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Bruce Frantzis

Die Energietore
des Körpers öffnen
Chi Gung für lebenslange Gesundheit

Vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuauflage


Wichtiger Hinweis: Die Energietore des Körpers öffnen macht die Betreuung durch einen Arzt, Heilpraktiker
oder Psychotherapeuten nicht überflüssig, wenn der Verdacht auf eine ernsthafte Gesundheitsstörung
besteht. Die Informationen in diesem Buch sind nach bestem Wissen und Gewissen dargestellt. Der Autor
und der Verlag übernehmen jedoch keine Haftung für irgendwelche Schäden aus dem richtigen oder
unrichtigen Gebrauch der in diesem Buch vorgestellten Methoden. Diese sind zur Information und zur
Weiterbildung gedacht.

Die folgenden Marken werden in Lizenz von Energy Arts, Inc. verwendet:
B. K. Frantzis Energy Arts* system; Mastery Without Mystery*; Longevity Breathing* program; Opening
the Energy Gates of Your Body™ chi gung; The Marriage of Heaven and Earth™ chi gung; Bend the Bow™
spinal chi gung; Spiraling Energy Body™ chi gung; Gods Playing in the Clouds™ chi gung; Living Taoism™
collection.

Urheberrechte fur Fotografien und Gestaltung


Bildnachweis: Caroline Frantzis (S. 12, 14, 64, 284), Sara Barchus (S. 26), Don Kellogg (S. 34, 122, 262),
Mette Heinz (S. 54, 84, 97, 100, 142, 206), Hideki Matsuoka (S. 139, 246), Craig Barnes (S. 162, 222,
232), Anthony Ortega (S. 188)

Titel der Originalausgabe: Opening the Energy Gates of Your Body


Erschienen bei Blue Snake Books, Berkeley, und Energy Arts Inc., Fairfax
Neuübersetzung und lektorale Bearbeitung von Sylvia Luetjohann
Copyright © der Originalausgabe 1993, 2006 by Bruce Frantzis

4. Auflage 2013
2. Auflage 2006, komplett überarbeitet und stark erweitert
1. Auflage 2002
© 2001 und 2006 by Windpferd Verlagsgesellschaft: m b H , Oberstdorf
1995 erstmals erschienen unter dem Titel Qi-Gong.
Wege zu den Energiequellen des Körpers, bei Rowohlt, Reinbek
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: KplusH, Agentur für Kommunikation und Design, CH-Amden,
unter Verwendung der Illustration „Silhouette": Foto von Kellogg, Fotomodel Dorothy Fitzer
Illustrationen von Kurt Schulten, Husky Grafit
Layout und grafische Gestaltung: Marx Grafik & ArtWork
Gesetzt aus der Optima
Druck: Himmer AG, Augsburg

Printed in Germany
ISBN 978-3-89385-516-5
www.windpferd.de
Dieses Buch ist dem Wunder des Tao gewidmet,
das alles entstehen lässt.
Mein tiefiter Dank gilt all meinen Lehrern in Asien,
ohne die ich die hier wiedergegebenen Informationen nicht hätte lernen
und anderen mitteilen können.
Inhalt

Danksagung 9
Ein Wort an die Leser 10

Vorwort von Stuart Kenter


Bruce Frantzis: Der Weg des Kriegers, Heilers und Priesters 13
Einleitung zur überarbeiteten Neuauflage 31

Kapitel 1: Chi und Chi Gung 35


Was ist Chi? 35
Was ist Chi Gung? 36
Chinas 3000 Jahre altes System der Selbstheilung 36
Die Krise der Medizin im Westen 43
Chi Gung als Lösung für die medizinische Krise in China 45
Die Vorteile von Chi Gung 47

Kapitel 2: Wie Chi Gung funktioniert 53


Die inneren Prinzipien: Chi Gung und körperliche Gesundheit 53
Chi im Körper erwecken 57
Taoistische, Kundalini- und westliche Psychotherapie 59
Der taoistische Ansatz: Das Auflösen der Emotionen in den Chi-Fluss 60
Wie Chi langsam und sicher kultiviert wird 62

Kapitel 3: Die Theorie des Chi Gung 63


Die unterschiedliche Vermittlung des Chi Gung in China und im Westen 63
Die Verpflanzung kulturgeprägter chinesischer Konzepte 66
' Der Unterschied zwischen traditionellem Chi Gung und Nei Gung 66
Die inneren Kampfkünste: Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua 71
Die drei Ebenen des Chi Gung: Körper, Chi und Geist 74
Das Grundprinzip des Chi Gung: Himmel, Erde und Mensch 77
Die Komponenten der Standform 77
Die Bedeutung der vollständigen Übungsfolge im Chi Gung 81

Kapitel 4: Chi Gung und andere Übungen 83


Die äußere Übung 83
Die innere Übung 85
Die Beziehung zwischen Körper/Geist beim Chi Gung 89
Chi Gung als innere Aufwärmübung 89
Crosstraining mit Chi Gung 90
Chi Gung als Crosstraining 94
Hatha-Yoga und Chi Gung 96
Taoistischer Yoga 97
Kapitel 5: Atem und Chi 99
Der Unterschied zwischen taoistischer Atmung und Langlebensatmung 101
Mit dem Bauch atmen 101
Wirkungen aus der Langlebensatmung 102
Taoistische Atmung und Pranayama-Yoga 105
Anleitungen für die Langlebensatmung 107
Übung 1: Den Bauch nach vorn bewegen 111
Übung 2: Alle Teile des Bauches in Bewegung versetzen 112
Übung 3: Die Seiten des Bauches bewegen 113
Übung 4: In den unteren Rücken und in die Nieren atmen 114
Übung 5: Den Bauch gleichzeitig in allen Richtungen bewegen 116
Übung 6: In den oberen Rücken atmen 116
Wichtige Übungshinweise 118
Die Rolle der Atmung bei allen Chi-Gung-Bewegungen 120

Kapitel 6: Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen 121


Die sechs Elementarübungen 121
Die Körperausrichtungen 121
Übung 1: Körperausrichtungen im Stand 123
Den Organen eine innere Massage geben 129
Übung 2: Körperausrichtungen im Sitzen 133
Übungen zur Dehnung des Kwa 137
Übung 3: Im Stand zur Ruhe kommen 139

Kapitel 7: Grundlegende Standübungen:


Chi sinken lassen, durchscannen und auflösen 141
Was bedeutet Chi sinken lassen? 141
Übung 1: Das Chi sinken lassen 145
Wichtige Übungshinweise 150
Die nächste Stufe des Sinkenlassens 150
Übung 2: Den Energiekörper durchscannen 151
Nützliche Hinweise für das Wecken von Chi 153
Übung 3: Der äußere Auflösungsprozess von Chi 154

Kapitel 8: Die Energietore des Körpers öffnen 161


Was sind Energietore? 161
Wichtige Haupt- und Nebentore des Körpers 163
Ein Übungsplan für das Öffnen der Energietore 179
Leitlinien für die Praxis der Chi-Gung-Standform 181
Die Koordination des Atems mit den Chi-Gung-Bewegungen 185

Kapitel 9: Die Wolkenhände


Erster Teil: Den Unterkörper verwurzeln 189
Die umfassendste und vollständigste Chi-Gung-Bewegung 189
Der Übergang von Stand und Auflösung zu den Wolkenhänden 190
Übung 1: Den Unterkörper verwurzeln 191
Übung 2: Das Steißbein nach unten richten
und langsam das Gewicht verlagern 191
Wichtige Übungshinweise 194
Die Mechanik der Gelenke 196
Übung 3: Das Kwa öffnen und schließen 200

Kapitel 10: Die Wolkenhände


Zweiter Teil: Die Spiralbewegung im Oberkörper 205
Die Wirbelsäule verbindet Arme und Beine 205
Übung 1: Die Arme mit der Wirbelsäule verbinden 207
Übung 2: Die Ellbogengelenke zur Aktivierung
der Gehirn-Rückenmarks-Pumpe bewegen 210
Übung 3: Die Wirbelsäule durch das Öffnen des Hüftgelenks drehen 211
Übung 4: Eine Seite senken und die andere anheben 215
Übung 5: Das „Spinnen des Seidenfadens" mit den Armen und Beinen 216

Kapitel 11: Die erste Schwungübung 223


Die Energiesteigerung in den inneren Organen und den Gelenken 223
Die drei Tantien und die drei Jiao der chinesischen Medizin 223
Übung 1: Die Bein- und Hüftbewegung 224
Der zentrale Energiekanal 226
Übung 2: Die Armbewegungen 227

Kapitel 12: Die zweite Schwungübung 233


Die Stärkung von Leber und Milz und die Auflösung von Stress 233
Die Herausforderung: Gewichtsverlagerung und Drehung aus dem Kwa 233
Übung 1: Die Hüft- und Beinbewegungen 234
Übung 2: Den Fuß heben und senken 239
Übung 3: Die Armbewegungen in der zweiten Schwungübung 242

Kapitel 13: Die dritte Schwungübung 247


Die Stärkung von Chi im Oberkörper 247
Übung 1: Die Bein- und Kwa-Bewegungen 247
Die Beinarbeit der dritten Schwungübung in fünf Schritten 251
Übung 2: Vorbereitende Armübungen 253
Übung 3: Die dritte Schwungübung in fünf Schritten 255
Leitlinien für die dritte Schwungübung 259

Kapitel 14: Die taoistische Wirbelsäulendehnung 263


Eine biegsame Wirbelsäule ist das Rückgrat der Gesundheit 263
Die hintere und die vordere Seite der Wirbelsäule 265
Aufwärmübungen für die Wirbelsäule 266
Übung 1: Die taoistische Wirbelsäulendehnung - erste Hälfte 268
Übung 2: Die taoistische Wirbelsäulendehnung - zweite Hälfte 272
Leitlinien für die Praxis der taoistischen Wirbelsäulendehnung 274
Die taoistische Wirbelsäulendehnung im Sitzen 275
Die nächste Stufe der Wirbelsäulendehnung 278
Kapitel 15: Nei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen 283
Die nächste Stufe des Chi Gung 283
Die nächste Stufe beim Öffnen der Energietore des Körpers 285
Die 16 Grundkomponenten des Nei-Gung-Systems 288
Das Wissenskontinuum des Nei Gung 289
Nei Gung 1: Einfache bis komplexe Atemmethoden 294
Nei Gung 2: Energie bewegen 301
Nei Gung 3: Körperausrichtungen 302
Nei Gung 4: Auflösen 303
Nei Gung 5: Die Haupt- und Nebenakupunkturbahnen 303
Nei Gung 6: Beugen und Dehnen 303
Nei Gung 7: Öffnen und Schließen 304
Nei Gung 8: Der Ätherkörper oder die Aura 305
Nei Gung 9: Die Spiralbewegung 305
Nei Gung 10: Aufnehmen und Aussenden 306
Nei Gung 11: Die Wirbelsäule 306
Nei Gung 12-15: Der linke, rechte und zentrale Energiekanal
und die drei Tantien 307
Nei Gung 16: Integration 307
Chi Gung ist die Grundlage für Shen Gung 307

Nachwort 309
Anhang 311
A. Leitlinien für die Praxis 311
B. Die Suche nach einem qualifizierten Lehrer 317
C. Die Wichtigkeit einer korrekten Chi-Gung-Praxis 320
D. Techniken zur Linderung von Spannung und Unbehagen beim Sitzen 332
E. Herkunft und Quellen des vorliegenden Materials 335
F. Zur Romanisierung der chinesischen Begriffe in diesem Buch 337
G. Die LivingTaoism Collection und die B. K. Frantzis Energy Arts Lehren 339
Register 348
Danksagung

Meine Dankbarkeit gilt vielen. Zuallererst Liu Hung Chieh, dessen persönlicher
Einfluss auf mich in Worten kaum zu beschreiben ist. Ohne ihn hätte ich nie so
umfassend Chi Gung erlernt oder verstanden. Dann danke ich all meinen Schülern,
deren aufrichtiges Interesse mich motivierte, dieses Buch zu schreiben; außerdem
Natalie Albert und Jan Lang, die mich als erste dazu überredeten, Chi Gung im
Westen (1972 in New York) zu unterrichten.
Viele Menschen haben bei der Entstehung der ersten Auflage dieses Buches
mitgeholfen. Wenn jemand versehentlich nicht genannt worden ist, dann bitte ich
inständig um Nachsicht: David Barbero, Craig Barnes, Mary Christiansen, Alan
Dougall, Jonathan Finegold, Eric Hoffman, Helena Kierulf, Beverly Kune, Bernie
Langan, Donna Lubell, Susan Rabinowitz, Christine Richardson, Don Rubbo, Bill
Ryan, Jim Stegenga, Ken Van Sickle und Michael Vasquez.
Mein besonderer Dank für die erste Auflage dieses Buches geht an drei Personen:
Brian Lee, ohne dessen aufrichtiges Interesse und Drängen dieser Band nie begon-
nen worden wäre; Michael W i n n für seine Unterstützung und Ermutigung, als ich
ernsthaft erwog, bei der Hälfte des Manuskripts aufzugeben; und dem Herausgeber
Stuart Kenter, ohne den ich dieses Buch nicht abgeschlossen hätte.
Mein Dank geht auch an die Illustratoren Kurt Schulten und Michael McKee sowie
an die Fotografen: Don Kellogg, Mette Heinz, Ken Van Sickle, Larry Horton, Sara
Barchus, Craig Barnes, Caroline Frantzis, Hideki Matsuoka und Anthony Ortega.
Den folgenden Personen danke ich für ihre Unterstützung bei der verbesserten
und überarbeiteten zweiten Auflage: Bill Ryan, dem Begründer von Brookline Tai
Chi, für seine Vorschläge zu Änderungen in den neuen Kapiteln; Judy Pruzinski für
das Abschreiben des Manuskripts in den Computer; Linda Oistein für das Redigieren
von frühen Versionen des überarbeiteten Manuskripts; Diane Rapaport für die redak-
tionelle und herstellerische Leitung; dem Lektor George Glassman; Susan Tillman
für Lektoratsassistenz; Lisa Petty von GirlVibe Inc. für Design und Herstellung; Ken
DellaPenta für das Erstellen des Registers; Meagan Miller von Energy Arts Inc. für
den Entwurf des Buchumschlags; Damian Gordon für graphische Assistenz; den
Fotomodellen Elisha Colas, Brian Cookman, Dorothy Fitzer, Cleophas Gaillard,
Aischa Huebner, Leslie Lowe, Andrew Popovic und Alistair Shanks; und meinem
Verleger, Richard Grossinger, von North Atlantic Books, für seine Ermutigung, diese
verbesserte Auflage zu verfassen. Danke auch an die Mitarbeiter von North Atlantic,
Anastasia McGhee, Paula Morrison und Mark Oimet, für ihre Hilfe und ihren Rat.

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Schließlich danke ich meiner Frau Caroline für ihre Mithilfe bei der Herausgabe
und Herstellung des Buches sowie für ihre nie endende Anregung und Unterstüt-
zung.

Ein Wort an die Leser

Die praktische Seite des Taoismus ist im Westen nur wenig bekannt. Die meisten
Bücher über den Taoismus behandeln eher philosophische und poetische Fragen,
die Werke der taoistischen Urväter LaoTse und ChuangTse sind ein gutes Beispiel
dafür. Die konkreten Methoden, mit denen sich die Ideale des Taoismus im Alltag
verwirklichen lassen, offenbaren sie nicht.
Ziel und Zweck aller taoistischen Techniken spiegeln sich in der taoistischen
Meditation und Alchemie wider, in denen der Einzelne das Mysterium des Univer-
sums begreift und sich schließlich mit ihm vereinigt. Auf diesem Wege pflegen die
taoistischen Adepten hingebungsvoll Praktiken, die den Menschen aus dem Zustand
der Unreinheit, des „Gemeinen", auf die Stufe des „Edlen" erheben. Dieser ist, wie
es das / Ging (Buch der Wandlungen) ausdrückt, als einziger befähigt, das Tao zu
verwirklichen.
Auf dem Wege zur reifen, in sich ruhenden Persönlichkeit gibt e s - a u s taoistischer
Sicht - vielerlei Arten, Körper, Geist und Seele zu kultivieren. Ich habe den Weg
des Kriegers, Heilers und Priesters eingeschlagen und dazu die Kampfkünste, Chi
Gung, Traditionelle Chinesische Medizin, taoistische Sexualpraktiken, taoistische
Meditation und Philosophie studiert. Freunde aus taoistischen Kreisen haben sich
ihrerseits Chi Gung, der Malerei, Kalligraphie, Geomantie und weiteren geistigen
Disziplinen zugewandt, die ebenfalls die wesentlichen Meditationsmethoden ein-
schließen. Was jedoch alle taoistischen Adepten der unterschiedlichen Richtungen
verbindet, das ist Chi Gung.
Um auf taoistische Weise vom „gemeinen" zum „edlen" Menschen aufzusteigen,
muss der Adept seine körperlichen und emotionalen Energien stärken und mitein-
ander ins Gleichgewicht bringen.

10
Dem Kranken hilft Chi Gung, wieder gesund zu werden; dem geistig Verwirrten
zeigt Chi Gung die Richtung zu ausgewogener Disziplin und Ausdauer. Den Gesun-
den unterstützt Chi Gung, seinen Energiespiegel auf schonende Weise anzuheben,
vernachlässigte Talente freizusetzen und Körper, Geist und höheres Bewusstsein auf
eine erfolgreiche Praxis der taoistischen Meditation vorzubereiten. Alle Menschen
werden in einen „gemeinen" Zustand hineingeboren - allein durch große Anstren-
gung und echte Bescheidenheit kann der Einzelne auf ein höheres Niveau gelangen.
Alle vernünftigen Menschen wünschen sich Gesundheit und Vitalität, und alle, die
nach Spiritualität streben, möchten ihre wahre Natur erkennen. ImTaoismus ist Chi
Gung die wichtigste Methode, um diese zutiefst menschlichen Ziele zu erreichen.
Die im vorliegenden Band beschriebenen Techniken bilden die Grundlage für
die Gesundheit und Stärke in der Tradition des taoistischen Kriegers wie auch des
Chi-Gung-Heilers. Erlernen und praktizieren Sie die Übungen in diesem Buch, und
machen Sie damit den entscheidenden ersten Schritt zu lebenslanger Gesundheit
und Spannkraft.*
Wenn unsere Welt durch Bücher dieses Inhalts wieder ein bisschen mehr zum
inneren Gleichgewicht zurückfindet, dann ist schon einiges erreicht.

* Der Inhalt und die Übungen dieses Buches können keinen Arzt und keine Therapie ersetzen.
Die Leser sollten ihren Arzt konsultieren, bevor sie dieses oder ein ähnliches Übungsprogramm
praktizieren. Körperliche Beschwerden oder Schmerzen während oder nach einer Übung dürfen
nicht ignoriert werden; sie könnten auf ein gesundheitliches Problem hinweisen, das dringend
fachgerechter Behandlung bedarf.

11
Bruce Frantzis war ein Schüler des verstorbenen taoistischen Linienhalters Liu Hung Chieh,
ohne den er dieses Buch niemals hätte schreiben können. Der Verfasser möchte Liu seine
tiefe Dankbarkeit dafür aussprechen, dass er die alten Traditionen des Chi Gung, der inneren
Kampfkünste und der taoistischen Meditation an ihn weitergegeben hat.

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Vorwort von Stuart Kenter

Bruce Frantzis:
Der Weg des Kriegers, Heilers und
Priesters

Hongkong:
Auf der Suche nach der geheimnisvollen Chi-Kraft
Jeder, der Tai Chi, Chi Gung und die Kampfkünste ernsthaft übt, träumt davon, bei
einem authentischen asiatischen Großmeister zu studieren und von ihm in alle
Geheimnisse dieser Künste eingeweiht zu werden.* Diese Geheimnisse der inneren
Kraft (Chi) werden öffentlich nicht unterrichtet, sondern nur an ausgewählte Famili-
enmitglieder oder die vertrautesten Schüler weitergegeben. Von einem chinesischen
Großmeister als enger Schüler aufgenommen oder adoptiert zu werden lässt sich
mit der Zulassung zu einem Forschungsauftrag bei einem der weltweit führenden
Professoren in Harvard oder Oxford vergleichen.
Bruce Kumar Frantzis ist einer der wenigen aus dem Westen, dem es tatsächlich
gelungen ist, diesen Traum zu verwirklichen. Während einer Odyssee durch die
verschiedenen Kampfkünste, die 1961 begann, war er immer bestrebt, bei einem
Großmeister und Linienhalter zu studieren. Wie andere westliche Ausländer auch,
die diesen Weg gehen wollten, wurde Bruce an den hermetisch verschlossenen
Toren zu Chinas Festland permanent zurückgewiesen - einem Land, wo er in jenen
Jahren noch isoliert war und unter den Folgen gewaltiger politischer Umwälzungen

* Tai Chi ist ein uraltes chinesisches Bewegungssystem, das die Entwicklung der Lebensenergie
(Chi) im Inneren des Körpers fördert. Das auf diese Weise kultivierte Chi kann dazu dienen, den
Körper zu verjüngen, Krankheiten und Verletzungen zu heilen, die Gesundheit zu erhalten und
die spirituellen Anlagen zur Reife zu bringen. Tai Chi kann aber auch als hoch effizientes System
zur Selbstverteidigung verwendet werden.
Chi Gung bezeichnet die Kunst und Übung der Entwicklung von innerer Energie.

13
Bruce Frantzis arbeitet in Beijing, China, mit seinem Hauptlehrer, dem verstorbenen
taoistischen Linienhalter Liu Hung Chieh, an einer Ba-Gua-Übung.

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litt. Seine Enttäuschung wurde noch durch ein kaum überwindliches Hindernis
verstärkt: die unausgesprochene Übereinkunft der Asiaten, die geheimsten Lehren
nicht an Ausländer weiterzugeben.
Es sollte bis zum Sommer 1981 dauern, dass einer von Bruces Lehrern in Hong-
kong sich bereit erklärte, ihm ein Empfehlungsschreiben an seinen eigenen Meister
in Beijing, einen Mann namens Liu Hung Chieh, mitzugeben. Dieser Brief bot
die Aussicht auf potentielle Möglichkeiten, die Bruce in nicht geringe Aufregung
versetzten. Er war zu jenem Zeitpunkt bereits vom Institut für Leibeserziehung in
Beijing eingeladen worden, um dort Tai Chi Chuan zu studieren.

Beijing: Der Großmeister Liu Hung Chieh


Während dieses Sommers in Beijing studierte Bruce vormittags die im Auftrag der
Regierung vereinfachte Form des Tai Chi, „Push Hands" und Waffenformen. Im Un-
terrichtwurde der Gesundheitsaspekt des Tai Chi zugunsten der Kampfanwendungen
hervorgehoben. Hier entwickelte Bruce sein Wissen und das tiefe Vertrauen in Tai
Chi als umfassendes Gesundheits- und Heilsystem. W i e wir noch sehen werden,
sollte Bruce später Übungen aus Tai Chi und Chi Gung zu einem wirksamen gesund-
heitlichen Vorsorgeprogramm zusammenstellen. Zum Abschluss desTai-Chi-Kurses
attestierte die chinesische Regierung Bruce als erstem westlichem Ausländer die
Lehrbefähigung für das gesamte System des Tai Chi Chuan.
Am Nachmittag pflegte er den 79 Jahre alten Großmeister Liu Hung Chieh aufzu-
suchen. Nach Abschluss desTai-Chi-Kurses studierteer vormittags und nachmittags
mit Liu und behielt diese Standardpraxis während der ganzen Zeit bei, die er in
Beijing lebte.
Liu besaß eine faszinierende Vergangenheit. Er hatte mit dem Begründer des
Wu-Stils, Wu Jien Chuan, gelebt und studiert, und er war das jüngste Mitglied der
Ba-Gua-Chang-Schule in Beijing gewesen.* Schon in seinen Dreißigern hatte ihn
die buddhistischeTien-Tai-Schule für erleuchtet erklärt. Darauf begab er sich in die
Berge Westchinas und studierte zehn Jahre bei den dort lebenden Taoisten. Er war

* Ba Gua ist die subtilste, raffinierteste und geheimnisvollste der inneren Kampfkünste Chinas.
Grundlage sind die Energiemanifestationen gemäß dem I Ging (Buch der Wandlungen). Diese
Kampfkunst ist das einzige innere Kampfsystem, das theoretisch und praktisch vollständig taoisti-
scher Herkunft ist. Als primär spirituelle Kunst oder Lehre ist Ba Gua gleichzeitig ein unübertrof-
fenes Selbstverteidigungssystem. Viele halten Ba Gua für das höchstentwickelte und effizienteste
chinesische Kampfkunstsystem.
Ba bedeutet „acht", gua „Trigramme" und chang „Hand" oder "Handfläche".

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Linienhalter in den Traditionen des Tai Chi, Hsing-I* und Ba Gua sowie Adept in
taoistischem Chi Gung und taoistischer Meditation.
Liu hielt sich, wie viele andere traditionell gesinnte Kampfkünstler, vom öffent-
lichen Leben fern. Tatsächlich hatte er seit 1949, dem Jahr der kommunistischen
Revolution in China, nur eine Person in Hsing-I und Ba Gua unterrichtet - Bruces
Lehrer in Hongkong, Bai Hua. Als Bruce Bai Hua fragte, ob Liu ihn in Beijing als
Studenten annehmen würde, antwortete dieser: „Wer weiß? Er unterrichtet so gut
wie niemanden, und es ist unmöglich vorauszusehen, was er tun wird."
Von der ersten Begegnung an verhielt sich Liu Bruce gegenüber aufgeschlossen.
Bruce erkannte sofort, dass die zwanzig Jahre, die er zuvor intensiv mit Kampfkunst
und Meditation verbracht hatte, für das Studium mit diesem Manne nur als Grundla-
ge dienen würden. Der mehr als doppelt so alte und weniger als halb so schwere Liu
konnte Bruce hochheben und mit Leichtigkeit und nach Belieben umherbewegen.
Bruce dagegen gelang es buchstäblich nicht, Liu auch nur den kleinen Finger zu
krümmen. Er, den man in Hongkong und Taiwan als „junger Meister" anerkannte,
war zutiefst beeindruckt. Liu klärte ihn mit den folgenden Worten auf: „ U m Energie
zu haben, bedarf es mehr, als nur groß und stark zu sein."
In den Jahren, die er bei Liu studierte, konnte er häufig den Erfolg der taoisti-
schen Verjüngungstechniken beobachten, die der Ältere praktizierte. Diese schie-
nen ihn innerhalb weniger Stunden oder Tage von einem alten in einen jungen
Mann zu verwandeln. Diese Transformation war verblüffend, und Bruce hielt
die Kontrolle über den Alterungsprozess für den Beweis wahrer Meisterschaft.
Bruce bat Liu, ihn in Ba Gua zu unterweisen. Der Unterricht war mit den aufrei-
bendsten Energieübungen verbunden, denen er sich jemals unterzogen hatte. Nach
den Übungsstunden war er meistens so erschöpft, dass Liu ihm sein eigenes Bett
zum Ausruhen anbot, ihn dann mit buddhistischen und taoistischen Geschichten
unterhielt und ihn die Meditation lehrte.
Jahre später verriet Liu, dass der einzige Grund, weshalb er zugestimmt habe,
Bruce zu unterweisen, der war, dass ihm seine Ankunft in einem Traum vorausge-
sagt worden sei. Liu hatte in seinem Leben fünf prophetische Träume gehabt, die
alle in Erfüllung gegangen waren. W i e viele andere ältere Taoisten glaubte auch

* Hsing-I ist das dritte der inneren Kampfkunstsysteme Chinas. Es ist hauptsächlich angriffs-
orientiert. Durch die Entwicklung von Chi verhilft Hsing-I zu Gesundheit, jugendlicher Spann-
kraft und Energie. Wer es praktiziert, erreicht seine Ziele mit außergewöhnlicher physischer und
mentaler Energie.
Hsing bedeutet „Form", / „geistige Absicht". Wenn der Geist aktiv wird, sorgt der Körper für die
praktische Ausführung und das vorgestellte Ziel wird erreicht.

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Liu daran, dass sich karmische Verbindungen erfüllen, und spürte tief im Inneren,
dass eine solche Verbindung zwischen ihm und Bruce existierte. Deshalb lehrte Liu
Bruce die inneren Geheimnisse des Chi Gung und anderer taoistischer Energieküns-
te, die in diesem und weiteren von Bruce verfassten Büchern vorgestellt werden.

New York:
Die ersten Erfahrungen in den Kampfkünsten
Bruce wurde im April 1949 in New York geboren. Er war ein dickes, unbeholfenes
Kind, das mit zwölf Jahren mitansehen musste, wie ein Schulkamerad bei einer
Schlägerei auf dem Schul hof schwer verletzt wurde. Dieses Ereignis hatte einen nach-
haltigen Einfluss auf ihn, denn ein Plakat in der U-Bahn, das mit dem Slogan „Fürchte
dich vor niemandem!" warb, führte ihn umgehend in seine erste Judo-Stunde. Kurz
danach begann er, sich mit Karate, Jiu-Jitsu, Aikido und Zen-Buddhismus zu befassen.
Er war 14 Jahre alt, als er sich noch intensiver mit Zen-Buddhismus beschäftigte.
Zen gebrauchte er hauptsächlich, um sich beim Karate und bei den Waffenformen
störender Hemmungen zu entledigen. Die Meditation diente ihm in diesem jungen
Alter als Hilfsdisziplin für die Kampfkünste und nicht für die spirituelle Entwicklung.
Selbst ohne die spirituelle Komponente verschaffte ihm Zen eine geistige Zielge-
richtetheit, die ihm die Kraft gab, alle Hindernisse zu überwinden.
Es erscheint nur folgerichtig, dass er in den ersten Jahren sein ungeteiltes Interesse
auf die japanischen Kampfkünste richtete. Er bestand die Prüfungen zum Schwarzgurt
in Jiu-Jitsu, Karate und Aikido, bevor er überhaupt zum ersten Mal in den Fernen
Osten reiste. Einen weiteren Schwarzgurt erwarb er dort kurz nach seiner Ankunft.
Auf Anraten seines Jiu-Jitsu-Meisters lernte er Shiatsu (japanische Meridianmassa-
ge) und behandelte schon während seiner Highschool-Zeit Patienten. Aikido und
Shiatsu beruhen auf der Beherrschung des Ki (Ki ist das japanische Wort für Chi
oder Lebensenergie): Im Aikido bildet es die Grundlage der Kampfkraft, im Shiatsu
der Heilkraft. Bruce interessierte und entschied sich also schon recht früh für das
große Gebiet der Energie- und Gesundheitslehren.
Mit 18 Jahren war ihm bereits klar geworden, dass er, um zum wahren Wesen der
fernöstlichen Kampf-, Heil- und Meditationssysteme vorzudringen, deren Quelle
finden müsste. Dieses Verlangen führte ihn für 16 Jahre zu Studien im Ausland: elf
Jahre nach China, drei nach Japan und zwei nach Indien.
Nach seinem Eingeständnis waren seine Jugendjahre in den Kampfkünsten
hauptsächlich jedoch von der Faszination zerstörerischer Kraft geprägt. In jener
Zeit interessierte ihn primär, wie man den menschlichen Körper verletzen konnte.

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Paradoxerweise drückte sich auch sein anhaltendes Interesse für Gesundheit und
Meditation in destruktiven Vorstellungen aus: Die Zen-Meditation wurde seine
Waffe, um die absurden Schichten des Geistes zu zerstören, und die Massage sein
Werkzeug, um die Beschwerden und Schmerzen der Patienten zu bezwingen. Erst
später, etwa mit Mitte 20, orientierte er sich grundlegend um. Seine Hinwendung
zu Gesundheit und allgemeinem Wohlbefinden füllte ihn von da an ungebrochen
aus, und er beschäftigte sich intensiv damit, die Kampf-, Heil- und Meditationstech-
niken konstruktiv einzusetzen, um die nutzbringenden Aspekte von Körper, Geist
und Seele vor Schaden zu bewahren.
Dieser Umschwung fand in China statt. Hier beobachtete er ältere Praktizieren-
de beim Chi Gung, die deutlich gesünder und leistungsfähiger waren als halb so
alte Landsleute. Zu Beginn war er tief beeindruckt, welche physischen Kräfte sich
beim Chi Gung durch körperliche Bewegungen erwerben ließen. Als er dann auch
noch die Chi-Gung-Übungen kennenlernte, mit denen man die Lebensenergie
direkt beeinflussen kann, fing er an zu verstehen: Hier gab es eine Methode, Kraft
und Vitalität auf gesunde Weise zu erhalten und zu vermehren. Dazu fiel ihm auf,
dass alle, die er beim Üben beobachtete, und das schloss ihn selbst ja auch ein,
zunehmend kräftiger wurden - und zufriedener. In den Krankenhäusern, in denen
er mehrere Jahre mit therapeutischer Chi-Gung-Massage (Tuina) arbeitete, erlebte
er, wie Menschen, die ihr Leben lang krank gewesen waren, durch Chi Gung zu
Gesundheit und zu neuer Leistungsfähigkeit aufblühten. Er sah, wie viele Patien-
ten, die neurotisch, geistig gestört oder eindeutig verrückt waren, die zu extremer
Wut, Depression und Angstzuständen neigten, durch Chi Gung ruhig, gefestigt und
selbstsicher wurden. Er wurde Zeuge, wie Chi Gung bei genereller Antriebsschwä-
che wieder zu geistiger Klarheit und Wahrnehmungsfähigkeit führte. Nach Bruces
Ansicht wirken chinesische Methoden nachweislich besser und sinnvoller als vieles,
was westliche Medizin und Sportwissenschaft zu bieten haben.

Tokio: Der Weg des Aikido


1967, im Alter von 18 Jahren, ging Bruce zum ersten Mal nach Japan. Dort schrieb
er sich an der Sophia-Universität in Tokio ein. Sein Hauptinteresse galt immer noch
den harten Stilen der Kampfkünste. Außerdem hatte er das große Glück, von 1967
bis 1969 bei dem Gründer des Aikido, Morihei Ueshiba, studieren zu können.
Ueshiba war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, sein überdurchschnittliches
Niveau der Ch¡-Meisterschaft schien unerreichbar. Während seiner letzten Lebens-
monate, als er schon zu schwach zum Gehen war, wurde er zu den Übungsstun-

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den ins Dojo getragen. Selbst in diesem Zustand konnte er sich noch erheben und
genügend Energie mobilisieren, um seine stärksten Studenten wie leichte Puppen
zu Boden zu schleudern. Nach dem Training wurde er dann wieder in sein Bett
getragen. Bruce betrachtete solche Episoden als beeindruckendes Beispiel dafür,
wie die Lebenskraft die reine Körperlichkeit überwindet.
Auch wenn Ueshiba die physischen Techniken und die spirituellen Lehren des
Aikido an seine Studenten weitergegeben hatte, fühlte Bruce, dass keiner von ih-
nen Ueshibas hohes Niveau der Chi-Beherrschung besaß. Es war eine allgemein
bekannte, aber im Dojo nicht gern zugegebene Tatsache, dass sich Ueshibas System,
nachdem er in China längere Zeit als Mönch gelebt hatte, entscheidend verändert
hatte; aus Aiki-Jitsu entstand Aiki-Do (Do ist das japanische Wort für Tao). Das
heißt, aus einer auf Jiu-Jitsu beruhenden Kriegskunst wurde ein „Weg", der auf dem
Ki oder Chi aufbaute. Zu diesem Zeitpunkt besaß Bruce fünf Schwarzgürtel in den
japanischen Kampfkünsten. Er hatte schon viele der großen japanischen Kampf-
künstler aufgesucht, aber keiner von ihnen konnte sich in seinen Augen auch nur im
Entferntesten mit Ueshibas gewaltigen Chi-Kräften messen. Bruce wollte unbedingt
herausfinden, welche Chi-Methoden Ueshiba in China erlernt hatte.

Taiwan: Der erstaunliche Wang Shu-Jin


Als Bruce 1968 Taiwan besuchte, begegnete er Wang Shu-Jin*, einem Meister der
inneren Kampfkünste, der ursprünglich aus Tianjin stammte. Wang war über 70
Jahre alt und schwer übergewichtig. Bei einer Größe von 1,72 m w o g er mehr als
250 Pfund. Gleichwohl erwies er sich körperlich wendiger als der jüngere Bruce,
den er nach Belieben umherstieß.
Bei ihrer ersten Unterhaltung behauptete Wang, dass die Kampftechniken des
Karate minderwertig seien und dass langjährige Karate-Praxis den Körper schädige
und vorzeitig altern lasse. Bruce, der bis dahin hauptsächlich Karate studiert hatte,
widersprach leidenschaftlich. Das führte, wie es bei Meinungsverschiedenheiten
zwischen Kampfkünstlern häufig der Fall ist, zu einer Herausforderung. Wang bot
Bruce an, den Wahrheitsgehalt seiner Behauptung im Kampf zu beweisen.
Bei diesem Kampf erinnert Bruce sich am deutlichsten daran, dass seine Hände
und Füße furchtbar schmerzten, wenn er sie gegen die verschiedenen Körperteile
Wangs einsetzte. Besonders Wangs beängstigende Angewohnheit, während des
Duells immer wieder unerwartet in seinem Rücken aufzutauchen und ihm leicht

* auch Wang Shu-Chin

19
auf die Schulter zu klopfen, ist ihm noch heute vor Augen. Ein kurzer Moment ihres
Kampfes hat sich ihm tief ins Gedächtnis eingeprägt: Das war, als Wang mit halb
geschlossenen Augen langsam auf ihn zukam. Bruce erzählt, dass er in tiefster Seele
um sein Leben fürchtete. Er wich zur Wand zurück, sammelte alle seine Kräfte und
trat Wang, so fest es ging, mit der Ferse in den Solarplexus. Dieser Tritt riß Wang
prompt aus der Trance und fachte seinen Zorn an. Er schlug Bruce mit minimaler
Kraft auf den Kopf, und dieser fühlte einen elektrischen Schlag durch seinen Körper
jagen. Als Nächstes kann er sich nur noch daran erinnern, dass er plötzlich zu seiner
völligen Verblüffung auf dem Boden saß.
Bruce begann bei Wang in der 5-Uhr-Morgen-Klasse im Taichung-Park zu trai-
nieren. Etwa nach einer Woche fragte ihn ein alter Mann, ob er „spielen" wolle.
Der Mann war unscheinbar und mager, eben ein ganz normaler Kursteilnehmer.
Bruce fühlte sich ein wenig unbehaglich, er wollte seine Körperkräfte gegenüber
dem Alten nicht ausnutzen. Schließlich willigte er ein. Nachdem er ein paarmal
getroffen worden war, sah er ein, dass alle Skrupel unangebracht waren. Er setzte
dem alten Mann so energisch wie möglich zu, aber dieser hatte keine Mühe, mit
Bruce als Gegner fertig zu werden. Bruce war fassungslos über den Ausgang des
Kräftemessens. Während er noch ganz benommen dastand, kam die Frau des Alten
herüber und erkundigte sich, ob sie es auch einmal probieren könnte. Nach einem
Jahr Erfahrung in Japan wusste Bruce nicht, wie er solche Aufforderungen ablehnen
sollte. Zu seiner Überraschung musste er feststellen, dass sie mit ihm auf dem Niveau
der besten japanischen Karateka der zweiten Dan-Stufe kämpfte.
Bruce war nach dieser Erfahrung mit dem alten Ehepaar so niedergeschlagen, dass
er ernsthaft erwog, die Kampfkünste aufzugeben. Wenn Meister Wang Shu-Jin ihn be-
siegte, war das eine Sache - dass aber diese offensichtlich durchschnittlichen Schüler
ihn schlagen konnten, beschäftigte ihn doch sehr. Zu jener Zeit war er immerhin
schon vier Jahre lang Schwarzgurt-Kämpfer. Er hatte in Japan acht Stunden pro Tag
trainiert, und doch sah es so aus, als ob er seine Chance verpasst hätte. Würden ihn
als Nächstes Fünfjährige schlagen? Hätte er denn mit drei Jahren anfangen sollen
statt mit zwölf? Hätte er gar vierzehn Stunden täglich trainieren sollen?
Ein paar Tage später ergab sich die Möglichkeit, mit dem älteren Ehepaar zu reden.
(Damals sprach Bruce schon fließend Japanisch, das auch viele ältere Taiwanesen
seit der Besatzungszeit beherrschten.) Sie hatten ihren Unterricht sieben Jahre zuvor
bei Wang begonnen, weil der Mann an heftiger Arthritis litt. Er war anfänglich nur
daran interessiert, seine Gesundheit wiederherzustellen, nicht die Kampfkünste zu
erlernen. Nach drei Jahren Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua war er wieder völlig gesund
und glaubte, mit dem Training aufhören zu können. Sechs Monate später meldeten

20
sich seine Beschwerden zurück. Als er wieder zu üben anfing, verschwanden die
Symptome umgehend.
Am Tage vor dieser Unterhaltung hatte Bruce, um sein angeschlagenes Selbst-
bewusstsein wiederaufzurichten, gegen einen von Wangs jugendlichen Studenten
gekämpft - und wurde noch vernichtender geschlagen. Ihm wurde schmerzhaft
bewusst, welch hohes, kaum zu übertreffendes gesundheitliches und athletisches
Niveau Wangs Studenten durch Chi Gung erreicht hatten. Bruces Gedanken gingen
nun in eine andere Richtung: Wenn jeder Einzelne von Wangs Schülern so erfolg-
reich war, dann müsste auch er es schaffen können. Sein Entschluss, die inneren
chinesischen Künste bei Wang zu erlernen, stand damit fest.
Wang erklärte ihm als Erstes den Unterschied zwischen den inneren und den
äußeren Kampfkünsten. Die äußeren Systeme entwickeln die Knochen, Muskeln
und Sehnen - kurz, die äußere Physis. Chi Gung und die inneren Kampfsysteme
des Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua fördern die Entwicklung und das Bewusstsein der
Körperenergien, so dass Chi schließlich konkret wahrgenommen werden kann und
greifbar wird. Das im Raum existierende Energiefeld erscheint einem Chi-Gung-
Übenden oder Adepten der inneren Kampfkünste so real w ie einem Schwimmer
das Wasser des Meeres.
Lange bevor die inneren Systeme überhaupt zur Selbstverteidigung genutzt wur-
den, waren sie schon Bestandteil des taoistischen Yoga. Ursprünglich sollten sie den
Körper heilen, den Geist beruhigen, die Langlebigkeit fördern und die körperliche
Grundlage für die höheren Stufen der Meditation bilden. Die inneren Kampfkünste
zeichnen sich durch kreisförmige, fließende Bewegungen aus, die anatomische
Stabilität, solide Körperdynamik sowie ein ausgeprägtes Gefühl für physische und
psychische Kraft entwickeln. Der 19 Jahre alte Bruce sollte die an ihn gerichteten
Worte des 73-jährigen Wang niemals vergessen: „Ich kann mehr essen als du, ich
besitze mehr sexuelle Vitalität als du, ich bewege mich schneller und kämpfe er-
folgreicher als du, ich werde nie krank. Und du glaubst, dass du gesund bist? Um
gesund zu sein, bedarf es mehr als nur der Jugend. Chi kann dich alles dies lehren."
Bruce sah ein, wie recht Wang hatte, und er übte bei ihm, mit Unterbrechungen,
während der folgenden zehn Jahre.
Er kehrte noch einmal an die Sophia-Universität in Tokio zurück, um dort an
Kursen teilzunehmen. Gleichzeitig, von 1968 bis 1971, befasste er sich weiterhin
mit den inneren Kampfkünsten bei dem Hsing-I-Meister Kenichi Sawai und verschie-
denen japanischen Schülern Wangs. Er hatte auch das große Glück, in dieser Zeit
einem alten chinesischen Arzt zu begegnen, der ihn in der Massagetherapie Tuina,
einem chinesischen System der Körperarbeit, unterwies, das er nach knapp zwei

21
Jahren beherrschte. (Bruce sollte in der Folge noch mehr über dieses System lernen
und es später in seiner Kliniktätigkeit auf dem chinesischen Festland einsetzen.) Mit
diesem Arzt hatte Bruce zum ersten Mal jemanden gefunden, der mit seinen Händen
jederzeit Chi übertragen konnte, um Krankheiten zu heilen und die geschwächten
Körper anderer Menschen zu stärken. Während seines dritten Studienjahres in Japan
ging Bruce mit einem speziellem Forschungsauftrag nach Okinawa, um dort Karate
und die einheimischen Waffensysteme zu studieren. Hier, im eigentlichen Geburts-
land des Karate, spürte er deutlich, wie sehr die Chi-Methoden zur Stärkung des
Körpers und hoch entwickelte Kampftechniken fehlten. Diese Erkenntnis veranlasste
ihn endgültig dazu, die äußeren harten Kampfkünste aufzugeben und sein ganzes
Streben auf die inneren Kampfkünste und Chi Gung zu richten.

Indien: Meditation zur Kultivierung von Chi


Aus den taoistischen Lehren Wang Shu-Jins in Taiwan wusste Bruce, dass die Ener-
giekultivierung eine der Grundlagen der Meditation sein kann. Da Bodhidharma,
wie die Legende berichtet, im fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Kampf-
künste und die Meditation aus Indien zum Shaolin-Tempel gebracht hatte, entschloss
sich Bruce, immer schon ein passionierter Sucher authentischen Materials, die
Quellen in Indien selbst kennenzulernen. (Die historischen Tatsachen, nach denen
China schon Jahrhunderte vor Bodhidharmas Besuch hoch entwickelte Kampf-
künste und Chi-Gung-Methoden besessen hatte, waren ihm damals nicht bekannt.)
Als er im Jahre 1971, nach viereinhalb Jahren Asienaufenthalt, in die Vereinigten
Staaten zurückkam, war er von den chinesischen Lehrern, die er in den USA antraf,
zutiefst enttäuscht. Seiner Ansicht nach hielten sie entweder Informationen zurück,
hatten kein verbürgtes Wissen zu vermitteln oder konnten wegen ihrer offensichtli-
chen Sprachprobleme nur ungenügend und oberflächlich unterrichten. Er entschloss
sich, wieder nach Asien, dem „Harvard" für Energiekultivierung, zurückzukehren.
Bis 1987, als er sich fest in den Vereinigten Staaten niederließ, pendelte er zwischen
Asien und dem Westen hin und her und verdiente seinen Lebensunterhalt durch
Unterricht in Chi Gung und in den inneren Kampfkünsten sowie der Heilkunst des
Tuina in den USA und in Europa. 1972, nach einem sechsmonatigen Gastspiel als
Tai-Chi-Lehrer in Amerika, machte er sich auf den Weg nach Indien.
Zuerst begab er sich zu einem Ashram in Südindien, um die Techniken des Pra-
nayama-Yoga* zu erlernen, der direkt mit der Lebensenergie arbeitet. Er übte in der
klassischen Weise - durch Anwendung von Atem, Mantras** und Mudras*** - in
täglich vier Abschnitten zu jeweils drei Stunden. Nach drei Monaten solcher ln-

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tensität war Bruce „fähig, die Kundalini-Shakti zu erwecken", eine spirituelle Kraft,
die das Bewusstsein reinigt und schließlich zur Erleuchtung führt. In Rishikesh,
Nordindien, studierte er bei Curu Shiv Om-Tirth tantrische Kundalini-Meditation.
Die dort gesammelten Erfahrungen versetzten ihn in die Lage, die fundamentalen
energetischen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem chinesischen und
dem indischen System der Lebenskraft zu erkennen und zu verstehen.
Bruce wusste, dass die indischen wie auch die chinesischen Methoden, wenn sie
nur korrekt ausgeführt würden, durch Übung und Regulierung der Lebenskraft Krank-
heiten heilen und das Leben verlängern konnten. Beide Systeme hatten sich lange
genug bewährt und, im wahrsten Sinne des Wortes, in Tausenden von Jahren viele
Verbesserungen und Verfeinerungen erfahren. Der Hauptunterschied im Gesund-
heitsbereich betraf, soweit er erkennen konnte, die Übungspraxis: Im chinesischen
System geht es primär um Bewegung, um das unendliche, dem Wasser im Strom
gleichende Fließen der Energie, während die indischen Methoden Körperhaltun-
gen (Asanas) verwenden, die sich durch klar definierte Anfänge, Abschlüsse und
Pausen zwischen den einzelnen Körperhaltungen auszeichnen. Dieser Unterschied
macht sich auf der Erfahrungsebene tief greifender bemerkbar, als es zunächst aus-
sehen mag. Tai Chi ist aktiv, Yoga passiv. Yoga scheint zu größerer Beweglichkeit
zu führen, während Tai Chi mehr Kraft und Bewegungskoordination aufbaut. Doch
beide sind einander auch ähnlich, da Hatha-Yoga mit den Asanas auf Pranayama
vorbereitet - die Asanas öffnen den Körper und Pranayama arbeitet dann mit der
Lebensenergie. Die inneren chinesischen Systeme nutzen dagegen spezifische
Bewegungen, welche die Zirkulation der Lebensenergie zusätzlich anregen. Ohne
bewusste innere Energiestimulation bleibt jedoch die aktivierte Energie in beiden
Systemen minimal. Bruce ist der Ansicht, dass der Yoga-, Tai-Chi- und Chi-Gung-
Unterricht im Westen in den meisten Fällen die innere Komponente nicht vermittelt.
Die alleinige Betonung der äußeren harten Kampfkünste, der äußeren Bewegungen
im Tai Chi oder der passiv geübten Asanas im Yoga kann, laut Bruce, nur eine äußerst
begrenzte Menge an Chi in Bewegung versetzen.

* Pranayama ist das indische Gegenstück zu dem chinesischen Chi Gung. Am Anfang werden
Atemkontrolltechniken erlernt. Später geht es darum, die inneren Bewegungen der Lebensenergie
durch gedankliche Konzentration zu beherrschen (Prana: „Atem"; Yama: „kontrollieren" oder
„entwickeln").
** Mantras sind Rezitationen oder Gesänge, die spezielleTöne verwenden, welche dann besondere
Energien im körperlichen, geistigen und seelischen Bereich zur Wirkung bringen.
*** Mudras sind Hand- und Fingerstellungen, die höhere energetische und geistige Zustände im
Übenden hervorrufen.

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Die beiden Systeme schließen einander keineswegs aus. Bruce glaubt, dass sie
parallel zueinander ausgeübt werden können und sich konstruktiv unterstützen.
Alle, die gegenwärtig Yoga praktizieren, können die inneren chinesischen Systeme
dazu verwenden, die Auflösung von Energieblockaden und den Fluss der inneren
Energie zu beschleunigen. Obwohl er während seiner Schulung in Indien die meisten
schwierigen Asanas im Hatha-Yoga schließlich meisterte, fand Bruce dieses System
nie so überzeugend wie die inneren Bewegungskünste Chinas.
Außerdem gab es etwas, das ihm bei seinen Erfahrungen in Indien nicht behagte:
die Verehrung des Guru. Der Guru spielt in den indischen Traditionen eine Schlüs-
selrolle, denn er gilt als Gottes direkter Vertreter auf Erden. In seiner göttlichen
Funktion wird ihm so viel Achtung und Verehrung entgegengebracht, wie sie nur
wenige Abendländer einer lebenden Person erweisen würden. Obwohl die chinesi-
sche Tradition den Meistern ebenfalls größeren Respekt entgegenbringt, als man es
im Westen kennt, werden die taoistischen Meister (nicht alle chinesischen Meister
sind Taoisten!) eher als Hüter uralten Wissens betrachtet. Die taoistische Bezie-
hung zwischen Lehrer und Schüler gleicht mehr der zu einem älteren respektierten
Freund, der einen anderen unterstützt, als der zu einem gottgleichen Meister, der
einem einfachen Sterblichen aus der Klemme hilft. Die Taoisten gehen davon aus,
dass im Tao alle eins sind. Sie bezeichnen sich gegenseitig als „Freunde im Tao".
Infolgedessen hinterließen Bruces Lehr- und Wanderjahre bei den Taoisten viel
angenehmere Erinnerungen bei ihm als die Schulung unter den indischen Gurus.
In Indien gelang es Bruce, zwischen den beiden klassischen Systemen der inneren
Energie präzise Vergleiche anzustellen und wertvolles Wissen über die Meditation
und Chi zu sammeln. Er infizierte sich aber auch mit einer fast tödlich verlaufenden
Gelbsucht.

Taiwan, Hongkong, Poona, Beijing: Vom


hochkarätigen Kämpfer zum hochkarätigen Heiler
Die extrem bösartige Form von Gelbsucht, die Bruce sich in Indien zuzog, kostete
zwei engen Freunden von ihm das Leben. Er selbst überstand sie nur mit einer stark
angegriffenen Leber. Heute ist er überzeugt davon, dass er ohne die Energieübun-
gen des Tai Chi und Chi Gung in Indien gestorben wäre. Sein Zustand war höchst
kritisch. Er lag in einem Krankenhausbett und konnte sich kaum bewegen. Der
untersuchende indische Arzt sagte ihm, dass er sich in Lebensgefahr befände. Er
war sicher, dass es mit ihm tatsächlich zu Ende gehen würde, wenn er nicht selbst
etwas unternähme. Er quälte sich aus dem Bett, richtete sich, am ganzen Körper

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zitternd, auf und zwang sich, Tai-Chi- und Chi-Gung-Bewegungen auszuführen.
Sein ganzer Körper schmerzte, aber er gab nicht auf, bis er endlich kraftlos aufs
Bett fiel. Danach schlief er drei Tage in einem durch. Als er aufwachte, wusste er,
dass er überleben würde.
Nachdem er wieder zu Kräften gekommen war, kehrte er nach Taiwan zurück.
Dort übte er die inneren Kampfkünste mit großer Leidenschaft und trainierte wäh-
rend der nächsten vier Jahre bei dem Ba-Gua-Kampflehrer Hung I Hsiang. Bruce ist
davon überzeugt, dass dieses Training seine Leber regenerierte und er nur deshalb
die Kampfkünste weiter studieren konnte. Er erforschte die halb inneren, halb äu-
ßeren Kung-Fu-Stile der „Acht betrunkenen Unsterblichen", der „Nördlichen Got-
tesanbeterin", des „Fukien Weißer Kranich", des „Nördlichen Affen" und des „ W i n g
Chun". Dabei stellte er fest, dass viele der wirklich überragenden Kampfkunstlehrer,
die vom chinesischen Festland stammten, schon sehr alt waren. Hier ergab sich
vielleicht eine letzte Chance für ihn, ihre Kampfstile noch vollständig und unver-
fälscht zu lernen, bevor die Meister diese Welt unwiderruflich verlassen würden.
Während der Phase dieser unglaublich intensiven Hinwendung zu den Kampf-
künsten fand Bruce auch noch die Zeit, medizinisches Chi Gung für bestimmte
Krankheitsbilder zu studieren. Sein besonderes Augenmerk galt der Regeneration
von Nerven und Rückenmark. In dem Maße, w i e sein Energiespiegel durch die
Übungen kontinuierlich anstieg, hatte er auch wieder Zeit für die Meditation. Er
übte bei Taoisten, die sich hauptsächlich damit beschäftigten, körperlich und geistig
negative Emotionen zu beseitigen.
Gegen Ende 1975 flog Bruce nach Manhattan zurück. Dort unterrichtete er
hauptsächlich privat und behandelte eine kleine Patientengruppe mit Chi-Gung-
Übungen und Tuina. Er fühlte sich noch nicht so weit, öffentlich zu unterrichten,
weil er zum einen die östlichen Traditionen respektierte und zum anderen noch
nicht genügend Erfahrung hatte. Er traute sich auch nicht zu, die Entwicklung seiner
Schüler so zu überwachen, wie er es für angemessen hielt, da er zwischen Asien
und denVereinigten Staaten hin- und herpendelte.
Bei diesem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten wurde ihm bewusst, welche
entscheidende Rolle der Stress spielt. Er sah die große Zahl derer, die sich durch
Überarbeitung und Sorgen völlig verausgabten. Bruce dachte viel darüber nach,
wie sich seine taoistischen Erkenntnisse zur Lösung dieser Probleme anwenden
ließen, wusste aber auch, dass seine medizinische Ausbildung noch lückenhaft war.
Viele strukturelle Gesundheitsprobleme der inneren Organe ließen sich mit seinen
damaligen Chi-Gung-Kenntnissen noch nicht behandeln. Er führte sorgfältig Buch
über seinen Ausbildungsstand und seine Wissenslücken. Als er nach einem Jahr

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nach Asien zurückkehrte, bemühte er sich, die fehlenden medizinischen Kenntnisse
zu ergänzen.
Seine Recherchen zum Verständnis der Emotionen und ihrer Wirkung auf Stress
induzierende Faktoren führten ihn 1977 nach Poona in Südindien. Dort konnte er
seine tantrischen Studien fortsetzen. Gleichzeitig schloss er sich einer Gruppe an,
in der die Zusammenhänge zwischen Gefühlen, psychischen Bereichen, Meditation
und Chi erkundet wurden und dazu Kundalini mit psychotherapeutischen Techniken
der New-Age-Bewegung kombiniert wurde. Jetzt begriff er, wie sich das Denken des
westlichen Menschen mit dem östlichen System der Energiearbeit vereinbaren ließ.
Gegen Ende 1977 war er wieder in Taiwan und studierte zwölf Stunden pro Tag
die inneren Energiesysteme. Er verbesserte sein Ba Gua, versenkte sich in taoistische
und tantrische Meditation, beschäftigte sich mit der Auflösung gestauter emotionaler
Energie und setzte seine medizinischen Studien an Rückenmark und Nervensystem
fort. 1978 bestand er in Hongkong die Prüfung für höhere Akupunktur, entschied
sich aber, der Chi-Gung-Therapie treu zu bleiben.

Bruce Frantzis stößt Energie aus, um seinen Gegner vom Boden zu heben.
Diese fortgeschrittene Technik ist gewöhnlich im Tai Chi „Push Hands" und bei anderen
inneren Kampfkünsten anzutreffen.
In den letzten Monaten des Jahres 1979 übersiedelte er nach Denver, Colorado,
und eröffnete eine kleine Schule für eine begrenzte Anzahl von regelmäßig üben-
den Schülern. Erst nach seinem Studium bei Großmeister Liu in Beijing vertraute er
seiner Beherrschung der inneren Prinzipien des Chi Gung genügend, um öffentliche
Seminare zu geben und Bücher zu diesem Thema zu schreiben. Nachdem er bei
Vollkontakt-Kämpfen jahrelang eindrucksvolle Siege errungen hatte, begann Bruce
sich nun von der Kampfszene abzuwenden und sich noch intensiver fürTherapie und
Meditation zu interessieren. Obgleich er danach, vor allen Dingen in Beijing, seine
Kampftechniken weiter verbesserte, hatten sich seine Ziele klar und unwiderruflich
geändert. Im Sommer 1981, als er bei Großmeister Liu Hung Chieh die Grundlagen
für seine weitere Entwicklung erhielt, war er dermaßen in seine Ausbildung vertieft,
dass er nicht ein einziges Mal die Zeit erübrigte, die von Lius Haus nur fünf Minuten
entfernte Verbotene Stadt zu besuchen.
Im Herbst 1981 kehrte Bruce nach Denver zurück. Dort begann er in aller Muße
wieder zu unterrichten und Lehrer auszubilden. Fast wäre er zum lebenslangen
Krüppel geworden.

Denver: Die Krise der Selbstheilung


Anfang 1982 wurde Bruce in einen furchtbaren Autounfall verwickelt, bei dem er
schwerste Verletzungen an der Wirbelsäule davontrug. Zwei Wirbel waren voll-
ständig gebrochen, andere wiesen Haarrisse auf; viele Bänder und Sehnen der
Wirbelsäule waren gerissen und alle Wirbel aus ihrer Normallage gesprengt. Die
Chirurgen drängten ihn zu einer Spinalfusion (operative Versteifung benachbarter
Wirbelkörper), aber Bruce lehnte das, unter höllischen Schmerzen leidend, vehe-
ment ab. Seine lange Erfahrung mit Chi Gung und Tuina hatte ihn gelehrt, dass sein
Körper nach einer derartigen Operation nie wieder den ursprünglichen Energiezu-
stand erreichen würde. Nachdem er sich die Chirurgen vom Leib gehalten hatte,
begann Bruce, flach auf dem Rücken liegend, pro Tag acht bis zehn Stunden Chi
Gung zu üben.
Wunder stellten sich nicht ein. Es war eine lange peinigende Tortur, die Wirbel-
säule mit diesen Techniken wieder zu regenerieren. Komplikationen traten auf. Bruce
spricht heute noch davon, wie die Verletzung der Wirbelsäule alle psychischen
Kontrollmechanismen stillgelegt hatte. Die dunkelsten Kräfte drängten aus den tie-
feren Schichten seines Geistes an die Oberfläche. Ohne die jahrelangen speziellen
Konzentrationsübungen wäre er zu einem Leben in einer psychiatrischen Anstalt
verdammt gewesen. Doch er hielt durch.

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Die emotionale Belastung, die zu den permanenten Nervenschmerzen hinzu-
kam, machte das Leben jedoch für ihn wi e für seine Umgebung unerträglich. Der
plötzliche Verlust seiner körperlichen Kräfte und Fähigkeiten, der gebrochene Stolz
des Athleten - all das waren verheerende Schläge. Er verfiel in entsetzliche Nieder-
geschlagenheit, verlor alles Interesse an Tai Chi und konnte wegen der Schmerzen
kein Ba Gua mehr üben. Ihm war klar, dass er etwas für seine geistige und mora-
lische Verfassung tun musste. Das Gefühl, für sich und seine Schüler nutzlos zu
sein, durfte nicht anhalten. Als die Chi-Gung-Übungen seine Wirbelsäule so weit
wiederhergestellt hatten, dass er sich mehr schlecht als recht bewegen konnte, nahm
Bruce an verschiedenen Psycho- und Körpertherapien in Colorado und Oregon teil.
Sie halfen zum Teil und stärkten seine mentale Stabilität. Aber wie wirksam eine
Psychotherapie auch sein mag, Nervenschmerzen rund um die Uhr hinterlassen
emotionale Verwüstungen. Die angewandten psychologischen Methoden reichten
nicht aus.
Bruce versuchte es mit allen möglichen Körpertherapien, einschließlich Chi-
ropraktik, Tiefengewebsmassage, Rolfing, Akupunktur, Massage und diversen Be-
wegungstherapien. Sie halfen auch ein wenig, weil sie die Schmerzen kurzfristig
dämpften, aber die Qualen kehrten immer wieder zurück. Als er einsah, dass ihn
die im Westen verfügbaren Heilmethoden nicht endgültig und vollständig wieder-
herstellen konnten, tat Bruce, was er schon mehrfach getan hatte: Er begab sich
auf die Suche nach China - dieses Mal, um die geeignete Heilmethode für seinen
Körper zu finden.

Wieder in Beijing:
Die abschließenden Lehren bei Liu
Liu hatte sich zur Meditation zurückgezogen und war für niemanden zu sprechen,
als Bruce im Sommer 1983 in Beijing eintraf. Ein weiteres Empfehlungsschreiben
von Bai Hua, seinem Lehrer in Hongkong, ermöglichte ihm, die inneren Techniken
des Yang-Stils bei Lin Du Ying* in Xiamen, Provinz Fujien, zu studieren. Obgleich
Bruce schon bei vielen Lehrern Yang-Stil Tai Chi geübt hatte, unter anderem bei
Yang Shao Jung, dem Urenkel des Yang-Stilbegründers, empfand er höchsten Re-

* Lin Du Ying war enger Schüler von Wu Hui Chuan undTien Jau Ling gewesen. Diebeiden zähl-
ten zu den besten Schülern von Yang Ban Hou, dem dritten Sohn des Begründers des Yang-Stils,
Yang Lu-Chan. Lin unterrichtete eine sehr rein erhaltene Form des Yang-Stils, etwa in der Art, wie
sie hundert Jahre vorher gelehrt wurde. Die meisten anderen Überlieferungen sind abgewandelt,
zum Teil sogar verwässert worden.

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spekt für Lin. Dieser schien ihm der außergewöhnlichste Vertreter des Yang-Stils zu
sein, den er je erlebt hatte. Da Bruce in aller Form als enger Schüler angenommen
worden war, erhielt er sämtliche Lehren korrekt und vollständig übermittelt. Er
empfand es als große Ehre, das geheime Wissen des Tai Chi von Lin zu empfangen.
Als Liu nach neun Monaten endlich Zeit hatte, suchte Bruce ihn wieder auf.
Während die Übung des Yang-Stils seine Hals- und Rückenschmerzen gelindert
hatte, quälte ihn der restliche Körper immer noch. Liu verordnete ihm Wu-Stil Tai
Chi. Dieser Stil betont sanft heilende Bewegung und Meditation, stärkt den Körper
und klärt den Geist. Innerhalb weniger Monate verschwanden durch diese Übung
die Schmerzen in Bruces mittlerem und unterem Rücken völlig.
Er wurde dann in taoistischer Meditation unterrichtet, zweimal am Tag jeweils
zwei bis drei Stunden. Sobald der Rücken ausreichend geheilt war, fing Liu auch
mit der Unterweisung in Ba Gua, Hsing-I und weiteren Chi-Gung-Methoden an.
Die Ausbildung verlief während der nächsten drei Jahre nach dem immer gleichen
Schema, ohne Unterbrechung, sieben Tage pro Woche.
Liu ergänzte die Lücken in Bruces bisheriger esoterischer Ausbildung und geleitete
ihn in Bereiche des Geistes, von deren Existenz er nichts gewusst hatte. Er führte
ihn durch alle Stufen der taoistischen Meditation, bis er unmittelbar die Instanz
erfuhr, wo alles mit dem Tao vereint ist. Liu wünschte, dass Bruce nicht nur die
inneren Kampfkünste und Chi Gung unterrichten sollte (dazu war er inzwischen
von Grund auf qualifiziert), sondern auch, falls er sich dazu bereit fühlte, taoistische
Meditation. Dank Liu konnte er das in diesem und weiteren Büchern dargestellte Chi-
Gung-System systematisch zusammenstellen. Der an sich konservativ eingestellte
Großmeister Liu hatte den bis dahin beispiellosen Schritt gewagt, einem westlichen
Ausländer die Weitergabe von Wissen zu erlauben, das selbst in China von alters
her geheim geblieben war.
Am 1. Dezember 1986 starb Liu. Nur einen Tag zuvor hatte er Bruce noch die
letzte Spezialtechnik aus dem Ba Gua erläutert, die höchste Stufe des Wu-Stils
anvertraut und formell das Wissen der Linie auf ihn übertragen. Der Abschied von
diesem ungewöhnlichen Manne war für Bruce schwer zu bewältigen; gleichzeitig
empfand er tiefe Dankbarkeit dafür, einem solchen Menschen begegnet zu sein.
Die Lehrzeit bei Liu erschien ihm wie ein großes und seltenes Geschenk. Nachdem
ihm die Ehre gewährt worden war, Lius Asche umzurühren - eine Handlung, die
gewöhnlich den engsten Familienangehörigen* vorbehalten b l e i b t - , kehrte Bruce
in die Vereinigten Staaten zurück.

* Liu hatte Bruce in einer konfuzianischen Zeremonie offiziell als Sohn adoptiert.

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Bruces Ziel war und ist seitdem, im Westen so viel wie möglich von Lius le-
bensförderndem Wissen weiterzugeben. Durch die ihm erwiesene Großzügigkeit
gewann Bruce Wissen und Selbstvertrauen. Nun hofft er, die Kulturen einander
näherzubringen, indem er den Menschen im Westen diese fernöstlichen Kenntnisse
zugänglich macht. „ D i e Zeit der Geheimnisse", so Bruce, „ist vorbei."

Diese von dem verstorbenen taoistischen Linienhalter Liu Hung Chieh ausgestellte Urkunde
bestätigt Bruce Frantzis' Stellung in der siebten Generation der Ba-Gua-Linienhalter.

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Einleitung
zur überarbeiteten Neuauflage

Im Jahre 1987, nachdem ich über ein Jahrzehnt die taoistischen Energiekünste in
China erlernt hatte, begann ich mit der Niederschrift der Erstausgabe dieses Buches.
Mein Ziel bestand darin, eine leicht nachvollziehbare Einführung in Chi Gung
zu verfassen, die erklärte, was Chi Gung ist, und eine Reihe von einfachen und
brauchbaren Übungen anzubieten, die selbst zu erlernen sind. Der vorliegende
Band enthält ein vollständiges taoistisches Chi-Gung-Übungssystem - das bereits
seit Tausenden von Jahren funktioniert hat.

Die wachsende Akzeptanz von Chi Gung im Westen


Seit seiner Erstveröffentlichung im Jahre 1993 hat dieses Buch Tausende dazu in-
spiriert, die Chi-Gung-Praxis aufzunehmen. Diese uralte chinesische Energieübung
bekämpft den Alterungsprozess, entspannt Körper und Geist und verbessert die
Gesundheit.
Inzwischen haben neue Bedingungen und eine wachsende Akzeptanz von Chi
Gung und Tai Chi dazu geführt, dass die breite Öffentlichkeit die zunehmende Be-
deutung von Chi Gung im Alltagsleben eher gelten lassen kann. Als ich das Buch
damals schrieb, warnte ich vor einem nahenden Zusammenbruch in unserem me-
dizinischen Versorgungssystem. Heute ist diese Krise im Gesundheitswesen da und
praktisch jeder im Westen spürt ihre Auswirkungen.
Ich werde dadurch ermutigt, dass Ärzte und andere medizinisch tätige Beru-
fe diese Übungen zunehmend ihren Patienten sowohl als Präventivsystem wie
auch als Methode empfehlen, die bereits bestehende medizinische Beschwerden
verbessern kann. Ich habe die Hoffnung, dass der Wert von Chi Gung, Tai Chi,
Yoga und anderen Erhaltungssystemen zur Selbsthilfe auch auf höchster politischer
Regierungsebene unterstützt werden wird. Sie gehören zu den kostengünstigsten,
wirksamsten und bewährtesten Methoden im Dienste der Gesundheit und sind eine
der besten „Krankenversicherungen", die wir abschließen können. Ihre Geschich-
te, chronische Erkrankungen und Stress erfolgreich reduziert zu haben, ist lang.
Gesund zu sein, in guterWeise älter zu werden und Stress zu lindern sind Ziele,
die jeder von uns erreichen kann.

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Zum Inhalt der Neuauflage
Seit der Erstveröffentlichung dieses Buches haben viele meiner Schüler darum gebe-
ten, weitere Informationen in eine überarbeitete Auflage aufzunehmen. Viele solcher
Anfragen entsprachen meinem eigenen Wunsch nach Ergänzung von Materialien,
die für Menschen nützlich sein könnten, die zum einen an Chi Gung interessiert
waren und zum anderen die tieferen Ebenen der Öffnung der Energietore des Körpers
genauer betrachten wollten. Deshalb sind dem Buch einige neue Kapitel hinzugefügt
worden; bereits existierende Kapitel wurden überarbeitet.
Zu den neuen Materialien gehören:

• Techniken der Langlebensatmung


• Chi freisetzen und sinken lassen
• weitere Einzelheiten über die Positionen der Chi-Gung-Standform
• Informationen über Sitzhaltungen
• die taoistische Wirbelsäulendehnung im Sitzen

• die Verbindung von Chi Gung mit Hatha-Yoga und mit anderen alternativen
Übungssystemen sowie mit solchen Sportarten wie Golf und Krafttraining

• die Rolle von Chi Gung für die spirituelle Weiterentwicklung und zur Unter-
stützung von anderen religiösen und meditativen Übungen
• fortgeschrittene Aspekte der Elementarübungen
• Informationen über Nei Gung, das taoistische Übungsprogramm, das den
vollen Umfang des Energieflusses in Körper, Geist und höheres Bewusstsein in
16 Grundkomponenten systematisch zusammenstellt

In China sind Chi Gung und Tai Chi in weiten Kreisen der Bevölkerung so verbreitet,
dass sie von Abermillionen Menschen praktiziert werden. Viele beginnen damit erst,
wenn sie schon über 50 Jahre alt sind, um ihre Gesundheit zu verbessern und zu
bewahren, um Stress zu reduzieren und den Alterungsprozess zu bekämpfen. In
diesem Alter beginnen die Menschen zu spüren, dass die Gesundheit nachlässt und
der Stress sich erhöht. Jüngere Menschen denken kaum über ihre Gesundheit nach,
wenn sie nicht mit einer chronischen Erkrankung oder einem Unfall konfrontiert
werden.
Im Westen haben Menschen über 50 immer noch Schwierigkeiten mit Chi Gung
und den meisten anderen Übungsformen. Die Vorstellung, dass man durch regel-
mäßige tägliche Ü b u n g d i e Kontrolle und Verantwortung für die eigene Gesundheit
übernimmt, richtet sich gegen viele eingefleischte Gewohnheiten - und das trotz der

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klaren Fakten, die beweisen, dass regelmäßige Körperübungen und eine gute Ernäh-
rung dazu beitragen können, chronische Erkrankungen und Stress zu lindern.
Ebenso gibt es eine wachsende Anzahl von Beweisen dafür, dass Chi Gung und
andere taoistische Energieübungen wi e Tai Chi eine starke Wirkung auf die Verbes-
serung der Gesundheit haben:
• Es gibt den jahrtausendealten verbürgten Nachweis dafür, dass es sich bei ihnen
um wirksame Systeme zur Erhaltung der Gesundheit handelt. In den letzten 50
Jahren haben sie dazu beigetragen, bei der chinesischen Massenbevölkerung
den Stress zu verringern und die Gesundheit zu verbessern.

• Westliche medizinische Studien belegen ihre Wirksamkeit bei der Linderung


einer ganzen Reihe von chronischen und viralen Erkrankungen.
• Praktizierende unterrichten ihre Ärzte über den praktischen Nutzen, den sie
aus diesen Übungen gezogen haben. Als Folge davon erhalten Ärzte mehr In-
formationen über die Vorteile von Chi Gung und Tai Chi und empfehlen ihren
Patienten diese Energieübungen als Alternative.

Ich habe die Hoffnung, dass Chi Gung und Tai Chi auch im Westen zu Übungen
für weite Kreise der Bevölkerung werden. Die Menschen können sich damit woh-
ler fühlen und ihr ganzes Leben lang Verbesserungen für Körper, Geist und Seele
erfahren. Es gibt nichts Stagnierendes bei diesen Übungen, wir lernen ständig und
immer wieder neu. Was wir bei fortschreitender Praxis lernen, kann genauso her-
ausfordernd und anspruchsvoll sein wi e wissenschaftliche Forschung, sportlicher
Wettkampf oder jede kreative Disziplin - und genauso überaus lohnenswert.

33
Die dritte Schwungübung des Chi Gung für die Öffnung der Energietore des Körpers
energetisiert das Herz, die Lungen, die Wirbelsäule und das Gehirn.

34
Kapitel 1

Chi und Chi Gung

Was ist Chi?


Einfach formuliert ist Chi das, was Leben ermöglicht. Auf den Körper bezogen ist
es das, was einen Leichnam von einem lebendigen Menschen unterscheidet. Oder,
um ein Bild aus der Bibel zu verwenden, es ist das, was Gott in den Lehmklumpen
hineinatmete, um Adam zu erwecken. Chi ist die Grundlage der Akupunktur. Es ist
die Lebensenergie, an die sich die Menschen so verzweifelt klammern, wenn sie
ihr Ende nahen fühlen.
Eine starke Lebenskraft macht einen Menschen wahrhaft lebendig, wach und
aktiv, während eine schwache Lebenskraft zu Trägheit und Schläfrigkeit führt. Die
Energiemenge eines Menschen lässt sich tatsächlich vermehren. Folglich kann die
Entwicklung von Chi einen Kranken stärken oder jemanden mit einer schwächlichen
Konstitution gesund und munter machen. Auch die geistige Leistungsfähigkeit kann
dadurch gesteigert werden.
Der Begriff der „Lebenskraft" findet sich in den meisten alten Kulturen. In Indien
spricht man von Prana, in China von Chi, in Japan von Ki und bei den nordame-
rikanischen Indianern vom Großen Geist. In diesen wie auch in anderen Kulturen
bildet das Konzept der Lebenskraft die Basis der Heilkunst.

35
Kapitel 1

Was ist Chi Gung?


Chi Gung (wörtlich „Energie-Arbeit") bedeutet, durch beständige Übung die Kon-
trolle über den inneren Fluss der Lebensenergie zu erlangen. Dazu bedient man
sich nur der geistigen oder mentalen Kraft, um die Energie im Körper zu lenken.
Körperliche Bewegungen können eingesetzt werden, sind aber nicht erforderlich.
Demnach handelt es sich dabei um eine innere Übung. Die Chi-Gung-Übungen
in diesem Buch schließen viele der alten chinesischen Techniken zur Steigerung
der Lebenskraft ein. Eine erhöhte Lebenskraft äußert sich auf vielerlei Weise: von
deutlich verbesserter körperlicher Gesundheit über größere geistige Klarheit bis
schließlich hin zu spiritueller Vervollkommnung. Zudem führt regelmäßiges Üben
zu körperlicher und geistiger Verjüngung, so dass die „goldenen Jahre" tatsächlich
ihren Namen verdienen und nicht rostig sind.

Chinas 3000 Jahre altes System


der Selbstheilung
Die Wirksamkeit von Chi Gung ist durch seinen heilsamen Einfluss auf die Gesund-
heit von Abermillionen Chinesen seit mehreren tausend Jahren eindrucksvoll belegt.
Die Pflege der Lebenskraft, das heißt von Chi, steht im Mittelpunkt desTaoismus,
Chinas ursprünglicher Religion und Philosophie. Es waren vor allem dieTaoisten,
welche der Welt die Akupunktur, die Kräutermedizin, manuelle Glieder- und Ge-
lenkkorrektur und das Yin/Yang-Prinzip schenkten. Leider sind dem westlichen In-
teresse viele Einzelheiten dieser unschätzbaren kulturellen Leistungen lange wegen
unüberwindlicher kultureller und sprachlicher Barrieren vorenthalten geblieben.
In der Akupunktur sind diese Schranken heute schon großenteils abgebaut, beim
Chi Gung sind sie aber immer noch vorhanden. Das vorliegende Buch will dazu
beitragen, dies zu ändern.
Für die meisten Menschen besteht der primäre Nutzen des Chi Gung in der
Linderung oder Vorbeugung von chronischen gesundheitlichen Problemen. Zu den
in China erfolgreich behandelten Krankheiten gehören Krebs, innere Organleiden,

36
Chi und Chi Gung

Kreislaufschwäche, Nervenschmerzen, Rückenprobleme, Gelenkbeschwerden und


allgemeine, sehr oft schwer diagnostizierbare körperliche Gebrechen.

Chi Gung schenkt geistige Klarheit


Die meisten körperlichen Probleme lassen sich, zumindest teilweise, auf geistige und
seelische Belastungen zurückführen oder werden durch sie noch verschlimmert. Des-
halb kann die durch Chi Gung entwickelte innere Ruhe nicht hoch genug geschätzt
werden. Regelmäßige Chi-Gung-Übungen helfen, mit Stress, Ärger, Depressionen,
trübsinnigen Gedanken und allgemeiner Antriebsschwäche besser umzugehen -
Dinge, die den Geist belasten, wenn Chi nicht regelmäßig und gleichmäßig fließt.
Durch die Stärkung und Korrektur des Energieflusses verbessern Sie Ihre Fähigkeit
und Sensibilität, schon geringfügige Veränderungen in der Umgebung zu erkennen
und die Welt und deren Strukturen in zunehmender Komplexität wahrzunehmen.
Wer nicht irgendeine Art von Energiepflege praktiziert, wird diese Fähigkeiten unter
Umständen nie erlangen.

Die drei spirituellen Schätze


Chi Gung ist aber nicht nur auf der körperlichen und geistigen, sondern auch auf
der spirituellen Ebene nutzbringend und wetvoll. Das höchste Ziel aller inneren
taoistischen Methoden bildet die alchemistische Transformation von Körper, Geist
und höherem Bewusstsein, die in die Vereinigung mitdemTao mündet. Das konkrete
Erfühlen der Körperenergie verhilft zunächst zum praktischen Verständnis unserer
mentalen und emotionalen Energie, und das führt weiter zu einem Begreifen der
spirituellen Energie. Von dieser Stufe aus kann die Energie der Meditation oder
Leerheit vollständig erfahren werden. Mit Hilfe der Leerheit ist es dann möglich,
mit dem Tao eins zu werden.
Nach taoistischer Lehre trägt jedes menschliche Wesen die „drei Schätze" in sich:
ling (Sperma- bzw. Eizellen-Energie, auch Essenz des physischen Körpers genannt),
Chi (Lebensenergie, welche die Gedanken und Emotionen einschließt) und Shen
(höheres Bewusstsein oder spirituelle Energie). Wu, die schon erwähnte Leerheit,
bringt die drei spirituellen Schätze hervor und vereinigt sie.
Die alles durchdringende Lebensenergie dient denTaoisten als Ausgangselement
für den spirituellen Pfad. Das allerhöchste Ziel, die Einswerdung mit dem Tao, hat

37
Kapitel 1

schon viele Namen erhalten, zum Beispiel „Erleuchtung", „Vereinigung mit dem
Vater im Himmel", „Eintritt ins Nirvana" und „allerhöchste Erkenntnis". Nach taoisti-
scher Erfahrung ist es am besten, wenn der Einzelne auf der Stufe der Körperenergie
beginnt, dann mit der mentalen und emotionalen Schulung fortfährt und so zur
spirituellen Kraft vordringt, bevor er sich an die allerhöchste Stufe wagt.
Die häufig geäußerte Ansicht, dass man nach Erreichen der Leerheit dort auch
verweilt, ist falsch. Man wird mit diesem Zustand zunehmend vertrauter und lernt,
immer mehr Zeit darin zu verbringen. Solange wir noch in einem physischen Körper
leben, müssen dessen physische Ansprüche berücksichtigt werden, weshalb auch
unbeschränktes Verweilen in der Leerheit nicht möglich ist. Die Taoisten haben
jedoch fortgeschrittene Techniken entwickelt, die den erfolgreichen Umgang mit
der Energie von Wu ermöglichen.
Chi Gung kann von jedem praktiziert werden, auch wenn er nur körperlich gesün-
der werden will und sich absolut nichts aus psychologischen und spirituellen Dingen
macht. Chi Gung w i r d zum Beispiel seit vielen Generationen von Kampfkünstlern
genutzt, von denen viele kein Interesse an einer spirituellen Entwicklung gezeigt
haben. Trotzdem beginnt jede spirituelle taoistische Schulung mit der Chi-Gung-
Praxis, unabhängig von der angestrebten Stufe individueller Vervollkommnung.

Energieblockaden klären
Viele, die sich mit spirituellen Dingen beschäftigen, richten ihr Hauptaugenmerk
auf die Erleuchtung. Dadurch schwächen sie ihren Körper und erregen ihren Geist,
weil sie sich an höhere spirituelle Methoden wagen, ohne vorher die Energieblocka-
den in ihrem physischen und emotionalen Körper aufgelöst zu haben. Ein solches
Vorgehen kann in ihrem Organismus zum „Durchbrennen" führen, wenn die spiri-
tuellen Übungen mehr Energie erzeugen, als ein unvorbereiteter Körper oder Geist
aushalten kann. Viele Mönche aus unterschiedlichen buddhistischen Schulen in
China mussten schon taoistische Meister aufsuchen, um die durch allzu erzwungene
Meditationstechniken entstandenen Schäden behandeln zu lassen. Deshalb ist Chi
Gung nur eine Vorbereitungsübung für die taoistische Meditation. Es kann dabei
helfen, einen erregten Geist und negative Emotionen zu besänftigen, die Nerven zu
stärken, Energieblockaden zu klären und den Körper gesunden zu lassen.
Chi Gung alleine reicht normalerweise jedoch nicht dazu aus, um schwere
und traumatische emotionale und spirituelle Blockaden in den tieferen Bewusst-

38
Chi und Chi Gung

seinsschichten aufzulösen und zu beseitigen. Diese umfassendere Fähigkeit gehört


hauptsächlich in den Bereich der taoistischen Meditation.

Ein vollständiges System


zur persönlichen Entwicklung
Chi Gung bildet mit seinen Übungen ein vollständiges System der inneren Energie-
arbeit. Die hier vorgestellten Übungen bieten alles Notwendige, um eine hervor-
ragende Gesundheit zu bewahren und eine umfassende Bewusstheit zu fördern.
Sie können jedoch auch als vorbereitende Übungen für innere Kampfkünste und
Energieheilung dienen. Dem Durchschnittsmenschen bringen sie wahrscheinlich
genauso viel praktischen Nutzen wie Tai Chi, weil die meisten Tai-Chi-Lehrer im
Westen entweder nicht viel über die inneren Prinzipien des Tai Chi weitergeben
können oder aber wollen.

Chi Gung ist keiner bestimmten Religion zugehörig


und kein Kult
Chi Gung wurde hauptsächlich als eine Übungsform entwickelt, um gesund zu
bleiben und Spannung zu reduzieren. Es wird von Menschen aller religiösen und
spirituellen Glaubensrichtungen praktiziert. O b w o h l derTaoismus, eine der wich-
tigsten östlichen Religionen, die Grundlage des Chi Gung bildet, besteht keine
Notwendigkeit dafür, seine Philosophie zu studieren oder daran zu glauben, um
Chi Gung praktizieren zu können.
Seit über 5000 Jahren haben die Taoisten Techniken zur Kultivierung von Chi
entwickelt. Die meisten Taoisten unserer Zeit geben öffentlich nur widerstrebend
zu, dass sie Chi Gung und andere Energieübungen praktizieren; sie ziehen es vor,
in privater Zurückgezogenheit zu üben.
Die moderne Welt wird gegenwärtig von Sekten geradezu überschwemmt. Im
Großen und Ganzen versuchen die Menschen, die sich mit Chi Gung beschäftigen,
ihr Bestes, um die Gleichsetzung mit unseriösen Kulten zu vermeiden. Chi Gung
ist ein System, dessen Techniken wir üben, um für unser Leben etwas Gutes zu tun.
Im Chi Gung entstehen keine persönlichen Abhängigkeiten: Chi Gung ergreift von
niemand Besitz und niemand kann Chi Gung in Besitz nehmen. Chi Gung kann
jedoch starke Wirkungen auslösen, und einige Gruppenkulte haben Chi-Gung-Tech-
niken bereits ihren eigenen Praktiken einverleibt, um weitere Anhänger anzuziehen.

39
Kapitel 1

Die chinesische Kultur hat schon viele Kulte und Sekten aufkommen sehen und
dieses Phänomen im Hinblick auf die menschliche Evolution und die Bewusstseins-
entwicklung nie für besonders wichtig gehalten. Die Taoisten haben Chi Gung
dazu genutzt, um ihren Körper gesünder, ihren Geist klarer und ausgeglichener
zu machen, ihre Emotionen zu besänftigen und ihre spirituellen Fähigkeiten zu
entwickeln. Sie haben nichts davon gehalten, durch Chi Gung einen weiteren Keil
zwischen die Menschen zu treiben, der die Praktizierenden von denjenigen trennt,
die sich nicht für diese Praxis interessieren.

