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Peter Sloterdijk

Du mußt dein Leben ändern


Über Anthropotechnik

Suhrkamp
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INHALT

Einleitung: Zur anthropoteehnisehen Wende, . . . . . . . . .. 9

Der Planet der Übenden

, /,3) 1 Der Befehl aus dem Stein


Rilkes Erfahrung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 37
2 Ferner Blick auf den asketischen Stern
Nietzsches Antikeprojekt. ... ... ... ... . . .... ... , 52
3 Nur Krüppel werden überleben
U nthans Lektion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 69
4 Letzte Hungerkunst
Kafkas Artistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
Pariser Buddhismus
Ciorans Exerzitien .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 118
Übergang: Religionen gibt es nicht
© d' Erste Auflage 2009
Von Pierre de Courbertin zu L. Ron Hubbard . . . .. 133
leser Ausgabe S h k V I
u r amp er ag Frankfurt am Main 2009
in b d Alle Rechte vorbehalten
s es On ere das der Üb d .. ' .
sowie der Üb ersetzung, es offenthchen Vortrags I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen
ertragung ~ureh Rundfunk und Fernsehen
. , auch eInzelner Teile, ' Für eine akrobatische Ethik
d KehIn Tell des Werkes darf in irgendeiner Form
( ure Fotografie, Mikrofilm d d
ohne schriftliche Genehmigung ~ese~an ere Verfahren) Programm ... ... .......... . .. ... ...... . . ...... 173
l 1 Höhenpsychologie
oder Unter Verwendung elekr :r ahges reproduziert
' romse er Syste
verar belter, vervielfältigt oder v b . me Die Hinaufpflanzungslehre und der Sinn von » Über« 176
S er reitet werden
atz: Jouve Germany, Kriftel ' 2 »Kultur ist eine Ordensregel«
Druc~: Pustet, Regensburg Lebensformen-Dämmerung, Disziplinik . .... .. .. 208
Pnnted in Germany
ISBN 97 8-3-5 1 8-4 1 995-3
3 Schlaflos in Ephesos
Von den Dämonen der Gewohnheit und ihrer
3 4 5 6 - 14 13 12 11 Zähmung durch die Erste Theorie . . . . . . . . . . . . .. 253

-
10 09
4 Habitus und Trägheit
Von den Basislagern des übenden Lebens .. . ...... 276
Cur homo artista
Von der Leichtigkeit des Unmöglichen ... .. . .. .. 29 8

1I Übertreibungsverfahren
Appamädena sampädetha.
Prospekt: Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit . .. .. . . . 32 9 In Wachsamkeit strebt voran!
6 Erste Exzentrik
Von der Absonderung der Übenden und ihren Mahaparinibbana Sutta, 6,7.
Selbstgesprächen . ... ... ... . ..... . . .... .. ... . 33 8
7 Vollendete und Unvollendete
Wie der Geist der Perfektion die Übenden Vor Allem und zuerst die Werke!
in Geschichten verstrickt . . ...... . .. . ....... . . 379 Das heisst Übung, Übung, Übung!
8 Meisterspiele Der dazugehörige »Glaube« wird sich schon einstellen,
Von den Trainern als Garanten der Übertreibungskunst 42 4 - dessen seid versichert!
9 Trainerwechsel und Revolution
Über Konversionen und opportunistische Kehren. 4 67 Friedrich Nietzsche, Morgenröthe

I I I Die Exerzitien der Modernen

Perspektive: Wiederverweltlichung des zurück-


gezogenen Subjekts .. . ...... . .. . .. . ............. 493
10 Kunst am Menschen
In den Arsenalen der Anthropotechnik . . . . . . . . . . 519
I I Im auto-operativ gekrümmten Raum
Neue Menschen zwischen Anästhesie und Biopolitik 582
12 Übungen und Fehlübungen
Zur Kritik der Wiederholung . . ......... . ...... 639
Rückblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 69 I
Von der Wiedereinbettung des Subjekts zum
Rückfall in die totale Sorge
Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 699
Ausführliches Inhaltsverzeichnis . . ........... . ... . . 71 5
9

EINLEITUNG
ZUR ANTHROPOTECHNISCHEN WENDE

Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt - das Gespenst


der Religion. Landauf, landab wird uns von ihr versichert,
nach längerer Abwesenheit sei sie unter die Menschen der
modernen Welt zurückgekehrt, man tue gut daran, mit ihrer
neuen Präsenz ernsthaft zu rechnen. Anders als das Gespenst
des Kommunismus, der im Jahr 1848, als sein Manifest er-
schien, kein Wiederkehrer war, sondern eine Neuheit unter
den drohenden Dingen, wird der aktuelle Spuk seiner wie-
dergängerischen Natur vollauf gerecht. Ob er nun tröstet
oder droht, ob er als guter Geist begrüßt oder als irrationaler
Schatten der Menschheit gefürchtet wird, sein Auftritt, ja
schon dessen bloße Ankündigung, verschafft sich Respekt,
wohin man sieht - sofern man die Sommeroffensive der Gott-
losen von 2007 außer Betracht läßt, der wir zwei der ober-
flächlichsten Pamphlete der jüngeren Geistesgeschichte ver-
danken, gezeichnet: Christopher Hitehens und Richard
Dawkins. Die Mächte des alten Europa haben sich zu einer
pompösen Willkommensfeier verbündet - auf ihr versam-
meln sich ungleiche Gäste: der Papst und die islamischen Ge-
lehrten, die amerikanischen Präsidenten und die neuen
Kremlherren, alle Metterniche und Guizots unserer Tage,
die französischen Kuratoren und die deutschen Soziologen.
Bei der versuchten Wiedereinsetzung der Religion in ihre
ehemals verbrieften Rechte kommt ein Protokoll zum Tragen,
das von den neu Bekehrten und frisch Faszinierten die Beichte
ihrer bisherigen Verkennungen fordert. Wie in den Tagen des
ersten Merowingers, der sich aufgrund einer gewonnenen
Schlacht zum Kreu.z bekannte, sollen auch heutigen Tags die
Kinder der banalisierten Aufklärung verbrennen, was sie an-
Einleitung Zur anthropotechnischen Wende II
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1
beteten, und anbeten, was sie verbrannten. Bei dieser Um- lichen Chance bestimmen die Lage. Die über sich selber ins
kehr setzen sich versunkene liturgische Intuitionen in Szene. Bild gesetzte Aufklärung hat ihre Paradoxien offen gelegt, sie
Sie verlangen von den Novizen der postsäkularen »Gesell- ist bis in die Bezirke vorgedrungen, wo die Dinge, um einen
schaft« eine öffentliche Distanzierung von den religionskriti- bekannten Erzähler zu zitieren, »kompliziert und traurig
schen Lehrsätzen der aufklärerischen Jahrhunderte. Diesen werden«. Vom alten unbedingten Vorwärts sind nur noch
war die menschliche Selbstbestimmung allein zu dem Preis müde Reste in Gebrauch. Es fehlt nicht mehr viel, und die
erlangbar erschienen, daß die Sterblichen ihre an die Überwelt letzten Hoffnungsheger aufklärerischen Stils ziehen sich aufs
verschwendeten Kräfte zurückfordern und sie zur Optimie- Land zurück, als wären sie die Amish der Postmoderne. An-
rung der irdischen Verhältnisse einsetzen. Man mußte von dere ewig Progressive folgen den Rufen von Nicht-Regie-
»Gott« große Quanten an Energie abziehen, um endlich für rungsorganisationen, die sich der Rettung der Welt verschrie-
die Menschenwelt in Form zu kommen. In dieser Kraftüber- ben haben. Fürs übrige deuten die Zeichen der Zeit auf Revi-
tragung gründete der Elan des Zeitalters, das sich dem großen sion und Regreß. Nicht wenige enttäuschte Zeitgenossen
Singularwort »Fortschritt« verschrieben hatte. Die humani- möchten sich an den Herstellern und Vertreibern ihrer pro-
stische Angriffslust ging soweit, die Hoffnung zu einem Prin- gressiven Illusionen schadlos halten, als ob es möglich wäre,
zip zu erklären. Aus dem Proviant der Verzweifelten sollte das einen Verbraucherschutz für Ideen anzurufen. Der juristische
primum mobile besserer Zeiten werden. Wer sich zu dieser Archetypus unseres Zeitalters, der Schadensersatzprozeß,
ersten Ursache bekannte, wählte die Erde zum Einwande- springt auf weite Lebensbereiche über. Hat man nicht an
rungsland, um dort und nur dort sich zu verwirklichen. Ab seinen amerikanischen Spielformen gelernt, wie man am An-
nun hieß es, die Brücken zu den Sphären da droben abzubre- fang exorbitante Summen fordern muß, um am Ende des
chen und alle frei gewordenen Kräfte in die profane Existenz Advokatenkriegs auch nur halbwegs befriedigende Abfin-
zu investieren. Wenn es Gott gäbe, er wäre damals die ein- dungen zu erhalten? Ganz offen sinnen die Nachkommen
samste Größe im U niver;um geworden. Die Abwanderung der Himmelsvertriebenen auf üppige Reparationen, ja, sie
aus dem Jenseits nahm Züge einer Massenflucht an - die ak- wagen es, von epochalen Wiedergutmachungen zu träumen.
tuelle demographisch ausgedünnte Lage Osteuropas erscheint Ginge es nach ihnen, sollte die Enteignung der Überwelt ins-
daneben wie Überbesiedlung. Daß die breite Masse, von Im- gesamt rückgängig gemacht werden. Manche neureligiösen
manenzideologien unbeirrt, auch in den Tagen der triumphie- Unternehmer würden die stillgelegten metaphysischen Pro-
renden Aufklärung sich ihre heimlichen Ausflüge über die duktionsstätten am liebsten von heute auf morgen wieder in
Grenze gestattete, steht auf einem anderen Blatt. Betrieb nehmen, als habe man eine bloße Rezession hinter
Inzwischen haben ganz andere Antriebslagen die Oberhand sich gebracht.
gewonnen. Kompliziertere Wahrnehmungen der mensch- Europäische Aufklärung - eine Formkrise ? Ein Experi-
ment auf der schiefen Ebene zumindest, und im globalen
I Incende quod adorasti et adora quod incendist~: Nach der Chro.nik Horizont gesehen eine Anomalie. Die Religionssoziologen
des Gregor von Tours soll der Bischof von .Re,ms, RemIglus, ~I~se sagen es unverblümt: Überall auf der Welt wird weiterhin
Worte gesprochen haben, während Chlodwlg 1., der ~ra~kcnkolllg,
kräftig geglaubt, nur bei uns hat man die Ernüchterung ver-
»wie ein neuer Constantin«, nach der Schlacht von Zulp Ich von den
Sieghelferwirkungen Christi überzeugt, ins Taufbad stieg. herrlicht. Tatsächlich, warum sollten allein die Europäer
Einleitung Zur anthropotechnischen Wende 13
12

metaphysisch Diät halten, wenn der Rest der Welt unbeirrt an anthropologische als eine »religiöse« Spitze - es ist, um es mit
den reich gedeckten Tischen der Illusion tafelt? einem Wort zu sagen, die Einsicht in die immunitäre Verfas-
Ich darf daran erinnern: Marx und Engels hatten das Kom- sung des Menschenwesens. Nach mehrhundertjährigen Ex-
munistische Manifest in dem Vorsatz geschrieben, das Mär- perimenten mit neuen Lebensformen hat sich die Einsicht
chen von einem Gespenst namens Kommunismus durch eine abgeklärt, daß Menschen, gleichgültig unter welchen ethni-
angreiferische Selbstaussage des wirklichen Kommunismus schen, ökonomischen und politischen Bedingungen sie leben,
zu ersetzen. Wo bloße Geisterfurcht vorgeherrscht hatte, soll- nicht nur in »materiellen Verhältnissen«, vielmehr auch in
te begründete Furcht vor einem realen Feind des Bestehenden symbolischen Immunsystemen und rituellen Hüllen existie-
entstehen. Auch das vorliegende Buch widmet sich der Kritik ren. Von deren Gewebe soll im folgenden die Rede sein. War-
eines Märchens und ersetzt es durch eine positive These. In um ihre Webstühle hier mit dem kühlen Ausdruck »Anthro-
der Tat, dem Märchen von der Rückkehr der Religion nach potechniken« bezeichnet werden, mag sich im Gang der Dar-
dem »Scheitern« der Aufklärung muß eine schärfere Sicht auf stellung selbst erläutern.
die spirituellen Tatsachen entgegengestellt werden. Ich werde
zeigen, daß eine Rückwendung zur Religion ebensowe~ig Den ersten Schritt zur Rechtfertigung des Interesses an diesen
möglich ist wie eine Rückkehr der Religion - aus dem em- Gegenständen möchte ich tun, indem ich an Wittgensteins
fachen Grund, weil es keine »Religion« und keine »Religio- bekannte Forderung erinnere, dem »Geschwätz über Ethik«
nen« gibt, sondern nur mißverstandene spirituelle Übungssy- ein Ende zu machen. Es ist inzwischen möglich, den Teil des
steme, ob diese nun in Kollektiven - herkömmlich: Kirche, ethischen Diskurses, der kein Geschwätz ist, in anthropo-
Ordo, Umma, sangha - praktiziert werden oder in personali- technischen Ausdrücken zu reformulieren. Die Arbeit an die-
sierten Ausführungen - im Wechselspiel mit dem »eigenen ser Übersetzung bildet - wenn auch noch unter anderen Na-
Gott«, bei dem sich die Bürger der Moderne privat versichern. men - seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts die kon-
Damit wird die leidige Unterscheidung zwischen »wahrer fuse Mitte der modernen »Kulturstudien«. Für einen
Religion« und Aberglauben gegenstandslos. Es gibt nur mehr Augenblick war das ethische Programm der Gegenwart
oder weniger ausbreitungsfähige, mehr oder weniger ausbrei- scharf ins Blickfeld gekommen, als Marx und die Junghege-
tungswürdige Übungssysteme. Auch der falsche Gegensatz lianer die These artikulierten, der Mensch selbst erzeuge den
zwischen den Gläubigen und Ungläubigen entfällt und wird Menschen. Was dieser Satz besagte, wurde im Nu von einem
durch die Unterscheidung zwischen Praktizierenden und anderen Geschwätz verstellt, das von der Arbeit als der einzig
Ungeübten bzw. anders Übenden ersetzt. wesentlichen Handlung des Menschen sprach. Wenn aber der
Tatsächlich kehrt heute etwas wieder - doch die geläufige Mensch tatsächlich den Menschen hervorbringt, so gerade
Auskunft, es sei die Religion, die sich zurückmelde, kann nicht durch die Arbeit und deren gegenständliche Resultate,
kritische Nachfragen nicht befriedigen. Es handelt sich auch auch nicht durch die neuerdings viel gelobte »Arbeit an sich
nicht um die Rückkehr einer Größe, die verschwunden ge- selbst«, erst recht nicht durch die alternativ beschworene »In-
wesen wäre, sondern um einen Akzentwechsel in einem nie teraktion« oder »Kommunikation«: Er tut es durch sein Le-
zertrennten Kontinuum. Das wirklich Wiederkehrende, das ben in Übungen.
alle intellektuelle Aufmerksamkeit verdiente, hat eher eine
Einleitung Zur anthropotechnischen Wende

Als Übung definiere ich jede Operation, durch welche die Untersuchungen hervorgehen. Gewiß, von jeher gleicht die
Qualifikation des Handelnden zur nächsten Ausführung Ideengeschichte einem Asyl für mißgeborene Begriffe - und
der gleichen Operation erhalten oder verbessert wird, sei nach dem folgenden Gang über die Stationen wird man nicht
sie als Übung deklariert oder nicht. 2 nur das Konzept »Religion« hinsichtlich seines verunglück-
ten Designs durchschauen, ein Konzept, das an Schiefheit
Wer von der Selbsterzeugung des Menschen spricht, ohne allein durch den Hyperpopanz »Kultur« übertroffen wird.
von seiner Formung im übenden Leben zu reden, hat das Man wird dann auch verstehen, warum es angesichts der ver-
Thema von vorneherein verfehlt. Wir müssen folglich prak- änderten Expositionen ebenso sinnlos wäre, für die negative
tisch alles, was über den Menschen als Arbeitswesen gesagt Bigotterie Partei zu ergreifen, die sich in unseren Breiten seit
wurde, suspendieren, um es in die Sprache des Übens bzw. nahezu zwei Jahrhunderten als plakativer Atheismus präsen-
des selbstformenden und selbststeigernden Verhaltens zu tiert - ein Geßlerhut, den elegante Intellektuelle gerne grüß-
übersetzen. Nicht nur der ermattete homo [aber, der die Welt ten, sooft sie an ihm vorbeikamen, nicht ohne bei dieser Ge-
im Modus »Machen« vergegenständlicht, hat seinen Platz im legenheit das Prädikat »intellektuell redlich«, wahlweise:
Zentrum der logischen Bühne zu räumen, auch der homo »kritisch« oder »autonom «, für sich in Anspruch zu nehmen.
religiosus, der sich mit surrealen Riten an die Überwelt wen- Es gilt jetzt, die ganze Bühne um 90 Grad zu drehen, bis sich
det, darf den verdienten Abschied nehmen. Gemeinsam tre- das religiöse, spirituelle und ethische Material unter einem
ten Arbeitende und Gläubige unter einen neuen Oberbegriff. aufschlußgebenden neuen Winkel zeigt.
Es ist an der Zeit, den Menschen als das Lebewesen zu ent- Die Einsätze sind hoch, ich wiederhole es. Wir haben ge-
hüllen, das aus der Wiederholung entsteht. Wie das 19. Jahr- gen eine der massivsten Pseudo-Evidenzen der jüngeren Gei-
hundert kognitiv im Zeichen der Produktion stand, das 20 . im stesgeschichte anzugehen: gegen den seit erst zwei- oder
Zeichen der Reflexivität, sollte die Zukunft sich unter dem dreihundert Jahren in Europa grassierenden Glauben an die
Zeichen des Exerzitiums präsentieren. Existenz von »Religionen«, mehr noch, gegen den ungeprüf-
Die Einsätze, um die gespielt wird, sind nicht niedrig. Es ten Glauben an die Existenz des Glaubens. Der Glaube an die
geht in unserem Unternehmen um nicht weniger als um die Gegebenheit von »Religion« ist das Element, das Gläubige
Einführung einer alternativen Sprache, und mit der Sprache und Nicht-Gläubige heute wie gestern vereint. Er ist von
einer veränderten Optik, für eine Gruppe von Phänomenen, einer Unbeirrbarkeit, der jeden Präfekten der römischen
für welche die Tradition Ausdrücke wie »Spiritualität«, Glaubenskongregation vor Neid erblassen lassen müßte.
»Frömmigkeit«, »Moral«, »Ethik« und »Askese« anzubieten Die Ökumene der Mißverständnisse hat die modernen Zeiten
pflegte. Gelingt das Manöver, so wird der herkömmliche Re- unangetastet überstanden. Kein Überwind er der Religion hat
ligionsbegriff, jener unselige Popanz aus den Kulissenhäu- an der Existenz der Religion gezweifelt, so sehr man ihr jedes
sern des modernen Europa, als der große Verlierer aus diesen einzelne Dogma streitig machte. Keine Ablehnung hat dem
Abgelehnten die Frage vorgelegt, ob es seinen Namen zu
2 Ausführungen zum Übungsbegriff finden sich unten in den Ab-
schnitten über dic Entdeckung der Pädagogik, S. 309f., über Habi- recht trüge und ob es als solches überhaupt Bestand habe.
tllsbildung, S. 287f., über den circulus virtuosus, S. 50 If., sowie in den Allein aufgrund der Gewöhnung an eine Fiktion vergleichs-
emen drei Abschnitten des 12. Kapitels, S. 639-651. weise jungen Datums - sie kam erst seit dem 17. Jahrhundert
16 Einleitung Zur anthropotechnischen Wende 17

in Gebrauch - kann heute von einer »Wiederkehr der Reli- losophie auf das apothekarische Niveau mißverstanden wor-
3 den sein,4 wer sie mit der gebührenden Aufmerksamkeit stu-
gion« die Rede sein. Es ist der ungebrochene Glaube an die
Religion als einer konstanten und universellen Größe, die diert, kann in ihnen die seminalen Ideen zu einer umfassenden
gehen und wiederkommen kann, der der aktuellen Legende Theorie des übenden Daseins entdecken.
zugrunde liegt. Die hier vorgeschlagene Übersetzung der religiösen, spi-
rituellen und ethischen Tatsachen in die Sprache und Optik
Während die Psychoanalyse auf dem Theorem von der Wie- der allgemeinen Übungstheorie versteht sich als ein aufklä-
derkehr des Verdrängten aufbaute, geht eine Ideen- und Ver- rungskonservatives Unternehmen - ja sogar ein konservato-
haltensanalyse wie die hier vorgelegte auf das Theorem von risches in der Sache selbst. Ein doppeltes Bewahrungsinter-
der Wiederkehr des Unverstandenen zurück. Rotationsphä- esse liegt ihm zugrunde: Zum einem bekennt es sich zu dem
nomene dieses Typs sind unvermeidlich, solange das, was da Kontinuum kumulativen Lernens, das wir Aufklärung nen-
war, untertaucht und wieder emporkommt, in seiner Eigenart nen und das wir Gegenwärtigen, allen Gerüchten von neu-
nicht zureichend begriffen wurde. Bei dem Vorhaben, der erdings eingetretenen »post-säkularen« Verhältnissen zum
Sache selbst auf den Grund zu gehen, ist nur voranzukommen, Trotz, als den inzwischen schon vier Jahrhunderte überspan-
wenn man den Gegenstand weder bejaht noch ablehnt, viel- nenden Lernzusammenhang moderner Zeiten weitertragen;
mehr mit einer tiefer ansetzenden Explikation beginnt. Dies zum anderen nimmt es die zum Teil jahrtausendealten Fäden
ist ein Projekt, das durch eine Vorhut von Forschern des 19· auf, die uns an frühe Manifestationen menschlichen Übungs-
und frühen 20. Jahrhunderts auf den Weg gebracht wurde, und Beseelungswissens binden, vorausgesetzt, wir sind be-
wenngleich mit Mitteln, deren Unzulänglichkeit längst ins reit, explizit an ihnen anzuknüpfen.
Auge springt - ich denke an Autoren wie Feuerbach, Comte,
Durkheim und Weber. Immerhin, in ihren Untersuchungen Damit ist das Schlüsselwort für alles, was man von hier an
nahmen die sogenannten Religionen als symbolisch geordnete lesen wird, hingeschrieben. Das Wort »explizit«, auf die be-
Verhaltenssysteme nach und nach bestimmtere Konturen an- zeichneten Gegenstände angewendet, enthält das folgende
freilich wurden die Übungs natur des »religiösen« Verhaltens Buch in nuce . Die erwähnte Drehung der geistesgeschichtli-
und seine Fundierung in autoplastischen Prozeduren noch chen Bühne bedeutet nichts anderes als ein logisches Manö-
nirgendwo angemessen formuliert. Erst der spätere Nietzsche ver zur Explizitmachung von Verhältnissen, die in den Über-
hat in seinen diätologischen Überlegungen der achtziger Jahre lieferungsmassen unter »impliziten«, sprich: in sich eingefal-
_ man denke an die entsprechenden Seiten in seiner Selbst- teten und zusammengedrängten Formen vorliegen. Wenn
kreuzigungsschrift Ecce homo - Ansätze zu einer Lebens- 4 Typisch hierfür Oswald Spengler in: Der Untergang des Abend-
übungslehre bzw. einer allgemeinen Asketologie vorgelegt. landes, München 1979, S. 462, der in Nietzsches Wende zum Le-
Mögen sie auch von flüchtigen Lesern als Rückzug der Phi- benskunstbewußtsein ein Symptom für das »Klimakterium der Kul-
rur« (ibid., S. 459) erkennen wollte. Er sah darin ein Beispiel für die
3 Als Gründervater der später so genannten Religionsphilosophie Dekadenz, die ihm zufolge das »zivilisatorische« Stadium der Kul -
kann Edward Herbert von Cherbury (I 583-1648) mit seinen Schrif- turen bezeichnet: In dessen Verlauf verfallen die erhabenen meta-
ten De Veritate (1624), De Religione Gentilium und Dc Religione physischen Weltanschauungen zu Ratgebern für Einzelne in ihren
Laici (1645) gelten. Alltags- und Verdauungssorgen.
18 Einleitung Zur anthropotechnischen Wende

Aufklärung in technischer Hinsicht das Programmwort für Auseinanderfaltung des Bekannten in größere, hellere, pro-
den Fortschritt im Bewußtsein der Explizitheit darstellt, darf filreichere Oberflächen. Sie kann infolgedessen nie im abso-
man ohne Scheu vor großen Formeln sagen, daß die Expli- luten Sinn innovativ sein, sie bildet stets auch die Fortsetzung
zitmachung des Impliziten die kognitive Form des Schicksals des kognitiv Vorhandenen mit anderen Mitteln. Dabei laufen
ist. Wäre es anders, hätte man zu keiner Zeit glauben dürfen, Neuheit und höhere Explizitheit auf eins hinaus. Daher gilt:
das spätere Wissen müsse zugleich das bessere sein - auf die- Je höher der Explikationsgrad, desto tiefer die mögliche, ja
ser Annahme beruht bekanntlich alles, was wir seit J ahrhun- unumgängliche Befremdlichkeit des neu erworbenen Wis-
derten mit dem Ausdruck »Forschung« belegen. Nur wenn sens. Daß dieser Tisch aus Kirschholz gemacht sei, habe ich
die eingefalteten »Dinge« oder Sachverhalte von ihnen selbst bisher als eine konventionelle Tatsache gelten lassen. Daß sich
her einer Tendenz unterliegen, sich auszufalten und für uns das Kirschholz aus Atomen zusammensetze, nehme ich mit
verständlicher zu werden, darf man - sofern die Ausfaltung der Duldsamkeit des Gebildeten zur Kenntnis, obschon die
gelingt - von wirklichem Wissenszuwachs sprechen. Allein vielzitierten Atome, diese epistemologischen Zeitgenossen
sofern die »Materien« spontan bereit sind (oder sich durch des 20. Jahrhunderts, in ihrem Realitätswert für mich noch
aufgezwungene Untersuchung nötigen lassen), in vergrößer- immer mit Einhornpulver und Saturneinflüssen auf einer Stu-
ten und besser ausgeleuchteten Flächen ans Licht zu kom- fe stehen. Daß sich die Kirschholzatome bei weiterer Expli-
men, kann man im Ernst - und Ernst meint hier ontologi- kation in einen Nebel aus subatomaren Beinahe-Nichtsen
schen Nachdruck - behaupten: Es gibt Wissenschaft in pro- auflösen: Auch dies muß ich als Endabnehmer der physika-
gress, es gibt reale Erkenntnisgewinne, es gibt Expeditionen, lischen Aufklärung akzeptieren, selbst wenn hierdurch meine
durch welche wir, das epistemisch engagierte Kollektiv, in Annahmen über die Substanzialität der Substanz entschieden
verhüllte Wissens kontinente vordringen, indem wir bisher verletzt werden. Die letzte Erklärung illustriert mir am nach-
Unthematisches thematisch machen, noch Unbekanntes ans drücklichsten, wie das spätere Wissen dazu tendiert, das be-
Licht bringen und nur dunkel Mitgewußtes in ausdrücklich fremdlichere zu sein.
Gewußtes umwandeln. Auf diese Weise mehren wir das ko- In der Fülle der kognitiven Neuheiten unter der modernen
gnitive Kapital unserer Gesellschaft - das letztere Wort hier Sonne gibt es keine, die an Folgenreichtum auch nur von
ohne Anführungszeichen. Früher hätte man wohl gesagt, die ferne mit dem Auftauchen und Bekanntwerden der Immun-
Arbeit des Begriffs münde in eine »Produktion«. Hege! ging systeme in der Biologie des späten 19. Jahrhunderts ver-
so weit, zu erklären, die Wahrheit sei wesenhaft Resultat - sie gleichbar wäre. Seither kann in den Wissenschaften von den
stehe darum unvermeidlich erst am Ende ihres Dramas. Wo Integritäten - den animalischen Organismen, den Arten, den
sie sich in fertiger Gestalt enthülle, feiere der menschliche »Gesellschaften«, den Kulturen - nichts mehr so bleiben, wie
Geist den Sonntag des Lebens. Da ich mich hier nicht mit es war. Erst zögernd hat man begonnen zu verstehen, daß es
dem Begriff des Begriffs befassen möchte und mit dem Kon- die Immundispositive sind, durch welche die sogenannten
zept Arbeit etwas anderes vorhabe, begnüge ich mich mit Systeme erst eigentlich zu Systemen werden, die Lebewesen
einer etwas weniger triumphalen, doch nicht weniger ver- zu Lebewesen, die Kulturen zu Kulturen. Allein aufgrund
bindlichen These: Es gibt kognitiv Neues unter der Sonne. ihrer immunitären Qualitäten steigen sie auf in den Rang
Die Neuheit des Neuen geht, wie bemerkt, zurück auf die von selbstorganisierenden Einheiten, die sich unter stän-
20 Einleitung Zur anthropotechnischen Wende 21

digem Bezug auf eine potentiell wie aktuell invasive und irri- ligiöses oder spirituelles zu bezeichnen gewohnt ist. Für
tationenträchtige Umwelt erhalten und reproduzieren. Diese jeden Organismus ist seine Umwelt seine Transzendenz,
Leistungen sind bei den biologischen Immunsystemen - de- und je abstrakter und unbekannter die Gefahr ist, die von
ren Entdeckung auf die Forschungen von Ilja Metschnikow der Umwelt her droht, desto transzendenter steht sie ihm
und der Schüler Robert Kochs, namentlich Paul Ehrlich, am gegenüber.
Ende des I9. Jahrhunderts zurückgehen - besonders ein- Jede Geste des »Hineingehaltenseins« ins Offene, um mit
drucksvoll ausgebildet. An ihnen läßt sich die verblüffende Heidegger zu reden, schließt das zuvorkommende Gefaßt-
Idee ablesen, wonach schon relativ einfache Lebewesen wie sein des lebenden Systems auf die Begegnung mit potentiell
Insekten und Mollusken eine Art angeborenes >>Vorauswis- tod gebenden Irritations- und Invasionsmächten ein. »Mit al-
sen« von den insekten- und molluskentypischen Lebensrisi- len Augen sieht die Kreatur/das Offene«, statuien Rilke am
ken in sich tragen. Folglich kann man die Immunsysteme Beginn der Achten Elegie - das Leben selbst ist ein Exodus,
dieses Niveaus als verkörperte Verletzungserwartungen der Inneres auf Umwelt bezieht. Der Zug ins Offene ge-
und als entsprechende Schutz- und Reparaturprogramme a schieht evolutionär mehrstufig: Obwohl praktisch alle Orga-
priori definieren. nismen oder Integritäten in die Überraschungs- und Kon-
Unter diesem Licht gesehen, erscheint das Leben selbst als flikträume erster Stufe transzendieren, die ihnen jeweils als
eine mit autotherapeutischen oder »endoklinischen« Kompe- ihre Umwelten zugeordnet sind (sogar Pflanzen tun dies, und
tenzen ausgestattete Integrationsdynamik, die sich auf einen Tiere um so mehr), erreichen nur die wenigsten - soviel wir
artspezifischen Überraschungsraum bezieht. Ihm kommt ei- wissen allein die M enschen - die Transzendenzbewegung
ne ebenso angeborene wie - bei höheren Organismen - adap- zweiter Stufe. Kraft dieser wird die Umwelt zur Welt ent-
tiv erworbene Zuständigkeit für die Verletzungen und Inva- grenzt, als Integral aus Manifestem und Latentem. Der zweite
sionen zu, die ihm in der fest zugeordneten Umwelt oder in Schritt ist das Werk der Sprache. Diese errichtet nicht nur das
der eroberten Umgebung regelmäßig begegnen. Solche Im- »Haus des Seins« - Heidegger entlieh die Wendung bei Zara-
munsysteme könnte man ebensogut als organismische Vor- t11Ustras Tieren, die dem Genesenden vorhalten: »ewig baut
formen eines Sinns für Transzendenz beschreiben: Dank der sich neu das Haus des Seins«; sie ist auch das Vehikel für die
ständig sprungbereiten Effizienz dieser Vorrichtungen setzt hausflüchtigen Tendenzen, mit denen der Mensch kraft seiner
sich das Lebewesen mit seinen potentiellen Todbrin gern aktiv inneren Überschüsse dem Offenen entgegengeht. Unnötig zu
auseinander und stellt ihnen sein körpereigenes Vermögen zur erklären, warum erst beim zweiten Transzendieren der älteste
Überwindung des Tödlichen entgegen. Solcher Leistungen Parasit der Welt, die Überwelt, in Erscheinung tritt.
wegen hat man Immunsysteme dieses Typs mit einer »Kör- Ich verzichte darauf, schon jetzt die Konsequenzen dieser
perpolizei« oder einer Grenzschutztruppe verglichen. Da es Überlegungen für den Humanbereich anzudeuten. Vorläufig
aber schon auf dieser Ebene um die Aushandlung eines modus genügt es, festzuhalten, daß die Fortsetzung der biologischen
vivendi mit fremden und unsichtbaren Mächten geht - und Evolution in der sozialen und kulturellen zu einer Aufstu-
ferner, sofern diese todgebend sein können, mit »höheren « fung der Immunsysteme führt. Wir haben Grund, bei Men-
und »unheimlichen « Mächten -, liegt hier eine Vorstufe des schen nicht bloß mit einem einzigen Immunsystem zu rech-
Verhaltens vor, das man in menschlichen Kontexten als re- nen, dem biologischen, das in evolutionärer Sicht an erster, in
22 Einleitung Zur anthropotechnischen Wende

entdeckungs geschichtlicher jedoch an letzter Stelle steht. In sternen heute zu einer Überlebensbedingung der »Kulturen«
der Humansphäre existieren nicht weniger als drei Immun- selbst geworden ist, ist Kulturwissenschaft nötig. 7
systeme, die in starker kooperativer Verschränkung und Wir werden es in diesem Buch naturgemäß vor allem mit
funktionaler Ergänzung übereinandergeschichtet arbeiten: den Manifestationen der dritten Immunitätsebene zu tun be-
Über dem weitgehend automatisierten und bewußtseinsun- kommen. Ich trage Materialien zur Biographie des homo im-
abhängigen biologischen Substrat haben sich beim Menschen munologicus zusammen, wobei ich mich durch die Annahme
im Lauf seiner mentalen und soziokultuellen Entwicklung leiten lasse, hier sei vor allem der Stoff zu finden, aus dem die
zwei ergänzende Systeme zur vorwegnehmenden Verlet- Anthropotechniken sind. Ich verstehe hierunter die mentalen
zungsverarbeitung herausgebildet: zum einen die sozio-im- und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen
munologischen Praktiken, insbesondere die juristischen und verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen
solidaristischen, aber auch die militärischen, mit denen Men- und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisi-
schen in »Gesellschaft« ihre Konfrontationen mit fern-frem- ken und akuten Todesgewißheiten zu optimieren. Erst wenn
den Aggressoren und benachbarten Beleidigern oder Schädi- diese Prozeduren in einem breiten Tableau der menschlichen
gern abwickeln;5 zum anderen die symbolischen beziehungs- »Arbeiten an sich selbst« erfaßt sind, lassen sich die jüngsten
weise psycho-immunologischen Praktiken, mit deren Hilfe gentechnischen Experimente evaluieren, auf die man in der
es den Menschen von alters her gelingt, ihre Verwundbarkeit aktuellen Debatte den 1997 wiedergeprägten Begriff »An-
durch das Schicksal, die Sterblichkeit inbegriffen, in Form thropütechnik« gern verengt. 8 Was ich zu diesem Gegenstand
von imaginären Vorwegnahmen und mentalen Rüstungen aus heutiger Sicht zu sagen habe, werde ich im Gang der
mehr oder weniger gut zu bewältigen. 6 Es gehört zur Ironie Darstellung ad hoc einflechten. Die Tendenz meiner Stellung-
dieser Systeme, daß sie einer Explikation ihrer dunklen Seite nahme läßt sich bereits am Titel dieses Buchs ablesen: Wer
fähig sind, obwohl sie von Anfang an bewußtseinsabhängig darauf achtet, daß es heißt: >,Du mußt dein Leben ändern!«
existieren und sich für selbsnransparente Größen halten. Sie und nicht: »Du sollst das Leben verändern!«, hat schon im
funktionieren nicht hinter dem Rücken der Subjekte, sondern ersten Durchgang verstanden, worauf es ankommt. 9
sind ganz in deren intentionales Verhalten eingebettet - '
nichtsdestoweniger ist es möglich, dieses Verhalten besser
7 Zur Überlebensbedeutsamkeit von Kulturwissenschaft im globalen
zu verstehen, als es von seinen naiven Agenten verstanden Kontext siehe den »Ausblick « dieses Buches, S. 699f.
wird. Weil es sich so verhält, ist Kulturwissenschaft möglich; 8 Vgl. Peter Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark (zuerst Basel
und weil nicht-naiver Umgang mit symbolischen Immunsy- 1997), Frankfurt am Main 1999. Im übrigen war der Begriff schon
während der heroischen Jahre der Russischen Revolution in Ge-
brauch; man kann ihn im dritten Band der Großen Sowjetischen
Über das »Rechtssystem als Immunsystem des Gesellschafts- Enzyklopädie von 1926 nachschlagen, wo er vor allem die spekulativ
systems« vgl. Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer antizipierten Möglichkeiten biotechnischer Manipulationen an der
allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 1984, S. 509f. menschlichen Erbsubstanz bezeichnete.
6 Mit Problemen dieses Typs hat es u. a. die neue Wissenschaft der 9 Die hierfür einschlägige Antithese von Selbstverbesserung und
Psychoneuroimmunologie zu tun, die sich mit der Verschränkung Weltverbesserung wird unten im dritten Kapitel erläutert, wo von
mehrerer Botenstoffsysteme (Nervensystem, Hormonsystem, Im- der zunehmenden Veräußerlichung des metanoetischen Imperativs
munsystem) befaßt. in der Moderne die Rede ist.
Einleitung Zur amhropotechnischen Wende 25

Der Held der folgenden Geschichte, der homo immunologi- In Wahrheit steht der Übergang von der Natur in die Kul-
cus, der seinem Leben mitsamt dessen Gefährdungen und tur und umgekehrt seit jeher weit offen. Er führt über eine
Überschüssen eine symbolische Fassung geben muß, ist der leicht zu betretende Brücke - das übende Leben. Für ihre
mit sich selbst ringende, der um seine Form besorgte Mensch Errichtung haben die Menschen sich engagiert, seit es sie gibt
- wir werden ihn als den ethischen Menschen näher charak- - vielmehr, es gibt die Menschen erst dadurch, daß sie sich für
terisieren oder besser: als den homo repetitivus, den homo besagten Brückenbau verwenden. Der Mensch ist das ponti-
artista, den Menschen im Training. Keine der kuranten Ver- fikale Lebewesen, das von den ältesten Stadien seiner Evolu-
haltens- und Handlungstheorien ist imstande, den übenden tion an zwischen den Brückenköpfen in der Leiblichkeit und
Menschen zu erfassen - im Gegenteil, wir werden verstehen, denen in den Kulturprogrammen traditionstaugliche Bögen
wieso die bisherigen Theorien ihn systematisch zum Ver- schlägt. Von vorneherein sind Natur und Kultur durch eine
schwinden bringen mußten, egal, ob sie das beobachtete Feld breite Mitte aus verkörperten Praktiken verbunden - in ihr
in Arbeit und Interaktion einteilten oder in Verfahren und haben die Sprachen, die Rituale und die Handgriffe der Tech-
Kommunikationen oder in aktives und kontemplatives Le- nik ihren Sitz, sofern diese Instanzen die universalen Gestal-
ben. Mit einem anthropologisch breit fundierten Übungs be- ten automatisierter Künstlichkeiten verkörpern. Diese Zwi-
griff bekommen wir endlich das Instrument in die Hand, um schenzone bildet eine formenreiche, variabel-stabile Region,
die methodisch angeblich unüberwindliche Kluft zwischen die sich mit konventionellen Ausdrücken wie Erziehung, Sit-
den biologischen und den kulturellen Immunitätsphänome- te, Gewohnheit, Habitusformung, Training und Exerzitium
nen, also zwischen natürlichen Prozessen einerseits, Hand- vorläufig hinreichend klar bezeichnen läßt - ohne daß man
lungen andererseits, zu überbrücken. auf die Vertreter der »Humanwissenschaften« warten müßte,
Daß von der einen Sphäre in die andere keine direkten die mit ihrem Kultur-Getöse für die Verwirrung sorgen, zu
Übergänge offenstehen, ist in endlosen Diskussionen über deren Auflösung sie dann ihre Dienste anbieten. In diesem
die Differenz von Natur- und Kulturphänomenen - und über »Garten des Menschlichen« - um an eine geglückte nicht-
die Methoden ihrer wissenschaftlichen Erschließung - oft physikalische Formel des Physikers earl Friedrich von
genug behauptet worden. Die Forderung nach einem Di- Weizsäcker zu erinnern 10- werden die folgenden Untersu-
rektübergang stellt jedoch eine überflüssige Schikane dar, chungen ihre Gegenstände finden. Gärten sind umfriedete
von der man sich nicht beirren lassen sollte. Auf ihr bestehen Bezirke, in denen Gewächse und Künste zusammentreffen.
bezeichnenderweise vor allem diejenigen, die für die hierzu- Sie bilden »Kulturen« in einem unkompromittierten Sinn des
lande so genannten Geisteswissenschaften ein von metaphy- Wortes. Wer die Gärten des Menschlichen betritt, stößt auf
sischen Zäunen abgeschirmtes Reservat reklamieren. Manche die mächtigen Schichten geregelter innerer und äußerer
Verteidiger der Geisteswel t wollen den Graben zwischen Na- Handlungen mit immunsystemischer Tendenz über biologi-
turereignissen und Freiheitswerken so tief wie möglich aus- schen Substraten. Angesichts der weltweiten Kulturenkrise,
heben - nötigenfalls bis in die Abgründe eines ontologischen zu der auch die eingangs erwähnten gespenstischen neu-reli-
Dualismus, vorgeblich um die Kronkolonien des Geistigen
vor naturalistischen Übergriffen zu bewahren. Wir werden 10 C. F. v. W., Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschicht-
sehen, was hiervon zu halten ist. lichen Anthropologie, München 1978.
q

Einleitung Zur anthropotechnischen Wende

giösen Episoden zählen, ist es kein bloßes akademisches Plai- nun um die reale oder behauptete Gleichheit der Menschen
sir, wenn die Explikation dieses Bereichs auf die Tagesord- vor dem biologischen Gattungserbe handelt oder um die
nung der Zivilisationsparlamente gesetzt wird. 11 virtuelle Gleichwertigkeit der Kulturen vor dem Gerichts-
hof der Überlebenswürdigkeit: Sie muß doch stets der Tat-
Eine übungsanthropologische Studie kann aus Internen sache Rechnung tragen, daß Menschen unumgänglich unter
Gründen unmöglich unengagiert und unparteilich verfahren. vertikalen Spannungen stehen, in allen EpQchen und in
Dies ergibt sich aus dem Umstand, daß jeder Diskurs über sämtlichen Kulturräumen. Wo immer man Menschenwesen
»den Menschen« früher oder später über die Grenzen der begegnet, sind sie in Leistungsfelder und Statusklassen ein-
bloßen Beschreibung hinausgeht und normative Ziele ver- gebettet. Der Verbindlichkeit solcher Hierarchiephänomene
folgt - ob diese nun offengelegt werden oder nicht. Zu keiner kann sich selbst der äußere Beobachter nicht ganz entziehen,
Zeit war das deutlicher zu erkennen als in der frühen euro- sosehr er sich um die Einklammerung seiner Stammesidole
päischen Aufklärung, als die Anthropologie als die ursprüng- bemüht. Ganz offensichtlich gibt es gewisse Meta-Idole,
liche »bürgerliche Wissenschaft« aus der Taufe gehoben wur- deren Autorität sich kulturenübergreifend geltend macht -
de. Damals begann die neue Wissenschaft vom Menschen sich es handelt sich offensichtlich um Universalien der Lei-
als das moderne Paradigma von Philosoprue vor die überlie- stungsrollen, der Status erkennung und der Exzellenz, von
ferten Disziplinen der Logik, der Ontologie und der Ethik zu denen sich niemand emanzipieren kann, beim Eigenen so-
schieben. Wer sich in die Debatte über den Menschen ein- wenig wie beim Fremden, ohne in die Position des Barbaren
schaltete, tat dies, um - »progressiv « - die Gleichung von zu geraten.
Bürger und Mensch geltend zu machen, wobei man entweder Fatalerweise liefert der Terminus »Barbar« das Paßwort,
die Adligen als Sezessionisten der Menschheit abschaffen das den Zugang zu den Archiven des 20. Jahrhunderts öffnet.
wollte oder die Menschheit insgesamt in den Adelsstand zu Es bezeichnet den Leistungsverächter, den Vandalen, den Sta-
erheben suchte, oder um - »reaktionär« - den Menschen als tusleugner, den Ikonoklasten, den Verweigerer der Anerken-
das erbsündige, korrumpierte und labile Tier zu portraitieren, nung für jede Art von Ranking-Regel und Hierarchie. Wer
das man in seinem eigenen Interesse besser nie aus der Hand das 20. Jahrhundert verstehen will, muß stets den barbari-
seiner Zuchtmeister, mittelalterlich gesprochen: seiner correc- schen Faktor im Auge behalten. Gerade für die jüngere Mo-
tores, entläßt. derne war und blieb es typisch, eine Allianz zwischen Barba-
Die unüberwindbare Parteilichkeit der anthropologischen rei und Erfolg vor großem Publikum zuzulassen, anfangs
Theorie ist mit der Natur des Gegenstands intim verflochten. mehr unter der Form von trampelhaftem Imperialismus, heu-
Denn sosehr die allgemeine Rede über »den Menschen « von te in den Kostümen der invasiven Vulgarität, die durch die
einem egalitaristischen Pathos durchdrungen ist, ob es sich Vehikel der Popularkultur in praktisch alle Bereiche vor-
dringt. Daß die barbarische Position im Europa des 20. Jahr-
I I Über erweiterten Parlamentarismus vgl. Bruno Latour, Making hunderts selbst unter den Vertretern der Hochkultur zeitwei-
Things Public. Atmospheres of Democracy, K~.rlsruhe 2005> sowie lig als wegweisend galt, bis hin zu einem Messianismus der
Das Parlament der Dinge. Für eine politische Okologie, Frankfurt
am Main 200r. Zum allgemeinen Programm der Zivilisierung von Unbildung, ja einer Utopie des Neuanfangs auf der leeren
Kulturen vgl. Bazon Brock, Der Barbar als Kulrurheld, Köln 2002. Tafel der Ignoranz, illustriert das Ausmaß der Zivilisations-
Einleirung Zur anthropotechnischen Wende

krise, die dieser Kontinent in den vergangenen einhundert- Parteinahme für den ersten Wert, der im jeweiligen Feld als
fünzig Jahren durchlaufen hat - die Kulturrevolution nach Attraktor gilt, während dem zweiten Pol durchwegs die
unten inbegriffen, die in unseren Breiten das 20. Jahrhundert Funktion eines Repulsionswerts oder einer Vermeidungsgrö-
durchzieht und ihren Schatten auf das 2 I. Jahrhundert vor- ße zukommt.
auswirft. Was ich hier die Attraktoren nenne, sind ihrer Wirkungs-
weise nach die Richtgrößen von Vertikalspannungen, die in
Da die nachfolgenden Seiten vom übenden Leben handeln, psychischen Systemen für Orientierung sorgen. Die Anthro-
führen sie, ihrem Gegenstand entsprechend, zu einer Expedi- pologie darf die Wirklichkeit solcher Größen nicht länger
tion in das wenig erforschte Universum der menschlichen außer Betracht lassen, will sie an den entscheidenden Vekto-
Vertikalspannungen. Der platonische Sokrates hatte das Phä- ren der conditio humana nicht vorbeireden. Nur aus der
nomen für die okzidentale Kultur erschlossen, als er expressiv Wahrnehmung der »von oben« her ansetzenden Zugkräfte
verbis davon sprach, der Mensch sei das Wesen, das potentiell läßt sich begreiflich machen, warum und unter welchen For-
»sich selbst überlegen« ist. 12 Ich übersetze diesen Hinweis in men sich der homo sapiens, den uns die Paläontologen bis in
die Beobachtung, daß alle »Kulturen «, »Subkulturen« oder den Eingangsbereich der geisteswissenschaftlichen Fakultät
»Szenen« auf Leitdifferenzen aufbauen, mit deren Hilfe das anliefern, zu dem aufsteigenden Tendenztier hat entwickeln
Feld menschlicher Verhaltensmöglichkeiten in polarisierte können, als das die Befunde der Ideenhistoriker und der
Klassen unterteilt wird. So kennen die asketischen »Kultu- Weltreisenden ihn mehr oder weniger unisono beschreiben.
ren« die Leitdifferenz Vollkommen versus Unvollkommen, Wo immer man den Angehörigen der humanen Gattung be-
die »religiösen« »Kulturen « die Leitdifferenz Heilig versus gegnet, sie verraten überall die Züge eines Wesens, das zur
Profan, die aristokratischen »Kulturen« die von Vornehm surrealistischen Anstrengung verurteilt ist. Wer Menschen
versus Gemein, die militärischen »Kulturen« die von Tapfer sucht, wird Akrobaten finden.
versus Feige, die politischen »Kulturen« die von Mächtig Der Hinweis auf den Pluralismus der Leitunterscheidun-
versus Ohnmächtig, die administrativen »Kulturen« die von gen soll nicht nur auf die Betriebsbedingungen der vielfälti-
Vorgesetzt versus Nachgeordnet, die athletischen »Kulturen« gen »Kulturen« oder »Szenen« aufmerksam machen. Ein sol-
die von Exzellenz versus Mittelmaß, die ökonomischen cher Pluralismus der Leitunterscheidungen deutet auch eine
»Kulturen« die von Fülle versus Mangel, die kognitiven Erklärung an, wie es in der Geschichte der »Kulturen«, zumal
»Kulturen« die von Wissen versus Unwissen, die sapientalen in ihren heißeren und kreativeren Phasen, zu Überlagerungen
13
»Kulturen« die von Erleuchtung versus Verblendung. Was und Vermischungen der anfangs geschiedenen Bereiche, zu
diese Differenzierungen durchweg gemeinsam haben, ist die Umkehrungen der Wertvorzeichen und Überkreuzungen der
Disziplinen hat kommen können - zu Phänomen mithin, die
12 Siehe hierzu unten S. 26of. den bis heute attraktiven Formen von Spiritualität und Zivi-
13 Vgl. hierzu: Thomas Macho, Neue Askese? Zur Frage nach der lisiertheit zugrunde liegen. Weil die Leitunterscheidungen
Aktualität des Verzichts, in: Merkur 54, 1994/Hcft 7, Stuttgart
aus ihrem ursprünglichen Feld auswandern können, um sich
1994, S. 583-593, worin hinsichtlich der kulturgeschichtlich mäch-
tigen Alternative von Sattheit und Hunger die Leitdifferenz Leer erfolgreich in fremden Zonen einzunisten, gibt es die spiri-
versus Voll erläutert wird. tuellen Chancen, die uns noch immer als die höheren und
3° Einleilung Zur amhropotechnischen Wende 31
höchsten Möglichkeiten des Menschen faszinieren: Dazu nicht, stößt der Theoretiker unweigerlich auf seine eigene
rechnen eine nicht-ökonomische Definition von Reichtum; Verfaßtheit, jenseits von Bejahung und Verneinung.
eine nicht-aristokratische Definition des Vornehmen; eine
nicht-athletische Definition von Spitzenleistung; eine nicht- Dasselbe gilt für das Phänomen der Vertikalspannungen, oh-
herrschaftliche Definition von Oben; eine nicht-asketische ne die es keine absichtsvollen Übungen gibt. Hinsichtlich
Definition von Vollkommenheit; eine nicht-militärische De- Spannungen dieser Art wird der Theoretiker nichts unter-
finition von Tapferkeit, eine nicht-bigotte Definition von nehmen, um seine Befangenheit abzuwehren - von der übli-
Weisheit und Treue. chen Bereitschaft zur Abklärung des Befangenmachenden
Um diese vorbereitenden Bemerkungen abzuschließen, abgesehen. Das anthropologische Studium begreift die Af-
möchte ich ein zusätzliches Wort über die Parteilichkeit des fektion durch die Sache selbst als Zeichen seiner philosophi-
vorliegenden Buchs sagen und einen Warnhinweis auf ein schen Ausrichtung. Tatsächlich stellt die Philosophie den
naheliegendes Mißverständnis geben. Die folgenden Unter- Modus des Denkens dar, der durch die radikalste Form der
suchungen gehen von ihrem eigenen Ergebnis aus: Sie bezeu- Voreingenommenheit geprägt ist - die Passion des In-der-
gen die Erfahrung, daß es Gegenstände gibt, die ihrem Kom- Weit-Seins. Die Leute vom Fach als einzige ausgenommen,
mentator keine vollkommene epoche, keinen Rückzug in die spürt praktisch jeder, daß philosophisch alles ohne Belang
Interesselosigkeit, gestatten, auch wenn die Zeichen auf bleibt, was weniger als dieses Passionsspiel bietet. Für die
Theorie stehen - somit auf Abstinenz von Vorurteilen, Ka- umfassend absorbierenden Beschäftigungen des Menschen
pricen und eifernden Obsessionen. Mit einem solchen Ge- schlagen Kulturanthropologen den schönen Terminus deep
genstand, der seinen Analytiker nicht in Ruhe läßt, haben play vor. Aus der Perspektive einer Theorie des übenden Le-
wir es hier zu tun. Es wäre dem Thema nicht gemäß, wollte bens ist zu ergänzen: Die tiefen Spieie sind diejenigen, die von
sich der Autor ganz hinter dem Zaun der Absichtslosigkeit den Höhen bewegt werden.
verbergen. Die Materie selbst verwickelt ihre Adepten in eine Zuletzt die Warnung vor dem Mißverständnis, von dem
unentrinnbare Selbstbezüglichkeit, indem sie ihnen den ich behauptete, es läge nahe. Es folgt aus dem Umstand,
übenden - den »asketischen«, formfordernden und habitus- daß gegenwärtig eine Vielzahl von »religiös« Interessierten
bildenden - Charakter ihres eigenen Verhaltens vor Augen an einer breit angelegten anti-naturalistischen Mobilmachung
stellt. In seiner Abhandlung über die Götterkämpfe, die dem teilnimmt, mit deren Hilfe die vorgeblichen wie die tatsäch-
antiken dionysischen Theater zugrunde liegen, hatte der jun- lichen Übergriffe der reduktiven Wissenschaften auf die ge-
ge Nietzsehe notiert: »Ach! Es ist der Zauber dieser Kämpfe, heiligten Bezirke des Erlebten und des qualitativ Empfunde-
dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss! «J4 Auf analoge nen abgewehrt werden sollen. Man versteht unmittelbar, wie
Weise wird eine Anthropologie des übenden Lebens von ih- die Argumente gegen den Naturalismus der epistemologi-
rem Gegenstand infiziert. Beim Umgang mit Übungen, As- schen Frühverteidigung von Glaubenstatbeständen dienen.
kesen und Exerzitien, sie seien als solche deklariert oder Wer das Erlebte in eine innere Burg versetzt, welche die
szientistischen Sarazenen von heute und morgen nicht er-
14 F. N., Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, KSA I,
obern können, darf fürs erste glauben, genug getan zu haben,
München 1980, S. 102. um diese empfindlichen Güter unter philosophischen Schutz
Einleitung Zur anthropotechnischen Wende 33
zu stellen. Damit werden, wenn schon nicht die Glaubens- genannten Binnensprachen sind, so läßt sich zeigen, bereits in
inhalte selbst, so doch die Bedingungen der Möglichkeit von den zahllosen »religiös« oder ethisch codierten Übungssyste-
Gläubigkeit überhaupt abgesichert. Was man den Naturali- men enthalten, so daß ihre Explizitmachung keine Überfrem-
sten - heute vor allem durch forsche Neurologen vertreten - dung mit sich bringt. Mit ihrer Hilfe wird das, was die hei-
vorhält, und in der Regel zu Recht, ist ihre vom Fach her ligen Schriften und altehrwürdigen Regeln von sich aus sagen,
vorgegebene Neigung, die Tatsachen des Bewußtseins in in einer dicht anschließenden Alternativsprache noch einmal
funktionaler Verfremdung und äußerer Reflexion aufzufas- gesagt. Wiederholung plus Übersetzung plus Generalisierung
sen, ohne dem unauflösbaren Eigensinn von Vorstellungsin- ergibt, richtig gerechnet, Verdeutlichung. Wenn so etwas wie
halten, wie sie in der Erste-Person-Perspektive auftreten, ge- Progress in Religion existiert: Er kann sich nur als wachsende
recht werden zu können. Explizitheit manifestieren.
An die Adresse derer gerichtet, die mit diesen Denkfiguren
umgehen,15 möchte ich erklären, daß die folgenden Unter-
suchungen in ihrem Kernbereich weder naturalistische noch
funktionalistische Interessen bedienen, obschon mir die
Wahrung der Chance von Anschlüssen an die Ergebnisse
solcher Forschungen auch von der »Geist-Seite« her wün-
schenswert erscheint - insbesondere unter dem bereits er-
wähnten immunologischen Aspekt. Wenn es in meinem Vor-
haben zu einer Verfremdung oder stellenweise provozieren-
den Neubeschreibung der Gegenstände kommt, dann nicht,
weil externe Logiken an sie herangetragen werden, wie man
es etwa beobachtet, wenn Neurowissenschaftler über Chri-
stologie 16 oder Genetiker über die DNA von Monotheisten
spreche nY Die Verfremdung, die von meinen theoretischen
Übungen ausgeht, falls sie als solche empfunden wird, erklärt
sich ausschließlich durch interne Übersetzungen, dank wel-
cher die anthropotechnischen Binnensprachen in den spiri-
tuellen Systemen selbst explizit gemacht werden. Die hier so

15 Exemplarisch Heinz-Theo Homann, Das funktionale Argument.


Konzepte und Kritik funktionslogischer Religionsbegründung,
Paderborn 1997.
16 Vgl. Detlef Linke, Religion als Risiko. Geist, Glaube und Gehirn,
Rowohlt 2003 .
17 Vgl. Dean Hamer, Das Gottes-Gen. Warum uns der Glaube im Blut
liegt, München 2006, s. 207f.
Der Planet der Übenden
37

I DER BEFEHL AUS DEM STEIN


RILKES ERFAHRUNG

Ich stelle zunächst ein ästhetisches Exempel vor, um das


Phänomen der Vertikalspannungen und ihre Bedeutung für
die Reorientierung der konfusen Existenz moderner Men-
schen zu erläutern: Rainer Maria Rilkes bekanntes Sonett Ar-
chaiScher Torso Apollos, das den Zyklus Der Neuen Gedichte
Anderer Teil aus dem Jahr 1908 eröffnet. Der Ansatz bei einem
dichterischen Text scheint günstig - abgesehen davon, daß ich
aus ihm den Titel dieses Buchs entliehen habe -, weil ein sol-
cher wegen seiner Zugehörigkeit zum künstlerischen Feld we-
niger gefährdet ist, jene anti-autoritären Reflexe zu provozie-
ren, die sich heute bei Berührungen mit dogmatisch Gesagtem
oder aus der Höhe Gesprochenem nahezu zwanghaft einstel-
len - »was heißt schon Höhe! « Am ästhetischen Gebilde, und
nur an ihm, haben wir gelernt, uns einer nicht-versklavenden
Form von Autorität, einer nicht-repressiven Erfahrung von
Rangdifferenz auszusetzen. Das Kunstwerk darf sogar uns,
den der Form Entlaufenen, noch etwas »sagen«, weil es ganz
offensichtlich nicht die Absicht verkörpert, uns zu beengen.
»La poesie ne s'impose plus, elle s'expose.«l Was sich selbst
ausgesetzt und in der Prüfung bewährt hat, gewinnt unange-
maßte Autorität. Im ästhetischen Simulationsraum, der zu-
gleich der Ernstfallraum für Gelingen und Mißlingen des
künstlerischen Gebildes ist, kann die machtlose Superiorität
der Werke auf Beobachter einwirken, die ansonsten empfind-
lich darauf achten, keinen Herrn über sich zu haben, keinen
alten und keinen neuen.

1 Paul Celan, in: ders., Gesammelte Werke in sieben Bänden, Dritter


Band, Frankfurt am Main 1983, S. 18I.
Der Planet der Übenden [ Der Befehl aus dem Stein 39

Rilkes Torso-Gedicht ist auf besondere Weise geeignet, die einer Rückkehr zu glaubwürdigen Sinnerfahrungen eröffnen.
Frage nach der Quelle der Autorität zu stellen, weil es von Es vermochte dies, indem es die Sprache an den Goldstandard
sich her ein Experiment über das Sich-etwas-sagen-Lassen des von den Dingen selbst Mitgeteilten band. Wo Beliebigkeit
darstellt. Wie man weiß, hatte Rilke unter dem Einfluß Au- ausgeschaltet wird, soll Autorität aufleuchten.
guste Rodins, dem er zwischen 1905 und 1906 als Privatse- Es liegt auf der Hand, daß nicht jedes beliebige Etwas in
kretär in Meudon zur Hand gegangen war, sich von der ju- den Rang eines Dings befördert werden kann - ansonsten
gendstilhaften, sensibilistisch-atmosphärischen Dichrungs- wäre erneut alles und jedes sprechend, ja, das Geschwätz
weise seiner Anfangsjahre abgewandt, um eine stärker vom würde sich von den Menschen auf die Sachen ausdehnen.
>>Vorrang des Objekts« bestimmte Kunstauffassung zu ver- Rilke privilegiert zwei Kategorien von »Seienden«, um es in
folgen. Das proto-moderne Pathos, dem Gegenstand den der pergamentenen Diktion der Philosophie zu sagen, die für
Vortritt zu lassen, ohne ihn in der Far;on der alten Meister die hohe Aufgabe, botschaftliehe Dinge zu sein, in Frage
»naturgetreu « abzubilden, führte bei Rilke zum Konzept des kommen - die Artifizien und die Lebewesen -, wobei die
Ding-Gedichts - und hierdurch zu einer vorübergehend letzteren von den ersten her ihre besondere Note erhalten,
überzeugenden neuen Antwort auf die Frage nach der Quelle als wären die Tiere die höchsten Kunstwerke des vormensch-
ästhetischer und ethischer Autorität. Von nun an sollen es die lichen Seins. Beiden ist eine botschaftliehe Energie inhärent,
Dinge selbst sein, von denen alle Autorität ausgeht - oder die sich nicht von selber aktiviert, sondern des Dichters als
besser: von diesem jeweils aktuellen singulären Ding, das sich Decoders und Überbringers bedarf. Hierin hat die Kompli-
an mich wendet, indem es ganz den Blick beansprucht. Dies zenschaft zwischen dem sprechenden Ding und der Rilke-
ist nur möglich, weil Ding-Sein jetzt von sich her nichts an- sehen Dichtung ihren Grund - so wie nur wenig später die
deres bedeuten soll als: etwas zu sagen haben. Heideggerschen Dinge mit der »Sage« einer besinnlichen
Rilke führt auf seinem Gebiet und mit seinen Mitteln eine Philosophie konspirieren, die keine bloße Schuldisziplin
Operation aus, die man philosophisch als die »botschaftliehe mehr sein will.
Transformation des Seins« (vulgo linguistic turn) umschrei- Mit diesen etwas akzelerierten Hinweisen ist ein Rahmen
ben könnte. »Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache«, umrissen, innerhalb dessen wir eine kurze Lektüre des Torso-
wird Heidegger sagen - was umgekehrt die These impliziert: Gedichts versuchen können. Ich gehe davon aus, daß der
Sprache, die vom »Sein« verlassen ist, gerät zum Geschwätz. Torso, von dem im Sonnett die Rede ist, ein »Ding« im emi-
Dann und nur dann, wenn das Sein sich in privilegierten nenten Sinn des Worts verkörpern soll, und zwar gerade des-
Dingen zusammenzieht und auf dem Umweg über diese Din- wegen, weil er bloß den Rest einer vollständigen Skulptur
ge sich an uns wendet, besteht Grund zu der Hoffnung, der darstellt. Aus Rilkes Biographie wissen wir: Er brachte von
anschwellenden Beliebigkeit zu entgehen, ästhetisch wie phi- seinem Aufenthalt bei den Werkstätten Rodins die Erfahrung
losophisch. Angesichts der galloppierenden Inflation des Ge- mit, auf welche Weise die moderne Plastik zur Gattung des
schwätzes mußte eine solche Hoffnung zahlreiche Künstler autonomen Torsos vorgestoßen war. 2 Die Sicht des Dichters
und »Geistige « um 1900 in ihren Bann ziehen. Inmitten der
allgegenwärtigen Geschäfte mit den prostituierten Zeichen 2 Wolfgang Brückle, Von Rodin bis Baselitz. Der Torso in der Kunst
konnte das Ding-Gedicht eine Aussicht auf die Möglichkeit der Moderne, Ostfildern 2001.
Der Planet der Übenden I Der Befehl au s dem Stein

auf den verstümmelten Körper hat darum nichts mit der mene, das in den vierzehn Zeilen beschworen wird, findet
Fragment- und Ruinenromantik des vorangehenden Jahr- seinen Daseinsgrund in dem Umstand, daß es - unabhängig
hunderts zu tun; sie gehört in den Durchbruch der modernen von der Verstümmelung des materiellen Trägers - die Voll-
Kunst zum Konzept des sich mit Autorität selbst aussagen- macht besitzt, eine aus sich selbst appellierende Botschaft zu
den Objekts und des sich mit Vollmacht selbst veröffent- bilden. Diese Appellkraft liegt bei dem hier vergegenwärtig-
lichenden Körpers. ten Gegenstand in exquisiter Weise vor. Vollkommen ist, was
einen ganzen Satz des Seins artikuliert. Nicht mehr und nicht
ARCHAISCHER TORSO ApOLLOS weniger hat das Gedicht zu leisten, als den Satz des Seins im
Ding zu vernehmen und ihn dem eigenen Dasein anzuglei-
Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt chen - mit dem Ziel, selber ein Gebilde von ebenbürtiger
darin die Augenäpfel reiften. Aber Botschaftsmächtigkeit zu werden.
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, Der Rilkesche Torso kann als Träger des Prädikats »voll-
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt, kommen« erfahren werden, weil er etwas mitbringt, was es
ihm erlaubt, die gewöhnliche Erwartung einer Gestaltganz-
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug heit zu brüskieren. In dieser Geste hat die Wende der Mo-
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen derne gegen das Prinzip Naturnachahmung - im Sinn von
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen Nachahmung von vorgebenen Gestalterwartungen - eines
zu jener Mitte, die die Zeugung trug. ihrer Motive. Sie vermag botschaftliche Ganzheiten und au-
tonome Dingsignale auch dann wahrzunehmen, wenn keine
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz morphologisch integren Figuren mehr vorliegen - ja gerade
unter der Schultern durchsichtigem Sturz dann. Der Sinn für Vollkommenheit zieht sich aus den Natur-
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; formen zurück - wohl deswegen, weil die Natur selbst dabei
ist, ihre ontologische Autorität zu verlieren. Auch durch die
und bräche nicht aus allen seinen Rändern Popularisierung der Photographie werden die Standardan-
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, blicke der Dinge zunehmend abgewertet. Als erste Auflage
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern. des Sichtbaren gerät die Natur in Mißkredit. Sie vermag sich
als Absenderin von verbindlichen Botschaften nicht mehr zu
Wer von dem Gedicht bei erster Lesung schon Bestimmteres behaupten - aus Gründen, die letztlich auf ihre Entzauberung
aufnimmt, versteht soviel: Hier wird von einer Vollkommen- durch wissenschaftliche Erforschung und technische Über-
heit gehandelt - einer Vollkommenheit, die um so verbind- bietung zurückgehen. Nach dieser Verschiebung nimmt
licher und mysteriöser zu sein scheint, als es bei ihr um die »vollkommen sein« eine veränderte Bedeutung an: Es heißt,
Perfektion eines Bruchstücks geht. Man darf unterstellen, etwas zu sagen haben, was bedeutsamer ist als das Gerede der
Rilke bedanke sich mit diesem Werk bei Rodin, dem Lehr- geläufigen Ganzheiten. Nun kommen die Torsi und ihresglei-
meister seiner Pariser Zeit, für das Konzept des für sich ste- chen zum Zug, es schlägt die Stunde der Formen, die an nichts
henden Torsos, dem er bei ihm begegnet war. Das Voll kom- erinnern. Die Bruchstücke, die Krüppel, die Hybride bringen
D er Planet der Übenden I D er Befehl aus dem Stein 43
etwas zur Aussprache, was die gewöhnlichen G anzformen haben - sofern sie uns nicht offen lästig werden. Das seins-
und die glücklichen Integritäten nicht mehr zu übermitteln erfüllte Ding hingegen hört nicht auf, uns anzusprechen,
imstande sind. Intensität schlägt Standard perfektion. Hun- wenn sein Moment gekommen ist.
dert Jahre nach Rilkes Wink verstehen wir diesen Hinweis Wir nähern uns dem kritischen Punkt: Seit jeher haben die
wohl noch besser als dessen eigene Zeitgenossen, da unser beiden Schlußzeilen die Leser in ihren Bann gezogen. Sie
Wahrnehmungsvermögen wie das keiner Generation vor wecken Bedeutsamkeitsgefühle, die das lyrische Gebilde im
uns von dem Geschwätz der makellosen Körper betäubt ganzen gleichsam aus den Angeln heben - als wäre es nur der
und ausgeplündert wird. Hinweg zu einem Höhepunkt, um dessentwillen das übrige
Mit diesen Hinweisen dürfte deutlich geworden sein, wie ausgebreitet wird. Tatsächlich haben die zwei Schlußsätze:
das Phänomen des Von-oben-angesprochen-Werdens sich in »denn da ist keine Stelle I die dich nicht sieht. Du mußt dein
einem ästhetischen Gebilde verkörpert. Zum Verständnis ei- Leben ändern.« eine fast selbstständige Karriere angetreten
nes Appell-Erlebnisses solcher Art ist es zunächst nicht nötig, und sich dem Gedächtnis der Gebildeten eingeprägt, nicht
auf die von Rilke akzeptierte Vermutung einzugehen, es nur bei Rilkeverehrern und Lyromanen. Ich gestehe, für dies-
handle sich bei dem von ihm besungenen Torso um das Relikt mal neige ich dazu, dem Bedürfnis, Sätze aus dem Zusam-
einer Götterstatue - damalige Kuratoren meinten zu wissen: menhang zu reißen, recht zu geben, nicht zuletzt deswegen,
eines Apollo. Es ist nicht völlig auszuschließen, bei der weil sich in der populären Vorliebe für schöne Stellen gele-
Skulpturerfahrung des Dichters habe ein Element von ju- gentlich ein gültiges Urteil über authentische Gipfelmomente
gendstilhafter Bildungspietät mitgespielt - Rilke soll der rea- nachweisen läßt. Man muß kein Schwärmer sein, um zu ver-
len Vorlage bei einem Besuch im Louvre begegnet sei n, und stehen, warum die beiden Schlußsätze ein Eigenleben entwik-
soviel man weiß, wäre sie kein archaisches Kunstwerk, son- kelt haben. In ihrer gediegenen Bündigkeit und mystischen
dern eines aus der klassischen Zeit griechischer Bildhauerei Simplizität strahlen sie eine kunstevangelische Energie aus,
gewesen. Was der Dichter jedoch zu dem Torso des mutmaß- wie sie an kaum einer anderen Wendung der jüngeren Sprach-
lichen Apolls zu sagen weiß, ist mehr als eine Notiz über kunst beobachtet wird.
einen Ausflug in den Antikensaal. Es kommt dem Autor Auf den ersten Blick erscheint der vorausgestellte Satz als
nicht darauf an, daß das Ding einen erloschenen Gott zeigt, der geheimnisvollere. Wer ihn versteht oder akzeptiert oder
für den humanistisch Gebildete sich interessieren könnten, im lyrischen Zusammenhang gelten läßt - was im gegebenen
sondern darauf, daß der Gott im Stein ein Ding-Gebilde dar- Fall dasselbe meint -, wird auf der Stelle wie von einer hyp-
stellt, das noch immer auf Sendung ist. Wir haben es mit notischen Suggestion erfaßt. Man gibt, indem man sich im
einem Zeugnis dafür zu tun, wie die neuere botschaftliche >,verstehen" übt, einer sprachlichen Wendung Kredit, die
Ontologie den hergebrachten Theologien über den Kopf das alltägliche Verhältnis zwischen dem Sehenden und dem
wächst. In ihr wird das Sein selbst gegenüber Gott, dem Gesehenen umkehrt. Daß ich den Torso mit seinen gedrun-
machthabenden Götzen der Religionen, als die sprechendere, genen Schultern und seinen Stümpfen sehe, ist das eine; daß
die sendungsmächtigere, die autoritätspotentere Größe ver- ich mir die fehlenden Teile, den Kopf, die Arme, die Beine,
standen. Auch ein Gott kann in modernen Tagen leicht unter das Geschlecht, träumerisch hinzudenke und assoziativ ani-
die schönen Figuren geraten, die uns nichts mehr zu sagen miere, ist ein zweites. Ich kann mir, unter Rilkes Anregung,
44 Der Planet der Übenden 1 Der Befehl aus dem Stein 45
zur Not sogar ein Lächeln vorstellen, das von einem unsicht- Auch der Torso, an dem keine Stelle ist, die mich nicht sieht,
baren Mund bis zu einem verschwundenen Genital reicht. zwingt sich nicht auf - er setzt sich aus. Er setzt sich aus,
Das völlig Andere jedoch, das durch und durch Inkommen- indem er es darauf ankommen läßt, ob ich ihn als Sehenden
surable, besteht in der Zumutung, hinzunehmen, daß der sehe. Ihn als Sehenden auffassen heißt soviel wie an ihn »glau-
Torso mich sieht, während ich ihn betrachte - ja, daß er mich ben«, wobei glauben, wie bemerkt, hier die inneren Opera-
schärfer ins Auge faßt, als ich ihn anzusehen vermag. tionen bezeichnet, die nötig sind, um das vitale Prinzip im
Die Fähigkeit, die innere Geste auszuführen, mit der man Stein als einen Absender von diskreten adressierten Energien
für diese Unwahrscheinlichkeit in sich Platz schafft, dürfte zu denken . Gelingt mir dies irgend wie, so ist es mir auch
ziemlich genau in dem Talent bestehen, von dem Max Weber möglich, dem Stein sein subjekthaftes Glühen abzunehmen.
leugnete, es zu besitzen. Es ist das der »Religiosität«, als mit- Ich akzeptiere versuchsweise sein modellhaft strahlendes Da-
gebrachte Disposition und entwickelbare Begabung verstan- stehen und empfange seinen sternenhaft ausbrechenden
den und hierin zu Recht der Musikalität vergleichbar. Man Überschuß an Autorität und Seele.
kann sie üben, wie man melodische Passagen oder syntakti- Nur in diesem Zusammenhang spielt der Name des Dar-
sche Muster übt. Unter diesem Aspekt ist Religiosität mit gestellten eine Rolle. Was in der vormaligen Apollo-Statue
einer gewissen grammatischen Promiskuität kongruent. Wo erscheint, ist aber nicht ohne weiteres mit dem gleichnamigen
sie am Werk ist, tauschen Objekte mit Subjekten elastisch die Olympier gleichzusetzen, der in den Tagen seiner Vollstän-
Plätze. Mithin: Wenn ich akzeptiere, daß da - an der schim- digkeit für Licht, Kontur, Vorauswissen und Formensicher-
mernden Oberfläche des verstümmelten Steins -lauter »Stel- heit zu sorgen hatte. Er steht vielmehr, wie der Gedichttitel
len« sind, die Augen gleichkommen und die mich sehen: dann ahnen läßt, für etwas viel Älteres, das aus vorzeitlichen Quel-
vollziehe ich eine Operation von mikroreligiöser Qualität - len aufsteigt. Er symbolisiert ein göttliches Magma, in dem
und die man, einmal begriffen, als primäres Modul einer etwas von der ersten Ordnungsrnacht, alt wie die Welt selbst,
»frommen « inneren Handlung auch in den makroreligiös zur Erscheinung kommt. Kein Zweifel, daß hier bei Rilke
ausgebauten Systemen auf allen Ebenen wiedererkennt. Auf Erinnerungen an Rodin und sein zyklopisches Arbeitsethos
der Position, wo üblicherweise das Objekt erscheint, welches wirksam werden. In der Zeit seines Umgangs mit dem großen
ebendarum, weil es Objekt ist, niemals zurückschaut, »erken- Künstler erlebte er, was es bedeutet, die Oberflächen von
ne« ich nun ein Subjekt, das die Fähigkeit besitzt, zu schauen Körpern so lange zu traktieren, bis sie nur noch ein einziges
und Blicke zu erwidern. Ich lasse mich also, hypothetisch Gewebe von durchgeformten, luminosen, gleichsam sehen-
gläubig, auf die Unterstellung eines Subjekts ein, das der be- den »Stellen« bilden. 3 Von Rodins Skulpturen hatte er einige
treffenden Stelle innewohnt, und warte ab, was diese nach- Jahre zuvor geschrieben: »es gab Stellen ohne Ende, und kei-
giebige Wendung aus mir macht. (Wir merken an: Zu mehr als ne, an der nicht etwas geschah.«4 Jede Stelle ist ein Ort, an
habitualisierten Unterstellungen kann auch die »tiefste « oder dem Apollo, der Gestalt- und Oberflächengott, mit seinem
virtuoseste Gläubigkeit es niemals bringen). Der Lohn für
meine Bereitschaft zur Beteiligung an der Objekt-Subjekt- 3 »Menschen redeten nicht zu ihm. Steine sprachen«, heißt es bereits
in dem Essay über Rodin. Rainer Maria Rilke, Werke, Band III, 2,
Umkehrung fällt mir unter der Form einer privaten Erleuch-
Prosa, Frankfurt am Main 1980, S. 369.
tung zu - im vorliegenden Fall als ästhetische Ergriffenheit. 4 Ibid., S. 359·
Der Planet der Übenden I Der Befehl aus dem Stein 47
älteren Gegenspieler Dionysos, dem Drang- und Strömungs- Wollte man alle Lehren der Papyrusreligionen, der Perga-
gott, einen visuell prägnanten und haptisch fühlbaren Kom- mentreligionen, der Stylus- und Federkielreligionen, der kal-
promiß schließt. Daß dieser energetisierte Apollo eine Er- ligraphischen und typographischen Religionen, alle Ordens-
scheinung des Dionysos verkörpert, geht aus dem Hinweis regeln und Sektenprogramme, alle Meditationsanleitungen
hervor, der Stein flimmere wie Raubtierfelle: Rilke hatte und Stufenlehren, alle Trainingsvorschriften und Diätologien
seinen Nietzsehe gelesen. Hier tritt uns das zweite mikro- in eine gemeinsame Werkstatt versetzen, wo sie in einer letz-
religiöse bzw. protomusikalische Modul entgegen: jenes no- ten Redaktion zusammengefaßt werden müßten: Ihr äußer-
torische »Dieses steht für Jenes «, »das Eine erscheint im An- stes Konzentrat würde nichts anderes sagen als das, was der
deren«, »die Tiefe ist in der Oberfläche gegenwärtig« - Figu- Dichter in einem transluziden Moment aus dem archaischen
ren, ohne die kein religiöser Diskurs je zustande kam. An Torso Apollos emanieren läßt.
ihnen kann man ablesen, daß Religiosität eine Form von her- Du mußt dein Leben ändern! - so lautet der Imperativ, der
meneutischer Beweglichkeit ist und eine trainierbare Größe die Alternative von hypothetisch und kategorisch übersteigt.
darstellt. Es ist der absolute Imperativ - der metanoetische Befehl
»Denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt schlechthin. Er gibt das Stichwort zur Revolution in der
dein Leben ändern.« Es bleibt zu zeigen, warum der zweite zweiten Person Singular. Er bestimmt das Leben als ein Ge-
Satz, an dem es scheinbar nichts zu deuten gibt, bei weitem fälle zwischen seinen höheren und niedereren Formen. Ich
der geheimnisvollere ist. An ihm ist nicht nur seine fehlende lebe zwar schon, aber etwas sagt mir mit unwidersprechlicher
Vorbereitung, seine Plötzlichkeit mysteriös. »Du mußt dein Autorität: Du lebst noch nicht richtig. Die numinose Auto-
Leben ändern« - das scheint aus einer Sphäre herzustammen, rität der Form genießt das Vorrecht, mich mit »Du mußt«
in der keine Einwände erhoben werden können. Auch ist anzusprechen. Es ist die Autorität eines anderen Lebens in
nicht zu entscheiden, von wo aus der Satz gesprochen wird, diesem Leben. Diese trifft mich an in einer subtilen Insuffi-
allein seine absolute Vertikalität steht außer Zweifel. Man zienz, die älter und freier ist als die Sünde. Sie ist mein in-
weiß nicht, ob dieses Diktum senkrecht aus dem Boden nerstes Noch-nicht. In meinem bewußtesten Moment werde
schießt, um mir wie ein Pfeiler im Weg zu stehen, oder ob ich vom absoluten Einspruch gegen meinen status qua betrof-
es vom Himmel stürzt, um die Straße vor mir in einen Ab- fen: Meine Veränderung ist das eine, das not tut. Änderst du
grund zu verwandeln, so daß der nächste Schritt, den ich tue, daraufhin dein Leben wirklich, tust du nichts anderes, als was
schon zu dem geänderten Leben, das gefordert wird, gehären du selber mit deinem besten Willen willst, sobald du spürst,
müßte. Es ist nicht genug, zu sagen, Rilke habe die Ethik wie eine für dich gültige Vertikalspannung dein Leben aus
ästhetisierend ins Lapidare, Zyklopische, Altertümlich-Bru- den Angeln hebt.
tale zurückübersetzt. Er hat einen Stein entdeckt, der den Neben dieser ethisch-revolutionären Lesart liegen auch
Torso der »Religion«, der Ethik, der Askese überhaupt ver- etwas handfestere und psychologisch eingängigere Deutun-
körpert: ein Gebilde, das einen Anruf von oben abstrahlt, gen des Torso-Gedichts nahe. Es zwingt uns nichts, den
reduziert auf den puren Befehl, die unbedingte Weisung, die Kommentar auf kunst- und seinsphilosophische Hochlagen
durchlichtete Äußerung des Seins, das verstanden werden zu beschränken. Das Autoritätserlebnis, das den Dichter für
kann - und das nur in Imperativen spricht. einen Moment an di e antike Statue fesselt, läßt sich auf einer
Der Planet der Übenden I Der Befehl aus dem Stein 49

eher sinnlichen, ästhetisch leichter greifbaren Ebene vielleicht zu seinem Modell. Nun möchte ich Rilke gewiß keine nar-
noch plausibler rekonstruieren. Hier wäre von den somati- zißtische Beziehung zu einem im Louvre ausgestellten
schen, genauer: den autoerotischen und maskulin-athleti- Bruchstück altgriechischer Männerkörperkultherrlichkeit
schen Anmutungen der Skulptur zu sprechen, die im Dichter andichten. Plausibel ist jedoch, daß der Verfasser des Sonetts
(in der Sprache seiner Zeit ein Neurastheniker und schwach- aus dem realen Torso, der ihm zu Gesicht kam, etwas von der
leibiger Introvertierter) eine Einfühlung in die antipodische Strahlkraft des antiken Athletenvitalismus und von der mus-
Seinsweise der starken »Körpermenschen« hervorgerufen kulären Theologie der Ringer in der Palästra herausgelesen
haben muß. Dem entspricht eine Tatsache, die Rilke nicht hat. Das Vitalitätsgefälle zwischen dem erhöhten und dem
verborgen war: daß in der unermeßlich reichen Statuenkultur profanen Körper muß ihn selbst angesichts eines bloßen Re-
der Griechen zwischen Göttern und Athleten ein physisches likts verklärter Männlichkeit auf unmittelbare Weise ange-
und psychisches Verwandtschaftswesen herrschte, in dem sprochen haben.
die Verähnlichung bis zur Gleichsetzung reichen konnte. Mit dieser Empfindungsweise wäre der Dichter nicht mehr
Ein Gott war immer auch eine Art Sportler, und der Sportler, und nicht weniger gewesen als ein sensibler Zeitgenosse der
zumal der im Preislied gefeierte und vom Lorbeer gekrönte, europäischen Spätrenaissance, die um 1900 in ein kritisches
auch immer eine Art Gott. Daher bietet sich der Athleten- Stadium eintritt. Ihr definierendes Merkmal ist die Wieder-
körper, der Schönheit und Disziplin zu einer in sich ruhen- kehr des Athleten als der Schlüsselfigur des antiken somati-
den Sprungbereitschaft vereinigt, als eine der verständlich- schen Idealismus. Damit geht der Prozeß des nach-christli-
sten und überzeugendsten Erscheinungsformen von Auto- chen Kulturumbaus, der um I400 als philologische und arti-
rität an. stische Renaissance begonnen hatte, in seine massenkulturelle
Der autoritative Körper des Gott-Athleten wirkt auf den Phase über. Sein stärkstes Kennzeichen ist der Sport, von dem
Betrachter unmittelbar durch seine Vorbildlichkeit. Auch er man nie genug betonen kann, wie tief er in das Ethos der
sagt lapidar: »Du mußt dein Leben ändern! «, und indem er es Modernen eingegriffen hat. Mit dem Neustart der Olympi-
sagt, zeigt er zugleich, an welchem Modell die Veränderung schen Spiele (und mit der exzessiven Popularisierung des
sich zu orientieren hat. An ihm ist ablesbar, wie Sein und Fußballs in Europa und Südamerika) setzt sein Siegeszug
Vorbildlichsein konvergieren. Jede der klassischen Statuen ein, dessen Ende kaum abzusehen ist, es sei denn, die aktuelle
war eine petrifizierte oder in Bronze gegossene Lehrbefugnis Dopingkorruption wäre als Indiz eines bevorstehenden Zu-
in ethischen Angelegenheiten. Was man den Platonismus sammenbruchs zu deuten - freilich weiß heute niemand, was
nannte, ansonsten eher eine ungriechische Affaire, konnte an die Stelle des Athletismus treten könnte. Dem seit I900
in Griechenland nur insofern eine Heimstätte finden, als die explodierenden Sportkult kommt eine überragende geistes-
sogenannten Ideen dort bereits unter der Form von Statuen geschichtliche, besser: ethik- und askesegeschichtliche Be-
eingebürgert waren. Die platonische Liebe war als Trainings- deutung zu, weil sich in ihm ein epochaler Akzentwandel
affekt zwischen den somatisch Vollendeten und den Anfän- im Übungsverhalten manifestiert - eine Transformation, die
gern bei den Übungen schon eine Weile vor Platon populär man am besten als Re-Somatisierung bzw. als Entspirituali-
verankert, und dieser Eros wirkte in bei den Richtungen, vom sierung der Askesen beschreibt. In dieser Hinsicht ist der
Vorbild auf seinen Nacheiferer ebenso wie vom Begehrenden Sport die expliziteste Verwirklichung des Junghegelianismus,
Der Planet der Übenden 1 Der Befehl aus dem Stein

der philosophischen Bewegung, deren Schlüsselwort »Auf- Gib deine Anhänglichkeit an bequeme Lebensweisen auf-
erstehung des Fleisches im Diesseits « gelautet hatte. Von den zeige dich im G ymnasium (gymnos, nackt), beweise, daß dir
beiden großen Ideen des 19. Jahrhunderts, dem Sozialismus der Unterschied zwischen Vollkommenem und Unvollkom-
und dem Somatismus, war offensichtlich nur di e letztere all- menem nicht gleichgültig ist, führe uns vor, daß Leistung -
gemein durchsetzbar, und man braucht kein Prophet zu sein, Exzellenz, arete, virtu - für dich keine Fremdworte geblieben
um zu behaupten, daß das 21. Jahrhundert noch mehr als das sind, gib zu, daß für dich Motive zu neuen Anstrengungen
20. ihr ganz und gar gehören wird . existieren! Vor allem: Gewähre dem Verdacht, der Sport sei
Nach dem Gesagten scheint es mir nicht abwegig, Rilke eine Sache für die Dümmsten, nur soviel Raum, wie ihm zu-
eine Teilhabe an der somatischen und athletischen Renais- kommt, mißbrauche ihn nicht als Vorwand zum Weiterdrif-
sance zuzusprechen, obschon sein Bezug zu ihr naturgemäß ten in deiner gewohnten Verwahrlosung, mißtraue dem Phi-
ein indirekter und über Artefakte, namentlich die oben erläu- lister in dir, der meint, du seist, wie du bist, schon ziemlich in
terte Kategorie der »Dinge«, vermittelter war. Immerhin hat Ordnung! Höre die Stimme aus dem Stein, widersetze dich
Rilke aus seiner Angeregtheit durch Nietzsche kei n Geheim- nicht dem Appell zur Form! Ergreife die Gelegenheit, mit
nis gemacht, ebenso hat er - etwa in dem Brief des jungen einem Gott zu trainieren!
Arbeiters S - die zeitgemäße Rückforderung der Sexualität ge-
gen die verkrüppelnde Tradition des christlichen »Triebver-
zichts« auf seine Fahne geschrieben.

Die Gegenwart des athletischen Mana in dem noch immer


leuchtenden und lehrbefugten Torso beinhaltet ein Element
von Orientierungsenergie, die ich - auch wenn der Ausdruck
fürs erste befremdlich scheinen kann - als Trainerautorität
bezeichnen möchte. In dieser Stellung und Eigenschaft wen-
det er sich mit einer unverkennbar sportethisch gefärbten
Ansprache an die Leibes- und Lebensschwächlinge gegen-
wärtiger Tage. Der Satz: »Du mußt dein Leben ändern!«, ist
jetzt als Refrain einer Sprache des In-Form-Kommens zu
hören. Er rechnet zu einer neuen rhetorischen Gattung,
dem Coach-Diskurs, der Kabinenstandpauke des Trainers
an eine formschwache Mannschaft. Wer mit Mannschaften
redet, muß jeden Einzelnen ansprechen, als spräche er zu
ihm allein. In Gesellschaft können solche Reden nicht gedul-
det werden, für Mannschaften sind sie konstitutiv.

