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ANTJE - SOPHIA LACHENMAYR

Fehldiagnose Menschenrechte:

oder
in den Fängen einer unsichtbaren Mafia

BIOGRAPHISCHE BETRACHTUNGEN
IM DIALOG MIT STEFAN ZWEIG
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Inhaltsverzeichnis

(Seite)

(1) Cover
(2) Titel
(3) Inhaltsverzeichnis
(6) Teil 3 - der vierteiligen Biographie
(6) Kurze Inhaltsangabe des zweiten Teiles
(7) Widmung
(8) Vorwort
(9) Kapitel 1 - Einführung
(10) Kapitel 2 - Entlassung ins NICHTS und Versuch eines Neubeginns
(13) Kapitel 3 - Aufklärung kantige Kant (en) und Sigmund Freud
(18) Kapitel 4 - Abitur – Studium – Christengemeinschaft – Hochschule für Waldorfpädagogik
(24) Kapitel 5 - Polizeiliche Verfolgungsfahrt
(37) Kapitel 6 - Erziehung zur Menschlichkeit – Praktikum bei Schwerstbehinderten
(46) Kapitel 7 - Die Arbeit mit der Sprache und Verzicht auf Griechenland
(52) Kapitel 8 - Abgründe und Abwege der Repräsentanten der Anthroposophie – auch eine
Einführung
(59) Kapitel 9 - Sonnenfinsternis, Heiratspläne und erste eigene Anschaffungen
(68) Kapitel 10 - Gerhard der Schriftsteller und meine wunderbaren unterschiedlichen Trabanten
(80) Kapitel 11 - Beginn der Höllenfahrt - Muskelbiopsie und Verschleierung
(86) Kapitel 12 - Schwerer Entzug über Monate – Erörterung der Selbsttötung – das
Wahrheitskind
(103) Kapitel 13 - „Was ist gegen den Tod einzuwenden? Wovor haben wir so schreckliche
Angst?“
(107) Kapitel 14 - Ein anderes Ende mit Michael Ende: Heiliges kann nur durch Heiliges erkannt
werden
(117) Kapitel 15 - Für meinen besten Freund in schwerster Zeit - oder Zwerg Nase der Räuber
(122) Kapitel 16 - Mit wehenden Fahnen in die Freiheit – Mallorca – Fahnen auf Halbmast
(128) Kapitel 17 - Autounfall mit 180 Grad – Rückkehr zum Täter – Über die Schuld
(143) Kapitel 18 - Gegenwind – Schwierige Charaktere und allerschlimmste Höllennacht
(154) Kapitel 19 - Weihnachten oder noch einmal ausatmen und Luftholen
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(157) Kapitel 20 - Vorahnungen – Mathematikerin auf Reisen – analytisches Denken und


Überforderungen
(163) Kapitel 21 - Freitod eines guten Freundes – noch mehr Gegenwind – Savant und
Glanzschüler
(174) Kapitel 22 - Familienaufstellung, Portraitieren, Prozessvorbereitung und Fallenlassen
(183) Kapitel 23 - Nachhilfevater - Polizeiverhöre – Wesensbegegnung mit einem Verstorbenen
(195) Kapitel 24 - Kündigung – Krisen über Krisen – Physiker am Bärenschlößle - Michaelinacht
(201) Kapitel 25 - Beginn des Schreibens – Aufbruch in die Türkei – Katzenerlebnis - Einweisung
(210) Kapitel 26 - Zwei Klinikaufenthalte – Oberbürgermeister und Reise an die Ostsee zu einem
Arzt
(220) Kapitel 27 - Stigmatisierung – Fehldiagnosen – der ausgegrenzte, unrentable Versager
vollbringt Wunder
(230) Kapitel 28 - „Sammler sind glückliche Menschen“ und polizeiliche Ortung
(236) Kapitel 29 - Glückssträhne für ganze vier Jahre – neue Wohnung, Garten, Tiere und
Pädagogik
(254) Kapitel 30 - Schleudertrauma, Beginn der Schluckstörung, Hubschrauber im Wald und
Einweisung
(271) Kapitel 31 - Am 9. Mai erster Gerichtstermin und ein Anwalt, der Tavor braucht.
Wohnungssuche
(276) Kapitel 32 - Umzug in die dämonische Ära – Klinikaufenthalt wegen Schluckstörung -
Irrwege
(284) Kapitel 33 - Entlassung – Reise nach Prag – Ansbach – Türkei und die Einlösung zweier
Versprechen
(293) Kapitel 34 - Strahlendes Licht - Schaffensperiode mit großen Erfolgen – neben Finsternis und
Tod
(308) Kapitel 35 - Prophetische Geburtstage und der Beginn des Untergangs: Kieferorthopäde
(316) Kapitel 36 - Die Welt ein letztes Mal umarmen - Reisen und übernachten in der Sauna –
Heilhelfer?
(323) Kapitel 37 - Kiefergelenksdurchspülung und Hysterie auf der Intensivstation - Abschied
(329) Kapitel 38 - Erste Flucht – Gartenhaus Berlin, Beginn Alkohol – Türkei und Intensivstation
(341) Kapitel 39 - Davids Terror – Flucht in den Alkohol und Verständnis für Ausgegrenzte –
Zweiter Prozess
(353) Kapitel 40 - Betrügerischer Gerichtstermin über drei Stunden, zeitgleich mit dem Taifun auf
den Philippinen
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(366) Kapitel 41 - Weiter im Lügengestrüpp und ein weiteres Verbrechen am Seelenleben


(372) Kapitel 42 - Fehlendes Denken, fehlende Analysen - Absicht - Vorsatz und Verbrechen
(378) Kapitel 43 - Eines Tages schwimmt die Wahrheit doch nach oben. Als Wasserleiche
(399) Kapitel 44 - Außergewöhnlicher Ausnahmefall und „Lebenssicherung“ – Farce – Lüge und
Betrug
(407) Lebensweg von Antje-Sophia Lachenmayr
(408) Quellenangaben
(413) Impressum
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Teil III - der vierteiligen Biographie

Biographische Betrachtungen meines Lebens mit medizinischen und gesellschaftlichen Grenzerfahrungen,


zwanghaften Beschneidungen der Menschenwürde und Menschenrechte, auf Unversehrtheit von Körper
Geist und Seele, mit der offenen Frage, ob wir in einem Rechtsstaat leben.

Kurze Inhaltsangabe des dritten Teiles

Im dritten Teil der biographischen Betrachtungen wird in differenzierter Weise auch der Blick auf das
verschwiegene Thema der Selbsttötung geworfen, um die Hintergründe und möglichen Folgen zu erörtern
in Anlehnung an eine Legende von Michael Ende über die Wahrheitsfindung. Denn gerade diejenigen, die
glauben, die Wahrheit gefunden zu haben, um über andere Menschen zu richten, ohne die möglichen
Ursachen näher zu kennen und zu beleuchten, können von der Scheinwahrheit geblendet, dem verkleideten
Greif in der Gestalt des Erzengels in Unkenntnis, im Nichterkennen anheim fallen, während ihn die
vermeintlich sündigen Unwissenden zu entlarven wissen: „Heiliges kann nur von Heiligem erkannt
werden“. Doch was geschieht, wenn Unheiliges angeblich Heiliges doch sehen und erkennen kann?
Im Weiteren beschreibt Sophia ihre turbulenten und spannenden jungen Erwachsenenjahre bis zu ihrer
„Kreuzigung“ und Einkerkerung im Wirkungsbereich der unsichtbaren Mafia.
Wie gestaltet sich ihr Prozess gegen die Machenschaften des an ihr begangenen “Verbrechens auf
höchstem Niveau“ über drei Stunden, den es noch vor keinem deutschen Gericht gab, als zur selben Zeit
auf den Philippinen der Taifun wütet? Kann er als eine Antwort der Natur auf dieses infame Schauspiel
gelten?
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Widmung

„Meine Seele ist zu Tode betrübt, bleibt hier und wacht mit mir“ bat Jesus seine drei Jünger Johannes,
Jakobus und Petrus, denn er weiß um seinen anstehenden schmerzhaften Tod.
„Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch dein Wille geschehe.“
Jesus geht drei Mal zu seinen Jüngern und findet sie jedes Mal schlafend. Es gelingt ihnen nicht einmal im
Angesicht des Todes und in der größten inneren und äußeren Not ihres Herrn, im Monat April, wachend
mit ihm zu beten, um seine Angst vor dem Sterben gemeinsam zu ertragen. –
Manchmal erkennen wir erst im Nachhinein, mit einer anderen, erweiterten Lebensübersicht die
weisheitsvolle Führung und Fügung, dass auch und gerade in den Schmerzen und Qualen, die uns
Menschen zufügen, obgleich sie uns bis an die Grenze des Todes damit führen, sich ein geheimer Sinn
verborgen hält. Eine tiefere Weisheit, die sich wie das schmerzhafte Sandkorn in der Muschel verbirgt, um
zur Perle zu reifen.
Ich danke meiner größten menschlichen Herausforderung, welche nicht nur jegliche Verantwortung abgab
im Bewusstsein und Wissen darum, dass an mir ein „Mord auf Raten“ vollzogen wurde, sondern auch den
Judas Verrat an mir beging, mich verleugnete, um mich mit unterlassener Hilfeleistung Jahre später
abermals in die Schlinge des Todes zu führen, - ich danke meiner ehemaligen Hausärztin für die
schmerzhaften Erfahrungen, die wichtige Erkenntnisprozesse in mir einleiteten.
Mit ihnen und durch sie konnte dieses umfassende Werk entstehen. –
„Leiden und Schmerz sind immer die Voraussetzung umfassender Erkenntnis und eines tiefen Herzens.
Mir scheint, wahrhaft große Menschen müssen auf Erden eine große Trauer empfinden“ sagt Dostojewski.

Ich danke meinem Schöpfer und meiner inneren Kraft und Stärke, dass ich, trotz großer
Vernichtungsimpulse noch so lange am Leben bleiben konnte, um meine Aufgaben zu Ende zu führen und
dadurch Einsicht gewinnen durfte in die möglichen Hintergründe dieses, meines „gewaltigen Schicksals“.
Denn die menschlichen Zerstörungen an mir waren ebenso gewaltig und mein Überleben dito
unbegreiflich wie mein Potential, dem Untergang noch großartige Früchte entringen zu dürfen.

Während der Freundeskreis und die Familie in meiner tiefsten Not und im Angesicht des Todes aus
meinem Lebensgarten entschwand - oder in Schlaf versank, standen mir meine beiden April- Geborenen
Freunde, Siglinde und Daniel bis zuletzt bei. Auch Dr. Reiner im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Sie wachten und beteten zeitweise mit mir. Meine Werke entstanden ohne menschliche Hilfe, wie ich auch
meine Flucht mit 40 Jahren in die „Wüste“ der Ungewissheit und Unsicherheit alleine bewältigen musste.
In tiefer Dankbarkeit für das Dasein und die Hilfe meiner wahren Freunde widme ich ihnen dieses Werk.
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Vorwort

von Dr. med. Johannes Reiner

Dieses Buch schenkt uns ein außergewöhnlicher Mensch. Durch einen außergewöhnlichen Lebensweg und
durch außergewöhnliche Schicksalskonstellationen hat Frau Lachenmayr außergewöhnliche menschliche
Begegnungen, außergewöhnliche innerliche Erlebnisse und die außergewöhnliche Gabe zum Erfassen
geistiger Zusammenhänge.

Die Fähigkeit, geistige Zusammenhänge zu erfassen und geistige Erfahrungen zu machen, ist verbunden
mit ihren Schwierigkeiten im irdischen Leben. Wir erfahren, wie die leibliche und seelische Existenz der
Autorin immer wieder bedroht und gefährdet war, ihre leibliche Existenz unter anderem dadurch, dass sie
extreme Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme hat, auch aufgrund einer Muskelerkrankung, die
ebenso den Schluckakt betrifft.

Aber nicht nur dadurch ist ihre leibliche irdische Existenz bedroht. Durch die Kräfte der Vernichtung und
Verneinung, die in der Welt vorhanden sind, wird sie immer wieder angegriffen, ihr Leben ist immer
wieder und auch dauerhaft in Gefahr, davon zeugt dieses Buch.

So bedroht, gefährdet und fragil ihre irdische Existenz ist, so sicher und offen ist ihre geistige Existenz.
Durch die Gabe der Sprache eröffnet die Autorin uns Zusammenhänge und Verbindungen erschütternder
Art. Die Dunkelheit ihrer irdischen Existenz und die Lichtqualität ihrer geistigen Fähigkeiten stehen immer
wieder im Kampf, dessen Ausgang ungewiss ist.

Dieses Buch, das eine Lebensgeschichte mit Leidens- und Geisteserfahrungen darstellt, ein Dokument, das
zum einen die dunklen Seiten ihrer und unserer irdischen Existenz beschreibt, zum anderen durch die
Beleuchtung geistiger Zusammenhänge Hoffnung, Zuversicht und Sicherheit gibt, dass trotz der
Bedrohtheit unserer leiblichen und geistigen Existenz eine Schicksalsführung vorhanden ist, die sie und
uns zu Menschenbegegnungen führt, die uns aufrichten, halten und heben, heben im Hegelschen Sinne:
bewahren, aufrichten und auferstehen lassen.

Dieser erschütternde Lebensbericht beinhaltet den Kampf der Mächte der Dunkelheit gegen die Träger des
Lichtes, der Finsternis gegen die Hoffnung und Liebe, ein Kampf, in dem wir alle stehen, der aber Frau
Lachenmayr in außergewöhnlicher Weise erfasst.

Trage die Sonne auf die Erde


Du Mensch,
bist zwischen Licht und Finsternis gestellt.
Sei ein Kämpfer des Lichts,
Liebe die Erde,
In einen leuchtenden Edelstein.
Verwandle die Pflanzen!
Verwandle die Tiere!
Verwandle Dich selbst!

Altpersischer Spruch

Im Februar 2016 Dr. med. Johannes Reiner


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Kapitel: Metamorphose Schmetterling

Nur der Denkende erlebt sein Leben, an Gedankenlosen zieht es vorbei

Marie von Ebner-Eschenbach

Die Seele ist der göttliche Schmetterling, das war mir bewusst und er war gefangen in einem
engmaschigen Netz spinnendünner, vielfältiger Beobachtungen. Und doch vermochte meine Seele nicht zu
fliegen, den Körper nicht zu bezwingen, oder sich mit ihm freundschaftlich zu vereinen. Sie konnte nicht
einmal frei atmen, immer blieb schwer und mit harter, undurchdringbarer Schale der Körper um sie
gehängt und immer wieder zerrte er sie nieder in das gnadenlose Gesetz der Gravitation, in das platonische
Reich.
Und wie Turgenjew in einem Brief an Tolstoi schreibt: „Ich wünsche Ihnen mehr geistige Freiheit“, so
fühlte ich die Weite meiner Freiheit des Geistes, welche jedoch in unsichtbaren Fesseln der Körperlichkeit
gefangen war. Herbststimmung in meiner Seele, so fühlte ich sie oftmals und den bitteren Duft von
Welken, Vergängnis und Verhängnis drängte von fahlen Wäldern in mein Gemüt und dieses gleichmütige
Licht war anders, als das Licht des Frühlings, das seelisch immer begleitet war von leidenschaftlicher
Hoffnung und baldigem Aufbruch, den des inneren Frühlings, den ich auch immer wieder erleben und
erfahren durfte. Zumeist aus eigener Kraft geschaffen.
Aus diesem Nihilismus, wie ihn Turgenjew als festen Begriff einer vollkommenen Lebensverneinung
prägte und wie ihn Tolstoi ein halbes Leben praktizierend empfand und fühlte, erwachte in ihm durch
einen Blick in das Nichts die Sehnsucht nach einer Entkettung der Schwere des Daseins, nach einer Kunst,
„die in den Menschen höhere und bessere Gefühle erweckt“. Er vermochte es nicht, das Leben sorglos und
von tieferem Sinn durchdrungen zu betrachten. Das wirkliche, reale Leben konnte er nicht anders als
tragisch zu sehen und so blieb ihm nur der eine Weg, „das Leben selbst zu ändern“, und den Menschen
„Tröstung zu geben und ein sittliches Ideal“.

Ein solches Ideal fühlte ich in mir als eine höhere Führung und Fügung. Ich wollte ihm meine ganze
seelische und körperliche Kraft, meine Bewusstseinskräfte, meine Liebe und all meine Empfindungen zur
Verfügung stellen, trotz der lastenden Schwere und Verdüsterung meiner Kindheit und Jugend, trotz aller
reichhaltigen Schicksalsschläge der vergangenen Jahre, die natürlich Spuren schwerer Traumata in meiner
Seele zurückgelassen haben.
Was jedoch im Jahr 2008 mich zu brechen drohte, das schien eine andere Qualität angenommen zu haben
und meine Seele lief Gefahr, von dieser Finsternis gänzlich verschlungen zu werden.
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Kapitel: Entlassung ins NICHTS und Versuch eines Neubeginn

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemüt, die Pfeil' und Schleudern des
wütenden Geschicks erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, im Widerstand zu
enden.
William Shakespeare

Der 1. September 2010 nahte und damit meine Entlassung. Noch vor Tagen hatte mich meine
Musiktherapeutin gebeten, aufgrund meiner hohen Begabung nicht nur im Zeichnen von Gesichtern,
sondern auch in der Malerei, eine Eiche zu malen und dies absolvierte ich mit allerletzten Kräften, an
einem Sonntagvormittag, als ich alleine im Zimmer war.
Diese Eiche geht wohl in die Geschichte meines Klinikaufenthaltes ein. Meine Musiktherapeutin war am
folgenden Tag davon so begeistert und fasziniert, dass sie mir anbot, für mich bei einer Ausstellung von
Bildern einen Termin zu vereinbaren, bei der ich all meine Bilder präsentieren konnte, um
möglicherweise damit bekannter zu werden. Sie bot mir dafür einen Termin an, an dem sie mit mir zu
dieser Ausstellung radeln wollte und alles war vorbereitet für die Präsentation, sowohl meine Portraits, als
auch die farbigen Bilder. Doch ich lehnte im letzten Moment ab. Ich fühlte mich dazu nicht in der Lage
und da sich einige Patienten um das Kunstwerk meiner Eiche stritten, schenkte ich sie schließlich einer
meiner Lieblingsmitpatientinnen Siegrid, die dafür ihr, über ein ganzes Jahr gesammeltes Repertoire an
Süßigkeiten, Zigaretten und Geschenken, also nahezu den gesamten Inhalt ihres Schrankes zu opfern
bereit war, ohne dass ich es wollte, aber annehmen musste.
Soviel zu meiner künstlerischen Begabung am letzten Tage meines 2 1/2 jährigen stationären
Klinikaufenthaltes. -
Am 1. September, einem Mittwoch, war strahlender Sonnenschein und ich erinnerte mich, dass genau an
diesem Tag vor 71 Jahren der zweite Weltkrieg ausgebrochen war, ein denkwürdiger Tag, an dem ich
ausschließlich durch meine Mitpatienten in unseren Klinikgarten einen tragenden und unvergessenen
Abschied erhalten sollte, aber nicht durch das leitende Pflegepersonal und ihrer Ärzte, außer meiner
Psychologin. Möglicherweise war ich auch so verunsichert durch die Stürme der letzten Tage, dass ich
mich im Grunde nur im Garten bei Mitpatienten aufhielt, mich versteckend, um heimlich und leise den
Klinikalltag für immer zu verlassen. -
Einen Abend zuvor hatte mich meine Musiktherapeutin eingeladen, mit ihr in die nahestehende Kirche zu
einer abendlichen Taizé – Andacht zu gehen, unseren Abschied zu feiern. Jeden Dienstag fand dort ein
Gottesdienst mit Taizé Liedern statt und ich wohnte mit David seit geraumer Zeit diesen Stunden bei. An
diesem letzten Dienstag, dem 31. August 2010, saß ich mit meiner Musiktherapeutin, die ich stolz mit
meinem eigenen Auto dorthin genommen hatte, auf den harten Holzbänken in der großen, gotischen
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Kathedrale, Taizé Lieder singend, in dem wir uns in den ganzen 1 1/2 Stunden an den Händen hielten,
während uns beiden die Tränen des Schmerzes des anstehenden Abschiedes über die Wangen liefen im
Wissen darum, dass uns dieses Erlebnis auf Ewigkeit verbinden würde.
Noch konnte ich nicht ahnen, dass ich am folgenden Tag nahezu einsam und verlassen und ohne
Abschied von Pflegern und Ärzten nach über 4 Monaten die psychosomatische Station B1B verlassen
würde. –

Gegen 16:00 Uhr am 1.9. fuhr ich mit meinem Auto, vollgestopft bis in den letzten Winkel, in die
Richtung meiner Freiheit und inneren Autonomie, zunächst zu David, - vor mir Markus, im eigenen Auto,
den Weg weisend.
Wir holten David ab und gingen zum letzten Mal gemeinsam essen, indem wir bei Kentucky Fried
Chicken einen Eimer von mindestens 20 Chickenwings gemeinsam verschlangen.
David strebte einen Umzug nach Stuttgart an und musste diesbezüglich, aufgrund einiger Erledigungen
bei Ämtern, noch einige Tage länger in München bleiben. Und so fuhr ich gegen 18:30 in meine neue
Freiheit, in mein neues, eigenständiges Leben von München nach Stuttgart. Und nur der Himmel zeigte
mir die Dramatik jener neuen Eigenständigkeit und ich habe sie nicht nur innerlich, sondern auch
äußerlich fotographisch für immer festgehalten:
Ein einzigartiges Abendrot, mit Wolkenformationen, die ich bislang in dieser Weise und Ausprägung
noch niemals angetroffen habe: Der Himmel war den ganzen Tag vielgestaltig gewesen mit grauem und
weißem Gewölk. Jetzt, gegen Abend, brach die Sonne noch einmal durch, weiße Strahlen über die grauen
Wolken werfend. Plötzlich gewahrte ich, dass das Licht über der Landschaft sich verändert hatte. Ich
schaute zur Sonne im Westen: Feuer! Nicht den blendenden Sonnenball sah ich, sondern sein Licht hatte
sich in glühenden Himmel verwandelt, über den ganzen westlichen Horizont verbreitet. Im Kontrast dazu
lagerten schwarz- graue Wolkenmassen wie Ungeheuer vor dem gleißenden Licht. Wie Ränder dieser
Wolkenungeheuer glühten weiß vor dem goldgelb des Himmels. Lange beobachtete ich diese glühende
Welt während der Fahrt, sie verwandelte sich vom gelb ins rotbraun und lag flacher und flacher
vergehend über dem Horizont. Als ich über die Landschaft blickte, erschien sie mir wie ein unwirklich
gemaltes Bild.
Ich fuhr an meiner Heimatstadt Augsburg vorbei und versuchte die trüben Abschiedsgedanken durch
meine blühenden, der Schönheit zugewandten Kindheitserinnerungen zu ersetzen. Meinem
Sonnengesang, wie ich ihn jeden Tag im Wald zu singen gewohnt war, die Natur, die Tiere, die
Schöpfung Gottes preisend. –

Endlich angekommen nach über zweistündiger Fahrt in meinem kleinen „castle“, das mich, zum ersten
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Mal seit fast drei Jahren „Auto-nomlos“ durch die Weltgeschichte trug, saß ich noch lange in der
Dunkelheit, die in mir zu jener Zeit noch umfassende, zusätzliche Ängste hervorrief und lauschte in die
Stille, lauschte in meine mögliche Zukunft und musste mich wiederum fragen, was sie für mich
bereithalten würde.
Ich hatte das neuzeitliche KZ überlebt. Die Bilanz, das Resultat der letzten Höllenjahre war erschütternd
und vollkommen demotivierend: Ich wurde zerstört an Leib und Seele und kein Arzt, kein Helfer und
Heiler, nicht einmal meine „unbeschreibliche innere Kraft und Stärke“, von der immer wieder gesprochen
wurde, hatten eine Besserung eingeleitet. Jene Kraft und Stärke, die, laut meinem Bruder in der Lage war,
die Welt aus den Angeln zu heben, wie er es in einem großen Freundeskreis kundtat: „Ihr kennt die
seelischen und geistigen Kräfte meiner Schwester nicht. Wenn ihr die Fesseln gelöst werden, hebt sie die
in positiver Ausrichtung die ganze Welt aus den Angeln und es ist niemand mehr sicher vor ihr und
immer wieder wurde von meinen „hohen Begabungen und meinem Potential“ gesprochen, - diese innere
Kraft war nicht in der Lage, mich wieder selber, wie der Phönix aus der Asche zu heben.

Noch konnte ich in einer Art inneren Betäubung nicht ahnen, welch unsagbar schweren Traumata mir die
letzten Jahre zugefügt hatten und ich sollte erst Monate später von der Schicksalsgnade wissen und
erfahren, in einer vollkommen anderen Stadt die schlimmsten Jahre meines Lebens verbracht zu haben,
in die ich heute nicht mehr zurückkehren kann, weil an jeder Straßenecke ein Fetzen, ein zerrissenes- mit
Gewalt ausgerissenes Stück meiner Seele liegt, die ich mir nun in diesem neuen Lebensabschnitt, in
meiner alten Stadt, vollkommen neu, unzerstört und heil wieder erarbeiten und zusammenfügen muss,
wie ich es empfand. Eine neue Seele, - fern jeder Zerstörung, fern jeglicher Amputation und ich fragte
mich in dieser beginnenden Finsternis am 1. September 2010, ob mein getretenes Herz überhaupt noch
fähig ist, Schmerz darüber zu empfinden, indem es sich gleichzeitig weigert, die Disziplin des raschen
und radikalen Vergessens auszuüben, um der Auferstehung willen. Der Auferstehung neuer seelischer
und physischer Kräfte, der Auferstehung eines neuen, ungetretenen Herzens, einer leuchtenden Seele, wie
wir sie mitbringen, am Tage unserer Geburt.
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Kapitel: Aufklärung kantige Kant (en) und Sigmund Freud

L´acqua che io prendo giammai non sie corse - Nie ward die Flut beschifft, die ich berühre
Siegmund Freud - Ein Bildnis

Was bedeutet uns heute das Christentum? Es vermeint sich der Vollendung nahe zu sein, Träger der
Inspiration Gottes und dennoch atmet diese nur scheinbare Vollendung schon Starre und Tod und noch
heute, gerade in unserem fortschrittlichen 21. Jahrhundert, sklerotisiert die Theologie zur Scholastik und
weist damit auf, dass die hohe Gotteswissenschaft zum niederen Schulgezänk herab gewürdigt wurde.

Ich habe in vorhergehenden Kapiteln meiner Biographie, gerade aus meiner Kindheit angedeutet, dass ich
noch einen tieferen Blick auf den Katholizismus werfen möchte, wie ich ihn seit meinem achten
Lebensjahr durch eine hellsichtige, höhere Einsicht und durch ein Verbrechen an meinem Seelenleben
und meiner Physis schon in diesem Lebensalter in negativer Weise erleben musste, als ich über die
Erlebnisse des befreundeten katholischen Priesters sprach, der meine Eltern getraut hatte und der selber
zu seinem eigene Opfer durch das Zölibat wurde und wir mit ihm.
Im Christentum, wie es sich als Geistgestalt durch die Jahrhunderte zieht und somit auch als Geistesstrom
die Taten der Menschen zu beeinflussen wusste und nicht nur zu ihrem Segen, wie ich es auch über
Calvin zu beschreiben versuchte, bis zum Zeitalter der so genannten "Vernunft", nämlich des 18.
Jahrhunderts, erlebe ich eine Dekadenz, eine Abwehr der innerseelischen und physischen Triebkräfte, die
unsere Seele und unser Leben bestimmen. In der Inquisition, der Hexenverbrennung fand sie ihren
Höhenpunkt und mit der moralischen Härte eines, im Grunde abgestorbenen Weltgesetzes, und wusste die
innere Freiheit eines jeden Menschen und seines Willens grausam zu beschneiden.
Nur über diesen Geistesstrom, der Beschneidung aller innerseelischen Substanzen, die auch im
Geschlechtlichen ihren Ausdruck finden, sehe ich den Höhepunkt der Abtrennung von wahrhaftiger
Moral und Sitte zur Sittlichkeit des Intellekts, als Ausgangspunkt der Vernunft des 19. Jahrhunderts,
welches sich zu seinem konzentrischen Feldzug gegen die Aufrichtigkeit rüstet, um als Kulturheuchler
einer kodifizierten Sittlichkeit Raum zu geben.
Was bedeutete also diesem vermeintlich fortgeschrittenen beginnenden 19. Jahrhundert der so genannte
Moralismus? Im Grunde nur ein Sich-moralisch-verhalten, der äußere Schein einer Aufrechterhaltung
einer sittlichen Konvention. Doch immer trügt der äußere Schein und das wirklich und wahrhaftig
Sittlich-Handelnde ist in diesem Falle unerheblich und dient nur der blendenden Außenfläche, der
Fassade.
Was bedeutet uns Vernunft, wie sie Kant propagierte weiterhin - und ich habe schon einmal beschrieben,
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dass nicht ein geläuterter Kant das 19. Jahrhundert territorial im sinnlichen, im dichterischen und damit
machtergreifend auch im physischen vereinnahmte und positiv, allumfassend zu beeinflussen, sondern der
so genannte "Cant".
Dieses Jahrhundert glaubte eine Vollendung seiner sittlichen Moral erreicht zu haben und doch frage ich
mich, wie sich in einem so vermeintliche hellsichtigen Zeitalter eine solche Abtrennung und Abgrenzung
zu dem innerseelischen, auch der Triebwelt ausbilden konnte, eine dem ganzen Welten -und
Menschenbild entgegenstehende Verstümmelung?

Nun kommt es in diesem scheinbar fortschrittlichen Zeitalter zu einem Kopf an Kopf Rennen, weil sich
zwei vollkommen unterschiedliche Geistes- und Denkformen in einer Art senkrechten Verschiedenheit
gegenüber stehen, vollkommen auseinander divergierend in ihren Anschauungen und Weltauffassungen,
im gegenseitigen Unverständnis und es gibt kaum Berührungspunkte: Nämlich der Freudsche
„Röntgenblick“ in die Psyche des Menschen, mit dem eigenen, physischen und intuitiven Auge - übrigens
zeitgleich mit der durch Röntgen erfundenen Durchleuchtung des Körpers anhand von Röntgenstrahlen,
gegenüber der Ideologie der glasklaren Vernunft über das Blut und seine Triebhaftigkeit, das von den
Menschen fordert, dass er durch seine reine Vernunft die Übermacht über seine Triebe gewinnt und sie
gewissermaßen zu steuern vermag, als einem Noch - Übergewicht in jener Zeit der Aufklärung.
Doch nun tritt im 19. Jahrhundert ein Mensch auf die Bildfläche des Lebens und der Welt, dessen
Aussagen das gesamte christliche und vernunft – oder verstandesbegabte Weltgefüge – und ich werde
nachstehend noch kurz und knapp definieren, was hier unter der so genannten „Vernunft“, wie sie auch
Nietzsche zu entschlüsseln versuchte, gemeint ist in der Gegenüberstellung zum Verstand – in Wallung
und ins Schwanken geraten ließ. Dessen Psychologie der Seele und der Triebwelten wie ein
Pistolenschuss in einer Kirche anmutet und er behauptet, dass man bestenfalls diese, durch die Vernunft
zurück gedrängten Triebe ins Unterbewusste unterdrücken könne, um sie jedoch nicht auszuschalten,
sondern, dass sie dort ihr Unwesen treiben, eine so genannte Gärung bewirken, welche nervöse Unruhe
erzeugen und eine Verstörung, die schließlich in Krankheiten mündet, wie sie sich unter anderem durch
Neurosen und Psychosen zeige: Siegmund Freud.
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Kurzfassung Astrologisches Persönlichkeitsprofil für Sigmund Freud

Ihre dominanten Planeten

Untersuchungen des französischen Forschers Dr. Michel Gauquelin haben ergeben, dass die dominanten
Planeten im Horoskop die Berufswahl massgeblich beeinflussen. Als dominante Planeten gelten
beispielsweise jene Gestirne, welche zum Zeitpunkt der Geburt am Himmel aufgehend, untergehend oder
an der Himmelsmitte stehen.

Nebst Ihrem Tatendrang sind Sie auch sehr sensibel und zeigen das Bedürfnis, sich und Ihre Privatsphäre
gegen aussen abzuschirmen.

Gefühlsmässig reagieren Sie schnell und stark auf kleinste Verletzungen Ihres Selbstgefühls. Sie sind
häufig mit sich und mit der Bedeutung, die die Umwelt Ihnen beimisst, beschäftigt. Möglicherweise fühlen
Sie sich manchmal verfolgt oder ungerecht behandelt. Grundsätzlich sind Sie schnell erregbar, versuchen
aber mit angepasstem Verhalten zu gefallen. Gleichzeitig möchten Sie auch Ihre Rivalen ausstechen, um
Selbstbestätigung zu finden.

Gefühle nehmen in Ihrem Leben eine zentrale Stellung ein und drücken sich meist in ausgesprochen
starken Sympathien oder Antipathien aus. Sie sind sehr leidenschaftlich und müssen alles aus ganzem
Herzen machen können. Affektiertes Verhalten oder Reserviertheit sind Ihnen fremd. Sie fühlen sich
subjektiv oft erst akzeptiert, wenn Sie objektiv gesehen bevorzugt werden, sodass Sie sehr viel Zuwendung
brauchen. Ihre Grosszügigkeit und die Neigung, sich mit einem erhabenen Ideal zu identifizieren,
unterstützen jedoch den Kampf gegen Ihre Eifersucht. Dennoch werden Sie oft zwischen einer
anhänglichen, versöhnlichen Haltung und einer gewissen Halsstarrigkeit und Opposition hin- und
hergerissen.

Sie können sehr narzisstisch wirken, indem Sie sich gefühlsmässig stark mit sich selbst und mit der
Anerkennung, die man Ihnen entgegenbringt, beschäftigen. Ihr Stolz ist jedoch mit Zweifeln, geheimen
Aengsten und unbegründeten Leiden gemischt, die einer inneren, oft unbewussten Furcht entwachsen. Um
Ihr positives Selbstbild zu bewahren, können Sie Ihre Aengste überkompensieren, indem Sie
aussergewöhnlichen Mut zur Schau stellen und sich durch ungewöhnliche Leistungen hervortun. Diese
Kämpfe beanspruchen in Ihrem Leben ebensoviel Raum wie Ihre überschwenglichen Gefühle und
Begeisterungsstürme.
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Sie besitzen eine verfeinerte Sinnlichkeit, die der Aesthetik viel Wert beimisst. Manchmal können Sie sich
dem Leben wie ein Held stellen und die Umwelt dann nur als Dekor betrachten.
Andererseits besitzen Sie aber auch Realismus und Ehrgeiz, die Sie dazu herausfordern, Schwierigkeiten
zu überwinden, damit Sie sich schliesslich über das Mittelmass erheben können.

Sie wirken leidenschaftlich und geheimnisvoll und haben stark individualistische und beherrschende
Züge, doch können Sie auch Charme und Verführungskunst beweisen. Ihre scheinbar leichte
Anpassungsfähigkeit ist jedoch nur oberflächlich und überdeckt einen kämpferischen Kern.

Auf der einen Seite sind Sie leichtlebig und interessieren sich für ästhetische Werte. Sie besitzen viel
Lebensfreude, möchten gefallen und verführen und suchen harmonische Beziehungen. Zwar mögen Sie
Prunk, doch zeigen Sie sich dabei raffiniert und wählerisch. Sie versuchen, den herkömmlichen Normen
zu entrinnen, indem Sie sich mit Ihrem Stil über den Durchschnitt und über alle niederen Leidenschaften
erheben.

Andererseits möchten Sie gerne als Chef oder Vorbild im Mittelpunkt stehen, doch widersetzt sich diesem
Verlangen eine Tendenz zur Versöhnlichkeit sowie Ihr Wunsch, alte Abhängigkeiten zu erhalten. Daneben
lehnen Sie insgeheim auch oft die Verpflichtungen ab, die eine solche Sonderposition mit sich bringen
würde und treten dafür gegenüber Autoritätspersonen gerne in Opposition. Sie schwanken also zwischen
dem Wunsch zu glänzen und Anhänger zu finden und einem Ablehnen jeglicher Autorität. Diese
Ambivalenz wird Ihnen Schwierigkeiten bereiten, doch können Sie den Konflikt lösen, indem Sie Ihre
Autorität weniger mit Ihrem Auftreten als mit echter Leistung begründen. So können Sie andere im
Namen eines hohen Ideals vereinen und sich selbst denselben hohen Anforderungen unterordnen.

Ihre emotionalen Bedürfnisse sind stark ausgeprägt. Eigentlich möchten Sie bevorzugt werden und sich
der Zuneigung Ihrer Umgebung ständig sicher sein. Sie zeigen auch im Privatleben eine gewisse
Selbstherrlichkeit sowie den Drang, alles an sich zu reissen, doch wird Ihr ebenfalls augeprägter
Gerechtigkeitssinn auf die Dauer wahrscheinlich überwiegen.

Sie verfügen über vielfältige, aber zum Teil widersprüchliche Möglichkeiten. Eine Kleinigkeit, wie ein
falscher Ton oder ein scheinbar nebensächlicher Faux-Pas, kann ausreichen, um Sie in die Opposition
oder in eine feindselige Haltung zu treiben. Trotz dieses Charakterzugs werden Sie wahrscheinlich eine
gewisse Macht und Autorität über andere erlangen, was sowohl aufgrund Ihrer Gewandtheit als auch
durch Kraftproben geschehen kann. Sie neigen zum Uebermass und provozieren die Umwelt mit Ihrer
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Dreistigkeit, Ihren instinktiven Impulsen und Ihren absoluten Ansprüchen. Damit können Sie unter
Umständen Schwierigkeiten heraufbeschwören, die Sie selbst nicht mehr zu meistern vermögen.

Konflikte und Widersprüche entstehen aus dem Gegensatz zwischen Ihrer offenen und extravertierten
Seite, die sich eifrig für etwas einsetzt und gerne den Helden spielt und Ihrer zurückgezogenen, eher
berechnenden Seite, die sich vor der Umwelt zu schützen versucht. Auch wenn Sie reale Erfolge
aufzuweisen haben, werden Sie in Ihrem Innersten immer wieder etwas Absolutes anstreben und die
Nichtigkeit aller menschlichen Bemühungen betonen. Dann zeigen Sie sowohl Ihren Bewunderern als
auch Ihren Kritikern und sich selbst gegenüber überlegene Verachtung. Ein natürliches Ehrgefühl und
richtige Seelengrösse können Ihre allzu absolute Haltung sowie Ihre Tendenz zum Starrsinn mit der Zeit
jedoch ausgleichen.
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Kapitel: Abitur – Studium – Christengemeinschaft – Hochschule für Waldorfpädagogik

Bald nach ihrer [des Christentums] Entstehung und Verbreitung litt die christliche Religion durch
sinnige und unsinnige Ketzereien; sie verlor ihr ursprüngliches Reine.

Johann Wolfgang von Goethe

„Eine steile Wasserscheide, trennt sie für immer und allezeit, die großen Ströme des Mittelalters und der
neuen Zeit: wie jedes Gebirge bindet sie aber zugleich die Kulturen, die sie voneinander abzugrenzen
scheint. Mit Dante endet die schöpferische Theologie, die Wissenschaft um den christlichen Gott, mit ihm
beginnt der Humanismus, die Wissenschaft um das Göttliche im Irdischen.―
Stefan Zweig

Ich möchte an meinen weiteren Werdegang nach meinem Abitur im Jahre 1996 anschließen, in
liebevoller, dankbarer Erinnerung des größten Geschenkes, das ich zwischen dem Ende meiner
Schullaufbahn und dem Beginn meines Studiums am Priesterseminar in Stuttgart, von meiner Mutter mit
ihrem Besuch in Berlin, erhalten sollte. Mit ihrem Besuch reifte mein Entschluss, am Priesterseminar zu
studieren, mich mit dem Christusimpuls intensiv zu verbinden, der lange in mir reifen musste.
Ich wurde katholisch getauft und blieb es durchaus in meinem Herzen, in meiner Seele, zumindest meine
Verbindung zu einer göttlichen Kraft.
Durch die Waldorfschule kam ich unweigerlich und unfreiwillig mit der Christengemeinschaft in Kontakt
und auch wenn ich heute, mit einer anderen Überschau über die Dinge und die Hintergründe aufrichtig
bekennen muss, dass mich gerade die Repräsentanten einer Glaubensrichtung oder fanatischen Institution
abschrecken, weil sie oftmals blind und taub einem Irrtum unterliegen. Weil sie sich damit oft hochmütig
und größenwahnsinnig über ihre Menschenbrüder erheben, wie ich es mit meiner Hausärztin erlebte, die
mir, nachdem sie mithalf, wie mir der Kopf abgeschlagen wurde, mehrfach in Briefen und Aussagen
mitteilte, Gott und Christus würden mich nicht empfangen, wenn ich mein Leben selber beende.
Und leider sind auch und sogar gerade anthroposophische Ärzte von dieser ausübenden organisierten
Kriminalität nicht ausgeschlossen, wie es sich an meinem Leben und qualvollen Sterben auf Raten
zeigte. Als mich dieser Hausarzt wegen körperlicher Beeinträchtigungen sogar fast mit Handschellen
nochmals in die Psychiatrie einwies, sagten mir zwei Sanitäter im Krankenwagen, dass gerade diese
Ärzte die Schlimmsten seien. Wird die Liebe und Weisheit zum Menschen ausgespart, bleibt der
blanke, omnipotenten, größenwahnsinnige Egoismus übrig und macht diese Menschen, gerade Ärzte,
aber auch andere Fanatiker gefährlicher, als jeden unbedarften Wald und Wiesen Arzt.
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Ich selber fühle mich nicht in Gefahr, mich in irgendeiner Glaubensrichtung fesseln zu lassen und die
Anschauungen und Ausrichtungen unbedingt und ohne zu differenzieren, zu hinterfragen, ohne
Intuition und Wissen zu übernehmen und doch war es offenbar in meinem Leben richtig und sinnvoll,
auch einen Blick in diesen Bereich zu werfen, um ein Verstehender zu werden. Nur vor diesem
Hintergrund mag diese Entscheidung, das anthroposophische Priesterseminar zu besuchen, zu
verstehen sein. Ich habe auch dort Federn gelassen und trotzdem ich weiß, dass diese Inhalte für mein
Leben sehr wertvoll waren, die ich nicht missen möchte, musste ich wieder einmal erkennen, dass es
auch dort unzählige Schwachstellen gibt, die unser Menschsein mit sich bringt. Erkenntnis ist auch
hier gefragt und Bewusstsein und nicht allein der Glaube, alles richtig zu machen und die Wahrheit
allein gepachtet zu haben, auserwählt zu sein, vor Gottes Thron einst stehen zu dürfen um zu wissen:
Die Welt da draußen hat mich nicht interessiert, ich habe nur dir gedient und hoffe nun, dass ich
einen guten und sicheren Platz auf einer Federwolke bekomme.
Nein, dieses „Inseldasein“ im engen „Stuhlkreis“ fördert keine Weltentwicklung und Weitsicht, ob
sie der Weisheit dient, vor allem der des Menschen ist ebenso fraglich.

Um dem Leser den Grund meiner Entscheidung, ein Studium am anthroposophischen Priesterseminar zu
beginnen, nahe zu bringen, möchte ich ihm hier zunächst mit den zusammenfassenden Worten von
Claudio Holland, die das Wesentliche beschreiben, eine Einführung in die Christengemeinschaft geben:
„Die Christengemeinschaft will ein lebendiger Ort für gemeinschaftliches christlich-religiöses Leben
sein, eine moderne Kirche. Sie ist offen für alle, die in Freiheit als Christen ihr eigenes religiöses Leben
mit anderen Menschen vereinen und vertiefen wollen.
Die Christengemeinschaft feiert sieben Sakramente. Im Mittelpunkt steht der neue Gottesdienst, die
Menschenweihehandlung. Darin kann sich die Tat der Todüberwindung Christi in Brot und Wein heute
neu vergegenwärtigen. Die sieben Sakramente sind: Die Taufe, die Konfirmation, die
Menschenweihehandlung (Abendmahl), die neue Beichte, die letzte Ölung, die Priesterweihe, die
Trauung.
Von Anfang an ist die Frau gleichberechtigt als Priesterin am Altar und in allen Bereichen und
Verantwortungen tätig. Priester der Christengemeinschaft dürfen heiraten.
Alle Gottesdienste werden in kultischer Form gehalten: es werden Gewänder getragen, Worte und
Abläufe sind klar geordnet vorgegeben. Das hat den einfachen Grund:
Will ein Mensch als geistiges Wesen auf der Erde leben, so braucht er einen materiellen Leib, der nach
bestimmten Gesetzmäßigkeiten geordnet und geformt sein muss. Die religiösen Feiern der
Christengemeinschaft haben den Sinn, dem geistigen Wesen Christus eine Möglichkeit zu schaffen, auf
Erden gegenwärtig zu sein. Auch hier braucht es geeignete Formen, damit er die Materie durchdringen
20

und unter uns leben kann. Neben der klaren kultischen Form mit gegebenen Worten gilt in der Lehre
vollständige Glaubens- und Lehrfreiheit.
Für den Priester ist sie nur insoweit beschränkt, als er nicht dem Wortlaut der Rituale – also seinem
eigenen Handeln – widersprechen darf. Jeder Mensch in der Gemeinde darf sich durch eigene Erkenntnis
und eigene Erfahrung seinen Glauben selbst erarbeiten. Das Ablegen des Glaubensbekenntnisses – das
im Gottesdienst nur vom Priester gesprochen wird – wird selbst bei der Mitgliedsaufnahme nicht
gefordert. Eine spezifische Sonderlehre gibt es nicht. Es ist aber möglich und erwünscht, eigene
Gedanken zu äußern, auch wenn sie nicht einer traditionellen theologischen Lehrmeinung entsprechen…

Einen besonderen Stellenwert hat das Evangelium. Neben dem Kultus ist es die zentrale Quelle für das
Leben der Christengemeinschaft. Dabei ist es ein Anliegen, den Inhalt nicht nur analytisch –
philosophisch zu verstehen, sondern zu dieser Engels – Botschaft (griechisch: Eu – Angelion) eine
lebendige Beziehung aufzubauen…
Nach dem ersten Weltkrieg suchte eine Gruppe vorwiegend junger Studenten und Theologen nach neuen
Formen des christlichen Lebens. Sie entdeckten in der Anthroposophie Rudolf Steiners einen Weg, das
Christentum neu zu verstehen und dem religiösen Leben neuen Inhalt zu geben. Mit seiner Hilfe
gründeten 1922 die 45 Persönlichkeiten selbstständig die Christengemeinschaft. Sie wurde unter den
Nationalsozialisten in Deutschland verboten, lebte aber im Verborgenen weiter, bis sie nach 1945 in der
Öffentlichkeit neu beginnen konnte. Sie ist seither gewachsen und hat sich überall dorthin ausgebreitet,
wo sie gerufen wurde. Die Christengemeinschaft betreibt keine Missionierung. Heute gibt es Gemeinden
in den meisten Ländern Europas, in Nord – und Südamerika, im südlichen Afrika, Australien und Japan.

Ab 1933 hat die Christengemeinschaft ihre eigene Priesterausbildung aufgebaut. Diese umfasst ein
breites Spektrum an theologischen, künstlerischen, naturwissenschaftlichen, philosophischen,
menschenkundlichen und geisteswissenschaftlichen Kursen. Heute kann man weltweit an drei Seminaren
studieren: In Chicago (USA), Hamburg und Stuttgart.―

Und so sollte mich mein Weg wieder zurück nach Stuttgart führen und ich sitze eines Tages, vor dem
Beginn des Sommersemesters, einem Priester der Christengemeinschaft gegenüber, der mich ganz direkt
mit der Frage konfrontiert, warum ich Priester werden möchte, denn die Plätze dort sind sehr begehrt, da
es nur drei Ausbildungsstätten auf der ganzen Welt gibt und Menschen aus allen Ländern herbei strömen,
die ein tiefinnerliches Anliegen haben. Sie streben zumindest an, ein Diener der Menschen, ein Helfer,
eine Brücke zwischen geistiger und irdischer Welt werden auf der Grundlage der lichtvollen, wahren
Erkenntnis zu werden. Auf diese Weise wird berechtigterweise von Seiten der Priester sehr darauf
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geachtet, dass die jungen und alten Idealisten des Glaubens die Entscheidung, das sehr schwere Studium
in jeder Hinsicht aufzunehmen, nicht leichtfertig getroffen haben, nicht aus Unkenntnis, aus dem
Schnellschuss einer Entscheidung über Nacht, sondern dass diesem Eintritt in das Studium ein lang
gereifter innerer Prozess vorausgegangen war. So werden die Anwärter oftmals einer „Astralanalyse“
unterzogen, um zu wissen, ob sie „würdig“ seien.
Ich war nicht wirklich vorbereitet auf diese Frage, auch nicht auf die Aussage, dass ich in jeder Hinsicht
von guter Gesundheit sein und dies auch ärztlicherseits belegen müsse, da es häufig geschehe, dass ein
Mensch durch die auch schweren Inhalte der oben erwähnten Studienbereiche, durch den langen und
intensiven Tag, welcher jeden Morgen um 7 Uhr mit der Weihehandlung beginnen und abends erst zu
später Stunde nach gemeinschaftlichem Lesen verschiedener Vorträge von R. Steiner und eigener Arbeit
enden würde, kränker oder krank am Ende ihres Studiums das Seminar verlassen, als sie es angetreten
haben. Und damit sei weder dem betreffenden Menschen, noch der Menschheit, noch der
Christengemeinschaft gedient.
Auf die erste Frage antwortete ich in dieser Weise, weil ich auch dem oftmals hervortretenden elitären,
fast hochmütigen Status und Stempel, der diesem Studium anhaftet, etwas von seiner kraftvollen, nicht
ganz wahrhaftigen Farbe nehmen wollte:
„Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, gleich in welchem Beruf er anschließend zu arbeiten
gedenkt, sehr von einem Studium am Priesterseminar für seine eigene Entwicklung und damit in
Projektion auf die Welt profitieren würde. Ich weiß, dass es ein ganzheitliches, fast allumfassenden
Studium in geistiger, intellektueller, in charakterlicher Hinsicht ist, dass es ein vielfarbiges Spektrum von
Lebens – und Erkenntnisgebieten enthält, aber auch den „heilenden Kultus“, der den Menschen wieder zu
seinem geistigen Ursprung führen kann. Jeder dem Menschen dienende Beruf ist ein Priesterberuf für
mein Verstehen. Sei es der Arzt (wie gut, dass ich fast genau 10 Jahre vorher, also 1997 /98 noch nicht
wissend und hellsehend erfassen konnte, was mir im beginnenden Jahr 2008 mein Leben für immer,
durch einen Arzt, durch Ärzte, einem Nicht- Heilhelfer, zerstören sollte), sei es der Lehrer, die
Krankenschwester, wer es auch sei, in jedem Beruf ist das menschliche, verstehende, erkennende Wesen
des Priesters gefragt und unbedingt notwendig.“ Und ferner sagte ich abschließend:
„Ich weiß es noch nicht, ob ich Priester werden möchte und dafür geeignet bin, aber ich möchte es
erfahren.“ –

Gut, ich war aufgenommen. Mein Studium sollte in wenigen Tagen beginnen und ich bezog ein Zimmer
im Seminar, allerdings in einem anderen Gebäude, über einen Kilometer vom Seminar und seinen
Studienräumen entfernt. Und ich war zuvor ebene Berliner Lokalitäten gewohnt und keine Himalaja
Bergtouren, wie man sie in Stuttgart zu bewältigen hat.
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Im Nachhinein frage ich mich natürlich, ob es eine Lüge war, die Wahrheit meiner Muskelerkrankung zu
verschweigen, mein gesundheitliches Defizit? Dieses zu jenem Zeitpunkt fast noch einzige Defizit, da ich
den beginnenden inneren Riss, der sich dann in der angeblichen Borderlineerkrankung zu erkennen geben
sollte, noch zurückzudrängen in der Lage war, ihn noch nicht erkannte, erschien mir damals nicht
sonderlich schwerwiegend zu sein. Allerdings muss ich zu meiner Entlastung einwenden, dass mir in
meinem ganzen Abiturjahr meine Muskelerkrankung kaum Beschwerden bereitete und eine
Beeinträchtigung darstellte, da ich nun auch vornehmlich mehr mit meinem Kopf arbeitete, als mit den
Muskeln. Und in dieser Hinsicht bin ich sehr schnell im Vergessen, das habe ich schon sehr oft
beobachtet: Ich kann zerstört am Boden liegen, nach jahrelanger Schlaflosigkeit. Wenn ich eine Nacht
besser oder gut geschlafen habe, dann vergesse ich die anderen sieben Jahre sofort und schmiede
großartige Zukunftspläne und sei es nur in einer einzigen Minute, in der die Schmerzen und äußeren
Qualen etwas nachlassen.
Auch an dieser Tatsache zeigt es sich, dass bei mir lang anhaltend, in Masse und Intensität sehr viel
geschehen und zusammenkommen muss, ehe ich endgültig röchelnd am Boden liege und nicht mehr
aufstehen kann, wie ich es nun zum ersten Mal zum jetzigen Zeitpunkt erlebe, genau 15 Jahre später.

Meine nur gedankliche „Sturm und Drang Zeit“ bei meinem Eintritt in das Seminar, die ganze Welt
geistig erobern zu wollen, da ich im Körperlichen durch meine Muskelerkrankung unentwegt
ausgebremst wurde, sollte schon nach einigen Tagen einige Dellen und Schrammen erhalten und ich
musste einsehen, dass mich nur alleine die Wege zum Mittagessen, zu meinem Zimmer, wieder zurück in
die Studienräume sehr anstrengten.
Das Studium selber war sehr interessant, auch die Naturwissenschaft, die sich durch den Goetheanismus
befruchten ließ, um uns dabei zu intensiven Naturbeobachtungen der Pflanzenwelt anzuregen, um die
Stadien des Wachstums, der Metamorphose zu studieren, waren wirklich eine Bereicherung.
Auch die Kunst durch die Eurythmie, wie ich sie schon biographisch an meiner Schullaufbahn zu
beschreiben versuchte und die Bothmergymnastik, in der nicht die sanften Bewegungen geübt werden,
sondern die Zielrichtung und Präzision der Bewegungen, die sich dann auch im Gedanklichen
widerspiegeln.
Eine jener Übungen ist mir bis heute in Erinnerung geblieben, weil sie das Vertrauen stärkt: Wir wurden
dazu angehalten, uns gerade hinzustellen und die Augen zu schließen, um uns ganz langsam, im vollen
Vertrauen, aufgefangen, gehalten zu werden, nach hinten fallen zu lassen, kerzengerade. Und auch mir
gelang es, da ich ohnehin keinerlei Angst vor Gefahren habe, mich in dieses Urvertrauen fallen zu lassen,
trotzdem mir ein sehr einschneidendes Erlebnis meiner Kindheit, in meinem fünften Lebensjahr, jenes
Urvertrauen im Grunde endgültig hätte entreißen müssen. Ich möchte es in Kurzform hier
23

veranschaulichen, weil ich mich immer wieder, an verschiedenen Stellen fragen muss, warum ich im
Grunde wenig Schrammen und offenkundige seelische Beeinträchtigungen von unzähligen Traumata
zurückbehalten sollte, wenn bei manchen Menschen schon ein Erlebnis oftmals ausreicht, um sie für
immer zu brechen:

Ich war gerade, nach fast einjähriger Abwesenheit meiner Mutter nach unserem Autounfall, wieder „nach
Hause“ zurückgekehrt, wobei von einem Zuhause nicht mehr die Rede sein konnte, weil wir eine andere
Wohnung bezogen und einen anderen, finsteren Vater bekamen, der mein Vertrauen, das ich ihm
entgegenbrachte, schon in der ersten Sekunde zu zerstören wusste, wie ich es schon beschrieben habe. Ich
sollte einen Schwimmkurs mit Johannes besuchen und konnte noch nicht richtig schwimmen, als wir mit
unserem Vater an einem Nachmittag ins nahe gelegene Schwimmbad gingen. Vermutlich wollte er unsere
Fortschritte überprüfen. Seit unserem Autounfall hatte ich große Angst, von einer Rutsche zu rutschen,
doch wurde ich von meinem neuen Vater dazu gezwungen und er versicherte und versprach mir, mich
unten aufzufangen. Mit zitternden Knien begann ich also die Fahrt in den Abgrund, wie ich es erlebte und
es sollte ein solcher auf mich warten, weil ich nicht, wie versprochen, aufgefangen wurde, sondern in den
Tiefen versank. Ich konnte noch nicht schwimmen und hatte wohl sehr viel Wasser geschluckt und
erreichte irgendwie, vermutlich mit seiner Hilfe, wieder hustend die Wasseroberfläche. Ich sah nur in
seine dunklen Augen und in diesem Moment zerbrach nochmals meine kleine Welt in tausend Scherben. -
Von diesen Bothmergymnastikstunden sollte ich, wie später am Lehrerseminar von unserem
Sprachprojekt, am meisten profitieren in dem halben Jahr meines Studiums am Priesterseminar.
Üblicherweise ist es so, dass ein Studium dort zwei Jahre dauert und die Menschen danach angeregt
werden, sich in ein Gebiet zu vertiefen durch ein theoretisches Studium, oder eine praktische Tätigkeit,
ein Gebiet, das sie sich als ihre „Domäne“ zu eigen machen. Besteht dann weiterhin noch der Wunsch,
Priester zu werden, so wartet der einjährige Weihekurs auf den Menschen, um darauf vorbereitet zu
werden, im Religiösen zu wirken mit den Möglichkeiten, die der erneuernde, christliche Kultus bereit
hält.
24

Kapitel: Polizeiliche Verfolgungsfahrt

Alle Regierungen fordern blinden Glauben, sogar die göttliche.


Friedrich Hebbel

Nach wenigen Wochen war mir bewusst, dass ich diesem Studium von meinen geringen Kräften her nicht
gewachsen sein würde. Die langen Wege strengten mich so ungeheuer an, dass ich oftmals wie
ausgezehrt, betäubt von Schmerzen im Unterricht saß und in den Bewegungskünsten fast zusammen zu
brechen drohte. Aber ich war gewohnt, niemals irgendjemandem irgendetwas zu sagen, alles mit mir
alleine auszutragen und um nicht aufzufallen, setzte ich mich mehr und mehr von der Gruppe ab, gerade
wenn sie den für mich sehr langen Weg zum Mittagessen antraten, um alleine in meinem Tempo, mit
meinen Pausen laufen zu können.
Irgendwann stand allerdings ein grünes Mofa vor der Türe des Priesterseminars. Meine Pflegeeltern
hatten es mir gekauft, wie ich kurze Zeit später feststellen durfte und auch, wenn es mir die Wege
erleichterte, so fiel ich dennoch aus dem Rahmen mit einem Sonderstatus und das war mir ebenso
unangenehm, als meine Muskelerkrankung unentwegt zu verheimlichen.

Eine sehr lustige Begebenheit möchte ich hier noch beschreiben, die jene „Sturm und Drang Zeit“ am
deutlichsten veranschaulicht, auch meine Furchtlosigkeit gegenüber Gefahren und Gesetzen und diese
sollte ich mit meinem neuen Gefährt und Gefährten erleben, mit meinem grünen Mofa, mit dem ich
grundsätzlich aus Eitelkeit und gemiedener Einengung, helmlos fuhr, was natürlich verboten ist.

Immer wieder nahm ich auch Freunde auf meinem motorisierten Drahtesel mit, obwohl das Mofa vor
Anstrengung, da nicht für zwei Personen in der Motorstärke ausgerüstet, nur ächzend und mit einer
Geschwindigkeit von maximal 7 km/h die steilen Berge hochächzte und schnaufte. Doch an jenem Tage
fuhr ich alleine und ich liebte die Geschwindigkeit, ich liebte es, Bordsteine hochzufahren, immer
stehend, immer in einem Art Taumel, da mir das Gefährt die Geschwindigkeit ermöglichte, die ich mit
meinen Muskeln auch mit dem Fahrrad nie erreichen konnte.
Eines Tages fuhr ich in eine sehr belebte Straße ohne Helm und ich konnte im Rückspiegel einen
Polizeiwagen hinter mir ganz deutlich mit der Aufschrift auf der Hinweistafel „Stopp“ ausmachen. In
meiner damaligen Liebe zu Grenzüberschreitungen und Gefahren, gedachte ich nicht daran, anzuhalten,
sondern gab Gas, es ging bergab, so konnte ich das Schneckentempo von 7 km/h bei weitem
überschreiten und ich bog bei der nächsten Kreuzung der Alexanderstraße in Sekundenschnelle, ohne zu
blinken, rechts ab, um gleich wieder links in eine Einfahrt zwischen zwei Häusern einzubiegen.
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In Windeseile stellte ich mein Mofa hinter einem Auto ab in der Hoffnung, das Polizeiauto würde mich
dort nicht finden. Und tatsächlich fuhr es schnurstraks geradeaus an meiner Einfahrt vorbei. Ausatmen
war nun für mich angesagt, aber dies nur von kurzer Dauer. Denn schon wenige Minuten später standen
sie groß und breit vor mir, ein baumlanger Mann und eine kräftige Polizistin. Mein Verschwinden vom
Erdboden war ihnen in diesen wenigen Sekunden doch sehr suspekt erschienen und so kehrten sie um, in
der sicheren und tatsächlichen Annahme, dass ich meinen „Zielort“, vielmehr mein Versteck wohl nur in
einer der wenigen Hofeinfahrten gefunden haben konnte.
„Warum fahren Sie ohne Helm?“ Ich antwortet absolut wahrheitsgetreu und blickte sie dabei klar und
sicher an: „Ich habe einen Helm, aber ich kann ihn nicht ausstehen, er engt mich ein und meine Haare
sehen danach aus wie gerade gebügelt. Zudem habe ich eine Muskelerkrankung und der Helm ist sehr
schwer.―
Meine Ehrlichkeit, zumindest hinsichtlich dieser ersten Frage, schien sie irgendwie zu beeindrucken. Und
ferner: „Ja, warum fahren Sie uns aber davon und was wollen Sie hier?“ Diese Frage schien mich doch
eher in die Enge zu treiben und ich war mir durchaus bewusst, dass ich zu faseln begann, nicht ganz
wahrhaftig, nur partiell und nicht wirklich glaubwürdig: Nun, ich bekam etwas Angst, als ich Sie sah und
so wollte ich weder Ihnen noch mir irgendwelche Umstände bereiten. Zudem sei ich hier mit einer
Freundin verabredet. Wie denn die Straße heiße, - fragten sie mich. Und mit meinem detektivischen
Spürsinn ließ mein Schicksal Gnade vor Recht ergehen und ich konnte unbemerkt, zumindest kam es mir
so vor, da ich dann „zufälligerweise“ mit den beiden aus dem Hof an der Straßeneinfahrt angekommen
war, den Straßennamen lesen und ihn einfach nur monoton aufsagen. Nun gut.
Wieder einmal Glück im Unglück. Wo denn mein Helm nun sei? „Zu Hause“. „Gut, dann holen wir ihn
gemeinsam, steigen Sie bitte ein, wir lassen Ihr Mofa hier stehen und fahren Sie anschließend wieder
zurück.“ Trage ich einen Stern auf meiner Stirn? - fragte ich mich. –
Noch schien ich diesen Stern zu tragen, der sich 11 Jahre später unsichtbar machte.

Sie fuhren mich nach Hause, ich holte den Helm und als wir uns gerade im Kreisverkehr am Urachplatz,
wenige Meter von unserem Priesterseminar befanden, da sahen mich zum selben Zeitpunkt einige
Kommilitonen im Polizeiauto und winkten mir, verständnislos, ungläubig und doch erheitert zu mit der
nonverbalen Bitte, ich möge ihnen doch später – oder nach meinem möglichen Gefängnisaufenthalt
berichten, was mich zum Schwerverbrecher werden ließ, der polizeilich abgeführt werden musste. Das
war mein erstes Erlebnis mit der Polizei, auf das noch, in den folgenden Jahren, unzählige folgen sollten,
allerdings in einem völlig anderen Zusammenhang.
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Wir erreichten wieder die Einfahrt, in der mein Mofa stand. Ich setzte meinen Helm auf und die Polizisten
blickten mich liebevoll an und sagten, dass sie mir eigentlich ein Bußgeld anhängen müssten, aber dass
sie davon Abstand nehmen würden, weil ich so ehrlich gewesen sei und sie mich für einen sehr
besonderen Menschen halten würden. Wie? Schon wieder dieses „besondere“, das ich oftmals schon zu
hören bekam. Worin zeigt es sich?, - fragte ich mich, ich habe Nase, Augen und Ohren, ein rhythmisch
schlagendes Herz wie jeder andere Mensch auch. Was zeichnet dieses „Besondere“ aus, das
möglicherweise 10 Jahre später mit dem Zusatz des „Außergewöhnlichen“ den „Ausnahmezustand“ in
der Stuttgarter Klinik ausrufen lassen sollte, um jedes Verbrechen an mir damit zu rechtfertigen, wie ich
es noch näher beschreiben werde?
Und auch wenn ich nicht ganz begreifen konnte, warum die Polizei in dieser Weise reagierte, nachdem
ich ihnen einfach, sie vollkommen ignorierend, durch die Erhöhung meiner Geschwindigkeit nach
Absicht schmeckend und das war ihnen offensichtlich nicht entgangen, davongefahren war, war ich ihnen
dankbar und ich sagte, dass ich sie dafür in kurzer Zeit zum Kaffee einladen würde. Damit schienen sie,
mehr als von mir erhofft, einverstanden zu sein und gaben mir ihre Visitenkarte.
Noch heute habe ich diesen „Talisman“ in Form einer Visitenkarte, aber ich habe leider mein
Versprechen nicht gehalten, denn in der folgenden Zeit sollten sich meine Lebenskräfte immer weiter
zurückziehen.

Ich möchte abschließend meine letzten Wochen am Priesterseminar in wenigen Sätzen noch hinzufügen,
um im Sommer des Jahres 1997 wieder am selben Punkt, mit derselben Frage, allerdings als anderer,
reiferer Mensch zu stehen: Wie geht es nun weiter? Wo ist meine Bestimmung, vor allem mit den mir zur
Verfügung stehenden Kräften. Moralisch, geistig- seelisch, im Menschlichen, so wurde mir gesagt, sei ich
dem Priesterberuf gewachsen und würde sogar durch ein hohes Maß an menschlicher Glaubwürdigkeit
dem Menschen Helfer sein können. Doch meine Lebenskräfte, mein geringes Durchhaltevermögen
aufgrund dieses Mangels an Kräften, ließen es nicht zu. Und jene Erkenntnis war bitter, als ich mich
entschloss, dem Studium nach einem halben Jahr zu entsagen.

Und nun möchte ich vorgreifen, um dem Leser mein eigenes, allerdings nur kurzes Ringen einer
Entscheidung auf der Suche einer neuen beruflichen Möglichkeit nach Beendigung des Priesterseminars
zu ersparen, die meinen Begabungen und meinen Fähigkeiten und Fertigkeit möglicherweise noch eher
entsprach, als der Priesterberuf, nämlich die Pädagogik, der Beruf des Lehrers. In diesem Bereich habe
ich mich schon in meinem 10. Lebensjahr, wie ich es in meinen Kindheitsbeschreibungen erwähnte, sehr
bewährt, als ich zu Hause sieben Kinder unterrichtete in meinem eigenen, selbst eingerichteten
Schulzimmer.
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Und wieder fühlte ich mich von einer höheren, weisheitsvollen Kraft geführt, die mich nach Beendigung
meines ersten Semesters am Priesterseminar ganz sanft und sicher an meine mögliche neue, berufliche
Bestimmung heranzuführen wusste: Meine Liebe zu Schweden und der für mich größten,
weisheitsvollsten Pädagogin dieses Landes, ohne Zeigefinger, ohne moralische Besserwisserei, - führte
mich zur Biographie von Selma Lagerlöf und zu nahezu allen ihren Werken.
Und da im August mein Geburtstag nahte, beschlossen wir, eine Reise in das Land der Feen und Elfen zu
unternehmen, meiner immerwährenden Sehnsucht seit meiner Kindheit. Ich habe schon erwähnt, dass ich,
seitdem ich die ersten Buchstaben zu lesen in der Lage war, unendlich viel gelesen habe, immer, wenn es
die Zeit neben dem Haushalt und den langen Schulwegen erlaubte. Ich habe damals alle Bücher von
Astrid Lindgren gelesen und in mir meine eigene, heile Welt entstehen lassen, sie gefördert, gefordert und
ausgebaut. Meine Phantasie kannte keine Grenzen und die Bilder, die beim Lesen meiner Bücher
entstanden, leben noch heute in der Weise in mir, dass ich einen unermüdlichen Schatz dieser
Geschichten, Sagen und Biographien in mir trage, den ich zu jeder Zeit und stundenlang hervorzuholen in
der Lage bin, sodass ich in der Lage bin, über viele Stunden Kindern und Erwachsenen auswendig, da
inwendig, davon zu erzählen.
Auch in meinem Nachhilfeunterricht klebten die Kinder an meinen Lippen, weil ich in diesem
versunkenen Schatz auch viele spannende, auch gruselige Dinge hervorzuholen wusste und ich habe
ihnen daran erklärt, wie ein Aufsatz aufzubauen sei, der den Leser in seinen Bann zu ziehen in der Lage
ist.
Und auf dieser Reise in das sagenumwobene Land begleitete mich ausschließlich das Buch „Die
wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ von Lagerlöf und wir lasen in den
lauen Abendstunden am menschenleeren Stand in Gotland, dem äußersten Ende, an dem Himmel und
Erde sich berühren, wie es Eichendorff ausdrücken würde und lasen uns gegenseitig aus dem weisen und
weisheitsvollen Buch vor, denn es enthält in jedem Satz eine ganze Welt der Erziehung, der
Charakterbildung, auch – und gerade für die so genannten „Erwachsenen“. –
Auf jener Reise, mit dem Buch in Hand und im Herzen, reifte mein Entschluss, nach den Ferien ein
Studium der Pädagogik zu beginnen. Und so möchte ich die Überleitung an einem Erlebnis des kleinen
„Nils Holgersson“, denn dieses Buch war mein Thema für die Jahresarbeit „Erziehung zur
Menschlichkeit, „Identität am Leben und Werk der Selma Lagerlöf― und meinem Erlebnis mit der Polizei
veranschaulichen.
Nahezu jeder Leser wird dieses Buch kennen, insofern werde ich hier keine Inhaltsbeschreibung
voranstellen. Soviel sei gesagt, dass ein unfolgsamer und unwahrhaftiger Junge, der seinen Eltern nur
Sorge bereitet und die Tiere quält, in einen Wichtel verwandelt wird und mit einer Hausgans sich den
Wildgänsen auf dem Weg nach Lappland anschließt. Und als die alte Leitgans über Umwege erfährt, dass
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Nils eigentlich ein Mensch ist, vor dem die Tierwelt in der Regel Angst hat, weil er die alte Gans nicht
belügen wollte, so sagt sie ihm, trotz ihrer Angst und ihrer eigentlichen Entscheidung, ihn nicht
mitzunehmen: „Du hast den Mut zur Wahrheit“. Und dieser Mut zur Wahrheit gibt ihr die Sicherheit, dass
Nils ein guter Mensch ist und den Tieren kein Leid zufügen wird und so nimmt sie ihn und die zahme
Hausgans Martin mit auf die lange Reise nach Lappland.

Sommerferien und Studienbeginn an der Freien Hochschule für Waldorfpädagogik im Herbst 1997.
Meine Einleitung meiner Jahresarbeit über die „Erziehung zur Menschlichkeit“:

„Eine junge Frau fährt Ende August mit Freunden nach Schweden. Sie wird im Herbst auf die Freie
Hochschule gehen, das Seminar für Waldorfpädagogik. Nun fährt sie mit einem kleinen Auto in das große
Land. Am frühen Abend in Trelleborg, dann an den Ferienhäuschen vorbei bis eins gefällt. Dort wird mit
den Teilnehmern genächtigt. Am anderen Morgen ist der 26. August, ihr Geburtstag.
Nichts ist schöner im Norden, als Sonne im Spätsommer. Sie gibt alles, bevor der lange Winter kommt
nach dem kurzen Herbst. Über Kristianstad, Ronneby, Karlskrona, vorher kurze Wege über Smygehuk,
Vämmenhög, Ystad. Dann weiter nach Kalmar und Oskarsham. Dazwischen Baden in den stillen
Waldseen, die so rein wie Kristall sind. Und die die Zelte willkommen heißen.
In Oskarsham schlafen am Meer, und nachts mit der Fähre nach Gotland/Visby. Mit der Morgensonne
Ankunft an der schlafenden Insel.
Gotland ist nicht irgendein Zipfel im nördlichen Ostsee-Meer. Gotland ist eine Welt, hat eine eigene
Geschichte, von der die zahllosen zerstörten gotischen Kirchen zeugen, die verbliebenen Mauern der
Städte, die eigentümlichen Schafställe und der Menschenschlag, der hier seit jeher war. Immer weiter
nach Norden, die Bäume werden immer kleiner, Kiefern, Birken und Heide beherrschen das Bild. Dann,
im nördlichsten Teil, nach Überquerung eines Meeresarmes mit der Fähre, ist Södersand.
Es gibt fast keine Touristen mehr, aber Hexenhäuschen nach Wahl. Das Meer rauscht die ganze Nacht
und den Tag und ist noch warm. Das Paradies mit dem herben Gesicht kostet zwanzig Mark am Tag – sie
sind fast allein. Auf dem Rückweg geht es über Ostgötland, Smaland, Blekinge nach Schonen, und ein
Buch ist schon die ganze Reise dabei, ein Reiseführer eigener Art: Die Wunderbare Reise des kleinen
Nils Holgersson mit den Wildgänsen. Es führt, vertieft, beglückt und wird immer gemeinsam gelesen.
Daheim kommen die Bilder dazu, die unterwegs entstanden. Und die Arbeit an der Hochschule beginnt.
Noch vor Weihnachten wurde auf die zu erbringende Jahresarbeit hingewiesen. Es gab viele schöne
Gebiete, denen man sich zuwenden konnte, bekannte und auch ausgefallene. Keines sagte der jungen Frau
zu.
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Eines Abends hatte sie das Album der Reise in der Hand und freute sich daran. Die endlosen Wälder
riefen von fern, und das Meer grüßte. Sie dachte an das Buch und wer es geschaffen hatte. Daran, dass sie
eine pädagogische Ausbildung begonnen hatte und wie sehr das Erlebnis des kleinen Nils für ihn selbst
und die Menschen, die daran teilnehmen, gestaltet.
Das Thema war gefunden.“

„Was wir Genius nennen, hat drei Ursprünge.


Der erste ist die Erbanlage, das aus der physischen Entstehung und der Lebenskraft einbeschlossene und
getragene Sein. Da sind Temperamente, Seeleneigenschaften, Befähigungen (z. B. Musikalität), teilweise
auch nervlich-intellektuelle Dispositionen zu beobachten.
Das Zweite ist, was sich aus der Umgebung, den Erlebnissen, dem Zuwenden oder Abwenden anderer
Menschen ergibt, auch alles Geschehen, was dem Menschen aus dem Volk, dem er angehört, geschenkt
oder auferlegt wird. Alles, was ihm widerfährt, fördernd oder hindernd, Krankheiten, Unglück oder
Begnadung.
Die wichtigste Wurzel der Wesensbestimmung des Menschen ist aber die ihm von Anbeginn eigene,
unteilbare (individuelle), unverwechselbare, höhere Menschenwesenheit, das Ich mit seiner
Vergangenheit und Zukunft. Es ist das, was den Tod überdauert und vor der Geburt existiert. Es ist auch
imstande, die Voraussetzungen der ersten und der zweiten Wurzel zu verarbeiten, aus Behinderungen im
Schicksal und den Anlagen Positives werden zu lassen und das Gute und Hilfreiche zu steigern, zu
vertiefen und zu bewahren.
Die Schicksale der meisten Menschen enthalten mehr Schweres als Leichtes, aus den ersten beiden
Wurzeln wie eine Last Hervorgehendes. Darum ist es für die dritte Ursache des Menschenwesens
Aufgabe, den Zwang der anderen zu überwinden. Darin liegt auch das Unvorhersehbare des
Schöpferischen. Man kann aus der Durchdringung der auferlegten Voraussetzungen auf das Ich des
Menschen schließen, nicht aber es aus den Gegebenheiten ableiten. Das Schöpferische folgt nur seinen
eigenen Gesetzen, es ist Herr von Vererbung und umgebenden Wirkungen.
Um das sein zu können, muss man aus dem Weg räumen, was der Einwohnung des Ich in der Seele
entgegensteht. An solchen Wirkungen ist die Gegenwart reich. Und darum sind die Waldorfschulen als
einer der heilenden Faktoren tätig.
Ein Menschenleben hat dann besondere Möglichkeiten, wenn die drei Wurzeln des Genius in Harmonie
und gegenseitige Ergänzung, in fruchtbarem Zusammenwirken zur Entfaltung kommen. Und diese
besondere Voraussetzung war im Leben der Selma Lagerlöf in umfassender Weite und Tiefe gegeben.
Die eine Wurzel ließ die zweite sich entfalten, beide gaben der dritten einen Humus, befähigten den
Genius im Zeitlichen das Ewige zu finden, und aus dem Ewigen in das Zeitliche einzuwirken.
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Das gesund Gleichgewicht der Grundlagen machte sie frei vom Zwang der Stile und Moden, die Form
und die Inhalte ihrer dichterischen Arbeit – denn auch ihre Prosa war vom Wesen her Dichtung – gingen
hervor aus ureigenem, wesenhaftem Willen.
Vergeblich sucht man eine Gesamtausgabe, sie ist vergriffen, Neuauflage unbestimmt. Ebenso ist es mit
vielen Einzelwerken. Selma Lagerlöf ist nicht „in“, ein versunkener Schatz.“

Das war die Einführung in meine Jahresarbeit und ebenso gilt es als eine Vorbereitung meines Studiums
am Lehrerseminar, in das ich, mit neuen inneren und äußeren Kräften und neuen Eindrücken, auch durch
meine Schwedenreise, in meinem 24. Lebensjahr, eintrat.

Auch dort sollten sich strahlendes, menschliches Licht und nachtschwarzer Schatten in einem
zerreißenden Kontrast wieder scheinbar brüderlich die Hand reichen und ich möchte diese immer
wiederkehrende Paradoxie meines Lebens, die sich wie ein roter Faden unentwegt durch meine
Biographie zieht, an einigen Beispielen aus jener Zeit plastisch darstellen, weil mir die Zeit meines
Studiums der Pädagogik, das eine ganze Jahr von zwei Semestern, tief greifende Erlebnisse,
Erinnerungen, aber auch eigene auferlegte Willensschulungen ungeheurer Tragweite, gerade für mein
Leben, für meine Konstitution, die im Grunde nicht in der Lage war, über einen längeren Zeitraum etwas
durchzuhalten, in meiner Seele zurückgelassen hat.

Mit wehenden Fahnen begann ich dieses Studium und ich überwand meine Schüchternheit, meine fast
misanthropische Menschenängstlichkeit und beteiligte mich aktiv und hellwach am Unterrichtsgeschehen,
das in seinem Umfang der Lehrfächer dem des Priesterseminars sehr ähnlich war. Mit Fahnen auf
Halbmast beendete ich dieses Studium nach einem Jahr mit letzter Kraft.
Als Grundlage diente die Allgemeine Menschenkunde von R. Steiner.
In meinem Semester sollte mich nun auch meine beste Schulfreundin aus Berlin, Henriette, durch mein
Studium begleiten. Sie wusste allerdings, dass sie nach Semesterende das Studium für einige Zeit zu
unterbrechen habe, da sie bei Eintritt schwanger war und wir nahezu wöchentlich das Wachstum des
kleinen Wesens in ihr, von dem ich im Juni 1998, genau am Johannitag, die Patentante werden sollte,
mitverfolgen durften.
Ich hatte, wie schon beschrieben, nach meinem Abitur damit begonnen, noch ungezielte Lebens- und
Berufsberatungen in Gesprächen mit Menschen durchzuführen, die mir geschickt wurden, oder die
meinen Weg durch „Zufall“ kreuzten. So hatte ich vor meinem Abitur einen sehr feinen, wachen,
geistigen Menschen im Stuttgarter Schwimmbad getroffen, welcher mich mit der Aussage ansprach,
warum ich denn so traurig aussehe. Wir kamen ins Gespräch und es sollte eine langjährige Freundschaft
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daraus entstehen. Doch wie jeder Mann in meinem Leben, der meinen Weg kreuzte, verliebte sich Andrej
in mich, in mein Wesen, in meinen Geist und hielt sogar bei meinen Pflegeeltern, wie in alten Zeiten, um
meine Hand an. Doch welche Ironie des Schicksals und ich möchte diese belastende Tatsche eben nicht
austreten, nicht ausbreiten in ausschweifenden Erläuterungen, aber sie zeigte sich an meiner Freundschaft
mit Andrej in aller Kürze am deutlichsten:
Gerade jenen „Pflegevater“, bei dem Andrej und noch so manch anderer um meine Hand anhielten, stand
in einem schon erwähnten, völlig anderen Verhältnis zu mir, als es ein Vater in der Regel zu sein pflegt
und ich wurde dazu angehalten, niemals bei irgendjemandem ein Wort darüber zu verlieren. Das waren
die innerlich aushöhlenden, auszehrenden Momente in der Zeit mit Odysseus, in der ich unweigerlich und
unfreiwillig zum Lügen verleitet wurde, auch wenn ich versuchte, nur die Wahrheit zu verschweigen – zu
schweigen und dennoch Ausflüchte finden musste, warum ich nicht in der Lage sei, mich anderweitig zu
binden, da ich nun ganz offensichtlich in der Außenwelt keinen Lebenspartner, wie wir sie heute nennen,
vorzuweisen hatte.
Andrej hat jahrelang um diese, seine Liebe zu mir gekämpft und ich erinnere einen Moment, als mir mein
Herz fast in meiner Brust zerrissen wurde, es war in meinem Abiturjahr, in den Sommerferien, als mein
Geburtstag anstand. Andrej wollte mich besuchen kommen, die weite Fahrt, neben seinem Studium der
Chemie und seinem nächtlichen Nebenberuf, für UPS zu fahren, von Stuttgart nach Berlin anzutreten.
Er erreichte mich telefonisch nicht, musste aber innerlich ganz fest davon ausgegangen sein, da ich mich
zu dem Zeitpunkt nicht in Stuttgart aufhielt, dass ich meinen Geburtstag mit Freunden in Berlin feiern
würde und kaufte mir ein großes, sehr wertvolles Geschenk für 600 DM, es war für ihn zum damaligen
Zeitpunkt sehr viel Geld, um aufs Geratewohl bei mir anzuklopfen, nach mindestens sieben - stündiger
Fahrt.
Dumpfes, erschreckendes Schweigen drang aus dem Inneren meiner Studentenwohnung. Und dieses
Schweigen kann nur ein liebender Mensch als unsagbar schwer, schwermütig und fast drohend
empfinden, der jede Sekunde einer nicht enden wollenden Reise zählt, um bei der heimlich Geliebten zu
sein, ihr in die Augen zu blicken, ihr Herz bei der ersten, warmen Umarmung schlagen zu hören, im
Gleichklang mit dem eigenen. Seinen inneren Aufschrei hörte ich nicht, ich, die ferne Geliebte, welche
sich zum nämlichen Zeitpunkt am Geburtstag mit Odysseus einen lang ersehnten Traum erfüllte, da sich
ihre eigene Liebe durch die ganzen Jahre ihrer Kindheit und Jugend der Kunst - im Schriftstellerischen
und im Malerischen vornehmlich auf zwei männliche Wesen richtete, nämlich auf Stefan Zweig und
Caspar David Friedrich:
Und so weilte sie zu jenem Zeitpunkt, als Andrej glaubte, sein Herz zu verlieren, mit vor Begeisterung
klopfendem Herzen auf den Kreidefelsen in Rügen, um jede malerische Nuance, jede Naturerscheinung
am Himmel, an den Felsen, im Meer genauestens in ihrer Seele aufzunehmen, für die Ewigkeit dort
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einzugravieren, sie mit den Augen von Caspar David Friedrich zu sehen, dem sie ein Thema in der
Abitur- Abschlussprüfung der Bildenden Kunst widmen wollte.
Nach meiner Rückkehr nach Berlin fand ich, an meine Türe geheftet, die Nachricht, dass Andrej mich
besuchen wollte, unverhofft, unangemeldet und dass er mir mein Geschenk bei der Post hinterlegt habe.
Über fünf Jahre kämpfte Andrej um mich, versuchte, mein Herz zu erobern, allein, ich sagte ihm nur
immer dasselbe: „Ich kann nicht und ich kann es dir nicht sagen, warum es nicht geht. Versuche es bitte
zu akzeptieren, vielleicht geht es irgendwann. Ich bin dir nicht böse, wenn du dich von mir abwenden
musst, weil für dich der Schmerz, mich immer wieder zu sehen und nicht zu fühlen, sonst zu groß ist, aber
versuche mich zu verstehen im Unverständlichen.“

Warum habe ich diesen Rückgriff in meine Vergangenheit der letzten Jahre vor dem Studium der
Pädagogik gebraucht? Aus dem Grunde, weil ich zwei Jahre zuvor mit Andrej ein wichtiges Gespräch
führte. Diesem besonderen Freund riet ich zum damaligen Zeitpunkt, ein Studium am Lehrerseminar zu
beginnen. Er befolgte meinen Rat und sagte mir viele Jahre später, dass dieser Weg seinem Leben die
entscheidende Wendung gegeben habe. Er ist Sportlehrer geworden und unterrichtet seit vielen Jahren in
einer Waldorfschule am Bodensee die Klassen 5-12 im Sport, neben dem Fach Chemie.

Nach meiner Beendigung des Seminars sollte ich in so manchen Juliwochen die Reise zum Bodensee
antreten, um mit Andrej, in tage- und nächtelanger Arbeit, die unzähligen Zeugnisse für seine Schüler zu
schreiben, oftmals mit Abkühlungen im warmen Bodensee, um anschließend in seiner gemütlichen Küche
noch um Mitternacht ein gutes Demeter-Essen zu verschlingen.
Und so traf ich hier bei meinem Eintritt in die Hochschule diesen wertvollen Freund, der sich schon im
vierten Semester befand und ich sah nur in seine Augen und wusste: Für ihn wird diese Zeit, mich jeden
Tag zu sehen, seinem Herz zu befehlen, zu schweigen, sehr schwer werden. –

Die Lehrer liebten mich und auch hier sollte ich immer wieder, auch von meinen Kommilitonen von
meiner „Besonderheit“, wie ich sie oft über mich erfahren musste und ehrlichkeitshalber auch durfte,
hören und ich möchte dieses fast ehrfürchtige Verhalten mir gegenüber, gerade von vier Lehrern des
Seminars, meinem sicheren, starken „ichhaften“ Auftreten gegenüber, an einigen Beispielen
verdeutlichen, weil gerade der Seminarleiter sich fast unterwürfig verneigte, wenn er mir begegnete, oder
mich vorzog, wenn es um Beiträge in der Klasse ging, weil er immer daran interessiert war, was in mir
lebt, um es gegen Semesterende in einer erschütternden, fast tragischen Weise gegen mich zu richten,
woran ich erkennen durfte:
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Die Anthroposophie ist mein Weg, seit meiner Kindheit, weil ich dieses Wissen intuitiv in mir trug und
schon in meinem vierten Lebensjahr über derlei Inhalten gesprochen habe, als ich der Fähigkeit des
Lesens noch nicht mächtig war, von denen mir meine Mutter in späteren Jahren erzählte. Über ihre
Repräsentanten habe ich bereits geschrieben. Diese, welche den „geistigen Schatzes“ hüten wie den
Gralsstein, wie ich ihn empfinde, sind oftmals nicht in der Lage, ihn differenziert, vor allem individuell
aufzugreifen und im eigenen Leben, oder im Leben ihrer Mitmenschen umzusetzen.
Der Weg führt, wie in allen Glaubensgebieten, in Wissensgebieten, die nicht mit dem irdischen Auge
erfassbar und mathematisch errechenbar sind, er führt demzufolge nur über die Ehrfurcht, die Demut.
Werden diese Qualitäten umgangen, entsteht, wie ich es auch bei Calvin zu beschreiben versuchte,
menschliche Härte aus Unkenntnis, Unwissenheit und Unlauterkeit der Seele. Es entsteht dasjenige, dass
ein mögliches geistiges, oftmals nur angelesenes Gesetz auf jeden und alles übertragen wird ohne
Einfühlung, Anbindung, ohne dem inspirativen, intuitiven und imaginativen Erfassen des individuellen
Schicksals seines Gegenübers.
Erst heute ist mir deutlich, am Schreiben meiner Biographie, dass diese Begebenheit, so schmerzvoll und
zerstörerisch sie damals gewesen, notwendig war in meinem Schicksal, um an ihr erkennend der Welt
eine bestimmte Tatsache im menschlichen Zusammenhang auf der Grundlage von Reinkarnation und
Karma zu verdeutlichen, auf die ich in der Beschreibung des Abschlusses meiner beiden Studiensemester
noch zurückkommen werde.

Ich mute hier dem Leser sehr viel zu und auch mein scheinbares Gedankenspringen ist von mir eine
bewusste Handhabung für die innere, geistige Beweglichkeit, die ich, sowohl auf dem steinigen Wege,
erwachsen zu werden, in dieser Weise beweglich handhabe, als auch in all meinen Tätigkeiten, ohne die
Zielrichtung zu verlieren.
Denn, wie wir es am Priesterseminar gelehrt bekamen, bedeutet Erwachsensein Stagnation, ein Ausruhen
auf dem vermeintlichen Angekommensein einer nur physischen Entwicklung. Um diese Stagnation zu
vermeiden möchte ich, sowohl zeitgleich vor und auch zurückgreifen und die Aussage meiner besten
Schul- und Studienfreundin aus ihrer Stellungnahme für meinen Gerichtsprozess, - den ich noch zu
beschreiben erwähnte, die meine beschriebene Anwesenheit und Wirkung in unserer Gruppe aus einer
anderen Perspektive und Zeit veranschaulicht:

„Sophia Lachenmayr kam im Herbst 1995 in meine Abiturklasse (Berlin).


Sophia war stets zuverlässig und interessiert am Unterricht und ihre Beiträge waren immer eine
Bereicherung. Die Lehrer hatten Achtung und Respekt vor Sophia, bei den Schülern war sie beliebt und
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schnell in die Klassengemeinschaft integriert. – Sophia absolvierte das schwierige so genannte „externe
Abitur“ im Sommer 1996 mit einer guten Durchschnittsnote.
Ein Jahr später studierte sie sowohl am Priesterseminar und folgend an der Hochschule für
Waldorfpädagogik in Stuttgart mit mir zusammen und auch hier war sie ein geachtetes Mitglied der
Klassengemeinschaft. Sie leistete alles, was von ihr gefordert wurde mit Bravour, sei es im sozialen,
künstlerischen, pädagogischen und geisteswissenschaftlichen Bereich. Sie war bei Kommilitonen und
Lehrern beliebt, strahlte sie doch immer Lebensfreude, Humor“ (!) „und Intelligenz aus.
Als Freundin und Patentante meines Sohnes, erlebte ich Sophia als zuverlässigen Menschen, der sich sehr
um das Wohl seiner Mitmenschen sorgt und sich um die soziale Verbindung bemüht.“ -

Doch wieder musste ich erleben, dass meine wehenden Fahnen auf Halbmast verknitterten, auch wenn ich
versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und zunächst sollte sich dieser Kräfterückzug meiner
Umgebung auch noch nicht einmal ansatzweise zeigen. Im ersten Semester wohnte ich noch bei meinen
Pflegeeltern, um im zweiten Semester ein kleines, sehr gemütliches Zimmerchen im Studienhaus selber
zu beziehen. Ich liebte dieses eigene Reich und ich erinnere mich an die Aussage eines Kommilitonen,
den ich für eine Nacht dort schlafen ließ, ohne mich, versteht sich:
„Ich weiß nicht, was das mit dir ist. Nicht nur deine eigene Energie, die du im dich verbreitest wirkt
heilsam auf die Menschen, sondern auch die Energie deines Zimmers, die Schönheit der Einrichtung und
Gestaltung und dein Wesen, das darin wohnt. Ich habe lange nicht mehr so gut geschlafen.“

Und tatsächlich fühlte ich mich selber dort auch sehr wohl.-
Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Inhalte der pädagogischen Ausbildung eingehen, - mein
gemessen kurzes Leben von nur 39 Jahren übertrifft wohl den Rahmen einer Biographie eines uralten
Menschen, der auf ein erfahrungs- und erlebnisreiches Lebens zurückblickt. Aber es erscheint mir
wichtig, meine biographischen, menschlichen Erfahrungen dieses innerlich und äußerlich reichsten, aber
auch schweren Jahres meines Lebens herauszuarbeiten.

Zunächst gab es am Studienanfang eine Vorstellungsrunde, in der jeder, so lange er es benötigte, aus
seinem Leben erzählen sollte. Und ich erinnere mich noch sehr genau an den Blick unseres
Seminarleiters, die Blicke meiner Mitstudenten, die teilweise fassungslos an meinem Mund und seinen
Worten hingen, als ich aus meiner Kindheit erzählte und von den Früchten, die ich mir selber, mithilfe der
Waldorfschule, erarbeitet habe. Daraufhin sagte der Leiter mit dem Gesichtsausdruck, der eine gewisse
Hochachtung nicht zu verbergen wusste: „Erstaunlich, dass Sie ein solch schweres Schicksal unbeschadet
an Leib und Seele überstanden haben.“
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Ich erlebte in mir wohl jenen beschriebenen Riss, der sich in meinem 21. Lebensjahr als tiefe innere Kluft
auftat, dem ich jedoch keine Beachtung zu schenken versuchte, um ihn immerhin bis zu meinem 24.
Lebensjahr, als meine Kräfte am Ende des Semester zu brechen drohten, als dieser Riss meiner Seele
immer deutlicher in Erscheinung trat, in seine Schranken zu weisen. Und wieder konnte ich auch in
diesem Lebensalter mein Lebensschiff noch einmal vor dem Zerschellen an den spitzen Klippen des
Schicksals aus eigener Kraft bewahren, bis ich im Jahre 2000, mit 26 Jahren seelisch zu taumeln begann,
abzustürzen drohte und sich doch wieder meine eigene innere Stärke zu Wort meldete im Jahre 2004, als
ich genau 30 Lenze zählte.

Diese Jahre, von meinem 30. Lebensjahr bis zum 33. Lebensjahr, meiner Einweisung und damit meinem
Todesurteil, dem ich bis heute nicht mehr die Stirne zu bieten vermochte, zählen für mich zu den
schönsten und erfülltesten Jahren meines Lebens, es war die Ruhe vor dem Sturm, wie sie auch Christus
in ebendiesem Lebensalter erlebte haben mochte.

Aber zu jener Zeit am Seminar war mir dieser Riss zwar bewusst, ich konnte ihn jedoch nicht einordnen
und weil ich in mindestens 21 Jahren niemals über meine seelischen Untiefen und Belastungen
gesprochen habe, allenfalls mit meiner Mutter im Ansatz.
So versuchte ich seit meiner Kindheit eine andere Seite in mir zu stärken, auch wenn sie immer und
immer wieder zerstört wurde und das sollte mir auch in dem reichen Studienjahr der Pädagogik
offensichtlich in diesem Ausmaß gelingen, dass eines Tages unser überaus cholerischer Plastizierlehrer,
der im Unterricht immer wieder zu brüllen begann wie ein Löwe, weil die angegebenen
Aufgabenstellungen nicht zu seiner Zufriedenheit ausfielen, der kein Blatt vor den Mund nahm, um den
Mitstudenten aufzuzeigen, wie unsinnig ihre Aussage sei, oder ihre Arbeit, - nach der Stunde leise,
ehrfürchtig und fast schüchtern hinter mir und Henriette herschlich und mir seine Absicht, die ich in
seinem Gesichtsausdruck las, mich sprechen zu wollen, nicht entging.
So bat ich Henriette wenige Schritte weiter zu laufen und dort auf mich zu warten. Und tatsächlich konnte
ich nun forschere, schnellere Schritte dieses Lehrers erleben und schon stand er vor mir und fragte mich
mit kaum hörbarer Stimme, die nicht zu seiner Cholerik passte, ob er mich kurz sprechen dürfe.
Die Neugierde der Frauen scheint oft sehr groß zu sein und so konnte Henriette diese nicht bezwingen
und aus dem „Hinterhalt“ jedes Wort mithören, das dieser Lehrer zu mir sprach:
„Ich möchte Ihnen sagen, dass ich Ihre mündlichen, wachen, klaren Beiträge sehr schätze und mich
immer darauf freue. Auch an Ihren plastischen Tonarbeiten freue ich mich und ich erlebe sehr starke
Form – und Bildekräfte daran, eine Vollendung gewissermaßen. Auch erlebe ich Sie als einen ganz
besonderen, herausragenden Menschen.“
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Es ist mir fast peinlich, diese Aussagen hier immer wieder anzuführen, aber sie zeigen mir persönlich
meine ungeheure innere und äußere Anstrengung meiner Kindheit, mir selber unentwegt Übungen
aufzuerlegen, Verzichtübungen, Willensschulungen, rhythmische Tätigkeiten, auch im Denken, mein
Denken zu kristallisieren.
Jemand „Besonderes“ zu sein, wenn man aus einem guten, gebildeten und starken Elternhaus kommt, ist
wohl kaum ein Kunststück. Sich dies aber selber, aus eigener Intuition zu erarbeiten, trotzdem alles um
einen und unter einem immer wieder zusammenbricht, zerstört wird, das verstehe ich als Lebenskunst.
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Kapitel: Erziehung zur Menschlichkeit – Praktikum bei Schwerstbehinderten

Wer sich an seine eigene Kindheit nicht mehr deutlich erinnert, ist ein schlechter Erzieher.
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

Wenige Tage später sollten wir, das sind drei Studenten, die sich auf dem Weg zum Mittagessen
befanden, ein kurzes Gespräch des Seminarleiters mit der Sprachgestalterin und der Musiklehrerin, durch
Zufall aufschnappen, in dem wir ganz deutlich meinen Namen hörten mit der Aussage: „Ja, Frau
Lachenmayr ist ein herausragender Mensch“.
Heute glaube ich, dass diese Zeit notwendig war, um die inneren Kräfte, auch des Selbstvertrauens
aufzubauen, die genau 10 Jahre später wieder zerstört werden sollten in der Stuttgarter Klinik und nicht
nur medikamentös, sondern auch verbal. Wobei ich schon einmal erwähnte, dass ich nach all der
Zerstörung auch in den Gesprächen mit Dr. Uriel sehr erstaunt war, als der Sozialarbeiter bei der
Vorstellung eines betreuten Wohnens mit der wörtlichen Aussage von Dr. Uriel mein Wesen beschrieb:
Es waren ebendieselben Aussagen, wie ich sie in meiner Studienzeit und davor immer wieder über mich
erfuhr und hörte, dass ich sozialkompetent sei und etwas „ganz besonderes“.
Wie konnte er so unterschiedlich, fast schizophren mit mir und dann über mich sprechen, fragte ich mich
damals.

Zum einen arbeitete ich nun intensiv an meiner Jahresarbeit, die ich, wie schon erwähnt, „Erziehung zur
Menschlichkeit“ nannte und las sehr viel von Selma Lagerlöf. Zum anderen strebten wir ein
Sprachprojekt an, das auf der Bühne vorgetragen werden sollte und dafür suchte unsere Sprachgestalterin
für jeden von uns mindestens ein Gedicht heraus, das derjenige alleine vortragen sollte, indess weitere
Gedicht von der ganzen Gruppe rezitiert wurden.
Ferner wurde ein sogenanntes Sozialpraktikum für drei Wochen angestrebt, das ich in Föhrenbühl am
Bodensee absolvieren wollte, mit Christina zusammen, mit der ich noch innigeren Kontakt pflegte, als mit
Henriette. Und zu guter letzt stand eine gemeinsame Reise nach Griechenland an und ich sollte und wollte
den Acht-Personen-Bus fahren bis auf den Peloponnes, nach Olympia, Mykene, Epidauros, Korinth,
Meteora und Delphi.
Und wieder musste ich die Erkenntnis gewinnen, dass ich im tiefsten Inneren nicht zu Depressionen
neige, dass mich nur schwere Schicksalsschläge seit meiner Kindheit in der Weise gebrochen haben, die
den Rückzug meiner Lebenskräfte immer weiter forcierten, wenn ich nicht die Möglichkeit für Pausen
hatte, für Rückzugsmöglichkeiten, in denen ich wieder Kraft schöpfen konnte. Denn ich stellte mir diese
Reise ungeheuer reich vor, den Bus zu fahren, zu scherzen, zu lachen, die griechische Landschaft tief in
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meine Seele aufzunehmen, sie einzuatmen und ich fieberte gewissermaßen jener Reise entgegen, die mir
im letzten Moment doch wieder verwehrt sein sollte. An diesen Grenzerfahrungen und Gebieten musste
ich erkennen, dass Verzicht seit meiner Kindheit immer und immer wieder mein ständiger Begleiter sein
und bleiben sollte. Er ließ mich einerseits stärker werden, andererseits führten sie mir die Grenzen meiner
Gesundheit in schmerzhafter Weiser vor Augen, um für diese Grenzen wieder einmal angeklagt zu
werden, die nicht aus Willenlosigkeit entstanden, sondern aus abgrundtiefer Erschöpfung, Schmerzen und
Müdigkeit.
Doch noch ging ich erhobenen Hauptes diesem Untergang entgegen, ein kleiner Untergang, gemessen an
dem, der mich 10 Jahre später erwarten und offensichtlich ein endgültiger sein und bleiben sollte.-
Ich hatte in meinem 14. Lebensjahr begonnen, Geige zu spielen, für ein einziges Jahr, weil mir vor
Krämpfen in den Armen, wie ich es beschrieb, immer wieder die Geige aus der Hand fiel und ich
grundsätzlich neben meinem Bett übte, damit sie weich fiel und keinen Schaden davontragen sollte. Und
so bekam ich die unendliche Gnade, wie ich sie damals empfand, dass ich, nach 10-jährigem
Abschiednehmen vom Geigeüben und einjährigem Unterricht, am kleinen Studenten- Orchester
teilnehmen durfte, das „die Kunst der Fuge“ von Bach einstudierte.
Womit hatte ich das verdient? - fragte ich mich und ich bekam eine Geige der Musiklehrerin und
versuchte nun, mit den anderen zweiten Geigen mitzuhalten, was mir erstaunlich gut gelang, wie ich es
nie zu hoffen gewagt hatte.

So waren die Tage ausgefüllt und erfüllt und nicht zuletzt mit der Tatsache und jener Tat, die ich über
zwei Jahre jeden Tag eisern durchhielt, dass ich mich täglich drei Mal für je 20 Minuten in einen stillen
Raum zurückzog, um die 9 Seligpreisungen zu sprechen und das „Vater Unser“. Es war für mich eine
Herausforderung der Willenskraft, der Durchhaltekraft und eine Stärkung der selbigen zugleich.

Diese Tätigkeit bildete eine Art Gerüst, das das Auf- und Abfluten aller Tätigkeiten des Tages ordnete
und festhielt. Außerdem vertiefte sich dadurch auch mein Verständnis für die eigene Seele, denn die Seele
erhielt dadurch einen Maßstab, an dem sich ihr Auf- und Abfluten spiegelte und einen ruhenden Punkt
gab und bekam. Jeden Tag, ohne Ausnahme - und schließlich wussten meine Kommilitonen schon
darüber Bescheid und wenn man mich suchte, für gemeinsames Kaffeetrinken, so hieß es nur immer:
„Sophia ist bestimmt wieder in ihrer Zwiesprache in ihrem stillen Kämmerchen, oder im Heizungskeller“,
denn dort hielt ich mich in den drei Wochen meines Praktikums in Föhrenbühl, dem Heim für
Seelenpflegebedürftige Kinder, auf.
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In diesem Lebensalter, mit 24 Jahren, beschlossen Odysseus und ich, uns zu trennen, um mir Raum zu
geben, den möglichen Lebens - und Schicksalsgefährten noch rechtzeitig zu finden. Er wollte mir dabei
nicht im Wege stehen und in meiner Beschreibung der Freundschaft mit Andrej wird ersichtlich, dass ich,
die im Grunde immer nur den Reiz des Fremden und Neuen suchte und ausschöpfen wollte, so wichtig
mir Treue auch als Qualität im allgemein Menschlichen erschien und ich sie auch zu leben versuchte,
Odysseus in all den fast fünf Jahren unserer geheimen Verbindung, doch unbedingt und aufrichtig treu
gewesen bin, auch wenn in diesen Jahren sehr viele, sehr interessante männliche Persönlichkeiten meinen
Weg kreuzten.
Und die Tatsache der Trennung muss an dieser Stelle Erwähnung finden, weil ich schon wenige Wochen
später in Föhrenbühl einen Mann, Eurythmist, Heileurythmist und Lehrer kennen lernen sollte, der mein
Herz tatsächlich, was von meiner Seite selten vorkam, höher und am höchsten schlagen ließ. –

Nun stand im März 1998 unser Praktikum an. Am 19. März setzte ich mich also in den Zug nach
Meersburg, zum Bodensee, ein paar Tage verzögert durch eine schwere Grippe.
Gibt es eine Vorhersehung, ist unser ganzes Schicksal schon eingeschrieben in ein geistiges Buch und
muss es sich nur noch in dieser Weise erfüllen? Können wir unser Karma noch korrigieren, oder sind wir
ihm unweigerlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert? Konnte meine Seele ahnen, dass ich genau an
diesem Tage, 10 Jahre später, aus der Stuttgarter Klinik bedenkenlos, nach einer Woche Aufenthalt,
wieder entlassen werden konnte, um noch ein letztes Mal den Atem der Welt zu fühlen und in mich
aufzunehmen, auf meinen Reisen nach Österreich und in die Türkei?
Der 19. März sollte 2008, wie auch an jenem Tage 1998, nochmals ein kurzes Aufatmen für mich
bereithalten vor dem anstehenden Sturm der Ereignisse.
Ich habe in jener Zeit ein Tagebuch im Rahmen meines Praktikums geführt und da es lustige
Begebenheiten beinhaltet, möchte ich den Text hier so einfügen, wie ich ihn damals schrieb, der den
ersten Empfangstag in der Campill Geheimschaft beschreibt und den folgenden Morgen, der eine
Beschreibung für jeden folgenden Morgen der drei Wochen meines Aufenthaltes dort als erlebt
angenommen werden darf:

„Um nach Föhrenbühl zu kommen, hat man nur sehr begrenzte Möglichkeiten. Entweder, man lässt sich
abholen und ist gezwungen, den Inhaber eines Autos ein Stückchen der Zeit seines sehr gegliederten
Tagesplanes zu stehlen. Oder die Gefahr eines gefrorenen Daumens besteht wenn man stundenlang neben
der Straße steht in der Hoffnung auf den Almosen einer Mitnahme. Doch in dieser Gegend scheint man
zu denken, die Benzinpreise richten sich nach der Anzahl der Personen, oder der Verbrauch desselben.
Die letzte Möglichkeit besteht, als Hoffnungsschimmer am Horizont, sie bedarf allerdings mehr Glück als
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Verstand, den Bus zu erwischen, der maximal ein Mal am Tage in die Richtung der sehr idyllisch
gelegenen Campill Einrichtung fährt.
Diese Beschreibung ist übertrieben, aber cum grano salis entspricht sie den Realitäten, denn Föhrenbühl
liegt ganz oben auf einem Berg, dem Heiligenberg, und außer den Seelen der Dorfgemeinschaft scheint es
in der Nähe keine weitere menschliche Seele mehr zu geben.
Ich wurde aber am Donnerstag, bzw. Mittwochabend von meinem Hausvater Verner, einem Dänen, am
Bahnhof Salem abgeholt, zwei Tage später des angesetztem Praktikumsbeginns, wegen Krankheit.
Hinten im Auto saß ein kleines blondes Mädchen, und ehe Verner alle Unklarheiten darüber ausräumen
konnte, erkannte ich, an dem stark nach vorne geschobenen Kinn, dem Ausdruck starker Willenskraft, die
Parallele zu Verners Aussehen in der Komposition der Gesichtspartien.
Verner und Anita haben selber drei Töchter, und das vierte, oder der vierte (?) befindet sich auf dem
langen, mühsamen Weg zur Erde.-
Fährt man nun den mir schon von meinem letzten Praktikum der 12. Klasse bekannten Weg nach
Föhrenbühl hinein, der restlichen Welt den Rücken zuwendend, so erscheint auf der rechten Seite groß
und gelb, wie ein Pilz, „das Haus der Kindlichkeit“, die Schule, in der sich die Klassenstufen der ersten
bis neunten Klasse befinden.
Wie in den normalen Waldorfschulen der Abschluss mit dem Klassenspiel, und der Eintritt in die
Oberstufe Ende der 8. Klasse gefunden wird, so findet dieser in der Sonderschule Föhrenbühl ein Jahr
später statt.
Von der 10. bis zur 12. Klasse besucht der Jugendliche die Werkstufe, analog zu unserer Oberstufe, nur
dass morgens der Unterricht von künstlerischen Fächern, bzw. praktischen Dingen wie Spinnen,
Gartenbau, Holzarbeiten… durchsetzt ist; der Nachmittag dann jedoch mit theoretischen Fächern, wie wir
sie als Epochen in der Waldorfschule finden.
Nach dem Sinn dieser Umkehrung von Theorie und Praxis habe ich gefragt, da der Anordnung morgens
Theorie und nachmittags Praxis eine große pädagogische und therapeutische Wirkung bei „normalen“
Kindern zugrunde liegt, jedoch keine Antwort bekommen. Es hat jemand eingeführt und niemand
beanstandet, sagte der Klassenlehrer. Weiter rechts oben erscheint das „Gebrüder Grimm“ Haus, in dem
meine beiden Brüder im Abstand von 4 Jahren ihren Zivildienst absolviert haben.
Und ganz oben das „Helen Keller“ Haus.
Über der Schule befindet sich das Therapiezentrum mit Schwimmbad von 36°C Wasserwärme. Der Weg
führt mich den Berg hinab, vorbei am Kindergarten, und am „Kolisko-Haus“, in dem ich vor Jahren
gearbeitet hatte, und in dem ich mir im Keller das Zimmer mit Christina teilen werde.
Weiter nach unten führt mich der Weg, vorbei am „Ita Wegmann Haus“ rechts, und links „Michael
Bauer“ und dem 2 Häuser Komplex und Haus, in dem letzteren Christina arbeitet.
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Der Weg führt weiter nach unten, hier sehe ich zwei Pferde, für das therapeutische Reiten, einen Esel, und
4 Schafe, dazu ein paar Lämmer. Ich habe gehört, dass man sich etwas wünschen darf, wenn man das
erste Lämmchen im neuen Jahr sieht. Es war mein erstes, und ich wünsche mir ein erfülltes,
erlebnisreiches Praktikum, und die Kraft, dieses bewältigen zu können, und den Kindern alles an Liebe
und Zuneigung entgegenbringen zu können, was in mir lebt. –
Auf der rechten Seite nun endlich erscheint das Haus, in dem ich arbeiten werde, das Jean Paul Haus,
bevor uns der Weg vorbei am letzten, dem Pestalozzi Haus, in die Unendlichkeit der schon fast
schweizerischen Wälder und Felder führt, in denen man, einmal im Jahr ungefähr, eine Menschenseele
trifft.
Unter dem Jean Paul Haus liegen die Werkstufen und dahinter die Gartenbauanlagen.

Donnerstag Morgen führt mich Verner durch das Haus, die Kinder sind gerade am Aufstehen, jedes auf
seine eigne, individuelle Weise, die doch größeren Schwankungen unterliegen, als bei „normalen“
Menschen.
In der Küche stehen schon drei Seminaristen, Dirk, Bobby und Stefan, sie sind im ersten Jahr, und haben
sich dieser Einrichtung vier Jahre verschrieben. Das bedeutet morgens Seminar mit dem Buch der
Theosophie von R. Steiner, daneben Eurythmie, Musik und Sprachgestaltung. Davor in den Häusern
Kinder aufwecken, anziehen, Frühstück machen, essen, abwaschen, kurze Mittagspause, Kinder wecken,
kleines Vesper, Kinder in die Schule bringen, mit allem was dazu gehört.
Danach je nach Wochentag und Einteilung, Haushüten, verbunden mit Großputz, Hausabend, Konferenz;
bedeutet Kinderbesprechung mit Lehrern, Bibelabend. – Dann ist da Joan, ein Eurythmist und
Heilerythmist der in Stuttgart ein Stipendium für sein Studium bekommen hat, unter der Bedingung, dass
er nach dem Studium drei Jahre im Campill arbeiten muss, davon zwei in seinem Heimatland Rumänien.
Wir verstehen uns gut und unternehmen in der wenigen freien Zeit sehr viel gemeinsam.
Ich sehe nur Wesen des anderen Geschlechtes, und so ist es auch: Außer Anita, der Hausmutter mit ihren
drei Mädchen, besteht das Haus nur aus Männlichkeit. Doch dies tut meiner guten Laune keinen Abbruch,
im Gegenteil, ich habe das Gefühl und das Bedürfnis, den Ausgleich durch ein etwas „zarteres“,
mütterliches Element zu schaffen, denn Anita hat mit ihren Töchtern genug zu tun.
Diese besagten Schwankungen des Aufwachprozesses Einzelner äußerst sich bei dem ersten, und
schwersten Fall, Achim, darin, dass er im Bademantel in die Küche gestürzt kam, und dieser sich, indem
Achim den haltenden Griff löste, um mir die Hand zu geben, verbunden mit grunzenden, mir
unverständlich Lauten, die ein „Guten Morgen“ erahnen ließen, sachte vom Körper löste.
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Der zweite Aufsteher morgens war Daniel, ein schwarzhaariger Junge von 17 Jahren, dessen Jahre
widerstandsfähig, ohne Rücksicht auf Verluste, vier Zentimeter zum Himmel ragten und er, umgedreht,
den Besen gut ersetzen könnte.
Er rauschte in einem Höllentempo auf mich zu, und da er ebenfalls einen Bademantel trug, wurde ich
etwas skeptisch und in meiner Begrüßung zurückhaltender.
Als sich nach einer stürmischen Umarmung, in der er seiner neu gewonnenen Liebe zu mir Ausdruck
verlieh und mich behandelte, als seien wir lange Bekannte, sein Bademantel ebenfalls öffnete, erkannte
ich, dass er in seiner Morgentoilette schon einen Schritt weitergekommen war und Unterhose und Hemd
schon anhatte.
Nach ihm folgte Armin, der mir nur kurz die Hand gab, ohne Blickkontakt, mich aber die folgende Zeit
verstohlen umkreiste.
Beim Morgenkreis lernte ich noch Bernhard im Rollstuhl kennen, der mich nicht wahrzunehmen schien,
was sich im Lauf der Zeit als großer Irrtum herausstellte. Dann Michael, welcher gleich seine Arme
schutzsuchend von hinten um meinen Bauch legte, da er nicht alleine stehen konnte. Mir wurde gesagt,
dass er „Mama“ dem „Papa“ vorzieht. Da war außer dem Nesthäkchen Jonathan, der den ganzen morgen
schmollen konnte, wenn er die Kerze nicht auslöschen durfte auch Matthias, der nach jedem Satz „oh
man oh man“ sagte, Zuneigung wollte und brauchte, wofür er sich bei einem bemerkbar machte, jedoch
Angst bekam, wenn diese erwidert wurde, um sich schnell aus dem Staub zu machen, entweder innerlich
oder äußerlich, um sich nach wenigen Augenblicken dem Betreffenden wieder zuzuwenden.
Und zu guter letzt Manuel der ständig den Satz eines Zivis wiederholte: „Was ist das mit Dir?“, der in die
Chronik seiner Biographie mit eingehen wird.
Ich habe es anfangs vermieden, Dinge über die Betreuten zu erfahren, um sie selber kennen zu lernen. Ich
wollte viel beobachten, und selber erfahren und erleben, und bat die Hauseltern für das Ende meines
Praktikums um ein Gespräch, um meine Beobachtungen mit Gegebenheiten zu verbinden und weitere
Fragen zu stellen.
Als nun beim Morgenkreis der Gesang „Aus den hellen Birken“ angestimmt wurde, war dies nicht mehr
als Gesang zu definieren, es glich eher einer Volksabstimmung. Der eine grunzte voller Freude vor sich
hin, der andere warf nach langem Schweigen immer ein ihm bekanntes Wort der Liedstrophe mit hinein,
der nächste verstand dies Lied als einen Sprechchor und auch die Zivis schienen noch nicht über den
Stimmbruch hinausgekommen zu sein.
Ich musste an Frau Peter denken und daran, wie relativ doch alles ist, denn nach diesem Gesang hätte sie
wahrscheinlich mit unserer Klasse einen professionellen Chor eröffnet und sich legitimiert gefühlt vor
dem Papst zu singen.
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Beim Frühstück, bei dem es nicht genießen und sättigen für mich hieß, sondern den einen füttern, dem
anderen geschickt Fragen zu beantworten, dem nächsten unter Beachtung der Vorfahrtsregel die Butter zu
reichen, wurde ich gewahr, dass Daniel mich ständig beobachtete.
Wenn ich ihn ansah, trat ein breites Grinsen in sein Gesicht, er rieb seine Handflächeninnenseite
mehrmals und fragte mich in seiner Verlegenheit, was er denn auf seinem Brot habe, obwohl die
Offensichtlichkeit der Butter keinem verborgen bleiben konnte. Nach dem Frühstück kam der Abwasch,
zusammen mit Achim, dem Autisten und schwersten Fall im Haus, der uns die Zeit erträglicher machte,
in dem er die Arbeit durch seine Hilfe nicht erleichterte, uns aber mit Gesängen beglückte, in dem er
ständig von einem auf das andere Bein wippte, sich die vermeintlich abgetrocknete Schüssel ans Ohr hielt
und Arien aus der Zauberflöte als Plätschermusik vom Endlosband uns schenkte...“
Nun hieß es jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen, nachdem Christina und ich uns in unserer Kellerkammer
noch bis nach Mitternacht unterhalten hatten, während ich mich zu spritzen versuchte und auf Christinas
Hilfe in dieser Hinsicht nicht rechnen durfte, da sie einen „großen Respekt“ vor den kleinen Nadeln hatte,
die ihr Angst einflößten. Zum damaligen Zeitpunkt begann meine Wanderung von Arzt zu Arzt, von
Klinik zu Klinik, um meiner Muskelerkrankung ein Gesicht zu geben, damit sie sich zu erkennen zu
geben in der Lage wäre und so hatte ich einen Arzt in Essen aufgesucht, der mir empfohlen wurde. Leider
musste ich einsehen, dass es der Anfang einer martervollen Odyssee werden, die meine Gesundheit in
einer Weise brechen, wie es sich schon im ersten Studienjahr zeigen sollte, als ich Abstand davon nehmen
musste, den Bus nach Griechenland zu fahren, obwohl ich niemals zuvor in meinem Leben irgendeine
Sache, die ich mir vorgenommen, wieder fallen ließ.

Und ebenso zeigte sich im Keim der Beginn eines sehr komplexen, schwierigen Schicksals mit Ärzten,
das sich in den folgenden 15 Jahren, in denen ich weiter suchte und forschte, ausweiten und auch meine
seelische Gesundheit immer weiter brechen, unter denen mir vor allem, neben anderen bewussten oder
unbewussten Handlangern, ein Arzt mein Leben unwiderruflich und endgültig zerstören sollte.
Doch während meines Praktikums ahnte ich von alledem noch nichts und das war mein Segen, weil ich
jede Minute in dem Menschenkreis, der mir nun mit anvertraut wurde, genoss und meine ganze Liebe und
Fürsorge einfließen ließ.
Christina sollte für mich in diesem ganzen Studienjahr ein ganz besonderer Mensch sein und bleiben in
ihrer Nüchternheit, Sachlichkeit, fast Unnahbarkeit und doch tiefinnerlichen Verbundenheit mit meinem
Wesen und Schicksal. Sie beneidete mich, sie sagte es mir offensichtlich und ich fühlte es und versuchte
ihr, diese Zuwendung von allen Seiten, die ich in den drei Wochen sowohl von den
Seelenpflegebedürftigen, als auch von den Pflegern, Zivis und vor allem von Johann, dem Eurythmisten
erhielt, weiter zu geben. Sie konnte ihre freie Zeit abends nicht in Gesellschaft verbringen, sondern saß
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zumeist schon im Keller um auf mich zu warten. Nachdem ich nahezu allen Kindern meiner Gruppe
abends, als sie schon still in ihren Betten lagen, Abendlieder vorgesungen hatte, um sie auf der Gitarre zu
begleiten, besuchte ich noch meinen Johann.