Chi wird vom Geist gelenkt


Die Wissenschaft des Chi Gung beruht auf dem Grundsatz, dass der Geist die
Fähigkeit besitzt, Chi zu lenken. Sie lernen zunächst, Ihr Nervensystem, das eine
Hauptverbindung zwischen Geist und Chi darstellt, deutlich zu spüren. Praktisch
hat schon jeder Anfänger eine vage Empfindung für seine Nerven, und diese Wahr-
nehmung nimmt mit der Zeit zu. Sie werden buchstäblich lernen, in Ihren Körper
mit dem Geist hineinzugehen und Chi dorthin zu lenken, wo es benötigt wird. Das
ist kein geheimnisvoller, sondern ein ganz natürlicher Vorgang, der sich, Zeit und
Zielstrebigkeit vorausgesetzt, von jedem erlernen lässt.
50 bis 60 Prozent aller potentiellen gesundheitlichen Vorteile von Tai Chi erzielen
Sie allein dadurch, dass Sie die Chi-Gung-Übungen in diesem Buch praktizieren,
die wahrscheinlich nur ein Zehntel so schwer zu erlernen sind wie die zahlreichen
Formelemente des Tai Chi. Zu dem gesundheitlichen Nutzen kommt hinzu, dass
bestimmte höhereTai-Chi-Techniken erst erlernbar sind, wenn Sie vorher die inneren
Prinzipien, beispielsweise aus dieser Übungssequenz, beherrschen.

Die Beziehung zwischen Chi Gung und Tai Chi


Im Westen werden die meisten Tai-Chi-Stile und anderen inneren Kampfkünste als
körperliche Bewegungskunst unterrichtet; darin sind auch Hinweise auf Grundprinzi-
pien enthalten wie Geschmeidigkeit der Bewegung, Entspannung und korrekte Kör-
perausrichtung. Die meisten inneren Komponenten des Tai Chi, die der Gesundheit
dienen, werden gewöhnlich jedoch ignoriert. Ob sich diese Informationslücke mit
der Zurückhaltung der chinesischen Lehrer oder durch sprachliche und kulturelle
Barrieren erklären lässt, ist eigentlich irrelevant-da s Hauptproblem besteht darin,
dass die westlichen Interessenten vor einer großen Informationslücke stehen.

40
Chi und Chi Gung

Die traditionellen inneren Kampfkünste Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua sind äu-
ßerst subtile und komplexe Formen des Chi Gung. Um es noch einmal zu sagen:
Authentisches Material über diese inneren Systeme ist im Westen selten zu finden
und dort, wo es vorkommt, ist die Übermittlung häufig unklar.

Die Vorteile von Chi Gung als Gruppenübung


So wie Tai Chi oft in Gruppen geübt wird, lässt sich auch Chi Gung von jungen
und älteren Menschen zu beider Nutzen gemeinsam praktizieren. In der modernen
westlichen Gesellschaft verbringen die junge, die mittlere und die ältere Generation
wenig Zeit in direktem persönlichem Kontakt miteinander-es sei denn, es herrschen
hierarchische Zwänge. Mangelnder Respekt zwischen Jung und Alt, wobei das Alter
gewöhnlich als unnütz betrachtet und die Jugend verherrlicht wird, ist in den westli-
chen Ländern eine weit verbreitete Erscheinung. Wenn die verschiedenen Altersgrup-
pen in ihrer Freizeit nicht mehr zusammenfinden, dann w i r d die Tendenz zur Ab-
grenzung, zur Unterscheidung zwischen „uns" und „denen" automatisch zunehmen.
In China ist es ganz normal, Gruppen von etwa 200 Personen üben zu sehen, bei
denen die Hälfte über 60 Jahre alt ist und alle anderen Altersgruppen gleichmäßig
vertreten sind. Wenn die Menschen Chi Gung praktizieren, gewinnen sie Zugang zu
ihrem inneren Wesen. Nach dem Üben sieht man die unterschiedlichen Altersgrup-
pen häufig in freundschaftliche Gespräche vertieft - gewöhnlich geht es dabei um
Chi Gung. Da jeder mit jedem auf einer subtilen Ebene Energie austauscht, lassen
sich die Schranken zwischen den Übungsteilnehmern leicht überwinden. Das hat
in den Chi-Gung-Gruppen zu einer Harmonie der Generationen geführt, die sich
sonst kaum irgendwo auf der Welt so gut beobachten lässt.
Der Wert des Chi Gung für den Einzelnen w i e für die Gesellschaft ist durch
Abermillionen Menschen in China, einem der am dichtesten besiedelten Länder
der Welt, nachgewiesen. Chi Gung könnte problemlos auch den aktuellen Bedürf-
nissen des Westens mit seinen überfüllten Städten und unglaublichen Belastungen
gerecht werden.

Chi Gung lehrt die Kunst der Mäßigung:


Die 70-Prozent-Regel
Im Mittelpunkt aller taoistischer Energieübungen steht die 70-Prozent-Regel. Nach
diesem Prinzip der Mäßigung zu üben und zu leben versetzt Menschen aller Al-

41
Kapitel 1

tersgruppen in die Lage, Nutzen aus der Chi-Gung-Praxis zu ziehen und diesen in
ihrem Alltagsleben anzuwenden.
Nach dieser Regel sollten Sie eine Chi-Gung-Bewegung oder jede andere Chi-
Technik nur mit etwa 70 Prozent Ihrer Kapazität ausführen. Das ist das genaue Ge-
genteil des Prinzips no pain, nogain [„ohne Schmerz kein Erfolg"], das gewöhnlich
im Westen befürwortet wird.
Die 10O-Prozent-Marke erreichen zu wollen erzeugt Spannung und Stress. Sobald
Sie sich überanstrengen oder über Ihre Kapazität hinausgehen, hat Ihr Körper die
natürliche Tendenz, sich zu verkrampfen oder zuzumachen. Wenn Sie innerhalb
für Ihr Wohlgefühl angenehmer Grenzen bleiben, können Ihre körperlichen und
emotionalen Spannungen allmählich abnehmen und mit der Zeit verschwinden.
Auch wenn es Ihrer direkten Anschauung widersprechen mag: Je mehr Sie sich auf
jeder Ebene entspannen, desto mehr an Energie, Ausdauer, Bewegungsspielraum,
Flexibilität und Kraft werden Sie gewinnen.

Chi Gung eignet sich für alle Altersgruppen


Die in diesem Buch zusammengestellten Übungen gehören wahrscheinlich zu
den wirksamsten und kraftvollsten Methoden zur Erhaltung der Gesundheit, die
Sie finden können. Es handelt sich um sanfte Übungen, die nur geringen Druck
auf die Gelenke ausüben und sogar von Menschen ausgeführt werden können, die
andere Formen von Aerobic-Training oder Yoga nicht ausüben können, sowie von
Kranken oder Verwundeten.
Chi Gung kann Wunder für die Verjüngung älterer Menschen bewirken. In der Tat
sind in China mehr als 50 Prozent der Anfänger in Tai Chi oder Chi Gung älter als
60 Jahre - sie befinden sich also in einer Lebensphase, in der sich Alterserscheinun-
gen nicht mehr übersehen lassen. Abermillionen Menschen aus dieser Generation
haben persönlich erfahren, wie erfolgreich und nachhaltig Chi Gung wirkt. Wenn
eine Übungsform schon die Älteren leistungsmäßig so eindrucksvoll auffrischen
kann, dann lässt sich deren Wirkung auf jüngere Generationen gar nicht abschät-
zen. Mit Sicherheit baut Chi Gung jedoch Stress ab und verbessert Ihre sexuellen
Beziehungen.
Die Chi-Gung-Übungen in diesem Buch lassen sich sogar den Bedürfnissen Bett-
lägeriger in Krankenhäusern anpassen. Sie sind vollkommen ungefährlich und für
jeden geeignet. Das lässt sich von manchen anderen Chi-Gung-Systemen, welche

42
Chi und Chi Gung

die permanente Betreuung eines Chi-Lehrers erfordern, um Folgeschäden abzu-


wenden, nicht behaupten.
Der Chi-Fluss im Körper kann mit einem elektrischen Stromkreis verglichen wer-
den. Wenn die Kabelisolation nicht ausreicht oder die einzelnen Schaltkreise nicht
fachgerecht miteinander verbunden sind, kann es zum Kurzschluss oder anderen
Fehlfunktionen kommen. Sie wollen doch sicher nicht, dass mit Ihrem Körper Ver-
gleichbares passiert.
Es gibt Hunderte von Chi-Gung-Systemen, doch die einzelnen Techniken mit ihren
unzähligen Namen lassen sich leicht auf fünf oder sechs Grundtypen reduzieren. Bei
einigen Methoden darf der Lehrer immer nur mit ganz wenigen Schülern auf einmal
üben, um von vornherein mögliche Schäden auszuschließen. Bestimmte Techniken
dürfen nur vor der Pubertät begonnen werden, andere schließen bestimmte kon-
stitutionelle Verfassungen aus (körperliche Verletzungen, seelische Erschütterungen
und geistige Schwächen) oder unterscheiden streng nach Übungen für Männer oder
Frauen. Die Übungssequenzen in diesem Buch erfüllen alle für Chi Gung vorstell-
baren Sicherheitsauflagen und können von fast jedem praktiziert werden.

Die Krise der Medizin im Westen


Bis etwa 1980 lief die medizinische Versorgung in den westlichen Ländern noch
verhältnismäßig gut. Bis zu diesem Zeitpunkt lag der Anteil der über Sechzigjäh-
rigen bei etwas unter 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit der Generation der
„Babyboomer" steigt der Prozentsatz älterer Menschen in der Bevölkerung jedoch
ständig an. Beispielsweise war im Jahre 1993 einer von acht Amerikanern über 65
Jahre; bis 2030 wird erwartet, dass es dann einer von fünf Amerikanern ist - was
20 Prozent der Bevölkerung entspricht!
Ältere Menschen verlangen erheblich höhere medizinische Aufmerksamkeit, als
dies bei derselben Erkrankung für jüngere Menschen der Fall ist. Ein Dreißigjähri-
ger mit Leberproblemen, selbst wenn diese durch Alkohol verursacht worden sind,
dürfte zum Beispiel eine oder zwei Wochen für die Behandlung im Krankenhaus
verbringen. Ein über Sechzigjähriger könnte bei denselben Beschwerden vier bis
sechs Wochen benötigen. Die Verschlechterung unserer medizinischen Versorgung
ist teilweise auf diese einfache Tatsache zurückzuführen.

43
Kapitel 1

Nach offiziellen Angaben sind chronische Krankheiten die Todesursache bei


70 Prozent der älteren Menschen. Im Allgemeinen handelt es sich dabei um Er-
krankungen aufgrund der Lebensweise, die nicht durch Infektionen verursacht
werden. Sie haben einen langen Verlauf, führen zu allmählicher Entkräftung und
werden selten geheilt. Dazu gehören Arthritis, Asthma, Herzleiden, Bluthochdruck,
Kreislaufstörungen und Depressionen. Sie werden durch ungesunde Lebens- und
Arbeitsbedingungen oder durch Stress, Alkohol, Nikotin, schlechte Ernährung oder
mangelnde Körperbewegung hervorgerufen.
Solche chronischen Krankheiten bedeuten für die Menschen, die sie haben, und
für diejenigen, die sie lieben und für sie sorgen, großes Leiden. Chronische Krank-
heiten stellen heute auch eine schwere Belastung für das Leben von unzähligen
Kindern und jungen Erwachsenen dar.
Die Geldmittel, die für Ärzte, Krankenhausaufenthalte und für Arzneimittel zur
Linderung chronischer Beschwerden ausgegeben werden, sind außerordentlich
hoch. Arthritis zum Beispiel, welche die Aktivität von Millionen Menschen ein-
schränkt, steht hinter Herzleiden an zweiter Stelle als Ursache für Arbeitsunfähigkeit.
Bis 2020 werden etwa 60 Millionen Amerikaner unter Arthritis leiden und mehr
als 11 Millionen von ihnen arbeitsunfähig sein. Die Kosten, die dafür aufzubringen
sind, gehen in die Milliarden. Wenn die Menschen selbst Maßnahmen ergreifen
würden, um besser für sich zu sorgen und ihren Stress zu reduzieren, wäre mehr
Geld aus der Gesundheitsversorgung für die Forschung, die Vorbeugung von Infek-
tionskrankheiten, die Chirurgie usw. verfügbar.
Vor allem müssen neue Möglichkeiten gefunden werden, um die Fitness bei
älteren Menschen zu steigern und zu erhalten. Chi Gung stellt eine großartige alter-
native Gesundheitspraxis dar, die Ihnen dabei helfen kann, die Verantwortung für Ihr
Wohlbefinden zu übernehmen, gesund zu bleiben und chronischen Erkrankungen
vorzubeugen oder diese zu lindern.

Eine Krankenversicherung
ist keine Garantie für Gesundheit
Allgemein steigen die Beitragssätze für Krankenversicherungen in den westlichen
Ländern auf dramatische Weise an. In den Vereinigten Staaten ist bereits jeder
Sechste nicht mehr krankenversichert; der Trend könnte dahin gehen, dass sich nur
noch Reiche eine Krankenversicherung leisten können. Die Statistiken sprechen

44
Chi und Chi Gung

Bände über die wachsenden Gesundheitskosten und die fehlende Bereitschaft der
Krankenkassen, die Last dieser Kostenlawine zu tragen.
Dies führt uns zu einigen grundlegenden Fragen, über die sich jeder von uns ernst-
haft Gedanken machen sollte, wie zum Beispiel: Bin ich für meine Gesundheit selbst
verantwortlich oder sind es andere? Kann ich meine Gesundheit Krankenkassen
anvertrauen, die handfeste finanzielle Gründe dafür haben, um meine medizinische
Versorgung nicht in optimaler Weise zu gewährleisten? W i r d mir die medizinische
Versorgung irgendwann einmal verweigert? Wie werde ich mich fühlen, wenn ich
in ein Pflegeheim gehen muss? Habe ich wirklich den Wunsch, im Alter körperlich
und geistig aktiv zu sein, und bin ich bereit dazu, die dafür erforderliche Zeit und
Mühe aufzubringen? Bin ich bereit dazu, mich längerfristig zu einer regelmäßigen
Praxis beispielsweise von Chi Gung zu verpflichten, die zu meiner kontinuierlichen
Regeneration beiträgt, um meine Gesundheit zu erhalten und Stress zu reduzieren?
Kann ich die Übung von Chi Gung oder Tai Chi längere Zeit fortsetzen, ohne von
Produkten oder Dienstleistungen abhängig zu sein, die sofortige Resultate verspre-
chen? Kann ich meine Lebensgewohnheiten verändern, um Chi Gung als tägliche
Praxis einzubeziehen?

Chi Gung als Lösung für die


medizinische Krise in China
Nach der Revolution von 1949 war in China nur noch weniger als die Hälfte des
ärztlichen Personals übrig geblieben, das vorher in der westlichen wie der traditio-
nellen Medizin tätig gewesen war. Die anderen waren getötet worden, aus dem
Land geflohen oder in den Untergrund gegangen. Während der Mao-Ära wuchs die
Bevölkerung von 400 auf 800 Millionen Einwohner an.
Die Regierung erkannte die Krise. Da die politischen Führer kein Interesse daran
hatten, eine Konterrevolution zu erleben, griffen sie zu drakonischen Maßnahmen -
die glücklicherweise funktionierten. Das nationale Gesundheitsproblem stabilisierte
sich, bis das medizinische Personal wieder in ausreichender Menge eingesetzt war.
Die Regierung hatte Folgendes unternommen: Sie hatte die bestenTai-Chi-Lehrer
dazu aufgefordert, Tai-Chi- und Chi-Gung-Gesundheitsprogramme für die brei-
te Bevölkerung zu planen. Viele dieser Meister wollten diese Geheimnisse nicht

45
Kapitel 1

preisgeben, damit ihre Familien ihre „latente" bewahren konnten. Die Regierung
soll jedoch darauf bestanden haben, dass sie ihre Geheimnisse öffentlich bekannt
machten, andernfalls wurde ihnen mit der Auslöschung ihrer gesamten Familie
gedroht. Angesichts der traditionellen chinesischen Familienwerte hätte dies zu
erheblichen Auflösungstendenzen geführt, und daher wurde im ganzen Land ein
nationalesTai-Chi-Programm eingeführt, das viele der in diesem Buch dargestellten
Prinzipien einschloss.
Kranke, die keine Notfallpatienten waren, sondern mit Beschwerden von chroni-
schen Erkrankungen aufgrund einer ungesunden Lebensweise oder Überarbeitung
ins Krankenhaus kamen, wurden zu der Krankenhausverwaltung geschickt. Dort
erhielten sie einen Ausweis und bekamen den Namen einesTai-Chi- oder Chi-Gung-
Praktizierenden in der Nähe genannt. Wenn sich die Patienten für einen neuen
Arzttermin oder die Aufnahme in ein Krankenhaus qualifizieren wollten, mussten
sie ihren Ausweis drei Monate lang jeden Tag von einem lokalen Tai-Chi- oder Chi-
Gung-Lehrer abstempeln lassen als Bestätigung dafür, dass sie praktiziert hatten. Der
einzige Zugang zu medizinischer Versorgung lief über die Regierung; zu dieser Zeit
gab es in China, wenn überhaupt, nur wenige Ärzte mit einer Privatpraxis.
Das System funktionierte. Durch Tai Chi und Chi Gung gelang es, die gesund-
heitlichen Verhältnisse so stabil wie möglich zu halten, wenn man die schlechten
sanitären Einrichtungen und die Mangelernährung berücksichtigt, mit denen die
meisten Menschen lebten. Seit Mitte der Fünfzigerjahre haben schätzungsweise
zwischen 100 und 200 Millione n Menschen tagtäglich Tai Chi oder Chi Gung
praktiziert, um diese unglaublich harte Zeit durchzustehen. Gegenwärtig wird Chi
Gung im städtischen Umfeld populärer als Tai Chi, weil in China immer weniger
Raum vorhanden ist und Chi Gung nicht so viel davon benötigt.
Tai Chi und Chi Gung sind die einzigen inneren Energiesysteme, die tatsächlich
von großen Volksmassen mit Erfolg praktiziert worden sind. In Indien hat die Zahl
derYoga-Praktizierenden niemals ein Prozent der Bevölkerung überschritten. Wenn
wir die Parallelen zwischen den Problemen des Westens mit seiner immer älter
werdenden Bevölkerung und dem betrachten, was China durchgemacht hat, dann
können Chi-Gung-Methoden als ermutigendes Modell dafür dienen, um sehr viel
von der medizinischen Misere verhindern zu helfen, mit der unsere wachsende ältere
Bevölkerung mit Sicherheit konfrontiert werden wird. Von oben gelenkte medizini-
sche Versorgung allein kann nicht die Antwort sein, denn viele europäische Länder
mit staatlichen Gesundheitssystemen sehen sich denselben Problemen gegenüber.

46
Chi und Chi Gung

Eine Hightech-Medizin für eine alternde Bevölkerung ist von den Kosten her einfach
nicht mehr zu finanzieren.

Die Vorteile von Chi Gung


Chi Gung entspannt die Muskeln und baut Kraft auf
Chi Gung wirkt auf die Muskeln in einer ganz anderen Weise, als wir es von unseren
typischen Fitness-Übungen her kennen. Aerobic und extremes Dehnen fördern derbe
Kraft und Gelenkigkeit, Chi Gung und andere innere Übungen dagegen anstren-
gungslose Kraft und Geschmeidigkeit. Das Gefühl von „aufgepumpter" Stärke in
den westlichen Übungsmethoden entsteht durch Muskelkontraktionen. Selbst wenn
Ihnen auf diese Weise beispielsweise der Spagat gelingt, behindern die entstehenden
Muskelkontraktionen den freien Chi-Fluss.
In den inneren Kampfkünsten gilt das eben erwähnte „aufgepumpte" Kraftempfin-
den als störend. Das eigentliche Ziel ist das Gefühl anstrengungsloser Kraft. Diese
entspannte Kraft stellt sich ein, wenn die Muskeln, anstatt gespannt und kontrahiert
zu werden, sich lediglich lockern oder öffnen und die Chi-Energie ungehindert
passieren lassen.

Die inneren Organe werden gestärkt


Die hier vorgestellten Techniken - und das gilt besonders für die drei Schwung-
übungen - stärken alle inneren Organe und helfen, die Energieverhältnisse zwischen
ihnen auszugleichen. Es gibt aber noch weitere, in diesem Band nicht beschriebene
Übungen, mit denen sich einzelne Organe gezielt stärken lassen: Zum Beispiel
können diese der Leber helfen, sich von einer Gelbsucht zu erholen, den Lungen
bei Tuberkulose oder dem Herzen nach einem Infarkt beistehen. Selbst wenn es
nicht um eine schwere Krankheit geht, so ist doch fast jeder von uns mit irgendeiner
organischen Schwäche zur Welt gekommen. Chi Gung bietet für diese individuellen
Schwachstellen die passenden Übungen.

Die Herz-Lungen-Tätigkeit wird verbessert


Viele Menschen glauben, dass Aerobic nötig sei, um das Herz und die Lungen zu
stärken. Chi Gung erreicht jedoch genau dasselbe. Durch langsames, tiefes und

47
Kapitel 1

regelmäßiges Atmen und damit koordinierte Bewegungen wird der Sauerstoff tiefer
als bei den uns bekannten Übungen ins Gewebe hineintransportiert.
Ein Fallbeispiel: Ein Chi-Gung-Schüler mit normaler sitzender Bürotätigkeit, der
fast keine aerobischen Übungen betreibt, hat einen Bruder, der ein sehr bekannter
Bergsteiger ist. Als dieser ihn zu einer Klettertour nach Colorado einlädt, stellt er
sich schon drastisch vor, wie er nach Luft schnappen wird, während sein Bruder
leicht und locker vorausmarschiert. Zu seiner großen Überraschung stellt er jedoch
fest, dass seine körperliche Leistungsfähigkeit, insbesondere der Atem, die seines
Bruders inzwischen weit übertrifft, obwohl dieser ein regelmäßiges Aerobic-Training
absolviert.

Die Nerven werden gestärkt


Chi fließt hauptsächlich durch die Nervenbahnen des Körpers. Obwohl Chi und die
Nerven auf höheren Übungsstufen deutlich voneinander getrennt zu spüren sind,
nehmen die meisten Anfänger zunächst nur ihre Nerven wahr.
Als Verbindung zwischen Körper und Geist liefern unsere Nerven alle wichtigen
und notwendigen Informationen aus und über unseren Körper. Die anfängliche
Chi-Gung-Arbeit, die uns mit unserem Körper vertraut machen und Blockaden
beseitigen soll, führen wir größtenteils mit Hilfe des Nervensystems aus. Wenn Ihr
Chi durch regelmäßiges Üben stärker wird, werden auch Ihre Nerven gekräftigt, und
Ihre Körperwahrnehmung verbessert sich zusehends. Personen mit Koordinations-
problemen oder ähnlichen motorischen Schwierigkeiten gewinnen durch Chi Gung
deutlich an Sicherheit. Die Spinal- oder Rückenmarksnerven spielen eine wichtige
Rolle für die gesamte Gesundheit; so hängt die Wirksamkeit der Chiropraktik von
der Wiederherstellung des freien Energieflusses in den Spinalnerven ab.
Chi sorgt ebenfalls - in der Gegenrichtung - für die Verbindung zwischen Geist
und Körper. Während es sich mit den NervenimpuIsen ausbreitet, kann man es, nach
einiger Übung, deutlich als eigene Energie spüren. In den inneren Kampfkünsten
heißt es allgemein, dass der Geist Chi bewegt und Chi den Körper. Das stimmt
zwar, doch für die meisten Anfänger ist es ebenso wichtig zu wissen, dass sie sich
erst einmal auf die Nerven konzentrieren sollen.
Die unübersehbaren nervenstärkenden Eigenschaften des Chi Gung machen es
also zu einer idealen Methode, sowohl den aktuellen täglichen Stress zu bewältigen
als auch langfristige Stresssymptome zu kompensieren.

48
Chi und Chi Gung

Die Gefäßfunktionen werden verbessert


Die westlichen Aerobic-Übungen erhöhen die Blutzirkulation, indem sie das Herz
extrem belasten. Chi Gung stärkt dagegen den Blutkreislauf, indem es hauptsäch-
lich die Elastizität der Blutgefäße steigert. In China ist es gängige Praxis, sowohl
bei hohem als auch bei niedrigem Blutdruck Chi-Gung-Übungen zu verordnen,
weil beide Symptome auf mangelnde Stärke und Elastizität der Blutgefäße zurück-
zuführen sind.

Chi Gung für Schwerkranke


Die westlichen Körperübungen stützen sich entweder auf die physiologische Nut-
zung der Bewegung oder des Widerstandes gegenüber dieser Bewegung, um den
Körper zu stärken, beispielsweise durch Krafttraining, Gymnastik, Laufen usw. Leider
besitzen schwerkranke und bettlägerige Patienten oft nicht mehr die Kraft zu derlei
anstrengenden Übungen, was auch zur Folge hat, dass ihre Muskeln und Organsys-
teme durch die lange Bewegungslosigkeit im Bett noch schwächer werden. Dann
kann es Monate dauern, bis sich jemand zum Beispiel von einer Rückenverletzung
erholt hat. Chi Gung bietet den Geschwächten und zur Passivität Verurteilten viele
spezielle Übungen, mit denen sie ihre körperliche Verfassung ohne Bewegung und
Belastung verbessern können.
In China wird Chi Gung auch den unheilbar erkrankten Krebspatienten im Endsta-
dium als letztes Mittel verordnet. Wenn ihnen anfänglich noch die Kraft fehlt, zum
Üben aufzustehen oder sich aufzusetzen, praktizieren sie so lange im Liegen, bis
sich wieder genügend Kraft für intensiveres Üben aufgebaut hat.

Chi Gung verringert die Schädigung von Gelenken,


Bändern und Knochen
Schädigungen oder Verletzungen durch Unfälle können in vielfältiger Weise auftre-
ten. Die Gelenke und Bänder sind besonders anfällig dafür. Gewöhnlich schließen
wir unsere Gelenke, wenn ein Sturz oder Unfall passiert, und dadurch kommt es
leicht zu Bandrupturen. Bänder können bei einem Unfall leicht überdehnt werden
und lassen sich nur sehr schwer wieder in ihre ursprüngliche Position zurückbringen.
Chi Gung lehrt ein besseres Gleichgewicht und auch, wie man sich richtig umdre-
hen kann, ohne sich zu verrenken, wie man seine Gelenke bewegen kann, ohne sie

49
Kapitel 1

zu verschließen, und wie man sich während eines Sturzes entspannen kann. Es erhöht
die Beweglichkeit und Elastizität der Bänder. Chi Cung ist wi e die Verbindung aus
einem sanften Strecken und Dehnen mit einer Akupunktur-Behandlung, wodurch die
Zirkulation von Flüssigkeiten und Energie im Körper verbessert wird, um die Einwir-
kungen von Verletzungen zu vermindern und eine raschere Heilung zu ermöglichen.
Praktizierende des Chi Cung lernen, Belastungen zu vermeiden, in ihrer Kapa-
zität nicht die 70-Prozent-Regel zu überschreiten und sich vor allem dann nicht zu
überanstrengen, wenn bereits eine gewisse Schmerzreaktion oder Einschränkung
vorhanden ist. Chi Gung wirkt ausgleichend auf die Energie und fördert die schwä-
cheren Bereiche in den inneren Organsystemen. Es geht darum, die „Schwach-
punkte" des Körpers vorbeugend daran zu hindern, dass sie im weiteren Verlauf
Probleme bereiten.

Chi Gung beschleunigt die Regeneration


nach Verletzungen und Operationen
Die sanften Bewegungen des Chi Gung, die Körper und Nerven nicht stark belasten,
können schon unmittelbar nach einer Verletzung oder Operation ausgeführt werden.
Das gilt vor allem dann, wenn die 70-Prozent-Regel befolgt und ohne Anspannung
geübt wird. Diese Regel ist besonders wichtig während des Heilungsprozesses, da
der Körper bereits ohnehin überbeansprucht ist.
Zuerst können diejenigen Körperteile, die nicht verletzt sind, sanft bewegt und
trainiert werden. Diese Bewegungen werden die Zirkulation der Körperflüssigkeiten
und den Energiefluss zu allen Teilen des Körpers steigern. Das Lymphsystem wird
mit Energie versorgt, was zu einer Verbesserung der Immunabwehr beiträgt. Durch
die Öffnung der Energiekanäle werden die natürlichen Heilungskräfte des Körpers
schneller einsetzen.
Zweitens verhilft Chi Gung der Gesamtheit von Körper und Geist zur Entspannung
und Lockerung. Bei Verletzungen sind Körper und Geist angespannt und verkrampft.
Spannung in den unverletzten Körperbereichen wird die Energie abziehen, die zur
Heilung der verletzten Teile gebraucht wird. Durch Chi Gung können sich diejenigen
Körperteile entspannen, die unverletzt geblieben sind. Dadurch wird nach und nach
die Spannung aus dem Körper herausgenommen, so dass dieser schneller heilen
kann. Eine aktive und wirksame Mithilfe, um die eigene Genesung zu beschleunigen,
kann auch Wut und Angst vermindern.

50
Chi und Chi Gung

Durch die Anwendung der 70-Prozent-Regel können Verletzungen gänzlich aus-


geheilt werden. Die Genesung vollzieht sich schrittweise und vollständig. Verlet-
zungen, die nur teilweise behoben werden, können andere Körperteile allmählich
schwächen und entweder sofort oder im Laufe der Zeit die Voraussetzungen für
größere Probleme in unverletzten Bereichen schaffen.

Chi Gung dient dem Kraftaufbau für Athleten


und Kampfkünstler
Chi Gung bietet die Grundlage für den Kraftaufbau in den chinesischen Kampfküns-
ten, ob es sich nun um Kungfu oder die subtileren inneren Formen, wie Tai Chi,
Hsing-I oder Ba Gua, handelt. Es ist fast unmöglich, von außen festzustellen, wie die
scheinbar sanften, ruhigen Bewegungen der inneren Formen den fortgeschrittenen
Praktizierenden in die Lage versetzen können, den gewalttätigsten Straßenkämpfer
zu besiegen. Diese Fähigkeit leitet sich im Wesentlichen von der Chi-Gung-Praxis
her, die Chi und innere Kraft entwickelt.
Wer sich in den inneren Kampfkünsten schult, wird feststellen, dass die Praxis
der in diesem Buch dargestellten Übungen ihn dazu befähigen wird, seine bisherige
innere physische Kraft und seine athletischen Fähigkeiten zu übertreffen.

Chi Gung dämpft Stress und wirkt ausgleichend


auf die Emotionen
Ein großer Teil der aktuellen Literatur betont, dass einer der wahrscheinlich entschei-
denden Stressfaktoren im Bereich der Emotionen zu suchen ist. Jede körperliche
Übung trägt schon in gewissem Umfang zum Abbau negativer Emotionen bei. Man
braucht aber nur das skandalöse Verhalten einiger Spitzensportler zu betrachten,
um zu erkennen, dass normale körperliche Aktivitäten allein die Emotionen auch
nicht unbedingt ins Gleichgewicht bringen können.
Der innere Klärungsprozess des Chi Gung kann sowohl bei unterdrückten Emotio-
nen als auch bei spontan hervorbrechenden emotionalen Überreaktionen genutzt
werden. Viele Chi-Gung-Bewegungen lassen sich noch weiter verfeinern, um indi-
viduelle Problembereiche ganz spezifisch anzugehen, zum Beispiel Depressionen,
Kummer, Frustration, leichte Erregbarkeit oder auch eine Kombination aus verschie-
denen Emotionen.

51
Kapitel 1

Die mit Stress verbundenen Probleme in unserer Gesellschaft nehmen ständig zu.
Aus diesem Grund müssen dringend Techniken vermittelt werden, mit denen sich
die Energien negativer und destruktiver Emotionen in positive umwandeln lassen.
Stressabbau durch direkte Beherrschung des Zentralnervensystems ist die Methode,
um körperlichen, seelischen und geistigen Erschöpfungs- und Schwächezuständen
vorzubeugen.

Chi Gung nutzt Menschen mit sitzender Tätigkeit


und Meditierenden
Zu langes Sitzen kann Ihren Körper schwächen. Ihre Körperflüssigkeiten zirkulieren
nur noch träge und Ihre Anspannung erhöht sich. Das belastet wiederum Ihr Ner-
vensystem, wodurch Ihre geistige Fähigkeit vermindert wird, voll und ganz wach zu
bleiben und sich beispielsweise auf Meditation oder Gebet zu konzentrieren.
Aus dem 6. Jahrhundert ist die klassische Geschichte überliefert, dass ein bud-
dhistischer Meister nach China in das Shaolin-Kloster kam, das die Heimat des
Chan-Buddhismus war. Er stellte fest, dass die Mönche leicht abgelenkt wurden und
während der Meditation sogar einschliefen. Sie besaßen zwar aufrichtige Hingabe,
doch ihre Energie entsprach nicht immer ihrer Aufgabe. Der buddhistische Meister
lehrte die Mönche eine Form des Chi Gung, das später die Basis der chinesischen
Shaolin-Schule des Chi Gung werden sollte. Der Chan-Buddhismus gelangte dann
nach Japan und wurde dort zur Grundlage des Zen-Buddhismus.
Die Absicht, den Mönchen Chi Gung beizubringen, lag darin, sie mit einer sta-
bilen inneren Körper- und Energiestruktur zu versehen, um sie physisch wohlauf
und geistig wach zu halten. Chi Gung ermöglichte es ihnen, mit gekreuzten Bei-
nen problemlos auch über längere Zeit auf dem Boden zu sitzen, ohne Steifheit,
Schmerzen oder Energieverlust zu erfahren.
Die in diesem Buch beschriebenen Chi-Gung-Übungen können dasselbe für
jeden bewirken, der lange Zeit in Gebet oder Meditation verbringt, ob er nun auf
dem Boden oder auf einem Stuhl sitzt. In gleicher Weise werden diese Übungen
jedem mit einer sitzenden Tätigkeit dabei helfen, sich besser konzentrieren und
am Schreibtisch oder vor dem Computer auch mehrere Stunden hintereinander
bequem sitzen zu können.

52
Kapitel 2

Wie Chi Gung


funktioniert

Die inneren Prinzipien:


Chi Gung und körperliche Gesundheit
Chi Gung hat eine nachhaltige Wirkung auf die Körperflüssigkeiten, darunter das
Blut, die Lymphe, die Gelenkschmiere und die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit.

Das Blut zirkuliert, ohne das Herz zu belasten


Anders als bei Aerobic wird die Herztätigkeit während der Chi-Gung-Übung nicht
auf dramatische Weise gesteigert. Chi Gung zielt nicht darauf ab, das Herz stärker
pumpen zu lassen, sondern die Elastizität der Arterien und Venen zu erhöhen.
Da sich die Gefäße kräftiger ausdehnen und zusammenziehen, braucht das Herz
nicht mehr so stark zu arbeiten und erhält dadurch mehr Ruhe. Die wohltuenden
Resultate des Chi Gung, wie eigentlich aller inneren Kampfkünste, gelten deshalb
in erster Linie den Gefäßen.

Das Lymphsystem und die Immunabwehr


werden gestärkt
Die Lymphflüssigkeit wird hauptsächlich durch feinste Muskelkontraktionen bewegt.
Die Chi-Gung-Elementarübungen erzielen dort die ausgeprägtesten Bewegungen,
wo die größten Lymphknoten liegen: in den Achselhöhlen, den Kniekehlen und

53
Bruce Frantzis arbeitet mit einem Schüler an den Körperausrichtungen der zweiten
Schwungübung zur Öffnung der Energietore des Körpers. Wird diese Übung mit den
korrekten Körperausrichtungen praktiziert, so löst sie die Spannung in den Gelenken,
Bändern und inneren Organen.

54
Wie Chi Gungfunktioniert

der Leistengegend. Die subtilen Muskelkontraktionen, die durch Chi Gung noch
intensiviert werden, pumpen die Lymphe effizienter durch das gesamte System. Da-
durch wird die Gesamtmenge an Chi vermehrt und gleichzeitig die Immunabwehr
des Körpers gestärkt.

Die Gelenkschmiere wird revitalisiert


und bringt den Gelenken Beweglichkeit
Die Gelenkschmiere sorgt in den Gelenken für eine größere Beweglichkeit. Bei
normaler Funktion beugt sie Arthritis und Gelenkrheuma vor. Wenn aus Sicht der
Traditionellen Chinesischen Medizin, „Wind/Feuchtigkeit" oder physische Blocka-
den (Blutgerinnsel, Kalkablagerungen usw.) in den Gelenken auftreten, kommt es
nicht nur zu Gelenkleiden, sondern der Chi-Fluss des gesamten Körpers wird in
Mitleidenschaft gezogen. Chi Gung wirkt auf die Gelenkschmiere durch Druckver-
änderung, das heißt, durch Erweiterung und Zusammenziehung, und kann daher
bei allen Gelenkproblemen präventiv und therapeutisch eingesetzt werden.

Die Gehirn-Rückenmarks-Pumpe
wird leistungsfähiger
Die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit ist hauptsächlich ein nährstoffreiches Bad,
welches Rückenmark und Gehirn wie eine Schmierflüssigkeit umgibt. Der Pumpme-
chanismus hält im Körper einen gleichmäßigen Druck aufrecht, der die Leitfähigkeit
der Nervenbahnen reguliert und die Sinnesfunktionen unterstützt. Die Leistungs-
fähigkeit der physischen Sinne hängt vom Gesundheitszustand der Wirbelsäule
ab. Die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit bestimmt in hohem Maße, wie gesund
Ihr Rückenmark ist und wie effizient die Rückenmarksnerven Signale vom Gehirn
in den Körper und umgekehrt vom Körper in das Gehirn leiten. Alle elementaren
Chi-Gung-Übungen unterstützen die Gehirn-Rückenmarks-Pumpe dadurch, dass
sie die Flüssigkeit pumpen helfen und Chi fließen lassen. Sie tragen damit zu einer
optimalen Leistungsfähigkeit der Wirbelsäule bei.

Das Muskelgewebe gewinnt an Elastizität


Beim Chi Gung wird das Muskelgewebe behutsam und nachhaltig gedehnt. Dieser
Vorgang unterscheidet sich deutlich vom Dehnen in den herkömmlichen Streck-

55
Kapitel 1

Übungen. Durch die Chi-Gung-Übungen wird das Gewebe mit Energie gefüllt, so
dass sich die Muskeln bei einem bestimmten Dehnungsgrad stabilisieren. Bei den
meisten anderen Dehnübungen schrumpft dagegen, wenn der Dehnimpuls nach-
lässt, das Gewebe wieder auf die ursprüngliche Länge zurück. Mit Hilfe der spezi-
ellen Chi-Gung-Dehnung erreichen die Muskeln schließlich eine Konsistenz wie
ein elastisches Gummiband. Manche Sportler besitzen diese muskuläre Elastizität
schon von Natur aus, doch jeder andere kann diesen Zustand durch die Chi-Gung-
Praxis ebenfalls erreichen.

Die Sehnen werden gekräftigt


Chi Gung verleiht auch den Sehnen eine größere Stärke und Elastizität. Dadurch
wird die auffallende Beweglichkeit und körperliche Kraft vieler Chi-Gung-Prakti-
zierender verständlich, die vor allem vom Zustand der Sehnen und Bänder, nicht
aber von den Muskeln herrührt. Die Chi-Gung-Übungen verhelfen nicht nur zu
elastischen Sehnen und Bändern, sondern verkürzen und stabilisieren sie auch bei
Überdehnung. Besonders Tänzer kennen zur Genüge derartige Probleme mit zu
schlaffen Gelenken.

Das Knochenmark wird mit Energie versorgt


Das Knochenmark wird während der Chi-Gung-Übungen direkt mit Chi aufgela-
den. Die dazu nötige Technik gehört zu den fortgeschrittenen Methoden. Wer aber
diszipliniert übt, der w i r d auch vorher schon von der energetischen Stärkung des
Knochenmarks profitieren.

Die Körperzellen werden geheilt


Chi-Gung-Meister heilen seit alters her Menschen, die an chronischen oder un-
heilbaren Krankheiten leiden. In den modernen chinesischen Krankenhäusern und
Pflegeheimen gibt es spezielle Abteilungen, in denen Chi Gung bei Krankheitsbil-
dern eingesetzt wird, die sich gegenüber anderen Therapiemethoden (Akupunktur,
westliche Medizin, Heilkräuter usw.) als resistent erwiesen haben. Hier lernen die
Patienten unter Anleitung ihres Therapeuten, das eigene Chi zu regulieren. Die Skala
der darauf ansprechenden Krankheiten ist weit gespannt und reicht von Nervenleiden
wie Parkinson bis zu Zellerkrankungen wie Krebs.

56
Wie Chi Gungfunktioniert

Chi im Körper erwecken


Wenn Sie regelmäßig Chi Gung üben, wird sich Ihr Körper schrittweise öffnen. Mus-
keln, die sich anfänglich noch wie taub anfühlten, werden Sie deutlich wahrnehmen
können. Ihr Körper w i r d Ihnen in einem beeindruckenden Entdeckungsprozess
bewusst werden. In dem Maße, wie sich Ihr Körper innerlich neu belebt, werden
Sie Ihr physisches Selbst auch äußerlich neu erfahren.
Die Behauptung, dass Sie Ihre inneren Organe tatsächlich spüren werden, ist keine
Übertreibung. Ihr kinästhetischer Sinn w i r d Ihnen mitteilen, wo sich zum Beispiel
Leber oder Milz befinden und was dort gerade geschieht - ganz im Gegensatz zum
rein intellektuellen Wissen um deren Lage oder Funktion. M it einer solchen Sen-
sibilität können Sie potentielle gesundheitliche Probleme lange vor dem Ausbruch
einer Krankheit erkennen.

Der Prozess des Erweckens von Chi


verläuft unregelmäßig
Wenn Ihr Körper sich öffnet, dann lässt sich dieser Vorgang eher mit einer un-
gleichmäßigen Berg-und-Tal-Bahn als mit einer stetigen, geradlinigen Entwicklung
vergleichen. In der einen Woche öffnet sich ein Körperteil, in der folgenden Woche
ist es ein anderer, während sich ein bereits geöffneter wieder schließt. Doch der
Zeitpunkt wird gewiss kommen, wo sich Ihr Körper vollständig öffnet und geöffnet
bleibt - und auch Ihrem Bewusstsein vollständig zugänglich bleibt.

Blockierte Körperteile niemals gewaltsam öffnen


Was sollten Sie tun, wenn Sie bei einer Chi-Gung-Übung auf eine Blockade sto-
ßen und diese nicht auflösen können? Die Antwort ist ganz einfach: Erzwingen
Sie nichts!. Anstatt sich an einem unlösbaren Energiestau festzubeißen und längere
Zeit vergeblich zu versuchen, ihn zu beseitigen, gehen Sie einfach zum nächsten
Übungsschritt über. Mit der Zeit werden Sie erleben, wie sich eine solche Blockade
einen Tag oder eine Woche später ganz plötzlich und unvorhergesehen löst.

Chi nimmt auch unmerklich zu


Ist es normal, wenn Sie eine Zeit lang Chi Gung üben, aber in Ihrem Körper keiner-
lei Veränderungen spüren können? So geht es eigentlich vielen Leuten am Anfang.

57
Kapitel 1

Sie brauchen Zeit, um mit Ihrem Chi vertraut zu werden. Halten Sie sich einfach
an die folgende Regel: Wenn Sie sich allgemein wohler fühlen, wenn Sie Dinge
ohne Anstrengung erledigen können, wenn Sie nicht mehr so häufig krank werden
oder wenn Sie konzentriert und mühelos körperliche Aktivitäten bewältigen, die
Sie vorher für unmöglich hielten, dann hat Ihr Chi zugenommen - ob Sie sich nun
dessen bewusst sind oder nicht. Üben Sie weiter, bis Sie Chi schließlich auf sehr
reale und direkte Weise spüren können.

Außergewöhnliche Wahrnehmungen sind normal


Einige der verbreiteten Sinneswahrnehmungen, die immer wieder beobachtet wer-
den, wenn sich das Chi im Körper zu regen beginnt, sind: Wärmeströme, extreme
Hitze, elektrische Stöße, Schweregefühl, Leichtigkeit, Gefühle von Ausdehnung
oder Zusammenziehung, Druckempfinden und ein inneres Gefühl von W i n d oder
Wasser in Bewegung (Kühle oder Frische).

Chi Gung befreit eingeschlossene Emotionen


Energie, die sich in Ihrem Organismus frei entfalten kann, beeinflusst alle Seinsebe-
nen. Einige der physischen Symptome sind bereits genannt worden. In dem Maße je-
doch, in dem Chi im Körper stärker wird, lädt es auch die emotionalen Energien auf.
Sehr viele Menschen im Westen sind emotional stark gehemmt, und sie wenden
viel Zeit und Energie auf, um ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Gefühle,
die niemals ausgedrückt oder ausgelebt werden, verbleiben im Energiekörper des
Menschen - an den Randzonen seines Bewusstseins. Wenn Sie in Ihrem Organismus
den Chi-Fluss öffnen, dann verstärkt Chi nicht nur Ihre physische Energie, sondern
kann auch Ihrer emotionalen Energie mehr Kraft verleihen.
Die verstärkte emotionale Energie hilft Ihnen, aktuelle Gefühle deutlich wahrzu-
nehmen, aber auch die Emotionen, die Sie schon lange unter Verschluss gehalten
oder verdrängt haben. Ärger, Furcht, Liebe, Hass, Trauer oder Freude können dann
ohne erkennbaren Anlass hervorbrechen. Solche Gefühle drängen oft während
des Übens, oder mehr noch ein paar Stunden danach, mit großer Heftigkeit an die
Oberfläche. Sie sollten aber wissen, dass Sie alle diese Empfindungen, die wir als
Emotionen bezeichnen, nicht bewusst ausagieren müssen, sondern Sie können sie
einfach im Inneren erleben und bewusst durch Ihren Körper strömen lassen.
Wer verärgert ist und dies an anderen körperlich oder seelisch auslässt, hat damit
zu rechnen, dass sein Ärger eher noch zunimmt, anstatt zu verfliegen. Wer dagegen

58
Wie Chi Gungfunktioniert

die Auflösungstechniken aus dem Chi Cung in seinem „Emotionalkörper" (siehe


Kapitel 3, „Nei Gung und die Energiekörper") einzusetzen versteht, der kann den
gleichen Ärger in konstruktive, gesunde Energie umwandeln. Aktives Ausagieren
von negativer festgefahrener Gefühlsenergie birgt dagegen die Gefahr, dass sie
noch fester eingeschlossen wird. Um es noch einmal und noch deutlicher zu sagen:
Begreifen Sie, dass mit dieser Energie nichts „gemacht" werden muss. Sie sollen sie
nur beobachten oder überwachen, während sie aufgelöst, wieder aufgenommen
und in eine gesunde, konstruktive Kraft umgewandelt wird. Auf dem energetischen
Niveau ist es genauso schädlich, ein Übermaß an emotionaler Energie unkontrolliert
nach außen abzugeben wie sie zu unterdrücken.

Taoistische, Kundalini- und westliche


Psychotherapie
Die taoistische Sicht der Umwandlung von emotionaler Energie unterscheidet sich
radikal von den kathartischen Methoden sowohl der östlichen Kundalini-Praxis als
auch der westlichen Gruppentherapien. In der Kundalini-Praxis wird die Katharsis
zuweilen als Kriya oder „Aktion" bezeichnet. Hier geht es in den frühen Entwick-
lungsphasen darum, durch verschiedenartige Aktionen (Schreien, Brüllen, Weinen,
Zusammenrollen in embryonaler Haltung) emotionale Energie abzulassen - das
heißt, sich durch blockierte emotionale Zustände zu arbeiten, bis sie aufgelöst sind.
Moderne Gruppentherapie (von Urschrei bis zu Encounter, Bioenergetik und Psy-
chodrama) besteht im Prinzip darin, Schmerz und Qual aus sich herauszulassen - je
lauter, umso besser. Verbale und körperliche Aggressionen können, je nach Lage,
an einem Kissen oder einer Person abreagiert werden. Obgleich diese Ansätze ge-
legentlich erfolgreich sind, haben schon die alten Taoisten die mit diesen Techniken
verbundene Problematik festgestellt.
Wenn der Dampfdruck in einem Schnellkochtopf anwächst, gibt es - nach dem
kathartischen Modell - drei Möglichkeiten, wi e man mit der Situation umgehen
kann: 1. die Wärmequelle abstellen (d.h. verleugnen oder verdrängen), 2. einiges
an Dampf in Abständen ablassen, 3. den ganzen Dampf auf einmal ablassen.
Wenn man die Wärmequelle (das Feuer) abstellt, lässt dies die zugrunde liegende
emotionale Situation unverändert. Die Schwierigkeit beim partiellen Dampfablas-

59
Kapitel 1

sen liegt darin, dass sich der Dampfdruck nach einer Weile wieder der kritischen
Grenze nähert. Der gesamte „ D a m p f " kann aus einer eingeschlossenen Emotion
auf einen Schlag abgelassen werden, doch in der Praxis geschieht so etwas selten.
Viel häufiger kommt es vor, dass Leute mit gefühlsmäßigen Blockaden einen Teil
des emotionalen Drucks, aber eben nicht allen Druck, herauslassen; anschließend
baut sich der Druck, wi e schon erwähnt, wieder auf und muss erneut durch eine
„Katharsis" freigesetzt werden.
Die kathartische Freisetzung heftiger Emotionen überreizt und erschöpft den Or-
ganismus. Sie kann sogar manchmal zu einem suchtartigen Bedürfnis nach diesen
heftigen Emotionen in zunehmend stärkeren Dosen führen. Die Übenden können
durch kathartische Methoden also leicht zu „Therapie-Junkies" werden: Wütende
Leute werden noch wütender oder Depressive versinken noch tiefer in Depression,
während sich die Betroffenen in der Illusion wiegen, mit Erfolg zu ihrem Besten an
sich selbst zu arbeiten.

Der taoistische Ansatz: Das Auflösen


der Emotionen in den Chi-Fluss
DieTaoisten haben herausgefunden, dass emotionale Energie mehr oder weniger wie
physische Energie behandelt werden kann. Auf dieser konzeptionellen Grundlage
wird in den taoistischen Praktiken die emotionale Energie so lange durch den Orga-
nismus bewegt, bis sie restlos verfeinert ist und sich selbst vervollkommnet hat. Es
wird nicht versucht, die Energie aus dem Organismus hinauszubefördern oder ihre
Entstehung von vornherein zu unterdrücken. Die angewandten Prinzipien erinnern
sehr stark an das Verfahren der Akupunktur. Wenn eine Nadel zum ersten Mal in
einen Meridianpunkt gestochen wird, vibriert sie möglicherweise sehr stark, weil sie
auf blockierte Energie gestoßen ist. Wenn sich diese blockierte Energie schließlich
Bahn brechen kann und wieder frei fließt, hört die Nadel auf zu vibrieren. Es spielt
keine Rolle, wie stark die Energie ist, die durch die Energiebahn fließt-entscheidend
ist nur, ob sie ungehindert fließt oder angehalten oder blockiert wird.
Die hervordrängende emotionale Energie sollte ihren Weg durch Ihren Organis-
mus einfach selbst finden. Wenn die Emotionen zu stark für Sie sind, gehen Sie nach
dem gleichen Schema vor wie bei einer Blockade im physischen Körper: Ziehen Sie
sich erst einmal zurück und wagen Sie sich später in weiteren kleinen Schritten an

60
Wie Chi Gungfunktioniert

die Auflösung der restlichen blockierten Energie heran. Der Versuch, die Lage auf
einmal in einer großen, übermenschlichen Anstrengung zu klären, ist immer zum
Scheitern verurteilt und führt nur zu unnötigem Leiden.
Emotionen sind an sich nur Empfindungen, die wir erst nachträglich als gut oder
schlecht bezeichnen. Diese Empfindungen selbst sind verhältnismäßig neutral. Im
Chi Gung lernen Sie, Energieschwingungen, die sich gegenüber den durch sie aus-
gelösten Emotionen eigentlich positiv auswirken (selbst wenn sie Gedanken, auch
negativer Natur, hervorrufen können, mit denen Sie sich auseinander setzen müssen),
deutlich von Energie zu unterscheiden, die durch den Emotionalkörper fließt und
die prinzipiell schädlich ist, das heißt, destruktiv für das gesamte Energiesystem.
Emotionale Schwierigkeiten, die während der Chi-Gung-Praxis auftreten, sind po-
sitive Signale. Es ist weitaus besser, bestehende emotionale Blockaden durchzuarbei-
ten, als emotional verschlossen durchs Leben zu gehen. Und es ist auch entschieden
gesünder, die negativen Emotionen, denen wir ständig ausgesetzt sind, regelmäßig
auflösen zu lernen, anstatt sie herunterzuschlucken und dann an Ehepartner, Kind,
Hund, oder wer sich sonst gerade in der Nähe befindet, auszulassen.
Ich habe die Hoffnung, dass die bis jetzt im Westen kaum bekannten Methoden
des Chi Gung zur Freisetzung von Emotionen bei uns Allgemeingut werden. Sie
wirken außerordentlich kraftvoll, dabei aber natürlich und sanft. Für die westliche
Welt können sie noch sehr wertvoll werden. Die Transformation emotionaler Energie
durch Chi Gung ist nicht dramatisch, sondern einfach sehr wirkungsvoll.

Chi Gung ersetzt keine Psychotherapie oder


medizinische Beratung
Die Wirkung der Chi-Gung-Praxis auf Menschen mit ernsten psychischen oder
emotionalen Problemen ist nicht vorhersehbar. Diese Personen sollten Chi Gung
nicht ohne die Überwachung durch einen geeigneten professionellen Therapeuten
üben. Im Osten können Menschen mit solchen Problemen manchmal in einen Ash-
ram oder ein Kloster gehen, wo ihre Praxis genauer überwacht und emtsprechend
reguliert werden kann, um erfolgreich zu sein. Leider gibt es im Westen derartige
Einrichtungen bisher nur selten.

61
Kapitel 1

Wie Chi langsam und sicher


kultiviert wird
Alle zuverlässigen und sicheren Übungen zur Entwicklung von Chi bauen langsam
und schrittweise auf. Dadurch entstehen stabile Verbindungen zwischen Gehirn
und Chi. „Stabil" bezieht sich hier auf die Fähigkeit der Nerven, Signale zwischen
Geist und Chi deutlich zu übertragen. Voraussetzungen dafür sind ausreichende
„Isolierung" und korrekter „Leitungswiderstand", um einen Kurzschluss in Form von
Überlastungs- bzw. Erschöpfungsschäden zu vermeiden. Ein starkes Nervensystem
ermöglichtes, Signale zwischen Gehirn und Chi ohne bewusste Willensanstrengung
zu übertragen. Solange die Nerven aber nicht genügend entwickelt sind, müssen
Sie zur Signalübertragung Ihren W i l l e n einsetzen - etwa so wi e ein Baby, das
anfänglich nur mit unvorstellbarer Willenskraft krabbeln und laufen kann, bis die
entsprechenden Standleitungen zwischen Gehirn und Chi ausgebildet sind. Wenn
diese Nervenverbindungen erst einmal etabliert sind, brauchen Sie keinen Gedanken
mehr auf das Gehen zu verwenden: Sie laufen einfach!
Die Kultivierung von Chi sollte deshalb aus guten Gründen langsam und schritt-
weise erfolgen, damit Chi stabil bleibt. Wenn Sie das erst einmal für die Praxis
verstanden haben, können Sie auch leicht einsehen, warum fehlerhaftes Chi Gung
zu Problemen führt. (Siehe dazu auch Anhang C.)

62
Kapitel 3

Die Theorie
des Chi Gung

Die unterschiedliche Vermittlung des


Chi Gung in China und im Westen
Nach zehn Jahren intensiven Studiums der inneren Kampfkünste bin ich 1987 aus
China zurückgekehrt und habe seitdem viele Wochenendlehrgänge geleitet und
Klassen unterrichtet. Diese wurden von Lehrern und Schülern des Tai Chi und
Chi Gung besucht, die auf eine Erfahrung zwischen einem und zwanzig Jahren
zurückschauen konnten. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass den meisten
Teilnehmern die elementaren (und essentiellen) Prinzipien des Tai Chi und Chi Gung
niemals erklärt worden sind - und viele von ihnen sind schon oder werden noch
Lehrer in diesen Bewegungskünsten sein.
Ganz offensichtlich werden innere Kampfsysteme wieTai Chi, Chi Gung, Hsing-I
und Ba Gua im Westen oft nur als Praxis körperlicher Bewegungen und mentaler
Visualisierungen vermittelt. Die Schüler imitieren die äußeren Bewegungen ihrer
Lehrer und meinen, mit dieser Übungsmethode ihren Chi-Fluss zu steigern und
dadurch mehr Kraft und Gesundheit zu gewinnen. Wenn die Schüler wissen wol-
len, was ihre Lehrer innerlich tun, müssen sie raten, wobei sie nicht wissen, ob ihre
Vermutungen zutreffen.

63
Bruce Frantzis demonstriert eine der etwa 200 Standpositionen des Chi Gung
vor der Neun-Drachen-Mauer in Beijing, China, im Winter 1986.

64
Die Theorie des Chi Gung

Die chinesische Sprachbarriere


Andere Schüler, die ich unterrichtete, hatten zwar von ihren chinesischen Lehrern
Erklärungen über die innere Energie erhalten; doch leider hatten sich diese oft als
nicht zutreffend oder unvollständig erwiesen, weil die Lehrer nicht genügend Eng-
lisch sprachen bzw. den Dolmetschern das ausreichende Wissen fehlte, diese hoch
speziellen Themen in eine westliche Sprache zu übersetzen. Vage Verallgemeinerun-
gen traten oft an die Stelle von präzisen Informationen. In vielen Fällen bestand das
Problem auch einfach darin, dass die Lehrer nicht dazu bereit waren, die spezifischen
' Übungsmethoden unmissverständlich und lückenlos weiterzugeben.
Bei der Wissensübertragung aus einem Kulturbereich in einen anderen bilden
Schwierigkeiten und Missverständnisse eher die Regel als die Ausnahme. Da aber Tai
Chi und Chi Gung schon seit Jahrzehnten im Westen bekannt sind, wird es höchste
Zeit, mit den falschen Vorstellungen darüber aufzuräumen.
Eine große Zahl der frühen Übersetzer von Texten über Tai Chi und Chi Gung
waren selbst keine Experten in den inneren Methoden. Sehr oft wurden metaphori-
sche Umschreibungen fälschlich für konkrete Übungsmethoden gehalten. W i e auf
jedem Spezialgebiet besitzen auch hier Fachausdrücke für Insider vom allgemeinen
Sprachgebrauch abweichende Bedeutungen und Assoziationen; die breite Öffent-
lichkeit mag die Begriffe selbst zwar kennen, nicht aber ihre genauen Bedeutungs-
nuancen. Da die meisten Chi-Gung-Experten Chinesen sind, werden Metaphern
aus dem chinesischen Kulturkreis zur Umschreibung der Methoden verwendet.
Diese bildhaften Ausdrücke erscheinen aus fernöstlicher Perspektive als sinnvoll
und angebracht, Abendländer werden davon jedoch oft in die Irre geführt.
In diesem Kapitel soll so weit wie möglich versucht werden, die zwischen den
Kulturen herrschenden Begriffsverwirrungen auf diesem Gebiet zu entmystifizieren
und aufzuklären. Außerdem werden, und das ist noch wichtiger, die inneren Metho-
den und Vorgänge in den Elementarübungen allgemein verständlich beschrieben.

65
Kapitel 1

Die Verpflanzung kulturgeprägter


chinesischer Konzepte
Erst nachdem ich wirklich zweisprachig geworden war, fiel mir auf, dass ich, selbst
wenn es sich um die gleiche Sache handelte, in jeder der beiden Sprachen [ame-
rikanisches Englisch und nördliches Hochchinesisch] ganz unterschiedlich denke
und fühle. Dazu kommt es, weil das kulturelle und sprachliche Umfeld, in dem
die Menschen ihre Weltsicht erwerben, in großem Maße darüber bestimmt, was sie
fühlen und wie sie, ihrer Meinung nach, Informationen korrekt austauschen. Diese
kulturelle Prägung schreibt aber nicht nur vor, was ungesagt bleiben soll, sondern
auch, wie das Unausgesprochene verstanden werden sollte.
Diese sprachlich-kulturellen Begleitumstände haben den westlichen Schülern beim
Tai Chi und Chi Gung große Verständnisschwierigkeiten bereitet. Chinesen - und
Asiaten allgemein - können vieles ungesagt lassen, weil jeder mit durchschnittlichem
chinesischem Bildungsniveau das Unausgesprochene verstehen wird. Leider gibt es im
chinesischen Kulturbereich Konzepte, zu denen westliche Ausländer keinen Zugang
haben. Fangen wir deshalb am besten gleich mit der Erklärung einiger Grundbegriffe an.

Der Unterschied zwischen


traditionellem Chi Gung und Nei Gung
Bis vor etwa 50 Jahren wurde der Begriff Chi Gung im Zusammenhang mit Energie-
übungen nur selten verwendet. Die geläufigen Begriffe waren Nei Gung (innere Kraft)
oder Lian Gung (Übungskraft). In den letzten Jahrzehnten hat sich die Bezeichnung
Chi Gung jedoch besonders auf dem chinesischen Festland durchgesetzt. Dort fin-
det man eine große Vielfalt von Chi-Gung-Arten, viele mit so poetisch klingenden
Namen wie Weißer-Kranich-Chi-Gung, Alter-Mann-steigt-die-Treppen-Chi-Gung,
Pflaumenblüten-Chi-Gung usw.
Alle Chi-Gung-Praktiken leiten sich aus den Nei-Gung-Systemen oder von deren
Vorläufern ab. Die im vorliegenden Buch enthaltenen Techniken sind sämtlich ur-
sprüngliche Nei-Gung-Übungen.* (Die 16 Grundkomponenten des Nei-Gung-Sys-
tems und ihre Beziehung zu den in diesem Buch beschriebenen Elementarübungen
werden in Kapitel 15 beschrieben.)

66
Die Theorie des Chi Gung

Diese Energiesysteme wurden von taoistischen Mönchen, als sie während der
Meditation ihren Geist und Körper ergründeten, entdeckt und weiterentwickelt.
Sie nutzten die Chi-Energie, um eine bessere Gesundheit zu erhalten, Krankhei-
ten zu heilen und tiefe innere Stille und Spiritualität zu verwirklichen. Ihre Arbeit
wurde systematisch zusammengestellt als Nei-Gung-System, das die energetische
Grundlage für Chi Gung bildet: die inneren Kampfkünste Tai Chi, Hsing-I und Ba
Gua; die taoistischen Heilkünste, Akupunktur und Tuina eingeschlossen; und die
taoistische Meditation.
Diese uralten Methoden, die jahrtausendelang relativ geheim gehalten wurden,
besitzen eine außerordentliche Tiefe. Ein guter Lehrer kann Nei-Gung-Techniken
von den anfänglichen bis zu den fortgeschritteneren Stufen weitergeben. (Anhang B
bietet Hilfestellungen, um einen qualifizierten Lehrer zu finden.)

Nei Gung wirkt von innen nach außen -


Chi Gung von außen nach innen
Der Schwerpunkt im Nei Gung liegt auf der Entwicklung der Zentralenergie, die
durch die Mitte des Körpers fließt und von dort aus die peripheren Energiebahnen
(zum Beispiel die Akupunkturmeridiane) öffnet und energetisiert. Chi Gung ist pri-
mär auf die Energiebahnen an der Körperoberfläche gerichtet und beeinflusst durch
diese die zentral fließende Energie. So gesehen ähnelt Chi Gung der Akupunktur,
die ebenfalls auf die mehr oberflächliche und periphere Energie in den Meridianen,
den Nebenbahnen und den acht Sondermeridianen einwirkt, um auf tieferer Ebene
Veränderungen hervorzurufen.

Chi Gung mobilisiert Chi durch einzelne


Körperbewegungen - Nei Gung durch vielfältige
Geist-Körper-Interaktion
Beim Chi Gung übt der Praktizierende jeweils nur eine einzige Technik gleichzeitig
und verbindet sie nach und nach zu einer speziellen Übungsfolge miteinander.

* In diesem Buch wird durchgehend die Bezeichnung Chi Gung verwendet, weil diese sich in
den letzten jähren im Westen als Oberbegriff, als eine Art Markenzeichen eingebürgert hat. Der
Inhalt dieses Buches betrifft aber eigentlich nur Nei-Gung-Übungen und weniger die limitierte
Perspektive, auf der viele moderne Chi-Gung-Systeme beruhen.

67
Kapitel 1

Beispielsweise w i r d ein Akupunkturmeridian geöffnet oder aktiviert, und wenn er


offen ist, wird der nächste, der in der Übungsfolge vorgesehen ist, durch eine andere
körperliche Bewegung geöffnet usw. Im Chi Gung gibt es zahlreiche Einzeltechni-
ken, vom Klopfen über das Dehnen bis zum Aufstampfen. Das wichtigste und stets
gültige Prinzip des Chi Gung ist jedoch, dass eine Chi-Bewegung auf die andere
folgt. Zwei oder mehr Chi-Ströme fließen selten gleichzeitig.
Im Allgemeinen konzentriert sich Chi Gung auf bestimmte Akupunkturbahnen
und einzelne Akupunkte. Dagegen arbeitet Nei Gung mehr mit der Energie des
Zentralkanals, der vom Scheitelpunkt des Kopfes bis zum Perineum und durch die
Mitte der Knochen von Armen und Beinen verläuft (siehe Abb. auf Seite 291), sowie
mit den Muskeln, Faszien, inneren Organen, Drüsen, Rückenmark und Gehirn.
Aus medizinischer Sicht wendet Chi Gung gewöhnlich spezifische Techniken für
spezifische Probleme an, während Nei Gung dem gesamten Organismus Energie
zuführt. Diese umfassende Verbesserung der Energiefunktion führt schließlich zur
Auflösung von bestimmten Problemen.
Das Nei-Gung-System versucht dagegen, auf alle Chi-Flüsse im Organismus
gleichzeitig einzuwirken. Das höchste Ziel besteht darin, mit jeder Bewegung
Hunderte von Chi-Flüssen im Körper synergetisch zu vereinigen. Auf diese Weise
wird dem Praktizierenden schließlich eine Energiemenge zugänglich sein, die insge-
samt mehr als die Summe aus dem Chi ist, das durch die einzelnen Energiebahnen
fließt. Auf den höheren Übungsstufen werden sich die jeweiligen Chi-Ladungen
von Körper, Geist und höherem Bewusstsein vollständig vereinigen. Die gesamte
Person funktioniert dann im Sinne einer einzigen riesigen Zelle, in der alles Chi im
gemeinsamen Rhythmus pulsiert.
Obwohl auch Nei Gung in getrennten Einheiten erlernt wird, sollte es danach stets
so praktiziert werden, dass alle erlernten Einheiten gleichzeitig ausgeführt werden.
Schließlich dringt die Energie bis in die Zentren von Knochen- und Rückenmark
vor. Im Allgemeinen wird Nei Gung deshalb für Menschen, die nach maximaler Ge-
sundheit und großer physischer Leistungsfähigkeit streben, als überlegen eingestuft.
Einfach und anschaulich lässt sich der prinzipielle Unterschied zwischen Chi
Gung und Nei Gung so beschreiben: Beim Chi Gung folgt auf die Technik A die
Technik B und auf diese dann die Technik C. Das Resultat dieser Aneinanderrei-
hung ist der additive Effekt von A plus B plus C. Beim Nei Gung dagegen wird die
Technik A gleichzeitig mit Technik B und Technik C geübt. Synergetisch betrachtet
stellt sich dann der multiplikative Effekt von A mal B mal C ein.

68
Die Theorie des Chi Gung

Beim Chi Gung wird Chi indirekt vom Atem


bewegt - beim Nei Gung direkt vom Geist
In den inneren Kampfkünsten Chinas bezieht sich der Begriff „ A t e m " auf zwei
unterschiedliche Vorgänge: erstens, auf die Bewegung der Luft, in die Lungen hin-
ein und aus ihnen heraus -das ist der physische Sauerstoff-Atem; zweitens, auf das
Ebben und Fluten der Lebenskraft durch den gesamten Körper - das ist der subtile
Atem des Chi. Der physische und der subtile Atem können koordiniert werden oder
auch unabhängig voneinander fließen. Chi Gung koordiniert die beiden, während
Nei Gung direkt mit dem subtilen Atem und ohne die Unterstützung des physischen
Atems arbeiten kann.
Im Chi Gung wird der physische Atem benötigt, um die Verbindung zwischen
Geist und Chi, dem subtilen Atem, herzustellen. Die Achtsamkeit oder das bewusste
Gewahrsein, eine der angewandten Formen des Geistes, ist auf den physischen
Atem gerichtet: Beim Üben stellen Sie sich bildhaft vor, wie sich der physische
Atem durch Ihren Körper bewegt, und fühlen ihn in bestimmte Körperbereiche
hineinfließen. Auf diese Weise verbindet er sich auf indirekte Weise mit dem sub-
tilen Atem. Ein- und Ausatmen, Aussetzen, Beschleunigen und Verlangsamen: Alle
Bewegungen des physischen Atems werden mit jeder einzelnen Handlung koordi-
niert - gleichgültig, ob es sich nun um Körperbewegungen, Energieübungen oder
Visualisierungen emotionaler, psychischer oder spiritueller Wesensaspekte handelt.
Fast alle medizinischen Chi-Gung-Methoden stützen sich zur Aktivierung des Chi
auf den physischen Atem. Ähnlich verhält es sich mit den meisten buddhistischen
Chi-Gung-Praktiken, die sich auf das bewusste Gewahrsein des Atems richten.
Die wesentliche, von Gautama Buddha gelehrte Praxis, die heute als Vipassana
bekannt ist, beruht darauf, das An- und Abschwellen des physischen Atems und die
Empfindungen im Körper zu beobachten. Der tantrische Buddhismus benutzt bei
den Übungen der Vollendungsphase ebenfalls den physischen Atem als Mittel der
Koordination von Mantras, Energiearbeit und Visualisierungen.
Im Nei Gung bewegt dagegen der Geist oder das bewusste Gewahrsein Chi direkt,
mit oder ohne Unterstützung des physischen Atems. Der Geist kann sich allein auf
die innere Energie konzentrieren, oder er kann sie zu bestimmten Aufgaben und in
spezielle Energiebahnen lenken. Nei Gung verwendet auch wirkungsvolle Atem-
mechanismen, die im Wesentlichen den Atem des Babys im Mutterleib nachvoll-
ziehen. Die Bewegung des Chi ist jedoch grundsätzlich nicht auf den physischen

69
Kapitel 1

Atem angewiesen, gleichgültig, wie Sie atmen. Der physische Atem kann zuweilen
so langsam, ausgeglichen und ruhig werden, dass er fast zu verschwinden scheint.
Im Laufe der Zeit verlagert sich das Umfeld des subtilen Atems beim Nei Gung vom
physischen Atem zur Präsenz von Chi oder Geist selbst.

Nei Gung und die Energiekörper


Gegenüber Chi Gung, bei dem die Kultivierung von Chi mit physischer Bewegung
verbunden ist, besitzt Nei Gung einen immanenten Vorteil; dieser betrifft die Vor-
gänge im Unterbewusstsein.
Beim Nei Gung arbeiten wir direkt mit Chi und umgehen, in den Anfangsphasen,
die Nutzung des Atems zur Bewegung von Chi. Mit der Zeit wird der Praktizierende
für den subtilen Atem (Chi) deutlich sensibler und kann beobachten, wie dieser
nicht nur den physischen Körper durchdringt, sondern auch die höheren, subtileren
Energiekörper: den Emotionalkörper, den mentalen Körper, den psychischen Körper,
den Kausalkörper usw.* Wenn die Verbindung zwischen dem Geist und den ver-
schiedenen Energiekörpern erst einmal hergestellt ist, können wir auch wahrnehmen,
wie die Koordination des Atems mit den Körper- und den Chi-Bewegungen auf alle
Ebenen unseres Wesens einwirkt. Von dieser Stufe aus können Praktizierende den
Atem zielgerichtet einsetzen, um alle Energiekörper bewusst und gleichmäßig zu
entwickeln. Sie werden von den dunklen, vernachlässigten Gefühlsbereichen erfah-
ren, die nach Auflösung verlangen, und von den hellen, lebenssprühenden Sphären,
die weitere Förderung verdienen. Auf dieser hohen Stufe trägt der Atem auch dazu
bei, den gesamten Energiekörper harmonisch und nachhaltig zu stärken.

Die unverwechselbaren Stärken


von Chi Gung und Nei Gung
Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass ein wahrer Nei-Gung-Fachmann
die Chi-Gung-Methoden versteht, der Chi-Gung-Experte aber generell mit den
Nei-Gung-Prinzipien nicht umfassend vertraut ist. Das könnte zu der Annahme
verleiten, dass Nei Gung dem Chi Gung generell überlegen ist. Dieser Schluss trifft
aber nicht unbedingt zu. Viele Krankheiten und Funktionsstörungen werden häufig

* Für weitere Informationen über die acht Energiekörper siehe Im Tao sein - Entspanung in Acht-
samkeit von Bruce K. Frantzis (Windpferd Verlag, 2006), Seite 54f.

70
Die Theorie des Chi Gung

von einer Unausgewogenheit in einem nur kleinen Körperbereich verursacht. In


solchen Fällen ist es am besten, Chi-Gung-Techniken anzuwenden, weil nur eine
begrenzte Zahl von Chi-Flüssen zur Diagnose beobachtet und zurTherapie angeregt
werden muss. Nei Gung ist gewöhnlich vorteilhafter, wenn es um Langlebigkeit und
hohe Leistungskraft geht.

Die inneren Kampfkünste:


Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua
Die drei inneren Kampfkünste Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua beruhen alle auf dem
Nei-Gung-System zur Entwicklung und Pflege von Chi. Sie fassen die wirkungs-
vollsten Kampftechniken des Alten China zusammen und verbinden sie mit dem
Nei-Gung-System der Kultivierung von innerer Kraft. Diese Kombination erzeugt
zwei scheinbar nicht miteinander zusammenhängende Resultate: einerseits höchste
sportliche und kämpferische Fertigkeiten, andererseits unverwüstliche Gesundheit.
Bei spezifischem Training auf höheren Stufen können Tai Chi und Ba Gua aber auch
abgeschlossene Systeme der spirituellen Entwicklung sein.

Tai Chi als Gesundheitspraxis im modernen China


Fast alle Menschen, die heute in China Tai Chi üben, tun dies, um ihre Gesundheit zu
stärken, Stress abzubauen und ihre Energie zu steigern. Nur verhältnismäßig wenige
von ihnen praktizieren Tai Chi als Kampfkunst, in der die vermehrte innere Kraft die
kämpferischen Fertigkeiten verfeinert und effizienter m a c h t - e g a l , ob es sich dabei
um Angriff oder Verteidigung, Austeilen oder Einstecken von Schlägen handelt. Es
sollte hervorgehoben werden, dass das Training der Kampfanwendungen sehr viel
gründlicher und anspruchsvoller aufgebaut ist als die Gesundheitsunterweisung.
Zwei oder drei Kilometer Dauerlauf pro Tag mögen gut für die Gesundheit sein, aber
um Marathonläufer zu werden, bedarf es deutlich größerer Anstrengung. Ähnlich
kann die tägliche Praxis von Tai Chi für die Dauer von nur 20 bis 40 Minuten die
allgemeine Verfassung spürbar verbessern und bis ins hohe Alter blühende Gesund-
heit bewahren. Um jedoch ein erfolgreicher Kampfkünstler zu werden, sind viele

71
Kapitel 1

Stunden Training am Tag unter Anleitung eines erfahrenen Lehrers für die Dauer von
etwa zehn Jahren erforderlich, und um spirituelle Verwirklichung zu erlangen, ist
eine noch größere Bemühung als bei den Kampfkünsten notwendig.

Hsing-I und Ba Gua:


Kampfmethoden zur Lebensverlängerung
Hsing-I ist ein außergewöhnlich effizientes Nei-Cung-System, das sich in den letzten
900 Jahren als inneres Kampfsystem auch auf den Schlachtfeldern Chinas bewährt
hat. Ursprünglich wurde es von einem General entwickelt, der sein Offizierskorps
darin schulte. Im 19. Jahrhundert wurde diese innere Kampfkunst durch die schlecht-
hin unbesiegbaren Begleiteskorten berühmt. Man kann es mit Karate vergleichen,
wobei die Betonung auf der Entwicklung von innerer Stärke und Kraft sowie auf der
Förderung der Gesundheit liegt.
Beim Hsing-I wird großer Wert auf die Entwicklung und Demonstration von Kraft
gelegt. Während der Körper eines Tai-Chi-Meisters nach außen weich und nach
innen hart wird, strebt ein Hsing-I-Meister genau das Gegenteil an: nach außen
stahlhart und nach innen sehr weich. Das führt zu kaum vorstellbarer körperlicher
Beweglichkeit sowie einem tiefempfundenen Gefühl inneren Wohlbefindens. Von
den drei inneren Kampfsystemen vermittelt Hsing-I am schnellsten ein Gefühl von
Stärke und Vitalität.
Ba Gua gilt allgemein als die am höchsten entwickelte innere Kampfkunst. Wie
auch Hsing-I-Meister leben die Ba-Gua-Meister in der Regel länger als die Vertreter
des Tai Chi. Ba-Gua-Techniken sind wesentlich komplizierter alsTai-Chi-Techniken.
In China heißt es, dass jeder Tai Chi lernen kann, doch nur wenige meistern Hsing-I
und noch viel weniger Ba Gua. DieTechniken von Tai Chi und Hsing-I arbeiten - ver-
einfacht ausgedrückt - mit Kreisbahnen und Kurven, Ba Gua dagegen ist einzigar-
tig in seiner Anwendung von Kugeloberflächen, das heißt, in allen Dimensionen
gleichzeitig. Ba Gua arbeitet mit der Energie des Körpers auf eine solche Weise, dass
schließlich eine größere körperliche Beweglichkeit und energetische Vielseitigkeit
entsteht als bei den beiden anderen inneren Systemen. Durch die ununterbrochen
spiralförmig hervorquellende Energie gilt es auch als ästhetisch attraktivste Form.
Ba Gua ist im Kampf zwar äußerst wirkungsvoll, aber das ist nur eine seiner
Besonderheiten. Auf der Grundlage der inneren alchemistischen Energieprinzipien
des I Ging kann dieses System die dort beschriebenen elementaren Energien verkör-

72
Die Theorie des Chi Gung

pern und manifestieren. Es ist höchst bedauerlich, dass die authentische Tradition
der Energiearbeit des Ba Gua in China und im Westen gegenwärtig verloren ist.
Das meiste, was man heute von Ba Gua finden kann, sind Sequenzen körperlicher
Bewegungen oder einfache, isolierte Kampfanwendungen, die in verschiedenen
Kampfkunstschulen unterrichtet werden. Dazu kommt die Schwierigkeit, weitere
schlüssige Informationen über das authentische Ba Gua aufzuspüren.
Ba Gua ist die einzige Kampfkunst in China, die ihrem Wesen nach vollständig
taoistisch ist. Tai Chi und Hsing-I wurden beide vom buddhistischen Shaolin-Kloster
mitgeprägt. Erst vor etwa hundert Jahren wurde Ba Gua in der Öffentlichkeit bekannt;
dabei gibt es im südlichen China ein taoistisches Kloster, wo die Grundübung des
Ba Gua, das Umschreiten des Kreises, während der letzten 1500 Jahre praktiziert
wurde. Dazu existieren noch alte Dokumente, nach denen Ba Gua vor 4000 Jah-
ren irgendwoher aus dem Kunlun-Gebirge gekommen sein soll. Ganz genau kann
allerdings niemand sagen, wie alt diese Kunst wirklich ist.
Die Übungsformen der drei inneren Kampfkünste bestehen aus Serien einzelner
Positionen*, die in Bewegungsfolgen ausgeführt werden. Im Sinne des Nei Gung
wirkt jedes einzelne Formteil gleichzeitig auf sämtliche Chi-Ströme des Körpers ein.
So wie jede Chi-Gung-Übung hat auch jede Nei-Gung-Position eine energetische
Primärfunktion. Wenn diese Positionen oder Einzelformen miteinander verknüpft
und als Bewegungsfolge geübt werden, entsteht eine bestimmte Energiequalität,
die gleichzeitig Blockaden beseitigt, den Energiehaushalt auffrischt und das Chi im
Körper kräftiger und ausgewogener macht.
Die gleiche Lebensenergie, die Kampfkünstler entwickeln und anwenden, kann
auch von Sportlern oder Tänzern genutzt werden und ihnen dabei helfen, innere
Kraftreserven anzulegen, wie es sonst nur den talentiertesten Meistern ihrer Diszi-
plin gelingt. Der Unterschied liegt darin, dass Sportler im Westen durch Zufall oder
genetische Veranlagung zu dieser inneren Kraft gelangen, während die Chinesen
viele gut durchdachte, systematische Methoden konzipiert haben, mit denen jene
Praktizierenden diese innere Kraft gewinnen können, die bereitwillig, zielstrebig
und regelmäßig trainieren wollen.

* Zur Definitori des Begriffs „Position", wie er in den taoistischen Energiekünsten verwendet wird,
siehe auch Seite 286.

73
Kapitel 1

Die drei Ebenen des Chi Gung:


Körper, Chi und Geist
Die drei inneren Kampfkünste, Tai Chi Chuan, Hsing-I und Ba Gua, sowie Chi Gung
und Nei Gung funktionieren auf den drei Ebenen von Körper, Chi und Geist/höheres
Bewusstsein:
Die Chi-Gung-Elementarübungen, die in diesem Buch dargestellt werden, haben
als primäres Ziel die Entwicklung von Körper und Chi. Die Betonung liegt noch
nicht auf den Zielen höherer Meditationstechniken und Geistespraktiken, wie zum
Beispiel den Geist leer machen, in die Stille eintreten oder die Vereinigung mit dem
Tao. Auch hier gilt die alte Weisheit, dass man erst stehen und dann laufen lernen
muss, bevor man rennen kann.
Sie können die hier beschriebenen Elementarübungen in zwei unterschiedlichen
Funktionen anwenden. Zum einen können sie als separate Praxis ausgeführt wer-
den - etwa im Sinne einer Form des Chi Gung; auch wenn Sie sonst nichts über Tai
Chi wissen, wird Ihnen das die gesundheitlichen und Stress mindernden Vorteile
bieten, die viele Menschen überhaupt erst zu Tai Chi oder den anderen inneren
Kampfkünsten gebracht haben. Zum anderen sind diese Übungen, besonders wenn
Sie sich schon mit den inneren Kampfkünsten oder der Sitzmeditation befassen, für
die allgemeine Aufwärmphase zu empfehlen, damit Ihr Körper für die eigentliche
Praxis ausreichend vorbereitet ist. Dadurch verringern Sie die Verletzungsgefahr und
lösen anfängliche Stressrückstände auf, die sonst in der ersten halben Stunde Ihrer
regulären Übungspraxis aufgearbeitet werden müssten. Dadurch können Sie sich
ungehindert auf die tieferen Elemente des Tai Chi oder der taoistischen Meditation
konzentrieren.

Durch Körpersynergie
werden die Chi-Reserven vergrößert
Das wichtigste Prinzip bei diesen Elementarübungen, wie übrigens auch bei Tai
Chi und Nei Gung, ist die Synergie, was bedeutet, dass das Ganze mehr sein kann
als die Summe seiner Teile. In den menschlichen Aktivitäten lässt sich dieser Effekt
durch Erfahrung vielfältig belegen. Bei den inneren Systemen müssen Sie die syn-

74
Die Theorie des Chi Gung

ergetischen Resultate deutlich spüren, um zu wissen, ob dieses Prinzip wirksam ist


oder nicht. Abermillionen von Chinesen, und jetzt auch viele Menschen im Westen,
haben im Laufe der Zeit herausgefunden, wie vorteilhaft der synergetische Einsatz
der Energie für ihre Gesundheit ist.
Auf die elementaren Chi-Gung-Übungen bezogen bedeutet Synergie, dass Sie die
vielen einzelnen Faktoren von Geist, Körper und Energie miteinander koordinieren,
um sie gleichzeitig zu aktivieren. Wenn Sie beispielsweise fünf Körperteile, jeder mit
einem angenommenen Energiewert von zwei Einheiten, in der gewohnten Weise
unabhängig voneinander oder nacheinander bewegen, entspräche die entstehende
Summe der Energiewerte bei den meisten Menschen der Summe der Teile oder zehn
Einheiten. Bei synergetischem Einsatz der gleichen fünf Körperteile würde man die
fünf Werteinheiten multiplizieren, anstatt sie nur zu addieren - der Energie-Output
würde dann im Idealfall 32 Einheiten erreichen.
Alle diese Übungen sollen jedoch nicht nur die Muskeln, sondern primär das Zen-
tralnervensystem und die inneren Organe kräftigen. Die vollständige Entspannung
hilft zunächst, den Körper von aufgestautem Stress und angesammelter Spannung zu
befreien. Im nächsten Schritt werden, soweit es die Verfassung des Übenden erlaubt,
die inneren Organe und die Nervenbahnen gestärkt. Nachdem die primäre Aufnahme-
grenze für Chi erreicht ist, werden die zentralen Reserven aufgefüllt und erweitert, auf
die dann in Zeiten von großer Belastung oder Notfällen zurückgegriffen werden kann.
Im Vergleich zu Chi Gung tendieren viele westliche Übungssysteme dazu, die
Hauptenergiereserven des Körpers zu erschöpfen, weil sie besonders leistungsori-
entiert sind. Der Wettkampf mag heute gewonnen werden, aber zehn oder fünfzehn
Jahre später, wenn die inneren Reserven zur Heilung von schweren Organkrankhei-
ten oder zur Abwehr von Krebs benötigt werden, steht nichts mehr zur Verfügung.
Eine alte Redensart drückt das so aus: „Für die Torheiten der Jugend muss man im
Alter büßen."

