf überdurch-
schnittliche Renditen steigen.

3. Emotionales statt rationales Anlageverhalten


Privatanleger agieren oft emotional. In langen Abschwungpha-
sen verkaufen sie ihre Wertpapiere, aus Angst vor noch größeren
Verlusten. Dann kehren sie – wenn überhaupt – erst nach langer
Zeit wieder an die Börse zurück und verpassen einen Großteil der
Gewinne in der Aufschwungphase – ein Fehler, der ihnen oft die
gesamte Börsenbilanz verhagelt.

Wie können Privatanleger ein Vermögen aufbauen?

Kosten senken: Mehr als ein Prozent pro Jahr sollte eine Geldanlage
nicht kosten. Der digitale Vermögensverwalter Scalable Capital
berechnet nur eine Fixgebühr von 0,75 Prozent p.a. Die ETFs
kosten 0,25 Prozent p.a.
Auf Transparenz achten: Die Konditionen von Fonds und Ver-
mögensverwaltern sollten Anleger aufmerksam studieren. Bei
Scalable Capital sind Kick-backs, Rückvergütungen oder Er-
Professor Dr. Stefan Mittnik (Mitgründer von Scalable Capital) folgsprovisionen explizit ausgeschlossen, damit die Rendite nicht
durch versteckte Gebühren geschmälert wird.
• Deutschlands Haushalte haben ein chronisches Defizit bei der Risiken kontrollieren und Emotionen rausnehmen: Statt nach Kursra-
privaten Vermögensbildung. Trotz sehr hoher Sparquote liegen keten zu suchen, sollten Anleger darauf achten, dass ihr Vermö-
sie in der Vermögensstatistik der Eurozone auf dem letzten Platz. gensverwalter die Verlustrisiken in Schach hält. Scalable Capital
Die Deutschen sparen also nicht zu wenig, sie sparen falsch. On- setzt auf ein konsequentes Risikomanagement. So bewahren wir
line-Vermögensverwalter wie Scalable Capital helfen, die typi- den Anleger vor Stress und steigern die Renditechancen.
schen Fehler bei der Geldanlage zu vermeiden.
Scalable Capital kennenlernen.
Die drei größten Fehler der Privatanleger sind: Unser Team veranstaltet regelmäßig Infoabende & Webinare.
Im Juni kommen wir nach Frankfurt, Stuttgart, Freiburg,
1. Naives Vertrauen auf Bankberatung Köln & München.
Bankberater sind nicht unabhängig. Meist empfehlen sie Finanz-
produkte mit hohen Gebühren und versteckten Provisionen. So Mehr dazu unter: www.scalable.capital/events
wird der Anlageerfolg enorm gemindert. Jeder zusätzliche Euro
www.scalable.capital
Der Wert einer Vermögensanlage kann sowohl steigen als auch fallen. Anleger müssen deshalb
bereit und in der Lage sein, Verluste des eingesetzten Kapitals hinzunehmen. Anlageergebnisse
aus der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Wertentwicklung zu. Weitere
-RJSVQEXMSRIRLMIV^YƼRHIR7MIEYJYRWIVIV;IFWMXI
QVEST ESSENTIALS
#10
TRACCIA
TISCH
Cassina

Meret Oppenheim arbeitete als


Künstlerin und Lyrikerin, ihr
ausgefallener Beistelltisch ist METROPOLEN
so etwas wie die Symbiose aus ISSUE #6 WIEN
Poesie, Kunst und Design.
Qvest

Die neue Städteausgabe des


Qvest Magazins verrät auf über
200 Seiten wie die Wiener
ticken – wo sie Essen, Tanzen,
Shoppen und Entspannen.

ECHASSE
VASE
Menu

Mundgeblasenes Rauchglas,
eine bauchige Silhouette und
ein graziles Gestell aus Messing:
Die Bodenvase ist ein wahres
Schmuckstück für den DEVELIUS
Wohnraum.
RECAMIERE
&tradition

Das Recamiere aus der neuen


Develius-Serie ist formal so
klassisch schön, dass es sich
auch als Zustellelement zu
einer bestehenden Sofa-
gruppe kombinieren lässt.

qvest.de
Schwerpunkt:
Geld

Prolog

Manchmal frage ich mich,


ob ich nicht lieber die Nudelsuppe
nehmen soll statt des Currys,
weil sie 50 Cent billiger ist.
Womöglich kaufe ich aber eine
halbe Stunde später einen verratzten
Chesterfield für 500 Euro,
weil ich mich spontan in den Sessel
verliebt habe.
– Jenni Roth: „Darf ’s etwas weniger sein?“ S. 60

Über Nacht bin ich Besitzer einer kleinen Motorjacht geworden.


Bevor mein Sohn und ich in den Canal Grande von Venedig fahren, müssen wir aber noch üben.
Als wir das Meer erreichen, gibt es im Motorraum einen lauten Knall.
– Philipp Maußhardt: „Vom großen Glück“ S. 122

Ich fühle mich bei Besuchen in Nischnije Kibetschi,


einem Dorf, zehn Autostunden von Moskau entfernt,
immer auf sonderbare Weise überflüssig. Vermutlich auch,
weil mein Geld hier nichts wert ist.
– Stefan Scholl: „Drei-Rubel-Russland“ S. 100
brand eins 06/18 41
Was zählt
Geld ist die Grundlage der Zivilisation und unserer Kultur.
Wer es gering schätzt,
verliert mehr als ein bisschen Kohle.

Text: Wolf Lotter

Money don’t get everything it’s true / What it don’t get I can’t use
– Berry Gordy / Janie Bradford, „Money (That’s What I Want)“

1. Zivilisation

Klar: Früher war alles besser. Die Menschen, die so oft gescholtene und ja durchaus in vielem kriti-
Natur, das Wetter und die Sache mit dem Geld. sierte, gilt das noch mehr. Gerechtigkeit und Teil-
Ohne Kohle war die Welt noch in Ordnung. Keine habe sind ein Zins, den das Geld abwirft. Und es
Gier, kein Hass, kein Neid. Und vor allen Dingen: ist kein Zufall, dass der Take-off Europas beginnt,
keine Ahnung. als das Geld in die Welt kommt. Man sollte diese
Wann genau war „früher“ noch mal? Geschichte kennen, bevor man das Geld und alles,
Selbstverständlich kann man behaupten, dass was damit zu tun hat, verteufelt – also die Regeln
die Welt ohne Geld ein besserer Ort war, aber nur, kennen, bevor man sie bricht.
weil diese Zeit weitgehend im Dunkeln liegt. Die
Welt, die wir kennen, ist eine des Geldes. Eine 2. Köpfe
bessere Welt hat es nie gegeben. So viel lässt sich
sagen. Es war einmal, da war Geld Gold wert oder we-
Nahezu alles, was zur Kultur des Westens oder nigstens ein wenig davon. Die Lyder, die Erfinder
Abendlandes gehört, wird in den vergangenen der Goldmünze, hatten gute Beziehungen zu den
2500 bis 3000 Jahren erdacht. Im ersten Sechstel Mesopotamiern, die schon vor rund 5000 Jahren
dieser Zeit entstehen die ältesten Texte der Bibel, Gold- und Silberbarren gegen Waren tauschten.
und Homer schreibt sein Heldenepos der Illias. Der amerikanische Anthropologe und Geldfor-
Und dann tauchen auch noch merkwürdige Typen scher Jack Weatherford hat in seiner „Geschichte
auf, die hauptberuflich nachdenken und behaupten, des Geldes“ die Stärken und Schwächen des „Pro-
sie würden die Weisheit lieben: die Philosophen. togeldes“ beschrieben: „Ein ganzes Warenlager aus
War sonst noch was? Ja, dort, wo heute die Türkei Olivenöl, Bier oder Weizen ließ sich wertmäßig auf
liegt, wird das Geld erfunden, in einem Königreich einen leicht transportierbaren Gold- oder Silberbar-
namens Lydien. Und auch wenn es vielen nicht ge- ren reduzieren“, was für Händler, die mit ganzen
fällt: Für das Wohlergehen der Menschheit war das Schiffsladungen hantierten, praktisch war, für nor-
am wichtigsten. male Leute, die auf dem Markt ihren Tagesbedarf
Geld, das ist, so hat es der amerikanische Autor einkauften, aber keineswegs.
Lewis H. Lapham geschrieben, „einer der Grund- Eine der Kernfunktionen des Geldes ist, dass
Abbildung: © Getty Images

stoffe, mit denen die Menschheit die Architektur man fast alles, was Menschen schaffen, damit
der Zivilisation errichtet“. Ohne Moos nix los, das bewerten kann. Dazu gehört untrennbar das Zäh-
gilt in Sachen Wohlstand, Entwicklung und Kultur. len, Rechnen und Messen, was die meisten Men-
Schon die alte Geldwirtschaft war der Demo- schen nicht lernen mussten, weil sie nichts besa-
kratie näher als der Tyrannei, und für die neue, die ßen, was man messen konnte. Wer nichts hat, >

brand eins 06/18 EINLEITUNG 43


braucht keine Mathematik. Einige Glückliche aber werden. Wo aber die Warenvielfalt wächst, weil der
hatten beispielsweise Getreide und Vieh. Das Handel durch das Geld beflügelt wird, ist es sinn-
latei nische caput bedeutet so viel wie das Haupt voll, Straßen zu bauen. Das wird später zur Schlüs-
des Tieres – und ist der Stamm des heutigen Be- seltechnologie des Römischen Imperiums, das die
griffs Kapital. In den alten Nomaden- und Stam- Geldwirtschaft interessiert übernimmt und für das
meskulturen gab es – und gibt es bis heute – einen Abendland verbreitet.
regelrechten Kult ums Nutzvieh, das dort so ver-
ehrt wurde wie später das Geld.
Es dreht sich alles ums Geld, weil sich damit fast
Geld überwindet
alle menschlichen Bedürfnisse bewerten und sehr Distanzen. Erste Münzen, hier:
Löwenkopf mit offenem
viele eben auch befriedigen lassen. Geld ist ein
Rachen und Nasenwarze
Speicher für Begierden aller Art. Der Nachteil des Die Funktion als Wertspeicher ist ein überzeu-
Tauschens in Naturalwirtschaften ist offensichtlich: gendes Argument. Damit entsteht das Zutrauen in
Man muss nehmen, was es gerade gibt und der an- die Verwendung des Geldes, in seine Wirkung.
dere anbietet. Die meisten Güter auf den Märkten Wer seine Ziege nicht mehr eintauscht, sondern
sind zudem Lebensmittel, leicht verderblich. Wer verkauft, muss sich darauf verlassen können, dass
seine Produkte und seine Arbeit zu Markte trägt, das Geld, das er erhält, einige Zeit – idealerweise
muss schon verdammtes Glück haben, das Richtige unbegrenzt – den Wert behält, den es zum Zeit-
dafür zu bekommen. Zahlungsmittel machen hin- punkt des Geschäftsabschlusses hatte. Als vertrau-
gegen beweglich. Man kann sich mit ihnen kaufen, ensbildende Maßnahme eignet sich in einer Welt,
was man will, von wem auch immer, wann und wo. in der man alles sehen muss, bevor man es glaubt,
Das erweitert schlagartig das Angebot an Waren am besten etwas, das selten und damit wertvoll ist
und Dienstleistungen, die Arbeitsteiligkeit und da- – Gold und Silber etwa. Die Lyder wählten Elek-
mit die Produktivität erhöhen sich. tron, eine natürliche Legierung aus beiden Edel-
Der Take-off des Abendlandes ist kein Zufall. metallen, die gut zu bearbeiten und haltbar war.
Es lohnte sich nun, nachzudenken und die Bedürf- Damals war Geldherstellung noch Wertarbeit.
nisse der anderen zu bemerken, was die Vorausset-
zung aller Innovation ist. Geld macht erfinderisch. 4. Glück / Gewalt

3. Beweglichkeit Wo die Frage nach dem Geld gestellt wird, ist die
nach dem Glück nicht weit. Weil man mit Geld fast
So schafft Geld mehr Freiräume und Beweglich- alles kaufen und damit die meisten Bedürfnisse be-

Abbildungen: © bpk / Münzkabinett, SMB / Lübke und Wiedemann (o.); mauritius images / Paul Fearn /Alamy (r.)
keit, man gewinnt Zeit, um Dinge und Waren friedigen kann, hält man es für eine Glückspille. Ein
gründlicher zu überdenken. Geld erweitert den Großteil der gegen das Geld gerichteten morali-
Horizont seiner Benutzer, wortwörtlich. Schon schen Appelle ist ohne dieses Missverständnis nicht
bald ist die Münze der Lyder in großen Teilen des vorstellbar. Geld macht nicht glücklich – das sagt
Mittelmeerraumes verbreitet. Die alten Tauschmärk- der Enttäuschte, als ob das Gegenteil irgendwann
te sind überwiegend lokal. Wer Güter gegen Güter einmal versprochen worden wäre. Es genügt, das
tauscht, muss beides ständig transportieren, was in Schicksal des bekanntesten, letzten und reichsten
dieser Zeit mehr als beschwerlich ist. Das leicht lydischen Königs zu kennen, Kroisos alias Krösus,
transportierbare Geld erleichtert diese Prozedur der vor gut 2500 Jahren starb.
deutlich, was zu einer Ausdehnung der Handels- Kroisos hatte Geld wie Heu, aber auch den per-
beziehungen führt. Die Menschen lernen andere sischen Großkönig Kyros am Hals, der begehrlich
Kulturen und Produkte, Verfahren und Denkwei- nach den Früchten des Abendlandes griff. Kyros
sen kennen. Und sie beginnen, den Nächsten nicht eroberte Lydien und soll Kroisos, wie es Brauch
mehr nur als Feind zu sehen, sondern auch mal als war, auf dem Scheiterhaufen verbrannt haben. Der
potenziellen Kunden und Partner. Weil man Men- antike Geschichtsschreiber Herodot berichtete
schen, denen man etwas verkaufen will, nicht um- hingegen, dass Krösus mit dem Leben davonge-
legt, gab es auch hier kleine Fortschritte. kommen sei, weil Kyros in letzter Minute begriffen
In einer Welt der Tauschwirtschaft sind Ver- habe, dass ihm ein lebender Kapitalist mehr nützen
kehrsmittel nur begrenzt sinnvoll. Verderbliche würde als ein toter. Ein Sieg der Vernunft also. Und
Waren können ohnehin nicht weit transportiert schon deshalb ziemlich unwahrscheinlich. Es gab

44 brand eins 06/18


wohl kein Happy End. Es spricht mehr dafür, dass pragmatische Prozesse und Standards, ein klares
Kyros den Krösus umlegte. Das war aus Sicht des Rechtssystem und eine gute Verwaltung. All das
Früher, als angeblich das Großkönigs auch verständlich, denn so bekam er, kommt Wissensarbeitern und Intellektuellen zu-
Geld noch nicht den
was er wollte. gute, die seit jeher zu den großen Skeptikern des
Charakter der Menschen
verdorben hatte, nahmen Die Herrscher der geldlosen Zeit beanspruch- Geldes gehören und damit immer auch ihre eigene
sich die Herrscher mit ten grundsätzlich alle Ressourcen, derer sie habhaft Existenz in Zweifel ziehen. Solche Irritationen
Gewalt, was sie wollten. werden konnten. Dafür brauchte man keinen Bera- kannten die alten Machthaber nicht. Sie lernten
Früher, in der geldlosen
ter, sondern einfach viele gewaltbereite Mitarbeiter. und verstanden bald, wie sie sich mit der neuen
Zeit, war nichts besser,
aber alles schlechter für die Alle und alles gehörten dem König und seinen Be- Technik arrangieren konnten – und machten sie zu
allermeisten. amten und Vasallen. ihrer Sache. Die Politik, die Herrschaft und der
Viele antike Fürstengräber sehen aus wie Rum- Staat verbündeten sich mit dem Geld. Und das ist
pelkammern. Wie die Pharaonen in Ägypten nah- einer der Gründe, warum man beiden bis heute
men die Chefs ihren Kram mit ins Grab. Wohin nicht wirklich vertraut.
auch sonst? Vermögen wird nicht angelegt, inves-
tiert, es schafft keine Innovationen und geht kein
Risiko ein. Reichtum ist zum Protzen und zum
Dem Geld
Prahlen da. Solche Raub- und Mordgesellschaften
tauchen in der gesamten Menschheitsgeschichte
verdankt Europa
immer wieder auf, bis heute, und man erkennt sie den Aufbruch
an der Armut und am Elend ihrer Bürger, ihrem
geistigen und ökonomischen Stillstand und einer in die Neuzeit.
ignoranten Führungsschicht. Sie schaffen nichts
außer Unglück. Und wer von den knappen Res- Im alten Rom beginnt die Geldpanscherei vor
sourcen ein wenig abhaben will, muss sich voll- 2000 Jahren, mit der Kaiserzeit. Beamte waren bis
ständig unterwerfen. Das sollte jeder bedenken, der dahin ehrenamtlich tätige Bürger. Mit Kaiser Au-
das Geldsystem für den Ursprung allen Übels hält. gustus schwoll die Bürokratie an. Der Edelmetall-
Früher war alles schlechter, und zwar für die aller- anteil der Münzen wurde reduziert, man prägte
meisten. gleichzeitig mehr Geld, und um die Folgen der In-
flation abzuschwächen, erfand man im alten Rom
5. Die Kritiker den Sozialstaat, der Brot und Spiele bereitstellte.
Gegen Ende des 5. Jahrhunderts war Rom am
Geld ist sozialer Fortschritt. Ende, mehr an sich selbst als an den äußeren Fein-
Das Geld, das von Lydien ausgeht, macht erst den gescheitert. Mit dem Imperium versank auch
Griechenland zur führenden Kultur, dann Rom – die Geldwirtschaft im finsteren Mittelalter.
und „ermöglicht eine Organisation der Gesellschaft
in einem viel weiteren Ausmaß, als dies durch fami- 6. Wechsel
liäre Strukturen und Gewalt erreicht werden konn-
te“, wie Jack Weatherford schreibt. Dem Geld verdankt Europa auch den Aufbruch in
Der Soziologe Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Sozio- die Neuzeit.
Georg Simmel loge Georg Simmel in seiner „Philosophie des Gel- Von Italien und den Hansestädten aus hatte
des“ darauf hingewiesen, wie wichtig das Geld für sich im 12. und 13. Jahrhundert allmählich ein
die Entstehung und Entwicklung derjenigen Be- selbstbewusstes Bürgertum entwickelt, dessen
rufsklassen war, deren Produktivität sich inhaltlich wichtigste Waffe das Geld war. Und dieses Geld
ganz jenseits jeder wirtschaftlichen Bewegung veränderte dabei seinen Charakter. Es wurde von
stellt – „die der spezifisch geistigen Tätigkeiten, einem nützlichen Werkzeug zu einer „sozialen
der Lehrer und Literaten, der Künstler und Ärzte, Technologie“, wie es der Ökonom und Autor Felix
der Gelehrten und Regierungsbeamten“. Martin nannte. Um das Jahr 1200 verbreitete sich
Die Geldwirtschaft heizte die Bedürfnisse an, von Italien aus der Wechsel, eine Verpflichtungs-
diese die Begehrlichkeiten, die Wünsche und An- urkunde, deren Aussteller darin bestätigte, eine
sprüche, die weit über die Existenzsicherung hin- bestimmte Menge Geld an einen bestimmten Ort
ausgingen. Dafür brauchte man eine bessere und und Empfänger zu bezahlen – oder an einen Drit-
systematische Ausbildung, Vernunft und Logik, ten, der in der Urkunde benannt worden war. >

brand eins 06/18 EINLEITUNG 45


Das war praktisch, wenn man auf einer der gro- an, und zwar dort, wo es ihnen am sichersten
ßen Tuchmessen in Oberitalien Ware einkaufte, aber schien, im Londoner Tower. Doch König Charles I.
nicht mit Goldmünzen über die Alpen fahren woll- kassierte das Vermögen 1640 ein, weil er Geld für
te, wo Räuberbanden ihr Unwesen trieben. In den Söldner für einen Krieg gegen Schottland brauchte.
Messestädten wiederum wurden miserable Um- Das Vertrauen war futsch, und das verbliebene
tauschkurse angeboten. Der Wechsel war also zu- Gold der Londoner landete bei Goldschmieden,
nächst ein praktisches Zahlungs- und Kreditmittel, die es gegen eine kleine Gebühr sicher aufbewahr-
dessen entscheidendes technisches Kriterium aber ten und dafür Papierquittungen ausstellten, die so-
die „Möglichkeit der Übertragung war“, wie Martin genannten Goldsmith-Notes.
festhielt, die „Gesellschaften und Volkswirtschaften Die wurden bald standardisiert und zu einem
revolutioniert“ und ein „System von Guthaben und üblichen Zahlungsmittel. Ausgegeben wurde aber
Schulden“ errichtet hatte, „das sich unaufhörlich immer nur so viel, wie Gold bei den Goldschmie-
ausdehnt und zusammenzieht, wie ein schlagendes den lagerte, die nun auch das von ihren Kunden
Herz, und den Handelsverkehr aufrechterhält“. langfristig angelegte Geld als Kredit vermittelten.
Die entscheidende Kraft dafür war nicht Gold, Im Jahr 1672 war die Krone, der Staat, wieder
sondern Glaubwürdigkeit, Zutrauen und Vertrau- pleite, und der neue König Charles II. stellte die
en. Das klingt bis heute nach moralischen Höhen, Zahlungen an seine Gläubiger ein – was zu einer
hat aber einen ganz profanen Hintergrund: pure Panik führte. Alle wollten gleichzeitig ihr Gold
Macht. Das neue System traute dem Stärkeren, wie zurück, was aber nicht ging, weil der Großteil be-
Martin feststellte: „Das Einzige, was wirklich wich- reits als Kredit im Umlauf war.
tig ist, sind Emittenten, die in der Öffentlichkeit als Als Reaktion auf diesen Ärger, so Binswanger,
kreditwürdig gelten, und eine hinlänglich breite begann „die Transformation der Goldschmiede
Überzeugung, dass ihre Schuldverschreibung von von Goldausleihern zu Geldproduzenten“. Statt
Dritten akzeptiert ist. Staaten und Banken fällt es Gold als Kredit zu verleihen, gaben sie gleich
im Allgemeinen leicht, diese beiden Kriterien zu er- Goldsmith-Notes, also Papiergeld, aus. Sie verlie-
füllen; Unternehmen und erst recht Privatpersonen hen keine Rücklagen und Ersparnisse mehr, son-
dagegen nicht.“ dern Kredite in Form von Papiergeld. Nun musste
Das ist der Punkt. Das große Paradox hinter man nur noch auf ein Stück Papier die Kredit-
dem Geld ist, dass es ohne den Staat, den Stärkeren summe aufdrucken. Das war das neue Geld, „der
und dessen bürokratische Kontrolle nie die Rolle Ursprung der modernen Geldwirtschaft“, die die
erlangt hätte, die es heute hat. Das Primat der Po- Londoner Goldschmiede zu den „großen Innova-
litik hat das Geld und unseren Blick darauf immer toren der Menschheit“ machte, wie Binswanger
geprägt. Die erfolgreichen Hansestädte verbanden schreibt.
ganz offen Wirtschaft mit Herrschaft. Die früh- Denn nicht mehr Werte und Güter, das bereits
kapitalistischen Bankiers wie die Augsburger Fug- Vorhandene, treibt dieses System, sondern Hoff-
ger, noch mehr aber ihre kaiserlichen Partner, ha- nungen und Erwartungen, Möglichkeiten und Der Ökonom
ben diesen Zusammenhang ein wenig im Dunkeln Wahrscheinlichkeiten – und bald auch schon die Mathias Binswanger

gelassen. Der neuzeitliche Staat und seine Verwal- schiere Tatsache, dass man diesen Kreislauf nicht
tung haben sich das Kapital offen zunutze gemacht. mehr stoppen kann und will. Alles Geld, so Bins-
Und wo das Geld in die Krise gerät, ist die Obrig- wanger, ist seither nichts weiter als „eine Schuld
keit nicht weit. der Banken (…). Die finanzielle Revolution ging
der industriellen Revolution voraus.“ Es ist ein wei- Die Geschichte des Papier-
geldes beginnt mit
7. Goldschmiede terer Take-off in der Kulturgeschichte, der größte einem Betrug des Staates
und schnellste bisher. Bis dahin verstand man Wirt- an seinen Bürgern, einem
Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger hat schaft als Haushaltsführung. Man verwaltete sein Raub mit anhaltender
in seinem Buch „Geld aus dem Nichts – Wie Ban- Eigentum, aber man mehrte es selten. Entweder Manipulation. Unser
Foto: Privat – Mathias Binswanger

Geldsystem ist das Ergebnis


ken Wachstum ermöglichen und Krisen verursa- man konsumierte oder man investierte. Nun aber berechtigten Misstrauens
chen“ eine vielsagende Geschichte aus diesen An- hatte man ein System, mit dem man Werte schaf- in die Machthaber, die sich
fängen der kapitalistischen Geldwirtschaft erzählt: fen konnte, ohne das, was da war, anzutasten. Das oft genug am Eigentum
der Bürger vergriffen haben
Die vermögenden Händler und Bürger der auf- neue System machte es möglich zu investieren,
und dabei stets auf
strebenden Kolonialmacht England vertrauten dem ohne vorher zu sparen. Die Folge war ein anhalten- nützliche Idioten zählen
Staat in Form des Königs Charles I. ihr Vermögen des Wachstum, das gelegentlich zwar durch Krisen durften.

46 brand eins 06/18


Die industrielle
Revolution ist ohne
die Revolution
des Geldwesens
nicht denkbar. Innovation
Und auch ihr ist die beste
Wohlstand nicht. Investition.
unterbrochen wurde, aber langfristig nach wie vor
die Systementwicklung bestimmt.
Was als Idee zum Schutz des Privateigentums
gegen die Willkür der Regierung entstanden war,
wurde bald von dieser kontrolliert. Im Jahr 1742
erhielt die staatliche Bank of England, die Nach-
folgerin der Münzstätte im Londoner Tower, das
Monopol zur Banknotenausgabe. Und schon vor-
her druckte in Frankreich der Schotte John Law
im Auftrag des Staates Unmengen an Papiergeld,
um die enormen Staatsschulden loszuwerden. Das
gelang zunächst ganz gut, ging aber auf Kosten
der Bürger, denen man unglaubliche Profite in den
Kolonien versprach, die sich als Hirngespinste ent-
puppen. Als 1720 die Blase platzte, war das Ancien
Régime zwar angeschlagen, überlebte aber noch.
Beim nächsten Mal, 70 Jahre später, im Mai 1789,
ging die Geldgier des Staates ins Auge. Der König Wer aus den Augen seiner Kunden auf die
wollte die Steuern erhöhen, weil das Budgetdefizit Zukunft blickt, muss bereit sein, neue Wege zu
gehen. Bei der TeamBank wissen wir, dass das
enorm war, doch er sah sich zur Einberufung
am besten mit starken Partnern und Spezialis-
der Generalstände gezwungen, womit der kost- ten aus verschiedensten Disziplinen gelingt.
spielige Absolutismus faktisch am Ende war. Das Gemeinsam geben wir Impulse für das Liquidi-
war der Beginn der Französischen Revolution. tätsmanagement von morgen.
Nach dem Geld und der Produktion wurde jetzt Schon jetzt vernetzen wir die Kundenzugänge
auch die Gesellschaft neu formatiert, im Guten mobile, online und offline auf einzigartige
wie im Schlechten. Weise und machen mit der Produktfamilie
easyCredit individuelle Finanzlösungen für
jeden möglich. Transparenz, Verantwortung und
8. Demokratie
die Werte der Genossenschaftlichen Finanz-
Gruppe Volksbanken Raiffeisenbanken bilden
Seitdem sind Inflationen, Währungsreformen, Fi- dabei seit über 60 Jahren den Boden, auf dem
nanzkrisen, Vertrauensverluste an der Welt vorbei- unsere Ideen wachsen können.
gezogen, und jedes Mal nannte man das den end- Lass dich inspirieren. Auf teambank.de
gültigen Untergang des Systems. Was das Wissen
über Geld angeht, sind die meisten Bürger nicht
einmal bis zu den Erkenntnissen der Londoner
Goldschmiede vorgedrungen. Sie glauben, dass da
draußen irgendwo ein realer Gegenwert für die
geschätzten 90 Billionen Dollar an Geldmenge >

brand eins 06/18 EINLEITUNG 47


existiert. Gold, Silber, irgendetwas von Wert, das men, die zu lösen sind, bei allem Ärger, den das
„real“ ist und damit „reell“, also, so sagt es der moderne Geldsystem bereitet, warnt der Experte
Duden, „handfest, anständig, ehrlich, echt“ und – davor, sich Illusionen zu machen. „Es gibt kein
die wahrscheinlich wichtigste Bedeutung des alten Zurück in die Realwirtschaft. Der Zug ist lange
Wortes – „den Erwartungen entsprechend“. abgefahren.“
Darauf baut unser Wohlstand nicht. Die Moral, Stattdessen empfiehlt North mehr Allgemein-
die aber über das Geld richtet, stammt aus einer bildung in Sachen Geld. Es wimmelt vor Verklä-
ganz anderen Zeit als das Objekt ihrer Kritik. rungen, etwa wenn „die gute alte D-Mark in den
Himmel gehoben wird und der Euro schlecht-

Es gibt kein Zurück geredet – wofür es keine vernünftige Begründung


gibt“, so North. Beim Geld wird Wissen durch
Der Historiker
Michael North

in die Realwirt- Gefühl ersetzt. Das ist nicht nur bei finanzbildungs-
fernen Schichten der Fall, also bei fast allen, son-
schaft. Der Zug ist dern auch dort, wo scheinbar die Fachleute regie-
ren, in der Mainstream-Ökonomie.
abgefahren.
9. Mainstream Money
Wir sagen „Bares ist Wahres“ und sehen Mün-
zen und Scheine, wo geschätzte 92 Prozent der Mathias Binswanger gehört nicht zu diesem Main-
Geldmenge nur noch als digitaler Abdruck in stream und ist dennoch – oder trotzdem – zu ei-
Computerspeichern existiert, Buchungen, die nichts nem der einflussreichsten Vertreter seines Faches
weiter wiedergeben als das Verhältnis zwischen geworden. Und der ökonomische Mainstream
Schuld und Anspruch. Die Geschichte des Vertrau- folgt genauso wie viele Kritiker des Geldsystems
ensbruchs durch die Macht – und das sind Banken, der alten Kultur, in der „die Geldschöpfung aus
Staaten und Politik gleichermaßen – weist eine dem Nichts, die vor 400 Jahren bei Londons Gold-
Kontinuität auf, die ihresgleichen sucht. Das mo- schmieden begann, nie stattgefunden hat“. Und so
derne Geldschöpfungssystem ist auch Notwehr werde, sagt er, das Bild einer Geldwirtschaft ver-
gegen diesen Machtmissbrauch. Und da ist es kein mittelt, „bei dem die Leute ihre Ersparnisse auf die
Wunder, dass die Leute lieber Gold und Silbermün- Bank bringen, damit die wiederum anderen einen
zen unterm Kopfkissen haben als auf der Bank und Kredit geben kann“. Jedem realen Wert ist ein rea-
lieber Bargeld in der Tasche, mit dem sie jederzeit ler Gegenwert zugerechnet. Dieses Denken, sagt
etwas kaufen können, als das Gefühl, dass ihnen Binswanger, „ist falsch und steht unserem Ver-
die da oben jederzeit den Kredit sperren können. ständnis des ökonomischen Prozesses im Weg“.
Willkür, Enteignung und im Nachhinein als rech- Wachstum und der damit verbundene mate-
tens erklärtes Unrecht gibt es auch im digitalen rielle Wohlstand sind das Ergebnis von Investi-
Zeitalter. Nur dass die Missbrauchsmöglichkeiten tionen, die wiederum künftige Produktionen und
nun so schnell wie das Licht sind. Dienstleistungen ermöglichen. Das Geld dafür
Geld ist damit, noch mehr als der Spiegel unse- stammt aus Krediten, weshalb Binswanger die Be-
rer Wünsche, der Wertmaßstab für unsere Fähigkeit zeichnung Kreditgeldwirtschaften verwendet. Der
zu vertrauen und uns etwas zuzutrauen. Es sind Vorteil dieser Methode liegt auf der Hand: Um
nicht nur die Machthaber, an denen wir – begrün- Neues zu schaffen, muss man nicht sein vorhan-
det – zweifeln. Wir misstrauen dem Geld, weil wir denes Vermögen einsetzen oder dafür sparen, was Beim Geld wird Wissen
durch Gefühl ersetzt,
unserer Vorstellungskraft, die das Geld geschaffen den Konsum einschränken würde. Diese Kredite
so der Rostocker
hat, nicht über den Weg trauen. Wir trauen dem schaffen also faktisch „Geld aus dem Nichts“, sie Wirtschaftshistoriker
Geld nicht, weil wir uns selbst nicht trauen. sind zusätzliches Geld, mit dem man wiederum Michael North. Das gilt
Können wir auch anders? mehr kaufen kann und das den Verkäufern wiede- allerdings nicht nur
für rechenschwache Laien,
Foto: © Universität Greifswald

Umgangssprachlich wird das oft mit der Ab- rum mehr Einnahmen beschert. sondern auch für Experten,
kehr von der Finanzwirtschaft und der Rückkehr Dabei wird immer mehr Geld geschaffen, und die sich rund ums Geld
zur Realwirtschaft gleichgesetzt. Geht das? davon bekommen letztlich alle etwas ab, Inves- positionieren, ergänzt der
Schweizer Wirtschafts-
Der Rostocker Wirtschaftshistoriker Michael toren, Gesellschafter, Unternehmer und Arbeitneh-
wissenschaftler Mathias
North, Autor des Standardwerkes „Kleine Ge- mer, deren Löhne und Gehälter steigen, und natür- Binswanger. Geld
schichte des Geldes“, winkt ab. Bei allen Proble- lich der Staat, der mehr Steuern kassieren kann. wird falsch gedacht.