Und weiter aus meinem Tagebuch jener Zeit:

„Ich bin eingeteilt zur Klassenhilfe in die 5. Klasse, bei einem noch jungen und feschen Klassenlehrer. Er
hat eine sehr liebevolle und gezielte Art, in den Seelen der Kinder etwas zum Klingen zu bringen. Wir
haben Pflanzenkunde, doch zuerst wird der Morgenspruch gesprochen. Ich erkennen meine Aufgabe und
wende mich einem Kind zu....“ ..
“Darum ist es notwendig, vor jedem gemeinsamen Tun in klarer Sprache Sätze erklingen zulassen, denn
in der Sprache liegt Heilkraft, sie stammt aus tiefsten Quellen. Denn wer am gesunden Kind sehen lernt,
dem erschließt sich auch die oft verborgene Gestalt und verkümmerte Lautgebung eines Behinderten.
Auf den Text: „In dem Herzen webet Fühlen, in dem Haupte leuchtet Denken, in den Gliedern kraftet
Wollen“ wird das Geben und Nehmen eines Stabes geübt. Haben Riechen und Schmecken noch
leibgebundenen Charakter, so führt das Hören und Sehen hinaus zum anderen Menschen. Die Seele öffnet
sich, das war bei Einzelnen stark wahrzunehmen. Während dieses Unterrichtes drängte sich mir die Frage
auf, ob Unterricht in dieser Weise für die Menschen, welche die Inhalte freudig miterleben, aber doch
nicht verwehrten können, sinnvoll sei. Auf diese Frage bekam ich erst viel später eine Antwort und sie
erschien mir plausibel. Es wurde mir erklärt, dass die Seele eines kleinen Kindes den Leib noch
umschwebt, noch nicht eingezogen ist in ihn. In diesem Zustand können sie wortlos verstehen und
mitempfinden. Was hier erlebt wird, existiert bei Behinderten oft ein Leben lang und ist Ursache
wortlosen Mitempfindens im Unterricht oder den Jahresfesten. Sie tragen ihr geistiges Sein
gewissermaßen wie einen Mantel um sich...“

„...Nach dem Abendkreis mit dem Gedicht von R. Steiner: „Das Schöne bewundern..“ wurde ich gefragt,
ob ich Freude daran hätte, die Kinder ins Bett zu bringen und so nahm ich Gitarre und Leier und
versuchte mein Glück mit Abendliedern. Bei der letzten Strophe des Liedes „der Mond ist aufgegangen“
setzte ich statt ...“ und unseren lieben Nachbarn auch“ für den „Nachbarn“ den Namen eines Kindes im
Raum ein.
Dies sorgte für große Aufregung weil ich kurz vor dem Namen eine Pause einlegte, um mich selber
erwartungsvoll in der Runde umzublicken: Hier nahm ich zum ersten Mal den so teilnahmslos
scheinenden Spastiker B. wahr. Fast schien es mir, als könne ich über das Ungeformte hinweg durch die
äußere Hülle auf die starke, leuchtende Persönlichkeit in ihm sehen. Ich erlebte ihn mitschwingen im
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Atem des Abends, die Melodie dankbar in seine Seele aufnehmend. Er lachte und sang vor sich hin und
ich vermochte ebenso wahrzunehmen, dass er erwartungsvoll den Atem anhielt, in der Spannungspause –
bevor sein Name erklang.“

Der letzte Abend nahte und ich habe schon angedeutet, dass ich meine freie Zeit vornehmlich mit Johann,
dem Eurythmisten, verbrachte und dass zwischen uns eine ganz starke und heftige Liebe entbrannte, die
mir Herzrasen bereitete, sobald ich nur morgens die Küche betrat und seine Energie spürte.
Er hatte das gewisse „Etwas“ und seine Augen strahlten Güte, Verständnis, Wissen und Liebe aus. Wir
führten jeden Tag sehr lange Gespräche miteinander und er wollte mich in diesen Apriltagen mit seinem
Auto zurück nach Stuttgart fahren mit der inneren Frage, ob ich mir vorstellen könnte, ihn zu heiraten.
Und so kam der letzte Abend, die letzte Nacht - und Christina wartete vergeblich auf mein leises
Hereinschleichen in unsere Kellerbehausung und war sich um Mitternacht darüber im Klaren, dass ich für
diese Nacht ein anderes Obdach, eine andere Höhle für den letzten Winterschlaf gefunden hatte...
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Kapitel: Die Arbeit mit der Sprache und Verzicht auf Griechenland

Erziehung ist alles. Der Pfirsich war einst eine Bittermandel, und der Blumenkohl ist nichts als ein
Kohlkopf mit akademischer Bildung.
Mark Twain

Meine Kräfte waren nun fast vollständig aufgezehrt und ich versuchte nur noch über meine Vorstellungs-
und Willenskräfte sie wieder etwas aufzubauen, um dem anstehenden Sprachprojekt zurück in Stuttgart
und seiner Aufführung in einem großen Saal, gewachsen zu sein.

Eines Morgens legte uns unsere Sprachgestalterin, Frau K., die ich sehr verehrte, die Zeile eines
Gedichtes von Rose Ausländer „Wirf deine Angst in die Luft“ auf den Tisch
(!In die Luft oder auf den Tisch..) mit der Bitte, jenes Gedicht eigenständig weiter zu dichten, um nach
vollbrachter Arbeit zwei oder drei davon auszuwählen, die gelungensten und diese sollten ebenso von den
Erschaffern auf der Bühne vorgetragen werden. Ich möchte mein Gedicht hier einfügen, weil ich unter
diesen wenigen „Auserwählten“ war, die ihr Gedicht präsentieren sollten:
Wirf deine Angst in die Luft,
Hör nicht, wenn drängend sie ruft
Oder beharrlich sie schweigt
Nur ihre Maske dir zeigt
Nimm sie mit dir in den Zauber des Lichts
Trage sie frei durch die Schatten des Nichts
Denn sie zeigt dir den Weg –
Fange mit offenen Armen sie auf
Zeigt dir fortan deines Schicksales Lauf
Den Sinn deiner Angst.

Nach dieser Stunde, in der über Nacht viele unerkannte Dichter als Keim für einen künftigen Stern im
dunklen Erdreich zu wachsen begannen, auch wenn nur zwei Gedichte davon ihre Köpfe aus dem Boden
zur Sonne strecken durften, kam unsere Sprachgestalterin auf mich zu mit der Frage, ob sie mich
sprechen dürfe. Und so war es mir vergönnt, durch ihr Anliegen und ihre Aussage noch ein letztes Mal
den Atem der Zeit in mich einströmen zu lassen, vor dem langen, dunklen Winter, der auch meine Seele
immer weiter überschatten sollte, der mir mein „starkes Ich“, wie es immer bezeichnet wurde, mehr und
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mehr entreißen sollte, vor allem von Seiten der Menschen, mit denen ich hier in diesem Leben ein sehr
schweres Karma auszutragen habe, nämlich mit Ärzten und ihrer Scheinmacht.

Ähnlich meiner Klassenlehrerin, welche mir einen sehr schweren Zeugnisspruch „anvertraute“, jenen
Spruch, den ich mir erst in meinem 39. Lebensjahr zu „enträtseln“ wusste, wie sie es mir wünschte und
dessen letzte Zeile immer wieder in meinem Buch aufscheint als Wegweiser, als Licht am Ende des
Tunnels : „Wer weiß denn, ob er nicht Keim für künftigen Stern ist?―, begegnete mir Frau Kaiser.
Sie erklärte mir auch wieder umständlich, dass Sie mich als einen ganz herausragenden Menschen erlebe,
klar, wach, geformt, geistig und sehr begabt und sie wolle mir speziell für unser Sprachprojekt ein sehr
schweres Gedicht von Goethe anvertrauen und es sei ihr ein großes Anliegen, dass dieses Gedicht bei
unserem Projekt vorgetragen würde und könne sich dafür nur mich vorstellen. –
Ich sah ihr klar, aber ungläubig in die Augen und doch war ich mir der Tragweite dieser Begegnung
bewusst und ich versprach, es mir in Ruhe anzusehen um zu entscheiden, ob ich ihm gewachsen sein
würde.
Und tatsächlich war es ein sehr schweres Gedicht und ich versuchte, mir gleich das Hintergrundwissen
dazu anzueignen, in dem ich von Goethe die „Iphigenie auf Tauris“ las. Und ich wollte es versuchen und
sollte Frau Kaiser mit meiner Rezitation nicht enttäuschen.
Diese Zeit, den vielen Wochen der Arbeit an unserer Sprache und ihrer Gestaltung, wie ich es auch in der
Kommunikation mit den Behinderten in meinem Praktikum beschrieben habe „Darum ist es notwendig,
vor jedem gemeinsamen Tun in klarer Sprache Sätze erklingen zulassen, denn in der Sprache liegt
Heilkraft, sie stammt aus tiefsten Quellen―, gehörte für mich zur wichtigsten Zeit meines ganzen
Studienjahres und jene „Heilkraft“, von der ich schrieb, sollte mir zufließen, geschenkt werden und den
massiven Kräfteabbau durch die Fülle der Tätigkeiten und Anforderungen, noch einige Zeit
zurückdrängen.

Der 12. Mai nahte und damit unser Rezitationsabend.


Jener Mai im Jahre 1998 gehörte wohl zu einem Monat, in dem eine Jahrhunderthitze ihr Unwesen
treiben sollte: Brütende Hitze, Tag und Nacht und unser Sprachprojekt sollte ausgerechnet im
Dachgeschoss des Studienhauses stattfinden, in dem sich die Wärme staute.
Mein Bruder Johannes wollte wieder meine Familie vertreten und kam extra vom Bodensee angereist und
alle Studienfreunde waren neugierig auf ihn, ob er mir ähnlich sei. Ich war sehr beruhigt, dass Johannes
dabei sein würde, der mich auch schon vor dem Auftritt innerlich stütze und meine ganze Aufregung
gelassen mittrug.
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Ich hatte seit der in Essen begonnen Behandlung an Lebenskraft abgebaut, diese Spritzen schienen meiner
Urnatur entgegen zu wirken und das wurde an jenem Tag unseres Sprachprojekts mehr als deutlich, das
ich nur mit äußerster Willenskraft, innerer Affirmationen und enormen Überwindungskräften bewältigte.
Klar, deutlich, kraftvoll und angeblich auf meine Umgebung gesundend wirkend, trug ich meine drei
Gedichte vor, mein eigenes, das ich gleich als einer der ersten rezitieren sollte, im weiteren Verlauf
Goethe und Eichendorf. Diese Hürde war geschafft und dankbar brachte ich meinen Bruder am Abend
zum Zug und ebenso dankbar fiel ich mit letzter Kraft in einen gesunden Schlaf.

Wenige Tage später sollte unsere Studiengruppe in drei Kleinbussen die Reise nach Griechenland auf den
Peloponnes antreten und es war vorgesehen, dass dort die Referate unserer Jahresarbeiten gehalten
werden sollten. Die Zelte waren gepackt, die Busse bis in den letzten Winkel mit unserem Gepäck, mit
Essensvorräten und allem, was für eine dreiwöchige Reise an Notwendigem dabei sein muss,
vollgestopft.

Ich hatte nun seit neun Monaten meine geringe Durchhaltekraft durch mangelnde Lebenskräfte und die
schwere ärztliche Behandlung aus Essen, auf eine harte Probe gestellt und jene Zeit nur durch meine
Geisteskräfte bewältigt. Aber der Beginn meines Studiums und meine wehenden Fahnen waren nun nicht
mehr nur auf Halbmast verknittert, sondern schienen, gleich mit Wasser durchdrängt, der Schwerkraft
nach unten zu folgen, schlapp und scheinbar willenlos zur Aufrichte, um die Windrichtung anzuzeigen.
Der Arzt in Essen war mir eine große Hoffnung gewesen, aber er hatte meine Gesundheit nicht nur nicht
aufgebaut, oder stabilisiert, sondern reduziert und das sollte nun erst der Anfang eines langen
Leidensweges sein, der im Jahre 2003, bei einem einzigen Arzt in meinem Leben, unterbrochen und zu
einer inneren und äußeren Stabilität führen sollte, welche mir die besten Jahre meines Lebens schenken
sollten, mit Schwankungen, von meinem 30. bis zu meinem 33. Lebensjahr, auch wenn ich ihn nur ein bis
zwei Mal im Jahr aufsuchte.

Aber noch wanderte ich von Arzt zu Arzt, von Heiler zu Heilpraktiker, weil sich meine Gesundheit durch
die jeweiligen Behandlungen nicht nur wieder zum status quo ante zurückbewegte, denn damit wäre ich
zufrieden gewesen, nein, sie bewegte sich in eine ganz andere Richtung und durch diese
Verschlechterungen begann sich der innere Riss in mir zu vergrößern, zu vergröbern, Gestalt
anzunehmen, die mir nun nicht mehr verborgen bleiben konnte, auch wenn ich noch ein letztes Mal
versuchte, meine Flügel zu erheben, die Nässe aus meiner Fahne, die mich nach unten zog, auszuwringen,
um die letzte Etappe meines Studiums noch zu bewältigen.
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Ich war gezwungen, auf die Reise nach Griechenland zu verzichten und habe erst einige Stunden vor
Mitternacht vor der Abfahrt erkannt, dass ich ihr unter keinen Umständen gewachsen sein würde. Und so
riefen Henriette und ich den Studienleiter an, um ihm diese Tatsache mitzuteilen. Leider habe ich auch
hier wieder die Wahrheit gesagt, - ich sagte ihm, dass ich eine Muskelerkrankung habe und dass ich ihr
im Grunde zum ersten Mal in meinem Leben ärztliche Beachtung und Begutachtung geschenkt habe mit
dem Resultat, dass es mir nun noch schlechter gehe. Denn Tage zuvor hatte ich noch eine
Magnetfeldtherapie durchgeführt in der Hoffnung, ich sei doch nicht gezwungen, immer und immer
wieder, seit meiner Kindheit, auf solche Erlebnisse und Reisen mit Freunden und Mitschülern verzichten
zu müssen.–
Ich sagte ihm also, ich könne den Bus nicht fahren und bitte sehr um Entschuldigung. –
Im Nachhinein frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, einfach ein Unwohlsein, eine
Magengrippe vorzuschieben, oder etwas in Anlehnung an die Muskelerkrankung, um der Wahrheit
annähernd treu zu bleiben.
Denn ab diesem Zeitpunkt meiner Absage, sollte sich die sehr gute und fast demütige Begegnung mit dem
Leiter um Hundertachtzig Grad drehen, die Wahrheit meiner muskulären Disposition, die ja bis zu meiner
Einweisung in die Psychiatrie nicht endgültig geklärt, nicht erklärt wurde, um sich gegen mich richten.
Das Ungeklärte, Unerklärliche, Unsichtbare dieser Erkrankung sollte sowohl im Jahr 1998, als auch
genau 10 Jahre später im Jahr 2008 noch Folgen haben und so gravierende Folgen, dass einige Menschen,
die sich auf dem steinigen Weg der Erkenntnis, von der Weisheit über den Menschen befinden, - ich
möchte niemanden einen Anthroposophen nennen, weil wir alle auf dem Weg sind, sich veranlasst sahen,
einzugreifen, möglicherweise sogar mit einer Anzeige gegen diesen Mann und Studienleiter.

Niemand ist angekommen auf dem Weg einer Wahrheit und auch wenn sich die angelesenen Inhalte der
Lehren, sei es von Steiner, von Dalai Lama oder anderer weiser Eingeweihter, gleich einem
Zyklophargen, wie wir jene Menschen am Priesterseminar nannten, in den Köpfen minutiös ablesen
lassen, so ist es noch ein weiter Weg bis zum Herzen und einer ausgebildeten Intuition und Imagination,
um zur Weltenwahrheit zu gelangen und um das Wesen des Menschen wirklich in allen Höhen und
Tiefen, unter Beleuchtung aller Standpunkte und Perspektiven erfassen zu können. Um sich ein Urteil
erlauben zu dürfen, über einen anderen Menschen Gericht zu halten. Die Ehrfurcht vor dem Wesen des
Gegenübers, sein unantastbares Menschenrecht sollte oberstes Gebot sein. -

An jenem Tag der Abfahrt wollte ich die Truppe nicht sehen, wie sie lachend und schwatzend von dannen
fuhr, ich wollte nicht mehr in das finstere, abwertende Gesicht des Seminarleiters sehen, das ich aus
meiner Kindheit von meinem dritten Vater kannte und zog mich in mein kleines Zimmer zurück, um
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noch etwas zu schlafen. Nachmittags traf ich mich mit einer Freundin im Schwimmbad und versuchte, die
düsteren Gedanken und Empfindungen fort zu schwimmen, nachdem ich ihr auf ihren Wunsch auf der
Liegewiese das Portraitieren beibrachte.

Doch schon am nächsten Tage hatte ich eine Eingebung, die ich sofort in die Tat umsetzen wollte:
Meine Urnatur ließ sich auch heute nicht unterkriegen und so wanderte ich in die Bücherei und holte mir
verschiedene Reiseführer, Kunstgeschichtsbücher und Bildbände, um in drei Wochen, neben der
Tätigkeit, dass ich mir in ganz kurzer Zeit das zehn Fingerschreiben auf der Schreibmaschine beibrachte,
mit fünf Bällen jonglierte, ohne es vorher wirklich praktiziert zu haben, dass ich Geige übte, Gedichte
auswendig lernte, lange Briefe an meine Mutter schrieb, wie jeden Tag und abends ins Theater ging,
Essen kochte für zwei Personen und mich stundenlang im Schwimmbad aufhielt,- eine handschriftliche
Arbeit von 132 (!) Seiten über die Städte auf dem Peloponnes fertig zu stellen, auf dem sich meine
Mitstudenten zu derselben Zeit aufhielten.
Ich saß auf dem Balkon von meinen Pflegeeltern, diese waren selber mit einer Klasse in Rhodos - und
arbeitete mit einem strengen Rhythmus, einem eingeteilten Tagesablauf, an meinem Werk, das ich „Eine
Reise im Geiste durch Griechenland― nannte mit dem Titelbild der Nike von Samotrak und den
jeweiligen Stationen: Olympia, Mykene, Epidauros, Korinth, Meteora, Delphi. -
Jene drei Wochen gehören für mich in meiner Erinnerung nahezu zur schönsten und reichsten Zeit meines
Lebens. Auch sollte ich die Gnade haben, an einem Abend in das Theaterstück „Ein Inspektor kommt“
gehen zu können, in dem ich einst die Hauptrolle des Inspektors spielte. Und jeden Tag versuchte ich,
joggen zu gehen, wobei ich dem Begriff und seiner Ausführung wohl Schaden zufüge, wenn ich
behaupte, ich habe am Marathonlauf teilgenommen. Und doch steckte ich mir ein Ziel zwischen einem
und vier Kilometern, in denen ich mir auferlegte, immer bis zu zwei Minuten am Stück zu rennen, was für
mich einen enorm langen Zeitraum darstellte, um dann wieder auszuruhen oder langsamen Schrittes
weiter zu gehen. –

So waren meine Tage erfüllt und ich konnte meinem eigenen Tempo Raum geben, sodass ich nach drei
Wochen, als die drei Busse wieder deutsches Territorium erreichten, mit meiner Arbeit über Griechenland
unter dem Arm, frischem Mut in der Seele und neuer Lebenskraft meine Mitstudenten begrüßen, um auch
gleich mein Wissen zum besten zu geben. Ja, ich hatte sogar einen noch fundierteren Wissensschatz über
die Orte, die ich nur im Geiste bereist hatte, als alle Kommilitonen, die vor Ort gewesen waren und alle
waren davon sehr beeindruckt. –
Nicht so der Seminarleiter: Wortlos und fast widerwillig nahm er meine Arbeit entgegen und ebenso
wortlos schickte er sie mir, auf meine Bitte, fast drei Jahre später wieder zurück. Ich war in seinen Augen
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zum Schwerverbrecher mutiert, aufgrund dessen, dass ich eine Muskelerkrankung habe und die
Begegnungen mit ihm sollte meine wieder gewonnene Kraft endgültig brechen, auch wenn ich mir nichts
anmerken ließ. –
Die nahe Zukunft hielt für mich bei ihm und sogar seiner Frau mehrere, heftige Inquisitionen bereit, wie
sie nur Servet und Castellio in dieser Form erlebt haben mögen, unschuldig zum Angeklagten und
gesteinigt zu werden für ein Vergehen, das einzig darin bestand, Muskelkrämpfe und wenige
Lebenskräfte zu haben.
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Kapitel: Abgründe und Abwege der Repräsentanten der Anthroposophie – auch eine Einführung

Viele Menschen sind gut erzogen, um nicht mit vollem Mund zu sprechen, aber sie haben keine
Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun.
Orson Welles

Mit der Anthroposophie (griechisch Antropos-Mensch, Sophia-Weisheit: Die Weisheit vom Menschen)
hat Rudolf Steiner (1861-1925) eine Methode und Lehre geschaffen, in der nicht Geisteswissenschaften
und Naturwissenschaften getrennt betrieben werden, sondern in einer höheren Einheit verbunden sind,
etwa so, wie Goethe von der sinnlich-sittlichen Wirkung der Farben sprach. Es gilt mit
naturwissenschaftlich exakten Methoden die Geistigkeit zu erforschen, in der und aus der Mensch und
Natur ihr Sein und Leben haben. Impulse sind dadurch entstanden in den unterschiedlichsten
Lebensbereichen wie Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft, Sozialbereich, Religion und andere u.a. neue
Richtungen einzuschlagen und die Erkenntnisse dieser Gebiete grundsätzlich zu erweitern.
Das Ziel ist, den Menschen in seiner Beziehung zum Übersinnlichen zu betrachten und verbindet
Elemente des Idealismus, der Gnosis, fernöstlicher Lehren und der Weltanschauung Goethes. Sie versteht
sich nicht als Lehre, sondern als eine Methode, eigenständig „Forschung“ in der „übersinnlichen Welt“ zu
vollziehen.
Durch die Forschung im Geistigen ist es auch möglich, in den Schicksalen der Menschen zu betrachten,
wie im derzeitigen Schicksalsverlauf die Ursachen durchaus auch in einem vorherigen Leben begründet
sein können. Da treten gewisse Gesetzmäßigkeiten auf. Nicht sind Behinderungen als Strafen für frühere
Taten anzusehen, sondern als Ausgleich: Die Kräfte, die man einstmals möglicherweise gegen den
Weltsinn zerstörerisch verbraucht hat, müssen in diesem Leben einseitig neu aufgebaut werden, um im
nächsten Leben wieder voll verfügbar zu sein. Ja, man kann sogar davon ausgehen, dass besondere
Begabung und Genialität aus einem relevant von Behinderung geprägtem Vorleben resultiert. Wer einen
Mongoloiden kennt, der weiß, mit welcher Wärme ein solcher seine Umgebung wahrnimmt und
aufnimmt, ohne die Erlebnisse recht verarbeiten zu können. Kein Wunder, dass ihm im nächsten Leben
überragende Kräfte zur Verfügung stehen.

Vor diesem Hintergrund möchte ich die nun anstehenden Inquisitionen unseres Seminarleiters
beschreiben, die mich, wie auch die nächtelangen Inquisitionen meiner Mutter, unter dem Vorzeichen der
Beziehung zu Odysseus, straucheln ließen, meine innere Kraft zu brechen drohten.
Eine tiefe Verunsicherung überschattete fortab meine Seele und ließ sie nicht mehr frei atmen, ja, ich
versuchte mich innerlich und äußerlich wieder zu verstecken, wenn ich bekannte Menschen in der Ferne
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auf mich zukommen sah, weil ich mich als Schwerverbrecher fühlte, ohne zu wissen, was ich verbrochen
habe.

Auszug aus dem inquisitorischen Gespräch mit dem Seminarleiter: „Sie haben eine Muskelerkrankung?
Sie wissen sicherlich, was R. Steiner über diese Erkrankungen schreibt? Er spricht Menschen in ihrem
letzten Leben Mörder gewesen sind.“
Hatte ich richtig verstanden? Ich traute meinen Ohren nicht. Und selbst wenn es so wäre, so ist niemand
aufgerufen, einen Menschen, der in einem anderen, folgenden Leben möglicherweise intuitiv alles für
einen solchen Ausgleich anstrebt, gegenüber sich selber und seinen Mitmenschen, eine solche Aussage im
Rahmen einer Anklage vor den Latz zu knallen. Einem ohnehin schwer Getroffenen durch eine solche
Erkrankung, die auch noch jeglicher Wahrheit entbehrt, wie ich sehr viel später erfahren habe…
Und ich werde an dieser Stelle noch die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse von R. Steiner zu
Muskeln und Muskelerkrankungen hier einfügen, Einsichten von Hellsehern und meiner eigenen. –

Ich wehrte mich nicht, ich war es gewohnt, immer und immer wieder angeklagt zu werden für derlei
Tatsachen, die nicht im Radius meiner Schuld lagen und ließ ihn gewähren.
Ich weiß bis heute nicht, was in ihm vorgegangen sein mag in jener Zeit, als ich zu einem zweiten
Gespräch dieser Art mit seiner Frau zusammen geladen wurde, welches mich mit derlei Anschuldigungen
noch weiter in die Enge treiben sollte.

Mit neuer Kraft, die ich mir in den drei Wochen selber wieder zufließen ließ, nicht, in dem ich es mir gut
gehen ließ, mir den Bauch streichelte und in der Sonne briet, mich an gutem Essen freute um
„auszuruhen“. Nein, für mich bestand ein Ausruhen von jeher darin, mir Aufgaben zu stellen,
Verzichtübungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten anzutrainieren, meinen Willen zu schulen, mich geistig
weiter zu bilden, zu formen. Ich wollte diese Formkräfte erhalten, in der ganzen Zerstörung meiner
Kindheit und Jugend, welche meine Lehrer alle bewunderten und nun sollte alles Aufgebaute auf einen
Schlag wieder einmal zerstört werden, kurz und klein geschlagen und einer tiefen Verunsicherung und
Menschenangst Raum geben. -
Vielleicht liegen einer solchen Erkrankung ganz andere Voraussetzungen aus einem möglichen letzten
Leben zugrunde? Die Schicksale sind so ungeheuer individuell, die Krankheiten ebenso vielfältig und
expansiv im Vergleich zu einigen Jahrhundert vor dem unseren, in dem es nur ein sehr eingegrenztes
Krankheitsspektrum gab. Wie kann er mir also einen solchen Vorwurf vor den Latz knallen, an dem ich,
selbst wenn es so wäre, nun doch nichts ändern kann, außer dass ich versuche, mein Leben im Hier und
Jetzt in der richtigen Weise zu leben und möglicherweise auszugleichen?
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Warum kann nicht auch angenommen werden, wenn er solche waghalsigen Forschungen betreibt und
alles auf einen einzigen Nenner setzt, wie auch in meinem noch in seiner Beschreibung anstehenden
Gerichtstermin alle Anklagen gegen mich auf den Nenner gesetzt wurden, dass ich Suizidgedanken
gehabt habe, obwohl es in einem Lied heißt, „Die Gedanken sind frei“, dass sich eine solche
Muskelerkrankung, die nicht einmal einen Namen erhalten hat, durch eine mögliche Fesselung der
Gliedmaßen über Jahre aus einem letzten Leben, in einem folgenden Leben sich in Form einer
Muskelerkrankung zeigt, wie es auch Dostojewski erlebt haben mag, als er angekettet über fünf Jahre
seines Lebens im Zuchthaus verbrachte? -
„Das Muskelsystem erscheint, in der hellseherischen Betrachtung, als kristallisiertes Karma: Es lebt in
ihm der Geist, der den Menschen dahin führt, wohin er in Gemäßheit mit seinem Karma gehen muss.―
Das bedeutet, dass das Muskelsystem die Vorrausetzung dafür ist, dass die karmische Gesetzmäßigkeit
erfolgen kann, dass das Erworbene aus einem möglichen letzten Leben, in diesem Leben wirken kann.
Bedeutet dann vielleicht eine Schwächung und Erkrankung der Muskulatur, die natürlich eine Blockade
des Wirkens seines Karmas sein kann, bei mir, oder im Allgemeinen, dass in diesem Zusammenwirken
im letzten Leben eine Störung vorlag?
Der Tenor meines Buches kann dem Leser nicht verborgen bleiben, er ist derjenige eines Versuches,
Gesetze, die zur Allgemeingültigkeit erklärt werden, um sie auf jeden und alles gleichermaßen
anzuwenden, individueller einzusetzen, um zu erkennen, dass zum Beispiel ein Mensch unbedingt den
Vormitternachtsschlaf braucht, um auch nur mit vier Stunden Schlaf in der Nacht auszukommen, ein
anderer braucht den Vormittagsschlaf und seine Konstitution kann einen langen Arbeitstag mit vier
Stunden Schlaf nicht bewältigen – es bedarf also im intuitiven und individuellen Erfassen des Wesens
eines Menschen, im Heranziehen der Durchleuchtung seiner Konstitution, fast hellsichtigen Scharfsinn,
um helfend und heilend seinem Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele, gerecht zu werden.

Ich möchte noch ein anderes Beispiel veranschaulichen, da die Tatsache des unterschiedlichen
Wirkungsmechanismus von Medikamenten jedem deutlich sein muss. Eine solche Tavordosis, wie ich
sie erhalten habe, entfaltet bei einem möglichen Borderliner mit einer sehr sensitiven Konstitution, der
nicht einen Schluck Alkohol verträgt, eine vollkommen andere Wirkung zeigt, als sie möglicherweise ein
baumlanger, starker Mann, mit einer ebensolchen Gesundheit, kompensieren könnte, der jeden Abend
sieben halbe Biere herunterkippt:
Ich habe mich seit einem Jahrzehnt intensiv mit dem Mondkalender beschäftigt. Der Mond wandert alle
2-3 Tage durch ein anderes Sternbild. Der Kalender gibt günstige und ungünstige Zeiten für bestimmte
Tätigkeiten an, auch im Bereich der Hauswirtschaft, der Gartenwirtschaft, der Körperpflege, des
Kochens, der Nahrungsaufnahme. Auch werden die Mondphasen darin berücksichtigt und es wird
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angegeben, dass bei Neumond kräftigere Impulse auf den Menschen wirken, es sind die Kräfte einer
Neuorientierung, in der Natur beginnt die Erde abzugeben, die Säfte strömen. Wer zu diesem Zeitpunkt
beginnt, Bäume oder Pflanzen zurückzuschneiden, darf erleben, wie sich diese mehr und mehr erholen
und regenerieren. Für den Menschen dienen diese Neumondkräfte zur Entgiftung und zu keiner anderen
Zeit ist die Wirksamkeit eines Fasttages so hoch und effizient, als an einem Neumondtag, während es
ratsam ist, an einem solchen Tag auf chirurgische Eingriffe zu verzichten.
Ich möchte hier keinen langen Vortrag darüber halten, nur meine eigenen Erfahrungen ergänzend
festhalten im Hinblick auf die zur Allgemeingültigkeit propagierte und fehlinterpretierte und vollkommen
fehlgeleitete Entgleisung der Anklage unseres Seminarleiters:
Der Mondkalender empfiehlt, Kohlehydrate zu essen, wenn der Mond in einem Wassersternzeichen, also
Krebs, Skorpion, oder Fische steht, da sie dann vom Körper gut aufgenommen und verarbeitet werden
können, ohne zu beschweren. Bei mir selber habe ich eine gegenteilige Erfahrung gemacht, dass mein
Körper an jenen Tagen Kohlehydrate wie Brot und Kartoffeln, fast alle Obstsorten, sehr schlecht verträgt.
Ich bekomme Magenkrämpfen und ich vertraue mir in dieser Hinsicht dahingehend, dass ich oftmals über
viele Tage und Wochen nicht nachgeschlagen habe, in welchem Zeichen der Mond steht und mein Körper
immer in gleicher Weise darauf reagierte, um hinterher meine Beobachtungen mit den Tatsachen aus dem
Kalender in Übereinstimmung zu finden. Ich habe sie durch meine eigenen Beobachtungen ergänzt und
erweitert um festzustellen, dass betäubende Substanzen, Medikamente, Alkohol, eine ungleich stärkere
Wirkung zeigen, bei mir bis zur Bewusstlosigkeit, wenn der Mond in einem Luftzeichen wie den
Zwillingen steht, an sogenannten Fetttagen.

Es gibt also keine allgemeingültigen Regeln und immer wieder müssen wir erleben, dass unsere
gewonnen Erkenntnisse einem Hochmut anheim fallen, den wir oftmals und gerade bei Anthroposophen
erleben müssen, die sich zur auserwählten Gruppe der Eingeweihten einreihen, um ohne Demut und
Ehrfurcht vor dem Wesen eines anderen, ohne Sektiererei anzuerkennen, dass jeder Mensch andere
Ursachen und Beweggründe mitbringt, aus der nahen, oder ganz fernen Vergangenheit.

In jenen Tagen habe ich zwar die zerstörende Tragweite der Inquisitionen erkannt und sie haben tiefe
Spuren in meiner Seele hinterlassen, aber ich habe mich nicht in dieser Weise zur Wehr gesetzt, wie ich
es heute erkannt habe und erkennen durfte. So zog ich mich immer mehr zurück, auch mit Beiträgen im
Unterricht, weil ich den Eindruck gewinnen musste, dass der Seminarleiter meine Beiträge in zynischer
und ironischer Weise zu zerstückeln versuchte, was auch immer ihn in Wahrheit dazu veranlasst haben
mag.
56

Das Studienjahr neigte sich ohnehin seinem Ende entgegen und ich habe noch ein letztes Mal meine
Schwingen erhoben, einen bayrischen Sketsch in der Klasse vorgetragen, der für Lachen sorgte, ferner
habe ich noch das Referat meiner Jahresarbeit über Selma Lagerlöf präsentiert, um in den letzten Tagen
mit dem kleinen Orchester „die Kunst der Fuge“ von Bach zur Aufführung zu bringen.
Meine Kräfte waren allerdings gebrochen, auch muskulär und als mir, während des Spielens in einem
großen Saal, die Geige aus der Hand fiel, weil wir im Stehen spielten, schlich ich mich leise und lautlos
davon in der tiefen Gewissheit: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen..“ Und ich
hatte mich bemüht, meine ganze Kraft eingesetzt und wurde wieder einmal dafür nur in den Boden
getreten und angeklagt, meine eigenständige Arbeit über 132 handschriftliche Seiten über Griechenland,
mit keiner Silbe gewürdigt.
Am 24. Juni 1998 wurde ich Patentante, am Johannitag. Henriette hatte einem gesunden Jungen, Gabriel,
das Leben geschenkt. Ich war sehr erschöpft und verunsichert und konnte mich nicht in der Weise darüber
freuen, als ich es noch vor Monaten in meiner Seele empfunden hätte.

Die ersten beiden Semester dienen dem Studenten vornehmlich dazu, Einblick in die Sphäre der
pädagogischen Menschenkunde von R. Steiner zu gewinnen, sich mit dem umfassenden Lehrmaterial
eines Klassenlehrers zu beschäftigen, der, wie schon beschrieben, die Klasse durch die ersten acht Jahre
führt im Hauptunterricht, in dem er nahezu alle Fächer unterrichtet. Im dritten und vierten Semester sucht
sich der Studierende Nebenfach aus, weil jeder Klassenlehrer auch noch ein weiteres Fach unterrichtet,
sei es Musik, sei es ein handwerkliches Fach wie Schreinern/Werken, seien es Sprachen, Sport...

Ich hatte mir die Musik ausgewählt und da ich einige Instrumente einfach so spielen kann, zwar
rudimentär, aber immerhin zum täglichen Gebrauch, wie auch Klavier, Geige, Gitarre, Flöte,
Ziehharmonika, sogar im Klarinettenspielen habe ich mich einst, nicht ohne einen gewissen Erfolg,
versucht, so wollte ich mich in dieses Fach vertiefen an der Musikhochschule, mit Hilfe unserer
Chorleiterin, der Schwester meines Pflegevaters. –

„Die meisten Menschen werden nicht durch Christus vom Christentum enttäuscht, sondern durch die
Christen“ sagte Pavel Kosorin

Ich suchte mir in Stuttgart eine Wohnung, zog mit meinen wenigen Habseligkeiten um, suchte mir einen
Job und versuchte zunächst zu arbeiten, um mir auch ein eigenes Klavier und eine Geige kaufen zu
können. Ich arbeitete morgens in einer Bäckerei, am frühen Nachmittag in einem Gemüseladen und fuhr
am späteren Nachmittag bis in den Abend hinein, für den Hermes Versand Pakete aus, was mir großen
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Spaß bereitete, trotzdem mich diese Tätigkeit muskulär an meine Grenzen brachte, da die Pakete teilweise
nicht sehr leicht waren und ich mit ihnen oftmals nur schwer und mit größter Anstrengung in den fünften
Stock hoch torkelte. Ich habe diese drei Tätigkeiten über zwei Monate am Stück durchgehalten und sie
sollten mir zwei Menschen zuführen, die mir durch jene Begegnungen zum einen eine langjährige
pädagogische Aufgabe sicher stellten, mir zum anderen einen Lebensfreund schenkten, der mich mit Rat
und Tat durch die folgenden Jahre, bis zum heutigen Tage, begleiten sollte:

Eines Tages kam ein junger Vater auf mich zu, als ich gerade alle Hände voll damit zu tun hatte, Brötchen
zu belegen, Kunden zu bedienen und viele Beträge im Kopf zusammen zu rechnen, - um mich zu fragen,
ob ich Gitarre spiele.
Ich sagte ihm, dass ich es mir selber einst beigebracht habe und dass es dazu reichte, sogar auf einer
Bühne in einem Saal vorzuspielen, auf Jugendgruppentreffen. So war mir die erste Nachhilfestunde seines
Sohnes im Gitarrenunterricht sicher. Doch neben dem Gitarrespielen und Üben wurde ich sanft und sicher
in den erweiterten Nachhilfeunterricht für nahezu alle Schulfächer geworfen. In Deutsch unterrichtete ich
sogar Abiturienten und ebenso sanft stand ich durch Weiterempfehlungen vor verschiedenen Haustüren,
mich vorzustellen und sofortige Erfolge und Verbesserungen meiner Schüler zu verzeichnen.
Ich hatte keine Ahnung: Mit mehr Glück als Verstand, da ich 12 Jahre meiner Schulzeit im Grunde
„verschlafen“ hatte und mir, wie oftmals erwähnt, nicht einmal der Hauptschulabschluss zugetraut wurde,
hatte ich das Abitur im allerletzten Moment, weil ich ernsthaft erst kurz vor den Prüfungen zu lernen
begann, bestanden und nun sollte ich aus dem Stand Bruchrechnen unterrichten, Erörterungen von
Texten in der Oberstufe, Gedichtinterpretationen den mir Anvertrauten in der Weise nahe bringen, dass
sie etwas von mir lernen konnten und nicht ich von ihnen!
Doch es gelang mir und ich empfing in all den Jahren auch Weisungen „von oben“, wie ich es immer
nenne, als mir, wie ein Geistesblitz, ohne Vorkenntnis, die richtige Lösung und Antwort einfach in
meinem Inneren ablesbar war, wie es auch Jaques Lusseryan, ein blinder Professor beschreibt, in seinem
Buch „Das wiedergefundene Licht“.
In jedem neuen Schuljahr, ab dem Jahr 1999, wurde ich an neue Familien weiterempfohlen und diese
Tätigkeit sollte mich im Pädagogischen, im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, im Umgang mit
meinen Kräften und meinen Durchhaltekräften enorm schulen in ungeheuer produktiver Hinsicht. Dieser
Tätigkeit verdanke ich meine glücklichsten Stunden meines Lebens, sie ließ mich gesunden und
erstarken, innerlich wachsen und reifen, mein Wissen vermehren und ich blicke in Dankbarkeit der Gnade
Gottes zurück auf diese Jahre, die auch zugleich, bis zum Jahre 2004 eine der schwersten meines Lebens
werden sollten.
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Noch Monate bevor mich meine Hausärztin in die Stuttgarter Psychiatrie einwies, unterrichtete ich ein
Kind der vierten Klasse und ich erlebte an ihm ein großes Potential, das ich herausholte und förderte. Ich
sagte ihr, dass ich mir ganz sicher sei, sie werde es auf das Gymnasium schaffen, auch wenn sie noch
große Wissenslücken aufwies.
Ich musste sie im März 08, in einer entscheidenden Lebensphase im Stich lassen. In diesen ganzen 2 ½
Jahren meiner Klinikeinkerkerung hat sie mich, hat mich die ganze Familie immer wieder in
regelmäßigen Abständen angerufen. Ich konnte ihnen nicht mehr die „alte, fesche, gutaussendende und
lustige Lehrerin“ sein und sie wussten auch nie, in welchem Vorhof und Innenhof der Hölle ich mich
aufhielt, aber sie haben mir die Hand und die Treue gehalten und als ich nach meinem letzten
Klinikaufenthalt und während des Entzuges den Unterricht bei diesem Mädchen wieder aufnahm, sagte
sie mir wörtlich:
„Frau Lachenmayr, Sie haben an mich geglaubt als ich in der vierten Klasse war. Und ich habe bei jeder
Klassenarbeit nur an Sie gedacht, wie Sie mich unterstützen würden, wie Sie mir diese Dinge erklären
würden. Und ich habe nur für Sie gelernt, auch wenn Sie nicht da waren. Jetzt habe ich es auf das
Gymnasium geschafft und das habe ich nur Ihrem Glauben an mich zu verdanken und dem Wissen
darum, dass es Sie gibt.“
Sie war nun in der 6. Klasse als ich aus der Hölle zurückkehrte und es war ein seltsames Gefühl für mich,
da sich die letzten 2 ½ Jahre in meinem Empfinden und Gedächtnis gleich einem Filmriss anfühlten,
einem Erwachen aus einem langen Koma, wie es in dem Film „Good bye Lenin“ beschrieben wird, einem
nicht nur traumlosen, sondern, von einem permanenten Alptraum durchzogenen Koma zum Erwachen in
einen neuen Alptraum in eine andere Zeit und Wirklichkeit. –
Dies waren jedoch weitere menschliche Perlen auf meinem Lebensweg. –
59

Kapitel: Sonnenfinsternis, Heiratspläne und erste eigenen Anschaffungen

Das Geburtspotential - die archetypische Substanz des Selbst - verändert sich während des
gesamten Lebens nicht. Es stellt den dauerhaften Ausgangspunkt im Leben eines jeden
Individuums dar; es ist die Samenform seiner Existenz und seiner Bestimmung.
Alexander Ruperti

Ein neues Jahr begann, das Jahr 1999. Das Jahr der Sonnenfinsternis in Deutschland. Der Winter war
lange und kräftezehrend. Ich hatte mir durch meine Nebenjobs in der Bäckerei, dem Gemüseladen und
den Fahrten der Hermes Pakete soviel Geld zusammen gespart, dass ich mir sowohl ein erstes, eigenes
Klavier, als auch eine Geige und nicht zuletzt mein erstes eigenes Auto kaufen konnte. Das Klavier
ersteigerte ich für 300 DM und brachte es selber, mithilfe von zwei Freunden, mit einem geliehenen Bus
in meine Wohnung.
Mein erstes eigenes Auto war ein Fiat Panda (Fehler in allen Teilen) mit fünf Gängen, das vor Rost aus
allen Nähten fiel, mich aber durchaus gutmütig an alle Orte führte und trug, zu denen ich gelangen wollte.
Der Wunsch, einen Fiat Panda zu besitzen entsprang einer Italienreise mit meinen beiden Geschwistern,
Johannes, seiner Freundin und meiner Schwester Julia.
Wir hatten uns dafür bei einem Freund einen Fiat geliehen, der uns über zwei Wochen mit vier schweren
Rücksäcken, Zelten, Schlafsäcken und Essensproviant für diese Wochen, über Italien, Yessolow,
Venedig, bis nach Kroatien fahren und führen sollte, ohne auch nur ein einziges Mal
Ermüdungserscheinungen zu zeigen.
Und so kaufte ich mir für 350 DM ein solches Auto, an dem ich, durch einen unverschuldeten Autounfall,
nochmals durch die Versicherung 800 Euro gewinnen sollte!

Ich bewohnte nun eine gemütliche 2 – Zimmer Wohnung und da ich die hohe Miete nicht alleine zu
zahlen in der Lage war, gründete ich in diesen sechs Jahren meines Wohnens in jener Wohnung eine WG
mit verschiedenen, sehr interessanten Menschen. Und trotzdem in der Wohnung ein guter Geist waltete
und die Energie durchaus positiv und rein gewesen, so vermochte ich irgendwann die WG Situation nicht
mehr zu ertragen und die Tatsache, dass es sich um eine reine Nordwohnung handelte, für mich, die
Sonnenanbeterin nahezu undenkbar.
So versuchte ich, durch eine Anzeige in verschiedenen Zeitungen, meine Wohnung zur Vermietung frei
zu geben und eines Tages erschien auf mein Inserat ein sehr gut aussehender, großer, junger Mann, mit
edlen Gesichtszügen, er sah mich lange an und meine überaus liebevoll eingerichtete Wohnung und er
fragte mich, ob ich etwas mit Anthroposophie zu tun habe. Als ich bejahte, sagte er mir, dass er selber
eine Ausbildung zum Waldorfkindergärtner abgeschlossen, sich jedoch noch ein anderes Standbein
60

gesucht habe, er wollte Fliesenlegermeister werden, um auch eigene Fliesen zu kreieren, zu gestalten und
selber zu brennen.
Am folgenden Tag fand ich in meinem Briefkasten eine Karte von ihm mit dem Inhalt, er habe noch
unzählige anthroposophische Bücher, er brauche sie nicht mehr alle und ob ich Interesse daran habe, er
würde sich freuen, mich auf einen Kaffee einladen zu dürfen.
Ich reagierte über sechs Wochen nicht auf sein Angebot, als ich eine weitere Karte im Briefkasten fand.
Da entschloss ich mich, ihn anzurufen und wir verabredeten uns in seiner Wohnung. Als ich eintrat,
vernahm ich klassische Musik, ebensolche, wie ich sie selber sehr liebte. Ich sah mir die Bücher an, aber
ich sah noch mehr sein Wesen, seine Augen, seine schöne Gestalt, seine Seele. Ohne weitere Worte
wussten wir, dass wir einen Teil unseres weiteren Weges gemeinsam gehen würden. Er wollte umziehen
und fand ein kleines „Hexenhäuschen“ in Rohracker. Ein Hexenhäuschen, das ebenso aus seinen Nähten
fiel, als mein alter Fiat Panda, mit dem ich nun jeden Abend die Reise nach Rohracker antrat, um Andreas
zu sehen, ihm bei seinen Prüfungen beizustehen, mit ihm zu sprechen, zu kochen und die Gemeinsamkeit
in jeder Hinsicht zu genießen und zu erleben.
Wir malten uns eine wunderbare Zukunft aus, denn wir wollten uns einen alten Bauernhof am Bodensee
kaufen, um dort mit eigenen Kindern und angenommenen eine Art Lebensgemeinschaft zu gründen, mit
künstlerischen Impulsen, pädagogischen, mit meiner Arbeit als Mutter, Pflegemutter, Lehrerin und dem
kreativen Schaffen von Andreas, wunderbare Fliesen zu gestalten und eigenständig zu brennen.
Ja, so planten wir unsere gemeinsame Zukunft – doch das Schicksal hat immer seine ganz eigene
Vernunft, die im Verborgenen waltet und gestaltet, für uns zumeist nicht einsehbar und ein- seh- bar. -
Um dieses Walten der Schicksalsvernunft, verbunden mit meinem eigenen inneren Zwiespalt, etwas
plastischer herauszuarbeiten und aufzuzeigen, muss ich wieder in meiner Vergangenheit einen Schritt
zurückgehen:
Ich habe in einem vorangegangenen Kapitel das Wesen von Odysseus beschrieben, seinen Frohsinn, seine
innere Leichtigkeit, seinen Optimismus, seine Lebensfreude und Willenskraft, die sich jedoch auch
oftmals als Starrsinn zeigte, oder als Cholerik gedeutet werden konnte. Und so schwer sich das Leben mit
ihm von der einen Seite auch zeigte, so riss mich die andere Seite voll und ganz in den produktiven
Lebensstrom.
Das Leben an seiner Seite wurde mir niemals langweilig. Ich liebte den Reiz des Neuen, Unbekannten
und trotzdem sich meine Lebenskräfte nicht unbegrenzt zeigten, so wurden sie mir doch immer wieder
neu geschenkt und ich ließ mich beschenken, wenn es darum ging, bis Mitternacht einen Auftrag für
einen Wettbewerb der Architektur am anderen Ende von Berlin abzuliefern und wir fiebernd und im
wahrsten Sinne des Wortes wetteifernd bis zur letzten Sekunde am Modell arbeiteten, rechneten, an der
61

Zeichenmaschine saßen, oder um in nächtlicher Stunde noch einen Kopierladen ausfindig zu machen, der
unsere architektonischen Aufzeichnungen vervielfältigte.
Ich hatte überall Glück und weil mir alle Türen geöffnet wurden und ich auch immer im richtigen
Moment die „erleuchteten und schöpferischen Ideen“ hatte, so wurde ich vorgeschickt, um bei dem einen
Bauherrn den Scheck abzuholen. Um an der Uni in wenigen Sekunden jemanden zu finden, der eine
Übersetzungsarbeit tätigte. Oder dass ich immer die richtigen Freunde hatte, die uns in der Not aushalfen,
sei es, dass Odysseus mit fast 20 000 Euro Schulden von einer Klassenfahrt aus Rhodos zurückkehrte und
ich die einzige war, die durch Freunde, Firmen, Mäzene, durch unermüdlichen Einsatz ihm das Geld
zurückgeben konnte. Oder dass ich nach einer gemeinsamen Reise zu zweit von Rhodos zurückkehrend
auf Handschlag, ohne Kreditkarte, ein Leihauto bei Europcar bekam, weil Odysseus einen schweren
Herzanfall hatte, sei es, dass ich alle Autos der Familie kaufte und wieder verkaufte mit einem
glücklichen Händchen, sei es, dass ich ihm eine Reise nach Arabien zu zahlen in der Lage war, um einen
neuen Auftrag zu erhalten, sei es, dass ich mir in diesen sechs bis sieben Jahren meines Aufenthaltes in
seiner Familie an die drei - bis fünft tausend Seiten Briefe handschriftlich oder auf dem Computer von
ihm diktieren ließ .
Welches Problem auch immer anstand, ich war immer tätig und auf Achse, wir waren immer wieder
unterwegs zwischen Hamburg, Stuttgart, Berlin, Schweiz und Griechenland, da seine Freunde aus dem
Architekturbereich dort ein eigenes 5 Sterne Hotel gebaut hatten und betrieben und uns kostenlos, in
regelmäßigen Abständen, dort wohnen und essen ließen.
Monotonie, Rhythmus, Gleichförmigkeit des Alltags waren uns Fremdwörter, sie standen nicht in
unserem gemeinsamen Wörterbuch. Und ich liebte diesen Wechsel der Ereignisse und Aufgaben, der
lokalen Aufenthalte und die Vielfaltigkeit und Vielgestaltigkeit seiner, Odysseus Seele. Seinen Geist, der
mir nahezu alle Fragen zu beantworten wusste und die Ungewissheit, in welchem Bett, unter welchem
Himmelszelt ich am nächsten Tag erwachen würde, weil er immer zu neuen Überraschungen bereit war.

Die andere Seite war nicht so leicht zu tragen und zu ertragen. Ich habe schon beschrieben, dass er sein
Haus verlor, dass wir zwangsgeräumt wurden, ich zunächst in einer Kellerbehausung eines Lehrers
unterkommen musste und auch die neue, winzige zwei Zimmerwohnung war ein unsicherer und
unsichtbarer Ort für diese Familie, die immer damit rechnen musste, dass der Gerichtsvollzieher vor der
Türe steht und wir oftmals den ganzen Tag im Dunklen, das heißt mit heruntergezogenen Rollladen unser
Tagwerk still und leise in der Wohnung verrichten mussten.
Ich musste oft an Anne Frank dabei denken, auch wenn uns, beim Eintreffen des Gerichtsvollziehers,
nicht das KZ oder der Tod erwarten sollte. Ein anderes KZ sollte später auf mich warten…
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Die andere negative und belastende Seite dieser zu anfangs unfreiwilligen Schicksalsverbindung war das
Vertuschen vor der Außenwelt, obwohl diese Tatsache unzähligen Menschen offenkundig war.
Odysseus hatte mir verboten, nahezu unter Todesstrafe, irgendjemandem auch nur ein einziges Wort
unserer Beziehung zu verraten. Von nun ab sollten über sechs Jahre permanente, kraftzehrende,
manchmal nächtelange Inquisitionen, gerade von meiner Mutter folgen, in denen sie mir dieses einzige
Geheimnis nicht nur entlocken, sondern geradezu erpressen wollte. Ich hatte nur meinen Bruder
eingeweiht und ich erinnere mich an eine Reise unserer Familie an den Chiemsee, die für mich am
Marterpfahl enden sollte, obwohl ich alle Geschwister und sogar andere Pensionsgäste durch mein
Klavierspiel und meinen Humor jeden Abend zu „beglücken“ wusste, wie es mir gesagt wurde. Doch
jeden Abend wurde ich in das Zimmer meiner Mutter bestellt und kam nach einigen Stunden, weit nach
Mitternacht, kreidebleich und ausgezehrt wieder heraus. Vollkommen erschöpft und übermüdet. Johannes
empfing mich jedes Mal und sagte mir, bat mich gewissermaßen, es ihr zu beichten, zu erzählen, aber ich
sagte, ich habe ein Versprechen gegeben und dürfe es unter keinen Umständen brechen. –

Heute würde ich anders handeln, der Wahrheit verpflichtet, oder meine eigene Freiheit als Volljährige
wahrend sie bitten, mich nicht mehr zu fragen. Heute würde ich ein solches Versprechen nicht mehr
geben, das mich innerlich nur aushöhlte, mir den letzten Boden der Sicherheit entzog.
Es war kein sinnvolles Versprechen. Doch in meiner unbeschreiblichen, unbegreiflichen Naivität und Not
erkannte ich es nicht und befolgte sogar den listigen Rat von Odysseus, Andrej als meinen Lebenspartner
meiner Mutter vorzustellen, um jeden Verdacht von uns zu weisen.
Und manchmal glaube ich, dass sich meine anbahnende „Borderline“ – Erkrankung, auch wenn sie sich
im Nachhinein als Irrtum und Fehldiagnose herausstellte, möglicherweise nicht in dieser Dimension
gezeigt hätte, wäre mein Eintritt in diese neue Familie unter einem anderen, wahrhaftigen Stern
gestanden, der möglicherweise vieles aus meiner Kindheit, was unter dem Thema von Missbrauch,
Gewalt und Vertuschen gestanden hatte, wieder zur Heilung gebracht hätte. Unsere gemeinsamen Reisen
sollte ich geheim halten und Treffen mit unbekannten Freunden vorgeben.

Ich erinnere mich an den Geburtstag meiner Mutter im Mai 1995, als ich mich mit Odysseus in Berlin
aufhielt und bis Mitternacht mit meinem Gewissen rang, ob ich sie anrufen solle, ihr gratulieren, auf die
Gefahr hin, dass sie mich fragen würde, wo ich sei und warum ich sie nicht besucht habe an diesem
besonderen Tag.
Es waren Höllenqualen für mich und so sehr ich meine Mutter liebte und achtete, sosehr hätte ich sie mir
als jemanden gewünscht, der zwar im Bilde war über die Geschehnisses, aber liebevoll darüber
geschwiegen hätte, solange, bis ich selber zu ihr komme, um ihr auf der Basis des wirklichen Vertrauens
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von dieser, meiner Lebenstatsache zu berichten. Ich habe es erst in meinem 26. Lebensjahr geschafft, ihr
diese Verbindung mit Odysseus in einem Brief mitzuteilen, ihn ihr nach einem Besuch mit zitternden
Händen zu überreichen, um schnell die Reise zurück nach Stuttgart anzutreten, ehe sie ihn gelesen. Es
waren zwei Jahre vergangen nach dem Ende der Beziehung zu Odysseus.

Ganz anders nun mein Andreas von seinem Wesen und Charakter: Ruhig, gewissenhaft, bedacht,
wahrhaftig, pedantisch, kein Wort zuviel, keine unüberlegte Handlung, gemäßigt könnte ich sagen,
wohltemperiert und ich möchte den Inhalt seines ersten Briefes an mich hier einfügen um es zu
verdeutlichen:

Meine liebe Sophia, 23.7.99


seit mich mein Weg zu Dir geführt hat, ist aus meinen schon gedachten illusorischen Träumen endlich die
Wirklichkeit am entstehen. Es waren einige Jahre in denen ich an das Glück zu zweifeln begann, ohne
aber doch noch einen Funken Hoffnung kann ich nicht leben. Was bleibt auch anderes übrig als zu hoffen
und glauben? Resignation führt unweigerlich zur Selbstaufgabe, und diese würgt die Kehle zu. Es beginnt
der Lebensmut abzusterben. In meinem Gesicht, vielmehr meine Augen, ja da waren die ersten Anzeichen
von Resignation. Kleine silbrige Funken leuchteten gefährlich auf, aber es waren doch nur trübe,
wässrige, unscheinbare und das Schlimmste, sie fingen an in eine Leere zu blicken. Wie schnell man ein
Gesicht verliert und ein anderes wird geformt! Das geht erst ganz langsam vor sich, unmerklich, dann
plötzlich, auf einmal starren Dich zwei fremde Augen an. Es sind Deine Eigenen, der Spiegel vor dem ich
stehe zeigt mich selbst.
Als Du mich auf meine Augen angesprochen hast bin ich zutiefst erschrocken. Weil ich mich nicht mehr
verbergen konnte. Mich und meine Traurigkeit. "Wach auf Andreas, wach auf" habe ich zu mir gesagt,
ändere Dein Leben. Jetzt, stelle Dich der Forderung, nimm Dein eigenes Leben in die Hand und fühle
Dich nicht ständig für anderes mißlungenes Dasein verantwortlich. Und das habe ich ja gesagt ganz leise
zuerst, dann lauter und noch lauter bis ich es in mir vibrieren spürte, meine Eigenheit mein Ich.

Da bin ich also, da steh ich vor Dir mit meinen immer wieder kehrenden Angewohnheiten. Manche davon
sind dumme Angewohnheiten die ich übersehen habe. Durch Deine Hilfe zur Aufforderung, mich selbst
zu erkennen, bin ich Dir sehr dankbar. Glaube nicht, daß ich deswegen beleidigt bin, vielmehr ist es das
Unbehagen, einer unangenehmen Tatsache ins Auge zu schauen. Beleidigt, nein bin ich deswegen
wirklich nicht. Ich bin auf der Suche nach Wahrheit. Nach der Wahrheit die in mir selbst ruht wie das
Schwere und das Leichte.
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Vorbereitung.
Meine Vorbereitung, um bereit sein zu können die ersten Schritte zart mit Dir zu gehen. Im Stillen
arbeitet mein Schicksal. Die erste Begegnung mit Dir ist unvergesslich für mich. Sie ist aufwühlend,
aufregend und eigenartig. Eigenartig, weil Du mir vertraut warst und ich mir selbst am meisten fremd. Ein
seltsames Gefühl. –
Ich nehme Dich in mir auf. Du kreist in meinen Blutbahnen und pulsierst. Du forderst mich im Herzen
auf, Du Schöne! Ich lerne wieder zu hören, zu sprechen, zu fühlen das Schönste jedoch zu lieben.
Ich umarme Dich ganz zart.

Dein Andreas

Und ferner, einige Zeit später:

Meine liebe Sophia

Was nun vorgefallen ist, rückt vieles rechtzeitig zurecht. Ich habe Dich zutiefst verletzt und ein Stück
Wert auch verloren, das weiß ich. Es ist für Dich und mich schmerzlich. Aber dadurch, daß Du der erste
liebe Mensch bist, dem ich meine tiefsten Schwächen und bitteren Ängste eingestanden habe, hat sich in
mir eine noch nie zuvor erlebte Erleichterung aufgetan. Die ganze schwere Last fiel von mir ab und Ruhe
kehrte in meinen Gliedern ein. Deine Wärme und Liebe durchströmten mich, sie haben einen
wunderbaren Ausgleich geschaffen.
Ich kann nicht glauben, daß wir durch diesen Konflikt Uns verlieren. Vielleicht ist es für uns beide eine
Fügung miteinander konfrontiert zu werden um "Altes" und "Belastetes" miteinander zu lösen, durch Uns
lösen. Durch Dich erkenne ich mich wieder, es ist wie eine Heilung - mitunter sehr schmerzhaft, aber
notwendig. Du zeigst mir, daß es nur durch Liebe und Güte erreichbar ist, das Ziel das ein jeder von Uns
gesteckt hat. Unbemerkt haben sich in mir Verhaltensweisen eingeschlichen die mich verhärten ließen,
ich kann sie nun erkennen und weiß wieder darum. Nur lieb haben müssen wir Uns, dann werden wir es
schaffen. Ich hoffe, Du kannst mich annehmen als jenen der wachsen will um jeden Preis.

In Liebe Dein Andreas -


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Unter diesen Vorzeichen der Wahrhaftigkeit, des gemeinsamen Wachsens, der Begegnung in Güte und
Liebe und meines „unbeschreiblichen Humors“, mit dem ich Andreas immer wieder aus seiner auch
zutage tretenden Schwermut und Melancholie herauszuholen wusste, die ganz im Gegensatz zu der
inneren Leichtigkeit von Odysseus stand und mich oftmals auf eine harte Probe stellte, stand unsere
Lebens- und Schicksalsgemeinschaft. Vor allem unter dem Stern der Aufrichtigkeit gegenüber unserer
menschlichen Umwelt, die mich zunächst zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ausatmen ließen. Ich
musste nichts mehr verbergen, geheim halten, lügen und vertuschen.
Ich stellte Andreas meiner Mutter vor und schon am ersten Abend, nach dem ersten Gespräch der beiden,
nahm sie mich unter Tränen in ihre Arme und sagte mir, sie sei unendlich glücklich, für sich selber und
für mich. Er sei ihr Traumschwiegersohn, ein ganz besonderer Mensch und so liebevoll, rücksichtsvoll,
achtsam, gebildet, klug, einfühlsam und wir würden so gut zusammenpassen. Ja, das hörten wir ab sofort
immer wieder, auch von wildfremden Menschen, welche uns aus der Ferne beobachteten. Andreas war
einen Kopf größer als ich, wie auch Andrej und einige andere Gefährten in meinem Leben und wenn ich
selber mit meiner Körpergröße nur knapp und mit Mühe und Not die 180 cm Körpergröße mit zwei
Zentimetern unterschritt, so reicht es an ein Wunder heran, dass ich, bis auf wenige Ausnahmen, auch in
dieser Hinsicht immer Glück hatte.
Andreas sagte mir oft, dass er mit mir in einer einzigen Stunde Gemeinsamkeit ein Füllhorn an inneren
und äußeren Erlebnissen, menschlichen Begegnungen, an Wissen, Witzen, Lebensweisheiten erfahre, als
jemals zuvor mit anderen Freunden über Jahre. Und diese Tatsache zeichnete sich wohl auch bei anderen
Freunden in unserem gemeinsamen Lebensbuch ab, wie sie es mir immer wieder sagten: Das Leben mit
mir, an meiner Seite, wurde niemals langweilig. Überall klopfte das Glück an unsere Türe und oftmals
wurde ich von anderen Freunden zu Bewerbungsgesprächen mitgenommen, oder zu profanen Dingen,
einen Parkplatz in der überfüllten Stadt zu ergattern, weil sie sagten: Mit Sophia haben wir immer und
überall Glück. Und diese Tatsache erfüllte mich bis zum Jahre 2008 mit einem tiefen und umfassenden
Ur- und Gottvertrauen.
Denn ab diesem Jahr, in meinem 33. Lebensjahr, sollte sich die Wetterfahne meines einstigen Glückes
mit dem schneidend kalten Nordwind wenden und mein Urvertrauen in meine gütigen Schicksalsmächte
durch widerkehrende Schocks, Unfälle, Unglücke, Krankheiten, permanente Schmerzen, die aus der
umfassenden Zerstörung durch die Schwächung meiner Seele und meines Körpers in der Stuttgarter
Klinik folgten, nach vielen Jahren des Hoffens und immer wieder Vertrauens- einem Misstrauen und
einer umfassenden Lebens - Resignation weichen. –

Ein solch lustiges Erlebnis wurde uns mit dem "grünen Frosch" zuteil, meinem über allem geliebten
Sorgenkind, meinem Mofa. Ich konnte es, trotz schwacher Konstitution seinerseits, über die Zeit des
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Priesterseminars, Lehrerseminars, bis zum Ende meiner Beziehung zu Andreas, also drei ganze Jahre
durch motorische Überforderungen hinweg retten, bis zum Ende des Jahres 1999, bis ich es verkaufen
musste, weil es, wie fast alle meine motorisierten Gefährten, irgendwann aus allen Nähten fiel.
Andreas und ich begaben uns zu zweit, mit insgesamt über 150 Kilo, auf eine rauschende Tour durch den
Stuttgarter Osten und nach einigen Metern mussten wir feststellen, dass dieser "Rausch" sehr bald enden
sollte, sobald es auch nur eine winzige Steigung von drei Grad bergauf ging. Bei jeder noch so geringen
Steigung mussten wir beide absteigen, um mit geballten Kräften dieses schwere Gefährt den Berg
hochzuschieben, während es uns unentwegt ausbremste, unsere ganzen Kräfte fordernd, um anschließend
mit neuem Mut und frischem Wind in den Segeln wieder bergab zu rauschen, wobei wir oftmals eine
halbe Stunde benötigten, um den Motor wieder zum Laufen zu bringen.
Auf ebener Strecke brachte unser Frosch eine Geschwindigkeit zustande, die wir laufend noch bei weitem
übertroffen hätten, auch mit gemächlich langsamen Schritten. Immer wieder wurden wir von Passanten
angelächelt, ausgelacht, uns erreichten teils ärgerliche Zurufe aus halb geöffneten Autofenstern, oder
ermunternde und motivierende Aussagen, wir sollen doch einfach zur nächsten Tankstelle fahren oder
schieben.
Nein, es fehlte kein Benzin, der Tank voll, vielmehr fehlte meinem Frosch die Kraft, über 150 Kilo auch
nur leichte Steigungen hinauf zu befördern, da es offensichtlich nur für eine Person mit einem
Fliegengewicht von 40 Kilo zugelassen war.
Immer wieder streckte ich meinen Daumen vor die Windschutzscheiben der vorbeifahrenden Autos, als
Anhalter in der Hoffnung, dass uns jemand abschleppen, oder wenigstens uns als Personen mitnehmen
würde, um unseren Frosch, unser Sorgenkind, als Findelkind unmerklich vor einer fremden Haustüre
abzustellen, ihn zurück zu lassen gleich Rabeneltern, die sich der Verantwortung nicht mehr gewachsen
fühlten.
Als wir erschöpft, aber geschüttelt von Lachkrämpfen wieder unseren Bestimmungsort erreichten,
während wir schnaufend und schiebend den Berg hochächzten, sagte mir Andreas, dass er noch nie im
Leben einen solch lustigen Ausflug mit jemanden erlebt habe, als mit mir. –
Der Stempel als „Rabenmutter“ sollte mir allerdings nicht lange anhaften: Als ich wenige Tage später um
nächtliche Stunde, intuitiv geführt, vor meine Haustüre trat, vor der ein Nachbar einen gewaltigen Berg
Sperrmüll für die Müllabfuhr bereitstellte, inmitten darin mein Frosch, der gerade von einem Sammler
Gefahr lief, in seinen Kleinbus befördert zu werden, tat ich meinen Unmut kund, gab mich als der
rechtmäßige Besitzer zu erkennen, um meinem armen „Baby“ neue Pflegeeltern zu ersparen und rettete
ihn vor dem Abtransport in eine unbestimmte und ungewisse Zukunft. -
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Da Andreas schon als Fliesenleger arbeitete und nebenher auf seine Meisterprüfung lernte, war unsere
gemeinsame Zeit auf die Abendstunden begrenzt, wobei ich ihn oft in seiner Arbeitsstätte besuchte.
Meine Tage waren ausgefüllt mit Portraitaufträgen, nebenher arbeitete ich in einem kleinen Laden für
Kinderkleidung, gelegentlich in der Bäckerei, Nachmittags gab ich intensiv Nachhilfe, da ich unentwegt
weiterempfohlen wurde, um anschließend für Andreas zu kochen, nach Rohracker zu fahren in unser
Hexenhäuschen, ihn dort zu empfangen, mit ihm zu essen, gemeinsam auf seine Prüfungen zu lernen, die
lauen Frühlingsnächte bei Kerzenschein und Schubert Musik auf der Terrasse zu sitzen und bis in die
Nacht hinein zu reden.
Eines Nachmittags sollte ich ein Kind in einem etwas weiter entfernten Ort von Stuttgart unterrichten und
traute meinen Augen nicht, als ich die Wohnung betrat und Andreas dort gerade im Bad die Fliesen
ausbesserte. Keiner von uns beiden hatte dem anderen von der Lokalität seiner Arbeit berichtet und ich
denke, dass die entscheidenden Lebensbegegnungen schon im Himmel voraus bestimmt und beschlossen
werden und dass wir uns ganz sicher spätestens an diesem Ort bei meiner Nachhilfefamilie begegnet
wären, um ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. –
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Kapitel: Gerhard der Schriftsteller meine wunderbaren unterschiedlichen Trabanten

Über diesem Blatt, diesem Gedicht, diesem Menschen, dieser Stunde steht strahlend der seltene
Stern der Neugeburt
Stefan Zweig

Eine weitere wichtige Begegnung im Jahr 1999 möchte ich hier noch einfügen, weil sie nicht nur mein
eigenes Leben bereichern, sondern weil ich durch mein Wesen und meine positiven Gespräche mit dem
Betreffenden in ihm eine entscheidende Wendung herbei führen sollte in Richtung Lebensbejahung.
Und wieder fühlte ich mich geführt von unsichtbaren Mächten: Eines Nachmittags wanderte ich langsam,
mit einem Buch in der Hand, durch den Rosensteinpark. Es waren sehr viele Menschen unterwegs und
doch sah ich in der Ferne eine Gestalt, von der ich wusste, dass uns der Himmel zusammen führen sollte.
Doch seltsamerweise vergaß ich, aufgrund meiner spannenden Lektüre, den Eindruck, den Gedanken
sofort wieder und erwachte erst, als ich von demjenigen angesprochen wurde. Er sah mich mit
leuchtenden Augen an und erzählte mir, er sei Schriftsteller und habe gerade, vor einer Woche, mit einer
Schulklasse ein Theaterstück über Kaspar Hauser zur Aufführung gebracht. Als er mich gesehen, habe er
sehr viel Licht um mich wahrgenommen und konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ich in
irgendeiner Verbindung damit stehe… Ich sah ihn ungläubig an und ließ es auf mich zukommen…
Ich hatte mich selber mit dem Thema nie befasst und konnte ihm dazu nicht sehr viel sagen, aber diese
Begegnung sollte eine Lebensbegegnung über Jahre werden und so verabredeten wir uns nahezu täglich
unter einer großen Eiche im Rosensteinpark. Ich erfuhr, dass er ebenfalls ein Jahr am Priesterseminar der
Christengemeinschaft studiert hatte, das er anschließend dort über Jahre die Gartenanlage zur Pflege
übernommen, sich ausführlich mit dem Ginkobaum und Goethes Werke befasst habe, dass er gerade an
einem neuen Buch schreibe, das nun fast vollendet sei und er bat mich, den jungen Spätbackfisch, die
Aufgabe eines Lektors für sein Werk zu übernehmen. Ferner erzählte er mir - und er sagte, es sei ihm
noch nie möglich gewesen, bei einem Menschen so offen über seine Ängste, Schwächen, seine Ziele und
Ideale zu sprechen, als bei mir - dass er aufgrund einer Trennung fast über ein Jahr depressiv zuhause
gelegen habe, nicht mehr in der Lage gewesen sei zu essen, zu trinken, sich dem Leben zuzuwenden.
Ich führte lange therapeutische Gespräche mit ihm und schickte ihn schließlich mit einem Bahnticket
nach Berlin zu Odysseus, weil ich mich zu jung und unerfahren glaubte, was offensichtlich nicht der
Wahrheit entsprach, ihm umfassend helfen zu können, in der Hoffnung, dass er ihm noch tiefer greifend
zur Seite stehen könne. Nach dieser Reise war nochmals ein weiterer seelischer Aufschwung bei ihm
erlebbar und ich möchte diesen Flügelschlag in die Richtung zur Sonne anhand von zwei Briefen von ihm
an mich verdeutlichen, die auch seinen Humor, seine Güte, sein inneres Licht und natürlich seine
Dankbarkeit für meine Hilfe und mein Dasein zum Ausdruck bringen.
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Liebe Sophia! 28.7.99


Da ich bei meinen Forschungen über Aphredolus erfolglos geblieben und stattdessen immer wieder auf
Aphrodite gestoßen bin, hat mich deren Aura so verzaubert, daß ich Dich nun Liebe Schöne, Liebe
Schönheit, Klugheit, Anmut nenne und nur deshalb vor Verzückung nicht rase, weil mich die Folgen der
Instillation dieses antineoplastischen, zellzyklusphasenunabhängigen Doxorubizinkaliumhydrochlorids an
meine Sterblichkeit erinnern. Was das Schlafen nach der Iscador-Spritze betrifft, sollst Du nicht denken,
die Spritzen hätten bei Dir nicht gewirkt. Nicht, das man schläft, ist eine Wirkung, sondern: Man sollte
nach der Injektion schlafen.
Ich hoffe, daß Dich Deine mitochondriale Myopathie nicht zu sehr quält, daß Dich die
Mitwohnzentralendame verschont, das Sozialamt nicht ärgert und bitte Dich, Herrn Groß nach dem
Aphredolus zu fragen. Seine Wiese als Stätte des Schlafens ist doch eine zu entzückende Vorstellung!
Zurzeit kann ich dankbar sein! Denn diese schwatzhafte Person ist verreist! Noch am Montag konnte ich
tatsächlich nicht lesen. Nicht einmal die Tatsache, daß die Tage täglich kürzer werden, vermochte mich
zu trösten. Sie schwätzte von ca. 18 Uhr bis 22 Uhr! Zuerst in ihrer üblichen Art, ihre kugelrunde Gestalt
leicht nach hinten gebeugt, ein Arm in der Hüfte, der andere weit ausgestreckt in alle Richtungen
weisend, auf ihrem Balkon hinüber zu diesem Boxer war plötzlich ein paar Minuten Ruhe. Doch hatte sie
nur den Balkon verlassen, weil ihr der Boxer ein paar Illustrierte vor seine Haustür heruntergeworfen
hatte. Die nahm sie an sich und lauerte dann bis weit in die Dunkelheit allen Personen auf, die
vorüberkamen, verwickelte sie in lautes Geschwätz. Man kann es auch Wegelagerei nennen. Naja. Ein
kleines bisschen milder bin ich innerlich ihr gegenüber aber schon geworden. Sogar leichte Regungen von
Mitleid habe ich schon verspürt.

Also, liebe schöne, blauäugige, goldblonde, zartgliedrige "Göre", wie Du Dich beim Krankenhaus
genannt hattest, bleib munter und sei herzlich gegrüßt von Deinem "alten Knochen" als Verehrer, der sich
Dir gegenüber aber glücklicherweise jenseits von Gut und Böse befindet.

Dein Gerhard.
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Liebe Sophia! (liebes Sophia-le!) 18.8.'99

Heute Morgen dachte ich, daß ich Dich nun aber anrufen würde, um Dich nach Deiner großen Sorge zu
fragen - da war Dein Brief im Kasten.
Es freut mich, daß Du jetzt wieder erleichtert sein kannst! Ich kenne solche Bedrückungen aus meiner
eigenen Jugend nur zu gut! Auch wenn Du viele Kinder möchtest, ist es doch besser, daß dieser
Lebensplan nicht unter dem Zeichen von Not, von Un-freiwilligkeit beginnt.... Ihr müßt aufpassen! Du
solltest Dir ein genaues Tagebuch anlegen - und Freude in dieser Hinsicht kann man sich ja auch noch
anders machen. . .
Bei der Sonnenfinsternis dachte ich an Dich, ich fragte mich, wo Du jetzt wohl wärest. Ich war im Park,
bei der Aussichtsplattform der Villa Berg. Ich ging dorthin, weil ich dachte, an diesem Ost-West-
Schnittpunkt die Glocken des Hornemannschen Konzertes am besten hören zu können. Aber es waren
viele Leute da, die das als "event", mit Sektglas und Geschwätz usw. "feierten", so daß jemand sogar
"Ruhe" brüllte.
(Nicht ich!) Trotz des Trubels konnte ich aber den Vorgang seelisch erleben. Als es ganz duster war,
rührten sich tatsächlich Tränen, und als es plötzlich wieder hell zu werden begann, war ich sehr glücklich!
Mit der kugelförmigen der drei schwatzhaften Frauen habe ich mich inzwischen etwas "angefreundet".
Sie feierte nämlich Geburtstag, und da waren ihre Brüder da, und sie schrieen bis weit nach Mitternacht,
und mein Nachbar, Herr Lindner, ein junger Mann aus Sachsen schrie um halb eins auf die Straße
hinunter nach "Ruhe"! Dort verabschiedeten sich die Leute gerade. Ich schaute hinunter, während der
Nachbar wieder verschwunden war, so daß die Leute der Kugelförmigen dachten, ich hätte
hinuntergebrüllt! Deshalb schrieen sie die unflätigsten Beleidigungen und Drohungen zu mir hinauf. Ein
paar Tage später sprach ich die Kugelin beim Einkaufen auf dieses Unrecht an. Sie entschuldigte sich und
meinte auch, ob sie nun wohl gar nie mehr "schwätza" dürfe. Da tat sie mir sehr leid, und ich sagte,
"schon aber nicht so schreien"! Ich trug ihr die Tasche nach Hause und streichelte ihr auch die Schulter.
Manchmal winke ich zu ihr hinüber, wenn ich das Haus verlasse. Ich kann schon innerlich milder zu ihr
sein. Zumal die eigentlich laute ja ihre Nachbarin ist, die Schwerhörige. Wenn die schreit, klingt das
immer so bellend-aggressiv. Das erschreckt mich jedesmal. Aber irgendwie werde ich schon damit leben.
Jedenfalls versuche ich, mich in die Seele der kugelförmigen Frau hineinzufühlen. Es rührte mich ja auch
so beim Einkaufen (ein Gemüse, Selbsterzeuger-Bauern-Gemüsestand donnerstags um die Ecke), daß sie
sich so über den Lauch freute, und die anderen Sachen, sich auf einen Eintopf freute, den sie sich
zubereiten wolle. Wenn ich sie jetzt so nahe sehe, wie sie auf ihrem Balkon sitzt, und so ganz zufrieden
ist mit ihrem Dasein, ihren Geranien und mit ihren Kleidern, die sie fünfmal am Tag wechselt, mit den
Gesprächspartnern, denen sie auflauert, mit dem Gras, das inzwischen auf der ehemaligen Baustelle
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wächst - da freue ich mich selbst für sie an ihrem Dasein, so daß ich ihr eigentlich dankbar sein kann. Ich
freue mich mit ihr und spüre so, daß dadurch auch mein eigenes Leben reicher wird. Wenn ich später aus
dem Hause gehe, werde ich ihr wieder zuwinken.

Die ersten 14-Tage-Serie der Iscador-Spritzen habe ich seit einer Woche hinter mir. Der verbeulte Bauch
erholt sich ein wenig. Nächste Woche geht es weiter. Das Krankenhaus wollte die vom Urologen (er ist
auf Urlaub) verordnete wöchentliche Einspülung des Chemotherapeutikums aus kostengründen nicht
machen! So setze ich bis zur Rückkehr des Urologen nächsten Montag aus. Dann folgen noch drei
(wöchentliche) Einspülungen, danach einmal im Monat. Nach den drei Einspülungen (Instillationen) wird
er wohl eine Blasenspiegelung machen, um nachzuschauen, ob was nachgewachsen ist.

Die Arbeit am Buch geht langsam voran. Jetzt bin ich auf S. 60. Mein Ende Mai gestellter Antrag auf
Gewährung eines Arbeitsstipendiums, wofür ich die ersten 20 Seiten u. Projektbeschreibung eingereicht
hatte, ist inzwischen (ohne Begründung) abgelehnt worden. Es wären 8 Monate lang je 1000,-DM
gewesen, und wer ein solches Stipendium erhält, würde auch in die Auswahl für einen Preis geraten. Das
war nicht gerade ermutigend. Aber sowas bin ich gewohnt.

Falls Du vorhaben solltest, Deinen Geburtstag zu feiern, würde ich natürlich gerne kurz vorbeischauen!
Für heute mal alles Gute und Danke für die Nachricht, herzlich
Dein Gerhard.

Gerhard war 46 Jahre alt, also knapp über 20 Jahre älter als ich. In diesem Jahr sollten fünf wichtige
männliche Trabanten meinen kleinen Planeten umkreisen und Andreas besaß die innere Größe, sie alle zu
respektieren und meine Beziehung zu ihnen sogar zu unterstützen, weil er sich meiner Liebe zu ihm
sicher war. Jene tiefe innere Sicherheit besaß ich ehrlicherweise nicht, ich hatte zuviel Abenteuerblut in
mir, ich suchte damals nicht die konstante Seele, die gleichmäßige, gemäßigte, gleichförmige,
strukturierte, ich suchte die Auflösung ins Elementare, das sprunghafte, sanguinische Temperament, ich
suchte, gleich Hölderlin, den Phaetonsflug, der mich hoch in den Himmel des Erlebens schleudern würde,
in das Urerlebnis, nicht in die Einseitigkeit, sondern die Vielseitigkeit der Erfahrungen, der
Empfindungen, - ich war, wie es auch der Dichter ausdrückte, „ein Todfeind aller einseitigen Existenz.“
Diese vierte, für mich wichtige Begegnung, möchte ich hier ebenfalls plastisch veranschaulichen, weil sie
meine innere Seelenhaltung, vor keiner einzigen Gefahr zurückzuschrecken, am besten darstellt und so
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sollten nun mindestens drei verschiedenen Temperamente meine sprunghafte Seele immer wieder in neue
menschliche Abenteuer stürzen, sie hin und herschleudern:

Da war Andreas, mein Gefährte, wie ich ihn beschrieben habe. Da war Gerhard, ebenfalls von
gemäßigtem eher melancholischem „Klima“, dennoch vollkommen anders, als Andreas. Ich würde ihn
eher mit Charly Chaplin vergleichen, einem tiefen Melancholiker mit trockenem, aber herausragenden
Humor, Witz und zwischenmenschlichem Scharfsinn. Da war Andrej, ein nahezu reiner Sanguiniker, wie
ich sie schon in meiner Beschreibung der vier Temperamente angeführt habe.
Da war Benny, ebenfalls vom selben Temperament und innerer Seelenstruktur, der in jeder Sekunde seine
Pläne zu wechseln wusste - und da war Dietrich, dessen Begegnung ich nun zu beschreiben versuche.
Es war ein wundervoller, aber auch zerreißender und gleichzeitig heilender Abstand zwischen diesen
beiden Welten der fünf Trabanten – die eine noch genetzt vom Tau der Monotonie, um es übertrieben
auszudrücken, der Gleichförmigkeit und deutschen Pünktlichkeit, die andere, fast heroische Sphäre, eine
Art Felsengebirge mit Einsamkeit und doch Zweisamkeit, Gewitter, Regenbogen, strahlendem
Sonnenschein und dazwischen stand ich, auf dem Weg und der Suche nach meinem Schicksal, in der
Pflugschar derselben:
Ich hatte schon erwähnt, dass ich mir von meinem ersten eigenen Geld ein Klavier, eine Geige und einen
alten Fiat Panda für 350 DM gekauft habe, der aus allen Nähten fiel, aber seine Dienste treu im Rahmen
seiner Möglichkeiten, zur Verfügung stellte, auch wenn die Heizung im bitterkalten Winter nicht
funktionierte, auch wenn immer wieder irgendwelche Zylinder ausfielen, wie ich es auf der Fahrt nach
Überlingen beschrieben habe, als ich für meine Mutter eine Wohnung besichtigen sollte, auch wenn mir
auf dem schmalen Speidelweg nach Rohracker der Spiegel abgefahren wurde, auch wenn ich in meinem
mäßigen Geschwindigkeitsrausch die 50 km/h Zone minimal überschritt, geblitzt wurde, aber niemals
eine Strafe dafür erhielt:
Das Glück war mir hold und so auch an jenem Januartag, als ich frühmorgens einen Ausflug durch die
verschneite Landschaft antreten wollte im Bewusstsein dessen, dass ich mit Sommerreifen fuhr. Dies tat
meiner guten morgendlichen Laune keinen Abbruch und ich raste gewissermaßen durch menschenleere
und autoleere Straßen zur Geroksruhe in den Wald hinein, um mit meinem Wintersonnengesang den
neuen Tag zu begrüßen. Mein Bremsweg verlängerte sich zunehmend und ich empfand eine tiefe
Ehrfurcht vor dieser Gefahr und gleichzeitig eine leise Furcht vor ihr, die mich auf eine geheimnisvolle
und spannende Probe stellte:

Leise erzitterten die Zweige der Bäume unter der zunehmenden Schneelast, ich vermochte durch das
dichte Schneetreiben die Straße kaum noch auszumachen. Es war eine wundervolle Stimmung, da der
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Schnee alle Geräusche verschluckte, es war ein klingendes Konglomerat aus Schneekristallen, diffusem
Licht, Schatten, Stille und doch angenehmer Geräusche meiner Räder auf der weißen Fläche.
Als ich gerade wenden wollte, um zurück zu fahren, weil ich im beginnenden Morgen weder mich noch
andere gefährden wollte, begann ich durch den verlängerten Bremsweg immer weiter eine nicht zu
unterschätzende Steigung hinab zu rutschen und ich drohte abzugleiten in den Graben neben der Straße.
Durch meine Furchtlosigkeit, nahezu allen Gefahren gegenüber, war ich nicht so leicht in Panik zu
versetzen, aber dieser kurze Moment, bevor mein Auto - wieder Glück im Unglück - zum Stehen kam,
ließ mein Herz doch für einen kurzen Augenblick stillstehen.
Auch mein Auto stand still, beängstigend still, trotz vergeblichen Bemühens, es aus dieser Schieflage
wieder in die Waagrechte zu befördern, um den Heimweg antreten zu können. Der Motor jaulte auf, die
Räder drehten durch, aber es gab für mich keine Möglichkeit, auch nur wenige Zentimeter vorwärts oder
rückwärts zu fahren. Ich war alleine, mitten im Wald und allmählich geriet ich in Wut und Entrüstung mir
gegenüber, weil ich wusste, dass ich mich auf illegalen Pfaden durch meine Sommerreifen bewegte.
Nach 40 Minuten hörte ich ein Auto hinter mir, das direkt neben mir hielt. Es sah mich ein sehr
liebevolles, humorvolles, gewitztes Gesicht mit leuchtenden Augen an und trotzdem ich nicht den
Eindruck hatte, dass er mich auslachte, vielmehr anlachte mit der nonverbalen Frage, ob er mir helfen
solle, so steigerte sich meine schon beschriebene Wut dergestalt, dass ich ihn anbrüllte, er solle mich in
Ruhe lassen und weiter fahren.
Er ließ sich jedoch nicht beirren, stieg langsam aus, holte stillschweigend und im tiefen Verständnis
meiner Lage ein Seil aus seinem Auto, befestigte es an beiden Autos und so gelang es ihm, mich und
meine Karre langsam und sicher aus der mehr und mehr zugeschneiten Schieflage zu befreien.
Ich wurde allmählich ruhiger und als ich ihn fragte, was ich ihm dafür zu geben habe, so antwortete er,
dass ich ihn als Mensch sehr interessiere und er würde mich gerne bei sich zuhause zu einem Brunch
einladen. Ich willigte ein, da mich seine Persönlichkeit, sein humorvolles Gesicht, gepaart mit Geist, der
aus seinen Augen sprühte, ebenfalls sehr beeindruckte. Und ich sollte Recht behalten: Aus diesem Brunch
wurden vier Stunden Gespräch und er erzählte mir, dass er Lehrer sei und auch an der Volkshochschule
unterrichten würde. Er war verheiratet und hatte Kinder, aber er sagte mir am Ende dieser vier Stunden,
dass er noch niemals in seinem Leben jemanden in dieser Weise Vertrauen geschenkt habe, als mir nach
dieser ersten Begegnung. Wir trafen uns noch häufig und ich bat ihn, unsere Freundschaft vor seiner Frau
nicht geheim zu halten und er befolgte meinen Wunsch mit dem Resultat, dass mir auch seine Frau sehr
vertraute und immer glücklich war, wenn ich sie besuchen kam. –

Daniel war ein erholsames Bindeglied zwischen der Melancholie und dem Phlegma von Gerhard und
Dietrich und der überschäumenden Unverbindlichkeit von André und Benny. –
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Ein anderes lustiges Erlebnis teilte ich mit André. Es war mein tiefster Wunsch, einmal Skifahren zu
gehen und wie immer in meinem Leben sollten Vorstellung, Wunsch und Wirklichkeit in einer Weise
zerreißend auseinander divergieren, dass mir, als ich endlich mit der Seilbahn ganz oben an der Zugspitze
angekommen war, auf den Skiern stand, fast die Tränen kamen, weil ich feststellen musste, dass ich nicht
einmal in der Lage war, nur allein mit gebeugten Beinen stehend auf den Skiern zu verharren, weil meine
Muskeln die Anstrengung der permanenten Beugung nicht zuließen. André versuchte mir geduldig, doch
für mich und meine Lage verzweifelt, dabei zu helfen, wenigstens einige Millimeter auf ebener Strecke
nach vorne zu rutschen, doch nach wenigen Minuten gab ich auf, ich kapitulierte und bat André, die
Skiausrüstung wieder zurück zu geben. Er setzte mich in das dortige Restaurant, bestellte mir zum
Ausgleich eine umfangreiche Mahlzeit, bat mich auf ihn zu warten, während er einige Male, als
Sportlehrer und genialer Skiläufer, die Piste hinunter jagte. Die letzte Fahrt von ihm sollte für uns beide
zum unvergesslichen Abenteuer werden:
Er bat mich, auf seinen Rücken zu hüpfen, ein Lulatsch von fast 1,80 Meter der ich war, um mit mir
Huckepack, vierbeinig gewissermaßen, die endlose und steile Strecke nach unten ins Tal zu rauschen. Bei
jeder Kurve begann ich zu schreien und André bat mich nur inständig, diese Schreie zu unterlassen, die
seine Konzentration ins Wanken gerieten ließen und ich versuchte mich krampfhaft daran zu halten, nicht
ohne der Konsequenz, dass mein Herz mehrmals auszusetzen schien und ich glaubte, unsere letzte Stunde
habe geschlagen. –
Aber, oh Wunder! Wir kamen heil und unversehrt auf ebener Strecke zum Halten, ich sprang von seinem
Rücken und umarmte ihn dankbar mit tiefer Ehrfurcht in meiner Seele vor seiner Leistung. –

Benny lernte ich über seinen Bruder im Gemüseladen kennen. Ich war auf der Suche nach einer
Waschmaschine, S. war Bauleiter, hatte sowohl in Berlin, als auch in Stuttgart eine Wohnung, er sprach
mich an, weil ihm meine „strahlenden Augen“ auffielen und bat seinen Bruder, als er selber wieder nach
Berlin zurück fliegen musste, mir seine Waschmaschine gewissermaßen zu vererben.

An einem dunklen Januartag holte ich Benny mit meinem alten Fiat Panda, dessen Scheibenwischer nicht
wirklich funktionierten, die Heizung schon gar nicht, an einer Tankstelle ab, um zur Wohnung seines
Bruders zu fahren. Ich erkannte gleich die Leichtigkeit und doch Tiefe seiner Seele und vermochte nur
unschwer sein verschmitztes Schmunzeln über mein Auto und dessen Mängel zu übersehen, als ich mich
mit beschlagener Scheibe, fast blind, durch den Verkehr nach Rohracker durchtastete. Das Lampenlicht in
der Wohnung seines Bruders muss ihm mein Gesicht und mein Wesen in einer Weise offenbart haben,
dass er nur andächtig an meinen Augen hing mit der unbeholfenen Frage: "Sind alle bayerischen Frauen
so schön und klug?" seiner Überraschung Ausdruck verlieh.
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Aus dieser kurzen Begegnung sollte eine Lebensbegegnung werden und ich kann heute sagen, dass ich
nur wenigen Menschen in meinem Leben so lange die Treue gehalten und ihnen so tief vertraut habe, als
Benny. Ich konnte keine Untiefen seiner Seele ausmachen, keine Variablen, trotz seiner Sanguinik die
dem Motto folgte, nicht bei mir, aber bei anderen Menschen: "Wir verabreden uns um 13:00 Uhr, wenn
ich um 14:00 Uhr noch nicht da bin dann warte bis 15:00 Uhr und wenn ich um 16:00 Uhr noch kein
Lebenszeichen von mir gegeben habe, dann kannst du dir um 17:00 Uhr überlegen und um 18:00 Uhr die
Entscheidung treffen, um 19:00 Uhr endgültig aufzugeben, auf mich zu warten, um gegen 20 Uhr den
Heimweg anzutreten." Diese Handhabung ist natürlich überspitzt und übertrieben dargestellt, aber so
praktiziert er sie oftmals bei seinen Freunden. Bei mir erschien er immer auf die Minute pünktlich.

Die Pedanterie von Andreas auf zeitlicher, wörtlicher und handelnder Ebene, auch seine oft zutage
tretende emotionale Unberechenbarkeit, er war im Sternzeichen ein Widder und mit diesem Sternzeichen
hatte ich zeitlebens sehr komplizierte und auch erschütternde Erfahrungen gemacht, sollte mich, wie
schon erwähnt, neben der Reinheit seiner Seele, immer dem Schönen und Guten zugewandt, auf eine
harte Probe stellen und nicht selten suchte ich den Ausgleich in der inneren Leichte von Bennys
Seelenkonfiguration, um wirklich ausatmen zu können, mich so zu zeigen und so zu geben wie ich mich
fühlte.
Ich erinnere einen Nachmittag, als Andreas mit finsterem Gesicht und der Verstummung seiner Sprache,
gewissermaßen eingekerkert in sich selbst, durch Stuttgart raste, um mich, ohne Worte, vor meiner
Wohnung abzusetzen. Dieses Verhalten kannte ich schon von meinem dritten Vater, ebenfalls im
Sternzeichen ein Widder. Pure Erleichterung, als Benny mich zum Eisessen einlud und ich mich aus
dieser panischen Erstarrung lösen konnte, Seele zu Seele sprechend, Geist zu Geist in absoluter
Authentizität und Wahrhaftigkeit.

Über Bennys Leben ließe sich auch ein eigenes, sehr spannendes und doch erschütterndes Buch füllen.
Und ich werde noch ein kurzes Streiflicht auf den Islam werfen, im Zusammenhang mit seinem Leben
und möglichen kulturellen Divergenzen, welche sich doch in einer größeren Überschau zu einer tiefen
und umfassenden Verständigung wieder zusammenführen lassen.
Er war 1996 nach Deutschland gekommen, hatte Medizin studiert, viele Jahre für die Organisation „Ärzte
ohne Grenzen“ gearbeitet, um, nahezu ohne Deutschkenntnisse, aber der Beherrschung fünf anderer
Sprachen, sofort in einem Stuttgarter Krankenhaus als Orthopäde eingestellt zu werden. Und diese
Tatsache, immer und überall Glück zu haben durch sein sonniges Wesen, zeichnete ihn aus: „Veni vidi
vici: er kam, sah und siegte.“
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So zogen die Monate durchs Land. Ganz Deutschland fieberte dem großen Ereignis am 11. August 1999
entgegen. Andreas und ich fuhren immer wieder zum Bodensee, meine Mutter zu besuchen, ihr beim
Umzug zu helfen, ihr beizustehen im Alltag. Doch ich fühlte zunehmend die innere Schwere von
Andreas, die mich oftmals an meine Grenzen führte und innerlich stellte ich unbewusst oder bewusst
unentwegt einen Vergleich zu Odysseus und der „Leichtigkeit des Seins“ auf, um festzustellen, dass mich
die Jahre mit ihm zwar enorme Kräfte gekostet haben, meine Seele aber immer im Schwingen blieb. Der
Pendelschlag ging nicht gleichmäßig und ruhig, er schlug aus, er überschlug sich gewissermaßen bis in
die Unendlichkeit, aber meine Seele durfte und konnte nicht erstarren, erfrieren, sie blieb beweglich und
hell, da sie immer wieder ins strahlende Sonnenlicht geschleudert wurde, um auf der anderen Seite den
warmen Regen zu spüren, den Kontrast, der sich im Regenbogen wiederfand und erlöste.
Mit Andreas erlebte ich einen gleichmäßigen, ruhigen, gemäßigten Pendelschlag, dessen Ausschläge in
höhere Sphären des Erlebens nur durch mich ausgelöst wurden und Andreas wurde mitgezogen, zunächst
etwas befremdet, dann doch abenteuerlustig und fast sprachlos über mein Füllhorn von ausgefallenen
Einfällen und Ideen, meine „schöpferische Phantasie“, wie sie immer wieder bezeichnet wurde.
Im normalen Sprach- und Sinngebrauch heißt es, dass sich Gegensätze anziehen.

In der Waldorfschule wird ein anderes Prinzip praktiziert, in dem der Klassenlehrer gleiche
Temperamente nebeneinander setzt, damit sie sich gewissermaßen spiegeln, um sich abzuschleifen.
Homöopathisch könnte man sagen, dass Gleiches mit Gleichem geheilt wird.
Wie es sich nun in meiner Beziehung zu Andreas verhielt, kann ich nicht mit Gewissheit sagen,
möglicherweise spiegelte sich meine eigene, versteckte Schwermut auch in seinem Phlegma, in seiner
Melancholie, welche sich bei mir zum damaligen Zeitpunkt jedenfalls nicht zeigte, aber doch im Tiefen
schlummerte und eine gewisse Furcht in dieser Spiegelung verursachte, sie könnte sich zu meinem Wesen
an die Oberfläche vortasten und mich verschlingen.
Auch fühlte ich mich innerlich noch nicht frei und entfesselt nach dem abrupten Abbruch der Verbindung
und Beziehung zu Odysseus und ich konnte Andreas nicht davon erzählen. Obwohl wir uns verlobt
hatten, versuchte ich immer wieder auszubrechen, wenn es mir in der Beziehung zu eng wurde, und ich
erkannte noch nicht, dass sich dieser Drang nach Unabhängigkeit, nach Beziehungslosigkeit und doch der
tiefen Sehnsucht nach Beziehung und Kommunikation, nach einer eigenen Familie, nach Sesshaftigkeit in
gleichzeitigem Wunsch, alles Gleichförmige, Rhythmische zu meiden, auf der Suche nach dem
immerwährenden Reiz des Fremden und Neuen, in der im Jahre 2000 gestellten Diagnose „Borderline“
zwar als „widersprüchlich“, aber unter diesem Stern doch als linear und plausible herausstellen sollte.
Möglicherweise gibt es auch andere Ursache, mein leiblicher Vater zeigte ähnliche Verhaltensmuster und
meine Mutter war für uns nicht gerade das beste Vorbild.
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Immer häufiger flüchtete ich in die seelenhafte, unkomplizierten Leichtigkeit der Gegenwart von Benny
und musste in dieser Konstellation mit Andreas nur wieder schmerzhaft erkennen, dass ich es mir zur
Lebensaufgabe gemacht habe, mich mit dem für mich sehr komplizierten und schwierigen Sternzeichen
„Widder“ auseinander zu setzen, das an ganz unterschiedlichen Meilensteinen meines Lebens immer
wieder meinen Weg kreuzte, um mich gewissermaßen an ihre Fersen zu ketten um ihnen. Auch Andreas
sagte mir, oder andere Männer dieses Sternzeichens, auch David, um ihnen einen schöpferischen Spiegel
zur Entwicklung und Selbsterkenntnis zu geben, an ihrem Verhalten zu arbeiten, das ich und andere als
„unberechenbar“ bezeichnen würden und darum irrational. Irrationalität hat meine Kräfte von jeher diffus
zerstreut und mich selber in eine Spirale von Widersprüchlichkeit gebracht. Doch durch diese Männer in
meinem Leben konnte ich die deutsche Geschichte besser begreifen lernen und ich werde darauf
nochmals zurückkommen.
Ich versuchte an mir zu arbeiten, um unsere Beziehung noch zu retten, die auch in anderer Hinsicht unter
einem wunderbaren, menschlich verstehenden, liebevollen Stern stand. Andreas war für mich auch in
vielen Richtungen ein großes Vorbild. Nicht nur, dass er jedes seiner Worte bedachte, um nicht
vorschnell ein Urteil, oder ein Vorurteil zu fällen, wie ich es an mir oft schmerzhaft erleben musste.
Er hatte sich auch intensiv um ein umfassendes Verständnis der Anthroposophie bemüht, in der er seinen
Lebensanker gefunden hatte und was ich an ihm sehr schätzte war, dass ich ihn nicht als „Zyklophargen“
bezeichnen konnte, der stupide jede Stelle der Gesamtausgabe R. Steiners im Kopf hatte und referieren
konnte, nein, er lebte mit einem einzigen Satz innerlich so lange, bis er ihn ganz wahrhaftig verstanden
hatte, um ihn in sein Leben, in sein Handeln zu integrieren.
Seine Zuverlässigkeit schätzte ich besonders, seine Anhänglichkeit, sein Durchhaltevermögen, und er
muss mich unendlich geliebt haben, denn mein sprunghaftes Wesen, das in einem Gegensatz stand und
steht zu meiner Ordnungsliebe, meiner Präzision im Denken und Handeln, meinem Bedürfnis nach
Perfektion und mathematischer Berechnung, mein damaliges sanguinisches Wesen, war seiner Art, seiner
Sicht und Handlungsweise „kontraindiziert“

Das geflügelte, weltumspannende Wort „Liebe“ durchzieht die ganze Weltliteratur und jeden kleinen
romantischen Film, vergiftet wird es, wenn es zu platter Sexualität degradiert wird.
In einem umfangreichen Persönlichkeitshoroskop von mir, findet sich folgende Ausführung:

„Die Venus steht sowohl bei Kaspar, als auch bei Sophia in gleicher Position, der gleichen Gradzahl im
Löwen, sie wirkt etwas verloren, die Venus, was in Übereinstimmung bei Kaspar und Sophia bedeutet,
dass das Geschlechtliche reich und begnadet vorhanden ist, auch die erotisch anziehende Ausstrahlung
auf die Umwelt, aber sich nicht richtig ausleben darf, kann oder möchte.
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Schüchternheit - als das wird diese Zurückhaltung bezeichnet. – Der Uranus dagegen, auch der Jupiter,
sind die Bonbons des Lebens, sie wirken befreiend, sie sind Gegenspieler zum Saturn. Jupiter drängt nach
Entfaltung. Gerade Uranus, den Sophia in dem Schützen hat, sucht den Weg nach menschlichen Idealen,
möchte Grenzüberschreitungen, er erhebt sich über die Täler der Emotionen, sieht in die Zukunft. Das
Geschlechtliche ist ihm unwichtig!

Andererseits die völlig konträre Seite, die sich vor allem erst nach dem Tavorentzug in dieser Weise
zeigte:
Die stark ausgeprägte Jungfraubesetzung weist auf das jungfräuliche Prinzip hin: Alles Seelische muss
durch das Geistige geklärt, gereinigt werden. Die Jungfrau hat die Sehnsucht nach Seelenreinigung, nach
Verbalisieren, nach Kommunikation mit der Umwelt. Somit haben wir ein Sommererleben der unbegrenzt
sich entfaltenden Seele, ein Herbsterleben der sich in Klärungsarbeit, in Reinigungsarbeit, in seelischer
Entfaltung befindenden Seele, die sich damit verbalisiert und ein Weihnachtserleben der Seele, in dessen
Reinheit der Seele das Geist – Kind geboren werden kann. Die Jungfrau in Erwartung des Kindes!
Somit ist diese seelische Klärung durch die starke Jungfraubesetzung bei Kaspar und Antje überbetont und
gilt als eine hohe Aufgabe.

Oft wurde ich von Andreas gefragt, ob ich überhaupt noch Interesse an unserer Beziehung habe, ohne dass
ich eine Abnahme meines zutiefst menschlichen Interesses an mir bemerken konnte. Ich sah in einem
Mann den Menschen, ich sah die Augen, sein Wesen, seinen Geist und erst darüber stellte sich mir das
Bewusstsein der Körperlichkeit ein, die in diesem menschlichen Gesamtzusammenhang zunächst wenig
Bedeutung hatte. Ich nehme an einem Menschen sehr viel wahr, ich lese in seiner Seele, in seinen
Motivationen, ich sehe das Seelisch – Geistige als ein Kaleidoskop von Farben und Formen, aber ich
vermag es offensichtlich nicht, den Mann als eigenständiges Geschlecht aus dem Zusammenhang
„Mensch“ zu reißen, um ihn nur nach diesen Merkmalen, die ihn auszeichnen, zu beurteilen. Nicht, dass
ich ihn auch in dieser Hinsicht bewusst, oder unbewusst wahrnehmen würde, aber er erhält für mich nicht
diesen übergeordneten Stellenwert, den die Welt ihm gibt, auf den sie das ganze Fundament gründet.
Den Bereich der Hingabe habe ich, wie ich es auch mit Philipp, meiner ersten Liebe beschrieb, nie
ausgespart, aber ich bin nie mit vollem, klaren Bewusstsein darin eingetaucht und so ist mir auch der
mehr egoistisch geprägte Begriff „Liebeskummer“ im Prinzip ein Fremdwort.
In einem Buch meiner italienischen Lieblingsschriftstellerin Susanna Tamaro fand ich eine sehr viel
radikalere Sichtweise gegenüber dem Thema „Beziehung und Liebe,“, in deren Quintessenz jedoch auch
ein großer Wahrheitsgehalt liegt und ich möchte einen Teil aus dem Buch „Erhöre mein Flehen“ hier
einfügen:
79

„In deinem Brief kommt sehr oft das Wort „Liebe― vor. Hast du dich je wirklich gefragt, was sich hinter
einem so abgedroschenen und missbrauchten Wort verbirgt?
Ist dir nie der Zweifel gekommen, dass es sich um ein Bühnenbild handelt, eine Papierkulisse, um dem
Stück den passenden Rahmen zu geben? Hauptmerkmal der Kulissen ist aber, dass sie sich bei jedem
Szenenwechsel ändern.
Das Wesen der Dramaturgie liegt nicht in diesem bemalten Pappmaché – die Illusion des Bildes hilft uns
zu träumen, die Pille als etwas weniger bitter zu empfinden -, doch wenn wir uns selbst gegenüber ehrlich
sind, können wir nicht abstreiten, dass wir ein einfaches Kunstmittel vor uns haben, eine Fiktion.
Die Liebe – die deine Fantasie so angeheizt hat – ist nichts weiter als eine subtile Form von Gift. Es wirkt
langsam, aber unerbittlich und kann mit seinen unsichtbaren Ausdünstungen jedes Leben zerstören.
Warum?, - fragst du dich jetzt mit deinem verlorenen Blick.
Weil man eine Sache erst kennen muss, um sie zu lieben. Kann es einem Menschen in seiner Komplexität
je gelingen, die Komplexität eines anderen Menschen zu kennen? Die Antwort liegt auf der Hand: absolut
nicht. Darum kann man nicht wirklich lieben, weil man nichts wirklich kennen kann.
Du hast einen winzigen Bruchteil von mir kennenlernen können, so wie ich mit einem winzigen Bruchteil
von dir in Berührung kommen konnte. Wir haben uns gegenseitig unser Bestes geschenkt, den Teil, von
dem wir mussten, dass der andere nicht würde widerstehen können.
Das Gleiche passiert mit den Blumen. Um zur Bestäubung Insekten anzulocken, zeigen sie sich in
herrlichsten Farben, ist aber der Akt erst vollzogen, fallen die Blütenblätter ab, und von der verflossenen
Pracht bleibt recht wenig übrig.
Es ist ein Naturgesetz, es hat nichts Empörendes an sich. Alle Paarungen erfolgen durch verschiedene
Formen der Verführung – jede Art hat ihre eigene -, von der Blume bis zum Menschen. Aber genauso
kann „ich liebe dich―, können auch wir nicht schamlos lügen und behaupten, dass wir uns lieben. Im
Zuge der neuen Ehrlichkeit ist das Einzige, was wir einander sagen können (wie die Biene zur Blume und
umgekehrt): „Ich brauche dich.―
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Kapitel: Beginn der Höllenfahrt - Muskelbiopsie und Verschleierung

Was du liebst, lass frei – kommt es zurück, gehört es dir für immer
Konfuzius

Am 11. August 1999 fand eine totale Sonnenfinsternis über Mitteleuropa statt. Sie wurde erstmals etwas
östlich der nordamerikanischen Ostküste als partielle Sonnenfinsternis sichtbar. Da der Durchmesser der
Sonne das Vierhundertfache des Durchmessers des Mondes beträgt, und der Abstand Erde-Mond an
diesem Tag ebenfalls ein Vierhundertstel der Entfernung Erde-Sonne betrug, kam es an diesem Tag und
über Mitteleuropa zu einer „gerade noch“ totalen Bedeckung.
Andreas musste arbeiten, ebenso Benny. Ich wollte dieses Ereignis mit Gerhard im Park erleben,
entschloss mich aber dann doch, in Anlehnung an Goethes eigene „klassische Konditionierung“, seine
Akrophobie, also Höhenangst, auf dem Straßburger Münster zu erlösen, zu entfesseln, das
Jahrhundertereignis auf dem Hausdach des dreistöckigen Hauses meiner Pflegeeltern mit einer Freundin
zu erleben, meine eigene Höhenangst zu ignorieren.
Ich erwähne jene Sonnenfinsternis vor allem aus dem Grunde, weil die Reaktionen der Natur auch in mir,
schon vorab, oder hinterher massive eigene Reaktionen hervorriefen, dergestalt, dass ich gegen Abend
eine wichtige und für mich notwendige Entscheidung in Bezug auf Andreas traf, die mich innerlich und
äußerlich zunächst wieder freier atmen ließ. In dieser folgenden Phase bekam ich nahezu jeden Abend
einen Korb mit Früchten, Blumen, Gedichten, mit gepressten Lilien und sogar selbst genähten
Bucheinbänden aus Samt von Andreas, mit liebevollen Briefen, dass er gerne um unsere Liebe weiter
kämpfen möchte und seine „unsichtbare, leuchtende Rüstung angelegt“ habe. -

Ich habe schon einmal erwähnt, dass medizinische Handhabungen und Behandlungen bei mir im Grunde
immer paradox wirkten, dass sie meine Kräfte noch weiter lähmten und einkerkerten, oder diese diffus
zerstreuten, gerade weil meine „Erkrankungen“ im psychischen und physischen nicht greifbar, nicht
einzuordnen waren und sind.
So humpelte ich am 20. Dezember 1996 mit einer 7 Zentimeter langen Naht am selben Tag, an dem mir
am linken Oberschenkel ein Muskel entnommen wurde, eigenständig aus der Diagnoseklinik in
Wiesbaden zum Bahnhof, um in der Dunkelheit mit dem Zug nach Stuttgart zurück zu fahren. Es sollte
durch eine Muskelbiopsie meiner, seit Kindheit an bestehenden Muskelerkrankung in Form von
Krämpfen, Muskelschwäche, anschwellen der Muskulatur bei Belastung, auf den Grund gegangen
werden und ich sehe noch den Arzt vor mir stehen, meinen Muskel in seinen Händen bewundernd
bewegend mit der Aussage, er würde ihn seiner Familie als Weihnachtsbraten mitbringen!
81

Die Untersuchung blieb ergebnislos, obwohl ein Professor Dr. Dr. aus der Uniklinik Ulm sich im Jahre
2002 nochmals meinem „seltenen Fall“ annahm und in seinem Schreiben mit der Bitte um Blutproben aus
meiner Verwandtschaft unter anderem schrieb: …“Dass eine Muskelerkrankung vorliegt, ist durch
mehrere Befunde gesichert. Es besteht lediglich Unklarheit über die genaue Diagnose.―
Dieser Professor war in der Forschung seltener Muskelerkrankungen tätig und wollte im Jahr 2002 von
mir und meinen Familienangehörigen eine genetische Kopplungsanalyse durchführen. Er hatte viele
Neurologen aus ganz Deutschland angeschrieben mit der Fragestellung, ob sie Patienten in ihrer
Behandlung haben, mit den gleichen muskulären Erscheinungsformen, wie sie bei mir sich zeigen. Der
Professor sagte mir in diesem Jahr, er habe nur negativ – Antworten erhalten und nur eine einzige Familie
gefunden, die ähnliche Beschwerden zeigte. Es würde ihn selber, auch für seine Forschung, sehr
interessieren und rentieren, eine mitochondriale genetische Kopplungsanalyse durchzuführen, obwohl
eine solch umfangreiche Untersuchung sich im Grunde erst lohnt, wenn es sehr viele Menschen mit
denselben Beschwerden gibt.
Nun entstand ein reger E Mail Kontakt. Der Professor ließ mich einen Stammbaum zeichnen und ich
sollte markieren, wer in unserer Familie unter dieser seltenen Muskelerkrankung litt.
Da unsere Familie sehr zersplittert ist und kaum Kontakt zu Großeltern und der ganzen Verwandtschaft
besteht, auch aufgrund der Tatsache, dass meine Mutter in einem Heim aufgewachsen ist und ich drei
Väter und Halbgeschwister habe, wurde dieser Auftrag für mich zu einem komplizierten Unterfangen, das
letztendlich daran scheiterte, dass sich meine Großmutter weigerte, Blut abzugeben, sie habe Angst, wie
es hinter vorgehaltener Hand gesagt wurde, dass ein „Verbrechen, ein tot geschwiegenes Geheimnis ans
Tageslicht“ kommen könnte.
Wir haben Vermutungen, aber keine Bestätigung und nun hat sich diese Genanalyse in Luft aufgelöst,
weil die wenigen wirklich Betroffenen, wie auch meine Mutter, meine Großmutter, meine Tante,
gestorben sind und andere sich weigern.
Im Jahre 2004 wollte dieser Professor meinen „seltenen und interessanten Fall“ nochmals aufgreifen, aber
wiederum gab es nur Widerstände, die es zu verhindern wussten.

Und so musste ich ab diesem Zeitpunkt des Jahres 1996 bis zum heutigen Tage im Jahr 2014, also 18
Jahre lang, - auf diese Zahl werde ich nochmals zurückkommen, da sie eine große Bedeutung im
Rhythmus meines Lebens hat, - meine Ärzte und mich selber vor harte, undurchschaubare,
undurchdringbare Blockaden und Prüfungen stellen, die nunmehr dazu führten, dass sie nicht nur meinen
gesundheitlichen Zustand des status quo ante vor 18 Jahren konstant schlecht aber ertragbar hielten,
sondern meine Lebenskräfte verbrauchten, meine Gesundheit in einer Weise vernichteten, gerade durch
das Verbrechen an meinem Seelenleben und an meinem Körper durch die Handhabung mit dem Tavor.
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Denn jedes Medikament greift in den Gehirnstoffwechsel ein und bewirkt dort Veränderungen, die von
keinem Arzt in umfassender Weise zu durchschauen sind.
In diesem Bereich entspricht die Handhabung mehr dem Zufallsprinzip nach dem Motto: Eine Kugel
trifft, egal, ob alle anderen abgeschossenen Kugeln weitere menschliche Bereiche, Zellen, Organe und
Areale zerstört haben.
Würde ein Pilot so verfahren, ohne Checkliste, ohne Prüfung, ob genug Kerosin im Tank ist, ob die
Steuerung und die Fluganzeigen alle optimal und vor allem präzise, ordnungsgemäß funktionieren, auf
die sich der Pilot während eines Fluges verlassen muss, kurz, alle flugrelevanten Bedingungen müssen
verlässlich funktionieren, ohne eine einzige Ausnahme, - so würde nicht nur ein Flugzeug angeblich
„spurlos verschwinden“. Findet während des Fluges eine Störung statt, die ein Verlassen auf die Funktion
nicht mehr ermöglichen, muss der Pilot landen.
Die „18“ hatte ich also überschritten seit dem Jahr 1996 und erst die „19“ sollte eine Erlösung und
Klärung bereithalten mit der Diagnose einer Mitochondrialen Myopathie, die schon im Jahr 1996 hätte
diagnostiziert werden können, „hätte man alle 16 Tausend Basenpaare genau untersucht“, und „es wäre
Ihnen viel Leid erspart geblieben.“

Wie sieht es aber im Medizinischen aus, in dem es ebenfalls, in noch umfassenderem Maße um
Menschenleben geht? Der Arzt kann in vielen Fällen beide Bedingungen brechen, das heißt, er kann eine
Behandlung durchführen, auch wenn sie zu Fehlschlägen, sogar zum Tode führen kann, gerade im
psychiatrischen Bereich. Stellt er während der Behandlung gravierende Schwierigkeiten, die dem
Patienten schaden, fest, darf er, wie bei mir mehrfach beschrieben, ungehindert fortfahren in seiner
„Behandlung“, in seiner legalen Misshandlung, Menschenrechte verletzten, eingreifen in das sensible
Gefüge von Körper Geist und Seele, welches unter „normalen“ Umständen unter die Rubrik
„Körperverletzung“ fällt, mit Umgehung der Aufklärungspflicht und aller notwendigen Maßnahmen zum
Heile des Patienten und nicht zu seinem Schaden oder gar Untergang. – Es gibt kein
Qualitätsmanagement, wie in allen wissenschaftlichen Bereichen, die von unzähligen Menschen und
Kompetenzen überprüft werden. Ein Arzt darf ungehindert fortfahren in seiner Zerstörungswut, ohne
kontrolliert zu werden.

Das Ergebnis aus der der Diagnoseklinik war nicht weiterbringend:

„Es besteht bei der Patientin (Sophia Lachenmayr) der Verdacht auf eine mitochondriale Neuropathie,
auch wenn dieser Verdacht durch die durchgeführten molekularbiologischen Untersuchungen letztlich
nicht bestätigt werden konnte.―
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Wie denn auch, habe ich doch am Anfang meiner Biographie über die seltene kongenitale Myotone
Dystrophie geschrieben, die schwer zu diagnostizieren ist und doch ihrem eigenen Verlauf folgt mit einer
Lebenserwartung von zwischen 40 und 50 Jahren. -
Doch damals gab es keine Erkenntnisse und ebenso wenig als die drei Jahre später erfolgte Diagnose aus
der Uniklinik in Tübingen mir nur die Erkenntnis brachte, dass ich am sogenannten „Crampi Syndrom“
leide, einfach einer „Krampfkrankheit“ um es in meine Laiensprache zu übersetzen, um mir dort
unmissverständlich klar zu machen, in einem langen Gespräch mit dem Chefarzt, dass ich mir den Traum,
Musik zu studieren, was ich nach dem Lehrerseminar vorhatte und mich schon in der Musikhochschule
eingeschrieben, mit harter Faust aus dem Kopf schlagen kann, weil ich niemals zu einem befriedigenden
Ergebnis im Geigenspiel und Klavierspiel gelangen werde, wenn meine Hände nach kurzer Zeit zu
krampfen beginnen.

Ich hatte mich mehr oder weniger zu all den diagnostischen Verfahren von meiner Umgebung überreden
lassen. 21 Jahre lang habe ich mit meiner Muskelerkrankung gelebt, zwar sehr darunter gelitten, das
möchte ich nicht in Abrede stellen, aber worunter ich nun am meisten zu leiden begann, war das nicht ins
Sichtbare treten wollen meiner Erkrankung durch die diagnostischen Verfahren, die ja, wie wir wissen,
nur Teilaspekte wiedergeben. Auch eine Blutuntersuchung kann nur die grobe Oberfläche eines
Geschehens im Körper aufzeigen, wie es mir eine Internistin erklärte. Differenzierte und vor allem
präzise Erkenntnisse der Vorgänge und möglichen Krankheitsvorboten können nur aus sehr
umfangreichen Untersuchungen gewonnen, die von der Kasse nur in seltenen Fällen übernommen
werden.
Am Beispiel eines Calciummangels kann dieses verdeutlicht werden: Das Calcium befindet sich zu 99%
im Knochen als Phosphat und Karbonat, 1% als frei verfügbare Calciumionen in den Zellen und zu 0,1%
in der Zwischenzellflüssigkeit (Interstitium). Die Konzentration der Calciumionen hängt unter anderem
ab von der Gesamtcalciumkonzentration, der Proteinkonzentration sowie dem pH-Wert des Blutes.
Die 1% freien Calciumionen sind von größter lebenserhaltender Bedeutung für den Organismus. Sind
davon zu wenig für den intrazellulären und extrazellulären Stoffwechsel verfügbar, wird Calcium aus den
Knochen freigesetzt. Aus diesem Grund ist ein Calciummangel nie im Blut feststellbar!!!

Und ebenso erlebte ich diese 18 Jahre meiner medizinischen Odyssee, ich erlebte diese Höllenfahrten
davor und danach wie es Anna Magdalena Bach mit ihrem Gatten, dem großen Johann Sebastian Bach
durchlitten haben mag, nachdem ihm ein Arzt in Sebastians beginnender Erblindung durch eine Operation
sein Augenlicht vollkommen nahm:
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„Und Sebastian erlitt noch mehr als den Verlust seiner Augen. Man behandelte ihn mit gewaltsam
wirkenden Arzneimitteln und Aderlässen, die vielleicht alle nötig waren, unter denen aber seine starke
Gesundheit niederbrach, so dass er sich die wenigen Monate, die ihm noch zu leben blieben, nie wieder
einigermaßen wohl fühlte.― … „Der Tod hatte nie einen Schrecken für ihn gehabt, sondern war ihm sein
ganzes Leben hindurch Hoffnung gewesen, auf die er unverwandt geschaut hatte – er war ihm immer als
die wahrhafte Vollendung alles Lebens erschienen…― …
(…) ―Menschen, in denen kein Genius lebt, können dies nicht verstehen und wissen nicht, wie das
alltägliche Leben, das irdische Dasein solchen Geistern nur als eine Fesselung ihrer Kräfte erscheinen
muss…―
Es gab in meinem Leben nur zwei ärztliche Ausnahmen, einem fast blinden, sehr alten, aber weisen
„Maulwurf“ in Stuttgart, in dessen Therapie ich in den Jahren 1999 bis 2003 regelmäßig, das heißt ein
Mal in der Woche, gewesen bin und meinem großen Vorbild aus Pforzheim, einem hellsenden
anthroposophischen Arzt, der mein Schicksal und meine Schwierigkeiten ganz tief zu verstehen wusste,
wie ich es noch beschreiben möchte.