Das „Kapital" an Lebensenergie bewahren


Die Chi-Gung-Praktizierenden in China glauben, dass jeder Mensch mit einer be-
stimmten Menge an Lebensenergie- oder Chi-Kapital geboren wird. Nehmen wir
einmal an, dass die meisten Menschen mit einem Kapital von 1 Millio n Dollar auf
die Welt kommen, obwohl es bei einigen seltenen Ausnahmen auch 100 Millionen
Dollar sein können. Für Babys macht das noch keinen so großen Unterschied aus,

75
Kapitel 1

denn fast alle Neugeborenen sind entspannt, erstaunlich energiegeladen und können
sich von Krankheiten oder Verletzungen rasch und problemlos erholen. Für einen
sehr reichen Mann spielt es finanziell auch keine große Rolle, ob er bei McDonalds
oder im Ritz essen geht und zwei Dollar oder 200 Dollar bezahlt. Aufgrund ihrer
reichen genetischen Anlagen können die „Multimillionäre" pro Tag drei Päckchen
Zigaretten rauchen und zwei Flaschen Whisky trinken, bis spät in die Nacht über
die Stränge schlagen, fast überhaupt nicht schlafen, unmenschlich lange arbeiten
und trotzdem noch 95 Jahre alt werden, ohne ernstlich zu erkranken. Für die an-
deren 99,9 Prozent der Bevölkerung würde eine derartige Lebensweise jedoch eine
ziemliche Katastrophe und einen frühen Tod bedeuten.
Schwere Krankheiten, Verletzungen oder größere Operationen erschöpfen das
Lebensenergie-Kapital eines Menschen außerordentlich. Entweder gelingt es, das
Cuthaben wieder aufzufüllen, oder man muss mit dem Defizit bis zum Tode weiterle-
ben. Chi Gung kann diese verlorene Energie ersetzen, das Defizit wieder ausgleichen
und es den Menschen ermöglichen, sich von den Belastungen des Alltagslebens zu
erholen. Die regelmäßige Praxis von Chi Gung und Nei Gung gibt Ihnen die Energie,
die Sie für den Tag benötigen, damit Sie nicht Ihr Kapital oder Ihre Reserven an Ener-
gie völlig verbrauchen müssen. Mehr Praxis kann Ihre Reserven sogar vergrößern.

Die zentralen Energiereserven sind entscheidend


Offensichtlich lässt sich durch vollwertige Nahrung, angemessene Körperübungen
und eine maßvolle Lebensführung eine gewisse Menge an Chi erzeugen, die den
Alltagsbedarf deckt und das allgemeine Wohlbefinden fördert. Leider hilft solch eine
Disziplin nicht, um die zentralen Energiereserven des Körpers aufzufüllen. Perma-
nenter Stress im Alltag verbraucht diese Reserven so schnell, dass es schließlich zu
diversen Erkrankungen kommen kann. Die zentralen Reserven sind für Notfälle und
Krankheiten vorgesehen, nicht für die täglichen Belastungen.
Wer sein Leben vernünftig einrichtet, gewinnt mehr als die durchschnittlichen
Energiereserven, um sich gegen bevorstehende Entbehrungen zu wappnen oder von
schweren Belastungen zu erholen. Wer aber die zentralen Reserven vergrößert, steigt,
energetisch gesehen, „vom armen zum reichen Menschen" auf. Im Unterschied
zu äußerem Reichtum kann dieser vermehrte innere Reichtum weder mit Steuern
belegt noch gestohlen werden. Er entsteht auch nicht dadurch, dass mit fremdem
Kapitel gearbeitet wird - er muss selbst erworben werden.

76
Die Theorie des Chi Gung

Wenn die Energiereserven eines Menschen überdurchschnittlich zunehmen, dann


verschwinden die meisten Schmerzen, Spannungen und allgemeinen physischen
Unpässlichkeiten des Lebens. Regelmäßiges Üben von Chi Gung oder Tai Chi ist
eine kluge und unmittelbare Investition in die Zukunft, so wie tägliches Sparen klei-
ner Geldbeträge schließlich ein großes Vermögen schafft. Der Weg des Chi Gung
führt also nicht zur schnellen, kurzfristigen Belohnung, obgleich sich zunehmendes
Wohlbefinden und körperliches Behagen sehr bald einstellen. Der wahre Wert dieser
Übungen wird erst mit den Jahren deutlich sichtbar, wenn das „Kapital" an Energie
immer weiter anwächst.

Das Grundprinzip des Chi Gung:


Himmel, Erde und Mensch
Alle Übungen des Tai Chi wie auch des Chi Gung stützen sich auf die chinesischen
Grundkonzepte von Himmel, Erde und Mensch (Tien, Di, Ren). Die Energie der
Erde wird durch die Verwurzelung des Übenden bei der Praxis aufgenommen; die
Wurzel befindet sich etwas unterhalb der Stelle im Boden, wo die Füße stehen. Die
Energie des Himmels fließt am Scheitelpunkt des Kopfes in den Organismus hinein.
Wir Menschen befinden uns in der Mitte und müssen die Energie aus diesen beiden
Quellen aufnehmen, die sich in der Tat mit einem positivem und einem negativem
Pol vergleichen lassen. Wenn die beiden Pole miteinander verbunden sind, kann
der Strom der Lebensenergie auf natürliche Weise fließen. Dieser Strom kann täglich
verbraucht und mit entsprechender Übung im Körper gespeichert werden, genauso
wie eine Autobatterie den Ladestrom der Lichtmaschine speichert.

Die Komponenten der Standform


Die energetische Grundlage der sechs Elementarübungen, die für das gesamte Chi
Gung gilt, ist die Standform. Stehen lernen beginnt mit den physischen Körperaus-
richtungen. Wenn die einzelnen Körperteile nicht korrekt ausgerichtet sind, geht

77
Kapitel 1

Energie verloren oder staut sich - wie Wasser in einer falsch angelegten und schlecht
gewarteten Rohrleitung. Solche Lecks oder Stauungen treten am häufigsten in den
Gelenken und ihrer unmittelbaren Umgebung auf.

Der herabfließende Chi-Fluss: „Himmelsenergie"


Bei der ersten Stufe geht es darum, Chi in einem rein energetischen Prozess vom
Himmel durch den Körper nach unten in die Erde zu leiten. Den meisten Menschen
im Westen ist das elementare Prinzip des Chi Gung und des Nei Gung nicht be-
kannt, nach dem die von oben nach unten fließende Energie grundsätzlich für das
allgemeine Wohlbefinden verantwortlich ist.
Das menschliche Energiesystem lässt sich, wie schon gesagt, mit einem elektri-
schen Stromkreis vergleichen. Bevor Strom durch einen Draht geschickt werden
kann, muss das System auf den zu erwartenden Widerstand und auf ausreichende
Isolierung geprüft werden. Wenn das unterlassen wird, brennt die Leitung durch oder
es gibt einen Kurzschluss. Aus chinesischer Sicht (oder vom Standpunkt indischer
Yogis) ist es gar nicht so schwierig, viel Energie zu erzeugen. Die Schwierigkeit
besteht eher darin, ein geeignetes Leitungssystem zu schaffen, um diesen Strom
auch nutzen zu können. Aus diesem Grund müssen Anfänger reichlich Zeit für
die Installation der Sicherungen und den Aufbau des nötigen Innenwiderstandes
verwenden, damit das System nicht durch die Aufnahme von zu viel Energie in zu
kurzer Zeit geschädigt wird.
Folgerichtig bedeutet das für die Praxis, dass bei jeder Chi-Gung- oder Nei-
Gung-Übung, bevor Chi durch einen bestimmtem Stromkreis geschickt wird, die
körperliche Widerstandskraft dem erhöhten Durchfluss angepasst werden muss. Je
stärker der Energiestrom ist, um so dicker müssen die Leitungen und um so stärker
die Isolierung gewählt werden.
Im Chi Gung und im Nei Gung wird die Leistungsfähigkeit des Energiesystems
durch die Steigerung des abwärts fließenden, vom Himmel kommenden Energie-
stroms verbessert. Das hilft auch Blockaden zu beseitigen und die Leitfähigkeit
des Nervensystems für die aufwärts fließende Energie zu stärken. Daher wird am
Anfang viel mehr Zeit und Übung darauf verwendet, die Energie zu erden, als ihren
Aufwärtsfluss zu fördern.
Viele Menschen verspüren bei derChi-Gung-Standform zuweilen ein unwillkür-
liches Schütteln. Diese Reaktion ist typisch, wenn der Körper festsitzende physische

78
Die Theorie des Chi Gung

oder emotionale Energie auflöst. Das gleiche Phänomen tritt auch bei Akupunk-
turbehandlungen auf, nur dass hier die frei werdende Energie statt des Körpers die
Nadel vibrieren lässt. Im Allgemeinen erfasst die blockierte Energie die Nadel, wenn
sie in einen blockierten Punkt gesetzt wird, und lässt sie erzittern. Die Nadel hört
erst dann auf zu vibrieren, wenn die Blockade beseitigt und der Meridian wieder
geöffnet ist.
Wenn Energieblockaden durch den abwärts fließenden Energiestrom beseitigt
werden, lösen sich auch chronische Energiestaus auf. Die bei diesen Prozessen
freigesetzte Energie kann der Körper leicht und problemlos weiterverwenden. Zu
den einzigen beunruhigenden Symptomen kann es nach der Beseitigung extrem
starker Blockaden kommen, wenn sich vorübergehend ein Gefühl großer Müdigkeit
einstellt, weil der Körper Giftstoffe ausscheidet und einen Übergang von einem
niedrigen zu einem höheren Energiezustand durchmacht. Das sollte aber keine
Besorgnis auslösen, sondern als gutes Zeichen gelten. Nachdem dieser Übergang
abgeschlossen ist, wird der Praktizierende mehr Energie und Vitalität als zuvor
besitzen.

Der aufsteigende Chi-Fluss: „Erdenergie"


Der zweite Abschnitt behandelt die im Körper aufwärts fließende Energie. Sie kommt
aus dem Boden und steigt bis über den Kopf hinauf - von der Erde zum Himmel.
Viele Energieschulen pflegen diesen Energiestrom wegen seiner vergeistigenden
Wirkungen mit besonderem Nachdruck. In dieser Übungsphase des Chi Gung
machen die Schüler die ersten „spirituellen Erfahrungen", zum Beispiel psychische
Erlebnisse, Visionen, innere Klänge und außerkörperliche Erfahrungen sowie, um
ehrlich zu sein, alle möglichen Halluzinationen, überirdische Zustände und Gefühle
der Trennung vom eigenen Körper.
Wenn die Energie gleichmäßig, kräftig und natürlich durch Ihren Körper fließt,
verspüren Sie Wohlbehagen, Leichtigkeit und entspannte Klarheit. Die oben ge-
nannten Erfahrungen, die Ihnen positiv oder negativ erscheinen können, werden
durch Blockaden aufgrund von gestautem Chi verursacht. Wichtig ist, dass Sie diese
Erfahrungen ihrem Wesen nach als Auswirkungen von Energieblockaden erkennen.
Wenn die Blockade als unangenehm empfunden wird, drängt es einen förmlich,
„sich da durchzuarbeiten". Nachdem man sich des gesamten Ballasts entledigt hat,
stellt sich ein Gefühl der Befriedigung darüber ein, etwas geleistet zu haben.

79
Kapitel 1

Lichter, Klänge, Visionen und ähnliche psychische Phänomene werden von vie-
len für etwas außerordentlich Erstrebenswertes gehalten, in dessen Genuss man
um jeden Preis kommen will. Zu dem klassischen Köder, der in den verschiedenen
manipulativen Energiemethoden ausgelegt wird, gehört es, die Betroffenen in dem
Glauben zu wiegen, dass sie etwas Besonderes seien, mächtiger oder erhabener als
andere, nur weil sie solche paranormalen Erlebnisse haben und auf spektakuläre und
ungewöhnliche Weise Energie aussenden können. Dies kann schnell dazu verführen,
sich anstelle von Alkohol, Kokain oder ähnlichen suchterzeugenden Substanzen
solchen psychischen Erfahrungen zuzuwenden und ein „Energie-Junkie" zu werden.
Obgleich diese Form des Umgangs mit Energie nicht mit der Sucht nach harten
Drogen oder anderen zwanghaften Verhaltensformen zu vergleichen ist, entspricht
sie doch nicht der wahren Intention dieser Chi-Gung-Übungen.
Das angenehme Gefühl und die geistige Klarheit, welche die frei fließende Energie
begleiten, vermitteln nicht die unglaublichen Energiewogen und die jeden Rahmen
sprengenden „Kicks", die sich viele vorstellen. Es ist eher eine natürliche Leichtig-
keit und Verbundenheit mit der eigenen Persönlichkeit, mit den eigenen sozialen
Handlungen und dem jeweiligen physischen, mentalen und spirituellen Körper. Es
verhält sich so wie bei einem gut sitzenden Schuh: Wenn er wirklich passt, vergisst
man ihn und kann einfach leicht und bequem gehen.

Der Ausgleich der beiden Energieströme


Im chinesischen Chi Gung werden in der Regel 80 Prozent an Zeit und Mühe für
die Entwicklung des herabfließenden Energiestroms verwendet und zwanzig Prozent
für die aufsteigende Energie, so dass alle Sicherheitsvorkehrungen installiert sind,
bevor (zu) viel „Saft" durch das System fließt. Im Laufe der Geschichte haben sich
sehr viele Menschen in unterschiedlichen Ländern und Traditionen fast ausschließ-
lich auf die aufwärts fließende Energie konzentriert. Das hat zu einer unabsehbaren
Zahl unnötiger Schäden durch Leitungsüberlastung bis hin zum „Burnout" geführt
(siehe auch Anhang C für weitere Informationen).
Die Taoisten gehen davon aus, dass man den Zustand der immer vorhandenen
Energie durch geistige Kraft signifikant verändern kann. Der Geist ist dank seiner
Projektionsfähigkeit und mit Unterstützung des Nervensystems dazu in der Lage,
den Fluss der Lebensenergie zu steuern. Chi ist im menschlichen Körper an das Blut
gebunden, und dieses mit Chi erfüllte Blut erreicht jede einzelne Körperzelle.

80
Die Theorie des Chi Gung

Die Nerven spielen bei den Chi-Gung-Übungen eine entscheidende Rolle; die
Nervenbahnen sind die bisher metaphorisch erwähnten Stromkabel. Durch die
Transformation der Nerven, Sie haben richtig verstanden: der konkret vorhandenen
physischen Nerven, kann der Geist Chi effektiv und sicher lenken. Die Nervenver-
bindungen des menschlichen Körpers benötigen für ihre funktionale Ausbildung
länger als fast alle anderen Gewebe. Wenn sie dann erst einmal ausgebildet sind,
verändern sie sich auch nicht so schnell wie andere Gewebe. Das bedeutet: Je län-
ger und regelmäßiger Chi Gung geübt wird, um so dauerhafter und stabiler werden
die Resultate sein. Chi Gung bewirkt die angestrebte permanente Veränderung des
Nervensystems durch behutsames und stetiges Üben.

Die Bedeutung der vollständigen


Übungsfolge im Chi Gung
Obgleich im vorliegenden Band viel Theorie enthalten ist, geht es doch vorwie-
gend um die praktische Anwendung der Chi-Gung-Prinzipien, nämlich das Üben.
Dieses Buch ist als Lernhilfe zu verstehen, in der die einzelnen Bewegungen der
Reihe nach vorgestellt, Schritt für Schritt erklärt und mit hilfreichen Zeitangaben
versehen sind. Jede Komponente baut auf der vorhergehenden auf. Sie sollten jeden
einzelnen Übungsabschnitt erst einmal stabilisieren, das heißt mühelos ausführen
können, bevor Sie zur nächsten Lektion weitergehen. Wenn Sie bei Ihrer Praxis
etwas überspringen, kann es passieren, dass Sie nicht nur Zeit vergeuden, sondern
auch noch eine Schwächung in Ihrer Energiestruktur verursachen. Dann dauert
es oft weitaus länger, diese Schwäche wieder zu beheben, als es brauchte, sie
zu erwerben. Lassen Sie sich deshalb bitte Zeit! Um das Optimum zu erreichen,
sollten Sie auch aus Wissbegierde nichts überspringen, sondern sich mit jedem
Übungselement in der vorgesehenen Reihenfolge beschäftigen. Falls Sie aus Neugier
weitere Kapitel im Voraus lesen, schadet das nichts, aber wenn Sie diese Informati-
onen faktisch in Ihr Leben integrieren wollen, dann müssen Sie die Lektionen und
einzelnen Übungsschritte schon in ihrem logischen Zusammenhang praktizieren.
Der menschliche Geist kann simultan unbeschreiblich große Informationsmengen
empfangen. Es besteht jedoch ein entscheidender Unterschied darin, ob man etwas
nur aufnimmt oder auch versteht und assimiliert, um es dann zu nutzen. Wissen-

81
Kapitel 1

schaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass der menschliche Geist jeweils nur
etwa sieben Informationseinheiten aufnehmen kann, bevor er überlastet wird und
die eingehenden Informationen völlig durcheinander bringt. Beim Chi Gung kommt
es darauf an, den Input korrekt zu empfangen und koordiniert weiterzugeben, so
dass das Gewebe und die Nerven alles aufnehmen und rekapitulieren können.
Chi Gung beansprucht gleichermaßen intellektuelle und körperliche Aufnahme-
fähigkeit. Der kinästhetische Sinn für Gleichgewicht, Energie und innere körperliche
Aktivitäten ist erheblich schwerer zu entwickeln als das rein verstandesmäßige Erken-
nen. Ein Akademiker soll ja auch nicht glauben, dass seine intellektuelle Kapazität
ihm dabei hilft, schneller Handball spielen zu lernen, als jemandem mit geringerer
Bildung. Es ist gleichgültig, wer oder was Sie sind: Chi Gung muss behutsam und
schrittweise erlernt werden. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie scheinbar
langsamere Fortschritte machen als andere.

Chi langsam und durch Wiederholung kultivieren


Nach mehr als 35-jähriger Lehrerfahrung mit Menschen aller Altersstufen, körper-
licher Fähigkeiten und intellektueller Begabungen ist mir klar geworden, dass man
Chi Gung am besten durch bewusste und systematische Wiederholung lernt. Wenn
die Prinzipien im Unterricht nicht gezielt permanent wiederholt werden, können
die Teilnehmer zwar erklären und glauben, dass sie alles verstanden haben - aber
in Wirklichkeit stimmt das nicht.
Lassen Sie sich also Zeit und beachten Sie die Anweisungen peinlich genau. Ich
möchte nicht behaupten, dass Chi Gung kinderleicht zu erlernen ist, aber es ist
auch nicht unüberwindlich schwer - vor allem dann, wenn Sie an seinen unver-
gleichlichen Nutzen denken.

82
Kapitel 4

Chi Gung und


andere Übungen
Nicht alle Übungen sind gleich. Auch wenn es bei allen um die Bewegung Ihres
Körpers geht, können sie äußerst unterschiedliche physische, mentale und emotio-
nale Erfahrungen hervorrufen. Obwohl sowohl Chi Gung wie auch andere Übungen
auf Ihren Körper wirken und Sie verändern, sind verschiedene Teile in unterschied-
lichem Maße davon betroffen. Beispielsweise verbessern Laufen und Chi Gung die
Blutzirkulation im Körper, doch wird dies auf ganz andere Weise erreicht (siehe
auch Seite 49 und 53).

Die äußere Übung


Äußere Übungen bewegen gewöhnlich Ihren Rumpf und Ihre Gliedmaßen kräftig und
anhaltend. Sie laufen, springen, beugen sich, bewegen die Arme, heben die Beine,
beanspruchen die Muskeln. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Aerobic-Übun-
gen, welche die Leistung von Herz und Lungen anregen und erhöhen, die großen
Muskeln des Körpers kräftigen und Ihnen dabei helfen, in Form zu bleiben. Sie redu-
zieren auch Stress, weil sie den Spiegel von Endorphinen (natürliche Beruhigungs-
mittel) und Katecholaminen (Stimmungsaufheller) im Körper erhöhen. Sie können
auch die Entspannung von Muskeln unterstützen, die durch Stress verkrampft sind.
Zu äußeren Übungen gehören Krafttraining, Fahrradfahren, Laufen, Rudern, Wal-
king, Gymnastik, Stepptanz, Jazzgymnastik usw. Die meisten westlichen Sportarten
sind Erweiterungen von äußeren Übungsformen und schließen sie in ihr Training
ein. Auch die meisten Kampfkünste, wie Karate, Taekwondo und Kickboxen, sind
ihrem Wesen nach äußere Übungen.

83
Gesundheit und Langlebigkeit gehören zu den Zielen des Hatha-Yoga wie auch des Chi Gung.
Beide betonen das Dehnen, die Atmung und die Energiearbeit. Viele Praktizierende schulen
sich in beiden Disziplinen.

84
Chi Gung und andere Übungen

Die innere Übung


Bei der inneren Übung geht es darum, Sie zu schulen, sämtliche Aspekte Ihrer inne-
ren „Ökologie" zu spüren und zu verändern - und zwar auf physischer, emotionaler,
energetischer, mentaler, psychischer und spiritueller Ebene. Es geht um mehr, als
einfach nur dessen gewahr zu sein, was in Ihrem Geist abläuft, oder ihn darin zu
schulen, durchsetzungsfähiger oder motivierter bei der Erreichung Ihrer Ziele zu sein.
Die meisten Menschen sind nicht darin geübt, tief in ihren Körper hineinzufüh-
len. Sie können zwar spüren, wie sich ihre großen Muskeln bewegen, und Schmerz
empfinden und lokalisieren, aber nicht viel mehr als das. Der Grund dafür ist der,
dass ihnen nicht beigebracht worden ist, zu wissen und zu spüren, wie ihr Körper
arbeitet. Wenn man zum Beispiel mehrere Leute fragt, ob sie ihre Leber oder ihre
Nieren spüren können, wissen viele nicht einmal, wo sich diese Organe befinden,
und noch weniger können sie diese tatsächlich spüren.
Innere Übungen trainieren Sie nach und nach darin, den tiefen physischen und
energetischen Zustand im Inneren Ihres Körpers zu erspüren und die Art und Weise,
wie er Ihren Geist und Ihr höheres Bewusstsein beeinflusst. Während Sie den Zu-
gang zu tieferen Schichten erlernen, werden Sie mit den subtilsten und gleichzeitig
stärksten Kräften in sich arbeiten. Innere Übung lässt die Möglichkeit entstehen, Ihr
bewusstes Gewahrsein von Geist und Körper zu steigern. Je nach Energiesystem
wird, um Ihre Bewusstheitsebene zu erhöhen, die Betonung auf einige oder alle
der folgenden Elemente gelegt: körperliche Ausrichtungen (Biomechanik), Atmung,
Energie und Spiritualität.
Zu hauptsächlich inneren Übungen gehören die taoistischen Energiekünste, wie
Chi Gung, Tai Chi und Ba Gua, der klassische Hatha-Yoga, die taoistische und die
Pranayama-Atmung. Einige westliche Übungsformen, wie beispielsweise Pilates-Trai-
ning und Feldenkrais-Methode, verbinden die äußere Übung mit einigen Aspekten
der inneren Schulung. Sportbetreuer und Lehrer in den äußeren Kampfkünsten
nehmen zunehmend innere Elemente aus östlichen und westlichen Systemen in
ihre Trainingsformen auf.

Die Körperausrichtungen (Biomechanik)


Für Anfänger besteht der äußere Aspekt der inneren Übung in der Biomechanik.
Diese lehrt, wie verschiedene Körperteile ausgerichtet und darin trainiert werden

85
Kapitel 1

können, sich am leistungsfähigsten zu bewegen. Die Grundelemente beginnen bei


den physischen Ausrichtungen und Positionen des Körpers, und es wird darauf ge-
achtet, welche Wirkung die Ausrichtungen und Bewegungen auf die Koordination,
den Energiefluss, die Emotionen usw. haben. Biomechanik befasst sich mit den
folgenden Fragen:
• W i e korrigieren Sie solche Symptome wie einen krummen oder gebeugten
Rücken, ein eingesunkenes Zwerchfell, angespannte Schultern und Rücken-
muskeln?

• Auf welche Weise lassen sich die physischen Bewegungen Ihrer Gliedmaßen
am besten koordinieren, damit sie auf eine entspannte, synergetische und
ganzheitliche Weise zusammenwirken?
• Wie beeinflussen unterschiedliche Chi-Gung-Formen und Yoga-Asanas, Kör-
perausrichtungen, Positionen und Bewegungen Spannung und Stress?

• Wie kann Spannung nicht nur in Ihren Muskeln aufgelöst werden, sondern auch
in tieferen Körperschichten, w ie beispielsweise in Bändern, Sehnen, Gelenken,
Geweben, inneren Organen und Knochen?

• W i e können die Ausrichtungen Ihrer Muskeln, Knochen, Bänder und Gelenke


nach und nach dazu gebracht werden, auf höheren Ebenen der Leistungsfä-
higkeit zusammenzuarbeiten?
• W i e können Sie die Bewegung eines Körperteils von verschiedenen oder meh-
reren anderen Teilen mit bestimmten inneren Übungsfolgen für Muskeln oder
Gelenke hervorbringen oder mit Energie versorgen?
• Wie können Sie Körperausrichtungen dazu nutzen, um den Energiefluss zu
kontrollieren?

• Wie können Körper, Geist und Energe ausgerichtet werden, um sich gleichzeitig
und optimal zu bewegen?

O b w o h l alle diese Fragen mit Biomechanik zu tun haben, geben die verschiedenen
Übungssysteme mit ihren spezifischen Methoden unterschiedliche Antworten darauf.
Die westliche Militärhaltung zum Beispiel, bei der die Brust herausgedrückt und die
Schultern zurückgeschoben werden, der Bauch eingezogen und angespannt wird
und die Gelenke steif sind, wirkt unterstützend, um Wut und Aggression herbei-
zuführen, die gewöhnlich mit dem Kämpfen assoziiert werden. Die Körperhaltung
beim Chi Gung, wobei der Brustkorb gerundet ist und Gelenke und Bauch entspannt

86
Chi Gung und andere Übungen

sind, trägt dazu bei, die Ausgeglichenheit und Ruhe des Geistes zu fördern. Diese
Position ist auch eine wichtige Komponente bei den inneren Kampfkünsten.
Obwohl das Training in den differenzierteren Methoden der Biomechanik wahr-
scheinlich bei Ihren durchschnittlichen Körperübungen fehlt, findet es zunehmend
Eingang in die Sportmedizin, professionelles und olympisches Training sowie auch
in einige Amateursportarten und Kampfkünste.

Die Atmung
Östliche und westliche Mediziner haben schon seit langem die Bedeutung der At-
mung für die Gesundheit und die Auflösung von Spannung erkannt. Atemschulung
ist ein fester Bestandteil der meisten inneren Übungssysteme und zunehmend auch
des Trainings in den westlichen Sportdisziplinen. In vielen Meditations- und Gebets-
übungen wird Atemschulung dazu genutzt, um den Geist zur Ruhe zu bringen.
Das folgende Kapitel 5 behandelt die Unterschiede bei den westlichen und öst-
lichen Atemübungen und lehrt einige Grundtechniken der taoistischen Atmung.

Die Energie
Der Chi-Fluss durch die Energiebahnen des Körpers wurde bereits vor Tausenden
von Jahren wie auf einer Karte verzeichnet. Diese Karte ist genauso präzise wie das
Schaltbild eines elektrischen Leitungsnetzes. Einige östliche Medizinsysteme und
die mit ihnen verbundenen Übungsmethoden beruhen darauf, diesen Energiefluss
durch alle seine Kanäle im Körper zu spüren, ihn auszugleichen, von Blockaden
zu befreien und anzuregen. So besteht zum Beispiel ein gemeinsames Ziel der
ayurvedischen und chinesischen Medizin in der Ausgewogenheit unserer inneren
Energien. Die dafür angewendeten Methoden in ihrenTraditionen der Kräuterkunde,
Akupunktur und medizinischen Massage sind jedoch sehr unterschiedlich.

Die Spiritualität
Bei vielen östlichen Systemen der Körperübung steht eine spirituelle Tradition im
Mittelpunkt. Zum Beispiel beruht das in diesem Buch dargestellte taoistische Chi
Gung auf der meditativen Tradition des Tao, wie sie von Lao Tse und dem I Ging
überliefert wurde. Hatha-Yoga gründet auf den Yoga-Sutras des Patanjali, über die
viele Deutungen und Kommentare verfasst worden sind.

87
Kapitel 1

Sowohl im Yoga wie im Chi Gung sind auf dem Körper beruhende innere Übun-
gen die Vorbereitung für den jeweiligen spirituellen Weg. Beide können jedoch
auch nur mit dem Ziel praktiziert werden, die Gesundheit zu verbessern, Stress zu
reduzieren und den Geist zu beruhigen.

Taoistisches Chi Gung wirkt vor allem innerlich


Der Nutzen der in diesem Buch gelehrten Elementarübungen des Chi Gung wird
hauptsächlich durch die Arbeit mit Biomechanik, Atmung, Energie und Spiritualität
auf immer differenzierteren Ebenen erreicht. Die Betonung liegt darauf, dass Sie
spüren, wie Ihre Bewegungen solche Funktionen beeinflussen wie:

• die Ausdehnung und Zusammenziehung Ihrer Gewebe


• die Zirkulation Ihrer Körperflüssigkeiten
• den Energiefluss und Ihre Nervenimpulse
• die Druckfestigkeit und Massage Ihrer inneren Organe

Chi Gung erhöht Ihr bewusstes Gewahrsein Ihrer inneren Körperfunktionen und
ermöglicht es Ihnen, diese zu verändern und zu verbessern.

Chi Gung führt zu Nei Gung


Die vollständigste Version der taoistischen Herangehensweise an Chi Gung ist das
16-teilige System des Nei Gung (siehe Kapitel 15). Hier lernen Sie, all Ihrer subtilen
Energieströme, die Ihren physischen Körper, Ihre Emotionen und Gedankenmuster
mit Energie versorgen, gewahr zu werden und diese direkt zu beeinflussen.
Nei Gung hilft Ihnen dabei, sich auf einer subtilen Ebene damit zu befassen, wie
Sie sämtliche unzusammenhängende Teile, die Sie ausmachen, miteinander ver-
binden, bis alle Ihre Energiemuster auf eine ausgewogene und unblockierte Weise
kräftig, gleichmäßig und vollständig werden.
Sie werden mit den physischen Energiekomponenten direkt unter Ihrer Haut
beginnen und nach und nach dazu übergehen, die Energie in all Ihren Muskeln,
Bändern, Gelenken und in der Wirbelsäule, schließlich auch in Ihren Körperflüssig-
keiten, inneren Organen und Drüsen zu beeinflussen und auszugleichen.
Wenn das Gewahrsein Ihres Körpers und Ihrer Energie ausreichend vorbereitet ist,
werden Sie die differenzierteren inneren Meditationsübungen erlernen, die mit den
Energien der Emotionen, der Psyche und vor allem mit dem arbeiten, was im Osten

88
Chi Gung und andere Übungen

als Karma bezeichnet wird. Diese Stufe der inneren Übung verlangt nicht nur eine
Menge Feingefühl und Hingabe, sondern auch den Mut, mit Schmerz, Erwartungen
und negativen Emotionen im eigenen Inneren umzugehen.

Die Beziehung zwischen Körper/Geist


beim Chi Gung
Chi Gung ist eine wirksame und systematische Methode, um Ihre Koordination zu
verbessern - ungeachtet Ihres Alters oder Körpertyps.
Ihr Gehirn kontrolliert Ihre Muskeln über Ihr Nervensystem. Manche Menschen,
besonders geborene Athleten, haben ein wunderbar entwickeltes Nervensystem. Sie
brauchen eine Bewegung nur gezeigt bekommen und können diese schon ausführen.
Sie sind jedoch in der Minderheit. Außerdem nehmen die Geschwindigkeit und die
Leichtigkeit, mit der das Nervensystem lernt, mit dem Alter beim Durchschnitts-
menschen ab. Ein Zehnjähriger w i r d eine beliebige athletische Funktion weitaus
schneller als ein Vierzig- oder Fünfzigjähriger erlernen.
Zum Glück haben die alten chinesischen Taoisten diese Chi-Gung-Techniken ent-
wickelt, um das Nervensystem zu schulen, Geist und Körper besser miteinander zu
verbinden und uns dabei zu helfen, damit wir uns nicht unnötig abmühen. Die Kör-
per/Geist-Techniken des Chi Gung sind besonders nützlich für jede Aktivität, wobei
physische Koordination wichtig ist: Körperübung, sportlicher Wettkampf und Tanz.

Chi Gung als innere Aufwärmübung


Die Elementarübungen in diesem Buch sind nützlich als Aufwärmübungen für
Sport, Yoga und Tanz. In der Wirkung unterscheiden sie sich jedoch erheblich von
den Dehnungen und anderen Übungen, die ein Läufer, Karate-Kämpfer oderYoga-
Praktizierender ausführt. Chi Gung soll in der Aufwärmphase:

• Ihren Geist so ruhig und stabil wie möglich machen


• alle inneren Verbindungen zwischen Ihren verschiedenen Körperteilen und
Ihrem Geist aktivieren

• die Leistungsfähigkeit Ihrer inneren Organe auf ein hohes Niveau steigern

89
Kapitel 1

• die Wirbelsäule und alle Gelenke Ihres Körpers öffnen, um die Flexibilität,
Beweglichkeit und Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen

• Heilprozesse und die Vorbeugung von Verletzungen durch ein stetiges erhöhtes
Gewahrsein Ihrer körperlichen Grenzen unterstützen

Wenn Sie die Elementarübungen über einen längeren Zeitraum praktizieren, kön-
nen Sie eine entspannte Kraft und Geschmeidigkeit entwickeln, die für den Durch-
schnittsmenschen gewöhnlich nicht zu erreichen ist.
Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua erscheinen den meisten Menschen als äußerst
komplex und zeitaufwendig. Das entmutigt sie leicht und sie geben die Praxis bald
wieder auf. Die hier vorgestellten Übungen besitzen den großen Vorteil, dass sie
nur wenige äußere Bewegungen enthalten und mehr Zeit für die innere Entwick-
lung lassen. Wenn sie gründlich studiert und sorgfältig praktiziert werden, helfen
sie Ihnen dabei, später die komplexen Bewegungsmuster der inneren Kampfkünste
schneller und mit weniger Frustration zu lernen.

Crosstraining mit Chi Gung


Für Sportler und Praktizierende aller Übungssysteme ist es üblich, sich in mehreren
Techniken zu trainieren, um damit die Leistung der hauptsächlichen Aktivität zu
steigern.
Um herauszufinden, ob Sie ein solches Crosstraining aufnehmen sollten oder
nicht, ist es sinnvoll, Ihre Entscheidung auf eine Art von Kosten/Nutzen-Analyse zu
stützen und mit Ihrem gegenwärtigen bzw. potentiellen Trainer, Lehrer oder Betreuer
darüber zu sprechen. Welche Art von Training kann die Hauptaktivität unterstützen?
Welche Ziele haben Sie? Wollen Sie schneller, kräftiger oder lockerer werden?
Erzeugt eine Übungsform höhere physische Funktionstüchtigkeit, hat aber keinen
Einfluss auf Ihre äußere Erscheinung oder umgekehrt? Welche Risiken sind mit der
Übung verbunden? Nachfolgend einige der gebräuchlichen Abstimmungen, die Sie
vielleicht in Betracht ziehen wollen.

Bewusstes Anspannen oder Entspannen


von Muskeln und Gelenken
Bei vielen Übungssystemen werden die Muskeln entweder angespannt oder ent-
spannt. Krafttraining erfordert beispielsweise, dass Sie Ihre Muskeln anspannen, und

90
Chi Gung und andere Übungen

die Tritte und Hiebe beim Karate verlangen von Ihnen, Ihre Gelenke zu schließen
und Ihre Muskeln am Kontaktpunkt anzuspannen. Beim Chi Gung müssen Sie da-
gegen Ihre Muskeln und andere innere Körperteile bewusst entspannen und dürfen
Ihre Gelenke niemals schließen.
Das Anspannen der Muskeln kann nützlich beim „Bodybuilding" sein, wenn
man einen muskulösen Körper erhalten will. Die meisten Chi-Gung-Übungen ver-
bessern zwar die Leistung, beeinflussen das äußere Erscheinungsbild aber nicht in
auffälliger Weise.
Sie können mehr Stärke, Schnelligkeit und Kraft mittels Anspannung, aber auch
durch Entspannung erreichen. Chi Gung ist dafür bekannt, dass es schneller und
beweglicher macht. Wenn Sie durch Entspannung innere Stärke und Ausgewogenheit
erzeugen, werden Sie größere Schnelligkeit, einsetzbare Kraft, Koordination und Fle-
xibilität erlangen. Entspannte, lockere Muskeln bewegen sich rascher als angespannte.
Chi Gung erhöht die Geschwindigkeit, mit der Chi durch Ihre Nerven und Kör-
perflüssigkeiten zirkuliert. Das ist deshalb wichtig, weil der Antrieb für physische
Schnelligkeit, Reflexe, Muskelentspannung und fließende Bewegung von Ihren
Nerven kommt: Je entspannter diese sind, desto schneller ist Ihre Reaktionszeit
zwischen Gedanke und Handlung, auf der physischen wi e der mentalen Ebene.
Die Fähigkeit, Schnelligkeit, Kraft und Beweglichkeit zu erringen, beruht auf der
gleichmäßigen Bewegung aller Körperflüssigkeiten - nicht nur des Blutes, das den
Sauerstoff transportiert, sondern auch der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, der Ge-
lenkschmiere und der Flüssigkeit im Zwischengewebe, die einen direkten Einfluss
auf Wirbelsäule, Gehirn, Gelenke und Zellen haben.
Durch die Chi-Zirkulation lassen sich alle Körperteile leichter miteinander ver-
binden und koordinieren, damit sie gleichmäßig und effizient zusammenarbeiten.
Anspannung und ein träges Chi behindern diese Koordination.
Chi-Gung-Training ruft keine Verletzungen hervor und ist keine Belastung für die
Gelenke, was besonders für ältere Menschen wichtig ist.

Abstimmungen für den Yin- und Yang-Typ


Im Rahmen der taoistischen Übungen wird jeder Mensch als eine Verbindung aus
Yin- und Yang-Elementen angesehen. Yin besitzt die Eigenschaften des Wassers
und Yang diejenigen des Feuers. Ihr Nervensystem neigt dazu, entweder schwach
(Yin) oder stark (Yang) zu sein, und dies bedingt, wie sich verschiedene physische
Krankheiten und Lebenseinstellungen bei Ihnen äußern.

91
Kapitel 1

Wenn Sie chinesische Ärzte fragen, ob Sie eine bestimmte Art von Übung machen
sollen, dann berücksichtigt deren Antwort, ob Sie hauptsächlich ein Yin- oder ein
Yang-Typ sind.
Yin wird mit weiblichen Qualitäten assoziiert, wie Nachgeben, Ruhe und Sanft-
heit. Übermäßige Yin-Qual¡täten können jedoch das Nervensystem schwächen und
zu körperlicher Trägheit und Emotionen führen, die überspannt, in passiverWeise
aggressiv, depressiv oder neurotisch sind. Die negativen gesundheitlichen Tenden-
zen der vorwiegend Yin-betonten Persönlichkeit verlaufen zu einem allmählichen
Funktionsverlust und einem langsamen Schwund bis hin zum Tod.
Yin-Typen fühlen sich auf natürliche Weise zu Übungen hingezogen, die sanft
sind, die Muskeln weich machen und Spannung auflösen; sie ziehen auch größeren
Nutzen daraus. Durch die Praxis von Chi Gung und Tai Chi wird die Yin-Konsti-
tution verbessert. Im Allgemeinen erreichen sie die gleichen Ergebnisse nicht mit
Yang-Übungen, wie stark ihre Entschlossenheit und Willenskraft auch sein mag.
Das Nervensystem desYin-Typs kann sich nur schwer an die Beanspruchung durch
anstrengende Körperübungen anpassen, und Yin-Typen werden Yang-Übungsformen
schnell wieder aufgeben.
O b w o h l viele Übungen Depressionen bis zu einem gewissen Grade dadurch
mindern, dass sie den Körper in Bewegung bringen, kann die Sanftheit von Chi Gung
besonders hilfreich für diejenigen sein, die physische Aktivität brauchen, welche
ihr geschwächtes Nervensystem nicht überanstrengt. Sobald sich ein geschwächter
Yin-Typ durch Chi Gung entspannt und gekräftigt fühlt, w i r d er es vielleicht für
sinnvoll halten, sanfte Yang-Übungen hinzuzufügen, wi e beispielsweise leichtes
Widerstandstraining oder Walking.
Yang wird mit sogenannten männlichen Qualitäten assoziiert, wie Aggression,
Kraft und Anstrengung, um ein Ziel zu erreichen. Ein Yang-betontes Nervensystem
findet sich bei Persönlichkeiten vom Typ A. Yang-Typen werden leicht ärgerlich und
neigen zu körperlicher Anspannung; sie können „Adrenalin-Junkies" sein. Die ne-
gativen gesundheitlichen Tendenzen der vorwiegend Yang-betonten Persönlichkeit
liegen eher in einer plötzlichen Verschlechterung; sie machen immer weiter und
erleiden dann unvermittelt einen Herzanfall oder Schlaganfall.
Yang-Typen fühlen sich auf natürliche Weise zu Yang-Übungen hingezogen, wie
beispielsweise Wettlauf oder Krafttraining, aerobisches Hochleistungstraining oder
aggressive Wettkampfsportarten, so wie Fußball oder Basketball.

92
Chi Gung und andere Übungen

Wenn Yang-Typen, die hauptsächlich Yang-Übungen machen, diese mit ande-


ren Übungstechniken kombinieren wollen, sollten sie sich die folgenden Fragen
stellen:

• Führt das Ausleiten von überschüssigem Adrenalin dazu, dass sich Ihre Energie
verbraucht und erschöpft anfühlt, auch nachdem Sie eine kurze Ruhepause
eingelegt haben?
• Sind Ihre Nerven dadurch stärker aufgeladen oder angespannter?
• Wird durch die Übung gewöhnlich gefühlsmäßige Unruhe ausgelöst und die
Neigung verstärkt, frustriert zu sein und die Geduld zu verlieren?

Wenn diese Fragen mit Ja beantwortet werden, ist es an der Zeit, ein Yin-Übungs-
programm, wie beispielsweise Chi Gung, hinzuzufügen, das zur Entspannung bei-
tragen wird.
Das Gleiche gilt, wenn Yin-Typen jahrelang ausschließlich Chi Gung und Tai
Chi geübt haben und diese Fragen immer noch mit Ja beantworten; sie sollten ihre
Praxis dann mit einem stärker Yang-betonten Übungssystem kombinieren, wie bei-
spielsweise leichtes Widerstandstraining oder Pilates, damit ihr Organismus mehr
Yang-Ausgleich erhält.

Stress reduzierende und Stress erzeugende Übungen


Obwohl die meisten westlichen Ärzte erklären, dass jede Körperübung Stress redu-
ziert, sehen chinesische Chi-Gung-Ärzte das anders. In der Regel werden sie sich
bei Ihnen erkundigen, welche Art von Stress Sie erleben, und darauf achten, wie
eine bestimmte Übung diesen Stress reduzieren oder verschlimmern könnte.
Stress wird im Körper, in den Emotionen und im Geist erlebt. Das moderne elek-
tronische Zeitalter hat eine Bevölkerung mit vorwiegend sitzender Lebensweise
hervorgebracht, wobei die meisten Menschen ihren Verstand und ihr Nervensystem
weitaus mehr als ihre Muskeln beanspruchen. Durch Stress können Sie sich nervös
oder träge fühlen oder Schmerzen haben. Er kann in Form von emotionaler Erschöp-
fung, unkontrollierten negativen Gefühlen und häufigen Stimmungsschwankungen
erlebt werden. Außerdem kann Stress Ihre mentale Energie, Ihre Konzentration,
Klarheit und Kreativität aufbrauchen und vermindern.
Wenn Ihr Hauptproblem körperlicher Stress ist, können vor allem Yang-betonte
Aerobic-Übungen, so wie Wettlauf, die Ihr Blut schneller fließen lassen und mit

93
Kapitel 1

Sauerstoff anreichern, Stresshormone verbrennen und Ihren wetteifernden Geist


wecken, Ihnen dabei helfen, gegen Ihren Stress anzugehen. Wenn jedoch emotio-
naler und mentaler Stress stärker wahrnehmbar ist, müssen Sie den physischen
Druck und die ständigen Muskelkontraktionen, die aufgebaute Spannung in Ihrem
Nervensystem und die Blockaden in Ihren Energiekanälen auflösen. Fügen Sie in
diesem Fall sanfte, Yin-betonte Übungsformen wie Chi Gung und Tai Chi hinzu;
diese wirken besänftigend, entlastend, ausgleichend und regenerierend auf die
Energiekanäle und die Nerven.

Chi Gung als Crosstraining


Chi Gung steigert die Leistung vieler Sportler und Praktizierender der äußeren
Kampfkünste. In diesem Kapitel werden zwei populäre Sportarten, Krafttraining und
Golf, als stellvertretende Beispiele für Übungen mit hoher und geringer körperlicher
Belastung dafür verwendet, um die nutzbringende Wirkung von Chi Gung besser
verstehen zu können.

Krafttraining
W i e kann Chi Gung, ein Übungssystem, das darauf beruht, die Muskeln zu ent-
spannen und weicher zu machen, Krafttrainern helfen, die ihre Muskeln hart, stark
und wohlgeformt machen wollen?
Chi Gung reduziert die Kehrseite des Krafttrainings, während es gleichzeitig seine
Vorteile verbessert. Es ermöglicht Ihnen, Ihre Flexibilität, Stärke und Drehfähigkeit zu
erhöhen. Chi Gung verbessert Ihre Koordination und bringt Kraft von Ihren Beinen
zu Ihren Armen. Ein Praktizierender braucht weniger Zeit, um sich zu regenerieren,
bevor er nochmals einen Versuch wagt.
Krafttraining kann die Muskeln allzu hart und fest machen, wodurch ihr Bewe-
gungsspielraum begrenzt wird.Wenn Sie sich zu schnell in irgendeine Richtung
bewegen oder wenn ein Muskel steif bleibt und ein anderer an ihm zerrt, kann dies
zu Muskelverstauchungen und Muskelrissen, Schäden an der Rotatorenmanschette
des Schultergelenks oder am Rücken führen. Chi Gung vermindert das Risiko für
geschädigte Muskeln, Rückenprobleme und überdehnte Gelenke. Es erhöht Ihre
innere Sensibilität und hilft Ihnen zu erkennen, wann Sie übertreiben.

94
Chi Gung und andere Übungen

Krafttraining kann die Anspannung in Ihrem Körper verstärken und Auslöser für
Adrenalinausschüttungen, emotionale Ausbrüche und Ärger sein. Durch Chi Gung
werden die Spannungen und Stressauslöser reduziert, wodurch es Ihnen möglich
wird, Muskeltonus und Stärke aufzubauen.

Golf
Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Golf und Chi Gung. Beide sind verhältnis-
mäßig sanfte Übungsformen. Beide konzentrieren sich auf die Koordination der
Handbewegungen mit einer Gewichtsverlagerung und Hüftdrehung, damit die
verschiedenen Körperteile zusammenarbeiten. Beide fördern Geduld und mentale
Konzentration. Beide versuchen, durch Entspannung, Schnelligkeit und Präzision
der Bewegung-anstatt durch Muskelanspannung und rohe Gewalt - Kraft und eine
bessere Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Wenn wir die emotionalen Reaktionen von
Frustration und Ärger außer Acht lassen, die manche Golfspieler vielleicht erleben,
dann haben Golf und Chi Gung als Übungen mit körperlich geringer Belastung
potentiell so gut wie keine negativen Auswirkungen auf den Körper.
Zu den Elementarübungen in diesem Buch gehören drei Schwungübungen (vgl.
die Kapitel 11 -13). Diese schulen Golfspieler darin, sich korrekt in jeder Richtung zu
drehen und ihr Gewicht so zu verlagern, dass die Knie nicht negativ belastet werden.
Sie geben dem das Gewicht tragenden Bein größere Stabilität, was in einer besseren
Standfläche resultiert, um einen Anschlag zu machen oder einen Putt zu spielen.
Die in diesem Buch gelehrte Übung der Wolkenhände steigert die Sensibilität
und Kraft der Hände, was die für lange und kurze Pütts benötigte Kontrolle fördert.
Die Schwungübungen lockern Ihre Schultern, Hüften undTaille; das versorgt Sie
mit entspannter Kraft, um den Ball abspielen zu können. Die erste Schwungübung
lockert die Drehfähigkeiten Ihrer Beinmuskeln, die dazu benutzt werden, um Ihr
Gewicht gleichmäßig zu verlagern, während Sie sich umdrehen, um Ihren Schlag
energisch auszuführen. Die erste und die zweite Schwungübung ermöglichen es
Ihnen, Kraft aus Ihren Beinen und Ihrem Rücken zu ziehen und durch Ihre Arme zu
leiten, was sehr wichtig dafür ist, um den Ball über eine lange Strecke zu schlagen.
Die dritte Schwungübung arbeitet mit den gleichen grundlegenden Auf-und-Ab-
Bewegungen der Arme wie ein Golfschläger und wirkt unterstützend darin, Arme
und Beine miteinander zu verbinden, damit sie sich zusammen bewegen, während
Sie sich drehen und Ihr Gewicht verlagern.

95
Kapitel 1

Diese Schwungübungen lockern alle Ihre Muskeln und Gelenke, was Ihnen dabei
helfen kann, jeden Ballsport zu spielen.
Alle in diesem Buch beschriebenen Elementarübungen tragen zum Gleichgewicht
der beiden Körperseiten bei.

Hatha-Yoga und Chi Gung


Hatha-Yoga und Chi Gung sind die beiden wichtigsten Methoden, von denen sich
alle östlichen Übungssysteme ableiten.
Hatha-Yoga verwendet Körperstellungen (Asanas) und Atemkontrolle (Prana-
yama), um die feinstofflichen Kanäle (Nadis) mit Energie zu versorgen. Chi Gung
benutzt Bewegung und Atmung, um Chi zu lenken und auszugleichen.
Die Methoden und Techniken, womit diese beiden Übungssysteme ihre Ziele ver-
wirklichen, sind jedoch unterschiedlich. Beim Hatha-Yoga dehnen Sie sich, um sich
zu entspannen, während Sie sich beim Chi Gung entspannen, um sich zu dehnen.
Hatha-Yoga verlangt von Ihnen, dass Sie sich in ein Asana hineindehnen, so
weit Sie dazu fähig sind, und dieses dann beibehalten, was oft mit einem gewissen
Maß an Spannung in Ihrem Körper verbunden ist. Dann entspannen Sie sich und
geben diese Position wieder auf. Starke Betonung wird dabei auf Willenskraft und
Körperbeherrschung gelegt.
Bei jeder Bewegung im Chi Gung wird von Ihnen verlangt, den Punkt heraus-
zufinden, der etwa 70 Prozent der maximalen körperlichen Ausdehnung oder des
Bewegungsspielraums entspricht. Wenn Sie diesen Punkt festgestellt haben, dann
entspannen Sie möglichst alles in Ihrem Körper, Geist und Bewusstsein. Das Ziel
besteht darin, Ihre Nerven zu entlasten, wodurch sich alles in Ihrem Körper auf
natürliche Weise entspannen und strecken kann. Starke Betonung wird auf konti-
nuierliche und bewusste Entspannung gelegt, bis Ihr Körper seine Spannung loslässt
und sich ganz von selbst dehnt.

Chi Gung verbessert die Praxis des Hatha-Yoga


Die innere Übung des Chi Gung kann Sie darauf einstimmen, wie die verschiedenen
Asanas auf Ihre tieferen körperlichen und emotionalen Schichten einwirken. Die
Betonung des Chi Gung auf Biegsamkeit und Weichheit verleiht Ihren Nerven die

96
Chi Gung und andere Übungen

Fähigkeit zur Muskelentspannung, so dass Sie die Flexibilität bekommen, die Sie
brauchen, um Yoga-Stellungen einnehmen und halten zu können. Während Sie die
Asanas ausführen, erhöht Chi Gung Ihr Gewahrsein der Bewegungen der Chi- oder
Prana-Energie. Seine Betonung von Mäßigung hält Sie von Überdehnung ab, die
zu Verletzungen führen kann.

Taoistischer Yoga
SeitTausenden von Jahren hat es bei den chinesischen Taoisten eine eigene Version
des Yoga gegeben. Anstatt wie Chi Gung mit Bewegung zu arbeiten, konzentriert
sich der taoistische Yoga darauf, den Asanas des Hatha-Yoga ähnliche Stellungen
einzunehmen und beizubehalten.
Taoistische Yoga-Stellungen werden hauptsächlich auf dem Boden ausgeführt und
ähneln einfachen Hatha-Yoga-Stellungen. Der taoistische Yoga vermeidet schwierige
Dehnungen, w ie beispielsweise die Füße hinter den Kopf zu legen. Im Vordergrund
steht eine sanfte Herangehensweise, der Fokus liegt auf der Arbeit mit den Nerven
und Energiekanälen.
Beginnen Sie mit einer nur minimalen Deh-
nung. Halten Sie sich dann an das Prinzip, Ihren
Körper niemals absichtlich anzuspannen, und
verstärken Sie die Dehnung, wobei Sie sich ent-
spannen und die Energie in Ihrem Inneren be-
wusst von jeglichen Blockaden befreien. Das Ziel
besteht darin, alle Prinzipien des taoistischen Nei
Gung zu lernen und nach und nach in jede Kör-
perstellung zu integrieren (siehe Kapitel 15). Dazu
gehört, blockierte Energie in Akupunkturbahnen
und Akupunkten aufzulösen, die Flüssigkeiten in
Ihren Gelenken, inneren Organen und Rücken-
wirbeln pulsieren zu lassen und die Energie im
Ätherkörper Ihrer Aura zu lenken.
Eine verhältnismäßige schwierige
Stellung aus dem Hatha-Yoga,
w i e sie gewöhnlich im taoistischen
Yoga nicht vorkommt.

97
Kapitel 1

Taoistisches Chi G u n g Hatha-Yoga

Die meisten Übungen werden Die Stellungen werden in statischen,


hauptsächlich im aufrechten Stand bewegungslosen Positionen gehalten
und mit kontinuierlicher Bewegung und meistens auf dem Boden
ausgeführt ausgeführt

Keine extremen Positionen auf Die mittleren und fortgeschrittenen


irgendeiner Praxisstufe Stufen beinhalten extreme
Körperdehnungen

Theorie, grundlegende Theorie und Herangehensweise sind


Herangehensweise und Übungen linear, die Zahl von kreisförmigen
basieren gänzlich auf der Kreisform Bewegungen ist begrenzt

Die medizinische Perspektive beruht Die medizinische Perspektive beruht


auf der traditionellen Akupunktur und auf der traditionellen indischen
der chinesischen Medizin Medizin, dem Ayurveda

Die Energiearbeit beruht auf Chi und Die Energiearbeit beruht auf Prana,
Prinzipien der Akupunktur und wird Mantras und Chakras und wird
durch die inneren Techniken des taois- durch Visualisierung, Energie- und
tischen Nei-Gung-Systems entwickelt Atemübungen entwickelt

Betonung der 70-Prozent-Regel, Normalerweise wird betont, beim


niemals die Gelenke zu verschließen Ausdehnen und Strecken bis
oder den Bewegungsspielraum bis 100 Prozent zu gehen
100 Prozent auszudehnen

Keine Rückenbeugungen oder Viele Rückenbeugungen und


Umkehrstellungen Umkehrstellungen

Keine Muskelanspannung im Körper; Anspannung eines Muskels, damit er


Entspannung durch kontinuierliche anschließend entspannt werden kann
Auflösung aller Spannung in den
Nerven und Muskeln

Der Atem w i r d niemals angehalten Der Atem wird oft angehalten

98
Kapitel 5

Atem und Chi

Westliche und östliche Mediziner halten gute Atemgewohnheiten für überaus wich-
tige Komponenten von Gesundheit, Entspannung, Langlebigkeit und Spiritualität.
Obwohl die meisten Menschen wissen, wann sie sich ungesund ernähren oder
schlecht schlafen, achten nur verhältnismäßig wenige darauf oder merken, wie sie
atmen.
Leider atmen viele Menschen schlecht und machen flache Atemzüge, ohne
ihre Lungen voll zu beanspruchen. Wenn sie älter werden, leiden sie dann unter
Kurzatmigkeit, und dies ist ein Vorbote von schlechter Gesundheit, Schwäche und
Depression.
Von allen Übungen zur Selbsthilfe ist die richtige Atmung eine der wirksamsten
Methoden, um den gesundheitlichen Gesamtzustand zu verbessern und den mit
dem Alterungsprozess verbundenen Verfall zumindest zu mildern. Deshalb beginnen
die taoistischen Energieübungen mit der Atmung.
Dieses Kapitel wird die Grundlagen des Programms der Langlebensatmung ver-
mitteln und damit die Basis für taoistisches Chi Gung und andere Energie- und
Meditationsübungen. Die Techniken sind leicht zu erlernen, aber Praxis ist trotzdem
erforderlich.

99
Bruce Frantzis hilft einem Schüler dabei, gleichzeitig in seinen Bauch
und seinen oberen Rücken zu atmen.

100
Atem und Chi

Der Unterschied zwischen


taoistischer Atmung und
Langlebensatmung
Die taoistische Atmung ¡stein grundlegender Bestandteil der gesamten taoistischen
Langlebenspraxis. Obwohl diese Übungen Tausende von Jahren alt sind, habe ich
meine eigene Methode entwickelt, sie zu unterrichten, nämlich das Programm der
Langlebensatmung. Als taoistischer Linienhalter muss ich sicherstellen, dass die
taoistischen Praktiken ganz exakt gelehrt werden und der Tradition entsprechen.
Die Langlebensatmung macht diese Übungen zugänglich und leicht zu erlernen,
besonders für westliche Praktizierende. Diese Methoden können sich allerdings
ziemlich von denen unterscheiden, die andere Lehrer anwenden, um taoistische
Atmung zu unterrichten.

Mit dem Bauch atmen


Die Langlebensatmung beginnt mit der Atmung aus dem Bauch. Sie ist der Art und
Weise nachgebildet, wie Babys atmen. Alles im Körper eines Babys bewegt sich
im Rhythmus mit den Atemzügen. Wenn sich die Lungen des Babys mit Luft füllen,
dehnen sich alle inneren Organe, Gewebe und Blutgefäße aus. Babys haben einen
unglaublich kräftigen Atemmechanismus.Sie können stundenlang weinen oder
schreien und sich ständig in einem Maß umherbewegen, das die meisten Erwach-
senen erschöpfen würde.
Stellen Siesich Ihren Bauch als einen Zylinder vor und Ihren Atem als Hilfsmittel,
um diesen Zylinder gleichmäßig von seiner Mitte aus in alle Richtungen auszudeh-
nen. Genau im Zentrum Ihres Körpers, etwa 5 bis 7 cm unterhalb Ihres Nabels,
liegt ein wichtiger Energiepunkt, den die Chinesischen als unteres Tantien (japan.
Hara) bezeichnen. Ihr Bauch reicht vom unteren Tantien nach oben bis zum Solar-
plexus (der ersten weichen Stelle, auf die Sie stoßen, wenn Sie von der Mitte Ihres
Brustbeins leicht nach unten klopfen) am Zwerchfellmuskel und nach hinten, wo
das Zwerchfell auf Ihre Wirbelsäule stößt (siehe Abb. 5-1). Zu Ihrem Bauchbereich
gehören Leber, Milz, Magen und Nieren, aber nicht der Brustkorb und die Rippen.

101
Kapitel 1

Auch wenn Sie vielleicht fit und attraktiv aussehen, wenn Sie einen flachen
eingezogenen Bauch haben, macht das Ihren Körper nicht entspannt und kann
zu gesundheitlichen Problemen führen, wenn Sie älter werden. Ein straffer und
kompakter Bauch w i r d gewöhnlich nur durch ständige Anspannung erlangt und
beibehalten. Diese kann die Bänder verkürzen, die an Ihren inneren Organen
befestigt sind, sowie die inneren Organe zusammenpressen und den Blutzustrom
zu ihnen abschneiden. Lange in Ihrem Bauch festgehaltene Anspannung kann zu
Geschwüren, Hernien, Verdauungsproblemen usw. führen. Viele Menschen erleben
negative Emotionen und Angstgefühle direkt in Ihrem Bauch.
Durch die taoistische Atmung soll Ihr Bauch entspannt werden, damit er sich
mit Ihrer Atmung ausdehnen und zusammenziehen kann. Das lässt Ihr Zwerchfell
richtig arbeiten, bringt Luft in alleTeile Ihrer Lungen, verbessert die Blutzirkulation
zu Ihren inneren Organen und entspannt Ihr Nervensystem.

Wirkungen aus der Langlebensatmung


Das Wesen der taoistischen Atmung besteht darin, dass alles im Inneren Ihres Körpers
dazu gebracht wird, sich synchron mit Ihrer Atmung zu bewegen. Dadurch wird
das Innere Ihres Körpers ganz lebendig, energievoll und gesund. Das entwickelt
Ihre Fähigkeit, sich jederzeit entspannen und über einen längeren Zeitraum auf das
konzentrieren zu können, was Sie gerade tun, ohne abgelenkt zu werden. Diese
Ziele werden durch die Langlebensatmung auf folgende Weise erreicht:

• Sie fördert die Menge an Sauerstoff und den Ausgleich von Sauerstoff und
Kohlendioxid im Körper

• Sie gewährleistet, dass Kohlendioxid vollständig ausgeschieden wird


• Sie übt das Nervensystem wieder darin, sich zu entspannen
• Sie verbessert die Funktionsweise der inneren Organe
• Sie erhöht das Chi-Niveau im Körper

Der Sauerstoffspiegel wird erhöht


Der Sauerstoff in Ihrem Blut versorgt den Stoffwechsel, die Zirkulation und Ihre Hei-
lungskräfte mit Energie. Ein sinkender Sauerstoffspiegel macht Sie anfällig für Krank-
heiten, schwache körperliche und geistige Leistungen sowie krankhafte Emotionen.

102
Atem und Chi

Die meisten westlichen Ärzte empfehlen Aerobic-Übungen als beste Art und
Weise, um die Sauerstoffmenge im Körper zu erhöhen. Die Methoden der Langle-
bensatmung erreichen dasselbe. Wenn Chi Gung zusammen mit der Langlebens-
atmung praktiziert wird, dann fließt der Sauerstoff gleichmäßig und ausgewogen
durch Ihren ganzen Körper.

Kohlendioxid wird ausgeschieden


Durch die Langlebensatmung wird Kohlendioxid ausgeschieden und die Menge an
brauchbarem Sauerstoff, den Sie einatmen, erhöht.
Selbst wenn Sie ausreichend Sauerstoff in Ihren Organismus einatmen können,
werden Sie velleicht nicht tief oder lange genug ausatmen, um alles Kohlendioxid
in gewünschter Menge auszuscheiden. Normalerweise ist der untere Teil der Lungen
immer zu etwa einem Viertel mit Kohlendioxid gefüllt. Dadurch können nur drei
Viertel der Lungen mit Sauerstoff gefüllt werden oder bleiben ungenutzt. Da die
Ausatmung im Verhältnis zur Einatmung immer schwächer wird, vermindert sich
dadurch die Fähigkeit des Körpers, sich mit Sauerstoff aus der Luft zu versorgen.
Wenn Sie nicht ausreichend ausatmen, kann es im Laufe der Zeit zu folgenden
Auswirkungen kommen:

• Die Fähigkeit des Körpers, sich mit Sauerstoff aus der Luft zu versorgen, nimmt
ab
• Im Blut bauen sich toxische Abfallprodukte auf, was häufig zu Gähnen führt

• Wenn sich Kohlendioxid aufbaut, vermindert sich die geistige Fähigkeit und
Klarheit und der Stresspegel erhöht sich

• Eine erhöhte Konzentration von Kohlendioxid über den natürlichen Bedarf


hinaus verhindert, dass die Lungen genügend Luft aufnehmen

Die Entspannung wird gefördert


Die Langlebensatmung unterstützt Sie darin, einen kräftigen und gleichmäßigen
Atemrhythmus herzustellen und zu stabilisieren, wodurch übermäßige emotionale
Schwankungen abgemildert werden. Er schult Ihr Nervensystem darin, sich zu ent-
spannen, und macht Ihre Gedanken ruhiger und zufriedener.
Wenn Sie Ihren Atemrhythmus untersuchen, können Sie sich darüber bewusst
werden, auf welche Weise Sie in Ihre Stimmungen und Gefühlsbewegungen hin-

103
Kapitel 1

eingeraten. Zum Beispiel hat Angst die Neigung, einen unregelmäßigen, angespann-
ten oder schwachen Atemrhythmus hervorzurufen. Wenn Sie Ihren Atem anhalten,
so geht dies oft heftigen, wütenden Gefühlsausbrüchen voraus. Wenn Sie Ihren
Atem anhalten, ohne zu erkennen, dass Sie damit auf Stress reagieren, dann wird
dieser dadurch verschlimmert und erhöht sich. Flache Atmung macht anfällig für
eine Schwächung der Lungen angesichts von Umweltproblemen, wie beispielsweise
Luftverschmutzung, und kann zu Depressionen führen.

Die Funktionsweise der inneren Organe


wird verbessert
Nach der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die Leistungsfähigkeit Ihrer At-
mung, die Funktionsweise Ihrer inneren Organe - Leber, Nieren, Herz usw. - zu
verbessern, ebenso wertvoll w i e die Erhöhung des Sauerstoffsspiegels. Bei der
Langlebensatmung wird der Druck, den Ihr Atem in und um Ihre inneren Organe
erzeugen kann, dazu genutzt, um diese zu massieren, mehr Blut und Chi in sie zu
lenken und ihren natürlichen Bewegungsspielraum zu optimieren.
Wenn dieser Bewegungsspielraum abnimmt, wird auch die Blutzufuhr zu Ihren
inneren Organen nachlassen. Dadurch wird der gleichmäßige Energiefluss behindert.
Zu anderen Auswirkungen gehören eine allmähliche Verkürzung Ihrer Bänder und
eine eingeschränkte Bewegung Ihrer Organe. Die Körperfunktionen werden nach
und nach schwächer, was schließlich zu Krankheiten führt.
Taoistisches Chi Gung und andere östliche Atemtechniken wie Pranayama leh-
ren spezielle Atemrhythmen, die bei dem, der sie praktiziert, spezielle Emotionen
auslösen können. Manche taoistischen Schulen verbinden die Atmung mit solchen
Meditationstechniken w i e der inneren Auflösung; dadurch können Sie in Ihren
Energiekanälen negative Emotionen in ausgeglichene und positive Emotionen um-
wandeln, wie beispielsweise Großzügigkeit und Mitgefühl.

Die Praxis der Langlebensatmung


als Grundlage der taoistischen Meditation
In der taoistischen Tradition bilden Chi Gung und Meditation ein Kontinuum. Chi
Gung kann Sie in die Meditation hineinführen. Die Atmung kann Ihnen dabei hel-
fen, das Innere Ihres Körpers und die verborgensten Tiefen Ihres Geistes und Ihrer

104
Atem und Chi

Seele zu erspüren. Sie gibt Ihnen Zugang zu Ihren Emotionen, so dass Sie alles,
was Sie in sich festhalten, befreien und nach und nach Ihr größtmögliches Potential
verwirklichen können.
Die Langlebensatmung ist ein Werkzeug zur Erweckung Ihres Cewahrseins, damit
Sie tief in Ihre Seele hineinblicken können. Da die Atmung Ihren Körper mit Ener-
gie versorgt, können Sie erkennen, wie das Chi Ihrer Emotionen und karmischen
Muster eingefroren ist. Dann können Sie das auflösen und befreien, was in Ihnen
festsitzt, bis die blockierten Energien ihre natürliche frei fließende Qualität wieder
aufnehmen und Sie damit beginnen können, den Weg desTao zu gehen.

Taoistische Atmung
und Pranayama-Yoga
Die östliche Medizin hat zwei hauptsächliche Atmungssysteme in den Westen ge-
bracht: Das eine ist Pranayama oder die Yoga-Atmung, das andere ist die taoistische
Atmung. Die Techniken der taoistischen und der Pranayama-Atmung besitzen viele
Gemeinsamkeiten:

• Beide benutzen Atemtechniken, die lehren sollen, den bewussten Kontakt zum
eigenen Chi oder Prana herzustellen

• Beide sind bestrebt, die Dauer der Einatmungen und der Ausatmungen aus-
zudehnen
• Beide empfehlen eine gute Körperhaltung während der Atmung, obwohl es
darüber unterschiedliche Ansichten gibt
• Beide befürworten Atemtechniken als eine Methode, um auf gute Weise alt zu
werden und die Vorteile der Langlebigkeit zu genießen
• Beide empfehlen Atemtechniken als eine Methode, um physische, mentale und
psychische Kraft hervorzubringen

Es gibt jedoch einige grundsätzliche Unterschiede zwischen diesen beiden Systemen.


Viele Elementarübungen der Pranayama-Atmung lehren, den Atem anzuhalten oder
nur aus einem Nasenloch ein- oder auszuatmen. Bei der Langlebensatmug wird
der Atem niemals angehalten, denn sie hat als Ziel eine entspannte kreisförmige

105
Kapitel 1

Ganzkörperatmung. Das bedeutet, dass Langlebensatmung 24 Stunden am Tag


ausgeführt werden kann, wenn die Technik einmal beherrscht wird.
Die meisten Pranayama-Methoden konzentrieren sich auf die Atmung aus Ihrem
Brustkorb, während sich die taoistischen Methoden auf die Atmung aus Ihrem Bauch
konzentrieren.

Taoistisches Chi G u n g Pranayama-Yoga

Atmet nicht in die Vorderseite des Atmet in die Vorderseite des


Brustkorbs hinein Brustkorbs hinein

Kann 24 Stunden am Tag ausgeführt Kann nicht 24 Stunden am Tag


werden ausgeführt werden

Der Atem wird nie angehalten Der Atem wird nach der Ein- oder
Ausatmung manchmal angehalten

Starke Betonung auf der Nierenatmung Geringere Betonung auf der


Nierenatmung

Ausbildung des Zwerchfells durch Ausbildung des Zwerchfells


Ausdehnung nach unten und erhöhten durch rasches Heben und Senken
Druck durch die inneren Organe auf durch solche Techniken wie
den Unterbauch und dasTantien die Blasebalgatmung oder die
hochziehende Kontraktion der
Bauchmuskulatur zur Massage
des Verdauungssystems (uddiyana
bandha)

Es wird immer durch beide Abwechselnd ist ein Nasenloch


Nasenlöcher geatmet verschlossen und das andere offen

106
Atem und Chi

Anleitungen für die Langlebensatmung


Die Langlebensatmung wird in systematischen Übungsstufen erlernt. Die Atmung
ist die erste Crundkomponente des taoistischen Nei Gung, wobei die Methoden
von einfachen bis hin zu komplexeren reichen (siehe Kapitel 15).
Auf der Anfangsstufe schulen Sie Ihre Atmung, so dass schließlich jeder innere
Teil Ihres Körpers ständig und kraftvoll einbezogen ist. Das erfordert regelmäßige
Bemühung und Praxis.
Zu dieser Phase gehört, dass Sie lernen, in Ihren Bauch und Unterleib zu atmen
und den Atem den ganzen Rücken hoch bis zu Ihren Lungen zu lenken. Dabei las-
sen Sie nicht nur Luft in Ihre Lungen hinein und wieder aus ihnen heraus, sondern
verschiedene Teile in Ihrem Körper müssen sich auch in Koordination mit jeder Ein-
und Ausatmung zusammenziehen. Bei jedem Atemzug müssen das Zwerchfell, der
gesamte Bauch vorne, hinten und an den Seiten sowie auch der untere Rücken- und
Nierenbereich einbezogen werden. Dabei werden Sie auch lernen, keine Luft in
die Vorderseite Ihres Brustkorbs einzuatmen.
Dies ist die einzige Übungsstufe der Langlebensatmung, die in diesem Buch ge-
lehrt wird. Wenn Sie Ihr Studium des Chi Gung fortsetzen, werden Sie komplexere
Methoden erlernen, von denen einige in Kapitel 15 besprochen werden.

Markierungspunkte für die Atmung


Das Programm der Langlebensatmung besitzt drei Markierungspunkte, die auf der
Atemdauer beruhen. Die erste Messlatte liegt bei 30 Sekunden (15 Sekunden für
die Einatmung, 15 Sekunden für die Ausatmung). Dies ist die einzige Messlatte, die
zu erreichen Anfänger versuchen sollten, wenn sie die in diesem Buch dargestellten
Techniken der Langlebensatmung erlernen. Eine Atmung von 30 Sekunden Dauer
ist das Minimum, das ein Durchschnittsmensch leisten sollte, um unter normalen
Umständen gut atmen zu können. Es bedeutet eine ziemliche Herausforderung, dies
mühelos zu schaffen, aber wenn es gelingt, wird dies Ihr Leben außerordentlich
verbessern.
Die zweite Messlatte für fortgeschrittenere Praktizierende ist eine Atmung von
2 Minuten Dauer, und die dritte Messlatte liegt bei 5 Minuten oder länger. Nähere
Einzelheiten dazu werden in Kapitel 15 erörtert. Auf keinen Fall sollte der Atem
angehalten werden.

107
Kapitel 1

Wenn Sie, nachdem Sie vier- oder fünfmal tief Luft geholt haben, einen einzel-
nen Atemzug auf längstens 10 Sekunden ausdehnen können (5 Sekunden für die
Einatmung, 5 Sekunden für die Ausatmung), dann beträgt die Dauer Ihrer normalen
ruhenden Atmung wahrscheinlich 3 bis 5 Sekunden und unter Stress sogar noch
weniger.

Die Anatomie der Langlebensatmung


Ihr Zwerchfell lenkt Luft in Ihre Lungen hinein und wieder heraus. Es ist eine glo-
ckenförmige muskulöse Scheidewand zwischen den Lungen und dem gesamten
Bauchraum (siehe Abb. 5-1). Es legt sich um die unteren Teile des Brustkorbs und
ist an der Wirbelsäule befestigt. Wenn Sie atmen, bewegt sich Ihr Zwerchfell. Die
Clockenform wird flacher, Ihre Brusthöhle und Ihre Lungen dehnen sich aus und

Die inneren Organe des Körpers


Abbildung 5-1

108
Atem und Chi

ziehen Luft ein. Wenn sich Ihr Zwechfell entspannt und seine Glockenform wieder
annimmt, wird Ihre Brusthöhle kleiner, was dazu führt, dass Luft aus den Lungen
ausgestoßen wird. Wenn sich Ihr Zwerchfell während der Atmung nicht sehr kräftig
bewegt, können Sie nicht viel Luft aufnehmen oder ausstoßen.
Ihr Zwerchfell beeinflusst eine komplexe Vielfalt von miteinander verbundenen
anatomischen Teilen dazu, sich in Koordination mit ihm zu bewegen; diese reichen
nach oben bis zum Kopf, zum Hals und zu den Schultern und nach unten bis zum
Becken. Lockere, elastische Bänder verbinden Ihr Zwerchfell mit Ihren inneren
Organen und veranlassen diese dazu, sich in Koordination mit Ihrer Atmung zu
bewegen. Wenn sich Ihr Zwerchfell gut bewegt, bringt es zum Beispiel auch die
Leber dazu, sich gut zu bewegen. Wenn die Bewegungen Ihres Zwerchfells schwach
sind, kann dies dazu führen, dass die Bänder, die mit Ihrer Leber verbinden, ihre
Funktion verlieren. Eine schlecht funktionierende Leber wird auch Ihre anderen
inneren Organe beeinträchtigen.
Ihr Körper besitzt mehrere Pumpmechanismen für innere Flüssigkeiten, die direkt
mit der Bewegung Ihres Zwerchfells verbunden sind. Gute Flüssigkeitsbewegungen
sind für Ihre inneren Organe, die Gelenke und die Wirbelsäule besonders wichtig.
Eine schlechte Bewegung Ihres Zwerchfells beeinträchtigt den gleichmäßigen Fluss
dieser Körperflüssigkeiten.
Die folgenden Übungen der Langlebensatmung werden Ihr Zwerchfell darin
unterstützen, sich kräftiger zu bewegen, und Ihnen beibringen, sich an eine lange,
kräftige und tiefe Atmung zu gewöhnen.

Allgemeiner Leitfaden für das Üben


Halten Sie sich bei den Übungen der Langlebensatmung an die folgenden sechs
Leitlinien:

1. Atmen Sie leicht und auf eine entspannte Weise


Ebenso wie sich Ihre Muskeln anspannen und hart werden können, ist das auch
bei Ihrer Atmung möglich. Wenn Sie kraftvoll, aber leicht und auf eine entspannte
Weise atmen, können SiedieTendenz Ihres Nervensystems reduzieren, überlastet
zu werden oder an Stress festzuhalten. Eine leichte und geschmeidige Atmung
anstelle einer angespannten oder forcierten schweren Atmung ermöglicht es
Ihnen, Stress und negative Emotionen weitaus müheloser abzuschütteln.

109
Kapitel 1

2. Atmen Sie durch die Nase


Die Langlebensatmung ist eine ruhige Atmung. Sie will Ihre Lungen mit Luft
füllen, Ihre Nerven beruhigen und Ihr Chi dazu veranlassen, kräftig zu fließen.
Alles dies können Sie am besten erreichen, wenn Sie durch die Nase atmen.
Wenn Sie jedoch medizinische Probleme haben und nur unter Schwierigkeiten
durch die Nase atmen können, dann atmen Sie mit leicht geöffnetem Mund.

3. Denken Sie an die 70-Prozent-Regel


Eine Überanstrengung beim Atmen wird unweigerlich zu Anspannung führen.
Wenn Sie Ihre Atmung forcieren, kann dies Ihr Nervensystem in negativer Wei-
se formen und im Organismus Spannung einschließen. Atmen Sie nur bis zu
ungefähr 70 Prozent Ihrer Kapazität, und zwar sowohl im Hinblick darauf, wie
lange Ihre Einatmung und Ausatmung ist, und auch, wie sehr Sie physisch die
Zwischenräume zwischen dem Bauchbereich und den Lungen bewegen.

4. Legen Sie Ihre Zunge oben an den Gaumen


Während des Atmens sollten Sie Ihre Zunge auf so entspannte Weise wie mög-
lich oben an Ihren Gaumen legen. Anfangs wird sich Ihre Zunge vielleicht etwas
angespannt anfühlen, doch nach ein paar Wochen werden sich Ihre Muskeln
lockern und Sie werden Ihre Zunge jederzeit am Gaumendach halten können.
Durch diesen Kontakt werden zwei wichtige Energieströme im Körper mitein-
ander verbunden.

5. Halten Sie Ihren Atem nicht an


Jeder Atemzug sollte auf entspannte Art und Weise in den nächsten hineinströ-
men. Verringern Sie nach und nach die Unterbrechung zwischen dem Einatmen
und Ausatmen, damit Ihre Atmung ruhig, gleichmäßig und kontinuierlich wird.

6. Atmen Sie nicht in die Genitalien hinein


Bei dieser Atemform sollten Sie nirgendwo unterhalb des Bereichs Ihres Scham-
haars irgendeinen physischen Druck verspüren (siehe Anhang C). Andere tao-
istischeTechniken, bei denen in die Genitalien hineingeatmet wird, sind kenn-
zeichnend für taoistische Sexualpraktiken.

110
Atem und Chi

Die Übungsdauer der Langlebensatmung


„Wie lange wird es dauern, um die Langlebensatmung zu erlernen?", so lautet eine
gebräuchliche Frage, und die beste Antwort darauf ist: „ Die Zeit, die es braucht."
Wenn Sie Ihr inneres Gefühl loslassen, Ihr Ziel unter Zeitdruck erreichen zu wollen,
so kann Ihnen das dabei helfen, diese Aufgabe in einer so kurzen Zeit zu schaffen,
wie Ihr Körper und Ihre Nerven dies erlauben.
Traditionell waren dieTaoisten der Ansicht, dass ein Zeitraum von mindestens drei
Monaten (oder eine der vier Jahreszeiten) der regelmäßigen, fast täglichen Praxis
dafür notwendig war, damit neue Atemmuster ebenso natürlich wie alle übrigen
physischen Aktivitäten werden und selbst während des Schlafs auftreten konnten.
Mit sehr viel Disziplin kann dies vielleicht auch in kürzerer Zeit erreicht werden,
während der weniger diszipliniert Übende ein Jahr oder länger dafür brauchen mag.
Einfach ausgedrückt, praktizieren Sie regelmäßig und denken Sie nicht daran, wie
lange der Übungsprozess dauern sollte.
Es ist ideal, wenn Sie die Disziplin haben, regelmäßig zur gleichen Zeit und in
gleicher Länge zu üben. Wenn das jedoch nicht möglich ist, dann praktizieren Sie,
wo immer Sie können, beispielsweise wenn Sie fernsehen, im Bus oder im Zug
fahren, im Flugzeug sitzen, wenn Sie auf Verabredungen warten oder dass E-Mails
ankommen, bei der Hausarbeit usw. Fühlen Sie sich nicht schuldig, wenn Sie eine
Zeit für die Atempraxis verpassen. Nutzen Sie einfach die nächste Gelegenheit. Im
Laufe der Zeit können auch kleine Schritte große Entfernungen zurücklegen.

Ü B U N G 1: Den Bauch nach vorn bewegen


Am einfachsten lassen sich diese Übungen erlernen, wenn Sie auf dem Rücken
liegen. Je nachdem, wie es für Sie am bequemsten ist, können Sie dabei Ihre Beine
ausstrecken oder Ihre Knie anziehen. Wenn Sie Ihre Wirbelsäule leicht strecken
und gerade machen und darauf achten, dass sie nicht zusammensinkt, können Sie
auch auf einem Stuhl sitzen. (Anleitungen für die korrekte Sitzhaltung finden Sie
in Kapitel 6.)
Sobald Sie die Atemübungen im Sitzen oder Liegen ausführen können, können
Sie diese auch im Stand ausprobieren oder sie in Ihre Praxis des Chi Gung im
Stand, in der Bewegung, im Liegen oder Sitzen aufnehmen. Es geht darum, unter
allen Umständen, in denen Sie sich befinden mögen, eine gute Atmung zu einer
unwillkürlichen Gewohnheit werden zu lassen.

111
Kapitel 1

1. Lesen Sie sich noch einmal die Atemanleitungen im vorigen Abschnitt durch.
2. Wählen Sie ein Standardmaß für die Dauer Ihrer Atmung. Verwenden Sie dafür
den Sekundenzeiger einer Uhr. Atmen Sie entspannt und messen Sie die au-
genblickliche Dauer Ihrer Ein- und Ausatmung. Versuchen Sie nicht, die Länge
Ihres Atems zu erzwingen.

3. Legen Sie eine Hand auf Ihren Bauch und die andere Hand auf Ihren Brustkorb.
Schieben Sie Ihren Bauch vor, damit er Luft aufnehmen kann. Beim Ausatmen
entspannen Sie und lassen Ihren Bauch wieder in seine ursprüngliche Position
zurückkehren.

4. Die Vorderseite Ihrer Brust sollte ruhig und entspannt bleiben und sich weder
nach oben noch nach unten bewegen. Lassen Sie jede Einatmung und Ausat-
mung direkt aus der Bewegung Ihres Bauches kommen.

5. Versuchen Sie, dass jede Einatmung und Ausatmung ungefähr die gleiche
Länge hat.

6. Beginnen Sie damit, dass Sie diese Atmung bei jeder Übungseinheit fünfmal
wiederholen und erhöhen Sie auf 20, wenn Sie ein gutes Gefühl dabei haben.
Sie können jederzeit praktizieren und zur nächsten Übung weitergehen, wenn
Sie sich mit 20 Bauchatmungen wohl fühlen.

Ü B U N G 2: Alle Teile des Bauches in Bewegung versetzen


Am Anfang werden Sie vielleicht feststellen, dass sich manche Teile Ihres Bauches
müheloser bewegen als andere. Im Allgemeinen bewegt sich der Unterbauch am
leichtesten und dann folgt der mittlere Bauchbereich. Der direkt unter der Mitte des
Zwerchfells und dem Solarplexus lokalisierte Teil des Bauches lässt sich gewöhnlich
am schwierigsten bewegen.
Die meisten Menschen brauchen einige Wochen oder manchmal sogar Monate,
bis sie eine deutlich erkennbare Bewegung im oberen Bauchbereich und im So-
larplexus spüren können. Das liegt daran, dass die entsprechenden Muskeln nicht
trainiert worden sind, sich mit dem Atem zu bewegen, und häufig angespannt und
zusammengezogen sind.
Die beste Methode, damit Sie lernen, alle Teile Ihres Bauches gleichmäßig ein-
zusetzen, besteht darin, sich zuerst auf denjenigen Teil (im unteren, mittleren oder
oberen Bauch) zu konzentrieren, der sich am mühelosesten bewegt, und diese

112
Atem und Chi

Bewegung ausgeglichen und vollständig ohne irgendein Gefühl von Anspannung


oder Einengung werden zu lassen. Dann können Sie systematisch damit fortfahren,
sich auch auf die anderen Teile zu konzentrieren.
1. Legen Sie Ihre Hände auf denjenigen Teil Ihres Bauches, der sich am vollstän-
digsten bewegt, und konzentrieren Sie sich darauf.
2. Legen Sie eine Hand auf einen anderen Teil Ihres Bauches. Konzentrieren Sie
sich darauf, ihn beim Ein- und Ausatmen in Bewegung zu bringen.
3. Wiederholen Sie dies fünfmal während jeder Übungseinheit und erhöhen Sie
auf 20, wenn Sie ein gutes Gefühl dabei haben. Sobald dieser Bauchbereich
sich ebenso problemlos bewegen kann, können Sie zum dritten Teil Ihres
Bauches übergehen, wobei Sie gleichzeitig die beiden anderen Teile wäh-
rend der Dauer von 20 kompletten Atemzügen (Ein- und Ausatmung) kräftig
bewegen.
4. Konzentrieren Sie sich auf den dritten Teil Ihres Bauches und versetzen Sie ihn
in eine ebenso gleichmäßige Bewegung.
5. Denken Sie dabei immer an die 70-Prozent-Regel: Jedes Mal, wenn Sie Atem-
übungen machen, sollten Sie ein möglichst geringes Gefühl von Anstrengung
haben.
6. Wiederholen Sie diese Übung fünfmal während jeder Sitzung und steigern
Sie auf 20, wenn Sie ein gutes Gefühl dabei haben. Sie werden zu Übung 3
weitergehen können, wenn Sie spüren, dass sich alle Teile Ihres Bauches für
die Dauer von 20 kompletten Atemzügen gleichmäßig bewegen.

Hinweis zu den Atemübungen 3 bis 6


Möglicherweise kann es Wochen oder länger dauern, bevor Sie irgendeine der fol-
genden Übungen auf entspannte Art und Weise ausführen können. Nehmen Sie sich
die Zeit dafür und überspringen Sie nichts. Beim Praktizieren werden Sie vielleicht
feststellen, dass Sie auch etwas längere Atemzüge machen können.

Ü B U N G 3: Die Seiten des Bauches bewegen


Konzentrieren Sie sich nun darauf, die Seiten Ihres Bauches auszudehnen und zu
entspannen. Die Atmung in die Seiten beginnt genau oberhalb Ihrer Hüftknochen,
bewegt sich dann über Ihre Taille und setzt sich unterhalb Ihrer Rippen fort. Schu-

113
Kapitel 1

len Sie Ihr Gewahrsein, damit Sie sich auf diesen Körperbereich konzentrieren
können.

1. Legen Sie Ihre Handflächen oder Ihre leicht zu Fäusten geschlossenen Hän-
de auf den Taillenbereich zwischen Ihren Hüftknochen und Ihren untersten
Rippen. Beim Einatmen dehnt sich dieser Bereich aus, beim Ausatmen kehrt
er in seine ursprüngliche Position zurück. Mit Hilfe Ihrer Hände können Sie
feststellen, ob sich die Seiten Ihres Bauches tatsächlich bewegen.