5 Geschrieben im Februar 1921, posthum veröffentlicht 1933 ·


2 Ferner Blick auf den asketischen Stern 53
tor der Genealogie der Moral ist philosophisch der aufmerk-
samste Zeitgenosse der Prozesse, die unter den oben einge-
2 FERNER BLICK AUF DEN ASKETISCHEN STERN
führten Begriff »somatische oder athletische Renaissance« zu
NIETZSCHES ANTIKEPROJEKT
fassen sind. Um von deren Stoß- und Zugrichtung ein ange-
messenes Bild zu gewinnen, ist eine Relektüre seiner Schrif-
ten zur Lebenskunst unumgänglich, und dabei drängt sich die
Der Ausdruck "Spätrenaissance«, den ich zur Charakterisie- Frage nach dem wahren Datum von Nietzsches intellektuel-
rung des immer noch zu wenig verstandenen, nach 1900 auf- ler Existenz aus starken sachlichen Motiven auf.
gebrochenen Sportkultphänomens vorgeschlagen habe, er- Daß der Autor sich selber gelegentlich als einen Renais-
weist sich als hilfreich, wenn es darum geht, die Intervention sancemenschen empfunden hat, den es in eine falsche Epoche
Nietzsches inmitten der Diskurse der in den Modernismus verschlagen hatte, darf man ihm ohne Nachprüfung glauben.
umschlagenden Aufklärung zu datieren. Tatsächlich muß je- Worauf es in unserem Kontext ankommt, ist nicht der Sinn
der Versuch, Nietzsehe zu verstehen, mit einer Reflexion für eine Wahlvergangenheit oder das Heimweh nach einem
über Nietzsches Datum beginnen. Es genügt bei diesem Den- verflossenen Goldenen Zeitalter für Kunst und Rücksichts-
ker nicht, auf seine Geburts- und Sterbedaten zu schauen, um losigkeit. Entscheidend ist vielmehr die Tatsache, daß Nietz-
zu wissen, wann er gelebt und gedacht hat. Zu den Enormitä- sehe selbst Akteur in einem realen Renaissancegeschehen
ten dieses Autors gehört es, daß es nicht gelingt, ihn als das war, das er wohl nur deswegen nicht als solches identifizieren
Kind seiner Zeit festzustellen. Natürlich kann man das Zeit- konnte, weil sein Begriff von Renaissance noch zu sehr kunst-
typische in seinem Werk leicht dingfest machen. Es läßt sich historisch befangen blieb. Nicht umsonst hatte der junge
zeigen, wie er als Künstler den Übergang von einer bieder- Nietzsehe zu den intensivsten Lesern von Jac ob Burckhardts
meierlich depotenzierten Romantik zu einer spätromantisch epochenmorphologischem Meisterwerk Die Kultur der Re-
gefärbten Moderne vollzieht, als Publizist den Sprung vom naissance in Italien (1860) gehört, einem Werk, in dem der
Wagnerismus zu einem prophetischen Elitismus, als Denker Historiker eine Zeitspanne von mehreren Jahrhunderten zu
den Stellungswechsel vom symbolistischen Spätidealismus einem einzigen Wandgemälde zusammengefaßt hat. Vor die-
zum perspektivischen Naturalismus - in Namen ausge- sem Riesenbild zurücktretend, konnte der Rezipient des spä-
drückt: von Schopenhauer zu Darwin. Wäre an Nietzsehe ten 19. Jahrhunderts kaum anders, als sich nach den vergange-
nur das bedeutsam, was seiner Epoche tributpflichtig blieb, nen Zeiten zu sehnen und sich selbst an einer passenden Stelle
so hätte die Rezeption seines Werks spätestens 1914 aufge- in das Gemälde zu projizieren. Alles spricht dafür, daß Nietz-
hört - an dem Wendedatum, seit welchem die Modernen ein sehe solche Übungen nicht fremd waren. Er könnte sich ins
für alle Mal andere Sorgen haben - schon 1927 erhebt Hei- Heerlager Castruccio Castracanis versetzt haben, um heroi-
degger die »anderen Sorgen« in den Rang der Sorge über- schen Vitalismus aus der Nähe zu erleben, er könnte am
haupt, der Sorge sans phrase. Lungotevere spazierengegangen sein, von dem träumerischen
In Wahrheit haben Nietzsches Impulse erst im Zeitalter Vorsatz erfüllt, ein Cesare Borgia der Philosophie zu werden.
der »anderen Sorgen« sich zu entfalten begonnen, und ein Gleichwohl hätte es für den Wanderer von Sils Maria ge-
Ende der Entfaltungsarbeit läßt sich nicht absehen. Der Au- nügt, das kunsthistorisch verengte Schema von Renaissance
54 Der Planet der Übenden 2 Ferner Blick auf den asketischen Stern 55
1
fallenzulassen und zu einem prozeßtheoretischen Renais- schichte in die Arena der Kämpfe um den wahren modus
sancebegriff überzugehen: So wäre er unvermeidlich zu vivendi der Modernen versetzt. Nietzsche in diese Arena
dem Schluß gelangt, das Zeitalter der »Wiedergeburt« sei kei- zu plazieren heißt ihn fürs erste richtig datieren.
neswegs mit den Kunst- und Kulturereignissen des 15. und Mit dieser Ausweitung der Renaissance-Zone ist aber
16. Jahrhunderts erledigt. Aus prozessualer Sicht hätte sich nicht mehr als ein erster Schritt geleistet. Bliebe man bei
Nietzsehe selbst im aktuellen Drehpunkt einer fortgehenden ihm stehen, hätte man Nietzsche allenfalls zur Hälfte richtig
Renaissance erkennen können, die eben im Begriff war, ihre umdatiert. Man hätte ihm zwar Gerechtigkeit widerfahren
bildungsbürgerlichen Definitionen zu sprengen. Diese Bewe- lassen, indem man seine Gegenwart einer Vergangenheit sei-
gung hatte sich, durch die Vermittlung der Aufklärung, von ner Wahl einverleibte. Was jedoch seine radikalere »Chrono-
einer Liebhaberei winziger alphabetisierter Eliten mitsamt politik« angeht, sein Bestreben, aus der Neuzeit als ganzer
ihren Sekretären, von einer prunkvollen Spielerei fürstlich- auszubrechen, hätte man ihn nicht wirklich ernst genommen.
großkaufmännischer Kunstförderer mitsamt ihren meisterli- In diesem Ausbruchsversuch verbirgt sich die um vieles grö-
chen Lieferanten (die ein erstes »Kunstsystem « etablierten6 ) ßere Provokation und der um vieles heftigere Denkanstoß.
in eine nationale, eine europäische, eine planetarische Ange- Zu dessen Bewältigung reicht auch der seit einer Weile ge-
legenheit verwandelt. Wollte die Renaissance von den Weni- läufige Umdatierungsvorschlag nicht aus, dem zufolge
gen auf die Vielen übergreifen, so mußte sie ihr humanisti- Nietzsche nicht in die Moderne, sondern in die Postmoderne
sches Gewand ablegen und sich als Wiederkehr der antiken als einer von deren Gründervätern gehöre. In Wahrheit ist
Massenkultur offenbaren. Die eigentliche Renaissancefrage - Nietzsches Position im Rahmen der Alternative von modern
in Ausdrücken der praktischen Philosophie reformuliert -, und postmodern nicht zu charakterisieren, ja, sie wird auf
nämlich: ob es für uns neben und nach dem Christentum an- diesem Feld nicht einmal sichtbar. Nietzsches Aufbruch in
dere Lebensformen geben könne und dürfe, und zwar vor eine ihm gemäße Epoche führt ihn nicht, wie man vermuten
allem solche, deren Muster aus der griechischen und römi- wollte, in eine Ära »nach der Moderne«, was immer das hei-
schen (vielleicht sogar aus der ägyptischen oder indischen) ßen mag. Was ihm vorschwebt, ist keine Modernisierung der
Antike schöpfen -, diese Frage also war im 19. Jahrhundert Moderne, kein Fortschritt über die Fortschrittszeit hinaus. Er
kein Geheimdiskurs und keine akademische Etüde mehr, betreibt auch keineswegs die Auflösung der einen Geschichte
sondern eine Epochenpassion, ein unausweichliches pro no- in die vielen Geschichten, wie sie kritischen Geistern plausi-
bis. Deswegen muß man sich vor dem Fehlschluß hüten, das bel erschien, die während des späteren 20. Jahrhunderts an
Thema »Lebensreform«, das seit den Romantikern und den der Selbstabklärung der Aufklärung arbeiteten. Nietzsche
Frühsozialisten in der Luft lag, allerdings erst nach 1900 auf geht es um eine radikale Allochronie, eine prinzipielle An-
den Gipfel seiner Ausstrahlung gelangte, für eine sektiereri- derszeitigkeit inmitten der Gegenwart.
sche Schrulle zu halten - mit den »Reformhäusern« als sym- Sein eigentliches Datum ist darum die Antike - und weil es
pathisch altmodischem Relikt. Lebensreform ist vielmehr das Antike in moderner Zeit nur in der Form der Wiederholung
Renaissanceprogramm selbst, aus der bürgerlichen Kunstge- geben kann: die Neo-Antike. Das neo-antike Altertum, in das
sich Nietzsehe selbst datiert, will kein bloßes Programm sein,
6 Vgl. Beat Wyss, Vom Bild zum Kunstsystem, 2 Bände, Köln 2005 . das sich nach heutigen Bedürfnissen auf die Tagesordnung

l
Der Planet der Übenden 2 Ferner Blick auf den asketischen Stern 57
setzen ließe. Eine anberaumte Antike widerspräche Nietz- nach und neben den christlichen Lebens- und Lebensform-
sches Intentionen, weil ihre Vormerkung auf der heutigen definitionen zu entwickeln. Es geht von Nietzsche her gese-
Agenda selbst einen unwillkommenen Modernismus bedeu- hen nicht um die Nachahmung antiker Muster, sondern, vor
tete. Tagesordnungen liefern die Arbeitsformen, unter denen allen inhaltlichen Wiederbelebungen, um die Freilegung der
die Moderne ihre Schritte auf der Zeitlinie in die Zukunft Antike als Modus einer nicht-geschichtlichen, nicht-vor-
anordnet, gleich, ob man sie als ein erfülltes oder leeres Vor- wärtsgerichteten, nicht-progressiven Zeit. Dies verlangt nicht
wärts deutet. Was Nietzsehe im Sinn hat, ist keine Wieder- weniger als die Suspension der christlichen Kulturzeit, gleich,
holung antiker Muster nach dem Vorbild der Mode, deren ob diese als apokalyptische Endbeschleunigung vorgestellt
Altertum jeweils nur ein paar Jahre zurückliegt; die Frage, wird oder als geduldige Pilgerreise durch die Welt - bezie-
ob Moden in Jahrzehnten oder in Jahrtausenden rotieren, hungsweise als kirchenpolitisch kluge Kombination beider
spielt für ihn keine Rolle. Sein Konzept von Allochronie - Modi. Daß die aufklärerische Kulturzeit, die Fortschrittszeit
anfangs noch schüchtern als »Unzeitgemäßheit« eingeführt, und die Kapitalzeit von dieser Suspension mitbetroffen sind,
später zum Austritt aus der Moderne radikalisiert - beruht versteht sich von selbst.
auf der so suggestiven wie phantastischen Idee, daß die Anti- Allein in diesem Zusammenhang hat es Sinn, noch einmal
ke keine von nachkommenden Zeiten inszenierten Wieder- auf Nietzsches übererregte Auseinandersetzung mit dem
holungen nötig hat, weil sie »im Grunde« ständig aus eigener Christentum einzugehen. Sie bildet aus heutiger Sicht ein
Macht wiederkehrt. Anders gesagt: Die Antike - oder das eher unangenehmes Kapitel, zu dem man nur zurückkehrt,
Antike - stellt keine überwundene, allein im kollektiven Ge- weil Gründe dazu motivieren, die stärker wirken als die Be-
dächtnis repräsentierte und von der Bildungswi llkür zitierba- denken. Man könnte es, nicht zuletzt aus Sympathie für den
re Phase der Kulturentwicklung dar. Sie bildet vielmehr eine Autor, als Episode einer fin-de-siecle-Neurose überblättern,
Art von dauernder Gegenwart, eine Tiefenzeit, eine Natur- wenn es nicht zugleich das Vehikel von Nietzsches wertvoll-
zeit, eine Zeit des Seins, die unter dem Gedächtnis- und In- sten und zum Bleiben bestimmten Einsichten wäre. Die anti-
novationstheater der Kulturzeit weiterläuft. Könnte man zei - christliche Polemik zeigt ihre produktive Seite, wenn man sie
gen, wie die Wiederkehr die Wiederholung schlägt und wie in den Rahmen von Nietzsches »Antike-Projekt« versetzt,
der Kreis die Linie zum Narren hält, hätte man nicht nur die das, wie gesehen, einem regenerativ gemeinten Rückgang
Pointe von Nietzsches entscheidender Selbstdatierung be- vor die christliche Ära (und einem Ausbruch aus dem Schema
griffen: Man hätte auch die Voraussetzung erfüllt, unter der Antike-Mittelalter-Neuzeit) gewidmet ist. Vor das Christen-
wir uns ein Urteil darüber bilden können, ob und in welchem tum zurückgehen wollen: das heißt h~er, sich vor einem
Sinn Nietzsehe unser Zeitgenosse ist und ob und inwiefern modus vivendi situieren, dessen Verbindlichkeit für uns ge-
wir seine Zeitgenossen sind oder sein wollen. brochen ist und nur noch in uneigentlichen Adaptationen, in
kulturchristlichen Übersetzungen und mitleidsethischen
Soviel dürfte deutlich geworden sein: Der Ausdruck »Re- (auch mitleidspolitischen, inklusive selbstmitleidspoliti-
naissance« bleibt fruchtbar und anspruchsvoll nur, solange schen) Umstilisierungen wirksam scheint. Wenn Nietzsehe
mit ihm eine folgenschwere Idee bezeichnet wird: Ihr zufolge vor die Kulturzeit des Christentums zurückspringt, nimmt
ist es den Europäern auferlegt, Leben und Lebensformen er keineswegs für dessen humanistische Reform Partei - diese
Der Planet der Übenden 2 Ferner Blick auf den asketischen Stern 59
war das Kompromißprogramm der europäischen Neuzeit ge- zeigt, die Antithese mit einer nahezu karikaturalen Schärfe zu
wesen, die in einer mehrhundertjährigen literarischen, päd- präsentieren. Die Gesunden - ein Wort, das längst zahllosen
agogischen und philanthropischen Arbeit den riesenhaften Dekonstruktionen unterliegt 7 - sind jene, die sich, weil sie
Zwitter »christlicher Humanismus « erschuf - von Erasmus gesund sind, mit guten Askesen steigern wollen; die Kranken
bis T. S. Eliot, von Comenius bis Momessori, von Ignatius bis jene, die, weil sie krank sind, mit schlimmen Askesen auf
Albert Schweitzer. Was il1l1 beschäftigt, betrifft nicht die Rache sinnen.
Bedingungen der Möglichkeit eines Amalgams, es sind die Man kann dies nicht anders als eine haarsträubende Sim-
Voraussetzungen des radikalen Bruchs mit dem System der plifizierung der Sachlage nennen. Nichtsdestoweniger
Halbheiten. Der Ausdruck »Christentum« meInt 1m kommt man um ein Zugeständnis nicht herum: Mittels dieser
nietzscheanischen Gebrauch nicht einmal in erster Linie die gehämmerten Thesen wird etwas ans Licht gehoben, was man
gleichnamige Religion, er zielt eher, einem Codewort gleich, als eine der größten Entdeckungen der Geistesgeschichte
auf einen bestimmten religiös-metaphysisch geprägten Habi- würdigen muß. Nietzsehe ist nicht mehr und nicht weniger
tus, eine asketisch (im büßerischen und verzichtenden Sinn) als der Schliemann der Askesen. Er hatte völlig recht, wenn er
definierte Stellung zur Welt, eine unglückliche Form des Le- inmitten der Grabungsstätten, umgeben von psychopathi-
bensaufschubs, der Jenseitsorientierung und des Zerwürfnis- schem Schutt der Jahrtausende und von den Trümmern mor-
ses mit den säkularen Tatsachen - Nietzsehe hat sich hierüber bider Paläste, die triumphierende Miene eines Entdeckers
in seinem Antichrist mit dem Furor eines Mannes ausgelassen, aufsetzte. Wir wissen heute, daß er an der richtigen Stelle
der die Eckpfeiler der westlichen Religionsüberlieferung gegraben hatte, doch was er ausgrub, war, um im Bild zu
und damit auch der eigenen Existenz zum Einsturz bringen bleiben, nicht das Troja Homers, sondern eine spätere
wollte. Schicht. Auch war ein Gutteil der Askesen, auf die er pole-
Mit dem Gesagten kann ich meine These stützen, die den misch Bezug nahm, gerade kein Ausdruck von Lebensvernei-
Zusammenhang dieser Überlegungen mit dem Thema des nung und metaphysischem Muckertum, es handelte sich viel-
Buchs herstellt: In seiner Eigenschaft als Akteur und Medium mehr um einen Heroismus im spirituellen Incognito. Nietz-
einer anders begriffenen Antike wird Nietzsehe zum Entdek- sches punktuelle Fehldeutungen vermögen die Bedeutung
ker der asketischen Kulturen in ihrer unermeßlichen histori- seiner Entdeckung nicht zu entwerten. Mit seinem Fund steht
schen Ausgedehntheit. Hier spielt die Beobachtung eine Rol- Nietzsche im guten Sinn des Worts fatal am Beginn der mo-
le, daß das Wort askesis (neben dem Wort meUte, das auch der dernen, der nicht-spiritualistischen Asketologien mitsamt ih-
Name einer Muse ist) im klassischen Griechischen schlicht ren Annexen aus Physiotechniken und Psychotechniken, aus
»Übung« oder »Training« bedeutet. Im Gefolge seiner neuen Diätologien und selbstbezüglichen Trainings, mithin a11 der
Scheidung der asketischen Geister stößt Nietzsche nicht nur Formen selbstbezüglichen Übens und Arbeitens an der eige-
auf die fundamentale Bedeutung des übenden Lebens für die nen vitalen Form, die ich in dem Ausdruck »Anthropotech-
Ausbildung von Daseinsstilen oder »Kulturen«. Er legt den nik« zusammenziehe.
Finger auf die ihm zufolge für alle Moralen entscheidende
Verzweigung der Übungslebensformen in die Askesen der 7 Vgl. Aaron Antonovsky, Salutogenese: Zur Entmystifizierung von
Gesunden und die der Kranken, wobei er keine Bedenken Gesundheit, Tübingen 1997.
60 Der Planet der Übenden
2 Ferner Blick auf den asketischen Stern 6I
Die Bedeutung des Impulses, der von Nietzsches neuer asketische Stern, ein Winkel missvergnügter, hoch-
Sicht auf die asketischen Phänomene ausgeht, dürfte kaum müthiger und widriger Geschöpfe, die einen tiefen Ver-
zu überschätzen sein. Durch seine Selbstverrückung in eine druss an sich, an an der Erde, an allem Leben gar nicht
»über-epochale« Antike, die unter jeder mittelalterlichen und loswürden und sich selber so viel Wehe anthäten als
modernen Nichtantike, auch unter jeder Zukunft wartet, er- möglich, aus Vergnügen am Wehetun: - wahrscheinlich
langte er das nötige Maß an Exzentrizität, um auf die eigene ihrem einzigen Vergnügen. «8
Zeit, und nicht nur auf sie, einen wie von außen kommenden Mit dieser Notiz präsentiert sich Nietzsche als Pionier einer
Blick zu werfen. Seine alternative Selbstdatierung erlaubte neuen Humanwissenschaft, die man als Kultur-Planetenkun-
ihm einen Absprung aus der Gegenwart, der ihm genug de bezeichnen könnte. Ihre Methode besteht in Beobachtun-
Sehkraft gab, um das Kontinuum der Hochkulturen, das drei- gen unseres Himmelskörpers mit Hilfe von Aufnahmen kul-
tausendjährige Reich der geistigen Übungen, der Selbstdres- tureller Formationen wie aus großer Höhe. Durch die neuen
suren, der Selbsterhöhungen und Selbstversenkungen, kurz- bild gebenden Abstraktionen wird das Leben der Erdbewoh -
um das Universum der metaphysisch codierten Vertikalspan- ner auf allgemeinere Muster hin abgesucht - hierbei tritt der
nungen, in einer unerhörten Synopse zu umspannen. Asketismus als eine geschichtlich gewachsene Struktur zuta-
Hier sind vor allem die Abschnitte aus dem moralkriti- ge, die Nietzsche ganz legitim eine »der breitesten und läng-
schen Hauptwerk Zur Genealogie der Moral zu zitieren, sten Thatsachen, die es giebt«, nennt. Diese »Tatsachen« ver-
die ihrem Gegenstand in einer Diktion von olympischer langen nach einer ihnen angemessenen Kartographie und
Deutlichkeit zu Leibe rücken. An der entscheidenden Stelle einer entsprechenden Erd- und Sachkunde. Nichts anderes
ist von den Übungsformen der Lebensverneinung oder will die Genealogie der Moralen sein. Die neue Wissenschaft
Weltmüdigkeit die Rede, welche nach Nietzsche für den von der Herkunft der Moralsysteme (und eo ipso der moral-
Gestaltkreis der kranken Askesen im ganzen charakteri- gesteuerten Lebens- und Übungsformen) ist die erste Gestalt,
stisch ist. unter der die Allgemeine Asketologie in Erscheinung tritt.
»Der Asket (des priesterlich-kranken Typs, P. SI.) be- Mit ihr beginnt die Explikationsgeschichte der Religionen
handelt das Leben wie einen Irrweg, den man endlich und Ethiken als anthropotechnischen Praxen.
rückwärts gehen müsse, bis dorthin, wo er anfängt; oder Man darf sich nicht durch die Tatsache ablenken lassen,
wie einen Irrthum, den man durch die That widerlege - daß Nietzsche in diesem Passus ausschließlich von den As-
widerlegen solle: denn er fordert, dass man mit ihm kesen der Kranken und ihrer Betreuer, der Priester, spricht.
gehe, er erzwingt, wo er kann, sei n e Werthung des Da- Der asketische Stern, den er sichtet, ist der Planet der Üben-
seins. Was bedeutet das? Eine solche ungeheuerliche den insgesamt, der Planet der hochkulturellen Menschen, der
Werthungsweise steht nicht als Ausnahmefall und Cu- Planet derer, die begonnen haben, ihrer Existenz unter ver-
riosum in die Geschichte des Menschen eingeschrieben: tikalen Spannungen in zahllosen mehr oder weniger streng
sie ist eine der breitesten und längsten Thatsachen, die es codierten Anstrengungsprogrammen Formen und Inhalte zu
giebt. Von einem fernen Gestirn aus gelesen, würde viel-
leicht die Majuskel-Schrift unseres Erden-Daseins zu
8 F. N., Zur G enealogie der Moral, Dritte Abh andlung: was bedeuten
dem Schluss verführen, die Erde sei der eigentlich asketische Ideale? KSA 5, s.
362.
Der Planet der Übenden 2 Ferner Blick auf den asketischen Stern

geben. Wenn Nietzsehe von dem asketischen Stern spricht, so sagen pathogogische Askese ankommt - die kunstgerechte
nicht, weil er lieber auf einem entspannteren G estirn geboren Selbstvergewaltigung einer Elite von Leidenden, kraft wel-
wäre. Sein Antike-Instinkt verrät ihm, daß jeder Himmels- cher sie befähigt wird, andere Leidende zu führen und Ge-
körper, den zu bewohnen sich lohnt, ein - recht verstanden - sunde zum Mit-Kranksein zu verleiten -, legen die letzteren
asketischer, ein von Übenden, von Aufstrebenden, von Vir- sich ihre Reglements nur darum auf, weil sie in ihnen das
tuosen bevölkerter Stern sein muß. Was ist für ihn Antike Mittel sehen, um als Denker und Schöpfer von Werken in
anders als ein Codewort des Zeitalters, in dem Menschen ihr Optimum zu gelangen. Was Nietzsehe das Pathos der
stark genug werden mußten für ein sakral-imperiales Bild Distanz nennt, 9 ist ganz der Scheidung der Askese-Geister
des Ganzen? Den großen Weltanschauungen der Antike gewidmet. Es soll »die Aufgaben aus einander halten« und die
war der Vorsatz inhärent, den Sterblichen aufzuzeigen, wie Übungen, mit deren Hilfe sich Erfolgreiche, Gute und Ge-
sie mit dem "Universum« in Harmonie zu leben vermögen, sunde erfolgreicher, besser und gesünder machen, von jenen
auch und gerade dann, wenn das Ganze ihnen seine Rätsel- Übungen trennen, welcher resolute Versager, Böswillige und
seite, seine Rücksichtslosigkeit gegen die Einzelnen zukehrte. Kranke sich auf Säulen und Kanzeln stellen, sei es um pervers
Was man die Weisheit der Alten nannte, war im wesentlichen erlangter Überlegenheitsgefühle willen, sei es, um sich von
ein tragischer Holismus, ein Sich-Einfügen in großes Ganzes, ihrem quälenden Interesse fürs eigene Kranksein und Schei-
das ohne Heroismus nicht zu erlangen war. Nietzsches Stern tern abzulenken. lo Unnötig zu betonen, daß die Opposition
sollte der Ort werden, dessen Einwohner, die männlichen von Gesund und Krank hier nicht bloß medizinisch zu ver-
zumal, das Gewicht der Welt von neuem ohne Wehleidigkeit stehen ist: Sie dient als Leitunterscheidung einer Ethik, die
tragen - der Maxime des Stoizismus gemäß, es komme allein das Leben mit der »crsten Bewegung« (»sei ein aus sich rol-
darauf an, sich für den Kosmos in Form zu halten. Etwas lendes Rad! «) dem Leben unter dem Vorrang der gehemmten
hiervon tauchte wenig später in Heideggers Lehre von der Bewegung überordnet.
Sorge wieder auf, unter deren Ruf sich die Sterblichen auf Durch die Erweiterung der moralhistorischen Perspekti-
den Lastcharakter des Daseins einzustellen haben - (die ven wird erkennbar, was die These von der athletischen und
Sterblichen sind nach 1918 in erster Linie die Verwundeten somatischen Renaissance besagt. Um die Wende vom 19. zum
und Nicht-Gefallenen, die sich als Anwärter für andere To- 20. Jahrhundert ist das Phänomen, das nach den Sprachrege-
desarten an anderen Fronten bereithalten sollen). Auf keinen lungen der Kunstwissenschaft die »Wiedergeburt der Antike«
Fall durfte die Erde die Anstalt bleiben, in der die Ressenti- hieß, in eine Phase eingetreten, die die Motive unserer An-
mentprogramme von Kranken und die Entschädigungskün- teilnahme an antiken, sogar frühantiken Kulturrelikten von
ste von Beleidigten das Klima bestimmen. Grund auf modifiziert. Es handelt sich dabei, wie gesehen,
Bei seiner Unterscheidung der Askesen setzte Nietzsche um den Rückgang in eine Zeit, in der das Ändern des Lebens
die von ihm mit bösem Blick durchleuchteten priesterlichen
Varianten auf der einen Seite scharf von den disziplinarischen 9 Ibid., S. 37I.
10Ibid., S. 382. Aus diesen Hinweisen hat Alfred Adler seinen indi-
Regeln der geistig Schaffenden, der Philosophen und Künst-
vidualpsychologischen Ansatz der Psychotherapie abgeleitet, bei
ler wie von den Exerzitien der Krieger und Athleten auf der dem die Neurose als kostspielige Hilfskonstruktion zur Sicherung
anderen Seite ab. Wenn es den erstgenannten auf eine sozu- der Überlegenheitstäuschung des Unterlegenen definiert wird.
Der Planet der Übenden 2 Ferner Blick auf den asketischen Stern

noch nicht unter dem Kommando lebensverneinender Aske- ker dazu disponiert war, sich mit dem therapeutischen Sinn
sen stand. Diese »überepochale« Zeit kann ebensogut Zu- der negativen asketischen Ideale zu befassen als mit dem ath-
kunft genannt werden, und was ein Rückgang zu ihr zu sein letischen, diätologischen, ästhetischen, auch »biopolitischen«
scheint, ist auch als Sprung nach vorn zu denken. Die Art und Sinn der positiven Übungsprogramme. Er war zeitlebens
Weise, wie Rilke den Apollo-Torso erfährt, bezeugte dieselbe krank genug, um sich für Möglichkeiten der sinngebenden
Kulturwende, der Nietzsehe auf der Spur war, als er seine Überwindung von Krankheit zu interessieren, und luzide
Reflexionen über die Aufstellung der pri esterlichen, »bio- genug, um die überlieferten Sinngebungen des Sinnlosen ab-
negativen«, spiritualistischen Askesen bis zu dem Punkt vor- zulehnen. Daher verband sich bei ihm die widerwillige
antrieb, an dem der paradoxe Kampf des leidenden Lebens Hochachtung vor der Leistung asketischer Ideale in der bis-
gegen sich selbst sichtbar wurde. Indem er auf die asketolo- herigen Menschheitsgeschichte mit der Unwilligkeit, sie in
gischen Fundamente der höheren menschlichen Lebensfor- eigener Sache in Anspruch zu nehmen. Aus dieser Schwan-
men stieß, sprach er der »Moral « eine neue Bedeutung zu. Die kung zwischen der Anerkennung des gegen sich selbst Zwang
Mächtigkeit der Übungsschicht im menschlichen Verhalten übenden Verhaltens und der Skepsis gegen die idealistischen
ist weit genug gefaßt, um den Gegensatz von bejahenden und Überspannungen solcher Praxen ging bei ihm die neue Auf-
verneinenden »Moralen « zu überspannen. merksamkeit für den Verhaltensbereich Askese, Übung,
Um es noch einmal zu betonen: Diese Offenlegung »einer Sclbstbehandlung insgesamt hervor. Dessen Neubeschrei-
der breitesten und längsten Thatsachen, die es giebt«, betrifft bung in den Ausdrücken einer allgemeinen Theorie der An-
nicht allein die selbstquälerischen Ausgestaltungen des Um- thropotechniken steht jetzt an.
gangs mit sich selbst. Sie umspannt alle Varianten der »Sorge
um sich« ebenso wie alle Formen der Sorge um Angleichung Drei Punkte sind festzuhalten, die die Entdeckung des »aske-
an das Höchste. Im übrigen macht die Zuständigkeit der As- tischen Sterns« so reich an Konsequenzen wie an Problemen
ketologie, als allgemeine Übungstheorie, Habituslehre und machen. Zum einen: Nietzsches neuer Blick auf die Dimen-
Keimdisziplin der Anthropotechnik begriffen, nicht bei den sion Askese war erst in einer Zeit möglich geworden, in der
hochkulturellen Phänomen und den spektakulären Resulta- sich die Askesen post-spirituell somatisieren, die Manife-
ten geistiger oder somatischer Vertikalaufstiege (in die diver- stationen von Spiritualität dagegen auf post-asketische, diszi-
sesten Ausprägungen des Virtuosentums mündend) halt; sie plinferne und informelle Wege geraten. Die Entspiritualisie-
schließt jedes vitale Kontinuum, jede Gewohnheitsreihe, rung der Askesen ist vermutlich das umfassendste, seiner
jedes gelebte Nacheinander ein, das scheinbar formloseste Großformatigkeit wegen am schwersten wahrnehmbare,
Dahintreiben und die verwahrlosteste Entkräftung inbegrif- gleichwohl spürbarste und atmosphärisch mächtigste Ereig-
fen. nis in der aktuellen Geistesgeschichte der Menschheit. Im
Eine ausgeprägte Einseitigkeit läßt sich an Nietzsches spä- Gegenverkehr entspricht dem die Informalisierung der Spi-
ten Schriften nicht verkennen: Er hat seine asketologischen ritualität - begleitet von deren Vermarktung in entsprechen-
Entdeckungen nach der positiven Seite hin nicht mit demsel- den Subkulturen. Die Grenzwerte für beide Tendenzen lie-
ben Nachdruck verfolgt, den er bei seinen Erkundungen des fern die geistigen Landmarken des 20. Jahrhunderts: Für die
morbiden Pols an den Tag legte - ohne Zweifel, weil er stär- erste Tendenz steht der Sport, der zur Metapher der Leistung
66 Der Planet der Übenden 2 Ferner Blick auf den asketischen Stern

überhaupt geworden ist, für die zweite die populäre Neo- Zur Genealogie der Moral, woran sich das menschliche Le-
Mystik, diese devotio postmoderna, die das Leben der zeit- ben nach der Götterdämmerung noch orientieren könne,
genössischen Einzelnen mit unvorhersehbaren Blitzen inne- ganz mühelos. Die Vitalität, als somatische wie geistige ver-
rer Ausnahmezustände überzieht. standen, ist selbst das Medium, das ein Gefälle zwischen
Zum anderen: Auf dem asketischen Stern, nachdem er als Mehr und Weniger enthält. Sie hat daher das vertikale Mo-
solcher entdeckt ist, wird der Unterscrued zwischen denen, ment, das Aufstiege orientiert, in sich, sie braucht keine zu-
die etwas oder viel aus sich machen, und denen, die nichts sätzlichen externen oder metaphysischen Attraktoren. Daß
oder wenig aus sich machen, immer auffälliger. Dies ist eine Gott tot sein soll, macht in diesem Zusammenhang nichts.
Differenz, die in keine Zeit und keine Ethik paßt. Auch keine Mit oder ohne Gott kommt jeder nur so weit, wie seine Form
Soziologie kommt mit ihr zurecht. Im monotheistischen ihn trägt.
Zeitalter galt Gott als derjenige, der alles bewirkt und tut,
weswegen es den Menschen nicht zusteht, aus sich selbst Selbstverständlich war »Gott« in der Zeit seiner effektvoll-
etwas oder viel zu machen. In humanistischen Epochen run- sten kulturellen Repräsentation unmittelbar der überzeu-
gegen gilt der Mensch als derjenige, durch den alles bewirkt gendste Attraktor für Lebens- und Übungsformen, die »zu
und getan wird - dann aber hat er kein Recht mehr, nichts ihm« strebten - und dieses Zu-ihm war unmittelbar identisch
oder wenig aus sich zu machen. üb nun Menschen nichts aus mit "hinauf«. Nietzsches Sorge um die Rettung der Vertikal-
sich machen oder viel - sie begehen nach den überlieferten spannung nach dem Tod Gottes beweist, mit welchem Sinn
Logiken einen unerklärlichen und unverzeihlichen Fehler. für den Ernst der Sache er seine Aufgabe als »letzter Meta-
Immer gibt es einen Überschuß an Unterschieden, der sich physiker« ausfüllte, ohne daß ihm die Komik seiner Mission
in keines der vorgegebenen Systeme der Lebensauslegung entgangen wäre. Als Zeuge für die Vertikale ohne Gott hatte
einfügt. In einer Welt, die Gott gehört, macht der Mensch er seine große Rolle gefunden. Daß er zu seiner Zeit keinen
aus sich zuviel, sobald er den Kopf hebt; in einer Welt, die Rivalen fürchten mußte, gibt seiner Wahl recht. Sein An-
den Menschen gehört, machen diese aus sich regelmäßig zu- spruch, die Höhe des Toten freizuhalten, war eine Passion,
wenig. Daß der Grund der Ungleichheit zwischen den Men- die für nicht wenige Leidensgenossen im 20. Jahrhundert ver-
schen in ihren Askesen liegen könnte - in der Verschiedenheit ständlich blieb: Dies motiviert die bis heute virulente An-
ihrer Stellungnahmen zu den Herausforderungen des üben- teilnahme vieler Leser an Nietzsches Existenz und deren un-
den Lebens: dieser Gedanke ist in der Geschichte der Nach- leb baren Widersprüchen. Hier ist für einmal das Epitheton
forschungen über die letzten Ursachen der Verschiedenheit »tragisch« am Platz. Der Theomorphismus seines Seelenle-
zwischen Menschen nie formuliert worden. Geht man dieser bens hielt den eigenen Gotteszerstörungsübungen stand.
Vermutung nach, eröffnen sie buchstäblich unerhörte, weil Dem Autor der Fröhlichen Wissenschaft war bewußt, inwie-
ungedachte Perspektiven. fern auch er noch fromm war. Zugleich verstand er schon
Zuletzt: Wenn die athletische und somatische Renaissance genug von den Spielregeln, die auf dem asketischen Stern
bedeutet, daß entspiritualisierte Askesen wieder möglich, gelten, daß ihm klar sein mußte, alle Aufstiege beginnen beim
wünschenswert und vital plausibel sind, dann beantwortet Basislager des gewöhnlichen Lebens. Seine Fragen: Transzen-
sich Nietzsches aufgeregte Frage am Ende seiner Schrift dieren, aber wohin?, aufsteigen, aber in welche Höhe?, hätten
68 Der Planet der Übenden

sich von selbst beantwortet, wäre er ruhig auf dem Boden der
asketischen Tatsachen geblieben. Er war zu krank, um seine 3 NUR KRÜPPEL WERDEN ÜBERLEBEN
wichtigste Erkenntnis zu befolgen: daß es die Hauptsache im UNTHANS LEKTION
Leben sei, die Nebensachen ernst zu nehmen. Wo Nebensa-
chen erstarken, wird die Gefahr, die von der Hauptsache aus-
geht, gezügelt. Im Nebensächlichen höher steigen heißt dann
in der Hauptsache vorankommen. Daß das Leben mit dem Zwang verknüpft sein kann, starken
Widerständen zum Trotz voranzukommen, gehört zu den
Grunderfahrungen der Gruppe von Menschen, die man frü-
her mit einer sorglosen Deutlichkeit die Kruppel nannte, ehe
sie von jüngeren, vorgeblich humaneren, verstehenderen,
respektvolleren Zeitgeistern in die Behinderten, die Anders-
begabten, die Sorgenkinder und schließlich einfachhin die
»Menschen«!! umgetauft wurden. Wenn ich im folgenden
Kapitel den älteren, heute schon taktlos wirkenden Audruck
weiter verwende, so ausschließlich aus dem Grund, weil er im
Wortschatz der Zeit, an die ich in diesen Sondierungen erin-
nere, seinen angestammten Platz hatte. Gäbe man ihn auf, um
eine Sensibilität, vielleicht auch nur eine Sensiblerie zu be-
dienen, würde mit ihm ein System von unentbehrlichen Be-
obachtungen und Einsichten verschwinden. Ich möchte im
folgenden die ungewohnte Konvergenz von Mensch und
Kruppel in den Diskursen der Generation nach Nietzsche
herausstellen, um weitere Aufschlüsse über den Strukturwan-
del der menschlichen Steigerungsmotive in neueren Zeiten zu
gewinnen. Hier wird sich zeigen, in welchem Maß die Rede
vom Menschen im 20 . Jahrhundert auf krüppelanthropologi-
schen Prämissen fußt - und wie die Kruppelanthropologie
spontan in eine Trotzanthropologie übergeht. In ihr erscheint
der Mensch als das Tier, das vorankommen muß, weil es von
etwas behindert wird.

11 Zur Erinnerung: Die bekannte Initiative der Deutschen Behinder-


tenhilfe Aktion Sorgenkind, 1964 gegründet, wurde unter dem
Druck des correctness-Zeitgeists ab März 2000 in Aktion Mensch
umbenannt.
7° D er Planet der Übenden 3 Nur Kruppel werden überl eben 7I
Das Verbum »fußen « gibt mir das Stichwort zu dem Refe- batischen Unwahrscheinlichkeit zuteil wurde. Es dauerte
rat, mit dem ich die von Nietzsche angeregten Erkundungen nicht lange, und ein Variete-Unternehmer begann sich für Un-
auf dem Stern der Übenden - und in gewisser Weise auch das than zu interessieren. Ab 1868 begab sich der noch Unmün-
von Rilke eingeführte Nachdenken über Torsi - fortsetze . Im dige auf Konzertreisen, die ihn nach Zwischenstationen in der
Jahr I 92 5, zwei Jahre vor Heideggers Sein und Z eit, drei Jahre deutschen Provinz in die Hauptstädte Europas führten, später
vor Schelers Die Stellung des Menschen im Kosmos, erschien auch nach Übersee. Er spielte unter anderem in Wien, wo er
in Lutz' Memoirenbibliothek, Stuttgart, ein Buch unter dem den Kapellmeistern Johann Strauß und Michael Zierer vorge-
zugleich erheiternden und schockierenden Titel Das Pedi- stellt wurde. In München beeindruckte er den ungarisch-
skript. Aufzeichnungen aus dem Leben eines Arm/osen, mit bayerischen Militärkapellmeister und Walzerkönig Josef
JO Bildern. Es stammte aus der »Feder« von earl Hermann Gungi, indem er ihm dessen soeben komponierten Hydropa-
Unthan, r848 in Ostpreußen geboren, 1929 gestorben - de then- Walzer vorspielte; Gungl war insbesondere über die
facta war es unter Verwendung eines Griffels mit dem Fuß Ausführung der Doppelgriffe mit den Zehen fassungslos .
auf einer Schreibmaschine getippt. Unthan verdient ohne Nach einem Konzert im »überfüllten Redoutensaal« von Bu-
Zweifel einen Platz im Pantheon der Existenzvirtuosen wider dapest soll ihm Franz Liszt, der in der ersten Reihe gesessen
Willen. Er gehört zu denen, die viel aus sich zu machen wuß- hatte, zu seinem virtuosen Spiel gratuliert haben. Er habe ihm
ten, obwohl angesichts der Startbedingungen alles dafür »auf die Wange und Schulter« geklopft und ihm seine Aner-
sprach, daß er nichts oder wenig aus sich würde machen kön- kennung bezeugt. Unthan bemerkt hierzu: »Was war es, das
nen. Im Alter von sechs oder sieben Jahren entdeckte der mich an der Echtheit seiner Begeisterung zweifeln ließ? Wo-
armlos geborene Junge zufällig die Möglichkeit, auf einer durch erschien sie mir so gemacht?«12 Man begreift: Mi t dieser
Geige zu spielen, wenn diese an einem auf dem Boden ste- Notiz rührte Unthan, zur Zeit der Abfassung des Pediskripts
henden Kasten fixiert wurde. Mit einer Mischung aus Naivi- schon über Siebzig, nicht nur an Unwägbarkeiten in den Be-
tät und Zähigkeit vertiefte er sich in die Verbesserung der von ziehungen zwischen älteren und jüngeren Virtuosen. Die Fra-
ihm gefundenen Art und Weise des Geigenspiels mit den gen, ein halbes Jahrhundert nach der geschilderten Szene hin-
Füßen. Der rechte Fuß hatte dabei die Rolle der Hand, die geschrieben, hatten Bedeutung als Symptom: Sie erinnerten
die Finger auf die Seiten setzt, zu übernehmen, während der den Autor an eine ferne Zeit, in der die Illusion, er könne als
linke Fuß den Bogen führte. Musiker und nicht als Kuriosum ernst genommen werden,
Der junge Mann betrieb seine Übungen mit solcher Beharr- noch nicht erloschen war. In Liszts väterlich mitleidiger Geste
lichkeit, daß er nach dem Besuch des Gymnasiums zu Königs- spürte der Verfasser noch nach fünfzig Jahren den kalten
berg in das Konservatorium von Leipzig aufgenommen wur- Hauch der Ernüchterung: Liszt, selber ein einstiges Wunder-
de. Dort erstieg er, ein enormes Übungspensum absolvierend, kind, wußte aus Erfahrung, welche Art von Leben Virtuosen
beachtliche Grade von Virtuosität. Sein Repertoire erweiterte jeder Art bevorsteht. Um so mehr muß er geahnt haben, was
sich und schloß bald auch artistische Höchstschwierigkeiten ein junger Mann vor sich hat, der als Sieger über eine Laune der
ein. Naturgemäß hätte das Geigenspiel des Behinderten, wäre Natur durch die Welt reisen wird.
es in der üblichen Form praktiziert worden, kaum von ferne so
viel Beachtung finden können, wie ihm aufgrund seiner akro- 12 C. H . Unthan, Das Pediskript, a. a. 0 ., S. 73.
Der Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben 73

Ein weit verbreitetes Klischee von Biographen besagt, ihr Weiblichkeiten jeden Alters 1873 in Havanna, ȟber allem lag
Held habe, oft erst nach mühevollen Anfangsjahren, »sich ein Hauch des Verfalls «, auch Negerinnentänze: »wir sahen
die Welt erobert«. Unthan greift im Modus seiner Selbstdar- das denkbar Unerlaubteste «; ein Eidechsenessen in Mexico;
stellung diese Wendung auf, indem er, Anekdote an Anekdo- »ausverkauft« in Valparaiso, »die Sonne senkte sich langsam
te reihend, die Saga seiner erfolgreichen Jahre als einen lang- in den Stillen Ozean. Als würde ihr das Scheiden schwer .. .«
gestreckten Reisebericht vorträgt, von Großstadt zu Groß- Sieben Stunden im Tempo geschwommen, »ohne mich auf
stadt, von Kontinent zu Kontinent. Er rapportiert die den Rücken zu wenden«, heftiger Sonnenbrand infolgedes-
Geschichte eines langen Lebens in ständiger Bewegung: auf sen; Begegnung mit einem armlosen Portraitmaler in Düssel-
Cunard-Dampfern, in Eisenbahnen, in Hotels jeder Katego- dorf, einem Schicksalsvetter, der mit einem Bein malte - »des
rie, in prestigeträchtigen Konzerthallen, in schäbigen Eta- Fragens und Antwortens war kein Ende«, »er war voller Le-
blissements. Den größten Teil seiner Karriere dürfte er auf bensfreude und Übermut. Unser Plaudern ging dennoch zu-
suspekten Varietebühnen zugebracht haben, von deren Ram- meist in die Tiefe. « Der Tod der Mutter: »in mir betete es, was
pen er dem verblüfften Publikum nach dem Ende seiner Dar- es betete, wußte und weiß ich nicht. « Auftritte im Orient, wo
bietungen »Kußfüße«13 zuwarf. Das Grundgeräusch von die Menschen ausgeprägter sind, »die Aufzählung meiner
Unthans öffentlichem Leben scheint der Beifallsjubel der krassesten Erlebnisse allein würde Bücher füllen «. Enttäu-
von seinen Auftritten Überraschten gewesen zu sein. Verfaßt schung am Grab Christi, wo sich »das verworfenste Gelichter
sind Unthans »Aufzeichnungen«, die weder als Autobiogra- der Erde zusammengefunden« zu haben schien; Verhaftung
phie noch als Memoiren zu bezeichnen sind, sondern am in Kairo, Nikotinvergiftung in Wien, Gewehrschießen mit
ehesten unter der Rubrik Merkwürdigkeiten zu registrieren dem Fuß zu St. Petersburg in Anwesenheit des Zaren Alex-
wären, in einer zugleich naiven und sentimentalen Sprache, ander IH., Gastspiel in Managua, »die Stadt Lean trug das
die von fertigen Redewendungen durchsetzt ist, angelehnt an Gepräge des Rückganges «, ein Komet über Kuba; Mit-
die Diktion des Erlebnisaufsatzes aus der Mitte des 19. Jahr- wirkung an einem Film mit dem Titel Mann ohne Arme.
hunderts, gleichsam mit der Zunge im Mundwinkel nieder- An Bord der »Eibe« nach New York, als Mitreisender Ger-
geschrieben. hart Hauptmanns, der eine kurze Konversation mit dem Ar-
Auf jeder Seite des Pediskripts bringt der Verfasser seine tisten führt . Dann die Neue Welt: »der Amerikaner bringt
Überzeugung zum Ausdruck, sein Lebenserfolg verrate sich Außergewöhnlichem ein anregendes Verständnis entgegen«.
in einer überquellenden Sammlung erlebter pittoresker Situa- »>Sie sind der glücklichste Mensch, den ich kenne<, sagte je-
tionen. Wie ein Reiseschriftsteller des bürgerlichen Zeitalters mand, den sie John D. nannten. >Und Sie mit Ihrem Geld,
breitet U nthan seine Schätze aus - das erste Konzert, das erste Herr Rockefeller?<, fragte ich ihn. >Mit all meinem Geld kann
Fahrrad, die erste Enttäuschung. Daneben wimmelt es von ich mir nicht Ihre Lebensfreude kaufen .. .«<
bizarren Beobachtungen: ein Stierkampf, bei dem der Stier Das Pediskript könnte als eine Art von »lebensphilosophi-
mehrere Toreros aufspießte; ein Schwertschlucker, der sich scher« Performance gelesen werden, das Wort im volkstüm-
mit einem Schirm die Kehle verletzte; grell geschminkte lichen Sinn verstanden. Unthan tritt in der Haltung eines
Artisten vor sein Publikum, dessen spezielles Virtuosentum
13 Ibid.>S. 147. auf der Violine, später mit dem Gewehr und der Trompete, in
74 Der Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überl eben 75
ein Gesamtvirtuosentum, eine alle Lebensaspekte durchdrin- konnte, führt, wie man hört, zu einem »höheren Prozentsatz
gende Lebenskunstübung, eingebettet ist - nicht umsonst il- an Lebensfreude«, als er beim >>Vollmenschen« anzutreffen
. 17
lustriert der Bildteil des Buchs den Autor vor allem bei alltäg- seI.
lichen Verrichtungen wie beim Öffnen von Türen und beim Unthan beendet seine Aufzeichnungen mit einem Resü-
Aufsetzen des Huts. mee, das seine Konfession verkündet:
Wollte man Unthans allgemeinere Intuitionen in eine »Ich fühle mich dem Voll menschen gegenüber in nichts
theoretische Diktion übersetzen, wäre seine Position als die verkürzt . . . Noch nie habe ich einen Menschen gefun-
eines vitalistisch gefärbten »Krüppelexistentialismus« zu be- den, mit dem ich nach Betrachtung aller Umstände
stimmen. Demzufolge besitzt der Behinderte die Chance, hätte tauschen mögen. Gekämpft habe ich redlich,
seine Geworfenheit in die Behinderung als Ausgangspunkt mit mir selbst mehr noch als mit der Umwelt, aber
einer umfassenden Selbstwahl zu erfassen. Damit ist nicht die feinsten seelischen Genüsse, die mir gerade aus
nur die selbsttherapeutische Grundhaltung gemeint, wie sie den Kämpfen infolge meiner Armlosigkeit erwachsen
Nietzsehe in Ecce homo unter der Überschrift Warum ich sind, möchte ich um keinen Preis der Welt herge-
so weise bin im zweiten Abschnitt ausdrückt: »Ich nahm ben. «18
mich selbst in die Hand, ich machte mich selber wieder ge- Daß es alles in allem nur darauf ankomme, dem Krüppel freie
sund ... « Unthan bezieht seine Wahl auf die eigene Zukunft. Entfaltung zu gewähren: In dieser These verdichtet Unthan
Dem 2Ijährigen, der sich in die Unabhängigkeit entlassen seine moralischen Intuitionen, die zwischen Emanzipations-
fühlt, legt er den Satz in den Mund: »in die eiserne Faust drang und Teilhabeverlangen schwanken. Unter »freier Ent-
werde ich mich nehmen, alles aus mir herauszuholen . . .«14 faltung« ist hier nicht die Lizenz zu ästhetischen Exzessen zu
Die Behinderung wird von ihm als eine Schule des Willens verstehen, wie die gleichzeitigen Bohemienideologen sie für
gedeutet. »Wer von Geburt an auf eigene Versuche angewie- sich reklamierten. Dem Krüppel »genug Licht und Luft in der
sen ist und nicht daran gehindert wird .. . bei dem entwickelt Entwicklung«19 lassen heißt vielmehr ihm die Chance zur
sich ein Wille .. . der Trieb zur Selbständigkeit . .. reizt zu Teilhabe an der Normalität zugestehen. So kehrt sich für
fortdauernden Versuchen an. «15 den Behinderten das Verhältnis zwischen Bürgern und Arti-
Die Konsequenz ist emotionaler Positivismus, der mit sten um. Er kann nicht wie bürgerliche Ausbrecher aus der
einem rigorosen Melancholieverbot zusammengeht. Unthans Gewöhnlichkeit davon träumen, den Leuten im grünen Wa-
Widerwille gegen jede Art von Mitleid erinnert an analoge gen zu folgen. Wenn er Künstler werden will, dann um Bür-
Setzungen in Nietzsches Moralphilosophie. Nur andauernde ger sein zu können. Für ihn ist Artistik die Quintessenz bür-
Schmerzen seien möglicherweise imstande, einen Behinder- gerlicher Arbeit, und mit dieser seinen Lebensunterhalt zu
ten zu zermürben: »Alle anderen Mißstände kämpft der Wille bestreiten begründet seinen Stolz. Gelegentlich notiert der
nieder und bricht sich Bahn zum Sonnenschein.« 16 Die »son- Autor, er wolle nicht wie seinerzeit Walther von der Vogel-
nige Lebenauffassung« des Krüppels, der sich frei entfalten weide von einem hohen Herren einen Pelz für den Winter
14 Ibid., S. 97. 17 Ibid.
15 Ibid., S. 306. 18 Ibid.
16 Ibid., S. 307. 19 Ibid.
D er Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben 77
geschenkt bekommen: »ich würde vorziehen, mir den Pelz und Krüppel, entstanden war, die sich nach I9I8 mit politi-
mit meinen Füßen zu erarbeiten «.2o schen, sozialphilosophischen und anthropologischen Inhal-
Im ethischen Kern von Unthans Kruppelexistenti alismus ten auflud. Während die Franzosen durch die Okkupation
entdeckt man das Paradox einer Normalität für Unnormale. lernten, Existenz (und existentielle Wahrheit) mit Widerstand
Existentialistisch im engeren Sinn des Wortes hieran sind drei und Freiheit im Untergrund zu assoziieren, hatten Deutsche
Motive, deren Ausarbeitung der Philosophie des 20. J ahrhun- und Österreicher zwei Generationen zuvor damit begonnen,
derts vorbehalten war: zum einen die Figur der Selbstwahl, Existenz (und existentielle Wahrheit) mit Trotz und Kom-
kraft welcher das Subjekt etwas aus dem macht, was aus ihm pensationsleistungen gleichzusetzen. Daher ist das Schau-
gemacht wurde; zum anderen die sozial-ontologische spiel der »kontinentalen Philosophie « - um für diesmal die
Zwangslage, in der sich jeder befindet, der unter dem »Blick lächerliche Kennzeichnung des inhaltlichen Denkens durch
des Anderen« existiert: aus ihr ergibt sich der Freiheitsimpuls, Formalisten hinter dem Wasser zu benutzen - in der ersten
sprich der »Anstoß«, sich gegen die feststellende Gewalt, die Hälfte des 20. Jahrhunderts nur zu verstehen, wenn man die
vom fremden Auge ausgeht, zu behaupten; und schließlich die Kontraste und Synergien zwischen dem älteren und umfas-
Versuchung der Unaufrichtigkeit, mit der das Subjekt seine senderen mitteleuropäischen Trotzexistentialismus und dem
Freiheit von sich wirft, um die Rolle eines Dings unter Din- jüngeren politisch verengten westeuropäischen Widerstands-
gen, eines An-Sich, einer Naturtatsache zu spielen. existentialismus im Auge behält. Der erstgenannte hat seine
Quellen in nachmärzlicher Zeit, etwa bei Max Stirner, und
Aus der Sicht des französischen Existentialismus hat Unthan erstreckt sich, nach seiner Kulmination in Nietzsche, bis zu
alles richtig gemacht. Er wählt sich selbst, er setzt sich gegen den Systemen Freuds, Adlers und späterer Kompensations-
das versklavende Mitleid der anderen durch, er bleibt der theoretiker, die in der Bundesrepublik wirksam wurden; der
Täter seines Lebens und wird kein Kollaborateur der vorgeb- zweite nahm, wie bemerkt, unter der Okkupation von I940
lich übermächtigen Umstände. Der Grund jedoch, weswegen bis I944 Gestalt an, nicht ohne eine Vorgeschichte aufzuwei-
er alles richtig macht - womöglich richtiger, als sich im phi- sen, die über den Revanchismus der Dritten Republik bis in
losophischen Jargon ausdrucken ließe -, könnte mit den die Zornsammlungsbewegungen unter den Verlierern der
Denkmitttein der linksrheinischen Reflexion nicht genügend Französischen Revolution zurückreicht, namentlich den
ausgeleuchtet werden. Die Insuffizienz des französischen Frühsozialisten und Frühkommunisten. Hat man das deut-
Ansatzes grundet in dem Umstand, daß der in Frankreich sche Modell erfaßt, so erkennt man es in seinen linksrheini-
nach I940 entstehende Existentialismus eine Philosophie schen Travestien unschwer wieder. Was nach I944 auf der
für politisch Behinderte formulierte (im gegebenen Fall: für Rive Gauche als Lehre vom Gegen die Runde machte, war
Angehörige eines besetzten Landes), indessen in Deutschland die politische Adaptation des deutschen Behindertenexisten-
und Österreich vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an tialismus, dessen Anhänger auf die Ethik des Trotzdem ein-
eine vitalistisch-therapeutisch gefärbte Philosophie für phy- geschworen waren.
sisch und psychisch Behinderte, namentlich für Neurotiker
U nthan gehört zweifellos zur trotzexistentialistischen Strö-
20 Ibid., S. 72. mung älteren Datums. Der Besonderheit seiner Lebensbedin-
D er Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben 79

gung wegen vermochte Uthan nicht in dieser Tendenz auf- vorteilhaft, die Rede ist, angestarrt durch ein Publikum, des-
zugehen. Was ihn abhebt, ist eine Sonderform von Trotzdem- sen Neugier sich häufig binnen kurzem in begeisterte Rüh-
Leben, die ihn vom heroistischen Hauptstrom isoliert, um rung wandelt. Wenn sich der Trotzexistentialismus zu seiner
ihn in die Gesellschaft der Artisten zu führen . Sein Helden- Varieteform zuspitzt, tritt der Krüppel-Artist auf, der sich als
tum ist das eines Strebens nach Normalität. Hierzu gehärt die Selbst-Vorzeige-Mensch gewählt hat. In dem stets von neuem
Bereitschaft zu einer freiwilligen Kuriosität, die über die un- zu gewinnenden Wettlauf mit der Schaulust der Normalen
freiwillige hinausgeht. Folglich könnte man seine Position als kommt seine Selbst-Exhibition der bloßen Sensation zuvor.
die eines Variete-Existentialisten bestimmen. An deren An- Die Gegenüberstellung von Kunst und Leben entfällt bei
fang steht die List des Schicksals, die gebietet, aus der Not der ihm. Sein Leben ist nichts anderes als die durch harte Übung
Anomalie eine artistische Tugend zu machen. Von starken erarbeitete Kunst, normale Dinge zu tun, wie Türen öffnen
Ausgangsparadoxien vorangetrieben, möchte der Variete- und sich die Haare kämmen, einschließlich nicht ganz so
Existentialist einen Weg zu einem »anständigen Exhibitionis- normaler Dinge, wie mit dem Fuß Violine spielen und Blei-
mus« finden. Für ihn soll die Normalität zum Lohn der stifte mit einem vom Fuß ausgelösten Gewehrschuß in der
Unnormalität werden. Er muß also, um mit sich selbst im Mitte halbieren. Den Luxus depressiver Stimmungen kann
reinen zu bleiben, eine Lebensform entwickeln, bei der sich sich der Virtuose des Normalseinkönnens selten leisten.
die pathologische Auffälligkeit in die Voraussetzung eines Das Leben im Trotzdem nötigt dem, der zum Erfolg ent-
Anpassungserfolgs umwandelt. Darum durfte der armless schlossen ist, die ostentative Lebensfreude auf. Daß es da
fiddler, wie Unthans amerikanischer Bühnentitel hieß, um drinnen zuweilen anders aussieht, geht niemand etwas an.
keinen Preis als bloßer Krüppel an die Rampe treten, wie es Das Land des Lächelns wird von Krüppel-Artisten be-
im europäischen Zirkus und mehr noch in den Freakshows wohnt.
jenseits des Atlantiks Usus war. Er mußte sich als Sieger über Ich füge die Bemerkung an, daß Hugo Ball, der Mitbe-
seine Behinderung präsentieren und das Gafferturn mit des- gründer des Dadaismus und Mit-Initiator des Zürcher Ca-
sen eigenen Waffen schlagen. baret Voltaire, 1916, neben Franz Kafka der bedeutendste
Diese Leistung erbracht zu haben bestätigt Unthans unge- Variete-Existentialist deutscher Sprache war, sowohl in
wöhnliche Position, die in der Gegenwart erneut durch einige seiner dadaistischen Phase als auch in seiner katholischen
überragende Künstler besetzt wird. Indem sie es schaffen, die Periode. In dem Roman Flametti oder: Vom Dandysmus
Paradoxien ihrer Daseinsweise zu entfalten, können Behin- der Armen von 1918 versammelt er ein Pandämonium mar-
derte zu überzeugenden Dozenten der conditio humana wer- ginaler Gestalten aus dem Schausteller- und Zirkus-Milieu,
den - übende Wesen einer besonderen Kategorie mit einer über die er einen Vorsprecher erklären läßt: Diese Leute seien
Botschaft für übende Wesen im allgemeinen. Was Umhan wahrhaftigere Menschen als die Bürger, denen es scheinbar
für sich eroberte, war die Möglichkeit, als Krüppel-Virtuose gelingt, sich in der Mitte zu halten. Die Variete-Menschen
zu einem Subjekt zu werden, das sich im selben Maß sehen wissen mehr vom »wirklichen Leben«, weil sie an den Rand
und bewundern läßt, wie es vorgezeigt und angestarrt wird - Geworfene, Gestürzte und Angeschlagene sind. Diese »ge-
vorgezeigt in erster Linie durch die Impresarios und die rempelten Menschen« sind es, die, vielleicht als einzige, noch
Zirkusdirektoren, von denen im Pediskript viel, und selten authentisch existieren. In einer Zeit, in der die Normalen sich
80 Der Planer der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben 81

dem Wahnsinn verschrieben haben, erinnern sie sich, ihrer sunden: genau das also, wovon Unthan versichert, er leide
Gebrochenheit zum Trotz, an die besseren Möglichkeiten darunter nicht im geringsten. Die Führung eines übenden
des Menschseins. Sie sind die rucht-archaischen Torsi, die Lebens antwortet bei ihnen auf den Stimulus, der in der kon-
sich für unbekannte Aufgaben in Form halten. Dank ihnen kreten Behinderung sitzt - sie liefert den Hemmungsreiz, der
wird der Zirkus zur unsichtbaren Kirche. In einer Welt von zuweilen eine artistische Antwort provoziert. Wie Unthan
Mitläufern beim kollektiven Selbstbetrug sind die Zirkusleu- feststellt, muß man dem Behinderten »Freiheit« in Form
te die einzigen, die nicht schwindeln - wer auf dem Hochseil von »Licht und Luft in der Entwicklung« gewähren, bis der
läuft, kann keinen Augenblick lang so tun als ob. Wenig erlittene Anstoß vom Eigenwillen überformt und in ein Le-
später wird Ball auf die Spuren einer heiligen Akrobatik sto- bensprojekt integriert ist. Mithin: Durch das Phänomen des
ßen, der er in streng stilisierten, neo-katholisch erregten Stu- gehemmten und behinderten Lebens wird die allgemeine As-
dien ein Denkmal setzte: Byzantinisches Christentum. Drei ketelogie vor ihre Feuerprobe gestellt.
Heiligenleben, 1923 - den Glaubenshelden der frühen öst- Nun ist zu zeigen, wie aus der Analytik der Hemmungen
lichen Kirche Joannes Klimax, Dionysios Areopagita und ein ganzes System von Einsichten in die Gesetze der trotzen-
Symeon dem Styliten gewidmet, ein Hauptwerk der asketo- den Existenz hervorging. Hierzu ist eine Exkursion in die
logischen Dämmerungszeit. Katakomben der Geistesgeschichte vonnöten. Tatsächlich
ist das bedeutendste Zeugnis des Trotzexistentialismus deut-
Wir sind mit dem Gesagten auf eine neue Wendung des scher Herkunft, zugleich das Manifest der älteren Krüppel-
Übungsphänomens gestoßen. Indem wir uns den Lebensfor- anthropologie, bei der philosophischen wie der pädagogi-
men von Behinderten zuwenden, kommt unter den Bewoh- schen Zunft restlos vergessen. Ich spreche von dem Buch
ners des asketischen Sterns eine Klasse von Übenden in Sicht, Zerbrecht die Krücken von Hans Würtz, dem nietzscheanisch
bei denen speziellere Motive die Oberhand gewinnen. Sie inspirierten Initiator der staatlichen Behindertenpädagogik,
treiben ihre Askesen nicht um Gottes willen - oder, wenn einem Werk, das zu Beginn der dreißiger Jahre erschien, ohne
sie es tun, wie der zum Kruppel geschossene Ignatius von die geringste Resonanz zu erfahren - aus Gründen, von denen
Loyola, so deswegen, weil ihnen Christus als Leitbild zur gleich zu reden ist. Keine Philosophiegeschichte erwähnt das
Neutralisierung ihres Mangels imponiert. Nicht umsonst Buch, in keinem anthropologischen Lehrbuch wird darauf
wird Christus vom Grunder des Jesuitenordens als Kapitän eingegangen,21 nicht einmal in den Kreisen von Nietzsche-
aller Leidenden zur Nachahmung empfohlen. Nur marginal Experten hat man von seiner Existenz eine Ahnung - und
jedoch gehären die sichtbar Behinderten zu den Kolonnen dies, obwohl gerade Nietzscheaner, ob akademisch oder
der heiligen Selbstquäler, die Nietzsehe wie heisere Pilger- at large, allen Grund hätten, sich mit der Rezeption von
chöre durch die Jahrtausende ziehen sah. Sie sind keine Kran- Nietzsches Ideen in der Krüppelpädagogenszene vor und
ken im üblichen Wortsinn, obschon Nietzsehe ihnen einen nach 1918 zu beschäftigen. Ein angemessenes Nietzsche-
psychologischen Krankheitsverdacht entgegenbrachte - im Verständnis kann aber unmöglich gewonnen werden, ohne
übrigen vermuten auch die Psychoanalyse wie die offizielle
21 Auch in der bedeutendsten jüngeren Arbeit zum Thema: Klaus E.
Kruppelpädagogik der zwanziger Jahre bei den Behinderten Müller, Der Krüppel. Ethnologia passionis humanae, München
die Disposition zu einem Neidkomplex gegenüber den Ge- 199 6, wird die Arbeit von Würtz nicht erwähnt .
Der Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben

die Wirkung und Widerspiegelung seines Werks bei Krüp- 37,3 Prozent der Stimmen gewonnen und war zu der mit
peln und ihren Vorsprechern ins Auge zu fassen. Abstand größten Fraktion im Reichstag aufgestiegen. Die
Der Grund für die Verschollenheit des Buchs ist vor allem lautstarke Partei fand bei den Neubehinderten aus dem Er-
in den politischen Implikationen seines Gegenstands zu su- sten Weltkrieg starken Anklang - ihre Zahl wird allein in
chen - und in seinem Erscheinungsdatum. 1932 auf den Deutschland auf 2,7 Millionen geschätzt. Was die Parole
Markt gebracht, war ein Werk mit dem Titel Zerbrecht die Zerbrecht die Krücken angeht, hätte Würtz demnach richtig
Krücken in Deutschland nicht zeitgemäß - jedoch nicht, weil liegen müssen - die deutsche Zeitstimmung wollte ja auf brei-
die Idee des Krückenzerbrechens damals keine Anhänger ge- ter Front nichts anderes, als daß die Menschen fähig würden,
funden hätte, sondern im Gegenteil, weil die Titelparole allzu ohne die lästigen Hilfskonstruktionen aktueller Daseinsvor-
viele Bekenner in ihren Bann zog. Die wollten freilich von sorge zu leben - im Kleineren wie im Größeren und Größten.
den realen Behinderten nichts hören. In größeren Biblio- Die Stunde der Bewegtheiten hatte geschlagen. Als Führer
theken ist das seltene Werk unter der vollständigen Titel- einer sammlungs mächtigen Bewegung konnte nur noch auf-
angabe verzeichnet: Zerbrecht die Krücken. Krüppel-Proble- treten, wer imstande war, glaubhaft die Zerschlagung herr-
me der Menschheit. Schicksalsstiefkinder aller Zeiten in Wort schender Behinderungssysteme zu versprechen. Ein Dasein
und Bild, 1932, Leipzig, im Verlag von Leopold Voss. Der in Krückenlosigkeit leuchtete am Horizont auf und wurde zu
Autor, 1875 in Heide, Holstein, geboren, 1958 in Berlin ver- einem Leitbild für all jene, die sich vom Gegebenen gekränkt,
storben, früh verwaist, war anfangs Volkschullehrer in Ham- behindert und beengt fühlten. Die Stunde der Volksanarchis-
burg-Altona, später in Berlin-Tegel. Er wirkte von 191 I an als men hatte geschlagen.
Erziehungsinspektor am Oskar-Helene-Heim in Berlin-Zeh- Seit seinen Anfängen war der Anarchismus die Philoso-
lendorf, das aus der vormaligen Krüppel-Heil-und-Erzie- phie des Ohne gewesen. Er wollte sein Publikum zu der Ein-
hungsanstalt für Berlin-Brandenburg hervorgegangen war. sicht bringen, wie viele Hilfsmittel man in der modernen
Unter der Leitung des jungen Idealisten entwickelte sich Ordnung der Dinge vorfindet, ohne die man auskommen
die genannte Institution zu einem Mekka der Krüppelfürsor- könnte, wenn man nur fest genug an ein Leben ohne Herrn
ge in staatlicher Trägerschaft und erlangte internationale Re- und Herrschaft glaubt: Ohne den Staat (die politische
putation. Gemeinsam mit Konrad Biesalski, einem Orthopä- Krücke), ohne den Kapitalismus (die ökonomische Krücke),
den, machte Hans Würtz aus der Zehlendorfer Institution ohne die Kirche (die religiöse Krücke), ohne das beißfreudige
einen Fokus dieser neuen Form von philosophischer Praxis. Gewissen (die jüdisch-christliche Krücke der Seele), ohne die
Zwei Jahrzehnte lang behauptete sich die Würtz-Biesalski- Ehe (die Krücke, an der die Sexualität durch die Jahre hinkt).
sche Krüppelanstalt als Hochburg des Trotzexistentialismus Im Kontext der Weimarer Republik meinte das vor allem:
in Deutschland, ehe sie von neuen partei nahen Direktoren ohne den Versailler Vertrag, der für die Deutschen zu einer
auf NS-Linie gebracht wurde. In diesem Institut sollten die zornerregenden Fessel geraten war. Darüber hinaus wollten
Ideen Nietzsches über die Gleichung von Leben und Willen viele zu jener Zeit auch ohne die Demokratie auskommen:
zur Macht auf den Prüfstand des täglichen Umgangs mit Be- Von zahlreichen Zeitgenossen wurde diese für eine Veranstal-
hinderten gestellt werden. tung zur Lächerlichmachung des Volkes durch seine Vertreter
Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 hatte die NSDAP gehalten - warum sollte man es nicht auch einmal mit der
Der Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben

Lächerlichmachung der Volksvertreter durch die Populisten Traum und ihr großes Trotzdem bestand. Die Inopportunität
versuchen? Das Krückenzerbrechen war im Begriff, zum solcher Bekenntnisse liegt auf der Hand - um von ihrer psy-
Kern revolutionärer Politik zu werden - ja zum Impuls chologischen Unwahrscheinlichkeit nicht zu reden. »Bewe-
der zeitgemäßen revolutionären Ontologie. Jenseits von gungen « dieses Typs leben davon, daß ihr primum mobile in
Politik und Alltag erhob sich der Ruf nach einem Aufstand der Latenz bleibt. Unleugbar war der politische Raum jener
gegen alles, was uns durch sein bloßes Bestehen irritiert. Die Jahre von Abkömmlingen der Krüppel-Problematik durch-
Krückenmüden wollten nicht weniger abschütteln als das drungen - nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, daß die
Joch des Realen. Alle Politik verwandelte sich in Politik Behinderung Wilhelms II. von seinem Biographen Emil Lud-
für Behinderte im Aufruhr. Wer auch immer den Zorn gegen wig 1925 für ein größeres Publikum ins Zentrum der psycho-
das »Gegebene « und »Bestehende« sammeln wollte, konnte politischen Aufmerksamkeit gerückt worden war. Die Öf-
sicher sein, daß ein Großteil der Zeitgenossen bereit war, in fentlichkeit hallte wider von Fragen nach der Sinngebung
allen Manifestationen des Institutionellen Krücken zu er- des behinderten Daseins - und nach der Verträglichkeit von
kennen, die darauf warteten, zerbrochen zu werden. Das Macht und Behinderung. Darf man Behinderte an die Macht
20. Jahrhundert gehört den Volksfronten gegen die Hilfs-
kommen lassen? Was ist überhaupt Macht, wenn Behinderte
konstruktionen. sie erringen können? Was geschieht mit uns, wenn Be-
Natürlich konnte die NSDAP zu keiner Zeit offen unter hinderte sie schon erlangt haben? Nietzsches scheinbar welt-
dem Zeichen des zu lösenden Krüppelproblems antreten, enthobene Meditationen aus den achtziger Jahren des vor-
obschon sie unter wesentlichen Aspekten nichts anderes angegangenen Jahrhunderts waren binnen kurzer Frist in den
war als eine militante Stellungnahme zur Krüppel- und Krük- Glutkern der Politik vorgedrungen. Hans Würtz verstand
kenfrage. Die Partei löste den Widerspruch, den sie verkör- sich darauf, die Gesichtspunkte Nietzsches zu aktualisieren,
perte, indem sie das gefährliche Thema des »lebensunwerten indem er zeigte, wie Behinderung, die richtige »Beschulung«
Lebens« auf ihr Programm setzte: Mit dieser Geste gelang es vorausgesetzt, in ein Surplus an Willen zum Lebenserfolg
ihr, ihr eigenstes Motiv radikal zu externalisieren. Andernfalls münden kann.
hätten sich die Führer der Bewegung selber als verkrüppelte »Das Material ist völlig unbefangen gesammelt«, heißt es
Krüppelführer outen müssen, wie es in derselben Zeit der in der Einleitung des Buchs, das eine enzyklopädische Über-
behinderte Behindertenpädagoge Otto Perl getan hatte. Sie sicht über praktisch alle damals in Europa namentlich be-
hätten offenlegen müssen, mit welcher Kompetenz und auf- kannten behinderten Kulturträger bietet. Deshalb erwähnt
grund welcher Delegationsverhältnisse ausgerechnet sie an Würtz auch seinen Zeitgenossen Joseph Goebbels in seinen
der Spitze der nationalen Revolution stehen wollten: Hitler Übersichten und Tabellen zur Menschheitsgeschichte des
als emotional Behinderter, der in rauschhaften Momenten die Krüppelproblems: Er führt den NS-Propagandisten zweimal
Fusion mit der Volksgemeinschaft suchte, Goebbels als Fuß- unter der Kategorie der Klumpfußkrüppel an - wo er neben
krüppel, der aufs elegante Parkett strebte, Göring als Sucht- Figuren wie Lord Byron nicht apriori eine schlechte Figur
behinderter, der in der NS-Herrschaft die Chance zu einer machen mußte: einmal in der Nationenliste/ 2 einmal in der
großen Sause für sich und seine Ko-Abhängigen witterte - sie
alle hätten anzugehen gehabt, worin jeweils ihr Kampf, ihr 22 WÜrtZ, Zerbrecht die Krücken, a. a. 0., S. 101.
86 Der Pl anet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben

Funktionenliste unter der Rubrik "revolutionäre Politi- hinleitet, heißt bei Würtz zeitgerecht ,>Arbeit« - wir verste-
ker«.23 Der Chef-Agitator der NSDAP verdankt dem Krüp- hen, daß dieses Wort nur eines der Pseudonyme ist, unter
pelpädagogen Würtz die Ehre seiner Erwähnung in einem denen die Emergenz des Übungsphänomens fortgeht.
Who's who der Menschheit, das fast fünfhund ert Namen um- »Ueberwundene Hemmung ist die Mutter aller ent-
faßt, Große und Größte darunter sowie Figuren vom Typus falteten .. . Bewegung. «27 Die Bewegung, die hier die entfal-
Unthans, den Würtz zusammen mit zahlreichen Schicksals- tete heißt, bezeichnet Würtz zufolge nicht bloß die kompen-
verwandten in der breit repräsentierten Kategorie ,> Schau- sierende, sondern die überkompensierende: Bei ihr führt die
24
krüppel und Krüppel-Virtuosen « auflistet. Reaktion über den Anstoß hinaus. Hiermit hatte der Autor
Gemeinsam war den Protagonisten dieses Werk ihre Fä- ein Theorem formuliert, dessen Geltungsbereich sich auf
higkeit, die Philosophie des Trotzdem wahrzumachen. Daß asymmetrische Bewegungskomplexe aller Art erstreckt, or-
in den Listen des Wissenschaftlers Personen wie Jesus, nach ganische wie geistige, psychische wie politische, mochte er
neueren Vermutungen ein »Häßlichkeitskrüppel«, und Wil- sich auch in seinem Buch darauf beschränken, den Lehrsatz
helm II. auftauchen -letzterer ein Armverkrüppelter, in dem am Phänomen der physischen Behinderung zu demonstrie-
zudem ein »Krüppelpsychopath«25 steckte wie die behinder- ren. Diese Anwendungen waren anspruchsvoll genug: Durch
te Puppe in der behinderten Puppe -, zeigt Ausmaß und Ex- intensive Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Grundlage
plosivität der Problematik. Die Nennung solcher Größen sollten sich deutsche Ärzte, Pädagogen und Seelsorger in der
illustrierte die von der Lebens- zur Geistphilosophie über- »Zielsetzungsgemeinschaft der Krüppelhebung« vereinigen.
leitende These, wonach Behinderte sich jenseits ihrer Gebre- Doch so hoch er auch zu greifen versuchte: Das politische
26
chen im Reich überpersönlicher Werte verankern können. Potential seiner Überlegungen blieb Würtz verborgen. Zwar
Tatsächlich hatte Wilhelm II. nicht nur eine unmittelbar neu- hatte er in allgemeinen Ausdrücken statuiert, daß Über-
rotische Politik auf dem Kerbholz, er hatte auch Bühnenbil- schüsse aus der Hemmungsüberwindung in Vorwärtsdyna-
der für die Bayreuther Festspiele entworfen und andere mik münden: »... der gelähmte Ignatius von Loyola und
Übergänge ins Objektive versucht. Was den Durchbruch Götz von Berlichingen waren immer unterwegs «,28 die rast-
von Jesus aus der Sphäre seiner vermuteten Behinderungen losen Epileptiker Paulus und Caesar nicht weniger. Auch
in die geistige Sphäre angeht, so sind ihre Resultate längst in fehlt es nicht an Hinweisen auf den »kleinen schiefhalsigen
die ethischen Grundlagen der okzidentalen Kultur eingear- Alexander den Großen « und den ebenfalls »schiefhalsigen«,
beitet. In der Wertphilosophie Max Schelers, die Würtz ver- »kleinen mongoloid-häßlichen Lenin« sowie auf die klein-
mutlich nicht gekannt hat, war gleichzeitig der Versuch un- wüchsige und hüftlahme Rosa Luxemburg. 29
ternommen worden, die Eigengesetzlichkeit der Wertsphäre Dennoch: »Trauer und Trotz«, die krüppelpsychologi-
gegenüber ihrer »Basis« in den Lebensspannungen herauszu- schen Universalien, behalten für Würtz einen ausschließlich
stellen. Der Inbegriff des Tuns, das zum Überpersänlichen individualpsychologischen Sinn. Ein politischer Aufbruch
wie der völkische Sozialismus von 1933 jedoch, der sich
23 Ibid., S. 88.
24 Ibid., S. 97. 27 Ibid., S. 49·
25 Ibid., S. 3 r. 28 Ibid., S. Ir.
26 Ibid., S. 4. 29 Ibid., S. J 8.
88 Der Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben

rühmte, vor allem Bewegung, Angriff und Revolution zu sein vierten, und zusätzlich in der Unterklasse »Komplexkrüp-
- was war er, wenn nicht ein externer Anwendungsfall des pel«/' die ins psychologische Feld überleitet.
Kompensationsgesetzes? Ist überwundene Hemmung die Goebbels verfolgte andere Pläne: Auf seine Anordnung
Mutter aller entfalteten Bewegung, welche »Muttertriebe« hin soll die gesamte noch nicht ausgelieferte Auflage von
mögen es dann sein, von denen die Neigung zur Selbst- Zerbrecht die Krücken umgehend eingezogen worden sein.
vergrößerung durch Fest und Terror stammten? Was heißt Der weitere Verlauf der Geschichte spricht für sich. Kurz
es, zu den »Müttern « zu gehen, wenn das Wort das Produkt nach dem Januar I933 wurde Würtz an seinem eigenen In-
aus Hemmung und Überwindung beschreibt? Falls Über- stitut als Volksfeind denunziert, seine Kritiker wollten in ihm
kompensation von Behinderung das Geheimnis des Erfolgs mit einem Mal einen Edelkommunisten und Philosemiten
ist, wäre hieraus zu folgern, die meisten Menschen seien erkannt haben. Aufgrund des zum richtigen Zeitpunkt erho-
nicht behindert genug? Die Fragen mögen rhetorisch sein, benen Vorwurfs des Amtsrnißbrauchs und der Veruntreuung
eines zeigen sie gleichwohl: Der Weg zu einer größeren von Spendengeldern wurde er fristlos und ohne Pensionsan-
Kompensationstheorie ist mit Verfänglichkeiten gepfla- sprüche entlassen - vorgeblich hatte er einige Zuwendungen,
stert. 30 die dem Förderkreis des Oskar-Helene-Heimes zugeflossen
Was Goebbels angeht, so hatte er am Fortgang der Auf- waren, für die Publikaton von Zerbrecht die Krücken ver-
klärung offensichtlich kein Interesse. Für seine Aufnahme ins wendet, als wäre die Herausgabe des Buchs eine Privatange-
Pantheon der Behinderten vermochte er sich nicht zu begei- legenheit des Autors ohne Bezug zu den Aufgaben der von
stern. Daß er mit Größen wie Kierkegaard in eine Reihe ihm mitgeleiteten Institution.
gestellt wurde, auch mit Lichtenberg, Kam, Schleiermacher, Unschwer lassen sich in den Vorwürfen gegen Würtz die
Leopardi, Lamartine, Victor Hugo und Schopenhauer, um Konturen eines Konflikts zwischen den Feldarbeitern in der
nur sie zu nennen, verführte ihn nicht zu einem Outing. Seine Anstalt und dem publizierenden Alphatier ausmachen. Seine
Psyche zu Lebzeiten der Wissenschaft zur Verfügung zu stel- Ankläger, ambitionierte Kollegen, rückten nach seiner Ent-
len war wohl das letzte, das ihm in den Sinn gekommen wäre. fernung aus dem Amt in leitende Funktionen ein - wie um
Auch an dem orthopädischen Leitsatz des Zehlendorfer In- klarzustellen, daß eine erfolgreiche Revolution ihre Kinder
stituts: »Der Stumpf ist die beste Prothese« dürfte er wenig nicht frißt, sondern versorgt. Würtz blieb naiv genug, zu
Gefallen gefunden haben. Bei der Würtzschen Einteilung der glauben, er könne unter den gegebenen Bedingungen seine
Krüppelwelt in die vier Hauptgruppen: Wuchskrüppeltum Unschuld beweisen. Deshalb kehrte er seines Prozesses we-
(Größenanomalien), Mißwuchskrüppelturn (Deformatio- gen aus dem vorübergehenden Prager Exil nach Deutschland
nen), Andeutungskrüppelturn (Fehlhaltungen) und Häßlich- zurück und wurde durch ein Berliner Gericht im Januar 1934
keitskrüppeltum (Entstellung) hätte er sich ohne Zweifel bei zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt, die Strafe
der zweiten Klasse eintragen müssen, eventuell auch in der wurde zur Bewährung ausgesetzt. Darauf verließ er Deutsch-
land, um bis zum Ende des Krieges in Österreich Zuflucht zu
finden. 1947 gelang ihm die volle juristische und berufliche
30 Die kleinere Variante der Lehre vom homo compensator ist in der
Bundesrepublik durch die Arbeiten von Joachim Ritter, Odo Mar-
quard und Hermann Lübbe bekannt geworden. 3 J Ibid., S. 67·
D er Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben

Rehabilitierung. Im Waldfriedhof von Berlin-Dahlem wurde des priesterlich-asketischen Ideals an seinem Nachahmer
er im Juli 1958 bestattet. ad personam bewahrheiten. Der Stil der Würtzschen Ver-
Für den Fortgang unserer Überlegungen ist es aufschluß- öffentlichungen, die in Hymnen auf »Siegreiche Lebens-
reich, die Konstellation zwischen Nietzsches Ansätzen zur kämpfer«33 gipfeln, legt es nahe, bei ihm ein Wortführer-Syn-
Analytik des Willens und Würtz' Ausführun gen zur Behin- drom zu vermuten. Dafür spricht die Art und Weise, wie er
dertenpädagogik zu beleuchten. Beide Autoren könnten zur sich an der eigenen Sendung entflammt. Die Nähe zum prie-
Illustration ihrer Axiome jeweils auf den anderen verweisen- sterlichen Typus verrät sich in Würtz' imperial anmutendem
was im Fall des Jüngeren im Verhältnis zum Älteren auch Geschmack, immer größere Teile der Menschenwelt ins Ge-
faktisch geschehen ist. Aus der Sicht des Berliner Krüppel- biet seiner Zuständigkeit zu bringen. Dabei wird auch die
forschers liefert Nietzsche ein Beispiel für sein Konzept der übliche Alphatier-Dynamik sichtbar: aus Nietzsches Sicht ei-
»ueberwundenen Hemmung«. Er klassifiziert den Philoso- ne unverkennbare Manifestation des Willens zur Macht.
phen, ohne dessen Anregung seine eigene Arbeit kaum vor- Gleichwohl, nach allem, was sich heute in Erfahrung brin-
stellbar wäre, einigermaßen kaltblütig als den »psychopa- gen läßt, stand für Würtz die Arbeit am Berliner Oskar-He-
thisch belasteten Wuchskruppel Nietzsche «32. Immerhin lene-Heim im Fokus seines Engagements. An der Ernsthaf-
war diesem, so gesteht er zu - aufgrund der Kompensations- tigkeit seiner lebenslangen Bemühungen um das Wohl seiner
gesetze in Verbindung mit hoher Begabung und harter Arbeit Klienten zu zweifeln kommt äußeren Beobachtern nicht zu-
an sich selbst -, eine partielle Überwindung seiner Behinde- auch wenn man seinen autoritären Ansatz heute wenig gou-
rung geglückt, weswegen sein Werk als Versuch eines Über- tiert und der Papierform nach eher mit dem Selbstbestim-
gangs in die überpathologische Wertsphäre zu würdigen sei. mungsmodell des alternativen Behinderten-Pädagogen Otto
Kehrt man die Perspektive um, ergibt sich ein komplexeres Perl sympathisieren würde. 34 Im übrigen war die Berliner
Bild. Nietzschewürde in dem Berliner Kruppelpädagogen das Anstalt für ihren pädagogischen Inspektor zugleich die Kan-
von ihm beargwöhnte Phänomen des Schülers erkennen, über zel, von der er einem eher widerwilligen Publikum seine Vor-
das hier nicht mehr zu sagen ist, als daß in ihnen regelmäßig schläge zur Lösung des Menschheitsrätsels verkündete. Diese
eher die Schwächen der Meister als ihre Vorzüge in kompro- bestanden hauptsächlich in modalen Umwandlungen: Du
mittierenden Vergrößerungen sichtbar werden. Ein zweiter kannst, was du willst; du sollst wollen, was du mußt - du
Blick würde statuieren, wie sich bei Würtz das von Nietzsehe sollst wollen können und du bist hierzu fähig, vorausgesetzt,
inkriminierte priesterliche Syndrom konkretisiert. Dessen es steht dir jemand zur Seite, der will, daß du willst. Die letzte
Kennzeichen besteht in der bei stärkeren Kranken auftreten- Wendung muß festgehalten werden: Sie definiert nicht nur
den Neigung zum Anführerturn für ein Gefolge aus schwa- die Figur des Willenstrainers für Behinderte, sie bietet die
chen Existenzen. Ob sich bei Würtz persönlich Hinweise auf Definition der Trainerfunktion überhaupt. Mein Trainer ist
eine Behinderung finden ließen, ist der mir bekannten Litera-
tur nicht zu entnehmen, weshalb ich bis auf weiteres nicht 33 So der Titel eines früheren Buchs von Hans Würtz aus d em Jahr
1919, als die Pro blematik der Konstitutio nskrüppel von der der
klären kann, ob sich Nietzsches Diagnosen über die D ynamik
Kriegskrüppel überlagert wurde.
34 Otto Perl , Krüpp eltum und G esellschaft im Wandel d er Z eit, G o-
32 Ibid., S. 37. tha 1926.
92 Der Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben 93
derjenige, der will, daß ich will - er verkörpert die Stimme, Mit dem Auftreten der Trainerfigur - genauer: ihrem Wie-
die mir sagen darf: Du mußt dein Leben ändern! 35 derauftreten nach ihrem Mit-Untergang im Zerfall des anti-
ken Athletentums - gelangt die somatische und athletische
Das Phänomen der Betreuung von Behinderten aus dem Geist Renaissance an der Wende zum 20. Jahrhundert in ihre prä-
einer Willensphilosophie, die den Krüppel zur Arbeit an sich gnante Phase. Man tritt Hans Würtz nicht zu nahe, wenn man
selbst anhält, gehört unverkennbar in den Einzugsbereich des ihn einen Reichstrainer der Behinderten nennt, quasi einen
oben exponierten Großereignisses: der für das I9. und 20. Trappatoni der Krüppel. Er steht in einer Tradition von Trai-
Jahrhundert kennzeichnenden Entspiritualisierung der Aske- ner-Autoren, die bis zu Max Stirner, dem Autor von Der
sen. Dem entspricht auf der »religiösen « Seite ein langfristiger Einzige und sein Eigentum, I844, zurückreicht. Es dürfte
Trend zur Entheroisierung des Priestertums, dem vorüberge- unnätig sein zu betonen, daß Würtz den letzteren mit siche-
hend, von den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts an, rem Sinn für Mannschaftsaufstellungen zu seinen exemplari-
die für den renouveau catholique und den frommen Flügel der schen Klienten zählt. In seiner Eigenschaft als Trainer der
Phänomenologie typische Überhöhung des Heiligen entge- eigenen Einzigkeit war Stirner als eine~ der ersten klar ge-
genwirkt - mit Späteffekten, die bei Autoren wie dem Öko- worden, daß man mit metaphysischem Ubergewicht auf dem
logen Carl Amery und dem parakatholischen Eleganzphäno- Rasen der Existenz eine schlechte Figur macht. Die Entfer-
men Martin Mosebach nachzuweisen sind. nung der ideologischen Sparren im Kopf, die er in seinem
Buch empfahl, war bereits nichts anderes als ein explizites
Indem Würtz als Willenspädagoge auf dem Jargon des He- mentales Fitnessprogramm. Im Blick auf diesen Patriarchen
roismus insistierte, entging ihm ironischerweise der zukunfts- des Egoismus gelingt Würtz eine Generalisierung von einiger
weisende Teil der asketologischen Zeitwende, der sein Werk Reichweite: »Der Krüppel Stirner sieht seiner psychologi-
zuzurechnen ist. Den heroistischen Suggestionen zum Trotz schen Struktur gemäß alle anderen Menschen als unbewußte
ist seine pragmatische Orientierung an einem Programm zur und unwillkürliche Kämpfer um den Ichwert. «36 Für Würtz
Ertüchtigung der Behinderten und Gehemmten ausschlagge- beweist das, was er voraussetzt: Einzigkeitsbewußtsein und
bend. Sein pseudo-priesterlicher Habitus darf nicht zum »Lebenskriegerturn« konvergieren. Heute würde man sich
Nennwert genommen werden. In ihm verbirgt sich ein Sach- vorsichtiger ausdrücken: Aus Behinderungen ergeben sich
verhalt, der sich durch Nietzsches diätologische Thesen an- nicht selten Sensibilisierungen und aus diesen zuweilen erhöh-
gekündigt hatte: Ich nenne ihn die Emergenz des allgemeinen te Anstrengungen; die wiederum münden unter günstigen
Trainingsbewußtseins aus dem Fall der Kranken- und Behin- Umständen in gesteigerte Lebensleistungen. Während die
dertenpädagogik. Zum Training gehört nehen dem Trainie- Stirnersche Einzigkeit, wie Würtz bedauernd feststellt, in
renden und dem Trainingsprogramm naturgemäß der Trainer der Neurose befangen blieb, soll es in der konstruktiven Be-
selbst - es ist diese zukunftsträchtige Figur, die sich unter dem hindertenarbeit darum gehen, den "problematischen Krüppel
spätwilhelminischen, lebens- und willensphilosophischen zum Charaktermenschen zu befreien«.37 In unseren Tagen
Aufputz der Würtzschen Verlautbarungen profiliert.

36 Ibid., S. 50.
35 Zur Meister- und Trainerproblematik siehe unten Kapitel 8, S. 45 5f. 37 Ibid., S. 63·
94 Der Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überl eben 95

würde man das nicht mehr so formulieren, gleich, ob man über diesen Explikationsgewinn muß man einige heroistische Phra-
vormärzliche Philosophen oder sonstige problematische Na- sen in Kauf nehmen. In der Sache sind sie nur die Maske der
turen spricht. athletischen Renaissance. Im übrigen läßt sich auch in der
Die Hypothese, wonach der Behinderten-Pädagoge sei- Sportgeschichte des 20 . Jahrhunderts die Entheroisierung
nem praktischen und moralphilosophischen Profil gemäß ei- der Trainerrolle beobachten. Allerdings gibt es im Bereich
ne der ersten Ausprägungen des modernen Trainerturns ver- des Sports - analog zu den Entwicklungen auf dem religiösen
körpert, läßt sich durch zahlreiche Äußerungen des Autors Feld - eine Gegenströmung, die man den renouveau athletique
substanzialisieren. Bei Würtz ist klar erkennbar: Der Trainer nennen könnte: In ihr wird der Extremsportier auf den Schild
ist der zeitgemäße Partner in nicht-metaphysischen Vertikal- gehoben, das spirituell entleerte Gegenstück des Heiligen.
spannungen, die dem Leben des Trainierenden ein deutliches
Gefühl für Oben und Unten einflößen. Er ist dafür verant- Die philosophische Anthropologie des 20. Jahrhunderts hat
wortlich, daß »ärztlich vorgeschriebene Uebungen dieses die Beiträge der Behindertenpädagogik ignoriert - nichtsde-
(vom Klienten erworbene) Können seinen Kräften einwur- stoweniger kam sie aus benachbarten begrifflichen Ausgangs-
zeln«, so daß »auch sein Selbsterhaltungswille einen konkre- lagen zu sinnverwandten Beobachtungen. Die Anthropologie
ten Stützpunkt«38 findet. Mit einer Klarheit, die einer analy- des normalen Menschen bahnte sich mit ihren Mitteln den
tischen Philosophie des Sports Ehre machen würde, erklärt Weg zu einem noch viel allgemeineren Behinderungsbewußt-
Würtz an der trainingstheoretisch entscheidenden Stelle, vom sein, als sich die Sonderpädagogen hätten träumen lassen -
Behinderten sprechend: ihre praktischen Folgerungen jedoch waren denen der heroi-
»Sein Wille gewinnt damit ein inneres Lebensgefälle, schen Krüppeldidaktik diametral entgegengesetzt. Ihre Ma-
wenn er die frühere Ohnmachtslage mit seinem ersieg- xime hieß: Auf keinen Fall die Krücken zerbrechen! Man
ten Können vergleicht und mit dem schon gewonnenen vernimmt diesen Warnruf schon in der Wiener Psychoana-
Erfolgsgewinn an seinem Ertüchtigungsziele mißt. Sein lyse, wenn Freud den Menschen als den »Prothesengott« cha-
Streben gewinnt einen Vorwärtsschwung. Die Ueber- rakterisiert, der ohne die Stützen der zivilisatorischen Da-
windung des früheren Ohnmachtsempfindens ist seinsvorsorge nicht lebensfähig wäre. Im übrigen gelang
gleichzeitig ein ethischer Sieg ... Das sorglich Vermit- Freud mit seiner Ödipus-Legende die Eingemeindung der
telnde der Erziehung darf nicht mit Schonungsangst männlichen Hälfte der Menschheit in die Familie der Klump-
beschwert werden . .. Vom Erzieher der Ohnhänder füße, indessen er an der w eiblichen Hälfte ein genitales Krüp-
verlangen wir daher Lebensbejahung . . . «39 peltum in Form einer angeborenen Penislosigkeit diagnosti-
Es dürfte in der neueren Literatur wenige Äußerungen geben, zierte. Noch lauter hört man den Warnruf in Arnold Gehlens
in denen die post-metaphysische Transformation der Vertikal- Lehre von den haltgebenden Institutionen, der zufolge die
spannung, das heißt des inhärenten Gefälle-Bewußtseins der wahnhafte Grenzenlosigkeit der losgelassenen Subjektivität
Vitalität, ähnlich explizit auf den Punkt gebracht wird. Für allein durch ein schützendes Gerüst aus überpersönlichen
Formen vor sich selbst gerettet werden kann. Hier tauchen
38 Ibid., S. 34. die Krücken als die Institutionen wieder auf, und deren Be-
39 Ibid., S. 36. deutung nimmt um so mehr zu, als die Anarchisten des
Der Planet der Übenden 3 Nur Kruppel werden überleben 97
20. Jahrhunderts von links und rechts zu ihrer Zerschlagung subjektive Abweichung den Beweis ihrer Wiederholbarkeit
allzu erfolgreich aufgerufen hatten. Gehlen war äußerst be- erst erbringen, wenn sie denn hieran interessiert sind. In den
unruhigt, als er in den sechziger Jahren unter den Jugendli- mutationsfeindlichen traditionalistischen Systemen geht man
chen des Westens eine neue Ohne-Bewegung aufkommen allerdings von vorneherein davon aus, es lohne sich nie, auch
sah. In seiner anthropologischen Rechtfertigung der Institu- nur den Versuch eines Beweises für die Brauchbarkeit von
tionen kulminiert der Anti-Rousseauismus des 20. Jahrhun- Neuem zuzulassen. Epochen mit erhöhter Innovationsoffen-
derts, kondensiert in der Mahnung, der Mensch habe immer heit setzen hingegen auf die Beobachtung, selbst nach tief
sehr viel mehr zu verlieren als seine Ketten. Er stellt die Frage, eingreifenden moralischen Umwertungen und technischen
ob nicht alle politische Kultur mit der Unterscheidung zwi- Neuerungen seien hinreichende Stabilisierungen möglich,
schen Ketten und Krücken beginnt. Seine dramatischste die unseren modus vivendi ins Angenehmere umlenken - doch
Form erreicht das Bekenntnis zur Krückenpflichtigkeit des müssen die Neuerungen stets unter dem Gesichtspunkt ge-
Daseins in den Aussagen der biologischen Paläoanthropolo- prüft werden, ob sie den Stabilitätsbedürfnissen von Systemen
gie bei Louis Bolk und Adolf Portmann: Ihnen zufolge ist der allgemeinen Frühgeburtlichkeitskrüppelpflege (vulgo
homo sapiens konstitutiv ein Frühgeburtlichkeitskrüppel, ein Kulturen) entsprechen.
zur ewigen Unreife bestimmtes Geschöpf, das aufgrund die- Wo auch immer der Mensch auftritt, sein Krüppelturn ist
ses Merkmals, das Biologen Neotenie (Festhalten an juveni- ihm zuvorgekommen: Diese Einsicht bildet den Refrain der
len und fötalen Zügen) nennen, nur in den Inkubatoren der philosophischen Reden vom Menschen im vergangenenJahr-
Kultur zu überleben imstande ist. 40 hundert, gleichgültig, ob man wie die Psychoanalyse vom
In diesen hoch generalisierten Aussagen moderner An- Menschen als Hilflosigkeitskrüppel spricht, der seine Ziele
thropologie wird das holistische Pathos funktional expliziert, nur erhinken kann,41 ob man ihn wie Bolk und Gehlen für
das für ältere Kulturen charakteristisch war, jener Kulturen, einen neotenischen Krüppel hält, dessen chronische Uner-
die unnachgiebig auf dem Vorrang von Tradition und Sitte wachsenheit nur durch starre Kulturhüllen kompensierbar
(des bewähren Inkubators) vor den Launen neuerungslusti- ist, oder wie Plessner für einen exzentrischen Krüppel, der
ger Einzelner beharrten. Jede Orthodoxie, ob sie sich religiös chronisch neben sich steht und sich leben sieht, oder wie
oder durch Altehrwürdigkeit und Anciennität begründet, ist Sartre und Blumenberg als Sichtbarkeitskrüppel, der sich
ein System zur Verhinderung von Mutationen an den stabi- zeitlebens einen Reim auf den Nachteil, gesehen zu werden,
litätverleihenden Strukturen. In dieser Hinsicht ist das Alter machen muß.
des Alten selbstbegründend. Während eine Tradition, falls sie Darüber hinaus kommen nicht nur konstitutive, sondern
nur alt genug erscheint, allein durch ihr Bestehen den Nach- auch historisch erworbene Krüppeltümer in Sicht, und zwar,
weis ihrer Lebensfähigkeit und ihrer Verträglichkeit mit an- wenn man Edmund Husserl Glauben schenken darf, vor al-
deren Bestandsgütern liefert, müssen der neue Einfall und die lem bei den modernen Europäern. Durch ihre Bemühungen
um die intellektuelle Eroberung des Wirklichen haben diese
40 Diese Ansätze werden im dritten Band meines Sphären-Projekts zu
einer allgemeinen Theorie der Existenz in insulierten Räumen fort-
geführt. Vgl. P. SI., Sphären III, Schäume. Plurale Sphärologie, 4 1 Peter Schneider, Erhinken und erfliegen. Psychoanalytische Zwei-
Frankfurt am Main 2004, S. 309-500. fel an der Vernunft, Göttingen 200r.
1
Der Planet der Übenden 3 Nur Krüppel werden überleben 99
sich im Laufe der letzten Jahrhunderte zwei gefahrenträchti- ihre Art, Grund und Anlaß, ihr Dasein als Anreiz zu korri-
ge Fehlhaltungen riesenhaften Ausmaßes zugezogen - Hus- gierenden Exerzitien zu begreifen.
serl nennt sie in nahezu pathographischer Ausdrucksweise Ich darf daran erinnern, daß kleinwüchsige Menschen im
den physikalistischen Objektivismus und den transzendenta- Schema der Würtzschen Krüppeltümer als Wuchskrüppel
len Subjektivismus. 42 Beides sind Modi des denkenden In- klassifiziert wurden. In späteren Zeiten hießen dieselben Per-
der-Weh-Seins, die auf umfassende Weh- und Wirklichkeits- sonen »hinsichtlich des Größenwachstums Behinderte«. Als
verfehlungen hinauslaufen. Zieht man in Betracht, daß unser auch der Ausdruck Behinderung anstößig wurde, wandelten
Dasein in der »Lebenswelt« das ursprüngliche Verhältnis bil- sich die Kleinwüchsigen zu den formatmäßig Andersbefähig-
det, das man seit Heidegger das In-der-Welt-Sein nennt, so ten. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
gewinnt man die ironische Einsicht: Aufgrund von mühevoll haben amerikanische Korrekte den aktuellsten Namen für
erworbenen Fehlprägungen verwechseln wir chronisch die Menschen, die oft nach oben schauen müssen, gefunden, in-
erste Welt mit der zweiten Welt der Physiker, Philosophen dem sie sie die vertically challanged people nannten. Den
und Psychologen. Diese prekäre Sicht auf die zivilisierten Ausdruck kann man nie genug bewundern. Er stellt eine Be-
Europäer als Weltverfehlungskrüppel hatte der alte Husserl griffsschöpfung dar, die ihren Erfindern über den Kopf
indirekt von seinem abtrünnnigen Schüler Heidegger über- wuchs, ohne daß sie bemerkten, was ihnen gelungen war.
nommen, für den der Mensch zunächst und zumeist als Unei- Wir dürfen bei dieser Wendung zweimal lachen, einmal über
gentlichkeitskrüppel beginnt - und als solcher endet, wenn er die korrekten Preziösen und einmal über uns selbst. Zu la-
nicht das Glück hat, einem Trainer zu begegnen, der die or- chen haben wir Recht und Grund, weil wir im Plenum derer,
thopädischen Daten des Daseins bei ihm zurechtrückt. Unter die durch die Vertikalität herausgefordert sind, die absolute
den erworbenen Behinderungen hat der Neo-Phänome- Mehrheit besitzen. Die Formel ist gültig, seit wir es üben,
nologe Hermann Schmitz jüngst auch die habituelle Ironie leben zu lernen - und man kann, wie ich zeige, nicht nicht
aufgedeckt: Sie beraubt den Ironiker der Fähigkeit, in ge- üben und nicht nicht lernen zu leben. Auch ein schlechter
meinsamen Situationen aufzugehen - hier gerät ein Distanz- Schüler zu sein will gelernt sein.
krüppelturn in den Fokus der Betrachtung, das aus der Be- Kurzum, man mußte über die Behinderten, die anders Ver-
hinderung der Teilhabekompetenz durch den Zwang zu faßten, reden, um auf einen Ausdruck zu stoßen, der die all-
chronischer Eleganz hervorgeht. Tatsächlich ist die Rolle gemeine Verfassung von Wesen unter Vertikalspannung aus-
der Ironie in der Geschichte der Wirklichkeitsverfehlungen spricht. »Du mußt dein Leben ändern!«, das heißt, wir sahen
bisher nie ausreichend gewürdigt worden. es anläßlich des Rilkeschen Torso-Gedichts: Du sollst auf die
Die Konsequenzen aus diesen Feststellungen sind so ver- innere Senkrechte achten und prüfen, wie der Zug vom obe-
schiedenartig wie die Diagnosen selbst. Nur eines haben sie ren Pol her auf dich wirkt! Es ist nicht der aufrechte Gang,
gemeinsam: Wenn Menschen ausnahmslos auf verschiedene der den Menschen zum Menschen macht, es ist das aufkei-
Weisen Krüppel sind, haben sie, jeder und jede auf seine und mende Bewußtsein des inneren Gefälles, das im Menschen die
Aufrichtung bewirkt.
42 Edmund Husserl, Die Krisis der europäischen Wissenschaften und
die transzendentale Phänomenologie. Eine Einleitung in die phä-
nomenologische Philosophie (zuerst 1936), Hamburg 1996.
raa 4 Letzte Hungerkunst ror

Ideale keineswegs das Verschwinden des positiven Übungs-


lebens nach sich zieht. Möglicherweise zeigt erst die Aske-
4 LETZTE HUNGERKUNST
tendämmerung, als die wir die Wende zum 20. Jahrhundert
KAFKAS ARTISTIK
deuten, rückwirkend und unter stark veränderter Beleuch-
tung das dreitausendjährige Reich der metaphysisch moti-
vierten Askesen in seiner ganzen Ausdehnung. Vieles spricht
Die zeittypische Neigung der Anthropologen, die Wahrheit dafür: Wer Menschen sucht, findet Asketen; wer Asketen
über homo sapiens bei den Behinderten zu suchen, spiegelt beobachtet, entdeckt Akrobaten.
sich in der Literatur der Moderne auf breiter Front. Daß es in Zur Substantialisierung dieses Verdachts, dessen erste For-
einzelnen Fällen vom Existentialismus der Behinderten zu mulierungen auf die moral archäologischen Grabungen des
dem der Akrobaten nur ein Schritt ist, belegt unser Hinweis anderen Schliemann zurückgehen, möchte ich Franz Kafka
auf den armlosen Geiger Unthan. Zu zeigen bleibt, warum als Zeitzeugen aufrufen. Hinsichtlich seines Forschungsan-
der Übergang von der Kondition der Behinderten zum Akro- satzes liegt die Vermutung nahe, er habe den Impuls, der
batismus nicht bloß eine Idiosynkrasie von Marginalen war, von Nietzsehe kam, schon in jungen Jahren aufgenommen
wie U nthan sie in Reaktion auf den angeborenen Stimulus und so stark verinnerlicht, daß er die Herkunft seiner Frage-
ausbildete oder wie sie sich bei Hugo Ball, dem Autor der stellung vergaß - weswegen es in Kafkas Werk praktisch nir-
christlichen Asketen-Biographien, einstellte, als er versuchte, gendwo eine explizite Bezugnahme auf den Verfasser der
die geistigen Deformationen der Weltkriegsära durch eine Genealogie der Moral gibt. Er hat die Anregungen in Rich-
»Flucht aus der Zeit« zu übersteigen. Bei diesem Aufstand tung einer fortschreitenden Absenkung des heroischen Tonus
gegen das Jahrhundert geriet er in die Gesellschaft der Eremi- weiterentwickelt, bei gleichzeitiger Verstärkung des Sinns für
ten, die eintausendfünfhundertjahre zuvor aus ihrer Zeit ge- die universelle asketische und akrobatische Dimension
flohen waren. menschlicher Existenz.
Ich erläutere im folgenden, zunächst an einem literarischen Um den Augenblick des Stabwechsels von Nietzsehe zu
Modell, später in psychologischen und soziologischen Kon- Kafka zu markieren, erinnere ich an die bekannte Seiltänzer-
turen, auf welche Weise der Akrobatismus ein immer weitere Episode im 6. Teil des Prologs von Also sprach Zarathustra, in
Kreise erfassendes Merkmal moderner Reflexion über die der Zarathustra den zu Tode gestürzten Akrobaten als seinen
conditio humana wurde: Dies geschah, als man auf den Spu- ersten Schüler annimmt - oder wenn nicht als Schüler, so als
ren des allgegenwärtigen Nietzsehe im Menschen das nicht seinen ersten Geistesverwandten unter den Menschen der
festgestellte, das entsicherte, das zu Kunststücken verurteilte Ebene. Er tröstet den Sterbenden, indem er ihn darüber auf-
Tier erkannte. Mit der Blickwende zum Akrobaten kommt klärt, warum er nichts mehr zu fürchten habe - kein Teufel
ein weiterer Aspekt der epochalen Kehre zum Vorschein, die werde ihn holen und ihm das Leben nach dem Tode sauer
ich als Trend zur Entspiritualisierung der Askesen beschrei- machen. Worauf der Gestürzte dankbar erwidert, er verliere
be. Von Nietzsehe haben wir den Hinweis auf die asketolo- c nicht viel, wenn er nur das Leben verliere:
gisehe Dämmerung übernommen und uns davon überzeugt, CD »Ich bin nicht viel mehr als ein Tier, das man tanzen
daß der wünschenswerte Untergang der repressiv asketischen I gelehrt hat, durch Schläge und schmale Bissen. «
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102 Der Planet der Übenden 4 Letzte Hungerkunst 1°3

Man hat in dieser Äußerung die erste Konfession des akro- (von Max Brod später unter dem Titel Betrachtungen über
batischen Existentialismus vor sich. Diese minimalistische Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg ediert), lautet
Aussage gehört unzertrennlich zu Zarathustras Antwort, der erste Eintrag:
die dem Verunglückten einen noblen Spiegel vorhält: »Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der
»>Nicht doch<, sprach Zarathustra, >du hast aus der Ge- Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden.
fahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verach- Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als be-
ten. Nun gehst du an deinem Beruf zugrunde: dafür will gangen zu werden.«44
ich dich mit meinen Händen begraben. <<< Niemand wird behaupten, diese Notiz verstehe sich auf An-
Man kann die Pointe des Dialogs nicht mißinterpretieren. Er hieb von selbst. Die beiden Sätze werden transparent, wenn
hat die Bedeutung einer Urszene, da in ihr eine communio man sie als Fortsetzung der von Nietzsehe eröffneten Szene
neuen Typs konstituiert wird: kein Gottesvolk mehr, sondern begreift - fortgesetzt allerdings in einer Richtung, die von
ein fahrendes Volk, keine Gemeinschaft der Heiligen, son- Nietzsches heroischen und aufstiegsfreudigen Intentionen
dern eine der Akrobaten, nicht Beitragszahler in einer ver- entschieden abweicht. Zwar wird der »wahre Weg« weiterhin
sicherten Gesellschaft, sondern Mitglieder des Vereins der mit dem Seil verknüpft, es ist jedoch aus der Höhe in Boden-
gefährlich Lebenden. Das animierende Element dieser bis nähe versetzt. Es dient weniger als Gerät, auf dem Akrobaten
auf weiteres unsichtbaren Kirche ist das Pneuma der bejahten ihre Trittsicherheit demonstrieren, denn als Stolperfalle. Das
Gefahr. Der vom Seil gefallene Akrobat ist nicht zufällig der scheint zu besagen: Die Aufgabe, den wahren Weg zu finden,
erste unter denen, die sich auf Zarathustras Lehre zubewegen. ist bereits schwierig genug, weswegen Menschen nicht in die
In seiner letzten Lebensminute fühlt sich der Seiltänzer von Höhe steigen müssen, um gefährlich zu leben. Das Seil soll
dem neuen Propheten verstanden wie von keinem zuvor - als nicht mehr deine Fähigkeit testen, auf der schmalsten Basis
das Wesen, das, selbst wenn es beinahe nur ein Tier war, das die Balance zu halten, es hat dir eher zu beweisen, daß du,
man tanzen gelehrt hat, aus der Gefahr seinen Beruf gemacht wenn du zu sicher daherkommst, schon beim Geradeausge-
hatte. hen stürzen wirst. Dasein als solches ist eine akrobatische
Kafka hat nach diesem Prolog zum Roman des Akrobaten Leistung, und niemand kann mit Gewißheit sagen, welche
die nächsten Kapitel verfaßt. Bei ihm ist die Akrobatendäm- Ausbildung die Voraussetzungen liefert, um sich in dieser
merung schon um einige Helligkeitsgrade klarer, weswegen Disziplin zu bewähren. Darum weiß der Akrobat nicht mehr,
man die Szenerie in einem tagesnahen Licht erkennt. Es er- welche Übungen ihn vor Absturz bewahren - die ständige
übrigt sich hier, näher darauf einzugehen, daß Kafka in eige- Aufmerksamkeit ausgenommen. Diese Schwundstufe von
ner Person ein Anhänger turnerischer Übungen, vegetari- Artistik zeigt keineswegs einen Bedeutungsverlust des Phä-
scher Diäten und zeitüblicher Hygiene-Ideologien war. 43 In nomens an, sie verrät im Gegenteil, wie die artistischen
dem Konvolut von Sätzen, die er aus seinen Oktavheften ex- Motive auf alle Lebensaspekte übergreifen. Das große Thema
zerpierte und in einer numerierten Liste zusammenstellte der Künste und Philosophien des 20. Jahrhunderts - die

43 VgJ. Rainer Stach, Franz Kafka. Jahre der Entscheidungen, Frank- 44 Franz Kafka, Sämtliche Werke, hg. von Peter Höfle, Frankfurt am
furt am Main 2002. Main 2008, S. 1343.
1°4 Der Planet der Übenden 4 Letzte Hungerkunst

Entdeckung des Gewöhnlichen - zieht seine Energie aus der Das Seil kann als Metapher des Akrobatismus nur fun-
Akrobatendämmerung, die sich in eins mit ihm vollzieht. gieren, sofern man es als gespanntes vorstellt - daher gilt es,
Nur weil die Esoterik unserer Zeit die Identität von Gewöhn- auf die Spannungsquellen, ihre Verankerungen und die Mo-
lichkeit und Akrobatik enthüllt, bringen ihre Forschungen dalitäten der Kraftübertragung zu achten. Solange die Seil-
nicht-triviale Ergebnisse zutage. spannung unter metaphysischem Vorzeichen erzeugt wurde,
Auch Kafkas hermetische Notiz läßt sich dem Komplex mußte man einen Zug von der Überwelt her annehmen, um
der Entwicklungen zuordnen, die ich die Entspiritualisierung die ihr eigene Intensität zu erklären. Diesen Zug von oben
der Askesen nenne. Sie belegt die Zugehörigkeit des Autors erfuhr die durchschnittliche Existenz durch das allgegenwär-
zu der großen Herausdrehung der Modernen aus einem über tige Beispiel der Heiligen, denen aufgrund von Anstrengun-
Jahrtausende wirksamen System von religiös codierten Ver- gen, die man gern übermenschlich nannte, zuweilen die An-
tikalspannungen. Zahllose Menschen waren in diesem Welt- näherung an das Unmögliche gewährt wurde. Man vergesse
alter zu Akrobaten der Überwelt ausgebildet worden, geübt nicht: superhomo ist ein erzchristliches Wort, in dem das hohe
in der Kunst, mit der Balancierstange der Askese über den Mittelalter sein intensivstes Anliegen aussprach - es wurde
Abgrund der »Sinnenwelt« hinwegzugehen. Zu ihrer Zeit am Ende des 13. Jahrhunderts erstmals für den französischen
repräsentierte das Seil den Übergang aus der Immanenz in König Ludwig den Heiligen verwendet! Die Entkräftung ei-
die Transzendenz. Was Kafka mit Nietzsehe verbindet, ist nes solchen jenseitigen Pols zeigt sich in erster Linie darin,
die Intuition, daß beim Verschwinden der Überwelt das ge- daß immer weniger Menschen auf das Hochseil streben. Ei-
spannte Seil zurückbleibt. Warum das so ist, wäre völlig un- nem egalitären und nachbarschaftsethischen Zeitgeist gemäß,
verständlich, wenn sich nicht eine tiefere raison d'etre für die begnügt man sich jetzt mit einer amateurischen, allenfalls
Existenz von Seilen nachweisen ließe, eine Begründung, die bodenturnerischen Auslegung des Christentums. Selbst ein
von ihrer Funktion als Brücke zur Überwelt zu trennen wäre. heiliger Hysteriker wie Padre Pio hatte zu der transzendenten
Tatsächlich existiert eine solche Begründung: Das Seil steht Herkunft seiner Wundmale so wenig Vertrauen, daß er allem
bei beiden Autoren für die Einsicht, daß der Akrobatismus Anschein nach der Versuchung erlag, die blutenden Flächen
im Vergleich zu den üblichen religiösen Formen des »Hin- an seinen Händen mit Hilfe von ätzenden Säuren hervorzu-
übergehens « das resistentere Phänomen bildet. Auf ihn ist bringen und bei Bedarf aufzufrischen.45
Nietzsches Wendung von einer der »breitesten und längsten Seit dem 19. Jahrhundert steht die Montage eines alterna-
Thatsachen, die es giebt«, übertragbar. Mit der Blickwende tiven Generators zum Aufbau existentieller Hochspannung
von der Askese zur Akrobatik wird ein Universum von Phä- auf der Tagesordnung. Tatsächlich wird dieser in Stellung
nomenen aus dem Hintergrund gehoben, das die größten gebracht, indem man eine äquivalente Dynamik im Inneren
Gegensätze auf dem Spektrum zwischen Geistesfülle und der sich selber richtig verstehenden Existenz nachweist.
Körperkraft mühelos umspannt. Hier finden Wagenlenker
und Gelehrte, Ringkämpfer und Kirchenväter, Bogenschüt- 45 Diese Enthüllungen, die der Enttarnung eines Dopingbetrugs
zen und Rhapsoden zusammen - vereint durch gemeinsame gleichkommen, werden dargelegt in dem Buch von Sergio Luzzat-
to: Miracoli e politica neII'Italia del Novecento, Turin 2007. Vgl.
Erfahrungen auf dem Weg zum Unmöglichen. Das Weltethos Dirk Schümer, Ein Säurenheiliger, Frankfurter Allgemeine Zei-
wird auf einem Konzil der Akrobaten formuliert. tung, 26. Oktober 2007.

