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WELT ONLINE (Deutsch)

Donnerstag 17. März 2016 9:09 AM GMT+1

Vor dem EU-Gipfel;


Kanzlerin Merkel und Europas Ehre

AUTOR: Sascha Lehnartz

RUBRIK: DEBATTE; Mit Audio Kommentar

LÄNGE: 350 Wörter

HIGHLIGHT: Die Kanzlerin hat viele Fehler gemacht, sie hat Deutschland in Europa
isoliert. Aber an einem ist sie nicht schuld: Dass ein 500-Millionen-Kontinent
keine gemeinsame Antwort auf eine Krise findet.

Angela Merkel eilte lange der Ruf voraus, ein physiklehrerinnenhaftes


Politikverständnis zu pflegen. Sie denke die Dinge "stets vom Ende her". Deshalb
überprüfe sie immer erst einmal, ob alle im Klassenzimmer auch die
Plastikschutzbrille aufgesetzt haben, bevor sie den Bunsenbrenner anwirft. Um
Verletzungsrisiken zu minimieren.

Interessant an diesem gedankensparenden Klischee war, dass es Bestand hatte,


obwohl es im Laufe der Zeit durchaus die ein oder andere Merkel-Idee gab, die
bei längerem Nachdenken so vollständig durchdacht nicht war. Doch erst mit der
Flüchtlingskrise wurden die Zweifel am Mythos der allen überlegenen
Kanzlerinnen-Logik auch in den Reihen ihrer Getreuen lauter.

Angela Merkel hat diese Sache zwar vom Ende (beziehungsweise vom Anfang) her
gedacht und die Lösung dort lokalisiert, wo die Flüchtlinge herkommen - das
heißt in erster Linie aus Syrien und vor allem - durch die Türkei.

Sie hat dabei aber übersehen, dass 27 andere Europäer plus mindestens ein Bayer
aufgrund der sehr individuellen Empfindlichkeit ihres politischen Nervenkostüms
nicht dasselbe Maß an Geduld bis zum Ausgang des gewagten Experiments aufbringen
würden.

Beharrungswillen der Kanzlerin

Und sie hat vor allem die Bereitschaft unserer Nachbarn unterschätzt, sich dem
in Berlin artikulierten kategorischen Willkommensimperativ zu unterwerfen.

Das Resultat dieser Fehleinschätzung ist eine in Europa beunruhigend isolierte


Bundeskanzlerin, deren politisches Schicksal nun auch von der Tageslaune eines
irrlichternden Teilzeitautokraten in Ankara abhängt.

Angela Merkel hat dennoch recht, wenn sie in ihrer Regierungserklärung darauf
hinweist, dass es Europa "nicht zur Ehre" gereicht, wenn die Union von 28
Mitgliedsstaaten mit 500 Millionen Einwohnern keine gemeinsame Antwort für eine
Krise findet, die alle trifft.
Man mag den Beharrungswillen der Kanzlerin in diesem Fall für nicht zielführend
halten. Die fehlende Bereitschaft gerade auch vermeintlich "großer" europäischer
Mächte, Lasten zu teilen und praktikable Lösungen wenigstens zu suchen - daran
ist ausnahmsweise einmal nicht Angela Merkel schuld.

UPDATE: 17. März 2016

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WELT ONLINE (Deutsch)

Donnerstag 17. März 2016 9:35 AM GMT+1

Festnahmen;
Vier Islamisten sollen Anschlag in Paris geplant haben

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 301 Wörter

HIGHLIGHT: Anti-Terror-Einheiten haben in Paris vier Verdächtige festgenommen,


die einen Anschlag geplant haben sollen. Die drei Männer und eine Frau besitzen
laut Polizei radikal islamistische Hintergründe.

In Paris sind am Mittwoch vier mutmaßliche Islamisten festgenommen worden. Die


drei Männer und eine Frau sollen einen Anschlag in der französischen Hauptstadt
geplant haben, wie französische Medien übereinstimmend unter Berufung auf
Ermittler berichteten. Bei der für Terrorismus zuständigen Staatsanwaltschaft
gab es zunächst keine Bestätigung für diese Informationen.

"Man kann derzeit nicht von einem unmittelbar bevorstehenden Anschlagsprojekt


sprechen", betonte ein Polizeivertreter. So wurde bei den Razzien keine Waffe
gefunden. Beschlagnahmte Datenträger sollen nun ausgewertet werden.

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve sagte zu den Verhaftungen, dass seit


Januar 74 Menschen in Frankreich in Verbindung mit Terrorplänen festgenommen
worden seien. "Solche Festnahmen kommen jeden Tag vor", sagte Cazeneuve vor
Journalisten. Die Gefahr von Anschlägen sei aber weiterhin hoch.

Hollande: "Wir müssen äußerst wachsam sein"

Präsident François Hollande sagte am Rande einer Veranstaltung, die Festnahmen


zeigten, dass das Niveau der Bedrohung weiter sehr ausgeprägt sei: "Wir müssen
äußerst wachsam sein."

Die Festnahmen seien im Norden von Paris sowie im Vorort Seine-Saint-Denis


erfolgt, hieß es. Unter den Festgenommenen befinde sich auch ein 28-Jähriger,
der 2014 zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, weil er sich in Syrien dem
Dschihad anschließen wollte. Der Mann sei im Oktober 2015 aus der Haft entlassen
worden.

130 Tote und mehr als 350 Verletzte - das ist die verheerende Bilanz der
Anschlagsserie vom Freitag, den 13. November 2015. Die Anschläge von Paris
zählen somit zu den schlimmsten Terrorakten in Europa seit den Madrider
Zuganschlägen von 2004. Für die Taten wird die islamistische Terrormiliz
"Islamischer Staat" (IS) verantwortlich gemacht, die sich auch zu den Anschlägen
bekannte.

UPDATE: 17. März 2016

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Donnerstag 17. März 2016 10:09 AM GMT+1

"Platz der Republik";


Jetzt kommt auch noch die Rot-Rotlicht-Koalition

AUTOR: Robin Alexander

RUBRIK: DEBATTE; Mit Audio Kommentar

LÄNGE: 391 Wörter

HIGHLIGHT: Deutschland lernt neue politische Farbkombinationen: Grün-Schwarz,


Rot-Gelb-Grün, Schwarz-Rot-Gelb. Eine brandneue Allianz hat bisher noch keiner
auf dem Schirm - sie könnte in McPomm entstehen.

Früher wählten die Leute CDU oder SPD, und wer den Kanzler stellte, entschied
die FDP. Das war langweilig, aber übersichtlich. Und jetzt? In Rheinland-Pfalz
wird über die Ampel (Rot-Gelb-Grün) gesprochen, in Baden-Württemberg über eine
Deutschlandkoalition (Schwarz-Rot-Gold, nein: Gelb).

Und in Sachsen-Anhalt über die Afghanistankoalition. Die ist nach dessen


schwarz-rot-grüner Fahne benannt und nicht zu verwechseln mit der
Keniakoalition, Rot-Schwarz-Grün, die in Kärnten regiert.

Schwarz-Gelb-Grün, das Jamaika genannt wird, oder "Schwampel" (schwarze Ampel),


könnte nach der Bundestagswahl diskutiert werden. Das Bündnis der Linken mit der
CDU, das Gregor Gysi jetzt ins Spiel brachte, könnte wieder "Nationale Front"
heißen wie bis 1989 in der DDR.

Wer hier schon den Überblick verloren hat - das Schlimmste steht uns noch bevor:
Andere Linke haben Kurs sogar auf die AfD genommen. "Abgewählt wurde die
neoliberale Flüchtlingspolitik von Angela Merkel", kommentierte Oskar
Lafontaine. Schon vor der Wahl forderte er: "Wäre die deutsche Politik nicht so
unterwürfig, dann würde sie Dampfer mit Flüchtlingen aus Syrien in die USA
schicken."

Blut-im-Stuhl-Koalition

Sahra Wagenknecht blinkte vor der Wahl nach rechts. Und Stefan Liebich, der
seine Genossen kennt, zitiert warnend aus Pamphleten der 30er-Jahre:
"Bolschewismus und Faschismus haben ein gemeinsames Ziel: Zertrümmerung des
Kapitalismus und der SPD."

Aktuell wirtschaftet der Linkspopulist Alexis Tsipras Griechenland gerade


zusammen mit Rechtspopulisten in den Abgrund. Putin-Fans sind die Radikalen
beider Richtungen sowieso. Und bei der AfD-Wahlparty in Magdeburg feierte Jürgen
Elsässer mit, einst Redakteur der linksradikalen "Jungen Welt".

Bleibt die Frage, wie das neue Bündnis heißen könnte: Rot-Blau? Oder im Osten
vielleicht doch eher Rot-Braun? Die Kastanienkoalition? Zu niedlich. Die
Blut-im-Stuhl-Koalition? Hm. Die National-Sozialisten? Vorbelastet.

Vielleicht hilft Petra Federau. Das ist die AfD-Kandidatin, die nach Recherchen
der "Schweriner Volkszeitung" junge Mecklenburgerinnen für einen Escortservice
in Abu Dhabi angeworben haben soll. Auch Lutz Bachmann warb für Bordelle, bevor
er Pegida gründete. In McPomm vielleicht bald mehrheitsfähig: die
Rot-Rotlicht-Koalition.

Der Autor notiert an dieser Stelle alle zwei Wochen seine Beobachtungen aus dem
Hauptstadtbetrieb.

UPDATE: 17. März 2016

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WELT ONLINE (Deutsch)


Donnerstag 17. März 2016 11:53 AM GMT+1

Multikulti-Streitkräfte;
Die Bundeswehr wird zum Labor für eine EU-Armee

AUTOR: Thorsten Jungholt

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1060 Wörter

HIGHLIGHT: Die Verschmelzung von Bundeswehr und niederländischen Streitkräften


schreitet voran. Der Wehrbeauftragte will nun auch tschechische Soldaten in die
deutsche Truppe integrieren. Das Ziel: die EU-Armee.

Es wird ein historischer Appell an diesem Donnerstag in der Lüneburger Heide.


Die Soldaten des Panzerbataillons 414 treten an, um von gleich zwei hohen
Offizieren ihre Befehle entgegenzunehmen: Dem Inspekteur des Deutschen Heeres,
Generalleutnant Jörg Vollmer, und dem Inspekteur der Königlichen
Landstreitkräfte der Niederlande, Generalleutnant Mart de Kruif.

Die Drei-Sterne-Generäle werden Folgendes anordnen: Das mit Soldaten beider


Nationen besetzte Bataillon wird der 43. Mechanisierten Brigade der Niederlande
unterstellt. Diese Brigade wiederum steht künftig unter dem Kommando der 1.
Panzerdivision der Bundeswehr.

Das klingt kompliziert, besagt aber nichts anderes, als dass die Panzertruppen
der beiden Nachbarländer miteinander verschmolzen werden. In den
Auslandseinsätzen ist diese symbiotische Zusammenarbeit nichts Neues. Derzeit
sind deutsche und niederländische Soldaten gemeinsam in einem Feldlager in Gao
im Norden Malis stationiert.

Bereits in den 90er-Jahren kämpften beide Armeen zusammen auf dem Balkan. Und
die Generäle Vollmer und de Kruif arbeiteten in Afghanistan Seite an Seite: Der
Deutsche leitete 2009 das Regionalkommando Nord der internationalen
Schutztruppen am Hindukusch, der Niederländer kommandierte zeitgleich im Süden
des Landes.

Die neue Qualität der Kooperation besteht nun darin, dass die Streitkräfte auch
im Grundbetrieb in der Heimat zusammengeführt werden. Das ist nicht nur bei der
Panzertruppe so.

2014 wurde schon die Luftbewegliche Brigade des niederländischen Heeres in die
Division Schnelle Kräfte der Bundeswehr integriert. Auch die Marinen beider
Länder werden miteinander verzahnt. So ist vereinbart, dass die 800 Soldaten des
deutschen Seebataillons in Eckernförde ihren Dienst künftig an Bord der "Karel
Doorman" leisten werden, einem großen Mehrzweckversorgungsschiff der Marine
Seiner Majestät der Niederlande.

Vorigen Montag war die "Doorman" bereits für eine gemeinsame Übung in
Warnemünde. Ziel ist auch hier die komplette Integration, bei der - anders als
beim Heer - die Niederländer die Federführung übernehmen.

Das gilt auch für das weniger bekannte Projekt "Apollo", bei dem das
niederländische Heer und die deutsche Luftwaffe im Bereich der bodengebundenen
Luftverteidigung kooperieren. Dabei geht es um gemeinsame Ausbildung und
Harmonisierung der Einsatzkonzepte.

Am Ende sollen die deutschen Kräfte des Nah- und Nächstbereichsschutzes unter
niederländische Führung gestellt werden, so steht es in einer im Februar an der
Königlichen Militärakademie in Breda unterzeichneten Vereinbarung.

Auch bei diesem Projekt liegen die Wurzeln in einem gemeinsamen Auslandseinsatz
im Rahmen der Nato: Von 2013 bis 2015 haben Bundeswehr und Königliche Landmacht
gemeinsam die Türkei mit Patriot-Luftabwehrraketen vor einem möglichen Beschuss
aus Syrien geschützt.

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels (SPD), hält die


Truppenintegration mit dem Nachbarland im Westen für richtig, aber noch nicht
ausreichend: Er wünscht sich eine Ausweitung Richtung Osten. "Aus meiner Sicht
ist die Zusammenarbeit mit den Streitkräften der Niederlande das Labor für
multinationale Streitkräfte, die wir am Ende in Europa haben wollen", sagte
Bartels der "Welt".

"Der nächste logische Schritt wäre eine vergleichbare Kooperation mit


Tschechien, einem ehemaligen Teil des Warschauer Pakts." Die tschechische
Regierung habe bereits vor geraumer Zeit angeboten, "ihre 7. Brigade einer
deutschen Panzerdivision zu unterstellen". Dieses Angebot sollte die
Bundesregierung annehmen, findet der Wehrbeauftragte: "Das wäre eine sinnvolle
Ausgestaltung des bereits im Vorjahr zwischen den Regierungen beider Länder
vereinbarten strategischen Dialogs."

Tatsächlich hatte Tschechiens Verteidigungsminister Martin Stropnicky gegenüber


seiner deutschen Kollegin Ursula von der Leyen (CDU) im vorigen Jahr beklagt,
dass das Kooperationspotenzial beider Armeen "noch nicht ausgenutzt" werde.

Wie die Niederländer würde er eine seiner zwei Panzerbrigaden, eben die 7.
Mechanisierte Brigade, gern in die 1. Panzerdivision des Deutschen Heeres in
Oldenburg integrieren.

Bartels hielte es für sinnvoller, die Tschechen mit der 10. Panzerdivision in
Sigmaringen zu verzahnen. Gespräche darüber laufen bereits seit Monaten, nur
gibt es noch keinen Abschluss.

Doch auch von der Leyen scheint für das Projekt aufgeschlossen zu sein. Im
Februar, bei der Unterzeichnung der deutschen-holländischen
Kooperationsvereinbarung, kündigte die Ministerin an, ihr Ziel gehe über die
binationale Zusammenarbeit hinaus: "Wir werden im nächsten Jahr eine
multinationale Panzerdivision aufstellen."

Am Ende soll eine Einheit mit bis zu 20.000 Soldaten stehen, die 2021
einsatzbereit sein soll - das wäre dann der Nukleus einer europäischen Armee.

Kritiker der Verschmelzung weisen allerdings auf ein Kernproblem der


Integrationspläne hin: Sie beruhen vor allem auf dem Gedanken der
Kostenersparnis. Die deutsch-holländische Zusammenarbeit lässt sich nämlich auch
so beschreiben: Ein Land, das sich ein Kriegsschiff nicht leisten kann oder
will, macht gemeinsame Sache mit einem Land, das sich Panzer nicht mehr leisten
kann.

Zusätzliche militärische Fähigkeiten entstehen so nicht. Und auch gemeinsame


strategische Definitionen, wie integrierte Fähigkeiten am Ende genutzt werden
sollen, liegen in weiter Ferne.

Bartels teilt diese Kritik nicht. "Nehmen wir das Beispiel der Marine", sagt der
Wehrbeauftragte. "Wir haben ein Seebataillon, aber kein passendes Schiff dafür.
Die Niederlande haben das Schiff, aber zu wenig Personal. Zusammengenommen
können beide Länder eine Fähigkeit stellen, die jeder allein nicht mehr
hinbekommt."

Ähnlich sehe es bei den Panzertruppen aus. Wenn die Bundeswehr durch
multinationale Kooperationen am Ende zwei Divisionen mit jeweils vier Brigaden
in die Nato einbringen könne, dann sei eine höhere Einsatzbereitschaft
garantiert, als wenn man auf sich allein gestellt nur je drei Brigaden stellen
könne.

Der holländische General de Kruif mag sich mit Kostenerwägungen erst gar nicht
aufhalten. Bei einem Vortrag an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg
führte er einst aus, dass die deutsch-niederländische Kooperation keineswegs
etwas Neues, sondern tief in den Beziehungen beider Länder verwurzelt sei: Schon
in der Schlacht von Waterloo hätten Deutsche und Niederländer gemeinsam als
Alliierte gegen Napoleon gekämpft.

UPDATE: 17. März 2016

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Freitag 18. März 2016 10:17 AM GMT+1

Moskaus Macht;
Warum wir der Propaganda des Kreml nicht aufsitzen dürfen

AUTOR: Julia Smirnova

RUBRIK: DEBATTE; debatte

LÄNGE: 1197 Wörter

HIGHLIGHT: Russland will Europa destabilisieren, darüber gibt es keinen Zweifel.


Aber nicht jeder Kontakt mit Rechtspopulisten beweist, dass sie ferngesteuert
sind. Auch ohne Putin wären sie groß geworden.

Die Geschichte von Lisa, dem russlanddeutschen Mädchen aus Marzahn, das von
russischen Medien für deren ausländerfeindliche Propaganda benutzt wurde, hat
Deutschland alarmiert. Die Angst vor einem "hybriden Krieg", den Moskau nun mit
Methoden der Desinformation gegen den Westen und insbesondere gegen die
Bundeskanzlerin Angela Merkel führe, ist da.

Der BND will laut Medienberichten die russische Propaganda nun verstärkt
überwachen. Und mit der wachsenden Macht der Rechtspopulisten in Europa wird
immer häufiger die Frage nach deren Kontakten zum Kreml aufgeworfen. Finanziert
Russland die AfD? Will Putin Merkel stürzen?

Beim Begriff "hybrider Krieg" wird häufig an einen Artikel des russischen
Generalstabschefs Waleri Gerassimow erinnert, der 2013 in einer Fachzeitschrift
über moderne Kriegsführung schrieb, sie vereine konventionelle Mittel mit
politischen und wirtschaftlichen sowie mit einem "Informationskrieg".

Freilich hat nicht er den Begriff erfunden. Aber in den letzten Jahren zeigte
Russland, dass es diese Art der Kriegsführung geschickt beherrscht.

Krim-Annexion ohne Waffen

Genau vor zwei Jahren annektierte es die ukrainische Halbinsel Krim, ohne einen
Schuss abgefeuert zu haben, aber mithilfe von Propaganda, psychologischem Druck
und konventionellen Waffen, die vorgeführt, aber nicht eingesetzt wurden.

In Syrien machte der russische Präsident Wladimir Putin das Beste aus seiner
Militäroperation zur Stärkung Assads und bombardierte sich einen Sitz am
Verhandlungstisch herbei. Sind das nicht genug Gründe, um sich Sorgen um die EU
und Deutschland zu machen?

Die Debatte in Deutschland wird emotional und oft auf einer abstrakten Ebene
geführt. Dabei wird vieles durcheinandergeworfen: die Geschichte der
sowjetischen Propaganda und der Abteilung für "aktive Maßnahmen" des
Geheimdienstes KGB, die Desinformationskampagnen führt, die Trollfabriken und
anonyme Informationen aus den "Sicherheitskreisen". Viele Länder seien diesen
Maßnahmen ausgesetzt.

Ohne Zweifel ist die russische Propaganda kein Phantom und muss ernst genommen
und genau beobachtet werden. Es würde aber der Diskussion guttun, konkreter und
genauer zu werden, also zwischen bewiesenen Fakten und Vermutungen zu
unterscheiden.

Antiwestliche Paranoia

Die Schwächung von Merkel und die Spaltung in der EU liegen natürlich in Putins
Interesse. Bei der antiwestlichen paranoiden Stimmung, die in Russland
verbreitet ist, ist es wahrscheinlich, dass diverse Abteilungen der
Geheimdienste oder Kreml-nahe Thinktanks Papiere über Möglichkeiten der
Destabilisierung Deutschlands schreiben.

Doch inwiefern die Umsetzung dieser Konzepte fortgeschritten und erfolgreich


ist, ist eine andere Frage.

Aus der Tatsache, dass der rechtspopulistische Front National in Frankreich


einen Kredit bei einer russischen Bank bekommen hat, folgt noch nicht
automatisch, dass Moskau die AfD finanziert. Ausgeschlossen ist das nicht und
wäre ein gutes Thema für eine ausführliche Recherche.

Doch bis es bewiesen ist, kann man es nicht einfach insinuieren. Würde man für
viele Probleme in Europa Russland als Verursacher sehen, würde man die russische
Logik perpetuieren.

Die USA sind Wurzel allen Übels


In Russland gelten bereits seit Jahren alle Andersdenkenden als "Agenten des
Westens" und "fünfte Kolonne". Hinter jeder Kritik an Autokraten, jedem Protest
in den ehemaligen sowjetischen Ländern wird die CIA oder "das Kapital" aus dem
Ausland gesehen.

Ein Foto eines Oppositionellen, aufgenommen in der US-Botschaft oder beim


Treffen mit einem US-Diplomaten, reicht als Beweis, dass er ein
Vaterlandsverräter und eine Marionette Washingtons ist.

Russische Propagandisten können alle Geschehnisse auf der Welt mit einer
Verschwörungstheorie erklären, in der die USA als die Wurzel des Übels genannt
werden. Alles, was in irgendeiner Form mit den USA in Kontakt gekommen ist, gilt
per se als vergiftet. Man braucht dafür keine Beweise, die häufig wiederholte
Suggestion reicht.

"Zufall? Das glaube ich nicht!", lautet der berühmte Satz des russischen
Chefpropagandisten Dmitri Kisseljow. So kommentierte er einen kritischen Artikel
über den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko auf einer US-Webseite. Für
das russische Fernsehen war das ein Beweis dafür, dass die Amerikaner
Poroschenko bald fallen lassen könnten.

Rechtspopulisten in Europa, auch ohne Putin

Von dieser Art von "Beweisen" sollte man sich im Westen in keiner Form anstecken
lassen. Wenn man die Rechtspopulisten als "Putins fünfte Kolonne" bezeichnet,
spricht man genau die Sprache eines autoritären Regimes. Aber der Aufstieg
rechtspopulistischer Parteien in Europa hätte auch ohne Putin funktioniert.

Ja, es gibt Kontakte zwischen diversen Populisten in Europa und Moskau. Der
rechtsradikale Vordenker Alexander Dugin (der übrigens kein Kreml-Berater ist)
unterhält rege Kontakte zu seinen Gleichgesinnten in Griechenland, Italien und
anderen europäischen Ländern. Der Oligarch Konstantin Malofejew organisiert
Veranstaltungen, zu denen unter anderen Alexander Gauland kommt.

Janis Sarts, Direktor der Kompetenzzentrums für strategische Kommunikation der


Nato in Lettland, sagte dazu im Interview mit dem britischen "Observer":
"Russland etabliert ein Netzwerk, das kontrolliert werden kann." So sieht
vielleicht die Wunschvorstellung einiger Kreml-Strategen und Informationskrieger
aus. Vielleicht ist es auch die geheime Wunschvorstellung der
Gegenpropagandisten.

Realität ist jedoch, dass Russland zwar Kontakte, aber keine Kontrolle über
europäische Rechtspopulisten hat. Die antimoderne Einstellung des Kreml ist
ihnen sehr nah. In der Logik des Kreml ist die westliche liberale Demokratie nur
eine Farce, die Pressefreiheit existiert nicht wirklich, weil die Menschenrechte
nicht infrage gestellt werden dürfen, die Medien werden manipuliert, eine Lobby
von Schwulen und Feministen zerstört traditionelle Familien.

Wird Horst Seehofer vom Kreml gesteuert?

Wertepolitik ist für Russland sowieso ein verlogener Begriff, denn Putin zufolge
muss man nur auf nationale Interessen achten. Das würden auch viele
Rechtspopulisten unterschreiben. Im Kreml fühlen sie sich verstanden. Sogar in
der Rhetorik von Donald Trump findet man Elemente dieses Kreml-Weltbildes. Das
heißt aber nicht, dass Trump vom Kreml beeinflusst oder kontrolliert wird. Und
auch Horst Seehofer war jüngst in Moskau, und trotzdem sagt niemand, seine CSU
würde vom Kreml gesteuert.
Russland gefällt es, dass Rechtspopulisten ein positives Bild von Moskau
zeichnen. Aus diesen Parteien hört man keine Kritik, aber viel Verständnis etwa
für die Krim-Annexion oder den Krieg in der Ostukraine.

Wenn AfD-Politiker also Kreml-Argumente wiederholen, ist es viel produktiver,


nicht mit dem Vorwurf zu kontern, sie würden vermutlich vom Kreml bezahlt,
sondern konkrete Gegenargumente zu liefern. Es gibt genug Belege und Beweise für
die militärische Einmischung in der Ostukraine, geliefert von russischen,
ukrainischen und westlichen Journalisten.

Wenn der "hybride Krieg" aus militärischen Mitteln und Einschüchterung und
Propaganda besteht, darf man sich nicht einschüchtern lassen vom vermeintlich
starken und allmächtigen Russland. Denn das ist nichts anderes als lupenreine
russische Propaganda.

UPDATE: 18. März 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Freitag 18. März 2016 12:11 PM GMT+1

Ibn Battuta;
Mit dem ersten Reporter durch die Welt des Islam

AUTOR: Sascha Lehnartz

RUBRIK: KULTUR; Kultur

LÄNGE: 1119 Wörter

HIGHLIGHT: 1325 brach Ibn Battuta nach Mekka auf und wurde zum Weltreisenden.
Erich Follath ist seinen Spuren gefolgt, um die islamische Welt zu verstehen.
Wann hat sie den Anschluss an die Moderne verpasst?

Der Mann ist dreimal so weit gereist wie Marco Polo, doch in der westlichen Welt
kennt ihn kaum jemand. Aus einer Pilgerfahrt, die ihn 1325 von Tanger nach Mekka
führen sollte, wurde eine 29 Jahre währende Reise in die entlegensten Ecken der
damals bekannten Welt. Abu Abdullah Mohammed Bin Abdullah Bin Mohammed Bin
Ibrahim al-Lawati, genannt Ibn Battuta, legte dabei grob geschätzt 120.000
Kilometer zurück. Genau ist das nicht nachzuvollziehen, denn er verlief sich
einige Male, und es gab noch kein GPS.
Er bevorzugte den Landweg, denn jedes Mal, wenn er gezwungen war, ein Schiff zu
nehmen, ging irgendetwas schief. Er heiratete zehn Mal und hatte unzählige
Konkubinen. Er durchquerte mehr als 40 Länder auf der heutigen Weltkarte, traf
viele der klügsten und mächtigsten Menschen seiner Zeit, wurde reich, mehrfach
ausgeraubt, wäre fast in der Wüste verdurstet und überlebte Schiffsunglücke,
während eine seiner Frauen und viele seiner Freunde ertranken. Der Mann,
aufgebrochen zur obligatorische Hadsch nach Mekka und Medina, entdeckte
unterwegs, dass das Reisen seine eigentliche Bestimmung war. Ein Weg, die Welt
in Erfahrung zu bringen. Ein Weg zum Wissen. Und für den gläubigen Muslim ein
Weg zu Gott.

Bis zur Seidenstraße

Fast 30 Jahre lang führten Ibn Battutas Wissensdurst und sein Erfahrungshunger
ihn durch die zivilisierteren Teile der Welt, und das waren im ersten Drittel
des 14. Jahrhunderts die islamischen. Schaut man sich seine Reiseroute auf der
Karte an, lässt sich die Entdeckerlust erahnen. Sein Tracking ähnelt dem Laufweg
eines pubertierenden Dalmatiners, den man am ersten Frühlingstag von der Leine
lässt. Die Chancen sind groß, dass er vor lauter Schnupperlust nie mehr
zurückkehrt.

Auf dem Weg von Tanger nach Mekka träumte ihm, dass ein großer Vogel ihn bis ans
Ende der Welt tragen würde. Ein weiser Alter prophezeite ihm, dass ein mächtiger
Mann in Indien ihn aus großer Gefahr retten würde. Beides ging mehr oder minder
in Erfüllung. Battuta schaffte es - ohne Vogel - über Mekka, Shiraz und Bagdad
zur Seidenstraße.

Er zog das Rote Meer hinab nach Süden, nach Aden, Mogadischu, Mombasa, Sansibar.
Er war in Damaskus und auf der Krim, wo er sich als Begleitung die Gattin des
Khans der Goldenen Horde aussuchte. Er war in Konstantinopel, Samarkand, Kabul,
Delhi und Jakarta, auf den Malediven und an der Ostküste Chinas. Erst 1349
kehrte er über Granada zurück nach Tanger - nur um Richtung Süden, nach Timbuktu
aufzubrechen. Doch dort gefiel es Battuta nicht. Seine Wanderlust hatte sich
erschöpft.

Die Welt erfahren, um davon zu erzählen

Er kehrte heim - und schrieb seine Erlebnisse auf. Da und dort schmückte er sie
etwas aus. Das Ganze nannte er schlicht "Rihla" - "Die Reise." Das Manuskript
stammt aus dem Jahr 1356 und schlummert heute gut bewacht in der französischen
Nationalbibliothek in Paris. "Rihla" ist die Mutter aller Reiseberichte und der
Quellcode aller Auslandskorrespondenten. Denn Ibn Battuta hat nicht weniger als
den Lebenstraum aller Reporter verwirklicht: Die Welt erfahren, um davon zu
erzählen.

Erich Follath bringt deshalb beste Voraussetzungen mit, um sich auf die Spuren
Ibn Battutas zu begeben. Er war lange Jahre selbst Reporter und Korrespondent,
zunächst beim "Stern", dann beim "Spiegel". Ein Jahr lang hat er nun Orte
bereist, die auch Ibn Battuta passierte. Alle hat er verständlicherweise nicht
geschafft, doch die Strecke, die er zurücklegt, ist beeindruckend genug: Tanger,
Kairo, Mekka, Shiraz, Dubai, Istanbul, Samarkand, Delhi, Male, Jakarta, Hangzhou
und Granada. "Jenseits aller Grenzen" heißt sein Buch. Es ist ein prägnantes
Panorama der krisengebeutelten islamischen Welt von heute.

Follath ist Jahrgang 1949. Er gehört somit der letzten Journalistengeneration


an, die noch das Privileg genoss, auf Kosten umsatzstarker und meinungsbildender
Mainstreammedienbetriebe die Welt beschreiben zu dürfen. Früher bestellten sich
die Peter Scholl-Latours und Tiziano Terzanis nach drei Wochen Recherche im
Dschungel erst mal einen Singapur Sling an der Bar des "Raffles Hotels".

Danach telefonierten sie der Redaktionssekretärin einen 20.000-Zeichen-Text


durch. Kurz darauf rief der Herausgeber zurück und lobte den Autor: 'Super Text,
jetzt ruhen Sie sich mal drei Wochen im 'Raffles' aus.' Unter solchen
Bedingungen war großer Journalismus noch möglich. Erich Follath hat diese
goldenen Jahre der Anzeigenüberbelegung im Magazinjournalismus noch eine Zeit
lang miterleben dürfen.

Vertrautes Terrain

Das versetzt ihn in die glückliche Lage, auf einen reichen Schatz an Erfahrungen
und Erlebnissen in der islamischen Welt (und nicht nur dort) zurückgreifen zu
können. Als Student reiste er durch Syrien, als junger Reporter erlebte er die
Revolution im Iran, mit Figuren wie dem ägyptischen Ex-Hoffnungsträger Mohammed
al-Baradei oder "Scheich Mo" aus Dubai ist Follath quasi per Du.

Aber Follath spricht nicht nur mit den Mächtigen, sondern auch mit normalen
Leuten. Leuten, die irdische Hoffnungen haben und übrigens einen ziemlich
friedlichen Islam leben. Follaths Vertrautheit mit dem Terrain und seinen
Bewohnern wirkt dabei nie eitel oder aufgesetzt. Er nutzt sie, um herauszuhören,
wie es in diesen Ländern heute zugeht, warum es ihnen so schwerfällt, islamische
mit freiheitlichen Werten zu verbinden, ihren Bürgern ökonomische und
demokratische Perspektiven zu bieten.

Aufgrund der Reisegeschwindigkeit bleiben seine Eindrücke notwendigerweise


skizzenhaft. Zu unterschiedlich sind die Gesellschaften, die er bereist. Dennoch
gelingt ihm dreierlei: "Jenseits aller Grenzen" ist zum einen ein charmanter
Schattenriss des großen Reisenden Ibn Battuta. Es ist außerdem reich an
kompakten, gut erzählten Geschichtslektionen.

Islam und Moderne

Wie Saudi-Arabien Saudi-Arabien wurde etwa, lässt sich kaum irgendwo so knackig
nachlesen wie bei Follath. Vor allem aber ist dieses Buch eine Bestandsaufnahme
der Vielschichtigkeit der islamischen Welt von heute - in Schnappschüssen und
Stichproben. Zwar reist Follath - wie Ibn Battuta - auch nach Indien und China,
doch sein Hauptaugenmerk gilt den islamischen Ländern und der Frage, wie eine
einst so bedeutende Zivilisation so oft den Anschlusszug in die Moderne
verpassen konnte.

Follath sucht nach dem Erbe des Entdeckers und Aufklärers Ibn Battuta in einer
Welt, die augenscheinlich momentan kein besonders ausgeprägtes Interesse an
Aufklärung mehr hat. Der Autor ist dabei weit genug gereist und klug genug, um
auf pauschale Antworten zu verzichten. Er stellt vor allem Fragen. Und dann
berichtet er. Er macht das, was ein guter Reporter eben machen sollte. "Jenseits
aller Grenzen" liest sich stellenweise wie ein Abenteuerroman. Dabei ist es
einfach nur exzellenter politischer Reisejournalismus.

UPDATE: 18. März 2016

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Samstag 19. März 2016 11:27 AM GMT+1

Risikobewertung;
Forscher setzen Trump auf Liste der globalen Gefahren

AUTOR: Stefan Beutelsbacher

RUBRIK: WIRTSCHAFT; Wirtschaft

LÄNGE: 532 Wörter

HIGHLIGHT: Würde Donald Trump amerikanischer Präsident werden, wäre das eine der
zehn größten Bedrohungen für unsere Welt, sagen britische Analysten. Ganz oben
auf ihrer Liste steht Trumps Lieblingsgegner.

Das ist das Szenario. Am 8. November 2016 gewinnt Donald Trump in Amerika die
Wahl. Er verbietet Muslimen die Einreise, baut eine Mauer an der Südgrenze,
kündigt alle Freihandelsabkommen auf und verprellt China, weil er das Land
öffentlich beschimpft. Er wird die Welt ins Chaos stürzen, Präsident Donald John
Trump - das zumindest fürchten britische Forscher. Die renommierte Economist
Intelligence Unit (EIU) zählt einen Sieg des Republikaners zu den zehn größten
Bedrohungen für den Planeten.

In der aktuellen Risikobewertung der Denkfabrik liegt Trump auf Platz fünf -
gleichauf mit der Gefahr, dass islamistischer Terror die globale Wirtschaft
destabilisiert. Ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ist den
Experten zufolge weniger schädlich, ebenso wie ein Konflikt im Südchinesischem
Meer oder ein weiterer Absturz des Ölpreises.

Trump ist der EIU zufolge ein Risiko für beides, die Sicherheit und die
Wirtschaft. Für die Sicherheit, weil er immer wieder abfällige Bemerkungen über
Muslime macht. "Seine Sprüche sind ein Geschenk für Islamisten", sagt der
Analyst Robert Powell. "Trumps Rhetorik könnte Terrorgruppen die Rekrutierung
erleichtern." Und für die Wirtschaft, weil er sich mit China anlegt. Manche
seiner Äußerungen sind provokant ("Währungstrickser"), andere realitätsfern
("People from China, they love me"), einige nur wirr ("China is the new China").
Aber klar ist: Trump hat sich verbal auf China eingeschossen - und könnte damit
einen Handelskrieg anzetteln.

Erste Verstimmungen gibt es schon, obwohl Trump weder Präsident ist noch
Präsidentschaftskandidat, sondern nur ein Bewerber dafür. "Er wird Benito
Mussolini oder Adolf Hitler genannt", schrieb gerade die "Global Times", eine
chinesische Staatszeitung - und benutzt Trump, um gleich das gesamte westliche
Demokratiemodell zu diskreditieren: "Mussolini und Hitler kamen durch Wahlen an
die Macht, eine harte Lektion für den Westen." Trump zeige, dass Demokratie
gescheitert sei.
Angst um den Freihandel

Nicht nur die Ausfälle gegenüber China, auch Trumps Ablehnung des Freihandels
beunruhigt die Wirtschaft. Würde er Präsident, könnte es das Aus für die
Nordamerikanische Freihandelszone (Nafta) und die gerade vereinbarte
Transpazifische Partnerschaft (TPP) bedeuten. Ein Ende der TPP wäre besonders
paradox. Mit dem Abkommen, das zwölf Pazifikstaaten unterzeichnet haben, will
Amerika seine ökonomische Vormachtstellung sichern - in erster Linie über China.

Chinesen beleidigen, Muslime beleidigen, das Land wirtschaftlich abschotten -


das ist weniger Politik als Populismus, deshalb aber nicht weniger gefährlich.
"Populismus ist eines der größten Risiken für die Welt", sagt Ian Bremmer, der
Gründer der Eurasia Group, einer amerikanischen Beratungsfirma. Bedrohlicher als
Trump sind der EIU zufolge ein Zerbrechen der Euro-Zone, etwa aufgrund eines
Austritts Griechenlands, die steigenden Schulden der Schwellenländer und ein
neuer Kalter Krieg zwischen Ost und West, nachdem Russland in die Ukraine
einmarschierte und sich in den Syrien-Konflikt verstrickte.

Die größte Gefahr aber gehe laut dem Ranking von Trumps Lieblingsgegner aus:
Nichts sei so dramatisch für die Welt wie ein Crash in China.

UPDATE: 19. März 2016

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Sonntag 20. März 2016 10:25 AM GMT+1

So wird der "Tatort";


Was macht der Islamist im Swimmingpool?

AUTOR: Elmar Krekeler

RUBRIK: KULTUR; Kultur

LÄNGE: 422 Wörter

HIGHLIGHT: Das Gute am neuen "Tatort" mit Wotan Wilke Möhring: Der Mann hat
seinen Humor wiedergefunden, Mousse T. macht schöne Musik und Kollegin Grosz
stehen die Polizeihosen. Der Rest? Schreit zum Himmel.

Wir müssen aus gegebenem Anlass kurz auf Tschechow kommen. Das ist der Erfinder
des dramaturgischen Gesetzes, nach dem ein Gewehr, das im ersten Akt eines
Stückes an der Wand hängt, am Schluss losgehen muss.

Eine Kernkrankheit deutscher Fernsehkrimis ist die erzdeutsche Einhaltung dieses


Gesetzes. Wobei im ersten Akt gern gleich mehrere Gewehre an der Wand hängen.
Was am Ende zu einem hemmungslosen Geballer führt, bei dem man vor Pulverdampf
nichts mehr sieht.

Nun zu Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring). Der lebt in einer
Transitzone. Seine Partnerin ist weg. Seine Aufgabe auch. Jetzt testet er
Flughäfen auf ihre Sicherheit. Und wird - erstes Gewehr - auf dem Flughafen von
Hannover von der Bundespolizeikollegin Julia Grosz (Franziska Weisz) derbe von
den Füßen geschlagen.

Gegengeschnitten - zweites Gewehr - ist ein Propagandavideo deutscher


Islamisten, die unter lauten "Allahu Akbar"-Rufen ankündigen, den Tod nach
Deutschland zu bringen, von wo er ja auch über Syrien, Afghanistan gekommen sei.
Ein Schleuser - drittes Gewehr - verwechselt einen Aziz, den er nach draußen
schmuggeln soll (den Islamisten aus dem Video), mit einem andern Aziz, den er
erschlägt.

Unverhofft beim Sekt

Dessen Leiche plumpst vom Himmel in den Pool eines Pärchens, das es sich beim
Sekt im Wasser gemütlich machen wollte. Was einen feinen Effekt macht. Aber
keine dramaturgischen Folgen hat. Zwischendurch hängt Drehbuchautor Florian
Oeller noch ein paar kleinere psychologische Schusswaffen auf.

Womit wir bei einer zweiten Krankheit des deutschen Krimis wären: Es allen recht
machen zu wollen, alles zu erklären, alles zu verstehen. Das hat noch kein
Gewehr am Losgehen gehindert. Und am Ende ist der Krimi tot.

Die Frau hat die besseren Sprüche

Das geschieht in Özgür Yildirims "Zorn Gottes" nicht. Alles ist in feine
Dunkelheit gehüllt. Mousse T. hat einen feinen Klangteppich druntergewebt. Man
geht gern drüber, an all den sattsam bekannten Erklärmustern vorbei, warum einer
Islamist und einer Schleuser wird, was ein Afghanistandesaster in einer
Polizistin anrichten kann.

Weil man sich freut, dass Falke seinen Humor wiedergefunden hat und wieder nach
vorn blickt. Wo er Kollegin Grosz sieht, die noch weniger Worte braucht als er,
noch härter zuschlagen kann, absehbar die besseren Sprüche in die Gegend stellt
und die einzige Falke bekannte Person ist, die in diesen Polizistinnenhosen
wirklich fantastisch einen Flur hinuntergehen kann.

Ein Gewehr von einer Frau. Sie hat hoffentlich noch ein bisschen Zeit, so
richtig loszugehen.

UPDATE: 20. März 2016

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Sonntag 20. März 2016 10:54 AM GMT+1

Abdeslam-Festnahme;
Sind Belgiens Terrorfahnder totale Amateure?

AUTOR: Eva Marie Kogel, Molenbeek und Martina Meister, Paris

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1581 Wörter

HIGHLIGHT: Der "Logistik-Chef" der Pariser Attentate hat sich monatelang im


Brüsseler Stadtteil Molenbeek versteckt. Frankreich empört sich immer lauter
über die Unfähigkeit der belgischen Sicherheitsbehörden.

Das Fettgebäck mit der pinkfarbenen Glasur geht heute am besten. Das liegt an
den vielen Kindern, die an diesem Samstagmorgen mit ihren Vätern in die Bäckerei
Alwidjane im Brüssler Stadtteil Molenbeek kommen und nur eins wollen: viel
Süßes. Es ist Wochenende, die Väter sind bereit, ihnen ihre Wünsche zu erfüllen.
Mohammad, der Bäcker hinter dem Tresen, macht wie immer ein ordentliches
Geschäft. Die Horden von Journalisten mit ihren Fernsehkameras und ihren
Übertragungswagen scheinen seine Kundschaft nicht weiter zu stören. "Was ist da
eigentlich los?", fragt einer der Väter. "Schon wieder was passiert?" Mohammad
zuckt nur kurz mit den Schultern.

Eine gute Frage. Was ist da eigentlich passiert? Wenn Mohammad den Kopf hebt und
über seine Kuchenauslage hinwegschaut, dann blickt er genau auf das Haus, das
belgische Anti-Terror-Einheiten keine zwölf Stunden zuvor gestürmt hatten. Es
gibt Videos von der Aktion, darauf sieht man Explosionen und hört Schüsse.
Vermummte Polizisten zerren einen Mann aus dem Haus und werfen ihn auf den
Boden. Es ist Salah Abdeslam, der letzte lebende Attentäter von Paris, ein
Mörder, ein Fanatiker, der meistgesuchte Terrorist Europas.

Wenn es stimmt, was die Behörden vermuten, dann war er der Chauffeur für die
Männer, die am 13. November im Konzerthaus Bataclan, in mehreren Restaurants in
der Pariser Innenstadt und am Stade de France 130 Menschen töteten. Vier Monate
war er auf der Flucht, man vermutete ihn schon in Syrien oder Marokko. Doch seit
Freitag ist klar: Weit ist er nicht gekommen. Zwischen seinem letzten Versteck
und Mohammads Kuchen mit der pinken Glasur liegen nur wenige Meter.

Es ist nicht die erste Razzia in Molenbeek

Falls Mohammad das irgendwie aufregend findet, verbirgt er es gut. Ob er


Abdeslam einmal gesehen, vielleicht sogar erkannt habe? War da so etwas wie ein
Verdacht? "Natürlich nicht", sagt er. "Ich habe hier nie einen Terroristen
gesehen." Dann hält er kurz inne und sagt ein paar Worte auf Arabisch, die man
am besten so übersetzt: "Das Leben geht weiter."
Sie kennen das hier schon, soll das heißen. Es ist nicht die erste Razzia in
Molenbeek, und es ist auch nicht der erste Terrorist, der hier festgenommen
wird. Mindestens drei Mitglieder der Terrorzelle, die der Islamische Staat (IS)
im November zum Morden durch Paris geschickt hatte, sind in Molenbeek geboren
oder haben eine Zeit hier gelebt. Auch Spuren des Mordkommandos, das im Januar
des vergangenen Jahres die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" nahezu
auslöschte, führen nach Molenbeek. Als im August ein Attentäter im Namen Allahs
in einem französischen Thalys-Schnellzug um sich schoss, tat er das mit einer
Waffe, die wohl aus Molenbeek stammte.

Der Bäcker Mohammad hat die Verhaftung beobachtet, klar, er stand ja in seinem
Laden. Aber darüber reden, nein, das möchte er nicht. Das würde auch nichts
bringen, meint er. Es werde wohl nicht die letzte Razzia in Molenbeek gewesen
sein. In dem Punkt dürfte er recht haben.

Noch immer können sich die Terroristen, darauf deutet alles hin, in diesem
Stadtteil auf ein solides Netzwerk von Unterstützern verlassen. "Ist doch klar,
was jetzt wieder passiert", sagt Sufian. Auch er wohnt in Molenbeek, und
eigentlich hat er keine Zeit für ein paar Fragen, denn er muss zur Arbeit. Aber
es gibt ein paar Dinge, die aus seiner Sicht gesagt werden müssen. Zum Beispiel
das: "Jetzt werden wir wieder alle unter Generalverdacht gestellt. Typisch
Muslime, werden sie sagen. Typisch Molenbeek."

Wer hat etwas geahnt? Wer hat still geduldet?

Den Brüsseler Vorort halten inzwischen viele für ein Islamisten-Getto. So ganz
trifft es das nicht, vom Zentrum aus läuft man nur gute zwanzig Minuten. Die
Straßen sind fahrradfreundlich, die Häuser alt und klein, Kaffee und Tee sind
billig, dreimal in der Woche ist Markt. Ein Paradies für Hipster, die Molenbeek
langsam für sich entdecken. Doch noch ist Molenbeek das, was man wohl einen
Einwandererbezirk nennt. Die Metzger bieten nur Fleisch aus Halal-Schlachtung
an, und die meisten Cafés sind fest in Männerhand. Die Männer, die hier sitzen,
in ihre Teegläser starren und zum Frühstück die süßen marokkanischen
Grießpfannkuchen essen, dürften einige der Terroristen noch als Söhne der
Nachbarn kennen. Haben sie etwas geahnt, haben sie still geduldet?

Sufian widerspricht: "Schauen Sie sich doch mal um. Hier sind 30 Prozent der
Menschen arbeitslos. Ich nenne das Perspektivlosigkeit. Ich wüsste nicht, was
das mit Islam zu tun hat." Kaum einer spreche über das Stigma, mit dem die
Jugend des Stadtteils belegt werde. "Haben Sie mal versucht, als Araber einen
Job zu finden?" Alle fragten immer nach der Schuld der Nachbarn. Und überhaupt,
seit wann sei es denn die Aufgabe der Zivilbevölkerung, Terroristen zu jagen?
"Vier Monate, stellen Sie sich das mal vor, vier Monate konnte Abdeslam hier
rumlaufen."

In der Tat müssen sich die belgischen Ermittler unangenehme Fragen gefallen
lassen. Sie hätten keine Gelegenheit ausgelassen, um Abdeslam eine Chance zur
Flucht zu geben, wird gespottet. Auch in den sozialen Netzwerken macht man sich
über die Belgier lustig. "Die Ermittler sind hundert Meter pro Monat
vorangekommen", höhnt ein anderer auf Twitter unter Anspielung auf die Tatsache,
dass Abdeslam 400 Meter von seinem Wohnsitz entfernt verhaftet wurde: "Wie gut,
dass er sich nicht in Marseille versteckt hat."

Die belgischen Sicherheitsdienste haben ein strukturelles Problem; im Vergleich


zu anderen EU-Ländern ist ihr Budget gering. Außerdem lähmt die föderale
Bürokratie. Als Polizisten wenige Tage nach den Anschlägen von Paris in den
Abendstunden ein verdächtiges Haus in Molenbeek durchsuchen wollten, in dem sie
Abdeslam vermuteten, kam ihnen das Gesetz dazwischen: Das kennt nämlich eine
Sperrstunde für Hausdurchsuchungen, und die geht bis fünf Uhr morgens. Der
belgische Justizminister räumte danach ein, dass Abdeslam sich "wahrscheinlich"
in dem Haus befunden habe - auch wenn andere Ermittler das später bezweifelten.

Eine Pizza beendet Abdeslams Flucht

Am Ende war es ein Zufall, der die Polizei auf seine Spur brachte - Abdeslams
Hunger auf Pizza. Eine ungewöhnlich große Liefermenge, die an eine Adresse ging,
in der sie eigentlich nur eine Frau vermuteten, machte die Ermittler
misstrauisch. Als sie die Wohnung, die sie schon länger observiert hatten,
stürmten, trafen sie auf mehrere Besucher, darunter zwei Kinder. Und Salah
Abdeslam. Durch einen Schuss ins Knie verletzt, wurde er unter Polizeischutz in
einem Krankenwagen abtransportiert.

Als sich der seit vier Monaten ersehnte Fahndungserfolg endlich eingestellt
hatte, sprach Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve von einem "wichtigen
Schlag" gegen die Terrormiliz IS und lobte die "gute Kooperation" zwischen
belgischen und französischen Diensten. Er tat es am Samstag nach der Tagung des
französischen Sicherheitsrats und setzte noch einen drauf: Ausdrücklich bedankte
er sich bei den Belgiern für die "effiziente Arbeit".

Effiziente Arbeit? Am vergangenen Dienstag erst, nach der dramatischen Razzia in


einer Wohnung im Brüssler Bezirk Forest (Vorst), waren auf französischer Seite
Zweifel an der Kompetenz der Belgier laut geworden. Die belgischen Ermittler
waren davon ausgegangen, eine "kalte", nicht genutzte Wohnung vorzufinden,
stattdessen stießen sie gemeinsam mit französischen Polizisten auf ein
Terroristennest, und die anschließenden Schusswechsel lähmten stundenlang das
umliegende Stadtviertel.

Am Samstag, einen Tag nach der Verhaftung Abdeslams, äußerte der französische
Abgeordnete Alain Marsaud in der Rückschau auf diese und andere Pannen die
schärfste Kritik: "Die 130 Toten von Paris, die verdanken wir den Belgiern, die
verdanken wir der Mannschaft von Molenbeek und der Unfähigkeit der Belgier,
dieses Problem zu lösen", sagte Marsaud hörbar wütend in einem Interview mit dem
Radiosender Europe 1.

Nicht nur die dilettantisch wirkende Jagd auf den meistgesuchten Terroristen
verärgert die Franzosen. Auch im Vorfeld scheinen die belgischen Geheimdienste
versagt zu haben, denn sie hatten offenbar schon im Sommer 2014 entscheidende
Hinweise auf die Gefährlichkeit der Brüder Abdeslam bekommen. Belgische Medien
brachten Ende Februar verheerende Versäumnisse ans Licht. Die Tageszeitung
"L'Echo" folgerte entsetzt, man habe "alles gewusst". Doch erst im Februar 2015
gehen die Ermittler den Hinweisen auf die Brüder Abdeslam nach. Es beginnt eine
Untersuchung, und am 28. Februar 2015 wird Salah Abdeslam vernommen.

Er bestreitet jegliche Verwicklungen in terroristische Aktivitäten. Die Richter


kommen zu dem Schluss, dass Abdeslam "nicht bedrohlich" sei. Auch ihn abzuhören
halten sie für unnötig. Keine drei Wochen später steht sein Name auf einer Liste
potenzieller Dschihadisten des "Office central d'analyse de la menace", des
belgischen Terrorüberwachungsdienstes, die auch Interpol vorliegt. Im Juni
werden das Rathaus und das örtliche Polizeikommissariat von Molenbeek darüber
informiert, ohne Folgen. Die belgische Staatsanwaltschaft schließt den Fall.

Einige Verantwortliche der belgischen Justiz und Polizei sollen mittlerweile


angesichts des "Regens von Kritik", der seit Anfang der Woche auf sie
niederprasselt, erheblich verstimmt sein. Manche sollen indes zugegeben haben,
dass die Attentate von Paris "hätten verhindert werden können", wenn man die
vorliegenden Informationen richtig ausgewertet hätte. Die Zeitung "L'Echo"
zitiert einen der Untersuchungsbeamten mit den Worten: "Wir haben uns wirklich
wie totale Amateure benommen."

UPDATE: 20. März 2016

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Montag 21. März 2016 11:16 AM GMT+1

Umstrittener Autor;
Sarrazin erklärt, wer Schuld an dem AfD-Aufstieg hat

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 465 Wörter

HIGHLIGHT: Hätten die Parteien auf ihn gehört, gäbe es für die AfD keinen Platz,
sagt Thilo Sarrazin. Im Interview spricht er von einer "nationalen
Einheitsfront" und der Verlagerung des "Unangenehmen".

Der umstrittene Buchautor Thilo Sarrazin hat der CDU und SPD vorgeworfen,
verantwortlich für den Aufschwung der AfD zu sein. Er habe frühzeitig auf die
Risiken "einer falschen Einwanderung, eines radikalen Islam und einer verfehlten
Politik der Euro-Rettung" aufmerksam gemacht, sagte er der "Bild" im Interview.
"Hätten die verantwortlichen Politiker der CDU und SPD diese Analysen ernst
genommen und entsprechend gehandelt, so wäre die AfD 2013 gar nicht erst
gegründet worden oder hätte zumindest nicht diese Wahlerfolge", so Sarrazin.

Mit seinen Publikationen "Deutschland schafft sich ab" und "Europa braucht den
Euro nicht", die Sarrazin 2010 und 2012 veröffentlichte, entfachte er erst eine
öffentliche Debatte über das Thema Integration, später über die gemeinsame
Währungsunion.

Im Interview kritisierte er die Ausrichtung der alteingesessenen Parteien. CDU,


SPD, Grüne und Linke hätten in der Flüchtlingspolitik "keine nennenswerten
Unterschiede". Bürger stünden dadurch einer "nationalen Einheitsfront"
gegenüber. Viele hätten zudem das Gefühl, ihre Meinung nicht offen sagen zu
können. Deshalb wählten sie "in der Stille der Wahlkabine die einzige
Alternative, die ihnen auf dem Stimmzettel geboten wurde", sagte der frühere
Berliner SPD-Finanzsenator in dem Interview.

Deal mit der Türkei als Verlagerung des "Unangenehmen"


Merkels Politik habe "bundesweit rechts der CDU ein heimatloses Wählerpotenzial
von 20 bis 25 Prozent hinterlassen". Wenn die CDU dieses Terrain nicht erneut
besetze, entstehe ein Raum für eine konservative Volkspartei, etwa mit dem
Profil der CSU zur Zeit von Franz Josef Strauß. "Ich will nicht ausschließen,
dass die AfD hier dauerhaft ihre Rolle findet, wenn sie sich nachhaltig und
glaubwürdig von rechtsextremen Strömungen abgrenzt."

Das Abkommen mit der Türkei sieht Sarrazin dennoch als Erfolg für
Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dieser komme jedoch ein Jahr und 1,2 Millionen
Flüchtlinge zu spät. Der 71-Jährige sieht eine Verlagerung des "Unangenehmen".
Die Aufgabe der Grenzsicherung habe Deutschland nun an einen Staat abgegeben,
"der traditionell bei der Durchsetzung weniger Skrupel hat als die Länder West-
und Nordeuropas". Europäische Augenzeugen würden so nicht sehen, mit welchen
Mitteln das türkische Militär die Grenzen nach Syrien dicht halte. "Auf diese
Weise können wir vornehm bleiben und unsere Hände in Unschuld waschen", sagte
er.

Sarrazin ist studierter Volkswirt und trat 1973 in die SPD ein. Er besetzte
verschiedene Posten im Bundesministerium für Finanzen und arbeitete zwischen
2002 und 2009 als Finanzsenator in Berlin. Bis 2010 fungierte er als
Vorstandsmitglied der Bundesbank in Frankfurt. Nach polemischen Äußerungen über
Migranten und Hartz-IV-Empfänger musste er zurücktreten. Seitdem macht er als
Autor von sich reden.

UPDATE: 21. März 2016

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Dienstag 22. März 2016 12:27 PM GMT+1

Sahra Wagenknecht;
"Merkel verantwortet schlimmsten Rechtsruck nach 1945"

AUTOR: Marcel Leubecher

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1747 Wörter

HIGHLIGHT: Am Aufstieg der AfD ist die Bundesregierung selbst schuld, meint
Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht. In der Flüchtlingskrise habe Merkel
einen entscheidenden Fehler gemacht.

Die Welt: Frau Wagenknecht, Sie reden von "Gastrecht", "Kapazitätsgrenzen" und
"Grenzen der Aufnahmebereitschaft". Ist das links?

Sahra Wagenknecht: Dass es Grenzen der Aufnahmebereitschaft in der Bevölkerung


gibt, ist eine Tatsache, und dass Kapazitäten nicht unbegrenzt sind, auch. Das
festzustellen, ist weder links noch rechts, sondern eine Banalität. Allerdings
hängt es eben von der Politik ab, wo diese Grenzen liegen. Merkel hat mit ihrer
unkoordinierten, konzeptionslosen Politik zu sehr viel Verunsicherung und
Ängsten beigetragen. Ihre Politik läuft darauf hinaus, die Kosten der
Flüchtlingsintegration der Mittelschicht und den Ärmeren aufzubürden. Das treibt
der AfD die Wähler zu.

Die Welt: Sind die Grenzen der Aufnahmebereitschaft schon überschritten?

Wagenknecht: Mindestens bei den Wählern der AfD ist das offenkundig so. Die
Aufnahmebereitschaft in einer Gesellschaft mit breitem Wohlstand wäre natürlich
höher als in einem Land, in dem die Mittelschicht seit Jahren Abstiegsängste hat
und die Armut wächst. Viele Probleme, die wir schon vorher hatten, haben sich
durch die Flüchtlingskrise verschärft.

Die Welt: Die Steuergelder für die Versorgung der Flüchtlinge kommen doch
hauptsächlich von den Wohlhabenden ...

Wagenknecht: Das stimmt nicht. Die Hälfte des Steueraufkommens stammt heute aus
Verbrauchssteuern, die auch Geringverdiener zahlen. Zudem tragen die Städte und
Gemeinden die Hauptlast, können aber kaum ihre Einnahmen erhöhen. Bei höheren
Ausgaben und stagnierenden Einnahmen muss woanders gekürzt werden. Das geht dann
meist zulasten der Ärmeren. Wir können das bei bestimmten Kulanzleistungen für
Hartz-4-Empfänger sehen.

Die Allerärmsten spüren außerdem die Knappheit an den Tafeln. Der Skandal, dass
Menschen in unserer reichen Gesellschaft auf solche privaten Initiativen
angewiesen sind, vergrößert sich, wenn jetzt noch mehr Menschen um eine
bestimmte Menge an Nahrungsmitteln konkurrieren. Wer auf diese Weise die Armen
gegen die Ärmsten ausspielt, vergiftet das politische Klima.

Die Welt: Auch Sigmar Gabriel hat sich Ärger eingehandelt, als er Zuwanderung
und die Konkurrenz um knappe Güter gemeinsam thematisierte.

Wagenknecht: Ich verteidige Sigmar Gabriel nur ungern, aber in dem Fall ist die
Kritik fehl am Platz. Er hat etwas ausgesprochen, was der Stimmung vieler
entspricht. Es ist doch so, dass viele Menschen in Deutschland in den letzten
Jahren Wohlstand verloren haben, dass sie in schlechte Jobs abgedrängt wurden
oder ihre Renten gesunken sind. Und immer hieß es, es sei kein Geld da. Da
existiert längst ein großes Potenzial an Frust und Wut. Was man Gabriel
vorwerfen muss, ist, dass sein angekündigtes Solidaritätsprojekt bloßer
Wahlkampfklamauk war.

Die Welt: Er täuscht die Frustrierten?

Wagenknecht: Gabriel hat ja nicht vor, die Dinge, die er angekündigt hat -
höhere Renten, mehr Kitaplätze -, auch einzulösen. Und solche unseriöse Politik
verärgert die Leute natürlich erst recht und treibt sie zur AfD. Aber die AfD
ist letztlich die falsche Adresse für Protest, weil man die Politik nicht in
eine soziale Richtung verschiebt, wenn man diese Partei wählt. Selbst wenn kein
einziger Flüchtling mehr kommt, steigen deshalb noch lange nicht die Renten und
wird der Mindestlohn nicht erhöht.

Die Welt: Ist die Angst der Unterschicht vor zuwandernden Konkurrenten
mittlerweile größer als die vor der Ausbeutung durch das Kapital?

Wagenknecht: Zunehmende Konkurrenz um Jobs und sinkende Löhne sind ja zwei


Seiten einer Medaille, zumindest auf einem unregulierten Arbeitsmarkt. Wenn wir
Dauerbefristungen und Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen endlich
verbieten, ließe sich solches Lohndumping verhindern. Das heißt aber auch: Es
darf keine Ausnahmen beim Mindestlohn für Flüchtlinge geben, auch nicht für
sechs Monate. Die große Koalition tut nichts, um den Menschen ihre Ängste zu
nehmen, im Gegenteil. Tatsächlich ist Angela Merkel die Bundeskanzlerin, die für
den schlimmsten Rechtsruck in Deutschland nach 1945 verantwortlich ist.

Die Welt: Den Ihre Partei am vorvergangenen Sonntag heftig zu spüren bekam. Muss
die Linke sich in der Migrationspolitik vor den Landtagswahlen in Mecklenburg
und Berlin neu positionieren?

Wagenknecht: Wir werden die Menschen auch in Zukunft nicht gegeneinander


ausspielen, aber wir müssen darüber nachdenken, warum wir den Zugang zu einem
erheblichen Teil unserer früheren Wähler verloren haben. Natürlich darf man
nicht pauschal alle Menschen, die sich angesichts hoher Flüchtlingszahlen noch
stärker um Arbeitsplätze, Sozialleistungen, Wohnungen und steigende Mieten
sorgen, in eine rassistische Ecke stellen. Das gilt auch für Wähler der AfD.

Ich denke, es war unser Fehler, dass wir uns viel zu sehr für die falsche
Merkel-Politik haben mitverhaften lassen. Flüchtlinge mit Großmutsgeste
aufnehmen, aber gleichzeitig mit Waffenlieferungen in alle Welt dafür sorgen,
dass blutige Kriege weiter eskalieren und immer mehr Menschen aus ihrer Heimat
vertreiben, das ist keine fortschrittliche oder menschliche Politik.

Die Welt: Ist die Einigung der EU mit der Türkei, um die Situation in der Ägäis
zu entspannen, kein Erfolg der Bundesregierung?

Wagenknecht: Das ist ein schäbiger Deal, durch den Europa sich an ein Regime
verkauft, das Demokratie, Pressefreiheit und andere Menschenrechte mit Füßen
tritt und Krieg gegen die eigene Bevölkerung führt. Ich halte es für einen
großen Fehler, sich ausgerechnet von einem Politiker wie Erdogan abhängig und
erpressbar zu machen.

Die Welt: Der nun einmal das derzeit wichtigste Transitland regiert ...

Wagenknecht: Die einzige längerfristige Lösung der Flüchtlingskrise ist die


Beseitigung der Fluchtursachen. Dazu trägt Erdogan nicht nur nichts bei, sondern
er steht auf der falschen Seite. Die Türkei hat seit Jahren islamistische
Terrororganisationen in Syrien finanziert und ausgerüstet. Die Türkei
bombardiert Kurdenmilizen, die mutig den IS und die Al-Nusra-Front bekämpfen.
Erdogan hat die türkischen Grenzen nicht für die Terroristen geschlossen, aber
für Flüchtlinge, die vor den Terroristen fliehen.

Die Welt: Auch die Bundeskanzlerin spricht viel von der Beseitigung der
Fluchtursachen. Entwicklungs- und Sicherheitspolitik arbeiten seit Jahrzehnten
genau daran. Wie soll es ausgerechnet jetzt zu einer globalen Spontanheilung
kommen?

Wagenknecht: Ein erster Schritt wäre es, die Waffenlieferungen in Kriegsgebiete


zu stoppen. In Syrien wird von nahezu allen Kriegsparteien auch mit deutschen
Waffen getötet, es ist bekannt, dass teilweise sogar deutsches Kriegsgerät in
die Hände des IS gelangt ist. Und natürlich müssen wir aufhören, arme Länder zur
Öffnung ihrer Märkte zu zwingen, um dann mit subventionierten Agrarexporten ihre
Landwirtschaft niederzukonkurrieren. Langfristig kann eine Entwicklung der armen
Staaten ohne eine andere Wirtschaftspolitik nicht gelingen. Der Washington
Consensus verstetigt und verfestigt nur ihre Armut.

Die Welt: Das klingt nach dem Ökonomen Friedrich List, der im 19. Jahrhundert
das britische Eintreten für den Freihandel mit dem Verhalten eines Mannes
verglich, der die Leiter wegtritt, auf der er selbst aufgestiegen ist ...

Wagenknecht: Lists Analyse ist sehr viel intelligenter als die üblichen
neoliberalen Außenhandelstheorien. England hat erst nach seinem Aufstieg zur
industriellen Führungsmacht Handelsliberalisierungen vorgenommen. Vorher war der
englische Markt etwa für indische Textilwaren komplett gesperrt. Ebenso hat die
Industrialisierung aus dem europäischen Kontinent hinter Zollmauern
stattgefunden. Wir zwingen die Entwicklungsländer zu einer Handelspolitik, die
ihnen selbst schadet und die die Industrieländer in ihrer eigenen Geschichte nie
begangen haben. Freihandel mit Ländern ohne wettbewerbsfähige Industrien
bedeutet für diese immer mehr Armut und Elend.

Die Welt: In Südostasiaten wurden Hunderte Millionen Menschen durch die


Einbindung in globale Märkte aus der Armut geholt.

Wagenknecht: Nein. China oder auch Südkorea haben sich erst geöffnet, als sie
konkurrenzfähig waren. Vorher haben sie das Gegenteil von dem getan, was der
Neoliberalismus als sinnvoll erachtet: Protektionismus, Staatsinterventionismus,
Kreditsteuerung, Kapitalkontrollen. Auf der anderen Seite haben die Afrikaner
alles befolgt, was die Neoliberalen lehren. Sie haben Märkte geöffnet und Zölle
beseitigt, den Kapitalverkehr dereguliert - das Ergebnis ist wirtschaftliches
Dahinsiechen. Wenn die neoklassische Schule recht hätte, müsste heute Afrika
prosperieren und Südostasien am Boden liegen.

Die Welt: Wollen sie die Globalisierung der Wirtschaft zurückdrehen?

Wagenknecht: Zwischen Ländern mit ähnlichem Entwicklungsstand ist der freie


Warenverkehr, also Handel ohne Zollschranken, sinnvoll. Zwischen ungleichen
Staaten ist er es nicht. Alle erfolgreichen Schwellenländer haben ihre
Wirtschaft zuerst abgeschottet und sich erst dann für Freihandel geöffnet, wenn
sie konkurrenzfähige Industrien aufgebaut hatten. In Afrika bekommen sie heute
im Supermarkt Agrarprodukte aus Europa, während die eigenen Betriebe keine
Abnehmer finden.

Junge Leute bekommen keinen Job und gehen nach Europa, um in der Landwirtschaft
zu arbeiten, woraus sich eine Lose-lose-Situation ergibt: Es nutzt nicht den
Herkunftsländern, weil sie ihre leistungsfähigen Leute verlieren. Es nutzt nicht
den europäischen Arbeitnehmern, weil ihre Löhne unter Druck geraten. Das Ganze
nutzt einzig und allein den großen Agrarkonzernen, die dadurch über viele
billige Arbeitnehmer und große Absatzmärkte verfügen.

Die Welt: Aber deutsche Unternehmen können doch Menschen aus Ländern mit hoher
Arbeitslosigkeit gut gebrauchen ...

Wagenknecht: Aus- und Einwanderung hat es in bestimmten Grenzen immer gegeben,


aber die Fachkräftedebatte halte ich für verlogen. 2,2 Millionen Fachkräfte,
also Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung, haben in Deutschland aktuell
nur einen Minijob, sind also faktisch arbeitslos. Besonders absurd ist die
Situation bei den Ärzten. Wir halten mit einem extrem strengen Numerus Clausus
Interessenten vom Medizinstudium ab und somit die Ärzteanzahl künstlich niedrig.

Auf der anderen Seite holen wir Mediziner aus anderen Ländern zu uns, obwohl sie
in ihrer Heimat dringender gebraucht werden. Auch innerhalb der EU erleben wir
einen Braindrain etwa aus Portugal und Spanien nach Deutschland. Für den
Einzelnen ist das sinnvoll, ich würde auch ein Land verlassen, in dem ich keine
Perspektive habe. Aber für die Länder bedeutet das, dass ihre Krise sich
verschärft, statt überwunden werden zu können.

UPDATE: 22. März 2016

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Mittwoch 23. März 2016 12:58 AM GMT+1

Terrorattacken;
Das Minutenprotokoll zu den Anschlägen von Brüssel

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1102 Wörter

HIGHLIGHT: Bei Terroranschlägen in Brüssel wurden am Dienstag mindestens 34


Menschen getötet und weit mehr als 200 verletzt. Ab acht Uhr überschlugen sich
die Ereignisse in der belgischen Hauptstadt.

Im Liveticker: Alle wichtigen Informationen zu den Ereignissen in Brüssel.

Gegen 08 Uhr : In der Abflughalle des Brüsseler Flughafens Zaventem gibt es kurz
hintereinander zwei Explosionen.

08 Uhr 25: Nach den Explosionen wird der Zugverkehr zum Flughafen Zaventem
unterbrochen.

08 Uhr 50: Alle Flüge von und nach Brüssel werden umgeleitet, berichtet der
belgische Sender La Première.

Gegen 09 Uhr 15: In der zentralen Metro-Station Maelbeek gibt es eine weitere
Explosion. Wenige Minuten später werden alle Metrostationen in Brüssel
geschlossen.

09 Uhr 23: Belgien hebt die Terrorwarnstufe aufs höchste Niveau.

09 Uhr 57: Der belgische Sender RTBF berichtet über zehn Tote am Flughafen,
Minuten später werden schon 13 Todesopfer gemeldet.

10 Uhr 08: Erste Berichte über einen Selbstmordattentäter kursieren, zunächst


nicht von der Polizei bestätigt. Wenig später gehen die Sicherheitsbehörden von
Terrorschlägen aus.

10 Uhr 37: Das belgische Krisenzentrum ruft die Bürger auf, zu Hause oder am
Arbeitsplatz zu bleiben.

14 Uhr 35: Bürgermeister Mayeur informiert über 20 Tote in der Metro

11 Uhr 08: In Brüssel werden sämtliche Bahnhöfe gesperrt. Minuten später stellt
die Deutsche Bahn den Zugverkehr nach Aachen ein. Der Hochgeschwindigkeitszug
Thalys stoppt seine Fahrten über Belgien.

11 Uhr 48: Die belgische Bundesanwaltschaft erklärt, es sei noch zu früh, um


eine genaue Zahl der Opfer zu nennen.

11 Uhr 49: Medien zitieren den belgischen Premier Charles Michel, dass es sich
um Terroranschläge handelt.

12 Uhr 06: Anhänger der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) begrüßen die
Anschläge von Brüssel in den Internet-Netzwerken. "Der IS wird Euch zwingen,
Tausende von Malen zu überlegen, bevor ihr wieder Muslime tötet, denn Muslime
wissen nun, dass es einen Staat gibt, der sie verteidigt", schreibt ein
IS-Anhänger im Nachrichtendienst Twitter.

12 Uhr 15: Elf Tote und 81 Verletzte am Airport sind die Zwischenbilanz, die
Gesundheitsministerin Maggie De Block nennt.

12 Uhr 33: "Ich würde unsere Grenzen zumachen", sagt der republikanische
US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump dem Sender Fox News auf die Frage nach
seiner Reaktion auf die Anschläge von Brüssel.

12 Uhr 47: Laut belgischer Nachrichtenagentur Belga ist eine Kalaschnikow am


Flughafen in der Abflughalle entdeckt worden.

14 Uhr 00: Die Polizei findet am Brüsseler Flughafen einen Sprengstoffgürtel,


der nicht gezündet wurde.

14 Uhr 09: Das Atomkraftwerk Tihange in der Nähe von Lüttich wird teilevakuiert.

14 Uhr 25: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat nach den Anschlägen
von Brüssel einen gemeinsamen internationalen Kampf gegen jede Form von
Terrorismus gefordert. Die Terrorakte in Belgien zeigten, dass es keinen
Unterschied mache, ob kurdische Extremisten in Ankara Anschläge verübten oder
andere Täter dies in Brüssel täten.

14 Uhr 35: Mindestens 20 Menschen sind beim Anschlag in der Metro-Station ums
Leben gekommen, sagt Bürgermeister Yvan Mayeur, 14 weitere bei dem
Selbstmordattentat am Flughafen.

15 Uhr 00: Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini zieht Parallelen zwischen


den Anschlägen von Brüssel und dem menschlichen Leid in Syrien und der
benachbarten Region. Im jordanischen Amman sagte sie: "Das ist ein sehr
trauriger Tag für Europa, und seine Hauptstadt muss nun das gleiche Leid
erdulden, das diese Region hier Tag für Tag erlebt, von dem Syrien heimgesucht
wird und andere Gebiete".
15 Uhr 15: US-Verteidigungsminister Ashton Carter versichert, kein Anschlag
könne die Entschlossenheit der USA und ihrer Alliierten erschüttern, die
Extremisten-Miliz Islamischer Staat zu besiegen. Zugleich sagt Carter den
europäischen Verbündeten Unterstützung im Kampf gegen den Terror zu.

15 Uhr 26: US-Präsident Barack Obama verurteilt die Anschläge von Havanna aus.

15 Uhr 38: Bundesinnenminister Thomas de Maiziere ordnet für Mittwoch bundesweit


Trauerbeflaggung an allen Behörden und Ämtern an, die in der Verantwortung des
Bundes stehen. Dies geschehe als Zeichen der Anteilnahme und Solidarität
gegenüber dem belgischen Volk nach den Anschlägen von Brüssel.

16 Uhr 37: Der IS bekennt sich zu den Anschlägen

16 Uhr 04: Die Polizei stellt die Suche nach Waffen und möglichen Verdächtigen
am Airport ein, berichtet Belga. Durchsuchungen an mehreren Orten in der Stadt
halten unvermindert an.

16 Uhr 35: Belgische Medien haben das Bild einer Sicherheitskamera vom Brüsseler
Flughafen veröffentlicht, auf dem Verdächtige für das Bombenattentat am Airport
zu sehen sind. Das Bild zeigt drei junge Männer mit dunklen Haaren, die
Gepäckwagen schieben. Ihre Identität ist noch unklar.

16.36 Uhr: Die EU-Staats- und Regierungschefs veröffentlichen eine gemeinsame


Erklärung zu den Bombenanschlägen von Brüssel. Darin heißt es, die Anschläge
verstärkten noch die Entschlossenheit, mit der man die europäischen Werte
verteidigen werde.

16 Uhr 37: Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bekennt sich zu den
Anschlägen - laut Nachrichtenagentur Amaq, die dem IS nahesteht. Knapp zwei
Stunden später übernimmt die Terrormiliz in einer Interneterklärung selbst die
Verantwortung.

16 Uhr 55: UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilt die Anschläge.

17 Uhr 29: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagt Belgien volle Unterstützung bei
der Suche nach den Attentätern zu. Zuvor hatte Bundespräsident Joachim Gauck auf
seiner China-Reise betont, Deutschland teile die Trauer und stehe an der Seite
seines Nachbarn.

17.15 Uhr: Sicherheitskräfte haben nach Angaben des Provinzgouverneurs von


Brabant Flandern eine dritte Bombe in Brüssel gefunden und unschädlich gemacht.

18 Uhr 20: Die belgische Polizei fahndet via Twitter-Foto nach einem Mann in
weißer Jacke, der einen Flughafen-Gepäckwagen schiebt, auf dem eine große
schwarze Tasche steht.

18 Uhr 47: Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw zufolge gehen die Ermittler von zwei
Selbstmordattentätern am Airport aus.

19 Uhr 01: Belgiens Regierungschef Charles Michel ruft seine Landsleute zur
Einigkeit auf. Er werde kämpfen, um die demokratischen Werte zu verteidigen,
sagt Michel vor Journalisten.

19 Uhr 16: Bei Hausdurchsuchungen in der Gemeinde Schaerbeek werden laut


Staatsanwaltschaft eine IS-Flagge, ein Sprengsatz und chemische Substanzen
gefunden.

19 Uhr 17: Der belgische König Phillippe ruft die Nation in einer
Fernsehansprache auf, mit "Entschlossenheit, Ruhe und Würde" auf den Terror zu
reagieren.

22 Uhr 43: Bundesinnenminister Thomas de Maiziere schließt eine Verbindung


zwischen den Anschlägen von Paris und Brüssel nicht aus. Vielleicht handle es
sich um die gleichen Netzwerke, möglicherweise sei auch der Sprengstoff in
ähnlicher Weise gefertigt worden, sagt er in den "ARD-Tagesthemen".

UPDATE: 23. März 2016

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Mittwoch 23. März 2016 8:47 AM GMT+1

Anschläge in Brüssel;
Großfahndung nach flüchtigem Terror-Verdächtigen

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1221 Wörter

HIGHLIGHT: Ein Attentäter von Brüssel konnte am Flughafen offenbar entkommen.


Die Sicherheitsbehörden fahnden mit Spezialeinheiten. Die EU plant ein
Sondertreffen und erwägt zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen.

Nach den Anschlägen in der belgischen Hauptstadt Brüssel fahndet die Polizei
fieberhaft nach einem flüchtigen Terrorverdächtigen und möglichen Hintermännern.
Spezialeinheiten durchsuchten bis zum frühen Mittwochmorgen Gebäude in der
Brüsseler Gemeinde Schaerbeek. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden in
einer Wohnung eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sowie ein
Sprengsatz mit Nägeln und chemische Substanzen gefunden.

Der IS hatte sich zuvor zu den Anschlägen auf den Flughafen und eine
U-Bahn-Station bekannt. Dabei waren am Dienstag mindestens 34 Menschen getötet
und etwa 230 weitere verletzt worden.

Das Minutenprotokoll zu den Anschlägen von Brüssel

Auf die Spur nach Schaerbeek führte die Ermittler einem Medienbericht zufolge
ein Taxifahrer. Der Mann habe dort drei Männer von einer Wohnung abgeholt und
zum Flughafen gefahren, berichtete der Sender VRT. Dabei sei ihm aufgefallen,
dass die Fahrgäste sich nicht mit dem Gepäck helfen lassen wollten.

Überwachungskameras nahmen die Attentäter auf

Die Polizei veröffentlichte ein Bild einer Flughafen-Überwachungskamera, das


drei Männer zeigt. Zwei von ihnen sprengten sich nach Angaben von Innenminister
Jan Jambon als Selbstmordattentäter in die Luft. Die Bombe des dritten Mannes
explodierte jedoch nicht. Nach ihm werde gefahndet, sagte Jambon dem US-Sender
CNN. Er wurde einem Regierungsvertreter zufolge dabei beobachtet, wie er aus dem
Flughafengebäude rannte. Er trug keine Handschuhe. Später machte die Polizei im
Flughafengebäude einen dritten Sprengsatz unschädlich, der zuvor nicht detoniert
war und offenbar von dem Verdächtigen deponiert worden war.

Örtlichen Behörden zufolge zeigen Bilder der Videoüberwachung auch, wie er einen
Gepäckwagen in der Ankunftshalle plötzlich stehen lässt und wegläuft. Das Trio
hatte sich demnach kurz nach der Ankunft am Flughafen getrennt und in der
Abflughalle verteilt. Unklar blieb, ob der Anschlag in der U-Bahn-Station
Maelbeek ebenfalls ein Selbstmordattentat war oder ob eine dort deponierte Bombe
explodierte.

IS droht mit weiteren Anschlägen

Der IS erklärte, die "Kreuzritter-Allianz" werde wegen "ihrer Aggressionen"


gegen den IS "schwarze Tage" erleben. Belgien beteiligt sich mit Kampfjets an
Einsätzen gegen den IS, der in Syrien und im Irak große Landesteile
kontrolliert. Brüssel ist Sitz der EU und des Nato-Hauptquartiers. US-Präsident
Barack Obama sagte dem Sender ESPN, die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition
werde ihren Einsatz gegen die Miliz fortsetzen.

Gleichzeitig drohte der sogenannte Islamische Staat weiteren am Anti-IS-Kampf


beteiligten Ländern mit Angriffen. Die Terrormiliz schrieb in einer
aktualisierten Verlautbarung, den gegen sie kämpfenden Nationen drohten "dunkle
Tage". "Was kommt, ist schlimmer und bitterer", hieß es.

Ab Donnerstag wieder Flugverkehr

Der belgische Ministerpräsident Charles Michel sagte, die Sicherheitskräfte


wappneten sich gegen weitere Bluttaten. Am Abend fuhren laut Nachrichtenagentur
Belga Militärfahrzeuge mit schwerbewaffneten Soldaten am Flughafen vor, um das
Areal zu sichern. Der Flugverkehr soll frühestens am Donnerstag wieder
aufgenommen werden können.

In Schaerbeek hob die Polizei am frühen Mittwochmorgen eine Sicherheitszone auf,


die für die Durchsuchungen eingerichtet worden war. Anwohner konnten in ihre
Häuser und Wohnungen zurückkehren.

In ganz Europa herrscht seit den Anschlägen Terrorangst, vielerorts wurden die
Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Die US-Regierung warnt ihre Bürger
angesichts der jüngsten Anschläge vor Gefahren bei Reisen nach Europa. Mögliche
Ziele von Attentätern seien etwa Touristenattraktionen oder
Sportveranstaltungen.

Belgien rief die höchste Alarmstufe aus, mobilisierte Soldaten sowie zusätzliche
Polizisten. Die belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel wurden aus
Sicherheitsgründen größtenteils evakuiert. Auch Deutschland und viele andere
Staaten verschärften Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen und Bahnhöfen.

De Maizière fordert besseren Informationsaustausch in Europa


Eine eindeutige Verbindung zu den Terroranschlägen vom 13. November in der
französischen Hauptstadt konnten die Ermittler zunächst nicht herstellen, wie
Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw erklärte. Erst am Freitag war in der Brüsseler
Gemeinde Molenbeek Salah Abdeslam festgenommen worden. Dieser soll an der
Pariser Anschlagsserie mit 130 Toten maßgeblich beteiligt gewesen sein. Ob die
Brüsseler Anschläge ein Racheakt für seine Festnahme waren, ist unklar.
Sicherheitsexperten erklärten allerdings, derartige Anschläge bedürften einer
längeren Vorbereitung.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière geht davon aus, dass das Länderspiel der
deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen England am Samstag in Berlin
gleichwohl stattfinden kann. "Wir haben keine Hinweise auf eine
Sicherheitsgefährdung, und wir wollen - wenn es irgendwie geht - unser
freiheitliches Leben nicht durch den Terror beeinflussen lassen", sagte er dem
"RTL Nachtjournal".

De Maizière forderte erneut einen besseren Austausch sicherheitsrelevanter Daten


in Europa. Es gebe immer noch "getrennte Datentöpfe der Ausländerbehörden, der
Visa-Behörden, der Polizeibehörden, der Nachrichtendienste", sagte der
CDU-Politiker in einem ZDF-"Spezial". Diese müssten besser miteinander verknüpft
werden. "Es kann nicht sein, dass Datensilos Vorbeugung verhindern."

EU kommt zusammen und erwägt zusätzliche Maßnahmen

Zu den Terroranschlägen von Brüssel soll es in Kürze ein Sondertreffen der für
innere Sicherheit zuständigen EU-Minister geben. Wie die niederländische
EU-Ratspräsidentschaft mitteilte, könnte es bereits an diesem Donnerstag
organisiert werden. Belgien habe um ein Treffen gebeten, erklärte der für
Sicherheit und Justiz zuständige niederländische Minister Ard van der Steur. Ein
ähnliches Sondertreffen hatte es nach den Anschlägen von Paris im vergangenen
November gegeben.

Als Reaktion auf die Anschläge erwägt die EU-Kommission nach Informationen der
"Welt" die Einführung von Sicherheitskontrollen, die bereits vor Eintritt in das
Flughafengebäude stattfinden sollen. "Das macht Sinn, weil dann alle Besucher
von Flughäfen schon vor Betreten der Terminals überprüft würden", hieß es in
hohen Kommissionskreisen. Anders als Flughäfen seien allerdings U-Bahnen
deutlich schwerer zu schützen. "Ein Nullrisiko in U-Bahnen ist unmöglich", hieß
es.

Staatstrauer und europaweite Solidarität

In Gedenken an die Opfer rief die Regierung eine dreitägige Staatstrauer aus. In
der Brüsseler Innenstadt legten Menschen am Abend Blumen nieder und stellten
Kerzen auf. Die Brüsseler Regionalregierung rief zu einer Schweigeminute am
Mittwochmittag auf.

Aus Solidarität mit den Opfern wurden zudem am Abend Wahrzeichen europäischer
Hauptstädte in den Nationalfarben Belgiens angeleuchtet, darunter das
Brandenburger Tor in Berlin und der Pariser Eiffelturm.

Der Zugverkehr soll sich am Mittwoch wieder normalisieren. Die


Thalys-Hochgeschwindigkeitszüge sollen dann ihre Fahrten wieder aufnehmen. Sie
fahren unter anderem von Nordrhein-Westfalen über Brüssel nach Paris. Auch die
Deutsche Bahn will ihre ICE von Frankfurt nach Brüssel und zurück ab Mittwoch
wieder regulär einsetzen. Die Eurostar-Züge zwischen London und Brüssel sollen
am Mittwoch ebenfalls zum normalen Verkehr zurückkehren.

Im Liveticker: Alle wichtigen Informationen zu den Ereignissen in Brüssel.


UPDATE: 23. März 2016

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Mittwoch 23. März 2016 11:34 AM GMT+1

Mutmaßlicher Attentäter;
Das wissen wir über Najim Laachraoui

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 399 Wörter

HIGHLIGHT: Der zur Fahndung ausgeschriebene mutmaßliche Attentäter Laachraoui


ist einem Bericht zufolge in Brüssel gefasst worden. Er wurde schon länger
gesucht und hatte Kontakt zum Paris-Attentäter Abdeslam.

Der nach den Bombenanschlägen im Brüsseler Flughafen zur Fahndung


ausgeschriebene Najim Laachraoui ist einem Zeitungsbericht zufolge am Mittwoch
in der belgischen Hauptstadt gefasst worden. Er soll einer der drei Männer sein,
die auf einem Überwachungsvideo des Flughafens zu sehen sind. Die zwei anderen
kamen offenbar bei den Selbstmordanschlägen ums Leben.

Nach einem Bericht der Zeitung "DH" wurde Laachraoui schon länger gesucht.
Belgische Medien berichten, er könnte auch der Drahtzieher der Anschläge von
Paris sein. Er war erst vor kurzem identifiziert und zur Fahndung ausgeschrieben
worden. Bis dato hatte ihn die Polizei unter einem falschen Namen gesucht.

Im Liveticker: Alle wichtigen Informationen zu den Anschlägen in Brüssel

Kurz vor der Identifizierung von Laachraoui hatten Anti-Terror-Ermittler am


Dienstag vergangener Woche bei einer Hausdurchsuchung in der Brüsseler Gemeinde
Forest Bombenzünder, Munition und eine Kalaschnikow sichergestellt.

Bei der Razzia war aus der Wohnung heraus auf Polizisten geschossen worden. Bei
dem anschließenden Zugriff töteten Scharfschützen einen Verdächtigen, zwei
andere konnten fliehen. Einer von ihnen soll der mutmaßliche Paris-Terrorist
Salah Abdeslam gewesen sein. Er wurde dann am Freitag bei einem Großeinsatz der
Polizei in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek festgenommen.
Bei der Kontrolle zeigte er gefälschten Ausweis

Laachraoui, der am Institut de la Sainte-Famille d'helmet an einer katholischen


Hochschule in Schaerbeek (Brüssel) Elektrotechnik studiert hatte (Abschluss
2012), war gut zwei Monate vor den Pariser Anschlägen mit Abdeslam in Ungarn.
Bei einer Kontrolle auf dem Weg nach Österreich nutzte er nach Angaben der
Staatsanwaltschaft in Brüssel einen gefälschten belgischen Personalausweis auf
den Namen Soufiane Kayal.

Öffentlich gesucht wird der Mann schon seit Anfang Dezember, erst nach Abdeslams
Festnahme wurde aber seine wahre Identität bekannt. Nach Angaben der Behörden
war Laachraoui Anfang 2013 nach Syrien gereist. Seine DNA wurde in einem Haus
und einer Wohnung in Belgien gefunden, die von der Terrorgruppe genutzt wurden.

Nach französischen Medienberichten sollen seine DNA-Spuren zudem auf


Bombenmaterial gefunden worden sein, das die Terroristen in Paris nutzten. Zudem
haben die Ermittler ihn demnach im Verdacht, am Abend der Pariser Anschläge von
Belgien aus mit den Terroristen Kontakt gehalten zu haben.

UPDATE: 23. März 2016

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Mittwoch 23. März 2016 11:54 AM GMT+1

Anschläge in Brüssel;
Zeitung meldet Festnahme des flüchtigen Attentäters

AUTOR: Naemi Goldapp

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 321 Wörter

HIGHLIGHT: Der nach den Bombenanschlägen im Brüsseler Flughafen zur Fahndung


ausgeschriebene Najim Laachraoui ist einem Bericht zufolge in der belgischen
Hauptstadt gefasst worden. Mehr im Ticker.

"APP-USER BITTE HIER ANTIPPEN, UM ZUM TICKER ZU GELANGEN"

Bei den Ermittlungen zu den Anschlägen von Brüssel ist nach Angaben belgischer
Medien ein Hauptverdächtiger festgenommen worden. Najim Laachraoui sei im
südwestlichen Brüsseler Bezirk Anderlecht gefasst worden, berichteten am
Mittwoch mehrere Zeitungen und Rundfunksender übereinstimmend unter Berufung auf
Polizeikreise. Es handelt sich demnach um einen der drei Männer, nach denen mit
Fahndungsbildern vom Flughafen gesucht wurde.

Nach Angaben der Zeitung "La Derniere Heure" und dem Sender RTL handelt es sich
bei Najim Laachraoui um den "dritten Mann" auf einem veröffentlichten Foto, das
ihn mit einem Hut und heller Jacke neben zwei mutmaßlichen Selbstmordattentätern
zeigt. Die Staatsanwaltschaft kündigte für 13 Uhr eine Pressekonferenz an.

Der 24-jährige Laachraoui wird auch verdächtigt, an den Anschlägen von Paris im
November beteiligt gewesen zu sein. Seine DNA-Spuren wurden laut französischen
Ermittlern auf Sprengstoff entdeckt, der an mehreren Stellen in Paris verwendet
wurde.

Nach Laachraoui wird seit Anfang Dezember gefahndet. Er soll 2013 nach Syrien
gereist sein und wurde im September vergangenen Jahres unter falscher Identität
an der österreichisch-ungarischen Grenze zusammen mit Salah Abdeslam und Mohamed
Belkaid kontrolliert, die beide als Verdächtige der Pariser Anschläge gelten.

Abdeslam wurde am Freitag in Brüssel gefasst. Am Abend der Anschläge in Paris am


13. November soll er die Angreifer am Stade de France zu dem Fußballstadion
gefahren haben. Ein im Pariser Vorort Montrouge gefundener Sprengstoffgürtel
gehörte möglicherweise ihm.

Belkaid wurde kurz vor Abdeslams Verhaftung bei einer Razzia im Brüsseler Vorort
Forest getötet. Der 35-jährige Algerier war womöglich an der Planung der Pariser
Anschläge beteiligt und stand vermutlich mit den Attentätern am Abend des 13.
November telefonisch in Kontakt.

Das sind die Bilder vom Flughafen

UPDATE: 23. März 2016

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Donnerstag 24. März 2016 9:32 AM GMT+1

Kampf gegen Terror;


Frankreichs Geheimdienste sehen für 2016 schwarz

AUTOR: Martina Meister, Paris


RUBRIK: POLITIK; Mit Audio Kommentar

LÄNGE: 718 Wörter

HIGHLIGHT: Nach den Anschlägen in Brüssel sprechen auch in Frankreich


Geheimdienstler von totaler Überforderung der Antiterrorkämpfer. Experten
rechnen für den Rest des Jahres 2016 mit einem Horrorszenario.

Sind die französischen Geheimdienste mit der Terrorbedrohung total überfordert?


Ja, sagen hohe französische Sicherheitsbeamte, die lieber anonym bleiben wollen.
"Es vergeht keine Woche, ohne dass wir einen oder mehrere Hinweise darauf
erhalten, dass ein Attentat in Frankreich unmittelbar bevorsteht." Mit diesen
Worten zitiert die Tageszeitung "Libération" eine "hoch platzierte"
Polizeiquelle. Der Mann fügt hinzu, der Ansturm von Informationen sei so groß,
dass er sich abends bei dem Gedanken erwische: "Uff, heute ist es gerade noch
mal gut gegangen."

Auch die Nachrichtenagentur AFP zitiert anonym einen hohen Verantwortlichen des
Antiterrorkampfes mit den Worten: "2015 war schwierig. Ich fürchte, 2016 wird
schrecklich werden." Während des Gesprächs laufen auf dem Fernsehbildschirm im
Büro des anonym zitierten Sicherheitsmannes die Endlosschleifen der Bilder aus
Brüssel: der rauchende Metrotunnel, die Explosion am Flughafen, das Entsetzen in
den Gesichtern der Menschen. "Je mehr der IS (Islamischer Staat) Boden in Syrien
verliert, je stärker wird er sich exportieren. Genau das ist auch mit al-Qaida
passiert", so die Schlussfolgerung des Antiterrorspezialisten.

Die französische Koordinationsstelle des Antiterrorkampfes (Uclat) fürchtete in


den vergangenen Wochen vor allem ein Horrorszenario: den Angriff auf einen
Kindergarten oder eine Grundschule. Solche Hinweise hätten sich in letzter Zeit
auf den Twitter-Konten von Dschihadisten gehäuft. Allerdings wisse man auch in
diesem Fall nicht, ob es sich um ernst zu nehmende Warnungen oder den Versuch
handele, die Sicherheitskräfte zu verwirren.

Schon vor einigen Wochen hatte "Libération" die "totale Überforderung" der
französischen Antiterrorzellen festgestellt und einen hochgradigen Beamten
zitiert: "Wir waren noch nie zuvor mit einem vielgestaltigen Phänomen dieses
Typus konfrontiert. Seit fünf Jahren ist die Palette potenzieller Täter um 150
Prozent angewachsen. Sie geht vom Islamistenveteran bis hin zum lebensmüden
Studenten, der auf der Straße einen Juden mit einem Hackebeil anfällt. Wir
schaffen es nicht mehr, die Masse der Informationen, die uns zugespielt wird, zu
interpretieren. Und nicht nur uns geht es so. Einige von unseren Nachbarn, die
Belgier beispielsweise, befinden sich in derselben Lage."

Seit den Pariser Attentaten vom 13. November waren belgische Politiker,
Ermittler und Einsatzkräfte immer wieder Zielscheibe scharfer Kritik von
französischer Seite geworden. Frankreichs Finanzminister Michel Sapin antwortete
am Dienstag dem Fernsehsender LCI auf die Frage, wie sich eine islamistische
Hochburg in Molenbeek entwickeln konnte, dass er nicht "ganz Belgien" an den
Pranger stellen wolle. Bei "einigen Politikern", die es besonders gut haben
machen wollen mit der Integration von Muslimen, sei "vielleicht eine Form von
Naivität" im Spiel gewesen. Der ehemalige Richter und konservative Abgeordnete
Alain Marsaud war am Samstag, einen Tag nach der Verhaftung von Salah Abdeslam,
dem einzigen der Attentäter von Paris, der überlebt hatte, noch weiter mit
seiner Kritik an den Belgiern gegangen: "Entweder sie sind unfähig oder sie sind
dumm", sagte Marsaud. Seine Analyse gipfelte in dem Vorwurf: "Die Naivität der
Belgier hat uns 130 Menschenleben gekostet".
Bis zu den Attentaten in Brüssel mag das eine einfache und psychologisch
nachvollziehbare Strategie gewesen sein, angesichts des Unfassbaren, einen
Sündenbock ausmachen zu wollen. Inzwischen stimmt aber sogar Frankreichs
Premierminister Manuel Valls selbstkritische Töne an. Nicht nur in Belgien,
überall in Europa und in Frankreich habe man die Augen angesichts
"extremistischen Gedankenguts von Salafisten" verschlossen, sagte Valls am
Mittwochmorgen dem Radiosender Europe 1. Und überall habe die Mischung aus
"Drogenhandel und radikalem Islamismus einen Teil der Jugend pervertiert".
Konfrontiert mit den Äußerungen seines Arbeitsministers Sapin sagte Valls:
"Meine Aufgabe ist es nicht, den Belgiern Lektionen zu erteilen. Wir haben
ebenfalls Bezirke in Frankreich, die unter dem Einfluss von Drogendealern und
Salafisten stehen." Schon im Sommer hatte Valls die Karten auf den Tisch gelegt:
Die Frage sei nicht, ob ein weiteres Attentat stattfinde, sondern wann. Ein
Eingeständnis der Machtlosigkeit, das bis heute nichts an Aktualität eingebüßt
hat.

UPDATE: 25. März 2016

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Freitag 25. März 2016 9:10 AM GMT+1

Terrorgefahr;
Union befürchtet Islamisten-Gettos in Deutschland

AUTOR: Marcel Leubecher und Johannes Wiedemann

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 567 Wörter

HIGHLIGHT: Sorge vor einem deutschen Molenbeek: Die Union warnt nach den
Islamisten-Anschlägen in Brüssel vor "Gettobildungen". Wenn Muslime sich
radikalisieren, seien vor allem Familie und Freunde gefragt.

Die Unionsfraktion im Bundestag warnt nach den Terroranschlägen in Brüssel vor


islamistischen "Gettobildungen" in deutschen Großstädten. In solchen Gettos
"können Radikalisierungen durch persönliche Kontakte stattfinden", sagte der
innenpolitische Sprecher der Fraktion, Stephan Mayer (CSU). "Die aktuellen
Ereignisse im Brüsseler Ortsteil Molenbeek zeigen diese Gefahr sehr deutlich."
Die Brüsseler Gemeinde Molenbeek ist als Islamistenhochburg bekannt. Dort war in
der vergangenen Woche Salah Abdeslam gefasst worden; der Terrorist der Miliz
Islamischer Staat (IS) wird für die Pariser Anschläge vom 13. November 2015 mit
130 Mordopfern mit verantwortlich gemacht.

In der belgischen Hauptstadt hatten Islamisten am Dienstag mit Anschlägen am


Flughafen und in der U-Bahn-Station Maelbeek im Europaviertel mindestens 31
Menschen ermordet und rund 300 verletzt. Auch zu diesen Bluttaten bekannte sich
der IS. Abdeslam stand laut den bisherigen Ermittlungen in Kontakt zu
Mitgliedern der Terrorzelle, die die Brüsseler Anschläge verübte.

Mit Blick auf die Lage in Deutschland forderte Mayer, dass das "unmittelbare
soziale Umfeld" - etwa Familie, Freunde, Mitschüler und Kollegen - nicht
wegsehen dürfe, "wenn sich Muslime radikalisieren". Sollten eigene Versuche der
Einflussnahme keinen Erfolg haben, "ist den Personen aus dem persönlichen Umfeld
dringend zu raten, mit den Organisationen zusammenzuarbeiten, die professionell
das Ziel verfolgen, Radikalisierungstendenzen entgegenzutreten". Der
CSU-Politiker betonte, dass "frühzeitiges Handeln" einsetzen müsse, "bevor
Sicherheitsbehörden eingreifen".