48 brand eins 06/18


Die Gewinne entstehen, weil die „Produktion dem schen. Das Problem, sagt er, sei schlicht, „dass in
Verkauf der Güter vorausläuft und somit das früher entwickelten Ökonomien mehr Geld vorhanden
produzierte Angebot auf die Nachfrage von heute ist als brauchbare Ideen und Möglichkeiten für
trifft“, so Binswanger. Diese Nachfrage ist aber, sinnvolle Investitionen in der Realwirtschaft, mit
weil mehr Geld durch Kredite geschaffen wurde, denen man auch was verdienen kann“.
„höher als die früher für die Produktion des Ange- Zwar gibt es, damit Wachstum nicht abreißt,
bots angefallenen Kosten“. ständig neue Produkte, Ideen und Erfindungen –
Wenn dieser Prozess abreißt, sind die Folgen beziehungsweise was man auf den ersten Blick
Konkurs und Arbeitslosigkeit, geringerer Wohl- dafür hält. Die Vorstellung einer Wissensökonomie
stand und Perspektivlosigkeit. Also das, was man baut ja genau darauf: alle Konzentration auf Inno-
gemeinhin als Krise bezeichnet – etwas, das immer vation und immer mehr individualisierte Produkte
wieder passiert. Nun könnte man damit gelassen und Dienstleistungen, um die Dynamik des Sys-
umgehen, denn jeder dieser Krisen folgte eine Er- tems zu erhalten. Aber das ist leichter gesagt als
holung und neuerliches Wachstum, das zu mehr getan, und deshalb sucht sich das Geld neue Ren-
Wohlstand führte. Solange Menschen Bedürfnisse ditemöglichkeiten auf dem Finanz- und Immobilien-
haben, die von Produkten, Dienstleistungen, und markt. Hier sind wir dann bei der Gefahr der
was man sonst noch verkaufen kann, befriedigt spekulativen Blasen, also der übertriebenen Erwar-
werden können, ist das kein Problem. Man kann tungen in diese Felder, die mit großem Krach plat-
Geld schöpfen wie verrückt, solange man den Leu- zen. Natürlich helfen Regulierung und Kontrolle
ten etwas verkaufen kann. Endlos. dagegen, aber verhindern könnten sie den Ärger
„Nein“, sagt Binswanger. Wäre auch zu schön nicht, sagt Binswanger: Wenn man maximale
gewesen, so ein Goldesel. Es sind nicht nur Um- Gewinne und maximales Wachstum wolle, seien
welt- und Ressourcenprobleme, die dem entgegen- solche Instabilitäten Teil des Programms. Auch das
stehen, sondern auch, in mindestens demselben ist eben Teil der Geschichte: Wo es mehr Geld als
Maße, die begrenzte Vorstellungskraft von Men- Verstand gibt, ist der Schaden nicht weit. >

Bauen Sie auf unsere einzigartige


»Energiekostenlos-Garantie« als Upgrade.
Genießen Sie dauerhaft energiekostenfreie Heizung, Lüftung und Warmwasser-
bereitung. Setzen Sie auf über 64 Jahre Erfahrung, höchste Bauqualität und
die innovative Haustechnik von Viebrockhaus.
10. Qualität statt diese, wie geplant, zu verhindern (siehe auch
04/2014 brand eins: Welches Potenzial haben Bit-
Binswangers Lösung des Dilemmas ist mehr Prag- coins?) **. Das Geldsystem braucht
eine Reform, klar. Aber die
matismus. Die Ökonomie müsse lernen, was in Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als aus
liegt weder im radikalen
der Finanzmarkttheorie längst bekannt ist: Hohe dem Geld das Beste zu machen. Schnitt zu dem, was ist,
Gewinne gibt es nur bei einem hohen Risiko. In Das erfordert eine neue Kultur des Geldes, den noch in einem „Weiter so“.
der kulturangebenden Makroökonomie hingegen nächsten Schritt, den es gehen muss. Es muss wie- Es gehe darum, sagt
Mathias Binswanger, von
wird diese Regel einfach vergessen und verdrängt. der an Wert gewinnen, indem es sich ein bisschen
einem Wachstum des
Laut Binswanger werde „ein möglichst hohes rar macht, wie alle guten Dinge. „so viel wie möglich“ zu
Wirtschaftswachstum angestrebt, ohne die damit In entwickelten Volkswirtschaften gelte nicht einem „so viel wie nötig“
verbundenen Risiken zu beachten“. Das Einzige, mehr das Prinzip „so viel Wachstum wie möglich“, zu kommen. Wo es
nur Geld gibt und keine
was man in der Mainstream-Fraktion im Zusam- sondern „so viel Wachstum wie nötig“, sagt Ma- Ideen mehr, wird das
menhang mit einem unbegrenzten Wachstum als thias Binswanger. Man fährt besser, wenn man Geld wertlos. Und was wir
Gefahr erkenne, sei die Inflation. Wenn die galop- nicht zu schnell fährt, sondern auf Sicht. Das ist die wollen, auch.
piert, dann erhöhen die Zentralbanken einfach die Phase, in der sich das Geld heute befindet, und, wie
Zinsen und „würgen damit das Wachstum ab“. Ein könnte es anders sein, der Rest alles Menschlichen
ziemlich brachiales und riskantes Geschäft. auch. Die Qualität fordert die Quantität heraus,
Binswanger ist überzeugt, dass die meisten das ist der Sinn der Transformation, in der wir
Menschen in den entwickelten Wohlstandsstaaten heute stecken. Und dabei darf man nie vergessen:
nicht bereit sind, ein so hohes Risiko einzugehen: Geld kann nicht mehr können, als wir wollen. Es
„Wir würden uns wohler fühlen in einer Wirt- spiegelt unsere Wünsche wider. Es ist wie wir. Viel-
schaft, die langsamer wächst, dafür aber weniger leicht hadern deshalb so viele mit ihm. Sie wissen
krisenanfällig ist, in der die Renditen geringer aus- nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Wo es nur
fallen, die aber eine höhere Lebensqualität hat.“ Geld gibt und keine Idee, wird Geld wertlos.
Man müsse dabei gar keine großen moralischen Wertbeständig hingegen ist, wenn man weiß,
Geschütze auffahren, sondern einfach nur daran was man will.
denken, wie der Kapitalismus traditionell mit ho-
hen Risiken umgegangen sei: in der Regel vorsich-
tig. „Aktiengesellschaften sind Risikogemeinschaf- Das zählt.
ten. Das waren keine Glücksspieler“, sagt er. Es
ging und geht um „reelle Erwartungen“. Also
doch. Vielleicht keine Realwirtschaft, aber dafür
ein reeller Umgang mit Geld und Wachstum und
Politik, die miteinander verwoben sind, mehr, als
das gut ist.
Aber gutes Geld? Binswanger ist skeptisch, ob
die vor allem von alternativen Kreisen favorisierten
Modelle der Komplementärwährungen tatsächlich
für eine solide Reform des Geldsystems taugen.
Regiogelder wie der Chiemgauer (siehe brand eins
02/2004: Das geht: Das macht zwei Chiemgauer,
bitte!) * könnten zwar „sinnvolle und durchaus
erfolgreiche Nischen bilden“, aber eben nur im
„Windschatten des herkömmlichen Systems, das
weiterhin Bestand hat. Sie funktionieren, weil die
meisten Zahlungen in offizieller Währung erfol-
gen.“ Und Bitcoin, so warnte Binswanger schon
vor Jahren, zeige vor allen Dingen, wie schnell eine
gut gemeinte Komplementärwährung, die die Ge-
fahren und Abhängigkeiten des alten Systems be-
seitigen soll, selbst zu einem Spekulationsobjekt * b1.de/Chiemgauer
werde „und damit zu neuen Instabilitäten“ führe, ** b1.de/Potenzial_ Bitcoins

50 brand eins 06/18


Jetzt
ndel
brand eins Thema im H a

Consulting
Der Branchenreport von brand eins Wissen und Statista

Arbeiten bei den Besten:


20 Seiten
Stellenanzeigen

Sind Manager
die besseren
Consultants?
(Seite 32) (Seite 22)
Euro 12 CHF 15

Brauchen Algorithmen Berater? (Seite 14)

Wie funktioniert
NEUGIER
April – Juli 2018

ein guter Pitch?

ODER
(Seite 54)
Heft 9
5. Jahrgang

ERFAHRUNG?
Wer hilft
Wacken?
www.brandeinswissen.de

(Seite 80) (Seite 6)

t:
rteil
eu
eng
b
n ha
te N
lien TE 18
K S
und
E BE R 20
lleg
en DI ATE
Ko R
BE

AUCH NEU: unsere interaktiven Rankings der Besten – b1.de/karte-c2018


Von
Gel
dh äus
ern

en
ätz
tpl
rk
zu
Ma
Kann ein digitales Die Ausgangslage
• Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass Fotos arbeitslos ge-
Plattformmodell wordener Wall-Street-Banker mit Kartons unter dem Arm den

die Zukunft Höhepunkt der Finanzkrise symbolisierten. Die meisten Ban-


ken, die den Crash überlebten, haben ihn inzwischen weitge-

der Geldinstitute hend überwunden, unter anderem durch strenges Sparen. Trotz-
dem sind sie weit von früheren Höhenflügen entfernt. So hat die

sein? Unternehmensberatung McKinsey ausgerechnet, dass sich die


Eigenkapitalrendite der Branche, die nach dem Crash von 15 auf
knapp 5 Prozent gefallen war, sich nun auf gerade mal 8 Prozent
eingependelt hat.

Die Deutsche Bank Auch ihr Wachstum ist zumindest in Nordamerika und
Europa fast vollständig zum Stillstand gekommen. Dauerhaft

glaubt daran. niedrige Zinsen sind daran ebenso schuld wie ein immer weni-
ger lukratives Privatkunden- und Investmentgeschäft. Außer-
dem bröckelt die regulatorische Mauer, die Banken lange Zeit
vor Konkurrenz durch Internetfirmen geschützt hat.
Text: Christoph Koch Häufig handelt es sich bei diesen Unternehmen um soge-
Fotografie: Ramon Haindl
nannte Plattformen: Marktplätze also, die davon leben, zwi-
schen anderen Parteien zu vermitteln (siehe brand eins 04/2015:
„Die drei Zauberworte“)*. Das kann sehr lukrativ sein: Airbnb
machte 2017 durch das reine Vermitteln von Unterkünften rund
drei Milliarden Dollar Umsatz. Mit Artikeln von Drittverkäu-
fern setzt Amazon heute fast 32 Milliarden Dollar um, Tendenz
steigend. Ob Apples App-Store, Youtube oder die Werbeflächen
von Facebook: Fast alle größeren IT-Erfolgsgeschichten der jün-
geren Vergangenheit sind Plattformen, oft auch als Aggregato-
ren oder zweiseitige Märkte bezeichnet. Funktioniert eine solche
Strategie auch im Bankgeschäft?
Ja, sagt Geoffrey G. Parker. Er ist einer der ersten Wissen-
schaftler, die zur Jahrtausendwende die Bedeutung zweiseitiger
Märkte erkannt haben. „Banken (…) werden den Druck bald zu
spüren bekommen“, schreibt er in seinem Buch „Platform Revo-
lution“. „Bisher konnten sie sich einer Disruption durch Plattfor-
men vor allem aufgrund von starker Regulierung und einem
vergleichsweise konservativen und risikoscheuen Kundenstamm
entziehen.“

Der Plan

Auch Christian Sewing, der neue Mann an der Spitze der Deut-
schen Bank, glaubt daran. „Wenn die digitale Transformation
aus einer Ökonomie der Produzenten eine Ökonomie der Platt-
formen macht, dann ändert sich das ganze Wirtschaftsleben“,
sagte er beim Deutschen Medienkongress im Januar 2018 in
Frankfurt am Main. „Angesichts dieser Marktmacht der Platt-
formen ist klar: Vielfach haben nicht mehr die Hersteller eines
Produkts das Sagen, sondern die Händler.“ Seine Forderung:
„Wir müssen zur führenden Plattform werden.“ Sewing steht

54 brand eins 06/18


unter großem Druck: Die Deutsche Bank ist eines der Geld- besitzt, ist strategisch besser aufgestellt. Und deshalb bauen wir
häuser, die sich von der Finanzkrise am schlechtesten erholt ein Regal.“ Pertlwieser hat Parkers Buch verinnerlicht, kennt aber
haben, es schreibt seit Jahren rote Zahlen. Aus den Zwillingstür- auch die Probleme, die sich für Plattformen ergeben können.
men in Frankfurt am Main kamen schon lange keine guten Zum Beispiel das Henne-Ei-Problem. So wie eine Plattform
Nachrichten mehr. wie Uber nicht funktioniert, wenn es nur Fahrgäste, aber keine
Umsetzen soll das Ganze Markus Pertlwieser, Digitalchef Fahrer gibt, so kann eine Bankplattform nicht funktionieren,
des Privat- und Geschäftskundenbereichs. Die Finanzkrise habe wenn es Kunden, aber keine Anbieter gibt. Bei dem Termingeld-
dafür gesorgt, sagt er, dass sich die Branche jahrelang zu wenig Marktplatz der Deutschen Bank namens Zinsmarkt findet man
Gedanken um neue Einnahmequellen gemacht habe: „Die klas- derzeit gerade mal zwei Kooperationspartner. Auch das Kapitel
sischen Erlösmodelle funktionieren immer weniger, die Zahl der über deren Auswahl hat Pertlwieser gelesen: Wenn eine Platt-
Filialbesuche geht weiter zurück. Gleichzeitig werden in der form es nicht schafft, qualitativ schlechte oder sogar betrügeri-
digitalen Sphäre viele Angebote schneller austauschbar, denn sche Angebote auszusieben, können sich schnell negative Netz-
das nächste Angebot ist meist nur einen Klick entfernt. Die werkeffekte einstellen – also eine Abwanderung der ehrlichen
Position eines Aggregators, der all diese Angebote bündelt und Nutzer und somit auch der seriösen Anbieter. „Wenn außen
die direkte Kundenbeziehung hat – die ist es, die sich in Zukunft Deutsche Bank draufsteht, muss auch unser Qualitäts niveau
lohnen wird.“ drin sein“, sagt Pertlwieser, „sonst riskieren wir das Vertrauen
Ihr Draht zu den Kunden ist tatsächlich eine der letzten Stär- unserer Kunden.“
ken, die vielen Banken noch geblieben sind: Mehr als 20 Millio-
nen haben die Deutsche und die Postbank gemeinsam, mehr als Die Konkurrenz
die Hälfte von ihnen erledigt Bankgeschäfte digital. Das ist ein
Vorteil, von dem die oft gehypten Fintechs nur träumen. Zudem Da Plattformen extrem von Netzwerkeffekten profitieren, füh-
ist Onlinebanking stark verankert im Alltag und bietet somit ren sie oft zu Winner-takes-most-Märkten. Der führende Ag-
permanenten Kundenkontakt. Die Leute müssen nicht mehr in gregator für alle Geldangelegenheit zu werden wäre also eine
die Filiale gelockt oder mit Werbe-Mails genervt werden, sie lukrative Position. An solchen Regalen, wie sie Pertlwieser vor-
kommen von selbst, häufig sogar täglich. Mit Versicherern, Bau- schweben, bauen aber auch schon andere: Sei es die ING-Toch-
sparkassen oder ähnlichen Dienstleistern treten Kunden oft nur ter Interhyp, die Immobilienkredite vermittelt, oder der Dienst-
einmal pro Jahr in Kontakt. Wenn überhaupt. leister WMD Capital, der Zugang zu den Anlagestrategien von
Diese intensive Beziehung zu monetarisieren, indem man 20 verschiedenen professionellen Vermögensverwaltern bietet.
nicht nur eigene Produkte vertreibt, sondern auch als Schau- Auch die britische HSBC setzt auf Öffnung und Aggregation:
fenster für alle anderen fungiert, das muss nach Ansicht Parkers Zusammen mit dem Fintech Bud hat die Bank eine App namens
und anderer Experten das vorrangige Ziel für die Banken der HSBC Beta entwickelt, die nicht nur mehrere Bankkonten ver-
Zukunft sein. Die Deutsche Bank scheint Gefallen an der These walten kann, sondern dem Nutzer auch Spartipps und Analysen
gefunden zu haben, denn sie ist eine Forschungspartnerschaft seiner Ausgaben anbietet. Die Direktbank ING hat mit Yolt ein
mit dem Massachusetts Institute of Technology eingegangen, ähnliches Projekt gestartet.
wo Parker derzeit in der „Initiative on the Digital Economy“ Die typischen Fintechs, vor einigen Jahren noch als große
forscht. „Banken wissen viel über ihre Kunden“, sagt Parker in Bedrohung für die traditionellen Banken gefürchtet, sind dann
einem gemeinsamen Interview mit Pertlwieser. Kaum ein Unter- am erfolgreichsten, wenn sie ihre technischen Innovationen mit
nehmen kenne sie so gut. Die Bank wisse, wann sie einen Beruf der Größe und dem Vertrauensvorsprung eines etablierten
ergriffen, heirateten, Kinder bekämen, ein Haus bauten. Diese Geldinstituts kombinieren. Die zweitgrößte spanische Bank
Lebensabschnitte böten perfekte Gelegenheiten, so Geoffrey G. BBVA hat beispielsweise die Start-ups Holvi und Simple sowie
Parker, Finanzprodukte, Versicherungen und andere Dienstleis- die Big-Data-Firma Madiva gekauft und in zahlreiche Fintechs
tungen zu verkaufen – idealerweise über einen Marktplatz. Dann investiert. „Am Ende des Tages werden wir keine Bank mehr
könnte das Geldhaus nicht nur mitverdienen, wenn die Kunden sein, sondern ein Digitalunternehmen“, sagte der BBVA-Chef
ihr Tagesgeld woanders anlegten, sondern auch, wenn sie sich Francisco González in einem Interview.
Produkte aussuchten, die die Bank selbst nicht anbietet. Ein Beispiel für seine Plattformstrategie: Die BBVA-App
„Wenn wir diese Aggregation von Services bieten können, Valora ermöglicht dem Nutzer, durch die Eingabe der Adresse
sind wir in der bestmöglichen Position“, sagt Pertlwieser. „Eine den wahrscheinlichen Preis für ein Haus zu ermitteln – sei es das
Bank oder Versicherung, die ihr Produkt nur einer Plattform zu- eigene oder eines, das er kaufen möchte. Die Daten dafür wer-
liefert, wird immer nur der Lieferant bleiben, der das Regal den anhand bisheriger Verkäufe in der Nähe aus Drittquellen
befüllt. Aber dann ist man ersetzbar. Derjenige, der das Regal erhoben. Anschließend kann der Nutzer sehen, wie die >

brand eins 06/18 55


Raten für einen entsprechenden BBVA-Kredit sein monatliches einen Einkommensnachweis senden können, ohne extra Lohn-
Budget beeinflussen würden. Laut BBVA schließen Valora-Nut- zettel oder Steuerbescheide kopieren zu müssen. Ein anderer
zer doppelt so häufig einen Kreditvertrag ab wie andere Immo- Anwendungsfall wäre der Altersnachweis. Da die Bank das Ge-
bilien-Interessenten. burtsdatum ihres Kunden verifiziert, könnte sie über eine
Es ist allerdings noch längst nicht ausgemacht, dass es eine Schnittstelle die Information zur Verfügung stellen, ob er schon
Bank ist, die dieses Rennen gewinnt. Mit Check24 und Verivox volljährig ist – oder sich beispielsweise für eine Ermäßigung
bringen sich beispielsweise gerade zwei Onlinevergleichsportale qualifiziert, weil er älter als 65 ist. „Die Kunden entscheiden im
in Stellung: Check24, bekannt geworden als Wegweiser im Einzelfall, welche Daten sie freigeben“, sagt Hensen. „Wir geben
Dschungel von Strom- und Mobilfunktarifen, vermittelt inzwi- die Daten also nicht pauschal heraus, sondern ermöglichen un-
schen auch Versicherungen und Festgeldanlagen. Und Verivox seren Kunden, sie bestimmten Partnern so zur Verfügung zu
hat mit dem Fintech Outbank gerade eine App gekauft, die von stellen, dass daraus ein Vorteil für beide Seiten entsteht.“
Girokonto bis Paypal alle Konten eines Nutzers an einem Ort Hensens Team sitzt in der sogenannten Digitalfabrik am
vereint. Kurz zuvor hatte man den Dienst Aboalarm übernom- Rand von Frankfurt. Weit genug von den Zwillingstürmen ent-
men, der Girokonten auf Verträge scannt und Kunden bei deren fernt, um nicht jede Querele mitzubekommen. Trotzdem dürfte
Kündigung assistiert. sich der jüngste Wechsel an der Spitze der Bank positiv auf die
Doch Konkurrenz droht noch von einer dritten Seite: Denn Arbeit von Hensens Team auswirken. Denn der neue Chef
ebenso, wie Banken zu Plattformen werden können, funktio- Christian Sewing gilt als Befürworter des API-Projekts und
niert es auch umgekehrt. In Japan versorgt der landesweit größ- sprach sich auf dem Hackathon API/Open, den Hensen 2016 in
te Onlinehändler Rakuten inzwischen viele Millionen Kunden Berlin organisiert hatte, nachdrücklich für eine Öffnung der
mit Kreditkarten und bietet Finanzprodukte und -dienstleistun- Bank zur Plattform aus. Auf diesem Hackathon wurde die
gen an, von Hypotheken bis Wertpapierhandel. Der chinesische Frankfurter Minifirma Dwins zum Sieger gekürt, die in der
Onlineriese Alibaba versorgt mit seinem Geldableger Ant Finan- Folge mit einem Millioneninvestment der Deutschen Bank die
cial mehr als eine halbe Milliarde Kunden in seiner Heimat und App Finanzguru entwickelte. Diese steht mittlerweile nicht
weitere 112 Millionen in anderen asiatischen Ländern. Ant ist mehr nur Deutsche-Bank-Kunden offen. Wer der App Zugriff
für 51 Prozent der elf Billionen Dollar an jährlichen Onlinetrans- auf die Kontodaten gewährt, dem berechnet sie, neben Vertrags-
aktionen in China verantwortlich und verarbeitet damit das verwaltung und Kündigungserinnerungen, zum Beispiel auch,
16-fache Volumen von Paypal. Der Sprung in die USA, unter welche Bahncard sich für einen lohnt. Stromrechnungen oder
anderem durch den geplanten Kauf des Zahlungsdienstleisters Wohnungsnebenkosten lassen sich mit ihr bequem auf Plausibi-
Moneygram, steht unmittelbar bevor. lität prüfen, und aufgrund der Kontobewegungen werden indi-
Und auch Amazon tastet sich vor: Es bietet eine eigene Kre- viduelle Spartipps erstellt.
ditkarte an, mit Amazon Pay einen eigenen Zahlungsdienst und „Im Gegensatz zu Informationen, die große Internetgigan-
unter dem Namen Amazon Lending Kredite für Kleinunterneh- ten haben, sind Zahlungsdaten sehr viel aussagekräftiger, da sie
men. Der nächste Schritt: Ein eigenes Amazon-Girokonto für auf verlässlichen Fakten basieren“, sagt Joris Hensen. „Wer eine
junge Kunden und Menschen, die bislang keines hatten – hier Dauerkarte für seinen Verein gekauft hat, ist zweifelsfrei ein
könnte es eine Kooperation mit einer US-Bank wie J. P. Morgan Fußballfan. Und wer mehrmals im Monat in unterschiedlichen
geben. Ländern bezahlt oder Geld abhebt, ist eindeutig viel auf Reisen.“
Einen Teil dieser Daten müssen alle Banken im Zuge der EU-
Die Daten Richtlinie PSD2 (Payment Service Directive) spätestens ab dem
14. September 2019 sowieso über Schnittstellen anbieten. Die
Ein wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Plattform ist der Deutsche Bank will aber weit über das hinausgehen, was vor-
Kundenkontakt. Ein anderer sind Daten. Indem man diese über geschrieben ist – allerdings nicht kostenlos.
digitale Programmierschnittstellen – sogenannte APIs (Appli- So schreibt PSD2 beispielsweise vor, dass Transaktionsdaten
cation Programming Interface) – zur Verfügung stellt und mit für die vergangenen sechs Monate zu Verfügung gestellt werden
anderen Daten kombiniert, werden ganz neue Finanzdienstleis- müssen. Da viele Zahlungen aber nur einmal jährlich erfolgen,
tungen möglich. Der Leiter des 35-köpfigen API-Teams der sind beispielsweise ein digitales Haushaltsbuch oder ein Ver-
Deutschen Bank ist Joris Hensen. Seine Aufgabe: Entwicklern tragsmanager, die 13 Monate einsehen und auswerten können,
zu helfen, Anwendungen zu programmieren, die aus den Daten deutlich leistungsfähiger und nützlicher. Und genau diesen Zu-
der Bankkunden neue Services und Geschäfte machen. Ein griff auf 13 Monate Transaktionsdaten will sich die Deutsche
denkbares Beispiel wäre etwa ein Kunde, der sich für eine Miet- Bank von zukünftigen Kooperationspartnern bezahlen lassen.
wohnung interessiert. Er soll dem Vermieter unkompliziert „Wenn wir durch unsere Daten dafür sorgen können, dass >

56 brand eins 06/18


Kunst
gehört
der Elite.
Bis Du sie
jedem
schenkst.
Banksy, Street-Art-Künstler.
Die ganze Geschichte: handelsblatt.com/handeln

FÜR ALLE,
DIE HANDELN
ein Händler einen Zahlungsausfall vermeiden oder durch unse- Login- und Identifikationsprodukt anbieten. So wie man sich
ren Altersnachweis einen Onlinekauf reibungsloser abschließen heute auf vielen Websites mit seinem Google- oder Facebook-
kann, dann ist das eine Dienstleistung, die ihr Geld wert ist“, Log-in anmelden kann, um nicht jedes Mal einen neuen Account
sagt Hensen. erstellen zu müssen, soll auch Verimi funktionieren. Nutzer sollen
Auch er hat Parkers Buch genau gelesen: „Damit eine Platt- sich mit ihrem Verimi-Konto sowohl bei Unternehmen als auch
form wachsen und von Netzwerkeffekten profitieren kann, ist es bei Behörden unkompliziert identifizieren und sich dabei gleich-
wichtig, dass der Zugang für alle Beteiligten möglichst reibungs- zeitig auf höchste Datenschutzstandards verlassen können.
los ist“, sagt er. Jede Hürde, die jemanden von der Anmeldung
abhalten könnte, gilt es aus dem Weg zu räumen. „Program- Die Aussichten
mierer können sich deshalb bei uns in wenigen Sekunden regis-
trieren, um unsere Schnittstellen zu verwenden.“ Man landet „Man muss die Deutsche Bank durchaus loben, dass sie das
dann zwar erst einmal in einer sogenannten Sandbox, kann in Thema Digitalisierung und Plattformstrategie rechtzeitig und
einer Testumgebung also nur mit einer Handvoll Beispieldaten professionell angegangen ist“, sagt Karsten Junge, Partner bei
agieren – doch das genügt, um die eigene Anwendung mit der Consileon, einer unter anderem auf die Finanzbranche spezia-
Schnittstelle zu testen. „Wer mit uns zusammenarbeiten und lisierten Unternehmensberatung. „Sind sie damit ganz vorne
echte Daten auslesen will, muss unsere strikten Daten- und dran? International sicher nicht, unter den großen deutschen
Sicherheitsstandards erfüllen“, sagt Hensen. „Doch auch diese Banken allerdings schon.“ Für Junge befinden sich die Geldinsti-
Überprüfung gestalten wir mit rund zwei Wochen so zügig und tute zunehmend in einer ähnlichen Position wie Strom- oder
reibungslos, wie es die Datenvorschriften erlauben.“ Mobilfunkanbieter: Das eigentliche Produkt ist mehr oder min-
Ebenfalls die Reibungslosigkeit fördern soll das vielleicht der austauschbar, aber als großer Player verfügt man über eine
größte Projekt in der Plattformstrategie der Deutschen Bank: wichtige Infrastruktur – also über Mobilfunkmasten oder eine
Gemeinsam mit Allianz, Daimler, Deutsche Lufthansa und wei- Banklizenz – und einen großen Kundenstamm. „Und genau so,
teren Partnern will man mit dem Dienst Verimi ein zentrales wie es sich für Telefónica lohnen kann, ihre Dienstleistung von
einem Discounter als ,Aldi Talk‘ vertreiben zu lassen, kann es
sich für Banken lohnen, die eigene Plattform für gute Fremd-
angebote zu guten Konditionen zu öffnen“, sagt Junge.
Er sieht vor allem drei Faktoren für die Plattformisierung der
Finanzbranche: den Wunsch der Kunden, technische Innovatio-
nen und regulatorische Vorgaben. Letztere werden Banken in
Zukunft noch mehr Offenheit abverlangen: „Warum sollte die
Regulierung mit PSD2 aufhören? Warum sollte es nicht irgend-
wann die Pflicht geben, Depot- oder Performance-Daten über
APIs offenzulegen? Deshalb ist jede Bank, die sich jetzt schon in
diese Richtung bewegt, später den Wettbewerbern voraus.“
Auf den ersten Blick mag die Öffnung einiger Programmier-
schnittstellen nur wie ein kleiner, unbedeutender Schritt erschei-
nen. Trotzdem geht Junge davon aus, dass ihnen heutzutage die-
selbe strategische Bedeutung zukommt wie ein Entschluss, sich
aus dem Investmentbanking zurückzuziehen oder ein paar Hun-
dert Filialen zu schließen. „Derjenige zu sein, der den Kunden-
kontakt hat und diesen Zugang an andere vermittelt – das wird
in den kommenden Jahren immens wichtig werden“, sagt er.
„Denn zum einen will kein Kunde zwei Smartphone-Screens
voll mit Finanz-Apps haben – es wird also eine Konzentration
stattfinden. Und so wie Rewe die Macht hat, die Eigenmarke Ja!
gut zu positionieren, wird auch im Finanzsektor derjenige die
Macht haben, der die dominante Plattform besitzt.“ –

* b1.de/3Zauberworte

58 brand eins 06/18


Veränderung
ist keine
Entscheidung.

Sie geschieht.
Und sie betrifft jeden.

Wie schafft man es, nicht überrollt zu werden?


Wie kann man den Wandel mitgestalten oder sogar
vorantreiben, selbst Veränderer werden?
Viele brandeins-Leser haben uns diese Fragen gestellt,
sich Unterstützung dabei gewünscht. Unsere Antwort:

Wir bringen Sie mit den richtigen


Menschen zusammen.

Jetzt bewerben.
www.brandeins-safari.de
Darf’s etwas weniger sein?

Der Kampf einer Schwäbin


gegen ihre Sozialisation.
Text: Jenni Roth
Illustration: Tine Fetz

• Ich finde Geiz eine ziemlich abtörnen-


„Don’t let, don’t let, don’t let money rule you
For the love of money
de Eigenschaft. Dabei muss ich gegen
Money can change people sometimes
meine Dispositionen ankämpfen: Erstens
Don’t let, don’t let, don’t let money fool you.“
– The O’Jays, 1973
bin ich vorbelastet, weil im Schwaben-
land aufgewachsen – bei de Schwoba,
dias Geld niamols zom Fenschdr nausschmeißet. Ich bin also in einer Umge-
bung sozialisiert worden, in der man zum Einzug von den Mietern im
Stockwerk unter einem begrüßt wird mit „Wenn Se mol zlaut send, ruf i Se
a ond lass es dreimol klengla. Des koschd nix.“ Schwabenwitze sind fast
immer Sparwitze: „Wieso kann ein Schwabe eine Speisekarte in jeder Sprache
der Welt lesen? Weil er nur die Preise liest.“ Oder: „Was macht ein Schwabe
am vierten Advent? Er sitzt mit zwei Adventskerzen vor einem Spiegel.“
Dazu kommt mein Sternzeichen, Jungfrau, das mieseste überhaupt: Wir sind
bekanntermaßen unlocker-faschistoide Zwangscharaktere und sparsam bis an
den Rand des Wahnsinns. Deshalb darf man jemanden wie mich auch niemals
Buch führen lassen über seine Ausgaben – das verstärkt die zwang-
hafte Neigung nur. Es entsteht dann so ein Wettbewerb mit sich
selbst: Hei, diesen einen Euro kannst du auch noch sparen.
Und am Ende des Monats hat man ein Plus auf dem Konto, aber
ein dickes Minus in der Lebensqualität.
Und Punkt drei: Ich arbeite selbstständig. Wenn bei anderen
Zeit Geld ist, heißt die Gleichung bei mir: (Frei-)Zeit = kein Geld.
Also besser immer was auf die hohe Kante legen – wer weiß, was im
nächsten Monat ist oder im nächsten Jahr.
Manchmal frage ich mich tatsächlich im vietnamesischen Restaurant, ob
ich nicht doch lieber die Nudelsuppe nehmen soll statt des Currys, weil
sie 50 Cent billiger ist. Womöglich kaufe ich aber eine halbe Stunde später
beim Trödler an der Ecke einen verratzten Chesterfield für 500 Euro, weil
ich mich spontan in den Sessel verliebt habe. Ich vergesse regelmäßig,
wenn ich jemandem Geld geliehen habe (oder es ist mir zu unangenehm,
daran zu erinnern). Ich bin auch noch nie auf die Idee gekommen,
das Rückgeld an der Kasse abzuzählen. Vielleicht werde
ich so niemals reich. Aber ich bezweifle die Philosophie des
Ikea-Gründers Kamprad. Ich glaube: Am Ende des Tages
und des Lebens kommt man mit allen Münzen, Nudelsuppen
und Sesseln zusammengerechnet bei plus /minus null raus.
Ein Trick für mehr Gelassenheit und gegen Sparsamkeit ist
zum Beispiel: viel Geld auf einmal abheben – wenn ich
viel Bargeld in der Tasche habe, tut ein kleiner Schein nicht
weh. Sind ja noch viele andere da. Oder gar kein Geld
abheben: Mit Karte zahlen ist für den Moment meistens
schmerzfrei. Oder ins Ausland fahren. Da verschiebt sich das
Gefühl für Größenordnungen, raus aus dem Alltag plus
Fremdwährungen macht verschwenderisch. Ein bisschen großzügig
runden, ein bisschen Autosuggestion: „Wo ich schon mal hier bin …“
Aber auch das gleicht sich irgendwo wieder aus. Ich finde immer wieder
Geld. Clubs sind zum Beispiel eine Fundgrube. Zertanzte Geldscheine,
die sich niemandem mehr zuordnen lassen, kann man besten Gewissens mit
nach Hause nehmen, waschen und föhnen.
Wo Geldausgeben allerdings richtig wehtut: bei Sachen, die man bestimmt
nicht haben will. Kaputte Waschmaschinen. Steuernachzahlungen.
Flugtickets, deren Preis sich von einer auf die andere Minute verdoppelt.
Wo Geldausgeben in Ordnung geht: bei Dingen, die irgendwie notwendig
sind und um die kaum ein Weg herumführt:
Nasentropfen, Butter oder Ersatz für durch-
löcherte Turnschuhe. Wo ich gern Geld aus-
gebe: für „Soziales“, und damit meine ich
nicht nur gemeinnützige Spenden. Eine Runde
in der Kneipe zum Beispiel. Oder für große
Essenseinladungen. Das ist Win-win für alle.
Und um die Schwäbin in mir zu besänfti-
gen, nehme ich notfalls am nächsten
Morgen die Schrippen, nicht das Crois-
sant. Spart immerhin 60 Cent. –
2hoch2_Anzeigen@brandeins.de

GRAVIS ist die größte Apple Handelskette für iPhone, iPad, Mac und Investieren Sie in zukunftsweisende Technologien: Mit der
mehr in Deutschland sowie größter Apple Servicepartner in Europa. Wandelanleihe von ABO Wind beteiligen Sie sich an der Planung und
Damit steht GRAVIS für Produkte, die den digitalen Lifestyle prägen, Errichtung von Wind- und Solarparks. Sie sichern sich drei Prozent
höchste Service-Qualität und Spaß an Technik. Zinsen und die Chance auf Kursgewinne.

GRAVIS − genau mein digital. Profitieren Sie vom Wandel.

41 x in Deutschland und auf www.gravis.de Alle Informationen


(einschließlich des maßgeblichen Wertpapierprospekts):
www.abo-wind.com/wandelanleihe
Tel.: 0611 / 267 65-515

62 brand eins 06/18


2hoch2_Anzeigen@brandeins.de

Die nächste IT-Innovation? Geht auf Ihr Konto! Das patentierte PrintoLUX®-Verfahren macht die industrielle
DIE Chance für ITler, die nicht an guten Ideen sparen. Anlagenkennzeichnung einfach und günstig.
Sie wollen das große Geld? Dann arbeiten Sie in Frankfurt. Ein Verfahren.
Eine Software.
Alle Kennzeichen.

Sie wollen smarte Lösungen EINFACHER.


entwickeln?