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106 Der Planet der Übenden 4 Letzte Hungerkunst 1°7

Erneut muß der Name Nietzsches fallen, da er es war, dem es Kafka hat seine Intuitionen zur Bedeutung von Akrobatik
gelang, im »Leben« als solchem ein zugstarkes Gefälle apriori und Askese in drei klassisch gewordenen Erzählungen objek-
zwischen Können und Mehr-Können, Wollen und Mehr- tiviert: Ein Bericht für eine Akademie, 1917 (erstmals in der
Wollen, Sein und Mehr-Sein aufzudecken - auch legte er von Martin Buber edierten Zeitschrift Der Jude); sodann:
die aversiven oder bionegativen Tendenzen offen, die nicht Erstes Leid, 1922 (zuerst in der Zeitschrift Genius), und
selten unter dem Vorwand der Demut auf das Wollen des schließlich: Ein Hungerkünstler, 1923 (Erstveröffentlichung
Nicht-Wollens und des Immer-weniger-sein-Wollens zielen. in der Neuen Rundschau).
Die inzwischen allzu gängigen Reden vom Willen zur Macht Die erstgenannte Erzählung enthält die Autobiographie
und vom Leben als ständiger Selbstüberwindung liefern die eines Affen, dem die Menschwerdung auf dem Weg der
Formeln für die inhärente Differentialenergetik des an sich Nachahmung gelang. Was Kafka vorlegt, ist nicht weniger
arbeitenden Daseins. Mögen die kuranten Entspannungs- als eine Neudarstellung des Hominisationsprozesses aus der
ideologien auch alles tun, um diese Verhältnisse unkenntlich Perspektive eines Tiers. Das Motiv der Menschwerdung fin-
zu machen - die modernen Protagonisten der Suche nach det sich nicht wie üblich in einer Kombination aus evolutio-
dem »wahren Weg« sind nicht müde geworden, an die ele- nären Anpassungen und kulturellen Neuerungen. Es ergibt
mentaren Tatsachen des von oben geforderten Lebens zu sich aus einer fatalen Faktizität: dem Umstand, daß die Fän-
erinnern, wie sie sich vor ihrer Verdeckung durch Trivialmo- ger des Zirkus Hagenbeck den Affen in Afrika festnehmen
ralen, humane Kumpaneien und Wellnessprogramme darstel- und in die Menschenwelt verschleppen. Die mitklingende
len. Daß Nietzsehe sie in heroistischen Codierungen präsen- Frage wird nicht expressis verbis angeschnitten: wieso der
tierte, während Kafka die niederen und paradoxalen Figuren Mensch am aktuellen Ende seiner Entwicklung sowohl zoo-
bevorzugte, ändert nichts an der Beobachtung: Beide ziehen logische Gärten als auch Zirkusse einrichtet? - vermutlich,
am gleichen Strang. üb Zarathustra in seiner ersten Anspra- weil er an beiden Orten das vage Gefühl bestätigt findet, er
che sagt: »Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier könne an ihnen etwas über sein eigenes Sein und Werden in
und Übermensch ... « oder ob Kafka das Seil als Stolperfalle Erfahrung bringen.
für Selbstgerechte knapp über dem Boden gespannt sein läßt Für den Affen wird schon an Bord des Fangschiffes, das
- es handelt sich beide Male zwar weder um dasselbe Seil ihn nach Europa bringt, evident, es komme, was seine wei-
noch um dasselbe Kunststück, aber um Seile aus derselben teren Schicksale angeht, angesichts der Alternative Zoo oder
Fabrik, die seit ältester Zeit Zubehör für Akrobaten herstellt. Variete allein das letztere in Frage. Nur dort erkennt er eine
Den technischen Hinweis, daß Nietzsehe zur Kraft- und Fül- Chance, einen wie auch immer geringen Rest seines Erbes zu
le-Abrobatik neigte, während Kafka der Schwäche- und bewahren. Es lebt in ihm fort als das Gefühl, es müsse für
Mangelakrobatik den Vorzug gab, brauche ich hier nicht wei- einen Affen immer einen Ausweg geben - Auswege sind der
ter zu verfolgen. Der bezeichnete Unterschied könnte nur im animalische Rohstoff für das, was Menschen unter dem hoch-
Rahmen einer allgemeinen Theorie der guten und schlechten trabenden Wort Freiheit verhandeln. Im übrigen traf der Affe
Gewohnheiten und einer Betrachtung über die Symmetrien in der Menschenwelt nicht im Vollbesitz seiner natürlichen
zwischen stärkenden und schwächenden Trainings erläutert Beweglichkeit ein: Zwei Schüsse beim Fang hatten ihn ge-
werden. zeichnet - einer im Gesicht, der eine den Namen Rotpeter
108 Der Planet der Übenden 4 Letzte Hungerkunst

verursachende rote Narbe an der Wange hinterließ, ein an- ner Stoizismus: Der hält Kandidaten von ),verzweiflungsta-
derer unterhalb der Hüfte, der ihn zum Krüppel machte und ten« - Rotpeters Ausdruck - ab.
ihm nur einen leicht hinkenden Gang erlaubte. Hans Würtz Die nächsten Kunststücke führen weiter aus, was im ersten
müßte Rotpeter neben Lord Byron und Joseph Goebbels in angelegt war: Rotpeter lernt, Menschen zum Spaß ins Gesicht
der Klasse der »Mißwuchskrüppel «, der Hinkenden und De- zu spucken und sich über ihr Zurückspucken gutmütig zu
formierten, einordnen, episodisch auch neben Unthan, dem amüsieren. Dem folgt das Pfeiferauchen und schließlich der
armlosen Geiger, der an einer Stelle seiner Erinnerungen zu Umgang mit Schnapsflaschen, die seine alte Natur auf die erste
Protokoll gab, er habe zeitweilig ohne organischen Grund zu größere Probe stellen. Die Tendenz der beiden letztgenannten
hinken begonnen, sich diese Fehlhaltung jedoch durch inten- Lektionen ist klar: Ohne Stimulantien und Narkotica kann
sives Training wieder abgewöhnt. der Mensch nicht werden, was er in seiner Sphäre darstellen
Weil der Varieteweg allein noch offen ist, führt die soll. Von da an verschleißt Rotpeter auf seinem Weg zur Höhe
Menschwerdung des Affen ohne Umwege auf die akroba- der Varietefähigkeit eine ganze Reihe von Lehrern - d~runter
tische Spur. Das erste Kunststück, das Rotpeter lernt - noch einen, der infolge des Umgangs mit seinem Zögling so In Ver-
ohne zu wissen, daß damit seine Selbstdressur einsetzte -, wirrung geriet, daß er in eine Heilanstalt gebracht ~er~en
ist der Handschlag, die Geste, mit der die Menschen ihren mußte. Zuletzt hat er es »durch eine Anstrengung, dIe sIch
Artgenossen zu verstehen geben, sie achteten sie als ihres- bisher auf der Erde nicht wiederholt hat«, zur Durchschnitts-
gleichen. Während Sozialphilosophen vom Schlage Kojeves bildung eines Europäers gebracht, was einerseits gar nichts,
die Menschwerdung auf das Duell zurückführen, bei dem anderseits doch etwas bedeutet, insofern es ihm den Ausweg
die Kontrahenten aus einer Regung, die man unzulänglich aus dem Käfig, diesen »Menschenausweg«, eröffnete. Resü-
Übermut nennt, ihr Leben riskieren, begnügt sich Kafkas mierend legt der Menschgewordene Wert auf die Festst.~llu~g,
akrobatische Anthropologie mit dem Handschlag, der das sein Bericht sei eine tendenzlose Wiedergabe des tatsachhch
Duell überflüssig macht. "Handschlag bezeugt Offen- Geschehenen: ),ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von
heit . . .« In dieser Geste verwirklicht sich die erste Ethik der Akademie, habe IC 'h nur b enc
' htet.« 46
- ein Affe mußte sie ausführen, damit die Herkunft des Auf der nächsten Stufe von Kafkas variete-existentialisti-
Ethischen aus der Dressur explizit wurde, im gegebenen sehen Untersuchungen tritt das menschliche Personal in den
Fall einer Annäherungsdressur. Noch vor dem Handschlag Vordergrund. In der kurzen Erzählung Erstes Leid, von K~fka
hatte Rotpeter eine psychische Haltung erworben, die die in einem Brief an Kurt Wolff eine »widerliche kleine GeschIch-
Grundlage für alles weitere Lernen abgeben sollte - die te« genannt, ist von einem Trapezkünstler die Rede, der es sich
erzwungene Seelenruhe, die auf der Einsicht basierte, ein angewöhnt hat, nach seinen Darbietungen nicht mehr aus der
Fluchtversuch würde die eigene Lage nur verschlechtern. Zirkuskuppel herabzusteigen. Er richtet sich unter dem Zelt-
Wer erkannt hat, daß der Eintritt in die Menschheit den dach ein und nötigt seine Mitwelt dazu, ihn in der Höhe zu
einzigen Ausweg für das versetzte Tier bietet, darf mithin versorgen. Aufgrund seiner Gewöhnung an die bodenentruck-
alles tun, was er möchte, nur keinesfalls die Krücken zer- te Existenz werden ihm die Umzüge zwischen den Städten, in
brechen, an denen er seinem Ziel entgegenhinkt. Zwischen
der Affenfreiheit und der Menschwerdung liegt ein sponta- 46 Kafka, Sämtliche Werke, a. a. 0 ., S. 877f.
IIO D er Planet der Übenden 4 Letzte Hungerkunst III

denen der Zirkus seine Gastspiele gibt, mehr und mehr zur der Komposition religiöser Systeme selten fehlt: Es umfaßt
Qual, weswegen sein Impresario versucht, ihm die Übergänge die inneren Operationen, die das Unmögliche als vollbring-
nach Möglichkeit zu erleichtern. Dennoch verstärkt sein Lei- bar vorstellen - ja es als vollbracht behaupten. Wo immer sie
den sich zusehends. Nur in den schnellsten Autos oder im Ge- vollzogen werden, fällt die Grenze zwischen dem Möglichen
päcknetz von Eisenbahnabteilen hängend kann er die unum- und dem Unmöglichen. Mittels dieses dritten Bausteins wird
gänglichen Reisen überstehen. Eines Tages überrascht er seinen ein hybrider Schluß eingeübt, wonach gilt: Daß X unmöglich
Impresario mit der Forderung, er benötige künftig um alles in ist, beweist seine Möglichkeit. Auf eigentümliche Art wieder-
der Welt ein zweites Trapez - ja, er fragt sich unter Tränen, wie holt der Artist, der nach der zweiten Stange verlangt, das
er es jemals mit bloß einer Stange habe aushalten können. Dar- credo quia absurdum, mit dem Tertullian im 3· Jahrhundert
aufhin schläft er ein, indessen der Impresario im Gesicht des die neue Schlußfigur formalisiert hatte. 48 Unnötig zu sagen,
Schlafenden erste Falten entdeckt. daß dies das eigentlich surrealistische Religionsmodul dar-
In dieser Erzählung werden auf engstem Raum Grundaus- stellt. Zu seinem Vollzug gehört eine innere Operation, die
sagen des Variet<:-Existentialismus zusammengedrängt. Sie von Coleridge - im ästhetischen Kontext - als willing suspen-
betreffen durchwegs die interne D ynamik des artistischen sion of disbelief bezeichnet wurde, die »willentliche Außer-
Daseins, beginnend mit der Beobachtung, daß der Artist zu- kraftsetzung des Unglaubens «.49 Mit ihr sprengt der Gläubi -
nehmend die Beziehung zur Bodenweit verliert. Indem er ge das System der empirischen Plausibilität auf und tritt ein in
sich ausschließlich in der Sphäre einrichten will, in der er die Sphäre des real existierenden Unmöglichen. Wer diese
seine Kunststücke vollbringt, löst er das Verhältnis zum Rest Figur intensiv trainiert, erlangt die für Artisten charakteristi-
der Welt auf und zieht sich in seine prekäre Höhe zurück. sche Beweglichkeit im Umgang mit dem Unglaublichen.
Solche Sätze lesen sich wie eine ernste Parodie auf die Idee der Die entscheidende Entdeckung gelingt Kafka in Form ei-
Anachorese, des religiös motivierten Bruchs mit der profanen nes impliziten Hinweises. Er deckt die Tatsache auf, daß es
Welt. Kafkas Trapezkünstler löst so die Spannung auf, die das keine Artistik gibt, die nicht aufgrund ihrer einseitig absor-
Doppelleben als »Künstler und Bürger« mit sich bringt - wie bierenden Trainingspflichten ein unmarkiertes zweites Trai-
man sie aus den zeitlich und sachlich eng benachbarten Äuße- ning nach sich zieht. Während das erste auf Ertüchtigungs-
rungen Gottfried Benns und Thomas Manns kennt. Er setzt übungen beruht, kommt das zweite einem Ent-Tüchtigungs-
auf die völlige Absorption seines Daseins durch das Eine. Die training gleich. Es formt den Artisten auf dem Seil zugleich
Forderung nach dem zweiten Trapez bezeichnet die jeder zu einem Virtuosen der Lebensunfähigkeit. Daß er als solcher
Radikalartistik innewohnende Tendenz zu immer weiterge- ebenso ernst genommen werden muß wie in seiner ersten
hender Erhöhung des Niveaus. Der Drang zur Steigerung ist Funktion, geht aus dem Verhalten des Impresarios hervor:
der Kunst inhärent wie der religiösen Askese der Wille zum Er versorgt seinen Schützling in beiden Hinsichten mit dem
Überwirklichen: Perfektion ist nicht genug. Was weniger ist Benötigten, auf der einen Seite mit neuem Gerät für seine
als das Unmögliche, befriedigt nicht. Performance in der Höhe, auf der anderen Seite mit all dem
Wir stoßen hier auf ein weiteres mentales Modul,47 das bei
48 Zu Tertullian siehe unten S. 323f.
49 In: Biographia Litereria, 18 I 7. Dem Autor zufolge kreiert dieser
47 Siehe die Beschreibung der bei den ersten Module oben S. 43 f f. Akt poetic faith.
112 Der Planet der Übenden 4 Letzte Hungerkunst 113

Zubehör der Lebenserleichterung, das insbesondere in den gar den Wächtern auf eigene Rechnung ein üppiges Frühstück
kritischen Übergangsmomenten zur Anwendung kommt. servieren, um ihnen seine Dankbarkeit für ihre Dienste zu
Von diesem Zubehör verstehen wir jetzt: Auch es besitzt bezeugen. Nichtsdestoweniger gehörte der Argwohn gegen
die Qualität von Übungsgeräten, Geräten, an denen der seine Kunst zu deren ständigen Begleitern.
Künstler seine fortschreitende Lebensferne übt. Über diese In den guten Tagen konnte die Hungerdarbietung als
zweite Annäherung an die Unmöglichkeitsgrenze sich Sor- selbständige Sensation in den größten Häusern der Welt ge-
gen zu machen, mochte der Impresario allen Grund haben. zeigt werden. Für die einzelne Hungerphase hatte der Im-
Andererseits stellt sie das radikale Künsdertum des Artisten presario eine Höchstzeit von vierzig Tagen festgesetzt, nicht
unter Beweis - ein Künstler, der lebenstüchtig bliebe, verriete wegen biblischer Analogien, sondern weil sich erfahrungsge-
ja nur, daß er neben seiner Kunst Zeit für Affairen mit der mäß das Publikumsinteresse in den Großstädten nur über
Nicht-Kunst hatte, womit er automatisch aus der Gruppe der eine solche Zeitspanne aufstacheln ließ, während es bei länge-
Großen ausscheidet. Kafka kann demnach als Anreger einer ren Perioden zurückging. Der Hungerkünstler selbst war mit
negativen Trainingstheorie verstanden werden. dieser Fristbeschränkung stets unzufrieden, da er den Drang
Am bedeutendsten sind die Vorstöße des Dichters in der in sich trug, zu beweisen, er sei in der Lage, »auch noch sich .
kurzen Erzählung Ein Hungerkünstler. In ihr fügt er seinen selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche«.51 Wenn er nach
Beobachtungen zur Existenz der Artisten eine Aussage über der Beendigung seiner vierzigtägigen Kunstausübung zusam-
ihre künftigen Schicksale hinzu. Schon der Anfangssatz der menbrach, dann keineswegs, weil er vom Fasten erschöpft
Erzählung stellt die Tendenz klar: »In den letzten Jahrzehn- gewesen wäre, wie sein Impresario unter Verkehrung von
ten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegan- Ursache und Wirkung behauptete, vielmehr aus Verzweif-
gen.« Das zeitgenössische Publikum kann den Darbietungen lung darüber, daß man ihm auch diesmal nicht erlaubte, die
solcher Virtuosen nicht mehr viel abgewinnen, während es Grenzen des für möglich Gehaltenen zu überschreiten.
früher ganz in deren Bann stand. In den Glanzzeiten der Als nun der eingangs festgestellte Rückgang des Interesses
Kunst gab es Abonnenten, die tagelang vor dem Käfig saßen, an Hungerkunst beim allgemeinen Publikum eintrat, mußte
ja, die ganze Stadt beschäftigte sich mit dem Asketen, und der Künstler nach einigen vergeblichen Versuchen, das ster-
»von Hungertag zu Hungertag stieg die Anteilnahme«.50 Bei bende Genre zu reanimieren, sich dazu entschließen, seinen
der Demonstration seiner Kunst trug der Fastende ein Impresario zu entlassen und sich von einem großen Zirkus
schwarzes Trikot, durch das die Rippen mächtig hervortra- engagieren zu lassen, wo er, wie er wußte, keineswegs als
ten. Er wurde in einem mit Stroh ausgelegten Gitterkäfig Glanznummer auftreten würde, sondern als eine Kuriosität
gehalten, um die Vollkommenheit der Kontrolle über seine am Rande. Man stellte seinen Käfig in der Nähe der Ställe auf,
Tätigkeiten zu garantieren. Wächter sorgten Tag und Nacht in der die Zirkustiere untergebracht waren, damit die Besu-
für die strenge Einhaltung der Hungerregeln, damit er nicht cher, die in den Pausen zu den Tieren strömten, nebenbei
etwa heimlich etwas zu sich nähme. Er dachte freilich nicht einen Blick auf den ausgemergelten Asketen warfen. Er muß-
daran, unlautere Mittel einzusetzen. Gelegentlich ließ er so- te sich mit den Tatsachen abfinden, auch mit der bittersten:

50 Kafka, Sämtliche Werke, a. a. 0., S. 888. p Ibid., S. 891.


Der Planet der Übenden 4 Letzte Hungerkunst

daß er nur noch »ein Hindernis auf dem Weg zu den Ställen« tephilosophie begann, kann nun zu einer Explikationsform
war. Zwar konnte er jetzt, weil er unbeobachtet blieb und der klassischen Askesen entfaltet werden. Verantwortlich
folglich von niemandem zurückgehalten wurde, so lange hierfür ist die Wahl der Disziplin: des Hungers. Dieser ist
hungern, wie er es von jeher gewollt hatte, doch sein Herz keine artistische Disziplin wie jede andere, sondern die meta-
war schwer: denn »er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog physische Askese par excellence. Von alters her stellte er die
ihn um seinen Lohn«. In seinem Stroh verborgen stellte er Übung dar, durch die, wenn sie gelingt, der gewöhnliche, dem
Rekorde auf, die niemand bemerkte. Hunger unterworfene Mensch erfährt - oder an anderen be-
Als er sich dem Tod nahe fühlte, legte der Hungerkünstler obachtet -, wie man die Natur auf ihrem eigenen Terrain be-
vor dem Aufseher, der ihn zufällig zusammengeschrumpft siegt. Das Hungern der Asketen ist die Könnensform des
unter dem Stroh gefunden hatte, seine künstlerische Konfes- Mangelleidens, das überall sonst nur passiv und unfreiwillig
sion ab: erfahren wird. 53 Dieser Sieg über den Mangel ist nur denje-
>>>Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewun- nigen gegönnt, denen ein größerer Mangel zu Hilfe kommt:
dert . ... < >Wir bewundern es auch<, sagte der Aufseher Wenn die alten Askesemeister davon sprechen, der Hunger
entgegenkommend. >Ihr sollt es aber nicht bewundern<, nach Gott oder Erleuchtung müsse jedes andere Verlangen
sagte der Hungerkünstler. >Nun, dann bewundern wir beiseite räumen, falls er je gestillt werden solle, setzen sie
es also nicht<, sagte der Aufseher, >warum sollen wir es schon eine Hierarchie der Entbehrungen voraus. Das fromme
denn nicht bewundern?< >Weil ich hungern muß, ich Sprachspiel greift die Möglichkeit auf, die oralen Enthalt-
kann nicht anders<, sagte der Hungerkünstler. >Da sieh samkeiten zu verdoppeln, um dem profanen Hunger einen
mal einer<, sagte der Aufseher, >warum kannst du denn heiligen gegenüberzustellen. In Wahrheit ist der heilige Hun-
nicht anders?< >Weil ich ... nicht die Speise finden konn- ger kein Verlangen nach Füllung, er bedeutet vielmehr die
te, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, Suche nach der Homöostase, für welche "Stillung des Hun-
ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen gers« nur eine spiritualrhetorisch bewährte Metapher bietet. 54
wie du und alle.« <52 Entscheidend ist an Kafkas Askese-Parabel das Geständnis
Nach seinem Tod wurde der Käfig einem jungen Panther des Artisten, er habe Bewunderung nicht verdient, weil er bei
zugeteilt, der sich darin prachtvoll hin und her warf. Von seinem Fasten nichts anderes getan habe, als was seiner in-
ihm teilt der Erzähler das Wesentliche in dem Satz mit: nersten Neigung oder besser: seiner tiefsten Abneigung ent-
»Ihm fehlte nichts.« sprach - er gehorchte immer nur der Aversion gegen die
Ich habe nicht vor, das vielfach interpretierte Meisterwerk Zumutung, die vorfindbaren Nahrungsmittel zu sich zu neh-
hier unter künstlerischen Aspekten zu kommentieren. In un-
serem Zusammenhang genügt eine amusische Lektüre, die 53 Über die asketische Revolte gegen den Hunger siehe unten S. 65 8f.
den Text als geistesgeschichtliches Zeugnis nimmt. Worauf 54 Die Metapher ist in der Sache irreführend, weil sie auf der Ver-
es ankommt, ist die Zuspitzung der Kafkaschen Reflexion wechslung von oralen und prä-oralen Suchintentionen beruht. Die
für die hungrige Welt gültige Leitdifferenz Leer versus Voll deckt
zu einem allgemeinen asketologischen Modell. Was als Varie-
nicht das gesamte Feld der Suche ab: Für die spirituell An-
spruchsvollsten unter ihnen gilt eher die Leitdifferenz Homöosta-
52 Ibid., S. 895· tisch-jenseits-der-Sorge versus Unruhig-in-der-Sorge.
116 Der Planet der Übenden 4 Letzte Hungerkunst

men. Der Satz »Ihr sollt es aber nicht bewundern« ist das vergangen und erledigt. Nun soll die Zeit derer kommen,
spirituellste Wort Europas im letzten Jahrhundert - noch denen nichts fehlt, ob es nun Panther sind, Bewohner von
vermißt man das analoge: Ihr sollt es aber nicht heiligspre- Arbeiter- und Bauernrepubliken oder Anhänger der sozialen
chen. Was Nietzsche allgemein als den Negativismus der vital Marktwirtschaft. Was die spirituellste unter den Askesen war,
Behinderten beschrieben hatte, kehrt nun spezifisch als Wi- ist jetzt tatsächlich nur noch »ein Hindernis auf dem Weg zu
derwille gegen Nahrung wieder. Kafkas Artist überwindet den Ställen«.
sich also niemals selbst, er folgt einem Widerwillen, der für
ihn arbeitet und den er bloß zu übertreiben braucht. Die Zehn Jahre nach dem Erscheinen von Ein Hungerkünstler hat
extremste Artistik erweist sich in letzter Analyse als eine Ge- Josef Stalin das Ende der Hungerkunst mit anderen Mitteln
schmacksfrage. Nichts schmeckt mir hier, lautet das Urteil, besiegelt, als er im Winter 1932 auf 1933 eine Unzahl von
das im Jüngsten Gericht des Gaumens über die Angebote des ukrainischen Bauern - die Zahlenangaben schwanken zwi-
Daseins verhängt wird. Die Nahrungsverweigerung geht schen 3,5 und 8 Millionen - durch eine Hungerblockade in
noch weiter als das Rühr-mich-nicht-an, das Jesus, der Auf- den Tod schickte, Unzeitgemäße auch sie, Hindernisse auf
55
erstandene, nach Johannes 20,17 an Maria Magdalena adres- dem Weg zur Fülle.
sierte. Sie artikuliert gestisch ein Dring-nicht-in-mich-ein Selbst Stalin hat die Profanierung des Hungers nicht ganz
oder Stopf-mich-nicht-voll. Sie geht vom Berührungsverbot zu erzwingen vermocht. Es hat zu seiner Zeit den Hunger-
zur Stoffwechselverweigerung über, als sei jede Kollabora- künstler wirklich gegeben, nicht in Prag, jedoch in Paris, we-
tion mit den einverleibenden Tendenzen des eigenen Körpers nige Jahre nach Kafkas Tod, nicht als Mann im schwarzen
ein verworfenes Wagnis. Trikot mit hervorspringenden Rippen, sondern als sehr mage-
Was Kafkas erzählerisches Experiment bedeutsam macht, res Fräulein in blauen Strümpfen. Auch sie war eine Artistin
ist sein konsequentes Arbeiten unter der stumm angenomme- auf dem Feld des Abnehmens um des ganz Anderen willen:
nen Gott-ist-tot-Prämisse. Ihretwegen kann die Hunger- die größte Denkerin der Antigravitation, die das 20. J ahrhun-
kunst enthüllen, was vom metaphysischen Begehren bleibt, dert kennt, 1909 geboren, Anarchistin aus jüdischem Eltern-
wenn dessen überweltliches Ziel getilgt ist. Es zeigt sich eine haus, zum Katholizismus konvertiert, eine Eingeweihte auf
Art von geköpfter Askese, bei der die vermeintliche Zugspan- allen Zauberbergen der Weltlosigkeit, zugleich Sucherin nach
nung von oben sich als Aversionsspannung von innen erweist. der Verwurzelung in der authentischen Gemeinschaft, Wi-
Der Rumpf ist dann die ganze Sache. Kafka experimentiert derstandskämpferin und Trotzexistentialistin, die an der Seite
mit dem Weglassen der Religion - um eine letzte Religion des der Arbeiterschaft hungern wollte, um ihre Appetitlosigkeit
Weglassens all dessen, was sie bisher ausmachte, zu erproben: zu nobilitieren und ihre Nobilität zu demütigen. Simone Weil
Was bleibt, sind die artistischen Übungen. Daher redet der brachte es dahin, im Alter von 34 Jahren im britischen Exil an
Hungerkünstler redlich, wenn er bittet, nicht bewundert zu einer doppelten Todesursache zu sterben: an Tuberkulose
werden. Die Abkehr des Volksinteresses von seinen Darbie- und an freiwilligem Verhungern.
tungen erfolgt genau im richtigen Moment, als gehorche die 55 Durch das Zusammenwirken von Hungergenozidpolitik, Zwangs-
Menge, ohne es zu wissen, den Eingebungen eines Zeitgeists, kollektivierung und Kulakenverfolgungen forderte die Politik
der über die Hungerwelt das Schlußwort sprechen möchte: Stalins allein zwischen 1929 und [936 14 Millionen Todesopfer.
118 ) Pariser Buddhismus

liehe Unerfreulichkeit jeder ins Detail gehenden Biographie


5 PARISER BUDDHISMUS großer Männer. Mehr noch bezeichnet sie die psychologische
und moralische Unwahrscheinlichkeit einer aufrichtigen
CIORANS EXERZITIEN
Selbstdarst~llung. Zugleich macht sie die Bedingung namhaft,
unter der eIne Ausnahme möglich wäre: Tatsächlich könnte
man in Cioran den Prior des von Nietzsehe in Aussicht ge-
stellten Ordens erkennen. Seine heilige Tollkühnheit ent-
Auch die letzte Gestalt, die ich in diesen einführenden Über-
springt einer Gebärde, die Nietzsehe für die unwahrschein-
legungen präsentieren möchte, der 191 I geborene rumäni-
lichste und am wenigsten wünschbare hielt - dem Bruch mit
sche Aphoristiker Emile M. Cioran, der von 1937 bis 1995
den Normen der Diskretion und des Takts, um vom Pathos
in Paris lebte, ist der großen Drehung zuzuordnen, die hier
der Distanz nicht zu reden. Nietzsehe kam dieser Position in
zur Verhandlung gebracht wird. Er ist für uns ein wichtiger
eigener Sache nur einmal nahe, als er in den »physiologi-
Informant, weil sich bei ihm beobachten läßt, wie die Infor-
schen« Passagen von Ecce homo den zur aufrichtigen Selbst-
malisierung der Askese voranschreitet, ohne daß die vertikale
darstellung nötigen »Cynismus« praktizierte - er reklamierte
Spannung aufgegeben würde. Auf seine Weise ist Cioran
für diese Geste umgehend das Prädikat »welthistorisch«, um
ebenfalls ein Hungerkünstler: ein Mann, der metaphorisch
das Gefü~l der Peinlichkeit durch die Größe des Anliegens zu
fastet, indem er sich fester Nahrung für die Identität enthält.
kompenSIeren. Er brachte es allerdings eher zu einem barok-
Auch er überwindet sich nicht, vielmehr folgt er, wie Kafkas
ken Selbstlob als zu einer Indiskretion gegen sich selbst, falls
Protagonist, seinem stärksten Hang, dem Abscheu vor dem
nicht für diesmal das Selbstlob die tiefere Form der Bloßstel-
vollen Selbst. Als metaphorisch Hungernder tut er zeitlebens
lung bedeutete. Im übrigen blieb Nietzsehe ein scheuer Pro-
nichts anderes, als die Basis der Großen Weigerung auszuar-
phet, der die Enthemmungen, die er kommen sah, nur durch
beiten - dabei demonstriert er die Entfaltung der Skepsis von
den Türspalt wahrnahm.
der Zurückhaltung des Urteils hin zu einer Reserve gegen die
Wer sich, wie Cioran, nach Nietzsehe datierte, war dazu
Versuchung des Existierens.
verurteilt, weiterzugehen. Der junge Rumäne folgte Nietz-
Man kommt dem Phänomen Cioran am nächsten wenn
sches Hinweis nicht nur, indem er sich an die Spitze des Or-
man zwei Äußerungen Nietzsches zum Leitfaden wählt:
dens der heiligen Tollkühnheit setzte, zusammen mit anderen
"Wer sich selbst verachtet, achtet sich immer noch dabei
Selbstentblößern wie Michel Leiris und Jean-Paul Sanre; er
als Verächter.«56
verwirklichte auch das Programm, die letzte Möglichkeit von
),Moral: welcher kluge Mann schriebe heute noch ein
Selbstachtung auf die Verachtung seiner selbst zu gründen. Er
ehrliches Wort über sich? - er müsste denn schon zum
konnte dies tun, weil er der scheinbaren Ungewöhnlichkeit
Orden der heiligen Tollkühnheit gehören.«57
seines Vorhabens zum Trotz den Zeitgeist im Rücken hatte.
Die letztere Bemerkung bezieht sich auf die fast unvermeid-
Die epochale Drehung zur Explizitmachung des Latenten
zog ihn in ihren Bann und ließ ihn Dinge zu Papier bringen,
56 F. N., Jenseits von Gut und Böse, S. 78.
57 F. N., Zur Genealogie der Moral, Dritte Abhandlung: was bedeuten
vor denen wenige Jahre zuvor noch jeder Autor zurückge-
asketische Ideale, KSA 5, S. 386. schrecktwäre. In dieser Drehung gelangte das »ehrliche Wort
120 Der Planet der Übenden 5 Pariser Buddhismus 121

über sich«, das Nietzsche postuliert und praktisch ausge- Mystik der allgemeinen Mobilmachung und am politischen
schlossen hatte, zu einer Offensivkraft ohne Beispiel. Aus Vitalismus, den man als Heilmittel gegen Skepsis und über-
bloßer Ehrlichkeit wird eine Schreibweise der Rücksichtslo- zogenes Innenleben anpries. Dies alles lud dazu ein, die Ret-
sigkeit gegen sich selbst. Man kann nicht mehr Autobiograph tung im Phantasma der »Nation« zu suchen - einem nahen
sein, ohne Autopathograph zu werden - das heißt: ohne seine Verwandten des Gespensts, das heute als »wiederkehrende
Krankenakte zu veröffentlichen. Ehrlich ist, wer zugibt, was Religion« umgeht.
ihm fehlt. Cioran war der erste, der an die Rampe trat, um zu Cioran blieb auf dieser Position - falls es je eine war - nicht
erklären: Mir fehlt alles - und aus demselben Grund ist mir lange stehen. Der zunehmende Ekel vor seinen hysterischen
auch alles zuviel. Ausflügen in die Positivität gab ihm mit der Zeit die Hell-
Das 19. Jahrhundert hatte das Genre des »ehrlichen sichtigkeit zurück. Als er 1937 nach Paris übersiedelte, um es
Worts« nur ein einziges Mal auf die Spitze getrieben: in Do- nahezu sechzig Jahre lang wie ein Eremit zu bewohnen, war
stojewskijs Au/zeichnungen aus dem Kellerlach von 1864. er von der Versuchung, an großer Geschichte teilzunehmen,
Nietzsches Reaktion auf dieses Stück ist hinlänglich bekannt. zwar noch nicht ganz geheilt, doch er entfernte sich zuneh-
Cioran verfaßte ein halbes Jahrhundert lang seine Aufzeich- mend von den Exaltationen seiner Jugend. Die aggressiv-
nungen aus der Mansarde, in denen er mit bewunderswerter depressive Grundstimmung, die ihn von Anfang an geprägt
Monotonie sein einziges Thema bearbeitete: Wie man weiter- hatte, brachte sich nun in anderen Formen zur Geltung.
macht, wenn einem alles fehlt und einem alles zuviel ist. Er Während dieser Phase gelang es Cioran, in der Gattung des
erkannte schon früh seine Chance als Autor darin, sich die »ehrlichen Worts über sich« definitiv Fuß zu fassen.
von Nietzsche angebotene Jacke anzuziehen - bereits in sei- "Durch die Unmöglichkeit zu töten oder mich zu töten,
nen rumänischen Jahren schlüpfte er in sie hinein, um sie nie habe ich mich in die Literatur verirrt. Einzig diese Un-
wieder abzulegen. Wenn Nietzsche die Metaphysik als fähigkeit hat aus mir einen Schreiber gemacht.«58
Symptom des Leidens an der Welt und als Hilfswerk zur Nie würde er die Sprache des Engagements wieder verwen-
Weltflucht gedeutet hatte, so akzeptierte Cioran diese Dia- den, die er in seinen rumänischen Tagen mit dem Talent des
gnose ohne den geringsten Versuch einer Gegendarstellung. pubertären Imitators aufgegriffen hatte. Auch die blinde Be-
Was er ablehnte, war Nietzsches Flucht in die entgegenge- wunderung, die er einst für Deutschland und seinen brutalen
setzte Richtung: die Bejahung des Unbejahbaren. Der Über- Aufbruch gehegt hatte, fiel von ihm ab. »Wenn ich von einer
mensch ist für ihn eine puerile Fiktion, ein aufgeblasener Krankheit geheilt bin, dann von dieser.«59 Zum ehrlichen
Hausmeister, der seine Fahne aus dem Fenster hängt, indes- Wort über die eigene Krankheit gehört für den Genesenen
sen die Welt so unannehmbar ist wie immer. Wer redet von das Geständnis, sich mit unehrlichen Mitteln haben heilen zu
der ewigen Wiederkehr des Gleichen, wenn einmal existieren wollen. Von diesem Übel ein für alle Mal befreit, widmete er
schon ein Mal zuviel ist. sich der Aufgabe, den Schriftsteller Cioran zu erfinden, der
In seinen Studentenjahren hatte Cioran eine Weile mit den
58 Emile Cioran, Cahiers, 1957-1972, Paris 1997, S. 14 (eigene Über-
zeitüblichen revolutionären Bejahungen experimentiert und
setzung).
sich im Dunstkreis des rumänischen Rechtsextremismus her- 59 Zitiert nach Bernd Mattheus, Cioran. Portrait eines radikalen Skep-
umgetrieben. Er fand Geschmack an der damals modischen tikers, Berlin 2007, S. 83.
122 Der Planet der Übenden 5 Pariser Buddhismus 12 3

mit dem psychopathischen Kapital, das er als Jugendlicher in biographischen Äußerungen in deutscher Sprache den Titel
60
sich entdeckt hatte, ein Unternehmen gründen sollte. Die Cafard. Als praktizierender Parasit knüpfte Cioran am
Figur, die sich damals selbst erschuf, hätte eine Romangestalt griechischen Sinn des Wortes an: pardsitoi, Beisitzer am ge-
von Hugo Ball sein können: Sie stellt einen »gerempelten deckten Tisch, nannten Athener jene Gäste, die man einlud,
Menschen« vor, den Variw!heiligen, den philosophischen damit sie zur Unterhaltung der Gesellschaft beitrügen. Solche
Clown, der das Verzweifeln und Nichts-Werden-Wollen Erwartungen zu erfüllen fiel dem rumänischen Emigranten in
zur Nummernrevue ausbaut. Paris nicht schwer. In einem Brief an seine Eltern konstatierte
An Ciorans »Lebenswerk« lassen sich die Verweltlichung er: »Wenn ich von Natur aus schweigsam gewesen wäre, wür-
des Askesen und die Informalisierung der Spiritualität mit de ich schon seit langem an Hunger gestorben sein.«61 An
höchstmöglicher Prägnanz beobachten. Bei ihm übersetzte anderer Stelle: »Alle unsere Demütigungen beruhen darauf,
sich der mitteleuropäische Trotz-Existentialismus nicht in daß wir uns nicht entschließen können, Hungers zu sterben. «62
engagierten Widerstandsexistentialismus, wie er bei den Die Aphorismen Ciorans lesen sich wie ein Kommentar
Mandarinen von Paris zu beobachten war, sondern in eine mit praktischer Anwendung zu Heideggers Lehre von den
endlose Serie von Akten des Degagements. Das CEuvre dieses Stimmungen, das heißt den atmosphärischen Imprägnierun-
Refus-Existentialisten besteht in einer Folge von Absage- gen des individuellen und des kollektiven »Thymos«, die der
schreiben an die Versuchungen, sich zu involvieren und Posi- Existenz eine prä-logische Tönung apriori »verleihen«. We-
tion zu beziehen. Hierdurch kristallisiert sich sein Zentralpa- der Heidegger noch Cioran machten sich die Mühe, über den
radox immer klarer heraus: die Stellung des Mannes ohne Verleih und den Verleiher (bzw. die Verleiherin) der Stim-
Stellung, die Rolle des Akteurs ohne Rolle. Schon mit dem mung mit der Ausführlichkeit zu sprechen, die der Bedeu-
ersten seiner Pariser Bücher, Pricis de decomposition, 1949, tung des Phänomens angemessen gewesen wäre - wohl auf-
erreichte Cioran als Stilist die meisterliche Ebene - unter dem grund der Tatsache, daß der eine wie der andere dazu neigten,
Titel Lehre vom Zerfall übersetzte Paul Celan es 1953 ins die psychologische Analyse abzubrechen, um schnell in die
Deutsche. Gewiß hatte Cioran den Geist der Ohne-Epoche Sphäre der Existenzaussagen überzugehen. Tatsächlich ak-
mit bleibenden Resultaten in sich aufgenommen, die Krücken zeptiert Cioran seine aggressiv-depressive Gestimmtheit als
jedoch, die er zerbrechen wollte, sind die der Identität, der das atmosphärische Urfaktum seines Daseins. Er nimmt es als
Zugehörigkeit, der Folgerichtigkeit. Überzeugt war er nur Verhängnis hin, daß ihm die Welt primär in dystonischen
von einem Grundsatz, nach welchem es darauf ankommt, Klangfarben gegeben ist: Überdruß, Langeweile, Sinnlosig-
von nichts überzeugt zu sein. Von Buch zu Buch setzte er keit, Geschmacklosigkeit, rebellischer Zorn gegen alles, was
seine existentialistische Bodenakrobatik fort, deren Nähe zu der Fall ist. Freimütig bestätigt er Nietzsches Diagnose, wo-
den Übungen der Kunstfiguren Kafkas ins Auge springt.
Festgelegt war seine Nummer von Anfang an: Es ist die des 60 Emile Cioran, Cafard. Originaltonaufnahmen 1974-1990, heraus-
verkaterten Marginalen, der sich nicht allein in der Stadt, viel- gegeben von Thomas Knoefel und Klaus Sander, mit einem Nach-
mehr im Universum als Obdachloser (sans abri), Staatenloser wort von Peter Sloterdijk (Audio-CD), Köln 1998.
61 Bernd Mattheus, Cioran, a. a. 0., S. 13 0.
(sans papier) und Schamloser (sans gene) durchschlägt. Nicht 62 Emile Cioran, Lehre vom Zerfall, in: ders., Werke, Frankfurt am
umsonst trägt die eindrucksvolle Sammlung seiner auto- Main 2008, S. 852.
Der Planet der Übenden 5 Pariser Buddhismus I25

nach die Ideale der Metaphysik als die geistigen Niederschlä- Dies alles könnte man als eine bizarre Züchtung in den
ge von physischer, auch psychophysischer Krankheit zu deu- Biotopen des Parisianismus nach I 94 5 auf sich beruhen las-
ten sind. Indem er auf der Linie des »ehrlichen Worts über sen, wenn hier nicht eine allgemein bedeutsame Tendenz zum
sich« weitergeht, als je ein Autor vor ihm, gibt er offen zu, es Vorschein käme, die einen radikalen Wandel der Zustände auf
sei ihm darum zu tun, die Gegenrechnung für die »verfehlte dem Planet der Übenden erzwingt. Cioran ist, wie bemerkt,
Schöpfung« aufzumachen. Denken heißt nicht danken - wie ein Kronzeuge für den asketologisch folgenreichen Um-
Heidegger suggerierte, es heißt: sich rächen. bruch, den wir als Emergenz der Anthropotechnik themati-
Erst Cioran hat verwirklicht, was Nietzsche hatte entlar- sieren. Durch ihn werden wir auf die Informalisierung der
ven wollen, als habe das Phänomen von alters her existiert: Spiritualität aufmerksam, von der ich sagte, sie sei als kom-
eine Philosophie des reinen Ressentiments. Wenn aber eine plementäre Gegentendenz zur Entspiritualisierung der Aske-
solche erst unter Nietzsches Anregung möglich geworden sen zu begreifen. Cioran ist ein Übender neuen Typs, dessen
wäre? In ihr wandelt sich der Trotz-Existentialismus deut- Originalität und Repräsentativität sich darin zeigt, daß er sich
scher Herkunft - unter Umgehung des Widerstandsexisten- darin übt, jedes zielgerichtete Üben zu verweigern. Metho-
tialismus französischer Prägung, den Cioran als flache Mode dische Übungen sind bekanntermaßen nur möglich, wo ein
verachtete - zu einem Existentialismus der Unheilbarkeit verbindliches Übungsziel vor Augen steht. Genau dessen
krypto-rumänischer und dakisch-bogumilischer Färbung. Autorität wird von Cioran bestritten. Ein Übungsziel zu ak-
Erst an der Grenze zum asiatischen Inexistentialismus mach- zeptieren, das hieße ja schon wieder: glauben - wobei »glau-
te diese Kehre halt. Cioran spielte zwar, vanitas-europäisch, ben« hier die mentale Handlung bezeichnet, mit welcher der
zu allen Zeiten seines Lebens mit dem Gefühl einer umfas- Anfänger das Ziel vorwegnimmt.
senden Unwirklichkeit, er konnte sich jedoch nicht entschlie-
ßen, dem Buddhismus zu folgen, wenn dieser die Wirklich- Mit diesem Vorlaufen-in-das-Ziel ist das vierte Modul des
keitsthese fallenläßt, und in eins mit ihr, die Gottesthese. »religiösen« Verhaltenskomplexes gegeben.64 Die Vorweg-
Diese dient bekanntlich dazu, die Wirklichkeit, die wir ken- nahme geschieht in der Regel so, daß auf einen Vollendeten
nen, durch eine »letzte Wirklichkeit«, die uns verborgen ist, geschaut wird, von dem man ungläubig-gläubig die Botschaft
zu garantieren. 63 Obschon er sich vom Buddhismus angezo-
gen fühlt, will Cioran dessen Ontologie nicht mitvollziehen. 64 Ich erinnere en passant an die drei zuvor genannten Module des
Nicht nur verabscheut er die Realität der Welt, er hat zugleich religoiden inneren Operierens: die Unterstellung eines Subjekts am
vor, sich an ihr schadlos zu halten, und muß daher, wäre es Ort des Dings; die Annahme einer Metamorphose, dank welcher
Dieses in Jenem »erscheint«; die modale Setzung, wonach aus der
auch nur sophistisch, die Realität der Realität akzeptieren.
Unmöglichkeit einer Sache ihre Möglichkeit folgt. Das hier ge-
Weder will er sich selbst erlösen noch sich erlösen lassen. Sein nannte vierte Modul ist das eigentlich artistische. Es läßt sich eben-
Denken ist eine einzige Reklamation gegen die Zumutung, so auf künstlerische Vervollkommnungsideen wie auf die Ideale der
Erlösung zu benötigen. Heiligkeit beziehen. Das fünfte Modul besteht in der Vergegen-
wärtigung des Überwältigenden, das heißt in den inneren Opera-
tionen, mit denen man die Vernichtbarkeit der eigenen Existenz
63 Vgl. Robert Spaemann, Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach und ihren Untergang im Übergroßen meditiert. Näheres hierzu
Gott und die Täuschung der Moderne, Stuttgart 2 00 7. unten S. 52 If.

11
126 Der Planet der Übenden 5 Pariser Buddhismus

empfängt, man könne es ihm eines Tages gleichtun. Wir wer- der Übungsdimension: Denn indem er übt, wo kein geeig-
den in späteren Kapiteln sehen, wie unter dem Einsatz dieser netes Instrument ist, entwickelt der »Anti-Prophet« eine
inneren Operation über Jahrtausende hin Armeen von Üben- informelle Version von Meisterschaft.
den in Bewegung gesetzt wurden. 65 Ohne das Modul des Er wird der erste Meister des Es-zu-nichts-Bringens. Wie
Vorlaufens-in-das-Ziel keine vita contemplativa, kein Or- Kafkas Hungerkünstler macht er aus seiner Aversion eine
densieben, kein Schwarm von Aufbrüchen zu anderen Kü- Virtuosenübung und bildet zu seinem cafard die entsprechen-
sten, kein So-werden-Wollen, wie einmal ein Größerer gewe- de Könnensform aus. Auch in dieser vernimmt man den
sen ist. Man kann daher nie genug betonen: Die effektivsten Appell, der in jeder Artistik wiederkehrt: »Immerfort wollte
Anthropotechniken entstammen der Welt von gestern - und ich, daß ihr es bewundert ... « Während Kafkas Hungernder
die heute lautstark angepriesene oder verworfene Gentechnik bis zuletzt wartet, um die Gegenaufforderung »ihr sollt es
wird für lange Zeit, selbst wenn sie in größerem Maßstab aber nicht bewundern« auszusprechen, liefert Cioran von
beim Menschen praktikabel und akzeptabel würde, am Um- Anfang an das Material zur Entzauberung seiner Kunst, in-
fang dieser Phänomene gemessen nur eine Anekdote bleiben. dem er sie fast auf jeder Seite als Sich-Gehen-Lassen unter
Das gläubige Vorlaufen in die Vollendung ist Ciorans dem Zwang der Grundstimmung offenlegt. Die Stimmung
Sache nicht. Er »interessiert« sich wohl leidenschaftlich spricht, wenn Cioran bemerkt: »Ich bin außerstande, nicht
für die religiösen Schriften, in denen von Vollendung und zu leiden.«67 »Meine Bücher drücken keine Vision, sondern
Erlösung die Rede ist, aber die gläubige Operation als sol- ein Lebensgefühl aus.«68 Gegen die Möglichkeit, Lebensge-
che, die Vorwegnahme des eigenen Später-auch-so-weit- fühle therapeutisch zu modifizieren, hegte er einen verach-
Seins, wird er nicht vollziehen. Sein Nicht-Glauben hat tungsvollen Argwohn - er lebte schließlich von den Produk-
demnach zwei Seiten - die eines Nicht-Könnens, weil die ten seiner Gestimmtheit und hätte sich einen Versuch, sie zu
eigene Grundstimmung die zur Annahme der Vollendung ändern, kaum leisten können.
nötige Naivität zersetzt,66 und die eines Nicht-Wollens, Mit seinem Beitrag zu der Entdeckung, daß sogar das Sich-
weil er die Haltung des Skeptikers eingenommen hat und Gehen-Lassen kunstfähig, und, falls der Wille zum Können
dieses definitive Provisorium nicht zugunsten einer Position dazukommt, auch trainingspfIichtig ist, hat Cioran dem Or-
aufgeben möchte. Ihm bleibt daher nichts anderes als ein den der heiligen Tollkühnheit zu einer Regel verholfen. Sie
Experimentieren mit den Resten. Er sieht sich gezwungen, wird in dem Precis de decomposition aufbewahrt, diesem
auf einem Instrument zu spielen, auf dem eine ziel gerichtete Buch der seltsamen Übungen, von dem ich zeigen will, wie
Ausbildung sinnlos wäre - dem verstimmten Instrument des es die eigentliche Charta der modernen »Kultur« als Aggregat
eigenen Daseins. Doch gerade sein Spiel auf dem unbespiel- aus nicht-deklarierten Askesen formuliert - ein Buch, das
baren Instrument zeigt die ununterdrückbare Universalität jeden Einband sprengt. In welchem Maß Cioran sich seiner
Rolle bei der Übersetzung des spirituellen Habitus in die
65 Vgl. unten Kapitel 7. profane Verstimmung und deren literarische Bewirtschaftung
66 Er definiert gelegentlich die Klarsicht als »Impfstoff gegen das
Absolute«, nicht ohne zuzugeben, daß er sich hin und wieder
vom erstbesten Mysterium ergreifen lasse. Vgl. Syllogismen der 67 Bernd Mattheus, Cioran, a. a. 0., S. 210.
Bitterkeit, Religion, in: Werke, a. a. 0., S. 927. 68 Ihid., S. 219.
128 Der Planet der Übenden 5 Pariser Buddhismus 12 9
bewußt war, zeigt die seine Reputation begründende Lehre zustände des manisch-depressiven Spektrums - ein Verfah-
vom Zerfall (wobei die Widergabe des Titels mit »Leitfaden ren, das die spätere Verherrlichung der derive, des Treibens
der Zersetzung« ebenso möglich gewesen wäre). Ursprüng- durch den Tag bei den Situationisten der fünfziger Jahre, vor-
lich sollte diese Sammlung »Negative Übungen« (Exercises wegnimmt. Das bewußte Leben in der Drift kommt einer
negatifs) heißen - was sowohl Verneinungsübungen als auch übenden Verstärkung des Diskontinuitätsempfindens gleich,
Anti-Exerzitien meinen kann. Was Cioran vorlegte, war nicht zu dem Cioran aufgrund seiner Launenhaftigkeit disponiert
weniger als eine Regel, die ihre Adepten auf den Weg zur war. Der Verstärkungseffekt wird zusätzlich dogmatisch
Unbrauchbarkeit führen sollte. Wenn es ein Ziel dieses Weges überhöht durch die angriffslustige These, Kontinuität sei eine
gäbe, es würde lauten: »Unbrauchbarer sein als ein Hei- »Wahnidee«70 - es hätte genügt, sie ein Konstrukt zu nennen.
· . . .«69
l Iger Dasein heißt nun: sich in immer neuenJetzt-Punkten unwohl
Die Tendenz der neuen Regel ist anti-stoisch. Während der fühlen.
stoische Weise alles daran setzt, für das Universum in Form Dem Punktualismus der Cioranschen Selbstbeobachtung,
zu kommen - der römische Stoizismus war ja vor allem eine die zwischen Momenten der Kontraktion und der Diffusion
Beamtenphilosophie und attraktiv für Leute, die glauben pendelt, entspricht die literarische Form des Aphorismus und
wollten, es sei ehrenhaft, als »Soldat des Kosmos« auf dem das publizistische Genre der Aphorismensammlung. Der Ver-
von der Vorsehung angewiesenen Posten auszuharren -, muß fasser errichtet schon früh ein relativ simples und stabiles Git-
der Cioransche Asket die Kosmosthese als solche zurück- ter aus sechs oder acht Themen, mit dessen Hilfe er seine Zu-
weisen. Er weigert sich, das eigene Dasein als Bestandteil stände in der Drift durchkämmt, um jeweils von einem Erleb-
eines gut geordneten Ganzen zu akzeptieren, es soll vielmehr nispunkt auf einen entsprechenden thematischen Knoten zu
die Mißlungenheit des Universums belegen. Die christliche kommen. Mit der Zeit bilden die Themen - wie Teilpersön-
Umdeutung des Kosmos als Schöpfung wird von Cioran nur lichkeiten oder nebeneinander arbeitende Redaktionen - ein
insoweit akzeptiert, als dabei Gott als der anklagbare Verur- Eigenleben aus, aufgrund dessen sie sich selbstfortsetzend
sacher eines totalen Fehlschlags ins Spiel kommt. Für einen weiterentwickeln, ohne auf einen Anlaß im Erlebnis warten
Augenblick gerät Cioran in die Nähe von Kants moralischem zu müssen. Der »Autor« Cioran ist lediglich der Chefredak-
Gottesbeweis, obschon mit umgekehrtem Vorzeichen: Die teur, der die Produkte seiner Schreibstuben als Editor bear-
Existenz Gottes ist mit Notwendigkeit zu postulieren, weil beitet. Er setzt zu Büchern zusammen, was seine inneren Mit-
Gott sich für die Welt entschuldigen muß. arbeiter routinemäßig abliefern. Sie legen in unregelmäßigen
Das Procedere, das Cioran für seine Anti-Exerzitien ent- Sitzungen das Material vor - Aphorismen aus der Abteilung
wickelt, beruht auf der Erhebung des Müßiggangs zu einer Gotteslästerung, Bemerkungen aus dem Studio Misanthropie,
Übungsform der existentiellen Revolte. Was er »Müßiggang« Sticheleien aus der Sektion Desillusionierung, Verlautbarun-
nennt, ist in Wirklichkeit eine bewußte und durch keine Art gen aus dem Pressebüro des Zirkus der Einsamen, Thesen aus
von strukturierter Arbeit behinderte Drift durch die Gemüts- der Agentur für Hochstapeleien über dem Abgrund und Gifte

69 Emile Cioran, Syllogismen der Bitterkeit, Religion, in: ders., Wer- 70 Vgl. E. M. Cioran, Ein Gespräch mit SylvieJoudeau, Sankt Gallen
ke, a. a. 0., S. 925. 1992, S. 29.
I3° Der Planet der Übenden 5 Pariser Buddhismus I3 I

aus der Redaktion für die Verächtlichmachung der zeitgenös- Dumpfheit, die den Radikalismen anhaftet. Was er sagt und
sischen Literatur. Nur die Formulierung des Gedankens an tut, dient dazu, sein Leiden auf die ihm entsprechende Kön-
den Selbstmord verbleibt in der Kompetenz der Chefredak- nensstufe zu heben. Ciorans Werk erscheint um vieles weni-
tion. Dieser beinhaltet ja die Übung, von der alle übrigen Wie- ger selbstwidersprüchlich, sobald man in seinen zahlreichen
derholungsreihen abhängen. Er allein erlaubt, von Krise zu Paradoxien die Emergenz des Übungsphänomens wahr-
Krise, die Wiederherstellung des Gefühls, im Elend souverän nimmt - noch einmal also »eine der breitesten und längsten
zu bleiben - ein Gefühl, das dem verstimmten Leben ein Mi- Thatsachen, die es giebt« in einer ungewohnten Deklination.
nimum an Halt gewährt. Im übrigen wissen die Zuständigen Mochte er seiner Grundstimmung nach ein »passiv-aggressi-
für die Themen, was jeweils die benachbarten Redaktionen ver Bastard« gewesen sein - wie sich Gruppentherapeuten in
produzieren, so daß sie sich zunehmend gegenseitig zitieren den siebziger Jahren gelegentlich ausdrückten -, seinem
und aneinander angleichen. Der »Autor« Cioran erfindet nur Ethos nach war er ein Mann der Exerzitien, ein Artist, der
die Buchtitel, die das Genre andeuten - Syllogismen, Flüche, noch aus der Trägheit eine Nummer machte - aus der Ver-
Grabsprüche, Geständnisse, Heiligenleben, Leitfäden des zweiflung eine apollinische Disziplin, aus dem Sich-Gehen-
Scheiterns. Von ihm stammen zudem die Zwischenüberschrif- Lassen eine Etüde in beinahe klassischer Manier.
ten, die einer ähnlichen Logik gehorchen. Im Alltag ist er viel Die Wirkungsgeschichte von Ciorans Büchern verrät, daß
weniger ein Schreibender als ein Lesender, und wenn es eine er auf der Stelle als ein paradoxer Exerzitienmeister erkannt
Tätigkeit in seinem Leben gab, die von ferne einer geregelten wurde. Naturgemäß sprachen sie nur eine geringe Zahl von
Arbeit oder einem förmlichen Exerzitium glich, so war es das Lesern an, stießen bei diesen jedoch auf eine tiefe Resonanz.
Lesen und Wiederlesen von Büchern, die ihm als Quellen des Die kleine Schar der intensiven Rezipienten entdeckte in den
Trosts und als Anlässe für Widerspruch dienten. Das Leben Schriften des verruchten Autors sogar etwas, dessen Existenz
der heiligen Teresa von Avila las er fünf Mal im spanischen dieser wohl geleugnet hätte - eine bruderschaftliehe Schwin-
Original. Die zahlreichen Lektüren werden in den Prozeß der gung, eine verborgene Neigung, dem »Trappistenorden ohne
Anti-Exerzitien eingefügt und bilden zusammen mit den Glauben«, dem er sich kokett und verantwortungslos zurech-
Erinnerungen an Selbstgesagtes ein Knäuel aus Wechselwir- nete, eine etwas dichtere Konsistenz zu verleihen. Es gab bei
kungen der n-ten Potenz. ihm eine geheime Bereitschaft, Verzweifelten, die noch hilf-
Die »negativen Exerzitien« des rumänischen »Dreigro- loser waren als er selbst, Rat zu spenden - und eine sehr viel
schenbuddhisten« - so bezeichnet er sich selbst in den Syllo- weniger verheimlichte Neigung, für seine Weltfluchtübungen
gismen - sind Landmarken in der jüngeren Geschichte des berühmt zu werden. Mochte er der tentation d'exister mehr
spirituellen Verhaltens. Sie bedürfen nur noch ihrer Explika- oder weniger resolut widerstanden haben - sogar in den Bor-
tion als gültige Entdeckungen - jenseits der Grundstim- dellen, sogar in mondäner Gesellschaft-, der Versuchung, ein
mungskumpanei, die in der bisherigen Cioran-Rezeption Vorbild zu werden, war er in aller Diskretion zu erliegen
den Ton angibt. Die Skepsis, die man dem Autor im Einklang bereit. Es ist daher nicht abwegig, in Cioran nicht bloß den
mit manchen seiner eigenen Sprachspiele nachsagt, ist alles Praktikanten einer informalisierten Askese, sondern auch ei-
andere als »radikal «, sie ist virtuos, sie ist elegant. Was Cioran nen informellen Trainer zu sehen, der mit seinem eigenen
betreibt, mag monoton erscheinen, es führt aber nie in die modus vivendi auf andere aus der Ferne einwirkt. Während
Der Planet der Übenden 133

der gewöhnliche Trainer - wir fanden oben seine Definition -


derjenige ist, »der will, daß ich will «/ ' fungiert der spirituelle ÜBERGANG
Trainer als derjenige, der nicht w ill, daß ich nicht will. Er ist RELIGIONEN GIBT ES NICHT:
es, der mir abrät, wenn ich aufgeben möchte. Für das übrige VON PIERRE DE COUBERTIN
begnüge ich mich mit dem Hinw eis, daß Ciorans Bücher für
ZU L. RON HUBBARD
eine unbestimmte Anzahl von Lesern eine effektvolle Selbst-
mordprophylaxe boten - dieselbe Wirkung wird persönli-
chen Gesprächen mit ihm nachgesagt. Die Ratsuchenden mö-
gen geahnt haben, auf w elche Weise er die gesündeste Art,
unheilbar zu sein, entdeckt hatte. Es ist an der Zeit, aus den gegebenen Hinweisen die Kon-
Ich lese Ciorans Werk der »negativen Übungen« als einen sequenzen für eine anthropotechnische Neubeschreibung
weiteren Hinweis darauf, daß bei der Hervorbringung von der religiösen, ethischen und asketisch-artistischen Phäno-
»Hochkultur«, was immer das im Detail heißen mag, ein un- mene zu ziehen. Deshalb setze ich noch einmal bei den bei-
verzichtbarer asketischer Faktor am Werk ist. Nietzsche den übungs- und mentalitäts geschichtlichen Haupttenden-
machte ihn sichtbar, indem er an das immense System rigider zen des letzten Jahrhunderts an: bei der Heraufkunft des
Dressuren erinnerte, das die Basis zum Überbau der Moral, neo-athletischen Syndroms um 1900 und der Explosion der
der Kunst und aller ,>Disziplinen« bildet. Dieser Asketismus informellen Mystik, gleich ob diese sich privatissime oder in
tritt erst in die vordere Sichtlinie, wenn die augenfälligsten der Netzwerkarbeit der psychotechnischen Sekten manife-
Standardübungen der Kultur, »Traditionen« genannt, in die stiert. Von beiden Erscheinungen her läßt sich die These über
Verlegenheit des Kafkaschen Hungerkünstlers geraten: die gespenstische Natur der »Wiederkehr der Religion« prä-
Sobald man sagen kann, das Interesse an ihnen »sei in den zisieren. Ich werde zunächst am Beispiel der von Pierre de
letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen«, werden die Be- Coubertin initiierten neu-olympischen Bewegung zeigen,
dingungen der Möglichkeit ihres Bestehens eigens auffällig. wie eine als Kultreligion gestiftete Unternehmung ihrem
Wenn das Interesse an einer Lebensform abebbt, wird da und religiösen Design entwuchs, um sich zur umfassendsten
dort der Boden freigelegt, über dem sich die sichtbaren Par- Organisationsform für menschliches Anstrengungs- und
tien der Aufbauten erhoben. Übungsverhalten zu entwickeln, die je außerhalb von Ar-
beits- und Kriegswelten zu beobachten war - selbst die
Pilgerzüge des Mi ttelalters und die Exzesse der spanischen
Klosterkultur im 17. Jahrhundert (als ein gut Teil des Lan-
des in die Zellen strömte, um sich nach den Regeln der
Kunst zu entselbsten) besitzen gemessen am Volumen des
neu-olympischen Sportkults nur episodischen Charakter.
Anschließend gehe ich am Beispiel der von dem Science-
Fiction-Autor Lafayette Ron Hubbard gegründeten Church
71 Siehe oben S. 9If. sowie Kapitel 8, S. 455f. of Scientology der Frage nach, was daraus zu lernen 1st,
134 Der Planet der Übenden Übergang 135
wenn eine Firma zum Vertri eb von altbekannten Autosug- springt, wie das Zugrunderichten der physischen Immunität
gestionsmethoden zu einem weltweit operierenden psych- nicht selten als Königsweg zur Hebung der metaphysischen
agogischen Konzern mit Religionsanspruch ausgebaut wer- Immunität (Unsterblichkeit) angepriesen wurde - ich erinne-
den konnte. re an Franz von Assisis gezielte Zermürbungsübungen für
Die Konklusionen schicke ich voraus: Die Schicksale des den »Bruder Esel« - so pflegte der Heilige seinen Körper
Olympismus und der Betrieb der szientologischen »Kirche« zu nennen - und an gewisse para-suizidale Praktiken, für
lassen erkennen, daß »Reli gion« in dem Sinn, wie die Exploi- die der tibetische und mongolische Buddhismus bzw. Lama-
teure des Begriffs ihn verstehen, nicht existiert - und nie exi- ismus berüchtigt waren.
stiert hat. De Coubertin wie Hubbard sind einer modernen In Ciorans Syllogismen der Bitterkeit finde ich unter der
Luftspiegelung erlegen, deren Untersuchung Aufschluß ge- Rubrik »Religion« folgenden Eintrag:
währt über die Fabrikation und Konstitution von »Religion« »Wäre die Ironie nicht wachsam, wie leicht fiele es, eine
im allgemeinen. Beide wollten etwas gründen oder stiften, Religion zu gründen! Es würde genügen, den Schau-
was es nicht geben kann und was daher, einmal »gestiftet«, lustigen zu gestatten, sich um unsere geschwätzigen
sich als etwas anderes erweisen muß, als es dem Willen der Verzückungen zu scharen. «
Gründer zufolge hätte sein sollen oder werden wollen. Die Die Notiz ist aufschlußreich, da sie, trotz ihres modernen
beiden Stifter unterlagen demselben Irrtum mit entgegenge- Sarkasmus, für ein vormodernes Verständnis des Phänomens
setztem Vorzeichen: Der reale Olympismus weigerte sich, die »Religion« zeugt. Mit seiner Mikrotheorie von der Ent-
von de Coubertin geplante Religion zu werden, während die stehung der Religion aus dem Auflauf um die Ekstase setzt
Scientology-Bewegung sich sträubt, nur als der Psychotech- Cioran, Sohn eines orthodoxen Priesters, die Linie alteuro-
nikkonzern angesehen zu werden, den sie der Sache nach päischer Angebotstheorien des Religiösen fort. Die beiden
darstellt. Bei der Analyse der bei den Weigerungen verdeutli- Komponenten oder »Rohstoffe«, aus deren Verbindung die
che ich in einem ersten Anlauf, worum es bei meiner Behaup- Religion gefertigt wird, sind hiernach eine ekstatische Darbie-
tung geht, daß Religion nicht existiert. Womit wir es tatsäch- tung durch einen Einzelnen und eine entsprechende Neugier
lich zu tun haben - in Dimensionen, deren Vermessung kaum seitens der Menge. Die erste behauptet naturgemäß den Vor-
begonnen hat -, sind mehr oder weniger mißinterpretierte rang, weil sie das kostbarere Element enthält. Legt man Cio-
anthropotechnische Übungssysteme und Regelwerke zur rans Hinweis weiter aus, so käme es zu ·einer Religion dann
Selbstformung im inneren wie äußeren Verhalten. Unter und nur dann, wenn das Seltene, die ekstatische Offerte, auf
dem Obdach solcher Formen arbeiten die Praktizierenden das Häufige, die profane Neugier, zugeht und dieser erlaubt,
an der Verbesserung ihres globalen Immunstatul 2 - wobei, sich um es zu versammeln. Es ist offenkundig, daß Cioran
auf europäischem Boden wie in Asien, das Paradox ins Auge hier, obschon auf einem vergröberten Niveau, die Überzeu-
gung der klassischen Monotheismen wiedergibt, wonach in
letzter Instanz Gott selbst, und er allein, es ist, der die Auf-
72 Ich erinnere an die in der Einleitung (S. 2If.) erläuterte These, daß
es beim Menschen nicht nur ein Immunsystem gibt, sondern deren
läufe, die man in geronnenem Zustand Kirchen nennt, pro-
drei, wobei der religiöse Komplex fast ganz in den Funktionskreis voziert und zuläßt. Er organisiert den Auflauf, indem er, wie
des dritten Immunsystems fällt. man sagt, sich den Menschen offenbart.
Der Planet der übenden Übergang 137

In typologischer Sicht entspricht die angebotstheoretische zeigt, welche Ansprüche sie stellen dürfen. Wer will, kann
Auslegung des religiösen Phänomens der katholischen Posi- hierin eine demokratische Wende erkennen. Sie zieht die Auf-
tion, sofern diese auf einer strikt hierarchischen, von Gott zu gabe nach sich, den Auflauf als Nachfrage zu deuten und mit
den Menschen, von den Priestern zu den Laien herabsteigen- einem passenden Angebot darauf zu antworten. Um diese
den Linie der Angebotsübermittlung beruht. Der Primat des Stellung zu beziehen, ist es nötig, den Glauben als Aktualisie-
Gebers und der Vorrang der Gabe bleiben in diesem Univer- rung einer dem menschlichen Dasein inhärenten Disposition
sum unantastbar. Die Gläubigen tauchen hier ausschließlich zu deuten. Im übrigen liegt auf der Hand, wieso beim Vor-
auf der nehmenden Seite auf, wie die Hungrigen vor einer rang der Nachfrage die anbietende Seite sich flexibel zeigen
Armenküche. 73 In klerikokratischen Zeiten war das »Wort muß und sich drohender Töne zu enthalten hat.
Gottes « nicht nur ein erhabenes Geschenk, es stellte zugleich Wir geraten damit ins Feld der protestantischen Praxen,
das Muster eines Angebots dar, zu dem man nicht nein sagen bei denen summa summarum die Bedienung von N ach-
kann. Daher insistieren die katholischsten der Katholiken fragen - etwa nach einem gerechten Gott, nach einer Adres-
noch heute auf der lateinischen Messe, weil diese den diaman- se für das metaphysische Bedürfnis oder nach einem Helfer
tenen Kern der Angebotsreligion vor Augen stellt. Sie fragt zum Lebenserfolg - im Zentrum steht. 74 Das gilt allerdings
nicht, was Menschen verstehen können, sondern was Gott weniger in empirischer als in typologischer Sicht, denn
zeigen will. Für ihre Anhänger ist der Höchste am gegenwär- faktisch hat der frühe Protestantismus, besonders in seiner
tigsten, wenn der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde puritanischen Variante, die apokalyptischen Kommunika-
sein lateinisches Mysterienspiel vollzieht - Kirchenlatein ist tionen geliebt, wie sie für herzhaft dreinschlagende Ange-
die versteinerte Form der »geschwätzigen Verzückung«. Cio- botsreligionen charakteristisch sind. Tatsächlich war die
ran gibt ziemlich offen zu verstehen, daß er selbst oft in Zu- Reformation als Restauration des angebotstheologischen
ständen war, aus denen naivere Naturen kirchenstiftende Motivs gegen den katholischen Schlendrian in Gang gekom-
Konsequenzen gezogen hätten. men. Sie kehrte ihren nachfragetheologischen Zug erst her-
Den Boden der Moderne betreten wir bei den nachfrage- vor, als die Gemeinden sich zu einem religiös interessierten
theoretischen Deutungen des religiösen Phänomens. Hier Publikum wandelten. Überdies ist der modernen protestan-
rückt, um im Bild zu bleiben, der Menschenauflauf an die tischen Theologie - man denke an Kar! Barth - die radi-
erste Stelle, und es stellt sich die Frage, womit man den Be- kalste Formulierung des Angebotsprinzips zu verdanken,
dürfnissen der Menge am besten entgegenkomme. Nun ist verbunden mit der härtesten Absage an die human und
keine Rede mehr davon, daß man von oben her dem Häufigen undogmatisch zerfließende Nachfragereligiosität, wie sie
gestattet, bei den Erscheinungen des Seltenen dabeizusein. seit dem 18. Jahrhundert das Bild bestimmt. In Schleierma-
Vielmehr geht es darum, den vielen zu geben, wonach sie cher, dem Werber um die Gebildeten unter den Religions-
verlangen - oder was sie verlangen werden, wenn man ihnen verächtern, hatte Barth den Meistertheologen der Nach-

73 Thomas Macho hat in dem erwähnten Aufsatz (Neue Askese,


Merkur 1994) die These vertreten, das katholische Christentum 74 Das würde heißen, daß der Protestantismus keine »Hungerreli-
sei essentiell eine »Hungerreligion«, die um die Frage organisiert gion« mehr ist, sondern eine »Fitnessreligion«, ein spirituelles Sur-
ist: Was sättigt? plus für Gesättigte.
Der Planet der Übenden Übergang 139

fragereligion oder, noch schlimmer: der Begabungsreligion Warum seine These falsch war, erklärt sich aus der näheren
erkannt und ihm seine entschiedenste Opposition gewid- Untersuchung des Motivs »senkrecht von oben«. Wir wissen
met. 75 aus dem oben Dargestellten, daß der gesamte Komplex der
Es war derselbe Karl Barth, der zu der in ihrer Zeit uner- Vertikalität in der Moderne eine Neufassung erfährt, die ein
hörten These vordrang, das Christentum sei keine Religion, vertieftes Verständnis der Emergenz von verkörperter Un-
denn: »Religion ist Unglaube. « Er hatte damit das Richtige wahrscheinlichkeit gestattet - an deren Entwicklungen nahm
getroffen, doch mit falscher Pointe und mit der untauglich- Barth jedoch nicht ausreichend Anteil. Er erlag dem Trug-
sten aller möglichen Begründungen: daß nämlich das» Wort schluß, dem Theologen ex officio zu erliegen gehalten sind,
Gottes« das Gewebe der Kulturmachenschaften senkrecht nämlich: die Dimension der Vertikalspannungen umstandslos
von oben durchschlägt - indessen die bloße Religion immer für den christlich entschlüsselten »Anruf von oben« zu ver-
nur ein Teil des von unten her zurechtgemachten Systems aus einnahmen.
Menschlichkeiten, Allzumenschlichkeiten sei. Das Argument Dennoch hat Barth nach Nietzsche als der wichtigste jün-
mochte als katastrophentheologische Zuspitzung der Lage gere »Beobachter« der Vertikalität zu gelten. Ihm gelang eine
nach 1918 eindrucksvoll wirken, als Wort zur Gesamtlage neue Präsentation der christlichen Lehre, in der vom absolu-
war es irreführend - denn die Moderne ist nun einmal nicht ten Vorrang der Selbstdarstellung Gottes ausgegangen wird.
dafür bekannt, eine Zeit zu sein, in der sich Gott den Men- Hiernach kann die Lage des Menschen nur aus der steilsten
schen aus der Vertikalen zeigt. Die Erde wurde auch in die- Senkrechten verstanden werden: Der wahre Gott ist jener, der
sem Jahrhundert von Meteoren getroffen, die von ganz außen den Menschen bedingungslos überfordert, während der Teu-
und oben herabstürzten, Götter jedoch waren nicht darunter. fel ihn auf seiner Ebene abholt. Allerdings bestritt auch Barth,
Träfe Barths These zu, so wäre er mit seiner Entschlossenheit, als er die Nicht-Religion Christentum den »Religionen« ge-
alle natürlichen Theologien zu befehden, im Recht gewesen. genüberstellte, nicht die These von deren Existenz. Ihm ent-
Jede Ableitung der Religion aus den Strukturen des Bewußt- ging, daß das, was er so bezeichnet, ebensowenig »Religio-
seins hätte er mit guten Gründen verwerfen dürfen - ebenso nen« sind wie die christliche Hausmarke. Ob christlich oder
wie jede Auflösung des Christentums in aufgeklärte Ethik. nicht-christlich, sie bilden allesamt materialiter wie formali-
ter nichts anderes als Komplexe von inneren und äußeren
75 Vgl. Karl Barth, Die Theologie Schleiermachers. Vorlesung Handlungen, symbolische Übungssysteme und Protokolle
Göttingen Wintersemester 1923124, hg. von Dietrich Ritschl, zur Regelung des Verkehrs mit höheren Stressoren und
Zürich 1978. Darin verhöhnt der Autor seinen Intimfeind als einen »transzendenten« Mächten - mit einem Wort Anthropotech-
Parlamentär, der mir der weißen Fahne in der Hand zu den Ge-
niken im impliziten Modus. Sie sind Gebilde, denen man aus
bildeten über die Religion redet, statt sich als Christ zu bekennen
(S. 438); nicht ohne Verachtung zitiert er dessen Definition des rein pragmatischen Gründen - anfangs aus römisch-christli-
Christseins: in der Kirche »die schlechthinnige Leichtigkeit und cher Opportunität, später infolge von protestantischer
Stetigkeit frommer Erregungen« suchen; nicht ohne Sarkasmus Konfessionspolemik und aufklärerischer Systematik - den
zitiert er Schleiermachers frühe Selbstaussage, er sei ein »Virtuose
aus dem Jahrtausend der Latinität mitgeschleppten Namen
der Religion«, und läßt ihn als einen Zwitter aus Paganini und
Jeremias auftreten. Zu Schleier machers Definition der Religion religio anhängte - unter ebenso zwanghaftem wie willkürli-
siehe unten S. 5Hf. chem Rückbezug auf die Sprach- und Kultspiele der römi-
Der Planet der Übenden Übergang

schen Staatsbigotterie. 76 Was religio (wörtlich »Sorgfalt«) bei erfahren wir über die »Religion« im allgemeinen, wenn wir
den Römern meinte, bevor ihnen Augustinus das Wort aus die Blaupausen der neu gegründeten Kulte studieren und ih-
dem Mund nahm, um von vera religio zu reden, erfährt man ren modus operandi im längerfristigen Betrieb beobachten?
am ehesten aus einem Detail: daß einige der wichtigsten rö- Diese Fragen stellen sich natürlich nicht nur hinsichtlich der
mischen Legionen den Ehrenbeinamen pia fidelis tragen durf- beiden hier bevorzugten Beispiele. Sie können mit gleichem
ten, nach dem Muster der in Nordafrika stationierten Legio Recht an jedes einzelne aus der großen Zahl der jüngeren
tertia Augusta, die von der Mitte des 1. vorchristlichen Jahr- Religionsexperimente gerichtet werden, die seit der Franzö-
hunderts an bis zum 4. nachchristlichen bestand, sowie der sischen Revolution von sich reden machten - vom Kult des
in Mainz, später in Pannonien angesiedelten Legio prima Höchsten Wesens von 1793 77 über den Saint-Simonismus,
adiutrix, die von den Tagen Neros an bis in die Mitte des Auguste Comtes soziologische Religion, den Mormonismus,
5. Jahrhunderts existierte. Dank christlicher Sinnverschie- die Theosophie, die Anthroposophie bis hin zu den neo-hin-
bungen werden aus den Fromm-Treuen des Caesars die Le- duistischen Kultbricolagen und den vielfältigen Netzwerken
gionäre Christi, die man im Französischen bis heute les der psychotechnischen Sekten, die heute den Globus um-
fideles nennt. spannen. All diese Unternehmen sind schon unter dem Auge
Bei der Erinnerung an Pierre de Coubertins Neo-Olym- der Aufklärung entstanden und hätten in vivo und in vitra
pismus und Ron Hubbards Church of Scientology drängen studiert werden können, wenn ein entsprechendes Interesse
sich mehrere Fragen auf: Was ist überhaupt Religion, wenn mit den geeigneten Optiken und Methoden sich ihnen hätte
Leute von nebenan eine solche stiften können? Was bedeutet zuwenden wollen.
sie, wenn ein hellenophiler Pädagoge, der für Männerkörper
im Kampf schwärmte, und ein strahlender Schlaumeier, bis Was den Coubertinschen Neo-Olympismus angeht, so ist
dahin vor allem als Verfasser von abgekochten Weltallkrimis seine Geschichte zu oft erzählt worden - zuletzt aus Anlaß
bekannt, allen Ernstes und Unernstes in der Überzeugung der Centennarfeiern für die Olympischen Spiele der Neuzeit
lebten, vor unseren Augen eine solche ins Leben gerufen zu imJahr 1996 -, als daß ich hier mehr als Elementares wieder-
haben? Besteht dann nicht die sicherste Methode, alle »Reli- geben müßte. Auch hat man die drei Quellen und drei Be-
gionen« bloßzustellen, darin, selber eine zu gründen? Was standteile von Coubertins sportreligiösem System sattsam
gewürdigt: Sie sind zu finden in John Ruskins gymnophilo-
76 Nachdem das Mittelalter von religio nur gesprochen hatte, um die sophischen Ideen zur sogenannten Eurhythmie/ 8 in Doktor
Tugend der Gläubigen und die Lebensform der Berufsasketen in Brookes neo-hellenistischen Olympian Games im englischen
den Orden zu bezeichnen, nahm die Reformation das Wort »Re-
ligion« in Gebrauch, um den Katholizismus als Fälschung der Shropshire (die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts abgehalten
»wahren Religion« zu brandmarken . Die Aufklärung generalisierte wurden) und in Richard Wagners Bayreuther Festspielen, bei
schließlich den Begriff »Religion«, um den Wirrwarr der Konfes- denen sich der Archetypus eines modernen elitär-kommuni-
sionen, der im Dreißigjährigen Krieg kulminierte, und die Vielfa.lt
der Kulte, die von den Seefahrern rapportiert wurden, vernünftIg 77 Franr;ois-Alphonse Aulard, Le culte de la Raison et le culte de
zu ordnen. Um »die Religion« zur Privatsache erklären zu können, l'Etre Supreme (1793-1794) (zuerst Paris 1892), Aalen 1975.
mußte sie sie zuvor zu einer anthropologischen Konstante verall- 78 De Coubertin nennt den Olympismus gelegentlich einen ruskia-
gemeinern und als eine natürliche Begabung definieren. nisme sportif
Der Planet der Übenden Übergang

tären Erbauungskults in voller Artikulation aufgreifen ließ - mus bei der Definition des Sports; die Gleichberechtigung
sechstausend Fuß jenseits von Industriealltag und Klassen- der Sportarten; den Ausschluß der Kinder; das Prinzip der
spaltung. Darüber hinaus hat man auf die inspirierende zirkulierenden Spiele; den Amateurismus (der jedoch um-
Wirkung der Pariser Exposition universelle von 1889 hinge- stritten blieb und 1976 suspendiert wurde); den Internatio-
wiesen, um den Transfer des totalisierenden Impulses zu er- nalismus und das Prinzip der pax olympica. Darüber hinaus
läutern. Unter diesem Licht gesehen, erscheint der Olympis- wurden Athen als Austragungsstätte der ersten und Paris als
mus als zeitgerechte Sportglobalisierung in Aktion. 79 Ort der zweiten Spiele bestimmt, um auf die Geburtsstätte
Schon der berühmte Sorbonne-Kongreß für die »Wieder- wie die Wiedergeburtsstätte der Spiele gebührend hinzuwei-
einsetzung der Olympischen Spiele« von 1894 versammelte sen - man ahnte nicht, daß die Pariser Spiele von 19°0 den
diese Ingredienzen - bereichert um de Coubertins eigene so- Tiefpunkt in der Geschichte des Oly mpismus markieren soll-
zialtherapeutische und pädagogische Motive - zu einer ef- ten: Sie gingen am Rande der gleichzeitigen Exposition Uni-
fektvoll en Mischung. De Coubertin berichtet in seinen Me- verselle unbemerkt unter. Man lernte daraus: Zwei Weltfeste
moiren, wie bei der Eröffnungssitzung in der Sorbonne am zur gleichen Zeit sind nicht praktikabel.
16. Juni die von Gabriel Faun: eigens zum Anlaß komponier- Tatsächlich wurden die ersten Olympischen Spiele der
te Hymne an Apoll für Chor, Harfe, Flöte und 2 Baßklari- Neuzeit zu Athen schon zwei Jahre später unter der Schirm-
netten (Opus 64>, nach einer kurz zuvor am athenischen herrschaft des griechischen Königs mit großem zeremoniel-
Schatzhaus in Delphi aufgefundenen Inschrift, vor zweitau- len Apparat eröffnet - als ein rein andrologisches Fest, vom
send »bezauberten Hörern « uraufgeführt wurde: Frauensport hielt der begeisterte Baron bekanntlich wenig, er
»Eine Art abgestufter Erregung breitete sich aus, wie wollte die Rolle der Frau bei den Spielen auf den Moment
wenn die antike Eurhythmie durch die Ferne der Zeiten beschränkt sehen, in dem sie dem Sieger den Olivenzweig
hindurchscheine. Der Hellenismus fand auf diese Weise überreicht oder ihm den Kranz aufs Haupt setzt. Daß de
Eingang in den weiten Raum.«8o Courbertin sein taceat mulier in arena nicht durchsetzen
Zugleich legte der Pariser Kongreß die grundlegenden Merk- konnte, war nur der Anfang einer Reihe von Niederlagen
male der Spiele und der sie tragenden Organisation fest: den bei der praktischen Verwirklichung seiner »Muskelreligion«.
vierjährigen Turnus, der wie ein neuer religiöser Kalender die Zu den folgenreichsten Resultaten der ersten Spiele zählt die
Zeit für alle Zukunft gliedern sollte; die aufgeklärte Diktatur Tatsache, daß dank der Spende eines Großmäzens das pan-
der IOC-Präsidentschaft - später durch die Wahl de Couber- athenäische Stadion von Athen aus der Zeit, als Griechenland
tins zum Präsidenten auf Lebenszeit gefestigt; den Modernis- römische Provinz war, restauriert und wieder in Betrieb ge-
nommen werden konnte - dies gab den Auftakt zu der Sta-
79 Vgl. Walter Borger, Vom ,World's Fair<zum olympischen Fair Play dion- und Arena-Renaissance des 20. Jahrhunderts, die bis
- Anmerkungen zur Vor- und Entwicklungsgeschichte zweier heute immer neue Event-Architekturen auf der Linie der an-
Weltfeste, in: Internationale Einflüsse auf die Wiedereinführung tiken Primärformen nach sich zieht. 81 Sogar die Mönche vom
der Olympischen Spiele durch Pierre de Coubertin, herausgegeben
von Stephan Wassong, Kassel 2005, S. 125f. 81 VgJ. Peter Sloterdijk, Sphären III, Schäume. Plurale Sphärologie,
80 Pierre de Coubertin, Olympische Erinnerungen. Mit einem Vor- Frankfurt am Main 20°4, S. 626-646: »Die Kollektoren: Zur Ge-
wort von Willi Daume, Frankfurt/Beriin 1996, S. 23. schichte der Stadion-Renaissance«.
Der Planet der Übenden Übergang

Berg Athos sollen Geld für die olympische Subskription bei- Kronprinzen liefen die letzten Meter der Strecke unter dem
gesteuert haben, als seien sie der Eingebung gefolgt, im fernen eskstatischen Jubel von nahezu 7°000 Menschen neben dem
Athen beträten die modernen Nachbilder ihrer eigenen ver- Läufer her und trugen ihn, nachdem er die Ziellinie überquert
wischten Urbilder wieder die Bühne - hatten die ersten Mön- hatte, auf ihren Armen vor den König, der sich von seinem
che des östlichen Christentums sich nicht die »Athleten Chri- Stadionthron erhoben hatte. Hätte man den Beweis erbringen
sti« genannt und sich in Trainingslagern zusammengetan, die wollen, ein Zeitalter der Hierarchieumkehrungen habe be-
asketeria hießen? gonnen, man hätte ihn nicht effektvoller inszenieren können.
Den so denkwürdigen wie unvorhergesehenen Höhe- Einen Augenblick lang wurde ein sportiver Schafhirte zum
punkt der Athener Spiele bildete der erste Marathonlauf. König des Königs - man sah erstmals, wie die Majestät, um
Die Idee hierzu geht auf den französischen Altphilologen nicht die Macht zu sagen, vom Monarchen auf den Sportler
und Philhellenen Michel Breart zurück, der auf dem Schluß- überging - in späteren Jahrzehnten verstärkte sich sogar der
bankett der Sorbonne-Konferenz die Stiftung eines Mara- Eindruck, die Schafhirten und ihresgleichen strebten die AI-
thon-Pokals für den ersten Sieger in der neuen Disziplin leinregierung an. Eine anhaltende Rauschwelle ging über
gelobt hatte. Als der Sieger des Laufs, ein 23iähriger griechi- ganz Griechenland hinweg, ein begeisterter Barbier ver-
scher Schafhirte namens Spiridion Louys, mit der Volks- sprach dem Sieger, ihn sein Leben lang umsonst zu rasieren.
tracht, der Fustanella, bekleidet, am 10. April 1896 in das Ein Olivenzweig und eine Medaille aus Silber waren die of-
weiß leuchtende Marmorstadion einlief (die Siegeszeit wurde fiziellen Ehrenzeichen, eine Flut von Geschenken folgte.
mit 2 Stunden 58: 50 angegeben), trat etwas ein, was durch den Wie Spiridion Louys sich die nötige Kondition verschafft
Begriff »Ausnahmezustand« nur mit Mühe beschrieben wird. hatte, ist nach wie vor unklar; der Schäferjunge soll als Or-
Es war, als ob eine neue Energieart entdeckt worden wäre, donnanzläufer oder Wasserträger eines Offiziers tätig gewe-
eine Form von emotionaler Elektrizität, ohne die man sich sen sein und sich dabei an längere Strecken gewöhnt haben.
den way o[ li[e der folgenden Ära nicht mehr würde vorstel- 14 Tage vor den Spielen war er bei einem Probelauf Fünfter
len können. Was an jenem glühend heißen Nachmittag gegen geworden. Das Wort Training dürfte er bis dahin kaum ge-
fünf Uhr im Panathenaion-Stadion geschah, muß man als eine hört haben - ich werte das als Beleg für meine These, daß sich
neuartige Epiphanie einstufen. Eine bis dahin unbekannte der größte Teil allen Übungsverhaltens in der Form von
Kategorie von Augenblicksgöttern stellte sich damals dem nicht-deklarierten Askesen vollzieht. 83 Für die Brüder vom
modernen Publikum vor - das sind die Götter, die keinen Berg Athos mochte es wie eine Bestätigung ihrer Intuitionen
Beweis nötig haben, weil sie nur für die Dauer ihrer Mani- gewesen sein, wenn bald darauf das Gerücht zirkulierte, der
festation existieren und nicht geglaubt, sondern erlebt wer- Läufer habe die Nacht vor dem Rennen im Gebet vor Ikonen
den. In dieser Stunde wurde ein neues Kapitel der Emhusias- verbracht - sogar de Coubertin nahm diesen Hinweis ernst
mus geschichte aufgeschlagen - wer von ihr nicht reden will, genug, um an sie erste Reflexionen über die psychischen und
muß vom 20. Jahrhundert schweigen. 82 Die griechischen geistigen Komponenten sportlicher Höchstleistung zu knüp-
82 Zum Phänomen der Augenblicksgötter vgl. Hermann Usener,
fen. Wie Friedrich Nietzsehe, Carl Hermann Unthan und
Götternamen. Versuch einer Lehre von der religiösen Begriffsbil-
dung (zuerst 1896), Frankfurt am Main 2000, S. 279f.
14 6 Der Planet der Übenden Übergang

Hans Würtz meinte auch der Gründer der Spiele zu wissen, des Körperkults zusammen, um ein modernen Ansprüchen
daß es in letzter Instanz der Wille ist, der Erfolg und Sieg genügendes Amalgam zu bilden.
erzeugt. Deshalb machte de Coubertin keinen Hehl aus sei- Was de Coubertin von einer wirkungsvollen neuen »Reli-
ner Abneigung gegen den Positivismus der Sportmediziner, gion« erwartete, geht aus einer Memoirennotiz über einen
die zu »banausisch« dächten, um die höheren Dimensionen Besuch der Festspiele in Bayreuth hervor. In ihr zieht er Par-
des Sports im allgemeinen und der neuen Bewegung im be- allelen zwischen den scheinbar getrennten Sphären:
sonderen zu erfassen. 84 »Musik und Sport sind für mich immer die vollkom-
Was Pierre de Coubertin unter dem Namen des Olympis- mensten >Isolatoren< gewesen, die fruchtbarsten Mittel
mus beschwor, sollte in seinen Augen nicht weniger bedeuten der Besinnung und des Schauens ebenso wie mächtige
als eine vollgültige neue Religion. Zugunsten dieser Auffas- Anreize für die Ausdauer und ,Massagen der Willens-
sung meinte er sich auf die religiöse Einbettung der Alten kraft<. Mit einem Wort: Nach Schwierigkeiten und
Spiele berufen zu können. Diese waren im Laufe ihres über Gefahren erweisen sich alle unmittelbaren Besorgnisse
eintausendjährigen Bestehens immer coram Deis abgehalten als zerstreut.«85
worden, ja, sie vollzogen sich nicht nur im Angesicht der Mit dem bemerkenswerten Wort »Isolator« deutet de Cou-
Götter, sondern auch mit deren Billigung und wer weiß, ob bertin auf das Vermögen der »Religion«, die Realität in ge-
nicht auch mit ihrer Beteiligung - sofern man die Siege der wöhnliche und außergewöhnliche Situationen zu spalten. Wo
Athleten im Stadion und in der Palaistra als Ereignisse deu- Sport und Musik sind, da ist für ihn darum auch Religion -
tete, die nie ohne die Zustimmung der Himmlischen, und sofern deren Merkmal: die alltagssprengende und sorgenbre-
warum nicht auch durch deren Eingreifen, zustande kamen. chende Wirkung, gegeben ist. Entwickelt man den Ausdruck
De Coubertins neu zu schaffende »Religion des Athleten« »Isolator« weiter, ergibt sich der Satz: Religiös ist, was den
knüpfte allerdings nicht direkt an der griechischen Mytho- Ausnahmezustand herbeiführt. Religion ist für de Coubertin
logie an - der Gründer der Spiele war zu gebildet, um nicht zu die Herstellung des anderen Zustands mit sportlichen Mitteln
wissen, daß die Götter des Hellenismus tot sind. Ihr Aus- - hier beginnt einer der Pfade, die in die E vent-Kultur führen.
gangspunkt war die moderne Kunstreligion Wagnersehen Wie bei grenzwertigen Zuständen üblich, müssen diese
Typs, die als Weihehandlung zur Versöhnung der zerrissenen zugleich ausgelöst und unter Kontrolle gehalten werden -
modernen »Gesellschaft« entworfen worden war. Da es in beides wären die Aufgaben der voll ausgebildeten Athleten-
jeder kompletten Religion neben Dogma und Ritual einen Religion. Die athletischen Übungen bereiten den Ausnahme-
ordinierten Klerus gibt, fiel dessen Verkörperung den Athle- zustand in den Wettkämpfen vor, der Stadion-Kult lenkt
ten zu. Sie waren es, die der entrückten Menge die muskulä- dann die aufschäumenden Erregungen in die vorgeschriebe-
ren Sakramente spenden sollten. Dies ist mein Leib, mein nen Bahnen. Im »Isolator« von Bayreuth wurde de Coubertin
Kampf, mein Sieg. So trafen in Coubertins olympischem entgültig klar, warum nur eine neu gestiftete Religion seinen
Traum die romantische Graecophilie sowie das pädagogische Intentionen gerecht werden konnte. Wie Richard Wagner
Pathos des 19. Jahrhunderts mit dem ästhetischen Heidentum wollte er die Menschen für einige inkommensurable Momen-