Auch für mich sollte auch der Tod ab dem Jahre 2000 keinen Schrecken mehr haben, wie ich ihn all die
Jahre zuvor erlebt habe und diese Sehnsucht nach Entfesselung aus der engen und quälenden
Körperlichkeit sollte mich die folgenden acht Jahre mit großen „amplitudischen“ Schwankungen immer
wieder begleiten, um nach dem größten und umfassendsten Schicksalsschlag im Jahre 2008 im Irrgarten
der Psychiatrien mein permanenter Begleiter zu werden. Zwölf Jahre später sollte mich diese
Todessehnsucht, nach meinem ersten Aufenthalt im Jahre 2000, in meinem Gerichtsprozess, den ich
gegen die Tavor - Handhabung in der Stuttgarter Klinik führte, vom Kläger zum Angeklagten mutieren
lassen.
Denn in jenem Jahr 2000 fand auch mein erster Aufenthalt in einer anthroposophischen psychiatrischen
Klinik statt, der meine Kräfte zunächst brach.
Für jeden Menschen mag eine Einsperrung etwas befremdendes, beängstigendes an sich haben, obwohl
ich von jeher sehr vieles beobachten konnte und durfte und oftmals erlebte, dass das Versorgt – werden,
das umsorgt werden in den Kliniken für manche Patienten doch verlockendes, bequemes auch mit sich
brachte und sie sich aufgrund dessen häuslich einzurichten wussten, um sich mit ihrem Schicksal
zufrieden zu geben.
Das Leben „hinter Gittern“ lockt mit dem vermeintlich warmen Herdfeuer und sanfter Bequemlichkeit,
aber es zäunt ein mit moralischen Gesetzen und sprengt gleichzeitig mit dem Brechen menschlicher
Gesetze an diesen armseligen Geschöpfen.
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Aber für denjenigen, der sich nicht im Bequemen zu Hause weiß, weil alle Bequemlichkeit und
Zufriedenheit seelische und physische Stagnation am Ende bereithält, die jede Entwicklung blockiert, für
den, dessen Heimat die Welt, die Natur, dessen tiefste Lust das nomadenhaft selige, abenteuerliche
Schweifen ins Unbegrenzte auch des Geistes ist, den lockt dieses scheinbar warme Kaminfeuer
bürgerlicher Zufriedenheit nicht im entferntesten und kettet ihn nur an die Unterwelt, während er seinen
Bau zu unverhofften Höhen mit einer reizvollen gotischen, also filigranen, durchlichteten, durchgeistigten
Architektur nicht mehr vollenden kann. –
Damit erlischt für ihn, auch wenn er nur ein Tagträumer ist, das große lodernde und wärmende Feuer, das
von jenen Neunmalklugen durch medikamentöse Einwirkung, oder analytische Zerstückelung mit dem
moralischen Zeigefinger in eine wohltemperierte, normale, sittsame, schweigsame, gehorchende, vor
allem autoritätshörige Kerzenflamme fast ganz zum Erlöschen gebracht wird. –

Doch in all den Zerstörungsimpulsen meiner Klinik - Odysseen vor allem im Jahre 2008, hat aus dem
flachen, äußerlich scheinbar stagnierenden, kaum wellenden Spiegel der Existenzen meiner Mitpatienten
ein scharfer Blick in mir Schätze erspäht und sie mit dem feinmaschigsten Netz versucht ans Licht zu
heben, sie deutlich und klar hervorzuheben, diese Felsen tragischer Landschaften und Abgründe auch der
Machtzentren, die sich Ärzte nennen. Ein Gewölk zieht auf, zerreißt, türmt sich wieder auf, um sich zu
verschanzen, des Lichtes Strahlen zu verschlucken, aber am Schluss strahlt die vom Gewitter reine Luft in
wundervoller Sonne.

Das Jahr 1999, im Grunde schon das Jahr 1998 sollte sich als weiterer Einbruch in meinem Leben zu
erkennen geben und den Beginn einer unbeschreiblichen Achterbahnfahrt bereithalten, die sich im Jahr
2008 mehrfach überschlagen sollte und sich nicht mehr abstellen ließ.
Ich trennte mich tatsächlich von Andreas und fühlte mich danach erleichtert und befreit und doch sollte
ich zum ersten Mal von einer anthroposophischen Ärztin mit einer Diagnose in Ketten gelegt werden, die
sich in späteren Jahren ebenfalls als „schwere Fehldiagnose“ entlarven sollte. Mit dieser Ärztin begann
meine erste Einkerkerung über drei Wochen in eine anthroposophische Psychiatrie, aus der ich mich,
ohne Medikamente, nach drei Wochen wieder selber befreite.

Tatsache ist jedenfalls, dass es mir niemals im Leben so schlecht ging als von dem Augenblick, an dem
ich mich in „ärztliche Obhut“ begab, weil Odysseus es forderte und andere Menschen mir rieten. Auch
Andreas schickte mich zu einer Bekannten, die fast autodidaktisch mit homöopathischen Hochpotenzen
operierte und mich mit unzähligen Versuchen immer weiter in den Abgrund trieb. Von Lycopodium bis
Nux Vomica, von Ignatia bis Arnika, es blieb nichts unversucht. –
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Kapitel: Schwerer Entzug über Monate – Erörterung der Selbsttötung – das Wahrheitskind

Leidenschaftliche Hingabe bis zur Auflösung ins Elementare, leidenschaftliche Bewahrung im


Sinne der Selbstgestaltung – beide Formen des Kampfes mit dem Dämon fördern höchsten
Heroismus des Herzens, beide schenken sie herrliche Siege im Geist.
Stefan Zweig

Wir schreiben den 1. September 2010, einen Mittwoch, als ich aus München entlassen wurde, um in
meine neue Freiheit nach Stuttgart zurückzukehren. -
In diesem Kapitel möchte ich die drei Entzugsjahre von dem Medikament Tavor beschreiben, das Ringen
um diese Freiheit, mit der ich anfangs nur schwer umgehen konnte und ich lege den Schwerpunkt nicht
auf das Allgemeine, sondern das ganz Individuelle, weil es mir auch ein Anliegen ist, meinen Blickwinkel
auf den Leitgedanken des Themas „Suizid“, also Selbsttötung, zu richten, vielmehr den „Freitod“ wie ihn
Goethe explizit nennt, um ihm den Stempel des „Verbrechers“ zu nehmen.
Ich möchte meinen Blick auf die zunächst ansteigende Kurve richten, an mein vorheriges Leben nach fast
drei Jahren Einkerkerung in den Kliniken, wieder anzuknüpfen, die jedoch nur von kurzer Dauer war, um
im Jahr 2012, wieder im September, jäh abzufallen. Ich musste die schmerzhafte Erkenntnis gewinnen,
dass meine Kräfte in den Klinikjahren unwiderruflich, unwiederbringlich in der Weise gebrochen wurden,
dass sie mir ein Leben und Überleben wohl nicht mehr ermöglichen sollten, wie ich es nun, wiederum fast
zwei Jahre später, im Jahre 2014, schmerzhaft erkennen muss. Mit dieser Entwicklung, die nun
eingetreten ist und mich in jeder Sekunde an meine Grenzen und darüber hinaus führt, habe ich nicht
gerechnet, weil ich meine innere Kraft und Stärke kannte und kenne. Sie erlaubt es mir nicht mehr, die
Kontrolle zu behalten, mich bis zum Äußersten zusammenzureißen, das Unertragbare weiter zu ertragen,
auszuhalten um jeden Preis.

Im medizinischen, therapeutischen, psychologischen Bereich, überhaupt in nahezu allen Lebensbereichen,


auch in der Forschung, ist das Detail notwendige Ausgangsvoraussetzung, um auf das Ganze schließen zu
können, um das Wesen und das Wesentliche als Gesamtbild zu erfassen. Natürlich gilt das auch in
umgekehrter Form, dass das Wesen einer Sache, eines Menschen zunächst erkennbar ist, erkannt werden
muss, um ihn im Detail verstehen zu können.
Das setzt aber voraus, wie Goethe es in der sogenannten „Urpflanze“ erkannte, dass das wahre Wesen als
offenbares Geheimnis wirklich erfasst wird, das heißt, dass nicht gesagt werden kann, ich habe das Wesen
eines „Borderliners“ umfassend verstanden und jedes Detail erübrigt sich dadurch, weil ich jede
Verhaltensweise, die sich im Detail offenbart, in diesen Zusammenhang setze. Wenn sich ein Mensch
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selbst verletzt, so sehe ich diese Verletzung im Allgemeinen im Zusammenhang mit dem Krankheitsbild
Borderline, weil ich glaube, das „Wesen dieser Erkrankung“ verstanden zu haben.
Würde aber das Detail beleuchtet, in analytischer Weise, so kann das selbstverletzende Verhalten auch
aus einer einseitigen oder Mangelernährung resultieren, oder gar durch ein Verhungern hervorgerufen
werden.

Kurzum, ich habe immer wieder schmerzhaft, gerade in der Beziehung zu meinen Ärzten, oder gerade zu
meiner Hausärztin erkennen müssen, dass undifferenzierte, übertriebene, pauschale Urteile vertreten
werden, die auf das ganze Wesen der Gattung „Affen“ zutrifft, mögliche allgemeingültige Wahrheiten
damit erfassen, dass aber das persönliche, differenzierte, individuelle verwischt wird, unkenntlich
gemacht und ich bin ihr gleichzeitig dankbar dafür, weil ich nur in dieser Reibung, in dieser
offenkundigen, oder versteckten Auseinandersetzung, die Waage für mich selber wieder in ein mögliches
Gleichgewicht bringen konnte.

Von dem undifferenzierten Pauschalisieren, das unsere möglichen Erkenntnisse und Urteile, unsere
menschliche Kommunikation durchzieht, möchte ich einen Bogen zum Thema Selbsttötung spannen, weil
ich im ersten Entzugsjahr einen sehr wichtigen Freund in seinem eigenen Tavorentzug durch Suizid
verloren habe, der mein zunächst wieder stromaufwärts ruderndes Lebensschiff an steiler Klippe
stromabwärts trieb. Ich verlor die Pflegemutter aus meinen Kindertagen durch einen solchen Entzug und
weitere liebe Menschen.
Dieses Thema als Lebensthema begleitet mich seit Jahren immer wieder in Grenzsituationen, die seit 8
Jahren im Grunde permanent vorliegen, da mein eigener Suizidwunsch zum Anklagepunkt gegen mich
wurde in meinem Prozess gegen die Klinik und die Handhabung der Überdosierung des Tavors, wie ich
es abschließend, am Ende meines Buches noch beschreiben werde.
Auf dieses Thema „Freitod“ möchte ich in der Beschreibung der Entzugsjahre immer wieder
zurückkommen auch mit der differenzierten, erörternden und detaillierten Fragestellung, unter welchen
Voraussetzungen ein Urteil über einen Menschen getroffen werden darf, der Suizid beging, wenn der
Mord an ihm durch falsche medizinische Handhabung von anderen begangen wurde, wie ich es an
Markus erlebte, oder wie es mir der des Freund des Vorstandes der KVPM (Kommission für Verstöße
der Psychiatrie gegen Menschenrechte) Deutschland e.V sagte: „Meine beste Freundin hat ihr Leben
selber beendet, aber die Mörder sind andere.“

Um Bezug auf das erwähnte „Allgemeine und Allgemeingültige“ zu nehmen, um es auf eine andere Stufe
des „Individuellen“ zu heben, möchte ich ein Beispiel aus dem Leben von Nietzsche herausgreifen,
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ebenso in einer kurzen Gegenüberstellung von Oskar Wilde und Dostojewski verdeutlichen, dass es zwar
unumstößliche Gesetze gibt, wie wenn zwei Menschen in gleichem Verfahren der Kopf abgeschlagen
wird, das Gehirn kann nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden, dasselbe stirbt ab und mit ihm der
Mensch, dass aber selbst in diesen Gesetzen noch individuelle Gesetzmäßigkeiten mitwirken, die wir
„Gnade“ nennen, oder „Zufall“, oder „Disposition“.
Zumeist gibt es bei erstem Beispiel des Kopf- Abhackens keine Ausnahmen, das heißt kein Überleben,
genauso wie mathematische Gesetzmäßigkeiten auf der ganzen Welt dieselben sind und jeder Mensch der
Schwerkraft folgen muss, da gibt es keine Ausnahmen. Nichts auf der Welt kann sich der Schwerkraft
wiedersetzen. Und ebenso ist der Mensch auf die notwendigsten Lebenserhaltungsbedingungen wie
Nahrung, Flüssigkeit und den Schlaf angewiesen, wobei es da, wie es auch am Beispiel von mir sichtbar
wird, dadurch, dass ich noch am Leben bin, Ausnahmen gibt.
Ebenso gibt es Menschen, die sich diesem eigentlichen Gesetz widersetzen und teilweise jahrelang nur
mit der sogenannten „Lichtnahrung“ leben. Es gibt ganze Bücher und wissenschaftliche Abhandlungen,
auch Anleitungen dafür, wie dies zu schaffen ist, ein geniales Kraftwerk zu sein, das mit Aufnahme
geringster Energie, möglicherweise mit geistiger Energie, mehr Energie hervorbringt, ebenso wie der
Jupiter, der weniger Sonnenlicht erhält, als er abgibt, abstrahlt.

Am Beispiel von Nietzsches Leben und Wirken möchte ich verdeutlichen, dass zwar Reaktionen auf
verschiedene Ursachen, welche die Außenwelt miterlebt, sich in ähnlicher Weise zeigen mögen,
woraufhin der Beurteilende und oftmals Verurteilende geneigt ist, beide Reaktionen in einen Topf zu
werfen, ohne analytisch ins Detail zu gehen und nicht nur das Gesamtwesen und seine Erscheinung mit
einem Stempel „Borderline“, oder Schizophrenie“ zu versehen, sondern wirklich zu den Wuzeln des
Wesens eines anderen Menschen vorzudringen. Es ist notwendig, Ausgangsvoraussetzungen mit
einzubeziehen, in hellsichtiger, aber auch analytisch mathematischer innerer Auseinandersetzung, um
Steinchen für Steinchen, wie bei einem Mosaik zusammen zu fügen, um ein vollständiges Bild erhalte zu
können.
Möglicherweise erscheint es vielleicht im Ausdruck dem des vorher aufoktroyierten Stempels ähnlich,
übergeordnet jedoch löst es sich heraus, auch aus dem möglichen allgemeingültigen Gesetz von Ursache
und Wirkung, die solche Reaktionen hervorrufen:
Ein Borderliner hatte keine stabilen Beziehungen zu den Eltern, ergo….
Es gibt da keine linearen Verläufe, weil es auch auf die innere, eigene Arbeit des Betroffenen ankommt,
auf Weichenstellungen von außen und innen, auf geistige Arbeit, die sich im Außen spiegelt und immer
zu korrigieren ist, die sogar fehlende Nahrung geistig zu ersetzen weiß, wie es sich auch bei Kaspar
zeigte.
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Wenn ich über zwei Menschen berichte, die beide bluten aus einer gleichgroßen Wunde, so muss man
zum einen unterscheiden, wo die Wunde ist, das wäre der ersten Schritt, denn ist sie bei dem einen am
Bein, bei dem anderen in herznähe oder am Gehirn, so ist abzusehen, dass beim letzten Beispiel das
sogenannte „Bluten“ sehr viel gefährlicher, möglicherweise lebensgefährlich ist. Auch sollte
unterschieden werden, wie viele weiße Blutkörperchen beim jeweiligen Menschen vorhanden sind, die
selbständig versuchen die Wunde zu schließen, die Blutung zum Stillstand zu bringen. Es können also
nicht zwei identisch große, blutende Wunden in einem vorschnellen Urteil verglichen werden, wenn nicht
die weiteren Zusammenhänge miteinbezogen werden. –

So sehe ich das Leben von Nietzsche als ein Monodrama, das keinen weiteren Menschen auf die Bühne
seines Lebens stellt, als ihn selber. Als einsam Ringender steht er in den abstürzenden Akten unter seinem
eigenen Gewitterhimmel und alle Bewegung geht einzig von ihm selber aus und stürzt ebenso wie ein
Bumerang auf ihn zurück. Die wenigen Menschen, die seinen Weg kreuzen, stehen nur sprachlos,
erschüttert, helfend, mit stummen Gesten des Staunens und Erschreckens neben ihm, seinen heroischen
Kampf von Ferne begleitend, weichen jedoch immer wieder als vor etwas sehr Gefährlichem zurück in
den Hintergrund. Seine Tragödie hat keine weiteren Menschen, keinen Schauplatz, keine Verkleidung, sie
spielt gewissermaßen im luftleeren Raum, mit sprachlosen, farblosen „Farben“.
Diese Farblosigkeit ist die Einsamkeit, auch ohne Gott. Er findet keine Resonanz, im Gegenteil, er schafft
sich durch seine Gedankengebäude, durch seine Reden einen Raum, der zunächst mit Menschen gefüllt
ist, der sich jedoch nicht weitet und erweitert, sondern verkleinert, schrumpft, um sich nur noch um ihn
selber zu bilden. Denn während seiner heroischen Monologe verlässt einer nach dem anderen gebückt und
tief erschüttert von dem glühenden Erregungszustand und dem Sinnestaumel und seinen verbalen
Verwandlungen, den Raum. Der tragische Schauspieler in Nietzsche wird immer unruhiger, so ganz ins
Leere zu sprechen und gerät dabei immer tiefer in das Labyrinth seiner undurchsichtigen Reden, um
Widerklang oder wenigstens Widerspruch zu finden.

Das Bild, das er am Ende seines Lebens zeigt, eine fast neurasthenische Ängstlichkeit vor Lärm, seine
unzähligen körperlichen Leiden und seinen Untergang, der Untergang in das Dunkel, des hellsten Genius
des Geistes in die eigene Nacht, mag dem meinigen Bild meines Unterganges, wie ich ihn nun fühle,
ähnlich sein.
Und doch gilt auch hier auf die Differenziertheit der Sprache und damit der Beurteilung und des
Vergleiches zu achten: Es liegt mir fern, Schmerz gegen Schmerz aufzuwiegen. Das Schmerzempfinden
eines jeden Menschen ist unterschiedlich und darf nicht unter das Motto fallen „ach stell dich nicht so
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an“. Meinem Vater war es nicht möglich, auch nur die Nadel einer Spritze zu sehen, geschweige denn,
sich spritzen zu lassen, ebenso meiner Mutter.
Meinem zweiten Vater war es nicht möglich, die Folgen des Unfalles in liebevoller Hingabe und
Verantwortung an unsere zerstörte Familie aufzufangen, aufzulösen, zu erlösen, auszugleichen. Dieser
einzige Schicksalsschlag war sein Untergang in seine Selbsttötung und damit in die
Verantwortungslosigkeit, wie ich sie an dieser Stelle sehe. Nach meinem Empfinden hätte er die
Möglichkeit gehabt, diese Schuld produktiv zu verwandeln und sich selbst damit und seine empfundene
Schuld.
Insofern kann ein Suizid durch andauernde, unermessliche physische und psychische Qualen, durch
wiederkehrende schwere Schicksalsschläge nicht mit einem Suizid durch Liebeskummer, oder einem
einzigen Schicksalsschlag, einer Handlung im Affekt, aus einer kurzen emotionalen Überwältigung
gleichgesetzt und ebenso beurteilt und verurteilt werden, auch wenn mir bewusst ist, dass ich hier kein
Urteil fällen darf über jemandem, der einen einzigen, vielleicht vorüberziehenden Schmerz nicht ertragen
kann.

Aber die Differenziertheit der Sprache bringt hervor, dass eine „Ängstlichkeit vor Geräuschen“, wie sie
Nietzsche und wie ich sie auch oft vor meinem Tavorentzug in Phasen der Überforderung erlebte, etwas
völlig anderes ist, als wenn ich meine Ohren mit Ohropax fest verschließe und dennoch jedes Geräusch
mein Gehirn wie ein Messerstich durchzieht, das in mir eine so gewaltige Panik hervorruft mit dem tiefen
Wunsch, der vollkommenen Überreizung ein Ende zu bereiten, das mein Denken abschaltet und ich zu
jedem Schritt bereit bin, der mich aus dieser grausamen Überforderung befreit. –
Ein Arzt erklärte mir dieses Phänomen, das durch Zerstörung hervorgerufen wurde und nicht durch eine
Disposition wie Depression, oder, wie wir es von Nietzsche wissen, durch Syphilis – er erklärte es mir in
folgender, sehr präziser und differenzierter Ausführung und möglicherweise war das in ähnlicher Form
durch das Opium und die jahrelange Einkerkerung in der Stille, bei Kaspar auch gegeben:

Durch das Medikament Tavor entstehen im Gehirn neue Rezeptoren, - es ist ein massiver Eingriff in den
Gehirnstoffwechsel. Die Rezeptoren vermehren sich durch jede weitere Einnahme und schreien
gewissermaßen nach noch „mehr“ Tavor (Abhängigkeit). Werden sie nicht mehr gespeist, durch das
Absetzen des Medikaments, so geraten die Rezeptoren in große Erregung, die durch nichts beruhigt
werden kann, die sich immer weiter steigert. Es entsteht eine Sinnesüberempfänglichkeit, sie ist die
Bedingung für die Überempfindlichkeit, unter der der Mensch dann furchtbar leidet. Es braucht sehr, sehr
viel Zeit, ehe sich diese unzähligen Rezeptoren wieder zurückbilden. (Dr. Sipple, Leonberg) –
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Und doch scheint die blutende Wunde zwar dieselbe Größe nach außen zu zeigen, so ist jeder Suizid eine
Selbsttötung im Begriffssystem, die Voraussetzungen sind jedoch ganz unterschiedliche und jedes
Steinchen ergibt ein vollkommen anderes Bild als auch bei Nietzsche und möglicherweise vielen anderen
Lebensbeispielen, im Unterschied zu meiner Biographie, wie ich es erlebe:
Auf die Welt gebracht habe ich eine muskuläre Veranlagung, die zu massiven Krämpfen und zur
Muskelschwäche neigt. Die angedichtete, über Jahre fehlbehandelte angebliche seelische Erkrankung
„Borderline“, stellte sich als Fehldiagnose heraus. Eine Disposition dafür hat wohl jeder Mensch und
natürlich trägt jeder auch den Keim in sich, der durch schwere Schicksalsstürme und zerstörende Impulse
in den entscheidenden Formungsjahren irgendwann zum Ausbruch kommt.
Sicherlich haben wir uns vorgeburtlich den erblichen Rahmen ausgewählt, in den wir uns verkörpern
wollen, um das zu erfahren, was für unser Schicksal maßgeblich und wichtig ist, oder für unsere
unmittelbare menschlieh Umwelt.
Durch eine innere und vielleicht höhere Führung und Fügung ist es mir gelungen, seit meiner Kindheit
innerlich und äußerlich hart an mir zu arbeiten, durch Verzichtübungen, Willensschulungen in Form von
Durchhaltefähigkeit, auch wenn mich meine Muskeln verrieten und durch geistiger Tätigkeit.
Ich legte großen Wert auf meine Sprache, auf die Ausdrucksfähigkeit, die Präzision im Denken, Fühlen,
Handeln, der Kommunikation, die auch von meinen Lehrer hoch geschätzt und bewundert wurde.
Ich habe mir meine innere Welt bewahrt und versuchte, mir treu zu bleiben, meinen Idealen,
Motivationen und Zielen. Ich übte mich in rhythmischer Abfolge im Zeichnen, Malen, Portraitieren und
der Kalligraphie, ich achtete auf Hygiene im Körperlichen, Geistigen und Seelischen, auf die
Seelenreinigung.
Und diese Anstrengungen, die ich wie die Lichtflamme durch finstere Nacht, Sturm und Regen tragen
musste, wurden von außen immer wieder zerstört und gefährdet.
Das heißt, ausschließlich durch Menschen, die versuchten, mich aus meinem Rhythmus, aus meinem
eigenen Lebensgesetz, aus meiner Jupiterbahn zu werfen in der Hoffnung, ich würde meinen Stern
dadurch aus den Augen verlieren. All dies geschah durch Unterdrückung, Missbraucht, durch sie
hervorgerufene Schicksalsschläge durch Fehlentscheidungen, durch undifferenzierte Beurteilung meiner
Lage durch Nicht- Erkennen, Nicht – Analysieren, durch Dummheit und Größenwahn.
Dem Nicht -erkennen, dass meine Depression, mein stuporöser Zustand in meinem 33. Lebensjahr nicht
eine Dekompensation der angeblichen Borderline Erkrankung ist, die ich immerhin 33 Jahre alleine zu
meistern wusste mit Höhen und Tiefen, auch wenn die Symptome von meiner Muskelerkrankung her
resultierten, sondern dass der Auslöser in der Diagnosestellung meiner Muskelerkrankung zu finden war,
die mir auch nicht als „Differenzialdiagnose“ unterbreitet wurde, sondern als unumstößlich.
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Bildlich gesprochen könnte ich sagen, dass ich immer wieder versuchte, alle Scherben meiner Existenz,
die ich nicht selbst zu verantworten und verursacht hatte, einzusammeln, sie als Mosaik wieder
zusammenzufügen, zu kleben, sodass annähernd mein Leben wieder erkennbar wurde, auf dass der
nächste Fußtritt kam, der wieder alles in tausend Einzelscherben zu zerlegen wusste. Und immer musste
ich wieder von vorne beginnen, in mühevoller Arbeit gegen unendliche Widerstände und körperliche
Zustände.

Bei vielen Menschen sehe ich diese Entwicklung, oder Nichtentwicklung in umgekehrter Form: Die
Mitmenschen versuchen alles, demjenigen zu helfen, versuchen belastende Situationen von ihm fern zu
halten, ihn zu schützen, ihn zu motivieren, ihm Halt und Kraft zu geben und als Außenstehende selber die
Scherben für ihn aufzusammeln, die er möglicherweise selber geschaffen hat, sie für ihn wieder
zusammenzufügen, sein Leben damit wieder herzustellen, zu retten. Und wieder tritt er die
Anstrengungen seiner Mitmenschen mit seelischen Füßen, aus welchen Motiven auch immer. Vielleicht
Unvermögen, unverschuldet und dennoch wirkend in dieser Weise, in dieser Form. –

Hätte ich damals geahnt, nach meiner Klinikentlassung im September 2010, welche gewaltige Gegenkraft
sich mir auf dem physischen Erdenplan, auf geistiger Ebene, auf metaphysischer und körperlicher Ebene
entgegenstellt, als ich beschloss, meine Biographie zu schreiben, als ich beschloss, Bewusstsein durch
meinen Prozess zu schaffen, um den Weg für die Menschen etwas zu erleichtern und zu ebenen, welche
nicht von dieser „Urnatur“ und mit meiner „gewaltigen inneren Kraft und Stärke“ begabt sind, um den
letzten Kampf um die Wahrheit und Gerechtigkeit anzutreten, ich hätte es möglicherweise unterlassen.
Meine Kräfte waren den Anfeindungen und Gefahren im Tavorentzug nicht mehr gewachsen.

An dem Tage, als ich beschloss, meiner inneren, seelischen Einkerkerung, wie ich sie hier nennen
möchte, dem Gefangengehaltenwerden auf einer schwebenden Ebene, im Zwischenreich, zwischen
Schlafen und Wachen, zwischen Leben und Tod, ein Ende zu bereiten, weil ich endlich erkannte, dass das
Tavor mein Untergang war und sein würde, da fühlte ich auf einen Schlag eine so gewaltige, teilweise
sichtbare, teilweise unsichtbare Gegenkraft, die mich immer wieder zu Boden schleuderte, der ich meine
eigene innere Stärke unentwegt entgegensetzen musste.
Ich habe mich wohl in dieser dunklen Kraft auch nicht geirrt:

Den ersten Versuch, mein Lebensschiff wieder von den steilen und steinigen Klippen, an dem es
zerschellen sollte, auf das offene Meer in die Windstille zu treiben, wagte ich, als mich mein Bruder zu
einem Hellseher, Schamanen und Arzt in der Nähe von Stuttgart schickte.
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Er war auch Psychotherapeut und hatte kurz davor ein Konzert meines Bruders besucht. Als Johannes das
Lied sang, das er einst für mich schrieb, kam dieser Hellseher nach dem Konzert zu ihm und sagte, er
habe bei dem Lied innerlich den Krankenwagen gehört, ich, seine Schwester, sei in Lebensgefahr. Er
sprach auch davon, dass er in mir, als er mich vor seinem geistigen Auge hatte, ein lichtvolles Wesen
sehen würde, das ihm in dieser Art und im Wesen noch unbekannt sei.
Er wolle mich kennen lernen. - So fuhr ich in den ersten Septembertragen zu ihm und nach einigen
Sitzungen, in denen er auch immer wieder die Augen schloss, erzählte er mir, er sehe mich in einem
anderen Leben an Händen und Füßen gefesselt in einem dunklen Verließ liegen. Ich hätte gewaltige
Aufgaben gehabt. Aber ich sei umgebracht worden und deswegen wurde mein Leben abgebrochen.
Jetzt müsse ich alles nochmals durchstehen als eine Art Transformation auf für die Welt. –
Bei einer weiteren Sitzung sagte er mir, er könne mich nicht mehr weiter behandeln, diese dunklen Wesen
um mich herum, die mir wieder den Lebensfaden durchtrennen wollen, haben ihn „einen Tag flach
gelegt“. Mein Schicksal sei zu gewaltig und zudem – das schrieb er mir per Mail – würde ihm mein
Gedächtnis und meine „unbeschreibliche Intelligenz, meine klare Ausdrucksweise, mein schneidender
Verstand Angst machen“. –
Möglicherweise fühlte er diese, meine Anlagen, wie sie in einem umfangreichen, seriösen Horoskop über
mich beschrieben werden:
„Das Bedürfnis, Unstimmigkeiten in Ihrer Umgebung und bei anderen aufzudecken, kann Ihnen jedoch
auch scharfsinnige, beinahe inquisitorische Züge verleihen ( „Inquisition― kommt aus dem Lateinischen:
inquirere ‚untersuchen und bedeutet „Untersuchung―), die in eine forschende und untersuchende
Tätigkeit ausmünden könnte, wo Sie Ihre detektivische Ader, die auf das Aufspüren von Geheimnissen
gerichtet ist, die sie sowohl intuitiv, als auch mit klarem Verstand zu enträtseln weiß, zum Ausdruck
bringen können.
Sie könnten dann mit Hilfe Ihres Intellektes auf Erkenntnisse stoßen, die Ihnen tiefste Einsichten über
Lebensrhythmen und Transformationsprozesse vermitteln.“
Und ferner: „Ihr Scharfsinn sowie Ihre Fähigkeit, untergründige Motivationen anderer früh zu erkennen,
soll Sie dabei vor Unerwartetem beschützen. Berufliche Entsprechungen dazu wären im Bereich von
Politik, Wirtschaft und Forschung zu finden, aber auch Beschäftigung, bei denen es darum geht,
verborgene Gesetzmäßigkeiten aufzuspüren, dürften Ihnen liegen. Diese zeigen bei Ihnen auch Züge der
Forscherin, die den Geheimnissen der Natur auf die Spur kommen will.―

Dieser Arzt, ich habe eine seiner Aussagen schon zitiert über die Vermehrung der Rezeptoren durch das
Tavor, wäre mein Arzt gewesen, zumindest im Psychotherapeutischen Bereich.
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Zum einen hatte er ebenfalls Zugang zu den „Geheimnissen der Natur“, zum anderen hatte er selber als
Zwilling – Geborener einen schneidend klaren Verstand und brachte mich gezielt, in sehr kurzer Zeit, an
Lebensknotenpunkte heran, die mir selber zwar zumeist bewusst waren, aber deren Lösungsansätze er mir
auch in medizinischen, sehr interessanten Erklärungsmodellen nahebrachte. Sie halfen mir zumindest
theoretisch weiter, Vorgänge zu durchschauen und besser zu verstehen.
Auch über die vermeintliche Borderlineerkrankung hat er mir tiefere Einblicke gewährt, die sich fern von
den gängigen Schlagwörtern, erschlagenden Begriffen bewegten wie „Borderliner sind so und so, haben
Anpassungsprobleme, haben überwertige Ideen, sind narzisstisch“. So als würde man versuchen, die
Gattung „Planeten“ miteinander in einen Topf zu werfen: „Alle Planeten sind von einer Gashülle
umgeben, oder alle haben einen Ring ums sich“. Oder „wie heilt man die Gattung Tier?“

Ich habe zwar ein weites Spektrum an Kenntnissen mir selbstständig erworben, gerade auch im
Literarischen durch meine Hörbuchsammlung von nunmehr 1000 Hörbüchern, - in meiner Seele
schlummert ein reicher Schatz von Märchen und Sagen, von Biographien großer Menschen, von
Gedichten, Anekdoten, Witzen und Sprichwörtern, aber ich kann mich nicht als sonderlich gebildet
bezeichnen.
Meine Begabung besteht darin, einer höheren Führung und Intuition vertraut zu haben, die mich geleitet
hat von Anbeginn, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, die Perlen daraus zu selektieren und
oftmals auch im richtigen Moment Antworten aus einer anderen Sphäre zu erhalten, welche wie ein Blitz
in mich einschießen, obwohl ich mich nie mit dem Thema befasst habe.
So war es auch mit einem Vortrag über Bach, von Luise Reddemann, den ich als Hörbuch besitze. Ich
hatte noch keine Zeit, ihn vollständig zu hören, aber meine Seele hat in diesem 10 Minuten, die ich vor
Jahren zum Anhören dafür fand, wohl die Quintessenz heraus filtriert, sodass ich in der Lage war, mich
mit diesem Therapeuten und Hellseher in „umfassender Kenntnis davon“, wie er es mir in einer E Mail
schrieb, darüber zu unterhalten und ihm auch meine Sicht und meine Kenntnis des Lebens von J.S. Bach
deutlich zu machen, die große Abweichungen zeigte zu den Ausführungen von Luise Reddemann.

Ich schreibe darüber aus dem Grunde, weil jenes Gespräch zwischen dem Therapeuten und mir das letzte
gewesen ist und er mir während des Gespräches sagte, er sei beeindruckt von meinen Kenntnissen und
Auslegungen, überhaupt, dass ich Luise Reddemann und ausgerechnet diesen Vortrag kenne, um mir
dann in einer E Mail mit den oben genannten Worten den Laufpass zu geben, dass er mich als sehr
lichtvoll erlebe, aber die dunklen Wesen um mich herum wahrnimmt, die ihn für einen Tag arbeitsunfähig
werden ließen. Er sah, dass sich dieser Schicksalskampf von mir wiederholte, indem jene Wesen um
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meine „großen Aufgaben“ wissen, um sie abermals zu zerstören und, wie beschrieben, habe er Angst
davor.

Wäre es gelungen, einen therapeutischen Weg gemeinsam zu gehen, hätte ich diese schweren
Entzugsjahre möglicherweise besser bewältigt, denn im Grunde war ich in der ganzen Zeit ein
Einzelkämpfer, ohne therapeutische Hilfe, die mit mir gemeinsam den gewaltigen Himalaya von
Traumata abgetragen hätte in mühsamer, schmerzhafter Arbeit.
Eine weitere Therapeutin, die ich aufsuchte, formulierte ihre Absage in ähnlicher Weise: Sie habe keine
Erfahrung mit einem so schweren Tavorentzug und wage es nicht, mich zu behandeln.

Ich wurde nach 2 ½ Jahren Fremdbestimmung und Freiheitsberaubung mit 36 Jahren wieder in die Welt
geworfen, in das Leben, wie auch Kaspar Hauser nach 12 Jahren im 18. Lebensjahr.
Ohne ärztlicher Anbindung musste ich zunächst zurecht kommen, ohne psychotherapeutischer Hilfe, ohne
Tagesklinik, die mich möglicherweise wieder sachte an das Leben in Freiheit gewöhnt hätte, mit kleinen
Schritten.
Nein, ich stand nun schwankend, auf unsicheren Beinen in meiner neuen Unabhängigkeit, stolpernd
zunächst und doch mit neuem Mut und Wind in meinen Segeln, in der tiefen Hoffnung und dem
Vertrauen, dass mit jedem neuen Tag, wie bei einer schweren Erkrankung, die sich mehr und mehr
zurückzieht, sich die grausamen Entzugssymptome verabschieden werden.
Doch ich sollte mich in mir und in meiner Hoffnung schwer getäuscht haben.
Einen einzigen Termin erhielt ich bei einer Ärztin einer Stuttgarter Psychiatrie, die von „Räuberpistole“
als von der Tavorüberdosierung sprach. Ferner davon, dass sich in den letzten Monaten drei Patienten im
leichten und kurzen Tavor - Entzug suizidierten. Eine sehr hoffnungsvolle Aussicht nach all der langen
Zeit.
Auch sagte sie, dass man unter der Tavoreinnahme Ausgangssymptome, eigentliche Diagnosen und neue
psychische Erscheinungsformen nicht mehr unterscheiden kann. Tavor würde alles verwischen…
Endlich ein Mensch der Erkenntnis, wie auch ich sie sah und wahrnahm, als Opfer sozusagen, so dachte
ich.

Es waren immerhin acht ganze Jahre Folter, nahezu in jeder Minute des Tages und des nachts in
Zwischenreichen, in Schlaflosigkeit, in Depersonalisationszuständen und Achterbahnfahrten.
Und immer wieder hat es sich gezeigt, dass ich in mein Verderben rannte, wenn ich auf andere Menschen
gehört, ihnen vertraut habe, ohne auf meine eigene, innere Stimme zu hören, die intuitiv, ohne äußere
Einwirkung, mich immer richtig geleitet.
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Da ich mich in diesem Kapitel, wie ich es sagte, auch ganz intensiv mit dem Thema „Suizid“
auseinandersetzen möchte, nicht weil ich eine Verfechter des „Pro Suizid“ bin, im Gegenteil, ich bin ein
Verfechter des differenzierten Denkens mit Heranziehung aller Teilaspekte, Vorbedingungen, im
Analysieren der Kausalität von Ursache und Wirkung, werde ich nun beginnen, diesen Bogen zu spannen,
abzuschießen, um hoffentlich das angestrebte Ziel nicht zu verfehlen.

Und im Zusammenhang mit der Omnipotenz vieler Menschen, welche ganz sicher zu wissen glauben,
dass „Wasser schlecht und gefährlich ist“, weil eben eine an Volumen übertriebene Menge Wasser auch
zum Tode führen kann, so fällt mir in diesem Zusammenhang nicht nur Sokrates ein, sondern auch eine
Geschichte von Michael Ende, die sehr gut zu dieser, meiner Intuition, auch meinen hellsichtigen
Fähigkeiten passt und zu den immer wiederkehrenden einseitigen Beurteilungen von Begriffen, wie:
„Wasser ist gut, - oder Wasser ist schlecht“, die Begrenztheit und die Eindimensionalität des Denkens
veranschaulicht. Hat ein Mensch zuviel Wasser getrunken, kann er ebenfalls daran sterben, als wenn er zu
wenig davon bekommt, oder gar kein Wasser zu trinken in der Lage ist. Beides tödlich, beides wahr!

Diese Omnipotenz verschwindet demütig, sobald wir die Aussage Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts
weiß“, erkannt und tiefinnerlich verstanden haben. Denn je mehr wir einen wahrhaften Gedanken
ausbauen und ihn bis zu einem möglichen Ende denken, im Heranziehen aller Teilaspekte, desto mehr
erkennen wir, dass sich neue Gebiete und Verzweigungen der möglichen Erkenntnis eröffnen und wir
„ebenso klug als wie zuvor“ sind.

Oder dass der Begriff „Inquisition“ nicht näher „untersucht“ wird, um in der Präzision der Anwendung
der Sprache, der Definition festzustellen, dass Inquisition aus dem Lateinischen kommt und
„Untersuchung“ bedeutet. Nein, der Mensch lässt sich leiten von Assoziationen, von Gedankenabbrüchen,
um diesen Begriff nur und ausschließlich mit der Hexenverbrennung nach dem Mittelalter in
Zusammenhang zu bringen, um auch dem Begriff „Suizid“ ausschließlich anhaften zu lassen, dass es
„schlecht ist, ihn zu begehen“, jedoch alle weitere Nachforschungen unterlässt, die diesem Begriff
anhaften, mit ihm in Verbindung stehen. –

Grundsätzlich ist es natürlich so, dass Gott uns dieses Leben geschenkt hat und dass wir versuchen
sollten, das beste aus demselben zu machen, nicht aufzugeben, uns innerlich und äußerlich zu schulen,
Entwicklung reifen zu lassen, Erkenntnisse zu gewinnen, Gutes zu tun an uns selber, unseren
Menschenbrüdern, Pflanzen und Tieren und unser Leben nicht selber zu beenden, nichts unversucht zu
lassen.
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Unter annähernd „normalen“ Umständen ist daran durchaus nichts auszusetzen, es erscheint plausibel und
ich stimme damit vollkommen überein.
Denn was bedeutet ein solcher Suizid? Er bedeutet: aufgeben, nicht mehr weiter kämpfen können,
möglicherweise Chancen, die noch da sind, wegzuwerfen und damit sind nicht die theoretischen Chancen
gemeint, denn in der Theorie könnte ich Millionär sein und Bundeskanzlerin.
In der Theorie könnte jeder Mensch ab sofort nur Gutes vollbringen, helfen, Liebe leben. Damit würde
die Welt ab sofort anders gestaltet sein und es gäbe solche Zerstörungsimpulse nicht in diesen
Dimensionen, wie sie an mir vollzogen wurden, obwohl diese theoretische Möglichkeit für jeden
Menschen auch praktisch zu vollziehen wäre. Denn würden die Menschen nicht immer nur denken, was
bekomme ich von anderen, sondern, was kann ich geben, - die Welt wäre zum Glück ärmer durch das Gift
des Egoismus und gleichzeitig sehr viel reicher durch die wahrhaftige, selbstlose Liebe.
Nein, theoretische Möglichkeiten zählen in diesem Falle nicht. Theoretisch könnte es möglich sein, dass
ich jede Nacht mindestens 6 Stunden schlafen kann, weil der Tavorentzug nun schon über drei Jahre
zurückliegt. Der Schlaf ist allerdings nicht in der Weise vom Willen zu beeinflussen, als andere
Vorgänge, also zählt diese theoretische Möglichkeit nicht, weil sie mit der Praxis nicht kompatibel ist.

Ein Mensch, der einen annähernd sicheren Start in sein Leben hatte, Gesundheit, soweit sie noch als
vollkommener Begriff gebraucht werden kann, der eine Familie und Kinder hat, einen Beruf und auf alle
für sein reines Überleben notwendigen Lebensessenzen wie Essen, Trinken, Schlaf und seinen Verstand
zurückgreifen kann, wenn er aufgibt, hat das wohl andere Konsequenzen. Und ich spreche hier nicht von
„Lebensqualität“, die noch ungleich mehr beinhaltet um daraus Kraft zu schöpfen, sondern nur von den
essentiellen Existenzgrundlagen. Hat dieser Mensch noch ein eigenes Haus, eine Wohnung, denn auch
jedes Tier braucht seine eigene Höhle, seine Wohnung, als Hülle um seine körperliche Hülle herum, hat
er noch Aufgaben, die er auch erfüllen, im Beruflichen, im Familiären und beendet er sein Leben
aufgrund von Liebeskummer oder finanziellem Ruin, obwohl seine Möglichkeiten, diese Engpässe zu
überwinden, evident vorhanden sind, der wird möglicherweise nach seinem Tod als sein eigener,
wahrhaftiger Richter, ohne kleinkarierte irdische Maßstäbe erkennen müssen, dass er wichtige
Lebenschancen hat verstreichen lassen. Chancen, die ihm durchaus noch praktisch möglich gewesen
wären. Er muss dann erkennen, dass er nicht alles versucht, zu früh aufgegeben hat, wegen einer
Kleinigkeit, gemessen an der Ewigkeit.
Er traf eine schwere Fehlentscheidung, die er vielleicht schon am folgenden Tag wieder bereut hätte, die
sein Karma negativ veränderte und nun sieht er genau, was das Leben noch für ihn bereit gehalten hätte. –
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Es gibt einige Bericht über Nahtoderfahrungen, auch durch einen Selbstmordversuch. Sie sind
erschütternde Bekenntnisse und zeigen, dass gerade in einer solchen Kurzschlussreaktion diese
Menschen, wenn sie fast über die Schwelle gegangen sind erkennen, welche Möglichkeiten sie damit
wegwerfen würden, um wieder in ihren Körper zurückzufinden.
Yoram Yovell, einer der herausragendsten Psychotherapeuten für meine Begriffe, schreibt in seinem
Kapitel über Suizid „Zu den Sternen fliegen“ davon, dass ein Selbstmord immer eine ewige Lösung für
ein temporäres Problem sei.
„Ist aber ein Selbstmord eine freigewählte Tat?― Diese Frage wird zurzeit auf etlichen Ebenen von
Juristen, Moralphilosophen, Theologen und Psychologen öffentlich diskutiert. Dagegen steht die Antwort
von Psychiatern eindeutig fest, sie lautet: Nein.―
Zu Beginn seines Essays „Der Mythos von Sisyphos schreibt Albert Camus: „Es gibt nur ein wirklich
ernstes Problem: den Selbstmord.―
Yoram folgert weiter: „Heute besteht aber kein Zweifel mehr daran, dass Selbstmord fast immer eine
Krankheit ist, eine weit verbreitete und tödliche Krankheit. (…) Meistens handelt es sich um eine
Depression, die gedankliche und gefühlsmäßige Prozesse deformiert und dem Betroffenen die freie Wahl
nimmt. In einer Krise laufen auch ausgeglichene und optimistische Menschen Gefahr, Selbstmord zu
begehen. Mit etwas mehr Geduld hätten sie diese Situation überwinden und damit überleben können…“
„Impulsives Handeln“, sind noch erschlagende Schlagwörter, mit denen derlei angeblich vorübergehende
Handlungen betitelt werden.
„Fast immer eine Krankheit“ war eines der Einschiebungen. Doch wenn dieser Wunsch nun keine
Krankheit ist, sondern über mindestens acht Jahre permanent bestehen bleibt, weil die körperliche und
seelische Folter in keiner Minute abnimmt? Wie sieht es damit aus?

Ich habe hier von annähernd „normalen“ Bedingungen gesprochen. Wie sieht es aber dann mit einem
Menschen aus, der, seit er denken kann, fast nur Zerstörungsimpulsen aus seiner Umgebung ausgesetzt
war, um immer wieder sein- von seiner Umgebung zu Scherben geschlagenes Leben, selbständig
aufzubauen, die Scherben zusammenzufügen, obwohl die Kräfte kaum und schließlich gar nicht mehr
ausreichten?
Der von äußeren Dingen wie Unfällen, Schicksalsschlägen, Missbrauch, gesundheitlichen
Einschränkungen, Beschränkungen, bis zu einer totalitären Zerstörung des gesamten Organismus, des
Zusammenspiels von Körper, Geist und Seele durch das teuflischste Medikament wohl unserer
Menschheitsgeschichte, dem Tavor, heimgesucht und von Menschenhand und Unverstand zerstört
wurde?
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Um trotz dieser grausamen Zerstörung den eigenen, bildlich abgeschlagenen Kopf selber wieder
aufzusetzen, aufzustehen, weiter zu kämpfen, am Ende aber feststellen zu müssen, dass die
Halsschlagadern dennoch kein Blut mehr zum Kopf hindurchlassen, dass die Zerstörung so groß war,
dass sie den ganzen Organismus in der Weise durcheinander brachte, dass die verschiedenen Organe des
Leibes, der Seele, des Geistes nicht mehr zusammenarbeiten. Um nicht einmal ein nacktes, schnörkelloses
Überleben mehr zu ermöglichen, auch wenn, wie durch ein Wunder, der Mensch noch scheinbar am
Leben ist?
Am Leben, weil er zumindest spricht und atmet, sich noch bewegen, auch wenn er nicht mehr schlafen
und Nahrung zu sich nehmen kann, - obwohl er sich, in jeder einzelnen Sekunde, Übermenschliches
abgerungen hat?
Der in keiner Sekunde aufgegeben hat und nach jedem neuen Schlag und Schock wieder mit letzten
Kräften aufgestanden ist? Gleich einem ausgezehrten Menschen, der seit Wochen kaum schlafen, essen
und trinken konnte, um dennoch den Himalaya zu besteigen mit einem schweren Rucksack auf dem
Rücken und sich keine Minute Ruhe und Erholung gönnen darf, weil er sonst erfrieren würde, um dann
schlussendlich im Zusammenbrechen dafür angeklagt zu werden?

Auf die Bemühung kommt es an, nicht auf das Resultat, irgendwie „überlebt“ zu haben, eines natürlichen
Todes gestorben, dabei aber über Leichen gegangen zu sein, um andere, seine Menschenbrüder noch zu
zerstören. Ein Dr. Uriel wird sicher eines natürlichen Todes sterben, aber wie wird er über sich richten
und ein möglicher gerechter Gott? Gewiss nicht in dieser Weise: „Suizid ist schlecht, du hast dich nicht
suizidiert, auch wenn du andere Menschen umgebracht hast, das war schließlich nur Mord, kein
Selbstmord. Es ist unerheblich, WIE du gelebt hast, Hauptsache du bist eines natürlichen Todes
gestorben..“

Seine Zerstörung von Menschenleben, die sich ihm schuldlos anvertrauten, auch wenn es nur eines in
dieser Form gewesen ist, beinhaltet ebenso eine Selbsttötung, Selbstaufgabe, weil jeder Mensch die
Gesetze von Gut und Böse in sich trägt, ihnen zuwider zu handeln ist Selbstaufgabe, den eigenen Weg,
die innere Richtung zu verlieren, seinem Stern nicht mehr zu folgen, der den Christusimpuls in sich trägt.
Es ist für meine Begriffe mehr Selbsttötung, als wenn ein Mensch von unertragbaren, permanenten
Qualen gepeinigt, den letzten seidenen Lebensfaden von anfangs Millionen Fäden, die ihm andere
abgeschnitten haben, noch selber zu durchtrennt. Vor allem nach einem Leben, wie ich es hier in über 900
Seiten meiner Biographie dem Leser vor die Seele stelle mit Anmerkungen wie: „Das zu lesen ist ein
einziger Schleudergang in der Waschmaschine. Oder:
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„Wie kann ein einziger Mensch diese Fülle von Grausamkeit ertragen?“ Und vieles mehr und doch noch
so „lichtvoll“ sein und in jeder Minute seinen Mitmenschen noch zu helfen…

An dieser Stelle möchte ich neben unserem bereits zitierten Goethe auch Shakespeare zitieren, weil sich
ja nahezu alle gebildeten Menschen, die zu richten versuchen und ein Urteil zu fällen, an unsere beiden
großen Geister wenden, um sie mit dem Zeigefinger, den sie vor ihrem „unvermögenden Gegenüber“
schwenken, zu zitieren:
Shakespeare: „Es ist eine Albernheit zu leben, wenn das Leben eine Qual wird und wir haben Vorschrift
zu sterben, wenn Tod unser Arzt ist.―
Wenn der irdische Arzt es nicht fertig bringt, eine Zerstörung oder Krankheit zu heilen, oder ich möchte
gar nicht von Heilung, sondern Linderung sprechen, so muss der Tod unser Arzt werden, um zumindest
die Spitze der größten Qualen abzubrechen!
(Goethe: „Ich finde es ebenso wunderbar (seltsam in diesem Zusammenhang) zu sagen, der Mensch ist
feige, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu nennen, der an einem
bösartigen Fieber stirbt.― Oder, ebenfalls von unserem großen, leuchtenden Himmelsgestirn Goethes:
„Würde ein Mensch, ein Vater zürnen können, dem sein unvermutet rückkehrender Sohn um den Hals
fiele und riefe: Ich bin wieder da, mein Vater! Zürne nicht, dass ich die Wanderschaft abbreche, die ich
nach deinem Willen länger aushalten sollte?―)

Eines natürlichen Todes zu sterben, durch Krankheit, oder Fieber, kann ebenfalls, sogar in einem noch
größeren Ausmaße „Selbstaufgabe“ bedeuten, „Selbsttötung“, als durch unermessliche Qualen,
Schmerzen, Schlaflosigkeit, seelischen Zustände, vor allem durch äußere Zerstörung, dem Leben nicht
mehr gerecht werden zu können, um den letzten Faden zu durchtrennen. –
Unser großer Goethe hat mit diesem einen Satz das ausgesprochen, was ich in meiner Seele seit Monaten
in unzähligen Beispielen zu erörtern und zu erklären versuche. Die Lebenskräfte ziehen sich zurück,
Rückzug aus dem Leben, Flucht in die Krankheit, Rückzug der Tätigkeit der Organe, Flucht in den
„natürlichen“ Tod.

Und dann zählen derlei Aussagen nicht mehr wie: „Ich erwarte, dass Sie sich vom Suizid distanzieren.“
Oder wie die Richterin in meinem Prozess: „Sagen Sie nichts mehr, Sie haben ja nur Suizidgedanken
gehabt“ - und damit ist alles gerechtfertigt, was an weiterer, massiver Zerstörung mit dem Tavor, an
verbaler Zerstörung hinzugekommen ist. „Ausnahmezustand, außergewöhnlicher Fall“ und der darf
ermordet werden, auch wenn er scheinbar noch weiterlebt, weil durch Zufall (und eigener unermesslicher
Anstrengung) seine Atmung, sein Puls und fast nur diese noch funktionieren. –
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Da kann ich nur entgegenhalten, was ein Akademierat den neunmalklugen Ärzten im Zeitalter Anton
Mesmers sagte, die sein Augenleiden als „Einbildung“ definierten: „Wollte jemand sagen, die Historia
mit meinen Augen sei eine bloße Einbildung, so bin ich es zufrieden und verlange von keinem Arzt der
Welt mehr, als dass er es zuwege bringe, dass ich mir fest einbilde, gesund zu sein!―
So verlange ich ebenfalls von keinem Arzt, der mir meine Suizidgedanken vorwirft mehr, als dass er es
zuwege bringt, dass ich mir fest einbilde, gesund zu sein und keine Suizidgedanken aufgrund
gesundheitlicher massiver Qualen zu haben, die ich, ohne Übertreibung als „überdimensional“ hinstelle,
sodass sogar ein Arzt mir schreiben musste: „Ja, es führt mich an die Grenzen der Vorstellungskraft, Ihr
unermessliches Leid!“ –
Ich erwarte nicht mehr als diese Einbildungskraft und vor allem erwarte ich, dass man mich nicht
zertrümmert, wenn ich davor wenigstens lebensfähig war, vor ihren massiven Eingriffen und
„Korrekturen.“
Dazu kommt noch, dass mir erst der Kopf abgeschlagen wird, um mich dann anzuklagen, wenn ich blute,
gleich wie im noch folgenden Vergleich in meinem Prozesskapitel mit dem Schicksal von Kaspar
Hausers, wie ich es bereits beschrieb, allerdings lebt die Musik auch von der Wiederholung:

Eine vergleichende Analogie zu dem „Ausnahmezustand“ durch meinen Suizidwunsch lässt sich
wiederum in der Geschichte finden: Ich werde durch das Medikament Tavor in einer Weise zugrunde
gerichtet, dass meine Lebensfreude, meine Begeisterung für die Schönheit und den Reichtum dieser Welt,
die jeder meiner Freunde umfassend bestätigen kann und bestätigt hat, auf ein kaum mehr wahrnehmbares
Minimum zusammenschrumpfte. Es wird mir dadurch noch der Glaube an den letzten göttlichen Funken
entrissen und nährt und mehr mit ihm den Wunsch nach Erlösung, auf ein irdisches Ende der Qualen, um
ihn auf ein absolutes Maximum zu steigern. Anschließend werde dafür angeklagt, ich habe nur
Suizidgedanken gehabt, die jedes Verbrechen an mir zu rechtfertigen weiß, jeden Mord, jeden
Seelenmord. Denn ich hätte dadurch, durch jene Handhabung, tatsächlich unschuldig zum Selbstmörder
werden können. Und so finden wir auch im Schicksal von Kaspar Hauser dieselbe paradoxe Handhabung
in Form von Gewalt und anschließender Anklage:
Er wird mit fast 18 Jahren das Opfer eines Mordversuches, als er nach 12 - jähriger Gefangenschaft zu
lernen, zu lesen, schreiben, sprechen und zu begreifen beginnt, um immer deutlichere Tatsachen seiner
Vergangenheit im Kerker im Gedächtnis aufzuspüren und zu erfassen, aufzugreifen, um sie, wie er es
vorhatte, in einer Autobiographie nieder zu schreiben. Und dieser Mordanschlag, den er überlebte,
erzeugte in ihm begründetermaßen eine tiefe Angst vor derlei Gewaltausübungen.
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Nach seinem Tode wird er von seinen Gegnern angeklagt, er habe jene Gewalt gegen sich selber
gerichtet, also einen Suizid begangen, um damit ihre eigenen Gräueltaten zu verwischen, sie hinter seiner
offensichtlichen Unschuld zu verstecken.
Wie durchschaubar und armselig, weil unlogisch, unklug und unterbelichtet, wie ich es einst schon
beschrieb, muten diese beiden sehr kongruenten Vorgehensweisen an.
Irgendeine Gefahr, so wurde es allen deutlich, muss ich für diese Handlanger darstellen, wie auch K.
Hauser für die im Hintergrund wirkenden Verbrecher eine Gefahr darstellte, als er beschloss, alles
Erinnernde in seiner Autobiographie niederzulegen. Verbrechen wider den Geist wurden hier begangen. -

In Kaspar Hausers Horoskop stehen folgende Sätze, die diesen Sachverhalt wohl am besten beschreiben:
„Schaden durch Täuschung. Angewidert durch Lüge. Sich auf eine ungewisse Zukunft einstellen.
Geheime Boshaftigkeit. Auflösung von Unannehmlichkeiten. Geheimnisvolle Vergangenheit und eine
ebensolche Zukunft.―
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Kapitel: „Was ist gegen den Tod einzuwenden? Wovor haben wir so schreckliche Angst?“

Das einzige entscheidende Argument, welches zu allen Zeiten die Menschen abgehalten hat, ein Gift
zu trinken, ist nicht, daß es tötete, sondern, daß es schlecht schmeckte.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

So wurde ich in die Hölle geschickt, um mich anschließend für diese Folgen, die ich mir nicht selber
zugefügt habe, anzuklagen, oder gewissermaßen als unterschwelligen Vorwurf zu gebrauchen: „Wenn Sie
nur Abstand von den Suizidgedanken bekommen könnten...“ Und: „Sie wissen, was ich von Suizid
halte!“. Ja, das weiß ich selber, das wusste ich schon als Vierjährige, als sich mein Vater suizidiert hatte.
Es sind auch nicht Gedanken, es ist mein gesundheitlicher Zustand, sowohl physisch, als auch psychisch,
der zumindest vor dieser Zerstörung noch erträglich war, der nun solche „vergiftenden Gefühle“
hervorbringt. Ich male mir nicht den Teufel an die Wand und erschrecke dann „gedanklich“ vor ihm. Ich
ringe in jeder Minute mit unerträglichen Schmerzen und nicht greifbaren Zuständen und daraus entsteht
das Todesgefühl, die Todessehnsucht, einfach die Sehnsucht nach Ruhe, Erholung, Schlaf.
Ich habe vor meiner Einweisung zumindest leben, schlafen, essen, arbeiten, Nachhilfe geben und ein
Gartenhaus bauen können. Und vieles mehr. Es kann also, kausal und logisch differenziert betrachtet,
nicht „schon immer“ so gewesen sein!
Ein sehr guter Freund sagte mir heute: „Ja, wenn die Menschen, die dich in die Hölle gebracht haben,
dich für deine Todessehnsucht anklagen, sie zumindest nicht tolerieren, so geben sie dir die Schuld, um
die eigene Schuld von sich abzuwenden.“ (…) „In dem Moment, in dem du gestorben bist, können sie
dich nicht mehr anklagen, dich als Schuldigen hinstellen, dann müssen sie ihre eigene Schuld erkennen
und das ist schmerzhaft für sie. Das werden sie nicht ertragen, deswegen jetzt die Anklagen, damit du
Angst bekommst. Anklagen und Vorwürfe sind die leichtere Variante, sich selber und ihre Schuld in die
Tasche zu lügen. Diejenigen, die keine Schuld an deinem Untergang haben, klagen dich nicht für deine
Todessehnsucht an, sie versuchen dir beizustehen.“ –

Es war evident wahrnehmbar, vor allem in meinem Gerichtsprozess, wie stark der Wind der
Gegenanklage wurde, als es darum ging, die eigene Schuld von der Seele abzuwenden, um eine ganze
Stadt, möglicherweise die Pharmaindustrie und ihre Lobby zu retten, indem sie mich durch das
„Suizidgift“ an den Pranger stellten, an dem ich mich selber vergiften sollte…

Ich möchte hier nicht einer Privatlogik verfallen, die nicht mehr im geringsten etwas mit einer möglichen
Wirklichkeit zu tun hat und trotzdem kenne ich meine Intuition, trotzdem weiß ich, was ich in
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hellsichtiger, hellfühlender Weise wahrzunehmen in der Lage bin. Ich kann abschließend sagen, dass es
auch bei diesem Thema Suizid, das in den Köpfen der Menschen sofort „Angst und Furcht“ erzeugt, nicht
auf die Definition, das heißt auf die Todesart ankommt, nicht auf das „dass und wie“ man stirbt, sondern
auf das Warum und auf den vorherigen Kampf, alles versucht zu haben und trotzdem zu unterliegen nach
endlosen Qualen, Schmerzen und einem Ringen um Gott. Es kommt auch vor allem auf die Wirkung
seines Wesens und Lebens auf die Umgebung an, habe ich für das Gute und Gerechte gekämpft, mich
eingesetzt, habe ich meinen Egoismus überwunden. Es wird häufig gesagt, dass ein Freitod sehr viel mit
egoistischen Eigenschaften zu tun hat. Es kann zutreffen, muss aber nicht und letztendlich kann das nur
jeder Mensch für sich alleine beurteilen.
Entscheidend nach dem Tode wird die Anstrengung sein, den Lebenskampf bewältigt zu haben, ebenso
das Ringen mit dem Tod, die immerwährende Überwindung, auch wenn sie letztendlich nicht nachhaltig
sein durfte, weil die Qualen in ihrer Dauer und Intensität nicht enden.
Ob man ihn nach irdischen Maßstäben „gewonnen oder verloren“ hat, ist nicht entscheidend. Es sind nur
irdische Faktoren, die das verurteilen und wir wissen, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und
seine Urteilsgrundlagen häufig nicht über den Tellerrand hinausblicken können, egal in welcher
Berufsgruppe.
Entscheidend ist, alle praktischen Möglichkeiten und darüber hinaus genutzt zu haben, die Grenzen
gesprengt, denn nur an ihnen verdeutlicht sich die Dimension und Intensität des Kampfes.
„Leidenschaftliche Hingabe bis zur Auflösung ins Elementare..“
In einer anderen Welt werden vor allem die wahrhaftigen seelischen Regungen von uns selber
wahrgenommen, die wir in unseren Mitmenschen ausgelöst oder hinterlassen haben. Ich meine nicht jene
Regungen, verbissen einem anderen Menschen zu „helfen“, mit dem Gefühl der eigenen Überforderung,
aber mit dem Gedanken, dass man damit ja Gutes vollbringt um sich einen weicheren Platz auf Wolke
sieben zu ergattern…
Ich meine den Umgang, absolut ehrlich mit sich selbst zu sein, sich rückhaltlos und ohne Erbarmen zu
sehen, bis hinab auf den Grund seiner Seele, um damit von dieser Wahrhaftigkeit, die selbstlose Liebe mit
einschließt, wie der Jupiter auf seine Umgebung abzustrahlen…
Ob die Wahrhaftigkeit im Außen immer angebracht und am rechten Platze ist, wage ich zu bezweifeln,
aber zu sich selber sollte sie oberstes Gebot sein.

Wie mein Leben nun enden mag, kann ich nicht wissen. In diesem elementaren Konflikt, den ich hier zu
erörtern versuchte, habe ich zumindest nach meinem Empfinden die eigene Bedrückung sieghaft erlöst,
auch wenn es nur ein rauschender Faltenwurf meines dramatischen Schreitens und Scheiterns sein mag.
Ich habe zeitlebens um die Seelenreinigung, um jedwede Reinigung mich bemüht, um die Reinheit und
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Einheit meiner Existenz. Wenn in meinen Wein Wasser und schlimmeres gegossen wurde, dieser
ungenießbar geworden, sprich, wenn mein Schicksal möglicherweise über viele Inkarnationen zerstört
wurde durch diesen Eingriff in das Gefüge von Körper, Geist und Seele, wie es sich auch in meiner
jetzigen Inkarnation zeigt durch die genetische Mutation, so bin ich daran unschuldig und alle Unschuld
wird Christus wohlwollend in seine „warmen Arme schließen“. –

Viele von uns werden den Film „Patch Adams“ kennen, den authentischen Film basierend auf einer
wahren Begebenheit. Ein Medizinstudent (gespielt von Robin Williams, der sich im Jahr 2014 das Leben
nahm!), der krebskranke Kinder mit roter Clownmaske zum Lachen bringt und der es schafft, dem Tode
geweihte Patienten wieder Lebensmut zu geben, weil für ihn der Mensch im Mittelpunkt seiner
Heilmethoden steht. Er wird allerdings aus diesem Grunde von der Ärzteschaft, die Gleichgültigkeit
praktiziert, vom Studium ausgeschlossen, seiner Bestimmung beraubt.
Gerade jene Ärzteschaft, welche im Kollektiv mordet in einem unbeschreiblichen Ausmaß, zieht ihn zur
Rechenschaft für sein „Praktizieren“ ohne Zulassung mit folgenden Worten:
„Haben Sie die damit verbundenen Probleme in Betracht gezogen, zum Beispiel den Tod eines
Patienten?―
Ich möchte die folgenden Worte von Adams an dieser Stelle einfügen:

„Was ist gegen den Tod einzuwenden? Wovor haben wir so schreckliche Angst? Warum können wir mit
dem Tod nicht mit einem Maß von Menschlichkeit und Anstand umgehen und vielleicht sogar mit Humor?
Der Tod kann nicht unser Feind sein. Wenn wir eine Krankheit bekämpfen wollen, dann müssen wir die
furchtbarste aller Krankheiten bekämpfen: die Gleichgültigkeit.
Ich habe Ihre Vorlesungen über den beruflichen und emotionalen Abstand zum Patienten gehört. Ein
gewisser Abstand ist unvermeidlich, doch jeder Mensch macht einen bestimmten Eindruck auf einen
anderen und das sollte man in die Arzt- Patienten Beziehung einfließen lassen.
Und wenn ich Ihre Vorlesungen dazu höre muss ich sagen: sie sind falsch.
Ein Arzt sollte es nicht als einzige Aufgabe ansehen, den Tod zu verhindern, sondern muss auch für eine
Verbesserung der Lebensqualität sorgen und deshalb kann es vorkommen, dass man gewinnt oder
verliert.
Behandelt man aber einen Menschen und nicht nur eine Krankheit, dann gewinnt man immer, egal, wie
das Ergebnis ist.―

(…)―Ich habe am Leben der Patienten teil genommen und habe mit ihnen gelacht und geweint, ich habe
die Medizin in den Mittelpunkt gestellt.
106

Sie können mir den Titel versagen und auch den weißen Kittel, aber Sie könne nicht meine Hingabe
kontrollieren, Sie können mich nicht vom Lernen abhalten und nicht vom Studieren
Sie haben die Wahl, Sie können mich als Kollegen betrachten, der leidenschaftlich ist, oder sie können
mich als freimütigen Outsider betrachten, der aber hartnäckig ist

So oder so werde ich ein Dorn im Fleisch sein, aber eines verspreche ich Ihnen: Ich bin ein Dorn der
stecken bleibt!―
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Kapitel: Ein anderes Ende mit Michael Ende: Heiliges kann nur durch Heiliges erkannt werden

Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat. Deswegen muß man das Wahre unermüdlich in
Worten wiederholen.
Johann Wolfgang von Goethe

Wenn ich einige Zeit - und seien es auch nur Stunden - mit einer bestimmten Frage „schwanger
gegangen“ bin, so bekomme ich, wie es sich immer wieder zeigte, aus den teilweise verstecktesten Ecken
dieser runden Erde (Oxymoron) eine Antwort, indem ich zielstrebig in der Bücherei auf ein bestimmtes
Buch wirklich intuitiv zusteuere, manchmal nur das Buch in der Mitte aufschlage und die für mich
stimmige Antwort finde. So gehe ich, wie wir nun alle wissen, mit dem Thema „Suizid“ seit Jahren
innerlich um.
Vor wenigen Tagen habe ich innerlich die Frage bewegt, die mich nun dieses Kapitel schreiben ließ,
woher die sogenannten „weisen“ Menschen unter uns „kleinem, unwissenden Volk“, in Form von Ärzten
und - oder der Omnipotenz, wie ich sie hier nicht näher definieren möchte, die unentwegt mit erhobenem
Zeigefinger uns, oder gerade mich zurechtweisen mit den Worten: „Wissen Sie eigentlich, dass Alkohol
schlecht ist?“, oder: „Sie wissen, was ich vom Suizid halte..“, „…er ist schlecht und wird dich noch
weiter in die Hölle bringen“, -ohne selber die Einseitigkeit ihres Denkens zu erfassen. Ich habe mich
gefragt, woher sie also ihr angeblich umfassendes Wissen zu holen vermeinen.

Denn Megalomanie, auch Hybris genannt, ist immer ein Zeichen von mangelnder Differenzierung und
einem engen Radius des Wissens, wie ich es schon über die Aussage Sokrates veranschaulicht habe, oder
wie es Goethe ausdrückte, in dem er sagt, dass die sogenannten Halbnarren mit ihrem Halbwissen die
Gefährlichsten unter der Sonne sind.
Jemand, der alles zu wissen glaubt, auch über nachtodliche Geschehnisse, um sich an feste Begriffe wie
„gut“ und „schlecht“ wie ein Ertrinkender festzukrallen, zeigt im psychologischen Spiegel der Welt nur
umso deutlicher die Einseitigkeit, vielleicht auch Unterentwicklung und Begrenzung seines
Begriffsspektrums und des differenzierten, forschenden, analytischen, intuitiven Denkens. –

Und so mag vielleicht das Antonym zur Hybris anders lauten, als „Demut“ vielleicht und dennoch möchte
ich gerade diesen Begriff der Megalomanie entgegenstellen. Den der Demut vor unserem Unvermögen,
dem wahren und umfassenden Wissen der Welt auf den Grund zu gehen, der Natur ihre letzten
Geheimnisse zu entlocken und ebenso bescheiden einem fremden Schicksal gegenüber zu stehen, das ich
nicht verstehen kann, weil ich es nicht leben muss. Und ohne Überheblichkeit die Hand desjenigen zu
nehmen mit der Aussage: „Ich weiß, dass du keinen Ausweg mehr siehst und ich verstehe dich. Aber du
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sollst wissen, du bist uns wichtig und ich nehme dich an die Hand und begleite dich, wo auch immer dich
dein Weg hinführen, wie auch immer deine Entscheidung aussehen mag, wissen kann es niemand, weil es
irgendwo eine andere, wahrhaftige Gerechtigkeit gibt“.
Denn niemand war bewusst im Himmel gewesen und hat die dortige Hausordnung gelesen.

Ich fand in der Bücherei genau das Buch, dessen Thema ich für mich als mögliche Antwort suchte.
Da ich ebenfalls meine Entzugsjahre hier zu beschreiben versuche, so möchte ich nochmals erwähnen,
dass ich einen sehr wichtigen Freund wenige Monate nach meiner Entlassung durch Suizid verlor, der
seinen eigenen Tavorentzug nicht überstehen konnte, was meine zunächst aufsteigende Lebenskurve
wieder zum Absturz brachte. Ich habe ihn über ein Jahr intensiv jeden Tag mit Gesprächen begleitet, nach
meiner Entlassung. Jeden Abend führte ich mit ihm am Handy teilweise stundenlange Gespräche, als ich
noch an eine Zukunft von mir glaubte. Jeden Abend habe ich ihm Mut gemacht und ihm ein Versprechen
abgenommen, noch durchzuhalten und mich am folgenden Tag wieder anzurufen. Er hat es gehalten, bis
zum 16. Januar 2011. Da brach seine Kraft endgültig und ich verstehe ihn heute ungleich mehr, als ich ihn
damals in seiner Entscheidung verstand und verstehen wollte, aus eigener Angst.

Ich möchte die Legende im Gedenken an Günther, als auch meine Pflegemutter Gundel, als auch an
Markus hier zusammenfassen, die ihren eigenen Tavorentzug, auch mit geringster Dosis und Dauer, nicht
bewältigen konnten:

Im Vorwort dieser Legende „Mondscheinlegende“ von Michael Ende steht: „Für das Wahrheitskind“.
Das Symbol des „Kindes“ ist der Anfang, im Rhythmus der Tageszeit des Morgens, sowie ursprüngliche
Unschuld. In mehreren Religionen ist der Mythos vom göttlichen Kind und dessen Wundern verbundene
Geburt zentral. So verstehe ich auch das „Wahrheitskind“.
Jungfräulichkeit in der Morgenröte der Wahrheitssuche. –

In der Legende geht es um einen Einsiedler auf der Suche nach der Wahrheit. Er hatte in seinem Leben
seine Frau verloren und war zu der Überzeugung gelangt, dass „alle irdischen Dinge nichts als Schein und
Trug seien.“ Er zog sich von der Welt in die der Bücher zurück und studierte die alten Philosophen, um
auch dort nicht sein eigenes Wahrheitsempfinden zu befragen, sondern in noch tiefere Einsamkeit und
Verzweiflung zu stürzen. Als er auf eine Aussage von Thomas von Aquin und seiner Todesstunde stieß,
mit der dieser ausdrückte, dass „all seine Bücher in Wahrheit nichts als leergedroschenes Stroh
enthielten“, geriet der Einsiedler in eine Sinnkrise.
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Daraufhin verließ er seine Studierstube und irrte in der Welt umher, um sich in einer Felsenhöhle einer
anderen, geistigen Welt zuzuwenden. Dort vernahm er eine Stimme, die ihm befahl, dort zu bleiben:
„Bleibe hier, denn hier will ich dir begegnen.― Sein Geist weilte fortab in anderen Welten, in der
Ewigkeit und selbst die Tiere des Waldes fühlten den inneren Frieden des Einsiedlers und blieben bei
ihm.
Geduldig wartete er Tag für Tag auf die Einlösung des Versprechens der unbekannten Stimme.

Das Schicksal wollte es so, dass die Einsamkeit des Eremiten eines Tages von einem anderen Einsamen
gestört wurde, einem Räuber, der zwar gelernt hatte, gotteslästerlich zu leben, zu fluchen und zu saufen,
den lieben Gott aber dennoch „einen guten Mann sein zu lassen“.
Dieser Räuber hatte alles verloren, „denn er war nicht falsch und merkte deshalb nicht die Falschheit der
anderen.“ Auch deswegen wurde er ausgestoßen sowohl von denen, die auf der Seite von „Recht und
Ordnung“ standen, als auch von den Gegnern derselben. Er irrte durch die Wälder, verlernte das
Sprechen, verstand jedoch die Sprache der Tiere und vermochte sie täuschend nachzuahmen. Aber eine
innere Unruhe trieb ihn unentwegt seinen Aufenthaltsort zu wechseln. „Niemand hatte ihm je zuvor
gesagt, dass auch er eine unsterbliche Seele habe, für deren Zustand ihn dermaleinst der Schöpfer zur
Rechenschaft ziehen würde und von selber kam sein verwildeter Kopf nicht auf solche Gedanken.“ –

Als er eines Abends mit Pfeil und Bogen ein Reh erlegen wollte, dieses jedoch zahm und zutraulich ihm
entgegenkam, wurde er ratlos und erkannte in einem Felsenhöhleneingang den Einsiedler.
Dieses „Klappergestell“ befand sich in geistiger Versenkung und reagierte nicht auf die derben Worte des
Räubers, wer er sei. Dieser hatte schon die Faust zu Schlage erhoben, wurde jedoch von einer
unsichtbaren, friedlichen Kraft davon abgehalten.
(…) „Als der Einsiedler einige Stunden später aus jenen erhabenen Welten in seinen armen,
zerbrechlichen Erdenkörper zurückkehrte und die Augen aufschlug, sah er im weißen Schein des
Vollmonds vor sich auf dem Boden einen wildaussehenden, rothaarigen Mann liegen, der wie ein Kind
schlief.―

Der Einsiedler beschloss dieses arme Geschöpf zu seinem Schüler zu machen und ihn in den Dingen der
Ewigkeit zu unterrichten. Er erzählte ihm von den „himmlischen Chören“ und vom „dreifach
verschlungenen Geheimnis Gottes, vom „ewigen Wort, das menschlichen Leib angenommen, getötet
wurde, auferstand und so für immer die Pforte der Hölle zerbrochen hat.“
(…) „Vom Feuer des Abgrunds, in welchem die Seelen der Sünder, die nicht zur Buße bereit gewesen
waren, ewige Qualen erdulden mussten.“
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Der Räuber verfolgte seine Reden mit Geduld und Interesse, verstand in Wirklichkeit jedoch kein Wort
und deshalb bewunderte er seinen Lehrer, der das alles so genau wusste und der Einsiedler versäumte es
auch nie, ihn zur Reue für sein „sündhaftes Leben aufzufordern und ihn zu ermahnen, im eifrigen Gebet
Gottes Gnade zu erflehen.―
Der Räuber bezweifelte die Worte des Einsiedlers nicht, aber sie waren ihm zu „hoch und heilig“ und um
sich dennoch erkenntlich zu zeigen, brachte er ihm einmal ein gestohlenes Gebetsbuch mit, oder einen
Wein, doch der Einsiedler wehrte ab: „Nicht so, lieber Sohn! Versuche nicht, mein Leben zu ändern. Du
bist es vielmehr, der sein Leben ändern muss, sonst wirst du eine Beute des Satans werden.“ (…) „Widme
dich ganz dem Gebet, töte dein Fleisch ab und übe dich in der geistigen Versenkung! Vielleicht kann ich
dich dann eines Tages in jene erhabenen Welten mit mir nehmen..―
Doch der Räuber konnte beim besten Willen keine Reue fühlen, was er getan hatte, das hatte er ohne
Falschheit getan und „wenn er dafür von Gott verdammt war, so war es ihm auch recht.―
Die Geduld des Eremiten hatte ihre Grenzen und er bat Gott, die Hartnäckigkeit dieses Sünders zu
brechen. „Doch entweder war diese Aufgabe selbst für Gott unlösbar“, oder der Name des Sünders war
schon von der Liste der Lebenden gestrichen. –

Doch dann sollte die Einlösung des Versprechens der unbekannten Stimme nahen und der Eremit bat den
Räuber, nicht mehr in Vollmondnächten in der Nähe seiner Grotte zu weilen, weil er der großen „Gnade
gewürdigt“ worden war und er bat ihn, sein Wort nicht zu brechen, weil er sonst weiteres Unheil anrichte
und das habe er schon genug getan.
Das Leben der beiden ging weiter und nichts geschah. Auch wenn der Räuber als Schüler der heiligen
Lehre nicht viel taugte, so hatte er eine Fähigkeit, „die für ein Leben, wie er es führte, unerlässlich ist,
nämlich eine Beobachtungsgabe, der auch scheinbar unwichtige Kleinigkeiten nicht entgehen“, und er
sah, dass sich sein Lehrer sehr veränderte, indem er sich auch innerlich von ihm entfernte und immer
weniger versuchte, ihn zu bekehren.
Diese Frage nach dem Grund seiner Wesensveränderung beantwortete ihm der Eremit nach einigen
Monaten mit den Worten, dass etwas Wunderbares geschehen sei und weiter geschieht: „Du musst
wissen, lieber Sohn, dass der Erzengel Gabriel im Reich der himmlischen Geister der Fürst des Mondes
ist. Und eben in jeder Vollmondnacht steigt der Erzengel Gabriel vom Himmel nieder und kommt
hierher.“
Als der Räuber gerade vor Begeisterung einen Fluch ausstoßen wollte, fragte er stattdessen, wie Gabriel
aussehe. Der Eremit beschrieb es ihm, dass er auf einem Wagen fahre, der von Greifen gezogen.
In der Hand würde er eine Lilie tragen, „das Zeichen der fleckenlosen Liebe und Reinheit.“
111

Ferner: „Ich durfte die Stimme hören, die einst zur jungfräulichen Mutter unseres Herrn das erste Ave
Maria sprach.“
Darauf der Räuber in seiner wahrhaftigen Bescheidenheit ohne Falschheit:“Wenn ich einen kenne, der es
verdient hat… dann bist du das.― Auf die Frage des Räubers, was Gabriel noch gesagt habe, kam die
Antwort: „Er hat mir verkündet, dass der Herr selbst mich bald aufsuchen will.―

Vor Begeisterung stieß der Räuber nun tatsächlich einen leisen Fluch aus, woraufhin der Eremit
antwortete: „Aber da siehst du nun selbst, warum ich dir verbieten musste, in den Vollmondnächten
hierherzukommen. Denk nur, was geschehen könnte!―
Als der Räuber erfuhr, dass Gabriel nun in regelmäßigen Abständen zu seinem Lehrer kommt, bat er
diesen, sich verstecken zu dürfen, um den Engel auch zu sehen. Der Eremit antwortete: „Glaubst du, ich
will den Erzengel betrügen? Wenn er sich dir offenbaren wollte, so wüsste er den Weg zu dir zu finden!
Ich bezweifle allerdings, dass du seine Anwesenheit überhaupt wahrnehmen würdest, so verblendet wie
du bist. Ja, ich bin sicher, dass deine Augen für eine solche himmlische Erscheinung blind sind..―
Diese Worte beeindruckten den Räuber und nicht nur diese Worte, sondern eine Wahrheit, die sich ihm
offenbarte:
„Heiliges konnte selbstverständlich nur von Heiligen gesehen werden. Das war sonnenklar.“
Dank seiner Beobachtungsgabe fiel ihm noch etwas auf, nämlich, dass seit Gabriels Erscheinung keine
Tiere mehr zur Höhle des Eremiten kamen. Da der Einsiedler nichts davon zu bemerken schien, machte
sich der Räuber zunehmend Sorgen um seinen Meister.
„Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben einen Freund gefunden und wollte ihn schützen, sogar gegen
einen Erzengel, falls es an ihm liegen sollte.“ Deshalb wollte er mit Pfeil und Bogen der nächsten
Vollmondnacht in der Nähe der Felsenhöhle beiwohnen.

Diese Nacht kam. Zuerst waren noch die Geräusche des Waldes und der Tiere zu hören, doch dann wurde
es still, „ein vollkommenes Schweigen“. Dann sah er eine „silberflimmernde Lichtwolke“ und diese
Erscheinung wuchs und stand schließlich vor der Höhle still, „wenige Fuß hoch über dem Boden.“
( …) “Erst waren die beiden Greife zu erkennen“ (…) „mit Köpfen von Adlern und Leibern von Löwen“,
dann sah der Räuber den Wagen, den sie zogen, der aus Saphir zu bestehen schien. „In diesem Wagen
stand eine Gestalt, die sanft und doch mächtig leuchtete.― Auf ihrem Rücken trug sie Fittiche, wie aus
Amethyst.

Der Einsiedler warf sich auf den Boden, die Erscheinung und er sprachen miteinander, Worte, die der
Räuber nicht erfassen konnte, er war sich aber sicher, dass da etwas nicht stimmte, nahm Pfeil und Bogen
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und zielte auf die Kehle der Lichterscheinung. Diese schwankte und griff sich an den Hals, das Brüllen
der Greife war furchterregend, sie bäumten sich auf und jagten durch die Luft davon. Prasselnd hörten sie
die beiden in das „Waldesdickicht einbrechen.“

Und ebenso prasselten die Vorwürfe nun auf den Räuber nieder, denn mit Entsetzen hatte der Eremit das
Geschehen verfolgt:“Höllenkind!“ rief er und „waren dir deine Sünden noch nicht genug? Musstest du
diese auch noch begehen, um der ewigen Verdammnis sicher zu sein?“
Doch der Räuber beruhigte ihn: „Sachte, das war nicht der Erzengel Gabriel.“ (…) „Hochmut,
Anmaßung“, (…) „Ausgeburt der Finsternis und Verblendung, wie willst du so hohe Dinge unterscheiden
können? So dankst du mir die Mühe, die ich mir um dein Seelenheil gemacht habe?“, schrie der
Einsiedler (…) „Undank und Hochmut waren es, die Luzifer in den Abgrund gestürzt haben und du bist
ihm gleich!― …―Hebe dich von mir, Satan…―

Doch der Räuber bat ihn, doch mit ihm zu kommen, um nachzusehen. Er nahm den Einsiedler auf den
Arm und folgte der Blutspur in den Wald und dort fand er einen toten Dachs, dem „der Pfeil quer durch
den Hals steckte.― Kein saphirener Wagen, keine Lilie. „Siehst du? Sagte der Räuber und lachte
gutmütig.“

Er machte ihn auf seine eigene Aussage aufmerksam, dass es böse Geister gibt, welche in die Körper von
Tieren fahren und Unheil anrichten. (…) „Aber du, wie konntest du das wissen, lieber Sohn, da sogar ich
das Blendwerk nicht durchschaut habe?“ erwiderte der Einsiedler.
Und er Räuber sagte ihm, dass der Meister doch selber gesagt habe „Heiliges kann nur von Heiligen
geschaut werden“ und in seiner Bescheidenheit begründete er, dass der heilige, weise Eremit die Gestalt
natürlich sehen kann, aber er selber sei ja ein sündiger Dummkopf und daran sei er aufgewacht.
Der Eremit begann zu weinen und sagte: „Ich schäme mich“ (…) „Ich habe mir eingebildet, deine Seele
retten zu müssen―(…) ―und nun hast du meine gerettet.“
Das Versprechen aus dem Traum sei ihm erfüllt worden, aber anders als erwartet, nämlich durch den
Räuber, ob dieser das verstehe? „Nein“, sagte der Räuber wahrheitsgemäß, „ich verstehe kein Wort.“
„Das macht nichts“, meinte der Eremit, „wischte sich die Tränen ab und begann zu lächeln, (…) ich sehe
jedenfalls, dass ich ganz von vorne beginnen muss. Ich möchte von dir lernen. Komm, wir gehen zurück.“-
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Diese Legende erscheint mir als die essentielle Grundlage meiner ganzen Biographie und diese
versteckten und offensichtlichen Botschaften möchte ich nicht zuletzt auch an alle Ärzte, Psychologen,
Priester und an jene Menschen weitergeben, welche sich einer Gruppe, einer Gemeinschaft angeschlossen
haben mit der Überzeugung, dass ausschließlich ihr Denken und Handeln, ihr Glaube die alleinige
Gültigkeit, die Wahrheit und Allgemeingültigkeit in sich trägt, um über andere den Stab zu brechen, über
andere zu richten in zerstörerischer Weise. „Christus wird Sie nicht empfangen.“

Sich zu irren, sich täuschen zu lassen, ist menschlich. Die Enttäuschung, welche auf eine Täuschung
oftmals folgt, fördert Entwicklung, wenn sie erkannt und transformiert wird und keinem neuen Blendwerk
weichen muss. Weichen, um sich einen möglichen Fehler nicht eingestehen zu müssen, um seiner Bahn,
auch auf denkbaren Irrwegen scheinbar „unbeirrt“ weiter folgen zu können und nicht, wie es hier der
Eremit in einer großartigen seelischen Geste vollzieht: „ich sehe jedenfalls, dass ich ganz von vorne
beginnen muss. Ich möchte von dir lernen. Komm, wir gehen zurück.“ –

Ein Zurückgehen, ein von vorne beginnen, bedeutet in diesem Fall nicht ein sich - Zurückentwickeln,
Retardation oder Stagnation, im Gegenteil. Das Auge kann nur in einer gewissen Entfernung vom
Betrachtungsgegenstand diesen differenziert und umfassend wahrnehmen, in seinen Farbqualitäten und
Einzelgegenständen. Steht der Betrachter zu nahe am Bild, verschwimmt es vor den Augen, sein Inhalt ist
nicht mehr erkennbar. Würde er den Schritt zurück als Rückschritt in negativer Form werten, so wäre es
ihm für immer verwehrt, hinter die Wahrheit des Bildes zu sehen, sie zu erkennen. Ebenso mit einem
Knoten. Je mehr wir daran ziehen und reißen, desto mehr verhärtet er sich und schließt sich, sodass es
immer schwerer wird, ihn zu „entfesseln“.
Wir müssen also scheinbar eine rückläufige Handlung vollziehen um ihn zu öffnen.
Auf derselben Ebene liegt die Entwicklung, die durch einen Irrtum hervorgerufen wurde.
„Das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Die bei dem Irrtum verharren, das sind die
Narren," sagt Friedrich Rückert.

Und dann ist, laut Buckle, die Trägheit der größte Feind des Fortschrittes und der Entwicklung und nicht
der Irrtum, - aber wenn die Trägheit beim Irrtum verharrt, dann verschmelzen sie zum größten Gegner des
Menschen. Goethe drückt es noch etwas differenzierter aus, wobei es für mich keine „schädliche
Wahrheit“ gibt, denn wenn behauptet wird, „bei Frau Lachenmayr traten keine paradoxen Reaktionen
durch das Tavor auf und sie sind doch als neue Phänomene in den Akten verzeichnet, nämlich genau
diese Verhaltensweisen, die als „paradoxe Reaktionen“ in der roten Liste beschrieben werden, dann ist
diese Aussage möglicherweise für jene Ärzte im Sinne Goethes eine „schädliche Wahrheit“, aber eben
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gar keine Wahrheit, sondern ein Irrtum, weil DIE Wahrheit nur ganz wahr sein kann, sich zumindest an
die Weltenwahrheit anzunähern vermag und sich nicht noch weiter von ihr entfernen kann.

"Auch eine schädliche Wahrheit ist nützlich, weil sie nur Augenblicke schädlich sein kann und alsdann zu
andern Wahrheiten führt, die immer nützlich und sehr nützlich werden müssen, und umgekehrt ist ein
nützlicher Irrtum schädlich, weil er es nur augenblicklich sein kann und in andre Irrtümer verleitet, die
immer schädlicher werden." - Johann Wolfgang von Goethe.
Insofern würde ich sie nicht als „schädliche Wahrheit“, sondern als geglaubte, oder angenommene,
scheinbare Wahrheit bezeichnen.

Ein jeder Mensch, der sich in unschöpferischer, unproduktiver Weise über andere erhebt, sie zu richten,
zu vernichten, gerade wenn er Mitschuld an ihrem Schicksal trägt, sollte diese Legende lesen und
verinnerlichen, am eigenen Leben prüfen, um entscheidende Fehler von Hybris und einer nur
vermeintlichen Wahrheitsfindung zu vermeiden. Sie bildet die Grundlage für jedes Arzt – Patienten
Verhältnis, weil auch dort eine Umkehrung stattfinden kann von der omnipotenten Haltung des Arztes:
„Ich weiß alles, du weißt nichts“, in die Möglichkeit, dass sogar ein „unwerteres, machtloseres Leben“,
wie der Arzt das Leben des Patienten oftmals zu bezeichnen sich erlaubt. Gerade ein Patient, der durch
seine psychische – physische Disposition eine Lockerung seines Ichs aufweist, die ihm manchmal
ebensoviel, wenn nicht noch mehr Einblick gewähren lässt in die mögliche Wahrheit des Lebens, als sie
der Arzt vorgibt zu haben.

Ein Arzt könnte ohne seine Patienten nicht leben, wirtschaftlich, aber auch menschlich, doch auch er
sollte eine Antenne entwickeln zu wissen, dass gerade in dieser gegenseitigen Abhängigkeit auch ein
Potential des Patienten liegt, seinem Arzt zu helfen und sei es nur durch neue Erkenntnisse. Durch
„Abweichungen“ eines Krankheitsverlaufes im Vergleich zum „normalen, linearen“ Krankheitsverlauf.
Dass es eben doch, wenn auch „so selten, noch nie erlebt“ (Aussage einer Ärztin, die mit meinem Arzt
zusammenarbeitet), dass es fast nicht verzeichnet werden kann, „paradoxe Erscheinungen“ durch das
Tavor gibt und ihnen nicht von vorneherein mit der Aussage begegnet wird:
„Bei Frau L. lagen keine paradoxen Erscheinungen vor“. Wenn ich meine paradoxen Symptome dagegen
halte, so erhalte ich eine ähnliche Aussage, wie sie der Eremit seinen Schüler vorwarf:
„Hochmut, Anmaßung“, (...) „Ausgeburt der Finsternis und Verblendung, wie willst du so hohe Dinge
unterscheiden können?“
Winnicot dagegen besaß die menschliche Größe, derlei auszusprechen: „Ich danke meinen Patienten, die
mich dafür bezahlten, dass ich von ihnen lernen durfte.―
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Ich sagte, dass ich diese Legende im Gedenken an meine verstorbenen Freunde zusammenfasse und ich
nehme sie ebenfalls als Überleitung zu meinen Entzugsjahren und der Beschreibung des Wesens meines
besten Freundes, der mir, mit einigen anderen Menschen, meine schwersten Jahre in Freiheit erleichtert
und vor allem ermöglicht hat: dem David.
Er sagte mir auch folgendes:
„Orchideen sind sehr empfindliche Pflanzen, sie sind mit sehr wenigem zufrieden. Unterläuft jedoch in
ihrer Pflege, die sehr spartanisch sein darf, denn diese Pflanzen kommen mit sehr wenigem Wasser und
Zuwendung aus, ein Fehler, so rächt er sich oftmals erst 2-3 Jahre später, indem die Pflanze abstirbt, ohne
dass sie in diesen drei Jahren vernachlässigt wurde.
Er stellte diese „Eigenart der Überlebenskunst“ mit meinem Leben in einen unmittelbaren
Zusammenhang: „Dir wurde der Kopf abgeschlagen. Das Gehirn ist als Gesamtorgan noch unversehrt
vorhanden, aber es kann nicht mehr mit Sauerstoff und Blut versorgt werden. Irgendwann stirbt der
Mensch, sei es nach 30 Sekunden oder Minuten. Ebenso die Orchidee, auch wenn sie noch drei weitere
Jahre zu überleben wusste, sie stirbt an den Folgen der Misshandlung und Fehlbehandlung vor Jahren!“

Und bevor ich mein Leben weiter beschreiben möchte, ist es mir wichtig, die Botschaft der Legende und
den Schwerpunkt „Suizid“ nochmals anhand einiger Begebenheiten in diesen Jahren, zu meiner eigenen
Botschaft zusammen zu fassen. Ich möchte ein Beispiel einer solchen möglichen Verblendung hier
einfügen, wie ich sie damals durch meine Hausärztin erlebt habe, als ich in einer sehr schweren Zeit um
meinen ersten Gerichtstermin, im Beginn meiner Schluckstörung, von ihr ein eiskaltes ein Fax bekam,
indem sie mir Verdrehungen unterstellte, die sie selber beging mit der weiteren Aussage:
„Ich wünsche Ihnen dass Sie den Weg zu Christus wieder finden.― Und in einer anderen Nachricht:
„Christus wird Sie nicht empfangen, wenn Sie Ihr Leben selber beenden.―

Woher, so fragten wir uns damals, nimmt dieser Mensch die Annahme, dass Christus mir fern sein
könnte, gerade einem Menschen in tiefster Finsternis und Not? Um zu glauben, was diese Worte
aufzeigen und implizieren, dass der Schreiber sich selber dem Christus sehr viel näher glaubt, als ich
armer Sünder, dem durch ein schweres Medikament und nicht durch eigenes Verschulden, der Kopf
abgeschlagen, die Seele amputiert wurde, der in der Dunkelheit der Nacht seine Orientierung für kurze
Zeit verloren hat?

Mit diesen Aussagen bin ich lange innerlich umgegangen, auch als innere Fragestellung, um dann
zielstrebig in der Bücherei auf das Kinderbilderbuch(!) wohlgemerkt zuzugehen, obwohl ich meine
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Kindheit um ein paar Jährchen schon zurückgeworfen habe, um auf all meine Fragen eine Antwort zu
finden.

Ein Mensch in tiefster Verzweiflung, in der seelischen Finsternis gefangen, lebt nicht in Christusferne,
auch wenn er nur eine Fußspur im Sand erkennt und sich alleine glaubt, ohne Gott, ohne Hilfe. Nein,
Christus mag ihm näher sein, als gerade denjenigen, die sich im Gebet zu ihm hinschleichen, über andere
richten und derlei Urteile fällen, derlei Forderungen stellen: Begebe dich zu Christus, dann wird dir auch
Erlösung kommen, um ihnen von hinten hinterlistig den Dolch in den Rücken zu stoßen.
Nein, die Erlösung geschieht durch die Menschen um diesen Verzweifelten herum!
Durch Wahrhaftigkeit, Sicherheit, Verständnis, Rücksicht und durch gelebte Wahrheit.
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Kapitel: Für meinen besten Freund in schwerster Zeit- oder Zwerg Nase der Räuber

Eine große Nase ist das Zeichen eines geistreichen, ritterlichen, liebenswürdigen, hochherzigen,
freimütigen Mannes und eine kleine ist ein Zeichen des Gegenteils – Bergerac
„Zwerg Nase“ oder „alles muss grün sein“

Für meinen besten Freund in meinem schwersten Jahren:

Ouvertüre: Man stelle sich folgende stattgefundene Szene vor: Ein junger Mann absolviert in einem 5-
Sterne Hotel seine Ausbildung zum Koch, beziehungsweise zum „Koch für kaltes Büffet“. Es ist
Weihnachten, die Speisesäle sind mit „grünen“ Tannenbäumen dekoriert, was in dem jungen Mann wohl
einen Verwirrtheitszustand hervorgerufen haben mag nach dem Motto: Ich glaub, ich steh ihm Wald –
oder – Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald…
In jedem Fall wurde ein 10 Gänge Menü vorbereitet und Davids Aufgabe bestand darin, die Salatteller zu
gestalten und dekorieren, an die 40 Teller. Doch der Chefkoch traute seinen Augen nicht, als er wohl
ebenfalls glaubte, im Wald zu stehen. Mehrmals musste er seine Augen aufreißen, um David dann einen
Teller zu entreißen und ihn mit Wut und Entrüstung auf den Boden zu werfen mit der Aussage: „Es ist
alles grün, wo ist das Rot, das Gelb?“ In Assoziation zu den Speisesälen und seiner Liebe zum Detail, zur
Ordnung, Systematik, zum Gleichförmigen, hatte David bei seiner Salatauswahl nur die Farbe „grün“
ausgewählt, „grüne Gurken, grüne Paprika, grünen Salat“, um auch nicht um einen Millimeter, selbst in
der Auswahl der „grün Variation“, von seiner Bahn abzuweichen.
Diese Begebenheit wird wohl in die Chronik der „kulinarischen Glanzleistungen“ als einmaliger
„Schnitzer“ eingehen. Doch auch nachdem der Teller am Boden lag, vermochte David noch immer nicht
das Groteske der Situation nachzuvollziehen – auch fehlt ihm nahezu gänzlich jeglicher Sinn für Humor
und Witz.
Früher, zu meinen eigenen humoristischen Zeiten möchte ich sagen, als ich keine Situation ausließ, um
irgend einen Scherz vom Stapel zu lassen, hätte mich sein Wesen, auch seine innere Starrheit
möglicherweise in meinem Sinn für Humor stark beschnitten, doch in den Entzugsjahren änderte sich
mein Wesen und konnte sich dem seinen angleichen, was Rhythmus, Gleichförmigkeit, Ernsthaftigkeit,
Gründlichkeit, „alles muss grün sein“ betrifft. Um sein Wesen hier in Kürze zu beschreiben, seine
Fähigkeiten, aber auch seine Untiefen der Seele, die mich sehr oft an den Rand der Verzweiflung, wie ich
sie hier nennen möchte, führten, auch in Lebensgefahr brachten. Und ich habe selten einen Menschen
getroffen, in dem der Kontrast von Licht und Schatten im Seelischen, im Wesen, im Charakter so
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ausgeprägt war, dass er schmerzhaft, ja zerreißend auf mich wirkte, mich aber auch ungeheuer faszinierte,
weil seine Sonnenseite an ihm einmalig ist, als bei David
Die
Auch sollte noch vorangestellt werden, dass für diesen „Zwerg“, oder meinen „Räuber“, den ich nicht nur
um zwei Lebensjahre, sondern vielleicht fast zwei Köpfe überrage, ( deutlich übertrieben) sein irdischer
Besitz, auch seine Wohnung, essentieller Bestandteil seines Lebens sind und er würde eher einen
Menschen im Unglück belassen, als seinen Besitz nur wenige Sekunden aus seinen Augen zu verlieren,
und ebenso seinem erhobenen Zeigefinger. Welche Wirkung muss also meine Seele auf die seinige
gehabt haben, in unserer ganzen gemeinsamen Zeit in München, in der er jeden Nachmittag vor den
Kliniktoren stand um mich, die keine Minute alleine das Gelände verlassen durfte, auszuführen, zu
entführen, mit mir die Nachmittage im Englischen Garten zu verbringen, in der Oper, dem Theater oder
im Schwimmbad, dass er nach meiner Entlassung seine Wohnung in München aufgab, um für fast ein
Jahr in meiner Wohnung, in einer fremden Wohnung – undenkbar für ihn – unterzukommen, mir die
ersten, schwersten Monate in Freiheit zu erleichtern, mir beizustehen?
Zwei Tage nach meiner Entlassung kam David mit einigen wenigen Habseligkeiten nach Stuttgart, um ein
halbes Jahr später, nachdem ich ihm eine Wohnung gefunden hatte, seine eigene in München aufzulösen.

Warum habe ich die Legende also als Überleitung zu seinem Wesen verstanden und ihn als meinen
„Räuber“ bezeichnet?
Ich schreibe dieses Kapitel auch für Davids Mutter, denn er ist ihr Erstgeborener, ihr Prinz, ihr ganzer
Stolz, auch wenn jede Mutter an den schweren und komplizierten Seiten ihres Erstgeborenen absichtlich
vorbeisieht, während sie auffallende und weniger auffallende Verhaltensweisen ihrer ersten Tochter
gnadenlos verurteilt. Sie vermag sogar winzige Untiefen noch aufzuspüren, die möglicherweise als
Spiegel ihrer eigenen Abgründe zutage treten, die sie bei ihrem Prinz noch wohlwollend übersehend mit
„Wind, Sand und Sternen“ zuzudecken und zu verwehen weiß und ich habe zwischen den Zeilen ihrer
Worte verstanden, dass ich wohl der erste Mensch bin, der Davids Wesen, seine Seele, seine teilweise
konfusen Gedanken, sein oft irrationales Verhalten wirklich verstehen konnte und kann.
Die erste, die ihn als einzige zu bändigen, zu therapieren, aus seiner einsamen Höhle locken, seinen
Widerspruchsgeist ohne Zeigefinger, aber durch Vorbild zum Schweigen bringen, von dem er einen Rat
annehmen und ihn in sein Leben integrieren konnte und vor allem: Ein „hochgradig suizidaler Mensch“,
wie ich es wohl für die Außenwelt sein mag und wohl auch bin, auch wenn sie mir nur den Begriff
aufstempelt, ohne wirklich nachzuforschen, aus welchen Quellen diese Substanz mich zu vergiften droht,
hat diesem „schwierigen, komplizierten, nicht steuerbaren“ Menschen „ein neues Leben geschenkt“.
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Ein neues Leben, das David kurz vor unserer ersten Begegnung in der Münchner Psychiatrie von der
Brücke werfen wollte, sodass er „in keiner einzigen Minute mehr seines Lebens“ an meiner Seite an
Suizid denkt, oder den Wunsch hat zu sterben. Jahre zuvor war David noch in der Schlinge des Suizides
gefangen gewesen.
Er erlebte meine Seele als „hell, leuchtend, vorbildlich, wahrhaftig“, trotz meiner Hölle, im Körperlichen
und Seelischen, die fast immer Dunkelheit impliziert, und da er viele Stunden am Tag an meiner Seite
verbringt, jede Minute meiner Qual miterlebt sagte er zu mir:
„Das, was du nur mit einer einzigen Sache aushalten musst, nur den Kiefer, oder nur die Schlaflosigkeit,
ich könnte dies niemals ertragen. Und wenn ich deinen Kampf sehe und erlebe, was du der Welt noch
schenkst, mit jedem neuen Tag, was du aushältst und aushalten kannst, so weiß ich, dass ich an meinem
Platz, mit meinen geringen Schwierigkeiten, gemessen an deinen, durchhalten muss und auch möchte. Du
hast mir die Schätze dieser Welt gezeigt, durch die Bücher, durch unsere Gespräche und Reisen, du hast
mir immer wieder liebevoll mein schwieriges Verhalten vor die Seele gestellt, ich durfte wachsen und
reifen und jetzt nehme ich meinen Kampf auf und sehe dich in jeder Minute vor meinem geistigen Auge
und frage mich: Was würde Sophia jetzt denken, sprechen, wie würde sie in dieser Situation handeln und
das gibt mir ungeheure Kraft.―

Ich war gewissermaßen in diesen Jahren ein „betreuter Betreuer“, wieder ein Oxymoron, ein Paradoxon,
doch in weitestem Sinne einer höheren Logik, eine plausible Einheit. David betreute mich als Begleiter,
in dem er auch nicht davor zurückschreckte, nach meinem großartigen Anlauf an mein früheres Leben
wieder anzuknüpfen, teilweise stundenlang bei Wind und Wetter vor der Türe eines Nachhilfeschülers zu
warten, bis meine Stunden vorüber waren und er sagte, ich habe ihm auch dadurch geholfen, weil er noch
niemals im Leben eine Sache so lange durchhalten konnte, sondern bei jeder Kleinigkeit aufgegeben hat.
Auf diese Weise habe er dadurch ein Durchhaltevermögen entwickeln dürfen, das ihm nun in vielen,
nahezu allen Lebensbereichen zugute kommt.
Ich betreute ihn dann in den Dingen, die ihm schwer fielen, in der Wohnungssuche, der Einrichtung, dem
Umzug, im Aufbau eines notwendigen Rhythmus, denn Rhythmus ersetzt bekanntlich Kraft. Ich betreute
ihn in mühsamer Kleinarbeit darin, nicht bei jeder Schwierigkeit gleich seine ganze Umgebung und das
Inventar „kurz und klein“ zu schlagen, physisch und verbal. Darin, ihm wertvolle Bücher zu geben, mit
ihm darüber zu sprechen, zu singen, in stundenlangen therapeutischen Gesprächen seine seltsame,
verdrehte Sicht der Welt und seine oftmals einseitige Perspektive und Verurteilung anderer Menschen,
seine Privatlogik etwas zu korrigieren, aber immer so, dass er nur Anregungen bekam, um selbständig
einen Gedanken weiter auszubauen, bis er sich, mit meiner Hilfe, zu einer gangbaren Brücke ausgebaut
hatte und zwar realitätsbezogen und nicht bezogen auf seine Privatlogik.
120

Und ich habe meine Perle David deswegen „Räuber“ genannt, in Bezug auf die Legende von Michael
Ende, weil er auf der einen Seite rebellische, auch räuberische Züge zeigt, die aber zumeist ohne
Falschheit sind, weil er sich selber auch gnadenlos unter die Lupe nimmt, vor allem aber deswegen, weil
er vieles nicht versteht und verstehen kann, weil sich seine Allgemeinbildung vor allem auf technische
Dinge, die er sich in langer, umfassender, mühevoller Arbeit anzueignen versucht und auf Vogelarten
beschränkt, von denen er aber nahezu alle kennt und in stundenlangen Ausführungen mir alle Merkmale
und Arten, Namen beizubringen versucht, mit oder ohne Erfolg.
Im Menschlichen aber besitzt er eine ungeheure Fähigkeit, in differenzierter, logischer Abfolge
Erscheinungsformen im Verhalten seiner Umwelt aufzuspüren, sie wie ein Mosaik zusammenzufügen,
auf Wahrheiten zu stoßen, die mich oftmals sehr verblüffen, weil sie auch mein Wahrheitsempfinden
treffen, um, wie der Räuber eben, einen vermeintlichen „Erzengel“ zu entlarven. Möglicherweise in
Anlehnung an die Weltenwahrheit und nicht einer Scheinwahrheit, in dem er erkannte: „Heiliges kann
nur von Heiligen gesehen werden“ und nicht von Verblendeten, die glauben, die Wahrheit und Weisheit
mit Löffeln gefressen zu haben und als einzige in Betracht kommen, vom Gott Vater selbst noch
aufgesucht zu werden.

Und ebenso ist Davids Wesen, indem er offen bekennt, wie der Räuber: „Ich verstehe nichts, ich bin ein
Dummkopf und trotzdem habe ich etwas Wesentliches verstanden und begriffen und versuche mich,
dieser Wahrheit anzunähern.“
Und ferner: „Ich fühle die Wahrheit und wenn du, mein bester Freund, nicht in dieser Weise wahr und
wahrhaftig wärst, ich könnte es niemals mit dir aushalten.
Wie kann es also sein, dass ich drei Jahre meines Lebens wie ein einsamer Wolf lebte, weil ich die
Menschen nicht ertragen konnte, den Schein und Trug, die Unwahrhaftigkeit und wir beide instabil sind,
dass wir es mit keinem Menschen länger als eine Stunde aushalten können und doch seit über vier Jahren
nahezu jeden Tag über viele Stunden zusammen sind? Da muss Wahrheit im Spiel sein, denn du bist
schwer zerstört und ich kann mit dir nicht die vermeintlich „schönen Seiten des Lebens“ genießen. Ich
muss dich unter dem Arm viele Stunden durch die Gegend fast tragen, ich muss deine Mitmenschen
ertragen, die wirklich anstrengend sind und doch bin ich nach jeder Begegnung mit dir bereichert und
erfüllt und ertrage mein eigenes Leben noch viel besser.
Wenn du nicht die Wahrheit und Liebe wärst, die ich, wie ein Spürhund überall wittere, wenn sie nicht
ganz authentisch wäre, wie es auch Dostal sieht, dein bester Freund neben mir, könnte ich es keine
Minute an deiner Seite aushalten. Wie kann es sein, dass ich nach jedem Gespräch und sogar, wenn du
nicht sprichst, bereichert und erfüllt an meine innere und äußere Arbeit gehe?
Frage dich das einfach, dann weißt du, dass du mein Leben gerettet hast.“
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Was bei mir im Übermaß vorhanden war, fehlte bei David gänzlich, nämlich ein unbedingtes Vertrauen in
die Menschen und die Menschheit, die Suche nach der Liebe und Wahrhaftigkeit und dem unbedingten
Glauben und Wissen darum. David: „Wahrhaftigkeit kann nur durch eine Wahrheit und Liebe erkannt
werden und das ist wohl der Grund, warum du zerstört wurdest. Heiliges wird nur durch Heilige gesehen,
dir fehlte jegliches Misstrauen in das Böse, das Zerstörerische, das Vernichtende. Und da die Menschen
in dir diese Liebe und Wahrhaftigkeit erkannten, versuchten sie es dem Erdboden gleich zu machen, weil
sie sich wohl nicht vorstellen konnten, dass hinter dieser Wahrhaftigkeit die tatsächliche Wahrheit steckt
und nicht die Falschheit, die sie wohl suchten, um dich zu entlarven.“

Ich bin weit davon entfernt, eine Heilige zu sein und dennoch bin ich erstaunt, in Davids Seele und vielen
anderen Menschen derlei Wirkung erzeugt zu haben und zwar nicht nur im ersten Moment, indem es noch
leicht ist, ein mögliches Blendwerk aufrecht zu erhalten, sondern über einen sehr langen Zeitraum, in dem
er mir kein einziges Mal irgendeinen Fehler vorgehalten hat, obwohl er seine Umwelt gnadenlos zu
verurteilen weiß und ich gestehen muss, dass er dabei, in seinem psychologischen Scharfsinn, tatsächlich
nahezu immer ins Schwarze trifft.
Ich habe auch in dieser Hinsicht viel von ihm gelernt und neben dem Verhalten meiner Ärztin waren die
Gespräche mit ihm für mich immer Vorbereitungen und vor allem Möglichkeiten, an meinen Büchern
weiter zu schreiben. Diesen beiden Menschen habe ich meine Bücher zu verdanken, die ich der Welt
schenken möchte in der Hoffnung, dass sie den Menschen Hilfe und Trost sein können.
Eine weitere wichtige Beobachtung von David, die mir geholfen hat, mein Leben und auch meine eigene
Unsicherheit diesem gegenüber besser zu verstehen ist jene, dass er sagte, ich sei mir selber treu
geblieben, das sei ihm das größte Vorbild. Treue zu meinen wahrhaftigen Grundsätzen, Treue zu meinen
eigenen Gefühlen, meine Gedanken. Dass ich mich niemals einer Gruppe angeschlossen habe, um immer
wieder meine Meinungen zu ändern, meine Grundsätze, meine Glaubensrichtungen. -
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Kapitel: Mit wehenden Fahnen in die Freiheit – Mallorca – Fahnen auf Halbmast

Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern.


Aristoteles

Zu jener Zeit meiner Entlassung war ich noch mit Bernd zusammen, der sich gerade das Wochenende frei
genommen hatte, um mit mir die Opern und Theater unsicher zu machen, als David mit der
Mitfahrgelegenheit von München nach Stuttgart kam.
Sein Radikalismus offenbarte sich mir erst an diesem Tag, als er eine Stunde später wieder mit dem ICE
abreiste, weil er nicht sofort die volle Aufmerksamkeit von mir erhielt, obwohl ich ihm sagte, dass ich in
zwei Stunden dann für ihn da bin.
Dieser neue Anfang wurde durch sein dunkles Verhalten sehr getrübt, was bei mir bewirkte, dass ich jene
Nacht alleine in meinem Gartenhaus verbrachte mit der inneren Frage, ob ich mich nicht doch wieder
stationär aufnehmen lassen sollte, wie es mir die Ärztin angeboten hatte, weil ich mich dieser neuen
Situation doch nicht gewachsen fühlte, das ganze Ausmaß noch nicht überblicken konnte. Ich hatte
wahrhaftig damit gerechnet, dass mit jedem neuen Tag meine alten Lebensgeister zurückkommen
werden, dass, wenn auch nur ganz subtil, kaum wahrnehmbar, sich der Tavorentzug leichter und immer
leichter gestalten und wahrnehmbar die grausamen Entzugssymptome verschwinden würden. Aber ich
hatte mich getäuscht und ebenso, wie ich immer glaube, dass ich mit dem Fahrrad nach Berlin fahren,
oder zumindest einige Kilometer bewältigen kann, um wieder aufs neue enttäuscht zu werden, ohne aus
alten Erfahrungen zu lernen, die mir immer gezeigt, dass ich nach wenigen Metern vom Sattel falle, so
glaubte ich auch an meine Kraft, alles, aber auch alles schaffen zu können und wurde bitter enttäuscht.
Ich täuschte mich selber aus Unkenntnis mit Affirmationen und positiven Gedanken und wurde
enttäuscht, weil sich meine Hoffnung, meine Vorstellung auf Besserung fern der Wirklichkeit bewegte. –

Das Treffen bei dem Schamanen war gleichzeitig bereichernd, führte mich aber auch an meine Grenzen,
denn in zunehmendem Umfang bekam ich einen Tinitus in verschiedenen Tonlagen und fragte meine
Mitmenschen unentwegt, ob sie auch den und jenen Ton hören, doch keiner nahm meine Töne wahr.
Stefan, der blinde Schamane, hatte eine ganz feine Antenne für mich und bot mir vor unserer Abfahrt an,
dass ich für immer bei ihm und seiner Frau leben darf, wenn es mir nicht gelänge, in Stuttgart wieder Fuß
zu fassen: „Ich habe noch nie einen Menschen mit dieser Sensibilität, Feinfühligkeit und Aufrichtigkeit
getroffen und ich möchte, dass du am Leben bleibst.― Er konnte mich nicht sehen, also wurde er nicht
geblendet vom äußeren Schein, sondern vermochte mit seinem inneren Auge sehen und meine Seele
erfassen.
123

Markus war bei jenem Treffen auch dabei, der Freund, der sich wenige Monate später in seinem
Tavorentzug das Leben nehmen sollte und mit Erschrecken musste ich feststellen, wie es sich auch bei
meiner Pflegemutter zeigte, dass beide, wenn sie die Augen schlossen, auch kurz vor dem Einschlafen,
nur „schwarze Türen und Tore“ sahen, die „verschlossen“ waren. Und in hellfühlender Weise wusste ich,
dass wir Markus verlieren werden.
Auf der Rückfahrt besuchte ich noch meine Musiktherapeutin und beschloss, meine Liste abzuarbeiten,
die ich mir schon vor meiner Entlassung vorbereitet hatte und ich konnte jeden dieser Punkte erfüllen:
Zum einen wollte ich meinen Heilpraktiker aufsuchen, der mir zumindest vor meiner Einweisung, im
Rahmen dessen, wie mir überhaupt zu helfen war in all den Jahren, Besserung verschaffen konnte. Ferner
schickte mich mein Bruder zu einer Heilerin, die angeblich schon sehr vielen Menschen helfen konnte
und obwohl für mich zum damaligen Zeitpunkt das Zugfahren immer noch extrem schwierig war, weil es
die Zustände von Depersonalisation unermesslich steigerte, fuhr ich in Abständen von 3 Wochen fünf
Mal zu ihr nach Köln. Doch so sehr ich mich bemühte, auch innerlich mitarbeitete, meine
Einbildungskräfte auch hinzuzog, es regte sich nichts und nach wie vor glitt ich in jeder Nacht wieder in
ein Zwischenreich, nachdem ich unentwegt nur um Hilfe gerufen hatte und erst gegen 3 oder 4 Uhr
morgens etwas Schlaf fand und nachdem ich tagsüber nach wie vor „zerstückelt an der Decke klebte“,
wie es auch alle beschrieben, die ich kennen gelernt und die einen Entzug wenigstens versucht hatten und
scheiterten.
Meine Musiktherapeutin, die ich einige Male noch in München besuchte, erzählte mir auch von einer
Patientin, die sie in ihrer Therapie hatte und welche vor einem Jahr einen dreiwöchigen Tavorentzug
gemacht hatte, nachdem sie das Medikament nur 2-3 Wochen in geringer Dosis erhalten hatte. Und ein
Jahr später saß sie noch weinend und zitternd vor meiner Musiktherapeutin und sagte ihr wörtlich:
„Das, was ich damals in diesen drei Wochen erlebt habe, war das Schrecklichste in meinem ganzen
Leben, das ich durchzustehen hatte und ich hätte es in keinem Fall länger als drei Wochen durchgehalten,
das war das Maximum. Schlaflosigkeit, „zerstückelt an der Decke“, Achterbahnfahrten ohne Ende…Und
ich habe viel Schlimmes in meinem Leben schon erlebt…“

Meiner Therapeutin öffnete jene Aussage damals die Augen für das, was ich ausgehalten habe und mir
selber hat es neben weiteren Beobachtungen an meinen Mitmenschen mehr als alle Hühneraugen geöffnet
dafür, dass sich ein Tavorentzug eben mindestens so lange hinzieht, solange das Medikament
eingenommen wurde, wobei natürlich auch die Dosis noch entscheidend ist.
Erst heute weiß ich, was ich in diesen sechs langen Jahren durchgestanden habe, ertragen musste und ich
möchte lieber in der Hölle schmoren, oder am Marterpfahl, als das noch einmal in dieser Dimension
durchmachen, obwohl ich immer noch massiv mit den Folgen zu kämpfen habe.
124

Dann habe ich mich in zwei Chören angemeldet und das auch eisern durchgehalten bis zu meinem
Autounfall Ende Oktober 2010. Ich war in der Sprachgestaltung, sogar in verschiedenen, sodass ich jeden
Tag unter Menschen sein und an mir und meiner möglichen Gesundung arbeiten konnte. Ich habe in einer
Gruppe regelmäßig Eurythmie gemacht, bin nach München gefahren, habe Freunde
zusammengetrommelt, mit denen ich gemeinsam nochmals den Inspektor, „Ein Inspektor kommt“ von
Priestley, einstudieren wollte. Es war mein Lebenstraum, diese, meine Hauptrolle des Inspektors der 12.
Klasse meiner Schulzeit nochmals zur Aufführung zu bringen. Wir hatten jemanden gefunden, der die
Regie übernehmen wollte.
Mein Gedächtnis kam wieder zurück und vollbrachte Höchstleistungen, sodass ich mich abends oft mit
Bernd und Samuel traf, einem Sprachgenie, der in drei Wochen eine neue Sprache zu erlenen wusste und
so jagte ein Witz, ein Scherz, eine Anekdote und literarische Erkenntnisse die anderen, - Heinz Erhardt
würde sagen: „So jagte ein Scherz denselben“. Und doch konnte ich in keiner Minute wirklich
ausgelassen sein und bei jedem Toilettengang sah ich immer noch nach oben, ob ich die Möglichkeit
habe, mich aufzuhängen.
Eine zwanghafte Handlung, die sich seit München automatisiert hatte und ich konnte mich in keiner
Minute selber aus den Augen lassen, mich vergessen, - es war Schwerstarbeit an jedem neuen Tag, in
jeder einzigen Sekunde, meine in Stücke gerissenen Seelenfetzen wieder einzusammeln und
zusammenzuhalten, wie es kaum vorstellbar ist.