Dann, macht das www.arbeiten-in-wiesbaden.de Sinn! PrintoLUX GmbH


Dürkheimer Straße 130
67227 Frankenthal
+49 (0) 6233 6000 900
kontakt@printolux.com

brand eins 06/18 63


Neue
Menschen
braucht
die
Bank

Automaten ersetzen die Mitarbeiter


am Schalter, Chatbots die
Kollegen im Callcenter, und Robo-
Advisor übernehmen die Geld-
anlage und Vermögensverwaltung.
Ob der klassische Kunden-
brand eins: Herr Pfersich, hat der Kunden-
angestellte überlebt, ist vor allem
berater eine Chance gegen die Maschinen?
eine Frage der Haltung, sagt der Kai Pfersich: Die Arbeit in einer Bank,
Berater Kai Pfersich. auch im Kundenkontakt, wird in Zukunft
nur noch zum Teil von Menschen erle-
Ein Gespräch über das Ende digt, da dürfen wir uns keine Illusionen
des Aufschwatzens und machen. Bei Privatbanken wird der Effekt
den Zusammenhang von Bildung nicht ganz so groß sein, aber bei den Uni-
und Popcorn. versalbanken arbeiten rund 40 Prozent
der Mitarbeiter im direkten Kundenkon-
takt, von denen wird womöglich nur die
Interview: Christian Sywottek Hälfte übrig bleiben.
Fotografie: Peter Granser
Was werden die Roboter übernehmen?
Bereits heute können sie analysieren, Pro-
gnosen erstellen und Szenarien erarbei-
ten, zum Beispiel welche Auswirkungen
Wechselkursschwankungen auf ein Depot
haben. Künstliche Intelligenz kann aber
auch juristische Konsequenzen von Anla-
geentscheidungen aufzeigen, Anomalien

64 brand eins 06/18


und Klumpenrisiken feststellen und Lö- die Ergebnisse der Systeme aufarbeiten. wissen bleibt ebenfalls wichtig, aber ent-
sungen vorschlagen. Auch arbeitet sie sich Beim Fachwissen braucht es dafür nur scheidend wird die Methodik sein, der
in die Beratung vor. Chatbots können einen Grundstock, weshalb mehr Quer- Umgang miteinander. Dazu sind eine
schon heute einfache Anlageempfehlun- einsteiger in diesen Bereichen arbeiten hohe Kommunikationskompetenz und
gen geben. Robo-Advisor werden immer werden. Das heißt natürlich, dass der eine sehr große Allgemeinbildung nötig.
komplexer, sie können etwa Steuerfragen Konkurrenzdruck für die ausgebildeten Man muss sich hineindenken können in
berücksichtigen oder Anlagen so um- Bankkaufleute steigt. verschiedene Lebensstile und Lebensab-
schichten, dass sie risikoärmer werden, schnitte, ein Gefühl für das Gegenüber
wenn der Anleger dem Rentenalter näher- Und wenn einer Berater bleiben will? entwickeln.
rückt. Heute machen so etwas gewöhn- Das wird wie in der Gastronomie – da
lich noch Menschen. gibt es die Köche in der Systemgastrono- Kann man das nicht schon jetzt erwarten?
mie und solche, die noch selber kochen. Erwarten kann man das noch 100 Jahre,
Was wird dann aus ihnen? Selber zu kochen wäre die echte Kunden- aber es ist die Ausnahme. Das fängt
Nicht wenige werden die Bank verlassen, beratung. Wer gegen die Roboter beste- schon bei der Haltung an – wie soll ein
viele werden in Service-Abteilungen ar- hen will, muss seinen Kunden einen ech- Berater sie entwickeln, wenn er nur über
beiten, etwa als Troubleshooter für Kun- ten Mehrwert bieten – als Bankier 5.0. Druck und Verkaufsziele gesteuert wird?
den, die sich in der Technik nicht zurecht- Bankwissen? Natürlich haben alle Banker
finden. Es wird künftig mehr Assistenz- Was macht diesen Bankier 5.0 aus? gelernt, was ein Annuitätendarlehen ist,
funktionen geben: Mitarbeiter im Back- Er hat vor allem die richtige Haltung. An- aber sie können es einem Laien oft nicht
office werden den verbleibenden Beratern ständige Berater treiben ihre Kunden nicht erklären. Dabei geht es doch gerade da-
zuarbeiten, indem sie recherchieren und in irgendwelche Produkte hinein. Fach- rum, Fachwissen zu übersetzen. >

brand eins 06/18 65


JETZT
TESTEN

Die coolen Seiten


der Wirtschaft
Bestellen Sie die BILANZ im Probeabo und bezahlen Sie für drei Hefte nur 10 Euro.
Die Lieferung erfolgt frei Haus. Jetzt bestellen auf www.bilanz.de/abo
Aber was ist der Mehrwert des Menschen entsprechender Empörung. Und dann Prozesse: einfache Terminvergaben, klare
im Vergleich mit dem Roboter? gibt’s wieder das Girokonto gratis, um Infos und Zuständigkeiten. Und die Mar-
Mehrwert entsteht, wenn der Berater die Leute zurückzuholen, was auch viel ke einer Bank ist wichtig, geprägt etwa
dem Kunden erklärt, was der Roboter Geld verschlingt. durch einen Kundenbeirat oder Siege bei
empfiehlt. Der zeichnet ja oft nur ein unabhängigen Tests.
schönes Kuchendiagramm, das die we- Wie sollen die Banken das neue Personal
nigsten Kunden verstehen. Der Berater finanzieren? Doch Robo-Advisor arbeiten unabhängig
aber stellt dieses Ergebnis in den Kontext Es stehen ja nicht alle Banken kurz vor von Verkaufsaktionen der Fondsanbieter
des Lebens seiner Kunden. Er redet weni- der Insolvenz. Keine Bank muss jemand und folgen standardisierten Abläufen.
ger über Geld und Zinssätze als über ihre etwas aufschwatzen. Die Bezahlung könn- Diese Annahme ist so naiv wie der Glau-
Auswirkungen. Was bedeutet zum Bei- te wie gewohnt über Provisionen laufen be, dass alle Berater ihre Kunden betrü-
spiel ein Tilgungssatzwechsel der Bau- – die transparent sein müssen. Man könn- gen. Wer prüft denn, was ein Algorith-
finanzierung für die Familienplanung? te auch neue Modelle erarbeiten: Den Preis mus macht? Wer rechnet nach, wenn eine
Lebensoptionen gestalten – das ist es, an die Performance einer Anlage koppeln, Maschine eine bestimmte Rendite ver-
was der Roboter nicht kann. oder der Kunde erwirbt weitere Produkte, spricht? Ein Algorithmus kann genauso
und man macht eine Mischkalkulation betrügen wie ein Mensch und ist mora-
Die meisten Leute suchen doch nur eine mit einem Abschlag auf die Beratung. lisch nur so gut wie sein Programmierer.
unkomplizierte Anlagemöglichkeit für ein Oder der Kunde bezahlt mit seinen Da- Deshalb braucht es auch hier die Haltung
paar Tausend Euro. Da dürfte wenig ten, die dann die Bank bekommt statt eines Beraters, dem auffällt, wenn etwas
Arbeit abfallen für den ambitionierten Google oder Facebook. Der Kunde könn- nicht stimmen kann.
Bankangestellten. te auch mit einem kleinen Prozentsatz sei-
Nur wenn er es sich einfach macht. Bei nes Vermögens bezahlen, etwa beim Er- Das klingt nach einem Finanz-Coach, der
den paar Tausend Euro könnte er natür- reichen eines bestimmten Alters oder im sich im Zweifel auch gegen die kurzfristi-
lich wie ein System-Koch die 0815- Todesfall aus dem Erbe. Klassische Hono- gen Ertragsziele seiner Bank entscheidet.
Lösung anbieten. Das könnte ein Robo- rarberatung wäre auch möglich. Wie müssten sich die Banken ändern, da-
ter in der Tat genauso gut. Aber er kann mit er eine Chance hat?
auch bei scheinbar einfachen Fragen den Nötig ist Wertschätzung gegenüber den
Lebenskontext betrachten, und dann Mehrwert entsteht, Kunden. Bislang gelten die oft als doof
wird es schnell komplexer. Wenn ein alter oder anstrengend. Berater versuchen Ty-
Herr sein Geld nur noch bei seiner Bank
wenn der Berater pen wie den preisfixierten Zinsjäger oder
liegen lassen will, kann man das dabei dem Kunden den oberskeptischen Lehrer heute so
belassen. Man kann ihn aber auch fragen, schnell wie möglich loszuwerden. Dabei
ob er seinen Enkeln nicht vielleicht ein erklärt, was der müssten sie ihre Kunden eher beobachten
bis zu seinem Tod wachsendes Vermögen Roboter empfiehlt. als bewerten und herausfinden, worum
hinterlassen will – um dafür bei einem es ihnen wirklich geht. Eine Bank soll
Folgetermin eine bessere Lösung zu fin- gewinnorientiert sein, aber nicht gierig.
den. Für Kunden mit geringem Vermögen dürf- Entsprechend müsste der Vertrieb gesteu-
te sich das kaum rechnen. ert werden. Muss es denn nur um Ver-
Das klingt aufwendig. Warum sollte eine Ja, das kann sein, und womöglich werden kaufszahlen gehen? Was ist mit der Kun-
Bank solchen Aufwand treiben? sich diese Menschen das exklusivste Pro- denzufriedenheit? Es müssen verstärkt
Richtig ist: So ein Beratungsansatz ist ein dukt nicht leisten können. Es wird Unter- qualitative Aspekte berücksichtigt wer-
Risiko für die Bank. Aber der Berater schiede geben. den, denn wenn der reine Verkaufsdruck
alter Schule wird auch zunehmend zum nicht aufhört, hat der Bankier der Zu-
Risiko, weil die Kunden keinen Mehr- Auch den neuen Bankiers müssen die Kun- kunft keine Chance.
wert in ihm sehen und in die digitalen den vertrauen. Dieses Vertrauen ist jedoch
Produkte der Non-Banks oder wie etwa aus guten Gründen erschüttert. Haben die Bankvorstände das begriffen?
bei der Baufinanzierung zu den Direkt- Das stimmt. Viele Leute sind skeptisch. Alle wissen, dass die Digitalisierung ihr
banken abwandern. Dazu kommt das Die Frage ist also: Wie gewinne ich diese Geschäftsmodell verändern wird, aber
Reputationsrisiko – dann haben sie eben Kunden zurück? Zum einen über den nur wenige wissen, wie sie darauf reagie-
bald den nächsten Skandal am Hals mit Menschen – den Berater. Außerdem über ren sollen. Einen Wandel sieht man >

brand eins 06/18 67


Foto: © Caio Vilela
am ehesten in den Filialen, die zuneh- eine fachliche Grundausbildung, laufen
mend aufgewertet werden, mit Farben, mit und hören zu. Nach ein paar Wochen
gläserner Transparenz und Begegnungs- fangen sie mit einfachen Fällen an. Ich
zonen. Das ist wichtig, aber ohne neue kenne Leute, die sind noch keine 30 Jahre
Berater bleiben sie bloße Kulisse. alt und haben schon das notwendige
Senioritäts-Level erreicht.
Wo sollen die denn herkommen?
Die Ansprüche steigen. Etwa das Abstrak- Wird in Zukunft nicht die Kreativität
tionsvermögen wird wichtiger, man muss wichtiger sein als die Erfahrung?
auch das eine oder andere Buch gelesen Deshalb wird es in Zukunft mehr Team-
haben und ins Theater gegangen sein. arbeit geben. Der Berater wird erst einmal
Solche Leute findet man nicht über die einen Assistenten im Backoffice haben.
üblichen Auswahlkriterien. Im Private Banking und im Firmenkun-
dengeschäft werden schon heute Anlage-
Sondern? vorschläge im Team besprochen. Künftig
Banken sollten die Teams im Vertrieb dürfte auch der normale Kundenberater
stärker mischen und sich öffnen für Quer- seine Fälle im Team besprechen.
einsteiger. Leute aus der Hotellerie sind Kai Pfersich, 57,
perfekte Gastgeber. Juristen, Werber, ein Was bedeutet das für die Karrieremöglich- hat eine Banklehre gemacht, arbeitet seit
1998 als Berater und Trainer in der
Oberstufenlehrer – sie alle könnten neue keiten der neuen Berater? Branche und lehrt Vertriebsmanagement
Blickwinkel und Erfahrungen einbringen. Sie werden vielfältiger. Ich stelle mir vor, an der Dualen Hochschule Baden-
Auch einem jungen Tischlermeister kann dass ein Banker nach ein paar Jahren im Württemberg. Sein aktuelles Buch „Bankier
man das nötige Bankwissen vermitteln, Firmenkundengeschäft in die Finanz- 5.0 – Die Antwort auf den Roboter“
erschien im Januar 2018 im Bank-Verlag.
er könnte dann Gewerbekunden betreu- buchhaltung eines Industrieunterneh-
en. Und warum schauen wir nicht bei den mens wechselt oder Assistent der Ge-
Migranten, da gibt es tolle Leute. schäftsleitung wird. Ich sehe da wenige
Grenzen.
Wer braucht dann noch jene, die eine klas-
sische Banklehre gemacht haben? Und Karrieren innerhalb der Bank?
Sicher kann das schwierig werden für Ein Vertriebler könnte etwa im Bereich Robo-Advisor
klassisch geprägte Banker Mitte 40, die Risk & Compliance, wo gewöhnlich nur
sind digitale Finanzdienstleister. Ihr Ange-
noch weit weg sind von der Rente. Die Juristen und Wirtschaftsprüfer arbeiten, bot ist die automatisierte Geldanlage
müssen sich nun ranhalten, es geht um seine Perspektive und die der Kunden ein- und Vermögensverwaltung. Nach einer
Bildung bis zum letzten Atemzug. Ich bin bringen. Davon profitieren am Ende alle. Selbstauskunft des Anlegers übernimmt
ein Algorithmus die Erstellung, Über-
mir ganz sicher: Die Bank von morgen wachung und Anpassung des Portfolios.
wird mit ihren Vertrieblern ins Theater Wird der Kundenberater künftig eine an-
und ins Kino gehen, um darüber zu dis- dere Stellung haben innerhalb seiner Bank? Die Anlagestrategie beruht in der Regel
auf einer Investition in Fonds, zumeist in
kutieren. Heute ist das noch Avantgarde, Seine Reputation wird eindeutig steigen, Exchange-Traded-Funds (ETFs). Passive
aber es kostet eine Bank doch nur die denn die Banken werden abhängiger von Robo-Advisor ändern die Struktur des
Eintrittskarten und das Popcorn für alle. ihren Vertrieblern. Wer den Kontakt zum Portfolios nach der Depot-Eröffnung nicht
Kunden hat, gewinnt an Macht. Man mehr, aktive reagieren selbstständig auf
Markt-Entwicklungen und schichten die
Wie sollen die Neuen denn Beratung ler- kennt das aus dem Private Banking – Portfolios entsprechend um. Vereinzelt
nen, wenn immer mehr Fälle von Robo- wenn da ein Berater die Bank wechselt, sind auch Reaktionen auf individuelle
tern übernommen werden? nimmt er nicht selten Kunden mit. Künf- Besonderheiten wie ein nahendes Renten-
alter oder unausgeschöpfte Freistellungs-
Wenn Sie heute Ihren Bankberater tref- tig werden auch die Universalbanken ih-
aufträge möglich.
fen, sitzt er Ihnen meist allein gegenüber. ren Vertrieblern interessante Angebote
In Zukunft wird immer noch jemand machen müssen. Bei der Arbeitszeit, beim Robo-Advisor gelten mit Gebühren von
rund einem Prozent der Anlagesumme
dabeisitzen. Es wird Lernpatenschaften Einkommen und beim Umgang mitein-
als besonders billig. In Deutschland sind
geben zwischen erfahrenen Beratern und ander. – zurzeit rund 3,2 Milliarden Euro über
Neulingen. Branchenfremde bekommen Robo-Advisor angelegt.

brand eins 06/18 69


Rolle
Vor zehn Jahren platzte in den
USA die Immobilienblase.
Eine der größten Finanzkrisen

rückwärts in der Geschichte des Landes


brach aus – und riss die Welt mit.

Was haben die Verantwortlichen


daraus gelernt?

Text: Mischa Täubner

Provokante Pose: Der US-Finanzminister Steven Mnuchin präsentiert im November 2017 frisch gedruckte Dollarnoten.
Auch seine Frau, die schottische Schauspielerin Louise, legt Hand an

Foto: © Andrew Harrer / Bloomberg via Getty Images

70 brand eins 06/18


Gesetz ist die Antwort auf eine der größ- für 1,5 Milliarden Dollar die IndyMac Bank
ten Finanzkrisen in der Geschichte der übernahm, einen Spezialisten für Hypo-
USA. Nie wieder, so der ihm zugrunde lie- thekenkredite, der der Krise zum Opfer
gende Gedanke, sollten solche Exzesse gefallen und in Staatsbesitz übergegangen
möglich sein wie die, die zum Desaster war. Mnuchin setzte sich an die Spitze des
von 2007/2008 geführt hatten. Geldhauses, benannte es in OneWest um
Die Wall Street hatte sich von Beginn und machte sich daran, massenhaft säu-
an durch das Gesetz gegängelt gefühlt mige Kreditnehmer aus ihren Häusern zu
Donald Trump nach der Unterzeichnung eines und es mit massiver Lobbyarbeit be- klagen. Das brachte ihm den Beinamen
Dekrets, das die Regulierung lockern soll kämpft. Solange Barack Obama Präsident „Mr. Zwangsversteigerung“ ein. Mehrfach
war, mit wenig Erfolg. Nun aber hat sich wurde gegen ihn wegen unlauterer Ge-
• Am 30. November 2016, nur wenige die Lage geändert. Vor allem seit Mnuchins schäftspraktiken ermittelt, doch belangen
Stunden nachdem US-Präsident Donald Berufung können sich die Banker des konnte man ihn nie. 2015 verkauften er
Trump ihn zum Finanzminister berufen Wohlwollens der Regierung sicher sein. und seine Partner OneWest für 3,4 Milliar-
hatte, trat Steven Mnuchin im Fernsehen Denn der neue Finanzminister ist einer den Dollar an die CIT Group. Der Deal
auf. Er trug eine leuchtend rote Krawatte von ihnen. Sein Vater war Zeit seines Be- hatte sich gelohnt.
und sagte: „Wir haben ein großartiges rufslebens bei Goldman Sachs, er selbst Angesichts der Vergangenheit von Ste-
Wirtschaftsteam und werden dem Land immerhin 17 Jahre lang. Danach gründete ven Mnuchin verwundert es nicht, dass
bald wieder zu einem großartigen Wachs- er mit Unterstützung des Investors George unmittelbar nach seinem Amtsantritt im
tum verhelfen.“ Soros den Hedgefonds Dune Capital, be- Kabinett Trump die Deregulierung der
Dann verkündete er, worauf die Wall nannt nach einem Strandabschnitt in den Branche Fahrt aufnahm. Doch es for-
Street gewartet hatte: Man werde Teile Hamptons, wo er, wie viele reiche New mierte sich auch Widerstand. Die Befür-
der viel zu komplizierten Bankenregu- Yorker, eine Villa besitzt. 2005 wechselte worter strenger Regeln fragten alarmiert:
lierung wieder rückgängig machen, das er das Fach und wurde Hollywood- Haben wir nichts daraus gelernt, dass im
habe „oberste Priorität“. Produzent, kehrte aber wenige Jahre spä- Jahr 2008 die Großbank Lehman Brot-
Eine Kampfansage. Denn der soge- ter ins Bankgeschäft zurück. Die Finanz- hers bankrottging, riesige Finanzkonzerne
nannte Dodd-Frank-Act, der die Regulie- krise hatte da schon ihre Spuren mit Steuergeldern in Höhe von 700 Milli-
rung der Banken verschärft hat, war 2010 hinterlassen, und Mnuchin erkannte die arden Dollar gerettet werden mussten und
nach langen, harten Auseinandersetzun- Gelegenheit, die sich daraus ergab. Er Millionen Bürger ihre Häuser, Ersparnisse,
gen in Kraft getreten. Das 848 Seiten lange führte eine Gruppe von Investoren an, die Jobs verloren?

Die Krise
Sinnbild der Krise: Schriftzug am Hauptsitz der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers, 2008
Die Erinnerung an das Jahr 2008 wird in
diesen Tagen wieder wach. Die Finanz-
Fotos: © Aude Guerrucci - Pool / Getty Images (o.); Chris Hondros / Getty Images

krise brachte das kapitalistische System


ins Wanken, und in ihrer Folge kam es
zu einer weltweiten Wirtschaftskrise mit
einem hohen Anstieg der Arbeitslosigkeit,
zu drohenden Staatspleiten in Europa, zur
Euro-Krise und zum Aufstieg populis-
tischer Parteien.
Begonnen hatte alles damit, dass in
den USA Banken und Hypothekengesell-
schaften massenhaft Kredite an Immo-
bilienkäufer mit schlechter Bonität ver-
geben hatten. Normalerweise würde sich
aufgrund des hohen Ausfallrisikos keine
Bank auf solche Geschäfte einlassen, doch
die Verantwortlichen in den Geld- >

brand eins 06/18 71


Es gibt außerdem mit dem Financial
Stability Oversight Council nun erstmals
eine Behörde, die das gesamte US-Finanz-
system überwacht. Die Krisenfestigkeit
der größeren Banken wird in jährlichen
Stresstests überprüft. Zudem müssen sie
einen jährlich zu aktualisierenden Plan für
die eigene Abwicklung vorlegen – mit dem
Ziel, in Schieflage geratene Institute einem
Insolvenzverfahren unterwerfen zu kön-
nen, ohne dass die Wirtschaft größeren
Schaden nimmt. Vor der Krise gab es so
etwas nicht. Banken, denen der Bankrott
drohte, mussten mit Steuergeldern vor
dem Untergang bewahrt werden, um zu
verhindern, dass sie aufgrund von Ver-
flechtungen andere Geldhäuser mit in den
Der damalige US-Präsident Barack Obama unterzeichnet 2010 den Dodd-Frank-Act zur Regulierung Abgrund rissen.
der Banken. Das Gesetz soll verhindern, dass sich Exzesse an der Wall Street wiederholen
Die Debatte
häusern hatten einen Weg gefunden, die Die Reaktion
gefährlichen Kredite aus der Bilanz ver- Schon bevor Obama im Juli 2010 den
schwinden zu lassen: Sie wandelten sie in Der 2010 verabschiedete Dodd-Frank-Act Dodd-Frank-Act unterzeichnete, hatten
handelbare Wertpapiere um, schnürten hat in verschiedener Hinsicht Lehren aus rund 3000 Banken-Lobbyisten mit Mit-
große Bündel aus sicheren und extrem der Krise gezogen. Um zu vermeiden, dass gliedern des gesetzgebenden US-Kongres-
riskanten Krediten und verkauften sie an der Staat noch einmal in die Lage gerät, ses um jedes Detail gerungen. Später setz-
institutionelle Anleger wie Versicherungen große, systemrelevante Banken retten zu ten sie den Kampf, der bis heute anhält, in
oder Investmentfonds. Diese Finanzinno- müssen, verlangt das Gesetz erstens, dass noch deutlich höherer Anzahl fort. Beson-
vation hatte dramatische Folgen: Die Ban- die Institute als eine Art Airbag gegen Ver- ders die Volcker Rule ist den Banken ein
ken konnten ihre Kreditvergabe stark aus- lustgeschäfte eine bessere Eigenkapital- Dorn im Auge: Das Verbot des Eigen-
weiten und das Risiko weiterreichen, an ausstattung besitzen. Vor der Krise lag sie handels bedeutet für sie, auf Milliarden-
sogenannte Schattenbanken, die ohne bei vielen Großbanken unter drei Prozent umsätze verzichten zu müssen. Die Re-
jede Aufsicht agierten. der Bilanzsumme. Seit Dodd-Frank muss gelung sei viel zu kompliziert, lautet der
Dann platzte die Blase, und die Immo- die Eigenkapitalquote mindestens fünf Vorwurf.
bilien, die als Sicherheiten gedient hatten, Prozent betragen, zudem kann die Auf- „Ständig läufst du Gefahr, gegen das
verloren dramatisch an Wert. Panisch ver- sichtsbehörde je nach Ermessen weitere Gesetz zu verstoßen, weil bestimmte
suchten Banken und Investoren, ihre auf 2,5 Prozent verlangen. Deals im Dienste unserer Kunden als
gefährlichen Krediten basierenden Verbrie- Zweitens müssen Banken sich aus all- Eigenhandel ausgelegt werden könnten“,
fungen loszuwerden, doch jetzt wollte sie zu riskanten Geschäften heraushalten. Vor schimpft ein Manager eines großen Insti-
keiner mehr haben. Ihr Wert fiel ins der Krise durften sie genauso wie Hedge- tuts, der anonym bleiben möchte. James
Bodenlose. fonds auf eigene Rechnung (also nicht im Dimon, der Chef der Großbank J. P.
Verheerend war, dass sich in dieser Auftrag von Kunden) mit Aktien und An- Morgan Chase, höhnte einmal: „Seit der
Situation die Banken untereinander miss- leihen spekulieren. Damit ist es nun vor- Volcker Rule braucht es, um sauber zu
Foto: © Saul Loeb /AFP / Getty Images

trauten. Da niemand wusste, wer welche bei. Die sogenannte Volcker Rule verbietet bleiben, einen Rechtsanwalt und einen
Ramschpapiere besaß, sank die Bereit- den Eigenhandel weitgehend. Banken, so Psychiater, die neben dir sitzen und bei
schaft erheblich, sich gegenseitig Kredit zu der Gedanke, sollen sich wieder stärker allem, was du tust, deine Intention inter-
gewähren oder Wertpapiere abzukaufen. auf das Privatkunden- und Kreditgeschäft pretieren.“
Die globalen Finanzmärkte erstarrten, die konzentrieren. Auch ihre Beteiligung an Die Banker werden von marktradi-
Banken strichen die Kredite an Unterneh- Hedgefonds und Private-Equity-Gesell- kalen Ökonomen unterstützt, die staat-
men zusammen, die Wirtschaft erlahmte. schaften ist stark limitiert. liche Regulierung generell kritisch sehen.

72 brand eins 06/18


„Im Dezember 2007 Einer von ihnen ist Charles Calomiris, lationen der Banken eine wichtige Rolle
Professor für Finanzinstitutionen an der bei der Krise spielten. „Der Eigenhandel
hat ein einziger Trader Columbia Business School in New York. versprach große Profite und hat die Ban-
bei Morgan Stanley Beim Thema Bankenregulierung redet er ken dazu verführt, Eigenkapital und Liqui-
neun Milliarden Dollar sich in Rage, wütet über „unfähige Poli- dität auf ein Minimum herunterzufahren
tiker, die nur so tun, als würden sie Prob- und stattdessen zu zocken“, sagt Dennis
verzockt. Keine zehn
leme lösen, um sich bei den Wählern Kelleher. Der 60-jährige Jurist hat 2010
Monate später stand beliebt zu machen“. Die Volcker Rule soll- mit dem Hedgefonds-Manager Michael
die Großbank vor dem te ersatzlos gestrichen werden, fordert er. Masters die in Washington ansässige Non-
Bankrott.“ Überhaupt seien die Banken nicht das Profit-Organisation Better Markets ge-
Problem, sondern deren Instrumentali- gründet – in der Überzeugung, dass das
– Dennis Kelleher, Jurist
sierung durch die Politik. „Der spekulative Investmentbanking strenge Regeln braucht
Eigenhandel hat die Krise von 2008 nicht und die Lobby der Wall Street ein Gegen-
verursacht.“ gewicht. „Im Dezember 2007“, sagt Kel-
Auslöser, so der Professor, seien viel- leher, „hat ein einziger Trader bei Morgan
mehr zwei staatliche Anreize gewesen: Stanley neun Milliarden Dollar verzockt.
zum einen die extrem lockere Geldpolitik, Keine zehn Monate später stand die Groß-
die die Zinsen künstlich niedrig gehalten bank vor dem Bankrott. Sie könne am
und zum Entstehen spekulativer Blasen auf Montag aufgrund mangelnder Liquidität
Aktien- und Immobilienmärkten beigetra- ihre Türen nicht öffnen, schrieb sie am
gen habe; zum anderen die massive Eigen- 19. September 2008 in einer E-Mail an die
heimförderung und damit verbunden die Notenbank.“ Der Eigenhandel habe die
Subventionierung von Hypothekengesell- Krise vielleicht nicht direkt verursacht, er-
schaften und deren großzügige Kreditver- gänzt er. „Aber er hat die Banken extrem
gabe. „Beides zusammen hat die Banken verwundbar gemacht.“
unter Druck gesetzt, sich ebenfalls im Ge- Ein großes Risiko ging auch von soge-
schäft mit Krediten für Immobilienkäufer nannten Credit Default Swaps aus. Finanz-
mit schlechter Bonität zu engagieren.“ riesen wie Morgan Stanley, die Deutsche
Calomiris weist zurecht auf die Mit- Bank und Goldman Sachs wetteten mit
schuld des Staates hin, doch das ändert diesen Derivaten auf ein Platzen der Immo-
nichts daran, dass undurchsichtige Speku- bilienblase, während sie gleichzeitig die >

Grün vor Neid?


Nicht nötig.
Jetzt wechseln, 2 % feste Zinsen p.a.
und dauerhafte Vorteile sichern.

Exklusiv bei Depotübertrag oder Wertpapierkauf ab 25.000 € für Festgeld in gleicher Höhe.
Laufzeit 6 Monate. Angebot freibleibend.

089 59 99 80 www.merkur-bank.de
mit hohem Ausfallrisiko behafteten Wert- weit gehen, wie ein Gesetzentwurf aus ih- sentantenhauses diskutiert und vermut-
papierbündel verkauften. ren Reihen zeigt, der im vergangenen Jahr lich noch leicht geändert. Er lässt die
Sie verdienten Milliarden damit, dass bereits vom Repräsentantenhaus verab- Regulierung der größten US-Banken
das Produkt, das sie selbst verkauften, an schiedet wurde. Der sogenannte Financial unangetastet, lockert aber für kleinere und
Wert verlor, wetteten somit gegen die Choice Act würde die Banken von allen mittlere Institute die Vorschriften.
eigenen Kunden. Diese Praxis spitzte die speziellen Auflagen und der Volcker Rule Bislang lag die Schwelle, von der an
Finanzkrise dramatisch zu. Denn der befreien, wenn sie im Gegenzug ihre Eigen- Banken als systemrelevant eingestuft wer-
Zusammenbruch des Immobilienmarkts kapitalquote auf lediglich zehn Prozent er- den und besonderer Kontrolle unterliegen,
brachte nicht nur die Käufer der auf ge- höhten. Gefährliche Wertpapiergeschäfte bei einer Bilanzsumme von 50 Milliarden
fährlichen Häuserkrediten basierenden auf eigene Rechnung wären ihnen damit Dollar. Der neue Gesetzentwurf will sie
Wertpapierbündel in Not, sondern auch wieder erlaubt. auf 250 Milliarden Dollar anheben. Der
die Käufer der Swaps. Der bei Weitem Um Gesetz zu werden, bräuchte der Regulierungsexperte Konczal hält das für
größte war der US-Versicherungskonzern Choice Act eine Zweidrittelmehrheit im „unverantwortlich“. 26 der 39 größten
AIG. Sein Bankrott hätte für seine Wett- Senat, was von Anfang an aussichtslos US-amerikanischen Banken würden von
partner beim Swap-Handel, vor allem war. Doch allein der Versuch zeigt, dass für den Stresstests und anderen Auflagen be-
Großbanken wie Goldman Sachs und die Republikaner, die sowohl im Reprä- freit, „darunter viele, die in die Finanzkrise
Morgan Stanley, Milliardenverluste nach sentantenhaus als auch im Senat eine verwickelt waren“. Ebenso entsetzt sagt
sich gezogen. Nur dank staatlicher Hilfe in Mehrheit besitzen, die Sicherheit des Dennis Kelleher: „Wenn das durchkommt,
Höhe von 85 Milliarden Dollar wurde das Finanzsystems zehn Jahre nach der Krise wäre es wie eine Bitte um den nächsten
verhindert. keine Priorität mehr hat. Sie beklagen Horror-Crash.“
Anat Admati, Professorin für Finanz- stattdessen, dass die Regulierung den Steven Mnuchin ist für solche Beden-
und Volkswirtschaft an der Stanford Uni- Banken zu hohe Kosten auferlege und so ken offenbar unempfänglich. Er steht für
versity, hatte sich als Lehre aus der deren Kreditvergabe hemme, was die ge- eine neue Zeit. Als im November 2017 die
Geschichte radikale Veränderungen ge- samte Wirtschaft bremse. ersten Dollarnoten, die seine Unterschrift
wünscht. Dodd-Frank geht ihr nicht weit Das Bild von allzu kurz gehaltenen tragen, aus der Druckerpresse kamen,
genug. Müssten Finanzinstitute wie ge- Instituten erweist sich beim Blick auf die nahm er das zum Anlass, zusammen mit
wöhnliche Unternehmen mit dem Geld Bilanzen allerdings als realitätsfern. Die seiner Frau, der schottischen Schauspiele-
ihrer Aktionäre wirtschaften statt mit ge- Geschäfte boomen, der Branchenprimus rin Louise Linton, die Staatsdruckerei in
liehenen Einlagen (inklusive dem Geld J. P. Morgan Chase erzielte in den ersten Washington zu besuchen. Die Fotos, die
von Sparern), würde das die Zockerei ein- drei Monaten des Jahres 2018 den höchs- dabei entstanden, muten bizarr an: Das
dämmen, so die Überzeugung der Profes- ten Profit, den eine Bank in einem Quartal Ehepaar hält einen großen Papierbogen
sorin. Sie plädiert daher für eine Eigenkapi- je erzielt hat. Die gesamte Branche machte mit Dollarnoten hoch und blickt bewusst
talquote von 20 bis 30 Prozent – etwa im vergangenen Jahr 175 Milliarden Dollar verwegen in die Kamera. Er in feinem
fünfmal so hoch wie heute verlangt. Gewinn und schüttete Rekord-Dividen- Zwirn, sie ganz in Schwarz, mit langen
Mike Konczal hält diese Forderung für den aus. Lederhandschuhen. Als mehrere Kom-
überzogen. Der Experte für Finanzregu- Ungeachtet dessen hat auch der mentatoren das Paar mit Schurken aus
lierung am Roosevelt Institute, das den Finanzminister Steven Mnuchin Empfeh- einem James-Bond-Streifen assoziierten,
Demokraten nahesteht und Hillary Clin- lungen zu einer weitreichenden Aufwei- fasste der Finanzminister das als Kompli-
ton im Wahlkampf beriet, sagt: „Das Ziel chung der Regulierung formuliert. Zu ment auf. –
von Dodd-Frank ist nicht, alle Gefahren gern, sagen Beobachter, würde er als der
des Finanzsystems zu eliminieren, sondern Minister in die Geschichte eingehen, unter
diese besser zu managen. Das gelingt dem dem die Banken aus den Fesseln von
Gesetz heute schon gut.“ Dodd-Frank befreit wurden.
Der Trend, die Lehren aus der Krise zu
Die Ignoranz ignorieren, ist unverkennbar. Inzwischen
gibt es einen zweiten, ebenfalls von den
Die Frage ist: Wie lange noch? Denn eine Republikanern initiierten Gesetzentwurf.
Mehrheit der Politiker im US-Kongress Dieser hat mit der nötigen Zustimmung
will die Banken wieder von der Leine las- von 13 Demokraten den Senat passiert,
sen. Die Republikaner würden dabei sehr wird nun in den Ausschüssen des Reprä-

74 brand eins 06/18


Das Leben ist schön.
Wenn man weiß, wie es geht.

Wer will es nicht, ein erfülltes Leben? Die erfolgreiche Buchreihe


„School of Life“ begleitet Sie auf dem Weg dorthin, mit sechs
verschiedenen Themen und völlig neuen, motivierenden
Einblicken. Diese modernen Ratgeber werden Ihnen helfen,
endlich glücklich, zielstrebig und kreativ zu leben.

Jetzt im Handel oder bestellen:


sz-shop.de

Ein Angebot der Süddeutsche Zeitung GmbH,


089 / 21 83 – 18 10
Hultschiner Str. 8, 81677 München.
76
Geldspeicher
im Niemandsland
Warum zeigen, was man hat?
Reichtum lässt sich auch verstecken.
Etwa in Lagerhäusern in
Luxemburg, Singapur und Genf –
ganz anonym als Transitware
am Flughafen.

Text: Ingo Malcher

brand eins 06/18


Luxemburg
Wohin mit dem Picasso? Zum Beispiel in eine Kammer im
Le Freeport in Luxemburg. 2014 wurde das Lagerhaus am Flughafen

brand eins 06/18


eröffnet, es mutet an wie ein Museum. Vor allem Kunstsammler
gehören zu den Kunden. Damit die Werte unbeschädigt bleiben,
werden Temperatur und Luftfeuchtigkeit kontrolliert.
300 Überwachungskameras sichern den Speicher. Falls es brennt,
wird nicht mit Wasser gelöscht, stattdessen entzieht eine Anlage
der Raumluft den Sauerstoff, um das Feuer zu ersticken.
Ebenso interessant dürfte für die Mieter sein, dass das Lagerhaus
im internationalen Bereich des Flughafens liegt. Dinge, die dort
aufbewahrt werden, sind quasi im Transit. Bei Verkäufen wird daher
keine Mehrwertsteuer fällig, und auch der Zoll nimmt keine
Gebühren. Einer der Eigentümer ist der Kunsthändler Yves Bouvier.
Gegen ihn ermittelt gerade die Staatsanwaltschaft Genf. Ein
russischer Kunde fühlt sich von ihm bei einem Kunstkauf betrogen.
Bouvier streitet das ab.
Fotografie: Germano Borrelli

77
78 brand eins 06/18
brand eins 06/18
Singapur
Am internationalen Flughafen lagern in Kammern Gold,
Gemälde, teure Weine und Schmuck. Es gibt auch Räume,
in denen man für Privatgeschäfte Kunst ausstellen kann.
Zu den Kunden gehören Auktionshäuser, Galerien, Banken
und wohlhabende Sammler. Die Lagerkosten hängen
von der Größe der Kammern ab. Niemand weiß, welche Werte
in den Kammern aufbewahrt werden. Diskretion gehört
zum Geschäft. Darin ähneln die Luxus-Lagerhäuser den
Offshore-Finanzplätzen: Sie bieten Sicherheit und Diskretion,
es werden nicht zu viele Fragen gestellt.
Fotografie: Luca Fascini

79
80 brand eins 06/18
brand eins 06/18
Genf
In der Schweiz gibt es derartige Speicher in Chiasso, Zürich
und Genf. Die Lagerfläche in Genf hat die Ausmaße von rund
22 Fußballfeldern, wie der »Economist« berichtet. Laut der
»New York Times« sollen dort 1000 Gemälde von Pablo Picasso
aufbewahrt sein. Auch für Bank kunden, die nicht versteuertes
Vermögen besitzen, könnten die Speicher praktisch sein.
Im Zuge des Automatischen Informationsaustauschs (AIA) über
Bankguthaben, zu dem sich rund 100 Länder weltweit verpflichtet
haben, droht das Schwarzgeld entdeckt zu werden. Sicherer
ist es daher, das Vermögen in Kunst oder Gold anzulegen und in
einem Lagerhaus aufzubewahren. Diese sind nicht vom AIA
erfasst. Schon im Jahr 2010 schrieb die Financial Action Task Force,
ein internationaler Zusammenschluss von Ermittlungsbehörden,
dass die Lagerhäuser „eine einzigartige Bedrohung“ darstellten
und zur Geldwäsche und Terrorismus-Finanzierung missbraucht
werden können.
Fotografie: Fred Merz / lundi13

81
Fragen an Stephan A. Jansen

STAAT ODER MARKT –


WER SOLL WAS BEZAHLEN?