84 De Coubertin, Olympische Erinnerungen, a. a. 0., S. 45· 85 Ibid., S. 65·


Der Planet der Übenden Übergang

te aus ihrem gewöhnlichen Leben heraussprengen, um sie Adels bewegte, hatte gleichwohl begriffen, daß die Moderne
verwandelt, gehoben und geläutert wieder in die Welt zu die Ära der Neu-Reichen und Neu-Wichtigen ist. Für die
entlassen. In dem esoterischen Klima der Wagner-Festspiele letzteren insbesondere bot seine Bewegung ein ideales Betäti-
fand de Coubertin die Bestätigung seiner Grundhaltung. So gungsfeld. Neben den ehrgeizpolitischen Anreizen wurden
wie in Bayreuth die steilste Angebotsform der Kunstreligion die gierhaften Belohnungen nicht vergessen - aus dem O lym-
zu Hause war, sollte im Olympismus die analoge Ausprägung pismus sind viele neue Vermögen hervorgegangen, einige auch
der Sportreligion ihre Heimstatt finden. Einem Malraux des dadurch, daß Spenden von Bewerberstädten direkt auf die
19. Jahrhunderts vergleichbar, dozierte de Coubertin, das 20. Konten von IOC-Mitgliedern flossen. Das pragmatische
Jahrhundert werde olympisch sein oder es werde nicht sein. Strombett für beide Antriebsarten waren die Vereine, die na-
Vor diesem Hintergrund läßt sich begreifen, in welchem türlichen Matrizen der sportlichen Übungen und der Allian-
Sinn die Erfolgsgeschichte der olympischen Idee zugleich zen zwischen Trainern und Übenden; ihre effektvollste Insze-
die Mißerfolgsgeschichte von de Coubertins ursprünglichen nierung erfuhren sie in den Kampfspielen selbst. Für diese
Absichten bedeutete. Man kann den Triumph des Olympis- Ordnung der Disziplinen waren die Verhältnisse offensicht-
mus interpretieren, wie man will: Er brachte jedenfalls alles lich reif. Wenn die Zeit der Wettbewerbswirtschaft gehört,
andere hervor als den Dreiklang von Sport, Religion und dann ist der Wettkampfsport der Zeitgeist selbst.
Kunst, den de Coubertin aus der Antike in die Neuzeit trans- Das Gesamtresultat von de Coubertins Bemühungen hätte
ponieren wollte. Sein Scheitern als Religionsgründer ist ein- also nicht ironischer ausfallen können: Als Religionsgründer
~~ch auf den Begriff zu bringen: Er hatte ein System von ist er gescheitert, weil er als Initiator einer Übungs- und Wett-
Ubungen und Disziplinen ins Leben gerufen, das wie geschaf- kampfbewegung über jedes erwartbare Maß reüssiert hat.
fen war, die Existenz der »Religion« als einer separaten Kate- Dem Initiator der Spiele entging, was für die Funktionäre
gorie menschlichen Handeins und Erlebens zu widerlegen. der nächsten Generation das Alpha und Omega der weiteren
Was wirklich ins Leben trat und immer massivere Konsistenz Unternehmungen bildete: die völlig evidente Tatsache, daß
erlangte, war eine Organisation zur Stimulierung, Lenkung, die ~~ympische Idee nur als säkularer Kult ohne ernstgemein-
Betreuung und Bewirtschaftung primär thymotischer (stolz- ten Uberbau würde überleben können. Das wenige an Fair-
und ehrgeizhafter), an zweiter Stelle erotischer (gierhafter, neßpathos, Jugendfeier und Internationalismus, das man pro
libidinöser) Energien. Die ersteren stellten sich keineswegs forma beibehalten mußte, ließ sich auch ohne größeren See-
nur bei den Sportlern ein, sondern ebenso bei den neu geschaf- lenaufschwung zusammenbringen. Vom noblen Pazifismus
fenen Funktionären, ohne die der neue Kult nicht zu prakti- de Coubertins blieb bei seinen pragmatischen Erben oft nicht
zieren war. Für sie, die unentbehrlichen Parasiten des Sports, mehr als ein Augenzwinkern. Die Spiele mußten sich in die
brach ein Goldenes Zeitalter an, weil die olympische Bewe- überbordende Massenkultur integrieren und sich bei jeder
gung spontan das wichtigste aller Organisationsgeheimnisse Wiederholung noch entschiedener in eine profane Eventma-
beachtete: so viele Funktionen und Ehrenämter schaffen wie schine verwandeln. Auf keinen Fall durften sie zu hoch da-
möglich, um die thymotische Mobilisierung und pragmati- herkommen - schon gar nicht mit dem »katholischen « oder
sche Bindung der Mitglieder an die erhabene Sache zu garan- angebots theologischen Zug, der de Coubertins Ansatz cha-
tieren. De Coubertin, der sich gern in den Kreisen des alten rakterisierte. Wo Höheres sich nicht ganz vermeiden ließ, wie
Der Planet der Übenden Übergang I5I
in der obligaten Eröffnungsfeier, sollte es beim festlichen Ein- hierarchisierten Verwaltungs akten, routinisierten Vereinsbe-
zug der Athleten, der Hymnne, der Flamme und dem Appell ziehungen und professionalisierten Medienrepräsentationen.
an die Jugend der Welt bleiben. Bei den Nachkriegsspielen Von den Strukturmerkmalen einer ausgebauten »Religion«
von Antwerpen 1920 wurde erstmals ein separates Hochamt bleibt nichts zurück außer der Hierarchie der Funktionäre
in der Kathedrale abgehalten, mit einem Moment des Schau- und einem System von Exerzitien, die ihrer säkularen Natur
ers, als die Namen der im Krieg getöteten Olympioniken entsprechend Trainingseinheiten heißen. Der IOC-Vatikan
verlesen wurden. Als »heidnische« Form einer Angebotsre- von Lausanne hat keine andere Aufgabe, als die Tatsache zu
ligion von oben hatte die olympische Idee nie eine Chance. verwalten, daß Gott auch olympisch tot ist.
Zum Gipfeltreffen der Athleten entzaubert, wurde sie als In dieser Hinsicht kann man behaupten, daß die »Religion
Massen -Attraktor unwiderstehlich. des Athleten« das einzige Phänomen der Glaubensgeschichte
Die pragmatische Wende verlangte von ihren Akteuren darstellt, das sich mit eigenen Mitteln selbst entzaubert hat-
nicht einmal einen Verrat an de Coubertins Vision. Es ge- nur einige intellektuelle Spielarten des Protestantismus in
nügte völlig, die hohen Absichten des alten Herrn nicht zu Europa und den USA haben es nahezu gleich weit gebracht.
begreifen. Bald wußte kein Mensch mehr, was dessen Traum Als die Nicht-Religion, nach welcher zahllose Menschen ver-
von einer religiösen Synthese aus Hellenismus und Moderni- langten, vermochte sich die athletische Renaissance über gro-
tät bedeutet hatte. Man geht nicht zu weit, wenn man behaup- ße Teile der Welt auszubreiten. Ihre Entwicklung zeigt den
tet, die olympische Idee habe gesiegt, weil ihre Anhänger auf Wandel eines Eifers in eine Industrie. Kein Wunder, daß die
allen Ebenen, von den Vorstandsmitgliedern des IOC bis in junge Sportwissenschaft keine Lust an den Tag legte, die
die Ortsvereine, binnen kurzem keine Ahnung mehr von ihr Theologie dieser, kaum gestiftet, schon entgeisterten Kultbe-
hatten - selbst dann nicht, wenn bei den Siegerehrungen die wegung zu werden. Doch auch die Anthropologen blieben
Tränen rannen. Der wackere Willi Daume, der als langjähri- eher reserviert, sie interessieren sich bis heute weder für die
ger Vorsitzender des deutschen Nationalen Olympischen artifiziellen Stämme der praktizierenden Sportler noch für
Komitees Zugang zu den Quellen besaß, konnte über die die Tatsache, daß mit den Sponfunktionären eine neue Sub-
ideellen Motive der olympischen Sache nur den Kopf schüt- species aufgetreten ist, die nicht weniger Aufmerksamkeit
teln. Auf die »Religion des Athleten« anspielend, bemerkt er verdiente als der Mensch des Aurignacien.
in makelloser Funktionärsprosa: »Hier geht es dann schon
etwas in die Verwirrung. «86 Für die schon mehrfach bezeichnete Tendenz zur Entspiri-
Durch ihre Entspiritualisierung beweist die olympische tualisierung der Askesen gibt es im 20. Jahrhundert kein stär-
Bewegung des 20 . Jahrhunderts, wie eine »Religion« sich keres Beispiel als die olympische Bewegung. Was die Gegen-
spontan auf das Format ihres wirklichen Gehalts zurückzu- tendenz angeht, die weltliche Aneignung des Spirituellen, so
entwickeln vermag - auf die anthropotechnische Basis, wie liefert die Church o[ Scientology des Romanciers und Do-it-
sie sich in einem System gestufter Übungen und diversifizier- yoursel[-Psychologen Ron Hubbard zwar nur ein Beispiel
ter Disziplinen verkörpert, integriert in einen Überbau aus unter vielen, doch ein überragend informatives. Ich möchte
im folgenden den Erfinder der Dianetik als einen der großen
86 Ibid., S. 10. Aufklärer des 20. Jahrhunderts würdigen, da er unser Wissen
152 Der Planet der Übenden Übergang 153
über das Wesen der Religion entscheidend vermehrt hat, ob- unter den Glaubensschwachen erheben den Zweifel selbst
schon überwiegend auf unfreiwillige Weise. Er hat sich seinen zum Organ des Glaubens, aus einem asketologisch plausiblen
Platz im Pantheon von Wissenschaft und Technik verdient, Grund: Chronisches Zweifeln ist die wirksamste Übung, um
da ihm ein psychotechnisches Experiment mit gesamtkul- das Bezweifelte am Leben zu halten.
turell bedeutsamen Ergebnissen gelang. Nach Hubbard Die zweite Annahme, unter der eine neue Religion ge-
steht ein für allemal fest: Die effektivste Weise, zu zeigen, startet werden kann, besagt, daß die bisherigen Religionen
daß es Religion nicht gibt, besteht darin, selbst eine in die ungenügend sind, weil sie zu sehr an ihren Inhalten haften,
Welt zu setzen. während es künftig darauf ankomme, die Form oder die
Wer eine Religion stiften möchte, kann dies prinzipiell »Stimmung« der Religion in den Vordergrund zu stellen.
unter zwei verschiedenen Annahmen tun. Die erste besagt: Bei dieser Zuwendung zur Formseite ist eine dramatische
Es existieren zwar schon viele Religionen, die wahre ist aber Bifurkation zu beobachten: Entweder entsteht die neue Re-
noch nicht darunter. Neue Einsichten machen es jetzt endlich ligion als frei flottierende Meta-Religion, die keine dogma-
möglich und nötig, sie ins Leben zu rufen . Nach diesem tischen Sätze mehr kennt, jedoch bona fide die Dimension
Schema hat Paulus das Christentum vom Judentum abge- des Religiösen »an sich« inhaltsneutral bewahren möchte -
setzt, so wie später Augustinus es vom Manichäismus und so etwa verhalten sich die meisten modernen Bekenntnislo-
vom römischen Kult abgehoben hat und noch später Moham- sen, die glauben, an dem, woran sie nicht glauben, sei doch
med den Islam von den beiden Vorgängermonotheismen. In etwas dran. Der Vorteil dieser Position besteht darin, daß sie
analoger Weise gingen die Aufklärer vor, die seit dem 17· die Spannungen zwischen Heilswissen und säkularem Wis-
Jahrhundert die »Religion der Vernunft« durch Ablösung sen bzw. zwischen Theologie und Ethik entschärft. Bereits
von den historischen Religionen gründen wollten.87 Solche der romantische Protestantismus kam der Selbstauflösung
Initiativen berufen sich auf die vorangeschrittene Enthüllung der positiven Religion in polyvalenter Gefühlskultur nahe,
der Wahrheit - diese gibt den Inhalt vor, für den die ange- wenn etwa Schleiermacher in seiner zweiten Rede Über die
messene Form gefunden werden muß. Der neue Inhalt liegt in Religion erklärt: »Nicht der hat Religion, der an eine heilige
einer Botschaft, die nach dem Glauben der Gründer mehr Schrift glaubt, sondern der, welcher keiner bedarf und wohl
Heilsmacht in sich trägt als die bisher bekannten Kulte. selbst eine machen könnte. « Oder die neue Religion greift
Man kann diesen Typus von Religionsstiftung daher inhalts- ausschließlich die Formseite der Religion auf, um einen
religiös nennen. Ihre Akteure sind in der Regel naiv, in einem fremden Inhalt zu transportieren. Das war unter anderem
wertneutralen Sinn des Worts. Sie meinen zu glauben, daß sie bei Pierre de Coubertin der Fall gewesen, der den Inhalt
glauben, was sie glauben. Sind sie nicht naiv, wären sie es Sport an die Form Religion binden wollte - wir sahen,
gerne und bereuen ihre Glaubensschwäche. Die Klügeren mit welchem Ergebnis.
Geht man auf dem formreligiösen Weg einen Schritt wei-
87 VgJ. Hermann Cohen, Die Religion der Vernunft aus den Quellen ter, so zeigt sich, wie man die Religion als bloße Vehikelfunk-
des Judentums (zuerst 1919), Wiesbaden 1988; Mark Lilla hat die tion einsetzen kann, um mala fide fremde Inhalte zu realisie-
moderne Religion der Vernunft jüngst als Kult einer Totgeburt
beschrieben: The Still born God. Religion, Politics, and the Modern ren. Das unumgängliche Beispiel hierfür bieten die neuer-
West, New York 2007. dings wieder viel beachteten »politischen Theologien«,
154 Der Planet der Übenden Übergang 155

durch welche die Religion als psychosoziales Hilfswerk für vierziger Jahre, die für den Autor zugleich eine Periode per-
den Staatserfolg herangezogen wird. Wer diese Haltung sönlicher Rückschläge markierte. Zu dieser Zeit durfte der
durch Beispiele verdeutlichen möchte, denkt etwa an Päpste, Autor einen Markt für Lebensberatungs- und Selbsthilfe-
die an der Spitze ihrer Truppen den Kirchenstaat vergrößer- Literatur mit starken Wachstumspotentialen voraussetzen.
ten oder an französische Kardinäle, die mit den islamischen Auf ihm wirkten psychoanalytische, lebensphilosophische,
Türken Bündnisse schlossen, um den christlichen Herrschern seelsorgerliche, unternehmens beraterische, psychagogische,
Österreichs zu schaden. Auch ganze Völker und Nationen religioide, diätetische und fitnesspsychologische Motive
traten in älterer wie in jüngerer Zeit im Gewand von Heils- durcheinander. Hubbards ingeniöser Ansatz bestand darin,
gemeinschaften auf. Wie sich revolutionäre Bewegungen diese Nachfragen in einem einzigen Punkt zusammenzuzie-
messianisch garnieren können, wird durch die politische Em- hen. Er stellte sich in die Tradition der modernen Scharlatane,
pirie des 20. Jahrhunderts bis zum Überdruß illustriert - als auch dieses Wort im wertneutralen Sinn genommen, die mit
hätten die Aktivisten die leichtfertige These Friedrich Engels' einem einzigen Arzneimittel gegen alle Krankheiten vorge-
aus dem Jahr 1844: »Alle Möglichkeiten der Religion sind hen - oder mit einer Lösung gegen alle Probleme. Dieser
erschöpft« Lügen strafen wollen. ss Sobald die formreligiöse Habitus läßt sich vom 16. bis zum 20. Jahrhundert in zahl-
Auffassung sich radikalisiert, schreitet die Abstraktion bis zu losen Konkretisierungen verfolgen - vom Nullpunkt-Den-
dem Punkt voran, an dem potentiell jeder beliebige content ken der modernen Philosophie bis zur politischen Idee der
ein religoides Design anzunehmen vermag, sofern der content totalen Revolution. Die Kunst der Künste besteht den großen
provider es wünscht. Religion erscheint dann als ein rheto- Scharlatanen zufolge von jeher darin, das eine Mittel, die
risch-ritueller Modus und als Immersionsverfahren, das je- Panazee, das All-Agens zu destillieren, egal, ob dies in phy-
dem Projekt, sei es politisch, künstlerisch, industriell, sport- sischen oder moralischen Kolben geschieht. Die Destillation
lich oder therapeutisch, als Medium der Selbstverbreitung erbringt in der Regel eine einfache Substanz, ein letztes Ele-
dienen kann. Es läßt sich ohne weiteres auf alte Inhaltsreli- ment bzw. eine einfache Handlung und eine letzte Operation.
gionen zurückübertragen. 89 Wer sie hat oder kann, kann und hat alles.
Hubbards Produkt wurde als mentale Panazee konzipiert
Ich zeige im folgenden, wie Lafayette Ron Hubbards unter- und auf den aufgewühlten Lebensberatungsmarkt gebracht.
nehmerisches und literarisch-rabulistisches Genie das form- Auf den ersten Blick schien seine »Dianetik« von 1950 nicht
religiöse Verfahrensprinzip in seiner abstraktesten Ausprä- mehr zu sein als ein mit großem Aufwand angepriesenes
gung bei der Promotionskampagne für ein im Jahr 1950 lan- neues Mittel, um die 'beschlagenen Scheiben des Bewußt-
ciertes Produkt namens Dianetik fruchtbar machte, um es seins zu reinigen - immerhin ein Produkt, das mit beacht-
nur wenig später, dank eines religioiden U pgrading, in die lichen Verkaufs erfolgen schon im ersten Jahr bewies, daß
scientologische »Kirche« umzuwandeln. Der Ausgangspunkt US-Amerikaner, fünf Jahre nach dem Abwurf der ersten
für Hubbards Kampagne liegt in der Kulturkrise der späten Atombomben, auf breiterer Front bereit waren, auch geistige
Vorschläge zur einfachsten Lösung von Weltproblemen auf-
88 Kar! Marx/Friedrich Engels, Werke, Band I, Berlin 1976, S. 544. zugreifen. Für komplizierte Esoterik, hörte man vom Autor,
89 Wie eine Reihe von Bibel-Themenparks in den USA beweisen. sei keine Zeit mehr, man müsse die Welt von Grund auf um-
15 6 Der Planet der Übenden Übergang 157
wandeln, und zwar so rasch, »daß uns die Bombe nicht zu- Diese Lösung, so wird versichert, wird nicht mehr auf die
vorkommt«.90 Survival war zum Hauptwort der Lebensbe- Problemseite zurückfallen - darum können nur bösartige
ratung geworden. Es bildet das amerikanische Gegenstück Menschen und Geisteskranke ein Interesse an der Verhinde-
zur frühchristlichen Metanoia angesichts knapp werdender rung der Dianetik haben. Man verfügt somit von jetzt an über
Zeit. Vor dem Hintergund des beginnenden nuklearen Wett- ein neu es Kriterium zur raschen Diagnose von psychopathi-
rüstens zwischen den USA und der Sowjetunion eröffnet die schen Anlagen: die Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit ge-
»Dianetik« einen alternativen Wettlauf - zwischen ihr selbst gen die Angebote der Dianetik. Eine maßlose Polemik gegen
und dem Weltsystem des Krieges, der Geisteskrankheit und das, was Hubbard die konventionelle Psychiatrie nennt,
der Kriminalität. Wer wollte sich angesichts eines solchen durchzieht als roter Faden sein gesamtes Werk - und das
Szenarios nicht in das Lager derer begeben, die selbstsicher seiner Schüler. Ohne Zweifel ahnte er, was Leute vom Fach
behaupteten, die Lösung der Weltprobleme zu besitzen? über ihn und sein Agieren sagen würden. Er ließ sie für seine
Die Lösung liegt im Namen der Methode: Dianetik soll auf Ahnungen teuer bezahlen.
91

die zwei griechischen Wortkomponenten dia (durch) und In der Sache bietet die Dianetik zunächst nicht mehr als
nous (Geist) zurückgehen und die Wissenschaft von dem, eine simplifizierte und technifizierte Variante der psychoana-
was >,durch den Geist« geschieht, bezeichnen - gelegentlich lytischen Grundannahmen: Sie ersetzt die Freudsche Unter-
wird auch ein Wort wie dianoua als Quelle genannt, das es im scheidung der Systeme bzw. Feldzustände bw und ubw (be-
Griechischen leider nicht gibt. Man ahnt die Pointe, der zu- wußt/unbewußt) gutgelaunt durch die Hubbardsche Unter-
folge alles durch den Geist geschieht - wobei der Sinn von scheidung von analytischem Geist (mitsamt seiner klaren
>,durch« bis auf weiteres offen bleibt. Noch kann man dem Gedächtnisbank) und reaktivem Geist (mitsamt seiner patho-
System nicht ansehen, wie es den alten Gegensatz von Geist logischen Gedächtnisbank). Im letztgenannten liegt die Sum-
und Materie neu montiert - an der Oberfläche »wissenschaft- me aller Probleme verborgen, während im ersten die Lösung
lich«, in der Tiefenstruktur gnostisch. Ohne falsche Beschei- aller Probleme gefunden wird. Bei dieser Ausgangslage er-
denheit stellt sich Hubbards neue Hyper-Methode als die
»moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit« vor und 9 1 Aus Dokumenten, an deren Authentizität zu zweifeln kein Grund
verspricht, die einfachste Lösung aller bisher unlösbar erkennbar ist, geht hervor, daß er im Jahr 1943, als er bei der Navy
scheinenden Probleme zu bringen. Wie ein kalifornischer einen Innendienstposten wahrnahm, unter psychotischen Zustän-
den in Form von schweren Depressionen mit Selbstmordtendenzen
Avatar vonJohann Gottlieb Fichte preist Hubbard seine Wis- gelitten und deswegen bei einer militärärztlichen Behörde um Be-
senschaft vom Wissen als das Ende der Ära bloßer Vorver- handlung angesucht hatte. Durch eine Granate soll er kurz vor
suche. Während die überlieferten Lösungen selber wieder Teil Kriegsende schwer verwundet worden sein; er sei da9urch vorüber-
der Probleme wurden, gleich ob sie als Religionen, Philoso- gehend erblindet, habe si~h jedoch selbs.t geheilt. Uber seine R.e-
konvaleszenz und über die Methoden semer Selbstbehandlung Ist
pien, Therapien oder Politiken auftraten, verkündet die Dia- nichts Genaueres in Erfahrung zu bringen, sie sollen jedoch seine
netik die Lösung aller Probleme in einer definitiven Klarheit. Überzeugung, daß der Geist die Materie formt, mitbegründet
haben. Ein von australischen Sachverständigen verfaßtes Gutach-
ten aus den sechziger Jahren bestätigt Hubbards Vorahnungen: Es
90 L. Ron Hubbard, Die Wissenschaft des Überlebens. Vorhersage bescheinigt ihm eine abnorme Persönlichkeitsstruktur mit ausge-
menschlichen Verhaltens, Kopenhagen 1983, S. XLVIII. prägten paranoiden und schizophrenen Zügen.
15 8 Der Planet der Übenden Übergang 159

scheint es als die natürliche Aufgabe des analytischen Geists, verfremdende Energie geht von einem technikgeschichtli-
den reaktiven Geist zu entrümpeln, bis nur noch klare Vor- chen Ereignis aus, in dem man den tiefsten Einschnitt seit
stellungen vorhanden wären. Wer den pathologischen Spei- der Durchsetzung der vokalalphabetischen Schriften um
cher geleert hätte, würde die Alleinherrschaft des analyti- 700 vor Christus erkennen muß: Die Rede ist hier von der
schen Geistes erreichen und dürfte sich geklärt (clear) nen- Computerkultur. Ihre Entfaltung um die Mitte des 20. Jahr-
nen. Alles »Processing« geschieht unter der Maxime: Wo hunderts erzwingt eine Revison der klassischen Geist-Kör-
reaktiver Geist war, soll analytischer Geist werden. Nichts per-Unterscheidung, indem sie durch die Konstruktion von
anderes als die Herstellung von Geklärtem ist die Aufgabe Rechnern bzw. »Geist-Maschinen« zeigt, daß ein Gutteil der
der dianetischen Prozeduren. Durch sie werden die Klienten, Phänomene, die man bisher der Geist-und-Seele-Seite des
gleich über welche Beschwerden sie klagten, auf inneren Seinsganzen zugeschrieben hatte, in Wahrheit auf die mecha-
»Zeitbahnen« zu den »Engrammen« in ihrem pathologischen nisch-materielle Seite gehären. Reflexion ist eine Eigenschaft
Gedächtnis zurückgeführt - wobei oft die »Schlösser« (lacks) der Materie und kein Privileg der menschlichen Intelligenz.
vor den pathogenen Speicherinhalten entriegelt werden Die Neuverteilung der Welt unter dem Druck der neuen
müssen. Die Zurückführungen erfolgen in der mehr oder kybernetischen Mitte bestimmt seither das Drama des zeit-
weniger fabelhaften Annahme, durch Erinnerung (recall) genössischen Denkens. In diesem Prozeß wird offenkundig,
würden die alten Engramme »gelöscht« und die von ihnen warum die Idole stürzen. Die Philosophie der Kybernetik
bewirkten »Aberrationen« behoben - eine Annahme, die zur macht es mäglich, eine allgemeine Theorie der Götterdäm-
Zeit von Hubbards Anfängen durch die Psychoanalyse und ·
merungen zu f ormu1leren. 92

Alfred Hitchcock populär gemacht worden war, obschon sie Das Phänomen Hubbard gehärt unverkennbar in die Tur-
es nie zu mehr als einer Scheinplausibilität zu bringen ver- bulenzen, die durch den Einbruch der Kybernetik in die Do-
mochte. mänen der metaphysischen Klassik ausgelöst wurden. Als
Wäre mit diesem Resümee des Hubbardschen Ansatzes Zeitgenosse der ersten Generation von Kybernetikern und
schon alles gesagt, so könnte man sich mit der Feststellung als Autor von Science-Fiction-Romanen (von Kennern des
begnügen, die Dianetik sei ein mehr oder weniger amüsantes Genres einigermaßen geschätzt) hatte er einen privilegierten
Kapitel im Epos von der Amerikanisierung der Psychoanaly- frühen Zugang zur neuen Welt der inneren Technologien. Man
se. In dem wird berichtet, wie die Parteigänger der Ich-Psy- muß sich vor dem Trugschluß hüten, Hubbards »Vorleben« in
chologie sich an der Psychologie des Unbewußten schadlos der Science-Fiction-Szene als einen Makel zu betrachten.
hielten - oder wie die gesunde Seele der esoterischen West- Gotthard Günther, noch immer der bedeutendste philosophi-
küste den Sieg über die morbide Psyche der Ostküste davon- sche Interpret des Ereignisses Computer, hat mit guten Grün-
trug. In Wahrheit jedoch gehört die Episode Dianetik/Scien- den dafür plädiert, in der Gattung des Science-Fiction-Ro-
tology in eine breitere geistesgeschichtliche Strömung, die ich mans das Laboratorium für die Philosophie des technischen
als die techno-gnostische Wende der westlichen Psychologie Zeitalters zu sehen - eine These, die im Blick auf das CEuvre
bezeichnen möchte. Für sie ist eine neuartige, bis in die letz-
92 Gotthard Günther, Seele und Maschine, in: ders., Beiträge zur
ten Elemente durchschlagende technologische Verfremdung Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Erster Band,
geistiger und seelischer Traditionsbestände bezeichnend. Die Hamburg 1976, S. 75f.
r60 Der Planet der Übenden Übergang 16r

von Autoren wie Stanislaw Lern und Isaac Asimow, um nur Elan, der ihn zur ersten Entgrenzung der Science-Fiction ge-
die Größten zu nennen, völlig legitim erscheint. tragen hatte, vollzog er die zweite und eröffnete nach der
Alles spricht dafür, daß der Romancier Hubbard das Gen- psychotherapeutischen die religiöse Front. Die Rückmel-
re nie gewechselt, sondern nur ausgeweitet hat. Mit größter dung aus dem Realen zeigte an, daß es auch diesmal "funk-
Folgerichtigkeit führt ihn sein erster Schritt über die Grenzen tionierte« - die Religion-Fiction materialisierte sich in kür-
der Science-Fiction zur Dianetik, die ihrem kognitiven Status zester Zeit und nahm die Form einer real existierenden " Kir-
nach nichts anderes als Psychology-Fiction darstellt. Hierzu che« an. Unverkennbar war hierbei ein Element von Flucht
paßt die von Nahestehenden berichtete Tatsache, daß Hub- nach vorn im Spiel, da Hubbard nach dem übergroßen Erfolg
bard das 500-Seiten-Buch Dianetik in Bayhead, New Jersey, seines Selbsthilfe-Therapie-Buchs die Reaktion der organi-
in bloß einem Monat niederschrieb - und zwar ausschließlich sierten Ärzteschaft fürchten mußte. In dem Maß, wie die
»aus dem Kopf«, off the top of his head, ohne jeden Rückhalt Zunft seinen "magischen« Methoden jegliche Wirksamkeit
in wissenschaftlicher Forschung. Die experimentelle Basis, absprach und ihm unverantwortlichen Umgang mit den
auf die er sich beruft, "Hunderte von Fallstudien«, ist selber Hoffnungen von Leidenden, darunter vielen Unheilbaren,
Teil der Erfindung. Von dieser Beobachtung her fällt rück- vorwarf, lag es nahe, in die Unbelangbarkeit der religiösen
wirkend Licht auf die Systeme Freuds und C. G . Jungs. Hat Sphäre auszuweichen. Im übrigen machte man im inneren
man das Schema der Psychology-Fiction einmal umrißklar Zirkel der damaligen Organisatoren nie ein Geheimnis aus
aufgefaßt, erkennt man seine Züge auch in den alternativen der Tatsache, daß die kirchliche Camouflierung der neuen
Versionen wieder. anti-professionellen Heilungsmethode ein Weg war, die
In unserem Kontext ist Hubbards zweiter Schritt beson- Steuerbehörden in die Irre zu führen.
ders informativ: Es ist die Bewegung, mit der die dianetische Hubbard setzte bei der Ausgestaltung der Church ofScien-
Psychology-Fiction zur scientologischen Religion-Fiction tology nach 1954 die formreligiösen Strategien ein: Er umgab
aufgestockt wird. Wer diesen Übergang beobachtet, wird den profanen Inhalt Dianetik®, später auch die Inhalte Hub-
Zeuge, wie die Religion des technischen Zeitalters debü- bard-Bücher, Hubbard-Reden, Hubbard-Beratungstechni-
93
tiert. Als Hubbard durch den Erfolg seines Buchs Dianetics. ken usw., mit dem religionsüblichen sakraltechnischen Appa-
The Modern Science of Mental Health die Rückmeldung aus rat. Ihr Fundament ist ein Gründerkult ohne Grenzen: Die
dem Realen erhielt, daß angewandte Fiktion »funktioniert«, Feier des Meisters als Erweckers der Menschheit durchzieht
sah er für seine Ambitionen grünes Licht. Mit demselben die gesamte scientologische Mediasphäre. Sie stellt eines der
dichtesten selbst-lobenden Systeme der jüngeren Geistesge-
93 Daß dies kein absolutes Debut ist, zeigen analoge, oft geistreichere
schichte dar - in ihm werden wie auf einer Raumstation die
Projekte in den Avantgardebewegungen der Russischen Revolu-
tion, insbesondere die Schriften der Immortalisten und Biokosmi- systemeigenen Betriebsdaten recycliert. Ergänzend trat eine
steno Vgl. Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russ- scharfe Dringlichkeitspropaganda hinzu - die strategische
land zu Beginn des 20. Jahhrunderts, herausgegeben von Boris Version der Apokalyptik: Sie erläuterte den Klienten die un-
Groys, Michael Hagemeister unter Mitarbeit von Anne von der ausweichliche Wahl zwischen Scientology und Selbstmord.
Heiden, Frankfurt am Main 2005. Sie sind im übrigen als Beweis-
stücke dafür zu lesen, daß der Kommunismus seinerseits eine Form Damit war die totale Immersion in Hubbards Themenpark
von angewandter Social-Science-Fiction war. gewährleistet. Zusätzlich schuf die Sekte zahllose interne
r62 Der Planet der Übenden Übergang

Funktionsrollen, »Auditoren«, »Registrare «, »Ethik-Offizie- Aura bei seinem Religionsartefakt bereitete ihm offensichtlich
re«, und jede Menge neue Wichtigkeiten in Form von Su- keine Sorgen. Was der neuen Kirche an Altehrwürdigkeit fehl-
pervisions- und Kontrollaufgaben - die phantasievollen te, machte sie wett durch die Unbekümmertheit, mit der sie
Repliken einer kirchlichen Hierarchie - sowie Seminare, sich als den spät, aber doch rechtzeitig eroberten Gipfel der
Business-Center, Kliniken, ja sogar Hochschulen, bei denen Menschheitssuche nach Wahrheit präsentiert. Freimütig ge-
man heterodoxe akademische Grade erwerben konnte, dar- stattet die scientologische Theologie den Religionsgründern
unter auch den des Doktors der Theologie. Man kann nicht der Vergangenheit, zu ihm, dem Vollender, aufzuschauen -
behaupten, für die N eu-Wichtigen und jene, die sich zu ihnen Buddha, Lao Tzu, J esus, Mohammed, aber auch Autoren
gesellen wollten, sei in diesem weitsichtigen Unternehmen wie Aristoteles, Kant, Schopenhauer, Freud, Bergson und
nicht gesorgt worden. Für den internen Verkehr wurde eine wer sonst in der bunten Liste der Vorläufer kandidieren darf.
Insider-Sprache eingeführt, durch deren Gebrauch der Gra- Sie alle dürfen sich darüber freuen, daß in Hubbard erreicht
ben zwischen Zugehörigen und Nicht-Zugehörigen die er- ist, wonach sie selbst mit noch untauglichen Mitteln strebten.
wünschte Tiefe erreichte. Ein System gegenseitiger Kontrol- Auch ein gewisser Dharma soll vorzeiten der Wahrheit ganz
len stabilisierte den Betrieb; die diskrete Überwachung der nahe gewesen sein, vorgeblich ein asiatischer Mönch des Al-
Mitglieder zur Früherkennung von Skepsis rundete das Pa- tertums. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt - findet man denn
ket der Kirchennachahmungsmaßnahmen ab. Originell war nicht auch im Neuen Testament Angaben, die historischer
nicht zuletzt das Design der scientologischen Gemeinde: Kritik nicht standhalten? Ich bin nicht sicher, ob man Hub-
Dieses sieht vor, daß mit jedem neuen Gläubigen ein neuer bard unterstellen darf, er habe mit seinen weniger geglückten
Kunde gewonnen wird - man muß bis zum katholischen Ab- Auslassungen zeigen wollen, zu einer kompletten Kirche ge-
laßhandel des r6. Jahrhunderts zurückgehen, um eine ähnlich hörten auch die Zeichen ihrer Fehlbarkeit. 11
enge und elegante Beziehung zwischen Heils- und Geldge- Die Frage, ob Hubbard über die Psychology-Fiction und
schäften zu beobachten. 9 4 die Religion-Fiction hinaus auch eine Form von Politics-Fic-
Schon allein für diese Leistungen bei der nachbauenden tion 95 hat kreieren wollen, soll in diesem Rahmen unbe-
Rekonstruktion des Phänomens Kirche muß man Hubbard antwortet bleiben. Je nach Gesinnung und Stimmung wird
höchste Anerkennung zollen, da er mit seinem formreligiösen man die entsprechenden Äußerungen des Meisters - beson-
Imitationsverfahren wertvolle Aufklärung über die allgemei- ders die berüchtigte Gleichsetzung von Demokraten und
nen Bedingungen von Religionsbildungen, seien sie historisch Affen - entweder als dadaistisch oder präfaschistisch ein-
gewachsen oder aktuell synthetisiert, lieferte. Der Verlust der stufen. Durch das ganze Spektrum der scientologischen
Themen läuft ein radikal parodistischer Zug, der nichts, was
94 Nur in einem Punkt stellt die Church of Scientology einen Ana- Hubbard jemals anfaßte, unverändert und unverrückt ließ.
chronismus dar: Sie wiederholt die historisch überwundenen For- Was immer er aus der symbolischen Überlieferung auf-
men der Zwangsmitgliedschaft in einem Kultkollektiv, ja, sie stei- griff, tauchte als technisch wiederhol bares Phänomen wieder
gert diese bis an den Punkt, an dem die Organisation ihre
Mitglieder quasi kannibalisch konsumiert. Hingegen ist auf dem 95 Der Ausdruck Politics-Fiction ist in anderem Kontext von Philippe
offenen Markt die »religiöse Erfahrung« selber eine Art von Event- Lacoue-Labarthe verwendet worden. Vgl. ders., Die Fiktion des
Ware oder ein konsumierbarer Spezial effekt geworden. Politischen. Heidegger, die Kunst und die Politik, Stuttgart 1990.
Der Planer der Übenden Übergang

auf. Offenkundig eignet sich nichts so sehr wie die »Religion «, anders sein, weil Scientology das Muster für formreligiöse
ins Universum der technischen Bilder übersetzt zu werden, da Inszenierung eines fremden Inhalts bietet.
sie von sich her auf die Erzeugung von Spezialeffekten aus ist. Der Europäische G erichtshof für Menschenrechte hat im
Als Religionsparodist hat Hubbard Überragendes gelei- April 2007 das Recht von Scientology, ihrer nicht immer
stet, nicht zuletzt als Parodist des Hierarchieprinzips - man seriösen, ja zuweilen manifest kriminellen ökonomischen
denke an seine erheiternden »operierenden Thetane« erster Aktivitäten ungeachtet,97 als religiöse Gemeinschaft auf-
bis achter Stufe -, aber auch als Parodist des mystischen Ge- zutreten, bestätigt. Dieses Urteil verdient höchste Auf-
dankens, wonach die Seele (neuerdings Thetan) in ihrem In- merksamkeit, weil es ein beunruhigendes Zeugnis für die zu-
nersten Gott erkenne. Für die Erkenntnis, daß man brüchige nehmende illitteracy unserer Rechtswesen in »religiösen «
Psychen durch hochklassige Thetan-Implantate ersetzen Angelegenheiten darstellt. Dem Augenschein zum Trotz be-
kann, hätte Hubbard einen Nobelpreis verdient. Von hohem inhaltet es keine Aussage über die religiöse Qualität des Un-
parodistischem Wert ist auch der Umgang von Scientology ternehmens. Es stellt nur das unentäußerliche Recht von
mit ihren Abtrünnigen - hierbei wird die klassische Verdam- jedermann fest, sich zu einer funktionierenden Fiktion zu
mung der Gottesleugner in systematische Belästigungen von bekennen. Die Richter nahmen der scientologischen Organi-
Ex-Thetanen travestiert. Die wären noch komischer, bedeu- sation ihren Anspruch, spirituelle, »religiöse« und humani-
teten sie für die Angegriffenen nicht üblen Psychoterror. Das stische Ziele zu verwirklichen, zum Buchstabenwert ab.
Prinzip der alten missionierenden Kulte, wonach man das Bei Licht betrachtet bedeutet das Straßburger Urteil lediglich
Volk gewinnt, sobald man den König bekehrt hat, ergibt, in eine Aussage des Gerichts über sich selbst, insofern es sich in
heutige Verhältnisse übersetzt, die Einsicht, man müsse an Parodiefragen für nicht urteilsfähig erklärt. Nach einer ver-
erster Stelle die Celebrities umgarnen. 96 wandten Logik sind die Security-Angestellten an Flugplätzen
Mit Hilfe dieser Techniken hat Hubbard binnen weniger gehalten, einem Spaßvogel, der vorgibt, er habe eine Bombe
Jahrzehnte aus Zitaten ohne Grenzen ein geistesgeschichtli- im Handgepäck, den Zugang zum Abflugbereich kategorisch
ches Las Vegas geschaffen. Er hat die »Kirche « ins Zeitalter zu verwehren, da den Kontrolleuren nicht zuzumuten ist,
ihrer technischen Herstellbarkeit geführt. Das Unbehagen eine Äußerung anders als wörtlich zu verstehen.
angesichts dieses Komplexes aus bloßstellenden Imitationen Höchstrichterlich ist somit statuiert, daß der Tatbestand
mag einer der Gründe sein, warum die Angehörigen der Religion in unserer Zeit durch die Behauptung eines Unter-
»Originalreligionen« ihm lieber aus dem Weg gehen. Um so nehmens, eine Religion zu sein, erfüllt ist. Wer Religion im
gründlicher kümmern sich die Organe des Verfassungsschut- Handgepäck hat, darf zum Gate gehen. Die Überlegung, Je-
zes in Deutschland um die mehrdeutige Organisation - in den sus hätte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschen-
USA war sie auch zeitweilig im Visier des FB!. Daß sie ver- rechte keine Klage auf Zulassung als Religionsmann einrei-
dächtig erscheint, folgt aus ihrem Design, da sie ihr Herstel-
97 L. Ron Hubbard selbst ist 1979 von einem französischen G ericht in
lungsprinzip fast offen vor sich her trägt. Dies kann nicht Abwesenheit wegen Betrugs zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt
I1
worden. Auch das FB! ist in den Geschäftsakten der Sekte fündi g
96 Vgl. Dana Goodyear, Chateau Scientology. Inside the Church's geworden. Hubbards Ehefrau wurde in den siebziger Jahren in den
Celebrity Center, In: The New Yorker, 14. Januar 2008. USA zu einer mehrjähri gen Gefängnisstrafe verurteilt.
166 Der Planet der Übenden Übergang

ehen können, weil er das Wort »Religion « nicht kannte, kam gen inzwischen schon wenige Jahre, um pseudo-transzenden-
den Richtern nicht in den Sinn. Jesus stand auch das Konzept te Effekte zu bewirken.
der Menschenrechte nicht zur Verfügung, schon gar nicht das Resümierend bleibt festzuhalten: Die indirekt aufkläreri-
für die Modernen unantastbare Recht auf freie Illusionsaus- sche Dynamik von Hubbards scientologischer Lehre, mehr
übung. Die Straßburger Richter ahnen nicht, wie nahe sie bei aber noch die lehrreichen Implikationen seiner Organisati-
Ron Hubbard stehen: Wenn er eine Religion gründen konnte, onskunst, hängen mit der beispiellosen Ungeniertheit seines
dann können sie auch eine zulassen. Immerhin haben die Eklektizismus zusammen. In diesem Punkt stellt Hubbard
Richter - falls keine getarnten Scientologen unter ihnen sind selbst den weiß Gott nicht schüchternen Rudolf Steiner in
- bone lide Recht zu sprechen versucht, indessen Hubbard den Schatten. Sein skrupelloser Trieb zur Montage trägt in-
seine »Kirche « sehenden Auges über einem Abgrund von soweit die Signatur einer Zeit, als er auf seine Weise den Über-
lronien gründete. Darüber hinaus arbeiten die Scientology- gang von der »Wahrheit des Denkens zur Pragmatik des Han-
Anwälte seit Jahnehnten daran, das Rechtssystem ihrer gast- dels «99 vollzieht. Das Hubbard-System versteht von dem,
gebenden Länder in einen Schauplatz für Jurisdiction-Fiction was in der Tradition Geist oder Seele hieß, nur so viel, daß
umzuwandeln - mit Erfolgen, die sich sehen lassen können. jetzt auch diese Größen Spielfelder von survival sein sollen.
Ohne die Klagefreudigkeit des amerikanischen Anwalts- Der survival-Gedanke hat bei ihm das Jenseits durchdrungen
wesens, das nach Europa übergreift, wäre Scientology gewiß und sich alles untergeordnet, was je zuvor als geistiger Über-
schon längst vom Markt verschwunden. schuß über das physische Leben galt. Damit bietet Sciento-
Ich schließe aus dem Streit um den Religionsstatus dieser logy Pragmatismus von drüben für hier und umgekehrt. In
psychotechnischen Übungsgruppe, er habe endgültig gezeigt, eins damit liefert sie die metaphysische Rechtfertigung der
daß es Religion nicht gibt. Sieht man dem Fetisch Religion auf Gier nach höheren Positionen im Pyramidenspiel des Lebens.
den Grund, erkennt man ausschließlich anthropotechnische Bei Spielen dieser Art zahlen stets die Neuen die Kosten für
Prozeduren (das gilt analog für den zweiten Großfetisch der den Aufstieg der Älteren. Daß das Böse auch unmittelbar das
Gegenwart: »Kultur«). Der Ausdruck Religion ist, hier wie Gute sei, diese von Nietzsehe vorbereitete gefährliche Ein-
anderswo, nach innen hin ein Paßwort, um die nachgiebige- sicht, gelangt bei solchen Spielen zu voller Entfaltung. In
ren, von Ausbeutung gefährdeten Zonen der Psyche aufzu- ihnen hat die gnostische Ironie, wonach alles nur ein Spiel
schließen, nach außen hin ein Badge, den man beim Einlaß in sei, ihre Grundlage. In Los Angeles, wo Scientology am tief-
die Welt des respektablen Scheins vorzeigt. Im Kontext einer sten verankert ist, übersetzt man das in die These: Alles ist nur
genetischen Kulturtheorie würde man diesen Effekt als Pseu- ein Film, der sich auf frühere Filme bezieht. Worauf es an-
do-Transzendenz bezeichnen. Diese entsteht, sobald die Ur- kommt, ist, im Lager der Produzenten zu stehen.
sprünge mentaler Fabrikationen hinter einem »Schleier des Führt man diese »Religion « auf ihre Essentials zurück,
Nichtwissens « verschwinden und von den Klienten wie ein zeigen sich drei nicht weiter reduzierbare Komplexe, von
al tehrwürdiges Erbe rezipiert werden. 98 Wie man sieht, genü- denen jeder einen klaren Bezug zur Dimension Anthropo-
98 Über die Rolle von Pseudo-Transzendenz im modernen Kunst- 99 Vgl. Gotthard Günther, Die amerikanische Apokalypse. Aus dem
system vgl. Heiner Mühlmann, Countdown. 3 Generationen, Wien Nachlaß herausgegeben und eingeleitet von Kurt Klagenfurt,
2008. München, Wien 2000, S. 277.
168 Der Planet der Übenden Übergang

technik aufweist. Zuerst, nach der dogmatischen Seite: ein zu sein, das Tier, dessen Zahl 666 ist. Ob Crowleys Spiele mit
straff organisierter Illusionsübungsverein, dessen Mitglieder okkulten Traditionen nicht auch als eine verwilderte Version
im Lauf der Zeit immer tiefer mit den Konzepten des Milieus der Rehabilitation der Matiere verstanden werden könnten,
imprägniert werden. Sodann, nach der psychotechnischen möchte ich hier nicht untersuchen - die Analogie zwischen
Seite: eine Trainingsanleitung zur Ausbeutung aller Chancen Schwarzer Magie und Historischem Materialismus liegt eini-
im transzendenten Überlebenskampf. Wendet man sich zu- germaßen offen zutage.
letzt der Spitze der Bewegung zu, so sieht man alles, nur Von diesem infernalischen Quartett war das jüngste Mit-
keinen »Religionsgründer«: Vor uns steht ein zu allem ent- glied sicher das erfolgreichste. Nach einer Aussage von Hub-
schlossener, radikal ironischer, allseitig beweglicher Busi- bards ältestem Sohn, Ron Hubbard jr., war sein Vater schon
ness-Trainer, der seinem Nachwuchs vormacht, mit welchen früh von Crowley fasziniert. Durch einen von dessen Schü-
Techniken man im Dschungelkampf der Egoismen überlebt. lern, dem Raketenwissenschaftler Jack Parsons vom Califor-
Das schließt im übrigen nicht aus, daß die Sache gelegentlich nian Institute of Technology, war er mit dem berüchtigten
auch einen Charme hat. In ihr können sogar gutwillige und Ordo Templi Orientalis in Berührung gebracht und in
nicht ganz unintelligente Leute zeitweilig ein Zuhause schwarzmagische Denkweisen eingeweiht worden. tOO Hier
finden, solange sie fest entschlossen sind, ihre Zweifel ein- soll er gelernt haben, daß der Wille alles ist und alles darf.
zuklammern - die »willentliche Außerkraftsetzung des Aus dieser Schule brachte er die geheimste der Erleuchtungen
Unglaubens«, um nochmals Coleridge zu zitieren, ist stets mit, die sein System trugen: Jeder kann siegen, keiner muß
der intimste Beitrag der Gläubigen zum Überleben suspekter sterben. Wer Gott sein will, kann es in wenigen Sitzungen
Konstrukte. Aus systemischer Sicht belegt das die Regel, wo- werden. Hubbard wußte aus erster Hand, daß in diesen Sät-
nach ein perverses Ganzes sich die relative Integrität der Teile zen die Stimme des Tiers aus der Tiefe spricht - in freier
zu eigen machen kann, ohne sie ganz zu korrumpieren. Ohne Übersetzung: die Rache der Materie für dreitausend Jahre
diesen Effekt ist freilich die gesamte Religionsgeschichte der Verkennung und Verübelung. Nach dem Tod Crowleys
Menschheit nicht vorstellbar. 1947 soll Hubbard geglaubt haben, dessen Platz sei vakant
und warte auf einen würdigen Nachfolger.
Um mit einem Argument ad personam zu enden, möchte ich Ron Hubbard jr., ein kenntnis reicher, wenn auch nicht
bemerken, daß es in der jüngeren Geistesgeschichte nur drei untendenziöser Zeuge, behauptet ferner, sein Vater, mit dem
Figuren gibt, denen Hubbard in typologischer Perspektive er während der Gründungsjahre der »Kirche« in allem zu-
zur Seite gestellt werden kann: dem Marquis de Sade, dem sammengearbeitet hatte, sei von den mittleren sechziger Jah-
Pionier der Philosophy-Fiction, die der Freisetzung eines ren an ein psychisches und körperliches Wrack gewesen, ein
sexualisierten Machtwillens das Wort redete; dem russischen Opfer der eigenen Fiktionen und eine Ruine seiner Drogen-
Wunderheiler und Bohemien-Mönch Rasputin, dessen Maxi- und Medikamentensucht. Darum verbarg er sich vor seinem
me lautete: »die Kraft ist die Wahrheit«, und dem britischen Gefolge auf einer Luxusyacht und steuerte seinen Konzern
Okkultisten Aleister Crowley, der sein Leben mit Bosheits-
experimenten und Drogenexzessen zubrachte und für sich 100 Vgl. John Carter, Raumfahrt, Sex und Rituale. Die okkulte Welt
reklamierte, Satan, der Antichrist, die Bestie der Apokalypse des Jack Parsons, Albersdorf 2003.
Der Planet der Übenden

viele Jahre lang von hoher See aus. Während seiner letzten
Lebensjahre sei er in der von ihm selbst gebauten Falle ge-
sessen, verloren wie ein Gefangener in einer explodierenden
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen
Feuerwerksfabrik, von H ypochondrie geplagt, von choleri- Für eine akrobatische Ethik
schen Anfällen überwältigt, erfüllt von Vernichtungswün-
schen gegen »umerdrückerische Personen«, die es wagten,
sein Werk zu kritisieren. Er habe sich nie mehr in der Öffent-
lichkeit gezeigt, um seinen Anhängern nicht vor Augen zu
führen, bis wohin man es mit seinen Methoden bringen kann.
173

PROGRAMM

». . . durch den brennenden Reifen der Welt springen« Nach der teils erzählenden, teils analytischen Annäherung
an den »Planet der Übenden« dürfte das Terrain der folgen-
Ingeborg Bachmann den Untersuchungen im groben Umriß ausreichend gesich-
tet sein. Es ist nun an der Zeit, das asketologische Feld ge-
nauer zu vermessen. Das setzt voraus, zu den Schimären der
»philosophischen Anthropologie« auf Distanz zu gehen -
gleich, ob diese mit Scheler »die Stellung des Menschen im
Kosmos« erklären möchte oder sich, auf den Spuren von
Blumenberg, vornimmt, den Menschen als das Tier, das sich
gesehen sieht, ins rechte Licht rücken. Ich sage nicht, daß
jemand, der Schimären sieht, gar nichts gesehen hätte. Aber
er erkennt nur, was seine Methode wahrzunehmen erlaubt -
die Fachinteressen in vermenschlichter Gestalt: den Philo-
sophieprofessor selbst, der sich als Muster der gesamten Evo-
lution von der Savanne ins Seminar schwingt. Und wenn
Scheler sagt, der Mensch sei der Catilina der Natur, der ewige
Unruhestifter, rerum novarum cupidus, so bringt ein solcher
Blick sogar politisch und kriminologisch Farbe in die Ange-
legenheit, man erwartet unmittelbar den Auftritt Ciceros, der
den ewigen Menschen fragen wird, wie lange er noch unsere
Geduld mißbrauchen will.
Eine materielle Anthropologie auf der Höhe des gegenwär-
tig Wißbaren kann nur in Form einer allgemeinen Anthropo-
technologie entwickelt werden. Diese beschreibt den Men-
schen als das Wesen, das im Gehege der Disziplinen lebt, der
unfreiwilligen wie der freiwilligen 1 - auch Anarchismen und

I Einen vorläufigen Hinweis auf das Gehege der Schriftkultur und


seine Sprengung durch postliterarische Techniken habe ich im Jahr
1997 mit der Metapher »Menschenpark« gegeben.
174 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen Programm 175

chronische Disziplinlosigkeiten sind aus dieser Sicht nichts ken auf den Denkenden, die Gefühle auf den Fühlenden zu-
anderes als Disziplinen in alternativen Gehegen. Das Wort rückwirken. Alle diese Arten des Rückwirkens haben, be-
Anthropotechnik verweist auf ein Universum, über das Auto- haupte ich, asketischen, das heißt übungshaften Charakter -
ren wie Arnold Gehlen (mit seinem Beharren auf der Notwen- obschon sie, wie gesagt, zum größten Teil den nicht-dekla-
digkeit der Bindungen des von Verwilderung bedrohten Ein- rierten und unbemerkten Askesen bzw. den okkultierten
zelnen an die »Institutionen «), Jacques Lacan (mit seiner Par- Trainingsroutinen zuzurechnen sind. Es sind erst die aus-
teinahme für die vaterrechtlich verstandene »symbolische drücklich übenden Menschen, die den asketischen Zirkel
Ordnung«) und Pierre Bourdieu (mit seiner Aufmerksamkeit der Existenz explizit in die Sichtbarkeit heben. Sie schaffen
für die Grundlegung des klassenspezifischen Verhaltens im die selbstbezüglichen Verhältnisse, die den Einzelnen auf die
»Habitus «) bereits wichtige Teilansichten formulierten. Auch Mitwirkung an seiner Subjektivierung verpflichten. Sie alle
von Wittgenstein inspirierte Ethno- Linguisten, strukturalisti- haben für uns in anthropologischen Fragen Autorität, gleich,
sche Ritualforscher und foucaultianische Diskurs-Historiker ob sie Bauern, Arbeiter, Krieger, Schreiber, Yogi, Athleten,
haben seit längerem einen Fuß auf das Terrain gesetzt. Rhetoren, Zirkuskünsder, Rhapsoden, Gelehrte, Instrumen-
Von diesen Autoren nicht lernen zu wollen wäre unklug. talvirtuosen oder Modelle sind.
Wer aber mit Nietzsche begonnen hat, sich von der Ausdeh-
nung einer der »breitesten und längsten Thatsachen, die es
giebt«, einen Begriff zu machen, kommt nicht umhin, das
gesamte menschliche Feld im Licht der Allgemeinen Asketo-
logie zu re-examinieren. Deren Gegenstand, das implizite
und explizite Übungsverhalten der Menschen, bildet den
Kern sämtlicher historisch manifesten Anthropotechniken -
und ob die Genetik jemals mehr als eine externe Modifikation
dieses an Mächtigkeit seit langem praktisch konstanten Felds
beisteuern wird, ist auf unabsehbare Zeit fraglich. Wenn ich
für die Ausweitung der Übungszone plädiere, so geschieht
das angesichts der überwältigenden Evidenz, wonach Men-
schen - diesseits und jenseits von »Arbeit und Interaktion«,
diesseits und jenseits von »tätigem und betrachtendem Le-
ben« - auf sich selber einwirken, an sich selber arbeiten, an
sich selber Exempel statuieren.
Ich werde im folgenden die autoplastische Verfaßtheit der
wesentlichen Humantatsachen zeigen. Mensch sein heißt in
einem operativ gekrümmten Raum existieren, in dem die Ak-
tionen auf den Akteur, die Arbeiten auf den Arbeiter, die
Kommunikationen auf den Kommunizierenden, die Gedan-
I Höhenpsychologie

Über dich hinaus sollst du bauen. Aber erst mußt du


I HÖHENPSYCHOLOGIE mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele.
Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hin-
DIE HINAUFPFLANZUNGSLEHRE
auf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe.
UND DER SINN VON» ÜBER«
Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Be-
wegung, ein aus sich rollendes Rad, - einen Schaffenden
sollst du schaffen.
Ehe: so heisse ich den Willen zu zweien, das Eine zu
Die Ehe, evolutionär gedacht
schaffen, das mehr ist als die, die es schufen . ... «
Wie immer bei der Lektüre des Zarathustra darf man sich
Es dürfte niemanden, der bereit war, meine Überlegungen bis
auch hier von dem evangelischen Ton nicht in die Irre führen
hierher zu begleiten, verwundern, wenn ich das erste Stich-
lassen. Wir haben es in der Sache nicht mit neu-religiösen In-
wort für die Ausarbeitung einer übungsanthropologischen
struktionen zu tun, vielmehr mit neu-asketischen Trainer-
Sicht auf den Komplex der Humantatsachen erneut bei
anweisungen. Sie betreffen im gegebenen Fall nicht ei.ne gy~­
Nietzsche finde, dem Wiederentdecker des asketischen Fel-
nastische oder athletische Leibesübung, vielmehr bezIehen sIe
des in seiner ganzen Breite und Schichtung.2 In dem Gesang
sich auf die sexuelle Diät, genauer die innere Haltung, die er-
Von Kind und Ehe aus dem ersten Teil von Also sprach Zara-
reicht sein sollte, bevor die natürlichen Folgen menschlichen
thustra, 1883, versucht sich der neue Prophet in der Rolle des
Fortpflanzungshandelns zu bejahen wären. Was Nietzsches
Lebensberaters für höhere Menschen:
prophetisches Double vorbringt, ist nicht weni~er als ,eine Kr~­
»Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie
tik der linearen Generationenfolge. Demnach smd Kll1der, die
ein Senkblei werfe ich die Frage in deine Seele, dass ich
ihren Eltern im status quo ähneln, überflüssig, genauer: über-
wisse, wie tief sie sei.
flüssige Repliken überflüssiger Originale. Von dem Grund
Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber
ihrer Überflüssigkeit wird man gleich Näheres hören.
ich frage dich: bist du ein Mensch, der ein Kind sich
Aus der Sicht des neuen Prokreationstrainers hat jede Ehe
wünschen darf?
als Mesalliance zu gelten, in der sich bloß die Naturautomatik
Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Ge-
oder die Sozialmechanik des Kinderwunschs durchsetzt. Da
bieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also frage
der Mann, wie Nietzsche zu wissen meinte, für das »echte
ich dich.
Weib« bislang nur das Mittel zum Kind war, muß dem wo?l-
Oder redet aus deinem Wunsch das Thier und die
dressierten Frauenversteher, diesem düpierten Erfüller weIb-
Notdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mi t dir?
licher Wünsche, künftig ein Ratgeber zur Seite treten, der ihn
Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach
zur Ausschau nach anderen Frauen ermuntert: nach ~ben­
einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst du
bürtigen, die den Gatten nicht zur »Magd el~es WeIbes«
bauen deinem Siege und deiner Befreiung.
machen wollen, sondern mit ihm eine Gememschaft zur
2 Siehe oben den Abschnitt: Ferner Blick auf den asketischen Stern, Verfolgung noblerer Ziele bilden. Daß das primäre ~iel der
S. 52-68. besseren Ehegemeinschaften einige Verse später mit dem
I. Höhenps)' h I gie f79

Was heiße: Hinauf? Für ein Kn·tik der ertikalen

m ietz he Spezialität, die Auf-


ruhi n. rtika li tär in den menschlichen
Wert-, Ran - und ei run v rhältnissen, auf effektvolle
Wei e in pi 1. n ihr u ehend la cn ich di e Leitfragen
der All emeinen A ker I ie l1 ärfer fo rmulieren: Was heißt
d nd trei b t man da Ge chäft des übenden
Leben? In \V I kem inn kann hierb i zwi ehen Horizonta-
lität und Vertik lilät um r hi d n werden, ob es sich nun
um di auf rei nde Lini nd n - It rn zu den Kindern im
besonderen hand In 11 der um die G radation zwischen den
Ebenen d e ü nden b n im allgemeinen? Woher bezieht
Nietz che ein Ü berzeugun , im Bewegungsindex »Fort«
liege ein gerin r r W rt al in .. Hinauf« ? Au welchen Quel -
len ge ~ innt er in i n dariib r, wa. in olchen Angele-
genheiten b n un U nten bedeuten ? Wie und wodurch
kann überhaupt auf die em Feld eine Lei tun ,eine Lebens-
form, ei n ein we i e über ein er and er n tehen? W her
stammen die Kri terien für :» Über,,- Urteile? Sind ie den Ver-
hältnis en imm, n · nt der werld n ie '10n außen herangetra-
gen? Warum i t für iet hc da \)' eit rma hen in der Ebene
ramm. nicht mehr der h·· h te ~ ert - ~ ie für da Gros esta ndener
lun en 2'.U denken ibt. i t Traditi n mcn hen all r Z iten und Völker -, und welche
F rtpflanzun und Hinau p n?un. i Motive be cim men eine Überzeugu n , eine Fortsetzung
cik der bl ßen Wiederh lun einher- des Spiel d r Replik;lrionen ei nur dann bejahbar und
künftig ni ht m hr enü cn, wenn E lt·rn, ~ ie m Ln nicht-tri vial, wenn ie ine tei erung mit ich bringt?
ihren Kindern . wlederk nren . . ma ein R ht. u n u- Die e ra n ma h n klar: hn ei.ne .. Kritik der Vertika-
k mmenheit geben, ei n R ht uf Trivial i~ä't b· I : kt ni ht. 11 Über! n en zum Wesen der
Übun richrun cn ni hr w itcr. cnn bei der pädagogischen,
3 der athleti ehen, derakr b. ti hen, der künstlerischen, letzt-
lich a1 mb li h n d r »kulturell « vermittelten
Lnterp rec.lti n der W " rt er lt ben und .Ü ber« wird offen-
upe rorgani m, ichtli h in Z ~ it er Rau01 - inn an~ ~ pr hen d r d ie pri-
· Wahrend der er te Satz bei Nietz-

~ 1I n Men ehen, ob man sie nun


hri hr h" rt d r als E an elium begrüßt -,
folgt auf den zweiten, dem alten Ritualg erz zuf Ige, die
Proklamation: .. E lebe der K " ni !« Au h N ieusche ordnet
sich die em e erz unter, ni hr ohne es auf eine abstraktere
Stufe zu h ben. Zwar hab n die empiri hen Könjge aufge-
hört, eindru k 11 zu in, lind teh n nur noch im Sinne des
PrOtokoll und de B ul eva rd .. ob n , die Königsfunktion
als olche j d h al Attraktion pol des reinen Oben, Über
und Hinauf er rand n, bleibt ihrer Zerrüttung im Realen
ungeachtet bei vi. len lndj- idu n imaginär intakt und verlangt
nach einer n uen [nt rprctation. ie rsetzung der Könige
durch Prä id m n und Pr mil1cnte bi tet für die bezeichnete
Auf abe keine L" Ull. ie rc elt da Problem an der Ober-
fläche, hne au h nur die N tw ndigkeit zu bemerken, das
Prä der Präsiden z und das Pr der Pr minenz neu zu defi -
Rleren.

Artist 1J zeir:

Allein im Rahmen incr umfa nd n R f Tm des Vertikal-


systems unter ämtlichen p emantischen und kulturdy-
nami ehen A peklen kann die za rathu tri ehe Kritik der pro-
fanen Fortpflanzung an emes en ewürdigt werden. Mit
,. GOtt« i tau h in a 311, der bi h eri e Men eh, gestorben,
und wer einen Na hf I r pr kl:tmieren 11, hat zur Kennt-
nis zu n hm en, daß d er M n h, d er herk"mmliche Reprä-
senr3.n t der von nesvo r tellun en ge teuerten symbolic
species,4 ,. r r bl ibr«. Will m n das Rirualgesetz befolgen

.. V I. Tcrrcn c W. ca n, Thc
of Lanu a "nd Ih ßr. in,
ihr Bezin er z ~ i hen dem Ab rund re h und dem Ab-
grund Link dahin
rur in die ute wb . ma d r min ·· e Übermensch im
übrigen oe haffen ein, ~ ie er ~ ill er bringt Merkmale mit,
die ihn on den Altm n hen unter heid n, wie sich der
Seiltänz r n cl 11 Zu hau rn umer IUed. Im übrigen hat
sch n Th ma ann in dem Pari_er Zi rku -Kapitel seiner
Bekenntniss d S HochSTaplers Fe/ix Krull durch den Mund
de Pr tag 01 teo die Z ugeh ·· ri k it" der Artisten zum ge-
wähnli hen Men hen hl e ht vehemem geleugnet. Von
der Trapezkiin Ü rin Andr 1113 h , der ..Tochter der Luft «,
wird don e a t, ie ci weder eine Frau im landläufjgen Sinn
des W rt n h üb rhau t in men cWiche We ,en. Ihrer
wahren alur 11. h ci i ein ,.ernster En el der Tollkühn-
heit «, Ähnli ch Jeal1 en t : ,.Wer, wenn er n rmal und bei
Ver rand i t, eht h n uf einem ei l der druckt sich in
Ver co au ? Mann cl r rau? Auf alle FäHe Unge heuer. ,,5
Da ,. Übere in " Übermensc h deutet zunächst allein auf
die H ·· hc, in der ' cin eil übcr den K ·· pfen v n Zuschauern
ge panne wird . I h d nk e, man tritt Nietz ehe nicht zu nahe
mit der e -ce llun ,daß i h unter der r manti chen Ma ke
sein - mei tzitierten cda nken fürs er r njchrs alilderes als
eine Pr min ' nz-Ph n rbir t - fern man unter Promi-
nenz di e Kat
sehenswürdi unt r Kriterien, ü er die zu reden bleibt. Ob die
Hervor- teher und H erau -Ra er (lateini eh: prominere, her-
vorstehen, emin r , h rau ra en) ü er H h eile, Laufstege
oder r te Teppi he ehen, i r nur eine re hni ehe Differenz.
Worauf e ank mrnt, i t di P iti n des Monstrums (von
lateinisch monen! ein Malm zei hen aufrichten), bei dem das
in trenge n Trainin e tei erle K ··nnen und dessen Expo-
sition in t taler iehtbarkeit zu einem einz.igen Komplex

5 Jean cnel, Brie t: :ln R er Blin. cr jlränzer, Hambur [967


s. 7).
wrakl-ob Lik t1Itf dem Mount fmprobable

Die er Einwand en di arti ci h -akrobatische Lesart des


Begriff "Ü bermen h . i t nicht stichhaltig, und zwar des-
wegen ni h~, weil die Dimensi. n de Arti cis hen sich der
verbrauchten Trennun v n Natur und Kultur nicht fügt.
Die Evoluti n bi I gie ma ht ihr r eirs nur Sinn, wenn sie
als eine L hre v n cl r Arri rik der Natur betrachtet wird.
Unter der ptik arwin erwandelt sich die Natur selbst
in einen Zirku , in dem di· Arten dur h unab~ässige Wieder-
holun der einfa h t n Pr zeduren, bekannt als Variation,
Selektion, Vererbung, i h zu d nun lau blich ten Darbietun-
gen emp r hrauben und di in d er Regel ko-evolutionär,
ko-opportuni ci h, in art-über reifenden Ensembles - man
denke all in an di 900 Arten v n Fei en die es weltweit gibt:
Von die en be itz t jed einzelne ine nur zu ihr gehörige Spe-
eie v n ei enfli cn, di in den rüchten leben und ohne
welche kein der -ei en3rten si h fortpflanz.en könnre. 6
Nietz ehe erwähnt um r den arti ci hen Erfindungen der
Kultur I he die dem arurk un twerk "Weibe Busen «
gleichkommen, die cm Mei .,erstÜ k v rm nschlicher Evolu-
tionsart.i tik d. zu 1 i h - nützli h und angenehm. sej. 7 Was
man Leben nennr, i t dur h da. pern la der Evolutions-
the rie betra I1tet ni ht alldere al ein UfI rmeßlich formen -
reiche Variete, in d m jede Kun I. parte, das heißt jede Spe-
eie, da Kun rü k der Kun rü ke zu vollbringen versucht,
das Überleben he ißt. E ibt k ine Sp ie, die nicht auf ihre
Weise, d m ei ltänzer Nict"l. h ana10, die Gefahr zu ihrem
Beruf gema hr h"nc. Wenn man v n Narurhistorikern hört,
weit über 90% der za hll en je entstandenen Arten seien aus-
gestorben (b i pi I wei all in in den letzten Jahrhunderten

sapiens pr - 6 Siehe Dca 11,. Thc mb li pe ics, a.a . ., . }1.s - }p .


h n? 7 F. N., Al pr:t h Zlr:tlhu Ir:t 111, n allen und neuen Tafeln, S. 11..
cn wird. Ab r b man den Weg zum Gipfel als
der 3.1 ein Hebun des ganzen Massivs auf-
c hi In rhält in die er Betrachtung von sich
her eine imm n m . rti t j he imensioll. Der Ausdruck
lt Überieben . i t ein d 'i rr für Naturakrobatik. Immer-
hjn. di.e rag, wer der Natur bei ihren Kunsts tücken zusieht,
ist aus men hli her i ht ni ht zu beantworten - der ei.nzige
Beobac hter, den 'i ir dingfe t liI1a hen k " onen können, ist der
Biologe, d h die er betria da Theater der Evolution mit
einer Ver pärun v n Hunderten vo n Milli nen Jahren.
Nach dem e aren li t n. he das .. Über« in ,. Über-
leben .. wie da .. Über. in "Ü bermen ch auf die Dimension
der wa h end en Unwahr heinli hkeiten zu beziehen. Wäh-
rend da Au (erben "rc da wahr cheiniichere Resulat der
Leben ver u he eine r pe ie 'i äre und da Stagnieren des
Men ehen in iner . ndf nn n Men eh ei n allemal den
wahr chei nli her n Au klang der Menschheit geschj chte
darstellte - für den im übri 'e o dieertreter eines vorgebli-
chen ,. Re hts uf Un IIk mmenheit nicht hne Selbstge-
fälJi gkeit eintreten -. rk " rpern das Ü berleben und die
Überhumani i run cmein am die Te ndenz zum Aufstieg
vom Wahr hei nli h n in weni er Wanrs heinliche. Eine
überlebende pe i erk " rperr da aktuelle Gli d in einer
Kette v n Rcplik..t i n n d r i t.abili ierung ihrer Un-
wahrscheinli hk i.t d un en i t. Nimmt man an, daß eine
stabili j ru Um ahr heinli hkeit um eh nd zum Basislager
weiterer Auf riege wird. hat Inan die Gru ndlag,en zum
Verständni d r luti närcn rift in Richtun auf den Gip-
fel de Mount f mprobabl ew nßcn.
r Die Rede de Bi 1 cn" n den G ipfeln des Unwahr-
luti nären scheinlichen ibr mir auf die oben gestel lte Frage nach
heiniich _ dem Sinn de .. Hi.n3uf. in Zara hu tra Gebot - .. Nicht nur
fort oll r du di h pOanzen, nd ~ rn hinauf! « - eine im Kon-
L nd n 1996; deut h umer dem TItel: ip d d text aktu -11 n Wi co pI. u"ibJ AIl~'\I rr. Na h ihr geht es in
lichen. Wunder der' IUli n, Rein k bei mbu der E lu n n:11 1 her immer h n »hinauf« in dem Sinn,
I Höhenp

diesem Punkt an hneller teit. Das einz.ige Privileg der


Kultur nüb r cl r Natur e 1 ht in ihrer Fähigkeit, die
Evoluti n al KI n. rpartie auf d m Mount Improbable zu
beschleuni , n. B im Üb rgan n der enetischco zur sym-
boli ehen d r . kulrur li en Ev lution akzeleriert sich der
GestaJtpr z.eß bi zu dem Pu:nkt., an dem die Menschen auf
die Er heinun de N u J1 zu i enen Lebz.eiten aufmerk-
sam werden. 10 :n da an n hmen Men ehen zu ihrer eigenen
Inno ati n fähi keit: ' 't eilung - und z.war bis vor kurzem fast
immer ablehnend.

Primär r Konscroarisml4.S und Neophilie

Während der letz t n vi rz:igtau end Jahre der Humanev,o lu-


tion bestand dicta nd ardreakti n auf das Auffälligwerden
von zu ätz.licher Unwahr h in li hkeit oweit man sieht,
in, bedin ung I er Abwehr., An ihren habituellen Oberflä-
chen ind alle alt n Kulrur n. bi z uru k z.u den paläolithi-
nn schen Frühf l"mCn, k nscrvati"er als kOIl ervaov. Sie schein-
en von incr vi z. 'ralcn hmovati n feinds haft durchdrun-
gen, vermutli h weil j v Il der Aufgabe, ihre bewußten
Inhalte, ihre ymb lis hen und t hni hen Konventionen
leisrun , k n tant au , die f J nd Ji\ Generati nell zu über-
tragen, renle ihre V rmögens beansprucht
werden., Kultur n.1 Ihn lje t dur hwegs der Grundwi-
derspruch zwi ehen der ererbten ne philen Ei.nstellung von
homo sapiens und der z unä h tunvermeidlich neophoben

I ben 10 Von diesem M mcnt an kann d ie mcraphysi ehe Mißdeutung des


tdlt Lang amen, .eine Ab hiebu ng in die Tmn z;end enz, aufgeg,e ben
werden. Vgl. Heiner Mühlma.nn. -Die konomiema chine «, in:
5 C deo Ar hitcklUr. Paranoia und Ri ik in Zeilen de Terrors,
inen H " k r in , in r Kur" •
herall gegeben \Ion erd d Sm n, Ba cl / BostonfBerlin, 2006,
.2'1.7. ben : (>eIer 1 tcrdiik, ne ifer. V m Kampf der drei
9 1. Mon thei mcn. " r. nk un am Main 1007, . 1 8-20.
gic

Position, au cl her ie dem Inn vati n rausch der umge-


bend n Zi ili ati n n h kaum zu f I n im rande sind. Die-
ser Wandel bri hr mit d r Maje tär de Alten und überträgt
die Köni funkti n ,ruf jen , die da ue bringen. Wer jetzt
,.Es lebe der K " ni ! ru t, mu Inn ato ren, Autoren, Ver-
mehrer d kultur _lien Patrim nium mein n. Nur w eil die
W lralter d r eröffnet hat, konnte

geren em
en erl an e, wenn es, wie Nietz-
,das in wird, da mehr ist als
die zwei di iejeni en, di.e da nicht wollen.
heißen letzt M n hen.

Ardst nmet4physik

Die e lun nären rau t'Lun n fü r di e Wende sind


cn deutlich zu benennen •• u h w nn die F 1 en unabsehbar blei-
nk- ben: Si li n in den n latri h n Wcrtun en der europäi-
orm. schen R n i an di letztli h auf die Umdeutung der
Ma.n kann nie nu nen, wi e t; r d i jün er ,Im ur _ christlich n Trinität zu un w n de h" pfer-Geists und auf
päi chen (s· Jahrhundert ein eu nde P irivierun de die V r hi ung der inliratio hristi ur imitatio Patris Spi-
euen Ln d ie m ntal en k feme der hw llem, ' lker ein- rilusque zurü kg hen. V r di em Hinter rund brauchte
11
geschnitten hat. ie k mmt d r Um ~ nun aller ene Ni,e rz_ he ni hr vi I mehr z.urun, a1 \I nd m zu seiner Zeit
gleich, w il ie di ält t Zi ili ad n para • ie, " nach schon oll au eb ild eten Kult d. - Neuen die konventi.oneUen
neophile Individuen in ne ph ben zi I trukruren lebr,cn. Hüllen herabz ureißen und ich zum Dogma der Innovation
auf den K pf ge teIlt hat. 1m L uf r Jahrhunderte drängte ohne Grenzen zu b -kcnnen. AI ei ner der er ten war er fähig
ie die mei ten Men hen in ein unfreiwilli e ne phobe wahrzun ehme n, w ie der Molttlt /mprobable aus dem Nebel
[rat. In dem eiben M menr wurde ihm die Relativität der
JI Zum take-off der Inn V3ti n bejahun in d r ur p"i neo Re- Höhe bewußt Weil er bemerkt: Au h hohe Bergrücken
na.i an e iehe Un! n . !24f. erscheinen fl a h, wenn man auf ihnen ht und steht. Nur
193

nnt er z u der An i ht k mm d r einem metaphy ischen Rollenauf-


h ni hr h e cn elb r ein ibrierender Berg
hei nli hk ei t · n i t, kann man eine Bejahung
n mit nur b w · n,. indem man ihn n h h·· her türmt. Darum soll
die Hinaufpla.nzun ein n haffende n chaHen. Indem man
zusätzli h rh ·· her dUnwahr h tnl.i hen Ln die Welt
setzt, akklamiert man der namik der Unwahrscheinlich-
erfla- keitserhö hun in e amt. aher di,e Forderung nach einem
uI ihm z u w bne~ Men ch n, ci r üb r in i nen L ben hindernisse gesiegt
bäne und " m Re entiment e en die Kreativität befreit
w he bier wäre.. ur ein I her Meneh würde nj ht mehr ich seIbst
als Rieht r ·· für d:l Werden der f I enden Generation set-
zen - ge hw i d nn C1I1 rfahrcn. Nur r k ·· nnte ohne
G bir en artiku li rt di neophobe Reflexe d n cda nkc n bejah · n, wonach das kul-
Konfe ion v rzudrin en turelle Unwahr hcinli hkei cbi rge künftig in jeder Gene-
ruf · h ·· her auf fa irer werden oll. E r würde

be reifli h wie wi llkom-

eine primiti
de Leb n .
1.2 F. N ., AI pra h Zar.llhu tra, J\ hen und neu -n Tafeln, . I Superlati
lensgymna tik und d n für di I enen Kräfte.
Nietz eh faßt 'f ür m rali he Tugenden
tärk im Worthalten-

n eht e bei der ,.Ver-

Die A k tik . TU riir'; lJ -n

w h t halt

; hl 1/118 heur r ls d r Me17scb:

E -i I nz ;n der Höhe

Die Si htw i l mmt Ili ht ant. n h ure. Sie ist in den


traute: älteren Wei hei "lircr3rur 11 "r bi.ld t - im europäischen
,.lch will auch die A ketik wieder f!1atürli
an teile der Ab icht a.uf Vemeinun die
Ver tärkun ... « 1
Da Da ein de Men hen v n m r n
und Bcwe liehkcit e rundet ein, ei n d-

13 Nielzs he. imtli h W rkc:. K All, '


197

Soph kle brin t hi r in Prinzip zur Sprache, wonach die


Unterwanderu n , d r Men hi ichkeit im Inneren des Men-
schen elb { in [zr - man hat e z.umeL t, der Konvention
fol gend, d Prinz.ip . ' ,bri enannL Diese Deutung ist kurz-
sichtig, um ni ht: bi n zu _ en, weil ie zwanghaft am Lob
der Mirt ri nti rr bl ibr - Ola au h da nuson wie die
Alten e auffa tco ova ganz. :l.I1der wesen sein als das,
was man h u unt r Mitte rst ht. immerhin bi,crct sie den
Vorteil, di v m men hl'ichen a ein unabtrennbare Verti-
kalspannung zur pra h zu bringen - obschon nur in der
Weise, daß i d n Men h n al da dur h schlechte Höhe
gefährdete We cn be tim mt. D i alteuropäische H ybris-Kri-
tik verk" rp rt d m ge mäß di Grundf rm d essen, was man im
20. Jahrhundert ,. Höh I1p h I ie« genannt hat. In der
Mod rne hat fr,ei li h die H ,bri ihren An atz gewechselt:
Sie kommt ni 111 mehr al Überhebun daher, sondern als
Anmaßun iner iedrigk it, auf die, bei Licht betrachtet,
niemand An pru h erheben kann.
Max hel r geriet in ,d en z.wam~i ge r Jahren de y,erga nge-
nen Jahrhund ertS :Iuf den Au dru k . Höhenpsychologie«,
um sein U:n enü en an der n r ud , Jun und anderen
lancierten P h i i d U nbewußtcn au zudrücken, die
bekanntl i h z. i N iJ i llntcr dem Titel ..Tiefcnspychologie«
betrieb n -.; urd . Na h hder An i ht hatte man in ihr den
einem eil tan Zt .1 7
Menschen. ein iti II n. h um 11 « in Richtung auf den
p ychi hell. M lun i mu rk lärt., ob triebtheoretisch, ob
neurotech ni h.1 ei ner Übcrzeugu ng zufol ge haben die
P yeh I ien der M ~ d ern cl n Menchen übermäßig bio-

18 Schelcrs geisfrl'i her Au dru k w urde p!ircr o n der Logotherapie


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I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen I Höhenpsychologie 1 99


logisiert und seine Teilhabe an einem Register metabiologi- »Über« von Überheblichkeit, im hyper von hybris, im super
scher Realitäten, an der Sphäre der geistigen »Werte «, ent- von superbia; es verbirgt sich im »Akro« von Akrobatik.
weder zu gering veranschlagt oder ganz verkannt. Das Wort Das Wort »Akrobatik« verweist auf den griechischen Aus-
»Geist« wird von Scheler als Hinweis auf die partielle Frei- druck für das Gehen auf Zehenspitzen (von: akro, hoch, zu-
lassung des Menschen aus dem Absolutismus des organismi- oberst und bainein, gehen, schreiten). Es benennt die einfach-
schen Lebens gedeutet: Was idealistische Philosophen vor- ste Form der natürlichen Gegennatürlichkeit. Vor dem 19.
mals »Teilhabe« nannten, meinte ja nichts anderes als den Jahrhundert wurde der Begriff fast ausschließlich für die
Zugang zu höheren Objekten bei Fortbestand der organi- Hochseil-Akrobatik verwendet, danach auf die meisten an-
schen Fessel. In diese »andere Welt«, die geisthafte oder deren Formen der körperlichen Verblüffungskunst ausgewei-
metabiologische (manche Autoren sagen: »bionegative«) tet, einschließlich avancierter Gymnastik und entsprechender
Wert-Zone, ragt der Mensch hinein, insofern er sich mit na- Zirkusdarbietungen, während die Athletismen und die Ex-
türlichen Mitteln an Mehr-als-Natürlichem versucht. Scheler tremsportarten, aus Gründen, die zu erforschen blieben, die
hatte unter Nietzsches Einfluß begriffen, daß beim Übergang Nähe zur Akrobatik eher zu meiden suchten, so sehr die
in das höhere Register der Körper mitgenommen werden Verwandtschaft sich aufdrängt - um von der breiten gemein-
muß - das unterscheidet ihn zu seinem Vorteil von Spiritua- samen Front im Feldzug zur Erhöhung des Unwahrschein-
listen und Dualisten. lichkeitsgebirges zu schweigen.
Er wußte zudem: Der moderne Höhenpsychologe steht
vor dem Gegenteil der Aufgabe, die seinen alteuropäischen
Vorläufern vorgeschrieben war. Während die Alten den »ver- Jakobs Traum oder: Die Hierarchie
stiegenen« Menschen ins meson, die gute Mitte, zurückzu-
führen hatten, müssen die Neuen den modernen Menschen Die artistische Unterwanderung oder besser: Überwanderung
an die Region Höhe als solche erinneren, sofern er der der Menschlichkeit findet ihr Hauptdokument noch weit vor
Mensch ist, der sich im Durchschnitt und darunter am wohl- den sophokleischen Hinweisen auf die techno-hybride Ver-
sten fühlt. Wo er seinem Hang dazu überlassen bleibt, ent- faßheit der Menschensphäre. Ich spreche von dem Traum-
schuldigt er sich chronisch nach unten und folgt am liebsten gesicht Jakobs, wie es in den Vätergeschichten des I. Buchs
Vorbildern, die beweisen, daß Wege bergab eher erfolgreich Moses (Bereschit bzw. Genesis) im 28. Kapitel erzählt wird:
sind als steile Aufstiege. Daher ist der moderne Mensch nur »10 Jakob aber ging fort von von Beerseba und reiste
noch von der Höhe her, aus dem Über-Grund, zu »unter«- nach Charan. 11 Da erreichte er einen Ort, wo er über-
wandern. Der verborgene overground liegt jedoch - und das nachtete, denn die Sonne war gerade untergegangen.
ist neu - mehr in der Artistik als in der »Religion «, insofern Er nahm einen von den Steinen des Geländes und legt
die »Religionen«, wie angedeutet, viel eher für die Artistik ihn sich zu Häupten; dann schlief er an jenem Platze.
(mit ihren Zweigen Asketik, Ritualistik, Zeremonialistik) 12 Und er träumte: Eine Leiter stand auf der Erde, ihre
vereinnahmt werden können als umgekehrt. Artistik ist Sub- Spitze berührte den Himmel. Gottes Engel stiegen auf
version von oben, sie überwandert das »Bestehende«. Das und nieder. 13 Oben stand der Herr und sprach: >Ich bin
subversive Prinzip, besser: das supraversive, steckt nicht im der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott
200 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen I Höhenpsychologie 201

Isaaks; das Land auf dem du schläfst, will ich dir und Darum ergibt es guten Sinn, wenn Jakob das erste Gottes-
deinen Nachkommen schenken ... «< haus, Bethel, genau an der Stelle errichtet, wo der Fuß der
Die alteuropäische Überlieferung kennt kein Bild zur Ausle- Engelsleiter die Erde berührte. Als ersten Baustein hierzu
gung menschlicher Bindungen an Vertikalkräfte, das in seiner verwendete er den Kopfkissenstein, auf dem er in der kriti-
Wirkungsmächtigkeit mit diesem zu vergleichen wäre. Auch schen Nacht geruht hatte. Wenn sich ein altes Wandervolk
hier ist von Übermenschen die Rede, jedoch nicht von jener territorialisiert, dann am besten an einem Ort, von dem aus es
Species, die aus Menschen entsteht, sondern jener, die von in der Vertikalen weiter geht.
Gott als solche geschaffen werden. Was die Engel hier tun, Wo Traumhierarchie war, soll Realhierarchie werden. Wie
ist Akrobatensache von Anfang an - sie steigen auf einer Lei- die Engel übereinanderstehen, in neun Rangstufen, von den
ter, nach anderen Übersetzungen: auf einer Treppe, zwischen anbetenden Seraphinen bis zu den Exekutivengeln des ein-
Erde und Himmel auf und nieder. Daß sie das tun, soll eine in fachen Kurierdiensts, so sollen nach Dionysios Pseudo-
aller Schlichtheit zu statuierende Gegebenheit bezeugen: Die Areopagita die Angehörigen der real existierenden Kirche
Sphäre der menschlichen Lebensvollzüge bildet die Mitte übereinanderstehen - desgleichen die Funktionäre der realen
zwischen Welten darunter und Welten darüber. Jede mensch- Verwaltungen und der allzu realen Beamtenkörperschaften,
liche Operation, auch die gekonnteste und bedeutsamste, pro- und ob nicht auch noch das alteuropäische neunstufige Gym-
fan oder sakral, wird überspannt von einer Überwelt aus tran- nasium eine ferne Projektion der neoplatonisch-christlichen
szendenten Handlungen, deren Agenten die Engel sind. Alles Chorstufen enthält, mag eine offene Frage bleiben. 20 Was
menschlich Gekonnte wird auf übermenschlicher Ebene bes- Jakob, der Patriarch der Hierarchie-Denker, erträumt, ist eine
ser gekonnt. So tragen die Engel von alters her das Ihre zu einer artistische Pyramide aus subtilen Körpern. Deren Anblick
artistischen Überwanderung des Menschlichen bei. löst nicht wie im Zirkus schon Applausstürme aus, wenn
Es gibt gute Gründe, zu behaupten, die Geschichte Alt- sie eine Minute lang hält, sie soll jahrtausendelang Bestand
europas sei unter vielen Aspekten die Geschichte der Über- haben - so hat zumindest Dionysios die Leitervision in sein
setzungen der Jakobsleiter aus der Traumsphäre in die Tages- System übersetzt. Daß der Pseudo-Areopagit hiermit zu-
kultur. Sie macht die gemeinsame Geschichte von Hierarchie gleich ein Symbol für die Akrobatisierung der himmlischen
und Akrobatik aus - sofern man das anfängliche akro bainein, wie der ekklesialen Hierarchien geschaffen hat, kann aber erst
das »Hoch-Gehen auf Zehenspitzen« in das Gehen und Stehen vom aktuellen Pol der Geschichte her bemerkt werden, nach-
auf den Stufen einer Leiter zwischen der Erde und dem Höch- dem die Auflösung der überlieferten hierarchischen Systeme
sten sowie auf die vielen adligen Ränge überträgt, die zwischen eine neue Reflexion über die Gründe, Wirkungsweisen und
Volk und König vermitteln. Im übrigen bildet die Leiterakro- Metamorphosen von Vertikalität provoziert.
batik des Zirkus eine Übergangsform zur Luftakrobatik - Von der Mächtigkeit der Leiter-Überlieferung zeugt die
ganz wie bei den Engeln, die man sich nicht nur als Sprossen- Tatsache, daß selbst Nietzsche noch unter ihrem Einfluß
19
steiger, sondern ebenso als fliegende Truppe vorstellt. steht, wenn er Zarathustra zu seinen Freunden sagen läßt,
19 Vgl. Thomas Macho, Himmlisches Geflügel - Betrachtungen zu
einer Motivgeschichte der Engel, in: Engel, herausgegeben von 20 Vgl. Giorgio Agamben, Die Beamten des Himmels: Über Engel,
Cathrin Pichler, Wien/New York 1997, S. 83-100. Frankfurt am Main 2007.
202 1 Die Eroberung des Unwahrscheinlichen I Höhenpsychologie 2°3
.. 21 •
er wolle ihnen »alle die Treppen des Ubermenschen« zeI- bereicherten: Marx spricht von Überbau und Überproduk-
gen. Bemerkenswert ist hier die paradoxe Konstruktion, wo- tion, sein Schwager Lafargue von Überkonsum, Darwin von
.. .. 22
nach die Treppe fortbestehen soll, auch wenn sich oben nichts Uberleben, Nietzsche von Ubermensch, Freud von Über-
mehr findet, woran sie sich anlehnen könnte. Mysteriös über- Ich, Adler von Überkompensation, Aurobindo vom Über-
lebt das mächtigste Vertikalitätssymbol der alten Welt die geist oder dem Supramentalen. Einem klugen Nuklearstrate-
atheistische Krise. Es bezeichnet weiterhin eine von der Hö- gen verdankt man den Ausdruck Overkill, einem obskuren
he ausgehende Spannung, obgleich kein transzendentes Ge- Medikus das Wort Hypertonie, einem obskuren Demogra-
genlager sie mehr konsolidiert. Auch im Ausspruch Zarathu- phen das Wort Überbevölkerung, einem obskuren Großhänd-
stras, der Mensch sei ein Seil, geknüpft zwischen Tier und ler das Wort Supermarkt, einem obskuren Journalisten das
Übermensch, kehrt das problematische Motiv des am Gegen- Wort Superstar. Man muß bis ins 5. Jahrhundert zurückgehen,
pol nicht fixierbaren Transzendenzgeräts wieder - ob Leiter, um einen analogen Schub an neuen Vertikalitätswörtern zu
ob Seil, man weiß bei dieser Bildlichkeit nicht mehr, woher beobachten: Sie stammen fast ausschließlich von dem Meister-
die Spannung nach oben kommen soll. Diese Verlegenheit denker des Hierarchismus, dem erwähnten Dionysios, der
bliebe auf der Ebene der überlieferten Imaginationen unauf- dank seiner zahlreichen Neuprägungen mit Hilfe des Präfixes
lösbar, ja, sie müßte die gesamte Struktur ruinieren, hätte »hyper« den christlich-platonischen Theologenwortschatz
Nietzsche nicht implizit längst auf die völlig anders geartete für ein Jahrtausend aufmischte. 23
Logik der evolutionären Steigerung von Unwahrscheinlich- Wenn es ein Wort gibt, das im Lexikon des 20. Jahrhunderts
keit umgestellt. Mit ihrer Hilfe gelingt die Umwandlung der fehlt, obwohl die Sache selbst allgegenwärtig war, dann ist es
Engel in Artisten fast unbemerkt. Wie jene als Boten Gottes das Wort Übermörder - es würde die Gruppe der Diktatoren
ihren Dienst taten, so fungieren diese als Boten der Kunst. Sie bezeichnen, die aus den vertikalitätsblinden und antihierar-
verkünden die gute und erschreckende Nachricht, man sei chischen Affekten der Massenkultur große Politik machten,
dabei, Gebirge aus immer höheren und heiligeren Bergen auf- zumeist unter Verwendung sozialistischer Vorwände. Was
zutürmen. Nietzsches ominösen Übermenschen angeht, komme ich
nicht umhin, meine Überlegungen zu diesem Konzept mit
einer ironischen Notiz zu beenden. Ein Sachverhalt liegt auf
Über- Wörter der Hand: Sein Urheber ist hinsichtlich der Datierung des
Übermenschzeitalters der größten aller möglichen optischen
Zum Schluß ist darauf hinzuweisen, daß Nietzsche, wenn er
22 Daneben gibt es bei Nietzsche ca. 20 weitere Wortprägungen mit
auch der radikalste Interpret der neu aufgebrochenen Verti- dem Präfix "über«.
kalitätsproblematik ist, in seiner Epoche nicht allein steht. 23 Noch Martin Luther hat in dem Areopagiten den Feind, den Trai-
Man kann behaupten, die zeitgemäßesten Denker seien im ner der ekklesialen Hochakrobatik, gewittert. In seinen frühen
Schriften versucht er ihn noch, für seine eigene, von der Theologia
19. und 20. Jahrhundert diejenigen gewesen, die den Vertika-
deutsch inspirierte simple Dunkelheitsmystik zu vereinnahmen:
litätswortschatz der Moderne um mindestens einen Ausdruck "Unde in Dionysio frequens verbum est hyper quia super omnem
cogitatum oportet simplicter in caliginem entrare.« Später versteht
21 F. N ., Also sprach Zarathustra I, Prolog S. 9· Luther, daß es für Dionys ios nicht um den schnellen Eintritt ins
2°4 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen Höhenpsychologie
I 2°5
Täuschungen erlegen - was erstaunlich ist, weil nichts. so of- baren Konstrukt überhöhte. Das Motiv hierzu ist in dem
fenkundig zu sein scheint wie die Tatsache, daß die Ara des Umstand zu sehen, daß Nietzsehe, obschon er nicht vorhatte,
Übermenschen nicht in der Zukunft, sondern in der Vergan- eine eigene Religion zu stiften, das überlieferte Christentum
genheit liegt - sie ist identisch mit der Epoche, in der sich mit heiligem Furor ent-stiften wollte.
Menschen einer transzendenten Ursache zuliebe mit den ex- Gerade die von Nietzsehe wiedereröffnete asketologische
tremsten Mitteln über ihren physischen und psychischen Sta- Sicht läßt die Kontinuität beim Übergang von der »heidni -
tus erheben wollten. An dem Wort Übermensch besitzt das schen« Antike zur christlichen Welt deutlich hervortreten,
Christentum unabstreitbare Urheberrechte, aus denen selbst ganz besonders in dem hier maßgeblichen Bereich: der Über-
bei antichristlichen U mwendungen Tantiemen fällig werden?4 tragung des athletischen und philosophischen Asketismus auf
den monastischen und ekklesialen modus vivendi. Wäre es an-
ders, hätten sich die frühen Mönche Ägyptens und Syriens -
Kein Sklavenaufstand der Moral: unter Berufung auf paulinische Bilder vom Agon der Apostel
christlicher Athletismus - nicht die »Athleten Christi« genannt. Und wäre die mona-
stische Askese nicht eine Verinnerlichung des Regimes phy-
Meine wichtigste Abgrenzung von Nietzsches Hinterlassen- sischer Kämpfer sowie eine Übernahme der philosophischen
schaften betrifft seine Deutung der Differenz von Herrenmo- Lebenskunstlehren unter christlichem Vorzeichen gewesen,
ral und Sklavenmoral. Ich gebe zu, ich bin nicht sicher, ob ein so hätte die Mönchskultur, vor allem in ihren weströmischen
Großereignis wie der von Nietzsche so heftig beschworene und nordwesteuropäischen Ausprägungen, unmöglich zu der
»Sklavenaufstand in der Moral « jemals stattgefunden hat. Kraftentfaltung an allen Kulturfronten führen können, carita-
Eher neige ich zu der Ansicht, es handle sich bei dieser an- tiv, architektonisch, administrativ, ökonomisch, intellektuell,
geblichen Umwertung aller Werte und dieser massivsten Um- missionarisch, wie sie zwischen dem 5. und dem 18. Jahrhun-
fälschung aller natürlichen Richtigkeiten in der Geschichte dert beobachtbar ist. Was also wirklich stattfand, war eine
des Geistes um eine Fiktion des Autors, mit der er einige sehr Athletismusverschiebung von den Arenen in die Klöster- all-
bedeutsame und richtige Beobachtungen zu einem unhalt- gemeiner gesprochen eine Tüchtigkeitsübertragung von der
zerfallenden Antike auf das beginnende Mittelalter, um hier
fromme Dunkel, sondern um eine für Religionsvirtuosen geschaf- nur die Epochennamen zu benutzen und nicht die alten und
fene Stufenlogik mit harten Exklusivitätsmerkmalen geht - von da neuen Kompetenzträger, die aretologischen Kollektive von
an ist ihm der Gründer der negativen Theologie ein Horror und gilt 25
damals und später, im einzelnen zu benennen.
ihm mehr als Platoniker denn als Christ. Vgl. Thomas Reinhuber,
Studien zu Luthers Bekenntnis am Ende von De servo arbitrio, De
Gruyter 2000, S. 102. Ein Wort wie »Hypermarxismus«, das Fou- 25 Was keine einfache Aufgabe wäre: Für die Antike, weil die Über-
cault zur Kennzeichnung der französischen Ideologie in den sech- lieferung zu den gymnastischen und agonalen Disziplinen zwar
ziger und siebziger Jahren gepägt hat, war hingegen von Anfang an ausreicht, um vom enormen Umfang der Athletismus-Phänomene
satirisch gemeint. eine Vorstellung zu erlauben, aber zu fragmentarisch ist, um ein
24 Vgl. Ernst Benz, Das Bild des Übermenschen in der europäischen authentisches Bild zu geben; für das Mittelalter, weil die Geschichte
Geistesgeschichte, in: Der Übermensch. Eine Diskussion, heraus- des Monastizismus an Breite und Detailreichtum die Kapazität
gegeben von Ernst Benz, Stuttgart 1961, S. 21-161. jedes Darstellungsversuchs überschreitet.
206 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen I Höhenpsychologie 2°7
Hugo Ball hat von diesen Verschiebungen das Wesentliche aristokratie durch, deren einzige Leistung in der identischen
erfaßt, wenn er in einem Entwurf zum Vorwort seines Buchs Übertragung ihres aufgeblähten Selbstbewußtseins auf
Byzantinisches Ch ristentum, 1923, betont, der geistige He- gleichnichtsnutzige Nachkommen bestand, oft über viele
roismus der Mönche beinhalte einen überlegenen Gegenent- Jahrhunderte hinweg. Von dieser chronischen Schande Euro-
wurf zum »Naturheroismus« der Kämpfer. 26 Daß es bei die- pas, dem Erbadel, macht sich einen Begriff, wer die Verhält-
sem großen Transfer zu Verzerrungen unter dem Einfluß des nisse der alten Lernkultur China dagegenhält, das seit mehr
Ressentiments kam, ist offensichtlich. Doch selbst ein so ten- als zweitausend Jahren den Erbadel durch einen Bildungsadel
denziöser, und von Nietzsche gnadenlos entlarvter Satz wie: zurückdrängte. Durch die bezeichnete Umwertung der
»Viele Erste aber werden Letzte sein, und Letzte Erste« Werte gelangten nicht die Ressentiments kranker kleiner
(Matthäus 19, 30)27, ließe sich auch im Sinn der großen Are- Leute an die Macht, wie Nietzsche suggerierte, es wurde viel-
te-Verschiebung lesen. Er könnte besagen, das Ranking, das mehr die Mischung aus Faulheit, Ignoranz und Grausamkeit
sich aus Gewalt- und Besitzverhältnissen ergibt, solle nicht bei den Erben lokaler Macht zu einer psychopolitischen Grö-
die einzige erlaubte Sicht, ja nicht einmal die maßgebliche auf ße ersten Ranges ausgebaut - der Hof von Versailles war nur
geistige Rangverhältnisse bleiben. die Spitze eines Archipels nobler Unbrauchbarkeit, der Eu-
rapa überzog -, und erst die von Bürgern und Virtuosen ge-
tragene neo-meritokratische Renaissance zwischen dem 15.
Aristokratie oder M eritokratie und dem 19. Jahrhundert hat dem Erbadelsspuk in Europa
allmählich ein Ende bereitet, sofern man von den immer noch
Ein Sklavenaufstand der Moral fand im alten Europa, ich virulenten Phantomen der Yellow Press absieht.
wiederhole es, aus meiner Sicht zu keiner Zeit statt. In Wahr- Erst seither läßt sich wieder sagen: Politik als europäische
heit vollzog sich eine Umwertung der Werte bei der Tren- Lebensform bedeutet den Kampf und die Sorge um das Rah-
nung von Macht und Tugend (arete, virtit), wie sie bei den menwerk der Institutionen, in denen sich die wichtigste aller
Griechen noch undenkbar gewesen wäre, eine Trennung, die Emanzipationen vollziehen kann - die Emanzipation der
bis in die verblasenen Endspiele der europäischen Aristokra- Differenzen, die durch Leistungen entstehen und kontrolliert
tie im 19. Jahrhundert weiterwirkte. Die wirkliche Sünde werden, von den Differenzen, die durch Unterwerfung,
wider den Geist der positiven Asketik beging die alteuro- Herrschaft und Privileg geschaffen und weitergegeben wur-
päische Gesellschaftsordnung nicht durch ihre Christianisie- den. Unnötig zu betonen, daß die erwähnte Gruppe der
rung, sondern durch den Teufelspakt mit einem Stände- Übermörder keine Politiker waren, sondern Exponenten ei-
system, in dem vielerorts ein Adel ohne virtit obenauf kam. nes orientalischen Machtkonzepts, das neben der Unterwer-
Dabei setzte sich eine nicht-meritokratische Ausbeutungs- fungskunst keine zweite Disziplin anerkennt. Sie wollten von
der europäischen Definition des Politischen nichts wisssen,
26 Hugo Ball, Der Künstler und die Zeitkrankheit. Ausgewählte da sie vom Wesen der Differenzen nur so viel zu sehen be-
Schriften, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von
kamen, wie Klassen- und Rassentheorien erklären. Solche
Hans Burkhard Schlichting, Frankfurt am Main 1984, S. 301.
27 Nach der Übersetzung von Vinzenz Hamp, Meinrad Stenzei, Josef Theorien sind seit jeher mit Blindheit geschlagen, sobald es
Kürzinger, Wien/St. Pälten 1966. um die Genese der Differenz aus Tüchtigkeitsstufen geht.
208 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 2°9
gruppen zu verstehen. Auch die Stufungsphänomene inner-
2 »KULTUR IST EINE ORDENSREGEL« halb der Welten von Wissenschaft, Verwaltung, Schule,
LEBENSFORMEN-DÄMMERUNG, DISZIPLINIK
Gesundheitswesen und politischen Parteien, um nur diese
Bereiche zu nennen, liegen weit außerhalb dessen, was man
mit den plumpen Greifarmen einer von Herrschaftsunterstel-
lungen gesteuerten Theorieanordnung zu fassen bekommt.
Nicht-herrschaftliche Stufungen Zur allgemeineren Bestimmung der stufenbildenden Kräfte
als Figuren im Feld einer politischen Psychologie des thym6s
Nach den ersten Exkursionen ins Vorfeld einer Analyse der (Stolz, Ambition, Geltungswille) habe ich vor kurzem in
Vertikalspannungen dürfte nachvollziehbar sein, warum jede meinem Buch Zorn und Zeit halbwegs ausführliche Unter-
Kulturtheorie für einäugig zu halten ist, die nicht auf die suchungen vorgelegt. 28 Die neo-thymotische Analyse, in die
Tendenzen des kulturellen Lebens zur Ausbildung interner platonische, hegelianische und individual psychologische
Mehrstöckigkeit achtet - und zwar nicht nur in Abhängigkeit Motive einfließen, beschreibt das soziale Feld als ein ebenso
von politischen Hierarchien. Ich will mit dieser These nicht sehr stolzbewegtes wie gierbewegtes System. Zwar können
die leidige Debatte um die sogenannten »Hochkulturen« Stolz (thym6s) und Gier (eros) ihrer antithetischen Natur
wieder anfachen, um die es in den letzten Jahrzehnten aus zum Trotz erfolgreiche Bündnisse miteinander schließen,
verschiedenen Gründen auffällig ruhig geworden ist. Viel- die Stolzprämien jedoch, Prestige und Selbstachtung, und
mehr ist mir daran gelegen, eine ethisch kompetentere und die Gierprämien, Aneignung und Genießen, fallen in deutlich
empirisch adäquatere Alternative zu der grobschlächtigen getrennte Bereiche.
Herleitung aller Hierarchie-Effekte oder Stufenphänomene
aus der Matrix von Herrschaft und Unterwerfung zu entwik- Ich zeige im folgenden umrißhaft, wie die Umstellung von
keln. einer Theorie der Klassengesellschaft (mit Vertikaldifferen-
Ein solches Unternehmen drängt sich auf, seit die moderne zierung durch Herrschaft, Repression und Privileg) zu einer
»Gesellschaft« nach zweihundert jährigem Experimentieren Theorie der Disziplinengesellschaft (mit Vertikaldifferenzie-
mit egalitären wie neo-elitären Motiven in ein Stadium ein- rung durch Askesis, Virtuosität und Leistung) vollzogen wer-
getreten ist, in dem es möglich wird, aus der Versuchsreihe im den kann. Als philosophische und ideenhistorische Mentoren
ganzen Konsequenzen zu ziehen und ihre Resultate zu be- dieser Operation ziehe ich im ersten Durchgang Ludwig
werten. Paradigmatisch für die neue Lage ist das Auftauchen Wittgenstein und Michel Foucault hinzu - den einen, weil
des Sportsystems im 20. Jahrhundert - die oben so genannte er mit seiner Aufmerksamkeit auf die Einbindung der Spra-
»athletische Renaissance« -, das eine Fülle von Schlüssen che in Verhaltensfiguren (»Sprachspiele«) der modernen So-
auf eine nicht-herrschaftliche Stufungsdynamik ermöglicht. ziologie ein wirksames Instrument zur Offenlegung manife-
Ebenso stimulierend wirkt die Ausbildung einer nicht-aristo- ster und latenter Ritualstrukturen an die Hand gegeben hat,
kratischen Prominenzökonomie, ohne deren Untersuchung den anderen, weil ihm bei seinen Untersuchungen über die
man keine Chance hat, die im öffentlichen Raum wirksamen
Antriebskräfte zur Vertikaldifferenzierung moderner Groß- 28 Frankfurt am Main 2006.
210 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 211