2. Bewegen Sie die Seiten Ihres Bauches während des Atmens, bis Sie einen ge-
wissen Druck in Ihrer Leber und Milz unterhalb Ihrer Rippen (vgl. Abb. 5-1)
spüren können.

3. Achten Sie darauf, dass sich die Vorderseite Ihres Brustkorbs während des
Atmens nicht bewegt.
4. Legen Sie die Zeitdauer Ihrer Ein- und Ausatmung fest, damit sie ungefähr die
gleiche Länge haben. Machen Sie längere Atemzüge, wenn Ihnen dies ohne
Anstrengung möglich ist.

5. Wiederholen Sie diese Übung fünfmal während jeder Übungseinheit und


erhöhen Sie auf 20, wenn Sie ein gutes Gefühl dabei haben.
6. Wenn Ihnen diese Übung im Laufe der Zeit vertraut wird, dann verlagern Sie
Ihren Fokus etwas. Nutzen Sie jede Einatmung dazu, um Ihr Gewahrsein der
Spannung in Ihren Muskeln und Nerven zu erhöhen. Versuchen Sie beim Aus-
atmen Ihr Möglichstes, um diese Spannungen bewusst aufzulösen, und lassen
Sie Ihren Körper entspannt und geschmeidig werden. Wenn Sie Fortschritte
machen, werden Sie ein stärkeres Gefühl für Raum im Atem selbst und in Ih-
rem Bauchbereich bekommen und außerdem vermehrt einen ungehinderten
Energiefluss in Ihrer Bauchhöhle wahrnehmen, wo Sie vorher nur eine harte
und verspannte Muskulatur gespürt haben mögen.

Ü B U N G 4: In den unteren Rücken


und in die Nieren atmen
Das Atmen in Ihre Nieren (vgl. Abb. 5-1) ist eine sehr wichtige Praxis der Lang-
lebensatmung. In der Traditionellen Chinesischen Medizin werden die Nieren als
Quelle für die gesamte Vitalität, Lebenskraft und geschlechtliche Zeugungsfähigkeit
eines Menschen angesehen.

114
Atem und Chi

Die Energetisierung Ihrer Nieren durch den Atem ist wichtig für die Ausbildung
eines gesunden Körpers und eines klaren Geistes. In chronischer Erschöpfung spie-
gelt sich eine Nierenschwäche und dort festgehaltene Angst wider.
Es ist schwieriger, in Ihre Nieren hineinzuatmen als in Ihren Bauch. Am Anfang
wird es hilfreich sein, wenn Sie sich auf den Boden legen, die Knie nach oben, die
Fußsohlen auf dem Boden, wobei Sie den unteren Teil Ihres Rückens fest gegen
den Boden pressen. Der Druck Ihres Körpers auf den Boden beim Einatmen und
das Loslassen des Drucks beim Ausatmen wird es Ihnen erleichtern, in das Innere
Ihres Körpers hineinzuspüren.

1. Dehnen Sie beim Einatmen das Innere Ihres Körpers von der Mitte des Bau-
ches nach hinten zu Ihrer Wirbelsäule, den unteren Rückenmuskeln und bis
hoch zu Ihren Nieren aus. Sie sollten dabei spüren, wi e sich Ihre Haut stärker
gegen den Boden drückt. Kehren Sie beim Ausatmen in Ihre ursprüngliche
Position zurück.

2. Achten Sie darauf, dass sich Ihr Brustkorb nicht nach oben und unten bewegt.
Atmen Sie weiterhin nach vorn und in die Seiten Ihres Bauches, aber konzen-
trieren Sie sich auf die Atmung in Ihren Rücken.

3. Versuchen Sie während des Atmens Ihre Nieren zu spüren. Dieses Organ ist
besonders empfindlich und wird leicht überanstrengt. Sie sollten besonders
vorsichtig damit umgehen und nur zu 40 oder 50 Prozent Ihrer Kapazität
praktizieren, was Sie nach und nach auf 70 Prozent erhöhen können.

4. Werden Sie dabei Ihrer Emotionen gewahr. Macht Sie die Atmung in Ihre
Nieren bewusster? Werden Sie dadurch ängstlicher? Wovor fürchten Sie sich?
Wie fühlt sich diese Angst an? Lassen Sie diese Angst im Geiste los. Sagen Sie
sich, dass das, was Sie gerade aufgrund Ihrer Angst erleben, nicht eintreten
wird, während Sie Ihre Atemübung praktizieren. Lösen Sie Ihre durch Angst
ausgelöste Spannung auf, und während Sie die Spannung loslassen, lösen Sie
auch die Emotion auf.

5. Wiederholen Sie diese Übung fünfmal während jeder Übungssitzung und


erhöhen Sie auf 20, wenn Sie ein gutes Gefühl dabei haben.

115
Kapitel 1

Ü B U N G 5: Den Bauch gleichzeitig in allen Richtungen


bewegen
Diese Übung hat das Ziel, Ihren gesamten Bauchbereich lebendig zu machen. Die
Übung wird am besten im Sitzen erlernt.

1. Dehnen Sie beim Einatmen Ihren Bauch von der Mittellinie Ihres Körpers in
alle Richtungen aus. Entspannen Sie sich beim Ausatmen in Ihre ursprüngliche
Position zurück. Alle Teile Ihres Bauches sollten sich gleichzeitig nach außen
ausdehnen oder nach innen bewegen.

2. Richten Sie Ihr Gewahrsein auf jeden Teil des Bauches, der sich nicht richtig
bewegt, und praktizieren Sie so lange, bis es gelingt.

3. Achten Sie darauf, dass sich Ihr Brustkorb nicht bewegt, während sich Ihr
Bauch bewegt.

4. Wiederholen Sie diese Übung fünfmal während jeder Übungseinheit und


erhöhen Sie auf 20, wenn Sie ein gutes Gefühl dabei haben. Sie sollten diese
Übung so viele Wochen oder auch Monate praktizieren, bis Sie spüren kön-
nen, wi e sich alleTeile Ihres Bauches auf entspannte Weise gleichzeitig in alle
Richtungen bewegen.

Ü B U N G 6: In den oberen Rücken atmen


Bei den vorangegangenen Übungen haben Sie sich auf die Bauchatmung konzen-
triert. Wenn Sie sorgfältig praktiziert haben, wird sich die Atemkapazität Ihrer Lungen
erweitert haben. Bei dieser Übung nun werden Sie die vollständige Bauch- und die
Nierenatmung mit der Atmung in den oberen Rücken kombinieren.
Ihre Lungen sind wie ein Beutel oder eineTüte konstruiert. Wenn Sie eine Tüte mit
Luft füllen und die Rückseite ruhig halten, wird sich die Tüte nach vorn aufblähen.
So atmen die meisten Menschen - ihr Brustkorb dehnt sich aus.
Wenn Sie jedoch die Vorderseite der Tüte ruhig halten, wird sie sich nach hinten
aufblähen. So verfahren Sie bei der Langlebensatmung mit dem Brustkorb. Die
Vorderseite Ihres Brustkorbs, das Brustbein und die Brustmuskeln entspannen sich
vollständig und bewegen sich überhaupt nicht, während sich Ihre Lungen nach
hinten zur Wirbelsäule ausdehnen.

116
Atem und Chi

Durch die Kombination der Bauchatmung mit der Atmung in die Rückseite der
Lungen erhält Ihr Herz eine vollständige Massage, was bei der Atmung in die Vor-
derseite Ihres Brustkorbs nicht der Fall ist. Wenn Sie diese Übung erlernen, kommen
zwei Kräfte gleichzeitig zusammen, um Ihrem Herzen mit jedem Atemzug eine
ständige Massage zu geben: Erstens, eine stärkere Bewegung an der Rückseite Ihrer
Lungen ermöglicht es diesen, Druck hinten, oben und an den Seiten Ihres Herzens
auszuüben, was die Bauchatmung allein nicht erreichen kann; zweitens, der von
Ihrem Bauch und Zwerchfell ausgeübte Druck nach oben erzeugt ebenfalls eine
Druckwelle unten, vorne und an den Seiten Ihres Herzens. Diese beiden Kräfte drü-
cken den gesamten Herzmuskel und Herzbeutel in einer anregenden rhythmischen
Massage zusammen und entspannen ihn wieder.
Eine solche Herzmassage tut Ihnen gut. Da nach der chinesischen Medizin Ihr
Herz über Besorgnis und Ängstlichkeit herrscht, werden Sie feststellen, w ie Ihre
innere Unruhe abnimmt, wenn Sie sich darauf konzentrieren, Ihr Herz während des
Atmens zu entspannen. Lenken Sie beim Einatmen ein Gefühl von sanfter Zuversicht
in Ihr Herz. Lassen Sie beim Ausatmen Ihre Spannungen, Ängste und Sorgen um
die Zukunft los.
Durch die Atmung in Ihren oberen Rücken in Kombination mit der Bauchatmung
wird auch die Blutzirkulation anderer innerer Organe massiert, angeregt und er-
höht.
Die meisten Menschen haben niemals mit ihrem oberen Rücken geatmet, und
wahrscheinlich ist das Gewebe im rückwärtigen Teil Ihrer Lungen nicht sehr beweg-
lich. Denken Sie an die 70-Prozent-Regel, wenn Sie diese Übung erlernen. Bleiben
Sie locker und versuchen Sie nicht, zu schnell zu viel zu erreichen. Nach und nach
werden Ihre Lungen die Dehnbarkeit zurückgewinnen, die Sie als Baby hatten.

1. Legen Sie sich auf den Rücken, die Knie nach oben, die Fußsohlen auf dem
Boden, und pressen Sie den unteren Teil Ihres Rückens fest gegen den Boden.
Legen Sie Ihre Hände auf den Brustkorb, um zu überprüfen, dass er sich nicht
bewegt.

2. Dehnen Sie Ihren Bauch beim Einatmen aus, aber richten Sie Ihre Aufmerk-
samkeit darauf, die Muskeln Ihres oberen Rückens nach hinten zu bewegen.
Die Vorderseite Ihres Brustkorbs (Brustbein und Brustmuskeln) sollten völlig
entspannt sein und sich überhaupt nicht bewegen, während Ihre Lungen sich
nach hinten zur Wirbelsäule hin ausdehnen.

117
Kapitel 1

3. Entspannen Sie beim Einatmen Ihre Schultern. Lassen Sie Ihre Schulterblätter
sich von Ihrer Wirbelsäule weg ausstrecken, während Sie Ihre Rippen und
Schultern biegsam machen und seitwärts bewegen. Dadurch werden einige
der anatomischen Bindungen aufgelöst, die Ihre Lungen daran hindern, sich
voll und ganz auszudehnen.

4. Versuchen Sie beim Ausatmen zu spüren, wie die Rückseite Ihrer Lungen Luft
entlässt, die Muskeln Ihres oberen Rückens sich entspannen und Ihre Schul-
terblätter sich näher zur Wirbelsäule hin bewegen.

5. Wiederholen Sie diese Übung fünfmal während jeder Übungseinheit und erhö-
hen Sie auf 20, wenn Sie ein gutes Gefühl dabei haben. Praktizieren Sie diese
Übung, bis Sie spüren können, wie sich alleTeile Ihres Bauches auf entspannte
Weise gleichzeitig in allen Richtungen bewegen, während sich die Rückseite
Ihrer Lungen mit Luft füllt.

Atmen Sie oftmals während des Tages auf diese Weise, bis Sie die Atmung aus Ihrem
Bauch und oberen Rücken fortwährend ausführen können, ohne daran denken zu
müssen, ob Sie nun stehen, sich bewegen, sitzen, liegen oder sprechen.

Wichtige Übungshinweise
Je mehr Sie die Langlebensatmung praktizieren, desto vorteilhafter wird sich dies
auf Ihre Gesundheit und Entpannung auswirken. Üben Sie Geduld mit sich. Wenn
Sie praktizieren, werden schlechte Atemgewohnheiten allmählich verschwinden.
Schließlich werden Sie die deutliche Wahrnehmung haben, dass jeder Atemzug
Ihre inneren Organe und Ihre Wirbelsäule massiert. Ihre Atmung sollte bewusst
weiterentwickelt werden, bis sie alles in Ihrem Körper dazu veranlassen kann, sich
in direkter Übereinstimmung mit jeder Ein- und Ausatmung zu bewegen.
Nehmen Sie sich die Zeit, um festzustellen, wie jeder Atemzug eine deutlich zu
unterscheidende Gefühlsqualität besitzt. Sobald Sie dies erkennen, können Sie - al-
lein durch Ihre bewusste Absicht - dieses Gefühl zu jedem Bereich Ihres Körpers
lenken. Dies ist ein unschätzbares Hilfsmittel dafür, um Ihren Körper beherrschen
zu lernen, bewusst mit Ihren Emotionen zu arbeiten und Chi unmittelbar zu spüren.
Das bewusste Lenken Ihres Atems ist ein kraftvolles Werkzeug, um erkennen
zu können, wie sich Ihr Blut und andere Flüssigkeiten in Ihrem Körper bewegen.

118
Atem und Chi

Es ist wichtig, im Laufe der Zeit die Fähigkeit zu erlangen, Ihre bewusste Absicht
während des Atmens dafür einzusetzen, dass sich die Flüssigkeiten in Ihrem Körper
gleichmäßiger und kräftiger bewegen.

1. Ihr Zwerchfell wird sich sehr langsam dehnen


Nehmen Sie sich Zeit und achten Sie darauf, dass Sie in einem für Sie ange-
nehmen Bereich bleiben, wenn Ihre erhöhte Atemkapazität anfängt, bestimmte
Körperbereiche zu dehnen, darunter auch Ihr Zwerchfell. Bleiben Sie im Rah-
men Ihrer Leistungsfähigkeit von 70 Prozent. Vielleicht werden Sie feststellen,
dass kleine Abschnitte von verschiedenen Teilen Ihres Zwerchfells fester oder
lockerer als andere sind. Wenn Sie versuchen, einen festeren Teil lockerer zu
machen, dann atmen Sie einfach in ihn hinein, bis er sich etwas mehr dehnt.
Wenn Sie dagegen in einen zu lockeren Teil hineinatmen, wird dadurch mehr
Spannkraft entwickelt. Ihr Zwerchfell soll gleichmäßig gedehnt und elastisch sein.

2. Überanstrengen Sie sich nicht, wenn Sie verletzt sind


Denken Sie daran, wenn Sie verletzt sind, dass jede Körperbewegung durch Ihre
Atmung mit Kraft versorgt wird. In dieser Hinsicht ist der Atem ein zweischneidi-
ges Schwert. Mehr Atem versorgt besser mit Sauerstoff, wodurch eine Verletzung
schneller heilen kann. Umgekehrt können Sie aber auch dazu veranlasst werden,
den verletzten Bereich unwillkürlich zu stark zu bewegen; dadurch traumatisieren
Sie ihn erneut und verlangsamen den Heilungsprozess.

3. Denken Sie an die 70-Prozent-Regel


Eine kraftvollere Atmung kann Ihnen Schmerzen bewusst machen. Jede deutliche
oder dramatische Zunahme von Schmerz ist ein Zeichen dafür, dass Sie sich nicht
an die 70-Prozent-Regel halten.

4. Achten Sie auf stabile Emotionen


Wenn Sie feststellen, dass durch die Konzentration auf eine Verstärkung Ihrer
Atmung auch Ihre negativen Emotionen, wie Wut oder Angst, zunehmen, dann
sollten Sie die Dauer jeden Atemzugs reduzieren. Vergewissern Sie sich, dass
Ihre Emotionen sich beruhigt haben, bevor Sie sich wieder auf eine längere
Atemdauer konzentrieren.

5. Haben Sie keine Eile


Eine organische und eigenständige Entwicklung braucht Zeit. Hüten Sie sich
davor, Ihre Fortschritte dadurch zu sabotieren, dass Sie es allzu eilig haben.

119
Kapitel 1

Die Rolle der Atmung


bei allen Chi-Gung-Bewegungen
Wenn Sie die nachfolgend dargestellten sechs Elementarübungen oder irgendeine
andere taoistische Chi-Gung-Bewegung erlernen - im Stand, in der Bewegung, im
Sitzen oder Liegen -, dann behalten Sie eine möglichst entspannte, gleichmäßige und
beständige Atmung bei. Halten Sie Ihren Atem nicht an. Viele haben die Neigung,
dass ihr Atem immer schwächer wird, bis sie ihn unwillkürlich anhalten, ohne dass
ihnen dies bewusst ist. Nutzen Sie die in diesem Kapitel beschriebenen taoistischen
Atemtechniken, um beim Üben und, was ganz wichtig ist, in Ihrem Alltagsleben
einen kräftigen und lebendig pulsierenden Atem beizubehalten.

120
Kapitel 6

Grundlegende
Körperausrichtungen
im Stand und im
Sitzen

Die sechs Elementarübungen


Die Elementarübungen in diesem Buch bestehen aus sechs Teilen.
Als Erstes kommt die grundlegende Nei-Gung-Standposition, die in drei Teilen
gelehrt wird: das Chi sinken lassen, durchscannen und auflösen.
An zweiter Stelle folgen die Wolkenhände, bei denen die inneren Prinzipien,
die bei den Standpositionen erlernt wurden, in eine Gesamtkörperbewegung mit
Synergieeffekt integriert werden. Hier lernen Sie auch einige Grundlagen der Koor-
dination kennen, die in taoistischen Energieübungen wie dem Tai Chi und anderen
Formen des Chi Gung gebräuchlich sind, wie beispielsweise den Rumpf zu drehen
und Arme und Beine miteinander zu koordinieren.
Die nächsten drei Elemente sind Schwungübungen, welche die Gelenke von
Armen und Beinen öffnen und die inneren Organe mit Energie versorgen.
Der sechste Teil besteht aus einer Wirbelsäulendehnung, welche die Hauptaufgabe
hat, Kontrolle über die einzelnen Wirbel und die mit ihnen verbundenen Nerven
und den Chi-Fluss zu gewinnen.

Die Körperausrichtungen
Die Körperausrichtungen, die zur Stand- und Sitzform der in diesem Buch gelehrten
Elementarübungen des Chi Gung gehören, sind für alle taoistischen Energiepraktiken
von grundlegender Bedeutung. Sie ermöglichen es dem Körper, sich zu entspannen,
und lassen die Körperflüssigkeiten und Chi ruhig und gleichmäßig fließen. Sie lernen,
richtig zu stehen und zu sitzen.

121
Die Auflösung von Energieblockaden im Stand ist eine der Elementarübungen beim Öffnen
der Energietore des Körpers. Diese kraftvolle Technik verstärkt das innere Gewahrsein und
erhöht den Chi-Fluss im Körper.

122
Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen

In verschiedenen Körperteilen eingeschlossene Spannung trägt zu einer schlechten


Haltung bei und kann körperliche Beschwerden hervorrufen, wie beispielsweise
Rücken- und Nackenschmerzen.
Die Praxis dieser Übungen wird Sie nach und nach in die Lage versetzen, Ihren
Körper in korrekter Ausrichtung zu bewegen, Ihre Spannungen loszulassen, gesünder
zu werden und Ihre Energie freizusetzen. Nehmen Se sich die Zeit, jede Übung zu
erlernen und zu praktizieren, bevor Sie zur nächsten weitergehen.
Obwohl die Standform empfohlen wird, können diese Übungen auch im Sitzen
auf einem Stuhl ausgeführt werden. Auf diese Weise können auch Menschen, die
krank, bettlägerig, an den Rollstuhl gefesselt oder aus anderen Gründen zu schwach
zum Stehen sind, im Sitzen üben. Die Übungen können auch abwechselnd im
Stehen und im Sitzen ausgeführt werden.

Ü B U N G 1: Körperausrichtungen im Stand
Die Chi-Gung-Standübung, kurz Standform genannt
(Abb. 6-1), chinesisch /an Juang - „fest stehen", ist eine
einfache und konzentrierte Meditationshaltung zur Ent-
wicklung von innerer Kraft. Manche Chi-Gung-Meister
üben nichts anderes als diese Methode in ihrer täglichen
Praxis. Sie ist für Chi Gung, Nei Gung und Tai Chi von
fundamentaler Bedeutung, weil sie die Energietore des
Körpers öffnet und dadurch den freien Chi-Fluss ermög-
licht. Die technischen Einzelheiten der Standform werden
in einer Folge von Anleitungen beschrieben. Jede Übung
muss gründlich praktiziert und vollständig verstanden wer-
den, ehe Sie mit dem folgenden Pensum weitermachen.
Anatomische und energetische Strukturmerkmale werden
in jeder Übung eingehend berücksichtigt.

D i e Stellung der Füße


Die Standform. Die
Die Fußstellung muss für Sie bequem sein Füße stehen parallel,
Stellen Sie die Außenseiten Ihrer Füße etwa hüft- oder schulterbreit auseinander.
schulterbreit auseinander, so wie Sie es als stabil und be- Abbildung 6-1

123
Kapitel 8

quem empfinden. Die korrekte Fußstellung wird Ihnen mit fortschreitender Übung
klarer werden; sie hängt von dem Verhältnis zwischen Hüft- und Schulterbreite
ab. Jemand mit breiten Schultern und schmalen Hüften wird im Allgemeinen die
Fußstellung etwas enger wählen und sich an den Hüften orientieren. Wer dagegen
schmalere Schultern und breite Hüften hat, kommt eher mit einer Fußstellung
zurecht, die sich nach der Schulterbreite richtet. Im Laufe der Zeit sollten sich die
linke und rechte Fußmitte nach dem linken und rechten Energiekanal des Körpers
ausrichten.

Ihre Füße sollten parallel zueinander stehen


Die Knie sollten leicht gebeugt sein und die Füße parallel zueinander stehen. Eine
parallele Stellung der Füße bedeutet, dass der Abstand zwischen den beiden gro-
ßen Zehen ebenso groß ist wie zwischen den Fersen und dass der eine Fuß weder
etwas weiter vor noch hinter dem anderen Fuß steht (Abb. 6-2). Wenn der Abstand

a) Richtig: Die Füße stehen parallel zueinander, b) Falsch: Ein Fuß ist nach außen gespreizt
c) Falsch: Beide Füße sind nach außen gespreizt, d) Falsch: Beide Füße sind nach innen gedreht.
Abbildung 6-2

124
Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen

zwischen den Füßen zum Beispiel 35 cm beträgt, sollte auch der Abstand zwischen
den großen Zehen, den Fersen und den Knien 35 cm betragen.

D i e Ausrichtung der Wirbelsäul e

Ihr Steißbein sollte nach unten weisen


Die Steißbeinspitze muss senkrecht nach unten weisen (Abb. 6-3) und nicht schräg
nach hinten, wie dies normalerweise der Fall ist. Der untere Rücken, die Lenden-
wirbelsäule eingeschlossen, sollte verhältnismäßig gerade sein. Bei den meisten
Menschen hat die Wirbelsäule eine natürliche S-Form, mit Kurven im Lenden-,
Brust- und Halsbereich. Bei der hier vorgestellten Standform muss dagegen der
untere Abschnitt der Wirbelsäule gerade und gestreckt sein.

Strecken Sie sanft Ihre Wirbelsäule


Ihre Wirbelsäule sollte sanft gestreckt werden, indem Sie erstens die Hüften vorsich-
tig einrollen und zweitens mit Hilfe der inneren Rückenmuskeln die Nierengegend

aj Richtig: Der untere Rücken ist gerade und steht senkrecht zum Boden,
b) Falsch: Der untere Rücken ist in S-Form gebogen, das Gesäß steht vor.

Abbildung 6-3

125
Kapitel 10

leicht nach hinten drücken. Diese beiden Korrekturbewegungen richten den unteren
Teil Ihrer Wirbelsäule vollständig auf.
Natürlich sind die Menschen unterschiedlich gebaut. Schlanke oder Normalge-
wichtige können am einfachsten am Gesäß feststellen, ob ihr Rücken gerade ist.
Wenn die Gesäßbacken nach hinten vorstehen, ist die Haltung nicht einwandfrei.
Bei Menschen mit kräftiger Statur kann leicht der Eindruck entstehen, das Gesäß
schwenke aus und der Rücken sei geneigt, selbst wenn er tatsächlich gerade ist.
Für diese Art von Körperbau ist nicht entscheidend, ob das Gesäß vorsteht, sondern
dass Rücken und Kreuzbein gerade sind.
Der übrige Rücken sollte möglichst gerade gehalten werden und sich nicht in
irgendeine Richtung neigen.

D i e H a l t u n g von Hals und Kopf

Ihr Kopf sollte entspannt über Ihrem Hals schweben


Der Hals und der Kopf müssen aufrecht gehalten werden (Abb. 6-4). Der Scheitel
ist der höchste Punkt der von oben nach unten senkrecht gezogenen Körperachse.
Wenn sich Hals und Schultern entspannen, wird sich der Kopf gewöhnlich leicht
neigen. Der Kopf sollte zwar aufgerichtet bleiben, eine leichte Neigung nach vorn ist
jedoch akzeptabel (Abb. 6-4b), nicht aber eine Neigung nach hinten (Abb. 6-4d).
Wichtig ist, das Hinterhauptbein sanft vom Atlas, dem ersten Halswirbel, abzuhe-
ben (das heißt, den gesamten Schädel vorsichtig vom Hals zu heben), um den auf
den Halswirbeln lastenden Druck zu verringern. Die Chinesen vergleichen diese
Bewegung damit, einen Hut von einem Kleiderständer abzunehmen.
Dieses wichtige Haltungsprinzip des Chi Gung, das für alle Elementarübungen
gilt, heißt auf chinesisch ding - „den Kopf heben". Mit dieser Korrektur dehnen
Sie auch das Rückenmark im Bereich der Halswirbelsäule und stellen sicher, dass
das Gewicht des Schädels die Halswirbelsäule nicht zusammenpresst oder aus der
normalen Lage bringt und außerdem den Chi-Fluss und/oder die Nervenenergie
vom Hinterhirn zum Rückenmark nicht unterbricht. Solche Störungen treten auf,
wenn der gesamte Druck auf den beiden oberen Halswirbeln, Atlas und Axis, lastet.
Die ding-Haltung muss auch bei allen anderen Chi-Gung-Übungen während des
Stehens, des Sitzens oder der Bewegung eingenommen werden. Sie halten dazu
als Erstes den Hals völlig senkrecht und ziehen dann den Unterkiefer leicht zurück,

126
Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen

so dass die Augen und der Unterkiefer auf einer senk-


rechten Linie liegen und der Scheitelpunkt des Kopfes
sich weiter nach oben bewegt. Mit diesen Korrekturen
strecken Sie die Halswirbelsäule ganz behutsam und
heben den Schädel vorsichtig an. Achten Sie darauf,
dass dabei keine Spannungen oder Verkrampfungen
im Unterkiefer, Hals und Kopf oder in den Schultern
entstehen.

D i e Augen und die Zunge

Übungshinweise für Anfänger


Anfangs sollten Sie beim Stehen die Augen geschlossen
halten, um die Konzentration nach innen zu erleichtern.
Es gibt viele Übungen, bei denen die Augen geöffnet
bleiben, aber diese sind für Anfänger nicht zu empfeh-
len. Anfänger benötigen in der Regel ihre ungeteilte
Aufmerksamkeit, um alle inneren Vorgänge ohne äußere
Ablenkung verfolgen zu können.
Die Zunge sollten Sie bei allen Chi-Gung-Übungen
an den Gaumen legen, wobei die Zungenspitze das
Gaumendach hinter den Vorderzähnen berührt. Diese
Berührung ist unbedingt nötig, um den Kleinen Ener-
giekreislauf im Körper zu schließen. An diesem Punkt
im Gaumen laufen die beiden wichtigsten Yang- und
Yin-Energieströme des Körpers zusammen.
a) Richtig: Der Hals ist
gerade aufgerichtet, der Kopf
angehoben, b) Falsch: Der
D i e Ausrichtung des Brustkorbs
Kopf ist leicht vorgeschoben,
Lassen Sie Ihren Brustkorb sinken, während er sich c) Falsch: Der Kopf ist stark
vorgeschoben, das Kinn
rundet
herausgestreckt,
Han shiung ba bei („Mache die Brust rund und richte d) Falsch: Der Kopf ist
die Wirbelsäule auf") ist in allen taoistischen Meditati- zurückgelegt, das Kinn
onsmethoden, inneren Kampfkünsten und Chi-Gung- herausgestreckt.

Systemen ein weiteres grundlegendes Haltungsprinzip. Abbildung 6-3

127
Kapitel 10

Hart shiung bedeutet, den Brustkorb wie eine Sanduhr zu formen, das heißt, in der
Waagerechten wie in der Senkrechten gerundet. Das entspricht der Haltung eines
Babys: Der Brustkorb ist entspannt, die Schultern sinken locker nach unten, der
Bauch ist gerundet, gesenkt und entspannt (Abb. 6-5a). Die Standardhaltung des
westlichen Militärs, die verlangt, die Brust herauszudrücken, den Bauch einzuziehen
und das Gesäß nach hinten zu drücken, ist das genaue Gegenteil dieser entspannten
Haltung (Abb. 6-5b).

Ihr Brustkorb sollte sich zum Nabel und seitlich zu den Rippen ausdehnen
Es ist darauf zu achten, dass die Brust auf keinen Fall eingezogen oder zusammen-
gepresst werden darf, weil dann auch das Zwerchfell oder die Lungen zusammen-
gepresst werden. Wenn Sie den Brustkorb sinken lassen, bleibt er entspannt. Sie
empfinden dann von der vorderen Schulterkante (unterhalb des Schlüsselbeins, das
die Chinesen als „Schulternest" bezeichnen) über den Bauch bis zu den Hüften ein
Gefühl des Sinkens, Fallens und Öffnens nach unten. An den Seiten können Sie
spüren, wie sich der Brustkorb und die Rippen entspannen und weiten. Dadurch
gewinnt die Brust ihr volles und uneingeschränktes Volumen.
Diese Korrekturen sind nicht nur anatomisch, sondern auch energetisch moti-
viert. DasTantien ist ein Chi- oder Energiespeicher im Unterbauch. Durch die nach
unten gerichtete Entspannung der Brust kann Chi aus dem Oberkörper herabsinken

a) Richtig: Der Brustkorb ist nach unten


gesunken und gerundet, der Bauch ist
entspannt und der Rücken gerade.
b) Falsch: Die Brust ist herausgedrückt,
der Bauch ist angespannt und der
Rücken hohl.

Abbildung 6-5

128
Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen

und sich im unteren Tantien wie in einer Schüssel sammeln. Bei hochgezogener
Brust steigt Chi dagegen eher nach oben, anstatt zu sinken, was im Allgemeinen
aufbrausende oder übermäßig kraftvolle und aggressive Regungen hervorruft. In
den äußeren Kampfkünsten wird dies als ti shiung bezeichnet, „die Brust heben".
Ti shiung fördert den klassischen V-förmigen Körper mit überentwickelter Brust- und
Armmuskulatur.

Ihr Brustkorb sollte so entspannt wie bei einem Baby sein


Han shiung (die gerundete Brust) - diese Anweisung folgt der taoistischen Lehrmei-
nung, dass man einen Körper wie ein Kind haben sollte, weil Kinder völlig natürlich
und unverkrampft sind und deshalb auf so beneidenswerte und natürliche Weise
leistungsfähig. Kinder, und besonders die Babys, haben, bevor sie die Erwachsenen
kopieren, einen dicken runden Bauch und einen entspannten Oberkörper. Im Ver-
hältnis zu ihrer Größe sind Babys kräftiger und besitzen mehr Energie als Erwach-
sene. Testen Sie einmal, wie stark ein Kind im Verhältnis zu seiner Körpergröße ist,
und wie entspannt. Beobachten Sie auch, wie Kleinkinder stundenlang schreien
können, ohne dass es ihnen Mühe zu bereiten scheint - die meisten Erwachsenen
würden das nicht so lange aushalten.
DieTaoisteri haben herausgefunden, was Kinder und Tiere (die ebenfalls nicht
verkrampft sind) gemeinsam haben: Beide atmen aus dem Bauch und haben einen
entspannten Brustkorb. Dadurch können die inneren Organe nach unten sinken
und werden bei jedem Atemzug und durch jede Körperbewegung massiert. Beob-
achten Sie Katzen oder Hunde, Kühe oder Pferde, und sehen Sie, wie deren Bäuche
beim Laufen von einer Seite zur anderen schwingen. Dieses leichte „Quetschen"
der inneren Organe stärkt diese etwa in der Weise, wie Muskeln durch Massage
gesünder und kräftiger werden.

Den Organen
eine innere Massage geben
Die Gladiatoren im alten Rom wurden regelmäßig während des Trainings und
besonders am Morgen vor einem Kampf massiert, damit sie gute Leistungen bieten
konnten. Der gleiche Effekt lässt sich durch die Entspannung des Brustkorbs und

129
Kapitel 10

das Sinkenlassen der inneren Organe erzielen. Dagegen werden im klassischen


V-förmigen Oberkörper die inneren Organe hochgedrückt und in eine ziemlich
starre Lage gebracht. Dadurch wird der Rumpf in ein oberes, mittleres und unteres
Drittel unterteilt. Dadurch wird der innere Druck reduziert, und die inneren Organe
werden durch die Atmung und Körperbewegung weitaus weniger massiert, als dies
bei einem entspannten und nach unten gesunkenen Brustkorb der Fall ist.
Die inneren Druckverhältnisse spielen deshalb eine äußerst wichtige Rolle, weil
sie das endokrine System und die inneren Drüsen zu maximaler Sekretion anregen.
Ein vergleichbarer Innendruck wird beim Hatha-Yoga erzeugt, wo aber ebenfalls
der klassische V-förmige Oberkörper entwickelt wird. Die Asanas des Hatha-Yoga
stimulieren jedoch nicht alle Drüsen gleichzeitig, sondern es gibt für jede Drüse
eine spezielle Übung. Bei den Standübungen und im gesamten Nei Gung werden
alle Subsysteme des Körpers gleichzeitig angeregt. Diese Entspannung des Brust-
korbs führt schließlich dazu, dass die Energie in das Tantien sinkt, wo Ihr Chi wie
auf einem Bankkonto aufbewahrt wird und bei Bedarf zur Verfügung steht.

Die Wirbelsäule aufrichten


und die Schulterblätter dehnen
Das Prinzip ba bei bezieht sich auf das Aufrichten der Wirbelsäule. Die Lungenflü-
gel müssen sich ausdehnen und öffnen, um freies Atmen zu ermöglichen. Bei den
Übungen, die den V-förmigen Oberkörper favorisieren, wird die Brust nach vorn
gedrückt (sie erhält damit eine konvexe Form). Der Rücken wird hohl, während
die Schulterblätter sich heben und zur Wirbelsäule hin aufeinander zubewegen.
Dagegen treten beim Aufrichten der Wirbelsäule (des Rückens) im Nei Gung die
beiden folgenden Wirkungen ein:
Erstens streckt sich die Wirbelsäule spürbar nach oben, so als ob sie hochgezogen
würde. Das nimmt etwas von der Krümmung aus dem oberen Rücken. Der chinesi-
sche Begriff ba bedeutet „etwas herausziehen", so wie man Gras oder ein Kraut aus
dem Boden zieht. Rücken und Wirbelsäule bewegen sich aufwärts, während die
Brust abwärts sinkt. Das verschafft den Lungen reichlich Raum im vertikalen Bereich.
Zweitens wird der Rücken auf der horizontalen Ebene völlig gerundet (Abb. 6-6a).
Anstatt dass die Schulterblätter, wie bei der militärischen Haltung, aufeinander
zukommen (Abb. 6-6b), entspannen sie sich nach unten und können sich so weit

130
Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen

wie möglich auseinander und zur Seite dehnen, so dass sich die Lungen auch nach
hinten zur Wirbelsäule hin ausdehnen können.
Wenn diese beiden Korrekturen mit dem Aufrichten des unteren Rückens und der
Lendenwirbelsäule kombiniert werden, ergeben sich daraus, quasi als Reingewinn,
eine Reihe von Yin/Yang-Abstimmungen, die das exakte Gegenteil der militärischen
Standardhaltung mit V-förmigem Oberkörper bewirken.
Bei der militärisch strengen Standardausrichtung w i r d die Brust herausgedrückt
und das Gesäß nach hinten bewegt. Bei der taoistischen Haltung wird die Brust
halbmondförmig nach innen gerundet und der Rücken bleibt flach, während das
Becken in eine waagerechte Lage (nach vorn) gekippt wird. Die Soldaten ziehen den
Bauch ein und die Brust hoch, während sich bei der taoistischen Haltung die Brust
nach unten entspannt und der Bauch sich senkt. Schließlich wird in der militärischen
Haltung die Wirbelsäule am oberen und unteren Ende deutlich gekrümmt, während
beides nach taoistischen Prinzipien grundsätzlich gerade und gestreckt ist.
Die taoistische Haltung erleichtert es auch, wie Opernsänger und Babys natürlich
aus dem Zwerchfell zu atmen. Die Taoisten betrachten diese Art des Atmens für
Erwachsene als geradezu ideal.

a) Richtig: Die Schulterblätter


sind zur Seite gedehnt, die
Schultern nach vorn gerundet.
b) Falsch: Die Schulterblätter
sind zur Wirbelsäule hin
gezogen, die Schultern nach
hinten gedrückt.

Abbildung 6-3

131
Kapitel 10

Der Kleine Himmlische Energiekreislauf


Vom Becken hinauf zu den Rippen sollen die inneren schrägen Bauchmuskeln an
den Körperseiten (in der Taille) eine aufwärts gerichtete Hebe- oder Zugbewegung
ausführen, um abwärts gerichteten Druck zu verhindern. Diese Muskelbewegung
hilft der Lendenwirbelsäule, aufgerichtet und gerade zu bleiben, und sorgt für
reichlich Abstand zwischen den einzelnen Wirbeln. Die Hebetätigkeit der Muskeln
erfolgt zeitgleich mit dem abwärts gerichteten Sinken des vorderen Oberkörpers, so
dass im Rumpf, zwischen Solarplexus und Hüften, gleichzeitig eine sinkende und
eine hebende Bewegung stattfindet.
Das Aufrichten der Wirbelsäule und das Sinken der inneren Organe und des Chi
erzeugen gemeinsam den Kleinen Himmlischen Energiekreislauf, zuweilen auch
Mikrokosmischer oder Kleiner Kreislauf genannt. Der chinesische Begriff dafür lautet
shao jio tien. Dieses Energiesystem wird seit Jahrtausenden öffentlich beschrieben
und geübt.
Es gibt jedoch auch tiefere, geheimere und esoterische Aspekte dieser Praxis. Sie
dürfen aber nur unter strikter Anleitung eines Lehrers geübt werden, um körperliche
Schäden zu vermeiden. Die in diesem Buch beschriebene Methode des Kleinen
Energiekreislaufs ist den Praktizierenden in China weitgehend bekannt und kann
auch von Ihnen unbesorgt geübt werden. Einige Energiepraktiken werden deshalb
geheim gehalten, weil ihre öffentliche Verbreitung so gefährlich wäre wie eine ge-
ladene Waffe in Kinderhand. Viele Chi-Gung-Techniken werden erst dann gelehrt,
wenn der Schüler die nötige Reife und Erfahrung besitzt.

Die Position der Hände


Bei dieser Stellung weisen die Handflächen nach hinten, während die Hände seitlich
auf den Oberschenkeln ruhen. In energetischer Hinsicht ist dies die neutralste Posi-
tion. Sie ist ideal geeignet für Anfänger der Standform. Dadurch werden besonders
die Achselhöhlen offen gehalten, so dass sich der linke und der rechte Energiekanal
(Abb. 15-2) nicht schließen. Anfänger berühren mit den Daumen leicht die Seiten
der Oberschenkel. Lassen Sie den Raum zwischen Daumen und Zeigefinger, im
Chinesischen als „Tigermaul" bezeichnet, auf natürliche Weise entspannt.

132
Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen

Ü B U N G 2: Körperausrichtungen im Sitzen
Bei der nachfolgend beschriebenen taoistischen Sitzhaltung liegt die Betonung dar-
auf, durch die Atmung aus dem Bauch und der Rückseite der Lungen Entspannung
zu erlangen. Weitere empfehlenswerte Techniken, um körperliche Spannungen und
Schmerzen bei Menschen zu lindern, die längere Zeit eine sitzende Tätigkeit im
Büro oder am Computer ausüben, und bei Menschen, die Chi Gung im Sitzen und
Meditation praktizieren, werden in Anhang D beschrieben.

Die Grundhaltung im Sitzen


Der Stuhl, auf dem Sie sitzen, sollte eine flache und stabile Sitzfläche haben, und
zu beiden Seiten Ihrer Hüften sollten mindestens 3 cm Platz sein. Die Stuhllehne
sollte stabil und gerade, genau senkrecht zur Sitzfläche sein. Die Stuhlsitz sollte so
hoch sein, dass Sie beim Sitzen Ihre Füße flach auf den Boden stellen können und
Ihre Knie dabei in einem Winkel von ungefähr 90 Grad gebeugt haben (Abb. 6-7).
Die Körperausrichtungen bei der Sitzhaltung orientieren sich in jeder Hinsicht an
den Körperausrichtungen bei der Standform.

• Halten Sie Ihre Wirbelsäule gerade (Abb. 6-7b). Um Ihre Wirbelsäule am


Anfang aufzurichten (oder auch später, wenn sie während des Übens langsam
einsackt), heben Sie sich von der Vorderseite der Wirbelsäule aus leicht nach
oben. Je mehr Sie die Vorderseite Ihres Halses, Ihrer Brust und Ihres Bauches
entspannen können, desto leichter wird Ihnen dieses Hochheben fallen. Wenn
Sie müde werden und das Bedürfnis verspüren, Ihre Wirbelsäule nach vorn
zu beugen, dann konzentrieren Sie sich darauf, den hinteren Teil Ihrer Wir-
belsäule zu entspannen. (Die Methoden, um die getrennten Bewegungen von
Vorder- und Rückseite der Wirbelsäule kontrollieren zu lernen, werden bei
den fortgeschrittenen Aufwärmübungen für die Wirbelsäule, Abschnitt 1 in
Kapitel 14, gelehrt.)

• Ihre Taille (Abb. 6-7c), der Bereich zwischen dem oberen Teil Ihres Beckens und
dem unteren Teil der Rippen und des Kwa (Abb. 6-12a), wird leicht nach oben
aufgerichtet, um mehr Raum zwischen beiden zu schaffen. Bei den meisten
Menschen ist dieser Bereich bei längerem Sitzen gewöhnlich zusammengesun-
ken und eingefallen, was nachteilig für die Wirbelsäule ist. Der Körperbereich,

133
Kapitel 10

Richtige Körperausrichtungen beim Sitzen auf einem Stuhl - Seitenansicht


Abbildung 6-7

Falsche Körperausrichtungen beim Sitzen auf einem Stuhl - Seitenansicht


Abbildung 6-8

134
Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen

den die Chinesen als Kwa bezeichnen, erstreckt sich vom Leistenband durch
das Innere des Beckens zur Spitze des Hüftbeins.
• Ihre Armhöhlen sollten offen gehalten werden, die Ellbogen leicht gebeugt sein
und die Arme etwas vom Rumpf weggehalten werden (Abb. 6-7d und 6-9d).
• Ihr Brustkorb und Ihre Schultern sollten entspannt sein (Abb. 6-9b).

• Ihr Kopf sollte leicht oben vom Hals angehoben werden (Abb. 6-4a) und direkt
über der Mitte des Rumpfes und des Beckens positioniert sein (Abb. 6-9a).
• Linker und rechter Energiekanal sollten in einer Linie mit dem zugehörigen
Schulternest und Kwa ausgerichtet sein (Abb. 6-9c). Beim Schulternest han-
delt es sich um die Vertiefung zwischen der inneren Schulterkante und den
Rippen.

6-9a zentraler Energiekanal ausgerichtet, Mitte des Kopfes direkt über Mitte der Hüften

Richtige Körperausrichtungen beim Sitzen auf einem Stuhl - Vorderansicht

Abbildung 6-9

135
Kapitel 10

Falsche Körperausrichtungen beim Sitzen auf einem Stuhl - Vorderansicht


Abbildung 6-11

• Der zentrale Energiekanal ist so ausgerichtet, dass der Scheitelpunkt Ihres


Kopfes und die Mitte Ihres Beckens auf einer senkrechten Linie zum Boden
liegen (Abb. 6-9a).

Das Kwa während des Sitzens anheben


Die Abbildungen 6-12a und b illustrieren, wie sich Ihr Becken nach oben dehnt,
wenn sich Ihr Kwa öffnet, und zusammensinkt, wenn sich Ihr Kwa schließt. Öffnen
Sie Ihr Kwa zu Anfang Ihrer Sitzung und legen Sie besonderen Wert darauf, es in
regelmäßigen zeitlichen Abständen zu überprüfen. Um Ihr Kwa zu öffnen, heben
Sie alles hoch, was Sie spüren können - vom Perineum durch das Becken bis zur
Spitze der Hüftknochen, durch Ihre Taille bis zum unteren Ende Ihrer Rippen, aber
ohne dabei auch Ihren Brustkorb anzuheben. Wenn Ihnen diese Öffnung gelingt,
wird Ihre Leistenfalte sich aufrichten, wodurch jedes Gefühl von Unbehagen und
Erschöpfung gelindert wird.

136
Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen

Das Anheben des Kwa


a) Richtig: Kwa geöffnet und angehoben b) Falsch: Kwa nach unten geschlossen

Abbildung 6-12

Ihr Kwa muss sanft angehoben werden. Ziehen Sie auch nicht vorsätzlich Ihren
Anus zusammen, wie dies bei manchen Chi-Cung-Techniken der Feuermethode
gemacht wird. Durch die Bewegung Ihres Kwa wird auch der Anus mühelos an-
gehoben.

Übungen zur Dehnung des Kwa


Die hier beschriebenen Übungen werden Sie darin unterstützen, Ihr Kwa während
des Sitzens zu dehnen. Pressen Sie Ihre Füße während jeder Übung sanft und kon-
tinuierlich gegen den Boden, damit Sie eine feste Verbindung von den Füßen zu
Ihrer Wirbelsäule erhalten. Pressen Sie, bis sich Ihre Knie stabil anfühlen.
Bei jeder Chi-Gung-Übung im Sitzen sollten Ihre Hände eine der Positionen
einnehmen, die in den Abbildungen 6-7g und 6-9e gezeigt werden.

1. Dehnen und verlängern Sie Ihre Muskeln von den Knien bis zu den
untersten Rippen
Bei guter Ausführung wird diese Dehnung Ihre Rücken-, Schultern- und Hals-
muskeln merklich entspannen.

137
Kapitel 10

2. Beugen Sie sich aus dem Kwa und aus Ihrer Leistenfalte nach vorn und
kehren Sie in Ihre Anfangsposition zurück.
Halten Sie Rumpf und Kopf aufrecht, während Sie Ihren Körper nach vorn neigen
und ihn dann in seine ursprüngliche Position zurückkehren lassen. Bei einer
Kwa-Beugung geht die Bewegung des Rumpfes vom Kwa und nicht von den
Rückenmuskeln, dem Kopf oder Hals aus. Bewegen Sie sich langsam und rhyth-
misch, so dass Sie nach und nach Ihr Kwa und Ihre Taille dehnen und strecken
können. Diese Beugung wird im Bereich von etwa 15 bis 45 cm liegen.

• Wenden Sie die 70-Prozent-Regel an, damit Sie wissen, wie weit Sie dehnen
können. Beugen Sie sich nur so weit Sie können, damit Sie Ihre innere Arbeit
bequem fortsetzen und Ihren Körper von jeglichem Unbehagen, das Sie ab-
lenkt, befreien können.
• Denken Sie daran, Ihre Wirbelsäule gerade zu halten.

3. Dehnen Sie Ihr Kwa und Ihre Taille durch die kreisförmige Bewegung
Ihres Körpers
Neigen Sie sich zuerst leicht nach vorn, dann nach rechts, dann leicht nach hin-
ten, dann nach links und wieder nach vorn, wobei Sie die Mitte Ihres Beckens
als Zentrum Ihres Kreises benutzen. Es ist wichtig, während Sie diese kreisende
Bewegung ausführen, Ihren Körper von einer imaginären Linie im Körper aus
ständig auszudehnen und zu dehnen; diese Linie verläuft von Ihren Beinen zum
Perineum durch die Mitte Ihres Körpers an der Vorderseite der Wirbelsäule und
oben am Scheitelpunkt des Kopfes heraus (Abb. 6-9a). Achten Sie besonders auf
die Dehnung von Ihren Knien durch Ihr Kwa und Ihre Taille, wenn Sie die rechte
und linke Seite des Kreises erreichen (Abb. 6-9c). Tun Sie Ihr Möglichstes, jede
Unausgewogenheit dadurch auszugleichen, dass Sie sich entweder langsamer
bewegen oder die imaginäre Linie an der stärker zusammengezogenen Seite
weiter nach oben ausdehnen. Achten Sie besonders darauf, dass Sie Ihr Kwa
anheben, wenn Sie sich zur Seite bewegen.

4. Wiederholen Sie diese Übung ein- bis dreimal und bewegen Sie sich
dabei sowohl im als auch gegen den Uhrzeigersinn.

138
Grundlegende Körperausrichtungen im Stand und im Sitzen

Ü B U N G 3: Im Stand zur Ruhe kommen


Bevor Sie wirklich mit den in diesem Buch beschriebenen Übungen arbeiten kön-
nen, müssen Sie zur Ruhe kommen und vollkommen präsent sein, damit Sie sich
darauf konzentrieren können, Ihren Körper zu spüren.
Konzentrieren Sie sich während des Stehens auf Ihren Atem. Legen Sie Ihre Zunge
oben an den Gaumen und spüren Sie Ihren Atem, während Sie ein- und ausatmen.
Atmen Sie ruhig, entspannt und ausgewogen, ohne dass es eine Unterbrechung
zwischen jeder Ein- und Ausatmung gibt. Fahren Sie damit fort, bis Sie sich mühelos
auf Ihre Atmung konzentrieren können. Atmen Sie als Nächstes in jeden Körperteil
hinein, der sich taub oder verspannt anfühlt, bis er sich entspannt. Nach ein paar
Minuten dürften Sie feststellen, dass Ihnen die Entspannung leichter fällt und dass
Sie sich müheloser auf das konzentrieren können, was im Inneren Ihres Körpers
geschieht.
Richten Sie die Aufmerksamkeit auf
Ihre Körperausrichtungen. Beginnen Sie
während der Standübung mit dem Schei-
telpunkt Ihres Kopfes und arbeiten Sie sich
durch Ihren Körper nach unten bis zu Ih-
ren Füßen. Nutzen Sie Ihren Geist dazu,
um behutsam die weiter oben in diesem
Kapitel aufgeführten Körperausrichtungen
durchzugehen. Erfühlen Sie, während Sie
sich auf die Hauptausrichtungen konzen-
trieren, ob diese stimmen oder nicht, und
bemühen Sie sich nach besten Kräften, Ihre
Körperposition zu regulieren, bis sie sich
richtiger und stabiler anfühlt. Wenn Sie
in eine Körperausrichtung hineinatmen,
die noch nicht stimmt, wird dieser Prozess
einfacher und effektiver sein.
Denken Sie an die 70-Prozent-Regel Diese neutrale Körperposition ist ideal
dafür geeignet, um mit der Standform
und versuchen Sie nicht, eine Körperaus-
des Chi Gung zu beginnen. Bei anderen
richtung gewaltsam in ihre richtige Posi-
Positionen werden speziellere Wirkungen
tion zu zwingen. Wenn Sie nicht hetzen, hervorgerufen.

139
Kapitel 10

wird sich Ihr Körper langsam ganz von selbst wieder gerade ausrichten, und zwar
besonders dann, wenn Sie die Grundtechniken der Standform erlernen, die mit
diesen Körperausrichtungen arbeiten (siehe Kapitel 7). Der Prozess des Wieder-
ausrichtens wird sich weiter fortsetzen, wenn Sie Chi Gung und andere taoistische
Energieübungen erlernen, und nach und nach werden alle Körperausrichtungen
angenehmer und stabiler werden.
Der Vorgang, im Stand zur Ruhe zu kommen, kann zehn Minuten dauern, bis
Sie mehr Erfahrung damit haben. Mit mehr Praxis wird es kaum mehr als wenige
Minuten in Anspruch nehmen - es sei denn, dass Sie mit einem sehr hohen Stress-
pegel anfangen.

140
Kapitel 7

Grundlegende
Standübungen:
Chi sinken lassen,
durchscannen und
auflösen

Sobald Sie mit den Methoden der Langlebensatmung vertraut geworden sind und
die grundlegenden Körperausrichtungen einnehmen können, sind Sie vorbereitet
und können mit der Praxis beginnen, tief in Ihren Körper hineinzuspüren. Dieses
Kapitel lehrt die grundlegenden Standtechniken, die Ihnen dabei helfen werden,
Ihr Chi zu erwecken und zu spüren. Hierfür gibt es drei Übungen: das Chi sinken
lassen, den Energiekörper durchscannen und Chi-Blockaden auflösen.
Chi zu spüren und mit Chi zu arbeiten ist eine Kunst. Denken Sie daran: DieTiefe,
Mühelosigkeit und Schnelligkeit, mit denen sich Ihr Geist verbinden und feinere
Körperwahrnehmungen spüren kann, nimmt im Laufe der Zeit zu. Die Fähigkeit,
Ihr Chi zu spüren, wird sich mit diesem erhöhten Gewahrsein einstellen.

Was bedeutet Chi sinken lassen?


Der erste Schritt besteht darin, jegliche physische Wahrnehmungen von Unbehagen
und Spannung in Ihrem Körper zu spüren. Diese Wahrnehmungen entstehen an Stel-
len, wo Ihr Chi blockiert ist und sich nicht bewegen kann. Wenn Sie Ihr Chi sinken
lassen, geht es darum, diese Wahrnehmungen zu spüren und sie loszulassen. Das
erdet Körper und Geist und beruhigt Ihr Nervensystem. Wenn Ihr Chi nicht mehr
blockiert ist, können Sie sich entspannt fühlen und voller Freude und Vitalität.

141
Bruce Frantzis reguliert die Körperausrichtungen bei einer Schülerin, damit sich die Haltung,
das Gleichgewicht sowie die Zirkulation von Flüssigkeiten und Energie im ganzen Körper
verbessern

142
Grundlegende Standübungen

Das Gegenteil von sinkendem Chi ist steigendes Chi - die physischen Anzeichen
dafür können Sie erfahren, wenn Sie Angst verspüren. Dieses Gefühl geht vom Ma-
gen oder den Schultern aus und bewegt sich zum Kopf. Ihre Muskeln verkrampfen
sich; Ihre Atmung kann angepannt und kurz werden, oder vielleicht halten Sie auch
den Atem an.
Chinesische Meister des Chi Gung und Tai Chi verwenden den Ausdruck Sung,
wenn sie ihre Schüler dazu bringen möchten, die physischen Wahrnehmungen von
Spannung und Unbehagen in ihrem Körper zu spüren und dadurch zu lösen, dass
sie ihr Chi sinken lassen. Sung bedeutet ein vollständiges Befreien, ein völliges Los-
lassen jeglichen Gefühls von Kontrolle, Zusammenziehung, Widerstandskraft oder
Härte in Ihren Körpergeweben und Nerven, bis jede Form von Festhalten durch ein
vollständiges Gefühl von Offenheit, Raum und Wohlbefinden ersetzt ist.

Wie der Autor Sung erlernte


Als ich zuerst den Versuch unternahm, den Ausdruck Sung zu begreifen, fiel mir das
alles andere als leicht. In meinen frühen Trainingszeiten in Taiwan half mir ein sehr
freundlicher Chinese, der nicht mein Hauptlehrer war, dabei, die Bedeutung von Sung
zu begreifen. Ich sprach noch kaum Chinesisch, bei ihm war es dasselbe mit Eng-
lisch, und unsere Mitteilungen verlegten sich weitgehend auf die Gebärdensprache.
Mein Körper war verspannt. Der Chinese suchte in seinem Wörterbuch nach Sung
und stellte fest, dass es als „entspannen" übersetzt war. Er sagte in gebrochenem
Englisch: „You relax no good enough" [„Du entspannen nicht gut genug"], wobei
er mit Gebärden nachahmte, wie angespannt ich meinen Körper zu entspannen
versuchte. Ich konnte einfach nicht loslassen. Frustriert sagte er: „Need sung. Have
not enough sung" [„Brauchen Sung. Nicht genug Sung haben"]. Er fuhr damit fort,
es mir zu demonstrieren, verwendete dafür stark übertriebene Bewegungen, machte
seine Gelenke völlig locker und stand mit einem offenkundigen Fehlen jeder Art
von physischer Spannung vor mir.
Ich kapierte es nicht. Dann demonstrierte er mir die Bedeutung mit zwei Häuf-
chen Geldmünzen. Er steckte das erste Häufchen in eine F'äpiertüte und legte ein
Messer daneben. „You want sung be like money. Make body be like money" [„Du
wollen Sung sein wie Geld. Machen Körper sein wie Geld"], sagte er. Dann nahm
er das Messer und schnitt die Tüte auf. Die Münzen quollen heraus (die physische
Spannung loslassen), fielen herunter (das Chi nach unten freilassen), trennten sich

143
Kapitel 10

voneinander (das Innere des Körpers lockern), verstreuten sich über den Boden und
bewegten sich bald nicht mehr (der Körper hat Sung vollständig erreicht).
Ich versuchte es erneut. Er sah, dass ich es nur halbwegs schaffte. Daher ballte
er seine Hände zu Fäusten, hob sie über seinen Nabel und plötzlich, während sich
sein gesamter Körper lockerte, öffnete er seine Hände und ließ sie an die Seiten
seines Körpers fallen. Er ergriff das zweite Häufchen Münzen, hob sie an dieselbe
Stelle über seinem Nabel und ließ sie plötzlich los. Sie fielen herab, trennten sich
voneinander und verstreuten sich über den Boden. Ebenso unvermittelt ließ er sei-
nen Körper dann wieder entspannen, während sich seine Hände und Arme sichtbar
lockerten und an die Seiten seines Körpers fielen, genauso wie die Münzen auf den
Boden gefallen waren.
Ich verband die beiden Bilder in meinem Kopf miteinander-und hatte es kapiert.
Als Nächstes forderte mein neuer Freund mich dazu auf, seine Arme und seinen
Bauch zu berühren. Er stand mit den Händen an seinen Seiten da. Nachdem er
überprüft hatte, dass ich mich konzentrierte, entspannte er sich, ließ seinen Kör-
per ganz fallen, ohne sich auch nur einen einzigen Zentimeter zu bewegen, und
versetzte sich in den Zustand von Sung. Ich konnte fühlen, wie seine Muskeln zu
Butter wurden und sich im Inneren seines Körpers eine deutlich spürbare Welle
nach unten bewegte.

Rartnerübung zum Loslassen


Viele Menschen können nicht loslassen. Sie haben Angst davor, die Kontrolle zu
verlieren. Diese Übung gibt Ihnen ein Feedback über Ihre Bereitschaft zum Los-
lassen.

Erste Person: Stehen Sie mit Ihren Füßen parallel zueinander und Ihren Händen an
den Seiten Ihres Körpers. Schließen Sie die Augen.

Zweite Person: Heben Sie eine Hand der ersten Person etwa auf Schulterhöhe und
ziehen Sie Ihre eigene Hand dann leicht und rasch fort, damit die Hand nach unten
fallen kann. Diese Übung verfolgt das Ziel, dass die erste Person ganz einfach ihre
Hand fallen lassen kann, ohne sie zu kontrollieren. Fahren Sie damit fort, bis die
erste Person einfach loslassen kann, und tauschen Sie dann die Rollen.

144
Grundlegende Standübungen

Ü B U N G 1: Das Chi sinken lassen


Um Chi unmittelbar spüren zu können, müssen Sie offen und empfänglich für subtile
Vorgänge werden. Praktizieren Sie jede der folgenden Übungen der Reihe nach und
gehen Sie erst dann zur nächsten Übung weiter, wenn Sie sicher sind, dass Sie die
vorhergehende völlig in sich aufgenommen haben.

1. Physische Wahrnehmungen im Körper spüren


Die Übung, Ihr Chi sinken zu lassen, ist ein konkretes und eindeutig spürbares
inneres Loslassen. Es beginnt dort, wo sich Ihr Geist im Körper konzentriert,
wandert abwärts und hört entweder im unteren Tantien, in Ihren Fußsohlen
oder im Boden auf. Das Gefühl des physischen Loslassens sollte schließlich von
dem deutlichen physischen Gefühl einer sich nach unten bewegenden Welle im
Inneren Ihres Körpers begleitet sein.
Stehen Sie zuerst mit Ihren Füßen parallel und in Schulterbreite auseinander,
die Hände an den Seiten Ihres Körpers; die Handflächen weisen nach hinten,
die Armhöhlen sind geöffnet. Nehmen Sie sich die Zeit, Geist und Körper zur
Ruhe kommen zu lassen. Der erste Schritt dafür ist, dass Sie eine Reise durch
Ihren Körper oben von Ihrem Kopf bis unten zu Ihren Füßen machen und alle
physischen Wahrnehmungen von verhärteter Kraft, Spannung oder Zusammen-
ziehung in Ihrem Körper erspüren. Beginnen Sie damit, Sinneswahrnehmungen
oben an Ihrem Kopf festzustellen, und lassen Sie Ihren Geist dann langsam in
Ihrem Körper abwärts wandern. Stellen Sie fest, wo Sie irgendwelche physi-
schen Gefühle von Widerstand oder Spannung haben. Vielleicht werden Sie
bemerken, dass die Vorderseite Ihres Kopfes verspannt ist oder dass Sie Ihren
Kiefer anspannen. Auch Ihr Nacken und Ihre Schultern könnten sich verspannt
anfühlen. Verweilen Sie nicht allzu lange bei irgendeiner blockierten Stelle.
Denken Sie an die 70-Prozent-Regel und überanstrengen Sie sich nicht. Es steht
Ihnen frei, in jeder Übungssitzung mehr als einen Durchgang von Kopf bis Fuß
zu machen; manchmal sind zwei kürzere Durchgänge besser als einer, der zu
langsam ist. Tragen Sie Ihre Blockaden ab, wie Wasser Stein abträgt- jedes Mal
immer nur etwas.
Im Hinblick auf die Arbeit mit Chi zeigen Gefühle von Widerstand oder Festigkeit
blockierte Körperstellen an, wo Chi nicht gesund und gleichmäßig fließt. Es ist
ein Paradox, aber je mehr Kraft Sie spüren, desto schwächer ist Ihr Chi.

145
Kapitel 10

Sie könnten auch Wahrnehmungen von allgemeinem Unbehagen oder ein Ge-
fühl von Zusammenziehung in einem Körperteil haben. Wenn Ihr Geist bei-
spielsweise nach unten zu Ihrem Magen gewandert ist, könnten dabei zornige
Gedanken entstehen und gleichzeitig könnten Sie spüren, wie sich Ihr Bauch
zusammenzieht.
Unangenehme physische Wahrnehmungen sind verlässliche Anzeichen dafür, wo
sich Energieblockaden in Ihrem Körper verbergen. Tun Sie Ihr Möglichstes, um
diese Empfindungen zu spüren, auch wenn Sie sich dadurch unwohl fühlen. Das
ist ganz normal, wenn man festzustellen beginnt, wie sich das Innere des Körpers
anfühlt. Sie können auch den Eindruck haben, dass die Sinneswahrnehmungen
sich verstärken, wenn Sie sich auf diese Gefühle konzentrieren.
Wandern Sie mit Ihrem Geist abwärts und verzeichnen Sie diese Sinneswahrneh-
mungen, bis Sie Ihre Fußsohlen erreichen. Beginnen Sie mit einem Minimum von
fünf Minuten, um von oben bis unten durch den Körper zu gehen, und erhöhen
Sie diese Zeit auf 15 Minuten oder länger.
Wenn Sie nicht so lange stehen können, dann können Sie zwischen Stehen und
Sitzen abwechseln. Stellen Sie dafür einen Stuhl direkt hinter sich, damit es
einfach für Sie ist, sich hinzusetzen, wenn Sie das brauchen. Versuchen Sie den
Übergang zwischen Sitz- und Standhaltung so fließend wie möglich zu machen.
Wenn Sie krank oder verletzt sind, können Sie diesen Übungsschritt ganz im
Sitzen machen, bis es für Sie möglich wird, zwischen Sitzen und Stehen abzu-
wechseln und schließlich während der ganzen Übung zu stehen.
Es mag Wochen oder Monate dauern, bis Sie auch nur die Erfahrung machen,
blockierte Wahrnehmungen von verhärteter Kraft, Spannung und Zusammenzie-
hung zu erkennen und Ihren Geist genügend zu festigen, um von Ihrem Kopf bis
zu Ihren Füßen zu wandern, ohne abgelenkt zu werden. Wenn Sie dazu in der
Lage sind, dann können Sie lernen, Ihr Chi in den Zustand von Sung zu versetzen.

2. Blockaden nach unten sinken lassen und Ihr Chi in den Zustand von Sung
versetzen
Beginnen Sie oben an Ihrem Kopf und bewegen Sie sich abwärts, wobei Sie
sich derjenigen physischen Wahrnehmung einer Blockade widmen, die Ihr Ge-
wahrsein zuerst ausfindig macht. Nutzen Sie dann Ihre Absicht auf jede für Sie
wirksame Weise, um loszulassen und die Blockade nach unten sinken oder zu
Sung werden zu lassen.

146
Grundlegende Standübungen

Sie werden wissen, wann Sie es geschaft haben, wenn Sie das Gefühl haben,
dass eine spürbare Wahrnehmung des Loslassens und Herabsinkens in Ihrem
Körper stattfindet. Sie können auch Ihr Chi direkt spüren, während es sich in
einer Welle nach unten bewegt.
Ein allgemeiner Irrtum bei der Energiearbeit besteht darin, dass man glaubt,
etwas zu fühlen, während man es sich tatsächlich nur vorstellt oder visualisiert.
Das Gefühl von Sung muss in spürbare und deutlich empfundene physische
Wahrnehmungen umgesetzt werden.

Physische Anzeichen für sinkendes Chi


Nachfolgend einige physische Anzeichen, die Ihnen bestätigen helfen, ob Sie Ihr
Chi tatsächlich sinken lassen und Sung erfahren:

Die Atmung entspannt sich


Chi und Atem sind nicht identisch, doch eng miteinander verbunden. Während sich
Ihr Gewahrsein in Ihrem Körper nach unten bewegt oder sich mit einer bestimmten
Stelle des Unbehagens beschäftigt, kann sich dies in Ihrer Atmung widerspiegeln.
Sie kann plötzlich lauter werden; Sie können unwillkürlich Ihren Atem anhalten und
dieser kann unregelmäßig oder zu schnell werden. Wenn Sie diese Blockade auflö-
sen, dann wird Ihre Atmung geschmeidiger, tiefer und gleichmäßiger werden.
Wenn Sie eine Stelle finden, die Sie klären möchten, dann können Sie Ihre Atmung
als Hilfsmittel dafür benutzen. Die Konzentration darauf, Ihren Atem ruhig werden
zu lassen, kann Ihnen dabei helfen, Ihre Blockaden abzubauen und Ihr Sung zu
vertiefen. Spannung in Ihrer Atmung loszulassen ermöglicht es Ihnen, Schichten von
physischer Spannung zu klären, und hilft Ihnen dabei, Ihr Chi sinken zu lassen.
Verbinden Sie Ihren Geist mit Ihrer Atmung, während Sie Ihr Chi sinken lassen.
Das hilft, um Sie darauf vorzubereiten, Ihr Chi direkt zu spüren. Es wird Sie zu einer
tieferen physischen und mentalen Entspannung führen, Ihren Körper geschmeidiger
machen und es Ihnen ermöglichen, Ihr Gewahrsein dessen, was Sie in Ihrem Körper
spüren, zu erhöhen.
Schließlich wird Ihre Atmung vollkommen ruhig, und Sie werden Chi selbst
erkennen und bewusst damit arbeiten können.

147
Kapitel 10

Die Körperausrichtungen regulieren sich leichter


Der Vorgang, Ihren Körper wieder in der korrekten Standposition auszurichten, voll-
zieht sich langsam. Jede Körperausrichtung, die sich steif und physisch unbehaglich
anfühlt und schwer aufrechtzuerhalten ist, zeigt eine Stelle an, wo Ihr Chi blockiert ist.
Wenn Sie Ihr Chi durch eine Körperausrichtung sinken lassen, so ermöglicht das
Ihnen, die Körperausrichtung leichter zu regulieren und das blockierte Chi zu be-
freien. Das Gefühl von blockiertem Chi kann sich verstärken, wenn Sie sich darauf
konzentrieren. Wenn Sie diese Stelle entspannen und loslassen (Sung), kann die
Körperausrichtung leichter reguliert und aufrechterhalten werden.

Die Muskeln werden weich und die Gelenke dehnen sich aus
Harte, steife und verkrampfte Muskeln werden weicher, aber bedeutend mehr
Spannkraft haben. Sie werden sich leichter bewegen, wenn Sie Ihr Chi sinken lassen
und Ihre Blockaden klären. Der Zwischenraum in Ihren Gelenken kann sich öffnen,
was manchmal von knackenden Geräuschen begleitet wird. Diese können ziemlich
laut sein, besonders in ihren Hüftpfannen oder Wirbeln. Normalerweise dürfte dies
aber kein Grund zur Beunruhigung sein.

Die Füße öffnen sich


Wenn Ihr Chi bis zu den Füßen sinkt, können diese sehr warm werden und sich
anfühlen, als würden sie brennen. Das hat die folgenden Gründe:
• Die kleinen Blutgefäße in den Füßen öffnen sich in höherem Maße
• Zwischen Ihren Mittelfußknochen entsteht mehr Raum
• Blockierte Energie in Ihren Füßen wird geklärt

Das Innere des Körpers wird zunehmend feucht


Das deutlichste Anzeichen dafür, dass Chi sinkt, ist das Gefühl, dass entweder ein
Teil oder das gesamte Innere Ihres Körpers feucht wird, da Ihre inneren Flüssigkeiten
besser zirkulieren. Der chinesische Begriff dafür ist Yun Chi.
Chi bewegt sämtliche Körperflüssigkeiten. Durch Chi Gung zirkulieren diese Flüs-
sigkeiten kräftiger, selbst durch die winzigsten Blutgefäße. Durch eine große Fülle
an Chi wird sich Ihr Körper innerlich feucht anfühlen, während ein Mangel an Chi
ein Gefühl von Trockenheit hervorruft. Wenn Ihr Körper im Zustand von Sung innere
Spannung auflöst, könnten Sie ein pelziges oder weiches Gefühl in sich spüren, das
dem vergleichbar ist, was Sie nach einem heißen Bad empfinden.

148
Grundlegende Standübungen

Nach dem Medizinklassiker des Gelben Kaisers, dem Grundlagentext der inneren
chinesischen Medizin, sind die Körper von jungen, gesunden und lebensprühenden
Pflanzen, Tieren und Menschen feucht und elastisch. Wenn sie sich dem Tod nähern,
werden ihre Körper trocken und brüchig. Menschen fühlen sich auch dann mehr
ausgetrocknet, wenn sie krank oder angespannt gewesen sind oder nicht ausreichend
geschlafen haben. Das Gefühl von Trockenheit entsteht dann, wenn das Blut und
andere Körperflüssigkeiten nicht kräftig zirkulieren.
Wenn Ihr Blut kräftig zirkuliert, dann fühlt sich das Innere Ihres Körpers feuchter
an. Wenn Ihre Fähigkeit, Chi sinken zu lassen, zunimmt, verstärkt sich gewöhnlich
der Speichelfluss in Ihrem Mund. Wenn dies eintritt, dann schlucken Sie den Spei-
chel herunter, um damit Ihr Chi wiederaufzunehmen.
Das Gefühl, dass das Innere Ihres Körpers während des Sung feucht wird, wird
ein konkretes Feedback für Sie sein, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. Wenn Sie
eine konkrete physische Wahrnehmung haben, selbst wenn diese nur vorübergehend
ist, kann dies dabei helfen, Frustration zu vermeiden und nicht sicher zu sein, ob
Sie Sung korrekt ausführen.
Wenn Sie damit beginnen, Ihr Chi sinken zu lassen, werden Sie die Feuchtigkeit
wahrscheinlich in bestimmten Körperteilen stärker spüren. Schließlich wird sich dieses
Gefühl aber gleichmäßig in Ihrem gesamten Körper ausbreiten. Die Wahrnehmung,
dass Ihr Körper feucht wird, fängt gewöhnlich an den Oberflächenmuskeln an und
geht dann weiter in dieTiefe, bis Sie diese bis in die Knochen hinein spüren können.
Wenn Sie sich die Technik, Chi sinken zu lassen, aneignen und eine bestimmte
Stelle im Körper feucht wird, kann dies das Gefühl von Feuchtigkeit im gesamten
Körper erhöhen, oder ein Bereich kann auch nur einen speziellen weiteren Bereich
feucht werden lassen.
Gewöhnlich wird sich Ihr Körper warm anfühlen, kurz bevor das Gefühl von Feuch-
tigkeit deutlich wird. Dies ist ein Anzeichen für vermehrte Blutzirkulation und ein
Hinweis darauf, dass Chi in einen blockierten Bereich gelangt und diesen durchfließt.
Mit jeder neuen Klärung erhöht sich exponentiell Ihre Fähigkeit, noch mehr zu
lösen.

Verwechseln Sie das Sinkenlassen von Chi nicht damit, Ihren Körper fallen zu
lassen
Viele meinen, wenn sie zu lernen beginnen, dass sie Teile ihres Körpers physisch
bewegen müssen, um das innere Gefühl des Sinkens auszuagieren, indem sie

149
Kapitel 10

beispielsweise ihre Knie beugen oder ihre Hüften senken. Sie sollten sich um das
innere Gefühl des Sinkens bemühen und lernen, Ihr Chi sinken zu lassen, ohne
Ihren Körper zu bewegen.
Nachdem Ihnen dieser Prozess leichter fällt, können Sie ihn mit den anderen
Elementarübungen kombinieren, die erfordern, Ihren Körper nach unten zu bewe-
gen, um damit gleichzeitig die physische Hebelkraft und die Kraft Ihres sinkenden
Chi zu nutzen.

Wichtige Übungshinweise
1. Als Vorsichtsmaßnahme ist es wichtig, dass Sie zuerst lernen, Ihren Energiefluss
sinken zu lassen, bevor Sie daran arbeiten, Ihr Chi aufzulösen. Dadurch werden
Sie darauf vorbereitet, mit dem aufwärts gerichteten und anderen Energieflüssen
umzugehen, ohne Ihr Zentralnervensystem zu schädigen.

2. Wenn Sie versuchen, eine bestimmte Blockade zu klären und bemerken, dass
sich eine andere weiter oben im Körper befindet, dann lenken Sie Ihre Aufmerk-
samkeit nicht darauf, sondern nutzen Sie stattdessen die folgende Alternative:
Lassen Sie Ihr Chi weiter von der tieferen Blockade nach unten zu Ihren Füßen
sinken und versuchen Sie, die höhere Blockade zu ignorieren. Eine oder auch
beide Blockaden können sich möglicherweise von selbst lösen. Wenn das nicht
der Fall ist, können Sie diese dann auflösen, wenn Sie einen weiteren Durchgang
nach unten machen.

3. Halten Sie sich an die 70-Prozent-Regel.


4. Behalten Sie die korrekten Körperausrichtungen bei und sacken Sie nicht in sich
zusammen. Sie sollten keine Schmerzen in Ihren Gelenken spüren. Wenn das
der Fall ist, dann überprüfen Sie nochmals Ihre Körperausrichtungen; wenn die
Schmerzen weiter anhalten, dann brechen Sie die Übung ab.

Die nächste Stufe des Sinkenlassens


Die meisten Menschen brauchen Monate dafür, bevor sie ihr Chi bis zu ihren Füßen
sinken lassen können. Beginnen Sie oben an Ihrem Kopf und versuchen Sie systema-
tisch, jede einzelne Blockade auf dem Weg nach unten aufzulösen. Wenn Sie dies
regelmäßig ausführen können, sind Sie bereit dazu, zur nächsten Stufe weiterzuge-
hen und weitere spezielle Formen der Anwendung von Sung auszuprobieren.

150
Grundlegende Standübungen

• Sie können Sung auf einen bestimmten Bereich beschränken, ohne zuvor das
auflösen zu müssen, was darüber liegt. Zum Beispiel können Sie eine gewisse
Spannung in Ihren Schultern feststellen, ohne dass Sie oben am Kopf beginnen
müssen, und sie dadurch lösen, dass Sie sich darauf konzentrieren und sie zu
Sung werden lassen.

• Sie können Ihren gesamten Körper in den Zustand von Sung versetzen und eine
sich ständig erneuernde, nach unten fließende Welle kontinuierlicher Freiset-
zung von Energie spüren. Im Laufe der Zeit wird diese Welle stärker werden
und immer tiefere Blockaden freisetzen.

Ü B U N G 2: Den Energiekörper durchscannen


Wenn Sie vom physischen zum Chi-Körper übergehen, sollten Sie bereits erfahren
darin sein, Ihr Chi sinken zu lassen. Sie sollten nun zumindest zeitweise eine gewisse
Vorstellung von der Möglichkeit haben, dass Chi ebenso deutlich spürbar wie eine
physische Wahrnehmung sein kann. Nun können Sie sich darauf konzentrieren, die
Sinneswahrnehmungen von Chi selbst zu spüren.

Langsam alle Unausgewogenheiten von Energie im Körper beobachten


Ihr Chi sinken zu lassen erfordert anfangs nur, dass Sie sich mit rein physischen
Sinneswahrnehmungen beschäftigen. Diese unterstützen Sie darin, der indirekten
Anzeichen dafür gewahr zu werden, dass Chi sich im Körper bewegt. Wenn Sie
dieses Gewahrsein einmal erlangt haben, ist die Zeit dafür gekommen, um Ihren
Energiekörper durchzuscannen. Das wird Sie darin schulen, feinfühliger für Ihr Chi
zu werden, und ist die Vorbereitungsstufe dafür, um Energieblockaden aufzulösen.
Beginnen Sie oben an Ihrem Kopf und beobachten Sie langsam jegliche Unaus-
gewogenheiten von Energie, während Sie Ihren Körper nach unten durchscannen.
Diese Unausgewogenheiten werden sich an solchen Stellen äußern, wo Sie Span-
nung, Widerstandskraft, Zusammenziehung oder sonst irgendetwas spüren, das sich
nicht richtig anfühlt. Diese Empfindungen ermöglichen es Ihnen auf verlässliche
Weise, blockiertes Chi zu lokalisieren.

1. Widerstandskraft oder Stärke


Sinneswahrnehmungen von physischer Stärke oder Widerstandskraft sind normal.
Sobald Sie empfänglich dafür werden, das Innere Ihres Körpers zu spüren, wird

151
Kapitel 10

energetische Stärke genauso deutlich spürbar sein. Es mag jedoch nicht klar sein,
womit diese Art von Stärke speziell zusammenhängt. Möglicherweise existiert
ein Überschuss an Chi in einem Körperbereich, der mit Stolz oder Starrsinn
verbunden ist. Das ist wahrscheinlich der Fall, wenn es sich wie blockierte ener-
getische Stärke anfühlt. Versuchen Sie nicht, dies noch weiter zu analysieren,
sondern vertrauen Sie Ihrem Gefühl und Ihrer Intuition.

2. Spannung
Diese bezieht sich auf zwei Kräfte in Ihnen, die sich in Konflikt miteinander
befinden, wie beispielsweise physische Spasmen oder irgendein emotionaler
oder mentaler Konflikt, der unterschwellig in Ihrem Körper sitzt.

3. Zusammenziehung
Blockiertes Chi kann physische Kontraktionen in Ihren Muskeln, inneren Organen
und Blutgefäßen hervorrufen oder auch emotionale Einengung, wie beispiels-
weise die Unterdrückung von Wut oder Trauer.

4. Andere ungewöhnliche Wahrnehmungen


Dabei handelt es sich um energetische Blockaden, die schwer in Worte zu fassen,
aber dennoch deutlich spürbar sind, wie beispielsweise allgemeine, unspezifische
Gefühle des Unbehagens, vage Schmerzen oder Körperpartien, die Sie überhaupt
nicht spüren können. Wenn sich irgendetwas richtig anfühlt, dann können Sie
an dieser Stelle ein deutliches Gefühl von Lebendigkeit spüren.
Erforschen Sie Ihren Energiekörper innerlich, Millimeter um Millimeter, vom
Scheitel Ihres Kopfes bis zu Ihren Fußsohlen. Achten Sie genau darauf, was Sie
spüren. Machen Sie die Bereiche ausfindig, wie klein und unscheinbar sie auch
sein mögen, die sich nach Spannung, Zusammenziehung, Widerstandskraft oder
Stärke anfühlen. Lenken Sie dann Ihre besondere Aufmerksamkeit auf jene Stel-
len, bei denen Sie einfach nicht genau wissen, was sich nicht richtig anfühlt.

Es muss noch einmal betont werden, dass Sie nichts tun sollen, wenn Sie irgendeine
dieser vier Eigenschaften von blockierter Energie feststellen. Werden Sie einfach
Ihrer Existenz gewahr und registrieren Sie, was und wo sie sind.

152
Grundlegende Standübungen

Nützliche Hinweise
für das Wecken von Chi
Lassen Sie sich Zeit
Gewöhnlich dauert es zwischen fünfzehn Minuten und einer Stunde, um das durch-
zuführen, was wir das „Wecken von Chi" nennen. Wenn Sie glauben, das in zwei
oder drei Minuten geschafft zu haben, dann üben Sie mit Sicherheit nicht korrekt.

Inneres Durchscannen ist ein konkret erfahrbares Gefühl, keine


Visualisierungsübung
Bei Ihrer inneren Überprüfung haben Sie möglicherweise nicht unmittelbar Ihren
Körper gespürt, sondern - was sehr viel leichter fällt - ihn nur visualisiert oder sich
innere Bilder davon gemacht. Vielleicht gefallen Ihnen gewisse Dinge nicht, die
Sie tatsächlich gespürt haben, aber diese Stellen verschwinden nicht, wenn Sie sie
verdrängen oder bewusst übersehen - Sie müssen sie akzeptieren und durcharbei-
ten. Sie müssen es zulassen, tatsächlich Ihren inneren Zustand zu spüren. Mit der
Zeit werden Sie ohnehin die Kraft gewinnen, Ihre inneren Blockaden zu spüren
und aufzulösen.

Lassen Sie Ihre Nerven lebendig werden


Eines der Hauptziele bei der Praxis der Energiekultivierung besteht darin, eine
gänzlich neue Fähigkeit des Fühlens zu entwickeln. Der Unterschied im Körperbe-
wusstsein zwischen einem beidseitig Gelähmten und einem Durchschnittsmenschen
ist etwa so groß wie der Kontrast zwischen der jetzigen Fähigkeit Ihrer Nerven, den
inneren Zustand zu spüren, und der zukünftigen Sensibilität, wenn Ihre Chi-Übun-
gen zur regelmäßigen Gewohnheit geworden sind. Seien Sie nicht frustriert, falls
Sie anfänglich nicht so viel erspüren können. Vertrauen Sie darauf, dass Sie mit der
Zeit alles erspüren können.

Bewahren Sie geistige Stabilität


Das Durchscannen des Energiekörpers ist im Wesentlichen keine rein körperliche
oder geistige Übung. Es dient vielmehr der näheren Bestimmung, Verfeinerung und
Vermehrung der Lebensenergien im Körper. Von kleinen Kindern ist bekannt, dass

153
Kapitel 10

sie sich nicht lange konzentrieren können, doch die meisten Erwachsenen besitzen
ebenfalls das, was die Chinesen als „Affengeist" bezeichnen - einen unruhigen Geist,
der von Ort zu Ort springt. Der Geist des Chi-Gung-Praktizierenden entwickelt sich
langsam. Im Laufe der Zeit wird Chi Gung nach und nach die Dauer Ihrer Aufmerk-
samkeit, Ihre Konzentration und Ihre Sensibilität für feinstoffliche Energien erhöhen.

Eile bremst den Fortschritt


Noch einmal muss darauf hingewiesen werden, dass es sich hier um einen allmäh-
lichen Entwicklungsprozess handelt. Nur die allerwenigsten Menschen können die
Chi-Gung-Übungen von Anfang an korrekt ausführen. Die Entwicklung wird um so
schneller und gleichmäßiger voranschreiten, je sanfter und beständiger Sie üben.
Wenn Sie sich unmögliche Ziele setzen und sich selbst quälen, wenn Sie diese
Ziele nicht erreichen, sabotieren Sie sich damit selbst und beeinträchtigen Ihren
eigenen Lernprozess.

Hüten Sie sich vor Gefühlen der Stärke


Die meisten Menschen betrachten Stärke als etwas Positives und Nützliches, das
man schätzen und erstreben sollte. Bei der Chi-Arbeit gelten Gefühle der „Stärke"
dagegen als Blockaden, die den normalen, gesunden und gleichmäßigen Ener-
giefluss im Körper daran hindern, auf entspannte und kraftvolle Weise zu zirkulieren.

Wie sich entspanntes Chi anfühlt


Im Idealfall fühlt sich die Energie an jeder Stelle Ihres Körpers entspannt und an-
genehm an. Der Energiefluss ist mühelos, voll und ausgeglichen. Mit Ihrer Energie
sollte ein umfassendes Gefühl von Leerheit verbunden sein. Nur wenn Ihre Energie
blockiert ist, ruft sie spezielle Gefühle hervor.

Ü B U N G 3: Der äußere Auflösungsprozess von Chi


Auflösen ist der Prozess, blockierte Energie vollständig zu klären und freizusetzen.
Eine klassische taoistische Metapher umschreibt den äußeren Auflösungsprozess mit
den Worten „Eis zu Wasser, Wasser zu Gas". Genauer, „Eis zu Wasser" beschreibt
den Vorgang, Ihr Chi sinken zu lassen, während „Wasser zu Gas" dem Vorgang

154
Grundlegende Standübungen

entspricht, Ihr Chi aufzulösen. Das Auflösen verlangt, dass Sie direkt mit Ihrem Chi
arbeiten.

D i e B e z i e h u n g z w i s c h e n C h i s i n k e n lassen
und Chi auflösen

Sie können Ihr Chi sinken lassen, ohne es aufzulösen. Sie können Ihr Chi jedoch
nicht auflösen, ohne es nicht bis zu einem gewissen Grad auch sinken zu lassen.
Das Auflösen ist subtiler, weil es direkt mit Chi arbeitet, während beim Sinkenlassen
anfangs mit physischen Sinneswahrnehmungen gearbeitet wird. Jede Methode hat
ihre Stärken, Herausforderungen und Besonderheiten, die es zu berücksichtigen gilt:

1. Chi sinken zu lassen ist leichter zugänglich und einfacher zu erlernen.

2. Chi sinken zu lassen w i r d gewöhnlich in den inneren Kampfkünsten, w i e


beispielsweise Tai Chi, gelehrt, wo es für den Erfolg im Wettkampf wichtig ist,
physische Kraft zu erwerben.