Nach den Anschlägen in Brüssel hatte sich auch Bundesjustizminister Heiko Maas
(SPD) besorgt über Parallelgesellschaften als Nährboden für Terrorismus
geäußert. "Solche Stadtteile wie Molenbeek sollten möglichst erst gar nicht
entstehen."

Die Politik müsse präventiv vor allem auf junge Menschen einwirken, die drohten
abzurutschen und sich zu radikalisieren. "Die verrückte Ideologie von
islamistischen Terroristen darf für niemanden attraktiver sein als das Angebot
unserer freien und demokratischen europäischen Gesellschaft", sagte Maas.

Vor allem Stadtstaaten haben ein Islamisten-Problem

Nach Recherchen der "Welt am Sonntag" haben vor allem die Stadtstaaten Berlin,
Bremen und Hamburg ein Problem mit islamistischen Gefährdern. Diese Gruppe
bezeichnet besonders gefährliche Fanatiker, denen eine erhebliche Straftat
zugetraut wird. Die Bundesländer rechneten Ende Dezember 447 Personen dieser
Gruppe zu. Ihre Zahl war zuletzt stark gestiegen.

Viele der Gefährder, die in Deutschland gemeldet sind, halten sich nach
Informationen der Sicherheitsbehörden in Syrien oder im Irak auf. Terrorexperten
fürchten besonders durch Rückkehrer aus den vom IS kontrollierten Gebieten
Anschläge.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) hatte im Interview mit der "Welt" die
Situation in der Bundeshauptstadt als nicht vergleichbar mit der in Brüssel
beschrieben. "Solche Islamistenhochburgen wie Molenbeek haben wir bei uns nicht.
Dass es ganze Wohnviertel gibt, die von Islamisten dominiert werden und als
Brutstätte für den Terror dienen, ist hier nicht der Fall." Es gebe allerdings
"bekannte Treffs und Moscheevereine", in denen die Islamistenszene
zusammenkomme.

Nach Henkels Angaben gehören der Berliner Salafistenszene mehr als 700 Personen
an. Etwa 360 von ihnen würden dem "gewaltorientierten Teil" zugerechnet.

UPDATE: 25. März 2016

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Freitag 25. März 2016 9:41 AM GMT+1

Großbritannien;
Brüssels Bomben geben Brexit-Befürwortern Aufwind

AUTOR: Stefanie Bolzen, London

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 921 Wörter

HIGHLIGHT: Die jüngsten Terrorattacken in Brüssel beflügeln die Briten, die


einen Ausstieg aus der EU fordern. Sie glauben, Großbritannien sei auf sich
allein gestellt sicherer vor Terroristen.

Donald Trump analysiert im Rennen um die US-Präsidentschaft nicht nur den


aktuellen Zustand Europas in knappen, vernichtenden Sätzen. Er sagt auch die
Zukunft der Europäischen Union voraus, und die wird nach Meinung des
Republikaners eine ohne Großbritannien sein.

"Angesichts des Wahnsinns, der bei der Einwanderung passiert, mit den überall
hereinströmenden Menschen, glaube ich, dass die Briten sich von der EU trennen
werden", prophezeite Trump in einem Interview mit dem britischen Fernsehsender
ITV, das unmittelbar nach den Terroranschlägen in Brüssel am vergangenen
Dienstag aufgezeichnet wurde.

Eine nicht unbedingt vielschichtige Analyse der derzeitigen Lage und doch in
gewissem Maße treffend. Denn Einwanderung und Terrorismus sind zwei der
Topthemen, die am 23. Juni für die Briten den Ausschlag geben, ob sie ihr Kreuz
hinter "Remain" oder "Leave" machen werden. Das Gefühl, durch die offenen
Grenzen der EU Kontrolle über das eigene Territorium verloren zu haben, ist im
Königreich sehr verbreitet - und es damit islamischen Fanatikern leicht zu
machen, ihre Gräueltaten zu planen und so wie in Paris oder Brüssel umzusetzen.

Zwar vergehen bis zum Referendum noch drei Monate, und die Haltbarkeitsdauer im
öffentlichen Bewusstsein ist selbst bei Anschlägen durch den Islamischen Staat
(IS) erstaunlich begrenzt. "Aber das Thema Migration wird von den Leuten mit dem
Terrorismus verbunden. Wenn bis zum Wahltag noch ein oder zwei Ereignisse
dazukommen, die die öffentliche Sicherheit infrage stellen, dann könnte das den
Ausgang des Referendums beeinflussen", sagt Robert Hayward, Mitglied des
Oberhauses für die konservative Partei.
Brüssel, Hauptstadt der Gotteskrieger

Mancher Anhänger eines britischen Ausstiegs aus der EU nutzte die Ereignisse in
Brüssel deshalb unmittelbar für gezielte Botschaften. "Brüssel, Hauptstadt der
EU, ist auch Dschihadisten-Hauptstadt. Und die Pro-Europäer hierzulande wagen es
zu sagen, dass wir in der EU sicherer seien!", erboste sich die
Bestsellerautorin und Kolumnistin Allison Pearson gleich nach den Attentaten,
die mindestens 31 Menschen das Leben gekostet haben.

Pearson erntete im Netz für ihre mangelnde Pietät einen Shitstorm. Der ihr
gleichgesinnte Chef der Anti-EU-Partei Ukip instrumentalisierte den
Brüssel-Terror auf subtilere Weise. Er sei bestürzt über die Anschläge "und noch
besorgter um die Zukunft", schrieb Nigel Farage auf Twitter. Fanatische
Gotteskämpfer, die aus Syrien und vom IS zurückkehrten und sich dank des
Schengen-Systems frei durch die EU bewegen können, "sollten die Leute
alarmieren, dass offene Grenzen für Europas Bürger ein Risiko sind", teilte Ukip
wenig später mit.

Der Schlagabtausch über die Vor- und Nachteile einer EU-Mitgliedschaft für die
öffentliche Sicherheit bestimmt nun wie nach den Anschlägen von Paris am 13.
November 2015 die Brexit-Debatte. Jüngstes Schwergewicht ist Richard Dearlove,
ehemaliger Chef des Auslandsgeheimdienstes MI6. "Die Kosten für die nationale
Sicherheit nach einem Brexit wären gering", schreibt Dearlove in einem
Debattenbeitrag des Magazins "Prospect". Stattdessen brächte der Ausstieg zwei
große Gewinne: endlich die Europäische Menschenrechtskonvention loszuwerden.
"Und, noch wichtiger, größere Kontrolle über die Einwanderung aus der EU zu
bekommen."

Britische Geheimdienste sehen sich gut aufgestellt

Das Argument der Pro-EU-Seite, dass London durch einen Ausstieg den Zugang zu
lebenswichtigen Informationen anderer europäischer Geheimdienste und von Europol
verlöre, lässt Dearlove nicht gelten. Die britischen Geheimdienst- und
Sicherheitsdienste seien die stärksten in Europa, kein EU-Land werde auf die
Zusammenarbeit mit ihnen verzichten wollen. Zudem sei es grundsätzlicher Natur,
dass die Dienste bilateral arbeiten - mit der EU als Ganzes habe echte
Terrorprävention nicht viel zu tun.

Außerdem haben in der Vergangenheit Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs


für Menschenrechte in Großbritannien für erheblichen Unmut gesorgt, durch die
Terrorverdächtige nicht ausgeliefert werden konnten. Bekanntestes Beispiel ist
der islamische Hassprediger Abu Hamza al-Masri, der nach einem Urteil des
Straßburger Tribunals jahrelang nicht an die US-Justiz ausgeliefert werden
konnte. Mit einem Brexit wäre London auch die Verpflichtung zur
Menschenrechtskonvention los.

Die britische Innenministerin Theresa May indessen sprach sich erneut klar für
einen Verbleib in der EU aus und verwies unter anderem auf den Prümer Vertrag,
der den Datenaustausch etwa von Fingerabdrücken und DNA regelt und dem London im
kommenden Jahr beitreten will. Während etwa ein DNA-Abgleich über Interpol 143
Tage dauern könne, seien es mit Prüm nur 15 Minuten. "Das ist eine Initiative
der Europäischen Union", so May.

Großbritannien ist kein Mitglied des Schengen-Raums und führt von jeher eigene
Grenzkontrollen durch. Allerdings ist ein Argument der Ausstiegsbefürworter,
dass Kriminelle und Terroristen, die lange genug in einem EU-Land gelebt und
dort einen Pass bekommen haben, dank der Bewegungsfreiheit für EU-Bürger
problemlos ins Königreich kommen könnten.
Wie sich die jüngsten Terroranschläge in Brüssel auf die öffentliche Meinung
auswirken, darüber gibt es bisher noch keine Umfragen. Doch jüngste Erhebungen
zeigen weiter eine tiefe Spaltung in Sachen Brexit. Laut einer am Mittwoch
veröffentlichten Umfrage sind die Befürworter eines Austritts derzeit leicht in
Führung. Rund 43 Prozent der vom Umfrageinstitut ICM Befragten wollen den
Austritt, nur 41 Prozent sprechen sich für den Verbleib in der EU aus.

UPDATE: 25. März 2016

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Freitag 25. März 2016 12:01 PM GMT+1

Brüsseler Attentate;
Deutsche Polizei verhaftet zwei Terror-Verdächtige

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 302 Wörter

HIGHLIGHT: Die deutsche Polizei hat im Zusammenhang mit den Anschlägen von
Brüssel zwei Männer verhaftet. Einer von beiden machte sich durch zwei SMS am
Tag der Attacken verdächtig. Ein Wort darin lautete "fin".

Nach den Anschlägen in Brüssel hat es nach einem Bericht des Magazins "Spiegel"
Festnahmen auch in Deutschland gegeben. Nach nicht näher bezeichneten
Informationen des "Spiegel" griff die Polizei je einen Mann im Großraum Gießen
und im Raum Düsseldorf auf, bei denen es Verbindungen zu einem der Brüsseler
Attentäter geben soll. Art und Ausmaß dieser Verbindungen wurden demnach noch
untersucht.

Bei dem am Donnerstagnachmittag von einem Spezialeinsatzkommando im Raum


Düsseldorf Festgenommenen handelt es sich dem Bericht zufolge um Samir E., der
dort der salafistischen Szene zugeordnet werde. Er sei ebenso wie der Brüsseler
U-Bahn-Attentäter Khalid El Bakraoui im Sommer 2015 von türkischen Behörden im
Grenzgebiet zu Syrien unter dem Verdacht aufgegriffen worden, für Islamisten
dort kämpfen zu wollen. Beide seien nach Amsterdam abgeschoben worden, von wo
sie in die Türkei aufgebrochen waren.

Eine SMS schrieb er direkt nach El Bakraouis Tod


Ein Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wollte am Freitag nur
bestätigen, dass am Donnerstag ein Mann festgenommen worden sei, gegen den jetzt
unter anderem "wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat"
ermittelt werde.

Bereits am Mittwochabend wurde demnach zudem im Raum Gießen ein Mann


aufgegriffen, der zwei verdächtige SMS vom Tag der Brüsseler Anschläge auf
seinem Telefon gehabt haben soll. Eine davon enthalte den Namen von Khalid El
Bakraoui. Eine weitere Nachricht bestehe nur aus dem französischen Wort "fin"
(deutsch: Ende) und sei gesendet worden drei Minuten bevor sich Bakraoui in die
Luft sprengte.

Bei den Anschlägen auf den Flughafen und die U-Bahn in Brüssel waren am
Dienstagmorgen 31 Menschen getötet und rund 300 verletzt worden. Auch in Brüssel
hatte es am Donnerstagabend in Verbindung damit weitere Festnahmen gegeben.

UPDATE: 25. März 2016

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Freitag 25. März 2016 1:47 PM GMT+1

Osterfeier;
Franziskus wäscht und küsst Flüchtlingen die Füße

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 344 Wörter

HIGHLIGHT: Eine Geste der Verbundenheit: Zum Auftakt der Osterfeiern hat Papst
Franziskus Flüchtlingen die Füße gewaschen - unabhängig von ihrer Konfession. Er
betonte: "Wir sind alle Kinder desselben Gottes."

In einer Asylunterkunft nahe Rom hat Papst Franziskus bei seiner


Gründonnerstagsmesse am Abend das Ritual der Fußwaschung an Flüchtlingen und
Migranten vollzogen. Unter ihnen waren drei Muslime, die nach Vatikanangaben aus
Syrien, Pakistan und Mali stammten, sowie ein Hindu aus Indien.

An der Zeremonie, die an eine Geste Jesu beim letzten Abendmahl erinnert, nahmen
weiter drei koptische Frauen aus Eritrea, vier katholische Nigerianer und eine
italienische katholische Mitarbeiterin der Einrichtung teil.

Einige der Flüchtlinge weinten, als sich Franziskus vor ihnen niederkniete. Er
goss aus einem Messingkrug Wasser über ihre Füße, wischte sie sauber und küsste
sie anschließend.

"Wir alle sind hier versammelt: Muslime, Hindus, Katholiken, Kopten,


evangelische Christen. Wir sind alle Geschwister, Kinder desselben Gottes",
sagte der Papst in seiner frei gehaltenen Predigt. Die Kandidaten für die
Fußwaschung in dem Zentrum in Castelnuovo di Porto nördlich von Rom waren unter
den knapp 900 Bewohnern ausgewählt worden.

Anschläge gleichen dem Verrat von Judas

Franziskus verurteilte bei dem Gottesdienst erneut die Terrorattentate von


Brüssel und machte sich für den Frieden stark. "Wir haben verschiedene Kulturen
und Religionen. Aber wir sind Brüder und wollen in Frieden zusammenleben", sagte
er.

Die Anschläge von Brüssel verglich Franziskus mit dem Verrat des Judas, der
Jesus für 30 Geldstücke seinen Henkern ausgeliefert habe. Auch hinter dem Terror
stünden Profiteure wie Waffenproduzenten und Waffenhändler, "die das Blut wollen
und nicht den Frieden". Diese Kräfte zerstörten die Brüderlichkeit unter den
Menschen.

Die von Herzlichkeit und Emotionen geprägte Messe fand in einem Hof der
Flüchtlingseinrichtung statt. Zum Abschluss nahm sich Franziskus Zeit, nahezu
allen Bewohnern die Hand zu schütteln.

Mit der Gründonnerstagsmesse beginnen die drei österlichen Tage. Stimmungsvoller


Höhepunkt der päpstlichen Zeremonien am Karfreitag ist der traditionelle
Kreuzweg am Kolosseum in Rom. Am Samstagabend leitet Franziskus die
Osternachtsfeier im Petersdom.

UPDATE: 25. März 2016

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Sonntag 27. März 2016 12:05 PM GMT+1

CDU-Politikerin;
Steinbachs verstörende Wutbürgerei auf Twitter

AUTOR: Richard Herzinger


RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1674 Wörter

HIGHLIGHT: Eigentlich ist Erika Steinbach eine Persönlichkeit mit Verdiensten.


Doch die einstige Vertriebenen-Präsidentin verstört mit ihren Äußerungen auf
Twitter. Bereitet sie den Absprung zur AfD vor?

Erika Steinbach twittert unverdrossen weiter. Und zwar täglich, unablässig, bis
in die Osterpause hinein, in der sie der Presse keine Auskunft mehr gibt.
"Wundere mich höchstens, wofür manches Medium und mancher Journalist seine Zeit
aufwendet", vermerkt sie in einem Tweet am Mittwoch spitz, und: "Irgendwie fehlt
es da an Arbeit."

Bei dieser Reaktion geht es um ein Foto, das Steinbach Ende Februar gepostet
hatte. Man sieht darauf eine Ansammlung dunkelhäutiger Mädchen, die sich lachend
zu einem strohblonden Bübchen herabbeugen. "Woher kommst du denn?", steht
darunter. Und darüber: "Deutschland 2030".

Der Tweet der CDU-Bundestagsabgeordneten, langjährigen Chefin des Bundes der


Vertriebenen und jetzigen Sprecherin für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der
Unionsfraktion hatte damit im Netz und bald auch auf der politischen Bühne einen
Empörungssturm ausgelöst.

Blanken Rassismus und das Schüren von Überfremdungsängsten warfen SPD und Grüne
ihr vor. Aber auch Parteifreunde, bis hin zu CDU-Generalsekretär Peter Tauber,
distanzierten sich.

Hofft Steinbach etwa, mit solch provokanten Einwürfen dem sagenumwobenen


nationalkonservativen Flügel in der Union, der von der Merkel-Führung angeblich
an die Wand gedrückt und mundtot gemacht wurde, eine Stimme zu geben? Oder gar
ein Fanal für einen innerparteilichen Aufstand der wahren Konservativen zu
setzen?

Ziellose Abreaktion oder politische Kampfansage?

Ihre Twitterei vermittelt einen anderen Eindruck, belegt eher, dass von der viel
beschworenen nationalkonservativen Strömung in der CDU, die deren vermeintlichen
Anpassungskurs an den "linken Zeitgeist" nicht mitmachen wolle, kaum etwas übrig
ist - jedenfalls nichts Substanzielles.

Steinbachs rastlos ausgestoßene Kurzkommentare wirken eher wie unreflektierte


Wutbürgerei, mehr wie ziellose Abreaktion denn als kalkulierte politische
Kampfansage. Sie erinnern mehr an das "TV-Ekel" Alfred Tetzlaff als an Alfred
Dregger.

Es fragt sich, ob Steinbach den Kurs ihrer Partei eigentlich noch ernsthaft zu
beeinflussen versucht oder ob sie innerlich schon mit ihr gebrochen hat.
Bereitet sie gar den Absprung zur AfD vor? Dabei erhebt doch gerade sie den
Anspruch, sich für die Einhaltung der Menschenrechte stark zu machen.

Die Aufregung über das von ihr gepostete Foto schien schon abgeebbt zu sein, da
legte das NDR-Medienmagazin "Zapp" vergangene Woche nach. Es hatte recherchiert,
woher dieses von Steinbach für ihre Warnung vor der Übernahme Deutschlands durch
nicht weiße Einwanderer verwendete Bild eigentlich stammt.
Fündig wurde "Zapp" in einem Kinderheim in Südindien. Das hatte ein
australisches Ehepaar im Jahre 2011 besucht, um dort Spendengelder zu übergeben.
Der Knirps auf dem Foto ist der Sohn des Paares.

"Das Foto entstand in einem sehr schönen Moment voller Liebe und Freude",
erklären nun die Eltern. "Er zeigt das Miteinander verschiedener Kulturen und
von Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen." Das Bild hätten sie ins Netz
gestellt "in der Hoffnung, dass das Kinderheim von der Aufmerksamkeit dort
profitieren würde". Dann entglitt es ihrer Kontrolle. Es sei "sehr traurig, dass
das Bild für solche Propaganda verwendet wird. Wir hatten genau das Gegenteil im
Sinn."

Erika Steinbach scheint das jedoch nicht zu rühren. Dabei vergäbe sie sich
nichts mit einem Wort des Bedauerns, das unbefugt kursierende Foto für einen
Zweck benutzt zu haben, der mit dem dargestellten Motiv nichts zu tun hat. An
der politischen Aussage, die sie damit unterstreichen wollte, hätte sie ja
festhalten können.

Stattdessen fährt sie eine schnippische Attacke gegen Journalisten, die den
Zusammenhang aufgedeckt haben. Wobei festzuhalten ist, dass Steinbach das Foto
nicht selbst mit der sinnwidrigen Beschriftung versehen hat - was die Sache aber
kaum besser macht. Das Machwerk war nämlich vorher schon auf rechtsextremen
Seiten aufgetaucht. Erika Steinbach aber twittert, ein "besorgter Vater" habe es
ihr "in dieser Fassung gemailt".

Es ist nicht das erste Mal, dass sie mit ihren Tweets Ärgernis erregt. 2012 etwa
ließ sie wissen, die NSDAP sei keine rechte, sondern eine linke Partei gewesen,
schließlich trage sie ja das Wort "sozialistisch" im Namen.

Eine eigenwillige historische Deutung, bedenkt man, dass die Vision eines
"völkischen Sozialismus" schon lange vor den Nazis Bestandteil
rechtsextremistischer Ideologie war.

Rechtsstaat mit Diktatur gleichgesetzt

Am 13. März schließlich, dem Tag der Landtagswahlen in drei Bundesländern,


twitterte sie, eingerahmt von dicken, roten Ausrufungszeichen, zur
Flüchtlingspolitik der Bundesregierung:

"Seit September alles ohne Einverständnis des Bundestages. Wie in einer


Diktatur". Nun rückten auch die hessische Landesgruppe der Unionsfraktion und
ihr Kreisverband Frankfurt am Main von ihr ab.

Den Rechtsstaat mit einer Diktatur gleichzusetzen, ließ dieser verlauten, noch
dazu an einem Tag, da in Deutschland demokratisch gewählt wird, "so etwas macht
man nicht". Es entspricht aber, muss man hinzufügen, der Redeweise der "Neuen
Rechten" und der Pegida.

Erika Steinbach gab immerhin zu, der Begriff "Diktatur" sei eine überspitzte
Formulierung gewesen, bekräftigte aber im selben Atemzug, sie halte die Öffnung
der Grenzen für Flüchtlinge durch die Bundeskanzlerin und Vorsitzende ihrer
eigenen Partei für "widerrechtlich".

Erst vor wenigen Tagen legte sie dahingehend auf Twitter nach, als sie einen
Kommentar des Historikers Jörg Baberowski mit dem Ausruf "Sehr gut!" empfahl.

In dem Artikel steht: "Die Bundeskanzlerin hat sich über die Verfassung
hinweggesetzt, sie hat das Parlament entmachtet, Deutschland in Europa isoliert,
und sie überlässt es dem türkischen Selbstherrscher Erdogan, darüber zu
entscheiden, wie viele Einwanderer nach Deutschland kommen werden."

Doch warum sollte man sich eigentlich über Steinbachs offensichtlich außer
Kontrolle geratene Twitterei so viele Gedanken machen? Eine einflussreiche Rolle
in der Union wie in der deutschen Politik spielt die 72-Jährige längst nicht
mehr. Warum die politische Linke um ihre Entgleisungen ein so großes Aufhebens
macht, liegt auf der Hand - sie hofft, damit die Union insgesamt in ein schiefes
Licht zu rücken.

Und linken Shitstormern im Netz kommen Erika Steinbachs Geschmacklosigkeiten wie


gerufen, um das alte, ranzig gewordene Feindbild von der rechtsreaktionären und
rassistischen CDU wiederzubeleben, die sich nur demokratisch und weltoffen
maskiere.

Die befremdeten Reaktionen aus der Union belegen das Gegenteil. Erika Steinbach
wirkt dort inzwischen eher wie ein Fremdkörper, dem man nicht einmal mehr mit
Zorn, sondern mit peinlich berührter Fassungslosigkeit begegnet.

Doch handelt es sich bei dieser Frau immerhin um eine politische Persönlichkeit
mit Verdiensten, die man ihr zubilligen muss, auch wenn man ihre dezidiert
konservativen Überzeugungen nicht teilen mag. Sie hat daher Besseres verdient
als die Selbstdemontage, die sie sich derzeit antut.

In ihrer Zeit als Vertriebenenchefin - von 1998 bis 2014 - hatte sich Steinbach
lange bemüht, das von links genährte und bis in die liberale Mitte verbreitete
Bild der hartgesottenen Revanchistin zu korrigieren.

Ihr Lebensprojekt war es, das Schicksal der deutschen Vertriebenen der
Verdrängung zu entreißen und ihm einen der modernen demokratischen
Erinnerungskultur angemessenen Platz im nationalen Gedenken zu sichern.

Die von ihr gegründete Initiative Zentrum gegen Vertreibungen zielte darauf, die
deutsche Vertreibungsgeschichte in den Gesamtkontext aller Vertreibungen im
Europa des 20. Jahrhunderts einzubetten.

Reiz- und Hassfigur als Verkörperung des ewigen Nazis

Dem Verdacht, die NS-Täterschaft relativieren und einen neuen deutschen


Opferdiskurs installieren zu wollen, entging sie freilich auch damit nicht -
trotz Fürsprechern wie des Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Ralph
Giordano. In Osteuropa, namentlich in Polen, blieb sie Reiz- und Hassfigur als
Verkörperung des ewigen Nazis.

In der aus ihrer Initiative hervorgegangenen, 2008 gegründeten Bundesstiftung


Flucht, Vertreibung, Versöhnung erschien sie deshalb nicht tragbar. Nach einigem
Hin und Her verzichtete sie 2010 schließlich selbst auf einen Sitz im Beirat. Es
lässt sich nur spekulieren, ob diese Verletzung eine Verbitterung hinterlassen
hat, der sie jetzt an der Tastatur freien Lauf lässt.

Dabei würde die leidenschaftliche Tatkraft Erika Steinbachs durchaus noch für
Sinnvolleres gebraucht. Bei ihrem Engagement für Menschenrechte etwa hat sie
Weitblick bewiesen. Im Juni 2014 warnte sie im Bundestag, Europa werde von der
Flüchtlingswelle aus Syrien früher oder später überrollt, sein Wohlstand und
seine Demokratie in Mitleidenschaft gezogen werden, sorge es nicht vor Ort für
die Eindämmung des Elends - als Ultima Ratio auch militärisch.

Und sie fügte hinzu, andernfalls werde es "keine Mauer geben, und sei sie noch
so hoch, die imstande wäre, verzweifelte Bürgerkriegsflüchtlinge abzuhalten".
Schwer zu begreifen, dass sie heute den gegenteiligen Eindruck erweckt, statt
umso mehr auf ein entschiedeneres Eingreifen in Syrien zu dringen.

Stets hat sie sich entschieden auf die Seite der von Putins Russland
überfallenen Ukrainer gestellt. Zuletzt protestierte sie am Dienstag gegen die
illegale Verurteilung der nach Russland verschleppten ukrainischen Pilotin Nadja
Sawtschenko und forderte ihre sofortige Freilassung. Auch deshalb ist kaum
vorstellbar, dass sich Steinbach etwa zur AfD absetzen könnte. Was hätte sie
unter dieser Ansammlung von Putin-Apologeten zu suchen?

Doch scheint es, als ob sie sich in einer Dynamik verfangen hat, die schon bei
manch anderem zu beobachten war, der sich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt
sah.

Je mehr sie sich von einer vermeintlich linkslastig gleichgeschalteten


Öffentlichkeit verkannt und verfolgt fühlt, umso mehr legt sie noch einen drauf
- bis sie dem Zerrbild, das sie von sich gezeichnet sieht, tatsächlich zum
Verwechseln ähnelt. Bevor es so weit ist, sollte Erika Steinbach vielleicht noch
einmal reflektierend einhalten und sich Gedanken machen, die komplexer sind, als
dass sie in 140 Zeichen passen würden.

UPDATE: 27. März 2016

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Dienstag 29. März 2016 10:16 AM GMT+1

Türkei;
Sicherheitskräfte haben 5000 PKK-Kämpfer getötet

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 275 Wörter

HIGHLIGHT: Türkische Sicherheitskräfte haben seit dem Abbruch der


Friedensgespräche mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK 5000 Rebellen getötet
oder gefangen genommen. Doch auch sie mussten Tote beklagen.

In der Türkei sind nach Angaben von Präsident Recep Tayyip Erdogan seit dem
Scheitern einer Waffenruhe im vergangenen Juli mehr als 5000 Kämpfer der
verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK getötet worden. Zudem seien 355
Sicherheitskräfte in diesem Zeitraum ums Leben gekommen, sagte Erdogan am Montag
nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu.

Im überwiegend von Kurden bewohnten Südosten der Türkei starben allein bei
Kämpfen über Ostern Sicherheitskreisen zufolge fast 30 Extremisten und Soldaten.
Die Waffenruhe hatte zwei Jahre gehalten. Seit ihrem Ende hat die Gewalt in der
Region deutlich zugenommen.

Militärangaben zufolge wurden am Wochenende in den Städten Nusaybin, Sirnak und


Yuksekova 25 PKK-Kämpfer getötet. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen kamen in
der Stadt Nusaybin zwei Soldaten ums Leben, als Extremisten Sprengsätze in einem
Gebäude zündeten, das von den Sicherheitskräften untersucht wurde.

PKK wirbt neue Kämpfer an

Bei einem Bombenanschlag in der an der Grenze zu Syrien gelegenen Stadt starb
zudem ein Polizist. Ein weiterer Soldat wurde bei einem Angriff von
Heckenschützen getötet. In Sarioren wurde ein Lokalpolitiker erschossen, wie es
weiter aus Sicherheitskreisen hieß. Bei einer Bombenexplosion seien zudem drei
Soldaten verletzt worden.

Wie in Nusaybin, wo seit Mitte März eine Ausgangssperre gilt, versucht das
Militär seit Monaten, Kämpfer der PKK auch aus anderen Städten der Region zu
vertreiben. Experten zufolge gelingt es der PKK aber, immer neue Kämpfer
anzuwerben. Die oppositionelle Kurdenpartei HDP erklärte, seit Dezember seien
bei den Militäraktionen auch rund 500 Zivilisten getötet worden.

UPDATE: 29. März 2016

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Dienstag 29. März 2016 10:31 AM GMT+1

Gipfel in Washington;
Obama verweigert Erdogan offenbar ein Treffen

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 225 Wörter

HIGHLIGHT: Die Beziehung zwischen den USA und der Türkei ist wegen der
türkischen Militäroffensive gegen kurdische Kämpfer angespannt. Obama lehnt nun
offenbar auch ein Treffen mit Erdogan in den USA ab.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan besucht in dieser Woche


Washington, bekommt aber wohl von US-Präsident Barack Obama kein Treffen
gewährt. Dies geht aus US-Angaben vom Montag hervor. Die Beziehungen zwischen
den beiden traditionellen Verbündeten USA und Türkei sind derzeit wegen der
türkischen Militäroffensive gegen kurdische Kämpfer stark angespannt.

Die USA unterstützen kurdische Einheiten in ihrem Kampf gegen die


Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) im Irak und in Syrien.

Bilaterales Treffen mit Chinas Staatschef

Erdogan reist ebenso wie mehrere weitere Staatschefs zu einem Gipfel über
nukleare Sicherheit in die US-Hauptstadt. Am Rande des Gipfels, der am
Donnerstag und Freitag stattfindet, plane Obama bislang nur ein einziges
bilaterales Treffen, nämlich am Donnerstag mit dem chinesischen Staatschef Xi
Jinping, sagte ein US-Regierungsmitarbeiter.

Zudem komme Obama zu einem Dreiertreffen mit dem japanischen Ministerpräsidenten


Shinzo Abe und der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye zusammen, um über
die Spannungen mit Nordkorea zu sprechen.

Wie das Weiße Haus am Montag mitteilte, bietet das Treffen am Donnerstag die
Gelegenheit, über "gemeinsame Antworten auf die Bedrohung" durch Pjöngjang zu
sprechen. Die kommunistische Führung des streng abgeschotteten Landes droht
immer wieder mit dem Einsatz von Atombomben.

UPDATE: 29. März 2016

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Dienstag 29. März 2016 10:46 AM GMT+1

Flüchtlinge als Lehrer;


Eine neue Chance für geflüchtete Kinder und Lehrer

AUTOR: Irena Güttel

RUBRIK: REGIONALES; Regionales

LÄNGE: 648 Wörter


HIGHLIGHT: Tausende Flüchtlingskinder gilt es an den deutschen Schulen zu
unterrichten. Doch es fehlt an geeigneten Pädagogen und Sprachkompetenz. Können
geflüchtete Lehrer die Lücke schließen?

Khaled Mohammad schreibt eine Bruchrechnung an die Tafel. Eine Schülerin


beginnt, diese Schritt für Schritt aufzulösen. Doch dann kommt sie nicht weiter.
"Was ist vier geteilt durch zwei?", fragt der Lehrer sie. Sie schreibt die
Lösung an die Tafel. "Perfekt", lobt Mohammad. Eine Szene aus einer
Mathematikstunde wie an jeder beliebigen Schule in Deutschland. Ungewöhnlich ist
jedoch, dass sich die Schüler quasi darum reißen, an die Tafel zu dürfen. Und
ungewöhnlich ist auch der Lehrer: Mohammad ist Flüchtling - genau wie die Kinder
in seiner Klasse.

Einmal die Woche gibt er ihnen an der Neuen Oberschule im Bremer Stadtteil
Gröpelingen zusätzlichen Unterricht in Mathe, denn wegen sprachlicher Probleme
fällt es ihnen schwerer, dem Stoff zu folgen. Mohammad geht diesen mit ihnen
erneut durch und bespricht die Hausaufgaben - in Arabisch, Kurdisch, Persisch
und Deutsch. Möglich macht das ein Pilotprojekt der Universität Göttingen, das
aus Syrien geflohene Lehrer stundenweise an Schulen in Bremen und ab April auch
in Niedersachsen Flüchtlingskinder unterrichten lässt.

Das Ziel: "Wir wollen ein differenziertes Fortbildungsangebot für geflüchtete


Lehrer erarbeiten", sagt die Kulturwissenschaftlerin Jasmina Heritani, die das
Projekt wissenschaftlich begleitet. Regelmäßig besucht sie die Lehrer,
dokumentiert mit Videos, wie sie arbeiten, und bespricht diese danach mit ihnen.
Mit dem Projekt will sie herausfinden, welche pädagogischen und fachlichen
Kenntnisse die Teilnehmer bereits besitzen und was ihnen fehlt, um als reguläre
Lehrkräfte arbeiten zu können. Daraus soll später ein Ausbildungsprogramm an der
Uni Göttingen entstehen.

An der Universität Potsdam startet ein solches Programm bereits zu diesem


Sommersemester. "Refugees Teachers Welcome" will geflüchteten Lehrern einen
Einblick in das deutsche Schulsystem geben. Dafür lernen die Teilnehmer erst ein
halbes Jahr lang intensiv die deutsche Sprache. Danach folgt ein gemeinsames
Seminar mit deutschen Lehramtsstudenten und Praktika an Schulen. "Es ist also
erst einmal eine Art Schnupperkurs", sagt die Professorin für
Unterrichtsforschung, Miriam Vock. Damit betreten sie und ihr Team Neuland:
Weder in Deutschland noch in Europa gebe es bisher solch ein Angebot, das sich
an geflüchtete Lehrer richte, sagt die Expertin. Dabei spielten sie eine
wichtige Rolle bei der Integration der vielen Flüchtlingskinder.

"Man muss flexibel und pragmatisch reagieren"

8000 zusätzliche Lehrer müssen die Schulen nach Schätzungen der


Bildungsgewerkschaft GEW angesichts der vielen neu dazukommenden Schüler
einstellen. Die Kultusministerkonferenz geht von 325.000 Flüchtlingskindern
allein in den vergangenen zwei Jahren aus. "Da muss man flexibel und pragmatisch
reagieren", sagt Marlis Tepe, die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. In
einigen Bundesländern sei die Personaldecke schon längst zu knapp. Unter den
Flüchtlingen nach geeigneten Lehrern zu suchen, hält sie nicht nur deshalb für
eine gute Idee. "Es besteht Nachholbedarf bei der Ausbildung von Lehrkräften mit
Migrationshintergrund."

Dass diese Pädagogen wichtige Vorbilder für Schüler mit ausländischen Wurzeln
sind, weiß die Direktorin der Neuen Oberschule in Bremen, Sabine Jacobsen, nur
zu gut. 85 Prozent ihrer Schüler stammen aus Zuwandererfamilien. "Wir sind sehr
froh, dass wir Khaled Mohammad hier haben", sagt Jacobsen. "Die
Flüchtlingskinder können jetzt auch unabhängig von der Sprache fachbezogene
Fortschritte machen." Dass er selbst geflohen sei und jetzt in Deutschland
unterrichten dürfe, mache den Kindern Mut.

Dreimal die Woche hilft Mohammad Schülern der 6., 7. und 8. Klasse in
Mathematik. Für seine Arbeit erhält der 33-Jährige zwar nur eine
Aufwandsentschädigung, dafür aber viel Anerkennung von den Kollegen. "Ich freue
mich, wieder in meinem Beruf arbeiten zu können", sagt Mohammad. Und irgendwann,
hofft er, auch als richtiger Lehrer.

UPDATE: 29. März 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Mittwoch 30. März 2016 10:39 PM GMT+1

Terrorfahndung in Paris;
"Ein Waffenarsenal in noch nicht da gewesenem Ausmaß"

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 435 Wörter

HIGHLIGHT: Offenbar stürmten Ermittler ein Terror-Versteck in Paris in letzter


Minute. Was sie fanden, erstaunt die Staatsanwaltschaft. Sie spricht von einem
Waffenfund in bisher unbekannter Dimension.

Ein vor einer Woche festgenommener Franzose soll zu einem Terrornetzwerk


gehören, das mit einem großen Waffenarsenal kurz vor einem schweren Anschlag
stand. Es sei bislang kein klares Ziel identifiziert worden, sagte der
Anti-Terror-Staatsanwalt François Molins am Mittwochabend. Zu diesem Zeitpunkt
der Ermittlungen deute aber alles darauf hin, dass die Entdeckung des Verstecks
im Pariser Vorort Argenteuil eine bevorstehende, extrem gewalttätige Aktion
verhindert habe.

Gegen den am vergangenen Donnerstag nach monatelangen Ermittlungen


festgenommenen Reda K. wurde ein Anklageverfahren eröffnet, ihm wird
insbesondere die Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.
Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve hatte bereits kurz nach der
Festnahme des 34-Jährigen erklärt, damit sei ein Terrorplan im
"fortgeschrittenen Stadium" durchkreuzt worden.

In der Wohnung in Argenteuil sei ein "Arsenal in noch nicht da gewesenem Ausmaß"
gefunden worden, sagte Molins: fünf Kalaschnikow-Sturmgewehre, eine
Maschinenpistole, sieben Faustfeuerwaffen, 1,3 Kilogramm industrieller
Sprengstoff, 105 Gramm des Sprengstoffs TATP sowie "chemische Elemente". Er
nannte zwei Plastikkanister mit Säure. Zudem fand man Komponenten, die als
Bombenzünder genutzt werden können, Spritzen, fünf gestohlene Pässe und sieben
Telefone, darunter neue Handys.

Vor Gericht sagte Reda K., er sei kein Terrorist

Laut Molins sagte der Franzose vor dem Richter, er sei kein Terrorist. Bei den
vorherigen Vernehmungen habe er ausgesagt, die Wohnung in Argenteuil im Auftrag
eines Dritten gemietet zu haben, dessen Namen er nicht nannte.

K. steht auch im Verdacht, gemeinsam mit dem am Sonntag in Rotterdam


festgenommenen Anis B. zwischen Ende 2014 und Anfang 2015 nach Syrien gereist zu
sein. Auch in Belgien waren zwei Verdächtige im Zusammenhang mit dem
mutmaßlichen Terrorplan in Frankreich festgenommen worden. Ein Richter ordnete
am Mittwoch Untersuchungshaft für Reda K. an, der zuvor sechs Tage in
Polizeigewahrsam gehalten wurde - dies ist nur in Ausnahmefällen möglich.

Ausgangspunkt für die Fahndung nach Reda K. und Anis B. waren Ermittlungen zu
einem aus der Türkei ausgewiesenen mutmaßlichen Dschihadisten, die im November
2015 begannen.

Frankreich und Belgien waren in den vergangenen Monaten Ziel schwerer


islamistischer Terroranschläge. In Paris und einem Vorort starben im November
130 Unschuldige, in Brüssel ermordeten Attentäter vergangene Woche 32 Menschen.
Bislang gibt es nach Angaben der französischen Behörden keine greifbaren
Hinweise auf einen Zusammenhang des aufgedeckten Terrorplots mit diesen
Anschlägen.

UPDATE: 31. März 2016

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Donnerstag 31. März 2016 8:26 AM GMT+1

Propaganda;
Wie der IS mit Montagen zu Anschlägen in Deutschland aufruft

RUBRIK: POLITIK; Politik


LÄNGE: 347 Wörter

HIGHLIGHT: Mit Fotomontagen macht die Terrormiliz Islamischer Staat nach den
Anschlägen von Brüssel Propaganda. Dabei bewirbt der IS auch Anschlagsziele in
Deutschland, wie den Flughafen Köln-Bonn.

Unter anderem mit einer Fotomontage des Köln-Bonner Flughafens rufen


IS-Terroristen nach den Anschlägen von Brüssel andere Islamisten zu
terroristischen Attacken auf. "Was deine Brüder in Belgien schafften, schaffst
du auch!", steht im unteren Drittel des Bildes, das außerdem einen Terroristen
vor dem in Rauch gehüllten Flughafengebäude zeigt.

Aufrufe wie diese sind allerdings nicht unüblich. Insbesondere nach Anschlägen
arbeitet die Terrormiliz verstärkt mit Propagandabildern und -videos, auch um
Angst zu schüren. Die aktuellen Fotomontagen waren laut "Bild"-Zeitung am
Nachmittag in sozialen Netzwerken aufgetaucht.

Neben der Montage des Flughafens Köln-Bonn veröffentlichte der IS noch einige
weitere Motive. Eines zum Beispiel zeigt das Kanzleramt in Flammen, davor wieder
ein maskierter IS-Kämpfer. Titel des Bildes: "Deutschland ist ein Schlachtfeld".

Ein Bild mit IS-Flagge und Kämpfern beschönigt den Kampf gegen die "Feinde
Allahs". Deutschland, der große Feind - das soll auch eine weitere Fotomontage
propagieren. Hierauf ist ein Kampfjet zu sehen sowie weinende Kinder. Es enthält
die Aufschrift: "Willst du noch weiter trauern oder endlich handeln?" Damit will
die Miliz offensichtlich auf die Einsätze in Syrien anspielen.

Belgischer Premier womöglich Anschlagsziel

Indes wurde bekannt, dass der belgische Premierminister Charles Michel


möglicherweise auch Ziel von Anschlägen gewesen sein könnte. Wie "Spiegel
Online" mit Bezug auf belgische Medien berichtet, sollen auf der Festplatte
eines sichergestellten Computers Pläne und Fotos vom Amtssitz und einer Wohnung
Michels gefunden worden sein. Bestätigt wurden diese Angaben von offizieller
Seite bisher nicht. Ein Sprecher der Regierung sagte nur, dass es für die
Gebäude verstärkte Sicherheitsmaßnahmen gebe.

Bei den Anschlägen am Brüsseler Flughafen und in der U-Bahn vor rund einer Woche
wurden 32 Menschen getötet. Hinzu kommen die drei Selbstmordattentäter. Nach den
Anschlägen gab es mehrere Anti-Terror-Razzien der Polizei. In einigen Fällen war
die Verbindung zu den Anschlägen von Brüssel aber nicht klar.

UPDATE: 31. März 2016

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Donnerstag 31. März 2016 1:26 PM GMT+1

Psychologie;
Warum junge Menschen zu Terroristen werden

AUTOR: Paula Konersmann

RUBRIK: GESUNDHEIT; Gesundheit

LÄNGE: 694 Wörter

HIGHLIGHT: Wie wird aus einem jungen Menschen ein fanatischer Attentäter? Nicht
nur Forscher suchen nach Erklärungen. Dabei spielt die Religion nur teilweise
eine Rolle. Wichtig sind auch Sicherheit und Macht

"Wir wissen noch viel zu wenig", konstatiert die Leiterin der Abteilung Politik
und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung, Petra Bahr. Erst langsam suchten
Wissenschaftler, Therapeuten, Pädagogen, Terror- und Gewaltforscher gemeinsam
nach den Ursachen, die aus jungen Menschen islamistische Terroristen machen,
schreibt die Theologin in der aktuellen "Zeit"-Beilage "Christ und Welt".

Einigkeit besteht in einem Punkt: Der erbarmungslose Kämpfer, der mit


Kalaschnikow und Turban in einer Höhle lauert, ist ebenso ein Klischee wie der
junge, perspektivlose Mann, der in Syrien ein Abenteuer sucht. "Eher sind wir
diejenigen, die in der Höhe sitzen und immer hinterherlaufen", so beschrieb es
die pakistanische Entwicklungsberaterin Gulmina Bilal im vergangenen Sommer beim
Global Media Forum der Deutschen Welle.

Seither sind verschiedene Bücher erschienen über "Die neuen Dschihadisten"


(Peter Neumann) oder "Die Dschihad-Generation" (Petra Ramsauer). Weitere sind in
Planung, etwa "Wie der Dschihadismus über uns kam" des Politikwissenschaftlers
Asiem El Difraoui. Er spricht von der vierten Generation von Dschihadisten, die
inzwischen im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Europa Angst und Schrecken
verbreite.

Terroristen von Brüssel hatten "keine Ahnung mehr vom Islam"

Dschihadismus 4.0? Die Attentäter vom 11. September 2001 seien "noch auf einer
religiösen Sinnsuche" gewesen, erläuterte El Difraoui unlängst auf
sueddeutsche.de. Die Terroristen von Brüssel hätten dagegen "keine Ahnung mehr
vom Islam". Ihre Anführer setzten ihnen Koran-Suren vor "wie bei einem
Lego-Spiel". Am Ende bestehe das simple Bauwerk nur aus den schlimmsten,
hasserfüllten Stellen.

Wer dagegen ankommen will, der braucht gleichwohl intensives theologisches


Wissen, betont Thomas Mücke. Der Extremismusforscher leitet die Berliner
Beratungsstelle "Kompass" und ist Geschäftsführer des "Violence Prevention
Network". Die Berater müssten auch in exegetischen Debatten sattelfest sein,
sagt er und nennt ein Beispiel: "Im Koran gibt es eine frühe Offenbarung, laut
der nicht nur das Handeln eine Sünde ist, sondern auch das Nachdenken über
bestimmte Handlungen. Diese Offenbarung wird später wieder aufgehoben." Solch
tiefgehende Fragen, über die kaum ein Normalbürger Bescheid wisse, bewegten die
jungen Menschen, die ins radikale Lager abgedriftet seien.

Sichere Gruppe, Macht und eine Chance

Also geht es doch um eine Art spiritueller Sinnsuche? Laut Ahmad Mansour, der
bei der Berliner Beratungsstelle gegen Radikalisierung "Hayat" arbeitet, ist
Religion für viele Islamisten eher Mittel zum Zweck. Glaube und Spiritualität
spielten für sie eher eine untergeordnete Rolle, schreibt er in seinem Buch
"Generation Allah". Der rasche Aufstieg und das Gefühl, zu einer Elite zu
gehören, seien dagegen verlockend.

Ähnlich argumentiert der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit. Die Jugendlichen


hätten das Gefühl, ausgegrenzt zu sein. Das mache sie anfällig - vor allem in
der Pubertät.

"Die Betroffenen erleben eine Angst vor der Fragmentierung des eigenen Körpers,
die mit Worten wie Depression nur unzureichend beschrieben ist. Und dann bieten
ihnen die Dschihadisten eine sichere Gruppe, Macht und die vermeintliche Chance,
etwas zu erreichen." Diese psychologische Dimension, die durchaus Nährboden für
Terrorismus bilden könne, werde bislang unterschätzt, sagte auch der
französische Islamforscher Olivier Roy kürzlich der "Frankfurter Allgemeinen
Zeitung".

Herkunft taugt nicht als Entschuldigung für Terrorismus

Ausführlich beschrieben wurden dagegen die sozialen Faktoren, die die


Faszination für radikales Gedankengut zumindest teilweise erklären könnten. Die
deutsch-jüdische Schriftstellerin Gila Lustiger benennt sie in ihrem Buch
"Erschütterung": Sie erinnert an die Entwicklung der Banlieues - der
französischen Vororte, von denen heute viele soziale Brennpunkte sind. Sie
betont zugleich, dass diese Herkunft keine Entschuldigung für Terrorismus sein
kann.

Soziale Sinnsuche sei aber zumindest ein entscheidender Faktor, meint die
muslimische Theologin Hamideh Mohagheghi: Einsamkeit und Orientierungslosigkeit
zögen junge Menschen "dorthin, wo sie ein sinnvolles Leben vermuten".

UPDATE: 31. März 2016

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Freitag 1. April 2016 7:05 AM GMT+1


Griechenland;
Zwei von drei Flüchtlingen wollen nach Deutschland

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 306 Wörter

HIGHLIGHT: Ein Meinungsforschungsinstitut hat in Griechenland festsitzende


Flüchtlinge nach ihrer Herkunft und ihren Perspektiven befragt. Ergebnis: Die
überwiegende Mehrheit will nach Deutschland.

Die meisten der in Griechenland festsitzenden Migranten und Flüchtlinge (68


Prozent) wollen nach Deutschland. 72 Prozent seien jünger als 35, ergab eine
Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Kapa Research für den Verband der
griechischen Regionalverwaltungen durchgeführt hat.

Gut 61 Prozent der Befragten haben nach der am Donnerstag veröffentlichten


Erhebung eine eher geringe Schulbildung von maximal neun Jahren.

83 Prozent sind danach sunnitische Muslime. 74 Prozent gaben an, sie stammten
aus Syrien. 70 Prozent sind geflohen, weil sie Angst um ihr Leben und das ihrer
Familie hatten, wie es hieß.

Als sekundäre Gründe für ihre Flucht gaben die Befragten an, in ihrer Heimat
würden die Menschenrechte verletzt, die wichtigsten Lebensmittel seien knapp,
die Infrastruktur sei zerstört. Andere wollten nicht zum Militär. In
Griechenland harren wegen der Schließung der Balkanroute für Flüchtlinge mehr
als 50.000 Menschen aus.

Abstimmung im Parlament

Indes stimmt das griechische Parlament am Freitag im Eilverfahren über die


nötigen Vorgaben zur Umsetzung des Flüchtlingspakts der EU mit der Türkei ab.
Wichtigster Bestandteil des entsprechenden Gesetzentwurfs ist die Rechtmäßigkeit
der geplanten Rückführungen von Flüchtlingen in die Türkei.

Wie sich aus dem Entwurf ergibt, würde mit den neuen Bestimmungen die Richtlinie
der EU zu Asylrecht und sicheren Drittstaaten übernommen. Das ist Voraussetzung
dafür, dass Migranten und Flüchtlinge in die Türkei zurückgeschickt werden
können. Nach dem EU-Türkei-Flüchtlingspakt soll von Montag an die Rückführung
beginnen.

Die Übereinkunft sieht vor, dass alle Flüchtlinge, die nach dem 20. März illegal
von der Türkei nach Griechenland übergesetzt sind, dann zwangsweise
zurückgebracht werden können. Vorher haben die Menschen jedoch das Recht auf
eine Einzelfallprüfung in Griechenland.

UPDATE: 1. April 2016

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Freitag 1. April 2016 11:56 AM GMT+1

Haushaltsstreit;
Länder rechnen mit Verdoppelung der Flüchtlingskosten

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 343 Wörter

HIGHLIGHT: Neuer Streit über Flüchtlingskosten: Die Länder erwarten dieses Jahr
offenbar Ausgaben von 16,7 Milliarden Euro, doppelt so viel wie 2015. Der Bund
soll einen zweistelligen Milliarden-Betrag übernehmen.

Über die Aufteilung der Flüchtlingskosten bahnt sich einem Zeitungsbericht


zufolge neuer Streit zwischen Bund und Ländern an. Nach einem Bericht des
"Handelsblatts" haben die Bundesländer in ihren Haushalten für das laufende Jahr
doppelt so viel Geld für die Integration von Flüchtlingen eingeplant wie 2015.

Demnach beläuft sich die für diesen Zweck vorgesehene Summe in den Etats auf
insgesamt 16,7 Milliarden Euro, wie das Blatt unter Berufung auf Anfragen in den
Staatskanzleien aller 16 Bundesländer schreibt. Dies entspreche Anteilen von
drei bis acht Prozent pro Landeshaushalt.

Milliarden für Integration

Der Bund hat der Zeitung zufolge aber nur knapp acht Milliarden Euro in sein
Budget eingestellt, wovon etwa vier Milliarden Euro an die Länder weitergegeben
werden sollen.

Dass die Zahl der neu ankommenden Menschen aus Syrien und anderen Staaten
zuletzt deutlich gesunken ist, entschärft das Problem dem Bericht zufolge nicht.

Der Großteil der für dieses Jahr angesetzten Kosten entfalle nämlich auf
Wohnungen sowie Sprach- und Integrationskurse für schon Angekommene.

"Wir brauchen eine neue Kostenverteilung in der Größenordnung, dass der Bund
einen zweistelligen Milliardenbetrag zusätzlich übernimmt", sagte die
rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) dem "Handelsblatt".
Bisher müssten Länder und Kommunen den allergrößten Teil der Integrationskosten
alleine schultern.

Mitte März hatten die Länder im Streit über die Flüchtlingskosten mit Verstößen
gegen die Schuldenbremse gedroht. Ihre Forderung, dass der Bund mindestens die
Hälfte der Flüchtlingskosten übernehmen müsse, hatte Bundesfinanzminister
Wolfgang Schäuble (CDU) aber bereits zuvor abgelehnt.
Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) kam 2015 eine
Million Flüchtlinge nach Deutschland. Für das laufende Jahr legt sich die
Bundesregierung nicht auf eine Vorhersage fest. Inoffiziellen Angaben zufolge
hat Innenminister Thomas de Maizière (CDU) Behördenleiter Frank-Jürgen Weise die
Vorgabe gemacht, das BAMF auf 500.000 Flüchtlinge auszurichten.

UPDATE: 1. April 2016

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Samstag 2. April 2016 7:02 AM GMT+1

Premier Netanjahu;
"Israel ist Europas wichtigste Verteidigungslinie"

AUTOR: Gil Yaron, Jerusalem

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 2623 Wörter

HIGHLIGHT: Für Premierminister Benjamin Netanjahu steht fest: Ohne Israel würde
sich der IS noch viel weiter ausdehnen. Die Flüchtlingskrise sei nur zu lösen,
wenn "man den militanten Islam an der Wurzel packt".

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu empfängt uns in seinem Büro, dem


sogenannten Aquarium, und legt gleich los: "Noch bevor wir mit dem Interview
beginnen, lassen Sie mich sagen, wie sehr ich Axel Springer schätzte. Mein Vater
traf ihn, kurz nachdem mein Bruder bei der Geiselbefreiungsoperation in Entebbe
1976 gefallen war. Sie trafen sich in Berlin in Springers Büro. Er nahm meinen
Vater ans Fenster, zeigte auf die Berliner Mauer und sagte ihm: ,Das ist eine
Trennlinie. Bis hier: Freiheit. Dort: Sklaverei.'"

Er freue sich, dass Deutschland zum 70. Jubiläum der "Welt" wiedervereint und
frei ist, so Netanjahu weiter. "Aber auf der Welt tobt ein neuer Krieg um
Freiheit, um grundlegende Menschenrechte, gegen eine noch viel grausamere
Ideologie - den militanten Islamismus. Er will die Welt erobern, viele
unterjochen und andere zerstören - darunter meinen Staat. Wir haben wieder eine
gemeinsame Mission: sicherzustellen, dass die Freiheit gewinnt."
Die erloschene und nur zur Hälfte gerauchte Zigarre wandert immer wieder vom
Aschenbecher in seine Hand, nur um nach mehreren Kreisen in der Luft wieder im
Ascher zu landen, wenn Netanjahu pointiert mit dem Zeigefinger auf den großen
Holzschreibtisch klopfen will, um ein Argument zu unterstreichen. Irgendwann
hält man die Zigarre für ein Requisit, beginnt zu zweifeln, ob er sie jemals
anzünden wird.

Die Welt: Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten. Dennoch wird der
Ton gegenüber Israel auch in Deutschland immer kritischer. Nehmen Sie das zur
Kenntnis?

Benjamin Netanjahu: Natürlich nehmen wir das wahr, und es bereitet uns Sorge.
Zum einen, weil es nicht stimmt. Israel ist eine Insel des Friedens, des
Fortschritts und der Demokratie in einem Meer autoritärer Regime, die einen
radikalen Islam propagieren, der uns alle bedroht. Auch Europa, auch
Deutschland.

Die einzige Kraft im Nahen Osten, die ihnen die Stirn bietet, ist Israel. Eben
weil unsere Gesellschaft auf Freiheit und Grundrechten beruht. Dennoch werden
wir verleumdet, genau wie das jüdische Volk jahrhundertelang verleumdet wurde.
Dieselben Legenden, die einst gegen Juden erfunden wurden, werden jetzt gegen
den Judenstaat vorgebracht: dass wir Kindermörder sind, dass wir Krisen
schaffen.

Sie werden oft verbreitet von einem Bündnis von Islamisten und anarchistischen
Linken, die ihre Stimmen nicht erheben, wenn im Iran Homosexuelle an Kränen
aufgeknüpft oder in Gaza verfolgt werden. Doch Israel - die einzige Demokratie
in Nahost - wird verleumdet. Das ist falsch. Und es ist dumm. Weil Israel die
wichtigste Verteidigungslinie Europas in dieser Krisenregion ist.

Ohne Israel würde der westliche Nahe Osten zusammenbrechen, und es würden noch
einmal 100 Millionen Menschen zu denen, die bereits im Sog des islamistischen
Mahlstroms stecken, hinzukommen. Zweifellos würden viele von ihnen nach Europa
fliehen. Indem es sich selbst verteidigt, schützt Israel deswegen zugleich
Europa.

Die Welt: Wie das?

Netanjahu: Heute leben 50 Millionen Menschen unter dem Joch des militanten
Islam. Eine halbe Million wurde ermordet, acht Millionen sind auf der Flucht,
fast alle Richtung Europa. Mehr werden folgen. Deswegen müssen wir den IS
besiegen. Das ist möglich.

Israel, Jordanien und Ägypten werden gleichermaßen vom IS bedroht. Er ist jetzt
bereits in den Golanhöhen, kämpft im Sinai gegen Ägypten. Ohne Israel könnte man
die Ausdehnung des IS aber nicht verhindern. Man stelle sich vor, der IS brächte
die Bevölkerung dieser Länder unter seine Herrschaft. Wohin würde die fliehen?
Nach Europa!

Deswegen müssen wir dringend Ägypten und Jordanien den Rücken stärken - und
Israel, die wichtigste Kraft dieses Trios. Ohne Israel wäre der westliche Nahe
Osten nicht stabil, könnte zusammenbrechen. Die Konsequenzen eines solchen
Kollapses wären sofort in ganz Europa spürbar. Wenn es sich selbst verteidigt,
schützt Israel deswegen zugleich Europa.

Die Welt: Spielt die "Welt" in der Debatte um Israel für Sie eine besondere
Rolle?

Netanjahu: Zweifellos. In den Vereinten Nationen wird Israel ja verteufelt. Zum


Beispiel im Rat für Menschenrechte, wo die absolute Mehrheit der
landesspezifischen Resolutionen gegen Israel gerichtet ist - nicht gegen
Nordkorea, den Iran oder Syrien, sondern gegen die eine Demokratie.

Als ich zum ersten Mal zu den UN kam, traf ich einen berühmten Rabbiner, der mir
sagte: Gedenke, dass, wenn man im dunkelsten Zimmer eine einzige Kerze anzündet,
Menschen das Licht schon von Weitem sehen können. Ich hoffe, dass die "Welt"
nicht die einzige Stimme ist, die die Wahrheit verkündet. Noch gibt es auch
andere. Aber ich bin überzeugt, dass der einzige Weg, dunkle Lügen zu besiegen,
das Licht der Wahrheit ist.

Die Welt: Es gab anscheinend kürzlich Missverständnisse zwischen Ihnen und


Angela Merkel darüber, mit welcher Dringlichkeit die Bundesregierung das
Erreichen einer Zwei-Staaten-Lösung betrachtet. Glauben Sie noch an dieses
Konzept?

Netanjahu: Ich glaube nicht, dass aus den exzellenten Treffen mit der
Bundeskanzlerin Merkel irgendwelche Missverständnisse entstanden. Selbst wenn
manche schreiben, wie schwierig diese Treffen waren, stimmt genau das Gegenteil.
Auch bei unserer letzten Begegnung. Ich halte an der Idee eines
entmilitarisierten palästinensischen Staates fest, der den jüdischen Staat
anerkennt. Wie können die Palästinenser von uns erwarten, den Nationalstaat des
palästinensischen Volkes anzuerkennen, wenn sie nicht bereit sind, den
Nationalstaat des jüdischen Volkes anzuerkennen?

Die Lösung kann doch nicht sein, ihnen einen Staat im Westjordanland zu
schenken, 15 Kilometer von Tel Aviv entfernt, damit der zur islamistischen
Diktatur wird, die sich unsere Vernichtung auf die Fahnen schreibt. Das ist
nicht Frieden. Wir wollen gegenseitige Anerkennung zweier Nationalstaaten. Dazu
stehe ich.

Zweitens ist die Entmilitarisierung notwendig, vor allem angesichts des Hasses
und der Propaganda, mit denen die Palästinenser ihre Kinder seit Jahren füttern.
Sie bringen ihnen bei, dass das Ziel nicht ein Staat im Westjordanland ist,
sondern eigentlich die Zerstörung Israels, um nach Jaffa, Haifa und Akko (Städte
in Israels Kernland; Anm. d. Red.) zurückzukehren. Das wird jeden Tag
tausendfach in palästinensischen Kindergärten, Schulen und Moscheen in der
Westbank gesagt.

Deswegen, selbst wenn wir die gegenseitige Anerkennung erreicht haben, können
wir uns offensichtlich nicht darauf verlassen, dass sie sich ihrer Verpflichtung
zu Frieden auch dauerhaft verbunden fühlen. Deswegen müssen wir sicherstellen,
dass der zukünftige Palästinenserstaat entmilitarisiert ist. Und der einzige
Weg, das zu gewährleisten, ist, wenn Israel für die Sicherheit westlich des
Jordans verantwortlich ist.

Übrigens wäre das auch für die Palästinensische Autonomiebehörde gut. Als wir
Gaza verließen, wurde die PA ja innerhalb weniger Tage dort gestürzt, als die
Hamas sich an die Macht putschte. Das würde sich ohne die
Sicherheitsvorkehrungen, von denen ich sprach, im Westjordanland wiederholen.

Die Welt: Was ist in Ihrem Verhältnis zum amerikanischen Präsidenten Barack
Obama so schiefgelaufen?

Netanjahu: Zwischen Israel und den USA besteht eine großartige Bindung, die
über Präsidenten und Premierminister hinausgeht, weil sie auf gemeinsamen Werten
wie Demokratie, Freiheit, dem Ethos eines Neuanfangs in einem gelobten Land
beruht. Sehr tiefe, dauerhafte Bande. Umfragen sprechen von gewaltiger
Unterstützung für Israel. Sie liegt bei 70 Prozent und steigt weiter, während
nur 17 Prozent die Palästinenser unterstützen. Das spiegelt sich auch in den
Beziehungen zwischen unseren Regierungen.

Hatten wir Meinungsverschiedenheiten? Absolut, hauptsächlich hinsichtlich des


Abkommens mit dem Iran. Aber dennoch hatten wir stets eine respektvolle
Beziehung. Ungeachtet dessen erhielten wir konsequent Hilfe wie beim
Raketenabwehrprogramm, und das schätze ich zutiefst.

Die Welt: Haben Sie Ihre Meinung über das Atomabkommen mit dem Iran geändert?

Netanjahu: Wir sollten den Druck auf den Iran aufrechterhalten, damit er das
Abkommen erfüllt. Wir sollten iranischen Terror in der Region, der weiter
zunimmt, stoppen. Der Iran verletzt die Auflagen des Sicherheitsrats der
Vereinten Nationen für sein Raketenprogramm. Der Iran sollte die Auflagen aller
Resolutionen einhalten, auch jenseits des Atomabkommens.

Gerade jetzt errichtet der Iran eine zweite Front gegen Israel auf den
Golanhöhen. Er schickt der Hisbollah-Miliz moderne Raketen und andere Waffen, um
Krieg gegen Israel zu führen. Er unterstützt die Hamas, verspricht
Hinterbliebenen von Terroristen Tausende Dollar für jeden Israeli, den diese
töten. Er richtet Sabotagezellen in Jordanien ein.

Als der Iran unlängst eine ballistische Rakete testete, trug diese die
hebräische Inschrift: "Israel wird ausgelöscht werden". Dagegen muss man sich
wehren.

Die Welt: Selbst Israels beste Freunde in Deutschland verstehen Ihre


Siedlungspolitik nicht. Können Sie Ihre langfristige Vision für das
Westjordanland darlegen?

Netanjahu: Wir sind nicht wie Belgien, das eine Kolonie im Kongo errichtet. Wir
sind wie Belgier in Belgien. Die Verbindung des jüdischen Volks zur Westbank
reicht 4000 Jahre bis zum Stammvater Abraham zurück. Natürlich erkennen wir an,
dass auch ein anderes Volk auf diesem Land lebt, auch wenn es Tausende Jahre
später kam. Wir wollen sie nicht vertreiben.

Aber sie wollen uns vertreiben, aus dem ganzen Land! Sollten die Palästinenser
endlich mit uns verhandeln, was sie trotz meiner Angebote ablehnen, dann würden
wir die Siedlungsfrage miteinander ausarbeiten. Aber die ist nicht der Kern des
Problems.

Der Konflikt schwelte ein halbes Jahrhundert vor der Errichtung der ersten
Siedlung wegen der fehlenden Bereitschaft der Palästinenser, einen jüdischen
Staat grundsätzlich zu tolerieren, egal in welchen Grenzen. Die PLO - die
Palästinensische Befreiungsorganisation - wurde 1964 gegründet, drei Jahre bevor
wir die Westbank im Sechstagekrieg eroberten.

Welches Palästina sollten die befreien? Jaffa, Haifa, Akko, Tel Aviv. Und
nachdem wir den Gazastreifen geräumt hatten und alle Siedlungen dort abrissen,
bekamen wir nicht Frieden, sondern wurden zum Dank mit 15.000 Raketen
beschossen. Weshalb? Um die Westbank zu befreien? Nein, es ging wieder um Haifa,
Jaffa und Akko. Es geht nicht um Siedlungen, sondern um die hartnäckige,
kompromisslose Weigerung, den Judenstaat in jeglicher Form zu akzeptieren. Das
ist die Wahrheit, und sie wird irgendwann auch erkannt werden.

Die Welt: Was kann die internationale Staatengemeinschaft also für den
Friedensprozess tun?

Netanjahu: Diese unglaubliche Hetzkampagne in palästinensischen Kindergärten,


Schulen, Moscheen und den staatlichen Medien ansprechen, die die Auslöschung
Israels fordern. Das ist der Kern des Konflikts. Keiner spricht davon, sondern
nur von Siedlungen.

Man kann kein Leiden ohne die richtige Diagnose behandeln. Das ist die
Krankheitsursache! Wir haben die Verpflichtung zu fordern, dass die
Palästinenser endlich verinnerlichen, dass ihr Staat neben Israel und nicht
statt Israel errichtet werden sollte.

Die Welt: Israel hatte auch ein Flüchtlingsproblem - und bekam es in den Griff.
Was raten Sie europäischen Regierungen?

Netanjahu: Unlängst kamen Vertreter der deutschen Regierung, um von unseren


Erfahrungen mit der Integration großer Einwanderungsströme zu lernen. Die drei
wichtigsten Dinge sind: Sprache - wir haben besondere Sprachschulen, essenziell
für die Integration und die Vermittlung gesellschaftlicher Werte.

Zweitens: die Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Und drittens: die Einwanderer


übers ganze Land zu verteilen, statt sie an einem Ort zu konzentrieren. Doch es
ist eine Sache, Einwanderer aufzunehmen, und etwas anderes, mit einem Tsunami
von Flüchtlingen umzugehen. Viel wichtiger ist deswegen, diese Tragödie zu
beenden, die so viele Länder erfasst, indem man den militanten Islam an der
Wurzel packt.

Die Welt: War Deutschland naiv, als es bereitwillig so viele Flüchtlinge aus
dem Nahen Osten aufnahm?

Netanjahu: Nein, ich glaube, das sind verständliche Gefühle. Aber dennoch ist
eine internationale Anstrengung notwendig, um den IS zu besiegen. Das ist nicht
schwer. Man kann die Einnahmen des IS schmälern, indem man seine Ölquellen
zerstört. Man muss nicht ganz Irak und Syrien erobern. Die Nervenzentren des IS
befinden sich an fünf Orten in zwei Städten. Man kann dort gegen den IS
vorgehen.

Die Welt: Als Resultat der Flüchtlingswelle erfreuen sich rechte Populisten in
Europa großen Zulaufs. Sind die mögliche Partner für Israel oder eine weitere
Gefahr?

Netanjahu: Ich definiere Partner nicht mithilfe des politischen Spektrums,


sondern anhand der Frage, ob wir gemeinsame Werte haben. Jeder, der unsere Werte
teilt, ist in meinen Augen ein potenzieller Partner.

Die Welt: Sie waren ein glühender Befürworter der amerikanischen Invasion im
Irak. Doch viele Experten sehen heute in diesem Einmarsch den Beginn der
Instabilität in Nahost. Bereuen Sie Ihre damalige Haltung?

Netanjahu: Ich war immer überzeugt, dass es wichtig ist, Saddam Husseins
Aggression einzudämmen. Aber ich dachte zugleich, dass die größere Gefahr vom
Iran ausgeht. Das habe ich sehr oft gesagt. Saddam hat seine Nachbarn
schikaniert, aber der Iran strebt danach, ein Imamat einzurichten, das ist eine
imperiale Mission, die sehr gefährlich ist, vor allem wenn man sie mit
Atomwaffen koppelt.

Ich dachte damals, und so sagte ich das auch unseren amerikanischen Freunden,
dass ein Einmarsch im Irak nur Sinn ergibt, wenn man den schnellen Sieg über
Saddam, den ich voraussagte, dazu nutzt, um dem Iran ein Ultimatum zu stellen,
sein Atomprogramm umgehend zu beenden.

Es gibt zwei Gefahren, die die Welt bedrohen: der militante schiitische Islam,
der von der Islamischen Republik Iran angeführt wird, und der militante
sunnitische Islam, der vom IS ausgeht. Sie kämpfen zwar gegeneinander, aber nur
darum, wer eine islamische Welt beherrscht. Doch es steht für sie außer Frage,
dass diese Welt islamisch sein muss.

Und ganz nebenbei: Ich widerspreche der Auffassung, dass die Invasion im Irak
Ursache für die Instabilität der Region ist. Die Ursache des Problems sind die
Kräfte, die sich lang in der arabischen und muslimischen Welt angestaut haben,
nachdem man ein ganzes Jahrhundert für die politische und wirtschaftliche
Entwicklung der Menschen von Nordafrika bis Indien vergeudet hat.

Deswegen haben wir jetzt diesen Kampf zwischen diesen mittelalterlich anmutenden
Kräften, die manchmal mit unglaublicher Grausamkeit ausbrechen, und den Ideen
der Moderne, die für Rechte und Entscheidungsfreiheit steht, die den Menschen
Macht gibt. Das ist genau das Gegenteil der totalitären Idee eines
Herrenglaubens, die vom militanten Islam propagiert wird.

Die Welt: Es gibt die Sorge, dass in Israel das rechtsliberale Lager nicht nur
in Ihrer Likud-Partei, sondern in der Gesellschaft insgesamt auf dem Rückzug
ist. Wird Ihr Land weniger demokratisch?

Netanjahu: Es wird zu viel Negatives über Israel geschrieben, das so robust und
so frei ist. Gerade erst hat der Oberste Gerichtshof mit fünf Richtern, von
denen einer ein Araber ist, ein Urteil gegen den Premierminister, gegen mich,
gefällt. Ich bin enttäuscht. Aber es steht außer Frage, dass ich mich diesem
Urteil beugen und andere Wege suchen werde, um das Erdgas vor Israels Küste zu
erschließen.

Das zeigt, wie robust unsere Demokratie ist, nicht nur im Vergleich zu unseren
Nachbarn, sondern im Vergleich zu jeder anderen Demokratie. Zeigen Sie mir einen
anderen demokratischen Staat so groß wie Hessen, der mit insgesamt 25.000
Raketen beschossen wurde, ständig von Terror bedroht wird - und dennoch
Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, die Unabhängigkeit der Justiz und völlige
Redefreiheit bewahrt. Das sollte man im Auge behalten, bevor man über Israel
urteilt.

UPDATE: 2. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Sonntag 3. April 2016 9:06 AM GMT+1

Türkischer Staatschef;
Erdogan prangert Hetze gegen Islam im US-Wahlkampf an
RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 421 Wörter

HIGHLIGHT: Recep Tayyip Erdogan beklagt während der Einweihung der größten
US-Moschee die Islamfeindlichkeit in den USA. Er kritisiert ausdrücklich die
hetzerische Rhetorik "bestimmter Präsidentschaftsbewerber".

Bei seinem Besuch in den USA hat der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan
Islamfeindlichkeit als Reaktion auf Anschläge von Extremisten beklagt und dabei
auch die Rhetorik im Rennen um die US-Präsidentschaft kritisiert. Der
"Terrorismus hat keine Religion", sagte Erdogan bei der Einweihung einer
komplett von der Türkei finanzierten Moschee in Lanham im Bundesstaat Maryland.
Viele ließen dies aber außer Acht.

"Leider machen wir Muslime, die durch den Terrorismus in aller Welt geschlagen
sind und auf die nach den Attentaten oft mit dem Finger gezeigt wird, eine
schwierige Zeit durch", sagte der türkische Staatschef vor Tausenden Zuhörern
und nannte die Anschläge in Brüssel und Paris sowie die Anschläge vom 11.
September 2001 auf die USA. Muslime zahlten "den Preis" des Argwohns wegen
"einer Handvoll Terroristen".

Erdogan kritisierte ausdrücklich die "hetzerische Rhetorik bestimmter


Präsidentschaftsbewerber in den USA". Der führende US-Präsidentschaftsbewerber
Donald Trump hatte nach einem islamistisch motivierten Anschlag im
kalifornischen San Bernardino Anfang Dezember ein generelles Einreiseverbot für
Muslime in die USA gefordert.

Erdogan weiht größte Moschee in den USA ein

Die nun eingeweihte Moschee des islamischen Zentrums Diyanet solle "eine
entscheidende Rolle" dabei spielen, die USA mit dem Islam auszusöhnen, sagte
Erdogan. Die muslimische Gemeinschaft trage "zur Stärkung der USA" bei.

Die neue Moschee im 10.000-Einwohner-Ort Lanham wurde für rund 110 Millionen
Dollar (97 Millionen Euro) im Stil der ottomanischen Architektur des 16.
Jahrhunderts erbaut. Sie soll die größte Moschee der USA sein und hat als
einzige im Land zwei Minarette.

Vor der Moschee-Einweihung hatte Erdogan am Donnerstag und Freitag an einem


internationalen Nukleargipfel in Washington teilgenommen.

Am Rande des Gipfels hatte er US-Präsident Barack Obama getroffen. Zunächst


hatte es geheißen, Obama werde Erdogan nicht wie andere Staatschefs zu einem
Einzelgespräch empfangen. Dies war als Affront gegen den türkischen Präsidenten
gesehen worden.

Für Spannungen in den Beziehungen zwischen Washington und Ankara sorgt unter
anderem der Streit über den Umgang mit kurdischen Kämpfern im Bürgerkriegsland
Syrien. Obama äußerte sich zudem nach seinem Treffen mit Erdogan "beunruhigt"
über dessen Umgang mit der Pressefreiheit.

In der Türkei war kürzlich die regierungskritische Zeitung "Zaman" unter


Zwangsverwaltung gestellt worden. Außerdem läuft ein Spionageprozess gegen zwei
führende Journalisten der Zeitung "Cumhuriyet".
UPDATE: 3. April 2016

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Sonntag 3. April 2016 11:27 AM GMT+1

Martin Schulz;
"Lieber Herr Erdogan, Sie sind zu weit gegangen"

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 655 Wörter

HIGHLIGHT: EU-Parlamentspräsident Schulz fordert im Satire-Streit eine klare


Haltung gegenüber Erdogan. Sein Verhalten sei "nicht hinnehmbar". Eine
Vermischung mit dem Flüchtlingsdeal lehnt er aus einem Grund ab.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) hat scharfe Kritik an der Auslegung


der Pressefreiheit durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geübt.

Es sei "ein starkes Stück" und "nicht hinnehmbar, dass der Präsident eines
anderen Landes verlangt, dass wir in Deutschland demokratische Rechte
einschränken, weil er sich karikiert fühlt", sagte Schulz der Zeitung "Bild am
Sonntag". "Wir müssen Erdogan klar machen: In unserem Land gibt es Demokratie.
Ende."

Schulz forderte eine klare Haltung gegenüber dem türkischen Staatschef. Er kenne
Erdogan "lange und gut". "Er ist ein Mann klarer Worte. Er versteht aber auch
klare Worte. Und hier muss man sagen: Lieber Herr Erdogan, Sie sind einen
Schritt zu weit gegangen. So nicht", forderte der SPD-Politiker. Schließlich sei
Satire "ein Grundelement der demokratischen Kultur", mit dem Politiker zu leben
hätten - "auch der türkische Staatspräsident".

Wegen eines Satirebeitrags des NDR-Magazins "extra 3" über Erdogan hatte die
türkische Regierung den deutschen Botschafter in Ankara, Martin Erdmann,
einbestellt und eine Löschung des Beitrags gefordert. "Wir dürfen zu
Grundrechtsverletzungen in der Türkei nicht schweigen, nur weil wir in der
Flüchtlingsfrage zusammenarbeiten", mahnte Schulz. Vielmehr müsse die EU "diese
Verstöße anprangern und permanent über Meinungsfreiheit und Menschenrechtsfragen
mit der Türkei diskutieren".
Rückführung von Flüchtlingen beginnt am Montag

"Ein Land, in dem der Staatspräsident Diplomaten öffentlich attackiert, weil sie
einen Prozess beobachten, gehört ebenfalls öffentlich angeprangert", sagte
Schulz. Auch die Eskalation des Kurden-Konflikts müsse thematisiert werden.
"Hier kann es keine militärische Lösung geben, die Türkei muss zum
Friedensprozess zurückkehren", verlangte der Europapolitiker.

Eine Vermischung des Flüchtlingsdeals mit EU-Beitrittsverhandlungen und


möglichen Visaerleichterungen lehnte Schulz ab. Es werde "keinen Rabatt" geben.
"In der Flüchtlingspolitik kooperieren wir mit etlichen Ländern, die nicht das
Eldorado der Demokratie sind. Und wir schließen den Pakt nicht mit Herrn
Erdogan, sondern mit der türkischen Republik", hob Schulz weiter hervor.

Im Hinblick auf das am Montag in Kraft tretenden Abkommen mit der Türkei rechnet
Schulz mit einem Durchbruch bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise. "Ich bin
optimistisch, dass die Verteilung klappt", sagte Schulz weiter. "Alle EU-Staaten
haben dieser Regelung zugestimmt."

Allein Deutschland sei bereit, 40.000 Flüchtlinge aufzunehmen, Frankreich


30.000, Portugal 10.000, sagte Schulz. "Und wenn wir es einmal geschafft haben,
ein Kontingent in der EU zu verteilen, bin ich zuversichtlich dass es ab dann
funktionieren wird." Er erwarte eine generelle Entspannung: "Ich bin mir
ziemlich sicher: 2016 werden wir nicht denselben Druck spüren wie letztes Jahr",
sagte Schulz.

Drei Gründe für Entspannung in Flüchtlingskrise

Zur Begründung verwies der EU-Parlamentspräsident darauf, dass es derzeit


"mehrere positive Entwicklungen" gebe: Der Waffenstillstand in Syrien halte
schon länger als zwei Wochen. Ferner werde die Dschihadistenmiliz Islamischer
Staat (IS) zurückgedrängt.

Mit den auf der Geberkonferenz in London beschlossenen Hilfsgeldern für den
Libanon und Jordanien würden zudem die Bedingungen in den Flüchtlingslagern dort
klar verbessert. Träten dazu die Rücknahmeabkommen in Kraft, sei er
"zuversichtlich dass sich der Flüchtlingszuzug reduzieren wird".

Auch für Italien erwartet Schulz eine weit weniger dramatische Situation als
derzeit in Griechenland. "Italien hat anders als Griechenland bereits Hotspots
an seinen Südgrenzen errichtet", hob der EU-Parlamentspräsident hervor.

"Die italienische Regierung ist gut vorbereitet. Ich glaube auch nicht, dass so
viele Menschen übers Mittelmeer kommen werden." Im nächsten Jahr werde die EU
"die Krise wohl nicht komplett bewältigt haben", sagte Schulz, er sehe aber
"einen Silberstreifen am Horizont".

UPDATE: 3. April 2016

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Montag 4. April 2016 9:37 AM GMT+1

Irak;
Kurz vor dem Sieg kracht es in der Anti-IS-Allianz

AUTOR: Alfred Hackensberger, Erbil

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1471 Wörter

HIGHLIGHT: Die kurdischen und irakischen Truppen stehen vor der wichtigsten
IS-Hochburg Mossul - doch nun drohen die autonomen Kurden mit Unabhängigkeit. An
der Front sind die Spannungen zu spüren.

Es ist ein sonniger Frühlingstag. Perfektes Wetter für Kampfflugzeuge. Ihr


Dröhnen liegt ständig in der Luft. In der Ferne steigt dicker, schwarzer Rauch
in den Himmel. "Dort haben sie vor einer halben Stunde bombardiert", sagt
Peschmerga-Offizier Sanhan. Er ist der Kommandeur von Sultan Abdullah, dem
letzten Außenposten vor dem Gebiet der Terrormiliz Islamischer Staat (IS)
südöstlich von Mossul. Von der Stellung auf einem Hügel hat man einen guten
Ausblick über die weite Ebene.

"Direkt vor uns, in etwa 1500 Meter Entfernung, sitzt der IS", erklärt der
Kommandeur und deutet nach unten. "Hier links sind noch andere Dörfer unter
Kontrolle der Terroristen. Die Iraker wollten sie erobern, sind aber
gescheitert." Sahan und die umstehenden Soldaten grinsen abschätzig. Die Iraker,
das sind die anderen. Denn auch wenn das kurdische Autonomiegebiet im Norden des
Landes formal noch immer zum Irak gehört, fühlen sich die Kurden hier unabhängig
- und schon lange kämpfen ihre Peschmerga-Truppen vor allem für die eigene
Sache.

Keiner hier hält viel von der irakischen Armee, die am 24. März die seit Langem
erwartete Offensive auf Mossul startete. Die zweitgrößte Stadt des Irak war den
Dschihadisten im Juni 2014 in die Hände gefallen. Die irakischen Truppen hatten
Hals über Kopf die Flucht ergriffen. Mit der Rückeroberung der Stadt an der
Grenze zu Syrien will die Armee ihren Fehler von damals ausbügeln. In Sultan
Abdullah glaubt daran jedoch keiner der Peschmerga-Soldaten.

"Sehen Sie dort, die beiden Dörfer Baker und Kudilla", erklärt Sanhan. "Wir
haben sie mit den Irakern eingenommen und sie ihnen dann überlassen. Als der IS
zurückkam, sind sie einfach abgezogen. Dann mussten wir die beiden Dörfern
wieder erobern, um sie endgültig den Irakern zu übergeben." Aber die seien nicht
wieder gekommen. "Seit zehn Tagen tritt die irakische Armee in diesem Gebiet auf
der Stelle", resümiert Sahan.

Bei der Kabinettsreform wurden die Kurden übergangen


Die Truppen Bagdads scheinen erneut ihrem schlechten Ruf gerecht zu werden. Mit
Unterstützung der Peschmerga könnten sie etwas bewirken. Aber ausgerechnet der
entscheidende Kampf um die IS-Hochburg wird von einer politischen Krise
überschattet. Das neue Kabinett, das der irakische Premierminister Haidar
al-Abadi dieser Tage ernannte, sollte ein positive Wende für den zerstrittenen
Irak bringen. Aber der Premier ignorierte dabei ausgerechnet eine der
wichtigsten Minderheiten des Landes, die Kurden.

Die kurdische Autonomieregierung wurde nicht konsultiert, die Anzahl ihrer


Ministerposten verringert und die beiden verbliebenen kurdischen Amtsträger von
Abadi selbst ausgesucht. In Regierungskreisen ist man erbost, und das alte
Unternehmen Unabhängigkeit ist für die Kurden wieder hochaktuell geworden.

"Wir bekämpfen den IS", sagt ein kurdischer Regierungsvertreter, "wir haben 1,8
Millionen Flüchtlinge, darunter 700.000 Araber hier aufgenommen, ohne einen Cent
aus Bagdad zu bekommen." Obendrein zahle Bagdad seit sieben Monaten keine
Beamtengehälter mehr aus. Und nun die Sache mit den Kabinettsposten. "Das ist
ein unzumutbarer Affront. Wir können uns nicht länger als Sklave behandeln
lassen. Sollte sich diese Situation nicht ändern und keine zügige und
zufriedenstellende Einigung zustande kommen, bleibt nur der Schritt in die
Unabhängigkeit." Solche Warnungen hört man derzeit oft in Erbil.

Noch 60 Kilometer bis zur Hochburg des IS

Die neue politische Krise und die Drohung mit der Unabhängigkeit kommen zum
schlechtestmöglichen Zeitpunkt. Bei der Offensive auf Mossul müssten alle
Beteiligten an einem Strang ziehen, um die Extremisten des IS zu besiegen. Der
Erfolg der Offensive auf Mossul ist gefährdet, noch bevor sie richtig begonnen
hat.

Von diesen Problemen will der irakische Oberbefehlshaber für Mossul nichts
wissen. Generalmajor Nadschim al-Dschuburi kennt nur Iraker, wie er sagt, völlig
unabhängig von ihrem religiösen oder ethnischen Hintergrund. Von einem
Stillstand oder sogar einem Scheitern der Offensive könne keine Rede sein. Er
besucht gerade die Truppen an der Front. Auf einer Artilleriebasis stehen
Soldaten in Reih und Glied, um seiner Rede über die Bedeutung ihres Einsatzes zu
lauschen. "Alles läuft genau nach Plan", versichert al-Dschuburi nach dem Ende
der Ansprache.

Offiziere umringen ihn, im Hintergrund stehen imposante


150-Millimeter-Geschütze, die eine Reichweite von 25 Kilometern haben. "Unser
erstes Ziel ist erfüllt", sagt der Generalmajor. "Wir machen den Job, für den
wir gekommen sind." Er gibt seinem Assistenten ein Zeichen, worauf dieser auf
seinem Handy Fotos von toten IS-Kämpfern zeigt. Mit einem Fingerwischen folgt
eine blutige Leiche auf die andere, insgesamt 27. "Das war im Dorf Kharbadan",
ergänzt al-Dschuburi. "Wir tun, was wir tun müssen."

Als nächster Schritt stünde die Überquerung des Tigris auf der Agenda. Dafür
werde es in den nächsten Tagen eine große Operation geben. Auf der anderen
Uferseite will die Armee in Richtung Norden auf Mossul vorstoßen. Über den
weiteren Ablauf der Offensive und über den Zeitrahmen wollte al-Dschuburi
dagegen nichts sagen. "Die Einsatzzentrale in Bagdad macht die Pläne, und wir,
als Soldaten, sind dazu da, sie umzusetzen." Noch trennen der Tigris und über 60
Kilometer die Armee von der Stadtgrenze Mossuls. Der Angriff auf Mossul müsse
präzise wie ein chirurgischer Eingriff erfolgen. "Wir wollen nicht das Leben
unserer eigenen Landsleute gefährden", sagt der General. Noch immer soll sich
etwa die Hälfte der vormals zwei Millionen Einwohner in der vom IS beherrschten
Stadt aufhalten.
"Die Iraker planen schlecht und kommen nicht von der Stelle"

Al-Dschuburi gibt sich rundum optimistisch. Er sei "glücklich" über den


bisherigen Verlauf der Offensive. Nach den Siegen in Ramadi und Samarra habe die
irakische Armee wieder einmal bewiesen, wie gut sie sei. "Ohne Panzer,
Spezialeinheiten und schiitische Hilfstruppen haben wir auch hier den IS in die
Flucht geschlagen." Der Generalmajor blickt kurz auf seine Uhr, und Momente
später führen ihn maskierte Leibwächter mit Gewehren im Anschlag zu seinem
gepanzerten Geländewagen. Es geht zurück in die Militärbasis nach Machmur.

Etwas außerhalb dieser Kleinstadt liegt auch das Black Tiger Camp, das
Hauptquartier der Peschmerga. Hier trifft man auf einen leicht entnervten Sirwan
Barsani. Der Neffe von Präsident Massud Barsani ist der Oberkommandeur der
kurdischen Truppen.

Er hat vom Beginn der Offensive der irakischen Armee eher zufällig erfahren.
"Ich war in Paris, als man mich nachts per Telefon informierte", erzählt der
General, dem die irakische Operation viel zu lange dauert und viel zu lasch
geführt ist. "Die Iraker planen schlecht und kommen nicht von der Stelle",
lautet seine Kritik. Dadurch erhöhe sich das Sicherheitsrisiko immens. "Mit
Tausenden von neuen arabischen Soldaten ist es fast unmöglich, Sicherheit zu
garantieren", führt Barsani aus und verweist auf den Selbstmordanschlag vom
letzten Donnerstag in Machmur. "Die IS-Täter gaben sich am Checkpoint als
arabische Armeeangehörige aus."

Um weitere Anschläge zu vermeiden, müsse die Terrormiliz militärisch möglichst


schnell und umfassend in die Defensive gedrängt werden. "Aber dazu sind die
Iraker nicht fähig. Wenn sie so weitermachen, werden sie Mossul nie
zurückerobern", sagt Barsani. Die Peschmerga könnten wesentlich besser kämpfen,
aber bisher gebe es keinen Einsatzbefehl aus Bagdad. "Wir haben dem IS an einem
Tag 22 Dörfer abgenommen", sagt er frustriert. Er hält nicht nur die irakische
Armee für einen hoffnungslosen Fall, sondern auch die Nation, die sie
verteidigen soll.

"Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass der irakische Staat keinerlei Nutzen hat",
sagt Barsani resolut. Im Gegenteil: Solange das künstliche Gebilde
weiterbestehe, würden nur noch mehr Menschen im Namen von Religion und
Machtinteressen hingeschlachtet. Die Republik müsse endlich aufgeteilt werden,
und zwar in drei Teile: jeweils einen für Sunniten, Schiiten und Kurden. "Nur
dann hört das Blutvergießen auf", glaubt Barsani. Für ihn ist die politische
Krise um das neue Kabinett kein unmittelbarer Anlass, um jetzt die
Unabhängigkeit Kurdistans zu fordern. Ginge es nach General Barsani, dann wäre
das schon längst geschehen. Für ihn scheint ein unabhängiges Kurdistan längst
eine ausgemachte Sache zu sein, die keine neuen Provokationen aus Bagdad nötig
hat. Beim Abschied sagt er mit einem breiten Grinsen: "Ich gehe davon aus, dass
ich Sie bald zur Verkündung der Unabhängigkeit Kurdistans empfangen kann."

Aber ist da nicht noch die Offensive von Mossul, die erst abgeschlossen werden
muss? Der irakische Generalstab wird in den nächsten Tagen eine neue große
Operation starten. Sie soll auf den strategischen und taktischen Vorgaben von
Kommandeur Barsani basieren. Anscheinend wird doch nicht alles so heiß gegessen,
wie es derzeit gekocht wird.

UPDATE: 4. April 2016

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Montag 4. April 2016 10:51 AM GMT+1

Geldwäscheskandal;
Diese Namen stehen in den Panama Papers

RUBRIK: WIRTSCHAFT; Wirtschaft

LÄNGE: 695 Wörter

HIGHLIGHT: Politiker, Sportler und Prominente sollen ihr Geld in den


Briefkastenfirmen versteckt haben. Selbst Präsidenten stehen auf der
Namensliste. Ihre Reaktionen sind bezeichnend.

In internationaler Recherchearbeit haben etliche Medien dubiose Finanzgeschäfte


immensen Ausmaßes aufgedeckt. Über Briefkastenfirmen hätten Spitzenpolitiker,
Geschäftsleute, Kriminelle, Sportstars und andere Prominente über Jahre Geld
versteckt, berichteten die "Süddeutsche Zeitung" und mehr als 100 andere Medien
unter Berufung auf ein riesiges Datenleck bei einer Kanzlei in Panama.

Die Staatsanwaltschaft Panamas hat die Ermittlungen zu den Vorwürfen


eingeleitet, die dortige Regierung versprach volle Kooperation. Mit der
Veröffentlichung der Daten geraten mehrere amtierende Staats- und
Regierungschefs unter Druck. Ein Überblick.

Mauricio Macri, Präsident Argentiniens: Die Offshorefirma war eine


Familienangelegenheit. Sein Büro ließ verlauten, dass Macri nur vorübergehend
eingetragener Geschäftsführer der Firma in Panama war. Er selbst halte kein
Kapital darin.

Sigmundur David Gunnlaugsson, Islands Premierminister: Seine Offshorefirma soll


Millionen von US-Dollars in Anleihen einer gescheiterten isländischen Bank
halten. Anfang März noch beantwortete Gunnlaugsson die Frage, ob er jemals
Anteile an einer Offshorefima gehalten habe, mit "Nein". Er habe zwar für
isländische Firmen gearbeitet, die mit Offshorefirmen zusammengearbeitet hatten,
sein Vermögen und das seiner Familie aber habe er stets nach geltendem
isländischem Recht angegeben.

König Salman von Saudi-Arabien: Saudische Offshorefirmen sollen Luxusimmobilien


in der Londoner City finanzieren. Der Monarch tritt nur selten öffentlich auf,
eine Reaktion auf das Datenleck gibt es nicht.

Petro Poroschenko, ukrainischer Präsident: Seine Briefkastenfirma soll 2014


gegründet worden sein, zwei Monate nach seiner Wahl zum neuen ukrainischen
Präsidenten. Die Pressestelle des Präsidenten teilte mit, Prime Asset Partners
Limited - so der Name der Firma - sei "Teil des Prozesses", Poroschenkos
Vermögen in einen sogenannten Blind Trust zu überführen, wobei Poroschenko keine
Kenntnisse über die Bestände haben soll.

Scheich Khalifa bin Zayed al-Nahyan, Emir und Premierminister des Emirates Abu
Dhabi: Die britische Firma, die al-Nahyan hierbei vertritt, war nach eigenen
Angaben "nicht in der Lage", die Vorwürfe zu kommentieren.

Scheich Hamad bin Jassim bin Jabor Al-Thani, Ministerpräsident von Katar: Sein
Anwalt ließ verlauten, dass er "nicht das Recht habe", auf die Vorwürfe zu
antworten. Er berief sich auf die anwaltliche Schweigepflicht.

Lionel Messi, Fußballer: Der Barca-Superstar soll zur Hälfte an einer


Briefkastenfirma beteiligt sein. Deren Name: Mega Star Enterprises, an ihr war
auch sein Vater Jorge Horacio Messi beteiligt. Bis "vor wenigen Wochen" sei die
Firma noch aktiv gewesen.

Familie des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew: In ein ganzes


"Geflecht von Offshorefirmen" sollen die Alijews verwickelt sein. Ihre
Geschäftsgrundlage sei der Goldhandel. Der Alijew-Klan reagierte auf wiederholte
Anfragen für eine Stellungnahme nicht.

Sergej Roldugin, Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin: Über


Offshorefirmen soll Roldugin Einfluss auf Rüstungs- und Medienbetriebe in
Russland erhalten haben. Roldugin selbst antwortete auf Anfragen nicht.
ICIJ-Reporter aber fingen den Musiker Ende März nach einem seiner Konzerte in
Moskau ab. Auf Anschuldigungen sagte er, dass er mehr Zeit für die Prüfung der
Fragen benötige.

Hafez und Rami Machluf, Cousins von Syriens Machthaber Baschar al-Assad: Die
beiden Brüder waren an einer Reihe von Briefkastenfirmen beteiligt. Beide ließen
Anfragen zu ihnen unbeantwortet.

Ian Cameron, Vater des britischen Premierministers David Cameron: Eine


Briefkastenfirma soll dazu genutzt worden sein, Steuern in Großbritannien zu
sparen. Auf Reporteranfragen des "Guardian" reagierte Cameron nicht. Sein Vater
verstarb am 8. September 2010.

Alaa Mubarak, Sohn des 2011 gestürzten ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak:
Eine Briefkastenfirma soll eine Untersuchung der Finanzbehörden ausgelöst haben.
"Kein Kommentar", hieß auch hier die Antwort.

Pilar de Borbón, Schwester des früheren spanischen Königs Juan Carlos: Auf
wiederholte Anfragen reagierte de Borbón nicht. Die Investments in
Offshorefirmen datieren zurück bis in die 70er-Jahre.

UPDATE: 4. April 2016

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Mittwoch 6. April 2016 1:33 PM GMT+1

Mittelstand;
Diese Belohnungen fordern Firmen für Flüchtlingsjobs

AUTOR: Carsten Dierig

RUBRIK: WIRTSCHAFT; Wirtschaft

LÄNGE: 914 Wörter

HIGHLIGHT: Deutsche Firmen wollen Flüchtlinge einstellen. Aber nicht einfach so.
Sie fordern Gegenleistungen - doch die sind für die Politik zu heikel. Am Ende
könnte das passieren, was niemand will: gar nichts.

Deutschlands Mittelstand will sich für Flüchtlinge engagieren, aber nicht ohne
Gegenleistung der Politik. Das offenbart die aktuelle Mittelstandsumfrage der
"Welt am Sonntag". Geht es nach befragten Unternehmern, soll das deutsche
Arbeitsrecht für die Flüchtlinge geschliffen werden: Insbesondere die
Vorrangprüfungen und den Mindestlohn sehen die Manager als Hürde zur Integration
der Neuankömmlinge in den hiesigen Arbeitsmarkt. Zum anderen bemängeln sie
fehlende Sprachkurse.

Besonders deutlich wird Tina Voß vom gleichnamigen Zeitarbeitsanbieter in


Hannover. "Flüchtlinge sind in der Zeitarbeit ein Riesenthema - eben weil sie
keines sein dürfen", klagt die Unternehmerin. Dabei sei Zeitarbeit
typischerweise das einfachste Mittel, um Neuankömmlinge in den Arbeitsmarkt zu
integrieren.

Zwar hat die Politik die Regeln zuletzt schon gelockert. Statt wie bislang nach
vier Jahren dürfen Asylbewerber und Flüchtlinge nun schon nach 15 Monaten als
Zeitarbeiter angestellt werden. Voß hält diese Frist aber noch immer für
deutlich zu lang. "Die Politik sollte die Zeitarbeit endlich als ein
Integrationsmittel begreifen und die Regelungen analog zu anderen
Beschäftigungsformen anpassen."

Sprachförderung soll Barrieren einreißen

Hilfe erwartet der Mittelstand zudem beim Thema Sprachförderung. "Beschäftigung


ist der Erfolgsbaustein für Integration - und Sprache ist die Voraussetzung für
eine Beschäftigung", sagt zum Beispiel Karsten Wulf, der Geschäftsführer des
Callcenter-Betreibers buw aus Osnabrück. Das meint auch Michael Popp, der
Eigentümer und Vorstandschef des Naturarzneimittel-Herstellers Bionorica aus
Neumarkt in der Oberpfalz.

"Kommunikation ist die Grundvoraussetzung für das tägliche Miteinander", sagt


der Unternehmer. "Dann stellen wir gerne Flüchtlinge ein." Es gebe schließlich
gute Ärzte in Syrien. "Mit denen können wir arbeiten."
In der Pflicht sehen die Unternehmer dabei die Bundesregierung. "Die Politik
muss hier unterstützend wirken und dementsprechende Programme schaffen", fordert
Helmut Hilzinger, der Geschäftsführende Gesellschafter des badischen
Fensterherstellers Hilzinger. Und auch Axel Schweitzer vom Berliner
Recyclingdienstleister Alba stellt klar: "Sprache und Schulausbildung sind
Kernaufgaben des Staates." Erst die anschließende berufliche Ausbildung sei dann
eine gemeinsame Sache von Staat und Unternehmen.

Berlin dürfte dem Drängen der Mittelständler kaum nachgeben. Eine Abschaffung
des Mindestlohns und der Vorrangprüfung würde den deutschen Arbeitsmarkt
erschüttern und die Aussichten für Geringqualifizierte weiter schmälern. Doch
diese Bevölkerungsgruppe hat jetzt schon die größten Vorbehalte gegen die
Flüchtlinge. Die Wünsche des Mittelstandes scheinen politisch nicht
durchsetzbar.

Flüchtlinge sollen Fachkräftemangel lindern

Ihre Fühler strecken die Unternehmen aber schon jetzt aus. Denn der Bedarf an
Arbeitskräften ist vorhanden. "Aufgrund des Fachkräftemangels wäre es
wünschenswert, dass sich in diesem Bereich etwas tut", mahnt Fensterproduzent
Hilzinger. Wie auch andere Mittelständler bietet sein Unternehmen Flüchtlingen
Praktika an, um den Einstieg in die Branche zu ebnen. Beim schwäbischen
Gerüstbauanbieter Peri hat ein Praktikant sogar schon so weit überzeugt, dass er
im September als Azubi im Bereich Mechatronik anfängt.

Auch Marie-Christine Ostermann sieht die Voraussetzungen grundsätzlich gegeben.