Verschränkung von Diskursen und Disziplinen der Durch- sche Arbeiten gezeigt haben, in welchem Maß Wittgensteins
bruch zu einem Verständnis von Macht jenseits der simplen Leben von religiösen Motiven durchdrungen war und wie tief
Denunziation gelungen ist - und damit der Ausstieg aus einer seine Bestrebungen nach ethischer Vollkommenheit reichten.
langen Geschichte ideologischer Mißverständnisse, die letzt- »Natürlich will ich vollkommen sein!« soll er in jungen Jah-
lich auf pathogene Hinterlassenschaften der Französischen ren auf eine kritische Frage einer Freundin geantwortet ha-
Revolution zurückweisen. Unter dieser doppelten Anregung ben. 30 An Paul Engelmann, den Freund der Wiener Jahre,
klärt sich zugleich die Richtung, in welche die nächsten schrieb er in einem Brief zu Neujahr 192 I: »Ich hätte mein
Schritte zu tun sind: über Wittgenstein hinaus, indem man Leben zum Guten wenden sollen und ein Stern werden. Ich
von der Sprachspieltheorie zu einer universellen Übungs- bin aber auf der Erde sitzen geblieben und nun gehe ich nach
und Askesetheorie weitergeht, über Foucault hinaus, indem und nach ein. «31 Nach dem Zeugnis von Bertrand Russell hat
man seine Analyse der diskursiven Formen zu einer ent- Wittgenstein um 1919 mit dem Gedanken gespielt, in ein
grenzten Disziplinik fortbildet. Kloster einzutreten - er hatte den Tractatus ein Jahr zuvor
beendet und begriffen, daß er kaum Resonanz erwarten durf-
te. 1926 arbeitete er - nach seinem demütigenden Scheitern
Wittgensteins Ordensregel als Volkschullehrer in der österreichischen Provinz - für eine
Weile tatsächlich als Gärtner im Kloster der »Barmherzigen
Brüder« in Hütteldorf bei Wien. Die bezeichnendste Aussage
Den Ausgangspunkt finde ich in einer kurzen, für den ersten Wittgensteins zu religiösen Dingen findet sich in einer Notiz
Blick etwas mysteriösen Notiz, die Wittgenstein im Januar aus dem Jahr 1948:
1949, zwei Jahre vor seinem Tod, einem seiner Hefte anver- »Der ehrliche religiöse Denker ist wie ein Seiltänzer. Er
traute: »Kultur ist eine Ordensregel. Oder setzt doch eine geht, dem Anscheine nach, beinahe nur auf der Luft.
Ordensregel voraus. «29 Das Auftauchen eines Worts wie Sein Boden ist der schmalste, der sich denken läßt.
»Ordensregel« im Vokubular des Philosophen könnte fürs Und doch läßt sich auf ihm wirklich gehen. «32
erste befremdlich wirken. Es gibt in seiner Lebensweise in Ich füge diese zerstreuten Beobachtungen zu der These zu-
Cambridge wenig Anhaltspunkte für monastische Analo- sammen, es handle sich bei Wittgenstein um den seltenen Fall
gien, es sei denn, man wollte die unverweslichen akademi- eines inversen Akrobaten, dem das Leichte schwieriger er-
schen Rituale als solche gelten lassen. Der aparte Ausdruck schien als das Unmögliche. Naturgemäß bewegte sich auch
erscheint etwas weniger erstaunlich, seit jüngere biographi- seine Kunst auf einer Vertikalachse, jedoch gehört der Den-
ker, falls man ihn auf der Jakobsleiter plazieren dürfte, ganz
29 Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen. Eine Auswahl
aus dem Nachlaß, herausgegeben von Georg Henrik von Wright, eindeutig zur Gruppe der abwärtssteigenden Engel- die ge-
neu bearbeitet durch Alois Pichler, Frankfurt am Main 1994, S. 149·
Vgl. Thomas Macho, »Kultur ist eine Ordensregel.« Zur Frage 30 Eckhard Nordhofen, Der Engel der Bestreitung. Über das Ver-
nach der Lesbarkeit von Kulturen als Texten, in: Gerhard Neu- hältnis von Kunst und negativer Theologie, Würzburg 1993, S. 144.
mann, Sigrid Weigel (Hg.), Lesbarkeit der Kultur. Literaturwissen- 3 I Paul Engelmann, Ludwig Wittgenstein. Briefe und Begegnungen,
schaft zwischen Kulturtechnik und Ethnographie, München 2000, Wien/München 1970, S. 32.
S.223- 244· 3 2 Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, a. a. 0., S. 141.
2I2 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel « 2I3

fallenen bleiben hier außer Betracht. Wenn der J2jährige Wie sehr sich Wittgenstein zu einer bodenturnerischen
Autor im Brief an Engelmann schrieb, er hätte ein Stern wer- Auslegung ?es Daseins überreden wollte, zeigt ein Eintrag
den sollen, darf man statt »werden « vielleicht »bleiben« lesen. von I937: »Ubcr sich schreibt man, so hoch man ist. Da steht
Wer würde ein Stern werden wollen, wenn er nicht von ir- man nicht auf Stelzen oder auf einer Leiter sondern auf den
gendwoher die Überzeugung mitbrächte, ein solcher einmal bloßen Füßen.« 35 Andererseits kann sich der Autor vorstel-
gewesen zu sein? Dieser starke Beobachter kommt von sehr len, wie es wäre (von der Sünde, der Realität, der Schwer-
weit oben - er begreift mit der Zeit, daß es ein Fehler ist, sich kraft) erlöst zu sein: Dann würdest du nicht mehr auf der
an eine zu hohe Herkunft zu erinnern, wenn man nun einmal Erde stehen, sondern am Himmel hängen - was freilich ein
in der Ebene existieren soll. externer Beobachter nicht ohne weiteres unterscheiden
Was Existenz in der Ebene bedeuten kann, verrät ein Satz könnte, da das Hängen am Himmel und das Stehen auf der
aus einem Brief an Engelmann aus dem Jahr I925: »Wohl Erde von außen praktisch dasselbe Bild ergeben. 36 Daß es
fühle ich mich nicht, aber nicht, weil mir meine Schweinerei darauf ankomme, nach dem Abstieg in die Existenz so glück-
zu schaffen machte, sondern innerhalb der Schweinerei.«33 lich zu werden, wie es einem zur Verzweifung Berufenen
Die vielzitierte Wittgensteinsche »Mystik« ist die Spur eines möglich ist, bleibt Wittgensteins Überzeugung bis zuletzt:
Ankunftsbefremdens, das nie ganz aufhört - in der unelegan- »Steige nur immer von den kahlen Höhen der Gescheitheit
ten Terminologie der Psychiatrie wäre vermutlich von einer in die grünenden Taler der Dummheit.«37 Solche Prämissen
schizoiden Struktur zu sprechen. Einem solchen Zugewan- erlauben kein philosophisches Projekt im üblichen Sinn des
derten erscheint an dem, was hier der Fall ist, nicht dieses und Worts mehr, sofern die Philosophen bis dahin immer den
jenes erstaunlich, sondern die Gesamtheit dessen, was vor- aufsteigenden Engeln auf der Leiter Gesellschaft leisten woll-
liegt. Seine Daseinskurve beschreibt den langen Kampf um ten. Für Wittgenstein war das evident - es wäre zu wünschen
eine erträgliche Ankunft auf dem Boden der Tatsächlichkeit- gewesen, seine Plünderer in den Hochburgen der Analyti-
ohne allzu großen Verlust an mitgebrachter Luzidität. Die schen Philosophie hätten das ebenso klar gesehen.
Dinge, wie sie sind, zu erfassen, und die unvermeidlichen Fragt man unter diesen Voraussetzungen, was der Satz
Lebensvollzüge auszuführen, wie sie nach der lokalen Gram- »Kultur ist eine Ordensregel. Oder setzt doch eine Ordens-
matik eben auszuführen sind, ohne noch tiefer in »Schweine- regel voraus« - geschrieben von der Feder eines 60jährigen -
rei« zu geraten - darin mag Wittgensteins Übungs ziel bestan- bedeutet, so fällt zunächst auf, wie sorglos, um nicht nach-
den haben. Daher die trotzig resignierte Notiz aus dem Jahr lässig zu sagen, der Au tor hier das Wort » Kultur« verwendet
I930: »Wenn der Ort zu dem ich gelangen will nur auf einer ausgerechnet er, der überall sonst einen siebenten Sinn zu;
Leiter zu ersteigen wäre, ich gäbe es auf dahin zu gelangen. Aufspürung von verborgenen Mehrdeutigkeiten unter
Denn dort wo ich wirklich hin muß, dort muß ich eigentlich gleichlautenden Oberflächenformulierungen an den Tag leg-
schon sein. Was auf einer Leiter erreichbar ist interessiert te. Alles spricht dafür, daß es ihm im Augenblick nicht so sehr
mich nicht.«34 auf das Wort »Kultur« ankam, unter dem er die Hohlräume

33 AllanJanikiStephen Toulmin, Wittgensteins Wien, München 1984, 35 Ibid ., S. n


S·3 16 . 36 Ibid., S. 74f.
34 Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, a. a. 0., S. 31. 37 Ibid., S. 145·
21 4 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel « 21 5

sofort gespürt hätte, wenn er hätte nachfragen wollen, son- gen, die Versammlungen zum Gebet, die Arbeit in den
dern um den Ausdruck »Ordensregek Auf diesen fällt trotz Schreibstuben, die Anlage der Vorratsräume und der Speise-
seines aparten Klangs unmißverständlich der stärkere analy- säle und so weiter - die konkreten Regeln sind eingebettet in
tische Akzent. Sein Sinn stand Wittgenstein klarer vor Augen: die Regel aller Regeln, wonach der Mönch nicht den kleinsten
Eine solche Regel drückt eine der suggestivsten Annäherung Handgriff bloß aus dumpfer Gewohnheit ausführen dürfe,
an das aus, was er unter einer Grammatik versteht - sie bildet sondern in jedem Moment auf die Unterbrechung der Ab-
einen Set von nicht weiter begründungsfähigen Vorschriften, läufe durch einen aktuellen Befehl des Oberen gefaßt sein
deren Summe eine Lebensform, den monastischen way oifife, müsse - als ob er jederzeit damit rechnete, daß der Erlöser
ergibt, sei es im pachomischen, augustinischen, cassianischen, das Gelände betritt. Johannes Cassian insistierte darauf, ein
benediktinischen, franziskanischen Stil usw. Will man begrei- Schreibermönch, den sein Oberer zur Tür ruft, schreibe den
fen, was es heißt, eine Regel zu befolgen - und das ist für den begonnenen Buchstaben nicht zu Ende: vielmehr springe er
späteren Wittgenstein die chronisch wiederkehrende Frage-, auf, um ganz für den neuen Auftrag bereit zu sein. 38
genügt es, sich vorzustellen, wie man leben würde, träte man Das Ordensleben unterscheidet sich vom gewöhnlichen
in einen religiösen Orden ein. Was dessen Spezifik prägt und Leben also in dreifacher Hinsicht: Zum einen impliziert der
wie die Regel auf die Praktiziernden wirkt, erschließt sich nur Eintritt in einen Orden die Zustimmung zu dem Kunstsy-
dem, der sie sich zu eigen macht, indem er selber die mön- stem aus sorgfältig hingeschriebenen Regeln, die das mo na-
chische Lebensweise wählt. Der Wittgensteinsche Mönch stische Leben dieser oder jener Observanz animieren. Hin-
bliebe allerdings dazu verurteilt, die Rolle des Ethnologen gegen wächst man in die gewöhnliche Kultur hinein, ohne je
seines Ordens zu übernehmen, weil er aus psychischen Grün- gefragt zu werden, ob man sich ihren Regeln unterziehen
den unfähig bliebe, in der kollektiven Lebensform aufzuge- möchte - ja, meistens ohne jemals darüber nachzudenken,
hen. Er wäre zudem ein Ethnologe, dem von den Eingebo- ob es überhaupt eine regula für die lokalen Lebensformen
renen ein Streich gespielt wird - er schlösse sich ja einem gebe. Zum anderen erzeugt das Leben hinter Klostermauern
Stamm an, in dem es keine Eingeborenen gibt, sondern nur ein aus Wachsamkeit und Bereitschaft zu beliebigen Aufga-
beigetretene Mitglieder wie ihn selbst. ben gebildetes Sonderklirna, das so in keiner Lebensform der
Die Besonderheit einer Ordensregel - und damit fängt nicht-monastischen Sphäre anzutreffen ist - »Gehorsam«
Wittgensteins Satz an, problematisch zu werden -liegt darin, und »Frömmigkeit« sind Metaphern für totale Verfügbarkeit.
daß sie den Mönchen (an Nonnen wird der Autor kaum ge- Der Grundrhythmus der klösterlichen Existenz wird aus ei-
dacht haben), egal um welche Vorschrift es sich im einzelnen nem kalkulierten Wechselspiel von praktischen Aufgaben
handelt, auferlegt, jeden Schritt, jeden Handgriff mit medita- und kultischen Unterbrechungen erzeugt - auf diese Weise
tiver Bedachtsamkeit zu tun und jedes Wort mit Besonnen- bezeugen die Hände die kloster kommunistische Maxime: Ar-
heit zu sprechen. Ob es um die Form der Tonsuren geht, die beiten ist gut, beten ist besser. Schließlich fällt in der Kloster-
Kleiderordnung, die Küchendienste, die Tätigkeiten in den kultur das stärkste Merkmal der profanen Kultur beseite, die
Klostergärten, die Anordnungen über die Einrichtung der Arbeitsteilung der Geschlechter und die Sorge um die Über-
Schlafsäle und das Verhalten der älteren und jüngeren Mön-
che darin, die Einteilung der Schlafzeiten, die heiligen Lesun- 3 8 VgJ. Thomas Macho, »Kultur ist eine Ordensregel «, a. a. 0., S. 229.
2I6 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 21 7

tragung der bestehenden Lebensformen auf die kleinen Bar- der Exerzitium wird. Den Grund für diesen Wandel findet
baren, die aus dem Verkehr der Geschlechter hervorgehen. man in seinem sezessionistischen Kulturbegriff. Ohne Mühe
ist aufzuzeigen, daß er zu Wittgensteins nie aufgegebenem
österreichischem Erbe zählte.
Kultur entspringt aus Sezession Was eine Sezession ist, wußte Wittgenstein von Kinder-
tagen an, da die Abspaltung der Künstlergruppe um Gustav
Wittgenstein wollte offensichtlich auf etwas anderes hinaus. Klimt, Koloman Moser und J osef Hoffmann von dem histo-
Wenn er notiert: »Kultur ist eine Ordensregel«, ist die Bedeu- ristisch geprägten konservativen Wiener Künstlerverein im
tung von »Kultur« auf einen fein gesiebten Rest zusammen- Jahr 1897 eines der Hauptereignisse des Wiener Fin-de-siecle
geschrumpft. Auf keinen Fall darf alles, was überhaupt an gebildet hatte. Karl Wittgenstein, 1847- 19 I 3, der Vater des
Lebensformen in »Gesellschaften« vorkommt, Kultur hei- Philosophen, ein Stahlindustrieller und Musikmäzen, rech-
ßen, sondern nur das, was in puncto Explizitheit, Strenge, nete zu den wichtigsten Sponsoren der Sezession, nicht nur
Wachsamkeit und Reduktion aufs Wesentliche mit dem Da- bei der Errichtung des Gebäudes am Karlsplatz, sondern
sein unter einer Ordensregel verglichen werden kann - und auch durch die persönliche Förderung einzelner Künstler.
was einen modus vivendi erlaubt, für den die Entlastung von Als Klimt 1905 mit seiner Trennung von der Sezession eine
den Folgen der Sexualität das erste und letzte Kriterium aus- zweite Absetzbewegung inszenierte, war der junge Wittgen-
macht. Es spielt hier keine Rolle, daß die sakral klaren und stein sechzehn Jahre alt, zum Zeitpunkt des Erscheinens von
elitär deutlichen klösterlichen Regeln letztlich ebenso in Adolf Loos' epochemachender Schrift Ornament und Ver-
Willkür gründen wie die Festsetzungen einer beliebigen brechen neunzehn. Man darf annehmen, spätestens von die-
Grammatik natürlicher Sprachen. Entscheidend ist allein sem Moment an sei der Begriff Kultur unwiderruflich mit
die separatistische Dynamik des Lebens unter der Regel. dem Phänomen Sezession verschmolzen, bei dem jungen
Wittgensteins Verwendung des Begriffs »Kultur« läßt keinen Mann nicht anders als in der jungen Wiener Kulturszene.
Zweifel aufkommen: Kultur im anspruchsvollen Sinn des Dazu gehärt die Erfahrung, daß eine Sezession nicht genügt,
Wortes entsteht in seinen Augen erst durch die Absonderung um dem Impuls zur Absetzung vom Gewohnten treu zu blei-
der wirklich Kultivierten von der sonstigen sogenannten ben. Nur das ständige Weitergehen in der Distanzierung vom
»Kultur«, diesem konfusen Aggregat aus besseren und Elend der Konventionen kann die Reinheit des modernisie-
schlechteren Gewohnheiten, die in ihrer Summe kaum mehr renden Projekts bewahren - daraus geht die Dauersezessions-
als die übliche »Schweinerei« ergeben. rhythmik der Kunst des 20. Jahrhunderts hervor, die solange
Von hier aus ist leichter zu erklären, wieso Wittgenstein zu in Gang bleibt, bis nichts mehr übrig ist, wovon man seze-
einem der wenigen Autoren der Moderne zählt - vielleicht dieren könnte. Tatsächlich war Loos schon früh einer der
dem einzigen von Rang in der Zeitspanne zwischen Nietz- schärfsten Kritiker der ersten Sezessionsästhetik. Er sah in
sehe und Foucault, Heidegger ausgenommen -, bei dem die ihr nicht mehr als die Ersetzung eines Kitschs durch einen
Rückverwandlung der Philosophie von einem Schulfach in anderen - des vulgären Ornaments durch ein gesuchtes.
eine engagierende Disziplin zu beobachten war. An seinem Wie Allan Janik und Stephen Toulmin gezeigt haben, wa-
Beispiel ist abzulesen, was geschieht, wenn aus Studium wie- ren der Wiener Moderne insgesamt sezessionistische Motive
218 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 21 9

im weitesten Sinn des Worts eigen. Für ihre Protagonisten diesem Unterschied erst die Kultur Spielraum hat. Die
bestand die kulturstiftende Geste im Austritt aus dem System andern aber, die Positiven, teilen sich in solche, die die
der Konventionen, in denen das aristokratisch-bürgerliche Urne als Nachttopf, und die den Nachttopf als Urne
Publikum der Reichshauptstadt schwelgte. Gleich, ob es gebrauchen.« 41
um Architektur, Malerei, Musik oder Sprache ging, auf jedem Die späte Notiz »Kultur ist eine Ordensregel« setzt immer
Feld konstituierte sich die Gruppe der Modernen durch eine noch die angreiferische Reduktionsethik und die zukunftpo-
sezessionistische Operation - durch die Absetzung der Puri- stulierende Stimmung des formalen Purismus der frühen Wie-
sten von den Ornamentierern, der Konstruktivisten von den ner Moderne voraus. Die bizarren Nebentöne der Wittgen-
SchweIgern, der Logiker von den Journalisten und der Gram- steinschen Bemerkung klären sich auf, wenn man das Paradox
matiker von den Schwätzern. Was die neuen Künstler verbin- edaßt, auf dem die sezessionistische Grundhaltung beruht:
det, ist die Aversion gegen jede Art von Zuviel. In ihren Au- Demnach ist ein glaubhafter Aufstieg in der Kultur allein
gen können Kultur und Kunst nur vorankommen dank einer durch den Abstieg zu den elementaren Formen zu erreichen.
radikalen Opposition gegen die von Kar! Kraus so bezeich- Für diese Form-Eiferer steht das Einfache über dem Kompli-
nete »Verschweinung des praktischen Lebens durch das Or- zierten. Das Weglassen des Überflüssigen ist die ethische Tat.
nament, wie Adolf Loos sie nachgewiesen hat«.39 Die Gleich- Die Rufe: »zu den Sachen«, »zu den elementaren Lebensfor-
setzung von Ornament und Verbrechen, die Loos in seiner men«, »zum realen Gebrauch« sind für die Teilnehmer am
Schrift vollzieht, bringt das neue Ethos der vom wirklichen großen Exodus aus der »verschweinten« Sphäre gleichbedeu-
Gebrauch der Dinge bestimmten formalen Klarheit vollendet tend. Durch diese Kampagnen, die phänomenologische wie die
zum Ausdruck - sie erinnert im übrigen daran, daß der Funk- funktionalistische, die reduktionistische wie die positivi-
tionalismus anfangs ein Moralismus war, genauer eine aske- stische, fallen ganze Welten aus »Ornamenten« - oder wie
tische Praxis, die dem Guten durch das Weglassen des nicht man die Überflüssigkeiten nennen möchte - beiseite. Was
Verantwortbaren näherzukommen suchte. Es würde nicht künftig zählt, ist das Studium der primären Formen, der Gram-
schwer fallen, den Loos-Faktor im logischen Habitus Witt- matiken und ihrer konstruktiven Prinzipien. Die Teilnehmer
gensteins en detail nachzuweisen, etwa wenn der Philosoph an dem Studium, das »Kultur« im neuen Sinn ermöglicht und
notiert: »Ich behaupte, daß der Gebrauch die Form der Kul- rechtfertigt, bilden eine Gruppe von Künstler-Asketen, die
tur ist, die Form, weIche die Gegenstände macht ... «40 Die unter einer expliziten RegeIleben. Für sie deuten Ethik, Ästhe-
polemische Atmosphäre, in der sich die Suche nach der tik und Logik in dieselbe Richtung. Die Wiener Ordensregel ist
»Form der Kultur« vollzog, bezeugt ein Aphorismus von für die Entstehung einer neuen »Kultur« nur darum maßgeb-
Kar! Kraus: lich, weil sie in jeder einzelnen Bestimmung gegen die Vor-
»Adolf Loos und ich, er wörtlich, ich sprachlich, haben macht der verschweinten Verhältnisse Stellung bezieht. Der
nichts weiter getan als gezeigt, daß zwischen einer Urne Stil ist quasi neo-zisterziensisch, depourvu, begründet durch
und einem Nachttopf ein Unterschied ist und daß in die Trinität von Klarheit, Einfachheit und Funktionalität.
41 Kar! Kraus, Nachts (zuerst 1919), in: Ich bin der Vogel, der sein
39 Janik/Toulmin, Wittgensteins Wien, a. a. 0., S. 129. Nest beschmutzt. Aphorismen, Sprüche und Widersprüche, Wies-
40 Ibid. baden 2007, S. 363.
220 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 221

ist, da sind die Reformer am Ende ihrer Geduld mit den vor-
Form und Leben gefundenen Tatsachen. Sie wollen weder die gewohnten Ver-
hältnisse mehr sehen noch ihre Abbilder. Die Stunde der
Ich bräuchte an diese Zusammenhänge nicht zu erinnern, Zuwendung zu den Vorbildern hat geschlagen. Das Vorbild
wenn nicht die Figur der Sezession, unabhängig von ihrer bildet das Leben nicht ab, es geht ihm voraus. Man kann
Wiener Geschichte, für alles bedeutsam würde, was im fol- geradezu von der Geburt der Philosophie aus dem Geist
genden über die Organisationsformen des übenden Lebens der Sezession zu den Vorbildern sprechen - nicht ganz zufäl-
auch in seinen älteren und ältesten Manifestationen gesagt lig lag Platons im Jahr 387 gegründetes athenisches Lehrhaus
wird. In der Sezessionsgeste als solcher drückt sich bereits - dessen Betrieb bis zur Zerstörung durch Sulla im Jahr 86. v.
der Imperativ aus, ohne den es keinen »Orden«, keine Re- ehr. stetig fortgeführt wurde - dezentral, eine knappe Meile
form, keine "Revolution« je hätte geben können: Du mußt nordwestlich von der Innenstadt entfernt, sehr passend frei-
dein Leben ändern! Hierbei wird die Voraussetzung gemacht, lich neben einer größeren Sportstätte, dem Gymnasion, das
das Leben habe etwas an sich, zu dessen Veränderung der offenkundig bald in den Lehrbetrieb einbezogen wurde.
Einzelne eine Kompetenz besitzt - oder erwerben kann. Eine Schulgründung impliziert die Absage an den Schick-
1937 notierte Wittgenstein: »Daß das Leben problematisch salskitsch - sei er spätathenisch oder späthabsburgisch. Sie er-
ist, heißt, daß Dein Leben nicht in die Form des Lebens paßt. fordert die Umwandlung von Schicksalsfragen in Aufgaben der
Du mußt dann dein Leben verändern, & paßt es in die Form, Disziplin. Schon Platon hatte die Tragödie abgelehnt, weil er in
dann verschwindet das Problematische.«42 ihr die moralische ,Nerschweinung« witterte: Statt anderen
Dem Glauben an die Möglichkeit einer besseren "Pas- Leuten bequem und sentimental beim Untergang in ihren Ver-
sung« zwischen Form und Leben liegt ein Form-Begriff zu- strickungen zuzusehen, wäre es verdienstvoller, sich um die
grunde, der sich bis in die Gründungsphase der Philosophie eigenen Fehler zu kümmern und diese, einmal bewußt ge-
bei Sokrates und Platon und in die Frühzeit brahmanischer macht, nach bestem Wissen zu korrigieren. Man darf geradezu
Askesen zurückverfolgen läßt. Er drückt die Überzeugung sagen, die Schule beruhe auf der Erfindung des »Fehler~ « - der
aus, es gebe eine »gute Form« des Lebens, gleich ob sie aus Fehler ist ein säkularisiertes, revidierbares Verhängms, und
den Wiener Werkstätten, aus der Athener Schule oder den Schüler ist, wer durch Fehler lernt und sich an ihrer Eliminie-
Klöstern von Benares stammt, eine Form, deren Übernahme rung versucht. In diesem Punkt springt die Konvergenz zwi-
zur Entstörung der Existenz führen müsse. Die gute Form zu schen der sokratischen Grundhaltung, wie sie Nietzsche in
finden ist eine Design-Aufgabe, zu der ein moralisch-logi- seinen frühen Schriften herausgearbeitet hat, und Wittgensteins
sches Exerzitium gehört. Nur weil die Philosophie selbst Ansatz bei der fortgehenden Selbstklärung ins Auge. Auch für
von Anfang an eine solche Aufgabe impliziert, kann sie den Sprachanalytiker gibt es keine Tragik, »und der Konflikt
»Schule machen « - die Schule als solche ist bereits ein Sezes- wird nicht zu etwas Herrlichem, sondern zu einem Fehler«.43
sionsphänomen, bei Platon, dem Gründer der Akademie,
kaum anders als bei den Wiener Modernen. Wo Sezession 43 Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, a. a. 0., S. 35. Zum Ver-
hältnis zwischen Wittgenstein und der sokratischen Lehre vgl.
Agnese Grieco, Die ethische Ü?ung. Ethik und Sprachkritik bei
42 Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, a. a. 0., S. 62. Wittgenstein und Sokrates, Berhn I996.
222 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 "Kultur ist eine Ordensregel« 223

Sprechen wir offen aus, worauf diese Überlegungen zielen: in diesem Punkt ausweichend antwortet, ist weniger akzepta-
Mit dem Nachweis, daß sich in Wittgensteins Kulturbegriff bel. Dadurch verschweigt sie, wie in den meisten Sprachspie-
ein scharf sezessionistisches Verständnis der »Arbeit« an den len die Nachahmung der »schweinischen« Üblichkeiten an-
persönlichen Fehlern und an den Fehlern der kollektiven Be- gelegt ist, indessen das Wesentliche, die Teilnahme an der
findlichkeit geltend macht, entfallen alle Möglichkeiten, ihn Sezession, zumeist unausgesprochen und unverstanden
für die egalitaristische und relativistische Ideologie zu verein- bleibt. Mit dem gewöhnlichen Sprachspiel übt man das ei-
nahmen, die mit den diversen Varianten der anglo-amerika- gentlich nicht Übenswerte ein. Man übt es nolens volens, in-
nischen Analytischen Philosophie einhergeht. In Wirklich- dem man tut, was alle tun, ohne nachzudenken, ob es wert ist,
keit dürfte Wittgensteins »Werk« die härteste Ausprägung getan zu werden. Ein gewöhnliches Sprachspiel ist das alltäg-
des ethischen Elitismus verkörpern, die das 20. Jahrhundert liche, als solches nicht deklarierte Training der »Schweine«
kannte - Simone Weil vielleicht als einzige Reform-Elitistin und somit derer, denen es gleichgültig bleibt, ob ihre Lebens-
von ebenbürtiger Statur ausgenommen. Sein sezessionistisch- form einer Prüfung standhält.
elitärer Ansatz reicht in solche Tiefen, daß der Autor sich am Nur in den seltensten Fällen wird die Fähigkeit, an Sprach-
liebsten sogar von sich selbst und seinen vermischten spielen teilzunehmen, durch den freiwilligen Anschluß an
»Schweinereien« zurückgezogen hätte, wäre dies möglich ge- eine geklärte sezessionäre Lebensform erworben. Eine solche
wesen. Ist Wittgensteins unerbittlicher Elitismus offengelegt würde, wie Wittgenstein in der zweiten Satzhälfte betont,
- der im übrigen so radikal ist, wie er unpolitisch und ahisto- eine explizite »Ordenregel« voraussetzen - wobei das Wort
risch ist -, so affiziert dies nicht nur das Verständnis seines »explizit« auf ein Form-Wissen oder Askese-Wissen Bezug
erfolgreichsten Theorems, der Lehre von den »Sprachspie- nimmt, das entweder im Lauf von langen Experimenten mit
len«, auch auf Wittgensteins Rolle als Lehrer fällt ein stark dem übenden Leben destilliert wurde (wie in der Ära der
verändertes Licht. Regula-Verfasser von Pachomius bis Isidor von Sevilla oder
in den brahmanischen und yogisehen Traditionen) oder das
inmitten einer Kulturkrise (wie im Wiener Fin-de-siecle)
Sprach spiele sind Exerzitien: durch radikalisiertes Design neu entwickelt werden mußte.
Die Ordinary-Language- Täuschung Dann allerdings und nur dann heißt üben: sich mittels dekla-
rierter Askesen das Übenswerte einverleiben. Übungen die-
Nun wird unmittelbar einsichtig, daß die bis zum Überdruß ses Niveaus führen zu Sprachspielen und Lebensformen für
zitierten »Sprachspiele« in Wahrheit Askesen oder besser: Nicht-Schweine. Sie sind, so elementar sie scheinen mögen,
mikro-asketische Module darstellen, das heißt sprachlich ar- die vollkommene Imprägnierung des Alltags durch die Arti-
tikulierte praktische Übungen, deren Ausführung üblicher- stik. Die perfekte Darstellung der Normalität wird hierdurch
weise durch Nachahmung erworben wird - ohne daß uns zur akrobatischen Übung. Für Wittgenstein vollzieht sich auf
gesagt würde, ob es sich lohnt oder ob es wünschenswert dem Gipfel des Mount Improbable das ethische Wunder: daß
sei, diese Spiele auszuführen. Evidenterweise klären die Kul- Lebensformen durch logische Analyse und technische Re-
turen selbst uns darüber nicht auf - sie sind in diesen Fragen konstruktion geklärt werden können.
zur Affirmation verurteilt. Daß auch die Sprachspiel-Theorie Man muß dem späteren Wittgenstein all seinen Bemühun-
224 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 "Kultur ist eine Ordensregel« 225

gen um Demut zum Trotz ein gewisses Maß an Heuchelei von dem, was er eigentlich vormachen wollte - die Lebens-
attestieren, weil er meistens so tat, als wüßte er nicht, daß form des Heiligen. Was an Wittgensteins Lehre »sich zeigt«,
seine Sprachspiel-Theorie eine trübe Konzession an die Exi- ist, daß er nicht zeigt, worum es ihm geht - im übrigen auch,
stenz in der trivialen und »schweinischen« Dimension ent- daß er nicht kann, wie er möchte, und nicht aufhört, zu wol-
hielt, von der sich fern zuhalten er gleichwohl nie aufgehört len, was er nicht kann. Die gängige Wittgenstein-Hagiogra-
hatte. In eigener Sache schielte er nach den geklärten Ordens- phie räumt seit langem ein, ihr Held sei in seiner Rolle als
regeln, unter denen Ausnahmemenschen seines Schlags und Volksschullehrer in Österreich 1920-1926 mehr oder weniger
Sezessionisten gleichen Ranges würden leben wollen - und kläglich gescheitert. Aber daß Wittgenstein als Hochschul-
im Einklang mit ihren Ansprüchen vielleicht auch würden lehrer ebenso und noch schlimmer, nämlich folgenreich, ge-
leben können. Diese Formen nennen sich zwar ebenfalls scheitert ist, wagt niemand auszusprechen - vermutlich des-
»Sprachspiele«, aber man spürt, die Kutten sind aus dem wegen, weil man den Autor insgeheim psychologisch exkul-
feinsten Stoff. Wenn sich die vor Jahren modische Ordinary piert und im übrigen der Meinung ist, er habe, indem er global
Language Philosoph)' auf Wittgenstein berief, erlag sie einer prominent wurde, ohnehin mehr erreicht, als ein homo aca-
Täuschung, an der der Meister selbst alles andere als unschul- demicus zu träumen wagen durfte. Wenn Wittgenstein kurz
dig war. An der »gewöhnlichen Sprache« interessierte ihn nie vor seinem Austritt aus dem Lehrbetrieb 1946 schrieb: »Ich
ihre Gewöhnlichkeit. Das Kunststück hätte darin bestanden, zeige meinen Schülern Ausschnitte aus einer ungeheuren
durch das Wort ordinar)' hindurch etwas vom Perfektionis- Landschaft, in der sie sich unmöglich auskennen können«,44
mus der Wiener Werkstätten zu spüren. Man hatte vergessen, gab er implicite zu, sein Publikum über seine wirklichen Prä-
die englischen Patienten darauf hinzuweisen, sie sollten sich ferenzen im unklaren zu lassen. Er hätte zur Erhellung der
über das Lob des Gewöhnlichen nicht zu früh freuen. Es war Landschaft, soweit es ihn betraf, mehr tun können, doch er
Geist vom Geiste der großen Reform, daß man »gewöhnlich« zog es vor, noble Desorientierung anzubieten - als ob in
sagte, wenn man »außergewöhnlich« meinte. Man hätte den Cambridge sein christlicher Perfektionismus eine ebenso un-
Interessierten erklären müssen, was die Suche nach der quint- gestehbare Privatsache gewesen wäre wie seine zu jener Zeit
essentiellen Gebrauchsform bedeutet, auf die Gefahr hin, den wenig geschätzte Homosexualität.
Ordinaristen die Party zu verderben. Wer je seinen Mantel an
einen Adolf-Loos-Garderoben-Haken gehängt hat, besitzt
einen Maßstab, der sich nicht vergißt. Sieht man dann, woran Was sich zeigt
die britischen und amerikanischen Kollegen ihre Sachen hän-
gen, kann man sie nie wieder ernst nehmen. Das Fehlen einer expliziten Kritik an Wittgensteins Rolle als
Ohne Zweifel ist die subtile Verlogenheit der Sprachspiel- Hochschullehrer stellt in meinen Augen ein Indiz dafür dar,
Theorie das Geheimnis ihres Erfolgs. An ihr wird überdies daß seine Schüler über die Zweideutigkeit des Lehrers hin-
etwas deutlich, was ansonsten nur an Wittgensteins Habitus wegsahen und sich mit der halben Lektion begnügten. Was
als »Lehrer« »sich zeigt«. Zwar weiß er, daß Lehren Vorma- man mit der halben Lektion erreichen konnte, zeigen die seit
chen heißt, aber was er als Virtuose vorzumachen imstande
ist, die sprachlogische Analyse, ist himmelweit verschieden 44 Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, a. a. 0., S. I Ir.
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 227

mehr als fünfzig Jahren dominierenden Trends in der neueren chischen Welt verlor er jeden Zusammenhang mit den The-
Universitätsphilosophie diesseits und jenseits des Atlantiks. men der Gegenwart und navigierte in einem Raum aus un-
Überall hat das Paradigma des vor Scharfsinn strotzenden datierten und unadressierten Problemen - hierin vielleicht
Denksportlers und des präpotenten Epistemologen, das Witt- nur Emile Cioran vergleichbar, der nach seinem Bruch mit
genstein durch seine akademische Persona mitbegründet hat- den hysterischen Übertreibungen der frühen »engagierten«
te, die Oberhand gewonnen, während das, was dem Denker Phase ebenfalls zu einer Art von exiliertem und dekontex-
wirklich am Herzen lag, aus den Themenlisten der analyti- tuiertem Widerstand gegen die Üblichkeiten des Daseins
schen Seminare so gut wie völlig verschwunden ist. Wittgen- übergegangen war. Es würde sich lohnen, Wittgenstein und
stein muß selbst bemerkt haben, daß auf dem Weg des >,Es Cioran unter dem Blickwinkel ihrer anachronistischen Exer-
zeigt sich« etwas ganz anderes als das Gewünschte ans Licht zitien nebeneinanderzustellen - beide erfinden etwas, wofür
kam. Das Ideal der direkten Vorbildwirkung war längst kol- der Jüngere mit seinem ursprünglichen Buchtitel Exercises
labiert, als er 1947 notierte: »Am ehesten könnte ich noch negatifs den richtigen Begriff gefunden hatte. 46 Was Wittgen-
dadurch eine Wirkung erzielen, daß, vor allem, auf meine stein in seinen britischen Jahren 1929 bis 19P zustande
Anregung hin eine große Menge Dreck geschrieben wird, & brachte, bildet in der Summe ein tragisches Zeugnis für das
daß vielleicht dieser die Anregung zu etwas Gutem gibt.«45 kriegsbewirkte Stehenbleiben der kakanisehen reformatio
Man sucht in der Geschichte der Philosophie vergeblich mundi.
nach einem zweiten Beispiel dafür, daß ein Denker seine Wir- Seit der Amputation seiner Welt ist Österreich ein Land
kung so präzise vorhersah. Zugleich resümiert der Satz die ohne Wirklichkeit und Wittgensteins re-importierte Philoso-
intellektuelle Katastrophe der zweiten Hälfte des 20 . Jahr- phie seine Lebenslüge. Wittgensteins Übertritt vom spät-
hunderts. Der »Dreck«, von dem Wittgenstein weiß, daß er habsburgischen Österreicherturn in ein Designer-Christen-
ihn bald oder posthum provozieren werde, ist nichts anderes tum a la Tolstoj mochte vor 1918 einen Teil der von den
als die »Schweinerei«, der er mit seiner offiziellen späteren Besten verspürten Unumgänglichkeit einer radikalen Re-
Theorie, der pseudo-neutralen Sprachspiele-Lehre, in die form symbolisieren. Nach 1918 war eine solche Option
Hände arbeiten sollte. Wittgensteins späte Zweideutigkeit nur noch ein Teil des nahezu universellen Versagens vor
drückt freilich nicht nur einen privaten Komplex aus. Sie be- der Aufgabe, die Regeln für das Leben in einer nach-dyna-
zeugt eine objektive Verlegenheit, die er nicht übersteigen stischen Welt zu formulieren. Hätte Wittgenstein damals
konnte. Für ihn, den Überlebenden der späthabsburgischen schon geglaubt, Kultur sei eine Ordensregel, er hätte im
Welt, waren die Uhren im November 1918 stehen geblieben- Blick auf die Not der Zeit versucht, eine solche zu verfassen
sie bewegten sich zeit seines Lebens nie mehr weiter. Bis da- oder an ihrer Redaktion mitzuwirken - wäre es auch nur in
hin war er wie die übrigen Protagonisten der Wiener Moder- der uneleganten Form eines Parteiprogramms oder eines Er-
ne seiner Zeit voraus gewesen - eingebunden in die asketisch- ziehungskonzepts für nach-feudale Generationen. Er wich
formalistische Problemgemeinschaft derer, die zu der großen lieber in die überholte Welt der österreichischen Land-
Reform aufbrachen. Nach dem Zusammenbruch der österrei- Volksschulen aus - ein Narodnik, der sich im Jahrhundert

45 Ibid., S. I2 1 f. 46 Siehe oben S. 127f.


228 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel «

geirrt hatte. Später trug er durch seine philosophischen heiten handeln. Dennoch kann Besessenheit von einer unbe-
Analysen dazu bei, den österreichischen Modus des Aus- wußt oder halbbewußt befolgten Regel nicht gut die richtige
weichens vor der Realität auf dem Umweg über Großbritan- Art und Weise sein, wie Menschen sich zum Wahren und
nien zu popularisieren. Die Sprachspiel-Lüge begann ihren Richtigen verhalten. Daß die Bedeutung eines Worts sein rea-
Siegeszug durch die Seminare der westlichen Welt, ohne daß ler Gebrauch ist, mag ja sein, entscheidend ist die Läuterung
irgend jemand bemerkte, worauf die Täuschung beruhte. Es des Gebrauchs. Hat nicht Adolf Loos das Eigenleben der
war, als hätten amerikanische Baumärkte ausschließlich Pro- Alltagsdinge minutiös studiert, um dann die trivialsten Ge-
dukte des aristokratischen Formalismus a la Loos vertreiben genstände durch Utensilien von raffiniertester Vereinfachung
sollen - ohne Rücksicht darauf, daß Baumärkte unvermeid- und höchster Materialgediegenheit zu ersetzen? Und Witt-
lich nur das Baumarkt-Übliche im Angebot führen. Durch genstein selbst - hat er nicht in dem Haus in Wien, das er
die Art seines Stehenbleibens im Jahr r9 1 8 hat Wittgenstein für seine Schwester entwarf, sogar die scheinbar definitiv
das geistige Stehenbleiben der Anglowelt nach 1945 ideolo- gegebenen Formen der Türklinken verworfen und eigene,
gisch mitbegründet: Nach außen die scheinbare Gleichwer- neu gezeichnete an ihre Stelle gesetzt, Klinken, die durch
tigkeit aller Lebensformen, analytische Fitness und liberales ihre Form verrieten, ob die Tür nach außen oder nach innen
anything goes, nach innen Heimweh nach den grünen Tälern öffnet?
der Dummheit und Hierarchie-Gefühle einer Elite aus ver- Die Konsequenzen aus diesen Analogien reichen weit: Tat-
gangenen Zeiten. sächlich können und sollen eine Vielzahl der nicht-deklarier-
ten Übungen in deklarierte umgewandelt und dabei geklärt
werden. Das Gefälle zwischen der nicht-deklarierten und der
Deklarierte Übungen deklarierten Übung gehört selbst zu den ersten ethischen Tat-
sachen. Diese Differenz rechtfertigt Wittgensteins - gegen die
Ich möchte diese Diagnosen nicht als destruktive Kritik miß- aufklärerische Instrumentalisierung der Klarheit zugunsten
verstanden sehen, im Gegenteil: Die von Wittgenstein ausge- des »Fortschritts« gerichtete - These von 1930: »Mir dagegen
henden Verzerrungen zu korrigieren ist keine unlösbare Auf- ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit Selbstzweck.« 47 Der
gabe. Es genügt, an die sezessionistische Dynamik der Suche vorgebliche Selbstzweck ist in Wirklichkeit das Medium, in
nach der guten Form zu erinnern, um zu begreifen, daß die dem die Umwandlung von besessenen Regelanwendungen in
Sprachspiel-Theorie eigentlich eine Trainingstheorie dar- freie Übungen stattfindet.
stellt, die auf dem - seinerseits nicht deklarierten - Unter-
schied zwischen deklarierten und nicht-deklarierten Askesen Der ethische Ur-Satz: »Du mußt dein Leben ändern!« kann
beruht. Die einzelnen Sprachspiele sind mikro-asketische darum fürs erste nur dadurch befolgt werden, daß die Üben-
Module, die üblicherweise von den Spielern ausgeführt wer- den sich ihre Übungen als Übungen, das heißt als den Üben-
den, ohne daß sie wissen, geschweige denn bedenken, was sie den engagierende Lebensformen, bewußt machen. Der
tun. Wenn sie handeln, wie man es ihnen beigebracht hat, sind Grund für diese Forderung ist evident: Wenn die Spieler sel-
sie gewissermaßen von der Grammatik Besessene, mag es sich
auch nur um die milde Besessenheit durch Satzbau-Gewohn- 47 Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, a. a. 0., S. 3I.

I
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23° I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 23 1
ber unausweichlich von dem geprägt werden, was sie spielen der Schweige-Regel und ein durch die Jahrzehnte verzettel-
und wie sie es spielen (und wie man ihnen zu spielen ein- tes Sprechen über das Was und Wie des Sprechens gewesen
gebläut hat), dann kommen sie nur auf die Kommandobrük- wäre.
ke ihrer Selbstveränderung, indem sie die Spiele, in die sie Von dem Schweige-Gerede bleibt nur soviel übrig, wie
verstrickt sind, als das klären, was sie sind. Folglich ist die nötig ist, um einem Übenden klarzumachen, es komme dar-
Sprachspiel-Theorie kein Ausdruck von »therapeutischem auf an, die Übung auszuführen und nicht über sie zu raison-
Positivismus«, wie der amerikanische Philosoph Brian Farell nieren. Einen Diskuswurf bringt man nur zustande, indem
1946 mit der Instinktlosigkeit des Baumärkte-Kunden be- man den Diskus wirft - und kein Gerede über Diskusse und
hauptete - man versteht, wieso Wittgenstein über diese Defi- über die richtige Art, sie zu werfen, kann den Wurf ersetzen;
nition »aufs höchste verärgert war«.48 Sie ist die Arbeitsform auch die Biographie der Werfer und die Bibliographie der
des transformierenden Asketismus, und somit ethischer Se- Wurf-Literatur führen keinen Schritt weiter. Das ändert nicht
zessionismus in Aktion. Sie wird praktiziert mit dem Ziel, aus das geringste daran, daß »Diskologie« eine Disziplin werden
dem Durcheinander der vorgegebenen, unter situativem könnte, die nach dem Stand der Kunst auszuüben wäre, falls
Zwang einverleibten und unvermeidlich »schweinerei«nahen es sie gäbe. Bei ihr bestünde die Ausführung darin, die
Lebensformen eine Auswahl an Spielen zu treffen, die in die Sprachspiele, die zu dieser -logie gehören, lege artis zu prak-
geklärte »Ordensregel« übernommen werden. »Sprachspiel« tizieren - warum nicht an einem Sonderforschungsbereich
ist alles, der lebende Kristall und die Schweinerei, es kommt für Wurf-Forschung und Human-Projektilkunde? Ob es
auf die Nuance an. nun besser wäre, ein Diskurswerfer oder ein Diskologe zu
sein, ist eine andere Frage. Sie zwingt zur Wahl zwischen
zwei Disziplinen, von denen jede auf ihre Weise gekonnt
\Vovon man nicht schweigen soll werden will - oder sie resultiert in einer Fächerverbindung
und führt zur Entstehung des athleta doctus.
Damit erü brigt sich das unter Wi ttgensteinianern grassierende Die Wittgensteinsche Schweigerei enthält für sich genom-
Gerede über das Schweigen, das vorgeblich bei allem, worauf men keinen tieferen Sinn als Erich Kästners Vers »Es gibt
es im Leben wirklich ankommt, gewahrt werden müsse. Man nichts Gutes / Außer: Man tut es «. Wer will, könnte sie auch
schweigt nicht, wenn es um Präferenzen geht. Auch in diesem mit der Benediktusregel assoziieren, in der es im Abschnitt
Punkt führt die Suche nach der Quelle der Verwirrung zu Wie der Abt sein soll heißt: »Wer also den Abtsnamen ange-
Wittgenstein selbst. Er war in diesem sensitiven Punkt auf nommen hat, muß seinen Schülern mit doppelter Belehrung
seine eigene Ideologie hereingefallen, indem er den für ihn vorstehen; das heißt, er hat alles Gute und Heilige mehr durch
schon früh attraktiven jesuanischen und monastischen Werke als durch Worte zu zeigen.«49 »Religiös« aufgeladen
Schweige-Habitus suggestiv mit seiner logisch schwächeln- wird der Wittgensteinsche Habitus dadurch, daß in ihm
den Leugnung der Möglichkeit von Meta-Sprachen amalga- die Urszene des »Schweigend-die-Wahrheit-Verkörperns«
mierte - als ob nicht sein ganzes Werk ein einziges Brechen
49 Die Benediktusregel, Lateinisch/ D eutsch, Beuron 2006, 2 , I 1-12,
S. 84/85: id est omnia bona et saneta factis amplius quam verbis
48 JanikiToulmin, Wittgensteins Wien, a.a.O., S. 295. ostendat.
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 233

durchscheint, wie sie das Dastehen von Jesus vor Pilatus kohärenter Studien zur Abklärung des Zwecks von übendem
verkörpert. Das Verhalten des Philosophen wird vielleicht Verhalten. Merkwürdigerweise klafft in seinem aktiven Vo-
verständlicher, w enn man sich vorstellt, wie er permanent kabular an der entscheidenden Stelle eine Lücke - ich kenne
vor Pilatus steht. Dadurch ergibt sich ein bildlicher Kom- jedenfalls keinen Passus in seinen Schriften, an der das Wort
mentar zu dem Satz: »Wittgenstein aber schwieg. « In Wirk- »üben« in mehr als beiläufiger Weise verwendet wird. Auch
lichkeit schwieg er nicht, er hielt im Gegenteil Vorträge durch finde ich keinen Hinweis darauf, daß Wittgenstein sich der
ein Verhalten, wie es sich für einen Mann gehört, der über- etymologischen Identität von »Askesis« und »Übung« be-
zeugt ist, die Welt sei der ideale Ort, um etwas zu zeigen. wußt war. Deshalb kann man vielleicht sagen, Wittgensteins
Über den Inhalt des zu Zeigenden wurde er sich nie so richtig »Werk« sei um einen blinden Fleck, den fehlenden Grund-
klar. Weder konnte er den Schritt zu einer förmlichen Do- begriff »Askesis «, angeordnet. Sein expliziter Sinn für Gram-
zenten- und Trainer-Rolle tun, noch sich zu einer manifesten matisches ist von seinem impliziten Verständnis für Asketi-
Guru- und Messias-Rolle entschließen. Er blieb im wichtig- sches nicht zu trennen.
sten Punkt unentschieden, zum einen aus psychischen Grün- Wittgensteins Untersuchungen zur Vielfalt der Sprach-
den, zum anderen, weil er innerhalb seiner Lehre vom spiele sind darum als Beiträge zur allgemeinen Asketologie
schweigenden Zeigen die bei den Aufgaben nicht trennte: zu lesen - als gesammelte Hinweise auf die Allgegenwart des
die des Beispielgebens als technischer Meister und die des praktisch-übenden Motivs in sämtlichen Feldern menschli-
Sich-zum-Beispie1-Gebens als Lebenslehrer. chen Verhaltens. Die Mikro-Askese ist immer aktuell. Sie
bleibt an allem beteiligt, was Menschen tun - ja sie reicht
bis in die vorpersonale Zone, in die Idiolekte aller Körper-
Asketologische Dämmerung und Fröhliche Wissenschaft teile, von denen jeder seine eigene Geschichte hat. Vor den
Spielen und den Sprachspielen gibt es kein Entkommen - weil
Wittgensteins Unfähigkeit, den Unterschied zwischen Aske- dem Gesetz des Übens nichts entgeht, ob es nun intentional
tik und Ethik zu explizieren - und die dadurch bedingte Ver- geschieht oder in ich-fernen und absichtslosen Wiederho-
wechslung von zeigendem Vormachen einer Übung mit lungsreihen. Daß Alltag und Übung identisch sind, gehört
schweigender Verkörperung des »Ethischen« -, hat zwar zu den stärksten Intuitionen des Sprachspiel-Denkens. Aber
ein halbes Jahrhundert lang für Konfusion im Lager des ana- daß nicht alles Alltägliche per se in Ordnung ist und daß nicht
lytischen Opportunismus gesorgt, aber sie bedeutet an sich jede Wiederholung eines eingeschliffenen Sprachspiels den
kein unheilbares Gebrechen. Um es in den Ausdrücken des Übenden voranbringt oder auch nur ihm nützt, gilt es gegen
hier entwickelten Versuchs zu sagen: Wittgensteins Werk den Hauptstrom des nivellierten Sprachspiel-Geredes zu ver-
gehört, wie das aller bisher behandelten Autoren, zu der im deutlichen. Im übrigen ist es nicht wahr, daß die Philosophie
späteren 19. Jahrhundert einsetzenden Bewegung, die ich die eine Erkrankung der Sprache wäre, die durch den Rückgang
asketologische Dämmerung nenne. Aus ihr müssen die Kon- auf den gewöhnlichen Sprachgebrauch geheilt werden könne.
sequenzen gezogen werden - ich wiederhole meine Behaup- Das Hinhorchen auf die gewöhnliche Sprache lehrt eher das
tung, daß sie auf eine allgemeine Anthropotechnik hinaus- Gegenteil - sie ist häufig um vieles kränker als die Philoso-
laufen. Was der Autor hinterläßt, ist eine Fülle kohärent in- phie, der sie vorgeblich Heilung bringt.
234 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 » Kultur ist eine Ordensregel « 235
Alles, was Wittgenstein als Sprach-Ethiker und logischer ihm untersuchten Disziplinen performative Systeme sind als
Reformer zu Papier brachte, ergibt aus meiner Sicht nur »Widerspiegelungen« der Wirklichkeit. Wenn er für die
Sinn, wenn es als die bis dahin ernsteste Neuaufnahme des Gruppe der Disziplinen, an denen er die Performativität
Nietzscheschen Programms der Fröhlichen Wissenschaft des wissenschaftlichen Wissens bzw. der Wissens effekte er-
verstanden wird. Fröhlich ist diese Wissenschaft in dem läutert, in seinem Buch Les mots et les choses ausgerechnet
Maß, wie sie zum Schaden der Dummheit ihre Klärungen den Ausdruck episteme gebraucht, haben wir es mit einer
vorantreibt, ohne der Neigung zur fundamentalistischen exquisiten Ironie zu tun - diesbezüglich nur mit dem Wort
Grämlichkeit zu erliegen, die sich üblicherweise mit reformi- »Rationalisierung« vergleichbar, durch das die Psychoanalyse
stischem Polemismus verbindet. Ich erlaube mir daher, Witt- die unter Wunschdiktat erfolgten logischen Zurechtlegungen
gens tein für einen okkulten Nietzscheaner zu halten, nicht der Neurotiker charakterisiert. Analog hierzu bilden die Dis-
nur auf der taktischen oder formalen Ebene, da er wie der ziplinen der episteme die diskursiven Zurechtlegungen der
Autor von Menschliches, Allzumenschliches den besten Teil Theorie-Machthaber, gleich, ob sie als Psychiater, als Ärzte,
seiner Erkenntnisse in Kleinattacken notierte, sondern auch als Biologen, als Ökonomen, als Gefängnisdirektoren oder
strategisch, insofern er wie Nietzsche der Philosophie eine als Juristen praktizieren. Infolge ihres performativen Status
Guerilla-Form verlieh und eine existentiell verbindliche sind die »Diskurse« zu jeder Zeit der Praxis-Machtgeschichte
trans formative Analyse entwarf, mit dem Ziel, durch die klä- ein Amalgam aus Wissenseffekten und exekutiven Kompe-
rende Veränderung der Form des Lebens das Leben selbst von tenzen.
Grund auf zu verwandeln. Deshalb könnte man Foucaults Arbeiten, wie sie sich von
den späten fünfziger Jahren bis in die mittleren siebziger Jah-
re entwickelt haben, einen mit Heidegger potenzierten - und
Foucault: Ein Wittgensteinianer mit Surrealismen hochgezogenen - Wittgensteinianismus
nennen, der kurioserweise ohne nähere Kenntnis der deut-
Wenn Wittgenstein ein okkulter und unfreiwilliger Nietz- schen und britischen Quellen entstand, wie insgesamt die
scheaner war, so trat Michel Foucault von Anfang an als des- französische Kultur nach 1945 den Ideen der analytischen
sen manifestes und freiwilliges Gegenstück hervor. Nichts- Tradition keinen Nährboden bot. Mit der Modeströmung
destoweniger kann man sagen, Foucault habe die Arbeit dort des Pariser Strukturalismus hatten Foucaults Versuche natur-
aufgenommen, wo Wittgenstein sie liegengelassen hatte - bei gemäß wenig zu tun - von gewissen Gemeinsamkeiten in der
dem Nachweis, daß ganze Wissenschaftszweige bzw. episte- Frontstellung gegen die Diktate des »Hypermarxismus«50
mische Disziplinen nichts anderes sind als komplex zusam- abgesehen.
mengesetzte Sprachspiele, alias Diskurse bzw. diskursive
Praktiken. Wie Wittgenstein mit dem kognitivistischen Vor-
urteil in der Sprachtheorie gebrochen hatte, um zu zeigen,
wieviel mehr das Sprechen ein Handeln ist als ein Wissen,
so brach Foucault mit dem epistemistischen Vorurteil in der
Wissenschaftstheorie, um darzulegen, wieviel mehr die von 50 Siehe oben Fußnote 23, S. 204·

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23 6 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen »Kultur ist eine Ordensregel «
2 237

recht verstanden habe, ob sie überhaupt etwas machen. Aber


Tragische VertikaLität Intellektuelle, nie.« 51
Kaum je ist in den Turbulenzen der Foucault-Rezeption
Sein Werk ist jedoch zu vielfältig und zu flamboyant, um nach dem Durchbruch von Les mots et les choses, 1966,
unter einem einzigen Gesichtspunkt resümiert werden zu bemerkt worden, daß die Manifestation des Autors zwölf
können. Ich beschränke mich auf zwei Aspekte, die einen Jahre zuvor mit einem anti-psychoanalytischen Pauken-
evidenten Bezug zu unseren Fragestellungen aufweisen: schlag begonnen hatte: Erstaunlich selbstbewußt schob er
zum einen auf Foucaults lakonische, weit vorausdeutende die Deformationsmechanik der Freudschen Traumanalyse,
frühe Beiträge zu einer Neubestimmung der Vertikaldi- die sogenannte »Traumarbeit«, beiseite, um den Traum als
mension in der menschlichen Existenz, zum anderen seine die entscheidende Manifestation der tragischen Wahrheit
reich verzweigten späten Studien zu den autoplastischen über den Menschen zu statuieren:
oder selbstskulpturalen Lebenstechniken der Antike. Das »Der Traum ist der Träger der tiefsten menschlichen
erste relevante Dokument finde ich in Foucaults großer Bedeutungen nicht, indem er deren verborgene Mecha-
Einleitung zu Ludwig Binswangers Buch Traum und Exi- nismen und unmenschliche Räderwerke aufdeckt, son-
stenz, 1954, worin er die »tragische Vertikalität« des Da- dern im Gegenteil: indem er die ursprünglichste Freiheit
seins zur Sprache bringt; die übrigen Quellen gehören der des Menschen ans Licht bringt.«52
Gruppe von Arbeiten an, die der Denker in der Zeit Während der Schlaf den Tod leugnet, indem er ihn simuliert,
seines Schweigens als Autor zwischen 1976 und 1984 vor- sagt der Traum - besonders der Traum vom Tod - die Wahr-
antrieb und die den posthum edierten Werkkomplex um heit. Er vollbringt damit eine Art von »Selbsterfüllung«, in-
Figuren wie »Selbstsorge«, »Selbstkultur« und »Kampf dem er das »Auftauchen des Individuellsten im Individuum«
mit sich selbst« organisieren. bewirkt. 53 »In allen Fällen ist der Tod der absolute Sinn des
An beiden Polen ist die »akrobatische« Dimension - als Traums. «54
Stellungnahme der Existenz angesichts des Auftauchens der Wenn dies zutrifft, kann die Struktur der Existenz nur von
ihr inhärenten Vertikalspannung - unübersehbar. Die Fou-
caultschen Überlegungen zu den horizontalen Phänomenen,
den vielzitierten historischen Formationen der »Diskurse«, 5I Michel Foucault, Der maskierte Philosoph. In: Von der Freund-
schaft als Lebensweise. Michel Foucault im Gespräch, Berlin 1984,
lasse ich hier beiseite, weil sie für unsere Fragestellung uner- S. 9-24. Im übrigen ist die Zuordnung der »Diskurse« zur Horizon-
giebig sind und weil sie dieselbe verführerische Zweideutig- talen ein Gedanke, den Foucault wahrscheinlich bei Binswanger
keit wie Wittgensteins Sprachspiel-Theorem aufweisen - sie gefunden hatte. Dieser weist in seinem ~ufsatz über ~Versti.egen­
haben die Wirkung von Fallen, in die Intellektuelle gern lau- heit« von 1949, den Foucault ohne Zweifel kannte, die »Dlskur-
sivität« dem Dasein im Horizontalraum zu, während er die schi-
fen, um ihre kritischen Reflexe zu bestätigen, als hätte nicht zophrene Verstiegenheit zu den Pathologien der Vertikalität
gerade Foucault betont, er habe noch nie im Leben einen rechnet.
»Intellektuellen« getroffen, sondern immer nur Leute, die 52 Zitiert nach: Foucault. Ausgewählt und vorgestellt von Pravu Ma-
Romane schreiben, Leute, die mit Kranken arbeiten, Leute, zumdar, München 1998, S. 94.
53 Ibid., S. 95 ·
die lehren, Leute, die malen, und Leute, »bei denen ich nie so
54 Ibid., S. 97·
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 "Kultur ist eine Ordensregel« 239
der Analyse des Traums her erhellt werden - aber keineswegs Kraft der Selbstgestaltung, in der sich die ethische Kompe-
im Sinne Freuds. Im Traum betritt der Mensch das eigentliche tenz des Individuums verdichtet. So wie der junge Foucault-
dionysische Theater, jedoch nicht, um ein neuer Ödipus zu der mit Anfang Zwanzig zwei Selbstmordversuche überlebt
werden. Wir bewegen uns beim Träumen in einer gerichteten hat - den Selbstmord als die wiedergefundene Ursprungs-
Räumlichkeit, die ursprünglicher ist als die der Geometrie geste deutet, »in welcher ich mir Welt mache«56 (wie man
und der übersichtlichen Anordnung der Dinge im hellen sich Luft macht, indem man an die Quelle der Freiheit zu-
Raum. In der existentialen Räumlichkeit des Traums besitzt rückgeht), so entdeckt der späte die übende Selbstgestaltung
die Vertikalachse eine völlig andere Qualität als in der Ma- als die aus der eigensten Daseinsmöglichkeit entspringende
thematik oder der Architektur. Sie gibt der Begeisterung die Bewegung: mit sich über sich hinaus.
Richtung ihres Aufstiegs vor - bis zur Ruhe auf dem Gipfel, Diese Entdeckung begeistert den Denker vor allem darum
in der Nähe des Göttlichen. Zugleich kann die so sehr, weil sie ihm erlaubt, die Karten auf den Tisch zu legen
»vertikale Achse auch der Vektor einer Existenz sein, und sich als Mann der Vertikalen zu bekennen, ohne in den
die auf Erden ihre Heimat verloren hat und die - wie der Verdacht zu geraten, er wolle insgeheim wieder auf die aus-
Baumeister Solness - dort droben ihren Disput mit Gott getretenen Pfade der Allerweltstranszendenz christlich-pla-
aufnimmt; dann markiert sie die Flucht in die Maßlo- tonischen Stils zurückkehren. 57 Im selben Verfahren klärt er
sigkeit und birgt von Anfang an den Taumel des Stur- sein Verhältnis zu Nietzsehe, indem er die von ihm ausgehen-
zes.«55 de Verführung zum Exzeß durch dessen eigene späte Asketik
Schon Binswanger hatte den anthropologischen Vorrang der korrigiert - genauer: durch deren vorchristliche Muster, von
vertikalen Dimension statuiert, weil sich für ihn in den denen Nietzsehe geträumt hatte, als er erklärte, er wollte die
Dramen des Aufstiegs und des Sturzes die wesentliche Zeit- Asketik wieder »vernatürlichen«.58 Foucault hatte verstan-
lichkeit der Existenz enthüllte. Von Heidegger übernimmt den, daß der Dionysiker scheitert, wenn man ihm nicht einen
Foucault die Bestimmung des »Transzendierens« auf der ver- Stoiker einpflanzt. Dieser räumt das Mißverständnis aus, wo-
tikalen Achse als »Losreißung von den Fundamenten der nach das Außer-sieh-Geraten auch schon ein Über-sieh-Hin-
Existenz «; die komplementäre Bewegung zeigt sich als tragi- ausgehen sei. Das »Über« im übenden Über-sich-hinaus-Ge-
sche »Transdeszendenz«, als Absturz von einem Gipfel, des- hen ist nur noch dem Anschein nach das gleiche wie das, von
sen einziger Sinn es zu sein scheint, den Verstiegenen die für dem bei der frühen Entdeckung der tragischen oder ikari-
fatale Stürze nötige Fallhöhe zu geben.
Es werden rund fünfundzwanzig Jahre vergehen, bis Fou- 56 Ibid., S. 10 5.
57 Der tocus classicus hierfür ist Augustinus, Von der wahren Religion,
caults Denkwege wieder an die Stelle gelangen, die er in sei-
XXXIX, 72: »Geh nicht nach draußen, kehr in dich selbst zurück,
nem Binswanger-Kommentar berührt hatte. Dann weiß er: im inneren Menschen wohnt die Wahrheit. Und wenn du deine
Die Arbeit an der Vertikalität ist nicht nur eine Sache der Natur noch wandelhaft findest, geh auch über dich selbst hinaus
ursprünglichen Einbildungskraft, von der in den frühen (transcende et te ipsum). Denke aber daran, wenn du über dich
hinausgehst, daß es die Vernunftseele ist, die über dich hinausgeht.
Überlegungen die Rede gewesen war. Sie bedeutet jetzt eine
(Sed memento cum te transcendis, ratiocinantem animam te tran-
scendere.)« .
55 Foucault, S. [01. 58 Siehe oben S. [94·
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel«

schen Vertikalität die Rede gewesen war. 59 Es ist in Wahrheit Wenn er in demselben Gespräch, an seine Anfänge in der
das »Über« der überlegenen Reife, erworben auf den Spros- abstrakten Revolte erinnernd, sentenzhaft formulierte: »wir
sen der Übungsleiter. 6o wollten völlig andere sein in einer völlig veränderten Welt«,62
Der transgressive Kitsch, d en Foucault bei Bataille viele spricht er schon als ein wirklich Veränderter, der sich, Licht-
Jahre zuvor aufgelesen hatte und zu dem er dank seines mi- jahre von seinen Anfängen entfernt, an das konfuse Verlangen
metischen Talents selbst einige prekäre Exempel beisteuerte, nach totaler Andersheit erinnert. Mit dieser Wendung steht
tritt in d en Hintergrund. Er wird im Rückblick nicht mehr als er jenseits der Ironie, sogar jenseits des Humors. Auf seine
eine Episode auf dem Weg z um allgemeineren Verständnis Weise wiederholte Foucault die Entdeckung, daß man das
der selbstformenden Verfassungen übenden Lebens bedeu- »Bestehende« nicht unterwandern kann - nur überwandern.
ten. Unnötig zu sagen, daß jetzt auch die letzten Verbindun- Er war ins Freie getreten und bereit geworden, etwas wahr-
gen zum Milieu der ressentimentgetriebenen Linken in zunehmen, was für eine in französischen Schematismen kon-
Frankreich durchtrennt wurden. Deren Fabrikationen war ditionierte Intelligenz strikt unsichtbar ist: die Tatsache, daß
Foucault schon seit längerem ferngestanden, und wenn er in die Menschen in ihren Ansprüchen an Freiheit und Selbst-
einem Gespräch aus dem Jahr 1980 erklärte: »nichts ist mir bestimmung durch die Disziplinen, die Regime und die
fremder als der Gedanke eines Herrn, der Ihnen sein eigenes Macht-Spiele nicht unterdrückt, sondern ermöglicht werden.
Gesetz aufzwingt. Ich akzeptiere weder die Vorstellung der Die Macht ist kein behindernder Zusatz zu einem ursprüng-
Herrschaft noch die Universalität des Gesetzes «,61 so sprach lich freien Können, sie ist für das Können in allen Spielarten
er eine Überzeugung aus, die ihn seit mehr als zwei Jahrzehn- konstitutiv. Sie bildet überall das Erdgeschoß, über dem ein
ten von den stalinistischen, trotzkistischen und maoistischen freies Subjekt einzieht. Man darf daher auch den Liberalismus
Flügeln der französischen Intellektuellenszene entfremdet als ein System von disziplinarischen checks und balances be-
hatte - um nur einige Verbindungen zu anarcho-liberalen schreiben, ohne ihn im geringsten zu verherrlichen, aber auch
und linksdionysischen Strömungen zu bewahren. ohne ihn zu denunzieren. In der gelassenen Härte eines
Wichtiger noch war, daß er sich jetzt auch von den para- Zivilisationstrainers erklärte Foucault: »Natürlich konnte
noiden Resten seiner eigenen Macht-Untersuchungen freige- man die Individuen nicht befreien, ohne sie zu dressieren.«63
macht hatte. Erst aus der spät erworbenen Haltung methodi-
scher Gelassenheit gelang es ihm, einen Begriff von Regimen,
Disziplinen und Macht-Spielen zu formulieren, in dem sich Sprach spiele, Diskursspiele, Allgemeine Disziplinik
keine zwanghaft antiautoritären R eflexe mehr ausdruckten.
Damit war der Weg zu einer Allgemeinen Disziplinik frei.
59 Vgl. Jacques Lacarriere, L'envol d'Icare suivi de Traite des chutes, Foucault hat ihn ein Stück weit beschritten, indem er in einer
Paris 1993. Serie von minutiösen Neulektüren mehrheitlich stoischer Au-
60 Über Höhenphantasien im allgemeinen vgl. Gaston Bachelard, toren das Universum der antiken philosophischen Askesen
L'Air et les songes. Essai sur I'imagination du mouvement, Paris
1943·
61 Michel Foucault, Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit 62 Foucault, Der Mensch ist ein Erfahrungstier, a. a. 0., S. 37·
Ducio Trombadori, Frankfurt am Main 1996, S. 117. 63 Ibid., S. II6.

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I Die Erobe rung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist ei ne Ordensregel « 243

neu durchmaß - unbehindert durch die überall aufgerichteten Differenzen zwischen den beiden Denkern des übenden Le-
Barrieren des kritischen Kitschs, der in jeder Form von bens werden hingegen bewußt, wenn man ihre Deutungen
»Selbstbeherrschung« die Unterwerfung wittert und bei des Aufenthalts auf der Höhe des Mount Improbable ver-
jeder Disziplin in der Lebensführung sofort die Selbstrepres- gleicht. Während Wittgenstein es erstaunlich genug findet,
sion unterstellt, mit der eine äußere Repression verdoppelt wenn Lebensformen so weit geklärt werden können, bis das
würde - man erinnert sich, um eines der bekanntesten Bei- Dasein auf der Hochebene dem Aufenthalt in einem von
spiele zu erwähnen, an die Ungereimtheiten, die Adornos und Logikern bewohnten tibetischen Bergkloster gleicht, stürzt
Horkheimers Dialektik der Aufklärung in das Sirenen-Kapi- sich Foucault in die Rolle des Bergbauingenieurs, der mit
tel der Odyssee hineinlas, um aus dem griechischen Seefahrer Tiefenbohrungen an verschiedenen Stellen die Höhe des Ge-
einen triebunterdrückten Bourgeois zu machen, der überdies birges und die Zahl seiner verborgenen Faltungen offenlegt.
umgehend zum Prototypus des europäischen »Subjekts« Für ihn ist der Berg des Unwahrscheinlichen ein Archiv, und
avanciert. Mit Beklemmung denkt man an die Zeit zurück, die plausibelste Art und Weise, ihn zu bewohnen, ist das Ein-
in der solche Plumpheiten einer Generation jüngerer Intellek- dringen in die alten Korridore, um die Physik des Archivs zu
tueller als Nonplusultra des kritischen Denkens erschienen. studieren. Sein Gefühl freilich sagt ihm, der Berg kulminiere
Der Reiz der Schriften des späten Foucault liegt in dem in jedem einzelnen Individuum, das auf ihm lebt, weshalb die
unverhohlenen Ausdruck der Verwunderung darüber, in wel- Ethik dieser Studien klarmachen will, daß das, was wie ein
che Gegenden ihn sein Studium antiker Autoren geführt hat. Massiv aussieht, in Wahrheit eine Ansammlung aus jeweils
Er reklamiert für seine Expedition in die Geschichte der As- singulären Kulminationen ist - auch wenn diese sich zumeist
kesen bzw. der »Selbsttechniken« den Status einer »philoso- nicht als solche spüren. Der Imperativ: »Du mußt dein Leben
phischen Übung«: ändern! « heißt hier: Du selber bist der Berg des Unwahr-
»Das ist die Ironie der Anstrengungen, die man macht, scheinlichen, und wie du dich faltest, so ragst du empor.
um seine Sichtweise zu verändern ... Haben sie wirk- Die sachlichen Parallelen zwischen Wittgenstein und Fou-
lich dazu geführt, anders zu denken? Vielleicht haben cault sind eindrucksvoll, auch wenn wir die psychodynami-
sie höchstens dazu geführt, das, was man schon dachte, sche Seite der bioi paralleloi zweier homosexueller Frühbe-
anders zu denken, und unter einem anderen Gesichts- gabter, denen nach einer Phase weit getriebener Selbstzerstö-
winkel und in einem klareren Licht wahrzunehmen, rungsversuche eine Art von Selbsttherapie gelang, außer
was man ohnehin tat. Man meinte sich zu entfernen, Betracht lassen. Die Notiz Wittgensteins aus dem Jahr
und findet sich in der Vertikale seiner selber.,,64 194 8: »Ich bin zu weich, zu schwach & darum zu faul, um
Die Nähe zwischen der Wittgensteinschen Form-Klärung Bedeutendes zu leisten. Der Fleiß der Großen ist, unter an-
und der Foucaultschen philosophischen Übung ist frappie- derem ein Zeichen ihrer Kraft, abgesehen auch von ihrem
rend. Auch die Analogien zwischen den »Sprachspielen« und inneren Reichtum «, ist meines Wissens bisher nicht im Licht
den »Wahrheitsspielen« drängen sich auf. Die wesentlichen von Foucaults Studien über Geständnispraktiken untersucht
worden. Man kann sich gut vorstellen, diese Zeilen wären
64 Foucault, ausgewählt und vorgestellt von Pravu Mazumdar, nach einer Begegnung Wittgensteins mit Foucault geschrie-
a.a.O., S. 465f. ben worden - allerdings hätte Wittgenstein Foucaults Arbei-
244 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel«

ten bis 1975 mehr verabscheut als bewundert, weil er seinen


frühen und mittleren Stil unerträglich gefunden hätte. Die Philosophischer Mehrkampf
posthumen Schriften hätte er wohl als die Wunderwerke an Das Subjekt als Träger seiner Übungsreihen
manierismusfreier Klarheit gelesen, die sie sind.
Ihre stärkste Verwandtschaft zeigen jedoch beide Denker In Wirklichkeit hatte er den Durchbruch zu einer Konzep-
aus der Sicht ihrer Wirkungsgeschichten. Beim einen wie tion der Philosophie als Exerzitium vollzogen und die letzten
beim anderen bildet der Punkt der höchsten Nachahmbarkeit Reste an surrealistischem Übergewicht abtrainiert. Ihm war
den Auslöser ihres akademischen Erfolgs, weil er in beiden klar geworden, daß Ästhetizismus, aktivistische Romantik,
Fällen den Punkt der suggestivsten Mißverständlichkeit dar- Dauerironie, Transgressionsgerede und Subversionismus
stellt. Bei Wittgenstein haben wir gesehen, wie aus der Sprach- nur träumerische Trägheiten sind, die mit Mühe einen Mangel
spiel-Theorie die Ordinary-Language-Irreführung wurde; an Form kaschieren. Längst hatte er verstanden: Wer von
im Fall Foucaults ist ohne Mühe nachvollziehbar, wieso seine Unterwanderung redet und vom Werden schwärmt, gehört
Diskurs-Theorie dem kritischen Konformismus eine leichte in die Anfängerklasse. Foucault hatte sich selbst zu etwas
Beute schien. Kein Mensch ahnte, was für eine Art von Exer- gemacht, wovon Nietzsehe in seinen späten »physiologi-
zitien in der Horizontalen der seltsame Archivar absolvieren schen« Notizen einen ersten Begriff gegeben hatte: zum
mußte, bevor er zu einer nicht mehr tragischen Vertikalität Träger einer Intelligenz, die reiner Muskel, reine Initiative
zurückkehren konnte. Man hielt all diese Studien über Asyle, geworden war. Deshalb die völlige Abwesenheit von Manie-
Kliniken, Psychiatrien, Polizeien und Gefängnisse für eine rismen in seinem späten Stil. Die Ersetzung der Verstiegen-
etwas verquere Form von Gesellschaftskritik und zollte ihrer heit durch die Manieriertheit - das mit Binswanger zu ent-
lyrisch gedopten Akribie hohes Lob. Daß sie immer auch schlüsselnde Geheimnis seiner mittleren Periode - war
asketische Selbstformungsübungen anstelle eines dritten überflüssig geworden.
Selbstmordversuchs waren, begriff kein Leser, und mögli- Nach Foucault darf die Philosophie wieder daran denken,
cherweise war der Autor selbst sich hierüber nicht immer zu werden, was sie gewesen war, bevor das kognitivistische
im klaren. Sein Beharren auf der Anonymität der Autorschaft Mißverständnis sie aus der Bahn warf - ein Exerzitium der
zielte in die gleiche Richtung: Wo Niemand ist, kann sich auch Existenz. Als Ethos des luziden Lebens ist sie reine Disziplin
niemand umbringen. Die Ratlosigkeit war darum groß, als der und reiner Mehrkampf - sie bringt auf ihre Weise die Wieder-
späte Foucault mit der Ironie des Losgelösten einen Haken herstellung des antiken Panathlon mit sich, ohne sich auf eine
schlug und das Gefolge der Kritischen und Subversiven ab- abgezählte Gruppe von Agonen festzulegen. Die Analogie
schüttelte. Wer dann immer noch auf seinen Spuren bleiben zwischen Sportarten und Diskurs- und Wissens arten muß
wollte, tröstete sich mit der oft wiederholten Versicherung, möglichst buchstäblich genommen werden. Die philosophi-
die Philosophie sei keine Disziplin, sondern eine Aktivität, sche Intelligenz übt die Disziplin, die sie ist, vor allem in den
die die Disziplinen »durchquert«. Dadurch bot er dem an- Einzeldisziplinen, in die sie sich versenkt, wenn es sein muß
archo-kritizistischen Kitsch - um die Wahrheit zu sagen: sogar in die >,Philosophie«. Vor dem »Durchqueren« muß
der Faulheit, die glauben möchte, sie sei eine subversive Kraft gewarnt werden: In neunundneunzig von hundert Fällen
- eine letzte Zuflucht an. bleibt es bei Anfängerfehlern stehen. Eine Metadisziplin gibt
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 247
es naturgemäß nicht - daher auch keine Einführung in die »ungeheuren Landschaft, in der sie sich unmöglich ausken-
Philosophie, die nicht schon von Anfang an selber die maß- nen können«.66 Es ist die unfaßbar weite Landschaft der
gebliche Übung wäre. Disziplinen. Ihre Summe macht die Routinenbasis aller Kul-
Man wird Foucault, schei nt mir, nur gerecht, wenn man turen und aller trainierbaren Kompetenzen aus. Hier haben
seinen Impuls mit dem Pierre de Coubertins zusammen- wir de facta und de iure die »breiteste und längste Thatsache,
denkt. 65 Die Vollendung der Renaissa nce durch die Wieder- die es giebt« vor Augen. Der von Foucault exemplarisch be-
kehr des Athleten um 1900 schließt die Wiederkehr des gangene Weg führt, wird er weit genug fortgesetzt, zu einer
Weisen ein: Im Allkampf der Intelligenz trägt dieser das Seine Allgemeinen Disziplinik als einer Enzyklopädie der Kön-
zur Klärung der Frage bei, in welcher Form die Renaissance nensspiele.
heute sich fortsetzt. Wie immer die Antwort lauten wird: Der Von diesen bilden die durch Foucault untersuchten Dis-
Ausdruck läßt sich nicht mehr auf seine kunstgeschichtlichen kursformationen und Wissensspiele nur ein schmales Seg-
und bildungsbürgerlichen Bedeutungen reduzieren. Er indi- ment, jedoch eines von hoher paradigmatischer Energie.
ziert eine unabsehbar weitreichende Entfesselung von Kön- Die Reichweite der Foucaultschen Anregungen wird man
nens- und Wissensformen jenseits der alteuropäischen Zünf- erst ermessen, wenn es eines Tages eine ausgearbeitete Form
te- und Ständegesellschaften. Indem die aktuelle »Renais- der Allgemeinen Disziplinik geben sollte - man dürfte für
sance« neue Konfigurationen zwischen Kontemplation und ihre Entwicklung ein Jahrhundert veranschlagen. Ihre Im-
Fitness hervorbringt, ermöglicht sie neue Festivals auf dem plantierung erforderte eine zeitgemäße Transformation der
Hochplateau des Bergs der Unwahrscheinlichkeiten. Wer je Universitäten und Hochschulen, sowohl was die Gliederung
an einem solchen teilgenommen hat, weiß, daß es keine der sogenannten »Fächer« oder »Studiengänge« angeht, als
»Wissensgesellschaft« gibt, auch keine »Informationsgesell- hinsichtlich der Grundanahmen der Hochschulpädagogik -
schaft«, soviel die neuen Mystifikateure hiervon auch reden. diese hält wider besseres Wissen noch immer an der Koffer-
Was seit der Renaissance permanent entsteht, ist eine multi- und Kisten-Theorie fest, wonach Lehren und Lernen nichts
disziplinäre und multivirtuose Welt mit expandierenden anderes als das Umfüllen von Wissen aus dem Professoren-
Könnensgrenzen. koffer in die Studentenkisten sei, indessen seit geraumer Zeit
bekannt ist, daß Lernen ausschließlich durch direkte Teilnah-
me an den Disziplinen stattfindet. Die Durchsetzung eines
Aussicht auf eine ungeheure Landschaft sachlich und methodisch disziplinenbasierten Hochschul-
systems wäre zugleich die einzige Art und Weise, wie der
Hat man sich von dem Phantom einer »philosophischen Ak- Verkümmerung des Bildungswesens, ein realistischer Wider-
tivität« jenseits von Disziplin und Disziplinen befreit, kann stand entgegenzusetzen wäre, fundiert in einer reformierten
man in Foucaults Welt den Moment erleben, in dem die gan- Idee von den Gegenständen und Aufgaben eines Großen
ze Szene offen daliegt. Man beschreibt ihn am besten mit Hauses des Wissens.
Wittgensteins Wendung von der den Schülern zu zeigenden Im Gang einer solchen Umstellung würde die effektive

65 Siehe oben S. 141-151. 66 Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, a. a. 0., S. I I I.


r Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine Ordensregel« 249
Geologie des von Menschen gemachten Mount lmprobable Nicht-Selbst-Techniken (wobei die Unterscheidung zwi-
ans Licht treten. Diese universitas der Disziplinen verkörpert schen deklarierten und nicht-deklarierten Meditationen ins
die reale Kulturwissenschaft nach der Auflösung der Kultur- Spiel kommt), des weiteren die (10) Ritualistik (da ja der
Phantome in die Fülle der Kompetenz-Systeme und der Mensch, nach Wittgensteins Behauptung, ein zeremonielles
übungsfähigen Könnenseinheiten. Die überdiskutierte Frage Tier ist und die Zeremonien die trainingsfähigen Verhal-
nach dem Subjekt reduziert sich auf den kompakten Hinweis: tensmodule bilden, deren Träger als >>Völker« auftreten - wes-
Subjekt ist, wer sich als Träger eine Serie von Übungen betä- wegen die Sprachwissenschaften, wie die Theorie der Spiele
tigt - woraus im übrigen folgt, daß zeitweilig beliebte Denk- und der sogenannten Religionen, eine Unterdisziplin der Ri-
figuren wie Exzeß, Dezentrierung und Tod des Subjekts be- tualistik ausmachen), die (I1) Sexualpraxiskunde, die (I2)
stenfalls parasitäre Nebenübungen zu den qualifizierenden Gastronomik und schließlich die (13) offene Liste kulti-
Übungen sind - sie lassen sich unter der Rubrik Fortgeschrit- vierungsfähiger Aktivitäten, deren Offenheit die Unab-
tenenfehler ablegen. schließbarkeit des disziplinenbildenden und damit Subjekti-
vierungen ermöglichenden Feldes selbst bedeutet. Man sieht
Nur höchst vorsichtig kann ich hier andeuten, welche Gegen- auS dieser Aufstellung, daß Foucaults Interventionen die Fel-
stände in der Allgemeinen Disziplinik zusammenkommen. der 1,3,4, 5,8,10 und 11 berühren. Gewöhnliche Philoso-
Diese wäre auf jeden Fall nicht mehr bloß eine Theorie der phen beschränken sich auf das Feld 5, mit gelegentlichen
Diskurse oder der Aussagen-Gruppen, zu denen entspre- Ausflügen nach 8 oder T und 3, womit über Foucaults pan-
chende Askesen und Exekutiven gehören. Sie würde das athletische Qualitäten genug gesagt ist.
Spektrum der aus Wissen und Ausübungen komponierten Ich weise vorsorglich darauf hin, daß in dieser ersten Schau
Fähigkeitssysteme integral umspannen. Dieses reicht von auf das 13köpfige Ungeheuer der Disziplinik die für das all-
der (I) Akrobatik und Ästhetik, einschließlich des Systems tägliche Bewußtsein imposanten Phänomene Krieg und »Re-
der Kunstarten und Gattungen - nota bene, im post-univer- ligion« fehlen. Das hat einen guten methodischen Grund: Der
sitären Haus des Wissens bildet nicht die Philosophie, son- Krieg ist keine Disziplin für sich, sondern eine bewaffnete
dern die Artistik das studium generale -, über die (2) Athletik Sophistik (die Fortsetzung der Kunst, Recht zu behalten,
(allgemeine Sportartenkunde) bis zur (3) Rhetorik bzw. So- mit anderen Mitteln), in die Elemente der Athletik, der Ri-
phistik, sodann zur (4) Therapeutik in all ihren fachärztlichen tualistik sowie der Maschinentechnik einbezogen werden.
Verzweigungen und zur C5) Epistemik (einschließlich der Ebensowenig ist die »Religion« eine wohlabgegrenzte Diszi-
Philosophie) und weiter zur (6) Allgemeinen Berufe-Kunde plin, sondern - wie bereits angedeutet - ein Amalgam aus
(einschließlich der »angewandten Künste«, die man dem Feld Rhetorik, Ritualistik und Administrativik unter gelegentli-
der Arts et Metiers zurechnet) und der (7) maschinistischen cher Hinzunahme von Akrobatik und Meditation.
Techniken-Kunde. Es inkludiert weiterhin die (8) Admini-
strativik, die den statischen Unterbau des Politischen bzw.
des Gouvernementalen sowie das Universum der Rechtssy-
steme ausmacht, ferner die (9) Enzyklopädie der Meditati-
onssystcme in ihrer Doppelgestalt als Selbst-Techniken und
I Die Eroberun g des Unwahrscheinlichen 2 »Kultur ist eine O rdensregel« 251

Für ihren Erfolg war der Umstand entscheidend, daß sie


Zw ischen den Disziplinen präzise alternative Disziplinen einführten und diese mit posi-
tiven Wertschätzungen umgaben. Hingegen sind manche
Schließlich möchte ich anmerken, wie die Frage nach der heutige Zeitgenossen der Meinung, man solle die parlamen-
Dimension der »Kritik« jedem der Felder inhärent ist und tarische Demokratie oder die Schulmedizin oder die Groß-
jedes von ihnen überschreitet: Auf jedem einzelnen Gebiet städte abschaffen, weil aus alledem nichts Gutes kommt.
vollzieht sich eine ständige praktische Krise, die zur Schei- Diese Kritiker werden sich nicht durchsetzen, weil sie nicht
dung zwischen dem Richtigen und Unrichtigen bei der Aus- zeigen, was statt dessen zu tun wäre. Die operative Unter-
führung der Disziplin führt - häufig mit immanent umstrit- scheidung ist hier die von Gut und Böse. Vom Bösen gilt, es
tenen Ergebnissen. Daher besitzt jede Einzeldisziplin eine solle nicht sein. Man kann es nicht verbessern, man hat es
nur ihr eigentümliche und nur aus ihrem Inneren verständli- auszuschalten. Wie die erste Unterscheidung mit Wertentzug
che Vertikalspannung. Auch sagt der Status eines Leistungs- arbeitet, so die zweite mit Seinsentzug.
trägers in einem gegebenen Feld nichts über sein Ranking in Daß für den Diszipliniker nur die erste Unterscheidung
anderen Gebieten. In moralphilosphischer Hinsicht ist ent- von Bedeutung ist, li egt auf der Hand. Ihm bedeutet die Fülle
scheidend, daß die feldinternen Differenzen die Dimension der Disziplinen selbst den Mount Improbable - und Gebirge
bilden, für welche Nietzsches Unterscheidung zwischen Gut kritisiert man nicht, man besteigt sie oder läßt es bleiben.
und Schlecht zuständig ist - was zugleich heißt: Intradiszi- Nietzsche war wohl der erste, der begriffen hatte, was der
plinär gibt es wohl Schlechtes, Böses hingegen keinesfalls. gewöhnliche Moralismus ist: di e Kritik des Gebirges durch
Andererseits findet eine ständige externe Beobachtung der die Nicht-Bergsteiger. Man kann sich in der Tat vornehmen,
Disziplinen durch disziplinferne Instanzen und Individuen der »Welt« als dem Inbegriff der unbejahbaren Übungen den
statt. Die schätzen oder mißbilligen die Ergebnisse von Rücken zu kehren, um etwas anderes als das Leben "in der
Übungen in fremden Sphären nach eigenen Maßstäben. Was Welt« bis zur Perfektion zu üben - nichts anderes hatten die
Athleten tun, kann äußeren Beobachtern unwichtig erschei- spätantiken Weltflüchter im Sinn. Gleichwohl gibt es in die-
nen, was Juweliere tun, überflüssig, ohne daß die Juroren sich sem Punkt zwischen frühen Christen und modernen Radika-
darum kümmern müßten, ob die Athleten oder die Juweliere len einen nennenswerten Unterschied. Die christlichen Bi-
die besten ihres Fachs sind. Externen Beobachtern steht es schöfe schrieben Ordensregeln für das Leben auf anderen
sogar frei zu sagen, es solle diese oder jene Disziplin, sogar Bergen, Regeln, unter denen 1500 Jahre lang gelebt werden
einen ganzen Komplex aus Disziplinen besser nicht geben - konnte, zum Teil bis heute. Die letzteren stehen bei allem,
ja, das Bestehen mancher Disziplinen als solchen sei eine ver- was der Fall ist, daneben und finden es unfair. Für sie sind alle
werfliche Verirrung. So waren frühe Christen überzeugt, Berge böse.
Gladiatorenkämpfe seien böse, selbst wenn die Kämpfer Mei-
ster ihres Fachs wären, und das ganze System von Brot und Foucault hatte erfaßt, daß Subversion, Dummheit und Un-
Spielen bedeute nichts anderes als eine widerwärtige Perver- fitness drei Wörter für dieselbe Sache sind. Als ihm zwei
sion. Mit diesen negativen Wertschätzungen setzten sie sich Journalisten von Les Nouvelles Litteraires 1984 die Fragen
a la langue durch - was meines Wissens niemand bedauert. vorlegten: »Wirkt Ihre Rückkehr zu den Griechen an einer
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 253
Untergrabung des Bodens mit, auf dem wir denken und le-
ben? Was haben Sie zerstören wollen?«, antwortete er den
3 SCHLAFLOS IN EPHESOS
Subversionspapageien lakonisch: »Ich habe gar nichts zerstö-
VON DEN DÄMONEN DER GEWOHNHEIT UND
ren wollen! «67 Zusammen mit der Erklärung von 1980: »So
gesehen beruht meine gesamte Forschung auf dem Postulat IHRER ZÄHMUNG DURCH DIE ERSTE THEORIE
eines unbedingten Optimismus ... Ich sage alles, was ich
sage, damit es nützt«68 bildet diese Absage an eine zweihun-
dertjährige Folklore der Zerstörung Foucaults philosophi-
sches Testament. Diese Antwort von 1984 war fast buchstäb- Heilmittel gegen Verstiegenheit: Diskursanalyse
lich sein letztes Wort. Wenige Tage nach dem Ende Mai
geführten Gespräch brach er in seiner Wohnung zusammen Ludwig Binswanger war vermutlich der einzige Psychiater,
und starb drei Wochen später am 25. Juni im Krankenhaus von dem sich Foucault verstanden, um nicht zu sagen vorher-
der Salpetriere, deren frühere Funktionen er in seinem Buch gesehen wußte - in dem Sinn, daß er in dessen Schriften die
Wahnsinn und Gesellschaft beschrieben hatte. wichtigsten Elemente zu einer Sprache für das gefährdete
Leben fand, im allgemeinen wie im eigenen Fall. Bei ihm
hat er die tragische Deutung der Vertikalität kennen gelernt,
nach der die ,>Verstiegenheit « des Daseins ein Festsitzen auf
einer zu hohen Sprosse der existentiellen Leiter bedeutet. Von
ihm übernahm er offensichtlich auch den Hinweis auf Henrik
Ibsens 1892 uraufgeführtes Theaterstück Baumeister Solness-
es handelt von einem manischen Architekten, der »höher
baut als er zu steigen vermag« und sich zuletzt von der un-
69
leb baren Höhe seines Turms in den Tod stürzt. Vor allem
verdankte Foucault Binswanger die frühe Einsicht in das
Grundproblem der eigenen Existenz, das der von Heidegger
inspirierte Psychiater in raumanalytischen Ausdrücken re-
sümiert hatte: als eine Disproportion zwischen Weite und
Höhe - oder Diskurs und Flug. Dieses Mißverhältnis kann,
wie Binswanger in seinem Essay Verstiegenheit von 1949 dar-
legte, entweder als manische Sprunghaftigkeit und ideen-

67 Die Rückkehr der Moral. Gespräch mit Gilles Barbedette und 69 Vgl. Foucaults Anspielung auf Solness in seiner Einleitung zu:
Andre Scala, in: Michel Foucault, ausgewählt und vorgestellt Traum und Existenz, oben S. 238 . Ob Foucault Binswangers Buch:
von Pravu Mazumdar, a. a. 0., S. 485 . Henrik Ibsen und das Problem der Selbstrealisation in der Kunst,
68 Foucault, Der Mensch ist ein Erfahrungstier, a. a. 0., S. 117. Heidelberg 1949, rezipiert hatte, ist mir nicht bekannt.
I Die Ero berung d es Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos 255
flüchtiges Schweifen in den vols imaginaire/ o in Erscheinung bens - »immer schon« in ein Feld oder ein Milieu eingetaucht
treten oder sich als ein schizoides Erklimmen von Höhen sind, aus dem sie mit grundlegenden Nachbarschaften, Stim-
manifestieren, die in keinem sinnvollen Verhältnis zur Enge mungen und Richtungsspannungen versorgt werden. Des-
des Erfahrungshorizonts stehen 71 - in diesem Sinn ist Ver- halb ist Ethik die Theorie von den ersten Erschlossenheiten
stiegenheit die Krankheit des begabten Jugendlichen. Die und Ergriffenheiten - und insofern Erste Wissenschaft. Die
Therapie besteht in einer Art von Bergwachtintervention: ersten Dinge sind keine Gegebenheiten, sondern Tendenz-
Es gilt, den verirrten Kletterer ins Tal zurückzubringen und züge zwischen Extremen: Erschwerungen, Erleichterungen,
ihm das Gelände zu erklären, bis er imstande ist, bei seinen Engungen, Weitungen, Hinneigungen, Abneigungen, Sen-
nächsten Aufstiegen die Verhältnisse zu respektieren. Zum kungen, Hebungen. Sie bilden - als Matrix der »Stimmun-
Verständnis derselben gehört die Relation zwischen dem gen«, die Heidegger für die Philosophie erschloß - einen
Schwierigkeitsgrad des Hangs und dem Ausbildungsgrad Komplex aus vorlogischen Aufschlüssen und Orientierun-
des Gipfelstürmers. gen, in welche die logischen, gegenständlichen und werten-
Die daseinsanalytische Therapeutik ist also mehr eine den Weltbezüge eingehängt sind.
Ethik als eine Heilkunde - sie bietet Anleitung zum propor-
tionenbewußten Verhalten im existentiellen Raum. Existen-
tiell strukturiert ist dieser Raum, insofern Vertikalität und Erste ethische Unterscheidung bei Heraklit
Horizontalität hier eine ethische, nicht geometrische Bedeu-
tung haben: So steht das Horizontale für Erfahrung und Den frühesten Hinweis auf ein Denken im alteuropäischen
»Diskursivität</2 - möglicherweise hat Foucault hier die Idee Raum, bei dem eine Ethik im angedeuteten Sinn zur Sprache
einer Diskurs-Analyse als Erwerb von Navigationsfähigkeit findet, entdeckt man in dem Konvolut von Fragmenten, die
im Horizontalraum geschöpft -, das Vertikale für Ranghöhe dem an der Wende vom 6. zum 5· vorchristlichen Jahrhundert
und Dezisivität, sofern existentielle Höhe die Dimension lebenden ionischen Protophilosophen Heraklit zugeschrie-
Entscheidungsfähigkeit impliziert. ben werden. Ich denke hier vor allem an das so bekannte
73
Damit kommt ein Begriff von Ethik in Sicht, bei dem nicht wie rätselhafte, von Stob ai os tradierte Fragment 102 : ethos
Werte, Normen und Imperative im Zentrum stehen, sondern anthropo daimon, das in der philologisch anspruchslosen und
elementare Orientierungen im »Feld « der Existenz. Beim philosophisch abstinenten Übersetzung von Jaap Mansfeld
orientierungsethischen Zugang zu dem Wie, Wohin und Wo- mit »Des Menschen Verhalten (oder: Charakter) ist sein
zu des Daseins wird davon ausgegangen, daß die »Subjekte« _ Schicksal« wiedergegeben wird. Bekanntlich hat sich Heideg-
die Existierenden als Könner und Nicht-Könner ihres Le- ger in seinem an Jean Beaufret adressierten Brief über den
»Humanismus« von 1946 mit dieser Trivialübersetzung nicht
70 Der Ausdruck spielt eine Schlüsselrolle in Gaston Bachelards zufriedengeben wollen. Er wirft ihr vor, sie sei modern, aber
Werk: L'air et les songes. Essai sur l'imagination du mouvement, nicht griechisch gedacht - ein Einwand, der auch dann noch
Paris 1943.
7 1 Ludwig Binswanger, Drei Formen mißglückten Daseins. Verstie- 73 Nach der Zählung von Jaap Mansfeld, In: Die Vorsokratiker I,
genheit, Verschrobenheit, Manieriertheit, Tübingen 19S6, S. 6. Griechisch/Deutsch, Stuttgart 1983, S. 27S . Bei Diels Fragment
7 2 Ibid., S. 4.
II9·
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos 257

gelte, wenn der Satz auf die etwas modifizierte, leicht schwä- »Der Mensch wohnt, insofern er Mensch ist, in der Nähe
belnde Version gebracht wird: »Seine Eigenart ist dem Gottes. «74
Menschen sein Dämon«. Um die Angelegenheit zurecht- Obwohl ich diese erste Übersetzung Heideggers für miß-
zurücken, hält Heidegger es für nötig, schweres funda- lungen halte, philologisch wie philosophisch, besitzt sie ein
mentalontologisches Geschütz aufzufahren. Er behandelt stimulierendes Element. In der Nähe des Gottes wohnen
die bescheiden anmutenden Ausdrücke ethos und daimon, heißt ja wohl, eine Form der vertikalen Nachbarschaft ent-
als wären sie auf einer ideengeschichtlichen Bank deponierte decken, in der es noch wichtiger ist, einen modus vivendi mit
Guthaben, die selbst bei niederster Verzinsung nach mehr als dem Einwohner der oberen Wohnung zu finden als mit den
zweieinhalbtausend Jahren zu riesenhaften Vermögen an- Nachbarn nebenan. Mit diesem Hinweis kann man weiterar-
wuchsen. Allein die Fundamentalontologie ist ihm zufolge beiten, auch wenn das übrige nicht überzeugt. Doch damit
auf diesem antiken Sinn-Konto abhebungsberechtigt, weil nicht genug: Heidegger unterbreitet einen zweiten Überset-
nur sie zugleich vorsokratisch und nachmetaphysisch zu den- zungsvorschlag, mit dem er zum Problematischen das Gro-
ken imstande sei. Inwiefern er mit dieser Suggestion nicht teske hinzufügt, indem er das Motiv Nachbarschaft um das
ganz unrecht hatte, ihrer Überspanntheit ungeachtet, möchte der Unheimlichkeit ergänzt. Die drei kleinen Wörter ethos
ich nun zeigen. anthropo daimon sollen jetzt besagen:
»Der (geheure) Aufenthal t ist dem Menschen das Offene
für die Anwesung des Gottes (des Un-geheuren). </s
Heideggers List Wäre das wirklich der Sinn dieser Äußerung, rückte Heraklit
in den Rang des tiefsinnigsten Heidegger-Kommentators auf,
Um an den Sinn-Schatz heranzukommen, wendet Heidegger den das alte Griechenland hervorbrachte.
einen hermeneutischen Trick an: Er bringt den Ethos-Dai- Nichtsdestoweniger hat Heidegger einen wichtigen As-
mon-Satz mit der von Aristoteles kolportierten Anekdote pekt an dem heraklitischen Sinnspruch richtig erfaßt. Das
zusammen, wonach Heraklit, der Philosoph von Ephesos in Wort ethos, das man wohl etwas bodenständiger nehmen
Kleinasien, eine Gruppe von zögernden Fremden, die ihn und etwas weniger preziös mit »Verhalten« oder »Gewohn-
aufsuchen wollten und ihn am Backofen sich wärmend vor- heit« wiedergeben sollte, wird durch die Zusammenstellung
fanden, zum Eintreten aufgefordert habe mit den Worten: mit dem Wort daimon »nach oben« in Spannung versetzt.
»Auch hier sind Götter.« Die kontextuierende Strategie ist Hierbei genügt es, statt an »den Gott« an eine geisthafte Grö-
so einfach wie effektvoll. Wie die Ofenanekdote daran erin- ße zu denken, von der nicht ausgemacht ist, ob sie zum Guten
nern soll: auch im Gewöhnlichen scheint das Ungewöhnliche oder Bösen lenkt.76 Auch grenzt diese Gewalt an den
durch, selbst im Unscheinbarsten ist das Göttliche präsent, menschlichen ethos-Komplex nicht bloß äußerlich an, sie ist
soll das zu deutende Fragment ausdrücken, daß im Bekann-
ten das Unbekannte und im Alltäglichen das Überwirkliche 74 Martin Heidegger, Brief über den »Humanismus«, in: ders., Weg-
marken, Frankfurt am Main 1978, S. 35 I.
gegenwärtig sind. Also hieße der Spruch, falls man ethos mit
75 Ibid., S. 35 3· . . .'
»Aufenthalt« oder »Wohnort« (was problematisch ist) über- 76 Es ist zuz~geben, daß Hel~egg~rs Wiedergabe von datm~n Im
setzt und daimon mit »Gon« (was wohl etwas zu hoch greift): Singular mit » GOll « durch die seit H omer belegte Synonymie von
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos 259

imstande, ihn von innen her zu überwältigen und aufzusau- er in seinem durchschnittlichen ethos steckt, besitzt der
gen. Mensch nichts, was ihn ans Obere anschließt. Sollte Frag-
ment 102 zum »Ort« oder »Aufenthalt« des Menschen im-
Was der Daimon bew irkt: plicite Stellung nehmen, es würde besagen: Da, wo wir sind,
Die ethische Unterscheidung kollidiert die viehische Beschränktheit der Vielen auf ihre
Gewohnheiten mit der Offenheit der Wenigen für den Logos.
Setzt man die kuriosen Momente bei Heideggers Annäherun- Dies paßt vollkommen zu der Tendenz zahlreicher anderer
gen an Heraklit beiseite, bleibt von seinen Bemerkungen et- Heraklit zugeschriebener Aussagen, die keinen Zweifel daran
was zurück, das mehr ist als eine Projektion: In jedem Kom- lassen, wie er, den die Tradition als Melancholiker und eo ipso
plex menschlichen Verhaltens ist eine gewisse Spannung zwi- als Distanzmenschen portraitiert, die Lebensformen der
schen Höhe und Tiefe wirksam. Sie besteht, wenn das Bild Menge beurteilte. Daß dieser »menschenverachtende« Den-
erlaubt ist, in einer ontologischen Zweistöckigkeit, die von ker »den Menschen« als solchen und seiner gewohnheitsmä-
jetzt an explizit bemerkt wird - sofern man bemerken und ßigen Einrichtung nach als für das Göttliche offenstehend
beschreiben gleichsetzen darf. Sie bringt es mit sich, daß das bezeichnet haben sollte, wie Heidegger suggeriert, ist, mit
Untere, das habituelle Fundament, und das Obere, das Dä- einem Wort, undenkbar.
monische, imstande sind, sich gegenseitig zu absorbieren - Nichtsdestoweniger hatte Heidegger recht, in Heraklits
wohlgemerkt in beiden Richtungen: zum einen, wenn ein Verwendung des Worts ethos den Hinweis auf eine fundamen-
schlechtes ethos den Menschen kakodämonisch abwärts tale Vertikalitätsproblematik zu bemerken. Die betrifft nicht
zieht, bis er den Schweinen Gesellschaft leistet, wie Heraklit das vorgebliche Transzendieren »des Menschen« zum Gött-
in einer Reihe von krassen Tiervergleichen zu erklären nicht lichen hin, gleichgültig, ob man dieses als Über-Ich, Über-Du
müde wird - das Sprachspiel »Mensch gleich Schwein« läuft oder Über-Es vorstellt. Heraklit ist nicht Anthropologe, son-
offenbar durch von Heraklits Ephesos bis in Wittgensteins dern Ethiker. Die erste Ethik bearbeitet einen Unterschied im
Wien -, zum anderen wenn ein gutes ethos ihn agathodämo- Menschen, der durch das Denken, man sollte vielleicht besser
nisch emporhebt, so daß erder Sphäre des Göttlichen (theion) sagen: durch das Aufmerksamwerden für die Dimension Lo-
nahekommt. Dies stimmt mit dem von Kelsos überlieferten gos, erstmals explizit wird. Die heraklitische Menschenver-
Spruch Heraklits (Mansfeld 101) überein, wonach das ge- achtung ist der Fanfarenstoß, der die Explikation eröffnet.
wöhnliche menschliche Verhalten (ethos anthropeion) über Sie zeigt, wie der Unterschied im Menschen sich als Unter-
keine gültigen Einsichten (gnomas) verfüge, das Göttliche schied zwischen den Menschen darstellt. Wenn Heraklit die
(theion) besitze solche hingegen durchaus. Wenigen und die Vielen hart einander gegenüberstellt, dann
Also keine Rede davon, daß der vertraute menschliche nicht, weil er eli tär denkt, sondern weil er zu den ersten gehört,
»Aufenthalt« von sich her schon zum» Ungeheuren« hin die auf das Denken, das seit jeher, doch als solches unbemerkt
transzendiere. Heraklits Meinung ist hier doch eher: Sofern in uns geschieht, eigens aufmerksam wurden - und die eben
damit den Unterschied zwischen den Denkenden, genauer:
daimon und theos gestützt wird. Im gegebenen Kontext scheint mir den auf den Logos Aufmerkenden, und den anderen, den Un-
diese Übersetzung jedoch wenig plausibel. aufmerksamen, erst aktualisieren. Dies könnte er nicht tun,
260 [ Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos

hätte er nicht zuvor das Nicht-Denken bei sich selber unter die Stelle herleiten könnte, was unter diesen »Begierden« ge-
Vorherrschaft des Denkens gebracht, besser: des Verständig- nannten »epithymischen« Regungen und was hier unter
Seins (sophronein), von dem das Fragment 109 daher behaup- »Herrschaft« zu verstehen ist. Dann macht Sokrates auf die
tet, es sei die größte Tugend (arete megiste). Merkwürdigkeit des damit bezeichneten Selbstverhältnisses
Genau aus dieser Geste, der Unterordnung des Nicht-Ver- aufmerksam: Wenn Besonnenheit mit Herrschaft über Affek-
ständig-Seins unter das Verständig-Sein, entsteht die Ethik als te oder Leidenschaften verwandt oder wesensgleich ist, mani-
Erste Theorie. Folglich kann die Ethik nur die Form eines festiert sie ein inneres Gefälle im Menschen: eine dramatische
Duells des Menschen mit sich selbst annehmen - dieses Duell Verschiedenheit des Menschen von sich selbst, vor welcher er
jedoch ist als Provokation an die Ausweichenden externali- zwar ausweichen, die er aber nicht neutralisieren kann. Dafür
sierbar. Die erste Ethik handelt bereits mit ihrem ersten Wort zeugt die Redensart, jemand sei »stärker als er selbst« (kreitto
von der Differenz zwischen dem, was oben ist, und dem, was autou) - was man auch mit »sich selbst überlegen« übersetzt.
unten ist und doch zumeist danach strebt, obenauf zu gelan- Auf den ersten Blick scheint eine solche Sprechweise lächer-
gen. Diese »Ethik« als primäre Orientierung hat unmittelbar lich, meint Sokrates, und paradox obendrein: »Denn wer stär-
»ontologischen« Sinn, sofern sie die These: »es gibt sophro- ker als er selbst wäre, wäre doch offenbar auch schwächer als er
nein « enthält. Es hieße allerdings diesen Satz theoretizistisch selbst, und der Schwächere stärker« - da ja beides von ein und
verkürzen, sollte er nicht mehr ausdrücken, als sein proposi- derselben Person gesagt wird. In Wahrheit ist die lächerliche
tionaler Gehalt besagt. Er ist ein autoritativer, anspornender Redensart das Symptom der ernstesten Sache: Es gibt offenbar
und tonischer Satz, der seinen Adressaten mit der Heraus- »im Menschen selbst« (en auto to anthr6po) hinsichtlich seiner
forderung konfrontiert: »Gewähre dem sophronein den Vor- Seele (peri ten psychen) ein Besseres und ein Schlechteres. Die-
ra~g! « Bereits die älteste Fassung des metanoetischen Impe- se Sache, mit der nicht zu spaßen ist, emergiert in actu auf
ratIvs verlangt von den Menschen, in ihnen selbst das Obere doppelte Weise - in den hier angestellten Überlegungen und
und das Untere zu unterscheiden. in den Lebensverhältnissen, mit denen sie sich befassen.
Herrscht nun das von Natur aus (physei) Bessere über das
Schlechtere, so nennt man das Stärkersein als man selbst oder
Sich selbst überlegen sein Überlegenheit über sich selbst und lobt dieses Verhältnis, wie
es sich gehört. Kommt es aber umgekehrt dahin, daß das
Daß in dem vorsokratischen Wort sophronein der ethische Schlechtere, das zugleich das Zahlreichere ist, das Bessere,
Urs atz »Du mußt dein Leben ändern! « virulent wird, und das naturgemäß kleiner ist, überwältigt, so spricht man von
zwar in manifest übungstheoretischer Tendenz läßt sich an Schwächersein als man selbst oder sich selbst unterlegen Sein
einer Überlegung erläutern, die Platon hunde:t Jahre nach und tadelt es dementsprechend. Die weiteren Anwendungen
Heraklit in einer viel bewunderten Passage des 4. Buchs der dieser Überlegung ergeben sich aus der Maxime aller politi-
Politeia (430e-432b) anstellt, worin von der Besonnenheit schen Psychologie: Wie in der Psyche also auch in der Polis?6
(sophrosyne) im Einzelnen und in der Polis die Rede ist. Dort 76 Die ontologischen und theologischen Variationen der politischen
wird Besonnenheit zunächst als »Herrschaft über die Begier- psychologie heißen: Wie im Sein, so in der Stadt, und: Wie im
den« (epithymion egkrateia) definiert - ohne daß ich an dieser Himmel, so auf Erden.