3. Chi sinken zu lassen entwickelt ein Gewahrsein der physischen Sinneswahrneh-


mungen in Ihrem Körper, das zum Gewahrsein Ihres Chi führt und schließlich
zum direkten Gewahrsein desjenigen Chi, das Ihren Körper dazu veranlasst,
innerlich feucht zu werden. Das wiederum führt dazu, blockiertes Chi zu er-
kennen und während des Auflösungsprozesses direkt aufzulösen.

4. Wenn Sie lernen, Chi sinken zu lassen, so hilft Ihnen dies dabei, sich zu erden
und im gegenwärtigen Augenblick zu bleiben. Es ist eine Sicherheitsvorkehrung
gegen eine Dissoziation von den Emotionen, die entstehen, wenn Sie blockierte
Energie auflösen und freisetzen. Das ist besonders wichtig für Menschen, die
sehr feinfühlig für Chi sind, aber eine ziemlich schwache Verbindung zu ihrem
Körper haben.

5. Das Auflösen von Chi ist wirksamer und verlässlicher für die Linderung und
Heilung von Krankheiten. Von Chi erzeugte physische Kraft für Kampfkünste
und sportliche Wettkämpfe lässt sich am Anfang leichter durch das Sinken lassen
von Chi entwickeln.

6. In dem Augenblick, wo Sie Ihr Chi erfolgreich auflösen, treten viele physische
Wahrnehmungen, die Sie beim Sinkenlassen Ihres Chi erlebt haben, deutlicher
hervor.

155
Kapitel 10

7. Schließich werden Sinkenlassen und Auflösen von Chi zu einem einzigen


nahtlosen Prozess.

8. Wenn Sie Ihr Chi entweder sinken lassen oder auflösen, können Sie Ihren
Atem als Hilfsmittel dafür nutzen, um sich der subtilen Schichten innerhalb
einer Blockade bewusst zu werden, Ihr Gewahrsein zu erweitern oder Ihre
Konzentration zu steigern. Verlassen Sie sich jedoch nicht allzu sehr auf Ihren
Atem, um diese Aufgaben zu leisten. Sie sollen dazu in der Lage sein, mit und
ohne Nutzung Ihres Atems Ihr Chi sinken zu lassen und aufzulösen.

D e r Ä t h e r k ö r p e r und der Auflösungsprozess

Das Energiefeld, das Sie umgibt, wird als Ätherkörper oder Aura bezeichnet. Es
verändert seine Größe von Augenblick zu Augenblick, was darauf beruht, wie stark
oder schwach Ihr Chi ist. Der Ätherkörper erstreckt sich zwischen 15 und 50 cm
über die Körperoberfläche hinaus. Das Auflösen verlangt von Ihnen, dass Sie ener-
getische Blockaden in Ihrem Ätherkörper bis zu dessen natürlicher Begrenzungslinie
freisetzen.
Alle physischen und energetischen Bereiche Ihres physischen Körpers sind direkt
mit entsprechenden Bereichen in Ihrem Ätherkörper verbunden. Ebenso können
blockierte Bereiche in Ihrem Ätherkörper energetische Blockaden in Ihrem physi-
schen Körper direkt aktivieren und Ihr sinkendes Chi daran hindern, sich auf die
vollständige Lösung solcher Blockaden zu übertragen.
Beim Auflösen lernen Sie, wie Sie Ihre Energie nicht nur nach unten freisetzen,
sondern auch nach außen von Ihrem physischen Körper fort durch Ihren Ätherkör-
per bis zu dessen äußerer Begrenzung. Die dabei freigesetzte Energie nimmt eine
neutrale Beschaffenheit an und fließt wieder zu Ihnen zurück als Energie, die Ihr
physischer Körper für seine fortlaufenden Bedürfnisse nutzen kann.

1. Die Auflösung nach dem Prinzip „Eis zu Wasser, Wasser zu Gas"


Beginnen Sie am Scheitelpunkt Ihres Kopfes und stellen Sie fest, wo Sie Gefühle
von Härte oder Spannung, irgendwelche Abweichungen, ein allgemeines Ge-
fühl von Unbehagen oder Zusammenziehung in Ihrem Körper spüren. Diese
Empfindungen können physischer, energetischer, emotionaler oder mentaler
Natur sein. Die Blockaden, die diese sinnlich wahrgenommenen Symptome

156
Grundlegende Standübungen

hervorrufen, müssen aufgelöst werden. Dieser Prozess schließt das Gefühl ein,
als würden sich die blockierten Stellen zuerst von Eis zu Wasser und dann von
Wasser zu Gas verwandeln.

2. Die Auflösung nach dem Prinzip „Veränderung von Eis zu Wasser"


Wenn Sie erst einmal eine Stelle lokalisiert haben, an der Energie blockiert oder
erstarrt ist, sollte Ihr Gewahrsein die äußeren Konturen dieser gefrorenen Ener-
gie fühlen. Ihr Gewahrsein wird in diese feststoffliche Energiemasse eindringen
und die Blockade aufweichen lassen, so dass Sie bis in deren Zentrum gelangen
können. Dies ist damit vergleichbar, wenn Sie einen Eiswürfel zum Schmelzen
bringen: Der Schmelzvorgang schreitet langsam von außen zum Zentrum fort.
Dann lassen Sie die Blockierung los und versetzen sie in den Zustand von Sung.
Das ist die Transformation von Eis zu Wasser.

3. Die Auflösung nach dem Prinzip „Transformation von Wasser zu Gas"


Sobald die gesamte Blockade in Ihrem Körper dann weich und fließend wird
(wie ein Eiswürfel, der geschmolzen und zu Wasser geworden ist), halten Sie Ihre
Aufmerksamkeit weiter auf diese Stelle gerichtet und lassen Ihr Gewahrsein die
Blockade behutsam ausdehnen. Sie setzen diesen Prozess so lange fort, bis ein
Gefühl eintritt, dass sich die eingeschlossene Energie über den Körper hinaus
so weit ausdehnt, als wäre sie an einen natürlichen Endpunkt oder eine Grenze
gelangt, die vielleicht in einem Abstand von 30 bis 50 cm außerhalb der Haut-
oberfläche liegt. Das ist die Transformation von Wasser zu Gas.
Die Auflösung eines solchen Energieblocks vollzieht sich stufenweise. In der
ersten Phase, Eis zu Wasser, wird Ihr Körper entspannt, weich und warm, da der
vermehrte Chi-Fluss eine bessere Durchblutung bewirkt. (Denken Sie immer
daran, dass der Geist Chi bewegt und Chi seinerseits das Blut und andere Kör-
perflüssigkeiten.) In der zweiten Phase,Wasser zu Gas, verschwinden Schmerzen
und tief sitzende körperliche Belastungen. Auf noch weiter fortgeschrittenen Chi-
Gung-Stufen werden sich auch negative Emotionen auflösen. Sie werden sich
schon jetzt gut fühlen, aber die Ursachen der Energieblockaden werden noch
nicht völlig verschwunden sein.
Diese Auflösungstechnik muss durch konkrete Gefühlswahrnehmung, nicht le-
diglich durch bildhafte Vorstellung gemeistert werden. Es handelt sich dabei um
eine kinästhetische oder körperlich gefühlte Erfahrung.

157
Kapitel 10

Entspannung allein muss nicht unbedingt auch zu mehr Energie führen, die den
Körper zum Beispiel heilen kann. Sie können Ihre Muskeln entspannen, während
emotionale Blockaden davon unberührt bleiben. Die Befreiung von Energie wirkt
sich dagegen auf alle Ebenen Ihrer Persönlichkeit aus.
Obwohl körperliche Entspannung (Wasser) auf der energetischen Ebene dazu
führt, dass sich die Dinge vorübergehend besser anfühlen, kann durch sie allein
eine Energieblockade (Eis) nur teilweise freigesetzt werden. Wenn die der Blo-
ckade (Eis) zugrunde liegenden Ursachen nicht bis zur äußeren Begrenzungslinie
des Ätherkörpers aufgelöst, umgewandelt und beseitigt (zu Gas verwandelt)
worden sind, kann sich später wieder Wasser bilden und erneut zu Eis werden,
was letztlich zu Schmerzen und Krankheiten führt.
Um ein konkret erfahrbares Gefühl des Auflösungsprozesses und der Umwand-
lung von Eis zu Wasser und von Wasser zu Gas zu bekommen, ballen Sie einmal
Ihre Faust so fest, wie Sie können, bis Ihre Fingerknöchel weiß hervortreten. Da-
durch zieht sich Ihre Energie von selbst zusammen. Richten Sie Ihr Gewahrsein
nun auf Ihre Hand und dehnen diese zusammengezogene Energie aus, bis Sie Ihre
Hand völlig entspannen (Eis zu Wasser), ohne Ihre Faust dabei zu öffnen. Fahren
Sie dann damit fort, Ihr Gewahrsein auf Ihre geschlossene Hand zu konzentrieren,
bis sich Ihre Energie aus der Hand heraus in die Luft ausdehnt und Ihre Hand
sich schwerelos, völlig amorph und unkörperlich anfühlt (Wasser zu Gas).

4. Die Auflösung nach unten im Stand


a) Während Sie innerlich Ihren Körper durchscannen, lösen Sie einen blockierten
Energiebereich so vollständig wie möglich auf, bis Sie innerlich spüren, dass sich
zu diesem Zeitpunkt nichts weiter auflösen lässt. Das heißt, Sie erreichen einen
Punkt, wo Sie selbst dann, wenn Sie an dieser Stelle noch fünf Minuten, fünf
Stunden oder fünf Jahre weiter versuchten, die verbleibende Energieblockade
aufzulösen, nicht weiterkommen würden. Während der nächsten Übungssitzung
werden Sie vielleicht feststellen, dass sich dieser Bereich etwas weniger blockiert
anfühlt und sich, sei es teilweise oder vollständig, leichter auflösen lässt.
b) Als Nächstes lassen Sie dann jegliche bisher nicht gelöste Energie zur nächsten
Stelle sinken, wo weitere blockierte Energie festgehalten wird. Dort lösen Sie
die kombinierte Energie der ersten und der zweiten Stelle so weit wie möglich
auf. Wiederholen Sie kontinuierlich diese Vorgehensweise bei jeder blockierten
Stelle, auf die Sie weiter unten treffen. Sie sollten dabei an die 70-Prozent-Regel

158
Grundlegende Standübungen

denken. Strengen Sie sich nicht zu sehr an und verweilen Sie nicht zu lange an
einer Stelle.
c) Lassen Sie nun die noch verbleibende ungelöste Energie zur dritten Stelle
sinken.
Lösen Sie dann die kombinierte Energie der ersten, zweiten und dritten Stelle so
weit wie möglich auf. Fahren Sie auf diese Weise fort, von Blockade zu Blockade,
bis in den Boden unter Ihren Füßen.
d) Machen Sie schließlich einen raschen Durchgang in Ihrem Körper nach unten
und lösen alle inneren Sinneswahrnehmungen durch Ihre Füße in den Boden
hinein auf, so weit wie Ihr Gewahrsein nach unten reicht.
e) Hören Sie immer an oder unter Ihren Füßen auf. Um die energetische Klärung,
die Sie während der Standform ausgeführt haben, zu stabilisieren und nicht an-
schließend wieder rückgängig zu machen, müssen Sie jede Übung an Ihren Füßen
beenden, wenn Sie das Chi sinken lassen, und unterhalb Ihrer Füße, wenn Sie
den Körper durchscannen und Energieblockaden auflösen. Wenn Sie feststellen,
dass Ihre Übungszeit vielleicht nicht ausreichen wird, um bis zu Ihren Füßen zu
gelangen, dann achten Sie darauf, dass Ihnen am Ende noch ein paar Minuten
bleiben, um mühelos bis zu Ihren Füßen weitermachen zu können. Dieser Punkt
ist sehr wichtig. Je länger Ihre Praxis während dieser Sitzung gewesen ist, desto
mehr Zeit sollten Sie sich am Ende für einen guten Abschluss bewahren.

D e r E n e r g i e k ö r p e r d e h n t sich aus u n d z i e h t sich z u s a m m e n

Der menschliche Energiekörper reicht bis unter die Füße und über den Kopf hinaus.
Die Größe des Energiekörpers, der auch als Ätherkörper oder Aura bezeichnet wird,
kann erheblich zu- oder abnehmen. Das hängt von der Vitalität oder Schwäche
Ihrer inneren Energie ab. So mag es Ihnen an manchen Tagen nur gelingen, Ihr Chi
nicht mehr als zwei bis drei Zentimeter in den Boden zu senden, und zu anderen
Zeiten schaffen Sie es vielleicht mehr als einen Meter tief. Solche Schwankungen
sind völlig normal, bevor der Energiekörper nicht vollständig entwickelt und stabi-
lisiert worden ist.

159
Kapitel 10

D i e Prinzipien hinter d e m Auflösungsprozess

Das Universum besteht aus Energien, die in verschiedenen Frequenzen schwingen.


TaoistischesChi Cung folgt der grundlegenden alchemistischen Methodik, langsame,
verdichtete Energieschwingungen, w i e die physische Materie des menschlichen
Körpers, zu feineren, schnelleren und ausdehnungsfähigen Schwingungen, wie
Emotionen und seelisch-geistigen Qualitäten, zu transformieren.
Die Erfahrungen des Altertums, und dazu gehört das Alte China, haben gezeigt,
dass man durch geschärfte Aufmerksamkeit und konzentriertes Gewahrwerden der
energetischen Aspekte des Körpers sowohl die aktuelle als auch die potentielle
Stärke von Körper, Geist und Seele steigern kann. Daraus entstehen körperliche
Gesundheit, emotionales Wohlbefinden, geistige Klarheit und weitere seelisch-
geistige Fähigkeiten. Letztlich führt dies dazu, die eigene spirituelle Wesensnatur
zu entwickeln und mit der Natur des Universums, dem Tao, eins zu werden.

G e h e n Sie b e i m A u f l ö s e n b e h u t s a m v o r

Setzen Sie sich und Ihr Chi nicht unter Druck! DerTaoismus ist der Weg der Sanft-
heit, der Weg des strömenden Wassers. Versuchen Sie nicht, den Strom anzutreiben.
Wenn Sie feststellen, dass sich eine Blockade nicht auflösen lässt, dann umgehen
Sie diese und machen mit dem Rest des Körpers weiter. Irgendwann wird es Ihnen
gelingen, auch diese Rückstände aufzulösen - es gibt keinen Grund zur Eile.
Praktizieren Sie das hier beschriebene Auflösen von Chi (Übung 3) mindestens
zwei Wochen lang. Dann kann diese Praxis in die nächste Stufe der Chi-Gung-
Standform integriert werden, bei der es um das Öffnen der Energietore des Körpers
geht.

160
Kapitel 8

Die Energietore des


Körpers öffnen

Was sind Energietore?


Als Energietore bezeichnet man die hauptsächlichen Relaisstationen des Chi, in
denen die Stärke der durch den Körper fließenden Lebensenergie reguliert werden
kann. Viele dieser Tore befinden sich in den Gelenken oder, genauer gesagt, im
Gelenkspalt zwischen den Knochenenden. In den ersten Wochen und Monaten der
Praxis der Standform und der Auflösungsübungen sind dies die wichtigsten Stellen,
an denen Blockaden geklärt werden.
Das Konzept der „Energietore" ist nicht neu, es ist uns bereits aus dem Alten China
überliefert. Ursprünglich hatten sich Taoisten diese Modellvorstellung geschaffen,
die für viele Traditionen gebräuchlich geworden ist. Nach meinem besten Wissen
ist sie jedoch vor der Erstveröffentlichung dieses Buches im Jahre 1993 niemals
vollständig in einer westlichen Sprache beschrieben worden.
Diese Tore sollte man sich nicht als anatomisch einfach zu lokalisierende Stellen
im menschlichen Körper vorstellen. Sie müssen mit bewusstem Gewahrsein, einer
der Funktionen des Geistes, gespürt werden, denn sie gehören zum feinstofflichen
Energiekörper. Unter dem Gesichtspunkt der inneren Energie ist ihre genaue Lage
immer nur ungefähr anzugeben und kann geringfügig variieren. Für Akupunkteure
ist die anatomische Lokalisierung der Akupunkte nützlich, weil siesich dieser Punkte
bedienen, um den Körper von hier aus zu beeinflussen. Mit Hilfe sichtbarer Mar-
kierungen bezeichnen sie die ungefähren Stellen, an denen sie ihre Nadeln setzen.

161
Auflösungsübungen, die mit den Energietoren des Körpers arbeiten, können im Sitzen wie
im Stehen ausgeführt werden. Anfängerübungen werden gewöhnlich mit geschlossenen
Augen ausgeführt, damit der Praktizierende nicht abgelenkt wird und seine Aufmerksamkeit
nach innen gerichtet bleibt. Wenn sich dieses Gewahrsein einmal stabilisiert hat, können
fortgeschrittenere Übungen auch mit offenen Augen ausgeführt werden.

162
Die Energietore des Körpers öffnen

(Die Nadel stimuliert das Chi des Körpers auf indirekte Weise.) Einige Energietore
stimmen mit Akupunkten überein, andere unterscheiden sich deutlich von ihnen.
Die Energietore funktionieren etwa so wie die großen Umsetzer in elektrischen
Überlandleitungen, von denen jeder Einzelne wieder eine Reihe von kleineren
Umspannstationen speist und sichert.
Beim Chi Gung wird das bewusste Gewahrsein direkt in das Energietor versetzt.
Sie müssen lernen, diese Punkte zu spüren, um Ihren Chi-Fluss zu lenken und den
Energiekörper mit größtmöglichem Erfolg zu stimulieren. Es geht nicht darum,
sich ein Energiertor nur im Geist vorzustellen (obgleich Anatomiekenntnisse beim
Lokalisieren helfen), sondern das Tor deutlich zu spüren und die durchfließende
Energiemenge zu erhöhen oder zu verringern. Gebrauchen Sie Ihre Willenskraft
oder Intention mit der gleichen mühelosen Leichtigkeit, mit der Sie Augen, M u n d
oder Hände öffnen und schließen. Denken Sie immer daran, dass sich die Energie-
tore innerhalb Ihres Körpers befinden und dass sich ihre Größe entsprechend der
Stärke Ihres Chi-Körpers geringfügig verändert. Folglich sind die exakte Lage eines
Energietors und der Abstand von der Körperoberfläche der visuellen Analyse nicht
zugänglich. Der physische Körper und der Energiekörper stimmen bekanntlich in
Form und Funktion nicht überein. Ein erfahrener Chi-Gung-Praktizierender kann
aber die Punkte dieser Energietore genauso deutlich spüren w ie andere Menschen
Akupunkturnadeln in ihrer Haut. Chi-Gung-Meister spüren sogar die Energietore
im Körper von anderen.
Im Allgemeinen praktizieren wir das „Öffnen" der Energietore in der Reihenfol-
ge, wie sie weiter unten angegeben ist. Seien Sie sich aber immer bewusst, dass
diese Reihenfolge nicht auf ewig festgeschrieben ist. Das wichtigste Gebot ist, dass
sich die Energie und die inneren Sinneswahrnehmungen während der Klärung
(Auflösung) von Blockaden von oben nach unten durch den Körper bewegen. Im
folgenden Abschnitt wird die Lage der Energietore beschrieben, die von Blockaden
befreit werden müssen.

Wichtige Haupt- und Nebentore des Körpers


Wenn Sie den Auflösungsprozess tatsächlich praktizieren, dann springen Sie dabei
nicht, wie hier beschrieben, von Energietor zu Energietor, von Punkt zu Punkt. Lösen
Sie vielmehr die Blockaden von oben nach unten und Front, Rücken und Seiten
eines Abschnitts gleichzeitig auf. Die Energietore sind Punkte, auf die Sie besonders

163
Kapitel 10

achten müssen, wenn sich Ihr Gewahrsein nach unten bewegt; doch alle Blockaden
zwischen den Energietoren sind wichtig und müssen ebenfalls aufgelöst werden,
bevor Sie zum nächsttieferen Energietor weitergehen. Stellen Sie sich einen großen
Schwall Wasser vor, der vom Kopf über Ihren Körper hinabströmt und auf seinem
Weg nach unten alles mitreißt und fortspült. Genauso funktioniert die Auflösung
von blockierter Energie. Die universelle Energie stömt ständig auf uns herab - die
Frage ist nur, ob wir sie nutzen können oder nicht. Dieses herabfließende „Wasser"
ist die beste Abwehr gegen das Ausbrennen durch die Arbeit mit dem „Feuer", der
aus der Erde aufsteigenden Energie.

Kopf und Hals


Am Anfang sollte der Auflösungsprozess in allen Energietoren des Kopfes nur bis zu
einer Tiefe von gut einem Zentimeter reichen und dadurch das Gehirn aussparen.
Es gibt eine spezielle Methode des Gehirn-Chi-Gung, die aber für Anfänger noch
nicht geeignet ist und nur unter direkter Aufsicht eines Meisters erlernt werden
sollte.* Nach vier bis acht Wochen regelmäßiger Übung ist es zulässig, das Gehirn
auf einmal, als Ganzes, von Blockaden zu befreien, aber lösen Sie keine Punkte
im Gehirn einzeln auf.

Der Scheitelpunkt (Abb. 8-1, Tor 1)


Das erste aufzulösende Energietor** liegt genau im Zentrum des Scheitels. Dieses
Tor wird von den Chinesen als Baihui, der „Treffpunkt von hundert Punkten",
bezeichnet. Wenn Sie von der Nase eine Linie über den Kopf zum Nacken ziehen
und von einer Ohrenspitze zur anderen eine weitere Linie, dann schneiden sich
die beiden präzise im Punkt Baihui.

* Bei der Chi-Gung-Praxis können bestimmte Punkte im Gehirn gespürt werden. Die energetische
Verbindung dieser Punkte in spezifischen Mustern kann sich als ziemlich gefährlich erweisen und
das Gehirn nachhaltig schädigen. Andere energetische Strukturen im Gehirn können dagegen das
latente Potential des Gehirns stärken. Für diese Praxis ist die Überwachung durch einen Lehrer
mit der entsprechenden Erfahrung erforderlich.
** Vergessen Sie nicht, dass die Lokalisierung der Energietore nur ungefähr stimmt. Die genaue
Lage lässt sich dadurch feststellen, dass Sie mit Ihrem bewussten Gewahrsein nach innen spüren.

164
Die Energietore des Körpers öffnen

Das Dritte Auge (Abb. 8-1, Tor 2)


Zwischen den Augenbrauen liegt der Punkt, der als Drittes Auge bezeichnet
wird. Bei Personen mit starken psychischen Störungen sollte dieses Tor nicht
aufgelöst werden, es sei denn unter der Aufsicht eines Chi-Gung-Lehrers. (Die-
ses Energietor kann verdrängte Bereiche der Psyche offenlegen, was am besten
unter Anleitung eines qualifizierten Lehrers geschehen sollte, der sich mit den
besonderen Feinheiten der menschlichen Psyche auskennt.)

Die Augen (Abb. 8-1, Tor 3)


Diese beiden Tore befinden sich direkt auf Höhe der Pupille, genau hinter dem
Augapfel. Ihre sorgfältige Pflege ist bei visuell anstrengenden Berufen wichtig,
wie beispielsweise Computerarbeit, weil sie das Chi des gesamten Sehapparates
regulieren und eine Vermittlungsinstanz zum Gehirn bilden. An dieser Stelle lässt
sich also visuell bedingter Stress effizient abbauen.

Die Mitte der Schläfen (Abb. 8-1, Tor 4)


Diese beiden Energietore befinden sich in der Schläfenmitte, etwa auf Höhe der
Ohrenspitzen.

Die Mitte der Ohren (Abb. 8-1, Tor 5)


Das nächste Energietor liegt in der Mitte des
Ohres, etwa am Ende des ersten Viertels des
Ohrganges. (Mit Ausnahme der Punkte auf
der Mittellinie des Körpers gibt es von allen
anderen Energietoren Punkte auf der linken
und rechten Körperseite.)

Die Schädelbasis Abb. 8-1, Tor 6)


Dieser Punkt liegt am Hinterkopf, dort, wo
die Wirbelsäule (der 1. Halswirbel oder At-
las) und das Hinterhauptbein (Os occipita-
le) des Schädels aufeinander treffen. Hier
berühren sich auch das Rückenmark und
Die Energietore am Kopf und Hals
der Hirnstamm.
Abbildung 8-1

165
Kapitel 10

Das Gaumendach (Abb. 8-1, Tor 7)


Dieses Hauptenergietor liegt dort, wo die Zunge den harten Gaumen berührt.
An der gleichen Stelle vereinigen sich auch die beiden Hauptmeridiane, das
Lenker- und das Dienergefäß. Die genaue Stelle finden Sie, wenn Sie die Zunge
an den Gaumen legen.

Der Kiefer (Abb. 8-1, Tor 7a)


Es existieren vier Nebentore im Kiefer, die Sie besonders bei vorübergehen-
den Kiefergelenksblockierungen, Kieferspannungen und Zähneknirschen über-
prüfen sollten. Diese Probleme sind häufig auf starke seelische und mentale
Belastungen zurückzuführen. Zwei der vier Punkte für die Auflösung solcher
Energieblockaden befinden sich
auf dem aufsteigenden Ast des
Unterkieferknochens, unterhalb
des Ohres in einer Vertiefung des
Unterkiefergelenks. Die beiden
anderen Nebentore liegen auf
dem Boden der Mundhöhle di-
rekt hinter den Schneidezähnen.
Zu ihrer genauen Lokalisierung
stellen Sie sich eine Senkrechte
von den inneren Augenwinkeln
zum Mundboden vor. Alle vier
Energietore sollten gleichzeitig
aufgelöst werden.
Die Energietore am Kiefer und in der Kehlengrube

Abbildung 8-2
Die Kehlengrube (Abb. 8-2,
Tor 8)
Die Vertiefung direkt über dem Brustbein ist die Stelle des letzten wichtigen
Energietores im Kopf- und Halsbereich.

Der siebte Halswirbel (Abb. 8-1, Tor 9)


Dieses Tor liegt auf dem großen Wirbel, der gewöhnlich im Nacken an der
Halsbasis hervorsteht.

166
Die Energietore des Körpers öffnen

Die Schultern
Das Schultergrübchen (Abb. 8-3, Tor 1)
Dieses Energietor ist an der Verbindung von Schulterhöhe und Schlüsselbein
zu finden, das heißt, am äußeren Ende des Schlüsselbeins. Wenn Sie den Arm
heben und zur Seite bewegen, liegt der Punkt in der sich bildenden Vertiefung
oben auf der Schulter.

Die Achselhöhle (Abb. 8-3, Tor 2)


Der Punkt befindet sich im Inneren des Körpers in der Mitte der Achselhöhle,
etwa bei einem Drittel des Abstandes von der Hautoberfläche zum Schultergrüb-
chen. Tiefer in der Mitte der Achselhöhle liegt ein weiteres Tor, das sämtliche
Schultertore mit dem linken oder rechten Energiekanal verbindet.

Das Schulternest (Abb. 8-3, Tor 3)


Dieses Tor liegt in der Vertiefung unter dem äußeren Ende des Schlüsselbeins auf
der Höhe der Kehlengrube. Mit zunehmender Übung wird diese Stelle weich
und beweglich, bis sich eine Vertiefung, eben das „Nest", bildet. Viele Menschen
sind hier sehr verspannt und blockiert, so dass die Vertiefung nicht sofort sichtbar

Energietore der Schultern


a) vordere Energietore b) hintere Energietore

Abbildung 8-16

167
Kapitel 10

wird. Die Öffnung in diesem Bereich verbessert die Beweglichkeit der Arme auf
spektakuläre Weise.
Dieses Tor ist für Frauen sehr wichtig, weil es gemeinsam mit dem Energietor in
der Mitte der Brust das weibliche Hormonsystem und insbesondere die Brust-
funktion regelt. In China werden diese beiden Punkte üblicherweise bei Chi-
Gung-Behandlungen der Brust, einschließlich der Krebstherapie, genutzt.

Das Zentrum beider Schulterblätter (Abb. 8-3, Tor 4)


Hier befindet sich das Energietor tief im Körper, in der Mitte der Vorderseite jedes
Schulterblatts, das heißt auf der der Brust zugewandten Seite.

Die Arme
Das Ellbogengelenk (Abb. 8-4, Tore 1)
Hier gibt es insgesamt zehn Nebentore hinten, in-
nen und an den Seiten sowie ein Haupttor.
Da das Ellbogengelenk, das Handgelenk, das Knie
und der Fußknöchel die am häufigsten benutzten
Gelenke des Körpers sind und sich in viele Rich-
tungen bewegen müssen, ist es wichtig, zuerst die
Nebentore im Umkreis dieser Gelenke zu entlas-
ten, bevor das Haupttor tief im Inneren jedes Ge-
lenks aufgelöst wird. Die Energietore am Ellbogen
liegen:
-auf der Rückseite: die zwei Grübchen direkt über
und die zwei direkt unter der Ellbogenspitze (vier
Nebentore);
- in der Armbeuge: je zwei Vertiefungen über und
unter der Armbeuge, beiderseits der Sehnen (vier Die Ellbogen und die
Handgelenke
Nebentore);
a) Energietore auf der
- an den Seiten: in der Mitte auf beiden Seiten des
Vorderseite und der
Ellbogengelenks (zwei Nebentore); Innenseite
- in der Mitte: direkt in der Mitte des Ellbogenge- b) Energietore an der
Rückseite
lenks zwischen den Knochenenden von Ober- und
Unterarm (ein Haupttor). a

168
Die Energietore des Körpers öffnen

Lösen Sie erst jedes Nebentor auf, also auf der Rückseite, in der Armbeuge und an
den Seiten, und dann das Haupttor in der Mitte tief im Inneren des Gelenks.

Das Handgelenk (Abb. 8-4, Tore 2)


Hier gibt es insgesamt zehn Nebentore hinten, innen und an den Seiten sowie
ein Haupttor.
Diese Energietore sind wie folgt lokalisiert:
- auf der Handrückenseite: zwei Vertiefungen über und zwei unter dem Gelenk,
zu beiden Seiten einer vorgestellten Linie, die vom Mittelfinger über den Hand-
rücken zum Ellbogen verläuft (vier Nebentore);
- auf der Innenseite: zwei Grübchen direkt über und unter der Gelenkfalte, zu
beiden Seiten der Sehnen (vier Nebentore);
- an den Seiten: in der Mitte auf beiden Seiten des Handgelenks (zwei Neben-
tore);
- in der Mitte: in der Mitte des Handgelenks zwischen den Knochenenden von
Unterarm und Handwurzel (ein Haupttor).

Die Handwurzel und die Mittelhand (ohne Abb.)


Lösen Sie alle Zwischenräume in den Gelenksverbindungen zwischen den klei-
nen Knochen in der Handfläche auf.

Die Mitte der Handfläche (Abb. 8-5, Tor 4)


Das Energiezentrum in der Mitte der Handfläche
wird gewöhnlich das „Auge der Hand" genannt.
Lösen Sie diesen Punkt und gleichzeitig auch das
entsprechende Energietor in der Mitte des Hand-
rückens auf. Das Tor auf dem Handrücken ist der
empfindlichste Punkt für alle, die mit ihren Hän-
den energetische Heilarbeit leisten. Noch ein Hin-
weis: Die Mitte der Handfläche lässt sich leichter
auflösen, wenn Sie auch die Blockaden zwi-
schen Handfläche und Daumenwurzel auflösen.

Die Finger (Abb. 8-5, Tore 5) Energietore in den Fingern und


Achten Sie beim Auflösen der Blockaden beson- der Handfläche

ders auf die Mitte jedes Fingergelenks. Schließen Abbildung 8-16

169
Kapitel 10

Sie das Auflösen damit ab, dass Sie sich auf die
genaue Mitte der Fingerspitzen konzentrieren.

Der Rumpf
An der Vorderseite des Rumpfes (Abb. 8-6)
Dieser Bereich erstreckt sich in einem Streifen,
der so breit wie der Mund ist, von den Mundwin-
keln hinab über die Kehle und das Brustbein bis
zum Solarplexus, wobei dieser aber nicht dazu
gehört.
Den meisten Menschen bereitet es die allergröß-
te Mühe, in diesem Abschnitt, der dort beginnt, Der Energiestreifen vom Mund
wo die Zunge am Gaumendach anliegt, und über bis zum Solarplexus
die Kehle bis unmittelbar über den Solarplexus Abbildung 8-6
reicht, für freien Chi-Fluss zu sorgen. Hier sind
die allermeisten blockiert, doch dieser Bereich muss für den Fortschritt in wei-
teren Chi-Gung-Übungen vollständig geöffnet werden.*
Noch ein besonderer Hinweis: Es gibt weitere sekundäre Energietore in den Ge-
lenken zwischen den Rippen und dem Brustbein, in den Rippenzwischenräumen
und in den Gelenken zwischen den Rippen und den
Brustwirbeln (siehe Abb. 8-10).

Die Mitte der (weiblichen) Brust (Abb. 8-7, Tor 2)


Die Energietore in den Brüsten spielen eine äußerst
wichtige Rolle bei der Regulierung des weiblichen
Hormonsystems. In China werden diese Energietore
üblicherweise zusammen mit denen am Schulternest
in Chi-Gung-Übungen zur Prävention und akuten Be-
handlung von Brustkrebs aktiviert. Die beiden Tore
befinden sich jeweils in der Brustmitte, direkt hinter Das Energietor in der Mitte
den Brustwarzen vor den Rippen. der Brust

Abbildung 8-7

Im Pranayama-Yoga wird beispielsweise das Kehlchakra benutzt, um diesen Bereich zu öffnen.

170
Die Energietore des Körpers öffnen

Zwischen den Schulterblättern


(Abb. 8-8, Tor 3)
In dem Bereich zwischen den Schulter-
blättern und der Wirbelsäule liegen be-
sonders viele sekundäre Energietore. Für
Sportler, Tänzer und Kampfkünstler ist es
außerordentlich wichtig, hieralleTore zu
öffnen. Die Stärke der Arme stammt größ-
tenteils von hier, während ihre Beweglich-
keit hauptsächlich aus dem Schulternest
kommt.

Der Solarplexus (Abb. 8-9, Tor 4)


Viele sekundäre Energietore sind in dem
Dieses Tor befindet sich genau unter der Bereich zwischen den Schulterblättern
Brustbeinspitze. Es ist die erste weiche lokalisiert.
Stelle, die nachgibt, wenn Sie unterhalb Abbildung 8-8
des Brustbeins auf den Bauch drücken.

Unteres Tantien und Mingmen (Abb. 8-9, Tor 5 und Abb. 8-11)
Das untere Tantien liegt auf der senkrech-
ten Körperachse im Rumpf, etwa fünf bis
sieben Zentimeter unter dem Bauchnabel.
Der Mingmen, auch als „Tor des Lebens"
bezeichnet, befindet sich zwischen dem
unteren Tantien und unmittelbar vor der
Wirbelsäule.
Für die körperliche Gesundheit spielt das
Tantien als Einzeltor die wichtigste Rolle.
Durch die ungefähre Lage in der Körper-
mitte ist es mit allen für die Gesundheit
und das Wohlbefinden zuständigen Ener-
giebahnen verbunden, die hier durchflie-
ßen. Die Energietore am Solarplexus (oben)

Der Migmen ist ein Energiepunkt, der und am unteren Tantien (unten)

die Energie zwischen der Wirbelsäule Abbildung 8-16

171
und dem Tantien über einen Verbin-
dungskanal im Unterbauch transpor-
tiert. Er wird auch als „Rücken-Tan-
tien" bezeichnet.
Auf diesen energetisch zentralen Be-
reich richtet sich das Hauptaugen-
merk aller Praktiken des Chi Gung
und der taoistischen A l c h e m i e .
Sämtliche taoistischen Methoden
gehen davon aus, dass körperliche
Gesundheit das unerlässliche Fun-
dament für die spirituelle Entwick-
lung ist. Im unteren Tantien w i r d
die gesamte, den physischen Kör-
per betreffende Energie bearbeitet,
gereinigt und erzeugt. Diese Ener- Der Brustkorb: Sekundäre Energietore liegen
gie kann später mit der Energie aus an allen Stellen, wo die Rippen das Brustbein
dem mittleren und oberen Tantien berühren.

für die emotionale und spirituelle Abbildung 8-10


Weiterentwicklung vereint werden.
Manche Kampfkünstler in China, die kein tieferes Verständnis vom Gebrauch
des unteren Tantien besaßen, um ihre gröberen Emotionen zu reinigen und zu
zügeln, entwickelten sich lediglich zu sehr erfolgreich kämpfenden Tieren.
Letztlich können viele gesundheitliche Schwierigkeiten, die durch eine verfrühte
Entwicklung der höheren psychischen Zentren entstehen, nur mit Methoden
gelindert werden, die das untere Tantien einschließen. Aus diesem Grunde wird
in den meisten Energie- und Meditationssystemen Ostasiens, von Zen über Chi
Gung bis zu den inneren Kampfkünsten, dem unteren Tantien auch besondere
Beachtung geschenkt.
Die Kultivierung der Energie in einem Tantien bedeutet nicht auch automatisch
die Entwicklung der anderen. Wir alle sind schon Menschen begegnet, die zwar
körperlich gesund waren, aber emotional, psychisch oder spirituell große Defizite
hatten. Es ist auch nichts Ungewöhnliches, dass Menschen auf der emotionalen,
psychischen oder spirituellen Ebene weit fortgeschritten sind und gleichzeitig
große gesundheitliche Probleme haben. Dies liegt häufig daran, dass von den

172
Die Energietore des Körpers öffnen

höheren Energiezentren ein größerer energetischer Druck ausgeht, als der Körper
verkraften kann.
Viele Zen-Übende beispielsweise bekommen durch die Meditation unvorstellbare
gesundheitliche Probleme. Sogar der erleuchtete japanische Zen-Meister Haku-
in musste einen Taoisten aufsuchen, um die durch langes Sitzen verursachten
Schäden beheben zu lassen. Der Chan-Buddhismus, der in China entstandene
Vorläufer des Zen, besaß in seinen Übungen eine sehr wirkungsvolle körperliche
Chi-Gung-Komponente, die allerdings verloren ging, als die Chan-Techniken von
China nach Japan gelangten.
Im tibetischen Buddhismus haben die 100 000 Niederwerfungen zu Anfang
bei den vorbereitenden Übungen des Ngöndro auch die Funktion, den Körper
des Praktizierenden ausreichend zu kräftigen, bevor er sich an die höheren
psychischen Aspekte der Lehre wagen kann. Yogis in Indien, Tibet und China
betreiben gewöhnlich spezielle physische oder energetische Übungen, um sich
ihre körperliche Gesundheit in den mehrjährigen Meditationsretreats zu erhalten;
andernfalls würden sie wohl irreversible körperliche Schäden riskieren.

Unteres Tantien, Mingmen und Dai Mai

Abbildung 8-11

173
Kapitel 10

Die Rückenmuskeln (ohne Abb.)


Lösen Sie alle Energieblockaden in den Rü-
ckenmuskeln auf, besonders im Nierenbe-
reich. Beginnen Sie an Hals und Schultern
und arbeiten Sie sich langsam nach unten
bis zum Gesäß.

Die Wirbelsäule (Abb. 8-12)


Beginnen Sie an der Schädelbasis und be-
freien Sie die gesamte Wirbelsäule von Blo-
ckaden, besonders zwischen den einzelnen
Wirbeln. Achten Sie vor allem auf die fol-
genden Stellen: das Hinterhauptbein (die
Haupttore der Wirbelsäule
Stelle, wo die Wirbelsäule auf den Schädel
Abbildung 8-12
trifft); den großen Wirbel an der Halsbasis;
die Wirbel zwischen den Schulterblättern
und direkt unterhalb der Schulterblätter; den Wirbel auf der Höhe des Mingmen
und das Steißbein.

Das Becken
Der Beckengürtel (Abb. 8-13)
Lösen Sie die Energieblockaden in
den Knochen auf, die den Becken-
gürtel bilden. Das sind Darmbein,
Gesäßbein, Kreuzbein und das
Steißbein, besonders an den Stel-
len, wo sie verbunden sind.

Das Hüftgelenk (ohne Abb.)


In diesem Bereich beschäftigen
Sie sich mit der Hüftgelenkpfan-
ne (Acetabulum) und speziell mit
dem Spalt zwischen Oberschen- Energietore des Beckens

kelkopf und der Gelenkpfanne. Abbildung 8-13

174
Die Energietore des Körpers öffnen

Das Beckeninnere (ohne Abb.)


Dieser Bereich im Innenraum des Beckens beginnt am Darmbeinkamm und
reicht bis hinunter zur Leistenfalte, dem Kwa.

Die Genitalien (ohne Abb.)


Frauen sollten die blockierte Energie in der gesamten Scheide bis zum Gebär-
mutterhals auflösen, aber nicht den Gebärmutterhals selbst. Dort besteht eine
energetische Barriere, welche die Gebärmutter von der Vagina trennt und nicht
aufgelöst werden darf.* Die natürliche Energieversiegelung darf nur bei der
Geburt gebrochen werden.
Männer sollten die blockierte Energie von der Prostata den Penisschaft hinunter
und von der Prostata zu den Hoden auflösen.

Der After und der Enddarm (ohne Abb.)


Lösen Sie die Blockaden so hoch im After auf, wie Sie diese spüren können, aber
im Allgemeinen nicht höher als ein paar Zentimeter. Hier befindet sich ein sehr
wichtiges Energietor, dessen energetische Auflösung zur Linderung von Verstop-
fung und Hämorrhoiden sowie zur Vorbeugung von Dickdarmkrebs besonders
zu empfehlen ist.

Das Perineum (ohne Abb.)


Zwischen den Genitalien und dem Anus liegt das Perineum; an dieser Stelle
vereinigt sich die Energie aus den Beinen mit der Energie aus dem Rumpf.

Die Beine
Die Beine und das Gesäß tragen und stützen die Wirbelsäule sowohl physisch-
mechanisch als auch energetisch.

* Wenn Frauen das blockierte Chi im Bereich des Cebärmutterhalses zu stark auflösen, kann
dies die Fortpflanzungsenergie beeinträchtigen und in der Folge zu Menstruationsproblemen,
prämenstruellem Syndrom, Scheidenentzündungen und Unfruchtbarkeit führen. Diese natürliche
energetische Versiegelung sollte nur bei einer Geburt aufgebrochen werden. Es ist zwar möglich,
auch den Bereich der Gebärmutter energetisch aufzulösen, doch ist zu beachten, dass dies zu
erhöhter Fruchtbarkeit führen kann.

175
Kapitel 8

Das Kniegelenk (Abb. 8-14 und Abb. 8-15)


Hier liegen insgesamt zehn Nebentore vorne, hinten und an den Seiten sowie
ein Haupttor.
Die Energietore sind wie folgt lokalisiert:
- auf der Vorderseite: die „Augen des Knies", das heißt die zwei Grübchen direkt
unter und direkt über der Kniescheibe, jeweils zu beiden Seiten der Mittellinie
(vier Nebentore);
- auf der Rückseite: unter den Sehnen zu beiden Seiten über und unter der
Gelenkfalte (vier Nebentore);
- an den Seiten: in der Mitte auf jeder Seite des Knies (zwei Nebentore);
- in der Mitte: direkt in der Mitte im Inneren des Kniegelenks (ein Haupttor).

Das Fußgelenk (Abb. 8-16, Tore 2 und Abb. 8-17, Tore 2)


Hier liegen insgesamt acht Nebentore vorne, hinten und an den Seiten sowie
ein Haupttor.
Die Energietore sind wie folgt lokalisiert:

Energietore am Knie Energietore am Knie


a) vorne und an den Seiten b) hinten

Abbildung 8-14 Abbildung 8-15

176
Die Energietore des Körpers öffnen

- auf der Vorderseite: direkt über und unter der Falte, die beim Hochziehen der
Fußspitze entsteht, zu beiden Seiten der senkrecht gedachten Verlängerung des
Schienbeins (vier Nebentore);
- auf der Rückseite: gleich über dem Ansatz der Achillessehne am Fersenbein,
auf beiden Seiten (zwei Nebentore);
- an den Seiten: in der Mitte des Gelenkknöchels auf beiden Seiten (zwei Ne-
bentore);
- in der Mitte: direkt in der Mitte im Inneren des Fußgelenks (ein Haupttor).

Die Fußwurzel und der Mittelfuß (ohne Abb.)


Lösen Sie alle Energieblockaden in den Zwischenräumen zwischen den kleinen
Fußknochen auf.

Die Fußzehen (Abb. 8-16, Tore 4)


Lösen Sie die Blockaden in allen Zehengelenken und besonders bis in die Ze-
henspitzen hinein auf.

Die Ferse (Abb. 8-17, Tor 5)


Das Energietor befindet sich auf der Mittellinie der Fußsohle, im Abstand von
etwa drei Zentimetern zu der hinteren Fußkante.

Energietore an den Knöcheln und den Zehen Haupttore auf der Fußsohle und an der
Rückseite des Fußgelenks
Abbildung 8-16
Abbildung 8-17

177
Kapitel 10

Das Fußgewölbe (Abb. 8-17, Tor 6)


Das Energietor befindet sich im Zentrum des Gewölbes auf der Mittellinie der
Fußsohle.

Die Sprudelnde Quelle (Abb. 8-17, Tor 7)


Dieser Punkt befindet sich auf der Mittellinie der Fußsohle, etwa bei einem
Viertel der Entfernung zwischen Zehenansätzen und Ferse. Wenn Sie Ihre Zehen
strecken, entsteht dort im Fußballen eine Vertiefung.

Die Ausdehnung des Energiekörpers


unter den Füßen und über dem Kopf
Ihr Energiekörper erstreckt sich bis unter die Füße und reicht über den Kopf hinaus.
Im Unterschied zu Ihrem physischen Körper verändern sich seine Ausmaße unun-
terbrochen und in stetigem Wechsel. Er dehnt sich aus und zieht sich zusammen.
Mit zunehmender Zeit und Übung wird Ihr Energiekörper an Größe und Stärke
zunehmen, doch die stetigen Schwankungen werden weiter erhalten bleiben.
Fühlen Sie unter Ihren physischen Körper, bis Sie dort keine Energie mehr wahr-
nehmen. Hier liegt das natürliche untere Ende Ihres Energiekörpers. Lösen Sie die
Energieblockaden von den Fußsohlen nach unten bis zu diesem Endpunkt auf. Sie
sollten, egal an welchem Ort Sie sich auch befinden, immer bis an die Grenzen
Ihres Energiekörpers gehen.
Auf der gegenüberliegenden Seite endet Ihr Energiekörper oberhalb Ihres Kopfes.
(Manche Yoga-Traditionen sprechen auch vom achten und neunten Chakra, die
sich über dem Kopf befinden.) Fühlen Sie hinauf über Ihren Kopf, bis Sie auch dort
keine Energie mehr spüren (siehe auch Kapitel 7, „Der Ätherkörper und der Auflö-
sungsprozess"). Dort liegt der Punkt, von dem aus Sie ab jetzt die Auflösung von
Energieblockaden beginnen werden. Die vollständige Auflösung in der Standform
beginnt über dem Kopf, setzt sich durch den Körper fort und führt bis zur abschlie-
ßenden Auflösung der gesamten Energie unterhalb der Füße, also in die Wurzel.
Zum Abschluss der Standübung öffnen Sie langsam die Augen und achten darauf,
dass Sie das angenehm entspannte Gefühl, das Sie bei geschlossenen Augen hatten,
beibehalten.

178
Die Energietore des Körpers öffnen

Ein Übungsplan
für das Öffnen der Energietore
Jeder Übungsabschnitt sollte mindestens drei Tage praktiziert werden oder so lange,
wie Sie brauchen, um ein bestimmtes Energietor oder auch mehrere Tore zu stabili-
sieren. Zu schnelles Vorangehen endet in Überforderung und Energieverlust - und
das entspräche nicht den gesetzten Zielen.
Zu Beginn jeder Übungseinheit lösen Sie alle vorher schon geöffneten Energietore
ohne Mühe noch einmal auf und verwenden dann die verbleibenden 80 Prozent
Ihrer Übungszeit auf die nächste Folge von tiefer gelegenen Energietoren. Auf jeden
Fall müssen Sie alle blockierte Energie oberhalb dieser neuen Tore bereits aufgelöst
haben. Das betrifft nicht nur die Blockaden in den Hauptenergietoren, sondern
schließt auch jede an anderen Stellen über den neuen Toren blockierte Energie ein.
Zum Beispiel sollten Sie, wenn Sie die Blockaden vom Scheitel zum Dritten Auge
auflösen, die Stirn nicht vernachlässigen, und wenn Sie von den Hüften zu den
Knien abwärts auflösen, dürfen Sie die Oberschenkel nicht vergessen.
Falls Sie den Eindruck haben, dass ein Übungsabschnitt zu viel Stoff enthält,
dann teilen Sie ihn einfach auf. Üben Sie in dem für Sie richtigen Tempo - diese
Übungen müssen nicht in irgendeiner vorgeschriebenen Zeit abgeschlossen werden.
Normalerweise sollten Sie mit mindestens vier bis zwölf Wochen rechnen, bis Sie
alle Energietore von oben nach unten durchgearbeitet haben.
Zum Abschluss jeder Übungseinheit lösen Sie durch den restlichen Körper bis zur
Erde hin auf. Nachstehend folgt ein Übungsvorschlag zum Öffnen der Energietore
(jede Ziffer stellt eine Übungseinheit dar):

1. Baihui, der Scheitelpunkt des Kopfes


2. das Dritte Auge, die Augen, die Ohrenmitte und die Schläfen sowie die vier
Tore am Unterkiefer

3. der Punkt, wo die Zunge das Gaumendach berührt, und die Kehlengrube
4. die Schädelbasis und die Zwischenräume der Halswirbel, abwärts bis zum
7. Halswirbel am Halsansatz
5. von dem Punkt, wo die Zunge das Gaumendach berührt, bis zur Brustbeinspit-
ze, auf einem senkrechten Streifen etwa in der Breite des Mundes abwärts
6. die vier Schulterpunkte

179
Kapitel 10

7. die Ellbogengelenke

8. die Handgelenke

9. die Hände (alle Punkte)


10. die Gelenke zwischen den Rippen und dem Brustbein, die Zwischenräume
zwischen den Rippen, die Gelenke zwischen den Rippen und den Wirbeln,
der Bereich zwischen den Schulterblättern und der Wirbelsäule. - Außerdem
nur für Frauen: die Energietore in den Brüsten (direkt hinter den Brustwarzen)

11. der Solarplexus


12. der gesamte Bauch, angefangen an der Vorderseite durch die inneren Organen
bis nach hinten zur Wirbelsäule

13. unteres Tantien und Mingmen


14. alle Punkte entlang der Wirbelsäule, vom Scheitel bis zum Steißbein; achten
Sie besonders auf das Hinterhauptbein, den 7. Halswirbel, den Brustwirbel
in der Mitte der Schulterblätter, den Brustwirbel am unteren Ende der Schul-
terblätter, den Mingmen und das Steißbein

15. die Hüftgelenkpfanne, die Beckenknochen und das Kwa (der Bereich vor der
vorderen Beckenkante)

16. der Anus

17. die Genitalien


18. das Perineum
19. die Knie
20. die Knöchel

21. die Füße


22. die Ausdehnung unterhalb der Füße
23. die Ausdehnung oberhalb des Kopfes

Nachdem Sie diese Sequenz abgeschlossen haben, beginnen Sie alle weiteren Chi-
Gung-Standübungen, indem Sie stets oberhalb des Kopfes anfangen und dann den
Körper abwärts die Blockaden auf einer Ebene nach der anderen auflösen. Stellen
Sie sich vor, der Körper sei mit Wasser gefüllt, und dann werde das Wasser aus den
Fußsohlen ganz langsam herausgelassen. Während der Wasserspiegel sinkt, lösen
Sie auf jeder neuen Ebene alle Blockaden auf - vorn, hinten und an den Seiten.

180
Die Energietore des Körpers öffnen

Wenn Sie den Scheitelpunkt von Blockaden befreien, dann lösen Sie auch alle
weiteren Blockaden auf dieser Ebene auf, das heißt, den gesamten oberen Kopf.
Wenn Sie zum nächsten Energietor, dem Dritten Auge, weitergehen, lösen Sie entlang
des Kopfes alles auf, so dass alle Seiten des Kopfes gleichzeitig von Energieblocka-
den befreit werden. Auch auf der Höhe des Solarplexus sollten Sie gleichzeitig an
allen Körperteilen arbeiten, die ungefähr auf derselben Höhe liegen, das heißt, die
unteren Rippen, die damit verbundenen Wirbel und auch die Ellbogen.

Leitlinien für die Praxis


der Chi-Gung-Standform
1. Überanstrengen Sie Ihr Energiesystem nicht
Lösen Sie so viel wie möglich von der blockierten oder festsitzenden Energie ober-
halb des Tores auf, an dem Sie gerade arbeiten, und lassen Sie die unbewältigten
Reste zum nächsttieferen Energietor sinken. Fahren Sie auf diese Weise mit den
folgenden Ebenen fort, bis Sie im Boden unter den Füßen angelangt sind. Üben
Sie drei oder vier Tage mit jedem Energietor, bis sich Ihr bewusstes Gewahrsein
dort einigermaßen stabilisiert hat. Lassen Sie sich bei jedem Energietor oder bei
jeder Gruppe von Toren ausreichend Zeit. Lösen Sie oberhalb jedes neuen Tores
genügend Energie auf, so dass von dem neuen Tor selbst Blockaden gelöst werden
können, ohne den Organismus zu überfordern. Wenn Sie zu schnell vorgehen,
entsteht Anspannung, die Energie wird zerstreut und der erzielte Fortschritt ist
nur gering.

2. Lösen Sie die Blockaden von der Hautoberfläche nach innen auf
Im Allgemeinen beginnen Sie an der Körperoberfläche und dringen erst im Laufe
der nächsten Monate zunehmend tiefer nach innen, bis Sie schließlich die Kno-
chen direkt spüren können. Denken Sie auch daran, dass Sie sich während der
ersten Monate nicht tiefer als einen Zentimeter in das Gehirn hineinwagen sollten;
später können Sie den Auflösungsprozess auf das ganze Gehirn ausdehnen. Aber
auch dann sollten Sie das Chi der einzelnen Energietore innerhalb des Gehirns
nicht antasten, wie beispielsweise spezielle Verbindungen oder geometrische
Muster zwischen den Toren herstellen.

181
Kapitel 10

3. Nehmen Sie sich sechs Monate Zeit für die Stabilisierung von Tantien und
Mingmen
Für das Fortschreiten von den oberen Energietoren bis zum unteren Tantien
braucht man im Allgemeinen mindestens einen Monat, und es dauert noch
einmal rund einen Monat, um das Tantien zu stabilisieren, das heißt, seine Lage
zu fixieren. Dann müssen Sie noch einmal mit drei bis sechs Monaten rechnen,
ehe Sie Ihr bewusstes Gewahrsein vom Tantien (in der Körpermitte) bis zum
Mingmen (vor der Wirbelsäule) ausdehnen können. Schließlich kommen noch
weitere drei bis sechs Monate hinzu, in denen Sie lernen müssen, im Tantien
Energie zu speichern. Diese Prozesse können beschleunigt werden, wenn Sie
mit einem Meister üben, und werden vielleicht länger dauern, wenn Sie auf
sich gestellt sind.

4. Die Beine sind schwieriger zu öffnen als die Arme


Im Allgemeinen - und besonders bei westlichen Praktizierenden - lassen sich
die Beine schwieriger für den Chi-Fluss öffnen als die Arme. Das kommt daher,
weil wir im Westen dazu neigen, auf den Kopf und den Oberkörper fixiert zu
sein. Außerdem kennen wir nicht die Sitte, auf dem Boden zu sitzen oder zu
hocken. Da wir im Westen auch kaum daran gewöhnt sind, Chi in die Beine zu
lenken, werden diese für Energie zunehmend unempfindlicher.

5. Stehen Sie mindestens fünf Minuten, wenn Sie Resultate erzielen wollen
In der Regel sind täglich mindestens fünf Minuten nötig, um spürbare Resultate
zu erzielen. Das setzt voraus, dass Sie einen Zustand völliger Entspannung in-
nerhalb von 30 oder 40 Sekunden erreichen. Nach einigen Monaten Übung ist
dies ein durchaus realistisches Ziel. Am Anfang kann es aber etwa fünf Minuten
dauern, um einen akzeptablen Entspannungszustand zu erreichen. Wenn das
der Fall ist, müssen Sie diese fünf Minuten der Übungszeit noch hinzurechnen,
das heißt, Sie benötigen mindestens zehn Minuten, ehe sich ein wahrnehmbarer
Erfolg einstellt. An einem extrem anstrengenden Tag kann es Sie allein schon
fünfzehn Minuten kosten, nur um genügend zu entspannen, damit Sie mit der
Standform überhaupt beginnen können.
Die längste Übungszeit, die ich jemals beobachtet habe und von der die Betref-
fenden noch profitierten, betrug etwa sechs Stunden - wohlgemerkt ohne Unter-
brechung. Dabei handelt es sich in der Regel um Praktizierende unter oder über

182
Die Energietore des Körpers öffnen

Zwanzig, die wenig Stress oder Arbeitszwänge haben. Für den Durchschnitts-
menschen ist die Standübung, die am Stück länger als eine Stunde dauert, in
der Regel nicht praktikabel. Daher kann eine Stunde als maximale Übungsdauer
betrachtet werden. Damit Sie diese Zeitspanne erreichen, verlängern Sie das
Pensum täglich, wöchentlich oder auch monatlich um zwei bis drei Minuten.
Wenn Sie während der Woche nur fünf, zehn oder fünfzehn Minuten praktizie-
ren können und am Wochenende dann ein oder zwei Stunden üben, könnten
sich Ihre Muskeln entzünden und schmerzen. Eine halbe Stunde, aber nicht viel
mehr sollte angebracht sein, bis Sie sich daran gewöhnt haben. Spannen Sie sich
innerlich niemals an. Langsames, beständiges, gleichmäßiges und moderates
Vorgehen sollten die wichtigsten Leitlinien für den Durchschnittsmenschen sein,
der seine Gesundheit, Beweglichkeit und sein Wohlergehen bewahren oder ver-
bessern möchte. Natürlich gelten diese Prinzipien auch für Kampfkünstler und
Leistungssportler, aber das, was für sie moderat ist, wäre für den durchschnittli-
chen Praktizierenden zweifellos übertrieben.

6. Die Standform für Praktizierende der Bewegungskünste


Da die Bewegungskünste wie klassisches Ballett, moderner Tanz usw. höchs-
te Beweglichkeit und Körperbeherrschung verlangen, sollten Künstler dieser
Richtungen jeweils mindestens zwanzig Minuten stehen; maximal wären zwei
Stunden oder mehr zu empfehlen. Die Übungszeit richtet sich danach, wie stark
sie ihre Energie entwickeln wollen und welches Maß an Körperbeherrschung
und Energiekontrolle sie anstreben. Das Üben in diesem Umfang bewirkt, dass
man weit über die normale körperliche Entfaltung hinaus zu allerhöchsten physi-
schen Fähigkeiten gelangt. Für die Jüngeren (unter 25) könnte die Übungszeit mit
ziemlicher Wahrscheinlichkeit verlängert werden, während die älteren Jahrgänge
(über 50) mit kürzeren Zeiten beginnen sollten.
Denken Sie immer daran, sich niemals zu überanstrengen, weil sich dadurch
innere Widerstände gegenüber der Praxis aufbauen können. Wenn Sie den Kör-
per oder Geist zu sehr in eine Richtung drängen, ist es ganz natürlich, dass er
ins Gegenteil verfällt. Beständiges Üben bringt Sie viel weiter als sporadische
Großeinsätze, die häufig anschließend nur in einer dramatischen Verringerung
der Übungszeit enden. Ein zweieinhalbstündiges Trainingsmarathon könnte Sie
innerlich so erschöpfen, dass der innere Widerstand gegenüber weiterer Erschöp-
fung für die nächste Woche oder länger alles weitere Üben verhindert.

183
Kapitel 10

7. Die Standform für Kampfkünstler und Heiler


Den Kampfkünstlern sollte bewusst sein, dass die Standform in China schon seit
Tausenden von Jahren zur Entwicklung von innerer Kraft eingesetzt worden ist.
Auf fortgeschritteneren Stufen werden viele unterschiedliche Handpositionen
integriert, die alle Energiebahnen des Körpers öffnen und die willentliche De-
monstration von innerer Kraft aus jedem Körperteil ermöglichen. Zum Repertoire
sowohl der inneren Kampfkünste als auch der traditionellen chinesischen Heil-
und Körperarbeit, des Tuina, gehören ungefähr 200 verschiedene Handpositio-
nen (siehe Kapitel 15). Jede von ihnen besitzt spezifische geistige Komponenten,
die innere Kraft entwickeln und die durch Krankheit und Verletzung verursachte
Schädigung heilen können. Jede einzelne dieser Handstellungen hilft in klar
definierten Fällen, bei denen Energie nicht ungehindert durch das System fließt.
Durch die Praxis wird es ermöglicht, die Energie durch jede Blockade fließen
zu lassen, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um innere Organe, Nerven-
bahnen, Bindegewebe oder die Wirbelsäule handelt.
Früher habe ich ohne Unterbrechung sechs Stunden mit dem Ziel trainiert,
meine innere Kraft zu steigern. In jenen Jahren nahm ich aktiv an VolIkontakt-
Kämpfen teil, bei denen man sehr schnell schwer verletzt werden konnte.
Dies hat meine Trainingsmotivation beträchtlich verstärkt. Ohne ausreichend
intensive Übung hätte ich damit rechnen müssen, von meinem Gegner kran-
kenhausreifgeschlagen zu werden. Die meisten Menschen besitzen diese starke
Motivation nicht, und die Mehrzahl der Schüler in den inneren Kampfkünsten
sind auch keine Jugendlichen mehr. Deshalb würde ich sagen, dass eine tägliche
Übungszeit zwischen einer und drei Stunden für durchschnittlich motivierte
Kampfkünstler und Heiler die Obergrenze bedeutet.

8. Stehen Sie nicht zu lange


Es ist wichtig, beim Üben eine zeitliche Höchstgrenze im Auge zu behalten,
über die hinaus zusätzliches Training nicht zu spürbaren Verbesserungen führt.
Noch einmal möchte ich auf den Faktor der inneren Erschöpfung hinweisen:
Wenn Sie sich innerlich zu sehr verausgaben, können Sie tagelang nicht üben.
Stellen Sie also fest, wie Sie aus Ihrem Training das Optimum herausholen kön-
nen; denken Sie an die 70-Prozent-Regel und überschreiten Sie diese Grenze
nicht. Es ist ganz normal, durch schmerzhafte Erfahrungen zu lernen, wo die
eigenen Grenzen liegen. Innere Erschöpfung ist unendlich schwächender als

184
Die Energietore des Körpers öffnen

Ermüdung durch äußere Überforderung, zum Beispiel ein Marathonlauf. Innere


Erschöpfung müssen Sie sich als Kombination von nervlicher und physischer
Überanstrengung vorstellen.

9. Lösen Sie Ihre Energieblockaden auf zunehmend tieferen Ebenen auf


Ein normaler täglicher Übungsblock beginnt mit der Phase des Eingewöhnens.
Darauf folgt eine Phase, in der sich alles zunächst fremd und unnatürlich
anfühlt. Konzentrieren Sie sich auf das schwächste Glied (die offensichtlich
stärkste Energieblockade) in dieser Kette. Wenn Sie dann das Gefühl haben,
dass Sie diese Blockade aufgelöst haben, stellt sich ein kaum beschreibbares
Gefühl befreiter Energie ein. Wenn dieses Gefühl wieder nachlässt, lassen es
die meisten Übenden damit genug sein.
Nach längerer Übung, nach Monaten oder Jahren, können Sie noch in derglei-
chen Übungsstunde ein zweites schwaches Glied finden, dieses auflösen und
eine weitere Erfahrung von befreiter Energie machen. Nur wirklich erfahrene
Praktizierende schaffen drei oder vier solcher Durchbrüche in einer Übungs-
einheit, und diese Fälle sind ausgesprochen selten.
Um es noch einmal zu wiederholen: Das Erfolgsgeheimnis liegt in bestän-
digem und maßvollem Üben. Wenn Sie sich daran halten, erreichen Sie als
Kampfkünstler oder Leistungssportler einen mühelosen und entspannten, ohne
Anstrengung einzusetzenden Kraftzuwachs, wie er durch noch so viel Körper-
training oder Gewichtheben nicht erzielt werden kann.

10. Beenden Sie die Übung stets unter Ihren Füßen am Ende Ihres
Energiekörpers.

Die Koordination des Atems mit den


Chi-Gung-Bewegungen
Die bisherigen Kapitel haben detailliert die Standübungen behandelt und die Grund-
lagen der Langlebensatmung beschrieben. Die Kapitel 9 bis 14 werden die Bewe-
gungen des Chi Gung zum Öffnen der Energietore lehren.
Wenn die physischen Chi-Gung-Bewegungen mit der Atmung koordiniert werden,
wird dadurch Ihr Chi vermehrt. Diese Praxis kann gut oder schlecht sein, und sie

185
Kapitel 10

wird nur von einigen Schulen des Chi Gung und des Tai Chi befürwortet. Nach der
klassischen taoistischen Einstellung ist es gut, den Atem unter allen Umständen zu
stärken, nicht aber die Ein- und Ausatmung auf den Anfangsstufen der Chi-Gung-
Praxis mit physischen Bewegungen zu koordinieren.
Das Chi, das Ihren Körper und Ihre Energiekanäle mit Energie versorgt, kann
gleichzeitig auch Ihre Emotionen aufladen. Wenn Ihre grundlegende Gefühlsverfas-
sung glücklich, positiv oder ruhig ist, wird mehr Chi Sie mit der Energie versorgen,
glücklicher, ruhiger und positiver zu sein. Wenn das Gegenteil der Fall ist, kann mehr
Chi Sie negativer machen und Ihre inneren Dämonen freilassen. Daher besteht die
Möglichkeit, dass man, je stärker man physisch wird, sich umso wahrscheinlicher
zu einem emotionalen Wrack entwickeln wird. Viele Menschen im Sport und in
den Kampfkünsten haben darunter gelitten, dass sie sich der physischen, aber nicht
der emotionalen oder psychischen Dimension des Chi bewusst geworden sind.

Der Atem und die Emotionen


Gedanken und Emotionen erschaffen „Wellen" im Geist. Die Art und Weise, wie
man atmet, kann diese Wellen erzeugen und den Geist dazu veranlassen, das Muster
der Gedankenwellen bestimmter Emotionen anzunehmen. Wenn Sie beispielsweise
wütend werden, steigt Ihr Atem von Ihrer Brust in kurzen kraftvollen Stößen bis zu
Ihrem Kopf. Wenn Sie umgekehrt damit anfangen, aus der Brust und dem Herzen
vorsätzlich mit kurzen kraftvollen Stößen zu atmen, werden Sie anfangen, Wut zu
empfinden. Wenn Sie sich andererseits deprimiert fühlen, was gewöhnlich eine
sehr flache Atmung zur Folge hat, und Sie bewusst anfangen, tief und regelmäßig
zu atmen, werden Sie sich weniger deprimiert fühlen. Sie können mit Ihrer Atmung
Ihre wahren Gefühle verändern oder zumindest verbergen.
Wenn Atem und Bewusstsein koordiniert sind, erfährt man gewöhnlich einfach
die Emotion. Wenn Sie jedoch die Chi-Gung-Technik praktizieren, den physischen
Atem mit bestimmten Körperbewegungen zu koordinieren, können Sie damit die
Unterdrückung von Emotionen hervorrufen. Sie werden sich vielleicht mehr des
Atems und der Bewegung und nicht Ihrer Emotionen bewusst sein. Das künstliche
Atemmuster überdeckt das Gewahrsein Ihrer tatsächlichen Emotionen, und gleich-
zeitig verstärken Sie diese unsichtbaren Emotionen durch Ihre Praxis. Die Koordi-
nation des Atems mit der Bewegung wird Ihre körperlichen Fähigkeiten steigern
und Ihr physisches Chi aufladen, doch sie kann auch die tieferen emotionalen und

186
Die Energietore des Körpers öffnen

psychischen Schichten Ihres Wesens aufladen, wo die Emotionen ruhen, die ein
ganzes Leben lang verdrängt worden sind.
Es besteht auch die Möglichkeit, dass sich die Cefühlsenergie verstärkt, wenn
Sie Ihren Atem mit Bewegungen koordinieren. Wenn Sie beispielsweise bereits
wütend und deprimiert sind, ohne sich dessen bewusst zu sein, könnten Sie fest-
stellen, dass Sie äußerst reizbar oder noch deprimierter werden, ohne den Grund
dafür zu kennen.

Der Umgang mit negativen Emotionen


Viele taoistische Energieübungen haben das Ziel, Ihnen negative Emotionen bewusst
zu machen und Ihnen die Hilfsmittel dafür zu geben, um sie aufzulösen. Wenn Sie
Ihre Atmung jedoch auf den Anfangsstufen mit Ihren Bewegungen koordinieren,
können Sie diese Emotionen tatsächlich verstärken und sie noch mehr einschließen.
Der bessere Weg für den Umgang mit negativen Emotionen ist der folgende: Wer-
den Sie sich beim Stehen Ihrer negativen Emotionen bewusst und stellen Sie fest,
wie sie sich anfühlen. Erkennen Sie, wie sie physische Spannung in Ihrem Körper
und Stimmungsveränderungen hervorrufen. Dann entspannen Sie und lassen die
Spannung mittels der in Kapitel 7 erklärten Auflösungstechniken bis zu dem Grade
frei, wie dies möglich ist. Unterdrücken Sie die aufkommenden Gefühle nicht.
Wiederholen Sieden gleichen Vorgang während der Bewegung. Koordinieren Sie
am Anfang das Ausstrecken und Zurückziehen von Armen und Beinen nicht bewusst
mit der Ein- und Ausatmung. Nachdem Sie Erfahrung darin haben zu erkennen, ob
und auf welche Weise Ihre Emotionen aktiviert sind, und Sie fähig sind, diese zu
entspannen, aufzulösen und loszulassen, können Siedann in Koordination mit Ihren
Bewegungen atmen und gleichzeitig Ihre Emotionen freilassen.

187
Bruce Frantzis demonstriert die Endstellung der Wolkenhände.

188
Kapitel 9

Die Wolkenhände

Erster Teil:
Den Unterkörper verwurzeln

Die umfassendste und vollständigste


Chi-Gung-Bewegung
Diese Übung der Wolkenhände enthält die gleichen grundlegenden Energieele-
mente, die Tai Chi Chuan zu dem heute überall bekannten und äußerst effektiven
Übungs- und Heilsystem gemacht haben. Wenn Sie nur eine einzige Bewegung für
Ihre Gesundheit praktizieren dürften, dann wären die Wolkenhände genau richtig.
Bei dieser Übung bewegen Sie Ihre Arme und Beine vorwärts und rückwärts, nach
oben und nach unten. Zu den Wolkenhänden gehören auch alle elementaren Tai-
Chi-Bewegungen, wie Schrauben, Drehen, Beugen und Strecken. Damit wird der
Prozess in Gang gesetzt, das Körpergewebe zu dehnen. Obgleich das Gewicht nicht
vor- und zurückverlagert wird, verschiebt es sich doch von einer Seite zur anderen.
Damit enthalten die Wolkenhände das maßgebliche Bewegungsprinzip der Verän-
derung von „leer zu voll", das heißt, ein Bein wird leer [von Gewicht], während das
andere voll wird. Die bei den Wolkenhänden erlernten inneren Prinzipien lassen

189
Kapitel 13

sich auch aufTai Chi Chuan, Hsing-I, Ba Gua und die überwiegende Mehrzahl der
Chi-Gung- und Nei-Gung-Übungen anwenden.
In den verschiedenen Stilen des Tai Chi Chuan werden die Wolkenhände aller-
dings ganz unterschiedlich ausgeführt. Die hier beschriebene Version ist verhält-
nismäßig einfach und stammt aus einer ursprünglichen taoistischen Übung, die
alle inneren Prinzipien (wenn auch nicht unbedingt die spezielle Form) des Yang-,
W u - und Chen-Stils sowie die Kombination aus Tai Chi Chuan, Hsing-I und Ba Gua
einschließt.
Von den Füßen bis hinauf zu den Händen wird diese Übung in einzelnen Stufen
vermittelt, von denen jede wichtige innere Prinzipien enthält.

Der Übergang von Stand


und Auflösung zu den
Wolkenhänden
Langsam die Augen öffnen
W e n n Sie mit geschlossenen Augen die Standhaltung
einnehmen und innere Energieblockaden auflösen, ist
es nicht ungewöhnlich, dass Sie dabei in einen leichten
Trancezustand geraten. Mit der Zeit verschwindet dieser
leichte Trancezustand wieder, während die innere Klar-
heit zunimmt. Am Anfang ist es jedoch völlig normal,
das Übungstempo zurückzunehmen und dadurch äußerst
entspannt zu werden.
Die Übung der Wolkenhände wird mit offenen Augen
ausgeführt. Zum Abschluss der Standform öffnen Sie be-
hutsam die Augen. Achten Sie darauf, dass die Rückkehr in
die Welt des Schauens allmählich und angenehm verläuft.
Die Standhaltung: Die
Öffnen Sie Ihre Augen mit genau derselben Geschwindig-
Füße stehen parallel und in
keit, die Sie zuvor mit geschlossenen Augen bei inneren Schulterbreite auseinander.
Vorgängen erfahren haben. Es geht um einen sanften Über-
Abbildung 10-2

190
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

gang vom inneren zum äußeren Bewusstsein, um damit einen ähnlichen Schock zu
vermeiden, den Sie erleben würden, wenn Sie aus einem stockdunklen Keller kom-
men und plötzlich in grelles Sonnenlicht blicken, oder wenn man Ihnen während des
Schlafens kaltes Wasser ins Gesicht schüttet. Bewahren Sie die Entspannung und das
innere Gefühl von Offenheit, die Sie beim Stehen empfunden haben, und nehmen
Sie diese Entspannung mit in die Bewegung hinein. Das hilft Ihnen, die Entspannung
weiter zu vertiefen und gleichzeitig noch mehr Energie zu entwickeln.

Ü B U N G 1: Den Unterkörper verwurzeln


I . S t e l l e n Sie Ihre Füße parallel zueinander und schulterbreit auseinander
(Abb. 9-1).
2. Bei offenen Augen verlagern Sie Ihr gesamtes Gewicht (100 Prozent) auf Ihr
schwächeres Bein - nehmen wir das linke. Halten Sie dort das Gewicht und
strecken Sie das rechte Bein ein paar Zentimeter zur Seite aus; die Füße blei-
ben parallel (Abb. 9-2a). Das Gewicht ist gleichmäßig auf dem belasteten
Fuß verteilt, so dass kein Teil der Fußsohle mehr oder weniger belastet w i r d
als irgendein anderer.

3. Dann dehnen Sie Ihre Energie und Ihr Gewicht durch den Fuß bis zu der Stelle
im Boden aus, an der Ihr Energiekörper endet, das heißt bis zu Ihrer Wurzel.
Wenn es Ihnen gelingt, Ihr Chi in den Boden zu schicken, w i r d sich die Erd-
energie ganz von selbst mit Ihrer Körperenergie verbinden. Dann können Sie
wie ein Baum Energie aus der Erde in Ihren Körper ziehen und gleichzeitig
mit der Gewichtsverlagerung Chi von der linken in die rechte Körperhälfte
fließen lassen. Wenn Sie Ihr Gewicht wieder von der linken zur rechten Seite
verlagern, lassen Sie Ihr Chi von rechts nach links fließen.

Ü B U N G 2: Das Steißbein nach unten richten und


langsam das Gewicht verlagern
Überprüfen Sie, dass Ihr Steißbein zum Boden weist und Ihre Wirbelsäule gerade
aufgerichtet ist.

191
Kapitel 10

Das Gewicht ruht zu 7 00 Prozent auf dem rechten Bein,


a) Richtig: Die Hüften sind auf gleicher Höhe,
b) Falsch: Die Hüften sind gekippt.

Abbildung 9-2

1. Das Gewicht verlagern


Verlagern Sie nun Ihr Gewicht wieder zu 100 Prozent vom linken auf das rechte
und vom rechten auf das linke Bein, mehrere Male hin und her. Wenn Ihnen
nach einer Weile die Beine schmerzen, ist das ganz natürlich. Die Verlagerung
muss langsam, gleichmäßig und möglichst als fließende Bewegung ohne Zu-
ckungen oder Krämpfe verlaufen. Die Geschwindigkeit sollte während der Ge-
wichtsverlagerung konstant bleiben. Überprüfen Sie, ob die Hüften auf gleicher
Höhe und parallel zum Boden bleiben und bei den Bewegungen nicht auf- und
abschaukeln (Abb. 9-2a).

2. Die 70-Prozent-Regel (auf den Beinabstand angewendet)


Sehr häufig wird die Frage gestellt, wie weit die Beine bzw. die Füße auseinander
zu stellen sind. Damit kommen wir wieder zu einem Grundprinzip, nach dem

192
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

Die 70-Prozent-Regel: a) Der Beinabstand liegt bei 100 Prozent der Kapazität,
b) Der Beinabstand ist auf 70 Prozent der Kapazität reduziert worden.

Abbildung 9-3

diese und alle anderen taoistischen Übungen auszuführen sind: die 70-Prozent-
Regel. In jeder Tai-Chi- oder Chi-Gung-Übung sollten Sie als Erstes abschätzen,
wo Ihre körperliche 10O-Prozent-Marke im Hinblick auf Ihren Bewegungsspiel-
raum oder die Übungszeit liegt. Das heißt in diesem Falle, w i e weit Sie Ihre
Glieder und Gelenke problemlos dehnen können und w i e lange. Wenn Sie
diese Grenze ermittelt haben, bewegen Sie sich nur noch bis zu 70 Prozent Ihrer
Fähigkeiten (Abb. 9-3b) und üben nur 70 Prozent Ihrer maximalen Übungszeit.
Dieser Prozentwert muss nicht immer starr eingehalten werden, sondern kann,
je nach körperlicher Kondition, irgendwo zwischen 60 und 80 Prozent liegen.
Wenn die Menschen in jeder Hinsicht sensibel und sich ihrer inneren Beschrän-
kungen bewusst wären, bräuchte man wahrscheinlich nicht auf diese Regel
hinzuweisen. Die 70-Prozent-Regel basiert auf dem Grundsatz, dass Sie bei der
Entwicklung der Übung den schwächsten Faktor berücksichtigen müssen. Versu-

193
Kapitel 10

chen Sie nicht, Höchstleistungen zu vollbringen. Ein solcher Versuch kann Ihre
Schwachstelle schädigen und dazu führen, dass sich der gesamte Organismus
verkrampft und anspannt.

3. Arbeiten Sie mit einem Übungspartner


Sie werden schnell feststellen, wie hilfreich es ist, die Bewegung der Gewichtsver-
lagerung mit einem oder zwei Partnern zu erlernen. In dieser speziellen Übung
kontrolliert der eine Partner, ob Ihre Lendenwirbelsäule gerade aufgerichtet ist.
Der andere passt auf, dass sich Ihre Hüften von einer Seite zur anderen bewegen,
ohne auf- und abzuschwingen. Ihr Partner muss auch darauf achten, dass sich
Ihr Körper während der Gewichtsverlagerung nicht hebt und senkt. Sie selbst
müssen dafür sorgen, dass beide Füße vollständig flach auf dem Boden bleiben
(natürlich mit Ausnahme des Fußgewölbes) und dass alle Teile der Fußsohle den
Boden mit gleichem Druck berühren. Das Gewicht sollte weder überwiegend
auf der inneren noch der äußeren Fußkante, auf dem vorderen Fußballen oder
auf der Ferse ruhen.

Wichtige Übungshinweise
1. Die Einstellung „Alles geben" kann gefährlich sein
Bleiben Sie im Rahmen Ihrer Kapazität von ungefähr 70 Prozent. Häufig ist es
so, dass Menschen, die versuchen, 100 Prozent zu geben, sich unabsichtlich auf
110 oder 120 Prozent ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit steigern. Das führt
schnell zu leichten Beschwerden, manchmal aber auch zu schweren Verletzun-
gen. Wir alle kennen die Geschichte von dem ungeübten Läufer, der sein erstes
Training beginnt und genau weiß, dass er sich aufwärmen muss. Er dehnt sich ein
wenig und rennt los. Seine 100-Prozent-Marke erreicht er, ohne es zu merken,
und als er beschließt, sein Tempo noch ein wenig zu steigern („Mehr ist bes-
ser!"), zerrter sich die Achillessehne. Drei Wochen später versucht er es wieder.
Vielleicht ist er etwas einsichtiger geworden, höchstwahrscheinlich aber nicht.
Noch ein weiterer Faktor kommt hier ins Spiel. Bei 70 Prozent Ihres festgestellten
Leistungsniveaus können Sie 100 Prozent Ihrer Energie und Bemühung in die
Entwicklung Ihrer Übung investieren. Wenn Sie dagegen an 100 Prozent Ihrer

194
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

körperlichen Leistungsfähigkeit herankommen, wird Ihr Körper aus Angst vor


einer möglichen Verletzung unbewusst reagieren. Diese Angst ist ein natürlicher
und notwendiger Überlebensmechanismus, und selbst ohne Ihr bewusstes Zutun
werden Körper und Geistsich als Reaktion darauf verspannen. Da nun zwei der
wichtigen Ziele der Chi-Gung-Elementarübungen darin bestehen, zu tiefer Ent-
spannung zu gelangen und den Stress im Körper zu reduzieren, ist diese Haltung,
zu 100 Prozent alles zu geben, ausgesprochen kontraproduktiv.
Viele Sportler überschreiten bei weitem ihr Trainingspensum, um einen Wett-
kampf zu gewinnen, und nehmen damit körperliche Dauerschäden in Kauf. Solch
ein Verhalten widerspricht den Übungsprinzipien des Öffnens der Energietore, die
darauf abzielen, Ihren Körper und Geist für den Rest Ihres Lebens entspannter,
leistungsfähiger und gesünder zu machen. Je mehr Sie üben, um so mehr Energie
werden Sie haben - wohlgemerkt, solange Sie die 70-Prozent-Regel einhalten.
Diese Regel bewahrt Sie davor, auf Kosten Ihrer Gesundheit und Ihres Körpers
unsinnige Heldentaten zu vollbringen.

2. Maßhalten schützt vor dem Wiederaufbrechen alter Verletzungen


Viele Leute mit schwachen Knien oder Knöcheln, Rückenproblemen oder alten
Verletzungen (von denen sie unter Umständen gar nichts wissen) werden feststel-
len, dass ihnen dieses Prinzip des Maßhaltens viele Schmerzen und körperliche
Schäden erspart - gleichgültig, ob sie Chi Gung oder andere Übungsformen
ausführen. Die meisten Menschen im Westen haben keinen geregelten Übungs-
plan und versuchen daher, alles in der ersten Woche oder sogar am ersten Tag
zu schaffen. Nun können Sportler oft nicht wissen, welche Verletzungen bis zum
nächsten Tag aufgetreten sein werden. Der Sinn der 70-Prozent-Regel besteht
darin, die Gefahr von Verletzungen schon im Voraus möglichst zu verhindern.
Aus meiner langjährigen Erfahrung als Lehrer mit Tausenden von Schülern weiß
ich, dass viele diese Sicherheitshinweise selbst nach mehreren Verletzungen nicht
beachten. Deshalb hoffe ich, dass Sie diesen Abschnitt über die 70-Prozent-Regel
mindestens drei- bis viermal lesen und auf die Signale Ihres Körpers achten, der
es vorzieht, wenn Sie ihm keinen Schaden zufügen.

195
Kapitel 10

Die Mechanik der Gelenke


Die Grundstruktur eines Gelenks bilden Gelenkkopf und Gelenkpfanne. Kopf und
Pfanne verhalten sich zueinander wie Mörser und Stößel, und wie bei diesen geht es
darum, Druck auf das Mahlgut auszuüben und nicht den Behälter zu zerquetschen.
Die Gelenke unseres Körpers sind ebenfalls nicht so konzipiert, dass der Kopf
direkt auf der Pfanne mahlt. In den Gelenken befindet sich eine Substanz, die Ge-
lenkschmiere (Synovia), die ungeheurem Druck widerstehen kann. Diese Gleitmasse
wirkt zwischen Gelenkkopf und -pfanne wie ein Puffer und dehnt oder verdichtet
sich je nach dem auf sie ausgeübten Druck.
Eine wichtige Funktion der Muskeln besteht darin, die Ausrichtung der Knochen
in einem Gelenk stabil zu halten, so dass die natürliche Innenhydraulik des Gelenks
wirksam werden kann. Wenn Kopf und Pfanne sauber justiert sind, wird das Gelenk,
unabhängig von der jeweiligen Bewegung oder Haltung, durch Erschütterungen
nur minimal belastet.
Der menschliche Körper ist dafür eingerichtet, 70 bis 80 Jahre lang seine Beine
zu benutzen und mit seinen Armen im Laufe seines Lebens Millionen Male Gegen-
stände zu bewegen. Die Gelenke werden sich in dieser Zeit nicht abnutzen, wenn
der Innendruck der Gelenkschmiere konstant bleibt und Gelenkkopf und -pfanne
präzise aufeinander abgestimmt sind. Wenn jedoch die korrekte Justierung verloren
geht, kann der Gelenkkopf die Gelenkpfanne langsam beschädigen oder umgekehrt.
Die stützenden Bänder, Muskeln und Sehnen werden dann überdehnt oder beschä-
digt, was zur weiteren Fehljustierung beiträgt. Dieser Teufelskreis führt zur völligen
Schwächung der Gelenke und zum Verlust ihrer natürlichen Funktionstüchtigkeit.
Schließlich kann der davon Betroffene Arthritis bekommen oder so schwach werden,
dass er nicht einmal mehr die einfachsten Verrichtungen bewältigen kann.

Die negativen Folgen von Gelenkproblemen


Nach den Vorstellungen der chinesischen Medizin und der Wissenschaft von der
Kultivierung des Chi staut sich die Energie bei Gelenkproblemen und kann nicht in
den übrigen Organismus weiterfließen. Dieser Zustand verursacht eine Reihe äußerst
unliebsamer Folgen. Als Erstes verringert sich die lokale Blutzufuhr, was sich dann
auf den gesamten Kreislauf auswirkt. Zweitens reduziert sich bei Chi-Stagnation
in einem Gelenk auch die Energiezufuhr in die inneren Organe. Drittens mangelt

196
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

es dem Gelenk, trotz der vielen darin aufgestauten Energie, an guter konstruktiver
Energie, so dass es beginnt, aus gesundem Körpergewebe Energie abzuziehen,
wodurch dann auch dieses Gewebe geschwächt wird.
Die genaue Schrittfolge der energetischen Schwächung des Gewebes verläuft wie
folgt: Das von stagnierendem Chi belastete Gelenk zieht Energie aus benachbarten
Gelenken ab, dann von den inneren Organen, als Nächstes von der Wirbelsäule
und schließlich aus dem Gehirn. Demnach besteht eines der ersten Übungsziele des
Chi Gung darin, energetisch verstopfte Gelenke frei zu machen, damit Chi wieder
ungehindert durch den Organismus fließen kann.