Für die Infrastruktur ist der Staat zuständig 4. Clubgüter sind nicht für jeden zu- was des Staates ist und was privat. Ob der
– schließlich nützt sie sowohl den Bürgern gänglich, sollten aber auch nicht rivalisie- Markt tatsächlich versagt beziehungsweise
als auch der Volkswirtschaft. Aber ist immer rend sein (zum Beispiel Hochschulen für versagen würde, ist eben auch eine politi-
klar, wann genau der Staat dran ist? Abiturienten). sche Frage. Und die wird geschichtlich
In der Theorie schon: Demnach ist der und kulturell von Land zu Land sehr un-
Staat immer dann gefordert, wenn der Warum bereiten diese Kollektiv-Güter Öko- terschiedlich beantwortet – und eben auch
Markt versagt. Zum Beispiel bei der Be- nomen weiterhin Kopfzerbrechen? abhängig von den Investitionen in die In-
reitstellung von Gütern, die gesellschaft- Zum einen, weil bei den Quasi-Kollektiv- frastruktur.
liche Nachteile beseitigen sollen oder kol- Gütern durch die Zugänglichkeit eine
lektiv verbindlicher Entscheidungen, also Übernutzung eintreten kann – das hat der Soll der Staat nun Autobahnen bauen oder
Regulierungen, bedürfen. Dann spricht Wirtschaftsnobelpreisträger Ronald Coase lieber Schienen verlegen? Oder ist das egal?
man von öffentlichen oder Gemeingütern, als „Tragödie der Allmende“ beschrieben. Fakt ist: Hitler hat Reichsautobahnen for-
weil kein privater Anbieter diese anbietet Zum anderen, weil beim Clubgut die ciert, und Deutschland hat nach China, den
– oder weil er es gar nicht kann, weil er die Kosten auf die Allgemeinheit übertragen USA, Kanada, Spanien und Mexiko mit
Qualität oder Quantität nicht liefern kann werden, der Nutzen aber nur für die Club- mehr als 12 996 Kilometern nun das sechst-
oder weil ihm die Legitimation fehlt. Mitglieder besteht. Als Folge ist die All- längste Autobahnnetz der Welt. Bei Hitler
Für die sehr gut ausgearbeitete ökono- mende, also die freie Kuhweide im Dorf, war übrigens die Idee vom Omnibus-Ver-
mische Theorie der Gemeingüter wurden überweidet – und die studiengebührenfreie kehr mitgedacht, die den Bahnbusverkehr
viele Nobelpreise verliehen. Als Ergebnis Universität gibt im Vergleich mit dem ge- der Deutschen Bundesbahn begründete.
der Forschungen lassen sich Güter anhand bührenpflichtigen Kindergarten Anlass zur Heute ist auf diesem nicht als Markt ge-
von zwei Kriterien unterscheiden: Zugäng- Kritik. dachten Markt mit Flixbus faktisch in we-
lichkeit und Rivalität des Konsums. nigen Jahren ein privates Monopol entstan-
Insgesamt unterscheiden wir vier Ty- Die Theorie der öffentlichen Güter funktio- den. Und man kann sich fragen: Warum
pen von Gütern: niert also nicht? zahlt Flixbus keine Maut?
1. Private Güter sind nicht für jeden zu- Sie ist zumindest immer noch in der Dis- Aber es ergeben sich noch einige Fra-
gänglich und im Konsum rivalisierend kussion. Politikwissenschaftler wie Jesse gen mehr: Sollten Automobil-Konzerne
(zum Beispiel Lebensmittel oder Autos). Malkin und Aaron Wildavsky aus Oxford das Komplementär-Gut Straße nicht ko-
2. Öffentliche Güter müssen für jeden und Berkeley argumentieren zum Beispiel, finanzieren? Führen mehr Straßen nicht
zugänglich sein und sind nicht rivalisie- dass nicht das objektive Marktversagen, auch zu mehr Verkehr und damit zu mehr
rend (zum Beispiel Recht). Zugänglichkeit oder Rivalität eines Gutes Emissionen und somit Klimaschutzmaß-
3. Quasi-Kollektiv-Güter sind für jeden entscheidend seien: Es sei eine soziale nahmen, die wieder der Staat bezahlen
zugänglich, aber der Konsum ist rivalisie- Konstruktion, eine politisch zu entschei- muss? Ist der Ausbau des Schienennetzes
rend (Kindergartenplatz / Straßen). dende Frage. Also entscheidet die Politik, ordnungspolitisch gerechtfertigt? Oder ist

82 brand eins 06/18


er auch ein sanfter paternalistischer Schub- abhängig fühlt, geschieht – nichts. Und batte zwischen Rückverstaatlichung und
ser, um den Bürger zur besseren Entschei- wenn es um globale Infrastrukturen geht, Börsengang erleben wir auch in den dere-
dung zu bewegen: lieber von Berlin nach wird die Abstimmung nochmals komple- gulierten Branchen der Telekommunika-
München mit dem schnellen Zug auf dem xer. Das bedeutet gerade in Europa: Wir tion oder eben der Bahn – mit ähnlich
neuen Gleis zu fahren statt mit dem Flug- müssen den Austausch zwischen Staat, unbefriedigenden Ergebnissen.
zeug oder Auto? Warum gelingt beim Markt und Zivilgesellschaft (Wohlfahrts-
Lastwagenverkehr der Wechsel von der pflege, NGOs, Stiftungen) intensivieren, Welche Auswirkungen wird die Schulden-
Straße auf die Schiene nicht, obwohl alle um die Geschwindigkeitsnachteile gegen- bremse haben?
auf den Autobahnen das fordern? über Autokratien zu kompensieren. In Europa ist schon lange die Rede davon,
dass die Staaten die Infrastruktur nicht
Wie wichtig ist die Infrastruktur für den Wie viel bekommt der Staat pro Euro mehr allein finanzieren können. Gesetzli-
Erfolg einer Volkswirtschaft? zurück, den er für Infrastruktur ausgege- che Schuldenbremsen werden da als ein
Im Grundsatz gibt es da Einigkeit: sehr ben hat? weiteres Investitionshindernis angesehen.
wichtig! Verkehrsnetze, Energie- und Allgemein lässt sich aus vielen Studien nur Andererseits geht es bei der öffentlichen
Wasserversorgung, Schulen, Krankenhäu- sagen: Er profitiert. 2016 wurde eine Stu- Investition in Infrastruktur ja nicht um
ser und nun eben die digitalen Netze wer- die im Auftrag des – natürlich daran nicht Wohlfahrt, sondern um Rentabilität:
den als produktive Anlage von Steuermit- uninteressierten – Bundesministeriums für Wenn Investitionen wirtschaftlich sind,
teln gewertet. Dennoch haben wir in den Wirtschaft und Energie vorgelegt, die Beschäftigung und damit Steuereinnah-
vergangenen 30 Jahren gesehen, dass ge- öffentlichen Investitionen in Verkehrsin- men fördern, dann kann es rational er-
nau diese Industrien privatisiert wurden, frastruktur, Breitband und Bildung eine scheinen, mehr zu investieren – und muss
und wir erleben eine zunehmende private hohe Rentabilität bescheinigt. Die Investi- im Zeitverlauf auch nicht zu einer höhe-
Finanzierungsbereitschaft öffentlicher In- tionen werfen demzufolge gute Renditen ren Verschuldung führen.
frastruktur durch Public Private Partner- ab: bei Investitionen in Schulen und Kitas Für Infrastrukturen, die der Gesell-
ships – da gibt es offenbar deutlich mehr 14,3 Prozent, in Verkehrsinfrastruktur und schaft Teilhabe ermöglichen – also Ver-
Optionen. in die Breitbandnetze 7 Prozent oder in kehr, Bildung, Gesundheit, Wohnen,
Hochschulen 8,7 Prozent. Die seit Jahren Sicherheit und digitale Infrastrukturen, die
Könnte die Wirtschaft Infrastruktur auch bestehende ideologieübergreifende Be- wiederum zu Beschäftigung und Innova-
allein finanzieren, oder braucht es da den schwerde über einen öffentlichen Investi- tion führen – wären auch gänzlich neue
Staat? tionsstau in Deutschland bekommt da- Akteurs-Typen denkbar: Ich denke da an
Eine ideologiefreie Antwort fällt hier auch durch eine neue Bedeutung. Stiftungen, die durch neue Governance-
der Wissenschaft schwer. Im internatio- Regeln und Aufsichtsformen dem Ziel
nalen Vergleich lässt sich aber feststellen, Ist die digitale Infrastruktur auch eine der Teilhabe förderlicher sein könnten als
dass wir in mindestens drei bis vier sehr staatliche Aufgabe? lediglich staatliche Träger, kommunale
unterschiedlichen Wirtschaftsordnungen Das wird kalifornisch, chinesisch und Unternehmen oder Privatfirmen. Gerade
des Kapitalismus höchst unterschiedliche deutsch unterschiedlich beantwortet. In feiern wir den 200. Geburtstag von Fried-
Antworten gefunden haben: Das euro- China oder auch in Saudi-Arabien wer- rich Wilhelm Raiffeisen und damit des
päische Sozialstaatsmodell mit gewissen den Staatsprogramme für Robotik und Genossenschaftswesens – auch das wird
Infrastrukturpräferenzen und demokrati- künstliche Intelligenz aufgelegt – und das eine Renaissance erfahren.
schen Legitimationsprozessen steht einem ist dort ganz klar mit Blick auf Beschäfti- Ob Wasser, Bildung, digitale Netze
chinesischen und nun auch saudi-arabi- gung und Renditen eine staatliche Auf- oder auch Algorithmen entweder dem
schen Staatsfonds-Investitionsmodell mit gabe. In Deutschland wird Ironie ge- Staat oder dem Unternehmen gehören
autokratischer Durchsetzung gegenüber. pflegt: Die Kommunen verkaufen ihre sollten, ist im 21. Jahrhundert nicht mehr
Zudem existiert ein angelsächsisch-unter- Stadtwerke, Schwimmbäder, Straßenbah- überzeugend zu beantworten. Widmen wir
nehmerisches und eher staatsfernes Inves- nen und was sie sonst noch an Tafelsilber uns der Frage! –
titionsmodell. haben – und wenn sich das dann als
Allgemein gilt: Der Markt wird Infra- Fehler erweist, kaufen sie alles wieder
struktur nur gegen Sicherheiten überneh- zurück und nennen es Rekommunalisie- Stephan A. Jansen,
Leiter des Center for Philanthropy & Civic
men, sonst passiert, was wir gerade bei rung. Das haben wir nun ein Jahrhundert
Society (PhiCS) an der Karlshochschule in
der Elektromobilität erleben. Selbst in ei- lang geübt, das funktioniert nicht und Karlsruhe und Co-Gründer der Gesellschaft
nem Land, das sich von der Autoindustrie muss neu gedacht werden. Und diese De- für Urbane Mobilität, BICICLI Berlin

brand eins 06/18 83


„China
finanziert
Trump“

Der Aufstieg
Asiens hat
die Finanzmärkte
tiefgreifend
verändert.

Und ermöglicht
das globale Spiel
mit Billionen.

Text: Finn Mayer-Kuckuk


Collage: Julia Busch

• In dem Film „Goldfinger“ aus dem damit die Weltwirtschaft vor dem Zu-
Jahr 1964 versucht der Schurke, eine sammenbruch gerettet.
radioaktive Bombe in Fort Knox explo- Den Zuschauern leuchtete das da-
dieren zu lassen. Indem er das Gold- mals ein, denn der US-Dollar war noch
depot der Vereinigten Staaten verstrahlt, durch Gold gedeckt. Tatsächlich hätte
will er weltweit das Geld entwerten. ein Anschlag auf Fort Knox zu einer
James Bond schafft es selbstverständlich, monetären Katastrophe geführt: Die Ak-
den Plan zu durchkreuzen. Nach der tien wären abgestürzt, die Bürger hätten
Logik des Filmes hat der britische Agent die Banken gestürmt. Und zwar welt- >
brand eins 06/18 85
„Die Devisenbewirtschaftung
durch China ist ein weit
unterschätzter Faktor, der die
Weltwirtschaft in den
vergangenen rund 20 Jahren
völlig transformiert hat.“
weit. Denn die wichtigsten Währungen Zunächst bekam die US-Wirtschaft
wie die D-Mark, der japanische Yen oder dafür die Quittung in Form von Inflation
das britische Pfund waren ihrerseits an im zweistelligen Bereich. Doch dann kam
den Dollar gekoppelt. Ostasien ins Spiel. In den Achtzigerjahren
Viele Bürger vermuten hinter dem begannen die Volksrepublik China und
Geld heute immer noch irgendeine Form die sogenannten Tigerstaaten – Südkorea,
von Besicherung. Doch in den fünf Jahr- Taiwan, Singapur und Hongkong – billi-
zehnten seit Goldfinger haben sich unsere ge Waren zu liefern. Eine neue Zeitrech-
Zahlungsmittel völlig verändert – das nung in der Geldpolitik brach an: Plötz-
Geld wurde von allen Beschränkungen lich waren niedrige Zinsen bei niedriger
befreit. Daher stand noch nie so viel Inflation möglich, die Kreditvergabe ließ
Kapital für neue Ideen und Projekte zur sich fast beliebig ausweiten und eine ver-
Verfügung wie heute. Und das Risiko von nünftige Obergrenze für die Staatsver-
Finanzkrisen ist enorm gestiegen. schuldung kaum noch begründen.
Die Veränderung begann bereits vier Der Dreh- und Angelpunkt war nicht
Jahre, nachdem Goldfinger auf die Lein- die Geldpolitik, sondern die Veränderung
wand kam: 1968 hob die US-Regierung der globalen Wirtschaft. Plötzlich standen
den Goldstandard praktisch auf. Hinzu Hunderte Millionen Arbeitskräfte zur
kam eine Entwicklung, die in ihrer Trag- Verfügung. Zu Johnsons Zeiten war Chi-
weite weithin unterschätzt wird: der Auf- na abgeschottet, doch schon zehn Jahre
stieg Asiens und die Politik der dortigen später wurde es zu einem entscheidenden
Zentralbanken. Das Verständnis dieser Faktor in der Globalisierung.
Vorgänge beantwortet einige der drän- Heute kann China fast jede beliebige
gendsten Fragen unserer Zeit. Dazu gehö- Ware in jeder geforderten Menge liefern.
ren die Bewertung von Handelsungleich- Fast alle Branchen dort haben Überkapa-
gewichten und das richtig Maß für zitäten. Das hat die globale Inflation in
Schulden und Kredite. den vergangenen Jahrzehnten auf ein Mi-
Als Gert Fröbe und Sean Connery sich nimum gedrückt. Die Preissteigerungen
in Goldfinger gegenüberstanden, ähnelten lagen bei einem Bruchteil dessen, was in-
sich die Grundlagen soliden Wirtschaf- folge der Ausdehnung der Geldmenge zu

Nichts für
tens im Kleinen wie im Großen noch. Wer erwarten gewesen wäre. Seit 1960 ist die
über seine Verhältnisse lebte, musste als- Geldmenge in den USA um mehr als 4600
bald mit der Pleite rechnen. Das galt selbst
für die mächtigen USA, auch sie konnten
Prozent gestiegen, aber die Preise haben
sich lediglich um etwa 730 Prozent erhöht.
Konsumenten
am Ende nicht mehr ausgeben, als sie
„Vitsœs Möbel schreien nicht. Sie
einnahmen. Deshalb löste der damalige Peking hortet Unsummen funktionieren vielmehr in relativer
US-Präsident Lyndon B. Johnson die Ver- Anonymität neben Möben eines
bindung zwischen Dollar und Gold: Er Der Grund dafür ist in einem Gebäude jeden Designers in Häusern aus
jeder Epoche. Unser Bestreben ist
brauchte dringend mehr Geld, als er nach mit graubrauner Steinfassade in Peking zu es, Produkte für intelligente und
den alten Regeln aufbringen konnte. suchen, über dessen Eingang „Staatliches verantwortungsbewusste Nutzer –
nicht für Konsumenten – herzustellen,
Die USA führten in Vietnam einen Devisenamt“ steht. Davor weht die rote die sich bewusst für Produkte
teuren Krieg. Es floss mehr Geld aus den Nationalflagge. In Fachkreisen ist diese entscheiden, welche sie wirklich
Vereinigten Staaten ab, als die Wirtschaft Behörde unter ihrer Abkürzung Safe be- nutzen können. Gutes Design muss
sich anpassen können.”
im Ausland verdiente. Die Goldreserven kannt.
schwanden. Die USA drohten zahlungs- Safe ist eine Art Anti-Fort-Knox: Statt Dieter Rams, 1976
unfähig zu werden. Johnson hob daher Gold hortet die Behörde US-Staatsanlei-
die Golddeckung des US-Dollars per hen. „Die Devisenbewirtschaftung durch
Gesetz auf. So konnten er und alle Präsi- China ist ein weit unterschätzter Faktor,
denten nach ihm so viel Geld ausgeben, der die Weltwirtschaft in den vergangenen
wie sie wollten. rund 20 Jahren völlig transformiert >

brand eins 06/18 87


hat“, sagt der Ökonom Richard Duncan, China kauft für seine Dollar vor allem Aufwertung der Währung geführt, was
ehemaliger Mitarbeiter der Weltbank und US-Wertpapiere: Staatsanleihen und Ak- die Waren im Ausland verteuert und so
Autor mehrerer Bücher, in denen er unter tien. Richard Duncan: „Der defizitäre eine Korrektur eingeleitet hätte.
anderem die Finanzkrise von 2008 recht Außenhandel finanziert also ganz ent- Aus Sicht vieler Ökonomen irritiert
präzise vorhergesagt hat. scheidend den Staatshaushalt und die auch der Stolz der Deutschen auf ihren
China und andere Länder Ostasiens Börsenkurse in Amerika. Anders gesagt: Handelsüberschuss, den sie als Beweis
geben die Dollar, die sie einnehmen, nicht China finanziert Trump.“ ihrer Leistungsfähigkeit sehen. Dabei ist
für Waren aus, sondern verbuchen diese Die globale Ökonomie lebt in weiten es der Export –, nicht der Überschuss –,
Einnahmen als Währungsreserven in den Teilen gut mit den großen Geldströmen. der die Beliebtheit deutscher Waren wi-
Bilanzen ihrer Zentralbanken. Diese Pra- „Die Weltwirtschaft wäre ohne diese derspiegelt. Wenn ihm ein gleich hoher
xis ist neu. Früher hielten Zentralbanken Entwicklung viel kleiner“, sagt Duncan. Import gegenüberstände, gäbe es keine
Fremdwährungen nur in geringen Men- Denn anders als früher würden Innova- Probleme. Die hohe Differenz zwischen
gen, schließlich hatten sie Edelmetalle als tionen nicht mehr so stark durch Knapp- beiden Werten macht jedoch nicht rei-
Reserven. heit des Geldes gebremst. Dank üppiger cher, sondern sorgt für Ärger.
China, Japan, Taiwan, Hongkong, Investitionen und vieler Exporte ist es Die Vorstellung, ein Handelsüber-
Indien und Südkorea halten heute zusam- China gelungen, eine Milliarde Bürger schuss sei ein Wert für sich, stammt
men Reserven in Höhe von sechs Billio- aus der Armut zu holen. noch aus den Zeiten Goldfingers. Damals
nen US-Dollar. Das ist ein Drittel der Die Amerikaner wiederum konnten brachte ein Plus im Außenhandel einen
jährlichen Wirtschaftsleistung der USA. einen höheren Lebensstandard genießen, Zufluss von Edelmetallen und damit die
Diese Länder hätten also Anrecht auf alle als die eigene Volkswirtschaft eigentlich Möglichkeit, im Inland mehr Liquidität
Waren und Dienste, die die Amerikaner ermöglicht. Sie bekamen Turnschuhe und zur Verfügung zu stellen. Erst ein Mehr
von Januar bis April eines Jahres herstel- Smartphones und lieferten dafür Schuld- an Gold machte die Ausgabe von mehr
len. Doch sie fordern diesen Reichtum papiere mit zweifelhaftem Wert nach Geld möglich. Die Banken konnten mehr
nicht ein. Sie behalten das Geld und legen Asien. Zentralbankbilanzen sind – anders Kredite vergeben, es entstanden Arbeits-
es in Wertpapieren an. als die sprichwörtliche schwäbische Haus- plätze und neue Produkte. Heute ist
Die Regierung und die Wirtschaft der frau – sehr geduldig. Liquidität jedoch ohnehin überreichlich
USA profitieren enorm von dieser Praxis. vorhanden. Der Überschuss hat daher
Denn die Dollar, mit denen die Amerika- Überschätzt: der Überschuss kaum noch einen positiven Effekt.
ner Waren in Asien bezahlen, kommen – Die Währungen der Exportmeister
weil die Asiaten US-Staatsanleihen kau- Doch dieser Geldkreislauf könnte gestört China und Deutschland sollten daher
fen – in die Vereinigten Staaten zurück werden. So senkt der US-Präsident Do- deutlich aufgewertet werden, um die
und halten die dortige Wirtschaft in nald Trump die Steuern, plant höhere Verhältnisse richtig widerzuspiegeln. Das
Schwung. Ein Handelsdefizit, das nicht Staatsausgaben und droht damit, Einfuh- wäre nur dann möglich, wenn die Wäh-
arm macht, sondern reich. ren in die USA zu erschweren. Die Steu- rungen untereinander frei handelbar
Das Ziel der meisten gewöhnlichen ersenkung und die höheren Ausgaben wären. Doch gerade diese Forderungen
Menschen ist es, mehr zu verdienen als werden ein Loch in den Staatshaushalt widersprechen derzeit dem geltenden
auszugeben. Ihre Überschüsse legen sie reißen, zugleich drosselt Trump die Fi- Dogma sowohl in Deutschland als auch
in der einen oder anderen Form an, be- nanzströme aus dem Ausland – die durch in China. Der Euro mit dem gemeinsa-
zahlen eine Immobilie ab oder lassen das, das eigene Handelsdefizit entstehen. men Wechselkurs für Italien wie für
was sie übrig haben, auf dem Konto lie- Ob der Präsident das verstanden hat? Deutschland gilt als unantastbar. Und
gen. Staaten mit Handelsüberschüssen Vielleicht. Handelt er danach? Definitiv auch China denkt nicht daran, den Yuan
wie China, Japan oder auch Deutschland nicht. für den Handel freizugeben.
können Devisen nicht in Form von Bar- Auch hierzulande gibt es viele Irr- Also wird das große Rad der Finanz-
geld lagern. Daher müssen sie Kapital tümer, die aus einer Verwechslung von ströme sich weiterdrehen, die Reserven
exportieren. Wenn eine chinesische Fir- Makroökonomie mit Mikroökonomie in Ostasien werden steigen, ebenso wie
ma Dollar einnimmt, muss die chinesi- resultieren. So ist es nicht allein deutscher die Verbindlichkeiten der USA. „Eine
sche Regierung diese irgendwo anlegen. Fleiß, der den Exporterfolg erklärt. Son- Störung dieses Kreislaufs“, sagt Richard
Aus dem gleichen Grund ist auch dern der billige Euro. In Zeiten einer Duncan, „wäre fast mit Sicherheit der
Deutschland einer der größten Expor- eigenständigen D-Mark hätte ein Han- Auslöser für eine neue Depression.“ –
teure von Kapital. delsüberschuss zwangsläufig zu einer

88 brand eins 06/18


Jetzt
im
Hande
l

. Das macht was mit dir!


Sind Daten das neue Geld?
• Geld ist eine der wichtigsten Erfin-
dungen. Ohne Geld wäre die Marktwirt-
schaft nicht weit gekommen, denn es löst
mehrere Probleme auf einmal. Erstens
lassen sich damit Werte speichern und
zweitens von einer Person oder Organi-
sation auf eine andere übertragen. Der
dritte Vorzug wird gern übersehen: Geld
überträgt eine Fülle von Informationen in
einem einzigen Datenpunkt, dem Preis.
Preise vereinfachen das Leben. Der
österreichische Nationalökonom Fried-
rich von Hayek wurde zeitlebens nicht
müde, die Bedeutung des Preises als In-
formationsträger zu betonen. Sein Parade-
beispiel war der Aktienmarkt: Im Preis
einer Aktie, so die liberale Wirtschafts-
theorie, sind alle auf dem Markt verfüg-
baren Informationen enthalten. Gute wie
schlechte Unternehmenszahlen, Nach-
richten aus der Branche und Vorhersagen
zur Weltkonjunktur sind demnach „ein-
gepreist“. Das ist für uns Menschen mit
unseren begrenzten kognitiven Fähigkei-
ten ungemein praktisch. Wir können mit
diesem Datenpunkt, der alle Informatio-
nen zusammenfasst, gut umgehen.
Von der Fülle der Informationen, die
dahinterstehen, sind wir hingegen über-
fordert. Das menschliche Gehirn kann
unterschiedliche Objekte mit verschiede-
nen Eigenschaften nur sehr schlecht mit-
einander vergleichen. Wenn ein Kunde
Abbildung: © Getty Images

eher säuerliche Früchte in Bioqualität


mag, es im Supermarkt aber nur Bio-Ba-
nanen oder Boskop-Äpfel aus konventio-
nellem Anbau gibt, weiß er nicht mehr,
was er kaufen soll. Er schaut dann sofort

Text: Thomas Ramge

90 brand eins 06/18


Warum der Preis eines Produktes im Datenkapitalismus
an Bedeutung verliert.

auf den Preis, und zwar nicht nur, weil er Was suche oder brauche ich eigentlich? werden Preise auch weiter zum Aus-
Geld sparen möchte, sondern weil der Wenn nun Systeme in für sie lesbarer schlusskriterium, wenn sie unser Budget
Orientierung verspricht. Wir haben im Form Angebot und Nachfrage kennen überschreiten.
Sinne Hayeks verinnerlicht, dass uns der und wissen, was die einen haben und Aber wir werden dank Daten nicht
Preis auf einen Schlag alle verfügbaren was die anderen wollen, dann können sie mehr auf den Preis starren müssen, weil
Informationen des Produktes verrät. beide viel treffender zusammenführen. uns die Vielfalt von Produktinformatio-
Doch dieser Glaube hat seine Tücken. Der Preis wird dann zu einem Daten- nen überfordert. Digitale Assistenten
Oft verleitet uns der Blick aufs Preisschild punkt unter vielen. werden uns dabei helfen, im Rahmen
zu unüberlegten Kaufentscheidungen. Eine Vorahnung geben datengetrie- unserer Budgetgrenzen die passenden
Marketingfachleute nutzen daher Preise bene Plattformen wie die digitale Mit- Angebote aus der Vielfalt herauszusu-
systematisch, um uns die Irre und zu ih- fahrzentrale Blablacar. Der Name des chen und dabei im Übrigen auch nicht auf
rem Produkt zu führen. Doch das wird Unternehmens verweist auf den soge- die Taschenspielertricks der Marketing-
sich dank digitaler Hilfsmittel in Zukunft nannten Chatiness-Faktor. Fahrer und leute hereinzufallen, die einen übermäßig
ändern. Mitfahrer geben auf der Plattform an, teuren Fernseher im Geschäft haben, da-
Seit rund 20 Jahren diskutieren Öko- wie gesprächig sie sind. Bla = findet mit der zweitteuerste daneben wie ein
nomen, Wissenschaftler und Politiker da- Reden als soziale Kompetenz maßlos Schnäppchen wirkt.
rüber, wie die Digitalisierung das Leben überschätzt. Blablabla = Plaudertasche, Die Zukunft sieht eher so aus: Unser
und die Gesellschaft verändert. Eine die Gesprächspausen von mehr als drei altes Smartphone wird wissen, welches
wenig beachtete Erkenntnis: Daten sind Sekunden nur schwer aushält. Damit es neue Smartphone zu uns passt. Denn es
das neue Geld, denn sie übernehmen zu angenehmer Stimmung im Auto weiß, wie viel wir telefonieren, welche
schrittweise die Informationsfunktion des kommt, teilen die Plattformnutzer aber Anforderungen wir an die Kamera haben
Geldes. auch noch Daten über Vorlieben wie und wie viel Speicherplatz wir benötigen,
Daten sind digitalisierte, maschinen- Musikgeschmack, Tierliebe oder sport- weil wir Musik auch offline hören. Das
lesbare Informationen. Dank ihnen und liche Interessen. Die Matching-Algorith- Smartphone als Shopping-Assistent wird
den sie verarbeitenden Systemen lassen men bringen dann Angebot und Nachfra- auch wissen, wo es das neue Produkt
sich Informationen schneller, günstiger ge zusammen. Der Preis spielt auf diesem günstig gibt, wenn man die Details der
und präziser austauschen. Das Einkaufser- Markt dann so gut wie keine Rolle mehr, Garantie- und Umtausch-Regelungen be-
lebnis bei Amazon mit seinen bequemen denn der Fahrer kann diesen nur in engen rücksichtigt.
Suchfunktionen und Empfehlungen ist Grenzen variieren. Daten sind also nicht im Wortsinn das
ein technisch ausgereifter Vorbote einer Blablacar oder auch kuratierte Shop- neue Geld. Aber sie sind ein technisches
Entwicklung, die alle Märkte mit etwas ping-Plattformen wie Stitch Fix, die im Hilfsmittel, das die Informationsfunktion
Zeitverzögerung durchlaufen werden. Abo-Modell Mode vertreiben, sind Post- des Geldes übernimmt. Hierin liegt der
Mithilfe von Daten können Anbieter Preis-Händler. Die Kunden schauen nicht eigentliche Wert der Daten für den öko-
die Merkmale ihrer Produkte oder Dienst- mehr aufs Geld, sondern darauf, ob das nomischen Fortschritt. Das Geld war die
leistungen immer genauer beschreiben. Angebot zu ihnen passt. wichtigste Ressource des Finanzkapi-
Die Kunden können auf der anderen Seite Das heißt freilich nicht, dass der Da- talismus. Im Datenkapitalismus wird es
ihre Vorlieben digital erfassen und be- tenpunkt Preis auf den meisten Märkten an Bedeutung verlieren. –
schreiben – also die Frage beantworten: irrelevant wird. Denn selbstverständlich

Im Econ-Verlag erschienen:
Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge: Das Digital – Markt,
Mehrwert und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus

brand eins 06/18 91


15%
Ersparnis

brand eins
Wirtschaftsmagazin
Anbieter des Abonnements ist brand eins Medien AG. Belieferung, Betreuung und Abrechnung
erfolgen durch DPV Vertriebsservice GmbH im Auftrag von brand eins.
Mut zur Veränderung!
Bestellen Sie brand eins im Abonnement.

12 Ausgaben für nur 102,– €

15% Ersparnis zum Einzelverkaufspreis

Jederzeit kündbar

Schwerpunkt als Audioversion inklusive

Digital-Abo inklusive für nur 1,– € pro Ausgabe

Ideal auch zum Verschenken

brandeins.de/abo
040 / 468 60 51 92
abo-service@brandeins.de

Print-Abonnenten erhalten den Schwerpunkt als Audioversion kostenlos. Schreiben Sie uns eine E-Mail mit Ihrer Print-Abo-Nummer
an audio@brandeins.de und Sie bekommen Ihren Zugangscode. Bei Bestellungen bitte immer den Bestell-Code ( selbst lesen: „Jun 01“;
verschenken: „Jun 02“ ) angeben. Sie erhalten 12 Ausgaben brand eins für zzt. nur 102,– € (inkl. MwSt. und Versand im Inland).
Es besteht ein 14-tägiges Widerrufsrecht. brand eins erscheint zzt. 12 x im Jahr (Jahresabopreis: 102,– €).
Staatsverschuldung, yo!
Ein Hip-Hop-Musical über Amerikas ersten Finanzminister?
Rappen über das Bankensystem?
Klingt sperrig bis überpädagogisch.
Doch „Hamilton“ bricht am Broadway alle Rekorde.
Und soll nun auch nach Deutschland kommen.

Text: Christoph Koch


Foto: © White House Photo /Alamy Stock Photo

brand eins 06/18 95


„The ten-dollar Founding Father without a father den ersten Blick nicht glauben mag. Die Idee, das Leben des
Got a lot farther by working a lot harder
einstigen Finanzministers als Musical zu vertonen, kam ihm, als
By being a lot smarter
By being a self-starter.“ er im Urlaub die rund 600-seitige Hamilton-Biografie des His-
(Lin-Manuel Miranda – Hamilton) torikers Ron Chernow las, der später auch als Berater am Büh-
nenstück mitwirken sollte. Noch im aufblasbaren Swimming-
• Als im April 2009 sein Telefon klingelt und das Weiße Haus pool-Stuhl wurde dem Musiker klar, dass es sich bei Hamiltons
ihn einlädt, bei einem Liederabend für den frisch vereidigten US- Leben um einen klassischen Hip-Hop-Stoff handelt: Mitte des
Präsidenten Barack Obama zu singen, ist Lin-Manuel Miranda 18. Jahrhunderts als uneheliches Kind auf einer Karibikinsel auf-
29 Jahre alt. Er hat gerade mit dem von ihm geschriebenen und gewachsen, wurde Hamilton bald zum Waisen und aufgrund
komponierten Musical „In The Heights“ einen Achtungserfolg seines außerordentlichen schreiberischen Talents nach New York
erzielt – aus diesem Werk über ein Einwandererviertel möge er geschickt. Dort schloss er sich der Amerikanischen Revolution
doch bitte etwas vortragen. an, avancierte zu George Washingtons rechter Hand – und leg-
Miranda geht hin. Aber als er vor Barack Obama, dessen te sich dennoch mit beinahe jedem seiner Kollegen an. „Er hatte
Frau Michelle und hochrangigen Gästen auf einer kleinen Bühne mit allen Beef“, beschreibt Miranda bei seinem Auftritt im Wei-
steht, kündigt er eine andere Nummer an. Er schreibe an einem ßen Haus die streitsüchtige Mentalität seines Protagonisten.
größeren Werk über Alexander Hamilton, den ersten Finanz- „Und das meist allein aufgrund der Texte, die er schrieb. Für
minister der USA. Hip-Hop übrigens. Gelächter im Saal. Ein mich verkörpert er die Macht des Wortes.“
Rap über einen längst verstorbenen Bürokaten? Dann beginnt Mirandas Faszination für seinen Helden hat sicherlich auch
Miranda mit schelmischem Grinsen und zu Klavierbegleitung mit der eigenen Biografie zu tun: Seine Eltern stammen eben-
zu rappen. In einem Song erzählt er die Lebensgeschichte des falls aus der Karibik, siedelten von Puerto Rico nach New York
Mannes, der im Vergleich zu Zeitgenossen über. Ihr dort geborener Sohn Lin-Manuel,
wie Thomas Jefferson und George Wa- der früh sein Talent für das Verfassen von
shington als einer der unwichtigeren Grün- Theaterstücken und die Schauspielerei ent-
derväter gilt. Nicht nur die First Lady deckte, merkte jedoch, dass ihm aufgrund
schnippt begeistert mit – am Ende erheben seiner Herkunft nicht alle Türen offen stan-
sich alle zum Stehapplaus. den: „Bei Castings wurde ich höchstens als
Miranda arbeitete nach dem kurzen bester Freund des weißen Hauptdarstellers
Auftritt noch sechs Jahre an seinem Musi- in Erwägung gezogen“, sagte er in einem
cal über Alexander Hamilton, den Mann, Interview mit dem »New Yorker«. „Ich
der heute die Zehn-Dollar-Note ziert. Das merkte: Wenn ich die Hauptrolle will, muss
Stück wurde zum Mega-Erfolg: Es ist seit ich sie mir selber schreiben.“
seiner Premiere 2015 durchgehend ausver- Miranda schrieb sich nicht nur Hamil-
kauft, die Schwarzmarktpreise für die Ti- ton auf den Leib; sämtliche wichtigen Rol-
ckets lagen zeitweise bei mehr als 5000 len des Stückes sind mit Afroamerikanern,
Dollar. Es wurde mit 15 Tonys, den Oscars Latinos oder asiatischstämmigen Schau-
der Musicalwelt, ausgezeichnet und ge- spielern besetzt. Miranda betont, dass es
wann sowohl den Pulitzerpreis für Theater kein kalkulierter Tabubruch sei, George
als auch einen Grammy. Das »Time Ma- Washington von einem Schwarzen spielen
gazine« nahm Lin-Manuel Miranda in die Politischer Rapper: Lin-Manuel Miranda zu lassen: „Unsere Besetzung sieht aus, wie
Liste der 100 einflussreichsten Menschen Amerika heute aussieht“, sagt er, „und das
der Welt auf. Ein üppig ausgestattetes Buch ist zweifellos Absicht.“
mit den Texten, Anmerkungen Mirandas und Essays führte wo- Auch dieser Aspekt des Musicals passt somit perfekt in die
chenlang die Bestsellerliste der »New York Times« an. Neben spätestens seit der Wahl von Donald Trump wieder verstärkt
den Aufführungen am Broadway ist das Stück inzwischen auch geführte Debatte, welche Rolle Immigranten für Amerika spie-
in Chicago, Los Angeles und London zu sehen. len. Wer zu den USA gehört und wer nicht, warum Rassismus
und Diskriminierung die Nation immer noch spalten. „Immig-
Beef mit allen rants – we get the job done!“, lautet beispielsweise eine Textzei-
le, die bei Aufführungen regelmäßig bejubelt wird. Es ist eine
Erfolgreich ist das Musical, weil Miranda tatsächlich einen fas- optimistische Geschichte, die Miranda erzählt. Eine vom mög-
zinierenden Stoff zutage gefördert hat, auch wenn man das auf lichen Aufstieg von ganz unten, wenn man nur gut ist und sich

96 brand eins 06/18


traut. Eine, die die USA eben doch als Land der unbegrenzten
Möglichkeiten zeigt, als Ort, an dem Leistung wichtiger ist als
Herkunft. Und natürlich ist es auch eine Parallele zu Barack Ob-
ama, während dessen Präsidentschaft das Stück entstand und
Premiere feierte. Obama sah sich das Musical mehrfach an, lud
das Ensemble sogar ins Weiße Haus ein. „Hamilton ist die ein-
zige Sache der Welt, auf die Dick Cheney und ich uns einigen
können“, beschrieb er einmal das Phänomen, dass selbst konser-
vative Republikaner das Stück mögen.
Erst als Trumps Vizepräsident Mike Pence zwischen Wahl
und Amtsantritt eine Vorstellung besuchte, kam es zum Eklat:
Am Ende der Aufführung wandte sich einer der Schauspieler im
Namen der gesamten Produktion von der Bühne aus an Pence.
Höflich, aber bestimmt schilderte er die Ängste des multiethni-
schen Teams vor der zu erwartenden Politik Trumps und schloss
mit den Worten: „Wir hoffen aufrichtig, dass diese Aufführung
Sie angeregt hat, unsere amerikanischen Werte hochzuhalten
und Ihr Amt für alle von uns auszuüben.“ Trump reagierte mit
wutentbrannten Tweets: Sein Vizepräsident sei „schikaniert“
worden und eine Entschuldigung des „sehr unverschämten“ En-
Wortgewaltiger Gründervater: Alexander Hamilton sembles fällig.

Nationalbank der USA Schnelle Reime für die Staatsverschuldung


Von Alexander Hamilton konzipiert und gegen zahlreiche Wi-
derstände durchgesetzt, wurde die „First Bank of the United Der erste US-Präsident George Washington machte Hamilton
States“ 1791 in Philadelphia gegründet, der damaligen Haupt-
nach dem gewonnenen Unabhängigkeitskrieg zum Finanzminis-
stadt der Vereinigten Staaten. Neben der Zentralisierung der
Staatsschulden (siehe unten) bestand ihre Aufgabe vor allem ter seines Kabinetts. Im Musical schafft es Miranda, selbst diese
darin, die Kreditwürdigkeit der USA sicherzustellen, Banknoten Phase in Hamiltons Leben höchst unterhaltsam darzustellen:
in einer gemeinsamen Währung auszugeben und Kredite zu Die Kabinettsdebatten werden als Rap-Battles wiedergegeben,
vergeben. Auf Hamiltons ausdrücklichen Wunsch ist die Natio-
nalbank vom Finanzministerium unabhängig. Sie festigte nicht
in denen sich Hamilton und sein Widersacher, Außenminister
nur den damals noch losen Bund aus Einzelstaaten, sondern Thomas Jefferson, mit Mikrofonen in der Hand zum gereimten
diente auch als Grundlage für ein modernes Finanzsystem. Schlagabtausch umkreisen. Mit dem Tempo eines Maschinen-
Fotos: © Mackenzie Stroh / Contour by Getty Images (l.), VCG Wilson / Corbis via Getty Images (o.)