-
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos

Zwei Momente sind für das Verständnis dieser philoso- eine Metapher, die wörtlich zu nehmen die Eigengesetzlich-
phiegeschichtlich schicksalhaften Stelle entscheidend. Zum keit übertragener Rede verkennen hieße. Tatsächlich emer-
einen: Es gelingt Platon in diesem Passus, den Affekt der giert in der paideia eine Erscheinungsform von Vertikalität,
Verachtung, der bei Heraklit in grober Äußerlichkeit her- die sich nicht auf politische Herrschaft abbilden, geschweige
vortrat, in die Struktur der Psyche zu integrieren, so daß denn reduzieren läßt. Daß damit die Sache selbst von ihrer
die Verachtung zu einem regulativen Prinzip der Person Trägern, den Operateuren und Patienten der Erziehung,
und einem Agens ihrer Selbststeuerung wird. Wer sich selbst auch schon begriffen wäre, kann freilich nicht behauptet
verachten kann, dem ist im Entscheidenden schon geholfen. werden.
Zum anderen: Sokrates stellt klar, wieso die Machtübernahme Die Basiskonfusion der griechischen Ethik wie der zu ihr
des Schlechteren nur nach »schlechter Erziehung« erfolgen gehörigen Erziehungskunst entspringt dem Umstand, daß sie
kann - deren Kriterium besteht darin, etwas, das der Zügel nie imstande war, den Unterschied zwischen Leidenschaften
bedarf, und, wenn es mit rechten Dingen zugeht, ohne wei- und Gewohnheiten in der nötigen Klarheit herauszuarbei-
teres zügelbar wäre, ungezügelt (akolaston) zu lassen. Geht ten - weshalb sie den korrespondierenden Unterschied zwi-
man davon aus, für die Griechen habe die paideia ein Kon- schen Herrschaft und Übung ebenfalls nie deutlich auf den
glomerat aus Einsicht und Dressur bedeutet - anders ausge- Begriff brachte. Die Konsequenzen zeigen sich in der mehr
drückt: die Resultierende aus intellektueller Belehrung und als zweitausendjährigen Zweideutigkeit der europäischen
physischem Drill -, so ist aus der Rede über die drohende Pädagogik. Diese erstickte ihre Zöglinge anfangs oft unter
Machtergreifung des Schlechten unmißverständlich die For- herrschaftlicher Disziplin, indem sie sie wie Untertanen be-
derung nach mehr Dressur bzw. die Klage über eine versa- handelte, um sie zuletzt immer öfter wie falsche Erwachsene
gende Dressur herauszuhören. anzusprechen und aus jeder Disziplin und Übungsspannung
Man könnte hier natürlich im Stil der noch immer übli- zu entlassen. Daß Schüler zunächst und zumeist werdende
chen Soziologisierungen einwenden, die platonische Rede Athleten sind, um nicht Akrobaten zu sagen, die es in Form
vom Sich-selbst-Überlegensein sei eine Projektion der grie- zu bringen gilt, wurde wegen der moralistischen und politi-
chischen Klassenverhältnisse in die Psyche - dann dürfte schen Mystifikation der Pädagogik nie mit der in einer so
man im Modus des nicht mehr ganz so üblichen Utopismus bedeutenden Sache gebotenen Explizitheit herausgestellt.
hinzufügen, in einer klassenlosen Gesellschaft würden die
Selbstverhältnisse der Psyche umgebaut, und zwar zu fla- Fürs erste scheint nichts einfacher als die Überlegung, daß
chen Hierarchien, wenn nicht gar völlig anarchisch, sprich schon vorhandene Leidenschaften, zerstörerische Heftigkei-
ohne nennenswerte Oben-Unten-Differenz. Diese Einwän- ten oder Obsessionen nach Zügelung - also Herrschaft - ver-
de verfehlen das Wesen der paideia. Die Idee der Zügelung langen, während Gewohnheiten nicht apriori gegeben sind,
entspringt aus der Verinnerlichung der Differenzen zwi- sondern in längeren Dressuren und Übungen aufgebaut wer-
schen Lehrer und Schüler bzw. Trainer und Athlet, allenfalls den müssen; sie wachsen durch mimetisches Wiederholungs-
auch der zwischen Reiter und Pferd, die nichts mit Herr- verhalten heran, um von einem bestimmten Punkt der Ent-
schaft im üblichen Sinn zu tun haben. Für diese Verhältnisse wicklung an in willens gestützte Eigenanstrengung überzu-
liefert die Beziehung zwischen Aristokratie und Pöbel nur gehen. Doch so elementar die Unterscheidung zwischen
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos

Gewohnheiten und Leidenschaften erscheinen mag, in der Läßt man diese semantischen Überlegungen zur Aufhel-
Geschichte des ethischen Denkens führt die Assoziation lung der beiden dunklen Termini gelten, so entstehen für den
der beiden Größen zu den vielfältigsten Konfusionen. Man Satz Heraklits zwei neue Übersetzungsmöglichkeiten. Die
könnte so weit gehen zu sagen, die Zweideutigkeiten in der erste heißt: »Beim Menschen sind die schlechten Gewohn-
Auffassung von askesis stellen neben den Askesen selbst die heiten das Überwältigende. « Die zweite lautet: »Neue gute
»breiteste und längste Thatsache« dar, die es auf dem »aske- Gewohnheiten können beim Menschen der heftigsten Lei-
tischen Stern« »giebt«. In Europa sind die Askesen und die denschaften Herr werden. « üb Heraklit dieses oder jenes
Askesemißverständnisse praktisch gleich alt - das ungleich sagen wollte, ist naturgemäß unentscheidbar. Seine Logik
tiefer durchdachte Universum der indischen asanas zeigt war archaisch, insoweit das Archaische die zusammenge-
uns zugleich, daß es sich bei dieser langwährenden Konfusion drängte Verkörperung des Noch-Nicht-Unterschiedenen,
um ein regionales Schicksal, kein universelles Gesetz handelt. des Präkonfusen, bedeutet. Während das Konfuse bereits ent-
Ist das begriffen, so versteht man, warum die Emanzipation faltete Alternativen wieder verwirrt, liegen im Präkonfusen
des Übens von den Zwangs strukturen der alteuropäischen noch nicht entfaltete Alternativen contracte ineinander. Hier
Askese - ich deutete es eingangs an - möglicherweise das gibt es noch weniger Wörter als Gedanken, die zum Aus-
wichtigste geistes- und körpergeschichtliche Ereignis des druck zu bringen wären. Daher bleibt ungesagt oder »ein-
20. Jahrhunderts bedeutet. gefaltet«, ob das Dämonische sich in Form von schlechten
Gewohnheiten oder noblen Passionen manifestiert. Es er-
übrigt sich zu erklären, wieso das Prestige der Vorsokratiker
Zwischen zwei Überwältigungen: gerade am Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Gipfel erreich-
Der besessene Mensch te: Zu keiner Zeit war das Heimweh der europäischen Intelli-
genz nach ihren präkonfusen Anfängen lebhafter als damals.
Gehen wir von Platons Hinweisen auf die vertikale Unter- Zugleich war dieses Heimweh nie einer stärkeren Versuchung
scheidung im Menschen selbst zu Heraklits Ethos-Daimon- ausgesetzt, die Konfusion durch Ausweichen in ungeeignete
Satz zurück, so erhellt, wie der Denker von Ephesos dassel- Simplifikationen zu steigern.
be Problem mit einer noch ganz elementaren, quasi mittel- Die ursprüngliche ethische Konfusion der europäischen
losen Logik behandelt. Deutlich sieht man jetzt, wie dieses Philosophie manifestiert sich in zwei komplementären alt-
archaische Drei-Worte-Wunder ethos anthropo daimon ehrwürdigen Irrtümern, die die Geschichte des Nachdenkens
selbst formal anzeigt, wovon es redet: Das Wort »Mensch« über die Frage, wie Menschen leben sollen, durchziehen: Der
steht in der Mitte zwischen den beiden allzu verwechselba- erste verwechselt die Zügelung der Leidenschaften mit der
ren ethischen Größen: Gewohnheiten links, Leidenschaften Austreibung von niederen Dämonen, der zweite verwechselt
rechts. Egal, was ethos sonst noch bedeuten kann, hier stellt die Überwindung der schlechten Gewohnheiten mit der Er-
es unmißdeutbar den Bezug zum Gewohnheitsmäßigen, leuchtung durch höhere G eister. Für den ersten Irrweg sind
Sittlichen und Üblichen her, während das Wort daimon die die stoischen und gnostischen Strömungen mit ihrem Streben
höhere Kraft, das Überwältigende, Übergewohnheitsmäßige nach Apathie bzw. schnellem Entkommen in die Überwelt
bezeichnet. repräsentativ, für den zweiten die platonischen und mysti-
266 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos

schen Überlieferungen mit ihrer Neigung zur Abtötung des gration des Besatzers lllS eigene Selbst. Die Mehrheit der
Fleisches bzw. zum Überfliegen des verkörperten Daseins. Menschen nimmt seit jeher nur die letztere, die psychistische
Daß diese attraktiven Irrwege nicht zu Hauptströmungen oder leidenschaftliche Seite der Besessenheit zur Kenntnis
gerieten, ist dem Widerstand der pragmatischen Ethiken zu (wie sie in den antiken Vorstellungen von Begleitdämonen,
verdanken, denen die anonyme Weisheit der Alltagskulturen Invasionsdämonen, persönlichen Genien und bösen Geistern
zu Hilfe kam. Beide sind Quellen, aus denen das Erbe euro- reich bebildert auftauchen); mit Sorge beachtet sie deren Ne-
päischen Lebenskunstwissens schöpft - Michel Foucaults gativ, die Entseelung, die Entgeisterung, die Depression. Hin-
späte Studien bieten hierfür das aktuellste Zeugnis. Den an- gegen richten die frühen Philosophen, die ersten Gurus und
ti-extremistischen Projekten aristotelischer, epikuräischer Pädagogen im Morgenlicht ihrer Kunst das Augenmerk mehr
und skeptischer Herkunft gelang es zumeist, die vertikale und mehr auch auf die zweite Front, die »gewohnheitstieri-
Passion, die Zügelung der Leidenschaften, mit der horizon- sche« Seite der menschlichen Kondition. Man könnte hier
talen Bemühung, der Nachahmung und Pflege guter Ge- von den habituellen oder hexischen Formen der Besessenheit
wohnheiten, in einen fruchtbaren Ausgleich zu bringen. Sie sprechen (von lat. habitus, Gewohnheit, und griech. hexis,
sichteten das schwierige Gelände, in dem die beiden primären Habe, Ge-habe, innerer Besitzstand, Gewohnheit). Sie re-
Bewegungsrichtungen, die Ausbreitungen und die Aufstiege, präsentiert die Besessenheit durch einen Nicht-Geist, eine
ihre Forderungen erheben. Inbesitznahme des Menschen durch den verkörperten Me-
Liest man den Ethos-Daimon-Satz direkt neben der Rede chanismus.
des Sokrates über die Zügelung der Leidenschaften, versteht
man besser, auf welchen Pfaden das alteuropäische Denken
vor die Fragestellung geriet, die in religiösen Kontexten un- Paideia: Der Griff an die Wurzeln der Gew ohnheit
ter dem Titel »Besessenheit« verhandelt wurde. Das Wort
daimon erinnert in seiner älteren Verwendung daran, daß Um zu begreifen, wie sich die Aufhebung der doppelten Be-
Menschsein und Besessensein anfangs praktisch dasselbe be- sessenheit des Menschen durch die ethisch-asketische Auf-
deuten. Wer keinen daimon hat, hat keine Seele, die ihn be- klärung vollzog, ist zu bedenken, daß die Geschichte des an-
gleitet, ergänzt und bewegt, und wer keine solche Seele hat, thropologischen und pädagogischen Denkens in Europa in
ist kein Existierender, vielmehr ein wandelnder Toter, allen- the lang run identisch war mit einer progressiven Säkularisa-
falls eine menschförmige Pflanze. Werden nun die Ausdrücke tion der Psyche - das heißt mit der Überführung der Beses-
ethos und daimon so dicht zusammengerückt, daß anthropos senheitslogik in Disziplinprogramme: In deren Verlauf wer-
direkt dazwischen steht, so sieht man, wie der Mensch prin- den die Besessenheiten des ersten Typs in Enthusiasmen um-
zipiell zwischen zwei Arten der Besessenheit eingespannt ist. formuliert und in vorteilhafte - man denke an Platons
Von Gewohnheiten und Trägheiten besessen, erscheint er un- Aufzählung der vier guten Begeisterungen im Phaidro/ 7-
terbeseelt und mechanisiert; von Leidenschaften und Ideen und schädliche sortiert. Unter den letzteren ragen Zorn,
besessen, ist er überbeseelt und manisch übersteuert. Form
77 Das prophetische Wahrsagen, die vom Gott eingegebene Heil-
und Grad seiner Beseelung sind demnach ganz vom Modus kunst, der von den Musen befeuerte Wahn (man{a) der Dichter,
und Tonus seiner Besessenheit abhängig - und von der Inte- die von den Göttern gesendete Liebe. Vgl. Phaidros 244a-245b.
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos
Ruhmsucht und Habgier hervor, die in christlicher Zeit auf einschließt: Der Mensch, der von seinen Gewohnheiten ge-
der Liste der sieben Laster Platz finden .78 Da sie keine offi- habt wird, müsse es dahin bringen, die Besitzverhältnisse um-
ziellen Besessenheiten mehr sind, nur deren funktionale zukehren und das ihn Habende als eigene Habe unter Regie
Nachfolger, werden sie nicht mehr exorzistisch ausgetrieben, zu nehmen. Dies gilt in erster Linie für die schlechten Ge-
sondern disziplinarisch gezügelt, notfalls mit groben und wohnheiten, die man durch gute ersetzen soll. So sagt Tho-
gröbsten Mitteln. mas a Kempis noch ganz in der Tradition der ersten Pädago-
In dieser progredierenden Linie lassen sich, neunhundert gen: »Gewohnheit wird nur durch Gewo~.nheit überwun-
Jahre nach Heraklit, auch die Aussagen des Aurelius Augu- den.«80 In den radikaleren spirituellen Ubungssystemen
stinus anordnen, wenn er in seiner Schrift Über die wahre wird noch heute die Forderung nach Brechung der habituel-
Religion die Christen auffordert, »Männer« zu werden, die len Prägungen auf die neutralen und selbst die sogenannten
die »Frauen« in sich selbst, diese »Blendwerke und Belästi- guten Gewohnheiten ausgeweitet - etwa in der Schauspiel-
gungen der Begehrlichkeit«, unters Joch zu bringen (subiu- pädagogik von Konstantin Stanislawski oder an dem seit Ok-
garei) - eine Aufgabe, die sich für Frauen in analoger Weise tober 1922 in Fontainebleau ansässigen »Institut zur harmo-
stellt, weil sie »in Christus« ebenfalls Manns genug sein sol- nischen Entwicklung des Menschen« von Georg Ivanowitsch
len, um die Weiberlüste (jemineas voluptates) in sich zu un- Gurdjieff. Aus der Sicht der Radikalen ist die Habitus-Basis
terjochen. Noch hält Augustinus unbeirrt am Schema der der menschlichen Existenz insgesamt nicht mehr als ein spiri-
platonischen Affekt-Psychagogik fest: Beherrschen, was an- tuell wertloses Marionettentheater, in das nachträglich und
dernfalls uns beherrscht; in unseren Besitz (in nostram pos- durch höchste Anstrengung eine freie Ich-Seele implantiert
sessionem) bringen, was ansonsten uns besitzt. 79 Für ihn werden soll. Gelingt dies nicht, so erlebt man bei Menschen
bleibt aufgrund seiner teufelstheologischen Einbettung die allgemein einen Effekt, den man von vielen Sportlern und
Neigung zur Re-Dämonisierung der Leidenschaften stets ak- Models kennt: Sie wirken optisch vielversprechend, klopft
tuell. Man kann hier mit Händen greifen, wie der repressive man jedoch an, ist niemand drin. Die Distanzierung vom
Askesebegriff, als Diktatur über »innere Natur«, zu seinem Mitgebrachten ist diesen Doktrinen zufolge ~~lein möglich,
Siegeszug durch die christlichen Jahrhunderte ansetzt. wenn der Adept sein Leben einem rigorosen Ubungsregime
Was die Besessenheiten des zweiten Typs, die Gewohnhei- unterwirft, durch das er sein Verhalten in allen wichtigen
ten, angeht, so führt deren Säkularisation zu dem Konzept Dimensionen de-automatisiert. Zugleich muß er sein neu ge-
der Selbsterziehung, das einen dezenten Selbstexorzismus lerntes Verhalten re-automatisieren, damit ihm das, was er
78 Diese Leidenschaften werden noch bei Dion Chrysostomos (2. Jh. sein oder darstellen möchte, zur zweiten Natur wird .
n. ehr.), dessen Darstellung des Streits zwischen Diogenes und
Alexander von Foucault in Diskurs und Wahrheit, 1983, ausführ-
lich referiert wird, als Dämomen beschrieben, obschon nur meta-
phorisch. Vgl. Plutarch, Des Sokrates Daimonion, in: Moralia,
Leipzig 1942, S. 238f., wo die Wiederaufbereitung der Dämonen
im Jenseits geschildert wird.
79 De vera religione/Über die wahre Religion, Lateinisch/Deutsch,
Stuttgart 1983, S. 133-135. 80 Imitatio Christi, S. 53 ·
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos

Sollte man mit einem Satz sagen, was Denken im ionischen


Denken und Wachen Zeitalter war, die Antwort wäre: Denken heißt schlaflos sein
in Ephesos - die Nächte opfern in Milet. Man darf dies bei-
Für Heraklit, den Dunklen, Frühen, Präkonfusen sind solche nahe buchstäblich verstehen, weil die Nähe der Ionier zu den
Differenzierungen und Komplikationen inexistent. Bei ihm chaldäischen Traditionen nächtlicher Himmelsbeobachtun-
dürfen die Leidenschaften und die Gewohnheiten noch in ei- gen auch bei ihnen eine Neigung zur geistigen Nachtarbeit
ner Klasse beisammen bleiben - enthalten in der Vagheitsdi- hervorgerufen haben könnte - die Verachtung der Wachen-
mension, die im Fragment ror das ethos anthropeion (Men- den für die Schlafenden gehört zum Grundbestand des gei-
schenverhalten) genannt wird. Ihr stehen die übermenschli- stigen Athletismus. Wie Heraklits Fragmente zu verstehen
chen Größen gegenüber, das Göttliche, das vernünftige Feuer, geben, tangiert die Unterscheidung von Tages- und Nachtak-
die unermeßliche Psyche und der allesdurchdringende Logos. tivität nicht das wachende Denken. Das mit dem Denken
An ihnen gemessen, gleicht, wie man liest, selbst der klügste vereinte Wachen vollzieht die einzige Askese, die der ersten
Mensch dem Affen. Von paideia kann da noch keine Rede sein, Philosophie hilft, in Form zu kommen. Als wachendes Den-
und doch taucht bei Heraklit bereits ein Satz (Fragment 33, ken ist sie pure Disziplin - eine Akrobatik der Schlaflosigkeit.
nach Stobaios) auf, derwie im Hohn das 2 500jährige Reich der Vereint sie den Denker mit dem immerwachen Logos nicht
Pädagogen ankündigt: wonach es im Prinzip allen Menschen, geradezu, so bringt sie ihn doch eng mit ihm zusammen. Es ist
die einsichtslosen Vielen eingeschlossen, gegeben wäre, sich kein Zufall, wenn einige der härtesten Sprüche Heraklits von
selbst zu erkennen und verständig zu sein. der Schlafbefangenheit der gewöhnlichen Menschen handeln.
Ein noch größeres Privileg fällt Heraklit zu, wenn er auf Für ihn sind hoi pol/oi niemand anders als die Leute, die am
der »geistigen Seite« seiner Doktrinen beisammen lassen Morgen nicht zum Gemeinsamen (koinon) erwachen, son-
darf, was in einer späteren Rationalitätskultur auseinander- dern in ihrer Privatwelt, ihrer Traumidiotie bleiben, als hätten
gelegt werden muß, ja sich sogar auf verschiedene Diszi- sie aparte Einsicht (idian phronesin). Es sind dieselben, die
plinen verteilt - das Wachsein, das Verständigsein und das auch in religiösen Dingen sozusagen durchschlafen - sie mei-
Horchen auf den Logos. Spätere Generationen und fernere nen sich zu reinigen, indem sie sich mit Blut besudeln, »wie
Epochen werden das Wachen - neben den Phänomenen wenn einer, der, in den Schmutz getreten, sich mit Schmutz
Schlaf und Traum - der Psychologie und den Sicherheits- abwüsche«.81 In ihren Eigenwelten befangen, hören die Men-
diensten zuteilen, das Verständigsein hingegen an die prak- schen nicht, was ihnen die Nichtschläfer zu sagen haben.
tische Philosophie bzw. die Ethik abgeben und die Emp- Redet man zu ihnen von dem Logos, der durch alles wirkt,
fänglichkeit für den Logos der Logik, der Mathematik und zucken sie mit den Schultern. Von dem Einen sehen sie nichts,
den Strukturtheorien reservieren. Wenn es ein starkes Merk- obschon sie in es eingetaucht sind. Sie tun, als suchten sie den
mal des Vorsokratismus gibt - sofern dieser nicht nur eine Gott, obwohl er vor ihnen steht.
Erfindung moderner Kompilatoren darstellt, wofür manches
spricht -, mir scheint, es läge in der pathetischen Gleich-
setzung von Wachen und Denken.
81 Fragment 21.
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos 273

dem östlichen Pfad eher ein Wachen ohne Wissenschaft zum


Denken ohne Wachen, Wachen ohne Denken: Zug, das Erleuchtungen ohne begriffliche Präzisierungen
Ost-West-Gegensätze anstrebte - angelehnt an einen Staatschatz von Weisheits-
figuren, der mehr oder weniger allen Meistern gehört. Hei-
Unter den Denkern des 20. Jahrhunderts war es zuerst Hei- deggers Versuch, die Alternative von Szientismus und Illu-
degger, der durch seine Sezession von der zweieinhalbtau- rninismus in neo-vorsokratischer Haltung zu unterlaufen,
sendjährigen philosophischen Überlieferung die Privilegen erbrachte ein Konzept von »Denken«, das deutlich näher
des präkonfusen (kontrakt-symbolischen) Denkens zurück- beim meditierenden Wachen als bei der Konstruktion oder
gewinnen wollte. Auf seine Weise versuchte er, gegen die Dekonstruktion von Diskursen lag. Seine späte Pastorale
eigene Zeit und doch in mancher Hinsicht auf ihrer Höhe, des Seins, die mehr einem Exerzitium als einer diskursiven
das Philosophieren in den »vorsokratischen« Zustand zu- Praxis gleicht, weist auf das Unternehmen hin, die Bewußt-
rückzuversetzen, in dem vorübergehend eine Einheit von seinsphilosophie nach ihrem aufrüttelnden Durchgang
Wachen und Denken möglich gewesen war. Der Zerfall der durch die Existenzphilosophie in eine welthaltige Wach-
präkonfusen Einheit hatte sich schon vor 2500 Jahren als heitsphilosophie zu verwandeln. 82 Man darf wohl anneh-
unaufhaltsam erwiesen; die raschen Fortschritte in der Be- men, der Mensch unterstehe als »Hüter des Seins« einem
griffsbildung spalteten die alten Grundwörter in viele Schlafverbot. Allerdings wird bei Heidegger nicht recht
Teilbedeutungen auf. Nicht jedes Wort überlebte diese Ent- klar, wie der Zeitplan beim Hüten des Seins geregelt ist.
wicklung unbeschädigt - insbesondere verlor das archaische Auch wie die Hüter die Nachtarbeitserlaubnis in den La-
Verbum sophronein, verständig sein, das eleganteste Lei- boren der Spitzenforschung bekommen, ist nicht leicht zu
stungswort der alten Welt, bei seiner Gerinnung zu dem Sub- erkennen. Die Wette ist so plausibel wie anspruchsvoll: Es
stantiv sophrosyne, das die Tugend der Besonnenheit inmitten gilt jetzt, die von Heidegger in Aussicht genommene Ver-
einer Gruppe anderer Tugenden bezeichnet, seine durchdrin- wandlung des Denkens in eine Wachheitsübung ohne Rück-
gende Energie und intime Appellwirkung. Allerdings enthält schritte hinter das Niveau der modernen Rationalitätskultur
die Heideggersche Deutung dieses Geschehens - die Erstar- vorzunehmen.
rung der Verben zu Substantiven und die Überführung der Ob Heidegger selbst dies gelungen ist, muß man aus einer
Ereignissehau in Begriffsmachwerk - als Geschick der Reihe von Gründen bezweifeln. Zu sehr ist seine späte Lehre
»Seinsvergessenheit« eine unannehmbare Übertreibung, die zu einer Idylle im Ungeheuren geraten. Vor Heidegger hatte
zur Überwindung der damit angedeuteten Verlegenheit nicht nur Os wald Spengler einige vorläufige, doch nicht unbedeu-
viel beiträgt. tende Skizzen zu einer Kritik des rationalistischen Weltzu-
Aus den asymmetrischen Zerfallsprodukten ergaben sich griffs mittels einer allgemeinen Wachheitslehre vorgetragen-
die tiefreichenden Differenzen zwischen den Rationalitäts- diese aber nicht weiterverfolgt, sondern in eine spekulative
kulturen bzw. den »Ethiken« des Okzidents und des psychologie der Hochkulturen übersetzt und damit philoso-
Orients. Während sich auf dem westlichen Pfad, um sum-
82 Über die Suspension der Liaison von Denken und Wachen in der
marisch zu reden, ein Denken ohne Wachen durchsetzte, Anästhesiepraxis des 19. und 20. Jahrhunderts siehe unten Kapi-
das sich dem Ideal der Wissenschaft verpflichtete, kam auf tel 11, S. 60of.

1
274 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 3 Schlaflos in Ephesos 275

phisch neutralisiert. Überdies entstellte er seine subtilen Hin- angenommen und mit seinem Werk bewiesen hat, wie Wa-
weise auf die Angst-Verfassung des wachen Daseins - die chen und Denken in einem zeitgenössischen existentiell-in-
zehn Jahre später in Heideggers Antrittsvorlesung Was ist tellektuellen Projekt wieder in eine überzeugende Verbin-
Metaphysik? von 1929 wieder auftauchen - durch die Grob- dung gebracht werden können. Aus dem Kreis der deutschen
heit seines pragmatistischen Glaubens an den Vorrang der Denker, die unter Heideggers Anregungen bis zu den Gren-
"Tatsachen«.83 Aufs Ganze gesehen versagt die Philosophie zen des aktuell Möglichen gingen, ist vor allem earl Friedrich
des 20. Jahrhunderts vor dem Imperativ der Wachheitskultur von Weizsäcker zu nennen. Er dürfte dem paradoxen Ideal
mehr oder weniger kläglich. Nicht ohne Grund hat sie den eines Präsokratismus auf der Höhe des zeitgenössischen Wis-
größten Teil ihrer virtuellen Klientel an die psychothera- sens am nächsten gekommen sein. Sein spätes Hauptwerk,
peutischen Subkulturen verloren, in denen neue lebbare Sti- Zeit und Wissen, möglicherweise das tiefste naturwissen-
lisierungen des Verhältnisses von Wachheit und Wissen ent- schaftlich-philosophische Buch des zu Ende gehenden 20.
standen sind, nicht selten zum Mißfallen der verbeamteten Jahrhunderts,85 wurde von der Öffentlichkeit wie der Zunft
Theoriepfleger. ignoriert, auch von denen, die von sich nicht der Meinung
Vor dem Hintergrund theosophischer Traditionsamalgame sind, sie amüsierten sich zu Tode.
aus orientalischen und platonischen Quellen hat Jiddu Krish-
namurti, 1895-1986, die radikalste im 20. Jahrhundert zu hö-
rende Wachheitslehre entwickelt. Indem er sich von seinen
frühen Indoktrinationen distanzierte, verkündete er die The-
se, es sei jederzeit möglich, von einem Augenblick zum an-
deren aus den Konstrukten der Verstandeswelt auszusteigen
und alle Vorstellungen in der »Flamme der Aufmerksamkeit«
zu verbrennen. Krishnamurti weigerte sich aus nicht ganz
durchsichtigen Gründen, den Zusammenhang zwischen der
Fähigkeit zur konstanten Wachheit im Augenblick und der
übenden Arbeit an sich selbst bzw. der kathartischen Klärung
der Psyche näher zu untersuchen und die möglichen Er-
gebnisse solcher Studien in seine Lehre zu integrieren, ob-
schon seine eigene Klärungsgeschichte zu den dramatischsten
und am besten belegten Dokumenten in der Historie der
spirituellen Übungen zählt. 84
Nach Heidegger war es vor allem Foucault, der die Wette

83 Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, a. a. 0.) S. 557-


579·
84 Vgl. Pupul Jayakar, Krishnamurti - Leben und Lehre, Freiburg
199 2 . 85 München/Wien 199 2 .
4 Habitus und Trägheit 277

Anwendungsfall des heraklitischen: »Der Weg hinauf und


der Weg hinab sind derselbe«, sondern ein Absturz - ich
4 HABITUS UND TRÄGHEIT habe dieses Verhältnis unter dem von Pravu Mazumdar aus
VON DEN BASISLAGERN DES ÜBENDEN LEBENS Binswangers Schriften übernommenen Stichwort »tragische
Vertikalität« behandelt. Binswanger kommentiert im übri-
gen den naheliegenden Einwand nicht, wonach es auch im
Horizontalen eine Art von Sturz gibt, nämlich wenn der
Noch einmal: Höhe und Weite- Schritt in die Weite zu einem rückkehrlosen Vorwärts gerät,
Anthropologische Proportionalität wie es der Ewige Jude und der Fliegende Holländer ver-
körpern.
Aus den voranstehenden Überlegungen zu Nietzsche, Witt- Die tragischen Asymmetrien, die der Psychiater bei den
genstein, Foucault, Heidegger und Heraklit bringen wir vertikalen Bewegungen feststellt, beziehen sich nicht auf die
eine Reihe von Beobachtungen mit über die von Binswan- Höhe als solche, weder im physischen noch moralischen
ger artikulierte »anthropologische Proportion«. Es war die- Sinn. Sie betreffen eher das unzulängliche Können des Agen-
ser von Heidegger angeregte Pionier der psychiatrischen ten, der die Höhe erklimmt, ohne fähig zu sein, sich in ihr zu
Anthropologie, der das Grundphänomen der existentiellen bewegen. Im allgemeinen sollte man annehmen, dasse~be
Gerichtetheit zu einer elementaren Raum- oder Proportio- Können, das einen Aufsteigenden hinaufgelangen läßt, bnn-
nen-Ethik entfaltete - besonders in seiner weitgehend un- ge ihn auch wieder hinunter, ohne daß dabei eine Spur von
beachteten Ibsen-Studie von 1949. Darin erläutert er, wie »tragischer Vertikalität« ins Spiel käme. Nur wenn ~as
sich die menschliche Selbstverwirklichung im gewöhnlichen Nicht-Können oder das Nicht-Bedenken von Randbedlll-
Leben vor allem in der polarischen Bedeutungsrichtung von gungen des Könnens sich .ei~mischen, wie beim Ikar~s-Flug,
Enge und Weite vollzieht, während die Dramen der geisti- werden Stürze wahrschemhch. Im anderen Fall reicht das
gen und künstlerischen Selbstverwirklichung sich überwie- Können auch für den Abstieg mehr oder weniger vollkom-
gend in der Dimension Tiefe und Höhe abspielen. 86 In bei- men aus. Die Praxis der Luftfahrt belegt das jeden Tag, die
den Fällen macht sich eine kinetische Grundtendenz des doch gewiß eine nicht-ikarische Kunstform ist, der diszipli-
Lebens bemerkbar, von der Goethe gelegentlich notierte, nierte Alpinismus ebenso. Nur beim Vordringen .ins Unge~
»wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung an ge- konnte und Ungesicherte tritt die SturzproblematIk auf - sei
wiesen«.87 Während die existentielle Beweglichkeit in der es, daß der Akteur auf eigene Gefahr etwas unternimmt,
Horizontalen durch relative Symmetrie von Hinweg und wozu er die Technik nicht besitzt, sei es, daß er Neues ver-
Rückweg beherrscht wird, tritt bei der Vertikalbeweglich- sucht, was aufgrund seiner U nerprobtheit nicht gek~nnt
keit oft eine Asymmetrie auf, dann nämlich, wenn der Ab- werden kann. Ich verzichte hier auf die Ausführung dieser
stieg keine bloße Spiegelung des Aufstiegs ist, also kein Beobachtungen hinsichtlich der Situation des Künstlers, des
Verbrechers, des Diktators und des Merchant Adventurer.
86 Ludwig Binswanger, Henrik Ibsen und das Problem der Selbst- Sie alle befinden sich in einer Lage, die ohne .~en inhäre~ten
realisation in der Kunst, a. a. 0., S. 48. Zug zum Scheitern nicht zu denken ist - freilich auch mcht
87 Ibid., S. 50.
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit 279
ohne die Chance zum Lernen in der Situation. In bezug auf schen!88 Darauf hat Zarathustra keine Antwort. Er unterteilt
sie darf man an das Oliver Cromwell zugeschriebene Wort die Menschen von da an in Publikum und Freunde. Zum
erinnern, nie steige ein Mann höher, als wenn er nicht weiß, Publikum gehört, wer fähig wäre zu fragen: Und was habe
wohin er geht. ich davon, wenn ich über mich hinausgehe?
Nietzsches Rede über den Letzten Menschen liefert die
erste Fassung des Basislager-Problems. Es tritt auf, sobald
1m Basislager: Die Letzten Menschen es möglich wurde, programmatisch zu behaupten, Basislager
und Gipfel seien dasselbe - genauer gesagt, wenn allen Ern-
Aus Binswangers Ausführungen zur »anthropologischen stes die Meinung geäußert werden kann, der Aufenthalt im
Proportionalität« leite ich den Hinweis auf das von mir so Basislager und dessen Prolongation mache jede Art von Gip-
genannte »Basislager-Problem« ab. Als dessen Entdecker felexpedition überflüssig. Wie solche Auslegungen des Da-
kann - unvermeidlich - wieder Nietzsche gelten. Es taucht seins auf dem Hochplateau des Mount Improbable seit dem
in dem Moment auf, in dem Zarathustra, der Prophet des 19. Jahrhundert plausibel werden - im Darwinismus wie im
nicht mehr platonisch zu konzipierenden menschlichen Auf- Marxismus -, habe ich schon indirekt erläutert: Sie folgen aus
stiegs über sich selbst hinaus, gleich zu Beginn seiner Mission den Standarddeutungen der Evolutionstheorie, nach welchen
auf die Tatsache stößt, daß die große Mehrheit der Menschen der Mensch im status qua die Endstation des Werdens ver-
nicht daran denkt, mehr werden zu wollen, als sie sind. Er- körpert - zu regeln bleibt nur noch die Umverteilung von
mittelt man die Durchschnittsrichtung ihrer Wünsche, ergibt Endstationserrungenschaften. Dafür plädieren die entspre-
sich der Befund: Sie wollen, was sie haben, nur komfortabler. chenden sozialpolitischen Programme. Das ganze 20. Jahr-
Auf diesem Stand der Wunschkultur setzt Zarathustras Rede hundert wird durch ideologisch verschieden begründete
vom Letzten Menschen zur Attacke auf das Publikum an. Gleichsetzungen von Basislager und Gipfel markiert - von
Sein impovisierter zweiter Gesang - der erste hatte den Über- den frühen Proklamationen des Designs für den verwandel-
menschen verkündet - soll das verächtlichste Geschöpf unter ten Alltag bis zum totalen Nebeneinander der Lebensformen
der Sonne beschreiben, den Menschen ohne Sehnsucht, den im Postmodernismus. In sinnverwandtem Geist hat die Ana-
finalen Spießer, der das Glück erfunden hat und beim Son- lytische Philosophie die normale Sprache zur letzten Sprache
nenbad am Pool den vorbeigehenden Frauen nachschaut - erklärt, und der Liberalismus das Amalgam aus Konsum und
aus welchem anderen Grund blinzelte er sonst? Allerdings Versicherung zum letzten Horizont. Mag sein, daß der Öko-
verrechnet sich Zarathustra bei seiner Ansprache - man logismus, der dabei ist, zum aktuellen Leitdiskurs zu werden,
könnte sie übrigens das erste virtuelle Pop-Ereignis der Phi- die Fortschreibung dieser Tendenz ins 21. Jahrhundert ver-
losophiegeschichte nennen. Beim Versuch, zum Stolz der körpert, indem er die Ökosysteme und die Arten als letzte
Hörer zu sprechen, gelangt er zu der Feststellung: Sie haben Naturen ausruft und dadurch die Unantastbarkeit ihres zur
keinen mehr und sind nicht daran interessiert, ihn wiederzu- . h ten Zustan ds statUIert.
Zeit errelC . 89
erlangen. Deswegen das begeisterte Echo aus dem Publikum,
das nach Zarathustras mißlungener provokationstherapeu-
88 Prolog 5·
tischer Intervention lautet: Gib uns diesen Letzten Men- 89 Vgl. Slavoj Zizek, Unbehagen in der Natur. Warum unser Realitäts-
280 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit

Die Philosophie des 20. Jahrhunderts, könnte man folglich sich mit dem Hinweis auf die Wünschbarkeit der »anthropo-
sagen, im besonderen unter ihren sozialphilosophischen Aus- logischen Proportionalität«. Da er einerseits mit dem späten
prägungen, bietet aus den angedeuteten Gründen nichts Heidegger sympathisierte, andererseits als aktives Mitglied
anderes als eine Serie von Stellungnahmen zum Basislager- der psychiatrischen Bergrettung die >>Verstiegenen« zurück-
Problem. Auch die zitierten Autoren haben ihr Votum hierzu zuholen versuchte, darf man ihn wohl zu den Außenposten
abgegeben - zumeist in der Form eines Sowohl-als-auch unter des Basislagers rechnen, die von Berufs wegen noch Verständ-
Betonung der basalen Seite. Von den Genannten ist Nietzsehe nis für die Dynamik der Vertikalität aufbrachten.
der einzige, der ein bedingungsloses Bekenntnis zum Primat
der Vertikalen ablegte. Für ihn besteht die Rechtfertigung des
Basislagers ausschließlich darin, den Ausgangspunkt für Ex- Bourdieu, Denker des Letzten Lagers
peditionen zu immer höheren und unbekannteren Gipfeln zu
bilden. Ihm kommen der frühe wie der späte Foucault am Unter den Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
nächsten, ebenso der heroistisch gestimmte frühe Heidegger, ragt Pierre Bourdieu durch den problematischen Vorzug her-
der noch nicht verstanden hatte, daß die nationale Revolution, aus, daß bei ihm die Abwendung vom jedem Gedanken an
mit der er ins deutsche Schicksal »aufbrechen« wollte, nichts Gipfelexpeditionen dogmatische Ausmaße annahm. Er ist,
anderes war als ein wildgewordenes Basislager. Auch beim um es zugespitzt auszudrücken, der Soziologe des definitiven
Wittgenstein der Tractatus- Periode, als der Autor die bekann- Basislagers - und fungierte sogar für eine Weile als sein in-
te Wegwerf-Leiter benutzte, tauchen Spuren der Hoffnung tellektueller Präfekt, hierin Jürgen Habermas vergleichbar,
auf, das horizontale Universum der Sachverhalte sei durch dessen Publikationen zur Theorie des kommunikativen Han-
eine vertikale Handlung zum ethischen Gipfel übersteigbar. delns ebenfalls wie Merkblätter zum Endausbau von Basis-
Beim späteren Wittgenstein hingegen, beim mittleren Fou- lagern in ebenen Gegenden gelesen werden können. Bour-
cault und beim späten Heidegger ist das Einschwenken in dieus Eintritt in die intellektuelle Szene Frankreichs hatte
die Horizontale kaum zu verkennen. Sie vollziehen, jeder sich in den frühen sechziger Jahren vollzogen, als das theo-
auf seine Weise und aus sehr verschiedenen Gründen, eine retische »Feld« - um eines seiner bevorzugten Konzepte
Art von resignatio ad mediocritatem. Das Spielen der Sprach- aufzugreifen - nahezu restlos von marxistisch codierten For-
spiele, das nochmalige Durchgehen der Diskurse früherer men der Gesellschaftskritik okkupiert war. Als vorüberge-
Machtspiele und das spätpietistische Warten auf ein neues Zei- hender Assistent Raymond Arons und als Leser Max Webers,
chen des Seins - das alles sind Attitüden in einem Lager, von Emile Durkheims und Alfred Schütz' konnten ihm die Un-
dem aus es offensichtlich nicht mehr weitergeht, mögen auch zulänglichkeiten der marxistischen Ansätze nicht verborgen
die Autoren Reste von Aufstiegsaspirationen bewahrt haben. bleiben, insbesondere in deren fatalen Fortschreibungen
Was Binswanger anbelangt, so entwickelt er in der kritischen durch Lenin und Stalin. Wollte er sich im Erfolgsfeld der
Frage, scheint mir, keine eigene Meinung, sondern begnügt französischen Kritikkultur einen Platz erobern, mußte er
die unglaubwürdigen Sprachspiele der Verelendungs- und
glaube uns blind macht für die Umweltkrise, in: Lettre Internatio- Ausbeutungskritik beiseite lassen und deren verlorene Of-
nal Nr. 78, 2007. fensivkraft durch eine Zusatzanstrengung auf dem Gebiet
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit

der Herrschaftskritik kompensieren. Dies ließ sich nur errei- ehen nur mittels einer alternativen Auslegung von Wirklich-
chen durch den Übergang von einer Theorie direkter Herr- keit als »Praxis« erreichen. Es galt demnach, bei der Defini-
schaft zu einer Logik der Herrschaft ohne Herrscher. Es wa- tion der »Praxis« neu anzusetzen und zu zeigen, daß diese
ren jetzt anonyme und präpersonale Agenturen, die den Rang nach anderen Gesetzen funktioniere, als sie im ökonomisch
eines repressiven Souveräns erhielten. Aus dieser Konstella- beschränkten Standardmarxismus beschrieben wurden. Prak-
tion ergaben sich sämtliche Wendungen und Innovationen, tikabel wurde dies nur durch die Tieferlegung der Basis, und
die für die Bourdieusche Variante von »kritischer Theorie« wer an dieser Stelle tiefer gehen wollte, mußte von der Ebene
charakteristisch sind - und »kritische Theorie« ist, wie deut- der Produktionsprozesse auf die der psychophysischen Rea-
sche Leser wissen, ein Pseudonym für einen vom Glauben an litäten herabsteigen. Der Zeitgeist tat das Seine, um dieses
die Möglichkeit der Revolution verlassenen Marxismus. In Vorhaben zu unterstützen: Aus theoriegeschichtlicher Sicht
dieser Konjunktur wird die Theorie selbst - zusammen mit beginnt die Konjunktur des »Körpers« in den sechziger Jah-
einer immer subversiver sich gerierenden Kunst - zum ren des 20. Jahrhunderts, als der Spätmarxismus begriff, wie
Revolutionsersatz. sehr sein Überleben vom Nachweis einer Ersatz-Basis ab-
Das starke Merkmal des Marxschen Denkens bestand in hing. In Deutschland vollzog sich die Wende überwiegend
der Einführung einer anti -idealistischen Wirklichkeitshierar- in Form von Studien zum deformierten »subjektiven Fak-
chie. Dieser zufolge besitzt die Basis, als politisch-ökonomi- tor«, in Frankreich setzte sich eine Art von ethnologischer
sche »Praxis« aufgefaßt, mehr Wirklichkeitsgehalt - mehr Feldforschung über die Inkorporierung der Klassenmentali-
Macht zur Zeitigung von Wirkungen und Nebenwirkungen täten durch. Tatsächlich war Bourdieu seit seinen 1958 be-
- als alle übrigen »Sphären«, weswegen sich diese mit der gonnenen Untersuchungen in den nordalgerischen Bauern-
Rolle eines von der Basis bestimmten »Überbaus« zufrie- gesellschaften der Kabylei auf den tiefgehenden Unterschied
denzugeben hatten. Da diese Versetzung in die Zweitrangig- zwischen einer Ökonomie der Ehre und einer Ökonomie des
keit den Staat, das Rechtssystem, das Schulwesen und alle Tauschs aufmerksam geworden und gewann hierdurch die
übrigen Artikulationen der »Kultur« betraf, erzeugte die Anregung, nach einer neuen Antwort auf die »Basis«-Frage
politische Ontologie des Basalen einen tiefen Einschnitt in zu suchen.
die tradierte Ökologie des Geistes. Die konsequenteste Ver- An dieser Stelle kommt Bourdieus wichtigste begriffliche
wirklichung des Ansatzes war im Stalinismus zu beobachten, Innovation, das Habitus-Konzept, ins Spiel. Es stellt ohne
dessen modus operandi auf die einfache Formel zu bringen Zweifel eines der fruchtbarsten Instrumente der zeitgenössi-
wäre: >>Vernichtung des Überbaus durch seine Kurzschlie- schen Soziologie dar, obschon es, wie ich zeigen werde, in
ßung mit der Basis«. Bourdieus Handhabung nur stark verkürzt zum Einsatz
kommt. Die größte Tugend des Habitus-Begriffs zeigt sich
darin, daß mit seiner Hilfe die beiden innerhalb des konven-
Habitus: Die Klasse in mir tionellen Marxismus unlösbaren Rätsel zu einer prima vista
befriedigenden Antwort finden: zum einen, wie sich die so-
Wer nach 1945 eine »kritische Theorie« begründen wollte, genannte Basis im sogenannten Überbau widerspiegeln kön-
konnte dies mit Blick auf die unter Stalin vollendeten Tatsa- ne; zum anderen wie die »Gesellschaft« in die Individuen
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit

eindringt und sich in ihnen präsent hält. Die Lösung lautet: freigelassene Sklave, auf semen Gastmählern unvornehm
Aufgrund von klassenspezifischen psychosomatischen Dres- protzt, erkennen die Angehörigen der alten Elite in ihm
suren nistet sich das Soziale in den Einzelnen als erzeugt- den typischen Sklaven. Wenn hingegen Bourdieu vom Enkel
erzeugende Disposition ein, um in diesen ein zwar erfah- eines armen mitayer und Sohn eines Postangestellten aus
rungsoffenes und lebensgeschichtlich bewegtes, im letzten dem Bearn zum Meisterdenker und Herrn des akademischen
Grunde aber unauslöschlich durch die Vergangenheit gepräg- soziologischen »Feldes« in Frankreich aufsteigt, so hilft ihm
tes Eigenleben zu entfalten. der Gedanke an den unauslöschlichen Habitus seiner Klasse
Sofort springt die Analogie zwischen Habitus und Sprache den Verdacht beschwichtigen, er habe durch seine Karriere
ins Auge, da auch sie auf ihre Weise eine in den Sprechern seine Herkunft verraten. Unter diesem Gesichtspunkt be-
sedimentierte strukturierend-strukturierte soziale Wirklich- trachtet, bietet die Habitustheorie den unschätzbaren Vor-
keit bildet. Der strukturalistische Zeitgeist der sechziger Jah- zug, der moralischen Beruhigung ihres Urhebers zu dienen:
re mochte dafür gesorgt haben, daß Bourdieu sich vorüber- Selbst wenn ich die eigene Klasse verraten wollte - ich könnte
gehend mit dem Werk Ferdinand de Saussures befaßte, in es nicht, weil ihre Einverleibung in meinen alten Adam die
dem der bezeichnete Sachverhalt unter dem Begriff langue Grundlage meines sozialen Seins bildet. Davon abgesehen
thematisiert wurde. De facta hat sich Bourdieu auf eine Ana- hilft die Theorie ihren Benutzern in der akademischen Welt
logie zwischen seinem Habitus-Konzept und Chomskys Idee wie auf den offenen intellektuellen Märkten, den kritischen
der Grammatik berufen, sofern man diese als System kon- Schein zu wahren, indem sie ihnen ein Mittel an die Hand
ditionierter Spontaneitäten versteht, die auf physisch veran- gibt, die vielfältigen Vertikaldifferenzierungen der »Gesell-
kerten Tiefenstrukturen beruhen. Die Möglichkeit des Ver- schaft« auf die simple Matrix von Herrschaftsprivilegien ab-
gleichs ergibt sich auf der einen Seite aus klassenbedingten zubilden, seien es Männervorrechte, seien es Kapitaleigner-
Verhaltensdispositionen, auf der anderen aus grammatikbe- vorrechte, materielle wie symbolische.
dingten Konditionierungen der Rede. Der Habitus ist quasi Der Preis, den Bourdieu für die Einsenkung der Basisdi-
die Erstsprache der an mir vorgenommenen Klassendressur, mension in die psychophysischen Strukturen der Einzelnen
und soviel die Einzelnen sich im Lauf ihres Lebens auch um zu entrichten hat, ist sehr viel höher, als ihm selber bewußt
neue Inhalte und Kompetenzen bemühen, sie bleiben in wurde. Zum einen gibt er, wie eben angedeutet, mit diesem
Bourdieus Augen muttersprachlich geprägt, und, weil ge- Habitus-Konzept die besseren Mittel preis, um das Spiel der
prägt, auch weiter prägend. Vertikalspannungen in den zahllosen disziplinischen Feldern
des sozialen Raums in ausreichender Sachnähe zu beschrei-
ben. De facta ist Bourdieus schriftstellerische Arbeit originell
Basis und Physis oder: Wo steckt die Gesellschaft? und fruchtbar, beispielsweise in der Analyse der Distinkti-
onskämpfe um »die feinen Unterschiede« und in der Ethno-
Der Habitus ist demnach das somatisierte Klassenbewußt- graphie des Homo academicus, nicht primär durc~ die -!'-n-
sein. Er haftet uns an wie ein nie verschwindender Dialekt, wendung des Habituskonzepts, sondern dank der llltenslven
den selbst Henry Higgins Fräulein Doolitte nicht würde aus- außenseiterischen Aufmerksamkeit des Autors für rivalitäts-
treiben können. Wenn Trimalchio, der zu Reichtum gelangte erzeugte Rankingmechanismen, bei denen die Klassenprä-
286 I Die Eroberun g des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit

gungen zwar eine Rolle spielen, aber nicht den Ausschlag Agenten, die unter der Nötigung stehen, ihre Programme in
geben. Wo Bourdieu am besten ist, schreibt er eine Satire den Spielräumen des Feldes zu realisieren.
ohne Lachen über Neureiche und Ambitionierte; wo er am Wer Vorschläge dieser Art für akzeptabel hält, kann es
tiefsten denkt, rührt er an den tragischen Rest der conditio zuletzt auch plausibel finden, wenn in La distinction, Bour-
humana. dieus erfolgreichstem Buch, nachgewiesen werden soll, der
Eine weitere Schwäche des so gelesenen Habitus-Kon- Vollzug von ästhetischen oder kulinarischen Geschmacksur-
zepts zeigt sich darin, daß es die individualisierten Formen teilen stelle ein Reproduktionsmedium von »Herrschaft« dar.
existentieller Selbst-Entwürfe nicht erfassen kann. Die Bour- Unter Soziologen dürfte sich herumgesprochen haben, daß
dieusche Analyse verbleibt notwendigerweise im Typischen, man in diesen Dingen mit einer eher horizontal als vertikal
Präpersonalen und Durchschnittlichen, als ob der homo 50- differenzierenden Milieu-Theorie, in Kombination mit ei-
ciologicus in allem das letzte Wort behalten sollte. In gewisser nem Instrument zur Beobachtung mimetischer Mechanis-
Weise parodiert Bourdieu die Man-Analyse aus Heideggers men, zu wesentlich präziseren Aussagen gelangt als mit einer
Sein und Zeit unter Umkehrung der Vorzeichen. Während für Theorie anonymer Herrschaft. Was das Basis-Überbau-Sche-
Heidegger das menschliche Dasein »zunächst und zumeist« ma als solches angeht, ist es zu oft widerlegt worden, um
an die Anonymität des Man verfallen ist und erst durch einen weitere Kommentare zu verdienen. Ich füge hinzu, es würde
Akt der Entschlossenheit in die Eigentlichkeit gelangt, liegt nur geringen Aufwand kosten, zu zeigen, daß das Hinzu-
für Bourdieu die Eigentlichkeit des Daseins im Habitus, über kommende oft ebenso wirklichkeitsmächtig ist wie das, zu
dem sich ein mehr oder weniger zufälliger Überbau an Am- dem es hinzukommt, gelegentlich mächtiger. Wäre es anders,
bitionen, Kompetenzen und Distinktionsattributen ansam- wären Menschen nur dem Anschein nach veränderbare und
melt. Diese Umkehrung der Man-Analyse ergibt sich fast lernende Wesen.
zwangsläufig aus der Zustimmung zur politischen Ontologie
des Praxisdenkens, der zufolge die Basis wirklicher ist als das,
was überbaulich hinzukommt. Folglich wäre der Mensch im- Vom Genius der Gew ohnheit. Aristoteles und Thomas
mer dort am meisten er selbst, wo seine Prägung durch den
Habitus ihm zuvorgekommen ist - als ob das Echteste an uns Die entscheidende Schwäche des Habitus-Konzepts in Bour-
die einverleibte Klasse wäre. Was an uns nicht wir selbst sind, dieus Redaktion besteht aber darin, daß es das, was es zu
sind wir selbst am meisten. Die Habitus-Theorie liefert eine erklären vorgibt, die Region »Gewohnheit«, in keiner Weise
klandestine Kreuzung aus Heidegger und Lukics, indem sie angemessen abbildet. Die große Tradition des philosophi-
von jenem die Idee eines im Man zerstreuten Selbst, von schen und psycho-physiologischen Nachdenkens über die
diesem das Konzept des KIassenbewußtseins übernimmt. Rolle der Gewohnheiten bei der Formung menschlicher Exi-
Sie baut die beiden Figuren so zusammen, daß die vorbewuß- stenz schrumpft bei diesem Autor auf einen für die Zwecke
te Klasse »an sich« in uns zum eigentlichen Selbst wird. Dazu der Herrschaftskritik verwendbaren Rest zusammen. Statt in
paßt die von Bourdieu vorgenommene Zerlegung des sozia- das Panorama der effektiven Subjektbildungen durch Übung,
len Raums in diverse» Felder« - in diesen können naturgemäß Training und Gewöhnung einzutreten, begnügt sich die
keine »Personen« auftreten, sondern nur habitus-gesteuerte Habitus-Theorie a la Bourdieu mit dem engen Segment der
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit

Gewohnheiten, die die Sedimente der »Klasse in uns« ausma- Vom klassischen habitus-Konzept übernahm er jedoch ein-
chen - sie betrügt ihre Benutzer um die Fülle dessen, worauf seitig nur die Elemente, die sich seiner Version der »Basis«
ihr Name hinweist. Natürlich war sich Bourdieu, der den einfügen ließen, die, wie gesagt, das vorbewußte Wirken der
Ausdruck aus Erwin Panofskys Studie Gotische Architektur »Klasse in uns « bedeutet.
und Scholastik, 1951, übernommen hatte, über seine philoso- Aristoteles wie Thomas von Aquin war es hingegen um die
phische Vorgeschichte summarisch im klaren.9o Er wußte, Erklärung der Möglichkeit des »Tüchtigen in uns « gegangen,
daß der habitus-Begriff bei Thomas von Aquin und der he- wenn nicht sogar des >, Guten in uns«. Sie begriffen die Ge-
xis-Begriff bei Aristoteies einen guten Teil der Last einer wohnheit, sofern sie gute Gewohnheit ist, als eine verkörper-
Ethikbegründung im Rahmen einer aretologischen Anthro- te Disposition, die den Handelnden zu tugendhaften Hand-
pologie (das heißt einer Theorie, die den Menschen als das zu lungen bereitmacht - gewiß auch, bei schlechten Gewohn-
Tugenden fähige Lebewesen portraitiert) zu tragen hatten, heiten, zu schlechten Taten, doch diese stehen nicht im Focus
jedoch ignorierte er bewußt die weite Fassung der habitus- ihrer Untersuchung. D ie hexis bzw. der habitus haben für die
Doktrin, um sich allein auf die für seine Zwecke brauchbaren Klassiker der praktischen Philosophie ständig Bereitschafts-
Aspekte zu beschränken. dienst: Sie sollen bei eintretender Gelegenheit aufspringen,
Schon bei den älteren Autoren findet man die gut entwik- um das an sich Gute und Wertvolle auszuführen, als sei es
kelte Figur des Habitus als eines elastischen Mechanismus das Leichteste von der Welt. Indessen kann es leicht nur er-
von zweiseitiger, passiv-spontaner Qualität. Die »Macht der scheinen, wenn und weil eine anhaltende Übung die Unwahr-
Gewohnheit« wird bei den Alten nicht bloß als Überwältigt- scheinlichkeit des Guten im voraus weggearbeitet hat. Als
sein durch Routinen verstanden, sondern als präpersonal ver- Erläuterungen für den anspruchsvollen Sachverhalt, daß
ankertes generatives Prinzip des Handelns. Wenn die Schola- Menschen, sofern sie moralisch und ästhetisch agieren, immer
stiker vom habitus reden, meinen sie eine janusköpfige Dis- schon durch habendes Gehabtsein, prägendes Geprägtsein,
position, die mit dem einen Gesicht auf die Serie der disponierendes Disponiertsein, handelndes Gehandelthaben
vergangenen ähnlichen Handlungen zurückschaut, in der bestimmt sind, bilden hexis und habitus alles andere als bloße
sie Gestalt angenommen hat, während sie mit dem anderen Hilfsbegriffe einer kritischen Soziologie. Sie sind anthropo-
auf die nächsten Anlässe vorausblickt, in denen sie sich von logische Konzepte, die einen scheinbar mechanischen Prozeß
neuem bewähren soll. Der habitus bildet somit eine aus frü- unter den Aspekten der Beharrung wie der Steigerung be-
heren Akten geformte »Potenz«, die sich in erneuten Akten schreiben, um die Inkarnation des Geistigen zu erläutern.
»aktualisiert«. Ein solches Konzept konnte Bourdieu natur- Sie identifizieren den Menschen als das Tier, das kann, was
gemäß sehr gut gebrauchen, weil er als Soziologe nach Be- es soll, wenn man sich rechtzeitig um sein Können geküm-
griffen Ausschau hielt, die das menschliche Verhalten in eine mert hat. Zugleich sehen sie die erreichten Dispositionen zu
plausible Mitte zwischen übermäßiger sozialer Determina- neuen Steigerungen weiterwachsen.91 Dazu braucht Thomas
tion und bodenloser individueller Spontaneität plazieren. keine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen-

90 Erwin Panofsky, Gotische Architektur und Scholastik: Zur Ana-


logie von Kunst, Philosophie und Theologie im Mittelalter, Köln 9 1 Die Bedeutung der Gewohnheit als Ausgangspunkt für immer
19 89. neue Verschiebungen innerhalb des Systems unserer konstituierten
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit

geschlechts zu schreiben - begriffliche Klärungen über die Auch wenn wir heute über »das Gute« so nicht mehr denken
Anleitung des Könnens zur Bereitschaft für das Gute reichen können, bleibt die klassische Analyse des habitus aktuell; sie
völlig aus. ist mutatis mutandis leicht in die Sprache der zeitgenös-
Tatsächlich ist es möglich, schon die klassische hahitus- sischen Trainingspsychologie, der Neurokybernetik und der
Lehre als Trainingstheorie zu lesen. Wer richtig geübt hat, Pragmatik übersetzbar. Mit ihrer Hilfe lassen sich die psy-
überwindet die Unwahrscheinlichkeit des Guten und läßt chophysischen Bedingungen der Möglichkeit von richtigem,
die Tugend wie eine zweite Natur erscheinen. Zweite Naturen angemessenem und gekonntem Handeln auf hohem Niveau
sind Könnensdispositionen, dank deren sich der Mensch als gegenstandsnah erläutern. Sie soll gewiß nicht, wie die kryp-
Artist der virtus auf der Höhe zu halten vermag. Er tut das fast ta-marxistische Deutung der »Basis« es möchte, erklären, wie
Unmögliche, das Beste, als sei es das Leichte, Spontane, Na- das Soziale in den Körper kommt. Sie sagt vielmehr, wie die
türliche, das sich nahezu von selbst einstellt. Das Gute, nota Disposition zum Vollbringen des Guten, Richtigen und An-
bene, wird hier noch nicht als »Sollen«, erst recht nicht als gemessenen dem menschlichen Dasein einverleibt werden
»Wert« verstanden, der von meiner Setzung und Schätzung kann. Ich füge hinzu: »Gut«, »richtig« und »angemessen«
abhinge. Es ist das von Gott gespannte Seil, über das die Ar- sind Namen für das Außerordentliche, in dessen Natur es
tisten der Überwindung gehen - und Überwindung heißt liegt, im Gewand des Normalen zu erscheinen.
stets: das Wunderbare als das Mühelose ausgeben. 92 Darum Die ältere habitus-Theorie ist also Teil einer Lehre von der
gab Jean Genet in seinen kryptokatholisch inspirierten Rat- Inkorporation und In-Formation der Tugenden. Sie ist an ge-
schlägen für den Seiltänzer diesem die Empfehlung mit: sich wandte Aretologie, ausgeführt in Form einer tiefen Analyse
immer bewußt zu halten, daß er dem Seil alles verdankt. 93 der in den tätigen Menschen wirkenden Kraft, die zum Akt
strebt. Eine »informierte Energie« dieser Art trägt ihr selbst-
Vermögen wird besonders von dem französ ischen Philosophen verstärkendes Prinzip in sich. Ihrer Optimierung ist von
Felix Ravaisson hervorgekehrt. Vgl. F. R., Die Gesetze der Ge- außen keine Grenze gesetzt. Selbst den Heiligen, sagt Prosper
wöhnung, in: Im Netz der Gewohnheit. Ein philosophisches Lese- von Aquitanien, »bleibt immer noch etwas, worin sie wach-
buch. Herausgegeben von Michael Hampe und Jan-Ivar Linden, sen können sollen« (superest qua crescere passim). Wer die
Hamburg 1993, S. 135f.
habitus-Theorie in ihrem bei Thomas erreichten Stand auf-
92 Genau das wird von der modernen Sollensethik abgelehnt. Wie
entschieden Kant in seiner Ethik von der Sorge ums Können auf das greift, hat mehr als die Hälfte des Weges zu einer Deutung des
reine Sollen umstellte, zeigt unter anderem seine Verwerfung der Menschseins als einer Artistik des Guten zurückgelegt. Mit
Idee eines bei der Ausübung der Pflicht mithelfenden Habitus. ihr ist uns ein anthropologisches Konzept für die Wirk-
Denn da wäre die Tugend "bloß Mechanism der Kraftanwendung;
samkeit innerer Technologien zuhanden, das die jedem Kön-
. . . Tugend (hingegen) ist die moralische Stärke in Befolgung seiner
Pflicht, die niemals zu Gewohnheit werden, sondern immer ganz nensbereich inhärente Vertikalspannung subtil auf den Be-
neu und ursprünglich aus der Denkungsart hervorgehen soll. « griff bringt. Sie erläutert, wie es möglich ist, daß gerade das,
Immanuel Kant,Werke XII, Frankfurt am Main 1977, S. 436. Wenn was schon recht gut gelingt, den Sog des Besseren verspürt,
der Mensch allein durch die Pflicht gerettet wird, fallen Hilfen
und warum das vorzüglich Gekonnte im Attraktionsfeld
seitens der Disposition und der Neigung beiseite.
93 Jean Genet, Der Seiltänzer, a. a. 0., "Nicht du wirst tanzen, son- eines noch höheren Könnens steht. Die authentische Form
dern das Seil. « der habitus-Theorie beschreibt den Menschen in aller Dis-
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit 293

kretion als Akrobaten der virtus - man könnte auch sagen: als voll ist, wie hierdurch Distinktionsgewinne in der Kritiksze-
Träger einer moralischen Kompetenz, die in soziale und ne zu erzielen sind. Daher die Erfolge Bourdieus in dem von
künstlerische Leistungskraft übergeht. Das ist die weit geöff- den »Konformisten des Andersseins « bevölkerten Milieu. 95
nete Tür, durch welche die Denker der Renaissance bloß zu Wir haben die Basis gefunden, sagen die Lager-Bewohner und
gehen brauchten, um die Heiligen in die Virtuosen zu ver- blinzeln.
wandeln. Es dürfte sich auch hier erübrigen zu betonen, daß diese
Einwände nicht als destruktive Kritik mißverstanden werden
dürfen. Bourdieus direkte und indirekte Beiträge zum Ver-
Homo bourdivinus: ständnis des menschlichen Übungsverhaltens sind in man-
Der andere Letzte Mensch cher Hinsicht ebenso wertvoll wie Wittgensteins Sprach-
spiel-Theorie und Foucaults Diskursanalysen - aber wie jene
An diesem Standard der Analyse gemessen, erscheint die Entwürfe bedarf auch die Habitus-Theorie in der bei Bour-
Bourdieusche Aneignung des Habitus- Begriffs wie eine mut- dieu gefundenen Ausbildung einer Drehung, die ihr Anre-
willige Verarmung. Sie ähnelt einer Regression in einen un- gungspotential für eine allgemeine Theorie der Anthropo-
freiwilligen Vorsokratismus, in dem die Auseinanderlegung technik freisetzt. Es genügt hierzu, den Habitus-Begriff zu
der Besessenheiten in be zähmbare Leidenschaften und form- entzerren, ihn von der Fixierung auf Klassenphänomene zu
bare Gewohnheiten 94 noch nicht vollzogen ist. Der homo lösen und ihm den Bedeutungsreichtum zurückzugeben, den
bourdivinus gleicht einem von der Klasse Besessenen, der er in der aristotelischen und später in der empiristischen Tra-
auf dem Hexenbesen des Habitus habend-gehabt im Kreis dition besaß. Zu seiner vollen Leistungsfähigkeit entfaltet er
reitet. Er ist der Mensch, der im Basislager agiert, als läge dort sich jedoch erst, wenn man ihn mit Nietzsches Programm
das Ziel der Expedition. Für ihn ist die Reise nach oben been- verknüpft, die Askesen zu »positivieren« - so hat man wohl
det, bevor sie begonnen hat. Man hat diesem jüngsten Bruder den von Nietzsche gebrauchten, eher ungeeigneten Ausdruck
des Letzten Menschen drastisch vor Augen gestellt, sämtliche »vernatürlichen« im heutigen Kontext wiederzugeben.
Distinktionen, die er erwerben mag, seien nie mehr als Zu- Dies verlangt, die von Bourdieu fingierte Singularität »Ha-
sätze zum Habitus, pseudovertikale Differenzierungen inner- bitus« - ein Kopf, ein Habitus - aufzulösen und die in jedem
halb der Lagerpopulation. Was Bourdieu die Klassengesell- Einzelnen akkumulierte Fülle diskreter habitueller Hand-
schaft nennt, ist ein Basislager, in dem alle Aufstiege intern lungsbereitschaften offenzulegen. So kommt die unresümier-
stattfinden, indessen Aufstiege zu externen Zielen strikt aus- bare Vielheit der elaborierbaren »Gewohnheiten« bzw. der
geschlossen sind. Da Bourdieu, wie jeder Angehörige einer trainierbaren Könnensmodule zum Vorschein, aus denen
nicht-utopischen Linken, im stillen sehr gut weiß, daß es die die realen Individuen »bestehen «. Bourdieus »Habitus« ist
»klassenlose Gesellschaft« aus einer Reihe starker Gründe das seit der 6. These über Feuerbach gut bekannte, nicht mehr
nicht geben kann, beschränkt sich die Kritik im Basislager als abstraktes »Wesen « zu denkende »Ensemble der gesell-
darauf, den Schein der Kritik zu wahren - was solange sinn-
95 Vgl. Norbert Bolz, Die Konformi sten des Andersseins. Ende der
94 Siehe oben S. 264f. Kritik, München 1999·
294 1 Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit 295

schaftlichen Verhältnisse«, das dem Individuum »inne- Menschen nicht umstandslos den Weisungen ihrer neuen
wohnt«. Freilich hatte schon Marx dieses Innewohnen nicht ethischen Direktoren zu folgen fähig sind. Wenn man unter
angemessen konzipiert, weil er den Schablonen der Herr- den ersten Philosophen-Pädagogen obsessiv über Gewohn-
schaftskritik in noch höherem Maß als Bourdieu unterlag. heiten sprach, dann also im Rahmen einer Widerstandsanaly-
Wenn sich in dem Ensemble der Disziplinen und Übungs- se: Mit ihrer Hilfe sollte verständlich werden, wie das in den
komplexe, die de facta das ausmachen, was dem Einzelnen Menschen schon Vorhandene, die hexis, der habitus, die doxa
leibhaft »innewohnt«, auch klassenspezifische Züge manife- (im 18. Jahrhundert kommt das Vorurteil hinzu), die Aufnah-
stieren, tant mieux für uns, wenn wir bei Bourdieu gelernt me des Neuen, des philosophischen Ethos, des expliziten
haben, sie zu entziffern. Diese Schicht des Einverleibten als Logos, der gereinigten Mathesis und der geklärten Methode
»Basis « zu privilegieren, ist eher eine Sorge für Ideologen. erschwert oder unmöglich macht. Die »Gewohnheit«, als
Wort wie als Sache> steht für die faktische Besessenheit der
Psyche durch einen Block von schon erworbenen und mehr
Lehrersein als Beruf" Der Angriff auf die Trägheiten oder weniger irreversibel verkörperten Eigenschaften> zu de-
nen überdies die zähe Masse der mitgeschleppten Meinungen
Bei diesem Stand der Überlegungen kann deutlich werden, gerechnet werden muß. Solange der Block unbeweglich ver-
warum und in welcher Absicht hier und in der älteren Tradi- harrt, kann die neue Belehrung nicht beginnen. Daß Beob-
tion die Rede auf Gegenstände wie Gewohnheit, hexis und achtungen dieser Art auch in der asiatischen Welt gesammelt
habitus gebracht wurde. Die Explikation des Ge-Habes, des und festgehalten wurden, zeigt die bekannte Anekdote von
Gewohnheitsmäßigen, des psychosomatisch Einverleibten dem Zen-Meister, der beim Eingießen von Tee in eine Tasse
ist, wie mit den Hinweisen auf die Ethik als Erste Theorie zum Erstaunen seines Schülers nicht haltmachte, als die Tasse
angedeutet wurde, ein Teilphänomen des Vorgangs, den ich voll war, sondern fortfuhr einzugießen: Damit sollte gezeigt
die Aufteilung der Besessenheit in die Leidenschaften und die werden, man könne einen vollen Geist nichts lehren. Das
Gewohnheiten genannt habe. Diese Wandlung vollzog sich Studium besteht dann im Nachdenken über die Frage, was
unter dem Druck der ersten Pädagogen, die naturgemäß die zu tun sei> um die Tasse zu leeren. Ob die neu gefüllt werden
entschiedensten Träger des ethisch-asketischen Angriffs auf soll oder ob die Leere, einmal erreicht, als Eigenwert gepflegt
die bestehenden psychosozialen Verhältnisse waren. wird, ist ein anderes Thema.
Was die seit zweieinhalb Jahrtausenden anhaltende Die frühen Schulen sind in der Regel Basislager, deren
Menschheitsbelästigung durch Lehrer eigentlich bedeutet, Vorstände imposante Gipfelambitionen hegen, auch wenn
ist erst zu begreifen, wenn man betrachtet, unter welchem die Gipfel schulspezifisch definiert werden. Jeder Schulbe-
Winkel die Wissenden die Noch-nicht-Wissenden angreifen. trieb entwickelt spontan eine interne Vertikalität und bildet
Nur dort, wo die Säkularisation der Psyche auf der Tages- früher oder später ein Stufensystem aus, das eine »Klassen«-
ordnung stand, bei den Einzelnen wie den Kollektiven, wur- gesellschaft sui generis ergibt - wobei man die Herkunft des
den für die Lehrenden die inneren Trägheitsverhältnisse bei Begriffs »Klasse« aus nicht-politischen Stufenbildungen noch
den zu Belehrenden thematisch. Sie sind es, die, wie man jetzt recht gut erkennt. Jedoch behält die frühe Schule bis auf wei-
zu verstehen begann, dafür verantwortlich zeichnen, daß teres eine natürliche Extravertiertheit. Sie orientiert sich an
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 4 Habitus und Trägheit 297
Aufgaben, die ihrem Betrieb transzendent sind - sei es an der me dessen garantiert, was mich besitzt. Die Identischen neh-
Qualifizierung der Schüler für Berufe und Ämter, sei es an men sich als Ready-made und treten mit sich selber in der
einer überschulischen Vollendung: Persönlichkeitsbildung, Dokumentenmappe unter das weite Dach der Werte mit
Erleuchtung, Philosophenherrschaft - oder wie die großen Bewahrungsanspruch. Sie stellen sich als Trägheitssysteme
Schüsse ins Blaue sonst heißen. Die späte Schule hingegen vor und fordern für diese die Verklärung, indem sie dem in
räumt mit den transzendenten Prätentionen auf und wehrt ihnen abgesetzten Inerten den höchsten kulturellen Wert zu-
die Vorstellung ab, es könne ein reales Außerhalb der Schule sprechen. Mochten die Stoiker der Antike ihr Leben dem
geben. Sie wird dann zu dem Basislager, in dem nur noch für Versuch gewidmet haben, durch stetiges Üben in sich die
Umzüge innerhalb des Lagers gelernt wird - genau wie es Statue aufzustellen, die in unsichtbarem Marmor ihr bestes
Bourdieus primärer Intuition entsprach, wenn er die Ambi- Selbst herausarbeitete - die Modernen finden sich als fertige
tionsspiele in der Klassengesellschaft als pseudovertikale Trägheitsplastik vor und stellen sich im Identitäten-Park auf,
Bemühungen um mehr oder weniger illusorische Distink- gleich, ob sie den ethnischen Flügel wählen oder das indivi-
tionsvorteile beschrieb. dualistische Freigelände bevorzugen.
Neben dem Habitus ist darum die Identität der Leitwert
der Basislagerkultur - und wenn zur Identität ein Trauma
Identität als das Recht auf Faulheit hinzukommt, steht der Verklärung des Wertkerns nichts
mehr im Weg. Entscheidend ist, daß der Gedanke an neue
Die Welt der Pseudovertikalität ist der Tummelplatz der Höhen verpönt sein muß - würden solche erklommen, könn-
Identitäten. Eine »Identität«, ob sie sich als persönliche oder te eine Wertminderung bei den eingelagerten Beständen ein-
als kollektive präsentiert, kann ja nur attraktiv und wertvoll treten. Wenn und weil im Basislager das bisher Erreichte als
werden, wenn Menschen sich voneinander unterscheiden solches unter Kulturschutz gestellt wird, bedeutete jedes
wollen, ohne sich hierarchisch voneinander abheben zu dür- Expeditionsprojekt in der Vertikalen einen Frevel, eine Ver-
fen. In dieser Sicht bildet der in der zeitgenässsischen Sozio- höhnung aller gerahmten Werte. Im Identitäten-Regime wer-
logie kurante Identitätsbegriff das verallgemeinerte Gegen- den sämtliche Energien devertikalisiert und der Registratur
stück zu Bourdieus Habituslehre. Mit ihm wird die Trägheit übergeben. Von dort aus geht es direkt in die permanente
von einem zu korrigierenden Mangel zu einem Wertphäno- Sammlung, in der es weder »progressive Hängung« noch evo-
men erhoben. Meine Identität besteht in dem Komplex mei- lutionäre Stufung gibt. Im Horizont des Basislagers ist jede
ner unrevidierbaren persönlichen und kulturellen Trägheiten. Identität jede andere wert. Identität liefert folglich den Super-
Während Sartre behauptete: »ich bin das, was ich habe« - »die Habitus für alle, die so sein wollen, wie sie aufgrund ihrer
Totalität meiner Besitztümer reflektiert die Totalität meines lokalen Prägungen wurden, und meinen, das sei gut so. Auf
Seins«,96 wollen die Identitätsinhaber sagen: Ich bin das, was diese Weise stellen die Identischen sicher, außer Hörweite zu
mich hat. Die Wirklichkeit meines Seins wird durch die Sum- sein, sollte unvorhergesehen wieder irgendwo der Imperativ
»Du mußt dein Leben ändern! « zu hören sein.
96 In dem Kapitel Handeln und Haben aus Das Sein und das Nichts,
Versuch einer phänomenologischen Anthropologie, Reinbek bei
Hamburg 1993, S. 1012.
5 Cur homo artista 299
licher, als daß Menschen »in Gewohnheiten verstrickt« sind.
5 CUR HOMO ARTISTA Nichts versteht sich jedoch weniger von selbst, als daß Ein-
zelne, die für ihre Kollektive nicht selten später als Pioniere in
VON DER LEICHTIGKEIT DES UNMÖGLICHEN
Fragen der Weltorientierung fungieren, in eine Sezession von
den Gewohnheiten geraten. Ebendies ist die Bewegung zum
Übergewöhnlichen hin, die sich an den antiken Geburtsstät-
Katapulte ten des Philosophierens, in Griechenland wie in Indien und
China, beobachten läßt. Von Kulturhistorikern wird dieser
Im Gang der Untersuchungen scheint ein Punkt erreicht, an Vorgang mit Phänomenen wie Urbanisierung und Arbeits -
dem es sinnvoll wird, den zurückgelegten Weg zu resümieren. teilung assoziiert - was zur Erläuterung der Sache wenig bei-
Er führt, um es pointiert zu sagen, von anekdotischen An- trägt. Was wirklich zu denken gibt, ist vielmehr die Frage, wie
näherungen an den Planeten der Übenden zur Emergenz der im Verlauf dieser Sezession der Komplex der erworbenen
Region »Gewohnheiten« - und weiter vom Auftauchen der Gewohnheiten als solcher thematisch und wie der Gedanke
Gewohnheiten zu den Aufschwüngen ins Übergewähnliche. an Übergewähnlichkeiten in einzelnen Menschen mächtig
Mit diesem Ausdruck ist nicht die durchschnittliche Unwahr- werden konnte.
scheinlichkeit von natur- und sozialgeschichtlichen Speziali- Was auch immer man hierauf antwortet: Erst in dieser
sierungen auf dem Hochplateau des Mount Improbable ge- Absetzung entdeckt sich der hochkulturelle Mensch als das
meint, sondern die überdurchschnittliche Unwahrscheinlich- gespaltene, das gespiegelte, das neben sich selbst versetzte
keit, die erreicht wird, sobald einzelne Menschen, sei es allein, Tier, das nicht bleiben kann, wie es war. Die Differenz im
sei es in der Gesellschaft Mitverschworener, beginnen, sich Menschen wird nun als Differenz zwischen Menschen
aus den Habitusgemeinschaften, denen sie zunächst und zu- scharf gemacht. Sie zertrennt die »Gesellschaften« in Klas-
meist angehören, herauszukatapultieren. Hat man die jähe sen, von denen die Theoretiker der Klassen»gesellschaft«
und unheimliche Sezession der Gesteigerten von den Bewoh- nichts wissen. Der oberen Klasse gehören die Hörer des
nern der Basislager in ihrer Schicksalhaftigkeit erfaßt, wird Imperativs an, der sie aus ihrem alten Leben katapultiert,
evident, daß Kulturtheorie sinnvollerweise nur als Beschrei- den anderen Klassen all die, die in eigener Sache hiervon nie
bung von Katapulten betrieben werden kann. etwas gehört oder gesehen haben - das sind in der Regel
Hier zeigt sich erneut die explizitmachende Bewegung, Leute, die mit der Bewunderung schnell bei der Hand sind,
von der wir wissen, daß sie den Weg der Zivilisationen zur um klarzustellen: Höhere Anstrengungen können aus-
kognitiven Selbstdarstellung antreibt und begleitet. Explika- schließlich eine Sache der Bewunderten, auf keinen Fall
tion bricht das in konfuser Erschlossenheit Vorgefundene auf der Bewunderer sein.
und fügt dem Aggregat des schon Entdeckten weitere Ent- Diese nicht-politische Klassenspaltung inauguriert die Ge-
deckungen hinzu. Dabei verschieben sich die Grenzen zwi- schichte des inneren Zeugen oder des »Beobachters«. In dem
schen dem Üblichen und dem Ungewöhnlichen - die Men- Wasser des Habitus, der Lebensformen, der Diskurse und
schen werden mehr und mehr zu Urhebern selbstvollbrachter Sprachspiele mitzuschwimmen ist eine Sache; aus ihm her-
Mirabilien. Wie jeder zugeben wird, ist nichts selbstverständ- auszusteigen und den Mitmenschen vom Rand aus beim
300 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo artista 3°1

Schwimmen im Habitus-Pool zuzusehen ist eine andere. So- Trägheitsmacht, sprich als Komplex der Gewohnheiten, die
bald diese Differenz eine eigene Sprache ausbildet, um Lehre sich in mir sedimentiert haben. Die Säkularisation der Psy-
und Lebensform zu werden, distanzieren die Uferbasierten che, von der im sei ben Zusammenhang die Rede war, besteht
sich von den Schwimmenden. Wenn also die alten Inder den in nichts anderem als in der Hervorbringung einer neuen
Beobachter bzw. das Zeugenbewußtsein entdecken und ihn Handhabungskunst, dank welcher aus Besessenheiten mani-
mit Atman, . dem subjektiven Weltprinzip, gleichsetzen, pulierbare Dispositionen werden. In diesem Übergang ent-
schaffen sie Zugänge zu einem Überschuß an Aufmerksam- zaubern die Zauberer sich selbst und verwandeln sich in
keit, der die Meditierenden zugleich stillsteIlt und mobi- Lehrer. Sie sind die Provokateure der Zukunft, die die Kata-
lisiert. Und wenn Heraklit sagt, es sei unmöglich, zweimal pulte für Würfe ins Übergewähnliche bauen.
in denselben Fluß zu steigen, mag dies vielleicht beiläufig auf
die irreversible Strömung des Werdens hinweisen - so hat
man das Diktum in bequemer Analogie zu »alles fließt« oft AchsenzeiteJJekt:
gelesen. In Wahrheit erinnert der dunkle Satz an eine tiefere Die Menschheit der zwei Geschwindigkeiten
Irreversibilität: daß nämlich, wer einmal aus dem Wasser ge-
stiegen ist, nicht mehr zu der ersten Art des Schwimmens Die Entdeckung der Leidenschaften wie der Gewohnheiten
zurückkehrt. bildet das psychologische Gegenstück zu dem schon länger
Mit der Emergenz des Bewußtseins von der Gewohnheits- gut bekannten Vorgang, den man unter Philosophen und
natur menschlichen Verhaltens ist die Schwelle erreicht, die, Philologen die »Entdeckung des Geistes« genannt hat. Kar!
sobald sie sichtbar wird, auch schon überschritten werden Jaspers hat diesen Komplex unter dem etwas mysteriösen
muß. Man kann die Gewohnheiten nicht entdecken, ohne Titel »Achsenzeit« zusammengefaßt und fünf Orte des
zu ihnen auf Distanz zu gehen - anders gesagt, ohne mit »Durchbruchs« benannt: China, Indien, Persien, Palästina,
ihnen in einen Zweikampf zu geraten, in dem ermittelt wird, Griechenland. Sie bilden die Schauplätze, an denen sich der
wer Herr im Ring sei. Nicht alle wollen diesen Kampf ge- hochkulturelle Fortschritt in der Vergeistigung zuerst und
winnen, Konservative aller Zeiten stellen sich schwach, um mit unvergeßlichen Fernwirkungen vollzogen habe. In der
von der Gewohnheit besiegt zu werden - und dann der Sieg- Zeitspanne zwischen 800 bis 200 vor Christus hätten die
reichen dienen zu dürfen, als sei sie die Unüberwindliche. Menschen in den bezeichneten Kulturen den »Schritt ins
Andere hingegen sind überzeugt, die Gewohnheiten seien Universale« getan, den wir mit allem fortsetzen, was wir bis
Fremdherrscher, unter denen es kein richtiges Leben gibt. heute in authentisch zivilisatorischem Sinne tun. Was später
Diese Position ist diejenige, die Foucault in seinen späten Vernunft und Persönlichkeit hieß, sei damals in ersten Um-
Studien über die »5elbstsorge« bei antiken Autoren ans Licht rissen offenbar geworden. Vor allem aber wuchs die Kluft
gehoben hat: Die »Sorge um sich« ist die Haltung derer, die in zwischen den am höchsten gesteigerten Individuen und den
sich selber auf den Gegner aller Gegner gestoßen sind - den Vielen seither ins Unermeßliche. Jaspers:
doppelköpfigen daimon, von dem wir sahen, wie er den Men- >,Was der Einzelne erreicht, überträgt sich keineswegs
schen besessen hält: einmal als Impulsmacht, das heißt als auf alle. Der Abstand zwischen den Gipfeln mensch-
Komplex der Affekte, die in mir aufwallen, ein andermal als licher Möglichkeiten und der Menge wird damals au-

