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KAPITEL 13 - EINFÜHRUNG IN DEN STOFFWECHSEL VON BRIGITTE

KUNZ

Überblick

 Definitionen und Strategien


Der Gesamtprozess, durch den lebende Systeme die zur Ausübung ihrer verschiedenen Funktionen benötigte
freie Enthalpie erlangen und verwerten, wird Stoffwechsel genannt. Er wird traditionell wie folgt aufgeteilt:
Katabolismus: Die Gesamtheit der Stoffwechselwege, auf denen durch den Abbau komplexer Moleküle
Energie freigesetzt wird und kleinere Moleküle daraus gewonnen werden.
Anabolismus: Die Gesamtheit der Stoffwechselwege, auf denen durch den Aufbau komplexer Moleküle aus
kleineren Molekülen Energie verbraucht wird.
Generell wird in katabolischen Reaktionen die exergonische Oxidation von Nährstoffen durchgeführt. Die
daraus freigesetzte freie Enthalpie wird für anabolische Prozesse, mechanische Arbeit und den aktiven
Transport von Molekülen gegen den Konzentrationsgradienten aufgewendet. Es gibt einige verschiedene
Strategien der Energiegewinnung:
Autotrophe Organismen Heterotrophe Organismen
Können organische Nahrungsmoleküle aus Gewinnen organische Nahrungsmoleküle, indem sie
anorganischen Substanzen synthetisieren. andere Organismen oder deren Abfallprodukte essen.

Chemolithotrophe O. Photoautotrophe O. Energiegewinnung durch Oxidation von organischen


Energiegewinnung durch Energiegewinnung durch Produkten, sie hängen dafür von autotrophen
die Oxidation anorgani- Photosynthese Organismen ab
scher Verbindungen
Organismen können aufgrund der notwendigen Oxidationsmittel für den Abbau der Nahrungsmoleküle in die
folgenden Gruppen aufgeteilt werden:
Obligatorisch anaerobe
Fakultativ anaerobe Organismen
Obligatorisch aerobe Organismen Organismen werden durch O2
wachsen sowohl bei An- als auch
benötigen O2. vergiftet. Sie benötigen Oxida-
bei Abwesenheit von O2.
tionsmittel wie Sulfate oder Nitrate.
 Stoffwechselwege
Wo finden wir die Stoffwechselfunktionen in den Proteine Kohlenhydrate Fette
eukaryotischen Organellen:
Mitochondrien:
Aminosäuren Glucose Fettsäuren
Zitronensäurezyklus, Oxidative Phosphorylierung, Glycerol
Fettsäureoxidation, Aminosäureabbau
Cytosol: ADP ATP
Glycolyse, Fettsäurebiosynthese, viele Reaktionen NAD+ Glycolyse NADH
der Gluconeogenese, Pentosephosphatweg Pyruvat
Lysosomen:
Enzymatische „Verdauung“ von Zellkomponenten CO2
und aufgenommenen Stoffen
Acetyl-CoA
Zellkern:
DNA Replikation und Transkription, RNA-Processing
Golgi Apparat: NH3
Posttranslationale Modifikation von Membran- und sekre- Zitronen-
NAD+ säure- NADH
torischen Proteinen, Bildung von Plasmamembranen und FAD zyklus FADH2
sekretorischen Vesikeln
Rauhes Endoplasmatisches Retikulum:
Synthese von membrangebundenen und sekretorischen CO2
Proteinen Oxidative
Glattes Endoplasmatisches Retikulum: NAD+ Phospho- NADH
Biosynthese von Lipiden und Steroiden FAD rylierung FADH2
Peroxisome:
Oxidative Reaktionen, katalysiert durch ADP O2
Aminosäure-Oxidasen und Katalase H2 O

Die Wege des Stoffwechsels bestehen aus Abfolgen ATP


von enzymatischen Reaktionen, die spezifische Produkte
liefern. [D: 15-3 und E: 13-2]

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 Thermodynamische Betrachtungen
Viele Stoffwechselreaktionen laufen nahe dem Gleichgewicht ab; ihre G-Werte liegen nahe bei Null. Enzyme,
die solche Reaktionen steuern, tendieren dazu, schnell die Gleichgewichtskonzentrationen wiederherzustellen.
Die Netto-Werte der Reaktionen werden effizient durch die relativen Edukt- und Produktkonzentrationen
reguliert.