"Manche Flüchtlingskinder sind zwar schwer für den Unterricht zu interessieren.
Viele von ihnen bringen aber eine unglaubliche Motivation mit", sagt die
Geschäftsführende Gesellschafterin des westfälischen Lebensmittelgroßhändlers
Rullko. "Sie sind mutig, wollen unbedingt lernen, einen guten Schulabschluss
schaffen und etwas aus ihrem Leben machen", beschreibt die Unternehmerin mit
Verweis auf eigene Erfahrungen. "Ein Mitglied unserer Familie hilft in Schulen,
Flüchtlingskinder zu unterrichten und ihnen Deutsch beizubringen."

Mit der Sprache alleine ist es Ostermann zufolge aber nicht getan. "Der
Mindestlohn ist eine hohe Hürde", sagt die 38-Jährige. "Solange der auch für
Flüchtlinge gilt, werden viele von ihnen große Schwierigkeiten haben, eine
Beschäftigung zu finden", ist Ostermann überzeugt. Das befürchtet auch buw-Chef
Wulf. Er schlägt vor, bei Flüchtlingen den Mindestlohn wenigstens für zwei Jahre
auszusetzen. "Integration und Beschäftigung muss vor der Höhe des Einkommens
stehen", begründet er seine Idee.

Daniel Terberger bezeichnet den Mindestlohn daher schon als


"Hinderungsinstrument" für die gewünschte Integration. "Unser Arbeitsrecht ist
gemacht für eine Wohlstandsgesellschaft und angelegt auf Besitzstandswahrung.
Das geht dann am Ende zulasten der Schwächeren", sagt der Vorstandsvorsitzende
des Bielefelder Modedienstleisters Katag.

Konjunkturelle Lage getrübt

Die Bewältigung der Flüchtlingskrise erfordert also noch viel Kraft und
Anstrengung sowie Entgegenkommen der Politik, signalisieren die Mittelständler.
Und das in einer Situation, in der sie vielfach mit sich selbst beschäftigt
sind. Denn mit Blick auf die eigene konjunkturelle Lage ist die Stimmung eher
getrübt. Das zeigt der Mittelstandsindex aus der regelmäßigen Befragung der
"Welt am Sonntag".

Der Wert von 2,75 - die Skala reicht von minus zehn bis plus zehn - bedeutet
einen kräftigen Einbruch von fast einem Punkt gegenüber der letzten Umfrage im
Dezember 2015. Und der Ausblick für die kommenden drei Monate ist mit 2,5
Punkten noch mal schlechter als die aktuelle Lagebewertung.

Mitarbeit: Benedikt Fuest, Tobias Kaiser

UPDATE: 6. April 2016

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Freitag 8. April 2016 1:16 PM GMT+1

Erster Weltkrieg;
Die wahre Pistolenkugel des Lawrence von Arabien

AUTOR: Sven Felix Kellerhoff

RUBRIK: GESCHICHTE; Geschichte

LÄNGE: 701 Wörter

HIGHLIGHT: In seinen Memoiren soll sich der Brite Thomas E. Lawrence, der die
Araber gegen die Osmanen führte, viele Freiheiten erlaubt haben. Der Fund eines
Geschosses an der Hedschasbahn spricht dagegen.

Überführt nach 99 Jahren: Britische Archäologen haben einen Fund gemacht, der
die Schilderungen eines der bekanntesten, aber auch umstrittensten Helden des
Ersten Weltkriegs bestätigt. Demnach dürfte Lawrence von Arabien tatsächlich
persönlich an wenigstens einem Angriff auf die strategisch wichtige Hedschasbahn
zwischen Amman und Medina teilgenommen haben.

Nahe der ehemaligen Bahnstrecke bei Halat Ammar, einem saudi-arabischen


Grenzübergang nach Jordanien, fand 1917 ein Überfall auf einen osmanischen
Militärzug statt, dessen Führung Lawrence in seiner Autobiografie "Die sieben
Säulen der Weisheit" beanspruchte. Das Gefecht wurde 1962 in dem legendären, mit
sieben Oscars ausgezeichneten Film "Lawrence von Arabien" verewigt, in dem Peter
O'Toole die Titelrolle spielte.

Die Archäologen aus Bristol, die im Rahmen "Great Arab Revolt Project" nach
Spuren der Kämpfe suchen, fanden ein leicht korrodiertes und an der Spitze
abgeplattetes Projektil, das mit einem Colt M-1911 verfeuert wurde. Da die
Araber meist mit Gewehren und Revolvern aus britischen Beständen ausgerüstet
waren, die osmanischen Truppen dagegen deutsche Waffen verwendeten, ordnen die
Forscher die schwere US-Selbstladepistole mit Kaliber .45 Lawrence von Arabien
persönlich zu. Von ihm ist bekannt, dass er eine solche Waffe benutzte.

Das kann bedeuten, dass die Skeptiker widerlegt sind, die viele Schilderungen in
"Die sieben Säulen der Weisheit" für ausgeschmückt bis frei erfunden halten.
Neil Faulkner, Mitglied des britischen Teams, erklärte, Lawrence habe zwar "eine
gewisse Reputation als Märchenerzähler". Doch die Pistolenkugel von Halat Ammar
sowie ein erst vor zwei Monaten aufgetauchtes Lokomotivschild aus seinem
Nachlass zeigten, "wie verlässlich seine Schilderung der Arabischen Revolte"
tatsächlich sei.

Der Colt M-1911 war erst im Verlauf des Jahres 1911 als Standardordonnanzwaffe
der US-Armee eingeführt worden. Bis 1914 waren insgesamt 68.533 Stück an die
US-Streitkräfte ausgeliefert worden; in nennenswerten Stückzahlen exportiert
wurde die Waffe zu dieser Zeit noch nicht. Erst ab Juli 1915 lieferte die Firma
Colt insgesamt 15.000 M-1911 an das britische Kriegsministerium. Sie wurden als
besonders durchschlagsstarke Offizierspistolen ausgegeben, vorwiegend an
Flieger. Aus diesen Beständen könnte das Exemplar von Lawrence von Arabien
stammen.

Schon als junger Mann hatte der 1888 geborene Thomas E. Lawrence bei einer
Ausgrabung in Syrien Arabisch gelernt. Nach Kriegsbeginn 1914 trat er in den
Dienst des Secret Intelligence Service in Kairo. Zwei Jahre später brach ein
Aufstand arabischer Freischärler gegen das Osmanische Reich los. Leutnant
Lawrence wurde wegen seiner Sprachkenntnisse als Verbindungsoffizier zu den
Stammesführern geschickt.

Bald zeigte sich, dass die Araber ineffizient kämpften. Lawrence organisierte
sie neu, stattete sie mit britischen Waffen aus und brachte ihnen die Taktik
schneller, harter Angriffe auf Verbindungswege der osmanischen Armee bei. So
gelang es, den Verbündeten des Deutschen Reiches massiv zu destabilisieren. Der
Lohn für den Briten war eine Beförderung nach der anderen, 1918 schließlich zum
Colonel - eine rasende Karriere.

Lawrence wusste, dass er die Unwahrheit sagte

Allerdings wusste Lawrence, dass er seinen arabischen Kämpfern die Unwahrheit


sagte: Die versprochene Unabhängigkeit wollten Großbritannien und Frankreich den
Stämmen eben nicht zugestehen. Im Gegenteil wurde Arabien von verschiedenen
Diplomaten der beiden verbündeten Mächte nach Belieben aufgeteilt. Lawrence zog
sich aus der Öffentlichkeit zurück, wurde unter falschem Namen Soldat in der
Royal Air Force und verfasste seine Memoiren, die 1926 erschienen und seinen
Ruhm nochmals mehrten. Bei einem Motorradunfall verletzte sich der Kriegsheld
1935 tödlich.

Die jetzt gesicherte Pistolenkugel ist wenigstens ein starkes Indiz, dass
Lawrence persönlich bei dem Überfall auf die Hedschasbahn mitgekämpft hat. Nach
der Entdeckung eines Lagers der britischen Helfer der Aufständischen in der
jordanischen Wüste 2014 ist sie ein zweiter wichtiger Fund, der die Darstellung
in "Die sieben Säulen der Weisheit" bestätigt.

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UPDATE: 8. April 2016

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Sonntag 10. April 2016 10:00 AM GMT+1

Russlandkrise;
Ein Konflikt mit Putin schadet nur

AUTOR: Dmitri Trenin

RUBRIK: DEBATTE; debatte

LÄNGE: 1382 Wörter

HIGHLIGHT: Erstmals seit zwei Jahren soll der Nato-Russland-Rat wieder tagen.
Richtig so! Doch das reicht nicht. Wie kann sich der Westen und Russland trotz
der Ukraine-Krise wieder annähern? Ein Leitfaden.

Europas Bruch mit Russland geht in sein drittes Jahr. Politische Kontakte sind
eingeschränkt. Wirtschaftliche Sanktionen werden alle sechs Monate verlängert.
Der Informationskrieg tobt unvermindert fort. Vertrauen gibt es nicht. Noch
wichtiger: Die Voraussetzung, von der Europa in seinen Beziehungen mit Russland
ausging, stimmt nicht mehr. Russland will kein Teil Europas werden.

Es will weder Europas politische Kultur noch die Wertvorstellungen der EU


übernehmen. Der Blick in die Zukunft endet deshalb im Ungewissen. Es gibt kein
business as usual mehr. Daran wird sich so bald auch nichts ändern. Die Risiken
überwiegen. Wie kann trotz alledem ein gangbarer Weg aussehen?

Zu einer realistischen Sichtweise zählt, dass die Ukraine-Krise von 2014 nicht
aus Fehlkalkulationen oder Missverständnissen entstand. Sie war das Ergebnis der
gescheiterten Integration Russlands in den Westen. Die Integration war nicht
prinzipiell unmöglich. Aber über ihre konkrete Gestalt gab es keine Einigung.
Der Westen bestand auf Demokratie und einer amerikanischen Führungsrolle, Moskau
auf Souveränität und einer Einflusszone. Das Ende vom Lied: Es gab keinen Deal.

Es geht um Washington und Moskau

Mit der gescheiterten Integration lebten Konkurrenz und Rivalität wieder auf.
Dass die Konkurrenz sich nicht auf Augenhöhe abspielt und die Rivalität
asymmetrisch ist, macht beides nicht weniger real. Der Konflikt unterscheidet
sich deutlich vom Kalten Krieg; direkte Analogien sind irreführend. Doch er ist
genauso bedeutend, und die Einsätze sind hoch.
Die Auseinandersetzung findet nicht in erster Linie zwischen Russland und der EU
statt, sondern zwischen Moskau und Washington. Europa ist ein Mitspieler auf der
US-Seite, und es gibt eine virtuelle Walstatt in der Wirtschaft und in den
Medien. Obwohl niemand einen militärischen Zusammenstoß will, sind die Risiken
einer solchen Konfrontation so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Damit ist auch die wichtigste Aufgabe der westlichen Politik umrissen. Die
Vermeidung einer Frontalkollision mit Russland hat oberste Priorität. Eine
solche Kollision darf man sich nicht als das Ergebnis einer russischen
Rückeroberung der baltischen Staaten vorstellen oder als Folge eines Vorstoßes
nach Polen zur Spaltung der Nato. Moskau hat weder die Absicht dazu, noch hat es
ein Interesse an solchen Unternehmungen.

Einrichtung einer Notrufzentrale

Eine mögliche militärische Kollision ist aber keine Fantasievorstellung. Die


Eskalation des schwelenden Konflikts im Donbass kann durchaus in eine solche
Krise münden, ebenso ein Luft- oder Seezwischenfall, besonders wenn US-Kräfte
darin verwickelt wären. Eine dritte Möglichkeit ist ein militärischer Konflikt
zwischen Russland und der Türkei, der den Artikel 5 des Nato-Vertrags berühren
könnte.

Der Umgang mit all diesen Szenarien ist vor allem Washingtons Aufgabe. Aber die
Nato wird in vollem Umfang beteiligt sein müssen. Das Mindeste ist, dass die
Vereinigten Staaten und die Nato einerseits sowie Russland andererseits ihre
wenigen verbliebenen Kommunikationskanäle offen halten - 24 Stunden lang, sieben
Tage die Woche. Es ist nicht garantiert, dass der Kontakt zwischen dem
amerikanischen und dem russischen Außenministerium nach dem US-Regierungswechsel
noch so eng ist wie jetzt.

Weil das Pentagon unwillig ist, mit dem russischen Verteidigungsministerium über
mehr zu reden als über Syrien, ist es nun erfreulich, dass der Nato-Russland-Rat
wiederbelebt wird. Er muss als Konfliktverhinderungsforum genutzt werden. Als
solches sollte er sich im Notfall auf vertrauensbildende Maßnahmen und die
Funktion als Notrufzentrale konzentrieren.

Damit verbunden ist das Ziel, die aktuellen Sollbruchstellen im Griff zu halten.
Das zweite Minsker Abkommen, auf dem die Hoffnung für eine friedliche Lösung in
der Ukraine ruht, ist wahrscheinlich nicht umsetzbar.

Im Grunde genommen dient es den Kerninteressen Russlands. Es schafft ein


Verfassungshindernis gegen eine ukrainische Nato-Mitgliedschaft; es legitimiert
Kräfte, die die Ukraine als "Terroristen" einstuft; und es konserviert das
Donbass als eine politisch geschützte, von Kiew auch noch zu finanzierende
Antithese zur gesamten ukrainischen Innen- und Außenpolitik.

Minsk II ist für Kiew aus gutem Grund ein Anathema. Fairerweise sei gesagt, dass
auch einige Mitspieler im Donbass ebenso wenig Interesse an der Übereinkunft
haben. Präsident Putin kann diese Donezk-Mafia wahrscheinlich im Zaum halten, um
sicherzugehen, dass sie seine größeren Ziele nicht stören.

Kluger, weil gemäßigter Obama

Das hat er schon mehrmals unter Beweis gestellt. Präsident Obama und sein
Nachfolger sollten ebenso wie Bundeskanzlerin Merkel darauf achten, dass gewisse
Kräfte in Kiew die periodisch aufflammenden Zwischenfälle im Donbass nicht als
Ausrede für eine Umsetzung von Reformen benutzen. Diese Kräfte versuchen, die
Ukraine stattdessen dem Westen als "Bollwerk der freien Welt gegen die dunklen
Mächte im Kreml" anzudienen.
In Ermangelung eines besseren Instruments ist eine solche auswärtige Betreuung
das wichtigste Mittel der Kriegsprävention. Aus Moskauer Sicht ist die Ukraine
wegen der westlichen Ausbildung und Ausrüstung ihrer Streitkräfte und wegen der
sicherheitspolitischen Unterstützung Kiews zum Mündel der USA und ihrer
Nato-Verbündeten geworden.

Die Modernisierung des ukrainischen Militärs war vermutlich die bislang am


besten funktionierende Reform. Dennoch ist die Regierung Obama vor
Waffenlieferungen an Kiew zurückgeschreckt. Das war und ist klug. Washington
will in Moskau nicht den Eindruck erwecken, die Ukraine als Stellvertretermacht
gegen Russland aufbauen zu wollen. Das Weiße Haus will Kiew auch nicht glauben
machen, es habe die unumschränkte Unterstützung der USA in einem Krieg mit einer
Atommacht.

Bedrohungsgefühl der Russen

Auf dem Warschauer Nato-Gipfel im Juli wird die Allianz wahrscheinlich ihre
Truppenpräsenz auf diejenigen Nato-Mitglieder ausdehnen, die früher Teil des
Warschauer Paktes oder der Sowjetunion waren. Aufgeschreckt durch die
Entwicklungen auf der Krim, drängen diese Länder jetzt auf US-Militärbasen als
einziger wirklicher Sicherheitsgarantie.

Moskau betrachtet das Heranrücken der Nato-Streitkräfte an die russische Grenze


als Bedrohung. Im Norden ist die Allianz dann nur zwei Stunden Autofahrt von St.
Petersburg entfernt. Die Spannungslage, die Europa im Kalten Krieg prägte,
ersteht im Osten des Kontinents in abgespeckter Form neu. Es ist zu spät, diese
Konfrontation noch abzuwenden.

Aber sie sollte mit kühlem Kopf gemanagt werden. Es wäre keine gute Idee, die
Übereinkunft mit Russland von 1997 über die Begrenzung der
Nato-Truppenstationierung in den Beitrittsländern aufzukündigen. Russland wird
auf das Nato-Vorhaben reagieren. Es wäre gut, wenn Moskau das nur im Geist
ausreichender Verteidigungsvorsorge täte.

Die diesjährige deutsche OSZE-Präsidentschaft hat Hoffnungen geweckt, es könnte


ein neues Gesamtkonzept zur europäischen Sicherheit geben. Dafür ist es aber
noch zu früh. Russland hat sich der amerikanisch erdachten Ordnung nach dem
Kalten Krieg entzogen. Es denkt nicht daran, jetzt nach Canossa zu eilen. Die
Sanktionen haben den Willen des Kremls nicht gebrochen, sondern nur zum
Schulterschluss von Elite und Volk um Putin geführt.

Die Rückkehr der Krim und die ihr folgenden Sanktionen haben den russischen
Nationalismus mobilisiert. Erstmals seit der Sowjetzeit dominiert diese
Gefühlslage das politische Denken des Landes.

Ein neuer Modus vivendi zwischen dem Westen und Russland kann derzeit nur in
einem Waffenstillstand bestehen, der keine wesentlichen Zugeständnisse beider
Seiten mit sich bringt. Die westlichen Werte sind nicht gefährdet. Nach 2014 ist
nicht sichere Geborgenheit, sondern Schadensabwendung das Losungswort.

Dazu zählt, die laufenden Konflikte nur mehr unter Kontrolle zu halten, statt
sie gleich zur Gänze lösen zu wollen, und zugleich gefährliche Zwischenfälle zu
verhindern. Dazu zählt die Kunst der Zusammenarbeit trotz der Spannungslage.
Und, ja, auch Handel und Wandel gehören dazu - in den Grenzen, die durch die
Sanktionen und Bündnissolidarität vorgegeben sind. So sieht die politische
Prioritätenliste zwischen dem Westen und Russland aus. Die Idee eines
Großeuropas von Lissabon bis Wladiwostok mag derweil in Frieden ruhen.
Aus dem Englischen von Torsten Krauel.

UPDATE: 10. April 2016

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Sonntag 10. April 2016 11:08 AM GMT+1

Asylkrise;
Islamisten und arabische Clans werben Flüchtlinge an

AUTOR: Stefan Aust, Michael Behrendt, Manuel Bewarder und Claus Christian
Malzahn

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 514 Wörter

HIGHLIGHT: Kriminelle und gewaltbereite Salafisten nutzen die Asylkrise offenbar


gezielt aus, um unter den Flüchtlingen Nachwuchs zu rekrutieren. Ein besonderes
Problem sind die alleinreisenden Minderjährigen.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, warnt


vor Versuchen von Islamisten, Flüchtlinge zu werben. Der "Welt am Sonntag" sagte
er: "Salafisten und andere Islamisten versuchen, Flüchtlinge für sich zu
gewinnen." Viele kämen ohne Familien zu uns und suchten Anschluss. "Wir haben
bereits rund 300 Ansprachversuche gezählt. Sorgen machen mir vor allem die
vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Diese Gruppe wird gezielt
angeworben."

Das seien aber nur die gemeldeten Vorfälle. "Wir gehen davon aus, dass die
tatsächliche Zahl viel höher liegt. Wir sehen durch die Ansprachen ein immenses
Radikalisierungspotenzial." Die arabischsprachige Moscheenlandschaft sei teils
nicht moderat. "Viele Häuser sind fundamentalistisch geprägt oder aufgrund ihrer
salafistischen Ausrichtung gar Beobachtungsobjekt der
Verfassungsschutzbehörden", so Maaßen. Der Moscheebau werde teils durch
saudische Privatspenden gefördert.

Auch kriminelle arabische Großfamilien versuchen, Flüchtlinge zu rekrutieren.


"Vor allem junge und körperlich starke Männer sind im Visier der Clans", sagte
ein Berliner Ermittler. "Diese werden dann für die Drecksarbeit eingesetzt." Der
Berliner Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra sagte der "Welt am Sonntag": "Die
Flüchtlinge kommen hierher und haben kein Geld. Und ihnen wird gezeigt, wie man
ungelernt sehr schnell an Geld kommen kann."

Maaßen sagte weiter, die Terrormiliz Islamischer Staat nutze die


Flüchtlingsströme, um Kämpfer nach Europa zu schleusen. "Der IS will auch
Anschläge gegen Deutschland und deutsche Interessen durchführen." Dazu werde
aufgerufen. Deutsche Städte würden in Zusammenhang mit Paris, London oder
Brüssel genannt. "Anhänger sollen dazu animiert werden, von sich aus Anschläge
auch bei uns zu begehen."

Nach 76 gewaltberiten Islamisten wird gefahndet

André Schulz, Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), gibt zu bedenken,
dass Zehntausende Zuwanderer hier lebten, "von denen wir nicht wissen, wer sie
sind, wo sie genau herkommen und wo sie sich aufhalten". Das sei "für einen
Rechtsstaat nicht hinnehmbar". Rainer Wendt, Bundeschef der Deutschen
Polizeigewerkschaft, kritisiert: "Die Annahmen mancher Politiker, es sei nicht
zu befürchten, dass sich IS-Kämpfer unter Flüchtlinge mischen, ist blauäugig und
naiv." Vielleicht bereiteten "sie schon die nächsten Anschläge vor".

Derweil suchen Sicherheitsbehörden Dutzende gefährlicher Islamisten, die teils


untergetaucht sind. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine
Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, die der "Welt am Sonntag" vorliegt: 76
gewaltbereite Islamisten werden per Haftbefehl gesucht. Die Ausreisen nach
Syrien und in den Nordirak gehen zurück. 2015 reisten rund 150 Islamisten aus
Deutschland ins Kriegsgebiet.

Über die Jahre wurden über 800 Ausreisen festgestellt. Rund 130 von ihnen sind
tot, allein 2015 starben rund 80. Etwa ein Drittel aller seit 2012 in die
Kriegsregion Gereisten halten sich wieder in Deutschland auf. Etwa 70 sollen
aktiv an Kämpfen teilgenommen oder eine militärische Ausbildung absolviert
haben.

UPDATE: 10. April 2016

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Montag 11. April 2016 10:21 AM GMT+1

Sorge um Verbleib;
5835 minderjährige Flüchtlinge in Deutschland verschwunden

RUBRIK: POLITIK; Politik


LÄNGE: 253 Wörter

HIGHLIGHT: Fast 6000 jugendliche Flüchtlinge sind verschwunden, jeder zehnte


davon noch ein Kind. Die Bundesregierung hat keine Hinweise auf ihren Verbleib.
Einige fürchten, dass sie Opfer von Banden wurden.

Im Jahr 2015 sind in Deutschland einem Zeitungsbericht zufolge 5835


minderjährige Flüchtlinge verschwunden. Dies berichten die Zeitungen der Funke
Mediengruppe unter Berufung auf eine Antwort des Bundesinnenministeriums auf
eine Parlamentsanfrage. Von 8006 als vermisst gemeldeten minderjährigen
Flüchtlingen seien bisher 2171 wieder aufgetaucht. Die vermissten,
unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge kamen demnach überwiegend aus
Afghanistan, Syrien, Eritrea, Marokko und Algerien.

Unter den verschwundenen 5835 minderjährigen Flüchtlingen sind dem Bericht


zufolge 555 Kinder. Als Kind gilt in Deutschland, wer jünger als 14 Jahre ist.
Gründe für das Verschwinden konnte das Bundesinnenministerium dem Bericht
zufolge nicht nennen.

In diesem Zusammenhang kritisiert die Grünen-Politikerin Luise Amtsberg die


Bundesregierung. "Dass 5835 unbegleitete Jugendliche und Kinder, die im
vergangenen Jahr verschwunden sind, die Bundesregierung nicht in
Alarmbereitschaft versetzen, ist traurig", sagte Amtsberg den Zeitungen. Die
Regierung solle jetzt aktiv werden, forderte die flüchtlingspolitische
Sprecherin der Grünen im Bundestag.

Es bereite ihr Sorgen, dass die Bundesregierung "die Gefahren durch


Zwangsprostitution und Ausbeutung nicht ernsthaft in Betracht zieht", sagte
Amtsberg. Ende März hatten mehrere Europaabgeordnete in einem Brief darauf
hingewiesen, dass verschollene minderjährige Flüchtlinge womöglich Opfer von
paneuropäischen Banden würden, die sie für Sexarbeit, Sklaverei oder Organhandel
missbrauchten.

UPDATE: 11. April 2016

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Donnerstag 14. April 2016 8:38 AM GMT+1

Ostsee;
Russischer Jet "simuliert" Angriff auf US-Zerstörer

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 318 Wörter

HIGHLIGHT: Bis auf eine Entfernung von neun Metern soll ein russischer Kampfjet
in der Ostsee einem US-Zerstörer nahegekommen sein. Die USA sprechen von einem
"aggressiven" Akt und prüfen mögliche Konsequenzen.

Die USA werfen Russland vor, es habe in den vergangenen Tagen mehrfach
Militärflugzeuge in "aggressiver" Weise nahe eines US-Kriegsschiffs in der
Ostsee vorbeifliegen lassen. Ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums in
Washington sagte am Mittwoch, die Vorfälle am Zerstörer "USS Donald Cook" hätten
sich am Montag und Dienstag ereignet.

Bei einem der Vorfälle sei ein russischer Kampfjet in einer Bewegung, die einen
Angriff "simuliert" habe, in nur neun Metern Höhe über das Schiff
hinweggeflogen. Dies sei "aggressiver als alles, was wir seit einiger Zeit"
gesehen haben, sagte der Mitarbeiter, der anonym bleiben wollte.

Die "USS Donald Cook" befand sich den Angaben zufolge zum Zeitpunkt der Vorfälle
in internationalen Gewässern, in rund 130 Kilometern Entfernung von der
russischen Exklave Kaliningrad (Königsberg), nachdem er am Montag den polnischen
Hafen Gdynia in der Danziger Bucht verlassen hatte. Am selben Tag überflogen
zwei russische Kampfflugzeuge vom Typ Su-24 den Angaben zufolge 20 Mal in
geringer Höhe die "Cook".

"Höchst seltenes Verhalten"

Am Dienstag habe zunächst ein für die U-Boot-Jagd spezialisierter


Marinehubschrauber vom Typ Ka-26 über dem US-Zerstörer gekreist und Fotos
gemacht. Dann seien erneut zwei Su-24-Kampfjets aufgetaucht und hätten die
"Cook" elfmal überflogen. Das sei ein höchst seltenes Verhalten. Die russischen
Flieger seien offenbar unbewaffnet gewesen.

An beiden Tagen habe die "Cook" ohne Erfolg versucht, Funkkontakt mit den Russen
aufzunehmen. Nun werde geprüft, ob die russischen Flugmanöver ein Abkommen aus
den 70er-Jahren verletzt haben, mit dem gefährlichen Zwischenfällen auf See
vorgebeugt werden soll.

Die Beziehungen zwischen den USA und Russland sind seit mehreren Jahren durch
den Konflikt in der Ukraine und den Bürgerkrieg in Syrien schwer belastet. Als
Folge des Ukraine-Konflikts hatten die USA ihre militärische Präsenz in
Osteuropa ausgeweitet.

UPDATE: 14. April 2016

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Donnerstag 14. April 2016 11:36 AM GMT+1

Begriffserklärung;
Flüchtling, Migrant oder Asylsuchender?

AUTOR: Jana Werner

RUBRIK: REGIONALES; Regionales

LÄNGE: 1137 Wörter

HIGHLIGHT: Was ist ein Flüchtling? Wer hat Recht auf Asyl? Was bedeutet Migrant?
Im Zuge des Flüchtlingsstroms werden die Begriffe kaum noch voneinander
getrennt, oft sogar als Synonym verwendet. Eine Erklärung.

Seit Monaten strömen Zehntausende Menschen nach Deutschland, viele von ihnen auf
der Flucht vor Krieg und Terror in ihrem Heimatland. Obwohl die Zahlen derzeit
zurückgehen, findet eine Einordnung derer, die zu uns kommen, kaum noch statt.
Die Begriffe sind verschwommen, sie werden miteinander vermischt oder als
Synonym benutzt. Die Zuwanderer werden meist nur pauschal als Flüchtlinge
bezeichnet. Dabei zieht das Völkerrecht eine klare Trennlinie, sind doch die
Motive der Neuankömmlinge verschieden. Das Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge (BAMF) unterscheidet daher in Flüchtlinge, Asylbewerber, Migranten
und jene, die subsidiären Schutz genießen. Eine Erklärung der Begriffe - auch im
Hinblick darauf, dass sich die Berliner Koalitionsspitzen von Union und SPD
gerade auf die Grundzüge eines Integrationsgesetzes geeinigt haben.

Als Flüchtling wird ein Ausländer hierzulande anerkannt, wenn er unter die
Bestimmungen der Genfer Flüchtlingskonvention fällt. Dann hat der Flüchtling
eine "begründete Furcht vor Verfolgung wegen seiner Ethnie, Religion,
Nationalität, politischen Überzeugung oder seiner Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe", erklärt das BAMF. Ausgehen könne die Verfolgung vom
Staat, von Parteien, Organisationen oder von nichtstaatlichen Akteuren. Erhält
ein Flüchtling in seinem Heimatland keinen Schutz oder kann nicht mehr dorthin
zurückkehren, hat er das Recht auf Sicherheit in einem anderen Land. Ob dies
erfüllt ist, prüft das BAMF. Die Anerkennung regelt Paragraf 3 Absatz 1 des
Asylverfahrensgesetzes. Ein anerkannter Flüchtling hat dieselben Rechte wie ein
Asylberechtigter. Er bekommt zunächst eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre
sowie eine Arbeitserlaubnis. Wird die Anerkennung dann nicht widerrufen, erhält
der anerkannte Flüchtling eine unbefristete Niederlassungserlaubnis.

Weniger Neuankömmlinge im März

Ein Kontingentflüchtling ist ein Flüchtling aus Krisenregionen, der im


Zusammenhang mit internationaler humanitärer Hilfe aufgenommen wird. Gemäß
Paragraf 23 des Aufenthaltsgesetzes dürfen die Landesbehörden beziehungsweise
das Bundesinnenministerium bestimmten Ausländergruppen aus völkerrechtlichen
oder humanitären Gründen oder zur Wahrung politischer Interessen den Aufenthalt
erlauben. Dies bezieht sich auf Menschen, die sich noch nicht oder bereits in
Deutschland aufhalten. Auch kann es die Aufnahme von Personen aus Kriegs- oder
Bürgerkriegsgebieten durch eigenständige nationale Entscheidungen betreffen. Die
Gewährung von vorübergehendem Schutz durch eine vorhergehende Entscheidung auf
EU-Ebene richtet sich nach Paragraf 24 des Aufenthaltsgesetzes.

Im März hat Deutschland deutlich weniger Neuankömmlinge aufgenommen als zuvor.


So erfasste die Bundespolizei von Januar bis März rund 107.000 Zuwanderer an den
Grenzen. Während etwa in Hamburg im Januar und Februar noch jeweils mehr als
2000 Menschen einen Unterbringungsbedarf geltend machten, waren es im März 507.
Insgesamt wurden in dem Stadtstaat im vergangenen Monat 1362 Flüchtlinge
erfasst, davon wurden 643 nach dem Königsteiner Schlüssel zugewiesen. 2016 nahm
Hamburg bisher 4685 Menschen in einer öffentlichen Unterkunft auf.

Die größte Gruppe kam aus Afghanistan (154), gefolgt von Syrien (148), Irak
(97), Iran (51) und Eritrea (28). Aus den Balkanstaaten kamen 65 Menschen. Laut
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) macht der Rückgang der Zugänge aus
den Balkanstaaten deutlich, dass die gesetzliche Einstufung dieser Länder als
sichere Herkunftsländer wirkt. Jene Einordnung strebt de Maizière auch für
Marokko, Algerien und Tunesien an.

Ein Migrant ist jemand, der innerhalb eines Landes oder über Staatsgrenzen
hinweg an einen anderen Ort zieht. Dabei handelt es sich um Menschen, die ihr
Heimatland freiwillig verlassen, um ihr Leben zu verbessern.

Das einzige Grundrecht, das nur Ausländern zusteht

Als Asylbewerber werden jene bezeichnet, die einen Asylantrag gestellt haben.
Asyl genießen nach Artikel 16a des Grundgesetzes politisch Verfolgte. Das BAMF
erklärt: "Das Asylrecht wird in Deutschland nicht nur - wie in vielen anderen
Staaten - auf Grund der völkerrechtlichen Verpflichtung aus der Genfer
Flüchtlingskonvention gewährt, sondern hat als Grundrecht Verfassungsrang. Es
ist das einzige Grundrecht, das nur Ausländern zusteht." Politisch sei eine
Verfolgung dann, "wenn sie dem Einzelnen in Anknüpfung an seine politische
Überzeugung, seine religiöse Grundentscheidung oder an für ihn unverfügbare
Merkmale, die sein Anderssein prägen, gezielt Menschenrechtsverletzungen zufügt,
die ihn ihrer Intensität nach aus der übergreifenden Friedensordnung der
staatlichen Einheit ausgrenzen". In Hamburg wurden im März 1375 Asylverfahren
beschieden, die Verfahrensdauer liegt bei 5,3 Monaten.

Berücksichtigt wird nur eine Verfolgung, die vom Staat ausgeht. Ausnahmen gelten
laut BAMF, wenn die nichtstaatliche Verfolgung dem Staat zuzurechnen oder der
nichtstaatliche Verfolger selbst an die Stelle des Staates getreten ist.
Notsituationen wie Armut, Bürgerkriege, Naturkatastrophen oder
Perspektivlosigkeit sind damit als Gründe für eine Asylgewährung ausgeschlossen.
Auch ergänzt das BAMF: "Bei einer Einreise über einen sicheren Drittstaat ist
eine Anerkennung als Asylberechtigter ausgeschlossen." Bei der Prüfung der
Anträge müssen die BAMF-Mitarbeiter demnach bewerten, ob einem Asylantragsteller
in seinem Herkunftsland Verfolgung droht. Im Dublin-Verfahren wird festgestellt,
welcher europäische Staat für die Prüfung eines Asylantrags zuständig ist.

Eine Ausreise ist nicht immer möglich

Bundesweit registrierte das BAMF im März rund 20.000 Asylsuchende, im Dezember


waren es rund 120.000. Antrag auf Asyl stellten im ersten Quartal 181.405
Menschen, was einem Anstieg von 112 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht.

Wer weder eine Aufenthaltsgenehmigung noch Asyl erhält, muss Deutschland wieder
verlassen. Eine Ausreise oder Abschiebung ist jedoch nicht immer möglich, weil
der Betroffene reiseunfähig ist oder keinen Pass hat. So lange diese Menschen
nicht abgeschoben werden, sind sie geduldet. Mit Genehmigung der Arbeitsagentur
dürfen sie nach drei Monaten Wartezeit arbeiten. Bislang dürfen Asylbewerber und
Geduldete eine Arbeitsstelle nur besetzen, wenn Einheimische oder andere
Europäer keinen Vorrang haben. Im Zusammenhang mit dem geplanten
Integrationsgesetz soll diese Vorrangprüfung für drei Jahre abgeschafft werden.

Anspruch auf subsidiären Schutz hat ein Drittstaatsangehöriger oder


Staatenloser, dem laut BAMF "weder durch die Zuerkennung der
Flüchtlingseigenschaft noch durch das Asylrecht Schutz gewährt werden kann". Er
muss dann begründen, dass ihm in seinem Herkunftsland die Todesstrafe, Folter
oder eine ernsthafte individuelle Bedrohung droht. Wer unter subsidiärem Schutz
steht, erhält eine Aufenthaltserlaubnis für zunächst ein Jahr.

UPDATE: 14. April 2016

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Donnerstag 14. April 2016 1:58 PM GMT+1

Direkter Draht;
Was Putin auf die Frage zur First Lady antwortet

AUTOR: Cornelia Hendrich

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 774 Wörter

HIGHLIGHT: Im "direkten Draht" können die russischen Bürger dem Präsidenten


Wladimir Putin Fragen stellen. Neben der politischen Agenda spielen auch
ausländische Medikamente und sein Beziehungsstatus eine Rolle.

Der russische Präsident Wladimir Putin stellte sich Fragen der Bürger in der
TV-Sendung "Der direkte Draht". Die Russen stellten ihm Fragen zu der hohen
Inflation, über sein Privatleben und über Doping.

Putin über die russische Wirtschaft

Die Wirtschaft seines Landes ist auf dem Weg der Erholung. Die hohe Inflation
bezeichnet er als ein vorübergehendes Phänomen. Der Anstieg der Nahrungsmittel
sei allerdings noch beträchtlich. Zu einem gewissen Grad sind daran laut Putin
die westlichen Sanktionen schuld. Derzeit gebe es noch keine Lösung für die
schwierige Lage der russischen Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt werde "ein
wenig" in diesem Jahr sinken, sagt er voraus.

Die Frage zu den ausländischen Medikamenten

Putin wird gefragt, ob er ausländische Medikamente nehme. Er versuche es nicht


so weit kommen zu lassen und mache viel Sport, so der Präsident. Auslöser für
die Frage waren Beschwerden über teure ausländische Medikamente in den
Apotheken. Ein Arbeiter in der Pharmaindustrie ärgerte sich auf der anderen
Seite über zu niedrige Preisbindung für russische Medikamente, sodass sich deren
Herstellung nicht lohne. Putin versprach, die Preisbindung für Medikamente zu
überdenken. Zudem werden in diesem Jahr 16 Milliarden Rubel für die Entwicklung
russischer Medikamente bereitgestellt.

Die Frage nach seiner Frau

Der Präsident wird gefragt, ob seine frühere Ehefrau Ludmilla, von der er sich
2013 scheiden ließ, wieder geheiratet habe. Zudem, wann er seine First Lady
vorstelle. Putin antwortet, er treffe Ludmilla manchmal. Ihr gehe es gut, ihm
gehe es gut. Er wisse, was in den Zeitungen steht. "Ich weiß aber nicht, ob ich
jetzt solche Fragen in den Vordergrund stellen würde." Es sei als Präsident
gewählt, um sich um Dinge wie den Ölpreis zu kümmern. Er könne verstehen, dass
die Menschen etwas über sein Privatleben wissen wollen. "Irgendwann werde ich
einmal drüber reden", so Putin.

Die Frage zum russischen Doping

Dutzende Sportler wurden in den vergangenen Wochen positiv auf die seit
Jahresanfang verbotene Substanz Meldonium getestet. Unter anderem der russische
Tennisstar Maria Scharapowa. Das Präparat war vor allem in Russland und den
baltischen Staaten verbreitet. Putin dazu: "Das Präparat Meldonium beeinflusst
die Ergebnisse beim Sport nicht. Es unterstützt nur das Herz bei Belastungen."
Auch der Erfinder, es wurde in der ehemaligen Sowjetunion erfunden, habe das
Präparat nicht für Doping gedacht. "Ich glaube aber nicht, dass es einen
politischen Hintergrund gibt", so Putin. Die Anti-Doping-Agentur Wada habe ja
die Grenzwerte bereits wieder etwas zurückgenommen.

Die Frage zum Ertrinken

Eine Zwölfjährige fragt Putin, ob er den türkischen Präsidenten Recep Tayyip


Erdogan und den ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko vor dem Ertrinken
retten und wen von beiden er zuerst helfen würde, sagte Putin: "Wenn jemand
entschieden hat zu ertrinken, ist es unmöglich, ihn zu retten."

Die Frage zu den schlechten Straßen

Auf die Frage, was er gegen den schlechten Zustand der Straßen zu tun gedenke,
antwortet Putin, die Regierung müsse sicherstellen, dass öffentliche Gelder für
den Straßenbau von örtlichen Politikern nicht für andere Zwecke verwendet
werden.

Die Frage zu den Panama Papers

Sergej Roldugin habe das Geld dazu benutzt, zwei Geigen zu kaufen. Es gehe um
Milliarden Dollar, sagt Putin, aber es seien auch sehr exklusive Instrumente.
Eine der Geigen sei von Stradivari, sagt Putin. Der Musiker hätte mit dem Kauf
sogar mehr Geld ausgegeben, als er eigentlich hatte. Putin ist der Meinung, die
Veröffentlichungen der "Panama Papers" gehe von amerikanischen Behörden aus. Der
erste Artikel sei in der "Süddeutschen Zeitung" erschienen, sie gehöre zu einer
Medienholding, die wiederum etwas mit Goldman Sachs zu tun habe. Das sei die
Verbindung zu Amerika. "Mit Hilfe der Medien darf man nicht manipulieren, wie
man will", so Putin. Man sollte Russland wie einen Partner behandeln.

Die Frage über die Sanktionen

Nicht Russland, sondern Kiew sei an der Situation in der Ostukraine schuld, sagt
Putin. Wenn die Sanktionen gegen Russland, die aufgrund der Ukraine-Krise
verhängt worden waren, irgendwann abgebaut werden, werde Russland es schwieriger
haben. "Die von uns verhängten Gegensanktionen schützen uns", sagt der
Präsident.

Die Frage zu der Türkei als Freund oder Feind

Die Türkei hatte im vergangenen November im Grenzgebiet zu Syrien einen


russischen Kampfjet abgeschossen. Trotz der Spannungen wegen des Syrien
-Konflikts wertet Putin die Türkei nach wie vor als befreundete Nation. Er habe
lediglich Probleme mit einigen türkischen Politikern, die sich "nicht angemessen
verhalten hätten", sagte Putin. ç

UPDATE: 14. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Mittwoch 20. April 2016 2:00 PM GMT+1

"Flüchtlinge Willkommen";
Flüchtlings-Grüße als Vorspann vor Hetzvideos

RUBRIK: PANORAMA; Panorama

LÄNGE: 226 Wörter

HIGHLIGHT: Wer ein Video von Pegida-Chef Bachmann anschauen will, kommt künftig
nicht um eine Willkommensaktion herum. Vor 100 Hassvideos wurden jetzt
sympathische Videobotschaften Geflüchteter geschaltet.

Mit originellen Videos von Flüchtlingen will die Initiative "Flüchtlinge


Willkommen" aus Berlin ein Zeichen gegen Hetzvideos im Netz setzen. Wer auf
YouTube nach fremdenfeindlichen Videos sucht, bekommt in ausgewählten Fällen
einen vorgeschalteten Clip zu sehen, in dem Geflüchtete nachfolgende Vorurteile
zu entkräften versuchen - etwa mit einer persönlichen Geschichte. "Mit der
gezielten Platzierung der Spots wollen wir die Konsumenten der rechtsradikalen
Videos zum Nachdenken anregen und am besten sogar umstimmen", sagte Initiatorin
Mareike Geiling am Dienstag.

In einem Spot etwa, der vor einem Hetzvideo von Pegida-Chef Lutz Bachmann
geschaltet ist, erzählt Arif aus Syrien von Bachmanns Vergangenheit. Dessen
Vorstrafenregister reicht von Delikten wie Diebstahl, Einbruch und
Körperverletzung bis Drogenhandel. In dem folgenden Hetzvideo wettert Bachmann
gegen angeblich kriminelle Flüchtlinge. Der vorgeschaltete Clip soll zeigen: Es
sind nicht die Flüchtlinge, die kriminell sind.

Zum Beginn der Aktion am Dienstag waren die Clips vor rund 100 Hassvideos
geschaltet. Laufend sollen neue dazukommen. Die Verknüpfung funktioniert durch
die Kombination mit bestimmten Schlüsselbegriffen. Die Initiative bucht außerdem
Werbespots vor ausgewählte Hetzvideos. Überspringen lassen sich die Clips nicht.
Insgesamt wurden neun verschiedene Spots produziert.

UPDATE: 20. April 2016

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Mittwoch 20. April 2016 11:12 PM GMT+1

Fünf Jahre lang;


Brüssel-Attentäter soll am Flughafen gearbeitet haben

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 265 Wörter

HIGHLIGHT: Der Terrorist Najim Laachraoui hat laut einem belgischen TV-Sender
fünf Jahre am Flughafen von Brüssel gearbeitet. Im Keller des Gebäudes sollen
sich radikale Mitarbeiter zum Beten getroffen haben.

Einer der Attentäter vom Brüsseler Flughafen soll laut einem Fernsehbericht
selbst fünf Jahre lang dort gearbeitet haben. Najim Laachraoui, der sich am 22.
März mit seinem Komplizen Ibrahim El Bakraoui in die Luft gesprengt hatte, sei
bis Ende 2012 für eine Zeitarbeitsfirma am Flughafen tätig gewesen, berichtete
der flämische Fernsehsender VTM am Mittwoch.

Der 24-jährige in Marokko geborene Belgier soll als Bombenspezialist auch eine
Rolle bei den Pariser Anschlägen vom November 2015 gespielt haben. Die
Staatsanwaltschaft nahm zunächst keine Stellung.

DNA in Paris gefunden

Seine DNA wurde auf Resten von Sprengstoffgürteln in Paris gefunden. 2013 war er
nach Syrien gereist, um den Kampf der Dschihadisten zu unterstützen. Zusammen
mit dem mutmaßlichen Paris-Attentäter Salah Abdeslam wurde er im September an
der österreichisch-ungarischen Grenze unter falschem Namen kontrolliert.

Der Privatsender VTM berichtete weiter, kurz vor den Anschlägen vom 22. März sei
"im Keller" des Brüsseler Flughafens ein geheimer Gebetsraum entdeckt worden.
Dort habe sich "radikalisiertes Personal" getroffen, um heimlich zu beten. Der
Gebetsraum sei geschlossen worden. Inzwischen sei eine Liste erstellt worden mit
"mindestens 50 Mitarbeitern", die als radikal eingestuft worden seien und Zugang
zum Flughafen gehabt hätten.

Bei den Brüsseler Anschlägen waren 32 Menschen getötet worden. Zu den


Bombenattentaten am Flughafen und auf einen U-Bahnhof im Stadtzentrum hatte sich
die Dschihadistenmiliz IS bekannt. Mehr als 300 Menschen wurden verletzt. In
Paris kamen 130 unschuldige Menschen ums Leben.

UPDATE: 21. April 2016

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Samstag 23. April 2016 10:53 AM GMT+1

Auf Abschiedstour;
Warum wir Barack Obama noch vermissen werden

AUTOR: Uwe Schmitt

RUBRIK: DEBATTE; debatte

LÄNGE: 1852 Wörter

HIGHLIGHT: Der amerikanische Präsident besucht Hannover und damit zum letzten
Mal in seiner zweiten Amtszeit Deutschland. Was für ein Präsident war er? Trotz
aller Kritik an seiner Außenpolitik: kein schlechter.

Es wird in diesen Tagen nicht mangeln an üblen Nachreden und Abgesängen auf
Barack Hussein Obama. Gefärbt von dem deutschen Zug zum Unbedingten in Verehrung
wie Geringschätzung, wird abgerechnet. So lassen sich die 200.0000 an der
Berliner Siegessäule im Juni 2008 bei Obamas deutscher Himmelfahrt verrechnen
mit den 200.000 Anti-TTIP-Demonstranten in der Hauptstadt im Oktober 2015 und
vielleicht abermals 20.000 in Hannover am heutigen Samstag.

Als schäme man sich der Begeisterung von damals für den ersten schwarzen
US-Präsidenten, werden Revanchefouls verübt: Nicht nur für den
NSA-Datenspähskandal, Drohnentötungen und das unerfüllte Versprechen, die
Rechtlosigkeit in Guantánamo zu beenden, sondern für viel zu wenig amerikanische
Führung und zu viel Einmischung. Und überhaupt für die ganze Misere.

Gescheitert sei dieser erste mit postimperialem Gestus angetretene US-Präsident


vollständig, meinen konservative Kommentatoren nicht nur in den USA: Durch
Zaudern im Nahen Osten habe Barack Obama den Iran ermächtigt, Israel geschwächt,
den Irak im Stich gelassen, Moskau in Syrien gestärkt und die Teufelsbrut des IS
erst geschaffen.

Clinton und Obama - ein Vergleich

In Europas Flüchtlingskrise helfe Amerika wenig, sein Lob für Angela Merkels
"kühne Führungskraft" sei ein Lippenbekenntnis aus Angst vor einer zerbrechenden
EU. TTIP sei eine geheimbündlerische Angelegenheit und schon deshalb verdächtig.
In den Vereinigten Staaten selbst seien die Gräben zwischen den ideologischen
Lagern befestigt und noch tiefer geworden; statt Ausgleich und Kompromiss, die
Obama versprochen hatte, verweigere der Kongress die Arbeit, gelähmt von
Missgunst und Feindseligkeit.

Endlich bringe der Präsidentschaftswahlkampf unter den republikanischen


Bewerbern die hässlichsten und niedrigsten Seiten zum Vorschein. Fair ist das
nicht. Aber so ergeht es den Heilsfiguren, die für zu viele zu glaubwürdig
wirkten, als sie zu viel versprachen: Sie enden am Kreuz, haftend und bestraft
für die Sünden der Welt.

Der Präsident hält eine Menge von dem Intellektuellen Barack Obama. Aber er war
klug genug, seinen Rücksturz zur Erde vorauszusehen, als er noch nicht im Himmel
war. An ironischer Distanz hat es ihm nie gemangelt. Viel mehr fehlte ihm die
Lust, sich in die Niederungen der Politik zu begeben. Sich zu wälzen und zu
suhlen im Schlamm wie das "political animal" Bill Clinton, dem Obama in anderen
Eigenschaften gleicht: Beide sind Söhne aus dysfunktionalen Elternhäusern,
Vaterlose, die sich selbst erfanden und jede geringste Chance nutzten,
emporzukommen. "Elvis" nannten sie Clinton, weil er die Massen liebte und
bezauberte. "Jimi" (Hendrix) könnte man Obama nennen, der die Massen
verzauberte, ohne sie zu lieben.

Der Traum, Präsident zu sein

Doch wo Clinton, nicht minder gescheit, aus dem Bauch handelte und die
Verfertigung von Politik im endlosen Brainstorming suchte, herrscht bei Obama
Distanz und Rationalität. Seine Berater berichten von leidenschaftlicher Kühle,
Vernunft gegen das Chaos, Wissen wider Gefühle, Intelligenz wider Ideologie. Was
dem Präsidenten innenpolitisch nicht gelang, war, Gegner im Kongress, die wie
Feinde fühlten, sich gewogen zu machen. Kunststück. Sie nannten ihn
unamerikanisch, Feigling, Hochverräter (mit dem Friedensnobelpreis als
Judaslohn).

Sie unterliefen aus Prinzip jedes Gesetzesvorhaben - am zähesten bis heute die
Gesundheitsreform, im Kürzel "Obamacare". Sie sagten offen, sie würden ihren
Präsidenten scheitern lassen. Barack Obama nutzte jede Chance, die sie ihm nicht
gaben, und kam nur selten damit durch. Sein Scheitern ist so glorios, dass es
einem Sieg gleichkommt. Der Präsident mit der unwahrscheinlichsten, also
amerikanischsten Aufstiegsstory kann nicht mehr scheitern.

Rückblende: Ronald Reagan war Amerikas Präsident, sein Land schrieb das Jahr
1983, und der New Yorker Student Barack Obama war weder high noch betrunken, als
er seinen pakistanischen Kommilitonen Mir Mabub Mahmud eine lächerliche Frage
stellte: "Glaubst du, ich werde eines Tages Präsident der Vereinigten Staaten
sein?"

Was nur Amerika kann

Mahmud, Jurastudent an der Columbia University, hatte Nächte damit verbracht,


mit Obama über Literatur und politische Theorie zu diskutieren. Er hatte sich
das Recht erworben zu erwidern: "Klar, du verrückter Hund. Warum nicht gleich
Gott?" Stattdessen nahm er Obama ernst und antwortete: "Wenn Amerika bereit ist
für einen schwarzen Präsidenten, kannst du es schaffen." Dieser von Mahmud
bezeugte Wortwechsel, der einen kindlichen Träumer mit fantastischem Ego
aufscheinen lässt, findet sich in der Biografie "Barack Obama - The Story"
(2010) von David Maraniss.

Amerikas erster multikulturell geprägter Präsident, der sich in Honolulu,


Jakarta, New York und Chicago überwiegend selbst erzog und in zehn Jahren der
Selbstfindungsmühen einen coolen schwarzen Politiker erfand, hätte sich keinen
besseren Biografen wünschen können. Ob der 44. Präsident das selbst so sieht,
mag man bezweifeln.

Nichts, so scheint es, zieht sich so verlässlich durch das Leben von Barack
alias Barry Obama wie das Bedürfnis, sich hinter überlegener Kühle und
gespielter Wärme zu verschanzen. Geheimnisvoll und unverletzlich zu bleiben war
das Ziel. Wie aber aus dem hyperentspannten Pot-Kopf in Hawaii der Elitestudent
an der juristischen Fakultät in Harvard wurde, bleibt selbst nach der Lektüre
von "The Story" im Vagen. Klar ist lediglich, dass nur Amerika solche
Geschichten schreibt.

Präsident des Rückzugs

Nun ist dieser Mann 54, ergraut und flügellahm in seinem letzten Amtsjahr. Obama
zieht Ehrenrunden durch die Welt, und Pfiffe übertönen den schütteren Beifall.
Es ist an der Zeit, sich zu erinnern, dass der 48 Jahre alte US-Senator aus
Illinois 2008 in der schwersten Finanzkrise seit Menschengedenken gewählt wurde
und im Januar darauf ein gigantisches Haushaltsdefizit vorfand, "verursacht
durch zwei unbezahlte Kriege und zwei unbezahlte Steuersenkungen", wie er selbst
beklagte.

Niemand, der halbwegs fair auf das erste schwere Amtsjahr Obamas zurückblickt,
kann bestreiten, dass der junge Präsident eine erstaunlich aufrechte Haltung
unter Feindfeuer bewies. Die Kriegsmüdigkeit der meisten Amerikaner hatte ihn
ins Amt gebracht; ihm vorzuwerfen, dass er sein Versprechen eines geordneten
Rückzugs aus dem Irak und Afghanistan zu erfüllen versuchte, zeugt von
erstaunlicher Perfidie.

Obamas republikanischer Gegenkandidat John McCain, schnell bei der Hand mit
Forderungen, irgendwelche nahöstlichen Hauptstädte zu bombardieren, hatte die
Wahl krachend verloren. Im aktuellen Wahlkampf gibt der Texaner Ted Cruz sich
ähnlichen Fantasien hin. Auch Donald Trump nimmt es locker allein mit Wladimir
Putin auf und fegt den IS vom Antlitz der Erde. Die Herren spielen amerikanische
Allmacht, weil es ihnen in den Kram passt. Wenn die ersten 50 GIs in
Plastiksäcken zurückkehrten, könnte es rasch vorbei sein mit der Abenteuerlust
ihrer Wähler.

Obama und Merkel

Nicht nur Barack Obama hatte das Pech, seine gesamte Amtszeit von Kriegen und
Krisen getrieben worden zu sein. Mit Ausnahme von "Obamacare" hatte er kaum
Gelegenheit, je politisches Kapital einzusetzen für seine Vision von einem
gerechteren, mit sich ausgesöhnten Amerika. Die Vorstellung hatte er in
glänzenden Reden glaubwürdig entworfen; "Yes we can" war ein Slogan smarter
Werbeleute, lächerlich war er nicht. Amerika wollte glauben, an das Gute in sich
selbst. Obama schenkte den Amerikanern schon durch seine Redekunst und Biografie
die erfüllte Sehnsucht nach innerem Frieden der Rassen.

Er war nicht naiver als Ronald Reagan, der nach den deprimierenden Carter-Jahren
in Ölschock und Rezession die Nation aufzurichten versuchte und ihr 1984 mit dem
Mantra "Morning in America"das "Yes we can" seiner Zeit verabreichte wie ein
Aufputschmittel. Es funktionierte. Mögen Historiker und Politikwissenschaftler
streiten über die Erfolge und Enttäuschungen der Ära Barack Obama, die im
Übrigen erst im Januar 2017 endet: Ahnungslosigkeit oder gar Scharlatanerie ist
ihm nicht vorzuwerfen. Dass viele Deutsche, die über Jahre unfähig waren, dem
Mann das Geringste zu verargen, nun schwer enttäuscht sind, sagt eine Menge über
sie aus. Wenig Schmeichelhaftes.

Angela Merkel hat sich stets vorbehalten, den Präsidenten nicht anzuhimmeln. Die
Physikerin und der Rechtsprofessor sind sich nahe in ihrer Distanziertheit. So
fremd der Kanzlerin die hochgestimmte Baptistenprediger-Rhetorik Obamas ist, so
pragmatisch und ideologiefern treten die beiden Machtpolitiker einander
gegenüber. Im Grunde teilen sie mehr als ihnen zugutegehalten wird. Nicht zum
wenigsten ihr Außenseitertum im politischen Gewerbe, mindestens in ihren
Anfängen.

Ohne Skandal durch die Amtszeit

Beide stammen nicht aus Dynastien politischer Macht. Hawaii und Ostdeutschland
waren auf ihre Weise gleichermaßen exotisch in der Biografie eines
Regierungschefs beider Staaten. Obamas Ideen zu sozialer Gerechtigkeit sind, in
sehr amerikanischer Färbung, sozialdemokratisch, konservativ und christlich wie
jene von Angela Merkel.

Dass das deutsche Spardiktat und die Verehrung der "schwarzen Null" im
eklatanten Widerspruch stehen zu dem obersten Konsumgebot in den USA, das
hinausläuft auf eine Patriotenpflicht zur privaten Verschuldung, trennt die
beiden nicht mehr, als frühere Präsidenten und Bundeskanzler davon getrennt
wurden. Es versteht sich, dass Barack Obama, tief besorgt um das von der
Flüchtlingskrise aufgewühlte Europa, sowohl David Cameron wie Angela Merkel den
Rücken stärken will. Mehr als freundschaftliche Gesten und gute Worte wird er
nicht bieten können.

Das ist nicht so banal, wie es scheint. Sollte einer der beiden nach Vorwahlen
führenden Republikaner ins Weiße Haus gelangen, könnten sich die Europäer bald
nach Obamas konzilianten Manieren zurücksehnen. Die ersten amerikanischen
Kolumnisten beginnen vorauseilend den Mann zu vermissen, der ein feiner Herr
ist, ein Gentleman. David Brooks, einer der eminenten konservativen
Kommentatoren und strenger Kritiker von Obamas Politik, bekannte schon Anfang
Februar in einer bewegenden Hommage, wie sehr er die "grundsätzliche Integrität
und Menschlichkeit" des Präsidenten schätze.

Anstand und Höflichkeit

Keinen einzigen Skandal hätten sich die Obamas oder einer ihrer Angestellten in
acht Jahren zuschulden kommen lassen. Angesichts der enormen Zeit- und
Kraftverschwendung, die einst Reagan und Clinton die Affären um Iran-Contra und
Monica Lewinsky kosteten, eine rühmenswerte Leistung. Nichts liegt Barack Obama
ferner, als Minderheiten zu diffamieren, mit stumpfen Machismo Militärschläge
anzudrohen, Kritiker zu erniedrigen. Bei Cruz und Trump sieht David Brooks
entsetzt, was er "die Pornografie des Pessimismus" nennt: "Die Menschen werden
eher von Hoffnung und Gelegenheiten motiviert, kluge Entscheidungen zu treffen,
als von Furcht, Zynismus, Hass und Verzweiflung. Anders als viele gegenwärtigen
Kandidaten hat Obama nie solche Leidenschaften angesprochen."

Wer meint, Anstand, Höflichkeit und Würde hätten in der Politik nichts verloren,
nur Schwächlinge könnten sie sich leisten, mag Barack Obama für einen Versager
halten. Wir anderen werden ihn vermissen.

UPDATE: 23. April 2016

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Sonntag 24. April 2016 8:32 AM GMT+1

Cervantes' letzte Tat;


"Lebt wohl, ihr geistreichen Witze"

AUTOR: Martin Ebel

RUBRIK: KULTUR; Kultur

LÄNGE: 1156 Wörter

HIGHLIGHT: Für uns ist er der Schöpfer des "Don Quijote": Doch damals galt eine
Ritter-Parodie weniger als ein Liebesroman. Deswegen schrieb Cervantes auch
"Persiles und Sigismunda". Soll man das auch lesen?

Jeder kennt den "Don Quijote", und sei es nur die Episode mit den Windmühlen,
aus einer Bearbeitung für die Jugend oder als "Der Mann von La Mancha", den
Musicalhelden. Kaum jemand dagegen hat "Die Irrfahrten von Persiles und
Sigismunda" gelesen. Wer weiß überhaupt vom letzten Roman des Miguel de
Cervantes, den der Autor kurz vor seinem Tod abschloss und für das beste seiner
Werke hielt? Den Tod - am 23. April 1616, zehn Tage vor dem Shakespeares - hat
er selbst in die Widmung des Romans ("Nachdem ich gestern bereits die letzte
Ölung bekommen habe") und die Vorrede ("Lebt wohl, ihr geistreichen Witze")
hineinkomponiert.

"Persiles und Sigismunda" wurde sofort zum Bestseller - was immer das hieß in
einem Spanien, in dem kaum jemand lesen konnte -, neunmal ins Deutsche
übersetzt, viel gelobt, aber dann vergessen und im Buchhandel nicht mehr
greifbar. Die zehnte Übersetzung legt Petra Strien jetzt bei der Anderen
Bibliothek vor; in einem ein klaren, flüssigen Deutsch, versehen mit zwei
Nachworten und Anmerkungen.

"Don Quijote" öffnet literarisch das Fenster zur Moderne, "Persiles und
Sigismundo" aber orientiert sich rückwärts. Aus heutiger Perspektive ist es ein
epigonaler Roman. Das Vorbild sind die "Äthiopischen Abenteuer von Theagenes und
Charikleia", verfasst um 250 n. Chr. vom spätantiken Autor Heliodor in Emesa,
dem heutigen Homs in Syrien.

Ein literarisches Modell, das bis ins 17. und 18. Jahrhundert viele Nachahmer
gefunden hat; indem er ihm kongenial folgte, wollte Cervantes endlich die
Anerkennung als großer Autor gewinnen. Die Ständeklausel galt damals auch in der
Literatur, und der Liebes- und Abenteuerroman stand höher als etwa der gerade
erblühende Schelmenroman oder gar die Ritterparodie.

Liebe zählt mehr als die Ritterparodie

Wie bei Heliodor geht es in "Persiles und Sigismunda" um ein Liebespaar, das vom
Schicksal auf jede erdenkliche Weise verfolgt wird, aber unerschütterlich
aneinander fest- und am Schluss auch den verdienten Lohn in Form der
Eheschließung erhält.

Lebt der moderne Liebesroman von den mannigfaltigen inneren Sprengkräften -


Eifersucht, Missverständnisse, Erkaltung des Gefühls, Langeweile -, so lebt der
klassische von dem, was die Glücks- und Unglücksgöttin Fortuna in ihrem Füllhorn
hat. Persiles und Sigismunda werden entführt, getrennt, als Sklaven verkauft,
überfallen, verhaftet, beraubt, verwechselt und wiedererkannt. Nichts kann den
Glauben an sich selbst und den anderen und ein letztlich günstiges Geschick
erschüttern. Keiner Versuchung geben sie nach.

Um Sigismunda bewerben sich unter anderem der Prinz von Dänemark, der Herzog von
Nemours und König Polykarp in Unkenntnis von deren königlichem Geblüt, allein
angezogen von ihrer unvergleichlichen Schönheit. Diese Schönheit - "sin par",
wie es im Spanischen heißt, und der "Quijote"-Leser denkt an die parodistische
Anwendung auf die Bauernmagd Dulcinea - wird nicht beschrieben, sondern nur in
ihrer Wirkung gezeigt: Alle verfallen ihr, bis hin zum Tod im Duell (oder
beinahe).

Auch Persiles muss einigen Nachstellungen entgehen, er widersteht einer


Königstochter ebenso wie einer römischen Edelhure.

Cervantes ist ein Erzählprofi

Cervantes weiß durchaus, wie man die Erzählmaschine anwirft und am Laufen hält.
Er setzt mitten in der Geschichte ein, mit einem lauten Schrei eines Barbaren,
der in ein unterirdisches Verlies blickt. Er führt die Leser durch weite Räume -
vom Eismeer über allerlei fiktive Inseln nach Portugal, Spanien und Frankreich
bis ins Heilige Rom. Er spart nicht an Piratenüberfällen, Seeschlachten,
Meeresungeheuern, Schiffbrüchen, Listen und Verstellungen, Identitätswechseln
und Täuschungen aller Art.

So wechselhaft wie die Winde und das Meer verläuft das Leben der Liebenden (die
sich als Geschwisterpaar auf Pilgerfahrt ausgeben; warum erklärt erst der
Schluss des Romans). Spannung wird als Aufschub gestaltet, als Triebaufschub für
die erst nach 500 Seiten in aller Schicklichkeit vereinten Liebenden, als
unendliche Verzögerung für das Publikum.

Immer wieder kommt es zu unerwarteten Wendungen ("als plötzlich ..." heißt es


dann) oder zur Begegnung mit interessanten Personen, die eine eigene
abenteuerliche Geschichte aufzubieten haben, die natürlich ausführlich erzählt
werden muss. Immer haben diese Geschichten etwas mit Liebesverhältnissen zu tun:
eingefädelte Ehen, Entführungen, vorehelicher Sex, tödliche Rivalität; und die
Botschaft ist durchaus liberal, für Liebesheirat und Selbstbestimmung, auch der
Frau.

Es ist auch eine gesamteuropäische Reisegruppe, die Cervantes begleitet, und von
Norwegern über Polen bis hin zu Portugiesen kommen viele Nationalitäten vor. Es
fehlt nicht an Bezügen zur Aktualität, wenn man sie denn ziehen mag (die
Verhinderung eines Ehrenmordes, selbstverständlich im christlichen Milieu; der
Umgang mit Fremden und Flüchtlingen, von denen es damals, der Roman spielt um
1560, auch nicht wenige gab). Cervantes schreibt epigonal, aber - im Rahmen des
damals Möglichen - nicht reaktionär.

Sein bestes Werk?

Es gibt auch ausgesprochen amüsante Passagen - etwa ein "Museum der künftigen
Dichter" oder hin und wieder die Selbstermahnung, nicht zu ausführlich zu
werden. Aber im Großen und Ganzen hat Cervantes-Biograf William Byron schon
recht, wenn er "Persiles und Sigismundo" als "literarisches Sperrgut"
bezeichnet. Es ist gerade die Fülle der Ereignisse und Gestalten, die zur
Ermüdung führt; allzu schnell drehende Räder bleiben für den Betrachter eben
stehen. Dazu kommt ein Schematismus der Beschreibungen, den sich heutige Leser
nicht mehr bieten lassen.

Aber auch Goethe hat ja nicht den "Faust", sondern die "Farbenlehre" für sein
wichtigstes Werk gehalten. Preisen wir also Cervantes für seinen "Quijote",
eines jener Bücher, ohne das jedes Leseleben unendlich ärmer wäre, und erinnern
wir an seinem Todestag an sein eigenes Leben, das so abenteuerlich war wie ein
Roman.

Mit 23 zog der Sohn eines Wundarztes in den Krieg, focht 1571 bei Lepanto mit,
in einer der großen Seeschlachten der Weltgeschichte, in der die
kaiserlich-venezianische Flotte die Türken besiegte, wurde von drei
Arkebusenkugeln getroffen - eine machte seine linke Hand unbrauchbar und trug
ihm den Ehrentitel "El manco de Lepanto" ein -, fiel auf der Rückreise in die
Hände muslimischer Piraten, verbrachte fünf Jahre als Sklave in Algier, ehe er
vom Trinitarierorden ausgelöst wurde, schlug sich als Getreideaufkäufer und
Steuereinnehmer durch, beides bei den Bauern verhasste Gewerbe, was ihn auch
zweimal ins Gefängnis brachte.

Immer Schulden, immer wieder in Prozesse verwickelt. Auch in einen literarischen


Kampf: Als ein Konkurrent eine Fortsetzung seines "Quijote" herausbrachte, trat
er mit seinem zweiten Teil gegen ihn an, ließ seinen Helden seinem eigenen Ruhm
begegnen und trieb das Spiel mit der Fiktionalität immer noch eine Drehung
weiter. Und schuf so eine Gestalt, in der sich, wie im Ödipus, Faust, Don Juan
oder Hamlet, das Abendland selbst interpretiert.
UPDATE: 24. April 2016

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Sonntag 24. April 2016 10:52 AM GMT+1

Schlupfloch nach Europa;


250 Flüchtlinge stürmen spanische Exklave Ceuta

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 291 Wörter

HIGHLIGHT: Der niedrige Wasserstand an der marokkanischen Küste hat zu einem


Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta geführt. Mehr als hundert Menschen
gelang es, den Grenzzaun zu überwinden.

101 Menschen ist am Samstag von Marokko aus die Flucht in die spanische Exklave
Ceuta gelungen. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Efe unter Berufung auf die
Behörden berichtete, waren an dem Massenansturm rund 250 Afrikaner beteiligt.
Die Flüchtlinge - allesamt Männer - hätten die guten Seebedingungen ausgenutzt,
um vormittags am Strand-Grenzübergang Benzú übers Meer nach Ceuta zu gelangen.

Sieben Flüchtlinge hätten sich bei der Aktion verletzt und seien mit
Schnittwunden und Prellungen ins Krankenhaus gebracht worden, hieß es. Die
Behörden hatten zunächst von "mindestens 119" Flüchtlingen gesprochen, die
spanisches Gebiet erreicht hätten, korrigierten diese Zahl aber später nach
unten. Die Begründung: Die paramilitärische Polizeieinheit Guardia Civil habe
sich verzählt.

Nach Angaben der Behörden in Ceuta handelte es sich bei den Schutzsuchenden um
Afrikaner aus Ländern südlich der Sahara.

Massenansturm im Dezember

Der letzte erfolgreiche Massenansturm auf Ceuta war im Dezember registriert


worden. Damals hatten 185 Menschen spanisches Gebiet erreicht. Anfang Januar
scheiterte dann eine Aktion von rund 250 Afrikanern. Aufgrund der schnellen
Reaktion der Sicherheitskräfte konnte kein einziger von ihnen die
Grenzabsperrungen überwinden.
Spanien verfügt in Nordafrika über zwei Exklaven, die beide von Marokko
beansprucht werden: Ceuta an der Meerenge von Gibraltar und das 250 Kilometer
weiter östlich gelegene Melilla. Beide Exklaven gehören zur Europäischen Union.

In der Nähe der beiden Gebiete harren Zehntausende notleidender Afrikaner


vorwiegend aus Ländern südlich der Sahara auf eine Gelegenheit, in die EU zu
gelangen. Zu diesen Afrikanern kommen nach Angaben aus Marokko seit Anfang 2015
immer mehr Flüchtlinge aus Syrien.

UPDATE: 24. April 2016

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Montag 25. April 2016 9:25 AM GMT+1

Klarer Wahlsieg;
Serbien gibt Vucic die Zustimmung für den EU-Beitritt

AUTOR: Boris Kálnoky, Belgrad

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 890 Wörter

HIGHLIGHT: Serbiens Regierungschef hatte die Parlamentswahlen zur Abstimmung


über seinen Pro-EU-Kurs gemacht und bekommt den Rückhalt aus der Bevölkerung.
Überraschend schlecht schneiden die Nationalisten ab.

Der serbische Regierungschef Aleksandar Vucic hat die vorgezogene Parlamentswahl


am Sonntag überzeugend gewonnen. Seine Fortschrittspartei (SNS) werde mit rund
50 Prozent der Stimmen und 145 Sitzen eine satte absolute Mehrheit in der
Volksvertretung mit 250 Abgeordneten erhalten, berichtete die
Wahlforschungsgruppe Cesid in Belgrad nach Auszählung von mehr als 80 Prozent
der Stimmen. Vucic sprach von einem "historischen Sieg" und einer "kraftvollen
Unterstützung unserer Politik": "Ich bin sehr stolz auf unsere Ergebnisse".

Auf dem zweiten Platz landete der bisherige sozialistische Juniorpartner in der
Regierung. Die SPS kam auf knapp 12 Prozent und 33 Abgeordnete. Erstmals seit
Jahren schafften es auch die extremen Nationalisten (SRS) unter dem vom
UN-Kriegsverbrechertribunal freigesprochenen Vojislav Seselj wieder ins
Parlament. Sie stiegen mit knapp acht Prozent und 22 Sitzen zur drittstärksten
politischen Kraft auf. Eine zweite nationalistische Partei (Dveri) kam nach
diesen vorläufigen Ergebnissen auf fünf Prozent und 14 Sitze.

Die vorgezogenen Wahlen - nur zwei Jahre nach seinem überwältigenden Wahlsieg
2014 - hatte Vucic mit der Begründung angesetzt, er brauche ein noch klareres
Mandat, um Serbien gegen wachsenden inneren Widerstand an die EU heranzuführen.
Das Land ist seit Mitte 2013 Beitrittskandidat, aber die überall in Europa
wachsende EU-Skepsis ist in Serbien erst recht zu spüren.

Viele Menschen betrachten "den Westen" und Europa immer noch mit Misstrauen,
machen die Europäer mit verantwortlich für den Verlust des Kosovo und den
Zerfall Jugoslawiens.

70 Prozent der jungen Serben wollen in Europa arbeiten

Im Jahr 2014, kurze nachdem das Land Beitrittskandidat geworden war, sprach sich
laut Umfragen immerhin eine knappe Mehrheit der Serben, 51 Prozent, für den
Beitritt aus. Im Februar 2016 waren es allerdings nur noch 48 Prozent.

Für die meisten Serben, besonders für die jüngere Generation, hat eine
eventuelle EU-Mitgliedschaft eigentlich nur eine Bedeutung: Bessere
Möglichkeiten auszuwandern. 70 Prozent der Serben im Alter von 18 bis 30 Jahren
gaben in Umfragen an, sie wollten nach Möglichkeit in der EU arbeiten. Das ist
dann aber auch bereits alles, was die allermeisten an Europa gut finden. 65
Prozent geben an, die russische Außenpolitik (Krim, Syrien) gut zu finden, und
mehr als die Hälfte spricht sich für eine russische Militärbasis in Serbien aus.

Das Land hat in den letzten 20 Jahren bereits gut zehn Prozent seiner
Bevölkerung durch Auswanderung und die demographische Entwicklung verloren (ohne
Kosovo) und zählt jetzt nur noch rund sieben Millionen Einwohner - davon sind
weniger als sechs Millionen ethnische Serben.

Auch bei absoluter Mehrheit will Vucic einen Koalitionspartner

Vucic hat mit seinem überzeugenden Wahlsieg nun die Möglichkeit, mit einer
stabilen Regierungsmehrheit in den nächsten vier Jahren die
Beitrittsverhandlungen mit der EU voranzutreiben. Als einen ersten Schritt hatte
er noch vor dem Urnengang eine weitgehende Privatisierung des immer noch
riesigen serbischen Staatssektors in der Wirtschaft angekündigt.

Darüber hatte er sich vor der Wahl mit den mitregierenden Sozialisten (SPS)
überworfen, und es wird eine der spannenden Fragen der nächsten Tage sein, ob
SNS und SPS erneut bereit sein werden, eine Koalition einzugehen. Vucic hatte
vor der Wahl angekündigt, er wolle auch im Falle einer absoluten Mehrheit nach
Koalitionspartnern suchen.

Westliche Experten in Belgrad sind jedoch der Meinung, dass ein tatsächlicher
EU-Beitritt Serbiens noch in weiter Ferne steht. Vor allem, weil es aus
europäischer Perspektive strategisch nur Sinn macht, alle Westbalkan-Staaten
gemeinsam aufzunehmen, also neben Serbien auch Montenegro, Bosnien, eventuell
Albanien. Denn eine neuerliche Erweiterung der EU ist in Europa selbst so schwer
durchzusetzen, dass eine "Einzelabfertigung" dieser Länder schwerer machbar wäre
als eine "Paketlösung".

Mit oder ohne Kosovo Mitglied der EU?

Eine solche Aufnahme mehrerer Länder der Region in die EU stößt jedoch auf
zahlreiche Probleme. Montenegro (ebenfalls bereits Beitrittskandidat, die
Verhandlungen laufen seit 2012) wäre noch der einfachste Fall, aber ein
eventueller Beitritt Serbiens wirft beispielsweise die Frage auf, ob das Land
mit oder ohne Kosovo Mitglied werden soll oder kann. Bosnien hat erst in diesem
Jahr die Kandidatur beantragt.

Das Land ist dysfunktional und zerrissen zwischen den Bestrebungen seiner
diversen Volksgruppen, jeweils eigene Wege zu gehen. Besonders Serben und
Kroaten würden sich gerne von dem künstlichen Konstrukt "Bosnien" verabschieden.

Aber erste Dinge zuerst. Vucic muss nun seine neue Mehrheit nutzen, um ein
konsequentes Reformprogramm durchzusetzen. Im Vorfeld der Wahl waren Sorgen laut
geworden, ob die Rückkehr der nationalistischen SRP und ihres umstrittenen
Führers Vojislav Seselj ins Parlament Vucic' Spielraum für Reformen einengen
könnte.

Ihr vorläufiges Ergebnis von sieben Prozent blieb weit zurück hinter den
Spitzenwerten der Partei in den Umfragen, nachdem Seselj vom Haager
Kriegsverbrechertribunal freigesprochen worden war. Dort hatte seine Partei in
den Umfragen zeitweise bei 12 Prozent gelegen. Dass sie am Ende ein doch eher
bescheidenes Ergebnis erzielte zeigt, dass sie Serben eine Zukunft wohl
tatsächlich doch eher in der EU als in einem "Großserbien" erblicken.

UPDATE: 25. April 2016

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Montag 25. April 2016 12:57 PM GMT+1

Ebru Umar;
Türkei nimmt niederländische Journalistin kurzzeitig fest

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 524 Wörter

HIGHLIGHT: Erneut gerät eine Journalistin in der Türkei ins Visier der
Ermittler: Die türkischstämmige Niederländerin Ebru Umar wurde kurzzeitig
festgenommen. Als Grund nennt sie Erdogan-kritische Äußerungen.

Wegen kritischer Äußerungen über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan
ist eine niederländische Journalistin in der Türkei festgenommen worden. Ebru
Umar, die türkischer Abstammung ist, wurde nach eigenen Angaben in der Nacht zum
Sonntag aus ihrer Wohnung in der westlichen Küstenstadt Kusadasi von der Polizei
abgeführt. Am Sonntag teilte sie via Twitter mit, sie sei wieder frei, dürfe das
Land aber nicht verlassen. In den Niederlanden löste der Fall große Empörung in
den sozialen Medien aus.

"Polizei vor der Tür. Kein Witz", schrieb Umar im Kurzmitteilungsdienst Twitter
am Samstagabend. Als sie ihr Haus verlassen musste, textete sie: "Ich bin nicht
frei, wir fahren zum Krankenhaus zu einer medizinischen Untersuchung." Danach
solle sie dem Staatsanwalt vorgeführt werden.

Die niederländische Website Geenstijl teilte mit, Umar habe in einer SMS
geschrieben, dass sie noch am Sonntag einem Richter vorgeführt werden solle. Sie
sei festgenommen worden, nachdem jemand ihre Twitterbotschaften einer von
türkischen Behörden eingerichteten Hotline gemeldet habe.

Konsulat soll Türken in Rotterdam zur Mitarbeit aufgerufen haben

Die Journalistin hatte jüngst für die niederländische Zeitung "Metro" eine sehr
kritische Kolumne über Erdogan verfasst. Auszüge daraus verbreitete sie
anschließend über Twitter. In dem Text ging es um ein Schreiben des türkischen
Konsulats in Rotterdam an Türken in der Region Rotterdam, die darin aufgefordert
wurden, jede mutmaßliche Beleidigung Erdogans in den sozialen Netzwerken zu
melden.

Das Schreiben hatte für heftige Kritik gesorgt. Das Konsulat sprach anschließend
von einem "Missverständnis". Angeblich wurde das Schreiben demnach von einem
Konsulatsmitarbeiter verschickt, der "eine unglückliche Wortwahl" gebraucht
habe. Der niederländische Regierungschef Mark Rutte kündigte an, von Ankara
Aufklärung in dem Fall zu verlangen.

Rutte twitterte am Sonntag, die niederländische Botschaft stehe in "engem


Kontakt" mit Umar, um ihr beizustehen. Bildungsministerin Jet Bussemaker sagte
dem Fernsehsender WNL, eine Festnahme wegen eines Tweets sei "absurd". Das
Außenministerium teilte mit, es verfolge den Fall genau und stehe mit den
zuständigen Behörden in der Türkei in Verbindung. Diese waren zunächst für eine
Stellungnahme nicht zu erreichen.

Festnahme während Merkel-Besuch in der Türkei

Die Festnahme sorgte in den sozialen Medien in den Niederlanden für großes
Aufsehen. der Hashtag "#freeebru" verbreitete sich rasant. Politiker und
Journalisten forderten die Freilassung Umars.

In der Türkei ist derzeit ein starker Anstieg von Prozessen gegen Kritiker des
seit 2014 amtierenden und zunehmend autoritär herrschenden Erdogan zu
beobachten. Derzeit laufen rund 2000 Verfahren, viele gegen Künstler,
Journalisten und Intellektuelle, aber auch gegen Privatleute.

Umars Festnahme erfolgte am selben Tag, an dem sich Bundeskanzlerin Angela


Merkel und ranghohe EU-Vertreter im türkischen Grenzgebiet zu Syrien ein Bild
von der Lage der Flüchtlinge dort machten. Kritiker werfen Merkel und der EU
vor, zu nachgiebig auf Repressalien des türkischen Staates gegen Presse- und
Meinungsfreiheit zu reagieren.

UPDATE: 25. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH


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Dienstag 26. April 2016 8:43 AM GMT+1

Antike Seefahrt;
Wie Piraten die Römische Republik ruinierten

AUTOR: Berthold Seewald

RUBRIK: GESCHICHTE; Geschichte

LÄNGE: 1522 Wörter

HIGHLIGHT: Sie raubten Menschen und handelten mit Luxusgütern: Die Seeräuber
spielten eine zentrale Rolle in der antiken Ökonomie. Sie kollaborierten mit
höchsten Kreisen, und Roms Generäle trieben Piratenspiele.

Am Anfang war der Pirat. Zumindest in der Literaturgeschichte des Okzidents. Den
Auftakt von Homers "Ilias" bildet der Raub der schönen Helena, nachdem der
trojanische Prinz mit seinem Schiff der Küste des Königreichs Sparta einen
Besuch abgestattet hatte. Die "Odyssee" handelt sogar fast ausschließlich von
einem Piraten. "Da verheert' ich die Stadt und würgte die Männer", erklärt ihr
Held Odysseus sein Tagewerk. "Aber die jungen Weiber und Schätze teilten wir
alle gleich, dass keiner leer von der Beute mir ausging."

Wenn man im 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. ein Segel am Horizont wahrnahm,


stellte sich im Grunde nur eine Frage: "Oh Fremde wer seid ihr?", legt Homer dem
Landbewohner in den Mund. "Woher kommt ihr auf den nassen Wegen der Gewässer?
Seid ihr geschäftlich unterwegs oder fahrt ihr zufällig hin und her, so wie es
Seeräuber zu tun pflegen, die herumfahren, dabei ihr Leben riskieren und Unglück
über andere bringen?"

Bis zum Ende des ersten Jahrtausends v. Chr. sollten diese Sätze noch oft
fallen. Pirat oder Kaufmann, das war die Frage, und oft ergab sich die richtige
Antwort nur aus der Perspektive. Viele Handelsgüter wurden als Beute in den
Wirtschaftskreislauf der mediterranen Welt eingespeist. Wie das geschah, zeigt
die Ausstellung "Gefahr auf See - Piraten in der Antike". Der Ort, Museum und
Park Kalkriese nördlich von Osnabrück, hat sich eigentlich der Präsentation des
mutmaßlichen Varusschlachtfeldes verschrieben. Aber der Besucher erkennt bald,
dass zwischen einem römischen Aristokraten vom Schlage eines Varus und den
Freibeutern nicht nur Welten klafften, sondern oft auch sehr enge Beziehungen
bestanden.
"Beute war ein Schlüsselfaktor der Ökonomie, der Beutekrieg nicht nur im Epos,
sondern auch in der Realität eine übliche Erwerbsform", erklärt Museumsleiterin
Heidrun Derks die Rolle der Piraterie im maritimen Fernhandel. Die Zitate aus
Homers Epen machen deutlich, wie man sich das vorzustellen hat: Ein offizieller
Besuch konnte umgehend in Beutemachen umschlagen. Kapitäne hatten sich auch nach
den Wünschen ihrer Mannschaft zur richten. Ob Handel oder Raub, auf dem Meer war
beides gefährlich. Dieses Risiko sollte entlohnt werden.

Während der Bronzezeit, also im 2. Jahrtausend v. Chr., waren wohl die Minoer
Kretas und die mykenischen Griechen die ersten gewesen, die sich weit auf das
Mittelmeer wagten und seine Routen erschlossen. Darüber versorgten sie die
Großreiche im Nahen Osten mit Luxuswaren und strategischen Gütern wie Kupfer und
Zinn für die Bronzeherstellung. Den Weg eines Kupferbarrens verfolgt die
Ausstellung bis ins oberägyptische Theben. Nach dem Zusammenbruch dieses
Mächtesystems, das bezeichnenderweise auch räuberischen Seevölkern zugeschrieben
wurde, machten im 1. Jahrtausend randständige Spezialisten die Seefahrt zu ihrer
Domäne.

Die Ersten waren die Phönizier. Auf sie folgten im Westen die Etrusker und die
große Seemacht Karthago, ursprünglich eine phönizische Kolonie. Und natürlich
die Griechen. Viele ihrer Stadtstaaten spezialisierten sich auf den Fernhandel,
was der Piraterie aber keinen Abbruch tat. Im Gegenteil: Viele Aristokraten
nahmen sich an Odysseus ein Beispiel. Der machte kein Hehl daraus, dass "einer
regelmäßigen Arbeit nachzugehen ... nicht mein Ding war ... was ich dagegen
liebte waren Ruderboote, Krieg und Gewalt". In diesem Sinn zog es viele junge
Adelige und ihren Anhang auf See. Dort kamen sie zu Ansehen und - wenn alles gut
ging - einem Vermögen.

Es war ein offenes Geheimnis, dass ganze griechische Kolonien von Piraten
gegründet worden waren. "Raubüberfälle finanzierten den Trip, hielten die
Mitfahrer bei Laune oder waren das Startkapital für den Neuanfang", schreibt
Museumsdirektorin Dierks in einem Aufsatz für die Zeitschrift "Antike Welt".

Dabei funktionierte Piraterie nur in enger Kollaboration mit den Spitzen der
Gesellschaft. Denn die wichtigsten Handelsgüter, die die Ausstellung vorführt,
waren Luxusgüter mit elitärem Kundenstamm: Goldschmuck, Elfenbein, Gläser,
Parfüm, Öle oder Purpur.

Die Konjunktur des Piratengewerbes verhielt sich allerdings umgekehrt


proportional zu dem militärischen Potenzial, das Land- oder Seemächte in die
Waagschale werfen konnten. Im 5. und 4. Jahrhundert sorgten karthagische oder
athenische Flotten für eine trügerische Sicherheit auf dem Meer, denn ihre
Kapitäne konnten gegenüber Schwächeren leicht in überkommene Verhaltensmuster
verfallen. So wurde "Seeräuber" auch zum Schlagwort in der politischen
Propaganda.

Im 3. Jahrhundert sorgten der Inselstaat Rhodos und die hellenistischen


Königreiche in Ägypten und Syrien für Ordnung. Denn sie konnten ihre Macht an
den Küsten zur Geltung bringen, da, wo viele Piraten ihre Schlupfwinkel hatten
oder ihre Beute suchten. Wie schon Prinz Paris in Sparta gezeigt hatte: Die
meisten Piratenüberfälle ereigneten sich an Land und nicht auf See.

Der Aufstieg Roms beförderte die zivile und die räuberische Variante des Handels
in ungeahnter Weise. Wieder spielten die Eliten der aufstrebenden Weltmacht eine
Schlüsselrolle. Sie gierten danach, ihren neuen Reichtum in Luxusgütern zur
Schau zu stellen. Und sie sorgten mit ihrer Politik zugleich dafür, dass diese
leicht in Piratenmanier beschafft wurden.

Wrackfunde geben Aufschluss darüber, was in Rom das große Geld brachte: Statuen
aus Marmor und Bronze, Schmuck, erlesene Weine, Duftstoffe, ausgefallene
technische Geräte. Auch wertvolle Stoffe wie Seide werden nicht nur auf legalem
Weg an den Tiber gelangt sein. Das galt auch und besonders für Sklaven. Auf der
Kykladeninsel Delos entstand ein regelrechter Großmarkt für die Ware, die von
Menschenjägern beschafft wurde. Deren Aktivitäten schlugen schließlich auf die
Kundschaft zurück. Selbst ein Aristokrat wie der junge Cäsar wurde von Piraten
gefangen genommen.

Die Piratenplage hatte Rom auch auf andere Weise befördert. Indem es Karthago
zerstört und Rhodos und das Seleukidenreich in Syrien entmachtet hatte, konnten
sich auf Kreta, Zypern oder in Kilikien im südlichen Kleinasien regelrechte
Seeräubergemeinwesen etablieren. Halbherzig geführte Polizeiaktionen endeten mit
peinlichen Fehlschlägen.

Schließlich konnte der Senat nicht mehr die Augen vor dem Problem verschließen.
Kein Geringerer als der große Redner Cicero hielt seinen Kollegen 69 v. Chr. das
Problem mit drastischen Worten vor Augen: "Eure Häfen, und zwar die Häfen, durch
die ihr lebt und atmet, waren in der Gewalt der Räuber." Denn die Piraten
bedrohten die lebenswichtige Getreideversorgung von Rom, ein Aufstand der
hungernden Einwohner drohte.

Der folgende "Seeräuberkrieg" gehört zu den großen Kapiteln der römischen


Bürgerkriege. Wieder waren Aristokraten und Piraten verbunden, diesmal aber auf
besonders subtile Weise. Wolfgang Blösel, Althistoriker an der Universität
Duisburg-Essen, hat in seinem neuen Buch "Die römische Republik" (C. H. Beck,
2015) eine verblüffende Deutung vorgelegt.

Danach zog der bekannte Feldherr Pompeius im Hintergrund die Strippen. Nachdem
Cicero sein Bedrohungsszenario ausgeführt hatte, legte ein Strohmann, der
Volkstribun Gabinius, ein Gesetz vor, das einem ungenannten Kommandeur den
Oberbefehl über die gigantische Streitmacht von 120.000 Mann, 500 Schiffen und
5000 Reitern sowie unbegrenzten Kredit aus dem Staatsschatz übertrug. Das
Imperium sollte im gesamten Mittelmeer bis zu 75 Kilometer landeinwärts gelten
und drei Jahre gültig sein. Um den Druck auf den Senat durch die
Volksversammlung zu erhöhen, habe, so Blösel, Pompeius Getreide gehortet und
damit Preis und Unzufriedenheit bewusst in die Höhe getrieben.

Gegen den massiven Widerstand der Senatoren konnte Gabinius sowohl seinen Antrag
und schließlich auch den einzigen geeigneten Kandidaten durchbringen: Pompeius.
Der brauchte ganze drei Monate, um sich seines Auftrags mit Erfolg zu
entledigen. Dazu mag beigetragen haben, dass die überlebenden Freibeuter nicht
in Massen hingerichtet, sondern in Kilikien angesiedelt wurden. Dass das gelang,
wirft ein Licht auf das soziale Herkommen vieler Piraten der unteren Ränge. Oft
hatten sie ein Handwerk gelernt oder waren Söldner gewesen. In der Seeräuberei
hatten sie eine Möglichkeit gesehen, ihren prekären Verhältnissen zu entfliehen.
Nun versuchten sie es in der Landwirtschaft.

Anschließend machte sich Pompeius an die umfassende Neuordnung des Orients. Sein
"außerordentliches Kommando" über ein riesiges Heer und zahlreiche Provinzen
wurde zum entscheidenden Hebel, um die republikanische Verfassung aus den Angeln
zu heben. Nach diesem Muster sollte Cäsar Gallien erobern und sollten sich seine
Erben das Imperium über das Reich teilen.

Erst der Sieger im Bürgerkrieg, Augustus, konnte von sich mit Fug und Recht
behaupten, das Mittelmeer von den Piraten gesäubert zu haben. Doch auch das ging
vorbei. 150 Jahre später klagte der Senator Cassius Dio: "Es gab nie eine Zeit,
in der die Seeräuberei nicht ausgeübt wurde. Noch wird es sie geben, solange der
Mensch sich nicht wandelt."
"Gefahr auf See - Piraten in der Antike", Varusschlacht Museum und Park
Kalkriese bei Osnabrück, bis 3. Oktober; Katalog (Theiss) 14,99 Euro

Sie finden "Weltgeschichte" auch auf Facebook. Wir freuen uns über ein Like.

UPDATE: 27. April 2016

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Dienstag 26. April 2016 1:05 PM GMT+1

Bremen;
Salafisten streiten über Islam - und lösen Razzia aus

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 223 Wörter

HIGHLIGHT: Es gärt in der Salafisten-Szene: In Bremen haben sich Islamisten


offenbar so über die Auslegung des Koran gestritten, dass die Polizei zum
Großeinsatz anrückte. Angeblich gab es sogar Mordpläne.

Die Polizei ist mit einem Großeinsatz gegen Salafisten in Bremen vorgegangen.
Spezialkräfte aus mehreren Bundesländern durchsuchten am Dienstagmorgen neun
Wohnungen und Geschäfte in den Stadtteilen Gröpelingen, Lesum, Walle und
Woltmershausen.

Hintergrund soll ein Streit zwischen Salafisten über die Auslegung des Islam
gewesen sein. In dem Zusammenhang habe es zwei Verletzte gegeben, sagte eine
Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Außerdem soll es Pläne gegeben haben, einen
Menschen zu töten.

Die Polizei stellte nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Identität mehrerer
Verdächtiger fest. Haftbefehle habe es aber nicht gegeben, sagte die Sprecherin.
Bei den Durchsuchungen in mehreren Stadtteilen stellten die Ermittler Handys und
Computer sicher. Über weitere Details will die Staatsanwaltschaft am Mittag
informieren.

Bremen gilt als Salafisten-Hochburg

Der islamistischen Szene in Deutschland werden mehr als 43.000 Menschen


zugerechnet, darunter schätzungsweise 8650 Salafisten. Bremen gilt als eine
Salafistenhochburg. Experten schätzen die Zahl der Anhänger dieser extrem
konservativen islamistischen Strömung im kleinsten Bundesland auf rund 360.

Erst im Februar hatte Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) einen


salafistischen Verein verboten, weil dieser im Verdacht stand, Terrorkämpfer für
den Syrien-Einsatz zu rekrutieren.

UPDATE: 27. April 2016

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Mittwoch 27. April 2016 11:43 AM GMT+1

"Hologramm für den König";


Ein Film, der die westlichen Werte nicht braucht

AUTOR: Hanns-Georg Rodek

RUBRIK: KULTUR; Kultur

LÄNGE: 1385 Wörter

HIGHLIGHT: Tom Hanks spielt im Tom-Tykwer-Drama "Hologramm für den König" einen
abgehalfterten Firmenvertreter in Saudi-Arabien. Der Film zeigt, dass sich nicht
alle nach westlichen Waren und Werten sehnen.

Es ist erstaunlich, mit wie vielen Ländern wir uns in letzter Zeit wieder
heimlich verfeindet haben, Ländern, zu denen wir noch vor ein paar Jahren
ungetrübte Beziehungen pflegten. Die Rede ist von Staaten, bei deren Erwähnung
Frank-Walter Steinmeier zuerst eine bedenkliche Miene aufsetzt und dann
beruhigend sagt, man werde bei allen Differenzen im Gespräch bleiben. Und man
solle bitte die Reisewarnungen auf der Internetseite des Auswärtigen Amts
beachten.

Nein, es geht nicht um Boykotte und Botschafterrauswürfe, noch nicht. Es handelt


sich um keinen diplomatischen, eher um einen medialen Kriegszustand, und ein
Gradmesser für die Eskalation ist die jeweilige Titulierung der Regierenden:
"Präsident" deutet auf gute Beziehungen, "Regime" kennzeichnet eine
Verschlechterung, und "Machthaber" ist die Aufforderung zum Umsturz.
Mit Russland ist es gerade schwierig. Mit Syrien. Mit der Türkei. Mit Polen. Ja,
mit Griechenland. Allesamt Failed-State-Kandidaten. Zuletzt auch mit
Saudi-Arabien, denn wir haben plötzlich entdeckt, dass das dortige Regime alle
möglichen islamistischen Bewegungen finanziert und Frauen dort nicht Auto fahren
dürfen. Das kann nicht toleriert werden.

Nun aber mal halblang, reduzieren wir die Erregungsstufe. Gehen wir ins Kino.
Was eigentlich ein merkwürdiger Ratschlag ist. Denn im Kino geht der
Erregungsregler meistens nach oben. Auch der Firmenvertreter Alan Clay (Tom
Hanks) kommt in "Hologramm für den König" energiegeladen in Saudi-Arabien an:
morgen Treffen mit dem Monarchen wegen des neuen Konferenzsystems, übermorgen
Vertragsabschluss, damit Rettung seiner Karriere und Geld fürs Studium seiner
Tochter. Es ist die letzte Chance für den Mittfünfziger, über den die
Globalisierungsmoderne längst hinweggegangen ist.

Am Anfang charakterisiert Regisseur Tykwer die Lebenslage dieses Alan Clay mit
einer der schönsten Filmeinführungen der letzten Zeit. Tom Hanks schreitet durch
seine heile Welt und singt dazu "Once in a Lifetime" von den Talking Heads: "And
you may find yourself looking for your large automobile" (puff, löst sich in
einer rosa Wolke auf), "and you may find yourself without a beautiful house"
(große rosa Explosion), "and without a beautiful wife" (noch ein rosa Wölkchen),
"and you may ask yourself: How did I get there?"

Tykwer, seit "Lola rennt" Spezialist für sich beschleunigende Fortbewegung,


nimmt hier die exakt umgekehrte Herausforderung an: Wie bringe ich einen
rasenden Prozess langsam zum Stillstand? Und wie kann aus einem Film, der immer
langsamer wird, interessantes Kino werden?

Vermutlich geht das nur mit Tom Hanks und seiner Fähigkeit, das Komische aus dem
Tragischen zu kitzeln. Als Tykwer vor drei Jahren mit den Wachowski-Brüdern in
Babelsberg drehte, waren die Szenen dem Vernehmen nach so aufgeteilt, dass Hanks
vorwiegend mit den Wachowskis zu tun hatte.

Dave Eggers' "Hologramm"-Roman war nun die Gelegenheit, Hanks ganz für sich zu
haben. Tykwer flog mit dem Drehbuch nach New York, wo Hanks gerade am Broadway
auftrat, und lud ihn zum Abendessen ein. Und Hanks reagierte wie erhofft: "Oh
yeah, boy, oh boy. What can I do? It has to be me!"

Im Rückblick könnte man sagen, Hanks habe die letzten zwanzig Jahre auf diesen
Alan Clay hingespielt, mit jedem seiner amerikanischen Durchschnittsbürger.
Forrest Gump war noch der naive Tor, dem die Belohnungen des Lebens zuflogen,
weil er das Herz auf dem richtigen Fleck hatte. Larry Crowne hatte es nach
seinem Jobverlust schwerer, aber Optimismus und Fortbildung bewältigten die
Krise.

Der König kommt nicht

In Sachen existenzieller Verunsicherung stehen sich "Cast Away - Verschollen"


und "Ein Hologramm für den König" erstaunlich nahe. In Ersterem findet sich
Hanks als einziger Überlebender eines Flugzeugabsturzes auf einer menschenleeren
Südpazifikinsel wieder und muss lernen, sich in der ungewohnten Umgebung
zurechtzufinden.

In Letzterem ist ihm Saudi-Arabien so fremd wie eine einsame Insel. Seine
Business-Überlebensfähigkeiten erweisen sich hier als nutzlos. Der König kommt
nicht. Das Internet funktioniert nicht. Er wird an der langen Leine gehalten und
weiß nicht einmal, von wem.

Den Chuck Noland auf der "Cast Away"-Insel retten seine Monologe mit dem
Volleyball Wilson vor der Verzweiflung. Der Wilson von "Ein Hologramm für den
König" heißt Yousef, kutschiert Clay herum und verschafft ihm eine gewisse
Vorstellung von diesem anderen Planeten, auf dem er da gelandet ist: "Hier
drüben ist der Platz, wo immer die öffentlichen Hinrichtungen stattfinden.
Sollen wir einmal vorbeifahren?"

Hollywoodfilme der üblichen Handelsklasse folgen dem Schema, dass der Held in
der Fremde zu sich findet und damit gleichzeitig die Fremde verändert. Bill
Murray zum Beispiel ist in "Rock the Kasbah" als Musikmanager in Afghanistan so
verloren wie Tom Hanks in Saudi-Arabien, aber er bewegt etwas: Er bringt eine
junge Frau mit unglaublicher Stimme in "Afghanistan sucht den Superstar" unter.
Das Tauschprinzip lautet: Bill Murray verliert seinen Zynismus, Afghanistan
gewinnt durch Emanzipation.