1
3°2 [ Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo artista 3°3
98
ßerordentlich. Aber was der Einzelne erreicht, verän- veloziferische Kraft der Schriftübung, die zusätzliche be-
dert doch indirekt alle. «97 schleunigende Disziplinen nach sich zieht, macht die Träg-
Indem die Extremisten auf dem Hochseil der Menschwer- heit des in die durchschnittlichen Körper eingesenkten alten
dung ihre Übungen vorantreiben, führen sie für die übrigen Ethos spürbar. Wo das akzelerierende Üben seine Effekte
die Pflicht ein, das kleine Akrobaticum abzulegen, um in durchsetzt, spaltet sich die kulturelle Evolution. Das Resul-
der Übungsgemeinschaft der Menschgewordenen zu ver- tat ergibt eine Menschheit der zwei Geschwindigkeiten.
bleiben. Die einfachen Leute erhalten ihr Zertifikat, wenn Diese Stärung ist es, die die Sezession einer Elite aus Ler-
sie zugeben, daß ihnen schon beim Zuschauen schwindlig nenden und Übenden aus den alten Gemeinsamkeiten er-
wird. zwingt. Sie führt zur Konstruktion eines neuen Himmels über
In Wirklichkeit ist die Entdeckung der Leidenschaften und der alten Erde und eines neuen koinon über den alten Kom-
der Gewohnheiten von der Entdeckung der Meinungen nicht munen. Das zu erobernde koinon, jenes Gemeinsame, in dem
zu trennen, da dieselbe Unterbrechung, die den Menschen seit den Milesiern die Sterne, der Logos und die Polis ein
aus dem Fluß der Emotionen und Gewohnheiten steigen läßt, und dieselbe Ordnung bezeugen sollen, ist viel zu erhaben
ihn auch auf die Sphäre der mentalen Routinen aufmerksam und liegt zu weit abseits der Alltagsintuitionen, um allen zu-
werden läßt. Diese Unterbrechung, mit welcher der Beob- gänglich zu sein. Daraus entwickelt sich die Basisparadoxie
achter auf den Plan tritt, schafft irreversibel neue Stellungen sämtlicher Universalismen: daß ein für alle Gemeinsames auf-
zur Gesamtheit der Tatsachen, innen und außen. Aus dem gerichtet wird, an dem die meisten nur im Modus des Nicht-
Fluß steigen, das heißt: die alte Habitus-Sicherheit in der Verstehens beteiligt sein können. Das Paradigma hierfür ist die
ererbten Kultur preisgeben und aufhören, ein Gewächs der seit dreitausend Jahren dominante, seit kaum zweihundert
ersten Kulturgemeinschaft zu sein. Jetzt gilt es, vom Ufer aus Jahren partiell revidierte Spaltung der Menschheit in ihre al-
eine neue Welt mit neuen Einwohnern zu gründen. phabetisierten und nicht-alphabetisierten Fraktionen. Virtu-
Der Achsenzeiteffekt beruht darum nicht so sehr auf ei- ell könnten ja alle Menschen des Schreibens kundig sein, nur
nem weltweit plötzlich auftretenden Interesse an erhöhter wenige aber schreiben tatsächlich - und unbeirrbar werden die
Vergeistigung. Er geht aus der riesenhaften Habitus-Störung Wenigen glauben, sie schrieben für alle übrigen. Dasselbe gilt
hervor, die auf die vom Uferstandort aus mögliche Ent- für sämtliche Figuren des logischen, ethischen, medialen So-
deckung der in den Menschen verkörperten Trägheiten folg- zialismus. Wer will, könnte die Aufstellung der Universalis-
te. Verantwortlich ist hierfür - in ihrem wichtigsten Teil -
die von den frühen Schriftkulturen ausgelöste innere 9 8 Vgl. Manfred Osten, »Alles veloziferisch« oder Goethes Entdek-
kung der Langsamkeit, Frankfurt am Main 2003. Der von Goethe
Beschleunigung. Sie war dafür verantwortlich, daß die Ge-
geprägte Ausdruck deutet auf die. Tatsache hin, daß am Beginn des
hirne der Schreibenden den Habitus der Nichtschreibenden 19. Jahrhunderts an ein zweiter Uberholvorgang einsetzte, in dem
überholen - so wie die Körper der Asketen, Athleten und nicht-skripturale Pacemaker die klassische schriftbasierte Huma-
Akrobaten die Körper der Alltagsmenschen überholen. Die nitas zurücklassen. Daß diese aus der Sicht vor-alphabetischer Le-
bensformen selbst schon eine Beschleunigungsteufelei gewesen
war, können Humanisten nicht sehen. Siehe auch P. SI., Regeln
97 Kar! Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte (zuerst 1949), für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief
München [963, S. 22f. über den Humanismus, Frankfurt am Main 1999·
I Die Eroberun g des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo arrisra

mus-Falle die geistige Seite des Eintritts in die Klassengesell- werden, sondern um logisch stabile Ideen zu entwickeln. Das
schaft nennen - das unterscheidende Kriterium freilich be- Denken beginnt, wenn das Affentheater der Assoziationen
steht hier nicht mehr in der Herrschaft eines bewaffneten aufhört, das neuerdings als Wettbewerb der »Merne « um freie
Herrn über den waffenlosen Knecht: Es liegt in der Aufrü- Rechenkapazitäten der Neocortex beschrieben wird. Dieser
stung der übenden Individuen gegen die Trägheiten in ihnen dreifache Seitenwechsel bildet das ethische Programm in all
selbst - durch Schrift, Logik, Gymnastik, Musik und Kunst im den Aktivitäten, die Platon unter dem Kunstwort »Philoso-
allgemeinen. In dieser übungskulturellen Wende werden die phie« zusammenfaßte.
Vorbildfiguren der achsenzeitlichen Spiritualität konstituiert: Das Wort »Philosophie« enthält ohne Zweifel eine ver-
die Weisen, die Erleuchteten, die Athleten, die Gymnosophen, deckte Anspielung auf die bei den wichtigsten Athletentugen-
die heiligen und die profanen Lehrer. Mit Gestalten dieses den, die sich zur Zeit von Platons Intervention breitester Zu-
Typs haben es die Menschen der Hochkulturen in den näch- stimmung erfreuten. Es verweist zum einen auf die aristokra-
sten Jahrtausenden zu tun (von Künstlern im modernen Sinn tische Haltung der »Philotimie«, der Liebe zur time, dem
ist anfangs noch nicht die Rede). Sie werden dafür sorgen, daß ruhmvollen Ansehen, wie es den Siegern in Wettkämpfen
Kulturzeit die Zeit geistiger Vorbilder sein wird. versprochen ist, zum anderen auf die »Philoponie«, was die
Liebe zu ponos, Mühe, Last, Strapaze meint. Nicht umsonst
hatten sich die Athleten auf Herakles als ihren Schutzpatron
Auf die andere Seite kommen: Philosophie als Athletik berufen, den Voll bringer der zwölf Taten, die ein Weltalter
lang als Urbilder der ponoi in Erinnerung gehalten wurden.
Um weiter im Bild vom Aus-dem-Fluß-Steigen zu bleiben: Wie sich die Philosophen nach Platon als Freunde der Weis-
Der Mensch, der sich auf die Explikation der Trägheit in sich heit ausgeben werden, so präsentierten sich schon lange zu-
selbst eingelassen hat, sieht sich durch den Gang der Erfah- vor die Gymnasten und Ringkämpfer als Freunde der Bela-
rung gezwungen, gleich dreimal auf die andere Seite des stung, die den Mann zum Manne macht, und als Liebhaber
Selbstbefunds zu wechseln. Indem er bemerkt, wie die Lei- der harten, langen Mühe, die die Götter vor den Sieg gesetzt
denschaften in ihm arbeiten, begreift er, daß es darauf an- haben. Später nahmen insbesondere die Kyniker Herakles
kommt, auf die andere Seite der Passion zu gelangen, um gern als ihren Ahnherrn in Anspruch, um ihre These zu un-
die Leidenschaften nicht nur zu erleiden, sondern zu einem termauern, wonach allein sie, die philosophischen Totalaske-
Könner des Leidens zu werden. Indem er bemerkt, in wel- ten, die wahren Athleten seien, indessen die Sportler nur
chem Ausmaß die Gewohnheiten ihn beherrschen, sieht er dekadente Muskelprotze wären, die vergänglichen Erfolgen
unmittelbar ein, daß es ausschlaggebend wäre, auf die andere nachjagen, ohne jede Idee von solider Tugend und kosmos-
Seite der Gewohnheiten zu kommen, um nicht nur von ihnen gema"ß er Vernun f t. 99
besessen zu sein, sondern um sie zu besitzen. Und indem er
bemerkt, daß seine Psyche von konfusen Vorstellungen be- 99 VgJ. Michel Foucaulrs Vorlesung über das philosophische Duell
zwischen Diogenes und Alexander nach der Darstellung des Qua-
siedelt wird, geht ihm ein Licht auf, wie wünschenswert es
si-Kynikers Dion Chrysosromos in dessen Buch: Von der Herr-
wäre, auf die andere Seite des Vorstellungsgetümmels zu ge- schaft; M. E, Diskurs und Wahrheit, Berkeley-Vorlesung 19 83,
langen, um nicht bloß von wirren Gedanken heimgesucht zu Berlin 1996, S. 128f.
306 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo artista

Der Imperativ: »Du mußt dein Leben ändern !« ertönt also im tigt sah, über ihren Schatten zu springen - genauer: die drei
alteuropäischen Raum seit dem 5. Jahrhundert vor Christus Schatten, die ihnen in Form von Leidenschaften, Gewohn-
nicht nur aus den zahllosen Statuen, die die Griechen wie von heiten und unklaren Ideen anhängen. Im Blick auf diesen
einem entfesselten Bild-Zwang besessen in Tempelbezirken Klärungs- und Übungszwang, dieses Drei-Schatten-Sprin-
und auf Plätzen errichteten, als hätten sie zum sterblichen Po- gen, das am Anfang höherer Kultur auftaucht, ist es gerecht-
lisvolk ein Volk aus Statuen hinzufügen wollen, vermutlich, fertigt, Nietzsches Aussage zuzuspitzen und von der Erde als
um auf die Ähnlichkeiten zwischen Göttern und Siegern auf- dem akrobatischen Stern zu sprechen. Dieser Ausdruck böte
merksam zu machen. loo Er geht mehr noch aus den neuen zudem den Vorteil, Nietzsches wichtigster moralphilosophi-
Wissensverhältnissen hervor, besser: aus der veränderten Stel- scher Intuition noch besser gerecht zu werden: Wenn er den
lung der Wissenden zu ihren Lebensaufgaben. Sein Leben än- Begriff askesis mit aller Macht von den düsteren Spektakeln
dern heißt nun: durch innere Aktivierungen ein Übungssub- der christlichen Buß-Askese lösen wollte, um endlich wieder
jekt heranbilden, das seinem Leidenschaftsleben, seinem Ha- auf die so unverstandenen wie unentbehrlichen Ertüchti-
bitusleben, seinem Vorstellungsleben überlegen werden soll. gungs- und Steigerungsaskesen der alten Eliten hinzuweisen,
Subjekt wird hiernach, wer an einem Programm zur Entpassi- gab er das Startsignal für eine strikt artistische Auslegung der
vierung seiner selbst teilnimmt und vom bloßen Geformtsein menschlichen Tatsachen. Sieht man von der irrtümlichen Pro-
auf die Seite des Formenden übertritt. Der ganze Komplex, jektion des »Übermenschen« in die Zukunft ab, wird evident,
den man Ethik nennt, entspringt aus der Geste der Konversion was Nietzsche erfaßt hatte: daß seit dem Eintritt der Völker in
zum Können. Konversion ist nicht der Übergang von einem die Hochkulturphase jeder Leistungsträger akrobatisch unter
Glaubenssystem zu einem anderen. Die ursprüngliche Bekeh- Spannung gerät.
rung geschieht als Austritt aus dem passivischen Daseinsmo-
dus in Tateinheit mit dem Eintritt in den aktivierenden. 101 Daß
die Aktivierung und das Bekenntnis zum übenden Leben das- Asketik und Akrobatik
selbe bedeuten, liegt in der Natur der Sache.
Mit diesen Hinweisen wird präziser faßbar, was Nietzsche Akrobatik ist überall im Spiel, wo es darum geht, das Un-
gesehen hatte, als er in seinen Überlegungen Zur Genealogie mögliche wie eine leichte Übung erscheinen zu lassen. Es
der Moral die Erde als den asketischen Stern charakterisierte. genügt also nicht, auf dem Seil zu gehen und in der Höhe
Die Askesis war von dem Augenblick an unumgänglich ge- den salto mortale zu schlagen. Die entscheidende Botschaft
worden, in dem eine Avantgarde von Beobachtern sich genö- des Abrokaten an die Mitwelt liegt in dem Lächeln, mit dem
er sich nach dem Auftritt verbeugt. Noch deutlicher spricht
IOD Vgl. Babette Babich, Die Naturgeschichte der griechischen Bron- sie in der nonchalanten Handbewegung vor dem Abgang,
ze im Spiegel des Lebens. Betrachtungen über Heideggers ästhe- jener Geste, die man für einen Gruß an die oberen Ränge
tische Phänomenologie und Nietzsches agonale Politik. In: Inter- halten könnte. In Wirklichkeit übermittelt sie eine morali-
nationales Jahrbuch für Hermeneutik, Val. 7, herausgegeben von sche Lektion, die soviel besagt wie: Für unsereinen ist der-
Gümer Figal, Tübingen 2008, S. 127-19°.
101 Über die Differenz von Konversion und opportunistischer Kehre gleichen gar nichts. Unsereiner - das sind diejenigen, die das
siehe unten Kapitel 9, S. 467f. Fach Unmöglichkeit belegt haben, mit Eindruckmachen im
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo artisra

Nebenfach. Manche von ihnen verbleiben bis zum Ende ih- des 20. Jahrhunderts gern mit bedeutsamer Betonung zu sa-
rer Laufbahn in den Arenen und den Stadien, andere wech- gen, der Mensch könne eben nicht einfach dahinleben, son-
seln in die asketeria über und geben dem Steigen auf religiö- dern müsse sein Leben »führen« .lo2 Das ist nicht falsch und
sen Leitern den Vorzug, viele setzen sich ab in die Wälder drückt eine wichtige Einsicht aus - sie wäre noch wertvoller,
und Wüsten, eine weitere Fraktion versucht es mit den bil- könnte man auch erklären, warum es nicht anders sein kann
denden und musikalischen Künsten, wieder andere speku- und wie es kommt, daß dennoch unzählige Menschen, vor
lieren auf höheren und höchsten Staatsdienst. Platon hatte allem in den Suchtzonen des Westens, eher einen unführen-
bekanntlich zeigen wollen, daß auch die Kunst der Staaten- den und ungeführten Eindruck machen.
Lenkung bis zur Perfektion erlernbar sei, sofern die politi-
schen Artisten sich in einem vierzigjährigen Lehrgang, vom
zehnten bis zum fünfzigsten Lebensjahr, auf das Unmögliche Anthropotechnik: Die Macht der Wiederholung
vorbereiten. Die Fähigkeit, den Staat nach Ideen zu lenken gegen die Wiederholung wenden
und nicht nur, wie üblich, wie ein Machtclown von einer
Situation zur nächsten zu stolpern - auch sie könnte, wäre Die Antwort ist durch den Hinweis auf die Emergenz der
der Wille hierzu gegeben, bis zu einem meisterlich be- Anthropotechnik in der Achsenzeit des Übens zu geben. So-
herrschten Handwerk vorangetrieben werden. Man muß bald man weiß, daß man von selbstläufigen Programmen -
nicht wie der Pharao als Gott geboren sein, um es auszu- Affekten, Gewohnheiten, Vorstellungen - besessen ist, wird
üben. Es genügt, daß sich ein aufgeklärter Grieche unter es Zeit für besessenheitsbrechende Maßnahmen. Deren Prin-
richtiger Anleitung psychotechnisch zum pharaonischen Ni- zip besteht, wie bemerkt, im Übergang auf die andere Seite
veau emporübt. der Wiederholungsgeschehnisse. Ein solcher Übergang er-
Seine Einsichten zur Konvergenz von Asketik und Arti- scheint nach präzisen Regeln vollzieh bar, seit man in der Wie-
stik zeigen Nietzsehe im Einklang mit den Tendenzen des derholung selbst den Ansatzpunkt für ihre Beherrschung ent-
späteren 19. Jahrhunderts, die ich durch Kennwörter wie deckt hat. In dieser Entdeckung feiert die anthropotechnische
»athletische Renaissance« und »Entspiritualisierung der As- Differenz Premiere.
kesen« umschreibe. Hat man diese Bewegungen wahrgenom- Die Erklärung hierfür liegt in der Zwiespältigkeit der Sache
men, ist leichter einzusehen, warum am Anfang asketischer selbst: Mit der Macht der Wiederholung wird zugleich die
Selbstsorge-Regungen keinesfalls die büßerische Selbstdemü- Doppelnatur der Wiederholung als wiederholte Wiederho-
tigung steht. Das frühe Übungswesen nahm seinen Ausgang lung und wiederholende Wiederholung begriffen. Das hebt
von der elementaren Intuition, es komme um alles in der Welt die Unterscheidung zwischen Aktiv und Passiv im Subjekt
darauf an, auf die andere Seite der drei Automatismen zu der Wiederholung pathetisch hervor. Man versteht jetzt: Es
gelangen. Nur auf diese Weise geriet »der Mensch« in den gibt nicht nur den affizierten Affekt, sondern auch den affi-
Focus der Übungsreihen, die seine »Natur« verändern, um zierenden; nicht nur die geübte Gewohnheit, sondern auch die
seine »Natur« zu verwirklichen. Hier wird er zu dem Tier:
das zum Lenken, Üben, Denken verurteilt ist. In Kreise~ 102 Vgl. jüngst Dieter Henrich, Denken und Selbstsein. Vorlesungen
philosophischer Anthropologen pflegt man seit dem Beginn über Subjektivität, Frankfurt am Main 2007·

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310 [ Die Eroberung des Unwahrscheinlichen Cur homo artista 3 1I
übende; nicht nur die vorgestellten Vorstellungen, sondern Man darf geradezu behaupten, vor dieser Wende zur »Kna-
auch die vorstellenden. Die Chance liegt jedesmal im Partizip benlenkung« seien Kinder kulturell unsichtbar gewesen. Erst
Aktiv Präsens: Unter dieser Form wird der aktivierte Mensch nach der Entdeckung der Region Gewohnheit gewinnen sie
als eigentätig Fühlender, Übender und Vorstellender gegen- ein Sichtbarkeitsprivileg, das sich zeitweilig abschwächen
über dem Gefühlten, Geübten, Vorgestellten auf den Schild kann, wie im europäischen Mittelalter, jedoch nie mehr ganz
gehoben. Dadurch setzt sich allmählich ein Subjektmensch verlorengeht. Nun werden die Jungen zu Objekten einer Sor-
vom Objektmenschen ab - falls man diese ungeeigneten, zu ge, die sich zu einer veritablen Kunst entfaltet: der Kunst,
neuzeitlich und zu kognitiv gefärbten Ausdrücke hier ver- Gewohnheitsentstehungen zu steuern und komplexe Kompe-
wenden dürfte. In der zweiten Position bleibt der Mensch, tenzen auf einem Sockel automatisierter Übungen aufzubau-
wie er war, das Passive, Wiederholte, kampflos Überwältigte, en. Der Vorteil des Kindseins allerdings, seine relative Unge-
in der ersten hingegen wird er der Post-Passive, der Wieder- prägtheit und Prägungsoffenheit, muß mit einem natürlichen
holende, der Kampfbereite. Aus der Wahl des ersten Wegs Nachteil bezahlt werden, der starken Emotionalität und
geht der »erzogene Mensch« hervor, von dem noch Goethe Spontaneität der Jungen - die frühen Erzieher hätten sich aber
wußte, daß er ein ehemaliger Geschundener ist. I03 Was dieser nicht "Pädagogen« genannt, wären sie nicht der Meinung ge-
im Aufstieg zur Bildung zurückläßt, ist die Naivität, die vor- wesen, hiermit auf die Dauer zurechtzukommen. Hinter dem
mals auch die seine war - mitsamt der doppelten Stellungnah- Pädagogen erkennt man hier, noch kaum verhohlen, die Ge-
me zu ihr: als Verachtung für das überwundene Klischee und stalt des Dompteurs - wie ja hinter aller Belehrung die Dressur
als Heimweh nach dem Ungebrochenen. steht. Darum erzählt die wahre Geschichte der Pädagogik
Die Entdeckung der »eingefleischten« Gewohnheit als ei- auch die gemeinsame Geschichte von Kindern und Tieren.
nem belehrungsresistenten Trägheitsprinzip ruft also die Doch wenn der Dompteur es dahin bringt, Elefanten auf ei-
Summe der Maßnahmen hervor, die wir als die folgenschwer- nem Seil gehen zu lassen, wie Plinius in seiner Naturgeschichte
ste Innovation der alten Welt noch heute verspüren und wei- berichtet,I 04 oder sie mit dem Rüssel griechische und lateini-
tertragen: die Wendung zur Erziehungskunst alias paideia - sche Wörter schreiben zu lassen, wie ein anderer Autor er-
was fü rs erste wohl so etwas wie »Kunst am Kind« oder »Tech- wähnt, soll der Pädagoge seine Zöglinge über die bloße Ab-
nik der Knabenzurichtung« bedeutet. Tatsächlich konnten richtung hinaus befähigen, unter der Fülle möglicher Lauf-
Kinder als Kinder erst nach der Emergenz der Gewohnheiten bahnen die ihren zu erkennen und zu wählen.
methodisch in den Blick geraten: Als die Noch-nicht-von-
Gewohnheiten-Besessenen ziehen sie die Aufmerksamkeit
der munter gewordenen Übungsleiter auf sich. In der Lehrer- Pädagogik als angewandte Mechanik
dämmerung, die zugleich eine anthropologische Dämmerung
ist, wandelt sich das Kind von einem bloßen Nachwuchsphä- Kurzum: Weil in der Pädagogendämmerung des ersten Jahr-
nomen zu einem Akteur im Drama der Erziehung. tausends vor Christus die Trägheitsqualität des Habituellen
explizit begriffen worden war, drängte der Vorsatz sich auf,
103 Vgl. das Motto von Dichtung und Wahrheit: Ho me dareis an-
thropos ou paideuetai: Der nicht geschundende Mensch wird nicht
erzogen. 104 Plinius, Historia naturalis, 8,4 f.
312 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen Cur homo artista

die Gewohnheit in statu nascendi in den Griff zu nehmen, um Die Entdeckung dieser Mechanik löst die Euphorien aus,
aus dem vormaligen Widerstandsprinzip einen Koopera- die die spirituellen Schulen in statu nascendi prägt, in Asien
tionsfaktor zu machen. nicht anders als in Europa. Daher der für das frühe Schul- und
Hier rühren wir an das Prinzip aller älteren Anthropotech- Übungswesen typische steile Ansatz der Ausbildungsziele,
nik. Jeder technische Umgang mit Menschen - und nichts an- wie man ihn im esoterischen Kern des Platonismus wie in
deres ist Pädagogik zunächst - beruht auf der U ridee der klas- den meisten Formen des brahmanischen Trainings und in
sischen Mechanik, die Trägheitskräfte in den Dienst der Träg- der taoistischen Alchemie findet. Natürlich bedeutet Schul-
heitsüberwindung zu stellen. Diese Vorstellung feiert in der betrieb immer auch Exoterik und Vorbereitung auf Ämter.
Entdeckung des Hebel-Prinzips ihren ersten Triumph. Die Im heißen Kern der Lehre steht aber die Hinführung der
kleinere Kraft kann, wenn sie mit dem längeren Weg multi- Adepten zu der senkrechten Wand, an der sie den Aufstieg
pliziert wird, die größere bewegen - ein ähnlicher Ansatz liegt zum Unmöglichen versuchen sollen. Hinter den Thesen des
dem der Antike bekannten Flaschenzug zugrunde. M echane, Werbeprospekts für die Schule, in dem es heißt: »Tugend ist
griechisch: die List, bedeutet daher nichts anderes als die erlernbar«, verbirgt sich ein esoterischer Radikalismus, re-
Überlistung der Natur mit ihren eigenen Mitteln. lOS Die päd- sümierbar in der (auf westlichem Boden unaussprechlichen)
agogische mechane erwächst aus dem überlegten Entschluß, Botschaft: »Das Göttliche ist erlernbar.« Wie, wenn der Auf-
die Gewohnheit zu ihrer eigenen Aufhebung einzusetzen - stieg zu den Göttern nach sicheren Methoden gemeistert wer-
man könnte auch sagen: Sie gebraucht das Wahrscheinliche als den könnte? Wenn die Unsterblichkeit nur Übungs sache wä-
Medium zur Erhöhung von Unwahrscheinlichkeit. Man re? Wer das glaubt, glaubt auch mit Platon, den indischen
nimmt der Gewohnheit ihre Widerstandseigenschaften und Lehrern und den Unsterblichen des Taoismus, ein Mandat
spannt sie vor den Wagen ansonsten unerreichbarer Ziele. zu besitzen, das Unmögliche zu lehren, obschon nie jenseits
Dies gelingt, wenn der Pädagoge in der Lage ist, an den länge- eines kleinen Kreises von Geeigneten. Der Lehrauftrag
ren Hebel zu gelangen - das heißt an die Wurzel der Kon- schließt den Einsatz sämtlicher zur Überwindung der Träg-
ditionierung durch übende Wiederholungen. Von da an gilt: heit geeigneten Mittel ein. Bis wohin das geht, zeigt die lange
Repetitio est mater studiorum. Die kleinen menschlichen Reihe der spirituellen und athletischen Extremisten, die in
Kräfte können Unmögliches bewirken, wenn sie mit dem den vergangenen Jahrtausenden das Bild der Menschheit be-
106
längeren Weg der Übung multipliziert werden. stimmen.

105 Vgl. P. SI., Der andere Logos oder: Die List der Vernunft. Zur
Ideengeschichte des Indirekten. In: Achim Hecker, Klaus Kam-
merer, Bernd Schauenberg, Harro von Senger (Hg.), Regel und Vgl. Heiner Mühlmann, Jesus überlistet Darwin, Wien/New York
Abweichung: Strategie und Stratageme. Chinesische Listenlehre 20 0 7, wo gezeigt wird, wie die memoaktive Fitness eines Kollektivs
im interdisziplinären Dialog, Berlin 2008, S. 87-112. durch gemeinsam vollzogene Tötungsdramen (Opfer) erhöht wer-
106 Neben der pädagogischen Erziehung durch aufgeklärte Wieder- den kann. Die christliche Messe erscheint im Licht dieser Analyse
holungen verfügen die Kulturen von alters her auch über die als Doppeleinprägungsform: einerseits als ständig wiederholtes
Technik der Erziehung durch den Schrecken bzw. der Einprägung Tötungsdrama, andererseits als Einübung in die Ersetzung des
einer Norm durch schockhaftes Einbrennen einer sakralen Szene. Blutopfers durch das symbolische Spiel.
314 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo anista

puren Überschuß lernen. Beim Studium des potenzierten Le-


Didaktische Himmelfahrt: bens trifft man auf die vita vitalis, die senkrecht zur Achse des
Lernen fürs Leben des Lebens empirischen Daseins steht. Das gibt dem primären Surrealis-
mus die Richtung vor - jenem in allen Hochkulturen wirk-
Doch gleichgültig ob sich die frühe Schule exoterisch oder samen Vertikalzug, den man im Westen mit dem mißratenen
esoterisch präsentierte, sie hielt sich selbst nie für das Ziel Ausdruck »Metaphysik « belegt hat: Vielleicht wäre »Meta-
ihres Betriebs. Noch die Maxime mittelalterlicher Schulmei- biotik« der angemessenere Terminus gewesen oder auf latei-
ster non scolae sed vitae discimus 10 8 wollte offenkundig sagen: nischem Boden der Ausdruck "Supravitalistih, obschon
Wir lernen nicht für das Basislager, was zählt, ist allein die man zugeben muß, beide Wörter hätten es auf der Stelle ver-
Expedition. Aber so bieder dieses Bekenntnis klingen moch- dient, an ihrer Häßlichkeit zugrunde zu gehen. Der Ausdruck
te, in seinen Auslegungen nahm es monströse Dimensionen »Metaphysik« hielt sich an der Spitze unserer Lehrpläne, bis
an. Das Wort vita meint zwar in erster Lesung nicht mehr als die andere begriffliche Mißgeburt, die für die Modernen maß-
Bewährung an der äußeren Front, in den Berufen und Äm- gebliche Lehre vom survival, die Oberhand gewann.
tern. Jedem Beteiligten an dem hohen Spiel war dennoch klar,
daß damit nur ein Anfangsschritt bezeichnet war. Seinem
tieferen Design nach war "für das Leben lernen« eine Parole Sterbe-Performance: Tod auf der metaphysischen Bühne
zugunsten der steilsten Aufstiegsprojekte - Projekte, für die
das Göttliche gerade hoch genug lag. Die schwerste Bewährungsprobe für das neue Subjekt der
Eine solche Gleichsetzung von Gott und Leben war geeig- Übungsmacht stellt der Tod dar, da er die Instanz bildet,
net, die exzessivste Vertikalspannung aufzubauen. Sie zwang die Menschen am stärksten in die Passivität drängt. Wer also
dazu, die gewöhnlichen Vorstellungen über den Sinn von den Tod herausfordert, um ihn dem Herrschaftsbereich des
»Leben« radikal zu revidieren. Mit einem Mal wurde es mög- Könnens einzugliedern, wird im Fall des Erfolgs den Beweis
lich, zum Prädikat »lebendig« einen Superlativ zu bilden und geliefert haben, daß es im Radius des Menschenmöglichen
das Nomen »Leben« mit sich selbst zu multiplizieren. Wer liegt, Unüberwindliches zu überwinden - oder mit Schreck-
»Leben« sagt, wird früher oder später auch »Leben des Le- lichem eins zu werden. Darum münden alle Übungen, die
bens« sagen. Dann aber heißt »für das Leben lernen« für den sich zunächst gegen die Fremdsteuerung der Seele durch die
heftigen Affekte, die ungeprüften Gewohnheiten und die
108 Sie ist die Umkehrung des satirischen Satzes von Seneca: non Trugbilder des Stammes und des Forums richten, zuletzt
vitae, sed scholae discimus. Epistolae morales ad Lucilium 106,
unvermeidlich in Maßnahmen gegen die Unterwerfung der
12. Dieser konstatiert die Dekadenz der Schule zum Wissensbe-
trieb. Das eigentliche Schulprogramm, das Erlernen des Göttli- Unterwerfungen, die Besessenheit aller Besessenheiten - die
chen, muß darum auf andere Medien umkopiert werden, zum Untertänigkeit des Menschen unter der Macht des Todes.
Beispiel den Briefwechsel des Philosophen mit einem jüngeren Dies kann auf zwei verschiedene Weisen geschehen: Zum
Freund. Es ist also wahrscheinlich, daß Seneca ein älteres, nicht
einen durch eine Askese, die zu einer artifiziell erworbenen
belegtes Sprichwort umgedreht hat - womit die Rückkehr der
Schulmänner des Mittelalters zur non-scholae-sed-vitae- Version Haltung des Sterbenkönnens führt: So hat man es an der
völlig gerechtfertigt wäre. philosophischen ars moriendi abgelesen, die im Tod des So-
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo artista 31 7
krates ihre U rszene besitzt, der folgenreichsten Sterbe-Perfor- genschwere Urszene, in der sich die Emanzipation der geistig
mance der alteuropäischen Welt; so haben es die indischen Übenden von der Tyrannei des Todes auf höchster Höhe be-
Asketen vorgemacht, die die Kunst des Den-Körper-Verlas- obachten ließ. In beiden Pass ions geschichten liegt der Akzent
sens in zahlreichen Varianten deklinierten; und so hat es die auf der Umwandlung von Müssen in Können, ein Können,
japanische Selbsttätungs(seppuku)- Kultur demonstriert, in das um so eindrucksvoller ausfällt, als die Umstände den Op-
der es immer höchst bedeutsam war, sich vom Leben zu tren- fern eine doppelte Passivität aufzwingen: die erste gegenüber
nen, sobald Gefahr bestand, das Leben könne länger dauern dem Unrecht der Todesurteile, die zweite hinsichtlich der
als die Ehre. Die Emanzipation von der Tyrannis des Todes Grausamkeit der Hinrichtungen more Romano. Bei Sokrates
kann aber auch durch die Formulierung eines Mythos gesche- wird besonders deutlich, wie das Können des Weisen sich den
hen, der die Zugehörigkeit der Seele zum Reich des lebendigen äußeren Zwang aneignet, indem der formal rechtens, sachlich
Gottes behauptet. In solchen Fällen - die äpyptischen Jen- unrechtens zum Tode Verurteilte das Urteil in seinem Willen
seitslehren und der christliche Platonismus liefern die bekann- rezipiert, um mit der auferlegten Prozedur zu kooperieren,
testen Beispiele - wird das Rückkehrrecht der Seele nicht so als wäre er selbst der Spielleiter des ihm widerfahrenden Pas-
sehr durch asketische Zusatzanstrengungen als durch integre sionsdramas.
Lebensführung gesichert. Die Überordnung der Freiwilligkeit über das Müssen ver-
Das Klima auf dem akrobatischen Stern unterliegt also seit körpert sich am glänzendsten in dei· Allegorie der Gesetze,
der Heraufkunft der hochkulturellen Surrealismen einem per- die in dem Dialog Kriton zu Sokrates reden. Die personifi-
manenten Wandel, einer Erderwärmung durch ständig stei- zierten Gesetze sagen dem Todeskandidaten dort sinngemäß
gende moralische Emissionen vergleichbar. Das erzwingt die folgendes: Alles spricht dafür, lieber Sokrates, daß es dir hier
Wende vom »Dahinleben« im Strom des Kollektivhabitus zur in Athen zeitlebens am besten gefallen hat. Wir, die Gesetze,
Lebensführung unter dem Einfluß individualisierender Schul- und diese Stadt, die wir regieren, haben dir bisher offensicht-
rnächte. Die neuartige Führung bewirkt eine Verfremdung das lich vollständig genügt. Nie bist du auf Reisen gegangen, wie
Daseins bis an den Punkt, an dem die Vorstellungen über die viele Leute es tun, um andere Städte und andere Gesetze ken-
Bereiche Schule und Leben zu dem bizarren Dogma ver- nenzulernen. Wie kein zweiter hast du das Schicksal geprie-
schmelzen, das Leben selbst sei nichts als ein großes Pädago- sen, unter unserer Leitung zu existieren, ja noch vor Gericht
gicum und müsse wie ein esoterisches Schulfach gelernt wer- hast du dich damit gebrüstet, den Tod der Verbannung vor-
den, und mit dem Leben zugleich die Kunst, es exemplarisch zuziehen. Siebzig Jahre lang hattest du Zeit, uns und dieser
zu beenden. Aus diesem Grund bildet die von den Griechen so Stadt den Rücken zu kehren, doch du zogst es vor, bei uns zu
genannte euthanasia, die Kunst des schönen Todes, die gehei- bleiben. Wolltest du also jetzt, angesichts deiner von uns ver-
me Mitte der akrobatischen Revolution - sie ist das Seil über fügten Hinrichtung, vor uns fliehen, wie könntest du anders-
einem Abgrund, über das die Übenden zu gehen lernen, um wo jemals wiederholen, was du hier zu sagen nicht müde
vom Leben ins Meta-Leben zu gelangen. wurdest: daß nämlich der Mensch die Tugend und die Ge-
Die alteuropäische Überlieferung besitzt neben dem von rechtigkeit höher als alles andere achten müsse? Folge daher
Platon beschriebenen Tod des Sokrates mit dem in den Evan- nicht dem Rat des Kriton, die Flucht zu ergreifen, sondern
gelien geschi lderten Tod J esu eine zweite thanatologisch fol- dem unsrigen, der lautet: Bleibe hier und gehe deinen Weg zu
I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo artista

Ende! - Daraufhin zieht der Weise die für ihn einzige mög- So altehrwürdig diese Übersetzungen sein mögen, so wenig
liche Konklusion: werden sie dem Geist der johanneischen Hinzufügung ge-
»Diese Worte, mein lieber Kriton, glaube ich zu verneh- recht. Was Johannes, der griechische Apostel, an dieser Stelle
men, so wie die korybanthisch Verzückten Flötenklän- unternimmt, ist ja nicht weniger als eine Athletisierung des
ge zu hören glauben; und ihr Schall ertönt in meinem Erlösertodes - weswegen das letzte J esuswort eher mit: Es ist
Innern und macht mich unempfindlich gegen alle an- geschafft! Oder gar: Am Ziel! wiedergegeben werden müßte,
deren Reden . .. Gehen wir den Weg, den der Gott uns mag eine solche Wendung auch den Konventionen christli-
führt. « 109 cher Passionsbetrachtung zuwiderlaufen. Das Ziel der Ope-
ration ist unvermißverständlich: Jesus soll vom zufälligen
Opfer der jüdisch-römischen Justizwillkür in den Vollbrin-
Inwiefern Jesus recht hat zu sagen: Es ist vollbracht ger einer von der göttlichen Vorhersehung verfügten Mission
verwandelt werden - und dies gelingt nur, wenn das Erlittene
Die Absorption des äußeren Zwangs in den eigenen Willen restlos ins Vorhergesehene, Beschlossene und Gewollte »auf-
wird auch in der Golgatha-Erzählung der Evangelien macht- gehoben« wird. Dasselbe Wort tetelestai, mit dem Jesus am
voll in Szene gesetzt, und dies um so eindrucksvoller, als man Kreuz sein Leben aushaucht, wird von Johannes unmittelbar
bei einer Hinrichtung römischen Stils vom zivilisierten De- davor verwendet, um die »Erfüllung« bzw. Ins-Ziel-Brin-
kor griechischer Sterbekunst so weit wie irgend vorstellbar gung der Schriftvorhersagen durch das golgathaische Proto-
entfernt ist. Die jesuanische Passion übertrifft, was die Unter- koll zu konstatieren. Entscheidend ist, daß Jesus selbst am
werfung des Opfers unter äußere Zwangshandlungen angeht, Kreuz die »Erfüllung« der Mission erkennt und für vollzogen
die Passion des Sokrates bei weitem, und doch sollte gerade hält (sciens Jesus quia omnia consummata sunt), so daß sein
an ihr die Umwandlung des Müssens in ein unveräußerliches Schlußwort tatsächlich eine skriptural-messianisch-athleti-
Können am folgenreichsten demonstriert werden. sche Leistungsfeststellung enthält.
Die Szene des letzten Augenblicks am Kreuz wird bei den Die akrobatische Revolution des Christentums erschöpft
Evangelisten selbst zunehmend mit beispielgebenden Ener- sich nicht in der am Kreuz erwiesenen Überwindung der
gien aufgeladen. Während es bei Markus 15,37 und bei Mat- Todespassivität. Der Triumph des Könnens über das Nicht-
thäus 27, 50 noch heißt, Jesus sei, nachdem er vom Essig- Können vollzieht sich zwischen Karfreitagabend und Oster-
schwamm getrunken habe, mit einem lauten Schrei verstor- morgen - der pathetischsten aller Fristen. In dieser Zeit prak-
ben, hat Lukas 23, 46 für dieselbe Szene bereits ein latent tiziert der getötete Jesus das schlechthin Unerhörte, das akro
könnensgetöntes Übergangswort: »Vater, in deine Hände be- bainein in der Hölle - auf Zehenspitzen durchquert er das
fehle ich meinen Geist«, et haec dicens expiravit. Johannes 19, Totenreich. Mit der Auferstehung »am dritten Tag« feiert in
30 fügt dem ein vollends der Sphäre des Könnens angehöriges ihm die Antigravitation ihren größten Sieg: Das ist, als hätte
Wort hinzu: tetelestai, was auf lateinisch mit consummatum Christus, der Erste unter den Akrobaten Gottes, ein Vertikal-
est, auf deutsch mit »Es ist vollbracht!« wiedergegeben wird. seil zu fassen bekommen, das ihm und den Seinen den Zugang
zu einer bis dahin verschlossenen oder nur mythisch ge-
109 Kriton, 54d. ahnten absoluten Senkrechten eröffnete. Durch seinen salto
32° I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo artista 321
vitale sprengt der Auferstandene die Weltform auf, die vom verfaßte der Nordafrikaner Tertullian seine Trostschrift Ad
Glauben an die Vormacht der tödlichen Unterbrechung ge- M artyros, einen stark rhetorisch stilisierten Text, der das
prägt war. Von diesem Moment an ist alles Leben akrobatisch, ganze Arsenal der antiken Asketologie aufbietet, um den Ge-
ein Tanz auf dem Seil des Glaubens, wonach das Leben selbst fangenen in den Kerkern von Vienne und Lyon die Vergleich-
ewig sei - und zwar in einem unwiderruflich proklamierten barkeit ihrer Lage mit der von Soldaten vor der Schlacht,
Ab-Jetzt. mehr noch der von Athleten vor dem Agon, bewußtzuma-
Klaus Berger bemerkt über die athanasische Theologie des chen. Nicht ohne Zynismus erinnert der Afrikaner seine gal-
Evangelisten: »An die Stelle des Starrens auf den Tod tritt das lischen Brüder und Schwestern daran, daß sie, im Kerker
Sich-Einfügen in den Zug derer, die über den Tod hinaus- sitzend und ihre Hinrichtung in der Arena erwartend, eigent-
wandern. Denn auch der leibliche Tod wird überstiegen, er lich von Glück reden können, da für einen wahren Christen
ist nur ein unwesentliches Stück in der Sequenz der Ereig- die Außenwelt ein viel schwererer Kerker sei.
nisse.« 11 0 Der Tod, ein »unwesentliches Stück« im Gang der »Schaffen wir den Namen Kerker ganz ab, nennen wir
Dinge - die Menschheit hat lange warten müssen, ehe sie ihn einen Ort der Zurückgezogenheit.« 112
solche Frivolitäten hören durfte, oder soll man sagen: solche Die Erwartungen an die Märtyrer haben sich bei diesem ro-
deliranten Freisprüche vom Bann der Endlichkeit? Sobald busten Tröster schon so weit verspordicht, daß er von seinen
eine Doktrin wie diese in der Welt ist, hat das psychopoliti- Glaubensbrüdern in der Arena nichts anderes als Höchstlei-
sehe ancien regime, die normale Depression alias Realismus, stungen erwartet. Diese Glaubensathleten sind es Christus
es spürbar schwerer. Der stetige Fortgang der antidepressiven schuldig, ihren Henkern ein großes Match zu liefern.
Kampagne provoziert die Geschichte: Sie unterliegt dem Ge- »Ihr seid dabei, euch in einen guten Kampf (bon um
setz der Verlangsamung des Wunders. Aus ihm ergibt sich, agonem) zu begeben, in welchem der lebendige Gott
was Alexander Kluge den immensen »Zeitbedarf der Revo- (Deus vivus) selbst der Ausrichter der Spiele (agonothe-
lutionen«!!1 nennt. tes), der Heilige Geist der Stadionvorsitzende (xystar-
ches) ist. Euer Siegeskranz ist die Ewigkeit, eure Beloh-
nung die Engelsnatur, das Bürgerrecht (politia) im
Todesathleten Himmel und der Ruhm für immer. Deshalb wollte euer
Trainer und Mannschaftsführer (epistates vester) Jesus
Die bei Johannes angedeutete Athletisierung des christlichen Christus, der euch mit dem Geist gesalbt und in diese
Todeskampfs erreicht einen ihrer Höhepunkte während der Kampfgrube (scamma) geführt hat, daß ihr euch vor
durch Marc Aurel eingeleiteten, von seinen Nachfolgern fort- dem Tag des Agons von der freieren Lebensweise zu
geführten Christenverfolgungen in Südgallien, die unter Se- härterem Vorbereitungstrainung zurückzieht (ad durio-
verus gegen 202 wieder heftiger aufflammten. Zu dieser Zeit rem tractationem), damit in euch die Kräfte wüchsen. So
sondern sich auch die Athleten zu strengerer Übungs-
I IO Klaus Berger, Theologiegeschichte des Urchristentums. Theolo-
gie des Neuen Testaments, Tübingen und Basel 1994, S. 661. II2 TertuIIians private und katechetische Schriften. Neu übersetzt,
I I I Alexander Kluge, Tür an Tür mit einem anderen Leben. 350 neue mit Lebensabriß und Einleitungen versehen von D. K. A. Hein-
Geschichten, Frankfurt am Main 2006, S. 34If. rich Kellner, Kempten und München 1912, S. 218.
32 2 I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo artista 32 3

klausur (disciplina) ab, um ganz für ihre Kraftübungen


frei zu sein ... Sie bezwingen sich, sie quälen sich, sie Certum est quia impossibile:
erschöpfen sich (Coguntur, cruciantur, fatigantur) ... Nur das Unmögliche ist gewiß
Und das alles, wie der Apostel sagt, um einen vergäng-
lichen Siegeskranz zu erringen. Wir aber, die einen ewi- Tertullians unerschrockene Traineransprache an die Adresse
gen Kranz anstreben, deuten den Kerker als unsere Trai- der Morituri von Lyon verrät mit einer nirgendwo sonst je
ningshalle (pro palaestra), damit wir in Bestform (bene wieder erreichten Klarheit die Logik des christlichen Akro-
exercitati) ins Stadion, das zugleich Gerichtsplatz ist, batismus. Es ist der gute Wille zum strikt Absurden, zum
treten (ad stadium tribunalis) .. .«113 grenzenlos Widersinnigen, zur vollendeten Unmöglichkeit,
Tertullian führt seine Überlegungen fort, indem er daran er- der die Theologie zur Theologie macht. Er allein hindert sie
innert, wie schon profane Menschen aus heidnischen Völkern daran, in eine gewöhnliche Ontologie zuruckzugleiten. Was
dem Tod getrotzt und mutwillig schwerste Qualen auf sich im Sein als Diskontinuität erscheint, ist im Reich Gottes pure
genommen haben, so etwa der Philosoph Heraklit, von dem Kontinuität. Ist Christus auferstanden, dann ist die Welt, in
es heißt, er habe sich mit Kuhmist bedeckt und verbrannt, der niemand auferstehen kann, widerlegt. Wenn wir hier aber
oder Empedokles, der in die Flammen des Ätna gesprungen niemanden je auferstehen sehen, sollten wir den Schauplatz
sei. In gewissen Heidenstädten lassen die jungen Männer sich wechseln und dorthin gehen, wo geschieht, was hier nicht
auspeitschen bis aufs Blut, nur um zu demonstrieren, was zu geschieht - hier sein ist gut, dort sein ist besser. Kein Christ,
ertragen sie fähig sind. Wenn diese Menschen für bloße Glas- der auf sich hält, würde Tertullian zufolge in einem Circus
perlen einen solchen Preis bezahlten, um wievielleichter soll- auftreten, der weniger als das Gegenteil dessen präsentiert,
ten dann Christen den Preis für die echte Perle entrichten was die Profanen für möglich halten. Wer glaubt, muß das
können! Spießerturn epatieren. In bester Angriffslaune brachte der
Zugegeben, gefolterte Christen in römischen Provinzthea- Autor die Angelegenheit anläßlich seiner Verteidigungs-
tern repräsentieren alles andere als das Ideal des philosophi- schrift gegen die Markioniten Vom Fleische Christi auf den
schen savoir mourir. Doch sogar durch die unerbittlichsten Punkt:
Zuspitzungen der tertullianischen Rhetorik dringt ein Echo »Gekreuzigt wurde Gottes Sohn: das ist keine Schande,
der agonalen Ethik, nach welcher sich dank askesis und Härte weil es eine Schande ist; gestorben ist der Sohn Gottes:
(sklerotes) gegen sich selber auch Überschweres in Leichtes das ist glaubwürdig, weil es abgeschmackt ist. Und be-
verwandelt. graben wurde er und erstand auf: Das ist gewiß, weil es
unmöglich ist. «114
Auf diesem certum est quia impossibile beruht praktisch alles,
was Europäer seit zweitausend Jahren von vertikalen Dingen
wissen. Noch durch Simone Weils großartige Übertreibungs-

I 13 Tertullian, An die Märtyrer, a. a. O. II4 Tertullian, De carne Christi, 5·


I Die Eroberung des Unwahrscheinlichen 5 Cur homo artista
32 5
1
these: »La vie humaine est impossible « 15 - das menschliche wie man ihn in den puritanischen Spielarten des Protestantis-
Leben ist unmöglich - weht der Wind einer Gewißheit, die mus und in den jüngsten Metamorphosen der American Re-
116 b
aus der Unmöglichkeit entspringt. Was wir Wahrheit nennen, ..
/ zgzon eo b ac h tet. S'
e1l1 Symptom war der übermütige
ist die Resultierende aus dem Streit zwischen Erdenschwere Transvitalismus. Wo dieser sich geltend machte, mußte das
und Antigravitation. Der von Christen beschworene Heilige depressive Realitätsprinzip, der Glaube an die Vorherrschaft
Geist war die Weisheitskunst, die dafür sorgte, daß die Ver- des Todes, seinen schwersten Rückschlag hinnehmen. Der
stiegenheit der Märtyrer durch die Erinnerung an horizontale Glaube an die Gegenschwerkraft war es, der die Tragödie
Lebensmotive gemildert wurde. In diesem Sinn stellte der suspendierte und das Seil zwischen den beiden Zuständen
Heilige Geist den ersten Psychiater Europas dar - und die des Lebens so straff spannte, daß viele den tollkühnen Plan
frühen Christen waren seine ersten Patienten. Zu seinen Auf- faßten, die Überquerung zu wagen.
gaben gehört die Entschärfung der religiösen Immunparado- Noch der abgestürzte Seiltänzer aus dem Prolog zu Nietz-
xien, die in dem Moment aufbrechen, in dem die entfesselten sches Also sprach Zarathustra profitierte von der Spannung
Glaubenszeugen ihre physische Immunität schwächen, weil zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Seilveranke-
sie ihrer transzendenten Immunität allzu sicher sind. rung. Und obschon die neuere Lehre besagt, es gebe für das
Was in den Arenen der römischen Massenkultur geschah, Leben keinen Halt am Jenseitsufer mehr, findet man in der
war jedenfalls kein Sklavenaufstand in der Moral, um noch Immanenz
..
immer noch Seile, gespannt genua, 0
um die Schritte
einmal an Nietzsches problematisches Theorem zu erinnern- von Uberquerenden zu tragen. Auf ihnen geht man »dem
es war die Überbietung der Gladiatoren durch die Märtyrer. Anscheine nach nur auf der Luft«. Sie bilden einen Boden
Hier vollzog sich die Übertragung der physischen Agone in dem alle Eigenschaften des soliden Bodens fehlen . » Und doch
ein athletisches FesthaIten an dem Bekenntnis: ego sum Chri- läßt sich auf ihm wirklich gehen. «ll7 Auf dem Seil muß jeder
stianus - selbst wenn die Bekenner den bei den Römern so Schritt zehntausend Mal geübt sein, zugleich ist jeder Schritt
beliebten blonden Bestien, den Löwen, vorgeworfen wurden. dort oben zu setzen, als ob es der erste wäre. Wer für das Seil
Auch wer dem Märtyrertum mißtraut und in ihm die funda- lernt, unterzieht sich einer paideia, die den Bodengewohn-
mentalistische Sturheit von Menschen wittert, die mit ihrem heiten die Grundlage entzieht. Auf dem Seil gehen heißt alles
Leben nichts Besseres anzufangen wissen, als es mit dem Ge- Gewesene in der Gegenwart sammeln. Nur so läßt sich der
stus des schlagenden Beweises wegzuwerfen, muß zugeben, Imperativ: Du mußt dein Leben ändern! in tägliche Übungs-
daß in den Märtyrerakten der Verfolgungszeiten gelegentlich serien verwandeln. Die akrobatische Existenz detrivialisiert
etwas vom Geist des ursprünglichen christlichen Akrobatis- das Leben, indem sie die Wiederholung in den Dienst des
mus wahrzunehmen ist. Noch spürt man in manchen alten Unwiederholbaren stellt. Sie verwandelt alle Schritte in erste
Leidenszeugnissen den Willen zum Hinübergehen, wie man Schritte, weil jeder der letzte sein könnte. Es gibt für sie nur
ihn in den Trainingslagern des höheren Lebens zu üben be- eine ethische Handlung: die Überwanderung aller Verhält-
gonnen hatte. Der Wille zum Glauben wurde hier noch nicht nisse durch die Eroberung des Unwahrscheinlichen.
mit dem Willen zum -diesseitigen Lebenserfolg gleichgesetzt,
116 Vgl. Harold Bloom, The American Religion. The Emergence of
the Posr-Christian Nation. Ncw York crc. 1992.
115 Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, München 1953. 117 Wittgenstein, Vcrmischte Bcmerkungen, a. a. 0., S. 141.
II Übertreibungsverfahren
II Üb ertrei bungsv erfahren
PROSPEKT:
RÜCKZÜGE IN DIE UNGEWÖHNLICHKEIT

Ein wirklich eifriger Mensch ist zu allem bereit. Sollte man in einem einzigen Satz den wesentlichen Unter-
Gewiß erfordert der Kampf gegen die Leidenschaften schied zwischen der modernen und der antiken Welt re-
mehr Schweiß und Anstrengung als körperliche Arbeit. sümieren und mit demselben Satz die beiden Weltzustände
Wache über dich, ermuntere dich, ermahne dich. bestimmen, er müßte lauten: Modern ist das Zeitalter, das
Du wirst genau so viel Fortschritte machen, als du dir die höchste Mobilmachung der menschlichen Kräfte unter
selbst Gewalt antust. dem Vorzeichen von Arbeit und Produktion zustande
brachte, während antik alle Lebensformen heißen, in denen
Gerhard GrootelThomas von Kempen die äußerste Mobilmachung im Namen von Übung und
De imitatione Christi Perfektion geschah. Daraus geht hervor: Das europäische
»Mittelalter« stellt, anders als sein Name sagt, keine eigen-
ständige Mitte zwischen Antike und Moderne dar, sondern
Der Weg des Übermaßes führt zum Palast der Weisheit. bildet ganz unverkennbar einen Teil der Antike, obschon es
aufgrund seiner christlichen Tönung in oberflächlicher Sicht
William Blake, Proverbs of Hell als nach-antik oder gar gegen-antik gelten könnte. Weil das
christliche Mittelalter viel mehr eine Epoche der Übung als
der Arbeit war, besteht aus aktivitätstheoretischer Sicht an
seiner Zugehörigkeit zum antiken Regime kein Zweifel. In
der Antike leben und nicht an den Vorrang der Arbeit oder
des Wirtschaftslebens glauben - das sind nur zwei verschie-
dene Formulierungen für denselben Sachverhalt. Selbst das
benediktinische labora, das man zuweilen als ein dem Gebet
abgerungenes Zugeständnis an den Geist der Arbeit mißver-
stehen wollte, bedeutete in Wahrheit nur eine Ausdehnung
des meditativen Übens auf den materiellen Gebrauch der
Hände. Was Arbeit im neueren Sinn des Worts meint, konn-
te kein Mönch begreifen, solange die Ordensregel für die
Symmetrie zwischen orare und laborare sorgte. Im übrigen
muß man wissen, daß der Akzent auf dem labora in der
Benediktregel (die der Überlieferung zufolge anläßlich der
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33° II Übertreibungsverfahren Prospekt: Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit 33 1
Gründung des Kl osters von Monte Cassino zwischen 52 5 stellen wollte, 1 auch nicht in dem des Arbeitens, HersteI -
und 529 entstand) die Konsequenzen aus jahrhundertelan- lens und Wirtschaftens, sondern im Sinne einer Assimila-
gen Beobachtungen an mönchischen Pathologien zieht: tion an das niemals müd e universale oder göttliche Sein-
Während die Modernen durch Kuren und Ferien ihre Ar- Nichts, das mehr tut und mehr leidet, als jede endliche
beitskrankheiten kompensieren, setzten die Mönche das Ar- Kreatur zu tun und zu leiden imstande wäre. Allerdings
beiten ein, um Abhi lfe gegen ihre Kontemplationskrankhei- kennt sie, wie jenes, auch eine Art von stets in sich blei-
ten zu schaffen. bender, erfüllender und unstörbarer Ruhe, die nach den
Die These, die Antike stehe praktisch im Zeichen des Angaben der Eingeweihten in keiner Weise der profanen
Exerzitiums, die Moderne hingegen in dem der Arbeit, Erschöpfungsruhe gleicht.
behauptet einen Gegensatz wie einen inneren Zusammen- Es ist natürlich kein Zufall, wenn die Wiederentdeckung
hang zwischen Übungswelt und Arbeitswelt, Perfektions- des übenden Lebensmodus genau zu dem Zeitpunkt einsetz-
welt und Produktionswelt. Hierdurch nimmt das Konzept te, in dem die Vergötzung d er Arbeit (bis hinauf zum
Renaissance eine stark veränderte Bedeutung an. Wenn es deutsch-kaiserlichen »Wir alle sind Arbeiter«) ihren Höhe-
tatsächlich ein Phänomen wie die Wiedergeburt der Antike punkt erreicht hatte. Ich spreche hi er vom letzten Drittel des
in einer spät- oder nach-christlichen Welt oder vielmehr in 1 9. Jahrhunderts, für das ich Chiffren wie )' athletische Re-
einer Nach-Arbeitswelt geben sollte, es müßte sich durch naissance« und »Entspiritualisierung der Askesen « vor-
die Revitalisierung der Motive übenden Lebens bemerkbar schlug. Die beiden Formeln deuten auf Tendenzen, die über
machen. Hierfür fehlt es nicht an Indizien. Was beide die Ära des Produktivismus hinausweisen. Seit der Tätigkeits-
Regime auszeichnet, ist ihr Vermögen, menschliche Kräfte typuS Übung - zusammen mit dem ästhetischen Spiel - aus
in Anstrengungsprogramme größten Ausmaßes zu inte- dem Schatten der Arbeit heraustritt, entwickelt sich auf mo-
grieren, was sie trennt, ist die radikal divergente Ausrich- dernem Boden ein neuartiges Ökosystem von Aktivitäten, in
tung der Mobilisationen. Im einen Fall werden die ge- dem der absolute Vorrang des Produktwerts zugunsten von
weckten Energien ganz dem Primat des Objekts bzw. des Übungswerten, Performanzwerten und Erlebniswerten revi-
Produkts untergeordnet, letztlich sogar dem abstrakten diert wird.
Produkt, das Profit heißt, oder dem ästhetischen Fetisch, Niemand kann heute daher ein glaubwürdiger Zeitgenosse
der als »Werk« exhibiert und gesammelt wird. Im anderen sein, der nicht spürt, wie die Dimension Performanz an der
Fall fließen alle Kräfte in die Intensivierung des übenden Dimension Arbeit vorbei zieht. So hat sich das System des
Subjekts, das sich im Gang der Exerzitien zu immer höhe- Sports zu einem Multiversum mit Hunderten von Neben-
ren Stufen einer rein performativen Seinsweise entfaltet. welten entfaltet - darin fei ern die selbstbezügliche Bewe-
Was man die vita contemplativa genannt hat, um sie der gung, das nutzlose Spiel, di e überflüssige Verausgabung, der
vita activa gegenüberzustellen, ist in Wahrheit eine vita simulierte Kampf eini germaßen mutwillig ihr Dasein, in
performativa. Sie ist auf ihre Weise so tätig wie das tätigste
Leben. Allerdings drückt sich dies nicht im Modus des I Hannah Arendt, The Human Condition, 19 58, deutsch: Vita activa
oder Vom tätigen Leben, S[U[(gart 1960. Kritisch dagegen ein
politischen H andeins aus, das Hannah Arendt auf den Spu- Arendt-Schüler; Ri chard Sennett, Handwerk, München 1008,
ren von Aristoteies an die Spitze der aktiven Lebensformen S. 9f.; siehe auch unten S. 45 8.
Ir Übertreibungsverfahren
329

PROSPEKT:
RÜCKZÜGE IN DIE UNGEWÖHNLICHKEIT

Ein wirklich eifriger Mensch ist zu allem bereit. Sollte man in einem einzigen Satz den wesentlichen Unter-
Gewiß erfordert der Kampf gegen die Leidenschaften schied zwischen der modernen und der antiken Welt re-
mehr Schweiß und Anstrengung als körperliche Arbeit. sümieren und mit demselben Satz die beiden Weltzustände
Wache über dich, ermuntere dich, ermahne dich. bestimmen, er müßte lauten: Modern ist das Zeitalter, das
Du wirst genau so viel Fortschritte machen, als du dir die höchste Mobilmachung der menschlichen Kräfte unter
selbst Gewalt antust. dem Vorzeichen von Arbeit und Produktion zustande
brachte, während antik alle Lebensformen heißen, in denen
Gerhard GrooteiThomas von Kempen die äußerste Mobilmachung im Namen von Übung und
De imitatione Christi Perfektion geschah. Daraus geht hervor: Das europäische
»Mittelalter« stellt, anders als sein Name sagt, keine eigen-
ständige Mitte zwischen Antike und Moderne dar, sondern
Der Weg des Übermaßes führt zum Palast der Weisheit. bildet ganz unverkennbar einen Teil der Antike, obschon es
aufgrund seiner christlichen Tönung in oberflächlicher Sicht
William Blake, Proverbs of Hell als nach-antik oder gar gegen-antik gelten könnte. Weil das
christliche Mittelalter viel mehr eine Epoche der Übung als
der Arbeit war, besteht aus aktivitätstheoretischer Sicht an
seiner Zugehörigkeit zum antiken Regime kein Zweifel. In
der Antike leben und nicht an den Vorrang der Arbeit oder
des Wirtschaftslebens glauben - das sind nur zwei verschie-
dene Formulierungen für denselben Sachverhalt. Selbst das
benediktinische labora, das man zuweilen als ein dem Gebet
abgerungenes Zugeständnis an den Geist der Arbeit mißver-
stehen wollte, bedeutete in Wahrheit nur eine Ausdehnung
des meditativen Übens auf den materiellen Gebrauch der
Hände. Was Arbeit im neueren Sinn des Worts meint, konn-
te kein Mönch begreifen, solange die Ordensregel für die
Symmetrie zwischen orare und laborare sorgte. Im übrigen
muß man wissen, daß der Akzent auf dem labora in der
Benediktregel (die der Überlieferung zufolge anläßlich der
33° Il Übertreibungsverfahren Prospekt: Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit 33 I

Gründung des Klosters von Monte Cassino zwischen 525 stellen wollte,' auch nicht in dem des Arbeitens, Herstel-
und 529 entstand) die Konsequenzen aus jahrhundertelan- Iens und Wirtschaftens, sondern im Sinne einer Assimila-
gen Beobachtungen an mönchischen Pathologien zieht: tion an das niemals müde universale oder göttliche Sein-
Während die Modernen durch Kuren und Ferien ihre Ar- Nichts, das mehr tut und mehr leidet, als jede endliche
beitskrankheiten kompensieren, setzten die Mönche das Ar- Kreatur zu tun und zu leiden imstande wäre. Allerdings
beiten ein, um Abhilfe gegen ihre Kontemplationskrankhei- kennt sie, wie jenes, auch eine Art von stets in sich blei-
ten zu schaffen. bender, erfüllender und unstörbarer Ruhe, die nach den
Die These, die Antike stehe praktisch im Zeichen des Angaben der Eingeweihten in keiner Weise der profanen
Exerzitiums, die Moderne hingegen in dem der Arbeit, Erschöpfungsruhe gleicht.
behauptet einen Gegensatz wie einen inneren Zusammen- Es ist natürlich kein Zufall, wenn die Wiederentdeckung
hang zwischen Übungswelt und Arbeitswelt, Perfektions- des übenden Lebensmodus genau zu dem Zeitpunkt einsetz-
weIt und Produktionswelt. Hierdurch nimmt das Konzept te, in dem die Vergötzung der Arbeit (bis hinauf zum
Renaissance eine stark veränderte Bedeutung an. Wenn es deutsch-kaiserlichen »Wir alle sind Arbeiter«) ihren Höhe-
tatsächlich ein Phänomen wie die Wiedergeburt der Antike punkt erreicht hatte. Ich spreche hier vom letzten Drittel des
in einer spät- oder nach-christlichen Welt oder vielmehr in 19. Jahrhunderts, für das ich Chiffren wie »athletische Re-
einer Nach-Arbeitswelt geben sollte, es müßte sich durch naissance« und »Entspiritualisierung der Askesen« vor-
die Revitalisierung der Motive übenden Lebens bemerkbar schlug. Die beiden Formeln deuten auf Tendenzen, die über
machen. Hierfür fehlt es nicht an Indizien. Was beide die Ära des Produktivismus hinausweisen. Seit der Tätigkeits-
Regime auszeichnet, ist ihr Vermögen, menschliche Kräfte typus Übung - zusammen mit dem ästhetischen Spiel - aus
in Anstrengungsprogramme größten Ausmaßes zu inte- dem Schatten der Arbeit heraustritt, entwickelt sich auf mo-
grieren, was sie trennt, ist die radikal divergente Ausrich- dernem Boden ein neuartiges Ökosystem von Aktivitäten, in
tung der Mobilisationen. Im einen Fall werden die ge- dem der absolute Vorrang des Produktwerts zugunsten von
weckten Energien ganz dem Primat des Objekts bzw. des Übungswerten, Performanzwerten und Erlebniswerten revi-
Produkts untergeordnet, letztlich sogar dem abstrakten diert wird.
Produkt, das Profit heißt, oder dem ästhetischen Fetisch, Niemand kann heute daher ein glaubwürdiger Zeitgenosse
der als »Werk« exhibiert und gesammelt wird. Im anderen sein, der nicht spürt, wie die Dimension Performanz an der
Fall fließen alle Kräfte in die Intensivierung des übenden Dimension Arbeit vorbeizieht. So hat sich das System des
Subjekts, das sich im Gang der Exerzitien zu immer höhe- Sports zu einem Multiversum mit Hunderten von Neben-
ren Stufen einer rein performativen Seinsweise entfaltet. welten entfaltet - darin feiern die selbstbezügliche Bewe-
Was man die vita contemplativa genannt hat, um sie der gung, das nutzlose Spiel, die überflüssige Verausgabung, der
vita activa gegenüberzustellen, ist in Wahrheit eine vita simulierte Kampf einigermaßen mutwillig ihr Dasein, in
performativa. Sie ist auf ihre Weise so tätig wie das tätigste
1 Hannah Arendt, The Human Condition, 195 8, deutsch: Vita activa
Leben. Allerdings drückt sich dies nicht im Modus des
oder Vom tätigen Leben, Stuttgart 1960. Kritisch dagegen ein
politischen HandeIns aus, das Hannah Arendt auf den Spu- Arendt-Schüler: Richard Sennett, Handwerk, München 2008,
::en von Aristoteles an die Spitze der aktiven Lebensformen s. 9f.; siehe auch unten S. 458.
332 II Übertreibungsverfahren Prospekt: Rückzüge in die Un gewähnlichkeit 333

deutlichstem Gegensatz zum utilitären Objektivismus der ihre Weise ein Geheimnis von Handwerkern und Fetischma-
Arbeitswelt, mochte auch eine verdumpfte Soziologie noch ehern alten Schlages, wonach in das gut gemachte Ding im-
so oft behaupten, der Sport sei nur das Trainingslager für die mer die »Seele« ihres Urhebers einfließt, während dieser sein
Fabrik und die Vorschule der kapitalistischen Konkurrenz- Metier nur meistert, wenn er ständig auf Stimmen des Mate-
ideologie. Immerhin ist zuzugeben, daß die im antiken Sinn rials hört.
»zirkus«haftesten Teile der Sportwelt, vor allem im Umkreis Daneben haben die zahllosen psychotherapeutischen Sy-
des olympischen Geschäfts sowie in den professionalisierten steme, die sich im Lauf des 20. Jahrhunderts entfaltet haben,
Segmenten von Fußball und Radsport, inzwischen selber ei- die antiken Praktiken der übenden Introspektion wieder zum
nem Resultatfetischismus unterliegen, der dem zwanghafte- Leben erweckt, in der Regel ohne sich der Verwandtschaft
sten Produktdenken der ökonomischen Sphäre in nichts mit den alten Modellen bewußt zu sein. Nietzsche hatte mit
nachsteht. Aber was bedeutet das, wenn andererseits die Sta- seiner Forderung, seine Leser dürften, wollten sie ihn wirk-
tistiken besagen, daß in diesen Bereichen der Sportwelt auf lich verstehen, keine modernen Menschen, sondern müßten
einen Professionellen zehntausend Amateure und mehr kom- Meditanten oder »Wiederkäuer« sein, die Rückwendung von
men? der Arbeitslogik zum Exerzitium eingeläutet. Wenn Foucault
Noch klarer artikuliert sich die Tendenz zur Exhibition des hingegen um 1980 den antiken Diskurs um die »Selbstsorge «
selbstbezüglich-übenden Tuns im Kunstbetrieb des letzten ins gegenwärtige Gespräch zurückbrachte, war dies ein Si-
Jahrhunderts: Die ästhetische Moderne ist die Ära, in der sich gnal, die Ära der therapeutischen Ideologien abzuschließen.
das Performative von den Prozeduren und Zielen der Arbeits- Was seither auf der Tagesordnung steht, ist die Wiedergewin-
welt ablöst, um zahllose Bühnen für völlig eigenwertige Dar- nung eines verallgemeinerten Übungsbewußtseins aus den
bietungen zu errichten. Längst hat die Emanzipation der Quellen antiker Philosophie und neuzeitlicher Kunst- und
Kunst von ihrer Arbeitsförmigkeit auch systemimmanent Körperpraxis. Hier und da beginnt man zu begreifen, daß
den Punkt erreicht, an dem das Werk wieder in den selbst- der Therapeutismus des 20 . Jahrhunderts seinerseits nur ein
bezüglichen Prozeß des Übens, besser in den Gestaltwandel Deckphänomen einer Tendenzwende mit epochalen Zügen
der kreativen Energien, eingeschmolzen wird. Es steht oft war. Ich darf daran erinnern: Das psychoanalytische Schlüs-
nicht mehr als autonomes Resultat in der Welt, von seinen selwort »durcharbeiten« beruht auf der diskreten Übernah-
Entstehungsbedingungen für immer abgekoppelt und durch me eines stoischen Übungsprinzips, dem Hin- und Herwen-
das Prädikat »fertig« in die Sphäre reiner Objektivierung ver- den einer Vorstellung oder eines Affekts in der Meditation,
setzt, sondern als momenthaft fixierter Übungskristall- Index das in der griechischen Terminologie der Schule anapolein
einer Drift von einem performativen Zustand zum nächsten. bzw. anap6lesis hieß, lateinisch: in animo versare. Es bezeich-
Andererseits haben große Künstler wie Rodin von ihrer net den modernen Zeitgeist, daß man auch Sport und Medita-
unaufhörlich übenden, obschon stets am gegenständlichen tion gern als »Arbeit« präsentiert.
Produkt orientierten Tätigkeit als höchster Form von »Ar- Die folgenreichste Unterwanderung des Arbeits- und Pro-
beit« geredet: toujours travailler, wie um klarzustellen, daß duktionsglaubens vollzog sich auf seinem eigenen Terrain, als
die Kunst, ihrer Selbstbezüglichkeit zum Trotz, die ernsteste die Kommunistische Partei der Sowjetunion nach der Okto-
wie die selbstloseste Sache bedeute. Sie verrieten damit auf berrevolution 1917 der noch überwiegend agrarischen Öko-
334 II Übertreibungsverfahren Prospekt: Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit 335
nomie des vormaligen Zarenreichs eine Modernisierungskur mich mit Umrißzeichnungen und anekdotischen Kolorierun-
verordnete. In diesem Umbruch wurden die motivationalen gen begnügen. Ich beginne, dem Gang der Sache selbst fol-
Grundlagen der modernen Erwerbsarbeit, der Zwang zur gend, mit der seit der Antike zu beobachtenden Heraustren-
Schuldenbedienung im Kreditsystem der Eigentumswirt- nung der Übenden aus dem sozialen Lebenskontinuum und
schaft und das persönliche Streben nach Wohlstand so tiefge- ihrer Fixierung in einer systematisch zu festigenden Exzen-
hend zerrüttet, daß sich im gesamten Wirkungsbereich kom- trik gegenüber ihrem bisherigen, von Gruppenzwängen und
munistischer Herrschaft zu keiner Zeit so etwas wie eine ef- organischen Trägheiten diktierten Dasein. Dieser Rückzug
fiziente Arbeitskultur modernen Typs ausbilden konnte. Da aus der kollektiven Identität - praktische Matrix jeder geisti-
die Orientierung am eigenen Vorteil apriori suspendiert war, gen epoche - bildet ein Merkmal des asketischen modus vi-
blieb den sowjetischen Werktätigen nur die Wahl zwischen vendi, das von Helmuth Plessner, dem Urheber der Doktrin
den Haltungen des freiwilligen Rekordproduzenten oder des von der »exzentrischen Positionalität« des Menschen, in
selbstironischen Roboters - in beiden Attitüden wurde die sympathischer Übertreibung zu einem allgemeinen Grund-
Orientierung der Arbeit am Vorrang des Ergebnisses unter- zug der conditio humana stilisiert wurde, als ob alle Einzel-
miniert und in eine mehr oder weniger selbstbezügliche nen apriori neben sich stünden und wie Schaupieler des All-
Übung verwandelt. Im Grunde war die Sowjetwirtschaft tags, Naturhysteriker oder Public-Relations-Manager in ei-
ein Kompositum aus einer feudalen Tempelökonomie, in gener Sache ihr Leben von jeher vor dem Spiegel führten.
der ein zynischer Staatsklerus das Mehrprodukt absorbierte, Indessen sollte man daran erinnern, daß Spiegel, obschon in
und einer Gurdjieff-Gruppe: Bekanntlich arbeiten Adepten seltenen Exemplaren schon vor mehr als 2000 Jahren in Ge-
solcher Veranstaltungen Tag und Nacht bis zur Erschöpfung brauch, erst vor annähernd zweihundert zu allgemeinerer
an irgendwelchen vom Gruppenleiter gestellten Aufgaben, Verbreitung gelangten; als schließlich vor hundert Jahren
um dann zu erleben, wie das Produkt vor ihren Augen zer- die Sättigung des Spiegel markts erreicht war, rief ihre Allge-
stört wird - vorgeblich, um ihre innere Loslösung zu fördern. genwart eine gewisse diskrete Exzentrik in den Selbstverhält-
In diesem Sinn gilt: Der Kommunismus hat mit seinen Po- nissen von jedermann und jeder Frau hervor. Sie verführen
pulationen eine quasi-spirituelle Übung durchgeführt, die ihre Benutzer zu dem Glauben, sie seien schon immer reflexiv
unter dem Vorwand des Arbeitskults die Arbeit ad absurdum »neben sich« gewesen, indessen die Spiegel in historischer
führte: Er hat das Leben von drei Generationen für die Her- Sicht ihre Rolle als egotechnische Leitmedien des modernen
stellung eines politischen Ornaments verbraucht, über das die selbstbildabhängigen Menschen ganz unverkennbar erst vor
Geschichte hinwegging. Sein Schicksal erinnert von fern dar- sehr kurzem zu spielen begannen.
an, wie tibetische Mönche große Mandalas aus farbigem Sand
ausführen, die dazu bestimmt sind, am Tag nach ihrer Fertig- Im nächsten Abschnitt zeige ich, auf welche Weise die Innen-
stellung vom Fluß weggespült zu werden. welt der Übenden von idealen Vorbildmächten durchwirkt
wird, und weiter, wie die Intuition einer fernen und doch
In diesem Teil rekonstruiere ich einige Grundzüge des expli- verbindlichen Vollkommenheit zum Aufbau von starken Ver-
eite übenden Lebens. Angesichts der Ungeheuerlichkeit des tikalspannungen führt - das erzeugt ein Reich von ideenbe-
Materials, das hier zur Sprache kommen müßte, muß ich feuerten Aufschwüngen und subtilen Attraktoren, von de=-_::=-_
II Übertreibungsverfahren Prospekt: Rückzü ge in die Ungewöhnlichkeit 337

die Modernen in der Regel nur noch so viel wissen, wie durch wie bei dem Sprung des Paulus vom jüdischen Zeloten turn ins
die unter dem Begriff »Narzißmus « zirkulierenden Karikatu- apostolische Eifern - keinen wirklichen Konversionscharak-
ren sichtbar wird. Hieraus ergeben sich Einblicke in die Zeit- ter aufweist.
formen eines Daseins unter dem Zug des Vollendungsgedan-
kens. Aus der Zeitstruktur des Seins-zur-Vollendung, sei es in
alteuropäischen, sei es in asiatischen Varianten, sind Auf-
schlüsse über die Macht des Perfektionismus zu gewinnen,
ohne den man die Verführbarkeit der Modernen durch die
Phantome der Geschichtsphilosophie nicht verstehen kann.

Nach einigen historischen und systematischen Hinweisen auf


die unentbehrliche Figur des Trainers, den man je nach Re-
gion, Tradition und Laune als Meister, Guru, Vater, Heiler,
Genius, Dämon, Lehrer oder Klassiker bezeichnet, nehme
ich das religionswissenschaftlich gut bearbeitete Phänomen
der Konversionen neu ins Visier, um zu erläutern, wie Üben-
de nicht selten in die Verlegenheit geraten, mit einem anderen
Trainer weiterarbeiten zu müssen. Dabei zeigt sich: Viele
Fach- und Niveauwechsler hatten zuerst mit einem falsch
formatierten »Gott« trainiert, einem zu erfolglosen, wie Wo-
tan, dem zu gegebener Zeit Christus den Rang abläuft, oder
einem zu ernsten, wie sich beim neuzeitlichen Übergang vom
immer leidenden Christus zur fröhlichen Fortuna beobach-
ten ließ. Wir werden sehen, wieso ein entlassener Trainer
immer eine gute Chance hat, im Seelenhaushalt seines ehe-
maligen Schützlings ein zweites Leben als Götze, Dämon
oder cattivo maestro zu führen. Damit wird eine Revision
in der Königsdisziplin der Religionssoziologie, der Theorie
der Konversionen, fällig. Ich möchte Zweifel an dem gängi-
gen Modell der Konversion anmelden (auch wenn ich Os-
wald Spenglers These, es gebe keine wirklichen Konversio-
nen, nicht unterstütze), indem ich zeige, daß die eigentliche
Bekehrung allein beim Eintritt in eine hochkulturelle Diszi-
plin des übenden Lebens geschieht (die ich die Sezession nen-
ne), indessen der bloße Disziplin- und Konfessionswechsel-
6 Erste Exzentrik 339

lieh, schaurig, gewesen, sagt das mehr über das Klima antiker
6 ERSTE EXZENTRIK Geistigkeit als jedes esoterische Geflöte. Hatte nicht Epiktet
tatsächlich gelehrt, wer sein Kind küsse, solle ihm dabei in-
VON DER ABSONDERUNG DER ÜBENDEN
nerlich zurufen: »Morgen wirst du sterben«, damit man sich
UND IHREN SELBSTGESPRÄCHEN
im Nicht-Haften übe und eine angenehme Vorstellung durch
eine unangenehme Gegenvorstellung ausgleiche?3 Dieselbe
Härte erklingt in den Reden des Buddha, der die mönchische
Vollkommenheit in die Formel faßt:
Entwurzelung aus dem ersten Leben: »Wer nicht für andere sorgt, für den es keine Verwand-
Spiritueller Sezessionismus ten gibt, wer sich bezähmt, wer in der Wahrheit befe-
stigt ist, in dem die Grundübel erloschen sind, wer den
Der Schritt ins übende Leben erfolgt durch die ethische Haß von sich geworfen hat: den nenne ich einen Brah-
Un~erscheidung.2 Die vollzieht, wer es wagt oder wem es
manen.«
zufallt, aus dem Lebensstrom zu steigen und das Ufer als Wie tief der Bruch reicht, der aus den Worten des Erwachten
Aufenthalt~ort zu wählen. Der Herausgestiegene pflegt eine
spricht, begreift nur, wer sich erinnert, daß noch wenige Ge-
kampfbereIte Aufmerksamkeit für das eigene Innere und be- nerationen zuvor das Heil des Brahmanen allein aus der Ver-
wahrt einen feindseligen Argwohn gegen das neue Außen wandtschaft kam, genauer: aus der väterlichen Deszendenz
das bis dahin die tragende Welt schlechthin bedeutet hatte: und aus den in der Familie gehüteten Opferkünsten. Man
~lle Steigerungen geistiger und leiblicher Art beginnen mit muß demnach immer berücksichtigen: Der Extremismus
e~ner Sez:ssi~n von der Gewöhnlichkeit. Diese geht zumeist bei Stoikern, frühen Christen, Tantrikern, Buddhisten und
eI.nher mIt emer heftigen Abstoßung der Vergangenheit - anderen Verächtern der Wahrscheinlichkeit ist kein illegiti-
mcht selten unter Mithilfe von Affekten wie Ekel, Reue mer Zusatz, den spätere morbide Scharfmacher erfunden hät-
und völliger Verwerfung des früheren Seinsmodus. Was ten, um uns eine an sich gesunde und milde Lehre zu vergäl-
ma~ ~eut: ~ft mit einem .etwas zu pietätvollen Zungenschlag len. Er geht überall von den Quellen selbst aus.
» Spl:ltuahta~« nennt, gleIcht anfangs eher einer heiligen Per- Um die Originalsprache der radikalen Sezessionsdynamik
versI~~ al~ emer allgemein respektablen geistigen Praxis. Die zu hören, genügt es, Matthäus 10, 37 nachzulesen:
ur$prunghche Ehrfurcht vor spirituellen »Werten« ist stets »Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner
durchsetzt. von Perversionsfurcht und Grauen angesichts nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als
d~r Mystenen der Widernatürlichkeit, gleich, ob es sich um
mich, ist meiner nicht würdig.«
dIe monströsen Darbietungen der indischen Fakire und die Das ist der loeus classicus aggressiver Vertikalsprache in der
Versteinerungsübungen der Stoiker handelt oder die Him- westlichen Hemisphäre, ein performativer Blitz aus einem
m~lfahrtsübungen ch~i~t1icher Extremisten. Wenn sogar ein Himmel, der Apokalypsen zeitigt und Abschiede erzwingt.
mIt der Stoa s~mpath.Islerender Autor wie Horaz über Epik-
tet bemerkt, dIeser seI aufgrund seiner Strenge atrox, entsetz- 3 Paul Rabbow, Seelenführung. Methodik der Exerzitien in der Anti-
ke, München 1954, S. 137, nach Epiktet, Encheiridion 3· Dasselbe
2 Siehe oben S. 25 sf. Motiv bei Mare Aurel, Selbstbetraehtungen I I, 34·
34° II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 34 1
Die Geschäftsbasis für den Bruch mit dem ersten Leben wird vairagya beschrieben, was wörtlich »Loslösung« heißt und
in einem Dialog offengelegt, von dem Markus 10, 28-30 be- eine abscheu getönte Gleichgültigkeit gegen alltägliche Ge-
richtet. Petrus: »Du weißt, wir haben alles verlassen und sind nüsse und Sorgen bezeichnet.
dir nachgefolgt.« Darauf Jesus: Auch der griechisch-römische Stoizismus kennt und lobt
»Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums den Bruch mit den Anhänglichkeiten und Aversionen des
willen Haus und Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, ersten Lebens - wer sich gegen das Schicksal eine harte Haut
Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfa- wachsen lassen will, muß sich als erstes die natürliche Bevor-
che dafür empfangen.« zugung des Angenehmen abgewöhnen. In leise parodisti-
Auf dieser Grundlage muß die Entwurzelung geübt werden, schem Ton bemerkt Nietzsche hierzu:
bis der Adept begreift: Die Trivialität des früheren Lebens ist »Der Stoiker dagegen übt sich, Steine und Gewürm,
die abscheulichste Ketzerei; die Wirklichkeit als solche ist Glassplitter und Skorpione zu verschlucken und ohne
eine Seuche. Der G laube an sie und ihr herrschendes Prinzip Ekel zu sein; sein Magen soll endlich gleichgültig gegen
ist ein Versunkensein im Miasmus. alles werden, was der Zufall des Daseins in ihn schüt-
Ist es monströs, so hat es doch Methode: Der Sezessionis- tet .. . «5
mus der großen transformativen Ethiken will ein für alle Mal Mehr noch als auf die Gleichgültigkeit des Magens zielt die
statuieren, daß im ersten Leben kein Heil liegt. Die anfäng- stoische Übung auf die Gleichgültigkeit der Augen gegen
lichen Bindungen erweisen sich als Fesseln, die die Seelen an beliebige Anblicke, der Ohren gegen beliebige Töne und
unrettbare Zustände binden. Ist die Region Besessenheit, Ver- des Geistes gegen beliebige Vorstellungen - das geht, wie
fallenheit, Heillosigkeit erst einmal aufgedeckt, darf die Aus- Marc Aurel in seinen Mahnsprüchen An sich selbst notiert,
treibung der Geister vor nichts zurückschrecken. Bei den bis zu der prinzipiellen Weigerung, sich über irgend etwas zu
Radikalen genügt es darum nicht, Dorf, Acker und Netze wundern.
zu verlassen, auch das alte physische und psychische Selbst »Es hieße lächerlich und ein Fremdling in der Welt sein,
hat zurückzubleiben. Bei Pantanjali, dem mythischen Verfas- wenn man über irgendein Ereignis in seinem Leben
ser des Yoga-Sutra aus dem 5. oder 4. Jahrhundert vor Chri- staunen wollte.«6
stus, der häufig mit dem gleichnamigen Grammatiker aus Diese Maxime, kaltblütig, wie sie klingen wollte, läßt die an-
dem 2. Jahrhundert identifiziert wurde, rufen die der Medita- thropotechnische List durchscheinen, wonach es dem Stoiker
tion vorangehenden asketischen Reinigungen (tapas) beim bei seiner gezielten Gleichsetzung von Überraschungen und
Kontemplanten einen heilsamen Abscheu vor dem eigenen Verletzungen darauf ankommt, sich durch Immunisierung
Körper hervor und drängen ihn zur Unterbrechung jeder
F. N ., Die Fröhliche Wissenschaft 306. Analog Marc Aurel, Selbst-
Berührung mit den übrigen Körpern. 4 Sobald mir die Welt betrachtungen 10, 3 I: Alles Menschliche soll dir wie ein Rauch, ein
als ein Tümpel voll Schmutz erscheint, ist die Hälfte des We- wahres Nichts erscheinen und das Nachdenken über alle Gegen-
ges ins Freie bewältigt. Die Haltung des richtig Übenden stände als »Übungsmittel für die Vernunft« dienen. Man soll mit
gegenüber seinem früheren Dasein wird im Hinduismus als gründlichem Naturforscherblick auf die Dinge schauen, bis man sie
sich angeeignet hat, »gleichwie ein starker Magen sich gewöhnt, alles
zu verdauen ... «
4 Pamanjali, Yoga-Sutra II, 41. 6 Marc AureI, Selbstbetrachtungen 12, 13.

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Il Übertrei bungsverfahren 6 Erste Exzentrik 343

gegen die ersten zugleich das nötige Maß an Wetterfestigkeit worden sind. Wo immer Universalismen auftreten: Sie leisten
gegen die zweiten anzueignen. durch große Umarmungsgesten mehr oder weniger trügeri-
sche Wiedergutmachungen für den Angriff der Radikalen. Die
Errungenschaften der Minderheiten, behaupten sie regelmä-
Die Spaltung des Seienden durch den Feldzug ßig, sind keine Privilegien für wenige, sondern Eroberungen
gegen das Gewöhnliche für alle. Die Wahrheit ist, daß Universalismus nie mehr errei-
chen kann als die Umformatierung einer Auserwählungs-
Noch einmal: Ins ethische Denken eintreten heißt mit dem gruppe. Diese zieht früher oder später ihre Kreise weiter
ganzen eigenen Dasein einen Unta-schied machen, den zuvor und gruppiert einen größeren Kranz von Neubekehrten und
niemand vollzog. Gäbe es einen hierzu gehörigen Sprechakt, Sy mpathisanten um den harten Kern. An solchen Peripherien
er hieße: »Hiermit trete ich aus der gewöhnlichen Wirklich- gedeihen die Träume von absoluter Inklusivität. Aufs Ganze
keit aus.« Die Sezession von der Gewohnheitswelt als erste gesehen, bleibt der abstrakte Universalismus - wie »der
ethische Operation führt eine unbekannte Spaltung in die Mensch« in Sartres Definition - eine vergebliche Passion,
Welt ein. Sie zertrennt nicht nur die Menschheit asymme- den Untrainierten ein Trost und den Trainierten ein Trugbild.
trisch in die Gruppen der Wissenden, die weggehen, und Die Sez,.ession vollziehen heißt die Welt spalten. Der Ope-
der Unwissenden, die am Ort des vulgären Verhängnisses rateur ist derjenige, der, indem er weggeht, die Weltfläche in
bleiben, sie impliziert unvermeidlich die Kriegserklärung zwei zunächst unversöhnbar entfremdete Regionen zer-
der ersten an die zweiten. Daraus resultiert der unblutige schneidet - in die Zone der Weggehenden und die der Blei-
Krieg der als Lehrbefugte Zurückkehrenden gegen alle übri- benden. Durch diesen Schnitt erfahren beide Seiten zuerst,
gen, die nun erfahren, daß sie Schüler sind - und in der Regel daß die Welt, die zuvor eine allen Menschen gemeinsame,
schlechte Schüler, verlorene Schüler, ja Unerziehbare, die mit vielköpfige, doch unzertrennliche und unkonfrontierbare
der Verdammnis spielen, ohne es zu wissen - Menschen von Einheit zu sein schien, in Wahrheit eine spaltbare und kon-
gestern, aus einer Zeit vor der Entdeckung des großen Unter- frontierbare Größe ist. Der Rückzug der Asketen ist das Mes-
schieds. Zugleich fehlt es in allen Kulturen, in denen der ser, das den Schnitt ins Kontinuum setzt. Danach erscheint
logisch-ethische Bürgerkrieg losbrach, nicht an Vermittlern, die Welt in einem völlig veränderten Licht - ja, vielleicht kann
die den Bruch zu überbrücken suchen. Sie nähern die vom vom Bestehen einer »Welt« im Sinne der hochkulturell co-
Logos Erniedrigten, von den Edlen Wahrheiten Beleidigten, dierten moralisch-kosmischen Ausgriffe aufs Ganze erst die
von den heilsamen Übungen Ausgeschlossenen durch senti- Rede sein, nachdem sie von der neuen Klasse der Verneiner
mentale universalistische Versöhnungsformeln der Partei der entzweit und auf einer höheren Ebene wieder zusammenge-
Angreifer an - ja vielleicht stellen die sogenannten großen setzt worden ist. Bildete das Totum zuvor eine konfuse Viel-
Religionen mitsamt ihren klerikalen Apparaten, ihren Netz- heit von multiplen Kräften vor vagem Einheitsgrund, gerät es
werken organisierter Weltflucht und ihren weltzugewandten jetzt zu einer angestrengten Sy nthese über den vom Schnitt
Schulen, Kliniken und Diakonien insgesamt nichts anderes erzeugten ungleichen Teilen. Was Heidegger die »Zeit des
dar als Unternehmen zur Abmilderung der kränkenden Weltbilds« nannte, beginnt nicht erst mit den modernen G ~ ::­
Überspannungen, die durch ihre Gründer in die Welt gesetzt ben und Atlanten, sondern bereits mit den achsenzei tlicL :-

7
344 Ir Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 345
Kosmos- und Reichsvisionen. Eine Welt, vor der die ethisch sion erzeugt reale Räume. Sie richtet Grenzen auf, hinter
Besten fliehen, kann kein mütterlicher Behälter für alle Le- denen ein wirklich andersartiger Daseinsmodus seinen Wil-
bensformen mehr sein. Infolge des Auszugs der Asketen, der len diktiert.
Meditanten, der Denker wird sie zum Schauplatz eines Dra- Wo Sezessionisten sich aufhalten, gelten die Regeln des
mas, das ihre Fähigkeit, ethisch erregte Einwohner angemes- real existierenden Surrealismus. Ein Kloster, ob am Fuß des
sen zu beherbergen, von Grund auf in Frage stellt: Was ist Himalaya oder am Rande der Sketischen Wüste, ein paar Ta-
diese Welt, wenn die stärkste Aussage über sie in der Abkehr gesmärsche südlich Alexandrias, hat nichts mit einer ge-
von ihr besteht? Das große Welttheater handelt von dem träumten Insel im Atlantischen Ozean gemeinsam - es ist
Duell zwischen den Sezessionisten und den Seßhaften, den ein konkretes Biotop, bevölkert von hartgegerbten Surreali-
Weltflüchtern und den In-der-Welt-Bleibern. Wo aber Thea- sten, die einem strikten Regime gehorchen. Gleiches gilt von
ter ist, tritt die Figur des Beobachters auf den Plan. Wenn die den Höhlen der ägyptischen Eremiten, von den Wald- und
ganze Welt eine Bühne wird, so deswegen, weil es die Sezes- Berg-Refugien der indischen Samnyasins und von allen übri-
sionisten gibt, die vorgeben, hier nur Besucher, nicht Mit- gen Stützpunkten des meditativen Retreats oder der asketi-
spieler, zu sein. Reine Theorie ist die Rezension der Welt schen Weltverlorenheit - auf paradoxe Weise sogar von den
durch reservierte Besucher. Ihr Erscheinen erzeugt die ethi- luftigen Camps der syrischen Styliten, die auf den Plattfor-
sche Herausforderung des »Bestehenden« durch eine Beob- men an der Spitze ihrer Gebetssäulen jahrelange Scharaden
achtung aus quasi-transzendenter Position: Von der »Grenze über die Redewendung »dem Himmel näher kommen« in-
der Welt« aus wollen diese Beobachter bezeugen, was an dem szenierten - Weltverachtungstheater vor den Augen eines
erstaunlichen Lokal der Fall ist. wundersüchtigen Pöbels, der aus den Städten zu den Ruinen
in der Wüste strömte, um endlich einmal etwas zu sehen, bei
dessen Anblick man seinen Augen nicht mehr trauen durfte.
Rückzugsräume der Übenden Darum scheint es plausibler, für die raumbildenden Re-
sultate der ethischen Sezession einen Ausdruck wie »Hetero-
Mit diesen Hinweisen deute ich eine spirituelle Raumord- tapie « zu verwenden, den Michel Foucault in seinem wenig
nung an, die tiefere Grenzen verhandelt, als irgendeine Geo- bekannten, im Jahr 1967 vor Architekten gehaltenen Vortrag
politik erfassen kann. Die von den Sezessionen geschaffenen Des espaces autres geprägt hat. Heterotopien sind ihm zufolge
Räume - man denke fürs erste an die Einsiedeleien, die Klö- »andersortige « Raumschöpfungen, die einerseits dem Gefüge
ster, die Akademien und andere Ortstypen des asketisch-me- sozialer Stellen (emplacements) einer bestimmten Kultur an-
ditativen und philosophischen Rückzugs - hätte man in den gehören, andererseits aus dem trivialen Kontinuum heraus-
besseren Tagen des Kulturmarxismus zweifellos als mundane fallen, weil in ihrem Inneren eigensinnige, der Logik des Gan-
Stützpunkte des »Geists der Utopie « bezeichnet. Da aber zen oft zuwiderlaufende Regeln gelten. Als Beispiele für
Utopien im präzisen Wortsinn nur erzählerisch evozierte Bil- Heterotopien werden Friedhöfe, Klöster, Bibliotheken, Edel-
der besserer Welten sind, die an keinem Ort der Wirklichkeit bordelle, Kinos, Kolonien und Schiffe genannt. Man könnte
existieren, ist dieser Ausdruck zur Charakterisierung der se- die Liste mühelos verlängern um Phänomene wie Sport-
zessionär geschaffenen Ortschaften ungeeignet. Die Sezes- stätten, Ferieninseln, Wallfahrtsorte, Mirakelhäfe, Parkhäu -

'iO
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 347

ser 7 und verschiedene Arten von no-go-areas. Unter den he- des Stammes, der Tradition und des Theaters, kurzum im
terotopen Raumerfindungen des späten 20. Jahrhunderts Leben unter dem Bann der Anfänge, das Heil unmöglich zu
düdte die Raumstation zu den wichtigsten Innovationen ge- finden sei, müsse der Mensch, der dies begreift, mit seinen
hören - es wäre im übrigen leicht, zu zeigen, daß sich dort alten Solidaritäten brechen.
eine spezifische Form von Astronautenspiritualität heraus- Hauslosigkeit und pilgernde Existenz schaffen exzentri-
gebildet hat, deren Rückwirkung auf die Bewohner der Erd- sche Räume durch Flucht, so daß der Hausverlassende, der
oberfläche zu studieren bliebe. 8 Pilgernde, der Weltfremdling ständig seine eigene Wüste, sei-
Die erste reale Heterotopie ist der Raumtyp, den ich aus- ne Eremitage, sein Alibi mit sich führt. Ein Aufenthalt am
gehend vom heraklitischen Bild des Flusses, in den man nicht Tatort des gewöhnlichen Lebens kommt für diese noblen
zweimal steigt, das Ufer genannt habe. Orte mit Ufer-Qualität Ausweichenden nicht mehr in Frage. Wer seinen Fluchtraum
lassen sich an sämtliche Ränder der bewohnten Welt projizie- immer um sich hat, muß andererseits nicht mehr physisch
ren - de facto entstehen sie überall, wo die zur Sezession ent- weggehen. Die Metaphorisierung der Wüste machte es mög-
schlossenen Übenden aus dem Gewohnheitsstrom steigen. Sie lich, den Extremismus der ersten Sezessionäre abzumildern
bilden die ersten Brückenköpfe der Exzentrik. Wo die Flucht und eine bürgerliche Variante von Rückzug für jedermann in
aus der Mitte sich affirmativ erklärte, bildeten sich die großen Umlauf zu bringen. Diesen Trend unterstützt die erbauliche
Thesen über die Heilsnotwendigkeit der Entwurzelung her- Literatur, vor allem nach der Ersetzung der schweren Codi-
aus, etwa die buddhistische Doktrin des Hausverlassens oder ces durch das kleine Buch, das es vom 14. Jahrhundert an dem
die christliche Pilgedahrt-Ethik. In einer Sutra des Digha Ni- Leser erlaubt, seine Taschenwüste mit sich zu tragen. 9 Tat-
kaya (der »Längeren Sammlung«) heißt es über den Buddha: sächlich stellen die literarischen Medien der beginnenden
»Wenn er aber aus dem Haus in die Hauslosigkeit zieht, Neuzeit in Europa den Laien ein starkes Übungs medium
wird er heilig werden, auferwacht, der Welt den Schleier zur Verfügung. Schlage ein Buch auf, lies einen Satz - und
wegnehmen. « die Minuten-Anachorese ist verwirklicht. Seit Jahrhunderten
Was die christlichen Topoi vom Leben als peregrinatio und dient dem Besinnlichen das Buch als Vehikel zum Rückzug
vom Gläubigen als homo viator angeht, sind sie noch heute so »in das Landheim seiner selbst«.l o
bekannt (zudem durch die aktuelle Pilgermode reaktualisiert Was Helmuth Plessner »dem Menschen« im allgemeinen
und spiritualtouristisch aufgewertet), daß ein Hinweis auf zuschreibt, die »exzentrische Positionalität« seines Selbstbe-
ihre Entstehung aus dem Bruch mit dem status quo genügt. zugs, ist in Wahrheit ein Effekt des Gebrauchs egotechnischer
Entscheidend ist an solchen Figuren allein die sezessionisti- Medien in der Neuzeit, Medien, die im Lauf weniger Jahr-
sche Pointe: Da in der ersten Sozialisation, unter der Beses- hunderte praktisch jeden Einzelnen mit dem erforderlichen
senheit durch den alten Habitus, im Leben unter den Idolen Zubehör für ein mildes chronisches Außersichsein ausgerü-