Die korrekte Ausrichtung des Kniegelenks


Achten Sie bei der Standübung und bei der anfänglichen Gewichtsverlagerung von
der einen zur anderen Seite darauf, dass die gesamte Fußsohle (mit Ausnahme des
Fußgewölbes) gleichmäßig den Boden berührt. Wenn sich nur ein Teil Ihres Fußes
hebt oder senkt, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass das Fußgelenk nicht
korrekt ausgerichtet ist. Vergewissern Sie sich auch, dass Ihr Kniegelenk richtig
über dem Fußknöchel steht (Abb. 9-4 a und b). Das Schienbein verbindet Knie
und Fuß miteinander. Damit diese Verbindung solide und belastbar ist, muss bei

Die Ausrichtung der Knie:


a) und b) Richtig: Die Kniemitte steht senkrecht über der Fußmitte, c) Falsch: Die Knie sind
nach innen gesunken, d) Falsch: Die Knie sind nach vorn gesunken.

Abbildung 10-1

197
Kapitel 10

leicht gebeugten Beinen die innere Linie zwischen den beiden Gelenken stabil sein
und im Winkel von 90° zum Boden stehen. Von vorn betrachtet sollte also eine
Senkrechte von der Mitte der Kniescheibe (Patella) direkt durch die Mitte des Fußes
verlaufen. Auf keinen Fall sollte bei einem Anfänger die Vorderseite des Knies über
die Zehenspitzen hinausreichen.

D a s K n i e ist e i n K r a f t ü b e r t r a g e n d e s ,
kein G e w i c h t tragendes Gelenk

Als Erweiterung der oben angestellten Betrachtung ergibt sich, dass bei einem ab-
wärts gerichteten Stoß oder Druck auf den seitlichen Beckenrand die Körperstatik
so ausgerichtet sein muss, dass der Druck direkt durch die Mitte des Fußgewölbes
verläuft. Im Kniegelenk dürfen Sie absolut keinen Druck verspüren, denn das Knie
soll Kraft übertragen, aber selbst kein Gewicht tragen.
Wenn das Kniegelenk korrekt ausgerichtet ist, ergibt sich ein Gefühl von außeror-
dentlich großer Elastizität oder federnder Kraft, etwa so, als wenn Sie eine Luftpumpe
benutzen oder auf die Bremse treten. Diese Elastizität entsteht nicht aus körperlicher
Anstrengung, sondern durch die korrekte Ausrichtung selbst.

P a r t n e r ü b u n g z u m Testen d e r A u s r i c h t u n g
des K n i e g e l e n k s

Es gibt eine ganz einfache Übung, mit der Sie die Wahrnehmung eines korrekt
ausgerichteten Kniegelenks erwerben können. Lassen Sie einen Partner vorsichtig
auf Ihren Oberschenkel und in Ihr Knie Druck ausüben, während Sie das Gewicht
von einer Seite zur anderen verlagern. Dabei werden Sie entdecken, dass nur eine
oder zwei der vielen möglichen Positionen von Knie und Knöchel bequem und
stabil für Sie sind. Drücken Sie aber nicht mit so viel Kraft, dass Sie eine Verletzung
riskieren. Das Ziel bleibt einzig und allein, die optimal stabile und elastische Knie-
und Knöchelposition herauszufinden.
Üben Sie die Gewichtsverlagerung von einer zur anderen Seite mit einem Part-
ner, bis Sie beide die optimale Gelenkstellung wahrnehmen können. Denken Sie
daran und nehmen Sie diese automatisch bei allen inneren Energieübungen und
übrigens auch bei allen normalen sportlichen Betätigungen ein. Diese spezielle

198
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

Technik erweist sich besonders für Golfspieler, Gewichtheber, Skiläufer und alle
anderen Sportler, die enormem Druck auf Knie und Knöchel ausgesetzt sind, als
große Hilfe.

D i e Rückseite des K n i e g e l e n k s ö f f n e n

Weitere, häufig auftretende Knieprobleme, mit denen sich viele Sportler, aber auch
Chi-Gung- undTai-Chi-Übende herumplagen, werden durch mangelhaftes Öffnen
der Rückseite des Kniegelenks verursacht. Die meisten Menschen beugen ihre Knie
so, dass die strukturell sehr schwache Vorderseite des Kniegelenks überproportional
belastet wird. Die Rückseite des Knies schließt sich, während sich die Vorderseite
öffnet; dadurch entsteht ein kleiner V-förmiger Spalt. Der Druck auf den vorderen
Bereich des Kniegelenks presst allmählich die weicheren Gewebeteile (Bänder,
Muskeln, Sehnen) heraus und ruft die allgemein bekannten Knieprobleme hervor.
Man kann sich dies als einen selbst verursachten Kniehebel vorstellen, der ähnlich
wie ein Hebelgriff am Handgelenk oder am Ellbogen wirkt.

R a r t n e r ü b u n g z u m k o r r e k t e n A u s r i c h t e n v o n K n i e- u n d
Fußknöchelgelenk

Hier möchte ich Ihnen eine weitere nützliche Übung vorstellen, mit der Sie die
Gelenke von Knie und Fußknöchel korrekt ausrichten können. Arbeiten Sie mit
einem Partner zusammen. Legen Sie sich auf den Boden und heben Sie ein Bein auf
Brusthöhe. Der Partner fasst Ferse und Ballen Ihres Fußes und drückt Sie von sich
weg (nicht sehr fest!). Sie müssen nun die ideale Ausrichtung von Knie, Knöchel
und Kwa erkennen, in welcher der natürliche Flüssigkeitsdruck der Gelenkschmiere
ausreicht, um den Druck des Partners mit nur minimalem Kraftaufwand zu erwidern
(Abb. 9-5a). Vertrauen Sie auf die Sprungkraft des Gelenks anstatt auf die Muskeln.
Wenn das Kniegelenk nicht ganz korrekt ausgerichtet ist, werden Sie in den Muskeln
Spannung und Unbehagen empfinden. Bei völliger Fehlstellung des Gelenks werden
Sie auch Schmerzen spüren. Bei korrekter Ausrichtung von Fußsohle, Knöchel, Knie
und Kwa gelingt es Ihnen dagegen mühelos, mehrere Personen mit Ihrem Bein von
sich wegzustoßen.

199
Kapitel 10

Die Ausrichtung von Knie- und Fußgelenk:


a) Richtig: Hüfte, Knie und Fußgelenk befinden sich auf einer Linie, b) Falsch: Das Knie ist
nach innen gesunken, c) Falsch: Das Knie ist nach außen gedreht.

Abbildung 9-5

Alle, die schon einmal mit einer langwierigen Rücken-, Knie- oder Knöchelver-
letzung zu tun hatten, müssen bei diesen Übungen besonders vorsichtig sein. Sie
sollen ja nur den Unterschied zwischen der leichten, mühelosen Bewegung bei einer
korrekt ausgerichteten Gelenkstellung und die belastende und unbehagliche Erfah-
rung bei einer falschen Ausrichtung herausfinden. Von Unfällen oder genetischen
Problemen einmal abgesehen, ist der menschliche Körper so angelegt, dass er ohne
große Anstrengung große Entfernungen zurücklegen oder andere Dauerleistungen
vollbringen kann. Durch diese Übungen werden Sie sich einfach der natürlichen
Mechanismen bewusst, die Ihren Körper optimal arbeiten lassen.

Ü B U N G 3: Das Kwa öffnen und schließen


Was ist das Kwa?
Das Gelenksystem, das die Chinesen als kwa bezeichnen, erstreckt sich vom Leis-
tenband durch den Innenraum des Beckens zum Darmbeinkamm. Zum Bereich
des Kwa gehören:

200
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

1. der linke und der rechte Energiekanal


2. das Becken und das Hüftgelenk

3. das Kreuzbein und die unteren Lendenwirbel


4. die Gruppe von Lenden- und Darmbeinmuskeln

5. die Adduktoren des Oberschenkels


6. der Beckenboden (dessen gesunder Zustand
wesentlich für die sexuelle Vitalität ist)

7. das letzte Drittel des Dünndarms und


8 . d e r Enddarm.

Die Muskeln des Kwa (Abb. 9-6) verbinden die Beine mit der Wirbelsäule: Der
Lendendarmbeinmuskel verbindet die Lendenwirbel mit dem Becken und dem Ober-
schenkelknochen, die Adduktoren verbinden das Becken mit dem Oberschenkel.
Die Beweglichkeit der Wirbelsäule und der Beine
hängt zu einem nicht geringen Teil von der Elasti-
zität der Lenden- und Darmbeinmuskeln ab. Viele
Probleme im unteren Rückenbereich entstehen
durch Versteifung, Verhärtung oder Verletzungs-
folgen in diesen beiden Muskelgruppen.
In der Leistengrube befindet sich die größte
Ansammlung von Lymphknoten. Die Lymphe,
ein entscheidender Faktor des Immunsystems,
wird im Unterschied zum Blut, welches das Herz
durch die Blutgefäße pumpt, hauptsächlich durch
Muskelkontraktionen weiterbewegt. Die Natur
hat es sehr weise geregelt, dass beim Laufen
oder bei jeder Bein- und Armbewegung große
Lymphgefäße (zum Beispiel die Lymphknoten in
der Leistengegend oder in den Achselhöhlen) ak-
tiviert werden und so die Lymphe in Bewegung
versetzen. Die chinesischen Nei-Gung-Übungen Die tiefen Muskeln des Kwa:
a) Gruppe der Lendendarmbein-
intensivieren diesen natürlichen Mechanismus
muskeln (M. iliopsoas) b) Gruppe der
und stärken dadurch die körpereigene Abwehr. Adduktorenmuskeln
Die vermehrte Bewegung der inneren Elemente
Abbildung 10-1

201
Kapitel 13

des K w a ist w o h l e i n e r der w i c h t i g s t e n u n d e i n z i g a r t i g s t e n Beiträge z u d e n gesund-


h e i t l i c h e n A u s w i r k u n g e n aller das C h i s t e i g e r n d en K ö r p e r ü b u n g e n .

1. N e h m e n Sie d i e G r u n d s t e l l u n g d e r S t a n d f o r m e i n

A c h t e n Sie a u f d i e k o r r e k t e a n a t o m i s c h e A u s r i c h t u n g . L e n k e n Sie Ihre A c h t s a m -


keit besonders d a r a u f , dass K n i e u n d K n ö c h e l r i c h t i g stehen u n d d i e Fußsohlen
g l e i c h m ä ß i g d e n B o d e n b e r ü h r e n . Ü b e r p r ü f e n Sie d i e k o r r e k t e A u s r i c h t u n g ,
i n d e m Sie d i e H ü f t e n senken. Sie s o l l t e n j e t z t s p ü r e n k ö n n e n , w i e dieser D r u c k
d i r e k t a n das F u ß g e w ö l b e w e i t e r g e g e b e n w i r d . Das gesamte G e w i c h t u n d aller
D r u c k s o l l t e n d u r c h Ihre K n i e - u n d K n ö c h e l g e l e n k e i n d e n Fuß w e i t e r g e l e i t e t

Die Kwa-Hocke:
a) Nehmen Sie die Standhaltung ein, beide Füße stehen parallel zueinander (siehe Abb.
9-1). Der Partner hält den Unterarm und die Hand gegen Ihre beiden Knie. Während der
gesamten Übung darf er seinen Unterarm nicht bewegen. Ihre Knie müssen während der
gesamten Übung, beim Hoch- und Heruntergehen, mit seinem Unterarm in Berührung
bleiben, b) Pressen Sie das Kwa zusammen, um es zu schließen, und gehen Sie in die Hocke.
Die Wirbelsäule muss aufgerichtet bleiben und darf nicht gekrümmt sein. Die Arme werden
gerade vor den Oberkörper gehalten, wobei der Rumpf nach vorn geneigt werden darf, um
das Gleichgewicht besser halten zu können, c) Behalten Sie die Anweisungen von a) und b)
bei, pressen Sie das Kwa zusammen und gehen Sie noch tiefer in die Hocke. Wenn Sie dafür
zu steif oder verletzt sind, wenden Sie die 40- oder 50-Prozent-Regel an und akzeptieren
Sie, dass Sie vielleicht niemals so tief in die Hocke gehen können, wie dies in der Abbildung
gezeigt wird, d) Behalten Sie die Anweisungen von Abb. 9-7a weiterhin bei, öffnen Sie das
Kwa und richten Sie sich wieder auf. Achten Sie darauf, dass sich Ihre Knie nicht bewegen.

Abbildung 11-2a-d

202
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

werden. Machen Sie kleine Sprünge aus den Hüften heraus, so dass Sie die
Sprungkraft in den Beinen spüren können.
Bei dieser Übung muss die Position der Knie unverändert bleiben. Sie dürfen
sich weder vorwärts noch rückwärts, nach oben oder nach unten bewegen. Sie
können das auf mehrere Arten überprüfen: Lassen Sie einen Partner seinen Arm
gegen Ihre Kniescheiben halten, oder verwenden Sie dafür einen Stuhl oder ein
Stück Schnur. Es ist wichtig, dass Sie, unabhängig von der Feedback-Methode,
keinen starren oder unbeweglichen Gegenstand verwenden, wie zum Beispiel
ein schweres Möbelstück oder gar die Wand. Sie wollen doch feststellen, ob
sich Ihre Kniescheiben im Raum bewegen oder nicht, aber Sie wollen keinen
Druck auf sie ausüben.

2. Aus dem Kwa in die Hocke gehen


Gehen Sie in die Hocke, indem Sie das Kwa sanft zusammenpressen und schlie-
ßen. Stehen Sie wieder auf, indem Sie das Kwa nach oben ausdehnen oder drü-
cken. Auf keinen Fall sollten Sie Ihre Knie dafür einsetzen, um für die Hockübung
Kraft zu gewinnen. Es muss eine direkte Drucklinie von Ihrem Kwa in das Fuß-
gewölbe verlaufen, ohne zusätzlichen, durch das Gewicht verursachten Druck
auf das Kniegelenk auszuüben. Damit vermeiden Sie eine mögliche Verletzung.
Die Wirbelsäule muss gerade aufgerichtet bleiben (ohne die Rückenmuskeln
anzuspannen). Sie kann auch leicht in einem Winkel nach vorn geneigt sein (so
minimal, wie Ihr Körper dies zulässt), aber Ihr Rücken darf nicht gekrümmt sein.
Achten Sie darauf, dass das Perineum offen bleibt und die Beine entspannt sind.
Das Zusammenpressen des Kwa fühlt sich so ähnlich an (ist aber nicht dasselbe)
wie das Pressen, um den Stuhlgang zurückzuhalten.
Sie werden am Anfang wahrscheinlich nur drei bis fünf Zentimeter in die Hocke
gehen können. Menschen mit schwachen, verhärteten oder traumatisch belas-
teten Lendenmuskeln werden erstaunt sein, wie wenig sie in die Hocke sinken
können. Machen Sie sich aber deswegen keine Sorgen! Mit der Zeit wird Ihr
Körper die gleiche Beweglichkeit zurückgewinnen, so tief wie ein Kind in die
Hocke gehen zu können.
Bitte denken Sie daran: Gehen Sie nur so weit in die Hocke, wie Ihnen dies
möglich ist, ohne Ihre Knie nach vorn zu bewegen. Die tiefste erwünschte und
erlaubte Stellung ist erreicht, wenn sich das Gesäß auf einer Höhe mit den Knien
befindet. Eine gute Übung besteht darin, aus dieser Kwa-Hocke heraus Gegen-

203
Kapitel 10

stände vom Boden oder aus tiefen Regalen aufzuheben und schwere Gegenstände
hochzuheben oder abzusetzen.

Die Verbesserung der Beweglichkeit des Kwa ist unerlässlich für Nei Gung, taoisti-
sche Energie- und Meditationsübungen und alle inneren Kampfkünste, Tai Chi Chuan
eingeschlossen. Diese einfache Hockübung, die das Kwa beugt und dehnt, ist eine
hervorragende Methode, um die Muskeln des Kwa funktional zu dehnen und mit
der Entwicklung einer guten Elastizität und Spannkraft zu beginnen.

204
Kapitel 10

Die Wolkenhände

Zweiter Teil:
Die Spiralbewegung im
Oberkörper

Die Wirbelsäule verbindet


Arme und Beine
Eine der wichtigsten Aufgaben der Wolkenhand-Übung besteht darin, die Energie des
gesamten Körpers an Ihre Wirbelsäule anzuschließen. Dadurch stehen die Rücken-
marksnerven ohne Unterbrechung oder Funktionsstörung mit dem gesamten Körper
in direktem Kontakt. Dieses Verbindungsnetz wird in drei Schritten aufgebaut:
Zuerst werden die Beine energetisch an das Becken und dann an die Wirbelsäule
angeschlossen, wie Sie es in Kapitel 9 gelernt haben. Die Energie zur Unterstützung
der Wirbelsäule kommt aus der Erde und steigt durch die Beine nach oben.
Zweitens verbinden Sie die Arme energetisch mit der Wirbelsäule. Wie Sie dabei
vorgehen, werden Sie in diesem Kapitel lernen.
Drittens werden die Energien aus den Armen und den Beinen durch die Wir-
belsäule miteinander verbunden. Auf dieser Stufe ist es sehr wichtig, dass die Ver-

205
Im Laufe der Zeit lernen Praktizierende der Wolkenhände, die Energie des gesamten
Körpers mit der Wirbelsäule zu verbinden. Die Ausrichtungen und Drehbewegungen der
Wolkenhände bilden die Grundlage für Tai Chi und andere innere Kampfkünste.

206
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

knüpfung von Himmels- und Erdenergie - also des gesamten Raumes, der oberhalb
Ihres Kopfes beginnt und bis in den Boden unterhalb Ihrer Füße reicht - während
der Wolkenhand-Bewegungen stabil bleibt.
Die Arme und Beine sind, von der Wirbelsäule aus betrachtet, im Wesentlichen
miteinander vergleichbar. Hüfte und Schulter, Ellbogen und Knie, Hand und Fuß
führen mehr oder weniger ähnliche horizontale und vertikale Bewegungen aus.
Die Koordination zwischen den Händen und Beinen ermöglicht die potentielle
multidirektionale Beweglichkeit. Die Beine sind mit der Erde und die Arme mit
dem Himmel verbunden.

Ü B U N G 1: Die Arme mit der Wirbelsäule verbinden


Zu dieser Technik gehört, die Schultern und die Ellbogen sinken zu lassen.

1. Die Arme heben


Beginnen Sie, indem Sie die Arme nach vorn bis auf Schulterhöhe anheben. Da-
bei sind die Handgelenke und Ellbogen gebeugt, die Hände und Finger stehen
parallel zum Boden. Die Handflächen weisen nach unten (Abb. 10-1). Linker
und rechter Arm verlaufen parallel zueinander. Zwischen Ober- und Unterarm
besteht kein V-förmiger Winkel - weder nach innen noch nach außen. Achten
Sie darauf, dass die Ellbogenspitzen genau nach unten zeigen. Das Ziel der kor-
rekten parallelen Armhaltung ist, die Arme von den Schultern bis zu den Fingern

Das Heben der Arme auf Schulterhöhe:


a) Richtig: Die Ellbogen sind gebeugt, b) Falsch: Die Arme sind gerade ausgestreckt,
c) Falsch: Der linke Arm wird zwar korrekt vor den seitlichen Energiekanal gehalten, doch der
rechte Arm ist nach außen gedreht, d) Falsch: Der linke Arm ist leicht, der rechte Arm extrem
nach außen gedreht.

Abbildung 10-1

207
Kapitel 13

vor dem jeweiligen rechten oder linken Energiekanal zu halten (Abb. 10-2a und
10-5). Diese Energiebahnen verlaufen auf beiden Seiten des Köpers jeweils vom
Schulternest zum Kwa.

2. Die Schulterblätter öffnen


Als Nächstes entspannen Sie die Schultern und lassen diese nach unten sinken,
während Sie die Schulterblätter und den Rücken gleichzeitig so rund wie möglich
machen. Bei korrekter Ausführung sieht es so aus, als würden die Schulterblätter
scheinbar verschwinden.

3. Die Ellbogen leicht sinken lassen


Lassen Sie die Ellbogen leicht sinken, so als wären an ihnen schwere Gewichte
befestigt, die sie nach unten ziehen (Abb. 10-2). Dafür muss der Bereich, der
von den Chinesen als „Schulternest" (Abb. 10-5) bezeichnet wird, offen sein,
das heißt, eine Vertiefung zwischen der vorderen Schulterseite und den Rippen
bilden. Diese Stelle, die wir „Mohrenheim-Grube" nennen, wird mit der Zeit
äußerst nachgiebig und flexibel. Wenn sich diese Vertiefung bildet, sinken die
Schultern und die Ellbogen leicht und problemlos, ohne dass wir bewusst daran
denken müssen.

Das Senken der Ellbogen:


a)Richtig: Die Ellbogenspitzen weisen nach unten.
b) Falsch: Die Ellbogen sind nach außen gedreht.

Abbildung 10-2

208
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

Die genannten drei Schritte sind eng miteinander verknüpft. Sie haben haupt-
sächlich die Aufgabe, die Arme energetisch mit der Wirbelsäule zu verbinden,
und zwar etwa so, wie Äste aus einem Baumstamm herauswachsen und nicht
getrennt von ihm sind. Den meisten Menschen mangelt es an einem ausgepräg-
ten Gefühl für die energetische Verbindung zwischen der Wirbelsäule und den
Armen. Ohne eine solche Verbindung kann Chi von der Wirbelsäule nur mit
Schwierigkeiten weiter als über die Schulter hinaus fließen, was die erfolgreiche
Energiearbeit behindert und die Übungen allein auf oberflächliche Muskelbe-
wegungen beschränkt.

4. Praktizieren Sie den ersten Teil der Wolkenhände mit erhobenen Armen
Schließen Sie die Augen und verlagern Sie kontinuierlich das Gewicht von einer
Seite zur anderen, wie in Kapitel 9 beschrieben wird. Die Arme heben Sie, wie
in Schritt 1 angegeben. Sie werden wahrscheinlich nach ein paar Minuten fest-
stellen, dass sich Ihre Arme V-förmig auseinander bewegt haben. Wiederholen
Sie diese Übung mehrere Tage oder auch ein paar Wochen lang, bis Ihre Arme
parallel zueinander bleiben und sich nur noch gemeinsam mit dem Körper und
der Wirbelsäule bewegen, nicht unabhängig davon. Ohne regelmäßiges Üben
ist es fast unmöglich, die Arme in Koordination mit der Wirbelsäule zu bewe-
gen. Mit dieser Übung stabilisieren Sie den Chi-Fluss von der Wirbelsäule zu
den Armen.

Die Rartnerübung mit Feedback


Während dieser Übung (und bei einigen anderen übrigens auch) ist es empfeh-
lenswert, wenn ein Partner feststellt, ob Sie auch wirklich das tun, was Sie zu tun
glauben. Mit einem Partner zu üben ist weitaus hilfreicher, als zur Kontrolle in einen
Spiegel zu schauen. Wenn jemand Sie korrigiert und Ihnen zur richtigen Haltung
verhilft, dann sollten Sie einmal das dadurch erworbene objektive Gefühl der richti-
gen Haltung mit Ihrem Eindruck vergleichen, wenn Sie nur annehmen, es richtig zu
machen. Ein Problem bei der Selbstbeobachtung im Spiegel ist, dass Sie eine Übung
nicht nur durchführen, sondern gleichzeitig auch betrachten; schon dadurch werden
Sie von der Erfahrung des Gefühls in Ihren Armen abgelenkt. Zweitens kommt es
ziemlich häufig vor, dass man im Spiegel lediglich das sieht, was man sehen will.
Den meisten Übenden steht im Allgemeinen ohnehin kein Spiegel zur Verfügung.

209
Kapitel 13

Deshalb ist es viel wichtiger, ein inneres Gefühl für die richtige Bewegung und
Haltung zu erlangen. Finden Sie also möglichst jemanden, mit dem Sie bei diesen
Übungen zusammenarbeiten können.

Ü B U N G 2: Die Ellbogengelenke zur Aktivierung der


Gehirn-Rückenmarks-Pumpe bewegen
Diese Übung soll das Öffnen und Schließen der Ellbogengelenke mit dem Öffnen
und Schließen des gesamten Gewebes zwischen Ellbogen und Wirbelsäule (Ober-
arm, Schulter und Schulterblatt) verbinden. Dabei wird die Gehirn-Rückenmarks-
Pumpe im Bereich von oberer Wirbelsäule und Hals aktiviert. Diese wird durch
das Vergrößern und Verringern der einzelnen Wirbelabstände angeregt: Wenn sich
die Arme vom Körper fortbewegen, nimmt der Abstand zu; wenn die Arme an den
Körper herangezogen werden, wird er kleiner.

Das Strecken der Ellbogen:


a) Richtig: Die Ellbogen sind von der Wirbelsäule nach vorn locker ausgestreckt,
b) Falsch: Die Muskeln sind überdehnt und die Ellbogen durchgedrückt.

Abbildung 11-2a-d

210
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

1. Die Ellbogen strecken


Während Sie die Schultern entspannt unten halten, strecken Sie die Ellbogen so
weit wie möglich nach vorn, so dass das gesamte Gewebe von der Wirbelsäule
über die Schulterblätter bis zum Schulternest möglichst weit gedehnt und geöffnet
wird (Abb. 10-3). Diese Dehnung darf im Verlauf der Übung zu keinem Zeitpunkt
geringer werden. Es darf keine Erschlaffung zwischen Ellbogen und Wirbelsäule
geben. Der Ellbogen bleibt in diesem Abstand ausgestreckt oder wird noch weiter
vom Körper weggestreckt, darf aber nicht näher herangezogen werden. Die Mus-
keln dürfen weder angespannt noch überdehnt sein. Wie ein Gummiband müssen
sie zwischen Wirbelsäule und Fingern so weit wie möglich ausgezogen werden,
nirgends darf ein lockerer oder schlaffer Abschnitt existieren. Sie dürfen aber
auch nicht so straff gespannt werden, dass das „Gummiband" zurückzuschnellen
droht und damit der Muskel gezerrt wird. Denken Sie an die 70-Prozent-Regel!

2. Die Ellbogengelenke öffnen und schließen, um die Gehirn-Rückenmarks-


Pumpe zu aktivieren
Jetzt beugen und strecken Sie die Arme, um die Gehirn- Rückenmarks-Pumpe zu
aktivieren und damit gleichzeitig auch die Wirbelabstände zu verändern. Denken
Sie dabei immer an das Limit der 70-Prozent-Regel! Wenn Sie die Wirkung dieser
Übung von der mittleren Brustwirbelsäule (zwischen den Schulterblättern) bis
hinauf zum oberen Nacken spüren, dann haben Sie das Lernziel erreicht. Diese
Technik ist ohne die Hilfe eines qualifizierten Lehrers äußerst schwer zu beherr-
schen, weil Sie auf einer sehr subtilem Ebene spüren müssen, was im Inneren
Ihres Körpers vorgeht. Der Lehrer muss normalerweise erst einmal die Arme des
Schülers zurechtrücken, bevor dieser die richtige Wahrnehmung haben kann.
Der innere Prozess ist außergewöhnlich intensiv, von außen aber nur für einen
gut geschulten Beobachter wahrnehmbar.

Ü B U N G 3: Die Wirbelsäule durch das Öffnen des


Hüftgelenks drehen
1. Den Ober- und Unterkörper unter Beachtung der Mittellinie drehen
Nun sind Sie bereit für die Drehbewegungen, was bedeutet, dass Sie jetzt die
senkrechte Mittellinie auf der Vorderseite des Körpers in die Übung integrieren.

211
Kapitel 10

Während der Körperdrehung die Mittellinie einhalten


a) Richtig: Nase, Solarplexus und Leistengegend befinden sich in einer Linie,
b) Falsch: Die Mittellinie ist nicht eingehalten.

Abbildung 10-4

Abbildung 10-4a zeigt die korrekte Körperausrichtung beim Drehen. Achten Sie
darauf, w ie die Mittellinie erhalten bleibt. Abbildung 10-4b zeigt, wie sich die
meisten Menschen drehen: Sie unterbrechen die Mittellinie und trennen dadurch
den Oberkörper vom Unterkörper.
Halten Sie die Hände in gleichem Abstand von der Mittellinie und beginnen
Sie damit, sich von einer Seite zur anderen zu drehen. Denken Sie an alles, was
Sie bis jetzt gelernt haben: Die Lendenwirbelsäule ist aufgerichtet, Hüfte, Knie

212
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

und Fußknöchel sind aufeinander abgestimmt. Der Rücken ist gerade, die Brust
rund; die Schultern und die Ellbogen sind gesenkt, und die Füße stehen flach auf
dem Boden. Von nun an schließen alle neuen Techniken den bereits gelernten
Stoff immer mit ein.

2. Die Körperdrehung vom Kwa ausgehen lassen


Der Körper besitzt viele natürliche Scharniere. Die Fingergelenke ermöglichen es
Ihren Fingern, sich zu krümmen. Mit den Handgelenken können Sie die Hände
auf- und abbewegen, und das Ellbogengelenk ermöglicht die Beugung des Armes.
In der Hüfte erstreckt sich das entsprechende Scharnier im Bereich der Leisten-
beuge. Die Chinesen bezeichnen dieses komplexe Gelenksystem als Kwa.
Die meisten Menschen drehen sich zur Seite, indem sie die Muskeln zwischen
den Rippen und den Hüftknochen benutzen oder, was noch häufiger vorkommt,
indem sie die Schultern verdrehen. Aus der Sicht der Chi-Gung-Prinzipien,
welche die Wahrung der Einheit von Rumpf und Wirbelsäule verlangen, ist ein
solches Drehen fehlerhaft. Der Körper sollte tatsächlich aus der Leistengegend
heraus gedreht werden. Später, wenn sich dieser Mechanismus eingespielt hat,
können Sie weitere Muskeln aus dem Bereich bis zur Taille (chines. yao) inte-
grieren. Auf keinen Fall dürfen Sie die Hüften unter Zuhilfenahme der Schultern
drehen, denn das unterbricht die Energieverbindung zwischen den Armen und
der Wirbelsäule und verdreht diese außerdem.

3. Bei der Drehung aus dem Kwa auf die Ausrichtung der vier Punkte achten
Ebenso wie Sie die Arme energetisch nicht von der Wirbelsäule abkoppeln dür-
fen, sollten Sie die Wirbelsäule auch nicht von den Hüften, dem Taillenbereich
und der Brust trennen. Um sie miteinander in Verbindung zu halten, müssen die
Bewegungen vom Kwa ausgehen; dann kann sich dieTaille der Hüfte anschließen
und die Brust der Taille. Üben Sie dies, indem Sie die Arme, wie in Übung 1 be-
schrieben, nach vorn ausstrecken. Auf beiden Körperseiten müssen Schulternest
und Kwa auf einer senkrechten Verbindung liegen. Die betreffenden vier Punkte
müssen immer korrekt ausgerichtet bleiben, Dann ist die Wirbelsäule nicht ver-
dreht und auf alle inneren Organe wird gleichmäßiger Druck ausgeübt.
Beim Drehen neigen die einzelnen Körperteile dazu, sich wieder unabhängig
voneinander zu bewegen. Dann müssen die Beine noch einmal ausgerichtet und
die Arme wieder in ihre parallele Stellung gebracht werden.

213
Kapitel 10

Selbst wenn diese Vorgehensweisen sehr einfach erscheinen, bleibt ein kom-
petenter Lehrer doch unersetzlich. Sie werden bald selbst merken, dass zwischen
dem, was man zu tun glaubt, und dem, was man tatsächlich tut, ein großer Un-
terschied besteht. Ein Lehrer kann Ihnen sehr dabei helfen, auf diese Diskrepanz
hinzuweisen.

a) Die Ausrichtung der vier Punkte - richtig: Die vier Punkte bilden ein Rechteck,
b) Die Ausrichtung der vier Punkte - falsch: Die oberen Punkte sind mehr als die unteren
gedreht.

Abbildung 10-5

4. Die Körperdrehung gibt den inneren Organen eine Massage


Die nächste wichtige Aufgabe der Drehbewegung (nachdem Sie gelernt haben,
den Rumpf, die Arme und die Beine als eine Bewegungseinheit zu koordinieren)
besteht darin, sanften Druck auf die inneren Organe auszuüben. Das innere Dre-
hen und Winden versetzt die Organe auf ganz ähnliche Weise in eine optimale
Verfassung wie ein geübter Masseur, der die Muskeln eines Patienten kräftig
durchknetet. Wenn die vier Punkte korrekt ausgerichtet bleiben, führt die hier
beschriebene Massage durch Körperdrehung dazu, dass sich Chi in den inneren
Organen sammelt und die Wirbelsäule mit den inneren Organen energetisch

214
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

verbindet. Die Drehbewegung aktiviert auch automatisch den Chi-Fluss in den


Gürtelgefäßen oder Nebenakupunkturbahnen, die horizontal um den Körper
herum verlaufen.

5. Das Gewicht von einem auf das andere Bein verlagern


Bei dieser Übung wird das Gewicht vollständig von einem zum anderen Bein
verlagert, während sich der Taillenbereich gleichzeitig von einer zur anderen
Seite dreht. In der Mittelposition ist das Gewicht gleichmäßig auf beide Füße
verteilt und der Taillenbereich weist nach vorn. Verlagern Sie das Gewicht zu
100 Prozent auf das linke Bein und drehen Sie die Taille nach links. Bewegen
Sie sich dann zurück durch die Mittelposition und drehen sich nach rechts, bis
das Gewicht zu 100 Prozent auf dem rechten Bein ruht. Wiederholen Sie diese
Sequenz. Achtung: Viele tendieren unbewusst zu einer gegenläufigen Bewegung:
Wenn sie sich nach rechts drehen, verlagern sie das Gewicht auf das linke Bein
und umgekehrt. Für Anfänger wird es zuerst leichter sein, wenn sie das Gewicht
zu 100 Prozent auf ein Bein verlagern, bevor sie sich drehen. Im Laufe der Zeit
sollten die Gewichtsverlagerung und das Drehen der Taille jedoch gleichzeitig
ausgeführt werden.

Ü B U N G 4: Eine Seite senken und die andere anheben


Die folgende Bewegung stellt eine einfache Pumpwirkung im Körper her, so dass
auf der einen Seite des Körpers Energie aufsteigt und auf der anderen nach unten
fließt.

1. Eine Hand senken, die andere aufsteigen fühlen


Zu Beginn befindet sich ein Arm auf Schulterhöhe und der andere noch an der
Körperseite. Die Handflächen weisen nach unten. Wenn Sie eine Hand senken,
steigt die andere gleichzeitig nach oben. Der sinkende Arm sollte ein Gefühl
hervorrufen, als ob Energie oder Blut im Bein auf der gleichen Seite hinab und
in den Boden fließt. Die nach unten absinkende Energie auf der einen Seite
sollte gleichzeitig die Empfindung erzeugen, als würde Energie auf der anderen
Körperseite aufsteigen und die Hand hochheben. Wenn Sie diese einem Flaschen-
zug ähnliche Bewegung üben, müssen Sie unbedingt darauf achten, dass die
sinkende Hand die andere Hand dazu bringt, sich zu heben - und nicht anders
herum. Energie, die im Körper herabsinkt, führt immer dazu, dass auch Energie

215
Kapitel 10

aufsteigt. Dagegen kann aufsteigendes Chi Energie zwar zum Sinken bringen,
aber das muss nicht unbedingt so sein.

2. Arm und Bein auf derselben Körperseite zusammen sinken lassen


Als Nächstes verlagern Sie das Gewicht so von einer Seite zur anderen, dass sich
das Bein, welches das Gewicht aufnimmt, auf derselben Körperseite befindet wie
die sinkende Hand. Wenn die linke Hand sinkt, wird das Gewicht auf das linke
Bein verlagert und umgekehrt. Dieser Vorgang bewirkt, dass im ausgestreckten
Arm und im Bein auf der anderen Seite Energie nach oben steigt.

Ü B U N G 5: Das „Spinnen des Seidenfadens" mit den


Armen und Beinen
1. Die spiralförmig fließende Energie schenkt natürliche Kraft
Bei richtiger Ausführung gehört die spiralförmige Bewegung zur Übung der Wol-
kenhände. Natürliche Gelenkbewegungen und der Energiefluss im menschlichen
Körper verlaufen in Spiralen, die dem Aufbau der DNA-Doppelhelix ähneln.
Die meisten Menschen bedienen sich solcher Spiralbewegungen nur selten,
gute Sportler schon öfter; Menschen mit überdurchschnittlichen körperlichen
Fähigkeiten und großer Beweglichkeit nutzen diese Spiralbewegungen nahezu
ausschließlich - und das bis ins hohe Alter.
Im Tai Chi Chuan bezeichnet man diese Aktivität als chan sz jing, „den Seiden-
faden aufwickeln". Diese Metapher stammt aus der Seidenherstellung, bei der
die Rohseide so vorsichtig von dem Kokon der Seidenspinnerpuppe abgewickelt
wird, dass der Faden nicht reißt. Die beiden anderen inneren Kampfkünste,
Hsing-I und Ba Gua, kennen dieses Prinzip unter dem Namen luo shuen jing,
„bohrende oder drehende Kraft". Dieser Begriff orientiert sich an der vorwärts-
drehenden Bewegung, mit der eine Schraube in die Wand versenkt wird. Die
drehende Bewegung der Muskeln, die dem natürlichen, spiralförmigen Ener-
gieverlauf im Körper folgt, kann schon bei Säuglingen beobachtet werden. Die
ersten Versuche von Babys, die Arme und Beine zu bewegen odersich herumzu-
wälzen und zu krabbeln, beruhen auf Spiralbewegungen, nicht auf geradlinigen
Muskelbewegungen.

216
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

2. Die spiralförmige Bewegung mit dem ganzen Arm praktizieren


Damit wir mit dieser spiralförmigen Bewegung vertraut werden, konzentrieren
wir uns am besten zunächst auf die Arme; später kommen die Taille und die
Beine hinzu. Senken Sie Ihre Hände neben die Hüften, die Fingerspitzen weisen
gerade nach vorn. Die Handgelenke sind so gebeugt, dass die Handflächen und
die Spitzen der Ellbogen zum Boden weisen und leicht nach unten drücken.
Beginnen Sie, Ihren schwächeren Arm langsam und gleichmäßig zu heben und
die Hand zu drehen, bis sie sich etwa auf Brust- oder Nasenhöhe befindet. Je
höher die Hand steigt, um so größer ist die Dehnung für den Rücken und die
Schulterblätter. Denken Sie an die 70-Prozent-Regel und steigern Sie die Höhe der
Hand nur in dem Maße, wie sich Ihr Rücken öffnen lässt. Die Hand erreicht ihre
Endstellung an der Mittellinie der vorderen Rumpfseite. Die Handfläche ist nach
oben gedreht und dem Gesicht zugewandt; der Unterarm weist etwa 45° nach
oben und der Ellbogen ist in einem stumpfen Winkel gebeugt. Dann kehrt der
Arm auf der gleichen kreisförmigen Bahn zu seiner Ausgangsstellung zurück.
Wie in allen taoistischen Körperübungen geht die Spiralbewegung des Arms
von dem Bereich zwischen Wirbelsäule und Schulterblatt aus, setzt sich durch
die Schulter, den Oberarm, den Ellbogen und den Unterarm fort und schließt
in den Fingern ab.
Die Kunstfertigkeit besteht darin, die Hand genau proportional zu der Geschwin-
digkeit zu drehen, mit der sie sich hebt oder senkt. Wenn die Hand 10 Prozent der
Entfernung von der Hüfte zur Nasenhöhe zurückgelegt hat, hat sie sich auch um
10 Prozent gedreht. Auf halbem Wege zwischen Anfangs- und Endpunkt stehen
die Handflächen senkrecht zueinander oder sind um 50 Prozent gedreht usw.
Während dieses Vorgangs ist es äußerst wichtig, dass die Achselhöhlen offen
bleiben und die Arme nicht die Rippen berühren. Frauen sollten darauf achten,
jederzeit mindestens eine Handbreit Abstand zwischen den Brüsten und den
Armen zu wahren. Außerdem müssen die Ellbogen immer gebeugt und nach
unten gesenkt sein, so dass zu jedem Zeitpunkt der Bewegung ein Ei oder eine
Mandarine in die Armbeuge passt. Die Schultern bleiben gesenkt, wenn sich
die Arme heben.

3. Die Armspirale mit der Drehung aus dem Kwa koordinieren


Das Steigen und Sinken und die Spiralbewegung des Arms werden im nächsten
Schritt mit der Drehung aus der Hüfte und der Gewichtsverlagerung verknüpft.

217
Kapitel 10

Die Wolkenhand-Übung ist eine stetig fließende Bewegung.


Die hier dargestellten Positionen sind Durchgangsetappen, keine statischen Endpunkte,
a) Ausgangsstellung: Das Gewicht ruht zu 100 Prozent auf dem linken Bein, die Arme befinden
sich an den Seiten, b-e): Das Gewicht wird zu 100 Prozent auf das rechte Bein verlagert,
während sich der Körper nach rechts dreht. Gleichzeitig wird der linke Arm spiralförmig nach
oben bewegt.

Abbildung 10-6, a-e

Wenn sich der Taillenbereich dreht, wird der Arm rund und bildet einen Bogen,
um sich auf die Drehung einzustellen. In der unteren Position erreicht der Dau-
men seine seitliche Endstellung ungefähr auf Höhe der Leistengegend gegenüber
dem Hüftknochen auf der Mittellinie der Körperseite, und die Finger weisen in die
gleiche Richtung wie die Körperfront. Prinzipiell weisen der Lendenbereich, der
Solarplexus, die Nase (der Kopf), die Finger sowie die Verbindungslinien zwischen
den vier Punkten von Schulternest und Kwa stets in dieselbe Richtung. Die Seite,
auf der die Handfläche nach unten zeigt, ist die Seite, auf der das Gewicht ruht.
Wiederholen Sie diese Bewegung mit dem anderen Arm und der anderen Hand.

4. Die Beinmuskeln drehen


Die Oberschenkel- und Wadenmuskeln sollten sich in der gleichen Richtung
wie der Taillenbereich drehen, die Geschwindigkeit ist dabei auf die der Arme
abgestimmt. Das Drehen oder „Einwickeln" der Beinmuskeln erfüllt zwei Aufga-
ben: Erstens verhindert es eine Schädigung des Kniegelenks. Zweitens bewegt es
das Gewebe des Beines in Spiralen. Dadurch werden Sie auf fortgeschrittenere
Praktiken vorbereitet und lernen, die Energie spiralförmig durch den Körper
fließen zu lassen, wie in Kapitel 15 ausführlicher beschrieben wird.

218
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

f) Beginnen Sie damit, das Gewicht auf die linke Seite zu verlagern und den Körper nach links
zu drehen. Gleichzeitig beginnt sich der höhere (linke) Arm spiralförmig zu bewegen und
nach unten zu senken, während der tiefere (rechte) Arm sich spiralförmig nach oben bewegt.
g) Mittelstellung: Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt, der Körper gerade nach
vorn ausgerichtet. Die Handflächen befinden sich beiderseits der Mittellinie und sind einander
zugewandt, h-j) Fahren Sie damit fort, den Körper nach links zu drehen und das Gewicht zu
verlagern, bis dieses zu 100 Prozent auf dem linken Bein ruht und der Körper ganz nach links
gedreht ist. Bewegen Sie gleichzeitig die Arme in spiralförmigen Bewegungen: den linken Arm
abwärts, bis sich die nach unten gewandte Handfläche auf Hüfthöhe befindet, und den rechten
Arm aufwärts, bis sich die Hand gegenüber der Nase befindet.

Abbildung 10-6, f-j

5. Die vollständige Wolkenhand-Übung praktizieren


Der abschließende Schritt verlangt, dass sich beide Hände gleichzeitig bewegen.
Dadurch werden beide Gehirnhälften koordiniert.
Das Gewicht ruht am Anfang vollständig auf dem linken Bein, der Körper ist zur
linken Seite gedreht (Abb. 10-7a). Die linke Hand befindet sich vor der linken
Hüfte, die Handfläche weist nach unten. Die rechte Hand befindet sich etwa
auf Nasenhöhe, die Handfläche weist nach oben.
Verlagern Sie Ihr Gewicht langsam zur rechten Seite. Wenn Sie die Mittelposi-
tion erreicht haben, ist das Gewicht zu gleichen Teilen auf beide Körperseiten
verteilt und Sie sind genau nach vorn ausgerichtet (Abb. 10-7b). Beide Hände
befinden sich auf gleicher Höhe, die Handflächen stehen seitlich der Mittellinie
des Körpers und sind einander zugewandt. Zum Abschluss der Drehung nach
rechts ist die linke Hand mit der Handfläche nach oben etwa auf Nasenhöhe
gestiegen. Die rechte Hand wird, mit der Handfläche nach unten, senkrecht un-

219
Kapitel 13

ter der Achselhöhle seitlich von der rechten Hüfte stehen. Beide Hände drehen
sich in der Geschwindigkeit, die exakt der Geschwindigkeit entspricht, in der
sie steigen und sinken. Mit fortschreitender Übung sollten die Wolkenhände,
anstatt aus zwei separaten Teilbewegungen auf jeder Körperseite zu bestehen,
zu einer gleichmäßig fließenden Bewegung werden.
Zum Abschluss der Gewichtsverlagerung auf das jeweilige Bein ist es am besten,
nicht vollständig aufzuhören und statisch in dieser Position zu verharren - nicht
einmal für einen kurzen Augenblick. Im Idealfall sollten Ihre Hände am Ende
jeder Bewegung (Abb. 10-7a bzw. 10-7c) damit fortfahren, kleine kreisförmige
Bewegugen auszuführen. Dadurch bleibt die fließende Bewegung der Hände,
die ihre steigende und sinkende Position umkehren, stetig und flüssig, ohne dass
die Übung sprunghaft immer wieder neu begonnen und beendet wird. Auch die
Gewichtsverlagerung von dem einen Bein auf das andere sollte ebenso fließend
und stetig verlaufen.

Grundhaltungen der Wolkenhände


a) Zu Anfang ruht das Gewicht vollständig auf dem linken Bein,
b) Das Gewicht ist zu gleichen Teilen auf beide Seiten verteilt. Der Körper ist genau nach
vorn ausgerichtet und befindet sich in der Mittelposition zwischen der vollständigen
Gewichtsverlagerung auf den rechten oder linken Fuß. c) Bei der Drehung nach rechts ruht
das Gewicht vollständig auf dem rechten Bein.

Abbildung 11-2a-d

220
Die Wolkenhände - Zweiter Teil

Obwohl diese Übung unter Umständen verhältnismäßig schwer zu erlernen ist,


kann sie dem Körper aber auch mehr Bewegungsfreiheit und ein intensiveres
Energiegefühl schenken, als er dies jemals zuvor erfahren hat.

6. Die Armbewegung durch das Drehen der Hüfte mit Energie versorgen
Bei den Wolkenhänden und den drei sich anschließenden Schwungübungen
müssen die Armbewegungen durch die Hüftdrehungen mit Energie versorgt
werden. Dadurch verstärkt sich im Laufe der Zeit der Chi-Fluss im gesamten
Körper. Je vollständiger die Energie zwischen den Beinen, dem Rumpf und der
Wirbelsäule fließt, desto leichter ist es, das Chi durch die Arme fließen und sie
dadurch höher steigen zu lassen. Der Zweck der Wolkenhände und der Schwung-
übungen besteht darin, dass sich die Energie kräftig in der Körpermitte bewegt.
Bevor dies erreicht ist, wird sie sich auch nicht in den Extremitäten der Arme
und Beine vollständig zeigen können.
Wenn Sie die Technik der folgenden drei Schwungübungen erlernen und den
vollen Nutzen daraus ziehen möchten, dann zwingen Sie Ihre Arme nicht dazu,
höher zu steigen. Lassen Sie die Arme sich stattdessen entspannen und aus eige-
nem Antrieb vom Körper weg und auf ihn zu bewegen oder schwingen. Zuerst
werden die Arme nicht sehr hoch steigen. Es wird vielleicht Monate dauern, ehe
sie die Höhe Ihres Bauchnabels erreichen, und vielleicht noch länger, ehe sie
sich bis zur Höhe Ihres Solarplexus bewegen.

221
Bruce Frantzis demonstriert die erste Schwungübung.
Kapitel 11

Die erste
Schwungübung

Die Energiesteigerung in den inneren


Organen und den Gelenken
Die folgenden drei Übungen werden im Chinesischen swaishou, „Arme schwingen",
genannt. Bei uns werden sie im Allgemeinen als „Schwungübungen" bezeichnet. Sie
haben die Hauptaufgabe, die Organe im unteren, mittleren und oberen Rumpfdrittel
verstärkt mit Energie zu versorgen. Zusätzlich sollen sie die Gelenke in den Hüften,
Schultern, Ellbogen und Händen vollständig öffnen.

Die drei Tantien und die drei Jiao der


chinesischen Medizin
Im Rahmen der Chi-Gung-Übungen trifft man immer wieder auf die hauptsächlichen
Tantien oder „Zinnoberfelder", die jeweils unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen
haben.
(Zur Lokalisierung der drei Tantien siehe die Abbildung auf Seite 291.)
Das untere Tantien befindet sich knapp unterhalb des Bauchnabels. Dieses Haupt-
energiezentrum bildet die Lebensquelle im physischen Körper.

223
Kapitel 10

Das mittlere Tantien liegt auf der Mitte des Brustbeins (das entspricht etwa der
Höhe des Herzens). Durch dieses Energiezentrum nimmt der Mensch Verbindung
zu anderen Personen und ihren Gefühlen auf und stellt Beziehungen her. Außer-
dem befindet sich hier die Quelle der Gedanken und der Absichten. Dem mittleren
Tantien entspringen Mitgefühl und Wohlwollen, und hier werden auch negative
Emotionen transformiert.
Das obere Tantien in Höhe des Dritten Auges ist für die Verbindung mit Zeit und
Raum, für Kontakte zu körperlosen Wesen, subtilen Gedankenformen und höheren
Dimensionen zuständig.
Als Chi-Gung-Anfänger beschäftigen wir uns hauptsächlich mit dem unteren
Tantien. Die beiden höheren Tantien stehen im Mittelpunkt fortgeschrittener Chi-
Gung-Methoden und der taoistischen Meditation.
Die drei Schwungübungen arbeiten auch mit den drei Jiao oder „Erwärmern"
des Körpers. Das untere Jiao beginnt unterhalb des unteren Tantien und dehnt sich
bis in den Boden aus. Es reguliert hauptsächlich die Funktion und Gesundheit der
Beine, des Urogenitaltrakts, des Dickdarms und der Nieren (letztere werden auch
vom mittleren Erwärmer beeinflusst).
Das mittlere Jiao erstreckt sich vom unteren Tantien bis zum Solarplexus. Es ist
verantwortlich für die Gesundheit der meisten inneren Organe: Dünndarm, Milz,
Bauchspeicheldrüse, Leber, Magen und Gallenblase.
Das obere Jiao reicht von der Brust bis zum Scheitelpunkt des Kopfes und schließt
auch die Arme ein. Es ist verantwortlich für die Gesundheit des Herzens, der Lunge,
des Gehirns und der Arme.
Jede der drei Schwungübungen versorgt einen bestimmten Erwärmer mit Energie.
Die erste Schwungübung öffnet vor allem den Chi-Fluss in den unteren inneren
Organen, des Urogenitaltrakts, des Magens und der Därme. Diese Übung eignet
sich besonders für Personen, die sich mit Verstopfung, sexuellen Störungen und
Nierenproblemen herumplagen - sowohl im Sinne der chinesischen als auch der
westlichen Medizin. Außerdem hilft diese Schwungübung gegen kalte oder feucht-
kalte Hände und Füße.

Ü B U N G 1: Die Bein- und Hüftbewegung


Die Bein- und Hüftbewegung ist grundsätzlich dieselbe wie bei der Übung der
Wolkenhände.

224
Die zweite Schwungübung

1. Sich aus dem Kwa drehen und das Gewicht verlagern


Die Gewichtsverlagerung, das Öffnen und Schließen der Beingelenke, die Dre-
hung des Taillenbereichs und die Beugung des Kwa sind im Wesentlichen die-
selben Übungsschritte, die Sie schon bei den Wolkenhänden gelernt haben
(siehe Kapitel 10).

2. Die Drehgeschwindigkeit erhöhen


Nun wird das Gewicht jedoch ziemlich schnell von einem Bein auf das andere
verlagert. Beginnen Sie die Bewegungsübung schneller als im Zeitlupentempo,
aber noch nicht so schnell, wie es Ihnen vielleicht möglich wäre. Es ist äußerst
wichtig, dass der Kopf auf der Mittelachse des Körpers ausgerichtet bleibt, und
mit ihm die Nase, das Brustbein, der Bauchnabel und die Leistengegend. Dazu
kommen noch die vier Punkte an Schulternest und Kwa, die unverändert korrekt
ausgerichtet bleiben müssen (Abb. 11-la).

Die Ausrichtung der Mittellinie beibehalten


a) Richtig: Nase, Solarplexus und Leistengegend befinden sich in einer senkrechten Linie,
b) Falsch: Schultern und Kopf sind stärker als die Hüften gedreht.

Abbildung 12-14

225
Kapitel 10

3. Hüfte und Kniegelenk korrekt ausrichten


Obwohl die Bein- und Hüftbewegungen im Wesentlichen dieselben sind wie
bei der Wolkenhand-Übung, sollte noch einmal auf die wichtigen Punkte hin-
gewiesen werden:
• das Perineum bleibt offen
• der Körper wird durch Beugung des Kwa gedreht
• die Knie sind leicht gebeugt (das wird besonders schnell bei dem unbelasteten
Bein vergessen)
• die Knöchel und die Knie sind korrekt ausgerichtet
• die Oberschenkelmuskeln drehen sich in die gleiche Richtung wie der Taillen-
bereich, damit es im unteren Rücken oder in den Knien zu keiner Überlastung
kommt

Der zentrale Energiekanal


Der taoistischen Tradition zufolge ist der zentrale Energiekanal die wichtigste Ener-
giebahn im Körper (siehe auch die Abb. auf Seite 291 ). Er verläuft senkrecht direkt
durch die Rumpfmitte. Ein Schnitt entlang der zentralen Körperachse würde diesen
Energiekern der Länge nach halbieren. Die Hauptbahn verläuft von der Mitte des
Kopfes bis zum Perineum und weiter durch das Innere des Knochenmarks von Ar-
men und Beinen. Diese zentrale senkrechte Energiebahn bildet vom Zeitpunkt der
Empfängnis an die fundamentale Energiequelle zur Ausbildung des menschlichen
Körpers. Nach der taoistischen Chi-Gung-Tradition ist sie in der Bildung der Wirbel-
säule, der Arme und der Beine sichtbar. Wenn Sieden Körper drehen, sollten Sie Ihre
Aufmerksamkeit auf diesen zentralen Energiekanal richten und ihn als senkrechte
Drehachse benutzen. Konzentrieren Sie aber auch einen Teil Ihrer Aufmerksamkeit
auf das untere Tantien, so dass es ebenfalls zum Drehpunkt Ihrer Bewegung wird.
Es ist wichtig, dass Sie sich aus beiden Energiezentren gleichermaßen bewegen
und drehen, weil dies zum intensivsten Energieausstoß in alle angeschlossenen
Subsysteme des Körpers führt. Das trifft auch für die Übung der Wolkenhände zu.
Die gleichmäßige Bewegung aus beiden Zentren lässt sich jedoch bei den Schwung-
übungen leichter erlernen und dann zurück auf die Wolkenhände übertragen.

226
Die zweite Schwungübung

Ü B U N G 2: Die Armbewegungen
1. Die Armbewegungen mit den Drehungen koordinieren
Blicken Sie nach vorn, wobei Ihre Füße parallel zueinander stehen und Ihre
Hände sich seitlich des Körpers befinden (Abb. I1-2a). Wenn Sie anfangen,
das Gewicht zu verlagern und sich nach links zu drehen, beginnen Ihre Hände
nach außen zu schwingen (Abb. 11-2b). Wenn Sie die Gewichtsverlagerung
abgeschlossen haben, wird der linke Arm leicht die Rückseite der oberen Hüfte
mit dem Handrücken berühren; der rechte Arm berührt leicht die Vorderseite des
Bauches oder Oberschenkels mit der Handfläche (Abb. 11-2c).
Wenn Sie anfangen, sich zurück zur Mitte zu drehen, beginnen Ihre Hände nach
außen zu schwingen (Abb. 11-2d). Während Ihr Gewicht sich zu gleichen Teilen
auf beide Füße verteilt und der Körper zur Mitte hin ausgerichtet ist, schwingen
die Hände in maximalem Abstand vom Körper nach außen (Abb. 11-2e). Wenn
Sie anfangen, sich nach rechts zu drehen, schwingen die Hände wieder nach
innen (Abb. 11-2f). Wenn Sie die Gewichtsverlagerung und die Drehung abge-
schlossen haben, wird der rechte Arm leicht die Rückseite des Oberschenkels
mit dem Handrücken berühren; der linke Arm berührt leicht die Vorderseite des
Bauches, der Hüfte oder des Oberschenkels mit der Handfläche (Abb. 11-2g).

2. Die schwingenden Arme müssen völlig leblos sein


Die Arme baumeln von den Schultern herab, wobei keine Muskelkontrolle aus-
geübt wird, um sie in irgendeine Richtung zu bewegen. Mit anderen Worten,
sie sollten wie leblos herabhängen. Arbeiten Sie dann bewusst daran, die Schul-
tern, Ellbogen, Handgelenke, Handflächen und Finger so weit wie möglich zu
entspannen. Versuchen Sie mit jedem Schwung, der die inneren Organe anregt,
die Arme immer noch weicher zu machen, bis sich die Armgelenke anfühlen,
als wären sie mit Wasser oder einer warmen Flüssigkeit gefüllt.

3. Die Schwungübung durch Zentrifugalkraft verstärken


Bei den Schwungübungen sollen sich die Arme nie separat bewegen. Sie werden
einfach passiv durch die Zentrifugalkräfte angetrieben, wenn der Körper nach
links und rechts schwingt. Durch die Drehung aus den Hüften wird die Kraft
erzeugt, die den Arm bewegt. Die Drehung nach rechts beugt den linken Arm
und führt ihn vor den Rumpf, während der rechte Arm nach hinten schwingt
(Abb. 11-3). Die Drehung nach links bewirkt genau das Gegenteil.

227
Kapitel 13

Wenn die Zentrifugalkraft die Arme vom Körper wegschwingt, öffnen sich die
Gelenke in den Armen und Schultern ganz von selbst, ohne sie vorsätzlich zu
bewegen. Wenn die Arme zum Körper hinschwingen, schließen sich die Gelenke
in den Armen und Schultern.
Alle diese Vorgänge müssen durch Fühlen von innen, nicht durch visuelle Kon-
trolle, durchgeführt werden. Zwischen dem intellektuellen Wissen darüber, was
die linke und rechte Seite tut, und der kinästhetischen Wahrnehmung, was die
linke und rechte Seite tut, besteht ein großer Unterschied. Auch hierbei emp-
fiehlt es sich wieder, mit einem Partner zusammenzuarbeiten, der Ihnen durch
Körperberührung hilft und Ihnen ein genaues Feedback gibt. Wenn Sie sich nur
auf einen Spiegel verlassen, w i r d Ihnen nur ein visuelles und intellektuelles
Verständnis der Bewegung vermittelt.
Es ist äußerst wichtig, dass Sie das bewusste Gewahrsein einsetzen lernen, um
den Arm und besonders das Ellbogengelenk zu entspannen und loszulassen.
Auf gar keinen Fall sollten Sie mit Hilfe der Armmuskeln die Gelenke beugen

Die erste Schwungühung ist eine stetig fließende Bewegung.


Die dargestellten Positionen sind Durchgangsetappen, keine statischen Endpunkte,
a) Ausgangsposition: Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt. Der Körper ist
gerade nach vorn ausgerichtet, die Arme befinden sich an den Seiten, b und c) Das Gewicht
wird zu 100 Prozent auf das linke Bein verlagert. Drehen Sie sich gleichzeitig nach links; die
Arme schwingen dabei nach innen und berühren schließlich den Körper.

Abbildung 11-2a-d

228
Die zweite Schwungübung

und die Arme und Hände bewegen. Die Schultern müssen gesenkt und völlig
entspannt bleiben.

4. Die Hände klopfen leicht auf die Nieren und den Bauch
Am Anfang werden sich Ihre gebeugten Arme bei der Seitwärtsdrehung wahr-
scheinlich nicht weiter als auf Oberschenkelhöhe schwingen lassen. Wenn die
Entspannung der Arme und Ellbogengelenke zunimmt und Ihr Chi weiter sinkt,
werden Ihre Arme der von der Taille ausgehenden Zentrifugalkraft immer weniger
Widerstand leisten.
Wenn dieses Stadium erreicht ist und die Drehung aus dem Taillenbereich noch
fließender geworden ist, nimmt die Beweglichkeit an den Ellbogen so weit zu,
bis die Unterarme schließlich parallel zum Boden stehen. In dieser Position
klopfen die Hände von vorn sanft gegen den Bauch und auf der Rückseite gegen
die Nieren. Gehen Sie behutsam mit dem Nierenbereich um und klopfen Sie
nur mit minimaler Kraft darauf. Mit übermäßiger Kraft auf die Nieren zu schla-

d und e) Beginnen Sie das Gewicht auf die rechte Seite zu verlagern und drehen Sie sich
gleichzeitig zur Mittelposition zurück; die Hände schwingen nach außen, f und g) Verlagern
Sie das Gewicht zu 100 Prozent nach rechts und drehen Sie sich gleichzeitig nach rechts; die
Hände schwingen nach innen und berühren schließlich den Körper.

Abbildung 11-2e-g

229
Kapitel 10

gen wäre eine sichere Methode, sich selbst zu verletzen,


vielleicht sogar mit fatalen Folgen. Nierenschläge sind im
Boxsport nicht umsonst wegen ihrer gefährlichen Wirkung
verpönt. Es gibt zwar Chi-Cung-Methoden, um zu lernen,
wie man Nierenschläge auffängt, doch diese benötigen die
permanente Betreuung eines Meisters.
Bei den Schwungübungen ist es äußerst wichtig, dass der
Raum unter den Achseln offenbleibt und die Arme nicht
die Rippen berühren.
Im Laufe der Zeit und mit wachsendem Können werden
die Arme bei der Drehung nach innen gesundes Chi in
den Körper hineintragen und beim Wegschwingen vom
Körper verbrauchtes Chi herauslassen. In gewisser Weise
lässt sich dieser Prozess mit der Atmung vergleichen, bei der
Sauerstoff eingeatmet und Kohlendioxid ausgeatmet wird. Die Drehung nach
rechts lässt den
rechten Arm bis
5. Lassen Sie den Kopf nicht hängen zum Rücken und
Einer der häufigsten Fehler, der im Allgemeinen aber nicht den linken bis zur
Vorderseite des
lange anhält, ist der, bei zunehmender Lockerung der Arme
Körpers schwingen.
und des Taillenbereichs den Kopf nach unten hängen zu
lassen. Je mehr sich die meisten entspannen können, umso Abbildung 11-3

mehr tendiert der Kopf dazu, nach vorn zu fallen. Dabei


handelt es sich um einen elementaren neurologischen Reflex: Im Zustand der
kinästhetischen Körperempfindung besteht die Neigung, dass die Augen zu-
fallen, der Kopf herabsinkt und die Wirbelsäule zusammensackt. Bei den hier
vorgestellten Übungen ist es deshalb sehr wichtig, sich dieser Reflexe bewusst zu
sein und sie zu korrigieren, das heißt: den Kopf aufgerichtet und den Unterkiefer
parallel zum Boden zu halten. Dadurch bleibt der Körper innerlich entspannt,
sinkt aber nicht in sich zusammen.

6. Die Hände schlaff halten


Bei dieser Schwungübung sollten die Arme, und nur sie allein, schlaff wie ein
nasser Lappen sein. Das bringt uns zum letzten Detail: Vermeiden Sie es, die
Finger in irgendeiner Stellung zu krümmen. Lassen Sie die Handflächen ganz lo-
cker und geschmeidig. Der Spannungsgrad in der Hand deutet auf die Spannung

230
Die zweite Schwungübung

in Ihrem übrigen Körper hin und beinflusst diese auch. Die Entspannung in den
Händen w i r d sich nach und nach in Ihrem gesamten Nervensystem ausbreiten.

Pärtnerübung zur Entspannung von Schultern


und Ellbogen
Besondere Aufmerksamkeit muss darauf verwendet werden, die Ellbogengelenke zu
entspannen und jede unangemessene Kraft dort zu vermeiden. Um zu lernen, wie
sich ein „kraftloser" Arm anfühlt, lassen Sie einen Partner Ihren Oberarm parallel zum
Boden halten; der Ellbogen ist so gebeugt, dass der Unterarm senkrecht nach oben
weist. Entspannen Sie den Arm vollständig. Der Partner lässt dann Ihren Arm los, der,
wenn der Ellbogen entspannt ist, durch die Schwerkraft heruntersinkt. Die bei den
meisten Menschen übliche Spannung in den Armen verhindert, dass der Arm sofort
nach unten sinkt, sondern erst mit einer kleinen Zeitverzögerung. Üben Sie dies
noch ein paarmal, bis der Arm leicht und locker herunterfällt. Das geschieht, wen n
Sie alle Kontrolle und unangemessene Kraft in Ihrem Arm losgelassen haben.
Als Nächstes heben Sie den ganzen A r m gerade nach oben über Ihren Kopf
und lassen ihn dann los. Wiederholen Sie das so lange, bis der ganze Arm völlig
entspannt nach unten fällt, ohne dass ihn irgendwelche Muskelkontraktionen in
dieser Abwärtsbewegung aufhalten. Entspannung, verbesserter Blutkreislauf, unge-
hinderter Fluss in den Nervenbahnen und eine Zunahme von Chi werden es nach
und nach ermöglichen, dass die Bewegungen bei dieser Übung immer leichter und
gleichmäßiger werden.

231
Bruce Frantzis demonstriert die zweite Schwungübung.
Kapitel 12

Die zweite
Schwungübung

Die Stärkung von Leber und Milz


und die Auflösung von Stress
Die zweite Schwungübung soll die Organe des mittleren Rumpfabschnitts mit
Energie versorgen und stärken. Sie wirkt auf Milz, Leber und Magen sowie auf die
Bauchspeicheldrüse und die endokrinen Drüsen, wie beispielsweise die Nebennie-
ren. Die Beinarbeit ist bei der zweiten und dritten Schwungübung im Wesentlichen
identisch, unterscheidet sich aber von der Beinarbeit der ersten Schwungübung. Die
Armbewegungen der ersten und der zweiten Schwungübung sind gleich.

Die Herausforderung:
Gewichtsverlagerung und Drehung
aus dem Kwa
Die Grundlage aller korrekten Bewegungen in den inneren Kampfkünsten bildet die
physische und energetische Verbindung der Beine mit dem Taillenbereich bei der
Gewichtsverlagerung. Das trifft auf alle Dreh- und Schrittbewegungen ebenso w ie
auf Drehen und Ausweichen von einer Seite zur anderen zu. Die Aufgabe besteht
jetzt darin, die Drehungen der Beine und des Taillenbereichs durch Sinken und

233
Kapitel 10

Ausdehnen aus dem Kwa einzuleiten, und nicht durch Drehen aus dem Kniegelenk.
Drehbewegungen im Knie schädigen langsam, aber sicher den unteren Rücken
und die Beingelenke. Ein Hauptpunkt bei allen Bewegungsformen der taoistischen
inneren Kampfkünste besteht darin, die Gewichtsverlagerung und die Drehtechni-
ken korrekt zu erlernen, ob es nun um gesundheitliche Zwecke oder die Erzeugung
von Kraft geht. Poetischer hört sich das in einem Klassiker des Tai Chi an: „Wenn
es einen Fehler gibt, dann achte auf die Taille und die Beine."

Ü B U N G 1: Die Hüft- und


Beinbewegungen
1. Das Gewicht vollständig auf den rechten Fuß
verlagern
a) Beginnen Sie mit gleichmäßig auf beide Beine ver-
teiltem Gewicht. Die Arme befinden sich an den Seiten,
Kopf und Füße sind nach vorn gerichtet (Abb. 12-1).
b) Schauen Sie weiterhin nach vorn und verlagern Sie
Ihr Gewicht zu 100 Prozent auf Ihren rechten Fuß (ohne
Abb.). Vorsicht: Wird das Gewicht nur zu 50 Prozent
verlagert, wenn Sie sich auf die Seite drehen, kann das Die Mittelposition
leicht zu einer Überlastung des Kniegelenks führen. Abbildung 12-1
Alle Gewichtsverlagerungen müssen zu 100 Prozent
ausgeführt werden.
c) Wenn Sie die Gewichtsverlagerung abgeschlossen haben, heben Sie die lin-
ke Ferse hoch, so dass nur der Fußballen den Boden berührt (nicht sichtbar in
Abb. 12-1). Der Fuß, das Kniegelenk, das Schambein, die Leistengegend und die
vier Punkte an Schulternest und Kwa sollten alle in dieselbe Richtung weisen,
das heißt, gerade nach vorn. Die Füße sollten parallel zueinander stehen.

2. Den Körper nach links drehen


a) Legen Sie beide Hände auf den Bauch. Diese Position behalten Sie während
der restlichen Übung 1 bei. Es ist einfacher, sich auf das richtige Drehen zu
konzentrieren, wenn man nicht über die Handstellung nachdenken muss.
b) Bevor Sie mit der Drehung beginnen, vergewissern Sie sich, dass Ihr Gewicht
zu 100 Prozent auf Ihrem rechten Bein ruht.

234
Die zweite Schwungübung

c) Das Gewicht bleibt vollständig auf dem rechten Bein, und Sie beginnen, Ihren
Körper nach links zu drehen. Halten Sie Ihr rechtes Bein ruhig und drehen Sie
sich aus Ihrem rechten Kwa und Hüftgelenk. Lassen Sie das unbelastete linke
Bein, den Fuß und die Hüfte als eine Einheit in einem Kreisbogen schwingen
und folgen Sie dabei der Drehung der rechten Hüfte. Lassen Sie Ihren linken
Fußballen über den Boden gleiten. Das linke Bein und der linke Fuß bewegen
sich in demselben Grad, wie die rechte Hüfte gedreht wird (Abb. 12-2a und
b). Wenn sich die rechte Hüfte um 45 Grad dreht, bewegen sich auch das linke
Bein, die Ferse und die Zehen um 45 Grad.
d) Während der Drehung und besonders am Ende der Drehung sollten die fol-
genden Teile Ihres Körpers alle in dieselbe Richtung weisen:

• die Mittellinie des Rumpfes: Nase, Solarplexus, Nabel und Leistenbereich


sind alle in einer geraden Linie ausgerichtet
• die Mittellinie des unbelasteten Fußes: die Linie zwischen dem mittleren
Fußzeh, der Mitte des Fußballens und der Ferse

• der Hüftknochen
• die vier Punkte auf beiden Seiten des Rumpfes an Schulternest und Kwa
e) Während der Drehung wird das belastete rechte Bein weder weiter gebeugt
noch gestreckt.

235
Kapitel 10

f) Beugen oder verdrehen Sie das Knie des belasteten Beines nicht, während Sie
den Körper drehen. Es ist wichtig, dass die Bewegung aus den Hüften kommt
und nicht aus einer Verdrehung des Knies. Entspannen Sie dabei die Oberschen-
kelmuskeln des belasteten Beines und lassen sie sich in derselben Richtung wie
die Hüften bewegen. Das wird verhindern, dass die von den Hüften erzeugte
Drehkraft das Knie des belasteten Beines in irgendeine Richtung zieht oder
verdreht.
g) Drehen Sie den Körper nur zu 70 Prozent Ihrer Kapazität nach links. Dadurch
können die unter Punkt d) angegebenen Ausrichtungen wesentlich leichter ein-
gehalten werden.

3. Den Körper aus der rechten Hüfte zurück zur Mitte drehen
a) Lassen Sie wieder das unbelastete linke Bein, den Fuß und die Hüfte der
Bewegung der rechten Hüfte zurück zur Mitte folgen. Das Bein selbst leitet die
Drehung nicht ein (Abb. 12-3a).
b) Wenn Sie die Drehung zurück zur Mitte abgeschlossen haben, setzen Sie Ihre
linke Ferse nach unten und verlagern Ihr Gewicht, so dass es wieder gleichmä-
ßig auf beide Füße verteilt ist. Ihr Rumpf ist nach vorn gewendet und Ihre Füße
stehen parallel zueinander (Abb. 12-3b).

a) Beginn der Drehbewegung zurück zur Mitte b) Ende der Drehbewegung

Die Drehung zurück zur Mitte


Abbildung 12-3

236
Die zweite Schwungübung

a) Richtig: Die Füße stehen parallel zueinander, b) Falsch: Ein Fuß ist nach außen abgespreizt,
c) Falsch: Beide Füße sind nach außen abgespreizt, d) Falsch: Die Füße sind nach innen gedreht.

Abbildung 12-4

c) Achten Sie darauf, dass die Füße nicht nach außen abgespreizt sind. Sie
müssen parallel zueinander bleiben, wenn Sie sich zur Mitte zurückdrehen
(Abb. 12-4a).

4. Das Gewicht vollständig auf den linken Fuß


verlagern
a) Während Sie weiter nach vorn gewandt sind, verlagern
Sie Ihr Gewicht zu 100 Prozent auf Ihr linkes Bein (nicht
sichtbar in Abb. 12-5).
b) Heben Sie die rechte Ferse hoch, so dass nur der
Fußballen den Boden berührt (in der Abb. nicht dar-
gestellt). Behalten Sie die unter Punkt 2d) genannten
Ausrichtungen bei.

5. Den Körper nach rechts drehen


a) Während das Gewicht vollständig auf dem linken Fuß ruht, drehen Sie Ihren
Körper nach rechts (Abb. 12-6 a und b). Halten Sie Ihr linkes Bein ruhig und
drehen Sie sich aus Ihrem linken Kwa und Hüftgelenk. Lassen Sie das unbelas-
tete rechte Bein, den Fuß und die Hüfte als eine Einheit in einem Kreisbogen
schwingen und folgen Sie dabei der Drehung der linken Hüfte. Lassen Sie Ihren
rechten Fußballen über den Boden gleiten. Das rechte Bein und der rechte Fuß
bewegen sich in demselben Grad, wie die linke Hüfte gedreht wird. Wenn sich
die linke Hüfte um 45 Grad dreht, bewegen sich auch das rechte Bein, die Ferse
und die Zehen um 45 Grad.
b) Behalten Sie, während Sie sich drehen, die unter Punkt 2d) beschriebenen
Ausrichtungen bei.

237
Kapitel 10

Drehpositionen
Abbildung 12-6

c) Das linke Bein wird weder weiter gebeugt noch gestreckt.


d) Drehen Sie den Körper nur zu 70 Prozent Ihrer Kapazität nach rechts.

6. Den Körper aus der linken Hüfte zurück zur Mitte drehen
a) Lassen Sie wieder das unbelastete rechte Bein, den Fuß und die Hüfte der
Bewegung der linken Hüfte zurück zur Mitte folgen. Das Bein selbst leitet die
Drehung nicht ein (Abb. 12-7a).

238
Die zweite Schwungübung

b) Wenn Sie die Drehung zurück zur Mitte abgeschlossen haben (Abb. 12-7b),
setzen Sie Ihre rechte Ferse nach unten und verlagern Ihr Gewicht, so dass es
wieder gleichmäßig auf beide Füße verteilt ist. Ihr Rumpf ist nach vorn gewendet
und Ihre Füße stehen parallel zueinander.

7. Die Schritte 1 bis 6 wiederholen


Diese Übung sollte in Übungseinheiten von jeweils fünf Minuten durchgeführt
werden. Sie zielt darauf ab, dass das Bein des unbelasteten Fußes der Hüftdre-
hung des belasteten Beines folgt. Dies könnte mehrere Wochen oder länger
dauern. Gehen Sie nicht an Übung 2, bevor die Drehungen fließend sind und
Ihnen leicht fallen.

Wichtige Übungshinweise
1. Das Gewicht muss zu 100 Prozent auf das jeweilige Bein verlagert werden,
bevor die Drehung eingeleitet wird.
2. Drehen Sie bei der Hüftdrehung zur Seite nicht Ihre Knie mit.
3. Die unbelastete Hüfte, das Bein und der Fuß folgen der Hüftdrehung.
4. Wenn Sie den Körper zur Mitte zurück drehen, müssen Ihre Füße parallel zu-
einander stehen, bevor Sie das Gewicht auf den anderen Fuß verlagern. Achten
Sie darauf, dass die Füße nicht nach außen abgespreizt sind.

Ü B U N G 2: Den Fuß heben und senken


Bei dieser Übung ist die Drehung im Wesentlichen dieselbe wie bei Übung 1, jedoch
mit der folgenden Variante: Sie heben den unbelasteten Fuß ein wenig vom Boden
hoch; berühren Sie den Boden leicht mit dem Fußballen, wenn Sie eine Drehung
nach rechts oder links abgeschlossen haben; und heben Sie den Fuß wieder hoch,
wenn Sie den Körper zurück zur Mitte drehen. Es ist ideal, diese Technik bei allen
Beinbewegungen der zweiten und der dritten Schwungübung auszuführen. Bei
dieser Übung zeigen die Abbildungen nur die Hauptpositionen, nicht die einzelnen
Übergänge; diese werden bei Übung 1 sowie in der Abbildung 12-14 dargestellt.
Diese Übung hat zweierlei Nutzen: Zum einen lässt sie erheblich mehr Chi in
Ihren inneren Organen und zwischen Ihrer Wirbelsäule und den Beinen fließen;

239
Kapitel 13

zum anderen sorgt sie für eine weitaus stärkere Ausrichtung


und Verbindung der Beine mit den Hüften, dem Bauch und
der Wirbelsäule.

1. Das Gewicht vollständig auf das rechte Bein


verlagern
a) Legen Sie beide Hände auf den Bauch. Diese Position
behalten Sie während der restlichen Übung 2 bei.
b) Beginnen Sie damit, dass Ihr Gewicht gleichmäßig
auf beide Beine verteilt ist. Die Arme befinden sich an
Abbildung 12-8
den Seiten, Kopf und Füße sind nach vorn gerichtet
(Abb. 12-8).
c) Blicken Sie weiter nach vorn und verlagern Sie Ihr
Gewicht zu 100 Prozent auf Ihr rechtes Bein ((in der
Abb. nicht dargestellt).
d) Am Ende der Gewichtsverlagerung, wenn Sie damit
beginnen, zur Drehung überzugehen, heben Sie den
linken Fuß etwa 3 bis 5 cm vom Boden hoch (in der
Abb. nicht dargestellt).

2. Den Körper nach links drehen


a) Während das Gewicht weiter auf dem rechten Bein
ruht und der linke Fuß vom Boden entfernt ist, drehen Abbildung 12-9
Sie den Körper nach links. Lassen Sie das linke Bein und
den linken Fuß in einem Kreisbogen und in demselben
Grad schwingen, wie sich die rechte Hüfte dreht. Behal-
ten Sie, während Sie den Körper drehen, die bei Übung
1 unter Punkt 2d) beschriebenen Ausrichtungen bei.
b) Drehen Sie den Körper nur zu 70 Prozent Ihrer Kapa-
zität nach links. Wenn Sie den Endpunkt der Drehung
auf der linken Seite erreichen, senken Sie Ihr Bein und
berühren den Boden leicht mit dem linken Fußballen
(Abb. 12-9).

Abbildung 11-2a-d

240
Die zweite Schwungübung

3. Den Körper aus der rechten Hüfte zurück zur


Mitte drehen
a) Wenn Sie beginnen, den Körper zurück zur Mitte
zu drehen, heben Sie wieder den linken Fuß etwas
über den Boden (nicht dargestellt). Lassen Sie die
linke Hüfte, das Bein und den Fuß der Hüftbewe-
gung zurück zur Mitte folgen. Behalten Sie die bei
Übung 1 unter Punkt 2d) beschriebenen Ausrich-
tungen bei.
b) Wenn Sie die Drehung zurück zur Mitte abge-
schlossen haben, setzen Sie den Ballen und dann
fast sofort auch die Ferse des linken Fußes auf den
Boden und verlagern Ihr Gewicht, so dass es wieder
gleichmäßig auf beide Füße verteilt ist. Ihr Rumpf
ist nach vorn gerichtet und Ihre Füße stehen parallel
zueinander (AM). 12-11).

4. Das Gewicht vollständig auf das linke Bein


verlagern

a) Während Sie noch nach vorn gewandt sind, ver-


lagern Sie Ihr Gewicht zu 100 Prozent auf Ihr linkes
Bein (in der Abb. nicht dargestellt).
b) Heben Sie den rechten Fuß 3 bis 5 cm vom
Boden hoch, um zur Drehung überzugehen (in der
Abb. nicht dargestellt).

5. Den Körper nach rechts drehen


a) Während das Gewicht noch auf dem linken Bein
ruht und der Fuß vom Boden hochgehoben ist, dre-
hen Sie den Körper nach rechts (in der Abb. nicht
dargestellt). Lassen Sie das rechte Bein und den
rechten Fuß in einem Kreisbogen und in demsel-
ben Grad schwingen, wie die linke Hüfte gedreht
wird.

241
Kapitel 10

b) Drehen Sie den Körper nur zu 70 Prozent Ihrer Kapazität nach rechts. Wenn
Sie den Endpunkt der Drehung nach rechts erreichen, berühren Sie den Boden
leicht mit dem Ballen des rechten Fußes (Abb. 12-12).

6. Den Körper aus der linken Hüfte zurück zur Mitte drehen
a) Wenn Sie die Drehung zurück zur Mitte beginnen, heben Sie den rechten Fuß
etwas vom Boden hoch. Lassen Sie das rechte Bein wieder der Hüftbewegung
zurück zur Mitte folgen.
b) Wenn Sie die Drehung zurück zur Mitte abgeschlossen haben, setzen Sie
Ihren rechten Fuß auf den Boden und verlagern Ihr Gewicht, so dass es wieder
gleichmäßig auf beide Füße verteilt ist. Ihr Rumpf ist nach vorn gerichtet und
Ihre Füßen stehen parallel zueinander (Abb. 12-13).

7. Die Schritte 1 bis 6 wiederholen


Diese Übung sollte in Übungseinheiten von jeweils fünf Minuten durchgeführt
werden. Sie zielt darauf ab, dass das Bein des unbelasteten Fußes der Hüftdre-
hung des belasteten Beines folgt. Dies könnte mehrere Wochen oder länger
dauern. Gehen Sie nicht an Übung 3, bevor die Drehungen fließend sind und
Ihnen leicht fallen.

Ü B U N G 3: Die Armbewegungen in der zweiten


Schwungübung
1. Die Hände steigen höher als bei der ersten Schwungübung
Anatomisch-mechanisch unterscheiden sich die Armbewegungen der zweiten
Schwungübung nicht von denen der ersten Schwungübung. Während Sie den
Körper drehen, schwingen die Arme nach außen (Abb. 12-15b, d, e, h und i).
Wenn Sie die Drehung abgeschlossen haben, berührt eine Handfläche die Vor-
derseite des Oberkörpers, während der Rücken der anderen Hand den Rücken
des Körpers berührt (Abb. 12-15 c und g).
Wenn Ihre Hüften lockerer werden und der von ihnen beschriebene Kreisbo-
gen größer wird, werden auch Ihre Hände höher nach oben schwingen, bis sie
schließlich den Rumpf zwischen Nabel und Solarplexus berühren; auf dieser
Höhe sind die eingangs genannten inneren Organe lokalisiert.

242
Die zweite Schwungübung

a) Ausrichtung zur Mitte b) Beginn der Drehung, c) Ende der Drehung, Fußballen
Fuß vom Boden auf dem Boden
hochgehoben

d) Beginn der Drehung e) Ausrichtung zur Mitte f) Beginn der Drehung,


zur Mitte, Fuß vom Boden Fuß vom Boden hochgehoben
hochgehoben

g) Ende der Drehung, Fußballen h) Beginn der Drehung i) Ausrichtung zur Mitte
auf dem Boden zur Mitte, Fuß vom Boden
hochgehoben

Die vollständigen Beinbewegungen der zweiten Schwungübung mit den Durchgangspositionen

Abbildung 12-14

243
Kapitel 10

Die zweite Schwungübung ist eine stetig fließende Bewegung.


Die dargestellten Positionen sind Durchgangsetappen, keine statischen Endpunkte.
a) Ausgangsposition: Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt. Der Körper ist
gerade nach vorn ausgerichtet, die Arme befinden sich an den Seiten.
b) Das Gewicht wird zu 100 Prozent auf das rechte Bein verlagert. Beginnen Sie mit der
Drehung nach links (lassen Sie das linke Bein in einem Kreisbogen schwingen); die Arme
schwingen dabei nach außen,
c) Fahren Sie mit der Drehung nach links fort (setzen Sie den Ballen des linken Fußes auf den
Boden); die Arme schwingen nach innen und berühren den Körper,
d) Beginnen Sie den Körper zurück zur Mitte zu drehen; die Arme schwingen nach außen,
e) Mittelposition: Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt. Der Körper ist gerade
nach vorn ausgerichtet; die Arme sind so weit wie möglich zur Seite gestreckt.

Abbildung 12-15 a-e

Denken Sie daran, die Armbewegungen aus der Drehbewegung der Hüften und
des Körpers zu verstärken (vgl. Kapitel 11, Übung 2/Schritt 3), aber zwingen Sie
die Arme nicht zum Schwingen.

2. Chi aus den Händen in die inneren Organe fließen lassen


Berühren Sie den Oberkörper anfänglich nur sanft. Lassen Sie Ihre Hände erst
langsam und mit zunehmender Übung fester auf den Körper klopfen, so dass
die Energie immer tiefer eindringen kann. Zu Beginn wird die von den Händen
ausgehende Wahrnehmung nur leicht und oberflächlich sein, doch mit der Zeit
wird sie bis in die tiefsten Schichten des Körpers spürbar sein.
Auf keinen Fall dürfen Sieden Körper mit Wucht an Stellen treffen, die durch die
Funktionsstörung eines inneren Organs oder aufgrund einer Verletzung schmer-
zen. Seien Sie vor allen Dingen vorsichtig in der Nierengegend. Beim geringsten

244

L.
Die zweite Schwungübung

f) Verlagern Sie das Gewicht zu 100 Prozent auf das linke Bein und beginnen Sie mit der
Drehung nach rechts (lassen Sie das rechte Bein in einem Kreisbogen schwingen); die Arme
schwingen nach innen und berühren den Körper,
g) Fahren Sie mit der Drehung nach rechts fort (setzen Sie den Ballen des rechten Fußes auf
den Boden); die Arme schwingen nach innen und berühren den Körper,
h) Beginnen Sie den Körper zurück zur Mitte zu drehen; die Arme schwingen nach außen,
i) Mittelposition: Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt. Der Körper ist gerade
nach vorn ausgerichtet; die Arme sind so weit wie möglich zur Seite ausgestreckt.
Die zweite Schwungübung wird nun kontinuierlich wiederholt, beginnend bei Schritt 12-15b
(wobei die Arme nach innen schwingen) bis Schritt 12-15i.