Überdies sorgte sie als eine Institution, der man vertraute, für gewehrs lässt Miranda Hamilton seine Argumente für eine Na-
eine Belebung der Wirtschaft der jungen Nation. Als 1811 die
auf 20 Jahre limitierte Bankkonzession nicht verlängert wurde, tionalbank vorbringen, die dieser gründen möchte. In schnellen
lebte Hamilton bereits nicht mehr. 1816 wurde jedoch mit der Reimen erklärt er den Skeptikern die konjunkturellen Vorzüge
„Second Bank of the United States“ ein Nachfolgeinstitut mit einer Staatsverschuldung – und droht Jefferson einen Tritt in
beinahe denselben Funktionen und Aufgaben geschaffen.
den Hintern an, sollte dieser sich weiter querstellen.
Staatsschulden Nicht nur in Sachen Nationalbank und Staatsschulden konn-
Einer der Gründe für die Schaffung einer Nationalbank war te sich Hamilton durchsetzen, auch auf andere Weise prägte er
für Hamilton: Sie sollte die Schulden, die die einzelnen Bundes- die junge Nation. So schrieb er in furiosem Tempo zwei Drittel
staaten nach dem Unabhängigkeitskrieg hatten, bündeln. Fast
alle anderen Gründerväter wie Thomas Jefferson, James Madi-
der insgesamt 85 Essays der Federalist Papers, die bis heute als
son oder John Adams standen dem Bankwesen insgesamt noch wichtigste Grundlage zum Verständnis der US-Verfassung gel-
sehr misstrauisch gegenüber. Jefferson sah außerdem nicht ein, ten. Hamiltons Stern strahlte immer heller, nichts schien seinen
warum durch Plantagen (und Sklavenarbeit) wohlhabend ge- Aufstieg aufhalten zu können – bis ihn schließlich der erste Sex-
wordene Staaten wie Virginia für die Schulden anderer Bundes-
staaten aufkommen sollten – und fürchtete einen dominanten Skandal der USA zu Fall brachte: Seine Widersacher erfuhren
Zentralstaat. Hamilton konnte ihn und Madison nur für sein von einer außerehelichen Affäre und setzten ihn unter Druck.
Vorhaben gewinnen, indem er im „Kompromiss von 1790“ die Hamilton, stets auf die Kraft seiner Worte vertrauend, glaub-
Hauptstadt der USA in den Süden verlegte: Am Ufer des Poto-
te, seinen Kopf einmal mehr aus der Schlinge schreiben zu kön-
mac River, auf ehemaligem Grund der Staaten Maryland und
Virginia, entstand der Distrikt von Columbia, heute bekannt als nen – und gab den Fehltritt in einer öffentlichen Erklärung zu.
Washington D. C. Statt des erhofften Befreiungsschlags war es sein politisches >

brand eins 06/18 97


Große Geschichten. Jeden Donnersta
g. Und auf stern.de

Aus stern Nr. 6/2018 und 3/2018


Ende. Das Stück endet wie Hamiltons Leben: mit einem Duell wir uns vor, ein Türke schreibt ein Musical über die Gründung
am Ufer des Hudson River im Morgengrauen. Deutschlands 1848 in Frankfurt und textet Gangsta-Rap darü-
Das Musical-Geschäft mutet bisweilen anachronistisch an. ber“, beschreibt der Journalist und Hamilton-Fan Christian Fah-
Digitale Filmkopien können in kürzester Zeit in Tausende Kino- renbach in einem Artikel ein solches Szenario. „Er klaut aus
säle auf der ganzen Welt geschickt werden. Einen Blockbuster deutschen Heimatfilmen der Fünfzigerjahre genauso wie bei
wie zuletzt „Black Panther“ sehen an einem einzigen Wochen- ausschweifenden Berliner Partys zu Zeiten der Weimarer Repu-
ende Millionen von Zuschauern. Im Richard-Rodgers-Theater blik. Dann engagiert er Schwarze, Syrer und einige wenige Deut-
am Broadway können jeden Abend genau 1319 Menschen eine sche für sein Stück. Und die Hauptrolle spielt er selbst. (…) Das
Hamilton-Aufführung verfolgen. Diese Verknappung ermöglicht Ausländer-Ensemble tritt mehrfach im Kanzleramt auf, Merkel
wiederum andere Preise als im Kino: Rund 110 Dollar kostet ein hält dem türkischen Rapper dabei Stichwort-Karten hin, die er
durchschnittliches Broadway-Musical im offiziellen Vorverkauf. zu einem Live-Rap verarbeitet. Der neue Star wiederum nutzt
Hamilton startete mit 180 Dollar pro Karte und hob den Durch- die Aufmerksamkeit dafür, Reformen und Hilfen für seine Hei-
schnittspreis aufgrund der gigantischen Nachfrage nach und mat voranzutreiben. Und er verschafft endlich all denen Aner-
nach auf 350 Dollar an. Für die besten Plätze werden über 800 kennung, die seit Jahrzehnten hier leben, aber in Politik und
Dollar fällig. Allein am Broadway spielt das Stück bis zu 3,8 Mil- Kultur immer noch viel zu wenig Teil der Gesellschaft sind.“
lionen Dollar pro Woche ein – bei laufenden Kosten von rund Klingt nicht sehr wahrscheinlich. Trotzdem könnte es bald
600 000 Dollar für Theatermiete, Gagen und Werbung. eine deutsche Version von Hamilton geben: Die Hamburger
Als Vorwürfe laut wurden, die horrenden Preise erlaubten Stage Entertainment GmbH will den Stoff nach Deutschland ho-
nur einer (weißen) Oberschicht, die Produktion zu sehen, führte len. „Aus unserer Sicht ist Hamilton innerhalb der Theatergat-
Miranda Matinee-Vorführungen für Schulen ein. Auch in Chi- tung Musical ein künstlerischer Meilenstein, eine überragend
cago und Los Angeles können Schüler aus ärmeren Schulbezirken gute Weiterentwicklung des Genres, wie sie nur jede Dekade
das Stück für 10 Dollar sehen. Sponsoren legen dabei 50 Dollar einmal vorkommt“, sagt der Stage-Kommunikationschef Ste-
pro Ticket drauf, um die Kosten für die Aufführung zu decken. phan Jaekel. „Uns stockte beim ersten Besuch des Stückes der
Atem vor Begeisterung – und das als Genre-Profis.“ Man sei mit
Lukrativ, aber riskant den Produzenten im Gespräch, um Hamilton für Deutschland
und die Niederlande zu lizenzieren. Allerdings müsse noch eine
Die Musicalbranche boomt: Allein am Broadway haben sich die Übersetzung angefertigt werden. „Um die Aktualität und die
Einnahmen von 843 Millionen Dollar in der Saison 2006 /2007 Nahbarkeit der Geschichte für unser Publikum überzeugend dar-
binnen zehn Jahren um mehr als 50 Prozent auf fast 1,3 Milliar- zustellen, ist ein entscheidender erster Schritt die Übertragung in
den Dollar erhöht. Richtig lukrativ wird ein Stück wie Hamilton die Landessprache; daran arbeiten wir aktuell und werden im
vor allem dann, wenn es über Jahre oder Jahrzehnte erfolgreich Anschluss die weiteren Schritte entscheiden“, sagt Jaekel.
läuft. Während es bislang kein Film geschafft hat, in Nordame- Miranda hat in der Zwischenzeit angekündigt, das Musical
rika eine Milliarde Dollar einzuspielen, haben schon drei Musi- Anfang 2019 auch nach Puerto Rico, die Heimat seiner Eltern,
cals diese Marke geknackt: „Das Phantom der Oper“, „Der Kö- bringen zu wollen. Denn das Außengebiet der USA leidet seit
nig der Löwen“ und das Hexen-Musical „Wicked“. Weltweit hat Jahren unter einer massiven Schuldenkrise und wurde im Sep-
das „Phantom“ sogar schon über sechs Milliarden Dollar einge- tember 2017 vom Hurrikan „Maria“ verwüstet. „Ein Drittel der
spielt – mehr als das Doppelte von „Avatar“, dem erfolgreichs- Tickets wird zehn Dollar kosten und für Einheimische reserviert
ten Film aller Zeiten. Doch das Risiko ist beträchtlich: Ob am sein“, sagte Miranda in einer US-Talkshow. „Und ein Drittel wird
Broadway oder in Hamburg (siehe „Kontrollierte Gefühle“ in unfassbar teuer sein, damit viel Geld nach Puerto Rico kommt,
brand eins 05/2007) * – eine große Produktion auf die Bühne zu denn das Land braucht es wirklich.“ Schon vor dem Gastspiel hat
bringen kostet vorab 10 bis 15 Millionen Euro. er verschiedene Benefiz-Projekte für die Insel gestartet und meh-
Statt gigantischen Erfolg zu haben, hätte Hamilton wie rere Millionen Dollar an Hilfsgeldern gesammelt.
80 Prozent aller Stücke floppen können. Andere waren mit ähn- Ob Donald Trump das Musical je besuchen wird? „Ich wür-
lichen Ansätzen krachend gescheitert: Das Musical „Holler if Ya de gern sehen“, sagt Miranda, „wie er auf die Tatsache reagiert,
Hear Me“, das Texte des Rappers Tupac Shakur auf die Bühne dass unser Finanzsystem, das seinen Vater reich gemacht hat
gebracht hatte, wurde nach nur sechs Wochen eingestellt, das und ihm ermöglicht, mit dem Geld seines Vaters zu spielen, von
Rockmusical „Bloody Bloody Andrew Jackson“ über den sieb- einem Immigranten erschaffen wurde.“ –
ten Präsidenten der USA nach vier Monaten.
Wie unwahrscheinlich der Erfolg von Hamilton war, wird
klar, wenn man die Idee nach Deutschland überträgt. „Stellen * b1.de/StageEntertainment

brand eins 06/18 99


Vom großen Glück

Die Geschichte eines Mannes,


der eigentlich nur
ein Boot kaufen wollte.
Text: Philipp Maußhardt • Wir stehen auf der Rialtobrücke über dem Canal Grande und schauen auf
Illustration: Tine Fetz
die Gondeln und Boote. „Papa, ich möchte auch ein Boot haben und da
durchfahren.“ Es fiel mir schon immer schwer, eine Bitte meines Sohnes
abzuschlagen, der damals 13 ist. Und ich will es ja auch, wenn ich ehrlich bin.
„Wir werden das machen, Henri, wir kaufen uns ein Boot.“
Nach der Rückkehr aus unserem Italien-Urlaub fange ich an, bei Ebay nach
einem Boot zu suchen. Ich denke an ein Schlauchboot mit einem kleinen
Außenbordmotor. Das hätte ich mir noch leisten können. Aber ich verliere
mich, je länger der Abend dauert, auf den Angebotsseiten mit wunderschönen
weißen Motorjachten und fange an zu träumen von entlegenen Buchten,
schäumender Gischt und romantischen Nächten in der Kajüte. Der Rotwein tut
sein Übriges. Gegen Mitternacht gebe ich ein Angebot ab für ein älteres, repa-
raturbedürftiges Motorboot mit Kajüte und einem 165 PS starken Mercruiser-
Innenbordmotor. Dann gehe ich schlafen. Am nächsten Morgen lese ich
in einer E-Mail: „Herzlichen Glückwunsch. Sie haben die Auktion gewonnen.“
Für 2000 Euro bin ich über Nacht Besitzer einer kleinen, defekten Motor-
jacht geworden, die irgendwo an der Ostsee liegt und nur mit einem
Führerschein gefahren werden darf, den ich nicht besitze. Um es an meinen
Wohnort im schwäbischen Mittelgebirge zu schleppen, ist mein kleines
Auto viel zu schwach. Das Boot wiegt weit mehr als eine Tonne. Als Erstes
brauche ich also ein stärkeres Auto, als Zweites einen Liegeplatz, als Drittes
einen Bootsmechaniker und als Viertes den Sportboot-Führerschein.
Wenige Wochen später steht das Boot in der Scheune eines Bauern auf der
Schwäbischen Alb, der Motor liegt ausgebaut bei einem befreundeten Auto-
mechaniker, und ich sitze einmal die Woche abends im Führerscheinkurs und
lerne Antworten auf Fragen wie: „Welches zusätzliche Schallsignal darf jeder
Ankerlieger bei verminderter Sicht geben, um einem sich nähernden Fahrzeug
seinen Standort anzuzeigen?“
Das Gefühl, als das Boot ein Jahr später in das Hafenbecken von Pisa am
Mittelmeer abgelassen wird, ist mit Glück nur unzureichend beschrieben.
Bevor mein Sohn und ich in den Canal Grande von Venedig fahren, müssen
wir aber noch üben. Wir fahren den Arno von Pisa bis zur Mündung, und als
wir das Meer erreichen, gibt es im Motorraum einen lauten Knall. Die
Küstenwache schleppt uns zurück in den Hafen. Ein Automechaniker ist eben
doch kein Bootsmechaniker. Aber der Schaden lässt sich sicher bald beheben.
Die Ferien verbringe ich mit ölverschmierten Händen im Motorraum des
Bootes. Manchmal bringe ich den Motor tatsächlich zum Laufen. Dann
kommt wieder dieses Glücksgefühl, und ich vergesse, wie viele Tausend Euro
ich schon in die Reparatur und in die Miete des Liegeplatzes gesteckt habe.
Immer wieder schaffen wir es ein paar Meter hinaus aufs Meer, dann
qualmt es im Motorraum. Die Küstenwache kennt uns schon, sie lachen,
wenn sie uns wieder zurück in den Hafen schleppen. Ihnen gefällt der Name
unseres Schiffes: „Ave Maria“. So geht das drei Sommer lang. Mein Sohn
hat immer seltener Lust, seinem Vater beim Reparieren zuzusehen, und so
beschließe ich eines Tages, das Boot zurück über die Alpen
zu ziehen und bei Berlin in die Havel zu legen.
Eines Nachts wache ich auf und habe nur noch einen
Gedanken: Das Boot muss weg. Es ist fünf Uhr mor-
gens, als ich es bei Ebay zu einem Spottpreis anbiete.
Eine Stunde später hat es ein Mensch aus Dortmund
gekauft, ohne es vorher anzuschauen. „Es gibt
zwei glückliche Momente im Leben eines Boots-
besitzers“, hatte mir irgendjemand irgendwann
einmal gesagt. „Dann, wenn er sich das Boot
gekauft hat, und dann, wenn er es wieder ver-
kauft.“ Es muss ein weiser Mann gewesen sein. –
Ann Winblad, 67,
verkaufte ihr Buchhaltungs-Start-up
Open Systems, um 1989 mit
John Hummer die Risikokapital-Firma
Hummer Winblad Venture Partners
(HWVP) zu gründen.
Die Firma investiert nur in junge
Software-Unternehmen. Wegen ihrer
Experimentierfreude verlieh ihr
das Branchenblatt »Wired« den Titel
„Adventure Capitalist“.
HWVP mit Sitz in San Francisco
hat in den vergangenen drei
Jahrzehnten rund 1,2 Milliarden Dollar
in 145 Start-ups investiert.

Managing Director Lars Leckie, 45,


arbeitete bei mehreren Start-ups, bevor
er 2006 zu HWVP wechselte.

Angsthasen Welche Strategien verfolgen Investoren


im Silicon Valley?
Antworten geben die Risikokapitalgeber
kriegen nichts! Ann Winblad und Lars Leckie.

Interview: Steffan Heuer


Fotografie: David Magnusson

Frau Winblad, Herr Leckie, Sie investieren Millionen in neue Fir- starke Persönlichkeiten. Sie schmeißen ihren Job und überzeu-
men. Wie finden Sie das nächste große Ding? gen andere, sich auf dieses Abenteuer mit ungewissem Ausgang
Winblad: Mit Spaß an der Arbeit. Es gefällt mir, die Geschäfts- einzulassen. Das sind Menschen, die durch Wände gehen. Und
ideen zu sichten, die Gründer mir schicken. Natürlich ist viel solche Menschen brauchen wir. Denn wir können schlecht in
Verrücktes dabei. Aber ich schätze, dass nur eine von 30, die bei Angsthasen investieren.
mir auf dem Tisch landen, vollkommen durchgeknallt ist. Wir
investieren meist in Gründer, die es zum ersten Mal versuchen, Wie finden Sie solche Menschen?
nicht in Serienunternehmer, die zum dritten oder vierten Mal Leckie: Ich versuche pro Tag eine interessante Firma kennen-
am Start sind. Je hungriger jemand ist, desto besser. zulernen. Wir sprechen während eines Jahres mit mindestens
2000 Unternehmen, entweder am Telefon oder persönlich.
Ihre Firma ist seit rund 30 Jahren im Geschäft. Haben Sie eine Dazu kommen unzählige Businesspläne und E-Mail-Anfragen,
Checkliste für potenziell erfolgreiche Kandidaten? die bei uns eingehen. Nach dem ersten Kontakt treffen wir viel-
Winblad: Das wäre schön, aber ich habe noch kein Handbuch leicht 25 Firmen ein zweites Mal und rufen bei deren Kunden
geschrieben. Und es wäre auch verhängnisvoll für Gründer, an, um mehr Informationen einzuholen. Am Ende investieren
wenn sie lesen könnten, worauf ich achte oder wonach ich ent- wir pro Jahr in drei bis fünf Start-ups. Das heißt, wir sind für
scheide. Dann würden sie mir nichts Neues zeigen. alles offen, aber sehr wählerisch.
Leckie: Wenn man ganz vorn dabei sein will, muss man interes- Winblad: Ich habe mir zum Ziel gesetzt, jede Woche zwei Men-
sante Leute suchen. Aber spannende Gründer sind oft schwierige schen zu treffen, mit denen ich vorher noch nie gesprochen

102 brand eins 06/18


mal genau, wo das ist. Die Firma bestand aus fünf Leuten: zwei
waren in Argentinien, einer in Deutschland, einer auf Malta und
einer in San Francisco. Also hatten wir zumindest einen An-
sprechpartner vor Ort.

Das reicht? Der Tipp eines Analysten?


Leckie: Wir schauen uns die Leute schon sehr genau an. Mit der
Zeit lernt man, Muster zu erkennen. Wenn wir die nächsten
Trends frühzeitig erkennen wollen, müssen wir weit in die Zu-
kunft denken. Das heißt für IT-Themen: Was passiert, wenn
beispielsweise die Speicherkosten gegen null gehen? Was, wenn
man alles billiger in der Cloud erledigen kann? Von solchen
Fragen ausgehend, kann man Szenarien durchspielen, um eine
bessere Vorstellung zu bekommen, welche Art von Disruption
auf uns zukommt.
Winblad: Die Leute fragen mich immer nach den Investment-
Trends, selbst unsere eigenen Investoren. Wenn wir behaupte-
ten, solche Trends erkennen zu können, dann wäre das Unsinn.
Wenn ich einen Trend definieren kann, ist es bereits zu spät,
dann haben da schon zu viele Firmen zu viel Geld reingesteckt.
Ein aktuelles Beispiel ist der Blockchain-Hype. Da hat bereits die
Ernüchterung eingesetzt. Der erinnert mich an die schlimmsten
Auswüchse der Neunzigerjahre.

Heißt das im Umkehrschluss, dass es für Gründer heute deutlich


schwieriger ist, Investoren zu überzeugen?
Winblad: Die meisten Firmen schaffen es nicht bis zum Ziel –
dem glänzenden Exit. Die Analysten der Research-Firma CB
Insights haben untersucht, wie es Start-ups nach der ersten Run-
de erging: Von 1000 Firmen gelangen die Hälfte in die zweite
Finanzierungsrunde. Wenn man das bis zum „Einhorn“-Status
weiterverfolgt – also Firmen mit einer Bewertung von mindes-
habe. Zum Glück mache ich diesen Job schon so lange, dass sich tens einer Milliarde Dollar –, dann bleiben am Ende gerade ein-
Tausende bei mir melden, und ich suche mir jede Woche zwei mal zehn Start-ups übrig.
heraus. Manchmal schicken wir einen Gründer bei der ersten
Begegnung wieder weg, aber wir versuchen immer positives Ist das Modell der Risikokapital-Investoren tatsächlich die beste
Feedback zu geben. Und oft treffen wir sie ein paar Jahre später Methode, um neuen Ideen zum Erfolg zu verhelfen?
mit einem neuen Businessplan wieder. Leckie: Wir haben mit Mulesoft gerade den besten Exit unserer
Firmengeschichte hingelegt, also würde ich sagen, das Geschäfts-
Sie haben 2006 für zwei Millionen Dollar 21 Prozent an der Soft- modell funktioniert. Seit unserer Gründung haben wir nach Ab-
warefirma Mulesoft übernommen. Kürzlich wurde das Unterneh- zug aller Gebühren eine Rendite von 42 Prozent erwirtschaftet.
men für 6,5 Milliarden Dollar von Salesforce gekauft. Wie spüren Der Schlüssel zum Erfolg ist der sogenannte Deal Flow. Wie
Sie solche Deals auf? kommt man an genügend spannende Unternehmer und Ideen
Winblad: Ein Bekannter, der als Analyst bei einer großen Invest- heran, um die möglichen Gewinner ganz früh herauszupicken?
mentbank arbeitete und Firmen für Unternehmenssoftware be- Aber viel hat auch mit glücklichen Zufällen zu tun. Viele gute
obachtete, rief mich eines Tages an und sagte: Wenn er mit Ideen schaffen es am Ende doch nicht, und es gibt weltweit nicht
Branchenexperten über die Integration von Software rede, falle allzu viele VC-Firmen, die ihnen dabei helfen können. Unter-
immer wieder der Name dieses Start-ups. Ich machte mich nehmer müssen also einen Weg finden, dorthin zu gelangen, wo
schlau und fand die Telefonnummer des Gründers heraus. Der das Geld ist. –
saß in Malta, damals wusste ich ehrlich gesagt noch nicht ein-

brand eins 06/18 103


Würde Bald entscheiden
smarte Geräte,
Alexa welche Produkte
wir kaufen.
Rotkäppchen
trinken? Text: Lisa Goldmann
Illustration: Christina Gransow

• In der Werbung sieht es so einfach aus, natürlich. Eine Frau


kommt von der Arbeit, steht in ihrer Küche, sagt „Alexa, kaufe
…“, und innerhalb von anderthalb Minuten hat sie fünf Produk-
te bestellt, darunter Hundefutter und Pralinen. Alexa schlägt
jeweils ein passendes Produkt vor, die Frau sagt Ja, Alexa be-
stellt. Was man in dem Spot nicht sieht, ist, was im Hintergrund
abläuft. Wenn Sprachassistenten wie Alexa oder andere smarte
Küchengeräte das Einkaufen für uns übernehmen, wer be-
stimmt dann, welche Produkte welcher Marken dem Nutzer
vorgeschlagen werden? Und wer verdient damit Geld?
Voice Shopping, das sprachgesteuerte Einkaufen, gilt als das
nächste große Ding im Handel, das alles verändern könnte.
„Unter all den disruptiven Technologien, die es gerade gibt, ist
Sprachsteuerung eine der disruptivsten“, sagte Graeme Pitketh-
ly, Finanzvorstand von Unilever, im Februar dem »Wall Street
Journal«. Zu dem Konzern gehören bekannte Mar-
ken wie Knorr, Lätta oder Dove. Auch Stephan
Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des
Handelsverbands Deutschland glaubt, dass Voice
Commerce sich durchsetzen wird: „Es ist einfach
so wahnsinnig bequem.“
Die Technik ordnet die Machtverhältnisse zwischen Herstel-
lern, Händlern und den Anbietern der Sprachassistenten neu
– und viele Hersteller könnten dabei den Kürzeren ziehen. Die
Internetkonzerne Amazon, Google, Microsoft und
Apple haben eigene Sprachassistenten entwi-
ckelt. Die Nutzer können sie über Boxen in
ihrem Zuhause oder über ihr Mobiltelefon an-
sprechen. Mehr als die Hälfte der Deutschen
hat schon mal einen Sprachassistenten genutzt,
meist über das Smartphone – am häufigsten Google
Assistant, gefolgt von Apples Siri. Diese spielen nicht nur
auf Wunsch Musik ab oder sagen das Wetter vorher, sie können
auch Dinge im Internet bestellen.
Marktführer beim Voice Shopping sind derzeit die Amazon-
Echo-Geräte: Lautsprecher fürs Zuhause, auf denen Alexa
läuft. Und weil Amazons Kerngeschäft immer schon der >
Onlinehandel war, hat das Unternehmen einen riesigen Vor-
sprung gegenüber seinen Konkurrenten. Aber die unternehmen
viel, um den Marktführer einzuholen: Google beispielsweise
kooperiert in den USA mit dem Einzelhandel-Giganten Wal-
mart – eine Kampfansage.
In Deutschland bietet bislang nur Amazon mit Alexa Shop-
pen per Sprachbefehl an. Die Deutschen sind Sprachassistenten
gegenüber skeptisch eingestellt, unter anderem wegen des Da-
tenschutzes. Zudem kommt der Onlinehandel mit Lebensmit-
teln in Deutschland nicht recht in Schwung (siehe auch
brand eins 08/2017: „Wir waren doch so gut befreundet, …“) *.
Trotzdem hat sich auch hierzulande der Verkauf von smarten
Boxen im vergangenen Jahr verdoppelt.

Der Sprachassistent als Türsteher

Voice Shopping verändert das Einkaufserlebnis grundlegend.


Haptik und Optik rücken in den Hintergrund, akustische Reize
werden wichtiger. Außerdem verkleinert sich die Verkaufsfläche:
Im Supermarkt waren es noch mehrere Regalmeter, beim On-
lineshopping zahlreiche Suchergebnisse auf der ersten Seite,
beim Voice Shopping ist es nur noch ein Treffer – ein Produkt,
das der Sprachassistent für die Anfrage des Nutzers am besten
geeignet hält. „Bei Alexa kaufen 85 Prozent der Nutzer das Pro-
dukt, das ihnen als erstes vorgeschlagen wird“, sagt Tromp.
„Die Anbieter werden so zu Gatekeepern, die den Erfolg eines
Produktes maßgeblich beeinflussen.“
Wie geht Alexa vor, wenn der Kunde beispielsweise sagt: funktionieren anders, wir müssen uns zum Beispiel auf ganze
„Kaufe Sekt“? Als Erstes sucht der Sprachassistent in früheren Sätze anstelle eines Wortes einstellen“, sagt Marks. Die Produkt-
Bestellungen, ob der Kunde schon mal Sekt gekauft hat. Wenn beschreibung muss so formuliert sein, dass sie sich schnell und
nicht, schlägt Alexa Amazon’s Choice (Amazons Wahl) vor. In verständlich vorsprechen lässt.
jeder Kategorie gibt es nur eine Empfehlung. Wie genau ein Pro- Neu ist auch, dass eine Marke mit einem akustischen Signal
dukt zu Amazon’s Choice wird, will der Konzern nicht verraten, verbunden werden kann. „Wir gehen außerdem stärker ins Kon-
nur so viel: „Amazon’s Choice empfiehlt top bewertete, sofort textuelle, verknüpfen uns mit bestimmten Anlässen“, so Christi-
lieferbare Produkte zu einem günstigen Preis.“ Zwar kann sich ne Marks. Sie meint: Wenn Bestellen und Liefern unkomplizier-
der Kunde weitere Suchergebnisse vorlesen lassen oder seine ter und schneller gehen, ordern Kunden häufiger für konkrete
Suche noch mal umformulieren – doch das ist mühsam. Anlässe. So etwas wie ein Gesamtpaket für die „Grill-Party“
Für Produkthersteller ist es schwierig, Amazons Vorgehens- oder den „Brunch mit Freunden“.
weise zu durchschauen. Einige rätseln in Internet-Foren, wieso Für die Hersteller bedeutet das: Im Warenkorb des Kunden
ihr Produkt Amazon’s Choice wurde und warum es diesen Sta- zu landen wird schwieriger und die Gefahr, unsichtbar zu wer-
tus nach ein paar Stunden schon wieder verloren hat. den, größer. Aber wer einmal drin ist, hat es geschafft. Denn
„Beim Voice Shopping ist es besonders wichtig, der erste Tref- Nachbestellungen machen einen großen Teil von Voice Shop-
fer zu sein“, sagt Christine Marks, die bei der deutschen Sektkel- ping aus, vor allem bei Produkten des täglichen Bedarfs wie
lerei Rotkäppchen-Mumm für E-Commerce zuständig ist. Denn Milch, Butter oder Mülltüten.
noch gibt es bei Alexa, anders als auf Amazons Homepage, keine „Ich vermute, dass sich vor allem die großen, bekannten
gesponserten Suchergebnisse, also keine Werbung. Marken durchsetzen werden“, sagt Christine Marks. Die, deren
Seit die Menschen im Internet kaufen, wissen die Hersteller Namen auch beim Hören Assoziationen hervorrufen.
eigentlich sehr genau, was der Kunde will. Sie können Käufer- Marken könnten aber auch unwichtiger werden, wenn die
kommentare und Suchanfragen auswerten und dadurch ihre in der Werbung und im Supermarkt erlernte optische Wieder-
Produktbeschreibungen verbessern. „Sprachbasierte Suchen erkennung verschwindet. Die Voice-Shopping-Händler werden

106 brand eins 06/18


das nutzen, um ihre Eigenmarken zu Google zeigt sich dafür offener als
pushen. Amazon tut das schon: In Kate- Amazon, das die eigene Shopping-Platt-
gorien, in denen die Firma eine Eigen- form ja schon mitbringt. Ob auch Ama-
marke hat, schlägt Alexa sie in 17 Prozent zon irgendwann Konkurrenz auf seinen
der Fälle zuerst vor. Beim Shoppen über Geräten zulässt, wird sich zeigen.
die Homepage kaufen Kunden nur in Es wäre denkbar, dass die externen
zwei Prozent der Fälle Amazons eigene Händler in diesem Fall eine Provision an
Produkte. die Betreiber der Sprachassistenten ab-
treten müssten. So wie Apple schon jetzt
Die anderen müssen zahlen 15 Prozent Provision auf alle In-App-
Abonnements auf dem iPhone verlangt.
Nicht nur die Internetkonzerne, auch Nach einem ähnlichen Prinzip wie das
Supermarktketten wie Edeka, Rewe oder Voice Shopping könnte auch der Einkauf
Metro haben sich längst auf den Online- über smarte Küchengeräte funktionieren.
handel eingestellt und bauen eine eigene Bei einigen Spülmaschinen der BSH Group
Logistik mit Lieferdiensten auf. Ihre geht das bereits. Die Maschine bestellt
Chancen, mit dem neuen Verkaufskanal eigenständig Spültabs nach, sobald sich
M F
erfolgreich zu sein, stehen nicht schlecht. der Vorrat dem Ende zuneigt. Man muss
SH 26.8.

30.6.
8
Denn im Prinzip funktionieren die nur einmal angeben, wie viele Tabs noch
Sprachassistenten nicht anders als Smart-
phones: Auf ihnen können auch An-
wendungen externer Anbieter installiert
in der Packung sind und ein Produkt bei
einem Händler – in diesem Fall Amazon
– auswählen. 2 01 e s w i g-Hoal
lste in

werden. Bald könnten Kühlschränke selbst er- Schl i k F e s t i v


Google nennt diese Programme Ac- kennen, dass bestimmte Waren fehlen
Mus
tions, bei Amazon heißen sie Skills. In und sie automatisch nachbestellen. „Denk-
den USA gibt es schon mehr als 25 000 bar ist das vor allem bei Produkten, die
solcher Skills, in Deutschland 3000 – Grundbedürfnisse erfüllen und deren Aus-
auch von Rewe, Edeka und anderen wahl nicht so emotional besetzt ist, etwa
Händlern. Bisher bieten diese vor allem Milch oder Butter“, sagt Niels Kuschins-
Rezepte an – theoretisch könnten aus ky, zuständig für Digitalisierung bei der
ihnen aber bald Shops werden.
„Okay Google, bestelle Sekt über
BSH Group.
Das Unternehmen aus München will
Judith
Rewe“, könnte der Sprachbefehl dann
lauten. Oder: „Alexa, bestelle Sekt über
nicht selbst Produkte verkaufen, sondern
die Verbindung zum Händler herstellen,
Holofernes
Edeka.“ Welche Sektmarke er dem Kun- mit dem der Kunde dann den Kaufver- »Ich bin das
den anbietet, würde der Supermarkt ent-
scheiden. Für die Hersteller bliebe das
trag eingeht. „Wir sehen uns als offene
Plattform, auf der sich verschiedene An-
Chaos«
Grundproblem bestehen, dass nur noch bieter platzieren können“, sagt Kuschins-
ein Produkt vorgeschlagen wird, bei dem ky. Er stellt sich das so vor: Einmal alles
es sich sehr oft um eine Eigenmarke in der Home Connect App von BSH auf 17.7. Flensburg
handeln könnte – egal ob von Amazon, dem Smartphone oder direkt auf dem ROBBE & BERKING Werft
Rewe oder Edeka. Eine größere Konkur- Display am Kühlschrank einstellen, und
renz unter den Händlern täte ihnen den- die Milch- oder Sekt-Flatrate läuft. Zu- 18.7. Lübeck
noch gut. mindest ein Hersteller kann sich dann Kulturwerft Gollan
„Wenn die Voice-Anbieter weniger als freuen. –
Plattformen agieren und Voice mehr zu Karten: € 35,-
Tel 0431-23 70 70 • www.shmf.de
einer Eingabeform vergleichbar mit einer
Tastatur wird, ist das für den Wettbewerb
sichergut“, sagt Stephan Tromp vom
Handelsverband Deutschland. * b1.de/Gegessenwirdimmer

brand eins 06/18 107


Bargeldlose Transaktionen pro Kopf im Jahr 2016
EU-Länder im Vergleich

Geld
in
Zahlen
Text: Ingo Eggert
10 Transaktionen
Grafik: Hahn + Zimmermann
1. Luxemburg

2. Schweden 3. Finnland 4. Niederlande

5. Dänemark … 11. Deutschland … 28. Rumänien


Zahlungsverhalten in Deutschland
Anteil der Instrumente nach Transaktionen in Prozent
(Abweichung von 100 Prozent durch Rundungen)

Kreditkarte 1,5 Überweisung 1,3 Zahl der Geldautomaten in Deutschland


im Jahr 2002
Internetbezahlverfahren 1,9

Sonstiges 2,1 2017


Lastschrift 0,6

Barzahlung
50 487
Debitkarte/
Girokarte 2014 74,3
18,4 Zahl der Geldautomaten in Deutschland
im Jahr 2016
2011

58 340
Durchschnittlich abgehobener Betrag an Geldautomaten
in Deutschland im Jahr 2017, in Euro

189
Durchschnittliche Gebühr für Fremdabhebungen
In Deutschland wird immer noch am häufigsten mit Bargeld bezahlt. an Geldautomaten in Deutschland, in Euro
Jedoch ist der Anteil seit 2011 von 82 auf gut 74 Prozent gesunken.
Die zweithäufigste Zahlungsmethode ist die Debitkarte. Ihr Anteil hat seit 2011
von 13,4 auf 18,4 Prozent zugenommen 4,29
Wert aller im Umlauf befindlichen Euro-Scheine Wert aller im Umlauf befindlichen Euro-Münzen
im Jahr 2017, in Milliarden Euro im Jahr 2017, in Milliarden Euro

1170 28
Zahl aller im Umlauf befindlichen Euro-Scheine Zahl aller im Umlauf befindlichen Euro-Münzen
im Jahr 2017, in Milliarden im Jahr 2017, in Milliarden

21,4 126
Anteil der Euro-Banknoten und … … der Cent- und Euro-Münzen je nach Wert
Zum Beispiel sind 9 Prozent aller Euro-Banknoten 5-Euro-Scheine, und … … 64 Prozent aller Münzen sind 1-, 2- und 5-Cent-Münzen

1 1 1 1 1 1 1 1 1 1
5 5 5 5 5 5 5 5 5 10

1 1 1 1 1 1 1 1 1 1
10 10 10 10 10 10 10 10 10 10

1 1 1 1 1 1 1 2 2 2
10 20 20 20 20 20 20 20 20 20

2 2 2 2 2 2 2 2 2 2
20 20 20 20 20 20 20 20 20 50

2 2 2 2 2 2 2 2 5 5
50 50 50 50 50 50 50 50 50 50

5 5 5 5 5 5 5 5 5 5
50 50 50 50 50 50 50 50 50 50

5 5 5 5 10 10 10 10 10 10
50 50 50 50 50 50 50 50 50 50

10 10 10 10 10 20 20 20 20 20
50 50 50 50 50 50 50 50 50 50

50 50 50 50 50 100 100 100 100 100


20 20 20 20 50 50 50 50 50 1

100 100 100 100 100 100 100 200 500 500 1 1 1 1 1 2 2 2 2 2

1- bis 5-Cent-Münzen
10- bis 50-Cent-Münzen
1- und 2-Euro-Münzen
Die häufigste Banknote
mit einem Anteil von 46 Prozent am Gesamtbestand aller Euro-Banknoten ist der
50-Euro-Schein (siehe oben). Es gibt rund 9,8 Milliarden Stück. Alle umlaufenden
50-Euro-Scheine haben einen Gesamtwert von 490 Milliarden Euro und
wiegen mehr als 9000 Tonnen. Die Zahl der Standard-Container, die man benötigt,
um alle 50-Euro-Scheine zu transportieren: Höhe aller umlaufenden
50-Euro-Scheine, wenn man

156,5 sie aufeinanderstapelt,


in Kilometer:

982,6
Zum Vergleich
Die durchschnittliche Flughöhe
eines Passagierflugzeugs,
in Kilometer:

9 bis 12
MON DIEU!
NOT ANOTHER INTERIOR MAGAZINE
So ein Interior Design Magazin gab es noch nie: IDEAT – mit internationalen Eindrücken aus Design,
Einrichtung, Mode, Reise und Kunst. Alles in einem Heft, alles außer normal. Et voilà.

JETZT NEU!