Ferner sprach ich jeden Tag, bei jeder meinen Handlungen innerlich über vier Stunden Texte, Gebete und
Affirmationen und ließ dies an keinem Tag aus. Wenn ich im Wald spazieren ging, wenn ich spülte,
malte, bügelte, sogar wenn ich mich unterhielt, was mitunter der Grund dafür war, dass ich Monate später
unentwegt verschiedenen Dinge gleichzeitig vollbringen konnte, in absoluter Konzentration und Struktur,
oder dass mir die Eingebung kam, wie ich über 7 Jahrhunderte jeden Wochentag errechnen kann, um in
meinem Kopf fünf Rechenschritte gleichzeitig zu vollziehen, dabei die Lösungen im Kopf in „Ordner“
abzulegen, um damit dann weiter zu rechnen, alles im Kopf, alles in Sekundenschnelle –
Unentwegt sprach ich verschiedene Dinge innerlich und arbeitete ganz intensiv mit inneren Vorstellungen
dergestalt, dass ich mir meine Seele vorstellte und sie mit Licht erfüllte, alle meine Organe ansprach, sie
ebenfalls erhellte. Ich stellte mir einen Engel vor, der die Flügel über mich ausbreitet als Schutz. Allein
diese Tätigkeit kostete mich sehr viel Kraft, weil ich immer noch zerstückelt irgendwo an der Decke, oder
am Himmel, in der Hölle klebte und es zentripetale Kräfte herausforderte und forderte, die in der
Zentrifuge verloren gingen durch den Entzug.
Noch konnte ich im Spätherbst zum Glück nicht ahnen, was mich Ende Oktober, Anfang November und
Anfang Dezember noch erwarten sollte in diesem sich neigenden und schwersten Jahr meines ganzen
125

Lebens, dem Jahr 2010. Aber ich kann sagen, dass ich mich unendlich bemühte, mein Lebensschiff vor
dem endgültigen Untergang zu bewahren und dass ich alles dafür getan und durchgehalten habe.
Ich bin fast gnadenlos mit mir selber und mein strengster Richter, aber so ehrlich und aufrichtig ich auch
gegen mich selber bin, so weiß ich heute im Nachhinein nicht, was ich hätte besser machen sollen. Auch
habe ich die Verwüstung in meiner Wohnung durch den Diebstahl meines/unseres ganzen irdischen
Vermögens von 19 000 Euro wieder in Ordnung gebracht. Ich habe in mühevoller Arbeit meine ganze
Wohnung sortiert und aufgeräumt, geputzt und es hat viele Wochen benötigt, ehe sie wieder den Zustand
des status quo ante von 2008 aufweisen konnte.
Als ich nach Hause kam am 1. September konnte ich mir nicht entfernt vorstellen, mein Auto
auszuräumen und alles Angesammelte der letzten 2 ½ Jahre wieder ordnungsgemäß in meiner Wohnung
unterzubringen. Aber auch die Verantwortung für David, der wieder zurückgekehrt war nach seiner ICE
Abreise, zeigte mir, dass ich auch ihm gerecht werden muss in Ordnung, Sauberkeit und Rhythmus und
so verbrachte ich nicht wenige Stunden damit, wenn David morgens noch schlief, jedes noch so winzige
Papierchen abzuheften, oder an die richtige Stelle zu platzieren.

Ich befinde mich nun im Prozess der Komprimierung dahingehend, alles Unwesentliche abzuwerfen um
die reinen, wertvollen und wichtigsten Formen meiner Lebensereignisse heraus zu arbeiten und ich habe
von Eile gesprochen und so bitte ich den Leser, sich meine Situation vor meiner Entlassung aus München
nochmals ins Gedächtnis zu rufen, die Beschreibungen meiner Nächte im beginnenden Entzug, die
grausamen Zustände von Depersonalisation, Achterbahnfahrten, ohne dass ein Ende abzusehen wäre, dem
Gefühl zerstückelt irgendwo weit über sich zu schweben, seelisch aus seinem Körper heraus katapultiert
worden zu sein, die beginnende Geräuschempfindlichkeit, die visuellen Reize, gerade durch Bewegung
verursacht, die vom Gehirn nicht mehr in der richtigen Weise aufgenommen und verarbeitet werden
konnten, sodass sich steigernd eine vollkommene nervliche Überreizung ankündigte, die mit
nachlassendem Entzug nicht ebenfalls rückläufig wurde, sondern sich immer weiter steigerte bis zum
heutigen Tag.
Nach meiner Entlassung musste ich nach einigen Monaten feststellen, dass es mir ab sofort nur noch mit
Ohrenstöpsel möglich sein sollte, sowohl zu Hause, als auch in der Welt draußen zu existieren.

Doch noch rannte ich mit wehenden Fahnen in mein neues Leben in Freiheit, - ich flog mit Bernd Anfang
Oktober 10 nach Mallorca und ich muss voranstellen – und jeder meiner Freunde kann dies bestätigen, -
dass auf meinen Wunschlisten als Superlativ ganz oben immer das auswärtige Essengehen in einem
gemütlichen Restaurant den Vortritt vor allen anderen Wünschen hatte. Ich genoss diese abendlichen
„Speisungen der 5000“ in früheren Jahren unsagbar und nicht nur deswegen, weil ich gerne aß und zwar
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nahezu alles, sondern weil ich es liebte, bis in die Nächte hinein zu reden, zu genießen, möglichst bei
Kerzenschein. Ganz anders nun auf dieser, meiner ersten Reise nach der langen Einkerkerung - im Süden
am Meer.
Noch im Mai 2008, als ich schon fünf Wochen ununterbrochen hochdosiert Tavor verabreicht bekommen
hatte, fuhr ich nach Berlin, um meine beste Freundin in die Oper und anschließend zum Essen einzuladen
und obwohl ich zum damaligen Zeitpunkt schon mit Wortfindungsstörungen zu kämpfen hatte, genossen
wir diesen Abend - sowohl das Essen, als auch unsere Unterhaltung bis zwei Uhr morgens.
An diesen Erfahrungen messe ich nun den Unterschied meiner gravierenden Verschlechterung durch die
Zerstörung meines Lebens in den Kliniken und vergleiche sie mit dem ersten Abend, als Bernd und ich
im Speisesaal unseres fünf Sterne Hotels das Abendessen einnehmen wollten und ich ganz sicher zu
wissen glaubte, ich würde diesen inneren Zustand der totalen Auflösung in ein undefinierbares Vakuum
nicht mehr ertragen können und versuchte diese seelische Verfassung durch unentwegtes Sprechen und
Philosophieren zurück zu drängen, - allein es war mir unmöglich. Das Essen konnte ich nicht genießen
und meine Erinnerungen an diese Woche weisen nur düstere Erlebnisse und Empfindungen auf.
Ebenso wie ich in früheren Jahren das Essengehen liebte, so liebte ich die Natur, den Wald und vor allem
das Meer. In jener Zeit auf Mallorca saß ich am Strand und konnte die Weite des Meeres weder erleben
noch fühlen, noch in der richtigen Weise wahrnehmen. Ich fuhr unentwegt Achterbahn mit allen
körperlichen und seelischen Erscheinungsformen, ohne dass sie abzustellen gewesen wäre.

An einer Begebenheit, die ich gleich noch erzählen möchte, zeigte sich zum wiederholten Male meine
Unerschrockenheit vor tatsächlichen Gefahren. Und ich glaube, ein Mensch kann nur in dieser Weise
furchtlos sein, wenn er das allerschlimmste im Leben erlebt hat, das keine Steigerung mehr zulässt.
In vergleichender Weise möchte ich zum besseren Verständnis diese These der Furchtlosigkeit durch das
Superlativ einer Qual hier veranschaulichen: Ich befinde mich in einem ausgezehrten Zustand durch die
Tatsache, dass ich nun seit 20 Monaten ohne feste Nahrung lebe, mit einem Liter Kochsalzlösung durch
Infusionen. Bis vor drei Tagen war es mir noch möglich, wenigstens jeden Tag ein bis zwei Bananen zu
essen und einen Kakao zu trinken, was nun, durch andauernde Magenkrämpfe bei jeder
Nahrungsaufnahme, auch unmöglich geworden ist. Schon alleine dieser eine Umstand sprengt bei den
meisten Menschen das Vorstellungsvermögen, dass derlei möglich sein kann.
Nahezu jeder von uns hat wohl irgendwann in seinem Leben für ein oder zwei Wochen gefastet, dabei
wohl sehr viel getrunken, denn die Gifte müssen ausgeschwemmt werden, möglicherweise wurden sogar
Frucht – oder Gemüsesäfte getrunken, welche auch nähren und so entsteht eine konkrete Vorstellung,
welche Qualen, gerade in den ersten Tagen auch damit verbunden waren: Zittern, Nervosität, Gereiztheit,
Schwäche, Überempfindlichkeit gegen Geräusche, Berührung, Müdigkeit, Unruhe, das hohle Gefühl im
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Bauch und vieles mehr und trotzdem möchte ich behaupten, dass auch dieser letzte Schlag meines
Lebens, neben noch unzähligen anderen Beschwerden, immer noch nicht an meine Tavorhölle
heranreicht. Und dass alles, was nun neu hinzukommt, für andere Menschen sogar als einzige
Beschwerde nicht zu ertragen wäre, an meinem Maßstab jedoch unter die Rubrik „Lappalie“ fällt,
gemessen an dem bereits Erlebten, das noch andauert... –

Bernd und ich hatten uns ein Tretboot ausgeliehen und strampelten wacker darauf los, erkannten jedoch
nicht, wie auch in Irland mit Johannes, wie stark die Unterströmung war, die uns zusätzlich mit „hoher“
Geschwindigkeit ins offene Meer trieb. Da wir für eine Stunde bezahlt hatten, rechneten wir für den
Hinweg die Hälfte der Zeit und ebenso für den Rückweg. Doch als wir uns auf dem Rückweg begaben,
mussten wir feststellen, dass wir kaum einen Meter Richtung Strand vorwärts kamen. An dieser
Begebenheit der offensichtlichen Gefahr sollte ich Bernds Wesen noch besser kennen lernen um
festzustellen, dass er in dieser Hinsicht das genaue Gegenteil von mir war. Vollkommen hysterisch, mit
weit aufgerissenen, angstvollen Augen, malte er sich selber den schlimmsten Teufel an das Himmelszelt,
um fast tödlich davor zu erschrecken. Woraufhin ich mehr als amüsiert zu lachen begann. Und wie in der
Beschreibung im Atlantik in Irland, begannen wir unsere letzten Kräfte zu mobilisieren, um tatsächlich
irgendwann das rettende Ufer zu erreichen.
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Kapitel: Autounfall mit 180 Grad – Rückkehr zum Täter – Über die Schuld

Alle Schuld rächt sich auf Erden

Wenn es nur so wäre, wie es Goethe sagt.


Nun hatte ich mich selber fast sechs Wochen in meiner neuen Freiheit erproben können und beschloss,
meinem Rechtsanwalt von den Geschehnissen in der Furtbachklinik zu schreiben, um ihm auch mit
Abstand erklären zu können, warum der Diebstahl im Jahr 2009 geschehen war, bei dessen Aufklärung er
mir „half“.
Er hatte mich damals vertreten, aber es war mir bewusst, dass er sich wohl sehr über mich gewunderte
hatte auch deswegen, weil es mir nach 14 Monaten Tavorpurgatorium im Mai 2009 nicht mehr möglich
war, mich folgerichtig auszudrücken, überhaupt zu sprechen, denn zu jener Zeit sprach ich nur noch das
Allernotwendigste.
Und es hat seinen Grund, warum ich diese scheinbar geringe Tatsache meines Briefes an den Anwalt hier
in dieser Weise aufplustere, weil ich nun in diesen 3-4 Jahren, im Grunde ab dem Zeitpunkt, an dem ich
beschloss, den Tavorentzug anzugehen, mich zu befreien aus der Gefangenschaft zwischen Leben und
Tod, Schlafen und Wachen, immer erlebt habe, dass sich gewaltige Gegenkräfte aufbauen, die mich
wieder in den Boden treten, auf dass ich mühevoll von vorne beginnend, das Laufen wieder neu erlernen
musste.

Am 22. Oktober 2010 besuchte ich morgens unseren kleinen Chor. Ein Chormitglied hatte Geburtstag
und wir saßen gemütlich beisammen bei Kaffee und Kuchen, als ich mich verabschieden musste, da ich
einen Termin bei meiner Hausärztin hatte. Ich wollte am Nachmittag dieses Tages, einem Freitag, (dieser
„Venus-Tag“ sollte im Laufe der Jahre noch große Bedeutung bekommen) zum Bodensee fahren. Mein
Bruder wollte ein Konzert geben und im Zuge dessen in seinen Geburtstag am 23.10. hineinfeiern, mit
Lagerfeuer und Singen, von jeher das, was meine Seele am meisten zu berühren wusste.
Doch auf dem Weg zur Praxis, eine halbe Minute vor Ankunft, sollten meine Pläne durchkreuzt werden
durch einen Autounfall, der von der Gegenseite offenkundig beabsichtigt war. Ich füge meinen Bericht an
die ermittelnden Behörden und die Versicherung hier ein:

Ich fuhr mit deutlich verlangsamter Geschwindigkeit an die Kreuzung heran, an der ich die Vorfahrt zu
beachten hatte. Vor der Kreuzung war von rechts kein Auto sichtbar, so fuhr ich in die Kreuzung hinein.
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Als ich etwa die Mitte der Kreuzung erreicht hatte, nahm ich einen Personenwagen wahr, der - wie aus
dem Nichts kommend - von der Seite auf mein Fahrzeug zuschoss. Wir beide, Herr Stühler und ich,
hörten ganz deutlich, dass der Motor dieses Fahrzeuges stark aufheulte, der Fahrer auf das Gaspedal trat.
Ich hatte den Eindruck, dass der Fahrer dieses Wagens massiv beschleunigte, um mich mit voller Absicht
zu rammen. Ich versuchte, als ich das Fahrzeug auf mich zurasen sah, mit Vollgaseinsatz die Kreuzung
zu verlassen, um einen Zusammenprall zu vermeiden, was mir leider nicht gelang. Das Fahrzeug rammte
mich kurz danach noch in der Kreuzung auf der rechten Seite hinten mit so großer Wucht, dass mein
Fahrzeug eine Drehung um 180 Grad ausführte und hinten so stark beschädigt wurde, dass ein
Totalschaden entstand. Wir wurden einige Meter weit weggeschleudert und kamen auf dem linken
Bürgersteig in der Löwenstraße in umgekehrter Fahrtrichtung zum Stehen. Wie aus der Karte ersichtlich
ist, hat der Fahrer im gegnerischen Fahrzeug über eine Fahrzeuglänge Zeit, um die rechte Kreuzungsseite
einzusehen.
Da er uns auch erst sehen konnte, als wir in der Kreuzung waren, muss der gegnerische Fahrer über eine
Fahrzeuglänge blind geradeaus gefahren sein und zusätzlich beschleunigt haben.
Nach dem Impulssatz und den Photos ist ersichtlich, wie hoch die Geschwindigkeit beider Fahrzeuge zum
Unfallzeitpunkt war. Somit ist zu erklären, warum das gegnerische Fahrzeug mitten in der Kreuzung zum
Stehen gekommen ist. Unser Fahrzeug hat lediglich die Strecke bis zu den Vorderrädern zurückgelegt.
Die Energie des gegnerischen Fahrzeugs wurde auf die Drehung unseres Fahrzeugs übertragen, wobei
man die Fahrzeugbreite meines Fahrzeugs noch hinzurechnen muss, da sich unser Fahrzeug um das rechte
Vorderrad gedreht hat.
Der Fahrer dieses Fahrzeuges, das den Unfall aus meiner Sicht absichtlich herbeigeführt hat, stieg aus und
lachte mich an. Meinem Mitfahrer Herrn Stühler fiel auf, dass kein Airbag bei diesem Fahrzeug
ausgelöst worden war, trotz des starken Aufpralls, was mich später in der Überzeugung bestärkte, dass
dieser Aufprall mit Absicht in Kauf genommen worden war.
Da ich zu dieser Zeit einen Termin bei meiner Hausärztin 3 Häuser weiter hatte, lief ich schnell dorthin
um abzusagen, aber die Ärztin behielt mich dort, weil sie bemerkte, dass ich unter Schock stand und
zitterte. Herr Stühler blieb an der Unfallstelle und hielt den Kontakt, benachrichtigte den ADAC und blieb
solange, bis nach etwa einer Stunde die Polizei eintraf. Daher konnte ich erst später zum Unfallort
zurückkehren. Ein Polizeibeamter kam in die Praxis und ging mich in sehr rüder Weise an, schob mir
ungeprüft die Schuld am Unfallgeschehen zu mit der Verdrehung des Impulssatzes (laut meiner Ärztin).
Ich weise jede Schuld an dem Unfallgeschehen zurück und erwarte von den ermittelnden Behörden,
Zeugen namhaft zu machen, die zu einer sachgerechten Aufklärung des Unfallgeschehens beitragen
können. Ich bin überzeugt, einem in Absicht handelnden Versicherungsbetrüger zum Opfer gefallen
zu sein, der in gewissenloser Weise den Unfall, und damit meinen möglichen Tod und den meines
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Beifahrers, sowie die Zerstörung meines Fahrzeugs in Kauf genommen hat. Die Werkstatt bestätigte die
Absicht des Gegenfahrzeuges mit der Aussage: In dieser Woche haben wir vier solcher Wägen mit
Totalschaden bekommen. Immer Frauen waren die Opfer…
Dieser Tag zeichnet wohl auch für meine Ärztin, die ich in den letzten sechs Wochen, gemessen am
Verlauf meines Entzuges, der sich noch in den Kinderschuhen befand, in seltenen Intervallen aufgesucht
hatte, den Beginn einer langen und anstrengenden Entzugs - Odyssee auf, in der nicht nur ich bis weit
über die Grenzen des Ertragbaren geschleudert wurde, sondern in denen ich auch sie oftmals in schweren
Augenblicken an Grenzen führen, an denen sie wohl immer wieder vor kritischen Entscheidungen stehen
musste, ob es besser wäre, mich wieder in einem „geschützten Rahmen“ unterzubringen, oder ob es
gemeinsam doch noch in der neuen Freiheit zu schaffen sei.

Als ich zitternd nach dem Autounfall in ihre Praxis kam, reagierte sie großartig und tief menschlich. Sie
blieb als Stütze bei mir, als die Polizei eintraf, um mich, ungeprüft, als Ursache des Unfalls zu
beschuldigen.
Sie bot mir von nun ab tägliche Infusionen mit wertvollen homöopathischen Substanzen an und kam an
jenem Tag in regelmäßigen Abständen zu mir in den Infusionsraum, denn der Schock hatte in mir
Erinnerungen an unseren schweren Autounfall als Kind ausgelöst und ich vermochte nicht mehr die
unterschiedlichen Zeiten zu unterscheiden.
An dem Tag wurde zwischen meiner Ärztin und mir ein stilles, nonverbales Abkommen geschlossen, in
dem deutlich wurde, dass ein redlicher Heilungswille der angerichteten Zerstörung der letzten Jahre und
der angelegten Disposition hinsichtlich meiner Muskelerkrankung und der angeblichen
Borderlineerkrankung von ihrer Seite und ebenso ein leidenschaftlicher, ein titanischer Wille von meiner
Seite, gesund zu werden, schöpferisch ineinanderflossen und in dieser Arzt – Patienten Beziehung lag von
Anfang an für mich ein Fluidum, wie ich es über Anton Mesmer schon beschrieben habe und das ich in
dieser Form noch nicht erlebt habe.
Ich bin im Prinzip ein Mensch, insbesondere ein Patient von geringem Durchhaltevermögen, wenn für
mich kein Fortschritt erlebbar wird, oder wenn ich den Eindruck gewinnen muss, subjektiv, oder objektiv,
dass ich meinem Gegenüber überlegen zu sein. Zumeist trage ich alle Dinge und Ratschläge selber in mir,
war im Grunde immer mein eigener und bester Therapeut, wie es sich auch in München zeigte, als ich in
der Borderlinegruppe unermüdlich versuchte, die verschiedenen „Skills“ zur Ablenkung auszuprobieren,
oder Achtsamkeitsübungen bis zur Erschöpfung durchzuführen. Wenn diese erschöpfen und das haben
sie mich, dann ist es für mich zumindest nicht der richtige Weg und so weiß ich, dass ich in meinen
besten Jahren, zwischen 2003 und 2008 mir selber meine Skills erfand und sie umsetzte in Form von
Gartenarbeit, der Pflege von Tieren, dem Bau meines zweistöckigen Gartenhauses, handwerkliche
131

Tätigkeiten, die mich mit der Erde verbanden und meine eigenen Achtsamkeitsübungen im Beobachten
der Natur, in der Stille mit ihr und meinem Paradies, das ich mir selber geschaffen hatte, mit meinen
Nachhilfeschülern. Im Nachhinein hat es sich immer gezeigt, dass ich nur auf meine innere Stimme hören
musste, um auf dem möglichen „richtigen“ Weg zu bleiben, nahezu ohne Gefahren mit
unbeschreiblichem Glück und dass mich gerade die Besserwisser in meinen Untergang trieben.
Ja, ich bin in dieser Hinsicht ein „schwieriger“ Patient, weil ich die Brücken sofort abbreche, wenn auch
die innere Verbindung zu meinem Arzt oder Therapeuten abbricht, möglicherweise war ich ein leichter
Patient, wie ich es heute sehe, weil ich mit schwersten Belastungen alleine viel besser zurecht kam.

Ganz anders gestaltete es sich jedoch bei meiner Ärztin Fr. Dr. Gabriel, leider muss ich heute bekennen
und ich kann dieses Fluidum, das auch in mir Durchhaltekraft bewirkte und den Wunsch nach
Gesundung, nicht einmal definieren und genau benennen, weil ich immer wieder den Eindruck gewinnen
musste, dass wir zwei verschiedenen Sprachen sprechen und ich auch schon bei unserer ersten Begegnung
im Jahre 2006 ein seltsames Gefühl mit nach Hause nahm, das zwischen zwei Polen hin und herpendelte:
zwischen dem Eindruck, sie hat mich tiefer verstanden, als ich es zu wissen glaube und jenem, dass dieser
Arzt auf der Suche nach dem Wesentlichen, dem Großen und Ganzen, dem mehr Pauschalen und
Globalen oftmals Gefahr läuft, die Dinge etwas undifferenziert, auch übertrieben zu betrachten, um dahin
zu tendieren, eher allgemeine Urteile zu vertreten und wichtige Details damit aus den Augen zu verlieren.
Als Arzt hat das fatale Folgen. Jahre später sollte sich für alle, auch für die Kriminalpolizei nochmals ein
ganz anderes Bild offenbaren: Nämlich dasjenige eines Arztes, der mich unentwegt durch gebrochene
Versprechen in Lebensgefahr bringt, ein gewaltiges Polizeiaufgebot herbeiruft, um als „Retter in der Not
und in letzter Sekunde“ in die Geschichtsbücher einzugehen, obwohl die Polizei sie bat, das zu
unterlassen. „Ihre eigenmächtigen Handlungen.“

Um sie webte Geheimnis, wie um jeden Arzt, wie ich es anfangs beschrieb, das wurde mir von Anfang an
deutlich und nicht, dass ich hinter dieses Geheimnis blicken wollte – um möglicherweise nichts zu finden
– denn jeder seelenkundige Arzt erhöht seine Autorität durch dasselbe und durch Schweigen.
Unbestimmtes steigert immer die Erwartung, Geheimnis die Spannung und das Schweigen die mystische
Gefühlskraft – nein, ich fühlte von Anfang an, dass mich mit diesem Menschen ein Karma verbindet und
verbinden wird, an dem wir beide zu lernen und zu wachsen haben und nur in dieser extremen Reibung
konnte ich mein Buch schreiben – nur durch dieses seltsame Fluidum durchhalten…

Und nun möchte ich einen für mich sehr interessanten, etwas verdrehten und rotierenden, aber vom
Grundsatz für mich wahren Gedanken von Mary Baker – Eddy, dieser umstrittenen Person, hier
132

einfügen, weil ich nicht nur einmal auch in meinem Leben erlebt habe, dass mich der Gang zu einem
Arzt, einer Klinik, einem Therapeuten erst wirklich und wahrhaftig krank werden ließ und dass ich auch
und gerade in dieser Hinsicht niemals meiner eigenen, inneren Stimme gefolgt bin, die mir abgeraten hat,
mich in die Mühle von Unterstellungen, Anschuldigungen, Verdrehungen, falschen Diagnosen und
Behandlungen zu begeben, wie ich es auch in meinem ersten Psychiatrieaufenthalt von drei Wochen im
Jahre 2000 erleben musste. Oder von nebulösen Diagnosen hinsichtlich meiner Muskelerkrankung, die
mich erst straucheln ließen, als man meine ganzen Leiden wie ein Huhn auseinanderrupfte, um mich
nackt und zitternd inmitten meiner Federn am Boden liegen zu lassen.

Baker behauptet, dass Medizinwissenschaft keine Erklärung für seelische Vorgänge und nicht einmal für
die des Körpers bietet. Deshalb sind nach ihrer Meinung die Ärzte Krankheitsfabrikanten und nicht nur
unnütze Gesellen, sondern im Gegenteil noch Schädlinge der Menschheit, denn, in dem sie sich anmaßen,
Krankheiten behandeln zu wollen, wo es doch in Wahrheit keine Krankheiten gibt, verewigen diese
Übeltäter den ansteckenden, den schädlichen Irrwahn, dass es so etwas wie Krankheit gäbe.. Indem also
die Menschen dank der berufsmäßigen Existenz solcher Krankheitsbehandler immer wieder ein
Erinnerungsbild an Krankheit vor die Augen bekommen, glauben sie, krank werden zu können und durch
diesen Irrglauben fühlen sie sich wirklich krank…
Hinter dieser etwas verschraubten These verbirgt sich meines Erachtens nicht nur cum grano salis, also
nicht nur ein Körnchen Wahrheit, sondern doch einige große Körnchen und alleine diese Behauptung
birgt in mir Einsichten und Kenntnisse, Erkenntnisse, mit denen ich ein weiteres Buch zu füllen in der
Lage wäre.
Aber ich möchte mein Leben weiter beschreiben und muss dennoch bekennen, dass mich jedes Mal diese
„Diagnosensteller und Krankheitsbehandler“ vehement aus meiner inneren Bahn, im Folgen meines
Sternes und seiner Keimkraft, geschleudert haben. Ich wusste immer um die Selbstheilungskräfte des
Körpers, sogar der Seele, denn bekanntlich ist Geist unsterbliche Wahrheit und Materie ein sterblicher
Irrtum und jedes Mal, als ich glaubte, ich habe einen tiefen Schmerz eigenständig überwunden,
sublimiert, so wurde nicht nur er wieder durch medizinische Handhabung zum Leben erweckt, sondern
ein neuer trat hinzu. Ausnahmslos, außer bei einem einzigen anthroposophischen Arzt in meinen besten
und schöpferischsten Jahren, den über fünf Jahren, die ich bereits erwähnte ab 2003.
Der Körper verfügt über ein unglaublich fein ausgebildetes Regulationssystem und Selbstheilungskräfte.
„Die Natur hat darin keine Ärzte vorgesehen“…
133

In meinen Ausführungen über Suizid sprach ich davon, dass es mir ein Anliegen ist, vom möglichen
Allgemein“gültigen“ zum Abstrakten, differenzierten, persönlichen und individuellen zu gelangen, um
eben die Details nicht aus den Augen zu verlieren, die das Individuelle auszeichnen.
Und so mag die Psychologie und die allgemeine Menschenkunde und Seelenkunde davon ausgehen, dass
es „schädlich“ sei, wenn ein Opfer seinem Täter wieder begegnet nach einem Missbrauch, oder anderen
Einwirkungen zum Schaden einer Person.
Es gibt ganze Wissenschaften über „Opfer – Täter“ Beziehungen, es gibt unzählige Bücher über
Menschen, die sich in die „Opferrolle begeben haben, um immer wieder zum Opfer zu werden“, weil sie
diese Rolle bewusst oder unbewusst benötigen, aus welchen Gründen auch immer. Und damit wird das
Opfer wieder zum Opfer durch verblendete Anschuldigungen und möglicherweise dadurch zum Täter.
Ein sehr komplexes Thema. Aber auch hier muss wieder bis ins kleinste Detail differenziert werden.
Wobei auch der Begriff „Täter“ der näheren Beleuchtung bedarf, weil ein Täter in der Alltagssprache
nach klassischem Verständnis als der bezeichnet wird, der etwas getan hat. Diese noch in älteren Lexika
an erster Stelle anzutreffende wertneutrale Begriffserklärung verblasst jedoch zunehmend. Inzwischen ist
der negativ besetzte Wortsinn deutlich hervorgetreten.
Der Täter ist vielleicht auch ein Handelnder und wenn er im Sinne des Bösen und Schlechten handelt, so
mag diese Handlung bei seinem Opfer in demselben auch eine für sein Schicksal notwendige Katharsis
einleiten, die dann möglicherweise wieder eine positive Prägung erhält. Es muss also äußerst differenziert
auf die Bedeutung eines jeden Wortes geachtet werden, und somit auf die Bedeutung der Tat, auf die
Wirkung derselben, die sich anders vollzieht, wenn in der Kommunikation gravierende Fehler begangen
werden, dann entstehen Irrtümer und Verblendungen, auf deren Basis schwerwiegende Entscheidungen
auch über fremdes Leben getroffen werden. „Macht macht böse“, heißt es. Und meine Ärztin war ein
Mensch der Macht, der Kontrolle, soweit es anschließend positiv auf sie zurückfallen sollte. War dem
nicht so, pflegte sie die Bombe zu entzünden, die mich in die Luft sprengen sollte, um alles von sich zu
weisen. Ihre Tat und die Folgen..
Dann war ich nicht mehr ihr Patient, noch nie gewesen, dann war sie nicht allmächtig, dann kannte sie
mich gar nicht…

Und diese Entscheidungen über fremdes Leben sind vor allem einem Arzt vorbehalten. Er entscheidet bei
seinem Patienten über Leben und Tod, sogar ohne die irdischen Folgen davon im eigenen Leben
ausgleichen zu müssen. Wenn er einen Patienten für „suizidal“ hält, auch wenn dieser nur äußert, er wolle
„weggehen“, so darf er ihn, gegen seinen Willen, in die Psychiatrie einweisen, um jegliche weitere
Verantwortung für ihn von sich zu schieben. Und ebenso darf der Arzt in der Klinik – mein Schicksal ist
wohl Paradebeispiel – ohne eine Suchtanamnese, ohne Aufklärung dem Patienten Medikamente
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verabreichen, massiv eingreifen in das sensible Gefüge von Körper – Geist und Seele, gleich einer
Körperverletzung, er darf ihn verstümmeln und wenn dieser nur noch krampfend am Boden liegt, darf er
ihm seine ganze Autonomie ebenso entreißen, ihn aller irdischen Rechte auf „Souveränität“ und
Eigenverantwortung entledigen, ohne für etwaige Folgen vor einem irdischen Gericht sich verantworten
zu müssen. Im Gegenteil, der Entrechtete, Entehrte, dem jedwedes Menschenrecht genommen, wird noch
dafür angeklagt, dass er eben ein so schlechter Mensch ist, der nichts anderes verdient, als in dieser Weise
misshandelt zu werden, wie es auch der Gutachter beschrieb, dessen Nachwort ich hier einfügte.
Ich war keine Fremdgefährdung. Allenfalls eine Eigengefahr auch guten Gründen und da sehe ich eine
solche Handlungsweise nicht als gerechtfertigt, weil ich selber entscheiden kann und darf, was ich
ertragen kann und was die Grenzen meiner Kraft bei weitem übersteigt.
Die Omnipotenz der Ärzte ist es, was wohl auch Baker – Eddy zu dieser Aussage veranlasste.

Es gibt wohl sogenannte „Opferschicksale“, in denen ein Mensch wenig „Altlasten“ mitbringt und sich
entschlossen hat, durch Kräfte, die ihm zu Verfügung stehen, einen Teil der Weltenschuld abzutragen,
wie es auch ein Priester einst über mich sagte.
Wenn nun ein Mensch diesen Erdenplan betritt und solche Anlagen wie zum Beispiel Kaspar Hauser
mitbringt, der einst den Thron der schöpferischen Macht besteigen sollte, oder wie es in einem meiner
Horoskope heißt, dass ich von „hoher Herkunft sei und in einem behüteten Elternhaus aufgewachsen in
finanzieller Absicherung“ und dann werden die Lebensweichen durch äußere Einwirkung anders gestellt,
sodass sich das angelegte Schicksal vollkommen wendet und nicht mehr das eigene Schicksal ist, sondern
durch Fremdeinwirkung verbogen, verzerrt, gewissermaßen okkupiert wird, aus unlauteren Motiven und
negativen Machtbestrebungen, dann kann nicht mehr von mitgebrachtem „Erbe“ gesprochen werden.
Dann entsteht ein neues Schicksal mit neuen Knotenpunkten, wobei die Anlagen wohl bestehen bleiben
und sich irgendwann wieder den Weg zum eigenen Schicksal bahnen.

Und ebenso sehe ich auch diese Blockaden von außen und Knotenpunkte, die in meinem Schicksal
entstanden sind, als im Jahre 2008 versucht wurde, mein Ich auszuschalten, als ein Verbrechen an
meinem Seelenleben begangen wurde durch Überdosen und der Sprengung des zeitlichen Rahmens der
Verabreichung, durch das Medikament Tavor, mit dem ich in einem Zwischenreich gefangen gehalten
wurde, zwischen Schlafen und Wachen, Leben und Tod.
Insofern widerlege ich die einst gefallene Aussage meiner Ärztin, ich habe mir eben ein großes Paket an
Belastungen, Blockaden und Krankheiten in dieses Leben mitgebracht…
Nein, ich habe sie nicht mitgebracht! Ausschließlich meine Muskelerkrankung habe ich mit auf diese
Welt, in dieses Leben gebracht.
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Und möglicherweise gibt es diese „Opferschicksale“, an denen die Menschen und die Menschheit etwas
zu lernen, zu begreifen hat, wenn sie es erkennen, wenn sie ihre eigene Motivation erkennen und
angemessen danach handeln, wie es auch Christus ertragen musste: Unverstanden, verleumdet,
verleugnet, verfolgt, zerstört, gefoltert, gemartert, umgebracht…

Ich habe den Bogen gebraucht, weil mir in meinem Freundeskreis immer wieder die Frage gestellt wurde,
warum ich nochmals zu meiner Ärztin zurückgekehrt bin, nach allem, was mir seit der Einweisung in den
Kliniken widerfahren ist. Ich selber habe jene Einweisung und die darauffolgende Misshandlung zunächst
nicht mit ihrer Person in unmittelbare Verbindung gebracht. Sie konnte in ihren Augen zum damaligen
Zeitpunkt nicht anders handeln, ich war in ihren Augen, wie auch in den Augen von wohl vielen
Menschen seit dem Jahr 2000, mit Schwankungen nach oben und unten suizidal, insbesondere an dem
Tag im März, als ich die Diagnose meiner Muskelerkrankung erhielt und nach ihrer Meinung mussten
nun eben endlich einmal „scharfe Sachen“ als „Krücke“ versucht werden, um wieder selber gehen zu
lernen, auch wenn sie gerade bei einer schweren Kiefergelenksarthrose, Borderline und
Muskelerkrankung kontraindiziert waren.

Dass diese „scharfen Sachen“ bei meiner sensiblen Konstitution kontraindiziert waren, das konnte sie
intuitiv einfach nicht überblicken, dazu muss ein Arzt eine Art hellsichtige, hellfühlende Weitsicht,
Erfahrung und Wissen mitbringen. Auch scheint den meisten Menschen nicht bekannt zu sein, was sich
hinter den Kulissen der Psychiatrien wirklich abspielt, welche Missbräuche von Macht und
Menschenrechtsverletzungen dort geschehen und es war wohl meine Aufgabe, dies aufzudecken,
nachdem ich diesen Mord auf Raten zumindest noch einige Jahre überleben und zurückdrängen konnte.
Eine Lehrerin schrieb mir vor Tagen in einem Brief:

…„Liebe Sophia – Ihre Erfahrungen, die Sie mit den Ärzten und Tavor machen mussten und immer noch
machen sind grausam und sehr ergreifend. Dass Sie den Willen aufgebracht haben, sich davon zu befreien
ist ja nur bewundernswert und sehr, sehr, sehr tapfer. Sie ertragen so vieles und können die Erlebnisse so
klar und so gut, anschaulich schildern. Ich habe den Eindruck, dass durch die körperlichen Schädigungen
andere – intuitive – geistige Wahrnehmungen geweckt werden und durch die Klarheit Ihres Bewusstseins
auch formuliert werden können. Ihr jetziger Zustand – wenig Schlaf und die Unfähigkeit, Nahrung
aufzunehmen ist für mich nur schwer vorstellbar und weckt die Frage, warum Sie ein so unvorstellbares
Schicksal durchleiden müssen – aber auch woher die Kräfte kommen, um es anzunehmen und zu
ertragen…“
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Diese „Klarheit des Bewusstseins“ und die „intuitive – geistige Wahrnehmung“ wird mir immer wieder
von verschiedenen Seiten bescheinigt und bestätigt und diese Klarheit und geistige
Wahrnehmungsfähigkeit sollte Grundvoraussetzung für einen Arzt sein, ebenso, wie ein Pilot ganz
besondere Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen muss und auch, wenn er die Prüfung bestehen sollte
und das notwendige Geld dafür vorhanden ist, wenn er nicht konstant ruhig bleiben kann, auch in
schwierigen Situationen, wenn er Anlagen zur Hysterie mitbringt. Denn Fliegen heißt, sich im
dreidimensionalen Raum zu bewegen. Fliegen heißt hartes Training, Disziplin und funktionierende
Verhaltensmuster für gefährliche Situationen. Wenn er diese nicht mitbringt, würde er Menschenleben
gefährden und müsste dafür zur Verantwortung gezogen werden.

Ich habe auf meine innere Stimme gehört und ihr vertraut, meiner „intuitiven Wahrnehmung“ und auch,
wenn mir bewusst ist, dass an jenem entscheidenden Dienstag am 11. März 08, als mich meine Ärztin
schwer depressiv und fast sprachunfähig in meiner Wohnung vorfand, um mich einzuweisen, die
Weichen in anderer Weise auch hätten gestellt werden können und müssen, wenn sie bewusst
wahrgenommen und differenziert nachgefragt hätte, was mich in diese verzweifelte Lage gebracht hat, so
gebe ich ihr für diese Einweisung die größte Teilverantwortung, so es mir überhaupt zusteht, ein Urteil
auszusprechen, Gericht zu halten.
Was mich schmerzt ist einzig die Tatsache, dass sie ihre Verantwortung für diese eine Tat vollständig
abgegeben hat, über Jahre, obwohl sie unentwegt Schreckensnachrichten über mich erreichten, die für sie
mit einem einzigen Anruf in der Klinik als nicht gefährdet ad acta gelegt wurden.
Es ist evident, dass die Ärzte und Pfleger auf ihre Frage, was mit ihrer Patientin dort geschieht nicht in
dieser Weise antworteten: „Ja, sie ist der schwierigste, unerträglichste Patient, den wir haben und wir
müssen sie in der Weise ruhig stellen, in dem wir sie auf Raten umbringen, um uns ihrer zu entledigen,
weil wir leider am Anfang einen schweren Fehler begangen haben und ihn nicht mehr rückgängig machen
können. Deshalb müssen wir sie für immer unschädlich machen, das verstehen Sie sicher, denn sie ist
dennoch sehr klar im Kopf und sagte, dass sie alles in die Presse bringen würde. Damit wären wir
erledigt…“

Ich bin kein Michael Kohlhas, obwohl ich nicht nur Pferd und Frau verloren habe, sondern mein Leben
und die wichtigsten und notwendigsten Überlebensessenzen wie Schlaf, Essen und trinken und weil ich
auch weiß, dass alle Schuld irgendwann ausgeglichen werden muss, auch meine eigene, so ich eine
andere Wahl gehabt hätte, aber die Schuld dieser Mörder wird einen Ausgleich suchen.
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Aber auch der Begriff der Schuld darf ebenfalls nicht nur, ohne das umfassende Denken dazu, mit
„schlecht“ abgestempelt werden.
Es gibt meines Erachtens mindestens drei Formen der Schuld: Diejenige, etwas vorsätzlich Schlechtes an
seinen Mitmenschen zu vollziehen, im Bewusstsein des Bösen, aus Rache oder anderen Motiven. Dann
diejenige aus Unkenntnis und Dummheit, bei der man jedoch auch eine andere Möglichkeit zu handeln
gehabt hätte, denn Dummheit schützt bekanntlich nicht vor Strafe und die dritte aus Verzweiflung, ohne
eine andere Wahl und Lösung, oder Handlungsfreiheit.
Bei letzterer gelten zumindest „mildernde Umstände“.

Jedes System definiert sich durch Elemente, die in einer bestimmten Beziehung zueinander stehen. Jede
Veränderung der Elemente hat Auswirkungen auf das Beziehungsgeflecht. Eine leichtfertige Trennung aus
einem System, die Zerstörung einer bestehenden Ordnung, das Eingreifen in ein fremdes Schicksal, um es
zu „korrigieren“ wird als Verbrechen erlebt und hat entsprechende Konsequenz und das nicht nur in einem
Familienzusammenhang. Nicht selten wird ein Mensch krank, oder begeht Selbstmord.
Das Zerstören einer Ordnung, auch im menschlichen Körper, oder in der Seele eines anderen hat Folgen
und gehört in den Bereich der Schuld. Bierce unterteilt den Mord vier Arten: Den „verbrecherischen,
entschuldbaren, gerechtfertigten und rühmlichen“, und folgert weiter, dass es dem Ermordeten egal ist,
welcher Art er zum Opfer fiel – die Klassifizierung sei nur zum Nutzen der Juristen da. Ebenso scheint es
sich mit der Schuld zu verhalten, die sich in drei Kategorien einteilen lässt: Die religiöse Schuld im Sinne
der göttlichen Gebote - und Gesetzesübertretung, die moralische Schuld, sie beruht auf einer Entscheidung
gegen eine Norm und die strafrechtliche Schuld. Ein moralisch verwerfliches Handeln kann jedoch auch
im strafrechtlichen Sinne "korrekt" sein. Beide Arten basieren auf der Auffassung vom Menschen als
Person (Kant), einem zur freien, verantwortlichen Selbstbestimmung fähigen Wesen.
Im rechtlichen Sinne bezeichnet Schuld eine fahrlässige oder vorsätzliche Unterlassung, eine Tat oder
eines Vorsatzes dazu und deren Folgen, die sich in einem benachteiligenden oder schädigenden Verhalten
gegen Menschen zeigen. Beurteilungsinstanzen der Schuld sind das eigene Gewissen, die Schuld-
Erfahrung, das Schuldbewusstsein, und Schuldgefühl, aber auch die im juristischen Sinne geltenden
Normen und das Recht, wenn es einen Rechtsstaat gibt und gäbe, der in Deutschland, laut einem ZDF
Journalisten „keinen Pfifferling wert sei.“
Wie sieht es aber mit der Anerkennung und vor allem mit dem Ausgleich und Wiedergutmachung einer
Schuld aus?
„Mit der Anerkenntnis einer Schuld ist der Gedanke der möglichen Tilgung der Schuld durch
Wiedergutmachung, Sühnung (Strafe), Reue, auch durch ein Verzeihen vonseiten des Betroffenen
verbunden.“
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Nach Bert Hellinger muss durch eine Schuld die Ordnung wieder hergestellt werden durch einen
Ausgleich.
Er sieht das Verzeihen als einen falschen Umgang mit Schuld, vielmehr das schafft ein sich entschuldigen
die notwendige Brücke für seine Ansicht:
„Nicht nur das Verzeihen hat oft üble Folgen, sondern auch das Bitten um Verzeihung ist schlecht. Ein
Mensch hat nicht das Recht zu verzeihen. Wenn mich einer um Verzeihung bittet, so schiebt er dem
anderen die Verantwortung für seine Schuld zu. Wenn ich früher jemandem verziehen hatte, ging es mir
hinterher zuweilen schlechter. Jetzt verstehe ich warum. Durch mein großmütiges Verzeihen habe ich dem
anderen die Gelegenheit genommen, mit mir wieder eine Ebene einzunehmen. Verzeihen dient nicht selten
dem Ausweichen vor einem Konflikt, statt ihn zu lösen.
Wenn ein Opfer dem Täter die Schuld erlässt, das nämlich bedeutet verzeihen meist, wirkt sich das immer
schlimm aus. Versöhnung ist nur möglich, wenn der Unschuldige Wiedergutmachung und Sühne fordert,
er hat sogar im Dienste der natürlichen Ordnung die Pflicht dazu. Umgekehrt hat der Schuldige nicht nur
die Pflicht, sondern auch das Recht die Folgen seiner Tat zu tragen. Er hat auch das Recht mit dem Groll
des anderen konfrontiert zu werden.“ -

Doch solange nicht alle weiteren alternativen Lösungsansätze in Heranziehung der Beleuchtung aller nur
denkbaren Perspektiven eines Menschenlebens schöpferisch wenigstens angedacht und versucht werden,
im tiefen Verständnis eines fremden Schicksals, ist ganz deutlich von bewusstem schuldhaftem
Verbrechen zu sprechen, wie ich die Handhabung bei Dr. Uriel erlebe und dafür wird er zur Rechenschaft
gezogen werden. Denn bei mir konnte von Anbeginn nicht entfernt von Fremdgefährdung durch „die
Schwere meiner Erkrankung“ ausgegangen worden sein, wie es bei Gericht dargestellt wurde, da er mich
ohne Bedenken nach einer Woche wieder entlassen konnte, auch mit der Aussage: „Unsere Station ist nur
ein Auffangbecken für wenige Wochen. Es wäre gut, wenn Sie danach eine Spezialklinik finden, oder zu
Hause wieder alleine zurecht kommen.“
Ja, das wollte ich nach meiner Entlassung im März, als ich mich an jenem Samstag, den 15. März vor
meiner anstehenden Flugreise mit meiner Ärztin telefonieren sehe, um auch ihr Einverständnis für meine
Entlassung zu erhalten. Doch es sollte anderes kommen und meine zweite Aufnahme und Einweisung bei
Dr. Uriel stand ganz klar vom ersten Augenblick meines Eintreffens unter dem Vorzeichen einer
gravierenden Schuld und Fremdgefährdung meiner Person von seiner Seite, ohne Hinzuziehung meiner
Vergangenheit, ohne Beleuchtung aller Perspektiven, ohne auch nur eine einzige Alternative zum Tavor
überhaupt zu versuchen. Unter dem Vorzeichen ebenfalls schwerer Schuld vonseiten meiner Hausärztin,
denn der Hehler ist ebenso schuldig, oder schuldiger als der Stehler.
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Bei meiner zweiten Einweisung war ich weder suizidal, noch lag ich depressiv im Bett. Dr. Gabriel wollte
mich schlichtweg weiter diesen „scharfen Sachen“ ausliefern aus dem einzigen Grunde, dass ich eine
„Behandlung endlich einmal durchhalten solle..“

Und so steht auch die zweite Form von Schuld aus Unkenntnis und mangelnder Differenzierung an
ähnlicher Stelle, vor allem wenn sie von einem Machtorgan ausgeht, das diese Fähigkeiten unbedingt zur
Ausübung des Berufes, der Berufung und zum Nutzen des Patienten mitbringen muss und nicht nur sollte,
um nicht dem Zitat anheim zu fallen: „Macht macht böse“. –

Wenn ein David glaubt, im Wald zu stehen, alles grün sieht und auch wenn er 40 Salatteller
ausschließlich grün garniert, entsteht damit für das Hotel auch ein Schaden, der aber von kurzer Dauer ist
und keine Folgen nach sich zieht, vor allem aber keine Menschenleben fordert.
Oder, wie es Van Gogh ausdrückt: „Weil ich so viele Schwache zertreten sehe, zweifel ich sehr an der
Echtheit von vielem, was man Fortschritt und Bildung nennt.
Ich glaube schon an Bildung, selbst in dieser Zeit, doch allein an jene Art, die auf wirkliche
Menschenliebe gegründet ist. Was Menschenleben kostet, finde ich barbarisch und das respektiere ich
nicht.―

Und so ist es mein einziges Ziel, Bewusstsein zu schaffen für das, was durch schadhafte Fehler,
Dummheit, Unbildung und Fehlentscheidungen aus welchen Motiven auch immer, Menschenleben kostet
und ich habe meinen Brief, den ich ein Jahr nach meiner Entlassung aus München an Dr. Uriel schrieb
mit folgenden Worten aus der Bibel beendet: „Und (I)ihre Werke folgen (I)ihnen nach..―
(…) „Mein ist die Rache, redet Gott“.
Solange ich atme, werde ich nicht schweigen und versuchen, durch „die Klarheit meines Bewusstseins“
dasselbe gerade in denjenigen wach zu rufen, welche in irgendeiner Form und Weise dabei mithelfen, aus
Dummheit, aus Berechnung, dass Menschenleben geopfert werden, auch wenn diese Menschenleben im
letzten Grunde noch sich selber opfern müssen, weil ihnen alle Möglichkeiten genommen wurden, wieder
einen Fuß in ihr eigenes Leben, in ihre innere und äußere Autonomie zu setzen.

Und so möchte ich auch in meinen Hausärzten das Bewusstsein schaffen, dass es nun nicht darum geht,
eigene mögliche Schuld von der Seele abzuwenden mit der Aussage: „Ich bin nicht allmächtig, ich habe
nichts davon gewusst“, das zählt nicht, wie es auch der Gutachter beschrieb, um andererseits so
allmächtig zu sein, über Leben und Tod zu entscheiden in vielerlei Variationen.
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Indess mich meine Hausärztin nach einem halben Jahr der permanenten Tavorüberdosierung und
Zerstörung meines Seelenlebens, meiner inneren Autonomie dann „während einer kurzen Beurlaubung“
aus der Klinik empfängt, wie sie es in ihrer Stellungnahme an das Gericht offen zugab, die angegebene
Diagnose ungeprüft in die eigenen Akten übernimmt, „Paranoide Psychose“, obwohl die Ärzte in den
Münchner Kliniken sofort erkannten, dass es sich um eine Fehldiagnose handelte, um sie sofort wieder
aus den Klinikberichten zu streichen, sie als unwahr anzuerkennen.

Und nicht nur dies, sondern auch noch in ihrer ärztlichen (hausärztlichen) Stellungnahme an das Gericht
ihr eigenes Versagen offen zu bekenne, auch Versehen natürlich, in dem sie schrieb:
„Im Dezember 2008 stellte sie sich während einer Beurlaubung in meiner Praxis vor. Zum ersten Mal
berichtete sie über halluzinatorische Erlebnisse. Ich war erschrocken über die Verschlechterung und auch
über die Tatsache, daß Tavor in diesen Dosierungen und Dosierungsschwankungen gegeben wurde. Mir
war das hohe Suchtpotential bekannt und die – so hatte ich die Literatur verstanden – Kontraindikation
bei Borderlineerkrankungen.“

Ab diesem Moment, der Halbzeit meines Marterweges in der Klinik wohlgemerkt, und nicht am Ende
meines Klinikaufenthaltes, der Verstümmelung in der Stuttgarter Klinik, konnte von der hausärztlichen
Seite ganz evident nicht mehr von einem „nicht gewusst“ ausgegangen werden, sondern von einem „mehr
als im Bilde sein“.
Wie sieht es dann aber mit der Verantwortung aus, die zumindest auf meiner Lebensfahne immer groß
geschrieben wurde?
Wenn ein Mensch in dieser Situation, an jenem entscheidenden Punkt noch hätte eingreifen können, dann
nur und ausschließlich mein Hausarzt. Keine Pflegeeltern, die nicht einmal gesetzlich meine Pflegeeltern
waren, möglicherweise nicht einmal meine Familie, die auch tatsächlich nur partiell im Bilde war und
keine „Literaturkenntnisse“ hatte über Medikamente und meine Situation, weil ich selber keine Kenntnis
darüber hatte, was mir verabreicht wurde. -

Ich habe diesen Lebensabschnitt nun über zwei Tage gedanklich nicht mehr berührt und ebenso habe ich
absichtlich diese Seite noch freigehalten, obwohl ich mein Leben auf den folgenden Seiten weiter
beschrieben habe und nun erhielt ich Antworten in verschiedenen Formen für jene Tatsache, die mich
über die letzten Jahre in Verbindung zu meiner Ärztin sehr schmerzte, nämlich jene, dass sie von der
Zerstörung wusste, aber nichts unternommen hat, trotzdem sie mich gleich in den erste Tagen um
Tagebuchaufzeichnungen gebeten hat und ich ihr von meiner entsetzlichen Verschlechterung und der
Fixierung schrieb.
141

Rechtlich gesehen konnte sie vielleicht tatsächlich nicht viel unternehmen, weil eine Tat, die von anderen
begangen wurde, nur zur Anzeige gebracht werden kann, wenn handfeste Beweise auf dem Tisch liegen,
die ihr wohl nicht in vollem Umfang vorlagen.
Und doch bleibt ein Arzt, auch wenn er sich „Fremdmittel und Hilfe einkauft“, weil die Erkrankung
seines Patienten möglicherweise seine Kompetenzen übersteigt, „immer in der Verantwortung.“

Das Gebot der Liebe heißt im letzten Grunde: Es gibt für dich keine Fremden, sondern nur Menschen,
deren Wohl und Wehe dir angelegen sein muss. Nur wer Ehrfurcht vor dem geistigen Wesen anderer hat,
kann anderen wirklich etwas sein.

Mit einem Anwalt sprachen wir über meinen Prozessausgang, auch über meine Ärztin und Dr. S.
berichtete, wie er selber in einer solchen Situation handeln würde, wenn offensichtlich deutlich wird, dass
hinter den Kulissen Dinge geschehen, die einen Menschen nicht nur zerstören, sondern ihn auch über
viele Monate gefangen halten, ihm seine Freiheit rauben und immer wieder, schon zu Beginn,
Schreckensnachrichten nach draußen dringen.
Er würde zunächst mit der Patientin selber Kontakt aufnehmen und wenn er daraus keine weiteren
Erkenntnisse gewinnen kann, aber erkennbar ist, dass es gravierende Zustandsunterschiede vor und
während des Klinikaufenthaltes gibt, würde er sich selber ein Bild machen und ohne Vorwurf und
Anschuldigungen mit den Ärzten und Pflegern vereinbaren, dass die Medikamente gemeinsam überprüft
werden. Als Hausarzt gäbe es das Recht dazu, auch Einblick in die Verlaufsberichte, die Akte und
Verabreichung der Medikamente zu erhalten, um dann anzumerken, dass gerade Tavor in dieser Dosis
und Dauer kontraindiziert sei bei einer Borderlineerkrankung.

Möglicherweise wäre es mir dann noch gelungen, rechtzeitig auszusteigen aus der Achterbahn.
Einige Freunde schickte mir folgenden Spruch und ich möchte ihn so weiter geben an alle Menschen, die
versuchen, den Menschen, der Menschheit zu dienen, ihr zu helfen, zu erkennen, zu verstehen, ohne
Machtbestrebungen und Ignoranz, ohne Kälte und Distanz an der falschen Stelle, sondern in tiefer
menschlicher, wahrhaftiger Liebe, in Rücksicht und Nachsicht, in Verständnis und Intuition, um zum
wahren Menschentum zu gelangen. Um nicht in dem „Eremiten“ Glauben gefangen zu bleiben,
allmächtig zu sein, die Weisheit und Wahrheit einzig zu kennen, um dann doch den vermeintlichen
„Erzengel Gabriel“ nicht als Täuschung zu erkennen und sich damit selber der Lügen zu strafen und zu
entlarven:

"Das wichtigste im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen."
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Meine liebe Sophia,


von diesen hast du bis jetzt sehr viele hinterlassen in vielen Herzen und wirst es sicher noch weiter tun!
Deine Freunde
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Kapitel: Gegenwind – Schwierige Charaktere und allerschlimmste Höllennacht

Dem Menschen, der der Menschlichkeit entbehrt, helfen keine frommen Gesten.
Konfuzius

Aber, wie es bekanntlich heißt, der Mensch denkt – oder denkt nicht und Gott lenkt – oder eben nicht.
In jedem Fall begann nun eine engmaschige hausärztliche Anbindung und ich hätte diese drei Jahre ohne
Dr. Gabriel wohl nicht in dieser Weise bewältigen können. Sie stand mir mit Rat und Tat zur Seite,
wanderte mit mir geduldig und aufopfernd von einer Krise in die nächste, da nach der ersten
aufsteigenden Phase, die ich mit ganzer Hoffnung und Freude begrüßte, am Ende des folgenden Jahres
2011 die absteigende Phase sich ankündigen sollte, die im Jahre 2013 mit dem Ausgang meines überaus
erschöpfenden Prozesses gegen die Handhabung in der Stuttgarter Klinik in die der vollkommenen
Aussichtslosigkeit und körperlich - seelische Auszehrung durch 20 - monatige Nahrungslosigkeit münden
sollte. Allerdings erkannte ich leider nicht die Schlange in ihr, die vordergründig, mehr zum Schein, das
Blätterwerk meines Lebensbaumes pflegte und versorgte, um mir im Untergrund die Wurzeln zu
durchtreffen, wie es sich mehr und mehr offenbaren sollte und wie es mir nach knapp vier Jahren auch die
Kriminalpolizei mitteilte.
Vielleicht war es tatsächlich ihr Anliegen nach meiner Entlassung, mir aufrichtig zu helfen und
beizustehen in der Hoffnung, ihre eigenen Taten könnten unentdeckt bleiben und nicht in den Fokus der
Anklage geraten, wie ich es mit der Klinik anstrebte.
Doch als auch die Menschenrechtskommission auf mich aufmerksam wurde und die Taten meines
Hausarztes immer mehr in den Mittelpunkt rückten, ohne dass ich es selber merkte, weil ich es nicht
wahrhaben wollte, da versuchte sie mich objektiv und beweisbar auf vermeintlich legalem Wege zu
beseitigen und in das Reich des Todes zu befördern.

Doch im Jahr 2010 nach meiner Entlassung wollte ich meine Autonomie zurückerobern und musste doch
feststellen, dass ich in mir selber und somit auch im Außen mein eigener Gefangener bleiben sollte und
musste, um somit notgedrungen in schwersten Zeiten die Kräfte meiner Ärzte oftmals weit über die
Grenzen ihrer Möglichkeiten beanspruchen zu müssen und ich möchte an dieser Stelle meinen tiefen
Dank aussprechen für die Unterstützung von Dr. Gabriel in umfassendem Ausmaß und die Unterstützung
von Dr. Reiner hinsichtlich meines Prozesses, den ich hier noch beschreiben möchte, für die Zeit, in der
sie noch an mich glaubten, an meine Genesung und meine innere Kraft und Stärke. In der sie mich auch
mit ihren motivierenden, stützenden Kurznachrichten auf dem Handy, oder E Mails am Leben und über
Wasser gehalten haben, auch für die Zeit, in der mich Dr. Gabriel nicht nur ein Mal zu nächtlicher Stunde
144

irgendwo im Wald abgeholt, oder mich zurückgelotst hat, als ich schon im Zug saß, um dem
Anklagedämon Suizid die Hand zu reichen, weil die Entzugsphänomene einfach nicht enden wollten.

Und immer war in der Anfangszeit meines schweren Entzuges meine Rettung im letzten Moment mit dem
Fluidum ihrer Person verknüpft, das ich noch näher herauskristallisieren möchte, dessen Wirkungsweise
mir unbekannt ist, gerade auch, weil ich oft den Eindruck gewinnen musste, dass wir zwei verschiedenen
Sprachen sprechen, dass die mündliche Kommunikation für mich und für andere mit ihr extrem schwierig
war und oftmals ins Diffuse, in den Urwald abzugleiten drohte. Dass sich unsere Kommunikation wohl
mehr auf der nonverbalen metaphysischen Ebene bewegte und doch Wirkung zeigte, weil ihr Wort, das
gesprochene, oder das auf morphogenetischer Ebene, vielleicht geistig ausgetauschte, für mich
Richtschnur war und sogar unbedingten Gehorsam hervorbrachte. Einen Gehorsam, der von Anfang an
mein Untergang sein und bleiben sollte.

Mit unermüdlichem Einsatz, innerer und äußerer Bereitschaft hat sie mich durch den Beginn meines
Hoffnungstales den Berg hinauf geführt, von dem aus ich die Sonne wieder etwas besser sehen und
wahrnehmen durfte und tatsächlich schien mir die Sonne am Ende des Jahres 2010 zum ersten Mal ein
paar winzige Strahlen schenken zu wollen und auch meine unermesslichen Anstrengungen sollten belohnt
werden und für ganz kurze Zeit ihre Fühler zum Licht ausstrecken. Buchstäblich zum ersten Mal, nach
dem langen, düsteren, dunklen Winter, der sich über drei Jahre nicht verabschieden wollte, um seinen
nachtschwarzen Mantel über mich zu breiten.
Dr. Gabriel war es, die meine rebellische Natur zähmte, wie der kleine Prinz seinen Fuchs und sie war es,
die in mir selber das Eis zu brechen verstand, das über 36 Jahre versteinert und gefroren meine Tränen
versiegen ließ.
Als meine Mutter starb, als ich in München mit schwersten Entzugssymptomen über die Grenzen meiner
Kraft geführt wurde, hörte ich die Ärzte oft über mich und auch mir persönlich sagen: „Ich verstehe nicht,
dass sie niemals weint. Hat irgendjemand sie je weinen sehen?“

Nein, weinen war für mich ein Fremdwort und seit meinem dritten Lebensjahr aus meinem Lexikon für
immer ausradiert, als meine Tränen in dem Klinikkerker endgültig versiegten. Und auch meine Mutter
konnte sich kaum an Situationen erinnern, in denen ich geweint hätte.

Meine Ärztin jedoch verstand es, dieses gefrorene Eis zum Schmelzen zu bringen und die Verletzlichkeit,
die sie in mir erzeugte, in positiver und negativer Ausrichtung, die mich gerade ihr gegenüber sehr
145

empfindlich werden ließ war es, die auch mich in Bezug auf sie oftmals an meine Grenzen führte und ich
habe unermüdlich versucht ihr zu beschreiben, was mich auch in ihrem Verhalten so schmerzte.
Ich wollte auch verstehen, warum sie mich, nachdem sie mich nach wenigen Monaten purer Folter in der
Stuttgarter Klinik persönlich vor sich stehen sah und erschüttert war über die Verschlechterung, dennoch
alleine gelassen hat, als ich selber nicht mehr handeln konnte und durfte und so hat auch sie mich oftmals
an meine Schmerzpunkte und weit darüber hinaus führen müssen, gerade weil ich ihr umfassend
vertraute. Wir erkannten leider alle erst hinterher, dass sie mich wohl auch absichtlich in eine weitere
Abhängigkeit, nämlich ihrer Person führte, die sie dann oft zu meinem Schaden ausreizte, in
Vorsätzlichkeit, wie es uns schien und wie es die Polizei auch ausdrückte, um an einem schwachen
Menschen ihre Stärke und Macht zu demonstrieren.
Am Ende meines Weges mit ihr sollten sich ihre Machenschaften gnadenlos entlarven, als ihr das Eisen
dann doch zu heiß wurde, als eine Menschenrechtsorganisation sich für mich interessierte, als ich im
Fernsehen auftreten sollten und sie sich meiner entledigt hat mit schwerster unterlassener Hilfeleistung,
die mich bis zum Koma tatsächlich fast über die Schwelle des Todes katapultierte...

Und so mag ihr dieses Vertrauen wohl manchmal innere Unannehmlichkeiten bereitete haben auf der
Basis der möglichen empfundenen Überschreitung der Distanz eines Arzt – Patienten Verhältnisses, da
ich sie auch oftmals als Notarzt außerhalb ihrer Sprechzeit brauchte, der sie nicht war. Aber auch an
dieser Stelle waren die großen Emmentalerlöcher in der Kommunikation mit ihr das, was derlei
Situationen ausgelöste und doch immer nur zu meinem Schaden ausgegangen ist.

Ich bin eine sachliche, distanzierte, rationale, analytisch denkende, oftmals auch unnahbare Jungfrau – im
Sternzeichen versteht sich - , wie mich meine Mitmenschen auch erleben, trotz meiner „Weichheit und
meinem liebevollen Umgang mit meinen Mitmenschen“. Ich respektiere die Grenzen und brauche sie
auch selber und ich bin nicht aus dem Holz geschnitzt, jemandem überschwänglich um den Hals zu
fallen, die Grenzen des Gegenübers damit zu übertreten, im Gegenteil. Eine tiefe Angst vor Berührung,
vor seelischer und physischer Berührung zeichnet mein Wesen aus und ich brauche den Abstand, die
Distanz, ich brauche den Freiraum, weil sogar Blickkontakt in mir Ängste erzeugt, die wohl aus meiner
Kindheit kommen. Ich brauche meine eigene Unabhängigkeit, meine Autonomie um mir selber treu zu
bleiben und doch kann ich sagen, dass ich nach jeder wahrhaftigen und verstehenden Begegnung, wenn es
sie gab mit meiner Ärztin, meine Umwelt wieder besser ertragen konnte, dass sich diese von mir
aufgebaute Distanz zu derselben verringerte und verkleinerte.
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Diesen Menschen, meine Ärztin, zeichnet ein sehr langer Atem aus, Geduld und ein unermesslicher
Arbeitseifer auch noch zu mitternächtlicher Stunde, nach einem langen, erschöpfenden Tag als Arzt und
Therapeut, als Schularzt und Arzt in Altersheimen, als Geiger und Mitglied eines Orchesters, als
strebender Mensch nach Erkenntnis, Weiterbildung und Fortbildung, auch noch meine 1000 Briefe,
welche nicht entfernt als „Kurznachrichten“ bezeichnet werden können, wenn man den Schriftsteller in
mir kennt, verteilt auf über drei Jahre, mein Buch von fast 1000 Seiten, ein weiteres Buch von 450 Seiten,
meine unzähligen Faxe zu lesen, um mich, mein Leben und Wesen zu verstehen, die vom Atem des
Todes, meiner Todessehnsucht, von Auferstehung und meinen übersinnlichen Wahrnehmungen
durchzogen waren. Und ich habe das Schreiben gebraucht, weil ich fühlte und immer wieder erleben
musste, wie auch in München, dass wir verschiedenen Sprachen sprechen, dass sich meine Leiden im
Unsichtbaren bewegen und ich sie sichtbar ans Tageslicht bringen wollte, um die Klarheit der Wahrheit
herauszuarbeiten. Vor allem aber waren meine Briefe für mich der „Skill“, mich nicht schneiden zu
müssen, oder andere Dummheiten anzustellen, um mich wieder selbst zu fühlen und den Atem meines
Schicksals, um zu verstehen und verstanden zu werden.
Für meine „starke Jungfraubesetzung“ und dem Bedürfnis nach Seelenreinigung ist diese Klärung die
wichtigste Basis zwischenmenschlichen Zusammenlebens und – Wirkens, um Zerstörung aus
Unverständnis und Missverständnis zu vermeiden.

Es entspricht wohl meinem Lebensgesetz, meine Leiden immer wieder beweisen zu müssen und doch auf
Unverständnis zu stoßen, wie es auch in München eine Nachtschwester mir sagte: „Wenn Sie sich noch so
klar und intelligent äußern können, glaube ich Ihnen Ihre Angstzustände nicht.“ Oder „Immer dasselbe
mit ihr“.. Dabei wollte ich alles andere, als in diesem entstandenen Leid und Schaden gefangen zu
bleiben.
Ich habe häufig auf das Schicksal von Kaspar Hauser Bezug genommen und auch dort wird erlebbar, dass
sein Überleben über 12 Jahre, alleine im Kerker bei Wasser und Brot gefangen zu sein, die Menschheit in
der Weise an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft führt, dass sein Leiden unglaubwürdig erscheinen mag
und somit der Glaube an seine Gefangenschaft.

Und ebenso fühle auch ich mich und mit unermüdlichem Einsatz auch von meiner Seite versuchte ich
Bewusstsein zu schaffen, meine seelische und auch physische Gefangenschaft dieser 2-3 Jahre zu
erklären, die sich auch nach meiner Entlassung noch weiter zog bis zum heutigen Tag, verständlich
werden zu lassen und musste immer wieder schmerzhaft fühlen und erkennen, dass es das
Vorstellungsvermögen nahezu aller Menschen dieser Welt bei weitem sprengt und überschreitet.
147

Und doch habe ich damals selber noch daran geglaubt, irgendwann wieder an mein vorheriges Leben
anknüpfen zu können, an mein Glück im Menschlichen und in jeder Hinsicht, wie ich es noch
beschreiben möchte, gerade in den Jahren von 2003 bis 2007. –

Nun schien es am Ende des Jahres 2010 so zu sein, dass ich wieder meiner Unabhängigkeit entgegenging,
meine Wohnung war wieder schön hergerichtet, ich hatte neue Nachhilfeschüler gefunden mit Bernds
Hilfe. Ich war im Begriff, meine Betreuung abzulegen, um meine Dinge wieder selber in die Hand zu
nehmen. Von September 10 bis Januar 2011 konnte ich alleine sein, in meiner Wohnung auch alleine
schlafen, alleine zur Nachhilfe gehen, zu den Infusionen, die nun an jedem Wochentag stattfanden und
auch mir helfen sollten, wieder ins Leben zurück zu finden.

Doch der Autounfall sollte meine wiedergewonnene Freiheit zunächst etwas beschneiden und so sehe ich
mich Anfang November mit Bernd und David im Warteraum einer Klinik sitzen, weil ich unerträgliche
Kopfschmerzen hatte, das Gefühl, mein Kopf stecke in einer Schraubzwinge und ich glaubte mir ganz
sicher zu sein, dass der Tavorentzug in meinem Kopf sichtbare, zerstörerische Spuren hinterlassen habe,
die diagnostisch wahrnehmbar wären. Ich wurde stationär aufgenommen, musste aber am Ende des
Klinikaufenthaltes, wie immer, erkennen, dass nichts von meinen unerträglichen Qualen durch die
gängigen diagnostischen Methoden für das Auge offenbar wurde, dass sich alles im Unsichtbaren
bewegte, sowohl die muskuläre Disposition, als auch die Zerstörung meines Gehirnstoffwechsels durch
das Tavor und allen anderen unzähligen Medikamenten, die ich in diesen 2-3 Jahren erhalten und
eingenommen hatte.

David war für mich zu jener Zeit eine gewaltige Herausforderung. Er hatte seine letzten drei Jahre in
nahezu völliger Einsamkeit verbracht, weil er die Menschen nicht verstehen und ertragen konnte. Nach
seiner Kochausbildung war er über Jahre Schwerstbehindertenpfleger und begleitete seinen Vater durch
das letzte Jahr seiner Krebserkrankung. Nach dem Tod seines Vaters erhielt er eine große Summe
Erbengeld, von dem er diese drei Jahre in Abgeschiedenheit von der Welt lebte.
Er fühlte immer, dass mit dieser Welt und deren Machtbestrebungen und Zerstörungsimpulsen
irgendetwas nicht stimmen, er fühlte die Unaufrichtigkeit hinter den Masken, die er sich nicht wirklich
erklären, sie näher bestimmen konnte und er betete zu Gott, er möge ihm eine sinnvolle Lebensaufgabe
schicken, ohne Falschheit und Verlogenheit, um sich weiter entwickeln zu dürfen.
Als sein Erbengeld dem Ende entgegenging, beschloss er mit drei Freunden noch einen Dubai Urlaub
anzutreten im Bewusstsein dessen, dass diese Reise sein Leben um drei Monate verkürzen würde, da er
148

zunehmend depressiver wurde und sich nicht mehr vorstellen konnte, eine Arbeit anzunehmen und sie
durchzuhalten.
Ein hohes Aggressionspotential zeichnete sein Wesen und Verhalten aus und so versuchten sich auch
seine Mitmenschen von ihm zu distanzieren und doch hatte er gute und tragende, über Jahre bestehende
Freundschaften. Aber seine eigene Seele fand zu niemandem eine Brücke und so war und blieb er nicht
nur für seine Familie unsteuerbar, unlenkbar, unberechenbar, sondern auch für seine gesamte Umwelt und
sich selber.
Doch unser gemeinsames Schicksal wollte es so, dass gerade seine Dubai Reise, die seine Lebenszeit, wie
er es fühlte und berechnete, um drei Monate verkürzen sollte, uns in München Haar, in der Isar Ampar
Klinik im selben Haus zusammenführen sollte und wir erkannten uns dennoch nicht. Die Giraffe und der
Gnom, wie er sich bezeichnete. Im Gegenteil, wir waren uns vom ersten Augenblick an unsympathisch
und vermieden es, miteinander ins Gespräch zu kommen.
David lernte erst nach seinem Umzug nach Stuttgart, mit der Sprache und dem Sprachorgan in der
richtigen Weise umzugehen. In München wurde er nicht verstanden, weder akustisch, noch vom Sinn
seiner Worte.
Seiner Einweisung voran ging ein Erlebnis auf der höchsten Brücke in München, von der er in den Tod
springen wollte. Über Stunden saß er auf jener Brücke, ohne den „Mut“ zu haben, hinunter zu springen,
als er um mitternächtliche Stunde eine vollkommen weiße Gestalt unter sich laufen sah, die in eine
Richtung lief, welche auf der anderen Seite der Brücke in eine Sackgasse mündete.
Die Gestalt hätte also wieder für David sichtbar werden müssen auf ihrem Rückweg, aber sie war und
blieb verschwunden. Nach diesem Erlebnis, das ihm einen Hauch von Schicksal und Überirdischem
vermittelte, rief David seinen besten Freund an, der die Polizei alarmierte und so trafen sich unsere Wege
an der zeitlichen Stelle, als ich nach vier Monaten in München auf die geschlossene Station verlegt wurde
und Bruno mich mit David besuchen kam, als David gerade entlassen werden sollte, also in letzter
Minute. -

Nun war ich im Oktober 10 ausgefüllt mit verschiedenen Aufgaben: Zum einen hatte ich sehr viele
Nachhilfeschüler und gab nahezu jeden Tag, auch am Wochenende, eine Doppelnachhilfe über 5-7
Stunden am Stück. Zum anderen ging ich noch in die Chöre, die Sprachgestaltung und die Eurythmie.
Ich begann wieder zu portraitieren, vor allem meine Schüler, um sie auch besser zu verstehen, ich
arbeitete jeden Tag bis zu drei Stunden in meinem Garten, der nach meiner langen Abwesenheit sehr viel
Aufmerksamkeit benötigte und ich betreute mindestens zwei Menschen, die ebenfalls meine ganze
Aufmerksamkeit forderten, David und Markus.
149

Denn David war anfangs auch für mich schwer zu steuern und nicht selten gab es Augenblicke, in denen
er mir den vollen Teller in meiner Wohnung hinterher warf, sein Handy zertrat, oder meinen
Haustürschlüssel in den Gulli warf, um mich anschließend irgendwo im Wald liegen zu lassen. Die
Gründe seines Verhaltens lagen nicht in mir begründet, sondern in meinen Freunden und Mitmenschen,
die in seinen Augen unendlich viele Fehler an mir begingen und seinem Streben nach Ordnung,
Sauberkeit, vor allem Struktur in jeder Hinsicht, widerstrebten. Aber auch seine Lebensweise widerstrebte
mir, denn ich brauchte ebenfalls absolute Struktur und Rhythmus und es war Schwerstarbeit für mich, ihn
jeden Morgen immer wieder aufs Neue an alle Dinge zu erinnern, ihn zu ermahnen, aufzustehen, ins Tun
zu kommen, da er jeden Tag bis 13 Uhr im Bett zu liegen pflegte und damit auch mein Wohnzimmer
besetzte. Ich führte jeden Tag stundenlange therapeutische Gespräche mit ihm, sang mit ihm, gab ihm
auch die Möglichkeit, im Rahmen seiner Kräfte, in meinem Garten mitzuhelfen, gab ihm Struktur und
Rhythmus, wobei ich immer das treibende Rad zur Tat war, während er oftmals im Gras lag und sagte, er
schaffe das nicht mehr, er könne nicht mehr, auch nicht meine Pflegeeltern ertragen.
Zu dieser Zeit konnte ich noch nicht ahnen, dass meine Anstrengungen, ihm im Dienste seines Schicksals
zu helfen, in ihm, durch mein strukturiertes Handeln, wie es immer bezeichnet wurde, die
Spiegelneuronen zu aktivieren, sich in der Weise auszahlen würden, dass seine ganze Familie und sein
Freundeskreis nun vor einem Wunder stehen. Denn heute kommt es vor, dass David auch mein
Therapeut ist, er gibt mir Halt und hilft mir, meine, durch die Auszehrung und den Alkohol verloren
gegangene Struktur wieder aufzugreifen.
Die Gespräche mit ihm sind für mich heute Überlebenselixier und immer wieder stehe ich sprachlos vor
seinen Ausführungen und erlebe sie oftmals als Volltreffer, die ich als wahr empfinde, wenn er eine
Situation beurteilt, oder die verschiedenen Charaktere unserer Mitmenschen und auch sein eigenes
Verhalten ganz klar, differenziert im Nachhinein einschätzen und sogar knallhart verurteilen kann.
Und das ganz ohne Selbstanklage und ohne sich selbst zu demütigen, sondern um „daraus zu lernen“.
Auch in meiner Biographie gibt es viele Erkenntnisse, die von ihm stammen und ich habe selten einen
Menschen getroffen, der in Bildern gesprochen so viele Vergleiche zu Verhaltensweisen und
Handlungsweisen in sekundenschnell zu finden vermag, als David.

So unsagbar schwer die ersten 2-3 Jahre auch mit ihm waren, denn viele Krisen in diesen Jahren hat er
einfach erzeugt und produziert, so weiß ich heute, dass er in meinem Leben einer der wichtigsten
Menschen ist und es vergeht kein Tag, an dem wir uns nicht gegenseitig danken in tiefem seelisch-
geistigen Verstehen und jeden Abend erhalte ich unzählige Kurznachrichten von ihm, in denen er mir
dafür dankt, dass ich ihm ein neues Leben geschenkt habe. Dass er durch mich so vieles erkennen und
150

verstehen durfte, dass er durch mich nicht mehr suizidal ist, seine erste, eigene, wunderschöne Wohnung
habe, dass er in mir seine „Lebensaufgabe“, um die er Gott einst gebeten, gefunden habe mit den Worten:

„Für dich da zu sein, deinen Kampf mitzuerleben, Bewusstsein zu schaffen in der Welt durch deine
Bücher, deinen Prozess und dein Dasein, wo könnte ich eine noch sinnvollere Aufgabe finden?
Vor alle weil du, wie es auch dein Freund Dostal schreibt, in den Menschen etwas erzeugst, was ihnen
Mut, Kraft und Durchhaltevermögen gibt, weil wir in dir die Wahrheit und Liebe erleben, vor allem aber
den Wunsch, sich zu entwickeln, um mit dir Schritt halten zu können.“
(…) „Himmelslicht im üblichen Erdendunkel“ (Dostal) –

Dies nun war im Jahre 2010 meine erste Aufgabe im Menschlichen und nicht zuletzt, dass ich meinen
Schülern nicht nur Wissen zu vermitteln - und das sehr erfolgreich, - sondern eben auch jene
menschlichen Keime zu legen versuchte, sodass ich nicht selten von Eltern angerufen wurde, die mir
sagten, ihre Kinder brächten nicht nur Glanznoten mit nach Hause, sondern seien auch nach jeder
Nachhilfe liebevoller, rücksichtsvoller und ruhiger geworden sind, dass sich sogar ihre Schrift sehr positiv
verändert habe.
Als betreuter Betreuter hatte ich auch noch Markus zu betreuen, der mich jeden Abend von München aus
anrief, um mir mitzuteilen, wie er seinen Tag im Tavorentzug bewältigt hatte, um ihm meine Erfahrungen
mitzuteilen und ihm Mut und Hoffnung zu geben. Er war verzweifelt und heute verstehe ich ihn sehr viel
besser, als ich ihn damals verstand, weil ich zu jenem Zeitpunkt noch glaubte, dass der Geist sich den
Körper baut und alles überwinden kann, trotzdem ich selber noch von einer Krise in die nächste taumelte.
Aber solchen grausamen Zerstörungen ist niemand gewachsen, kein Geist, kein Christus selber…

Damals schöpfte ich jedoch noch aus einem ganz besonderen Selbstbewusstsein, das sich mehr und mehr
verabschiedete und ich wusste nicht, woher es kam, denn von dem Umfang der Zerstörung in der
Stuttgarter Klinik hatte ich damals noch wenig Kenntnis und doch wusste und fühlte ich, dass ich etwas
geschafft hatte, was als Herausragend bezeichnet werden konnte auch wenn es niemand sehen und
nachempfinden konnte, weil es alle Grenzen der Vorstellung sprengt. Ich konnte damals nicht ahnen, dass
mich die schlimmste Nacht meines ganzen Lebens auf den 5. Dezember 10 noch erwarten sollte, in der
meine Kräfte endgültig zu brechen drohten.
Ich hatte schon beschrieben, dass ich jede Nacht erst gegen 3 Uhr morgens etwas Schlaf fand, nachdem
ich über viele Stunden nicht richtig einschlafen konnte und doch, durch die Medikamente, in einen
Dämmerzustand fiel, aus dem ich nur immer und immer wieder nach Hilfe rufend hochschreckte, weil ich
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in einem Zwischenreich zwischen Schlafen und Wachen, Leben und Tod, gefangen war. Schon das war
Folter, -jede Nacht, immer wieder über viele Jahre.

In jener Nacht muss ich wohl den Freitod von Markus wahrgenommen haben, ferner wurden wir beide in
München von einem Dilettanten behandelt und misshandelt, der glaubte, eine Augentherapieform mit uns
durchführen zu können, die uns beide fast in den Tod katapultierte und ich hätte diese grausame Nacht
ohne die Hilfe meiner Pflegemutter niemals überlebt:
David und ich fuhren an dem Tag vor der besagten Nacht nach München, um sowohl meine
Musiktherapeutin, als auch Markus zu besuchen, der sich wieder auf einer geschlossenen Station in Haar
eingefunden hatte. Sein Zustand war erschütternd und brachte auch mich an meine Grenzen weil ich
fühlte, dass auch auf mich eine solche Aussichtslosigkeit noch warten sollte.
Markus saß teilnahmslos in einer Ecke, seinen Unterarm „zierte“ eine 10 Zentimeter lange, dicke Narbe,
er hatte sich die Pulsader aufgeschnitten und wurde nach dem sechsten Versuch nochmals von seinen
besten Freunden im letzten Moment in seiner Wohnung gefunden. Er saß nur da und hielt sich die Ohren
zu, konnte keine Geräusche mehr ertragen. Wenn ihm jemand zu nahe kam, schrie er ihn an, er konnte
weder Berührung, noch Licht, noch Lärm, noch Gespräche mehr aushalten und hatte 20 Kilo
abgenommen. Wurde er gefragt, wie es ihm ginge, so sagte er, wie ich heute die Unwahrheit, es ginge
ihm gut, weil die Mitmenschen, vor allem Ärzte, ja immer „sehr viel besser“ Einblick haben in die eigene
Verfassung, als man selber, als verblendeter psychisch Kranker!
Sie ahnen nur nicht, dass viele von ihnen „Eremiten“ sind, wie ich es in der Legende von Michael Ende
zum Ausdruck brachte.
Markus hatte vollkommen resigniert, kapituliert und erst heute verstehe ich seine damalige
Seelenverfassung.
Ein neunmalkluger dilettantischer, autodidaktischer Scheintherapeut hatte Markus an jenem Tage besucht
und versuchte uns beide durch seltsame chinesiologische Therapiemethoden vor unserem Untergang zu
bewahren, welche tragische Ironie, denn heute ist mir bewusst, dass seine Begrenztheit, sein
Dilettantismus mitverantwortlich war für meine anstehende Höllennacht und vermutlich für Markus Tod
über einen Monat später, als letztes Zünglein an der Waage.

David und ich fuhren zunächst schweigend die vier Stunden im Bummelzug von München zurück nach
Stuttgart. Ich war zerfetzt und fuhr innerlich Achterbahn.
Um mich abzulenken, las ich David von Rossegger vor, da ich mich nur mit ganz irdischen Dingen, wie
dem Waldbauernbuben auf dem Boden halten konnte. Geistiges, Übersinnliches, Dunkelheit erzeugte in
mir eine unbeschreibliche Angst, die kaum zu ertragen war.
152

Doch die Strapazen der Reise, die Begegnung mit Markus und dem „Therapeuten“ waren so gewaltig,
dass ich schon ahnte und fühlte, dass mich die anstehende Nacht umzubringen gedachte.
Meine Vorahnungen trafen ein: ich fand keinen Schlaf, ich fuhr unentwegt Achterbahn, fühlte mich aus
meinem Körper herausgeschleudert, in tausend Einzelstücke zerlegt, mit gewaltigen, permanenten und
penetranten Angstzuständen und immer wieder versuchte ich aufzuspringen, mit der Intention, aus dem
dritten Stock zu springen, diesen unerträglichen Zustand zu beenden, für immer. –

Niemals in meinem ganzen Leben zuvor habe ich solche Zustände erlebt, niemals solche Nächte, nicht im
Entferntesten, nicht einmal ansatzweise in dieser Form. Mein Überleben und somit die Entstehung meiner
Biographie und allen Hilfen, die ich meinen Mitmenschen und Schülern noch zukommen lassen konnte,
habe ich einzig und alleine meiner Pflegemutter zu verdanken, die bis fünf Uhr morgens an meinem Bett
saß, mich massierte, um mich wieder selber zu spüren und ihre ganze Kraft, auch innere
Gebetsstimmungen mir versuchte zufließen zu lassen.
Gegen sechs Uhr glitt ich durch sehr viele Medikamente in einen schlafähnlichen Zustand und erwachte
gegen acht Uhr vollkommen zerschlagen und immer noch zerstückelt.
Vielleicht gelingt es mir ansatzweise an dieser Nacht der Nachwelt die Tatsache meiner unermesslichen
Anstrengung verdeutlichen, mir das allerletzte abverlangt zu haben, denn ich sehe mich an jenem
darauffolgenden Sonntag mit David durch den Schlosspark zum Bahnhof laufen, um eine fünfstündige
Nachhilfe bei vier anstrengenden und lauten Kindern anzutreten, die mir vortrefflich gelang, trotzdem ich
glaubte, sie niemals überstehen zu können.
Ich erzählten diesen Kindern auch von der Schönheit der Welt, von meinem Leben, vom Sonnengesang,
trotzdem ich in der Nacht zuvor dem Dämon selber ins Auge geblickt und fast mein Leben an diesen
verloren hätte und ich wusste tief in mir, dass dem, der alles zu verlieren vermag, auch sein unantastbares
Inneres, dass dem alles Gewinn wird und das Leiden seine Seele läutert zu schöpferischer Macht. Denn
„je unergründlicher ein Mensch leidet, umso unergründlich mächtiger wird er― und diese Macht ist
ebenso eine schöpferische und keine zerstörerische. Was mich zerbrechen sollte, härtete mich zuvor und
was mich härtete, zerbrach mich. Und immer kam mein Genius, mein Stern, der mich führte, vom
Inkommensurablen und war nicht mehr Elegie der Ahnung, sondern Tragik des Schicksalerkennens. -

In der folgenden Woche sollte mir meine Hausärztin die wichtigste Medizin in diesen Jahren
verabreichen, nämlich die sogenannten „Nottropfen“, eine Mischung aus drei wichtigen homöopathischen
Arzneien wie Phosphor, der Lichtkraft, Veratrum Album und Aconitum. Diese Kombination war für mich
tatsächlich wahrnehmbar und fühlbar, gerade weil ich den Eindruck gewinnen musste nach dem
Tavorentzug, oder währenddessen, dass die Homöopathie nicht mehr wirken konnte, so wie ich es früher
153

erlebte. Denn seit meinem 14. Lebensjahr habe ich mich intensiv mit der Homöopathie befasst und konnte
sowohl bei mir selber, als auch bei meinen Mitmenschen, auch Dank meiner Intuition, teilweise
herausragende Ergebnisse erzielen. Nicht selten habe ich einem Schüler vor seinen Prüfungen morgens
beigestanden mit dem vorgesehen Mittel gegen Angst und Unsicherheit vor Examina in niedrigen
Potenzen und die Kinder sagten mir tatsächlich, dass sie kaum noch Furcht vor den gestellten
Erwartungen und Aufgaben fühlten.
So habe ich auch in meiner Kindheit und Jugend, denn ich sagte schon, dass ich ein Gesundheitsapostel
war, der sich niemals auf chemische Keulen einließ in 33 Jahren, nicht einmal auf eine Schmerztablette,
jeden Kopfschmerz, an dem ich häufig litt, auch im Zusammenhang mit muskulärer Überforderung, mit
dem Mittel „Belladonna“ erfolgreich lindern, sogar heilen können und jede Magenverstimmung mit Nux
Vomica oder Veratrum Album.
Nach der Entlassung aus der Stuttgarter Klinik versuchte ich ebenfalls, die schweren Symptome von
Angst, Schlaflosigkeit, Depression und Verzweiflung mit verschiedenen Mittelchen zu bekämpfen,
jedoch zum ersten Mal ergebnislos, da mein Körper offensichtlich nur noch auf „scharfe Sachen“
reagierte und mit ihnen rebellisch und in der falschen Richtung, mit dem offenkundigen Ziel einer
weiteren Zerstörung. -
Aber jene Nottropfen kamen damals zum richtigen Zeitpunkt, wie auch weitere homöopathische Tropfen
von meiner Ärztin, um das Einschlafen zu erleichtern und tatsächlich sollte dieser gute medizinische Griff
von ihr für kurze Zeit am Ende des Jahres 10 Linderung bringen und so fuhr ich kurz vor Weihnachten
mit David und meinen Pflegeeltern in einen Kurort, an dem wir Weihnachten feiern wollten in
Anbindung an eine anthroposophische Klinik dort, in der Dr. Gabriel einst selber ärztlich tätig war.
Sie hatte für mich dort Termine ausgemacht, an denen ich über die Feiertage eine Infusion erhalten sollte
und ich erinnere diese Reise sehr genau, weil am 26. Dezember 10 zum ersten Mal, nach fast drei Jahren
schlimmster Depersonalisationszustände, ein Lichtschimmer, der winzige Funke einer Besserung mich
und damit meine Seele, mein Ich erreichen sollte. Nach fünf Monaten heftigstem Entzug, an dem ich
jeden Morgen innerlich in aller Aufrichtigkeit meinen Zustand zu scannen versuchte, ob sich irgendetwas
geändert habe, auch wenn dieser Funke nur von ganz kurzer Dauer war.
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Kapitel: Weihnachten oder noch einmal ausatmen und Luftholen

Es ist leicht, geboren zu werden, aber schwer, ein Mensch zu werden.


Von den Philippinen

Jene Fahrt in den kleinen Luftkurort lebt auch deswegen stark und einprägsam in meiner Erinnerung, weil
wir schon die Nächte für eine Woche dort gebucht hatten, weil alles vorbereitet wurde, auch von meiner
Ärztin, weil wir schon alle im Auto saßen, als dichtes Schneegestöber uns teilweise die Sicht verwehrte
und mein Pflegevater sich deshalb weigerte, die weite Reise durch schneeverschneite Straßen anzutreten.
Ich war verzweifelt, denn wir hätten diese Nächte dort auch ohne Aufenthalt zu bezahlen gehabt und ich
hatte mich sehr auf den friedlichen Ort gefreut, auf die schön gestalteten Weihnachtsfeiern in der Klinik
und so kam mir zum richtigen Moment der Einfall mit einer Notlüge, die in diesem Fall einfach
unumgänglich war und keinen Schaden verursachte, denn mein Pflegevater war nicht einmal bereit,
überhaupt einen einzigen Meter in eine andere Richtung zu fahren, als zurück nach Hause.
Ich sagte ihm, dass ich noch bei meinen 10 Nachhilfeschülern vorbeifahren müsse, um ihnen die
Weihnachtsgeschenke zu bringen und dann würden wir wieder nach Hause fahren und so lotste ich meine
Pflegemutter in die Richtung des Luftkurortes und begann im Auto zu singen, während die anderen in
meinen Gesang mit einstimmten. Ich sang Arien aus der Zauberflöte, Schumann und Schubert Lieder,
Volkslieder, Weihnachtslieder und immer wieder mussten wir aussteigen, um die Scheibe von Schnee zu
befreien, weil meine Pflegemutter die seltene Begabung besitzt, jedes Auto komplett aus den Nähten
fallen zu lassen und jedes Mal sagte ich dem Quälgeist, dass ich doch noch ein weiteres Geschenk
abzugeben habe, während wir schließlich singend in Unterlengenhardt ankamen und sogar mein
Pflegevater von meiner „hohen Kunst, ihn hinter das Licht geführt zu haben“, begeistert war und
anschließend dankbar in der Weihnachtsfeier saß.
David und ich stapften noch durch den tiefen Schnee in den Winterwald, indess ich mit Markus
telefonierte und er mir mitteilte, er würde bald mit einem Freund nach Thailand fliegen.
Ich bekam Hoffnung für sein Leben und bestärkte ihn in seinem Plan und erst heute fühle ich die
Hoffnung und Anstrengung auch meiner Ärztin, mit jedem meiner inneren und äußeren Schritte,
Fortschritte und Rückschritte mitzufiebern, selber wieder Zutrauen an die Möglichkeit meiner
Zukunftsgestaltung zu gewinnen, mich in jeder neuen Zuversicht zu bestärken, zu bekräftigen und bei
jedem neuen Absturz mitzuleiden, auch wenn sich ein Arzt wohl innerlich vom Leid seiner Patienten
abgrenzen und distanzieren muss, um selber am Leben bleiben zu können. Denn nur durch seine eigene
Gesundheit kann er auch jene seiner Patienten herbeiführen, neben der Tatsache, dass sie zumindest einen
großen Packen Mitschuld hat an der Zerstörung meines Lebens.
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Möglicherweise hatte Markus zu diesem Zeitpunkt wirklich daran geglaubt, in der Fremde, der Ferne
nochmals eine andere, neue Zukunft aufbauen zu können, möglich ist auch, dass er diese Reise nur
vortäuschte, weil seine Seele sich nun ganz sicher war, dieses Leben nicht mehr ertragen zu können und
jeglichen Verdacht seiner Umwelt von seinem innerlich geplanten Freitod abzuwenden. Auch ich kenne
dieses letzte Stadium der völligen Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit und ich kann mit ganzer
Aufrichtigkeit bekennen, dass so manche Hilferufe in meiner Vergangenheit bezüglich meines Wunsches,
diesen zermarterten Körper und mit ihm die zerfetzte Seele für immer zu verlassen auch einerseits die
Hoffnung in sich bargen, meine Umwelt könne noch die Option einer möglichen neuen Hilfe bereithalten.
Andererseits war es mir immer ein inneres Anliegen, durch meinen angedachten Freitod keine
menschliche Zerstörung zu hinterlassen in der Hinsicht, dass ich meine Mitmenschen nicht darauf
vorbereitet hätte.
Wenn der Junge immer wieder bei den Schafen wacht und ins Dorf ruft: „Der Wolf kommt, der Wolf
kommt“, wenn die Menschen angerannt kommen, aber jedes Mal keinen Wolf vorfinden, werden sie
empfindungslos für die Hilfeschreie des Jungen, auch wenn er möglicherweise den Wolf jedes Mal
gesehen hat und als die Menschen kamen, war er wieder fort. Aber diese Empfindungslosigkeit durch
Vorbereitung erschien mir besser, als die oft beschriebene Fassungslosigkeit Angehöriger durch Suizid
Verstorbener, die sich selber Vorwürfe machen, weil sie möglicherweise gegebene Anzeichen übersehen
haben und nicht wissen, warum der geliebte Mensch von ihnen gegangen, wenn er noch geliebt wurde
und nicht so wie ich es nun empfinde, dass ich mich nur noch als Belastung sehen muss und sich die
Frage stellt, in welchem Rauchfang ich am besten aufzuhängen wäre, weil ich nicht mehr autonom alleine
lebensfähig bin, um Zeit und Möglichkeit für Dinge und Menschen im eigene Leben, also meiner
Begleiter zu finden. –

Und so konnte ich in diesen Weihnachtstagen nicht ahnen, dass ich Markus ein letztes Mal am 30.
Dezember 10 auf meiner Reise nach München sehen würde, dass wir ein letztes Mal mit diesem
besonderen, aufrichtigen, wertvollen Menschen in unserem geliebten und heiligen Döner Restaurant essen
gehen sollten, in dem Markus seinen gekauften Döner auf den Tisch warf mit der Aussage: „Ich kann
nicht mehr schlucken, das wollte ich Euch nicht sagen, schon seit langem, deswegen habe ich 20 Kilo
abgenommen.“
Bezeichnend für diesen Abend halte ich auch die Tatsache, dass ich mir eine wunderschöne Holzlaterne
für meinen Garten kaufte, welche David und ich in diesem Laden vergaßen, stehen ließen und sie nicht
mehr wiederfanden, nachdem wir nochmals zurückgekehrt waren. Eine Laterne impliziert Licht und das
Lebenslicht von Markus sollte wenige Tage nach unserer letzten Begegnung für immer erlöschen.
156

Ich schlief in den Tagen in Unterlengenhardt für meine Verhältnisse recht gut und erwachte am 26.
Dezember mit einer großen inneren Hoffnung und dem Vertrauen, meine Zukunft, mein Leben
zurückerobern zu können. Ich ging in die Kirche, in die Menschenweihehandlung der
Christengemeinschaft und fühlte die Nähe Gottes in dieser Stunde so stark, wie nie in meinem Leben
zuvor. Am Nachmittag, es war ein Tag mit strahlendem Sonnenschein, lief ich mit David durch den tiefen
Schnee nach Bad Liebenzell, um in einem Restaurant ein reichhaltiges Mittagessen einzunehmen, mich
gleichzeitig auf meine Nachhilfestunden der Mathematik vorzubereiten. Ich versuchte den Zustand der
subtilen Besserung der Angst und Depersonalisation innerlich nachzufühlen, mich daran zu erfreuen,
denn ich wusste, die Dunkelheit würde ihn wieder verwischen, die Nacht ihn unkenntlich machen.
Abends brachte ich David zum Bahnhof, ich hatte ihm in Stuttgart eine wunderschöne, gemütliche
Wohnung gefunden, der Vermieter hatte ihn genommen, weil ich dabei war und er mir vom ersten
Augenblick an vertraute, wie er sagte. David wollte in München seine Habseligkeiten packen und alles
für seinen endgültigen Umzug regeln. Am Bahnhof sangen wir noch mehrstimmige Lieder mit meinen
Pflegeeltern und ich blieb mit den beiden noch einige Tage an diesem erholsamen Ort, bevor ich am 30.
Dezember meine Reise nach München antrat, um auch Markus noch ein letztes Mal zu sehen, auch wenn
es nur meine Seele erahnen, mein Bewusstsein noch nicht wissen konnte - und David wieder abzuholen.
157

Kapitel: Vorahnungen – Mathematikerin auf Reisen – analytisches Denken und Überforderungen

Wohlann denn Herz, nimm Abschied und gesunde

In diesen folgenden Tagen sollten einige Vorahnungen meine Seele erreichen, nicht zuletzt diejenige,
dass ich mich mit einem ganz besonderen Mitglied aus dem Vorstand des Tauschforums, in dem ich seit
Jahren mitwirkte, treffen wollte, - mit Gabriele und wir sprachen uns nach drei Jahren wieder zum ersten
Mal ausführlich am 31. Dezember 10, um uns für die ersten Januartage zum Kaffeetrinken zu verabreden.
Ich hatte jedoch sehr viel zu tun mit meiner Nachhilfe und Davids Umzugsvorbereitungen, weil er damals
noch sehr instabil sich der Organisation nicht gewachsen fühlte und so versäumte ich es, Gabriele
anzurufen, obwohl ich es ihr versprochen hatte. Am 3. Januar 11 überkam mich zur nämlichen Stunde ein
seltsames Gefühl, eine Unruhe und ich hörte in mir eine Stimme, die mir sagte, ich solle mich beeilen,
Gabriele noch schnell anzurufen,- um einen Tag später über eine Gruppenmail die Nachricht zu erhalten,
dass Gabriele zur selben Stunde meiner Vorahnung, unvorbereitet, mitten auf der Straße durch einen
Herzschlag verstorben sei.
In dieser Weise erlebte ich auch zur selben Stunde den Freitod von Markus am 13. Januar, obwohl mich
erst am 16. Januar die Wirklichkeit der Tatsache seines Todes durch den Anruf seines besten Freundes
erreichte.
Und genau einen Tag vor seinem Tode fuhr ich mit dem ICE alleine nach München, um David noch bei
seinen weiteren Terminen und letzten Vorbereitungen für seinen Umzug beizustehen und ich war in
diesem beginnenden Jahr 11 auf dem Höhepunkt meiner Gedächtniskräfte und Leistungen und so sehe ich
mich einer älteren Dame gegenüber sitzen, die mich faszinierte, weil sie zwei unterschiedliche
Augenfarben hatte, wie ein Husky, ein blaues Auge und ein braunes Auge und sie beobachtete mich
intensiv, indess ich Tagebuch schrieb und mit meinen Freunden telefonierte. Wir saßen an einem
Vierertisch im Großraumabteil und sie begann, während ich am Telefon sprach, sich mit den anderen
Damen neben uns über mich zu unterhalten.
Sie würde die Klarheit und Präzision meiner Sprache bewundern, die gute Ausdrucksmöglichkeit, den
liebevollen und wahrhaftigen Umgang mit den Menschen, mit denen ich sprach. Sie würde meine
Schnelligkeit des Tagebuchschreibens bewundern und mein herausragendes Gedächtnis, denn ich hatte in
diesen Stunden jede Einzelheit der letzten drei Wochen erinnert und niedergeschrieben, das habe sie
bemerkt, für jeden Tag bis zu zwei Din A 4 Seiten. Sie erzählte mir, dass sie promovierte Mathematikerin
sei und sehr viele Schüler schon in ihrem Leben gehabt habe, aber einen solchen Menschen wie mich
habe sie noch nicht angetroffen.
158

Als wir in München eintrafen, sagte sie laut und für alle in unserem Umkreis hörbar: „Ich fahre jetzt zu
meiner Tochter und ich werde ihr berichten, dass ich einen wunderbaren, wahrhaftigen, klaren Menschen
heute getroffen habe und ich möchte Ihnen sagen, dass ich heute noch etwas Entscheidendes auf meine
alten Tage dazu gelernt habe.“ Ich wusste nicht, was sie „dazugelernt“ hatte und die Zeit war zu knapp,
um danach zu fragen. Aber diese Begegnung hatte mich selber tief berührt, weil ich auch in ihr einen sehr
wahrhaftigen, klaren Menschen erleben durfte und weil ich fühlte, dass meine Anstrengungen meiner
Kindheit und Jugend nicht umsonst waren und auch die gewaltigen Zerstörungen in den Kliniken den
„Keim für einen künftigen Stern― nicht ganz vernichten konnten.

Und ich möchte hier noch erwähnen, dass mich jene Begegnung mit der Dame im Zug ebenso berührte
und faszinierte, weil ich in meinem Leben immer auf der Suche nach Menschen war, die diese Form der
klaren, strukturierten, präzisen, differenzierten, verstehenden Kommunikation praktizierten, die für mich
essentieller Bestandteil für die Reinigung meiner Seele, meines Innenlebens war, wie es auch in
verschiedenen Horoskopen, von denen ich eines hier einfügen möchte:…
Die stark ausgeprägte Jungfraubesetzung weist auf das jungfräuliche Prinzip hin: Alles Seelische muss
durch das Geistige geklärt, gereinigt werden. Die Jungfrau hat die Sehnsucht nach Seelenreinigung, nach
Verbalisieren, nach Kommunikation mit der Umwelt…

Auf dieser Suche nach dem „neuen Menschen“, wie es in meinem Horoskop von fast 40 Seiten
geschrieben steht, auf der Suche nach wahrer und wahrhaftiger Kommunikation, habe ich nicht sehr viele
Gefährten getroffen, von denen ich sagen konnte, dass ich auf meinem Weg der Fahndung solcher
Menschen angekommen wäre und dass sich meine Seele durch jene Gespräche einer Reinigung in
schöpferischer Weise unterziehen konnte. Es waren vor allem Menschen aus der Jugendgruppe und
„Zufallsbegegnungen“, gleich solchen, wie ich sie in der Mathematikerin im Zug erleben durfte, oder in
meinem Physiker und seinen Freunden, die alle aus dem Naturwissenschaftlichen Bereich kamen,
Mathematiker, Chemiker, Physiker. Auch in drei Ärzten fand ich die Menschen, mit denen ich eine
glasklare und schöpferische Kommunikation erleben durfte, die meine Kräfte zentrierten und nicht
zerstreuten, dem Leonberger Arzt und Hellseher Dr. S. und meinem sehr verehrten Arzt Dr. W. aus
Pforzheim, und meinem „blinden Maulwurf“ Dr. Wöhrmann, der mir, mit eigener Anstrengung, die
besten Jahre meines Lebens schenkte und ich brauchte dafür keine unzähligen Briefe, um ihm meine
Situation zu verdeutlichen.

Das Geistige steht in Verbindung mit dem Denken, und nicht unbedingt mit dem assoziativen Denken,
„es denkt in mir“, sondern ich denke aktiv und folgerichtig, indem ich alle nur notwendigen und
159

denkbaren Aspekte für einen Denkinhalt heranziehe in logischer Abfolge. Erfolgt das Denken in dieser
Weise, komme ich eben nicht zu den Schlagwörtern „Suizid ist gut oder schlecht“, oder ein Hammer ist
schlecht, weil er Zerstörung anrichtet, nein, mit einem Hammer kann ein Nagel für ein schönes Bild in die
Wand geschlagen werden, oder mit seiner Hilfe ein schönes Gebilde in den Stein gemeißelt werden.
Es geht hier um den Logos, das gesprochene, gedachte Wort, vor dem sich niemand zu fürchten braucht,
wie es Rilke ausdrückt: „Ich fürchte mich so vor des Menschen Wort..―, wenn es schöpferisch und
reinigend, des wahrhaften sprachlichen Ausdrucks mächtig – Linderung, Heilung hervorzurufen in der
Lage ist, eine innere Reinigung durch wahre Kommunikation.

Und so sehe ich in meiner Höllenfahrt der Kliniken nicht nur eine umfassende medikamentöse
Zerstörung, sondern auch die Zerstreuung meiner Kräfte und Verschmutzung meiner Seele, die immer,
wie oben beschrieben, jungfräuliche Seelenreinigungen vollziehen muss, um die einst schon beschriebene
Klarheit der Wahrheit offen zu legen, auch für mich selber durch falsche, grausam abwegige
Kommunikation oder Schweigen, das Macht implizieren soll.
Die analytische Therapieform war für mein Streben nach wahrer Kommunikation reines Gift, ebenso wie
das Tavor sowohl für meinen Körper, Geist und Seele vergiftend wirkte.
Unwahre Unterstellungen, ich würde Dinge ausblenden, womit jeder auch differenziert denkende
Mensch, jeder Wissenschaftler und Forscher sofort Schachmatt gesetzt werden kann. Der Vorwurf, ich
würde mir unentwegt widersprechen, um festzustellen, dass ich mir nur dann widersprechen musste,
wenn mir ein Bein gestellt wurde, die Kommunikation verdreht, verworren indifferent, diffus war. Wenn
mir meine Autonomie durch die Tavorvernichtung geraubt, in dem ich in dieser Weise zerstört wurde,
dass ich nicht mehr alleine lebensfähig war, dies aber unbedingt wieder anstreben wollte, um bei jedem
neuen Versuch festzustellen, dass er zum Scheitern verurteilt war, weil mir der Arzt im Untergrund
absichtlich ein Bein stellte. Dadurch musste ich einen kalten Entzug zu Hause durchführen, der mich
natürlich wieder zurück in die Klinik brachte. Daraufhin deklarierte er dann meine
„Zukunftsvorstellungen als Seifenblasen“. Ein leichtes, infames Unterfangen, das mir damals jedoch noch
nicht deutlich war.
Dies war in den Augen der Ärzte ein „Widerspruch“ und ich somit ein Verbrecher. Oder man bezeichnete
meine Muskelerkrankung als „Wunschvorstellung“, mauerte mich ein, kerkerte mich in ein finsteres
Verließ mit dem Tavor, um mir dann meine Muskelkrämpfe und fortschreitende Schwäche vorzuwerfen,
oder jenen Vorwurf, ich habe mich in den ganzen 15 Monaten „nicht entwickelt“, obwohl mir viele Ärzte
in späteren Jahren sagten, dass unter Tavor tatsächlich kaum Entwicklungsmöglichkeit besteht.
Komisch nur, dass ich ein „phänomenales Gedächtnis“ habe, „unzählige Hochbegabungen, mit 40 Jahren
aussehe wie 24 und immer noch lichtvoll und lieb“ bin, irgendetwas muss ich richtig gemacht haben!
160

Manchmal glaube ich, dass gerade diese Handhabe mit der Kommunikation, bzw. Fehlkommunikation
meine Lebenskräfte noch stärker dezimierte, als die eigentliche, offensichtliche medikamentöse
Vernichtung, weil ich unentwegt versuchte, meine Leiden beweisen zu müssen, diese Wahrheit, auch der
Verwüstung meines Seelenlebens, wie sie evident geschah und wie ich sie erlebte, deutlich werden zu
lassen. Ich versuchte unentwegt die Schieflage, auch in der Kommunikation, wieder in ein Gleichgewicht
zu bringen und mir dennoch die innere Kraft zu bewahren, noch unter 11mg Tavor in dieser Klarheit der
Wahrheit, mit der Präzision meines Bewusstseins, jene Briefe an Dr. Uriel zu schreiben, die alle meine
Mitmenschen, auch meinen Physikerfreund, fassungslos werden ließen. Und doch hat diese Anstrengung
zur reinen Kommunikation zu gelangen, indem ich mich auch immer wieder beweisen musste, meine
Lebenskräfte sehr reduziert. –

Wie schwer kann es also sein, eins und eins zusammenzuzählen, um nicht an die „Grenzen seiner
Vorstellungskraft“ meines Leidens geführt zu werden?

Wie schwer kann es nur alleine schon sein, sich vorzustellen, wie es ist, wenn einen Menschen ein
unerträglicher Hunger plagt, der sich nicht nur über einen Vormittag erstreckt, wie es meine Pflegemutter
oft erlebt, indem es dann um sie herum „dunkel“ wird, wenn es ihr „schwindlig“ wird, sie fast einer
„Bewusstlosigkeit“ nahe ist, oder wenn David sich müde und schlapp fühlt durch Unterzucker und
absolut nicht in der Lage ist, auch nur einen einzigen Schritt weiter zu laufen?
Oder wenn ein Mensch nur einige Nächte nicht schlafen konnte und fast schon Halluzinationen bekommt,
- wie schwer ist es, sich derlei vorzustellen, um nur eine einzige Belastung zu verstehen, die mein Leben
vergiftete?
Die Liste ist unendlos verlängerbar, auch ist wohl jeder Mensch schon einmal in einer Achterbahn
gefahren und kennt die innere Zerstückelung, die Angst, in einen nachtschwarzen Abgrund zu rauschen
und er ist dankbar, trotz dieses kurzen Nervenkitzels, wenn die Fahrt zu Ende ist.
In seiner Vorstellung erlebt er ein Horrorszenario, wenn er daran denkt, er müsse Tag und Nacht in
diesem Zustand der Auflösung, also in der Achterbahn über Jahre gefangen bleiben, ohne sie abstellen zu
können. Wie schwer kann es also sein, in präziser Aneinanderfügung der unzähligen Mosaiksteinchen,
sich die Qualen eines Mitmenschen wenigstens vorzustellen, geschweige denn, sie selber zu durchleben?

Ich habe nicht nur in jener Begegnung mit der Mathematikerin im Zug, sondern in unzähligen weiteren,
wahrhaftigen Begegnungen, die des Denkens mächtig waren, bewiesen, dass ich strukturiert und
folgerichtig denken und kommunizieren kann, sodass auch mein damaliger Partner, der ein besonderer
Physiker ist und in der Forschung tätig, mir ebenfalls sagte, dass er die Kommunikation mit mir sehr
161

schätze und mich auch begabt halte, sogar in der Forschung herausragende Erkenntnisse zu gewinnen. -
Auch zwei Handleser und Hellseher, die sogar dem Jogi Löw seinen Sieg prophezeiten, sagten dasselbe
über mich. Umso schmerzhafter erscheint mir die Tatsache, dass ich in den Begegnungen mit Ärzten, die
mein Leben in den Abgrund zu führen wussten und zu denen ich in einer bedeutenden
Abhängigkeitskonstellation durch Krankheit und Zerstörung stehen muss, denen ich doch das größte
Vertrauen in meinem Leben entgegenbrachte und entgegenbringen konnte, eine zumeist zerstörende,
unheilvolle, undifferenzierte Kommunikation erlebte, die in mir jedes Mal eine gewaltige Unruhe
erzeugte, meine Kräfte zerstreute, weil ich die Unwahrhaftigkeit ihrer Forderungen und Unterstellungen
fühlte, die damit verbunden war.
Warum sind sie des Denkens nicht mächtig, wenn es doch gerade in diesem Beruf unbedingte
Voraussetzung ist?!
Dies – und nur dies brachte die unzähligen Briefe hervor, die ich sowohl an Dr. Uriel in winziger
Ausprägung, als auch an Dr. Reiner und nicht zuletzt in Fülle und Umfang an meine Ärztin Dr. Gabriel
schreiben musste, um diesen Überforderungen meine Wahrheit entgegen zu setzen, wie:
„Ich erwarte, dass Sie sich vom Suizid distanzieren“, während man zumindest mitgeholfen hat, dass mir
das nackte Überleben durch das Abschlagen meines Kopfes und der Amputation meiner Seele unmöglich
gemacht wurde. Oder: „Malen Sie ein Bild und wenden Sie sich dem Christus zu.“ Obwohl meine Seele
zerfetzt ist und meine Augen weniger als verschwommen sehen und ich in unzähligen Briefen
geschrieben habe, dass mir das nicht mehr möglich ist, weil ich Achterbahn fahre und mich nur meine
letzte Lebensaufgabe noch auf meinem Stuhl hält, das Schreiben meiner Biographie. Ich möchte einen
Menschen sehen, der, während er ausgezehrt in der Achterbahn sitzt und versucht, sich krampfhaft
festzuhalten, um nicht vollkommen aus sich selber und dem Sitz herauskatapultiert zu werden, noch ein
Bild zu malen in der Lage ist.
Wie erleichternd ist es dann, als ich vor weniger als einem Jahr meinen Heilpraktiker aufsuchte, der mich
seit 21 Jahren kennt und der mir in wenigen, klaren Worten, einer durchsichtigen, präzisen
Kommunikation nur sagte:
„Mädel, du bist schwer vergiftet! Das Tavor ist noch längst nicht aus den Zellen heraus, auch alle
weiteren Medikamente, die wenige Flüssigkeit, die Mangelernährung, der Alkohol, die Medikamente zur
Nacht, die nicht ausgeschwemmt werden können durch trinken. Die vielen Schmerzmittel auf leeren
Magen. Der wenige Schlaf, der das Immunsystem auch stresst und lahm legt. Dein Ich kann sich in dieser
körperlichen Verfassung nicht halten und es ist kein Wunder, wenn du Todessehnsucht empfindest. Das
würde selbst den stärksten Mann, ohne deine Vorbedingungen und allen Schicksalsschlägen, umhauen.
Weil jede massive Vergiftung auch das Gehirn angreift und Gefühle, Empfindungen entstehen, die der
Astralleib nicht mehr ausgeleichen kann im Zusammenwirken mit den anderen Wesensgliedern.“
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Diesem Menschen muss ich keine unzähligen Briefe schreiben, die verbale, nonverbale Kommunikation
brauchte nur wenige Worte und traf ins Schwarze, traf mein Wahrheitsempfinden, ließ weder Unruhe,
noch Zerstückelung zurück und ebenso kein Selbstmitleid.
Aus dem Unverstandensein resultierten meine „aber“, weil wirkliches Verstehen, wie ich es auch bei
meinem Heilpraktiker erlebte, mit aktivem Denken und Vorstellen zu tun hat, als wenn ich alles
unentwegt vorkauen muss, trotzdem mein Kiefer nicht mehr mitmacht und schmerzt, trotzdem ich das
bildlich Vorgekaute nicht mehr schlucken kann, was mich noch mehr Kräfte kostet, als mir zur
Verfügung stehen. Wenn alles für die Außenwelt unsichtbar bleibt und meine Kommunikation von
bestimmten Menschen nicht verstanden wird. Wenn alle seelischen und physischen Qualen auch dadurch
noch weniger zu ertragen sind, -nur das erzeugt in mir sofort den Wunsch nach Flucht und Weltflucht.
Nach dem Ende dieser Qualen und allen Anschuldigungen und Forderungen weit über meine Kräfte und
allen damit verbundenen Möglichkeiten, Weltflucht in eine andere, bessere Welt mit der wahrhaften
Gerechtigkeit, dem wirklichen Verstehen, der im Sinne des Weltenwortes, dem Logos, wahren
Kommunikation, die für mich, wie ich es hier durch ein kurzes Horoskop einer seriösen Astrodata aus
der Schweiz noch einfügen möchte, die Essenz des Lebens und damit der Seelenreinigung bildet:

(…) „Die Dominanten Ihrer Konstellation zeigen ein grosses Bedürfnis nach Kommunikation mit der
Umwelt und viel Interesse für konkrete, materielle Dinge.
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Kapitel: Freitod eines guten Freundes – noch mehr Gegenwind – Savant und Glanzschüler

…Durch das Fegefeuer der Zweifel gegangen. O wie siegst du in den Menschen, die du leiden lässt,
aus Nacht machst du Tag, aus Leiden die Liebe, aus der Hölle holst du dir heiligen Lobgesang.
Denn der Leidendste ist der Wissendste aller und wer um dich weiß, muss dich segnen: und dieser,
der dich zutiefst erkannte, siehe, er hat dich wie keiner bezeugt, er hat dich wie keiner geliebt!
Stefan Zweig
Ich bin ungeduldig zu vollenden, was eigentlich nicht zu vollenden ist! Martin Buber

Ja, und so bin auch ich nun ungeduldig zu vollenden, was nicht mehr zu vollenden ist und ich habe von
Eile gesprochen und davon, dass ich komprimieren muss die Essenz, das Wesentliche und doch erscheint
es mir noch sehr wesentlich zu beschreiben, dass sich in diesen ganzen Entzugsjahren immer wieder
folgende Tatsache herauskristallisierte, diejenige, dass immer, wenn ich mich zertreten von
Schicksalsschlägen, wie auch nach dem Autounfall wieder vom Boden erhob, mit letzter Kraft, um durch
eigene Anstrengungen einer neuen Hoffnung und Zuversicht entgegen zu gehen, ein neuer Schlag kam,
der mich wieder zu Boden warf, sodass ich von vorne beginnen musste in mühevoller, erschöpfender
Kleinarbeit.

Und so erlebte ich auch das Ende des Jahres 10 als winzigen Aufschwung in eine neue Zeit. So empfand
ich Markus Ende, seinen Freitod als Befreiung für ihn und doch als Mahnmal für mich selber, für meinen
möglichen, eigenen Untergang, als Vorboten für das, was mich im Jahre 2014 wohl zunäscht scheinbar
endgültig zu Boden werfen sollte.