Aber "Ein Hologramm für den König" ist kein amerikanischer Film, obwohl der
zugrunde liegende Roman von dem Amerikaner Dave Eggers stammt, obwohl ein Teil
des 30-Millionen-Budgets aus Amerika kommt und obwohl komplett in Englisch
gedreht wurde.

Bei Tykwer und Eggers ist die existenzielle Verunsicherung nicht in


Puff-Wölkchen aufzulösen, denn sie rührt tiefer, an den Kern des westlichen
Selbstverständnisses: Wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass sich
jedes Fleckchen auf diesem Erdball im Grunde seines Herzens nach westlichen
Waren und Werten sehnt. Das ist der eigentliche Schock, den Alan Clay bei den
Saudis erleidet: Diese Kultur braucht die Verlockungen des westlichen
Schaufensters nicht. Was sie braucht, kann sie auch anderswo bekommen.

Augenzwinkernde Milde statt Kriegsrhetorik

Es ist eine Einsicht, an der Tom Hanks schon einmal nahe dran war: Als sein
Robinson in "Cast Away" in die Zivilisation zurückkehrte, musste er feststellen,
dass ihm der Western Way of Life nichts mehr bedeutete.

Tykwer ist weit davon entfernt, den westlichen Lebensentwurf durch einen
nahöstlichen zu ersetzen, gewissermaßen sind ihm beide fremd. Es gibt eine
wunderbare, so amüsante wie bedrohliche Szene, in der Tom Hanks bei einem Besuch
bei den Eltern des Fahrers in den Bergen einen Witz zu reißen versucht: Hin und
wieder arbeite er auch für die CIA. Sofort ziehen seine Gastgeber die Gewehre
und sind so schwer zu beruhigen wie Sicherheitsleute auf dem Flughafen, denen
man im Scherz erzählt, man führe eine Bombe im Kulturbeutel mit.

Das Angenehme an "Hologramm" ist die augenzwinkernde Milde, mit der Romanautor
und Regisseur an ihr Werk gehen und die weit entfernt ist von jener
kriegerischen Rhetorik eines Kampfes der Zivilisationen, die uns heute aus den
Medien entgegenspringt. Es ist eine moderate Stimme, die das alte Konzept von
den Kulturen, die voneinander lernen sollen, beim Wort nimmt; jenes inzwischen
als naiv verschriene Konzept, das im Wir-oder-ihr-Crescendo allenfalls noch
Frank-Walter Steinmeier über die Lippen kommt.

Denn Clay macht eine merkwürdige Feststellung: Je länger er sich in dieser


archaischen Gesellschaft bewegt, desto stärker wird deren Reiz. Wir beobachten
ihn, wie er sich zurücknimmt, und irgendwann, unter der Dusche, stellt er einen
Höcker auf seinem Rücken fest, der dort nichts zu suchen hat. Es ist, als habe
sich der ganze Lebenseiter aus Enttäuschung und Demütigung materialisiert.
Instinktiv nimmt sich Clay - selbst ist der Mann - ein Messer und rührt in dem
Klumpen herum, was ihm aber nur eine Wunde einbringt, die durch das Pflaster,
das Hemd und den Anzug suppt und die Erfüllung seines Auftrages noch mehr
verunmöglicht.
Die Wunde wird nur zu schließen, der Stillstand nur zu überwinden sein, wenn
Clay das Fremde an sich heranlässt. Die Ungeheuerlichkeit dieses Mainstreamfilms
besteht darin, dass er seiner Hauptfigur eine Tür aus dem Mainstream, aus seinem
Kulturkreis heraus öffnet - und dass die Figur hindurchgeht.

Forrest Gump, Larry Crowne, Chuck Noland - alle sind sie am Ende wieder da, wo
sie schon immer waren, trotz aller Zweifel. Alan Clay jedoch lässt sich ins
Ungewisse fallen. Er ist ein wahrer Held für unsere Tage. "Hologramm" für den
König" ist nichts mehr und nichts weniger als ein ganz sanfter Superheldenfilm

UPDATE: 27. April 2016

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Donnerstag 28. April 2016 10:35 AM GMT+1

Berlin;
800 Flüchtlinge müssen wegen Feuer Unterkunft räumen

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 268 Wörter

HIGHLIGHT: In der Nacht zum Donnerstag mussten rund 800 Asylsuchende eine
Berliner Notunterkunft verlassen. Die Brandursache ist noch unklar, gewiss ist
nur: Sichtschutzwände zwischen Feldbetten fingen Feuer.

In einer Flüchtlingsnotunterkunft in Berlin ist am frühen Donnerstagmorgen ein


Feuer ausgebrochen. Rund 800 Asylsuchende mussten das Gebäude im Stadtteil
Hakenfelde verlassen, wie Feuerwehrsprecher Sven Gerling dem Evangelischen
Pressedienst (epd) bestätigte. Zwei Flüchtlinge wurden wegen einer
Rauchgasvergiftung im Krankenhaus behandelt. Die Polizei nahm Ermittlungen zur
Brandursache auf.

In Brand geraten waren laut Feuerwehr rund 15 Quadratmeter Sichtschutzwände, die


in der Massenunterkunft für Flüchtlinge zwischen den Feldbetten aufgestellt
waren. Die Unterkunft in einem ehemalige Industriegebäude erstreckt sich über
eine Fläche von insgesamt 3.000 Quadratmetern.

Nach bisherigen Erkenntnissen fingen einzelne Möbel Feuer, wie der Sprecher
sagte. Die genaue Ursache war zunächst unklar. Rund 40 Einsatzkräfte konnten den
Brand löschen.

Offen sei auch, ob und wann die Halle wieder genutzt werden kann, hieß es
weiter. Das "Inforadio" meldete am Morgen, sie sei nicht mehr bewohnbar. Derzeit
würden die Flüchtlinge in einem sicheren Bereich betreut. Gerling betonte, dass
die Brandfläche zwar nicht sehr groß sei. Einen Einsatz mit der Evakuierung von
800 Flüchtlingen habe es in dieser Größenordnung in Berlin bislang aber noch
nicht gegeben.

In der Unterkunft leben den Angaben zufolge vor allem Flüchtlinge aus Syrien,
anderen arabischen Staaten und Afghanistan. Das Heim sorgte bereits im November
für Schlagzeilen, weil es unter den Bewohnern zu einer Massenschlägerei gekommen
war. Die Halle dient seit Oktober 2015 als Unterkunft für bis zu 1000
Flüchtlingen. Betreiber ist die Berliner Stadtmission.

UPDATE: 28. April 2016

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Freitag 29. April 2016 9:08 AM GMT+1

Pentagon-Chef Carter;
US-Spezialeinheit startet Cyber-Offensive gegen IS

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 195 Wörter

HIGHLIGHT: Vor sechs Jahren hat die US-Armee eine Spezialeinheit für
Cyberangriffe gegründet. Nun startet das U.S. Army Cyber Command seine erste
größere Kampfoperation - gegen den Islamischen Staat.

Mit Cyberattacken wollen die US-Streitkräfte die Internetverbindungen der


Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) kappen. Die Extremisten sollten in die
"virtuelle Isolation" getrieben werden, sagte Generalstabschef Joe Dunford am
Donnerstag im Kongress in Washington.

Für die Angriffe im Internet ist die geheimnisumrankte Einheit U.S. Army Cyber
Command zuständig, die vor sechs Jahren gegründet wurde. Die Attacken gegen den
IS seien "die erste größere Kampfoperation" des Kommandos, sagte
Verteidigungsminister Ashton Carter in der Anhörung durch den
Streitkräfteausschuss des Senats.

Rekrutierung und Geldwäsche sollen erschwert werden

Als Ziele der Cyberangriffe nannte Carter unter anderem, die internen
Kommunikationsflüsse der Gruppe zu unterbrechen sowie ihr die Rekrutierung und
die Geldwäsche zu erschweren. Die Angriffe über das Internet spielten in der
US-geführten Militäroperation gegen den IS eine wichtige Rolle, betonte der
Pentagon-Chef.

Eine US-geführte Militärallianz bekämpft die IS-Dschihadisten seit dem Jahr 2014
in Syrien und im Irak. Trotz Gebietsverlusten in jüngster Zeit kontrolliert die
Miliz aber nach wie vor weite Regionen in beiden Ländern.

UPDATE: 30. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Freitag 29. April 2016 9:26 AM GMT+1

Sikh-Tempel in Essen;
Attentäter war in Präventionsprojekt für Salafisten

AUTOR: Kristian Frigelj, Düsseldorf

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 545 Wörter

HIGHLIGHT: Einer der jungen Islamisten, die den Anschlag auf den Essener
Sikh-Tempel verübten, besuchte das Salafisten-Präventionsprojekt "Wegweiser".
Einer jüdischen Mitschülerin wollte er "das Genick brechen".

Bei den Ermittlungen zum Bombenanschlag auf den Sikh-Tempel in Essen verdichten
sich die Hinweise auf ein islamistisches Motiv weiter. Nach Erkenntnissen der
Ermittler handelt es sich bei den beiden türkischstämmigen 16-jährigen
Tatverdächtigen Mohammed B. aus Essen und Yussuf T. aus Gelsenkirchen um
Salafisten und Sympathisanten der Terrororganisation Islamischer Staat (IS).

Beide haben in Vernehmungen den Anschlag am 16. April während einer


Sikh-Hochzeit in dem Tempel mit drei Verletzten gestanden. Sie gaben jedoch als
Motiv "Spaß am Böllerbauen" an. Es gebe aktuell keine Hinweise, dass die
Attentäter im Auftrag des IS gehandelt hätten oder in Netzwerke eingebunden
seien, sagte ein Referatsleiter von Nordrhein-Westfalens Innenministerium im
Innenausschuss des Landtags.

Allerdings wurden brisante Details zu den Tätern bekannt: Yussuf T. aus


Gelsenkirchen befand sich nach neuestens Erkenntnissen im Präventionsprojekt
"Wegweiser". Mit diesem will das Land NRW das Abgleiten junger Menschen in den
Islamismus verhindern.

Die Schulleitung hatte sich erstmals im Oktober 2014 gemeldet und über das
auffällige Verhalten von T. berichtet. Er schwärmte vom IS. Später lobte er
demnach die Pariser Terroranschläge und drohte einer jüdischen Mitschülerin, ihr
"das Genick zu brechen". Er stand auch in Verdacht, eine Ausreise in den
Dschihad nach Syrien geplant zu haben. Am 12. April dieses Jahres, vier Tage vor
dem Attentat auf den Sikh-Tempel, nahm er mit seinen Eltern zum letzten Mal an
einer "Wegweiser"-Sitzung teil.

Trotz dieses erheblichen Rückschlages verteidigten NRW-Innenminister Ralf Jäger


und der Chef des NRW-Verfassungsschutzes, Burkhard Freier (beide SPD), das
freiwillige Präventionsprojekt, da ein erheblicher Bedarf bestehe. Aktuell
werden 160 Jugendliche mit salafistischen Einstellungen betreut; mehr als 4600
Anfragen sind eingegangen. Das Projekt soll "flächendeckend" ausgebaut werden.

Beide hatten Kontakt zu drittem Jung-Dschihadist

Der Komplize Mohammed B. aus Essen war im Internet unter dem Aliasnamen
"kuffarkiller" (Ungläubigen-Mörder) aktiv und bereits strafrechtlich
aufgefallen. Er hatte zum Jahresanfang 2016 eine Köperverletzung begangen. Zudem
wurde er am 15. April dieses Jahres - einen Tag vor dem Attentat auf den
Sikh-Tempel - bei einem Einbruch vorübergehend festgenommen.

Die detonierte Bombe der beiden Islamisten bestand aus einem umgebauten
Feuerlöscher, der mit Magnesium, Schwefel und Aluminium gefüllt war. Offenbar
hatten die beiden Täter während der Sikh-Hochzeit vergeblich versucht, in den
Gebetsraum einzudringen, um dort den Anschlag zu verüben.

Wäre die Bombe dort detoniert, wäre "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine hohe
Anzahl von Personen schwer verletzt oder getötet worden", erklärte ein
Referatsleiter des Ministeriums. An der Hochzeit im Sikh-Tempel hatten etwa 100
Personen teilgenommen. Bei der Explosion im Eingangsbereich wurden ein Priester
und zwei weitere Personen zum Teil erheblich verletzt. Es entstand erheblicher
Sachschaden.

Beide Täter standen in Kontakt mit einem weiteren 16-jährigen Salafisten aus dem
Kreis Wesel. Dieser gilt nicht als Komplize bei dem Bombenanschlag. Der
Jugendliche hatte schon Versuche unternommen, in den Dschihad auszureisen,
weshalb ihm die Papiere entzogen wurden.

UPDATE: 30. April 2016

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WELT ONLINE (Deutsch)

Freitag 29. April 2016 12:30 PM GMT+1

Sicherheit;
Soll der Reiseverband seine Türkei-Tagung absagen?

AUTOR: Maria Menzel

RUBRIK: REISE; Reise

LÄNGE: 781 Wörter

HIGHLIGHT: Während Reiseveranstalter ihre Türkei-Touren absagen, will der


Branchenverband seine Jahrestagung wie geplant an der Ägäisküste abhalten. Ein
Tourismuswissenschaftler hält das für gefährlich.

Die Türkei ist eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen. Doch seit den
Terroranschlägen in Istanbul und Ankara im Frühjahr 2016 sind die Besucherzahlen
deutlich zurückgegangen - die Sorge, es könnte weitere Anschläge geben, die sich
gezielt gegen Touristen richten, ist gestiegen. Trotzdem will der Deutsche
Reiseverband (DRV) als Interessenvertretung der Tourismusbranche an seiner für
Oktober geplanten Jahrestagung in Kusadasi an der türkischen Ägäisküste
festhalten - und erntet dafür Kritik.

"Eine Veranstaltung mit derart hochrangigen Vertretern des Landes, die auf
engstem Raum zusammenkommen, könnte aus Sicht der Terroristen ein hervorragendes
Ziel sein, um dem Land zu schaden," sagt Torsten Kirstges, der als
Tourismuswissenschaftler aus Wilhelmshaven selbst zur Tagung eingeladen ist.
Solche Räume seien schwierig abzusichern. Kirstges hat einen offenen Brief an
den DRV geschrieben, in dem er fordert, eine ehrliche und transparente
Diskussion über die Risiken zu führen - und die Tagung gegebenenfalls abzusagen.

US-Botschaft hält Warnung aufrecht

Kirstges weist in seinem Brief auf den Fall des Reisebüroverbands


"Schmetterling" hin. Dieser hatte nach den Anschlägen seine für Mitte April
geplante Jahrestagung bei Izmir abgesagt. Auch einige Reiseveranstalter zogen
Konsequenzen. Studios cancelte mehrere Türkeireisen mit Aufenthalt in Istanbul.
Die Kreuzfahrtreederei Aida Cruises sagte ihre für diesen Sommer geplanten
Fahrten mit Zielen in der Türkei ab.

Tatsächlich ist dem Auswärtigen Amt zufolge auch weiterhin "mit politischen
Spannungen sowie gewaltsamen Auseinandersetzungen und terroristischen Anschlägen
zu rechnen". Reisenden vor allem in Istanbul, Ankara und anderen Großstädten
wird "zu erhöhter Vorsicht geraten", von Reisen in das Grenzgebiet der Türkei zu
Syrien und dem Irak wird dringend abgeraten. Eine explizite Reise- oder
Teilreisewarnung gibt es allerdings nicht.
Auch die US-Botschaft in Ankara hält ihre Warnung aufrecht. Es gebe weiterhin
"glaubwürdige Hinweise" auf geplante Terroranschläge auf Touristen in der
Türkei, heißt es auf der Website. Die Botschaft rief US-Bürger dazu auf, achtsam
an belebten Plätzen und touristischen Orten zu sein.

Zahl der Touristen stark gesunken

Die Türkei war im Frühjahr 2016 mehrfach Ziel von Terroranschlägen geworden, die
sich zum Teil gezielt gegen Touristen richteten. Im Januar hatte sich ein
Attentäter in der Istanbuler Altstadt inmitten einer Reisegruppe in die Luft
gesprengt und zwölf Deutsche mit in den Tod gerissen.

Beim jüngsten Anschlag am 19. März sprengte sich ein Selbstmordattentäter auf
der zentralen Einkaufsstraße Istiklal in die Luft. Fünf Menschen kamen ums
Leben. In der Hauptstadt Ankara wurden bei einem Autobombenanschlag mindestens
37 Menschen getötet.

Seit den Attentaten ist die Zahl der Touristen stark gesunken. Im März 2016
zählte das türkische Tourismusministerium fast 13 Prozent weniger ausländische
Gäste als im Vorjahresmonat. Mit einem Einbruch von mehr als 17 Prozent lag das
Minus bei den deutschen Urlaubern überdurchschnittlich hoch. Eine Katastrophe
für das Land, in dem zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts vom Tourismus
abhängen.

Angst, ein falsches Signal zu setzen?

Warum der Verband trotzdem am Veranstaltungsort festhält? Vom DRV selbst heißt
es nur, die Vorbereitungen liefen planmäßig - das Thema Sicherheit spiele dabei
eine große Rolle. Man arbeite "eng, vertrauensvoll und konstruktiv mit unseren
türkischen Partnern zusammen", sagte DRV-Pressesprecher Torsten Schäfer auf
Nachfrage der "Welt". Das Interesse an einer offenen Diskussion der Risiken, wie
Kirstges sie fordert, scheint gering.

Hat der Verband Angst, mit einer Absage oder Verlegung der Tagung an einen
anderen Ort ein Signal zu setzen, das Urlauber abschrecken und der
Tourismusindustrie schaden könnte? Natürlich wolle die Branche die eigenen
Kunden nicht verunsichern, sagt Kirstges. "Die Türkei ist natürlich ein
wichtiger Markt für Touristikunternehmen."

Er glaubt allerdings nicht, dass die Absage eines Branchentreffens, für das sich
der Urlauber auch sonst nicht interessiert, Folgen für die Destination hätte.
Darüber hinaus sei fraglich, ob es eine sinnvolle Informationspolitik ist, ein
vorhandenes Problem totzuschweigen.

Ob Kirstges der Veranstaltung fernbleiben wird, will er in den kommenden Tagen


entscheiden. Als Boykottaufruf an Urlauber will er seine Offensive aber nicht
verstanden wissen.

"Es geht nicht darum, die Türkei als Urlaubsland infrage zu stellen. Es geht
darum, die Risiken und Möglichkeiten einer Touristikertagung in der Türkei
angesichts der aktuellen Situation branchenintern zu thematisieren." Als
Urlauber würde er die Reise antreten - trotz der Warnungen.

UPDATE: 30. April 2016

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WELT ONLINE (Deutsch)

Samstag 30. April 2016 4:18 AM GMT+1

Moschee-Überwachung;
"Kauder zündelt am Pulverfass der Islamfeindlichkeit"

AUTOR: Marcel Leubecher

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 715 Wörter

HIGHLIGHT: Obwohl die Behörden nicht einmal alle Terror-Gefährder überwachen


können, will der Unionsfraktionschef jetzt Moscheen überwachen. Die Opposition
ist empört und verweist auf Recht und Gesetz.

Staatliche Kontrolle für islamische Prediger in Deutschland - mit dieser


Forderung heizt Unionsfraktionschef Volker Kauder unmittelbar vor dem
AfD-Parteitag die Islamdebatte an. "Wir müssen darüber reden, dass in einigen
Moscheen Predigten gehalten werden, die mit unserem Staatsverständnis nicht im
Einklang stehen", sagte der CDU-Politiker der "Berliner Zeitung". Und: "Der
Staat ist hier gefordert. Er muss das kontrollieren."

Für Ulla Jelpke von der Linkspartei ist der Vorstoß Kauders "unverantwortlich".
"Mit seinem Pauschalverdacht gegen alle Muslime zündelt Kauder am Pulverfass der
Islamfeindlichkeit", sagte die innenpolitische Sprecherin der "Welt". Zur
Religionsfreiheit gehöre auch die Freiheit, seine Religion ohne staatliche
Aufsicht auszuüben.

"Die Idee, jeder Moschee einen staatlichen Aufpasser zu verordnen, ist völlig
abwegig. Damit würden sämtliche Muslime unter den Generalverdacht des
Terrorismus gestellt. Wenn es einen konkreten Verdacht auf Straftaten gibt, ist
das ein Fall für die Polizei - aber nur dann", so Jelpke weiter.

Irene Mihalic, die Frau der Grünen für die innere Sicherheit, sieht das ähnlich.
Erst mögliche Straftaten begründeten polizeiliche Kontrolle. "Das passiert
sowieso schon", sagt Mihalic der "Welt". "Im Übrigen ist staatliche Überwachung
nur in engen Grenzen zulässig. Das sind Grundsätze, an denen wir festhalten
sollten - auch aufgrund der Erfahrungen aus der deutschen Geschichte."

Überwachung nur bei begründetem Verdacht möglich

In der Tat darf die Polizei nach geltendem Recht nicht grundlos Moscheevereine
überwachen - ganz abgesehen von der Frage, wie Kontrolle angesichts mehrerer
Tausend muslimischer Gotteshäuser in Deutschland flächendeckend überhaupt
möglich sein sollte.

Einzelne muslimische Gemeinden werden freilich schon heute nicht nur durch die
Polizei, sondern auch durch den Verfassungsschutz beobachtet. Allerdings geht es
dort nicht um die von Kauder geforderte Kontrolle problematischer
Wertevorstellungen, sondern um Erkenntnisse über einzelne als gefährlich
geltende Personen. Laut Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen haben die
Sicherheitsbehörden in Deutschland ein islamistisch-terroristisches Potenzial
von rund 1000 Personen im Visier.

Aber sie können nicht rund um die Uhr überwacht werden, geschweige denn
gegebenenfalls die von ihnen besuchten Moscheen. Selbst bei den als besonders
gefährlich eingeschätzten etwa 200 Rückkehrern aus dem Syrien-Krieg ist dies
nicht möglich.

CSU übt sich bereits seit Wochen in Islamkritik

Damit muss Kauders Forderung weniger als praktischer Vorschlag denn eher als
öffentliche Wortmeldung gewertet werden. So will die Union in der
Auseinandersetzung mit der AfD deutlicher wahrgenommen werden. Darum bemüht sich
auch schon seit einigen Wochen die CSU. Ihr Generalsekretär Andreas Scheuer
hatte vor zwei Wochen in der "Welt" die Forderung nach einem "Islam-Gesetz"
formuliert.

Unter anderem verlangt Scheuer, dass Deutsch die Sprache der Moscheen werden
müsse. Es dürften nicht die Augen davor verschlossen werden, "was in den
Moscheen gepredigt wird und von wem". Es könne nicht sein, "dass andere zum Teil
extreme Wertvorstellungen aus dem Ausland importiert werden".

Und vor wenigen Tagen dann schlug der CSU-Abgeordnete Alexander Radwan eine
"Moschee-Steuer" ähnlich der Kirchensteuer vor, um die Unterstützung deutscher
Moscheen durch ausländische Geldgeber zu unterbinden. Es dürfe "nicht sein, dass
aus dem Ausland finanzierte Imame in Deutschland gegen unsere Grundwerte
predigen".

So kann es kaum verwundern, dass Kauder Rückendeckung für seine Forderung aus
Bayern bekommt - und dies sogar von höchster Stelle. Horst Seehofer, der sich in
Flüchtlingsfragen zuletzt gern mit Kauder kabbelte, sagte bei einem Auftritt in
Unterschleißheim, das halte er für sinnvoll. Und der CSU-Chef fügte hinzu: "Wir
wollen die Religionsfreiheit, dass das klar ist, aber nicht den Missbrauch."

Der Zentralrat der Muslime möchte sich an der Debatte zunächst nicht beteiligen.
Dafür fällt die Reaktion auf Kauders Forderung bei den Ahmadiyya-Muslimen
drastisch aus. Ihr Bundesvorsitzender, Abdullah Uwe Wagishauser, sagte der
"Welt": "Es ist unerhört, mit solchen pauschalen Forderungen an die
Öffentlichkeit zu treten! Als Muslim fühlt man sich dann wie am Nasenring durch
die Arena gezogen."

UPDATE: 30. April 2016

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WELT ONLINE (Deutsch)

Sonntag 1. Mai 2016 1:44 PM GMT+1

Scharfe Kritik;
Bayern weist knapp 300 minderjährige Flüchtlinge ab

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 426 Wörter

HIGHLIGHT: Allein Bayern hat 280 Minderjährige zurückgewiesen, die unbegleitet


auf der Flucht waren. Die Grünen fordern deshalb einen besseren Schutz für die
"im Niemandsland" lebenden Kinder und Jugendlichen.

An Deutschlands Grenzen sind seit Jahresbeginn mehr als 300 unbegleitete


minderjährige Flüchtlinge zurückgewiesen worden. Das geht aus einer Antwort des
Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor,
über die die "Passauer Neuen Presse" am Samstag berichtete. Die Grünen
kritisierten die Praxis scharf.

Bis Ende März seien insgesamt 309 Kinder und Jugendliche zurückgewiesen worden,
280 davon allein an der bayerisch-österreichischen Grenze, meldete die Zeitung
unter Berufung auf die Angaben aus dem Ministerium. 160 der zurückgewiesenen
minderjährigen Flüchtlinge stammten demnach aus Afghanistan, 46 aus Syrien, 30
aus dem Irak, 17 aus Marokko, zwölf aus Pakistan und sieben aus Algerien.

Grund der Einreiseverweigerung seien fehlende Einreisevoraussetzungen nach dem


Schengener Grenzkodex gewesen. "Ein Schutzersuchen stellten sie nicht", erklärte
das Bundesinnenministerium demnach.

Nach Ansicht der Grünen haben die Jugendlichen aber gar "keine Chance" einen
Asylantrag zu stellen. "Die Bundespolizei ignoriert die Zuständigkeit der
Jugendämter", sagte die flüchtlingspolitische Sprecherin der
Grünen-Bundestagsfraktion, Luise Amtsberg, dem Blatt. "Die Jugendlichen erhalten
keinen Vormund" und könnten deswegen auch keinen Asylantrag stellen. Viele der
Betroffenen hätten eigentlich gute Chancen, in Deutschland als Flüchtlinge
anerkannt zu werden. Dafür bräuchten sie aber Beratung und Unterstützung, sagte
Amtsberg.

"Nicht im rechtlichen Niemandsland landen"

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Franziska Brantner nannte die Situation von


unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen "auf der gesamten Route wirklich sehr
schwierig". Sie verwies im Deutschlandfunk darauf, dass die Jugendlichen
beispielsweise in Griechenland teilweise über Monate in Polizeigewahrsam seien.
"Wir halten es für nicht tragbar, das sind Kinder, Jugendliche, und die im
Niemandsland zu lassen, hin und her zu schieben, auf Polizeistationen
festzuhalten, in schlechten Unterkünften. Das ist für uns nicht akzeptabel."

Deutschland müsse diese jungen Menschen aufnehmen und ihnen eine Perspektive
geben, forderte Brantner. Die Bundesrepublik sei "rechtlich verpflichtet, für
diese Menschen besonderen Schutz zu organisieren und zu garantieren."

Auch die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), forderte


einen besseren Schutz von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen. "Wir müssen
sicherstellen, dass alle umgehend von einem Jugendamt versorgt werden und nicht
im rechtlichen Niemandsland landen", sagte sie der "Bild am Sonntag".

UPDATE: 1. Mai 2016

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Die Welt

Mittwoch 13. Januar 2016

"Das archaische Frauenbild bedroht uns alle";


Von Neukölln nach Köln und zurück: Für die Autorin und Filmemacherin Güner Balci
ist der Islam frauenfeindlich. Muslimische Männer sollten den Rechtsstaat
fürchten

AUTOR: Andrea Seibel

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 8 Ausg. 10

LÄNGE: 2533 Wörter

Welch zarte, anmutige Frau: Güner Balci spricht mit Bestimmtheit und Expertise,
ohne je laut werden zu müssen. Berlin-Neukölln ist ihre Heimat und Schule, hier
lernte sie als Kind türkischer Einwanderer von Frau Arndt, einer Nachbarin, viel
über die Deutschen. "Wäre ich in einem arabischen Getto groß geworden, ich hätte
sicherlich auch mit 18 heiraten wollen." Balci blickt mit ihren 40 Jahren auf
eine stattliche Karriere zurück. Ihre Bücher sind beeindruckend, so auch ihre
Fernsehfilme, besonders jene über die Jugendrichterin Kirsten Heisig, die sich
das Leben nahm, oder zuletzt ihr "Jungfrauenwahn" über die sexuelle
Unterdrückung im Islam. Ein neues Buch "Das Mädchen und der Gotteskrieger" wird
Mitte des Jahres erscheinen. Von neuen Filmprojekten ganz zu schweigen.

Die Welt:

Was haben Sie gedacht, als Sie von den schrecklichen Geschehnissen in Köln
hörten?
Güner Balci:

Alles erinnert mich an den Tahrir-Platz in Kairo, wo es ja auch im Laufe der


Rebellion zu unglaublichen Übergriffen gegen Frauen gekommen war. Es klingt
gemein, aber ich fühle mich eigentlich nur bestätigt in dem, was ich seit Jahren
erzähle. Ich hätte nur nicht gedacht, dass das in so einem Ausmaß passieren
könnte, denn vereinzelte Übergriffe gibt es schon lange. Die Polizei erzählt
auch, dass sich die Gewalt nicht nur auf junge westliche Frauen beschränkt,
sondern mittlerweile auch Mädchen mit Kopftuch betroffen sind.

Es gibt Vermutungen über die Täter, aber auch viele Gerüchte.

Das sind keinesfalls Männer, die als Gastarbeiter oder Gastarbeiterkinder hier
sind. Sie sind wahrscheinlich noch nicht so lange hier. Und es sind Menschen,
die wahrscheinlich irgendwann auch Flüchtlinge waren. Aber darum geht's gar
nicht. Sondern, dass das einfach Männer sind, die ein extrem archaisches,
frauenfeindliches Weltbild mit sich tragen und das auch in ihren Communitys
weiterleben.

Die Deutschen sind weltoffener geworden, auch wenn sie wissen, dass die Bilanz
der ersten Einwanderung durchwachsen ist. Doch nun haben wir auf einen Schlag
eine Million an fremden Menschen im Land. Es sind Flüchtlinge, aber sie werden
quasi schon als perfekte Einwanderer präsentiert. Kann das gut gehen?

Das kann kaum jemand bisher beurteilen. Aber was man auf jeden Fall sagen muss,
ist, dass es ein Unterschied ist, ob man türkische Gastarbeiter hier hat
einwandern lassen oder Menschen aus dem arabischen Raum. Auch wenn sich das Land
heute unter Erdogan islamisiert, war die Türkei lange laizistisch geprägt. Die
Präsenz von Frauen im öffentlichen Raum ist eine völlig andere als in der
arabischen Welt. Von Integration reden wir noch lange nicht. Wir haben ja noch
nicht einmal darüber gesprochen, was die angekommenen Flüchtlinge denken und wie
sie ticken.

Wenn so viele neue Fremde kommen, sind uns die alten Migranten näher, und auch
die fühlen sich deutscher.

Ich höre mich in diesen Milieus um, nicht nur in den türkischstämmigen, auch den
arabischen. Ich würde mich nicht wundern, wenn irgendwann eine Bürgerwehr gegen
kriminelle Flüchtlinge entstünde. Man hat auch extreme Vorbehalte gegen
Flüchtlingsheime in den eigenen Wohngebieten.

Was nervt Sie am meisten an der migrantischen Existenz, wie sie sich in
Deutschland entwickelt hat?

Was mich am meisten nervt, ist immer wieder diese Suche nach Identität in einer
Herkunftskultur. Das betrifft fast alle, die hier einwandern. Sie glauben, eine
bestimmte Kultur oder Religion hier konservieren zu können. Ein verkrampfter,
antiquierter Nationalstolz. Das hindert viele, offen für Neues zu sein. Was man
in einer so freien Gesellschaft wie der deutschen doch wunderbar kann. Leider
brauchen Menschen viel zu sehr klare Grenzen und enge Räume, um sich sicher zu
fühlen, und Freiheit macht den meisten einfach Angst. Freiheit bedeutet auch
wirklich, selbst mal auf die Idee zu kommen, was richtig für einen ist. Auch auf
die Gefahr hin, alleine zu entscheiden und alleine dazustehen und sich nicht
immer fallen lassen zu können in ein Netz, sei es Familie oder Clan.

Sie leben heute in Berlin-Mitte. Das ist sinnbildlich auch für die Mitte der
Gesellschaft.
Von Köln ist es nicht weit bis Neukölln. In dem Milieu, in dem ich aufgewachsen
bin, habe ich als Mädchen und junge Frau die Sexualisierung des Alltags sehr
stark miterlebt. Es ist ein ganz großer Unterschied, ob man in Mitte in einem
Café in einem luftigen Sommerkleid sitzt oder ob man das auf der Sonnenallee
abends macht. Und jeder, der diesen Unterschied nicht kennt, der kann das gerne
mal als Experiment wagen. Das und die Alltäglichkeit von Gewalt, das war mir
einfach widerlich. Widerlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Kinder dort
Gewalt erfahren und Gewalt weitergeben. Deswegen wollte ich da nicht mehr leben.

Wie wurden Sie, wie Sie sind? Waren es die Eltern? War es die Schule?

Ich glaube, die beste Grundvoraussetzung ist, dass man nicht indoktriniert wird
von seinen Eltern. Stattdessen habe ich humanistische Werte vermittelt bekommen.
Das hat aber wiederum mit dem Alevitentum zu tun, das auch meine Eltern prägte.
Vielleicht war es auch einfach nur Glück, dass mein Vater ein Freigeist war. Der
wollte ausbrechen aus seinen kleinen dörflichen Verhältnissen, wollte in die
nächste Stadt und dann nach Deutschland.

Wie kann man den syrischen Frauen und Männern helfen?

Ganz simpel. Man muss sich nur an die Frauenbewegung der 80er-Jahre erinnern
oder auch noch weiter zurückgehen. Zu 68. Ich meine, was braucht es, um zu
gewissen Veränderungen zu kommen? Es waren immer Minderheiten, die standhaft
blieben und kämpften. Bis auf Alice Schwarzer, die die Probleme immer wieder
öffentlich thematisiert, gibt es heute aber kaum jemanden. Unsere ganzen jungen,
superemanzipierten Frauen kämpfen nicht für die Frau von nebenan, sondern bäumen
sich auf gegen einen vermeintlichen Uraltfeminismus, der in ihren Augen schon
lange überholt ist. Aber das archaische Frauenbild bedroht uns alle.

Die Frage der Gleichheit von Mann und Frau ist elementar für jede Gesellschaft.
Auch im 21. Jahrhundert.

Gleichberechtigung muss zu einer Selbstverständlichkeit werden, die in keinster


Weise, nirgendwo, weder in der Schule, noch sonst wo im öffentlichen Raum
verhandelbar ist. Weil nämlich genau davon abhängt, inwieweit wir wirklich eine
zivilisierte Gesellschaft sind. Die Flüchtlingsfrauen, die aus Verhältnissen
kommen, die man sich für keine Frau wünscht, können das selbst nicht erkennen,
daher muss es Aufklärungsarbeit in den Flüchtlingsheimen geben. Es muss die
Möglichkeit für diese Frauen geben, auszubrechen aus diesen Strukturen. Ein
immenser Aufwand, der betrieben werden muss.

Wie lernt man nicht nur Deutsch, sondern auch das Deutschsein? Sicherlich nicht
allein, indem man das Grundgesetz aufsagt?

Nein, man lernt es eigentlich nur, indem man früh in der Schule und im
Kindergarten vermittelt bekommt, was unsere Gesellschaft für den Einzelnen
ausmacht. Das heißt, das ist ganz einfach. Da geht es um Kinderrechte, um
Menschenrechte, um geschlechtsspezifische Erziehung der Kinder. Wir haben ja
schon ein gut ausgebautes Erziehungssystem. Irgendwo muss es da ganz große
Defizite geben, sonst könnte es nicht sein, dass jemand, der zehn Jahre von
unserem Bildungssystem profitiert hat, plötzlich auf die Straße geht und nichts
verstanden hat von all dem, was unsere Gesellschaft eigentlich ausmacht. Schule
und Kindergarten müssen noch viel mehr zu Orten der Erziehung zu einem
eigenständig denkenden, freien Individuum, das Rechte und Pflichten kennt,
werden.

Und die Erwachsenen? Die Hunderttausenden jungen Männer? Verlorene Seelen?

Die, die sich an keine Regeln halten, kann man nur noch sanktionieren. Und
darauf hoffen, dass sie den Rechtsstaat fürchten lernen. Vielleicht schaffen wir
es, dass sie irgendwann die Vorzüge dieser Gesellschaft für sich solcherart
nutzen, dass sie niemandem mehr schaden.

Deutsch ist aber auch so etwas wie Zuverlässigkeit, Gründlichkeit,


Bildungshunger, technische Neugierde, im neudeutschen Sinne Fahrradfahren,
Mülltrennung, liebevolle Väter, einen Hund haben, aber auch geschieden zu sein

Na ja. Für mich ist Deutschsein in erster Linie diese große Gabe, alles kritisch
und auch selbstkritisch zu hinterfragen. Ich glaube, das ist das Allertollste an
Deutschland. Wenn man diese Selbstkritik spiegeln würde auf das Gegenüber, auf
das Fremde, dann wäre es für mich der Idealzustand. All das, was man am anderen
kritisiert, auch an sich zu kritisieren, würde eigentlich die erste richtige
gesunde Basis für ein Miteinander schaffen. Jenseits aller politisch korrekten
oder unkorrekten Diskussionen.

Warum hat die deutsche Gesellschaft zu wenig getan bei der ersten Integration,
also bei den Gastarbeitern? Aus Ignoranz, aus Unfähigkeit?

Aus Gleichgültigkeit. Auch viele Deutsche begreifen den großen Reichtum ihres
Landes nicht, dass man hier ohne krampfhafte kulturelle oder religiöse
Zugehörigkeit glücklich werden kann. Und genau das der Grund ist, weshalb wir so
viele Menschen anziehen aus allen Ländern, auch den europäischen. Es ist nicht
nur die wirtschaftliche Schwäche ihrer Herkunftsländer, sondern die Erkenntnis,
dass Deutschland offen sein kann für das andere.

Die Deutschen haben also immer noch nicht gelernt, Einwanderungsgesellschaft zu


sein?

Noch lange nicht. Wir behandeln den Fremden als den Hilfsbedürftigen. Auch das
ist eine gewisse Form von Apartheid. Die Menschen, die kommen, werden die
Gesellschaft aber nicht immer nur positiv verändern. Und das ist etwas, was noch
viel zu sehr vom rechten Rand bedient wird, der ja nur Ängste schürt. Es gibt
noch keine Offenheit zu verhandeln, wie weit wir gehen wollen, was wir wollen
und was nicht.

Durch falsch verstandene Toleranz haben wir Parallelgesellschaften geradezu


gefördert, die wir nun beklagen.

Die Deutschen sind viel zu selbstgefällig. Welch falsche Selbstsicherheit, sich


einzubilden, man sei ein Einwanderungsland, in dem doch alles gut laufe, solange
sie nicht vor der Tür stehen und nerven mit ihren kulturellen oder religiösen
Eigenarten. Doch es läuft nicht gut, weil jeder seins macht und es gar kein
Miteinander gibt. Das ist auch in den anderen Einwanderungsländern nicht gut
gelaufen.

Wir reden immer davon, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Doch
angesichts der schieren Masse der Neuankömmlinge, kann man etwas anderes tun,
als Gettos zu bauen?

Ja, die werden auch entstehen. Das ist fast unvermeidbar. Denn die meisten
wollen doch bevorzugt in Milieus leben, in denen sich Migranten schon lange
festgesetzt haben. Das heißt, man ist am Ende wieder in so einem muslimischen
Migrantenmilieu, was ja nicht schlimm sein muss. Die Sache ist nur die, man darf
nicht die Kontrolle verlieren. Überall aber sind salafistische Gemeinden aus dem
Boden geschossen, mittlerweile haben die schon Kindergärten. Das muss
unterbunden werden. Denn man muss die muslimischen Einwanderer vor diesen
Extremisten schützen. Aber ansonsten, Parallelgesellschaften gehören zur
Einwanderungsgesellschaft dazu. Man muss nur die Möglichkeit schaffen, dass es
trotzdem Übergänge gibt. Und zwar für all die jungen Menschen, die anderes
wollen. In meiner Kindheit in den 80er-Jahren war es selbstverständlich, dass
man deutsche Klassenkameraden hatte. Wenn man die nicht mehr hat, dann verliert
man die Bildungsgerechtigkeit, die dieses Land eigentlich verspricht. Teilhabe
an der Gesellschaft bedeutet, zu sehen, was deutsches Leben sein kann und ist.
Auch alternative Lebenswelten zu erfahren. Genauso schlecht ist das für
nicht-migrantische Kinder, wenn sie nur in so einer behüteten Mittelschicht
aufwachsen. Das ist genauso ein Getto.

Sie beginnen Ihren neuen Film dramatisch, denn Sie packen ein künstliches Hymen
mit falschem Blut aus, das sich offenbar viele junge muslimische Bräute
bestellen und in die Vagina schieben, um eine Jungfernschaft in der
Hochzeitsnacht vorzutäuschen. Warum diese Obsession?

Weil sie von klein auf eingetrichtert bekommen, dass ihr Wert als Mensch genau
von dieser Jungfräulichkeit abhängt. Es ist ein Wert, der auch finanziell
verhandelt wird. Am Ende entscheidet das manchmal sogar über Leben und Tod.

Ähnlich wie Seyran Ate , Necla Kelek oder auch Hirsi Ali kommen Sie zu dem
Schluss, dass der Kern des ganzen Problems mit dem Islam dessen Frauenbild ist.
Aber ist dies eine Frage der Religion oder nicht eher der Kultur?

Das ist auf jeden Fall auch eine Frage der Religion, denn der Islam hat genau
diese Sexualisierung der Frau und auch diese Abwertung der Frau festgesetzt.
Wenn der Koran und die Hadithe die Leitlinien für Muslime sind, dann muss ich
sagen, dass ein großer Teil von dem, was dort steht, einfach nur frauen- und
menschenfeindlich ist. Und natürlich ist deswegen auch der unkritische,
unreflektierte Umgang mit dem Islam ein Problem, denn er bekämpft die liberale,
offene Gesellschaft.

Wie erreicht man eine Veränderung im Kopf des muslimischen Mannes?

Es geht immer nur um Sex. Diese Obsession mit dem Sex ist eine, die extrem
verbreitet ist in patriarchalischen Gesellschaften. Und es dreht sich nur um die
Kontrolle der Frau und die Sanktionierung von Sex und darum, wie man ihn dennoch
heimlich ausleben kann. Ich meine, die jungen Männer gehen in den Dschihad, um
Sexsklavinnen zu haben, das ist für viele einer der größten Anreize. Vielleicht
überschätzen wir auch einfach Männer. Sie fragten mich, ob ich schon einmal eine
Burka anprobiert habe. Und da musste ich dann an diese Prostituierten auf der
Oranienburger Straße denken, die ich immer sehe. Für mich ist das dasselbe.
Beides ist der Ausverkauf des weiblichen Körpers.

Wenn heute alle Musliminnen in Deutschland auf einen Schlag ihr Kopftuch
abnähmen, wären wir dann alle Sorgen los?

Das wäre auf jeden Fall interessant. Denn zum Ablegen des Kopftuchs gehört ja
auch eine gewisse Rebellionsbereitschaft.

In Ihrem Film wird auch die Mutter von Seyran Ate gezeigt. Sie hat sich bei
ihrer Tochter, deren Werdegang sie nun bewundern kann, entschuldigt für ihre
große Strenge und Gnadenlosigkeit in frühen Jahren. Gibt es heute mehr solcher
Mütter?

Natürlich. Wir haben zum Beispiel auch ganz viele alleinerziehende türkische
Frauen. Bei denen hat es tatsächlich einen Wandel gegeben. Es gibt auch viel
mehr junge türkische Mädchen, die einen Freund haben oder die auch alleine in
einer anderen Stadt studieren können. Bei den arabischen Familien ist das noch
weniger ausgeprägt. Aber auch da gibt es hier und da kleine Veränderungen.
Mädchen dürfen dann zumindest schon mal den Bräutigam selbst aussuchen, ohne
dass fünf Cousins vorgeschlagen werden. Das könnte alles noch viel schneller
gehen.

Merkels Satz, wie haben Sie ihn aufgenommen?

Na ja, wir schaffen das, erzählen ja viele. Das weiß man erst nach 20 Jahren.
Mein Leben ist geprägt davon, dass meine Eltern hier eingewandert sind. Das hat
meine Wahrnehmung geschult. Ich bin wirklich gespannt, wie sich Deutschland
entwickeln wird. Ich habe keine Ängste. Deutschland ist ein großes Land, ein
reiches Land und ein sehr sicheres Land. Auch politisch stabil. Das heißt,
jeder, der ein bisschen Grips in der Birne hat, wird seine Nische finden. Aber
natürlich ist es traurig, wenn es rechtsfreie Räume gibt oder Gettos. Das hat
dieses Land einfach nicht verdient.

Die Deutschen sind viel zu selbstgefällig Güner Balci

UPDATE: 13. Januar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: picture-alliance/MIKE WOLFF TSP


Güner Balci ist in Berlin-Neukölln aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrer
Familie und "Lotte", einem türkischen Straßenhund, in Mitte
MIKE WOLFF TSP

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Die Welt

Samstag 16. Januar 2016

"Sexuelle Gewalt kann eine Kriegswaffe sein";


Nach den Übergriffen in Köln fordert Alice Schwarzer eine Debatte über den Islam
ohne politische Korrektheit. Für sie der einzige Weg, die Flüchtlinge ernst zu
nehmen

AUTOR: Ulf Poschardt

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 8 Ausg. 13

LÄNGE: 2900 Wörter

Das "Manzini" ist eine elegante West-Berliner Institution. Deutschlands


berühmteste Feministin ist hier Stammgast. Die schrecklichen Ereignisse von Köln
haben Alice Schwarzer nicht die Laune verdorben. Sie lacht viel, auch und
besonders über die unzähligen Kritiker ihrer Klartexte, die sie auch nach Köln
über die Homepage ihres feministischen Magazins unter die Leute brachte.

Die Welt:

Auf "Emma.de" sprachen Sie nach den Ereignissen von Köln von "falscher Toleranz"
und "Terror". Hat Sie das Echo auf Ihre Aussage auf "Emma.de" überrascht?

Nein, überhaupt nicht. Das bin ich jetzt seit 36 Jahren gewöhnt.

Was ist Ihr intellektueller Zugang zum Frauenbild im Islam?

Ich habe seit 36 Jahren sehr konkrete und vielfältige Kontakte zu Frauen im
islamischen Kulturkreis, sowohl in Nahost wie in Nordafrika. Schon 1979 war ich
ein paar Wochen nach der Machtergreifung von Khomeini mit einer Gruppe
französischer Intellektueller auf den Hilferuf von Iranerinnen hin in Teheran.
Und da war mir schon klar, was sich da entwickelte.

Was denn?

Ich habe dort mit vielen beeindruckenden Menschen gesprochen. Vom


Ministerpräsidenten - der wenig später ins Exil flüchtete - bis hin zu starken
Frauen, die den Schah mit der Kalaschnikow unter dem Tschador bekämpft hatten.
Und die haben alle mit dem liebenswürdigsten Lächeln zu mir gesagt: "Ja,
selbstverständlich werden wir ein Gottesstaat und führen die Scharia ein. Und
ja, dann gilt: Steinigung bei außerehelichem Sexualverkehr der Frau oder bei
Homosexualität." Als ich zurückkam, habe ich veröffentlicht, was ich gesehen und
gehört hatte. Und was daraus erwachsen könnte. Ich habe leider mehr als recht
behalten. Es ist eine Reportage, an der ich bis heute kein Wort verändern
müsste.

Wie sind Sie seitdem mit dem Thema umgegangen?

Das Thema hat mich nie mehr losgelassen. Über 25 Jahre lang war "Emma" das quasi
einzige Organ im deutschsprachigen Raum, das die Gefahr des politisierten Islam
thematisierte: von Afghanistan über Tschetschenien und Algerien bis nach Köln.
Ich habe auch zwei Bücher dazu herausgegeben. Das erste 2002, "Die Gotteskrieger
und die falsche Toleranz". Das könnte ich heute so nachdrucken lassen, und Sie
würden nicht merken, dass es vor 14 Jahren erschienen ist. Ich will sagen:
Mindestens so lange schon hätte auch die Politik das Problem erkennen können.

Das hat Ihnen nicht nur Lob eingebracht.

So kann man das sagen. Seither werde ich in gewissen Kreisen - Multikulti-Grüne,
Linke, Konvertiten - munter als Rassistin beschimpft. Zum Glück bin ich mir
ziemlich sicher, dass mir wenig ferner ist als Rassismus. Aber es ist doch eine
enorme Einschüchterung. Ganze Bücher haben die gegen mich veröffentlicht und
versucht, mich mundtot zu machen. In meinem Fall ist das nicht gelungen.

Bei anderen schon?

Bei vielen. Und bis heute wagen Menschen, die ein berechtigtes oder auch
unberechtigtes Unbehagen haben, das man aufklären könnte, es nicht, etwas
Kritisches über die Entwicklung mancher Migranten und Flüchtlinge in Deutschland
sowie die versäumte Integration zu sagen. Aus Angst vor dem Rassismusvorwurf.
Diese Blase ist jetzt geplatzt.

Woher rührt dieses Tabu?

Dieses Muster kenne ich als Feministin seit Ende der 60er- und Anfang der
70er-Jahre, damals in der Form vom Hauptwiderspruch und Nebenwiderspruch. Bevor
deutsche Frauenrechtlerinnen früher auch nur das Wort "Frau" aussprachen, gab es
erst mal einen langen Diskurs über den Hauptwiderspruch, den Klassenkampf. Erst
dann wurde das Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern angesprochen. Und
dann stand man in der Linken sofort als sogenannte bürgerliche Frauenrechtlerin
am Pranger. Das war das Totschlagargument.

Was den Klassenstandpunkt nicht ändert

Was den Klassenstandpunkt absolut überordnet. Von Klassen redet heute niemand
mehr. Trotzdem haben wir heute bei den Grünen, in der linken Szene und in einer
gewissen Internetszene eine ähnlich groteske Situation in der
Feminismus-Debatte: Jetzt gilt der Rassismus als Hauptwiderspruch. Und wieder
sollen wir die Klappe halten und nicht über unsere Probleme als Frauen reden -
egal, welcher Hautfarbe oder Ethnie wir sind. Die Leugnung des
Geschlechterwiderspruchs hat inzwischen in der Szene, die sich heute
selbstgerecht als Hüterin des Antirassismus versteht, groteske Ausmaße
angenommen. Und genau das ist rassistisch! Weil man mit diesem Argument
verhindert, dass wir die Fremden, die zu uns kommen, ernst nehmen als Menschen
wie wir. Die sind in Wahrheit nämlich gar nicht so fremd und könnten durchaus
auch dazulernen. Aber für diese Szene bleiben sie die schönen Wilden sozusagen.
Der Fremdenhass ihrer Eltern schlägt bei ihnen um in eine in Wahrheit nicht
minder verachtende Fremdenliebe. Fremdenhass und Fremdenliebe sind ja nur zwei
Seiten ein und derselben Medaille.

Man sollte nicht paternalisieren?

Richtig, nicht bevormunden. Diese Stellvertreterpolitik ist ja genau das, was


unsereins schon früher so wahnsinnig gemacht hat. Und man weiß inzwischen auch
gar nicht mehr, was man überhaupt noch sagen darf. Es wechselt ja jeden Tag die
politische Korrektheit. Das soll uns am freien Denken hindern. Form statt
Inhalt. Da geht es nicht um die Menschen, sondern um Ideologie.

Wie sollte man die Menschen behandeln?

Nicht ideologisch, sondern menschlich. Man sollte ihnen sagen: Ihr habt die
gleichen Rechte - aber auch die gleichen Pflichten! Nach den Ereignissen in Köln
habe ich bei einer der sogenannten jungen Feministinnen gelesen, auch "weiße
Bio-Deutsche vergewaltigen". Da kann ich nur sagen: Richtig, das sagen wir
feministischen Pionierinnen seit 40 Jahren! Doch jetzt müssen wir weiterdenken,
denn die Ereignisse in Köln und an anderen Orten hatten über die uns bisher
bekannte sexuelle Gewalt hinaus eine neue Qualität, eine ganz andere Dimension.

"Emma" analysiert die sexuelle Gewalt gegen Frauen mit kulturellen Hintergründen
schon länger.

Bereits vor 20 Jahren hat ein Kölner Polizist zu mir gesagt: Frau Schwarzer, 70
bis 80 Prozent aller Vergewaltigungen in Köln gehen auf das Konto von Türken.
Ich war entsetzt und habe geantwortet: Das müssen Sie unbedingt öffentlich
machen! Denn auch ein Türke wird ja nicht als Vergewaltiger geboren. Das hat ja
Gründe. Was ist los bei denen? Was können wir tun? Doch es kam die klare Ansage:
"No way, das ist politisch nicht opportun." Und genau diese Art politischer
Correctness verschleiert die Verhältnisse. Reaktionärer geht es nicht.

Spielt diese Einstellung nicht denen in die Hände, die den Medien nicht mehr
glauben?

Ja, leider. Ich persönlich bin seit Langem davon überzeugt, dass die Erstarkung
der Rechtspopulisten in Westeuropa nicht möglich gewesen wäre, wenn die Parteien
nicht durch die Bank seit Jahren und Jahrzehnten die Politisierung des Islams
völlig ignoriert oder verharmlost hätten. Und die Medien haben mitgespielt.

Seit wann geht das so?

Die Machtergreifung Khomeinis 1979 war der Startschuss für die Politisierung des
Islam. Die ideologische Munition kommt aus Iran und Pakistan, das Geld aus
Saudi-Arabien, womit wir ja beste wirtschaftliche Beziehungen haben. Wir hatten
auch vor den 80er-Jahren schon Millionen Türken im Land. Dabei spielte es damals
keine Rolle, ob sie Moslems waren. Es spielte aber eine Rolle, dass sie arm
waren und vom Land kamen.

Zivilisationsfern, aber keine größere Differenz?

So ist es. Ab und zu sah man früher auch mal eine ältere oder junge Frau vom
Land mit Kopftuch. Aber nicht mit dem islamistischen Kopftuch. Das gibt es bei
uns erst seit Mitte der 80er-Jahre. Dieses Kopftuch, das jedes Haar abdeckt und
auch den Körper verhüllt, weil eben die Frau an sich Sünde ist.

Das ist eigentlich ein unfassbares Kompliment an den weiblichen Körper, oder?

Na ja, geht so. Es ist die Begrenzung der Frau auf ihren Körper und die
Sexualität. Und was für ein Männerbild ist das eigentlich? Jeder Mann, der ein
Haar oder eine Silhouette sieht, stürzt sich wie ein Tier auf sie. Ist natürlich
auch ein drolliges Männerbild, wenn ich das mal sagen darf.

Gegen das ich mich natürlich verwehren muss.

Ja, das sollten gerade Sie als emanzipierter Mann unbedingt! Übrigens: Aus einer
großen Studie des Innenministeriums wissen wir: 70 Prozent der Musliminnen in
Deutschland haben noch nie ein Kopftuch getragen. Selbst von denen, die sich
selber als streng religiös definieren, hat jede zweite noch nie ein Kopftuch
getragen. Das Kopftuch hat also nichts mit Glauben zu tun. Es ist ein
politisches Signal.

An die Väter, die Brüder?

An alle Männer und die Umwelt. Die individuellen Gründe für das Kopftuchtragen
sind vielfältig: Identitätssuche, eine anständige Frau sein wollen etc. - aber
es gibt auch Druck oder gar Zwang. Wir wissen ja, dass zum Beispiel Islamisten
den Eltern Geld bieten, wenn ihre Töchter sich verschleiern. Ich bin viel dafür
angegriffen worden, dass ich für ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst und
in der Schule bin. Das scheint mir aber eine Selbstverständlichkeit. So wie in
Frankreich. Und in einer weltlichen Schule hat das Kopftuch schon gar nichts zu
suchen. Aber darüber hinaus bin ich natürlich nicht für ein Verbot, sondern für
das Gespräch mit den Kopftuchträgerinnen.

Die Frage ging bis vor das Verfassungsgericht.

Ja, ich werde nie den Fall von Fereshta Ludin vergessen. Tochter von Afghanen,
Vater Diplomat, Mutter Lehrerin, die nie ein Kopftuch getragen hat. Dann haben
die Eltern aber fatalerweise ein paar Jahre in Saudi-Arabien gelebt, wo das
Mädchen zur Schule ging - und mit dem Kopftuch wieder rauskam. In Deutschland
hat Ludin dann einen schwäbischen Konvertiten geheiratet, der seiner Mutter
nicht mehr die Hand gab - wegen der Unreinheit der Frau. Fereshta Ludin ist dann
von muslimischen Verbänden aufs Pferd gehoben und bis vor das Verfassungsgericht
begleitet worden: um das Recht, als Lehrerin ein Kopftuch zu tragen,
durchzusetzen.
Viele Medien sahen das Kopftuchverbot nicht so streng wie Sie.

Ja, ich erinnere mich speziell in der "Zeit" an den Satz: "So ein Kopftuch ist
nur ein Stückchen Stoff; so harmlos wie das Kreuzlein um den Hals". Seite an
Seite mit der grünen Multikulti-Szene sind ja vor allem die linksliberalen
Medien pro Kopftuch. Sie halten das für eine individuelle oder gar religiöse
Neigung - und durchschauen nicht die politische Struktur dahinter. Im Fall Ludin
hatte sich nur die "Emma" die Mühe gemacht, investigativ zu recherchieren. Und
herausgefunden, dass Muslimverbände dahinterstecken, die in Deutschland ja
rückwärtsgewandt orthodox bis islamistisch sind.

Was waren die Reaktionen?

Man hat mir gesagt: "Ausgerechnet Sie als Feministin wollen den Frauen
absprechen, freiwillig das Kopftuch zu tragen?" Entschuldigung, seit wann finde
ich denn alles gut, was Frauen gerne machen? Hier darf man nicht nur
individualistisch argumentieren, sondern muss durchschauen, dass das Kopftuch
seit 1979 die Flagge der Islamisten ist.

Kommen wir zu einem anderen Punkt, der Flüchtlingskrise. Wie nehmen Sie die
Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin wahr?

Angela Merkel hat grundsätzlich menschlich recht. Sie kann auch keine Obergrenze
nennen. Aber konkret müssen wir schon sehr genau hinschauen. Wir können und
dürfen nicht alle nehmen. Aus Griechenland ist zu hören, dass früher drei
Viertel der Flüchtlinge aus Nahost kamen. Jetzt sagen sie, die Hälfte kommt aus
Tunesien und Marokko. Aber das sind erstens keine Kriegsländer. Und zweitens
liegt der Verdacht nahe, dass gerade unter den Ankommenden aus diesen Ländern
die Anzahl der Islamisten sehr hoch ist.

"Wir schaffen das!"

Sagen wir es besser so: Wir könnten das schaffen. Aber jetzt muss alles getan
werden, um versäumte Integration nachzuholen und die Flüchtlinge sofort auf den
Prüfstand zu stellen.

Ist das Kind nicht schon zu tief in den Brunnen gefallen?

Irgendwann muss man ja anfangen, es richtiger zu machen. Wir müssen reingehen in


diese Communitys, in diese Milieus, wir müssen den Müttern sagen: "Kommt heraus
aus dem Haus, und lernt Deutsch!" Bei Asylsuchenden verbunden mit Auflagen. Die
Töchter müssen die gleichen Freiheiten haben wie ihre deutschen Freundinnen! Und
die Söhne die gleichen Chancen. Wir müssen der seit 25 Jahren ungebremst
laufenden islamistischen Agitation endlich etwas entgegensetzen. Und lernen,
stolz zu sein auf das, was wir so hart errungen haben: Rechtsstaat,
Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter.

Sind mit Blick auf die Silvesternacht Gesetzesverschärfungen nötig?

Ich würde sagen, die bestehenden Gesetze anwenden wäre auch schon mal ganz
schön. Und wenn jetzt der Justizminister die von der EU seit Jahren geforderte
Verbesserung des Vergewaltigungsgesetzes endlich aus der Schublade holt, begrüße
ich das. Aber Sie könnten 100 Grapscher vom Kölner Bahnhof überführen - denen
droht gar nix. Denn das verharmlosend genannte Grapschen ist in Deutschland noch
nicht einmal ein Straftatbestand.

Viele dieser mutmaßlichen Täter haben Krieg erlebt.

Genau. Was bedeutet, diese Männer waren Täter oder Opfer oder beides. Sind
verroht, brutalisiert, traumatisiert. Bei uns würde man zu so jemandem sagen:
"Ab in die Therapie, damit du wieder lernst, dass du bei Konflikten nicht immer
die Knarre ziehen kannst." Das ist ja auch ein Problem bei amerikanischen
Kriegsveteranen.

Früher war das bei uns auch anders.

Wohl wahr. Aber wir haben in diesen letzten 40 Jahren viel erreicht. Unendlich
viel. Die Opfer wissen heute, dass nicht sie sich schämen müssen, sondern die
Täter. Wir haben neue Gesetze, Frauenhäuser, Notrufe, Hilfe für die Opfer. Wenn
auch noch nicht genug.

Auch bei der Toleranz gegenüber anderen Religionen gibt es Probleme.

Ja, der flagrante Antisemitismus der arabischen Welt wird ausgerechnet in


Deutschland nicht benannt. Das hat Tradition. Gerade die Linke pflegt unter dem
Vorwand der - ja durchaus berechtigten - Kritik an Israel schon lange einen
schamlosen Antisemitismus.

Zentralratschef Josef Schuster warnte in der "Welt" vor Judenhass unter den
Flüchtlingen und erntete dafür jede Menge Kritik.

Das ist unerhört! Dabei hatte gerade der Zentralrat der Juden lange Zeit generös
Antisemitismus mit einer vorgeblichen Islamophobie in Deutschland gleichgesetzt.
Ich will sagen, gerade die offiziellen Vertreter der Juden in Deutschland haben
sich wirklich Mühe gegeben, nicht unangenehm aufzufallen. Gut, dass sich das
gerade ändert. Denn wie bekannt, haben die Migranten und Flüchtlinge aus dem
islamischen Kulturkreis nicht nur ihren traditionellen Sexismus im Gepäck,
sondern auch den Antisemitismus.

Kommen wir noch mal zurück auf die Silvesternacht in Köln

Gerne. Denn da stelle ich mir eine Menge Fragen. Zum Beispiel die: Könnte es
sein, dass im Kern dieser sexuellen Gewalt eine kleine Gruppe von Provokateuren
agiert hat, die gezielt zur Destabilisierung der Willkommenskultur in
Deutschland gehandelt hat?

Meinen Sie wirklich?

Es liegt nahe. Wenn Sie die Schriften der Islamisten und des IS lesen, ist deren
Besessenheit Nummer eins die Emanzipation der Frau. Das ist die große Obsession.

Da gibt es Schnittmengen mit den erzkonservativen Katholiken.

Jede Religion ist missbrauchbar. Und in allen Kriegen war die systematische
Vergewaltigung von Frauen Teil der Kriegsstrategie. Denn mit der sexuellen
Gewalt gegen Frauen erreicht man zweierlei. Erstens: Man bricht die Frauen.
Zweitens: Man demütigt deren Männer. Das hätte dann wirklich eine brisante
politische Dimension: Zu den Kalaschnikows und Sprenggürteln käme jetzt noch die
Waffe der sexuellen Gewalt.

Also Teil einer Kriegsstrategie?

Ja. Und nicht zufällig in den Ländern, die die offensten waren. In denen die
Emanzipation der Frauen am weitesten fortgeschritten ist: Deutschland, Dänemark,
Schweden. Und dann kommt da noch ein demografisches Problem auf uns zu: Wir
wissen seit Langem, dass ein starker Überhang an jungen, noch nicht gebundenen
Männern zwischen 18 und 30 sehr heikel werden kann. Das kann sogar
kriegsauslösend sein. China hat bei 117 auf 100 Frauen die Notbremse gezogen und
die Ein-Kind-Politik geändert. Schweden hat jetzt schon, dank der Flüchtlinge,
125 auf 100. Und in Deutschland wird es ähnlich werden bei 70 bis 80 Prozent
junger Männer unter den Flüchtlingen. Dieser Männerüberschuss ist eine Gefahr,
unabhängig von dem kulturellen Hintergrund.

"In der Gefahr wächst das Rettende auch", heißt es im "Patmos" von Friedrich
Hölderlin.

Dann sieht man auch das kleinste Licht.

Wo sehen Sie es?

In dem wirklichen Erschrecken unserer gesamten Gesellschaft. Endlich reden wir


offen darüber. Wenn jetzt die Medien einfach ihrer Informationspflicht
nachkommen und die Parteien die Probleme klar erkennen, könnten endlich
Gegenstrategien entwickelt werden.

Haben Sie Flüchtlingen auch schon einmal direkt geholfen?

Vor ein paar Monaten habe ich zwei junge syrische Männer, sichtlich wohlerzogen,
nachts in Berlin zusammen mit einer Freundin vom Lageso zu deren Schlafquartier
gefahren. Und in meinem Dorf habe ich um Weihnachten die Patenschaft für eine
junge afghanische Familie übernommen, mit zwei entzückenden Kindern. Der Junge
ist ein bisschen schüchtern, und das Mädchen ist sehr keck. Anfang des Jahres
hatte ich die beiden Kinder, sieben und zehn Jahre alt, zusammen mit
Nachbarskindern zu mir eingeladen. Dass die kleinen Afghanen (bisher)
ausschließlich Farsi sprechen, hat die Kinder nicht daran gehindert, drei, vier
Stunden lang zusammen herumzutoben. Am liebsten haben sie Verstecken gespielt.
Und zwei Tage später gingen die zwei zum ersten Mal in die Schule. Da sitzen sie
jetzt neben ihren neuen Freunden.

UPDATE: 16. Januar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: IMAGO/IPON
Kämpft seit den 70er-Jahren für die Thematisierung des Frauenbilds im Islam:
Alice Schwarzer
imago/IPON

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Alle Rechte vorbehalten

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Die Welt

Montag 18. Januar 2016

Wonach die Satten hungern;


"Bewusste" Ernährung hin oder her: Unsere Versorgung mit Lebensmitteln ist so
vielfältig, so preisgünstig und so hochwertigwie nie zuvor

AUTOR: Eckhard Fuhr

RUBRIK: FORUM; Essay; S. 2 Ausg. 14

LÄNGE: 996 Wörter

Die einen rufen: "Wir haben es satt". Schon seit Jahren organisiert anlässlich
der Grünen Woche ein breites Bündnis von Kritikern der konventionellen
Landwirtschaft unter dieser Parole den Protest "gegen Agrarindustrie" und "für
Bauern". Die anderen antworten dieses Jahr zum ersten Mal: "Wir machen euch
satt." Zwischen den einen und den anderen ist die Schnittmenge erheblich. Bauern
nämlich demonstrieren auf beiden Seiten, aus guten Gründen. Die einen sehen in
einer grundlegenden Agrarwende für sich die einzige Zukunftschance. Die anderen
fordern von der agrarkritischen bis lebensmittelhysterischen Öffentlichkeit ein
Minimum an Respekt dafür, dass in Europa die Versorgung der Verbraucher mit
Lebensmitteln seit Jahrzehnten so sicher, so vielfältig, so preisgünstig und so
hochwertig ist, wie man es noch vor einem halben Jahrhundert nicht für möglich
halten konnte.

Daran ändern auch die immer wieder aufflackernden Lebensmittelskandale nichts,


die in den allermeisten Fällen in der Substanz völlig belanglos sind. Nein,
niemand geht das Risiko unfreiwilliger Selbstverstümmelung ein, wenn er sich aus
Billigangeboten der Discounter ernährt. Nur weil wir satt sind, können wir es
uns leisten, es satt zu haben. Es ist eben das Wort "satt", welches die beiden
Protestparteien verbindet. Dass das nicht völlig bedeutungslos ist, sollte
spätestens klar werden, wenn man sich die jüngsten Bilder aus der ausgehungerten
syrischen Stadt Madaja in Erinnerung ruft. Hunger als Kriegswaffe ist so alt wie
die Menschheitsgeschichte. Es gibt keinen Anlass anzunehmen, sich satt essen zu
können und in Frieden zu leben, seien Selbstverständlichkeiten.

Warum aber sind so viele Satte so unzufrieden mit der modernen Landwirtschaft?
Wonach hungern sie? Es gibt zwei Hauptgründe, die das Unbehagen an der
"Agrarindustrie" mit ihrer "Massentierhaltung" und ihren "Monokulturen"
befeuern. Der eine liegt im Stofflichen, der andere im Ideellen. Das kommt
daher, dass Landwirtschaft einerseits ein systematisch organisierter
Stoffwechsel zum Zwecke der Nahrungsmittelerzeugung ist, andererseits aber eben
auch Idee, Kultur, Lebensform, Sehnsucht und Ideal.

Die Kritik an der stofflichen Seite industrieller Landwirtschaftsformen ist


unabweisbar. Es mag sein, dass die "gute fachliche Praxis" bäuerlicher
Landwirtschaft aus sich heraus nachhaltig ist, also etwa die Bodenfruchtbarkeit
und die Artenvielfalt erhält. Industrielle Schweineproduktion hat aus sich
heraus aber kein Nachhaltigkeitspotenzial. Hier kann man die Schäden für Boden,
Wasser und Luft nur so gut es geht begrenzen. Stofflich gesehen spricht sehr
viel für eine ökologische Agrarwende, ja sie erscheint zwingend, wenn wir unsere
wichtigsten Ressourcen bewahren wollen.

Zum politisch-gesellschaftlichen Projekt wird die Agrarwende aber erst mit dem
ideellen Überbau. Es gibt keine Debatte über Landwirtschaftsreform ohne
Agrarromantik, was, wie gesagt, der Tatsache geschuldet ist, dass Bauern niemals
nur etwas zum Essen, sondern immer auch etwas fürs Gemüt erzeugen. In der
zuweilen aufgeregten öffentlichen Debatte über die Landwirtschaft wird immer
auch ein Verlust verhandelt. Noch in den 60er- und 70er-Jahren hatten in
Deutschland die meisten wenigstens Großeltern, die in irgend einer Weise
landwirtschaftlich tätig waren.
Zwei Generationen später ist dieses Band völlig gekappt. Für die allermeisten
ist Landwirtschaft eine fremde, ja exotische Welt. Eine Zeit lang schien es die
Gesellschaft als Entlastung empfunden zu haben, sich um die Urproduktion keine
Gedanken mehr machen zu müssen. Man konsumierte fröhlich das immer vielfältiger
werdende Angebot. Die Supermärkte wurden zu Schaufenstern europäischer
Esskulturen. In den Budgets der Mittelschicht hörten die Ausgaben für
Nahrungsmittel auf, die zentrale Rolle zu spielen. Essen wurde gemessen an den
Einkommen immer billiger.

Etwa seit den 90er-Jahren traten die Kosten, die Schattenseiten dieser
Entwicklung ins Bewusstsein. Als Folge des Strukturwandels wurden Dörfer ohne
Bauern erfahrbare Realität. Katastrophen wie die BSE-Krise in der
Rinderwirtschaft ließen die Landwirtschaft plötzlich nicht mehr als das
scheinbar Einfache erscheinen, das doch jeder im Prinzip kennt, sondern als eine
Welt der Finsternis, wo aus Profitgier und Verantwortungslosigkeit Frevel an der
Schöpfung begangen wird, indem man Wiederkäuer via Tiermehl zu Leichenfressern
macht.

Nicht dass sich nun nachhaltig das Verbraucherverhalten geändert hätte. Auch der
Rindfleischverzehr kam wieder aus dem Keller. Die bewusstlose Freude am
Überfluss stellte sich allerdings nicht mehr ein. Zumindest in der urbanen
Mittelschicht gehört es seither zum Selbstverständnis und zum Lebensstil, sich
bewusst zu ernähren. Anders als die Aktivisten sich selbst und der
Öffentlichkeit gern suggerieren, findet deshalb noch lange keine Massenbewegung
in Richtung veganer oder vegetarischer Ernährung statt. Wie der neueste
Ernährungsbericht bestätigt, bleibt der Fleischverzicht die Sache einer kleinen
Minderheit.

Die Nachfrage nach Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung wächst zwar ständig,
und Biobauern suchen im harten Konkurrenzkampf mit den Energiewirten verzweifelt
nach Anbauflächen. Das bestätigt, dass die stoffliche Agrarwende auch von der
Verbraucherseite her in Gang gekommen ist. Als wirkliche Herzensangelegenheit
dieser Verbraucher erscheint aber der Wunsch, sich mit Produkten aus der eigenen
Region, aus der Nachbarschaft zu ernähren. Und damit ist der große
Sehnsuchtshimmel über dem agrarischen Stoffumsatz geöffnet.

Man kann diesen Wunsch nach kurzen Wegen, nach persönlichem Vertrauen, nach
Authentizität, nach Identifikation mit einer Landschaft, nach Heimat nicht als
billige Romantik abtun, schon weil Romantik sowieso niemals billig ist.
Insbesondere in der Agrarromantik steckt eine Menge Zukunftspotenzial. Man muss
sie nur aus ihrer Verkitschung auf Milchtüten und Joghurtbechern befreien. Dann
wird der Bauer als Nachbar zur Zukunftsfigur.

UPDATE: 18. Januar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: M. Lengemann

PUBLICATION-TYPE: Zeitung

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Die Welt

Samstag 30. Januar 2016

Wir müssen mehr zuhören;


Bekannt ist Diane Rehm als Grande Dame der amerikanischen Talkshows. Seit dem
Tod ihres Mannes setzt sie sich auch für Sterbehilfe ein. Ein Gespräch über
letzte Dinge

AUTOR: Huberta Von Voss

RUBRIK: PANORAMA; Panorama; S. 31 Ausg. 25

LÄNGE: 1445 Wörter

Seit 36 Jahren ist sie auf Sendung: Diane Rehm, die zierliche Schönheit mit
syrisch-orthodoxen Wurzeln, ist eine Institution in Washington. Unnachgiebig,
zuweilen streng und doch stets ausgesprochen höflich befragt sie ihr Gäste. Ob
Politik, Umweltschutz, Streitthemen oder Showbiz - Diane Rehms Neugier und
Wissen hat eine Spannbreite wie bei kaum einem anderen Journalisten. Von Bill
Clinton über Toni Morrison bis zu Kevin Spacey - für die zwei Stunden dauernde
Sendung haben die Stars Zeit. 2014 verlieh ihr Präsident Obama die National
Humanities Medal als Anerkennung für ihre Verdienste.

Als sie im Jahr 1998 an spasmodischer Dysphonie - eine Art Stimmbandlähmung -


erkrankte, stand ihre Karriere am Abgrund. Aber die jung verwaiste Tochter
arabischer Emigranten ist keine, die schnell aufgibt. Ihr langsames Sprechen
wurde zur Tugend: In ihren entschleunigten Sendungen wird nachgedacht statt
nachgetreten. Aufgewachsen in einer Arabisch sprechenden Familie in Washington
lernte sie früh, die Gesten von Menschen zu lesen. Deutschland bewundert sie für
die großzügige Aufnahme von Flüchtlingen. Vergangenen Sommer hungerte sich ihr
schwer an Parkinson erkrankter Mann zu Tode. Seither setzt sie sich für
Sterbehilfe ein. Gerade erschien ihr neues Buch: "On My Own" im angesehenen
Knopf-Verlag.

Die Welt:

Diane, ich gebe zu, dass ich ein bisschen eifersüchtig bin: Heute hatten Sie
Dick Van Dyke in der Show. Der hat nicht nur als Schornsteinfeger in Mary
Poppins unsere Herzen gestohlen. Wie war es, ihn zu treffen?

Diane Rehm:

Er ist unglaublich! Er ist 90 Jahre alt. Seine Frau ist 46 Jahre jünger als er
und das gibt ihm viel Energie. Er tanzt und singt. Seine Stimme ist unverändert.
Ich war total beeindruckt.

Wie schafft er das?

Vieles im Leben hängt von der persönlichen Sichtweise und Haltung ab. Als er 40
Jahre alt war, sagte ihm der Arzt, dass sein Körper voll von Arthritis sei und
er bald im Rollstuhl sitzen werde. Er sagte nur: Das wollen wir doch mal sehen!
Nun ist er immer noch da und macht Bauchtanz auf der Bühne. Er ist geistig total
präsent. Man muss sein Gehirn aktiv halten.

Sie sind das beste Beispiel dafür. Gerade haben Sie Ihren 79. Geburtstag
gefeiert.

Ich schätze mich so glücklich, dass ich auf den Beinen bin, meine Karriere
fortsetzen kann und all diese wunderbaren Leute in meiner Show habe. Ich hatte
nie die Gelegenheit, zur Uni zu gehen. Meine Gäste und ihr Wissen sind wie
Einzelstunden.

Die Bandbreite der Themen, die Sie täglich seit 36 Jahren abdecken, ist
atemberaubend. Gibt es auch Dinge, die Sie nicht interessieren?

Nein, nein, nein! Aber es gibt Themen, auf die ich nicht so scharf bin. Das ist
das Waffenrecht, Abtreibung und der Arabisch-Israelische Konflikt. Alle drei
sind seit Jahren festgefahren. Das ist sehr frustrierend. Trotzdem müssen wir
darüber sprechen.

Im Gegensatz zu anderen Sendungen schreien sich Ihre Gäste nicht an. Welchen Rat
geben Sie anderen Talkshows?

Mein Rat ist, diese Talkshows in Zuhören-Shows umzubenennen. Der Grund für die
lange Dauer meiner Sendung ist, dass ich zuhöre und dadurch hört auch mein
Publikum zu und lernt.

Ihr Programm ist sehr einflussreich. Wen laden Sie nicht wieder ein?

Leute, die übereinander hinweg reden. Leute, die rüpelhaft mit anderen Gästen
umgehen. Ich glaube, Interviewer und Zuhörer verdienen es, Antworten zu
bekommen.

Sie hören mit Empathie zu, aber untersuchen genau, wo die Wahrheit liegt. War
das auch der Schlüssel zu Ihrer langen Ehe mit Ihrem verstorbenen Mann John
Rehm?

Wir haben beide zutiefst an Ehrlichkeit geglaubt. Das war manchmal schmerzhaft,
aber es hat uns sehr stark gemacht.

Sie haben 54 Jahre miteinander verbracht. Die meisten Menschen halten das
Innenleben ihrer Ehe verborgen, aber Sie entschlossen sich dazu, andere Menschen
sehr tief in Ihre Beziehung schauen zu lassen. Wie kam es zu dem Buch "Toward
Commitment: A Dialogue about Marriage"?

Als wir gemeinsam ein paar Sendungen gemacht hatten, schlug jemand vor, wir
sollten wirklich ein Buch schreiben. Also wählten wir lauter Themen aus, die
unser Leben bestimmten - Kindererziehung, den Umgang mit Berufsleben und Geld,
Sex und Zorn und viele andere. Wir schrieben unsere Essays getrennt voneinander.
Dann sind wir für drei ganze Wochen auf unsere Farm gefahren, lasen jeweils ein
Essay des anderen und stellten den Kassettenrekorder an.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Die Tiefe unserer Liebe und die Tiefe unseres Zorns, die in diesen Gesprächen
rauskam. Wir stritten, wir brüllten und vergaben einander, versicherten uns
unsere ewige Liebe. Ich bin so stolz auf dieses Buch.

Was ist das größte Missverständnis über Ehe?

Dass uns der Sex zusammenhalten wird. Sex ist eine Inspiration, die uns glauben
lässt, dass die Liebe ewig halten wird, aber es braucht mehr, damit das
passiert. Eine Portion Glück ist notwendig. Und wir waren gesegnet mit zwei
begabten Kindern, die uns beide liebten und unterstützten. Wir hatten wunderbare
Freunde. Und wir hatten beide letzten Endes erfüllende Karrieren.

Hatten John und Sie eine einfache Beziehung?

Wir hatten eine sehr liebevolle Beziehung, aber keine einfache. Es gab Zeiten,
da waren wir sehr nahe an der Trennung. Darüber schreibe ich ausführlich in
meinem neuen Buch "On my Own".

Ihr Mann litt jahrelang an Parkinson. Als er sich entschloss, sein Leben zu
beenden, unterstützten Sie ihn. Erzählen Sie mir von diesen Tagen.

Es war ein Rückzugsakt. Mein Sohn David, der Philosoph ist, Johns Arzt und ich
waren in seinem Zimmer als er ankündigte, dass er bereit sei, zu sterben. Er
sagte: "Ich kann meine Hände nicht mehr benutzen. Ich kann nicht laufen. Ich
kann nicht selber essen. Ich bin bereit zu sterben." Unsere Tochter Jennifer,
die Ärztin in Boston ist, verfolgte die Unterhaltung über das Telefon. Sie
sagte: "Aber Dad, wir können es dir angenehm machen." John wurde sehr ärgerlich:
"Ich will keinen Komfort. Ich will sterben." Der Doktor sagte ihm, dass er einen
Eid abgelegt habe und ihm nicht helfen könne. Dass er, John, der Einzige sei,
der seinem Leben ein Ende setzen könne, indem er völlig damit aufhöre, zu
trinken, zu essen oder Medizin einzunehmen. Man sagte ihm, es könne bis zu zwei
Wochen dauern. John fragte, ob er Schmerzen haben werde, was verneint wurde. Er
entschied sich, eine Nacht darüber zu schlafen.

Fühlten Sie sich auf die Situation vorbereitet?

In mancher Hinsicht schon, aber es war trotzdem überwältigend. Wir hatten zwar
lange bevor John erkrankte über den Tod gesprochen, aber ich war tief betrübt
als John ankündigte, dass er bereit war zu sterben. Meine beiden Eltern starben
sehr jung. Johns Mutter wurde sehr alt. Also war ich immer davon ausgegangen,
dass ich als erstes sterben würde. Wir hatten uns versprochen, uns gegenseitig
zu helfen. Damals waren wir in unseren Vierzigern. Ich dachte, John besäße
Langlebigkeit.

Was passierte am nächsten Tag?

Ich brachte ihm ein selbst gemachtes Fotoalbum mit Bildern von seiner frühen
Kindheit bis hin zu seiner Studienzeit an der Law School. Wir saßen zusammen,
mein Arm um seine Schultern, und betrachteten sein Leben. Das machte ihn
wirklich glücklich. Wir sprachen über unser Leben. Wie viel Zeit wir
verschwendet hatten. Wie viel wir durch unseren Zorn verloren hatten. Wie
wichtig unsere Ehe für uns beide gewesen war. Ich fragte ihn, ob er glücklicher
geworden wäre in einem Leben alleine. Er war ein sehr in sich gekehrter Mann. Er
sagte, er habe das manchmal geglaubt, aber dass er dann David, Jenny und mich
verpasst hätte.

Waren Sie bei ihm, als er starb?

Ich hatte die Nacht in seinem Heim verbracht, hatte versucht, mit meinem kleinen
Hund auf dem Bauch auf zwei Stühlen zu schlafen. Ich fand keine Ruhe, machte in
der Nacht mein iPad an und begann zu schreiben. Früh am Morgen ging ich nach
Hause, um zu duschen und den Hund zu füttern. Der Arzt rief mich an und sagte,
dass John in den nächsten 12 bis 24 Stunden sterben werde. Also eilte ich
zurück. Leider kam ich 20 Minuten zu spät, genau wie beim Tod meiner Mutter.

Sie setzen sich seit seinem Tod für Sterbehilfe ein.


Ja, ich glaube sehr stark an das Recht, sich für den Tod zu entscheiden, wenn es
keine Hoffnung mehr gibt, ein sinnvolles Leben ohne Schmerzen zu führen. Ich bin
nicht dafür, das Leben von Patienten zu beenden. Aber ich bin dagegen, Menschen
zum Leben zu zwingen, deren Tod unausweichlich und deren Leiden unerträglich
ist.

Wie schwierig ist es für Sie, sich zwischen Ihrem sehr öffentlichen Berufsleben
und Ihrer privaten Trauer zu bewegen?

Ich trauere nicht öffentlich. Ich werde ihn bei mir tragen, solange ich lebe.
Mit John Rehm verheiratet zu sein, war das Beste, was mir jemals passiert ist.
Aber das heißt nicht, dass ich nicht mein Leben leben werde.

UPDATE: 30. Januar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: Jürgen Frank


Ihr Lachen hat sie sich nie nehmen lassen: Diane Rehm spricht und schreibt auch
über Persönliches wie den Tod ihres Mannes
Jürgen Frank

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Die Welt

Mittwoch 3. Februar 2016

Politischer Triumph im türkischen Pokal;


Drittligaklub Amed SK aus der Kurden-Metropole Diyarbakir sorgt für Furore

AUTOR: Deniz Yücel

RUBRIK: SPORT; Sport; S. 19 Ausg. 28

LÄNGE: 957 Wörter

Im Schatten des Krieges, der seit Monaten in der Metropole Diyarbakir und
anderen kurdischen Orten herrscht, rollt ein Drittligist aus Diyarbakir den
türkischen Pokalwettbewerb auf: Amed SK. Im Achtelfinale siegte der Klub beim
Erstligisten Bursaspor 2:1. Ein toller sportlicher Erfolg - immerhin war der
Gegner 2010 türkischer Meister und schloss die Vorsaison als Tabellensechster
ab. Vor allem aber ist es ein politischer Triumph.

Im Vorfeld hatten Fans von Bursa, einer Industriestadt im Nordwesten des Landes,
das Spiel zu einer Art Duell mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK
erklärt. Im Internet kursierten Flyer zum Spiel, bebildert mit Fotos von
Soldaten und Sondereinheiten. Schon beim vorangegangenen Pokalspiel gegen den
Istanbuler Klub Basaksehir, derzeit auf Platz vier der ersten Liga, war die
Atmosphäre ähnlich; der ehemalige Nationalspieler Semih Sentürk feierte sein Tor
mit einem Salut ans türkische Militär, auch wenn er hinterher kleinlaut zugeben
musste, dass er sich einst selbst vom Wehrdienst freigekauft hatte.

Im Achtelfinale in Bursa vermieden sowohl der Stadionsprecher als auch der


Kommentator des regierungsnahen Senders ATV, auch nur den Namen Amed zu nennen.
Stattdessen sprachen sie zumeist von "den Gästen", "dem Gegner" oder schlicht
von den "anderen". Der Hintergrund: Amed ist der kurdische Name von Diyarbakir.
Die Namensänderung vollzog sich zu dieser Saison - quasi pünktlich zum Ende des
Waffenstillstands zwischen dem Staat und der PKK.

Damit nicht genug. Der Klub läuft auch in den kurdischen Farben Gelb-Rot-Grün
auf. Und er gehört der Stadtverwaltung von Diyarbakir. Klubs im Besitz von
Kommunalverwaltungen sind im türkischen Fußball zwar keine Seltenheit. Doch
Diyarbakir wird von Oberbürgermeisterin Gültan Kisanak regiert. Sie gehört der
prokurdischen HDP an - in den Augen der türkischen Nationalisten, aber auch der
Regierung und von Recep Tayyip Erdogan eine Art legaler Arm der PKK. So
verwunderte es nicht, dass der Fernsehkommentator in einer derart parteiischen
Weise kommentierte, wie man es sonst nur von Spielen der Nationalmannschaft
kennt.

Doch auch für Fans von Amed SK hatte dieses Spiel politische Bedeutung. Auf den
Vorwurf des Vaterlandsverrats konterten sie mit einem Hinweis auf die Teams: Bei
Bursa standen zwei türkische Staatsbürger in der ersten Elf, bei Amed waren es
alle elf. Auf einem Twitter-Account, der sich als offizieller Account des Klubs
ausgibt, hieß es: "Wir widmen diesen Sieg der Guerilla in den Stellungen von
Cizre und dem opferbereiten Volk Kurdistans." Klubpräsident Ali Karakas
distanziert sich von derlei Äußerungen. Dieser Account habe nichts mit dem Klub
zu tun, beteuert er im Gespräch mit der "Welt". Sein Klub sei auch keine
inoffizielle kurdische Nationalmannschaft, im Team seien Spieler aus dem
gesamten Land. Doch die symbolische Bedeutung, die den Spielen von Amed SK
derzeit zukommt, leugnet er nicht: "Wenn wir in dieser gewalttätigen Atmosphäre
unsere Menschen für ein paar Stunden glücklich machen und die Öffentlichkeit auf
die Situation in Diyarbakir aufmerksam machen können, dann machen wir das gern."

Auf der Straße dauerte diese Freude über den Einzug ins Viertelfinale allerdings
nicht lange. Kaum dass sich in Diyarbakir die ersten Fans versammelt hatten,
wurden sie von der Polizei mit Tränengas vertrieben.

Im Stadion in Bursa waren sie aus Sicherheitsgründen erst gar nicht zugelassen.
"Die Klubführung von Bursa hat uns freundlich empfangen", sagt Klubchef Karakas.
Doch die gegnerischen Fans hätten das ganze Spiel über seine Mannschaft
beleidigt und "Terroristen raus" oder "PKK-Bastarde" gerufen.

Für Amed SK inzwischen Alltag: "Wir erleben Spiele, bei denen die Fans 90
Minuten lang 'Die Märtyrer sind unsterblich, das Vaterland ist unteilbar' oder
'Allahu akbar' rufen", erzählt Karakas - Parolen, mit denen nationalistische
Fans zuvor Gedenkminuten für die Terroranschläge von Ankara und Paris gestört
hatten. Der Verein habe sich etliche Male an den Fußball-Verband gewandt,
bislang ohne Erfolg.

Dabei ist der Verband an anderer Stelle nicht zimperlich, Geldstrafen und
Zuschauersperren zu verhängen. Nach den Gezi-Protesten 2013 wurden mehrere Klubs
wegen Fanparolen gegen Staatspräsident Erdogan bestraft. Auch Amed SK musste
schon Strafen zahlen. "Die Kinder sollen nicht sterben, sie sollen zum Fußball",
hatten die Fans skandiert. Und: "Amed ist überall, Freiheit ist überall." Das
kostete den Klub bislang umgerechnet 65.000 Euro - zehn Prozent des
Jahresbudgets.

Den entscheidenden zweiten Treffer auf dem Weg ins Viertelfinale schoss übrigens
Deniz Naki. Der in Düren geborene Stürmer, einst deutscher Jugendnationalspieler
und Profi beim FC St. Pauli und in Paderborn, hatte in der vorigen Saison seinen
Vertrag beim Hauptstadtklub Genclerbirligi aufgelöst. Naki, selber kurdischer
Abstammung, hatte während der Belagerung der syrisch-kurdischen Stadt Kobani
durch die Terrormiliz Islamischer Staat eine Grußbotschaft nach Kobani geschickt
und wurde daraufhin von Nationalisten in Ankara auf der Straße angegriffen. Seit
dieser Saison spielt er für Amed in der dritten Liga. "Wir widmen diesen Sieg
den Menschen, die in den 50 Tagen der Unterdrückung getötet oder verletzt
wurden", schreibt er auf seiner Facebook-Seite.

Gestern wurden die Paarungen für das Pokalviertelfinale ausgelost: Fenerbahce


mit den Superstars Robin van Persie und Nani gastiert nächste Woche in
Diyarbakir. Doch möglicherweise muss der Drittligist im größten Spiel der
Klubgeschichte ohne seine Fans auskommen. Der türkische Verband will die
Zuschauer wegen der jüngsten Äußerungen aussperren.

Wenn wir in dieser gewalttätigen Atmosphäre Leute glücklich machen, tun wir das
gern Ali Karakas, Klubpräsident

UPDATE: 3. Februar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: pa/Photoshot; Präsident Amed SK Diyarbakir


Aziz Behich (l.) von Bursaspor entscheidet zwar diesen Zweikampf für sich, doch
Önder Karaboga gewinnt mit Amed SK die Pokalpartie 2:1
Präsident Amed SK Diyarbakir
Spieler von Amed SK in der Kabine
Seskimphoto
Präsident Amed SK Diyarbakir

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Die Welt

Dienstag 9. Februar 2016

Trumps Klassiker;
Donald Trump gilt als Kulturbanause. Ein Vorurteil? Über den Kanon des
umstrittensten Kandidaten fürs Amt des US-Präsidenten

AUTOR: Hannes Stein


RUBRIK: KULTUR; Kultur; S. 21 Ausg. 33

LÄNGE: 1206 Wörter

Immerhin darf als gesichert gelten, dass er einen Renoir an der Wand hängen hat.
Oder sagen wir vorsichtiger: hatte. Es ist jetzt knapp 20 Jahre her, seit ein
Zeuge das Bild sah: der Reporter Mark Bowden, dem wir (unter anderem) die
Vorlage für den Film "Black Hawk Down" verdanken. Er war 1996 bei Donald Trump
zu Gast, weil er ihn für die Zeitschrift "Playboy" porträtieren sollte. Trump
bat Bowden an Bord seiner Privatmaschine - einer schwarzen Boeing 727 - und gab
dann sehr damit an, dass an Bord alles vergoldet war.

Schließlich zeigte Trump seinem Gast den Renoir: Er lud ihn ein, das Gemälde aus
nächster Nähe zu betrachten. Um die Brillanz des Pinselstrichs, den
meisterhaften Gebrauch der Farbpalette zu würdigen? Nein: Mark Bowden sollte
einfach nur Renoirs Unterschrift sehen. "Ist zehn Millionen Dollar wert", sagte
Donald Trump.

Niemand kann also behaupten, der Bewerber für die republikanische


Präsidentschaftskandidatur habe kein Verhältnis zu den schönen Künsten. Aber wie
steht es mit seiner Lektüre? Was für Bücher liest der Mann? Mittlerweile kann
ein Gerücht als gesichert gelten, das seine Ex-Gattin Ivana in die Welt gesetzt
hat: Sie erzählte ihrem Anwalt, Trump besitze ein Exemplar von "Meine neue
Ordnung" - eine Sammlung der Reden, die Hitler bis 1939 hielt.

Marie Brenner, eine Reporterin für "Vanity Fair", fragte Trump, ob sich dieses
Buch tatsächlich in seinem Besitz befinde. Trump erwiderte, sein Freund Marty
Davis, der für die Filmfirma Paramount arbeite, habe es ihm geschenkt - "und der
ist ein Jude". Besagter Marty Davis bestätigte das Geschenk des Hitler-Buches;
allerdings sei er kein Jude. Trump ruderte nun gegenüber der "Vanity
Fair"-Reporterin zurück: Er besäße jenes Hitler-Buch nicht. Wenn aber doch, so
habe er es nicht gelesen. Hitlers Reden ruhen also ungelesen in Trumps
Nachtkästchen. Hingegen hat er nach eigenem Bekunden die folgende Werke mit
heißem Bemühen durchaus studiert: Sun Tzus Klassiker "Die Kunst des Krieges".
Niccolò Machiavellis "Der Fürst". "Kollaps oder Evolution?" von Rebecca Costa,
ein Buch über den drohenden Weltuntergang. "Rebecca Costa hat eine fesselnde
Untersuchung der düstersten und komplexesten Themen unserer Welt vorgelegt", so
Trump über diesen Bestseller. "Ihre Botschaft für die Menschheit ist letztlich
hoffnungsvoll, denn sie entdeckt ihre faszinierende Theorie über die Fähigkeit
des Gehirns, in Krisenzeiten Problemlösungstechniken zu entwickeln. Ein Muss!"

Mehr lässt sich über das Verhältnis Donald Trumps zu Büchern und Bildern nicht
herausfinden. Es gibt von ihm keine einzige Äußerung über Belletristik; möglich,
dass er heimlich Marcel Proust verehrt und die "Recherche" zu seinen liebsten
Romanen zählt - ausgelassen hat er sich darüber nicht. Wie steht es nun aber
umgekehrt mit dem Verhältnis der Künstler zu Donald Trump?

Der letzte Prominente, der sich öffentlich zu Trump bekannt hat, war kein
Intellektueller, sondern ein Baseballspieler: John Rocker von den Atlanta
Braves. Er bewundere, dass dieser Mann die Dinge beim Namen nenne, ohne sich um
die Folgen zu kümmern - auf so jemanden hätten die Amerikaner eigentlich seit
Ronald Reagan gewartet. Rocker war vor Jahren durch eine rassistische Tirade in
einer Sportzeitschrift aufgefallen: Er könne die ganzen Ausländer in New York
nicht leiden.

Vor John Rocker hatte allerdings tatsächlich eine Künstlerin ihre tief
empfundene Sympathie für Donald Trump erklärt - die 83 Jahre alte
Countrysängerin Loretta Lynn. "Er hat mich überzeugt, was kann ich noch sagen?",
erklärte sie. Lynn, die immer noch acht bis zehn Mal pro Monat mit selbst
verfassten Liedern auftritt, berichtet, dass sie am Ende ihrer Auftritte
kostenlosen Wahlkampf für Trump mache und dass ihre Botschaft vom Publikum jedes
Mal mit Wärme aufgenommen werde. Auch der Regisseur Clint Eastwood hat sich als
Trump-Fan geoutet. "Die Leute suchen nach jemandem, der freimütig ist und keine
Angst hat", so Eastwood. "Er scheint furchtlos zu sein."

Sieht man von Loretta Lynn und Clint Eastwood ab, hat sich bislang freilich kein
prominenter Künstler oder Schriftsteller an die Seite von Donald Trump gestellt.
Auch der Klub Rabbis für Trump weist bisher nur ein einziges Mitglied aus: einen
gewissen Dr. Bernhard Rosenberg aus Edison, New Jersey. (Viele Rabbiner
unterstützen dagegen Hillary Clinton oder Bernie Sanders.) Dr. Rosenberg aus New
Jersey ist deshalb für Donald Trump, weil er sich vor dem Islam fürchtet und
weil er glaubt, dass syrische Flüchtlinge ganz schlecht für Amerika wären.

Allerdings gibt es jede Menge No-Name-Künstler, die sich für Trump engagieren -
Leute, die auf YouTube-Videos mit Songs hochladen, um den Ruhm des Milliardärs
zu verkünden. "Ich würde dieses Land stolz und stark machen, die USA
zurückbringen, wo sie hingehören, eine Mauer dort unten an der Grenze bauen, wir
müssen Gesetz und Ordnung wieder einführen", heißt es in einer jener
Lobeshymnen, und die Bässe wummern im Hintergrund dazu.

Auf einem anderen Musikvideo sind Kampfflugzeuge, demonstrierende Menschenmassen


und hübsche, tanzende Mädchen zu bestaunen. Dazwischen immer wieder der Mann mit
der blonden Haartolle. "Schlimmeres als Political Correctness kann es nicht
geben: als würde man am falschen Ende einer Zigarette ziehen, während China auf
Deck wartet und noch nicht einmal in Schweiß ausbricht und darauf wettet, dass
Amerika in die Katastrophe rast. Habt ihr denn alle vergessen, dass diese
Regierung verrottet ist?" Am Schluss dann der Refrain: "Lasst uns Amerika wieder
groß machen, ehe es zu spät ist!"

Indessen hat Donald Trump als Inspirationsquell auch für eher feindliche
Kunstwerke gedient. Nachdem er uncharmant angedeutet hatte, eine Journalistin,
die ihn unfreundlich interviewte, habe wohl gerade ihre Monatsregel gehabt,
malte die wutentbrannte Künstlerin Sarah Levy ein (übrigens hervorragendes)
Porträt von Trump mithilfe ihres Tampons und ihres Menstruationsbluts.

Nicht viel freundlicher ist ein Gemälde des Künstlers Knowledge Bennett, das
jetzt auf der Kunstmesse in Los Angeles gezeigt wurde. Es verschmilzt das
Gesicht Trumps mit der Visage von Mao Tse-tung. Zwar zitiert "Mao Trump"
ironisch ein berühmtes Bildnis von Andy Warhol, aber es ist wohl kein Zufall,
dass Bennett sich entschied, Trump im Warhol-Mao-Stil zu zeigen, während er
Obama als Elvis malte.

Der Rest steht in dem anfangs erwähnten Artikel von Mark Bowden. "Trump kam mir
pubertär, auf lachhafte Weise pompös, unfreundlich, gottlos, unehrlich,
lautstark und rechthaberisch vor, und er hatte konsequent Unrecht." Untergebene
behandle Trump so rüde, dass er zum permanenten Fremdschämen eingeladen habe -
nach dem Motto: "Tony, putz das! Jetzt auf der Stelle!"