JETZT IM HANDEL ODER ALS PROBEABO BESTELLEN:


WWW.IDEAT-GERMANY.DE
Wert der aus dem Zahlungsverkehr gezogenen gefälschten Wert der aus dem Zahlungsverkehr gezogenen gefälschten
Euro-Banknoten in Deutschland im Jahr 2017, in Euro Euro-Münzen in Deutschland im Jahr 2017, in Euro

4 100 000 58 965,5


Zahl der aus dem Zahlungsverkehr gezogenen Zahl der aus dem Zahlungsverkehr gezogenen gefälschten
gefälschten Euro-Banknoten in Deutschland im Jahr 2017 Euro-Münzen in Deutschland im Jahr 2017

72 871 32 508
Anteil der gefälschten Euro-Banknoten je nach Wert, Anteil der gefälschten Cent- und Euro-Münzen je nach Wert,
in Prozent in Prozent

50 50 50 50 1 1 1 1 1 1
5 10 10 20 20 20 20 20 20 20

1 1 1 1 1 1 1 2 2 2
20 20 20 20 20 20 20 20 20 20

2 2 2 2 2 2 2 2 2 2
20 20 20 20 50 50 50 50 50 50

2 2 2 2 2 2 2 2 2 2
50 50 50 50 50 50 50 50 50 50

2 2 2 2 2 2 2 2 2 2
50 50 50 50 50 50 50 50 50 50

2 2 2 2 2 2 2 2 2 2
50 50 50 50 50 50 50 50 50 50

2 2 2 2 2 2 2 2 2 2
50 50 50 50 50 50 50 50 50 50

50 50 50 50 50 50 50 50 50 50 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2

50 50 50 50 50 50 50 50 50 100 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2

100 100 100 100 100 100 100 200 500 500 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2

50-Cent-Münzen
1- und 2-Euro-Münzen

Erfasste Geldwäsche-Fälle in Deutschland im Jahr 1995 Höhe des weltweit entstandenen Schadens mit gefälschten
Euro-Banknoten, in Millionen Euro

321 36
Erfasste Geldwäsche-Fälle in Deutschland im Jahr 2016
Zahl der gefälschten Banknoten, die in Deutschland im Jahr 2017

11 541 auf 10 000 Einwohner entfielen

9
Höchste von der Finanzaufsicht Bafin in Deutschland gegen eine Bank verhängte Ein Blick ins Portemonnaie
Geldbuße aufgrund fehlerhafter Geldwäsche-Prävention, in Millionen Euro Im Durchschnitt hat eine Person in

40
Deutschland rund 107 Euro bei sich.
Im Schnitt 101 Euro in Scheinen
und 6 Euro als Münzen.
50
Höchste vom US-Justizministerium in den USA gegen eine Bank verhängte 1

Geldbuße aufgrund fehlerhafter Geldwäsche-Prävention, in Millionen Euro


1

1485 2
101
50
1
Guten Tag, Herr Kollege!
• Irgendwann wird es einmal so sein:
Wenn die Roboter fahren Auto, übersetzen Texte,
den drei Konzepte vorgestellt – und ihre
Chancen zur Umsetzung eingeschätzt.
Roboter arbeiten, erledigen die Buchhaltung. Wie viele Jobs
die automatisierten Kollegen überneh- 1.
wer verdient men werden, weiß heute noch keiner so Besitze, was dich ersetzt!
dann das Geld? genau. Für große Aufmerksamkeit sorg-
ten der Ökonom Carl Benedikt Frey und Das Problem
der Informatiker Michael Osborne von Jeder Roboter, der seit den Neunziger-
Drei der Universität Oxford, als sie in einer jahren in Deutschland zum Einsatz kam,
Studie vorhersagten, dass 47 Prozent aller ersetzte zwei Arbeitnehmer. Zu diesem
Vorschläge. Arbeitsplätze in den USA durch Auto- Ergebnis kommt Jens Südekum, Profes-
matisierung auf Dauer verschwinden sor für Volkswirtschaftslehre am Institut
könnten. Selbst Studien von vorsichti- für Wettbewerbsökonomie an der Hein-
Text: Matthias Hannemann geren Autoren prognostizieren, dass jeder rich-Heine-Universität Düsseldorf. Der
Fotografie: Janosch Boerckel vierte (Institut für Arbeitsmarkt- und Be- Forscher untersucht, welche Folgen die
rufsforschung, IAB), jeder fünfte (OECD- Automatisierung auf deutsche Industrie-
Vorhersage für Deutschland) oder jeder Belegschaften hat. Vorläufiges Ergebnis:
siebte Job (OECD-Durchschnitt) eines Ja, Roboter vernichten Arbeitsplätze.
Tages von Maschinen erledigt werden Aber: Die Stellen verschwinden nicht
könnte. über Nacht. Viele der betroffenen, von
Das klingt dramatisch. Zumal sich Südekum ausgewerteten Mitarbeiter er-
nicht jeder Mensch rechtzeitig anpassen hielten bis zum Ruhestand neue Aufga-
kann und nicht jede Umschulungsmaß- ben. Und andernorts entstanden neue
nahme dabei hilft, etwas Neues zu fin- Jobs – etwa im Dienstleistungsbereich.
den, selbst wenn angeblich überall Fach- Das „eigentliche Problem“ sei das
kräfte fehlen. Lohnniveau. Denn die Entwicklung habe
Doch zu Panik besteht kein Anlass. auf die Lohnverteilung langfristig einen
Das IAB, eine Dienststelle der Bundes- negativen Effekt. „Wenn auch bislang
agentur für Arbeit, teilt mit: „Die Digi- noch nicht dramatisch“, sagt Südekum.
talisierung wird bis zum Jahr 2035 nur Das dürfte sich ändern, wenn sich die
geringe Auswirkungen auf das Gesamt- Entwicklung durch „wirkliche künstliche
niveau der Beschäftigung haben, aber Intelligenz“ weiter verschärft.
große Umbrüche bei den Arbeitsplätzen Für hoch qualifizierte Menschen, deren
mit sich bringen.“ Tätigkeit eher komplementär zu den
Das lehrt auch die Geschichte des Technologien ist, etwa Ingenieure oder
Fortschritts, der kein Heer von dauerhaft Software-Entwickler, ergeben sich neue
Arbeitslosen hinterließ, sondern mehr Möglichkeiten. Schlecht sieht es für die
Wohlstand und neue Tätigkeiten brach- Geringqualifizierten aus. Und für die zah-
te, wie etwa den Youtube-Influencer, lenmäßig so große Gruppe derer, die eine
dessen Tätigkeit noch vor anderthalb solide Berufsausbildung besitzt, mit der sie
Jahr zehnten niemand auch nur erahnen bisher noch recht gut verdient: die klassi-
konnte. schen deutschen Industriearbeiter und die
Aber eine Frage bleibt: Wenn die Sachbearbeiter in den Büros, auf die die
Links ist der Sozialroboter „Flobi“.
Er dient der Grundlagenforschung über Roboter die Arbeit erledigen, wer ver- Automatisierungswelle ja ebenfalls zurollt.
menschliche Kommunikation dient dann das Geld? Im Folgenden wer- Sie alle müssen mit Einbußen rechnen. >

brand eins 06/18 113


Die Lösung
Der Staat führt eine Maschinensteuer ein.
Das hat sogar Bill Gates im Jahr 2017 in
einem Interview mit dem Onlinemagazin
»Quartz« vorgeschlagen. Über eine solche
Steuer könnte die Allgemeinheit an den
Profitabilitätsschüben teilhaben, die durch
die Automaten ermöglicht werden.
Würde man Roboter ähnlich wie
Menschen besteuern, so Gates, könnte
das rasante Tempo der Entwicklung ge-
drosselt werden. Die Einnahmen würden
die entfallene Einkommensteuer ersetzen
und den sozialen Sektor stärken, in dem
es einen „sehr, sehr großen“ Bedarf an
Menschen gebe: etwa in den Schulen, die
kleinere Klassen bräuchten, bei der Pflege
älterer Menschen oder der Betreuung von
Kindern.
Macht sich gern nützlich: der Roboter Aila in einer Simulation Bill Gates ist mit dieser Idee nicht
der Internationalen Raumstation allein. Auch im Rechtsausschuss des
Europäischen Parlaments wurde vorge-
Die Lösung die Dividende mitprofitieren. Der Effekt schlagen, den Beitrag von Robotern und
Die Beteiligung der Mitarbeiter am Unter- der sinkenden Löhne würde gemildert, Künstlicher Intelligenz in den Betriebs-
nehmen. Oder in den Worten des Öko- man verdiente mit, wenn Unternehmen ergebnissen gesondert auszuweisen, um
nomen Richard Freeman aus Harvard: am Maschineneinsatz verdienen. ihn dann zu besteuern. Und der Postchef
„Würden wir unseren Ersatz besitzen … Frank Appel schlug vor, bei menschlicher
ginge es uns besser“, schreibt er. Und Die Realität Arbeit künftig auf die Mehrwertsteuer zu
fährt fort: „Besitzen andere die Roboter, Jens Südekum räumt ein: „Ich habe kein verzichten und nur die Arbeit von Robo-
die uns ersetzen, würden wir arbeitslos fertiges Konzept, ich denke einfach laut tern zu besteuern: „Warum denn nicht?“
und nach neuer, schlechter bezahlter nach.“ Auch er weiß, dass zumindest die
Arbeit suchen.“ Wenn aber Arbeiter An- Deutschen sehr skeptisch gegenüber Ak- Die Realität
teile an den Robotern halten, dann ver- tien sind. Aber der Punkt sei, sagt Sü- Die Definition dessen, was ein Roboter
dienen sie mit. dekum: Die Diskussion müsse endlich und wie groß sein Anteil an der Wert-
Daher will Südekum die Beschäf- angeschoben werden, „wenn das Gefüge schöpfung ist, wird in der Praxis schnell
tigten zu „Miteigentümern der Betriebe der Gesellschaft zusammengehalten wer- kompliziert. Und eine Robotersteuer
machen“. Doch nicht die klassische Form den soll“. würde genau dort wirken, wo Wachstum
der Mitarbeiterbeteiligung schwebt ihm entsteht. Sie wäre insofern eine Innovati-
vor, also über Aktien des eigenen Unter- 2. onsbremse. Oder wie es der Bundes-
nehmens oder über eine sogenannte stille Zur Kasse, bitte! minister für Arbeit und Soziales, Huber-
Teilhabe – das erscheint ihm angesichts tus Heil (SPD), ausdrückt: eine Form der
des Klumpenrisikos zu riskant. Das Problem „Maschinenstürmerei“. Außerdem wäre
Er will die Beschäftigten lieber an Wenn der Mensch arbeitet, erzielt der der Steuerwettbewerb für eine Volks-
möglichst vielen Unternehmen teilhaben Staat Einnahmen aus Lohnsteuer und wirtschaft gefährlich. Es wird immer
lassen: „Ich könnte mir vorstellen, dass Abgaben. Wenn ein Roboter arbeitet, fällt irgendwo auf der Welt ein Land geben,
ein Teil des Lohnes künftig in einen breit keine Lohnsteuer an. Das ist doppelt das mit besseren Konditionen lockt und
gestreuten Indexfond fließt, der zum Bei- problematisch: Zum einen nimmt die daher den Standort im Hochsteuerland
spiel den Dax oder Dow Jones nachbil- Maschi ne dem Arbeiter den Job weg. gefährdet.
det.“ Der Einzelne könne mit dieser Form Außerdem verdient der Staat weniger,
des „Aktienzwangssparens“ dann über wenn die Maschine beschäftigt wird.

114 brand eins 06/18


3. Woche zu arbeiten, wie es einst der Ökonom John Maynard
Einfach leben! Keynes voraussagte. Den Rest der Zeit, so Bregman, könne man
mit privaten, kreativen, sozialen und gemeinnützigen Tätigkeiten
Das Problem verbringen. Eine Utopie? Keineswegs, sagt Bregman. Schließlich
Es gibt viel zu tun. Und es gibt es genug Tätigkeiten, die man sei die Arbeitszeit zwischen 1850 und 1980 immer weiter gesun-
sich gern von Robotern abnehmen lassen würde, um sich Sinn- ken. Für ihn braucht es zur Durchsetzung nur das Eingeständnis,
vollerem zu widmen. Doch in der Erwerbswelt von heute dass wir die Chance auf die 15-Stunden-Woche in den vergange-
herrscht immer noch Arbeitszwang. nen Jahrzehnten durch unsere Konsumsucht vermasselt haben,
dass hohe Produktivität keine langen Arbeitszeiten mehr braucht
Die Lösung und dass zu viele Stunden, die derzeit an Arbeitsplätzen verbracht
Ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es der Ökonom werden, für sinnlose Tätigkeiten draufgehen.
Thomas Straubhaar vorschlägt (siehe brand eins 05/2017, „Wie
überlebt der Sozialstaat die Digitalisierung?“) *. Er will das Sozial- Die Realität
system komplett umgestalten, indem der Staat jedem Bürger Tatsächlich würde das bedingungslose Grundeinkommen die
1000 Euro im Monat auszahlt. Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt durcheinanderwir-
Der niederländische Historiker Rutger Bregman geht in sei- beln. Doch schon heute wird in Deutschland etwa ein Fachkräf-
nem Buch „Utopien für Realisten“ noch etwas weiter. Bregman, temangel beklagt, der den Unternehmen und den Sozialsyste-
der das Motto „Jobs are for Robots, life is for People“ vertritt, ist men gleichermaßen schaden könnte. Würden die Beschäftigten
davon überzeugt, dass das bedingungslose Grundeinkommen die weniger arbeiten, verschärfte sich dieses Problem noch weiter.
Menschen nicht zu Faulenzern machen würde, sondern produk- Insofern muten Bregmans Vorschläge einigermaßen utopisch
tiver und die Gesellschaft insgesamt besser. Weil der technische an. Doch als utopisch galt einst auch die 40-Stunden-Woche. –
Fortschritt enorme Produktivitätsgewinne hervorgebracht hat,
glaubt Bregman, dass es möglich sei, nur noch 15 Stunden pro * b1.de/T_ Straubhaar

brandeins für unterwegs

+ 1€ =
Print-Abonnenten bekommen für zusätzlich 1 Euro pro Heft die App-Ausgabe dazu:
Eine Anleitung finden Sie unter b1.de/kombi-abo

Einzelheft-Käufer bekommen für zusätzlich 1 Euro die aktuelle App-Ausgabe dazu,


wenn sie folgenden Weg gehen:

1. Registrieren | 2. Frage zum Heft beantworten | 3. in der App lesen


Hier finden Sie die Schritt-für-Schritt-Anleitung: b1.de/print-und-app
Der Soziologe Wolfgang Streeck erklärt,
wie Kredite in Krisenzeiten
als Beruhigungsmittel funktionieren.

Und welche Nebenwirkungen sie haben.

Interview: Peter Laudenbach


Fotografie: Thekla Ehling
„Geld ist im
Wesentlichen eine
Glaubenssache,
eine ,
ein Versprechen.“
brand eins: Herr Streeck, Sie haben in die noch immer andau- Unruhen befürchten muss und die Demokratie akut in Gefahr
ernde Debatte über Ursache und Wirkung der Finanzkrise den gerät. Das war Konsens. Hohe Tarifabschlüsse und teurere Roh-
Begriff Geld-Doping eingeführt. Was meinen Sie damit? stoffe drohten die Gefahr steigender Arbeitslosigkeit zu verstär-
Wolfgang Streeck: Nach 2008 drohten deflationäre und rezes- ken. Um den sozialen Frieden zu sichern, wurde die Geldmenge
sive Entwicklungen. Die Zentralbanken reagierten darauf mit durch niedrige Leitzinsen massiv erhöht. Das bedeutet Inflation.
einer dramatischen Ausweitung des Geldvolumens. Sie senkten Die gewachsene Lohn-Militanz wurde durch Ausweitung der
die Leitzinsen, sie kauften in großem Maßstab Anleihen auf, Geldmenge ruhiggestellt. Auf dem Papier stiegen die Löhne,
dadurch floss Geld in die sogenannten Märkte. Das könnte man ohne dass das zu stark auf Kosten der Profite ging oder gleich-
als Geld-Doping bezeichnen. Das ist nicht neu. Wir sehen seit zeitig die Arbeitslosigkeit stieg. Der Vorteil der Inflation ist, dass
den Siebzigerjahren, dass das globale Geldvolumen schneller sich ihre negativen Folgen nur langsam einstellen.
wächst als die globale Wirtschaftstätigkeit.
Sie sorgt sozusagen für fiktiven Wohlstand?
Unser Geld ist also nicht durch reale Werte gedeckt? Der britische Ökonom John Maynard Keynes nennt das die
Das war es eigentlich nie. Geld ist im Wesentlichen eine Glau- Geld-Illusion. Das konnte man in den Siebzigerjahren beobach-
benssache, eine Fiktion, ein Versprechen. ten. In Japan zum Beispiel lag die Inflationsrate im Jahr 1974 bei
23 Prozent. Deutschland war durch die restriktive Geldmengen-
Warum wächst das Geldvolumen seit den Siebzigerjahren? politik der Bundesbank ein Sonderfall. Die Inflation wirkte für
Die Verteilungskämpfe zwischen Lohnabhängigen und Profit- etwa ein Jahrzehnt sozial pazifizierend. Als die Inflationsraten
abhängigen wurden Ende der Sechzigerjahre härter. Solche zu hoch wurden, steuerte die amerikanische Zentralbank An-
Konflikte müssen von der Politik irgendwie befriedet werden. fang der Achtzigerjahre mit drastisch erhöhten Leitzinsen dage-
Entweder durch Repression, wie im 19. Jahrhundert, oder durch gen. Folglich stieg die Arbeitslosigkeit, vielerorts verstärkt durch
Moderation wie in den Nachkriegsjahrzehnten in Westeuropa, die beginnende De-Industrialisierung. Mit der Arbeitslosigkeit
also durch Tarifautonomie, Sozialpartnerschaft, Wohlfahrts- stiegen die Ausgaben des Wohlfahrtsstaats. Weil die Kosten
staat. Auf Dauer geht das auf Kosten der Kapitalseite, wenn die nicht hinreichend durch Steuer- oder Beitragserhöhungen kom-
Ansprüche der Beschäftigten und des Wohlfahrtsstaats schnel- pensiert wurden, wuchs die Staatsverschuldung. Sie löst ab Be-
ler wachsen als die Produktivität. Ende der Sechzigerjahre sprach ginn der Achtzigerjahre in den westlichen Industriestaaten die
man von einem Profit Squeeze. Der wurde durch den hohen Öl- Inflation als Instrument der Erhöhung der verfügbaren Geld-
preis noch verstärkt. Um 1970, nach knapp drei Jahrzehnten menge ab. Auch das kann man als Geld-Doping beschreiben.
wachsenden Wohlstands, waren Gewerkschaften und sozial-
demokratische Parteien sehr selbstbewusst. Die Gewerkschaften Welche Folgen hat diese großzügige Expansion auf Pump?
versuchten, die Verteilungsspielräume so weit wie möglich aus- Wer sagt, dass das Akte der Großzügigkeit sind? Der Wohl-
zureizen. Es kam zu massiven Streiks und kräftigen Tariferhö- fahrtsstaat wirkte über Jahrzehnte sozial befriedend; er war der
hungen. SPD-Politiker sprachen Mitte der Siebzigerjahre offen Preis für die Bereitschaft der Arbeitnehmer, im Kapitalismus
davon, man müsse die „Belastbarkeit der Wirtschaft prüfen“. weiter mitzuspielen. Aber er war nicht auf die Kompensation
von Massenarbeitslosigkeit ausgelegt. In den Achtzigerjahren
Hat das Wirtschaft und Staatsfinanzen überfordert? sah man, dass die Gefahr sozialer Konflikte nicht so groß war,
Das ist keine Rechenaufgabe mit einer richtigen oder falschen wie einst befürchtet. Die britische Premierministerin Margaret
Lösung. Das ist ein Machtspiel kollidierender Interessen. Ange- Thatcher hat das in ihrem neoliberalen Experiment demons-
sichts des Profit Squeeze gingen die Investitionen zurück. So wie triert, sie wurde bei einer Arbeitslosigkeit von fast 13 Prozent
es Streiks der Arbeitnehmer gibt, gibt es auch Streiks des Kapi- wiedergewählt. Man muss verstehen, dass die Staaten und Re-
tals, also Investitionsstreiks. Die Firmen investierten mehr im gierungen hier schwierige Balance-Akte vollführen müssen. Da-
Ausland. Damit begann die gegenwärtige Phase der sogenann- bei kommt es nicht auf ökonomischen Purismus an, sondern
ten Globalisierung. Es stellte sich heraus, dass das Kapital stra- darauf, in den jeweils nächsten Jahren die Lage halbwegs stabil
tegisch über bessere Möglichkeiten verfügt als die Gegenseite. zu halten. Das Mittel der Wahl ist ab den Achtzigerjahren der
Schuldenstaat.
Was hat das mit der Erhöhung der Geldmenge zu tun?
Damals fürchteten viele westliche Regierungen, dass eine Eska- Das müsste Keynesianer begeistern: Staaten, die sich in einer
lation der Konflikte die politische Stabilität bedrohen könnte. Rezession verschulden und Geld ausgeben, das sie nicht haben.
Als ich in den Siebzigerjahren studiert habe, war es gängige Nein, überhaupt nicht. Keynesianische Schulden werden in dem
Lehrmeinung, dass man ab drei Prozent Arbeitslosigkeit soziale von ihnen bewirkten Aufschwung wieder abgebaut. Nach 1970

118 brand eins 06/18


Es gibt jede Menge solcher Hinterzimmer, die heißen dann Lon-
doner oder Pariser Club. Natürlich verständigen sich die Mana-
ger großer Investmentfonds untereinander und mit Finanzminis-
tern und Zentralbank-Präsidenten. Das erzählen Leute wie der
ehemalige Vorstandsvorsitzende der Investmentgesellschaft Pim-
co, die viel Geld an Staaten leihen, ganz offen. Bei der Bank für
Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel laufen viele
dieser Informationen zusammen. Hoch verschuldete Staaten
sind in einer komplizierten Lage. Sie müssen die einander wider-
sprechenden Ansprüche ihrer Gläubiger und ihrer Bevölkerung
ausbalancieren. Die Gläubigerseite übt Druck auf die Schulden-
staaten aus, ihre Haushalte zu konsolidieren, damit sie ihre
Schulden sicher bedienen können. In der Regel bedeutet das,
dass Staatsausgaben zulasten der Bevölkerung oder wichtiger
Infrastruktur-Investitionen gekürzt werden. Seit den Neunziger-
jahren kann man in den meisten westlichen Industrienationen
den koordinierten Versuch der Konsolidierung der Staatsfinan-
zen zulasten unter anderem des Wohlfahrtsstaats erkennen.
Wolfgang Streeck, 71,
ist Soziologe und emeritierter Direktor des Max-Planck- Was ist so schlimm an dem Versuch, die Neuverschuldung zu be-
Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Er lehrte grenzen und einen ausgeglichenen Staatshaushalt anzustreben?
als Professor unter anderem an der University of Wiscon-
Mich interessiert erst einmal die Beschreibung, nicht die norma-
sin-Madison und an der Universität Köln. Sein Buch
„Gekaufte Zeit“ (Suhrkamp, 2013) wurde in 15 Sprachen tive Bewertung. Schlimm ist das für die Leute, die auf die Res-
übersetzt. Zuletzt ist erschienen: „How Will Capitalism sourcen des Wohlfahrtsstaats angewiesen sind. Ab etwa 1970
End? Essays on a Failing System“ (Verso Books, 2016) sehen wir in vielen Ländern erst Inflation, dann Schuldenstaat,
dann Konsolidierungsstaat. In den Neunzigerjahren erklärte der
damalige US-Präsident Bill Clinton den alten Wohlfahrtsstaat
für abgeschafft. Mitte der Neunzigerjahre war Konsolidierung
aber ging die Staatsverschuldung überall fast linear nach oben. im Westen praktisch Konsens. Dieser ging auch in die Bestim-
Das hing auch damit zusammen, dass es schwieriger wurde, von mungen des Vertrags zur Europäischen Union über Defizit- und
Firmen und Superreichen Steuern einzutreiben, weil das Kapital Schuldengrenzen ein.
in der Globalisierung immer mobiler wurde. Beides, Einnahme-
ausfälle und steigende Kosten des Wohlfahrtsstaats, erhöhten in Wenn das Geld-Doping der Inflation und des Schuldenstaats den
den Achtzigerjahren die Neigung zur Staatsverschuldung. sozialen Frieden gesichert hat, müsste ihn die Konsolidierung
In den USA kamen unter dem damaligen Präsidenten Ronald doch eigentlich bedrohen. Weshalb ist es so ruhig geblieben?
Reagan noch steigende Rüstungsausgaben dazu. In dieser Zeit Die Konsolidierung wurde von einem neuen Instrument der
wuchs der Finanzsektor enorm. Dessen Deregulierung erleich- Konflikt-Beruhigung begleitet: dem schuldenfinanzierten, priva-
terte es, defizitäre Staaten mit neuem Geld zu versorgen. An- ten Konsum – ermöglicht durch die weitere Deregulierung der
fangs hatte die Staatsverschuldung auch für Kreditgeber Charme, Finanzmärkte bis hin zu kaum abgesicherten Immobilien-Kredi-
da sie an den Zinsen verdienten. Kompliziert wurde es, als sich ten mit den bekannten Folgen in der Finanzkrise. Grob gesagt
die Staaten immer weiter verschuldeten und die Gläubiger ner- wurde das Geld-Doping der Staatsverschuldung ersetzt durch
vös wurden. Souveräne Staaten haben andere Möglichkeiten als das privater Kredite, die 2008 in der Finanzkrise kollabierten.
private Schuldner. Sie können theoretisch jederzeit beschließen, Danach wurden diese privaten Schulden und faulen Kredite in
ihre Schulden nicht mehr zu bedienen. Umgekehrt wird die Ner- staatliche Schulden umgewandelt. Nach knapp zwei Jahrzehn-
vosität des Finanzkapitals für die Staaten zum Problem, wenn ten von Konsolidierung und Ausgabenkürzung ist die Staatsver-
das oft zitierte Vertrauen der Finanzmärkte und damit die Be- schuldung wieder enorm gewachsen. Was nach dieser neuen
reitschaft zur Kreditvergabe nachlassen. Welle des Geld-Dopings kommt, weiß heute niemand.

Wer sind die Gläubiger? Das klingt so, als würde man sich in Hin- In ihrem Jahresbericht 2013 bilanziert die BIZ, mit der expansiven
terzimmern über die Kreditwürdigkeit von Staaten verständigen. Geldpolitik seit 2008 hätte man „Zeit gewonnen (…) Aller- >

brand eins 06/18 119


dings wurde diese Zeit nicht gut genutzt: Die anhaltend niedrigen mus als Nächstes machen wird und wie er reagiert, wenn die
Zinsen und unkonventionellen Maßnahmen haben es dem Pri- Leitzinsen um ein Prozent erhöht werden. Wir wissen es nicht.
vatsektor einfach gemacht, den Schuldenabbau auf die lange Bank
zu schieben, sie haben es den Regierungen einfach gemacht, Defi- Wie könnte es weitergehen?
zite zu finanzieren. (…) Billiges Geld macht es leichter, Schulden Wenn zu viele Wohlstandsversprechen gemacht werden, sinkt
aufzunehmen anstatt zu sparen, Geld auszugeben anstatt Steuern ihre Glaubwürdigkeit. Alles, was wir in der EU an Finanzrefor-
zu erheben, und weiterzumachen wie bisher anstatt etwas zu ver- men, Sparprogrammen, Austeritätspolitik seit 2008 sehen, läuft
ändern.“ Ist das nicht ein vernichtendes Urteil? auf den Versuch einer Beschwichtigung der Kreditgeber hinaus.
Das ist eine schlüssige Analyse. Die Phase des lockeren Geldes Das Ziel ist, sie dazu zu bringen, weiterhin Versprechen entge-
hält offenkundig noch immer an. Allein die Gesamtverschul- genzunehmen. Schon weil man zur Refinanzierung von ihnen
dung der US-Privathaushalte ist heute in etwa so hoch wie das abhängig ist, muss man sich um ihr Wohlwollen bemühen, auch
gesamte Bruttoinlandsprodukt von China. in einem vergleichsweise stabilen und prosperierenden Land wie
Deutschland. Der neue Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat
Was bedeutet es, dass zehn Jahre nach Ausbruch der durch faule als erste Amtshandlung erklärt, dass er keine neuen Schulden
Kredite ausgelösten Krise das Kreditvolumen weiter massiv wächst? aufnehmen will, es sei denn zur Bedienung der alten. Seine zwei-
Seit Jahren versuchen die Zentralbanken, die Politik des locke- te Amtshandlung war, einen der beiden Chefs von Goldman
ren Geldes und niedriger Leitzinsen zu beenden. Doch bei jedem Sachs Deutschland zum Staatsekretär zu ernennen. Das sind vor
kleinen Schritt werden die Börsen nervös. Dann lassen sie es allem Signale des guten Willens an die Finanzmärkte. Das konn-
wieder. Die Amerikaner unternehmen derzeit einen vorsichtigen te niemanden überraschen.
Anlauf in Richtung Zinserhöhung. Die EZB bleibt bei ihrem
Kurs. Alle reden von einer sanften Landung, aber keiner weiß, Ist es erstaunlich, dass das System so lange funktioniert hat?
wie das gehen soll. Im Grunde wollen sie vom Tiger des billigen Was da über die Jahrzehnte stattgefunden hat, ist ein kontinuier-
Geldes absteigen, ohne dass der sich umdreht und nach ihnen licher Versprechungsaufbau, gegenüber den Kapitalmärkten, aber
schnappt. Nach allem, was man aus den Zentralbanken hören auch gegenüber der Gesellschaft. Das Versprechen lautet, dass
und lesen kann, herrscht da offenbar eine große Ratlosigkeit. man die Schulden zumindest so weit bedienen kann, dass sich
Ein Paradox ist, dass trotz der hohen Verschuldung die Zinsen immer noch ausreichend Kreditgeber finden, die den Verspre-
so niedrig bleiben. Umgekehrt laden die niedrigen Zinsen dazu chungen Glauben schenken und uns für kreditwürdig halten.
ein, sich weiter zu verschulden. Es ist in der Fachwelt umstritten, Versprechen werden mit Versprechen bezahlt, neue Schulden
ob diese anhaltend niedrigen Zinsen Folge der Zentralbank- bezahlen alte Schulden. Dafür sind immer neue Hochseilakte
politik sind oder ob sie eine komplette Veränderung der Wirt- erforderlich. Ob sie gelingen, kann niemand prognostizieren.
schafts- und Finanzmarkt-Logik anzeigen, die man unter dem Aber offenkundig ist, dass immer kompliziertere und risikorei-
Thema säkulare Stagnation zusammenfasst. Niemand weiß, chere Hochseilakte notwendig werden. Dabei wird die Fallhöhe
was geschieht, wenn man die Politik des billigen Geldes been- eines möglichen Absturzes immer größer. –
det. Es gibt keinen Konsens darüber, was der Finanzkapitalis-

In Heilbronn lag das durchschnittlich verfügbare


Jahreseinkommen 2015 bei 35 660 Euro,
in Gelsenkirchen dagegen bei nur 16 270 Euro.

Wie es zu den bundesweiten Unterschieden kommt, erklärt der Soziologe Holger Lengfeld.
Die interaktive Deutschlandkarte und das dazugehörige Interview finden Sie unter:
b1.de/karte_einkommen
ICH DENKE,
ALSO BINÄR ICH.
McKinsey und das Handelsblatt suchen
Deutschlands beste Robotik-Start-ups.
Sie bringen die Robotik auf die nächste Stufe? Ihr Konzept ist innovativ, skalierbar und wurde
bereits erfolgreich getestet? Dann überzeugen Sie unsere hochkarätige Jury, knüpfen Sie
unbezahlbare Kontakte zu den wichtigsten Köpfen der Branche und profitieren Sie von der starken
medialen Präsenz. Die zehn besten Bewerber präsentieren wir im Handelsblatt, bevor der Gewinner
am 08.11. auf der feierlichen Preisverleihung in Berlin gekürt wird.

Jetzt bewerben: the-spark.de

Proudly presented by:


Drei-Rubel-Russland

Warum die russische


Währung mit jedem
Kilometer Entfernung
von Moskau
an Wert verliert.
Text: Stefan Scholl
Illustration: Tine Fetz

• Was schert es meinen Schwager Oleg, dass ein kleiner Milchkaffee im Mos-
kauer Schickimicki-Café „Kofemanija“ umgerechnet 4,20 Euro kostet. Oleg
kann sich nicht erinnern, je ein Bedürfnis nach Milchkaffee verspürt zu haben.
Er wohnt in Nischnije Kibetschi, einem 400-Seelen-Dörfchen, zehn Autostun-
den von Moskau entfernt, zwei von Tscheboksary. Auch wenn im Dorfladen
eine Espressomaschine stünde, er verkniffe sich jede Art von Bohnenkaffee,
weil Geld für Oleg Mangelware ist, die man nur für Wesentliches ausgibt. Die
Währung mag offiziell bei 76 Rubel pro Euro stehen, im russischen Alltag
aber gibt es drei Kurse: den Moskauer, den Stadt- und den Dorfrubel.
Moskau ist bekanntlich eine Stadt des Geldes, laut des Bürgermeisters
Sergei Sobjanin fließen hier 80 Prozent der russischen Finanzen. Wer in
Moskau Geld zählen kann, also als Buchhalter arbeitet, verdient mindestens
680 Euro, seine Kollegen in den Provinzstädten wie Tscheboksary oder
Omsk begnügen sich mit 330 und im westsibirischen Landkreis Ust-Kischim
mit 170 Euro. Aber dort gibt es ja auch weniger Geld zu zählen.
Die Moskauer prassen gezielt, mit möglichst großer Außenwirkung.
Mein Freund Alexander kurvt entweder mit seinem Mercedes-Sport-
wagen oder einem Pobeda-Oldtimer durch die Hauptstadt. Aber wenn wir
zusammen ein Bier trinken, plädiert er für jene preiswerten Craftbeer-Steh-
kneipen, wo es das 0,4-Liter-Glas schon für 3 Euro gibt. In einem der gestylten
„Bier-Restaurants“ kostet
das oft mehr als ein Flugti-
cket nach Tscheboksary, die
Hauptstadt Tschuwaschiens.
Meine Frau Olga freut
sich jedes Mal, wenn wir
nach Tscheboksary fahren.
Weil es ihre Heimat ist, aber
auch, weil man dort mehr
für seine Rubel bekommt.
„Einmal drei Wochen nicht
kochen“, sagt sie, sie geht
mit unseren Töchtern
täglich essen, lässt sie in
Kletterparks oder Hüpf-
burgen toben, alles dreimal
billiger als in Moskau. Theaterkarten kosten im Schnitt sogar nur ein Fünftel
des Moskauer Preises. Ich selbst fühle mich in der russischen Provinz immer,
als wäre ich gerade aus Berlin nach Bukarest gekommen: reich.
Olga schaut auch nach mehr als zehn Jahren noch immer schräg auf die
Moskauer Preise, spart bei Wegwerfwindeln wie bei Wintermänteln.
Auch zu Hause haben die Tschuwaschen etwas Schwabenhaftes, sie bauen
gern Häuser, solide Häuser. Oleg hat um sein kleines gelbes Holzhaus
ein neues Verbundsteinhaus gebaut. In jahrelanger Kleinarbeit, mangels Geld
und Material legte er immer wieder Pausen ein.
Oleg kommt eher selten nach Tscheboksary, zu Verwandtenbesuchen oder
kapitalen Einkäufen. Er kommt aber nach Moskau, manchmal monatelang.
Dann lässt er sich nicht bei uns blicken, weil er sich hier als Bauhandwerker in
Akkordbrigaden verdingt, um die Rubel zu verdienen, die es in Nischnije
Kibetschi nicht gibt. Und weil er mit der teuersten Stadt Osteuropas
möglichst wenig zu tun haben will. Wer mag schon die Ferne, wenn sie zehn-
mal teurer ist als die Heimat?
Zu Hause, in Nischnije Kibetschi, kommen Oleg und seine vierköpfige
Familie mit knapp 200 Euro im Monat aus. Für Kleidung, Strom, Benzin –
oder für einen neuen Trennschleifer. Ansonsten zieht er selbst den Pflug,
um die Felder zu beackern, füttert den Stier, fällt Brennholz, gärt Kefir und
brennt Schnaps. Selbst gebrannter Schnaps macht in der dörflichen Natu ra-
lienwirtschaft dem Rubel als Währung
schon seit Jahrhunderten Konkurrenz.
Ich fühle mich bei Besuchen in
Nischnije Kibetschi immer auf son-
derbare Weise überflüssig. Vermutlich
auch, weil mein Geld hier nichts wert
ist. Oleg aber wirkt plötzlich selbst-
bewusst wie ein britischer Fußballprofi.
Von Krise merke er nichts, kommentierte
er die Wirtschaftsflaute der vergangenen Jahre.
„Wer was kann, der hat hier immer zu tun.“
Mit oder ohne Rubel. –
EUROPAS GRÖßTE LGBT JOB- & KARRIEREMESSE

STICKS & STONES

BERLIN
02
JUNI

TRIFF AUF GOOGLE, MCKINSEY SXS | BERLIN EDITION.


VODAFONE, COCA-COLA, AXA MIT ÜBER 3.000 BESUCHERN,
BOSCH, AXEL SPRINGER UND WEITERE 1.000 JOBS, SPANNENDEN VORTRÄGEN,
100+ UNTERNEHMEN AUF DER SPEEDCOACHING & AFTERSHOW-PARTY.