Am 13. Januar 11 saß ich im Infusionsraum meiner Ärztin und wartete auf das kurze Abschlussgespräch,
als ich ein Telefon klingeln hörte, nur in mir, denn in der Praxis war schon Ruhe eingekehrt, mein eigenes
Handy war abgeschaltet und ich nahm in Gedanken den Anrufer entgegen, wusste weder wer es war,
noch kannte ich den Gesprächsinhalt und doch rasten in mir folgende Gedanken durcheinander, in dem
ich innerlich immer wieder fassungslos sagte: „Bitte sag, dass es nicht wahr ist“.
Und dieser Satz begleitete mich, ohne ihn einordnen zu können, um am darauffolgenden Sonntag zu
erfahren, als ich mit David im Januar nach einer 5 - stündigen erschöpfenden Nachhilfe bei den vier
lieben, aber anstrengenden Kindern, die ich alle gleichzeitig unterrichtete trotz unterschiedlicher
Klassenstufen, gegen zehn Uhr abends durch den dunklen Park lief, dass Markus genau zu der Stunde, als
drei Tage zuvor das Telefon in mir klingelte, sich auf der geschlossenen Station in München Haar erhängt
hatte.
164

Ich begann zu straucheln, fast zu fallen, das Ertragen der Dunkelheit als solche bereitete mir über zwei
Jahre enorme Schwierigkeiten, erzeugte Ängste, weil sich der Himmel, wie ich es schon beschrieb,
öffnete und ich dämonische Wesen wahrzunehmen glaubte, die mich zerfetzen wollten.
Ich hatte meine ganze Liebe, Kraft und Möglichkeit, den Kindern auch von der Schönheit dieser Welt zu
erzählen, in die Nachhilfe gegeben und als mich diese Nachricht von Markus Freitod erreichte, zerbrach
für mich alles mühsam Aufgebaute und Erarbeitete auf einen Schlag, ich fiel in einen schmerzhaften
Betäubungszustand, die alte Angst, welche die Seele zerfrisst und aushöhlt, meldete sich wieder zu Wort
und ab diesem Moment konnte ich zwar noch tagsüber autonom und alleine meine Dinge und Termine
bewältigen, aber nachts nicht mehr alleine schlafen und so zog meine Pflegemutter bei mir ein und
bereitete auf einer Matratze am Boden ihr Nachtlager.
Es war möglicherweise auch jene Angst, auch ich könnte den Folgen des Entzuges erliegen, wie ich es
nun bei vier besonderen Freunden in meinem Leben erleben musste und ich habe bis heute nur einen
einzigen Menschen flüchtig am Bahnhof getroffen, der einen Entzug geschafft hatte, währenddessen er
nach dem dritten Versuch zunächst kriminell wurde, raubte, log und betrog, um daraufhin für ein Jahr
hinter dicken Gefängnismauern zu sitzen. Er hatte Glück im Unglück, eine dortige Ärztin kannte sich mit
diesem Teufelsgift aus und führte ihn gezielt über ein Jahr, menschlich- therapeutisch durch den Entzug,
den er folgendermaßen beschrieb:
„Weißt du, Antje, ich habe das Zeug (Tavor) selber eingenommen und mir von verschiedenen Ärzten
verschreiben lassen, weil ich davor Heroin und Kokainabhängig war. Ich habe die Drogenentzüge alle
alleine geschafft, da ist man etwas müde, zittert, schläft schlecht, ist etwas unruhig, aber nach ein bis zwei
Wochen ist der Spuk vorbei. Was ich beim Tavorentzug erlebt habe, hat alles übertroffen, was ich an
Schrecklichem im Leben, gerade mit den Drogen, auch Alkohol erlebt habe und hätte ich diese Ärztin
nicht gehabt und wäre überwacht worden, ich hätte mich ganz sicher umgebracht. Ich habe grauenhafte
Viecher gesehen, Dämonen, ich konnte über ein Jahr fast gar nicht mehr schlafen, war wie zerstückelt“
(das Wort haben im Übrigen alle gebraucht, um den Zustand zu beschreiben) „ich hatte Halluzinationen,
es war nur grausam.“ (M. Travolta).

Mir zogen alle Aussagen der Ärzte durch den Kopf, als ich auch meine Ärztin in München fragte, ob sie
jemanden erlebt habe, der einen Entzug nach längerer Einnahme bewältigen konnte und sie auf mich
zeigte mit der Aussage: „Ja, viele versuchen es, kaum jemand schafft es. Ich kenne nur Sie. Die Patienten
nehmen es dann eben weiter, oder brechen, wie es vor wenigen Monaten geschehen ist, den
Medizinschrank hier auf.“
Oder die Aussage der Ärztin während meines ersten Termins in meiner neuen Freiheit in Stuttgart, dass
sich in den letzten Monaten drei ihrer Patienten im Entzug suizidiert haben. Und nicht zuletzt die Antwort
165

meines behandelnden Arztes Dr. Reiner im Jahr 2011, er praktiziere seit 26 Jahren, aber er habe noch
keinen Patienten in der Behandlung gehabt, der einen Entzug nach längerer Einnahme bewältigen konnte:
„Ich bekomme manchmal Patienten in meine Behandlung, die bei anderen Ärzten unverantwortlich mit
diesem Mittel therapiert wurden und bin dann im Zwiespalt, ob sie es schaffen, einen solchen Entzug, ob
ich es absetzen soll. Bisher ist es mir noch bei keinem gelungen, weil ich weiß, dass sie es nicht überleben
würden.“

Und nun hatte ich auch noch Markus verloren, den einzigen Menschen, mit dem ich noch über dieses
Grauen der Höllenfahrt sprechen konnte, der mich verstand und ich ihn und dieser neue Schlag brachte
mich für einige Wochen wieder zu Fall. Ich war wie betäubt, erstarrt, aber es war kein angenehmer,
sondern ein grausam zerfetzter Zustand. Und dennoch ging ich weiter zur Nachhilfe, versuchte wieder mit
der Kunst der winzigsten Schritte, vom Boden in die Aufrechte zu gelangen, um weiter nach vorne zu
gehen und ich fuhr alleine am 21. Januar 2011, dem ersten Todestag meiner Mutter, zur Beerdigung von
Gabriele.
Noch immer hatte ich dieses starke Selbstbewusstsein, das möglicherweise auch mit einem großen
Körnchen schöpferischem Hochmut gepaart war und doch sollte mich diese Kombination nicht verlassen.
Ich wollte meinem Schicksal weiter die Stirn bieten und empfand wohl meine innere Kraft und Stärke in
vergleichender Weise mit der aller Menschen, die den Entzug nicht überstehen konnten, gleich der
Gegenüberstellung von Dostojewski und Oskar Wilde im Zuchthaus, einer Doppelwirkung gleichen
Erlebnisses, auch wenn der Vergleich hinken mag, weil es nicht der Stolz bei meinen Freunden war, wie
ich es in Wilde erlebe, der gebrochen und innerlich fertig mit der Welt das Zuchthaus verlässt, sondern
tiefste, abgrundtiefe Verzweiflung:

Wilde und Dostojewski schleudert ein gleicher Kugelblitz eines Tages aus der bürgerlichen Sphäre ihrer
Existenz als Schriftsteller von Rang und Namen ins Zuchthaus hinab. Doch Wilde wird in dieser
Schicksalsprüfung zu Boden geschleudert und zermalmt, während Dostojewski aus ihr erst seine
Formung und Härtung erhält. Nicht die innere Verhärtung, sondern Härtung im Sinne von Kraft und
Stärke wie Erz in einem Feuerofen. Bei Wilde, dem Gentlemen, dem Standesbewussten, ist es nicht der
Hunger, die Kälte, die ihn bricht, sondern die empfundene Demütigung, das Grauen mit dem Gemeinen,
mit dem niederen Volk physisch vermengt zu werden, während Dostojewski auf der Suche nach dem
neuen Menschen und selbst der neue Mensch über allen Ständen, in dieser unfreiwilligen Gemeinschaft
und Gemeinsamkeit fast berauscht und euphorisch das christliche Mysterium der Fußwaschung erlebt und
er leidet nur dann, wenn er eine Kluft wahrzunehmen glaubt, weil Diebe und Mörder ihm noch die
Bruderschaft verweigern. Er erlebt diese Distanz als Makel und Unvollkommenheit seiner eigenen
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Menschlichkeit empfindet und es nicht als Demütigung, wie Wilde, in dem der Lord den Menschen
überlebt, der daran leidet, seine Menschenbrüder könnten ihn als Ihresgleichen nehmen. -
Als beide entlassen werden, ist Wilde ein gebrochener Mann, Dostojewski erhebt sich gehärtet und
geläutert zu ungeahnter Höhe, um aus Liebe über sein Schicksal zu triumphieren.

Ich habe mich in meiner Biographie ausführlich mit dem Leben Dostojewskis befasst, dass er im
Verwandeln allen Leides zu schöpferischer Tätigkeit im Fegefeuer der Qualen die höchste Sicherheit
gewann, für seine lodernden Wahrheiten einzustehen, dass er seine Erkenntnisse immer nur aus den
gefährlichen Abgründen seiner Natur und seines Schicksals heraus destillierte.
Wie Kohle und Diamant gleiches Element, so ist dies Doppelschicksal, wie ich es auch mir selber
gegenüber Markus und meiner Pflegemutter empfand, die jedoch nicht in dieser Weise ein
Doppelschicksal mit mir aufwiesen, da sie ungleich weniger Tavor in einem sehr kurzen Zeitraum
erhielten, so war es für die beiden Dichter eines und doch ein ganz anderes.

Einerseits war ich niedergeschmettert durch die Nachricht vom Freitod von Markus und sie ließ meine
Seele verstummen, ich geriet wieder mehr und mehr in die schon überwunden geglaubten
Depersonalisations – und Angstzustände, die meine Achillesferse werden sollten, -andererseits sagte ich
mir: „Jetzt gerade, - Augen zu und durch, mich wirst du nicht bekommen!“

Die dunklen Mächte, sichtbarer und unsichtbarer Art, die wir alle kennen und fühlen, setzen ihre Hebel an
einer ganz gefährlichen Stelle der menschlichen Seele an, um sie auszuhebeln, auszuschalten und das ist
bei der Angst. Die ganze Presse ist durchzogen von angsteinflößenden Nachrichten, die absichtlich darauf
abzielen, den Menschen an seinem empfindlichsten Seelenglied, wie ich es bezeichnen möchte, zu treffen
und ihn zu Handlungsweisen zu zwingen, die er in wahrhafter innerer und äußerer Freiheit und
Unabhängigkeit nicht vollziehen würde. So lebt die Presse davon, über Kriege und Bürgerkriege zu
schreiben, über Wirtschaftsinteressen des gegnerischen und feindlichen Auslandes, von Bankenpleiten
und den damit in Zusammenhang stehenden auffallend hohen Selbstmordraten von Bänkern, von Morden,
Überfällen und Einbrüchen, über Neuentdeckungen tödlicher Keime und Bakterien. Die gestrigen
„Erforschungen“, dass das Grün an den Tomaten unbedingt Krebs auslösen kann und Vorsicht geboten,
ist morgen wieder überholt, da gilt es als herausragendes Potenzmittel. Gestern galt Joggen als
lebensverlängernd, morgen kann es zum sofortigen Herzstillstand führen, kurzum, die Presse ist voll von
diesen Negativnachrichten und nicht Kurznachrichten (SMS), sondern Kurzwahrheiten (STS – „Short-
Truth- Service“ als eigene Wortschöpfung).
167

Und schon rennen die Menschen, verbarrikadieren sich in ihren Wohnungen, schließen unzählige Pakte
mit „Versicherungsfirmen“ für ihre vermeintliche Sicherheit in der Unsicherheit ihrer
Lebensbedingungen, sie holen ihr Geld von der Bank, verstecken es unter ihrem Kopfkissen, um in dieser
inneren Scheingeborgenheit besser schlafen zu können. Sie meiden den Kontakt zu ihren Mitmenschen,
um möglichen Keimen und Bakterien aus dem Weg zu gehen, verfallen dem Waschzwang, tragen eine
kugelsichere Weste unter ihrem Sakko und essen gar keine Tomaten mehr, um sich in der letzten Ecke
der Wohnung zu verkriechen, damit keine Bewegung ihrer Muskeln zum möglichen schnellen Herztod
führt.
Das mag nun übertrieben dargestellt sein, - was ich damit sagen möchte ist, dass die dunklen Kräfte an
den Stellen der angsteinflößenden seelischen Chakren der Menschheit ansetzen, um sie klein und gleich
zu schalten, um sie im Kollektiv zu schwächen, ihre Kräfte zu zerstreuen, sie abzulenken und sie vom
Wesentlichen wegzuführen, an allen Ecken und Enden unserer Zivilisation, auch im Medizinischen.
Hoher Blutdruck, um Gottes Willen, die Ursache wird nicht einmal angesehen, der Patient bekommt
Betablocker, ob er dabei mehr und mehr sein Gedächtnis verliert, ist egal, Hauptsache der Mensch
rebelliert nicht mehr gegen die Gesellschaft und die dahinter stehende große Lobby der Pharmaindustrie,
die nicht auf die „Gesundheit“ der Menschheit zielt, sondern auf die „Krankheit“.
Dadurch gelangen möglichst viele ihrer Medikamente und „Neuerrungenschaften“ unter das Volk, fährt
gewaltige und gewalttätige Gewinne ein. Der Betablocker hilft vielleicht dem Herz die Symptome zu
lindern, aber nicht die Ursache zu erkennen und heilend anzugehen. Möglicherweise schädigt er die
Leber, sodass ein Lebermittel benötigt wird und so arbeitet im Allgemeinen die klassische Schulmedizin,
auch im Psychiatrischen Bereich.
Dr. Uriel verbreicht mir Tavor in Höchstdosen, ich bin in seinen Augen ein „seltener, außergewöhnlicher
Ausnahmefall“ und reagiere paradox, bekomme auch Halluzinationen, dagegen gibt es Haldol, von dem
ich zu sterben glaube, meine Muskeln können nicht mehr ruhig sein, ich muss mich unentwegt bewegen,
bekomme gewaltige Krämpfe, aufgrund der Krämpfe erhalten ich Akineton gegen die Nebenwirkungen
der „scharfen Sachen“, das bei mir nicht wirkt und so bekomme ich ein „Antipsychotika“ nach dem
anderen, ohne zu erkennen, dass ich niemals im Leben zuvor eine Psychose gehabt habe, auch nicht am
Aufnahmetag.
Aber das ist unser Gesellschaftsbild und ein jeder glaubt sich in Sicherheit, durch all die scheinbaren
Versicherungen und Sicherheitsmaßnahmen und wir erkennen nicht, dass die Angst, welche in diese
vermeintlichen Sicherheiten gepflanzt wird, uns lähmt und vom Wesentlichen und dem Zuwenden an
dasselbe ablenkt, um uns einzukerkern.
168

Und ich habe diesen Bogen gebraucht, weil ich mich niemals in diesen Netzen der Angsteinflösung und
deren Scheinheilungen und Absicherungen verfangen habe, ich hatte schlichtweg keine kreatürliche
Angst vor Krankheiten, Tod und Zerstörung, vor Mord und Raub, weil ich mich behütet wusste im
Weltgefüge, weil ich mich geführt fühlte von guten Mächten und weil ich mir ganz sicher war, dass nichts
auf der Welt mich je würde zerstören können, kein Medikament, kein Schicksalsschlag und dies war
meine individuelle Sicherheit und ich konnte sie bis zu meinem 33. Lebensjahr mit keiner Lüge strafen.
Meine Ängste, die ich bis zu meinem 33. Lebensjahr ausschließlich hatte waren dergestalt, dass sie sich
gerade auf diese dunklen Mächte bezogen, die ich fühlte und auf menschliches Verlassenwerden, alleine
gelassen werden, das in unserem Autounfall und dem tatsächlichen Alleinsein und dem Verlust meiner
Familie im Klinikkäfig begründet war und gründet. –

Ein großer geistiger Mensch, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte, weil ich ihn nicht danach
fragen kann, der jedoch jedem bekannt sein dürfte, sagte mir auf Englisch in einer persönlichen
Begegnung, die für mich zur größten Gnade meines Lebens gehört: „Sie haben sehr hohe intuitive,
inspirative und imaginative Fähigkeiten, die noch nicht ganz ausgebildet sind und auch seelische
Verunsicherungen hervorrufen können, aber ich sehe bei Ihnen noch gewaltige Menschheitsaufgaben,
auch im Zusammenhang mit diesen Fähigkeiten und ihrem Zugang zum Geistigen, zur unsichtbaren
Welt.―
Das waren seine Worte und heute weiß ich, dass diese dunkle Kraft sich anderer Mittel und Wege
bedienen musste, um mir Angst einzuflößen, als auf dem normalen Wege durch die „verheerenden
Nachrichten der Presse und des Fernsehens“, die mich nicht entfernt berührten und meine Seele erreichen
konnten.
Und ich habe schon einmal beschrieben, dass ich in einem Zwischenreich, zwischen Schlafen und
Wachen, Leben und Tod im schwersten Entzug in einer Art übersinnlichen Wahrnehmung Dr. Uriel in
der Klinik stehen sah, wie sich eine dunkle, in eine Kapuze gehüllte Gestalt vor ihn stellte, ihm etwas in
die Hand drückte, ohne dass er sie und mich im Raum realisierte, mit den Worten: „Töte sie.“

Bislang konnte ich mich auf meine Vorahnungen, Wahrnehmungen und Eingebungen immer verlassen
und so wurde mir deutlich, dass es Menschen geben musste in meinem Leben, die diese dunklen Wesen
nicht erkannten, mit ihnen Hand in Hand arbeiteten, wie ich es auch noch in der Beschreibung meines
dreistündigen Gerichtstermins herausarbeiten möchte. In mir wurde der Keim einer gewaltigen Angst
gelegt, die mich von diesen „Menschheitsaufgaben“ ablenken, mich dafür unschädlich machen, mich in
der beschriebenen Gefangenschaft vom Wesentlichen ablenken sollte durch einen massiven Eingriff in
meinen Gehirnstoffwechsel. Durch die Amputation meiner Seele, der Zerstörung und dem Verbrechen an
169

meinem Seelenleben, - welche über drei Jahre so massive Ängste erzeugte, dass ich innerlich nur
krampfend am Boden lag, geduckt, während sich in meinem Kopf alles drehte.
Derjenige, der für kurze Zeit einmal intensive Angstzustände erlebt hat, kennt die ungesunde
Adrenalinausschüttung, die sogar Übelkeit und Erstarrung erzeugt und diese Angst verließ mich zu keiner
Tages und Nachtzeit auch nur eine einzige Minute und sie war wohl gewollt, durch alle nur möglichen
Mittel erzeugt, um mich von mir selber, von meinem Ich, von meiner Seele, von meinem Leben zu
trennen. Denn nicht nur dieser große, großartige geistige Mann, den ich erwähnte, sprach vom
„Durchbruch“ bei mir in meinem 33. Lebensjahr, sondern auch mein Bruder, der sogar ein Lied für mich
schrieb.
Was hatte nun diese dunkle Kraft für Intentionen, was erreicht, die sich bildlich in meiner Wahrnehmung
vor Dr. Uriel stellte, um mich auszuschalten, sogar zu „töten“, auch wenn möglicherweise zunächst nur
meine Seele damit gemeint war, welcher Menschen bediente sie sich als Handlanger?
Während der ganzen Zeit meiner Einkerkerung in den Kliniken wurde mir zwar verbal, gerade in der
Stuttgarter Klinik, immer wieder ein Bein gestellt, aber äußerlich geschah nichts, kein Schicksalsschlag,
kein Angriff, wie ich sie nun nach meiner Entlassung in Masse und Umfang erleben muss. Ich wurde in
Ruhe gelassen, lebte dumpf brütend vor mich hin, auch wenn ich viel beobachtete in all den Jahren, ohne
es zum damaligen Zeitpunkt zu reflektieren und innerlich auszuwerten, das erfolgte erst nach meiner
Entlassung, während dem Entzug.
Ab dem Moment jedoch, an dem ich erkannte – und das erfolgte erst zwei Jahre nach der ersten
Tavoreinnahme – dass dieses Medikament von Anfang an und abschließend mein Untergang sein würde
und ich beschloss, durch die Entziehung desselben meine Qualen damit zu beenden, war ich wieder im
Fokus dieser dunklen Kräfte und Mächte, die unablässig irgendwelche Hebel und Handlanger fanden, um
mich immer und immer wieder zu Fall zu bringen, wie ich es nicht zuletzt in meinem Autounfall
beschrieb, in Markus Tod, in der Begegnung mit dem „Möchtegerntherapeuten“ und vielen weiteren
seelisch- physischen „Beinbrüchen“ , die ich noch beschreiben möchte.

Offenbar hatten sie mit dieser, meiner Entwicklung nicht gerechnet, mit meinem Überleben, mit meiner
Kraft und Stärke, die von außen aufoktroyierten Widerstände, wie dem Abschieben in ein Pflegeheim
durch Dr. Uriel und dem Gelingen des Tavorentzuges auf den ersten Versuch, nicht mit der Rückkehr
meiner geistigen und Gedächtniskräften gerechnet. Sie brachen gerade im Januar 11 durch den harten
Boden meines Schicksals und so vermochte ich es auch durch eigene Intuition und persönlicher
Erforschung, über nunmehr sieben Jahrhunderte jeden Wochentag zu errechnen und ich lege die
Betonung auf „errechnen“, weil es tatsächlich, im Gegensatz wohl zum Autisten, wie auch immer er auf
die richtige Lösung des Wochentages kommt, eine hohe Rechenkunst erfordert.
170

Diese baut auf ein Zahlengedächtnis, das sich bis zu 160 Zahlen und Zahlenkombinationen merken muss,
- nebenbei bemerkt können sich die besten und begabtesten Zahlenmerkkünstler „nur“ bis zu 50 Zahlen
merken – und diese Eingebung entstand zum einen aus der Tatsache, dass ich auch in der Hinsicht mit
einem guten Gedächtnis begabt bin, nahezu jeden einzelnen Tag der Vergangenheit zu erinnern vermag,
zum anderen verfügte ich schon seit jeher über ein gutes Zahlengedächtnis. Ich erinnere was ich nahezu
an jedem Tag getan habe, was auf meinem Schreibtisch lag, was ich wohin geräumt hatte, was mir meine
Mitmenschen sagten, wie das Wetter gewesen ist, welches Arbeitsblatt meine Schüler mit nach Hause
brachten.
Ich musste und muss nur in meinem Gedächtnis „scannen“ und schon läuft ein Film mit allen
Einzelheiten der betreffenden Tage in mir. Gleichermaßen musste ich nur eine Seite in einem Buch
ansehen, schon hatte mein Gedächtnis diese Seite gescannt und ich brauchte sie ausschließlich innerlich
abzulesen. Und so kamen mir immer neue Erkenntnisse und Zahlenrhythmen, die meine Schüler jedes
Mal in der Weise begeisterten, dass wir am Unterrichtsende noch einige Zeit zusammensaßen, die Kinder
vor dem Computer, also dem Kalender aller Jahre und ich in tiefem Rechnen versunken, um immer
wieder begeisterte Rufe zu erhalten, wenn jeder Wochentag der richtige war: „Frau Lachenmayr ist die
beste, ein Phänomen!“ Und nicht wenige Schüler, gerade unter den Jungs, versuchten selber ein Schema
zu finden, um hinter mein „Geheimnis“ und ebenfalls auf den richtigen Wochentag zu kommen und
manchmal glückte dieses Zufallsprinzip, mit dem sie nach mühseligen Versuchen ausschließlich spielten,
aber die Auswahl von sieben Wochentagen ist eben doch umfangreich, um jedes Mal die „zufällig“
richtige Lösung zu erhalten.
Ich habe auf einer Geburtstagsfeier meines Physikerfreundes einem Mathematiker mein Schema des
Rechnens zu erklären versucht, aber es war ihm zu kompliziert, da er selber auf kein gutes
Zahlengedächtnis bauen konnte.
Und diese zentripetale Kraft, die ich beim Rechnen aufwenden musste und durfte, denn in meinem Kopf
vollziehe ich verschiedene Rechenvorgänge gleichzeitig, um den einen imaginär abzulegen, mit einer
anderen Rechnung fortzufahren, um dann mit allen Lösungen zu meinem Ergebnis zu gelangen, sollte mir
eine zunächst als „notwendig“ erachtete Augenoperation meines Schielwinkels von über acht Grad
ersparen, der sich im Entzug in dieser Weise expandiert hatte und mir Kopfschmerzen, Übelkeit und
Doppelbilder erzeugte.
Ende Januar 11 klebte ich das linke Auge ab, um am folgenden Tag mit meiner gepackten Reisetasche
nach Tübingen zu „wandern“, mich stationär aufnehmen zu lassen und erstaunte über zwei
Begebenheiten:
Zum einen wurde ich dort empfangen, wie ein verlorener „Sohn“. Ich hatte im Jahr 2007 und 09 schon
einmal eine solche OP gemacht, ohne Vollnarkose und wurde klatschend nach dieser von den Pflegern
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und Ärzten empfangen mit der Aussage, ich sei die erste Patientin, die eine solche Operation ohne
Vollnarkose durchgestanden habe. Und trotzdem dieser Arzt, der mich zum damaligen Zeitpunkt auch
umarmt hatte vor Stolz, mich nicht empfing, sondern ein anderer, so war nicht nur er im Bilde und konnte
sich an mich erinnern, sondern auch die Damen bei der Aufnahme und die Pfleger und sie begegneten mir
ungeheuer liebevoll, sodass ich fast schon traurig war, als ich wieder nach Hause geschickt wurde. Denn
mein anderes Erstaunen bezog sich auf die Untersuchung, nachdem ich mich schon häuslich in meinem
Zimmer eingerichtet hatte und erfahren durfte: „Wie haben Sie das geschafft? Vor wenigen Wochen
betrug Ihr Schielwinkel noch über acht Grad, nunmehr kann ich gerade noch zwei Grad messen. Sie
dürfen wieder nach Hause gehen.“ –

Jeden Tag gab ich nun eine Doppelnachhilfe über 5 Stunden und fuhr quer durch die Stadt zu den
betreffenden Familien und seit dem Tod von Markus hatte ich wieder, in Bezug auf die
Entzugssymptomatik, Rückschritte gemacht hinsichtlich Depersonalisation und Angst. Immer noch war
ich wie betäubt und nicht selten saß ich in der Nachhilfe und versuchte, mit größter innerer Anstrengung
meine in tausend Einzelteile zerlegte Seele, die sich von oben sah, zusammen zu sammeln und es war mit
so gewaltigen Qualen oftmals verbunden, dass ich glaubte, die Kinder würden irgendetwas merken, weil
mich nicht selten das Gefühl überfiel, gleich das Bewusstsein zu verlieren, vom Stuhl zu fallen und ich
musste alle meine Kräfte der Konzentration zusammen nehmen, um den Kindern den Unterrichtsstoff
nahe zu bringen. Ich möchte noch erwähnen, dass diese Zustände nicht entfernt etwas mit den
Symptomen von Panikattacken zu tun haben, auch wenn sie sich in der Beschreibung ähneln. Beides habe
ich erlebt, beides durchlitten.

Und immer wieder durfte ich auch auf Hilfe von „oben“ zurückgreifen, wie ich es unzählige Male erlebt
habe, auch in der Vergangenheit, wenn ich dem Stoff im Grunde nicht mehr gewachsen war, keine
Antwort selber in mir fand und doch, wie wenn Goldstückchen vom Himmel fielen, mir die richtige
Antwort und der rechte Lösungsansatz einfiel.
Auf demselben Wege, wie ich eine Lösung durch das Rechnen der Wochentage über die Jahrhunderte für
das Umgehen meiner Augen OP fand, so erfand und erforschte ich ebenso eigenständig im
Mathematischen leichte Erklärungsmodelle für schwierige Aufgabenstellungen und alle meine
Nachhilfekinder vermochten schon in der dritten und vierten Klasse, ganz spielerisch, jede noch so
schwere Maßeinheit der Längen, der Flächen und des Volumens in eine andere, größere oder kleinere
Einheit umzurechnen. Mein eigenes Prinzip und Schema verblüffte sogar die Lehrer meiner Kinder und
nicht selten wurde am Elternabend vor der Klasse gesagt: „Wenn sie eine herausragende
Nachhilfelehrerin suchen, wenden Sie sich an Frau Lachenmayr vom Kind so und so.“
172

Ich sehe ich mich in meiner Erinnerung wiederum im Februar, noch vor den Halbjahreszeugnissen, zu
einer neuen Familie, an die ich weiterempfohlen wurde laufen, die Mutter empfing mich schon
tränenüberströmt, da ihr Viertklasskind eine schlechte Mathematikarbeit nach Hause gebracht hatte zum
wiederholten Male. Der Traum der Mutter, ihr Kind würde wenigstens auf die Realschule gehen, war nun
mehr als gefährdet, da er auch im Fach Deutsch auf der Kippe stand. Es stünde noch eine einzige
Mathematikarbeit in der folgenden Woche an, die für sie über Leben und Tod entscheiden würde.
Über Leben und Tod? Fragte ich mich? Was haben die Menschen erlebt, - ohne Hochmut? Waren sie
auch schon im Vorhof der Hölle über Jahre, wenn mit einer Nichtversetzung schon die ganze Welt
untergeht? -
Ich unterrichtete den Jungen zwei Mal und erhielt, als ich gerade in Winterbach gemütlich in einem
Kaffee saß und mein Frühstück einnahm, von Doris, der Mutter einen Anruf, in dem sie mich gleich beim
Vornamen nannte, obwohl wir noch per „Sie“ waren: „Antje, du hast ein Wunder vollbracht, wie du es
geschafft hast, weiß ich nicht, aber Patrik hat in Mathe eine glatte 1 bekommen und wird versetzt! Bitte
komme vorbei, wir haben hier etwas für dich vorbereitet!―

Auf diese Weise wurde ich unentwegt weiterempfohlen und war diesen Aufgaben von meinen Kräften
her noch gewachsen. Auch war ich auf dem Höhepunkt meiner geistigen Kräfte und der Konzentration
und trotzdem rauschte ich immer wieder in meiner Achterbahn, auch während der Nachhilfe, in den
schwarzen Abgrund und vermochte nicht, sie abzustellen. Jeden Vormittag bei der Infusion sprach ich
über Stunden meine Affirmationen, inneren Gebete und ebenso abends nach der Nachhilfe, wenn ich mit
David noch durch den finsteren Wald lief. Über viele Stunden am Tag, um jede Nacht erst gegen 3 Uhr
einzuschlafen und gefoltert zu werden, weil ich aus diesen Zwischenreichen mit unentwegten Hilferufen
wieder zu Bewusstsein kam, um immer wieder nur wegzudämmern.

Doch alle auch „problematischen Schüler“, die schon, laut Eltern „unzählige Nachhilfelehrer“ vor mir
hatten, ohne Besserung ihrer Noten, brachten Glanznoten zwischen eins und zwei Nachhause. Nahezu
alle meine Schüler wurden auf eine weiterführende Schule versetzt und so haben nicht nur diese Kinder
mir zu danken, sondern auch ich ihnen, weil sie mich für eine kurze Wegstrecke wieder zurück ins Leben
führten in eine Welt ohne Falschheit und Zerstörung, ohne Anschuldigung und Entbehrung, in eine heile,
reine Kinderwelt, in der ich mir selber in meiner eigenen Kindheit diese Perlen und Keime erarbeiten
durfte, dank einer hohen Intuition. Nun durfte ich diesen Kindern die Schönheit der Welt und ihre
wunderbaren Geheimnissen zeigen und nahe bringen, auch Zahlengeheimnissen, fern jeglicher
menschlichen Zerstörung. Denn nach jeder Unterrichtsstunde(n) saßen, gerade meine vier
Nachhilfekinder um mich herum und stellten unzählige Fragen und ich erzählte aus meinem Leben und
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vom „Wünschen“, wie ich es in meiner Biographie schon beschrieben habe und dass ich mir als Kind
meine Wünsche selber erfüllte, indem ich bastelte, um mir in dieser harten Welt meine eigene, heile, reine
Welt aufzubauen und zu erhalten, auch mit meinen berühmten Puppenstuben. -

Ich suchte nach Markus Tod wieder in die Kraft der Aufrichte zu kommen, um Schritt für Schritt von
vorne zu beginnen, mithilfe der Schüler, meiner Freunde und meiner Ärzte, mein altes und doch ganz
neues Leben wieder aufzugreifen. Die Jahre in der Gefangenschaft hatten mich innerlich gezeichnet,
gebrochen und doch reifen lassen, ich war ernsthafter geworden, erwachsener und ungleich verletzlicher,
wenn sich diese Spuren auch nicht in meinem Gesicht zeigen sollten, das nach wie vor von innen und
außen strahlte, wie es mir die Menschen immer wieder sagten und „zeitlos jung“ wirkte.
Aber in jeder Stunde musste ich immer noch alle Bewusstseinskräfte aufbieten, um nicht im Strudel der
Finsternis unterzugehen, in keiner Minute durfte ich ausgelassen mich verlieren, jede Sekunde ein harter
Kampf gegen den eigenen Untergang und nur wenige Menschen begleiteten diese Fehde mit ganzer
innerer und äußerer Anteilnahme, um mich zu stützen, zu begleiten. Auch wenn dieses Jahr 2011 von
allen Entzugsjahren mein bestes sein und bleiben sollte in errungener Autonomie und Selbstständigkeit
bis August, so gab es ein Ereignisse im Juni, das mir wieder den Boden unter den Füßen wegzog.

Und so halfen auch in ganz entscheidendem Umfang meine Ärztin und ihre Kurznachrichten mit, mich
am Leben zu halten, wenn auch oft „im letzten Moment“, sollte mir Rettung und Trost zufließen.
Und ich sprach häufig von ihrem „Fluidum“, denn es gab manche Augenblicke, in denen ich aufgeben
wollte, in denen keines Freunde Wort mich mehr erreichen konnte, kein Trost, keine scheinbare
Hoffnung, aber wenn von ihr nur ein Wort meine Seele erreichte, eine Nachricht wenn ich auch die
Wahrhaftigkeit fühlte, so waren diese mir Evangelium, weiter zu kämpfen, durchzuhalten, ihre
Weisungen zu befolgen, ihnen unbedingten Gehorsam zu leisten.
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Kapitel: Familienaufstellung, Portraitieren, Prozessvorbereitung und Fallenlassen

Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen
Aussehen desselben wohl denken, daß diese starren Äste, diese zackigen Zweige im nächsten
Frühjahr wieder grünen, blühen, sodann Früchte tragen könnten, doch wir hoffen's, wir wissen's.
Goethe

Der März 11 sollte mit vielen Aktivitäten und reichen, wertvollen menschlichen Begegnungen
durchzogen sein und so fand ich, innerlich geführt zum richtigen Zeitpunkt, an dem ich mit einer inneren
Frage umging, ein undeutliches schwarz – weiß Bild meiner Ärztin im Rahmen einer schriftlichen
Verabschiedung des Kollegen, der seine neue Kollegin Dr. Gabriel, welche die Praxis übernehmen sollte,
vorgestellt mit einem kleinen Photo von ihr. Ich zeichnete von diesem undeutlichen Bild ein großes
Portrait und durfte vieles in meinem Bild erkennen, das ich im Laufe der Beschreibung dieser drei
Entzugsjahre noch herausarbeiten möchte und wir brachten ihr das Bild kurz vor dem Wochenende in die
Praxis und als ich es den Arzthelferinnen zeigte, sagten diese:“Ja, als wenn Dr. Gabriel leibhaftig vor uns
stünde, sie lebt in Ihrem Bild und sagt sie aus.―

Da ich zu jener Zeit eine schwere Grippe hatte, empfing mich Dr. Gabriel sogar am Samstag in ihrer
Praxis, um mir die Lunge abzuhören und sie sagte im Zusammenhang mit meinem Portrait: „Diese
Begabung reicht schon an Camille Claudel heran.― Als ich sie verständnislos anblickte, meinte sie
zudem, dass es schon als herausragend bezeichnet werden kann, an einem einzigen Tag ein solches Bild
fertig zu stellen.
Ich hatte mir selber davon eine Kopie angefertigt und stellte es in meiner Wohnung auf aus Gründen, die
mit inneren Fragen zusammenhingen, auch mit einer Frage, die ich in diesem Kapitel im Laufe des
Schreibens herausarbeitete und welche mit meiner Einweisung und dem Schweigen meiner Ärztin im
Zusammenhang standen und ich versuchte in den Jahren, Antworten darauf zu finden…

Und mit genau diesen Fragen fuhr ich Mitte März nach Freiburg zu einer Familienaufstellung von einem
sehr guten Therapeuten, der diese Hellinger Aufstellungen leitete und führte:

In Familien herrscht laut Bert Hellinger eine natürliche Ordnung. Verstöße dagegen machen krank. Doch
mit Hilfe der Weltseele lässt sich jede Störung aufspüren.
„Bei der Familienaufstellung nach Hellinger werden vom Aufstellenden möglichst Männer für Männer
und Frauen für Frauen aus dem Kreis der Anwesenden stellvertretend für Familienmitglieder“, - aber in
zunehmendem Umfang auch fremde Personen, die mit dem Aufsteller in Beziehung stehen, oder
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Seelenverwandte – „räumlich so angeordnet, dass sie seiner subjektiven Wirklichkeit entsprechen.


Hellinger glaubt, daraus resultiere die Möglichkeit, das Beziehungsgeflecht des aufgestellten Systems
wahrzunehmen und etwaige Lösungsmöglichkeiten zu erkennen. Familienaufstellung bringe etwas
"Verborgenes" ans Licht, das sich jenseits von Manipulation und bewusstem Hintergrundwissen zeigen
könne. Bei Aufstellungen sei immer wieder zu beobachten, dass Stellvertreter recht genaue Auskunft über
Befindlichkeiten von vertretenen Personen geben können. Nach Bert Hellinger war das Familienstellen
zunächst nur eine Methode, um festzustellen, wie die Beziehungen in einer Familie beschaffen sind und
was dort wirkt. Es war in erster Linie zielneutral. Der Hauptfokus der Methode richtet sich weniger auf
den Aufstellenden selbst als auf sein System und das diesbezügliche Beziehungsgeflecht. Für das jeweilige
System und dessen Beteiligte sei primär, „Lösung― zu erwirken, woraus sich dann für den Klienten davon
abgeleitet eine „Lösung― ergeben könne.―

Auch mein Bruder sollte meiner Aufstellung beiwohnen und ich war mir noch nicht einmal sicher, wen
und was ich genau aufstellen wollte und so berichtete ich in diesem großen Menschenkreis von den
letzten drei Jahren meiner Einkerkerung, um plötzlich in mir den Wunsch zu verspüren, die Hintergründe
meiner Höllenfahrt, der Überdosierung und der Freiheitsberaubung und nicht zuletzt des Schweigens und
Nichthandelns gewisser Menschen zu erfahren. Mit dieser Intention stellte ich die Menschen in den Raum
in Beziehung zueinander, wie ich es erlebte und wie es mir eingegeben wurde. Doch die geistige Welt,
die wohl mitwirkte, sollte eine vollkommen andere „Lösung“ ans Tageslicht bringen:

„Familien“aufstellung Antje: 13.3.11


Schon bei den vorherigen Aufstellungen konnte ich erleben, dass der Aufsteller ein ganz besonderer,
erfahrener, feinfühliger, aber auch sachlich konkreter, im Leben stehender Mann war, auch mit dem Weg
der Anthroposophie vertraut. Was auch vor meinen Aufstellungen ans Licht des Bewusstseins der
Betreffenden trat, hat alles, was ich mir darüber vorgestellt habe, übertroffen. Ich selber habe auch eine
Rolle übernommen und wirklich, wahrhaftig erleben können, dass ich wahre Dinge sagte, von denen ich
nichts wissen konnte.

Dann folgte meine Aufstellung. Es war erstaunlich, dass meine die letzte Aufstellung war und gegen Ende
noch ein Mann dazu kam, von dem ich wusste, dass er für meine Aufstellung von großer Bedeutung sein
würde. Ich habe erst viel erzählt, bestimmt 30 Min., auch weil ich mir unschlüssig war, welches Thema
ich wählen sollte.
Ich habe von den letzten drei Jahren in der Psychiatrie erzählt, von Dr. Uriel und dass der Entzug noch
nicht abgeschlossen ist, dass es die reinste Höllenfahrt war.
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Nichts von meinen Zuständen habe ich erzählt, nichts vom Zerstückeltsein, der Depersonalisation, der
Dissoziation, nur von der Depression, der Angst, nichts von den Muskeln. – Dann habe ich noch von
meinen drei Vätern etwas erzählt und mein Bruder hat auch noch einiges berichtet, seltsamerweise all die
Dinge, die ich im letzten Brief Frau Dr. Gabriel geschrieben habe. Vom Schweigen, von der seelischen
Gewalt in unserer Familie…
Diese 12 Menschen waren mäuschenstill, es war eine unglaubliche Energie im Raum, teilweise
Betroffenheit, aber auch Bewunderung, Hochachtung. Zumindest sagte es auch Wolfgang, der Aufsteller.
– Er sprach lange mit mir, es schien allen so, als habe er nur auf meine Aufstellung gewartet, mit
Spannung und seiner ganzen Kraft und Motivation, denn wir waren zuvor schon im E Mail Kontakt
gewesen.
Er sagte mir, dass er eine unglaubliche Kraft und Stärke in mir spürt und dass er den Eindruck hat, ich
habe noch eine große Aufgabe im Leben. Er hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass ich in
einigen Jahren meine Erfahrungen niederschreibe und dabei helfe, eine andere Klinikform für diese
Menschen zu entwickeln, beraterisch tätig zu sein, den Menschen zu helfen mit meinen ganz
individuellen Erfahrungen. Er fragte mich vor allen, ob ich mir das vorstellen könnte und ich verneinte
mit der Begründung, dass ich nichts mehr mit psychisch Kranken zu tun haben möchte, wenn sie nicht
noch einen Funken Eigenverantwortung und Motivation zeigen. –(Damals war mir das ganze Ausmaß der
Zerstörungsimpulse noch nicht deutlich).
Ich wollte Dr. Uriel aufstellen und mich, oder meine Väter, auch wollte ich gerne wissen, was die Energie
„Tavor“ noch mit mir macht. Ich sagte, ich möchte ihm gerne verzeihen, oder vielmehr Frieden schließen,
weil verzeihen sehr von „oben herab“ geschieht, wenn man Frieden schließt dagegen, befindet man sich
auf einer Ebene. -
Was dann geschah, in den nächsten 20 Min., war einfach phänomenal für alle. Wolfgang sagte, er würde
gerne mich aufstellen und meinen „geistigen Führer, Engel oder Kompass“. Er wolle den Kontakt wieder
herstellen, den Sinn erfahren, der meinen Leiden zugrunde liegt, denn er sagte selber, dass es zuviel sei
für ein einziges Menschenleben, was ich zu tragen habe.
Ich wählte zwei Personen aus, die für mich in Frage kamen. Zunächst sollte ich meine Hände von hinten
auf deren Schultern legen, solange, bis ich mich mit ihnen vertraut gemacht habe, als Stellvertreter. – Die
erste „geistige Führerin“ wurde wieder herausgenommen, sie sagte nur, sie findet keinen Zugang zu mir,
zur Stellvertreterin „Antje 2“. Es klang schon fast hysterisch. So nahm ich Peter, denjenigen, der später
hinzu kam und von dem ich wusste, dass er dazugehört. Ich stellte ihn Antje 2 gegenüber. Antje 2 ging in
die Knie und sagte, es sei so gewaltig, dass sie es nicht ertragen könne, zudem können sie ihre Muskeln
nicht mehr halten, sie habe keine Kraft mehr. - Das hat mich schon sehr erstaunt.
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Mein „geistiger Führer“ sagte, als ich ihm die Hände auf die Schultern legte, dass er ein unglaubliches
Licht gefühlt habe, eine Energiekraft, es sei ihm gewesen, als habe er die Moleküle vibrieren sehen,
fühlen. Auch Wolfgang sagte, es sei eine „gewaltige“ Energie im Raum, eine sehr hohe, geistige
Schwingung. Das fühlten auch die anderen. - Ich selber glaubte, wie immer, eine Last zu sein für diese
Menschen, ich dachte, ich kann ihnen mein Schicksal nicht zumuten.
Wolfgang sah mich an und sagte, dass ich „Meisterqualitäten“ habe, ob ich etwas damit anfangen könne.
Ich verneinte. Da fragte er mich, ob ich manchmal Dinge wahrnehme, spüre, hellesehe und ich erzählte
ihm, dass ich am Freitagmorgen einem Freund gesagt habe, dass etwas ganz schlimmes im Osten passiert
ist, obwohl ich noch nichts von der Umweltkatastrophe wusste.
So sagte er mir, ich solle jemanden auswählen, der Japan darstellt. Ich stellte den Dritten zufällig genau in
den Osten. Antje 2 war auch davon so erschüttert, dass sie nicht hinblicken konnte. Es ging ihr immer
schlechter, sie sagte, es sei ihr sehr schwindlig, sie sei aus ihrem Körper herausgelöst, irgendwo wie
zerstückelt(!). Es sei ihr übel und sie bekäme keine Luft mehr. Zudem laste eine große Schwere auf ihrem
Kopf, gleichzeitig schwebe sie aber irgendwo oben. Ich traute meinen Ohren nicht, als ich das hörte,
denn ich hatte nichts gesagt davon. Sie sagte, sie könne das nicht mehr länger aushalten und es waren erst
10 Min. vorbei. So nahm Wolfgang einen großen Ball, gab ihn meinem geistigen Führer (Engel) und
sagte, er solle die Last der Welt mit mir tragen, es war ein Symbol für die Umweltkatastrophe. Als der
Ball in seinen Händen war, ging es Antje 2 etwas besser, sie konnte sich leicht aufrichten, dennoch
kraftlos.
Wolfgang sprach immer wieder mit mir und sagte, dass ich das Leid der Welt auf mich nehme und
transformiere, allerdings kann ich es nicht alleine schaffen, ich brauche dazu meinen Engel und helfende
Kräfte, die mich dabei unterstützen. Es sei eine sehr wichtige Aufgabe, auch wenn sie mit großen inneren
Schmerzen verbunden ist.
Auch habe ich große intuitive, imaginative und inspirative Kräfte. Immer wieder sprach er von der
menschlichen Meisterqualität und irgendwann fragte ich ihn, was er damit meine.
Er sagte, dass ich die Fähigkeit habe, der Welt zu helfen, Menschen zu führen, ihnen mit meinem Licht
voran zu gehen, die Erde beim Transformationsprozess sehr stark zu unterstützen. Er sagte, er habe mich
beobachtet, ich würde jede kleine Veränderung im Raum wahrnehmen, auch sehr viel unausgesprochenes,
Zwischenmenschliches. Das sei eine sehr „hohe Fähigkeit“.
Irgendwann nahm er Peter (Engel) den Ball aus der Hand und gab ihn „Japan“ zurück, als geläutert,
transformiert. Er sagte, diese Katastrophen seien notwendig für die Menschheit, aber sie müssen
verwandelt werden und zurückgegeben, sonst entstehe ein Vakuum.
Antje 2 sagte plötzlich, dass sie unbedingt ein Tuch brauche, das sie sich ganz stark um den Kopf wickeln
könne. Als Schutz, als Halt gegen ihre schlimmen Zustände, die sie kaum mehr ertragen könne. In
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diesem Moment weinte mein Bruder und mir kamen auch die Tränen. Er wusste, dass ich seit 6 Monaten
immer um ein Tuch bitte, das Frau K. mir mit Oxalis so fest um den Kopf wickelt, dass es alles
zusammenquetscht um gegen diesen gewaltigen Druck einen Gegendruck zu erzeugen.
Sie band sich das Tuch herum und in diesem Moment wusste ich, dass es wahrhaftig ist, abgelesen an
geistigen Einsichten, die unser Leben widerspiegeln. Es ging ihr immer schlechter, sie beschrieb alles,
was ich erlebe, seit vielen, vielen Monaten, ohne Unterbrechung, nahezu Tag und Nacht. Und sie sagte,
sie könne das nicht mehr ertragen, wolle gehalten werden, müsse bald aus ihrer Rolle heraus. Johannes
kam und hielt sie von hinten umfangen, damit sie nicht umfällt. Von vorne kam Peter, mein „geistiger
Führer“, sie umarmte ihn lange Zeit und sagte, dass es ihr besser gehe. Sie wurde mit Wasser und
Rescuetropfen versorgt und ich stand da, vollkommen verlassen und erschüttert von dieser Entwicklung.
Dennoch sagte Wolfgang, dass ihre Augen immer klarer wurden, während er mich ansah.

Eine solche Umarmung, die möglicherweise Besserung bringt, ist mir verwehrt, gibt mir nichts, auch weil
ich mich selber eingeschlossen fühle wie in einen Faradayschen Käfig, ohne Kontakt zur Außenwelt und
auch, wenn ich gehalten werde, hilft mir das nicht. Nur wenn ich menschlich gehalten werde von
Menschen, die mir wichtig sind, die ich achten kann. –
Ich sollte mich jetzt an die Stelle von Antje 2 stellen und Wolfgang sagte, dass ich eine Art
„Menschheitsführer“ sei mit großer Verantwortung, mit großer Aufgabe. Ich sagte ihm, dass ich das
lieber nicht sein möchte unter diesen Umständen und ob ich diese Aufgabe nicht abgeben könne. Mir war
es ernst, aber die anderen brachen in Lachen aus. Ich war erleichtert, aber auch verzweifelt, weil ich
fühlte, dass ich dieser möglichen Aufgabe, von der ja auch andere sprechen, nicht gewachsen war.
David sah mich immer wieder liebevoll an und ich wusste, was er dachte und dass er sich bestätigt fühlte.
Ob es die Wahrheit ist, weiß ich nicht, es wird niemand wissen.
Die Abschlussrunde war dann wirklich zum Erstaunen. Wolfgang war bei den anderen drei Aufstellungen
nicht so, wie ich ihn jetzt erlebte. Er hat die anderen auch nicht getröstet, als sie weinten, es schien so, als
sei es schon Routine bei ihm. Ich habe nicht geweint, weil ich sehr selten nur weinen kann, nur als
Johannes, mein Bruderherz zu schluchzen anfing, kamen mir ein paar Tränen, die keiner sah. Wolfgang
war davor klar und sachlich, bestimmt, manchmal schon fast hart. Jetzt aber erlebte ich ihn anders, auch
die anderen nahmen es wahr. Er sagte, der linke Nebensitzer von mir, sie solle anfangen mit der Runde,
so sollte ich dann das letzte Wort haben. Auch wollte er neben mir sitzen. Alle sagten, dass meine
Aufstellung sie sehr berührt habe und dass sie mir viel Kraft wünschen für meine Aufgaben, dass sie auf
mich zählen, ich ein ganz besonderer Mensch sei, gerade auch, weil ich so viel durchlitten habe. Mein
geistiger Führer sagte, dass er noch ganz durchdrungen sei von meiner strahlenden Energie und dass ich
179

vielleicht gerade, weil ich Borderline habe, diese mögliche Aufgabe habe, der Welt zu helfen, mehr als es
vielleicht anderen möglich ist.
Dann kam Wolfgang an die Reihe und da konnte ich nur immer wieder kleinlaut „danke“ sagen. Er sagte,
es sei eine sehr besondere Aufstellung für ihn gewesen, er habe mich auch die ganze Zeit in der Runde
beobachtet und sehr viel weisheitsvolles, kraftvolles, Großes, lichtvolles an mir erlebt.
Ich habe eine ganz große Stärke und seelische Größe und es sei wichtig, dass ich in der nächsten Zeit
immer Menschen um mich habe, damit ich am Leben bleibe.
Er war sehr demütig, wie ich ihn davor nicht erlebt habe und hat nochmals von meiner schönen Sprache
und kraftvollen Stimme gesprochen. Und es sei wichtig, dass ich mich der geistigen Führung, den
helfenden Kräften anvertraue und sie mit einbeziehe, weil ich es alleine wohl nicht schaffen werde. -

Ja, meine Entwicklung schien zunächst der Sonne entgegen zu gehen, trotz immer wiederkehrender
Krisen und Einbrüche, in denen ich gerade meine Ärztin dann ganz besonders brauchte.
Sie hat mir manchmal nonverbal vorgeworfen, ich würde Übermenschliches erwarten, aber ich kann mit
ganzer tiefer Wahrhaftigkeit sagen, dass ich nur die Sicherheit ihres Beistandes brauchte, die innere
Zuverlässigkeit und die Gewissheit, dass die tragende Brücke nicht abbricht. Ich lebe davon, unentwegt
auszuloten, was meinen Mitmenschen dient, was sie selber brauchen, was sie fördert, ihnen nicht schadet,
ihnen ihren individuellen Freiraum einzuräumen und lieber selber unermessliche Opfer zu bringen, damit
sie verschont bleiben und leben können. Und dieses Bestreben wurzelt tief in meiner Kindheit, denn eine
Mutter im Rollstuhl fordert von ihrer Umgebung zumeist tatsächlich übermenschliche Qualitäten von
Rücksicht, Opferbereitschaft, der Zurücknahme eigener Bedürfnisse, Hilfen in umfassendem Ausmaß,
Demut und Verzicht und noch immer höre ich die Worte meiner Mutter in mir, den Klang ihrer Stimme,
wenn sie mir sagte, ich sei so bescheiden. Oder sie danke mir, weil ich ihr immer den besseren Teil
meiner Nahrung zukommen ließ und Nächte geopfert habe, um sie vor ihrer eigenen Angst vor dem
dritten Vater zu schützen und zu beschützen.

Häufig durfte ich erleben, dass ich am Boden zerstört war, wenn ich mich menschlich, gerade von Dr.
Gabriel fallen gelassen fühlte, auch wenn es nur eine rein subjektive Empfindung war, wir wissen alle,
dass ein Depressiver die Welt subjektiv verdunkelt sieht, auch wenn sie objektiv von reinster und hellster
Sonne durchstrahlt ist und so ist sein Empfinden für ihn selber Objektivität, die mit keiner Beschreibung
seiner Umwelt konform geht und identisch erscheint und ich habe in diesen Jahren nicht selten erlebt,
dass mich eine einzige Nachricht, ein Lebenszeichen, ein Zeichen dessen, dass sie mich nicht aufgegeben
hat, dass sie an mich glaubt, mir beistehen möchte in meinem Kampf, mich wieder zu neuem Leben
erweckte. Wenn sie absichtlich nicht reagierte, mich gefühlt und wie wir heute wissen bewusst
180

undmutwillig im Stich ließ, wusste ich, die Aussage einer Pflegerin, „jetzt könne ich nur noch Haschisch
rauchen, oder mich umbringen“, war richtig. Es war nicht mehr zu schaffen, mein Leben nochmals zu
erhalten und aufzubauen, was in mir sofort und unwiederbringlich den Wunsch nach Flucht und
Weltflucht erzeugte, einer Spirale in den Abgrund, der ich nicht entkommen und ihr gedanklich
irgendetwas entgegensetzen konnte.

Ebenso erlebte auch Markus das nachlassende Interesse seiner Umgebung an seinem Leid und es genügte
nur noch eine einzige Aussage seines Arztes, als letztes Zünglein an der Waage, die ihn in seinen
Untergang stürzte. Die Empfindsamkeit wächst gewissermaßen mit der Intensität des Leides mit zu
gewaltigen Dimensionen.
So sehe ich mich wiederum an einem Mittwoch im Mai in meinem Gartenhaus liegen, an einem Tag, als
meine Ärztin nicht in ihrer Praxis tätig, sondern zu Hausbesuchen unterwegs war, mit dem Gefühl, ich
werde diesem Zustand der inneren Aushöhlung durch die langanhaltenden Qualen unterliegen, fühlte
mich kraftlos, energielos und ich erinnere genau, welches Bild ich an jenem Tag betrachtete, welche
Kleidung ich trug, als mich eine Kurznachricht meiner Ärztin erreichte, sie sei heute ausnahmsweise in
der Praxis gewesen und habe mich vermisst, ob denn die Sprechstundenhilfen mir nicht ausgerichtet
haben, dass sie da sei und sie würde jetzt noch auf mich warten, gegen 19 Uhr(!).
In diesem Moment vollzog sich in mir sofort eine Wandlung zur inneren Aufrichte, ein
Hoffnungsschimmer erreichte meine ausgedörrte meine Seele, das Gefühl der Sicherheit und des
Glaubens an mich. Ich sprang auf und fuhr in ihre Praxis, um nicht nur meine Zellen mit medikamentösen
Essenzen aufzuladen, sondern auch den Akku meiner Seele durch ihr Fluidum, das sich für mich nicht
näher erklären lässt außer durch die Tatsache, dass das Wesen des Menschen das eigene Wesen zu
beeinflussen vermag, in positiver und negativer Ausrichtung, wie es auch meine Umwelt an mir immer
erlebte und sie innerlich und äußerlich reifen und wachsen ließ.

Auch wenn meine Einweisung und das folgende Schweigen und nicht handeln deutlich eine negative
Beeinflussung aufweisen, so hat sie mir gerade im Jahr 2011 vor meiner Entscheidung, einen Prozess
gegen die Klinikhandhabung anzustreben, wirklich menschlich zu helfen versucht und ich bin ihr dankbar
für diesen neuen Start in ein Leben, das kontinuierlich bergab sich bewegen sollte, auch wenn ich ihm
noch wunderbare Lebensfrüchte entringen durfte.
Der angestrebte Prozess bereitete ihr Angst, weil sie offensichtlich glaubte, mit in den Fokus der Schuld
zu geraten und ab diesem Moment, im Jahr 2012 versuchte sie unterschwellig zunächst, dann immer
offenkundiger alles, mich in den endgültigen Untergang zu stürzen.
181

Sie wusste, dass ich eigenständig niemals zum zweiten Mal in diese Klinik zurückgekehrt wäre, ohne die
Aufforderung meiner Ärztin, ich solle eine Behandlung durchhalten. Ich hätte diese Behandlung, oder
Misshandlung nicht mehr aufgenommen, weil meine Intuition Alarmstufe rot aufzeigte, die ich überhörte.
Ich vertraute mir selber nicht und mein Eintreffen in die Klinik verdeutlichte schon am ersten Tag, dass
ich mich in meiner Wahrnehmung nicht getäuscht hatte, denn nicht nur ich selber war verstummt, sondern
dieses Verstummen und Krampfen meiner Muskeln veranlassten Dr. Uriel mir sofort nicht nur 1mg,
sondern 4mg Tavor zu verabreichen. –
Mein erstes Entzugsjahr stand zunächst, dem äußeren Schein nach ganz klar unter dem Vorzeichen
meiner Besserung und gar Heilung der vorangehenden Folterjahre und auch wenn ich erwähnte, dass ich
auch in diesen Jahren an Dr. Gabriel litt und in tiefe Abgründe gestürzt wurde, gerade durch fehlgeleitete
Kommunikation, oder Nichtkommunikation, so sollten sich nach meinem Empfinden meine
Anstrengungen dieser drei Jahre, mit ihr einen wahrhaftigen Weg zu finden, in möglicher Erlösung der
karmischen Verstrickung, wie ich sie empfand, am Beginn des Jahres 2014 ausgezahlt haben, um am
Ende des Jahres in den Untergang zu führen durch offensichtliche Lügen, durch Täuschung, durch
Verleugnung und unterlassender Hilfeleistung.
Ich bewegte mich lange Zeit in dem Irrglauben, dass auch sie anfangs wohl verstanden hatte, um was es
mir in all den Jahren ging, nämlich nicht um eine Überforderung und Ausreizung ihrer Kräfte über ihre
Grenzen hinaus, sondern um ein Verständnis und Verstehen meines Schicksals, meines, wie es mein
Bruder bezeichnete in diesen Tagen ein“ in nicht in Worte zu fassender Liebe und tiefem Respekt vor
deinem unbegreiflichen Schicksal“, das nur auf der Suche war nach dem wahren und wahrhaftigen
Menschentum, nach Menschlichkeit, Sicherheit, Vertrauen, Rücksicht, Nachsicht und vor allem
Verstehen, ohne „Übermenschliches“ meinen Mitmenschen abfordern zu wollen. -
Was sie als Überforderung verstand, war uns am Ende der „Behandlung“ ganz deutlich: Sie versuchte,
ihre Schuld unkenntlich zu machen, zu vertuschen, zu verstecken und alles, was sie ans Tageslicht
bringen konnte, sollte, durch den Prozess, durch die Organisation gegen Menschenrechtsverletzungen, die
sogar einen Bericht auch über die Schuld meiner Hausärztin verfasste, ohne dass ich etwas davon
berichtet habe in negativer Ausrichtung und das Verbrechen in einer Sammelklage vor das
Bundesverfassungsgericht bringen wollte.
Um diese Mauer aufrecht zu erhalten, sich von ihrem eigenen Verbrechen zu distanzieren, war ihr jedes
Mittel recht, auch mich anzuklagen, ich würde sie überfordern, wenn ich nur Klarheit und Wahrheit
brauchte zum Überleben und nur einen Funken Menschlichkeit und Zuverlässigkeit in meiner Dunkelheit.
Es war ihr jedes Mittel recht, mir Verdrehungen zu unterstellen, die sie unter Zeugen selber praktizierte.
Immer war in all den Jahren die von mir geglaubte, wahrgenommen und empfundene Unaufrichtigkeit
weniger Menschen mir gegenüber, die mich dazu brachte, in sägender, anstrengender, mühsamer
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Auseinanderlegung der Details des Verhaltens dieser Minderheit zerlegend zu ordnen, die jedoch meinen
menschlichen Umkreis bildete und wieder Zusammenfügens zum besseren Verständnis für mich selber in
detektivische Kleinarbeit. Dass das möglicherweise von ihr als anstrengend und bohrend empfunden
wurde, weil ich unaufhörlich versuchte, die für mich in Schieflage geratene Waagschale der
Unaufrichtigkeit wieder in ein Gleichgewicht zu bringen, zur Umwandlung und Verwandlung und meiner
eigenen Seelenreinigung, um in die innere Seelenruhe zu kommen, das lag an ihrem eigenen Verhalten
ihrer Mauer. Die systemzerstörende Ordnung, von der auch Hellinger spricht, musste für mich unbedingt
wieder hergestellt werden.

Ich wollte die Menschen, die mir wichtig waren, verstehen und wollte selbst verstanden werden und
wenn ich auch heute, in meiner tiefen inneren Kapitulation die Flinte endgültig ins Korn werfe, weil mir
auch meine ganze Existenz, neben der Nahrung geraubt wurde, meine Autonomie, so war ich im Jahre
2011 noch bestrebt, mein ganzes Leben umzukrempeln, die Vergangenheit hinter mir zu lassen, meine
Seele zu reinigen von den Spuren der Zerstörung und tragende menschliche Beziehungen aufzubauen,
wie ich sie in München in umfassendem Ausmaß erleben durfte, um reich beschenkt zu werden.
Heute kann ich sagen, dass ich niemals davor und danach so wertvolle, wahrhaftige, liebevolle,
verständnisvolle Menschen als in München um mich hatte, von den Mitpatienten, bis zu den Therapeuten,
gerade in der Uniklinik. Die Kommunikation war herausragend und nicht diffus und zerstreuend und hätte
ich diese Vielzahl und Vielgestaltigkeit der Menschen nicht um mich gehabt, ich wäre im Beginn meines
Entzuges ganz sicher untergegangen.
183

Kapitel: Nachhilfevater - Polizeiverhöre – Wesensbegegnung mit einem Verstorbenen

Es kann sein, daß nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält, denn er kann irren, aber in allem,
was er sagt, muß er wahrhaftig sein.
Immanuel Kant

In jener Zeit bekam ich durch einen ganz besonderen Freund eine wissenschaftliche Abhandlung in die
Hände, in der eine menschliche Statistik, die über Jahre an Probanden getestet wurde, aufzeigte, dass
gerade depressive Menschen die größte Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sich gegenüber, aber auch ihren
Mitmenschen gegenüber aufweisen, weil sie durch tiefste Täler des Schmerzes gewandert waren oder
wandern, um sich selber in einer Weise zu reflektieren, zu analysieren und die Kernpunkte ihrer
Schwächen und möglichen Stärken klar und deutlich ans Tageslicht zu bringen. Dass sie aber auch durch
ihre Feinfühligkeit durch die seelische Verletzlichkeit ihre Mitmenschen ungleich besser verstehen und
auch beurteilen können, während vermeintlich Gesunde, so wurde es beschrieben, durch diese tiefen
Täler nicht wandern müssen, in denen aber auch die Erkenntnisse verborgen sind und darum geneigt, sich
„selber immer wieder in die eigene Tasche zu lügen.“ Und somit vielleicht auch in die Taschen der
Mitmenschen!
Und möglicherweise wird auch in meiner Biographie erlebbar, dass ich mich selber unentwegt reflektiere,
um nicht nur meine unendlich oft beschriebene positive Wirkung auf meine Mitmenschen darzustellen,
wenn ich Begebenheiten herausarbeite, sondern auch meine eigenen Abgründe, meinen Stolz, meinen
Hochmut in gewissen Momenten, auch wenn er nur nach Hochmut schmecken mag, hinter dem sich eine
tiefe Verunsicherung verbirgt. Ich offenbare mich hier und ich denke, dass diese Offenbarung kein
Zeichen von Schwäche ist und sein muss, wie es viele Menschen erleben, sondern gerade das Gegenteil,
aus dem dann ein schöpferischer, vor allem wahrhaftiger Umgang mit seinen Mitmenschen entstehen
kann.
Und diese Aufrichtigkeit, die ich in München auch in meiner Musiktherapeutin und sogar in meiner
Ärztin und Psychotherapeutin erleben durfte, welche mir auch im stillen Kämmerlein, als es darum ging,
meine Abgründe und Probleme zu erörtern, ihre eigenen Sorgen und Nöte, sogar ihre Schwächen und
Fehler anvertrauten und in diesem ehrlichen, liebevollen Gedankenaustausch konnte sich auch meine
eigene Seele einer Reinigung unterziehen, weil ich keine Falschheit erleben musste, keine Verlogenheit,
keine menschliche Verunsicherung, die mich von jeher unruhig werden und straucheln ließ, um im
diffusen Dickicht den Blick und Überblick für das Wesentlichen aus den Augen zu verlieren.
184

Nach meiner Rückkehr in meine Wahlheimat Stuttgart fand ich diese Aufrichtigkeit und liebevolle
Klarheit nicht mehr in dieser Weise unter meinen Mitmenschen, außer in David und der Beginn meiner
Höllenfahrt dort hatte schon offenbart, dass der Ursprung der Zerstörung in fehlender, unvollständiger,
fehlgeleiteter Kommunikation und Unaufrichtigkeit ihren Anfang nahm, um dann in der Stuttgarter Klinik
meine Kräfte weiter zu zerstreuen, auch, wie ich es beschrieb, durch die Verwirrung der Sprache, durch
Anschuldigungen, Lügen und Betrug.
Ich denke oft wehmütig an meine Freunde, Ärzte und Pfleger in München zurück, an ihre Ehrlichkeit und
den sauberen Umgang mit der Sprache, die, wie ich es beschrieb. Die Rettung im schwersten Entzug und
nach meiner Entlassung war David, er war für mich der Anker in den drei Entzugsjahren, weil ich diese
Form der produktiven Kommunikation, die ich in München erlebte, mit ihm weiterführen konnte, um
auch wichtige Erkenntnisse für meine Lebensbeschreibung zu gewinnen.
Ich möchte an dieser Stelle Anne, Susanne, Geli, Stefan, Olaf, Markus, Michaela und unzähligen
weiteren, wahrhaften Freunden, Frau L. und Frau W., meinen Musiktherapeuten, meinen beiden Ärzten
Frau M. und M. meiner Bezugsschwester Frau L. zu der ich ein ganz besonderes, aufrichtiges Verhältnis
hatte, in besonderer Weise danken, weil sie mich ganz tief verstanden, weil sie durch ihre Arbeit mit den
vermeintlich psychisch Kranken selber zur Wahrheit zu gelangen bestrebt waren, weil sie den „Nimbus
des Geheimnisses“ um sich zerschlugen um zum wahrhaftigen Verständnis und Umgang, gerade mit mir
in sanfter Weise vorzudringen. Weil sie meine Kräfte im Gespräch nicht zerstreuten, um mich in einem
diffusen Vakuum gefangen zu halten, gerade wie ich es durch Dr. Uriel und Dr. Gabriel, aber auch durch
andere Menschen in Stuttgart erleben musste. Ich fühle heute tiefe Dankbarkeit für diese menschlichen
Perlen in meiner schlimmsten Zeit, in dem Jahr 2010, in dem ich in der Fremde mir Fremde zu den besten
Freunden gewinnen durfte, die ich je im Leben gehabt habe.
Sie erlebten mich als übergesund im seelisch – geistigen und als einen Menschen mit der größten
Begabung, Beziehungen zu leben, zu gestalten und aufrecht zu erhalten, auch meine Ärzte und
Therapeuten, die mir mit der Aussage begegneten, dass sie in mir einen Menschen erleben, der sich als
„beziehungsunfähig“ beschreibt, der aber durch seine schöpferische Kommunikation, durch sein Wirken
einer der kontaktfreudigsten Menschen ist, den sie erlebt haben. Sie würden meine einzige Lebensaufgabe
darin sehen, meinen Mitmenschen durch meine Liebe, mein Vorbild, meine Rücksicht Mut, Hoffnung
und Kraft für ihr eigenes Lebens zu geben.

Im Beschreiben meiner Leiden fühlte ich mich oft von Ärzten und Therapeuten unverstanden, weniger
von meinen Mitpatienten, die mir nicht selten sagten, dass sie in ihrem Leben nur wenige Augenblicke
einer unbeschreiblichen Angst erlebt hatten um zu wissen, dass sie diese nicht entfernt auch nur einen
ganzen Tag hätten ertragen können. Ich musste ihnen meine Zustände nicht minutiös auseinanderlegen
185

um dann doch mit derlei Aussagen konfrontiert zu werden: „Ja, Sie haben mich an die Grenzen der
Vorstellung geführt, Ihr unermessliches Leid―.
Um wahrhaft zu verstehen, muss ein Mensch die Dinge selber durchleben, das wurde mir deutlich. Die
mögliche Vorstellung davon reicht offensichtlich alleine nicht aus, wenn sie überhaupt auch nur
annähernd an das Leid des Gegenübers heranreicht.
Aber in all diesen Begegnungen auch von den Angehörigen von „Betroffenen“, die mit mir die
Gleichförmigkeit der Tage in den Psychiatrien verbrachten, durfte ich ein tiefes, umfassendes Verständnis
und vor allem Wahrhaftigkeit erleben und nicht selten wurde ich auf Ausflüge ins Umland, oder an
heilige Orte mitgenommen, an denen die Mutter Maria wohl erschienen war. Ich kann ehrlich bekennen,
dass ich zwar nicht mehr in der Lage bin, Münchner Boden zu betreten, weil an jeder Straßenecke
Seelenanteile von mir zerstückelt liegen, dass ich dort jedoch den Keim meines künftigen Sternes in
meinen Menschenbrüdern und Mitleidenden gefunden habe, auch in meinen Ärzten und Pflegern, in einer
tiefmenschlichen Begegnung. Sie kannten keinen Stolz, der bekanntlich mit Dummheit gepaart ist, um
auch mit mir in die Oper zu gehen, mich zum Essen einzuladen, auch vor mir zu weinen, vor mir und
unserer Gemeinschaft zu bekennen, dass auch sie Menschen aus Fleisch und Blut sind mit Fehlern und
Schwächen, mit Verletzungen der Seele, um zu mir eine Brücke zu finden in Offenheit, Aufrichtigkeit
und Wahrheit, im menschlichen Verstehen, im Verständnis.
Dr. Gabriel war dazu nicht in der Lage. Ihren Nimbus von Macht, Geheimnis und Gewalt, von
Unaufrichtigkeit und Vertuschen sollte mich am Ende unseres gemeinsamen Weges in den seelischen
Untergang führen. -

Noch sollte mich im Jahr 2011 mein ungeheures Selbstbewusstsein, etwas geschafft zu haben, vor dem
ich selber stolz sein konnte, gerade in der Gegenüberstellung meiner Freunde, die durch den Entzug in
ihren Tod gestürzt wurden, über die Monate bis Juni 11 tragen, als ein weiterer Schlag meine Seele
erreichte und mich straucheln und fast fallen ließ, in mir eine tiefe, umfassende Verunsicherung erzeugte.
Ich hatte einen neuen, sehr feinen Jungen als Schüler angenommen als mich im Juni seine Mutter anrief
mit der Bitte, ob ich ihn am Vatertag unterrichten könne, sie müsse verreisen, aber ihr Mann sei mit den
Kindern zu Hause.
In jener Nacht hatte ich sehr schlecht geschlafen und erwachte mit dem Gefühl einer Bedrohung, der ich
keine Aufmerksamkeit widmete, vielmehr meinem geschwächten Zustand durch die fast durchwachte
Nacht. Dennoch fuhr ich mit David den weiten Weg zu dem Schüler und zunächst war ich mit dem
Jungen alleine und er war offen und lernwillig, als der Vater ins Zimmer kam mit einem
Mathematikaufgabenblatt in der Hand, es sei eine sehr schwere Sachaufgabe dabei, die er nicht zu lösen
wusste, ob ich ihm helfen könne.
186

Ich saß an einem winzigen quadratischen Tisch in der Ecke neben dem Fenster. Der Junge schräg links
von mir und so stellte sich der Vater zwischen uns beide, während er seinen Arm um meine Stuhllehne
legte. Ich erstarrte innerlich, in meinem Kopf begann es sich zu drehen, doch noch war nichts weiter
Auffallendes geschehen, sodass ich versuchte, mit dem Unterricht fortzufahren. Es war ein heißer
Sommertag und ich trug nur ein T Shirt. Sachte, fast unmerklich rutschte der Arm des Vaters immer
weiter von der Stuhllehne nach unten. Es verging dabei sehr viel Zeit, in der ich jedoch immer wieder mit
meiner Konzentration von einem Blackout meines Versuches, eine Lösung für die tatsächlich schwierige
Matheaufgabe zu finden, in ein anderes rutschte, während seine Hände mich unentwegt am Rücken
streichelten, auch kniffen, um vom unteren Rücken weiter nach oben zu wandern in die Richtung meines
Rippenbogens. Ich sprach, trotz innerer Erstarrung unaufhörlich weiter und wusste, dass ich nur zwei
Möglichkeiten habe: entweder aufzustehen und die Stunde abzubrechen, zum Erstaunen des Kindes, das
wohl meinen Abbruch mit sich selber dann in Verbindung gebracht hätte, mit etwaiger Unartigkeit, oder
ich hatte die Wahl, den Vater gezielt auf sein Verhalten anzusprechen, um seiner Tat ein Ende zu
bereiten. Seine Hände hatten die Rundung meines Rippenbogens schon, gleich der Überschreitung des
Rubikons, übertreten und es wurde mir zunehmend unangenehmer. Doch ich tat nichts dergleichen, ich
absolvierte die beiden Stunden mit zitternden Händen, sodass ich die betreffenden Blätter und Bücher
nicht frei in der Hand halten konnte, sie vielmehr auf den Tisch presste, um mich noch von dem Jungen
zu verabschieden, indem ich seine Seele mit einem tief mitleidenden Blick umfing. Den Vater würdigte
ich keines Blickes mehr und verließ wortlos die Wohnung.
Und genau dieses Verantwortungsgefühl für meinen Schüler war es, der mit einem engelsgleichen
Gesicht meinen Worten lauschte, das mir bei der Polizei und weiteren Nachhilfefamilien, die davon
erfuhren, zum Anklagepunkt, zur Gegenanklage werden sollte, da sie nicht verstehen konnten, dass ich
mich nicht wehrte, dass ich die Stunden nicht abbrach, ergo muss ich diese Berührungen selber
heraufbeschworen, sie sogar genossen haben.
Kreidebleich erreichte ich die Stelle, an der David lesend auf mich wartete, als mich ein Anruf des Vaters
erreichte, es täte ihm sehr leid, er habe so etwas noch nie zuvor im Leben getan und er wisse auch nicht,
warum es in dieser Weise in ihn gefahren sei, ob ich nicht nochmals zurückkommen möchte, damit wir
darüber sprechen können, die Kinder seien auf den Spielplatz gegangen.
Nein nicht ich, David wollte „zurückkommen“, mit einem gewaltigen Stein in der Hand und ich konnte
ihn gerade noch zurückhalten, um sein eigenes Leben auch nicht zu gefährden mit dem Versprechen, die
Angelegenheit der Polizei vorzutragen, die mich sofort empfing und den „Fall“ aufnahm. Sie nahm sogar
noch Abstriche von meinem Rücken.
187

Ich war unter Schock und rief die Nachhilfemutter an, die mich an jene Familie empfohlen hatte, aber sie
konnte mir meine Geschichte kaum glauben, da dieser Vater nicht für derlei Spielchen und sexueller
Belästigungen bekannt war.
Am selben Tag schrieb ich dem Vater einen Brief, in dem ich ihm deutlich zu verstehen gab, dass ich
unter diesen Umständen seinen Sohn nicht weiter unterrichten kann, ferner, dass das, was er getan, eine
Straftat ist, die ich der Polizei gemeldet habe.
Leider, blond und blöd wie ich war, habe ich ihm auch etwas von dem Abstrich geschrieben, - denn von
seiner Seite nutzte er dieses Wissen wiederum dazu, die Angelegenheit zu seinen Gunsten
herumzudrehen, indem er behauptete, ich habe seine Hand genommen, um mich mit ihr zu streicheln.
Seltsam nur, dass meine Hände die gesamte Zeit, bis auf wenige Ausnahmen, als ich versuchte, seine
unmerklich fortzuschieben, verkrampft und zitternd auf dem Tisch lagen. -
Am Wochenende geschah zunächst nichts, außer dass mich wieder ein Anruf jenes Vaters erreichte, den
David mithörte, weil ich den Lautsprecher meines Handys einschaltete. In jenem Anruf bat er mich
inständig darum, seiner Frau nichts davon zu sagen, ich würde sonst seine Familie gefährden und ferner
bat er mich darum, seinen Sohn weiter zu unterrichten. Wir sollten einfach darüber schweigen, es ist
passiert und er versicherte mir nochmals, dass er so etwas noch niemals zuvor getan hatte. Und nochmals
gab ich ihm klar zu verstehen, dass er Grenzen übertreten hatte und dass ich die Sache möglicherweise
folgenlos so stehen lassen kann, weil es mir auch um den Jungen ging, der sich tatsächlich schon in den
wenigen Stunden sehr verbessert hatte und sagte zu, am folgenden Montag zur Nachhilfe zu kommen.

An der Türe wurde ich an jenem Montag von seiner Frau mit einem polizeilichen Schreiben in der Hand
wutentbrannt empfangen, sie sei im Bilde, ihr Mann habe ihr alles erzählt „und Sie“ und sie fuchtelte mir
mit dem Schreiben unter der Nase herum, „Sie haben die Situation schamlos ausgenutzt, Sie haben die
Hand meines Mannes genommen und er hat mir erzählt, dass Sie ganze zwei Stunden geblieben sind, um
ihn zu missbrauchen, um damit unsere Familie auseinander zu bringen. Aber ich werde Sie anzeigen,
darauf können Sie sich verlassen. Zudem haben Sie sich verraten, da sie nochmals zur Nachhilfe
gekommen sind. Das macht niemand, der missbraucht wurde.“
Am Türspalt sah ich den Jungen stehen und in mir brach eine ganze Welt zusammen. Ich hatte in innerer
Erstarrung vor allem deswegen ausgehalten, um den Jungen zu schützen, um ihn zu bewahren vor derlei
verfrühter „Sexualkunde“, ich wollte seine reine Kinderseele retten und nun trug diese Familie vor ihren
Kindern eine Fehde gegen mich aus, mit dem Inhalt, den ich vor ihm geheim halten wollte, - die mich
innerlich zu Boden warf.
Ich sagte ihr nur: „Ich schwöre auf die Bibel und auf alles, was mir heilig ist, ich habe Ihren Mann und
die Situation nicht missbraucht und ausgenutzt, Sie haben vielleicht bemerkt, dass bei mir durchaus die
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Möglichkeit besteht, dank meines Aussehens, an jeder Hand ein Duzend Männer zu haben, um mich nicht
nur in dieser profanen und ekelhaften Weise streicheln zu lassen. Ich habe die Stunde durchgehalten, weil
ich ihren Jungen schützen wollte und bin wegen ihm, aus Verantwortung für seine Zukunft,
zurückgekommen, weil Ihr Mann mich vor zwei Tagen darum bat. Auch bat er mich darum, Ihnen nichts
davon zu berichten und ich hätte mich daran gehalten.“

Sie stutzte für einen kurzen Augenblick, schluckte, dann jedoch fuhr sie fort in ihrer Gegenanklage und
erfand zunehmend infamere Begriffe, sogar Anschuldigungen, ich habe, wie ihr Mann sagte, ihre Familie
mit 2000 Euro erpresst, damit ich schweige.
Ich war sprachlos und ebenso wortlos verließ ich den Hausflur, weil mir die Worte fehlten, gegen derlei
Anschuldigungen mich noch weiter zu rechtfertigen, um die Wahrheit siegen zu lassen.
An jenem Tag, Anfang Juni, war ich alleine zur Nachhilfe gefahren und ich lief wie betäubt in die
Richtung von Doris, der Mutter, dessen Sohn durch meine Hilfe die Versetzung geschafft hatte. Dieser
Mutter hatte ich vor wenigen Monaten eine große Summe Geld ausgeliehen, nach der sie mich
tiefdemütig und ängstlich gefragt und gebeten hatte und ich hatte sie ihr gegeben, ohne Bestätigung des
Erhaltens. Und als sie es mir wieder Wochen später zurückgab mit einem großen Geschenk, sagte sie mir,
dass sie mich für einen sehr wertvollen, ehrlichen, besonderen Menschen halte. –
Mit ihr wollte ich sprechen, doch sie war nicht zu Hause, nur ihr Mann, der mir unterschwellig zu
verstehen gab, dass mir kein Glaube geschenkt wurde, da ich ja nochmals zur Nachhilfe dieser
befreundeten Familie gekommen sei.

Nun folgten immer weitere Verhöre bei der Polizei und es kamen immer neue Anschuldigungen auf den
Tisch, aber auch Verfälschungen und ein anderer Tag der Tat wurde von ihnen angegeben, anhand dessen
zumindest die Polizei meine Glaubwürdigkeit erkannte und bestätigte.
Diese Wochen und sogar Monate haben mich ausgezehrt, meine wiedergewonnene Kraft gebrochen, vor
allem aber mein Selbstbewusstsein und trotzdem ich die anderen Kinder in Fellbach weiter unterrichtete,
begegneten mir die Eltern mit Misstrauen und versuchten immer weitere Beweise zu finden, die eine
Möglichkeit boten, mich zu „entlarven“, mich meiner, von ihnen angenommenen Lügen zu strafen: „Ja,
die Kinder haben erzählt, dass du ihnen Sachaufgaben mit dem Euro beigebracht hast, um dein Geld
herauszuholen und es ihnen damit praktisch verständlicher zu machen. Nach der Stunde hast du ihnen
jeweils 20 Cent geschenkt, weil sie die Aufgabe mit diesem Geld richtig gelöst haben. Das ist doch sehr
auffällig, so etwas macht doch kein Nachhilfelehrer!“
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Auf diese Weise versuchten sie immer weitere „Erkenntnisse“ zu finden, eine sehr magere Ausbeute, um
sie gegen mich zur richten, auch dass ich der Mutter Geld geliehen hatte, „in dieser Welt verleiht man
doch nicht einfach so Geld“.
Christus wurde erst erkannt und verehrt, um ihn dann ans Kreuz zu nageln von denselben Menschen um
ihn herum.
„Ja, diese Welt wäre anders, wenn es nur solche Menschen wie dich gäbe“, sagte mir ein guter Freund,
„sie wäre voller Liebe, Rücksicht, Wahrhaftigkeit und es gäbe keine Zerstörung, kein Misstrauen, keinen
Missbrauch.“ –
Ebenso wurde mir unsere Welt immer fremder und fremder, da ich mit dieser Art von Denken,
Unterstellungen, dem Misstrauen, mit den Handlungsweisen meiner Mitmenschen nicht konform gehen
konnte, weil ich seit meiner Kindheit etwas anderes fühlte, ein tiefes Urvertrauen ohne Misstrauen,
trotzdem mein Vertrauen unendlich oft enttäuscht und verraten wurde. Ich lernte leider nicht aus diesem
Verrat, immer wieder versuchte ich treu und offen meinen Mitmenschen die Hand zu reichen und
empfand sogar tiefes Mitgefühl mit den Tätern, die mir meine Kindheit raubten und in späteren Jahren
mit den Menschen, die mithalfen, mein Leben gänzlich zu zerstören.
Bis zu jenem Tag im November des Jahres 2013, als ich durch den infamen Ausgang meines Prozesses in
schmerzlichster Weise erkennen musste, dass ich für diese Welt ein Wesen bin, dem alles zugemutet
werden darf, sogar ein schweres Verbrechen an meinem Seelenleben, sogar ein Mord auf Raten und dass
es für mich, trotz offenkundiger Beweise, keine Menschenrechte gibt, dass meine Würde durchaus
antastbar und sogar zerstörbar ist.
Bis zu diesem Tag konnte meine Seele jeden Faustschlag und sei er noch so grausam und brutal, ertragen,
verwandeln und neu daraus erstehen. Der 8. November 2013, als zu denselben Stunden meines fast
dreistündigen Gerichtsprozesses auf den Philippinen der Taifun wütete und alles verwüstete, wurde auch
meine Seele endgültig dem Erdboden gleich gemacht und zog sich, nicht einmal absichtlich, mehr und
mehr aus dem Weltgeschehen zurück, an dem es ohnehin seit ihrer Einkerkerung und dem Beginn des
Mordes an ihr, nicht mehr in umfassender Weise teilnehmen konnte. Zunächst vollzog sich diese
Entwicklung noch unmerklich, aber in zunehmendem Umfang erkannte ich, dass ich niemanden mehr
sprechen wollte, auf keine Nachrichten mehr reagierte, nicht absichtlich, ich realisierte es einfach nicht
mehr, was ich jedoch realisierte und realisiere ist, dass ich keinem Menschen mehr vertraue, keine neuen
Beziehungen und Freundschaften mehr aufbaue und zu meinen gegenwärtigen und vergangenen Freunden
den Kontakt abbrach, um sie zu schützen und ebenso mich. Ich wollte nicht bekennen, dass ich, trotz
meiner „gewaltigen inneren Kraft und Stärke“ es nicht mehr schaffen konnte, nach der umfassenden
Zerstörung, die nicht enden wollte, auch nur einen Fuß auf den Boden zu bekommen, weil es mir auch
durch unendlich viele Schicksalsschläge zusätzlich unmöglich gemacht wurde.
190

Nun habe ich, aufgrund des „Vertrauens“, etwas vorgegriffen und werde wieder einen Schritt
zurückgehen in meiner Lebensbeschreibung, in das Jahr 2011.
Nach einigen Wochen endeten die polizeilichen Verhöre, doch die meiner Nachhilfeeltern sollten
weitergehen und ich schrieb unentwegt von der Wahrheit, vor allem in E Mails und dass ich nicht nur ein
Mal in meinem Leben Anfragen bekommen habe, ob ich Model werden möchte, womit ich sicherlich bei
weitem mehr als 2000 Euro bekommen hätte, auf wahrhaftigerem Wege, als es mir vorgeworfen wurde,
durch die „Erpressung“, die niemals stattgefunden hatte. Ich habe diese Anfragen immer abgelehnt, weil
mir von jeher der Schatten, oder das ehrliche und reine Licht lieber waren, als das Rampenlicht und weil
ich meine Seele nicht verkaufen wollte an den Schein und Trug, der diesem ganzen Gewimmel zugrunde
liegt, aber dass daran erkennbar wird, wie unwichtig mir Geld ist, was diese vorgeworfene „Erpressung“
anbelangt.
Und trotzdem ich nochmals weiterempfohlen wurde und wiederum vertraute und bei einem Jungen, der
vor mir bis zu 5 Nachhilfelehrer hatte und immer noch auf der Kippe stand, in eine Sonderschule
„versetzt“ zu werden ein „wahres Wunder“ vollbrachte, obwohl ich in den ersten Wochen auch an mir
selber zu zweifeln und zu verzweifeln begann, da er nach dem fünften Versuch dieselbe englische
Vokabel nach Diktat immer noch falsch schrieb und weinte, unendlich viel weinte in meinen Stunden, als
dieser Junge nach drei Wochen die beste Note der Klasse nach Hause brachte, zunächst in einem
einfachen Vokabeltest, dann in einer großen Englischarbeit und sogar in Deutsch und Mathe sich in die
Richtung einer zwei bewegte, begegnete mir gerade Doris, der ich auch mein Leben einst tiefmenschlich
ansatzweise anvertraut hatte, immer noch mit einem leisen Misstrauen und verpasste keine Gelegenheit,
ebenfalls zu Hause zu sein, wenn ihr Mann da war.
Ich mich immer wieder unter Beweis gestellt und mit größten Erfolgen bei allen Kindern Bestnoten
erzielt und „Wesensveränderungen“ in eine ungeheuer positive Richtung.
Immer wieder Unverständnis, - auch gerade hinsichtlich der Tatsache, dass David mich zu jeder
Nachhilfe begleitete: „Warum ist denn immer David dabei?“ Es hatte sich unter allen Familien schon
herumgesprochen und meine Person umwehte ein „Rätsel und Mysterium“, denn auch Bernd, mit dem ich
zu dieser Zeit noch zusammen war, begleitete mich so manches Mal zu meinen Stunden und einige
Monate später sollte es Lothar sein. Immer wieder Fragen, Verhöre, warum ich immer mit mindestens
zwei Männern unterwegs sei, alles sehr auffällig und Zündstoff für Hausfrauen, die sich mit ihren
Kleinkindern morgens auf dem Spielplatz treffen, um über die neuesten Erkenntnisse und Bekenntnisse
zu sprechen, weil das eigene Leben wohl keine interessanten Neuigkeiten bereithält. –

Ich hatte mich gerade etwas stabilisiert und war, wie der Phönix aus der Asche gestiegen, aber dieser
Nervenkrieg und die beginnende Verunsicherung in der menschlichen Begegnung sollte mich Anfang Juli
191

wieder so weit zurückwerfen, dass ich, nachdem ich mich auch von meiner Ärztin im Stich gelassen
fühlte, in mein Auto stieg und losfuhr, mit unbekanntem Ziel.
Ich fuhr mit David kreuz und quer, einmal nach Osten, dann nach Westen, schließlich Richtung Süden
und erreichte in der Dunkelheit den kleinen Kurort Bad Liebenzell, in der Nähe von Pforzheim.
Warum es mich gerade dorthin zog, sollte ich in dieser Nacht erfahren, die ich an der Nagold verbrachte.
Es ging mir sehr schlecht und noch immer hatte ich panische Angst vor der Nacht und der Dunkelheit und
ich sagte zu David, dass ich mein Leben und Überleben in dieser Weise, wenn es mir von Außen immer
wieder so ungeheuer erschwert wird, zusätzlich zu der Barbarei der letzten Jahre und dem Entzug nicht
mehr bewältigen kann und beschloss in der Nacht meinem Leben ein Ende zu bereiten. Gedanklich hatte
ich mich natürlich immer wieder mit dem Thema „Suizid“ befasst, ein roter Faden, der sich durch die
letzten 10 Jahre zog. Natürlich mit Schwankungen, gerade auch großen Amplituden in den Jahren
zwischen 03 und 07, in denen ich mich in der Behandlung des besten Arztes dieser Welt befand, bei
meinem wohlverehrten Herr Dr. W. aus Pforzheim, der in mir eine und seine Tochter sah und mir, wie ich
es erwähnte, mitunter die wertvollsten Jahre meines Lebens schenkte, in denen ich kaum unter suizidalen
Gedanken litt.
Aber an jenem Montag, dem 5. Juli 11 war es mir in einer Weise bitterernst, dass auch David wusste, der
mich die letzten 2-3 Jahre jeden Tag begleitet hatte, jeden Absturz mitverfolgt im schwersten Entzug,
davon überzeugt war, dass ich in dieser Nacht mein Leben verlieren würde, welches man mir ohnehin
schon genommen hatte.
Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich noch nicht die Erfahrung mit dem Alkohol gemacht, der mich nach
wenigen Schlucken bewusstlos werden, der in mir eine Gleichgültigkeit erzeugte, die mich unempfindlich
werden lässt, für mögliche „angsteinflößenden Folgen“, wie sie uns unsere „weise“ Menschheit in die
Köpfe pflanzt. Damals war ich noch im schwersten Entzug und die Schläge vom Autounfall, von Markus
Tod, dem Tod meiner Mutter, der noch nicht lange zurücklag, die Anklagen der Nachhilfefamilien und
die endlosen, ermüdenden Polizeiverhöre, die schlaflosen Nächte mit Folterungen in Zwischenreichen
hatten mir zusätzliche Kräfte abgefordert, die ich nicht mehr erübrigen konnte. Und möglicherweise hatte
meine Seele damals schon geahnt, dass die anfängliche Aufwärtskurve durch unermüdliche
Schicksalsschläge wieder steil abfallen sollte und sie wusste wohl, dass sie diesen ganzen
Nebenbelastungen nicht mehr würde standhalten können.
Als ich mich von David verabschiedete, ihm noch all meine Dinge anvertraute, die ich bei mir hatte, hörte
ich in mir eine Stimme und ich erkannte deutlich die Stimme meines sehr verehrten Arztes Dr. W., die
mir deutlich sagte: „Halte noch etwas durch, du hast noch wichtige, große Aufgaben und ich werde sie dir
zu erkennen geben.“ Ferner hörte ich in mir einen Straßennamen und eine Telefonnummer, die ich mir
sofort innerlich merkte. Und dieses „Merken“ hatte auch seine Bedeutung, denn als ich am folgenden Tag
192

jene Telefonnummer wählte, erkannte ich an der Stimme in der Leitung die Person einer anderen Ärztin,
welche auch mit Dr. W. zusammenarbeitete oder gearbeitet hatte und einen ähnlichen Namen hatte, als
dieses „Merken“, nämlich Merker. Im Jahr 2014, also drei Jahre später erfuhr ich von einer älteren Dame,
dass dieser werte Arzt aus Pforzheim genau um dieselbe Zeit verstarb, als ich an der Nagold stand! Und
ebenso sagte mir ein Hellseher und Handleser 2014, dass ich nicht alleine sei. Als ich ihn verständnislos
anblickte, sagte er, dass ich unglaublich wichtig geistige Führer an meiner Seite habe. Ob Dr. Wilde einer
von ihnen ist?!

Frau Merker hatte ich vor vielen Jahren ein oder zwei Mal aufgesucht und durfte in ihr einen Menschen
erkennen, die ähnlich als mein Arzt in Pforzheim forscherisch im Medizinischen tätig war und für meine
Begriffe herausragende Erkenntnisse gewonnen hatte. Ich sagte ihr, dass ich verzweifelt sei, ob sie mir
einen Termin einräumen könne, möglichst noch am folgenden Tag. Und sie sagte, dass sie sehr viel zu
tun habe, aber am Mittwoch habe zu „zufällig“ am Vormittag Zeit und würde mich für über zwei Stunden
in ihren Terminkalender eintragen. Und erst in diesen Tagen im Jahre 2014 erfuhr ich von einer
Astrologin, die meinen Arzt Dr. W. in Pforzheim auch kannte und schätze, dass derselbe im Jahre 2011,
in dem Zeitraum, als ich an der Nagold stand, verstorben sei.
Jene Nacht hatte ich wieder im Zwischenreich verbracht und in Schlaflosigkeit, um dennoch am
folgenden Tag in die Straße zu fahren, die mir eingegeben wurde, jene Ärztin aufzusuchen, die auch mit
meiner Hausärztin ebenfalls eng zusammenarbeitete und ich konnte nicht ahnen, dass meine Dr. Gabriel
am folgenden Tag ebendenselben Weg nach Pforzheim fahren sollte, um einer medizinischen Konferenz
mit der Ärztin aus Pforzheim beizuwohnen.
Ich berichtete Dr. M. in einem zweistündigen Gespräch von meiner Vergangenheit der letzten Jahre, vom
Tavor und sie war erschüttert und sagte, dass da Bewusstsein geschaffen werden muss und sie würde dies
auch in ihrem Ärztekreis vortragen. Ferner sagte sie zu meinem Bericht des Nachhilfevaters: „Ja, jetzt
versuchen die Gegenkräfte ihre Geschütze aufzufahren, wenn Sie anstreben, eine Biographie zu schreiben
und sie versuchen alles, um dies zu verhindern, weil es um große Menschheitsaufgaben geht.
Und so finden sie immer wieder Angriffsflächen, um Sie zu Fall zu bringen. Wir müssen jetzt alle
zusammenhelfen, Ihre Hausärztin und Masseure, Psychiater, um Ihr gewaltiges Schicksal zu begleiten
und mitzutragen.“
Dankbar für das sehr wertvolle und weiterbringende Gespräch fuhr ich an diesem Tag zurück in meine
Wahlheimat Stuttgart, um den Kampf wieder aufzunehmen.
Meine Hausärztin sollte in Folge mit Frau Dr. M. zusammenarbeiten und nicht selten kam Dr. Gabriel aus
Pforzheim oder der Schweiz mit einem neuen Medikament oder einer Salbe für mich zurück, in neuer
193

Hoffnung, die mir wohl mein nacktes Überleben bis in das Jahr 2012 hinein, neben eigener,
unermesslicher Anstrengungen ermöglichen sollten,- aber nicht mehr.
Immerhin ein Überleben, damit ich dieses Werk noch zu einem möglichen Ende bringen konnte, aber eine
Besserung, oder gar Heilung war wohl nach dieser umfassenden Zerstörung nicht mehr möglich und gar
aussichtslos, trotzdem ich mich allen Gegenkräften versuchte zu widersetzen und ehrlich bekennen muss,
dass ich bis zum heutigen Tage nicht aufgegeben habe. Tatsächlich ereilte mich eine massive
Verschlechterung, auch durch den Entzug von Nahrung über nunmehr fast zwei Jahre die mich vom
Weltgeschehen entfernte und ebenso von mir selber und meinem menschlichen Umkreis.

Den Juli 11 verbrachte ich mit intensiver Nachhilfetätigkeit und einem Brief an Dr. Uriel mit einer
Kampfansage, zu der mir mein Rechtsanwalt geraten hatte. Meine letzten Sätze in dem vierseitigen
Schreiben an ihn lauteten: „Und Ihre Werke folgen Ihnen nach“, ferner „Mein ist die Rache, redet Gott.“
In jenem Schreiben habe ich ihm klar zu verstehen gegeben, dass er mein Leben zerstört hat, dass es mir
in den Jahren vor meiner Einweisung trotz immer wiederkehrender suizidaler Gedanken immerhin
möglich war, autonom zu leben, Nachhilfe zu geben, ein Gartenhaus zu bauen und immer wieder Reisen
ins Ausland zu unternehmen. Dass ich schlafen konnte und mein Leben als sinnvoll erachtete und ich
habe ihm darin die Höllenjahre nach seiner Zerstörung beschrieben und ihm eine Erzählung „Nachruhm“
von Manfred Küber beigefügt.
Diese beschreibt eine glorreiche Zeremonie am Grab eines verstorbenen Wissenschaftlers, der ungeheure
Erkenntnisse für die Wissenschaft und seine Nachwelt mit Orden und Urkunden im Rahmen von
Tierversuchen gewonnen hat und die Zurückgebliebenen übertreffen sich gegenseitig mit ihren Reden
über seinen Ruhm, während er von oben, in einer anderen Welt, dieses Schauspiel voller Stolz und
Selbstachtung miterlebt. Erst als ihn ein Engel wegführt in einen Raum, der blutrot ist, in dem unendlich
viele verstümmelte Tiere liegen und ihn mit traurigen Augen ansehen, wenn sie noch Augen haben,
erkennt er seinen Irrtum, seine Verblendung und das Blendwerk, das er auf Erden zurückgelassen. Der
Engel bittet ihn, den Raum zu waschen, solange, bis er wieder strahlt, um damit auch die Tiere zu erlösen.
„Und ihre Werke folgen ihnen nach…“

Am 21. Juli 11 brachte ich jenen Brief per Einschreiben zu Post und fühlte in mir, dass nun ein Kampf um
Leben und Tod, um Wahrheit und Gerechtigkeit beginnt, der mir meine letzten Kräfte abfordern wird. Ich
wollte ihn, um meinen Mitmenschen jenes Leiden zu ersparen, das mir widerfahren war, auch wenn mir
bewusst war, dass ich selber dabei untergehen kann, dennoch aufnehmen. Dieses Opfer schien es mir wert
zu sein, um Bewusstsein zu schaffen in dieser Welt durch einen Prozess, den es angeblich in dieser Form
noch vor keinem deutschen Gericht gegeben habe.
194

Dass er in dieser Weise unter den Vorzeichen der Lügen, des offensichtlichen Betruges, eines weiteren
Verbrechens zwei Jahre später zu meinen Ungunsten enden sollte, davon konnte ich nichts ahnen. Unter
diesen Umständen hätte ich diesen zermürbenden Kampf nicht geführt und möglicherweise schon viel
eher an dieser Welt kapituliert.

Im Epedokles heißt es folgendermaßen:


„Ich war die Morgenwolke nur, geschäftslos und vergänglich. Und doch schlief, während ich einsam
blühte, noch die Welt.―
Von einer korrupten, mörderischen Welt und Justiz, wie ich es am Anfang meiner Biographie beschrieb,
konnte ich damals noch nichts ahnen.
195

Kapitel: Kündigung – Krisen über Krisen – Physiker am Bärenschlößle - Michaelinacht

Harre aus im Unglück, denn oft hat schon, was im Augenblick als Unglück erschien, zuletzt großes
Glück gebracht.
Euripides

Doch die Gegenkräfte sollten nicht ermüden, mir unentwegt ein Bein zu stellen und so flatterte mir im
August 11 die Kündigung meiner Mietwohnung in dieselbe aus Gründen der Anmeldung von Eigenbedarf
meines Vermieters. Und wieder durfte ich meine Kräfte nicht für meine Aufgaben und mein Überleben
einsetzen, sondern dafür, eine neue Wohnung zu suchen, um jeden Morgen lange Zeit dafür zu
investieren, im Internet und in Zeitungen nach Wohnungen zu suchen, zu Besichtigungsterminen zu
wandern, abgelehnt zu werden, oder selber abzulehnen.
Damals hatte ich noch Kraft und ich setzte sie in die Nachhilfe und meinen Garten, in dem ich mich im
August mit einigen Freunden eine Terrassenmauer bauen sehe, nachdem ich mir von einem Baumarkt an
die 80 Pflanzsteine zu je 40 Kilo liefern ließ, die David alleine mit einer Karre unermüdlich nach unten
beförderte. Ich half mit beim Graben, ich las in jenem Jahr unzählige Pflaumen vom Boden auf und
überwachte und organisierte die Baustelle, da ich im Herbst 12 alle Freunde aus München, meine
Musiktherapeutin, meine alten Freunde in meinem Garten einzuladen gedachte, um meine
„Auferstehung“ von den Toten zu feiern. Dabei wollte ich einiges aus meinem Repertoire an Witzen,
Anekdoten und Sketschen, gerade von Heinz Erhardt vortragen, gemeinsam singen. In einem kleinen
Menschenkreis pflegten wir jeden Tag bis zu einer halben Stunde zu singen, gemeinsam zu lesen,
vorzulesen, Gedichte vorzutragen, jeden Tag im Jahr 2011. Jeden Tag liefen David und ich über zwei
Stunden durch den Wald. Mein Tag wies einen strengen Rhythmus auf, der uns beiden Kraft gab, meine
Aufgaben zu bewältigen, denn Anfang Oktober sollte ich durch einen Notarzt, der Ende September um
Mitternacht mit vier Sanitätern, neben mir auf dem Sofa saß und meine Hand hielt, mein Lebenswerk,
meine Biographie beginnen.
Aber bis dahin sollten noch weitere Ereignisse meine Seele umwehen, nicht zuletzt dasjenige, dass ich am
21. August zum ersten Mal wieder alleine unterwegs war, da sich durch die Polizeiverhöre und die
Kündigung, meine zerstückelten Nächte, wieder eine latente Suizidalität in mir breit gemacht hatte und
nicht weichen wollte. David hatte an jenem Tag wieder seinen Terror verbreitet und mich alleine gelassen
und so nutzte ich diese Gelegenheit, meinen heilsamen Ort aufzusuchen, um an jenem „Bärensee“ im
dortigen Restaurant einzukehren, zu speisen und zu lesen.
Es ging dem Abend entgegen und die meisten Menschen waren aufgebrochen, um den Rückweg
anzutreten, als ich neben mir auf der Bank einen Mann wahrnahm, der mir sehr interessant erschien,
196

ebenfalls seine Statur, sein Aussehen, doch ich kümmerte mich nicht weiter um ihn, da ich niemals von
mir aus einen Mann anzusprechen pflege. Zudem fühlte ich keine Veranlassung und doch entging mir
nicht, dass er mich beobachtete, um nach einiger Zeit auf der gemeinsamen Bank in meine Nähe zu
rutschen mit einer Frage zu seinem extrem schweren Kreuzworträtsel. Soweit ich mich erinnern kann,
ging es um die weniger bekannten Jupitermonde und ich vermochte, wohl mehr aus Zufall, ihm seine
Frage zu beantworten, woraufhin er mich verblüfft ansah, um mich nach meinem Beruf zu fragen. Als
bekennender Versager von hoher Abstammung stellte ich die Gegenfrage und erfuhr, dass dieser
feinsinnige Mann mit den kraftvollen, klaren, dunklen und schönen Augen Physiker ist und trotz seiner
Bescheidenheit konnte ich heraushören, dass er in der Forschung tätig ist und die Lambda Sonde
entwickelt und weiterentwickelt hat. In seiner Jugend hatte er bei „Jugend forscht“ mitgemacht und
vermochte es durch seinen Forschergeist das erste elektronische Stimmgerät zu entwickeln, das ihm nicht
nur die persönlichen Türen bei dem Klavierhersteller Schimmel öffnete, sondern möglicherweise auch die
geistige Tür zu Albert Schweizer, in jedem Fall aber die Pforten zu seiner Berufung, seinem jetzigen
Beruf.
Wir liefen gemeinsam den Weg durch die beginnende Dämmerung zurück an den Bärenseen vorbei zu
unseren Autos und verabschiedeten uns, nicht ohne vorher unsere E Mail Adressen ausgetauscht zu
haben.
Was in jener Nacht noch geschah, möchte ich nicht weiter beschreiben, es ist zu schmerzhaft, in jedem
Fall setzte ich mich nicht in mein Auto, sondern lief den Weg nochmals zurück, vorbei an den Seen in die
Einsamkeit und Stille, um gegen 3 Uhr morgens mit einer Lampe am Kopf meine Wohnung aufzusuchen,
um ferner gegen 7 Uhr von meinem Vermieter geweckt zu werden, ob ich nun schon eine neue
Behausung gefunden habe und warum ich mit einer Lampe am Kopf zu so später Stunde nach Hause
gekommen sei. Verhöre, Verhöre, sie wollten nicht enden, der Terror wollte nicht aufhören, mir
wenigstens eine Verschnaufpause zu gönnen.

Und wieder sollte es der 21. eines Monats sein, an dem ich auf der Kippe zwischen Leben und Tod hing,
so auch im folgenden Monat am 21. September, als meine Kraft abermals zu brechen drohte und ich
kopflos in einen Zug nach Ulm stieg, um dort von meiner Ärztin am Handy zurückgelotst zu werden, die
mich gegen Mitternacht selber am Stuttgarter Bahnhof abholte um mich nach Hause zu bringen!

Es gibt Menschen, die in eine kurze Krise geraten, durch den Tod eines lieben Menschen, durch andere
Schicksalsschläge und in einem Moment des inneren Kurzschlusses denselben fassen, ihrem Leben ein
Ende zu bereiten. Werden diese Menschen gerettet, so höre ich von vielen, dass sie jene Rettung als
Gnade erlebten, weil sie eben damals im Affekt handelten, in einer einzigen unüberlegten Minute, jedoch
197

dankbar auf die Zeit nach ihrer Rettung zurückblicken, die ihnen noch viele schöne Jahre bereitgehalten
hatte.
Und dann gibt es Menschen, zu denen ich mich zähle, die durch permanente Krisen wandern, mit
unzähligen inneren und äußeren Belastungen kämpfen und nur den Wunsch haben, einmal schlafen zu
dürfen, eine Pause von den latenten Hammerschlägen auf ihr Haupt zu bekommen, ein einziges Mal Luft
holen zu dürfen und wenn diese gerettet werden, so fragen sie sich ganz gewiss, ob es nicht doch besser
gewesen wäre, an jenem Zeitpunkt das Zeitliche gesegnet zu haben, weil alle Jahre nach ihrem Entschluss
und der Rettung durchzogen waren von weiteren Krisen, Schmerzen, Schicksalsschlägen und
Belastungen.

Und so war ich in jener Nacht meiner Ärztin unendlich dankbar, aber diese Dankbarkeit bezog sich vor
allem auf ihre Menschlichkeit und das Vertrauen und den Glauben, den sie in mein Leben und mich legte,
weil die Ärzte in München mich deutlich medizinisch aufgegeben hatten und ich war dankbar für ihr
gewaltiges Opfer und ihren Einsatz, um Mitternacht an jenem Mittwoch zum Bahnhof zu fahren, um ein
suizidales Bündel im letzten Moment vor seinem Untergang zu bewahren.
Im Nachhinein bin ich ihr auch deswegen dankbar, weil nur durch ihren Einsatz zehn Tage später dieses
Werk, meine Biographie, beginnen und entstehen konnte, die ich ihr zu verdanken habe, die auch nur
erblühen und wachsen konnte, wenn ich wusste, dass sie die weitere Fortsetzung gelesen hatte und ich
wusste, sie und gerade sie trägt mein Leben und Schicksal innerlich mit, das uns, zumindest ab dem Jahr
2008 eng miteinander verbunden hatte in dieser beschriebenen Arzt- Patienten Schicksalskonfiguration.

Ein Therapeut drückte diesen Sachverhalt jedoch anders aus, gerade als sich im Nachhinein herausstellte,
welches Ziel sie tatsächlich ab dem Jahr 2012 verfolgte. Bin ich am Leben, konnte sie mich noch
anklagen und mir Vorwürfe machen, dass ich mich dem Leben zuwenden soll – wäre ich gestorben, hätte
sie sich möglicherweise selbst zur Rechenschaft ziehen müssen und das ist ungleich anstrengender, als
jemanden vom Bahnhof abzuholen.

Ich habe ihre Kräfte wohl oftmals überstrapaziert und ebenso ihre Sorge und den inneren Zwiespalt
expandiert, ob sie mich wieder einweisen muss, oder ob es gemeinsam noch gelingen kann, in äußerer
Freiheit weiter zu leben, wie ich ihn auch Markus gegenüber empfand, als ich in jedem Gespräch seine
Verzweiflung fühlte und nicht wusste, wie ich ihn zurück ins Leben holen kann. Denn ich hatte mich
selber noch nicht zurückgeholt, nachdem ich selber am Anfang des Jahres erst glaubte, ich wäre wieder
im Leben angekommen.
198

Ich kann an dieser Stelle, so aufrichtig es irgend möglich ist bekennen, dass diesen Totalkrisen und
Abstürzen meine eigene Verzweiflung und auch Hilflosigkeit, Machtlosigkeit gegenüberstand und dass
ich, wenn ich einen anderen Weg gewusst und gefunden, ihre Kräfte niemals in dieser Weise missbraucht
hätte, wie sie es möglicherweise manchmal empfunden haben mag und eines ist auch sicher: Die
Intensität der vorangegangenen Zerstörung war einfach viel zu gewaltig, als dass ich sie alleine in diesem
Umfang hätte tragen und ertragen können und heute bin ich mir selber zu einem Rätsel geworden, wie ich
das so lange geschafft und durchgehalten habe. 95% aller Amokläufe in den USA gehen auf das Konto
von Psychopharmaka und ihren Entzügen. Vor diesem Hintergrund wird mein Ringen um Autonomie
verständlicher und jeder, der meine Biographie bis hierher gelesen hat, weiß, dass ich das Gegenteil von
seelisch- physischer Wehleidigkeit bin, weil schon meine Kindheit und Jugend in den Augen vieler
Menschen, die es mit verfolgten, oder gelesen haben, einem „Schleudergang in der Waschmaschine“
gleichkommt.
Ich habe meine Ärztin aufrichtig vielmals um Verzeihung gebeten, auch wenn der Ursprung, deren
Folgen sich im Entzug in dieser Weise zeigen mussten, in anderen Menschen, vor allem auch in ihr
begründet waren und mich, als Opfer, hat noch niemals irgendein Mensch um Verzeihung gebeten,
obwohl im Verzeihen eine große Kraft und Stärke liegt und sogar der Anfang zu einer möglichen
Erlösung, Befreiung, oder gar Heilung, wie es auch Bert Hellinger beschreibt.

Ab dem 21. September 11 sollten mich noch weitere 8 Tage in suizidaler Gefangenschaft halten, die am
29. September in der Michaelinacht kulminierten, um dann am 1. Oktober in der Bündelung und dem
Erinnern meines Lebens, als ich an jenem Samstag begann, meine Biographie zu schreiben, sich für fast
zwei Monate zu verabschieden. Erst am Ende des Jahres, zwei Tage vor Weihnachten meldeten sie sich
wieder vehement zu Wort, auf die meine erste Einweisung seit meiner Entlassung, also nach ganzen 16
Monaten in Freiheit, wieder in die Psychiatrie erfolgte, für eine einzige Nacht. Aber jene eine Nacht
schien mich gänzlich brechen zu wollen.
In jener Zeit litt ich unter massivem Herzrasen mit fühlbar harten Schlägen, sodass mir meine Ärztin am
22. September ein Langzeit EKG anlegte, welches eine schwere Tachykardie zutage brachte, mit hohen
Ausschlägen, die wohl durch das Tavor und seinen Entzug als Folgen sich zeigte. Am nächsten Freitag
sollte ich das Gerät zurückbringen und da ein einziger Tropfen reichte, um mein übervolles Fass der
Schmerzen und Qualen zum Überlaufen zu bringen, bin ich aus der Praxis, vollkommen ver- rückt
geflohen, um mit diesem Gerät meine Lage zu überdenken, in inniger Zwiesprache mit meinem „Freund“
Suizid, wie es denn zu bewerkstelligen sei, diesem zermürbenden Leben ein Ende zu bereiten, wenn ich
es schon nicht mit aller Bewusstseinskraft, Überwindung, Verzicht, Durchhaltekraft und der
Ergebenheitsstimmung schaffen kann.
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Doch mein großes, ausgeprägtes Verantwortungsgefühl ließ mich in die Praxis zurückgehen, um
wenigstens unbemerkt das Gerät vor die Türe zu legen, weil ich mich nicht mehr unter die Augen meiner
Mitmenschen wagte.
Und wieder und immer wieder bestätigt, war es nur das beschriebene „Fluidum“ meiner Ärztin, die mich
vor der Türe aufsammelte und als einzige ruhig werden ließ, gehorsam, was niemand anderes in dieser
Situation wohl geschafft hätte. Und heute frage ich mich, warum diese eine Woche vor dem Beginn
meines Schreibens an meiner Biographie in der beschriebenen Weise von massiven Krisen durchzogen
war, die mich an den Rand meiner Kräfte brachte. War es tatsächlich so, wie es mir die Ärztin Dr. M. aus
Pforzheim sagte, dass die Gegenkräfte sie verhindern wollen, weil es um „Menschheitsaufgaben“ damit
und darin geht?
Die Michaelinacht nahte, doch das war mir zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst, ich hatte andere
Sorgen und Nöte, nicht zuletzt die Penetranz meines Vermieters, der keine Gelegenheit ausließ, mich
morgens aus dem Schlaf zu holen, nachdem ich ihn erst gegen 4 Uhr in der Früh gefunden hatte, um mich
mit irgendeinem Fusselpopelkrümel (Neologismus!) zu traktieren und um mich zu fragen, wann ich
endlich ausziehe. Auch er hatte seit meiner Einweisung, zu seiner eigenen Rehabilitation in Ehrlichkeit,
viel mit mir mitgemacht mit der Kriminalpolizei und dem Diebstahl meines ganzen irdischen Vermögens,
mit Krankenwägen, fremden Personen in meiner Wohnung.
Die Polizei klingelte immer wieder bei ihm, anstatt bei mir, wenn ich aus der Klinik geflohen war, oder
wegen anderer Dinge und in jener Nacht musste er wohl, wie auch viele andere Nachbarn, einen
Todesschreck bekommen haben, in der Nacht auf den 29. September 11, als ich wie am Spieß über
Stunden schrie. Ich weinte nicht, keine einzige Träne wurde sichtbar, aber ich schrie und niemand konnte
mich beruhigen, während ich innerlich Achterbahn fuhr und meine Lungen krampften, ich konnte nicht
aufhören. In diesen Stunden war es mir so, als sei dies, was ich jetzt erlebe, eine ungeheuer schmerzhafte
Geburts- und gleichzeitig Todesstunde.
Als mein Schreien nicht enden wollte, obwohl sich zwischendrin meine Musiktherapeutin aus München
gemeldet hatte mit der Anmerkung, sie habe heute ein unruhiges, ungutes Gefühl gehabt im
Zusammenhang mit mir, als in den Nachbarhäusern immer wieder Lichter angingen, rief David den
Notarzt an, der mit vier Sanitätern kurze Zeit später eintraf.
Ich werde jene Nacht schon deswegen nicht vergessen, weil ich tatsächlich, sobald der Notarzt meine
Hand hielt, ruhig wurde und ich sehe alle vier Sanitäter und meine beiden Begleiter in meinem winzigen
Wohnzimmer stehen, die Stühle reichten nicht aus und sie lauschten mit erschütternden Gesichtern
meinen Ausführungen, den Beschreibungen der Höllenfahrt der letzten Jahre. Ungeheuer geduldig,
liebevoll, nahmen sich alle Zeit, ganz sicher weit über eine Stunde und ich erzählte und erzählte und
immer wieder wurde ich durch Fragen unterbrochen, die wirkliches Interesse zeigten und alle
200

versicherten mir, dass sie zwar schon lange Jahre Arzt und / oder Sanitäter sind, dass sie aber von einer
solchen permanenten Überdosierung mit dem Tavor noch nie gehört haben. Sie waren erschüttert, das
wurde deutlich und das sagten sie, weil sie sich mit dem Tavor auskannten und seinem hohen
Suchtpotential.
Als die Sanitäter sich nach Mitternacht von mir verabschiedeten, mit der Aussage, dass sie mein Leben
innerlich sehr berührt habe und sie mir Kraft wünschen, vor allem könne ich auf sie zählen, wann immer
ich wieder in solche Situationen gerate, ich solle sie rufen, saß der Notarzt, ein Frauenarzt, wie ich es am
folgenden Morgen erfuhr, noch einige Zeit neben mir auf dem Sofa, hielt meine Hand und bat mich, all
dies aufzuschreiben um anderen Menschen möglicherweise dadurch helfen zu können. Auch ihn dürfe ich
anrufen, wenn es mir nochmals so schlecht gehen solle, ich habe ja seine Nummer.

Und so kann ich heute sagen, dass jene Notärzte und Sanitäter am 29. September mir ermöglichten, dass
dieses Werk entstehen konnte, das mir selber die beste Therapie gewesen. Ich habe wenige Tage nach der
schweren Nacht zu schreiben begonnen und ich bin dankbar, dass ich meiner Intuition folgte und nicht
dem Rat meiner Pflegemutter, erst mit „Abstand in einigen Jahren damit zu beginnen“, sondern sofort,
denn heute wäre ich nicht mehr in der Lage diesen Umfang von nur 39 Jahren, in der Zeit, die mir noch
verbleibt und in meinem jetzigen, ausgezehrten Zustand zu vollbringen.

Am 4. Oktober, einen Dienstag, übergab ich Dr. Gabriel meine ersten 10 Seiten und sie war zunächst
nicht sehr begeistert und ergriffen von der Tatsache, dass ich eine Biographie schreiben wollte, weil sie
wohl vermutete, ich könne in anklagender Weise mit meinem Leben und seinen Tätern abrechnen – zwei
Tage später jedoch, am folgenden Donnerstag, empfing sie mich doch in einer Seelenstimmung der
Achtung und vielleicht auch Bewunderung und ich höre innerlich noch heute die Worte, die sie sprach
und sehe ihre Augen, weil sie die ersten Seiten wohl berührt hatten, die sich inhaltlich fern des Charakters
eines Michael Kohlhaas bewegten, bevor ich sie umarbeitete.
201

Kapitel: Beginn des Schreibens – Aufbruch in die Türkei – Katzenerlebnis - Einweisung

Wenn die Krise alles verfinstert hat, werden Kinder des Lichts die Sterne anzünden.
Phil Bosmans

Im Oktober sollte also eine eigene, sehr produktive und schöpferische „Psychotherapie“ im Schreiben an
meiner Biographie für mich beginnen, neben meinem Garten und der Nachhilfe und in jenem Monat
sollte der 21. nicht in einer suizidalen Katastrophe enden, sondern 21 Seiten an meinem Lebensbericht
hervorbringen und ich saß an diesem Tag an meinem Schreibtisch, David mit einer kleinen Katze
spielend, die ich von einer Nachhilfefamilie geschenkt bekam, meine Pflegeeltern im Raum vor einem
reichhaltigen Frühstück sitzend und ich ihnen vorlesend aus den 21 neu er – und entstandenen Seiten,
während mir zum zweiten Mal in diesem Jahr die Tränen über die Backen liefen.
Dies nun war eine neue Lebensaufgabe, die mich selber reich beschenkte, da ich im Grunde niemanden
hatte, der mit mir die schweren Traumatisierungen der letzten Jahre und meines ganzen Lebens
aufarbeitete.
Mein „Psychotherapeut“, so fein und gut er sein mochte, war ausschließlich ein „guter“ Zuhörer, wobei er
oftmals bekannte, dass er meinen schnellen Gedankenabläufen nicht zu folgen in der Lage sei und dass
ihn mein gewaltiges Schicksal an die Grenzen seiner Vorstellung brachte.