Allerdings wäre es falsch, Trump als Faschisten zu beschimpfen: "Er hat keine
kohärente politische Philosophie ... Er reagiert nur." Bowden erlebte mit, wie
Trump sich über ein paar Tennisplätze auf seinen Ländereien führen ließ. Er
ärgerte sich über einen Metallkasten. Er fand ihn hässlich. Dann fing er an, ihn
rüde zu beschimpfen, schließlich trat er ihn. Danach bückte er sich, um den
Metallkasten mit hochrotem Kopf aus seiner Verankerung zu reißen. Dabei brach er
ein Wasserrohr entzwei und setzte so gleich mehrere Tennisplätze unter Wasser.
UPDATE: 9. Februar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: akg images/picture alliance/akg images/picture alliance


Mann der Tat: Clint Eastwood als Dirty Harry
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Die Welt

Dienstag 9. Februar 2016

Champion auf Friedensmission im Kriegsgebiet;


Deniz Naki holte 2009 mit den Bender-Brüdern den U19-EM-Titel. Heute spielt er
für den kurdischen Klub Amed SK - und wird angefeindet

AUTOR: Deniz Yücel

RUBRIK: SPORT; Sport; S. 19 Ausg. 33

LÄNGE: 1185 Wörter

Diyarbakir

Der Klub Amed SK hat vergangene Woche Fußballgeschichte geschrieben: Als erster
Drittligist überhaupt zog er ins Viertelfinale des türkischen Pokals ein. Und
der ehemalige deutsche Jugendnationalspieler Deniz Naki wurde wegen eines
Facebook-Postings für zwölf Spiele gesperrt - auch das ist ein Rekord. Doch am
Ende dieser bewegten Woche wartet der Alltag: dritte Liga, Heimspiel zu Hause in
Diyarbakir gegen den Istanbuler Vorstadtklub Kartal.

Auf der Fahrt ins kleine Stadion am Stadtrand hört man Schüsse und Granaten, wie
fast überall in Amed, wie die Millionenmetropole auf Kurdisch heißt. In der
Altstadt liefern sich Sicherheitskräfte und Kämpfer der Arbeiterpartei
Kurdistans (PKK) bewaffnete Auseinandersetzungen. Und gekämpft wird nicht nur
hier. "Wir widmen diesen Sieg den Menschen, die in den 50 Tagen der
Unterdrückung getötet oder verletzt wurden", verkündete darum Deniz Naki nach
dem Achtelfinalsieg über den Erstligisten Bursaspor. "Die Kinder sollen nicht
sterben, sie sollen zum Fußball", hatten Fans bei vergangenen Spielen skandiert.
Wenige Stunden nachdem Amed als Viertelfinalgegner den großen Istanbuler Klub
Fenerbahce zugelost bekam, gab der Verband die Strafen bekannt: Nakis Sperre
gilt für alle Pflichtspiele, während der Verein kein Ligaspiel, sondern das
Viertelfinale an diesem Dienstag ohne Zuschauer bestreiten muss. Für
Vereinspräsident Ali Karakas steht fest: "Auch das hat politische Gründe."
Wer mit Naki in der Stadt läuft, erkennt schnell die Euphorie, die er mit seinem
Klub ausgelöst hat. Er kann keine zehn Meter gehen, ohne dass jemand ein Selfie
mit ihm knipsen möchte. Doch im Stadion spiegelt sich das nicht wider. Knapp
2000 Fans sind an diesem verregneten Samstagnachmittag gekommen - angesichts der
Zuschauerzahlen manches Erstligisten nicht schlecht, aber gemessen an der
Aufregung enttäuschend. Doch die, die gekommen sind, sind laut. "Rot", brüllt
die Gegengerade eine der Vereinsfarben, "Grün", antwortet die Haupttribüne mit
der anderen. Nur politische Parolen gibt es nicht, darum hat die Klubführung die
Fans gebeten. Bei der Nationalhymne, mit der in der Türkei auch in unteren Ligen
sämtlichen Partien beginnen, singen manche Amed-Spieler mit, andere nicht. Bei
den Gästen singen alle. Besser: Sie brüllen mit einer Inbrunst, fast wie die
Brasilianer bei der vergangenen Weltmeisterschaft. "Das ist noch nichts", sagt
Naki. "Auswärts ist das alles noch viel krasser."

Er habe nichts gegen die Hymne und die Fahne, beteuert er. "Wenn die Fans bei
jedem Spiel so viele türkische Fahnen haben wie in den Spielen gegen uns, dann
wäre das okay. Aber so ist das nicht." Dazu die Beschimpfungen als
"PKK-Terroristen" und "Vaterlandsverräter", ohne dass dafür bislang ein Klub
sanktioniert worden wäre.

Ob ihn diese Reaktionen an seine Spiele mit dem FC St. Pauli gegen Hansa Rostock
erinnern? "Das hier ist viel krasser", sagt Naki. "Wir haben nicht nur gegen
Bursaspor gespielt, sondern gegen die Medien, den Verband, den Staat." Sonst
würden bei Europapokalspielen die Fans der Istanbuler Klubs immer zu den Gegnern
halten. Nur wenn es gegen Amed gehe, sei es anders. Doch nicht alle Fans seien
so, der Besiktas-Fanklub Carsi etwa habe gratuliert.

Eine heimliche kurdische Nationalmannschaft will Amed SK nicht sein. Naki selber
wuchs in Düren auf, seine Familie stammt aus der kurdisch-alevitischen Provinz
Tunceli. Aber die Hälfte der Mannschaft sind Türken. Die Innenverteidiger Sevket
Güngör und Sercan Özcelik etwa, die in diesem unansehnlichen Spiel noch die
Besten auf dem Platz sind und es am Dienstag mit Robin van Persie und Nani zu
tun bekommen werden. "Diese Reaktionen sind nicht schön", sagt Güngör, der aus
der westtürkischen Kleinstadt Turgutlu stammt. "Aber wenn du dich damit
beschäftigst, kannst du kein Fußball spielen." Überhaupt habe der Klub nicht nur
Hass auf sich gezogen, sondern auch Sympathien gewonnen. "Wenn wir ein
Merchandising hätten, könnten wir genug Geld verdienen, um locker alle Strafen
zu bezahlen", sagt Angreifer Naki zum Präsidenten. "Ich habe das schon an meinem
ersten Tag gesagt: Wir brauchen einen Fan-Store. Aber die hören ja nicht."

"Das ist alles nicht so einfach", wirft der Präsident leise ein. Schwer
vorstellbar, dass ein anderer Spieler so mit ihm sprechen könnte. Aber Naki
genießt eine Sonderrolle: Everybody's Darling, politischer Botschafter,
sportliche Führungsfigur. Seine fußballerische Karriere mag nicht alle
Hoffnungen erfüllt haben, die sie versprach, als er mit Ron-Robert Zieler und
den Bender-Brüdern U19-Europameister wurde. Doch für Amed SK ist er als
Fußballer ein paar Nummern zu groß. "Ich hätte locker in der türkischen ersten
Liga spielen können, wenn ich meine Klappe gehalten hätte", sagt er.

Aber die Klappe zu halten war noch nie seine Sache - nicht auf St. Pauli und
auch nicht bei Genclerbirligi in Ankara, wohin er nach einer Zwischenstation in
Paderborn gewechselt war. Als im Herbst 2014 die syrisch-kurdische Stadt Kobani
vom Islamischen Staat belagert wurde, bekundete Naki Solidarität mit den Kurden,
wurde darauf in den sozialen Medien angefeindet, dann auf offener Straße tätlich
angegriffen. Vom Verein fühlte er sich alleingelassen und kündigte den Vertrag.
Zunächst kehrte er nach Deutschland zurück.

"Er hat da auf kurdischen Hochzeiten gesungen, da haben wir ihn aufgegabelt",
scherzt ein Funktionär. Naki lacht, will das aber nicht stehen lassen: "Es gab
Kontakte zu Klubs in Deutschland. Aber das Angebot von Amed war für mich eine
Herzensangelegenheit. Ich wollte dazu beitragen, dass die Menschen in dieser
schwierigen Zeit etwas glücklicher werden." Deswegen will er auch bleiben, egal,
was noch passiert. Schon vergleichen sie ihn hier mit dem Pop-Folkmusiker Ahmet
Kaya, der 1999 mit einer Hetzkampagne und Strafverfahren vergrault wurde, weil
er angekündigt hatte, ein Lied auf Kurdisch aufzunehmen.

Jetzt ist Naki mitten in einem Krieg, den er zuvor nur aus Erzählungen und den
Medien kannte. Und er versucht erst gar nicht, das alles von sich fernzuhalten,
im Gegenteil. So besuchte er im Herbst eine Familie in der Stadt Cizre. Deren
zehnjährige Tochter war mutmaßlich von Sicherheitskräften erschossen worden, die
Eltern hatten den Leichnam tagelang in ihrer Tiefkühltruhe aufbewahrt, weil sie
ihn wegen der Ausgangssperre nicht beerdigen konnten. "Und trotzdem sagen diese
Leute: Wir wollen Frieden", erzählt Naki beeindruckt.

Weniger beeindruckt ist er von dem Spiel, das sein Team ohne ihn zeigt. Die
Verteidigung steht solide, aber der Aufbau ist voller Fehler, zwei gute Chancen
vergibt die Offensive kläglich. Zum Glück für Amed ist der Gegner auch nicht
besser, das Spiel endet 0:0. Nakis knapper Kommentar: "schlecht".

Vereinschef Karakas ist milder: "Die Jungs waren vor dem Viertelfinale nervös.
Immerhin haben wir nicht verloren - anders als Fenerbahce." Und was erwarten sie
von dem Pokalspiel? "Wir haben nichts zu verlieren", sagt Verteidiger Güngör.
"Im Pokal ist alles möglich", sagt Naki. Trotz aller Politik - wenn Amed auf
Fenerbahce trifft, ist es nicht nur ein Politikum. Ein bisschen ist es auch
Fußball.

UPDATE: 9. Februar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: Esra Gültekin/OMEDIA TIJA SODIR


Deniz Naki (mit Schal) zusammen mit Fans des Fußball-Drittligisten Amed SK
OMEDIA TIJA SODIR

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Die Welt

Montag 22. Februar 2016

Gladbachs Straßenfußballer will nur spielen;


Talent Dahoud überragt. Aber reden mag er nicht

AUTOR: Andreas Reiners


RUBRIK: SPORT; Matchwinner des Tages; S. 17 Ausg. 44

LÄNGE: 437 Wörter

Matchwinner genießen in der Regel die üblichen Mechanismen des Geschäfts. Das
Spiel mit den Medien, den Kameras und den immer wiederkehrenden Fragen nach der
eigenen starken Leistung. Das Lob und das Rampenlicht, die Bühne mit den
Scheinwerfern, die in diesem Moment zu Recht auf sie gerichtet sind.

Mahmoud Dahoud kann damit wenig bis gar nichts anfangen. Der Mittelfeldspieler
von Borussia Mönchengladbach widersteht seit Monaten den Rufen der Medien, wenn
er immer ein wenig gehetzt und geduckt durch die Mixed Zone eilt. Ein kurzes
Lächeln, ein kurzer Gruß, dann ist der 20-Jährige in der Kabine verschwunden.
Stattdessen sprechen stets andere über das Supertalent, das innerhalb eines
halben Jahres unverzichtbar für die Mönchengladbacher geworden ist.

Ein böser Wille sei nicht dabei, dass er nicht mit der Presse spreche, versuchte
Sportdirektor Max Eberl nach dem 1:0-(1:0)-Sieg der Borussia im Derby gegen den
1. FC Köln das für die heutige Zeit ungewöhnliche Verhalten Dahouds zu erklären.
Schließlich war Dahoud mit seinem Treffer eingangs erwähnter Matchwinner. "Er
ist ein klassischer Straßenfußballer, der nur Fußball spielen möchte. Er möchte
das ganze Ballyhoo drumherum nicht", sagte Eberl. Trainer André Schubert
verriet, dass Dahoud dieses "Drumherum" sogar "suspekt" sei. Dass Dahoud
syrische Wurzeln hat und deshalb womöglich auch politisch brisante Fragen
gestellt werden könnten, ist wohl auch ein Grund, warum der Verein versucht, ihn
so gut es geht zu schützen.

Dahouds Sprache ist stattdessen sein Spiel. Sein unbekümmertes Auftreten, das
Verspielte und Intuitive verleiht dem Gladbacher Spiel eine unberechenbare Note.
Daneben reißt er auch mit die meisten Kilometer ab. Der U20-Nationalspieler
versucht stets, mit seinem temporeichen und präzisen Passspiel komplexe
Situationen spielerisch zu lösen. Alles oftmals verbunden mit einem gewissen
Hang zum Risiko. Ein schmaler Grat für seine Position als Sechser, aber "er
macht aus dem Bauch heraus sehr viele Dinge richtig", lobte Eberl, der zugleich
aber auch vor möglichen Leistungsschwankungen warnte.

Doch Dahoud macht derzeit so viele Dinge richtig, dass auch die Konkurrenz auf
ihn aufmerksam geworden ist. Sein Vertrag läuft noch bis 2018, doch Borussia
Dortmund soll ihn als möglichen Ersatz für Ilkay Gündogan bereits auf dem Zettel
haben. Auch das gehört zu den üblichen Mechanismen des Geschäfts. Groß
interessieren wird Dahoud das im Moment aber wohl auch (noch) nicht. Trainer
Schubert meint: "Dahoud hat einen langfristigen Vertrag. Daher machen wir uns
keine Gedanken." Auch derlei Aussagen gehören zum Geschäft.

UPDATE: 22. Februar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: Bongarts/Getty/Lars Baron


Mahmoud Dahoud (l.) trifft im Derby gegen den 1. FC Köln zum 1:0
Lars Baron

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Die Welt

Samstag 27. Februar 2016

Wo sich die AfD dem Opferkult hingibt;


Die Partei und ihre Anhänger verstehen sich als Ausgestoßene. Doch Umfragen
lassen einige träumen. Beim Wahlkampf in Merseburg

AUTOR: Uwe Schmitt

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 4 Ausg. 49

LÄNGE: 1771 Wörter

Merseburg

Es gibt kein Bier, keine Gegendemonstranten, nicht einmal ein Fahnenmeer und das
Deutschlandlied, um die rund 200 Seelen zu wärmen auf der Merseburger
Kliaplatte. Dabei hätte die Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen-Anhalt
an diesem Februarabend Grund zu feiern: Tags zuvor hat die Partei auf dem Weg
zur Landtagswahl in einer Umfrage zum ersten Mal die SPD überholt, sie wäre
dritte Kraft hinter der CDU und der Linken. Ein erster Geschmack von Macht.

Vielleicht verdirbt die Aussicht auf Macht den Getreuen auf dem Platz die Laune:
Denn Ohnmacht ist es, der unerhörte Protest des beleidigten Volkes gegen "die
Politiker", der sie im Inneren zusammenhält. Politik ist dreckig, die skandierte
Wahrheit ist rein: "Wir sind das Volk!!" Und weil es rhythmisch dazu prima
passt: "Merkel muss weg!!" Nun aber stehen sie vermummt, sanglos und nüchtern in
der Kälte und hören Reden. Sie höhnen ein bisschen und brüllen ein paar Parolen.
Kalt bleibt es, an den Füßen wie im Sinn. Das liegt auch an den drei Rednern,
darunter AfD-Spitzenkandidat André Poggenburg.

Sie können sich nicht recht auf einen Ton einigen, schwanken zwischen Agitation,
Amtsdeutsch ("diesbezüglich") und unfreiwilliger Büttenrede. Da "häuft sich die
Frage" bei Poggenburg, der samt AfD "nach rechts außen degradiert" wird. Seine
Schöpfung "Lückenpresse" will Lügenpresse lite sein und zündet nicht, eben weil
es den Leuten nicht frech genug ist. Bisweilen wird er pubertär, wenn er
politische Gegner "Pöbel-Ralle" und "Hasi, unser Landes-Stiefvater" nennt.
Immerhin gibt es da Applaus. Aber hitzig wird es nicht.

Das Trinken hat die Polizei verboten, neben Eisenstangen, Zeichen der
"Verbundenheit mit der NS-Vergangenheit", zudem die Verächtlichmachung und
Verleumdung "insbesondere von Ausländern". Die Verbotsliste ist lang, sie wird
verlesen, bis eine Frau ruft: "Sagen Se uns mal, was wir dürfen, das iss
vielleicht kürzer!" Gelächter. Poggenburg stellt klar: "Wir wollen keine
zerstörerische Revolution." Sondern Sitze und Gewicht im Landtag erobern.

Merseburg: 36.642 Einwohner Ende November 2015; davon 2029 Ausländer (15. Juli
2015), in diesem Mai tausendundein Jahre Dom, 25 Kilometer von Halle,
Chemieregion, Arbeitslosenquote im Saalekreis: 10,4 Prozent. In ihrem
Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt beklagt die AfD den Niedergang von dem einst
stolzen Industriezentrum zur "strukturschwachen Problemregion", deren herrliche
Landschaften von Windrädern verschandelt und deren Menschen samt ihrem
bescheidenen Wohlstand von "zügelloser Masseneinwanderung" bedroht werden.

Ebenso schlimm wie der Ansturm der fremden Massen ist nach Auffassung der AfD
die Entfremdung vom Deutschsein: "Die einseitige Konzentration auf zwölf
Unglücksjahre unserer Geschichte verstellt den Blick auf Jahrhunderte", heißt es
in der Präambel des Programms. Folgerichtig wird die NS-Zeit auf den folgenden
68 Seiten ignoriert.

Es gibt so viel Schönes, und manches reimt sich sogar: "Sachsen-Anhalt ist ein
reiches Land - reich an Menschen mit gesundem Verstand." So beginnt das Ganze,
gefolgt von einer Lobpreisung der Wiege Preußens, der Reformation, des
römisch-deutschen Kaiserreichs, der Merseburger Zaubersprüche: "In keinem
anderen Bundesland herrscht eine solche Dichte an Denkmälern von nationaler
Bedeutung. Nirgendwo liegen so viele Wurzeln deutscher Geschichte wie hier. Wir
sind stolz auf Sachsen-Anhalt!"

Heimatverbundenheit ist eine feine Sache, die gewiss nicht nur einer Partei am
Herzen liegt. So sollte man meinen. Doch Hans-Thomas Tillschneider, 38, aus
Sachsen zugewanderter Sachsen-Anhaltiner und Nummer zehn auf der Landesliste der
AfD, sieht das mindestens für die Linke anders. Er wolle keinesfalls die
SED-Diktatur schönreden: "Aber die Genossen von damals hatten wenigstens noch
ein Vaterland - heute heißt es in der Linkspartei ,Nie wieder Deutschland'." Das
Buhen nach der Pointe tut ihm hier sichtlich wohl.

Dies ist nicht ganz das adäquate Publikum für den promovierten
Islamwissenschaftler, der 2001 aus dem Westen kam, "weil sich so viel Deutsches
hier erhalten hat", wie er den Leuten schmeichelt. Tillschneider liebt
sarkastische Polemik, so die Karikatur von der "Fünf-Sterne-Rundumversorgung"
für nach Deutschland Fliehende: "Eintrittskarte syrischer Pass, unbegrenzte
Aufenthaltsdauer, und wir sind das Personal und arbeiten für die Gäste."

Im Gespräch mit der "Welt" hat er zuvor verraten, dass in der Partei durchaus
über eine mögliche Tolerierung einer CDU-Minderheitsregierung debattiert werde.
Nur um "Schwarz-Rot-Tiefrot" zu verhindern. Die Duldung werde sich die AfD
"teuer abkaufen lassen". Er finde Verständnis dafür an der Basis. Damit könnte
es ganz plötzlich vorbei sein, wenn sich die AfD auf eine Koalition mit der CDU
einließe. So unrealistisch die sei, sagt Tillschneider, man könne sie nicht
völlig ausschließen. Zum Verdacht eines Abtrünnigen, die AfD-Politiker würden
sich im Landtag politisch nicht überanstrengen und an Diäten gütlich tun, sagt
er: "Nein, nein, wir wollen nicht nur an die Fleischtöpfe; es wäre doch töricht,
die Chance auszuschlagen, Politik massiv zu verändern."

Tillschneider argumentiert ruhig, sachlich, der Mann kennt die Fallen des
Völkischen und der Hetze. "Wir finden nicht jeden gut, der uns gut findet",
erklärt er einem Kamerateam, als er nach militanten Mitläufern der AfD gefragt
wird. Nur wenn es an Deutschland geht, lässt er sich mehr durchgehen. Das
Vaterland nämlich "werde ich mir von einer durchgeknallten FDJ-Sekretärin für
Agitation und Propaganda nicht kaputt machen lassen!" Das saß, dafür bekommt er
endlich echten Jubel.

Der Hass auf "Mama Merkel" und "Muttis Asylpolitik" ist das im Ausdruck seltsam
kindisch anmutende Grundbekenntnis der Partei. Mindestens seit der Spaltung im
Sommer 2015, als sich aus der Anti-Euro-Bewegung die Anti-Asyl-Partei geschält
hat. Seither zählt es zum Repertoire der weniger prominenten AfD-Redner,
Multi-Milliarden Euro für Flüchtlinge mit Peanuts-Millionen für Kitas zu
verrechnen.
Unvergleichliches zu vergleichen, das gelingt auch mühelos Willi Mittelstädt,
Jahrgang 1947, dem AfD-Mann für Merseburg. Er gibt den Beleidigten ihre
Beleidigungen: "Pack" und "Abschaum" habe man sie in den Eliten geschimpft,
"eine bodenlose Frechheit". Das Publikum zischt und stöhnt auf vor Wut.

Opfer sein - da finden sie sich wieder, verhöhnte Patrioten, die furchtlos die
Wahrheit sprechen. Ihr Leid ist ihnen eine Ehre. Auch deshalb wollen sie sich
nicht mit Merkel "in amerikanische Gefangenschaft begeben", wie Mittelstädt
schwört, und in die Konfrontation mit einem friedliebenden Russland: "Wir wollen
keinen dritten Weltkrieg!", ruft er aus und erhält mächtig Zuspruch. Genau,
kommt nicht infrage. Die Altparteien, ganz klar, wollen diesen Krieg.

Es ist nicht sonderlich schwer, Kuriositäten und Plattitüden in Reden wie im


Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalts zu finden. Sei es die Forderung nach
Rückkehr der Schulen zu "klassisch preußischen Tugenden" und der Herausbildung
einer "gefestigten Nationalidentität", so, als sei weder 1000 Jahre lang noch
seit Kriegsende Nennenswertes geschehen. Sei es die Sprengung von
"Gender-Studien", einfach weil in der AfD noch Männer Männer sind und Frauen
Frauen. Im Übrigen möge, so das Wahlprogramm, der Verfassungsschutz "nicht das
politische Tun der Bürger bewerten". Ein Rat, der von Justizminister Heiko Maas
(SPD) gerade für die AfD ausgeschlagen wurde.

Wichtiger als alles andere für den Wahlerfolg der Partei dürfte die Einschätzung
sein, dass die Asylpolitik "geradewegs in die soziale Katastrophe führt". Die
Gewissheit der Deutschlanddämmerung und der tapfere Widerstand der Anständigen
gegen "die Opferung der Deutschen auf dem Altar von Multikulti", so ein
beliebtes Bild mit Menschenopfer-Flair, überragen alle anderen Ideen der AfD.

Wie jede Partei, die sich zur Verfassung bekennt, hat die AfD das Recht, beim
Wort und jedenfalls ernst genommen zu werden. Wer mit den Funktionären wie den
Wählern das Gespräch suchen will, kommt mit Nazi-Vergleichen und anderen
rhetorischen Kurzschlüssen nicht weiter. Er gibt dem Opfermythos Futter. Der
lebt.

Es trägt beinahe masochistisch-lustvolle Züge, wenn André Poggenburg vor den


"lieben Wut- und Mutbürgern" in Merseburg ihr tägliches Martyrium zelebriert:
"verbale Anfeindungen, Ausgrenzungen, bösartige Unterstellungen, sogar tätliche
Angriffe". Es ist eine Klageliste, die von Flüchtlingen, hätten sie einen
Lobbyisten, wörtlich übernommen werden könnte. Eine Frau im Publikum beschwert
sich: "Unsere Jungen kommen mit dunklen Sonnenbrillen zur Demonstration, damit
sie nicht erkannt werden. Eine Schande ist das."

Gleichwohl wirken die Leute harmlos und eher gutmütig als gehässig in den
Parolen. Pegida und AfD mögen sich immer mehr annähern und miteinander
verschmelzen. Die Merseburger scheinen an diesem Abend noch eine Verrohung
entfernt von den gewaltfiebrigen Jungs im Pulk bei den Pegida-Treffen.

Siebzehn Prozent in Sachsen-Anhalt am 13. März sind durchaus drin, sagen


Wahlforscher. Die Vorwürfe des AfD-Verfemten Carsten Schmidt, bis zum
Parteiaustritt im November enger Mitstreiter von Poggenburg, haben erstaunlich
wenig verfangen. Dieser würde nicht aus politischen Gründen, sondern aus
persönlichen finanziellen Interessen kandidierten, sagt Schmidt jedem, der es
hören will. Poggenburg habe "noch nichts vollbracht" und einzig auf das Thema
Asyl gekloppt". Nicht zu leugnen scheint eine lausige Zahlungsmoral bei
Rechnungen für seine Firma zu sein, die Autokühler repariert. "Von einer
Geschäftsverbindung wird abgeraten" und "Kredite werden abgelehnt" lautete einem
"Welt"-Bericht vom 31. Januar zufolge das niederschmetternde Bonitätsurteil
einer Wirtschaftsauskunftei.
Schmidt ist sicher, dass Poggenburg "wenig Ahnung von Politik an der Basis hat".
Schon das Kreiswahlprogramm von 2014 sei "ein Märchen" gewesen. Nicht ein
einziger Punkt wurde bis heute umgesetzt." Obendrein: "Wenn die AfD mit der CDU
zusammenginge, würden sie jämmerlich Prügel beziehen. Lauter Amateure." Der
Rumor, Poggenburg sei selbstherrlich, karrieregeil, faul und - am schlimmsten -
an Politik nicht sonderlich interessiert, geht auch unter anderen Enttäuschten
um. Namentlich äußert sich keiner, Beleidigungsklagen braucht niemand. Neid für
den Aufgestiegenen mag eine Rolle spielen; auch bei Carsten Schmidt klingt eine
Kränkung durch, die er nicht offenbart.

Es mangelte für diesen Artikel nicht an Versuchen, Poggenburg für ein Interview
zu gewinnen. Vergebens, wie auch bei Daniel Roi, dem Zweitplatzierten auf der
Landesliste. Es ist Wahlkampf, die Herren sind beschäftigt. Wir auch. So
entstehen Lücken in der Presse.

UPDATE: 27. Februar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: pa/dpa
André Poggenburg, Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland (AfD) in
Sachsen-Anhalt. Für ein Interview war er nicht zu gewinnen
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Die Welt

Montag 29. Februar 2016

"Hardliner steigen in die zweite Liga ab";


In Teheran gewinnen die Reformer alle Sitze bei der Parlamentswahl. Auch aus dem
Expertenrat wurden Radikale abgewählt

AUTOR: Stephanie Rupp

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 7 Ausg. 50

LÄNGE: 1325 Wörter

Irans Staatspräsident Hassan Ruhani bekommt durch das Ergebnis der


Parlamentswahlen deutlichen Rückenwind - ganz besonders von den Wählern der
Hauptstadt. Seine Liste aus Reformern und gemäßigten Konservativen "Hoffnung"
hat nach vorläufigen Ergebnissen alle 30 Sitze gewonnen, darunter acht Frauen.
Sämtliche radikalen Hardliner aus Teheran wurden demnach aus dem Parlament
geworfen. Auch im Expertenrat liegen die gemäßigten Konservativen vor den
Hardlinern. In dieses religiöse Gremium, das den geistlichen Führer bestimmt,
wurde auch Ruhani selbst wiedergewählt. Die Wahlbeteiligung im Iran war mit 60
Prozent (33 von 55 Millionen Stimmberechtigten) zwar niedriger als erwartet.
Doch die Menschen haben damit unmissverständliche Signale an das religiöse
Establishment gesendet: Sie wollten mit aller Macht den erneuten massenhaften
Einzug der Radikal-Konservativen ins Parlament verhindern, was sie nach
bisherigen Ergebnissen erreicht haben.

Für den 88-köpfigen Expertenrat haben sich Reformer mit den Stimmen aus Teheran
Platz eins (für den Moderaten Ali Akbar Rafsandschani-Haschemi) und Platz zwei
(Ruhani) gesichert. Ansonsten sind dort weiter viele Konservative und auch
einige Radikale vertreten. Zwei entscheidende Mitglieder des bei der Bevölkerung
äußerst umstrittenen "Top-Trios" der radikalen Hardliner mit den Ajatollahs
Ahmad Dschannati, Mohammed Jasdi und Mesbah Jasdi sind aber nach vorläufigem
Ergebnis aus dem Gremium geflogen. Lediglich Dschannati ist derzeit noch im
Rennen (Platz 15 von 16 möglichen in Teheran). Er hatte als Vorsitzender des
Wächterrats den beliebten Khomeini-Enkel Hassan Khomeini disqualifiziert, was
viele wütend machte. Mesbah Jasdi, Chefideologe der Radikal-Konservativen, hatte
durch seine frauenfeindlichen Äußerungen und abschätzige Bemerkungen, wonach der
Wille des Volkes bei Wahlen für ihn ohnehin nicht zähle, für Wirbel gesorgt.
Mohammed Jasdi ist der derzeitige Chef des Expertenrats. Sollten sich die
vorläufigen Ergebnisse in den kommenden Tagen bestätigen, wäre das ein harter
Schlag für die radikalen Kleriker.

Auch die Parlamentswahl-Ergebnisse aus Teheran sind noch nicht endgültig. Doch
der Riesenerfolg für die Kräfte aus der Hauptstadt, die Ruhanis Kurs stützen,
wird in die Geschichte eingehen, sollte es dabei bleiben. Dass dort nach
aktuellem Stand kein einziger Sitz an die Ultrakonservativen gehen wird, halten
Beobachter für phänomenal. Abgewählt wurden sehr viele Abgeordnete der radikalen
Hardliner, die Außenminister Mohammed Dschawad Sarif wegen der Atomverhandlungen
aufs Heftigste beschimpft hatten. In den sozialen Netzwerken wird kommentiert:
"Die Hardliner sind in die zweite Liga abgestiegen." Oder: "Die
Radikal-Konservativen haben unsere Reform-Kandidaten disqualifiziert - jetzt hat
das Volk die Radikal-Konservativen disqualifiziert."

Aber auch gegen eine Abgeordnete aus Teheran, die für die Hardliner im Parlament
saß und den Wiedereinzug verfehlte, wurde gewettert. Auf einem Foto ist Fatemeh
Alija in kämpferischer Pose zu sehen und mit einer Sprechblase: "Die Pflicht
einer Frau ist es, Kinder zu erziehen und sich um den Mann zu kümmern - und
nicht, sich draußen ein Volleyball-Spiel anzuschauen." Auf dem zweiten Foto
sieht sie niedergeschlagen aus. Darunter wird kommentiert: "Wir haben Ihre
Botschaft verstanden und helfen Ihnen, zuhause zu bleiben und sich um Mann und
Kinder zu kümmern."

Es ist noch unklar, ob auch landesweit eines der drei Lager - Reformer,
gemäßigte Konservative und radikale Hardliner - die Mehrheit für sich
beanspruchen kann. Aber eine Koalition (oder anderweitige Zusammenarbeit) aus
Reformern und moderaten Konservativen gilt als wahrscheinlich. Weil viele
reformnahe Kandidaten im Vorfeld disqualifiziert worden waren, haben die
Reformparteien vielerorts moderate Konservative auf ihre Empfehlungslisten
gehievt. Zusammen mit ihnen wollen die Reformer im neuen Parlament verhindern,
dass radikale Erzkonservative weiterhin die Arbeit des moderaten
Staatspräsidenten Ruhani blockieren.

In der radikalen Schiiten-Hochburg Ghom etwa konnten die Reformer keinen


Spitzenkandidaten aus den eigenen Reihen aufstellen. Dort nominierten sie
deshalb den früher als Hardliner gefürchteten derzeitigen Parlamentssprecher Ali
Laridschani sogar als ihren Spitzenmann. Inzwischen unterstützt allerdings auch
er den Kurs Ruhanis, insbesondere, was die Aushandlung des Atomdeals mit der
internationalen Staatengemeinschaft angeht. Laridschani wurde als einer von drei
Vertretern ins Parlament gewählt - zusammen mit zwei Radikal-Konservativen, was
für Ghom allerdings normal ist. Das Beispiel Laridschani zeigt nach Ansicht
politischer Beobachter, dass sich die Konservativen im Zuge der Verhandlungen
über den Atomdeal in zwei Lager gespalten haben: in radikal Erzkonservative und
moderate Konservative. Die stützen den Kurs Ruhanis jetzt auch innenpolitisch.

Yadollah Eslami, der in der Regierung des reformorientierten Präsidenten


Mohammed Khatami stellvertretender Gesundheitsminister war und 2009 den Anführer
der Grünen Welle, Mir Hussein Mussawi, aktiv unterstützte, schreibt in einer
politisch sehr aktiven Gruppe des weitverbreiteten sozialen Netzwerks Telegram:
"Noch ist das Endergebnis der Wahlen nicht auf dem Tisch. Aber schon jetzt sehen
wir, dass das Volk ein friedliches Zeichen für Demokratie und Freiheit gesetzt
hat. Die Iraner sind reif für die Demokratie." Die Möglichkeit, ihren wirklichen
Willen kundzutun, sei angesichts der verschwindend geringen Zahl echter
reformorientierter Kandidaten - gerade einmal 70 von 3000 - absolut minimal
gewesen, schreibt er. "Trotzdem haben die Menschen diese winzige Möglichkeit zur
Willensbekundung zu einer ganz großen Sache gemacht - und zwar friedlich. Seit
heute erleben wir eine neue Qualität der politischen Auseinandersetzung in
unserem Land", sagt er optimistisch. Das Verhalten der Menschen zeige, in welche
Richtung sich das Land bewegen müsse - nämlich in eine Zukunft, in der
Forderungen ohne radikale Kräfte, die auf Gewalt setzten, ausdiskutiert werden
müssten.

Der Schauspieler Hamid Farrokh-Nedschad sagte in einem vom Staatsfernsehen


geführten Interview, das höchstwahrscheinlich niemals gesendet wird, aber sehr
wohl im Netzwerk Telegram landete: "Einer der Gründe dafür, dass die Menschen
zur Wahl gingen, war, so wenige Radikal-Konservative wie möglich ins Parlament
zu lassen. Denn diese Leute leben geradezu von Gewalt, Unruhe und Kriegen. Sie
konnten im Iran gut leben und reich werden, weil es die Sanktionen gab." Davon
hätten sie durch ihre lukrativen Umweggeschäfte jahrzehntelang profitiert. "Das
Volk aber ist müde vom Embargo." Die Wahlbeteiligung zeige das. Die Menschen
werfen den radikalen Hardlinern vor, "dass diese blind dafür sind, was mit
unseren Nachbarn passiert ist".

Obwohl sie die Fotos von ertrunkenen syrischen Kindern sehen, die aufgrund der
Gewalt in ihrer Heimat fliehen müssten, würden sie weiter "nur an ihren eigenen
Profit" denken, sagte Farrokh-Nedschad. Wenn die Radikalen im Iran weiter so
stark wie bisher das Geschehen bestimmen dürften, bestehe auch im Iran die
Gefahr, dass die Lage kippe und es einen Bürgerkrieg gebe. "Dann könnten wir
alle gezwungen sein, mit unseren Familien nach Europa zu fliehen - und das
wollen wir nicht", sagt er.

Die Rolle der sozialen Netzwerke, insbesondere des Messenger-Dienstes Telegram,


war entscheidend für die Mobilisierung der Wähler. Denn im Iran nutzt jeder
Vierte ein Smartphone, in der Hauptstadt Teheran ist es sogar jeder Zweite. Über
die sozialen Netzwerke wurden auch Bilder des inoffiziellen Oppositionsführers
Mussawi verbreitet, der seit der mutmaßlichen Wahlfälschung im Jahr 2009 in
Hausarrest sitzt. Sogar er und seine Frau Sahra Rahnavard haben ihre Stimme
abgegeben, statt die Wahl zu boykottieren. Und selbst politische Gefangene im
Evin-Gefängnis haben teilgenommen - ganz sicher nicht, um radikale Konservative
zu wählen, sondern um deren Anteil zu mindern.

UPDATE: 29. Februar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH


GRAFIK: dpa/Abedin Taherkenareh
"Deutlicher Sieg für die Reformer" lautet die Zeile zu Fotos von Präsident
Ruhani (l.) und Ex-Präsident Rafsandschani in der reformorientierten Zeitung
"Shargh"
Abedin Taherkenareh

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Die Welt

Montag 7. März 2016

Hochzeit der großen Töne;


Verleger Rupert Murdoch heiratet das Ex-Model Jerry Hall. Die Zeremonie fand
ausgerechnet in der Londoner Kirche St. Bride's im ehemaligen Zeitungsviertel
statt

AUTOR: Stefanie Bolzen

RUBRIK: PANORAMA; Panorama; S. 24 Ausg. 56

LÄNGE: 1046 Wörter

London

Rupert Murdoch hat sein Milliardenimperium auf Wörtern gebaut, starken Wörtern,
derer er sich selbst gern bedient. Für seine Wutausbrüche von Untergebenen
gefürchtet ("Ich will heute noch Ihre Kündigung!", schrie er einen Chefredakteur
einst an), ist der 84-jährige australische Medienmagnat auch in den sozialen
Netzwerken kein Mann leiser Töne. An diesem Wochenende macht Murdoch einmal mehr
von sich reden, und er trägt gern selbst als erste Quelle zum Nachrichtenfluss
bei. "Keine Tweets mehr für die nächsten zehn Tage, oder je wieder. Ich fühle
mich als der glücklichste Mann der Welt."

Der Tweet Nummer 1714 kam am Freitagnachmittag, unmittelbar zuvor hatte er eine
der einst attraktivsten Frauen der Welt geheiratet. Jerry Hall, mit immerhin 59
Jahren ein Vierteljahrhundert jünger als der Bräutigam. Ehemaliges Supermodell,
Texanerin, Ex-Frau von Mick Jagger, immer perfekte blonde Mähne und mit
Rücksicht auf ihre Begleiter meist flache Schuhe tragend. Und obwohl weder Braut
noch Bräutigam die britische Staatsangehörigkeit besitzen, haben sie sich London
als Veranstaltungsort für ihre Glamour-Hochzeit ausgesucht. Ausgerechnet, wie
manch Eingeborener unkt. Denn dem 13-fachen Großvater Murdoch sind viele im
Königreich nur mäßig zugeneigt. "Hoffentlich hält Murdochs Herz die
Hochzeitsnacht durch. "Oh, stopp, er hat ja gar kein Herz", schrieb ein
Twitter-Nutzer über den Chef der größten britischen Boulevardzeitung "The Sun",
deren "Recherchemethoden" einige Reporter und sogar ein Ex-Chefredakteur in den
vergangenen Jahren mit Gefängnis bezahlen mussten.
Der Australier Murdoch ist einer der mächtigsten Verleger ("The Times", "Wall
Street Journal") und TV- und Filmunternehmer (Sky, 21st Century Fox). Und er ist
seit den 80er-Jahren Teil der britischen Geschichte. In den Augen der Nation
nicht immer im guten Sinn. Wer seine Unterstützung genoss, konnte sich im
Regierungsamt sicher wähnen. Margaret Thatcher tat das, aber genauso Tony Blair.
Die Verwobenheit zwischen Politik und Presse im Königreich, sie hat viel mit
Murdoch zu tun. Diese Nähe wie auch die Arbeitsmethoden von Murdochs
Boulevardmedien waren immer heftig umstritten - und mitunter kriminell. 2005
musste sich Murdochs Firma News Corp verantworten, weil Reporter die mobilen
Mailboxen von Prinz William und anderen britischen Berühmtheiten gehackt hatten.

Zum existenziellen Skandal für Murdoch wurde die "Arbeitsweise" seiner


Journalisten 2011, als bekannt wurde, dass "News of the World"-Reporter die
Mailbox des entführten und später ermordeten Schulmädchens Milly Dowler abgehört
hatten, wie auch die von Opfern der Terroranschläge in London im Juli 2005.
Seither bemühen sich Politik wie der britische Boulevard zumindest um höhere
ethische Standards in den Medien. Dass Murdoch, nachdem er Jerry Hall am
Freitagnachmittag in einem der nobelsten Stadtpalais in Sichtweite des
Buckingham Palace standesamtlich geehelicht hatte, am Samstag ausgerechnet die
"Journalistenkirche" in der City für seine Feier auserkoren hatte, bringt ein
weiteres Kapitel britischer Geschichte ins öffentliche Gedächtnis zurück, das
eng mit Murdoch verflochten ist: den Druckerstreik.

Fraglich, ob der eine weiße Vivienne-Westwood-Robe tragenden Jerry Hall bewusst


ist, welche Symbolik ihre Trauungskirche St. Bride's für die traditionsreiche
britische Journalistengilde besitzt. Sie ist ein Wallfahrtsort für jeden
Schreiber, der um die Bedeutung der brillanten britischen Reporterkunst weiß.
Hier kommt die Branche hin, um ihre Besten zu betrauern. Gleich links neben dem
Hauptaltar, am schmalen "Journalistenaltar", könnte Rupert Murdoch eine Kerze
anzünden für seine Mitarbeiterin Marie Colvin - die 2012 im syrischen Homs
getötete berühmte Kriegskorrespondentin der "Sunday Times". Dutzender anderer
Verstorbener wird hier gedacht, gerahmte Fotos erinnern an die Größen des
Geschäfts.

Wie die Kirche, so ist auch das Viertel, in dem St. Bride's liegt, voller
Symbolik. Bereits um 1500 stand hier eine erste Druckpresse, und aus diesem
Gewerbe entstand das legendäre Presseviertel Fleet Street. Fleet Street - ein
Name, der Journalistenaugen einst zum Leuchten brachte. Das Herz der britischen
und internationalen Presse, die Lebensader der ganz großen Medienhäuser: "The
Times", "The Sun", "The Daily Telegraph", Reuters, "The Jewish Chronicle" - sie
alle lebten an und auf der Fleet Street. 1702 wurde hier die erste britische
Tageszeitung geboren, "The Daily Courant". Wenige Jahre später erschienen
bereits 31 Zeitungen.

Aber die Fleet Street ist schon lange tot. Der Anfang vom Ende war ein
einjähriger, harter Kampf zwischen den damals noch machtvollen Druckern und -
Rupert Murdoch. Der Aufstand der Branche im Jahr 1986 gehört so zur jüngeren
britischen Geschichte wie die Streiks der Bergbauarbeiter im Norden. Es waren
die Regierungsjahre von Margaret Thatcher. Diese verschaffte Murdoch Anfang der
80er-Jahre das größte Medienmonopol des Königreichs. Murdoch bedankte sich erst
mit regierungsfreundlichen Schlagzeilen. Und half dann bei Thatchers großem
Ziel: die Macht der Gewerkschaften zu brechen. Als seine Drucker im Januar 1986
einen erneuten Streik ausriefen, schickte Murdoch jedem Streikenden die
fristlose Kündigung - insgesamt 6000 Angestellten. Gleichzeitig hatte er in
einer Geheimaktion in Wapping, einem weiter östlich gelegenen Stadtteil, eine
moderne, computergesteuerte Druckzentrale einrichten lassen.

Die Drucker streikten ein ganzes Jahr lang, Murdochs Printprodukte erschienen
weiter. Das war das Ende der Übermacht britischer Gewerkschaften genauso wie der
Tod der Fleet Street. "Wenige Monate später war der Druckerei-Dinosaurier, der
die Fleet Street war, gestorben. Bis 1989 waren auch alle anderen nationalen
Tageszeitungen ausgezogen, die Murdochs Beispiel folgten", heißt es in den
Annalen von St. Bride's.

Genau 30 Jahre später kommt Murdoch just an diesen Ort zurück, um eine der
vermutlich letzten großen Feiern in seinem Leben abzuhalten. Es scheint, als
wollte der Mediengigant auf seine alten Tage einen Kreis schließen. Noch einmal
an der Fleet Street auftreten, um die Welt an sein in jeder Hinsicht reiches
Erbe zu erinnern, das prägend für die Branche bleibt.

Hoffentlich hält Murdochs Herz die Hochzeitsnacht durch Ein Twitter-Nutzer

UPDATE: 7. März 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: REUTERS/PETER NICHOLLS


Rupert Murdoch, 84, mit seiner Frau nach der Trauung. "Ich fühle mich als der
glücklichste Mann der Welt", sagt er
PETER NICHOLLS

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Die Welt

Samstag 12. März 2016

Die Stimmungsfalle;
Heinz Bude denkt über die Macht von gesellschaftlichen Stimmungen nach. Sein
neues Buch ist ein Orakel für unser Zeitalter der Publikumsdemokratie

AUTOR: Marc Reichwein

RUBRIK: LITERARISCHE-WELT; Literarische Welt; S. 1 Ausg. 61

LÄNGE: 1771 Wörter

Und, wie ist die Stimmung so? Sie ist jeden Fall immer da. Man kann nicht nicht
gestimmt sein, sagt Heinz Bude (mit Paul Watzlawick und Martin Heidegger), und
instinktiv stimmen wir ihm zu: Wenn man an die Stimmung beim letzten
Stadionbesuch, am Arbeitsplatz oder in bestimmten Lebensabschnitten denkt
(Abitur, Geburt des ersten Kindes) - als biografische, individuell erfahrbare
Kategorie leuchtet Stimmung sofort ein.
"Aber wie kann man sich den Prozess des Gestimmtwerdens durch eine
gesellschaftsgeschichtliche Situation vorstellen?", fragt Bude, Professor für
Makrosoziologie an der Uni Kassel und Spezialist für Zeitgeistthemen wie
"Bildungspanik" (2011) oder "Gesellschaft der Angst" (2014). Sein neues Buch
"Das Gefühl der Welt" hat das Anliegen, die Macht von Stimmungen als
soziologisches Thema zu markieren.

Die Kategorie liegt in der Luft, und zwar nicht nur, weil in diesen Tagen jede
Landtags-, ja sogar die hessische Kommunalwahl als sogenannter Stimmungstest
fürs große Ganze herhalten muss. Aktuelle Protestbewegungen wie Pegida und AfD
"machen Stimmung" gegen die Kanzlerin, die mit ihrer Flüchtlingspolitik
"ungefragt unser Land verändert". Medien raunten lange vor der Kölner
Silvesternacht, dass "die Stimmung kippt", bevor sie dann tatsächlich kippte.
Die Kategorie der Stimmung scheint auch virulent, wenn sich in vielen
europäischen Ländern eine islamfeindliche oder wenigstens misstrauische
Atmosphäre breitmacht. Europa selbst steht als gedachte Solidar- und
Wertegemeinschaft unter Vorbehalt wie noch nie.

In Amerika bewirbt sich ein Kandidat ums Präsidentenamt, der eine schon länger
schwelende Grundstimmung gegen das politische Establishment in Washington zum
Markenkern seiner Kampagne gemacht hat. Und im Internet, wo die unzivilisierte
Hassrede Urständ feiert, ist die Stimmung generell gern im
Weltverschwörungseimer. Ein vielleicht Letztes noch, für das Stimmungsbarometer
von immerhin 1,5 Milliarden online organisierten Menschen relevant: Facebook hat
soeben seine Währung, den Like-Button, für mehr Stimmungen als bloße Zustimmung
("Gefällt mir") diversifiziert. Auch wenn User lieben, lachen, überrascht,
traurig oder wütend sind, sollen sie das künftig ausweisen dürfen.

Alles Stimmung, oder was? Bude geht von einem Manko aus: die
Sozialwissenschaften hätten sich, von der konkreten Markt- und Meinungsforschung
der Umfrageinstitute abgesehen, kaum grundsätzlich mit der Kategorie der
Stimmung befasst, die die Philosophie und Ästhetik immerhin seit Kant
beschäftigt.

Sprachlich vordergründig haben wir es übrigens mit einem deutschen Sonderweg zu


tun: Anders als die meisten anderen Sprachen, die die subjektive und objektive
Komponente der Stimmung in zwei Wörter scheiden (mood und atmosphere),
impliziert der deutsche Begriff beides, sowohl die persönliche Laune wie die
gesellschaftliche Atmosphäre. Und um genau den Konnex geht es Bude. Wenn wir an
so manche Silvesterböllerei in deutschen Großstädten denken, leuchtet seine
Grunddiagnose sofort ein: Er bescheinigt unserer Gegenwart eine "generelle
Stimmung der Gereiztheit". Die einen - Bude nennt sie "heimatlose
Antikapitalisten" - sind ein bisschen gereizter als die anderen, die bei Bude
"Systemfatalisten" heißen. Ein kollektives Unbehagen am Kapitalismus prägt uns
alle, glaubt Bude, und zwar sowohl historisch wie gegenwärtig.

"Das Gefühl der Welt" ist keine systematische Gesellschaftsstudie, sondern


essayistisch angelegt, in lose Gedankenblöcke gegliedert. Bude skizziert die
Stimmung aufeinanderfolgender Generationen (die ihn als Forscher schon länger
umtreiben). Er erzählt vom Erfolg epochaler Stimmungsumschwünge, etwa Willy
Brandts Losung "Wir wollen mehr Demokratie wagen", die 1969 zum Ausdruck
brachte, dass der Staat sich nicht mehr nur autoritär auf seine Institutionen
verlassen konnte, sondern um die "ständige Fühlungsnahme mit den repräsentativen
Gruppen unseres Volkes" bemüht sein wollte. Mit "Fühlungsnahme" (gemeint war
wohl Tuchfühlung) wurde qua Regierungsverlautbarung deutlich, dass "Stimmung die
Münze der Politik" ist.

Zur allerjüngsten Stimmungsgeschichte des Landes zählt die Willkommenskultur für


Flüchtlinge im letzten Sommer. Im Nachhinein, so Bude jüngst gegenüber dem
"Spiegel", könne man bereits die Fußballweltmeisterschaft 2006 (Motto: Die Welt
zu Gast bei Freunden) als Auftakt jener "Fremdenfreundlichkeit" lesen, mit der
sich Deutschland gern selbst gefällt - schon um sein historisch belastetes Image
und seine regional und lokal weiter aufwallende Fremdenfeindlichkeit zu
kompensieren.

Was bedeutet es, wenn syrische Flüchtlinge mit Applaus begrüßt werden? Hat diese
Geste der Willkommenskultur etablierte "Hierarchien des Hierseins" außer Kraft
gesetzt, fragt Bude - mit Blick auf die Stimmung im Land. Er liefert eine
Erklärung, warum Ostdeutsche und Migranten der zweiten Generation sich in ihrer
Ablehnung von aktuellen Flüchtlingen durchaus einig sein können. Für beide
Gruppen, so Bude, stelle Deutschland eine Ankunftsgesellschaft dar. Es definiere
sich durch Etablierte und Zugereiste. Die Etablierten beherrschen das Feld, die
Zugereisten sind Außenseiter: Die für die Unterscheidung von Außenseitern und
Etablierten entscheidende Frage, wer zuerst da war, begünstige einen
gelegentlichen "Ethnorassismus" unter Einwanderergruppen, etwa die Ablehnung von
Flüchtlingen durch Russlanddeutsche. Sie erklärt auch regional verstärkte
Gefühle von Neid, Missgunst und Angst gegenüber Migranten: "Ostdeutsche sehen
sich gegenüber den etablierten Westdeutschen immer noch in der Rolle der
Außenseiter."

An dieser Stelle ist Bude beim Kern seiner Fragestellung: Gesellschaftliche


Gestimmtheit, egal wie naiv oder munitioniert kommuniziert, stellt "eine
Realität eigener Art" dar, die dringend einer "Soziologie der Stimmung" bedarf.
Genau diese Soziologie - im Sinne eines Grundlagenwerks - liefert Bude nicht,
dazu ist er dann doch Bude, und nicht Bourdieu, Luhmann oder Habermas. Wichtige
Ansatzpunkte enthält sein Essay aber allemal.

Besonders ergiebig - und ausbaufähig - scheint sein Bezug auf die


Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann und ihre Theorie der
Schweigespirale. Die besagt, dass Menschen nur dann zu ihrem Standpunkt stehen,
wenn sie sich von der Gesellschaft bestätigt fühlen und sich nicht einer
divergierenden Mehrheitsmeinung gegenübergestellt sehen. Wer merkt, dass die
eigene Meinung (medial) zunimmt, ist gestärkt, redet öffentlich. Wer notiert,
dass seine Meinung an Boden verliert, schweigt. Dieses Gesetz galt, solange die
veröffentlichte Meinung eine relativ knappe, von professionellen Journalisten
exklusiv in Massenmedien besorgte Ressource war. In der Netzgesellschaft können
sich Minderheiten noch im kleinsten Nischenforum gegenseitig groß machen und
großartig finden.

Historisch gesehen hat die Massenpresse das Gefühl, in einer gemeinsamen


sozialen Welt zu leben, seit dem 19. Jahrhundert demokratisiert. Das Internet
hat die "demokratische Teilhabe an Stimmungen", die sich vormedial im
wesentlichen lokal formierte (Motto: die Piazza protestiert vor dem Palazzo),
erheblich verstärkt, es hat die "Räume der Stimmung, die durch einen
gleichmäßigen Strom von relevanten Informationen und gemeinsamen Erregungen
aufrecht erhalten werden und das Erleben von Gesellschaft intensivieren",
erheblich erweitert und das Prinzip der "Publikumsdemokratie" - allerorten
ausgewiesen durch Statistiken wie "Meist gelesene Artikel" oder "Likes" bei
Facebook - etabliert. "Publikumsdemokratie" in der digitalen Gesellschaft heißt,
dass die Erlebnisintensität immer dann am höchsten scheint, wenn ganz viele
irgendetwas gleichzeitig tun und finden. Ob Shitstorm oder
Solidarisierungswelle: Das Internet dynamisiert jede "Wildheit des
Massenverhaltens". Im Zeichen von "Systemaversion, Betrogenheitsempfindung und
Selbstmandatierung" finden sich die "Besorgten, Übergangenen und Verbitterten"
in ihren, wie Bude hübsch formuliert, "kommunikativen Katakomben einer
rebellischen Grundstimmung" zusammen.

Publikumsdemokratie suggeriert, dass man sich noch im abseitigsten Forum als


eine - und wenn nur heimliche - Macht begreifen kann, die es besser weiß und
"sich gegen die vermittelnden Instanzen der Repräsentation eines allgemeinen
Interesses wendet: gegen die 'Medienkaste' genauso wie gegen die
'Politikerkaste', die sich anmaßen, in einem System der Gewaltenteilung für
das Volk zu sprechen, anstatt das Volk selbst sprechen zu lassen."

Budes Argument für die zunehmende Macht von Stimmungen ist aber nur in Teilen
ein mediales. Es hat einen harten sozialen Kern, in etwa umrissen durch das, was
Thomas Piketty oder George Packer in ihren Büchern und nicht nur für die USA
beschrieben haben. Man darf Bude, der sich mit Mechanismen von Exklusion
beschäftigt hat, glauben, dass die gesellschaftliche Kohäsion in dem Maße
verloren geht, in dem die Mittelschicht schwindet und sich, jenseits von
Kollektivkategorien wie Klasse, Nation oder Generation, ein wachsendes Gefühl
des Unbehagens zwischen Etablierten und Außenseitern der Gesellschaft
manifestiert.

"In dem Maße, wie die Bindung an Großgruppenkategorien wie Arbeiter, Bürger oder
Mittelstand zurückgeht und zudem das Publikum von Werbung, Unterhaltung und
Berichterstattung in weiteren als nur lokalen oder nationalen Bezügen
angesprochen wird, werden die Einzelnen zum Spielball von Anreizen, Verführungen
und Belustigungen. So erfährt sich das Ich als ein affektives Wesen, das auf
Verstärkungen angewiesen und Stimmungen ausgesetzt ist. Dieses Ich ist
schreckhaft und schweigsam, wenn es sich allein gelassen fühlt, und es blüht auf
und findet Anklang, wenn es glauben kann, dass viele andere auch so denken und
fühlen wie es selbst."

Die gesellschaftliche Stimmung, so kann man Bude lesen, ist volatiler geworden,
weil die Individuen anfälliger für Stimmungen geworden sind. Im Zeitalter der
Infosphäre ticken immer mehr Menschen so, als seien sie Hugo von Hofmannsthal,
den Bude seinem Buch als Motto - und gleichsam als dichterischen Gewährsmann für
nervösen Dauerempfang - vorangestellt hat: "Er kann nichts auslassen. Keinem
Wesen, keinem Ding, keinem Phantom, keiner Spukgeburt des menschlichen Hirns
darf er seine Augen verschließen. Es ist, als hätten seine Augen keine Lider
In ihm muss und will alles zusammenkommen. Er ist es, der in sich die Elemente
der Zeit verknüpft." Ob es einer Gesellschaft guttut, wenn sie sich im
Informationszeitalter permanent die Stimmung misst, ist eine müßige Frage, die
auch Bude nicht beantwortet. Wir leben in keiner anderen Gesellschaft.

Heinz Bude: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen. Hanser, München.
160 S., 18,90 .

UPDATE: 12. März 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Stimmung kann schon mal mit einem durchgehen: Bei der Feier zum WM-Titel 2014
besangen die deutschen Fußballer die unterlegenen Argentinier mit dem
Schmach-Song: "So gehen die Gauchos!"
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Die Welt

Samstag 19. März 2016

Fünf sonnige Aussichten;


Die Reiselust der Deutschen reißt kaum ab - doch ihre Sommerziele haben sich
verschoben

AUTOR: Maria Menzel

RUBRIK: REISE; Reise Ausg. 67

LÄNGE: 1549 Wörter

Eines scheint am Ende der Frühbuchersaison für den Sommer 2016 sicher: Die
Reiselust der Deutschen bleibt auch in Zeiten von Terror und politischen Krisen
ungebrochen. Bei einer aktuellen Umfrage des Buchungsportals Holidaycheck
zeigten sich 76 Prozent zwar verunsichert von den Terroranschlägen in Tunesien,
Paris, Ägypten und Istanbul, nur einer von fünf Befragten aber würde deswegen
grundsätzlich auf eine Flugreise verzichten.

Bleibt also alles beim Alten? Keineswegs. Während die Klassiker sowohl unter den
deutschen Urlaubsregionen als auch unter den Fernzielen in Amerika, Asien und
der Karibik mit konstanten oder sogar steigenden Buchungszahlen aus Deutschland
rechnen dürfen, zeichnet sich bei den Nahzielen eine deutliche Verschiebung von
Nordafrika und dem östlichen ins westliche Mittelmeer ab. Die großen Verlierer
am Ende der Frühbucherphase: Tunesien, Ägypten und auch die Türkei. Dem
Präsident des Deutschen Reiseverbands, Norbert Fiebig, zufolge sind die
Buchungen für diese Destinationen um 40 Prozent oder sogar mehr eingebrochen -
und das trotz Dumpingpreisen, mit denen Hoteliers, Fluggesellschaften und
Reiseveranstalter längst versucht hatten, die Kontingente an den Mann zu
bringen.

Dabei hat Tunesien mit elf Prozent den größten Preisverfall zu verzeichnen.
Holidaycheck zufolge kosten Flug, Hotel und Verpflegung den Urlauber dort
aktuell nur noch durchschnittlich 57 Euro pro Kopf und Tag. Auch in Ägypten und
der Türkei liegen die Preise mit 72 und 73 Euro deutlich unter dem
Vorjahresniveau.

Doch auch in den Ländern, in die viele Urlauber nun ausweichen, sind die Preise
nicht unbedingt gestiegen. Bulgarien beispielsweise hält sich - wohlgemerkt im
Gegensatz zu Spanien - trotz großem Zulauf für die Sommersaison auf Rang zwei
unter den günstigsten Pauschalreisezielen. Idealo.de-Sprecherin Susan Saß
zufolge liegt das unter anderem an einer erhöhten Konkurrenz im Hotelmarkt.

Der Auftakt einer Trendverlagerung? "Eher nicht", sagt Prof. Dr. Ulrich
Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen. Der wichtigste Aspekt bei der
Wahl eines Urlaubsziel sei die Sicherheit. Zwar würden 2016 weniger Touristen
die Türkei, Tunesien und Ägypten besuchen als zuvor. "Sobald sich die Lage dort
beruhigt, werden die, die vorher regelmäßig dort Urlaub gemacht haben, dies aber
auch wieder tun."
Auch DRV-Sprecher Torsten Schäfer hält sich mit einer abschließenden Beurteilung
zurück: "Es gibt noch keine Gewinner oder Verlierer, das können wir erst im
Oktober sagen." In einem Punkt aber sind sich Reiseveranstalter, Verbände und
Analysten schon jetzt einig: Von der aktuellen Krise profitieren im Sommer 2016
vor allem die Länder, die sich bei den deutschen Urlaubern sowieso schon großer
Beliebtheit erfreuen.

1. Spanien

Spanien ist der größte Profiteur der Krise. Vor allem die Balearen und die
Kanaren erfahren derzeit auf der Suche nach Sorglos-Destinationen einen sehr
hohen Zulauf. Beim Vergleichsportal Check24 lag die Zahl der Buchungen für
Spanien im Januar 19 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Fuerteventura
verzeichnete einer Analyse des Datenspezialisten Trevotrend zufolge sogar ein
Plus von 59 Prozent bei den Buchungsanfragen und ist mit einem Marktanteil von
23 Prozent damit die am stärksten nachgefragte Destination auf der Nahstrecke.
Der Reiseveranstalter Tui spricht gar von einem bevorstehenden Spanien-Jahr. Wer
gedenkt, seinen Sommerurlaub auf den Kanaren oder den Balearen zu verbringen,
sollte allerdings nicht mehr allzu lange warten mit dem Buchen - es wird voll.

Wettergarantie **** Je nach Region liegen die Temperaturen in Spanien am Tag


zwischen 17 und 27 Grad Celsius. 60 Prozent Sonnenstunden und ein mittleres
Niederschlagsvolumen von 59 Millimetern dürften sonnenhungrige Urlauber auf ihre
Kosten bringen.

Preis Zwei Personen im DZ mit Flug und sieben Übernachtungen im


Drei-Sterne-Hotel kosten idealo.de zufolge 1606 Euro bzw. 2768 Euro im
Fünf-Sterne-Haus.

Günstigster Buchungszeitpunkt Einer Analyse von Skyscanner zufolgeliegt der


günstige Buchungszeitpunkt für eine Reise nach Spanien elf Wochen vor Abflug.
Wer also Anfang August möglichst günstig ins Warme fliegen möchte, sollte
bereits Mitte Mai buchen.

2. Italien

Auch Italien profitiert als Klassiker unter den europäischen Reisezielen der
Deutschen zusätzlich von der aktuellen Situation. Die Buchungen liegen klar im
Plus; vor allem für die Lieblinge unter den Urlaubsregionen - die Adria, den
Gardasee, Südtirol, Venetien, die Lombardei und die Toskana. Das verdankt
Italien nicht zuletzt seinem klimatischen Facettenreichtum, der sich vom sehr
heißen Süden bis in den auch im Hochsommer mediterran milden Norden erstreckt,
der sich vor allem bei Autourlaubern großer Beliebtheit erfreut.

Wettergarantie *** Bis zu 28 Grad Celsius, 57 Prozent Sonnenstunden: So sieht


mediterranes Leben aus - zumindest im Durchschnitt. Zwar liegt die landesweite
Niederschlagswahrscheinlichkeit mit 106 Millimetern relativ hoch. Sonnenanbeter
haben aber vor allem in südlicheren Gefilden wie Sizilien und auch Rom in den
Hochsommermonaten Juni bis August wahrlich nichts zu befürchten.

Preis Zwei Personen im DZ mit Flug und Unterkunft im Drei-Sterne-Haus 1760


Euro bzw. 3216 Euro im Fünf-Sterne-Haus.

Günstigster Buchungszeitpunkt Acht Wochen vor Abflug / Anfang, Mitte Juni

3. Griechenland

An Griechenland scheiden sich in diesen Zeiten die touristischen Geister. So


sind die Buchungen für die Insel Lesbos, auf der seit Monaten syrische und
afghanische Flüchtlinge stranden, um 90 Prozent eingebrochen. Auch für Chios,
Samos, Kos und Leros werden massive Buchungsrückgänge erwartet. So extrem wie
vor fünf Monaten ist die Situation allerdings längst nicht mehr. Die
Flüchtlingszahlen sind seither zurückgegangen, auch wird man des Zustroms
mittlerweile besser Herr. Das Land, in dem der Tourismus ein Viertel zur
Wirtschaftsleistung beisteuert, verzeichnete Tourismusverbandschef Andreas
Andreadis zufolge insgesamt sogar ein Buchungsplus von zwei bis drei Prozent.
Auch die deutschen Reiseveranstalter sehen Griechenland vor einer starken
Sommersaison. Tui verzeichnet für den deutschen Markt derzeit ein Buchungsplus
von stattlichen zwölf Prozent im Vergleich zum Vorsommer mit besonders hohen
Zuwächsen auf Kreta und Korfu sowie auf dem griechischen Festland. "Was das
Thema Flüchtlingsrouten betrifft, wissen die Urlauber offenbar zwischen den
einzelnen griechischen Zielen zu unterscheiden", hieß es vonseiten des
Unternehmens. Auch Thomas Cook spricht von "guten Wachstumsraten".

Wettergarantie ***** Gerade im August ist Griechenland heiß und extrem


sonnensicher. Während die Temperatur bis Mai und ab Oktober wesentlich niedriger
liegen, die Regenwahrscheinlichkeit dafür umso höher ist, ist das Wetter in den
Sommermonaten mit 18 bis 29 Grad Celsius Tagestemperatur, fast 90 Prozent
Sonnenstunden und nur 18 Millimeter Niederschlag ein Garant für Badeurlaub.

Preis Zwei Personen im DZ mit Flug und Unterkunft im Drei-Sterne-Haus 1700


Euro bzw. 4724 Euro im Fünf-Sterne-Haus.

Günstigster Buchungszeitpunkt Neun Wochen vor Abflug / Mai, Anfang Juni

4. Bulgarien

Hinsichtlich der Zuwächse gibt es einen eindeutigen Gewinner unter den


Sommerurlaubszielen 2016: Warna, mit 330.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt
des Landes. Gelegen am Schwarzen Meer, verzeichnete sie Trevotrend zufolge mit
67 Prozent europaweit das stärkste Plus gegenüber 2015. Aber auch insgesamt hat
Bulgarien bei den Buchungen zugelegt. Bislang gebe es ein Plus von fünf Prozent.
Im vergangenen Jahr kamen insgesamt 620.000 deutsche Gäste nach Bulgarien - nach
Rumänen und Bulgaren die drittgrößte Besuchergruppe. Was die Kapazitäten
anbelangt, sei man für den Ansturm gewappnet: "Unsere Tourismusindustrie ist
bereit, alle Touristen willkommen zu heißen", sagte Tourismusministerin Nikolina
Angelkova.

Wettergarantie **** Mit 14 bis 25 Grad gibt sich der August zwar etwas kühler,
dürfte damit aber vor allem bei denjenigen Anklang finden, die die allzu
hochsommerliche Hitze meiden und doch nicht auf das Sonnenbaden verzichten
möchten. Denn mit 64 Prozent Sonnenstunden und einer mittleren
Niederschlagsmenge von 53 Millimetern zeigt sich Bulgarien im Schnitt sonst von
einer sommerlich soliden Seite.

Preis Zwei Personen im DZ mit Flug und Unterkunft im Drei-Sterne-Haus 1382


Euro bzw. 1788 Euro im Fünf-Sterne-Haus.

Günstigster Buchungszeitpunkt Acht Wochen vor Abflug / Anfang, Mitte Juni

5. Kroatien

Betrachtet man die Frühbuchersaison 2016, so verzeichnen deutsche


Reiseveranstalter wie Tui und Thomas Cook auch für Kroatien "überproportionale"
Steigerungsraten in puncto Gästezahlen. Immerhin zwei von 100 Deutschen, die die
Stiftung für Zukunftsfragen befragt hatte, gaben an, ihren Haupturlaub 2016 dort
verbringen zu wollen.
Wettergarantie *** Auch wenn die Niederschlagswahrscheinlichkeit mit 109
Millimetern relativ hoch und die Temperaturen im Landesdurchschnitt
verhältnismäßig niedrig sind: Vor allem an der südlichen kroatischen Riviera, an
die es ohnehin die meisten zieht, dürfen Urlauber sich im Juli und August über
relativ beständige Sonnentage mit bis zu 30 Grad Celsius freuen.

Preis Zwei Personen im DZ mit Flug und Unterbringung im Drei-Sterne-Haus 1787


Euro bzw. 2830 Euro im Fünf-Sterne-Haus.

Günstigster Buchungszeitpunkt Acht Wochen vor Abflug / Anfang, Mitte Juni

UPDATE: 19. März 2016

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Die Welt

Dienstag 22. März 2016

Auch die Bundesländer sollen in Griechenland helfen;


Gewerkschaft der Polizei rechnet damit, dass rund 600 deutsche Beamte benötigt
werden, um das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei durchzusetzen

AUTOR: Manuel Bewarder

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 4 Ausg. 69

LÄNGE: 727 Wörter

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat die Bundesländer aufgefordert, sich an
der geplanten Hilfe für Griechenland zu beteiligen. Der stellvertretende
GdP-Vorsitzende Jörg Radek sagte der "Welt": "Ich appelliere an den
Bundesinnenminister, dass er die Bundesländer schnell ins Boot holt."

Bei der Sicherung der EU-Außengrenze und bei der Rückführung illegaler Migranten
in die Türkei handele es sich um Gemeinschaftsaufgaben. "Wenn jetzt von 200
Polizeibeamten vor Ort die Rede ist, dann brauchen wir de facto insgesamt 600
Beamte, die abwechselnd in Griechenland eingesetzt werden können", erklärte
Radek.

Der GdP-Vize fügte hinzu: "In der Vergangenheit bestand Einvernehmen, dass
internationale Missionen von Bund und Ländern gemeinsam getragen werden." Die
Gewerkschaft sieht vor allem Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) in
der Pflicht: "Er wollte Grenzkontrollen, hat aber auch kein Personal übrig für
einen Grenzschutz - und zwar an der EU-Außengrenze in Griechenland", erklärte
Radek.

Nach Einschätzung des Chefs der Innenministerkonferenz, des saarländischen


Ministers Klaus Bouillon (CDU), ist absehbar, dass auch die Länder Beamte nach
Griechenland schicken. Bisher sei im Saarland noch keine Anfrage des Bundes
eingegangen. Er rechne aber damit, sagte Bouillon. Dann werde sich auch das
Saarland mit "einem kleinen Kontingent" beteiligen.

Laut einem Schreiben der Innenminister Deutschlands und Frankreichs an die


EU-Kommission, das unter anderem der "Welt" vorliegt, haben sich Thomas de
Maizière (CDU) sowie Bernard Cazeneuve bereit erklärt, nach Griechenland
zusätzliche Experten für die Grenzsicherung, das Asylverfahren und für die
Umsetzung von Rückführungen bereitzustellen. Dabei handelt es sich um bis zu 200
Polizeibeamte. Außerdem bieten die Minister jeweils 100 Asylfachleute an, die
bei der Bearbeitung von Anträgen helfen, in Deutschland aus dem Bundesamt für
Migration und Flüchtlinge (BAMF). Das deutsch-französische Angebot deckt etwa
ein Viertel des Bedarfs, den die EU-Kommission errechnet hat, um die
beschleunigte Rückführung von Migranten in die Türkei praktisch umzusetzen.

"Dies ist angesichts der aktuellen Lage in Griechenland geboten und ein
besonderer Ausdruck der europäischen Solidarität", schreiben die beiden
Minister. Sie äußern die Hoffnung, "dass sich viele Mitgliedsstaaten unserem
Beispiel anschließen werden". Beide weisen darauf hin, dass sie auch bei der
Versorgung von Flüchtlingen in Griechenland helfen. So hat Deutschland
Hochleistungspumpen für die Trinkwasserversorgung von Flüchtlingen
bereitgestellt.

Die Sprecherin für Innere Sicherheit der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene


Mihalic, äußerte Bedenken zu dem geplanten Einsatz: "Die Bundespolizei ist
aktuell an der Belastungsgrenze", sagte die Innenexpertin dieser Zeitung. "Der
Innenminister wird erklären müssen, wie er angesichts der angespannten
Personalsituation mehrere Hundert weitere Stellen bereitstellen kann. Es wäre
fatal, wenn das auf Kosten weiterer Überstundenberge oder gar der
Sicherheitslage im Land gehen würde."

Die EU-Kommission will in den nächsten beiden Wochen mehr als 4000 Beamte aus
Griechenland, den Mitgliedsstaaten und EU-Behörden mobilisieren, um die
Vereinbarungen mit der Türkei umzusetzen, die am Sonntag in Kraft traten. Die
Mitgliedsstaaten sollen 2400 Beamte abstellen, so die Zeitung unter Berufung auf
ein Planungsdokument der Kommission.

De Maizière nannte die Umsetzung des EU-Türkei-Abkommens eine "gewaltige


logistische Herausforderung". Deutschland werde dabei helfen, diese
Herausforderung zum Erfolg zu führen, sagte de Maizière am Montag in Berlin.
Jetzt komme es darauf an, die Beschlüsse der Staats- und Regierungschefs schnell
umzusetzen. Das Ziel bestehe darin, den Schleusern das Geschäft wegzunehmen.
"Das geht nur dann, wenn tatsächlich auch diejenigen, die jetzt auf die Inseln
nach Griechenland kommen, zurückgeschickt werden in die Türkei", sagte er. Die
EU und die Türkei hatten am Freitag vereinbart, dass alle ab dem 20. März in
Griechenland ankommenden Flüchtlinge zurückgeschickt werden. Zuvor müssen diese
aber registriert und ihre Asylanträge aufgenommen werden. Im Gegenzug will die
EU der Türkei bis zu 72.000 syrische Flüchtlinge in einem geordneten Verfahren
direkt abnehmen. Wie groß der deutsche Anteil an diesem Kontingent sein wird,
steht noch nicht fest.

UPDATE: 22. März 2016

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Die Welt

Montag 4. April 2016

In Bergkarabach prallt Putins Ego auf Erdogans Muskelspiel;


Zwischen Aserbaidschan und Armenien eskaliert die Lage so heftig wie zuletzt vor
dem Waffenstillstand von 1994. Moskau rüstete beide Länder mit Waffen aus

AUTOR: Julia Smirnova

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 7 Ausg. 78

LÄNGE: 812 Wörter

Moskau

Eingefrorene Konflikte - das klingt beruhigend, fast harmlos. Doch der


Artilleriehagel in Bergkarabach führte in der Nacht zu Samstag vor Augen, wie
dünn und brüchig dieses Eis sein kann. Mindestens 30 Soldaten kamen bei den
Gefechten in der von Armenien und Aserbaidschan umkämpften Region ums Leben.

Es gibt Berichte über tote und verletzte Zivilisten. Das ist die schärfste
Eskalation seit 1994, als sich die beiden Länder auf einen Waffenstillstand
einigten. Am Sonntag erklärte das aserbaidschanische Verteidigungsministerium,
Baku habe nach internationalen Appellen beschlossen, eine einseitige Feuerpause
auszurufen. Sollte es allerdings "Provokationen" von der armenischen Seite
geben, dann werde von Aserbaidschan eine "harte Antwort" folgen, und die
Offensive werde fortgesetzt.

Ist die blutige Episode damit beendet? Darauf sollte man sich nicht verlassen.
In der letzten Zeit schaukelte sich der Konflikt zwischen Armenien und
Aserbaidschan im Schatten der großen Weltkrisen immer weiter hoch. Die Lage in
Bergkarabach bleibt sehr labil. Und eine Eskalation zu einem echten Krieg hätte
verheerende Folgen für die ganze Region im Südkaukasus und im benachbarten Nahen
Osten. Die schlimmstmögliche Wendung wäre eine direkte Verwicklung der
Nachbarländer, denn dann droht angesichts der Spannungen zwischen Russland und
der Türkei ein Stellvertreterkrieg.
In den letzten Jahren hat das ölreiche Aserbaidschan seine Armee kräftig
aufgerüstet. Laut dem letzten Bericht des Stockholmer internationalen
Friedensforschungsinstituts (Sipri) sind die aserbaidschanischen Waffenimporte
zwischen 2010 und 2015 um 217 Prozent gestiegen. Den Großteil der Waffen - unter
anderem moderne Panzer vom Typ T-90S, Luftabwehrsysteme und
Mehrfachraketenwerfer sowie Kampfhubschrauber - kaufte Baku in Russland. Auf der
anderen Seite rüstete Moskau auch Armenien zu günstigeren Konditionen aus und
stellte dem Land sogar einen Kredit von 200 Millionen Dollar für den Kauf
russischer Waffen zu Verfügung.

Die erhöhte Konzentration von schweren Waffen macht die Krisenregion zunehmend
zu einem Pulverfass. Seit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens 1994
war es in Bergkarabach nie wirklich friedlich. Immer wieder gab es
Schusswechsel. Doch in den letzten zwei Jahren haben sich solche Zwischenfälle
gehäuft. Beunruhigend war, dass dabei auch Artillerie zum Einsatz kam. Bei jeder
Eskalation haben Baku und Eriwan sich wie am Samstag gegenseitig die Schuld
zugewiesen. Die Wirtschaftskrise in den beiden Ländern dürfte zu der Steigerung
der militanten nationalistischen Rhetorik beigetragen haben. Nicht selten wird
die Waffenruhe vor wichtigen politischen Gesprächen gebrochen. Auch jetzt waren
der armenische Präsident Sersch Sargsjan und der aserbaidschanische Präsident
Ilham Alijew kurz vor den Gefechten gleichzeitig in Washington beim
Nukleargipfel. Ein bilaterales Treffen fand nicht statt, doch sie sprachen beide
am Freitag mit dem US-Vizepräsidenten Joe Biden.

Im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan kommt der von der OSZE
beaufsichtigte Friedensprozess seit Jahren nicht voran. Nach dem Zerfall der
Sowjetunion kostete der Krieg rund 30.000 Menschen das Leben. 1994 wurde er ohne
einen Friedensvertrag auf Eis gelegt, eine Lösung ist bis heute nicht in Sicht.
International gilt Bergkarabach weiter als Territorium Aserbaidschans. Beide
Seiten bleiben unnachgiebig, die Minsk-Gruppe hat bei den Verhandlungen keine
Erfolge zu verzeichnen. Das führt zu Frustration, Enttäuschung und im
schlimmsten Fall zu der Annahme, dass man mit militärischen Mitteln mehr
erreichen könne. Russland hat parallel versucht, im Konflikt zu schlichten,
scheiterte jedoch ebenfalls. Zuletzt hat sich der Iran als Vermittler angeboten.

Der Streit zwischen Russland und der Türkei nach dem Abschuss des russischen
Militärflugzeugs an der türkisch-syrischen Grenze hat die Lage im Südkaukasus
noch heikler gemacht. Die Türkei ist ein traditioneller Verbündeter
Aserbaidschans. Die türkischen Beziehungen zu Eriwan dagegen sind historisch
belastet durch den Völkermord an den Armeniern 1915, den Ankara bis heute nicht
anerkennt. Die Türkei hält die Grenzen zu Armenien geschlossen. Nach der
Eskalation am Samstag hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan
Aserbaidschan seine Unterstützung "bis zum Ende" versprochen.

Für Russland ist dagegen Armenien ein enger Verbündeter. Das Land ist Mitglied
in der von Russland angeführten Organisation des Vertrags über kollektive
Sicherheit sowie der Eurasischen Union. Russland hat dort seine Militärbasis und
stärkt Eriwan im Bergkarabach-Konflikt den Rücken. Sollte sich aus der aktuellen
Eskalation ein neuer Krieg entwickeln, würde das die Lage enorm gefährlich
machen. Die jüngsten Gefechte sprechen auch dafür, dass niemand die Lage im
Südkaukasus vollständig unter Kontrolle hat. Auch Moskau nicht.

UPDATE: 4. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Die Welt

Samstag 9. April 2016

Obamas kleiner Bruder;


Jung, linksliberal und ein halbes Jahr im Amt: PremierministerJustin Trudeau
verschafft Kanada ein neues Politikgefühl - und viele neue Schulden

AUTOR: Uwe Schmitt

RUBRIK: FORUM; Porträt; S. 2 Ausg. 83

LÄNGE: 1109 Wörter

An der Seite Amerikas zu liegen, erklärte Premierminister Trudeau seinen


amüsierten Gastgebern in Washington, sei, "wie neben einem Elefanten zu
schlafen: Ganz gleich, wie freundlich und ausgeglichen das Biest ist, wenn ich
es so nennen darf, man achtet auf jedes Zucken und Grunzen." Weder an Gewicht
und Wucht der Vereinigten Staaten noch an der Empfindlichkeit des Nachbarn hat
sich etwas geändert, seit Pierre Trudeau (1919 - 2000) vor 47 Jahren die
gemischten Gefühle der Kanadier beschrieb. Seinem ältesten Sohn Justin, der ihm
im November vergangenen Jahres im Amt nachfolgte, ist ein ähnliches Sprachtalent
eigen. So bot er scherzhaft Trump-Flüchtlingen Asyl in Kanada an. Und auf die
Frage, warum sein Kabinett zur Hälfte aus Frauen bestehe, sagte er knapp: "Weil
wir 2015 haben." Pointen-Sicherheit wird Justin Trudeau, 44, brauchen: Kanada
wurde wirtschaftlich schwer getroffen, als der Ölpreis absackte. Und die
Geräusche des Elefanten im Wahljahr lassen unruhige Zeiten erwarten.

Die guten Nachrichten über Justin Trudeau zuerst: Nie zuvor haben sich die eher
kühlen Kanadier für einen neuen Regierungschef auf so amerikanische Weise
begeistert. Wenige hatten es nach einem Jahrzehnt konservativer Dominanz in
Ottawa ausgerechnet Trudeau zugetraut, Kanada in ein Obama-Fieber zu versetzen.
Politische Dynastien in der Art der Bushs und Clintons sind unbekannt; Politik
in dem riesigen Flächenland mit seinen gerade 35 Millionen Einwohnern ist ein
mühsames, graues Ringen um regierungsfähige Mehrheiten. Und plötzlich stieg ein
junger Kerl in der Liberalen Partei auf, der studierter Lehrer und Ingenieur war
und mehr von Snowboarding verstand als vom Gewerbe seines Vaters - und er meinte
es ernst.

Kameras lieben ihn und seine attraktive Ehefrau Sophie Grégoire Trudeau, die
Mikrofone meinen es nicht gut mit dem beredten, aber leicht lispelnden
Politiker. Eine umso bessere Figur macht der 1,88 Meter große Politiker beim
Benefiz-Boxen (Sieg in der dritten Runde über einen konservativen Senator), bei
Gastauftritten als TV-Schauspieler und in den sozialen Netzwerken, deren Spiel
der gewitzten Einzeiler er beherrscht. Auf dem Höhepunkt der Obama-Verzückung in
Amerika 2008 gelang ihm der knappe Einzug als Oppositionsabgeordneter ins
Parlament, wo er sich als Schattenminister für Jugend und Multikulturalismus
empfahl. Im bilingualen Kanada mit fünf Prozent Ureinwohnern keine Nebensache.

Die Himmelfahrt Barack Obamas zum Präsidenten-Messias muss Justin Trudeau ebenso
beeindruckt haben wie die zwangsläufig folgende Entzauberung. Als Trudeau mit
Gemahlin Mitte März zum ersten offiziellen Besuch eines kanadischen Premiers
seit 19 Jahren in Washington eintraf, zogen US-Medien den schmeichelhaften
Vergleich mit John und Jackie Kennedy. Man beschrieb das herzliche Verhältnis
mit dem zehn Jahre älteren Obama als "bromance", eine Romanze unter Brüdern. Der
amerikanische Präsident selbst spielte den älteren Bruder und rühmte die
"Botschaft von Hoffnung und Wandel" seines Gastes, die gerade den jungen
Kanadiern wieder Optimismus einflöße; er genoss grinsend den Anklang von
Eigenlob.

Betont seriös äußerte sich Trudeau auf eine Frage nach dem Trump-Asyl: Kritik an
Kandidaten stehe ihm nicht zu, selbstverständlich werde er mit jedem Präsidenten
gut zusammenarbeiten, den die US-Amerikaner wählten. Das hätte sein
Amtsvorgänger Stephen Harper wortgleich gesagt, nur auf die Demokraten gemünzt.
Die wenigen bilateralen Streitpunkte sind luxuriös: Seit Jahrzehnten beklagt
Washington, Weichhölzer für den Export würden von Ottawa zu hoch subventioniert.
Glückliche Nachbarn, die solche Probleme haben.

Man sollte sich nicht nur mit den Kürelementen Justin Trudeaus beschäftigen:
Kraulfotos mit Pandas, Bier mit Bono und Leonardo DiCaprio in Davos, der jüngst
zur Sensation stilisierte Yoga-Bauchstand ("Pfau") auf einem Tisch - alles ganz
nett. Doch Trudeau kennt auch die Pflicht. So hatte er im Wahlkampf versprochen
- und die Amerikaner erzürnt - , die Streitkräfte Kanadas so weit wie möglich
aus Kampfhandlungen herauszuziehen. Er lässt das von Washington vorangetriebene
Freihandelsabkommen TTIP einstweilen nur "prüfen". Dafür hat er sein
Versprechen, die reichsten Kanadier "ein wenig mehr Steuern" zahlen zu lassen,
schon umgesetzt. Die übrigen Kanadier würden schon reichlich besteuert, meint er
und findet erwartungsgemäß Beifall bei 90 Prozent der Wähler.

Es ist schmerzfrei, zusammen mit Barack Obama zu geloben, die Arktis zu


schützen, viel härter dagegen, den Kursverfall des kanadischen Dollar
aufzuhalten, der die Lebenshaltungskosten emportreibt. Umgerechnet 20 Milliarden
Euro beträgt die Verschuldung im ersten Haushalt Trudeaus. Kanada brauche
Wachstum, Jobs, Infrastruktur-Investitionen, argumentiert er. Die konservative
Politik, "das Land zum Wohlstand zurückzusparen", sei gescheitert. Naturgemäß
sieht das die Opposition anders. Sie verdammt Trudeaus Politik als "Albtraum",
"katastrophal", "planlos". Der Premierminister habe keine Ahnung, was Kanadas
Wirtschaft antreibe.

Noch sind die Wähler unbeeindruckt: Justin Trudeaus persönliche Umfragewerte


sind mit 57 Prozent auch nach der höheren Staatsverschuldung komfortabel. Die
Konservativen hoffen auf die destruktive Wirkung des Ölsandgeschäfts, das
zurzeit nicht mehr lohnt. Der Preissturz des Rohöls hilft zwar Trudeau, seine
Umweltinitiativen voranzutreiben, zugleich macht sie Provinzen wie Alberta zu
Notstandsgebieten mit enormer Arbeitslosigkeit. Für zwölf besonders bedürftige
Regionen wurde das Arbeitslosengeld angehoben. Eingelöst hat der Premier auch
das bei seiner Amtseinführung gegebene Versprechen, 25.000 syrische Flüchtlinge
bis Ende März in Kanada aufzunehmen. Trudeau empfing im Dezember einige von
ihnen persönlich mitten in der Nacht am Flughafen mit den Worten: "Willkommen zu
Hause."

Einstweilen wird niemand darauf wetten, dass Justin Trudeau Kanada so dauerhaft
prägen wird wie sein Vater. Von 1968 bis 1984, mit einigen Unterbrechungen, war
Pierre Trudeau das narbig-attraktive Gesicht Kanadas. Seine Ehefrau bis 1977,
Justins Mutter, 29 Jahre jünger als der Premier, betörte Anfang der 70er-Jahre
junge Kanadier (und schockierte manche Ältere), als sie sich in der New Yorker
Prominenten-Disco "Studio 54" beim Tanzen fotografieren ließ. Einer First Lady
unwürdig, stöhnten die einen. Die coolste Kanadierin, die je lebte, schwärmten
andere.

Justin Trudeau und Gemahlin setzen die Familientradition fort. Der


Hippie-Familien-Charme 2.0 wird nicht ewig halten. Aber bisher bringen sie die
Kanadier in einen seltenen Genuss: das kostbare Gefühl, von den Amerikanern
ernst genommen zu werden. Vielleicht sogar beneidet.

UPDATE: 9. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: REUTERS/ CHRIS WATTIE


Auch ein halbes Jahr nach Amtsantritt bleibt Justin Trudeau für die meisten
Kanadier ein Mister Sunshine, ein Barack Obama seines Landes und ein Kennedy
zugleich. Ähnlich beliebt ist seine Frau Sophie
Martin U. K. Lengemann
CHRIS WATTIE

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Die Welt

Donnerstag 14. April 2016

Unvermögen und Trallala

AUTOR: Eckhard Fuhr

RUBRIK: TITEL; Kommentar; S. 1 Ausg. 87

LÄNGE: 413 Wörter

Wie oft ist im vergangenen Jubiläumsjahr das Glück der deutschen Einheit
beschworen worden und jene Zuversicht, die doch auch vor den neuen großen
Herausforderungen nötig sei! Nun muss man sich fragen, was solche Reden wert
sind, die von Zynikern ohnehin für heiße Luft gehalten werden. Sicher: Man
braucht kein Einheits- und Freiheitsdenkmal, um Einheit und Freiheit zu
verteidigen. Aber das peinliche Scheitern des Berliner Denkmals wirft doch die
Frage auf, ob eine Nation dazu stark genug ist, wenn sie es noch nicht einmal
schafft, ein Zeichen für das zu setzen, was sie als den Kern ihrer Gemeinsamkeit
betrachtet, und ein Bild zu finden, in dem sie sich selbst feiert.

Glückliche Momente sind in der jüngeren deutschen Geschichte schließlich nicht


so häufig, dass man sie in der in Berlin wahrlich überall präsenten Gedenkkultur
einfach aussparen könnte. Genau dazu kommt es aber jetzt, und das ist bitter. Da
tröstet es auch nicht, dass man in Berlin überall auf Spuren der Einheits- und
Freiheitsgeschichte stößt. Historische Spurensuche ersetzt die Anstrengung aber
nicht, nach neuen ästhetischen Ausdrucksformen des Gedenkens zu suchen.

Schuld an diesem Scheitern sind viele. Die Politiker stehen beim Versieben
diesmal nicht in der ersten Reihe. Es sind die Künstler, die darin versagten,
das Gute in der deutschen Geschichte ästhetisch zu bearbeiten. Nun gut, wir
leben in postheroischen und postpathetischen Zeiten. Da haben es
Denkmalarchitekten nun einmal schwer. Aber was in den beiden Wettbewerben an
Entwürfen präsentiert wurde, das war zum allergrößten Teil schlicht
indiskutabel. Der mutige Beschluss des Bundestages, ein Einheitsdenkmal in der
Mitte Berlins zu bauen, fand in der Künstler- und Architektenszene ein Echo aus
Unernst, Unvermögen und Trallala.

Der größte Fehler der Kulturpolitiker war, dass sie aus lauter Angst, sich vor
dem Feuilleton zu blamieren, am Ende der pseudoavantgardistischen
"Einheitswippe" den Vorzug vor einem figürlich-schlichten Entwurf Stephan
Balkenhols gaben. Ein kniender Mann auf dem Sockel des alten wilhelminischen
Reiterstandbildes hätte nicht nur ein schönes Bild von Demut, innerer Sammlung
und Zuversicht gegeben, sondern auch keine Kostenexplosion verursacht.
Vielleicht errichten in 30 Jahren syrische Einwanderer ein Denkmal, mit dem sie
ihre Rettung und Freiheit feiern und ganz nebenbei die eingesessenen Deutschen
daran erinnern, dass sie sich selbst auch einmal gerettet und befreit haben.

UPDATE: 14. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Die Welt

Samstag 16. April 2016

Undifferenzierte Akademisierung

AUTOR: Jörg Krämer; Marco Wagner

RUBRIK: WIRTSCHAFT; Gastbeitrag; S. 13 Ausg. 89

LÄNGE: 795 Wörter

Der Fachkräftemangel ist nicht nur ein Ärgernis für einzelne Unternehmen,
sondern entwickelt sich zum Bremsklotz für die gesamte Wirtschaft. Für drei von
vier Betrieben stellt er ein Investitionshemmnis dar. Fast 40 Prozent der Firmen
sehen im Mangel an qualifizierten Bewerbern ein Risiko für die wirtschaftliche
Entwicklung. Der Fachkräftemangel ist vor allem ein Facharbeitermangel. Es
fehlen überwiegend Arbeitskräfte, die eine Lehre absolviert haben. Schließlich
haben die Unternehmen 60.000 unbesetzte Facharbeiter-Stellen gemeldet, während
es bei Stellen für Akademiker nur 12.000 sind. Außerdem stehen nur rund 80
arbeitslose Facharbeiter für 100 offene Stellen zur Verfügung - bei Akademikern
sind es mit 170 Arbeitslosen mehr als doppelt so viele.

Der Fachkräftemangel wird sich in Zukunft verschärfen, weil bis 2027 jährlich
225.000 Facharbeiter in Rente gehen und die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter
schrumpft. Daran dürfte die Masseneinwanderung des Jahres 2015 wenig ändern, da
die Vorbildung der Migranten niedrig ist - abgesehen von einer schmalen Schicht
gut Ausgebildeter. So können zwei Drittel der syrischen Schulabgänger kaum
schreiben und rechnen.

Der Fachkräftemangel ist nicht nur demografisch bedingt. Vielmehr ist er auch
hausgemacht. Das fängt in der Schule an, wie die Pisa-Studie 2012 zeigt: Fast
jedem fünften Schulabgänger fehlen in Deutschland die Basiskenntnisse im Rechnen
und jedem Sechsten im Lesen. Diese Zahlen sind erschütternd. Nicht von ungefähr
klagen 44 Prozent der Betriebe über mangelnde mathematische Fähigkeiten der
Schulabgänger und lassen zunehmend Lehrstellen wegen der mangelnden
Ausbildungsfähigkeit der Bewerber unbesetzt.

Ein vielleicht noch größeres Problem ist die undifferenzierte Akademisierung. In


den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Studienanfänger von rund 350.000
auf nun über 500.000 pro Jahr angeschwollen. Dagegen ist die Zahl derjenigen,
die eine Berufsausbildung anfangen, seit 2007 kontinuierlich gesunken. Seit 2013
beginnen mehr junge Menschen ein Studium als eine betriebliche Ausbildung.
Dagegen wäre wenig einzuwenden, wenn die Studenten erfolgreich wären. Aber
mittlerweile bricht jeder dritte Universitätsstudent bereits sein
Bachelorstudium ohne Abschluss ab. Deutschland hat nach Österreich und Slowenien
die dritthöchste Abbrecherquote im Euro-Raum. Das ist nicht nur ökonomisch eine
Verschwendung, sondern demotiviert junge Menschen, die später beruflich oft
nicht mehr Fuß fassen.

In Deutschland hat sich ein System etabliert, das zu vielen Schulabgängern


suggeriert, an einer Hochschule studieren zu können, statt zunächst mit einer
Berufsausbildung Erfahrung zu sammeln und eine solide Basis für eine berufliche
Entwicklung zu legen. Diese undifferenzierte Akademisierung sollte im Interesse
der jungen Menschen und der Gesellschaft beendet werden.

Erstens muss die Noteninflation beim Abitur aufhören. Allein zwischen 2006 und
2013 ist der Anteil der Abiturzeugnisse mit der Note "sehr gut" um 20 Prozent
auf fast ein Viertel gestiegen. Die guten Abiturnoten gaukeln zu vielen jungen
Menschen vor, für ein Hochschulstudium geeignet zu sein. Ein qualitativ
aufgewertetes Abitur mit realistischeren Abschlussnoten würde besser Chancen und
Grenzen aufzeigen. Hilfreich wären auch mehr Eingangsprüfungen an den
Universitäten, um sicherzustellen, dass Studienanfänger das nötige
Grundlagenwissen mitbringen.

Zweitens brauchen wir mehr Alternativen zum reinen Hochschulstudium. Leider


führen Mischformen zwischen betrieblicher Ausbildung und Studium noch immer ein
Schattendasein. So entscheiden sich nur vier Prozent der Studienanfänger für ein
Duales Studium, das Berufsausbildung und Studium verbindet. Kaum bekannt ist das
Triale Studium, das sich durch eine Ausbildung zum Gesellen, die Weiterbildung
zum Handwerksmeister und das betriebswirtschaftliche Bachelor-Studium
"Handwerksmanagement" auszeichnet.
Drittens braucht die berufliche Ausbildung ein besseres Image. Politiker und
Eltern sollten aufhören, Jugendlichen undifferenziert ein Hochschulstudium als
das "einzig Wahre" nahezulegen. Für viele Jugendliche sind Alternativen wie die
berufliche Ausbildung oder die Kombination von Ausbildung und Studium
geeigneter. Junge Menschen müssen wissen, dass es ein Kontinuum an
Ausbildungswegen zwischen Lehre und Master gibt. Politiker, Unternehmer und
Manager sollten das häufiger öffentlich sagen und an Beispielen belegen. In
einer alternden Gesellschaft ist Fachkräftemangel nicht komplett vermeidbar.
Aber das Problem lässt sich merklich lindern - durch eine höhere Qualität der
Schulbildung und ein Zurückdrängen der undifferenzierten Akademisierung.

Dr. Jörg Krämer ist Chefvolkswirt und Dr. Marco Wagner Volkswirt im Economic
Research der Commerzbank

UPDATE: 16. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: Pavel Becker


Pavel Becker

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Die Welt

Donnerstag 28. April 2016

"Schicken Sie die Rechnung an die Stadt";


In Düsseldorf soll eine Unterkunft für Flüchtlinge gebaut werden. Die Anwohner
fühlen sich überrumpelt, halten aber still

AUTOR: Henryk M. Broder

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 5 Ausg. 99

LÄNGE: 1449 Wörter

Düsseldorf

Es muss so um den 13. März herum gewesen sein, erinnert sich Svetlana P., da
fand sie in ihrem Briefkasten ein Flugblatt, dessen Inhalt sie "in Angst und
Panik" versetzte. Die Stadt Düsseldorf, hieß es da, habe "den Bau eines
Flüchtlingsheimes mit Unterbringungsmöglichkeiten für bis zu 500 Flüchtlinge an
der Ecke Ickerswarder/Münchner Straße" beschlossen. Eine
"Informationsveranstaltung für die Anwohner" solle stattfinden, allerdings "erst
Mitte/Ende April 2016".
Es sei aber fraglich, "inwiefern zu diesem Zeitpunkt eine Einflussnahme noch
möglich sein wird", hieß es weiter. Dabei gehe es "nicht um ein Verhindern
dieses Vorhabens, sondern um einen konstruktiven Austausch zwischen der Stadt
Düsseldorf und den zahlreichen betroffenen Anwohnern", denn: "Die Anzahl von bis
zu 500 Personen erscheint einer Gruppe von Anwohnern zu hoch."

Das Flugblatt war anonym, niemand zeigte sich für den Inhalt verantwortlich.
"Kein Wunder", sagt Svetlana P., die mit ihrer Familie in unmittelbarer Nähe des
geplanten Flüchtlingsheimes lebt, "kein Mensch möchte etwas gegen Flüchtlinge
haben und in die rechte Ecke gestellt werden." Auch ihre Nachbarn seien von der
Aussicht, eine Wohnanlage für mehrere Hundert Flüchtlinge vor die Nase gesetzt
zu bekommen, wenig angetan, würden aber lieber "die Klappe halten".

Dabei muss sich Düsseldorf seiner Willkommenskultur nicht schämen. Die Stadt hat
rund 600.000 Einwohner und von Mitte letzten Jahres bis jetzt etwa 6500
Flüchtlinge aufgenommen, also etwas mehr als ein Prozent der Bevölkerung. Aber
auf die Anzahl der Schutzsuchenden kommt es weniger an als auf die Frage, wie
sie über das Stadtgebiet verteilt werden. 2015 wurden zehn Wohnanlagen gebaut,
dieses Jahr sollen sechs bis acht dazukommen. Damit sollen die provisorischen
Unterkünfte, die Zelthallen, Traglufthallen und Turnhallen abgebaut oder ihrem
eigentlichen Verwendungszweck wieder dienen können. "Aber jedes Mal, wenn wir
etwas planen, erleben wir das Gleiche", sagt die Flüchtlingsbeauftragte der
Stadt. "Die Leute sind dafür, dass wir Flüchtlinge aufnehmen, aber bitte nicht
dort, wo sie selber wohnen. Je weiter weg, umso besser."

Bevor Miriam Koch, 50, im Februar vergangenen Jahres zur Flüchtlingsbeauftragten


berufen wurde, war sie hauptamtliche Geschäftsführerin der Grünen im Rat der
Stadt. Dort hat sie gelernt, was ihr heute zugutekommt: aus jeder Situation das
Beste zu machen und nicht aufzugeben, bevor sie ihr Ziel erreicht hat. Nun steht
sie vor etwa 300 besorgten Bürgern, die sie zu einem "Bürgerforum" in die Aula
der Theodor-Heuss-Schule im Ortsteil Wersten eingeladen hat, um mit ihnen über
das Projekt zu diskutieren, vor dem sie bereits in dem anonymen Flugblatt
gewarnt worden sind: die Flüchtlingsunterkunft Ickerswarder/Münchner Straße.