HOL DIR JETZT DEIN FREE TICKET


WWW.STICKS-AND-STONES.COM
-1,3 2018
-1,5 2017
-0,2 2016
2015 0,2
-0,1 2014
-0,5 2013
-0,7 2012
-0,5 2011
2010 0,3
2009 1,5
-0,1 2008
2007 0,1
2006 0,5
2005 0,5
2004 0,5
2003 1,2
-0,4 2002
-0,8 2001
-0,2 2000
1999 0,7
1998 0,6
-0,2 1997
1996 0,5
1995 0,3
-0,5 1994
-1,0 1993
-1,1 1992
-0,8 1991
1990 0,1
-0,4 1989
1988 0,7
1987 1,9
1986 2,6
1985 0,8
1984 0,6
1983 0,0
-0,4 1982
-1,3 1981
-0,7 1980
-0,9 1979
-0,1 1978
-0,5 1977
-0,6 1976
-1,5 1975
-1,5 1974
-1,9 1973
-1,3 1972
-0,3 1971
1970 1,5
1969 1,8
1968 1,9
1967 2,2

–2,5 –2,0 –1,5 –1,0 –0,5 0 0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5

JAHR UM DIE INFLATION BEREINIGTE ZINSEN IN PROZENT

Auf dem Konto nichts Neues


Text: Ingo Eggert
Grafik: Stefan Ostermeier

• „Die deutschen Sparer werden schlei- um die Inflation bereinigte Zinsen – eher Theo Waigel weist darauf hin, dass in
chend enteignet“, sagt Markus Söder. Für die Regel als die Ausnahme sind. In der etwa der Hälfte der D-Mark-Zeit die
die »Bild« ist das eine „Sauerei“. Dabei Grafik oben sind sie rot dargestellt, in Realzinsen negativ waren – „aber merk-
zeigt eine Zeitreihe der Deutschen Bun- Grün die Jahre mit positiven Realzinsen. würdigerweise hat das nicht zu einem
desbank, dass negative Realzinsen – also Der ehemalige Bundesfinanzminister Aufstand geführt“. –

brand eins 06/18 125


Verschwendung kann
Beruf: sich lohnen.
Eine Typologie des
Geld- professionellen Protzens.

vernichter Text: Peter Laudenbach Collage: Silke Baltruschat

Nichts ist dem vernünftig kalkulierenden Nutzen-Optimierer,


dem Homo oeconomicus, so zuwider wie sinnlose Verschwendung.
Aber das Gegenteil von sinnloser Verschwendung ist nicht
Geiz oder „innerweltliche Askese“ (Max Weber), sondern kalkulierte
Verschwendung.

Der US-Ökonom Thorstein Veblen prägte dafür schon 1899


in seiner zum Klassiker gewordenen Theorie der müßigen Klasse
den Begriff des „demonstrativen Konsums“ als „Zeugnis
finanzieller Macht“. Entscheidend ist die Demonstration: Es braucht
ein großes Publikum, um durch zur Schau gestelltes Protzen
nicht unbedingt Respekt, aber Prestige und Wettbewerbsvorteile
in der Aufmerksamkeits-Ökonomie zu erlangen.

Die Masche funktioniert in vielen Varianten – von den Pharaonen-


Gräbern bis zum Trash-Protzen im Privatfernsehen, von der
Selbstinszenierung höfischer Herrscher bis zu den Höchstpreisen
eines hyperventilierenden Kunstmarktes.
126 brand eins 06/18
Der Bling-Bling-Rapper Der Feudalherrscher

Wenn sich Rapper wie Lil Wayne Diamanten auf die Vorderzähne kleben Luxus hat mit Genuss nicht das Geringste zu tun. Öffentlich ins
oder sich mit Gold behängen, als wären sie Weihnachtsbäume, ist das Extrem getriebener Luxus verlangt eiserne Disziplin und ist harte
Fotos: © Intertopics / 360° Editorial (l.); VCG Wilson / Corbis via Getty Images (r.)

ein Dienst am Image. Die Demonstration wirtschaftlicher Potenz liefert Arbeit. Ruhm ist die Währung, in der höfische Macht demons-
nebenbei eine interessante symbolische Umkehrung alter Hierarchien. triert und gesichert wird. Zu den Selbstinszenierungskünsten eines
Indem die Musiker ihren Reichtum so wuchtig wie möglich vorführen, Ludwig XIV. (1638–1715) gehören komplizierte Rituale, schon
verhöhnen sie gleichzeitig die Werte der (weißen) Puritaner und feiern das königliche Verlassen des Bettes verlangt jeden Morgen ein
ihren Aufstieg aus der schwarzen Unterschicht: Jede kiloschwere Gold- elaboriertes Zeremoniell. Die Raffinesse, mit der bei höfischen
kette wird zur Rache für erlittene Demütigungen, zur aggressiv aus- Festen und verschwenderischen Feuerwerken Schauspiele schein-
gestellten Kompensation. Zu den Späßen der Popkultur gehören Hitlisten bar sinnfreier Prachtentfaltung zelebriert werden, folgt einer
der Rapper mit dem teuersten Bling-Bling. Weit vorn liegt der sonst Strategie der Beeindruckung. Zeremoniell, Kunst und Architek-
eher unbedeutende Rick Ross mit seiner 1,5 Millionen Dollar schweren tur sind Elemente eines Überbietungswettbewerbs, „Instrumente
Goldkette. Den Großmeistern des Genres ist der Bling-Stress zu der Selbstbehauptung“, die „Fortsetzung von Krieg und Diplo-
anstrengend: Snoop Dogg bevorzugt Kiffer-Lässigkeit, Ice-T pflegt den matie mit anderen Mitteln“, wie der Kulturhistoriker Peter Burke
düsteren Black-Panther-Look, und der Milliardär Dr. Dre mag es („Die Inszenierung des Sonnenkönigs“) schreibt. Ein Rest davon
elegant. Die Bling-Bling-Angeber-Spiele demonstrieren zweierlei: Man hat sich im steifen Protokoll heutiger Staatsempfänge erhalten.
kann es sich leisten und hat es nötig, das auch zu zeigen. Beim Monarchen alten Stils wird die Person des Königs identisch
mit ihrer Inszenierung. Gemälde, Stiche, Münzen vervielfältigen
die Bilder des herrschaftlichen Luxusgeschöpfs – eine Propa-
ganda-Maschine, die Burke mit der Wirkung moderner Werbung
vergleicht, indem er von der „Verpackung des Monarchen“ und
gezielter „Verkaufsstrategie“ spricht.

brand eins 06/18 127


Der TV-Selbstvermarkter

Robert Geiss, der Sohn eines Kirmesausstatters, lässt sich


hauptberuflich dabei filmen, wie er Jachten mietet, seine
Bediensteten zusammenstaucht, sich mit dem Helikopter
mal schnell an die Côte d’Azur fliegen lässt, Villen
begutachtet oder seiner Gattin gelangweilt beim Shoppen
von Schuhen, Schmuck oder Handtaschen zusieht –
Hauptsache, es ist teuer und glitzert. Schrilles Geplänkel
des Ehepaars („Roooobääärt!“) sorgt für eine Art
Handlung, aber eigentlich geht es vor allem um die An-
einanderreihung von Klischeebildern dessen, was ein
bestimmtes Fernsehpublikum für Jet-Set hält. Der Haupt-
darsteller verbindet das Feingefühl einer Bulldogge mit
Dezenz und Charisma eines Holzhammers. Die Fernseh-
sendungen der „schrecklich glamourösen Familie“
wirken wie die Parodie dessen, was Thorstein Veblen
die „stellvertretend müßige Klasse“ nennt: Einerseits kann
der Normalverdiener kurz von einem ähnlich mondänen
Lebensstil träumen, andererseits sorgt die Vulgarität
der Geissens für wohligen Schauder. Die Kombination von
beidem, die Möglichkeit, beim Zusehen Neid mit Verach-
tung zu verbinden, sichert zufriedenstellende Einschalt-
quoten und damit das Funktionieren des Geschäftsmodells.

Der Snob

„Man sieht sofort, dass die Majestät aus der Perücke ge-
macht ist, den hochhackigen Schuhen und dem Mantel. (…)
So stellen Barbiere und Flickschuster die Götter her, die wir
anbeten“, höhnt der britische Schriftsteller William Thacke-
ray. Sein „Book of Snobs“ prägt 1848 den Begriff des über-
kultivierten Schnösels, wobei der Ursprung des Wortes
nicht ganz klar ist. Eine mögliche Erklärung: Bürgerliche
Studenten wurden in Cambridge als „sine nobilitate“ ge-
führt, „ohne Adel“. Der Snob ist ein Bürger, der so tut, als
wäre er ein Adeliger. Er überschreitet symbolisch Klassen-
grenzen und lässt den Dünkel des Adels grotesk erschei-
nen. „Die Rang- und Standesliste ist eine Lüge und wert,
ins Feuer geworfen zu werden“, schreibt Thackeray. Die
Provokation des bürgerlichen Dandys liegt vor allem in der
Zeit, die er darauf verschwendet, seinen Auftritt zu kulti-
vieren – statt sie produktiv und effizient zu nutzen. Diese
Demonstration des müßigen Lebens stellte in Feudalgesell-
schaften „den unmittelbarsten und überzeugendsten Beweis
von Reichtum und damit von überlegener Macht dar“
(Veblen). Die Ironie des Dandys liegt in der Anmaßung,
einen Müßiggang zu demonstrieren, den sich ein gewöhn-
licher Bürger nicht leisten kann. Indem er Zeit und Geld
verschwendet (gern auch geliehenes Geld, das er nie
zurückzuzahlen gedenkt), macht er sich über die Privilegien
des Adels wie über die Moral des Bürgers lustig, dem
Zeit Geld ist. Oscar Wilde dreht das mit der Eleganz des
Dandys um und erklärt: „Zeit ist Geldverschwendung.“

128 brand eins 06/18


Der Papst

Je vager begründet die Macht ist, je schwerer beweisbar der


mit ihr verbundene Wahrheits- und Deutungsanspruch, desto
notwendiger wird ihre Demonstration. Kein Wunder, dass
die Selbstinszenierung schon immer zur Kernkompetenz des
Klerus zählte: die Pracht-Demonstration als Macht-
Demonstration und sichtbarer Beweis des Wirkens höherer
Kräfte. Die kostbaren Gewänder, die üppig geschmückten
Dome, die sakralen Bauten des Vatikans sieht der Historiker
Peter Hersche als „Mittel der Auseinandersetzung“ im
„Theater der Politik“, in dem es darum geht, „sich möglichst
glanzvoll zu inszenieren“. Aus dieser Perspektive wird
selbst der ausschweifende Luxus am Papst-Hof in Avignon
unter Gregor XI. zum Beweis der Überlegenheit des
katholischen Glaubens, und selbst die handgefertigten roten
Schuhe von Ex-Papst Benedikt XVI. dienen dem Lob und
Preis des Allmächtigen. Dass auch die Inszenierung demons-
trativer Bescheidenheit eine gut funktionierende Selbst-
darstellungsstrategie sein kann, führt sein Nachfolger vor.

Der König der Nacht

Rolf Eden ist die Antwort des alten Westberlins auf den Las-Vegas-Glamour, eine gelungene Symbiose aus Berliner Breitbeinig-
keit und enthemmtem Nachtleben. Eden macht sich schmerzfrei und strategisch geschickt zur Boulevardfigur mit hohem
Verschleiß an Sexualpartnerinnen. Der Mann mit der Vorliebe für weiße Anzüge, der auch mal Schwarz trägt, führt einen
unbekümmert hedonistischen Lebensstil vor. Das ist gut fürs Geschäft: Jede Pressenotiz, jedes Foto, jeder Fernsehauftritt macht
Werbung für die zahlreichen Diskotheken und Nachtclubs, die er im Westberlin der Sechziger- und Siebzigerjahre betreibt.
Fotos: © picture alliance / Eventpress (l.); akg-images (o. l.); Vatican Pool / Getty Images (o. r.); adolph press (r.)

brand eins 06/18 129


Was? Wann? Wo? Anzeigen

Konferenz Sonstige

Das 12. AgenturCamp GGS Leadership Certificate


Agenturen im Aufbruch Wissen und Methoden für neue Führungskräfte

WANN WO WIE VIEL WANN WO WIE VIEL


05./06.07.2018 Düsseldorf 380,00 Euro 22.–26.10.2018 Heilbronn 3.300,00 Euro *

Das AgenturCamp ist Branchentreffpunkt, Innovationslabor Der fünftägige Zertifikatslehrgang »GGS Leadership Certifica-
und Spielwiese für Lenker und Macher aus Kommunikations- te« bietet Ihnen aktuelles Führungswissen und bereitet Sie mit
und Digitalagenturen. Es verbindet die Freiheit des offenen folgenden Modulen ideal auf Ihre neue Herausforderung vor:
Tagungsformats Unkonferenz mit der Fokussierung auf die Modul 1 - Agile Leadership – Führung im digitalen Wandel
spezifischen Themen der Agenturbranche – wie z. B. neue Modul 2 - Arbeitsrechtliche Grundlagen
Geschäftsmodelle, neue Technologien oder neues Arbeiten. Modul 3 - Führung und Fokus
Wie gut dieses Konzept der „agendafreien Zone“ funktioniert, Modul 4 - Effektive Kommunikation in der Führung
zeigen die über zehn AgenturCamps seit 2016 in Frankfurt, Angehende verantwortungsvolle Führungskräfte zu schulen ist
Düsseldorf, München, Hamburg, Hannover und Berlin. uns ein besonderes Anliegen. Es ist nicht nur das Leitmotiv
der GGS, sondern auch das Fundament jedes gesunden und
funktionierenden Unternehmens!

* zzgl. USt. 7%

Mehr Infos und Anmeldung unter: Mehr Infos und Anmeldung unter:
dasagenturcamp.de/duesseldorf_2018 ggs.de/leadership-certificate

Sonstige

Store zu gewinnen *
„Be The New Story“ in einer der erfolgreichsten
Handelsdestinationen Deutschlands

WANN WO WIE VIEL


Bis 14. Juni Alexa Berlin 6 Monate mietfrei

Das Alexa in Berlin unterstützt mit dem Retail Casting First


Store by Alexa Newcomer, StartUps oder Onliner die ihren
ersten physischen Store eröffnen wollen. Noch bis zum
14. Juni 2018 läuft die Bewerbungsphase für First Store by
Alexa Vol. II. Drei Gewinner – ermittelt durch eine Fachjury
und ein Public Voting – erhalten Verkaufsflächen im Shopping-
center Alexa in Berlin am Alexanderplatz, für sechs bzw. drei
Monate mietfrei. Der Gesamtwert der Gewinne: mehr als
100.000 Euro.

*
Mehr Infos und Anmeldung unter:
firststorealexa.com

130 brand eins 06/18


Anzeigen Was? Wann? Wo?

Messe Konferenz

STICKS & STONES Münchener Marketing-Symposium


Europas größte LGBT Job- und Karrieremesse PLAY AND WIN! Strategien und Spielräume für
erfolgreiche Marken

WANN WO WIE VIEL WANN WO WIE VIEL


02.06.18 Berlin Messetickets frei 13.07.18 LMU München 190 E uro *

Im Berlin findet Europas größte LGBT+ Job- und Karriere- Wer will schon berechenbar oder ersetzbar sein?
messe statt. Neben der Möglichkeit über 100 Aussteller Brauchen wir im Gegensatz dazu nicht mehr Intuition,
kennenzulernen, wird den Besuchern ein abwechslungsreiches Experimente und Überraschungsmomente in Zeiten von
Programm bestehend aus Vorträgen, kostenlosem Karriere- Algorithmen, Big Data und Optimierung? Braucht es nicht
coaching sowie Get-Togethers diverser Karriere-Netzwerke einen guten Mix aus Erfahrung und Kompetenz gepaart mit
geboten. Ab 22 Uhr findet eine große After-Show-Party statt. Mut und Phantasie, um die Leidenschaft für die eigene Marke
zu entfachen? Markenpioniere, Visionäre und Gründer geben
Einblicke wie Markenführung heute und in Zukunft gelingen
kann und wie Sie Ihre Marke spielerisch zum Erfolg führen.

* Kooperationspreis

Mehr Infos und Anmeldung unter: Mehr Infos und Anmeldung unter:
sticks-and-stones.com marketingworld.de

Konferenz Sonstige

2b AHEAD Zukunftskongress DRIVE-E 2018


2028 – Wie viel Mensch verträgt die Zukunft? Nachwuchsprogramm für die Elektromobilität

WANN WO WIE VIEL WANN WO WIE VIEL


19./20.06.18 Wolfsburg ab 1.890,- Euro 09.– 14.09.2018 München kostenlos

Welche Rolle werden wir Menschen in der kommenden Die DRIVE-E-Akademie des Bundesministeriums für Bildung
Digitalwelt spielen? Wie werden sich unsere Geschäftsmodelle und Forschung und der Fraunhofer Gesellschaft bietet Studie-
verändern? Und welche Kompetenzen, Strukturen und Leader- renden in der Woche vom 9. bis 14. September 2018 exklusi-
ship-Methoden brauchen wir in unseren Unternehmen? Der ve Praxiseinblicke und spannende Fachvorträge rund um die
Zukunftskongress des 2b AHEAD ThinkTanks ist Deutsch- Zukunft der Mobilität. Ein Highlight der DRIVE-E-Akademie
lands wichtigster und größter Innovationskongress. 300 inter- ist die feierliche Verleihung der DRIVE-E-Studienpreise. Dabei
nationale Innovatoren und Entscheider diskutieren im Schloss werden herausragende Projekt- und Abschlussarbeiten zur
Wolfsburg die Lebens- und Arbeitswelten des Jahres 2028 und Elektromobilität mit Preisgeldern von bis zu 6.000 Euro aus-
entwickeln die Geschäftsmodelle der Zukunft. Der 2b AHEAD gezeichnet. Bewerbungen für Akademie und Studienpreis sind
ThinkTank ist Deutschlands innovativstes Businessnetzwerk. bis zum 15. Juni 2018 online möglich.

Mehr Infos und Anmeldung unter: Mehr Infos und Bewerbung unter:
kongress.zukunft.business drive-e.org

brand eins 06/18 131


132_b1_06_18 132 11.05.18 12:35
Die
Wurzeln
einer
Region
Im Uhrzeigersinn:

Heilsame Flammen: Das Verbrennen des


Beschnitts, eine alte Tradition, dient heute dazu,
Bakterien den Garaus zu machen

Amputation an einem Wintertag: Ein


Olivenbauer sägt im Januar 2018 die Äste eines
seiner kranken Bäume in der Nähe von
Ugento ab

Proben für die Forschung: Wissenschaftler


des CNR in Bari schneiden Zweige von Oliven-
bäumen des Salento in kleine Stücke

Retter einer ganzen Region: Giovanni Melcarne,


Olivenbauer mit 45 Hektar Anbaufläche,
kennt nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch
die emotionale Bedeutung der Olivenbäume
für seine Heimat
Seit fünf Jahren frisst sich das Bakterium
Xylella durch die süditalienischen Olivenhaine.
Die meisten Bauern schauen ihm traurig,
aber tatenlos dabei zu.

Anders Giovanni Melcarne:


Er kämpft gegen das Baumsterben
– mit kühlem Kopf
und wissenschaftlicher Hilfe.

Text: Barbara Bachmann Fotografie: Patricia Kühfuss


Kleine Killer: Laut Wissenschaftlern verhindert
das Bakterium Xylella fastidiosa (übersetzt: das
„ärgerliche“, „widerwärtige“ Bakterium) im
Pflanzeninneren den Transport von Wasser und
Nährstoffen von der Wurzel in die Krone.
Nach ein paar Monaten beginnen die Blätter
zu vertrocknen, danach die Äste, am Ende ist
der Baum kahl. Er stirbt, weil er verdurstet.
Das Bakterium wird von drei verschiedenen, nur
wenige Millimeter großen Insekten übertragen,
darunter die Wiesenschaumzikade Philaenus
spumarius. Die Insekten trinken den Saft
der Pflanzen und bringen das Bakterium von
einem Baum zum nächsten

Rauchzeichen aus einer erkrankten Region:


Ein Bauer (unten) zündet aufgehäufte Oliven-
blätter an, die beim Beschnitt seiner befallenen
Bäume heruntergefallen sind

136 brand eins 06/18


Hoffnung in Flaschen: Proben des Öls, das
Giovanni Melcarne aus den Oliven verschiedener,
nicht befallener wilder Olivenbäume in der
verseuchten Zone hat pressen lassen. Er will eine
Sorte finden, die gut schmeckt und gegen das
Bakterium resistent ist

• In einer Gegend, in der alle verbeulte Fiats fahren, düst Gio- mehr als 1000 Jahre alt und siechen nun vor sich hin. Manche
vanni Melcarne in einem makellosen Audi Q3 herum. Rechts Bauern sagen, sie seien selbst krank geworden, als ihre Bäume
das Ionische Meer, die südlichste Küste Italiens. Links dem erkrankten. Sie betrauern ihr Sterben wie das eines Familien-
Tode geweihte Olivenbäume. Ohne hinzuschauen, zeigt er auf angehörigen, und die meisten verfallen in Lethargie, sehen dem
sie, sagt: „Auch er“ oder das Todeswort „Xylella“. Melcarne, Zerfall in Zeitlupe tatenlos zu.
dessen kleine Augen sich hinter einer Designerbrille verbergen, Dies vorweg zum Temperament der Salentiner, nur so lässt
ist auf dem Weg zu seiner Ölmühle, es ist die größte der sich begreifen, wie anders Giovanni Melcarne ist. Zweifelsohne
Gegend. ist auch er eng mit dem Boden verbunden, er pflückt Oliven, seit
Dort fährt der 48-Jährige mit einem Gabelstapler Olivenkis- er sieben Jahre alt ist. Und dennoch hat man den Eindruck, er
ten von einem Ort zum anderen. Nie gibt er Ruhe. Eine Hand sei am falschen Ort geboren. Melcarne mag keine Sonntage,
am Smartphone, die andere bei den Oliven. Je stiller die Welt um weil er dann ruhen muss. Er hat im Norden studiert. Er verab-
Melcarne steht, desto mehr bewegt er sich. Er steigt wieder ins scheut heißes Klima, im vergangenen Sommer war er kein ein-
Auto, dessen Tacho nach wenigen Monaten schon 89 000 Kilo- ziges Mal am Meer. „Schwitzen, ohne zu arbeiten, ist sinnlos“,
meter zeigt. Sein vorheriges hat er mit 580 000 Kilometern ver- sagt er. >
schenkt – 380 000 davon zurückgelegt
für die Rettung der Olivenbäume.
Seit fünf Jahren sterben in Melcarnes
Heimat, dem Salento – der Absatz des
italienischen Stiefels – massenhaft Oli-
venbäume. Grund dafür ist laut Wissen-
schaftlern das Bakterium Xylella fasti-
diosa, das sie austrocknen lässt. Elf
Millionen Bäume auf rund 85 000 Hek-
tar sind allein in der Provinz Lecce in
Verwandten-Treffen: Das Pfropfen ist eine
Gefahr. Zwei Millionen sind bereits zer-
Technik zur künstlichen Vermehrung von
stört, weitere fünf Millionen zeigen erste Pflanzen. Dabei wird ein Zweig oder ein mit
Anzeichen. Das ist in vielerlei Hinsicht Knospen versehener Spross – der Reis – in
schlimm. einen Baumstamm mit Wurzeln gesteckt,
sodass die beiden Pflanzen miteinander ver-
Die Olivenbäume sind im Salento wachsen. Voraussetzung dafür ist, dass sie
das wirtschaftliche Standbein der Men- nah miteinander verwandt sind. Das Pfropfen
schen. Und sie haben emotionalen Wert, lässt sich mit einer medizinischen Trans-
plantation vergleichen. Die verschiedenen
sind ihr Wahrzeichen. Eine Generation
Pfropftechniken (Sattelpropfen, Okulieren,
vererbt sie an die nächste. Bäume wie Absäugeln) werden vor allem bei
der famose „Gigante di Felline“ wurden Sträuchern und Obstbäumen angewendet

brand eins 06/18 137


Aktenberge, obwohl doch die Zeit davonläuft: Ein Problem
bei der Bekämpfung von Xylella ist die Bürokratie.
Da die Ursache der Krankheit erst nach und nach bekannt
wurde, sind die Bauern verunsichert, und es ist unklar,
ob Italien oder die EU für Entschädigungen verantwortlich
ist. Deshalb stapeln sich die Anträge im Rathaus
von Ugento

Kein Auskommen ohne gesunde Olivenbäume: ein Hinter-


hof in Gemini, in der Nähe von Ugento. Die Region ist eine
der wirtschaftlich schwächsten in Italien

138
Melcarne ist ein Mann, der Her-
ausforderungen liebt. Auch das Ster-
ben der Olivenbäume sieht er als
Herausforderung an. Der Agronom
ist niemand, der sentimental auf ein
Unglück reagiert, er ist ein rationa-
ler Mensch, „verliebt“ in die Wis-
senschaft. Melcarne sagt: „Niemand
löst deine Probleme für dich.“ Und
weil er so denkt, könnte er das Kul-
turerbe Salentos retten.
Sein Heimatdorf Gagliano del
Capo hat 6000 Einwohner und
50 000 Olivenbäume. Es steckt noch
nicht so tief in der Krise wie andere
Orte, aber die Zeichen der Zerstö-
rung werden sichtbarer. Auch an
den 5000 Olivenbäumen, die auf
Melcarnes 45 Hektar Anbaufläche
stehen. 95 Prozent mit Ogliarola Sa-
lentina, fünf mit Cellina di Nardò.
Diese beiden Sorten machen die
überwiegende Mehrheit der Bäume
im Salento aus – und ausgerechnet
sie sind am anfälligsten für das
Bakterium. Eine Monokultur mit
Folgen.
„Vom ersten Symptom bis zur totalen Unbrauchbarkeit ver-
gehen anderthalb Jahre“, sagt Melcarne. In der aktuellen Saison
hat er ein Drittel weniger produziert als 2015 /2016. Ein Jahr
kann er noch ernten. Dann sind die Bäume Geschichte. Er
erzählt das ganz nüchtern, so, als ob es nicht seine wären. Hat
sogar ein Lächeln für die Handykamera, Selfie mit der Journa-
listin und der Fotografin. Das Bild schickt er einem Mann, der
wegen des Bakteriums sein Freund geworden ist: Donato Boscia. Hoffen auf Gottes Hilfe: die Bewohner von Felline während
Vielleicht wäre das Ausmaß der Katastrophe noch größer, einer Prozession zu Ehren des Heiligen Antonios (links
wäre Boscia, ein 60-jähriger Pflanzenpathologe und Direktor unten). Der Katholizismus spielt eine große Rolle im Süden
Italiens. Der Glaube an eine höhere Macht, die sich
des Nationalen Forschungsrats CNR in Bari, am 9. August 2013
kümmert, ist oft größer als das Vertrauen in die Wissen-
nicht im Salento gewesen. Beim Abendessen erzählt ihm sein schaft. Dies macht es sehr schwer, dem Olivenbaumsterben
Schwiegervater von einer merkwürdigen Trockenheit, die er > vereint die Stirn zu bieten

brand eins 06/18 139


Aus Neugier wurde Kampfgeist: Donato Boscia (links)
ist Pflanzenpathologe und Abteilungsleiter des Nationalen
Forschungsrats CNR in Bari
Oben: Giovanni Melcarnes Olivenmühle Forestaforte in
Gagliano del Capo, die größte der Gegend
Rechte Seite: Melcarnes Widersacher Luigi Russo,
Soziologe und Journalist

an seinen Olivenbäumen nie zuvor beobachtet habe. Am nächs- gefallene Soldaten. Und dennoch hegt er Hoffnung. Melcarne
ten Tag entnimmt Boscia Proben. Bald stellt sich heraus: Die zeigt auf Nr. 307: ein befallener Olivenbaum der Sorte Ogliaro-
Bäume sind befallen von Xylella fastidiosa. la Salentina, auf den fünf Reiser gepfropft wurden. Fünf zarte
In der Via Giovanni Amendola 165 in Bari arbeiten die For- Zweige verschiedener Sorten.
scher des CNR seitdem daran, ein Gegenmittel zu finden. Ihre
Büros sind in einem Hinterhof in containerartigen Gebäuden Neue Sorten braucht das Salento
untergebracht. Hier studieren sie das Bakterium, infizieren
Testpflanzen, beobachten sie. Der CNR koordiniert außerdem Nummer 1 ist jene des kranken Baumes. „Damit wollen wir
den internationalen Kampf gegen das Bakterium. 29 Partner kontrollieren, ab welchem Zeitpunkt der Baum austrocknet“,
aus 14 Ländern sind beteiligt, die EU hat zehn Millionen Euro sagt Melcarne. Nummer 2 und 3 sind Sorten namens Leccino
investiert. und Frantoio, die sich als relativ resistent erweisen. Nummer 4,
Boscia näherte sich dem Bakterium anfänglich mit Neugier, Nolca aus Apulien, und 5, Bosana aus Sardinien, sind das eigent-
nun ist daraus ein Kampf geworden. Dieser eint ihn mit Oliven- liche Experiment. „Diese Sorten beobachten wir.“ Noch sind sie
bauer Melcarne, der ihn 2014 kontaktierte, nachdem er erste gesund. Sie könnten in zwei Jahren schon Oliven tragen.
Anzeichen an seinen Bäumen entdeckt hatte. „Wäre Giovanni Mit dem Experiment hat Melcarne im April 2016 begonnen.
eine Frau, bekäme ich Eheprobleme“, scherzt Boscia, so oft tele- Damals sind fünf Prozent seiner Bäume infiziert. Gemeinsam
fonierten die beiden. Weil man zwar das Bakterium genau ken- mit zwei Mitarbeitern pfropft er drei Monate lang 270 verschie-
ne, aber bisher keine relevanten Erfolge erzielt habe, glaubt dene Arten von Olivenpflanzen auf kranke Bäume. Er investiert
Boscia immer weniger daran, es besiegen zu können. „Stattdes- 70 000 Euro, wartet nicht auf Fördergelder. Lieber züchtet er
sen müssen wir möglichst viele resistente Sorten finden.“ Er seine Zukunft selbst heran.
setzt auf Feldforschung. Und auf Giovanni Melcarne. Zuvor organisiert Melcarne mit dem Bischof eine Prozes-
An einem Sonntagvormittag Ende Januar läuft der durch ein sion. Er, der nicht an Gott glaubt, pilgert nachts zur Heiligen
Feld der Zerstörung: vertrocknete Olivenbäume, ein Anblick wie Maria und bittet sie um die Heilung der Olivenbäume. Er will

140 brand eins 06/18


damit seine Nachbarn erreichen, die bezweifeln, dass ein Bakte- Russo verbindet eine romantische Vorstellung mit den Bäu-
rium der Grund für das Sterben ist. Sie glauben an Verschwö- men, bei einem Spaziergang durch seinen Olivenhain sagt er: „Ich
rungstheorien, etwa dass Xylella aus Flugzeugen geworfen wor- könnte diese Bäume küssen“, so anmutig seien sie. Gleichzeitig
den sei, um dem Salento zu schaden. schürt er Unsicherheit, wühlt die Bauern auf. „Spiele nicht mit
Von offizieller Seite wird keine eindeutige Haltung kommu- der Verzweiflung von Menschen“, hat Melcarne ihm vor Kurzem
niziert. Cristian Casili, Agronom und Mitglied der euroskepti- gesagt. Seitdem führen sie ihre Fehde auf Facebook fort.
schen Fünf-Sterne-Partei, ist damals eine der lautesten Stimmen 2014 hat Melcarne mit anderen Bauern, die an Xylella als
gegen Xylella als Erklärung für das Olivenbaumsterben – 2015 Ursache für das Pflanzensterben glauben, die Organisation
wird er zum Regionalrat für Apulien gewählt. „Voce dell’Ulivo“ (Stimme des Olivenbaums) gegründet. Auf
Neben dem Bakterium und der Zeit, die ihnen davonläuft, seinem Versuchsfeld hat er festgestellt, dass die Sorte Favolosa
haben Melcarne und Boscia daher noch weitere Feinde: Men- immun ist gegen Xylella und hochwertigeres Olivenöl ergibt als
schen, die sie bei ihrem Kampf behindern, gar der Lüge bezich- andere resistente Sorten. Also hat Voce dell’Ulivo im Dezember
tigen. Boscia ist fünf Jahre nach der Entdeckung des Bakteriums vergangenen Jahres 200 000 Favolosa-Pflanzen aus Sizilien be-
sichtlich genervt von Kritikern, die Xylella als Ursache für das stellt, die sie den Bauern zum Einkaufspreis von zwei Euro ver-
Vertrocknungssyndrom Codiro, wie das Olivenbaumsterben kaufen. Im Oktober sollen sie gepflanzt werden.
auch genannt wird, bezweifeln. Über Vorwürfe, er wolle sich Bis vor Kurzem wäre das nicht möglich gewesen. Um das
durch das Bakterium bereichern, kann Ausbreiten des Bakteriums zu unter-
er nur den Kopf schütteln. binden, hatte die EU 2015 verboten,
Dennoch hat die Staatsanwalt- sogenannte Wirtspflanzen zu setzen,
schaft Lecce ihn und andere Forscher zu denen neben Olivenbäumen unter
im Jahr 2015 angeklagt, eine Pflan- anderem auch Kirschbäume, Akazien
zenkrankheit fahrlässig verbreitet zu und Oleander gehören. Ende 2017
haben. 2010 wurde in Bari ein wis- wurde das Verbot für die Oliven-
senschaftlicher Kongress zu Xylella baumsorten Favolosa und Leccino
organisiert, dafür hatte man gefrier- aufgehoben.
getrocknete Proben des Bakteriums Eine der Hoffnungen heißt nun
aus dem Ausland untersucht – aller- also Favolosa. Kritiker wie Luigi Rus-
dings nicht die Unterart, die wenig so verteufeln sie als „Laborpflanze“.
später im Salento wütet. Die Presse Die Favolosa passe nicht in die Land-
titelt: „Italien – das Land, das die schaft des Salento und brauche zu viel
Wissenschaft hasst.“ Wasser. Tatsächlich ist Favolosa, auch
Viele kritische Stimmen sind leise bekannt als FS-17, in Perugia (Um-
geworden, nicht jedoch die von Mel- brien) aus einem wissenschaftlichen
carnes Erzfeind Luigi Russo, ein 58 Versuch heraus entstanden. Noch ist
Jahre alter Soziologe und Journalist. ungewiss, wie kompatibel sie in gro-
„Melcarne verdient an den vielen ßen Mengen mit dem Mikroklima
Bauern, die bei ihm Öl pressen“, sagt des Salentos ist. Melcarne sagt: „Wir
er. Leuten wie ihm käme das Sterben müssen es zumindest probieren.“
gelegen. So könnten alte Bäume gefällt und neue gepflanzt wer- Fährt man den Salento entlang, versteht man, warum. Kilo-
den, die weniger Qualität, aber mehr Quantität bedeuteten. meterlang friedhofsartige Wiesen, amputierte Bäume und
„Melcarne steckt mit den Forschern wie Boscia unter einer „Vendesi“-Schilder, „Zu verkaufen“. „Wenn wenig geerntet wird,
Decke und die mit Multikonzernen wie Monsanto.“ investiert niemand mehr“, sagt Melcarne. Keiner kaufe mehr
Russo wird nicht müde, darüber zu sprechen, etwa in seinem landwirtschaftliche Maschinen, die Mechaniker hätten keine
Radioprogramm auf dem Kanal „Tuttifrutti“. Viel schwerwie- Arbeit mehr. „Ein System, das eine Umgebung am Leben erhal-
gender als Xylella seien für das Pflanzensterben der Klimawan- ten hat, wird zerstört.“ Ein Erdbeben, eine Überschwemmung
del, Pilze, Pestizide. Laut Bauern und Wissenschaftlern werden fällt binnen Stunden über einen Ort her. Das Olivenbaumster-
im Salento aber weniger Schädlingsbekämpfungsmittel einge- ben ist ein Siechtum, das Jahre andauert. Vielleicht ist es deshalb
setzt als weiter nördlich, wo die Bäume noch gesund sind. For- umso schmerzhafter.
scher sagen, dass sich gerade deshalb Xylella im Süden so schnell Melcarne kämpft wohl auch so obsessiv, weil er alles auf
verbreiten konnte. die Olivenkarte gesetzt hat. Im Jahr 2000 übernahm er den >

brand eins 06/18 141


Für eine Zukunft der Bäume und der Familien:
Blick auf einen befallenen Olivenhain. Links: Giovanni Melcarne
mit seiner Tochter Daria und seiner Frau Daniela

Betrieb vom Vater und baute eine Ölmühle für 3,5 Millionen er Agrarwissenschaft studieren – und vielleicht einmal das Fa-
Euro. Das Familienunternehmen, dessen Geschichte sich bis ins milienunternehmen übernehmen. Irgendwann haben die Töch-
16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, taufte er um in Foresta- ter die Mama, nicht den Papa, gefragt: „Haben wir einen Plan
forte, starker Wald. B? Was tun wir, wenn wir alles verlieren?“
Seitdem pressen 2000 Bauern ihr Olivenöl bei ihm, viele für Zu verlieren gibt es viel. Auch die geschützte Ursprungs-
den Eigenbedarf. Eine vierköpfige salentinische Familie ver- bezeichnung „DOP Terra D’Otranto“. Damit ein Olivenöl als
braucht rund 150 Liter Olivenöl im Jahr. Es ist das einzige Fett, solches gilt, muss mindestens 60 Prozent aus den zwei autoch-
das die Menschen verwenden. Sie verfeinern es mit Thymian in thonen Sorten Ogliarola Salentina und Cellina di Nardò gewon-
der Gemüsesuppe, mit Ingwer auf einer Bruschetta, mit Zitrone nen worden sein – aber die wird es bald nicht mehr geben.
auf einem Fischgericht. Sie alle hoffen auf Melcarne, sie verlas- „Es war ein Fehler, dass wir uns auf zwei Arten konzentriert
sen sich auf ihn. Junge wie alte Bauern sagen: „Wir warten, bis haben“, sagt Melcarne, er ist der Präsident des DOP-Siegels.
Giovannis Versuche Erfolge haben.“ Künftig müsse man auf mehrere setzen. Er will seine Heimat
In den vergangenen Jahren fehlte Melcarne manches Mal in neu erfinden, aber möglichst viel erhalten. Und dabei nichts un-
seiner Ölmühle und oft zu Hause. „Er ist an dieser anderen versucht lassen. Daniela Melcarne sagt: „Giovanni hat immer
Front beschäftigt“, sagt Daniela Melcarne, seit 20 Jahren seine mehr als einen Plan B.“
Frau. Morgens stehe er um 5 Uhr auf, nachts komme er gegen Einer liegt in seiner Schublade, gefüllt in elf Fläschchen. In
22 Uhr nach Hause – manchmal nicht nur müde, sondern den Weiten des Salento hat er 50 wilde, namenlose Olivenbaum-
bedrückt. „Giovanni spricht nicht über seine Probleme“, sagt arten gefunden, ihre Früchte gepflückt, daraus Öle gepresst und
die Psychologin. sie im Labor des CNR untersuchen lassen. Zehn der elf weisen
Die Krise nagt an ihm. Melcarne hat vor einem Jahr wieder eine genetische Verwandtschaft mit den Sorten Ogliarola Salen-
mit dem Rauchen angefangen, Elektrozigarette. Er hält sie fest tina und Cellina di Nardò auf – was nicht bedeuten muss, dass
in der Hand, zieht immer wieder daran. Die Zahl seiner Mitar- sie für Xylella anfällig sind.
beiter hat er von 18 auf 6 reduzieren müssen. Manchmal stehen Ein paar Öle würden nichts taugen, sagt Giovanni Melcarne,
die verbliebenen da und fragen ihn: „Und morgen?“ „Morgen ist andere seien sehr interessant im Geschmack. Er öffnet die
ein anderer Tag“, antwortet er dann. Schublade, zieht seinen Favoriten hervor: „Nr. S 79“ steht in
Er kämpft nicht nur für sie und sich, Melcarne ist Vater Handschrift auf dem Fläschchen. Melcarne riecht daran, lächelt.
zweier Töchter, Paola, 17, und Daria, 13. Die jüngere möchte wie Vielleicht hält er gerade die Rettung in seinen Händen. –

142 brand eins 06/18


G E KOM ME N ,
UM ZU BLEIBEN.
D E R B Ä R I S T Z U R Ü C K I N E U RO PA .