Lothar allerdings, der Physiker, war dafür mein Therapeutenersatz und einer der bedeutendsten Menschen
meines Lebens, die mit mir schöpferische, produktive vor allem weiterführende Kommunikation leben
konnten und zwischen uns entstand eine ganz feine und feinfühlige Liebe, die mir zunächst die Hoffnung
zurückschenkte, wieder ins Leben zurückkehren zu können, weil wir auch über unsere mögliche
gemeinsame Zukunft, sogar über einen gemeinsamen Kinderwunsch sprachen.
Lothar war nicht nur im therapeutischen ein Genie, nicht nur im wissenschaftlichen Bereich, nicht nur im
Menschlichen, sondern auch im Praktischen. Es gibt wohl selten Menschen mit dieser umfassenden
Beschaffenheit ebensolcher Begabungen und so vermochte er nicht nur in Schnelligkeit, Kenntnis und
Präzision Gartenarbeiten zu verrichten, sondern auch einer Freundin von mir bei komplizierten Ikea
Schrank- und Kommodenzusammensetzungen in Bruchteilen von Minuten helfend die Lage erfassen und
zusammenfügen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Und trotzdem er um mein damaliges neutrales Verhältnis zu David wusste und auch ihm dankbar war,
dass er in der Zeit, in der Lothar selber arbeiten musste, für mich da war, so verstehe ich erst heute seine
tiefe Erschütterung über die Tatsache, dass ich am 18. November unvermittelt, weil ich in Deutschland zu
202

frieren begann, auch im Menschlichen, in einer Art Kurzschlusshandlung mit David auf eine Reise in die
Türkei aufbrach.
Ich suchte die Wärme, auch die menschliche Wärme und fand sie dort. Auch wollte ich in dieser Wärme
weiterschreiben und es gelang mir. Als wir Türkischen Boden erreichten, sollten wir wieder, wie in
vergangenen Jahren, sehr viel Glück haben. Wir hatten „All Inclusive“ in einem drei Sterne Hotel gebucht
in einem weit entlegenen Ort, zu dem wir mit dem Bus hätten noch zwei Stunden fahren müssen und
durften am Flughafen erfahren, dass wir „umgebucht“ wurden in ein fünf Sternehotel in abgelegener
Gegend in Flughafennähe, mit vielen Tieren, vor allem Katzen, die unsere Tage mit Strandspaziergängen,
dem Schreiben ausfüllten.
Und trotzdem ich ein Jahr später wieder zurückkehrte, weil ich dem kleinen Wesen, wie ich es gleich
beschreiben möchte, ein Versprechen gab, um es tatsächlich durch eine höhere Führung einlösen zu
können, so lebt jene Reise im Jahr 11 als ungeheure, offensichtlich letzte Perle in meiner Erinnerung, die
am Ende, am Aufbruch- Abschieds- und Abflugstag mit einer Katzenbegegnung enden sollte, wie ich sie
in dieser Form noch nie zuvor erlebt hatte, obwohl Tiere von jeher eine mir unbegreifliche,
unbeschreibliche Beziehung zu mir aufbauten, welche meine Mitmenschen in Erstaunen versetzten.
Es wäre mir möglich, ein ganzes Buch alleine über meine Tierbegegnungen zu füllen, aber ich möchte
fortfahren mit dem letzten Tag unserer Reise, mit jener Katze, der ich ein Versprechen gab, das ich auch
hielt, um genau ein Jahr später zurückzukehren und an einem 80 Kilometer entfernten Ort ebendiese
Katze wieder anzutreffen.
Im Jahr 2012, als ich das Lied sang, welches mir ein Jahr zuvor diese Katzenbegegnung ermöglichen
sollte und sie erinnerte sich wohl an mein Versprechen, denn ein Jahr später sprang mich eine ebenso
gezeichnete, erwachsene Katze aus dem Gestrüpp an, kletterte hoch zu meinem Hals, legte ihre Pfötchen,
„wie vor Jahr und Tag“ um meinen Hals, um mir mit einem andern Pfötchen über das Gesicht zu
streicheln. David war verblüfft, innerlich vollkommen betäubt, aber zunächst möchte ich den Abschied
im Jahre 2011 aus meiner türkischen, menschlich tief berührenden Wahlheimat beschreiben:

Letzter Tag in der Türkei: 22.11.11

Es gab auf dem Hotelgelände mindestens 20 Katzen, die alle sehr zutraulich waren, bis auf eine. Sie war
etwas besonderes, aber in sich gekehrt, unnahbar, sehr autonom. Sie kam mir vor wie die Möwe Jonathan
von Richard Bach, die ihre eigenen Wege geht auf dem Weg zu einer inneren Weiterentwicklung. An
diesem Abend wollte ich wach bleiben, weil wir ohnehin um 2 Uhr aufstehen mussten und ich keine
Medikamente nehmen wollte, damit ich durch die Sedierung nicht Gefahr laufe, nicht mehr aufstehen zu
können. Eigentlich wollte ich in der Türkei bleiben.
203

Ein Leben lang war ich ein Heimwehkind, auch als Erwachsener und wollte nach jeder Reise immer
wieder nach Hause. Zum ersten Mal fühlte ich mich vollkommen entwurzelt und frei und wollte
nirgendwo mehr sein, am ehesten noch an diesem Ort.
Ich setzte mich ins Gras in der Dunkelheit. Aus dem Lautsprecher des Hotels hörte ich eine altvertraute
Melodie, die mich sehr traurig stimmte.
Ich summte sie nach und plötzlich saß ein Igel neben mir, später noch ein zweiter. Dann saß eine Katze
auf meinem Schoß, einige andere standen „Schlange“, die auch bei mir sitzen wollten. Aber das war
nichts besonderes, sie waren alle sehr zutraulich. Wer sich aber kurze Zeit nach meinem Gesang zeigte,
war meine Lieblingskatze, die stille, zurückgezogene. Sie näherte sich mir, sah mich mit großen Augen
an, bekam mit harter Kralle eine Ohrfeige von der Katze auf meinem Schoß. Verschwand zunächst. Als
ich weiter sang, kam sie wieder, krabbelte an mir hoch, legte sich an meinen Hals, schnurrte und lauschte
meinem Gesang. Es vergingen zwei Stunden, in denen ich unaufhörlich sang und vier Tiere um mich
herum saßen und auf mir. Gegen 23 Uhr ging ich mit meiner kleinen Katze hoch ins Hotelzimmer, lege
mich so, wie ich war, auf das Bett und sang weiter. Sie legte sich auf mein Herz, das gewaltig schlug, ich
hatte unglaubliches Herzrasen, da ich einige Nächte nicht mehr geschlafen hatte. Und sie schnurrte
unentwegt. Später kam sie wieder zu meinem Hals, legte ihre Pfote auf meine Backe und schlief, voller
Vertrauen.
Gegen 2 Uhr wollte ich aufstehen. Die Katze richtete sich auf, sah mich unverwandt an, mit Augen, die
nicht mehr von dieser Welt zu sein schienen. Allwissend, nahezu menschlich, verstehend!
Sie wandte den Blick nicht mehr von meinen Augen und auch ich sah sie an und ich wusste, dass sie
fühlte, dass ich sie verlassen werde. Auch David erlebte diese Augen als unglaublich beseelt und
weisheitsvoll, soweit es Katzenaugen sein können. Solche Augen habe ich nie wieder gesehen bei einer
Katze.
Ich habe in meinem Leben viele Katzen gehabt, aber so etwas noch nicht erlebt. – Wir packten unsere
Sachen, mein „Herzekind“ schien Hunger zu haben, suchte in unseren Taschen nach Essbarem. Ich nahm
sie auf den Arm und setzte sie im Gelände ab bei den anderen Katzen. David brachte mir noch etwas
Wurst und Herzekind fraß sofort ein paar Stückchen. Da musste ich weinen, weil ich fühlte, dass ich ein
unglaublich lieb gewonnenes Wesen jetzt verlassen muss. Sie hatte nur ein Stückchen gefressen, als sie
mein Weinen bemerkte, sich auf meinen Schoß setzte, und sich zusammenrollte. Als ich immer mehr
weinte, miaute sie ganz laut, richtete sich auf, sah mir vollkommen klar und bewusst in die Augen,
krabbelte an mir hoch und berührte mit ihrem kleinen Pfötchen meine Augen. Ganz sanft und sachte, aber
sehr liebevoll. Während sie weiter miaute und mich unentwegt anblickte. – Ja, sie trocknete meine
Tränen! Ich packte meine Sachen, weil David drängte, der auch sehr berührt war. Und sie ließ sich nicht
abschütteln, kam mit in das Hotel, was sie nie zuvor getan hatte, im Gegensatz zu den anderen Katzen,
204

versteckte sie sich. Ich lief bis zur Glas – Drehtüre, weil draußen der Bus stand und wartete. Der
Busfahrer drängte mich. Doch ich brachte es nicht übers Herz, lief durch das ganze Hotel und da schoss
mir das kleine Wesen schon entgegen, mit hoffnungsvollen Augen. Ich sagte ihm dass ich sie nicht
mitnehmen kann und ging wieder fort. Draußen telefonierte der Busfahrer mit dem Flughafen, ganz sicher
10 Minuten! Er erkundigte sich, ob ich die Katze mitnehmen darf, ohne dass ich es verlangt oder erwartet
hatte... Ich hatte mich nur geweigert, mitzufahren und wollte um jeden Preis dort bleiben, bei meiner
Katze. Dem einzigen Wesen, dem ich mich noch verbunden fühlte, dem ich vertrauen konnte in dieser
kalten Welt.
Und sie hatte mir zutiefst vertraut und jetzt sollte ich sie alleine zurücklassen, ich sollte sie verlassen und
fallen lassen? Das brach mir das Herz. Weil ich dieses Gefühl des Verlassen- werdens, alleine und fallen
gelassen werdens nur allzu gut kannte.. Der Busfahrer konnte nur die Erkenntnis filtrieren, dass Katzen,
wenn sie denn mitgenommen werden wollen, mindestens ein halbes Jahr alt sein müssen, was meine
Katze definitiv nicht war, und tierärztlich untersucht über einen Zeitraum von mehreren Wochen.
Aussichtslos also mein Bestreben, dieses seelisch wertvolle Tier mitzunehmen. -
Ich lief also nochmals hinein, sie kam mir bis zur Drehtüre entgegen, David holte mich fast mit Gewalt
wieder heraus.
Diese kleine Katze, die niemals das Hotel betreten hatte und in den ganzen Tagen sich auch nie in der
Nähe des Hotels und der Menschen blicken ließ, rannte auf die Drehtüre zu, mich immer mit ihren
kleinen Augen fixierend, stand davor, während ich weinend in den Bus einstieg und sie verlassen musste.
Ihr Vertrauen enttäuschen. Innerlich versprach ich ihr, so bald als möglich wieder zu kommen und Gott
oder eine andere Macht, die davon wusste, sollte uns fast genau ein Jahr später wieder zusammenführen
zu einem Zeitpunkt, an dem ich schon nicht mehr schlucken und Nahrung aufnehmen konnte und ohne
derselben und Flüssigkeit versuchte, eines meiner letzten Versprechen einzuhalten, die in meinem Leben
immer schon von herausragender, essentieller Bedeutung waren.

Nach meiner Rückkehr am 22. November gab Lothar mir begründetermaßen den Laufpass, um dann doch
eine Woche später wieder zurückzukehren, er habe doch erkannt, trotzdem er immer wieder betonte, dass
er mein schweres, gewaltiges Schicksal „nicht stemmen könne“, dass er in mir eine Perle der Liebe und
Aufrichtigkeit gefunden habe und er wolle sie nicht verlieren.
Und trotzdem er auf unzählige Dinge mit mir verzichten musste, auf seine geliebten Wanderungen in den
Bergen, auf Reisen, die wir in unserer Vorstellung gemeinsam planten, auf die Aussicht, dass ich
irgendwann bei ihm, in sein großes, geräumiges, sauberes Haus mit einem Kaminofen, an dem wir oft
Abende zusammen auf dem Sofa lagen und nur das Feuer beobachteten, das mich von jeher beruhigte,
einziehen würde. Er hielt zu mir, eine Zeitlang, trotzdem ich auf seine Feiern mit vielen „prominenten“
205

Menschen, nicht zuletzt dem Enkel des deutschen Physikers, Werner Heisenberg nur kurz erschien und
schnell wieder verschwand, worüber sich alle wunderten, auch wenn sie in mir ein „seltenes Genie“ zu
erkennen glaubten, auch dank meiner Gedächtniskräfte und des Rechnens der Wochentage.
Er blieb treu an meiner Seite und respektierte sogar die Tatsache, dass ich oftmals von meinen Begleitern
nicht mehr aus den Augen gelassen wurde aufgrund wieder zunehmender Suizidalität und nicht selten
nahm er David mit auf unsere Ausflüge.

Unbedeutend der Dezember in jenem Jahr, - aber am 22. dieses Monats sollte wohl eine seltsame
Weltenergie und planetarische Konstellation dafür sorgen, dass ich zwei Tage vor Weihnachten
vollkommen durchdrehte und meine Ärztin ebenfalls an ihre Grenzen führte, woraufhin sie meiner
Pflegemutter mitteilte, dass an diesem Donnerstag „einige Borderliner durchgedreht und in die
Psychiatrie eingewiesen wurden“. An jenem Tag konnte ich nicht aufstehen, ich hatte einige Nächte
wieder nicht geschlafen und war wie zerstückelt im Zwischenreich gehangen, vermochte auch nicht, zur
Infusion zu gehen. Die menschliche Konstellation um mich herum war ebenfalls sehr schwierig, da sich
David immer weniger mit meiner Pflegemutter verstand und in diesem Unverständnis, der Unstruktur
seine eigene verlor, die sich immer durch seinen „Terror“ zu erkennen gab, mit dem er, auf einen Schlag,
alles um sich herum zu verwüsten wusste.
Ich konnte meine Handlungen nicht mehr überblicken, in mir war nur grenzenlose Angst und das Gefühl,
diesem Schicksal nicht mehr gewachsen zu sein und so ging ich ins Bad und zog mir eine Tüte über den
Kopf, indess meine Pflegemutter mit aller Kraft und Gewalt die Türe öffnete, um mir die Tüte vom Kopf
zu ziehen, um anschließend meine Ärztin in der Praxis anzurufen und ich nur weinend und wimmernd am
Boden lag und nicht mehr in der Lage war, mit Dr. Gabriel zu telefonieren, um mich beruhigen zu lassen.
Sie sagte zu, sofort vorbei zu kommen und ich glaube, dieser Tag war mitunter einer der schlimmsten
meines Lebens, wobei ich mich oft frage, innerlich austariere, scanne, vergleiche, welches Ereignis mich
definitiv zu Boden warf und ich muss bekennen, dass nahezu jeder Tag der letzten 6-8 Jahre, seit meiner
Einweisung und der Misshandlung und Tötung meiner Seele, der „schlimmste“ war, also fast 3000 Tage
in permanenter Folter, mit winzigen Perlen und Verschnaufpausen, die ich vor allem in seltenen Fällen
meiner Ärztin und meinen eigenen, unermesslichen Anstrengungen, nicht aufgegeben zu haben, zu
verdanken habe.
Sie traf zwanzig Minuten später bei uns ein und sah die einzige Möglichkeit, meiner aussichtslosen Lage
Herr zu werden, da auch David wie betäubt die Situation nicht mehr greifen konnte und somit als Stütze
für meine Pflegemutter wegfiel, in meiner Einweisung in die Psychiatrie und an diesem Tage konnte und
musste ich sie verstehen, so qualvoll und undenkbar es mir damals erschien, nochmals eingewiesen zu
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werden in die Höhle des Löwen, der mich zerreißen sollte und zerrissen hatte in den 29 Monaten meines
stationären Aufenthaltes in drei verschiedenen Kliniken.
Aber für mich lebt jener Tag in meiner Erinnerung als ungeheuerliche Folterung, als würde ich zum
Marterpfahl geführt werden in dem Bewusstsein, dass ich erst über einige Zeit im Feuer schmoren muss,
ehe ich sterben darf, um dann doch nicht sterben zu dürfen, erlöst zu werden und ich sagte an diesem Tag,
in flehentlicher Bitte an meine Ärztin, der ich buchstäblich zu Füßen lag: „Kaspar muss wieder sterben―
und ich wusste damals noch nicht, warum ich diesen Satz sagte, den ich mir erst viele Monate später zu
enträtseln wusste. Mein Bruder, der eine Ahnung davon hatte, weil beide Geschwister zur nämlichen
Stunde, als ich mir die Tüte über den Kopf zog, nicht mehr richtig atmen konnten, telefonierte mit Dr.
Gabriel, um ihr deutlich zu machen, dass wenn eine solche Sache mit dem Tavor und dem Schweigen
nochmals geschieht, er die Presse einschalten wird.

Ein Krankenwagen wurde geholt, ich laberte und diskutierte ohne Atem zu holen, um dieser Situation
meiner nochmaligen Einweisung zu entgehen, die mir unbeschreibliche, begreifliche Ängste einjagte.
Ich diskutierte mit den Notärzten, bat und flehte, sagte ihnen, ich schreibe gerade an meiner Biographie,
ich müsse doch weiterschreiben und als ich das sagte, stand ein Sanitäter auf, sprach mit dem Fahrer,
während er mir seine Adresse und die des Fahrers aufschrieb mit der Bitte, ich möge ihm doch mein Buch
zukommen lassen, so es fertig sei, es würde sie brennend interessieren.
Ich habe beide Adressen noch und sollte am folgenden Tag auch vom Oberarzt hören, als er mich fragte,
wie ich meinen Tag verbringe und ich ihm die Wahrheit sagte, mit Nachhilfe und dem Schreiben an
meinem Buch, dass es sehr wichtig sei und ihn selber interessiere, wie ein Betroffener fühlt, was er
innerlich erlebt, um damit auch seine Patienten besser zu verstehen. Auch seinen Namen habe ich noch in
meinem Tagebuch und ich war dankbar, dass er mich, nach einer vollkommen schlaflosen Nacht, in der
ich nur meiner Hausärztin per Kurznachricht am Handy die eine Frage stellte, was ich in ihren Augen
machen soll, was ich hätte besser machen und sie mir nur antwortete:
„Ich erwarte, dass Sie sich vom Suizid distanzieren“. Über diese Aussage schrieb ich schon in meinem
Kapitel über Depressionen in dem Sinne, dass sie nur noch die eigene Ohnmacht weiter schürt.
Ja, vom Suizid distanzieren? Könnte eine Frage noch grausamer, verständnisloser und unsensibler
beantwortet werden, frage ich mich heute? Nachdem mir eine Internistin wörtlich sagte:
„Nur alleine für Depressionen―, abgesehen von meiner Vergangenheit, auch der Tavorzerstörung und
allen grausamen Schicksalsschlägen, „kann ein Patient nichts. Es ist ein Problem im Gehirnstoffwechsel,
da das Sertralin(?) nicht in ausreichendem Maße vorhanden ist und da hilft es nichts, diesem Menschen zu
sagen, du musst und wende dich positiven Dingen zu, er kann einfach nicht, und jede Forderung ist nur
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eine Art Überforderung, weil er nicht anders fühlen kann, weil er die Welt verfinstert sieht und die
Anklagen aus seiner Umgebung ihn nur noch mehr in seinen dunklen Abgrund treiben.“ (Dr. B.).

Und so erlebte ich auch die Nachricht von Dr. Gabriel damals als einen Faustschlag in die Magengrube.
Ich werde an den Galgen gehängt, man lässt mich baumeln und dann fordert man von mir, dass ich mich
selbständig wieder aus der Schlinge befreie, ohne dass ich die Möglichkeit habe, mit den Füßen den
Boden zu erreichen.
Aber immerhin kam Dr. Gabriel zu meinem Aufnahmegespräch mit dem Oberarzt in die psychiatrische
Klinik, sie hatte ihren Nachmittag und ihren Abend für mich geopfert, denn in ihrem Terminkalender
standen wohl bei weitem andere und wichtigere Termine und Patienten, die auf sie warteten, als wieder
einmal demselben „suizidalen Bündel“ beizustehen. Und doch saß sie mit mir im Aufnahmegespräch und
berichtete über meine Vergangenheit und den heutigen Tag und wollte auch mit meinem oftmals
„herausragenden Gedächtnis“ jenem Arzt wohl zeigen, dass ich nicht ausschließlich ein schlechter
Mensch, ein Verbrecher bin, zu dem ich mutieren sollte in den kommenden zwei Jahren aufgrund meiner
„Suizidgedanken“, die mir von meiner Umwelt eingepflanzt wurden. Sie erzählte dem Arzt erzählte, dass
ein EKG vom Herzen gemacht wurde das eine Tachykardie aufzeigte, um mich zu fragen, an welchem
Tag das EKG erfolgte und an welchem Tag im Oktober ich nochmals in einer Klinik eine
Computertomographie vom Herzen machen ließ...
Ich wusste es, doch ich war zu erschöpft, um noch einen Gedanken daran zu verschwenden, mit meinen
„herausragenden Gedächtniskräften“, wie sie überall bewundert und vorgestellt wurden, anzugeben, oder
sie einfach nur zu präsentieren. Es schien mir ohnehin so, dass jener Arzt kein großes Interesse für seine
Patienten zeigte und schon als ich mit dem Krankenwagen gebracht wurde und die Pfleger mich
gelangweilt entgegennahmen mit den Aussagen: „Das sieht nach einem schweren Entzug aus“ und ferner:
„Wir haben heute lauter solche Katastrophenfälle und wissen gar nicht, wohin wir sie noch stopfen
sollen“, da wusste ich schon, dass ich im Vorhof der Unmenschlichkeit, wie in München Haar, gelandet
war.
Und ebenso desinteressiert war die Nachtwache, die es nicht kümmerte, was sich in meinem Gepäck
befand, vom Föhn, bis zum Rasierer, meine unersetzlichen Utensilien und trotzdem meine Verzweiflung
übergroß war und ich wusste „jetzt reicht es endgültig“. Ich war zu erschöpft und ausgelaugt, als dass ich
einer neuen Gefahr hätte mit aller Vorfreude ins Auge blicken können, um mich aus meiner engen
Körperlichkeit und den Verstümmelungen meiner Seele endlich von der Welt verabschieden zu können,
die für mich an Schönheit, Reinheit und Gerechtigkeit, vor allem Wahrheit verloren hatte, trotzdem ich
noch weiter unermüdlich auf die Suche nach den Perlen ging, die ich mir als Kind so ungeheuer mühevoll
erarbeitet hatte, weil ich sie auch fühlen und erleben durfte, das Organ dafür mitbekam.
208

Denn dem Unendlichen kann man nur als Einheit begegnen, alle Lauheit und Halbheit des Willens
erreicht nur niederes Ziel und so empfand ich mich oftmals als einen Hüter der heiligen Flamme, die ich
gegen alle äußeren Widerstände und Gefahren beschützen wollte um am Anfang des Jahres 2014
schmerzhaft zu erkennen, dass möglicherweise nur eine andere Welt, eine geistigen Welt, diese, meine
Anstrengungen sieht, achtet und erkennt, während im Irdischen das ganze Sinnen und Trachten der
Menschen, geleitet durch die dunklen Wesen, bestrebt sind, mein Licht zum Erlöschen zu bringen.
Ich wusste, dass alles Irdische, alles Individuelle und Formhafte in diesem Kampf der Fremdvernichtung
meiner Person aufgezehrt werde, um nur noch wesenhaft wie orphische Musik meine letzten Worte durch
meine Bücher, in den heimatlichen Äther zurück zu wehen, als Mahnmal, als mögliche Hoffnung für
Mitleidende, für Gefolterte, für unzählige Psychiatrieopfer, die ihr Leben verlieren mussten in dem
Kampf mit der Gewalt und Macht in Menschengestalt.

Einen Tag vor Weihnachten sollte ich wieder aus der Klinik entlassen werden und ich wurde mir untreu
und verheimlichte die Wahrheit, deutete sie um, verzerrte sie, um nicht direkt lügen zu müssen.
Natürlich war ich nicht stabil, wie konnte jene Wandlung innerhalb einer Nacht sich vollzogen haben,
aber das verriet ich dem Oberarzt nicht, den ich als einen Menschen, wahrhaften Mensch dort erlebte, in
einem Käfig voller dämonischer Gestalten. Und so holte ich mein Auto und fuhr zu meiner Ärztin, das
war die Bedingung, dass ich entlassen werden konnte.
Und wenn ich beide Tage vergleichen sollte, den 23. Dezember 11 mit dem des vorherigen Jahres 10, so
hatte ich in jeder Hinsicht gewaltige Rückschritte gemacht und das brachte mich zusätzlich in einen
Strudel der Verzweiflung.
Im Jahr 2010 war ich an jenem Tage mit meinem Auto alleine unterwegs und besorgte ein ganz
besonderes Geschenk für meine Ärztin und die Sprechstundenhilfen, das ich selbstständig noch in die
Praxis brachte, um am folgenden Tag, wie beschrieben, singend in den Luftkurort einzufahren, an dem
wir Weihnachten feiern wollten.
An dem Vorweihnachtstag 11 saß ich zusammengekauert und innerlich gebrochen bei meiner Ärztin fast
in der Ecke und wagte niemandem in die Augen zu sehen, fühlte mich als Schwerverbrecher und so
waren auch die folgenden Weihnachtstage am selben Kurort durchzogen von einer beginnenden,
schweren Depression durch langanhaltende Folter, welche die Seele auf diese Dauer zu brechen drohte.
Ich zog mich immer mehr zurück, sprach nur noch sehr wenig, hatte keine Freude mehr zu
Veranstaltungen zu gehen, oder auf Spaziergänge durch den Wald und heute sehe ich, dass der
Dezember 11 der Schnittpunkt, die sogenannte Demarkationslinie für die Abwärtskurve darstellte, einer
Fahrt in den Abgrund, die ich nicht mehr aufhalten konnte, weil in Folge noch unzählige
Schicksalsschläge, teilweise vorsätzlich durch Menschen inauguriert, mich in den Boden treten sollten.
209

In jedem Fall habe ich in diesen Tagen der Weihnachtsfeiertage die Aussage meiner Ärztin „Ich erwarte,
dass Sie sich vom Suizid distanzieren“, in einem Kapitel über die „Depression“ zu verarbeiten versucht.
Und immer wieder zeigte es sich, dass in dieser Konfrontation, gerade mit Dr. Gabriel, entscheidende
Erkenntnisse für mich gewonnen werden, die ich in meinem Lebensbericht verarbeiten konnte zur
möglichen Hilfestellung für meine Nachwelt. Gerade das Unverständnis, das Missverständnis, die
mangelnde, oder undifferenzierte Kommunikation war es, die in mir Kräfte erweckte, welche bestrebt
waren, die in Schieflage geratene Waagschale des Verstehens wieder in ein Gleichgewicht zu bringen, um
wichtige Einsichten daraus zu gewinnen, die mir wohl, ohne jene seelische und verbale
Fehlkommunikation, nicht zugänglich geworden wären.
Den Sylvester des abschließenden Jahres 2011 verbrachte ich ausschließlich schreibend in der Wohnung
meiner Pflegeeltern, mich interessierte das ganze Schauspiel um den Jahreswechsel, den meine
Mitmenschen veranstalteten, nicht mehr entfernt. Ich hörte weder die Raketen, noch nahm ich den
Übergang um Mitternacht wahr, ich war versunken in meinem Schreiben und durchdrungen von
bedeutenden Erkenntnissen. Dieser Abend brachte mich schreibend in ein neues Jahr, während mir
ausschließlich bewusst war, dass die freien und gefangenen Tiere unserer Welt in dieser Nacht unsagbar
litten und ich teilte mit ihnen dieses Leid, weil auch ich immer tiefer zu leiden begann an dieser Welt, mit
jedem Jahr seit meiner Einweisung in die Psychiatrie mehr und mehr und ich konnte noch nicht ahnen,
dass das kommende Jahr 2012 der Vorbote sein würde für das, was mich ein Jahr später gänzlich zu
Boden schleudern sollte, in den Vorhof meines eigenen Untergangs.

„Oft schläft, wie edles Samenkorn, das Herz der Sterblichen in toter Schale, bis ihre Zeit gekommen ist.―
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Kapitel: Zwei Klinikaufenthalte – Oberbürgermeister und Reise an die Ostsee zu einem Arzt

Ja, ich weiß woher ich stamme, ungesättigt gleich der Flamme, glühe und verzehr ich mich, Licht
wird alles, was ich fasse, Kohle alles, was ich lasse, Flamme bin ich sicherlich
Nietzsche
Die Jahre zwischen 2000 und 2003

Im Jahr 2014 sollte auf die Jahre zwischen 2000 und 2003, die ich nun zu beschreiben gedenke, von der
Führerscheinstelle mit Einzug des Führerscheins ebenso anklagend Bezug auf meine Suizidgedanken
genommen werden, als in meinem Prozess im Jahr 2013.
Ich kämpfte im Jahr 2000 mit den Folgen der Trennung und der übermäßig anstrengenden Jahre mit
Odysseus, ferner mit der immer wiederkehrenden Ergebnislosigkeit in der Diagnosestellung meiner
Muskelerkrankung und nicht zuletzt mit den Folgen medizinischer Einwirkungen, die mich erst richtig
krank werden ließen. Ich hatte mein Studium abgebrochen und versuchte, mir selber einen strengen
Tagesrhythmus aufzubauen, was mir auch immer wieder gelang, gerade durch meine Nachhilfetätigkeit.
Ich kam immer dann auch psychisch ins Straucheln, wenn ich in irgendeiner Form mit Ärzten und
Krankenhäusern zu tun hatte, und dieses Muster zeigte sich zum ersten Mal im Jahr 2000, da ich mich
zuvor psychisch „unauffällig“, zum Glück über 26 Jahre, von dieser zumeist omnipotenten Scheinmacht
und deren Einrichtungen distanzieren konnte und durfte.
Und wieder sollte es der März im Jahr 2000 sein, in dem ich mich nach Freiburg fahren sehe in eine
anthroposophische psychiatrische Klinik, um mich zu „stabilisieren“ und immer und immer wieder
bestätigte sich dieselbe Tatsache, dass ich nur meiner eigenen Intuition vertrauen musste, um mich selber
„instabil stabil“ zu halten, wie es sich in den Jahren ab 2003 bis 2008 mit einigen Schwankungen zeigte
und alle Jahre vor dem Jahr 2000.
Ab dem Jahr 2003 befreite ich mich endlich und endgültig aus der Schraubzwinge der Mediziner, die
nahezu alle glauben, die Weisheit und Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben und dieser
Befreiungsschlag brachte mich in die Hände des besten Arztes dieser Welt, den ich, nach langjähriger
Erfahrung und intensiver, auch psychologischer Beobachtung, als eine Koryphäe bezeichnen kann.

In jener Klinik wurde ich gleich im ersten Satz gefragt, ob ich manchmal „Suizidgedanken“ habe und als
ich dummerweise, wie auch acht Jahre später die Wahrheit sagte, um erst heute zu erkennen, nach
jahrelanger Folterung für diese, meine Wahrheit, dass in dieser Welt nicht jede Wahrheit Platz hat und
dass Gefahren lauern, wenn ein Mensch bestrebt ist, in umfassender Weise, so es möglich ist, wahrhaftig
zu sein. Damals jedoch bejahte ich diese Frage und sie wurde mir in einer Form gestellt, die heute, durch
211

die Führerscheinstelle, wie auch immer sie an diese Dokumente meiner Aussagen gelangten, mich wieder
zum Angeklagten mutieren lassen.

Nach drei Wochen in dieser Klinik im Jahr 2000 beschloss ich ihr brieflich meine verflossene Beziehung
zu Odysseus mitzuteilen, um die überaus „weisheitsvolle“ Antwort zu erhalten, dass sich wohl durch
mein ganzes Leben der rote Faden von „Missbrauch und Schweigen“ zieht, der mich immer wieder zu
Fall brachte.
Ich hatte diese angenommene Tatsache nie zuvor so betrachtet und gesehen, aus Verblendung, aus
Eitelkeit, oder weil den Aussagen Odysseus, er habe ein Leben lang „nach der blauen Blume“ gesucht
und sie endlich gefunden. Ein Wahrheitsgehalt lag dem wohl zugrunde, den mir auch seine Frau
bestätigte, nicht ohne eigenen Schmerz.
Ich habe nie einen möglichen Missbrauch dahinter vermutet, doch das Schweigen, das mein Leben von
entscheidenden Menschen immer wieder in Gefahr brachte, weil ich schon erwähnte, dass die
Kommunikation für mich essentieller Bestandteil meiner Existenz ist und ein Schweigen, oder eine
Fehlkommunikation mein seelischer Tod, jenes Schweigen, auch von meiner Seite war wohl mit der
endgültige Auslöser zum Ausbruch einer latenten Suizidalität, die mich ab dem Jahr 2000 nicht mehr aus
ihren Klauen lassen wollte, zumindest die folgenden drei Jahre.
Nach dem Gespräch über meinen Brief erkannte ich, dass auch die Neunmalklugen Ärzte und
Psychologen nur mit Wasser, oder gar Luft kochen und da es mir im Klinikrahmen zu eng wurde, bat ich
die behandelnde Ärztin wenigstens um ein Wochenende in Freiheit in meiner Wohnung, um ein Mal
ausschlafen und alleine sein zu können. Auf diese Bitte reagierte sie sehr seltsam, offenbar zeichnet viele
Ärzte auch ein schwaches Selbstbewusstsein aus, das dann immer zutage tritt, wenn sie glauben, ihre
Behandlung würde in Frage gestellt, - in jedem Fall fragte sie mich eiskalt:
„Wann wollen Sie entlassen werden?“ Ich war zu jener Zeit weder rebellisch, noch aggressiv aber diese
eine Frage und Bitte von mir in aller Bescheidenheit und Unterwürfigkeit und meine zu Beginn
angegebenen Suizidgedanken, auch das oftmals beschriebene Gefühl der „inneren Leere“, brachte mir
einige Wochen später den Entlassungsbericht in meinen Briefkasten mit der erstmals gestellten Diagnose
einer „Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ“. Ferner wurde ich darin als „überdurchschnittlich
intelligent“ bezeichnet. Ein Neuland für mich zum damaligen Zeitpunkt in dem Bewusstsein, das mir
meine Umgebung einpflanzte, ich sei abgrundtief dumm. –

Gleich nach meiner Entlassung fuhr ich über 10 Tage mit Benny in meiner neuen Freiheit, die ich
unsagbar genoss, quer durch Deutschland, hoch bis Hamburg, zur Ostsee, nach Berlin, um Autos zu
kaufen und zu verkaufen. Eine Tätigkeit, die mir großen Spaß bereitete, weil ich unabhängig war, heute
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hier, morgen dort sein konnte und weil ich Autos liebte, von jeher. Jede körperliche Bewegung bereitet
mir große Qualen, ebenso das Fahrrad fahren in noch größerem Ausmaß, im Auto kann ich mich
fortbewegen ohne Schmerzen, ich fühle die Beengung meiner Körperlichkeit nicht und alle Menschen
beschreiben mich als einen „herausragenden, souveränen Autofahrer“, wie es auch mein Freund in seinem
Vorwort heraushob.

Und so erscheint mir, auch in Bezug auf den heutigen Tag und das Schreiben der Führerscheinstelle auf
meinem Tisch, jener Tag im Jahr 2000, als ich das Schreiben und die Diagnosestellung der Klinik in den
Händen hielt, als ein Tag, an dem eine unsichtbare Macht und Kraft über mich ein Damoklesschwert
hängen, auf dessen Klinge der Begriff „Suizid“ stehen sollte, um mich immer an meine Sterblichkeit und
mein im Grunde „Nicht – Existieren“ zu erinnern. Mit diesem Mahnmal auf meiner Stirn war es möglich,
mich unentwegt unschuldig anzuklagen, aufgrund des unsichtbar- sichtbaren Schwertes über mir.
Diese blutrünstigen Hunde meines Schicksals, welche versuchten, mich in der Klinik zu Tode zu foltern,
um wohl nach meinem, für sie unerklärlichen Überleben, andere Wege und Mittel zu finden, mich
auszuschalten, zu entfernen, zu vernichten, mich an den Rand meiner Kräfte zu treiben, an denen ich
mich, wie ein Gejagter, ins Dickicht werfen, um manchmal, in jäher Wende des Willens und des letzten
Körnchens Kraft, einen dieser Hetzhunde zu fassen, dieser Meute in Mehrheit und Macht jedoch
unterliegend, um blutend weiter zu rennen, im Rücken lauernde, drohende Gefahr. –
Aber wie sie meinen, mich endgültig zu packen, diese mörderischen, heißen Rüden des Schicksals, hebe
ich mich mit letzer Kraft herrlich auf und stürze mich, ehe Gemeinem zur Beute zu sein, mit einem
erhabenem Sprung in den Abgrund.
Denn nur die letzte Entbehrung vermag die Seele ganz aufzuschmelzen und nur die absolute und doch
geklärte, reine Resignation die Sphäre erreichen, in der sich jedwede Form der Leidenschaft längst
ermüdet. Was die Menschheit mir in meinem Kampf um die Wahrheit und Gerechtigkeit nicht nur
versagte, sondern zertrümmerte, wird mir ein gütiges Wesen, eine andere Zeit und Welt, gerade in einer
Stunde, in der ich nichts mehr erhoffe, in Vollendung schenken. Denn alle Ziele und Ideale, die auf Erden
nicht verwirklicht werden konnten, bleiben dort wirksam als dynamische Kraft und erweisen sich als die
unüberwindlichsten im schöpferischen Sinne. –
Und so empfinde auch ich ähnlich wie Kleist in folgender Aussage aus einem Brief: „Froh kann ich nur in
meiner eigenen Gesellschaft sein, weil ich da ganz wahr sein darf.“

Aber zum damaligen Zeitpunkt kannte ich diese absolute Resignation noch nicht und ich liebte nicht nur
meine eigene Gesellschaft, sondern suchte in meiner Umwelt nach menschlichen Perlen der
Wahrhaftigkeit, des Verständnisses, der reinen, klaren Kommunikation und ich fand sie nicht in Masse
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und Fülle, aber doch ab und zu in Glanz und Herrlichkeit und so sollte das Jahr 2001 auch einige davon
für mich bereithalten, gerade in einer Zeit, in der ich durch Kliniken und Ärzten aus meinem
Gleichgewicht gebracht wurde. Angewiesen auf sie gab es wohl nur Aufstieg oder Untergang und
offensichtlich sollte mein „gewaltiges Schicksal“ ihnen zur Prüfung gereichen.
Manchmal frage ich mich, ob ich am 5. Juli 2001, durch eine mögliche Fehlentscheidung meine
Lebensweichen in der Weise selber gestellt habe, dass sie mich nur sieben Jahre später geradewegs in
meinen Untergang führten?

In jenem Jahr fuhr meine beste Schulfreundin mit ihrer Familie, einem großen Anhänger und meinem
Klavier, ferner meinen zwei Kanarienvögeln in der Dunkelheit davon, indess ich meine WG Wohnung
noch aufräumte, säuberte, meinen Koffer packte, mich am folgenden Tag alleine in mein Auto setzte, um
die weite Reise am Rhein entlang Richtung Koblenz anzutreten, weil ich einen weiteren Klinikversuch in
der Lahnsteinklinik wagen wollte, der in meiner Erinnerung der kraftvollste sein und bleiben sollte.

Immerhin hielt es dort der freiheitsliebende Vagabund in mir über sechs Wochen aus, ein für mich
unvorstellbar langer Zeitraum und nicht umsonst bestätigt sich die Aussage der Ärzte und Therapeuten,
dass ein Borderliner sich im Grunde nur in seinem eigenen menschlichen und häuslichen Rahmen
stabilisieren kann, auch praktisch, so eine Stabilität überhaupt zu erreichen ist. In einem engmaschigen
Setting von Hausarzt und Therapeuten, um seinen eigenen Rhythmus leben zu können und genau dies
habe ich wohl intuitiv auch immer gefühlt. Denn nach diesem letzten Klinikaufenthalt habe ich mich
endgültig aus der Schlinge des Stationären befreit, um auf einsamen, ungepflasterten Pfaden mit einem
einzigen Arzt in seltenen, aber regelmäßigen Konsultationen, einigermaßen stabil weiter zu wandern.

Ich in jenem Jahr innerlich schon gebrochen und tief verunsichert, was sich bis zum Jahr 2000 nicht
entfernt in dieser Dimension gezeigt hatte. Ich litt massiv unter einer sozialen Phobie und vermochte
nicht, an den Gruppentherapien teilzunehmen. Diese Phobie war für mich unüberwindlich und ich hätte
möglicherweise intensive Hilfe gebraucht, doch da ich nicht darüber sprach, sondern große
Menschenansammlungen mied, konnte niemand hinter die Kulissen meiner Angst sehen, außer wenn sich
die Fassade, der Vorhang blutrot verfärbte..
Die Tage waren dort ausgefüllt mit einem herausragendem Therapieangebot: Frühmorgens gab es oftmals
Anwendungen mit einem Blutegel, anschließend ein überaus gesundes, reichhaltiges Frühstück, weil auf
wertvolle und gesunde Nahrung in dieser Brucker – Klinik besonderen Wert gelegt wurde. Anschließend
gab es Kneipp Anwendungen in Form von heiß- kalt Aufgüssen, schwimmen, Saunabesuche,
Scharfgabenleberwickel, Massagen und sehr viel Freizeit, die ich auch hier mit ganz besonderen und
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wertvollen Menschen verbringen durfte. Die beiden wichtigsten Begegnungen sollten nicht nur mich
reich beschenken durch eine über weitere, lange Jahre bestehende Freundschaft, sondern ich durfte in
einem „therapeutisch beratenden“ Gespräch, einer Art Eheberatung die ich ausführte, Zeuge davon
werden, dass meine Hilfe die große Kluft der beiden Eheleute zu schließen vermochte, um einer
Scheidung zu entgehen.
Die Begegnung mit Werner, einem Oberbürgermeister aus der Pfalz, war im Grunde meine Rettung, den
Klinikaufenthalt nicht sofort wieder abzubrechen, denn durch mein Bleiben sollten tatsächlich durch
meine Durchhaltekraft noch wunderbare, bereichernde und stärkende Begegnungen und Therapien auf
mich warten. Ganz im Gegensatz zu meinem aufgezwungenen, buchstäblich in Fesselung befindlichen
Durchhalten im Jahr 2008, das nicht nur keine Perlen, sondern meinen Untergang, den vollständigen
Absturz bereithalten sollte in einem Scherbenhaufen der Zerstörung und des viele Jahre auf mich
wartenden Todes.
Werner war in einer anderen Abteilung dieser Klinik wegen seines Herzens stationär aufgenommen.
Er war geschieden von seiner Frau und es stellten sich zunehmend infarktähnliche Symptome ein. Seine
über alles geliebte Tochter lebte bei seiner ehemaligen Gattin und ich bin, wie in anderer Form bei
Andrea, heute dankbar darüber, dass ich seinem Drängen zur Heirat und meinem Umzug in die Pfalz
nicht nachgegeben habe weil mich ein Jahr später ein Brief von ihm erreichte, er habe durch mein Vorbild
und meine menschliche Liebe, von der er viel lernen durfte, wieder zu seiner Frau zurückgefunden und es
sei ein kleiner „Thronfolger“ unterwegs auf diese Welt.

Ich kann heute sagen, dass Werner einer der wenigen Menschen in meinem Leben war, der meine Seele
ganz tief zu verstehen lernte. Wenn ich den Raum betrat, wusste er sofort über mich Bescheid in welchem
Zustand ich mich befand. Heute ist das ein leichtes Unterfangen, aber zum damaligen Zeitpunkt mussten
die Menschen noch tiefer hinabsteigen in das komplizierte Labyrinth meiner Seele, um sie zu ergründen
und so höre ich heute noch Werners Worte in mir, wenn er sagte:
„Heute hat meine Prinzessin wieder ihren Rucksack auf, in dem ihr Selbstbewusstsein steckt, heute muss
ich sehr aufpassen!“ Und dann nahm er nur still meine Hand und schlenderte mit mir los in die Stadt,
ohne Worte, ohne mir zu nahe zu kommen, um mich zu einem „heroischen Essen“ einzuladen, denn er
pflegte selten unter 70 DM zu essen. Oder wir fuhren auf einem Schiff über den Rhein, vorbei an der
Lorelei und er erzählte mir ihre Geschichte, oder andere lustige Dinge, denn eines konnte ich mit Werner
und seiner Kartoffelnase, seinem etwas groben Gesicht, in dem strahlende, beseelte blaue Augen meine
Seele tief zu ergründen wussten, das ich mit Andreas sehr vermisst hatte: ausgelassen lachen und meinem
Namen damit alle Ehre geben.
215

Werner mochte keine Abschiede, das wusste ich und als die Zeit nahte, da er entlassen werden sollte,
suchte ich ihn überall in der Klinik und außerhalb, aber ich fand ihn nicht. Was ich aber fand in meinem
Nachttisch war ein Briefcouvert mit einem sehr langen Brief, in dem er mir sagte, dass die Begegnung mit
mir für ihn zum wertvollsten Geschenk seines Lebens gehörte. Nicht die Klinik habe ihn gesund gemacht,
sondern das Beisammensein mit mir und dass er mich nie vergessen könne. Ferner lag seinem Brief ein
gewaltiges Geldgeschenk bei als Dank für diese, seine eigene Rettung und der Besserung auch seines
Herzens.
Sosehr ich mich auch über seine Worte freute, so sehr litt ich darunter, ihm nicht mehr persönlich
Lebewohl sagen zu können, noch einmal seine Hand zu halten und in seine dunkelblauen Augen zu
blicken und die Tage wurden für mich einförmig, trotzdem ich viele Freunde hatte, um Anfang Juli meine
behandelnde Ärztin zu bitten, mich zu entlassen.

Mein Hausarzt in Berlin, mit dem ich oft telefonierte, trotzdem ich seit fünf Jahren nicht mehr in seiner
Behandlung war, hatte mir in jenen Tagen von einem „herausragenden anthroposophischen Arzt“ an der
Ostsee berichtet, der in Hamburg auch eine Klinik für Krebspatienten mit leitete, um für mich bei ihm,
seinem „Freund“, einen Termin zu vereinbaren.
Ich wollte anschließend, nach einem einstündig geplanten Gespräch, in einer Pension noch einige Tage an
meinem Lieblingsmeer verbringen und so packte ich wieder einmal meine sieben Sachen und fuhr an
jenem 5. Juli 01 Richtung Norden, um mit großer innerer Erschütterung im Radio zu erfahren, dass
Hannelore Kohl sich aufgrund ihrer Sonnenallergie suizidiert habe.
Erschüttert wohl auch deswegen, weil ich ab diesem Jahr fühlte, dass auch auf mich ein solches Schicksal
der vollkommenen Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit warten würde. -
Ich erreichte gegen Nachmittag den besagten Ort, das Haus des Arztes. Begnadet mit einem großen,
durch und durch verglasten Wohnzimmer, gab es den Blick frei zum Meer und ich bat darum, mich kurz
von der langen, anstrengenden Fahrt ausruhen und ans Meer gehen zu dürfen, denn es war in jenem Jahr
ein brütend heißer Sommersonnentag.

Unser folgendes Gespräch bezog sich auf meine reiche innere Welt, mein Studium am Priester – und
Lehrerseminar, weniger auf meine gesundheitlichen Dinge und wiederum läuft in mir ein Film und ich
sehe uns, mit seiner Haushälterin in der Abenddämmerung vor einem reichhaltigen Mahl sitzen, während
wir das Meer rauschen hören konnten, indess ich seine unzähligen Blumen im Garten bewunderte.
Wir sprachen leise über den Sinn des Lebens, als er mir anbot, ich dürfe in seinem voll ausgestatteten
Gartenhaus schlafen, wir würden unser Gespräch am folgenden Tag fortsetzen. So zog ich in der
Dunkelheit in meine neue Behausung ein und konnte Reinhard (Name verändert), denn er hatte mir an
216

jenem Abend gleich das „Du“ angeboten, durch mein kleines Fenster am Klavier sitzen sehen, sein
Wohnzimmer war das reinste durchsichtige Kristall, wie ich es beschrieb und er spielte für mich
Schumann und Schubert zum Einschlafen.
Ich habe selten einen Menschen mit soviel Seele und Feingefühl Klavier spielen hören, denn auch im
Musizieren, auch wenn unsere großen Komponisten die Form des laut und leise, den Takt, die Pausen
vorgaben, wird das Wesen eines Menschen erkennbar. In meinem Bekanntenkreis gibt es einen
Menschen, der seit seiner Kindheit zwar musiziert, aber, frei nach dem Motto, „hoch eminenter
Tastenhengst, der du der Töne Schlachten lenkst“ in „Henkers- Hengst -Eile“ über die Tasten zu jagen
und Schlachten zu schlagen, in unrhythmischer, vielleicht auch taktloser Weise, im doppeldeutigen Sinne,
das Schwarz – Weiß zu malträtieren.

Nein, Reinhard spielte seelenvoll, ausdrucksstark, gefühlvoll, taktvoll und nur der beginnende Schlaf, der
sein warmes Tuch zu jenem Zeitpunkt noch ohne medikamentöser Einwirkung und Folterungen über
mich breiten sollte, wurde Zeuge dieser Himmelsmusik, denn nur sie vermochte es, mich in die andere
Sphäre, auch die Sphäre des Todes, denn es heißt in einem Lied „Schlaf ist ein kurzer Tod“, zu begleiten.

Am folgenden Tag wurde ich von Reinhard mit einer Begebenheit geweckt, die mir mehr als überdeutlich
zu verstehen gab, dass er sich rückhaltlos in mein Wesen und mich verliebt hatte, trotzdem er gewiss eine
Generation mehr als ich in seinem Rucksack trug. Ich schwieg und muss bekennen, dass ich zwar im
ersten Moment verdutzt und leicht schockiert war, dass es aber in so feinfühliger Weise geschah mit der
inneren Gewissheit: In dieser Wesensbegegnung lag nichts falsches, nichts unaufrichtiges, sogar nicht
einmal Triebhaftes, sodass ich es einfach so stehen lassen konnte. Ich fühlte mich an diesem Ort, gerade
mit den beiden besonderen Menschen, sehr wohl, ja sogar glücklich war ich in den ersten zwei Tagen,
eine Seltenheit in meinem Leben, weil die Gespräche mit den beiden, dem Arzt und seiner Haushälterin
zu den wichtigsten in meinem Leben zählen.
Wir unterhielten uns nahezu pausenlos, während uns unentwegt Gaumenfreuden von höchstem Genuss
durch die Haushälterin zuteil wurden, vom reichen, reichhaltigen Frühstück, zu den Erdbeeren in
Vanillesauce, bis zum Viergänge Mittagessen, über Kuchen am Nachmittag, bis wir wiederum in der
Abenddämmerung gemütlich bei Kerzenschein im Garten saßen, um unsere Mägen weiter zu beglücken.
Und noch immer hatten wir nicht über den Grund gesprochen, derentwegen ich zu ihm gefahren war,
weswegen mein Berliner Arzt einen Termin von einer Stunde bei ihm für mich vereinbart hatte, den
Grund meiner Muskel - und angeblichen Borderlineerkrankung.
217

Reinhard hielt mich, wie manch andere, nicht für einen Borderliner und er war es auch, der mir ein Jahr
später dringend davon abgeraten hatte, Psychopharmaka zu nehmen. Am dritten Tag meiner Anwesenheit
gingen wir in seine Praxis, um für mich nach einem geeigneten Medikament für meine Muskeln zu
suchen und in jenem Raum stellte er mir folgende Frage, die den roten Faden meiner Aussage mit der
eigenen Weichenstellung wieder aufgreift, an der ich vor eine Prüfung gestellt wurde. Reinhard sagte mir
wörtlich:
„Ich habe noch nie ein solch reines, wahrhaftiges Wesen wie dich getroffen und ich erlebe in dir einen
Menschen, der hochintelligent ist und Zusammenhänge sehr schnell erfassen kann, um sie wieder zu
einem größeren Ganzen zusammen zu fügen. Ein Phänomen. Ich möchte dich bitten, dich fragen, dir
anbieten, ob du für immer bei mir bleiben und mir in meiner Arzttätigkeit zur Seite stehen möchtest, in
beratender, aber auch praktischer Funktion. Ich würde dir voll und ganz vertrauen und dir Dinge
anvertrauen, die ich bei dir in besten Händen weiß. Du brauchst dafür keine Studien und Ausbildungen,
du hast die Intuition, das Einfühlungsvermögen und ich weiß, du kannst die Dinge einfach so aus deinen
gewaltigen Anlagen heraus. Ich möchte dir anbieten, dass du hier mit uns leben kannst, du bekommst ein
eigenes Zimmer in meinem Haus und meine Haushälterin liebt dich ebenso als ich.“ –

Ich war zunächst sprachlos, sagte ihm verlegen, ergeben, ich würde es mir überlegen und weil mich zum
damaligen Zeitpunkt immer nur der Reiz des Neuen und Fremden, die Veränderung, das Unvorhersehbare
reizte, auch in meinen menschlichen Beziehungen, so wollte ich nach vier Tagen doch wieder in meine
gewohnte Umgebung zurück, denn der Kuss am ersten Morgen zeigte mir, dass da noch mehr auf mich
warten sollte.
Meinem umfassendes Verantwortungsgefühl für meine zahlreichen Schüler, denen ich versprochen hatte,
zurückzukommen und meinen kleinen Kanarienvogel, dessen Verhalten von einem unbeschreiblichem
Zutrauen zu mir gekennzeichnet war und von dem ich wusste, dass er mich ganz sicher erwarten würde,
ließen mich am 8. Juli wieder den Heimweg antreten.

Möglicherweise fühlte meine Seele auch, dass sie sich in körperlicher Hinsicht mehr mit Reinhard hätte
verbinden müssen, als es mir lieb war zu jenem Zeitpunkt, oder sie glaubte zu wissen, dass sie den
ärztlichen Anforderungen, auch immer wieder nach Hamburg zu fahren, in der Klinik mitzuwirken und
einer Masse von Menschen ausgesetzt zu sein, nicht gewachsen sein würde.
In Hamburg legte ich für knapp eine Woche in Hamburg Station ein, Odysseus hatte dort für ein Jahr eine
kleine, gemütliche Wohnung gemietet. Seine beruflichen Vorhaben forderten die Wohnung, auch in
Zusammenarbeit mit dem Urenkel des letzten Deutschen Kaisers, dem „Prinz von Preußen“, mit dem ich
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einst, auch mit meinem damaligen Partner Stephan, der größten Liebe meines Lebens, im „Block House“
zu Abend gegessen hatte, den ich als einen sehr geistreichen und humorvollen Menschen erleben durfte.

Und so verbrachte ich die folgende Woche in Hamburg in unserer kleinen Wohnung, in der ich zum
ersten Mal mit der Polizei in Berührung kam, die zur abendlichen Stunde an unsere Wohnungstür klopfte,
um die Daten meines Laptops zu untersuchen, weil Odysseus durch ausbleibende Zahlungen seiner
Bauherren und dubiosen Gestalten in Form derselben, durch den Verlust seines Hauses und seiner
Zwangsräumung, durch Unwirtschaftlichkeit seines Vermögens immer wieder im Zentrum derselben
stand. Man wollte hinter sein Geheimnis des wirtschaftlichen Versagens und anderer, weiterer
Machenschaften aus menschlicher Unvollkommenheit, ja Dummheit hinsichtlich falschem Vertrauen,
gelangen.
Odysseus war das Gegenteil eines Betrügers im beruflichen Sinne und doch zeichnete sein Wesen ein
ebensolches „Urvertrauen“ aus, das ich selber zu meinem Untergang auch in diese Menschheit legte, um
nur mit „Handschlag“ ein vertragliches Abkommen zu fixieren, das jedoch einer Unterschrift bedurfte,
um rechtsgültig und deswegen auch anfechtbar zu sein und zu bleiben.
Jenes Urvertrauen von ihm, gerade den falschen und betrügerischen Menschen gegenüber, erkannte und
durchschaute ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht und ich übernahm es als vorbildliche Handhabung
Lebensereignissen gegenüber, die eine „rechtsgültigen Unterschrift“ erfordert hätten.
Auch in meiner zweiten Einweisung in die Stuttgarter Klinik, als ich bewegungsunfähig, ohne ein
Körnchen Misstrauen meines dazumal gütigen Schicksals und im Vertrauen in die Einsicht der Ärzte, alle
nur denkbaren Medikamente schluckte, ohne eine Aufklärung zu fordern, ohne mich nach den
Bedingungen und einer Suchtanamnese zu erkundigen, ohne mich zu weigern, außer nach 10 Tagen
permanenter Höchstdosen des Tavors. An jenem Tag war ich durchgedreht, wurde fixiert, als ich vor die
Wahl gestellt wurde, entweder Tavor, oder in der Fixierung zu bleiben, als ich per Handschlag sozusagen
mit deren Handhabung anfangs konform ging. Und jener Handschlag sollte mir zum Verhängnis werden,
wie sie auch Jahre zuvor Odysseus zum Verhängnis wurden in wirtschaftlicher, finanzieller Hinsicht.

Auf diese Weise hatte ich seit dem Jahr 1993 bis zum Jahr 2014, also 21 Jahre meines Lebens, über die
Hälfte meiner Lebenszeit, immer wieder, im Fokus, oder als Zuschauer mit den Justiz - und
Polizeibehörden zu tun, sodass ich auf meiner Flucht, die ich noch beschreiben möchte, mit einem neu
gewonnenen Freund jeden Winkel, jedes Erdloch aus Angst und Panik vor dieser eigenen Gattung
aufsuchte, um unsichtbar zu bleiben, in Ruhe gelassen zu werden durch Verhöre, durch Anklagen, durch
Einweisungen in die Psychiatrie.
219

Insofern war die Zeit an Odysseus Seite von enormen Anstrengungen gezeichnet. Odysseus kehrte immer
wieder zu mir zurückkehrte, um mir nach jeder Wiederbegegnung nahezu mit dem Zeigefinger zu drohen,
dass diese Begegnung ganz sicher die letzte sein und bleiben würde, auch in dieser Hinsicht des
Versteckens und Geheimhaltens sowohl unserer Beziehung, als auch unseres Aufenthaltsortes, als auch
wichtiger Informationen und nicht zuletzt unserer Personen, um nicht Gefahr zu laufen, von der Polizei
oder anderer Dunkelmänner, entdeckt, aufgespürt und möglicherweise mit dem Kuckuck oder
schlimmerem behangen zu werden. Heute weiß ich nicht mehr, wie ich das alles bewältigen konnte und
ich würde nicht einen Monat nochmals durchstehen können.
Auch wenn mich im ersten Jahr viele Menschen beneideten, eine so wunderbare, heile, gläubige und
sichere Familie gefunden zu haben, nach der 18 jährigen Irrfahrt und meinem gefährlichen Start in dieses
Leben aus der Höhle des Löwen, einigermaßen heil an Leib und Seele entkommen zu sein, in späteren
Jahren hörte ich viele Menschen hinter vorgehaltener Hand die Worte sagen, die vom Sinngehalt
ausdrücken sollten: „Vom Regen in die Traufe―.
Ich möchte jene Jahre in dieser Familie nicht missen, doch es ist bekannt, dass Menschen, auch gerade im
KZ, diesen Lebenskampf heroisch bestehen und sich nicht nach ihrem Befinden fragen, weil die
Belastungen zu grausam sind, als dass sie die Kraft dazu noch fänden, dass aber gerade jene Helden nach
ihrer Entlassung so sie es geschafft hatten dem Grauen zu entfliehen, in Freiheit gestorben sind, oder
zusammenbrachen, wenn die Seele zur Ruhe kommen durfte und sich der Marter der Vergangenheit
bewusst.
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Kapitel: Stigmatisierung – Fehldiagnosen – der ausgegrenzte, unrentalble Versager vollbringt Wunder

Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen
das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.
Victor Hugo

Das Jahr ging seinem Ende entgegen und ich ging weiter auf die Suche nach medizinischer Hilfe, weil
mich die Klinikeinweisung und die gestellte Diagnose aus meinem inneren, vorherigen Gleichgewicht
geschleudert hatten.
Wurde in den vergangenen 26 Jahren meine Persönlichkeit als „stark, Ichhaft, willensstark, geformt,
strukturiert, klar, differenziert“ u.a. von meiner ganzen Umgebung, ohne Ausnahme beschrieben, so
stürzte mich jene Diagnose, in der von einer „Persönlichkeitsstörung“ gesprochen wurde, in tiefe
seelische Abgründe, in denen ich mein ganzes Leben, meine Anstrengungen, mein Wesen, das auch auf
„Wirkung“ ohne Falschheit in der Außenwelt bedacht war, neu zu überdenken.
Es trieb mich eine seelische Strudelbewegung nach unten, weil mir die in Büchern beschriebenen
„Borderlinesymptome“ als ein diffuses, nicht greifbares Konglomerat von zusammengewürfelten
Teilstücken verschiedener, auch infamer Beschuldigungen erschienen, die für mich nicht mehr zu einem
vollen, ganzen, klaren Bild zusammenfügbar waren und von jeher hat das Diffuse, auch in der
Kommunikation, meine Kräfte zerstreut und ermattet.

Ein einziger Arzt vermochte es, mich in diesen Strudel der Hoffnungslosigkeit zu stürzen, trotzdem mir
unzählige Menschen in 26 Jahren zuvor anderes sagten und attestierten. Und auch, wenn seiner Diagnose
ein großes Körnchen Wahrheit anhaftet, wollte man ein Charakterprofil eines jeden Menschen anfertigen,
seine Persönlichkeit abstempeln, sie in Schubladen fein säuberlichst ablegen, ich bin sicher, dass jeder
Mensch, ohne Ausnahme stark ausgeprägt, oder weniger, in irgendeine Kategorie und psychische
Krankheitsbeschreibung hineinpassen würde, von „Widersprüchlichkeiten“, bis schizophrenen
Erscheinungsformen.
Nicht umsonst schreibt Manfred Lütz, dass 205% der Deutschen an einer psychischen Störung leiden,
deswegen brauchen wir Zuwanderung!

Von einer Freundin erfuhr ich viele Jahre später, dass sie in derselben Klinik ebenso die Diagnose
„Borderline“ bekommen habe, die dort wohl wie Smarties, die der Clown willkürlich in den
Zuschauerraum einer Zirkusveranstaltung wirft, ohne dass die Kinder wissen, dass sie Gift enthalten,
verteilt wird und bei ihr war diese Diagnose nicht haltbar. Kein weiterer behandelnder Arzt und
Psychiater konnte sie bestätigen und so kämpfte sie über Jahre dahingehend, dass sie wieder aus ihren
221

Akten entfernt wurde, weil sie sich bewusst war, dass sie beruflich damit nie würde Fuß fassen können.
Denn „Borderliner“ so genial sie sein mögen, im Menschlichen, im Intuitiven, Hellfühlenden,
Therapeutischen, dürfen niemals in einem pädagogischen, in allen Bereichen der Betreuung kranker
Menschen, oder therapeutischen Bereich als Helfer und Mitarbeiter genommen werden. Von einer
Mitpatientin aus München erfuhr ich, dass sie Lehrerin war und als die Kollegen ihre Narben an den
Armen sahen, wurde sie fristlos gekündigt.
Jener Freundin ist es gelungen, sich ihrer vernichtenden Diagnose zu entledigen, sie für immer aus ihren
Akten auszuradieren. –

Zum damaligen Zeitpunkt war mir das ganze auch gesellschaftliche Ausmaß der Stigmatisierung noch
nicht in dieser Dimension deutlich, ich strebte an, mein Studium zum Waldorflehrer wieder aufzugreifen
und alles dafür zu unternehmen, damit es mir wieder besser gehe, um mein schlummerndes Potential zu
leben, das sich in der Nachhilfe in umfassendem Ausmaß zeigte. Sobald ich einen Schüler übernahm und
war er noch so schlecht hinsichtlich seiner Noten und dadurch schwierig im Umgang und habe er noch so
viele Nachhilfelehrer vor mir gehabt, die keine Besserung der Noten zu erreichen wussten, in meiner
Nachhilfe änderten sich die Noten schlagartig nach unten und ebenso wurde mir immer eine Wesens -
und Charakterveränderung in „ungeheuer positiver“ Ausrichtung mitgeteilt von den Eltern, die ich ebenso
erleben durfte.
Aber was interessiert all dies unsere Welt und die Menschheit, die sich in vielerlei Hinsicht barbarischer
verhält, weil sich die Mittel dafür sublimiert und vermehrt haben, als die Steinzeitmenschen?
Hinterrücks wird unsere Menschheit auf das Glatteis geführt, unterschwellig krank gemacht durch
zerstörerische Handystrahlung, da jene Strahlungen die Blut- Hirnschranke ungehindert durchbrechen
können, durch die Pharmaindustrie, die angeblich auf die „Gesundheit“ der Menschen baut und agiert, sie
jedoch in ihren Netzen gefangen hält, wenn einmal versehentlich und unwissend, im tiefsten Vertrauen
hineingeraten. Durch genmanipulierte Nahrungsmittel, die in dem Zusammenwirken von Denken, Fühlen
und Wollen in uns Menschen viel verändern, von den beschriebenen Kurzwahrheiten (STS), die unsere
Menschheit zunächst zu Marionetten umgestalten um sie schließlich daran verblöden zu lassen, von
„ungefährlichen“ Schönheitsoperationen, die ausschließlich dem Blendwerk dienen, der Maske, hinter der
sich der Verbrecher verbirgt, oder der Unwissende.
Ein Mensch darf, wenn er einmal stigmatisiert wurde und nur aussagt, er wolle „weggehen“, sofort in die
Psychiatrie eingewiesen werden, auch wenn sich dahinter eine Fehlinterpretation verbirgt, die so
angenommen werden wollte, um sich einer unbequemen Person auf diesem Wege leichtfertig leicht fertig
zu entledigen, wie wir es bei Mollath erlebt haben und er darf dort bedenkenlos zerstört und umgebracht
werden. Markus hat sich in Wirklichkeit nicht selber umgebracht, es waren genau diese Mächte und
222

Kräfte, die durch unsere Ärzte und ihre dämonischen Medikamente ungeheures Unheil in die Welt
bringen. Warum konnte ein Markus nach seinem schweren Motorradunfall und 26 Operationen im
Rahmen eines dreijährigen Klinikaufenthaltes all dies ertragen, die grausamen physischen Schmerzen, das
lange Liegen, die Qualen, drei Jahre nicht mehr am Leben teilnehmen zu können, zu genießen, seine
Freundin dabei zu verlieren und danach doch wieder innerlich und äußerlich aufzustehen?
Neu beginnend, humpelnd durchs Leben zu gehen und noch in einer Weise Bodybuilding zu betreiben,
dass er sich mit Arnold Schwarzenegger ganz sicher messen konnte, um nach all diesen unzähligen
Operationen sein Leben zu gestalten? Die Trennung zu seiner Lebensgefährtin ließ für geraume Zeit
depressiv werden.
Jene kurze depressive Episode brachte ihn, wie mich, in die Mühle der Psychiatrien, die uns endgültig
zermalmen und zerquetschen, für immer erledigen sollte.

Nur an Vergleichen kann dieser Menschheit verdeutlicht werden, was unser Jahrhundert an wirklicher
Zerstörung bereithält. Einer Menschheit, die nach wenigen Schritten an „ihre Grenzen der Vorstellung
anderen Leides geführt wird“, oder im Ertragen eigenen Leides ebenso in subito zusammenbricht.
Denn warum vermochte gerade dieses Teufelsmedikament jenen starken Menschen, wie wir ihn alle in
Markus erlebten, endgültig brechen, wie auch meine Pflegemutter, was sein ganzes, schweres Leben,
auch seine Kindheit nicht erreichen konnte? Einen Menschen, der unsagbar „feige“ war, was einen
Selbstmord betraf und doch so ungeheuer mutig, ihm ins Auge zu blicken, als einzige, letzte Lösung,
dieser grausamen, dunklen Welt zu entfliehen, die es erst in seinem 44. Lebensjahr geschafft hatte und
nur durch das Tavor, ihn endgültig zu zerbrechen?

Diese nahezu ausschließlich auf Zerstörung und Vernichtung ausgerichtete Menschheit, die nur bestrebt
ist, den eigenen Egoismus zu nähren, sich zu bereichern auf Kosten der Mitmenschen, möchte nun dem
durch ihre Hand Zerstörten nicht einmal die Chance einzuräumen, den Menschen ein Diener zu sein?
Sie befürchtet wohl, er könne vielleicht in einem kurzen Anfall von Wut einen leichten, zu behebenden
Schaden verursachen, oder weil sie glaubt, ich könne vielleicht in 10 Jahren ein einziges Mal ein anderes
Auto beschädigen, während sie, diese Bewohner der Welt, unentwegte Menschenleben fordert und
opfert? Die Akten dieser Armseligen werden für immer zugeklappt und vor der Öffentlichkeit
verschlossen, verheimlicht, um sie für immer im Orkus des Vergessens verschwinden zu lassen. Das sind
die wahren Gefährlichen, Gefährdeten und Mörder. Sie praktizieren dieselbe Handhabung, wie sie an
Kaspar Hauser vollzogen wurde, wie sie verschwiegen, umgedeutet und schlussendlich sein Leiden, seine
Einkerkerung und sein Tod zur Lüge umformuliert wurde.
223

All dies war mir glücklicherweise im Jahr 2001 noch nicht bewusst, möglicherweise hätte ich damals in
tiefer Kapitulation und Resignation die Flinte schon ins Korn geworfen und ich hätte meine schönsten
und reichen Jahre am Ende 2003 bis 08 nicht mehr erleben dürfen.

So verbrachte ich die folgenden zwei Jahre damit, Reisen zu Ärzten, Heilern, Schamanen und Kliniken zu
unternehmen und sie führten mich nach Österreich, nach Prag, in den Norden von Deutschland und in
meine Heimatstadt Augsburg. Meine Pflegemutter Gundel, welche ebenfalls Jahre später ihrem
Tavorentzug unterliegen und erliegen sollte, hatte dort einen wunderbaren Arzt gefunden, der ihr das
Leiden der seltenen Muskelerkrankung etwas lindern sollte und ich erwähne ihn aus dem Grunde, weil
ich mich im folgenden Jahr 2002 ebenfalls in seiner Praxis eingefunden habe.
Er nahm einen Tropfen Blut von mir unter seinem Mikroskop und stellte voller Erstaunen und
Bewunderung mit hellen Ausrufen fest, er habe eine solche Form und Beschaffenheit noch nie bei einem
Patienten gesehen, „ein Phänomen, eine Einzigartigkeit“, indess er mir eine kostenlose Behandlung bei
ihm anbot, um diese Eigenschaft der Konsistenz genauer untersuchen zu können. Er hoffte wohl, einem
seltsamen Rätsel, auch meiner Leiden, damit auf die Spur zu kommen.

Heute, gerade beim Schreiben, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass gerade diese Aussage
des Augsburger Arztes und meine Reaktionen auf Medikamente, meine körperliche und möglicherweise
auch seelische Beschaffenheit medizinisch nicht greifbar und einzuordnen war und ist. Sie hat mich zum
„seltenen, außergewöhnlichen Ausnahmefall“ werden lassen, weil eine „paradoxe Reaktion“ auf das
Tavor „höchst selten, nahezu ausgeschlossen“ ist. Auch die Reaktion der Entwicklung
„psychoseähnlicher Erscheinungsformen“ sei „absolut untypisch“.

Auch die seelische Disposition schwankt unentwegt zwischen zwei zerreißenden Polen hin und her und
so spricht nicht nur mein Freund Herr Dostal von einer „untypischen Borderlineerkrankung“, so konnte
nicht nur der Arzt an der Ostsee eine solche Erkrankung ausschließen, sondern auch ein Polizeibeamter,
mit dem ich im Jahr 2003 ein fast dreistündiges Gespräch haben sollte, wie ich es noch beschreiben
möchte.

Kann sich die heutige Medizin in den Bereich des „Wissenschaftlichen“ einordnen, oder gehört sie eher
der Gattung „Kunst“ an, (Medizinische Kunst, Kunstfehler), in der alles erlaubt ist, in der die Grenzen
„sfumatisch“ verschwimmen, (Sfumato kommt aus dem Italienischen, sfumato „verraucht―,
„verschwommen― und bezeichnet eine von Leonardo da Vinci entwickelte Technik in der Ölmalerei,
Hintergründe wie Landschaften in einen nebligen Dunst zu hüllen und alles mit Weichheit zu umgeben),
224

in dem sie undeutlich werden, sich überschneiden, überlappen, um sich möglicherweise ganz aufzulösen
in Unkenntlichkeit?
Auch wenn sich der gebildete Teil unserer Gesellschaftsschicht der Tatsache bewusst ist, dass sich alles
„heraklitisch“ im Fluss, im Fließen befindet, nicht nur unser Blut, sondern auch die Kunst, die
Wissenschaft, dass sie eben gerade deswegen Wissenschaft ist, weil es „Fortschritte“ gibt, auch wenn jene
nur vermeintlichen Fortschritte und in vielerlei Hinsicht Rückschritte sind, wie wir es auch an den
Teufelsmedikamenten sehen, wie dem Tavor, das das Grauen in Person impliziert, so scheint diese
Menschheit jedoch nicht verstehen zu wollen, dass sich auch eine Borderlineerkrankung Wandlungen,
Verwandlungen, Umwandlungen unterzieht. Um sich aus den festgeschraubten, sich in Stagnation
befindlichen Stigmatisierungen zu befreien, anstatt lebendig begraben und eingemauert zu werden in
ihrem Krankheitsbild. Eingemauert, eingefroren und dann für ihre Bewegungslosigkeit unentwegt
angeklagt, indem man ihnen alles was ihre Existenz betrifft entreißt.

Im Jahr 2002 sollte ich mich in der Uniklinik Freiburg zu einem IPDE – Interview einfinden, das mich
endgültig in diesem Krankheitsbild „Borderline“ gefangen nehmen sollte, allerdings nicht gänzlich, denn
im Bericht erschien die Aussage: „Es ergaben sich deutliche Hinweise auf eine Borderline-
Persönlichkeitsstörung. Dominiert hat jedoch das Bild einer schweren sozialen Phobie.“ Ferner: „Eine
Behandlung der sozialen Ängste vor einer störungsspezifischen psychotherapeutischen Behandlung der
Borderline – Störung an unseren Kliniken halten wir daher für dringend erforderlich.
Bei danach andauernder borderline – typischen „Restsymptomatik― (!) „hat die Patientin das Angebot,
an einem spezifischen Behandlungskonzept an unserer Klinik teilzunehmen.― Und weiter: „Nach dem
IPDE erfüllt Frau L. sechs von insgesamt neun Kriterien der Borderline- Persönlichkeitsstörung nach
DSM-IV..―

Und ich sehe mich heute erleichtert an jenem Tag des beginnenden Septembers aus der Uniklinik zu
meinem Auto gehen, der Schraube einer stationären Behandlung nochmals entkommen zu sein, um
meiner eigenen Intuition zu folgen, mit den innerseelischen Erscheinungsformen umzugehen und sie zu
verwandeln und nicht einzuhämmern in die Ewigkeit. Denn immer wieder musste ich auch in München
erleben, dass Verhaltensweisen in ungesunder Weise reflektiert, analysiert und interpretiert wurden, um
dann stolz in den Raum zu plärren: „Ich kann nichts dafür, dass ich so bin, ich habe alle neun Kriterien
einer B. Erkrankung, das hat mir ein Arzt gesagt!“

Ja, ein Arzt unterliegt ebenso Irrtümern und Verblendungen und auch, wenn er wissenschaftlich zu
arbeiten glaubt und sich nicht von eigenen Emotionen leiten lässt, so wissen wir bereits, wie es auch ein
225

sehr weiser Wissenschaftler über die Genanalyse der Unterhose von K. Hauser sagt, die, innerhalb
weniger Jahre sich zum zweiten Mal im Jahr 2002 wiederholen sollte, um ein völlig anderes Ergebnis zu
erhalten als im Jahre 1996. In diesem Jahr wurde das Schicksal Kaspar Hausers damit zur Lüge
umgedeutet, „der Mythos entlarvt“, ergo kann er nicht der rechtmäßige Zähringer Thronfolger gewesen
sein, ohne auch nur im Entferntesten in Erwägung zu ziehen, dass es sich möglicherweise gar nicht um
die Unterhose von Kaspar handelte, dass Wissenschaft auch Irrtümern unterliegen kann.
Einige Jahre später wurde diese Untersuchung der Lüge entlarvt, weil die „Wissenschaftliche
Untersuchung“ ergab, dass die Blutspur in seiner Unterhose und überhaupt die Unterhose nicht von ihm
stamme.
Wenn nach dieser Genanalyse aus dem Jahr 1996 von verschiedenen Seiten des öfteren behauptet wurde,
diese Untersuchungen seien „unseriös―, „unwissenschaftlich― oder gar „betrügerisch― gewesen, so kann
dem unter keinen Umständen zugestimmt werden. Sicher: das Ergebnis dieser Analysen, daß also Kaspar
Hauser nicht der badische Erbprinz gewesen sei, wie es die Prinzentheorie behauptet, ist offenbar, nach
allem was bislang bekannt ist, nicht haltbar. Nach der neuen Genanalyse aus dem Jahr 2002 ist mit
einiger, wenn nicht sogar sehr großer, Wahrscheinlichkeit von der „prinzlichen― Herkunft des
mysteriösen Findlings Kaspar Hauser auszugehen. Aber das stellt keinen Widerspruch zu der Analyse des
Jahres 1996 dar — im Gegenteil:
Unterstellt man einmal, daß beide Untersuchungen nach allen „Regeln der Kunst― abgelaufen sind, so ist
das Resultat der neueren Untersuchung eben genau als Beweis der Vermutung zu interpretieren, daß die
„Unterhose Kaspar Hausers―, wie sie im Museum der Stadt Ansbach aufbewahrt wird, eben doch nicht
die Originalunterhose ist, sprich: die „Kaspar Hauser Unterhose― ist nicht Hausers Unterhose!―
(…) „Daß verschiedene Wissenschaftler bestimmte Ergebnisse einer Untersuchung unterschiedlich
interpretieren ist nicht nur zulässig, sondern völlig normal in den Wissenschaften; nein mehr noch:
das ist Wissenschaft!“
Diese Aussage bewegt sich nach meinem Empfinden ebenfalls in differenzierter, strukturierter weit
überblickender und alle nur denkbaren erforschenden Denkinhalte zusammenfassend auf „hohem
wissenschaftlichem Niveau“, da sie kein schwarz- weiß Denken und Beurteilen zulässt, sondern eine
Synthese bildet, um sich der möglichen Wahrheit ebenso nah als denkbar und realisierbar anzunähern.

Auf dieser Basis des „synthesischen“ und nicht einseitigen Denkens, Argumentierens, Beurteilens und
nicht Verurteilens sollte sich jeder Mediziner bewegen, der mit seiner Aufgabe eine große, umfassende
Verantwortung auf sich genommen hat, die auch Menschenleben kosten kann und ich höre noch die
Worte eines Freundes in mir, eines Professors für englische Literatur aus Salzburg, der mir sagte:
226

„Ein Arztberuf wäre für mich undenkbar gewesen, diese große Verantwortung, die ich seelisch nicht
tragen könnte, immer in der Gefahr zu leben, ein Menschenleben durch mein Urteil, oder Fehlurteil,
durch meine Entscheidung und Fehlentscheidung zu zerstören, oder es durch Unachtsamkeit bei einer
Operation gar umzubringen, - ausgeschlossen für mich.“ –
Daraus spricht nicht das Halbwissen des Halbnarren, sondern die bescheidenen Weisheit der Weisen
unserer Menschheit, die der Sokratiker. -

Nach jener Freiburger Stigmatisierung fuhr ich in die Uniklinik Ulm, um meinem physischen, also
körperlichen Leiden auf den Grund zu gehen, denn nicht nur die Blutuntersuchung in Augsburg, sondern
auch meine Muskelerkrankung sollte so manchen Mediziner faszinieren, interessieren im Hinblick darauf,
dem „unbekannten, unerkannten Geheimnis und Rätsel“ auf die Spur zu kommen. In Ulm hatte ich schon
vor Jahren einen Professor aufgesucht, der in der Forschung und Erforschung seltener
Muskelerkrankungen tätig ist und welcher im selben Jahr, wie ich es vor Wochen erforschte, in dem die
zweite Genanalyse von Kaspars Unterhose erfolgen sollte, auch von unserer Familie eine „mitochondriale
genetische Kopplungsanalyse“ durchführen wollte.

Jener Professor Dr. Dr. h.c. aus einer Universitätsklinik hatte viele Neurologen aus ganz Deutschland
angeschrieben mit der Fragestellung, ob sie Patienten in ihrer Behandlung haben, mit den gleichen
muskulären Erscheinungsformen, wie sie bei mir sich zeigen. Der Professor sagte mir in diesem Jahr, er
habe nur negativ – Antworten erhalten und nur eine einzige Familie gefunden, die ähnliche Beschwerden
zeigte. Es würde ihn selber, auch für seine Forschung, sehr interessieren und rentieren, eine
mitochondriale genetische Kopplungsanalyse durchzuführen, obwohl eine solch umfangreiche
Untersuchung sich im Grunde erst lohnt, wenn es sehr viele Menschen mit denselben Beschwerden gibt.
Nun entstand ein reger E Mail Kontakt. Der Professor ließ mich einen Stammbaum zeichnen und ich
sollte markieren, wer in unserer Familie unter dieser seltenen Muskelerkrankung litt.
Da unsere Familie sehr zersplittert ist und kaum Kontakt zu Großeltern und der ganzen Verwandtschaft
besteht, auch aufgrund der Tatsache, dass meine Mutter in einem Heim aufgewachsen ist und ich drei
Väter und Halbgeschwister habe, wurde dieser Auftrag für mich zu einem komplizierten Unterfangen, das
letztendlich daran scheiterte, dass sich meine Großmutter weigerte, Blut abzugeben, sie habe Angst, wie
es hinter vorgehaltener Hand gesagt wurde, dass ein „Verbrechen, ein tot geschwiegenes Geheimnis ans
Tageslicht kommen könnte―.
Wir haben Vermutungen, aber keine Bestätigung und nun hat sich diese Genanalyse in Luft aufgelöst,
weil die wenigen wirklich Betroffenen, wie auch meine Mutter, Großmutter und Tante in diesen letzten
vier Jahren gestorben sind.
227

Im Jahre 2004 wollte dieser Professor meinen „seltenen und interessanten Fall“ nochmals aufgreifen, aber
wiederum gab es nur Widerstände, die es zu verhindern wussten. –

Aber diese dreijährige „Irrfahrt“ und insgesamt, als ich 1996 begann mit der ersten Muskeluntersuchung,
die eine „mitochondriale Myopathie“ zunächst ans Tageslicht brachte, jene 18 Jahre meiner sinnlosen,
nicht nur ergebnislosen, sondern zerstörerischen Wanderung durch alle medizinischen Bereiche,
Fakultäten und Facetten, hatten mich ausgehöhlt, ermüdet, auch gedemütigt, ausgebrannt, in den Boden
getreten. Was im Jahr 2003 noch in den Kinderschuhen lag, sollte in jeder Hinsicht ab dem Jahr 2008 in
der Dimension der Zerstörung von Siebenmeilenstiefeln enden.
Ich war es leid, Unsichtbares immer wieder beweisen zu müssen, in unermüdlicher Arbeit.

Und trotzdem jene drei Jahre von 2000 bis 2003 in meiner Erinnerung und wohl auch in den Polizeiakten
als Krisenjahre beschrieben werden, war ich dennoch unermüdlich tätig in vielen Bereichen.
Ich hatte begonnen, an Kunsttherapeutischen Stunden teilzunehmen und da ich mich mit der Therapeutin
sehr gut verstand und sie mich für „sehr gescheit“ hielt, bot sie mir an, vielmehr fragte sie mich, ob ich
Freude und Spaß daran hätte, von Stuttgart aus für eine anthroposophische Kunstschule in Weimar zu
arbeiten, zu schreiben, die Briefe zu beantworten. Wie diese Tätigkeit, die ich über ein Jahr durchhielt, zu
ihrer ganzen Zufriedenheit, im Einzelnen aussah, erinnere ich nicht mehr im Detail, ich weiß nur, dass ich
zu tun hatte damit und als ich immer mehr mit meiner Nachhilfetätigkeit und Vorboten von dem
beginnenden, sehr beglückenden Jahr 2004 beschäftigt war, brachten Benny und ich dieser Therapeutin
Frau H. einen Computer zu ihr nach Hause, damit sie diese, meine Tätigkeit selber weiterführen könne.

Daneben hatte Odysseus nicht nur im Beruflichen extrem schlecht gewirtschaftet, sondern auch auf einer
Klassenreise, von der er mit 20 000 DM Schulden wieder zurückehrte.
Wie auch immer er diese „großartige Leistung“ vollbringen konnte. Von allen Freundesseiten
Versprechen über Versprechungen, sie würden ihm helfen, sie würden auch im Nachhinein noch Mäzene
anschreiben und sich darum kümmern, das große finanzielle Loch zu schließen. Von all diesen
Versprechungen kam nicht ein einziger Pfennig in seine Tasche. Ich hingegen hatte nichts versprochen,
weil ich die Möglichkeit nicht sah, ihm das Geld in irgendeiner Form zu beschaffen, da ich es auch selber
nicht besaß und doch war ich drei Wochen später die einzige, mit Mühe und Not gerade 28 Jahre alt
geworden, ohne Beruf, ohne großen Einfluss, der „kranke Borderliner“, der angeblich, laut
Führerscheinstelle „die eigene Sicherheit über die der anderen stellt―, der ihm den vollen Betrag von
20 Tausend Euro auf den Tisch legte.
228

Der angebilche Versage, der jedes verletztes Tier mit letzter Kraft ins Tierheim trägt, der jedem auf der
Straße hilft, im Bewusstsein dessen, dass er selber sein Leben dabei verlieren kann, während die
Passanten weitergehen, als haben sie nichts gesehen. Der seine Kindheit und Jugend für das Wohlergehen
seiner Mutter geopfert, der sich, bevor er erkennen musste im Ausgang des Prozesses, dass es für ihn kein
Menschenrecht gibt, aus Verantwortungsgefühl für die Menschen, die ihn finden würden, nicht
suizidieren konnte. Ganz sicher nicht deswegen, um seine Umwelt mit dieser Wahrheit, die er nur geteilt
haben wollte, mitgeteilt, um sie zu halbieren, wie er es fühlte, zu schockieren. Ja, genau dieser verrückte
angebliche Borderliner war es, der Odysseus den gesamten Betrag von 20 000 DM beschaffte, den er
ganz sicher nicht durch einen Bankraub sich zu Eigen gemacht hatte und in dessen Keller auch keine
Gelddruckmaschine stand.
Immer war es nur dieser „gesellschaftliche Versager“, der für nahezu alle Menschen in seinem Umkreis
sofort eine Lösung bereit hatte, der nichts versprach, aber dennoch handelte und wenn er versprach, so
hielt er es mit nicht nur hundertprozentiger, sondern tausendprozentiger Sicherheit. Er alleine war es, der
die immer wiederkehrenden wirtschaftlichen Krisen Odysseus auffing, durch unermüdliches Schreiben,
an Firmen und Freunde, denn heute wollte er nach Arabien fliegen, weil es dort ein grandioses
Bauangebot gab, dann wiederum steckte sein arabischer Freund in der Klemme und brauchte unbedingt
sofort, in dieser Minute 10 000 Euro.
Diese wurden ebenfalls vom „Grenzgänger“ bereitgestellt, auf dass jener Freund urplötzlich über ein
halbes Jahr nirgendwo mehr erreichbar war. Odysseus dagegen musste umso mehr erreichbar sein und
zwar für gewaltige Telefonrechnungen, die er ebenso nicht zu bezahlen wusste, wie unzählige andere
Dinge und immer war es derjenige, der ihm in jeder Hinsicht aus der Klemme half, der angeblich „die
eigene Sicherheit vor die seiner Mitmenschen stellt―.

Gleichermaßen war es der „Ausgestoßene, Stigmatisierte“, der für 26 Schüler im Zeitraum von 7 Jahren
auf Anhieb einen Ausbildungs – oder Studienplatz durch hervorragende Bewerbungsschreiben und
persönlichem Erscheinen erhielt.
Der sicher über 50 Schüler auf eine weiterführende Schule führte, - er war ferner der Initiator eines
Buches über Musikgeschichte, das sein bester Freund durch seine Anregung und Mithilfe schreiben sollte.
Ebenso war es der „Ausgegrenzte aus dem sozialen Gefüge“, der seine Mutter auf ihre letzte weite Reise
nach Wien begleiten sollte, als er in Ulm in ihren Zug stieg, nachdem 4 Freunde versprochen hatten, sie
zu begleiten, aber keiner mit ihr kam. Er durfte ihr strahlendes, liebevolles, dankbares Gesicht sehen,
während er das Lied von R. Mey sang: „Nein, ich lass dich nicht allein― …
Und ebenso war er es, der erwirken konnte, dass in jener Privatklinik in Österreich seiner Mutter der hohe
Betrag für die Operation erlassen werden sollte und er war es, der aus dem Gedächtnis ein geniales
229

Portrait dieses Arztes gezeichnet hat, um es ihm zu schicken, es ihm als Dank für seine Hilfe zukommen
lassen sollte.
Auch war es der obdachlose Versager, der seinem Freund die „heilige Wohnung“ ergatterte. Der seiner
Pflegemutter aus 76 Jahren Müllhalde ihr Messi Dasein beendete, renovieren ließ, sie anleitete, ihr
angehäuftes Hab und Gut auszusortieren, der ihr eine saubere und ordentliche Wohnung hinterließ.
Der „komplexe und unrentable Fall“ war es ebenso, der die Autos für Odysseus und seine Familie nicht
nur kaufte, sondern auch bezahlte, der seiner Mutter über 12 Jahre jeden Tag einen Brief mit Geldeinlage
schickte, der in regelmäßigen Abständen nach Berlin und Prag fuhr, um die Wohnungen von Odysseus,
wie ich es schon beschrieben habe, von meterdickem Dreck zu befreien und aufzuräumen und ebenso
seinem besten Freund Herrn Dostal beizustehen, das ganze Haus zu putzen, zu bügeln, zu kochen, damit
er Zeit für seine Übersetzungsarbeit finde, welche für die Welt von großer Bedeutung sein sollten.
Und ebenso sollte dieser „Angeklagte“ der einzige sein, der nicht nur 67 Schülern auf weiterführende
Schulen verhelfen, sondern auch einem der schwierigsten Menschen dieser Welt, dem niemand Herr
werden konnte, keine Mutter, kein Freund, kein Therapeut, auf einen Weg zu verhelfen, durch
unermüdliche therapeutische Gespräche und Anleitungen zum Rhythmus und zur Tätigkeit, dass gerade
David heute fest und einigermaßen sicher im Leben steht.
Auch wenn die Anfeindungen gegen meine Person, die ich nun mit unzähligen Titulierungen zu
beschreiben versuchte, meine ganzen Anstrengungen erschwert haben, weil dieser zutiefst negative,
dunkle Mensch, der er anfangs war, neben einer Sonnenseite, die Mühe hatte, sich zu zeigen, trotzdem ich
gerade diese Seite in einer Weise stärken konnte, dass er nun für mich Stütze, Halt und Helligkeit sein
kann..
Und wieder war es „der seltene, außergewöhnliche Ausnahmefall“, der nicht nur eine Ehe vor dem
Scheitern retten konnte, der sein Licht nicht nur in einem Menschen, ihnen zur Besserung und neuem
Lebensmut, entzünden konnte. Und nicht zuletzt waren fast alle Tiere bei dem „das geht ja schon so lange
so - und immer dasselbe mit ihr“ zahm, zutraulich und er vermochte es sogar, den Schrei des Bussards zu
imitieren, sodass dieser ihm durch den ganzen Wald folgt, oder dass sich die türkische Katze nach einem
Jahr seines Versprechens erinnerte und ihn/sie/ - mich aufsuchte. –

In all diesen nun folgenden Jahren bis zum Jahre 2008, in meinen fast fünf schöpferischen Jahren durfte
ich erkennen, dass mir noch einmal die Möglichkeit geschenkt wurde, zu gestalten, auch fremdes
Schicksal zu seinem schlummernden Potential zu führen, um selber Gestalt zu werden, in dieser Gnade
Gestaltung zu erleben. Denn nur dann, in der schöpferischen Formung wird das Tun höchste Magie und
in ihm lebt ein Zauber des Unvergänglichen. Und nur der ganz Zerstörte und Zerstückelte kennt die
Sehnsucht nach Vollendung und Reinheit der Wahrheit, nur der Getriebene erreicht die Unendlichkeit.
230

Kapitel: „Sammler sind glückliche Menschen“ und polizeiliche Ortung

Auch Kurzsichtige können weitsichtig sein und die Weitsichtigen manchmal so erschreckend
kurzsichtig.

Peter E. Schumacher

2002 -2004
Meine Tage waren nun ausgefüllt mit der Arbeit für die Kunstschule in Weimar, mit Nachhilfetätigkeit,
mit der Suche nach einer neuen Wohnung, denn meine selber gegründete WG musste oftmals Schiffbruch
erleiden. Zuerst sollte ich eine liebeskranke Hysterikerin bei mir beherbergen, welche im Nebenzimmer
nahezu alle Stunde einen allzu deutlich hörbaren und wahrnehmbaren Weinkrampft mit sich austrug,
streng nach Rhythmus. Später einer introvertierten, aber genialen, sehr korpulenten Geschäftsdame bei
Bosch, dann zog ein wissensdurstiger Student aus Berlin bei mir ein, der jedes Wochenende Radtouren
auf den Spuren unserer großen Dichter, bis nach Marbach und weiter hinaus unternehmen sollte.
Und nicht zuletzt gab ich großen arabischen Hünen in meiner Wohnung Herberge, den ich aus
Verzweiflung nahm, da sich kein weiterer Mitbewohner finden lassen wollte und ich die Miete nicht
alleine zu tragen in der Lage war, der sich aber, kein Kunststück, unsterblich in mich verliebte.
Diese vermeintliche Liebe sollte gegen Ende des Jahres in eine Art Gegenteil umschlagen, auf dass ich
ihn, mit Bennys Hilfe an Sylvester, nachdem ich ihm drei Monate zuvor gekündigt und er immer noch
nicht auszuziehen bestrebt war, mit all seinen Dingen vor die Türe setzte.
Auf eine Anfrage einer Nachlassverwaltung eines verstorbenen Priesters der Christengemeinschaft, Dr.
Benesch, bot ich mich an, Vorträge abzuschreiben und einzuscannen, zu korrigieren die nicht mehr lesbar
waren, jedoch der Nachwelt erhalten bleiben sollten. Auch diese Tätigkeit bereicherte mich, weil ich
unzählige Vorträge vor dem Vergessen retten und sie selber verinnerlichen konnte. –

Mein „Steckenpferd“ jedoch war meine Sammlerleidenschaft von Hörbüchern. Mit meinen Augen konnte
ich immer schlechter lesen, es wurde zunehmend anstrengender aufgrund einer Winkelfehlsichtigkeit und
so streifte ich an Nachmittagen, an denen ich „frei“ hatte durch die Büchereien und sammelte Werke der
Weltliteratur, brannte sie zu Hause für den eigenen Bedarf, gestaltete das kopierte Cover, bemalte es, las
den Inhalt, hörte sie teilweise an und so fanden sich am Tage meiner Einweisung, an dem alles
Schöpferische, Gestaltende im Grunde für mich enden sollten, an die 1000 Hörbücher bei mir ein. Für sie
baute ich ein eigenes Regal baute und ich kann mich nur an Goethe halten, um jene Jahre zu beschreiben,
dir mir noch einmal Glück zufließen lassen sollten, vor dem dunklen, finstern Winter meiner
aufgezwungenen Reise durch den Hades: „Sammler sind glückliche Menschen.“
231

Im Jahr meiner Flucht und nach meinem Umzug nach Kiel habe ich alle 12 Kisten mit den 1000
Hörbüchern einfach verschenkt, sie wurden mir buchstäblich aus den Händen gerissen.

Und jene Sammlerleidenschaft, welche in mir einen ungeheurer reichen und umfassenden Schatz der
Literaturkenntnisse anlegte, sollte mich in jenem Jahr 2003 mit einem sehr gebildeten und
kunstbegeisterten Ehepaar am Bärenschlößle zusammenbringen, als ich mit Benny dort speiste, um in
einem langen Gespräch über zwei Stunden all jenes Wissen zutage zu bringen, das sie begeisterte und sie
zunächst annahmen, ich habe Literatur studiert. Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, dass sie
einen eigenen Verlag haben und sowohl Schachbücher, als auch Sachbücher und Biographien verlegten.
Sie sammelten selber Gemälde, malten auch selber und ich sehe Bennys bewunderndes Gesicht, das mich
immer wieder liebevoll ansah, weil er erst in jener Begegnung umfassend erkannt hatte, was in mir steckt,
welche Fähigkeiten auch im Verbalen, in der Kommunikation, vor allem aber welche Kenntnisse ich mir
eigenständig erarbeitet hatte. Uns beide trennten natürlich nicht nur kulturelle, sondern auch gewaltige
Schulbildungsunterschiede.
Ich habe die wohl seltene Begabung, mit scheinbar wenigem Wissen dennoch Umfassendes darzustellen,
das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, Entscheidendes hervorzuheben, was mir den Ruf als
„Literaten, einem wandelnden Lexikon und Hochintelligenten“ einbrachte, der sich als begründet -
unbegründet erwies, sowohl als auch.
In jedem Fall steckte ich die Adresse des Ehepaars an jenem Tag in mein Buch mit dem Versprechen, sie
ganz sicher zu besuchen, um unser als „wertvoll“ beschriebenes Gespräch fortzusetzen und mir ihre
Bilder in ihrer Wohnung anzusehen. Leider habe ich es nie geschafft sie zu besuchen, - aus den Augen
aus dem Sinn, wie meine Mutter oftmals mein Wesen beschrieb, nicht ganz ohne Wahrheitsgehalt. –

Aber an diesem Tag wurde in mir der Keim gelegt, selber irgendwann ein Buch zu schreiben und ich
konnte noch nicht ahnen, dass es gerade eine Autobiographie sein sollte, aus dem Reich der Tränen
auferstanden und von ihnen durchzogen, denn im Grunde wollte ich ein völlig anderes Buch schreiben,
das ich lange innerlich vorbereitete. Schon zwei Jahre vor meiner Einkerkerung habe ich in meinen Stefan
Zweig Bücher, dem ich auch dieses Buch widmen möchte, entscheidende Stellen angestrichen, in
hellsichtiger Vorahnung und Vorschau künftiger Ereignisse, - zum Schreiben meines Lebensberichtest
aus tiefstem Schmerz erwachsen. –

Und so sollte mich nach einer „Verfolgungsfahrt“ der Polizei, die mich ortete und meiner letzten
Suizidankündigung im Jahr 2003 aus Berlin, ein Schreiben derselben mit der Bitte, zur Führerscheinstelle
zu kommen, um die Lage gemeinsam zu besprechen und zu erörtern.
232

An jenem Tag, als ich nochmals meine alte, von Odysseus bewohnte und verschmutzte Mietwohnung
reinigte, um vollkommen erschöpft von all den Ereignissen auch durch diese Familie den Entschluss zu
fassen, ans Meer zu fahren, um endlich zur Ruhe zu kommen und sei es in meinem Tod.
Diese meine Aussage, die sich über Jahre mehr und mehr zu verabschieden gedachte, um im Jahr 2006
wieder latent hervorzubrechen, diese Aussage sollte der Polizei übergeben werden.
Ich schrieb diesem Beamten ein langes Schreiben zurück, wie es meinem Wesen entsprach, dass sich
nicht „kurz fassen“ und dennoch unzähliges komprimieren konnte, in dem ich ihm erklärte, dass ich
niemals unverantwortlich Auto fahre und wenn ich sehe, dass ich aus bestimmten Gründen nicht mehr
dazu in der Lage bin, das Fahren unterlasse. Auch teilte ich ihm darin mit, dass ich einen sehr guten Arzt
gefunden und zum ersten Mal wieder Hoffnung geschöpft habe, weil ich eine subtile Besserung verspüre.
Doch ein weiteres Schreiben von ihm forderte mich liebevoll auf, zu angegebenem Termin persönlich zu
erscheinen und das tat ich und konnte nicht entfernt mit dem Verlauf jenes Gespräches rechnen. Aus dem
kam ich strahlend und erfüllt wieder heraus. Auch mein Gegenüber fühlte sich bereichert, wie er sagte
und ich durfte meinen Führerschein behalten.

Als ich sein Zimmer betrat, durfte ich mit Erstaunen einen relativ jungen und geistvollen Menschen
ausmachen, als ich in wenigen Sekunden seine Physiognomie und seine Augen studierte und ich gab ihm
fest und innerlich wie äußerlich kraftvoll die Hand. Er schien verdutzt über mein Auftreten, das bemerkte
ich sofort und als ich mich setzte, um ihn und sein Wesen weiter zu studieren, sagte er mir, dass er schon
viele „Borderliner“ empfangen habe in diesem Zimmer, ein solch sicheres Auftreten habe er noch nie und
bei keinem erlebt und er beschrieb mir, dass diese „Gattung“ oftmals zu keinem Blickkontakt in der Lage
sei, zu keinem kraftvollen Händedruck. Vielmehr würden sich jene die Ecke verstecken, Wände und
Winkel aufsuchen, um sich zu stützen oder zu verstecken, zu „verkrümeln“, um nicht sichtbar zu sein.
Ich sagte ihm, dass ich oft sehr wohl auch die beschriebene Tendenz in mir verspüre, jedoch hart dagegen
angekämpft habe um mir dieses, als „klar und kommunikativ“ beschriebene Auftreten gegen alle
vermeintlichen „Borderlinesymptome“ zu erarbeiten und aufrecht zu erhalten.

Das Gespräch, das nun folgenden sollte, übertraf jeden Inhalt, den ich mir vorstellte. Wir sprachen über
den Sinn des Lebens. Er erzählte aus seiner Schulzeit auf einer Eliteschule, an der er noch Latein und
Griechisch lernte, um die alten Philosophen wie Plutarch und Sokrates in ihrer eigenen Sprache zu
verstehen. Daneben hatte er von Dante die „Göttliche Komödie“ auf Italienisch zu einem großen Teil
auswendig gelernt und war Literarisch auf nahezu allen Gebieten orientiert. Und auch, wenn ich die
Polizei als Organisation hoch einschätzte und ebenso ihre Arbeit, so war ich weniger überzeugt von deren
Allgemeinbildung, wie ich es in einem Witz einem Polizeibeamten im Jahre 2012 unterschwellig zu
233

verstehen gab, wie ich ihn, den Witz gleich noch hier einfügen möchte, aber jener Beamte hatte alle
meine auch geistigen Erwartungen ebensolcher Geistigkeit dieser staatlichen Organisation nach oben hin
gesprengt:
„Ein Mann, zu schnell gefahren, kommt in die Polizeikontrolle, in der er gebeten wird, seinen Namen zu
nennen und er antwortet, im Wissen um die auch oftmals zutage tretende Unbildung der Polizei (falsche
Interpretation und Auslegung des Impulssatzes bei meinem Autounfall, um damit falsch zu urteilen)
„Michael Schumacher.― Woraufhin der Polizist antwortet:― Also „veräppeln― kann ich mich selber,
wenn Sie nicht gleich die richtige Antwort geben, nehme ich Sie mit auf die Wache.―
Daraufhin der Insasse des Autos treuherzig: „Ich heiße Johann Wolfgang von Goethe“, woraufhin der
Beamte sichtlich zufrieden mit seinem Auftreten, ihm gedroht zu haben, ihn mit auf die Wache zu
nehmen, um die folgende scheinbare „Folgsamkeit“ erleben zu dürfen, antwortete: „Na also, geht doch,
warum denn nicht gleich?―.. -
Ohne weitere Worte bezeugt dieser Witz wohl auch jene Verblendung und Verdrehung, vor allem
Unbildung, wie sie mir nun durch die Führerscheinstelle nochmals präsentiert wurde, um nicht mich,
sondern sich selber zu entlarven.
Dieser Polizeibeamte gab mir als einzige Auflage, weiter mein Auto fahren zu dürfen, - ihm in
regelmäßigen Abständen Atteste meiner behandelnden Hausärztin zukommen zu lassen, die meine
Fahrtauglichkeit bestätigen und das habe ich solange eingehalten, bis er keine Notwendigkeit mehr darin
sah, weil sich das Interesse um meine Person durch ausbleibende Suizidwünsche und deren Preisgaben, in
Luft auflöste.
Ein „Drohen“ sehe ich in meiner Todessehnsucht nicht, wie ich auch in einem Suizid keine Bedrohung
sehe, so er, wie beschrieben, nicht aus dem Motiv heraus geschieht, um irgendeinem Menschen zu
verletzen, oder aus Lappalien, die ganz sicher noch Möglichkeiten bereit gehalten hätten, soweit es einem
begrenzten, irdischen Wesen überhaupt zusteht, ein Urteil abzugeben, zu be- oder verurteilen. Im
Gegenteil, heute sieht es so aus, als wäre es für die Menschheit eine Bedrohung, wenn ich am Leben
bleibe.

Und so ging das Jahr 2003 seinem Ende entgegen, nach meinen Reisen mit Benny, welche für einige
Jahre die letzten sein sollten, weil mich die Verantwortung für vier gnadenvolle Ereignisse zunächst
sesshafter, ruhiger, ausgeglichener, gesünder werden ließen. Und doch sollte noch ein gefahrvolles
Ereignis, das im letzten Moment noch abgewendet werden konnte, jenes Jahr 2004 einläuten, in dem ich
meinen schönsten Geburtstag, den Dreißigsten, mit vielen lieben Menschen, auch meiner Mutter, in
einem kleinen Paradies feiern durfte.
234

Ich hatte am Silvesterabend des zur Neige gehenden Jahres 2003 noch in Stuttgart zu tun und wollte den
Jahreswechsel mit meinen Pflegeeltern in dem bereits erwähnten Luftkurort feiern.
Beide befanden sich schon einige Tage davor dort und so fuhr ich buchstäblich in letzter Minute von
Stuttgart los, gegen 22 Uhr. Es hatte stark zu schneien begonnen und ich genoss diese Fahrt durch die
Dunkelheit und das Schneetreiben ungeheuer, wie ich überhaupt zum damaligen Zeitpunkt die
Dunkelheit, die Nacht liebte, die alles in Geheimnis und geistvolles Schweigen hüllt, weil selbst der
Kampf in dieser Sinnlichkeit schon Versöhnung ist.
Jede Reise erschien mir Entdeckung, nicht nur der äußeren, sondern auch der eigenen, inneren Welt und
jede Fahrt in meinem Auto in meine Autonomie wurde für mich zur Offenbarung der inneren Freiheit in
der Bewegung. Bewegung bedeutet auch Fortschritt im schöpferischen, produktiven Sinne und so beruht
alle Bewegung auf Erden im Wesentlichen auf zwei Erfindungen des menschlichen Geistes.
Die Bewegung im Raum auf die Erfindung des Rades, auch des Autorades für diejenigen, die sich nicht
mit einem Fahrrad in eigener Anstrengung fortbewegen können, die geistige Bewegung auf der
Entdeckung der Schrift. Beide Bewegungen waren und sind für mich unersetzlich und glücklicherweise
konnte ich am Anfang des Jahres 2004 noch nicht ahnen, dass mir nur 10 Jahre später beides entrissen
werden sollte, meine Autonomie in Form des Verlustes meines Autos/ Selbst/ Ich und damit ihm
Zusammenhang meine Fahrerlaubnis und ferner das Verabschieden meines scharfen Sehens. Denn auch
diese Seiten schreibe ich in einem Zustand, als müsse ich unter Wasser ein Buch lesen, also nur
verschwommen, durch die Auszehrung der fehlenden Nahrung und Flüssigkeit in ausreichendem
Umfang.
Jener namenlose Mensch, der irgendwann und irgendwo als erster das erste Holz rund zur Felge bog, und
somit die ganze Menschheit die Ferne zwischen Ländern und Völkern überwinden lehrte, - an ihn dachte
ich an jenem Silvestertag dankbar und ehrfürchtig, als mich mein treues Auto gleichmäßig und
verantwortungsvoll durch die weiße Landschaft trug. Ich war ausgestattet mit Winterreifen und gutem
Profil und trotzdem fühle ich noch heute den Nervenkitzel, da mir Gefahren niemals Angst einflößten es
sei denn, sie bewegten sich auf unsichtbarer Ebene.
Mein Herz blieb fast stehen, als bei einer Steigung bergab meine Bremsen durch den dicken Schnee der
Straßen, welche wohl zur nächtlichen Stunden nicht mehr geräumt wurden, versagten und ich auf der
Gegenspur einem Kreisverkehr zusteuerte, in den ein anderes Auto einfuhr, und wieder einmal sollte
meine mögliche Grabesinschrift sowohl mich, als auch das gegnerische Auto vor einem Unheil bewahren:
„Sie hatte Glück im Unglück.“
Das Auto fuhr dann zum Glück nicht in die Ausfahrt in meine Richtung, sondern bog an anderer Stelle ab
und dank meiner eigenen Geistesgegenwart und meinem genialen Gegenlenken, das ich an dieser Stelle,
235

auch wenn es stinken mag, selbstlobend erwähnen muss, konnte ich einem weiteren Unglück entgehen,
auf der linken Seite, der Gegenspur, abwärts in den Graben zu rauschen.
Ich landete vielmehr an der Leitblanke am Kreisverkehr, stieg aus, richtete meinen Blick nach oben, ein
Gebet sprechend, aber nicht für mein eigenes Überleben, sondern dafür, dass das gegnerische Auto an
anderer Stelle abgebogen war. Ja, ich dankte Gott um die Errettung der mir fremden Seele, des einzigen
Autos nahezu, das mir in jener Nacht begegnete.
Soviel also zu der Aussage der Führerscheinstelle, ich würde meine eigene Sicherheit über die meiner
Mitmenschen stellen. Nein, ich würde sie sogar dafür opfern und ich kenne genug Menschen, die
egoistisch tatsächlich über Leichen gehen, für ihre eigene Sicherheit, indem sie auch ihr heiliges Gesäß
und nicht Gefäß für Millionen versichern lassen.

In dieser Weise begann für mich das nahezu schönste Jahr meines ganzen Lebens, das Jahr 2004 durch
eine vorangegangene Dramatik am Silvesterabend, welche sich in einer Rettung nicht nur meiner Person
erlösen sollte und für dieses „nicht nur“, war ich ungeheuer dankbar.

In Stille und Kontemplation verbrachte ich jenen Übergang in ein anderes Jahr auch nach den Stürmen
des Auszuges meines arabischen Mitbewohners und ich versuchte, mich von allen alten Schlacken zu
befreien und zu lösen, um nochmals neu zu beginnen in einer neuen Zeit, die mich in mein 30. Lebensjahr
führen sollte.
In ein Lebensalter, in dem der Christus in den Jesusleib eingezogen, um in den folgenden drei Jahren der
Menschheit als Vorbild voranzugehen, sie durch Gleichnisse, auf Lebensrhythmen und Schwächen
hinzuweisen für eine bessere Welt, eine vollkommenere Zeit, um gleichermaßen nur auf Unverständnis zu
stoßen, auf ein Nichterkennen, nicht Verstehen, um dafür in seinem 33. Lebensjahr unschuldig zum Tode
am Kreuz verurteilt zu werden, während der Verbrecher Barbaras freigesprochen wurde.

Auch ich sollte nur drei Jahre später in meinem 33. Lebensjahr zum Tode verurteilt werden und ebenso
sollte der Verbrecher und das Verbrechen an meinem Seelenleben freigesprochen werden und als legal
beurteilt, da sie mich zum „Ausnahmefall“ deklarierten, der jedes Verbrechen rechtfertigt und ich wurde
ebenso angeklagt und verbinde mich zutiefst mit dem Christusschicksal, um mit seinen Worten meinen
gütigen Gott zu fragen: „Eli lama, sabachtani?“ -
236

Kapitel: Glückssträhne für ganze vier Jahre – neue Wohnung, Garten, Tiere und Pädagogik

Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben.

Albert Camus

Das Jahr 2004 sollte zunächst indifferent beginnen und ich erinnere den Anruf meiner Mutter, meine über
alles geliebte „Lyla“ Omi sei gestorben, die Mutter meines dritten Vaters, welche wir so nannten, weil sie
„Lydia Lachenmayr“ hieß, deswegen „Lyla“. Ein geflügeltes Wort, ihr Name, in unserer Familie.
Ich hatte in den vorhergehenden Monaten nach Wohnungen gesucht und keine gefunden, und ebenso
suchte ich am Bodensee, weil es der Wunsch meines Bruders war, dass ich in seiner Nähe wohne und der
Nähe meiner Mutter auch aus dem Grunde, weil er wusste, dass seine Kinder immer liebevoll und zahm
wurden, sobald ich auftauchte und sie seelisch und physisch in meine Arme schloss.
Er hatte für mich im Umland eine Wohnung gefunden, einiges war rudimentär vorbereitet für mein
Verlassen des Stuttgarter engstirnigen Schwabenländles, wie ich es damals empfand, als ich nach einer
vierstündigen Wanderung mit Hermann in der Nacht vor der Beerdigung von Lyla - Omi einer schweren
Magen- Darm Grippe unterlag, die mir nicht ermöglichte, bei der Beerdigung dabei zu sein.
Schweren Herzens und Magens sagte ich ab und erkannte erst einige Wochen später den Sinn jener
Grippe und meines gütigen Schicksals.
Ich wollte gerade den Vermietern der Mietwohnung in einsamer Gegend im Umland von Überlingen
zusagen, als in selbiger Minute meine Pflegemutter in meine Wohnung gestürmt kam mit der Aussage,
ich solle sofort mitkommen, sie habe eine positive Nachricht für einen Besichtigungstermin einer
Wohnung in Stuttgart bekommen, welche mir, mehr als ich es mir erhofft hatte, zusagte.
In der Bergstraße der hügeligen Gegend von Stuttgart, die ihrem Namen zwar nicht alle Ehre machte,
weil sie im tiefsten Tal liegt, aber von Morgen - und Mittagsonne umgeben, wie es mein tiefster Wunsch
für eine eigene Wohnung von jeher gewesen war.

Hätte ich am Vorabend der Beerdigung von Lyla Omi jene Grippe nicht bekommen, so hätte ich in
Überlingen schon eher zugesagt und mir wären die unzähligen Gnademomente, die auf mich in Stuttgart
warten sollten, versagt geblieben. Ohne meinem Bruder in irgendeiner Form zu nahe treten zu wollen bin
ich heute dankbar, nicht zu ihm gezogen zu sein, auch für ihn.
Unsere „geschwisterliche Bande“ war zu eng, nahezu „zwillingshaft“, trotzdem wir im Wesen und
Charakter nahezu Gegenpole bilden. Er in seinem Wesen und Charakter ein Sanguiniker in reinster Form,
der das Rampenlicht, den Mittelpunkt des Daseins liebte, genoss und ausschöpfte, während ich das
Phlegma in Persona war, die Ruhe, zurückhaltend, als „bescheiden“ wurde mein Wesen beschrieben, in
237

keinem Fall liebte ich jenes Scheinlicht, sondern eher das reine Sonnenlicht, das ich in der Natur und in
meinem Sonnengesang des Heiligen Franz von Assisi fand, in der Einsamkeit.
Ich liebte den Schatten des Waldes und sogar ein Schattendasein unter den Menschen, da mich ihre
Gegenwart von jeher eher beängstige, trotzdem ich als „kontaktfreudig und kommunikativ“ beschrieben
wurde. Ein ewiges Paradoxon, das meine Person umwehte. Wofür ich aber vor allem dankbar war, nicht
zum Bruderherz gezogen zu sein war die Tatsache, dass ich innere und äußere Struktur brauche, Ordnung,
Sauberkeit, Klarheit und seine Strukturlosigkeit, die sein Alltag als Musiker mit sich bringt, neben seinem
Wesen, hätte mich zerstreut, innerlich und äußerlich „vom Winde verweht“.

So wanderte ich an jenem Abend nicht in die Berge, aber in die Bergstraße und war überwältigt, von
dieser Wohnung mit eigener kleiner, gemütlicher Küche, zwei Zimmern und sogar einem kleinen Balkon.
Natürlich hätte ein finanziell fest im Leben Stehender darüber die Nase gerümpft, und sie als Puppenstube
bezeichnet, aber für mich sollte sie reichen und ich fühlte, dort lebt ein guter Geist, eine gute Energie.
Die Wohnung war voller Menschen, der Vermieter hatte den Besichtigungstermin für alle auf einen Tag
gelegt und doch hörten wir ihn oben zu seinem Sohn sagen, nachdem wir uns verabschiedet hatten, um
doch in aller Deutlichkeit mein großes Interesse zu bekunden: „sehr feine Leit“, bedeutet Leute.
Ein Schwabe durch und durch und als ich am folgenden Morgen von ihm einen Anruf erhielt, er habe sich
für mich entschieden, konnte ich mein Glück nicht fassen, aber ebenso wenig ahnen, dass ich ihn durch
meine Einweisung vier Jahre später in den Klinikkerker, tief werde enttäuschen müssen, wie ich es schon
beschrieben habe, als er mir im Jahre 2011 die Kündigung auf den Tisch legte. Ich glaube, ich musste so
einige Menschen in meinem Leben enttäuschen, wenn ich unschuldig schuldig wurde.
Auf eine Täuschung, so wird gesagt, folgt die Enttäuschung, wobei auch da differenziert werden sollte.
Dennoch weiß ich heute, dass gerade psychische Erkrankungen, wie auch allgemeine Erkrankungen und
die Wahrheit in dieser Welt keinen Platz haben, wenn derjenige nicht, wie Conrad Ferdinand Meyer von
seiner Mutter, vor der Außenwelt in der Wohnung versteckt gehalten werden möchte. Ich hatte mir dieses
Grab nicht selber geschaufelt, es war das Werk meiner Hausärztin, denn immerhin hatte ich viele Jahre
ohne diese Götter in Weiß sehr gute gelebt im Rahmen meiner Vorbedingungen.

Nahezu immer versuchte ich mir treu zu bleiben und war lieber gewillt für die Wahrheit zu sterben, wie
es sich heute auch herausgestellt hat, dass ich für die Wahrhaftigkeit meiner Suizidgedanken zum „Tode“
verurteilt wurde, ein Irrtum, wie ich es heute erlebe. Ich versuchte unentwegt, einen Mittelweg zu finden,
so nah wie möglich bei der Wahrheit zu bleiben, zumindest in keinem Fall zu lügen, denn nicht selten
wurde ich auch von meinen Schülern gefragt, was ich denn eigentlich beruflich mache, warum ich denn
nicht schon Lehrerin in einer Schule sei. Ich sagte ihnen, ich sei in vielen Bereichen tätig, um dann doch
238

von der Mutter meiner vier Nachhilfekinder durch die Blume zu hören: „Ja, Sie haben es leicht, keine
Kinder, keine Arbeit damit, Sie wissen gar nicht, was ich hier zu tun habe!“
Ich hätte gerne geantwortet, dass sie ganz sicher auch nicht weiß, was ich Tag und Nacht zu tun habe, in
jeder einzigen Minute und ich würde liebend gerne mit ihr tauschen, sogar mit einem Sklaven, der, wenn
überhaupt, nur physisch gefoltert wird. Aber in unserer Welt zählt nur und ausschließlich der „feste
Arbeitsplatz und beste physische und psychische Gesundheit“, der Schein und Trug, um eine Wohnung
zu bekommen. Alle anderen dürfen im Wald ihre Zelte aufschlagen und sich desweiteren noch von
Beeren und Bären ernähren, so sie beides noch vorfinden in einer Welt, in der die Zerstörungsimpulse
alles auszurotten gedenken, was sich „lebendig“ nennt und selbst dann gibt es noch ein dickes Bußgeld
aufgrund „öffentlicher Ruhestörung.“

Ich habe den Begriff der „Schuld“ bereits zu erörtern versucht und so kann ich heute behaupten, dass
diese Enttäuschung meines Vermieters in meine Person nicht auf eigener Schuld von mir gründete, denn
von schuldhaft kann nur gesprochen werden, wenn der Mensch eine andere Wahl hat und die
Möglichkeit, anders zu handeln. Zudem habe ich ihn nicht vorsätzlich geschädigt, außer, dass er den
Verlauf mitverfolgen musste, als vier Jahre später einige Male Polizei und Krankenwagen bei ihm
klingelten. Ich hatte keine Mietschulden und auch keine unordentliche oder dreckige Wohnung, dies
alleine hätte mich schuldig werden lassen, auch wenn ich unter Tavor die Dinge nicht mehr einschätzen,
überblicken und begradigen konnte. –

In jedem Fall unterschrieb ich im Juli 2004 den Mietvertrag, löste meine alte Wohnung auf, organisierte
den Umzug selbständig, um gleich in unserer ersten Aktion mit Clifford, der mir mit zwei anderen
Freunden beim Umzug half, durch meinen sehr großen und sperrigen Kleiderschrank, die Scheibe im
Treppenhaus der neuen Wohnung einzuschlagen. Um in einer weiteren Aktion den Schrank über den
Balkon mit Seilzug in mein Wohnzimmer zu befördern. Heute würden all diese Dinge meine Kräfte
übersteigen, damals erschienen sie mir als Abenteuer und unersetzlich, zur Förderung der Peristaltik
sozusagen.
Im Stillen dankte ich meiner Lyla Omi für meine neue Wohnung, da ich mir ganz sicher war, sie hatte
von „oben“ entscheidend mitgeholfen, mir jene „Sterntaler“ vom Himmel zu schicken, die mich innerlich
und äußerlich bereicherten, mir neuen Mut und Zuversicht schickten und schenkten.
Ich war dankbar gerade aus dem Grund, da ich erleben durfte, mein Schicksal meint es gut mit mir, ich
darf vertrauen und mich führen lassen und ebenso dankte ich meiner Omi, als ich wenige Wochen später
durch einen glücklichen Umstand ein Gartengrundstück erobern sollte, das noch vollkommen
unbewirtschaftet, in dem kein Gartenhaus stand, keine ebene Fläche angelegt war.
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Einfach Wildnis, purer Urwald und doch sehe ich mich heute in meiner Erinnerung auf den steilen
Treppen dieses Gartens sitzen, mein Glück nicht begreifen könnend, planend, wie ich diese Wildnis urbar
machen kann, im tiefen Vertrauen, dass mir Hilfe zufließen würde.
Jene Unterstützung sollte kommen und ich möchte diese Zeit der größten inneren und äußeren
Beglückung hier einfügen, die ich nach vollendeter Arbeit, nach vollbrachtem Werk an meine Freunde
und Helfer in tiefstem Dank geschrieben habe, einen sicheren, heilen, kraftvollen Ort gefunden zu haben,
an dem auch mein neues, Tierwesen, das mir durch einen weiteren, sehr beglückenden Umstand
geschenkt werden sollte, sein eigenes Glück auch dort mit mir und bei mir finden sollte:

„Liebe Freunde und Helfer!