Man habe, sagt Frau Koch, bereits im Jahre 2015 "große Anstrengungen
unternommen, um die Menschen, die zu uns gekommen sind, unterzubringen". Als sie
angefangen habe, seien es 150 "Zuweisungen" monatlich gewesen, im Sommer wurden
es dann 600 und mehr.

Dann holt sie aus: Diese "Herausforderung" habe man "sehr gut geschafft"; auch
wenn die "Balkanroute inzwischen zu ist", seien allein im ersten Quartal des
Jahres 1800 Menschen "neu zu uns gekommen". Deswegen habe der Rat der Stadt den
Bau sechs neuer Anlagen beschlossen; eine "Machbarkeitsstudie" für die
Ickerswalder/Münchner Straße geht von "maximal 500 Plätzen" aus, inzwischen habe
man "die Planung verfeinert" und auf "400 Plätze reduziert". Genau 384. Dabei
sei das Düsseldorfer Modell zum Einsatz gekommen. Familien und Alleinreisende
würden zusammen untergebracht. "Die Familien haben einen eigenen Küchen- und
Sanitärbereich. Die Alleinreisenden müssen sich Küche und Sanitärbereich
teilen." Das Ganze sei "sehr kleinteilig", und das wiederum führe zu einer
"guten sozialen Kontrolle in den Unterkünften". Deswegen gebe es - anders als in
anderen Städten in NRW - so gut wie keine Gewalt oder Kriminalität in den
Unterkünften, alles laufe sehr ruhig ab, "die Polizei bestätigt es". Im ersten
Quartal 2016 habe es "an allen Düsseldorfer Flüchtlingsunterkünften 300
Polizeieinsätze" gegeben. Im gesamten Stadtgebiet käme es an einem Tag zu "400
bis 800 Einsätzen". Wobei Frau Koch ungesagt lässt, um was für Arten von
Einsätzen es sich handelt.

Werden bei der Polizeistatistik für das Stadtgebiet auch die Verkehrsunfälle
mitgezählt, die es in den Flüchtlingsunterkünften nicht gibt? Eigentlich müsste
die Zahl der Einsätze auch ins Verhältnis zu der jeweiligen Population gesetzt
werden. Also 600.000 Düsseldorfer zu etwa 6500 Flüchtlingen. Und dann müsste man
die Statistik schon anders interpretieren. Dann würden die Einsatzzahlen für
"das gesamte Stadtgebiet" und "alle Flüchtlingsunterkünfte" gar nicht mehr so
weit auseinanderliegen, wie es Frau Koch suggeriert.

Die besorgten Einwohner von Wersten sind aber nicht in die Theodor-Heuss-Schule
gekommen, um etwas über das Wesen der Statistik zu lernen. Sie wollen beruhigt
werden. Miriam Koch kommt diesem Bedürfnis weit entgegen. Die Flüchtlinge, sagt
sie, seien eine "sehr heterogene Gruppe, eine bunte Mischung". Da sei ein junger
Mann aus Afrika dabei, der seinen Hauptschulabschluss nachgemacht hat, ein
syrischer Ingenieur genauso wie andere Menschen von Bangladesch über Russland
bis in die Mongolei.

An dieser Stelle wäre die Frage fällig, was Menschen aus Ländern, in denen kein
Krieg herrscht, mit denen "wir" ganz normale diplomatische und wirtschaftliche
Beziehungen unterhalten, als "Flüchtlinge" qualifiziert. Aber die Frage kommt
nicht. Die besorgten Bürger wollen wissen, was sie machen sollen, wenn ihnen ein
Flüchtling mit seinem Fahrrad "ins Auto" fährt. "Schicken Sie die Rechnung an
die Stadt", sagt Frau Koch und erklärt, wie wichtig es ist, dass man sich "auf
Augenhöhe begegnet": "Gemeinsames Kochen, gemeinsame Freizeitaktivitäten, das
ist sehr schön für die, die zu uns kommen, aber es ist auch eine Bereicherung
für uns, weil wir sehr viel über andere Kulturen lernen können."

Ein Bürger, der sich "als Freiwilliger einbringen" und wissen möchte, was er
dafür tun müsste, bekommt von Frau Koch den Rat: "Sie müssen ein polizeiliches
Führungszeugnis haben." Eine Bürgerin, die eben noch vor dem Eingang zum
Schulgebäude ein Plakat hochgehalten hat ("Flüchtlinge ja - Ghettos nein!"),
schüttelt ab und zu den Kopf, sagt aber nichts. Der Bürgeraufstand findet nicht
einmal im Saal statt. Vor einem Jahr waren die Emotionen in Düsseldorf bei so
einer Bürgerversammung hochgekocht.

Von der Theodor-Heuss-Schule bis zu dem Areal an der Ecke Ickerswarder/Münchner


Straße sind es weniger als zwei Kilometer. Das kommunale Gelände am Rande von
Wersten, das demnächst bebaut werden soll, ist etwa so groß wie zwei
Fußballfelder, gegenüber liegt der Stadtteil Himmelgeist. Dessen Infrastruktur
besteht aus einem Hofladen für Obst, Gemüse, Kartoffeln und Südfrüchte, einem
Aldi-Supermarkt, einer Filiale der Düsseldorfer Sparkasse und einem Küchenladen,
eingebettet in ein Ensemble aus Ein- und Mehrfamilienhäusern, das an "Twin
Peaks" erinnert. Eine US-Fernsehserie aus den Jahren 1990 und 1991, die
Kriminal-, Mystery- und Horrorfilm miteinander vermischt.

Die Idylle wäre nicht perfekt ohne eine Gartenkolonie. Der Kleingartenverein
Ickersward e.V., 1976 gegründet, versteckt sich hinter einer Hecke - 139
Parzellen, die man vom vereinseigenen Parkplatz nur über einen Fußweg erreichen
kann. Eine davon gehört Christiane, 50, und Gertrud, 80. Die
Kinderkrankenschwester und ihre Mutter haben das Grundstück vor zehn Jahren von
der Stadt gepachtet.

"Es ist unser Garten Eden, wir verbringen hier jede freie Minute", sagt
Christiane. "Und wir möchten, dass alles so bleibt, wie es ist", sagt Gertrud.
Man kennt sich, man hilft sich gegenseitig, man feiert zusammen. "Wir möchten
nicht, dass hier wildfremde Menschen durchlaufen"; außerdem müsste der Parkplatz
von der Peripherie ins Innere der Kolonie verlegt und dafür das Vereinshaus
aufgegeben werden. "Das wollen wir auch nicht."

Das sind alles kleinliche Bedenken gemessen an der Aufgabe, einigen Hundert
Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf und eine Zukunftsperspektive zu geben. Aber
wie erklärt man Menschen, die sich von der Geschichte überrollt fühlen, dass ihr
kleines Glück nicht in den Rahmen des Düsseldorfer Modells passt, dass sie Opfer
bringen müssen, damit andere eine Chance bekommen? Christiane und ihre Mutter
Gertrud waren bei dem Bürgerforum in der Schulaula nicht dabei. "Was sollen wir
da?", sagt Gertrud. "Es ist doch alles längst beschlossen und entschieden." Wenn
es so weit ist, werden sie ihr kleines Häuschen im Kleingartenverein Ickersward
e.V. aufgeben und sich einen neuen Garten Eden suchen.

UPDATE: 28. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: Henryk M. Broder


Zwei Anwohnerinnen äußern ihre Meinung - vor der Bürgerversammlung im
Düsseldorfer Süden
Henryk M.Broder

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WELT ONLINE (Deutsch)

Mittwoch 13. Januar 2016 9:55 AM GMT+1

Güner Balci;
"Das archaische Frauenbild bedroht uns alle"

AUTOR: Andrea Seibel

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 2740 Wörter

HIGHLIGHT: Autorin Güner Balci kritisiert antiquierten Nationalstolz von


Migranten. Frauenfeindlichkeit von Muslimen sei auch im Islam begründet. Die
Deutschen warnt sie vor zu viel Integrationsoptimismus.

Die Welt: Was haben Sie gedacht, als Sie von den schrecklichen Geschehnissen in
Köln hörten?

Güner Balci: Alles erinnert mich an den Tahrir-Platz in Kairo, wo es ja auch im


Laufe der Rebellion zu unglaublichen Übergriffen gegen Frauen gekommen war. Es
klingt gemein, aber ich fühle mich eigentlich nur bestätigt in dem, was ich seit
Jahren erzähle. Ich hätte nur nicht gedacht, dass das in so einem Ausmaß
passieren könnte, denn vereinzelte Übergriffe gibt es schon lange. Die Polizei
erzählt auch, dass sich die Gewalt nicht nur auf junge westliche Frauen
beschränkt, sondern mittlerweile auch Mädchen mit Kopftuch betroffen sind.

Die Welt: Es gibt Vermutungen über die Täter, aber auch viele Gerüchte.

Balci: Das sind keinesfalls Männer, die als Gastarbeiter oder


Gastarbeiterkinder hier sind. Sie sind wahrscheinlich noch nicht so lange hier.
Und es sind Menschen, die wahrscheinlich irgendwann auch Flüchtlinge waren. Aber
darum geht's gar nicht. Sondern, dass das einfach Männer sind, die ein extrem
archaisches, frauenfeindliches Weltbild mit sich tragen und das auch in ihren
Communitys weiter leben.

Die Welt: Und wie finden Sie die Äußerungen von Frau Reker, die ja in den
sozialen Netzwerken für ziemliche Furore sorgt: Die jungen Frauen sollten
Abstand wahren und bestimmte Plätze meiden. Wird dadurch nicht auch noch die
Frau verantwortlich gemacht?

Balci: Das kann man so sehen, aber geht es nicht eher darum, sich vor solchen
Situationen zu schützen? Was würden Sie denn Ihrer jungen Tochter raten, wenn
die irgendwie auf eine Party gehen will? Ich würde ihr genau dasselbe raten, man
muss mit der Realität umgehen. Natürlich wünschen wir uns alle eine Welt, in der
Frauen ganz unproblematisch jederzeit an jedem Ort sein können, auch alleine und
nachts und auch durchaus im Minirock, aber wir leben leider nicht in so einer
Welt.

Das ist ja auch immer schon in der feministischen Bewegung ein Thema gewesen.
Welche Orte sind die Orte, die besonders gefährlich für Frauen sind? Die sollen
Frauen meiden, da sollen mehr Laternen aufgestellt werden. Da soll mehr Polizei
kontrollieren. Ich finde das nicht verwerflich als Reaktion.

Die Welt: Die Deutschen sind weltoffener geworden, auch wenn sie wissen, dass
die Bilanz der ersten Einwanderung durchwachsen ist. Doch nun haben wir auf
einen Schlag eine Million an fremden Menschen im Land. Eigentlich sind sie
Flüchtlinge, aber sie werden quasi schon als perfekte Einwanderer präsentiert.
Kann das gut gehen?

Balci: Das kann kaum jemand bisher beurteilen. Aber was man auf jeden Fall
sagen muss, ist, dass es ein Unterschied ist, ob man türkische Gastarbeiter hier
hat einwandern lassen oder Menschen aus dem arabischen Raum. Auch wenn sich das
Land heute unter Erdogan islamisiert, war die Türkei lange laizistisch geprägt.
Die Präsenz von Frauen im öffentlichen Raum ist eine völlig andere als in der
arabischen Welt. Von Integration reden wir noch lange nicht. Wir haben ja noch
nicht einmal darüber gesprochen, was die angekommenen Flüchtlinge denken und wie
sie ticken.

Die Welt: Wenn so viele neue Fremde kommen, sind uns die alten Migranten näher,
und auch die fühlen sich deutscher.

Balci: Ich höre mich in diesen Milieus um, nicht nur in den türkisch-stämmigen,
auch den arabischen. Ich würde mich nicht wundern, wenn irgendwann eine
Bürgerwehr gegen kriminelle Flüchtlinge entstünde. Man hat auch extreme
Vorbehalte gegen Flüchtlingsheime in den eigenen Wohngebieten.

Die Welt: Was nervt Sie am meisten an der migrantischen Existenz, wie sie sich
in Deutschland entwickelt hat?

Balci: Was mich am meisten nervt, ist immer wieder diese Suche nach Identität
in einer Herkunftskultur. Das betrifft fast alle, die hier einwandern. Sie
glauben, eine bestimmte Kultur oder Religion hier konservieren zu können. Ein
verkrampfter, antiquierter Nationalstolz. Das hindert viele, offen für Neues zu
sein. Was man in einer so freien Gesellschaft wie der deutschen doch wunderbar
kann.

Schade, aber offenbar brauchen Menschen viel zu sehr klare Grenzen und enge
Räume, um sich sicher zu fühlen und Freiheit macht den meisten einfach Angst.
Freiheit bedeutet auch wirklich, selbst mal auf die Idee zu kommen, was richtig
für einen ist. Auch auf die Gefahr hin, alleine zu entscheiden und alleine
dazustehen und sich nicht immer fallen lassen zu können in ein Netz, sei es
Familie oder Clan.

Die Welt: Sie leben heute in Berlin-Mitte. Das ist sinnbildlich auch für die
Mitte der Gesellschaft.

Balci: Von Köln ist es nicht weit bis Neukölln. In dem Milieu, in dem ich
aufgewachsen bin, habe ich als Mädchen und junge Frau die Sexualisierung des
Alltags sehr stark miterlebt. Es ist ein ganz großer Unterschied, ob man in
Mitte in einem Café in einem luftigen Sommerkleid sitzt oder ob man das auf der
Sonnenallee abends macht.

Und jeder, der diesen Unterschied nicht kennt, der kann das gerne mal als
Experiment wagen. Das und die Alltäglichkeit von Gewalt, das war mir einfach
widerlich. Widerlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Kinder dort Gewalt
erfahren und Gewalt weitergeben. Deswegen wollte ich da nicht mehr leben.

Die Welt: Wie wurden Sie, wie Sie sind? Waren es die Eltern? War es die Schule?

Balci: Ich glaube, die beste Grundvoraussetzung ist, dass man nicht
indoktriniert wird von seinen Eltern. Stattdessen habe ich humanistische Werte
vermittelt bekommen. Das hat aber wiederum mit dem Alevitentum zu tun, das auch
meine Eltern prägte. Vielleicht war es auch einfach nur Glück, dass mein Vater
ein Freigeist war. Der wollte ausbrechen aus seinen kleinen dörflichen
Verhältnissen, wollte in die nächste Stadt und dann nach Deutschland.

Die Welt: Wie kann man den syrischen Frauen und Männern helfen?

Balci: Ganz simpel. Man muss sich nur an die Frauenbewegung der 80er-Jahre
erinnern oder auch noch weiter zurückgehen. Zu 68. Ich meine, was braucht es, um
zu gewissen Veränderungen zu kommen? Es waren immer Minderheiten, die standhaft
blieben und kämpften. Bis auf Alice Schwarzer, die die Probleme immer wieder
öffentlich thematisiert, gibt es heute aber kaum jemanden.

Unsere ganzen jungen, super emanzipierten Frauen kämpfen nicht für die Frau von
nebenan, sondern bäumen sich auf gegen einen vermeintlichen Uralt-Feminismus,
der in ihren Augen schon lange überholt ist. Aber das archaische Frauenbild
bedroht uns alle.

Die Welt: Die Frage der Gleichheit von Mann und Frau ist elementar für jede
Gesellschaft. Auch im 21. Jahrhundert.

Balci: Gleichberechtigung muss zu einer Selbstverständlichkeit werden, die in


keinster Weise, nirgendwo, weder in der Schule, noch sonstwo im öffentlichen
Raum verhandelbar ist. Weil nämlich genau davon abhängt, inwieweit wir wirklich
eine zivilisierte Gesellschaft sind.

Die Flüchtlingsfrauen, die aus Verhältnissen kommen, die man sich für keine Frau
wünscht, können das selbst nicht erkennen, daher muss es Aufklärungsarbeit in
den Flüchtlingsheimen geben. Es muss die Möglichkeit für diese Frauen geben,
auszubrechen aus diesen Strukturen. Ein immenser Aufwand, der betrieben werden
muss.

Die Welt: Wie lernt man nicht nur Deutsch, sondern auch das Deutschsein?
Sicherlich nicht allein, indem man das Grundgesetz aufsagt?

Balci: Nein, man lernt es eigentlich nur, indem man früh in der Schule und im
Kindergarten vermittelt bekommt, was unsere Gesellschaft für den Einzelnen
ausmacht. Das heißt, das ist ganz einfach. Da geht es um Kinderrechte, um
Menschenrechte, um geschlechtsspezifische Erziehung der Kinder. Wir haben ja
schon ein gut ausgebautes Erziehungssystem.

Irgendwo muss es da ganz große Defizite geben, sonst könnte es nicht sein, dass
jemand, der zehn Jahre von unserem Bildungssystem profitiert hat, plötzlich auf
die Straße geht und nichts verstanden hat von all dem, was unsere Gesellschaft
eigentlich ausmacht. Schule und Kindergarten müssen noch viel mehr zu Orten der
Erziehung zu einem eigenständig denkenden, freien Individuum, das Rechte und
Pflichten kennt, werden.

Die Welt: Und die Erwachsenen? Die Hunderttausenden jungen Männer? Verlorene
Seelen?

Balci: Die, die sich an keine Regeln halten, kann man nur noch sanktionieren.
Und darauf hoffen, dass sie den Rechtsstaat fürchten lernen. Vielleicht schaffen
wir es, dass sie irgendwann die Vorzüge dieser Gesellschaft für sich solcherart
nutzen, dass sie niemandem mehr schaden.

Die Welt: Deutsch ist aber auch so etwas wie Zuverlässigkeit, Gründlichkeit,
Bildungshunger, technische Neugierde, im neudeutschen Sinne Fahrradfahren,
Mülltrennung, liebevolle Väter, einen Hund haben, aber auch geschieden zu sein
...

Balci: Na ja. Für mich ist Deutschsein in erster Linie diese große Gabe, alles
kritisch und auch selbstkritisch zu hinterfragen. Ich glaube, das ist das
Allertollste an Deutschland. Wenn man diese Selbstkritik spiegeln würde auf das
Gegenüber, auf das Fremde, dann wäre es für mich der Idealzustand. All das, was
man am anderen kritisiert, auch an sich zu kritisieren, würde eigentlich die
erste richtige gesunde Basis für ein Miteinander schaffen. Jenseits aller
politisch korrekten oder unkorrekten Diskussionen.

Die Welt: Warum hat die deutsche Gesellschaft zu wenig getan bei der ersten
Integration, also bei den Gastarbeitern? Aus Ignoranz, aus Unfähigkeit?

Balci: Aus Gleichgültigkeit. Auch viele Deutsche begreifen den großen Reichtum
ihres Landes nicht, dass man hier ohne krampfhafte kulturelle oder religiöse
Zugehörigkeit glücklich werden kann. Und genau das der Grund ist, weshalb wir so
viele Menschen anziehen aus allen Ländern, auch den europäischen. Es ist nicht
nur die wirtschaftliche Schwäche ihrer Herkunftsländer, sondern die Erkenntnis,
dass Deutschland offen sein kann für das andere.

Die Welt: Die Deutschen haben also immer noch nicht gelernt,
Einwanderungsgesellschaft zu sein?

Balci: Noch lange nicht. Wir behandeln den Fremden als den Hilfsbedürftigen.
Auch das ist eine gewisse Form von Apartheid. Die Menschen, die kommen, werden
die Gesellschaft aber nicht immer nur positiv verändern. Und das ist etwas, was
noch viel zu sehr vom rechten Rand bedient wird, der ja nur Ängste schürt. Es
gibt noch keine Offenheit, zu verhandeln, wie weit wir gehen wollen, was wir
wollen und was nicht.
Die Welt: Durch falsch verstandene Toleranz, eine Art Appeasement, haben wir
Europäer Parallelgesellschaften geradezu gefördert, die wir nun beklagen.

Balci: Die Deutschen sind viel zu selbstgefällig. Welch falsche


Selbstsicherheit, sich einzubilden, man sei ein Einwanderungsland, in dem doch
alles gut laufe, solange sie nicht vor der Tür stehen und nerven mit ihren
kulturellen oder religiösen Eigenarten. Doch es läuft nicht gut, weil jeder
seins macht und es gar kein Miteinander gibt. Das ist auch in den anderen
Einwanderungsländern nicht gut gelaufen.

Die Welt: Wir reden immer davon, die Fehler der Vergangenheit nicht zu
wiederholen. Doch angesichts der schieren Masse der Neuankömmlinge, kann man
etwas anderes tun als Gettos zu bauen?

Balci: Ja, die werden auch entstehen. Das ist fast unvermeidbar. Denn die
meisten wollen doch bevorzugt in Milieus leben, in denen sich Migranten schon
lange festgesetzt haben. Das heißt, man ist am Ende wieder in so einem
muslimischen Migrantenmilieu, was ja nicht schlimm sein muss. Die Sache ist nur
die, man darf nicht die Kontrolle verlieren.

Überall aber sind salafistische Gemeinden aus dem Boden geschossen, mittlerweile
haben die schon Kindergärten. Das muss unterbunden werden. Denn man muss die
muslimischen Einwanderer vor diesen Extremisten schützen. Aber ansonsten,
Parallelgesellschaften gehören zur Einwanderungsgesellschaft dazu. Man muss nur
die Möglichkeit schaffen, dass es trotzdem Übergänge gibt. Und zwar für all die
jungen Menschen, die anderes wollen.

In meiner Kindheit in den 80er-Jahren war es selbstverständlich, dass man


deutsche Klassenkameraden hatte. Wenn man die nicht mehr hat, dann verliert man
die Bildungsgerechtigkeit, die dieses Land eigentlich verspricht. Teilhabe an
der Gesellschaft bedeutet, zu sehen, was deutsches Leben sein kann und ist. Auch
alternative Lebenswelten zu erfahren. Genauso schlecht ist das für nicht
migrantische Kinder, wenn sie nur in so einer behüteten Mittelschicht aufwachsen
und nichts anderes mehr kennenlernen. Das ist genauso ein Getto.

Die Welt: Sie beginnen Ihren neuen Film dramatisch, denn Sie packen ein
künstliches Hymen mit falschem Blut aus, das sich offenbar viele junge
muslimische Bräute bestellen und in die Vagina schieben, um eine Jungfernschaft
in der Hochzeitsnacht vorzutäuschen. Warum diese Obsession?

Balci: Weil sie von klein auf eingetrichtert bekommen, dass ihr Wert als Mensch
genau von dieser Jungfräulichkeit abhängt. Es ist ein Wert, der auch finanziell
verhandelt wird. Am Ende entscheidet das manchmal sogar über Leben und Tod.

Die Welt: Ähnlich wie Seyran Ate , Nekla Kelek oder auch Hirsi Ali kommen Sie
zu dem Schluss, dass der Kern des ganzen Problems mit dem Islam dessen
Frauenbild ist. Aber ist dies eine Frage der Religion oder nicht eher der
Kultur?

Balci: Das ist auf jeden Fall auch eine Frage der Religion, denn der Islam hat
genau diese Sexualisierung der Frau und auch diese Abwertung der Frau
festgesetzt. Wenn der Koran und die Hadithe die Leitlinien für Muslime sind,
dann muss ich sagen, dass ein großer Teil von dem, was dort steht, einfach nur
frauen- und menschenfeindlich ist. Und natürlich ist deswegen auch der
unkritische, unreflektierte Umgang mit dem Islam ein Problem, denn er bekämpft
die liberale, offene Gesellschaft.

Die Welt: Wie erreicht man eine Veränderung im Kopf des muslimischen Mannes?
Balci: Es geht immer nur um Sex. Diese Obsession mit dem Sex ist eine, die
extrem verbreitet ist in patriarchalischen Gesellschaften. Und es dreht sich nur
um die Kontrolle der Frau und die Sanktionierung von Sex und darum, wie man ihn
dennoch heimlich ausleben kann. Ich meine, die jungen Männer gehen in den
Dschihad, um Sexsklavinnen zu haben, das ist für viele einer der größten
Anreize. Vielleicht überschätzen wir auch einfach Männer.

Sie fragten mich, ob ich schon einmal eine Burka anprobiert habe. Und da musste
ich dann an diese Prostituierten auf der Oranienburger Straße denken, die ich
immer sehe. Für mich ist das dasselbe. Beides ist der Ausverkauf des weiblichen
Körpers.

Die Welt: Wenn heute alle Musliminnen in Deutschland auf einen Schlag ihr
Kopftuch abnähmen, wären wir dann alle Sorgen los?

Balci: Das wäre auf jeden Fall interessant. Denn zum Ablegen des Kopftuchs
gehört ja auch eine gewisse Rebellionsbereitschaft.

Die Welt: In Ihrem Film wird auch die Mutter von Seyran Ates gezeigt. Sie hat
sich bei ihrer Tochter, deren Werdegang sie nun bewundern kann, entschuldigt für
ihre große Strenge und Gnadenlosigkeit in frühen Jahren. Gibt es heute mehr
solcher Mütter?

Balci: Natürlich. Wir haben zum Beispiel auch ganz viele alleinerziehende
türkische Frauen. Bei denen hat es tatsächlich einen Wandel gegeben. Es gibt
auch viel mehr junge türkische Mädchen, die einen Freund haben oder die auch
alleine in einer anderen Stadt studieren können.

Bei den arabischen Familien ist das noch weniger ausgeprägt. Aber auch da gibt
es hier und da kleine Veränderungen. Mädchen dürfen dann zumindest schon mal den
Bräutigam selbst aussuchen, ohne dass fünf Cousins vorgeschlagen werden. Aber
das könnte alles noch viel schneller gehen.

Die Welt: Glauben Sie noch einen Euro-Islam? Ist er nicht ein Phantom?

Balci: Es gibt ihn schon lange. Für mich ist der Euro-Islam ein Islam, der
nicht institutionalisiert ist. Leider brauchen wir in Deutschland immer dieses
Institutionalisierte. Verbände müssen fast künstlich erzeugt werden, damit alles
ein Gesicht bekommt. Und damit der Staat einen Ansprechpartner erhält. Aber ein
Großteil der Muslime, vielleicht sogar die Mehrheit, lebt einen ganz
individuellen Islam, der auch sehr liberal sein kann. Davon bin ich überzeugt.

Die Welt: Merkels Satz des vergangenen Jahres, wie haben Sie ihn aufgenommen?

Balci: Na ja, wir schaffen das, erzählen ja viele. Das weiß man erst nach 20
Jahren. Mein Leben ist geprägt davon, dass meine Eltern hier eingewandert sind.
Das hat meine Wahrnehmung geschult. Ich bin wirklich gespannt, wie sich
Deutschland entwickeln wird. Ich habe keine Ängste.

Deutschland ist ein großes Land, und ein reiches Land und ein sehr sicheres
Land. Auch politisch stabil. Das heißt, jeder, der ein bisschen Grips in der
Birne hat, wird seine Nische finden. Aber natürlich ist es traurig, wenn es
rechtsfreie Räume gibt, oder Gettos. Das hat dieses Land einfach nicht verdient.

UPDATE: 13. Januar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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WELT ONLINE (Deutsch)

Freitag 15. Januar 2016 11:29 AM GMT+1

Gunnar Heinsohn;
"Es gibt in der islamischen Welt keine ,girl friends'"

AUTOR: Claudia Becker

RUBRIK: PANORAMA; Panorama

LÄNGE: 1545 Wörter

HIGHLIGHT: Kein Job, kein Sex: Ein Gespräch mit dem Soziologen Gunnar Heinsohn
über die Ereignisse von Köln, frustrierte männliche Flüchtlinge, unberührbare
muslimische Mädchen und westliche Frauen als Beute.

Die Welt: Herr Professor Heinsohn, 2003 haben Sie mit Ihrem Buch "Söhne und
Weltmacht" für Aufsehen gesorgt. Bestätigt sich mit Blick auf die Ereignisse von
Köln Ihre damals aufgestellte These von der Gewaltbereitschaft junger
unterbeschäftigter Männer?

Gunnar Heinsohn: Zuerst muss man sich fragen: Warum haben wir so viele Männer
auf den Routen nach Europa? In den Heimatländern gibt es einen "youth bulge",
einen deutlichen Jugendüberschuss oder, wenn man es anders formulieren will,
einen hohen Kriegsindex.

Die Welt: Was versteht man unter dem Begriff?

Heinsohn: Der Kriegsindex misst das Verhältnis von 55- bis 59-jährigen Männern,
die sich der Rente nähern, und den 15- bis 19-jährigen Männern, die den
Lebenskampf aufnehmen. Wenn wir, wie in den Herkunftsländern, einen Kriegsindex
von drei bis sechs haben, dann kommen also auf 1000 alte Männer, die eine
Position frei machen, 3000 bis 6000 junge Männer. In Deutschland sind das gerade
mal 660.

Die Welt: Eigentlich kein Wunder, dass die jungen Männer ihr Glück woanders
suchen.

Heinsohn: Richtig, es ist verständlich, dass die, die in ihren Ländern keine
Chance auf eine Position haben, Wirtschaftsflüchtlinge werden wollen. Aber wenn
sie das nicht werden können, dann besteht die Gefahr, dass sie in ihren
Heimatländern einen Kampf gegen diejenigen anfangen, die Positionen haben. Und
dann werden ihre Heimatländer zu Kriegsgebieten. Und alle Mitbewohner werden,
wenn sie auf unseren Kontinent kommen, Menschen mit Anspruch auf Schutz oder
Asyl. Das ist der Hintergrund für die Masseneinwanderung, die erst ganz am
Anfang steht. Die wirklichen Dimensionen liegen ja im Bereich von Hunderten von
Millionen.

Die Welt: Wie kommen Sie auf diese Zahlen?

Heinsohn: Wir können das relativ genau berechnen. Wir kennen die Bevölkerung
zwischen Marokko, Indonesien und Südafrika, das sind etwa zwei Milliarden
Menschen. Sie wurden befragt, ob sie bleiben oder gehen wollen. Es sind etwa 500
Millionen Menschen, die diese Region am liebsten verlassen würden. Wenn diese
Abwanderungswünsche stabil bleiben, dann erwarten wir in Europa bis 2050
ungefähr 1,2 Milliarden Menschen.

Die Welt: Auf welche Umfrage berufen Sie sich?

Heinsohn: Das war eine Umfrage, die das Unternehmen Gallup 2009 durchgeführt
hat. Die ist noch optimistisch. Das war noch vor dem Ölpreisverfall, vor den
arabischen Bürgerkriegen, vor Boko Haram usw. Inzwischen haben wir die
Umfrageergebnisse des Arabischen Zentrums für Forschung und Politikstudien in
Katar, für die 2015 in zwölf arabischen Staaten Menschen zu verschiedenen Themen
befragt wurden. Die haben auch gefragt, wie viele Araber ihre Länder verlassen
wollen. Das sind jetzt 35 Prozent. 2009 waren es noch 23 Prozent.

Die Welt: Stehen die Ereignisse von Köln tatsächlich in einem Zusammenhang mit
den großen Flüchtlingsströmen, oder war das ein schlimmer Zwischenfall, der sich
so nicht zwangsläufig wiederholen muss?

Heinsohn: Beim Wandern gehen junge Männer zuerst. Das sind meist zweite, dritte
Brüder. Der erste Sohn hat ja zu Hause eine Chance. Die anderen, die zu uns
kommen, haben zu Hause keine Chance auf eine Position, und das heißt, sie haben
auch keine Chance auf ein Familienleben. Und damit auch nicht auf ein legales
Sexualleben. Deswegen haben wir auch in den arabischen Ländern Übergriffe, wie
wir sie jetzt zwischen England und Deutschland und Schweden erleben.

Die Welt: "Kein Job" plus "kein Sex" ist gleich "sexuelle Übergriffigkeit" - ist
das nicht eine etwas zu simple Rechnung?

Heinsohn: Schauen Sie doch auf die jungen Männer, die zu uns kommen. Entweder
sie können etwas. Dann steigen sie bei uns auf und haben außerhalb ihrer
Religionsgruppe keine Schwierigkeiten, Partnerinnen zu finden. Das ist aber eine
Minderheit. Bei etwa 90 Prozent sieht das anders aus. Die haben schlecht
bezahlte Jobs oder beziehen Sozialhilfe. Denen fehlt, was man im
Soziologenjargon "Status-Sex" nennt. Jetzt sind das junge Männer mit ihrer
ganzen sexuellen Begehrlichkeit. Die haben in ihrer eigenen Gruppe Mädchen. Aber
die sind absolut tabu. Diese Frauen bleiben unberührt bis zur Ehe.

Die Welt: Ist das denn wirklich noch so verbreitet oder auch unsere Vorstellung
von einer rigiden islamischen Moral?

Heinsohn: Es gibt in der muslimischen Kultur kein "girl friend". Ich bin
Jahrgang 1943. Ich kann mich erinnern, dass es auch in Deutschland eine Zeit
ohne "girl friend" gab. Es gab eine Braut und eine Ehefrau. Alles andere spielte
sich im halbseidenen Milieu ab. In der muslimischen Gruppe gilt das immer noch.
Da drohen unerhört harte Strafen, wenn sich Männer an ihre Mädchen heranmachen.
Das Paradoxe ist, dass diese jungen Männer, die Frauen angegriffen haben, in
ihrer eigenen Gruppe junge Frauen mindestens so heftig schützen.

Die Welt: Welches Bild haben die jungen Araber von westlichen Frauen?
Heinsohn: Die gelten schnell als Huren, weil die vorehelichen Verkehr haben. Sie
werden zur Beute, auf die sie auch von den Eltern verwiesen werden, damit die
Töchter rein und ehefähig bleiben. Da folgen die sexuellen Übergriffe quasi
naturgesetzlich. Wenn man das vorher nicht weiß und die Einwanderung als
Fortschritt zu allgemeiner Harmonie gepriesen hat, dann steht man als Naivling
oder gar Täuscher da und sucht im Vertuschen einen Ausweg. Von der Polizei
angefangen bis in die Politik.

Die Welt: Zu den größten aktuellen Vertuschungsskandalen gehört die


Missbrauchsserie von Rotherham. Über Jahre wurden in der mittelenglischen Stadt
1400 Kinder und Jugendliche von britisch-pakistanischen Banden missbraucht.
Behörden und Politikern konnte nachgewiesen werden, die Taten verschleiert zu
haben.

Heinsohn: Diesen Vertuschungsmechanismus haben wir auch in Schweden und in


Deutschland. Überall haben nette, fortschrittliche Menschen ein Problem
überhaupt nicht auf dem Radar. Und dann nimmt es mit Wucht seinen eigenen
naturwüchsigen kriminellen Weg. Doch wenn ich das einräume, dann stehe ich als
Versager mit meiner fortschrittlichen Linie da. Und dann geht das Vertuschen
weiter.

Die Welt: Ich kann diesen von Ihnen beschriebenen Mechanismus, der zu sexueller
Gewalt führt, nachvollziehen. Tatsächlich aber wissen wir ja noch gar nicht so
viel über die Täter von Köln. 19 Verdächtige, zehn davon Asylbewerber. Was ist,
wenn unter denen tatsächlich die Einzelsöhne syrischer Oberschichtfamilien sind
und nicht die frustrierten Zweit- und Drittsöhne ohne Zukunftsperspektive?

Heinsohn: Wir reden ja von einem allgemeinen Muster, einer Dynamik. Aber auch
bei genauerer Betrachtung der Verhältnisse in den Herkunftsländern liegt der
Eindruck nahe, dass es sich bei den Flüchtlingen nicht um Einzelsöhne oder
Erstgeborene handelt. Einzelsöhne gibt es in der arabischen Welt bisher noch
kaum. Die Erstgeborenen finden in den Heimatländern am ehesten eine akzeptable
Position. In Deutschland, wo die jungen Männer, statistisch gesehen, einzige
Söhne sind, häufig sogar Einzelkinder, da entwickelt sich diese Dynamik nicht.
Da glänzt man mit Pazifismus.

Die Welt: Ich möchte noch einmal auf Rotherham zurückkommen. Die Taten sind
unfassbar, die Verschleierung ebenso. Aber mein Entsetzen über die
Missbrauchsskandale in Großbritannien endet nicht bei Rotherham. Dem
Missbrauchsskandal beim BBC sollen mehr als 500 Menschen zum Opfer gefallen
sein. Das ist offenbar auch ein Problem der weißen Oberschicht, nicht nur der
Migranten.

Heinsohn: Nein, das ist kein Migrantenproblem. Vor einigen Jahrzehnten lief das
doch im tiefkatholischen Europa kaum anders. Da gab es auch Ehrenmorde. Solange
es Gesellschaften gibt, in denen Sexualität nur in der Ehe legal und sündenfrei
ist, gibt es das Problem. Junge europäische Welteroberer des 16. bis 19.
Jahrhunderts träumten auch von Sex-Sklavinnen, die ihnen sogar in Romanen
angepriesen wurden. Genauso wie die jungen Leute vom Kalifat, die davon träumen,
wie sie Frauen versklaven und untereinander verhandeln können. Ich würde es
nicht als Migrantenproblem betrachten, auch nicht im Prinzip als ein
Islam-Problem. Aber ich würde es als Problem einer Religion bezeichnen, in der
der Kontakt zwischen den Geschlechtern in jeder außerehelichen oder vorehelichen
Form tabu ist. Wenn das sich kombiniert, wie im Islam, wo 100 wohlhabende Männer
400 Frauen haben, weil sie die versorgen können, und 300 Männer sich das nicht
leisten können, dann haben wir eine Explosivierung des Problems. Zumindest
dieses spezielle Problem hatte das Christentum nicht, sodass pro Mann im
Normalfall auch eine Frau vorhanden war.
Die Welt: Wie groß ist Ihr Glaube an Integrationsmöglichkeiten?

Heinsohn: Ich glaube, bei der Frage der Integration gibt es weder
Rassenprobleme noch Religionsprobleme, sondern nur Kompetenzprobleme. Aber wenn
die Leute in der Schule versagen, von Hartz IV leben müssen und dann nur gesehen
wird: das sind Afrikaner, das sind Muslime - dann wird das Kompetenzproblem
überdeckt mit einem Rassenetikett oder einem Religionsetikett. Kompetenz ist der
Schlüssel zur Integration. Ich hatte an der Uni in Bremen ja Studenten aller
Couleur und Religion. Da geht die Integration relativ schnell. Aber
Exzellenzstudenten und Schulabbrecher bringen Sie nicht einmal bei gleicher
Religion, Sprache und Hautfarbe dazu, miteinander zu leben. Deshalb sagen Länder
mit Weitblick: Wir machen nur kompetente Einwanderung, um den inneren Frieden zu
sichern.

UPDATE: 15. Januar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Samstag 16. Januar 2016 10:31 AM GMT+1

Alice Schwarzer;
"Kalaschnikows, Sprenggürtel und jetzt die sexuelle Gewalt"

AUTOR: Ulf Poschardt

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 3030 Wörter

HIGHLIGHT: Nach den Köln-Übergriffen fordert Alice Schwarzer eine Islam-Debatte


ohne politische Korrektheit. Sexuelle Gewalt könne auch Terrorwaffe sein. Das
Kopftuch sieht sie als "Flagge der Islamisten".

Das "Manzini" ist eine elegante West-Berliner Institution. Deutschlands


berühmteste Feministin ist hier Stammgast. Die schrecklichen Ereignisse von Köln
haben Alice Schwarzer nicht die Laune verdorben. Sie lacht viel, auch und
besonders über die unzähligen Kritiker ihrer Klartexte, die sie auch nach Köln
über die Homepage ihres feministischen Magazins unter die Leute brachte.

Die Welt: Auf "Emma.de" sprachen Sie nach den Ereignissen von Köln von "falscher
Toleranz" und "Terror". Hat Sie das Echo auf Ihre Aussage auf "Emma.de"
überrascht?

Alice Schwarzer: Nein, überhaupt nicht. Das bin ich jetzt seit 36 Jahren
gewöhnt.

Die Welt: Was ist Ihr intellektueller Zugang zum Frauenbild im Islam?

Schwarzer: Ich habe seit 36 Jahren sehr konkrete und vielfältige Kontakte zu
Frauen im islamischen Kulturkreis, sowohl in Nahost wie in Nordafrika. Schon
1979 war ich ein paar Wochen nach der Machtergreifung von Khomeini mit einer
Gruppe französischer Intellektueller auf den Hilferuf von Iranerinnen hin in
Teheran. Und da war mir schon klar, was sich da entwickelte.

Die Welt: Was denn?

Schwarzer: Ich habe dort mit vielen beeindruckenden Menschen gesprochen. Vom
Ministerpräsidenten - der wenig später ins Exil flüchtete - bis hin zu starken
Frauen, die den Schah mit der Kalaschnikow unter dem Tschador bekämpft hatten.
Und die haben alle mit dem liebenswürdigsten Lächeln zu mir gesagt: "Ja,
selbstverständlich werden wir ein Gottesstaat und führen die Scharia ein. Und
ja, dann gilt: Steinigung bei außerehelichem Sexualverkehr der Frau oder bei
Homosexualität."

Als ich zurückkam, habe ich veröffentlicht, was ich gesehen und gehört hatte.
Und was daraus erwachsen könnte. Ich habe leider mehr als recht behalten. Es ist
eine Reportage, an der ich bis heute kein Wort verändern müsste.

Die Welt: Wie sind Sie seitdem mit dem Thema umgegangen?

Schwarzer: Das Thema hat mich nie mehr losgelassen. Über 25 Jahre lang war
"Emma" das quasi einzige Organ im deutschsprachigen Raum, das die Gefahr des
politisierten Islam thematisierte: von Afghanistan über Tschetschenien und
Algerien bis nach Köln. Ich habe auch zwei Bücher dazu herausgegeben. Das erste
2002, "Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz". Das könnte ich heute so
nachdrucken lassen, und Sie würden nicht merken, dass es vor 14 Jahren
erschienen ist. Ich will sagen: Mindestens so lange schon hätte auch die Politik
das Problem erkennen können.

Die Welt: Das hat Ihnen nicht nur Lob eingebracht.

Schwarzer: So kann man das sagen. Seither werde ich in gewissen Kreisen -
Multikulti-Grüne, Linke, Konvertiten - munter als Rassistin beschimpft. Zum
Glück bin ich mir ziemlich sicher, dass mir wenig ferner ist als Rassismus. Aber
es ist doch eine enorme Einschüchterung. Ganze Bücher haben die gegen mich
veröffentlicht und versucht, mich mundtot zu machen. In meinem Fall ist das
nicht gelungen.

Die Welt: Bei anderen schon?

Schwarzer: Bei vielen. Und bis heute wagen Menschen, die ein berechtigtes oder
auch unberechtigtes Unbehagen haben, das man aufklären könnte, es nicht, etwas
Kritisches über die Entwicklung mancher Migranten und Flüchtlinge in Deutschland
sowie die versäumte Integration zu sagen. Aus Angst vor dem Rassismusvorwurf.
Diese Blase ist jetzt geplatzt.

Die Welt: Woher rührt dieses Tabu?

Schwarzer: Dieses Muster kenne ich als Feministin seit Ende der 60er- und Anfang
der 70er-Jahre, damals in der Form vom Hauptwiderspruch und Nebenwiderspruch.
Bevor deutsche Frauenrechtlerinnen früher auch nur das Wort "Frau" aussprachen,
gab es erst mal einen langen Diskurs über den Hauptwiderspruch, den
Klassenkampf. Erst dann wurde das Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern
angesprochen. Und dann stand man in der Linken sofort als sogenannte bürgerliche
Frauenrechtlerin am Pranger. Das war das Totschlagargument.

Die Welt: Was den Klassenstandpunkt nicht ändert ...

Schwarzer: Was den Klassenstandpunkt absolut überordnet. Von Klassen redet heute
niemand mehr. Trotzdem haben wir heute bei den Grünen, in der linken Szene und
in einer gewissen Internetszene eine ähnlich groteske Situation in der
Feminismus-Debatte: Jetzt gilt der Rassismus als Hauptwiderspruch. Und wieder
sollen wir die Klappe halten und nicht über unsere Probleme als Frauen reden -
egal, welcher Hautfarbe oder Ethnie wir sind.

Die Leugnung des Geschlechterwiderspruchs hat inzwischen in der Szene, die sich
heute selbstgerecht als Hüterin des Antirassismus versteht, groteske Ausmaße
angenommen. Und genau das ist rassistisch! Weil man mit diesem Argument
verhindert, dass wir die Fremden, die zu uns kommen, ernst nehmen als Menschen
wie wir. Die sind in Wahrheit nämlich gar nicht so fremd und könnten durchaus
auch dazulernen.

Aber für diese Szene bleiben sie die schönen Wilden sozusagen. Der Fremdenhass
ihrer Eltern schlägt bei ihnen um in eine in Wahrheit nicht minder verachtende
Fremdenliebe. Fremdenhass und Fremdenliebe sind ja nur zwei Seiten ein und
derselben Medaille.

Die Welt: Man sollte nicht paternalisieren?

Schwarzer: Richtig, nicht bevormunden. Diese Stellvertreterpolitik ist ja genau


das, was unsereins schon früher so wahnsinnig gemacht hat. Und man weiß
inzwischen auch gar nicht mehr, was man überhaupt noch sagen darf. Es wechselt
ja jeden Tag die politische Korrektheit. Das soll uns am freien Denken hindern.
Form statt Inhalt. Da geht es nicht um die Menschen, sondern um Ideologie.

Die Welt: Wie sollte man die Menschen behandeln?

Schwarzer: Nicht ideologisch, sondern menschlich. Man sollte ihnen sagen: Ihr
habt die gleichen Rechte - aber auch die gleichen Pflichten! Nach den
Ereignissen in Köln habe ich bei einer der sogenannten jungen Feministinnen
gelesen, auch "weiße Bio-Deutsche vergewaltigen".

Da kann ich nur sagen: Richtig, das sagen wir feministischen Pionierinnen seit
40 Jahren! Doch jetzt müssen wir weiterdenken, denn die Ereignisse in Köln und
an anderen Orten hatten über die uns bisher bekannte sexuelle Gewalt hinaus eine
neue Qualität, eine ganz andere Dimension.

Die Welt: "Emma" analysiert die sexuelle Gewalt gegen Frauen mit kulturellen
Hintergründen schon länger.

Schwarzer: Bereits vor 20 Jahren hat ein Kölner Polizist zu mir gesagt: Frau
Schwarzer, 70 bis 80 Prozent aller Vergewaltigungen in Köln gehen auf das Konto
von Türken. Ich war entsetzt und habe geantwortet: Das müssen Sie unbedingt
öffentlich machen! Denn auch ein Türke wird ja nicht als Vergewaltiger geboren.
Das hat ja Gründe. Was ist los bei denen? Was können wir tun?

Doch es kam die klare Ansage: "No way, das ist politisch nicht opportun." Und
genau diese Art politischer Correctness verschleiert die Verhältnisse.
Reaktionärer geht es nicht.

Die Welt: Spielt diese Einstellung nicht denen in die Hände, die den Medien
nicht mehr glauben?

Schwarzer: Ja, leider. Ich persönlich bin seit Langem davon überzeugt, dass die
Erstarkung der Rechtspopulisten in Westeuropa nicht möglich gewesen wäre, wenn
die Parteien nicht durch die Bank seit Jahren und Jahrzehnten die Politisierung
des Islams völlig ignoriert oder verharmlost hätten. Und die Medien haben
mitgespielt.

Die Welt: Seit wann geht das so?

Schwarzer: Die Machtergreifung Khomeinis 1979 war der Startschuss für die
Politisierung des Islam. Die ideologische Munition kommt aus Iran und Pakistan,
das Geld aus Saudi-Arabien, womit wir ja beste wirtschaftliche Beziehungen
haben. Wir hatten auch vor den 80er-Jahren schon Millionen Türken im Land. Dabei
spielte es damals keine Rolle, ob sie Moslems waren. Es spielte aber eine Rolle,
dass sie arm waren und vom Land kamen.

Die Welt: Zivilisationsfern, aber keine größere Differenz?

Schwarzer: So ist es. Ab und zu sah man früher auch mal eine ältere oder junge
Frau vom Land mit Kopftuch. Aber nicht mit dem islamistischen Kopftuch. Das gibt
es bei uns erst seit Mitte der 80er-Jahre. Dieses Kopftuch, das jedes Haar
abdeckt und auch den Körper verhüllt, weil eben die Frau an sich Sünde ist.

Die Welt: Das ist eigentlich ein unfassbares Kompliment an den weiblichen
Körper, oder?

Schwarzer: Na ja, geht so. Es ist die Begrenzung der Frau auf ihren Körper und
die Sexualität. Und was für ein Männerbild ist das eigentlich? Jeder Mann, der
ein Haar oder eine Silhouette sieht, stürzt sich wie ein Tier auf sie. Ist
natürlich auch ein drolliges Männerbild, wenn ich das mal sagen darf.

Die Welt: Gegen das ich mich natürlich verwehren muss.

Schwarzer: Ja, das sollten gerade Sie als emanzipierter Mann unbedingt!
Übrigens: Aus einer großen Studie des Innenministeriums wissen wir: 70 Prozent
der Musliminnen in Deutschland haben noch nie ein Kopftuch getragen. Selbst von
denen, die sich selber als streng religiös definieren, hat jede zweite noch nie
ein Kopftuch getragen. Das Kopftuch hat also nichts mit Glauben zu tun. Es ist
ein politisches Signal.

Die Welt: An die Väter, die Brüder?

Schwarzer: An alle Männer und die Umwelt. Die individuellen Gründe für das
Kopftuchtragen sind vielfältig: Identitätssuche, eine anständige Frau sein
wollen etc. - aber es gibt auch Druck oder gar Zwang. Wir wissen ja, dass zum
Beispiel Islamisten den Eltern Geld bieten, wenn ihre Töchter sich verschleiern.

Ich bin viel dafür angegriffen worden, dass ich für ein Kopftuchverbot im
öffentlichen Dienst und in der Schule bin. Das scheint mir aber eine
Selbstverständlichkeit. So wie in Frankreich. Und in einer weltlichen Schule hat
das Kopftuch schon gar nichts zu suchen. Aber darüber hinaus bin ich natürlich
nicht für ein Verbot, sondern für das Gespräch mit den Kopftuchträgerinnen.

Die Welt: Die Frage ging bis vor das Verfassungsgericht.


Schwarzer: Ja, ich werde nie den Fall von Fereshta Ludin vergessen. Tochter von
Afghanen, Vater Diplomat, Mutter Lehrerin, die nie ein Kopftuch getragen hat.
Dann haben die Eltern aber fatalerweise ein paar Jahre in Saudi-Arabien gelebt,
wo das Mädchen zur Schule ging - und mit dem Kopftuch wieder rauskam.

In Deutschland hat Ludin dann einen schwäbischen Konvertiten geheiratet, der


seiner Mutter nicht mehr die Hand gab - wegen der Unreinheit der Frau. Fereshta
Ludin ist dann von muslimischen Verbänden aufs Pferd gehoben und bis vor das
Verfassungsgericht begleitet worden: um das Recht, als Lehrerin ein Kopftuch zu
tragen, durchzusetzen.

Die Welt: Viele Medien sahen das Kopftuchverbot nicht so streng wie Sie.

Schwarzer: Ja, ich erinnere mich speziell in der "Zeit" an den Satz: "So ein
Kopftuch ist nur ein Stückchen Stoff; so harmlos wie das Kreuzlein um den Hals".
Seite an Seite mit der grünen Multikulti-Szene sind ja vor allem die
linksliberalen Medien pro Kopftuch. Sie halten das für eine individuelle oder
gar religiöse Neigung - und durchschauen nicht die politische Struktur dahinter.

Im Fall Ludin hatte sich nur die "Emma" die Mühe gemacht, investigativ zu
recherchieren. Und herausgefunden, dass Muslimverbände dahinterstecken, die in
Deutschland ja rückwärtsgewandt orthodox bis islamistisch sind.

Die Welt: Was waren die Reaktionen?

Schwarzer: Man hat mir gesagt: "Ausgerechnet Sie als Feministin wollen den
Frauen absprechen, freiwillig das Kopftuch zu tragen?" Entschuldigung, seit wann
finde ich denn alles gut, was Frauen gerne machen? Hier darf man nicht nur
individualistisch argumentieren, sondern muss durchschauen, dass das Kopftuch
seit 1979 die Flagge der Islamisten ist.

Die Welt: Kommen wir zu einem anderen Punkt, der Flüchtlingskrise. Wie nehmen
Sie die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin wahr?

Schwarzer: Angela Merkel hat grundsätzlich menschlich recht. Sie kann auch keine
Obergrenze nennen. Aber konkret müssen wir schon sehr genau hinschauen. Wir
können und dürfen nicht alle nehmen. Aus Griechenland ist zu hören, dass früher
drei Viertel der Flüchtlinge aus Nahost kamen. Jetzt sagen sie, die Hälfte kommt
aus Tunesien und Marokko. Aber das sind erstens keine Kriegsländer. Und zweitens
liegt der Verdacht nahe, dass gerade unter den Ankommenden aus diesen Ländern
die Anzahl der Islamisten sehr hoch ist.

Die Welt: "Wir schaffen das!"

Schwarzer: Sagen wir es besser so: Wir könnten das schaffen. Aber jetzt muss
alles getan werden, um versäumte Integration nachzuholen und die Flüchtlinge
sofort auf den Prüfstand zu stellen.

Die Welt: Ist das Kind nicht schon zu tief in den Brunnen gefallen?

Schwarzer: Irgendwann muss man ja anfangen, es richtiger zu machen. Wir müssen


reingehen in diese Communitys, in diese Milieus, wir müssen den Müttern sagen:
"Kommt heraus aus dem Haus, und lernt Deutsch!" Bei Asylsuchenden verbunden mit
Auflagen. Die Töchter müssen die gleichen Freiheiten haben wie ihre deutschen
Freundinnen! Und die Söhne die gleichen Chancen.

Wir müssen der seit 25 Jahren ungebremst laufenden islamistischen Agitation


endlich etwas entgegensetzen. Und lernen, stolz zu sein auf das, was wir so hart
errungen haben: Rechtsstaat, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit,
Gleichberechtigung der Geschlechter.

Die Welt: Sind mit Blick auf die Silvesternacht Gesetzesverschärfungen nötig?

Schwarzer: Ich würde sagen, die bestehenden Gesetze anwenden wäre auch schon mal
ganz schön. Und wenn jetzt der Justizminister die von der EU seit Jahren
geforderte Verbesserung des Vergewaltigungsgesetzes endlich aus der Schublade
holt, begrüße ich das. Aber Sie könnten 100 Grapscher vom Kölner Bahnhof
überführen - denen droht gar nix. Denn das verharmlosend genannte Grapschen ist
in Deutschland noch nicht einmal ein Straftatbestand.

Die Welt: Viele dieser mutmaßlichen Täter haben Krieg erlebt.

Schwarzer: Genau. Was bedeutet, diese Männer waren Täter oder Opfer oder beides.
Sind verroht, brutalisiert, traumatisiert. Bei uns würde man zu so jemandem
sagen: "Ab in die Therapie, damit du wieder lernst, dass du bei Konflikten nicht
immer die Knarre ziehen kannst." Das ist ja auch ein Problem bei amerikanischen
Kriegsveteranen.

Die Welt: Früher war das bei uns auch anders.

Schwarzer: Wohl wahr. Aber wir haben in diesen letzten 40 Jahren viel erreicht.
Unendlich viel. Die Opfer wissen heute, dass nicht sie sich schämen müssen,
sondern die Täter. Wir haben neue Gesetze, Frauenhäuser, Notrufe, Hilfe für die
Opfer. Wenn auch noch nicht genug.

Die Welt: Auch bei der Toleranz gegenüber anderen Religionen gibt es Probleme.

Schwarzer: Ja, der flagrante Antisemitismus der arabischen Welt wird


ausgerechnet in Deutschland nicht benannt. Das hat Tradition. Gerade die Linke
pflegt unter dem Vorwand der - ja durchaus berechtigten - Kritik an Israel schon
lange einen schamlosen Antisemitismus.

Die Welt: Zentralratschef Josef Schuster warnte in der "Welt" vor Judenhass
unter den Flüchtlingen und erntete dafür jede Menge Kritik.

Schwarzer: Das ist unerhört! Dabei hatte gerade der Zentralrat der Juden lange
Zeit generös Antisemitismus mit einer vorgeblichen Islamophobie in Deutschland
gleichgesetzt. Ich will sagen, gerade die offiziellen Vertreter der Juden in
Deutschland haben sich wirklich Mühe gegeben, nicht unangenehm aufzufallen.

Gut, dass sich das gerade ändert. Denn wie bekannt, haben die Migranten und
Flüchtlinge aus dem islamischen Kulturkreis nicht nur ihren traditionellen
Sexismus im Gepäck, sondern auch den Antisemitismus.

Die Welt: Kommen wir noch mal zurück auf die Silvesternacht in Köln ...

Schwarzer: Gerne. Denn da stelle ich mir eine Menge Fragen. Zum Beispiel die:
Könnte es sein, dass im Kern dieser sexuellen Gewalt eine kleine Gruppe von
Provokateuren agiert hat, die gezielt zur Destabilisierung der Willkommenskultur
in Deutschland gehandelt hat?

Die Welt: Meinen Sie wirklich?

Schwarzer: Es liegt nahe. Wenn Sie die Schriften der Islamisten und des IS
lesen, ist deren Besessenheit Nummer eins die Emanzipation der Frau. Das ist die
große Obsession.

Die Welt: Da gibt es Schnittmengen mit den erzkonservativen Katholiken.


Schwarzer: Jede Religion ist missbrauchbar. Und in allen Kriegen war die
systematische Vergewaltigung von Frauen Teil der Kriegsstrategie. Denn mit der
sexuellen Gewalt gegen Frauen erreicht man zweierlei.

Erstens: Man bricht die Frauen. Zweitens: Man demütigt deren Männer. Das hätte
dann wirklich eine brisante politische Dimension: Zu den Kalaschnikows und
Sprenggürteln käme jetzt noch die Waffe der sexuellen Gewalt.

Die Welt: Also Teil einer Kriegsstrategie?

Schwarzer: Ja. Und nicht zufällig in den Ländern, die die offensten waren. In
denen die Emanzipation der Frauen am weitesten fortgeschritten ist: Deutschland,
Dänemark, Schweden. Und dann kommt da noch ein demografisches Problem auf uns
zu: Wir wissen seit Langem, dass ein starker Überhang an jungen, noch nicht
gebundenen Männern zwischen 18 und 30 sehr heikel werden kann. Das kann sogar
kriegsauslösend sein.

China hat bei 117 auf 100 Frauen die Notbremse gezogen und die Ein-Kind-Politik
geändert. Schweden hat jetzt schon, dank der Flüchtlinge, 125 auf 100. Und in
Deutschland wird es ähnlich werden bei 70 bis 80 Prozent junger Männer unter den
Flüchtlingen. Dieser Männerüberschuss ist eine Gefahr, unabhängig von dem
kulturellen Hintergrund.

Die Welt: "In der Gefahr wächst das Rettende auch", heißt es im "Patmos" von
Friedrich Hölderlin.

Schwarzer: Dann sieht man auch das kleinste Licht.

Die Welt: Wo sehen Sie es?

Schwarzer: In dem wirklichen Erschrecken unserer gesamten Gesellschaft. Endlich


reden wir offen darüber. Wenn jetzt die Medien einfach ihrer Informationspflicht
nachkommen und die Parteien die Probleme klar erkennen, könnten endlich
Gegenstrategien entwickelt werden.

Die Welt: Haben Sie Flüchtlingen auch schon einmal direkt geholfen?

Schwarzer: Vor ein paar Monaten habe ich zwei junge syrische Männer, sichtlich
wohlerzogen, nachts in Berlin zusammen mit einer Freundin vom Lageso zu deren
Schlafquartier gefahren. Und in meinem Dorf habe ich um Weihnachten die
Patenschaft für eine junge afghanische Familie übernommen, mit zwei entzückenden
Kindern. Der Junge ist ein bisschen schüchtern, und das Mädchen ist sehr keck.

Anfang des Jahres hatte ich die beiden Kinder, sieben und zehn Jahre alt,
zusammen mit Nachbarskindern zu mir eingeladen. Dass die kleinen Afghanen
(bisher) ausschließlich Farsi sprechen, hat die Kinder nicht daran gehindert,
drei, vier Stunden lang zusammen herumzutoben. Am liebsten haben sie Verstecken
gespielt. Und zwei Tage später gingen die zwei zum ersten Mal in die Schule. Da
sitzen sie jetzt neben ihren neuen Freunden.

Mehr Informationen auf www.aliceschwarzer.de.

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Mittwoch 20. Januar 2016 10:34 AM GMT+1

Antisemitismus;
Immer mehr Juden tragen Baseballkappe statt Kippa

AUTOR: Alexander Jürgs

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 680 Wörter

HIGHLIGHT: In jüdischen Gemeinden wächst das Gefühl der Bedrohung angesichts der
Zuwanderung von Muslimen. Viele von ihnen seien mit Propaganda wie zur NS-Zeit
aufgewachsen, so Zentralratsvertreter Salomon Korn.

Das immerhin ist ein gutes Zeichen: Salomon Korn, der Vizepräsident des
Zentralrats der Juden, sagt, dass sich sein Lebensgefühl bislang nicht verändert
habe. Er sagt, dass er sich weiterhin sicher fühle, in Deutschland, das er sein
Zuhause, aber nicht seine Heimat nennt, in Frankfurt, wo er seit 1999 die
Jüdische Gemeinde leitet.

Korn ist Architekt, hat das Gemeindezentrum in der Mainmetropole geplant und
gebaut. Als es eingeweiht wurde, im September 1986, da sprach er den Satz: "Wer
ein Haus baut, will bleiben, und wer bleiben will, erhofft sich Sicherheit."

Doch wie steht es darum heute? Drohen auch bei uns Anschläge wie das Attentat
auf einen koscheren Supermarkt in Paris im Januar 2015? Bringt die
Flüchtlingswelle einen Anstieg des Antisemitismus? Sind Juden in Deutschland
noch sicher?

Korn macht sich Sorgen um die Zukunft

Korn diskutiert darüber am Dienstagabend im Casino der Frankfurter Stadtwerke


mit Thomas de Maizière (CDU). Früher am Tag hatte der Bundesinnenminister
bereits die neue Gedenkstätte an der Europäischen Zentralbank, die an die
Deportation der Frankfurter Juden im Dritten Reich erinnert, besucht.

Korn macht sich Sorgen um die Zukunft, das verhehlt er nicht. "Wir können die
bisher hier lebenden Muslime nicht mit denen vergleichen, die jetzt zu uns
kommen", sagt er. "Sie kommen aus einer völlig anderen Kultur, sie bringen
keinen aufgeklärten Islam mit, viele von ihnen sind darauf aus, die Welt zu
islamisieren."
Die muslimischen Einwanderer, die ab den 60er-Jahren aus der Türkei nach
Deutschland gekommen sind, hätten sich Europa von Anfang an nahe gefühlt.

Die heutigen Flüchtlinge aber seien anders geprägt. Sie sind in Ländern
aufgewachsen, in denen der Antisemitismus Teil der Staatsdoktrin sei.

Propaganda im Nahen Osten wie in der NS-Zeit

"Die Propaganda im Nahen Osten ist mindestens so drastisch wie in der NS-Zeit,
die Kinder in den arabischen Ländern werden indoktriniert wie die Kinder im
Dritten Reich", sagt Korn. "Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass wir
diese Menschen tatsächlich in die Gesellschaft integrieren können, das wird uns
erst mit ihren Kindern oder Enkelkindern gelingen", lautet seine pessimistische
Prognose.

Thomas de Maizière widerspricht ihm nicht. Auch er sieht die Integration als
Herkulesaufgabe, aber eben auch als alternativlos. "Es wird ja nicht besser,
wenn wir dem testosterongesteuerten Nordafrikaner entgegentreten mit dem Satz:
Wir haben Angst. Stattdessen müssen wir uns vor ihn stellen und sagen: So geht
das nicht, Junge", sagt der Innenminister.

De Maizière gibt sich kämpferisch: Nur wenn wir stark sind gegenüber den
Flüchtlingen, wenn wir für unsere Werte einstehen, kann Integration gelingen. Er
berichtet auch, dass die Anzahl der antisemitischen Übergriffe 2015 gegenüber
dem Vorjahr immerhin leicht gesunken sei. Das jedoch hat auch damit zu tun, dass
die Angriffe 2014, als es im Zuge des Gaza-Konflikts eine Vielzahl an
gewalttätigen, antiisraelischen Demonstrationen von Palästinensern in deutschen
Städten gab, besonders zahlreich waren.

Die Mitte droht nach rechts abzudriften

Es gibt ein neues Gefühl der Bedrohung in den Gemeinden, berichtet Korn. Der
Fall von der Ostseeinsel Fehmarn etwa, wo ein syrischer und ein afghanischer
Flüchtling einen Mann angegriffen haben sollen, weil er eine Kippa trug,
verunsichert viele. Schutzmaßnahmen bestimmen das jüdische Leben jedoch schon
viel länger.

Viele Männer tragen heute eine Baseballkappe statt Kippa. Es gibt kaum eine
jüdische Schule, einen Kindergarten oder ein Gemeindehaus, das nicht von der
Polizei oder einem privaten Sicherheitsdienst geschützt wird. "Unsere Kinder
haben sich daran längst gewöhnt, das ist zum Alltag geworden", sagt Korn.

Mehr als den Antisemitismus der Flüchtlinge fürchtet er jedoch noch immer
Angriffe von Rechtsextremen. "Jetzt in der Flüchtlingskrise werden die Rechten
immer dreister", sagt Korn. Er sorgt sich auch, dass die Feindschaft gegenüber
Juden in der Mitte der Gesellschaft wieder wachsen wird. "Die Mitte droht in
Richtung rechts abzudriften", sagt er. "Das bleibt das größte Problem."

UPDATE: 20. Januar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Mittwoch 3. Februar 2016 9:56 AM GMT+1

Türkischer Pokal;
Dieser kurdische Fußballverein trotzt Hass und Gewalt

AUTOR: Deniz Yücel

RUBRIK: SPORT; Sport

LÄNGE: 994 Wörter

HIGHLIGHT: In Diyarbakir bekriegen sich Sicherheitskräfte und PKK. Der


Fußball-Drittligaklub der kurdischen Stadt sorgt derweil für Furore im
türkischen Pokal. Star des Teams ist ein früherer Bundesligaprofi.

Im Schatten des Krieges, der seit Monaten in der Metropole Diyarbakir und
anderen kurdischen Orten herrscht, rollt ein Fußball-Drittligaverein aus
Diyarbakir den türkischen Pokalwettbewerb auf: Amed SK. Am Sonntag siegte der
Klub im Achtelfinale beim Erstligisten Bursaspor 2:1. Ein toller sportlicher
Erfolg - immerhin war der Gegner 2010 türkischer Meister und schloss die
Vorsaison als Tabellensechster ab. Vor allem aber ist es ein politischer
Triumph.

Im Vorfeld hatten Fans von Bursa, einer Industriestadt im Nordwesten des Landes,
das Spiel zu einer Art Duell mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK
erklärt. Im Internet kursierten Flyer zum Spiel, bebildert mit Fotos von
Soldaten und Sondereinheiten. Schon beim letzten Pokalspiel gegen den Istanbuler
Klub Basaksehir, derzeit auf Platz vier der ersten Liga, war die Atmosphäre
ähnlich; der ehemalige Nationalspieler Semih Sentürk feierte sein Tor mit einem
Salut ans türkische Militär, auch wenn er hinterher kleinlaut zugeben musste,
dass er sich selber vom Wehrdienst freigekauft hatte.

Im Achtelfinale in Bursa vermieden sowohl der Stadionsprecher als auch der


Kommentator des regierungsnahen Senders ATV, auch nur den Namen Amed zu nennen.
Stattdessen sprachen sie zumeist von "den Gästen", "dem Gegner" oder schlicht
von den "anderen". Der Hintergrund: Amed ist der kurdische Name von Diyarbakir.
Die Namensänderung vollzog sich zu dieser Saison - quasi pünktlich zum Ende des
Waffenstillstands zwischen dem Staat und der PKK.

Damit nicht genug. Der Klub läuft auch in den kurdischen Farben Gelb-Rot-Grün
auf. Und er gehört der Stadtverwaltung von Diyarbakir. Klubs im Besitz von
Kommunalverwaltungen sind im türkischen Fußball zwar keine Seltenheit. Doch
Diyarbakir wird von Oberbürgermeisterin Gültan Kisanak regiert. Sie gehört der
prokurdischen HDP an - in den Augen der türkischen Nationalisten, aber auch der
Regierung und von Recep Tayyip Erdogan eine Art legaler Arm der PKK. So
verwunderte es nicht, dass der Fernsehkommentator in einer derart parteiischen
Weise kommentierte, wie man es sonst nur von Spielen der Nationalmannschaft
kennt.
Twitter-Account wird missbraucht

Doch auch für Fans von Amed SK hatte dieses Spiel politische Bedeutung. Auf den
Vorwurf des Vaterlandsverrats konterten sie mit einem Hinweis auf die Teams: Bei
Bursa standen zwei türkische Staatsbürger in der ersten Elf, bei Amed waren es
alle elf. Auf einem Twitter-Account, der sich als offizieller Account des Klubs
ausgibt, hieß es: "Wir widmen diesen Sieg der Guerilla in den Stellungen von
Cizre und dem opferbereiten Volk Kurdistans."

Klubpräsident Ali Karakas distanziert sich von derlei Äußerungen. Dieser Account
habe nichts mit dem Klub zu tun, beteuert er im Gespräch mit der "Welt". Sein
Klub sei auch keine inoffizielle kurdische Nationalmannschaft, im Team seien
Spieler aus dem gesamten Land. Doch die symbolische Bedeutung, die den Spielen
von Amed SK derzeit zukommt, leugnet er nicht: "Wenn wir in dieser gewalttätigen
Atmosphäre unsere Menschen für ein paar Stunden glücklich machen und die
Öffentlichkeit auf die Situation in Diyarbakir aufmerksam machen können, dann
machen wir das gerne."

Auf der Straße dauerte diese Freude über den Einzug ins Viertelfinale allerdings
nicht lange. Kaum dass sich in Diyarbakir die ersten Fans versammelt hatten,
wurden sie von der Polizei mit Tränengas vertrieben.

Im Stadion in Bursa waren sie aus Sicherheitsgründen erst gar nicht zugelassen.
"Die Klubführung von Bursa hat uns freundlich empfangen", sagt Klubchef Karakas.
Doch die gegnerischen Fans hätten das ganze Spiel über seine Mannschaft
beleidigt und "Terroristen raus" oder "PKK-Bastarde" gerufen.

"Amed ist überall. Freiheit ist überall"

Für Amed SK inzwischen Alltag: "Wir erleben Spiele, bei denen die Fans 90
Minuten lang 'Die Märtyrer sind unsterblich, das Vaterland ist unteilbar' oder
'Allahu akbar' rufen", erzählt Karakas - Parolen, mit denen nationalistische
Fans vor Gedenkminuten für die Terroranschläge von Ankara und Paris gestört
hatten. Der Verein habe sich etliche Mal an den Fußballverband gewandt, bislang
ohne Erfolg.

Dabei ist der Verband an anderer Stelle nicht zimperlich, Geldstrafen und
Zuschauersperren zu verhängen. Nach den Gezi-Protesten 2013 wurden mehrere Klubs
wegen Fanparolen gegen Staatspräsident Erdogan bestraft. Auch Amed SK musste
schon Strafen zahlen. "Die Kinder sollen nicht sterben, sie sollen zum Fußball",
hatten die Fans skandiert. Und: "Amed ist überall, Freiheit ist überall." Das
kostete den Klub bislang umgerechnet 65.000 Euro - zehn Prozent des
Jahresbudgets.

Den entscheidenden zweiten Treffer auf dem Weg ins Viertelfinale schoss übrigens
Deniz Naki mit einem Distanzschuss aus 20 Metern. Der in Düren gebürtige
Stürmer, einst deutscher Jugendnationalspieler und Profi beim FC St. Pauli und
in Paderborn, hatte in der vorigen Saison seinen Vertrag beim Hauptstadtklub
Genclerbirligi aufgelöst. Naki, selber kurdischer Abstammung, hatte während der
Belagerung des syrisch-kurdischen Stadt Kobani durch die Terrormiliz Islamischer
Staat eine Grußbotschaft nach Kobani geschickt und wurde daraufhin von
Nationalisten in Ankara auf der Straße angegriffen. Seit dieser Saison spielt er
für Amed in der dritten Liga. "Wir widmen diesen Sieg den Menschen, die in den
50 Tagen der Unterdrückung getötet oder verletzt wurden", schreibt er auf seiner
Facebook-Seite.

Am Dienstag wurden die Paarungen für das Pokal-Viertelfinale ausgelost:


Fenerbahçe mit den Superstars Robin van Persie und Nani gastiert nächste Woche
in Diyarbakir. Doch im größten Spiel der Klubgeschichte wird der Drittligist
ohne seine Fans auskommen müssen. Kurz nach der Auslosung verhängte der
türkische Verband wegen Fanparolen bei einem früheren Spiel eine Strafe von
einem Spiel ohne Publikum sowie eine Geldstrafe von umgerechnet 6200 Euro.
Außerdem wurde gegen Naki ein Disziplinarverfahren eröffnet. Gut möglich, dass
er im Viertelfinale gegen Fenerbahçe nicht mitspielen darf.

UPDATE: 3. Februar 2016

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Dienstag 9. Februar 2016 9:57 AM GMT+1

Besuch bei Amed SK;


Deniz Naki - Held der Kurden, Feind vieler Türken

AUTOR: Deniz Yücel, Diyarbakir

RUBRIK: SPORT; Sport

LÄNGE: 1206 Wörter

HIGHLIGHT: Deniz Naki mischt mit einem kurdischen Klub den türkischen Pokal auf.
Und die Gesellschaft. Wegen eines Facebookposts ist er gesperrt. Besuch bei
einem Spieler, der zum politischen Botschafter wurde.

Der Klub Amed SK hat Fußballgeschichte geschrieben: Als erster Drittligist


überhaupt zog er ins Viertelfinale des türkischen Pokals ein. Und der ehemalige
deutsche Jugendnationalspieler Deniz Naki wurde wegen eines Facebook-Postings
für zwölf Spiele gesperrt - auch das ein Rekord. Doch am Ende dieser bewegten
Woche wartet der Alltag: dritte Liga, Heimspiel zu Hause in Diyarbakir gegen den
Istanbuler Vorstadtklub Kartal.

Auf der Fahrt ins kleine Stadion am Stadtrand hört man Schüsse und Granaten, wie
fast überall in Amed, wie die Millionenmetropole auf Kurdisch heißt. In der
Altstadt liefern sich Sicherheitskräfte und Kämpfer der Arbeiterpartei
Kurdistans (PKK) bewaffnete Auseinandersetzungen. Und gekämpft wird nicht nur
hier.

"Wir widmen diesen Sieg den Menschen, die in den 50 Tagen der Unterdrückung
getötet oder verletzt wurden", verkündete darum Deniz Naki nach dem
Achtelfinalsieg über den Erstligisten Bursaspor. "Die Kinder sollen nicht
sterben, sie sollen zum Fußball", hatten Fans bei vergangenen Spielen skandiert.

Wenige Stunden nachdem Amed als Viertelfinalgegner den großen Istanbuler Klub
Fenerbahce zugelost bekam, gab der Verband die Strafen bekannt: Nakis Sperre
gilt für alle Pflichtspiele, während der Verein kein Ligaspiel, sondern das
Viertelfinale an diesem Dienstag ohne Zuschauer bestreiten muss. Für
Vereinspräsident Ali Karakas steht fest: "Auch das hat politische Gründe."

Beschimpfungen als "PKK-Terroristen"

Wer mit Naki durch die Stadt geht, erkennt schnell die Euphorie, die er mit
seinem Klub ausgelöst hat. Er kann keine zehn Meter laufen, ohne dass jemand ein
Selfie mit ihm knipsen möchte. Doch im Stadion spiegelt sich das nicht wider.
Knapp 2000 Fans sind an diesem verregneten Samstagnachmittag gekommen -
angesichts der Zuschauerzahlen manches Erstligisten nicht schlecht, aber
gemessen an der Aufregung enttäuschend.

Doch die, die gekommen sind, sind laut. "Rot", brüllt die Gegengerade eine der
Vereinsfarben, "Grün", antwortet die Haupttribüne mit der anderen. Nur
politische Parolen gibt es nicht, darum hat die Klubführung die Fans gebeten.
Bei der Nationalhymne, mit der in der Türkei auch in unteren Ligen sämtlichen
Partien beginnen, singen manche Amed-Spieler mit, andere nicht. Bei den Gästen
singen alle. Besser: Sie brüllen mit einer Inbrunst, fast wie die Brasilianer
bei der vergangenen Weltmeisterschaft. "Das ist noch nichts", sagt Naki.
"Auswärts ist das alles noch viel krasser."

Er habe nichts gegen die Hymne und die Fahne, beteuert er. "Wenn die Fans bei
jedem Spiel so viele türkische Fahnen haben wie in den Spielen gegen uns, dann
wäre das okay. Aber so ist das nicht." Dazu die Beschimpfungen als
"PKK-Terroristen" und "Vaterlandsverräter", ohne dass dafür bislang ein Klub
sanktioniert worden wäre.

Naki redet auf den Klub-Präsidenten ein

Ob ihn diese Reaktionen an seine Spiele mit dem FC St. Pauli gegen Hansa Rostock
erinnern? "Das hier ist viel krasser", sagt Naki. "Wir haben nicht nur gegen
Bursaspor gespielt, sondern gegen die Medien, den Verband, den Staat." Sonst
würden bei Europapokalspielen die Fans der Istanbuler Klubs immer zu den Gegnern
halten. Nur wenn es gegen Amed gehe, sei es anders. Doch nicht alle Fans seien
so, der Besiktas-Fanklub Carsi etwa habe gratuliert.

Eine heimliche kurdische Nationalmannschaft will Amed SK nicht sein. Naki selber
wuchs in Düren auf, seine Familie stammt aus der kurdisch-alevitischen Provinz
Tunceli. Aber die Hälfte der Mannschaft sind Türken. Die Innenverteidiger Sevket
Güngör und Sercan Özcelik etwa, die in diesem unansehnlichen Spiel noch die
Besten auf dem Platz sind und es am Dienstag mit Robin van Persie und Nani zu
tun bekommen werden. "Diese Reaktionen sind nicht schön", sagt Güngör, der aus
der westtürkischen Kleinstadt Turgutlu stammt. "Aber wenn du dich damit
beschäftigst, kannst du kein Fußball spielen."

Überhaupt habe der Klub nicht nur Hass auf sich gezogen, sondern auch Sympathien
gewonnen. "Wenn wir ein Merchandising hätten, könnten wir genug Geld verdienen,
um locker alle Strafen zu bezahlen", sagt Naki zu seinem Präsidenten. "Ich habe
das schon an meinem ersten Tag gesagt: Wir brauchen einen Fan-Store. Aber die
hören ja nicht."

"Ich würde erste Liga spielen, wenn ich die Klappe gehalten hätte"
"Das ist alles nicht so einfach", wirft der Präsident leise ein. Schwer
vorstellbar, dass ein anderer Spieler so mit ihm sprechen könnte. Aber Naki
genießt eine Sonderrolle: Everybody's Darling, politischer Botschafter,
sportliche Führungsfigur. Seine fußballerische Karriere mag nicht alle
Hoffnungen erfüllt haben, die sie versprach, als er mit Ron-Robert Zieler und
den Bender-Brüdern U19-Europameister wurde. Doch für Amed SK ist er als
Fußballer ein paar Nummern zu groß. "Ich hätte locker in der türkischen ersten
Liga spielen können, wenn ich meine Klappe gehalten hätte", sagt er.

Aber die Klappe zu halten war noch nie seine Sache - nicht auf St. Pauli und
auch nicht bei Genclerbirligi in Ankara, wohin er nach einer Zwischenstation in
Paderborn gewechselt war. Als im Herbst 2014 die syrisch-kurdische Stadt Kobani
vom Islamischen Staat belagert wurde, bekundete Naki Solidarität mit den Kurden,
wurde darauf in den sozialen Medien angefeindet, dann auf offener Straße tätlich
angegriffen. Vom Verein fühlte er sich alleingelassen und kündigte den Vertrag.
Zunächst kehrte er nach Deutschland zurück.

"Er hat da auf kurdischen Hochzeiten gesungen, da haben wir ihn aufgegabelt",
scherzt ein Funktionär. Naki lacht, will das aber nicht stehen lassen: "Es gab
Kontakte zu Klubs in Deutschland. Aber das Angebot von Amed war für mich eine
Herzensangelegenheit. Ich wollte dazu beitragen, dass die Menschen in dieser
schwierigen Zeit etwas glücklich werden." Deswegen will er auch bleiben, egal,
was noch passiert. Schon vergleichen sie ihn hier mit dem Pop-Folkmusiker Ahmet
Kaya, der 1999 mit einer Hetzkampagne und Strafverfahren vergrault wurde, weil
er angekündigt hatte, ein Lied auf Kurdisch aufzunehmen.

Naki besuchte Familie, deren Tochter erschossen wurde

Jetzt ist Naki mitten in einem Krieg, den er zuvor nur aus Erzählungen und den
Medien kannte. Und er versucht erst gar nicht, das alles von sich fernzuhalten,
im Gegenteil. So besuchte er im Herbst eine Familie in der Stadt Cizre. Deren
zehnjährige Tochter war mutmaßlich von Sicherheitskräften erschossen worden, die
Eltern hatten den Leichnam tagelang in ihrer Tiefkühltruhe aufbewahrt, weil sie
ihn wegen der Ausgangssperre nicht beerdigen konnten. "Und trotzdem sagen diese
Leute: Wir wollen Frieden", erzählt Naki beeindruckt.

Weniger beeindruckt ist er von dem Spiel, das sein Team ohne ihn zeigt. Die
Verteidigung steht solide, aber der Aufbau ist voller Fehler, zwei gute Chancen
vergibt die Offensive kläglich. Zum Glück für Amed ist der Gegner auch nicht
besser, das Spiel endet 0:0. Nakis knapper Kommentar: "Schlecht."

Vereinschef Karakas ist milder: "Die Jungs waren vor dem Viertelfinale nervös.
Immerhin haben wir nicht verloren - anders als Fenerbahce." Und was erwarten sie
von dem Pokalspiel? "Wir haben nichts zu verlieren", sagt Verteidiger Güngör.
"Im Pokal ist alles möglich", sagt Naki.

Trotz aller Politik - wenn Amed auf Fenerbahce trifft, ist es nicht nur ein
Politikum. Ein bisschen ist es auch Fußball.

UPDATE: 9. Februar 2016

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Dienstag 9. Februar 2016 10:48 AM GMT+1

Kandidat und Kunst;


Wenigstens Clint Eastwood kann Trump leiden

AUTOR: Hannes Stein

RUBRIK: KULTUR; Kultur

LÄNGE: 1406 Wörter

HIGHLIGHT: Er besitzt Hitlers Reden, aber er hat sie nicht inhaliert: Wie steht
es um das Verhältnis von Donald Trump zu Literatur und Kunst? Es ist ein
Verhältnis gegenseitiger Missachtung. Mit Ausnahmen.

Immerhin darf als gesichert gelten, dass er einen Renoir an der Wand hängen hat.
Oder sagen wir vorsichtiger: hatte - es ist jetzt knapp zwanzig Jahre her, seit
ein Zeuge das Bild zu Gesicht bekam. Bei jenem Zeugen handelt es sich um den
Reporter Mark Bowden, dem wir (unter anderem) die Vorlage für den Film "Black
Hawk Down" verdanken. Er war 1996 bei Donald Trump zu Gast, weil er ihn für die
Zeitschrift "Playboy" porträtieren sollte. Trump bat Bowden an Bord seiner
Privatmaschine - einer schwarzen Boeing 727 - und gab dann sehr damit an, dass
an Bord alles vergoldet war.

Schließlich zeigte Trump seinem Gast den Renoir: Er lud ihn ein, das Gemälde aus
nächster Nähe zu betrachten. Um die Brillanz des Pinselstrichs, um den
meisterhaften Gebrauch der Farbpalette zu würdigen? Nein: Mark Bowden sollte
einfach nur Renoirs Unterschrift sehen. "Ist zehn Millionen Dollar wert", sagte
Donald Trump.

Hitlers "Meine neue Ordnung" im Bücherregal

Niemand kann also behaupten, der Bewerber für die republikanische


Präsidentschaftskandidatur habe kein Verhältnis zu den schönen Künsten. Aber wie
steht es mit seiner Lektüre? Was für Bücher liest dieser Mann? Mittlerweile kann
ein Gerücht als gesichert gelten, das seine Ex-Gattin Ivana in die Welt gesetzt
hat: Sie erzählte ihrem Anwalt, Donald Trump besitze ein Exemplar von Adolf
Hitlers "Meine neue Ordnung" - eine Sammlung der Reden, die Hitler bis 1939
hielt.

Marie Brenner, eine Reporterin für "Vanity Fair", fragte Trump, ob sich dieses
Buch tatsächlich in seinem Besitz befinde. Trump erwiderte, sein Freund Marty
Davis, der für die Filmfirma Paramount arbeite, habe es ihm geschenkt - "und der
ist ein Jude". Besagter Marty Davis bestätigte das Geschenk des Hitlerbuches
("Ich dachte, es würde ihn interessieren"); allerdings sei er kein Jude. Trump
ruderte nun gegenüber der "Vanity Fair"-Reporterin zurück: Er leugne, dass er
jenes Hitlerbuch besäße. Wenn aber doch, so habe er es auf keinen Fall gelesen.
Hitlers Reden ruhen also ungelesen in Donald Trumps Nachtkästchen. Hingegen hat
er nach eigenem Bekunden die folgenden Werke mit heißem Bemühen durchaus
studiert: Sun Tzus Klassiker "Die Kunst des Krieges". Niccolo Machiavellis "Der
Fürst". "Kollaps oder Evolution?" von Rebecca Costa, ein Buch über den drohenden
Weltuntergang. "Rebecca Costa hat eine fesselnde Untersuchung der düstersten und
komplexesten Themen unserer Welt vorgelegt", urteilte Donald Trump über diesen
Bestseller. "Ihre Botschaft für die Menschheit ist letztlich hoffnungsvoll, denn
sie entdeckt ihre faszinierende Theorie über die Fähigkeit des Gehirns, in
Krisenzeiten fortgeschrittene Problemlösungstechniken zu entwickeln. Ein Muss!"

Mehr lässt sich über das Verhältnis Donald Trumps zu Büchern und Bildern nicht
herausfinden. Es gibt von ihm keine einzige Äußerung über Belletristik; möglich,
dass er heimlich Marcel Proust verehrt und die "Recherche" zu seinen liebsten
Romanen zählt - ausgelassen hat er sich darüber nicht. Wie steht es nun aber
umgekehrt mit dem Verhältnis der Künstler zu Trump?

Der letzte Prominente, der sich öffentlich zu Trump bekannt hat, war kein
Intellektueller, sondern ein Baseballspieler: Mr. John Rocker von den "Atlanta
Braves". Er bewundere, dass dieser Mann die Dinge beim Namen nenne, ohne sich um
die Folgen zu kümmern - just auf so jemanden hätten die Amerikaner eigentlich
seit Ronald Reagan gewartet. Rocker war vor Jahren durch eine rassistische
Tirade in einer Sportzeitschrift aufgefallen: Er könne die ganzen Ausländer in
New York nicht leiden.

Vor John Rocker hatte allerdings tatsächlich eine Künstlerin ihre tief
empfundene Sympathie für Donald Trump erklärt - die 83 Jahre alte
Countrysängerin Loretta Lynn. "Er hat mich überzeugt, was kann ich sonst noch
sagen?", erklärte sie dazu. Lynn, die immer noch acht- bis zehnmal pro Monat mit
selbst verfassten Liedern auftritt ("The Pill", "Coal Miner's Daughter"),
berichtet, dass sie am Ende ihrer Auftritte kostenlosen Wahlkampf für Donald
Trump macht und dass ihre Botschaft vom Publikum jedes Mal mit Wärme aufgenommen
werde.

Auch der Regisseur Clint Eastwood - bekannt unter anderem dafür, dass er sich
bei einem Parteitag der Republikaner öffentlich mit einem leeren Stuhl
unterhielt, der den abwesenden Präsidenten Obama vertreten sollte - hat sich
längst als Trump-Fan geoutet. "Die Leute suchen nach jemandem, der freimütig ist
und keine Angst hat", sagte Eastwood. "Und er scheint eine furchtlose Haltung zu
haben."

Der Klub "Rabbis für Trump" hat nur ein Mitglied

Sieht man von Loretta Lynn und Clint Eastwood ab, hat sich bislang freilich kein
prominenter Künstler oder Schriftsteller an die Seite von Donald Trump gestellt.
Auch der Klub "Rabbis für Trump" weist bisher nur ein einziges Mitglied aus:
einen gewissen Dr. Bernhard Rosenberg aus Edison, New Jersey. (Viele Rabbiner
unterstützen dagegen Hillary Clinton oder Bernie Sanders.) Dr. Rosenberg aus New
Jersey ist deshalb für Donald Trump, weil er sich vor dem Islam fürchtet und
weil er glaubt, dass syrische Flüchtlinge ganz schlecht für Amerika wären.

Allerdings gibt es jede Menge No-Name-Künstler, die sich für Trump engagieren -
Leute, die auf You-Tube Videos mit Songs hochladen, um den Ruhm des Milliardärs
zu verkünden. "Ich würde dieses Land stolz und stark machen, die USA dorthin
zurückbringen, wo sie hingehören, eine Mauer dort unten an der Grenze bauen, wir
müssen Gesetz und Ordnung wieder einführen", heißt es in einer jener
Lobeshymnen, und die Bässe wummern im Hintergrund dazu. Auf einem anderen
Musikvideo sind Kampfflugzeuge, demonstrierende Menschenmassen und hübsche
tanzende Mädchen zu bestaunen. Dazwischen immer wieder der Mann mit der blonden
Haartolle. "Schlimmer als Political Correctness kann es nicht werden: als würde
man am falschen Ende einer Zigarette ziehen, während China auf Deck wartet und
noch nicht einmal in Schweiß ausbricht und darauf wettet, dass Amerika in die
Katastrophe rast. Ja, habt ihr denn alle vergessen, dass diese Regierung
verrottet ist?" Am Schluss dann der Refrain: "Lasst uns Amerika wieder groß
machen, ehe es zu spät ist!"

Indessen hat Donald Trump als Inspirationsquell auch für eher feindliche
Kunstwerke gedient. Nachdem er uncharmant angedeutet hatte, eine Journalistin,
die ihn unfreundlich interviewte, habe wohl gerade ihre Monatsregel gehabt,
malte die wutentbrannte Künstlerin Sarah Levy ein (übrigens hervorragendes)
Porträt von Trump mithilfe ihres Tampons und ihres Menstruationsbluts.

Nicht viel freundlicher ist ein Gemälde des Künstlers Knowledge Bennett, das
jetzt auf der Kunstmesse in Los Angeles gezeigt wurde. Es verschmilzt das
Gesicht Trumps mit der Visage eines der größten Massenmörder des Zwanzigsten
Jahrhunderts. Zwar zitiert "Mao Trump" ironisch ein berühmtest Bildnis von Andy
Warhol, aber es ist wohl kein Zufall, dass Bennett sich entschied, Trump im
Warhol-Mao-Stil zu zeigen, während er Präsident Obama als lässigen Elvis malte.

Der Rest steht in dem anfangs erwähnten Artikel von Mark Bowden. "Trump kam mir
pubertär, auf lachhafte Weise pompös, unfreundlich, gottlos, unehrlich,
lautstark und rechthaberisch vor, und er hatte konsequent unrecht." Untergebene
behandle Donald Trump so rüde, dass er zum permanenten Fremdschämen eingeladen
habe - nach dem Motto: "Tony, putze das! Jetzt auf der Stelle!" Wer von ihm als
"Genie" hofiert werde, müsse schon im nächsten Moment damit rechnen, zum
"Idioten" deklassiert zu werden, wenn der Milliardär aus irgendeinem Grund
"enttäuscht" sei.

Allerdings wäre es laut Mark Bowden falsch, Trump als Faschisten zu beschimpfen:
"Er hat keine kohärente politische Philosophie ... Er reagiert nur. Trump lebt
in einer perfekten Fantasiewelt, deren belebende Kraft er selber ist."

Trumps Titanenkampf mit dem Wasserkasten

Bowden erlebte mit, wie der Geschäftsmann sich über ein paar nach seinen
Vorstellungen gestaltete Tennisplätze auf seinen Ländereien in Florida führen
ließ. Er ärgerte sich über einen Metallkasten zwischen den Tennisplätzen, der
als Pumpe und Kühler für einen Springbrunnen diente. Trump fand ihn irgendwie
hässlich. Zuerst stellte er den Ort infrage, an dem jener Kasten sich befand,
dann fing er an, ihn rüde zu beschimpfen, schließlich trat er ihn.

Danach bückte er sich, um den Metallkasten - mit hochrotem Kopf und wutschäumend
- aus seiner Verankerung zu reißen. Dabei brach er ein Wasserrohr entzwei und
schuf so einen künstlichen Geysir, der gleich mehrere Tennisplätze unter Wasser
setzte.

UPDATE: 9. Februar 2016

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Samstag 13. Februar 2016 11:50 AM GMT+1

Flüchtlingskrise;
Wenigstens Clooney ist mit der Kanzlerin einverstanden

AUTOR: Henryk M. Broder

RUBRIK: DEBATTE; debatte

LÄNGE: 769 Wörter

HIGHLIGHT: Etwas Glamour in trister Lage - und wenn das Haus brennt, fragt man
nicht, wer löschen hilft. Die Unterstützung von Hollywood-Star George Clooney
für Merkels Flüchtlingspolitik ist hoch willkommen.

Public Relation ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Eine
Inszenierung des Nichts. Die Simulation eines Geschehens, das nur zu dem Zweck
in Gang gesetzt wird, damit darüber geredet und geschrieben wird. Wie so etwas
geht, konnten wir soeben erleben. Wobei "erleben" schon ein Euphemismus ist. Man
kann es auch ein "Erlebnis" nennen, wenn jemand stundenlang aus dem Fenster
schaut und darauf wartet, dass zwei Autos auf einer Kreuzung zusammenstoßen.

Letzten Donnerstag hat der amerikanische Schauspieler George Clooney auf einer
Pressekonferenz zur Eröffnung der Berlinale angekündigt, er werde die
Bundeskanzlerin treffen, um mit ihr "darüber zu sprechen, was wir tun können, um
zu helfen". Er ließ offen, ob er meinte, der Bundesregierung zu helfen, mit den
Folgen der Fluchtwelle fertig zu werden, oder den Flüchtlingen zu helfen, mit
den Folgen der Politik der Kanzlerin, die Grenzen zu öffnen und jeden willkommen
zu heißen, der Einlass begehrt, klar zu kommen.

Wie er es auch gemeint hatte, Clooney versicherte, er wäre mit der


Flüchtlingspolitik der deutschen Kanzlerin "absolut einverstanden". Und alle,
die befürchtet hatten, George Clooney könnte mit Merkels Politik nicht
einverstanden sein, atmeten erleichtert auf. Am Morgen des nächsten Tages machte
sich Clooney zusammen mit seiner Frau Amal auf den Weg ins Bundeskanzleramt.

Die "BZ", die größte Zeitung Berlins, titelte: "Clooney berät Merkel". Nach dem
Treffen, das etwa eine Stunde dauerte, ließ die Kanzlerin ihren Sprecher
erklären, "es sei ein sehr gutes Gespräch gewesen". Worüber im Einzelnen
gesprochen wurde und welchen Rat Clooney der Kanzlerin gegeben hatte, den Peter
Altmaier, der "Flüchtlingskoordinator" im Kanzleramt, ihr nicht geben konnte,
blieb ungesagt.

Es geht nicht um Nespresso-Kapseln

Für Clooney sind solche Gespräche reine Routine. Teil des Show-Business wie
Benefiz-Galas zugunsten der Opfer von Dürre-Katastrophen in der Sahel-Zone.
Clooney sammelte Geld für die Opfer des Bürgerkrieges im Sudan, besuchte die
umkämpfte Provinz Darfur und demonstrierte vor der sudanesischen Botschaft in
Washington, wofür er vorübergehend festgenommen und in Handschellen abgeführt
wurde. Es wäre unfair, ihm zu unterstellen, er mache all das der Publicity
halber oder um den Absatz der Nespresso-Kapseln zu befördern.

Er gehört zu den Hollywood-Prominenten, die gerne Gutes tun und darüber reden.
Aber was bewegt die Kanzlerin, sich an einem Freitagmorgen eine Stunde Zeit zu
nehmen, um mit einem Filmstar über Wege aus der Flüchtlingskrise zu plaudern?
Hat sie alle ihre Hausaufgaben erledigt? Ein Jahr nach dem Abkommen von Minsk
wird in der Ost-Ukraine noch immer gekämpft. Griechenland befindet sich weiter
auf dem Weg in den Abgrund. Die CSU droht der Regierung in Berlin mit einer
Klage vor dem Bundesverfassungsgericht und einem Bruch der Koalition. Schengen
ist Geschichte. Aber sonst ist alles in Ordnung.

Könnte es sein, dass die Kanzlerin eine eigene Agenda hat? Dass sie sich auf das
Ende ihres Berliner Matriarchats vorbereitet? Es ist noch nicht lange her, da
wurde sie als Kandidatin für den Friedensnobelpreis ins Gespräch gebracht.
Hartnäckig hält sich da Gerücht, sie möchte Ban Ki Moon als GeneralsekretärIn
der Vereinten Nationen beerben. Geschieht das alles hinter dem Rücken der
Kanzlerin, ohne ihr Wissen und ohne ihre Billigung?

Mehr wert als eine Loyalitätserklärung Seehofers

Angela Merkel hat wiederholt erklärt: "Scheitert der Euro, scheitert Europa."
Auf sie und ihre Zukunft bezogen könnte der Satz lauten: "Scheitere ich an der
Flüchtlingskrise, bin ich als Kanzlerin gescheitert."

Natürlich wird sie ein Gespräch mit George Clooney vor einem solchen Schicksal
nicht bewahren. Aber es kann auch nicht schaden, sich im Glanze eines Stars ein
wenig aufzuwärmen. Und wenn Clooney sagt, er sei mit der Politik der Kanzlerin
"absolut einverstanden", dann ist das mehr wert als eine Loyalitätserklärung von
Horst Seehofer.

Die Frage, wie es mit der Kanzlerin weiter geht, scheint überhaupt wichtiger als
die, wie den Flüchtlingen geholfen werden könnte. Einerseits sollen sie besser
integriert, andererseits schneller abgeschoben werden. Man will die
"Fluchtursachen" bekämpfen, hat aber den Zeitpunkt verpasst, dem syrischen
Präsidenten in den Arm zu fallen. Aus Angst vor einem "Flächenbrand" hat mal
jahrelang einem Völkermord zugeschaut.

Nun, da die Flammen vor der eigenen Tür lodern, soll die Feuerwehr ausrücken und
den Brand eindämmen. Und alles muss schnell passieren. Hoffentlich bleibt George
Clooney noch ein paar Tage in der Stadt. Es wäre unverantwortlich, die Kanzlerin
jetzt allein zu lassen.

UPDATE: 13. Februar 2016

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WELT ONLINE (Deutsch)

Montag 22. Februar 2016 10:37 AM GMT+1

Neuankömmlinge;
Warum Migranten gegenüber Flüchtlingen skeptisch sind

AUTOR: Philipp Woldin

RUBRIK: REGIONALES; Regionales

LÄNGE: 1466 Wörter

HIGHLIGHT: Ein wachsender Teil der in Deutschland lebenden Migranten ist


skeptisch gegenüber Flüchtlingen. Manche wollen sich in Bürgerwehren engagieren.
Warum ist das so? Eine Annäherung.

Nach den Silvester-Übergriffen reicht es Amir. Er tritt in die private


Facebook-Gruppe Hamburger Bürgerwehr ein, seine Kumpels und er organisieren sich
in WhatsApp-Gruppen, sie planen eine nächtliche Streife durch die Straßen
Wilhelmsburgs. Einige der Nutzer tragen als Profilbild die türkische Flagge,
andere geben als Geburtsort Städte im Nahen Osten an. Es sind erstaunlich viele
junge Männer mit türkischen, persischen und arabischen Nachnamen. Sie wollen
sich positionieren gegen die vielen Neuankömmlinge, die in die Stadt strömen und
ihnen irgendwie Angst machen. "Wir haben jetzt 'ne Gruppe, 30 Mann stark. Die
sollen mal sehen, wer hier wohnt", schreibt ein Nutzer, der sich Erkan nennt,
auf Facebook.

"Die sind anders als wir", sagt Amir am Telefon. Er, der selbst mit drei Jahren
als Flüchtling aus dem Iran nach Hamburg einreiste und sich längst als
Wilhelmsburger fühlt. Nicht alle Flüchtlinge seien schlecht, sicher, aber viele
hätten einfach eine andere Mentalität, eine andere Kultur, sagt Amir: "Die
sollen sich hier anpassen." Da ist diese unsichtbare Mauer. Wir und die.