7 Vgl. Jürgen Hasse, Übersehene Räume. Zur Kulturgeschichte und 9 In diesem Zusammenhang ist an Petrarcas bekannten Brief vom
Heterotopologie des Parkhauses, Bielefeld 2007. 26 . April 1336 zu erinnern, in dem er behauptet, er habe auf dem
8 Vgl. Peter Sloterdijk, Starke Beobachtung. Für eine Philosophie der Gipfel des Mont Venroux eine Taschenausgabe von Augustins
Raumstation, in: Stefan Dech u. a., Globaler Wandel: Die Erde aus Confessiones bei sich gehabt und darin gelesen.
dem All, München 2008 . 10 Vgl. Rabbow, Seelenführung, a. a. 0., S. 93.
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 349
stet haben: Gebetsformel, Beichtspiegel, Roman, Tagebuch, Dinge radikal neu aufgeteilt wurden. Ja, man kann behaup-
Portrait, Photographie, Zeitungen und Funkmedien und ten, daß »der Mensch« aus dieser kosmischen Refom hervor-
nicht zuletzt: Spiegel von allen Seiten. Mit diesem Equipment gegangen ist und daß er als Träger einer Heilschance erst
an Selbsttechniken ausgestattet, entwickeln die Individuen durch sie geschaffen wurde. »Der Mensch« entsteht aus der
wie unbemerkt eine zweite Einstellung gegenüber der ersten kleinen Minderheit asketischer Extremisten, die aus der Men-
Position. Kaum einer der Modernen, die das Menschenrecht ge treten, um zu behaupten, sie seien eigentlich alle.
auf einen »eigenen Raum« reklamieren, ahnt noch etwas von Die Spaltung der Welt durch die Sezessionäre setzt also
der Herkunft dieser Forderung aus einer weit zurückliegen- eine tiefere Unterscheidung voraus, in Folge welcher die Ab-
den Revision der sozialen Topologie. setzung der anderswo Übenden von den am alten Ort Weiter-
machenden erst ihre ganze Radikalität erlangen konnte. Diese
Unterscheidung läßt sich mit dem Ausschneiden einer Figur
Die tiefere Unterscheidung: aus einem größeren Bild vergleichen - oder mit dem Heraus-
Selbstaneignung und Weltpreisgabe stanzen eines geformten Stücks aus einem ausgewalzten Teig.
In der Tat bildet sich die primordiale Differenz durch eine
Gleichwohl: Für eine philosophische Evaluierung der ur- Art von Subtraktion, bei der sich der Denkende und Übende
sprünglichen Exzentrik erweisen sich die bisherigen Hinwei- aus seiner ersten Umgebung ethisch, logisch und ontologisch
se auf die Spaltung der Welt durch die ethisch-asketische Se- herausnimmt - wäre es anders, könnte er sich von dieser nicht
zession als unbefriedigend. Zwar gehen sie von der unbe- auch physisch und affektiv entfernen wollen. Dieses Sich-
streitbaren Beobachtung aus, wonach vor etwa dreitausend Herausnehmen beruht auf dem Vollzug der Unterscheidung
Jahren in einer Anzahl höherer Kulturen eine Serie geistes- zweier radikal verschiedener Wirkungskreise im Seienden:
geschichtlich folgenreicher Absetzungsbewegungen in Gang des Wirkungskreises meiner eigenen Kräfte von dem Wir-
kam, getragen von einem bis dahin unbekannten Typus aske- kungskreis aller übrigen Kräfte. Für den ersten Blick muß
tischer Eliten. Dennoch vermögen diese FesteIlungen es dies eine radikal asymmetrische, für mich selbst nahezu ver-
nicht, das Agens der Sezessionen hinreichend deutlich her- nichtende Teilung ergeben, da ja meine Kraft und meine Be-
vorzuheben. Dieses Ungenügen hat einen methodischen deutung, verglichen mit der aller anderen Kreise und Kräfte,
Grund: Wie es zu einer solchen Abspaltung kommen konnte, evidentermaßen gegen Null gehen.
läßt sich in soziologischer Anschauung allein unmöglich er- Andererseits weist mir diese Unterscheidung eine Bedeu-
läutern. Prinzipiell: In äußerer Sicht bleibt der Antrieb des tung, obschon nicht automatisch auch eine Kraft, zu, die ge-
Sezessionsgeschehens unauffindbar. Dessen logische Quelle gen Unendlich tendiert, weil hier zum ersten Mal meine Ei-
wird erst evident, wenn man die Opposition zwischen den gensphäre als Gegengewicht zur Sphäre des Nicht-Eigenen
Asketen und der übrigen Welt unter den Kriterien einer on- gesetzt wird, ganz so, als sollte ich dazu überredet werden,
tologischen Analyse rekonstruiert. Nur sie wird imstande mich und das Meine gegen den »Rest der Welt « zu stellen. Die
sein, zu verdeutlichen, wie die Gesamtheit des Seienden einer Winzigkeit des Eigenen wird durch die ethische Teilung in die
Art von Gebietsreform unterlag, in deren Verlauf die Zustän- Verlegenheit gebracht, dem ungeheuren Block des Nicht-E-
digkeiten »des Menschen« für sich selbst und die übrigen genen die Waage halten zu sollen. Man kann diesen Vorg:;.:--s
35° II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik
35 1
nennen, wie man will - die Erfindung des inneren Menschen, Verhältnisse, liefert. Dieser Schnitt zerteilt das Universum in
den Eintritt in die Innenwelt-Illusion, die Verdoppelung der zwei Bereiche, von denen der Operateur naturgemäß allein
Welt durch Introjektion, die Geburt des Psychologismus aus die für ihn maßgebliche eigene Hälfte wählt. Daher beginnen
dem Geist der Verdinglichung des Äußeren, die metakosmi- die typischen Merksätze der Stoiker mit »Es liegt in deiner
sche Revolution der Seele oder den Triumph der höheren Macht . .. «.
Anthropotechnik - in der Sache bedeutet er die Erfindung Wie sich ein Praktikant im Workshop der Selbstaneignun g
des Individuums durch die isolierende Hervorhebung seines aus der Welt ausschneidet und sich durch bewußte D e-Parti-
Wirkungs- und Erlebenskreises aus dem Kreis aller anderen zipation vom Trubel der Tagesthemen abkoppelt, zeigt eine
Welttatsachen. Ich setze hier für das Agens, das sich als Ei- berüchtigte Passage aus Epiktets ÜbungsanJeitungen:
genes selbst ausschneidet, den Ausdruck »Subj ekt« und für »Gleich morgens gehe aus, und was du siehst, was du
den Ausschnitt als solchen den Terminus »Subjektivität« ein, auch hörst, prüf es, antworte wie auf eine Frage. Was
ohne diese Begriffe mit Anleihen beim Deutschen Idealismus sahst du? Einen Schönen oder eine Schöne. Lege den
oder mit Erinnerungen an die Heideggersche Kritik des neu- Kanon an: dem Willen zuhörig, ihm nicht zugehörig?
zeitlichen »Subjektivismus« zu belasten. Es genügt, unter Nicht zugehörig. Fort damit! Was sahst du? Jemanden,
Subjekt, wie oben erläutert, den Träger von Übungsreihen der jammert über seines Kindes Tod. Lege den Kanon
zu verstehen. Die subjekt bildende Basisübung, von der im an: der Tod ist nicht dem Willen zugehörig. Fort damit!
folgenden die Rede sein wird, ist offenkundig keine andere Begegnet dir ein Konsul; lege den Kanon an: das Kon-
als der methodisch betriebene Rückzug aus dem Komplex der sulat, was ist es? Dem Willen zugehörig, ihm nicht zu-
gemeinsamen Situationen, die man »das Leben« oder »die gehörig? Nicht zugehörig. Fort damit, wirfs weg, geht
Welt« nennt. Von nun an soll »in der Welt sein« heißen suum dich nichts an! Und wenn wir uns so übten, vom Mor-
tantum curare: Sich gegen alle Zerstreuung ins Nicht-Eigene gen bis zur Nacht, dann käme etwas heraus, ja bei den
um das Eigene kümmern und nur um dieses. Göttern. Statt dessen lassen wir uns gleich von jeder
Indem ich meine Kraft und ihr Zuständigkeitsgebiet von Vorstellung gefangennehmen . .. «11
allen anderen Kräften und Zuständigkeiten trenne, erschließt »Fort damit! « ist der Schlüsselsatz des ersten Methodismus.
sich für mich eine eng definierte Wirkungs sphäre, in der mein Die anthropotechnische Arbeit an sich selbst beginnt mit der
Können, mein Wollen, vor allem jedoch mein Gestaltungs- Evakuierung des Innenraums durch Ausräumung des Nicht-
auftrag hinsichtlich meines eigenen Daseins gewissermaßen Eigenen. Wir sehen jetzt, was mit dem oben gebrauchten Bild
zur Allein-Regierung aufsteigen. Die kritische Unterschei- von der ontologischen »Gebietsreform « gemeint ist: Es zeigt
dung, die diese Promotion ermöglicht, erscheint auf west- die Hinwendung zu dem, was von mir abhängt, und die Ab-
lichem Boden expressis verbis zuerst bei den Stoikern, die ihre wendung von allem übrigen. Der Weisheitsschüler geht von
ganze Energie aufboten, um die Trennung zwischen den Din- der Intuition aus, daß seine Chance auf der Trennung der
gen, die von uns abhängen, und den Dingen, die nicht von uns beiden Seinsregionen beruht. Deren klare und deutliche Un-
abhängen, in einem immerwährenden Exerzitium durchzu-
führen. Eigen oder nicht-eigen - das ist die Frage, die den I I Epiktet III, 3, 14; zitiert nach Rabbow, Seelenführung, a. a. 0 ..
scharfkantigen Kanon, den Maßstab zur Nachmessung aller S. 135·
352 II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 353
terscheidung gewinnt für sein Tun und Lassen in jeder Situa- Marc Aurel: »Die sinnlichen Gegenstände sind außer uns,
tion die höchste Bedeutung. einsam stehen sie sozusagen vor unserer Tür.«14 Unter der
Vorzeichnung von schlechter Sinnlichkeit und dürrer Gegen-
Die erste bildet die Region des Eigenen - bei den lateinischen ständlichkeit bleibt dem »Äußeren« wirklich nichts anderes
Platonikern wird man sie das Gebiet des »inneren Menschen« übrig, als am Eingang zum abgespaltenen Ich haltzumachen.
nennen und behaupten, in ihm allein sei die Wahrheit zu Es taugt nur noch zum Gegenpol von Rückzug, Flucht und
Hause: in interiore homine habitat veritas,12 zumeist unter Verachtung (anachoresis, fuga saeculi, contemptus mundi) -
Ausschluß des eigenen Körpers, indessen die Yogi und Gym- allenfalls wird es Objekt von zersetzenden und entzaubern-
nosophen des Ostens diesen in die Innenwelt einschlossen. den Untersuchungen. In einem späteren Zustand, wenn das
Innerhalb meiner Enklave darf mir schlechthin nichts gleich- Ideal des Rückzugs in die zweite Reihe tritt, wird man es
gültig sein, weil ich hierfür selbst bis ins Kleinste die Verant- vielleicht auch als Zielgebiet von Fürsorge, Mission und
wortung trage - es kommt für mich nur darauf an, nichts zu geistiger Eroberung »wiederentdecken«. Entscheidend ist,
begehren, was mir versagt ist, und nichts zu meiden, was mir daß die Vergleichgültigung des Äußeren, die aus der sezessio-
bestimmt ist. nären Unterscheidung folgt, im Individuum einen ungeheu-
Das zweite Gebiet umfaßt die gesamte übrige Welt, die mit ren Überschuß an Selbstbezüglichkeit freisetzt. Diesen in
einem Mal das Äußere, das saeculum, heißt und mir wie ein Beschäftigungsprogramme einzubinden ist der Sinn des Da-
von Beliebigkeiten bevölkertes Exil gegenübersteht. Was so seins in der ethischen Abspaltung. Tatsächlich: Ist die äußere
beginnt, ist der lange Marsch der Seele durch eine »Außen- Welt erst einmal von mir abgetrennt und ferngerückt, bleibe
welt«, von der niemand mehr so recht begreift, worin der ich all ei ne übrig und entdecke mich selbst als unendliche Auf-
Grund ihrer Abrückung ins Befremdliche besteht - nämlich gabe.
in der ontologischen Abspaltung des Nicht-Eigenen und in
der Gerinnung der vormals gemeinsamen umschließenden
Situation zu einem Aggregat aus ferngerückten und vergleich- Geburt des Individuums aus dem Geist
gültigten Gegenständen. In Wahrheit tun die Akteure der der Rezession
großen Sezession alles, um die Welt zu alienieren - aber sie
bleiben außerstande, nachzuvollziehen, wie ihre eigenen Bei- Was ich in diesen Überlegungen unter dem Ausdruck Sezes-
träge dafür sorgen, daß im Panorama der sinnlichen Wahrneh- sion diskutiere, gründet somit in einer inneren Handlung, die
mung die »Gegenstände« hervortreten und aus der Summe der ich in Ermangelung eines besseren Ausdrucks als Rezession
Gegenstände ein Alienum namens Außenwelt entsteht. 13 bezeichnen will. Das meint zunächst den Rückzug des Ein-
zelnen von der im Strombett welthafter Bewandtnisse ein-
12 Aurelius Augustinus, De vera religione, 39, 72. getauchten Seinsweise oder, um das schon mehrfach verwen-
13 Wie die philosophische Gegenbewegung zur Epoche des Objekti- dete Bild noch einmal aufzunehmen: den Ausstieg aus dem
vismus und der Außenweltillusion aussehen könnte, habe ich in
Fluß des Lebens, um einen Platz am Ufer zu gewinnen. Erst
meinem Sphären-Projekt (Blasen, Mikrosphärologie 1998, Globen,
Makrosphärologie 1999, Schäume, Plurale Sphärologie, Frankfurt
am Main) ausgeführt. 14 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen 9, 15·

1
354 II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 355
durch die rezessive Selbstinsulierung entsteht der Komplex tet dies Wort? Wer hat mich in das Ganze hineinbetro-
an Verhaltensweisen, den Foucault, vom stoischen Terminus gen, und läßt mich nun stehen?«15
cura sui ausgehend, die »Sorge um sich« (souci de soi) genannt
hat. Diese kann sich nur entfalten, wenn der Gegenstand der
Sorge, das Selbst, schon aus dem Situations strom des sozialen Das Selbst in der Enklave
Lebens herausgetreten ist und sich als Region sui generis eta-
bliert hat. Wo der Rückzug in sich vollzogen wurde - ob der Der Mensch in der Rezession zu sich selber bildet eine Form
Übende nun die Brücken hinter sich abbricht, wie es die von Enklaven-Subjektivität aus, in der er es vorrangig und
Mönche aller Couleurs in der Regel tun, oder sich im tägli- permanent mit sich und seinen inneren Zuständen zu tun hat.
chen Hin und Her zwischen Selbstpol und Weltpol einrichtet, Er verwandelt sich in einen Kleinstaat, für dessen Einwohner
wie es für die Weltweisen stoischen Typs charakteristisch die richtige Verfassung gefunden werden soll. Niemand hat
ist -, verstärkt er die Entstehung einer Enklave im Seienden, das Rezessionsgebot, das zur Selbstverwaltung des eigenen
für die ich, im Bild bleibend, den Ausdruck Ufer-Subjektivi- Lebens durch den Lebenden auffordert, so deutlich ausge-
tät verwende. sprochen wie Mare Aurel:
Seit Jahrtausenden ringt diese Subjektivität auf ihrer pre- »Denke also cndlich daran, dich in jenes kleine Gebiet
kären Position am Ufer des verfremdeten Flusses um eine zurückzuziehen, das du selbst bist, und vor allem zer-
ihrer irritierenden Selbsterfahrung angemessene Sprache. Ih- streue dich nicht .. .«16
re Artikulationsversuche schwanken zwischen extremen Po- Hiermit ist der Ursprung aller Sammlungsgebote bezeichnet,
len: der spirituell-heroischen Überkompensation auf der ei- ohne die die hochkulturelle Subjektivität, sofern sie ein Kon-
nen Seite, bei der die Fremdheit der Außenwelt durch die zentrationsprodukt ist, niemals ihre bekannten Ausprägun-
Allianz des Inneren mit dem Göttlichen bezwungen werden gen hätte annehmen können. Zugleich liegt es in der Natur
soll- wie Heraklit in seinen triumphalischen Momenten und der Dinge, daß die Mikropolis, die ich bin, auf lange Zeit mit
die Inder der Upanishadenzeit es vormachen -, und der einer Übergangsregierung auskommen muß. Diese Polis
Flucht in die Zerknirschung auf der anderen, als ob die Un- wird ja üblicherweise von ihrem Alleinbewohner in einem
möglichkeit, im Strom des Lebens zu bleiben, sich nur durch zerrütteten, nahezu unregierbaren Zustand übernommen.
eine tiefe eigene Schuld erklären ließe - dies ist der Pfad, den Spiritualität beginnt mit Aufräumarbeiten in einem inneren
das alte Judentum zuerst beschritt, bevor das Christentum failed state, einer gescheiterten Seele - nicht umsonst hat der
ihn zur Allee ausbaute. Am ehesten kommt die in sich zu- junge Gautama, der spätere Buddha, seinen Weg in die Aske-
rückgezogene Subjektivität der Wahrheit über ihre Lage na- se begonnen, als sein Jünglingsweltbild nach der Begegnung
he, wenn sie Fragen stellt, die ihrer Verlegenheit im zu äuße- mit dem Leiden der Welt zusammengebrochen war. Oder war
ren Tatsachenkomplexen erstarrten Ganzen auf den Grund dieser Zusammenbruch nur eine fromme Erfindung - und an
gehen wollen. So fragt Sören Kierkegaard alias Constantin der Wurzel der Sezession des später Erwachten hätte die as-
Constantius stellvertretend für eine mehrtausendjährige Pro-
zession von Ufersubjekten: 15 Sären Kierkegaard, Die Wiederholung, Düsseldorf 1955, S. 70 f.
»Wo bin ich? Was heißt denn das: die Welt? Was bedeu- 16 Mare Aurel, Selbstbetraehtungen 4, 3·
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzenrrik 357

ketische Revolte gegen die Idiotie des kriegeradeligen Lebens von dem man annimmt, ihm sei die ethische Reform bereits
gestanden?17 gelungen. 1B Um die Enklavierung durchzuhalten, ist eine
Wem ein zeitgenössisches Zeugnis glaubwürdiger er- ständige Überwachung der Grenzen und die tägliche Kon-
scheint als eine antike Legende, kann nachlesen, wie Bernard trolle der Infiltrationen aus dem Äußeren unentbehrlich. Tat-
Enginger, 1923-20°7, ein junger Franzose am Rande des Ner- sächlich liegt der schwierigste Teil der Aufgabe des zurück-
venzusammenbruchs, den seine Erlebnisse in einem deut- gezogenen Subjekts in der Unterbrechung des Informations-
schen Konzentrationslager moralisch und psychisch zerrüt- stroms, der den Übenden an die frühere Umwelt anschließt.
tet hatten, durch die Begegnung mit Sri Aurobindo und der Dabei sind insbesondere zwei Schwachstellen im Auge zu
»Mutter« (Mira Richard) zu einer neuen spirituellen Gefaßt- behalten, von denen eine ständige Gefährdung ausgeht:
heit gelangte - und zu einem zweiten Namen: Satprem. Wer zum einen die sensorischen Öffnungen, zum anderen die
auch immer den Pfad der philosophischen Übung oder des sprachlichen Verbindungen zur Mitwelt. Ohne die strikte
Dharma oder der christlichen exercitationes spirituales be- Kontrolle beider Krisengebiete ist jeder Versuch einer vita
tritt, tut dies nicht im Vollbesitz der Selbstbeherrschung, son- contemplativa von vornherein zum Scheitern verurteilt. Beim
dern aus Einsicht in den Mangel hieran, freilich zugleich in Thema sensorische Kontakte lassen mehr oder weniger alle
der von realen Vorbildern unterstützten Hoffnung, es eines Kontemplationssysteme erkennen, wie sie an der Unterbre-
Tages zur Meisterschaft in der Kunst der Selbstregierung chung des Wahrnehmungskontinuums arbeiten - sie ver-
(enkrateia) zu bringen. Der hinduistische Titel swami (von schließen vor allem die visuellen Kanäle (um von den oralen
Sanskrit svämi, eigen, selbst; vgl. lateinisch suus), der in pro- oder taktilen zu schweigen) und verordnen dem Übenden
fanen Kontexten einen Chef bezeichnen kann, meint in spi- einen systematischen Rückzug von allen Sinnenfronten, bis
ritueller Hinsicht den »Herrn über sich selbst«, den Asketen, die völlige Desaffektion erreicht ist.
der es auf dem Übungsweg zur vollständigen Kontrolle der Hier hat das horazische nil admirari 19 seinen Sitz im Le-
eigenen Kräfte gebracht hat. ben, vorausgesetzt, Leben und exercitatio gelten bereits als
Synonyme. Seneca spricht gelegentlich davon, der Anblick
einer Hinrichtung müsse uns so gleichgültig werden wie
Im Mikroklima des übenden Lebens die Aussicht auf eine reizlose Landschaft. An solche Rat-
schläge zur Apathisierung konnten sich Bilder wie die »in-
Die enklavierte Subjektivität konstituiert sich somit als ein nere Zitadelle« oder die »innere Statue« anschließen, mit de-
Provisorium, in dem die Selbstsorge an die Macht kommt. nen dem Meditanten Zielvorstellungen für seine plastische
Die übende Lebensform gleicht einem inneren Protektorat Selbstvollendung vor Augen gestellt wurden. Ohne eine ge-
mit einer vorläufigen Regierung und einer introspektiven wisse erworbene Herzlosigkeit sind spirituelle Haltungen
Aufsichtsbehörde. Praktisch läßt sich dieser modus vivendi wie Apathie, Seelenruhe oder Nicht-Haften nicht realisier-
nur durch den asketischen Pakt mit einem Lehrer etablieren, bar. Die hochkulturelle Ethik erzeugt eine künstliche Un-

18 N äheres hierzu in Kapitel 8, S. 434-444·


=7 Siehe unten S. 417. 19 Episteln I, 6, I.

J.
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 359
menschlichkeit, zu deren Kompensation eine ebenso künst- seinem vorläufigen Zustand selbst erträgt. Daß die erste Vor-
liche Allfreundlichkeit aufgeboten wird. 20 aussetzung sich keineswegs von selbst versteht, obschon sie
Von noch größerem Gewicht ist die Herauslösung des in Kreisen der Übenden seit langem eine Art von common
Subjekts aus dem Sprachenstrom der ersten Gesellschaft, weil sense bildet, zeigt die Geschichte der fatalistischen Denksy-
es dadurch noch tiefer als durch die Sinnesöffnungen an die steme. Für ihre Anhänger ist eine spirituelle Absonderung
Fremdherrschaft der Alltagsvorstellungen und -affekte ange- vom Volksleben zwar nicht völlig ausgeschlossen - auch Fa-
kettet bliebe. Daher bilden alle Übungsgemeinschaften sym- talisten können Asketen sein -, jedoch wäre ihnen zufolge
bolisch ventilierte Mikroklimata aus, innerhalb welcher die eine effektive Rezession ein Ding der Unmöglichkeit. Illuso-
Asketen, die Meditanten, die Denkenden grundsätzlich An- risch erscheint ihnen die Spaltung der Welt in die Dinge, die
deres zu hören bekommen und zu sagen lernen als auf dem von uns abhängen, und jene, die nicht von uns abhängen: Für
Dorfplatz, dem Forum oder in der Familie. Das bedeutet den konsequenten Fatalismus ist alles absolut unabhängig
nicht, daß sich aufgrund der Rezession immer eine Geheim- von uns selbst, sogar das eigene Dasein, das die pure Gewor-
sprache entwickeln müßte, obschon es an Ansätzen hierzu in fenheit durch das Fatum bedeutet. Jede menschliche An-
vielen spirituellen Subkulturen nicht fehlt?! Sogar dort, wo strengung um Loslösung und Befreiung ist zur Wirkungslo-
die spirituellen Lehrer mit aufgeklärter Schlichtheit die Spra- sigkeit verurteilt. Man mag diese Position trotzig und düster
che des Volkes verwenden - wie man es Buddha oder Jesus nennen, sie entbehrt nicht einer eindrucksvollen Konse-
nachrühmte -, ist die Tendenz zur Ausbildung geschlossener quenz. 22
Sprachspielkreise unverkennbar. Es ist gewiß nicht nur ein Zufall, daß der stärkste Lehrer
einer streng deterministischen Verhängnis-Doktrin, der soge-
nannten niyati-Philosophie, auf indischem Boden ebenjener
Absage an die Selbstsorge: Konsequenter Fatalismus Maskarin Gosala war, der seinen Zeitgenossen Gautama
Buddha zu der einzigen spürbar zornigen Polemik provozier-
Das rezessive Subjekt kann sich nur unter zwei Bedingungen te, die zu dessen Lebzeiten bekannt wurde. Buddha erkannte
eine lebbare Verfassung erarbeiten: Zum einen muß es von in den Lehren des Rivalen die gefährlichste Provokation sei-
der Überzeugung durchdrungen sein, die ethische Sezession ner eigenen, ganz auf der Heilsmacht der Eigenanstrengung
könne tatsächlich eine Zone erfolgreicher Selbstsorgetätig- aufbauenden Predigt und bezeichnete den Determinismus
keiten erschließen, zum anderen muß es einen Modus finden, der niyati-Doktrin als ein spirituelles Verbrechen, das ihre
wie es unterwegs mit sich im Gespräch bleibt und sich in Anhänger ins Verderben locke. Aufgrund von Gosalas An-
satz würden die Spaltung der Welt und die Ausgrenzung des
rezessiven Subjekts unmöglich, weil ihm zufolge keine Krea-
20 Dies wäre besonders an der Evolution des Buddhismus und an der
Umstellung vom Arhat- Ideal des Hinayana zum Bodhisattva-Ideal 22 Johann Gottlieb Fichte hat die deterministisch-fatalistische Posi-
des Mahayana zu erläutern. tion im ersten Teil seiner Schrift über die Bestimmung des
21 Über »Rätselsprache« oder »intentionale Sprache« im Tantrismus Menschen, 1800, in einer perfekten Simulation vorgeführt, um
vgl. Mircea Eliade, Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit, a. a. 0., die Verzweiflung zu evozieren, die zum praktischen Idealisrr:..:s
S. 25 8f. vorwärtstreibt.
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik

tur, auch nicht der heilsuchende Mensch, einen originalen schwüngen der Dinge mitgetragen werden, wie der Felsbrok-
Willen haben kann: ken auf dem unmerklich fließenden Gletscher. 24
»Alle Wesen, alle Individuen ... alle lebenden Dinge Die Doktrin des rigorosen Determinismus muß ihren
sind ohne Willen, ohne Kraft, ohne Energie. Sie entwik- Adepten eine verführerische Genugtuung verschafft haben,
kein sich (ausschließlich) durch die Wirkung des Ge- da sie in der Bewegung der Ajivika-Asketen nahezu zwei-
schicks .. .«23 tausend Jahre lang überliefert wurde, ehe sie im 14. Jahrhun-
Wer einen Beweis dafür suchte, daß auch die buddhistische dert erlosch. Was ihren Reiz ausmachte, läßt sich wohl den-
Lehre, hierin der stoischen präzis analog, auf der ontologi- ken. In allen Kulturen gibt es Individuen, die eine Art von.
schen »Gebietsreform« beruht, die das durch mich Voll bring- dunkler Satisfaktion empfinden, wenn ihnen bewiesen wird,
bare strikt von allem übrigen trennt, hält ihn mit dem Hinweis daß sie nichts tun können - außer hinnehmen, was ist, und
auf Buddhas Polemik gegen Gosalas Lehre in der Hand. Nach zusehen, wie die Dinge gehen. Die Askese von Gosalas Ge-
dieser schreiten alle Wesen völlig automatisch durch sämtliche fährten bestand darin, ihren Streik gegen jede Regung von
Stadien der Evolution - durch die notwendigen 84000 Inkar- Wollen und Können ein Leben lang durchzuhalten. Die all-
nationen, nach anderen Darstellungen sogar durch ebenso gemein-indische Absage an die Phantome des Ich mag ihnen
viele Mahakalpas oder Weltzyklen. Jede Lebensform und dabei zu Hilfe gekommen sein. Nicht ohne Verwunderung
Daseinsstufe zeigt durch sich selber an, wie weit bei ihr der nimmt man zur Kenntnis, das alte Indien sei der Schauplatz
Prozeß gediehen ist - Askese kann daher bestenfalls die Folge gewesen, auf dem die ersten Positivisten ihren Auftritt feier-
von Entwicklung sein, niemals ihr Grund. Dies konnte der ten.
Buddha auf keinen Fall gelten lassen. Indem er Gosalas In-
einssetzungvon Sein und Zeit bzw. von Faktizität und Schick-
sal angriff, sicherte er den Spielraum für seine entgegengesetz- Einsamkeitstechniken: Sprich mit dir!
te Lehre, die auf dem Erwerb von Erlösungswissen aufbaute-
und damit für die Beschleunigung der Befreiung. Nur so Auch die zweite der genannten Voraussetzungen für die Exi-
konnte er die Vernichtung des ontologischen Blocks durch stenz in rezessiver Subjektivierung, die Sprachkontrolle, muß
Erkenntnis verkünden. Unnötig zu sagen, daß der Buddha streng gehandhabt und immer von neuem bestätigt werden,
durch seine Insistenz auf der Möglichkeit schnellerer Befrei- da der Adept seine Mühen auf dem Weg zur Selbstregie-
ung den geistigen Bedürfnissen seiner Epoche entgegenkam. rung nur durchhält, wenn ihm fortwährend stabilisierende
Von da an sollte die Zeit der inneren Anstrengung die träge Informationen aus dem geschlossenen Sprachspielkreis des
Weltzeit überholen. Wo die höhere Kultur beginnt, kommen Heils- und Übungswissens zufließen. Dieses Erfordernis wird
Menschen in den Vordergrund, die hören wollen, daß sie etwas
anderes tun können als warten. Sie suchen nach Beweisen 24 Unter diesem Aspekt ist der Buddha »gleichzeitig« mit der griechi-
dafür, daß sie sich selbst bewegen und nicht nur von den U m- schen Sophistik, die man ihrer Stoßrichtung nach vor allem als ein
humanistisches Ertüchtigungsprogramm ansehen muß. Ihr gilt das
in Hilflosigkeit (amechania) versunkene Sich-Gehen-Lassen als das
23 Zitiert nach Mircea Eliade, Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit, schlechteste Verhalten und der Fatalismus als ein Attentat gegen (E ~
a.a.O., S. 198. arete, die Bereitschaft zur Selbsthilfe.
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik

durch die Einrichtung einer methodisch geregelten Selbstge- zentration auf das, was nun das Wesentliche heißt. Der
sprächspraxis erfüllt. Hier läßt sich übrigens einfach aufzei- grundlegende Zug der einsamkeitstechnischen Prozedur be-
gen, daß und warum das übende Leben, anders als beliebte steht, wie Macho nachweist, in der »Selbstverdoppelung« des
Klischees von der mystischen oder überrationalen Qualität Kontemplanten. Sie liefert ein unentbehrliches Strategem für
spiritueller Vorgänge suggerieren, zu einem sehr großen Teil alle Übenden auf halbem Wege: Sie zeigt ihnen ein Verfahren,
von nach innen verlegten rhetorischen Phänomenen abhängt nach dem Rückzug aus der Welt in guter Gesellschaft zu sein,
und daß mit dem Stillstand der endorhetorischen Funktio- in besserer jedenfalls, als sie dem Zurückgezogenen zur Ver-
nen - seltene Zustände meditativer Trance wie der samadhi fügung stünde, bliebe er unverdoppelt mit'sich allein.
ausgenommen - das spirituelle Leben als solches zum Erliegen Die Selbstverdoppelung ergibt nur Sinn, wenn aus ihr
kommt. Die sogenannte Mystik ist zum größten Teil eine en- nicht zwei symmetrische Hälften entstehen - in diesem Fall
dorhetorische Praxis, bei der den raren Momenten, in denen begegnete der Kontemplant seinem eineiigen Zwilling, der
nicht geredet wird, die Aufgabe zukommt, endlose Reden von ihm seine Verworrenheit in einer überflüssigen Spiegelung
den Wundern des Nichtberedbaren zu befeuern. noch einmal vor Augen stellte. Die erfolgreich Übenden ar-
Aus dem Universum der endorhetorischen Praktiken - zu beiten ausnahmslos mit einer asymmetrischen Selbstverdop-
denen in den theistischen Übungssystemen die Gebete, die pelung, bei der ihnen der innere Andere als überlegener Part-
Ritualrezitationen, die Monologien (Ein-Wort-Litaneien) ner assoziiert ist, einem Genius oder einem Engel vergleich-
und die magischen Evokationen hinzukommen, die uns hier bar, der sich wie ein geistiger Monitor in der Nähe seines
nichts angehen - möchte ich drei Typen hervorheben, ohne Schützlings aufhält und ihm die Gewißheit vermittelt, ständig
die die Existenz von rezessiv stabilisierten Übungsträgern gesehen, geprüft und streng beurteilt, im Krisenfall jedoch
unvorstellbar ist. Auf all diese Redeformen ist der von Tho- auch unterstützt zu werden. Während der gewöhnliche De-
mas Macho geprägte Begriff der »Einsamkeitstechniken« an- pressive durch Vereinsamung in den Abgrund seiner Bedeu-
zuwenden - damit sind Verfahren bezeichnet, dank welcher tungslosigkeit versinkt, kann der gut organisierte Eremit von
Menschen im Rückzug sich selbst Gesellschaft zu leisten ler- einem Beachtlichkeitsprivileg profitieren, da ihm sein nobler
nen. 25 Mit ihrer Hilfe gelingt es den rezessiv Vereinzelten, Beobachter - Seneca nennt ihn gelegentlich seinen custos,
wie die Geschichte der Eremiten und zahlloser anderer Se- Wächter - fortwährend mit der Empfindung versorgt, in gu-
zessionäre zeigt, ihre mehr oder weniger rigide Selbstaus- ter, ja bester Begleitung zu sein, freilich auch unter strenger
grenzung aus der Welt nicht als Verbannung zu erleben. Eher Aufsicht. In der Benediktusregel werden die Brüder daran
gestalten sie ihre Anachorese zu einer heilsträchtigen Kon- erinnert, der Mönch müsse sich zu jeder Stunde von Gott
im Himmel beobachtet (respici) wissen, er habe zu bedenken,
25 Thomas Macho, Mit sich allein. Einsamkeit als Kulturtechnik, in: jede seiner Handlungen werde von einem göttlichen Beob-
Aleida und Jan Assmann (Hg.), Einsamkeit. Archäologie der lite- achtungspunkt wahrgenommen (ab aspectu divinitatis videri)
rarischen Kommunikation VI, München 2000, S. 27-44. Macho hat und fortwährend von den Engeln nach oben gemeldet (re-
seine Thesen über Einsamkeit als medial gestützte Entzweiungs- . ') 26
technik und als Form der sozialen bzw. gegensozialen Raumbil- nunttarz .
dung in einer aufsehenerregenden Vorlesung im Wintersernester
1995-1996 an der Humboldt-Universität Berlin entwickelt. 26 Regula Benedicti 7, 13 und 7, 28.
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik

Dadurch wird plausibel, wie sich die rezessive Subjektivi- Übenden bekämpfen, in die Erlebnisweise der Weltkinder
tät zu einem Forum für intensive Gespräche, ja leidenschaft- zurückzufallen. Es liegt auf der Hand, daß die Position der
liche Zweikämpfe zwischen dem Selbst und seinem intimen exklusiven Selbstsorge existentiell um vieles unwahrscheinli-
Anderen entwickeln kann. Da der Große Andere erst durch cher und daher bei weitem pflegebedürftiger ist als die vor-
den Rückzug aus der Vielfalt der Tagesthemen zu deutliche- mals praktizierte Lebenshaltung des naturwüchsigen par-
rer Präsenz gelangt - eine Prozedur, von der im 20 . Jahrhun- tizipativen Pluralismus, in der die Einzelnen sich in der
dert auch die Psychoanalyse und verwandte therapeutische Gruppendrift, der kollektiven Neugier und der mediokren
Techniken profitierten -, gewinnt der Zurückgezogene an Zerstreuung entlasten durften. Heidegger hat bekanntlich,
psychischer Prägnanz, indem er sich selber monothematisch an Kierkegaards Beispiel einer philosophischen Publikums-
isoliert. Wer er selbst sein soll, erfährt er von seinem inneren beschimpfung27 anschließend, in der Man-Analyse aus Sein
Anderen; wie es um ihn steht, entnimmt er der täglichen und Zeit den modus essendi dieser Selbstform beschrieben:
Selbstprüfung. Allerdings ist zuzugeben, daß er in dieser An- Jeder ist der andere und keiner er selbst. Er begab sich auf die
ordnung bis auf weiteres ein gespaltenes Subjekt bleibt - er Suche nach einem Weg zur Eigentlichkeit, der nicht mehr
lebt als Einsamer wenn nicht geradezu coram Deo, so doch über den Rückzug in die Enklavierung, sondern über ein
unter dem Auge des Meisters oder des Engels, den zu ent- erneutes Mitgehen mit dem zum Ruf des Seins erhobenen
täuschen er sich fürchtet. Von der Einswerdung mit dem Gro- historischen »Ereignis« führen sollte. Solange jedoch der
ßen Anderen oder der Aufhebung der Dualität zwischen rea- spirituelle Appell zum Rückzug gilt, ist nichts so heftig zu
lem und idealem Selbst, wie sie im Neoplatonismus und in bekämpfen wie die immer wieder auftauchende Neigung, das
den indischen Nicht-Zweiheit-Schulen gelehrt wird, kann gewöhnliche Leben und seine kleinen Fluchten wie kom-
auf dieser Stufe der Sorge um sich keine Rede sein. munitäre Narkosen attraktiv zu finden. Wer nach dem Aus-
stieg doch wieder von den Wonnen der Gewöhnlichkeit
träumt, ist spirituell verloren. Daß freilich durch die zuge-
Endorhetorik und Ekelübungen spitzte Rezession die primitive Wahrheit des Daseins in
Normalsituationen, die partizipative Einbettung in die natur-
Es sind im wesentlichen drei Formen von Reden, die bei den haften und mitmenschlichen Umstände (wie die postmeta-
psychogymnastischen Exerzitien des rezessiven Subjekts auf physische sphärologische Analyse sie in umfangreichen Be-
dem inneren Forum gehalten werden: zum einem die Tren- schreibungen expliziert), geopfert werden muß, gehört zum
nungsreden, die sich der Rezessionsverstärkung widmen; Preis des Lebens unter erhöhter Vertikalspannung. Hier wird
zum anderen die Ertüchtigungsreden, mit denen der Übende immer die Denaturierung der Normalität und die Verwand-
sich um die Verbesserung seiner spirituellen Immunsituation lung des Unwahrscheinlichen in zweite Natur verlangt.
bemüht; und schließlich die Visionsreden, dank welcher der Was gegen Anwandlungen von Heimweh nach der verlo-
Kontemplant seinen Blick aufs Ganze und in die Höhe lenkt- renen Normalität hilft, sind endorhetorische Übungen vom
und aus imaginärer Höhe zurück auf die Niederungen.
Für die Stabilisierung der Rezession sind die Reden des 27 Sören Kierkegaard, Eine literarische Anzeige (zuerst 1846), Gü-
ersten Typs besonders wichtig, weil sie die Neigung der tersloh 2002 .
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik

Typus der Verekelungsanalyse. Sie sind wirksam, weil sie die »J edes Sinnenwesen, das du betrachtest, stelle dir als
Versuchung, die zurückgelassene äußere Welt hin und wieder schon in Auflösung, Verwandlung, gleichsam Verwe-
schön zu finden, an der Wurzel bekämpfen. So notiert Marc sung oder Zerstreuung begriffen vor; bedenke, daß jedes
Aurel: Ding nur geboren ist, um zu sterben.,,30
»Was siehst du beim Baden? Öl, Schweiß, Schmutz, In diesem Kontext läßt sich die Leistung Ovids, die poetische
klebriges Wasser - lauter widerliche Dinge. Von eben Rettung der Verwandlungsphänomene, verständlich machen.
der Art ist jeder Teil des Lebens und alles, was darin Es war die Ehre der Poesie, den Normalitätsraum vor der
vorkommt.«28 Verwüstung einer zu weit getriebenen Ernüchterungsanalyse
Dies zeigt sehr suggestiv, wie zur Genesis des Äußeren auch zu schützen. Daneben gibt es eine Fülle von Selbstermahnun-
ethische und affektive Distanzmechanismen gehören. Der gen zu dem Zweck, jede affektive Anhänglichkeit an Nicht-
sinnlichen Verekelung der Äußerlichkeit kommt die Ernüch- Eigenes durch ständige Trennungs- und Desaffektionsübun-
terungs- und Entzauberungsanalyse zur Hilfe: gen zu verunmöglichen - ich verweise noch einmal auf die
»Siehe denn also im ganzen genommen das Menschliche Empfehlung Epiktets an Eltern, ihr Kind nicht zu küssen,
jeder Zeit als etwas Flüchtiges und Wertloses an! Was ohne dabei zu denken, sie könnten es schon am Tag darauf
gestern noch im Keimen war, ist morgen schon einbal- durch den Tod verlieren. Solche Sprüche zur Selbstermah-
samiertes Fleisch oder ein Haufen Asche. «29 nung und Selbstdressur mußte der Übende Tag und Nacht
In diesem Kontext finden die antiken Atomtheorien ihren wie einen spirituellen Erste-Hilfe-Kasten »griffbereit« ha-
moralischen Ort: Sie zeigen, wie alles phänomenale Leben ben - in der Terminologie der Schule hieß solches mental
auf momenthaften Zusammensetzungen der Partikel beruht. Zuhandene das procheiron, und wer noch in unseren Tagen
Gegenüber der Vanitas des Partikel-Gestöbers kann nur die davon spricht, er habe dies oder das "parat«, zitiert von ferne
geistige Seele sich auf Dauer stellen. Unnötig zu sagen, wie- die Usancen einer versunkenen Übungskultur.
viel der Buddhismus dem Gebrauch der Atomtheorie und
allgemeiner der Analytik des Zusammengesetzten verdankt- Endorhetorische Wendungen von vergleichbarer Tendenz
und wie heftig in ihm die obligaten Verekelungs- und Er- bieten die Übungssysteme des Hinduismus, des Buddhismus,
nüchterungsmotive wirksam sind. Auch die für ihn so cha- des Christentums, des spirituellen Islam usw. im Übermaß.
rakteristische Lehre vom Nicht-Selbst (anatman) hat weniger Jeder kennt Bilder von indischen sadhus, die neben Scheiter-
theoretischen als aversiven Sinn: Sie überredet ihre Adepten, haufen an den Leichenverbrennungsplätzen (shmashana) me-
einzusehen, daß, selbst wenn es so etwas wie Selbst und Seele ditieren. Für die berüchtigen Aghori, die auf Leichen sitzend
gäbe, diese zu den auflösbaren Größen zählten - womit uns in die Versenkung fallen, symbolisiert der Friedhof die »To-
die Sache von vorneherein verleidet sein sollte. talität des psychomentalen Lebens, das vom Ichbewußtsein
Die Kontemplation der organischen Metamorphosen tut genährt wird« .31 Die shivaitischen Extremisten bestehen dar-
ein übriges: auf, aus Brahmanenschädeln zu essen und zu trinken - und

28 Selbstbetrachtungen 8, 24. 30 Selbstbetrachtungen 10, 18.


29 Selbstbetrachtungen 4, 48. 3 1 Eliade, Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit, a. a. 0., S. 304.
II Übcrtreibungsvcrfahrcn 6 Erste Exzentrik

hiervon lärmend Zeugnis abzulegen. Was sie in ihren inneren in dem jede Verletzung und Beschmutzung durch Seinswir-
Gesprächen auf dem Totenfeld zu sich selbst sagen, läßt sich kungen aufhörte.
leicht imaginieren: "Über das alles mußt du hinausgehen.« Um solche Ideen von Auflösung, Übergang und letzter
Katholisch Erzogene erinnern sich an die ignatianischen Stillstellung existentiell für plausibel halten zu können, müs-
Exerzitien, die eine einzige strikt rhetorisch gegliederte Über- sen die Übenden sich unaufhörlich ihre Endlichkeit verge-
redung des Meditanten zur Teilnahme an der Passion Christi genwärtigen und deren Aufhebung in die absolute Immunität
und zur Abkehr vom Leichtsinn der Weltlichkeit darstellen. je nach den Konventionen ihres Kulturkreises endorheto-
Auf protestantischer Seite; namentlich im Puritanismus, wird risch vorwegnehmen. Sie reden dabei mit sich selbst aus der
der Tag des Gläubigen durch Mahnungen zum Rückzug aus Position der vollendeten Lehrer, die sich an diesen Schüler
weltlichen Versuchungen gegliedert. Aus dem schiitischen wenden, als wäre es der einzige. Die rezessive Subjektivität
Iran kennt man die düsteren Prozessionen, bei denen erwach- nimmt immer Privatuntericht beim Universum, bei Gott,
sene Männer klagend und blutend durch die Straßen der Städ- beim Nirvana. Die drei Absoluta wären schlechte Lehrer,
te ziehen und sich in monoton quälerischen Selbstgesprächen wenn sie den Schülern nicht Mut machten, das Unmögliche
breite Messer auf den Kopf schlagen, um des Martyriums wie etwas zum Greifen Nahes anzusehen; sie wären es aber
Husseins zu gedenken. auch, wenn sie ihnen nicht hin und wieder damit drohten, den
Unterricht einzustellen, falls sie demnächst keine deutlich
Es erübrigt sich hier, für die Praktiken der Immunisierungs- besseren Leistungen zeigten.
und Ertüchtigungsreden sowie der Visions- und Weltanschau- Das übende Leben bildet somit ein Kontinuum aus Akten
ungsreden an die Adresse des eigenen Intellekts ausführliche der Selbstüberredung. Ohne sie kann bei den Übenden nicht
Beispiele anzuführen. Beide hängen eng miteinander zusam- das geringste geschehen, auch nicht bei denen, die sich einem
men, weil das Streben nach der transvitalen, den Tod über- überwiegend averbalen Modus des Übens verschrieben ha-
greifenden Selbstsicherung unmittelbar den Übergang in das ben, wie es in der Mehrzahl der asiatischen Schulsysteme der
höchststufige symbolische Immunsystem zum Ziel hat. In Fall ist. Viele Doktrinen betonen unaufhörlich die riesige
den stoischen Doktrinen wird dieses als die Allnatur präsen- Differenz der angesteuerten inneren Zustände zur Ebene
tiert: Sich in ihr aufzulösen ist als höchste Integration zu des Verstandes und seiner sprachlichen Anhaltspunkte.
denken, auch wenn sie mit dem Zerfall des Konglomerats Nichtsdestoweniger driftet der Kult der nicht-verbalisierba-
aus Atomen einhergeht, das ich vorläufig als meinen Körper ren Zustände auf einen endlosen Strom von Reden über Stu-
empfinde. Im Christentum hingegen wird der Tod als Über- fen und Nuancen des Aufstiegs zu. Alle Exerzitien, ob sie nun
gang vom jetzigen ins ewige Leben verstanden. In den vom yogischer, athletischer, philosophischer oder musikalischer
Karma-Gedanken dominierten Sphären wird die letzte Im- Art sind, können nur stattfinden, wenn sie von endorhetori-
munität durch die Still stellung des schuldgetriebenen Kau- sehen Prozessen getragen werden, in denen Akte der Selbst-
salimpetus erreicht, weshalb nur das Leben, das völlig aufge- ermahnung, der Selbstprüfung, der Selbstevaluierung unter
hört hätte, Leid zu erzeugen, nicht mehr von den Rückwir- den Kriterien der jeweiligen Schultradition und unter stän-
kungen des Erzeugten eingeholt werden könnte. In diesem digem Hinweis auf die ans Ziel gelangten Meister eine ent-
Sinn bezeichnet nirvana weniger einen Ort als einen Zustand, scheidende Rolle spielen. Wäre es anders, fiele die rezessiv
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 37 1

abgegrenzte Subjektivität in kürzester Zeit in ihre diffuse wird. Die autoplastische Wirkung des Übens sorgt dafür, daß
Ausgangslage zurück und vermischte sich wieder mit den sich das Zeugen bewußtsein immer tiefer in das Körperge-
unkultivierten Umständen. dächtnis des Kontemplanten einprägt. Indem sich das An-
fangs-Ich mehr und mehr von seinen pathologischen Zügen
befreit und, was dasselbe ist, sich entdinglicht bzw. entobjek-
Der innere Zeuge tiviert, zieht es die bedingungslose Präsenz des Zeugen auf
seine Seite. So kann es mit der Zeit den seinerseits patholo-
Zu den Besonderheiten der enklavierten Subjektivität gehört, gischen Habitus des Gesehen-werdens-durch-den-Großen-
wie bemerkt, die Technik der Selbstentzweiung, derentwegen Anderen ablegen. Bei Fortgeschrittenen reicht dies bis zu
sich die Anachorese zum Grenzfall einer nach innen gezoge- dem Punkt, an dem es ihnen scheinen mag, ihr erstes Ich sei
nen Kunst, in guter Gesellschaft zu sein, ausbildete. Eine abgestorben und durch ein zugleich überpersönlicheres und
vertiefte Selbstanalyse des zurückgezogenen Subjekts zeigt eigentümlicheres Selbst ersetzt worden.
allerdings, daß es bei einer Verdoppelung des Übungsträgers Gewiß ist jedenfalls: Nur die Stärkung des Zeugen führt
in das beobachtete Selbst und den beobachtenden Großen zur Integration des Meditierers und verhindert seine Regres-
Anderen nicht bleiben kann. Die dyadische Relation zwi- sion in die Besessenheit durch den Großen Anderen. Die
schen der rezessiv isolierten Seele und ihrem inneren Partner Geschichte der Fanatismen zeigt, daß solche Regressionen
erweist sich ihrerseits als eine Figur auf einem Grund von auf der Tagesordnung der »Religionen« stehen. Der Fanatis-
anonymem Bewußtsein, das beide Pole unterspannt. Zu mus läßt das triadische Feld implodieren - wobei das patho-
dem Zwiegespräch zwischen dem Ich, das sich der Übung logische Ich den Zeugen ausschaltet, indem es sich direkt die
unterwirft, und seinem Mentor, der die Übung überwacht, Position des Großen Anderen aneignet, um in seinem Namen
ist der innere Zeuge hinzuzurechnen, der als dritte Instanz zu agieren. Im Licht dieser Diagnose wird evident, mit wel-
dem Austausch der beiden immer schon beiwohnt. Mit der chem Recht hier behauptet wird, »Religion« sei zunächst und
Entdeckung der triadischen Struktur des mentalen Raums zumeist nichts anderes als ein mißverstandenes mentales
beginnt zugleich die Integration oder Transfusion des Gro- Übungssystem, oft überdies ein psychodynamisch entglei-
ßen Anderen ins Ich. Dieser stünde ja dem Ich-Pol der Dyade stes, beruhend auf einer Askese zum halben Preis, bei der
für immer uneinholbar gegenüber, wenn es nicht ein über- Anfängerfehler und Merkmale der pathologischen Subjekti-
leitendes Drittes gäbe, eben jenes feldförmige Zeugen-Be- vität zum Wesen der Sache überhöht werden. Gefährdet von
wußtsein, das sich von Anfang an neutral über die Pole der solchen Fanatismen sind naturgemäß besonders die beiden
inneren Dyade verteilt. expansionistischen Monotheismen, wenn und weil sie ihre
Durch die kontinuierliche Übung unter dem Auge des Qualität als Übungssysteme gegenüber ihren Adepten nicht
Großen Anderen gewinnt das pathologische Ich des anacho- angemessen zum Ausdruck bringen. Häufig stellen sie sich an
retischen Anfängers, der sich zunächst selbst nur ein Ärger- ihrer didaktischen Oberfläche als eine reine Bekenntnissache
nis, eine Leidensquelle und ein quasi-äußerlicher Gegenstand dar und öffnen damit dem pathogenen Irrtum Tür und Tor:
sein kann, zunehmend Anteil an der Präsenz des Zeugen. Sie Dann führt die Fahnenflucht aus der gescheiterten Ichb~! ­
ist es, die in den meditativen Übungen der Adepten verstärkt dung geradewegs in die Besessenheit durch den Großen -~_:-_-
6 Erste Exzentrik 373
37 2 Il Übertrei bungsverfahren

deren. Wo man den monotheistischen Populismus am Werk Zweifel zuerst und vor allem im Umkreis der hier beschrie-
sieht, hat ein mentales Übungs system wieder einmal ver- benen egotechnischen Prozeduren - und erst in zweiter Linie
schwiegen, was es der Sache nach ist: Erneut hat sich ein auf der Seite der Weltmenschen, die in den Sog von Macht-
Trainingsprogramm als »Religion « verkauft. Dann ist es nicht und Geltungsspielen geraten.
verwunderlich, wenn die Agitation der Introversion den Das vielzitierte Ego ist selbst der Schatten der Enklavie-
Rang abläuft. Ja, man kann sich fragen, ob nicht der moderne rung - und dieser tritt plausiblerweise ins Blickfeld, weil nach
Effekt »Religion« erst dadurch entsteht, daß ein ethisches der ontologischen Gebietsreform das ausgeschnittene Selbst
Übungsprogramm zu Zwecken kollektiver IdentitätsbiIdung als solches auffällt. Sobald das rezessiv isolierte Subjekt sich
umfunk~.ioniert wird - auf diese Weise wandelt sich die spi- umdreht, wird es auf seinen Schatten aufmerksam - er fällt ,
rituelle Ubung von der anspruchsvollen Rückzugsform in die wie man leicht begreift, auf den gesamten »Rest der Welt«.
billige Besessenheitsform, die man die Konfession nennt. Wird das bemerkt, kann es nicht ausbleiben, daß der Einzelne
Dieser »Glaube« ist Hooliganismus im Namen Gottes. erschrocken den Vorwurf an sich richtet, einen derart mon-
strösen Schatten zu werfen. Sobald Priester und Lehrmeister
sich dieser Beobachtung bemächtigen, wird der Vorwurf an
Inquisition gegen das Ich alle Sterblichen weitergereicht, auch an die Mehrheit der ar-
men Teufel, die noch gar nicht auf den Gedanken gekommen
In demselben Zusammenhang läßt sich ein gemeinsames sind, ein Ich zu haben.
Merkmal sämtlicher aus der Position der rezessiven Subjek- Was die gewöhnliche Eitelkeit der Sterblichen angeht, die
tivierung entwickelten Übungssysteme erläutern - ich denke den Spirituellen so sehr ins Auge springt, so ist sie in der
an die allenthalben vorgebrachte pathetische Warnung an die Regel kein Hinweis auf erhöhten Ich-Bezug, sie deutet viel-
Praktikanten vor der Versuchung durch überwertigen lch- mehr auf die Besessenheit der Individuen durch Kollektiv-
Bezug. Man könnte geradezu von einer weltweiten Inquisi- Idole und ihre mehr oder weniger naiven Anstrengungen,
tion sprechen, die den mittelmeerischen und vorderorienta- sich diesen anzugleichen. Der phänomenal auffällige »Ego-
lischen Monotheismen wie den indischen und ostasiatischen ismus « von Weltmenschen zeigt in Wahrheit eine Überwälti-
Systemen gemeinsam ist. Seit die hochzielenden existentiellen gung der Psyche durch ein Trugbild des Anderen an - er
Akrobatiken in Erscheinung traten, wird unter bemerkens- bildet daher zumeist nur eine unverstandene Form von inva-
wertem Gleichlaut in Ost und West die Gefahr beschworen sivem Altruismus, ein besessenes Glänzenwollen in den Au-
der Mensch könne an seinem Ego, man sagt auch gern: a~ gen der Eltern oder der Stammesältesten.
seinem kleinen Ich, haftenbleiben und dadurch seinen wah- Die wirklich riskanten Egoismusprogramme hingegen ver-
ren Platz in den kosmischen Hierarchien wie den sozialen bergen sich in den auf der Enklavierung aufbauenden spiri-
Zusammenhängen verfehlen. Die spirituelle Weltverschwö- tuellen Übungssystemen als solchen - bis hin zu den Syste-
rung gegen das Ego ist nicht ohne Pikanterie, weil sie von men des »subjektiven Idealismus«. Kein Wunder, daß sie in
den Bewegungen ausgeht, die das Egophänomen als solches ihrem ersten Jahrtausend nur unter dem Schutz der archai-
hervorgetrieben haben. Wenn es so etwas wie ein sich selbst schen Ständeordnung gedeihen konnten - am offenkundig-
zum Maß aller Dinge setzendes Ich je gegeben hat, dann ohne sten im alten Indien, wo die Neigung zur Flucht aus d 2::
374 II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 375

sozialen Zwängen schon früh epidemische Ausmaße annahm liehe, das Universum, das Ganze, die universelle Lebensrno-
und nur durch die Integration des spirituellen Ausstiegs in nade, das Nichts usw. nicht länger unter der problematisch
den Normallebenslauf, gleichsam als dessen Rentenalter, ru- gewordenen Form des Äußeren vorgestellt werden. Das de-
higgestellt werden konnte: So sah der brahmanische Lebens- mutfordernde Große kann jetzt nur noch von der Selbstseite
lauf vor, daß der Ehevater oder die Hausmutter, nachdem sie her auftauchen, als Gott von innen, als Kosmos von innen, als
ihre Pflichten als Schüler und Eltern erfüllt hatten, sich in Nicht-Selbst von innen.
ihrer dritten Lebensphase zum »Aufbruch in den Wald « (va- Daher die typische Zweistufigkeit von Subjektivität im
naprastha) bereitmachten, um zu guter Letzt das Leben eines hochkulturellen Raum. In ihr muß ein alltägliches und illu-
wandernden Bettlers (bhikshu) zu führen. sorisches Klein-Ich von einem wahren und wirklichen Groß-
In christlichen Zeiten mußten die Evasionen der rezessiven Ich abgehoben werden, und selbstverständlich soll das erste
Subjektivität durch starke kommunitarische Gegengewichte im zweiten »untergehen«. Wenn die als solche titulierte Au-
kompensiert werden, insbesondere durch die obligaten De- ßenwelt überhaupt noch eine Rolle spielt, dann als Gleichnis
mutsübungen, deren basales Paradox - durch Erniedrigung für die Macht der allesbewirkenden Lebensmonade, als Quel-
an die Spitze zu führen - nur zu gut bekannt ist. Zur internen le für transzendente Kraftmetaphern und als Sparringspart-
Stabilisierung der spirituellen Egoismen war es darum unent- ner für die Seele, die testen will, was alles sie schon kaltläßt -
behrlich, daß sie von Anfang an resolut, ja fanatisch leugne- so prahlten manche Mönche gern damit, sie könnten eine
ten, solche Programme zu sein. Als Symptom dieser Leug- ganze Nacht neben einer jungen Frau liegen, ohne in Versu-
nung läßt sich das Bettelwesen entziffern, das im Osten wie chung zu geraten. Sobald die Psyche dem Imperativ, ihr Le-
im Westen für die antisozialen oder »hauslosen« Lebenswei- ben zu ändern, entsprochen hat, indem sie in die Rezession zu
sen charakteristisch wurde. In diesem historischen Kompro- sich selbst aufbricht, hört sie den Korrekturbefehl, die Än-
miß zwischen dem Rückzug von der Menschenwelt und der derung zu ändern. Darum dürfen Erfolge bei der Bemühung
Teilhabe an ihren Überschüssen hatten die radikal Übenden um Heiligkeit nicht allzu tief ins Selbstbewußtsein der Hei-
die Form gefunden, sich selbst zu überreden, ihre methodi- ligen eindringen, weil sie sonst ihre Vorbildlichkeit für andere
sche Heraushebung sei in Wahrheit ein Modus des allerde- verlören. Das Paradox dieser Position wird allenthalben sy-
mütigsten Lebens. stematisch abgedunkelt: daß der Heilige nicht wissen darf,
Ganz folgerichtig setzt mit dem Ausschneiden des inneren wie es um ihn steht, obschon er der erste ist, der es wissen
Gebiets aus dem Kontinuum des Seienden ein pathetisches müßte. Heiligkeit scheint nur um den Preis der psychischen
Kompensationsprogramm gegen den spirituellen wie den Flachheit erlangbar, da sie mit reflektierter Individualität
profanen Egoismus ein, ohne das die ethische Sezession we- nicht kompatibel ist - ein Merkmal, das, wie man einem Hin-
der für sich noch in sozialer Hinsicht glaubwürdig oder auch weis Luhmanns entnehmen kann, der Heilige mit dem Hel-
nur tolerabel geworden wäre. Kurzum: Kaum ist das rezes- den des neuzeitlichen Romans teilt. 32
sive Subjekt erfolgreich ausgegrenzt und in seine ontologi-
3 2 Vgl. Niklas Luhmann, Die Autopoiesis des Bewußtseins, in: Selbst-
sche Sonderstellung erhoben, wird es einer unermüdlichen
thematisierung und Selbstzeugnis: Bekennnris und Geständnis,
Demütigungs- und Entselbstungspropaganda unterworfen. herausgegeben von Alois Hahn und Volker Kapp, Frankfurt am
Hierbei darf das, worunter es sich demütigen soll, das Gött- Main 1987, S. 64f.
II Übertreibungsverfahren 6 Erste Exzentrik 377
gefangenen deprimierten Kameraden im Kerker exaltierten
Den Egoismus rehabilitieren Tons seine eigene Zukunft vorhergesagt: Er selber sei nicht
niedergedrückt, denn »es kommt eine Zeit, da ich als Heiliger
Ich schließe diese Überlegungen zur ursprünglichen Heraus- in der ganzen Welt verehrt werde«.33 Um weitere solche
bildung des Übungsraums durch die sezessionären Bewegun- Zeugnisse spiritueller Karriereträumereien zu vermeiden,
gen und die rezessive Abhebung des Subjekts als Übungsträ- war, en passant gesagt, die Stigmatisierung mit den Wundma-
ger mit einer Erinnerung an Nietzsches Bemühungen um die len des Herrn, nach Franz von Assisis großem Beispiel, die
Rehabilitation des seit Jahrtausenden angeschwärzten Egois- einzige tolerable Form der Prätention auf Heiligkeit zu Leb-
mus. Zu diesen trugen vor allem zwei kritische Beobachtun- zeiten, weil sie den Status der Heiligung, gewissermaßen am
gen bei, die in der Geschichte der Inquisition gegen das Ich Selbstbewußtsein des Kandidaten vorbei, wie eine objektive
regelmäßig beiseite gelassen wurden: Zum einen, daß hin- Passionstatsache präsentierte. Die Frage nach dem Eigenbei-
sichtlich der meisten Menschen die Egoismuskritik viel zu trag des Stigmatisierten zur Erzeugung der sakralen Zeichen
früh kam, weil sie noch gar nicht in der Verlegenheit waren, blieb im Inneren der frommen Zirkel seit jeher tabu. 34
ein Ich auszubilden, das einen schlechten Schatten hätte wer- Sobald man begreift, daß das Subjekt selbst nichts anderes
fen können. Zum anderen, daß auch bei denen, die es durch ist als der Träger seiner Übungsreihen - nach der passiven
rezessive Selbstübernahme zu einem Ich gebracht hatten, die- Seite hin ein Aggregat aus individuierten Habituseffekten,
ses keineswegs immer die Demütigung verdiente, die ihm von nach der aktiven ein Kompetenzzentrum, das die Klaviatur
den Agenten der Anti-Egoismus-Inquisition auferlegt wur- aufrufbarer Dispositionen bespielt -, kann man mit Nietz-
de.
Diese Inquisition bedeutet, wie wir jetzt verstehen, nichts 33 Das Leben des heiligen Franziskus von Assisi. Beschrieben durch
den Bruder Thomas von Celano, Basel 1921, S. lOS.
anderes als eine unentbehrliche Maßnahme zur Abdunkelung 34 Kritiker des Stigmatisierungswunders haben die tabubrechende
der basalen Paradoxie, wonach der Heilige nicht wissen soll, Frage formuliert, wieso die Handwundmale bei Franz und seinen
daß er ein Heiliger ist, technisch gesprochen: wonach der Nachahmern in den Handflächen auftraten und nicht, wie es hi-
religiöse >>Virtuose« alten Stils - um Schleiermachers fatalen storisch richtig wäre, an den Handwurzelknochen. Ihre Antwort:
Weil Franz seinerseits die gemalten und skulpturalen Kruzifixe
Ausdruck aufzunehmen - dazu verurteilt bleibt, sein Virtuo-
seiner Zeit nachgeahmt hat, bei denen die Handflächennagelung
senturn vor sich selbst zu verbergen. Vielleicht muß eine längst zur Konvention geworden war. Damit ist noch nicht di e
rechte Hand nicht wissen, was die linke tut - doch das Ge- Frage beantwortet, ob die Wundmale durch fromm en Betrug, in-
hirn, das wußte, was die Linke tat, hat immer schon auch die folge von Selbstverletzung entstanden, oder ob sie auf einer phy-
siologisch nicht erklärbaren autoplastischen Eigenleistung des
Aktivitäten der Rechten überblickt. frommen Körpers beruhen. Für die erste Version votiert in bezug
Dennoch konnten die Heiligen vom Selbstbezugsteufel auf Franz von Assisi Christoph Türcke, der den Heiligen für den
geplagt werden, ohne seine Präsenz zu bemerken. Das verrät größten Schauspieler bzw. den resolutesten Simulanten des Mittel-
eine Passage aus Thomas von Celanos zweiter Lebensbe- alters hält: Vgl. ders., Askese und Performance. Franziskus als
Regisseur und Hauptdarsteller seiner selbst, in: Neue Rundschau
schreibung des heiligen Franz (1246/47): Demnach habe der
412000, S. 3 5f. Von dem Verehrer der Großen Mutter Ramakrishna
junge Mann, noch »unbekehrt«, nach einem Scharmützel wurde analog behauptet, er habe von ihr das Gnadenzeichen der
zwischen den Bürgern von Assisi und Perugia vor seinen Menstruation erhalten.

J..
II Übertreibungsverfahren
379
sche wieder gelassen zugeben, was über Jahrtausende unaus-
sprechlich war: Der Egoismus ist oft nur das verruchte
7 VOLLENDETE UND UNVOLLENDETE
Pseudonym der besten menschlichen Möglichkeiten. Was un-
ter dem Licht der humilitas-Hysterie wie ein lasterhaft über-
WIE DER GEIST DER PERFEKTION DIE

triebener Selbstbezug erscheint, ist meistens nicht mehr als ÜBENDEN IN GESCHICHTEN VERSTRICKT
der natürliche Preis der Konzentration auf eine seltene Lei-
stung. Wie anders soll der Virtuose sein Niveau erreichen und
halten, wenn nicht durch das Vermögen, sich selbst und den
Stand seiner Kunst triftig zu evaluieren? Nur wo der Selbst- In der Z eit der Vollendung
bezug im Leerlauf dreht, darf man von einer entgleisten
Übung sprechen. In solchen Fällen liegt eher eine Verirrung Die Umformung des Menschen in den höheren Kulturen zu
als eine Sünde vor, mehr eine Fehlbildung als eine Bosheit. Trägern expliziter Übungsprogramme erzeugt nicht nur den
Das von den theologischen Autoren so hoch eingestufte Bö- exzen~rischen Selbs~.bezug des Daseins in spirituellen Enkla-
seseinwollen um des Bösen willen - die oft zitierte augusti- ven. SIe prägt den Ubenden auch einen radikal veränderten
nische incurvatio in seipsum inbegriffen - ist vermutlich Sinn für Zeit und Zukunft auf. Tatsächlich besteht das Aben-
ebenso selten wie die vollendete Heiligkeit. Wo man den teuer der ~o~hkul:uren darin, aus der kosmischen allgemein-
Egoismus vermutete, um ihn in flüchtigen Bösesprechungs- samen ZeIt eIne eXIstentielle Zeit herauszulösen. Nur in die-
Verfahren zu verdammen, findet man bei genauerem Hinse- sem Rahmen kann man die Menschen zum Übertritt aus den
hen die Matrix der herausragendsten Tugenden. Ist dies of- eb~nmäßigen Jahren des Seins in die Dramatik einer Projekt-
fengelegt, sind die Demütigen an der Reihe, zu erklären, wie zelt auffordern. Für die existentielle Zeit ist die Beschleuni-
sie es mit dem Hervorragenden halten. gung charakteristisch, dank welcher sich das Dasein von den
Trägheiten des Weltlaufs abkoppelt. Wer ins übende Leben
aufbricht, will schneller sein als das Ganze - sei es, daß er die
Befreiung noch »in diesem Leben « anstrebt, sei es, daß der
Aufstieg zur »himmlischen Erhöhung« (exaltatio caelestis)
noch in vita praesente gelingen soll. Wenn selbst Benedikt
von Nursia, der Meister des westlichen Mönchswesens, von
einem raschen Emporkommen zu Gott sprach, verriet dies
nicht sein persönliches Ungestüm. Er verhielt sich ganz den
Regeln des Lebens in der Zeit des spirituellen Projekts gemäß.
Seine Anweisung zum seligen Leben zog nur die Konsequenz
auS dem apokalyptischen Bald (mox )36 und dem apostolischen
Rasch (velociter)37. Weil die rezessiv abgesonderte Existenz

36 Regula Benedicti 7,67.


37 Regula Benedicti 7, 5·
.3 0 11
.3 I

elb t ramm b d 11 b i wel hem di e Un-


rheb rn z urü kkehre11; im zweiten
pei hert c U nre ht ma . Ib t d 11 la ng amen
kaJ'mischen Pr zcß ran, d r ~ i in p fm3ncnte Stand-
recht dafür orge, daß i h in jed m inzell ben die morali -
sche Bilanz einer Taren \ ährcnd d r früheren Verkörperun -
die e Leben zu führen, al ein gen au druckt. In be iden Fällen la n i h die Leben ze iten
die chrt d iche oktrin, jüdi ehe und mitt Ime ri h Den- einigermaßen pbu ibel in den P r zeß d er morali ierten \'(/elt-
ken zu ammenfa end, ihren Adept en die Üb neu ung ein zeit einhängen.
d ie e Leben ci da ei nzi c, d i je ha b n werd n und jeder
Ta e in~ilderletzt nChan . Ich will im ( I enden erläutern, wie die eHerleitung der
existen.ri lien Zeit <tu der Ra he pannung bzw. aus der tran-
Ich habe an anderer tell zu zeigen er ucht, ~ ie da Ver- szendent über h "hten F rd run g nach L iden ausgleicb
langen nach Gerechti keit und Leiden au leich im er ten durch eine z~ eite rl itun au der Übungsspannung
vorchri dichen Jahrtau end zur tifrung iner neuartig ge- bzw. der Anti z ipari n der ollendung er änzt werden muß.
spannten Temporalstruktur eführt hat, die im Zeichen der Dies ist nur m ·· li b, wenn ich in den we entliehen Übungs-
verzögerten Rache land. 9 Die er Zeitb gen ird ge pannt, proze sen eine klare, die L b n zeit des Übenden durchgrei-
indem der durch erlitt ne Um ht ent tanden S hmerzein fende FinaliL1c nachwei en läßt. Die e Bedingung wird von
individuelle wie kulturelle Gedä htni erzeugt, da alles den kla i hen F r m n dc übend en Lebens unmißver länd-
daransetzt, dem Urheber de Unre h · einen äquivalenten Lich erfülle. ie d i · Zeit der Ra he trukruriert wird durch
Straf chmerz zuzufü cn. Hierdur h ent teht eine exi tentia- die Vorwegnahm e de erfüllt n Au ge nbli ks, in welchem der
lisierte Zeit mit einer klaren rä heri ehen Finalität. Da sich Schmerz inen erur:l he r einholt so wird die Zeit des
aber nicht jeder Unr chd idende ei en händi au
fakti n Üben trukturicn dur h die ima ginäre Vorwe nahme der
ve r chaffen kann, muß ein Gr ßteil d r Ra he-E nergie na h Ankunft d Übend n im entfernten Übung ziel - ob das
obenabge b nund v neiner g " ttli hen kon miede L i- nun Virtu ität heißt oder Erleuchtung oder Angleichung
den au glei h in Regie gen mmen werden. arau resultie- an da h " h t u t . Zur Z irform des übenden Lebens ge-
ren die moralisierten Wcltzcitcnrwürfe des Christentums und hören unabdin bar di mehr d r weniger zuständlich oder
des Hinduismus. Im er ten Sys tem drängt ich die Weltzeit gegenständlich au ema lten Ankunftsphantasien, ohne die
auf die relativ kurze Spanne zwi ehen der S höpfung und sich kein Anfän er auf den Weg begeben und kein Fortge-
schrittener auf ihm halten könnte. Kann man die Zeitstruktur
38 Darum tauchen in der Regula Benedi ti 73 , 2 und 73, 8 di e '\ en- des Leb nunter räche ri hem Vorsatz als Sein-zur-Rache
dungen auf: ·zur Vollk ommenheit de kl ö terli ehen Lebens eilen-
und ,.zum himmlischen Vaterland eilen. (ad patrinm caelestem beschreiben, i t für d n temp ralen Modu des übenden
[estinare). Lebens ein Sein-zu rn-Ziele anzusetzen - oder geradewegs ein
39 P. 51., Zorn und Zeit. P Sein-zur-Vollendun . Für ein "Ziel .. im antiken Sinn d: ,
am Mai n 2006, S. of. Wortes ist es charakteristi eh, chan von weitem sichtbar :__

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3 2 11 Ilvollendelc

ein - daher der ri hih Au dru k skopos, d r ach- ideal der da cr pre hen lOe unwider tehlichen Sie-
dru k au di Erk ennbarkeit cle ,. Auenmer: .. u räße- gesprei - dem ath/on v r lei hbar um d J1 di Ti hi ehen
rem Ab tand t:Zt. i Ir nie der Ziel, i h b i Annäherung Athleten ran n. a die hri tlic hen Märtyrer den i e-
zu enr e en ündlichen wird übli herwei cer t den Fortge- kranz, st.i phanos (au h Kr n , piirer Bi h f mütze), nann-
chrirtenen erkr·rt. ten, kommt ein r Ihn Präm i I i h. Die rientierung
des eigenen Hand IlI1s an einem mori ierenden Prei kommt
nirgendwo d udi her zum Au dru k al in den bekannten
Ergriffenheit dur h da Ziel Athl eten-G leichni en dc Paulu • der im Bli k auf eine apo-
stoli ehe Be egtheit im r ten Brief an die Korinther 9, 26
Für die Struktur de übenden und ifernden L ben 10 eIDer statuiert;
Anfang pha ei t bez ihnend, au b liebi w iter Entfer- .. Darum laufe ich ni hr wie ei ner, der ziello läuft, und
nung on einemZi 1,- BiJd -r ri en ein:z.uk "" nnen. EsLiefert kämpfe mit der au t ni ht wie iner der in die Luft
da an chaulich te Bei picl für da , ,a in der ri totelisehen schlägt.«
Lehre on den Ur achen al der vierte Kau aIr pu (na h den Hier wird die hri di he Ziel r1 ht eh it mit erblüHender
Material-, Form- und Wirkur a hen) auf führt 0;: ird - die Direktheit zur ath leti hen Ff I rientierung in Bezug ge-
Zielur ache der causa finalis: Währ nd die übri en causae ,s etzt. Die bedeutet ni ht, daß Paulus mir den Gepflogenhei-
die Wirkun gl ich am »tra en der r ich her chieben ten de Athlet nwc en b nder vertraut ewe en wäre; er
kommt der finalen Ur ä hli hkeit die i en haft zu, den zu griff ledigli h da {/(hlon-M ti auf, um einen Mitgläubigen
vollbringenden Effekt durch eine v n ben der vorne her die ungew hnte r teil un g ein ullSterbli h n Siegesprei es
wirkende Zug pannun zu fördern. Nach die er Logik sind so pla ti h wie m ,. li h zu erkl ären,
Ziele so etwa wie Ma n te, die eignete bjekte in ihrem
Attraktion bereich unwid er t hlich z.U ih_nen hin b wegen.
Die läßt ich _3chlich nur 0 denken, daß das Ziel auf dunkle Ober den nr rschi d z ischen einem Weisen
Weise bereits in die zu ihm hingezogenen Körper eing,e - und einem Apost I
pflanzt ist - seie durch die n Ari toteies ° benannte,
den rganismen jeweil ci entümliche entelecheia (was Was ins G wi ht fällt, i t di Tat a he, daß der Apo tel selbst
wörtlich "lnnenzicl trebigkeit « bedeutet und eine Bewegt- nicht vom err ihlen Ziel her pri ht,ond ern aus der Posi-
heit apriori bezeichnet), ei e dadurch, daß einem begeh- tion eine Übend n auf halb m We - der um modern zu
rensfähigen We en in lnem g b neo Aug nbli k ein ihm reden: eine Engagierten - der vom Ziel fast ebenso weit
bis dahin nicht bekanntes oder nieht bewußtes Ziel gezeigt entfernt ist wie jene, an die er ich als pi ritueller Monitor
wird, auf das es in der Folge wie auf ein nicht mehr auf eb- wend t. Um na hdrü kJi her le t er Zeugnis ab für die
bares Ideal zustrebt. Bedeutung d E r riffen ein v n d r Zielvor teilung. Was
Diese zweite Art von Zielgerichtetheit, das E rgriff nwer- das frühe Chri rcnrulll unter .. Glauben « (pistis) verstand,
den durch eine Ziel-Erkenneni a posleriori, impliziert 0 et- war zunä h t ni bt and ere .a l das orauslaufende Sich-Fest-
was wie die Akrivierung eines latenten Vollkommenheits- machen an einem rbild der einem Ideal, über dessen Er-
II Übertreibungsverfahren 7 Vollendete und Unvollendete

reichbarkeit damit noch nicht entschieden war. Der Glaube re Bedürftigkeit den Apostel inspirierenden Mitglieder der
ist ein purer Antizipationseffekt insofern, als er schon wirk- jungen Gemeinde von Korinth.
sam wird, wenn er aufgrund der Antizipation die Existenz Worauf es ankommt, ist die Tatsache, daß mit dieser pri-
der Antizipanten zielwärts mobilisiert. Man müßte dies, in mitiven Stufenlogik, die die einfachste Hierarchie vorzeich-
Analogie zum Placebo, den Movebo-Effekt nennen. Genau net, eine Projektskizze gegeben ist, die in real gelebter Zeit
hierauf nimmt Paulus Bezug in seiner Aufforderung an die zur Ausführung kommen soll. Was im Anschauungsbild
korinthischen Leser seines ersten Briefs: »Nehmt mich zum übereinanderliegt, wird auf die Zeitachse projiziert, wonach
Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. « (I Kor 1 I, I) die Anfängerposition mit dem Jetzt, die Fortgeschrittenen-
Die Nachahmungswürdigkeit des Vorsprechers liegt hier position mit dem Später und die Position der Vollkommen-
nicht in seinen erreichten Erfolgen, sondern in seiner Ergrif- heit mit dem Zuletzt identifiziert werden kann. Vorwärts und
fenheit vom Ziel. Wer einen solchen Nachahmer Christi aufwärts bedeuten von nun an dasselbe. Man darf sagen, um-
nachahmt, läuft hinter einem Laufenden her. 40 greifende Übungs geschichten sind nicht nur teleologisch ge-
Mit diesem Ansatz ist das Minimum einer Übungskultur richtet, sie weisen eine latent eschatologische Struktur auf.
vorgezeichnet. Er impliziert die elementare Dreistufigkeit, Auf diesem Feld zeigen imaginäre Ziele und letzte Dinge
ohne die es keine organisierte Hinführung von Übungsan- die Neigung, miteinander zu verschmelzen. Sobald es dem
fängern zu höheren Zielen gibt. An der Spitze des Feldes steht Übenden nicht nur um ein Handwerk oder eine Kunstlehre
naturgemäß der ganz ans Ziel Gelangte, der Vollendete, im geht, die mit dem Erwerb der Meisterschaft abgeschlossen
aktuellen Fall der Gottmensch, Christus in Person, an dessen werden kann, sondern um die existentielle Kunst, bei der
Vollkommenheit zu »glauben« auch schon gleichbedeutend das Leben insgesamt nach Erhöhung und Verklärung strebt,
ist mit dem Glauben an seine relative Nachahmbarkeit - da rühren Tod und Vollkommenheit unvermeidlich aneinander.
glauben und vorwegnehmen, wie bemerkt, in diesem Zu- Dieses Merkmal ist den spirituellen Übungswegen in den
sammenhang dasselbe bedeuten. Über das Paradox der unterschiedlichsten Kulturen gemeinsam; was sie unterschei-
hochkulturellen Pädagogik, daß sie die Nachahmung des Un- det, sind die Codierungen des Höchsten und Letzten, die
nachahmlichen lehrt, wird weiter unten ausführlicher gespro - Modi der Annäherung, die Anzahl der zu durchlaufenden
chen. 41 Im Mittelfeld findet man hier wie überall die Figur Stufen und die Ausformung der mehr oder weniger ausge-
des Fortgeschrittenen, im gegebenen Fall den Apostel, der prägten Härten, mit denen die Fortgeschrittenen zu kämpfen
sich als Nachfolger ersten Grades vor das Hauptfeld spannt, haben. Das Sein-zum-Tode, das der frühe Heidegger allein
bestehend aus Anfängern und Nachahmern zweiten Grades, vom Endlichkeitsbewußtsein des geworfenen Daseins able-
hier die spirituell labilen, weisungsbedürftigen und durch ih- sen wollte, war Praktikanten des Rückzugs seit jeher be-
kannt - freilich verstanden sie es als das Sein-zur-Vollendung.
40 Diese dynamisierte Mimesis wird in der späteren mystischen Theo- Folgerichtig hieß ihr Existential nicht Geworfenheit - die gilt
logie Gregor von Nyssas zu der These überhöht, wonach das bekanntlich nur für die der Welt Verhafteten. Ihr Dasein
christliche Begehren, we il es einem grenzenlosen Gegenstand folgt,
stand ganz im Zeichen der Hingezogenheit zum Höchsten.
niemals zur Ruhe kommen könne, sondern in eine paradoxe Ein-
heit von Lauf und Stillstand münde. Die Aufforderung des Paulus an die Korinther, sie mögen
41 Siehe S. 426f. seine Nachahmer sein, so wie er Christus nachahme, macht
II Übertreibungsverfahren 7 Vollendete und Unvollendete

deutlich, wie die Stufenbildung von der Mitte her gesteuert sophische Dozentur entdeckt und sich vom Jahr 62 an eben-
wird. Mitte ist, was das Vollkommene über sich, die Anfänge falls als Verfasser von Lehrepistein hervorgetan. Diese rich-
hinter sich hat. Anders aber als die indische Welt, in der die teten sich der Form nach an einen gewissen Lucilius, einen
Lehrbefugnis an die Bedingung der vollkommenen Realisa- jüngeren Mann von unklarer persönlicher Kontur, der sich
tion des Meisters geknüpft ist, kennen der Stoizismus und das zum Leben gemäß den philosophischen Übungen bekehrt
Christentum das Phänomen des unvollkommenen Lehrers, hatte, sie zielten aber von Anfang an über dessen Kopf hin-
der sich über seine Schwächen hinwegsetzt, indem er sie weg auf ein größeres Publikum. Formaliter näherte Seneca
zum Teil der Lehre macht. Sofern Paulus meinte, lehren zu sich seinerseits einer apostolischen Sprechrolle an, indem er
können, was er selbst nicht besaß, konnte er sich den Mit- als Mittelsmann einer Vollendungslehre das Wort ergriff;
gläubigen nur insofern als Vorbild präsentieren, als er ein auch er schöpfte aus Erfahrungen auf halbem Wege, um den
besonders engagierter »Läufer« war. Dies spricht weniger Anfänger in die exercitationes spirituales der Schule zu initiie-
für die ihm gelegentlich unterstellte Nähe zu den Denkfor- ren und mit ihm zugleich eine breitere Leserschaft anzuwer-
men des griechischen Sports, der ihm als gebildetem Zeloten ben. Ihm war bewußt, selber noch unterwegs zur Perfektion
eher ein Greue! gewesen sein muß, als für seine Begabung, zu sein und ein gutes Stück Wegs vor sich zu haben. Gleich-
sich selbst beim Schreiben in seine Empfänger zu verwandeln. wohl erlaubte ihm sein fortgeschrittener Reifegrad, mit Au-
Hier also, da er zu Griechen sprach, wurde er probeweise torität über das höchste Gut zu sprechen, das jenseits seines
zum Griechen, so wie er Römer wurde, wenn es zu Römern aktuellen Status lag. So stellte er die Frage: »Was kann zum
zu reden galt. Im übrigen war ihm völlig klar, daß die Voll- Vollkommenen noch hinzukommen?«, um sogleich selbst die
kommenheit, ohne die der Zielmagnetismus nicht wirksam Antwort zu geben: »Nichts - es sei denn, das, zu dem es
wird, nicht von seiner Person ausgehen konnte, sondern al- hinzukam, war nicht vollkommen. « »Sich steigern zu können
lein von dem großen Vorbild, dem er selbst nacheiferte - ist Merkmal von etwas Unvollkommenen.«42 Wenn schon
weswegen er sein Magisterium stellvertretend im Namen des- das Wachstum auf Unvollkommenheit schließen läßt, so die
sen ausübte, der wirklich hätte lehren dürfen, wäre er, nach Minderung erst recht.
der Auferstehung, noch fähig und willens gewesen, in prae-
sentia zu wirken. Paulus war sein Mangel an persönlichem
Charisma schmerzlich bewußt, und er vergaß nie, daß seine Todesexamen: Weisheitslehre als Training
schmächtige Erscheinung auf Anwesende wenig Eindruck für das Theater der Grausamkeit
machte. Folgerichtig verlegte er seinen Autoritätsanspruch
in hysterisierte apostolische Sprechakte aus der Ferne. Solche Senecas Begriff von Weisheit als Vollkommenheitsziel ist bis
ließen sich in seinen Lehrbriefen, die man auf die Jahre zwi- in die letzten Fasern vom römischen Realitätsprinzip durch-
schen 48 und 60 nach Christus datiert, unwidersprochen un- drungen, das die Wirklichkeit des Wirklichen als Härte des
terbringen. Lebens versteht. Erziehung zur Wirklichkeit bedeutet daher

Auf analoge Weise hat Seneca die Position des Fortgeschrit- 4 2 Epistolae morales ad Lucilium, 66,9. Crescere posse imperfectae rei
tenen als literarisch fruchtbare Ausgangslage für eine philo- signum est.
II Übertreibungsverfahren 7 Vollendete und Unvollendete

stets die Vorbereitung auf eine Prüfung im Ertragen von stare ubi omnes iacent«.44 Das einzige Übel, das unter der
Grausamkeiten. Wird römische Macht als Kollaboration Folter droht, ist, daß sie das Organ des aufrechten Stands,
mit dem Fatum ausgeübt, kann römische Weisheit nur als den Geist, beugen könnte. Der vollkommene Weise aber ist
unbeugsamer Widerstand gegen die Macht des Schicksals be- die Unbeugbarkeit selbst: »Aufrecht steht er da unter jeder
wiesen werden - das betrifft insbesondere jene Art von beliebigen Last. Nichts macht ihn kleiner, nichts von dem,
Schicksal, die Menschen durch die Willkür anderer erleiden. was man tragen muß, mißfällt ihm . .. er weiß, daß er lebt, um
Keine andere Kultur hatte sich je so darauf verstanden, den eine Bürde zu tragen. «45
Schrecken zu theatralisieren und die Auslöschung von Leben Seneca bedarf wie Paulus um der Glaubwürdigkeit seiner
ins Zentrum öffentlicher Rituale zu stellen. An welchem an- Botschaft willen der soliden Verkörperung des Vollkomme-
deren Ort konnte man wie hier die Einheit von Entertain- nen in einem exemplarischen Individuum, obschon er nicht
ment und Massaker beobachten? wie der Apostel auf einen Meister der Beständigkeit verwei-
Wo man die Welt unter dem Bild eines Theaters der Grau- sen kann, dessen stabilitas über den Tod hinausreichte. Dar-
samkeit konzipiert, läßt sich der Weise nur als Schauspieler um begnügt sich der Autor mit der Beschwörung des Ideals,
auf einer solchen Bühne vorstellen. Auf ihr sind keine Simu- das auch dann für uns verbindlich bliebe, wenn es nie einen
lationen gestattet, da die Spiele realer als das Leben selbst in vollkommenen Weisen gegeben hätte. Die stoischen Siege
Szene treten. Pflegt dieses nur okkasionell grausam zu sein, so über den Tod nehmen die Teilhabe des Übenden an einem
erhebt die römische Arena die Grausamkeit zum Prinzip und alternativen Modus von Perfektion in Anspruch, sie zielen
zur Routine, bis hin zu den tatsächlichen Schlächtereien im auf ein nicht-christliches savoir mourir. Ihr Appell richtet
Sand und den wirklichen Foltern an der Rampe. Auf einer sich an ein summum bon um, das im entfalteten menschlichen
Weltbühne dieses Typs gibt es nur einen Unterschied, der Geist (mens) residiert. Solange sich dieser noch nicht bis zur
einen Unterschied macht - der zwischen den Stehenden, die völligen Selbstsicherheit durchgearbeitet hat, kennt er weiter
auch am Ende sich noch aufrecht halten, und den Fallenden, U ngewißheit und Flüchtigkeit (volutatio). Ist er vollkom-
die liegen bleiben. 43 Folglich kann Weisheit hier nur unter men, geht er in eine bleibende unbewegliche Festigkeit ein
dem Bild des Aufrechtstehens beschworen werden - wenn (immota stabilitas)46 - und stabilitas heißt im römischen
es je vor Hegel eine Substanz gab, die als Subjekt zu ent- Kontext, wie bemerkt, immer Folterfestigkeit beim Todes-
wickeln gewesen wäre, dann jene, die sich in der Figur des examen. Allein an diesem Kriterium ist der Unterschied zwi-
stoischen Stehers präsentierte. Darum sagt Seneca: Daß ein schen einem vollendeten Weisen (sapiens) und einem Fort-
Ungeprüfter seelenruhig vor sich hin lebe, ist nicht weiter geschrittenen (proficiens) festzumachen. Wenn sich Seneca
verwunderlich. Aber staunen darfst du, wenn »jemand dort zur Gruppe der letzteren rechnet, so ohne Zweifel, weil er
sich aufrichtet (extolli), wo alle sich niederhalten lassen (de- auf Jahrzehnte ernsthaften philosophischen Übens zurück-
primuntur), dort stehen bleibt, wo alle am Boden liegen: ibi blickte. Doch selbst nach so langer Zeit ist er genötigt zu
gestehen, daß er sich bisher nur selber einreden (suadere)

43 Vgl. Peter Sloterdijk, Sphären II, Globen, Makrosphärologie, 44 Epistolae moral es ad Lucilium, 7 1 ,25 .
~rankfurt am Main. 1999, S. 326-339.: Exkurs I: Später sterben 45 Ibid., 71 , 26. Seit se esse oneri ferendo.
Im Amphitheater. Uber den Aufschub, römisch. 46 Ibid., 7 1 , 27·
II Übertreibungsverfahren 7 Vollendete und Unvollendete 39 1

konnte, was das Beste für ihn wäre. Zu einer gänzlichen (profectus) aufweisen, obschon noch viel zum Höchsten fehlt
Überredung (persuasio) vermochte er es in all der Zeit nicht (multum desit a summo), und schließlich die dritte Art (ter-
zu bringen. Ja, selbst im Fall geglückter Selbstüberredung tium genus), deren Angehörige die vollendete Weisheit schon
wäre er, wie er wußte, immer noch nicht am Ziel, weil dieses in Griffweite (in ictu) haben - »sie sind noch nicht auf trok-
erst erreicht wäre, wenn die Weisheitslehre ihm gänzlich in kenem Boden, aber schon im Hafen« (nondum in sicco, iam in
Fleisch und Blut übergegangen und ihm in jeder Lebenslage, portu). Mit jedem Grad des Aufstiegs kommt der Übende
auch der widrigsten, verfügbar (parata) wäre. Es genügt dem summ um bonum näher, von dem es heißt, unser Begeh-
nicht, betont er, den Geist mit Weisheit zu tünchen (colorare), ren halte unweigerlich bei ihm inne, »weil über dem Höch-
er muß in ihr gleichsam gebeizt (macerare), von ihr durch- sten ... kein Platz mehr ist« (quia ultra summum non est
tränkt (inficere) und restlos von ihr verwandelt werden. locus).48 Je höher der Aufstieg zur Vollkommenheit, desto
Das Zeugnis Senecas gewährt nicht nur einen Einblick in stabiler die Verankerung in einer letzten Immunität.
die endorhetorischen Prozeduren der lateinischen Stoa. Es Die stoische Theologie greift in ihrer Lehre von den letz-
zeigt auch den Ansatz zu einer Stufenlehre mit der üblichen ten Lebenszielen Elemente der platonischen Geisttheorie auf,
Dreigliederung von Anfängern, Fortgeschrittenen und Voll- wonach der Mensch als Teilhaber an der noetischen Sphäre an
kommenen - wobei der Gipfel der letzten Stufe von Wolken deren Unzerstörbarkeit teilnimmt. Die Übungsarbeit bezieht
verhüllt ist. Wie üblich fällt auch hier das operativ Wesentli- sich allein auf die Aufgabe, aus einer trüben Teilhabe einen
che in die Mitte, denn nur in dieser kann sich die Arbeit an der klaren Mitbesitz zu machen und den Anteil des Korruptiblen
Einverleibung des Unwahrscheinlichen vollziehen. gegenüber dem Nicht-Korruptiblen zu minimieren. Die
Der Lehrer Seneca ist charmant genug, seine eigene Un- Chance des Menschen ist die Umwandlung einer labilen
vollkommenheit mit der seines Schülers zusammenzufassen. Methexis (Teilhabe) in eine stabile Hexis (Habe, Gewohn-
Daher die an sie beide gerichtete Ermahnung: »Mehr, als wir heit). Er soll an die höhere Sphäre nicht nur gelegentlich
schon bewältigt haben, ist noch übrig, doch hochwichtig für rühren, sondern sich fest und unumkehrbar in ihr heimisch
das Vorwärtskommen ist der Wille, vorwärts zu kommen.« machen. Wie das gelingen kann, wird durch den üblichen
Der Weg ist weit, weil, was wir gewinnen wollen, nicht Siege Perfektionszirkel erklärt: Wir könnten uns niemals vervoll-
in Perserkriegen sind, sondern Siege über die Mächte, die die kommnen, wenn wir nicht schon an der Vollkommenheit
größten Völker besiegt haben, die Habsucht, die Ambition, teilhätten; ja, wir könnten uns dem summum bonum nicht
die Todesfurcht. 47 einmal nähern wollen, wenn es als Zielbild nicht schon in
An anderer Stelle (insbesondere im 72. und im 75. Brief)
4 8 Epistolae morales ad Lucilium, 71, l l . Während die stoische Dok-
entwickelt Seneca die Umrisse einer fünfstufigen Pyramide, trin keine Vollkommenheit konzipieren kann, ohne diese als sta-
indem er bei den fortgeschritten Strebenden in der Mittel- tisch und sättigend zu denken, eröffnet die christliche Mystik die
zone (medii) noch einmal drei Gruppen und Stufen (gradus) Aussicht auf eine Perfektion ohne Erlöschen des Begehrens. So
unterscheidet: diejenigen, die wie Rekonvaleszenten auf die statuiert Kar! Rahner in seinem Resümee von Gregor von Nyssas
Aufstiegsmystik: » Nur das ist ein wirkliches Sehen Gottes, das der
Beine kommen, diejenigen, die schon größeren Fortschritt
Sehnsucht keine endgültige Sättigung bietet. « Vgl. Marcel Viller/
Karl Rahner, Aszese und Mystik in der Väterzeit. Ein Abriß der
47 Ibid., 7 1 , 37· frühchristlichen Spiritualität, Freiburg/BasellWien 1989, S. 144.
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uns wäre, obgleich nur getrübt und gebrochen. Es ist der Sinn Leiter annimmt - wobei insbesondere bei den indischen
aller Übung, die Brechung zu brechen, die Trübung aufzu- Übungsformen immer auch die Fortschritte im Feld der sub-
klären und die vom Schicksal verhängte Abweichung des tilen Physiologie in Rechnung gestellt werden müssen. Doch
Vollkommenen ins Unvollkommene zu korrigieren. gleichgültig, ob man auf östliche oder westliche Systeme
blickt, überall ist evident, daß der Akt des Rückzugs als sol-
cher nur den ersten Beginn einer Laufbahn bezeichnet. Die
Vita apriori wirklichen Schwierigkeiten des Daseins am Ufer der Beob-
achtung enthüllen sich in der Ausarbeitung der curricularen
Der Weise ist also kein Künstler, dem Neues vorschwebt, Stufen. Diese sorgen für die Einteilung des übenden Daseins
sondern ein Restaurator auf der Suche nach dem Originalzu- in sinnvoll erlebbare Sequenzen und für die Gliederung der
stand. Seine Leidenschaft gilt der Wiederherstellung eines Annäherung an das hohe Ziel in mit der Selbsterfahrung des
verdeckten Urbildes. Ob die Restauration gelingt, steht auf Aspiranten kongruente Teilstrecken. Was im gelebten Leben
einem anderen Blatt, da den westlichen Praktikanten der cura (und in den biomimetischen Sportereignissen, den Turnieren
sui nur ein Bruchteil der den Orientalen bekannten Mittel zur und den großen Radrennen) die Zwischenrunden und Tages-
Verfügung steht - sie müssen ihr Heil hauptsächlich in der etappen sind, entspricht in der Vita den Kapiteln.
durch zahllose Wiederholungen gesicherten Automatisie- Sobald das Motiv des Seins-zur-Vollendung die Existenz
rung suchen, durch die der unwahrscheinliche Habitus der ergreift, bewirkt es die Projektion des vertikalen Leiter-Sche-
Seelenruhe ins Körpergedächtnis eingeprägt werden soll: Ob mas auf die Zeitachse. Deswegen kann sich der Aufstieg als
dies den Ansprüchen einer ars moriendi, die diesen Namen Fortgang, die Bewegung auf der scala als Lebenslauf begrei-
verdiente, genügt, bleibt ungewiß - in extremis kommt doch fen. Das Sein-zur-Vollendung wird so zum machtvollsten
vor allem die psychophysische Konstitution zum Tragen, und »Biographiegeneraror« - um einen terminus technicus der
nur mitwirkend greift die ein Leben lang geprobte Gewohn- jüngeren Literaturwissenschaft aufzugreifen. 49 Er bewirkt
heit ein, die Todesfurcht zu unterdrücken und den Phantasien curriculare Effekte nicht bloß in dem Sinn, daß aus asketi-
nicht zu erlauben, die Dinge noch schlimmer zu machen, als schen Projekten tatsächlich hin und wieder im Rückblick
sie sind. erzählenswürdig scheinende Viten hervorgehen. Vielmehr
Schon die einfachen Drei-Stufen-Schemata geben zu er- bezieht sich die generative Energie der perfektionsgetriebe-
kennen, wie die Lebensläufe der Übenden in Aufstiegspläne nen Lebensprojekte schon auf die kommenden Lebensläufe,
integriert sind. Die rezessiv ausgegrenzte Subjektivität kann als seien diese im voraus erzählt. Der Übende bräuchte dem-
an den gewöhnlichen Lebensläufen der Weltkinder nicht nach nur noch seinen Eigennamen bzw. seinen geistlichen
mehr ohne weiteres teilnehmen und ist daher auf curriculare Namen und die lokalen Besonderheiten seines Übungs lebens
Sonderwege angewiesen. Da die Schicksale des äußeren Men- in das biographische Formular einzusetzen. Die Schematie-
schen vergleichgültigt werden sollen, indessen die innere Ent- rung des Daseins in den Stufensystemen der Übungswege
wicklung alle Aufmerksamkeit fordert, verwundert es nicht,
wenn das übende In-der-Welt-Sein durchwegs die Form eines 49 VgJ. Selbstthematisierung und Selbstzeugnis: Bekenntnis und Ge-
Aufstiegs auf einer spirituellen bzw. anthropotechnischen ständnis, a. a. 0., S. I2f.

......
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reicht so weit, daß der Einzelne seiner Geschichte allein ein für alle Mal aus den Naturgeschichten und Volksgeschich-
durch das Geständnis seines Scheiterns oder durch die Aus- ten heraus und plaziert sie unter den Stern der Vollendung.
malung seines Versagens vor den Anforderungen der Askese Dieser mochte in einigen spirituellen Gemeinschaften auch
eine individuelle Note verleihen könnte. Im übrigen wirkt als der Stern der Erlösung bezeichnet werden - es ist derselbe
der »Weg«, den er betreten hat, wie eine Vita apriori. Sie Himmelskörper, und die Annäherung an ihn gehorcht dem-
muß nur noch real gelebt werden, um ihren faktischen Inhalt selbem Gesetz des Daseins in der Vertikalen. Auf einen Stern
mit dem Schema abzustimmen. zugehen - nur dieses! - ist also das Grundwort der Existenz
in der Vollendungszeit. Heidegger allerdings - dem die ge-
Unnötig zu sagen, daß das Übergewicht des Schemas über das nannte Wendung zu verdanken ist - hatte in seinem Früh-
gelebte Leben keineswegs ein Spezifikum der spirituellen werk den Stern hinter einer undurchdringlich scheinenden
Biographien darstellt, es tritt in den Lebensläufen der übrigen Wolkendecke verborgen und das indirekte Zugehen auf ihn
»Stände« ebenso regelmäßig auf. Seit Menschengedenken unter der pseudo-fatalistischen Formel des »Seins-zum-To-
wurde in ständisch geschichteten Gesellschaften die Erfül- de« camoufliert. In Wahrheit hatte schon der jüngere Heideg-
lung des Typus zugleich als Erfüllung des Einzelnen ver- ger den noblen Tod, der dem Einzelnen als Vollendungstod
standen. Erst wo neue Schicksalsgeneratoren wie erhöhte ver- begegnet, nicht ganz aus den Augen verloren, und das einzige
tikale Mobilität, ausdifferenzierte Bildungswege, soziale wesentliche Zugeständnis an die Sinnzusammenbrüche der
Unruhen und epidemischer Neurotizismus (mit seiner Ne- Moderne, das er im Schatten des Weltkriegs zu machen bereit
benwirkung: dem Zwang zur kompensatorischen Selbsterfin- war, bestand darin, daß er die undurchdringliche Faktizität
dung) auf der Seite der gelebten Leben für stärkere Variation des Endes ebenso betont hervorkehrte wie die des Anfangs:
sorgen, können die erzählten Leben vom Schematismus der Wo Geworfene sind, da sind auch Gefallene. Folglich sprach
Voraus-Biographien zunehmend abweichen. Der Akzent- er dem verfrühten und veräußerlichten Tod einen gewissen
wandel zeigt sich im Ausgang des europäischen Mittelalters Vollendungssinn zu, so daß an jedem Tod implicite ein Ele-
durch die Emanzipation der Novelle von der Legende. Es war ment von vollendeter Unvollendung oder unvollendeter
vor allem der moderne Roman, der zwischen dem 17. und Vollendung sichtbar wurde. 50
dem 20. Jahrhundert die Ansprüche der Einzelnen auf nicht-
schematische Biographien artikulierte - nicht ohne seinerseits Den älteren Traditionen gemäß vollzog sich das Zugehen auf
Schemata für abweichende Lebensgeschichten zu erzeugen, den Stern der Vollendung (oder der Aufstieg zur Höhe der
die dann erneute Distinktionen provozierten. Vollkommenheit - ad celsitudinem perfectionis51 ) unter ei-
Wo Individuen sich dem Ruf des Seins-zur-Vollendung nem Protokoll, für welches die vielfältigen Ordensregeln
unterwerfen, konkretisiert sich der absolute Imperativ: »Du und Exerzitienbücher der christlichen Hemisphäre ebenso
mußt dein Leben ändern!« zum asketischen bzw. zum per-
fektionistischen Imperativ: »Verhalte dich jederzeit so, daß 50 Das bislang letz te Exempel für eine Existenz unter dem Stern der
Vollendung liefert die Autobiographie Jean-Paul Sartres, Les mots,
die Nacherzählung deines Werdegangs als Schema einer ver-
1964: In ihr wird die Flucht des jungen Sartre in die Künstlervita
allgemeinerbaren Vollendungsgeschichte dienen könnte!« apriori als eine neurotische Fabrikation dekonstrui ert.
Dieser Ruf zum exemplarischen Leben hebt seine Adressaten 5I Regula Benedicti 73, 2.
II Übertreibungsverfahren 7 Vollendete und Unvollendete 397
zeugen wie die unüberblickbar variantenreichen spirituellen an einem Beispiel aus der Frühzeit des westlichen Mönchswe-
Curricula der indischen Welt, gleich ob diese zu den yogi- sens erläutern. Benedikt von Nursia hat in dem entscheiden-
schen, den tantrischen oder den vedantischen Schulen zu den 7. Kapitel seiner Regula, das Von der Demut handelt,
rechnen sind. In beiden Universen nimmt das übende Leben einen 12stufigen Entselbstungskurs vorgezeichnet, den er als
per se die Form einer Großen Erzählung an. Hier wie dort klösterliche Analogie zu der Jakob im Traum erschienenen
geht es immer nur um das Eine - die Assimilation des ab- Leiter präsentiert. Die Demutsübung wird als eine paradoxe
gespaltenen Einzelnen an das Absolute. Treppe beschrieben, auf welcher der Mönch aufsteigt in dem
Maße, wie er sich selbst - vielmehr den natürlichen Menschen
in sich - herabzusetzen lernt. Während auf Jakobs Leiter auf-
Benedikts Leiter der Demut steigende wie absteigende Engel zu sehen sind, der Verschie-
denheit der angelischen Funktionen gemäß, setzt Benedikt
Solche Verähnlichungen vollziehen sich in zwei Arten von mit erheblicher Willkür die absteigenden Engel den hochmü-
asymptotischen Bewegungen - einerseits auf der via perfec- tigen Seelen gleich - von denen dann der ältesten spirituellen
tionis durch die ständige Steigerung der Kräfte, die uns dem Suggestion folgend behauptet werden kann, die Bewegung
summum bonum oder der letzten Lebensrnonade bzw. der hinunter sei die gerechte Strafe für die Superbia - kein Gedan-
Leere ähnlich machen, andererseits auf der via humilitatis, ke mehr daran, daß absteigende Engel selbstlose Boten im
bei welcher der Adept sich seiner selbst entledigt, in der An- Außendienst sein könnten. Die einzige wahre Vertikalität ist
nahme, an der Stelle des alten Ich werde früher oder später hingegen diejenige, die den Übenden durch Selbsterniedri-
das absolute Selbst oder Nichts Platz nehmen. Die erste Be- gung aufsteigen läßt (humilitate ascendere).52
wegung übersetzt sich in einen Leistungsroman mit ausge-
prägt vorwärtsstrebender Finalität - Elemente hiervon habe Auf der ersten Stufe wird - in Furcht und Zittern - der Pakt
ich oben in den beiden großen Sterbeszenen Alteuropas, beim mit dem jenseitigen Beobachter geschlossenen und der Vor-
Tod des Sokrates und der Kreuzigung Christi in der johan- satz zum Ablassen vom Eigenwillen entschieden gefaßt. Auf
neischen Redaktion, nachzuweisen versucht; die zweite muß der zweiten wird mit der Absage an den eigenen Willen (pro-
hingegen, gewissermaßen rückwärts gehend, als die Ge- pria voluntas) ernst gemacht. Auf der dritten wird die innere
schichte einer progressiven Selbst-Evakuierung erzählt wer- Unterwerfung des Adepten unter den Oberen ganz und gar
den. Während nach dem ersten Formular der unter der Maske vollzogen - einer ersten Rate der i