Das Häuschen steht, der Garten wächst. All das konnte nur mit Eurer Hilfe bewältigt werden und ich
möchte mich bedanken bei allen, die mir mit Rat und Tat und finanziller Hilfe zur Seite standen. In erster
Linie Frau Groß, ohne sie hätte ich diesen Traum von einem kleinen Paradies schon am Anfang
aufgegeben. Sie hat nicht nur tatkräftig mitgeholfen, gerade immer dann, wenn alles in eine Sachgasse zu
geraten drohte, sondern sie verstand es, mich auch immer wieder zu motivieren und war ein Freund zum
Pferdestehlen.
Ich erinnere mich noch an den Tag unserer Tour, als wir bei einem Baumarkt für einen Euro pro Stück
Rosenstöcke ergatterten, die normalerweise bis zu 20 Euro kosten. Das ganze Auto wurde vollgeladen,
wir konnten fast nicht mehr durch die Scheiben sehen.
Und als uns Passanten seltsam ansahen, sagten wir, dass wir eben keinen Garten haben und die Rosen
dafür ins Auto pflanzen. Frei nach dem Motto der Romantiker: Zurück zur Natur! Ich glaube, diesen Satz
hat auch Rousseau geprägt.
Bedanken möchte ich mich auch noch bei Benny, meinem lieben Freund. Unsere Wege haben sich
getrennt seit fast zwei Monaten, aber er hat mir in der Anfangsphase doch sehr zur Seite gestanden.
Zunächst hatte er zwei Freunde motiviert, die den Anfang starteten, die Terrassen anzulegen. Doch nach
zwei Tagen waren sie vollkommen am Ende, ihre Hände wiesen Blasen auf, sie wollten und konnten
diese Aufgaben nicht weiterführen, obwohl sie am Bau arbeiteten. Daran darf gesehen werden, dass diese
Arbeiten schweißtreibend waren, da wir den Hang nicht nur von Erde befreien mussten, um ihn zu
begradigen, sondern von Steinen, die mit dem Pickel Stück für Stück herausgeschlagen werden mussten.
Benny erschien oftmals selber, fing an ein Loch für die Rosen zu graben, um in kurzer Zeit wieder nahezu
unbemerkt zu verschwinden.
Und dennoch war irgendwann die erste, die zweite Terrasse fertig. Ich hatte durch ein Inserat an meinem
Geburtstag meinen Fitim gefunden, einen der besten und ausdauerndsten Arbeiter, ohne den ich jene
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Arbeit niemals hätte bewältigen können. Fitim war ein Perfektionist und seine Arbeit spiegelt seine innere
Haltung wider. Die Abgrenzungen der Erd- Steinmauer waren auf Millimeter genau abgestochen. Er war
immer da, wenn ich ihn brauchte und sei es nachts.
Schließlich waren die beiden Terrassen fertig und die dritte war am Entstehen, weil mir deutlich wurde,
dass auf der ursprünglich angedachten, mein Haus, das ich darauf stellen wollte, auch wenn ich noch
nicht im Besitz desselben war, irgendwann in der Tiefe, dem Orkus gelandet wäre, mit oder ohne mir. So
wurde weiter gegraben und das war schwer, nur Stein und Geröll, harte Arbeit, ich war mit Fitim nur
noch alleine und ich half selber tatkräftig mit, er brachte mir Glück, denn sein Name bedeutete: „Glück“,
Nomen est Omen.
In der Dunkelheit mussten wir teilweise noch kleine Bäume ausgraben und an andere Orte verpflanzen,
wir rollten sie gemeinsam an eine andere Stelle, zu ihrem neuen Platz um noch in der Finsternis Löcher
zu graben, ihnen neue Heimat zu geben und Fitim und auch ich kannten weder Müdigkeit noch Schmerz.
In Folge mussten Schotter und Splitt geholt werden, ein Unimog brachte alles in jene enge Straße,
schüttete ihn mitten auf den Gehweg, auf dass einige starke Männer diese zwei Tonnen in Kettenarbeit
die enge Treppe herunter beförderten. Andreas, auch ein unersetzlicher Helfer, entwickelte eine Rutsche,
die wenigstens das letzte Stück erleichterte. Es war ein lustiger Tag, viele liebe Menschen dabei!
Vom Rüttler, der geliehen werden musste, um den Boden mit dem Kies glatt zu rütteln, alles sehr zeit-
und kraftaufwendig, bis zur Bestellung meines Hauses, das ich mir von einem Baumarkt liefern lassen
wollt, um es in Raten abzuzahlen. Meine Mutter sagte zu, dass sie die Bestellung für mich aufnehmen
würde um sie weiterzuleiten. Alles war vorbereitet, die Bestellung angeordnet, es fehlten nur noch wenige
Angaben. Und an dem Tag, an dem ich ihr alle Informationen durchgeben wollte, entdeckte ich in der
Zeitung eine Anzeige, dass ein Unbekannter sein 12 qm Holzgartenhaus für 200 Euro verkaufen wollte.
Noch am selben Abend fuhr ich die 20 Kilometer zu jenem Ort nach Gärtringen und verliebte mich sofort
in dieses Haus. Ein Schreiner hatte es vor Jahren gebaut, qualitativ vom Baumaterial hochwertig, isoliert,
doppelwändig, doppelstöckig, mit einem hohen Giebel, in den man nur durch eine Luke und Leiter
hineinsteigen konnte.
Ich bestätigte den Kauf sofort, und nun musste alles Weitere geregelt werden, denn eigentlich wurde eine
Baugenehmigung gebraucht, da das Haus um einige Quadratmeter größer und höher war, als es für
Gartenlauben erlaubt ist.
Nach langem hin und her stimmte der Verpächter doch diesem voluminösen Gartenhaus zu, gab mir Mut
zu meinem Vorhaben und regelte alles weitere, doch viel „weiter geregelt haben“ konnte er wohl nicht,
denn die Nachbarn berichteten mir eines schönen Tages, als mein Haus bereits stand und hoch in den
Himmel ragte, dass im strömenden Regen gerade jene Beamten der Baugenehmigungsbehörde in meiner
Abwesenheit durch eine Luke der Hecke meinen Garten betraten, um mein Haus zu begutachten, es zu
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photographieren, um es evident als „zu groß und hoch“ zu bewerten, mich jedoch gewähren ließen, mit
zwinkernden Augen, weil sie wohl meine gewaltigen Anstrengungen, die diesem „Hausumzug“ zugrunde
lagen, bemerkten und anerkannten.
Doch bevor es soweit kam, stand der Abbau des Hauses am Ende der Welt an, denn gemessen an meinen
Möglichkeiten war es ein sehr zweifelhaftes Unterfangen. Wir versuchten, einige Stunden beim Abbau
dabei zu sein, im strömenden Regen, doch es waren unendlich viele Teile, ich wusste, dass ich selber
zumindest den Überblick nicht würde behalten können. Auch hier sei Dank auszusprechen an Frau Groß,
die alle anderen anleitete beim Ab- und Aufbau, dank ihres guten Gedächtnisses.
An jenem Tag hatten wir einen jungen Mann dabei, Berliner, früher in der Drogenszene zu Hause. Das
hinterlässt offensichtlich Spuren. Von kleiner, schmächtiger Statur waren seine Worte dagegen groß und
aufgeplustert. Wir hatten ihn mitgenommen, weil er sich für kompetent hielt und uns prophezeite, dass er
Skizzen anfertigen wolle, die uns einen Abbau und Wiederaufbau erheblich erleichtern würden.
Nach einer Stunde jedenfalls stand er schlotternd im Regen, die Besitzer des Hauses glaubten wohl nicht,
dass sie es mit ernst zu nehmenden Menschen zu tun haben, die in der Lage sind, das Haus abzuholen,
geschweige denn es aufzubauen und jenes schlotternde Krischperle erzählte uns, dass er noch zwei
weitere Jungs mitbringen wolle, doch hatte er wohl, im wahrsten Sinne des Wortes, nasse Füße
bekommen, als er das gewaltige Haus sah und auch seine Skizzen wiesen nur einen Kindergarten
kläglichen Versuch auf, ein Haus zu zeichnen, nach dem Motto des Vierecks eines Erstklässlers, das wohl
jedem vertraut sein darf: „Hier ist das Haus vom Nikolaus“, und in den nächsten Tagen war der junge
Hänfling spurlos verschwunden und unerreichbar.
Die folgenden drei Tage musste der Boden für das Häuschen bereitet, Bäume verpflanzt und Betonpfeiler
in den Boden gegossen werden und jeder, der weiß , wie aufwendig es ist, den Beton nicht nur zu kaufen
in 40 Kilo Säcken, sondern ihn auch noch einen Abhang hinunter zu tragen, ihn anzumischen, ohne
Betonmischer, der ahnt, was wir in diesen kurzen Stunden gemeinsam bewältigt haben, Fitim und ich…
Davor mussten tiefe Löcher gegraben werden in einen Boden, der mehr aus Steinen bestand, als aus Erde,
alles mit Wasserwaage und richtigem Augenmaß austariert, bis die Dunkelheit die letzten deutlichen
Konturen verschlang und wir niedergeschlagen den Heimweg antraten, weil wir wussten, am nächsten
Morgen würde das Haus geholt werden müssen. –
Samstag unser großer Tag des Herzklopfens, doch er brachte wieder einmal, wie so oft in meinem Leben,
ungeheure Komplikationen mit sich, die sich, zumindest vor dem Jahr 2008, immer im letzten Moment
lösen und erlösen sollten. Fitim hatte mit mir am Vorabend bis in die Dunkelheit und zur Erschöpfung
gearbeitet, am Umzugstag des Hauses wollte er Pause, Erholung, um auch für seine Zwillinge da sein zu
können, auch andere Freunde waren verhindert und so konnte ich zum einen Andreas dafür zu gewinnen,
während unseres Transportes noch die Löcher fertig zu gießen und Clifford stellte im letzten Moment,
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von einer Minute auf die andere, eine Truppe von fünf starken Männern von der Baustelle bereit und das
war mein Glück, ob auch ihr Glück, wage ich zu bezweifeln, denn es sollte für sie noch eine Fahrt
buchstäblich in den Abgrund warten, die auch sie an ihre Grenzen führte, denn das Haus wurde praktisch,
nahezu „am Stück“ transportiert, was beim Abbau von einem Gabelstapler übernommen wurde, aber im
Garten gab es keine Möglichkeit dieses Gefährt als Arbeitskraft einzusetzen.
Und nicht zuletzt an Widerständen, die sich vor mir auftürmten, ebenso aufplusterten, war unser
Anhänger, obwohl der Größte von allen verfügbaren und doch zu klein für unser gewaltiges Vorhaben
und nun war guter Rat teuer und wir standen alle, einschließlich Hausbesitzer, mit treudoofen Gesichtern
vor den Trümmern meiner Dummheit der Fehlorganisation, obwohl ich als „Organisationsgenie“
eigentlich verschrien war, und immer auch gebraucht, - als ein großer, offener LKW, wie vom Himmel zu
mir geschickt, um die Ecke gerast kam und ich ihn sogleich anhielt, ihm 150.- Euro in die Hand drückte
mit der Bitte, mir die großen Hausteile doch nach Stuttgart zu fahren und wie es mein gütiges Schicksal
wollte, war jener Fremde sogar im Besitz eines Gabelstaplers und stieg sofort aus, obwohl er natürlich
anderes zu tun gedachte, und fuhr mit meinem ganzen Stolz nach Stuttgart.
Dank sei ihm, dem Unbekannten, Dank an Clifford, seinem Eingreifen, sein Bereitstellen der richtigen
Helfer und ebenso innigsten Dank an Deng, der mir ein lieber, väterlicher Freund geworden ist. In seiner
stillen Art konnte er zupacken und jeder Handgriff saß und traf den Nagel buchstäblich auf den Kopf und
auch in den folgenden Tagen, des Wiederaufbaus meines neuen Reiches war er ein treuer Begleiter. –

Als die gewaltigen Bauteile nun oben in meinem Garten lagen, mussten sie die enge, steile Treppe
heruntergetragen werden und die Arbeiter, die gewohnt sind, teilweise 80 Kilo Zement auf zwei Schultern
gleichzeitig zu tragen, kamen doch sehr ins Schwitzen, obwohl sie zu sechst trugen und ich konnte nur
unzählige Stoßgebete zum Himmel schicken, auch gerade in solchen Momenten, in denen sie Gefahr
liefen, den Himalaya an höchster Stelle hinunterzustürzen und mit ihnen das Geröll, denn mein Haus
schien eine Eigen – Dynamik und Geschwindigkeit bei dieser Steigung nach unten zu entwickeln und
nicht nur einmal sank mir das Herz beinahe in die Hose, denn die ganze Aktion lag in meiner
Verantwortung.
Am Sonntag kam der Mann meiner Schulfreundin mit ihr und allen vier Kindern, eben auch meinem
Patenkind Gabriel, Andre aus Ravensburg, Cliff, Deng und Andreas waren auch wieder dabei und so
wurde der Boden gelegt und eine Seitenwand aufgestellt, es war ein wunderbares, harmonisches
Miteinander, alle verstanden sich sehr gut und immer wieder wurden neue Speisen gebracht für die
Arbeiter. Gegen Abend saßen wir noch gemütlich zusammen, zu plauderten, scherzten, um in
einbrechender Dunkelheit noch weiteren Besuch mit Kindern zu empfangen, sodass ich schon fast von
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einer Geburtstagsfeier sprechen konnte, zumindest wurde mein Haus an jenem Tag neu geboren und ich
neugeboren.
Der Wetterbericht am folgenden Tag prophezeite nichts Gutes für den kommenden Mittwoch und so
blieben uns noch zwei Tage zur Fertigstellung meiner neuen Hülle und da ich wusste, dass „meine
Männer“ in den folgenden Tagen keine Zeit haben würden, rief ich in meiner Verzweiflung einen Freund
am Bodensee an, einen Schreiner, weil meine Brüder mir zwar versprochen hatten, mitzuhelfen, sich
jedoch in Schweigen hüllten, als die Tat angesagt war und wieder sollte mir das Schicksal hold sein:
Innerhalb von drei Stunden stand Henning bei mir auf der Matte, bzw. Bodenplatte und zusammen mit
Andreas, Deng und Fitim, stand mein Haus, zu meiner vollen Verwunderung und Bewunderung in voller
Größe vor mir, als habe es schon immer dort gestanden. Ich hatte mich zwischenzeitlich davongestohlen,
um meine Nachhilfekinder zu unterrichten. Es erschien mir kaum glaubhaft, denn noch vor drei Tagen
lagen überall unzählige Teile von ihm verstreut und im ersten Moment kam es mir vor, als würde ich
träumen.
Ich versorgte Henning noch mit einem dicken Fresspaket und Benzinauslagen und schickte ihn auf seine
weite Reise zurück mit innigstem Dank. -
Am Dienstag versuchten wir uns zu viert an der Innenverschalung und wenn ich mitgezählt hätte, so
haben wir sicher einige Hundert Nägel in das Massivholz geschlagen und ebenso zerschlagen waren wir,
als wir fast bei den letzten Dachziegeln angekommen waren und es zu tröpfeln begann.

Doch den First bekamen wir nicht mehr dicht, ein winziger Spalt blieb offen, denn aus dem Tröpfeln
wurde ein Regenguss, der nicht mehr enden wollte. Mit letzter Kraft und einem schwindelfreien Mann
versuchten wir die Stelle noch durch Plastiktüten abzudichten, auch ich begab mich in diese luftigen
Höhen, musste an Goethe denken und nahm es als Herausforderung.
Dank auch an Sabine, die uns ihre Gartengeräte für meine Anfangszeit zur Verfügung gestellt, dank an
Dr. K., der im richtigen Moment aus dem Fenster sah und uns mit einem Verlängerungskabel seinen
Strom zur Verfügung stellte.

Vor dem anstehenden Winter habe ich noch viele Pläne und Träume und sie werden mich durch die
Monate tragen und immer sollten meine Wünsche, so sie rein und wahr sind, zum Nutzen meiner
Mitmenschen, der Natur, den Tieren und mir selber, wahr werden.
Ich wollte mir in meinem Gartenhaus eine kleine Schreinerwerkstatt einrichten, weil mein Kindheitstraum
neben dem Beruf als Lehrer und Schriftsteller, der des Schreiners war und dort wollte ich auch meine
Geige fertig bauen. So fand ich wenige Tage später eine alte Holzwerkbank mit Schraubstöcken, die ich
sofort abholte und mit Freunden in meinen Garten trug. Ferner fand ich eine alte Spüle, ebenfalls aus
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Holz, die auch ihre guten Dienste leistete und wieder sollte mich mein nächtliches Abenteuer mit Deng
durch die Sperrmüllhaufen von Stuttgart führen. Wir luden Unmengen Holz ein, aber auch Leitern und
allen Krimskrams, der im Garten gebraucht werden kann für meine unzähligen Pläne, die ich noch mit
ihm verknüpfte, denn wenn das Glück winkt, darf es nicht gefangen und missbraucht werden, aber es
sollte wahrgenommen werden mit offenem Herz und Sinn, um ein Stückchen von ihm im Zurückwinken
für die eigene Seele zu gewinnen.

In jenen erfüllten Tagen, die körperlich erschöpfend waren, jedoch gleichermaßen seelisch bereichernd
und aufbauend, erhielt ich am selben Tag vier Briefe.
In zwei von ihnen lagen jeweils Vierblättrige Kleeblätter. Ich traute meinen Augen nicht, sah es jedoch
als ein Symbol und Prophezeiung, dass ich diesem begonnenen Glück noch oft zuwinken darf… -

Soviel nun also zu der Aussage der Richterin in der noch folgenden Prozessbeschreibung und seinem
Ausgang: „Ach sagen Sie nichts, Sie sind ein außergewöhnlicher Ausnahmefall und es war schon immer
so gewesen bei Ihnen, auch die Stellungnahmen Ihrer Freunde sind alle unwahr, sagen Sie nichts mehr,
Sie haben immer schon Suizidgedanken gehabt.“ (…)“ Seien Sie froh, dass sie ein paar bessere Jahre
hatten, das sagt aber gar nichts aus…“

Und seltsamerweise hatte ich sie 26 Jahre meines Lebens nicht, oder kaum, um erst richtig
hervorzubrechen nach meinen Odysseen durch Kliniken und Arzthände, um sich fünf Jahre nach meinem
Entschluss, diesen Irrfahrten ein Ende zu bereiten, nahezu vollkommen zu verabschieden. Mit
Schwankungen natürlich und in der Auflistung der Führerscheinstelle, die mir selber erst in dieser Weise
die Augen dafür geöffnet hat, wird auch keine einzige „Straftat, Suizidgedanken gehabt zu haben“,
erwähnt, folglich kann es nicht „immer schon genauso“ gewesen sein.

Man mag eine Form der Verrücktheit mit meiner Person verknüpfen, die sich aber nicht in wirren, oder
verwirrten Gedanken und Taten äußerte, sondern in derlei Aktionen, wie ich sie mit dem Haus
beschrieben habe: wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann musste es unter allen Umständen zur Tat
kommen und sei es schon in nächster Minute und das mag auch der Grund meines Überlebens der
Höllenfahrt gewesen sein, die in dieser Form ganz sicher kein menschliches Wesen durchgestanden hätte.
So hatte ich mir nicht nur das Haus in meinen Dickkopf gesetzt, nicht nur die Hobelbank, nicht nur, einen
Urwald in einen Garten zu verwandel, wofür mir jetzt wohl die Stadt Stuttgart dankbar sein könnte, nein,
ich wollte noch ein eigenes Klavier in meinem Gartenhaus haben, obwohl ich in meiner Wohnung eines
stehen hatte.
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Doch mein Vermieter schien mein Musizieren nicht besonders zu begeistern und es lag nicht an meinem
Dilettantismus, denn auch mein Musikerfreund Herr Dostal wurde zu abendlicher Stunde durch den
Vermieter aufgefordert, das Spielen doch besser nach 18 Uhr zu unterlassen, während er oben unentwegt
seine eigene Frau anschrie mit Ausdrücken, die wohl durch Beethoven hätten gemildert werden können.

Und so hatte ich wieder eine neue Abholaktion gestartet, ein Klavier für 100 Euro, von gutem Klang, das
sieben starke Männer nach unten trugen, weil es ein enormes Gewicht hatte. Das Prozedere war wieder
meiner eigenen Dummheit entwachsen, denn ich hätte auch ein leichteres suchen und finden können. Und
so möchte ich den Bericht meiner Pflegemutter hier einfügen, welche unter anderem anwesend war, als
unser lieber Klavierstimmer kam, der niemals ein Blatt vor den Mund nimmt um seinen Sympathien und
Antipathien Ausdruck zu verleihen, im Sternzeichen Widder:
30. Oktober 2004
„Antje hat ein altes Klavier gekauft, es ist in einem schlechten Zustand und deshalb musste schnellstens
der Klavierstimmer bestellt werden.
„Hoffentlich verliert Herr E. nicht die Lust, wenn er das geschundene (äußerlich wie es uns schien)
Instrument sieht!“ sagt sie und führt ihn mit gemischten Gefühlen in ihr Gartenhaus.
„Das ist ja absoluter Schrott!“ legt Herr E. auch gleich los, „wenn du dafür etwas gezahlt hast, hast du in
jedem Fall zuviel bezahlt!“ (Er pflegte mich gleich zu duzen). – „Ja, allerdings habe ich dafür etwas
bezahlt, aber es war ja nur wenig. Der Transport den Weinberg hinunter bis zum Gartenhaus war
eigentlich das Schlimmste, das war recht abenteuerlich“, lächelte Antje. – „Das glaub ich wohl“,
erwiderte Herr E. überlegen. „Es liegt zwar in deren Entscheidung, aber die Jungs haben damit ihre
Gesundheit aufs Spiel gesetzt, was hätte bei diesem schweren Instrument nicht alles passieren können!“ –
„Na sicher, aber es ist zum Glück nichts passiert, das kann bei jedem Umzug den Helfern auch passieren,
der eine Mann war irrsinnig geschickt und erfindungsreich, er hat eine Rutsche entwickelt!“ „Verhoben
hat er sich! Jetzt läuft er mit schmerzendem Rücken rum und du hast ein wertloses Instrument in deinem
Haus stehen!“ – „Aber Herr E. , es sieht zwar von außen schlimm aus, aber klingt doch noch ganz schön.“
– „Ha, da oben mags ja noch gehen, aber da unten – da, schau doch, da sind die Wirbel völlig locker – das
Klavier ist nicht stimmbar! Zwei Seiten sind ja überhaupt gerissen – und da, hier unten, sind die Saiten
gerostet – und die Stifte sind auch alle hin!“ (Er neigt zu maßlosen Übertreibungen, ein Widder im
Sternzeichen, wie ich es ihm auf den Kopf zusagen konnte!) „Aber Herr Eu…“- „Und die Mechanik muss
überarbeitet werden, die macht immer bl, bl, bl“…“Aber Herr Eur…“ „Sicher, ich kann alles wieder
herstellen, aber das kostet dich viel mehr, als wenn du dir durch mich ein Klavier hättest besorgen lassen“
(also das war es, was ihn so aufbrachte..) „Eigentlich hättest du für dieses Klavier noch 200 Euro
dazubekommen müssen, das Klavier ist minus 200 Euro wert, nämlich für die Entsorgung auf dem Müll.
246

Immer kommen die Leute erst zu mir, wenn sie so dumm waren und sich betrügen ließen.“ – „Na danke,
Herr Euri…“ „Ich mach dir aber, weil du es bist, alles für die Hälfte, insgesamt für 900 Euro.“ – „Soviel
Geld, Herr Eu…“ – „Ja und die Filze und die Hämmer machen immer bl…- hörst du das?“ – „Ach Herr
Euri..“ –
Antjes Lächeln ist inzwischen etwas erstarrt. – „Die Wirbel hier unten müssen neu gemacht werden, sie
gehen schon gar nicht mehr festzuziehen, der Metallrahmen steht unter einer ungeheuren Spannung von
13 Tonnen. Weißt du eigentlich, was das bedeutet? Bei dieser enormen Spannung reißt dir das Metall, es
zerspringt und das gibt eine Explosion – das ist absolut lebensgefährlich!“ (Wenn der wüsste, dass ich vor
solchen „lebensgefährlichen Dingen“ absolut keine Angst habe, dachte ich mir..) „Herr E. macht eine
Pause, um die Wirkung seiner Rede abzuwarten – Antje ist verschwunden. Ich benütze die stille Sekunde,
um ihn zu fragen, ob er einen Kaffee trinken möchte. Da schaut er mich an – und jetzt lächelt er! Was sag
ich – lächelt? Er strahlt! Wortlos!“ (Siglinde K.)

Seltsamerweise wurde dieses Klavier nochmals in einen anderen Garten geschleppt, in meinen neuen
Garten, den ich im Jahr 2007 übernehmen sollte, weil mein eigener, angelegter Garten mehr
Aufmerksamkeit erforderte, als ich ihm geben konnte.
Unter Ächzen und Stöhnen und vermochte es nunmehr, 10 Jahre bei Wind und Wetter, jedem noch so
harten Winter standzuhalten und immer noch wundervolle Töne von sich zu geben mit geringfügigen
Einschränkungen, ohne auch nur im Geringsten „lebensgefährlich“ zu werden. Aber jene Begebenheit hat
in mir den Keim geweckt, eine „wissenschaftliche Abhandlung“ über das Sternzeichen „Widder“ zu
schreiben, das eine völlig eigene Spezies unter uns Menschen darstellt und nicht wenige Menschen, auch
in meinem Bekanntenkreis, an den Rand der Verzweiflung treibt.
Auch mein David gehört dieses eigenen Gattung an und nicht selten durfte ich erleben, dass er sich seinen
eigenen Teufel mit unbeschreiblichen Ausführungen und dämonischer Verschnörkelungen an die Wand
malte, um tödlich vor seinem eigenen Werk zu erschrecken, dem eigens hervorgerufenen Herzstillstand
dabei zu unterliegen, das nicht im entferntesten mehr etwas mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Und jene
Ausführungen von ihm, in meiner schwächsten Zeit der Entzugsjahre, haben nicht selten für weitere
Krisen bei mir gesorgt, sogar für weitere Einweisungen in die Psychiatrie, die für mich zur
allerschlimmsten Folterstätte durch meine Vergangenheit und in meinen Vorstellungen und Wirklichkeit
werden sollte. -
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Nun war ich also reichlich beschäftigt und ich hatte mir einen sehr strengen Rhythmus auferlegt, der noch
einigen Variationen unterlag durch ein unglaublich liebevolles Wesen, das mir auch im Jahr 2004 noch
geschenkt werden sollte.
Morgens lange Kontemplation und Unterrichtsvorbereitungen. Anschließend zum Baumarkt fahren, neue
Utensilien und Pflanzen für meinen Garten besorgen. Danach in den Garten, während ich den oberen
Stock ausbaute, isolierte, mit Deng und Benny eine Lucke im Haus selber baute, um nicht von außen,
auch bei Regen, durch den einzigen Einschlupf mit einer Leiter einen Zugang zum Obergeschoss zu
haben. Ich baute Holzwände für die Terrassen, um einen Erdrutsch abzuhalten, einen Freilauf für mein
geplantes „Langohrsammelsurium“ und während ich dies mit Deng baute, das tatsächlich ein gewaltiges
Ausmaß erlangen sollte, kam Sabine, meine Verpächterin mit weit aufgerissenen Augen zu mir mit der
Frage, ob ich dort Schafe und Esel unterzubringen gedenke.
„Ja“, sagte ich mit ernsthafter Mine, obwohl wir nicht den 1. April schrieben, „ich habe mir zwei Esel und
einige Schafe gekauft und ich trete in die Fußspuren meines Vaters, dessen einziger Traum es war,
Schäfer in der Lüneburger Heide zu werden..“
Mit einem entsetzlichen Erschrecken gab sie mir zu verstehen, dass sie mich unter diesen Umständen
sofort kündigen müsse, durch die Blume, versteht sich, denn die Mehrzahl der Menschen wurden nicht im
August gezeugt, um im Sternzeichen „Widder“ geboren zu werden wie mein Lieber Herr E., der kein
Blatt vor den Mund nahm, um mir das Allerschlimmste vor den Latz zu knallen.
Nein, Sabine war ein Krebs und „stille Wasser sind tief“, sehr tief sogar, so tief, dass ich ihre dunklen
Ängste zu erraten vermochte, um gleich darauf mit der Wahrheit ans Tageslicht zu rücken, dass ich nur
meinen Langohr zu Hause, mit einer weiteren Häsin als Neuzugang, dort beherbergen möchte. Sie war es
zufrieden und erleichtert…

So werkelte ich im Garten, den ganzen Vormittag, um gegen Mittag beim Chinesen am Bahnhof das
immer gleiche Mahl einzunehmen, anschließend die Bibliotheken auf der Suche nach Hörbüchern
unsicher zu machen, daraufhin zur Doppelnachhilfe über sechs Stunden, meist nach Nürtingen, zu fahren,
um abends noch zu portraitieren, zu lesen, meinen Garten nochmals aufzusuchen, oder mich mit Stephan,
meinem Lebensgefährten im SI Centrum zu treffen. Dort gingen wir in die Schwabenquellen, saunierten,
danach ins Irish Pub, um anschließend im dortigen Hotel zu übernachten.
Oder ich schrieb noch Ausarbeitungen für meine Oberstufenschüler, um ihnen vom Wesen der Romantik
etwas zu schreiben, arbeitete am Werk meines besten Freundes, Herrn Dostal, über Musikgeschichte, saß
mit Freunden noch auf meinem Balkon bis weit nach Mitternacht, oder lernte Englisch, denn ich hatte ein
Fernstudium begonnen für „Cambridge English“ für mein Nebenfach zum Waldorflehrer.
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Um nicht zuletzt immer wieder Berlinreisen anzutreten, Odysseus zu helfen, bei Putzarbeiten und
Schreibarbeiten und ich hatte schon erwähnt, dass ich Disketten über Disketten mit Briefen besitze, die
ich für ihn schrieb an die 3000 – 5000 Seiten, oder mehr, ich weiß es nicht, die jedoch beruflich gesehen,
alle wirkungslos blieben.

Was nicht wirkungslos blieb war meine Intuition, welche mich im Jahr 2004 in einem Internetcafé sitzen
bleiben ließ, obwohl ich nichts mehr zu tun hatte, als ein junger Mann eintrat, eine sehr junge, teure Main
Coon Katze auf dem Arm, die er mit den Worten seinem Freunde unterjubeln wollte: „ Mein Hund ist vor
Tagen gestorben und meine Freunde dachten, mir damit eine Freude zu machen, aber ich mag keine
Katzen, was soll ich mit ihr machen, ins Tierheim bringen, oder möchtest du sie haben?“

Nein, sein teurer Freund wollte jene ebenso teure Katze nicht haben, das war mein Glück und so fragte er
mich, ob ich sie haben wolle. Und ob ich sie haben wollte! Ich nahm sie mit nach Hause, denn sie, oder er
war das, was ich mir seit langem erträumt hatte und als ich nach einem langen Nachhilfenachmittag am
Abend sah, dass mein junger Kater nicht nur die Gegenstände meiner Küche in Scherben warf, sondern
für kurze Zeit auch mein Herz, als er sich dann auf meinen Hals legte, schnurrte und friedlich einschlief,
da wusste ich, dass er zu früh, wie ich selber, von seiner Mutter weggenommen wurde und nur
„Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauen und Aufmerksamkeit“ brauchte, um in dieser harten Welt
bestehen zu können und das wollte ich ihm unter allen Umständen geben!
Und nun wuchs mein lieber Kater, den ich „Herzekind“ taufte, neben meinem „Öhrlein“, meinem über
alles geliebten Hasen auf. Zunächst war Herzekind kleiner als Öhrlein, doch irgendwann hatte er ihn nicht
nur eingeholt, sondern übertroffen an Größe und Gewicht und wenn ich „Öhrlein, Herzekind“ rief, kamen
beide angerast, den langen Gang bei meiner Pflegemutter in die Küche, um sich ihr sehr unterschiedliches
„Leckerlie“ abzuholen.
Beide waren Traumtiere und gehorchten mir aufs Wort. Öhrlein hatte ich als einen „verhaltensgestörten“
Hasen bekommen. Wenn ich ihm anfangs Futter geben wollte, so sprang er mich an und kratzte. Doch
schon nach wenigen Wochen wurde er zahm und ungeheuer liebevoll, sogar verständnisvoll, ich glaube,
ich habe niemals in meinem Leben einen solchen Hasen erlebt und unter meiner Obhut gehabt, reich an
Klugheit, Wachheit, fast schon Weisheit, soweit bei einem Hasen davon gesprochen werden kann, um
menschliche Begriffe zu gebrauchen und nicht nur er schlief in meinem Bett und sollte dem Ruf als
„Nachttier und Nager“ der Lüge strafen, sondern mein Herzekind lag jede Nacht auf meinem Kopfkissen.
Das Pfötchen auf meiner Wange.
Und diese zwei treuen Begleiter sollten nicht die einzigen Tiere in diesen Jahren sein und bleiben.
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Ich hatte noch einige Kanarienvögel, die sich vermehrten wie die Liebe, wenn wir sie verschenken, wir
werden nicht ärmer, sondern reicher dadurch. Einer von ihnen war in der Lage, meinen Handyklingelton
zu imitieren, was mich oftmals zur Verzweiflung brachte, da ich mein Handy heraussuchte um
festzustellen, dass niemand angerufen hatte. Sie alle durften frei im Zimmer herumfliegen und waren der
ständigen Gefahr ausgesetzt, von Herzekind gefangen zu werden. Aber das Glück war uns allen hold. In
diesen zwei Jahren, in denen mir mein Kater meinen Alltag ungeheuer bereicherte, wurde niemandem
etwas zu Leide getan und auch mein kleiner Albino „Pflegefall“, mein Sorgenkind, das wir täglich
mehrmals mit Hand füttern mussten, sollte verschont bleiben und auch wenn er nicht fliegen konnte und
mit Öhrlein zusammen am Boden herumtapste, um ihn immer wieder an seiner Blume pickend zu necken,
Herzekind erkannte wohl sein schweres Schicksal und ließ ihn gewähren.

Im Grunde hatte ich mir eine Katze und einen Hund gewünscht, doch meine Möglichkeiten waren
begrenzt, sowohl in finanzieller, als auch zeitlicher Hinsicht und doch hatte Gott wieder einmal ein
Einsehen und schenkte mir in Herzekind beides: Ich fuhr nun jeden Morgen in den Wald und ging
stundenlang mit ihm spazieren, er folgte mir wie ein Hund und nur, wenn er Hunde sah, wurde er
ängstlicher, kam zu mir und ich nahm ihn auf den Arm, um ihn dann wieder frei hinter oder neben mir her
spazieren zu lassen.
Ein unglaubliches Tier, mit ebensolchen Augen, einem unvergleichlichem Wesen, hatte mir Herzekind
mitunter die schönsten Jahre meines Lebens ermöglicht, auf so wunderbare Weise, wie ich ihn bekommen
habe.
Zwei weitere Tiererlebnisse sollten meine ganze Aufmerksamkeit fordern. Wie ich erwähnte, haben wir
in meinem Garten ein großes Freigehege gebaut als neue Heimat für Öhrlein, weil er mir auch unzählige
Kabel und Bücher in meiner Wohnung durchknabberte. Ich wollte ihn dort nicht alleine lassen und suchte
in der Zeitung nach einer Häsin, wieder einen Widder, wie ich sie tierisch, aber nicht unbedingt
menschlich liebte. Und ich fand sie, holte sie in einem Karton ab und sollte wenige Tage später mein
„blaues, unerwartetes, weil nicht angekündigtes Wunder“ erleben, als ich Sina, so hieß das Prachtstück,
nicht nur Fell ausrupfen sah, sondern meinen Augen nicht traute, als ich an einem schönen Morgen in den
Stall und drei winzige weitere Wollknäule sah, die sich im Stroh versteckten.
Ich war fassungslos, denn nun hatte ich, mit dem Neuzugang Maxi, einem wachen, liebenswerten
Meerschweinchen, 10 Tiere zu versorgen, nicht nur mit Futter, sondern mit meiner ganzen Liebe und
Fürsorge, vor allem Aufmerksamkeit, neben der umfangreichen Nachhilfetätigkeit auch gerade mit
Oberstufenschülern, die viel Vorbereitungszeit bedurfte, neben meinem Fernstudium, dem großen Garten
und dem Hausumbau, neben meiner Sammlerleidenschaft für Hörbücher und Opern- Theaterbesuchen,
meinen Reisen nach Berlin und Prag, vor allem nach Österreich mit Hermann, obwohl sie in jenen Jahren
250

an Summe abnahmen, neben dem Portraitieren und der Hilfe am Buch meines besten
Schriftstellerfreundes und nicht zuletzt meinen regelmäßigen Schwimm- und Saunagängen.

Kurzum, ich war zu beschäftigt, in Leidenschaft und Verantwortung, um mich düsteren Gedanken und
Gefühlen hinzugeben, auch wenn sie mich in manchen Stunden einzuholen versuchten, um nicht locker
zu lassen, meine Seele zu ermatten. Nein, ich ließ mich nicht einholen und jeden Morgen brachte ich nun
mein Herzekind in den Garten, ging mit ihm zunächst bis zu zwei Stunden spazieren, ich fütterte die
Hasen und werkelte am Haus, um anschließend zu meinem Unterricht zu fahren und in der Dunkelheit
meinen Kater wieder abzuholen. Er hatte ein Glöckchen um den Hals, so konnte ich ihn immer sofort
hören und wenn ich nur seinen Namen rief, klingelte es mir aus irgendeinem Gestrüpp entgegen und er
war selig, wieder bei mir sein zu dürfen. Im Auto legte er sich auf das Armaturenbrett, denn er genoss das
Autofahren ungeheuer, um sich als Prinz, denn von dieser, seiner Abstammung war er überzeugt, von mir
nach Hause kutschieren zu lassen und ein reichhaltiges Mal einzunehmen.

Ein weiteres Erlebnis neben meinem Hasenzuwachs in Unkenntnis war eine unverantwortliche Mutter –
nämlich Vogelmutter, deren Babys gerade geschlüpft waren, nackt und bloß im Nest lagen, um ihre
übergroßen Schnäbel unentwegt schreiend ihrer Mutter entgegen zu strecken und sie, durch unsere
Unachtsamkeit, einfach aus der Balkontüre davonflog…
Es war der 1. Mai 2005 und ich wollte an jenem Tag zum Bodensee fahren, um einer Maifeier
beizuwohnen, auch meine Mutter zu sehen, als ich noch kurz vor der Abreise das Kanarienvogelnest von
der Gardinenstange herunter, meine zwei kleinen nackten Vögelchen aus demselben herausnahm, weil die
Vogelmutter davongeflogen war. Die winzigen Vögelchen klebten mit ihrem eigenen Kot am Nest fest und
ich versuchte sie davon zu befreien, während einer von ihnen in meinen Händen starb und ich zu weinen
begann. Ich fühlte mich schuldig weil ich dieses Unglück im Grunde durch Unachtsamkeit selber
heraufbeschworen hatte. Ich begab mich dennoch auf die Reise und hatte beide Vögelchen, den
Verstorbenen und den zumindest zunächst Überlebenden unentwegt in meinem Bewusstsein.

Als ich am folgenden Tag nach Stuttgart zurückkehrte, lebte mein kleines Vögelchen noch und das war
meine größte Überraschung. Wir nannten es unser „Adlerauge“ und nun folgte ein strenger Rhythmus, in
dem einer von uns alle zwei Stunden in die Wohnung zurückkehrte, um Adlerauge zu füttern und wenn
wir nur die Wohnungstüre aufschlossen, so sperrte er schon hellsichtig, weil weit entfernt von der Türe,
seinen großen Schnabel auf, um seinen ebenso großen Hunger kundzutun.
251

Ein weiteres Erlebnis, bevor meine Tierbeschreibungen mit Herzekinds und Öhrleins Tod enden werden,
hatte ich mit meinem überaus zutraulichen Kanarienvogel „Tschiebschen“, über den ich schon
geschrieben habe. Wegen ihm war ich von der Ostsee und meinem Arzt, ferner meines
Hamburgaufenthaltes zurückgekehrt, er folgte mir auf den Fuß und lief interessiert durch meinen
Essensteller um zu sehen, dass ich auch wertvolle und gute Nahrung zu mir nahm:
Ich hatte ihm ein Weibchen gekauft, die Mutter meines Adlerauges und als er auf jene Brautschau ging,
die Braut, welche einen anderen Käfig bewohnte, dessen beide Türen offenstanden, stolperte er über
verschiedene Hindernisse, um doch schließlich in ihren Käfig zu gelangen. Endlich saß er auf einer
Stange mit ihr, begutachte sie ausführlich und er bemerkte zunächst nicht mein langes, blondes Haar, in
dem sich sein Füßchen verfangen hatte und wie es der skurrile Umstand wollte, versuchte er, als er es
wahrnahm, das Haar los zu werden, derweil er kopfüber nach unten flog. Aufgehängt und fast erhängt an
meinem blonden Haar, um dort zu baumeln, mit dem Kopf nach unten. Sie dagegen saß auf der Stange
um seinem seltsamen Bräutigamsgebaren zuzusehen, wohl in der inneren Überzeugung, dass jener
Tollpatsch wohl nicht als der Vater ihrer Kinder in spe in Frage kommen würde.
Zum Glück war ich zu jenem Zeitpunkt zu Hause und Zeuge dieser überaus seltsamen und seltenen
Bewerbungsbrautschau, so konnte ich ihn von meinem eigenen Haar befreien und ihm seine Freiheit
zurückgeben. Dies alles begleitet von schallendem Gelächter verschiedener Menschen, die diesem
Schauspiel beiwohnten. Wäre ich zu jenem Zeitpunkt nicht in der Wohnung gewesen, mein treuer
Gefährte wäre wohl mit dem Kopf nach unten, aufgehängt an meinem eigenen Haar, jämmerlich
verendet.

So nahte mein Geburtstag des Jahres 2005 und ich fuhr mit Benny nach Ravensburg, um mir ein neues
Auto zu kaufen, einen Toyota Starlet, - nicht klein zu bekommen, unzerstörbar, - den mir Benny am 25.
August anmeldete, um ihn mir, mit einer großen, gewaltigen Schleife, am 26. August, am Ende meines
30. Lebensjahres zu schenken. Vor den Augen vieler Freunde, meiner Mutter, meiner Großeltern, die
angereist waren, um mein neues Lebensjahr in meinem erarbeiteten Garten und allem weiteren mit mir zu
begrüßen, fast drei Jahre vor meinem anstehenden Untergang im Jahr 2008.

Ich stand, wie ich es fühlte, geheimnisvoll mit dem Weltenlauf im Einklang, und doch konnte ich nicht
behaupten, dass die Formen meiner Entwicklung symbolisch die Lebensalter spiegelten und dass der
Rhythmus meines Denken gewissermaßen organisch der Lebenstemperatur meines Blutes entsprach:
Ich war weder als Kind sorglos und ausgelassen, noch als Jugendlicher überschwänglich und feurig, im
Sinne „was kostet die Welt“, noch konnte meine Umwelt weder in meinem Aussehen mein Alter
festmachen, noch in meinem Verhalten, das sehr unterschiedliche Formen und Erscheinungen zeigte, von
252

kindlichem Gebaren über jugendliche Ausgelassenheit bis zum „Pferdestehlen“ und „überreifem“
Verhalten und Aussagen, wie ich sie sogar schon als 9 jährige hochachtungsvoll zu hören bekam: „Du
bist schon so klug und weise.“
Ein Chamäleon also in jeder Hinsicht, denn auch meine äußere Hülle, mein Gesicht, ist für meine Umwelt
in kein Lebensalter zu pressen. Vor wenigen Wochen wurde ich von einer Ärztin nach meinem Alter
gefragt und sie fiel aus allen Wolken, als ich ihr sagte, ich trete in Kürze in mein vierzigstes Lebensjahr
und sie bezeichnete mein Gesicht als „zeitlos“. Ebenso konnte ich meine Musiktherapeutin vor drei
Jahren zunächst hinters Licht führen auf ihre Frage, wie alt ich sei und ließ sie in ihrem selbstgeschätzten
Glauben, ich sei gerade mit Mühe und Not 25 Jahre alt geworden.
So sehe ich mein 33. Lebensjahr heute als Grenzlinie, an der sich durch jene Zerstörung in der Klinik
durch das Tavor, das jede Entwicklung, wie es auch Markus beschrieb, stagnieren lässt, zwei menschlich
völlig konträre Tendenzen trafen und gewissermaßen zusammenprallen mussten, wobei sich die zweite
Eigenschaft erst im Jahr 2013 zeigen sollte: Habe ich durch „jungfräuliche Seelenreinigung“ zu immer
fülligerer Bindung meines Wesens gestrebt, alles in Ordnung, Reinheit, Sauberkeit, sowohl in meinem
Inneren, als auch im Außen zu halten, so wurde ich nun durch unzählige weitere Schicksalsschläge nach
der Folterung über fast drei Jahre zur inneren und äußeren Auflösung, zur Zerstreuung in zentrifugaler
Ausrichtung, sogar zur Selbstaufgabe gedrängt, indem massiv und unausweichlich bedrängt.
Und trotzdem ich mich heute, zehn Jahre nach dem Beginn meiner produktivsten Zeit, außer meiner
Kindheit, in einem Art permanenten Betäubungszustand auch durch Alkoholeinfluss befinde, in dem mir
sogar das Zeit- und Raumgefühl abhanden kommt und einer seltsamen, nie vorhanden gewesenen
Gleichgültigkeit gegenüber mir selber und meiner Umwelt weicht, fühle ich dennoch in mir eine tiefe
Traurigkeit gegenüber dem Verlust meines ungeheuren inneren Reichtums, den ich mir selbstständig,
intuitiv, seit meiner Kindheit erarbeitet hatte.

Und nun musste ich im Jahr 2014 eine eindeutig rückläufige Entwicklung und Bewegung feststellen und
festmachen, die keine Verwandlungen nach vorne mehr zulassen, trotzdem ich in all den Entzugsjahren
meine letzten und allerletzten Kräfte zum Einsatz brachte.
So verbleibt mir nur noch, die letzten zwei Entzugsjahre bis zum Jahr 2014 zu beschreiben in der
Hoffnung, dass alle Bemühungen und Anstrengungen aus einer lauteren Seelenstimmung, im Dienste der
Menschheit und der Welt in der Weise im Weltenäther nicht verloren gehen und dass nicht das glänzende
Ziel allein entscheidet, das möglicherweise nur Trug und Schein ist, sondern der mühsame, steinige Weg
und der Überwindung aller Hindernisse, auch wenn sie für das irdische Auge und seine Beurteilung – und
Verurteilung nicht sichtbar sein mögen.
253

Und wie in dem Divan Gedicht von unserem großen Goethe mag die Welt in Nacht und Licht zerfallen,
gleichwohl als ich es in dem zerreißenden Kontrast meines Lebens und Wirkens versuchte zu
beschreiben, ehe die Morgenröte „sich der Qual erbarme“, ehe ein Mittler beider Sphären erscheint um
ein flüchtig, aber seliges Band erstehen zu lassen, denn spiegelt nicht die höhere die niedere Welt und
jene wieder die erhobene?
254

Kapitel: Schleudertrauma, Beginn der Schluckstörung, Hubschrauber im Wald und Einweisung

Verzweiflung befällt zwangsläufig die, deren Seele aus dem Gleichgewicht ist.

Marc Aurel

2012 - 2014

„Auch Kleist hat nie die Meilenzeiger an den Straßen gesehen: kaum dass er recht die Augen aufschlug
in all den Städten, durch die er gefahren ist. Sein ganzes Leben ist ein einziges Flüchten vor dem
Abgrund, ein einziges Zurennen gegen die Tiefe, eine entsetzliche, qualvolle Jagt mit keuchenden Lungen
und gepresstem Herzen. Darum jener herrlich – entsetzliche Jubelschrei, als er endlich, der Qual müde,
sich freiwillig in die Tiefe wirft.―
Stefan Zweig

Nun hatte das neue Jahr 2012 seine Augen für wenige Stunden erst geöffnet, als mich am ersten Januar
eine Kurznachricht meiner Ärztin erreichte, die mir ein gutes, kraftvolles neues Jahr wünschte mit dem
Zusatz, jedes neue Jahr würde neue Chancen und Möglichkeiten bereit halten.
Ja, das hoffte auch ich, denn im Grunde hatte ich mich am Anfang des letzten Jahres innerlich und
äußerlich auf einem aufsteigenden Ast befunden, der allerdings durch Schicksalsschläge und
Anfeindungen nach der Begebenheit mit dem Nachhilfevater in jäher Kurve am Ende des Jahres in die
Tiefe stürzte.
Doch noch konnte ich nicht ahnen, dass jene Tiefe mich noch tiefer in den Hades führen sollte. Hatte ich
mich im beginnenden Jahr mehr oder weniger im Vorhof des Purgatoriums befunden, so sollte ich
tatsächlich noch weiter hinein geführt werden und ich möchte Schritt für Schritt diesen Stoß in den
Abgrund beschreiben, den ich nicht selber vollführte, ich wurde gestoßen, von bekannten und
unbekannten Händen und Kräften.
Aber jene Nachricht meiner Ärztin erfüllte mich mit tiefer Dankbarkeit, da ich in den Weihnachtstagen
des zur Neige gehenden Jahres 11 doch sehr mit mir gezürnt, gerungen und mit meinem Schicksal
gehadert hatte aufgrund ihrer Forderung: „Ich erwarte, dass Sie sich vom Suizid distanzieren“, als wenn
das so einfach ginge, als würde ich diesem Dämon, wie ihn viele Menschen sehen wollen, freiwillig und
absichtlich die Hand reichen.
Nein, ich war durch die langjährige Folter ausgehöhlt und gleichermaßen ausgebrannt durch die letzten,
sehr schweren Jahre, in denen es mir unmöglich gemacht wurde, auch nur ein einziges Mal Luft zu holen,
eine Pause einzulegen, nicht einmal dann, wenn der Schlaf unter normalen Umständen mütterlich sein
sanftes Tuch des Vergessens über uns breitet. Nein, nicht einmal in der Nacht durfte ich verschnaufen und
255

während mir der Suizid in dunkler Gestalt unentwegt auf den Fersen folgte, versuchte ich, gleich einem
Hasen, ihm im Zickzack auszuweichen, doch meine Muskeln versagten und wieder schwang er sein
Lasso, um mich für immer einzufangen. Aufgrund ihrer haltlosen und sinnlosen Forderung fühlte ich
mich in diesen Tagen als Schwerverbrecher, der zumindest am ersten Januar für kurze Zeit aus seinem
Kerker zur Sonne geführt werden sollte. Aber das hatte sie offenbar gewollt, dass sich die Schuld auf
mich verlagert, denn hätte ich mich umgebracht, wäre sie selber die Zielscheibe möglicherweise auch für
ihr eigene Gewissen geworden.

In den ersten Monaten des neuen Jahres geschah nichts Erwähnenswertes, ich hatte den Schock meiner
Einweisung nahezu überwunden, unterrichtete nun insgesamt 12 Kinder an sieben Wochentagen mit
jeweils einer Doppelnachhilfe von insgesamt bis zu sechs Stunden und mein Unterricht sollte große
Erfolge hinsichtlich sehr guter Noten bei meinen Schülern hervorbringen.
Ende Februar besuchte ich mit David meinen Bruder am Bodensee im Rahmen einer schamanistischen
Sitzung, mit einigen hellsichtigen Menschen, die von einem Menschenkreis für mich und mein Überleben
zusammen gerufen wurde.
Ich blieb fast eine ganze Woche bei Johannes und seinen Kindern und erinnere noch die schönen Stunden
auf dem Heuboden, als ich ihnen stundenlang auswendig, weil inwendig Geschichten, Märchen,
Erzählungen, Sagen, Legenden erzählte, oder ihnen vorsang, neben uns winzige neugeborene Kätzchen,
um mich spätnachts mit David in unseren Bauwagen zurück zu ziehen, er schlief in der Hängematte
schlief und ich rollte mich gemütlich zwischen Fellen und Decken zusammen.

Was auch immer nun für dunkle Mächte daran arbeiteten, mir im Untergrund die Wurzeln zu
durchtrennen, die mich gleichzeitig von lebensnotwendigem Wasser abtrennten, eines war sicher: sie
ließen nicht locker und suchten jede winzige Möglichkeit unermüdlich mit ihrer sägenden Tätigkeit
fortzufahren.
Ihre ersten weiteren „Erfolge“ sollten sich im März zeigen. Lothar, der Physiker hatte mich auf ein „Kart
– Rennen“ mitgenommen und meine innere Sicherheit und Gewissheit, einer der besten und schnellsten
Autofahrer zu sein erhielt, - wie ich und mein kleines Auto, - erhebliche Schrammen.
Ich bin zwar ein sicherer und vorausschauender Autofahrer, der in sekundenschnelle über alles orientiert
ist, alles wahrzunehmen in der Lage, durch ein herausragendes Reaktionsvermögen begabt, wie es mir
auch meine Mutter bescheinigte, die niemals ohne Angst in fremden Autos als Beifahrer mitfahren
konnte, nur bei mir, doch diesen rücksichtslosen Kampf konnte ich die Stirn nicht bieten.
Der Kampf zum Sieger folgte zudem mit einem Auto ohne „Servolenkung“. Ich hatte gewaltige Mühe,
das Lenkrad in den Kurven in die richtige Position zu bringen.
256

Auf Kosten der Mitfahrer und der eigenen Sicherheit wurde nicht nur rücksichtslos gefahren, sondern
gerade dem Schwächsten, der einzigen Frau, nämlich mir mehrmals von hinten so massiv in mein Auto
gefahren. Ich konnte den Kopf nicht halten und glaubte, er würde mir vom Hals gerissen, sodass ich
mitten auf der Fahrbahn ausstieg, mein Auto stehen ließ und mit einigen Schleudertraumata und
Schmerzen, wie gelähmt, mit nasser Hose, ohne es zunächst zu bemerken, das Gelände verließ.
Kurze Zeit später wurde ich von Lothar in einer Suchaktion von zwanzig männlichen Wesen in einem
Restaurant, aufgestöbert. Sie waren unsagbar erleichtert, mich gefunden zu haben um mir zu bestätigen,
sie haben das mehrmalige Angefahren - Werden meines Autos mit Schrecken beobachtet und gewusst,
dass es wohl für mich physische Folgen haben würde.
Es hatte Folgen, erhebliche sogar und erst jetzt beim Schreiben wird mir deutlich, dass wohl an jenem
Tag, nach Aussage eines Kieferspezialisten, der Keim für meine Schluckstörung gelegt wurde, die mir
kurze Zeit später nicht mehr erlauben sollte, Nahrung und Flüssigkeit aufzunehmen. Er sagte mir, dass
durch ein Schädel – Hirn Trauma wohl der Schlucknerv eingeklemmt wurde, doch ihm war mein „Fall“
zu komplex und gewaltig, als dass er es sich zugetraut hätte, mir in irgendeiner Form zu helfen wieder
schlucken zu können.
Jener März war der Anfang der Abwärtsfahrt und hätte ich damals geahnt, was mich noch erwarten sollte,
auch durch den Inhalt des Verlauf der überaus infamen Prozessgestaltung der Gegenseite, den ich gegen
die Stuttgarter Klinik führte, ich wäre wohl nicht mehr in Hasengestalt im Zickzack dem unbekannten
Wesen in dunkler Gestalt, mit nachlassender Muskelkraft davongelaufen, denn auch jener Tag des
Kartfahrens hatte meine Muskeln in der Weise attackiert, dass ich beim Laufen bis zum heutigen Tage
unentwegt einbreche und ohne stützende Hilfe sogar auf der Erde lande.

Nun begannen intensive Vorbereitungen für meinen Gerichtstermin, der am 9. Mai 12 stattfinden sollte,
weil ich Klage erhoben hatte gegen die Misshandlungen in der Stuttgarter Klinik bezüglich der
Überdosierung des Tavors, welche mein Anwalt in einer umfassenden, gut strukturierten und klaren
Klageschrift mit der Schmerzensgeldforderung von 100 000.- Euro festsetzte. Er schickte mir die gesamte
Akte der 15 Monate meiner Gefangenschaft in der Psychiatrie als Kopie und David fertigte eine
Tavorkurve an, in dem er jeden Tag genau studierte und im Computer als Graphik festhielt, die eindeutig
belegte, dass die Standarddosis eines jeden Tages sich in ultimativen Höhen von 8 mg bewegte.
Im August 08 bewegte sie sich in ultimativen Höhen von fast 11 mg.
Ich selber recherchierte im Internet alle Möglichkeiten der Beweisführung, die jenes Verbrechen besser
verdeutlichen konnten. Eine Freundin schickte mir einen Artikel aus dem „Spiegel“, der von einem Arzt
Dr. Möbius verfasst und das Ende des Politikers Uwe Barschel beschrieb, der Tavor eigenständig gegen
seine Flugangst einnahm und auf seiner letzten Wahlrede mit „Wortfindungsstörungen und
257

Silbenschleifen“ zu kämpfen hatte. Möbius brachte sie eindeutig mit der „Überdosierung“ des
Medikaments Tavor in Verbindung, das Barschel an jenen Tagen bis zu 10 mg eingenommen hatte. Sein
Tod ist bis heute nicht geklärt und ich, als Betroffener und Mitverfolger und Zeuge von weiteren
„Todesfällen“ durch Suizid meiner Freunde durch dieses Medikament, weiß und wusste damals sehr
genau, dass Barschels Tod kein Mord, sondern Eigenmord gewesen, da er aus dem Teufelskreis, in den er
sich selber begeben, der immer weitere und höhere Dosen vom Tavor benötigte, um dieselbe Wirkung zu
erhalten, nicht mehr eigenständig herauszufinden wusste. Wie auch.
Ich habe es zwar geschafft, mich über drei Jahre davon vollständig zu distanzieren, aber nicht vom Suizid,
weil jene Folterjahr zu grausam waren und ihre Spuren bis zum heutigen Tage zeigen. Möglicherweise
mögen die größten Entzugsphänomene abgeklungen sein, aber die Schlaflosigkeit ist geblieben und wohl
die psychische Abhängigkeit, die ebenso grausam sich zeigt, als die physische.
Eine gute Freundin von mir, auch Waldorfschülerin und Patientin meines Arztes berichtete mir, dass sie
Tavor einst nur über zwei Wochen bekommen habe, ein einziges Milligramm alle zwei bis drei Tage,
aber sie habe ganze neun Jahre gebraucht um psychisch davon loszukommen, als sie Tavor immer als
„Sicherheit“ in ihrer Tasche trug. Heute ist sie von seiner „Nichte“ abhängig, dem Zopiklon zum
Schlafen, das mir in der Uniklinik noch verabreicht wurde, wie ich es beschrieb, zeitgleich meines
Entzuges.

Was möchte ein Einzelner also von dieser Menschheit erwarten, die nicht einmal in der Lage ist, im
Zeitalter angeblich „höchster technischer und medizinischer Technologie“ und angeblichem Fortschritt,
das sehr komplexe Kiefergelenkt umfassend zu durchschauen und es zu heilen, oder wenigstens zu
bessern, die erst vor 200 Jahren Kalifornien „entdeckte“ im Zustand des Brachlandes? Wie kann diese
Menschheit sich anmaßen zu wissen, was im Gehirnstoffwechsel von „Individuen“ geschieht mit diesen
Teufelsmedikamenten, denn ein Individuum unterliegt der „Einzigartigkeit“ und das bedeutet, dass jeder
Mensch anders reagiert, auch wenn einige Probanden, im übrigen sind das immer starke, männliche
Wesen, wie es mir ein Rechtsanwalt sagte, ähnlich reagierten, wenn überhaupt reagierten? Hat irgendein
Arzt je die Seele entdeckt, auch wenn er noch soviele Organe des Menschen zu entnehmen wusste? Hat er
je selber diese Mördermittel geschluckt?
!
Wie kann er sich also anmaßen, eine Seele, eine Psyche zu verstehen, oder gar heilen zu wollen, indem er
ihr mit „scharfen Sachen“ ihr letztes Geheimnis zu entreißen versucht?
Hätte ich damals meine heutigen Kenntnisse, Erkenntnisse und Erfahrungen gehabt, niemals im Leben
wäre ich aus meinem Schneckenhaus gekrochen um einen Arzt aufzusuchen, eine Klinik, denn immer hat
es sich bestätigt, dass jene Neunmalklugen in Weiß mein Leben nur noch ungleich schwerer, ja sogar
258

absolut un– lebenswert, unerträglich gemacht haben, um es nicht nur vollständig zu zerstören, sondern
mich auch in den endgültigen Untergang zu treiben. -
Doch zu jenem Zeitpunkt glaubte ich noch an diese Menschheit, glaubte ich noch an die irdische
Gerechtigkeit, an die Wahrheit, von welcher ich glaubte, sie würde siegen, glaubte an mein eigenes,
individuelles Menschenrecht, meine Menschenwürde und so ging ich mit innerer Sicherheit dem
Prozesstag entgegen, um auch meine Ärztin zu bitten, ihm beizuwohnen, weil es mir innere und äußere
Sicherheit gegeben hätte, zumal sie an dem ganzen Verlauf nicht unbeteiligt. Sie war sogar Wurzel und
Ursprung gewesen, zunächst noch ohne scheinbare schuldhafte Komponente, obwohl sie ihre Checkliste
nicht abarbeitete, die Ausschlussdiagnostik unterließ, aber in ihren Augen war meine Einweisung, auch
zweimalig, wohl unumgänglich. Auch wenn ein „so schwerer und komplexer Fall“, der angeblich sogar
eine „Fremdgefährdung von Anfang an“ darstellte, um diese „Gefahr“ auf zwei Reisen in die Türkei und
nach Österreich bedenkenlos nach dem ersten Aufenthalt zu entlassen, einer zweiten Einweisung wohl
nicht bedurft hätte, da ich auf meinen Reisen weder mich, noch andere umgebracht hatte.

Ja, es hätte mir viel bedeutet, wäre gerade sie am Tages des „irdischen Gerichtes“, dabei gewesen und
hätte sie mir damals die Wahrheit gesagt, dass es für sie zu belastend sei, weil möglicherweise auch mit
eigener Schuld verknüpft, oder dass sie Angst habe davor sie könne zur Rechenschaft gezogen werden, so
hätte ich es verstanden und nie wieder daran gerührt. Aber ich fühlte ein diffuses, undefinierbares
Konglomerat von unwahren Ausflüchten, das mich zerstreute, diffusierte und so wurde mein „Gezerre“
für beide eine ungeheure Anstrengung, die schließlich in einer Nacht des zumindest äußerlichen
Abstoßens meiner Person, in einer Nacht im April, zwei Wochen vor meinem Gerichtstermin, sein Ende
fand.
Ein Sich – Wehren aus eigener Schuld kostet ungeheure Kräfte, auch ein Aufrechterhalten einer
seelischen Mauer, die vom „Feinde“ zu bersten droht, während die Wahrheit erlöst und befreit,
entkrampft und Kräfte spart, sie sogar anreichert und bereichert und entfesselt.

Möglicherweise wäre meiner Ärztin und mir an jenem 26. April 12 vieles erspart geblieben an
erschöpfenden Diskussionen, an erneuter Einweisung in die Psychiatrie, an weiteren Kräfteeinbrüchen,
hätte sie mir einfach gesagt, sie könne nicht mitkommen, ich solle es verstehen, auch wenn sie mir nicht
die Gründe sagen konnte, anstatt vorzugeben, 18 Patienten an diesem Mittwoch den 9. Mai zu betreuen zu
haben, die alle wichtiger waren als mein Gerichtstermin, der für mich eine gewaltige Herausforderung
darstellte, - als sich meiner Person wieder einmal und in Zukunft immer wieder auf unsichtbarem Wege
zu entledigen und sogar meinen Gerichtstermin damit zu gefährden.
259

Denn mein Psychiater, der ganz sicher an jenem Tag auch viele Patienten in seinem Terminkalender
stehen hatte, schloss seine Praxis, um mich auf diesem schweren Gang zu begleiten, mir innerlich und
äußerlich beizustehen, obwohl er mit keiner Silbe hinsichtlich eigener möglicher Schuld an meinem
anstehenden Untergang durch den medikamentösen Missbrauch in der Stuttgarter Klinikaufenthalt
beteiligt war – oder gerade deswegen.
Meine Ärztin empfand wohl oft, wie ich es beschrieb, ich würde Übermenschliches von ihr erwarten und
verlangen, - nein, das war es niemals und das kann ich mit ganzer Aufrichtigkeit bekennen, denn das
Wort „Rücksicht“ hatte ich seit meiner Kindheit übergroß auf meine Lebensfahne geschrieben und ich
sollte sogar immer wieder „Mahnungen“ erhalten, mich doch zu melden, wenn ich etwas brauche, gerade
in den Kliniken, oder klingeln, wenn es mir schlecht geht. Ich versuchte unentwegt abzutasten, die
Situation, die Seelen meiner Mitmenschen zu scannen, mitzuschwingen mit der Energie zwischen uns,
um dann den richtigen Moment abzupassen, meine Bitte, meinen möglichen Wunsch oder Frage,
vorzubringen. Und das war möglicherweise auch der Grund meines „enorm hohen Sympathiefaktors“ und
sogar der Grund von Neid und Missgunst zweier Pfleger in München, die mir zu verstehen gaben, dass es
unüblich sei, dass sowohl der Stationsleiter, als auch meine Bezugsschwester, meine Musiktherapeutin
und sogar eine Ärztin mit mir Essen, ins Theater, Konzert, oder Oper gingen.

Meine „Penetranz“, die sich auch zu Wort melden kann, meldet sich nahezu ausschließlich, auch mir
selber gegenüber, wenn sie Unwahrhaftigkeit nicht nur wittert, sondern sieht, mit dem seelischen und dem
physischen Auge, auch und gerade in Kombination mit dem Ignorieren meiner Person, mit Schweigen
und seelisch – geistiger – verbaler Unordnung und Unsauberkeit, gerade wenn eine menschliche Situation
ins Diffuse abgleitet. Wenn die Aussagen nach Verdrehung schmeckten und ich alle Hebel in Bewegung
setze, um wieder zu meiner klaren, mathematischen, linearen, schöpferischen, weil keine Unruhe
erzeugenden Kommunikation und damit Seelenreinigung zurückkehren kann. Und so möchte ich eine
solche Situation herausgreifen, um daran das Gesagte und meine Beziehung zu meiner Ärztin zu
verdeutlichen, ohne Zeigefinger in irgendeine Richtung, nur eine Beschreibung solcher Situationen, die
einzig in der Lage waren, mir mein eigenes Leben aus den Händen zu reißen.
Was die Essenz meines Überlebens ausmachte, war weder Nahrung, wie es sich in diesem Jahr zeigen
sollte und seit drei Tagen lebe ich vollkommen ohne dieselbe und sogar ohne Flüssigkeit, noch Schlaf, es
war Wahrhaftigkeit in der menschlichen Begegnung. Ein einziges tragendes Wort, eine Geste, ein Blick,
eine aufrichtige, stützende Kurznachricht. All diese Qualitäten bildeten für mich den Lebenselixier und
nur das suchte ich und nur durch diese Zuwendungen konnte im letzten Moment mein Lebensschiff
immer wieder vor dem Zerschellen an harter Felswand gerettet werden.
260

Und möglicherweise war ich ein Leben lang auf der Suche nach diesen Perlen, um die Menschen, gerade
durch meine komplexen Erkrankungen, aber auch durch meine Liebe, meine Wahrhaftigkeit, vor schwere
Prüfungen zu stellen, an denen sie vor die Wahl zwischen Gut und Böse gestellt, eben einer guten, oder
schlechten Kraft und Macht die Hand zu reichen, um selber, wie er sagte, durch meine Liebe, mein
Vorbild mitzuwachsen, oder diese Liebe und Wahrhaftigkeit zu zerstören, damit sie für die Welt
wirkungslos werde. So sagten es ein Priester und ein Hellseher in ähnlichen Worten.

Das ganze Kapitel der „Depression“ habe ich nur der Aussage von Frau Gabriel „zu verdanken“: „Ich
erwarte, dass Sie sich vom Suizid distanzieren.“ Einer unsensiblen, untherapeutischen, weil nicht zu
erfüllenden Forderung, wie ich es durch die Aussage einer Internistin schon beschrieben habe.
Jene Kurznachricht stürzte mich damals in tiefe Verzweiflungszustände und so habe ich meinen
Schicksalsmächten, so hart sie mir das Allerschlimmste und Unertragbarste dieser Welt zumuten, so habe
ich meinen Begleitern zu danken, dass sie mich in jenen Tagen nicht aus den Augen ließen, um gerade
das Kapitel schreiben zu können.

Ich hatte schon beschrieben, dass sich David im ausgehenden Jahr 2011 in zunehmendem Umfang und
Ausmaß immer schlechter mit meiner Pflegemutter verstand auch aufgrund ihrer Strukturlosigkeit, ihrem
Chaos, das an einen „Messi“ Charakter erinnert und so sehe ich mich an jenem 25. April 12 mit David
diskutierend durch den Wald laufen, während meine Muskeln lieber das Zeitliche segnen wollten
aufgrund zunehmender Schwäche und Erschöpfung und ich versuchte unentwegt ihm zu verdeutlichen,
dass sich alle Menschen um mich herum zu bemühen versuchen, auch wenn es den Anschein haben mag,
es gelänge nicht. Doch dieses Mal sollte es mir nicht gelingen, ihn zu überzeugen und sein Gesicht
verfinsterte sich in zunehmendem Maße, wie sich der Tag verfinsterte und sich seinem Ende zuneigte und
ich nur die Stille, die Ruhe, die Einsamkeit vor derlei menschlicher Niedertracht und Zwietracht suchte,
um sie schließlich auch finden zu dürfen.
David verließ mich still und heimlich, wie er es oft getan nach Überforderung, weil sein überaus groß
angelegtes Verantwortungsgefühl auch ihn verlässt, sobald ihm etwas in noch so geringer Ausprägung zu
anstrengend wird. Dabei zeigte es sich in all den Jahren, dass nie ich es gewesen bin, die seine
Überforderungszustände erzeugte, sondern nur und ausschließlich meine Umgebung, jene Menschen, von
denen ich in ebenso zunehmendem Umfang abhängig sein und werden sollte.
Jahre später sagte mir ein Hellseher: „Du hattest leider das Pech, nur dumme und doofe Menschen um
dich gehabt zu haben.―
261

Ich lag nun in der Finsternis und Stille im Wald und fühlte mich weder einsam, eher verlassen im
wahrsten Sinne des Wortes, noch hatte ich Angst, im Gegenteil. Ich genoss das Schweigen des Waldes,
der Natur, der Tiere unsagbar und richtete meinen Blick zum Sternenzelt. Es war eine sternklare Nacht
und ich begann zu beten, endlich erlöst zu werden in irgendeiner Form, ich betete darum, ein einziges
Mal ausatmen zu dürfen, eine einzige Nacht schlafen zu können ohne Zwischenreiche in Begleitung von
Folterungen. Meine Muskeln versagten durch Stress und Anstrengung, ich konnte mich nur noch robbend
am Boden bewegen.
Der Akku meines Handys ging ebenso seinem Ende entgegen, als mich der Anruf meiner Ärztin erreichte,
die mich aufforderte, mich von David oder meiner Pflegemutter abholen zu lassen. Ich wusste jedoch,
dass David nicht dazu bereit sein würde, dass er innerlich ausgeschaltet war und die Situation zur
Pflegemutter war zu komplex, zu diffus, wie sie sich erst im Jahr 2014 zu voller Wahrheit
herauskristallisieren sollte, als dass ich es Dr. Gabriel in diesem Augenblick, nahezu ohne Akku, hätte
erklären können.
Ich gab ihr zu verstehen, dass ich jetzt nicht die Möglichkeit sah, irgendwo „nach Hause“ zu kommen und
dass es mir im Wald recht gut ginge, ich konnte ihr nicht einmal sagen, an welchem Ort ich mich genau
befand. Ich war vollkommen verzweifelt, weil mein Nervensystem am Ende war und jedes Geräusch, jede
Forderung Folter und Marter.
Einige Zeit später musste ich jedoch mit Erschrecken feststellen, dass sich in kreisenden Schleifen über
mir ein Hubschraube mit ohrenbetäubendem Lärm bewegte, den ich nicht nur aufgrund meiner
Geräuschempfindlichkeit kaum ertragen konnte, sondern wegen traumatischer Erlebnisse nach unserem
schweren Autounfall als Kind, als meine Mutter durch einen solchen an der Unfallstelle abgeholt und für
ein ganzes Jahr aus meinem Umkreis entschwinden sollte, als ich gerade drei Lenze zählte..
Den Hubschrauber hatte die Polizei für mich „reserviert“, um mich „suizidales Bündel“ abermals vor
meinem vorzeitigen Ableben zu bewahren, um mich per Infrarot zu orten.
Meine Ärztin kam noch gegen 1.30 h zur „Unfallstelle“, mich in den Krankenwagen zu begleiten, mich
menschliche „Nichtexistenz“, welche vor allem seit 2008 gezwungen war, die Justiz und Polizeibörden
auf Trap zu halten. Ich sagte zur Ärztin, dass mich meine Mutter bald abholen würde und Dr. Gabriel
konterte vehement und aggressiv zurück, meine Mutter sei doch schon gestorben.
Ja, das war mir, wie es mir heute scheint, damals durchaus bewusst und ich meinte eben, dass sie mich in
den Himmel holen würde, zumindest fort von dieser schrecklichen Welt. Dieser eine Satz sollte über
Wochen und Monate die Zuwendung meiner Ärztin schlagartig ändern. Auch meine Pflegemutter traf ein,
die mich mit nach Hause nehmen wollte, um ihr versteckt und doch offenkundig zu verstehen zu geben,
dass ich ein „Schwerverbrecher“ sei, der so schlimmes verbrochen hatte, dass man ihn nicht wieder in
seine warmen Arme schließen dürfe.
262

„Ja, jetzt wollen Sie sie wieder in Ihre warmen Arme schließen, aber das kommt nicht in Frage“, sondern
gleich in den Kerker bei Wasser und Brot.
In einen Kerker wurde ich allerdings geführt in jener Nacht und er erschien mir noch grausamer, als
jegliches Kellerloch und Kerker, den ich bis dahin zuweilen auch aufgesucht, um die Stille zu finden, weil
ich in der klirrenden menschlichen Kälte alleine gelassen wurde. Als habe ich schwerste Dinge
verbrochen, nur weil ich die laute Welt nicht mehr ertragen konnte.
Ich hatte nichts verbrochen, außer dass meine Muskeln versagten und ich alleine im Wald liegen gelassen
wurde und einfach nur zur Ruhe kommen wollte, auch wenn ich möglicherweise wieder durch die Blume
suizidale Absichten geäußert habe, die mein Inneres zwar verrieten, die mich jedoch ebenso verbal
überfielen, frei nach dem Motto: Diese Worte fallen mir sehr leicht aus dem Gehege meiner Zähne, aber
es ist immer noch besser, als wenn das Gehege meiner Zähne mir ins Wort fiele…
Ich wurde in meinen ganzen 36 Jahren noch niemals in die „warmen Arme“ von irgendjemandem
geschlossen, nicht einmal als Kind.
Im Jahr 2014 telefonierte ich einige Male lange Zeit mit der Kriminalpolizei und diese prangerte das
„eigenmächtige und gefährdende Verhalten“ meiner Hausärztin aufs Schärfste an und bat mich, mir einen
anderen Arzt zu suchen. Ferner sagte sie: „Frau Lachenmayr, Sie sind doch kein Schwerverbrecher, was
macht Ihr Arzt mit Ihnen? (…) Sie sind uns sehr wichtig.“

Ich bin dankbar für diese Aussage, weil ich das diffuse und hinterlistige Handeln meiner Ärztin zwar
fühlen, aber nie greifen und begreifen konnte. –

Im Geigentiel, im Gegentum, im Gegenteil, ich wurde immer aus diesen Armen vertrieben, seitdem ich
meine Augen für diese dunkle Welt, wie ich sie schon im Kindesalter erleben musste, geöffnet hatte.
Trennungen, Missbräuche meines Körpers und meiner Seele in meinem dritten Lebensjahr und später
durch einen Priester im fünften Lebensjahr und wiederum in späteren Jahren… -
Was gönnte Dr. Gabriel mir also nicht, nach der umfassenden Zerstörung, an der sie nicht unbeteiligt
war? An der Zerstörung meines Seelenlebens, das im Grunde immer nur auf der Suche nach seelisch
warmen Armen gewesen, nach Sicherheit, Vertrauen, Geborgenheit, nach „Seelenreinigung“ und nicht
Verunreinigung und Zerstörung, sogar Amputation war?

Während Dr. Gabriel im Krankenwagen zunächst noch liebevoll und fürsorglich schien, änderte meine
Ärztin ihr Verhalten auf einen Schlag, stieß meine Hand von sich, die sich hilfesuchend an ihre wandte.
Ihre Augen veränderten sich und ich fühlte die Kälte einer eisigen Winternacht, die mich erzittern ließ,
während sie mich alleine im Krankenwagen zurückließ, um mich wieder in die Hände der Mafia der
263

Psychiatrie zu übergeben. Ich bat sie voller Verzweiflung, doch Gnade vor möglichem Recht ergehen zu
lassen und mich nach Hause zu entlassen, ich würde artig sein und alles tun, was sie verlange.
Nein, sie und die eintreffende Ärztin waren zu keinen Konzessionen bereit und ich wurde, wie in meiner
Kindheit durch meinen dritten Vater wie ich es beschrieb, in eisiger menschlicher Kälte abgestoßen, vom
Krankenwagen in die Psychiatrie gefahren, um von einer Ärztin gegen 3 Uhr in Empfang genommen zu
werden mit der Aussage: „Sie scheinen ein körperliches und kein psychisches Problem zu haben,
anscheinend eine Form von epileptischen Krampfanfällen, wir werden Sie morgen entlassen, damit Sie
diese Anfälle in einer anderen Klinik abklären lassen können.“

Sie gab mir noch ein Schlafmittel, das nicht wirkte, ich lag die restliche Nacht wach und fragte mich
unentwegt, was ich verbrochen habe, dass ich so bestraft werde, ohne zu wissen, warum mich gerade
einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben in dieser Eiseskälte im Stich und alleine ließ. Ähnlich,
wie sie mich auch im Jahr 2008 im Wissen um das Verbrechen an meinem Seelenleben, das in der
Stuttgarter Klinik an mir begangen wurde, alleine ließ. Eben der Mensch, der mein Leben ab dem Jahr
2008 entscheidend mitgeprägt und die Lebensweichen mitgestellt hatte und der mir im selben Jahr 12 zu
meinem Geburtstag einen „Seelenkalender“ schenken sollte mit der Widmung:
„Mögen Sie an jedem Tage wissen, dass und wie Sie ein Heimatrecht auf der Welt haben und nie alleine
gelassen sind.―
Wo also war mein „Heimatrecht“?, und warum wurde ich trotz ihres Wunsches doch immer wieder
alleine und im Stich gelassen, auch gerade von ihr, die mir jene Widmung als Wunsch für mein
Überleben schrieb, - denn Fallen - und Alleinegelassen zu werden war von Anbeginn mein Todesurteil,
seitdem ich mit drei Jahren über Wochen im Klinikkäfig und Kerker vollkommen, ohne jegliche
Zuwendung und menschlicher Wärme alleine gelassen wurde.
Ich war innerlich wie erstarrt in jener Nacht auf den 26. April 12, fassungslos, wie unter Schock taumelte
ich am folgenden Tag zu den Ärzten, die mich entlassen sollten und wollten und mit einem weiteren
Vernichtungsschlag in den Händen, nämlich dem Entlassungsbericht verließ ich die Folterstätte.
In dem Entlassungsbericht wurde meine nahezu einzige Aussage, wie ich meinen Tag zubringe und ich
den Ärzten mitteilte, an einer Biographie zu schreiben, von den Neunmalklugen als „überwertige Ideen“
deklariert.
Ich stolperte weiter zu meiner Ärztin, um ihr mit blutendem Herzen und zerstückelter Seele mitzuteilen,
ich könne unter diesen Umständen die Behandlung bei ihr nicht weiterführen, denn schon im ersten
Augenblick hatte ich ihre Seele, ihr Herz innerlich „gescannt“, die sich in ihren Augen widerspiegelten
und ich sah, dass sich ihr Wesen seit unserem „Abschied“ in der Nacht zuvor, nicht geändert hatte, sie
war eiskalt, klirrend kalt.
264

Ich traf diese Entscheidung also in dem Moment, in dem ich ihr gegenübertrat, weil ich auch erleben
musste, dass ich Dr. Gabriel überfordert hatte und ich wollte ihr unter keinen Umständen eine
Wiederholung solcher auch für mich an Grausamkeit kaum zu übertreffenden „Waldzeremonien“ mehr
zumuten. Es war evident ihr Versagen und wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass sie es
absichtlich darauf anlegte, mir derlei Schocksituationen immer und immer wieder zuzumuten und
seltsamerweise immer in entscheidenden Augenblicken, in denen die Wahrheit auch ihres Verbrechens
ans Licht zu kommen gedachte…
Sie hatte mit dieser Einweisung meinen Gerichtstermin aufs Spiel gesetzt und mir weitere schwere
Traumata und Schocks zugefügt.

Ein Jahr später sollte ich den jungen Mann kennen lernen, über den ich bereits schrieb, welcher
eigenständig Tavor eingenommen und während des langen Entzuges kriminell wurde, sodass er sogar
eine Gefängnisstrafe abzusitzen hatte und er jenen Tavorentzug als die schlimmste Lebenserfahrung
darstellte, die er je im Leben erlebt habe, obwohl er nahezu alle Drogen der Welt eingenommen hatte.
Er hatte glücklicherweise eine wunderbare Ärztin an seiner Seite, die ihn nicht zusätzlich noch
gefährdete, sondern stützte und hielt, jeden Absturz mit Fassung mittrug in eine neue Zukunft.

Ich dagegen hatte in all den Jahren nichts dergleichen verbrochen, weder den Medizinschrank in der
Klinik aufgebrochen, noch war ich Amok gelaufen, habe weder gestohlen, noch gelogen, betrogen, außer
dass ich unentwegt menschlichem Zwist und Streit ausgesetzt war und immer weniger die Geräusche der
Welt ertragen konnte, um mich in den Wald zu flüchten. Aber selbst dort wurde ich aufgespürt und immer
und immer wieder als Schwerverbrecher angeklagt, aufgrund auch angenommener suizidaler Gedanken
und Äußerungen. Es war härteste Selbstkontrolle und Disziplin, welche meinen Entzugsjahren zugrunde
lagen, um nicht im Zustand, neben dem Entzug der völligen Aufzehrung und Auszehrung durch
Nahrungsentzug, Amok zu laufen.
Und ein solcher Amoklauf wäre nicht das erste Mal durch einen Medikamentenentzug geschehen, wie es
mir ein Arzt über den „Amoklauf von Colorado“ mitteilte. Ganze 95% aller Amokläufe in den USA
geschehen nach derlei Misshandlungen im Medikamentösen durch Psychopharmaka.

An jenem Donnerstag im April 2012 konnte ich mit meinem, wie es mir schien, endgültigen Abschied
von meiner Ärztin und ihrer Behandlung noch nicht ahnen, dass sich zu jenem Zeitpunkt, zunächst
unmerklich, dann an Intensität und Stärke zunehmend, eine Schluckstörung einschleichen und mir
verwehren sollte, Nahrung und Flüssigkeit selbständig aufzunehmen und dass mich mein Weg auch
notgedrungen, aufgrund dieser Tatsache, wieder zu meiner Ärztin zurückführen sollte, im Juni 12.
265

David bemerkte den Beginn zuerst und berichtete mir Wochen später, dass ich beim Chinesen regelmäßig
erst nur noch die halbe Portion auf dem Teller aß, dann nur noch ein Viertel und so wurde der Inhalt
meiner Nahrung immer geringer und ebenso mein Gewicht, um im September nur noch von einer Banane,
etwas Kakao und Kochsalzinfusionen, also reinem Wasser, zu leben.

Ich habe erwähnt, dass ich ein Jahr zuvor eine kleine schwarz – weiß Photographie meiner Ärztin fand,
von der ich ein großes Portrait anfertigte - zeichnete und dass ich auch an ihr gelitten habe, um dieses
Leiden im Laufe meiner Lebensbeschreibung, herauszuarbeiten, weil mir selber die Dinge oft erst beim
Schreiben deutlich werden, wenn und während ich mich von unsichtbarer Hand geführt fühle.
Für mein eigenes kunst - und psychologisches Verständnis ist das Portrait als genial zu bezeichnen, weil
es eben nicht nur ihr Gesicht präsentiert und wiedergibt, wie wir es rein physiologisch mit unseren
irdischen Augen sehen, sondern weil es auch ihre Seele wiederspiegelt und gerade jene zwei vollkommen
konträren Seiten aufzeigt, die für mich und andere zur wahren inneren und äußeren Zerreißprobe wurden.

Eben diese beiden Pole wurden auch durch Aussagen meiner Freunde und Familie, die das Bild
betrachteten und beurteilten, ebenso hervorgehoben in der Weise, dass einige Menschen von der
„eiskalten Seite“ sprachen, die zum Fürchten sei wie auch meine Nichten und Neffen es erlebten, andere
von einem „warmherzigen und sehr bewussten Gesichtsausdruck“, andere sprachen von „distanziert
unnahbar“, wieder andere von „liebevoll, klar“ sprachen.
Und eben dieses „Chamäleon – Wesen“, das sich im Gesicht, in den Augen, im Verhalten zeigte, war es,
was mich im Jahr 2006 gewissermaßen faszinierte um es zu ergründen und ich sagte, dass ich versuche,
soweit es mir irgend möglich ist, meinen Lebensbericht auf der Grundlage der Wahrhaftigkeit
aufzuschreiben und nun bekenne ich ebenso, dass mich Dr. Gabriel, als sie mich als neuen Patienten in
ihre Obhut nahm, als Mensch interessierte. Ich hatte innerlich das seltsame Gefühl und den Eindruck,
dass ich für sie als Mensch wertlos bin, aus welchen Quellen diese Empfindung auch immer sprudelte.
Und dieses angenommene, gefühlte Desinteresse interessierte mich gerade, um ihm auf den Grund zu
gehen. Leider sollte sich dieser erste Eindruck bestätigen und mich in meinen endgültigen Abgrund
führen, aus dem ich mich nur noch für acht Monate in meine eigene Autonomie herausführen konnte, aus
allen nur denkbaren Abhängigkeiten.

Möglicherweise bezieht sich jenes „Fluidum“ um ihre Person, wie ich es beschrieb, das mich ruhig
werden ließ, unzählige Male, folgsam, das mich motivierte, meinen Weg weiter zu gehen, dieses Werk zu
schreiben, - auf das Geheimnis der Distanz und empfundenen Gleichgültigkeit und Missverständlichkeit
im gegenseitigen Austausch, wie es auch Hölderlin gegenüber Schiller erlebte, um daran innerlich zu
266

brechen und zu zerbrechen, obwohl Dr. Gabriel kein Schiller ist, diese Geistesgröße auch nicht im
entferntesten besitzt.
In einem Brief an Schiller schrieb Hölderlin: „Ich war immer in Versuchung, Sie zu sehen und sah sie
immer nur, um zu fühlen, dass ich Ihnen nichts sein konnte.―

In gewisser Weise könnte im Vergleich dieser Beziehung auch von einer „Arzt – Patienten“ Beziehung
gesprochen werden, ebenso von einer „Vater – Sohn“ Verbindung, denn Schiller betreute Hölderlin in
vielen Bereichen, um ihn gewissermaßen auch zu mäßigen, mit den Worten in einem Briefwechsel,
ähnlich fordernd, als meine Ärztin mich, er hingegen schöpferisch fördernd: „Fliehen Sie womöglich die
philosophischen Stoffe, sie sind die undankbarsten …. (…) Bleiben Sie der Sinnenwelt näher, so werden
Sie weniger in Gefahr sein, die Nüchternheit in der Begeisterung zu verlieren.―

Und ebenso tragisch bis hinab zu den Wurzeln meines Wesens gestaltete sich in meinen Entzugsjahren
und schon im Jahr 2008, als ich fühlte, Dr. Gabriel hatte sich von mir abgewandt, mich alleine gelassen,
obwohl sie durch meine Tagebuchaufzeichnungen, um die sie mich gebeten hatte, im Bilde war was im
zweiten Aufenthalt in der Stuttgarter Klinik, nach 10 Tagen Tavorüberdosierung bei Kontraindikation, in
der Dusche geschah, das mir das Leben hätte kosten können.
Meine Beziehung gestaltete sich zu ihr, wie es Hölderlin schmerzlich an Schiller erlebte, denn in jener
Beziehung muss sich der Liebende gegen seinen geliebtesten Menschen, das Gebilde gegen seinen
Bildner, der Schüler wider seinen Lehrer, der Patient wider seinen Mörder behaupten.
Die Verehrung für Schiller war das Fundament, die Basis seiner Weltbeziehung, wie es sich bei mir
ebenfalls zeigen sollte hinsichtlich Dr. Gabriel und nur auf diesem Grund und Boden war es mir möglich,
meine Aufgaben zu vollbringen und alles Erlebte, meine Taten, meine Erfahrungen wollte ich mit ihr
geteilt wissen, um ihr alles mitzu –teilen. Auch meine Ängste, meine inneren und äußeren Schmerzen,
ebenso in Verbindung mit meiner Todessehnsucht, welche daraus resultierte.
Und so wurde auch Hölderlin oftmals in die Tiefe der seelischen Schmerzen gestürzt, hervorgerufen
durch Schillers laue, oft gleichgültige und ängstliche Haltung ihm gegenüber und dieses Missverstehen
der beiden Dichter ist wohl eines höchster ethischer Ordnung, an liebender Abwehr, an schmerzvollstem
Losreißen, Entbinden, einzig jenem Nietzsches von Wagner gleich.
Auch an dieser Beziehung überwindet der Schüler den Lehrer oder Meister zugunsten der Idee und wahrt
lieber die höchste Treue, die zum Ideal, als jene der bloßen Gefolgschaft.
In Wahrheit bleibt Hölderlin Schiller treuer, als Schiller sich selbst.
Dr. Gabriel war für mich kein Meister und Lehrer, ich verehrte nicht ihr Wissen, ihren Geist, ihren
Charakter, im Gegenteil, sie waren mir im tiefsten Inneren fremd und es ist mir bis zum heutigen Tag ein
267

Rätsel, warum ich so lange durchgehalten habe, um dieses Schicksal mit ihr durch klare Kommunikation,
durch ein Verstehen und Verständnis für das ganze Ausmaß der Zerstörung zu einer gewissen Erlösung
zu bringen.
Und trotzdem Schiller seinen jungen Freund und Patienten gewissermaßen fördert und fordert, sich auch
um seine private, seine bürgerliche Existenz bemüht, ihm eine Stellung verschafft, seinem Werke einen
Verlag und ihn in innerster Herzensneigung in väterlicher Weise zur Seite steht, während er ebenso mit
dem tiefen Blick des Schicksalsbildners das Beil der Selbstvernichtung über Hölderlins Haupte drohend
sieht, obwohl hier nicht durch fremde Zerstörung hervorgerufen, wie ich es erlebe und ebenso nicht mit
Schuld verknüpft, fühlt Hölderlin sich von dem „einzigen Manne, an den er seine Freiheit verloren“ – wie
auch ich an ihr und durch sie – von Schiller, „von dem er unabwendig dependiert“, wohl im äußeren Sein
gefördert, doch im tiefsten Wesen nicht verstanden: Er hatte sich Aufschwung erhofft, Bestärkung – denn
„ein freundliches Wort aus eines tapferen Mannes Herzen ist wie ein geistiges Wasser, das aus der Tiefe
der Berge quillt und die geheime Kraft der Erde uns mitteilt in seinem kristallenen Tropfen―, sagt
Hyperion und erntete doch nur Kritik.
„Und deswegen“, so schließt Hölderlin und ich richte diese Worte im Stillen an meine Ärztin, um ihr
meine Dissonanz des Gefühls damit zu offenbaren: „Deswegen darf ich Ihnen wohl gestehen, dass ich
zuweilen in geheimem Kampfe mit Ihrem Genius bin, um meine Freiheit gegen ihn zu retten.“
Und ebenso versuchte ich ihrer menschlichen Kälte an jenem Apriltag zu entfliehen und erkannte nicht,
dass mich diese Flucht im Unverständnis, im Schweigen, wie ich es auch in der Klinik erlebte, nur noch
stärker mit ihr verbinden, mich an ihre Fersen heften sollte und wieder schrieb ich in der ersten Woche
meiner Verlassenheit von ihr Briefe über Briefe, Erklärungen, eigene Demütigungen, Entschuldigungen
für mein schweres „Verbrechen“. Je eisiger das Schweigen von ihr wurde, desto schlafloser wurden
meine Nächte, desto beängstigender mein Zustand und der Wunsch, endgültig diese Welt zu verlassen.
In meinem Kopf begann sich nach dem Tavorentzug jedes Mal ein schlimmer Drehschwindel von mir
Besitz zu ergreifen, wenn ich fallen gelassen, alleine gelassen, verlassen wurde, gerade von Menschen,
die mir sehr wichtig waren und so drehte es sich und ich kreiselte nur noch meinem Gerichtstermin
entgegen. Ich konnte nicht mehr richtig schlucken, offensichtlich ein Bild für meinen seelischen Zustand:
Ich war nicht mehr in der Lage, den ganzen Ballast der letzten Jahre meiner Folterung und Höllenfahrt
seelisch zu schlucken, um ihn gewissermaßen zu verarbeiten und zu transformieren, er war vom
spezifischen Gewicht her ebenso gewaltig wie der Jupiter gegenüber dem Pluto, gewaltiger als die
Summe meines ganzen vorherigen schon schweren Lebens, seit meiner Kindheit. Und in jeder Minute
stellte ich mir die Frage, was ich verbrochen hatte, dass sie mich in dieser Weise mit Kälte, Schweigen,
Ignorieren zu bestrafen suchte.
268

In einem weiteren Brief schrieb ich ihr, dass diese Situation für mich unerträglich geworden sei und ob
sie zu einem Gespräch bereit, ferner ob ich nochmals eine Infusion bekommen könne, weil ich mehr
unbewusst nun auch wahrgenommen hatte, viel später als David, dass ich immer weniger zu trinken in
der Lage war.
An jenem Donnerstag, wenige Tage vor dem Gerichtstermin, rief sie mich an und ich glaubte, nun könne
sich meine Seele wieder anderen Dingen zuwenden, nun würde alles gut werden, so wie es die Monate
davor mit Schwankungen gewesen. Aber ihre Stimme klang, wie ich es oft zu bezeichnen pflege wie eine
„verrostete Gießkanne“, eiskalt, unnahbar und sie fragte mich nur gefroren, wann ich zu kommen
gedenke, ich solle doch bei den Sprechstundenhilfen einen Termin vereinbaren.
Das hatte sie noch niemals so förmlich gehandhabt, im Gegenteil, das war mein Überlebenselixier, dass
sie eben nicht nur kalt, förmlich, distanziert, sondern weich, warmherzig, menschlich liebevoll sein
konnte, um mir manchmal, wie ich es auch schon beschrieben habe, sogar noch am Wochenende einen
Termin einzuräumen, oder gar abends. Denn die Abendstunden sollten über Jahre eine sehr kritische Zeit
bleiben, weil ich, als das Tavor reduziert wurde in der Münchner Klinik, immer gegen 18 Uhr Tavor
erhielt, das für einige Stunden etwas Erleichterung brachte.

Sachlich könnte über das Telefonat gesagt werden, dass nichts großartiges passierte, aber gerade dieses
„Nichts“ und die innere Begegnung in der Begrenzung, bzw. Nichtbegegnung durch das technische Gerät
waren es, die mich zunächst wieder so tief verunsicherten und in mir wieder das Gefühl hervorriefen, ein
Schwerverbrecher zu sein, sodass ich wieder in dem Zwiespalt steckte, mich selber zu schützen, um
meine Freiheit zu wahren, und ebenso Dr. Gabriel vor mir angeblichen Verbrecher zu schützen.
Denn offensichtlich wollte sie mir zeigen, dass ich keine bessere Behandlung zu verdienen schien, wie ich
es auch in der Klinikzeit erleben musste durch die Zerstörung meines Seelenlebens und dem Schweigen
der Menschen, die davon wussten, aber wohl der Ansicht waren, es geschehe mir nur Recht.
Vermutlich, um nicht in irgendeiner Form handeln zu müssen, - ich schreckte vor meiner eigentlichen
Bitte wieder zurück.
So begab ich mich tief verunsichert wieder auf den Rückzug und fragte sie mehr nonverbal, ob ich sie
weit über ihre Kräfte überfordert habe und ich wollte auch unbewusst - bewusst herausfordern und
herausfinden, wie sie mir innerlich noch gegenübersteht.
Sie kam mir keinen einzigen Schritt entgegenkam, nicht soviel wie Dreck unter dem Fingernagel ist.
Nur eisige Kälte umwehte mich als sie mich fragte, ob Dr. R. zum Gericht mitkommen würde. Ich
bejahte, um von ihr nur ein sachliches, klirrend kaltes „dann alles Gute dafür“ aus dem Telefon zu
vernehmen und ehe ich noch etwas sagen konnte, hatte sie aufgelegt. Sie hatte mich abermals im Regen
stehen gelassen. –
269

Ich saß in meinem Wohnzimmer, fassungslos in innerer Betäubung gefangen und nahm mein Handy in
die Hand, um ihre Nummer zu wählen, doch der Ruf ging durch, sie nahm meinen Anruf nicht entgegen.
Zugegen in diesem Augenblick war Benny, der in nächster Sekunde von seinem Handy eben ihre
Nummer wählte, um gleich darauf ihre Stimme zu hören.

Und nun war ich mir des Anfangs – Gefühls aus dem Jahr 2006 ganz sicher: Ich interessierte sie nicht, ich
war in ihren Augen wertlos, bedeutungslos, ich konnte ignoriert und bestraft werden, ich konnte zerstört
werden, ermordet, und im Schweigen gefangen bleiben und dieser Donnerstag sollte meine Spirale in
einer Weise nach unten in die Finsternis treiben, auf dass nicht nur massive Nächte der Schlaflosigkeit
und Folterungen folgten, sonder nochmals ein weiterer gesundheitlicher Einbruch auch hinsichtlich
meiner beginnenden Schluckstörung.
Genau dieses „Desinteresse“ zeigte sich zwei Jahre später in einer Hellinger Familienaufstellung, ohne
dass ich irgendjemandem etwas von der Beziehung zu meinem Hausarzt erzählte. Die Worte der
Stellvertreterin meiner Hausärztin waren ausschließlich, in dem sie auf mich zeigte: „Die ist mir total
egal, die interessiert mich überhaupt nicht.“

An jenem Tag wusste ich wieder, dass sie mich mit ihrem Verhalten noch weiter an sich gekettet hatte,
um mich hinter sich herzuschleifen, sich jedoch nicht nach mir umzudrehen und immer wieder hat es sich
gezeigt, dass ich ruhig wurde, ausgeglichen, dass ich ihr nicht mehr unentwegt schreiben musste, mich
gedanklich, seelisch anderen Dingen zuwenden konnte, dass ich diese Fesseln zu ihr entfesseln konnte,
wenn sie mir liebevoll menschlich, innerlich tragend, mittragend, verständnisvoll begegnete.
Nur wenn sie mir Sicherheit gab, wenn sie mir zeigte, dass ich einen Wert habe und ebenso mein Tun,
meine Werke, meine Bücher, wenn sie mich „erwartete“, mir ein „Versprechen abnahm“, wenn mich eine
Kurznachricht von ihr erreichte. Dann erlebte ich auch physische Besserungen meines
Allgemeinzustandes, dann ließ der Drehschwindel mehr und mehr von mir ab und ich konnte mich selber
wieder besser annehmen, mein mögliches „Heimatrecht“, meinen Platz auf dieser Welt wieder mehr
erkennen, mich aus innerer Verkrampfung lösen, die sonst keine Tätigkeit mehr zuließ.

All dies versuchte ich ihr in unzähligen Briefen zu sagen, durch die Blume oder ganz offen – und ähnlich,
wie es wohl Hölderlin an seinem auch ärztlichen Freund Schiller erlebt haben mag, habe ich niemals im
Leben zuvor je um eine Beziehung so gerungen und gekämpft, als um die Beziehung zu Dr. Gabriel, die
ich auch im tiefsten Urgrund verstehen wollte. Ich wollte zu den Wurzeln gelangen, zur Quelle meines
Gefühls, das sich am Anfang zu Wort meldete, als ich zum ersten Mal ihre Praxis betrat und ich rang um
270

einen wahrhaftigen Austausch, der mich und möglicherweise auch sie erlösen könnte in der wahren, weil
freien, oder freien, weil wahren Begegnung.

Vor allem rang ich gerade in diesen sechs Wochen mit der inneren Frage, ob ich dem falschen Menschen
vertraut, mein Leben anvertraut hatte, der/die mich und mein Wesen nicht verstanden, um es aus diesem
Nicht – Verstehen mutwillig, oder aus Dummheit und Erfahrungslosigkeit soweit zu zerstören, dass ich
nicht mehr alleine lebensfähig sein würde, wie ich es vor meinem Klinikaufenthalt gewesen. Dass ich
keine Lebensqualität mehr fühle und erleben kann. Denn einmal im Boden zertreten, bilden sich Keime
für weitere Keime und Bakterien, die nicht nur den Körper, sondern die Seele zerfressen.
Heute, beim Schreiben und Beschreiben dieses Jahres 2012 frage ich mich, warum Gott, so es ihn gibt,
mir auch noch diese ungeheure Belastung mit meiner Ärztin aufladen musste in einer Zeit, in der jeden
Morgen mein Vermieter klingelte, um mich gewissermaßen damit endlich aus der Wohnung zu ekeln,
weil ich immer noch nichts passendes einer neuen Behausung gefunden hatte.
Ich stand zwischen verschiedenen Stühlen: Zum einen gab ich nach wie vor intensiv Nachhilfeunterricht,
zum anderen suchte ich ebenso intensiv nach einer Wohnung, was bedeutete, dass ich auch unentwegt zu
Besichtigungsterminen unterwegs war. Ferner stand der Gerichtstermin an und ich wollte sehr gut
vorbereitet sein, was bedeutete, auch meine Akte nochmals zu studieren und sie mit meiner Erinnerung zu
vergleichen.
Zu jenem Zeitpunkt war ich mir ganz sicher, dass ich den Prozess gewinnen würde, die Beweise und
Vergehen dieser Fehlbehandlung und Misshandlung waren einfach zu reichhaltig und eindeutig, als dass
sie nicht erfolgsversprechend hätten sein können.
Aber all dies war für mich noch zu meistern, wie ich es immer wieder zu beschreiben versuche. Das
Menschliche allerdings konnte mich endgültig brechen und zerbrechen, wie ich es mit meiner Ärztin in
diesen Wochen erleben musste und wie es sich in anderer Form und Weise mit ihr noch häufig
wiederholen sollte. Zu großen Teilen gab es für mich mit ihr aber auch einige kurze Verschnaufpausen in
den Anfangsmonaten des Jahres 2014, die ich vor allem dem Umstand zuschrieb, dass ich durch fast
einjährigen Alkoholkonsum über sieben Wochen komplett die Sprache verlor und dadurch zu keiner
Gefahr für sie wurde. Um schließlich, nach meinem eigenständigen Alkoholentzug zu einem endgültigen
Bruch zu führen, als sie im Oktober 2014 mein Überleben auf eine harte Probe stellte durch unterlassene
Hilfeleistung über drei Wochen, die in eine endgültige Flucht endete. –
271

Kapitel: Am 9. Mai erster Gerichtstermin und ein Anwalt, der Tavor braucht. Wohnungssuche

Anklagen ist in demselben Maße leichter als Verteidigen, wie es leichter ist, Wunden beizubringen,
als heilen

Quintilian

Der Gerichtstermin nahte im Jahr 2012 und sowohl meine beiden Brüder, als auch viele Freunde und zwei
Priester sollten anwesend sein. Und wieder konnte ich nicht ahnen, dass ich mich auf sehr gefährliches
Territorium im Feindesland begeben hatte, denn auf diesen Termin folgte anderthalb Jahre später ein
weiterer, der nicht zuletzt von zwei ehemaligen Richtern als „Verbrechen, Betrug, Lüge und
menschheitlicher Farce“ beschrieben, beurteilt und verurteilt wurde, um zu erkennen, wie korrupt und
verbrecherisch unsere Justiz ist.
Der gesamte Ablauf zeigte, dass sich der Richter nicht entfernt mit meinem „Fall“ beschäftigt hatte.
Er ging vom „Allgemeinen“ solcher Rechtsstreite aus, in dem er mir keine Aussicht auf Erfolg in dieselbe
stellte, da, wie er meinte, die Seele nicht zu röntgen sei. Insofern liege die Beweislast auf meiner Seite
und es würde für mich ein aussichtsloses Unterfangen werden, die stichhaltigen Beweise für das Auge
sichtbar, zu erbringen.
Mitten in die ermüdenden Ausführungen plärrte der Gegenanwalt in den Raum, er würde jetzt ganz sicher
eine Tablette Tavor benötigen, weil ihm der ganze Gerichtstermin auf die Nerven ginge. Er suchte etwas
in meinen Akten und konnte es offensichtlich nicht finden, mit der Bemerkung: „Ja, einen ganzen
Leitzordner vermochte dieser Querulant zu füllen und die Bürofutzi“ tatsächlich gebrauchte auch er
diesen Ausdruck für seine Anwaltsgehilfin, „musste erstmal alles zusammensuchen.“

Ja, für den Schwerverbrecher, dessen einziges Vergehen dasjenige gewesen ist, wie es sich ein Jahr später
nochmals durch „Recherchen und neuen Erkenntnissen“ der Stuttgarter Justiz und Polizeibehörden
herauskristallisieren sollte, gab es kein Menschenrecht. Wiederum wurde ich angeklagt, ausschließlich
„Suizidgedanken“ gehabt und jene teilweise auch geäußert zu haben.
Wir sind frei, zu denken, was wir wollen, wenn wir durch unsere Taten aufgrund unserer Gedanken
keinen Schaden anrichten. Ich habe in 39 Jahren dadurch keinen Schaden angerichtet, was mag es die
Menschheit also interessieren, wenn sie mich zu ermorden versucht und ich, auch aufgrund dessen, im
Grunde seit der menschlichen Überforderung meiner Person, die auch schon in der Familie von Odysseus
kulminierte, mein Leben selber beenden möchte? Welchen Schaden richte ich damit an für einige
Menschen, und gerade die, welche mich anklagen, die ohnehin nur auf meinen Tod warten?
272

Ich habe keinen Menschen überfahren, nicht gestohlen, nicht gelogen, nicht betrogen, im Gegenteil, ich
habe unentwegt versucht, meinen Mitmenschen zu helfen, sie in ihrer Entwicklung zu fördern, ihnen
beizustehen. Nicht nur einmal durfte ich hören und erfahren, dass mir dies in umfassendem Ausmaß
gelungen war, dass ich nicht nur mit Rat und Tat, sondern auch in therapeutischer Hinsicht „wahre
Wunder“ an ihnen vollbringen durfte.

Jener Gerichtstermin endete mit dem Vorschlag eines Vergleiches, der mich mit knapp 9000 Euro
entschädigen sollte. Vergleich? Ein Schuldgeständnis erster Klasse und „entschädigen“? - frage ich mich
heute. Haben sie doch ihren schweren Fehler des Mordes auf Raten erkannt und wollten ihn damit zum
Stillschweigen bringen, indem sie mir fast 9 000 Euro anboten? Eine gewaltige Summe hinsichtlich ihrer
angeblichen Sicherheit, keinen medizinischen Fehler an mir begangen zu haben!
Und was bedeutet Entschädigung einem bis zum Tode Geschädigten, wie e sich noch zeigen sollte?
Mein Anwalt wollte zustimmen, um diesen für ihn lästigen und aussichtslosen Streit gegen die Klinik und
möglicherweise die ganze Pharmaindustrie vom Tisch zu bekommen und leider war mein behandelnder
Arzt und Psychiater enorm undifferenziert und ungeschickt, als ihm das Wort gegeben wurde, als er vom
Richter aufgefordert wurde, Stellung zu nehmen, um zunächst seine Aufforderung schlichtweg zu
überhören:
„Ich habe vernommen, dass auch der behandelnde Arzt und Psychiater von Frau Lachenmayr hier
anwesend ist“, währenddessen ihn alle im Raum Anwesenden anblickten, er jedoch nicht reagierte,
sonder zusammengekauert, seine Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen, keinen Laut von sich gab.

Diese Doppelhörnung mit mächtigen Geweihen vermochte zunächst an richtiger Stelle nicht in richtiger
Weise zu reagieren, um doch abschließend kurz die Worte in den Raum zu werfen, die sinngemäß
verdeutlichen sollten, dass es beim Tavor unermesslichen Handlungsspielraum gibt, was er hinterher
vehement revidierte und im zweiten Gerichtstermin klar, offen, frei auftrat, um an der richtigen Stelle
seine Hilfe anzubieten. Doch an jenem 9. Mai 12 veranlasste die saloppe, unüberlegte Aussage von Dr. R.
meinen Anwalt zum sofortigen Abbruch des Prozessgeschehens, ohne meine eigene Entscheidung
zunächst in seine mit einzubeziehen.

In den folgenden Tagen erreichte mich ein Anruf meines Anwalts, der mir mitteilte, dass ihn die
beisitzende Richterin telefonisch warnen wollte, im Sinne meines Wohlergehens, indem sie ihm mitteilte,
dass sie mich, Frau Lachenmayr, als einen ganz besonderen Menschen erlebt habe und mich über ihn
bitten wolle, nicht weiter zu prozessieren, es würden Gefahren auf mich warten.
273

Was wusste sie? Wovon war sie im Bilde?! Denn tatsächlich warteten erhebliche, sogar
lebensbedrohliche Gefahren auf mich zwischen dem ersten und zweiten Gerichtstermin.
Mein Anwalt sagte mir, dass er in seiner ganzen Tätigkeitszeit noch niemals ein solches Gespräch erlebt
habe, aber er wolle es mir so einfach mitteilen und ich könne entscheiden, wie ich weiter verfahren wolle.

Nun folgten in den nächsten Wochen kleine Konferenzen mit Freunden und Anwälten, um zu besprechen,
ob es sinnvoll sei, dem Vergleich zuzustimmen, oder es auf ein Gutachten ankommen zu lassen, das, so
waren sich alle Freunde und Anwälte sicher, für mich entscheiden sollte. Immer weitere Punkte wurden
zusammen getragen, meine Journalistin recherchierte ausführlich im Internet und die Literatur über
Tavor, wir riefen in verschiedenen Kliniken an um herauszufinden, wie es mit der Aufklärungspflicht
steht, die ebenfalls nicht eingehalten wurde. Auch wurde keine Suchtanamnese durchgeführt und alle
Aussagen von Ärzten und Anwälten auf Fragen von uns, auch mit dem Buchautor „Fehldiagnose
Rechtsstaat“ habe ich ein zweistündiges Gespräch geführt, schien meine Position in einem zunehmend
haltbaren und tragenden Gerüst, Stütze und Festigkeit zu geben.
Ende Mai sollte ich meinem Anwalt die Entscheidung mitteilen, nicht ohne nochmaligem Rückenwind
vom Rechtsanwaltsfreund meines verflossenen Partners Stephan und ich erhob erneut das geistige
Schwert und die Feder zur Kampfansage für die Wahrheit und die Gerechtigkeit, um dem Vergleich nicht
zuzustimmen, sondern weiter zu prozessieren, damit sich die Mörder nochmals mit ihrem Verbrechen
ausführlich beschäftigen können.

Und ich legte auch aus dem Grunde meine ganze Kraft und Energie in dieses Vorhaben, um abgelenkt zu
sein von meinem tiefen Schmerz, der sich immer weiter zu vermehren wusste, gegenüber dem Schweigen
meiner Ärztin und dem Gefühl, gerade in ihrem Schweigen in Unfreiheit mit ihr in ungesunder Weise
verbunden, an sie gekettet zu sein. Wiederum bat ich um ein gemeinsames Gespräch, um diese Fesselung
zu erlösen und sie sollte mir, wenige Tage nach meinem Gerichtstermin, abends gegen 19 Uhr einen
Termin einräumen, der doch tatsächlich die Situation für mich mit ihr nicht nur beibehielt, sondern
nochmals meine Spirale weiter in den Abgrund trieb.

Wir sprachen nur über meinen Gerichtstermin und ob denn meine vielen Freunde nicht bereit wären
finanziell mitzuhelfen, um den Prozess auf finanziell starker Basis zu einem guten Ende führen zu
können.
Keine Silbe über die Nacht der Einweisung und wie es mir ginge. Kein Wort über den Beginn meiner
Schluckstörung, nichts. Eiskalt saß sie mir gegenüber, unnahbar.
274

Nein, es sollte sich herausstellen, dass all die Motivanten, wie ich sie nennen möchte, die mir zurieten
weiter zu prozessieren, im zweiten Gerichtstermin, als auch das 21 - seitige Gutachten auf dem Tisch lag,
sich aus dem Staub begaben, um mich nahezu mutterseelenalleine mit meinem Arzt den Kampf bis zur
unberechtigten und umfassenden Niederlage zu Ende führen zu lassen. In der Not sind Freunde, wie wir
wissen, an einer Hand abzuzählen und das waren sie auch und es waren gerade diejenigen, die mir noch
die Stange hielten, die das Leben auch getreten hatte und sie dadurch keine finanziellen Ressourcen
aufbringen konnten. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen, wie es sich herausstellen sollte.

Aber im Gespräch mit Dr. Gabriel interessierte mich nicht der Gerichtstermin. Als die Aussprache über
die Nacht im Wald und meiner erneuten Einweisung doch zur Sprache kam, war auch dieses Gespräch
keine Wesensbegegnung in Aufrichtigkeit, im Gegenteil. Sie entließ mich nach wenigen Minuten mit der
Anweisung, doch bei ihrer Sprechstundenhilfe einen Termin zu vereinbaren. Erst drei Wochen später
sollte ich einen Termin erhalten, um mir selber zu verdeutlichen, dass ich ihr unwichtig bin und ferner mit
der Angst zu leben, ich könnte nicht im ausreichenden Maße Flüssigkeit erhalten.
Sie tendierte bei allen Menschen dazu, wenn es ihr zu unbequem wurde, aufzustehen und wortlos die
Hand zu reichen in eisigem Schweigen, um ihre Macht noch weiter zu demonstrieren und allem aus dem
Weg zu gehen, was ihre eigenen Verbrechen und Vergehen ans Licht bringen könnte.
In meiner Verzweiflung beschloss ich, da ich in Stuttgart ohnehin noch keine Wohnung gefunden hatte,
mich im Bodenseeraum umzusehen und fuhr am 12. Juni zur Kollegin von Dr. Gabriel, deren
Straßennamen und Telefonnummer ich vor einem Jahr innerlich gehört, als ich an der Nagold stand, um
mit ihr ein zweistündiges Gespräch zu führen. Von ihr erfuhr ich auch, dass Dr. Gabriel ihr von der Nacht
im Wald berichtet hatte mit der Aussage, es seien „40“ Polizisten am „Unfallort“ gewesen.
„Und das sei ja eine gewaltige Menge“, schloss Dr. Merker.
Und wieder fühlte ich nur Bestürzung und Fassungslosigkeit und eben jene Verdrehungen und
Falschaussagen waren es auch, die mich in dem langen Gutachten zu Fall bringen sollte, wie auch jene,
ich hätte mich in München gegen die Abdosierung des Tavors vehement gewehrt..
Nein, kein Wort wahr davon, ich war es, welche die Ärzte darum bat, den Entzug durchführen zu dürfen,
obwohl auf dieser Station niemals irgendwelche Entzüge, auch dieses Schweregrades, erlaubt wurden.
Oder, wie es Dr. Uriel in seinem Abschlussbericht schrieb: „Frau Lachenmayr wandte sich hilfesuchend
an unsere Klinik, da sie sich schon Wochen zuvor ohne Nahrung und menschlichen Kontakt in ihrer
Wohnung eingeschlossen habe..―
Alles unwahr, denn wie kann ich Beweise meiner Irlandreise im Januar, meiner drei Berlinreisen und
einer Salzburgreise im Februar 08 haben, um erst am 7.3.08 von einer weiteren Reise zurück zu kehren,
wenn ich am 11.3.08 eingewiesen wurde und angeblich wochenlang mich der Welt verweigert?
275

Aber auch diese „Beweisführung“, zumindest die Hervorhebung der Wahrheit, wie sie einige Freunde
bestätigen können, nicht zuletzt der erste Geiger der Wiener Staatsoper, wie ich sie klar und deutlich beim
zweiten Gerichtstermin auf den Tisch legte, sollte die Richterin fast hysterisch schreiend von ihrem Stuhl
aufspringen lassen mit der Aussage, in dem sie mir das Wort abschnitt: „Ach sagen Sie nichts mehr, alles
unwahr, Sie haben immer schon S. Gedanken gehabt.―

So konnte sich weder meine Pflegemutter, noch ich, die ich alle Polizeigesichter gewissermaßen innerlich
gescannt habe und heute noch deutlich innerlich vor mir sehe, nicht im Entferntesten an „40“ Polizisten
erinnern, einschließlich Pilot und Rettungswagenfahrer.
An jenem Tag meiner Rückkehr in die Behandlung von Dr. Gabriel im Juni 12 sollte doch in der
Beziehung zu ihr eine scheinbar erlösende Komponente mitschwingen, die in mir ungeheurer Dankbarkeit
und neue Kräfte hervorbrachte. Einige weitere Dämonen im Hintergrund warteten jedenfalls weiter
darauf, mich zu verschlingen, mir noch die letzten Wurzeln zu durchtrennen, im wahrsten Sinne des
Wortes.
276

Kapitel: Umzug in die dämonische Ära – Klinikaufenthalt wegen Schluckstörung - Irrwege

Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt.

Heinrich Zille

Vor wenigen Tagen im Jahr 14 schenkte ich David ein Buch über die fesselnde Lebensgeschichte eines
Zimmermanns, der wörtlich in der Beschreibung seiner Tätigkeit ausdrückt: „Ein Haus ist nicht
irgendeine gewöhnliche Ware. Es ist die wichtigste Grundlage des menschlichen Lebens! Merkt es euch.“
Und ferner: „Ein Zimmermann hat eine hohe Aufgabe zu erfüllen, da ist das wichtigste der
Lebenswandel: Ordnung, Sauberkeit, Ehrlichkeit.“

Ja, „die wichtigste Grundlage menschlichen Lebens!“ wurde mir entrissen, im Übrigen auch im tierischen
Leben eine der wichtigsten Überlebensgrundlagen und sollte nur ein Jahr später in einer vollkommenen
Entwurzelung enden. Auch in Unordnung, Unsauberkeit, Unehrlichkeit. Das nicht nur in der äußeren
Hülle, sondern auch im menschlichen Umgang.
Im buchstäblich allerletzten Moment, bevor mein Vermieter andere Maßnahmen zu ergreifen gedachte,
hatte ich mir am 21. Juli 12 eine Wohnung, etwas abgelegen von Stuttgart angesehen und war erstaunt
über den seltsamen Umstand, dass jene Wohnung vor drei Monaten schon einmal im Internet zu finden
war, dann angeblich vermietet wurde und nun wurde sie wieder als Prachtstück inseriert. Ich wurde auf
meine Anfrage angeschrieben, dass ich eine der Glücklichen sei, welche zum Besichtigungstermin
geladen wurde. Und meine Freude und Begeisterung über die Wohnung, ihre Größe, ihren wunderbaren
Ausblick in den Wald, die schöne Glasveranda, einer eigenen Badewanne, die sogar noch Giraffenbeine
vollständig zu beherbergen wusste, war so gewaltig, dass ich weder auf meine Intuition, noch auf die
sofort eintretende körperliche und seelische Verschlechterung hörte.
Ich hörte auch nicht auf die Worte meiner Pflegemutter, die mir zu verstehen gab, dass mit jener
Wohnung etwas nicht in Ordnung sein konnte, ihr sei schwindlig geworden mit begleitenden
Kopfschmerzen.