In Skepsis vereint: Migranten und Deutsche

Wer durch die sozialen Netzwerke streift, in "Bürgerwehr"-Gruppen mitliest und


sich durch die Kommentarspalten der AfD-Fanseiten klickt, begegnet immer
häufiger Einträgen von Menschen mit ausländischen Wurzeln, aus denen Misstrauen
gegenüber den Neuankömmlingen spricht. Sie fordern "Grenze dichtmachen!" und
sorgen sich um das wohlgeordnete Deutschland. Es ist kein rein digitales
Phänomen und auch keine Position einer radikalen Minderheit.

Auch im Alltag gibt es diese Stimmen, man hört sie in Hamburg auch bei
Informationsveranstaltungen zu Flüchtlingsheimen. Dieses diffuse Gefühl lässt
sich mit konkreten Zahlen untermauern: In einer Umfrage von infratest dimap für
die "Welt am Sonntag" von Ende November finden 40 Prozent der Deutschen mit
Zuwanderungsgeschichte, Deutschland solle weniger Flüchtlinge aufnehmen als
derzeit. 24 Prozent sagen sogar, Deutschland sollte gar keine Flüchtlinge mehr
aufnehmen. Das sind 64 Prozent der Migranten, also den Menschen, die laut
Definition des Zensus 2011 nach dem Jahr 1955 zugewandert oder in Deutschland
geborene Ausländer sind und alle mit zumindest einem nach 1955 zugewanderten
oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. Damit unterscheiden sich
diese Menschen in ihrer Skepsis kaum von Deutschen ohne Migrationshintergrund.

Dabei müssten Menschen wie Amir doch eigentlich Verständnis haben, Empathie für
jene Menschen, die wie er damals Schutz suchen.

"Es ist anders", sagt Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für
empirische Integrations- und Migrationsforschung. "Die skeptische Reaktion
einiger Migranten auf Neuankömmlinge ist ein bekanntes Muster, das wir auch
schon bei früheren Einwanderungsbewegungen gesehen haben. Viele Migranten haben
noch nicht das Sicherheitsgefühl, zur Gesellschaft dazuzugehören. Sie machen
sich Sorgen, mit den 'Neuen' in einen Topf geworfen zu werden."

Es geht um sozialen Status, nicht Herkunft

Der Forscher beschreibt die Bevölkerung als konzentrischen Kreis, wie eine Art
Zielscheibe. Das "Wir", die deutsche Mehrheitsgesellschaft, liegt in der Mitte.
Jeder neu hinzukommende äußere Kreis, jetzt die Flüchtlinge, schiebt den davor
liegenden Kreis, die schon hier lebenden Migranten, etwas weiter nach Innen,
Richtung "Wir". Eine Art ungeplante Integration, ein neues Gemeinschaftsgefühl -
aber auf Kosten der ganz Neuen.

"Einige der Migranten glauben, durch eine kritische Haltung gegenüber


Flüchtlingen dem inneren Kreis näherzukommen - gerade weil der deutsche Diskurs
seit Silvester ins Negative gekippt ist." Sozialwissenschaftler Kaschuba
beschreibt Integrationsschritte an einem Beispiel wie diesem: Die erste Welle
der Gastarbeiter kam in den 1950er-Jahren, sie malochten in der Zeche oder am
Band bei VW. Der deutsche VW-Kollege blieb zuerst skeptisch, aber nach einer
Zeit sagte er: Italiener finde ich immer noch komisch, aber mein neuer Kollege
Luigi, der ist okay. Als dann Jahre später türkische Arbeiter kamen, wunderten
sich der deutsche und deutsch-italienische Arbeiter gemeinsam über die
Hinterwäldler aus Anatolien. Der Prozess geht weiter: Heute, sagt Kaschuba,
sagen dann Menschen mit türkischen Wurzel: "Was sollen wir in Deutschland denn
mit den neuen Flüchtlingen?"

Doch so einfach ist es nicht. "Herkunft ist nicht die zentrale Erklärung für die
Skepsis gegenüber Flüchtlingen", erklärt der Sozialwissenschaftler. Es gehe eher
um den sozialen Status. Und konkret um die Lebenswelt des einzelnen Migranten:
Um die türkischstämmige Supermarkt-Kassiererin, die sich eher in Konkurrenz um
Jobs und billigen Wohnraum mit den Flüchtlingen sieht als der iranische
Ingenieur. Um Muslime, die in einer liberalen Gemeinde beten, und vor
rückständigen, arabischen Männern warnen, die da nun kommen.

Russlanddeutsche, der Fall Lisa und die Flüchtlinge

Der 24. Januar ist ein wolkenverhangener Tag in Hamburg, 600 Menschen, vor allem
Russlanddeutsche, ziehen in dichten Reihen Richtung Jungfernstieg. Russische und
deutsche Flaggen wehen, auf selbst gebastelten Plakaten steht: "Wir wollen nicht
in Angst leben" und "Kriminalität muss bestraft werden". Ein Redner ruft ins
Mikrofon: "Wir wollen Sicherheit für unsere Kinder und für unsere Frauen!" In
diesen Tagen erhitzt der Fall Lisa die Kommentarspalten, ein 13-jähriges Mädchen
aus Berlin-Mahrzahn mit russischen Wurzeln, angeblich vergewaltigt von
Flüchtlingen. Nur: Der Übergriff fand nie statt, in den Wochen danach wird das
Mädchen der Staatsanwaltschaft beichten, sie sei bei einem Freund untergetaucht
- die Schulnoten. Doch die schon damals bestehenden Zweifel interessieren an
diesem Sonntag niemanden.

Seit Tagen heizen die russischen Nachrichten den Fall an, raunen vom
"Kontrollverlust" der deutschen Behörden. "Objektiv nahm nur ein kleiner Teil
der Community an den Demos teil", sagte Jannis Panagiotidis, Juniorprofessor für
"Russlanddeutsche Migration und Integration" an der Universität Osnabrück. Er
geht von bundesweit 10.000 Teilnehmern aus. Etwa zwei Millionen Russlanddeutsche
leben in Deutschland, insgesamt gelten sie als gut integriert, aber politisch
unsichtbar. Panagiotidis hat sich Videos und Bilder der Demos angesehen und
findet: "Dort lief durchaus ein Querschnitt der Community mit, nicht nur junge
Hitzköpfe." Russlanddeutsche verstehen sich zuerst als Deutsche, sie legen Wert
auf ihr Deutschtum, das gesellschaftlich allerdings manchmal infrage gestellt
wird. Bei den aktiven Teilnehmern sei das Bedürfnis, sich von den Flüchtlingen
abzugrenzen, deshalb recht stark, sagt Panagiotidis.

Es gebe in Deutschland einen stärker werdenden Bevölkerungsteil, der in der


Flüchtlingsfrage für sich entschieden hat: "Wir schaffen es eben nicht." Die
russischen Medien plustern diese Strömung in der Debatte auf. Der
Migrationsforscher sagt: "Der Fall 'Lisa' war nur der spezifische Funke, der an
ein Grundgefühl der Verunsicherung anknüpft, das es auch bei 'Biodeutschen'
gibt." Das Verhalten sei also eher ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, nicht
Ergebnis einer abgeschlossenen Gettomentalität einer Migrantengruppe. Viele der
älteren Russlanddeutschen kommen zwar selbst aus ehemaligen Sowjetstaaten, die
multiethnisch geprägt waren, doch seien irritiert darüber, dass es in
Deutschland in wachsender Zahl "Ausländer" gebe, erklärt der Migrationsforscher.
"Sie kamen mit einem anderen Deutschlandbild, hatten vielleicht eine andere
Hoffnung."

Die andere Seite: Migranten, die helfen

Das ist die eine Seite, Menschen mit eigener Zuwanderungsgeschichte, die sich
Sorgen machen. Die andere Seite sind die vielen Hamburger Migranten, die helfen.
Da sind die vielen Dolmetscher, die am Hauptbahnhof übersetzen und für ihre
Landsleute das Sprachrohr in eine neue Welt sind. Die Sozialmanager der
Unterkünfte, die Neuankömmlinge auch deshalb besonders gut verstehen, weil sie
selbst eine Fluchtgeschichte haben.

Der syrische Arzt in Blankenese, der unermüdlich nach privaten Wohnungen für die
Gestrandeten sucht. Und Gemeinden wie die Al-Nour-Moschee in St.Georg, die im
Sommer nachts bis zu 600 Flüchtlinge auf der Durchreise nach Schweden in ihrem
Gebetsraum beherbergte, einer umfunktionierten Tiefgarage. "Selbstverständlich"
ist so eine Haltung für den Vorsitzenden Daniel Abdin. Eine ablehnende Stimmung
erlebe er in seiner Gemeinde nicht. "Das fände ich auch paradox, wenn man selbst
geflüchtet oder zugewandert ist. Was ist, wenn Deutschland so auf uns reagiert
hätte?"

Migrationsexperte Wolfgang Kaschuba entgegnet: "Wir können nicht erwarten, dass


Menschen mit eigener Flucht- und Migrationserfahrung, mit oft prekärem Status in
der Gesellschaft, sofort am solidarischsten sind." Die Herkunft ist es nicht,
die entscheidend für die Haltung ist. Sondern jeder Einzelne.

UPDATE: 22. Februar 2016

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Dienstag 23. Februar 2016 9:33 AM GMT+1

Wahlkampf für Klöckner;


Merkel tut so, als sei nichts gewesen

AUTOR: Hannelore Crolly

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1121 Wörter

HIGHLIGHT: Angela Merkel zu Gast bei Julia Klöckner in Rheinland-Pfalz: Diese


fuhr ihr bei der Flüchtlingspolitik heftig in die Parade. Die Kanzlerin bleibt
stoisch - doch ihr Elefantengedächtnis vergisst nicht.

Ist die Kanzlerin nachtragend? Schwer zu sagen bei einer Meisterin der
Contenance wie Angela Merkel. Die 61-jährige CDU-Chefin lässt sich miese Laune
in der Regel nicht anmerken, selbst dann nicht, wenn ihr gerade die eigene
Stellvertreterin mit Karacho in die Parade gefahren ist.

Pflichtbewusst ist Merkel an diesem Montagabend in die Südpfalz geeilt und


pünktlich in der Landauer Jugendstil-Festhalle eingetroffen, um für Julia
Klöckner Wahlkampf zu machen.

Sollte sich die Kanzlerin über die CDU-Spitzenkandidatin von Rheinland-Pfalz und
ihren baden-württembergischen Kollegen Guido Wolf geärgert haben, lässt sie es
sich mit keinem Mienenzucken anmerken. Dabei haben die beiden Wahlkämpfer ihr
just einen Tag zuvor eine Erklärung vor die Füße geworfen, die Merkel ungefähr
so erfreulich gefunden haben muss wie Zahnweh über die Weihnachtsfeiertage.

In Panik angesichts immer weiter schmelzender Umfragewerte hatten die beiden


Wahlkämpfer die sofortige Einführung tagesaktueller Flüchtlingskontingente wie
in Österreich gefordert. Dabei war Merkel just aus Brüssel heimgekehrt, wo sie
Österreich für eben dieses Vorhaben schwer gerügt hatte.

Überschwängliche Begeisterung klingt anders

Doch in Landau tätschelt Merkel ihrer 18 Jahre jüngeren Stellvertreterin nun


ein, zwei Mal auf der Bühne den Arm, als sei alles in bester Ordnung, sagt vor
1300 Gästen einigermaßen nette Dinge wie: Rheinland-Pfalz brauche frischen
Schwung und neue Kraft und dass Julia Klöckner dafür die richtige Wahl sei.

Dass Klöckner sicher als "bodenständige, frische, kampfesfreudige, als lustige,


wenn's nottut, auch ernste Ministerpräsidentin dieses Land gut führen wird mit
ihrem Team". Zugegeben, überschwängliche Begeisterung klingt anders. Aber
überschwänglich ist Merkel so selten wie offenkundig eingeschnappt.

Aber vergessen wird Merkels Elefantengedächtnis diesen feindlichen Vorstoß


nicht. Das macht sie sehr elegant deutlich, als sie CDU-Urgestein Heiner Geißler
im Publikum entdeckt - ob absichtlich oder weil es sich gerade so ergibt, wer
weiß das schon. "Ich überlege gerade, ob das nicht in diesem Saal hier war, als
mir Heiner Geißler den ersten und einzigen Saumagen in meinem Leben geschenkt
hat", sinniert Merkel gleich zur Begrüßung.

Geißler habe bei dieser Gelegenheit auch versucht, sie von einer Kandidatur
abzubringen. "Ich hatte die Idee, ich müsste Landesvorsitzende in Brandenburg
werden. Er hatte seinen Freund Ulf Fink dort station..., äh, dort hingebracht",
erinnert sich die Kanzlerin. "Ich habe dann folgerichtig verloren. Aber es war
eine interessante Erfahrung." Das Ganze sei wohl 1992 oder 1993 passiert, sagt
sie.

Sie hat fast recht: Fink, ein enger Vertrauter des Ex-CDU-Generalsekretärs
Heiner Geißler, wurde 1991 brandenburgischer Landeschef. Merkel ausgebootet zu
haben hat Fink und Geißler nichts gebracht. Fink wurde schon 1993 wieder
geschasst, weder er noch sein Förderer haben in der CDU danach je wieder eine
maßgebliche Rolle gespielt.

Klöckner abgewatscht vom CDU-Fraktionschef

Vielleicht kann die in jahrzehntelangen Querelen gestählte Kanzlerin über


Affronts aus eigenen Reihen mittlerweile auch tatsächlich mit einem Achselzucken
hinweggehen, vor allem wenn es sich um einen Rohrkrepierer handelt wie im Fall
der am Sonntag von Klöckner und Wolf vorgelegten Forderungen nach einer
Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik.

Schon am Montagmorgen hatten die beiden versucht, in einer Telefonkonferenz mit


dem Bundesvorstand ihren Ausbruchsversuch wieder zu relativieren. Von einer
Distanzierung könne keine Rede sein, die Vorschläge seien als "Ergänzung" zu
Merkels europäischem Weg gedacht, so Klöckner und Wolf.

Doch da war Fraktionschef Volker Kauder, wie Wolf aus dem Süden
Baden-Württembergs, längst im "Morgenmagazin" aufgetreten und hatte die
Abtrünnigen abgewatscht wie Schulkinder. "Jeden Tag neue Vorschläge führt,
glaube ich, nicht zum Ziel", knurrte Kauder, ohne Namen zu nennen, und dass er
"allen" nur raten könne, sich hinter die Kanzlerin zu stellen.

Kurz danach hatte Regierungssprecher Steffen Seibert das Klöckner-Wolf-Papier


zur "parteiinternen Überlegung" kleingeredet, Kanzleramtschef Peter Altmaier
machte daraus gar ein Kompendium "rein technischer Fragen". Und so war der Plan,
mit dem Klöckner und Wolf 21 Tage vor ihren Landtagswahlen einen
Befreiungsschlag hatten wagen wollen, schon wieder im Archivschrank verstaut,
bevor die Kanzlerin in der Pfalz eintraf.

Auf einmal ist Klöckner auf Merkels Seite

In Landau ist denn auch nicht mal andeutungsweise die Rede von Kontingenten oder
Wartezonen fernab von Deutschland, von Steuerungsinstrumenten, wie sie sich
Guido Wolf herbeigewünscht hat, oder schärferen Kontrollen an den Grenzen.

Klöckner wagt lediglich den sehr verklausulierten Satz, dass "unsere Kommunen
eine Atempause brauchen". Doch viel klarer sucht sie den Schulterschluss mit der
Kanzlerin, etwa wenn sie betont, dass "wir diesen europäischen Weg gemeinsam
gehen", und in eindeutiger Anlehnung an einen Merkel-Spruch verkündet: "Wir
müssen uns nicht schämen für unser freundliches Gesicht."

In gewiefter Rhetorik versucht die Landesvorsitzende sogar, die Landtagswahl zu


einer Unterstützungsaktion in Sachen Flüchtlingspolitik der "lieben Angela" zu
machen: "Wir kämpfen hier vor Ort. Wir kämpfen für eine andere Zusammensetzung
im Bundesrat, damit du deine Politik durchsetzen kannst."
Merkel hält es ähnlich, lässt allenfalls Andeutungen fallen, von denen nicht mal
sicher ist, ob es welche sind. Etwa wenn sie von "kontroversen Diskussionen"
spricht, die sie im Übrigen "auch mal gut" findet, "weil wir uns mal wieder mit
unseren Grundwerten beschäftigen, wovon unser Land lebt und was uns ausmacht".

Sie wirbt eindringlich dafür, alles zu tun, um Europas offene Grenzen zu


bewahren, und sie liest der gesamten EU die Leviten, weil diese Gemeinschaft mit
ihren 500 Millionen Einwohnern bisher wohl nicht einmal eine Million syrische
Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen hat.

"Da stellt sich schon die Frage, wie es mit unseren Werten steht." Die ganze
Welt schaue derzeit darauf, wie die EU mit ihrer Nachbarregion umgehe.

Wenn sie diese Herausforderung jetzt nicht bestehe, brauche die Europäische
Union in der Welt von anderen nicht mehr die Einhaltung von Werten wie
Menschenrechte oder Klimaschutz zu fordern. "Sonst heißt es: Die reden nur und
handeln nicht."

So, wie es jetzt auch die Wähler von Klöckner und Wolf sagen könnten. Laut
"Tagesspiegel" soll jemand aus der CDU-Führung über die beiden Wahlkämpfer
gesagt haben, der gesamte Vorstoß sei unsinnig gewesen. Merkel dürfe ihnen gar
nicht entgegenkommen, um ihr Standing in Brüssel nicht zu gefährden. Also
stünden Klöckner und Wolf jetzt als "ziemlich zahnlose Provinztiger da, die laut
brüllen, hauptsächlich aus Angst".

UPDATE: 23. Februar 2016

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Sonntag 28. Februar 2016 11:59 AM GMT+1

Iran-Wahlen;
In Teheran gewinnt das Reform-Lager deutlich

AUTOR: Stephanie Rupp

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1473 Wörter

HIGHLIGHT: Bei der Parlamentswahl im Iran haben die Reformer um Präsident Hassan
Ruhani nach vorläufigem Ergebnis alle 30 Mandate in Teheran gewonnen. Das wäre
ein herber Schlag für die radikalen Hardliner.

Irans Staatspräsident Hassan Ruhani bekommt durch das Ergebnis der


Parlamentswahlen deutlichen Rückenwind - ganz besonders von den Wählern der
Hauptstadt Teheran. Seine Liste aus Reformern und gemäßigten Konservativen
"Hoffnung" hat nach Auszählung von 90 Prozent der Stimmen alle 30 Sitze
gewonnen, darunter acht Frauen. Sämtliche radikalen Hardliner aus Teheran wurden
demnach aus dem Parlament geworfen. Auch im Expertenrat liegen die gemäßigten
Konservativen vor den Hardlinern. In dieses religiöse Gremium, das den
geistlichen Führer bestimmt, wurde auch Ruhani selbst wiedergewählt.

Die Wahlbeteiligung im Iran war mit 60 Prozent (33 von 55 Millionen


Stimmberechtigten gingen an die Urnen) zwar niedriger als erwartet. Doch die
Menschen haben damit unmissverständliche Signale an das religiöse Establishment
gesendet:

Sie wollten mit aller Macht den erneuten massenhaften Einzug der
Radikal-Konservativen ins Parlament verhindern, was sie nach bisherigen
Ergebnissen erreicht haben. Für den religiösen Expertenrat haben sich Reformer
mit den Stimmen aus Teheran Platz eins (für das moderate Polit-Urgestein Ali
Akbar Rafsandschani-Haschemi) und Platz zwei (Staatspräsident Hassan Ruhani)
sogar die Spitzenplätze gesichert. Ansonsten sind dort zwar weiter viele
Konservative und auch einige Radikale vertreten.

Ein Teil des bei der Bevölkerung äußerst umstrittenen "Top-Trios" der radikalen
Hardliner mit den Ajatollahs Ahmad Dschannati und Mohammed Jasdi liegt nach
bisherigen Auszählungen abgeschlagen auf den Plätzen 11 und 15. Der Radikalste
von ihnen, Mesbah Jasdi, fliegt nach bisherigem Stand sogar komplett aus dem
Gremium. Das bestätigte das Innenministerium.

Bleibt es dabei, wäre das ein harter Schlag ins Gesicht der radikalen Kleriker.
Dschannati hatte als Vorsitzender des Wächterrats den beliebten Khomeini-Enkel
Hassan Khomeini disqualifiziert, was viele äußerst wütend machte. Mesbah Jasdi
hatte durch seine frauenfeindlichen Äußerungen und abschätzige Bemerkungen,
wonach der Wille des Volkes bei Wahlen für ihn ohnehin nicht zähle, für Wirbel
gesorgt.

Die Bürger zeigten durch ihre Stimmabgabe, dass sie ohne Anwendung von Gewalt
demokratische Reformen fordern. Gewaltsame Umstürze könnten zu Bürgerkrieg und
einer riesigen Fluchtbewegung nach Europa führen, warnen prominente Stimmen.
Diese Warnung ist an alle radikalen Kräfte gerichtet.

Hardliner sind die größten Verlierer

Reformer und moderate Konservative, von denen viele inzwischen den Kurs des
Staatspräsidenten Hassan Ruhani unterstützen, haben denn auch nach inoffiziellen
Angaben im neuen Parlament deutlich die Nase vorn. Die größten Verlierer sind
demnach die radikalen Hardliner.

Noch fehlen zwar die kompletten Ergebnisse aus Teheran und anderen Großstädten
wie Shiraz. Doch in der liberalen Hauptstadt haben die Reformer bisher einen
Riesensieg eingefahren: Laut Innenministerium werden wahrscheinlich 29 von 30
Sitzen an Reformer und moderate Konservative gehen - darunter acht Frauen. Nur
ein einziger Sitz wird demnach an die Ultrakonservativen aus Teheran gehen - an
Gholam-Ali Haddad-Adel, der familiäre Beziehungen zum Religionsführer Ayatollah
Ali Khamenei hat. Abgewählt wurden sehr viele radikale Hardliner, die
Außenminister Mohammed Dschawad Sarif wegen der Atomverhandlungen aufs Heftigste
beschimpft hatten. Seit Samstagabend wird in den sozialen Netzwerken
kommentiert: "Die Hardliner sind in die Zweite Liga abgestiegen." Oder: "Die
Radikal-Konservativen haben unsere Reform-Kandidaten disqualifiziert - jetzt hat
das Volk die Radikal-Konservativen disqualifiziert."

Es wird nicht erwartet, dass eines der drei Lager - Reformer, gemäßigte
Konservative und radikale Hardliner - landesweit die Mehrheit beanspruchen kann.
Aber eine Koalition oder anderweitige Zusammenarbeit aus Reformern und moderaten
Konservativen gilt als wahrscheinlich.

Aus der Provinz Kerman und Bam in Südiran beispielsweise wurden zehn Kandidaten
als Abgeordnete gewählt, alle von ihnen allerdings Männer: Sechs sind Reformer
und jeweils zwei moderate Konservative beziehungsweise radikale Hardliner. Aus
der Provinz Fars (bisher aber noch ohne die wichtige Stadt Shiraz) haben es zwar
neun radikale Hardliner geschafft, aber auch sechs Reformer und zwei gemäßigte
Konservative. Auch hier ist keine Frau unter den Gewählten, was für Teheran
anders ist.

Weil viele reformnahe Kandidaten im Vorfeld disqualifiziert worden waren, haben


die Reformparteien vielerorts moderate Konservative auf ihre Empfehlungslisten
gehievt. Zusammen mit ihnen wollen die Reformer im neuen Parlament verhindern,
dass radikale Erzkonservative weiterhin die Arbeit des moderaten
Staatspräsidenten Ruhani blockieren.

In der radikalen Schiiten-Hochburg Ghom etwa konnten die Reformer keinen


Spitzenkandidaten aus den eigenen Reihen aufstellen. Dort nominierten sie
deshalb den früher als Hardliner gefürchteten derzeitigen Parlamentssprecher Ali
Laridschani sogar als ihren Spitzenmann.

Inzwischen unterstützt allerdings auch er den Kurs Ruhanis, insbesondere, was


die Aushandlung des Atomdeals mit der internationalen Staatengemeinschaft
angeht. Laridschani wurde als einer von drei Vertretern ins Parlament gewählt -
zusammen mit zwei Radikal-Konservativen, was für Ghom allerdings normal ist.

Das Beispiel Laridschani zeigt nach Ansicht politischer Beobachter, dass sich
die Konservativen im Zuge der Atomdealverhandlungen in zwei Lager gespalten
haben: zum einen in den radikal-erzkonservativen Flügel, zum anderen in moderate
Konservative. Die stützen den Kurs Ruhanis jetzt auch innenpolitisch.

Erste Ergebnisse sprechen für Reformer

Yadollah Eslami, der in der Regierung des reformorientierten Präsidenten


Mohammed Khatami stellvertretender Gesundheitsminister war und 2009 den Anführer
der Grünen Welle, Mir Hussein Mussawi, aktiv unterstützte, schreibt in einer
politisch sehr aktiven Gruppe des weitverbreiteten sozialen Netzwerks Telegram:
"Noch ist das Endergebnis der Wahlen nicht auf dem Tisch. Aber schon jetzt sehen
wir, dass das Volk ein friedliches Zeichen für Demokratie und Freiheit gesetzt
hat. Die Iraner sind reif für die Demokratie."

Die Möglichkeit, ihren wirklichen Willen kundzutun, sei angesichts der


verschwindend geringen Zahl echter reformorientierter Kandidaten - gerade einmal
70 von 3000 - absolut minimal gewesen, schreibt er.

"Trotzdem haben die Menschen diese winzige Möglichkeit zur Willensbekundung zu


einer ganz großen Sache gemacht - und zwar friedlich. Seit heute erleben wir
eine neue Qualität der politischen Auseinandersetzung in unserem Land", sagt er
optimistisch.

Es wäre in der Tat ein besonders herber Schlag ins Gesicht der radikalen
Hardliner, wenn ein Großteil der 70 Reformer gewählt würde. Die bisherigen
Ergebnisse zeigen, dass es viele von ihnen geschafft haben.

Das Verhalten der Menschen zeige, in welche Richtung sich das Land bewegen müsse
- nämlich in eine Zukunft, in der Forderungen ohne radikale Kräfte, die auf
Gewalt setzten, ausdiskutiert werden müssten.

Angst vor Bürgerkrieg

Der Schauspieler Hamid Farrokh-Nedschad sagte in einem vom Staatsfernsehen


geführten Interview, das höchstwahrscheinlich niemals gesendet wird, aber sehr
wohl im Netzwerk Telegram landete: "Einer der Gründe dafür, dass die Menschen
zur Wahl gingen, war, so wenige Radikal-Konservative wie möglich ins Parlament
zu lassen. Denn diese Leute leben geradezu von Gewalt, Unruhe und Kriegen. Sie
konnten im Iran gut leben und reich werden, weil es die Sanktionen gab." Davon
hätten sie durch ihre lukrativen Umweggeschäfte jahrzehntelang profitiert.

"Das Volk aber ist müde vom Embargo." Die Wahlbeteiligung zeige das. Die
Menschen werfen den radikalen Hardlinern vor, "dass diese blind dafür sind, was
mit unseren Nachbarn passiert ist".

Obwohl sie die Fotos von ertrunkenen syrischen Kindern sehen, die aufgrund der
Gewalt in ihrer Heimat fliehen müssten, würden sie weiter "nur an ihren eigenen
Profit" denken. Wenn die Radikalen im Iran weiter so stark wie bisher das
Geschehen bestimmen dürften, sei auch der Iran in Gefahr, dass die Lage kippe
und es einen Bürgerkrieg gebe. "Dann könnten wir alle gezwungen sein, mit
unseren Familien nach Europa zu fliehen - und das wollen wir nicht", sagt er.

Die Rolle der sozialen Netzwerke, insbesondere des Messenger-Dienstes Telegram,


war entscheidend für die Mobilisierung der Wähler. Denn im Iran nutzt jeder
Vierte ein Smartphone, in der Hauptstadt Teheran ist es sogar jeder Zweite. Über
die sozialen Netzwerke wurden auch Bilder des inoffiziellen Oppositionsführers
Mir Hussein Mussawi verbreitet, der seit der mutmaßlichen Wahlfälschung 2009 in
Hausarrest sitzt.

Sogar er und seine Frau Sahra Rahnavard haben ihre Stimme abgegeben, statt die
Wahl zu boykottieren. Und selbst politische Gefangene im Evin-Gefängnis haben
teilgenommen - ganz sicher nicht, um radikale Konservative zu wählen, sondern
deren Anteil zu mindern.

UPDATE: 28. Februar 2016

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Samstag 12. März 2016 11:39 AM GMT+1

Zeitgeist;
Die Deutschen sind in der Stimmungsfalle

AUTOR: Marc Reichwein

RUBRIK: KULTUR; Kultur

LÄNGE: 1783 Wörter

HIGHLIGHT: Wer sind wir - und wenn ja, wie anfällig? Der Soziologie Heinz Bude
hat die Macht von Stimmungen studiert. Sie entscheiden WM-Feiern,
Willkommenskultur und Wahlen. Im Facebook-Zeitalter mehr denn je.

Und, wie ist die Stimmung so? Sie ist jeden Fall immer da. Man kann nicht nicht
gestimmt sein, sagt Heinz Bude (mit Paul Watzlawick und Martin Heidegger), und
instinktiv stimmen wir ihm zu: Wenn man an die Stimmung beim letzten
Stadionbesuch, am Arbeitsplatz oder in bestimmten Lebensabschnitten denkt
(Abitur, Geburt des ersten Kindes) - als biografische, individuell erfahrbare
Kategorie leuchtet Stimmung sofort ein.

"Aber wie kann man sich den Prozess des Gestimmtwerdens durch eine
gesellschaftsgeschichtliche Situation vorstellen?", fragt Bude, Professor für
Makrosoziologie an der Uni Kassel und Spezialist für Zeitgeistthemen wie
"Bildungspanik" (2011) oder "Gesellschaft der Angst" (2014). Sein neues Buch
"Das Gefühl der Welt" hat das Anliegen, die Macht von Stimmungen als
soziologisches Thema zu markieren.

Die Kategorie liegt in der Luft, und zwar nicht nur, weil in diesen Tagen jede
Landtags-, ja sogar die hessische Kommunalwahl als sogenannter Stimmungstest
fürs große Ganze herhalten muss. Aktuelle Protestbewegungen wie Pegida und AfD
"machen Stimmung" gegen die Kanzlerin, die mit ihrer Flüchtlingspolitik
"ungefragt unser Land verändert".

Medien raunten lange vor der Kölner Silvesternacht, dass "die Stimmung kippt",
bevor sie dann tatsächlich kippte. Die Kategorie der Stimmung scheint auch
virulent, wenn sich in vielen europäischen Ländern eine islamfeindliche oder
wenigstens misstrauische Atmosphäre breitmacht. Europa selbst steht als gedachte
Solidar- und Wertegemeinschaft unter Vorbehalt wie noch nie.

Stimmung gegen das Establishment

In Amerika bewirbt sich ein Kandidat ums Präsidentenamt, der eine schon länger
schwelende Grundstimmung gegen das politische Establishment in Washington zum
Markenkern seiner Kampagne gemacht hat. Und im Internet, wo die unzivilisierte
Hassrede Urständ feiert, ist die Stimmung generell gern im
Weltverschwörungseimer.

Ein vielleicht Letztes noch, für das Stimmungsbarometer von immerhin 1,5
Milliarden online organisierten Menschen relevant: Facebook hat soeben seine
Währung, den Like-Button, für mehr Stimmungen als bloße Zustimmung ("Gefällt
mir") diversifiziert. Auch wenn User lieben, lachen, überrascht, traurig oder
wütend sind, sollen sie das künftig ausweisen dürfen.

Alles Stimmung, oder was? Bude geht von einem Manko aus: die
Sozialwissenschaften hätten sich, von der konkreten Markt- und Meinungsforschung
der Umfrageinstitute abgesehen, kaum grundsätzlich mit der Kategorie der
Stimmung befasst, die die Philosophie und Ästhetik immerhin seit Kant
beschäftigt.

Sprachlich vordergründig haben wir es übrigens mit einem deutschen Sonderweg zu


tun: Anders als die meisten anderen Sprachen, die die subjektive und objektive
Komponente der Stimmung in zwei Wörter scheiden (mood und atmosphere ),
impliziert der deutsche Begriff beides, sowohl die persönliche Laune wie die
gesellschaftliche Atmosphäre. Und um genau den Konnex geht es Bude.

Gereizte Stimmung

Wenn wir an so manche Silvesterböllerei in deutschen Großstädten denken,


leuchtet seine Grunddiagnose sofort ein: Er bescheinigt unserer Gegenwart eine
"generelle Stimmung der Gereiztheit". Die einen - Bude nennt sie "heimatlose
Antikapitalisten" - sind ein bisschen gereizter als die anderen, die bei Bude
"Systemfatalisten" heißen.

Ein kollektives Unbehagen am Kapitalismus prägt uns alle, glaubt Bude, und zwar
sowohl historisch wie gegenwärtig. "Das Gefühl der Welt" ist keine systematische
Gesellschaftsstudie, sondern essayistisch angelegt, in lose Gedankenblöcke
gegliedert.

Die Erfindung der "Fühlungsnahme"

Bude skizziert die Stimmung aufeinanderfolgender Generationen (die ihn als


Forscher schon länger umtreiben). Er erzählt vom Erfolg epochaler
Stimmungsumschwünge, etwa Willy Brandts Losung "Wir wollen mehr Demokratie
wagen", die 1969 zum Ausdruck brachte, dass der Staat sich nicht mehr nur
autoritär auf seine Institutionen verlassen konnte, sondern um die "ständige
Fühlungsnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes" bemüht sein
wollte.

Mit "Fühlungsnahme" (gemeint war wohl Tuchfühlung) wurde qua


Regierungsverlautbarung deutlich, dass "Stimmung die Münze der Politik" ist.

Zur allerjüngsten Stimmungsgeschichte des Landes zählt die Willkommenskultur für


Flüchtlinge im letzten Sommer.

Im Nachhinein, so Bude jüngst gegenüber dem "Spiegel", könne man bereits die
Fußballweltmeisterschaft 2006 (Motto: Die Welt zu Gast bei Freunden) als Auftakt
jener "Fremdenfreundlichkeit" lesen, mit der sich Deutschland gern selbst
gefällt - schon um sein historisch belastetes Image und seine regional und lokal
weiter aufwallende Fremdenfeindlichkeit zu kompensieren.

Was bedeutet es, wenn syrische Flüchtlinge mit Applaus begrüßt werden? Hat diese
Geste der Willkommenskultur etablierte "Hierarchien des Hierseins" außer Kraft
gesetzt, fragt Bude - mit Blick auf die Stimmung im Land. Er liefert eine
Erklärung, warum Ostdeutsche und Migranten der zweiten Generation sich in ihrer
Ablehnung von aktuellen Flüchtlingen durchaus einig sein können.

Für beide Gruppen, so Bude, stelle Deutschland eine Ankunftsgesellschaft dar. Es


definiere sich durch Etablierte und Zugereiste. Die Etablierten beherrschen das
Feld, die Zugereisten sind Außenseiter:

Die für die Unterscheidung von Außenseitern und Etablierten entscheidende Frage,
wer zuerst da war, begünstige einen gelegentlichen "Ethnorassismus" unter
Einwanderergruppen, etwa die Ablehnung von Flüchtlingen durch Russlanddeutsche.
Sie erklärt auch regional verstärkte Gefühle von Neid, Missgunst und Angst
gegenüber Migranten: "Ostdeutsche sehen sich gegenüber den etablierten
Westdeutschen immer noch in der Rolle der Außenseiter."

An dieser Stelle ist Bude beim Kern seiner Fragestellung: Gesellschaftliche


Gestimmtheit, egal wie naiv oder munitioniert kommuniziert, stellt "eine
Realität eigener Art" dar, die dringend einer "Soziologie der Stimmung" bedarf.
Genau diese Soziologie - im Sinne eines Grundlagenwerks - liefert Bude nicht,
dazu ist er dann doch Bude, und nicht Bourdieu, Luhmann oder Habermas. Wichtige
Ansatzpunkte enthält sein Essay aber allemal.

Gilt die Schweigespirale noch?

Besonders ergiebig - und ausbaufähig - scheint sein Bezug auf die


Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann und ihre Theorie der
Schweigespirale. Die besagt, dass Menschen nur dann zu ihrem Standpunkt stehen,
wenn sie sich von der Gesellschaft bestätigt fühlen und sich nicht einer
divergierenden Mehrheitsmeinung gegenübergestellt sehen.

Wer merkt, dass die eigene Meinung (medial) zunimmt, ist gestärkt, redet
öffentlich. Wer notiert, dass seine Meinung an Boden verliert, schweigt. Dieses
Gesetz galt, solange die veröffentlichte Meinung eine relativ knappe, von
professionellen Journalisten exklusiv in Massenmedien besorgte Ressource war. In
der Netzgesellschaft können sich Minderheiten noch im kleinsten Nischenforum
gegenseitig groß machen und großartig finden.

Historisch gesehen hat die Massenpresse das Gefühl, in einer gemeinsamen


sozialen Welt zu leben, seit dem 19. Jahrhundert demokratisiert.

Das Internet hat die "demokratische Teilhabe an Stimmungen", die sich vormedial
im wesentlichen lokal formierte (Motto: die Piazza protestiert vor dem Palazzo),
erheblich verstärkt, es hat die "Räume der Stimmung, die durch einen
gleichmäßigen Strom von relevanten Informationen und gemeinsamen Erregungen
aufrecht erhalten werden und das Erleben von Gesellschaft intensivieren",
erheblich erweitert und das Prinzip der "Publikumsdemokratie" - allerorten
ausgewiesen durch Statistiken wie "Meist gelesene Artikel" oder "Likes" bei
Facebook - etabliert.

Das Prinzip der Publikumsdemokratie

"Publikumsdemokratie" in der digitalen Gesellschaft heißt, dass die


Erlebnisintensität immer dann am höchsten scheint, wenn ganz viele irgendetwas
gleichzeitig tun und finden.

Ob Shitstorm oder Solidarisierungswelle: Das Internet dynamisiert jede "Wildheit


des Massenverhaltens". Im Zeichen von "Systemaversion, Betrogenheitsempfindung
und Selbstmandatierung" finden sich die "Besorgten, Übergangenen und
Verbitterten" in ihren, wie Bude hübsch formuliert, "kommunikativen Katakomben
einer rebellischen Grundstimmung" zusammen.

Publikumsdemokratie suggeriert, dass man sich noch im abseitigsten Forum als


eine - und wenn nur heimliche - Macht begreifen kann, die es besser weiß und
"sich gegen die vermittelnden Instanzen der Repräsentation eines allgemeinen
Interesses wendet: gegen die 'Medienkaste' genauso wie gegen die
'Politikerkaste', die sich anmaßen, in einem System der Gewaltenteilung ... für
das Volk zu sprechen, anstatt das Volk selbst sprechen zu lassen."

Mechanismen der Exklusion


Budes Argument für die zunehmende Macht von Stimmungen ist aber nur in Teilen
ein mediales. Es hat einen harten sozialen Kern, in etwa umrissen durch das, was
Thomas Piketty oder George Packer in ihren Büchern und nicht nur für die USA
beschrieben haben.

Man darf Bude, der sich mit Mechanismen von Exklusion beschäftigt hat, glauben,
dass die gesellschaftliche Kohäsion in dem Maße verloren geht, in dem die
Mittelschicht schwindet und sich, jenseits von Kollektivkategorien wie Klasse,
Nation oder Generation, ein wachsendes Gefühl des Unbehagens zwischen
Etablierten und Außenseitern der Gesellschaft manifestiert.

"In dem Maße, wie die Bindung an Großgruppenkategorien wie Arbeiter, Bürger oder
Mittelstand zurückgeht und zudem das Publikum von Werbung, Unterhaltung und
Berichterstattung in weiteren als nur lokalen oder nationalen Bezügen
angesprochen wird, werden die Einzelnen zum Spielball von Anreizen, Verführungen
und Belustigungen.

So erfährt sich das Ich als ein affektives Wesen, das auf Verstärkungen
angewiesen und Stimmungen ausgesetzt ist. Dieses Ich ist schreckhaft und
schweigsam, wenn es sich allein gelassen fühlt, und es blüht auf und findet
Anklang, wenn es glauben kann, dass viele andere auch so denken und fühlen wie
es selbst."

Nervös wie Hugo von Hofmannsthal

Die gesellschaftliche Stimmung, so kann man Bude lesen, ist volatiler geworden,
weil die Individuen anfälliger für Stimmungen geworden sind. Im Zeitalter der
Infosphäre ticken immer mehr Menschen so, als seien sie Hugo von Hofmannsthal,
den Bude seinem Buch als Motto - und gleichsam als dichterischen Gewährsmann für
nervösen Dauerempfang - vorangestellt hat:

"Er kann nichts auslassen. Keinem Wesen, keinem Ding, keinem Phantom, keiner
Spukgeburt des menschlichen Hirns darf er seine Augen verschließen. Es ist, als
hätten seine Augen keine Lider ... In ihm muss und will alles zusammenkommen. Er
ist es, der in sich die Elemente der Zeit verknüpft."

Ob es einer Gesellschaft guttut, wenn sie sich im Informationszeitalter


permanent die Stimmung misst, ist eine müßige Frage, die auch Bude nicht
beantwortet. Wir leben in keiner anderen Gesellschaft.

UPDATE: 12. März 2016

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Dienstag 22. März 2016 10:19 AM GMT+1

Reisebuchungen;
Das sind die beliebtesten Sommerurlaubsländer 2016

AUTOR: Maria Menzel

RUBRIK: REISE; Reise

LÄNGE: 1801 Wörter

HIGHLIGHT: Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen; trotz Terroranschlägen


und politischen Krisen. Und doch merken Reiseveranstalter deutliche Veränderung
- vor allem bei der Wahl der Urlaubsziele.

Eines scheint am Ende der Frühbuchersaison für den Sommer 2016 sicher: Die
Reiselust der Deutschen bleibt auch in Zeiten von Terror und politischen Krisen
ungebrochen. Bei einer aktuellen Umfrage des Buchungsportals Holidaycheck
zeigten sich 76 Prozent zwar verunsichert von den Terroranschlägen in Tunesien,
Paris, Ägypten und Istanbul, nur einer von fünf Befragten aber würde deswegen
grundsätzlich auf eine Flugreise verzichten.

Bleibt also alles beim Alten? Keineswegs. Während die Klassiker sowohl unter den
deutschen Urlaubsregionen als auch unter den Fernzielen in Amerika, Asien und
der Karibik mit konstanten oder sogar steigenden Buchungszahlen aus Deutschland
rechnen dürfen, zeichnet sich bei den Nahzielen eine deutliche Verschiebung von
Nordafrika und dem östlichen ins westliche Mittelmeer ab.

Die großen Verlierer am Ende der Frühbucherphase: Tunesien, Ägypten und auch die
Türkei. Dem Präsident des Deutschen Reiseverbands, Norbert Fiebig, zufolge sind
die Buchungen für diese Destinationen um 40 Prozent oder sogar mehr
eingebrochen. Für die Türkei liegen die Zahlen dem Kultur- und
Tourismusministerium zufolge derzeit 25 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Thomas Cook hat rund ein Drittel seiner Flugkapazitäten für die Türkei aus dem
Markt genommen. DER Touristik spricht von einem zweistelligen prozentualen
Buchungsminus - und das trotz Dumpingpreisen, mit denen Hoteliers,
Fluggesellschaften und Reiseveranstalter längst versucht hatten, die Kontingente
an den Mann zu bringen.

Große Nachfrage treibt Preise in die Höhe - nicht überall

Dabei hat Tunesien mit elf Prozent den größten Preisverfall zu verzeichnen.
Holidaycheck zufolge kosten Flug, Hotel und Verpflegung den Urlauber dort
aktuell nur noch durchschnittlich 57 Euro pro Kopf und Tag. Auch in Ägypten und
der Türkei liegen die Preise mit 72 und 73 Euro deutlich unter dem
Vorjahresniveau. Nun setzt man alle Hoffnungen in ein boomendes
Last-Minute-Geschäft.

Doch auch in den Ländern, in die viele Urlauber nun ausweichen, sind die Preise
trotz höherer Nachfrage nicht unbedingt gestiegen - teilweise sogar gesunken,
was den Wettbewerbsdruck noch erhöht. Bulgarien beispielsweise hält sich -
wohlgemerkt im Gegensatz zu Spanien - trotz großem Zulauf für die Sommersaison
auf Rang zwei unter den günstigsten Pauschalreisezielen.

Idealo.de-Sprecherin Susan Saß zufolge liegt das unter anderem an einer erhöhten
Konkurrenz im Hotelmarkt. Auch der Wegfall der sogenannten Bestpreisklauseln,
mit der Online-Buchungs-Portale Anbieter dazu verpflichtet hatten, Bestpreise
und -konditionen exklusiv über sie anzubieten, könnte einen Einfluß haben.

Rückkehr zu alten Gewohnheiten möglich

Der Auftakt einer Trendverlagerung? "Eher nicht", sagt Prof. Dr. Ulrich
Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen. Der wichtigste Aspekt bei der
Wahl eines Urlaubsziel sei die Sicherheit. Zwar würden 2016 weniger Touristen
die Türkei, Tunesien und Ägypten besuchen als zuvor. "Sobald sich die Lage dort
beruhigt, werden die, die vorher regelmäßig dort Urlaub gemacht haben, dies aber
auch wieder tun."

Nur wenn es an einem Ort über einen längeren Zeitraum unsicher war, stelle sich
natürlich die Frage, ob das Land in seiner touristischen Entwicklung trotz Krise
noch mithalten kann mit anderen Destinationen. Dies lasse sich aber nicht
prognostizieren.

Auch DRV-Sprecher Torsten Schäfer hält sich mit einer abschließenden Beurteilung
zurück: "Es gibt noch keine Gewinner oder Verlierer, das können wir erst im
Oktober sagen." In einem Punkt aber sind sich Reiseveranstalter, Verbände und
Analysten schon jetzt einig: Von der aktuellen Krise profitieren im Sommer 2016
vor allem die Länder, die sich bei den deutschen Urlaubern sowieso schon großer
Beliebtheit erfreuen.

1. Spanien

Spanien ist der größte Profiteur der Krise. Das Land ist schlichtweg ein
Dauerbrenner und darf in Zeiten leicht rückläufiger Gesamtbuchungszahlen für
Reisen innerhalb Europas von seinem allzeit guten Ruf zehren. Vor allem die
Balearen und die Kanaren erfahren derzeit auf der Suche nach
Sorglos-Destinationen einen sehr hohen Zulauf. Beim Vergleichsportal Check24 lag
die Zahl der Buchungen für Spanien im Januar 19 Prozent höher als im
Vorjahresmonat.

Fuerteventura verzeichnete einer Analyse des Datenspezialisten Trevotrend


zufolge sogar ein Plus von 59 Prozent bei den Buchungsanfragen und ist mit einem
Marktanteil von 23 Prozent damit die am stärksten nachgefragte Destination auf
der Nahstrecke. Der Reiseveranstalter Tui spricht gar von einem bevorstehenden
Spanien-Jahr. Wer gedenkt, seinen Sommerurlaub auf den Kanaren oder den Balearen
zu verbringen, sollte allerdings nicht mehr allzu lange warten mit dem Buchen -
es wird voll.

Wettergarantie **** Je nach Region liegen die Temperaturen in Spanien am Tag


zwischen 17 und 27 Grad Celsius. 60 Prozent Sonnenstunden und ein mittleres
Niederschlagsvolumen von 59 Millimetern dürften sonnenhungrige Urlauber auf ihre
Kosten bringen.

Preis (EURO)(EURO) Zwei Personen im DZ mit Flug und sieben Übernachtungen im


Drei-Sterne-Hotel kosten idealo.de zufolge 1606 Euro bzw. 2768 Euro im
Fünf-Sterne-Haus

Günstigster Buchungszeitpunkt Einer Analyse von Skyscanner zufolge, für die das
Flugbuchungsportal Daten der letzten drei Jahre ausgewertet hat, liegt der
günstige Buchungszeitpunkt für eine Reise nach Spanien elf Wochen vor Abflug -
und im Vergleich zu anderen Destinationen damit vergleichsweise früh. Wer also
Anfang August möglichst günstig ins Warme fliegen möchte, sollte bereits Mitte
Mai buchen.
2. Italien

Auch Italien profitiert als Klassiker unter den europäischen Reisezielen der
Deutschen zusätzlich von der aktuellen Situation. Die Buchungen liegen klar im
Plus; vor allem für die Lieblinge unter den Urlaubsregionen - die Adria, den
Gardasee, Südtirol, Venetien, die Lombardei und die Toskana. Das verdankt
Italien nicht zuletzt seinem klimatischen Facettenreichtum, der sich vom sehr
heißen Süden bis in den auch im Hochsommer mediterran milden Norden erstreckt,
der sich vor allem bei Autourlaubern großer Beliebtheit erfreut.

Wettergarantie *** Bis zu 28 Grad Celsius, 57 Prozent Sonnenstunden: So sieht


mediterranes Leben aus - zumindest im Durchschnitt. Zwar liegt die landesweite
Niederschlagswahrscheinlichkeit mit 106 Millimetern relativ hoch. Sonnenanbeter
haben aber vor allem in südlicheren Gefilden wie Sizilien und auch Rom in den
Hochsommermonaten Juni bis August wahrlich nichts zu befürchten.

Preis (EURO)(EURO) Zwei Personen im DZ mit Flug und Unterkunft im


Drei-Sterne-Haus 1760 Euro bzw. 3216 Euro im Fünf-Sterne-Haus

Günstigster Buchungszeitpunkt Acht Wochen vor Abflug / Anfang, Mitte Juni

3. Griechenland

An Griechenland scheiden sich in diesen Zeiten die touristischen Geister. So


sind die Buchungen für die Insel Lesbos, auf der seit Monaten syrische und
afghanische Flüchtlinge stranden, um 90 Prozent eingebrochen. Auch für Chios,
Samos, Kos und Leros werden massive Buchungsrückgänge erwartet.

So extrem wie vor fünf Monaten ist die Situation allerdings längst nicht mehr.
Die Flüchtlingszahlen sind seither zurückgegangen, auch wird man des Zustroms
mittlerweile besser Herr. Das Land, in dem der Tourismus ein Viertel zur
Wirtschaftsleistung beisteuert, verzeichnete Tourismusverbandschef Andreas
Andreadis zufolge insgesamt sogar ein Buchungsplus von zwei bis drei Prozent.

Auch die deutschen Reiseveranstalter sehen Griechenland vor einer starken


Sommersaison. Tui verzeichnet für den deutschen Markt derzeit ein Buchungsplus
von stattlichen zwölf Prozent im Vergleich zum Vorsommer mit besonders hohen
Zuwächsen auf Kreta und Korfu sowie auf dem griechischen Festland. "Was das
Thema Flüchtlingsrouten betrifft, wissen die Urlauber offenbar zwischen den
einzelnen griechischen Zielen zu unterscheiden", hieß es vonseiten des
Unternehmens. Auch Thomas Cook spricht mit Blick auf Griechenland von "guten
Wachstumsraten".

Wettergarantie ***** Gerade im August ist Griechenland heiß und extrem


sonnensicher. Während die Temperatur bis Mai und ab Oktober wesentlich niedriger
liegen, die Regenwahrscheinlichkeit dafür umso höher ist, ist das Wetter in den
Sommermonaten mit 18 bis 29 Grad Celsius Tagestemperatur, fast 90 Prozent
Sonnenstunden und nur 18 Millimeter Niederschlag ein Garant für Badeurlaub.

Preis (EURO)(EURO)(EURO) Zwei Personen im DZ mit Flug und Unterkunft im


Drei-Sterne-Haus 1700 Euro bzw. 4724 Euro im Fünf-Sterne-Haus

Günstigster Buchungszeitpunkt Neun Wochen vor Abflug / Mai, Anfang Juni

4. Bulgarien

Hinsichtlich der Zuwächse gibt es einen eindeutigen Gewinner unter den


Sommerurlaubszielen 2016: Warna, mit 330.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt
des Landes. Gelegen am Schwarzen Meer, verzeichnete sie Trevotrend zufolge mit
67 Prozent europaweit das stärkste Plus gegenüber 2015.

Aber auch insgesamt hat Bulgarien bei den Online-Buchungen zugelegt. Bislang
gebe es ein Plus von fünf Prozent. Im vergangenen Jahr kamen insgesamt 620.000
deutsche Gäste nach Bulgarien - nach Rumänen und Bulgaren die drittgrößte
Besuchergruppe.

Ob die Zurückhaltung von Touristen in der Türkei der Grund für die steigenden
Besucherzahlen aus Deutschland sei, vermochte Tourismusministerin nicht zu
sagen. Was die Kapazitäten anbelangt, sei man für den Ansturm gewappnet: "Unsere
Tourismusindustrie ist bereit, alle Touristen willkommen zu heißen", sagte
Nikolina Angelkova.

Wettergarantie **** Mit 14 bis 25 Grad gibt sich der August zwar etwas kühler,
dürfte damit aber vor allem bei denjenigen Anklang finden, die die allzu
hochsommerliche Hitze meiden und doch nicht auf das Sonnenbaden verzichten
möchten. Denn mit 64 Prozent Sonnenstunden und einer mittleren
Niederschlagsmenge von 53 Millimetern zeigt sich Bulgarien im Schnitt sonst von
einer sommerlich soliden Seite.

Preis (EURO) Zwei Personen im DZ mit Flug und Unterkunft im Drei-Sterne-Haus


1382 Euro bzw. 1788 Euro im Fünf-Sterne-Haus

Günstigster Buchungszeitpunkt Acht Wochen vor Abflug / Anfang, Mitte Juni

5. Kroatien

Betrachtet man die Frühbuchersaison 2016, so verzeichnen deutsche


Reiseveranstalter wie Tui und Thomas Cook auch für Kroatien "überproportionale"
Steigerungsraten in puncto Gästezahlen. Immerhin zwei von 100 Deutschen, die die
Stiftung für Zukunftsfragen befragt hatte, gaben an, ihren Haupturlaub 2016 dort
verbringen zu wollen.

Wettergarantie *** Auch wenn die Niederschlagswahrscheinlichkeit mit 109


Millimetern relativ hoch und die Temperaturen im Landesdurchschnitt
verhältnismäßig niedrig sind: Vor allem an der südlichen kroatischen Riviera, an
die es ohnehin die meisten zieht, dürfen Urlauber sich im Juli und August über
relativ beständige Sonnentage mit bis zu 30 Grad Celsius freuen.

Preis (EURO)(EURO) Zwei Personen im DZ mit Flug und Unterbringung im


Drei-Sterne-Haus 1787 Euro bzw. 2830 Euro im Fünf-Sterne-Haus

Günstigster Buchungszeitpunkt Acht Wochen vor Abflug / Anfang, Mitte Juni

UPDATE: 22. März 2016

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Dienstag 22. März 2016 11:36 AM GMT+1

Türkei-Abkommen;
Besuch bei Schwulen statt Erdogan umgarnen

AUTOR: Daniel Friedrich Sturm, Istanbul

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1297 Wörter

HIGHLIGHT: Deutschland hat die Türkei zuletzt umgarnt, um Hilfe bei der
Flüchtlingspolitik zu bekommen. Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt,
benennt Defizite bei Menschenrechten und Pressefreiheit.

Eine Botschaft will Michael Roth wenige Tage nach dem "EU-Türkei-Deal" zur
Flüchtlingspolitik unbedingt loswerden. "Es gibt keinen politischen Rabatt" - so
lautet der Satz, den der für Europa zuständige Staatsminister im Auswärtigen Amt
während seines Besuches in der Türkei verwendet. Roth lässt ihn wirken, im
Gespräch mit Vertretern von Menschenrechtsgruppen, mit Journalisten oder während
einer Diskussion mit Studenten. Manchmal fügt er hinzu: "Das ist eine Frage der
Glaubwürdigkeit."

Gemeint sind die Werte der EU, die Kopenhagener Kriterien für einen Beitritt zur
Gemeinschaft der 28 EU-Staaten. Deutschland blicke sehr genau und sehr kritisch
auf die innenpolitischen Veränderungen in der Türkei, sagt Roth. Jawohl, die
Kapitel für die Verhandlungen über einen Beitritt Ankaras zur EU sollen
"möglichst schnell eröffnet werden", sagt Roth, fügt aber sogleich hinzu, die
Werte der Gemeinschaft der 28 würden nicht relativiert. Offen benennt der
SPD-Politiker die demokratiepolitischen Rückschritte der Türkei unter der
Herrschaft Recep Tayyip Erdogans, beispielsweise die Verstöße gegen die Presse-
und Versammlungsfreiheit.

In diesen Wochen, während Berlin und Brüssel der stetig autoritärer agierenden
Türkei entgegenkommen, muss das mal gesagt sein. Die Bundesregierung fährt somit
eine Doppelstrategie: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) thematisierte jüngst -
anders als noch vor zehn Jahren - die Menschenrechtslage kaum mehr, um den
störrischen Partner für Vereinbarungen zur Flüchtlingspolitik zu gewinnen.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) käme nie auf die Idee, diese Haltung
zu konterkarieren. Sein Parteifreund Roth aber setzt, mindestens einmal, andere
Akzente.

So ist schon das Besuchsprogramm des Europastaatsministers angelegt: In Istanbul


traf Roth Vertreter von Schwulen- und Lesbenorganisationen, Journalisten, ein
regierungskritisches Think Tank und Vertreter von Hilfsorganisationen, die in
der Flüchtlingspolitik tätig sind. Erst hernach, am Dienstag, flog er nach
Ankara weiter, zu gerade einmal zwei Terminen mit Vertretern der Regierung. Zwei
Nächte am Bosporus, keine Übernachtung in Ankara - selbst die Reiselogistik ist
als politisches Symbol zu verstehen.

Poltern im Reich des Sultans für Selbstverständlichkeiten


Roth konterkariert damit die Neigung der Bundesregierung (und der SPD), alles
auf den intergouvernementalen Austausch zu setzen, und die "Zivilgesellschaft"
wie deren Anliegen allenfalls als schmückendes, meist aber störendes Beiwerk zu
verstehen. Diese klassische Form der Diplomatie des 19. und 20. Jahrhunderts ist
dem Staatsminister - trotz seines gewaltigen Titels - eher fremd.

Von dem (inzwischen zurückgetretenen) Menschenrechtsbeauftragten der


Bundesregierung, Christoph Strässer (SPD), war Ankara noch ein Stück schärfer
kritisiert worden. "In der Türkei werden Andersdenkende bestraft, und es gibt
Attentate gegen Oppositionelle. Solange es so etwas gibt, gehört das Land nicht
in die EU", hatte Strässer gesagt.

Roth poltert im Reich des Sultans Erdogan, auch wenn er Dinge verbalisiert, die
eigentlich selbstverständlich sein sollten in der so viel beschworenen
"Wertgemeinschaft" Europas. Bei Menschen- und Minderheitenrechten, bei
Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit habe die Türkei einen Weg in die falsche
Richtung eingeschlagen, sagt der SPD-Politiker während seines Besuches in
Istanbul. Die Vertreter der LGBTI-Community (Schwule, Lesben, Bisexuelle,
Transgender und Intersexuelle) berichten ihm von Hass und steigender Gewalt.

Wer seine entsprechende sexuelle Identität in einem Krankenhaus erwähne, müsse


mit Problemen rechnen, berichten sie. Ein Termin mit dem Gouverneur von Istanbul
für ein Gespräch über die Pride Parade? Seit vier Monaten verweigert. Fast
beiläufig erwähnen die LGBTI-Lobbyisten ihre vergleichsweise neue Arbeit mit 50
syrischen Flüchtlingen, die meisten von ihnen schwule Männer. Ob nicht ein
kleiner, kleiner Teil der drei Milliarden Euro aus der EU für die Türkei auch in
ein solches Projekt fließen könne?

Vor Studenten redet Roth Klartext

Bei dem Punkt der Milliarden für Ankara betreibt Roth auf fast jedem seiner
Termine, nun ja, politische Bildungsarbeit. Fließt diese opulente Summe direkt
an Präsident Erdogan, wird der deutsche Politiker in Istanbul gefragt. "Nein",
antwortet Roth: "Die drei Milliarden Euro sind kein Geschenk an Herrn Erdogan.
Sie sollen in konkrete Projekte fließen, die das tägliche Leben der Flüchtlinge
verbessern. Maßgeblich für die Verteilung des Geldes sei die EU-Kommission,
nicht die türkische Regierung.

Dieser Hinweis, diese politische Bildungsarbeit, ist nötig in der Türkei.


Hiesige Menschenrechtsgruppen blicken ohnehin kritisch auf das jüngste Abkommen,
das die Staats- und Regierungschefs der EU am Freitag voriger Woche mit dem
türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu vereinbart hatten.

Wie wenig Roth die türkische Regierung schont, offenbart er während eines
Besuches in der Bilgi-Universität in Istanbul. Eben erst hat er zu einer kurzen
Rede in englischer Sprache angesetzt, da wirft er der Regierung vor, sie habe
ihr Land außenpolitisch "isoliert". Das Verhältnis Ankaras zu Moskau sei dahin,
zählt Roth auf, das zu Washington und Jerusalem sei "recht schwierig". So lange
sich die Türkei einer politischen Verhandlungslösung mit den Kurden verweigere,
so kompliziert werde es bleiben, prognostiziert er.

Die jungen Studenten im Publikum hören es gewiss gern, wenn der Gast aus
Deutschland Istanbul als "eine der wichtigsten Städte Europas" nennt. Er hoffe
auf eine enge Bindung der Türkei zu Europa, "aber ohne dass es einen politischen
Rabatt gibt", sagt Roth abermals. Die EU sei in erster Linie eine
Wertegemeinschaft. Das jüngste Abkommen zwischen der EU und der Türkei werde oft
mal missverstanden, sowohl in der Türkei als auch in Europa, in Deutschland. Die
zugesagten sechs Milliarden Euro seien "kein Geschenk für die Türkei", es gehe
vielmehr darum, die fast drei Millionen Flüchtlinge in der Türkei zu betreuen,
zu beschulen, zu qualifizieren, kurzum: zu integrieren.

Roth stellt der EU eine Bankrotterklärung aus

"Der Deal ist nicht gut, aber er ist besser als der Status quo", bringt Roth
seine zwiespältige Haltung über das Abkommen auf den Punkt. Das Hauptproblem der
EU bestehe in der Dominanz der nationalen Einzelinteressen. Eine Regierung etwa
verkünde, sie wolle keine Muslime aufnehmen, erwähnt Roth, geißelt also Ungarn,
ohne den Namen dieses Landes (oder den seines Ministerpräsidenten Viktor Orbán)
in den Mund zu nehmen. Nein, Ungarn in der Türkei offen zu kritisieren, diesen
Triumph will Roth der Regierung in Budapest ersparen. Indes: "Völlig
inakzeptabel" sei die Position, Muslimen per se die Zuwanderung zu verweigern.

Selbstkritische Worte findet Roth für das Agieren der EU in den vergangenen
Jahren. So habe José Manuel Barroso, von 2004 bis 2014 Präsident der
Europäischen Kommission, gerade einmal die Türkei besucht. Roth stellt Barroso
und seiner Administration eine Bankrotterklärung aus: "Es gab keine Strategie
der EU in Bezug auf die Türkei. Die EU begnügte sich mit einer Mischung aus
Ignoranz und Arroganz." Diese Analyse eines nicht existenten Dialogs fällt umso
krasser ins Auge, betrachtet man die jüngsten vielfältigen Versuche der EU und
Berlins, die Türkei für eine Hilfe in der Flüchtlingspolitik zu gewinnen.

Von den Studenten in Istanbul wird Roth auf rechtsradikale Bewegungen in


Deutschland, konkret Pegida, angesprochen. In der Stadt, in der Pegida agiere -
Roth nennt Dresden nicht namentlich - betrage der Anteil der Migranten weniger
als zwei Prozent, sagt er. Es gebe dort keine Erfahrungen mit Migranten. "In
Frankfurt, wo ich sechs Jahre lang gelebt habe", sagt Roth, "haben 40 Prozent
der Menschen einen Migrationshintergrund." Ein Phänomen wie Pegida sei dort
nicht bekannt.

UPDATE: 22. März 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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Montag 28. März 2016 1:22 PM GMT+1

Missverständnis Koran?;
Das Jesus-Geheimnis im Buch der Muslime

AUTOR: Lucas Wiegelmann

RUBRIK: KULTUR; Kultur

LÄNGE: 2745 Wörter


HIGHLIGHT: Die Terroranschläge in Brüssel verstärken den Eindruck vieler, dass
eine Aussöhnung zwischen Christentum und Islam unmöglich scheint. Doch Forscher
wollen nun das Gegenteil beweisen.

Der Prophet hatte sich kaum in Sicherheit gebracht vor den feindlichen Clans,
die ihn totgeschlagen wollten, da fingen seine unheimlichen Visionen wieder an.
Die letzten Jahre waren für Mohammed die verwirrendste und gefährlichste Zeit
seines Lebens gewesen. Aber Allah, so schien es, war noch immer nicht fertig mit
ihm.

Seine Heimatstadt Mekka hatte Mohammed schon verlassen müssen, aus Angst vor
seinen Verfolgern, denen seine Botschaft ein Dorn im Auge war. Über ein paar
Kontakte hatte er für sich und seine schmale Gefolgschaft eine notdürftige neue
Bleibe in Medina organisiert. Nun verbrachte Mohammed seine Tage damit, das
Gemeindeleben wieder einigermaßen zu ordnen. Dazu gehörte vor allem die Frage,
wie seine Anhänger künftig mit all den Christen umgehen sollten, denen man in
Medina plötzlich an jeder Straßenecke begegnen konnte.

Auch die Christen sprachen von einem einzigen Gott, von der Auferstehung der
Toten und vom Jüngsten Gericht - wie er selbst. Nun wollte seine Gemeinde von
Mohammed wissen, was von ihnen zu halten war. Aber woher sollte er das wissen?
Seitdem er Gottes Stimme das erste Mal gehört hatte, war sein ganzes Leben
durcheinandergewirbelt worden. Er hatte andere Sorgen gehabt, als über Christen
nachzudenken.

So oder ähnlich, glauben moderne Interpreten, könnte die Situation gewesen sein,
als Mohammed zur dritten Sure des Koran inspiriert wurde.

Wie Jesus im Koran auftritt

"Gott: Kein Gott ist außer ihm, dem Lebendigen, Beständigen", heißt es dort, und
dann lässt der Koran Jesus persönlich auftreten, den Begründer des Christentums,
das die Gemeinde Mohammeds so umtrieb. "Ich werde Blinde heilen und Aussätzige
und werde Tote lebendig machen, mit Erlaubnis Gottes", spricht Jesus in der
dritten Sure des Koran. "So fürchtet Gott, und leistet mir Gehorsam!"

Falls diese Verse wirklich, wie Muslime glauben, direkt von Allah stammen,
scheint der zumindest Anfang des 7. Jahrhunderts in Medina keinen gesteigerten
Wert gelegt zu haben auf einen Kampf der Kulturen. Von Attentaten ganz zu
schweigen.

Islamforschung im katholischen Paderborn

Derart sind die Textexegesen, die Professor Klaus von Stosch betreibt. Die
Universität Paderborn, im März. Klaus von Stosch stapft die Treppe zu seinem
Institut im dritten Stock hinauf. Es gibt hier auch einen Fahrstuhl, aber als
Geisteswissenschaftler verbringt er seine Tage im Wesentlichen mit sitzen und
lesen, da ist er für jede Bewegung dankbar. Er fährt auch immer mit dem Fahrrad
zur Arbeit.

Stosch, 44, könnte man für einen Doktoranden halten, so jugendlich wirkt er mit
seinen braunen Sneakern zum sportlichen Jackett, dabei ist er schon seit fast
acht Jahren katholischer Theologieprofessor. Typ Überflieger, Habilitation mit
33. Stosch läuft den grauen Flur seines Instituts entlang, dem man seine
Errichtung in den betonverliebten Siebzigerjahren ansieht, und schließt am Ende
des Gangs sein Büro auf.

Rechts neben der Tür fällt der Blick seiner Besucher auf einen Jesus von
Rembrandt. Links hängt ein drei Mal so großes Poster von der Kaaba in Mekka. Der
Konferenztisch davor ist lang genug, dass an ihm bis zu zehn Forscher die Köpfe
zusammenstecken können. Es ist ein Ort, der eher nach Fußnoten riecht als nach
Revolution. Und doch könnte das, was Stosch und seine Kollegen hier
zusammentragen, irgendwann eines der schwierigsten Probleme zu lösen helfen, die
es derzeit gibt: das immer schlechter werdende Verhältnis von Christen und
Muslimen.

"Als wir angefangen haben", sagt Stosch, "hätte ich nicht geglaubt, dass es so
gut laufen würde."

Dabei sind die Umstände denkbar schwierig. Das Image des Islam dürfte noch nie
so belastet gewesen sein wie heute, auch in Deutschland. Zuletzt waren es die
Mordexzesse des IS, die jeden zu bestätigen schienen, der den Islam für eine
Religion des Hasses und der Gewalt hält. Salafistische Extremisten, die einen
totalitären Gottesstaat anstreben, gewinnen weltweit an Zulauf. Gleichzeitig
nimmt bei vielen Menschen die Sorge zu, selbst ein moderater Islam sei letztlich
unvereinbar mit der westlichen Demokratie.

Laut Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung halten 57 Prozent der Deutschen


den Islam für "bedrohlich". Die Flüchtlingskrise verstärkt Überfremdungsängste.
Und jetzt, am Dienstag, auch noch der Anschlag von Brüssel. Allen Bekenntnissen
zur Toleranz zum Trotz: Mit jeder Bombe, die ein muslimischer Extremist irgendwo
auf der Welt zündet, wächst die Zahl derer, die die Möglichkeit eines
friedlichen Miteinanders von Islam und Christentum für ein Märchen aus 1001er
Nacht halten.

Doch genau diese Möglichkeit versucht ein Team hochkarätiger deutscher


Wissenschaftler gerade zu beweisen. Der Paderborner Theologe Stosch und der
Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide von der Universität Münster haben sich
in einem neuen Forschungsprojekt eines der heikelsten Themen vorgenommen, die
der interreligiöse Dialog zu bieten hat: die Art, wie der Koran mit Jesus von
Nazareth umgeht.

Forschung für den interreligiösen Dialog

Gemeinsam mit katholischen, syrisch-orthodoxen, sunnitischen und schiitischen


Spezialisten und auf der Basis neuer philologischer Methoden wollen sie zum
ersten Mal historisch-kritisch untersuchen, was das heilige Buch des Islam
wirklich über den Messias des Christentums sagt. Die Antwort, so glauben sie,
könnte in Deutschland die Zukunft des gesellschaftlichen Friedens beeinflussen.

Stosch und seine Kollegen wollen nicht nur belegen, dass der Koran keine
Anleitung zum Christenhassen ist. Sie wollen sogar belegen, dass der Koran
Christen etwas über Jesus beibringen kann, was sie noch nicht wussten.
"Koranische Zugänge zu Jesus Christus", so der Titel, ist ein Vorzeigeprojekt.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die wichtigste Fördereinrichtung für
Spitzenforschung, unterstützt es bis 2018. Zwischenergebnisse sollen im
kommenden Juni präsentiert werden.

108 Stellen im Koran betreffen Jesus

Dass Islam und Christentum eng miteinander verwandt sind, ist schon im
Mittelalter aufgefallen. Alle möglichen Figuren aus der christlichen
Überlieferung, aber auch aus der hebräischen Bibel des Judentums tauchen im
Koran auf, Jesus allein in 108 Versen, aber auch Maria, Johannes der Täufer,
Mose, Noah oder Abraham. Viele Stellen wie etwa die zitierte dritte Sure zielen
auf ein entspanntes Verhältnis.

Die katholische Kirche lehrt sogar offiziell, Allah und Gott seien ein- und
dieselbe Figur: Der Katechismus würdigt unter den nicht christlichen Religionen
neben dem Judentum "besonders die Muslime, die sich zum Festhalten am Glauben
Abrahams bekennen und mit uns den einzigen Gott anbeten, den barmherzigen, der
die Menschen am Jüngsten Tag richten wird." Doch was beide Seiten trennt, ist
die Figur Jesu. Während die Christen ihn als Erlöser verehren, verdammt der
Koran diese Vorstellung als Vielgötterei. So jedenfalls war bisher der Stand.

Klaus von Stosch hat den Koran zum ersten Mal als Student gelesen, auf Deutsch.
Er kam bis Sure 2 von 114. Der Text war schwer verständlich, und spirituell
schien er für ihn, den Katholiken, ohnehin uninteressant zu sein. "Ich hatte
gelernt, dass der Koran die Kreuzigung Jesu leugnet", sagt Stosch, "und damit
dachte ich, ok, dann bin ich eh raus aus der Nummer." Die Kreuzigung ist nicht
nur das Fundament des christlichen Glaubens, sie ist eine historische Tatsache.
"Wenn der Koran das leugnet, kann der Koran ja vieles sein. Aber sicher nicht
Gottes Wort."

Stoschs Spezialgebiet heißt Fundamentaltheologie. Eher eine Disziplin für die


Strengen, die Kompromisslosen. Der bekannteste deutsche Fundamentaltheologe
heißt Benedikt XVI. Stosch ist kein Multikulti-Blumenkind. Er will nicht, dass
sich einfach alle lieb haben. Er arbeitet wie eine Art Gutachter. Stosch
überprüft alle Koranstellen, von denen die Gelehrten jahrhundertelang der
Meinung waren, dass sie gegen Jesus von Nazareth gerichtet sind oder gar zum
Kampf gegen dessen Anhänger aufrufen.

Davon gibt es eine ganze Menge. Wenn dabei am Ende Koranverse übrig bleiben, die
das Christentum eindeutig ausschließen, kann der Koran aus katholischer Sicht
nicht göttlichen Ursprungs sein, Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum
hin oder her. Gott kann sich ja nicht selbst widersprechen. Dogmatiker-Logik.
Die Sache ist nur: Je länger Stosch forscht, desto mehr Widersprüche scheinen
sich in Luft aufzulösen.

Was genau sagt der Koran zur Kreuzigung?

Eine der Stellen, die das christlich-muslimische Verhältnis bisher am meisten


belasten, steht in Sure 4. Über Jesus wird dort gesagt: "Aber sie haben ihn
nicht getötet und haben ihn auch nicht gekreuzigt. Sondern es kam ihnen nur so
vor. ... Sie haben ihn nicht getötet, mit Gewissheit nicht, vielmehr hat Gott
ihn hin zu sich erhoben" (Q 4:157 f.). Üblicherweise wird das so interpretiert,
dass der Koran den Kreuzestod Jesu in Abrede stelle.

Stosch argumentiert dagegen, die Stelle sei wahrscheinlich nur ein Nebenaspekt
in einer längeren Passage, die sich gar nicht mit den Christen auseinandersetze.
An ihr spiegelten sich viel mehr Diskussionen der historischen Mohammed-Gemeinde
des 7. Jahrhunderts mit den damals ebenfalls in Medina lebenden Juden.
Vielleicht, so Stosch, soll hier ausgesagt werden, dass es nicht die Juden
waren, die Jesus ans Kreuz gebracht haben, sondern die Römer oder auch Gott
selbst, als Herr der Geschichte.

Keine Leugnung von Jesu Tod

In dem Forschungsbericht, den er im Juni veröffentlichen will, schreibt Stosch:


"Ich kann an dieser Stelle keine Polemik sehen, sondern meine sogar im Gegenteil
eher eine Bestätigung des christlichen Auferstehungszeugnisses sehen zu dürfen.
... Der Koran leugnet hier ganz offensichtlich nicht den Tod (Jesu), den er ja
auch an anderen Stellen ganz selbstverständlich voraussetzt, sondern
unterstreicht einfach nur, dass er dem Hass seiner Gegner nicht definitiv
unterlegen ist."

Die islamische Tradition lehrt, Mohammed habe zwischen 615 und 632, seinem
Todesjahr, Offenbarungen empfangen, eine Entstehungszeit, die auch moderne
Philologen für realistisch halten. Mohammeds Lehre wurde mündlich weitergegeben,
vielleicht machten sich manche Anhänger auch schon Notizen. Irgendwann nach dem
Tod des Propheten muss die Bewegung die Notwendigkeit erkannt haben, alles, was
mündlich oder schriftlich an Mohammed-Sprüchen kursierte, sammeln zu lassen, um
es dauerhaft zu sichern. Das war die Geburtsstunde des Koran. Der Überlieferung
zufolge fiel sie in die Regierungszeit des Kalifen Uthman (644-656).

Neue Interpretationen

Ähnlich wie die biblischen Bücher, ist auch der Koran damit kein einheitlicher
Text, den ein Autor in einem Zug, vom ersten bis zum letzten Satz
niedergeschrieben und dann einem Kopisten zur Vervielfältigung in die Hand
gedrückt hätte. Unter seiner Oberfläche verbergen sich zahllose Textschichten,
die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in verschiedenen Situationen entstanden
sind, unabhängig von der Reihenfolge, in der die Suren in einer normalen
Koran-Ausgabe gedruckt sind.

Seit jüngster Zeit versuchen moderne Forscher, diese Situationen genauer zu


rekonstruieren - und kommen so zu völlig neuen Interpretationen des Textes.
Glaubt man den Experten der Paderborner Forschergruppe, gilt das besonders für
das Bild, das der Koran von Jesus zeichnet.

Töne gegen das Christentum?

In Sure 4 etwa, die wohl nach Mohammeds Flucht 622 von Mekka nach Medina
entstand, heißt es: "Denn siehe: Gott ist ein Gott; fern sei es, dass er einen
Sohn habe." Die noch spätere Sure 5 hält fest: "Ungläubig sind, die sagen:
,Siehe, Gott ist Christus, Marias Sohn.'" Es sind Aussagen, die die christliche
Vorstellung von Jesus als Sohn Gottes auszuschließen scheinen.

Stosch vermutet nun, solche Töne richteten sich nicht gegen das Christentum
insgesamt, sondern nur gegen manche christliche Sekten, mit denen die
Mohammed-Bewegung damals immer stärker in Kontakt kam. Viele Christen wussten
damals selber nicht so genau, was sie eigentlich glauben sollten. Vor allem die
komplizierte Frage, in welchem Verhältnis Jesus und Gottvater wirklich
zueinander stehen, war über Jahrhunderte ein Lieblingsstreitthema der großen
Konzile gewesen und führte immer wieder zu Auseinandersetzungen und
Abspaltungen.

Manche stellten sich Jesus damals als biologischen Sohn vor, den Gott mit einer
Frau gezeugt habe, wie man es von heidnischen Kulten auch kannte. Bezieht sich
Sure 4 ("fern sei es, dass er einen Sohn habe") vielleicht nur auf diese
pseudochristliche Irrlehre?

Eine andere Häresie der damaligen Zeit ging davon aus, Jesus sei der Gott
schlechthin, der nur gewissermaßen zum Schein menschliches Aussehen angenommen
habe; Jesus habe entsprechend gar keinen menschlichen Willen gehabt - eine
These, der damals sogar Papst Honorius in Rom nahestand, die allerdings nach
Honorius' Tod von der Kirche abgelehnt wurde. "Ungläubig sind, die sagen:
,Siehe, Gott ist Christus'" - war das nur als Absage an eine einseitige
Vergöttlichung Jesu gedacht? War der Koran an dieser Stelle päpstlicher als der
Papst?

"Jesus darf nicht direkt mit Gott identifiziert werden, sondern er ist zunächst
einmal ein Mensch: Das ist die große Jesus-Aussage des Koran", sagt Stosch. "Die
könnten wir Christen uns heute ruhig wieder ins Stammbuch schreiben lassen." Er
hat auch all die anderen Stellen kommentiert, an denen Jesus vorkommt; einige
sind so freundlich, dass er es selbst kaum glauben konnte. Stosch erkennt im
Koran die "Vision einer Einheit", sogar den "Wunsch nach Ausbildung eines
monotheistischen Common Sense, der die Hingabe an den einen Gott in den
Mittelpunkt stellt, dabei aber unterschiedliche Wege zu ihm erlaubt".

Jesus wird im Koran nicht nur als Prophet bezeichnet, sondern mit Ehrentiteln
geradezu überschüttet, und zwar mit solchen, die keiner anderen Figur des Koran
zugebilligt werden, nicht einmal Mohammed selbst.

Jede Menge Ehrentitel für Jesus

In Sure 19 nennt Jesus sich selbst "Gottesknecht", eine Formel, die die ältesten
Christen oft als Glaubensbekenntnis verwendeten. Sure 2 berichtet, Gott habe
Jesus "mit dem Heiligen Geist gestärkt" (Q 2:253), was der Koran sonst von
keinem anderen Propheten behauptet. Später erscheint Jesus gar als "Wort Gottes"
und "Geist Gottes". Elf Mal schließlich wird er als "Christus" bezeichnet, also
mit dem Messias-Titel angeredet.

Der Islam sei zwar eigenständig und grenze sich deutlich ab vom Christentum, so
Stosch. "Aber es ist eben auch nicht so, dass der Koran behauptet: Wir Christen
glauben etwas Unwahres."

Zishan Ghaffar arbeitet von Kiel aus an Stoschs Projekt mit. Der sunnitische
Theologe sammelt apokryphe christliche Schriften und vergleicht sie mit den
Koran-Passagen über Jesus. Er sagt: "Für mich als Muslim berühren koranische
Fragen immer auch meinen persönlichen Glauben. Ich gehe mit einer anderen
Sensibilität an den Text als jemand von außen." Natürlich sei Jesus bei aller
Wertschätzung für die Muslime nicht der Erlöser.

"Aber Mohammed war es wichtig zu zeigen, dass seine Bewegung zur orthodoxen,
anerkannten Heilsgeschichte gehört, wie sie in der Bibel beschrieben wird", sagt
Ghaffar. "Das ist bei uns Muslimen später in Vergessenheit geraten. So wie die
Christen jahrhundertelang vergessen hatten, wie eng ihr Verhältnis zum Judentum
eigentlich ist."

Der Vorwurf der Appeasement-Politik

Wenn Stosch, Ghaffar und seine Kollegen ihre Thesen bald vorstellen, dürften sie
bei moderaten Kräften gut ankommen, sowohl im Christentum als auch im Islam.
Aber es wird auch Ärger geben. Manche Christen könnten sich fragen, warum ein
katholischer Theologieprofessor nichts Besseres zu tun hat, als einen
Unterschied zum Islam nach dem anderen wegzuforschen.

Manchmal bekommt Klaus von Stosch Protestpost. Ein besorgter Bürger schrieb,
Stosch betreibe Appeasement-Politik gegenüber dem Islam. Ein anderer nannte ihn
Klaus von Stuss. Umgekehrt halten manche Muslime das Ansinnen, den Koran
historisch-kritisch zu untersuchen, für Blasphemie. Stoschs Kollege, Mouhanad
Khorchide, bekommt für seine Arbeit immer wieder Morddrohungen von Salafisten.
Öffentliche Auftritte absolviert er unter Polizeischutz.

Doch wenn man Forscher Zishan Ghaffar fragt, was ein Philologie-Projekt schon
ausrichten kann gegen den Hass von Fanatikern, antwortet er: "Wir sind es doch,
die die muslimischen Lehrer und Sozialarbeiter von morgen ausbilden, und die
bilden die Jugend von morgen aus. Jetzt, so kurz nach Brüssel, mag man uns
belächeln. Aber auf lange Sicht werden solche Forschungsarbeiten die
Gesellschaft stabiler machen."
Oder wie Allah es in der Sure 3 ausgedrückt hat, die er Mohammed damals in
Medina hinabsandte: "Gott liebt die Geduldigen."

UPDATE: 28. März 2016

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Die Welt

Mittwoch 6. Januar 2016

Respekt für alle;


Beim traditionellen Empfang der Sternsinger warnt die Bundeskanzlerin vor
Vorurteilen gegenüber Fremden

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 6 Ausg. 4

LÄNGE: 602 Wörter

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise
Respekt und Offenheit auch allen Fremden gegenüber verlangt. Im Grundgesetz
stehe, die Würde des Menschen sei unantastbar, sagte Merkel beim Empfang von gut
100 Sternsingern aus allen 27 deutschen Diözesen in Berlin. Das Leitwort der
Sternsingeraktion heißt in diesem Jahr "Respekt für dich, für mich, für andere -
in Bolivien und weltweit!".

Ihre Ermunterung zu mehr Respekt gelte aber nicht nur für die Deutschen oder
jene, die in Deutschland lebten, sagte Merkel weiter. "Sondern es gilt auch für
die Menschen, die in Europa leben. Aber auch da endet es nicht. Sondern es gilt
für alle Menschen."

Ohne die Debatte über die Flüchtlingskrise direkt anzusprechen, warnte Merkel
vor Vorurteilen. Das Wort "Respekt" stamme aus dem Lateinischen und bedeute
hinsehen und sich etwas anschauen. "Das heißt, ich muss erst einmal offen sein,
mir etwas Neues anzuschauen, einen Menschen, einen Gegenstand. Und wenn ich
einen Menschen anschaue, dann muss ich bereit sein, dass ich mich überraschen
lasse. Dass ich etwas entdecke, was ich bisher noch nicht gekannt habe."

Wie sehr ihre Mahnung auch für das Verhältnis der Flüchtlinge untereinander
gilt, zeigen die nicht enden wollenden Gewaltübergriffe in deutschen
Flüchtlingsheimen. Zum Beispiel in Baden-Württemberg. Nach Massenschlägereien in
der Landeserstaufnahmestelle (Lea) für Flüchtlinge in Ellwangen (Ostalbkreis)
soll das Sicherheitskonzept der Unterkunft angepasst werden. "Was wir
konsequenter machen wollen, ist Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern noch
besser getrennt unterzubringen", sagte Lea-Leiter Berthold Weiß. "Wir wollen
eine klare Trennung und kein explosives Gemisch."

Die Gewalt entzünde sich zwar meist aufgrund von Lappalien, aber dann gingen
immer wieder Gruppen unterschiedlicher Herkunftsländer aufeinander los. Die
Polizeigewerkschaft warnt vor zunehmender Gewalt.

Am Sonntagmorgen hatten sich in der Lea rund 50 hauptsächlich algerische und


pakistanische Flüchtlinge teils mit Feuerlöschern und Eisenstangen geprügelt und
mit Steinen beworfen. Am Abend flammte die Gewalt erneut auf. Schlägereien mit
Eisenstangen gab es auch in einer Unterkunft im Kreis Esslingen, in einer
Heilbronner Asylbewerberunterkunft wurde ein 26-Jähriger mit dem Messer
angegriffen. In einer Unterkunft in Bühl im Kreis Rastatt gingen mehrere
Bewohner unterschiedlicher Glaubensrichtungen mit Messern und Gabeln aufeinander
los. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, um die Kontrahenten zu trennen.

Die Flüchtlinge würden Konflikte aus ihren Heimatländern zwar nicht mit in die
Unterkünfte bringen, sagte Lea-Chef Weiß. "Das sind keine Nationenkonflikte,
sondern ganz normale menschliche Geschichten, manchmal einfach Lappalien - wer
lädt zuerst sein Handy auf, weil es nicht so viele Steckdosen gibt", sagte er.
Aber dann sammelten sich Flüchtlinge bei Schlägereien hinter ihren Landsleuten.
"Es ist nicht so, dass eine Gruppe Syrer auf eine Gruppe Syrer losgegangen ist."

"Das Problem liegt darin, dass in den Flüchtlingsunterkünften unheimlich viele


Menschen eingepfercht sind und es dann manchmal wegen Nichtigkeiten zu
Streitigkeiten kommt", sagte auch Rüdiger Seidenspinner, Chef der Gewerkschaft
der Polizei in Baden-Württemberg. "Es gibt halt leider Gottes auch unter den
Flüchtlingen manche, die sich nicht an unsere Spielregeln halten." In letzter
Zeit richte sich die Gewalt aber immer wieder gegen Beamte. Seidenspinner: "Das
Phänomen haben wir auch im täglichen Leben - die Polizei wird als Ventil
genutzt, um sein persönliches Hühnchen zu rupfen."

UPDATE: 6. Januar 2016

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Die Welt

Dienstag 12. Januar 2016

Angriffe auf Ausländer in der Kölner Innenstadt;


Hooligans und Türsteher verabredeten sich auf Facebook. Bundesregierung reagiert
empört

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 5 Ausg. 9


LÄNGE: 522 Wörter

Gruppen von gewalttätigen Angreifern haben am Sonntag in Köln Ausländer


attackiert und teils verletzt. Nach Angaben der Polizei vom Montag gab es vier
Vorfälle mit elf Opfern. Die Taten gingen demnach wohl auf das Konto von
Angehörigen der Hooliganszene, die sich über soziale Medien verabredet hatten.
Die Bundesregierung reagierte empört und warnte vor ausländerfeindlicher Hetze.
"Nichts entschuldigt solche Taten", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am
Montag in Berlin.

Die Attacken ereigneten sich demnach am frühen Abend innerhalb von etwa 45
Minuten im Innenstadtbereich und im Hauptbahnhof von Köln. Davon betroffen waren
sechs Pakistaner, zwei Syrer, drei Menschen aus Guinea und ein weiterer
Afrikaner nicht genau bekannter Herkunft. Wie die Beamten mitteilten, wurden die
Opfer von den Angreifern teils verfolgt, geschlagen und getreten. Zwei Männer
kamen zur ambulanten Behandlung in eine Klinik. Für die Überfälle auf die
Pakistaner sowie den Afrikaner waren 25 Personen verantwortlich gewesen. Ein
Syrer wurde demnach von acht Tätern attackiert. Es sei davon auszugehen, dass
diese Taten mit den für den Sonntag angekündigten sogenannten Spaziergängen
zusammenhingen, zu denen sich Angehörige der Kölner Hooliganszene in den Tagen
zuvor über das Internet und soziale Netzwerke verabredet hätten, sagte Norbert
Wagner, Leiter der Direktion Kriminalität der Kölner Polizei am Montag. Die
Polizei hatte Hinweise auf die Absprachen bekommen. Die Polizei war nach eigenen
Angaben mit zahlreichen Beamten in der Kölner Innenstadt im Einsatz, um die
Sicherheit auf den Straßen zu gewährleisten. Im Zuge ihres Einsatzes überprüfte
sie 153 Menschen und nahm vier in Gewahrsam. Darunter befanden sich Wagner
zufolge 13, über die polizeiliche Erkenntnisse vorliegen, die sie mit
rechtsextremen Straftaten in Verbindung bringen. 18 Menschen gehören demnach dem
Rockermilieu oder der Türsteherszene an.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) erklärte, es gebe "keine Rechtfertigung"


für derartige Übergriffe. Wer jetzt "Hetzjagden gegen Flüchtlinge" veranstalte,
scheine auf die Taten von Köln nur gewartet zu haben, sagte er mit Blick auf die
Silvester-Vorfälle.

Migrantenorganisationen und muslimische Verbände beklagen nach den Übergriffen


vom Silvesterabend eine zunehmende Feindseligkeit gegenüber Muslimen. Der
Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte dem "Kölner
Stadt-Anzeiger": "Wir erleben eine neue Dimension des Hasses." Seit Jahresbeginn
habe die Zahl der Anfeindungen und Drohungen gegen seinen Verband zugenommen.
Allein am vergangenen Donnerstag, als bekannt geworden war, dass unter den
mutmaßlichen Tätern auch Asylbewerber aus muslimischen Ländern waren, seien in
der Geschäftsstelle des Islamverbands 50 Drohanrufe sowie Hunderte Hassmails und
-briefe eingegangen - so viele wie sonst in zwei Wochen. Inzwischen habe man die
Telefonanlage abstellen müssen. "Der braune Mob tobt in den sozialen Medien,
sieht seine Vorurteile bestätigt und endlich die Chance, seinen Hass auf
Muslime, Ausländer, Andersaussehende und Andersdenkende freien Lauf zu lassen",
sagte Mazyek.

UPDATE: 12. Januar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: dpa/
Die Polizei zeigte am Sonntagabend erhöhte Präsenz am Kölner Hauptbahnhof und
Dom. Mehrere Ausländer wurden von Gruppen angegriffen und verletzt
Maja Hitij

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Die Welt

Samstag 30. Januar 2016

Korrekt schunkeln

AUTOR: Eckhard Fuhr

RUBRIK: FORUM; Fuhrs Woche; S. 3 Ausg. 25

LÄNGE: 407 Wörter

Diese Woche haben die Narren das Regiment übernommen. Die Politik ist im
Karnevalsmodus. Mummenschanz und verschärfter Humor überall. Ein Frohsinnsruck
geht durch die Gesellschaft. Sogar der russische Außenminister setzt sich eine
Pappnase auf und fragt scheinheilig, ob Deutschland noch auf dem Boden der
abendländischen Zivilisation stehe, weil die deutschen Ermittlungsbehörden im
Fall der angeblichen Vergewaltigung eines deutschrussischen Mädchens durch
"Asylanten" nicht zu dem Ergebnis kommen, das für russische Medien schon
feststeht. Tärä! In die Bütt steigen daraufhin Russlandexperten und reimen
irgendwas auf KaGeBe. Tärä! Woraufhin ein deutscher Humorfanatiker einen toten
Syrer erfindet, der die menschenfeindliche Behandlung von Flüchtlingen durch das
Berliner Lageso - Landesamt für Gesundheit und Soziales, eine offenbar selbst
stark therapiebedürftige Monsterbehörde - mit dem Leben bezahlt habe. So wie es
aussieht, gibt es weder einen toten Syrer noch ein von Asylanten vergewaltigtes
Mädchen. Doch wenn man in dem Geschunkel erst einmal drin ist, helfen
schüchterne Hinweise auf die Tatsachen wenig.

Apropos Schüchternheit. Seit Jahrhunderten gewähren Karneval oder Fastnacht in


der europäischen Kultur die Möglichkeit, gewisse innere und äußere Grenzen
zwischenmenschlicher Kontaktaufnahme zu durchbrechen. Ich erinnere mich gut an
die Zeiten vor dreißig, vierzig Jahren, als wir glaubten, dass wir auch zwischen
Aschermittwoch und Rosenmontag diese Grenzen niedergerissen hätten und zu jeder
Zeit und an jedem Ort weit über das Schunkeln hinausgehende zwischenmenschliche
Interaktion möglich sein müsse. Den Karneval empfanden wir damals als eine
verstaubte, verschwitzte, verklemmte und substanziell unerhebliche
Triebstauabfuhrveranstaltung. Was sich die Spießer an Fastnacht erlaubten,
machten wir jeden Tag nach dem Frühstück. Nichts fanden wir lächerlicher als die
offizielle Libertinage in den närrischen Tagen.

Und nun? Wegen der Flüchtlinge, von denen sich viele nicht zu benehmen wissen,
was die Geschlechterregeln angeht, wird der rheinische Narrenfilz zum
Gender-Mainstreaming-Gewebe. Leitfäden über den politisch korrekten Umgang mit
Funkenmariechen werden verfasst und darüber, dass im Karneval nichts sei, wie es
scheine, ein Nein aber immer ein Nein bleibe. Hände an die Hosennaht, und zwar
an die eigene, heißt es dann auch unter der Narrenkappe! Das sollte schon immer
gegolten haben.

UPDATE: 30. Januar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: M. Lengemann

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Die Welt

Samstag 6. Februar 2016

Handwerk macht Flüchtlinge fit;


Für ein zweijähriges Projekt zahlt der Bund, damit 10.000 Asylbewerber
"ausbildungsfähig" werden

AUTOR: Thomas Sebastian Vitzthum

RUBRIK: WIRTSCHAFT; Wirtschaft; S. 9 Ausg. 31

LÄNGE: 975 Wörter

Ob die Flüchtlinge ein Segen oder eine Belastung für den Arbeitsmarkt sind,
daran scheiden sich die Geister. Als die Zahlen im vergangenen Sommer sprunghaft
stiegen, jubelte die Wirtschaft über die "neuen Fachkräfte". Die Politik nickte
zufrieden. Im Laufe der Monate stellte sich dann Ernüchterung ein. Mittlerweile
könnte man den Eindruck gewinnen, mit den Neuankömmlingen sei überhaupt nichts
anzufangen.

Das ist sicher ebenso falsch wie die anfängliche Euphorie. Ein klares Bild, was
die Flüchtlinge können, gibt es noch immer nicht. Sicher ist, dass unter Syrern,
Irakern und Iranern mehr Menschen mit Schul- und Ausbildung zu finden sind als
unter Afghanen und Pakistanern. Unter den Syrern zwischen 14 und 24 Jahren sind
laut Weltbank rund vier Prozent Analphabeten, bei den Irakern sind es schon 18
Prozent, bei den Afghanen 53 Prozent. Ein großer Teil kommt nach Jahren auf der
Flucht, in denen er nicht arbeiten konnte.

An diese Gruppe, die nicht erst alphabetisiert werden muss und über nachprüfbare
Kenntnisse verfügt, richtet sich ein neues Programm, das
Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), der Chef des Bundesamts für
Migration und Flüchtlinge sowie der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen
Weise, und Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer jetzt vorgestellt haben.
Damit sollen 10.000 Flüchtlinge in den kommenden beiden Jahren zu Auszubildenden
in Handwerksberufen werden. Mithilfe des Bundes sollen sie ausbildungsfähig
gemacht werden. Dafür liegen 20 Millionen Euro bereit.

Sind 10.000 viel oder wenig? In Anbetracht von Hunderttausenden Asylbewerbern


ist diese Zahl nicht hoch. Doch allzu ambitionierte Ziele wollen sich die
Beteiligten wohl gar nicht setzen. Aus praktischen und politischen Gründen.
Erstens hat das Handwerk schon die Erfahrung gemacht, dass es schwierig ist,
Flüchtlinge für eine Ausbildung zu begeistern. Viele Asylbewerber kommen mit der
irrigen oder von ihren Verwandten in der Heimat eingeredeten Vorstellung nach
Deutschland, hier schnell Geld verdienen zu müssen. Viele wollen einen Teil des
Geldes nach Hause schicken. Der Mindestlohn macht eine Anstellung in einer
Aushilfstätigkeit da gegenüber einer Ausbildung attraktiver.

Deshalb brechen zweitens viele ihre Ausbildung schon nach kurzer Zeit wieder ab.
Ein anderer Grund dafür ist das fehlende soziale Netz. "Wer nicht auch im Alltag
Aufnahme findet und integriert wird, vereinsamt schnell und verliert dann auch
in der Ausbildung den Mut", sagt Wollseifer. Drittens geht es auch darum, keinen
Konkurrenzdruck auf die einheimischen potenziellen Azubis zu erzeugen. Im
letzten Jahr fehlten dem Handwerk 17.000 Lehrlinge. In den Jahren davor waren es
jeweils 20.000. Würde man planen, alle mit Flüchtlingen zu besetzen, käme es
zwangsläufig zu Konkurrenz- und Verteilungskonflikten mit der übrigen
Bevölkerung. Die große Koalition will unbedingt den Eindruck vermeiden, die
Ausländer zu bevorteilen. Zumal ja in den nächsten Jahren auch jene Flüchtlinge
als Bewerber hinzukommen werden, die derzeit noch zur Schule gehen. Die neue
Initiative richtet sich dagegen explizit an anerkannte Flüchtlinge und
Asylberechtigte sowie Asylbewerber oder Geduldete mit Arbeitsmarktzugang, die
nicht mehr schulpflichtig, aber unter 25 Jahre alt sind. Rund die Hälfte der
Flüchtlinge in Deutschland ist unter 25.

Verteilungskonflikte sollen auch dadurch vermieden werden, dass ein Augenmerk


auf freien Plätzen in Gegenden liegen soll, in denen erheblicher Mangel
herrscht. Wanka drückte dies so aus: "Wir machen flächendeckend Angebote.
Flüchtlinge sollen in Regionen gehen, in denen sie nicht sind und wo sie
vielleicht nicht hinwollten."

Die Grünen weisen gleichwohl auf die große Lücke zwischen Angebot und Nachfrage
und die drohende Konkurrenzsituation hin. "Es ist die Aufgabe einer
Bildungsministerin, gemeinsam mit ihren Länderkollegen breite
Qualifizierungsangebote für alle Geflüchteten zur Verfügung zu stellen", sagte
die jugend- und ausbildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Beate
Walter-Rosenheimer, der "Welt". Der angekündigte Ausbau von Sprachförderung,
Berufsorientierung und berufsvorbereitenden Kursen in überbetrieblichen
Ausbildungsstätten weise in die richtige Richtung. "Wenn der Bund dafür aber nur
20 Millionen Euro in die Hand nehmen will, profitieren von diesem Ansatz viel zu
wenige." Nach Berechnungen der Grünen werden bis zum Jahr 2017 bis zu 70.000
Flüchtlinge auf Ausbildungssuche gehen.