JETZT
EL
IM H A N D

WEIT ER VORA N
Schalten Sie Kleinanzeigen in brand eins,
ganz einfach,
im Online-Kiosk:
Kleinanzeigen brandeins.de/kleinanzeigen

Suche Austausch
mit spannenden Menschen
Dies ist zwar eine Anzeige, aber ich will nichts verkaufen.
Ich möchte inspirierende und entwicklungsfreudige Menschen treffen –
offen und ohne Erwartungen.
Mich interessiert, nach welchen Prinzipien Menschen ihr Excel maßgeschneidert!
(Berufs)Leben gestalten und wachsen.
Menschen mit Haltung, Herz und Anspruch sind nicht so leicht Sie suchen eine individuelle Programmierung für Ihr Unternehmen?
zu finden, darum probiere ich einfach mal diesen Weg aus. Sie benötigen Erfassungen, Auswertungen oder Kalkulationen,
die an Ihre Bedürfnisse angepasst sind? Für Ihre Mitarbeiter brauchen
Lust auf ein Gespräch? Sie eine einfache, intuitiv verständliche Benutzer-Oberfläche?
www.do-what-you-say.de Die Excel-Experten von meineTabelle.de erstellen Tabellen, Formulare,
Berichte, Diagramme. Interaktiv, einfach in der Handhabung,
auf Ihre spezifischen Anforderungen abgestimmt.

info@meine-tabelle.de oder Tel.: 040 / 6082 1728

TYPO3 mit Herz!


Bei uns sind Sie genau richtig,
wenn Sie Unterstützung für Ihr TYPO3-Projekt benötigen.
TYPO3 ist klasse, und unser Service ist es auch! Innovationsförderung
Programmierung, Wartung, Migration, Hosting und mehr.
Import externer Daten mit SITS DarkSync. Wir bringen Ideen auf den Punkt,
Kommen Sie zu uns, probieren Sie uns einfach mal aus! unterstützen beim Innovationsmanagement und beantragen
fokussiert und komprimiert Fördermittel.
Solide Lösungen mit starkem Service und erschwinglich obendrein.
www.scheltwort-its.de, 0561– 78 94 79-0 www.ideen-fokus.com

Sparen Sie nicht am Design.


Wir entwickeln kreative Ideen und
setzen wirkungsvolle Designlösungen um.
Analog und digital.

grøn Designagentur | www.grøn.de | hello@gron.design

144 brand eins 06/18


Nichts ist gefährlicher als eine Idee … *
• DESIGN THINKING, 30.– 31. August / 13.–14. Dezember
• KREATIVITÄTSTECHNIKEN, 22. August
• EINFACHHEIT ALS WETTBEWERBSVORTEIL, 13. September
Erfolgreich führen ohne • DIE PROFESSIONELLE MODERATION, 7. Juni

Vorgesetztenfunktion (1) Alle Details zu den Trainings auf denkmotor.com/termine


Oder möchten Sie ein Training in Ihrem Unternehmen durchführen?
Die Prinzipien der lateralen Führung gewinnen in flacher werdenden Gerne machen wir Ihnen ein Angebot.
Organisationsstrukturen zunehmend an Bedeutung. Auch ohne
Vorgesetztenfunktion können Sie als fachliche Führungskraft professionell denkmotor.com, info@denkmotor.com
agieren, die Zusammenarbeit im Team durch klare gemeinsame Regeln Denkmotor GmbH, Militärstrasse 90, 8004 Zürich
positiv beeinflussen und den Teamgedanken maßgeblich fördern.
* … wenn es die einzige ist!
Das nächste Seminar findet am 23.7.2018 in Hamburg statt.

Jetzt informieren unter + 49 7551 9368 -185 oder


http://www.die-akademie.de /FO224.

Schule vorbei! Was jetzt? MEDIASTADT


Folge ich meinem Herzen, oder orientiere ich mich Marke und Domain.
an dem, was gefragt ist? Wie finde ich die passende Ausbildung
oder einen guten Studiengang für mich? www.mediastadt.com
Viele junge Menschen haben auf der Schwelle zum Erwachsenwerden
Probleme damit, die richtige Wahl zu treffen.
Bei uns erhalten sie ein klares Bild ihres Potenzials. Sie entdecken ihre
Stärken und entwickeln Selbstvertrauen für ihr weiteres Leben.

Wir unterstützen junge Menschen bei der Berufs- und Studienwahl.


www.berufsorientierung-wertefabrik.de

Herzensangelegenheit
Profitieren Sie von der Genossenschaftlichen Beratung –
die Finanzberatung, die erst zuhört
und dann nach Ihren individuellen Bedürfnissen berät.
Ehrlich, kompetent und glaubwürdig
in einem persönlichen Gespräch vor Ort. Web-Anwendungen!
Sie sind jederzeit herzlich willkommen.
Ihre Mitarbeiter sollen Arbeitszeiten oder Auftragsinformationen
Informationen unter vr.de/b1 online erfassen können? Sie möchten per Smartphone von unterwegs
und auf Seite 148 schnell Ihre Unternehmensdaten checken? Ihre Kunden sollen ohne
direkten Mitarbeiterkontakt Anfragen oder Bestellungen aufgeben können?
Wir erstellen Web-Anwendungen und Web-Datenbanken
für Ihre spezifischen Anforderungen!

info@meine-tabelle.de oder Tel.: 040 / 6082 1728

brand eins 06/18 145


Was wäre, wenn …
… Facebook zerschlagen würde?
Ein Szenario.
Text: Christoph Koch
Fotografie: Philotheus Nisch

• Als Mark Zuckerberg im April 2018 an- zu bleiben. „Logischer wäre eine Abspal- men möglich gewesen, wäre das Telefon
lässlich des aktuellen Datenschutzskandals tung von Bestandteilen, die Facebook so- nutzlos geworden.
von dem US-Senator Lindsey Graham ge- wieso erst nachträglich zugekauft hat: „Es müssen Standards etabliert wer-
fragt wurde, wer Facebooks größter Kon- Instagram und Whatsapp“, sagt Achim den, die es ermöglichen, Nachrichten zwi-
kurrent sei – oder ob das Unternehmen Wambach, Präsident des Zentrums für schen verschiedenen sozialen Netzwerken
ein Monopol besitze –, kam der Gründer Europäische Wirtschaftsforschung und zu verschicken oder von meinem Face-
ins Stocken. „Für mich fühlt es sich nicht Vorsitzender der deutschen Monopol- book-Profil aus auf etwas zu reagieren,
so an“, antwortete er schließlich. Doch kommission. was ein Freund in seinem MyFace- oder
tatsächlich kann man dem sozialen Netz Mit diesen Zukäufen hatte sich Face- BookFace-Feed geschrieben hat“, sagt
aus Menlo Park kaum entkommen – egal book zwei mögliche Konkurrenten einver- Kevin Carty vom Open Markets Institute.
ob als Privatperson oder Unternehmen. leibt und die eigene Position weiter gefes- „Eine solche Interoperabilität macht ein
Aber was wäre, wenn Facebook zerschla- tigt: Mittlerweile sind 79 Prozent aller Ökosystem mehrerer gleichberechtigter
gen würde? Internetnutzer in den USA auf Facebook Plattformen im Grunde erst möglich.“
Rund zwei Milliarden Menschen welt- – und das zweiterfolgreichste Netzwerk Massiv verändern würde eine Zer-
weit nutzen die Plattform regelmäßig, ist Instagram, das 32 Prozent verwenden. schlagung von Facebook auch das Ge-
1,4 Milliarden sogar täglich. Der durch- Bei den „mehrfach täglich“ genutzten schäft mit Werbung. Derzeit gehen etwa
schnittliche Nutzer besucht sie achtmal Apps liegt Facebook auf Platz 1, gefolgt zwei von zehn Werbedollars, die im In-
am Tag und verbringt dort insgesamt 35 von Whatsapp. Im Januar 2018 gehörten ternet ausgegeben werden, an Facebook.
Minuten. Zum Vergleich: Twitter hat fünf der sechs meistinstallierten Android- Nur Google nimmt noch mehr ein. Mög-
gerade mal ein Siebtel der regelmäßigen Apps zu Zuckerbergs Konzern. Whats- lich sind diese Milliardeneinnahmen, weil
Nutzer (330 Millionen) und wird im app, Facebook Messenger, Instagram und Facebook mit all seinen Unternehmen
Durchschnitt nur eine Minute pro Tag Facebook belegten die ersten vier Plätze, Nutzerdaten sammelt und zu wertvollen
genutzt. „Facebook hat eindeutig eine Facebook Lite den sechsten. Profilen zusammenfasst.
Monopolstellung, wie Standard Oil sie „Eine Zerschlagung muss trotzdem Die Zulieferer reichen vom Facebook
im 19. oder AT & T im 20. Jahrhundert immer die Ultima Ratio bleiben“, sagt Messenger über Instagram bis hin zur
hatten“, sagt Kevin Carty von der Denk- Achim Wambach. „Denn zum einen ist es VPN-App Onavo, die verspricht, Nutzer
fabrik Open Markets Institute in Washing- ein massiver Eingriff in die Eigentums- und ihre Daten vor Missbrauch zu schüt-
ton D. C. „Und diese beiden Monopole rechte. Zum anderen zerstört man damit zen, wenn sie öffentliches WLAN verwen-
wurden zu Recht zerschlagen.“ gerade bei einem Unternehmen, das der- den. Doch seit Facebook die israelische
Eine Entflechtung in regionale Einhei- art auf Netzwerkeffekten basiert, ein Stück Fima 2013 gekauft hat, erhält es die Daten
ten wie beim Telefonkonzern AT&T wäre weit den Mehrwert, den es liefert.“ Für über das Surfverhalten der Nutzer, die
bei Facebook aber nicht ideal. Ein ameri- die Nutzer müsste sichergestellt werden, Onavo installiert haben, millionenfach –
kanisches, ein europäisches und ein afrika- dass die einzelnen Teile des Unternehmens unabhängig davon, ob sie ein Facebook-
nisches Facebook? Für viele Menschen nach wie vor problemlos zusammenarbei- Konto haben oder nicht. „Der heutige
liegt der Nutzen des Mediums gerade da- ten. Wären nach der Zerschlagung von Online-Werbemarkt basiert auf massen-
rin, unkompliziert mit Freunden und Ver- AT&T keine Gespräche zwischen den hafter Datenaggregation nahezu ohne
wandten auf der ganzen Welt verbunden Kunden der neuen regionalen Unterneh- Rechenschaftspflicht“, sagt Carty. „Würde

146 brand eins 06/18


ordnen kann. Als sich später herausstellte,
dass dies doch problemlos möglich war,
verhängte die EU-Kommission eine Strafe
von 110 Millionen Euro – eine Summe, die
das soziale Netzwerk in weniger als drei
Tagen verdient.
Theoretisch könnte es auch die EU-
Kommission sein, die die Zerschlagung
von Facebook in Angriff nimmt: Laut ei-
ner EU-Verordnung von 2003 kann sie
Entflechtungsmaßnahmen wie den Ver-
kauf von Unternehmensteilen anordnen,
wenn ein Unternehmen in der Europäi-
schen Union tätig ist. „Dazu muss sie aber
nachweisen, dass Facebook seine markt-
beherrschende Stellung missbraucht und
dieses Verhalten auch nicht ändert“, sagt
der Kartellwächter Achim Wambach.
„Eine missbrauchsunabhängige Entflech-
tung ist derzeit weder nach europäischem
noch nach deutschem Recht möglich.“ In
jedem Fall wäre es schwierig, eine solche
Sanktion gegenüber dem Unternehmen
durchzusetzen, denn: „Da wäre die EU
auf Amtshilfe der USA angewiesen, und
meines Wissens hat es so einen Fall bis-
lang nicht gegeben.“
Aus diesem Grund müssten also eher
man Facebook zerschlagen, müsste man Missbrauchsfälle wie der durch die Firma die amerikanische Federal Communica-
sich zwangsläufig auch Google vorneh- Cambridge Analytica kämen vermutlich tions Commission (FCC) oder das US-
men, da es ähnliche Tracking- und Targe- seltener vor. Justizministerium aktiv werden. Letzteres
ting-Methoden einsetzt.“ Facebooks Übernahme von Whatsapp war 1982 für die Zerschlagung von AT&T
Hätte Facebook ernst zu nehmende 2014 war von der Europäischen Kommis- verantwortlich – was nach Ansicht von
Rivalen, müsste es sich mehr um seine sion ohnehin nur unter der Voraussetzung Experten den Aufschwung der Westküste
Nutzer bemühen als bisher. Gäbe es mehr genehmigt worden, dass die Firma beste- als Techstandort und somit Firmen wie
Anbieter, würden diese automatisch auch hende Facebook-Profile nicht automati- Google oder Facebook überhaupt erst
beim Datenschutz konkurrieren – und siert bestehenden Whatsapp-Konten zu- möglich machte. –

brand eins 06/18 147


Lassen sich auch gebrochene
Herzen bald besser heilen?

Bei einem gebrochenen Herzen sprechen Sie am besten mit Freunden,


bei der Verwirklichung einer guten Idee am besten mit uns. Nutzen Sie
dafür unsere Genossenschaftliche Beratung – die Finanzberatung,
die erst zuhört und dann berät. Ehrlich, kompetent und glaubwürdig.
Denn bei uns stehen Ihre unternehmerischen Ziele und Wünsche, Pläne
und Vorhaben im Mittelpunkt. Mehr Information auf vr.de/b1 oder
vor Ort in einer unserer über 10.000 Filialen.

Wir machen den Weg frei. Gemeinsam mit den Spezialisten der Genossenschaftlichen FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken: Bausparkasse
Schwäbisch Hall, Union Investment, R+V Versicherung, easyCredit, DZ BANK , DZ PRIVATBANK , VR Leasing Gruppe, WL BANK , MünchenerHyp, DG HYP.
Prototyp – Idee sucht Geld

Auflösungserscheinungen
Dank einer speziellen Legierung bauen sich Implantate im Körper
problemlos selbst ab.

Text: Frank Dahlmann

• Knochen werden bei Brüchen en oft Der


D er Trick von Reuß und R
Reuß, „aber diese Implantate sind nicht so
mit Schrauben oder anderen Implan-
mplan- seinen Kollegen, um das zu ver- hart wie Magnesium. Und es gibt fünf bis
h
taten fixiert. Diese müssen meist i t in
i hi
hindern,
d iistt eine
i spezielle
i ll L
Legierung,
i di
die sechs Firmen auf der Welt, die an ver-
einer zweiten Operation wieder entfernt die Gasbildung verzögert. „Bei unseren gleichbaren Lösungen wie unserer arbei-
werden. Eine zusätzliche Belastung für Implantaten entsteht genau die gleiche ten.“ Dazu gehören das Helmholtz-Zen-
den Patienten. Menge an Gas, aber langsamer“, sagt trum in Geesthacht, die Firma U&I in
Wenn es nach Kilian Reuß geht, ist das Reuß. „Der Körper hat so die Möglich- Südkorea oder Nanomag in den USA.
Chirurgie von gestern. Der Wirtschafts- keit, es geregelt abzutransportieren.“ „Wir sind die einzige Firma, die ihre Legie-
ingenieur entwickelt zusammen mit sei- Die Idee zur Legierung hatte die Firma rung selbst herstellt und bei der das Prin-
nem Partner Florian Coppers Implantate Meotec aus Aachen, die Werkstoffe und zip auch bei größeren Implantaten funk-
aus Magnesium (siehe auch: Ökonomie Oberflächen für die Auto- und Raum- tioniert.“ Fünf bis zehn Jahre werde es
der Elemente, Seite 16), die sich im Körper fahrtindustrie entwickelt. Die Universität noch bis zur Marktreife dauern, schätzt
auflösen und Stück für Stück durch das Aachen entwickelte das Verfahren weiter. Kilian Reuß.
Knochenwachstum ersetzt werden. Reuß und sein Partner fertigten dann im An vollmundiger Werbung, wie bei
Erste Versuche mit Magnesium gab es September 2017 den ersten Prototyp und manch einem der Konkurrenten, möchte
bereits in der Chirurgie des 19. Jahrhun- testeten ihn im Fachbereich für Mund-, er sich nicht beteiligen. „Die versprechen
derts. Es ist ähnlich hart wie Knochen, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Univer- die Revolution – vor allem in der Gesichts-
verursacht keine Entzündungen, baut sich sitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Der chirurgie. Wir sind da zurückhaltender.
nach etwa 12 bis 24 Monaten (je nach Oberarzt Ralf Smeets hat zwölf Monate Wir sind im Reparaturgeschäft – und kein
Größe) von selbst ab und regt dabei das lang „alles überprüft, was der deutsche Ersatzteillager.“ –
Knochenwachstum an. Staat verlangt. Das ist die weltweit erste
Abbildung: © Medical Magnesium

Das Problem: Beim Zerfall entsteht Studie über einen so langen Zeitraum“,
Wasserstoff. Es kommt zu einer starken sagt er. „Ich habe berechtigte Hoffnun-
Medical Magnesium
Gasblasenbildung und zu Schwellungen. gen, dass dieses Verfahren eine große
Eine Ausgründung der Rheinisch-Westfälischen
Im schlechtesten Fall kann sich Gas im Chance ist.“ Technischen Hochschule Aachen
neu wachsenden Knochen einschließen „Es gibt bereits Firmen, die sich mit Florian Coppers und Kilian Reuß
und ihn instabil machen. auflösenden Polymeren beschäftigen“, sagt Kontakt: info@medical-magnesium.com

brand eins 06/18 149


„Wi l l ko m m e n i n
m e i n e r We l t “

„Es wird bunt, fröhlich und entspannt.


Wir grillen zusammen und chillen bei kühlen Cocktails. Wir kochen
leichte Köstlichkeiten und freuen uns über die Fülle der sommerlichen Zutatenvielfalt.
Ich freue mich auf Sie!“

Jetzt im Handel oder direkt bestellen: 040 / 21 03 13 71 oder über shop.jalag.de


Leichte Sprache
Die Leichte Sprache richtet sich
vorwiegend an Menschen mit
Lernschwierigkeiten oder Behinderungen
Denn sie wollen alle – vielleicht hat sie aber noch größeres
Potenzial?
gerade Zähne Hier die Übersetzung der Bemerkung Nr. 9
zu kieferorthopädischen Behandlungen im
Text: Holger Fröhlich Jahresbericht 2017 des Bundesrechnungshofs.

„Nutzen kieferorthopädischer Behandlung muss endlich Wie gut hilft die Zahn·Spange?
erforscht werden“ Das wollen wir jetzt genau wissen.

Krankenkassen der Gesetzlichen Krankenversicherung geben Manche Ärzte machen schiefe Zähne wieder gerade.
jährlich über 1 Mrd. Euro für kieferorthopädische Behandlun- Diese Ärzte nennt man Kiefer·Orthopäden.
gen aus. Vor allem eine fehlende Versorgungsforschung lässt Die Kranken·Kassen geben diesen Ärzten viel Geld.
es fraglich erscheinen, ob Krankenkassen kieferorthopädische Dafür sollen die Ärzte den Leuten helfen.
Leistungen in ausreichendem, zweckmäßigem und wirtschaft- Aber keiner weiß was diese Ärzte so genau machen.
lichem Maße erbringen. Geben die Kranken·Kassen den Ärzten vielleicht zu viel Geld?

Schätzungsweise mehr als die Hälfte der Kinder und Jugend- In Deutschland geht jedes zweite Kind zu diesen Ärzten.
lichen in Deutschland wird über einen Zeitraum von regel- Denn die Kinder wollen alle gerade Zähne kriegen.
mäßig zwei bis vier Jahren kieferorthopädisch behandelt. Das Die Kranken·Kassen bezahlen das den Kindern.
BMG und die Krankenkassen der Gesetzlichen Krankenversi- Deshalb wollen die Kranken·Kassen jetzt wissen:
cherung haben kaum Einblick in das konkrete Versorgungs- Was machen diese Ärzte eigentlich genau mit den Kindern?
geschehen. Ziel und Erfolg kieferorthopädischer Behandlun- Aber die Ärzte erzählen den Kranken·Kassen fast nichts.
gen sind nur unzureichend erforscht. Die fehlende Transparenz Werden die Zähne wirklich richtig gerade?
kritisierten der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Und bleiben die Zähne auch gerade?
Entwicklung im Gesundheitswesen und das Deutsche Institut Das weiß keiner so genau.
für Medizinische Dokumentation und Information schon vor Weil die Ärzte so wenig erzählen.
Jahren. (…) Das ärgert viele Leute schon lange.

Viele Versicherte nehmen zusätzlich zu den Leistungen ihrer Das viele Geld von den Kranken·Kassen ist nicht genug.
Krankenkassen Selbstzahlerleistungen in Anspruch. Auch hier Viele Leute bezahlen selber noch was dazu.
ist ungewiss, um welche Leistungen es sich im Einzelnen han- Denn sie wollen alle gerade Zähne.
delt und welche Erfolge damit erzielt werden. Auch darüber erzählen die Ärzte nichts.

Der Bundesrechnungshof hat das Fehlen einer Versorgungs- In Deutschland gibt es den Bundes·Rechnungs·Hof.
forschung und einer darauf beruhenden Bewertung des medi- Der sagt Bescheid wenn zu viel Geld ausgegeben wird.
zinischen Nutzens kieferorthopädischer Behandlungen bean- Und jetzt ist er sauer.
standet. Weil keiner genug über die Arbeit von diesen Ärzten weiß.

Der Bundesrechnungshof hat empfohlen, die kieferortho- Also will der Bundes·Rechnungs·Hof jetzt alles genau wissen.
pädische Versorgungslage, Behandlungsnotwendigkeiten und Wie kann man die Zähne gerade machen?
-ziele sowie Qualitätsindikatoren und -kontrollen zu erfassen Wann muss man die Zähne gerade machen?
und objektiv auszuwerten. (…) Welche kieferorthopädischen Warum muss man die Zähne gerade machen?
Leistungen die Gesetzliche Krankenversicherung erbringt, Wie gerade werden die Zähne am Ende?
muss sich an den Ergebnissen einer solchen Versorgungsfor- Da sollen viele Antworten kommen.
schung orientieren. (…) Und die sollen entscheiden was die Kranken·Kassen bezahlen.

brand eins 06/18 151


Impressum

Wege zu brand eins Herausgeber: brand eins Medien AG, Speersort 1, 20095 Hamburg
Telefon: 040 / 32 33 16 – 70, Fax: 040 / 32 33 16 – 80, Internet: brandeins.de
für Leser, die Artikel kommentieren wollen:
<leserbriefe@brandeins.de> Chefredaktion: Gabriele Fischer <gabriele_fischer@brandeins.de> (verantwortlich),
oder Sie wenden sich an die Redaktionsadresse: Jens Bergmann <jens_bergmann@brandeins.de> (stellvertretend)
brand eins Redaktion, Speersort 1, 20095 Hamburg
Fax: 040 / 32 33 16 – 20, Telefon: 040 / 32 33 16 – 0 Artdirection: Mike Meiré <mike.meire@meireundmeire.de>
Wir freuen uns über Ihre Zuschriften. Je kürzer Ihr Brief,
desto größer die Chance, dass er veröffentlicht wird. Redaktion: Patricia Döhle / Textredaktion <patricia_doehle@brandeins.de>, Holger Fröhlich / Textredaktion <holger_froehlich@
Darüber hinaus muss er sich klar auf einen in brand eins brandeins.de>, Renate Hensel / Schlussredaktion <renate_hensel@brandeins.de>, Katharina Jakob / Schlussredaktion
veröffentlichten Artikel beziehen und Ihren Namen <katharina_jakob@brandeins.de>, Oliver Link / Textredaktion <zzt. in Elternzeit>, Dr. Ingo Malcher / Textredaktion
und Wohnort enthalten. Die Redaktion behält sich vor, <ingo_malcher@brandeins.de>, Angelina Mrsic / Organisation <angelina_mrsic@brandeins.de>, Katja Ploch / Dokumentation
Leserbriefe zu kürzen. <katja_ploch@brandeins.de>, Uwe Rasche / Textredaktion <uwe_rasche@brandeins.de>, Jörg Steinmann / Chef vom Dienst
<joerg_steinmann@brandeins.de>, Victoria Strathon / Dokumentation <victoria_strathon@brandeins.de>, Mischa Täubner /
für Leser, die eine Anfrage haben: Textredaktion <mischa_taeubner@brandeins.de>
Betrifft sie einen bestimmten Kollegen, gilt bei uns
Einleitung: Wolf Lotter / Textredaktion <wolf_lotter@brandeins.de>
das E-Mail-System:
<vorname_nachname@brandeins.de> Layout: Tim Giesen <t.giesen@meireundmeire.de>, Monika Kochs <m.kochs@meireundmeire.de>, Anna Kranzusch /
Geht es um eine Kontaktadresse, den Kontakt zu einem Bildredaktion <zzt. in Elternzeit>, Tobias Laukemper / Bildredaktion <bildredaktion@brandeins.de>, Stefan Ostermeier /
der freien Autoren oder um die Nachfrage nach Layout und Bildredaktion <stefan_ostermeier@brandeins.de>, Sarah Rubensdörffer / Bildredaktion <bildredaktion@
einem früher erschienenen Beitrag, helfen Ihnen: brandeins.de>
<angelina_mrsic@brandeins.de> oder
<joerg_steinmann@brandeins.de> Autoren und Korrespondenten: Dirk Böttcher, Johannes Dieterich (Südafrika), Ulf J. Froitzheim (Technik), Steffan Heuer
(USA), Christoph Koch, Dorit Kowitz, Peter Laudenbach, Andreas Molitor, Thomas Ramge (Technik), Stefan Scholl
für Autoren, die ein Thema vorschlagen wollen: (Russland), Harald Willenbrock
Alle nebenstehend unter Redaktion aufgeführten
Kollegen sind ansprechbar. Mitarbeiter dieser Ausgabe:
Text: Barbara Bachmann, Sophie Burfeind (Textredaktion), Martin Giesler, Lisa Goldmann, Dr. Matthias Hannemann,
für Leser, die ein Abonnement bestellen wollen: Prof. Dr. Stephan A. Jansen, Philipp Maußhardt, Finn Mayer-Kuckuk, Torben Müller, Jenni Roth, Bettina Schulz,
Entweder über brandeins.de/abo Sarah Sommer, Christian Sywottek, Nils Wischmeyer
oder direkt über unseren Abo-Service:
DPV - Vertriebsservice GmbH Fotografie / Illustration: Silke Baltruschat, Janosch Boerckel, Manu Burghart, Julia Busch, Carte Blanche Design Studio,
Abo-Service brand eins Thekla Ehling, Tine Fetz, Robert Fischer, Peter Granser, Christina Gransow, Barbara Hahn, Ramon Haindl, André
Postfach 10 03 31, 20002 Hamburg Hemstedt, Patricia Kühfuss, David Magnusson, Philotheus Nisch, Tine Reimer, Nikita Teryoshin, Marina Rosa Weigl,
<abo-service@brandeins.de> Max Zerrahn, Christine Zimmermann
Telefon: 040 / 468 60 – 51 92, Fax: 040 / 378 45 – 9 – 56 77
Online-Redaktion: Frank Dahlmann <frank_dahlmann@brandeins.de>, Ingo Eggert <ingo_eggert@brandeins.de>,
für Leser, die ein Einzelheft bestellen wollen: Pia Hilger <zzt. in Elternzeit>, Janice Schumacher <janice_schumacher@brandeins.de>
Hier führt der schnellste Weg über
b1.de /einzelhefte Redaktionsadresse: brand eins Redaktion, Speersort 1, 20095 Hamburg; Postfach 10 19 26, 20013 Hamburg
Telefon: 040 / 32 33 16 – 0, Fax: 040 / 32 33 16 – 20, E-Mail: briefe@brandeins.de
für Abonnenten, die brand eins auch hören wollen:
Eine E-Mail mit Ihrer Abo-Kundennummer an Internet: brandeins.de
<audio@brandeins.de>
Verlagsleitung: Antje Söhlke <antje_soehlke@brandeins.de>, verantwortlich für Anzeigen, Telefon: 040 / 32 33 16 – 71
genügt und schon erhalten Sie Ihren persönlichen
Anzeigenberatung: Anja Biester <anja_biester@brandeins.de>, Telefon: 040 / 32 33 16 – 78;
Zugangscode für zwölf Monate kostenloses Hören des
Norbert Böddecker <norbert_boeddecker@brandeins.de>, Telefon: 040 / 32 33 16 – 51;
Schwerpunktes
Christina Fichtinger <christina_fichtinger@brandeins.de>, Telefon: 040 / 32 33 16 – 43;
für Print-Käufer, die brand eins auch digital lesen wollen: Stefanie Giese <stefanie_giese@brandeins.de>, Telefon: 040 / 32 33 16 – 83
Print-Abonnenten und Einzelheftkäufer können gegen Sabrina Kleinjohann <sabrina_kleinjohann@brandeins.de>, Telefon: 040 / 32 33 16 – 64
einen Aufpreis von 1 Euro pro Ausgabe die digitale App- Marketing: Carina Jesch <carina_jesch@brandeins.de>, Telefon: 040 / 32 33 16 – 82
Version dazubuchen. Vertrieb und Disposition: Jan van Münster <jan_vanmuenster@brandeins.de>, Telefon: 040 / 32 33 16 – 73
Abonnenten finden eine Anleitung unter Anzeigenassistenz: Helene Windolph <helene_windolph@brandeins.de>, Telefon: 040 / 32 33 16 – 88
b1.de /kombi-abo
Einzelheftkäufer beantworten u. a. eine Frage
Bankverbindung: GLS Gemeinschaftsbank e.G., IBAN: DE04430609672009984500, BIC: GENODEM1GLS
aus dem Heft. Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung finden
Sie hier: Gerichtsstand und Erfüllungsort: Hamburg
b1.de /print-und-app
Anzeigenpreise: Preisliste 20, gültig ab 01.01.2018
für Leser, die ein Zukunfts-Abo beziehen oder eines
finanzieren wollen: Heftpreise: Einzelheft: € 10,- (Schweiz: sfr 12,-). Jahres-Abonnement über 12 Ausgaben: Inland € 102,- (inkl. Porto / Versand).
Schreiben Sie eine E-Mail an Studenten-Abonnement: € 72,- (inkl. Porto / Versand). Probe-Abonnement: € 22,50 (inkl. Porto / Versand). Ausland auf
<zukunftsabo@brandeins.de>, Anfrage. Kombi-Abonnement über 12 Ausgaben (Print + App): € 114,- (inkl. Porto / Versand). Abonnement-Kündigungen
oder besuchen Sie unsere Website sind jederzeit möglich
brandeins.de /zukunftsabo
Lithografie: PX2@ Medien GmbH & Co. KG, Speersort 1, 20095 Hamburg
für Leser, die ein Solidar-Abo nutzen wollen:
Seit September 2005 gibt es für brand eins-Abonnenten, Druck: Evers-Druck GmbH – ein Unternehmen der Eversfrank Gruppe –, Ernst-Günter-Albers-Straße, D-25704 Meldorf
die sich durch Arbeitslosigkeit, Studien-Ende ohne Job oder
andere Umstände in finanzieller Notlage befinden, Abonnenten-Service: D P V - Vertriebsservice GmbH, Abo-Service brand eins, Postfach 10 03 31, 20002 Hamburg
die Möglichkeit, brand eins bis zu einem Jahr kostenlos zu Telefon: 040 / 468 60 – 51 92, Fax: 040 / 378 45 – 9 – 56 77, E-Mail: abo-service@brandeins.de
beziehen. Dazu brauchen Sie keine Bescheinigungen
Vertrieb: D P V - Vertriebsservice GmbH, Am Sandtorkai 74, 20457 Hamburg, www.dpv-vertriebsservice.de/
oder Begründungen zu liefern, eine E-Mail mit Angabe der
Telefon: 040 / 378 45 – 27 70, Fax: 040 / 378 45 – 9 – 27 70, E-Mail: huber.angela@dpv.de
Abo-Nummer genügt:
<solidarabo@brandeins.de> ISSN-Nr.: 1438-9339; Erscheinungsweise: 12-mal jährlich
für alle, die sich für unsere Mediadaten interessieren: Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Bilder wird keine Haftung übernommen
Unter b1.de/media-daten
können Sie die Mediadaten sowie die aktuelle Preisliste als Beilagen: AMDCG AG, CH – 8001 Zürich (Abo- und Bord-Auflage); Gravis Computervertriebsges. mbH, 10587 Berlin
PDF herunterladen. (Abo- und EV-Auflage Inland); Ökoworld AG, 40724 Hilden (Abo-Auflage); Schweiz Tourismus, 60311 Frankfurt
Oder Sie bestellen unter: am Main (Abo-Auflage)
<carina_jesch@brandeins.de>, Telefon: 040 / 32 33 16 – 82

Die nächste Ausgabe von brand eins


erscheint am 29. Juni 2018

152 brand eins 06 /18


Shifting Culture.
Shaping Experiences.

Communication is interaction. We combine creative force with strategic expertise to develop holistic, forward-thinking brand experiences.
Our ongoing engagement with contemporary waves in art, architecture and design forms our DNA.

meireundmeire.com /meireundmeire /mikemeire /meireundmeire


Letzte Seite

Wer hat’s gesagt?


„ In entwickelten Ökonomien ist mehr Geld
vorhanden als brauchbare Ideen und Möglichkeiten
für sinnvolle Investitionen.“

Dieses Zitat * stammt von

a. Christine Marks, Managerin


b. Kai Pfersich, Berater
c. Ann Winblad, Risikokapitalgeberin
d. Mathias Binswanger, Ökonom
e. Markus Pertlwieser, Digitalexperte
f. Wolfgang Streeck, Soziologe

* Sie finden es in dieser Ausgabe.

Senden Sie die Lösung an:


brand eins, „Stichwort: Wer hat’s gesagt?“, Speersort 1, 20095 Hamburg –
zur leichteren Kontaktaufnahme gern mit Telefonnummer oder E-Mail-Adresse.
Oder füllen Sie unser Online-Formular aus unter b1.de /werhatsgesagt
Einsendeschluss ist der 28. Juni 2018.
Der Gewinner wird in der brand eins-Ausgabe August 2018 bekannt gegeben (erscheint am 27. Juli 2018).
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitarbeiter der brand eins Medien AG,
deren Angehörige sowie Einsendungen von Gewinnspiel-Services sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

Zu gewinnen gibt es eine Goldmünze Sigmund Freud der Münze Österreich AG


im Nennwert von 50 Euro. Die Münze gehört zur Serie „Wiener Schulen
der Psychotherapie“, ihre Qualität ist Polierte Platte. Sie hat einen Durchmesser
von 22 mm, die Legierung ist Gold Au 986, das Feingewicht beträgt 7,78 g / 0,25 oz.
Geliefert wird die Münze im Etui mit nummeriertem Zertifikat und Schuber.
Weitere Informationen finden Sie unter: austrian-mint.at

In brand eins 04 / 2018 fragten wir nach folgendem Zitat aus dem Heft:
„Investitionen in Infrastruktur müssen zumindest in Demokratien von einem breiten Konsens getragen werden.“
Das hat gesagt: Parag Khanna, Politikwissenschaftler

Drei Übernachtungen für zwei Personen im Hotel Post Bezau & Susanne Kaufmann Spa im Wert von 1424 Euro hat gewonnen:
Anke Rostek, Frankfurt am Main

154 brand eins 06 /18


PVC SPIELT
GANZ OBEN MIT
Äußerst flexible, leichte und zugleich extrem stabile
Membranen aus modernem Weich-PVC machen
luftig-dynamische Dachkonstruktionen von Sportarenen
nicht nur möglich, sondern auch wetterfest.

WEICH-PVC. Mehr Material:


BRINGT DIE WELT WEITER. www.vinyl-erleben.de