Nein, mein Starrkopf und die innere Verzweiflung gegenüber der zunehmenden Penetranz meines
Vermieters, mich nahezu jeden Morgen zu früher Stunde herauszuklingeln, waren die treibenden Räder,
die den Vermietern gleich nach Besichtigung der Katze im Sack eine E Mail schrieb, um mein überaus
großes Interesse an ihrer Wohnung zu bekunden. Zu früher Stunde am folgenden Tag bekam ich eine
schriftliche, positive Zusage der Vermieter mit der Bitte, doch am kommenden Sonntag den Mietvertrag
zu unterschreiben.
277

Als ich abermals die Wohnung betrat, bekam ich Atemnot und Übelkeitsgefühle, um sie, wie nahezu alles
in meinem Leben, zu ignorieren, die Zähne zusammen zu beißen und mit einer positiven inneren
Grundstimmung auch physische Beschwerden gewissermaßen ad absurdum zu führen, doch es sollte sich
zeigen, dass jeder Mensch, Freund, Bekannte, Verwandter, ohne vorherige Absprache ähnliche
Erscheinungsformen in meiner neuen Behausung zeigte, von Ohmachten, wie sie meinen Pflegevater für
kurze Zeit zu Boden strecken sollten, bis beschriebener Übelkeit, Kopfschmerzen, Verwirrungszuständen,
Aggressionen, Demotivationen bis zur Suizidalität.
Ich hatte Gott um jede noch so winzige, dunkle Höhle gebeten, die mit reiner Energie begnadet, alles war
ich bereit gewesen in Kauf zu nehmen, nur nicht eine solche Wohnung, in der es entweder spukt, oder
lebensbedrohliche, unsichtbare Dämpfe für derlei fast schon infame psychische und seelische
Beeinträchtigungen sorgen. Nun verlor ich abermals mein so reich angelegtes Schicksalsvertrauen und
fühlte mich nicht nur in zunehmendem Maße von den Menschen verlassen, sondern auch von allen guten
Geistern, Mächten und Kräften, vor allem von Gott.
Wenn ich davor noch in aller inneren Struktur und guten Organisation meine Gartenmauer bauen konnte,
meine Wohnung aufräumen und die meiner Pflegeeltern, so stand ich nun zwischen meinen Kisten, auch
David, orientierungslos, kraftlos, zerstreut und diffus in jeder Hinsicht und nach jeder neuen Kiste, die
wir in meine Wohnung fuhren, wurden die Kräfte weniger, liefen wir Gefahr, uns zu streiten und so kann
ich heute sagen, dass die schlimmsten Krisen vor allem mit David, mit dieser dämonischen Wohnung und
meiner Ärztin und ihrer Unaufrichtigkeit und falsche Macht zusammenhingen.

Zunächst glaubte, ich, es läge an den Ausdünstungen des Laminatbodens. Ich kaufte Leinen, das
Strahlungen abhält und einen Wollteppich für die beiden großen Zimmer. Als auch das nichts half,
bestellte ich auf Anraten eines Freundes einen Geomanten aus München, den ich mit dem Auto am
Bahnhof abholte, der mit den Worten, gerade mein Schlafzimmer betrat, ohne dass ich ihn eingeweiht
hätte: „Oh, hier wird es mir schwindlig und ich fühle mich verwirrt, es geht mir gar nicht gut hier..―
Auch zu den anderen Räumen vermochte er nicht wirklich das zuerst Ausgedrückte widerlegen. -
Nach einigen Einräucherungsritualen, die nicht gerade glaubwürdig anmuteten, verließ er mich mit einem
dicken Packen Hundert Euro Scheinen, die ich ihm zu bezahlen hatte.

In meiner Verzweiflung beschloss ich am 13. August die neuen Belastungen mit der Wohnung hinter mir
zu lassen und mit David eine Reise nach Rostock zu unternehmen.
Im Norden ging es mir sogleich besser, auch weil ich Tage zuvor von meiner Ärztin eine Kurznachricht
erhalten hatte, in der sie mich ermutigte durchzuhalten, nun hätte ich schon die Hälfte der Zeit Ihrer
Abwesenheit hinter mich gebracht, die zweite Hälfte würde wie im Fluge vergehen.
278

Noch vermochte ich einigermaßen zu schlucken, noch war mir die ganze Tragweite der weiteren
Zerstörung meiner Lebenskräfte durch meine krankmachende Behausung und vermeintliche „Hülle“ nicht
bewusst. Noch wusste ich nicht, wie viele unzählige Krisen noch bis zum Jahresende auf mich warten
sollten, sogar am 26. Dezember, der zwei Jahre zuvor in meinem schwersten Entzug der erste, etwas
leichtere Tag gewesen. Doch im Jahr 2012, bedingt durch die Energie meiner Wohnung, sollte auch
David nochmals zum „Kahlschlag“ ausholen, um mich wiederum im Wald liegen zu lassen,
glücklicherweise in der Nähe meines Gartens, zu welchem ich mich robbte, um dort, wie einige Male
beschrieben, von Dr. Gabriel um Mitternacht abgeholt und wieder in meine Wohnung gebracht zu
werden, die für weitere tägliche Krisen bei uns allen sorgte.

Aber die Zeit im August war durchzogen von meinem Versprechen, am 20. August wieder bei meiner
Ärztin in der Praxis zur Infusion zu kommen. Ich wollte mich unbedingt daran halten. So fuhr ich mit
letzten Kräften aus Rostock zurück nach Stuttgart mit Schirmmütze und dicker Sonnenbrille, weil das
Geflacker der Sonne durch die Bäume wie Messer in mein Gehirn schnitt.
Ich fuhr zurück wohlwissend, dass ich den weiteren Umzugsvorbereitungen nicht gewachsen sein würde,
denn der ganze Umzug war auf den 30. August gelegt worden. Und bis dahin rutschten gerade David und
ich nun von einer Krise in die nächste und auch wenn Dr. Gabriel mir drei Tage vor meinem Geburtstag
das für mich wertvollste Geschenk imaginär zunächst überreichte, in dem sie mir anbot, auf alle meine
Kurznachrichten zu antworten, ich solle nur Geduld haben wenn sie es nicht gleich zu schaffen in der
Lage sei, so kämpfte ich gegen unsichtbare Dämonen in Überzahl.

Hatte ich vor dem Jahr 2008 in nahezu allen meinen Aktionen, Umzügen, Reisen unbeschreibliches
menschliches und karmisches Glück, wie ich es auch über die Jahre 2004 -08 schreibend und
beschreibend zum Ausdruck brachte, so hatte mich dasselbe zumindest ganz sicher ab dem Jahr 2011
endgültig verlassen. Die Zerstörung in der Stuttgarter Klinik war eine einzige Höllenfahrt und doch hatte
ich, als ich dumpf brütend vor mich hinvegetierte, zumindest immer wieder Sonnenstrahlen menschlicher
Perlen und Zuwendungen, die den Phantomersatz meiner amputierten Seele erreichten.
Das Jahr 2011 markiert jedenfalls für mich bis zum heutigen Tag im Jahr 2014, in meinem 39. Lebensjahr
die Zeit, in der die Gegenkräfte eine ganze Armee stellten, um mich zu verfolgen, mir alles zu entreißen
und wenn ich auch noch mit allerletzter Kraft, ohne Nahrung und Schlaf, ohne Muskelkraft im wahrsten
Sinne ihrer Bedeutung mich vom Boden aufzurichten versuchte, so kamen neue Widerstände, neue
Hindernisse, die ein nur nacktes Überleben kaum und schließlich gar nicht mehr zu ermöglichen
gedachten.
279

Den Beginn der Schluckstörung legte meine Hetzjagd mit Lothar beim Kartfahren, die Fortsetzung
erfolgte wohl in meiner zweiten Einweisung durch menschliche Kälte und alle Qualen und Schmerzen,
die für mich über 1 ½ Monate mit Dr. Gabriel zusammenhingen. Sie hatte mich wirklich zutiefst
verunsichert, innerlich und äußerlich lahm gelegt. Mein Umzug bildete den Höhepunkt, der mir nicht nur
keine neue Hülle ermöglichte, sondern mir alte Hüllen wie Hautfetzen vom Leibe riss.
Ich konnte also bald nicht nur behaupten, nur noch aus „Haut und Knochen“ zu bestehen, sondern eben
nur noch aus Knochen, um mich mit einer Hundehütte zu vergleichen: „In jeder Ecke einen Knochen“.

Ende September folgte ein weiterer Klinikaufenthalt, um der Schluckstörung auf den Grund zu gehen.
Doch auch er stand unter keinem guten Stern und Vorzeichen und ich glaube, zu diesem Zeitpunkt brach
auch die Kraft meiner Ärztin ein, die knapp zwei Jahre lang ihre Intuition, ihr Wissen, ihr
medikamentöses Wissen, sogar ihre Anwesenheit bei einer therapeutischen Massage in mich investierte,
da ich Berührung nur schwer ertragen konnte und auch wenn sie gewiss meinen eigenen, inneren Kampf
wahrgenommen hat, nicht aufzugeben, willig mitzuwirken, ihre Anstrengungen dankbar entgegen zu
nehmen, nicht ohne selber das mir Möglichste unterstützend diesem Überlebenskampf beizumengen, -
während jenes Klinikaufenthaltes muss sie eine gewisse Vergeblichkeit des Bemühens um meine Person
erlebt haben, wie auch ich sie ganz evident wahrnahm.
Die Untersuchungen brachten zum einen nichts als ein Magengeschwür zutage und wieder unzählige
Hindernisse, die mir vier ganze Tage Flüssigkeit verwehren sollten. Eine am Tage meiner Ankunft
einsetzende Krankheit des Arztes, der mich behandeln wollte kam „zufällig“ hinzu. Kurzum, der ganze
Aufenthalt stand unter einem sehr schlechten, schwierigen Stern und trotzdem mir Dr. Gabriel in ihrem
Fax am Morgen prophezeite, es sei „keine Sackgasse“, wie ich schon die ersten Stunden dort erlebte in
hellsichtiger Wahrnehmung.
Sie bezeichnete es als „Neubeginn“, ich solle ihr vertrauen, und sie würde mich begleiten, auch dürften
die Ärzte sie anrufen, in jedem Fall aber würde sie mich am folgenden Tag um die Mittagszeit anrufen.

Das waren die langen Augenblicke in denen ich an den menschlichen Qualitäten wie „Versprechen,
Sicherheit, Wahrhaftigkeit in der Sprache, im Handeln, Rücksicht, Nachsicht, Vertrauen“, zu zweifeln
und zu verzweifeln begann.
Und wieder, nur vier Jahre später nach ihrem Schweigen und ihrer Einweisung in die Psychiatrie im Jahr
2008, in der ich fast ermordet wurde, wenige Monate nach ihrem Hubschraubereinsatz und dem
Fallenlassen ihr Schweigen, ihre Verdrehungen, ihre Unwahrhaftigkeit mit klirrender Klinge als
Damoklesschwert über mir schweben und ich wartete auf ihren Anruf, er kam nicht.
280

Als ich sie abends von mir aus zu erreichen suchte, weil solche Dinge bei mir immer einer Klärung
bedürfen, ein Verstehen, damit ich in meiner „Seelenreinigung“ fortfahren kann, wie es viele Horoskope
über meinen Drang nach Kommunikation beschreiben, so klang ihre Stimme wieder ebenso als in der
Woche vor meinem Gerichtstermin. Es endete ihr gegebenes Versprechen, mir auf jede Nachricht zu
antworten ohne Grund, ohne Vorbereitung und ich hatte unbedingt versucht, es nicht auszureizen,
sondern nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen davon Gebrauch zu machen.
Es endete ihre Zusage, dass wir sie konsultieren dürfen in schwerer Situation.
Und als nach vier Tagen immer noch kein Arzt sichtbar mir unter die Augen trat, als ich nach drei Tagen
immer noch keine lebensnotwendige Infusion erhielt, schrieb ich Dr. Gabriel eine Nachricht, in der ich ihr
einen imaginären Geldbetrag anbot, im dreistelligen Bereich, an dem sie sehen konnte, wie wichtig mir
gerade jetzt ihr menschlicher und ärztlicher Beistand war, wenn ich kurz mit ihr sprechen darf.
Erst gegen Abend erhielt nur meine Pflegemutter eine Nachricht von ihr, in der meine Worte nicht
ergriffen und begriffen wurden, so klar und unmissverständlich ich ihr schrieb. Nur in eine Bitte
gekleidet. Ja, ich hatte ihr geschrieben, wie wichtig mir ihre Unterstützung jetzt wäre und dass sie doch
zugesagt habe, die Ärzte dürften sich auch an sie wenden.
Sie trat mein Vertrauen mit Eisenstiefeln in einer Antwort an meine Pflegemutter und verdrehte die
Tatsachen evident: „Man biete mir 500 Euro― (Es waren 300, um bei der Wahrheit zu bleiben und ich
bin auch kein man(n) (…) „Vor allem blockiert sie gegen mich..― –

Genau das Gegenteil war der Fall und das sind derlei Situationen, die mich endgültig zu Fall bringen
können und die mir ungleich mehr Kräfte rauben, als wenn ich mich körperlich bis weit über meine
Grenzen des Ertragens von Schmerzen, überanstrenge. Und immer wieder begann und beginnt meine
Haut wie Feuer zu brennen, begann der Kreisel sich in den Abgrund zu bewegen, wenn ich menschlich im
Vakuum gehalten wurde, ignoriert, wenn mein Leben und wenigstens das nackte Überleben nicht mehr,
oder überhaupt nicht mehr möglich war und mir ermöglicht wurde.
Sie hatte mich in eine menschlich- seelisch- ärztliche Abhängigkeit gebracht, indem sie Versprechungen
gab, keine Grenzen setzte, um sie dann einfach zu brechen und alles zu zerbrechen auf einen Schlag.
Und das bei einem schwer traumatisierten Menschen, der einen Entzug überlebte, der an die größten
menschlichen, seelischen Qualen nicht heranreicht.

Jener Zeitpunkt markiert wohl eine beginnende innere und äußere Ermüdung, auch von Seiten Dr.
Gabriels mir gegenüber, weil sie wohl fühlte, dass sich die Wahrheit mehr und mehr ans Licht arbeiten
wollte, zum Durchbruch und sie unentwegt versuchte, sich selber zu schützen, die Mauer aufrecht zu
erhalten, um mich immer und immer wieder ihrer eigenen unwahren Sicherheit zu opfern.
281

Sie war Meister darin, mir vordergründig die Hand zu reichen, um mir von hinten den Dolch in den
Rücken und somit ins Herz zu stoßen, als ich ebenfalls am Ertrinken war.

In diesem Klinikaufenthalt Ende September 12 zeigte es sich, dass vermeintlich die tragende Brücke zu
meiner Ärztin wieder abreißen sollte, um im menschlichen undefinierbaren Vakuum wieder in
Kreiselbewegungen dem Abgrund entgegen zu taumeln, der sich vehement am 4. Oktober in gewaltigem
Ausmaß unter mir auftat. Er wollte mich abermals verschlingen, mich in den Untergang zu stürzen.
Ja, ich war in diesen ganzen neun Tagen meines Aufenthaltes mehr als bestrebt, meinem Leben noch
unzählige Chancen einzuräumen, sogar Krankenhausaufenthalte über mich ergehen zu lassen, auch wenn
ich die erste Nacht komplett durch-weinte und durch-wachte, da mich alles in dieser Umgebung an
München Haar erinnerte. Die Traumata erwachten zu neuem Leben.

Am folgenden Montag standen einige Untersuchungen an, die jedoch keine weiteren Erkenntnisse
brachte, außer einem Magengeschwür und fraglicher fokaler epileptischer Krampfanfälle.
Ferner konnte auch das atetotische Gehen und Wegrücken der Beine und das kraniale Verdrehen beider
Augen nicht irgendwo zugeordnet und darum eingeordnet werden, um es übergeordnet unterzuordnen,
ordentlich in aller Ordnung in Ordnern zu ordnen, um den ungültigen Ordinalwert herauszufiltern, um
laut zu bekennen: Ich sehe nichts, also ist nichts!
„Sie haben beim Röntgen Ihrer Speiseröhre zwar sehr verzögert und verkrampft geschluckt, aber die
Flüssigkeit ging runter, ging glatt durch“, fraglich also alles wiederum zum wiederholten Male, ergo
muss ich ein Simulant, Hypochonder, Hysteriker, zumindest aber ein medizinischer Querulant sein, dem
es unsagbare Freude bereitet, die Mediziner, ebenso wie die Justiz und Polizeibehörden unentwegt auf
Trab zu halten. Dafür bringe ich sogar das Opfer, mir Muskeln rausschneiden, sogar meine Seele
ermorden zu lassen, um ihre Peristaltik zu fördern. Sie dagegen wollen mich dann als Betrüger entlarven
und wenn nichts dergleichen bei mir zu finden ist, eben auch kein Betrug und Lug, kein offensichtliches
Verbrechen, keine Unwahrheit, so müssen sie den möglichen, einzigen angreifbaren, verwundbaren Punkt
mir zu Anklage gereichen, nur das eine, schwere „Verbrechen“, suizidale Gedanken zu haben.

Jener Arzt, nachdem seine Krankheit überwunden, führte ein langes Gespräch mit mir, in dem ich ihm
auch von der Tavorvergangenheit berichtete. Er sagte mir, dass gerade bei meiner Hellfühligkeit, die auch
immer mit einem leichten Exkarnationsprozess einhergeht, also dem Herausgelupft- sein der Seele aus
dem Körper in ein Umkreiserleben, dass dieses Medikament gerade bei mir niemals hätte zum Einsatz
kommen dürfen und es würde gerade diese Form von Exkarnation noch verstärken und meine ganze
Sensibilität bis zum Zerreißen.
282

Darum auch meine hohe Sensibilität, meine „Schwingungsfähigkeit“, wie sie in München immer als
herausragend bezeichnet wurde, weil ich, sobald ich einen Raum betrat, die ganze seelische, sogar
gedankliche Situation zu erfassen in der Lage war. Von Ärzten und Therapeuten bekam oftmals hinterher
bestätigt, meine Wahrnehmungen seien absolut richtig. Aber diese Wahrnehmungsfähigkeit und
Sensibilität hat eben auch Nachteile und da wirkt gerade ein solches Medikament tödlich.
Er bot mir einen langen Klinikaufenthalt in seiner eigenen Obhut an, um die Spuren der Zerstörung etwas
zu mildern und sprach dabei von bis zu neun Monaten.
Ein solches Angebot hätte ich im Jahr 2008 in großer Dankbarkeit sofort angenommen, da jener Ort mir
in der Vergangenheit Heilung und Trost war und das Krankenhaus an sich eine schöne, auch menschliche
gute Atmosphäre zeigte und ich es ganz sicher einem Psychiatrieaufenthalt bei weitem vorgezogen hätte.
Doch an diesem 26. September fühlte ich nur ein gewaltiges Erschrecken, eine Angst, die ich erst etwas
später in allen Facetten zu enträtseln wusste und ich versprach ihm, es mir zu überlegen.
Zum einen hatte ich mein Pensum an Klinikaufenthalten nicht nur ohne Resultat und Besserung
vollständig ausgeschöpft. Ich war durch sie einer totalen Zerstörung und mit ihr einhergehender
schwerster Traumata anheim gefallen, ich konnte nicht mehr. Zum anderen wusste ich, dass mir meine
Schicksalsmächte auch dieses Mal nicht gnädig sein würden, irgendwelche Blockaden türmten sich auf,
um eine Hilfe zur Besserung zu verunmöglichen. Und nicht zuletzt wollte ich nicht noch einen weiteren
Arzt mit meinem „gewaltigen, komplexen“ Schicksal belasten. Er war eben auch ein Mann und ich habe
immer wieder die Erfahrung gemacht, dass auch mehr unbewusste Sympathien ins Gegenteil umschlagen
können, wenn sie nicht erwidert werden und ich hatte im Jahr 2012 nicht mehr die Kraft für derlei
allzumenschliche Regungen niederer Stufe.

Zu meiner Pflegemutter sagte er bei einer kurzen Begegnung, dass er mich in jeder Hinsicht für
hochbegabt halte. Sein Sohn leide auch unter einer Borderlineerkrankung und er habe sich von ihm
abwenden müssen, weil sein Verhalten ihn dazu gezwungen. Als ich das hörte, wusste ich, wohin der
Hase läuft und ich wollte nicht ein mögliches Opfer psychologischer, erzieherischer
Übertragungstendenzen und Verhaltensmuster werden, denn möglicherweise hätte er seinen Schmerz auf
mich projiziert, soviel habe ich die menschliche Seele zumindest zu verstehen gelernt.
Jupiter und die Sonne fallen beide unter den Begriff „Planeten“, jedoch sind sie in sich selber
vollkommen verschieden. Ich möchte damit sagen, Borderline ist nicht gleich Borderline.
Eine weitere Begebenheit hinsichtlich meiner Ausführung ließ mich stutzen und ebenso meine Begleiter.
Ich sagte dem Arzt, dass ich am folgenden Tag ihm meine Entscheidung mitteilen würde und er kam
gegen Abend strahlend in mein Zimmer gefegt, wie ihn auch die anderen erlebten, um fast beleidigt,
wortlos und ernsthaft nach kurzer Zeit dasselbe zu verlassen, als ich sein Angebot nicht entgegennahm.
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Ich möchte hier niemandem etwas unterstellen, aber ich bin an jenem Tag meiner Intuition gefolgt und
habe nur aus Erfahrung zu lernen versucht, weil ich wusste, die Kräfte der letzten Jahre, auch die
Begegnung mit dem Arzt an der Ostsee, die ich schon beschrieb, oder Dr. Uriel, - sie würde ich im
Beginn meiner körperlichen und seelischen Auszehrung nicht mehr aufbringen können.

Und trotzdem nun alle Untersuchungen hinter mir lagen, wurde mir angeboten, noch länger im
stationären Rahmen bleiben zu können. Mir wurde es, wie immer, viel zu eng und so bat ich am 28.
September darum, mich zu entlassen in die weitere Aussichtslosigkeit, weil die Schluckstörung nicht
erkannt und eingeordnet werden konnte und ich selber keinen Rat wusste, ihr beizukommen. Wie auch
der ganzen Situation mit der neuen, grauenhaften Wohnung, in der ich kurz vor meinem Klinikaufenthalt
und genau ein Jahr später, am selben Tag, nämlich am 18. September ein Erlebnis hatte, das mich im Jahr
2013 dazu veranlasste, am 1. Oktober 13 meine Wohnung endgültig zu verlassen:
Gegen Morgengrauen, im grauen Grauen meines grauen Grauens, bewegte sich wahrnehmbar die
Matratze am hinteren Bett- teil nach unten und ich vernahm eine Stimme die mir sagte:
„Beeile dich, du hast nicht mehr viel Zeit.“ Als ich sie innerlich fragte, wer sie sei, diese Stimme, bekam
ich nur als Antwort, ich würde es in der folgenden Nacht erfahren. Und so absurd und unglaubwürdig es
klingen mag, als ich am folgenden Morgen aufwachte, war sofort diese Stimme zu hören, die mir sagte:
„Ich bin der Tod.“

Was auch immer jenen zwei Erlebnissen zugrunde lag, wir wissen alle, dass in meiner Wohnung etwas
nicht mit rechten Dingen zuging und dass sogar ein neuer Mieter der Wohnung unter mir nach einer
Woche seine Kündigung vorlegte, da er „Alpträume“ in seiner neuen Behausung bekam und
Angstzustände, die ihm sonst fremd waren.
Wie es der rote Faden meines ganzen Lebens wollte, hatte ich immer nur die Wahl zwischen dem Regen
und der Traufe, zwischen einem Misthaufen und einem anderen in selber Ausdünstung, frei nach dem
Motto des Witzes: „Frau Müller und Frau Meyer sitzen in der Oper. Sagt Frau Meyer: Die Akustik ist
heute sehr schlecht hier, meint Frau Müller: Ich rieche nichts.“
Doch, für mich war es zu riechen, jene Akustik und ebenso zu hören und ich wusste, ich kann weder in
meine Wohnung zurück, obwohl mir damals das ganze Ausmaß noch nicht entfernt deutlich war, noch im
Klinikrahmen bleiben.
Ich erlebte nur, dass David, wenn er abends von meiner Wohnung wegfuhr mit seinem Fahrrad, extrem
gestresst war, dass er Kopfschmerzen hatte und immer wieder Erkältungen, vor allem war er besonders
aggressiv, und ich wusste, dass ich es im Klinikrahmen ebenso wenig aushalten konnte, zumal mir
bewusst war, dass er mir keine weiteren Erkenntnisse und Linderungen verschaffen würde. –
284

Kapitel: Entlassung – Reise nach Prag – Ansbach – Türkei und die Einlösung zweier Versprechen

Täglich aber droht dem Menschen vom Menschen Gefahr

Lucius Annaeus Seneca

Eine seltsame weitere Begebenheit, die ich ebenfalls damals noch nicht einzuordnen wusste, welche ich
heute mit meinem „einmaligen Prozess“ in Verbindung bringe, sollte mir zunächst zeigen, dass ich den
falschen Ort und die unmöglichste Wohnung gewählt hatte in meiner Verzweiflung:
Ein weißer Kleinlaster, wie sie mich noch einige Male dieser Sorte verfolgen sollten, hatte es darauf
angelegt, mich im Kreisverkehr, laut Zeugenaussagen „über den Haufen zu fahren“.“ Zeugenaussagen:
„Er ist ganz seltsam und langsam vor uns durch den Wald gefahren, blickte immer in den Wald hinein, in
dem Sie erst liefen und dann Fahrrad fuhren und als Sie mit dem Fahrrad raus kamen, hat er Vollgas
gegeben“…
Jener Laster fuhr dicht neben mir und ich hatte mich so erschreckt, mein Glück im Unglück, oder nur
Unglück, dass ich seitwärts vom Fahrrad fiel. Der Laster versteckte sich dann in einer Seitenstraße, um
kurze Zeit später herauszurasen, mir nachzusehen und denselben Weg, den er gekommen, wieder
zurückzufahren, denn David hatte mich zu Fuß erreicht. „Sie müssen die Polizei holen, wissen Sie
eigentlich, dass er ihr Leben gerade riskierte mit dieser Geschwindigkeit?“ –
Nein, ich war zu müde dafür, trotzdem mich mindestens vier Menschen verschiedener Autos dazu
drängten.
Ich bin einfach weitergegangen. David war es, der den Kleinlaster kurze Zeit später aus der Seitenstraße
raus fahren sehen, mir nachsehend, um denselben Weg wieder zurückzufahren. Ich sah ihn nur durch den
Wald zurückfahren.
Nach diesem Erlebnis schrieb ich meiner Ärztin ein Fax, weil ich wohl fühlte, dass dies nur der Anfang
einer Kahlschlagaktion, aus welchen Motiven und Hintergründen auch immer, gegen meine Person war,
um ihr davon zu berichten und ihr ebenfalls zu sagen, dass, wenn er mich über den Haufen gefahren hätte,
dass ich es nicht herbeigeführt, um jeglichen suizidalen Verdacht wahrheitsgemäß abzuwenden. So
traumatisiert war ich schon.
Beim zweiten „Mordversuch“, wie wir diese Anschläge später nannten, fuhr ich im Bus durch den
Frauenkopf, um an der Endhaltestelle auszusteigen und die Weinberge zu meiner Wohnung nach unten zu
laufen und seltsamerweise bat mich der Busfahrer inständig, an der letzten Haltestelle nicht auszusteigen.
„Irgendetwas stimmt heute hier nicht, auch sind die Lampen ausgefallen, steigen Sie bitte nicht aus.“
Und trotzdem zwei Menschen einstiegen die einen Fahrschein haben wollte, sah er an ihnen vorbei zu
mir, um mich zum wiederholten Male zu bitten, den Bus nicht zu verlassen.
285

Was hatte er gesehen, wahrgenommen, welche Eingebung erreichte seine Seele, frage ich mich heute? Ich
bin trotzdem ausgestiegen und es war fast genauso wie beim ersten Mal. Wäre ich nicht zwei Schritte
zurück Richtung Bus gegangen, weil David angeradelt kam, hätte er mich erwischt, der weiße Kleinlaster,
und nicht gerade unsanft bei seiner Geschwindigkeit.
Das war nur der Beginn, auf den im folgenden Jahr noch unzählige weitere Manöver folgen sollten. Wohl
als „Psychoterror“ zu verstehen, um sogar vor Einbahnstraßen keinen Halt zu machen, illegal von falscher
Seite einzufahren, um mich fast anzufahren, mir meine Dauernadel am Arm zu beschädigen und jedes
Mal wehrte David ab, als Passanten, die Zeuge davon wurden, die Polizei holen wollten. Sie waren
fassungslos waren, dass ein solcher „Vollidiot in dieser Geschwindigkeit durch den Zebrastreifen rast“,
den ich gerade zu überqueren gedachte. David wehrte ab um meinetwillen, weil er wusste, dass ich diesen
ganzen Verhören nun nicht mehr gewachsen sein würde, auch wenn es mir einige Male gelang, das
Nummernschild noch zu scannen in meinem Gedächtnis. Zudem, so stellte es sich heraus, sollte es für
mich seit der Stuttgarter Zerstörung kein Menschenrecht mehr geben, denn auch die Strafanzeige, die ich
Jahre später gegen meinen Hausarzt stellte wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger
Körperverletzung, wurde zwar von der Kriminalpolizei aufgenommen, verschwand jedoch spurlos bei der
Staatsanwaltschaft, wie auch die Anzeige gegen sexuellen Missbrauch des Nachhilfevaters.
Die Polizei bat uns nur jedes Mal, persönlich vorzusprechen, aber ich kannte dieses erschöpfende
Prozedere.

Heute frage ich mich, welcher Krisentag wohl der schlimmste meines Lebens gewesen, aber wenn ich
diese drei Entzugsjahre und auch die zwei bis drei Jahre meiner Klinikeinkerkerung erinnere, so darf ich
behaupten, dass, bis auf wenige Hoffnungsperlen im Jahr 2011, jeder Tag ein unvorstellbarer Krisentag
für mich gewesen, an dem mir kaum eine Minute zur Erholung vergönnt war, nicht einmal des nachts.

Und so verbrachte ich die ersten zwei Nächte nach meiner Entlassung aus der Klinik des Luftkurortes, in
der meiner Schluckstörung auf den Grund gegangen werden wollte, im Wald in meinem Auto, nahezu
ohne Flüssigkeit und Nahrung.
Zum damaligen Zeitpunkt konnte mein Körper dies noch kompensieren, heute wäre das unmöglich, da er
wohl alle Fettreserven und den Flüssigkeitsspeicher bei weitem verbraucht hat.
Am dritten Tag, dem 1. Oktober 12, bat ich David, zu mir zu kommen um mein letztes Versprechen
einzulösen, das ich meinem besten Freund, Herrn Dostal vor Jahren gab und wir fuhren Richtung Prag.
Vorbei „Blaubeerwald“ bei Regensburg und Neumarkt, mit dem ich meine schönsten
Kindheitsferienerlebnisse verbinde, um gegen Spätnachmittag in Senesnice einzutreffen.
286

Ich schrieb einige Zeilen in verschlüsselter Botschaft und drückte sie David in die Hand, er klingelte
damit an Dostals Tür, überreichte ihm meine geheime Botschaft. Er kannte David und vermutete wohl
freudestrahlend mich in seiner unmittelbaren Nähe, sein Glück meines Besuches nicht fassen könnend.
Mit klopfendem Herzen, wie er später sagte, ging er in sein Haus zurück, denn ich wollte mit David
zunächst einen Spaziergang durch den Wald unternehmen, um mich von der überaus anstrengenden Reise
etwas zu erholen.

Den Abend verbrachten wir gemeinsam in seiner gemütlichen Küche beim „Bollerofen“, während er
Kuchen buk und wir sehr interessante und bereichernde Gespräche führten. Diese Tage bis zum 4.
Oktober 12 sollten für mich im Menschlichen sehr viel Glück bereithalten, ebenso für David, der den
Genius in meinem besten Freund Jan zu erkennen wusste und selber reich beschenkt wurde.
Niemals in den gemeinsamen fünf Jahren davor und danach habe ich David in dieser Weise ausgeglichen,
liebevoll, ruhig und innerlich und äußerlich getragen erlebt, als in jenen vier Tagen bei meinem
wahrhaftigsten aller Freunde, meinem lieben, alten „Fossil“, meinem „Väterle“.
Ich erkannte auch David kaum wieder, und ich wusste, ich konnte seiner eigenen Intuition vertrauen, die
in der Lage war, über Alter und schlechte Zähne hinweg zu sehen, um zum eigentlichen Wesen
vorzudringen, den wahren Menschen zu sehen, die Wahrheit und Wahrhaftigkeit wahrzunehmen, zu
erkennen, um selber dadurch immer wahrer zu werden.
Auch Jan erkannte Davids Wesen und war beeindruckt, vor allem erleichtert, weil er wusste, dass David
mir eine große Hilfe und Stütze ist, die ich, in seinen Augen mehr als nötig hatte und er bezeichnete sein
Wesen und Wirken mit der menschlichen Qualität eines Priesters.
Ja, auch ich erlebte diese Wesenszüge an David, aber nur, wenn wir unter uns waren und Menschen auf
dem Weg zur Wahrheit und somit Wahrhaftigkeit um uns haben durften.

Weil meine Lungen, meine Blase, der Flüssigkeitsmangel mich verrieten, mussten wir zurückkehren in
ärztliche „Obhut“, sonst wären wir wohl auf immer bei unserem wahren Eremiten geblieben, der unsere
Seelen mit Seligkeit und wahrem Menschentum erfüllte, mit dem wir die reinsten Gespräche unseres
Lebens führten, der uns verstand, der mich liebte als Vater, Freund und Bruder, als Menschenbruder und
nur ihm habe ich es zu verdanken bis zum Jahr 2013 nicht vollkommen an dieser Menschheit verzweifeln
zu sein.
Um Mitternacht saß ich an seinem Bett und wir sprachen über mein Leben, über die Welt, über alles, was
mich bewegte, während er mich mit strahlenden, wachen, liebevollen Augen ansah.
Ich erzählte ihm von meiner Todessehnsucht und meiner damit verbundenen Angst, diesem Dämon bald
unterliegen zu müssen, aber er wusste mich zu beruhigen. Ganz im Gegensatz zu nahezu allen Menschen,
287

welche mir weitere Angst einflößten, meine Seele würde einer weiteren „Verdammnis“ verfallen, auch
wenn ich nicht selber für meinen Untergang verantwortlich war, und Christus würde mich nicht
empfangen.
Er sagte mir damals, dass gerade die Menschen, die mich anklagen, versuchen, „mein Licht, meine Liebe,
meine Wahrhaftigkeit zu zerstören.“
Er tröstete mich auch mit den Worten, dass ein Suizid immer nur dann ein Mord ist, wenn derjenige es im
Affekt vollzieht und sich nicht das erarbeitet hat, was ich in meinen ganzen damals 37 Jahren mir
angeeignet und unter widrigsten Umständen mir auferlegt und erarbeitet hatte. Nicht nur an Kenntnissen,
sondern an Durchhaltefähigkeit, an inneren Schulungen des Verzichtes, des inneren und äußeren
Rhythmus, an Verantwortung mir selber und meiner Umwelt gegenüber, an Rücksichtnahme und der
Ausbildung einer gewaltigen Intuition, wie sie Dostal und auch noch ein geistig großer Mensch unserer
Zeit bezeichnete. Er erzählte mir von einem Beispiel eines Selbstmordes im zweiten Weltkrieg, der durch
das selbstgewählte Ende in der Lage war, eine ganze Armee vor ihrem Untergang zu bewahren, sie
umkehren zu lassen, um durch jenes eigene Opfer unzählige Menschen zu retten.

So empfinde ich auch bei meinem größten Vorbild, Stefan Zweig, mit dem ich in meiner Biographie in
unentwegtem Dialog in geistiger Hinsicht stehe, der sich im Exil suizidieren musste, keine solche Marter,
wie sie oftmals nach Freitoden beschrieben wird, weil er Zeit seines Lebens um Gott und das Geistige in
umfassender Weise gerungen hat.
In meiner Intuition und Wahrnehmung gibt es da eindeutige Unterschiede, wie ich es in meinem Kapitel
über den Selbstmord versuchte herauszuarbeiten, auch gerade am Beispiel meines zweiten Vaters, der
ganz sicher noch Möglichkeiten gehabt hätte, sein Leben weiterzuführen, um die Verletzungen, welche er
durch unseren Autounfall uns allen zugefügt, durch Liebe und Zuwendung zu heilen. Er hatte zu früh
aufgegeben in meinen Augen und deswegen hatte ich als Kind, ohne das Wissen um seinen Freitod, jede
Nacht eine erschreckende Begegnung mit ihm. Ich hatte keine Kenntnis vom „Wie“ seines Todes, da
meine Mutter mir nur erzählte, er sei am „gebrochenen Herzen“ gestorben.
Wenn S. Zweig nicht erlöst worden wäre, weil gerungen und in tiefster Nacht seiner Entwurzelung und
Heimatlosigkeit seinem Leben das letzte abverlangt in innigster Hingabe an Gottes Herrlichkeit, niemals
wäre ich in der Lage, mich seinem Leben, Denken und Wirken so umfassend hinzugeben.
Ich liebe ihn, weil er Gott geliebt und ebenso im Exil mit der Frage rang: „Eli lama, sabachtani“, Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen, wie sie Christus am Kreuz seinem eigenen Vater stellte.

Ich las an jenem letzten Nachmittag meinem Väterle 30 Seiten aus meiner Biographie vor im Zustand des
Fastens auch hinsichtlich der Flüssigkeit über vier Tage. Nebenbei bügelte ich noch bergeweise Wäsche
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für ihn, indem ich sie „flach legte“ um nicht hören zu müssen: „Sie hat ein faltenreiches Gesicht und ein
ebensolches Gewand“, - wir brannten sein Holz im Garten ab, putzten, zu saugten, um ihm alles
abzunehmen, damit er in seiner Übersetzungsarbeit ungehindert fortfahren konnte.

Am Tage des Abschiednehmens – und wir wussten, es ist ein irdischer Abschied für immer, da mein
Väterle mich um fast zwei Generationen „überragt“ und mir selber bewusst war, dass ich mein 40.
Lebensjahr kaum werde überschreiten können – hatte mir mein altes Fossil ein ganz besonderes
Abschiedsgeschenk vorbereitet. Er setzte sich an sein Klavier und spielte eine selbstkomponierte Musik,
die ganz sicher als „Himmelsmusik“ bezeichnet werden konnte und sowohl mir, als auch David kamen
die Tränen, so wundervoll rein, melancholisch, himmlisch klang seine Weise, die er mir mit auf die Reise
schickte. Sie sollte noch tagelang in mir nachklingen, um mich an ihn und seine Menschlichkeit und
Wahrhaftigkeit zu erinnern.

Die Rückfahrt bewältigte ich bis Ansbach alleine, ich war allerdings, trotz der Himmelsmusik, in keiner
guten Verfassung. Möglicherweise war ich ausgezehrt, ausgebrannt durch fehlende Nahrung und
Flüssigkeit, aber auch durch die Einsicht, dass mich in meiner Heimatstadt in zunehmendem Umfang und
nichts Gutes erwarten würde, auch hinsichtlich meiner neuen Wohnstätte des Grauens.
So hing jeder von uns seinen Gedanken nach. Zunehmend wurde ich wieder von meinem „Freund“ Suizid
mit dem Lasso eingefangen und auch der Himmel zeigte in einer Weise, wie ich ihn nur erlebte in
Augenblicken, in denen ich absolut keinen Ausweg mehr sah und den inneren Entschluss fasste, diese
umfassenden Qualen zu beenden.
Es begann heftig zu regnen, trotzdem die Sonne schien und der Himmel noch viele blaue Stellen zum
Vorschein brachte. Bald darauf zeigte sich ein gewaltiger Regenbogen in einer Ausprägung, wie ich sie
nie mehr zuvor und danach gesehen.

Ich fuhr intuitiv einen Umweg in die Stadt Ansbach hinein, in der ich zuvor noch nie gewesen, die mir
aber sehr vertraut erschien und ich vieles wiederzuerkennen glaubte, aus welchen Quellen und Zeiten
auch immer. Dort schrieb ich meiner Ärztin wieder einmal ein Fax, um meinen inneren Zustand ihr
mitzuteilen, ihn geteilt zu wissen, da sie mir schrieb, sie sei in der Praxis und könne es empfangen.
Anschließend fuhr ich auf den Hofgarten zu, um direkt auf das Denkmal für Kaspar Hauser zuzulaufen,
während ich David von Begebenheit erzählte aus Kaspars Schicksal, von denen ich zumindest bis zu
diesem Zeitpunkt nichts wissen konnte.
Was immer an jenem Abend für den Streit zwischen David und mir sorgte, vermutlich war es wieder die
Aussicht, in den menschlichen, belastenden Rahmen in Stuttgart zurückkehren zu müssen, wie es sich
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noch oft zeigen sollte, in jedem Fall verloren wir uns aus den Augen, während mich meine Ärztin per
Kurznachrichten nach Stuttgart zurück zu lotsen versuchte.

Als ich, da David mein Auto entführte, mit dem Zug Stuttgart erreichte, hatte meine Ärztin, die mir
versprach, mich nochmals anzurufen, wenn ich „sicheren Boden betrete“, ihr Handy abgestellt und wieder
geriet ich dadurch in jene beschriebene Situation, die mein seelische und auch physische Spirale in den
Abgrund trieb. Sie spielte eindeutig mit mir und meiner Verletzlichkeit, denn es hatte sich schon in
meinem vorangegangenen Klinikaufenthalt gezeigt, dass sie einfach ihre Zusagen und Versprechen brach
und mich anschließend wie einen großen Misthaufen behandelte.

So haftet auch dieser Nacht auf den fünften Oktober in meiner Erinnerung ein finsterer Beigeschmack an
als eine der innerlich und äußerlich schmerzensreichsten. Nur zwei Jahre später sollte dieser 4. Oktober
einen endgültigen Bruch und Abschied zu meiner Ärztin, zu meinem Menschenkreis herbeiführen durch
schwerwiegende unterlassene Hilfeleistung in einem Zustand der körperlichen Austrocknung, des
Verhungerns, der Wohnungslosigkeit und im Prinzip Obdachlosigkeit.

Im Oktober 12 löste ich ebenso mein letztes Versprechen ein, um mit David noch einmal in die Türkei zu
fliegen, wie ich es bereits in der „Katzenepisode“ erwähnte. Natürlich rechnete ich nicht im Entferntesten
damit, dass ich meinem kleinen „Herzekind“, dem Katzenbaby, das ich vor genau einem Jahr dort
zurücklassen musste, nochmals begegnen würde, zumal wir ein ganz anderes Hotel gebucht hatten, das 80
Kilometer von dem Ort entfernt lag, an dem ich sie vor einem Jahr getroffen. Mein kleines, scheues
Wesen, das offensichtlich nur zu meinem Herzen den Weg gefunden hatte, nicht einmal zu seinen
Artgenossen und anderen Menschen, wie es uns später berichtet wurde.

In Alanya fühlte ich mich nicht besonders wohl, die Stadt war laut und hektisch und wir hatten Mühe, ein
ruhiges Plätzchen zu finden. Als ich am zweiten Tag meine Reise zu bereuen begann, lief ich, wie
geführt, obwohl wir in die Richtung unseres Hotels laufen wollten, in die entgegengesetzte Richtung. Ich
weiß nicht, wer mich leitete, aber ich begann zu summen und zwar genau jene Melodie, die ich vor einem
Jahr auf dem Hotelgelände ebenfalls gesungen hatte, wie ich es beschrieb.
Eine melancholische Weise und eh ich es umfassend zu realisieren vermochte, blickten mich aus dem
Gebüsch zwei Katzenaugen an, die mir mehr als bekannt vorkamen, da sie einen ganz besonderen,
vollkommen anderen Ausdruck, als „normale“ Katzenaugen hatten. Und doch wissen wir alle, dass in den
ersten Sekunden des Erschreckens das Bewusstsein zunächst für Bruchteile von Sekunden schwindet und
wir mit ihm nicht nur das Bewusstsein, sondern auch die Erinnerung verlieren.
290

So „erwachte“ ich gewissermaßen erst wieder, als dieses Tier, das ich ganz klar an der Zeichnung
erkannte, ebenso David, als eine stolze, große Katze auf mich zugerast kam. Das damals winzige Wesen,
das ich im letzten Jahr in der Glasdrehtüre des Hotels mit weinenden Augen zurücklassen musste.
Und so märchenhaft und unglaublich, auch unglaubwürdig es klingen mag, was dann geschah, hätte wohl
die Berechtigung zur Verfilmung dieser Katzenepisode.
Treue, Sicherheit und das Einhalten eines Versprechens sollte die Basis dieser Begegnung kennzeichnen,
denn jene ausgewachsene Katze kletterte an meinem rechten Bein nach oben bis zu meinem Hals und da
dieses Hochklettern mit ihren Krallen nicht gerade schmerzlos war, konnte ich selber erst kurze Zeit
später und durch Davids helle, freudige und doch innerlich sprachlose Ausrufe realisieren, dass mir das
liebliche Wesen eine Pfote um den Hals gelegt, mit der anderen meine Wange berührte..
Die Dämmerung brach herein, David verzichtete auf sein Abendessen und von sprach von nichts anderem
mehr, als dass er niemals in seinem Leben zuvor auch nur ein einziges solches Erlebnis gehabt, als
unzählige mit mir. Ich sang ich wieder die alte Weise. Herzekind lag wie vor Jahr und Tag, auf meinem
Bauch.
Als wir sie am folgenden Tat nochmals aufsuchen wollten, weil ich glaubte, sie würde mir wieder nicht
mehr von den Fersen weichen, fanden wir sie nicht, erfuhren jedoch von einem Hotelbesitzer, der sie auch
aufgrund ihrer besonderen Fellzeichnung kannte, dass „meine“ Katze sehr scheu sei und die Menschen
und andere Katzen meide. Als wir ihm von meinem Erlebnis vor einem Jahr berichteten, bestätigte er,
dass so etwas durchaus bei Katzen vorkäme, auch bei anderen Tieren und dass Katzen teilweise über viele
Hundert Kilometer laufen, um das zu bekommen, womit sie wohl auf metaphysischer Ebene Kontakt
aufgenommen haben zu den Menschen, mit denen sie etwas verbindet.

Meine Katze kam nochmals, lag auch noch für kurze Zeit auf meinem Bauch, aber es schien uns so, als
hätte sie ihre eigene Autonomie gefunden, wollte mir nur zeigen, dass es Treue, Versprechen und
Verantwortung nicht nur bei den Menschen gibt. So diese Qualitäten überhaupt bei ihnen zu finden sind,
sondern auch und vielleicht gerade und nur bei den Tieren.
Möglicherweise wollte sie mir vielleicht auch zu zeigen, dass ich meiner eigenen Intuition und
Wahrnehmung vertrauen darf weil ich den Weg, ohne „vorherige Absprache“, zu ihr gefunden, dass sie
aber nun erwachsen sei und doch gerne ihren eigenen Weg weitergehen möchte.
So nahm ich am vierten Tag beruhigt Abschied von ihr, denn das ganze lange Jahr über hatte ich mich
immer wieder innerlich gefragt, wie mein winziges Kätzchen diesen Schock vom Verlassen – werden
verkraftet hatte und ob es überhaupt noch irgendjemandem vertrauen konnte und so war ich erleichtert
und wusste: Es gibt eine Verständigung mit der Tierseele und auch mit der Menschenseele ohne
Kommunikation mit dem Sprachorgan, auch über viele Tausend Kilometer Abstand.
291

Das Jahr 2012 neigte seinem Ende entgegen, es war ein sehr schweres Jahr für mich gewesen. Wieder
konnte ich nicht ahnen, was mich in den zwei folgenden Jahren noch alles erwarten sollte an Fülle von
Ereignissen und Niederschlägen und möglicherweise ist es gut, dass wir unser Schicksal nicht kennen,
denn die noch kommende Aussicht und Aussichtslosigkeit mit schwindenden Lebenskräften hätte ich
wohl nicht mehr bewältigen können in Vorkenntnis darum.
Und doch erkannte ich gerade im Jahr 2015 eine höhere Weisheit, die mich lenkte, die zwar die Schäden,
die durch Menschenhand verursacht wurden, nicht unschädlich und ungeschehen machen konnte, die
jedoch die Schicksalsfäden zog mit himmlischen Heerscharen, um mich in eine
Bewusstseinserweiterungssituation und damit in mögliche wichtige Erkenntnisse zu führen.

Der Weihnachtstag des Jahres 2012 zeigte Temperaturen eines warmen Sommertages und verriet nichts
über die hereinbrechende Kältewelle des folgenden Jahres, die wohl in die meteorologische Geschichte
als die „Jahrhundertkälte“ eingehen sollte. Auch von ihrer Dauer breitete sie bis Anfang Juni des Jahres
2013 ihr klirrendes Tuch über Deutschland und so hatte ich auf meiner Flucht über sechs Wochen nicht
nur mit Flüssigkeitsmangel, Einsamkeitsphasen, trotz eines neu gewonnen Freundes zu kämpfen, sondern
mit einem Gewicht von 38 Kilo auch mit fehlenden Fettreserven, diese Kälte zu kompensieren, um mich
in mein eigenes Fett zu hüllen.
Ich lief gewissermaßen bis Juni mit Winterjacke und Strumpfhose herum und genau an dem Tag, als ich
zurückkehrte von meiner Flucht, begann die Phase der Wärme und sogar Hitze in Deutschland, - am 8.
Juni 2013.

Aber ehe ich dieses Jahr zu beschreiben gedenke und mit ihm meinen infamen, verbrecherischen
Prozessausgang, den ich minutiös mit nahezu jedem Wort des Richters, der Anwälte und des Gutachters
festgehalten habe mit dem tiefen Wunsch, irgendein genialer Filmproduzent sei in der Lage, den ganzen
Verlauf nachzuspielen, nachzustellen, möchte ich den Ausklang des Jahres 12 noch beschreiben.

An Weihnachten fühlte ich schon die anstehende Umbruchsphase, die nur eine Vorbereitung sein sollte
für meinen letzten Befreiungsschlag im Jahr 2014 in die endgültige Unabhängigkeit.
Ich räumte an diesen Tagen meinen Garten auf, putzte mein Gartenhaus, hängte Gardinen auf und hielt
mich an Tolstoi, der sagte: „Selbst wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen
Apfelbaum pflanzen―, um nicht nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ zu leben, ein Chaos auch für
meine Gartenbesitzer zurück zu lassen.
292

Ich tendierte dazu, meinen Garten abzugeben innerhalb der nächsten zwei Jahre, weil ich nicht wusste,
wie lange meine Kräfte noch reichen sollten. Im folgenden Jahr sollte verlor ich durch eine
Unachtsamkeit eines Freundes gerade diesen Garten vorzeitig auf eine Weise, die mir zu leben, zu
handeln widerstrebte. Meine Gartenverpächter, die mich sehr schätzten und mir den Garten überlassen
hatten, obwohl sie ihn verkaufen wollten, entrissen mir Dank Benny diesen Garten, ohne einen Cent
Ablöse zu bezahlten.
Ich hatte in diesen Garten ganz sicher bis zu 6000 Euro gesteckt hatte, um ihn zu gestalten, einschließlich
neuer Gartenmauer und meinem Klavier in der Gartenhütte.

Und wieder war es wohl meine Pflegemutter und die Bedingungen in meiner Wohnung, die David am 26.
Dezember zum weiteren Zerstörungsschlag ausholen ließen, um mich gegen Mitternacht alleine im Wald
zurückzulassen.
Davids immer – wieder - kehrendes Fehlverhalten kann ich nur vor dem Hintergrund einer Aussage
unseres großen Casanovas sehen, unserem „homo eroticus“, der in seinen Memoiren offen gesteht:
„Wie oft habe ich in meinem Leben etwas getan, was mir selber zuwider war und was ich nicht begriff.
Aber ich wurde durch eine geheime Macht getrieben, der ich bewusst keinen Widerstand leistete.“ –

Einer ausbreitenden Weite des Lebens entspricht oftmals, oder fast immer ein geringer seelischer
Tiefgang und so konnte ich von meinem Leben nicht mehr von einer „ausbreitenden Weit“ sprechen, eher
von einer Spiralbewegung nach innen, in der mir immer mehr von dieser Weite entrissen werden sollte,
die jedoch zunächst den Ausgleich in einer umfassenden seelischen Tiefe, einem Tiefgang ermöglichte.
Denn meine Mitmenschen sprachen von meiner Entwicklung, als von „ungeheuer gereift durch tiefes
Leid“, von Ernsthaftigkeit und Weisheit, die ich mir erworben habe und erwerben musste.
Und wie Friedrich der Große im Jahr 1764 im Park von Sanssouci plötzlich innehielt, um Casanova mit
den Worten zu betrachten: „Wissen Sie, Sie sind ein sehr schöner Mann“, so hörte auch ich in jenem Jahr
immer wieder diesen Satz mit der Zugabe: „Wie kann ein Mensch soviel durchleiden und so unglaublich
schön und rein aussehen und wirken?“
Schon das war meinen Mitmenschen Rätsel genug, doch nach meinem zweijährigen Überleben nahezu
ohne Nahrung, erhielt ich den Zusatz, ein „Phänomen und Jahrhunderträtsel“ zu sein.
Im Ringen um das wahre Ethos habe ich mich allen Autoritäten zum Trotz nur meinem unbestechlichen
Gewissen unterworfen.
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Kapitel: Strahlendes Licht- Schaffensperiode mit großen Erfolgen – neben Finsternis und Tod

Durch die Liebe zum Dasein zielt alles beim antidämonischen Goethe auf Sicherheit, auf weise
Selbsterhaltung. Durch die Verachtung des realen Daseins drängt alles bei den Dämonischen zu
Spiel, zu Gefahr, zu gewaltsamer Selbsterweiterung und endet in Selbstvernichtung
Stefan Zweig

2004-2008
Ich blicke wieder zurück, fast acht Jahre und erlebe diese Zeit als ungleich bekömmlicher, weil ich mich
noch außerhalb des Kreises befand, in dem die dunkle Macht mich immer weiter einkreisen sollte.

Unser großer Weiser prägte auch jenen Satz: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust…“
Jene zwei Seelen fühlte auch ich immer wieder in mir. Oftmals in innerlich und äußerlich zerreißender
Weise und sie treten auch ganz stark in meinem Horoskop hervor, auch wenn ab dem Jahr 2004 ganz
deutlich die gesetzte, auf Sicherheit bedachte Seite die Oberhand gewinnen sollte.
Es überwog die Seite des Strebens nach Selbsterhaltung, nach Seelenreinigung, Ordnung, Sauberkeit in
meiner Umgebung, in meinem Inneren, in der Sprache, der Kommunikation mit meinen Mitmenschen
und ich habe bereits meinen strengen Tagesrhythmus beschrieben, der mich aufrecht hielt, der mir Kraft
und diese Sicherheit gab. In meinem Umfeld konnte ich davon sprechen, dass ich alles besaß, was ich mir
erträumt hatte: Eine eigene, schöne, saubere Wohnung, einen traumhaften Garten, den ich mir selber
geschaffen und erschaffen hatte mit einem doppelstöckigen Gartenhaus.
Ich besaß unzählige Tiere denen ich meine ganze Liebe und Aufmerksamkeit schenkte, hatte ein eigenes
Auto und somit meine Autonomie, meine Selbstständigkeit, mein Ich, mein Selbst, denn nichts anderes
bedeutet „Auto“. Ich lebte in einer freien Partnerschaft mit Stephan, wie sie mir gefiel und wie ich sie
brauchte als Mensch, der die innere und äußere Freiheit unbedingt für seine Existenz benötigt.
Im Besitz von zwei Klavieren, zwei Geigen, zwei Gitarren, war ich wohl einer der seltensten Menschen,
die sich mehr an der Optik, als am Musizieren erfreuten, denn ich kam kaum dazu.
Mit meinen fast 1000 Hörbüchern der Weltliteratur, die ich mir selber gesucht und gestaltet habe, meinem
Gartenhaus, das wunderschön eingerichtet war, mit der Nachhilfe, der Nachlassverwaltung, dem Buch
über Musikgeschichte, bei dem ich Herrn Dostal half und meinen Portraitaufträgen war ich voll und ganz
ausgelastet.
Oft flüchtete ich in meine „obere Kammer“ im Gartenhaus, sie sollte mein „sicherer Ort“ werden.
Andreas der II hatte mir noch ein Fenster eingebaut, wie auch im unteren Stockwerk und jenes Fenster
oben gab den Blick in die Weite des Grüns meines Gartens frei, in ein Meer von Blumen und Bäumen.
Die Energie dort rein und klar und nicht selten lag ich oben, genoss die Stille, die Freiheit und lernte auf
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mein Fernstudium, oder versuchte meine Mathematikkenntnisse zu erweitern, nicht ohne Stolz mein
Werk betrachtend, denn ich hatte mir das Obergeschoss selber isoliert und ausgebaut. Nahezu jeden Tag
fuhr ich wieder zum Baumarkt um Holznachschub oder anderes zu holen.

In dem Maße wie ich meinen Tieren all meine Fürsorge und Liebe schenkte wurde ich von ihnen ebenso
reich beschenkt und erhielt immer wieder aus der Nachbarschaft, die mein „Herzekind“, also meinen
Kater ungeheuer lieb gewannen die Anmerkungen, dass dieses Tier etwas ganz besonderes sei, ebenso
wie der Besitzer. Herzekind hatte keine Angst vor nichts und niemandem, ebenso wie mein Öhrlein, der
schwarze Hase ungewöhnlich zutraulich war. Möglicherweise wurzelte diese Furchtlosigkeit, die auch
mein Wesen auszeichnet, in einem tiefen Grundvertrauen durch meine Behandlung, da sie nichts
Schlechtes und böses erlebt. Auch ich selber glaubte, die Welt sei gut, mir kann nichts geschehen, es gibt
keine grausamen Menschen und Machenschaften, die ihr und mein Leben zerstören könnten.

Diese Furchtlosigkeit, jenes Urvertrauen sollten sowohl Herzekind, als auch Öhrlein und nicht zuletzt
mich selber in den Untergang stürzen, um anschließend angeklagt zu werden.
Diese Begebenheit im Juni 2006, also zwei Jahre vor dem Beginn meines Untergangs war der Anfang
einer Kette von Zerstörungsimpulsen, die sich gegen meine Person richteten aus eindeutiger Absicht,
doch zunächst sollten meine geliebten Tiere schnurstraks in das Himmelreich katapultiert werden. Mich
selber beschimpften sie, gerade die Schuldigen, als Tierquäler, auf einen Schlag mutierte ich vom
Heiligen Franziskus zum Verbrecher, nachdem sie mich zuerst gepriesen haben als einen Menschen, der
es wunderbar versteht, Tiere in der Weise zu behandeln, dass sie eine solche Wirkung, die alle Herzen zu
öffnen wusste, in der Umgebung hervorriefen.
Um mich selber schließlich selber für den Tod meines Katers anzuklagen.
Ebendiese Menschheit, die es zu verstehen wusste ein „einmaliges Rätsel“, wie sie mich zu bezeichnen
pflegte, über sechs Jahre seelisch und physisch zu foltern. Ihm nicht nur die Seele zu amputieren, sie
einzumauern, lebendig zu begraben, es im Nachhinein noch dafür anzuklagen, das eigene Verbrechen
dahinter zu verstecken und ihm schlussendlich noch, ohne Grund und Begründung, außer dass ich
Suizidgedanken hatte, die letzten Existenzgrundlagen zu entreißen.

Trotzdem ich im Jahr 2006 noch nicht ahnte, was mich nur zwei Jahre später ereilen würde, gleichwohl
ich mich als glücklich, ausgeglichen und vollkommen produktiv und schöpferisch bezeichnen konnte,
sollte dieses Jahr, der 23. Juni 06 ein gewaltiges Stück Geröll aus meiner Vorstellung einer heilen und
guten Welt herausbrechen, das mich ins Straucheln brachte und mir meinen besten Freund nahm, um ihn
vollkommen zu vernichten.
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Möglicherweise war dieser Tag gewissermaßen ein Vorbote meiner eigenen Zerstörung, die noch, von
fremder Menschenhände -Kopf - und Herz, bzw. Herzlosigkeit ausgehend, auf mich zu warten gedachte.
Es hatte abends zu regnen begonnen als ich meinen Garten betrat, als ich vergebens nach meinem nur
zwei- jährigen Herzekind rief und kein freudiges Glöckchen mir antworten sollte. Ich sah nur in das
Gesicht meiner Pflegemutter, um sofort Bescheid zu wissen.

Ich hatte an jenem Freitag unermesslich viel zu tun gehabt.


Morgens ein Portrait gezeichnet, mich auf den Unterricht vorbereitet, ein Bewerbungsschreiben erstellt,
denn ich hatte nicht nur junge Schüler, sondern auch fast erwachsene in meiner Obhut, mit denen ich
beratende Gespräche über ihre Zukunft und den Beruf führte, um sie an verschiedenen Stellen erfolgreich
unterzubringen. Ich lernte mit ihnen auf die Prüfungen, sogar zum Zahnarzthelfer.
Nach meinen Vormittagsaufgaben hatte ich Herzekind in die Freiheit entlassen und diesen letzten Blick
von ihm werde ich nie vergessen können. Er wollte im Grunde niemals von meiner Seite weichen, am
liebsten hatte er es, wenn ich mit ihm stundenlang spazieren ging und er mir, wie ein treuer und folgsamer
Hund hinterherlief. Doch da mich meine Nachmittagsverpflichtungen riefen, versuchte ich mit positiver
List und Tücke ihn von mir abzulenken, um mich auf leisen Sohlen davon zu schleichen, in meinem(r)
„Auto – nomie.“

An diesem besagten Freitag sollte mir das allerdings nicht so leicht gelingen und Herzekind muss wohl
mit tierischem, göttlich genialem Instinkt geahnt haben, was ihn, nach dem abendlichen Nachvollziehen
seiner Strecke, die er noch zurücklegte bis zu dem Platz, an dem er durch Mutwillen sein Leben verlieren
sollte, nur wenige Augenblicke, nachdem ich ihn verließ, erwarteten sollte.
Ich drehte mich nochmals um und sah in seine so klaren, wahren Tieraugen, dass mir fast mein eigenes
Herz aus der Brust gerissen wurde: es war fast ein Flehen in seinen Augen und ein Abschiednehmen, -
doch leider war ich in jenem Augenblick von Blindheit geschlagen. Er dagegen war ein Sehender, ich
verstand zunächst nichts. Soviel kann unsere Menschheit von der Tierwelt noch lernen, die wir ebenso
zerstören, um uns zu bereichern!

Zunächst fuhr ich zu meinem Schüler und sollte von der Mutter mit der freudigen Aussage empfangen
werden: „Frau Lachenmayr, Sie und Ihr Arzt“, mein „Lebensretter und hochachtungsvolles Vorbild der
Mediziner“ aus Pforzheim, denn dahin hatte ich meinen kleinen Schüler geschickt, der seit seiner Geburt
unter massiven Krampfanfällen litt, die kein Arzt in den Griff zu bekommen wusste, „haben ein Wunder
vollbracht.―
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De Junge schluckte und schluckte Medikamente, die Pharmaindustrie hatte in den Jahren an jenem
kleinen Knirps wohl ein beachtliches Vermögen verdient, doch der Kleine, der inzwischen doch schon 12
Lenze zählte, litt weiter unter schmerzhaften Krämpfen und nichts geschah, außer dass ihm in der
Schullaufbahn die Sonderschule drohte. Und weiter in der glücklichen Aussage der Mutter :
„ja, Ihr Arzt war ein Volltreffer für uns und wir sind Ihnen so unendlich dankbar! Stellen Sie sich vor, wir
sind vor zwei Tagen nach Pforzheim gefahren, das Gespräch mit Ihrem Arzt dauerte eine Stunde, ein
wunderbarer Mensch, und er hat uns ein anthroposophisches Medikament mitgegeben, das er selber
entwickelt hat und Hans (Name geändert) hatte keinen einzigen Krampfanfall und es geht ihm sehr viel
besser!―
Und das sogar nachhaltig. Hans bekam nach der Behandlung meines Arztes über viele Jahre keinen
einzigen Krampfanfall mehr. Ebenso vermochte ich den Absturz in die Sonderschule abzuwenden, denn
ich war mit einer Waldorfschule im Gespräch und obgleich die unteren Jahrgänge einer langen Wartezeit,
sogar von Jahren bedurften, konnte ich, durch meine Briefe und mein Auftreten erwirken, dass Hans mit
ebendieser Wirkung jenen Tages in die 7. Klasse aufgenommen wurde. Vor drei Jahren, nach meiner
Entlassung, traf ich seine Mutter beim Einkaufen und sie erzählte mir stolz, dass Hans sogar die Mittlere
Reife geschafft und nun eine Ausbildung zu seinem Traumberuf beginnen würde.
Mit Gottes Führung und seinem Beistand durfte ich der kleinen Schwester von Hans helfen, die
eingeschult werden sollte, aber in der ganzen Kindergartenzeit mit Fremden, sogar mit Verwandten kein
einziges Wort gesprochen hatte, auch nicht mit mir, wenn ich Hans unterrichtete. Auch wenn Mensch und
Tier bei mir zahm und zutraulich wurden.
So versuchte ich spielerisch die Kleine mit in meinen Garten zu nehmen, meine Tiere streicheln zu lassen,
sie mit ihrem Bruder zusammen mitzuhelfen zu lassen. Ich ließ sie etwas im Garten bauen, malen und
basteln, um mit der Zeit, ohne Druck und Erwartung, ihr das erste, dann das zweite und so immer weitere
Wörter und Sätze zu entlocken und ebenso sprachen die Eltern von einem Wunder meiner Wirkung,
meines Wesens, das die Sprachfähigkeit, die Kommunikation mit der gesamten Umwelt bei ihrem Kind
hervorbrachte, sodass sie regulär eingeschult werden konnte. Ich unterrichtete nun zwei Kinder in dieser
Familie und die Kleine, ebenso wie ihr Bruder bewältigten den Sprung zur Realschule mit Leichtigkeit.

Das waren natürlich auch für mich selber ungeheure Perlen weil ich fühlte, die Kinder waren glücklich
und zufrieden, obgleich ich sie nicht beneidete, in der Enge einer Stadt leben zu müssen, während ich in
meiner Kindheit, trotz meines äußerlich schweren Schicksals, immer die Gnade haben durfte, auf dem
Land zu leben. In die Wälder, Korn – und Maisfelder zu gehen, mit den Tieren des Waldes zu
kommunizieren und meinem über alles geliebten Neufundländer, um mich im Mais zu verstecken, mit
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Gott oder der Sonne zu sprechen in Begleitung meines immer wieder erwähnten Sonnengesang des
Heiligen Franz von Assisi.

Hans war und sollte nicht das einzige Kind sein und bleiben, das durch mich die Schicksalsgnade des
Wechsels auf eine Waldorfschule bekommen sollte: in den ganzen schöpferischen und produktiven
Jahren, die ich auch meinem Arzt zu verdanken habe, bekamen einige Kinder dieses Geschenk, wie ich es
selber erlebte. In jedem Fall aber spiegelte sich in diesen, meinen wertvollsten Jahren auch das
Christusschicksal, der ebenso von seinem 30. – 33. Lebensjahr die größten menschlichen Wunder zu
vollbringen wusste und durfte, um doch immer wieder angeklagt zu werden und mit 33 Jahren ebenso
unschuldig als ich ans Kreuz geschlagen zu werden, auch wenn mein Kreuz für das menschliche Auge
nicht sichtbar war und wurde. –

Erfüllt von meiner gelungenen Nachhilfe und den frohen Botschaften der Eltern, kehrte ich am Abend
nach vollbrachtem Tagwerk in meinen Garten zurück, um Herzekind abzuholen und als ich in die Augen
meiner Pflegemutter blickte, drohte mir mein Herz an jenem Tag abermals aus der Brust gerissen zu
werden. In tiefem Schmerz, im Unglauben an die Ausführung solcher niederträchtigen Taten, die in ihrer
Grausamkeit mein Vorstellungsvermögen überstiegen. Ich wurde zum ersten Mal im Leben ganz bewusst
damit konfrontiert, kaum glaubhaft nach dem, was ich schon in meiner Kindheit und Jugend an
schrecklichen Machenschaften meiner Mitmenschen zu erleben hatte. Das Böse dieser Welt wurde mir
direkt vor mein Angesicht gestellt, um jenem Dämon direkt in dasselbe, sein hässliches, fratzenhaftes,
verzerrtes Antlitz zu blicken, sofern da noch von einem „Gesicht“ gesprochen werden kann.
Laut der Aussage eines guten Bekannten, der jeden Morgen und jeden Abend mit seinem Hund an
meinem Garten vorbeispazierte, nicht ohne mit mir ein kleines Pläuschchen über Tier und Welt zu halten,
wurde ihm berichtet, dass auf jenem einsamen, autofreien Weg, auf dem ich mit Herzekind jeden Tag
über eine Stunde nach oben in den Wald hineinlief, auf dem nur alle Schaltjahre einmal ein Auto vorbei
fuhr. Für Autos war das Passieren des kleinen Weges verboten. Insofern wähnte ich Herzekind auch in
Sicherheit. Laut der Aussage des Bekannten fuhr ein Auto absichtlich hinein, als es Herzekind erblickte.
Und nicht nur das, es gab Vollgas, um meinen besten Freund mit dem Hinterrad komplett zu überrollen,
um ihm den Schwanz nahezu vollständig abzureißen, das Auge rauszuquetschen.

Jener Bekannte kam wenige Minuten später zum Unfallort als mein Herzekind noch zitterte und mit dem
Tode rang, in den letzten Zügen lag. Doch der mutwillige Zerstörer, Vernichter, vom leibhaftigen Teufel
Gerittener, konnte nicht mehr erfasst werden, er ließ mein armes und so wertvolles Tier mitten auf dem
Weg liegen, um auch mich mit Herzekind in den Abgrund zu stürzen.
298

Und das waren immer die Phasen und Knotenpunkte, in denen ich wieder von meinem geheimen
„Freund“ Suizid mit seinem Lasso massiv verfolgt wurde. Und immer zeigte es sich, dass das mühsam
von mir Aufgebautes mit leichtem, aber impulsiv - aggressivem Stoß von Menschenhand zerstört wurde.
Was immer seinem Motiv zugrunde lag, an jenem Tag hatte er zwei lebendige Wesen zugrunde gerichtet
und heute sehe ich eine Spiegelung zu den Autos aus dem Hinterhalt, die mich, seitdem ich begonnen
hatte mit Feder und Schwert den Kampf gegen die Handhabung und den Mord mit dem Tavor zu führen,
im Jahr 2010, also nur vier Jahre später, unentwegt „über den Haufen“ zu fahren gedenken. Wieder ein
Vorbote, den ich natürlich zum damaligen Zeitpunkt nicht erkennen konnte. –

An jenem 23. Juni sollten meine ersten Tränen nach vielen Jahren des Versiegens und Verstummens, mir
wieder über die Backen rollen, in ebenso rollender Bewegung als das Auto meinen besten Freund zerstört
hatte. Ich war fassungslos dem Bösen so tief und für mein Verständnis zum ersten Mal in dieser direkt
aktiven Dimension ins Auge blicken zu müssen und in diesem Tränenstrom rief ich Benny an, auf den ich
immer, zu jeder Tag und Nachtzeit bauen konnte. Er war auch sofort zur Stelle und ebenso sprachlos,
denn auch für ihn hatte mein Kater eine große Bedeutung. Er handelte schnell, bedacht, liebevoll, still,
holte mein liebes Tier vom Unfallort ab, grub ein großes Loch direkt neben meinem Hasengehege und wir
legten meinen besten Freund hinein, während wir noch für ihn beteten und ein Holzkreuz bauten.

Aber das Übel sollte mir nicht nur an diesem Freitag wieder meinen schöpferischen und produktiven Weg
abschneiden. Am folgenden Tag lag in meinem Garten ein Brief von unbekannter, unerkannter Hand
geschrieben, in dem gerade das, was über mich in positiver Ausrichtung in den zwei Jahren gesagt wurde,
ich sei ein ganz besonderer, liebevoller Mensch und darum Herzekind ebenso besonders und charakterlich
wertvoll, in die gegenteilige Aussage mündete, die mich zum Schwerverbrecher abermals unschuldig
werden ließ. So variabel also wird die Wahrheit gehandhabt. Ich war auf einen Schlag zum Tierquäler
geworden, um mir in allen nur denkbaren, bösartigen Unterstellungen die Weisung zu geben, mir nie
mehr in meinem Leben Tiere anzuschaffen.

„Bei Wind und Wetter“ habe ich Herzekind einfach „ausgesetzt und ihn alleine gelassen.“
Sicherlich war mein treuer Freund ein besonderes, auch materiell wertvolles Tier, ein Main Coon Kater,
der in der Regel nur als Hauskatze gehalten wird. Doch der Besitzer sagte mir schon, als er mir den Kater
im Internetcafé in die Hand drückte, dass der Vorbesitzer Herzekind einige Tage den Wind der Freiheit
um sein Schnäuzchen wehen ließ, den mein Kater wohl nie wieder vergessen sollte, um immer mit dieser
heimlichen, noch unerfüllten Sehnsucht zu leben, jene Brise nochmals einzuatmen.
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Ich brachte es ebenso wenig über das Herz, ihn schreien, buchstäblich alleine und von aller Welt
verlassen zu Hause zu lassen. – Mein eigenes Lebenstrauma ließ das nicht zu. Dagegen erschien es mir
weniger schmerzvoll und als das kleinere Übel zu sein, ihn ähnlich traurig, weil ich ihn schließlich alleine
auf seine Streifzüge in der Natur entließ, aber doch glücklich über seine Freiheit, in meinem Garten oder
auf den Spaziergängen in Gartennähe, zurück zu lassen.
Und ich denke heute, dass zwei Jahre im Glück besser sind, als 20 lange Katzenlebensjahre im Unglück,
im Kerker der Wohnung, bestenfalls mit einem Kratz „Baum“ und den sauerstoffarmen Muff der
Bewohner einzuatmen.

So ging ich nicht nur detektivisch auf die Jagd nach dem anonymen Schreiber, um mit ihm in ein gutes,
erlösendes Gespräch zu kommen, sondern ich schrieb ebenfalls meine Gedanken zu Herzekind und dem
Verbrechen auf, dass ich meinem Freund nur ein gutes Leben in Freiheit ermöglichen wollte, um den
Schreiber zu bitten, mich aufzusuchen, um mir in die Augen zu sehen und nicht in dieser Feigheit mir
Dinge ohne Kenntnis vorzuwerfen. Um mich als Schwerverbrecher zu behandeln und unerkannt im
Hintergrund zu bleiben und hängte mein Schreiben in einer Folie, gut geschützt vor Wind und Wetter, an
meine Gartentüre. Und nicht selten standen Menschen davor die es lasen, nicht selten durfte ich mit den
Nachbarn ins Gespräch kommen und ebenso oft sah ich Tränen in den Augen der Menschen in
unmittelbarer Nachbarschaft, da alle mein Tier ungeheuer lieb gewonnen hatten.
Es war der Beginn meines „Menschheitskampfes um die Wahrheit und die Gerechtigkeit“, welche am 23.
Juni, einen Tag vor Johanni im Jahre 2006, als ich bereits fast 32 Frühlinge zählte, begann, um sieben
Jahre später, auch eine wichtige Zahl in der Entwicklung des Menschen, in meinem Gerichtstermin
lebendig begraben zu werden, ebenfalls auf der Basis von Lüge, Trug und Betrug.
Doch mein Leben ging weiter mit der Ausnahme, dass ich morgens meinen Kater nicht mehr in den
Garten bringen konnte und doch jeden Tag hinfuhr, um meine Hasen zu füttern und weiter zu bauen an
meinen unzähligen Vorhaben zur Gestaltung, - doch in meiner Seele war ein entscheidender und
wichtiger Teil herausgebrochen, den ich als „Urvertrauen“ in Gott und diese Menschheit bezeichnen
kann.

Im Juli über gab ich noch bis zu den Sommerferien intensiv Nachhilfe, gerade bei zwei Mädels, die es
sich in den Kopf gesetzt hatten eine externe Prüfung abzulegen, um mitten im Schuljahr auf das
Gymnasium zu wechseln. Ich lernte ganze Nachmittage mit den beiden sehr motivierten Kindern der
sechsten Klasse Mathematik, denn ich war zum Oberschulamt gelaufen und hatte mich über den
Prüfungsinhalt erkundigt. Immer wieder fielen mir eigene, geniale Erklärungsmodelle ein, um ihnen auch
das Umrechnen in jede nur denkbare Maßeinheit zu erleichtern.
300

Wir lernten ebenso für die Fächer Englisch und Deutsch und als der große Tag nahte, musste ich nicht nur
ein Mal in diesen 12 Jahren meiner Unterrichtstätigkeit erkennen und erleben, dass an jeder Ecke unserer
menschlichen Existenz der Betrug zu Hause ist, neben der Lüge und Verdrehung der Wahrheit.
Keines der 18 angetretenen Kinder hatte die Prüfung bestanden aufgrund falscher Angaben des Inhaltes,
der in einer Weise erschwert wurde, dass derselbe an den Stoff der achten Klasse erinnerte. –

So hatte sich auch ein Deutschlehrer im Jahr 2012 in einem langen Gespräch, das ich mit ihm über
meinen und seinen Schüler führte dahingehend verraten, dass er mir wörtlich sagte: „Ja, wir können es
schließlich nicht zulassen, dass alle Schüler und seien sie noch so gut und begabt, auf die weiterführenden
Schulen wechseln, dann würden die Hauptschulen aussterben und es wären zu wenige Kinder in der
Klasse. Folglich würde es sich für den Staat nicht rentieren, Lehrer einzustellen, - aber ich werde es mir
bei Paul überlegen, denn er hat sich wirklich in dieser kurzen Ihrer Nachhilfe Zeit enorm verbessert.“ -
Meine Mädchen waren tief enttäuscht und ebenso die Eltern und doch waren unsere Anstrengungen nicht
vergebens, denn ich habe in meiner gesamten Zeit des Unterrichtens immer den Unterrichtsstoff einige
Grade über dem Schulstoff angehoben, um Sicherheit zu haben und nicht selten von den Kindern zu
erfahren:
„Weil Sie uns so viel beigebracht haben und auch schwere Sachen, die wir noch gar nicht lernten,
deswegen kam uns die Prüfung, der Test ganz einfach vor.“
Die Noten zeigten ebenso, dass mein Prinzip erfolgsversprechend war und die Kinder auch nicht
überforderte, im Gegenteil.
Der Erfolg einer Tätigkeit ist auch darin erkennbar, wenn die Zeit subjektiv fühlbar schnell zu Ende ist,
um sogar nach drei bis vier Stunden des Lernens am Stück noch von den Kindern zu hören: „Was, schon
zu Ende, nein bleiben Sie doch noch etwas, ich habe hier und da noch wichtige Fragen.“

Ja, mein Unterricht stand unter einem sehr guten Stern, wofür ich selber sehr dankbar war und ich möchte
mich meiner 16 – jährigen Lieblingsschülerin zuwenden, die mir zu meinem Geburtstag eine Karte
zusandte mit dem Inhalt:
„Der hat sein Leben am besten und sinnvollsten verbracht, der die meisten Menschen (Sie wohl alle) hat
froh gemacht.“ Noch in späteren Jahren nach meiner Klinikentlassung erhielt ich von ihr eine E Mail mit
dem Inhalt: „Man muss Sie einfach kennen, um zu wissen, was für ein wunderbarer, besonderer Mensch
Sie sind.―
Ich sehe mich in der Erinnerung mit ihr, die heute eine hohe Stellung in einer Bank innehat, in ihrem
Garten sitzen, während mir ihre Familie ein Gericht nach dem anderen auftischte und wir plaudernd und
scherzend, ohne Nachhilfeinhalt, wieder auseinander gingen.
301

Ja, ich war in meinem 32. Lebensjahr, aber mein „Jaseminchen“ glaubte mir mein Alter nicht, zumindest
nicht von meinem Aussehen her, das sie auf „20“ Jahre schätzte. Vom Inhalt meiner Worte hielt sie mich
für „sehr viel älter, reif und weise.“
Mit diesem letzten menschlichen Eindruck und einem erfüllten Jahr, in dem ich unzähligen jungen
Menschen helfen durfte, auch einen Beruf zu finden, Fuß zu fassen, in dem mich allerdings auch jener
Schlag des Verlustes meines Katers in dieser verbrecherischen Weise zu Boden geschleudert hatte, ging
ich nun in die Sommerferien, auf eine Reise mit meinen Pflegeeltern und einer Freundin an die Ostsee, in
den Hafen meiner immerwährenden Sehnsucht.

Und wieder sollte es sich zeigen, dass im Medizinischen die Substanzen bei mir anders wirkten, paradox
oder gar nicht, als im „Normalfall.“ Aufgrund zunehmender Akne im Gesicht, welche wohl erblich als
Angedenken meines Vaters mir „geschenkt“, suchte ich einige Ärzte auf, um von einem Frauenarzt die
Pille verschrieben zu bekommen. Ich brauchte sie nicht zur Verhütung, dieses Ritual hatte ich bestens im
Griff, auch ohne jenen angeblich unersetzlichen Freund der Pille, aber ich wollte die unangenehmen roten
Hügel und Alpenrücken in meinem Gesicht unbedingt entfernt wissen, da sie anscheinend hormonell
bedingt waren. Schweren Herzens verschrieb ich mich jener winzigen „Perle“ für einige Tage, um auf der
Reise einsehen zu müssen, dass ich davon Angstzustände bekam, aggressiv wurde, wieder suizidal und ab
dem Moment, als ich sie wieder absetzte, verschwanden jene Erscheinungsformen auf einen Schlag und
ich war in der Lage, unseren Urlaub in vollen Zügen zu genießen.
Und doch war ich immer noch mit Blindheit geschlagen, was meine seltsamen, außergewöhnlichen
Reaktionen auf die Ausgeburten der Pharmakonzerne betraf. Ebenso war ich ein Jahr später mit Taubheit
des tauben Taues benetzt, als mir ein Psychotherapeut erzählte, die Psychiater arbeiten „nach dem
Gießkannenverfahren“, auch wenn ich Jahre später erst seine Worte richtig zu begreifen lernte in dem
Sinne, dass sie im Dunkeln tappen in der Hoffnung, „eine Kugel trifft“ auch wenn sie an der falschen
Stelle einschlägt, oder wenn es überhaupt die falsche Kugel ist. Und ferner berichtete er mir, dass sein
bester Freund, ebenfalls Psychiater, seinen Beruf „an den Nagel“ gehängt habe, weil er nicht
verantworten könne, was er in der wohl menschheitlichen Verfinsterung mit den „scharfen Mitteln“
anrichtet.

Erst beim Schreiben wird mir selber deutlich, denn erst dann berühren all jene Erinnerungen und
Erlebnisse meine Seele wieder in chronologischer Abfolge, dass gerade bei meiner überaus sensiblen
Konstitution, die sogar auf die Pille, die ganz sicher zu einem hohen Prozentsatz von den Frauen unser
„Fortschritts- und Industrieländer“ eingenommen und angeblich „gut vertragen wird“, nicht ertragen und
vertragen konnte, ohne dass ich irgendwelche Beipackzettel gelesen und mir derlei Dinge eingebildet
302

hätte. Nein, in diesem Bereich war ich zunächst ebenso furchtlos, als auch gegenüber sichtbaren,
wahrnehmbaren und greifbaren Gefahren, ausgestattet mit dem erwähnten „Urvertrauen“, nichts könne
mich und meinen Wesenskern zerstören, kein Mensch, kein Tier, keine Substanz, kein Schicksalsschlag.
Wie hatte ich mich getäuscht. - Und doch wurde ich 33 Jahre, trotz äußerer Schicksalsorkane, innerlich
behütet und gehütet, denn ich fühlte mich nicht grundlos in Gottes sicherer Hand geborgen.

Nur das Tavor vermochte es meine Seele, meine Sicherheit, mein Urvertrauen, mein Wissen um Gottes
Beistand, anzugreifen und nahezu vollständig zu zerstören, mindestens solange ich das Mittel physisch
einnahm. Immerhin ganze 29 Monate, also 2 ½ endlose Jahre, in denen ich von Gott, von allen hilfreichen
Mächten abgeschnitten wurde, zumindest erlebte ich meinen Zustand in dieser Weise und drohte daran zu
zerbrechen, zugrunde zu gehen. Diese Verbindung zum Christus, zum Vatergott war in meinem ganzen
Leben im Grunde mein einziger Halt gewesen, meine Wurzeln. Wenn selbst baumstarke Männer, wie
Markus oder Günther, die ganz sicher als Frau die Pille vertragen hätten, auch Alkohol in Masse und
hoher Prozentzahlt und vieles andere am Tavor zugrunde gingen.

Aber noch genoss ich meine Freiheit in vollen Zügen und während wir singend und lachend in den Ort
Kühlungsborn einfuhren um einen Zeltplatz aufzusuchen, meine Freundin und ich in der Dunkelheit beide
Zelte aufbauten, eines für meine Pflegeeltern, eines für uns, sollte es sich, wie so oft erweisen, dass ich in
freier Natur, mit einem dünnen Zeltdach über meinem Haupt, in Himmelsnähe, am besten und tiefsten
schlief, um die Sphäre zu erreichen, aus der wir unsere Kraft für das Leben und den folgenden Tag
schöpfen. In weiter Ferne hörte ich die Grillen zirpen und den Uhu im Wald…

Ich war sehr gerne auf Reisen um neue Orte, Landschaften, Wälder und Felder, auch Menschen und
Charaktere kennen zu lernen und es sollte sich für mich zeigen, dass gerade die nordische Mentalität
meiner Suche nach Wahrhaftigkeit und Reinheit des menschlichen Umgangs am besten entsprach und so
zog es mich seit meinem 12. Lebensjahr immer wieder in den Norden an mein heiß geliebtes Meer.
Doch erst viele Jahre später sollte mich mein Schicksal dorthinführen für ein halbes Jahr und ich musste
erkennen, dass es ein gewaltiger Unterschied ist, dort bei Wind und Wetter und jeder Jahreszeit zu leben,
oder nur Urlaub zu machen bei strahlendem Sonnenschein.

Nach meiner Rückkehr wartete ein weiterer Tierverlust auf mich. Mein Hasengehege stand auf sicherem
Grund und Boden, der Zaun und die Platten wurden in den Boden eingegraben, um ein Ausbrechen
meiner Hasen und „buddeln“ zu verhindern. Drei Jahre lang waren sie unter meiner Obhut und in
Sicherheit, sie zeigten nicht im Entferntesten die Tendenz fliehen zu wollen, indem sie Löcher gruben.
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Ich hatte in jenen Tagen der Ostseereise meine Langohren einer Freundin anvertraut, die selber
Hasenmutter von drei Nagern war und so erreichte mich auf der Rückfahrt ein Anruf von ihr, sie könne es
sich nicht erklären, aber alle Hasen, bis auf das Meerschweinchen, seien ausgebrochen und sie habe mit
Freunden eine Suchaktion gestartet, die jedoch erfolglos blieb. – Nach mir die Sintflut, wie es so schön
heißt, war auch die Freundin verschwunden.
Am folgenden Tag war ich alleine um meine Hasen zu suchen und einzufangen und seltsamerweise
müssen sie wohl mit meiner Rückreise gerechnet haben mit tierischem Instinkt, denn sie waren fast
vollzählig wieder im Gehege versammelt, bis auf mein geliebtes „Öhrlein.“ Vergebens suchte ich nach
ihm und fand doch nur ein paar schwarze Fellknäulchen vor dem Haus.

Ich hatte meine beiden Prinzen, Herzekind und Öhrlein, wie der kleine Prinz seine Rose in der Weise
gezähmt, sie durch Liebe, Sanftmut und Zuwendung zutraulich und anhänglich werden lassen, dass sie
beide dadurch ihr Leben opfern musste aus Furchtlosigkeit vor den grausamen Gefahren dieser Welt,
welche auch hinterlistig hinter unsichtbarer Felswand auf mich lauerten, um mich in den Abgrund zu
stürzen. Denn ich bin heute der Überzeugung, dadurch, dass Öhrlein mit Herzekind fast zwei Jahre
aufgewachsen war, muss er dem Fuchs möglicherweise direkt in die Arme gelaufen sein, im tiefen
Vertrauen eine weitere Freundschaft mit einem „Andersartigen“ aufbauen zu dürfen, - es war wieder
einmal der 8. August des Jahres 2006 und ebenso ein Dienstag, wie so oft, ein Unglückstag in meinem
Leben.
Nun hatte ich innerhalb von knapp zwei Monaten meine beiden besten Freunde verloren und doch stand
ich nach diesen Schlägen wieder vom Boden auf, versuchte meine gestutzten Flügel auszubreiten und
begann mit kläglichen Flugversuchen wieder von neuem, das Zerstörte zu heilen, aufzubauen, weitere
Pläne und Ideen umzusetzen, zu verwirklichen.

Mein Geburtstag nahte und es war der letzte in meinem Garten, den ich Anfang des Jahres 2007 abgeben
musste, mit blutendem Herzen, da mir die Arbeit an ihm, nahezu alleine, über den Kopf gewachsen war.
Ich hatte nicht nur den Teil meines Hauses und die weiter unter liegende Terrasse, mit Bäumen und dem
Hasengehege zu versorgen, sondern eine sehr große Wiese, nochmals ein „Stockwerk“ weiter unten,
angrenzend an die Häuser, die immer wieder gemäht werden musste, denn in den Häusern lebten die
Personifikationen des schwäbischen Spießbürgertums, deren Autonummernschilder einzig die Aufschrift
„Kehrwoche“ trugen und dieser Arbeit war ich, auch mit meinen Muskeln, nicht gewachsen, obwohl ich
sie einige Male bewältigt hatte.
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Grillend, plaudernd und singend saßen wir am 26. August 06 bis nach Mitternacht unter dem Sternenzelt
und erzählten uns Anekdoten, auch vom Herzekind, der „Hopsie“, wie wir ihn auch nannten, um nicht nur
einmal über meine grenzenlose Dummheit zu lachen, die alles in Schnelligkeit, mehrere Tätigkeiten
gleichzeitig zu vollbringen, es dann gelegentlich doch hervorbringt, dass skurrile Fehler geschehen.
Im Frühjahr hatte ich meine Bretterverschläge, die ich an die Erd - Mauer meiner Terrassen gebaut, grün
angestrichen. Ein Brett davon ließ ich unachtsam auf dem Boden liegen, um nahezu im selben
Augenblick mein „Weißpfötchen“ majestätisch darüber spazieren zu sehen. So wurde aus der geglaubten
Zeitersparnis ein großer Zeitaufwand benötigt, diese sensiblen Katzenpfoten von der wasserfesten Farbe
zu reinigen, was mir natürlich nicht umfassend gelang, - von kläglichem Miauen und einem
herzerweichendem, mitleidvollem Katzenaugen – Blickkontakt begleitet. -

Die Sommerferien neigten sich ihrem Ende entgegen und somit begann wieder meine Nachhilfetätigkeit,
nochmals in großem Ausmaß, bevor die totale Sonnenfinsternis auf mich wartete, um meine Seele in ein
schwarzes Loch zu stürzen, sie zu verschlingen, nur etwas über ein Jahr später.

Zwei Mal in der Woche fuhr ich nun diese weite Strecke zu meiner fast erwachsenen Schülerin Jasemin,
einem zauberhaften Wesen, sanft, liebevoll, klar und klug, eines von sechs Mädchen einer Großfamilie,
neben dem Nesthäkchen Mario, den ich nahezu vergeblich zu unterrichten versuchte.
Ich unterrichtete „Jase“, wie sie genannt wurde, ausschließlich im Fach Deutsch, überhaupt besaß ich die
Fähigkeit, mich in der Weise aufzuspalten, wie auch in meinen eigenen Tätigkeiten, dass ich mindestens
vier Kinder verschiedener Altersstufen erfolgreich gemeinsam, das heißt gleichzeitig, zeitgleich, fördern
konnte, ohne auch nur im Geringsten Anzeichen einer Schizophrenie, das heißt Bewusstseinsspaltung zu
zeigen. Im Gegenteil, es war Sport für mich, den ich körperlich oft vermisste, geistiger, gedanklicher
Hochleistungssport und Dank meiner Intuition vermochte ich in einer anderen Sphäre Fakten abzulesen,
die allen Kindern zugute kamen. Nicht deswegen, weil sie damit ihre Lehrer betrogen, ohne etwas gelernt
zu haben. Meine Förderung und auch Forderung war so umfassend, dass sie durch meine Krücken
selbstständig laufen, vor allem eigenständig denken und lernen lernten. Und das möchte ich an meinem
„Paradebeispiel“ Jaseminchen darstellen:
Als ich zu jener Familie weiterempfohlen wurde, zeigte Jase in allen Fächern sehr gute Noten, außer im
Fach Deutsch, in dem stand sie zwischen vier und fünf, aus welchen Gründen auch immer, aber ich sagte
oftmals, dass der Unterricht mit dem Lehrer steht oder fällt und das sollte sich in einer Art
Auseinandersetzung mit Jases Deutschlehrer ebenfalls zeigen, die besagt, dass es tatsächlich
Deutschlehrer gibt, in welchem Lottoladen sie auch immer ihr Zertifikat gewonnen haben, die keine
Kenntnis davon haben, was ein Neologismus oder ein „unreiner Reim“ ist.
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In diesem Fach glänzte ich ohnehin, auch ohne Studium. Ich erwarb mir im Laufe der Zeit all meine
Kenntnisse selbständig und hatte es einige Jahre, gerade nach dem Tavorentzug sehr leicht, da ich schon
erwähnte, vermutlich eine Art „Savant“ zu sein, der nur ein Buch aufschlagen musste, um die Seite
abzuscannen mit dem Gedächtnis und sie einfach innerlich abzulesen.

In jedem Fall bereitete mir dieses Schulfach, gerade mit Oberstufenschülern, selber die größte Freude und
ich darf behaupten, dass nicht nur meine Schüler umfassende Kenntnisse von mir erhielten, sondern dass
mich das Unterrichten selber reich beschenkte in meiner Vorbereitungszeit, denn wir alle kennen die
Trägheit des Herzens: aus eigener Kraft, ohne äußeres Gerüst durch Beruf, Studium, Schule oder Arbeit,
sich selbständig etwas anzueignen fällt fast allen Menschen sehr schwer. Ich war darin unfreiwillig zum
Meister geworden. Und doch hätte mir diese Fachkenntnisse ohne die Motivation, für meine Schüler auch
ein Vorbild des Wissens zu sein, ohne diese lieben und respektvollen Geschöpfe, niemals so weit und
umfassend aneignen können.
Jase unterrichtete ich ein ganzes Jahr, ein bis zwei Mal in der Woche, noch mit ihren Geschwistern
zusammen. Die Ankündigung einer schweren Prüfung, die als Note in das Abschlusszeugnis mit
einfließen sollte, brachte Jase etwas in Bedrängnis, es wurde eine Erörterung erwartet und ich hatte schon
einige Textbeispiele in den Wochen davor mit Jase durchgearbeitet, immer am realen Leben, an meiner
Lebenserfahrung von nur 30 Jahren, auch in Anlehnung an meiner erlebten Biographie, denn wir
sprachen sehr viel zusammen.
Ich versuchte ihr zum Beispiel zu verdeutlichen, warum die Medien vor allem für Kinder und Jugendliche
schädlich sind, was daraus resultieren kann an Gewalttätigkeit, Rücksichtslosigkeit und vor allem dem
Rückzug aktiver Produktivität von schöpferischen Tätigkeiten, die eine aktive seelisch – geistige
Beteiligung erfordern. Im Malen, im Basteln, im Spielen und in der körperlichen Ausarbeitung und ich
berichtete ihr, dass sich bei Kleinkindern, das hatte ich einst gelesen, die regelmäßig den Fernseher als
Babysitter vor die Nase gestellt bekommen, das Gehirn nicht in normaler Weise entwickeln kann, dass es
sogar bis zu 40 % unterentwickelt bleibt, was natürlich auch zu schulischen Problemen führen kann.
Oder dass Computerspiele die Hemmschwelle nahezu aufheben können, um Gewalttaten geradezu
herauszufordern und so fielen mir unentwegt eigene Erlebnisse dazu ein, Erfahrungen, Erkenntnisse und
nicht umsonst schrieb mir dieses feine Mädchen, nun die junge Frau in einem Brief:
„Man muss Sie einfach kennen, um zu wissen, was für ein besonderer Mensch Sie sind..“,
weil ich tatsächlich in ihr Keime legen durfte, die nicht nur schulisch, sondern auch menschlich sich
entfalten und blühen durften bis zum heutigen Tag.
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Ich hatte Jase die Monate zuvor unendlich viel geschrieben und zusammengefasst, was meinem Hang zur
Perfektion am besten entsprach: das Wesentliche aus unzähligen Büchern filtriert und komprimiert und so
schrieb ich über die Romantik, über die Aufklärung, alles kurz und knapp, ich schrieb ihr Erörterungen
und Jase las und las und lernte meine Texte teilweise auswendig, da sie über ein gutes Gedächtnis
verfügte und ihre ungeheure Motivation hatte zur Folge, dass sie meine Sprache übernahm. Sie lernte in
aller Selbstständigkeit irgendwann mit meinen Gedanken zu denken, mit meinen Worten ihre Ansichten
auszudrücken, ohne zu erdrücken und die Noten tendierten immer weiter nach unten. Erst in Richtung
drei, dann zwei und so sollte die angekündigte Erörterung vorbereitet werden und ich suchte scheinbar
willkürlich in der Bücherei eine Beispielerörterung mit Lösung heraus, die wir am Vorabend ausführlich
besprachen. Teilweise lernte sie ganze Absätze auswendig.
Am folgenden Tag bekam ich einen Anruf von ihr, in dem sie mir mitteilte, dass genau jene Erörterung
ihnen vorgegeben wurde, als Text zur eigenständigen Ausarbeitung mit These, Antithese, Synthese, den
wir am Vorabend ausführlich durchgearbeitet hatten.
Wieder war ich meiner Intuition gefolgt und lag richtig.
Das war doch eine Überraschung, ebenso als ihr die Arbeit zurückgegeben wurde mit der Note einer 1,4.
Es sollte ihre zweitbeste Deutschnote sein, denn es nahte das Abitur und sie erhielt eine Arbeit zurück, in
dem ihr Lehrer schrieb, es gäbe keinen „unreinen Reim“, was zur Folge hatte, dass ich ihm zurückschrieb,
mit der Beweisführung, dass es diese Reime gibt, woraufhin ihr Lehrer Jase ausquetschte „wie eine
Zitrone“, sie solle ihm von mir erzählen, wer ich sei, wie ich menschlich, charakterlich sei, wie ich
aussehe und so weiter…
Offensichtlich hatte er sich selber von der Tatsache des „unreinen Reimes“ überzeugt und war doch
überrauscht, von einem jungen Menschen belehrt zu werden.
Und da ich in meinem Perfektionswahn Jase in einer ebenso vollkommenen Art vorbereitet hatte mit
unzähligen Texten, die ich selber verfasste über „Bahnwärter Thiel“, ferner „Die Räuber“ und Jase in
einer Weise gutmütig und lernbegierig das meiste davon auswendig lernte, erreichte sie in der
Abschlussprüfung die beste Deutschnote der ganzen Klasse und ihrer eigenen der Vergangenheit, eine 1,2
was auch besagt, dass mir ihr Lehrer meine „Besserwisserei“ nicht übel genommen.
Dies hatte zur Folge, dass ich am Ende des Jahres 2006 eine Einladung erhielt, in einem großen Saal saß,
während Jase als eine der ersten auf die Bühne geholt und ihr eine Auszeichnung überreicht wurde als
„beste und erfolgreichste Schülerin ihres Jahrgangs“. Auf dieser Feier durfte ich ihren Deutschlehrer
kennen lernen, den mir Jase nur von Weitem zeigte und uns allen entging nicht, dass er mich die ganze
Feier unentwegt verstohlen anblickte.
Als Jase auf der Bühne stand, mit roten, freudigen Backen in ihrer ganzen bescheidenen Art, ihrem feinen
Wesen und Gesichtszügen, sollten sich auch meine Backen einer Abendröte unterziehen, als sie darum
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bat, ob sie ihre „über alles geliebte und verehrungswürdige Nachhilfelehrerin“ auf die Bühne rufen dürfe,
weil, wie sie es vor dem Komitee begründete, sie jene guten Noten ohne Frau Lachenmayr niemals
erhalten hätte.
Jener Gang nach Kanossa, oder eher zum Schafott erinnerte mich an meine Einschulung, als ich ebenfalls
auf die Bühne geholt wurde, den Aufruf meines Namens aus Angst überhörte und als mich meine Mutter
sanft von sich stieß mit ermahnenden und ermunternden Worten, als ich Schritt für Schritt zur Bühne
tappte und mit jedem Schritt, das glaubte ich zu wissen, würde ich mehr und mehr meine Mutter wieder
verlieren, die ich in den ganzen Jahren nach dem Autounfall bis zur Einschulung kaum aus den Augen
ließ.
An jenem Tag der Feier von Jase war es natürlich nicht meine Mutter, die ich zu verlieren glaubte,
sondern mein Unerkanntbleibenwollen - weil mir das Sonnenlicht, der Schatten lieber waren, von jeher,
als das Rampenlicht, außer bei meinen Schul-Theateraufführungen.
Ich freute mich einfach für meine beste Schülerin, wie ich mich immer freute, wenn ich andere glücklich
machen durfte, aber ich wollte lieber im Hintergrund bleiben, als stiller Beobachter, der die Fäden im
Unsichtbaren führt. –

Was bleibt mir nun noch zu sagen, bevor die bevorstehende Finsternis mich ein Jahr später für immer
verschlingen sollte, und mit ihr mein unbeschreibliches Glück sowohl im Menschlichen, als auf unseren
unzähligen Reisen gänzlich verloren gehen sollten?
Gerade in diesen Finsternissen wurde erkennbar, dass die nur scheinbar glücklichen „Zufälle“ in
Wirklichkeit Gottes Führungen waren, wie ich es abschließend noch aufzeichnen möchte.
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Kapitel: Prophetische Geburtstage und der Beginn des Untergangs: Kieferorthopäde

Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs
Leben die richtige Haltung.
Dietrich Bonhoeffer

Es bleibt zum einen zu sagen, dass in jedem Jahr mein Geburtstag mir schon Anzeichen und Vorboten
dafür schickte und immer geschickt hatte, was das kommende Lebensjahr für mich bereit halten, wie es
sich gestalten sollte, - auch das Wetter bot dem Kundigen reichen Einblick in meine nahe Zukunft.

So waren meine Geburtstage in den Jahren vor 2007 nahezu alle unauffällig. Das Wetter immer traumhaft
schön, Sonne pur, meine Stimmung ausgeglichen, ich war nahezu immer mit lieben Menschen
zusammen, am Bodensee, oder Bärenschlössle in Stuttgart.
Der Geburtstag im Jahr 2007 stellte evident eine Ausnahme dar und ich habe diese unsichtbare Schrift
erst im letzten Jahr zu enträtseln gelernt, in erforschender, detektivischer, erinnernder, vergleichender
Untersuchung.
Auf diese Weise ging ich forschend sogar in meine Kindheit zurück und erinnerte ich mich auch an
meinen traurigsten Geburtstag meines Lebens, an dem ich 14 Jahre alt wurde. Da ich in den
Sommerferien Geburtstag hatte, waren natürlich alle Schulkameraden in der ganzen Welt verstreut,
jedenfalls war es mir immer nur vergönnt, diesen Tag „nachzufeiern“.
An jenem Tag war ich buchstäblich mutterseelenalleine. Meine Mutter weilte kaum mehr auf dieser Erde
durch einen schweren Blinddarmdurchbruch, meine Geschwister waren irgendwo untergebracht, der
einzige, der an dem Tage anwesend, war mein einst so geliebter Günther, der beste Freund meines Vaters,
der es verstand, unsere Familie immer wieder aus der Zerstückelung und Zerstörung zusammen zu führen
durch feine Gespräche, durch sein Vorbild.
Doch ich hatte schon beschrieben, dass er selber immer wieder unter Ängsten und depressiven Episoden
litt, die ihn irgendwann in die Psychiatrie brachten, aus der er als gebrochener, orientierungsloser Mensch
zurückkam und uns nur erzählte, er habe ein sehr schweres Mittel, ein Benzodiazepin bekommen über
einige Zeit und jetzt würde er es nicht mehr nehmen dürfen und habe schreckliche Zustände.
Doch all dies bekamen wir nur bruchstückhaft aus ihm heraus. Ich erkannte ihn nicht wieder. Mit leeren,
stumpfen Augen starrte er unentwegt in eine Richtung und erst in den letzten Jahren habe ich erfahren,
dass er ebenso einen Tavorentzug versuchte und nicht bewältigen konnte, denn jenes Mittel erschien auf
dem deutschen Markt 1972, während wir an meinem 14. Geburtstag schon das Jahr 1988 schrieben.
So hatte ich an jenem Tag nur Günther an meiner Seite, der ununterbrochen weinte und das jagte mir
Angst ein, weil ich es nicht einzuordnen wusste und vielleicht auch in mir selber diese Abgründe fühlte,
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die mich nicht selten in meinem Zimmer auf dem Boden stumpfsinnig depressiv vor mich hinblicken
ließen, wie es auch meine Großeltern oft miterlebten, wenn ich mich aus der geselligen Gemeinschaft
zurückzog.
Es war zunächst ein schöner, warmer Sonnentag, doch gegen Nachmittag zog sich der Himmel zu im
August des Jahres 1988 und es begann in Strömen zu regnen, wie es auch in meiner und in Günthers
Seele den ganzen Tag schon geregnet hatte. Bei mir im Unsichtbaren, bei Günther im Sichtbaren und das
kommende Lebensjahr zeichnete sich dementsprechend aus, wie ich es schon beschrieben habe, mein
schwerstes Jahr in meiner Jugend, in dem ich aber auch meinen dritten Vater ein einziges Mal liebevoll
erlebte, als er wenige Wochen später mein Zimmer betrat, mit Tränen in den Augen. Er setzte sich neben
mich auf mein Bett, nahem meine Hand, sprach zunächst nicht, um mir dann sanft und behutsam
mitteilte, dass sich Günther suizidiert habe und in seiner Wohnung gefunden wurde.

Der zweite Schlag in diesem Lebensalter folgte auf dem Fuße, als ich meinen geliebten Hund, meinen
Neufundländer aufgrund epileptischer Krampfanfälle verlor. Um schließlich noch wegen zunehmender
Rückenschmerzen einen langen Klinikaufenthalt antreten zu müssen, der mich über sechs Wochen vom
Schulalltag und dem Unterrichtsstoff entfernte und als ich gerade zurückgekehrt war, musste ich in
Windeseile auf meine Hauptrolle der Helena im „Sommernachtstraum“ lernen. Als die Aufführungen
kurz bevor standen, brach ich mir den rechten Fuß, um auf jene Rolle verzichten zu müssen.
All dies hatte mein Geburtstag schon angekündigt. -

Dergestalt war auch mein 33. Geburtstag der Vorbote für meinen inneren und äußeren Untergang ein
halbes Jahr später und immer sollte der Monat März entscheidende Veränderungen, meist in negativer
Ausrichtung für mich bereithalten, ein halbes Jahr vor meinem 34. Lebensjahr, in dem Christus ebenfalls
an ein sichtbares - und ich an ein unsichtbares Kreuz geschlagen wurde. -

Wieder einmal im März des Jahres 2007 bekam ich zunehmende Kierfergelenksschmerzen und suchte
einen Kieferorthopäden auf, leider nicht ich selber, sondern meine Pflegemutter. Möglicherweise hätte ich
intuitiv einen anderen ausgewählt, denn jener verstand es ebenso, wie nahezu alle Mediziner und
medizinischen Handhabungen in meinem Leben, meinen Zustand nicht nur nicht zu verbessern, nicht nur
ihn wenigstens so zu belassen, wie er war, sondern ihn bei weitem noch zu verschlechtern und meine
Gesundheit damit in den Abgrund zu führen.
Jener Kieferorthopäde sprach, wie alle nachfolgenden, von einem schiefen Biss. Die Zähne seien zwar
äußerlich gut gewachsen und schön gerade, aber - wieder im „Unsichtbaren sich bewegend“ für die
Außenwelt, - im hinteren Teil meines Gebisses gäbe es kaum Berührungspunkte zwischen dem Ober und
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dem Unterkiefer, was zu massiven Gelenksproblemen führt, die, laut eines Arztes, Menschen an den
Rand der Verzweiflung führt. Das Gelenk ist auch von vielen Nerven durchzogen und wenn das
Kiefergelenkt angeschlagen ist, durch Arthrose, sprich von Abnutzungserscheinungen, wie es sich auch
bei mir durch eine Arthroskopie zeigte, wenn die Nerven noch attackiert werden, kann das bis zur
Trigeminusneuralgie führen, die schon unzählige Menschen, in den freiwilligen Tod getrieben hat.
Nach der Durchspülung des Gelenks vier Jahre nach dem Eingriff des Kieferorthopäden, sagte mir der
Arzt hinterher, seien Knochen und Knorpelteilchen mit ausgespült worden.

Auch an dieser Stelle wird deutlich, dass sich meine Eltern niemals um meine Belange als Kind
gekümmert haben, weder um meine Muskelerkrankung, noch um andere Beschwerden. Stattdessen wurde
mir mit der Faust ins Gesicht geschlagen, als ich vor Krämpfen, Schmerzen und beginnender
Bewusstlosigkeit in den Schnee fiel. Es wurde mein zunehmend schielendes Auge absichtlich übersehen,
denn da hätte es in diesem jungen Lebensalter noch Möglichkeiten gegeben, das Schielen abzuwenden,
durch Abkleben eines Auges, durch Augenübungen. Vielleicht wären mir derlei Schieloperationen ohne
Vollnarkose, wie ich sie fast drei Mal im Erwachsenenalter über mich ergehen lassen musste erspart
geblieben.
Vielleicht war das aber auch ein unerkanntes Glück, dass meine Beschwerden immer übergangen wurden,
denn so durfte mein Körper, der über ungeheure Selbstregulationsmechanismen und Kräfte verfügt,
eigenständig die Schieflage ausgleichen. Denn jeder Eingriff in dieses Gefüge ist nicht nur eine
Körperverletzung, wenn sie falsch erfolgt, sondern kann irreparable Schäden nach sich ziehen, die nicht
nur lokal auszumachen sind, sondern das ganze System durcheinander bringt.

Meine Schmerzen, auch die Seelischen, wurden in meiner Kindheit immer übergangen und ich sprach
auch nicht davon weil mir bewusst war, ich werde ohnehin überhört, übersehen, nicht wahrgenommen, im
Gegenteil, noch angeklagt und geschlagen für meine Qualen. Zum Zahnarzt, wie auch zu allen anderen
Ärzten, wanderte ich ab meinem neunten Lebensjahr ohnehin alleine. Meine Mutter war nicht in der
Lage, meinem Vater waren meine Belange unwichtig und so interessierte das mögliche Resultat keinen
von beiden und ich kämpfte weiter an einsamer Front.

Nach dem Autounfall, das erfuhr ich erst in den letzten Jahren, hatte der Schlag wohl meinen Kiefer auch
gebrochen, neben dem ausgerenkten Hüftgelenk und der schweren Gehirnerschütterung, als Benjamin,
mein Halbbruder, aus seinem Sitz geschleudert, mich am Wagenboden unter sich begrub.
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Doch außer dem Röntgenbild vom Kopf und Hüftgelenk, der Diagnose einer schwere
Gehirnerschütterung, tappten die Mediziner wieder einmal im Dunkeln was mich betraft, - wie so oft, wie
nahezu immer und erkannten, da ich auch nicht weinte, meinen gebrochenen Kiefer nicht.
Nein, ich weinte tatsächlich nicht, nicht einmal als Dreijährige, ich stand unter Schock, war wie erstarrt
und erinnere nur noch das Gefühl, den Gedanken: „Ich bin nicht mehr da, ich existiere nicht“, den ich
über acht Wochen meines Aufenthaltes in völliger menschlicher Isolierung immer wieder dachte, mir
einredete.
Diese Tatsache zeigt mir zumindest persönlich, welche unermesslichen Schmerzen und Qualen ich
auszuhalten in der Lage war und bin, ohne dass meine Umgebung irgendetwas davon mitbekam.

Wenn ich nun anführe zu behaupten, dass die Tavoreinnahme und der Entzug zur größten Hölle gehören,
die ich je erlebt, um im Vergleich deutlich zu machen, dass auch ein Verhungern und Verdursten, auch
ein solcher Kiefer kein Zuckerschlecken ist, wie es sich die Menschheit zumindest ansatzweise vorstellen
kann und könnte, so darf daran erkannt werden, was ich in diesen ganzen fast acht Jahren geleistet habe
und insgesamt in knapp 40 Jahren.
Nach der umfassenden Zerstörung, die nicht enden sollte, war ich den Menschen trotzdem noch „Licht,
Liebe, Mut Hoffnung, Zuversicht, und Friede“ und ich hoffe, dass alle Menschen, die mich nun anklagen,
um ihre eigene Schuld von der Seele zu weisen, wie Richter, Gutachter, Justiz und Polizeibehörden,
Ärzte, irgendwann meine Leistung erkennen werden und sei es nach ihrem Tode, wenn sie meinem
Schicksal wiederbegegnen müssen, um ihrer eigenen Lüge ins Auge blicken. -

Jener Orthopäde im Jahr 2007 fand die einzige Lösung, meinem Kieferproblem Abhilfe zu schaffen darin,
dass er mir im Liegen (!) alle Zähne trocken einschliff, teilweise sogar mit Zahnschmelz.
Abends saß ich auf dem Sofa und geriet zunehmend in Panik, wenn ich versuchte, meine Zähne
aufeinanderzubeißen um Halt zu finden im Mund. Ich hatte nur einen einzigen Kontaktpunkt und heute ist
mir bewusst, dass jener Tag den Anfang meiner Höllenfahrt darstellte.
Ein befreundeter Arzt am Bodensee berichtete mir, dass solche „Einschleifmanöver“ und
Kiefergelenksproblematiken auch massive psychische Probleme hervorzurufen bis hin zu schweren
Psychosen. Er selber habe in seiner Behandlung auch einen Patienten mit Kiefergelenksproblemen, eine
Heilpraktikerin wohlgemerkt, die seit Jahren berufsunfähig sei, immer an der Grenze, psychisch
durchzudrehen, oder sich umbringen zu wollen. „Nur“ dieses eine Problem, dachte ich mir, was soll ich
noch sagen in meinem Fall, mit allen weiteren, zusätzlichen Qualen?
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Der Zahnarzt Dr. Winzen aus Frankfurt hält unter anderem Vorträge über das Zusammenspiel der Zähne
mit dem ganzen restlichen Körper, auch den Gelenken, der Hüfte und der Psyche und er spricht vom
Achsen- Gleichgewicht, das sich in der Gerade befinden muss, denn schiefe Achsen können schwere
Krankheiten hervorrufen, auch seelische Dekompensationen.
Seiner Meinung nach sind Ärzte in der Natur nicht vorgesehen. Die meisten Ursachen für
Nichtkompensation liegen seiner Meinung nach in ärztlichen und zahnärztlichen Eingriffen und zwar
nicht, dass man nichts gemacht, kein Eingriff stattgefunden hat, sondern dass in dieses sensible Gefüge
eingegriffen wurde!
Er berichtet in einem Vortrag von einem Schneider, der einem mittelalterlicher Mann einen Anzug
schneidern sollte. Leider hatte er den Anzug zu klein, also falsch geschneidert. Die Umwelt, die
Menschen erkannten seinen Fehler nicht und sagten: Armer „Krüppel, aber guter Schneider!“ Das Ziel
soll keine dauerhafte Behandlung sein, die erst chronischen Erkrankungen hervorrufen.
Dr. Winzen vergleicht es mit Zahnrädern auch in einem Uhrenwerk! Wenn ein einziges davon klemmt
und sich nicht mehr bewegt, klemmt das ganze Zahnradgefüge, klemmt alles.
Die Folgen aus einer Nicht-Dekompensation sind vielschichtig, seelisch und körperlich. Zunächst zeigt es
sich in reduzierter Leistungsfähigkeit, Verhaltensänderung, Rückzug, innere Leere, Depression und
Erschöpfung, dem sogenannten „Burn out“.
Es kommt zu Bewegungseinschränkungen durch Schmerz und diese wirkt sich auf ganzen Körper aus mit
Fehlbelastung- Zugbelastung- Druckbelastung auch in anderen Gelenken.
Ein Haar sind 7 Mü. Wird nur ein einziges Mü verändert, wie es mir unzählige Kieferorthopäden nach
dem massiven Einschleifen und schweren Fehler sagten, kann das schon katastrophale Folgen nach sich
ziehen und es kommt auch bis zu neuen neuronalen Verschaltungen im Gehirn um das mögliche „Gerade
Achsen- Gleichgewicht“ wieder herzustellen.
Auch unser Umfeld hat Auswirkungen auf das Denken und Fühlen: visuell, auditiv, kinestätisch,
gustatorisch.

So war auch das Jahr 07 ein Vorbote für das Jahr 2012, in dem ich einen Vorgeschmack davon bekam,
was es heißt, einen zermürbenden Krieg, einen Prozess zu führen für eine mögliche kleine Entschädigung
eines großen, gewaltigen medizinischen Fehlers, der seine Folgen bis zum heutigen Tage zeitigt und mich
fast in den Tod katapultiert hätte.
Mir wurde damals geraten, zur Schlichtungsstelle zu gehen und bei der Untersuchung gaben die Ärzte
und Zahnärzte eindeutig massive Einschleifspuren auf meinen Zähnen an. Ich „gewann“ diesen „kurzen
Prozess“ mit popligen 3000 Euro, gemessen an dem Leid, das mich nur alleine durch den Kiefer noch
erwarten sollte, der mich ausschließlich, noch vor dem Verhungern dazu trieb, zwei Scheiben
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einzuschlagen, weil ich die Kontrolle über mich verlor durch massive Schmerzen, auch in allen Nerven
am Kopf.
Jener Arzt war allerdings kein Verbrecher, - eher mit Dummheit und Unwissenheit geschlagen. Mir traten
bei der Verhandlung fast die Tränen in die Augen, als ich ihn dort hilflos und verzweifelt sitzen sah, vor
allem mitleidig, ganz im Gegensatz zu meiner fünf Jahre späteren Gerichtsverhandlung, als ich noch für
den Schaden, der an mir begangen, angeklagt, ja, den Mord an mir noch selber bezahlen durfte.

Als ich dem Kieferorthopäden etwas später noch auf dem Gang begegnete, denn er hatte in einer Ecke
ganz offensichtlich gewartet, um mich nur unter vier Augen sprechen zu können, da sagte er mir, es täte
ihm unsagbar leid, was er getan und wenn es mir möglich sein sollte, ihm nochmals zu begegnen, so solle
ich zu ihm kommen und er würde versuchen, den entstandenen Schaden in irgendeiner Form zu beheben.
Doch bekanntlich kehrt ein Opfer ungerne nochmals zu seinem Täter zurück, auch wenn dieser es
magisch anzieht, weil wohl unbewusst immer der Aspekt des Verstehenwollens und Erlösens der
begangenen Tat darin mitschwingt. Er hatte verstanden und es tat ihm leid, insofern treten da wohl
andere geistige Kräfte hinzu, die nicht mehr viel mit der „Opfer- Täter“ Energie zu tun haben. -

Jener Tag des Abschleifens meiner Zähne wurde mir jedoch zum Verhängnis und sollte an meinem
Geburtstag im August kulminieren, als 20 Freunde in meinem neuen Garten saßen, den ich von einem
alten Herrn übernommen hatte. Dieser war seinerzeit durch die Hecken zu mir in meinen alten Garten mit
seinen 84 Jahren gekrochen, um mir mitzuteilen, er habe gehört, dass ich mein gutes Stück abgeben
wolle, weil er mir über den Kopf gewachsen sei ( nicht der alte Herr!) und er wolle mir seinen Garten
anbieten, obwohl er, begründet, sehr viele Interessenten hatte, er wolle ihn mir zuerst anbieten, weil er
über die Jahre sah, welchen Aufwand, welche Liebe ich in meinen Garten investiert hatte.
Ich sagte zu, zog um, übergab mit blutendem Herzen mein großartiges Werk mit meinem eigenen Haus
einem jungen Mann, der, wie es sich herausstellte, ebenfalls in jedem Jahr am 26. August seinen
Geburtstag feiern sollte und mit sieben starken Männern schleppten wir mein ungeheuer schweres Klavier
in mein neues Gartenhaus, zwei Gärten weiter, in dem ich im August 07 mit 20 Freunden, meinem Bruder
und meiner Mutter meinen Geburtstag feiern sollte.

Das Wetter war wunderbar, doch nicht mein psychischer Zustand. Ich höre mich in meiner Erinnerung
immer wieder folgendes meiner Mutter sagen:
„Irgendetwas stimmt heute nicht, ich sehe eine große Gefahr auf mich zukommen ein Unglück, meinen
Untergang, aber ich kann es nicht einordnen, in jedem Fall habe ich zum ersten Mal psychoseähnliche
Zustände―.
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Ich löste mich mehr und mehr aus der Feier heraus, um mit einer Freundin spazieren zu gehen. Aus dem
Spaziergang wurde jedoch nichts mehr, als dass ich im Straßengraben saß und meinen miserablen
seelischen Zustand nicht einzuordnen wus