Andere Stoffwechselreaktionen laufen weit entfernt vom Gleichgewicht ab, d.h. sie sind irreversibel. Der
Grund dafür ist, dass ein Enzym, welches derartige Reaktionen katalysiert, zuwenig Aktivität aufweist, um die
Reaktion zum Gleichgewicht zu bringen. Das Enzym kontrolliert den reaktionsbedingten Substratfluss, indem es
seine Aktivität variert.

Fünf Hauptcharakteristika von Stoffwechselwegen:


 Stoffwechselwege sind irreversibel.
Sie sind stark exergonisch, so dass ihre Reaktionen vollständig ablaufen. Diese Eigenschaft verleiht dem
Stoffwechselweg eine Richtung. Sind zwei Metaboliten durch den Stoffwechsel wechselseitig ineinander
überführbar, so muss sich der Weg vom ersten zum zweiten von dem Rückweg vom zweiten zum ersten
unterscheiden  ermöglicht eine unabhängige Steuerung der Geschwindigkeit beider Prozessrichtungen.
 Jeder Stoffwechselweg hat einen ersten festlegenden Schritt.
Obwohl Stoffwechselwege irreversibel sind, arbeiten die meisten der daran beteiligten Reaktionen nahe am
Gleichgewicht. Jedoch findet bei jedem Weg allgemein schon früh eine irreversible (exergonische) Reaktion
statt, die das gebildete Zwischenprodukt darauf festlegt, diesen Stoffwechselweg weiter zu verfolgen.
 Alle Stoffwechselwege werden reguliert.
Da die meisten anderen Reaktionen eines Stoffwechselweges nahe am Gleichgewicht arbeiten, ist der
festlegende Schritt häufig der geschwindigkeitsbestimmende.
 Katabolische und anabolische Stoffwechselwege unterscheiden sich.
 Bei Eukaryoten laufen die Stoffwechselwege in spezifischen subzellulären Kompartimenten ab.

 Kontrolle im Stoffwechselfluss
Der Fluss von Zwischenprodukten im Stoffwechsel ist im stabilen Zustand mehr oder weniger konstant
 die Konzentrationen bleiben annähernd konstant. Bestimmt wird der Fluss durch den geschwindigkeits-
bestimmenden – d.h. den langsamsten – Schritt. Dieser läuft weit weg vom Gleichgewicht ab und hat ein
grosses negatives G.

Mechanismen zur Steuerung:


 Allosterische Kontrolle (z.B. Feedback durch das Reaktionsprodukt)
 Kovalente Modifikation
Viele Enzyme, die den Fluss durch Stoffwechselwege regeln, können an spezifischen Stellen enzymatisch
phosphoryliert und dephosphoryliert oder auf andere Weise kovalent modifiziert werden, was eine starke
Veränderung der Aktivität nach sich zieht.
 Substrat-Zyklen
Sind zwei gegensätzliche und irreversible Reaktionen im selben Zyklus vorhanden, kann sowohl die Hin- als
auch die Rückreaktion beschleunigt oder auch gebremst werden.
 Genetische Kontrolle
Enzymkonzentrationen und somit auch Enzymaktivitäten können (in Abhängigkeit vom Stoffwechselbedarf)
über die Proteinsynthese verändert werden.
Die ersten drei Mechanismen reagieren rasch (Sek./Min.) auf äussere Reize  Kurzzeitkontrollmechanismen.
Der vierte Mechanismus reagiert erst innerhalb von Stunden oder Tagen  Langzeitkontrollmechanismus.

Energiereiche Verbindungen

Der katabolische Stoffwechsel erfolgt schrittweise, so dass die freigewordene Energie in „handlichen“ Portionen
erzeugt wird. Diese Energiepakete werden gespeichert, indem einige energiereiche Zwischenprodukte gebildet
werden, deren späterer exergonischer Abbau die endergonischen Prozesse antreibt.