Abbildung 12-15 f-i

Schmerzsignal sollten Sie entweder nur noch ganz behutsam klopfen oder die
Hände kurz vor dem Berühren des Körpers abbremsen.

3. Chi durch Spiralbewegungen der Arme zirkulieren lassen


Wenn die Arme vom Körper wegschwingen, lassen Sie die Muskeln und das
Bindegewebe der Arme sich ganz natürlich vom Rumpf weg nach außen drehen,
so dass die Energie vom Tantien hoch in die Wirbelsäule steigt, von dort in die
Fingerspitzen und schließlich aus dem Körper heraus in den Raum fließt. Beim
Zurückschwingen der Arme fließt die Energie aus der Luft durch die Hände in
den Körper hinein, während sich Ihre Arme auf den Rumpf zu nach innen drehen.
Das ist eine weitere Art der Energiezirkulation: vom Zentrum an die Peripherie
und von der Peripherie zum Zentrum. Nun ergänzen Sie auch Ihre Praxis der
ersten Schwungübung durch diese spiralförmige Armbewegung.

245
Bruce Frantzis demonstriert die dritte Schwungübung.
Kapitel 13

Die dritte
Schwungübung

Die Stärkung von Chi im Oberkörper


Die dritte Schwungübung erfüllt eine Vielzahl von Aufgaben. Vor allem wirkt sie auf
die oberen inneren Organe (Herz und Lungen) und versorgt das Gehirn mit Ener-
gie. Zweitens verbessert sie die Elastizität der Wirbelsäule, so dass sich die Wirbel
leichter öffnen und schließen. Drittens öffnet sie das Schultergelenk, wodurch sich
die Drehfähigkeit erhöht, und die Halswirbel, die direkt mit den Schulterbewe-
gungen verbunden sind. Viertens führt sie zur vollständigen Öffnung der Hüften
und des Kwa. Und schließlich vermittelt die dritte Schwungübung dem Körper die
Fähigkeit, auf Kommando augenblicklich zu entspannen und loszulassen. Wenn
Sie durch diese Chi-Gung-Übungen erst einmal das Verständnis für die Energie des
Körpers gewonnen haben, können Sie durch bewusste Aufmerksamkeit den Körper
so lenken, dass die Bewegungen natürlich und anstrengungslos fließen und nicht
forciert sind.

Ü B U N G 1: Die Bein- und Kwa-Bewegungen


Die Beinarbeit der dritten Schwungübung ist im Wesentlichen dieselbe wie bei der
zweiten Schwungübung; auch der unbelastete Fuß wird hochgehoben und dann
wieder auf den Boden gesetzt. Anders als bei der zweiten Schwungübung öffnen

247
Kapitel 15

und schließen (beugen und strecken) sich jedoch das Kniegelenk und das Kwa
gemeinsam. Dadurch wird verstärkt Gelenkschmiere in das Hüftgelenk gepumpt,
wodurch ein sehr intensiver aufsteigender Chi-Fluss aus der Erde, den Füßen und
den Beinen ausgelöst wird; dieser wird in die inneren Organe und Gelenke des
oberen Rumpfdrittels sowie in das Gehirn gepumpt.

Leitlinien für das Erlernen der Beinschwünge


• Das Kwa öffnen und schließen
Versuchen Sie, beide Seiten des Kwa zu öffnen und zu schließen, während Ihr
gesamtes Gewicht nur auf einem Bein ruht (Abb. 13-1) und auch, wenn es
gleichmäßig auf beide Beine verteilt ist (Abb. 13-2). Um das Kwa zu schließen,
lassen Sie die Muskeln im Leistenbereich nach unten sinken und pressen sie
zusammen. Dadurch wird der Abstand zwischen den Lendenwirbeln verringert
(Abb. 13-la und 13-2a). Um das Kwa zu öffnen, drücken oder pumpen Sie die
Kwa-Muskeln nach oben. Dadurch vergrößert sich der Abstand zwischen den
Lendenwirbeln (Abb. 13-1 b und 13-2b).

a) Kwa geschlossen (das Gewicht ruht hier zu 100 Prozent auf dem rechten Bein),
b) Kwa geöffnet (das Gewicht ruht hier zu 100 Prozent auf dem rechten Bein).
Abbildung 13-11 Abbildung 13-12

248
Die zweite Schwungübung

a) Kwa geschlossen, das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt,
b) Kwa geöffnet, das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt.
Diese beidenübungsschritte werden auch als Beugen und Strecken des Kwa bezeichnet.

Abbildung 13-2

• Nur bis zu 70 Prozent der körperlichen Belastbarkeit nach unten sinken


Wenn Sie auf diese Weise praktizieren und sich an die 70-Prozent-Regel halten,
werden Ihre Beine und Knie stärker, ohne dass Sie eine Schädigung riskieren.
Wenn Sie mehr als 70 Prozent nach unten gehen, können Sie sich überanstren-
gen und eine Verletzung zufügen. Lassen Sie sich Zeit, nach und nach wird Ihr
Körper biegsamer.

• Knieschmerzen sind ein Warnsignal


Jede Art von Schmerz in den Knien ist ein eindeutiger Hinweis darauf, dass eine
Fehlstellung vorliegt und korrigiert werden muss. Als Erstes sollten Sie versuchen,
höher zu stehen. Es kann sein, dass eine alte Verletzung wieder aufbricht, die Sie
nicht berücksichtigt hatten oder von der Sie bisher nichts wussten. Achten Sie
beim Sinken darauf, dass Ihre Knie und Knöchel korrekt zueinander ausgerichtet
sind und dass sich Ihre Oberschenkel zusammen mit der Taille drehen. Überprü-
fen Sie, ob die Lendenwirbelsäule gerade aufgerichtet ist, und vergewissern Sie
sich, dass die Kniekehlen beim Öffnen des Kniegelenks ebenfalls aufgehen.

249
Kapitel 13

Die dritte Schwungübung ist eine stetig fließende Bewegung.


Die dargestellten Positionen sind Durchgangsetappen, keine statischen Endpunkte.
Schritt 1: Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt, der Körper nach vorn gewandt.
Öffnen Sie das Kwa und verlagern Sie das Gewicht zu 100 Prozent auf das rechte
Bein.
Schritt 2: a) Drehen Sie den Körper nach links, während Sie gleichzeitig nach unten sinken;
schließen Sie das Kwa, heben Sie den linken Fuß vom Boden hoch und lassen Sie die
linke Hüfte und das linke Bein schwingen. Zum Abschluss berührt der linke Fußballen
den Boden, b) Öffnen Sie das Kwa.
Schritt 3: a) Heben Sie den linken Fuß vom Boden hoch; drehen Sie sich zur Mittelposition
zurück; schließen Sie das Kwa, setzen Sie den Fuß auf den Boden und verlagern Sie
das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine, b) Strecken Sie die Beine und öffnen Sie
das Kwa.
Abbildung 13-3

• D i e s p i r a l f ö r m i g e A u f w ä r t s b e w e g u n g des C h i i m K ö r p e r i n n e r e n spüren

A c h t e n Sie darauf, dass d i e D r e h u n g i n der d r i t t e n S c h w u n g ü b u n g d i e i n n e r e n


O r g a n e i m unteren R u m p f d r i t t e l m i t einschließt u n d d i e entstehende spiralförmige
Energie i n der M i t t e des R u m p f e s w e i t e r aufsteigt u n d i n d i e Brust, d i e Lungen,
d e n H a l s u n d a u c h d i r e k t i n das G e h i r n gelangt. I m R a h m e n dieser Ü b u n g w i r d
das G e h i r n z u d e n o b e r e n i n n e r e n O r g a n e n g e z ä h l t .

250
Die zweite Schwungübung

Kwa schließen Kwa öffnen Kwa schließen Kwa öffnen

Schritt 4: a) Verlagern Sie das Gewicht zu 100 Prozent auf das linke Bein. Drehen Sie den
Körper dann nach rechts, während Sie gleichzeitig nach unten sinken; schließen Sie
das Kwa, heben Sie den rechten Fuß vom Boden hoch und lassen Sie die rechte Hüfte
und das rechte Bein schwingen.Zum Abschluss berührt der rechte Fußballen den
Boden, b) Öffnen Sie das Kwa.
Schritt 5: a) Heben Sie den rechten Fuß vom Boden hoch; drehen Sie sich zur Mittelposition
zurück; schließen Sie das Kwa, setzen Sie den Fuß auf den Boden und verlagern Sie
das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine, b) Gehen Sie mit dem Körper in die Höhe,
während Sie die Beine strecken und das Kwa öffnen.

Abbildung 13-3 (Fortsetzung)

Die Beinarbeit der dritten


Schwungübung in fünf Schritten
1. Die Ausgangsposition
Beginnen Sie in der Mittelposition. Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine
verteilt, die Knie sind leicht gebeugt. Die Füße stehen parallel und etwa schul-
terbreit auseinander (Abb. 13-3, Schritt 1). Halten Sie Ihre Arme entspant nach
unten. Fühlen Sie, wie Ihr Gewicht mühelos durch beide Beine von den Hüften
zu den Fußknöcheln nach unten in den Boden sinkt. Verlagern Sie Ihr Gewicht
zu 100 Prozent auf Ihr linkes Bein, während sich das Kwa und die Beine leicht
öffnen und strecken.

2. Das Gewicht vollständig auf das rechte Bein verlagern


Heben Sie Ihren linken Fuß vom Boden hoch und beginnen Sie den Körper nach
links zu drehen. Das ist wie bei der zweiten Schwungübung, aber gleichzeitig

251
Kapitel 13

lassen Sie Ihren Körper auch nach unten sinken, indem Sie Ihr Kwa und Ihr rechtes
Knie schließen/beugen (Abb. 13-3, Schritt 2a). Wenn Sie die Drehung nach links
abschließen, berühren Sie den Boden mit dem Ballen Ihres linken Fußes und
öffnen dann das Kwa. Strecken Sie Ihr rechtes Bein nicht; es bleibt mehr oder
weniger in demselben Winkel gebeugt (Abb. 13-3, Schritt 2b). Achten Sie darauf,
dass das Pumpen des Kwa bewusst ausgeführt wird und deutlich zu spüren ist.

3. Die Drehung zurück zur Mittelposition


Heben Sie Ihren linken Fuß vom Boden hoch. Während Sie sich zurück zur
Mittelposition drehen, schließt sich das Kwa; beide Hüften sinken und die Füße
beugen sich leicht, während sich das Gewicht verlagert und gleichmäßig auf
beide Beine verteilt wird (Abb. 13-3, Schritt 3a). Öffnen Sie dann das Kwa
und die Knie, um die Beine und Hüften nach oben zu dehnen und zu strecken
(Abb. 13-3, Schritt 3b). Spüren Sie, wie die Energiebewegung von der Erde
zu den Füßen, zu den Hüften und in den Oberkörper fließt, während Sie sich
aufrichten. Die meisten vertikalen Aufwärtsbewegungen sollten von Ihrem sich
öffnenden Kwa, nicht von Ihren Knien ausgehen.

4. Das Gewicht vollständig auf das linke Bein verlagern


Wenn Sie das Öffnen abgeschlossen haben, verlagern Sie Ihr Gewicht zu 100
Prozent auf das linke Bein. Lassen Sie Ihr Körpergewicht nun mühelos durch
beide Beine von den Hüften zu den Fußknöcheln nach unten in den Boden sin-
ken. Schließen Sie Ihr Kwa und Ihr linkes Knie, und beginnen Sie damit, Ihren
Körper nach rechts zu drehen (Abb. 13-3, Schritt 4a). Wenn Sie die Drehung
nach rechts abschließen, berühren Sie mit dem Ballen Ihres rechten Fußes den
Boden und öffnen dann das Kwa (Abb. 13-3, Schritt 4b). Strecken Sie Ihr linkes
Bein nicht; es bleibt mehr oder weniger in demselben Winkel gebeugt.

5. Die Drehung zurück zur Mittelposition


Dies ist eine Wiederholung von Schritt 2 auf der anderen Seite des Körpers.

6. Den gesamten Übungszyklus wiederholen


Wiederholen Sie die gesamte Sequenz, bis sie mühelos ausgeführt werden kann
(Abb. 13-3, Schritt 1 bis 13-3, Schritt 5b). Es wird eine Weile dauern, bis diese
Bewegung fließend geworden ist, da das Becken bei den meisten Menschen
„eingerostet" und steif ist.

252
Die zweite Schwungübung

Ü B U N G 2: Vorbereitende Armübungen
Bei der dritten Schwungübung werden die Hände, Schultern und Schulterblätter
im Maximalbereich gedreht. Wie bei jeder Dehnübung benötigen Sie Zeit, um die
volle Ausdehnung zu erreichen. Deshalb beginnen wir mit einigen vorbereitenden
Übungen, ehe wir uns an die Schwungübung selbst heranwagen.

1. Rartnerübung zum Armtest


Strecken Sie Ihre Arme vor dem Körper aus. Ein Partner hält Ihre Arme an den
Handgelenken und den Unterarmen. Nun lassen Sie alle Spannung in Ihren
Armen los und Ihr Partner führt Ihre Arme auf der Seite nach unten. Die meisten
Menschen können die Kontrolle über ihre Arme nur mit großen Schwierigkeiten
aufgeben. Lassen Sie Ihren Partner daher Ihre Arme am Anfang nur jeweils drei
bis fünf Zentimeter bewegen. Vergrößern Sie dann nach und nach diese Strecke,
bis er Ihren Arm ungehindert und aufs Geratewohl in jede Richtung und Höhe
ohne Hilfe oder Widerstand von Ihrer Seite bewegen kann. Der ganze Arm sollte
völlig schlaff werden und sein Eigengewicht zeigen.
Wenn Sie diese Vorbereitungsübung beherrschen, sollten Sie in der Lage
dazu sein, Ihre Hände über den Kopf zu heben und völlig entspannt bis zu den
Oberschenkeln herabfallen zu lassen. Manche brauchen vielleicht ein oder zwei
Stunden dafür, um das in die Praxis umzusetzen. Verspannung in den Muskeln
kann man sich leicht angewöhnen. Wenn diese sich erst einmal im Körper
angesammelt und abgelagert hat, wird man sie oft nur schwer wieder los. Nur
durch sorgfältiges und geduldiges Üben ist das zu erreichen. Integrieren Sie das
Fallenlassen der Arme in Schritt 3 dieser Vorbereitungsübungen.

2. Arm und Schulter kreisen lassen


Die Beinarbeit dieser Übung ist die gleiche wie für die zweite Schwungübung.
Das Gewicht ruht auf dem rechten Fuß, die Taille ist nach links gedreht. He-
ben Sie die rechte Hand vor dem Oberkörper bis etwa auf Schulterhöhe. Der
Daumen zeigt nach oben. Der Ellbogen ist gebeugt, die Ellbogenspitze weist
nach unten. Der Arm sollte entlang der Mittellinie des Rumpfes ausgestreckt
sein. Den linken Arm und die linke Hand halten Sie genauso wie den rechten
Arm etwa auf Schulterhöhe, Daumen nach oben, doch ist der Arm nach hinten
ausgestreckt (Abb. 13-4a).

253
Kapitel 15

Drehen Sie die Taille so weit nach rechts, wie es noch angenehm für Sie ist
(achten Sie darauf, dass sich Kopf und Taille mit der Nase, dem Solarplexus, dem
Bauchnabel und der Leistengegend in einer Senkrechten befinden). Beginnen
Sie langsam, die Hände zu drehen. Bei gebeugten Ellbogen kreisen Sie mit den
Unterarmen so, dass die Daumen zuerst nach unten weisen. Anschließend drehen
Sie sie wieder in die Ausgangsstellung zurück.
Üben Sie diesen Schritt so lange, bis Sie ein deutliches Gefühl für die Drehbe-
wegungen der Unterarme und später auch der Oberarme haben und vor allen
Dingen auch für den nach oben zeigenden Daumen.
Wiederholen Sie diese Übung auch auf der anderen Körperseite mit entsprechend
umgekehrter Arm- und Beinhaltung.

3. Die Arme heben und frei fallen lassen


Heben Sie beide Arme, mit den Handflächen nach vorn, bis über den Kopf
(Abb. 13-5) und lassen Sie dann die Arme fallen. Während des Fallens werden
sie sich ganz von selbst drehen, so dass die Handflächen jetzt nach hinten weisen
(Abb. 13-6). Werfen oder drücken oder zwingen Sie die Arme nicht in irgendeiner

Abbildung 13-11 Abbildung 13-12

254
Die dritte Schwungübung

Weise bewusst nach unten. Lassen Sie sie einfach vollständig los, so als wären
die Schnüre bei einer Marionette zerschnitten worden. Geben Sie alle Kontrolle
auf, und lassen Sie die Arme natürlich und wie von selbst nach unten fallen.
Ein Zeichen für die korrekte Ausführung ist die Wahrnehmung, dass die Arme ein
wenig aufprallen, wenn sie unten ankommen, und ganz von alleine wieder hoch-
schwingen. Am besten üben Sie diesen freien Fall der Arme zehn Minuten oder
länger, es sei denn, dass Sie sehr entspannt sind. Bei starker Anspannung müssen
Sie diese Übung vielleicht mehrere Stunden und in vielen Übungssitzungen
durchführen, bevor Sie mit dem nächsten Abschnitt weitermachen können.

Ü B U N G 3: Die dritte Schwungübung in fünf Schritten


1. Zur Mitte ausrichten, die Hände über den Kopf heben
Ihr Körper ist nach vorn ausgerichtet. Ihre Füße stehen parallel und schulterbreit
auseinander. Heben Sie beide Arme über den Kopf; die Handflächen zeigen
nach vorn und die Fingerspitzen nach oben. Die Knie und das Kwa sind geöffnet
(Abb. 13-5).

Abbildung 13-5 Abbildung 13-6

255
Kapitel 13

2. Die Arme fallen lassen, die Hüften nach links drehen, die Arme nach
oben schwingen
Verlagern Sie das Gewicht auf das rechte Bein und drehen Sie den Körper dann
nach links, wie Sie es in Übung 1 gelernt haben. Gleichzeitig schließen Sie Ihr
Kwa und lassen die Hände fallen, so als wären wie bei einer Marionette die
Schnüre, die sie gehalten hätten, plötzlich durchtrennt worden (Abb. 13-7).
Während der Ballen Ihres linken Fußes den Boden berührt und Ihre Arme nach
unten weisen, öffnen Sie Ihr Kwa, doch ohne Ihr Bein zu strecken (Abb. 13-8).
Nutzen Sie die durch das Herabfallen der Arme und das Öffnen des Kwa erzeugte
Energie, um die Arme zu heben.
Drehen Sie die Hände so, dass beide Daumen nach oben zeigen: die rechte Hand
vor der Körpermitte und die linke Hand auf der Rückseite. Je nachdem, wie viel
Spannung aus den Armen losgelassen worden ist, wie weit die Drehung aus den
Hüften geht und vor allem, wie sehr sich das Kwa öffnet, werden Ihre Hände
zu einer Höhe zwischen Bauchnabel und Scheitelhöhe nach oben schwingen.
Die von den Armen erreichte Höhe entspricht dem Pegel, zu dem die Energie
im Körper ansteigt. Bewegen Sie die Arme nicht mit Gewalt nach oben - das
würde nur den Chi-Fluss bremsen. Lassen Sie die Arme sich so weit heben, wie
sie dies von selbst ohne zusätzliche Bewegung tun.

256
Die zweite Schwungübung

Anfänger werden wahrscheinlich noch ziemlich verkrampft sein und die Arme
dementsprechend nur wenig nach oben gehen. Durch das Üben der Bewegung
und die zunehmende Entspannung dreht sich die Hüfte leichter, die Schultern
rotieren weiter, das Kwa öffnet sich mehr, und die Arme werden immer weiter
nach oben schwingen, bis sie fast senkrecht in der Luft stehen. Die Beine durch-
laufen eine vergleichbare Entwicklung: Anfangs sind sie nur leicht gebeugt, aber
nach und nach können Sie immer tiefer in die Hocke gehen.
Eine wichtige Sicherheitsregel: Stellen Sie fest, wenn Sie mit der Übung beginnen,
wie tief Sie in die Hocke gehen und w i e weit Sie sich drehen können; üben Sie
nur etwa zur Hälfte Ihrer Möglichkeiten. Langsam und im Laufe von mehreren
Wochen steigern Sie bis auf 70 Prozent Ihrer Kapazität, aber gehen Sie nie darüber
hinaus. Da wir die Hocke im Westen nicht gewöhnt und die Bänder in unseren
Knien in der Regel nicht sehr elastisch sind, ist es äußerst wichtig, die Knie nur
allmählich und vorsichtig an höhere Belastungen zu gewöhnen. Auf gar keinen
Fall sollten Sie auch bei ganz gelockertem Körper über die empfohlenen 70 Pro-
zent hinausgehen. Diese Schwungübung enthält ein so starkes Drehmoment, w i e
es in westlichen Übungen kaum vorkommt. Üben Sie also langsam, schrittweise
und behutsam, so dass Sie sich nicht durch übergroßen Ehrgeiz verletzen.

257
Kapitel 15

3. Die Arme fallen lassen, die Hüften zurück zur Mitte drehen, die Arme
nach oben schwingen
Bringen Sie die Beine zurück in die Ausgangsstellung (Füße parallel zueinander,
das Gewicht gleichmäßig auf beide Seiten verteilt), indem Sie das Kwa schließen
und die Hüften zurück zur Mitte drehen. Lassen Sie gleichzeitig die Arme nach
unten fallen (Abb. 13-9).
Öffnen Sie das Kwa und strecken Sie die Beine, damit Ihre Arme nach oben
schwingen (Abb. 13-10).
Die Drehung zur Mitte zurück erzeugt eine Zentrifugalkraft, die in Verbindung
mit dem Öffnen des Kwa und dem Strecken der Beine die Arme wieder in ihre
ursprüngliche Position steigen lässt. Noch einmal ist der Hinweis nötig, dass Sie
die Arme nicht mit Muskelkraft und willentlich heben sollen. Genauso wie die
Arme entspannt werden, um herabzufallen, werden sie auch lockergelassen, um
wieder hochzuschwingen.
Wenn sich der Körper wieder nach oben bewegt, strecken sich die Beine, das
Kwa dehnt sich weiter, die Wirbelsäule und der Hals richten sich gerade auf.
Die Arme drehen sich zur Ausgangsposition zurück, so dass die Hände zu dem
Zeitpunkt, wenn die Bewegung abgeschlossen wird, schulterbreit voneinander
getrennt sind. Dabei zeigen die Handflächen nach vorn und die Finger strecken
sich noch etwas mehr.

Abbildung 13-11 Abbildung 13-12

258
Die zweite Schwungübung

4. Die Arme fallen lassen, die Hüften nach rechts drehen, die Arme nach
oben schwingen
Wiederholen Sie die Bewegungsfolge aus Schritt 2, während sich Ihre Hüften in
die andere Richtung drehen (Abb. 13-11 und 13-12).

5. Die Arme fallen lassen, die Hüften zur Mitte zurück drehen, die Arme
nach oben schwingen
Wiederholen Sie Schritt 3, wobei Sie sich von der entgegengesetzten Seite zu-
rückdrehen (siehe Abb. 13-9 und 13-10).

6. Praktizieren Sie die dritte Schwungübung als kontinuierliche Bewegung


(Abb. 13-13 1-5b).

Leitlinien für die dritte Schwungübung


1. Das Heben und Senken öffnet den Großen Energiekreislauf
Das Öffnen der Beine und des Kwa sowie das Heben der Arme wird ganz von
selbst dazu führen, dass die Wirbelsäule sich gerade aufrichtet und die Energie
und das Blut an der Innenseite der Beine und an der Rückseite von Rumpf,
Hals und Kopf nach oben steigen. Das Senken und Schließen der Arme, Beine
und Hüften bewirkt, dass die Energie und das Blut an der Vorderseite von Stirn,
Gesicht, Hals und Rumpf und an der Außenseite der Beine nach unten fließen.
Zusammen lassen diese beiden Vorgänge die Körperenergie in dem sogenannten
Großen Himmlischen Energiekreislauf kräftiger zirkulieren.

2. Die Hände schwingen durch Üben höher


Im Laufe der Zeit wird die Spannung zunehmend mehr aus Ihren Armen ent-
lassen und Sie werden Ihr Kwa stärker öffnen können. Dann werden auch Ihre
Arme schneller und müheloser loslassen und am Ende der Abwärtsbewegung
nach oben schwingen. Schließlich werden Sie eine starke Verbindung zwischen
dem Öffnen und Schließen Ihres Kwa und Ihren Armbewegungen spüren. Das
Schließen des Kwa zieht Ihre Hände nach unten und das Öffnen des Kwa drückt
sie nach oben.

259
Kapitel 13

Die dritte Schwungübung ist eine stetig fließende Bewegung.


Die dargestellten Positionen sind Durchgangsetappen, keine statischen Endpunkte.
Schritt 1: Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt, der Körper nach vorn gewandt.
Die Arme sind erhoben, wie in der Abbildung dargestellt.
Schritt 2: a) Verlagern Sie das Gewicht zu 100 Prozent auf das rechte Bein. Drehen Sie den Körper
dann nach links, während Sie gleichzeitig nach unten sinken; schließen Sie das Kwa,
heben Sie den linken Fuß vom Boden hoch; lassen Sie Ihre Arme nach unten fallen
und die linke Hüfte und das linke Bein schwingen. Zum Abschluss berührt der linke
Fußballen den Boden, b) Öffnen Sie das Kwa, damit die Arme nach oben schwingen,
wie in der Abbildung dargestellt.
Schritt 3: a) Heben Sie den linken Fuß vom Boden hoch und drehen Sie sich zur Mittelposition
zurück; schließen Sie das Kwa und lassen die Arme nach unten fallen; setzen Sie den
linken Fuß auf den Boden und verlagern das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine,
b) Strecken Sie die Beine und öffnen das Kwa, damit die Arme nach oben schwingen,
wie in der Abbildung dargestellt.

Abbildung 13-13

W e n n die H ä n d e eine größere H ö h e erreichen, w e r d e n verschiedene Organe


N u t z e n aus e i n e r besseren E n e r g i e v e r s o r g u n g z i e h e n . W e n n d i e H ä n d e bis
auf Herz- u n d L u n g e n h ö h e schwingen , w e r d e n diese beiden Organ e davon
p r o f i t i e r e n , u n d w e n n sie n o c h h ö h e r steigen, w i r d d i e Energie i m m e r m e h r ins
G e h i r n fließen.

3 . A n s t r e n g u n g b e i d e n A r m s c h w ü n g e n erstickt d e n Chi-Fluss

W e n n Sie j e d o c h Ihre M u s k e l k r a f t d a f ü r e i n s e t z e n , d a m i t sich Ihre A r m e selb-


s t ä n d i g h e b e n u n d senken, n i m m t der Energie- u n d B l u t z u f l u ss i n W i r b e l s ä u l e ,
H e r z , L u n g e u n d G e h i r n n u r g e r i n g f ü g i g z u . E i g e n t l i ch p r a k t i z i e r e n Sie d a n n

260
Die zweite Schwungübung

Schritt 4: a) Verlagern Sie das Gewicht zu 100 Prozent auf das linke Bein. Drehen Sie den Körper
dann nach rechts, während Sie gleichzeitig nach unten sinken; schließen Sie das Kwa,
heben Sie den rechten Fuß vom Boden hoch; lassen Sie Ihre Arme nach unten fallen
und die rechte Hüfte und das rechte Bein schwingen. Zum Abschluss berührt der rechte
Fußballen den Boden, b) Öffnen Sie das Kwa, damit die Arme nach oben schwingen,
wie in der Abbildung dargestellt.
Schritt 5: a) Heben Sie den rechten Fuß vom Boden hoch; drehen Sie sich zur Mittelposition
zurück; schließen Sie das Kwa, lassen Sie die Arme nach unten fallen; setzen Sie den
rechten Fuß auf den Boden und verlagern Sie das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine,
b) Strecken Sie die Beine und öffnen das Kwa, damit die Arme nach oben schwingen,
wie in der Abbildung dargestellt.

Abbildung 13-13 (Fortsetzung)

n u r e i n e r e i n k ö r p e r l i c h e Ü b u n g , d i e n i c h t z u r d a u e r h a f t e n V e r m e h r u n g Ihres
Chi beiträgt.

4. D e n Kopf l e i c h t a n g e h o b e n h a l t e n

Bei diese r Ü b u n g g e s c h i e h t e s sehr l e i c h t , dass d e r K o p f n a c h v o r n s i n k t . D a b e i


v e r k r a m p f e n sich d i e M u s k e l n i n Hals u n d Schultern, u n d z u s ä t z l i c h w e r d e n d i e
A r m s c h w ü n g e b e h i n d e r t . D e n k e n Sie a l s o b i t t e d a r a n , d e n K o p f l e i c h t v o n d e r
Wirbelsäule angehoben zu halten.

261
Die Wirbelsäulendehnung ist eine Übung, die es nur im Taoismus gibt. Abgesehen davon,
dass sie die Wirbelsäule biegsamer macht, setzt sie auch den Prozess in Gang, das Chi in der
Wirbelsäule und im Gehirn vollständig zu aktivieren. Das ist eine wesentliche Voraussetzung
für alle fortgeschrittenen Chi-Gung- und anderen taoistischen Bewegungsübungen.

262
Kapitel 14

Die taoistische
Wirbelsäulendehnung

Eine biegsame Wirbelsäule ist das


Rückgrat der Gesundheit
Die taoistische Wirbelsäulendehnung ist wahrscheinlich in mehrfacher Hinsicht die
wichtigste Einzeltechnik in diesem Buch. Es werden jährlich Unsummen unseres Ge-
sundheitsbudgets für die Behandlung von Rückenschmerzen und Problemen mit der
Halswirbelsäule ausgegeben. Diese Leiden sind häufig auf eine lange sitzende Tätig-
keit und/oder starke geistig-seelische Anspannung zurückzuführen. Selbst wenn Sie
sich nicht an die anderen, in den vorigen Kapiteln dargestellten Chi-Gung-Elemen-
tarübungen heranwagen, können Sie großen Nutzen aus der taoistischen Wirbelsäu-
lendehnung ziehen. Sie ist dafür eingesetzt worden, um bei „unheilbaren" Rücken-
problemen zu helfen, und kann eigentlich von jedem ausgeführt werden, selbst von
Menschen, die sehr ernste Rückenprobleme haben oder an den Rollstuhl gefesselt sind.
Die Methodik der Wirbelsäulendehnung, die aus der klassischen taoistischen
Körperarbeit stammt und ein wesentlicher Bestandteil des Tai Chi Chuan sowie der
anderen inneren Kampfkünste ist, unterscheidet sich deutlich von den üblicherweise
bei uns angebotenen Rückenübungen der Krankengymnastik oder des Yoga. Die
konventionellen Rückendehnungen beruhen im Prinzip auf einer Drehbewegung
im Stand, wobei Kopf und Hals, dann die Brust, der mittlere und untere Rücken
zusammensinken, während der Oberkörper immer weiter vorgebeugt und dem Bo-
den genähert wird. Das ist genau das Gegenteil dessen, was Sie bei der taoistischen
Wirbelsäulendehnung tun werden.

263
Kapitel 15

Als Erstes werden Sie lernen, Ihre Wirbelsäule zu spüren und die Muskeln von
den eigentlichen Wirbeln zu unterscheiden. Die meisten Menschen können ihren
Rücken fast nicht spüren, es sei denn, sie haben Schmerzen. In der Tat können viele
nicht einmal ihre Rückenmuskeln spüren.
Als Nächstes werden Sie lernen, sich langsam aus dem Kwa heraus zu beugen,
wärend Sie Ihre Wirbelsäule und Ihren Kopf aufgerichtet halten.
Schließlich werden Sie lernen, zwischen den Wirbeln vorhandene Spannung
loszulassen,während Sie sich gleichzeitig beugen und strecken. Diese Übung wird
Ihre Beine und Hüften stärken, ohne dass sie irgendeinen Druck auf Ihren Rücken
ausübt.
Für diese Übung müssen Ihre Körperaus-
richtungen nicht perfekt sein. Menschen mit
starken Rückenproblemen sollten nur mit
sehr kleinen Bewegungen arbeiten. Sie soll-
ten vielleicht lernen, diese Dehnübung im
Sitzen auszuführen, besondere Aufmerksam-
keit auf die empfohlenen Aufwärmübungen
richten und die Wirbelsäule anfangs über-
haupt nicht beugen.
Fortgeschrittenere Techniken der Wirbel-
säulendehnung für diejenigen, die schon
mehr Erfahrung mit den in diesem Buch dar-
gestellten Elementarübungen oder anderen
taoistischen Energieübungen besitzen, wer-
den am Ende dieses Kapitels beschrieben.
Denken Sie daran, dass Sie bei allen Chi-
Gung-Übungen zuerst körperliche Bewe-
gungen lernen und dann diejenigen Kom-
ponenten hinzufügen, die den Energiefluss
einbeziehen. Aus der Sicht der taoistischen
Meister wird das so ausgedrückt: „Wenn sie
richtig genährt werden, wachsen kleine Ei-
cheln im Laufe der Zeit zu großen Eichen-
bäumen heran."

Abbildung 13-11 Abbildung 13-12

264
Die taoistische Wirbelsäulendehnung

Die hintere und die vordere Seite der


Wirbelsäule
Die hintere Seite der Wirbel ist im Körper nach hinten gewendet und wird zumeist als
identisch mit dem Rückgrat angesehen. Energetisch gesehen lenkt sie die Fähigkeit
der Wirbelsäule, sich zu beugen, ebenso wie die Fähigkeit der Beine, sich zu beugen
und hinzusetzen. Für die meisten von uns ist die Rückseite der Wirbelsäule relativ
leicht zu spüren, weil wir sie ständig gegen die Rückenlehne von Stühlen drücken
und immer darauf liegen. Die vordere Seite der Wirbel lenkt energetisch die Fähigkeit
der Wirbelsäule, sich aus einer liegenden oder sitzenden Position zu erheben und
eine Last hochzuheben und zu tragen. Den meisten fällt es verhältnismäßig schwer,
die vordere Seite der Wirbelsäule zu spüren und allein durch bewusstes Körperge-
wahrsein zu lokalisieren, da sie zu unserem Bauch hin gewendet und im Inneren des
Körpers verborgen ist. Für viele bedeutet es eine Herausforderung, die Vorderseite der
Wirbelsäule zu spüren, weil normalerweise nichts offensichtlich Druck auf sie ausübt;
außerdem findet sich kaum einmal der Hinweis darauf, dass wir sie spüren sollten.
Die vordere und die hintere Seite jedes Wirbels kann sich öffnen und schließen.
Stellen Sie sich zwei Bauklötze für Kinder vor, die übereinander liegen. Sie können
den Raum zwischen diesen beiden Klötzen entweder von der vorderen oder der
hinteren Seite aus öffnen und schließen. Dasselbe trifft auch auf Ihre Wirbel zu.
Außerdem kann sich jeder einzelne Wirbel unabhängig von irgendeinem anderen
Wirbel öffnen und schließen, ohne auf irgendeine Bewegung von außen angewie-
sen zu sein. Die Kontrolle über die Bewegungen der Wirbel und der von ihnen
erzeugten Energie zu gewinnen ist ein wesentlicher Bestandteil des Nei Gung (siehe
Kapitel 15). Aus der Sichtweise des Chi Gung ist die Wirbelsäule hauptsächlich
ein Leitsystem für die Energieübertragung und besteht nicht nur aus Knochen und
anderen Körperstrukturen, wie Körperflüssigkeiten, Nerven, Muskeln, Membranen
und Bindegewebe. Aus dieser Perspektive ist die Art und Weise, wie Sie die hintere
und vordere Seite der Wirbel nutzen, um Energie durch die Wirbelsäule fließen zu
lassen, genauso wichtig wie die Tatsache, dass Sie die Wirbelsäule auf der körper-
lichen Ebene dehnen.*

* Die Wirbelsäulendehnung ist eine Vorbereitung auf fortgeschrittenere Nei-Gung-Techniken


für die Wirbelsäule, die der Autor in seinem Chi-Gung-Programm Bend the Bow (Den Bogen
spannen) lehrt (siehe Anhang G).

265
Kapitel 13

Aufwärmübungen für die Wirbelsäule

Aufwärmübung 1: Die Wirbelsäule spüren


Legen Sie sich mit angezogenen Knien so auf den Boden, dass der ganze Rücken
mehr oder weniger Kontakt zum Boden hat. Atmen Sie sehr tief ein und aus, bis Sie
das Gefühl haben, als würde sich Ihr Atem nach hinten zur Wirbelsäule, den sie
umgebenden Muskeln und bis zu den Nieren hinab ausdehnen. Nehmen Sie sich
ein paar Minuten Zeit, bis Sie mit Hilfe des Atems alle Wirbel an der hinteren Seite
Ihrer Wirbelsäule spüren können.
Worauf es uns hier ankommt, ist ein deutliches Gefühl für den Unterschied zwi-
schen Ihren Rückenmuskeln und den Wirbeln Ihres Rückgrates. Drücken Sie sich
mit den Beinen vom Boden ab und heben Sie das Gesäß hoch, oder ziehen Sie
Kopf, Hals und Schultern nach oben. In dieser Haltung können Sie jeden kleinen
Wirbelsäulenabschnitt getrennt mit dem Boden in Kontakt bringen und damit die
einzelnen Abschnitte der Wirbelsäule deutlicher unterscheiden. Bei Rückenproble-
men sollten Sie auf einer Matte oder einem dicken Teppich üben, um die Wirbelsäule
zu schonen.

Aufwärmübung 2: Nur aus dem Kwa beugen


Diese Übung kann im Stehen ausgeführt werden oder während Sie auf einem Stuhl
sitzen. Im Laufe der Zeit werden Sie lieber im Stehen üben wollen.
Schauen Sie sich nochmals die Prinzipien und Körperausrichtungen bei der
Standform an (siehe Kapitel 6). Versuchen Sie nach Möglichkeit, dass Ihre Füße
parallel und schulterbreit auseinander stehen und Ihre Hände sich an den Seiten
befinden, ohne dass irgendwelche Gelenke geschlossen sind. Das Gesäß ist etwas
eingezogen, so dass Ihr unterer Rücken gerade aufgerichtet ist.
Durch diese Aufwärmübung sollen zum einen Ihre Beine und Hüften genügend
gekräftigt werden, um das Gewicht Ihres Rückens und Halses tragen zu können;
zum anderen sollen Ihre Füße dadurch die Fähigkeit erlangen, sich im Boden ver-
wurzeln zu können. Damit Sie Ihr Gleichgewicht stabilisieren, müssen Sie diese
Übung gewöhnlich 10- bis 20-mal pro Übungseinheit über mehrere Tage prakti-
zieren; sonst werden Sie viel Zeit und Energie bei dem Versuch verschwenden,
das Gleichgewicht während der komplizierteren Wirbelsäulendehnung selbst zu

266
Die taoistische Wirbelsäulendehnung

bewahren. Eine halbe bis eine Stunde Zeit für diese vorbereitende Aufwärmübung
kann Ihnen viele Stunden des hilflosen Übens ersparen sowie auch eine Überlastung
des unteren Rückens verhindern.

1. Beugen Sie sich im Stand aus dem Kwa nach vorn, während Ihre Wirbelsäule
vollkommen gerade ist. Manche werden sich nur wenige Zentimeter vorbeugen
können, andere dagegen so weit, bis sie das Gefühl haben, dass ihre Wirbelsäule
parallel zum Boden steht. Neigen Sie sich nur so weit nach vorn, wie es für Sie
noch angenehm ist, und achten Sie auf die 70-Prozent-Regel. Der Rücken sollte
dabei nicht belastet werden, da Sie sich ja nur aus dem Kwa beugen.

• Achten Sie darauf, wenn Sie stehen, dass sich Ihr Steißbein nicht nach hinten
bewegt.
• Die Bewegung des Rumpfes muss aus dem Kwa kommen und nicht von Ihren
Rückenmuskeln, dem Kopf oder Hals ausgehen.

• Das Rückgrat darf in keiner Weise gebeugt oder gedreht werden. Eigentlich
sollten Sie die Wirbelsäule vom ersten Halswirbel bis zum letzten Steißbein-
wirbel wie eine elastische Stahlrute behandeln. Achten Sie darauf, dass Sie
die Rückenmuskeln während der Bewegung nicht anspannen.
• Während des Stehens bewegen sich die Füße nicht; die Schienbeine und
Oberschenkel bleiben parallel zueinander, das Perineum ist geöffnet. Wenn
Sie die Füße ruhig halten, wird dadurch die Möglichkeit reduziert, dass sich
die Knie nach innen oder außen biegen.

• Jedes Wackeln oder Gefühl, aus dem Gleichgewicht geraten zu sein, bedeutet,
dass Sie sich zu weit nach vorn beugen.

2. Richten Sie sich aus dem Kwa wieder auf, Halten Sie dabei den Rücken gerade
aufgerichtet und bewegen Sie das Steißbein nicht. Wenn Sie mit der Kwa-Beu-
gung vertraut sind, versuchen Sie, das Gewicht Ihres Rumpfes zu spüren, das
sich während des Beugens deutlich wahrnehmbar durch Ihre Beine nach unten
in Ihre Füße senkt. Versuchen Sie, wenn Sie sich aufrichten, die Kraft zu spüren,
die von Ihren Füßen durch Ihre Beine zu Ihrem Kwa aufsteigt. Nehmen Sie so
viel Druck wie möglich von Ihrem Rücken weg und lenken ihn in Ihr Kwa und
Ihre Beine.
Arbeiten Sie nach Möglichkeit mit einem Partner zusammen, der dafür sorgt, dass
Sie Ihren Rücken oder Hals nicht unkontrolliert wölben oder verdrehen. Auch

267
Kapitel 13

hier hat man leicht selbst den Eindruck, dass man beispielsweise keinen runden
Rücken macht, während es tatsächlich so ist. Die Rückmeldung eines Partners
kann in dieser Situation ausgesprochen nützlich sein.

Ü B U N G 1: Die taoistische Wirbelsäulendehnung -


erste Hälfte
Die entscheidende Komponente bei der ersten Hälfte der taoistischen Wirbelsäu-
lendehnung bezieht sich auf die Fähigkeit, dass Sie Ihr bewusstes Gewahrsein in
den Körper hineinlenken und jede überflüssige Kraft, Spannung oder Chi-Blockade
auflösen, während Sie willentliche und kontrollierte Bewegungen der Rücken-
muskeln unterlassen, Mit anderen Worten: Sie sollen Ihre Aufmerksamkeit gezielt
auf einen Teil Ihres Körpers richten und alle dort kontrollierte oder festgehaltene
Energie, beispielsweise zwischen zwei Wirbeln, nach der Formel „Eis zu Wasser,
Wasser zu Gas" auflösen.
Konkret können Sie ein Gefühl für diese Technik bekommen, wenn Sie einmal
die Hand zur Faust ballen, ohne sie jedoch zusammenzupressen oder anzuspannen.
Dann lassen Sie mental alles los, was zur Bildung der Faust geführt hat, bis sie sich
öffnet, und schließlich lassen Sie noch jedes Gefühl von substantieller Körperlich-
keit nach außen entweichen. Den gleichen Vorgang können Sie auch üben, wenn
Sie die Augen schließen und durch Entspannung wieder öffnen usw. Werden Sie
sich der inneren Prozesse bewusst, welche diese Art der entspannenden Auflösung
ermöglichen. Üben Sie diese Technik nur an Körperstellen, die sich leicht öffnen
und schließen, und vermeiden Sie, zumindest am Anfang, chronisch verspannte
Stellen. Der Erfolg an problemloseren Stellen motiviert Sie dann für die Arbeit dort,
wo sie am nötigsten ist.

1. Spannung von der Rückseite der Lendenwirbel mental auflösen


Stellen Sie die Füße wieder hüft- oder schulterbreit auseinander, je nachdem,
was Sie als bequem empfinden. Halten Sie Ihre Arme und Hände entspannt
(Abb. 14-2a).
Beugen Sie sich als Nächstes aus dem Kwa so weit nach vorn, wie es angenehm
für Sie ist.

268
Die taoistische Wirbelsäulendehnung

Die erste Hälfte der Wirbelsäulendehnung


a) Ausgangsposition: Die Füße stehen parallel zueinander, der Rücken ist gerade, der
Kopf angehoben, die Brust nach unten gesunken, der Bauch entspannt, die Schultern sind
gerundet, b-d) Lösen Sie alle Spannung nach und nach Wirbel für Wirbel von unten nach
oben auf und beugen Sie sich bei jeder einzelnen Auflösung etwas weiter nach vorn. Gehen
Sie dabei von der hinteren Seite der Wirbel aus.

Abbildung 14-2

2. Zuerst mit Wirbelgruppen, dann mit einzelnen Wirbeln arbeiten


Wenn Sie am Anfang für sich allein arbeiten, ist es ganz normal, wenn Sie nur
Wirbelgruppen und nicht jeden Wirbel einzeln spüren können. Manche werden
zum Beispiel zwei bis vier oder vier bis sechs Wirbel spüren. Halten Sie sich an
diese Anleitungen und öffnen und entspannen Sie zuerst diejenige Wirbelgruppe,
die Sie spüren können - ob es sich dabei nun um einen, zwei, vier oder selbst
acht Wirbel handeln mag.
Im Laufe der Zeit wird die Größe der Wirbelgruppe vielleicht abnehmen, und
nach einem Jahr Übungszeit sollte es Ihnen gelingen, einzelne Wirbel zu spüren,
a) Beginnen Sie aus der in Abb. 14-2a dargestellten Position damit, alle Span-
nung zwischen den ersten fünf Wirbeln über Ihrem Kreuzbein bis hoch zum
fünften Lendenwirbel an der hinteren Seite der Wirbelsäule aufzulösen (siehe

269
Kapitel 13

Abb. 14-1). Lösen Sie noch keine Spannung oberhalb des fünften Wirbels auf,
sondern lassen Sie diese vorläufig unangetastet.
Der fünfte Lendenwirbel ist der hauptsächlich Gewicht tragende Wirbel des
Rückgrats. Er liegt dort, wo die Kurve im unteren Rückenbereich am ausgepräg-
testen ist. Dies ist auch die Stelle, wo wahrscheinlich am häufigsten Schmerzen
in der Lendenwirbelsäule auftreten.
b) Während Sie sich aus dem Kwa beugen, lassen Sie die Schwerkraft auf behut-
same und natürliche Weise diese erste Wirbelgruppe leicht auseinander ziehen.
Entscheiden Sie, wie viele Wirbel Sie entspannen wollen, und vergrößern Sie den
Abstand zwischen den einzelnen Bandscheiben (Zwischenwirbelscheiben), wo-
durch jede noch vorhandene Spannung aufgelöst wird (Abb. 14-2b). Ihr Körper
wird vielleicht derart verspannt und unbeweglich sein, dass es ein paar Wochen
dauert, ehe Ihnen eine deutlich wahrnehmbare Trennung der Wirbel gelingt. Sie
dürfen jedoch nicht nachlassen, mental an diesem Bereich zu arbeiten, bis die
erste Entspannung in den Nerven oder im Chi-Fluss spürbar ist.
Allmählich wird die Nervenentspannung bewirken, dass die Muskeln nachgeben
und ein leichtes Auseinanderrücken der Wirbel zulassen. Damit der Rumpf sich
überhaupt beugen kann, müssen die Wirbel in einem gewissen Maß entspannt
und voneinander getrennt werden, auch wenn dies für Sie fast nicht wahrnehmbar
sein kann. Unser Ziel ist, diese Dehnung nach und nach zu erweitern.

3. Die nächste Wirbelgruppe entspannen und dehnen


Gehen Sie dann mental zu der nächsten Gruppe von Wirbeln an der hinteren
Seite der Wirbelsäule weiter. Sie liegen genau über denjenigen, in denen Sie die
Spannung gerade aufgelöst haben (Abb. 14-2 c und d). Lösen Sie zuerst jede
Spannung mental auf, und lassen Sie dann wieder die Schwerkraft auf behutsame
Weise diese Wirbel öffnen. Oberhalb dieser Wirbel darf nichts bewegt, gebeugt
oder gedreht werden. Nur Ihre Wirbelsäule beugt sich leicht an der Stelle, wo
Sie Ihre Wirbel bereits entspannt haben. Gehen Sie dann auf Ihrer Wirbelsäule
weiter aufwärts - von Wirbelgruppe zu Wirbelgruppe. Im Laufe der Zeit werden
Sie feststellen, dass die Wirbelgruppe, die Sie spüren können, sechs bis vier
oder vier bis zwei Wirbel umfasst. Manchmal können Sie die Entspannung auch
nur in einem einzigen Wirbel spüren, bevor Sie mit einer neuen Wirbelgruppe
weitermachen. Schließlich werden Sie jeweils immer nur einen Wirbel separat
von Spannung befreien können.

270
Die taoistische Wirbelsäulendehnung

Ein Übungspartner kann Ihnen wieder sehr helfen, wenn er seine(n) Finger auf
den Wirbel legt, den Sie gerade entspannen wollen. Damit kann er Ihre Aufmerk-
samkeit auf die richtige Stelle lenken.
Fahren Sie mit diesem Prozess fort und entspannen Sie jeweils einen Wirbel oder
eine Wirbelgruppe auf einmal. Jedes Mal, wenn Sie einen Wirbel entspannen,
können Sie die darunter liegenden Wirbel weiter entspannen. Die Wirbel, die
über dem einen Wirbel liegen, an dem Sie gerade arbeiten, dürfen jedoch nicht
bewegt werden. Wenn Sie sich dem Hals nähern, wird es immer schwieriger,
den Kopf davor zu bewahren, nach vorn zu fallen. Achten Sie auf diese Tendenz,
und lassen Sie sich wieder von einem Partner dabei helfen, diese Fehlstellung zu
korrigieren, indem er Ihnen seinen Arm vor die Nase hält. Damit wird Ihr Partner
Ihnen sofort signalisieren, wenn Sie Ihre obere Wirbelsäule und Ihren Hals zu
früh nach vorn gebeugt haben.

4. Die Spannung in den Schulter- und Armgelenken auflösen


Die Auflösung von Spannung im Bereich der Halswirbelsäule erweist sich für
die meisten Menschen als extrem schwierig. Wenn Sie die Wirbel vom un-
teren Ende des Halses (7. Halswirbel) bis zum Atlas an der Basis des Kopfes
(1. Halswirbel) energetisch entlasten, beginnen Sie zunehmend auch damit, die
Schulter-, Ellbogen- und Handgelenke, die Handflächen und Finger zu öffnen.
Zu dem Zeitpunkt, wenn die Spannung im Atlas aufgelöst ist, sollten auch Ihre
Fingergelenke vollständig von Spannung befreit sein. Dadurch wird sich der Ner-
ven* und Chi-Fluss zwischen Wirbelsäule, Armen und Fingerspitzen verbessern.

5. Die Spannung zwischen den Schädelplatten auflösen


Nachdem Sie den Atlas energetisch entspannt haben, beginnen Sie damit, die
Spannung zwischen den Schädelplatten aufzulösen. Der menschliche Schädel
besteht bekanntlich nicht nur aus einem Knochen, sondern aus mehreren Platten,
die durch Schädelnähte zusammengefügt sind. Die Spannung zwischen diesen
Platten kann durch bewusste Willensaktivität aufgelöst werden. Wenn sich die
Wirbelsäule, der Hals und die Schädelplatten entspannen, verbessert sich auch
die Leitfähigkeit in den Nervenbahnen, der Chi-Fluss nimmt zu und die Gehirn-
Rückenmarks-Pumpe arbeitet leistungsfähiger.

271
Kapitel 13

Ü B U N G 2: Die taoistische Wirbelsäulendehnung -


zweite Hälfte
Die Wirbelsäule hat zwei Hauptfunktionen zu erfüllen. Die eine betrifft die im
ersten Teil dieser Übung beschriebene Beuge- und Biegebewegung; die zweite
Funktion besteht darin, dass wir uns aufrichten und aufrecht stehen können. Damit
beschäftigen wir uns im zweiten Teil der Wirbelsäulendehnung.

1. Die vordere Seite der Wirbel öffnen, aufrichten und dehnen


Zu Beginn stehen Ihre Füße weiterhin parallel und schulterbreit auseinander.
Wirbelsäule, Kopf und Arme sind völlig entspannt. Gehen Sie wieder von unten
nach oben vor und lassen Sie die Wirbel oberhalb der jeweiligen Übungsebene
unangetastet. Derselbe Vorgang sollte für jeden Wirbel (oder jede Wirbelgruppe)
wiederholt werden, bis Sie an Ihrem Hals angelangt sind (Abb. 14-3 a-d).
Bei der ersten Hälfte der Übung wird die hintere Seite der Wirbel besonders
gedehnt und von den darunter liegenden Wirbeln getrennt. Bei der zweiten
Hälfte konzentrieren Sie sich, wenn Sie sich wieder aufrichten, beim Dehnen
und Anheben vor allem auf die innere oder vordere Seite der Wirbel.

2. Die Wirbelsäule strecken und aufrichten


Gehen Sie mental zu den beiden nächsthöheren Wirbeln weiter. Verlängern Sie
diese dann physisch und heben sie an, so dass sie gerade aufgerichtet sind. Alle
Wirbelabschnitte, die oberhalb des dritten Wirbels bis zum Scheitelpunkt des
Kopfes liegen, bleiben weiterhin völlig entspannt und locker. Wieder empfiehlt
es sich, dass ein Übungspartner seine(n) Finger zwischen die beiden Wirbel legt,
an denen Sie gerade arbeiten, so dass Sie die betreffende Stelle deutlicher spüren
und mehr Aufmerksamkeit dorthin lenken können. Der Partner sollte die andere
Hand in Ihren Nacken legen, damit Ihr Hals und oberer Rücken locker bleiben
und sich nicht vorzeitig aufrichten. Diese Unterstützung ist vergleichbar mit der
aus der ersten Hälfte der Wirbelsäulendehnung, als der Partner eine Hand vor Ihre
Nase hielt, damit sich Ihr Hals und oberer Rücken nicht vorzeitig entspannten
und nach vorn beugten.

3. Den Hals nicht steif werden lassen


Wenn Sie die Mitte des oberen Rückens (Brustwirbelsäule) erreichen, werden
mit ziemlicher Sicherheit Probleme auftauchen: Der Hals wird dann sehr stark

272
Die taoistische Wirbelsäulendehnung

Die zweite Hälfte der Wirbelsäulendehnung


a) Die Körperhaltung nach Abschluss des ersten Übungsteils: Sie sind so weit wie möglich
nach vorn gebeugt, b-d) Richten Sie sich auf und öffnen Sie die vordere Seite der Wirbelsäule
von unten nach oben.Öffnen bedeutet, dass Sie jeden einzelnen Wirbel an der Vorderseite
anheben; die Rückseite ist bereits im ersten Teil der Dehnungsübung geöffnet worden.

Abbildung 14-3

dazu neigen, steif zu werden und sich aufzurichten oder nach hinten zu neigen.
Dies entspricht jener Phase in der ersten Hälfte der Übung, als Hals und oberer
Rücken sich vorzeitig entspannen und nach unten sinken wollten.

4. Den Hals aufrichten und die Schädelplatten dehnen


Zu den wichtigsten Punkten bei dieser Übung gehört das Öffnen und Aufrichten
der Wirbel von der Basis des Halses bis zur Schädelbasis sowie das Öffnen der
Schädel platten. Achten Sie besonders auf diese Bereiche, damit sich keine Energie
in der Wirbelsäule staut. Vom siebten Halswirbel an bis zu den Schädelplatten
richten Sie Ihren Hals und Ihren Kopf immer höher auf; gleichzeitig öffnen Sie
behutsam Ihre Armgelenke bis zu den Fingerspitzen, so wie Sie diese schon im
ersten Teil der Übung am Ende der Beugung nach unten entspannt haben.

273
Kapitel 13

Leitlinien für die Praxis der


taoistischen Wirbelsäulendehnung
1. Zuerst mit einem Partner üben
Die Hände eines Partners auf Ihrem Rücken helfen Ihnen, jeden Wirbel gesondert
und einzeln wahrzunehmen und zu spüren.

2. Lernen Sie zuerst Wirbelgruppen, dann einzelne Wirbel trennen


Wenn Sie alleine üben, ist es am Anfang ganz normal, dass Sie nur große Teilstü-
cke Ihres Rücken als Einheit spüren können. Für die meisten Menschen liegt die
wahrgenommene Einheit bei Gruppen von vier bis sechs Wirbeln, doch können
die meisten nach etwa einem Übungsjahr ihre Wirbel einzeln spüren. Lösen Sie
daher die Spannung und öffnen Sie den Bereich, den Sie wahrnehmen - ob es
sich dabei nun um einen, zwei, vier oder selbst acht Wirbel handelt.

3. Nicht mehr als drei Wirbelsäulendehnungen auf einmal üben


Auf keinen Fall sollten Sie pro Übungseinheit mehr als drei Wirbelsäulendeh-
nungen ausführen. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme gegen Überlastung und
Überdehnung. Außerdem verringert sich das Verhältnis von Zeitaufwand und
Nutzen bei mehr als drei Wirbelsäulendehnungen ganz beträchtlich. Falls Sie das
Gefühl haben, dass Ihr Rücken wirklich ein intensiveres Training braucht, dann
verwenden Sie mehr Zeit auf jede einzelne Wirbelsäulendehnung, anstatt die
Anzahl der Wiederholungen zu erhöhen. Sie können auch mehr als einmal pro
Tag üben, vorausgesetzt, Sie halten zwischen den Übungseinheiten eine Pause
von mindestens vier Stunden ein.

4. Plötzliche Steigerungen in der Übungszeit vermeiden


Wenn Sie gewohnt sind, diese Übungen täglich oder jeden zweiten Tag zu
praktizieren, was übrigens der vorteilhafteste Rhythmus ist, und Sie müssen aus
irgendwelchen Gründen für eine Woche oder länger damit aussetzen, dann
versuchen Sie nicht, den Zeitverlust wieder wettzumachen. Üben Sie zunächst
etwas weniger als vor der Unterbrechung. Steigern Sie das Pensum dann wieder
mit jeder Übungseinheit. Auf diese Weise werden Sie weder Ihr Nervensystem
erschöpfen noch Ihre Muskeln überanstrengen.

274
Die taoistische Wirbelsäulendehnung

5. Auf das Entspannen, nicht das Dehnen der Wirbel konzentrieren


Es muss Ihnen klar sein, dass es bei der taoistischen Wirbelsäulendehnung nicht
in erster Linie darum geht, sich sehr tief nach unten zu beugen. Es handelt sich
dabei nicht um eine Gymnastikübung aus dem Schulsport. Sie möchten vielmehr,
dass Ihre Wirbelsäule die weiche, natürliche Beweglichkeit wie bei einem Kind
wiedergewinnt. Dieser Prozess braucht jedoch Zeit und kann nicht überstürzt
angegangen werden. Anfangs kommt es nicht auf die Dehnung, sondern auf Ihre
Fähigkeit an, Ihr bewusstes Gewahrsein in diejenigen Wirbel zu lenken, die Sie
entspannen möchten. Achten Sie darauf, dass Sie sich nicht überfordern; kämpfen
Sie nicht gegen Schmerzen oder eine Verletzung an. Gehen Sie langsam und mit
Geduld vor. Im Laufe der Zeit werden Sie Ihre Wirbelsäule zunehmend beherr-
schen und sie darin unterstützen können, wieder beweglicher zu werden.

Die taoistische Wirbelsäulendehnung


im Sitzen
Obwohl viele Chi-Gung-Übungen hauptsächlich in Bewegung ausgeführt werden,
können sie auch im Sitzen, Stehen, Liegen oder während solcher Aktivitäten wie im
Gespräch oder beim Sex praktiziert werden. Die taoistische Wirbelsäulendehnung
lässt sich auch im Sitzen ausführen, und sie ist für jeden nützlich, der längere Zeit
über sitzt, beispielsweise bei der Arbeit, in der Schule oder während der Meditation.
Die Grundmethode für die Wirbelsäulendehnung im Sitzen gleicht der Ausfüh-
rung im Stand. Vergewissern Sie sich, dass Sie die Vorgehensweise verstehen und
gehen Sie noch einmal die weiter oben gegebenen Anleitungen durch. Achten Sie
besonders darauf, auf welche Weise und warum sich die vordere und die hintere
Seite der einzelnen Wirbel oder der Wirbelgruppen voneinander trennen, bewegen
und dehnen, während Sie sich bei der ersten Hälfte der Dehnung nach vorn beugen
und bei der zweiten Hälfte strecken.

Aufwärmübungen für die Wirbelsäulendehnung


im Sitzen
Schauen Sie sich noch einmal die Aufwärmübung 2 in diesem Kapitel und die
Körperausrichtungen im Sitzen (siehe Kapitel 6) an. Machen Sie im Sitzen ein paar

275
Kapitel 13

a) Ausgangsposition: Die Füße stehen parallel zueinander, der Rücken ist gerade, der
Kopf angehoben, die Brust nach unten gesunken, der Bauch entspannt, die Schultern sind
gerundet, b-d) Lösen Sie alle Spannung nach und nach Wirbel für Wirbel von unten nach
oben auf und beugen Sie sich nach jeder einzelnen Auflösung etwas weiter nach vorn. Gehen
Sie dabei von der hinteren Seite der Wirbel aus.
Abbildung 14-4

Beugungen aus dem Kwa zur Vorbereitung. Halten Sie Rumpf und Kopf aufrecht;
lassen Sie Ihren Körper sich nach vorn neigen und dann wieder in seine ursprüng-
liche Position zurückkehren.
Denken Sie daran, dass bei dieser Beugung die Bewegung des Rumpfes aus dem
Kwa entsteht und nicht von den Rückenmuskeln, dem Kopf oder dem Hals ausgeht.
Halten Sie Ihren unteren Rücken gerade, während Sie ausschließlich den Antrieb
Ihrer Beine und Ihres Kwa dafür nutzen, um sich nach vorn zu lehnen und um den
Rücken wieder aufzurichten. Halten Sie Ihre Füße fest im Boden verwurzelt, wenn
Sie sich beugen oder strecken. Achten Sie darauf, ob Sie deutlich spüren können,
wie das Gewicht Ihres Rumpfes durch Ihre Beine nach unten in Ihre Füße sinkt,
während Sie sich beugen; und versuchen Sie, wenn Sie sich wieder aufrichten, die
Kraft zu spüren, die von Ihren Füßen durch Ihre Beine zu Ihrem Kwa hochsteigt.
Nehmen Sie so viel Druck wie möglich aus Ihrem Rücken und lenken ihn in Ihr
Kwa und Ihre Beine.
Halten Sie sich an die 70-Prozent-Regel, um eine Überlastung Ihres Rückens zu
vermeiden. Achten Sie unbedingt darauf, dass die Kraft, die Sie für das Heben und

276
Die taoistische Wirbelsäulendehnung

Die zweite Hälfte der Wirbelsäulendehnung im Sitzen


a) Die Körperhaltung nach Abschluss des ersten Übungsteils: Sie sind so weit wie möglich
nach vorn gebeugt, b-d) Richten Sie sich auf und öffnen Sie die vordere Seite der Wirbelsäule
von unten nach oben. Öffnen bedeutet, dass Sie jeden einzelnen Wirbel an der Vorderseite
anheben; die Rückseite ist bereits im ersten Teil der Dehnungsübung geöffnet worden.

Abbildung 14-5

Senken Ihres Rückens brauchen, aus dem Hochdrücken von Ihren Füßen, durch
die Beine und das Kwa zu Ihrer Wirbelsäule stammt, und nicht aus den Rücken-
muskeln.
Wenn Sie körperliche Probleme haben oder im Rollstuhl sitzen und Ihre Beine
nicht dazu nutzen können, um sich vom Boden hochzudrücken, dann setzen Sie
Ihr Kwa ein, anstatt in irgendeiner Weise auf Ihre Rückenmuskeln angewiesen zu
sein. Dadurch können Sie eine Belastung des Rückens verhindern helfen.

Die eigentliche Übung der Wirbelsäulendehnung


im Sitzen
1. Beugen Sie Ihre Wirbelsäule leicht nach vorn. Gehen Sie zur Basis der Wirbelsäu-
le am Steißbein und lösen Sie zuerst mental die Spannung in den unteren Wirbeln
so weit wie möglich auf. Konzentrieren Sie sich dann darauf, die Schwerkraft
die hintere Seite Ihrer Wirbel entweder einzeln oder in kleinen Wirbelgruppen
entspannen und öffnen zu lassen. Beginnen Sie am Steißbein und fahren Sie
damit bis zum obersten Halswirbel fort (Abb. 14-4).

277
Kapitel 13

2. Während Sie immer noch nach vorn gebeugt sind, beginnen Sie Ihre Wirbelsäule
zu strecken und aufzurichten. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach unten auf
die vordere Seite Ihrer Wirbel am Steißbein und am Kreuzbein. Entspannen und
öffnen Sie die vordere Seite der aufeinander folgenden Wirbel entweder einzeln
oder in kleinen Wirbelgruppen (Abb. 14-5).
3. Wenn eine Seite Ihres Körpers verspannter als die andere ist, dann legen Sie mehr
Nachdruck auf das Hochdrücken aus dem Kwa auf der verspannten Seite.

Die nächste Stufe der


Wirbelsäulendehnung
Sobald Sie mit den körperlichen Bewegungen der Wirbelsäulendehnung, sei es im
Stand oder im Sitzen, vertraut sind, ist der Zeitpunkt dafür gekommen, sich etwas
mit der Dynamik zu beschäftigen, um Energie von der Wirbelsäule nach unten zu
bewegen. Dafür müssen Sie die grundlegenden Techniken der Standform ausführen
können. Dazu gehören: Ihr Chi sinken lassen, Ihren Energiekörper durchscannen
und der äußere Auflösungsprozess von Chi (siehe Kapitel 7).
O b w o h l das Sinkenlassen und Auflösen von Chi getrennt voneinander ange-
wendet werden kann, sollten im Idealfall beide Übungen miteinander verbunden
werden, um den Nutzen aus der Kwa-Beugung oder der Wirbelsäulendehnung zu
erhöhen. Die beste Vorgehensweise, um beide Methoden reibungslos zu integrie-
ren, besteht darin, zuerst Ihr Chi mindestens einen Monat oder so lange sinken zu
lassen, bis Sie sich nach Ihren eigenen Maßstäben zumindest etwas erfahren darin
fühlen, und erst dann das Auflösen hinzuzufügen.
Diese beiden Techniken werden Sie immer mehr in die Übung der Wirbelsäulen-
dehnung integrieren. Der Prozess des Sinkenlassens und Auflösens ist jedoch nicht
nur bei der taoistischen Wirbelsäulendehnung anzuwenden, sondern beides sollte
immer dann eingesetzt werden,
• wenn Sie spüren, dass sich eine Körperausrichtung nicht mühelos einnehmen
lässt
• wenn Sie irgendeinen anhaltenden Schmerz in Ihrem Körper erfahren
• wenn Sie auf eine Energieblockade oder Schmerzen stoßen, während Sie eine
Chi-Gung- oder andere Bewegung der taoistischen Energiekünste ausführen
• wenn Sie einen stärkeren Chi-Fluss in Ihrem Körper anregen wollen

278
Die taoistische Wirbelsäulendehnung

Während dieser nächsten Übungsphase ist es wichtig, wie sehr Sie Ihre Nerven
entspannen und wie viel Chi Sie in der Wirbelsäule freisetzen können.

Fortgeschrittene Aufwärmübung 1:
Die Wirbelsäule deutlicher spüren
Es ist wichtig, dass Sie lernen, mehr Sensibilität zu entwickeln, damit Sie die Wirbel
auf der hinteren und der vorderen Seite Ihrer Wirbelsäule genau spüren können.
Bei der Aufwärmübung 1 (siehe S. 266) haben Sie gelernt, Ihre Rückenmuskeln
von Ihrer Wirbelsäule zu unterscheiden. Wiederholen Sie diese Aufwärmübung nun
und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, wie sich die hintere und die vordere
Seite jedes einzelnen Wirbels anfühlt.
Erweitern Sie dann diese innere Erforschung und richten Sie Ihr bewusstes Gewahr-
sein darauf, wiesich der gesamte Wirbel anfühlt-hinten, seitlich und vorne. Für diese
Aufgabe kann die Auflösung des gesamten Wirbelsein sehr kraftvolles Hilfsmittel sein.
Lassen Sie nun Ihr Gewahrsein erforschen, wie die vordere Seite jedes Wirbels,
den Sie gerade erspüren, sich auf irgendeine undefinierbare Weise anders als die
hintere Seite desselben Wirbels anfühlt. Dieser Unterschied kann sich vielleicht als
Stimmungsveränderung oder Druckgefühl zeigen. Haben Sie Geduld, machen Sie
weiter und versuchen Sie, dieses subtile Gefühl zu vertiefen.
Bleiben Sie entspannt und probieren Sie, alles im Inneren Ihres Bauches (Mus-
keln, Organe usw.) zu fühlen und zu bewegen, bis Sie entdecken können, dass sich
irgendein Teil der vorderen Seite der Rückenwirbel bewegt - und wenn es nur ein
bisschen ist. Das ist besonders bei denjenigen Wirbeln der Fall, die sich senkrecht
auf und ab bewegen, wenn sie sich näher zusammen und dann wieder auseinander
bewegen. Dehnen Sie diese Bewegung dann auf so viele Wirbel wie möglich aus,
doch sollten Sie nicht versuchen, Ihre Wirbel zur Seite zu bewegen.

Fortgeschrittene Aufwärmübung 2:
Die nächste Stufe der Kwa-Beugung
1. Aus dem Kwa beugen
Beugen Sie sich langsam aus dem Kwa nach vorn. Lassen Sie dabei Ihr Chi
durch Ihre Beine sinken oder lösen Sie es auf. Denken Sie daran, Ihren Rücken
gerade zu halten.

279
Kapitel 13

2. Aus den Beinen aufrichten


Beim Aufrichten drücken Sie behutsam von Ihren Füßen durch Ihre Beine nach
oben. Dadurch können Sie die natürliche Kraft Ihrer Beine dafür nutzen, um das
Kwa und das Gewicht Ihres Rumpfes hochzudrücken und anzuheben, ohne dass
Sie Ihre Knie belasten müssen. Die Beine werden dabei nur minimal gestreckt
und durchgedrückt. Durch größere Erfahrung damit, Chi sinken zu lassen und
durch die Beine aufzulösen, wird die Ausführung zunehmend wirksamer und
einfacher.

3. Die Energie sinken lassen


Als Nächstes beugen Sie sich langsam aus dem Kwa nach unten und lassen
die Energie aus Ihrer gesamten Wirbelsäule durch Ihre Beine in den Boden
sinken und/oder lösen sie auf. Spüren Sie jeden einzelnen Wirbel oder kleine
Wirbelgruppen und lösen Sie alle darin gestaute Energie durch Ihre Beine in
den Boden hinein auf. Weil die Energie in der Wirbelsäule und in den Beinen
derart eng miteinander verbunden ist, kann manchmal auch eine Verlangsamung
und Auflösung von Chi an der Stelle, wo es in Ihren Beinen festzusitzen scheint,
weitere in der Wirbelsäule gestaute Energie während der Kwa-Beugung oder bei
der Wirbelsäulendehnung selbst freisetzen.

Sinkenlassen und Auflösen während der


Wirbelsäulendehnung
1. Zur Ruhe kommen
Vor der Beugung aus dem Kwa nehmen Sie sich ein paar Augenblicke Zeit, um
das Chi aus Ihrer gesamten Wirbelsäule durch Ihre Beine in den Boden sinken
zu lassen.

2. Chi sinken lassen und Wirbel für Wirbel einzeln auflösen


a) Beugen Sie sich aus dem Kwa nach vorn. Lassen Sie aus jedem einzelnen
Wirbel das Chi sinken, bis es Ihre Füße erreicht und Ihre Beine innerlich feucht
werden (siehe S. 148f.). Fahren Sie dann während der gesamten Übungsphasen
des Beugens und Streckens der Wirbelsäulendehnung damit fort, Ihr Chi durch
Ihre Beine sinken zu lassen. Das wird Ihnen dabei helfen, Ihre Beine mit Ihrer
Wirbelsäule zu verbinden, die Energie der Wirbelsäule zu erden und die Auflö-

280
Die taoistische Wirbelsäulendehnung

sung von blockierter Energie in Ihren Wirbeln zu verbessern. Behalten Sie nach
Möglichkeit eine kontunierliche Abwärtsbewegung von sinkendem Chi während
der gesamten Wirbelsäulendehnung bei, ob Sie nun den Auflösungsprozess
hinzufügen oder nicht. Setzen Sie dies so lange fort, bis Sie Ihr Chi durch jeden
einzelnen Wirbel oder jede Wirbelgruppe, auf die Sie sich konzentrieren, sinken
lassen können. Jedes Mal, wenn Sie eine Dehnung ausführen, versuchen Sie, die
Freisetzung von gestauter Energie zu erhöhen.
b) Beim Strecken und Aufrichten fahren Sie damit fort, Ihr Chi so gut wie möglich
sinken zu lassen. Setzen Sie dies so lange fort, wie Ihr Körper dafür braucht, um
sich an diesen Prozess zu gewöhnen, ehe Sie zur nächsten Stufe weitergehen.
Das kann Tage, Wochen oder sogar noch länger dauern.

Darstellung der Vorderseite der Wirbelsäule in Beziehung zu den Rippen


und dem Beckenbereich

Abbildung 14-6

281
Kapitel 13

3. Chi gleichzeitig sinken lassen und auflösen


Als Nächstes wenden Sie das Freisetzen von blockierter Energie, das Sinkenlassen
des Chi und die Auflösungstechniken so gut wie möglich zusammen an. Wenn
Sie nach unten gehen, lösen Sie zuerst die Wirbel, an denen Sie gerade arbeiten,
bis zur Grenze Ihres Ätherkörpers auf.
Lassen Sie dann das aufgelöste Chi aus den Wirbeln, an denen Sie gerade arbei-
ten, nach unten bis zu Ihren Füßen sinken, während Sie Ihr Kwa leicht beugen
und die hintere Seite der Wirbel strecken. Sie können dieses aus der Wirbelsäule
herabsinkende Chi auch immer dort auflösen, wo es in Ihren Beinen blockiert
wird, ehe Sie damit fortfahren, das Chi vollständig bis zu Ihren Füßen sinken
zu lassen.
Wenn Sie Ihre Wirbelsäule aufrichten, lösen Sie wieder dieselben Wirbel auf und
lassen ihr Chi bis zu Ihren Füßen sinken, bevor Sie physisch von Ihren Füßen
durch Ihre Beine nach oben drücken, um Ihr Kwa anzuheben und dadurch das
Anheben der Wirbel zu unterstützen. Ihre Beine sollten immer leicht gebeugt
bleiben, während Sie die Wirbelsäule aufrichten.

282
Kapitel 15

Nei Gung:
Das Herzstück
der taoistischen
Energieübungen

Die nächste Stufe des Chi Gung


Dieses Kapitel wird Praktizierenden jeder Form des Chi Gung oder Tai Chi aufzeigen,
wo sie in ihrer Übung noch Fortschritte machen könnten.
Bis vor wenigen Jahrzehnten war Chi Gung nur in China bekannt und wurde
nirgendwo sonst verstanden. Das Wissen um das Potential des umfassenden Chi-
Gung-Systems ist im Wesen auch heute immer noch unvollständig. Für viele im
Westen ist Chi Gung lediglich eine östliche Methode der Körperbewegung, eine Art
von Tanz- oder anmutige Bewegungstherapie oder auch eine geheimnisvolle und
kraftvolle Kampfkunst. In China ist dagegen das volle Potential des Chi Gung für
Körper, Geist und Seele durch die Praktiken des Nei Gung verwirklicht worden.

Intellektuelles und konkretes Wissen


Es gibt zwei Arten von Wissen im Körper/Geist-Bereich: Die erste Art bringt nur mit
sich, dass Sie intellektuell das System verstehen, innerhalb dessen es existiert. Die
zweite Art von Wissen über Nei Gung verlangt, dass Sie es in Ihrem Körper erfahren.
Für die erste Art von Wissen braucht man keinen Lehrer. Die zweite Art erfordert
sowohl einen Lehrer als auch unterstützende Materialien, wie beispielsweise das
vorliegende Buch. Dementsprechend wendet sich dieses Kapitel an drei Gruppen
von Lesern:

283
Bruce Frantzis demonstriert eine Chi-Cung-Standform
vor einem Tempel in Kunming, China.
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

• Bei der ersten Gruppe handelt es sich um intellektuell neugierige Leser, die
persönlich niemals Chi Gung geübt haben, aber gerne wissen möchten, w o r u m
es dabei geht. Dieses weite Thema w i r d detailliert dargestellt, so dass ein zu-
sammenhängendes Bild von seiner Tiefe und Komplexität entsteht, wobei eine
Menge an Material bisher nicht in gedruckter Form vorgelegen hat. Es w i r d auf-
gezeigt, dass Chi Gung mehr als nur eine physische Bewegungsform ist, sondern
vielmehr eine wichtige Methode, um durch eine differenzierte Energietechnik
namens Nei Gung Zugang zu unserer inneren Ökologie zu erhalten.

• Die zweite Gruppe besteht aus Praktizierenden, die schon etwas Chi Gun g
gelernt haben und sich weiterentwickeln möchten.

• Der dritte Leserkreis besteht aus bereits länger übenden und weiter fortgeschrit-
tenen Praktizierenden und Lehrern des Chi Gung. Diejenigen, die das Glück
hatten, genügend authentische Erfahrung bei qualifizierten Lehrern gesammelt
zu haben, können durchaus versuchen, einige der hier beschriebenen Metho-
den zu praktizieren, ohne dass sie dafür eine gründliche Überwachung oder
die schrittweisen Anleitungen w i e in anderen Teilen dieses Buches benötigen.
Sie können sich auch dazu anregen lassen, sich umfassendere Kenntnisse über
Nei Gung zu verschaffen, so dass sie es tatsächlich verkörpern und an andere
weitergeben können.

Die nächste Stufe beim Öffnen


der Energietore des Körpers
Zur nächsten Stufe im Programm der Energietore gehört, differenziertere Aspekte
des Nei Gung zu erlernen. Dafür gibt es drei Wege:

• Sie können sich bestimmte Aspekte des Nei Gung aneignen, um sie in die Be-
wegungsformen aufzunehmen, die Sie bereits erlernt haben - die Standform,
die Wolkenhände, die drei Schwungübungen und die Wirbelsäulendehnung.

• Sie können differenziertere Standpositionen und tiefere Aspekte von bereits


geübten Bewegungsformen erlernen, w i e beispielsweise das Chi-Gung-Pro-
gramm des Spiral-Energiekörpers, das sich mit verschiedenen Komponenten
des Nei Gung beschäftigt.

285
Kapitel 15

• Sie können auch völlig neue Chi-Cung-Bewegungen erlernen, wodurch es


einfacher werden mag, bestimmte Komponenten des Nei Gung zu erlernen.
Einmal erlernt, kann jeder Aspekt des Nei Gung in allen taoistischen Systemen
genutzt werden und bietet die Möglichkeit, auch dem Gebrauch in anderen
Traditionen angepasst zu werden.

Standpositionen
Das ursprüngliche taoistische Energiesystem besteht aus ungefähr 200 statischen
Standpositionen. Es war bereits während der Tang-Dynastie ( 6 1 8 - 9 0 7 n. Chr.), Chi-
nas Goldenem Zeitalter, wohlbekannt. Sämtliche inneren Energiebewegungen und
die Grundpositionen der inneren Kampfkünste des Tai Chi, Hsing-I, Ba Gua und die
acht Positionen des I Chuan leiten sich aus diesem System ab. Eine chinesische Denk-
richtung behauptet, dass das gesamte System des Chi Gung ausschließlich durch
die etwa 200 statischen Standpositionen erlernt werden könne. Die mehrheitliche
Meinung ist jedoch, dass, obwohl die Standform ungeheuer wertvoll ist, auch die
Bewegungsformen und die Übungen im Sitzen von wesentlicher Bedeutung für die
richtige Mischung sind.

W a s ist e i n e Position?
Der chinesische B e g r i f f s t , „Position", so wie er im Chi Gung
und Tai Chi benutzt wird, ist verwirrend, weil er zwei Vorstel-
lungen vermischt, die normalerweise getrennt sind. Aus der
Perspektive der Standform des Chi Gung ist die eingenommene
Haltung oder Stellung, wie bei der Standposition (Abb. 15-1)
dargestellt, statisch. In diesem Falle bedeutet der Begriff shr eine
Position, so wie wir sie verstehen.
Bei der Bewegungsform des Chi Gung wird die gesamte dy-
namische und kontinuierliche Bewegung ebenfalls als Position
bezeichnet. Diese Bewegungen werden jedoch nur nach ihren
statischen Endpositionen identifiziert und benannt. Die ver-
schiedenen Positionen innerhalb der Chi-Gung-Bewegungen,
die zu der Endposition führen, werden nicht benannt. Beispiels-
weise bestehen beide Wolkenhand-Übungen und jede der drei Die Grundposition
Schwungübungen aus mehreren, miteinander verbundenen stati- der Standform

schen Positionen aus den ursprünglich etwa 200 Standformen. Abbildung 13-11 Abbildung

286
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

D i e E i g e n s c h a f t en d e r S t a n d p o s i t i o n e n
Wenn wir zur nächsten Stufe der Chi-Gung-Standform übergehen, müssen w i r uns
zumindest mit einigen der 200 Positionen näher beschäftigen.
Bei der einfachsten und energetisch neutralsten Form des gesamten Systems stehen
Sie mit Ihren Füßen parallel zueinander und Ihren Armen an den Seiten des Körpers
(Abb. 15-1). Das ist die ideale Position, durch die Sie zuerst die Wissenschaft der
Standform des taoistischen Chi Gung erlernen können.
Bei der nächsten Position, die Sie wahrscheinlich erlernen, stehen Sie und hal-
ten beide Arme etwa auf Brusthöhe und gerundet, so als würden Sie einen Baum
umarmen (siehe Abb. S. 284).
Jede Position ist für Ihr Chi als Ganzes von Nutzen und hilft Ihnen bei jeder tao-
istischen Praxis, für die Sie sich entscheiden. Jede Position hat jedoch auch ihre
eigene klare Funktion, die spezielle wichtige Chi-Kreisläufe aktiviert und Ihnen
bewusst macht. Jede veranlasst Ihren Körper dazu, sich auf eine bestimmte Weise
zu verändern. Jede kann dazu genutzt werden, um Ihre Energie auf die Heilung
bestimmter Probleme zu lenken, besondere Formen von physischer Kraft zu entwi-
ckeln und innere Fähigkeiten freizusetzen.

Standformen und A r m h a l t u n g e n der Positionen


Die etwa 200 Positionen werden in drei verschiedenen Standformen ausgeführt:

• die in diesem Buch gelehrte Grundform

• im Wechsel w i r d das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine verteilt und die
Hüften werden gedreht, so dass das Gewicht jeweils nur auf einem Bein ruht
• das Gewicht ist in in unterschiedlichem Verhältnis auf beide Beine verteilt; die
Füße stehen oft nicht parallel zueinander

Die Arm- und Handhaltungen bei den Positionen sind sehr variabel. Beide Arme
können sich spiegelbildlich zueinander bewegen, die Bewegung kann aber auch
unterschiedlich sein. Zu den Variationen gehören:

• die Höhe der Hände

• die Ausrichtung der Hände zur Mittellinie des Rumpfes - die Hände sind der
Vorderfront, der Seite oder dem Rücken zugewandt

• die Ausrichtung der Handflächen und Finger

• die Entfernung der Hände vom Körper

287
Kapitel 13

Heiler und Lehrer des Chi Gung können individuell angepasste Standpositionen
unterrichten, um ein bestimmtes energetisches Ungleichgewicht zu korrigieren oder
um potentielle Energien und Begabungen hervortreten zu lassen.

Das Chi Gung des Spiral-Energiekörpers


Teil 2 beim Öffnen der Energietore des Körpers ist das Chi Gung des Spiral-Ener-
giekörpers. Es gehört zu den fortgeschrittenen Stufen des B. K. Frantzis Energy Arts
Programm (siehe Anhang G). Hier werden die Chi-Gung-Standform, die Wolken-
hände, die drei Schwungübungen und die Wirbelsäulendehnung dafür genutzt, um
nach und nach weitere Komponenten aus dem Nei-Gung-System zu integrieren.
Zu diesem Kurs gehören auch zusätzliche theoretische Grundinformationen und
spezielle innere Techniken. Andere Aspekte des Nei Gung lassen sich zu Anfang
leichter erlernen; dabei w i r d mit körperlichen Bewegungen gearbeitet, die sich von
denjenigen des Chi Gung der Energietore unterscheiden, wie beispielsweise im Chi
Gung „ D i e Götter spielen in den Wolken".

Die 16 Grundkomponenten
des Nei-Gung-Systems
Das taoistische Wissen darüber, w i e die Energie im menschlichen Körper fließt,
beruht auf den 16 Grundkomponenten des Nei Gung. Die Abbildungen 15-2 und
15-3 stellen die energetische Anatomie des Körpers dar.

Zu den 16 Grundkomponenten des Nei Gung gehören:


1. Atemmethoden, bei einfacheren angefangen bis hin zu komplexeren
2. Chi entlang der verschiedenen aufsteigenden, absteigenden und die Seiten
verbindenden Energiekanäle innerhalb des Körpers bewegen
3. Körperausrichtungen anpassen, die den Ch-Fluss behindern
4. Alle Energieblockaden aufspüren, freisetzen und auflösen
5. Chi durch alle Akupunkturbahnen, Energietore und Akupunkte lenken
6. Beugen und Dehnen des Bindegewebes von innen nach außen und von außen
nach innen entlang derYin- und Yang-Akupunkturbahnen

288
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

7. Öffnen und Schließen (Pulsieren)


8. Mit den Energien des Ätherkörpers oder der Aura arbeiten
9. Energiekreise und -Spiralen im Körper erzeugen
10. Chi aufnehmen und aussenden und es willentlich in jeden Körperteil lenken
11. Alle Energien der Wirbelsäule aktivieren und steuern
12. Den linken und rechten Energiekanal aktivieren und nutzen
13. Den zentralen Energiekanal aktivieren und nutzen
14. Das untere Tantien entwickeln und nutzen
15. Das mittlere und obere Tantien entwickeln und nutzen
16. Jede der vorangehenden 15 Komponenten miteinander verbinden und zu einem
einheitlichen Prozess integrieren

Die Reihenfolge dieser 16 Grundkomponenten des Nei Gung ist weder festgelegt
noch linear, sondern nur beschreibend. Jede Komponente bildet das Segment eines
Kreises, und ebenso wie bei einem sich ständig drehenden Kreis weder ein Anfangs-
noch ein Endpunkt existiert, so hat auch Nei Gung weder Anfang noch Ende. Jede
Komponente wirkt als Katalysator und beeinflusst die anderen. Jedes Mal, wenn
Sie zu einer der Komponenten zurückkehren, ist es möglich, dass sie eine tiefere,
erfüllendere und nutzbringendere Ebene innerhalb der Komponente selbst w i e
auch bei den ihr vorausgehenden und folgenden erreichen. Durch das Erlernen und
Integrieren von Aspekten des Nei Gung in Ihre Praxis wird Chi Gung zu einer sich
stetig weiter entfaltenden Kunst, die Sie während Ihres ganzen Lebens beschäftigen,
interessieren und inspirieren kann.