Die Vorbereitung der Flüchtlinge solle "ganz praktisch und im direkten Kontakt
mit Betrieben" geschehen, sagte Wanka. "Sie sollen ihre Neigungen und Stärken
kennenlernen, indem sie praktische Erfahrungen in verschiedenen Berufsfeldern
sammeln." Dabei würden sie kontinuierlich und "sehr individuell" betreut.
Während des von April 2016 bis April 2018 laufenden Projekts sollen die jungen
Flüchtlinge von den Berufsberatern der Arbeitsagenturen und Jobcenter in die
jeweils passenden Maßnahmen vermittelt werden.

So sollten Teilnehmer zunächst einen Integrationskurs sowie ein Programm der


Bundesagentur durchlaufen haben, bei dem ihre Kompetenzen festgestellt werden
und eine erste allgemeine Berufsorientierung erfolgt. Danach treten die
Bildungszentren des Handwerks auf den Plan. Hier soll die Berufsorientierung
vertieft werden. Auf dem Programm stehen Betriebsbesichtigungen und Praktika,
bei denen Kontakte für eine Ausbildung geknüpft werden können, wie Wollseifer
sagte. Zentrales Bindeglied zwischen ausbildungsinteressierten Flüchtlingen und
Betrieben sollen die Bildungszentren der Handwerksorganisationen sein.

Die Bereitschaft gerade von kleinen und mittleren Familienunternehmen,


Flüchtlinge mit einer Bleibeperspektive auszubilden und zu beschäftigen, sei
hoch, erklärte Wollseifer. Das Handwerk stellt die Ausbildungsplätze zur
Verfügung und wolle die Flüchtlinge "an die Hand nehmen".

UPDATE: 6. Februar 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

GRAFIK: dpa/Wolfgang Kumm


Sie haben sich den Plan ausgedacht: Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer
(l.), Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und Frank-Jürgen Weise von der BA
Wolfgang Kumm

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WELT ONLINE (Deutsch)

Donnerstag 7. Januar 2016 12:05 PM GMT+1

Flüchtlingsheime;
"Das kriegst du mit Security nie in Griff"

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 696 Wörter

HIGHLIGHT: "Die Tendenz lässt nichts Gutes hoffen": Oft sind es Nichtigkeiten,
die zu Schlägereien mit Eisenstangen und Messern in Flüchtlingsheimen führen. In
Baden-Württemberg ist ein neues Konzept angedacht.

Nach Massenschlägereien in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) für Flüchtlinge in


Ellwangen (Ostalbkreis) soll das Sicherheitskonzept der Unterkunft angepasst
werden. "Was wir konsequenter machen wollen, ist Flüchtlinge aus
unterschiedlichen Ländern noch besser getrennt unterzubringen", sagte LEA-Leiter
Berthold Weiß am Dienstag.
"Wir wollen eine klare Trennung und kein explosives Gemisch." Die Gewalt
entzünde sich zwar meist aufgrund von Lappalien, aber dann gingen immer wieder
Gruppen unterschiedlicher Herkunftsländer aufeinander los. Die
Polizeigewerkschaft warnt vor zunehmender Gewalt.

Erst am Sonntagmorgen hatten sich in der LEA rund 50 hauptsächlich algerische


und pakistanische Flüchtlinge teils mit Feuerlöschern und Eisenstangen geprügelt
und mit Steinen beworfen. Am Abend gingen erneut rund 50 Flüchtlinge aufeinander
los.

Täter noch auf der Flucht

Bei Schlägereien mit Eisenstangen in einer Unterkunft im Kreis Esslingen wurden


am Montag zwei Männer verletzt. Nach einem Messerangriff auf einen 26-Jährigen
am Sonntag in einer Heilbronner Asylbewerberunterkunft befindet sich der
23-jährige mutmaßliche Täter weiter auf der Flucht. Rund 30 teils stark
betrunkene Flüchtlinge prügelten sich in der Nacht zum Dienstag in ihrer
Unterkunft im Kreis Esslingen.

Die Flüchtlinge würden Konflikte aus ihren Heimatländern zwar nicht mit in die
Unterkünfte bringen, sagte LEA-Chef Weiß. "Das sind keine Nationenkonflikte,
sondern ganz normale menschliche Geschichten, manchmal einfach Lappalien - wer
lädt zuerst sein Handy auf, weil es nicht so viele Steckdosen gibt", sagte er.
Aber dann sammelten sich Flüchtlinge bei Schlägereien hinter ihren Landsleuten.
"Es ist nicht so, dass eine Gruppe Syrer auf eine Gruppe Syrer losgegangen ist",
meinte Weiß.

Die Störenfriede seien häufig schwer ausfindig zu machen. Zwar seien die
Flüchtlinge unterschiedlicher Nationalitäten auf dem Gelände oder bei der
Essensausgabe beisammen. "Damit die Reibungspunkte aber möglichst gering sind,
wollen wir die Möglichkeiten unseres Geländes ausnutzen und die Flüchtlinge
unterschiedlicher Herkunft in verschiedenen Bereichen der Kaserne unterbringen",
sagte Weiß.

Polizeieinsätze trotz Sicherheitspersonal

30 Sicherheitsleute arbeiteten rund um die Uhr in der LEA Ellwangen. Trotzdem


braucht es immer wieder den Einsatz Dutzender Polizeikräfte bei
Auseinandersetzungen. "Das kriegst du mit Security nie in Griff, weil die
Polizei ganz andere Rechte hat bei so einer großen Auseinandersetzung", sagte
Weiß. Die Beamten könnten etwa Störer herausgreifen und in Gewahrsam nehmen.

Die Zunahme der Gewalt in den vergangenen Tagen habe womöglich auch etwas mit
den Feiertagen zu tun. "Da ist eben überhaupt nichts gelaufen - keine
Registrierung, keine Einkaufsmöglichkeiten in der Stadt, keine Zerstreuung",
sagte Weiß.

"Das Problem liegt darin, dass in den Flüchtlingsunterkünften unheimlich viele


Menschen eingepfercht sind und es dann manchmal wegen Nichtigkeiten zu
Streitigkeiten kommt", sagte Rüdiger Seidenspinner, Chef der Gewerkschaft der
Polizei (GdP) in Baden-Württemberg. "Es gibt halt leider Gottes auch unter den
Flüchtlingen manche, die sich nicht an unsere Spielregeln halten." In letzter
Zeit richte sich die Gewalt auch immer wieder gegen Beamte. "Das Phänomen haben
wir auch im täglichen Leben - die Polizei wird als Ventil genutzt, um sein
persönliches Hühnchen zu rupfen", sagte er.

Warnung vor steigender Gewalt

In Ellwangen waren am Sonntag auch Steine auf Streifenwagen geflogen.


Seidenspinner warnte vor zunehmender Gewalt in den Heimen. "Ich hoffe, dass wir
die Gewalt innerhalb der Lager in Griff bekommen, wenn Leute auf das Land
verteilt worden sind und sich die personelle Situation entspannt. Aber die
Tendenz lässt nichts Gutes hoffen", meinte er.

Die Polizei sei überlastet. "Wir haben Personalnotstand wie noch nie, die
Terrorbedrohung, die Erstanlaufstellen, die Einbruchskriminalität - und die ganz
normale Alltagskriminalität hört deshalb ja nicht auf", sagte Seidenspinner. Dem
Südwesten fehlten derzeit 2500 Polizisten. "Wir haben in Baden-Württemberg die
schlechteste Polizeidichte im Bund-Länder-Vergleich und einen zunehmend
überalterten Personalkörper", sagte er.

UPDATE: 7. Januar 2016

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Mittwoch 20. Januar 2016 11:51 AM GMT+1

Söder kritisiert Merkel;


"Permanenter Verstoß gegen Grundgesetz inakzeptabel"

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 599 Wörter

HIGHLIGHT: Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) drängt Angela Merkel mit
scharfen Worten zu einem Kurswechsel. SPD-Fraktionsvorsitzender Thomas Oppermann
wirft der CSU vor, Panik und Hysterie zu schüren.

Vor dem Auftritt von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der CSU in Wildbad Kreuth
hat Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) einen schnellen Kurswechsel
verlangt. Die bevorstehenden Landtagswahlen im März dürften kein Hinderungsgrund
sein, sagte Söder am Mittwoch. Er betonte: "Wir können den permanenten Verstoß
gegen das Grundgesetz nicht akzeptieren." Söder kritisierte zugleich das
Zurechtweisen von Merkel-Kritikern durch führende CDU-Politiker: "Klappe zu ist
da das falsche Motto. Es muss heißen: Augen auf."

Die CSU-Landtagsfraktion geht mit klaren Forderungen in ihr Gespräch mit der
Kanzlerin: Die Zahl der Flüchtlinge soll in diesem Jahr auf 200.000 begrenzt
werden. Werden es mehr, sollen diese an der Grenze abgewiesen werden. Ebenfalls
zurückgewiesen werden sollen Flüchtlinge, die aus sicheren Nachbarstaaten
einreisen wollen. Das geht aus einem Zwölf-Punkte-Plan zur Flüchtlingspolitik
hervor, den die Fraktion auf ihrer Winterklausur beschlossen hat. Demnach strebt
die CSU ein koordiniertes Vorgehen mit den Transitstaaten auf dem Balkan an:
Diese sollen selbst Grenzkontrollen durchführen, bis es irgendwann zu einem
wirksamen Schutz der EU-Außengrenzen kommt.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann forderte ein Ende der Kritik aus
der Union an der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
"Ich halte nichts davon, wie die CSU jetzt systematisch Panik und Hysterie zu
schüren", sagte Oppermann dem ZDF-"Morgenmagazin" vor dem Treffen Merkels mit
der CSU-Landtagsfraktion in Wildbad Kreuth. "Die Chaostage in der Union müssen
aufhören, sonst wird aus der Flüchtlingskrise am Ende eine Regierungskrise."

Wenn man in der Regierung ist, "darf man nicht durch Worte glänzen, sondern muss
durch Taten glänzen", mahnte Oppermann und forderte ein Ende des
"Schlagabtauschs auf offener Bühne". Insbesondere kritisierte er, dass
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) als Kabinettsmitglied "offen
gegen die Kanzlerin" rebelliere. Diese müsse daher in Kreuth am Mittwoch "mal
sagen, wo es langgeht". "Der Eindruck, den die Regierung derzeit hinterlässt,
ist katastrophal", kritisierte Oppermann.

Zugleich forderte der SPD-Fraktionschef selbst einen Kurswechsel. Derzeit kämen


3000 Flüchtlinge pro Tag, allein im Januar seien es schon 60.000 gewesen, sagte
Oppermann. Auf das Jahr hochgerechnet, komme man auf weit über eine Million.

"Renationalisierung der Binnengrenzen"

Der Zuzug nach Europa müsse daher dringend durch die Sicherung der Außengrenzen
verringert werden. Andernfalls werde der "Druck so groß, dass es zu einer
Renationalisierung der Binnengrenzen kommt". Dies könnte "der Anfang vom Ende
Europas sein".

Oppermann befürwortete auch eine Aussetzung des Familiennachzugs für Flüchtlinge


für zwei Jahre, forderte aber Ausnahmen für Syrer. Wenn nur junge Männer kommen,
sei deren Integration sehr schwierig, sagte der SPD-Politiker.

Ohne den Weg des Familiennachzugs würden die Syrer weiter gezwungen, den
gefährlichen Weg über die Ägäis zu nehmen. Die Einschränkung des
Familiennachzugs gehört zu den Maßnahmen aus dem Asylpaket II, die derzeit von
der Koalition diskutiert werden.

Merkel ist am Abend Gast der CSU-Landtagsfraktion. Die Abgeordneten wollen


Merkel zu einer Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik drängen. Die CSU verlangt
eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen - die Kanzlerin lehnt dies ab.
CSU-Chef Horst Seehofer hat aber vorab bereits deutlich gemacht, dass er nicht
damit rechnet, dass Merkel in Kreuth einen Kurswechsel vollzieht. Die CDU-Chefin
war vor zwei Wochen bereits bei den CSU-Bundestagsabgeordneten zu Gast.

UPDATE: 20. Januar 2016

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Freitag 22. Januar 2016 10:43 AM GMT+1

Flüchtlingskrise;
Auf dem Balkan lieben sie Deutschlands offene Grenze

AUTOR: Norbert Mappes-Niediek, Graz

RUBRIK: POLITIK; Mit Audio Kommentar

LÄNGE: 736 Wörter

HIGHLIGHT: Ändern Österreich und Deutschland ihre Flüchtlingspolitik, hat das


Auswirkungen auf die Balkanstaaten. Mazedonien reagierte sofort, Slowenien
debattiert noch. Sind am Ende alle Grenzen geschlossen?

Noch war die Obergrenze für Flüchtlinge in Österreich gar nicht beschlossen, da
kam auf dem Balkan schon die erste Reaktion. Mazedonien schloss schon am
Dienstagabend seinen Flüchtlingsübergang zu Griechenland; um die 350 Menschen
mussten bei eiskalten Temperaturen in ungeheizten Bussen ausharren. "Eine Panne
bei der Eisenbahn in Slowenien", begründete das Innenministerium in Skopje - dem
wurde von der slowenischen Bahn aber widersprochen.

"Eigentlich hätten wir erwartet, dass die Grenze sich dann wieder öffnet", sagte
Stella Nanou vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Griechenland.
Aber das geschah nicht. Es schneite, die Temperaturen lagen weit unter null
Grad. "Glücklicherweise hat die griechische Polizei reagiert und das eigentlich
geschlossene Lager im Grenzort Idemoni wieder eröffnet", so Nanou. Dramatische
Szenen blieben aus. Wegen des schlechten Wetters in der Ägäis warteten nur etwa
600 Menschen auf den Einlass nach Mazedonien, die meisten von ihnen Syrer.
Schließlich wurde die Grenze so unerwartet wieder geöffnet, wie sie zuvor
geschlossen worden war.

Wann immer ein skandinavisches Land oder eines der beiden Schlüsselländer
Österreich und Deutschland sein Grenzmanagement ändert oder sich eine Änderung
auch nur andeutet, reagieren die Balkanstaaten sofort. "Wir wollen nicht Hotspot
werden": Der Spruch des slowenischen Regierungschefs Miro Cerar ist zwischen
Ljubljana und Skopje immer wieder zu hören. Ändern Österreich oder Deutschland
ihre Flüchtlingspolitik oder legen Obergrenzen fest, müssen Slowenien, Kroatien,
Serbien und Mazedonien sich dieser Politik annähern. Sonst wären die
Balkanstaaten, alle kleiner als Österreich, binnen Tagen überfordert. Slowenien
und Mazedonien haben je zwei, Kroatien hat viereinhalb und Serbien sieben
Millionen Einwohner.

Das erste Mal trat der "Domino-Effekt" im November ein. Auf das bloße Gerücht
hin, Slowenien wolle künftig nur noch Syrer, Iraker und Afghanen durchlassen,
stießen Kroatien, Serbien und Mazedonien ins gleiche Horn. Und mit nur einem Tag
Verzögerung folgten alle Balkanstaaten Anfang Januar der deutschen Entscheidung,
zumindest offiziell keine nach West- oder Nordeuropa durchreisenden Flüchtlinge
mehr ins Land zu lassen.

Die liberale Regierung in Ljubljana sieht sich mit einer skeptischen Stimmung in
der Bevölkerung konfrontiert, sympathisiert aber mit dem liberalen Grenzregime
in Deutschland und Österreich. Nach der Entscheidung in Wien, eine Obergrenze
einführen zu wollen, attackierten die rechten Parteien die Regierung mit
scharfen Worten: Slowenien sei in seiner Existenz bedroht, tönte
Oppositionsführer Janze Jansa. Sei die österreichische Quote von 37.500 Menschen
in wenigen Monaten erreicht, blieben die Zurückgewiesenen alle in Slowenien.
Innenministerin Vesna Gjerkes Znidar versuchte zu beruhigen: Es gebe ja noch
Deutschland. Und dass Berlin die Grenzen schließe, sei unwahrscheinlich.

Slowenien spielt Schlüsselrolle

Während auf offener Bühne gestritten wird, spielt der slowenische Regierungschef
Cerar hinter den Kulissen eine Schlüsselrolle. Nach seinem Besuch bei seiner
deutschen Kollegin Angela Merkel vorige Woche schrieb er allen seinen
EU-Kollegen einen Brandbrief: Alle Staaten auf der Balkanroute trügen eine
"immense Last". Eilige Interpreten in Belgrad und Zagreb machen daraus einen
"Plan": Angeblich seien Berlin und Wien übereingekommen, ganz Griechenland zum
"Hotspot" für Flüchtlinge zu machen und dem Land dafür in der Schuldenkrise weit
entgegenzukommen.

Die vorübergehende Grenzschließung in Mazedonien passt da ins Bild, denn das


Land steht im Bann einer für April geplanten Neuwahl. Die Entscheidungen trifft
noch immer der starke Mann des Landes, Nikola Gruevski, der vorige Woche formal
als Regierungschef zurücktrat. Seine Beziehungen zu den großen EU-Staaten sind
allerdings so gespannt, dass ein flüchtlingspolitischer Masterplan kaum eine
Chance hätte.

In Kroatien und Serbien immerhin blieb zunächst alles unverändert. "Die


Flüchtlinge sind wie immer mit dem Zug nach Slavonski Brod gebracht, dort
registriert und dann mit dem Zug weiter nach Dobova in Slowenien gefahren
worden", sagte Jan Kapic vom Flüchtlingshilfswerk in Zagreb. Und in Serbien
stehen ebenfalls Neuwahlen an. In beiden Ländern bekommt die Bevölkerung von der
Krise kaum etwas mit: Die Flüchtlinge reisen in Bussen oder Zügen in wenigen
Stunden von Grenze zu Grenze - solange sie eben offen bleiben.

UPDATE: 22. Januar 2016

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Donnerstag 28. Januar 2016 7:41 AM GMT+1


Kriminelle Ausländer;
Ausgewiesen bedeutet längst nicht abgeschoben

AUTOR: Marcel Leubecher

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1393 Wörter

HIGHLIGHT: Das Kabinett beschließt, kriminelle Ausländer schneller auszuweisen.


Das muss aber nicht bedeuten, dass die Straftäter auch abgeschoben werden. Auch
Schwerverbrecher aus Kriegsgebieten haben Rechte.

Fast einen Monat nach der erschreckenden Silvesternacht mit Gewalttaten gegen
zahlreiche Frauen hat das Bundeskabinett beschlossen, die Ausweisung
ausländischer Straftäter zu erleichtern. Die von Bundesinnenminister Thomas de
Maizière (CDU) und Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) vor zwei Wochen
gemeinsam vorgeschlagene Verschärfung des Ausweisungsrechts wurde "eins zu eins"
angenommen, wie das Justizministerium mitteilte - ein Erfolg der beiden
Kabinettskollegen, deren Ressortinteressen häufig in Konflikt geraten.

Nach den Übergriffen in Köln und anderswo hatten Politiker aus Union und SPD
einen Überbietungswettbewerb um die härteste Asyl- und Migrationspolitik
veranstaltet: Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD)? Forderte die Streichung
der Entwicklungshilfe für Länder, die ihre aus Deutschland abgeschobenen
Staatsbürger nicht zurücknehmen. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer?
Straffällige Flüchtlinge gleich ganz ohne Prozess abschieben! "Nicht erst das
Strafmaß nach einer Verurteilung soll Grundlage für eine mögliche Abschiebung
sein, sondern bereits ein Delikt", polterte der Bayer.

Die Bundeskanzlerin kündigte an Tag sieben nach Köln in ihrem ganz eigenen Ton
an zu prüfen, "ob wir, was Ausreisenotwendigkeiten anbelangt, schon alles getan
haben, was notwendig ist, um hier auch klare Zeichen zu setzen an diejenigen,
die nicht gewillt sind, unsere Rechtsordnung einzuhalten".

Ein Zwischenergebnis dieser Prüfung ist der vom Bundeskabinett verabschiedete


Gesetzentwurf: Im Kern soll erstens künftig ein schwerwiegendes
Ausweisungsinteresse bereits dann vorliegen, wenn ein Ausländer zu einer
Freiheitsstrafe verurteilt worden ist. Das gilt für Straftaten gegen das Leben,
die körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Selbstbestimmung, das Eigentum oder
wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte - unabhängig davon, ob die Strafe
zur Bewährung ausgesetzt ist. Bisher muss eine Freiheitsstrafe von mindestens
einem Jahr vorliegen.

Zweitens soll nach dem Beschluss ein besonders schwerwiegendes


Ausweisungsinteresse gegeben sein, wenn ein Ausländer zu einer Freiheitsstrafe
von mindestens einem Jahr verurteilt wird. Auch dies soll künftig unabhängig
davon gelten, ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt ist. Bisher bedarf es für
die Kategorisierung "besonders schwerwiegend" einer Strafe von mehr als zwei
Jahren.

Rechtsexperten glauben nicht an Änderungen der Praxis

Drittens wird auch die Grenze, ab der eine Verurteilung die Anerkennung als
Flüchtling verhindert, abgesenkt. Dies soll künftig bei einer Freiheitsstrafe
von einem statt drei Jahren der Fall sein.
Rechtsexperten bezweifeln allerdings, dass durch diese Verschärfung kriminelle
Ausländer schneller außer Landes gebracht werden. "Mit der Ausweisung ist noch
längst nicht gesagt, dass auch tatsächlich eine Abschiebung erfolgt", sagt der
renommierte Ausländerrechtler Kay Hailbronner der "Welt". Er verweist darauf,
dass auch ein besonders schwerwiegendes öffentliches Interesse immer mit dem
Interesse des Ausländers am Verbleib in der Bundesrepublik abgewogen werden
muss.

"Der gesetzlichen Bewertung als schwerwiegend oder besonders schwerwiegend kommt


keine allzu große rechtliche Bedeutung zu, weil der Gesetzgeber keinen Zweifel
daran gelassen hat, dass es sich hierbei nur um Anhaltspunkte handelt, die am
Erfordernis der individuellen Abwägung nichts ändern. Vieles spricht dafür, dass
sich im Grunde an der bisherigen Praxis nichts ändern wird", sagt der Professor.

Der innenpolitische Sprecher der Unionsbundestagsfraktion, Stephan Mayer (CSU),


bezeichnete die Verschärfung des Ausweisungsrechts hingegen als "großen Schritt
nach vorne". Nicht nur die Strafbarkeitsschwellen für die Ausweisung würden
stark abgesenkt, auch das Asylrecht werde künftig leichter verwirkt, wenn ein
Asylbewerber straffällig werde. "Dies hat die Union seit langer Zeit gefordert.
Jetzt müssen die Länder dafür sorgen, dass mit zügigen Verurteilungen und
schellen Ausweisungen und Abschiebungen diejenigen Deutschland schnell
verlassen, die ihr Gastrecht verwirkt haben", sagte Mayer der "Welt".

Ausländerrechtler Hailbronner kann - trotz aller Kritik - der gesetzlichen


Änderung "einen rechtspsychologischen Wert abgewinnen, weil sie verdeutlicht,
dass Straftaten entsprechend gewichtig angesehen werden, um eine
Aufenthaltsbeendigung rechtfertigen zu können". Es sei allerdings falsch
anzunehmen, dass wegen der herabgesetzten Schwelle die Gerichte das
Ausweisungsinteresse des Staates künftig höher gewichten als das Bleibeinteresse
oder das besonders schwerwiegende Bleibeinteresse des Ausländers.

Grundsätzlich gelte: "Ein absolutes Abschiebungshindernis ist die Gefahr


unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe. Absolut ist dieses
Hindernis, weil hier die Gefährdung der öffentlichen Ordnung nicht greift", sagt
Hailbronner.

"Auch ein Terrorist, der allgemein seine Unterstützung für den Islamischen Staat
erklärt, darf nicht in einen Staat abgeschoben werden, in dem ihm unmenschliche
Haft- oder Lebensbedingungen drohen." Dabei sei zu beachten, dass unmenschliche
Lebensbedingungen auch angenommen worden seien, wenn keinerlei ökonomische
Existenz möglich sei. Entsprechendes gelte auch für einen Straftäter, der wegen
schwerer sexueller Straftaten abgeschoben werden solle. Bei Syrern oder Afghanen
etwa müssten "sichere Landesteile" vorhanden sein.

Auch wenn es sich nicht um straffällig gewordene anerkannte Flüchtlinge handelt,


sind Abschiebungen schwer durchzusetzen, etwa 200.000 ausreisepflichtige
Ausländer leben in Deutschland. Häufig tauchen die Betroffenen unter oder
quartieren Kinder bei Bekannten ein, sodass am Rückführungstermin die Familie
nicht vollständig ist. Oft scheitern Abschiebungen auch an Krankheiten, einer
anstehenden Elternschaft oder mangelnder Kooperation der Herkunftsstaaten. Das
führt dann zu einer Duldung von Personen, die eigentlich schon ausgewiesen
wurden.

Hoffnung auf Einigung zum Asylpaket II

Während die Koalition sich über die Verschärfung des Ausweisungsrechts schnell
einig war, ist das im November von den Koalitionsspitzen vereinbarte Asylpaket
II immer noch nicht verabschiedet. Beim Hauptstreitpunkt Familiennachzug scheint
nun aber eine Lösung in Sicht.

Vizekanzler Gabriel sagte der "Rheinischen Post", Bundeskanzlerin Angela Merkel


(CDU) und er hätten CSU-Chef Horst Seehofer einen konstruktiven Vorschlag zum
Familiennachzug gemacht. "Am Donnerstag reden wir darüber. Ich bin ganz
zuversichtlich, dass wir uns einigen", sagte der SPD-Chef. Am Donnerstag treffen
sich auch die Ministerpräsidenten der Länder zu einer Sonderkonferenz in Berlin.
Bei den Gesprächen der Landeschefs, der Koalitionsspitzen und schließlich einem
Treffen der Ministerpräsidenten mit Merkel wird ein Durchbruch nach wochenlangem
Streit erwartet.

Die Lösung für das zweite Asylpaket könnte so aussehen, dass der Familiennachzug
für alle subsidiär Schutzberechtigten für ein statt zwei Jahre ausgesetzt wird,
dies dann aber auch für Syrer gilt. Der Streit über den Familiennachzug war
entbrannt, nachdem SPD-Chef Gabriel zunächst zustimmte, den Familiennachzug für
alle subsidiär Schutzberechtigten auszusetzen, anschließend aber darauf drängte,
Syrer von Einschränkungen auszunehmen. Die CSU hingegen beharrt auf der
ursprünglichen Einigung der Koalitionsspitzen.

Derzeit scheint der Familiennachzug über die Migrationsrouten stark anzusteigen.


In einem Lagebericht verweist die Bundespolizei auf eine aktuelle Auswertung des
UNHCR, wonach im Januar erstmals Frauen und Kinder die Mehrheit der Flüchtlinge
stellten. "Vermutlich suchen männliche Migranten ihre Familien nachzuholen,
bevor angekündigte Neuregelungen greifen, die höhere Voraussetzungen vorsehen",
schreibt die Bundespolizei.

Im Klartext: Sie warten keine Verfahren ab, stellen keine Anträge, sie regeln
den Nachzug auf eigene Faust. 55 Prozent der im Januar über Griechenland
eingereisten Migranten waren Frauen und Minderjährige.

Der Trend bestätigt Befürchtungen der CSU. Seit Monaten drängt sie auf eine
Einschränkung des Familiennachzugs. Gestern ermahnte die bayerische
Staatsregierung in einem Beschwerdebrief das Kanzleramt, Recht und Ordnung an
den deutschen Grenzen wiederherzustellen. "Wir haben es hier mit
Rechtsverletzungen zu tun, und die müssen abgestellt werden", schimpfte
Ministerpräsident Seehofer. Es wird nicht die letzte Intervention aus Bayern
gewesen sein.

UPDATE: 28. Januar 2016

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Sonntag 31. Januar 2016 11:52 AM GMT+1


Westtürkei;
An dieser Küste scheitert Merkels Asylpolitik

AUTOR: Deniz Yücel, Izmir

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1816 Wörter

HIGHLIGHT: Die Türkei soll die Grenzen vor Flüchtlingen sichern. Dafür bekommt
sie viel Geld. Ob das die Flucht Tausender übers Mittelmeer verhindert? Für
Merkels Kanzlerschaft die womöglich entscheidende Frage.

Angela Merkels politische Zukunft entscheidet sich womöglich an Orten wie


diesem: der kaum besiedelten Küste des türkischen Landkreises Ayvacik. An der
schmalsten Stelle sind es neun Kilometer nach Lesbos. Fast zwei Drittel der rund
850.000 Flüchtlinge, die 2015 auf den griechischen Inseln ankamen, landeten dort
auf dem Boden der Europäischen Union.

Damit soll es bald vorbei sein. Der Ende November vereinbarte "Aktionsplan": Die
Türkei kontrolliert ihre Küsten besser und verpflichtet sich, illegal
eingereiste Flüchtlinge zurückzunehmen. Dafür soll sie von der EU drei
Milliarden Euro erhalten. Zudem entfällt für türkische Staatsbürger die
Visumpflicht, wenn sie in die EU reisen wollen.

Bis Mitte Januar hat die Gendarmerie in Ayvacik 2000 Flüchtlinge aufgegriffen
und 27 Schleuser festgenommen. "Seit einer Woche habe ich kein Boot mehr
gesehen", sagt der Betreiber eines Strandcafés, vor dem sich die
Hinterlassenschaften der Flüchtlinge sammeln: Schwimmwesten, Plastiktüten,
Rucksäcke. "Vielleicht war Ayvacik zu berühmt geworden. Wenn der Staat es nicht
will, könnte kein Vogel fliegen."

Einige Kilometer südlich in Ayvalik sitzt Landrat Kemal Nazli in seinem Büro in
einem einst griechischen Herrschaftshaus. In Ayvalik ist Kemal Nazli der Staat.
Könnte gegen dessen Willen wirklich kein Vogel fliegen? Oder ist es unmöglich,
eine so ausgefranste Küste abzuriegeln?

"Man könnte mit mehr Mitteln besser kontrollieren. Aber kein Staat könnte jeden
Vogel aufhalten, der unbedingt fliegen will." Er könne auch nicht alle Männer
Tag und Nacht ans Ufer stellen, sie müssten auch andere Aufgaben erfüllen. Im
Winter leben im Landkreis 70.000 Menschen; in der Hochsaison fast eine halbe
Million. Nazli unterstehen 250 Polizisten und Gendarmen. Die Krise hat daran
nichts verändert.

Was der "Aktionsplan" für sie konkret bedeutet, weiß keiner der lokalen
Verantwortlichen. Bislang jedenfalls reichen die Mittel nicht aus, auch in
humanitärer Hinsicht nicht, trotz der 4,6 Millionen Euro, die die Türkei täglich
für die Versorgung der Flüchtlinge ausgibt. In größeren Orten springen
Bürgerinitiativen ein. "Wir haben Bedarf für die Erste Hilfe: Decken, Kleidung,
Babynahrung", erzählt der 41-jährige Veterinärarzt Özgür Öztürk. "Polizei und
Gendarmerie waren anfangs skeptisch. Aber jetzt rufen sie uns, wenn sie
Flüchtlinge aufgegriffen oder aus Seenot gerettet haben."

Bauern überlassen Schleusern ihre Felder gegen Geld

Am 5. Januar wurden an der Mündung des Flüsschens Madra die Leichen von 31
Menschen an Land gespült - das bis dahin größte Bootsunglück in Ayvalik. Der
Madra markiert die Grenze zur Nachbargemeinde Dikili. Auf der nördlichen Seite
reichen die Feriensiedlungen bis an den Fluss, südlich ist Schilfland.

Früher starteten hier jeden Tag Boote, nach dem Unglück kamen Journalisten.
Flüchtlinge hat seit Tagen keiner gesehen. "Die Gendarmerie von Ayvalik sagt:
Wir sind nicht zuständig. Die von Dikili kommt Stunden später, wenn überhaupt",
berichtet eine Ladenbesitzerin. Später erzählt jemand, dass diese Frau ihr
eigenes Geschäft mit der Not betreibe: Eine Rolle Kekse kostet sonst zwei Lira,
doch für Flüchtlinge zwei Euro - das Dreifache.

Nicht nur die Schleuser verdienen: Hoteliers, Ladenbesitzer, Taxifahrer, Bauern,


die ihre Felder den Schleusern gegen Geld überlassen, Beutejäger. Kostete im
Vorjahr die Überfahrt noch bis zu 3000 Dollar, kann man jetzt schon für 650
Dollar buchen. Dann allerdings mit 60, 70 Menschen in einem Schlauchboot für 30
Personen. Je geringer das Risiko, desto höher der Preis.

"Die EU will der Türkei drei Milliarden Euro für drei Jahre zahlen", sagt der
Medizinprofessor Cem Terzi vom Verein Brücke der Völker in Izmir, der sich der
medizinischen Hilfe widmet. "Der Umsatz der Schlepperindustrie war im letzten
Jahr höher. Glauben Sie, dass dieses Geschäft einfach aufhört? Das ist die
größte Wanderungsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Wer sie aus der Nähe
erlebt, bleibt nicht unberührt."

Bald werden wir erleben, dass dieser Befund auch auf Journalisten zutrifft. Im
Landkreis Dikili, unweit des Dorfes Bademli, sehen wir von einer Anhöhe ein
Schlauchboot. Es ist elf Uhr, die Sonne strahlt, die orangen Schwimmwesten
leuchten im blauen Meer. Der zuständige Landrat Mustafa Sezgin will das nicht
kommentieren. "Ich kann Ihnen nur Zahlen nennen. Und die habe ich nicht parat."

Beim Unglück Anfang Januar ist Sezgin, ein fülliger Mittfünfziger mit Doppelkinn
und Toupet, anders als sein Kollege Nazli nicht zur Fundstelle gefahren. "Warum
soll ich meine Psyche beschädigen?" Was er dazu sagt, dass Merkels Zukunft auch
von seiner Arbeit abhängt? "Dazu sage ich nichts, ich bin Beamter."

Am nächsten Morgen fahren wir erneut in das Dorf und geraten in eine
Straßensperre. Die Gendarmerie hat 250 Syrer und Iraker festgesetzt. Womöglich
sind die Gendarmen nun hier, weil wir am Vortag beim Landrat waren. Eine Gruppe
hatte in der Nacht versucht, überzusetzen. Doch wegen der hohen Wellen sei nach
wenigen Metern Panik ausgebrochen, erzählt der 35-jährige Elektrotechniker Zaid
aus Bagdad. Der Steuermann, der 23-jährige Mohammed aus Aleppo, habe das Boot
auf Felsen gesetzt. Die Schlepper hätten ihm zuvor kurz gezeigt, wie das Schiff
zu steuern sei.

Im Morgengrauen habe die Gendarmerie sie am Ufer aufgegriffen. Ein paar Stunden
später ist Zaids Jeans immer noch nass. Die Temperatur liegt am Gefrierpunkt, er
hat weder Hose noch Socken zum Wechseln. "Ich will nach Europa, weil es dort
Frieden gibt", sagt er. "Und weil ich nicht an den Islam glaube." Die Eltern,
die mit ihren Kindern ins Boot stiegen, könne er nicht verstehen.

Neben ihm steht Alaa, ein Friseur aus Damaskus. Sein Sohn ist vier Jahre alt,
seine Tochter 13. "Ich mache das wegen meiner Kinder. Wir waren zwei Jahre in
Istanbul. Meine Tochter hat dort keine Schule gesehen." Die Flüchtlinge haben
auf der Dorfstraße zum Aufwärmen Feuer angezündet. Von den Bewohnern lässt sich
während des stundenlangen Wartens keiner blicken. Die Hälfte des Dorfes verdiene
mit, sagen die Gendarmen. Die Gendarmen hängen mit drin, sagen sie in der
Teestube des Dorfes. In Seferihisar wurde kürzlich ein Oberstabsfeldwebel wegen
Verdacht auf Beteiligung am Menschenhandel verhaftet.
Ein Schlepper-Lastwagen taucht auf. Die Ladefläche ist mit einer Plane bedeckt,
aber darunter erkennt man menschliche Umrisse. Rund 50 Menschen, alle aus
Afghanistan, vorn die Männer, hinten die Frauen und Kinder. Die Gendarmen halten
den Laster an.

Die Bilanz des Tages: Vier verhaftete Schlepper. Die 303 aufgegriffenen
Flüchtlinge werden auf die Wache von Dikili gebracht. "Alle meine Männer sind
damit beschäftigt", sagt der Kommandant der Gendarmerie. "Aber die Syrer dürfen
sich frei bewegen. Wir bringen sie nach Izmir oder Istanbul und in paar Tagen
sind sie wieder hier."

Im "Deutschen Feriendorf" warten manchmal 1000 Flüchtlinge

Einem Tipp aus der Teestube folgend, fahren wir fünf Kilometer hinaus in einen
Olivenhain. Menschen laufen uns entgegen, dann kommen sechs Männer mit einem
Schlauchboot. Im Wasser liegt ein Boot der Küstenwache. Doch die Flüchtlinge
sind noch an Land - und dort ist die Küstenwache nicht zuständig. Es ist kurz
vor Sonnenuntergang, es schneit. Vermutlich werden die Schlepper ohne Rücksicht
aufs Wetter das Auslaufen befehlen.

Entweder melden wir diese Menschen und durchkreuzen ihre Hoffnungen. Oder wir
melden sie nicht und müssen uns womöglich Vorwürfe machen. Wir melden sie. "Mal
sehen", sagt der Kommandant. "Wir haben weder Kapazitäten noch Platz", sagt
einer seiner Adjutanten.

Am nächsten Tag in Cesme. Von der Küste aus sieht man die Häuser der
griechischen Insel Chios. An einer Bucht außerhalb des Ortes verwittert, von der
Straße nicht einsehbar, eine nicht fertiggestellte Siedlung. Der Name:
"Deutsches Feriendorf". "Hier warteten manchmal tausend Flüchtlinge auf ihre
Boote", erzählt ein junger Mann.

"Die Gendarmerie kam alle paar Wochen vorbei. Am nächsten Tag waren die
Flüchtlinge wieder da. Vor zwei Wochen hat der Gouverneur Sondereinheiten
geschickt. Jetzt kommen die Gendarmen fünfmal am Tag."

Das Deutsche Feriendorf mag geräumt sein, doch die Ausweichstelle ist keine zwei
Kilometer entfernt. Im Gebüsch am Ausgang der Bucht stoßen wir auf eine Gruppe
von Iranern und Afghanen. "Die Organisatoren haben gesagt, dass wir
hierherlaufen sollen", erzählt der Mittdreißiger Faysal. Er ist vor ein paar
Tagen aus Kabul nach Istanbul geflogen.

Das Meer hatte er nie zuvor gesehen. Auf der Rückfahrt laufen uns Grüppchen mit
leichtem Gepäck entgegen. Es wird nicht bei den erwarteten 45 Passagieren
bleiben. Polizei ist nicht zu sehen. Dieses Mal sagen wir nichts.

Was ist in dieser Situation das Richtige? Esra Simsir lächelt verlegen. Sie
leitet in Izmir das Büro des Vereins Asam, der in der Türkei das
UN-Flüchtlingshilfswerk vertritt. "Wir versuchen, die Menschen zu überzeugen, in
der Türkei zu bleiben oder auf legalem Weg die Ausreise zu versuchen", sagt sie.
Die Türkei habe viel zu wenig gemacht, um ihnen eine Perspektive zu geben. Die
jüngst beschlossenen Arbeitserlaubnisse seien ein Anfang.

Aber was wird vor Inkrafttreten des "Aktionsplans" passieren? "Wir erwarten eine
Explosion", antwortet Simsir. "Sobald das Wetter milder wird, rechnen wir mit
Zahlen wie im Spätsommer." Die Statistik stützt diese Vermutung: 1694
Flüchtlinge wurden im Januar 2015 auf den griechischen Inseln registriert. Bis
zum 27. Januar dieses Jahres waren es 50.668. Doch die Massenflucht findet nicht
mehr so offen statt, auch nicht von der Drehscheibe Izmir aus.
Am Bahnhof Basmane schlafen keine Menschen mehr, und die wenigen Geschäfte, die
noch Schwimmwesten im Schaufenster haben, führen nur Markenware. Die
lebensgefährlichen Imitate sind nach Razzien verschwunden. Unter der Theke
sollen sie weiterhin verkauft werden. In den Cafés von Basmane sieht man nur die
Vermittler.

Die meisten sind selbst Syrer, Fußvolk der Schlepper. Mit uns reden wollen sie
nicht. Die Alternative: Telefonnummern, die auf Facebook kursieren. Wir rufen
an: "Ich habe zehn Freunde aus Afghanistan. Kannst du helfen?" - "Ja. Bring sie
morgen früh zum Busbahnhof von Istanbul." - "Wohin bringst du sie?" - "Didim,
von da nach Samos." - "Was für ein Boot, wie viele Leute?" - "Barkasse, elf
Meter, Maximum 50 Leute." - "Wie viel?" - "1000 Dollar." - "Dann sage ich denen
1250." - "Kein Problem, sag: 1250, 1500, was du willst."

Am Freitag, einen Tag nachdem wir die Flüchtlinge im Gebüsch bei Cesme entdeckt
haben und drei Tage nach der Operation bei Dikili, birgt die griechische
Küstenwache vor Samos 25 Leichen, darunter zehn Kinder. Faysal hingegen hat es
geschafft. Zaid aus Dikili können wir nicht erreichen. Mohammed ist zurück in
Izmir. Alaa schickt uns Fotos aus dem Raum, in dem sie 30 Stunden
zusammengepfercht wurden. Am Samstag meldet er sich aus Samos. In Ayvacik, wo es
zuletzt so ruhig schien, eilt die türkische Küstenwache zu einer havarierten
Barkasse. 75 Überlebende, 33 Tote.

UPDATE: 31. Januar 2016

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WELT ONLINE (Deutsch)

Freitag 18. März 2016 10:12 AM GMT+1

EU-Türkei-Verhandlungen;
An diesen Punkten könnte das Abkommen scheitern

AUTOR: Andre Tauber, Brüssel

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 511 Wörter

HIGHLIGHT: Die EU erwartet laut Angela Merkel "harte und auch auf
Interessenausgleich bedachte Verhandlungen" mit der Türkei. Die "Welt" nennt die
Knackpunkte, auf die es in den Gesprächen ankommen wird.
Sind die geplanten Rückführungen aller Flüchtlinge in die Türkei vereinbar mit
den internationalen Regeln?

Das Abkommen mit der Türkei sieht vor, dass alle Flüchtlinge, die es in Booten
bis nach Griechenland schaffen, zurückgeführt werden. Viele Staaten hegten
Zweifel daran, dass das mit internationalem Recht vereinbar ist. Die Europäische
Kommission beschwichtigt und verspricht individuelle Verfahren. Als weiteres
Zugeständnis wurde in der Nacht zum Freitag die Formulierung in die
Gipfelerklärung aufgenommen, wonach das UN-Flüchtlingswerk UNHCR an diesem
Prozess beteiligt werden soll. Alle Sorgen dürften damit allerdings noch nicht
ausgeräumt sein.

Wie groß sind die Kontingente, die die EU von der Türkei übernehmen muss?

In einem ersten Schritt sollen die Europäer für jeden Syrer, den die Türkei aus
Griechenland zurücknimmt, einen anderen Syrer aus der Türkei übernehmen. Das
Prinzip soll so lange gelten, bis die Flüchtlingsströme versiegen. In der
Erklärung nennen die EU-Staaten ein vorläufiges Limit von 72.000 Umsiedlungen.

Damit dürften die Verpflichtungen allerdings nicht enden. Die EU wird der Türkei
größere, jährliche Kontingente abnehmen müssen. Beziffert sind die bislang noch
nicht. Doch die Rede ist von deutlich mehr als 100.000 Flüchtlingen im Jahr. Wer
wie viel nimmt, muss in den Wochen nach dem Abschluss des Abkommens festgelegt
werden.

Wann können die Rückführungen beginnen?

Das ist ein entscheidender Punkt. Die Europäische Union hat ein großes Interesse
daran, dass nicht zu viel Zeit vergeht zwischen dem Beschluss und dem Stichtag,
ab dem neu ankommende Flüchtlinge in die Türkei zurückgeschickt werden. Man
möchte nämlich vermeiden, dass Migranten die Tage dazwischen als "letzte Chance"
begreifen, nach Europa aufzubrechen. Die Frage ist, ob der Plan umsetzbar ist.
Denn er verlangt von Athen enorme Anstrengungen, die entsprechenden Strukturen
aufzubauen. Athen dämpft die Erwartungen. Man werde "einige Wochen" brauchen,
bis man genügend Richter auf die Insel geschickt habe, heißt es in griechischen
Regierungskreisen.

In welchem Umfang werden die Visa für die Türkei liberalisiert?

Reisefreiheit für die eigenen Bürger im Schengenraum zu erhalten ist das


zentrale Ziel der türkischen Regierung. Doch der Druck ist hoch, der Türkei
keine Abstriche bei den notwendigen Kriterien zu machen - immerhin fürchten
viele Staaten neue Einwanderungswellen und Sicherheitsrisiken. Offiziell hält
die EU also daran fest, dass Ankara weiterhin alle Auflagen erfüllen muss. Alles
andere wäre kaum akzeptabel.

Wird mit der Türkei beschleunigt über einen Beitritt verhandelt?

Die Türkei fordert die Öffnungen neuer Kapitel in den EU-Beitrittsverhandlungen.


Und Regierungsbeamte stellten in der Nacht zum Freitag klar, dass man an dieser
Forderung festhalte. Doch dagegen sperrt sich Zypern. Das Land verlangt, dass
die Türkei zunächst die Häfen und Flughäfen des Landes für zypriotische Schiffe
und Flugzeuge öffnet. Die Regierung aus Nikosia sprach zuletzt zwar von
möglichen Kompromissen. Wo die aber genau liegen könnten, ist nach wie vor
unklar.

UPDATE: 18. März 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH


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WELT ONLINE (Deutsch)

Samstag 19. März 2016 9:46 AM GMT+1

Gipfel in Brüssel;
Die Flüchtlingskanzlerin hat sich durchgesetzt

AUTOR: Andre Tauber, Brüssel

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 1184 Wörter

HIGHLIGHT: Trotz aller Kritik hält Kanzlerin Angela Merkel am Ziel eines
Abkommens mit der Türkei fest. Auf dem EU-Gipfel erzielt sie einen nicht mehr
für möglich gehaltenen Kompromiss in der Flüchtlingsfrage.

Es könnte ihr großer Tag sein. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) blickt
ernst drein. "Für mich ist das heute ein richtig trauriger Tag", sagt sie kurz
nach dem Ende des EU-Flüchtlingsgipfels in Brüssel. In Gedanken war sie bei
Guido Westerwelle, dem früheren Außenminister, Koalitionspartner und Freund.

Dabei könnte die Kanzlerin einen großen Erfolg für sich verbuchen. Eben hatte
sich die Europäische Union darauf verständigt, gemeinsam mit der Türkei die
Flüchtlingsströme nach Europa zu reduzieren. Es war die "europäische Lösung" für
die Merkel lange kämpfte.

Die Kanzlerin lief zuletzt Gefahr, sich mit dem Festhalten am Türkeiplan zu
isolieren. Von der CSU, aber auch von EU-Partnern wie Österreich war sie immer
deutlicher zu einem Kurswechsel aufgefordert worden. Sie sollte nationale
Obergrenzen für die Aufnahme von Flüchtlingen festlegen und einen stärkeren
Fokus auf den Grenzschutz legen, so die Forderungen. Doch Merkel lehnte ab. Sie
wolle eine "europäische Lösung", wiederholte sie in den vergangenen Wochen. Für
sie ist das eine Lösung, die eben nicht dazu führt, dass Griechenland zur
Auffangstation von Flüchtlingen wird und sich die Balkanstaaten mit immer
stärkeren Befestigungen gegen den Ansturm von Flüchtlingen erwehren.

Gegen das Geschäftsmodell der Menschenschmuggler

Das Abkommen mit der Türkei soll eben genau das erreichen. Die Einigung sieht
nun vor, dass alle Flüchtlinge, die nach Sonntag, 0.00 Uhr, auf den griechischen
Inseln ankommen, in die Türkei zurückgeschickt werden. Die ersten Rückführungen
stehen für den 4. April an. Im Gegenzug werden die EU-Partner für jeden
zurückgeführten Syrer einen anderen Syrer direkt aus der Türkei übernehmen.

Das Ziel ist es, das Geschäftsmodell der Menschenschmuggler zu beenden. Denn wer
einmal aus Griechenland zurückgeführt wurde, soll auch schlechtere Chancen auf
eine direkte Umsiedlung nach Europa haben. Die Hoffnung ist, dass schon bald die
Menschen entmutigt werden, sich von Schlepperbanden nach Europa bringen zu
lassen.

Das Angebot für die direkte Aufnahme von Syrern gilt zunächst nur bis zu einer
Obergrenze von 72.000 Flüchtlingen. Die Hoffnung ist, dass dieses Limit nicht
voll ausgeschöpft werden muss. Sollte man das Limit überschreiten müssen, dann
sei das ein Zeichen dafür, dass der Plan nicht funktioniere, sagte Merkel.
"Davon gehen wir aber nicht aus." Das Limit kann allerdings überprüft werden,
sollten mehr Umsiedlungen nötig seien. Am 4. April sollen nach
EU-Diplomatenangaben die ersten Flüchtlinge aus der Türkei nach Europa gebracht
werden.

Es soll auch die Bedenken zerstreuen, dass durch die Rückführungen von
Flüchtlingen deren Menschenrechte verletzt werden. So sagte die Europäische
Union bereits zu, dass es keine pauschalen Abschiebungen, sondern nur
individuelle Verfahren geben werde. Die Türkei soll auch garantieren, die
zurückgenommenen Flüchtlinge gemäß den internationalen Konventionen zu schützen
und nicht in gefährliche Herkunftsregionen abzuschieben.

Die Europäische Union sichert zudem mehr Tempo dabei zu, die drei Milliarden
Euro für die Unterbringung der Flüchtlinge in der Türkei auszuzahlen. Binnen
einer Woche soll bereits eine Liste mit möglichen Projekten erstellt werden. Bis
2018 soll dann eine zweite Tranche von weiteren drei Milliarden Euro folgen. Die
Türkei wird auch politische Zugeständnisse erhalten. So hält die Europäische
Union an ihrer Zusage fest, eine Visa-Liberalisierung für die türkischen
Staatsbürger bis Juni anzustreben. Bedingung bleibt, dass die Türkei alle
Voraussetzungen dafür erfüllen muss. Es soll auch ein neues, allerdings
unumstrittenes Verhandlungskapitel in den EU-Beitrittsgesprächen eröffnet werden
- ein Kompromiss, der auch für Zypern vertretbar war.

Menschenrechtler melden Bedenken an

Der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu sieht in der Besiegelung des


Flüchtlingspakts einen "historischen Tag" in den Beziehungen seines Landes zur
EU. Die Türkei und die EU hätten "ein gemeinsames Schicksal und eine gemeinsame
Zukunft", sagte Davutoglu zum Abschluss des EU-Gipfels am Freitag in Brüssel.
Der Beitrittsprozess seines Landes werde "vertieft" und die Partnerschaft
gewinne an strategischem Gewicht.

Nun wird es darauf ankommen, dass Griechenland in die Lage versetzt wird, das
Abkommen in die Realität umzusetzen. Binnen kürzester Zeit müssen die nötigen
Strukturen aufgebaut werden, um den Flüchtlingen die individuellen Verfahren zu
ermöglichen. Dafür wird eine enorme Zahl an Richtern sowie Grenzschützern nötig
sein.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sieht in der Umsetzung "die größte


logistische Herausforderung, mit der sich die Europäische Union je konfrontiert
sah". Vor allem Griechenland stehe vor einer "Herkulesaufgabe", weil die
Infrastruktur auf den Inseln sofort aufgebaut werden muss, wenn ab dem 4. April
mit Schiffen die ersten Flüchtlinge zurückgebracht werden sollen.

"Wir müssen 4000 Mann in Aufstellung bringen", sagte der Kommissionschef. Die
EU-Länder sollten unverzüglich Personal schicken, denn Griechenland selbst kann
nach Angaben Athens nur 270 Juristen und Richter abstellen. Die Kosten für die
EU für die kommenden Monate bezifferte Juncker auf 280 bis 300 Millionen Euro.

Die Europäische Kommission ernannte mit Marteen Vervey einen Sonderbeauftragten


für die Umsetzung des EU-Türkei-Plans.

Die Zeit drängt. Denn man möchte verhindern, dass nun möglichst viele
Flüchtlinge die Zeit bis zum Inkrafttreten des Abkommens als eine "letzte
Chance" nutzen, nach Europa zu kommen. Es wäre das, was man in Europa als einen
"Pull Faktor" erachtet, also eine starke Motivation.

Nach der Schließung der Balkanroute in Richtung Mitteleuropa harren in


Griechenland mittlerweile gut 46.000 Migranten aus. Dies teilte der Krisenstab
der Regierung in Athen mit. Rund 12.000 von ihnen befänden sich im
improvisierten Lager von Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Der
griechische Innenminister Panagiotis Kouroumplis verglich das Camp mit dem
NS-Konzentrationslager in Dachau.

Menschenrechtsorganisationen äußerten heftige Bedenken. So sei es der Türkei


gelungen, die von der EU verlangte Garantie zum Schutz der zurückgenommenen
Migranten aufzuweichen: Im ursprünglichen Entwurf sei von einer "Verpflichtung"
Ankaras die Rede gewesen, "die internationalen Standards einzuhalten". Im
Schlussdokument sei daraus die Feststellung geworden, dass "alle Flüchtlinge"
gemäß der "relevanten" internationalen Standards geschützt seien und nicht in
gefährliche Herkunftsregionen abgeschoben würden.

Welche Standards "relevant" seien, wird Kritikern zufolge damit zur


Auslegungssache. "Die EU verkauft die Menschenrechte von Flüchtlingen an die
Türkei", kritisiert Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt. "Im Grenzstaat
Griechenland drohen nun Pro-forma-Verfahren mit anschließender
Masseninhaftierung und Massenabschiebung."

Merkel will von solchen Szenarien nichts hören. Sie sagt, dass alle Elemente des
Abkommens einer laufenden Kontrolle unterliegen. Es sind monatliche Berichte
über die Umsetzung geplant. Beide Seiten müssten sich an alle Teile der
Abmachung halten. Merkel: "Alles hängt mit allem zusammen."

UPDATE: 19. März 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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WELT ONLINE (Deutsch)

Mittwoch 30. März 2016 10:19 AM GMT+1

Flüchtlingskrise;
EU schickt keine Asyl-Richter mehr nach Griechenland

RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 234 Wörter

HIGHLIGHT: Der griechische Gesetzgeber braucht länger, um das neue Asylgesetz zu


prüfen. Dadurch können irregulär in die EU gelangte Flüchtlinge wohl bis auf
Weiteres nicht in die Türkei abgeschoben werden.

Die EU hat einem Zeitungsbericht zufolge die Entsendung von Asylrichtern aus
anderen Mitgliedsstaaten nach Griechenland gestoppt. Dies gehe aus einer E-Mail
des Chefs der Europäischen Asylagentur Easo, José Carreira, vom 24. März an die
EU-Regierungen hervor, berichtet die "Bild"-Zeitung. Darin heißt es demnach:
"Das neue Asylgesetz, das unter anderem die neue Berufungsbehörde schaffen
sollte, ist gegenwärtig noch unter Prüfung durch den griechischen Gesetzgeber."

Erst wenn der neue Rechtsrahmen vorhanden sei, könne mit den Einsätzen der
Mitglieder der Gerichte begonnen werden. Griechenland selbst hat nach Angaben
der "Bild"-Zeitung nur acht Asylrichter. Aus anderen EU-Staaten sollten demnach
zunächst 30, später je nach Bedarf mehr Richter entsandt werden.

Erst kürzlich hatte der für Migrationsfragen zuständige EU-Innenkommissar


Dimitris Avramopoulos der "Welt am Sonntag" gesagt, dass die "Mitgliedsländer
dringend mehr Experten und Unterstützung vor Ort anbieten müssen, um die
Verfahren für alle Migranten zu beschleunigen und die Rückkehr jener zu
unterstützen, die nicht um Asyl bitten oder deren Anträge unzulässig sind".

Die EU hatte Mitte März einen Flüchtlingspakt mit der Türkei vereinbart, der
vorsieht, dass irregulär nach Griechenland gelangte Flüchtlinge in die Türkei
abgeschoben werden. Im Gegenzug soll die EU für jeden zurückgenommenen Syrer
einen Syrer aus der Türkei aufnehmen.

UPDATE: 30. März 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH

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1552 of 1849 DOCUMENTS

WELT ONLINE (Deutsch)

Dienstag 19. April 2016 10:23 PM GMT+1

Visumfreiheit;
Diese Warnung schickt die Türkei jetzt an die EU
RUBRIK: POLITIK; Politik

LÄNGE: 407 Wörter

HIGHLIGHT: In der EU wachsen die Zweifel an der im Flüchtlingspakt vorgesehenen


Visumfreiheit für Türken. Ankara lässt sich das nicht gefallen und ist sich
sicher: Die EU braucht die Türkei mehr als andersherum.

Die angestrebte Visumfreiheit für Türken bei Reisen in die EU droht zur
Belastungsprobe zu werden. Ankara sieht sich nicht an den Flüchtlingspakt mit
der EU gebunden, sollte die Visumpflicht nicht aufgehoben werden.

Angesichts wachsender Bedenken bei der geplanten Visumfreiheit für Türken hat
Ministerpräsident Ahmet Davutoglu die EU zur vollen Umsetzung ihrer Zusage
aufgefordert. "Falls nicht, kann natürlich niemand erwarten, dass die Türkei
sich an ihre Verpflichtungen hält", sagte Davutoglu nach Angaben der staatlichen
Nachrichtenagentur Anadolu am Montagabend in Ankara vor einer Reise nach
Straßburg. Bei den im Flüchtlingspakt vereinbarten Punkten wie der Visumfreiheit
könne es keine Kompromisse geben.

Die "Welt" hatte unter Berufung auf Diplomaten berichtet, die für Ende Juni
geplante Visumfreiheit solle nach dem Willen zahlreicher EU-Länder - darunter
Deutschland und Frankreich - nicht unbeschränkt gelten. Stattdessen solle sie
etwa an die Rücknahme von Flüchtlingen und die Einhaltung von Menschenrechten
gekoppelt sein.

Davutoglu: Von 75 Bedingungen hat die Türkei 58 erfüllt

Davutoglu sagte, er gehe weiterhin davon aus, dass die Visumfreiheit für Reisen
in die EU wie angestrebt im Juni in Kraft trete. Von den 75 Bedingungen habe die
Türkei inzwischen 58 erfüllt. Die restlichen 17 Punkte sollten bis Mai
abgearbeitet werden.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sagte am Dienstag: "Mehr noch als die
Türkei die Europäische Union benötigt, braucht die Europäische Union die
Türkei." Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte zuvor im Parlament gewarnt: "Wenn
die EU ihr Wort nicht hält, werden wir alle Abkommen inklusive des
Rücknahmeabkommens aufkündigen."

Beim Flüchtlingsgipfel im März hatte die Türkei zugesagt, Flüchtlinge von den
griechischen Inseln wieder zurückzunehmen. Im Gegenzug stellte die EU der
Regierung in Ankara - neben Milliardenhilfen für Flüchtlinge in der Türkei und
einer Wiederbelebung des Beitrittsprozesses - von Ende Juni an Visumfreiheit in
Aussicht. Außerdem nimmt die EU für jeden von Griechenland zurückgeschickten
Syrer einen anderen Syrer aus der Türkei legal auf.

Davutoglu sagte am Dienstag während der Parlamentarischen Versammlung des


Europarates in Straßburg, die Flüchtlingskrise sei ein "Härtetest für Europa und
den Rest der Welt". Die Parlamentarische Versammlung setzt sich aus Delegationen
der 47 Mitgliedstaaten des Europarates zusammen, dem die Türkei - anders als der
EU - angehört.

UPDATE: 20. April 2016

SPRACHE: GERMAN; DEUTSCH


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WELT ONLINE (Deutsch)

Montag 18. Januar 2016 8:35 AM GMT+1

Flüchtlingshelferin;
"Extrem fordernd, unzuverlässig und aufdringlich"

RUBRIK: REGIONALES; Regionales

LÄNGE: 1619 Wörter

HIGHLIGHT: Sie begann ihre Arbeit in einer Hamburger Erstaufnahmestelle mit viel
Idealismus. Doch die Erfahrungen mit den Flüchtlingen haben ihr alle Illusionen
geraubt. Eine Angestellte über ihren Alltag.

Seit dem Herbst 2015 arbeite ich hauptberuflich und fest angestellt in einer
Hamburger Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Auf diesen Job hatte ich mich
explizit beworben, das war genau das, was ich machen wollte. Als ich die Zusage
dafür dann endlich in meinem Briefkasten hatte, habe ich mich wie verrückt
darüber gefreut; endlich konnte ich nicht nur theoretisch helfen, sondern auch
wirklich praktisch etwas für die Flüchtlinge tun.

Dementsprechend bin ich dann auch bestens gelaunt an meinem ersten Arbeitstag in
die Erstaufnahmestelle gegangen; ich war natürlich aufgeregt, klar, ist man ja
immer am ersten Arbeitstag im neuen Job, aber ansonsten hat es mir da gut
gefallen. Die Kollegen waren engagiert und sehr nett, mit den Flüchtlingen hatte
ich da zwar noch keinen direkten Kontakt, aber ich habe voller Begeisterung in
die Gegend gegrüßt und fand die alle ganz toll.

"Das wird sicher richtig super hier", habe ich mir gedacht. In den nächsten
Tagen habe ich mich dann absolut motiviert in die Arbeit gestürzt. Die sollte
mit den bis zu 1500 Flüchtlingen stattfinden, die dort untergebracht waren. Ich
war für deren Sozialberatung zuständig, sollte also Ansprechpartnerin für alle
sozialen Probleme der Flüchtlinge sein, sie bei ihrem Asylverfahren unterstützen
oder Arzttermine festmachen, wenn sie welche brauchten.

Tja, und dann kamen die ersten Flüchtlinge in mein Büro, in dem ich die
Sozialberatung abhalten wollte - und ich habe schon nach den ersten paar
Besuchen von ihnen gemerkt, dass meine sehr positive und idealistische
Vorstellung von ihnen und ihrem Verhalten sich doch deutlich von der Realität
unterschied. Natürlich darf man auf keinen Fall pauschal über alle Flüchtlinge
urteilen, es gibt unter ihnen viele, die sehr freundlich sind, sehr dankbar,
sehr integrationswillig, sehr froh hier zu sein. Aber wenn ich ehrlich bin, dann
ist die Zusammenarbeit mit 90 Prozent von denen, die ich treffe, eher unangenehm
und leider nicht so, wie ich mir das vorher gedacht habe.

Wohnung, schickes Auto und am besten ein richtig guter Job

Erstens sind viele von ihnen extrem fordernd. Kommen zu mir und verlangen, dass
ich ihnen jetzt sofort eine Wohnung und ein schickes Auto und am besten auch
gleich noch einen richtig guten Job beschaffe, weil ich das ja müsste, dafür
sitze ich ja da und sie seien ja nun mal hier angekommen. Wenn ich das dann
ablehne und stattdessen versuche, ihnen zu erklären, dass das nicht geht, dann
werden sie oftmals laut oder auch mal richtig aggressiv. Ein Afghane hat erst
letztens gedroht, er werde sich umbringen. Und ein paar Syrer und eine Gruppe
Afghanen haben erklärt, sie würden in den Hungerstreik treten, bis ich ihnen
helfen würde, an einen anderen Platz zu ziehen. Eine ursprünglich aus dem
arabischen Raum stammende Kollegin von mir haben sie mal wirklich angeschrien
"Wir köpfen dich!". Wegen solcher und anderer Sachen war die Polizei mehrmals in
der Woche bei uns.

Zweitens machen sie häufig sehr unzuverlässige Angaben. Sie kommen zu mir, haben
ihre Papiere dabei und erzählen dann eine Geschichte, die so gar nicht ganz
stimmen kann. Aber sie halten daran fest und ich kann mir dann erst sicher sein,
wenn ich mit meinen Kollegen darüber gesprochen habe und die sagen dann oft,
dass die Person am Tag vorher schon bei ihnen gewesen war und da alles ein
bisschen anders erzählt habe. Es gab beispielsweise einen Bewohner, der kam mit
seinem Abschiebe-Bescheid zu mir und wollte wissen, was nun passieren würde. Ich
habe es ihm erklärt, er ist dann gegangen. Bald darauf kam er zu meiner Kollegin
und zeigte plötzlich völlig neue Ausweispapiere auf einen anderen Namen vor und
sagte, er sei dieser Mensch mit dem anderen Namen. Er wurde dann nicht mehr
ausgewiesen, sondern nur in ein anderes Lager verlegt.

Drittens halten sie sich nur selten an Absprachen. Ich mache ja auch die
Arzttermine für die Flüchtlinge fest. Alle von ihnen müssen eine
Grunduntersuchung über sich ergehen lassen, das heißt durchs Röntgen, eine
Impfung und einen generellen Check-up durch. Aber viele von ihnen wollen noch zu
anderen Ärzten, vor allem zu einem Zahnarzt oder zum Orthopäden. Dann mache ich
Termine für sie, aber wenn der Termin da ist, tauchen sie einfach nicht auf. Das
passiert so häufig, dass die Ärzte uns mittlerweile schon gebeten haben, nicht
mehr so viele Termine festzumachen - aber was soll ich denn da tun? Ich kann ja
nicht einfach die Bitte um einen Termin ablehnen, nur weil ich vermute, dass der
Bittende dann nicht erscheinen könnte.

Und viertens, und das ist für mich das Schlimmste: Einige der Flüchtlinge
verhalten sich indiskutabel uns Frauen gegenüber. Es ist ja bekannt, dass es vor
allem alleinstehende Männer sind, die hierher zu uns kommen, etwa 65 Prozent
oder vielleicht sogar 70 Prozent, würde ich mal ganz persönlich so schätzen. Die
sind alle noch jung, erst so um die 20, höchstens 25 Jahre alt.

Und ein Teil davon achtet uns Frauen überhaupt nicht. Sie nehmen es hin, dass
wir da sind, das müssen sie ja auch, aber sie nehmen uns überhaupt nicht ernst.
Wenn ich als Frau ihnen etwas sage oder ihnen eine Anweisung geben will, dann
hören sie mir kaum zu, tun es sofort als unwichtig ab und wenden sich danach
einfach noch einmal an einen der männlichen Kollegen. Für uns Frauen haben sie
oft nur verächtliche Blicke übrig - oder eben aufdringliche. Sie pfeifen einem
laut hinterher, rufen einem dann noch etwas in einer fremden Sprache nach, was
ich und die meisten meiner Kolleginnen nicht verstehen, lachen. Das ist wirklich
sehr unangenehm. Es ist sogar mal passiert, dass sie einen mit dem Smartphone
fotografiert haben. Einfach so, ungefragt, auch wenn man protestiert hat. Und
letztens bin ich eine etwas steilere Treppe hinaufgegangen. Da sind mir einige
von den Männern hinterher gelaufen, hinter mir die Stufen hochgegangen und sie
haben die ganze Zeit gelacht und - vermute ich - über mich geredet und mir etwas
zugerufen.

In den letzten Wochen ist es schlimmer geworden

Kolleginnen haben mir erzählt, dass ihnen auch schon Ähnliches zugestoßen ist.
Sie haben aber gesagt, dass man nichts dagegen machen kann. Dass es hier halt
zum Job dazu gehört. Das kommt so oft vor, wenn man da jedes Mal jemanden
anzeigen oder gleich verlegen würde, wäre die Einrichtung deutlich leerer. Also
ignorieren sie es und versuchen, es nicht weiter an sich rankommen zu lassen -
und so habe ich es dann eben auch gemacht. Bin mit nach vorne gerichtetem Blick
weitergegangen, wenn die mir hinterhergepfiffen oder mir etwas nachgerufen
haben. Habe nichts gesagt und das Gesicht nicht verzogen, um sie nicht darin zu
bestärken, um ihnen nicht das Gefühl zu geben, dass sie mir damit weh tun oder
mich beeinflussen können.

Doch das hat nicht geholfen; es ist sogar schlimmer geworden - ehrlich gesagt:
besonders in den letzten Wochen, als immer mehr Männer aus Nordafrika, aus
Marokko, Tunesien oder Libyen, hierher zu uns in die Einrichtung gekommen sind.
Die waren noch aggressiver. Da konnte ich es dann nicht mehr ignorieren - und
habe reagiert. Um mich nicht weiter dem auszusetzen.

Konkret heißt das: Ich habe begonnen, mich anders anzuziehen. Ich bin eigentlich
jemand, der gern auch mal etwas engere Sachen trägt - aber jetzt nicht mehr. Ich
ziehe ausschließlich weit geschnittene Hosen und hochgeschlossene Oberteile an.
Schminke benutze ich sowieso immer schon sehr wenig, höchstens mal einen
Abdeck-Stift. Und nicht nur äußerlich habe ich mich verändert, um mich etwas vor
dieser Belästigung zu schützen. Ich verhalte mich auch anders. So vermeide ich
es zum Beispiel, auf unserem Gelände an diejenigen Orte zu gehen, an denen sich
die alleinstehenden Männer oft aufhalten. Und wenn ich es doch mal muss, dann
versuche ich, sehr schnell da durchzukommen und lächele dabei niemanden an,
damit man das nicht falsch verstehen kann.

Aber meist bleibe ich in meinem kleinen Büro, wenn möglich, dann sogar den
ganzen Tag über. Und ich fahre nicht mehr mit der Bahn zur Arbeit hin oder
wieder zurück - denn letztens ist eine Kollegin von einigen der jungen Männer
bis zur U-Bahn-Station verfolgt und sogar noch in der Bahn belästigt worden. Das
möchte ich mir ersparen und komme daher mit dem Wagen.

Ich weiß, dass sich das alles heftig anhört: Anders anziehen, bestimme Räume
meiden und nur noch das Auto nehmen. Und ich finde es selber furchtbar, dass ich
das alles mache und ich es für nötig erachte. Aber was soll ich denn tun, was
wäre die Alternative? Mich einfach weiter anstarren und anmachen zu lassen, das
kann es ja nicht sein. Von offizieller Seite habe ich da keine große Hilfe zu
erwarten. Weder bei dieser Sache, noch bei den anderen Problemen, die es bei uns
gibt, weder bei der Innenbehörde noch beim hiesigen Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge. Wenn man bei denen anruft, gehen die oft gar nicht mehr ans
Telefon.

Mir bleibt also eigentlich wirklich nur noch die Kündigung. Doch die habe ich
bisher immer für mich ausgeschlossen; ich mag meine Kollegen sehr gern, die
Flüchtlingskinder auch. Und ich war doch vorher so sehr überzeugt von dem Job
und von der ganzen Sache an sich - da fällt es sehr schwer, sich einzugestehen,
dass das alles doch ein wenig anders ist, als man es sich vorgestellt hat. Und
die Kündigung wäre natürlich genau dieses Eingeständnis. Mittlerweile denke ich
trotzdem konkret darüber nach. Viele Kollegen und Kolleginnen wollen ebenfalls
kündigen. Weil sie es nicht mehr aushalten, weil sie nicht mit ansehen können,
wie schief das hier alles läuft und dass sie nichts dagegen machen können. Und
wenn ich ehrlich bin: Ich halte es auch nicht mehr aus."

Die Angestellte in einer Hamburger Erstaufnahmestelle berichtete unserer


Redakteurin Sophie Lübbert von ihrem Alltag, möchte jedoch anonym bleiben.

UPDATE: 18. Januar 2016

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Die Welt

Mittwoch 10. Februar 2016

Chronik einer Nacht, die alles veränderte;


Eine Liste der polizeilichen Vorgänge aus der Kölner Silvesternacht dokumentiert
das ganze Ausmaß der Übergriffe

AUTOR: Marcus Heithecker; Florian Flade; Marcel Pauly; Kristian Frigelj

RUBRIK: POLITIK; Politik; S. 5 Ausg. 34

LÄNGE: 588 Wörter

Knapp sechs Wochen nach der Silvesternacht von Köln ist die Zahl der Anzeigen
wegen der sexuellen Übergriffe auf Mädchen und Frauen rund um den Hauptbahnhof
weiter gestiegen. "Uns liegen bislang 1054 Strafanzeigen vor", teilte Ulrich
Bremer von der Staatsanwaltschaft Köln der "Welt" auf Anfrage mit. In mehr als
der Hälfte der Fälle (454) geht es demnach um sexuelle Übergriffe.

Mittlerweile hat die Polizei 59 Tatverdächtige ermittelt - darunter mehrheitlich


Marokkaner und Algerier. 13 Personen sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Der
"Welt" liegt eine Liste der polizeilichen Vorgänge aus der Kölner Silvesternacht
vor, anhand derer sich die Ereignisse nachträglich gut dokumentieren lassen.
Darin enthalten sind auch sämtliche Strafanzeigen, die bis zum 27. Januar bei
der Polizei eingegangen sind. Bis zu jenem Tag waren demnach 986 Vorfälle
aktenkundig geworden - von Sexualdelikten über Diebstähle und Raub bis hin zu
Körperverletzungen und Beleidigungen.

Die überwiegende Zahl der sexuellen Übergriffe und Diebstähle ereignete sich
demnach zwischen 23 Uhr und 1 Uhr nachts. Zwei Drittel aller Vorfälle sollen
sich am Hauptbahnhof und auf dem Bahnhofsvorplatz ereignet haben. Schon gegen
Mitternacht hatte die Polizei damit begonnen, den Bahnhofsvorplatz zu räumen,
die Lage beruhigte sich aber erst viel später. Auffällig viele Strafanzeigen gab
es auch mit Bezug zur nebenan liegenden Hohenzollernbrücke. Neben den sexuellen
Übergriffen und Taschendiebstählen registrierte die Polizei vor allem sexuelle
Beleidigungen, andere einfache Diebstähle, Raube und Körperverletzungen.

Die Daten verdeutlichen erneut die fatale Fehleinschätzung der Kölner Polizei am
nächsten Morgen. In einer Pressemitteilung zu den Ereignissen der Neujahrsnacht
war von einer "ausgelassenen Stimmung" die Rede, und der Verlauf der Nacht wurde
als "weitgehend friedlich" beschrieben. Wie aus den Unterlagen hervorgeht, die
der "Welt" vorliegen, waren bis zum Neujahrsmorgen jedoch bereits weit mehr als
hundert Anzeigen bei der Polizei eingegangen. Nachdem die mediale
Berichterstattung über die Silvesternacht ab dem 4. Januar zunahm, erhöhte sich
die Zahl der Strafanzeigen in der ersten Januarwoche noch einmal massiv.

Viele Opfer sind demnach dem Aufruf der Polizei gefolgt, noch nicht gemeldete
Vorfälle zur Anzeige zu bringen. Derzeit gehe man von 1108 Opfern und
Geschädigten aus, so Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Dass die Zahl der Opfer
höher sei als die Zahl der Anzeigen, sei damit zu erklären, dass einige
Betroffene gemeinsam bei der Polizei Anzeige erstattet hatten. Nur in einem Fall
werde eine Strafanzeige bislang als unbegründet gewertet. Gegen die Person,
einen offenbar geistig verwirrten Mann, wird wegen falscher Verdächtigung
ermittelt. Bei der Kölner Polizei befasst sich die Ermittlungsgruppe (EG)
"Neujahr" mit der Aufklärung der Ereignisse der Silvesternacht. 13 Personen
sitzen in Untersuchungshaft, bei fünf von ihnen wird aufgrund von sexuellen
Übergriffen ermittelt. Mehrheitlich lautet der Vorwurf Diebstahl, Raub,
Hehlerei, Körperverletzung und Widerstand gegen Polizeibeamte.

In Bezug auf die Nationalität der Beschuldigten teilte die Staatsanwaltschaft


mit, dass es sich um 25 Algerier, 21 Marokkaner, drei Tunesier, drei Deutsche,
zwei Syrer und jeweils einen Iraker, Libyer, Iraner und Montenegriner handelt.
Unter den Beschuldigten befinden sich auch Minderjährige und Heranwachsende
sowie Asylbewerber und illegal eingereiste Personen. Einige Beschuldigte seien
bereits polizeibekannt.

UPDATE: 10. Februar 2016

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WELT ONLINE (Deutsch)

Mittwoch 10. Februar 2016 10:51 AM GMT+1

Silvester;
1054 Strafanzeigen nach Übergriffen von Köln

AUTOR: Florian Flade, Marcel Pauly und Kristian Frigelj

RUBRIK: POLITIK; Politik


LÄNGE: 646 Wörter

HIGHLIGHT: Erstmals zeigt eine Liste der polizeilichen Vorgänge aus der Kölner
Silvesternacht das ganze Ausmaß der Übergriffe. Bereits am Neujahrsmorgen lagen
mehr als 100 Anzeigen vor, inzwischen mehr als 1000.

Knapp sechs Wochen nach der Silvesternacht von Köln ist die Zahl der Anzeigen
wegen der sexuellen Übergriffe auf Mädchen und Frauen rund um den Hauptbahnhof
weiter gestiegen. "Uns liegen bislang 1054 Strafanzeigen vor", teilte Ulrich
Bremer von der Staatsanwaltschaft Köln der "Welt" auf Anfrage mit.

In knapp der Hälfte der Fälle (454) geht es demnach um sexuelle Übergriffe.
Mittlerweile hat die Polizei 59 Tatverdächtige ermittelt - darunter mehrheitlich
Marokkaner und Algerier. 13 Personen sitzen derzeit in Untersuchungshaft.

Der "Welt" liegt eine Liste der polizeilichen Vorgänge aus der Kölner
Silvesternacht vor, anhand derer sich die Ereignisse nachträglich gut
dokumentieren lassen. Darin enthalten sind auch sämtliche Strafanzeigen, die bis
zum 27. Januar bei der Polizei eingegangen sind. Bis zu jenem Tag waren demnach
986 Vorfälle aktenkundig geworden - von Sexualdelikten über Diebstähle und Raub
bis hin zu Körperverletzungen und Beleidigungen. Aufgelistet werden auch der
mutmaßliche Tatzeitpunkt und der Tatort.

Die überwiegende Mehrzahl der sexuellen Übergriffe und Diebstähle ereignete sich
demnach zwischen 23 Uhr und 1 Uhr nachts. Zwei Drittel aller Vorfälle sollen
sich am Hauptbahnhof und auf dem Bahnhofsvorplatz ereignet haben. Schon gegen
Mitternacht hatte die Polizei damit begonnen, den Bahnhofsvorplatz zu räumen,
die Lage beruhigte sich aber erst viel später. Auffällig viele Strafanzeigen gab
es auch mit Bezug zur nebenan liegenden Hohenzollernbrücke.

Neben den sexuellen Übergriffen und Taschendiebstählen registrierte die Polizei


vor allem sexuelle Beleidigungen, andere einfache Diebstähle, Raube und
Körperverletzungen. Die Daten verdeutlichen rückblickend erneut die fatale
Fehleinschätzung der Kölner Polizei am nächsten Morgen. In einer
Pressemitteilung zu den Ereignissen der Neujahrsnacht war von einer
"ausgelassenen Stimmung" die Rede gewesen, und der Verlauf der Nacht wurde als
"weitgehend friedlich" beschrieben.

Wie aus den Unterlagen hervorgeht, die der "Welt" vorliegen, waren bis zum
Neujahrsmorgen jedoch bereits weit mehr als hundert Anzeigen bei der Polizei
eingegangen. Nachdem die mediale Berichterstattung über die Silvesternacht ab
dem 4. Januar zunahm, erhöhte sich die Zahl der Strafanzeigen in der ersten
Januarwoche noch einmal massiv.

Viele Opfer sind demnach dem Aufruf der Polizei gefolgt, noch nicht gemeldete
Vorfälle zur Anzeige zu bringen. Heute gehe man von 1108 Opfern und Geschädigten
aus, so Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Dass die Zahl der Opfer höher sei als
die Zahl der Anzeigen, sei damit zu erklären, dass einige Betroffene gemeinsam
bei der Polizei Anzeige erstattet hatten. Nur in einem Fall werde eine
Strafanzeige bislang als unbegründet bewertet. Gegen die Person, einen offenbar
geistig verwirrten Mann, wird wegen falscher Verdächtigung ermittelt.

Bei der Kölner Polizei befasst sich die Ermittlungsgruppe (EG) "Neujahr" mit der
Aufklärung der Ereignisse der Silvesternacht. Gegen die 13 Personen, die derzeit
in Untersuchungshaft sitzen, wird nur gegen fünf aufgrund von sexuellen
Übergriffen ermittelt. Mehrheitlich lautet der Vorwurf Diebstahl, Raub,
Hehlerei, Körperverletzung und Widerstand gegen Polizeibeamte.

Im Bezug auf die Nationalität der Beschuldigten teilte die Kölner


Staatsanwaltschaft mit, dass es sich um 25 Algerier, 21 Marokkaner, drei
Tunesier, drei Deutsche, zwei Syrer und jeweils einen Iraker, Libyer, Iraner und
Montenegriner handelt. Unter den Beschuldigten befinden sich auch Minderjährige
und Heranwachsende sowie Asylbewerber und illegal eingereiste Personen. Einige
Beschuldigte seien bereits polizeibekannt.

Verurteilt wurde aufgrund der Übergriffe aus der Silvesternacht bislang niemand.
Eine erste Anklage gibt es allerdings bereits. Am 24. Februar müssen sich ein
Marokkaner und ein Tunesier vor dem Amtsgericht Köln verantworten - wegen des
Diebstahls einer Kamera.

UPDATE: 10. Februar 2016

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Die Welt

Donnerstag 21. Januar 2016

Flüchtlinge können helfen, aber es wird teuer;


IWF hat Auswirkungen der Asylbewerber auf die Wirtschaft untersucht. Kurzfristig
sind positive Effekte für Deutschland "wahrscheinlich"

AUTOR: Olaf Gersemann; Martin Greive

RUBRIK: WIRTSCHAFT; Wirtschaft; S. 9 Ausg. 17

LÄNGE: 1331 Wörter

Davos

Bringen die mehr als eine Million nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge der
Wirtschaft einen Schub? Oder werden sie zu einer großen finanziellen Belastung
für eine ohnehin schon alternde Gesellschaft? Über diese Frage ist unter
Politikern und Ökonomen ein heftiger Streit ausgebrochen. Nun mischt sich in die
Debatte der Internationale Währungsfonds (IWF) ein - und bringt gerade für
Deutschland neue Fakten ans Licht.

"Es ist Zeit für eine große internationale Initiative", sagte Christine Lagarde,
die geschäftsführende Direktorin des IWF, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.
Jordanien und Libanon bräuchten finanzielle Hilfe der internationalen
Gemeinschaft. In Europa selbst sei zudem "ein viel breiterer und kollektiver
Ansatz" vonnöten, um die Flüchtlingskrise zu meistern. Erfahrungsgemäß dauere es
20 Jahre, ehe sich die Unterschiede bei der Beschäftigung von Flüchtlingen und
Einheimischen ausgeglichen hätten, sagte Lagarde. "Die Integration in den
Arbeitsmarkt verläuft meist langsam", erklärte die IWF-Chefin. In der Regel
gelinge die Integration "dort besser, wo Arbeits- und Produktmärkte flexibler
sind".

In einer 50 Seiten langen Studie, die Lagarde vorstellte, haben nicht weniger
als zwölf Ökonomen die Folgen des Flüchtlingsstroms auf die europäische
Wirtschaft untersucht. Ergebnis: Kurzfristig werde der Flüchtlingsstrom
"wahrscheinlich" einen positiven Effekt haben und "zu einem moderaten Anstieg
des Wirtschaftswachstums führen", schreiben die IWF-Forscher. Besonders
Hauptankunftsländer wie Deutschland, Österreich und Schweden würden demnach
profitieren. So könnte die Wirtschaftsleistung Deutschlands bis zum Jahr 2017 um
0,3 Prozent steigen. Bis zum Jahr 2020 ist sogar ein Plus von 0,53 Prozent drin
- allerdings nur, wenn es gelingt, viele Flüchtlinge gut zu integrieren, teilte
der IWF mit.

Sonst drohen Deutschland vor allem hohe Kosten. "Mittel- und langfristig hängt
der Effekt von Flüchtlingen auf das Wachstum davon ab, wie die Flüchtlinge in
den Arbeitsmarkt integriert sind", heißt es in der Studie. Die Politik hat es
also selbst in der Hand, aus der Flüchtlingskrise ein zweites deutsches
Wirtschaftswunder zu machen. In den vergangenen 40 Jahren verlief die
Integration von Flüchtlingen in Deutschland eher schleppend, stellt IWF-Forscher
Robert Beyer in der Studie fest. Beyer hat sich die Arbeitsmarktintegration der
Flüchtlinge in Deutschland in den vergangenen 40 Jahren angeschaut. Ein
Ergebnis: Im Jahr 2013 war die Arbeitslosenrate unter Immigranten mehr als
doppelt so hoch wie bei der heimischen Bevölkerung. Selbst bei gleicher
Qualifikation haben Immigranten schlechtere Karten: Die Wahrscheinlichkeit,
arbeitslos zu werden, ist für Migranten sieben Prozentpunkte höher als für
heimische Arbeitnehmer mit gleichen Fähigkeiten. Zwar verschwindet dieses
Gefälle bei der Chancengleichheit mit der Zeit. Aber langfristig bleibt die
Arbeitslosenquote unter Migranten drei Prozentpunkte höher als unter heimischen
Beschäftigten. Auch bei den Löhnen gibt es große Unterschiede: Wenn Immigranten
ins Land kommen, verdienen sie zunächst 20 Prozent weniger als gleich
qualifizierte Deutsche. Zwar machen sie dann pro Jahr einen Prozentpunkt auf
ihre heimischen Kollegen gut.

Wenig überraschend haben vor allem Immigranten ohne Deutschkenntnisse große


Probleme, einen gut bezahlten Job zu finden. Ohne Sprachkenntnisse liegt der
Lohn für einen Immigranten im Schnitt 30 Prozent tiefer als der eines Deutschen.
Lernt ein Immigrant die Sprache, schließt sich die Lücke um zwölf Prozentpunkte.
Macht er in Deutschland einen Abschluss nochmals um sechs Prozentpunkte. Gerade
die Qualifikation spielt in der deutschen Wirtschaft, in der sich viele kleine
Weltmarktführer tummeln, eine große Rolle. 66 Prozent aller hochqualifizierten
Deutschen haben einen Job, der einen höheren Berufsabschluss erfordert.
Demgegenüber gilt dies nur für 42 Prozent der Immigranten, stellt Beyer fest.
Auch hier ist also noch viel zu tun.

Vor allem bei jenen Flüchtlingen, die jetzt nach Europa und Deutschland strömen,
gestaltet sich die Arbeitsmarktintegration schwierig. "Immigranten aus
Afghanistan, Iran, Irak, Syrien, Somalia, Eritrea und dem früheren Jugoslawien
sind im Schnitt weniger gut qualifiziert als die heimische Bevölkerung oder
andere Immigranten", schreiben die Studienautoren.

Es gibt aber auch Mutmacher: 21 Prozent der zwischen 2013 und 2014 nach
Deutschland gekommenen Syrer haben eine Hochschulausbildung und damit fast
genauso viele wie Deutsche. Trotz aller Schwierigkeiten sind die Effekte von
Flüchtlingen auf den aktiven Arbeitsmarkt zunächst einmal aber gering, heißt es
in der Studie. Immigranten drücken die Löhne von heimischen Arbeitskräften wenn
überhaupt nur in geringem Umfang, schreibt der IWF. Fast keinen Einfluss hat der
Flüchtlingsstrom auf die Arbeitslosenquote. Sie könnte bis 2020 in Deutschland
wegen der Flüchtlingskrise um gerade mal 0,16 Prozent steigen. Der
Flüchtlingsstrom hat häufig sogar positive Effekte: Heimische Arbeitskräfte
rutschten in der Vergangenheit bei hoher Zuwanderung häufig in besser bezahlte
Jobs, weil die Neuankömmlinge aus dem Ausland zunächst einfachere Tätigkeiten
verrichten. Allerdings warnt der IWF vor zu viel Euphorie. Wer glaubt, die
Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt laufe wegen des
Fachkräftemangels in Deutschland fast wie von allein, sei "naiv", sagt
IWF-Forscherin Enrica Detragiache."Es wird einige Zeit dauern, um die
Immigranten fit für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen."

Ob der Staat finanziell von Flüchtlingen profitiert oder wie von vielen Ökonomen
befürchtet zweistellige Milliardenkosten zu tragen hat, lässt sich laut IWF
daher kaum sagen. So gibt es etwa in Australien einen großen Unterschied
zwischen "Wirtschaftsflüchtlingen" und humanitären Flüchtlingen. Flüchtlinge,
die wegen politischer Repression oder Verfolgung fliehen, "haben während der
ersten zehn bis 15 Jahre netto einen negativen finanziellen Einfluss auf ein
Land, während Wirtschaftsflüchtlinge einen positiven Beitrag leisten", heißt es
in der Studie.

Für Deutschland waren die finanziellen Folgen in der Vergangenheit ernüchternd.


So war für den Zeitraum zwischen 2007 und 2009 der Finanzeffekt von Flüchtlingen
mit einem Minus von über einem Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt in
keinem Land der Industrieländerorganisation OECD so groß wie in Deutschland. Für
die nächsten Jahre erwartet der IWF eine ähnliche Entwicklung: So werde die
Verschuldung Deutschlands im Jahr 2020 wegen der Flüchtlingskrise rund 0,77
Prozentpunkte höher ausfallen. Allerdings ist das eine Größenordnung, die sich
das finanziell solide dastehende Deutschland locker leisten kann. 2015 machte
Deutschland zwölf Milliarden Euro Überschuss. Dieses Geld steht für
Flüchtlingsausgaben bereit.

Viele Nachbarländer profitieren dagegen finanziell von Flüchtlingen, wie die


Erfahrungen von 2007 bis 2009 zeigen: Luxemburg etwa um über zwei Prozent
gemessen an der Jahreswirtschaftsleistung. Über alle OECD-Länder hinweg betrug
der positive Effekt rund 0,4 Prozent. "Der Netto-Finanzeffekt von Immigranten
für den Staat hängt im Wesentlichen von ihrem Erfolg im Arbeitsmarkt ab",
schreiben die Forscher. Sie schlagen deshalb einige Maßnahmen vor, um
Flüchtlingen schneller einen Job zu beschaffen.

So sollten die Hürden, eine Arbeit schon während des Asylverfahrens aufnehmen zu
können, möglichst niedrig sein. Lohnsubventionen für Arbeitgeber könnten
ebenfalls helfen. In Dänemark fanden Flüchtlinge in solch einem Programm
zwischen 14 und 24 Wochen schneller einen Job.

Wichtig sei vor allem, dass Flüchtlinge mobil sind und dorthin gehen können, wo
die Arbeitsplätze sind, heißt es in der Studie. Dies ist vor allem eine Absage
an eine feste Verteilung von Flüchtlingen, wie in Deutschland diskutiert wird.
Der IWF räumt ein, dass der Flüchtlingsstrom die Preise für "bezahlbaren
Wohnraum erhöhen wird". Um dieses Problem zu lösen, schlägt der IWF staatliche
Wohnungsbauprogramme vor.

UPDATE: 21. Januar 2016

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Die Welt

Samstag 23. Januar 2016

Lernen, mit dem Sturm zu leben Lernen, mit dem Sturm zu leben;
Europa genoss die Windstille im Schatten der Supermächte. Heute steht der
Kontinent in einem Orkan. Die Rückkehr zur Ruhe ist Illusion

AUTOR: Stefan Aust

RUBRIK: SONDERTHEMEN; SONDERTHEMEN Ausg. 19

LÄNGE: 1730 Wörter

Was sind das für Zeiten! Wir verstehen sie nicht mehr, sie beunruhigen uns, wir
können nicht Schritt halten mit dem Vormarsch immer neuer Risiken und Gefahren.
Gleichzeitig haben nicht wenige von uns das Gefühl, in einer Epoche der
moralischen Verwilderung zu leben, in der Terroristen immer brutaler zuschlagen
- und das nicht mehr nur im Fernen oder Nahen Osten, sondern auch in unserer
Mitte.

Das, was eben noch sicher und überschaubar war, wankt und wandelt sich. Es
scheint keine Gewissheiten mehr zu geben. Das Besorgniserregende daran ist: Die
allgemeine Unsicherheit hat viele Felder der Politik, Gesellschaft und
Wirtschaft ergriffen. Oftmals wird man zudem den Eindruck nicht los, dass die
Politiker nicht in der Lage sind, die Herausforderungen angemessen anzugehen,
etwa wenn sie während der Griechenland- und Flüchtlingskrise mit
schulterzuckender Gleichgültigkeit mal eben die herrschenden Verträge und
Gesetze vom Tisch fegen.

Sinn für Rechtsstaatlichkeit spricht aus alldem nicht. Wenn er aber fehlt oder
nur noch nach Bedarf herrscht, weil die politische Elite selbst kaum noch Wert
darauf legt, verstärken sich die Sorgen und Ängste der Bevölkerung erst recht.

Mit sechs Krisen haben wir es gegenwärtig zu tun - und das auch noch
gleichzeitig:

1. der russischen Machthunger auf die verlorenen Gebiete und Einflusszonen des
alten Sowjetimperiums in Europa;

2. der Kampf gegen den Terror zu Hause, aber auch weltweit;


3. die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, die mit der Pleite der
Lehman Brothers 2008 sichtbar wurde und sich in eine schleichende Sepsis
verwandelt hat;

4. die Euro-Krise, die eigentlich eine Staatsschuldenkrise ist und uns bald
wieder um Griechenland, vielleicht auch um Italien und Frankreich zittern lassen
wird;

5. die Identitätskrise Europas. Sie ist auf vielen Feldern zu bemerken. Eines
davon lässt sich als die "Trumpisierung" der europäischen Politik bezeichnen:
das Erstarken rechts- und linkspopulistischer Kräfte von Marine Le Pen bis zu
Alexis Tsipras. Schließlich

6. die Flüchtlingskrise.

Der Reihe nach: Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt. Wladimir Putin denkt in
den knallharten Kategorien der Machtpolitik. Der russische Präsident ist kein
Abenteurer und Glücksritter. Er ist einer, der dem Sowjetreich nachtrauert und
so klug wie berechnend zugreift, wenn er sich eines der abgefallenen Gebiete
einverleiben kann, die ihm darüber hinaus zu Hause auch noch Ruhm und Ehre
einbringen. Wird Putin kein Widerstand entgegengesetzt, wird sein Appetit
zunehmen. Schon jetzt nutzt er sämtliche Formen der psychologischen
Kriegsführung, um das Baltikum mürbe zu machen. Aufhalten und zähmen kann ihn
nur die Abschreckung, ohne es an der Bereitschaft zur Entspannung fehlen zu
lassen, sollte sich Moskau bewegen. Kurz, kein runder Tisch ist vonnöten, wie
ihn die Deutschen lieben, sondern eine Realpolitik, so wie sie von Harry S.
Truman bis Helmut Schmidt betrieben wurde.

Seit der Wahnsinnsverbrechen der Nazis mit ihren viehischen Missetaten und den
Jahrzehnten danach, als die Amerikaner die Deutschen vor den Stürmen der
Weltpolitik schützten, hat sich die deutsche Gesellschaft in eine postheroische
verwandelt, in der Realpolitik kaum noch etwas gilt. Der Krieg gehört für die
meisten von ihnen auf den Abfallhaufen der Geschichte. Sie möchten nichts mit
ihm zu tun haben, verstehen seine Mechanismen nicht und können folglich nur
unzureichend auf ihn antworten. Wenn eine Krise ausbricht - in Europa zumal - ,
ist die deutsche Gesellschaft in Furcht und würde sie am liebsten mit einem
Kleinkindertrick aussitzen: Ich halte mir die Augen zu, dann sehen mich die
anderen nicht. Gleichzeitig nimmt sie wahr, dass sie sich diese Haltung nach dem
Ende des Kalten Krieges nicht mehr leisten kann und sich wandeln muss. Teilweise
ist dies bereits geschehen. Noch vieles steht aus. Mulmig aber ist den Deutschen
noch immer.

Die Vielgestalt des Krieges trägt nicht zu ihrer Selbstsicherheit bei. Längst
hat der Krieg die herkömmliche Definition von Waffengang und Schlacht gesprengt.
Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler wies kürzlich zu Recht
darauf hin. Früher lebten die Menschen entweder im Krieg oder im Frieden, so
Münkler weiter. Heute herrschen Krieg und Frieden zu gleicher Zeit. Darüber
hinaus hat der Krieg seinen Duellcharakter verloren. Wer daran zweifelt, mag an
den weltweit zuschlagenden Terrorismus islamistischer Dschihadisten denken. Er
sollte sich auch den Ausnahmezustand vor Augen führen, der in Paris und Brüssel
herrschte, als der IS im November in Frankreich zuschlug und Belgien ins Visier
nahm. Ein Gegner, der auftaucht, mordet, untertaucht und monatelang in der
Deckung lebt, abgesehen von seinen offenen Kämpfen in Syrien und dem Irak, der
hat den Charakter des Krieges von Grund auf verändert und ihn gleichsam zum
Luftgeist im Nirgendwo gemacht, der überall und jederzeit angreifen kann.

Staaten haben es in dieser Lage besonders schwer. Im Kampf gegen den Terror gilt
das, was Henry Kissinger einmal mit Blick auf den Vietcong formulierte: Eine
Regierung verliert, solange sie nicht gewinnt. Die Terroristen gewinnen, solange
sie nicht verlieren. Zur allgemeinen Beruhigung kann diese Erkenntnis nicht
beitragen. Vielleicht wäre eine jüngere Gesellschaft als die deutsche in dieser
Lage frohgemuter. Alternde Gesellschaften haben wenig Zutrauen in das, was
kommt. Womöglich wäre ihre Zuversicht größer, hätten sie wenigstens Vertrauen,
dass die Wirtschaft des Westens unvermindert stark bleibt. Zwar sind die
Wirtschaftsdaten in Deutschland zufriedenstellend, doch jeder in der
Tagespolitik halbwegs Bewanderte weiß: Die große Malaise, in der wir uns seit
2008 befinden, ist keineswegs beendet. Die Wirtschaftsmacht des Westens wird
kleiner. Gleichzeitig schwanken die Märkte in Asien und Südamerika. Man hat den
Eindruck, dass die führenden Wirtschaftsnationen noch immer nicht ihre
Hausarbeiten gemacht haben.

Zwar mag das Wachstum wieder halbwegs ansehnlich sein, doch werden viele
Zeitgenossen den Eindruck nicht los, dies werde nicht von Dauer sein. Nicht nur
der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph
Stiglitz warnt, dass die Zeit des Wohlstandes bedroht und bemessen ist.

In Europa spürt man es besonders deutlich. Trotz der ewigen Krisengipfel zur
Rettung Griechenlands und verschiedener Versprechungen der hoch verschuldeten
Mitglieder der Europäischen Union, ihre Haushalte in den Griff zu kriegen, wird
kaum ein ernst zu nehmender Beobachter die These aufstellen, Griechenland oder
Europa sei über den Berg. Im Gegenteil. Die Krisenländer haben Zeit und Geld
geliehen bekommen. Eine entscheidende Besserung, ein Ende der Krise ist in
keinem der Problemstaaten in Sicht. Heute wissen wir es: Die europäische
Währungsunion war eine Fehlkonstruktion. Sie mag erst dann funktionieren, wenn
sie um eine Finanz- und Wirtschaftsunion erweitert wird. Doch kaum einer will
sie, es sei denn, er könnte seine Souveränität behalten.

Überhaupt hat die Einführung des Euro zum Gegenteil des Gewünschten geführt. Er
sollte den Kontinent einen und droht ihn seit geraumer Zeit zu sprengen.
Nationale Interessen stehen im Krisenfall über den Regeln des europäischen
Klubs. Sie werden brutaler als früher durchgefochten. Die Politiker bemühen
sich, die Konflikte meist mithilfe von Kompromissen auszusitzen. Dabei machen
sie einen folgenschweren Fehler: Sie hebeln den Rechtsstaat aus. So ist der
Haftungsausschluss, das sogenannte Bail-out-Verbot, das in Artikel 125 Absatz 1
des Vertrags über die Arbeitsweise der EU festgeschrieben war, schlichtweg
übergangen worden. Dadurch wurden die vertraglich fixierten Aufgaben der
Europäischen Zentralbank bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Nun betätigt sie sich
als Gelddruckmaschine, die den tief verschuldeten Südländern zu Hilfe eilt. Bis
heute werden europäische Verträge gebogen und gebrochen, ohne dass der
Europäische Gerichtshof, die Kommission oder das Parlament protestiert hätten,
von den nationalen Politikern ganz zu schweigen.

Ähnlich verheerend sieht es in der Flüchtlingspolitik aus. Hier missachten nicht


nur sämtliche europäische Regierungen die verschiedenen Asylbestimmungen, die in
den Dubliner Verträgen geschlossen wurden, sondern die Bundesregierung selbst
übergeht auch ihre eigenen Gesetze. Die Folgen sind allenthalben zu spüren:
offene Grenzen für Millionen von Menschen - vom in Not geratenen Syrer bis zum
Terroristen des Islamischen Staates (IS), ohne dass ein Ende der Misere
abzusehen wäre.

Hinzu kommen zunehmende Spannu