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 Transfer von ATP und Phosphorylgruppen


ATP ist biologisch dermassen wichtig, weil beim Aufbrechen der Phosphoanhydridbindungen enorm viel freie
Enthalpie freigesetzt wird.

E: 13-3 E: 13-7
D: 15-18 D: 15-23
Formel von ATP Phosphorylgruppenfluss

Unter Standardbedingungen geben die Verbindungen oberhalb vom ATP spontan eine Phosphorylgruppe an
ADP zur Bildung von ATP ab. ATP kann jedoch spontan eine Phosphorylgruppe an die darunter stehenden
Verbindungen abgeben.

Welche Faktoren sind für den energiereichen Charakter von Phosphatanhydridbindungen – wie beim
ATP – verantwortlich?
 Die Resonanzstabilisierung der Phosphoanhydrid-
bindung ist niedriger als die ihrer Hydrolyseprodukte,
da die beiden stark elektronenziehenden
Phosphorylgruppen eines Phosphoanhydrids um die
-Elektronen des Brückensauerstoffatoms konkur-
rieren müssen, während diese Konkurrenz bei den
Hydrolyseprodukten fehlt.
 Von noch grösserer Bedeutung ist vielleicht die E: 13-4
destabilisierende Wirkung der elektrostatischen D: 15-20
Abstossung zwischen den geladenen Gruppen Resonanzstabilisierung
eines Phosphoanhydrids im Vergleich zu denen
seiner Hydrolyseprodukte.
 Ein weiterer destabilisierender Einfluss ist die
geringe Solvatationsenergie eines Phospho-
anhydrids verglichen mit seinen Hydrolyse-
produkten. Manche Schätzungen lassen darauf
schliessen, dass dieser Faktor den grössten Teil der
thermodynamischen Triebkraft für die Hydrolyse von
Phosphoanhydriden liefert.

Bei jeder Reaktion hängt G zum Teil auch von den Edukt- und Produktkonzentrationen ab. Doch da ATP und
seine Hydrolyseprodukte Ionen sind, hängt G auch vom pH, der Konzentration an zweiwertigen Ionen und der
Ionenstärke ab.

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In Abwesenheit von Enzymen sind Phosphoanhydridbindungen stabil, d.h. sie hydrolysieren ziemlich langsam.
Der Grund dafür sind die sehr hohen Aktivierungsenergien, welche mit Hilfe der Enzyme herabgesetzt werden
können.

 Gekoppelte Reaktionen
Die thermodynamische Erklärung für die Möglichkeit, Reaktionen aneinander zu koppeln, ist die „additivity“ der
freien Enthalpie.
Gtotal = G1 + G2+ … + Gn
Solange die ganze Reaktionskette exergonisch ist, wird sie vorwärts ablaufen. ATP zum Beispiel kann
regeneriert werden, indem seine Synthese aus ADP und P i mit der noch stärker exergonischen Hydrolyse von
Phosphoenolpyruvat gekoppelt wird.

Die freie Energie aus Phosphoanhydridbindungen aus energiereichen Verbindungen – wie beim ATP – kann
dazu benutzt werden, andere Reaktionen anzutreiben, auch wenn die Phosphorylgruppe nicht auf andere
organische Verbindungen transferiert wird. Als Beispiel dient hier die ATP-Hydrolyse, bei welcher Phosphoryl-
gruppen auf H2O transferiert werden, und die freie Enthalpie für die Arbeit der molekularen „Chaperones“, für
die Muskelanspannung und den aktiven Membrantransport eingesetzt wird.

 Andere phosphorylierte Verbindungen


Ein Beispiel für eine Substratkettenphosphorylierung ist, wenn ATP durch einen direkten Transfer einer
Phosporylgruppe einer energiereicheren Verbindung an ADP gebildet wird.

Andere Mechanismen der ATP-Synthese sind die oxidative Phosphorylierung [D: Kapitel 20, E: Kapitel 17]
und die Photophosphorylierung [D: Kapitel 22, E: Kapitel 18].

Weitere Nucleosid-Triphosphate (CTP, GTP, UTP usw), welche zur RNA- und DNA-Synthese benötigt werden,
werden allgemein wie folgt gebildet:
ATP + NDP  ADP + NTP
 Thioester
Thioesterbindungen erscheinen in
Stoffwechselvorgängen in Form von
Zwischenprodukten und in Form von
Acetyl-CoA. Die Acetylgruppe von Acetyl-
CoA ist als Thioester an den Schwefel des
-Mercaptoethylamin-Restes gebunden.
CoA fungiert dabei als Trägermolekül für
Acetyl- und andere Acylgruppen (das A in
CoA steht für „Acetylierung“).

Acetyl-CoA ist eine energiereiche


Verbindung, deren Hydrolyse leicht
E: 13-9
exergonischer ist als diejenige von ATP. D: 19-2
Die Hydrolyse von Thioestern ist aufgrund Acetyl-CoA
der kleineren Resonanzstabilisierung
(grosser Radius des S-Atoms ebenfalls
exergonischer als diejenige üblicher Ester.

Abb.19-2 Acetyl-CoA [E: 13-9]


Die Thioesterbindung ist als energiereiche
Bindung gekennzeichnet (~). In CoA ist
die Acetylgruppe durch Wasserstoff
ersetzt.

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REDOX-Reaktionen
REDOX-Reaktionen haben eine ausserordentlich grosse biochemische Bedeutung; Lebewesen erhalten daraus
den grössten Teil ihrer freien Enthalpie. Es handelt sich um Elektronenübertragungsreaktionen. Sie bestehen
aus zwei Halbreaktionen, wie z.B.
Fe3+ + e-  Fe2+ (Reduktion)
Cu+  Cu2+ + e- (Oxidation)
Wenn Nährstoffe zu CO2 oxidiert werden, werden Elektronen an Trägermoleküle weitergegeben. In aeroben
Organismen werden die Elektronen dann zuletzt auf molekularen Sauerstoff transferiert. Dieser kann die
Elektronen jedoch nur ungepaart aufnehmen.

Details über die REDOX-Reaktionen (z.B. auch elektrochemische Zellen und Tabellen über Reduktionspoten-
tiale) sind in unserem Chemiebuch Mortimer in den Kapiteln 13 und 20 gut beschrieben.

 NAD+ und FAD


NAD+ und FAD sind zwei der am meisten vorkommen-
den Elektronentransporteure.
FAD ist sowohl bei 1-Elektronen- als auch bei 2-
Elektronen-Reaktionen zu finden.
NAD+ und FAD können Elektronen akzeptieren und auch
abgeben (reversible Reduktion).

 Nernst-Gleichung / Reduktionspotentialmessung
Das Reduktionspotential für die Reduktion von
A durch B An+ox + Bred  Ared + Bn+ox
ist nach der Nernst-Gleichung:
RxT ([Ared] x [Bn+ox])
E = E° - --------- x ln ---------------------
nxF ([An+ox] x [Bred])
E, die Elektromotorische Kraft (EMK), kann hier als
“Elektronendruck” beschrieben werden. Die Grösse E°
wird als Standardredoxpotential bezeichnet. Ein E: 13-11
positives E entspricht einem negativen G, somit
Reduktion von FAD zu
entspricht ein positives E einer spontanen Reaktion, die
Arbeit verrichten kann. FADH2

Die Veränderung des Reduktionspotentials einer


derartigen Reaktion hängt über
E = EA - EB
mit den Reduktionspotentialen der beiden beteiligten
Halbreaktionen EA und EB zusammen.

RxT ([Ared]
EA = E°A - --------- x ln ----------
nxF ([An+ox]

RxT [Bred]
EB = E°B - --------- x ln ----------
nxF [Bn+ox]

Ist EA > EB, so hat An+ox eine grössere Elektronenaffinität


als Bn+ox.

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