Das Wissenskontinuum
des Nei Gung
Wissen hat verschiedene Ebenem. Sowohl unter wie innerhalb der mehr als hundert
verschiedenen Chi-Gung-Schulen in China werden diejenigen Meister mit höheren
oder höchsten Anforderungen und Maßstäben normalerweise als „echt" bezeichnet,
während diejenigen mit geringeren Ansprüchen als „gewöhnlich" oder unqualifiziert
angesehen werden. Der höchste Maßstab, der angelegt wird, ist im Allgemeinen der,
wie vollständig jede der 16 Grundkomponenten des Nei Gung gelehrt wird.

289
Kapitel 13

290
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

291
Kapitel 13

Je nach Ihrem Hintergrund und dem Grad an wirklichem Interesse kann das, was
als „echtes Nei Gung" von einem Lehrer oder auch in einem Chi-Gung-Buch ange-
boten wird, für manche eine Stufe zu hoch und für andere eine Stufe zu tief sein.

Echtes Nei Gung lernen


Nei Gung w i r d am besten zusammen mit einem Ausbilder gelernt. Die Feinheiten
seiner physischen und energetischen Bewegungen sind in Büchern oder Videos nicht
leicht oder vollständig zu bemerken. Energiearbeit kann sowohl positive als auch
negative Zustände hervorrufen und starke Emotionen auslösen. Ein guter Lehrer weiß,
wie er Ihnen dabei helfen kann, dass Sie lernen, angemessen damit umzugehen.
Cheng Man Ching, ein berühmter Tai-Chi-Lehrer, der in New York lebte, formu-
lierte es auf die folgende Weise: „Drei Dinge sind erforderlich, um im Tai Chi oder
Chi Gung eine hohe Stufe des konkreten Erfolgs zu erreichen: 1. ein guter Lehrer;
2. Ausdauer und Übung; 3. natürliche Begabung. Doch das Wichtigste von den dreien
ist ein guter Lehrer." Ohne einen guten Lehrer können Sie nicht wissen, wie Sie Ihre
Ausdauer und natürliche Begabung am besten einsetzen und daher, selbst mit den
besten Absichten, vielleicht den falschen Weg einschlagen. Die meisten guten Lehrer
besitzen selbst eine gewisse Stufe von natürlicher Begabung; ihre Einsichten sind
wertvoll und können Ihnen dabei helfen, Ihr eigenes Talent hervortreten zu lassen.
Über Nei Gung lässt sich leichter schreiben und reden, als es zu lernen. Obwohl
das vollständige Nei-Gung-System zugänglich gemacht werden kann, werden die
meisten reichlich Übung und Wiederholung brauchen, um irgendeine einzelne
Komponente konkret umzusetzen. Viele täuschen sich selbst und glauben, wenn
sie sich nur eine Komponente des Nei Gung vorstellen, daran denken oder darüber
reden, dass diese damit schon Eingang in Ihren Körper gefunden hat - doch das ist
nicht der Fall.
Bei jeder Komponente gibt es allgemeine und spezielle Erwägungen, wie sie ein-
gesetzt und in jede der verschiedenen Übungen integriert werden kann. Je nachdem,
ob Sie ruhig dastehen, sich bewegen, sitzen, liegen oder mit zwischenmenschlichen
Aktivitäten beschäftigt sind, müssen unterschiedliche Kriterien berücksichtigt wer-
den. Jede Komponente wird getrennt und stufenweise gelehrt und dann sorgfältig
in jede Bewegung integriert.
Im Allgemeinen werden die Grundkomponenten des Nei Gung nicht nur neben-
bei gelehrt, besonders nicht bei Schülern der Anfangs- und Zwischenstufe. Diese

292
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

Techniken sollten bei einem erfahrenen Ausbilder erlernt werden; die Praxis des
Schülers sollte überwacht und sorgfältig geleitet werden.
Einer der Gründe, weshalb Nei Gung so lange vor der Öffentlichkeit geheim
gehalten wurde, war der, dass die Lehrer unnötige Probleme (siehe Anhang C) ver-
meiden wollten. Diese können als Folge davon auftreten, dass dilletantische Schüler
oder auch Lehrer die Techniken falsch verstehen oder sie falsch anwenden.
Jede Komponente muss gründlich erlernt werden, bevor man zur nächsten wei-
tergeht. Das ist nicht viel anders als bei einem fortgeschrittenen Musik- oder Ge-
sangsstudium; bei manchen Stufen kann es jahrelang dauern, bis man sie sich
angeeignet hat.
Die Gefahr bei unvollständigem Lernen und mangelhaftem Wissen besteht darin,
dass Sie aus dem Gleichgewicht geraten können. Ihr Ausbilder hat die Aufgabe,
dafür zu sorgen, dass es dazu nicht kommt.
Der Ausbilder muss sein Möglichstes tun, um sicherzustellen, dass

• die Energie des Schülers gleichmäßig fließend bleibt und nicht überaktiv w i r d

• der Schüler gefährliche Praktiken vermeidet

• der Schüler eine Abhängigkeit von übermäßiger Stimulation vermeidet

• der Schüler sich an die 70-Prozent-Regel hält

• der Schüler seine geistige Klarheit bewahrt

Chi direkt und indirekt erfahren


Das bewusste Gewahrsein von Chi und die Fähigkeit, es nutzen zu können, sind
Ausdrucksformen des Wissens. Fast alle Schüler möchten wissen, w i e lange es dauert,
bis sie verstehen, was Chi ist. Es ist schwer, auf diese Frage eine genaue Antwort
zu geben. Um Konfuzius zu paraphrasieren: Manche werden mit Wissen geboren,
einige erwerben es sich durch unablässige harte Arbeit, während wieder andere es
stehlen oder durch eine nicht vorhersehbare Seitentür darauf stoßen.
Chi kann direkt oder indirekt verstanden werden. Ist Ihr Wissen indirekt, dann
verstehen Sie es durch die Wahrnehmungen und Wirkungen, die es in Ihrem Körper
und Geist hervorruft. Ist Ihr Wissen direkt, dann erfahren oder fühlen Sie Chi als
deutlich spürbare, lebendige und konkrete Kraft.
Zuerst werden Sie nur indirekt auf Chi treffen. Im Laufe der Zeit besteht jedoch
die Möglichkeit, dass Sie Chi direkt erfahren und damit arbeiten. Die beiden ein-

293
Kapitel 13

fachsten und verlässlichsten der 16 Grundkomponenten des Nei Gung, die Sie
anwenden können, um den Sprung von der indirekten zur direkten Erfahrung von
Chi zu machen, sind die erste (Atmung) und die siebte (Öffnen und Schließen). Die
übrigen Komponenten des Nei Gung sind schwierigere Zugangswege, um Chi direkt
zu erfahren, und werden daher nur kurz behandelt.

Die Komplexität des Nei Gung


Dieser Abschnitt vermittelt einen gewissen Einblick in die Komplexität jeder Kom-
ponente. Davon ausgenommen sind die Komponenten 12 bis 15, die über den
Themenbereich dieses Buches hinausgehen. Sobald Sie sich mit den Grundlagen
desjenigen Chi-Gung-Systems, das Sie studieren, vertraut gemacht haben, kann
Ihnen dann ein qualifizierter Lehrer dabei helfen, bestimmte Aspekte des Nei Gung
zu erlernen und diese in Ihre Praxis zu integrieren.
Die meisten der hier bereitgestellten Informationen beziehen sich auf die ers-
te Komponente des Nei Gung, die Atmung, weil diese zu Anfang der einfachste
Ausgangspunkt ist, von dem aus ein erfolgreicher Zugang zur Erfahrung von Chi
möglich ist. Weitere Informationen über Nei Gung sind in meinen anderen Büchern
zu finden; weitere Veröffentlichungen sind geplant.

N E I G U N G 1: Einfache bis komplexe Atemmethoden


Die Atmung ist ein ausgezeichnetes Instrument, um Ihnen zu zeigen, wie Sie ins
Innere Ihres Körpers hineinspüren und alle Körpersysteme besser arbeiten lassen
können. Bei den Techniken der Langlebensatmung in Kapitel 5 haben Sie einiges
über die einfachsten Komponenten der Atmung gelernt. Im Nei Gung werden die
Atemmethoden komplexer. Wenn Sie einmal erlernt sind, können sie in jede innere
Energiepraxis aufgenommen werden.
Bei den Anfangsstufen der Langlebensatmung tränieren Sie Ihren Atemmechanis-
mus, bis jeder innere Teil Ihres Körpers vollständig und kraftvoll in die Atmung ein-
bezogen ist. Dazu gehört, dass Sie lernen, mit Ihrem Bauch und Unterleib zu atmen
und die Luft den ganzen Rücken hoch bis in den oberen Teil Ihrer Lungen zu lenken.
Bei der Zwischenstufe der Langlebensatmung werden Sie komplexere Metho-
den erlernen. Sie werden sich darauf konzentrieren, dass Ihre Atmung zunehmend
länger, weicher und ruhiger wird. Dabei werden sich die Zusammenziehungen
und Verspannungen in Ihrem Atemmechanismus allmählich lockern, und dieser

294
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

wird langsam anfangen, mit großer Beweglichkeit mühelos zu fließen. Irgendwann


einmal werden Sie einen starken, tiefen, ruhigen und mühelosen Atemrhythmus
haben, ohne darüber nachdenken zu müssen.
Sie lernen auch die Umkehratmung, wo sich alle Körperteile synchron mit Ihren
Ein- und Ausatmungen bewegen. Sie lernen, aus Ihrer Haut zu atmen und Ihren Atem
dafür zu nutzen, um Ihren Ätherkörper zu öffnen, zu stärken und zu stabilisieren.
Sie lernen die kreisförmige Atmung, bei der Sie Ihre oberen Lungen, die Wirbelsäule
und das untereTantien einsetzen, und wie Sie Ihre Atmung in jede Chi-Gung-Übung
integrieren können, wobei Sie weitere Komponenten des Nei Gung heranziehen.
Das Ziel besteht darin, Chi nach Belieben allein durch Ihre bewusste Absicht mit
jedem Körperteil ein- und auszuatmen.

Die Atmung in drei Stufen verlängern


Stufe 1
Im Laufe von Jahrtausenden haben dieTaoisten die Beobachtung gemacht, dass
ein Atemzug von 30 Sekunden das Minimum war, wozu ein Mensch mit durch-
schnittlichen Fähigkeiten in der Lage sein sollte, wenn er unter normalen Um-
ständen gut atmen wollte. Nach den heutigen niedrigen Maßstäben, wo eine
flache und kraftlose Atmung als normal angesehen wird, mag es sich schwierig
anhören, eine Atmung von 30 Sekunden Dauer mühelos erreichen zu können.
Da Sie jedoch vom heutigen Tag an noch unzählige Millionen Atemzüge in Ihrem
Leben machen werden, wird es Ihr Leben unermesslich verbessern, wenn Sie
sich dieser Herausforderung stellen.

Stufe 2
DieTaoisten haben auch beobachtet, dass der Körper eine positive und tiefe, das
Leben verändernde Wandlung erfuhr, wenn die Praktizierenden ihre Atmung auf
zwei Minuten ausdehnen konnten. Dies führt zu größeren Veränderungen im
Körper und stellt viele der energetischen Grundimpulse des Körpers auf positive
Weise wieder neu ein. Zum Beispiel wechseln das Kreislauf- und Nervensystem
zu einer anderen Leistungsebene, von der die meisten Menschen nicht einmal
wissen, dass sie existiert. Selbst wenn diese Fähigkeit nur für ein Jahr bewahrt
wird, ruft sie gewöhnlich eine heilsame Wirkung hervor, die Jahrzehnte anhält.
Diese Fähigkeit kann es dem Praktizierenden ermöglichen, regelmäßig Stress

295
Kapitel 13

abzuschütteln, der ihn ansonsten überwältigen und seelisches Leiden und eine
schlechte Gesundheit hervorrufen würde.

Stufe 3
China war eine Nation, die traditionell die Weisheit alter Menschen verehrte
und folglich sehr daran interessiert war, das Leben zu verlängern. Die chinesi-
schen Taoisten waren berühmt für ihre Langlebenstechniken. Ein wesentlicher
Bestandteil ihrer äußerst erfolgreichen Langlebenspraxis war die Schildkrötenat-
mung. Man wusste, dass Riesenschildkröten Hunderte von Jahren lebten. Diese
Schildkröten waren allgemein dafür bekannt, dass sie untertauchen und ihren
Atem länger als fünf Minuten hintereinander anhalten konnten. Der Aspekt der
Schildkrötenatmung hat innerhalb der taoistischen Atemmethoden das Ziel,
Atemzüge von fünf bis acht Minuten hervorzubringen. Diese Praxis war für
ihre unübertroffene Eigenschaft bekannt, dass sie einen alten Körper und Geist
transformieren und erhalten konnte.

Zwerchfell, Bauch und innere Organe


miteinander verbinden
Geschmeidige, elastische Bänder verbinden Ihr Zwerchfell mit Ihren inneren Orga-
nen und helfen diesen dabei, auf die von der Natur für sie vorgesehene Weise zu
funktionieren und sich zu bewegen. Wenn Ihre Muskeln zum Beispiel an der Stelle
schlaff sind, wo Bänder sie mit der Leber verbinden, werden sowohl die Bänder als
auch die Leber selbst eine zunehmend schlechtere Bewegung haben oder sogar
blockiert sein und sich überhaupt kaum noch bewegen. Dies kann in einer Ketten-
reaktion auch die Bewegungen Ihrer anderen Organe beeinträchtigen.
Viele der Flüssigkeit pumpenden Mechanismen Ihres Körpers sind mit der Bewe-
gung Ihres Zwerchfells verbunden. Eine schwache oder unausgewogene Bewegung
Ihres Zwerchfells beeinträchtigt diese Ströme. Kräftige rhythmische Auf- und Abbe-
wegungen des Zwerchfells fördern und regulieren diese Pumpfunktionen.
Die Bauchatmung kräftigt Ihr Zwerchfell. Diese muss jedoch systematisch und
stufenweise erlernt werden und sollte nur unter der Aufsicht eines qualifizierten
Lehrers in progressiven Stufen geübt werden. Das ist deshalb notwendig, weil die
Verbindungen zwischen Zwerchfell und Herz, wenn sie übermäßig beansprucht
werden, überdehnt oder verschoben werden könnten.

296
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

Es gibt spezielle Übungen, um sicherzustellen, dass sich Ihr gesamter Zwerch-


fellmuskel während des Ein- und Ausatmens als Ganzes bewegt, ohne dass ein Teil
des Muskels erheblich stärker oder schwächer als ein anderer bewegt w i r d . M i t
einer weiteren Übungsfolge werden Sie lernen, während des Ein- und Ausatmens
das Dehnen Ihres Zwerchfells zu verlängern. Weitere Übungen bringen Ihnen bei,
Ihr Zwerchfell während der Atmung deutlich und gleichmäßig zu spüren und nach
und nach Druck bei Ihren Ein- und Ausatmungen gleichmäßig zu verstärken und
aufzulösen.
Das ist aus folgendem Grund wichtig: Ebenso w i e Atem und Chi miteinander
verbunden sind und sich direkt gegenseitig beeinflussen, so ist das auch bei Chi
und Blut der Fall. Nach der Traditionellen Chinesischen M e d i z i n und der Chi-
Gung-Therapie bewegt Chi - und nicht nur die physische Leistung von Herz und
Gefäßsystem - das Blut. M i t zunehmender Praxis können Sie sich bei Ihrer Atmun g
darauf konzentrieren, sowohl Ihr Chi sinken zu lassen als auch Chi und Blut bewusst
in jeden Teil Ihres Körpers zu lenken.

In das untere Tantien atmen


Hier geht es darum, Ihr unteres Tantien aufzuwecken, damit Sie es deutlich spüren
können. Diese Atemmethode hat drei progressive Stufen:
Auf der ersten Stufe lernen Sie, ein sehr klares Gefühl dafür zu bekommen, direkt
in Ihr unteres Tantien, das Energiezentrum Ihres Körpers, hineinzuatmen.
Auf der nächsten Stufe lernen Sie zu spüren, ob der Druck Ihres Bauches, der
sich von Ihrem Tantien ausdehnt und zusammenzieht, unausgewogen sein könnte
und, falls ja, w i e Sie ihn ausgleichen können. Die Praxis dieser Übungen w i r d Ihr
Gewahrsein erweitern, so dass Sie auch alle kleineren Abweichungen der Spannung
und Zusammenziehung, die während des Atmens auftreten, feststellen können.
Auf der dritten Stufe lernen Sie, auf unterschiedliche Weise aus Ihrem Tantien in
zwei oder mehr Richtungen gleichzeitig zu atmen.

Die Umkehratmung
Bei der regulären Atmung dehnt sich Ihr Bauch aus, während Sie einatmen, und
zieht sich zusammen, wenn Sie ausatmen. Bei der Umkehratmung tun Sie genau
das Gegenteil - Sie ziehen Ihren Bauch beim Einatmen ein und dehnen ihn beim
Ausatmen aus. Die Umkehratmung w i r d manchmal auch als vorgeburtliche oder

297
Kapitel 13

Mutterschoßatmung bezeichnet, weil Babys im Mutterschoß auf diese Weise Chi


ein- und ausatmen.
Zu den Zielen der Umkehratmung gehört, dass Sie der subtilen physischen und
energetischen Bewegungen Ihres Körpers gewahr werden und die Kontrolle darüber
bekommen, damit diese bewusst im Rhythmus mit Ihrer Atmung auftreten. Jeder
physische Teil und jede energetische Funktion innerhalb Ihres Körpers und Ihrer Aura
soll sich in Übereinstimmung mit den Ausdehnungen und Zusammenziehungen
Ihres Bauches bewegen.
Die Umkehratmung öffnet, kräftigt und stabilisiert die Aura. Sie ist ein wesentlicher
Bestandteil für einen Aspekt, den Laotse als „Atmen aus den Fersen" bezeichnet
hat; dieser wird innerhalb des Taoismus als der einzig wirklich vollständige Atem-
vorgang angesehen.

Die Wirbelsäulenatmung
Die Wirbelsäulenatmung öffnet und kräftigt Ihre Wirbelsäule und alle damit ver-
bundenen Energien. Auch die Wirbelsäulenatmung wird in verschiedenen Stufen
gelehrt:
Zur ersten Stufe gehört, dass Ihre Spinalnerven mit mehr Energie versorgt wer-
den und der Prozess in Gang gesetzt wird, die Energie Ihrer Wirbelsäule mit Ihrem
Gehirn und oberen Tantien zu verbinden.
Auf der nächsten Stufe nutzen Sie Ihren Atem dafür, um Chi zwischen Ihrer Wir-
belsäule und der Begrenzung Ihres Ätherkörpers fließen zu lassen.
Auf einer weiteren Stufe lernen Sie schließlich, die Gehirn-Rückenmarks-Flüs-
sigkeit und Energie ruhig und gleichmäßig in Ihrem Rückenmark und entlang Ihrer
Wirbelsäule nach oben und unten zu bewegen.

Die kreisförmige Atmung


Die kreisförmige Atmung entspricht dem glatten und nahtlosen Chi-Fluss durch Ihr
Nervensystem während der Ein- und Ausatmungen und vor allem während des Über-
gangs zwischen ihnen. Ein wichtiges Merkmal der fortgeschritteneren taoistischen
Methoden besteht darin, Ihre Atmung mit körperlicher Bewegung und Energiefluss
zu verbinden. Ihre vollständigen Atemzüge, die sich aus Ein- und Ausatmung zu-
sammensetzen, sollten keinen deutlichen Anfang- oder Endpunkt haben.

298
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

Für die kreisförmige Atmung müssen Sie lernen, Ihren Atem mit Ihrem Chi und
Ihrem Nervensystem zu verbinden, so dass sie nahtlos zusammenarbeiten.
Eine erfolgreiche kreisförmige Atmung verlangt von Ihnen, dass Sie fünf Aufgaben
erfüllen:

1. Werden Sie während des Atmens der Ihrem Nervensystem zugrunde liegenden
Qualität oder des damit verbundenen Gefühls gewahr.

2. Konzentrieren Sie sich beim Ein- und Ausatmen auf die gemeinsame Qualität
Ihres Atems und Ihres Nervensystems.

3. Stellen Sie alle größeren Lücken in Ihrer Atmung fest, besonders beim Über-
gangspunkt zwischen Ein- und Ausatmungen.

4. Schulen Sie Ihr bewusstes Gewahrsein, damit es zunehmend feiner und sich auch
der sehr kleinen Unterbrechungen in Ihrer Atmung bewusst wird. Entspannen
Sie Ihre Atemzüge nach und nach ganz w i e beim Sung (siehe S. 143 f.). Werden
Sie dabei der noch subtileren Lücken gewahr, die dazu führen, dass Ihr Nerven-
system während Ihrer Praxis für einen kurzen Augenblick aussetzt. Üben Sie so
lange, bis Ihr Nervensystem völlig glatt und nahtlos arbeitet und die Übergänge
zwischen Ein- und Ausatmung verschwinden.

5. Das Ziel bei der letzten Phase der kreisförmigen Atmung besteht darin, Ihr Chi
unmittelbar ausfindig zu machen. Eine übergangslose und geschmeidige Atmung
kann die Eingangstür dafür sein, dass Sie Ihr Chi finden; und ebenso kann Ihre
Atmung durch diese Entdeckung des Chi wirklic h kreisförmig werden. Beide
sind wechselseitig verbunden und können nicht voneinander getrennt werden.

Ihre Aufgabe besteht nun darin, dass Siesich Ihres Chi nicht nur durch seine indirekte
Spiegelung in Ihrer Atmung, Ihrem Nervensystem und überhaupt in Ihrem Körper
bewusst sind; mit diesem Ziel hat sich der bisherige Teil dieses Buches beschäftigt.
Nun müssen Sie den Sprung schaffen, Chi als eines direkt und eigenständig gespür-
ten Etwas gewahr zu werden, das sämtlichen Bewegungen Ihrer inneren Systeme
Kraft verleiht.
Das Gewahrsein von subtilen Prozessen in Verbindung mit bewusster Absicht ist
ein wunderbares Werkzeug. Wenn dieses kraftvoller und verfeinerter wird, lässt es
Sie Ihre Energie auf eine Weise erkennen und lenken, die sonst unmöglich wäre.
Wenn Sie weiter praktizieren und Ihre Atmung nahtlos wird, lösen sich die Be-
schränkungen für das Gewahrsein des Chi auf. Nach und nach, mit immer mehr

299
Kapitel 13

Atempraxis, lernt Ihr Gewahrsein, ganz in Ihr Nervensystem einzudringen und


äußerst vertraut damit zu werden. Dann werden die letzten Beschränkungen für
eine vollständig kreisförmige Atmung verschwinden.
Schließlich wird Ihr Gewahrsein die einzelnen grundlegenden Qualitäten der
Atmung, des Nervensystems und des Chi erkennen können. Sie werden sich der
subtilen Strömung bewusst, die alle drei miteinander verknüpft. Sie erfahren, wie
Ihr Chi die grundlegende Kraft, die Ihr Nervensystem und Ihre Atmung verbindet
und beherrscht, beeinflusst, von dieser beeinflusst wird und selbst diese allem zu-
grunde liegende Kraft ist.
Eines Tages, wenn Sie sich auf Ihre Atmung konzentrieren, wird sich die Luft, die
Sie durch die Nase ein- und ausatmen, scheinbar verlangsamen und dann zum Still-
stand kommen, während sich das Innere Ihres Bauches und Ihrer Lungen weiterhin
sehr kraftvoll bewegt. Selbst wenn Sie auf der physischen Ebene richtig atmen, hat
es den Anschein, als sei Ihr physischer Atem vollständig ruhig geworden und habe
aufgehört; auch Ihr Körper und Ihr Geist scheinen spontan zur Ruhe gekommen
zu sein. Eine unheimliche Stille und ein Gefühl von einem unglaublich weiten
und leeren Raum entsteht in Ihrem Körper und Ihrem Geist. Plötzlich werden Sie
feststellen, dass Sie lautlos Chi ein- und ausatmen.
Dann scheint sich auch das noch weiter zu verlangsamen und anzuhalten, bis Ihr
Körper und Ihr Geist während eines kreisförmigen Atemvorgangs spontan sogar in eine
noch größere Stille gelangen. Selbst wenn Sie auf der physischen Ebene richtig atmen,
scheint Ihr Atem gänzlich zur Ruhe gekommen und vollständig aufgehört zu haben.
In diesem offenen Raum ist Ihre Wahrnehmung von einer Luftbewegung ver-
schwunden, doch Ihre Organe beginnen wieder damit, sich zu öffnen und zu
schließen (Ausdehnen und Zusammenziehen), so als hätten sie ihren eigenen un-
abhängigen Willen. Nun fließt nicht mehr Luft in Ihre Nase hinein und wieder aus
ihr heraus, sondern jede Ausdehnung und Zusammenziehung Ihrer inneren Organe
bringt etwas hinein und stößt es wieder aus. Dieses Etwas ist Chi.
Nach einer Weile haben Sie Erfahrung damit gesammelt und die Grundlage da-
für geschaffen, um nach und nach allein durch Ihre bewusste Absicht Chi in Ihrem
Körper überall hinlenken zu können. Dabei nutzen Sie alle 16 Grundkomponenten
des Nei Gung.

300
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

Die Kreisform des Nei Gung


Wir wollen nun noch einmal zum kreisförmigen Prinzip der 16 Grundkomponenten
des Nei Gung zurückkehren.

• Während Ihres ersten Umlaufs um den Kreis des Nei Gung werden Sie Ihr Chi
indirekt erfahren und damit arbeiten.

• Im zweiten Umlauf um den Kreis des Nei Gung, der erst begonnen werden
kann, nachdem Sie die kreisförmige Atmung beherrschen, können Sie direkt
mit Chi arbeiten. Sie praktizieren die 16 Grundkomponenten des Nei Gung
nun in einer erheblich größeren Tiefe, bis Ihre Absicht und die Manifestation
von Chi genau und äußerst geübt werden.

• Beim dritten Umlauf werden Sie über Chi Gung hinaus und in den Bereich der
Meditation weitergehen. Im taoistischen Denken bestimmt Chi darüber, w i e
gut der Mensch seine Funktion erfüllt und sein Potential erreicht. Außerdem
kommt hier noch etwas ins Spiel, das die Chinesen als Yuan Chi bezeichnen:
die universelle Energie, welche die riesigen Strukturen des Universums (Gala-
xien, Sterne, Planeten usw.) erschafft und bewegt. Im dritten Umlauf um den
Kreis des Nei Gung werden Sie die Aufgabe haben, dieses universellen Be-
wusstseins gewahr zu werden und damit zu arbeiten. Das ist der W eg des Tao.

N E I G U N G 2: Energie bewegen
Viele Methoden können Ihnen dabei helfen, Ihr Chi zu spüren, damit Sie es problem-
los überall dorthin lenken können, wo es am nützlichsten ist und am wirksamsten
arbeitet. Einige dieser Methoden beschäftigen sich damit, w i e Sie die Energie auf
spezielle Weise in bestimmten Energiekanälen freisetzen, umwandeln und auflösen
können.
Mit einer Technik werden Sie lernen, Chi auf einer Seite Ihres Körpers nach unten
und entweder auf derselben oder der anderen Seite wieder nach oben fließen zu
lassen. Mittels anderer Techniken lenken Sie Chi horizontal um Ihren Rumpf und
aktivieren Ihre Seitenakupunkturbahnen, von denen der Dai Mai der wichtigste ist.
Bei einer weiteren Technik, die als „Einhüllen" bezeichnet wird, werden alle diese
Seitenmeridiane dadurch aktiviert, dass Chi durch das Bindegewebe zwischen der
Vorderseite Ihres Rumpfes und Ihrer Wirbelsäule gelenkt wird.

301
Kapitel 13

N E I G U N G 3: Körperausrichtungen
Das Thema der genauen Körperausrichtungen gewinnt nach und nach immer mehr
an Komplexität. In Kapitel 9 haben Sie die Crundausrichtungen für die Standform
erlernt. Auf den nächsten Stufen werden Sie lernen, allmählich eine größere Be-
wusstheit und Beherrschung spezieller Körperausrichtungen, ihrer Verbindung zu
anderen Ausrichtungen und ihrer physischen, emotionalen und mentalen Wirkungen
zu entwickeln.
Diese Körperausrichtungen sind außerordentlich genau. Sie kommen in allen
Teilen Ihres Körpers vor und sind oft nicht unmittelbar zu erkennen. Sie alle schaffen
den notwendigen Raum um Ihre Körperstrukturen und hindern diese daran, dass
sie in sich zusammenfallen oder zu fest zusammengepresst oder übermäßig locker
werden.
Verschiedene Ausrichtungen existieren in perfekt zueinander passenden Paaren,
von denen jeweils ein Teil das Gegenstück dazu veranlasst, Druck und Chi-Fluss in
Ihrem Körper ansteigen oder fallen zu lassen. Außerdem gibt es einige komplexe
und sehr feine Ausrichtungen in Ihrer Bauchhöhle.
Es gibt auch Methoden, um Ihr Chi in Ihren energetischen Kanälen, Punkten und
Zentren, in Ihrer Aura sowie auch mit Ihren Emotionen und Gedanken zu koordi-
nieren und auszurichten. In der taoistischen Meditation gehen die Ausrichtungen
noch weiter und beeinflussen den psychischen und karmischen Bereich.
Zu den speziellen Techniken, die Sie erlernen, gehören:

• die Rückseite Ihrer Knie- und Fußknöchelgelenke zu öffnen

• mehr Raum im Inneren Ihres Zwerchfells zu schaffen

• Ihren Kopf auf eine genau festgelegte Weise zu halten, um bestimmte Effekte
im Geist und in den Emotionen hervorzurufen

• die Bewegung des Blutes durch die Blutgefäße zu lenken

• das Steißbein, das Kreuzbein, die Wirbelsäule und die Hüften genau auszurich-
ten und durch kleine Bewegungen in diesen Ausrichtungen auf den Energiefluss
einzuwirken

• das Kwa und das Schulternest auf beiden Körperseiten zu öffnen. Dazu gehört,
sie physisch und energetisch miteinander zu verbinden, damit Sie Ihre inneren
Organe in die bestmögliche Position bringen und ihre Funktionsweise, die
Blutzirkulation und die in ihnen vorhandene Energie optimieren können.

302
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

N E I G U N G 4: Auflösen
Durch fortgeschrittene Techniken für den äußeren Auflösungsprozess erlernen Sie
spezielle Anpassungen, die dazu genutzt werden können, um Chi überall aufzulösen
- nicht nur bei sich selbst, sondern potentiell auch bei einem anderen Menschen. An-
dere Techniken zeigen Ihnen, wie Blockaden in Ihrem Ätherkörper aufzulösen sind.
Mit wieder anderen Methoden lernen Sie, von Ihrem unteren Tantien nach oben, zu
ihm hin und von ihm fort und in mehrere Richtungen gleichzeitig aufzulösen.
Der innere Auflösungsprozess der taoistischen Meditation versucht dasselbe
für Ihre Emotionen, Gedanken, psychischen Wahrnehmungen und das Karma zu
erreichen.

N E I G U N G 5: Die Haupt- und


Neb enakupunkturb ahnen
Sie haben zwölf Haupt- und zwölf außergewöhnliche oder sekundäre Akupunktur-
bahnen sowie mehr als 700 Akupunkte (siehe Abb. 15-4). Diese Energiekanäle
sind in Ihrem Wei Chi lokalisiert; dabei handelt es sich um eine Chi-Schicht im
subkutanen Gewebe zwischen Ihrer Haut und Ihren Muskeln.
Bei dieser Komponente des Nei Gung lernen Sie, Energie bewusst durch jede
Akupukturbahn zu lenken und sie mit anderen zu verbinden. Sie lernen auch, w i e
Energie durch jeden Kanal und Akupunkt aufzunehmen und freizusetzen ist, und
wie Sie Energie an verschiedenen Akupunkturbahnen und Akupunkten in unter-
schiedlichen Stellungen vibrieren lasen können.
Auf den weiter fortgeschrittenen Stufen lernen Sie, die Verbindungen zwischen
Ihren Akupunkturbahnen, dem rechten, linken und zentralen Energiekanal und den
Energien Ihres Ätherkörpers zu spüren und zu beherrschen.

N E I G U N G 6: Beugen und Dehnen


Zum Dehnen gehört der Versuch, Ihre Muskelfasern und Bindegewebe entweder
entlang der Muskeln oder, bei noch differenzierteren Techniken, an ihren Ansatz-
stellen zu verlängern - dort also, wo Muskeln, Bänder und Sehnen aneinander
befestigt sind. Bei der taoistischen Energiearbeit ist die Muskelstreckung lediglich

303
Kapitel 13

von sekundärer Bedeutung. Zu den wichtigsten Aspekten beim Beugen und Dehnen
gehört, dass Sie Ihr weiches Körpergewebe und die Muskelfaszien in der Richtung
bewegen, w ie Sie die Energie in Ihren Akupunkturmeridianen fließen lassen möch-
ten. Diese Komponente des Nei Gung aktiviert die Energieströme in Ihren Yin- und
Yang-Meridianen, denn sie bewirkt, dass sich alle Gewebe unter Ihrer Hautober-
fläche in einer bestimmten Richtung bewegen.
Im westlichen Körpertraining löst die Muskelstreckung in einer Richtung Kon-
traktionen in anderen Muskeln aus. Beim Nei Gung verursachen Bewegungen in
einer Richtung Passivität anstelle von Muskelkontraktionen in der entgegengesetzten
Richtung. Wenn Sie die Bewegung entlang eines bestimmten Akupunkturmeridians
oder Energiekanals aktivieren, werden sich die Muskeln und das Gewebe nur in
dieser Richtung bewegen. Sobald Sie lernen, Bewegungen in Ihrem Körper in einer
einzigen Richtung nur mit Ihrer Energie einzuleiten, wird keine Zusammenziehung
oder Anspannung von Muskeln mehr dafür erforderlich sein, um die Körperbewe-
gungen des Chi Gung und Tai Chi auszuführen.

N E I G U N G 7: Öffnen und Schließen


Die Aktivitäten des Öffnens und Schließens, auch als Pulsieren bezeichnet, treten
in jedem Teil Ihres physischen Körpers, Ihrer Energiekanäle und Ihres Ätherkörpers
auf. Dabei bedeutet Öffnen, auszudehnen, größer zu werden oder nach außen zu
fließen und auszustrahlen. Öffnen hat nicht die Nebenbedeutung von Spannung,
Zusammenziehung oder Kraftanstrengung in der Bewegung, sondern bezeichnet
nur den ständigen, nach innen gerichteten Fluss zu einem Ausgangspunkt.
Spezielle Techniken sollen Sie dazu befähigen, Zwischenräume zu öffnen und zu
schließen: in Ihren Gelenken und Ihrer Wirbelsäule, in und zwischen Ihren inneren
Organen, allen Körperflüssigkeiten, in Energiekanälen, Energiepunkten und -Zentren
innerhalb Ihres Körpers und in den mit Ihnen verbundenen Energiefeldern.
In diesem Teil des Nei-Gung-Systems lernen Sie, jedes Körperteils gewahr zu
werden, der das Potential zur Bewegung besitzt, und diesen dann willentlich zu
öffnen und zu schließen. Dieses Öffnen und Schließen ist von essentieller Bedeu-
tung und bildet die Basis dafür, um innerhalb des physischen Körpers verstehen zu
können, wi e die Yin- und Yang-Energien funktionieren und wie Sie Ihr Chi direkt
erfahren können. Dies ist letztlich verantwortlich für die Veränderung der Yin- und
Yang-Funktionen sowohl in Ihnen selbst als auch im Universum.

304
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

Die Methoden des Öffnens und Schließens können unabhängig geübt oder in
einer den ganzen Körper einbeziehenden Weise gemeinsam mit der regulären oder
der Umkehratmung praktiziert werden.

N E I G U N G 8: Der Ätherkörper oder die Aura


Die Energie Ihres Ätherkörpers oder Ihrer Aura verbindet mit den Energien von Körper
und Geist sowie mit den psychischen und spirituellen Kräften des Universums. Zuerst
werden Sie lernen, diese Verbindungen in Ihrem Inneren bewusst wahrzunehmen
und sie zu steuern. Dann lernen Sie, der Energien im Universum gewahr zu werden
und schließlich, Ihre Energien dafür einzusetzen, damit Sie sich in Harmonie mit
dem Universum bewegen können. Wenn Sie die Kraft des Universums aufnehmen
und nutzen möchten, müssen Sie zuerst lernen, Ihre eigenen Energien damit zu
harmonisieren.

NEI GUNG 9: Die Spiralbewegung


Bei dieser Komponente geht es darum, der kreis- und spiralförmigen Bewegungen
des Chi in Ihrem Körper gewahr zu werden und diese zu steuern und weiter aus-
zudehnen.

Zu den physischen Techniken gehören:

• kreis- und spiralförmige Körperbewegungen

• Ihre weichen Körpergewebe verdrehen


• Ihre Muskeln an kritischen Verbindungsstellen des Körpers nach innen oder
nach außen wölben

• Ihre weichen Körpergewebe spiralförmig bewegen

Zu den energetischen Techniken gehören:

• bewusstes Gewahrsein in der Absicht einsetzen, um Energiekreise und -Spiralen


in Ihrem Körper und außerhalb von ihm zu erzeugen

• feinfühlig für Energiespiralen werden und sie nutzen

• spiralförmig gewundenes Chi aus Ihrem unteren Tantien aussenden und es über
spezielle Bahnen mit jeder beliebigen Körperstelle verbinden

305
Kapitel 13

N E I G U N G 10: Aufnehmen und Aussenden


Im Chi Gung ist es für die Selbstheilungskräfte, das Heilen durch Handauflegen und
die psychische Heilung, die Meditation und die inneren Kampfkünste von zentraler
Bedeutung, dass Sie lernen, Chi willentlich von jeder Stelle innerhalb oder außerhalb
Ihres Körpers aufnehmen und dorthin aussenden zu können.
Zu den Lernstufen dieser Komponente des Nei Gung gehören:
• Chi von Ihren drei Tantien aufnehmen und aussenden

• die Ausrichtung Ihrer bewussten Absicht klar beherrschen lernen


• Ihren Geist zur Ruhe bringen, damit er ganz dessen gewahr sein kann, was es be-
deutet, Chi unter verschiedenen Umständen aufzunehmen und auszusenden

N E I G U N G 11: Die Wirbelsäule


Es gibt vieleTechniken, um sämtliche Energien Ihres Wirbelsäulensystems und seiner
Beziehungen zu Ihren drei Tantien aufzuwecken und zu beherrschen. Ihr Wirbelsäu-
lensystem besteht aus den Rückenwirbeln, der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit und
dem Rückenmark. Durch diese Techniken wird es Ihnen ermöglicht, Rücken- und
Nackenprobleme zu beheben und unter Umständen sogar Bandscheiben wieder
zu regenerieren.
Die in diesem Buch gelehrte Wirbelsäulendehnung ist eine vorbereitende Übung
für diese Komponente des Nei-Gung-Systems. Mittels anderer Techniken werden
Sie die folgenden Bewegungen genau kontrollieren lernen: die Bewegung jedes
Wirbels in allen Richtungen, unabhängig von der Muskelbewegung; die Bewegung
der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit; und die Bewegung der Gehirnplatten. Weitere
Techniken beschäftigen sich mit dem inneren Pumpen, um die Zwischenräume
zwischen Ihren Wirbeln zu vergrößern, zu verringern oder auf eine andere Weise
zu beeinflussen; dadurch können Sie Probleme in Verbindung mit verrutschten oder
degenerierten Bandscheiben lindern oder kurieren.
Mit fortgeschritteneren Techniken lernen Sie, direkt mit den Energien, die durch
die verschiedenen Schichten Ihres Rückenmarks laufen, zu arbeiten.

306
Afei Gung: Das Herzstück der taoistischen Energieübungen

N E I G U N G 12-15: Der linke, rechte und zentrale


Energiekanal und die drei Tantien
Aus taoistischer Sicht muss der Praktizierende, um die Nei-Gung-Komponenten 12
bis 15 wirklich erlernen und aktivieren zu können, eine stabile Grundlage in den
differenzierteren Aspekten der ersten 11 Komponenten besitzen und dazu in der
Lage sein, diese nahtlos zu einem Ganzen zu integrieren. Nur wenn das erreicht
ist, können sämtliche Komponenten des Nei Gung tatsächlich verbunden und mit
Ihrem rechten, linken und zentralen Energiekanal sowie den drei Tantien koordiniert
werden (Abb. 15-2 und 15-3). Dadurch kann sich die potentielle Kraft des Nei Gung
dann voll und ganz erweisen,

N E I G U N G 16: Integration
Sämtliche Komponenten des Nei-Gung-Systems müssen in Ihrer Praxis miteinander
integriert werden, bis eine einzige, vereinte Energie daraus entsteht. Das Ziel dieser
Integration ist, dass Sie die Kraft des Nei Gung mühelos für alle Aspekte Ihres Le-
bens nutzen können. Es ist vorteilhaft, wenn Sie erkennen, dass die Stabilisierung
der Energie in Ihnen etwas anderes ist, als lediglich vorübergehende energetische
Zustände oder Erfahrungen herbeizuführen.
Alle Komponenten des Nei Gung sind hilfreich für die Kampfkünste, die Medi-
tation, die Selbstheilung und die Heilung anderer.

Chi Gung ist die Grundlage


für Shen Gung
In China wird der esoterische Aspekt des Chi Gung oder Nei Gung als Shen Gung,
„spirituelle Kraft", bezeichnet. Shen bedeutet höherer Geist (spirit) und Gung ist die
Kraft oder die Praxis, die Sie dazu befähigt, etwas zu tun. Shen Gung soll psychi-
sche und mystische Kräfte entwickeln, w i e beispielsweise Hellsehen, die Fähigkeit,
durch Wände zu gehen, auf Wasser zu gehen und die Toten wieder zum Leben zu
erwecken usw.

307
Kapitel 13

Viele religiöse Praktiken besitzen esoterische Überlieferungen mit Geschichten


und Mythen darüber, was ihren Praktizierenden möglich ist. In Indien und Tibet
werden diese übernatürlichen Kräfte als Früchte der Verwirklichung gesehen und
Siddhis genannt. In China werden die besonderen, durch die Praxis erlangten Fä-
higkeiten als te i gung neng bezeichnet. In der indischen Yoga-Tradition werden
psychische Kräfte durch Pranayama, Mantras und die innere Arbeit mit den Chakras
entwickelt, im tibetischen Buddhismus durch sa lung (Wind und Kanäle) und tumo
(Yoga der Inneren Hitze) und im Taoismus durch Shen Gung.
Alle östlichen Traditionen erklären, dass diese Kräfte oder spirituellen Gaben
dem Menschen innerlich zugehörig sind, doch noch durch tief gehende spirituelle
Praxis zugänglich werden und entwickelt und verwirklicht werden können. Die
Aufnahme des Nei Gung in das Chi Gung oder andere taoistische Energieübungen
bietet die Grundlage dafür, die zum Studium des Shen Gung führen kann - doch
nur dann, wenn ein Praktizierender einen authentischen Lehrer davon überzeugt,
dass er dazu bereit ist.
Diese esoterischen Praktiken, aus welcher Tradition sie auch stammen mögen,
werden selten erwähnt oder überhaupt gelehrt. Ihre Existenz ist ein höchst umstrit-
tenes und heiß diskutiertes Thema. Der Verfasser liefert keinen Nachweis, ob diese
Praktiken existieren oder nicht, und kann nur sagen, dass Shen Gung traditionell
als ein Teil der höheren Lehren des Nei Gung betrachtet wird.

Abbildung 15-4

308
Nachwort

Eine reiche Mitgift an Chi ist unser Geburtsrecht


In den asiatischen Kulturen sind im Laufe der Geschichte viele Methoden entwickelt
worden, die den Menschen eine weit über das Normale hinausreichende Vitalität
vermitteln. Die meisten dieser in China entstandenen Techniken hat man jahrhun-
dertelang geheim gehalten. Ich glaube aber, dass nun die Zeit dafür gekommen ist,
alle Menschen an diesem wertvollen, der Gesundheit dienenden Wissen teilhaben
zu lassen.
Aus der Sicht der alten Taoisten wird der überwiegenden Mehrheit der Menschen
bei der Geburt reichlich Lebensenergie mitgegeben. Irgendwann jedoch, wenn
man nicht immer vernünftig und gesund gelebt hat (was heute auch zunehmend
schwieriger wird), beginnt diese ansehnliche energetische Mitgift zu schwinden,
und es muss zusätzliche Energie erworben werden. Ein frischer Grashalm, ein junger
Baum und kleine Kinder sind weich und biegsam. Mit dem eintretenden Alter wird
das Gras hart und spröde, der Baum trocken und brüchig, und ältere Menschen
werden steif, bis sie sich kaum noch bewegen können.

Das Erfolgsrezept: Regelmäßiges Üben


Wie schon die alten Taoisten beobachteten, fördert Beweglichkeit und Geschmei-
digkeit die Lebensenergie ganz entscheidend. Die Chi-Gung-Elementarübungen in
dem vorliegenden Buch schaffen die notwendige Grundlage, mit der Sie diese Qua-
litäten wiedergewinnen können, doch solch ein Weg erfordert Zeit und Ausdauer.
Während die theoretischen Informationen in diesem Buch an sich schon interessant
sein mögen, erschließt sich ihr wahrer Wert aber nur durch eine regelmäßige Praxis
dieser Übungen. Probieren geht über Studieren - und nur in der Praxis zeigt sich
die Bewährung.
Wer mit dem Gedanken spielt, Tai Chi Chuan oder eine innere Kampfkunst zu
erlernen, wird herausfinden, dass die hier dargestellten Elementarübungen des Chi
Gung den Lemfortschritt erheblich beschleunigen werden. Ich habe in den Verei-
nigten Staaten und in Europa Leute gesehen, die schon zehn oder fünfzehn Jahre
Tai Chi Chuan praktizierten und dennoch nicht mit den inneren Grundprinzipien
vertraut waren. Diese Prinzipien, die ein Teil der Elementarübungen sind, hätten sie

309
bei authentischem Tai Chi schon im ersten Jahr von ihren Lehrern erfahren sollen.
Wenn Sie also daran denken, Tai Chi oder eine innere Kampfkunst zu erlernen, ist
dies die bestmögliche Grundlage dafür.
Für alle anderen, die sich nicht auf die komplizierten und übungsintensiven Be-
wegungen des Tai Chi einlassen, aber trotzdem einige seiner mentalen und körper-
lichen Vorteile nutzen wollen, sind diese Grundübungen zum Öffnen der Energietore
des Körpers wie geschaffen. Wenn diese Vorteile Sie später wirklich dazu anregen
sollten, Tai Chi, Hsing-I oder Ba Gua zu erlernen, besitzen Sie schon eine optimale
Grundlage und werden den meisten Anfängern weit voraus sein.

310
Anhang

A. Leitlinien für die Praxis


Üben, bis sich die Gelenke wie gut geölt anfühlen
Häufig gelangt man bei der Standform an einen Punkt, wo man das Gefühl hat, jetzt
sei es genug - der Körper möchte sich nun bewegen. Dann ist es Zeit, mit den Wol-
kenhänden anzufangen. Üben Sie die Wolkenhände so lange, bis die Verspannung
und Steifheit des Körpers langsam verschwindet und die am stärksten von Immobilität
betroffenen Partien sich lockern. Stellen Sie sich vor, wie die ausgetrockneten Stellen
im Inneren des Körpers feucht und gleitfähig werden, insbesondere die Gelenke,
die Hüften, die Wirbelsäule und der Taillenbereich. Wenn der Körper sich dann wie
gut geölt anfühlt, gehen Sie zu der ersten Schwungübung weiter. Arbeiten Sie nach
diesem Prinzip bei allen Schwungübungen: Wenn es wie „geschmiert" läuft, kommt
die nächste Schwungübung. Wenn Sie mit diesen Übungen erst einmal vertraut sind
und sie beherrschen, reichen erfahrungsgemäß drei bis fünf Minuten Wolkenhände
und bis zu zwei Minuten pro Schwungübung aus. Je mehr Zeit (natürlich nur bis
zu einem gewissen Grade) Sie den Schwungübungen widmen, um so gleitfähiger
werden die Gelenke.

Bei Schmerzen langsamer und mit kleineren


Bewegungen üben
Wenn aufgrund von Überlastung Schmerzen auftreten, setzen Sie Ihre Übung ein-
fach mit der nächsten Schwungübung fort. Bei starkem Schmerz unterbrechen Sie,
ruhen sich aus und entscheiden, ob Sie für diesen Tag besser mit der Praxis aufhören
sollten. Für diese Übungen gilt als unbedingte Regel, Ihren Körper vor Schaden und
Verletzungen zu bewahren.
Nun erscheint es angebracht, zwischen natürlicher Beanspruchung durch eine
Bewegungs- oder Dehnübung und dem Schmerz durch Verletzung zu unterscheiden.
Schmerzen in einem Gelenk bedeuten, dass Sie sofort abbrechen und die Übungs-
beschreibung noch einmal sorgfältig studieren sollten. Wenn Sie trotz korrekter

311
Ausführung in einem Gelenk Schmerz verspüren - gleichgültig, ob es sich um ein
Ellbogen-, Knie-, Schulter- oder Handgelenk handelt -, kann es sein, dass Sie sich
überanstrengt haben oder dass eine alte Verletzung wieder aufbricht. In beiden Fäl-
len sollten Sie Umfang und Tempo der Bewegungen verringern; wenn der Schmerz
trotzdem anhält, gehen Sie gleich zur nächsten Schwungübung weiter. Wenn die
Beschwerden auch dann noch zu spüren sind, reduzieren Sie den Bewegungsum-
fang so lange, bis der Schmerz endgültig verschwindet. Auf gar keinen Fall sollten
Sie versuchen, die Gelenkschmerzen gewaltsam durchzustehen. Die gleichen Vor-
sichtsregeln gelten auch für die Praxis von Tai Chi, Hsing-I, Ba Gua und überhaupt
für alle inneren Übungssysteme.
Das gesamte weiche Körpergewebe ist ein weiterer rücksichtsvoll zu behandeln-
der Faktor. Die subtilen Chi-Gung-Bewegungen können in den weichen Gewebs-
schichten unter Umständen brennende oder stechende Schmerzen hervorrufen. Wer
auf die harte Weise lernen will , wird schnell merken, wann er zu weit gegangen ist.
Bei heftigen Schmerzen sollten Sie sofort aufhören, es sei denn, Sie hätten einen
erfahrenen Meister zur Seite. Alle Sportler müssen ihre Belastungsgrenzen ken-
nenlernen. Wenn Sie noch zu wenig Erfahrung haben, ist es auf jeden Fall besser,
übervorsichtig zu sein. Leichte Schmerzen im weichen Körpergewebe sind ganz
normal, starke Schmerzen sollten Sie aber am besten vermeiden.
Die meisten Menschen wissen nicht, wo ihre Grenzen liegen, und schießen
deshalb leicht übers Ziel hinaus. Das trifft besonders auf die sogenannten Sonntags-
sportler zu. Während eine kurzzeitige Überlastung von ein paar Sekunden kaum
nennenswerte Schäden verursacht, wird eine Überforderung über längere Zeiträu-
me deutliche Spuren hinterlassen. Natürlich sind die Schmerzgrenzen individuell
verschieden, da die Belastbarkeit von verschiedenen Faktoren, wie zum Beispiel
Alter, Gewicht, Konstitution und Trainingserfahrungen, abhängt.

Nicht die Kniegelenke überlasten!


Die Überlastung von Muskeln endet im schlimmsten Fall mit einer Zerrung. Die
meisten Praktizierenden beenden die Übung aufgrund des damit verbundenen
Schmerzes rechtzeitig, bevor es dazu kommt. Ein verzerrter oder überanstrengter
Muskel erholt sich innerhalb weniger Tage, Wochen oder - schlimmstenfalls-Mo-
nate. Sehnen-, Bänder- und Gelenkschäden können dagegen ein Leben lang bleiben
und unter Umständen sogar operative Hilfe erfordern. Gehen Sie deshalb mit Ihren
Gelenken vorsichtig um. Muskeln wachsen nach, Gelenke sind unersetzlich.

312
Für die meisten Menschen sind Schmerzen in den Knien oder Fußknöcheln ein
Hinweis darauf, dass sie etwas höher stehen müssen. Da wir in einer Kultur leben,
die den Oberkörper betont, haben wir ein eher unterentwickeltes Gefühl für die
Gelenke im Unterkörper. In den Kampfkünsten führt dieser Mangel allzu häufig zu
Knieproblemen. Die inneren Kampfkünste sind in China bekannt dafür, Rücken- und
Gelenkschäden reparieren zu können. Wenn Sie Ihre Gelenke jedoch überlasten,
können Drehbewegungen bereits angegriffenes Gewebe zusätzlich schwächen und
alte Verletzungen noch verschlimmern. Die Chi-Gung-Elementarübungen können
bei korrekter Ausführung ausgesprochen nutzbringend sein, aber auch - wie jede
andere Bewegungsübung - denjenigen schaden, die heldenhaft über ihre Grenzen
hinausgehen wollen.

Hinweis für Tanz- und Bewegungskünstler


Gehen Sie bei Müdigkeit und Erschöpfung zur folgenden Schwungübung weiter.
In der Regel geben sich Tänzer und andere Bewegungskünstler nur mit maximalen
Übungszielen zufrieden. Dieser Ehrgeiz verleitet sie dazu, nicht nur so lange zu
üben, bis die Gelenke gut geölt scheinen, sondern bis sie das Gefühl haben, dass
diese sich scheinbar auflösen oder sogar ohne Knochen zu sein. Erst dann sind sie
bereit für die nächste Übung. Es ist sehr schwierig, hier Zeitangaben zu machen,
weil Sie die Wolkenhände oder jede der Schwungübungen möglicherweise eine
Stunde (oder auch mehrere Stunden) hintereinander praktizieren können. Das ist
individuell ganz unterschiedlich, und nur ein erfahrener Lehrer kann im direkten
Kontakt genaue Aussagen darüber machen. Grundsätzlich sollten Sie jedoch bei
den ersten Zeichen für Überanstrengung an einem Gelenk zur folgenden Übung
wechseln. Das Kunststück liegt darin, die durch den Organismus fließende Ener-
giemenge zu optimieren, ohne dabei die Grenze zur Erschöpfung zu überschreiten.
Das erreichen Sie nur durch Selbstbeobachtung während des Übens, was sowohl
zum direkten Verstehen und Erfahren Ihrer Grenzen als auch der Stärken und Mög-
lichkeiten Ihres Körpers und Geistes führt.

Hinweis für Kampfkünstler


Visualisieren Sie bei den Chi-Gung-Elementarübungen keine Kampfanwendungen.
Die eben behandelten Probleme, Erschöpfung und Überlastung der Gelenke,
gelten ebenfalls für Kampfkünstler. Diese tendieren außerdem dazu, sich alle mögli-
chen Kampfanwendungen vorzustellen, die ja auch tatsächlich mit diesen Übungen
zusammenhängen. Damit laufen Sie aber Gefahr, sich - mit oder ohne Absicht - völ-

313
lig in die kämpferisch orientierten Anwendungen hineinziehen zu lassen und Ihre
körperlichen Grenzen zu vergessen. Vermeiden Sie diesen Fehler, denn er führt nicht
nur zu einer Schädigung der Gelenke, sondern kann auch mentale Blockaden in
den Kampftechniken hervorrufen.

Die beste Übungszeit


Die optimalen Übungszeiten werden von den meisten Menschen möglicherweise
nicht zu realisieren sein. Wie bei fast allen anderen Energieübungen beginnt die
beste Übungszeit für die Chi-Gung-Elementarübungen etwa zwei Stunden vor Ta-
gesanbruch. Dann ist die Erde am stillsten und die seelische Unruhe am geringsten.
Eine weitere gute Übungszeit ist der frühe Morgen, etwa bei Sonnenaufgang. Üben
Sie am Morgen am besten auf nüchternen Magen, so dass der Körper keine Energie
an die Verdauung abgeben muss. Frühstücken Sie erst nach dem Training.
Der frühe Abend bietet sich ebenfalls als passende Übungszeit an. Sie sollten aber
nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen trainieren, weil diese Übungen Energie
erzeugen. Wenn Sie kurz vor dem Zubettgehen üben, beginnen Sie mit der ersten
Schwungübung, dann folgt die Wirbelsäulendehnung und dann noch einmal die
erste Schwungübung - jetzt aber so, als ob Sie auf Ihren Füßen fast einschlafen.
Lassen Sie alle verbliebene Spannung in den Boden sinken.
Für Nachteulen empfiehlt sich die Zeit zwischen Mitternacht und drei Uhr mor-
gens zum Üben, weil besonders die stadttypischen Belastungen und psychischen
Erregungen in dieser Nachtphase abflauen. In diesen Stunden beginnt die natürliche
Phase, in der sich der Körper mitYang-Chi auflädt; die Chi-Gung-Praxis zu dieser
Zeit verstärkt diesen Vorgang noch. Normalerweise verlieren die Nachteulen ihr
Yang-Chi, weil sie in diesem Zeitraum nicht schlafen, was aber durch die Chi-Gung-
Praxis abgemildert wird. Dies ist auch die perfekte Übungszeit für den Wechsel bei
den Schwungübungen.
Und vergessen Sie nicht: Es ist besser, zu jeder beliebigen Zeit zu üben, als
überhaupt nicht.

Die Übungshäufigkeit
1. Normale Praktizierende üben mindestens drei- bis fünfmal in der Woche
Die erste Frage, die gestellt wird, hat meistens damit zu tun, wie lange oder
wie oft diese Übungen praktiziert werden sollen. In den ersten drei Jahren ist es
empfehlenswert, die Chi-Gung-Elementarübungen wenigstens an drei oder vier

314
Tagen pro Woche mindestens zehn bis zwanzig Minuten zu üben. Die tägliche
Übung wäre allerdings am besten.

2. Kampfkünstler üben täglich


Wenn Sie Tai Chi oder eine andere innere Kampfkunst praktizieren, sollten Sie
nach ungefähr drei Jahren so viel Erfahrung haben, dass Sie Ihre Übungszeiten
selbst bestimmen können. Im Idealfall sollten Sie jedoch täglich üben. Beginnen
Sie Ihr tägliches Programm mit allen Übungen der Energietore zum Aufwärmen
vor Ihrem Haupttraining, und schließen Sie die Übungseinheit als Ausklang mit
den Schwungübungen und der Wirbelsäulendehnung ab. In diesem Zusammen-
hang reichen etwa drei Minuten für die Schwungübungen.

3. Läufer und Leistungssportler üben zum Aufwärmen und zum Ausschwingen


Sportler wie Läufer oder Teil nehmer an anderen Wettkämpfen werden feststellen,
dass sie nach dem Wettkampf auftretende Spannungen und Energieblockaden am
effizientesten mit den Schwungübungen und der Wirbelsäulendehnung abbauen
können. Diese Übungen verkürzen die Regenerationsphase erheblich und un-
terstützen den Körper darin, vor der nächsten Aktivität locker und geschmeidig
zu werden.

4. Büroangestellte üben in den Mittagspausen und bei kurzen


Arbeitsunterbrechungen
Die Schwungübungen und die Wirbelsäulendehnung sind besonders empfehlens-
wert für Berufe mit extremer geistiger Anspannung. Üben Sie ein paar Minuten
in einer Kaffeepause, wenn der Stress schon zu spüren ist, aber bevor er sich
festsetzen konnte. Eine einzige Minute Stresslinderung in diesem Stadium hat
unschätzbaren Wert. Wenn Sie nur kurz Zeit haben, machen Sie wenigstens die
Schwungübungen.

Chi Gung zum Stressmanagement


Wer hohen beruflichen Belastungen ausgesetzt ist, sollte genau verstehen, wie Stress
funktioniert. Zunächst wird das Nervensystem überreizt und dann arbeitet sich der
Stress tief in den Körper hinein. Man kann die Wirkungsweise von Stress mit Zement
vergleichen, der am Anfang sozusagen noch nass und flüssig ist und schon nach ver-
hältnismäßig kurzer Zeit hart zu werden beginnt; das heißt, die Zusammenziehung
und Verengung der Nerven und Organe hält an und setzt sich fest. Der Stress vom

315
Morgen verfestigt sich etwa um die Mittagszeit; der danach angesammelte Stress
setzt sich am Abend bzw. am Ende des Arbeitstages ab.
Fünf Minuten für die Praxis der Schwungübungen oder der Wolkenhände während
einer Kaffeepause am Vormittag oder Nachmittag können den Stress eines ganzen
Arbeitstages in der Tat wegfegen und den „Zement" nass halten. Gut zehn Minuten
in der Mittagspause bringen die morgendliche Frische zurück. Wenn Sie nach der
Arbeit praktizieren, wird der ganze während des Tages angesammelte Stress beseitigt.
Bis jetzt haben wir uns nur damit beschäftigt, wie man den während des Tages
angesammelten Stress loswerden kann. Jede Übung, die über die aktuelle Stress-
verarbeitung hinausgeht, vergrößert Ihre zentralen Energiereserven, die Körper und
Geist in hohen Belastungs- und Krisenzeiten, in Notfällen, in der Rekonvaleszenz
nach einer Krankheit oder einem Unfall zur Verfügung stehen. Diese Chi-Reserven
entscheiden auch darüber, mit welcher Energiequalität Sie später im Leben rechnen
können.

Die Entgiftung des Körpers


Sie müssen immer daran denken, dass diese Übungen in den frühen Stadien der
Praxis (in den ersten Monaten) den Körper dazu veranlassen können, große Mengen
von eingelagerten Giften und Schlackenstoffen auszuscheiden. Das führt zuweilen
zu Gefühlen von Müdigkeit, Unwohlsein und Abneigung gegenüber der Praxis. Die
Körpergifte werden mit dem Schweiß, Urin und Stuhl ausgeschieden. Besonders am
Anfang kann der Schweiß sehr unangenehm riechen. Das geht aber ziemlich rasch
vorüber und schon bald wird Ihr Schweiß relativ geruchlos sein.
Obwohl die Chi-Gung-Elementarübungen und allgemein die inneren Kampfküns-
te kein Ersatz für das Fasten oder vergleichbare Reinigungsmethoden sind, bewähren
sie sich doch als gute zusätzliche Entschlackungstherapien. Wenn erst einmal die
oberen Schichten von Giftstoffen und blockierter Energie befreit sind, spüren Sie
die energetischen Wirkungen dieser Übungen rund um die Uhr.

Besonderer Hinweis für Frauen


Chi Gung regt die Blutzirkulation äußerst intensiv an. Deshalb besteht die Mög-
lichkeit, dass die Menstruationsblutung durch Chi Gung übermäßig stark werden
kann. Wenn sich die Blutung während der Chi-Gung-Praxis tatsächlich verstärkt,
w i r d aus Sicht der chinesischen Medizin empfohlen, die Übungszeit zu reduzieren
oder mit der Praxis ganz aufzuhören, bis die Regel vorbei ist.

316
Besonderer Hinweis für Männer
Wenn Sie nicht gelernt haben, den Chi-Fluss während des Geschlechtsverkehrs zu
regulieren und die Ejakulation zu kontrollieren, sollten Sie drei Stunden vor und nach
dem Geschlechtsverkehr alle Chi-Gung-Übungen unterlassen. Das hilft, unregelmä-
ßigen Chi-Fluss zu vermeiden und übermäßigem Energieverlust vorzubeugen.

B. Die Suche nach einem


qualifizierten Lehrer
Es ist erheblich einfacher, einen guten Chi-Gung-Ausbilder als einen wirklichen
Nei-Gung-Lehrer zu finden. Es gibt nicht nur weitaus mehr Personen, die Chi Gung
und kein Nei Gung lehren, sondern es ist auch schwieriger, von einem Nei-Gung-
Lehrer als Schüler angenommen zu werden; das gilt besonders dann, wenn man
noch nicht viel Erfahrung in Nei Gung gesammelt hat.

Einen Chi-Gung-Lehrer finden


Die Anleitungen zu allen Chi-Gung-Übungen müssen genau befolgt werden. Be-
sonders in der Anfangsphase ist der Kontakt zu einem kompetenten Lehrer wichtig,
damit in den wenigen Fällen, wo Probleme auftauchen, Abhilfe nicht weit ist. Die
Anleitungen in diesem Buch, die den Bewegungen von Chi (nicht den anatomisch-
mechanischen des Körpers) gelten, dürfen nicht allein nach dem gedruckten Text
erlernt werden. Sie sind dafür gedacht, das Verständnis vertiefen, während man
unter der Anleitung eines qualifizierten Lehrers übt.
Der Lehrer muss dazu in der Lage sein, seinen Schülern verbal, nonverbal und am
Beispiel seiner Lebensführung das zu demonstrieren, was die Schüler zu praktizie-
ren versuchen. Wenn das Chi des Lehrers nicht vollständig entwickelt ist und wenn
er sich nicht im hohen Maße entspannen kann, ist es ziemlich unwahrscheinlich,
dass seine Schüler ihr Chi voll entwickeln und sich wirklich entspannen können.
Chi Gung kann man sich nicht auf der intellektuellen Ebene informativ aneignen,
sondern es ist der Prozess, etwas zu werden. Die Person, die Sie sich als Vorbild
wählen, wird auch ihre Energie auf Sie übertragen. Die Qualität des Chi dieser
Person wird darüber entscheiden, was Sie aus dieser wechselseitigen Beziehung
empfangen.

317
In China drückt man das ganz einfach so aus: „Diese Dinge kann man nur von
jemandem lernen, der es selbst kapiert hat." Viele sportliche oder intellektuelle
Techniken lassen sich von einem guten Trainer lernen, der selbst nur ein mittel-
mäßiger Praktizierender ist. Beim Chi Gung bestimmt dagegen die Verwirklichung
des Lehrers, auf welchem Niveau er seine Entwicklung von Chi an seine Schüler
weitergeben kann. Der ideale Chi-Gung-Lehrer erfüllt zwei Bedingungen: Sein
persönliches Chi ist hoch entwickelt, und dasselbe gilt auch für seine Fähigkeit,
dem Schüler dies zu vermitteln. Ein altes Sprichwort lautet: „Einige Leute sind gute
Lehrer, andere sind gute Praktizierende, und die, welche auf beiden Gebieten gut
sind, findet man sehr selten."
Lassen Sie sich nicht durch schöne Worte täuschen, denn über Chi-Entwicklung
lässt sich viel leichter reden, als tatsächlich daran zu arbeiten. Vergessen Sie auch
nicht, dass asiatische oder chinesische Herkunft allein noch keine Garantie für wirk-
liche Sachkenntnis ist. Nehmen Sie sich die Zeit, um die Lehrer in Ihrer Umgebung
zu testen. Lernen Sie Chi Gung nur bei jemandem, der vertrauenswürdig wirkt. Es
ist wahrscheinlich besser, einige Zeit zu warten, anstatt sich auf das Studium mit
jemandem einzulassen, bei dem Sie sich unsicher fühlen.
Gegenwärtig gibt es im Westen nur eine verschwindend kleine Zahl von Chi-
Gung-Lehrern, die nach traditionellen chinesischen Maßstäben als kompetent ange-
sehen würden. Diese Maßstäbe beruhen auf Erfahrungen und Fortschritten, die ein
paar tausend Jahre zurückreichen und mit hohem persönlichem Einsatz erworben
wurden. O b w o h l diese Maßstäbe in der Regel keinen schnellen und mühelosen
Erfolg garantieren, können alle Schüler durch beharrliches und regelmäßiges Üben
an ihr Ziel gelangen.

W o r a u f bei e i n e m guten Chi-Gung-Lehrer zu achten ist


Bei der Beurteilung eines Chi-Gung-Lehrers sollte Sie zuerst interessieren, ob er
das Chi-Gung-System, das er unterrichtet, selbst mindestens schon seit zehn Jah-
ren praktiziert. Stellen Sie fest, ob er die Tradition seines Meisters auch wirklich
beherrscht - vor allem, wenn dieser aus einem anderen Sprach- und Kulturbereich
stammt. Außerdem sollte der Lehrer ein ausgeglichenes Wesen haben. Wenn er
geistig aufgeschlossen, aufrichtig und tolerant erscheint, haben Sie sicher eine gute
Chance, korrekt behandelt zu werden. Ist das nicht so und Sie spüren, dass man
versucht, Informationen als Lockmittel einzusetzen, dann werden die charakterli-
chen Schwächen des Lehrers wahrscheinlich verhindern, dass er die reine Lehre
weitergibt. Achten Sie bei einem Lehrer unbedingt auf geistige Klarheit, seelische
Ausgeglichenheit und körperliche Fitness.

318
Selbst wenn ein Chi-Gung-Lehrer die genannten Bedingungen erfüllt, kann es
leider immer noch vorkommen, dass er sein eigenes System nicht entsprechend an-
passen kann, wenn etwas damit nicht klappt. Suchen Sie nach einem grundehrlichen
und sorgfältig unterrichtenden Lehrer, der mehrere Chi-Gung-Systeme umfassend
studiert hat und auch weiß, wie sie sich zueinander verhalten. Zumindest sein eige-
nes System sollte er bis ins letzte Detail beherrschen, so dass er Ihnen bei Problemen
bereitwillig und kompetent zur Seite stehen kann. Viele Chinesen haben schon als
Kinder Chi Gung gelernt und unterrichten jetzt bei uns Erwachsene, ohne sich klar
darüber zu sein, dass der Lernprozess bei Kindern anders als bei Erwachsenen ist.
Unterhalten Sie sich mit den Schülern eines Lehrers und versuchen Sie, sich ein
Bild von ihrer Praxis zu machen. Finden Sie heraus, ob die Auskünfte mit Ihren
Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmen. In den kommenden Jahren werden
immer mehr Menschen gutes Chi Gung lernen und ein fundiertes Urteil zu angebo-
tenen Chi-Gung-Systemen und Unterrichtsmethoden abgeben können.

Einen Nei-Gung-Lehrer finden


Ich habe seit den 1960er-Jahren mit Chi gearbeitet, woz u auch über ein Jahrzehnt
der Ausbildung in China gehört. Die Entscheidung, ob ein Lehrer dazu qualifiziert
war, Nei Gung zu unterrichten, war weder eindeutig klar noch einfach. Gute und
authentische Lehrer sind besonders im Westen schwer zu finden; sie sind es aber
selbst dann wert, aufgesucht zu werden, wenn Sie dafür weit reisen müssen. Ein
Lehrer, der einiges oder alles aus dem Nei-Gung-System persönlich verkörpert, wird
genauso viel oder mehr an entsprechender Schulung und Erfahrung besitzen wie
jeder Akademiker in seinem speziellen Fachbereich.
Zwar gibt es in China ein Bewertungssystem für Lehrer der taoistischen Ener-
gieübugen, aber nicht im Westen. Das ist einer der Gründe, weshalb die Wissens-
übertragung des Nei Gung im Westen so heikel ist. Um geeignete Lehrer für Ihre
Lernstufe zu finden, ob im Westen oder in China, müssen Sie die folgenden Punkte
berücksichtigen:

• Es gibt weitaus mehr Lehrer, die eine bestimmte Kenntnis einiger Komponenten
des Nei Gung haben, als Lehrer mit einem Wissen auf höherer Ebene. Solche
Lehrer können Sie die Grundinformatioen lehren und dazu veranlassen, Lehrer
der höheren Stufe aufzusuchen.

• Lehrer, die Chi Gung und Tai Chi unterrichten, kennen und lehren vielleicht
wenige, einige oder auch alle 16 Nei-Gung-Komponenten. Aufgrund seiner
ethnischen Abstammung, seines möglichen Ruhms, seiner Vermarktung oder

319
eines mit seinem Namen verbundenen Titels können Sie nicht beurteilen, wie
viel ein Lehrer weiß.

• Sicher, aber auch nicht immer eine „Garantie" sind ältere und möglicherweise
berühmte Meister, deren Geschick und Wert für Schüler sich durch die Zeit
und ihr Ansehen erwiesen hat. Das trifft besonders für diejenigen zu, die sehr
alte und fest etablierte Übermittlungslinien halten.

• Wirklich kenntnisreiche Nei-Gung-Meister mögen Nei Gung vielleicht nicht


gern vollständig lehren und lassen sich nicht leicht davon überzeugen, dies zu
tun oder einen neuen Schüler anzunehmen.

• Ein Lehrer, der weiß, wie Nei Gung bei der Nutzung von Chi anzuwenden ist,
wie beispielsweise bei der Selbstheilung, der persönlichen Gesundheitsvorsorge,
der Heilung von anderen, in den Kampfkünsten oder bei der Meditation, wird
vielleicht nicht wissen, wie Nei Gung in einem anderen Kontext anzuwenden
ist oder selbst keinerlei Schulung in diesen Anwendungsbereichen haben.

• Vielleicht müssen Sprachbarrieren zwischen der chinesischen und Ihrer Mut-


tersprache überwunden werden.

• Menschen, die Jahre damit verbracht haben, auf diesem Gebiet Nachforschun-
gen anzustellen, können Sie in die richtige Richtung weisen. Noch besser ist,
wenn Sie eine Person finden, die sich bei einem anerkannten Lehrer für Sie
einsetzen kann, der Sie als Schüler akzeptieren und nicht abweisen wird.

• Die Skala der Persönlichkeiten von Lehrern und Meistern des Nei Gung kann
von freundlich bis schroff, von bescheiden bis arrogant reichen. Lassen Sie
sich durch das, was Sie als negative Persönlichkeitszüge eines Lehrers wahr-
nehmen, nicht daran hindern, bei jemandem mit echtem und authentischem
Wissen zu lernen.

C. Die Wichtigkeit einer korrekten


Chi-Gung-Praxis
Die überwiegende Mehrheit aller Chi-Gung-Systeme, einschließlich der in diesem
Buch enthaltenen, fördern die Gesundheit zuverlässig und ohne Nebenwirkungen.
W i e jedes andere kraftvolle Werkzeug auch kann Chi Gung jedoch bei inkorrekter
Verwendung Schaden herbeiführen. Es gibt buchstäblich Hunderte von Chi-Gung-

320
Techniken, die ernste gesundheitliche Störungen hervorrufen können. Es wäre un-
möglich, jede einzeln hier zu erwähnen. Allerdings werde ich versuchen, Ihnen
einen gesunden Respekt für die Wirksamkeit der verschiedenen Chi-Gung-Techniken
zu vermitteln und einige Kriterien an die Hand zu geben, mit denen Sie die sicheren
und effizienten Methoden erkennen können.

Jeder Körper ist anders


Menschen reagieren unterschiedlich auf geistige, seelische und körperliche Belas-
tungen. Manche führen ein ausschweifendes Leben und erreichen bei guter Ge-
sundheit ein hohes Alter, während andere sich trotz einer möglichst vernünftigen
Lebensweise mit allen erdenklichen Gebrechen herumschlagen. Der Unterschied
lässt sich durch die Menge an Lebensenergie, mit der Menschen zur Welt kommen,
und die Stärke ihres Nervensystems erklären.
Aus Sicht der chinesischen Medizin hängt die Stressbelastbarkeit von der Ner-
venstärke ab. Wenn der Stress die Belastungsgrenze des zentralen Nervensystems
überschreitet, kommt es zum Nervenzusammenbruch. Die Folge davon sind allerlei
physische, emotionale und geistige Störungen, die möglicherweise für organische
Dysfunktionen und vorzeitigen Tod verantwortlich sind.

Chi fließt durch die Nervenbahnen


Da unterschiedliche Menschen Nervensysteme verschiedener Stärke besitzen,
kommt es darauf an, bei den Chi-Gung-Übungen diese individuellen Ungleichhei-
ten zu berücksichtigen. Genauso wie ein bestimmter Lebensstil den einen aufblühen
lässt und den anderen früh unter die Erde bringt, sind manche Chi-Gung-Systeme
für die einen hervorragend geeignet und für die anderen in der Tat ausgesprochen
gefährlich.
Die Nervenbahnen als Leitungssystem für Chi sind potentiell am stärksten durch
ungeeignete und falsch ausgeführte Chi-Gung-Übungen gefährdet. Während eine
richtige Chi-Gung-Praxis die Nerven stärkt, können sie durch fehlerhafte Praxis
überlastet werden, was zum Ausfall aller angeschlossenen Subsysteme des Körpers
führen kann.
Jede Botschaft vom Gehirn zum Körper oder in der Gegenrichtung durchläuft das
zentrale Nervensystem. Wenn Sie mit den Chi-Gung-Übungen das Zentralnerven-
system direkt beeinflussen, müssen Sie drei Sicherheitsvorkehrungen treffen:

1. Beim Üben müssen die natürlichen Grenzwerte eingehalten werden, andern-


falls riskieren Sie Nervenschäden.

321
2. Die Öffnung neuer Bahnen und Verbindungen muss zu Gesundheit und Wohl-
befinden führen, nicht zu Schwäche oder Krankheit.

3. Dem Körper muss ausreichend Zeit gelassen werden, um sich auf diese ihm
zugeführten neuen Impulse einzustellen, so dass die Signale nicht durchei-
nander gebracht werden. Ein zu hohes Anfangstempo kann körperliche und
mentale Probleme verursachen und sogar zu Halluzinationen führen.

In China hat man durchweg nachweisen können, dass korrekt geübtes Chi Gung
Fehlfunktionen der inneren Organe rückgängig machen und Stressfolgen durch
die Stärkung der Nervenkraft aufheben kann. W i r d es jedoch fehlerhaft praktiziert,
kann es stattdessen sogar Stress verstärken oder Organe schädigen - ähnlich wie
ein Mechaniker mit denselben Werkzeugen ein Auto ebenso beschädigen wie
vollständig reparieren kann.

Ein Sicherheitsvergleich zwischen


Pranayama und Chi Gung
Das Sanskritwort Prana und der chinesische Begriff Chi können beide als „Lebens-
atem" übersetzt werden. Bei der Beschreibung des Pranayama (etwa als „Ener-
giebeherrschung" zu übersetzen) wird in den klassischen Yogatexten stets darauf
hingewiesen, dass die persönliche Aufsicht eines kompetenten Lehrers regelmäßig,
möglichst täglich unbedingt erforderlich ist. Diese Forderung beruht auf den fol-
genden Tatsachen:
• Pranayama ist seiner inneren Natur nach nicht ungefährlich
• Um Schäden zu vermeiden, muss korrekt geübt werden
• Falls aus irgendeinem Grund Probleme auftreten, muss der Lehrer schnell er-
reichbar sein, um einzugreifen, bevor es zu spät ist
• Probleme kündigen sich in so unauffälligen Vorzeichen an, dass sie ein Anfän-
ger kaum wahrnehmen kann. Schon subtilste Ausrichtungen können darüber
entscheiden, ob man richtig übt oder sich selbst Schaden zufügt

Pranayama beruht auf der Atmung


und partieller Kompression
Im Pranayama werden Techniken verwendet, die in einem Körperbereich Energie
stilllegen und in einem anderen aufbauen oder komprimieren. Diese Techniken
bestehen aus der Kombination von spezifischen Körperhaltungen und bewusstem
Einsatz des Atems.

322
An sich ist Pranayama ein äußerst präzise funktionierendes System. W i e bei-
spielsweise in einem Atomreaktor das richtige Verhältnis von Energie und Druck
eingehalten werden muss, so gelten auch im Pranayama strenge Sicherheitsanfor-
derungen. Wenn diese beim Üben nicht beachtet werden, können die individuellen
Folgen verheerend sein.
Im Westen und auch in Indien gibt es viele Fälle, in denen Menschen wegen
fehlerhaften Übens an körperlichen und psychischen Problemen zu leiden haben.
Meistens lässt sich dies auf mangelnde Kompetenz des Lehrers zurückführen, obwohl
auch ein leichtfertiger Umgang mit seinen Anleitungen auf Seiten des Schülers zu
schädlichen Konsequenzen führen kann. Dazu kommt, dass besonders im Westen
viele nur aus Büchern lernen und deshalb nicht wissen, welche potentiellen Pro-
bleme es gibt, wann sie genug geübt haben und welche Übungen nur unter strikter
Aufsicht eines Lehrers erlernt werden dürfen.
Die Probleme, die bei den Pranayama-Übungen auftreten können, liegen nicht
in der Tatsache begründet, dass sie nicht wirksam sind, sondern dass sie vielmehr
allzu gut funktionieren. Wenn eine Technik die Kraft hat, dem Leben zu nützen,
dann entspricht dem manchmal auch ihr zerstörerisches Potential, wenn sie falsch
oder von einem Menschen mit unpassendem Konstitutionstyp geübt wird.

Das Vorteil-Risiko-Verhältnis im Chi Gung


In den Pranayama-Systemen des Hatha-Yoga, die in den authentischen Kundalini-
Prozess einführen und bis zur Stufe der Selbstverwirklichung gehen können, werden
die Vorteile von den möglichen Risiken in etwa aufgewogen. Im Chi Gung ist das
Verhältnis von Nutzen und Schaden viel komplexer. Manche Systeme bieten geringe
Vorteile und hohe Risiken, bei anderen halten sich positive und negative Resultate
die Waage; einige, wie die in diesem Buch beschriebenen Elementarübungen,
bringen bei minimalem Risiko hohen Nutzen.

Chi Gung in China lernen


Selbst in China ist es sehr schwer, einen guten Chi-Gung-Lehrer zu finden. Die
meisten Lehrer geben nur ein System weiter und lehren es so, wie sie es gelernt
haben: rein mechanisch. Sie besitzen kein Grundverständnis, wi e es funktioniert
und wie es in das Gesamtbild des Chi Gung hineinpasst.
Die Chinesen unterscheiden deutlich zwischen Menschen, die einige Chi-Gung-
Techniken kennen, und wirklichen Chi-Gung-Meistern. Das ist in etwa vergleichbar
mit dem Unterschied zwischen jemand, der einen Computer bedient, und jemand,

323
der Computerprogramme entwickelt. Der Erste weiß, wie er die Knöpfe drückt, damit
das System funktioniert; er weiß aber nicht, was zu tun ist, wenn ein Fehler auftritt,
oder wie sich das Sytem für spezielle Bedürfnisse verändern lässt. Der Programmie-
rer oder Computer-Meister andererseits weiß, wie die „Viren" und andere Pannen,
wenn sie auftreten sollten, aus dem System zu beseitigen sind und wie das Pro-
gramm für eine spezielle Anwendung oder einen bestimmten Nutzer einzurichten ist.
Nur selten einmal untersuchen Schüler verschiedene Chi-Gung-Systeme, bevor sie
sich für die Praxis von einem entscheiden; wenn sie mit Chi Gung dann unter einem
bestimmten Lehrer begonnen haben, wird es als illoyal angesehen, andere Lehrer
auch nur aufzusuchen. Das Wort ihres Lehrers wird dann zu einer Art Evangelium.
Dieses geistige Klima erschwert es chinesischen Schülern, in mehr als einem Zweig
des Chi Gung Erfahrungen zu sammeln.

Taoisten betonen den spirituellen H i n t e r g r u nd des Chi G u n g

China ist die älteste, kontinuierlich zivilisierte Kultur auf der Erde, und auf diese
Tatsache sind die Chinesen unglaublich stolz. In der Geschichte haben sie sich
selbst als die einzige zivilisierte Nation auf der Erde betrachtet. Wenn sich diese
Einstellung mit der Erinnerung daran verbindet, wie schlecht der Westen sie in der
Vergangenheit behandelt hat, dann ist es verständlich, dass viele Chi-Gung-Meister
nichts mit Ausländern zu tun haben möchten und insbesondere nicht dazu bereit
sind, eine der Perlen der chinesischen Zivilisation herauszurücken.
O b w o h l viele chinesische Meister der Kampfkünste mir die wirklich wichtigen
Dinge nicht beibringen wollten oder mich sogar fehlerhaft unterrichteten, waren die
Taoisten über kulturelle und persönliche Unterschiede erhaben. Sie fanden es bewun-
dernswert, dass sich jemand aus dem Westen die Zeit nahm und die Mühe machte,
ihre Sprache zu lernen, um etwas (Chi Gung) studieren zu können, das sie selbst für
sehr wichtig hielten. Allgemein waren dieTaoisten in spiritueller Hinsicht hoch ent-
wickelt und vertraten die Ansicht, dass die Entwicklung des spirituellen Lebens über
Zeit, Raum und Kultur hinausgehen würde. Die meiste, in die Tiefe gehende Chi-
Gung-Arbeit, die ich gelernt habe, wurde mir von dieser Gruppe vermittelt; ohne sie
wäre es mir nicht möglich gewesen, aus diesem Thema überhaupt klug zu werden.

Ein Vergleich der Chi-Gung-Systeme


Im Verlauf meiner Studien erkannte ich sehr deutlich, dass bei etlichen Chi-Gung-
Systemen immer ein bestimmter Prozentsatz von Praktizierenden Probleme durch
die Übungen bekam, während andere Formen weder positiv noch negativ sonderlich

324
viel zu bewirken schienen. Ich bemerkte auch, dass einige Systeme einen weiten
Anwendungsbereich besaßen, so dass dieselben Techniken für viele unterschiedliche
Probleme mit Gewinn herangezogen werden konnten. Andere Techniken waren
dagegen sehr speziell. Ein paar Systeme vertrugen sich gut mit anderen Methoden,
manche dagegen überhaupt nicht.
Die folgenden Fallbeschreibungen veranschaulichen einige der Schwierigkeiten,
die aus fehlerhafter Chi-Gung-Praxis entstehen können. In jedem der Beispiele
habe ich den Betroffenen entweder persönlich gekannt oder das Problem ist bei mir
selbst aufgetreten. Ich hatte großes Glück, dass mein erster Lehrer, Wang Shu-Jin,
mich nur absolut sichere Methoden lehrte, aber später habe ich auch eine Reihe
von riskanten Techniken erlernt, von denen einige mich in große Schwierigkeiten
brachten. Ursprünglich hatte ich nicht glauben wollen, dass Chi Gung Probleme
verursachen könnte, doch durch schmerzliche Erfahrungen musste ich erkennen,
dass dies sehr wohl möglich ist.

Fehlerhafte Chi-Gung-Praxis kann Probleme verursachen

In seltenen Fällen kann fehlerhaft ausgeführtes Chi Gung Menschen krank machen
oder ihre geistige und physische Gesundheit verschlechtern. Die Chinesen nennen
dies dzuo huo lu mo, „das Feuer geht zum Teufel".

Fall 1: Ein Ü b e r m a ß an Chi kann schmerzhaft sein

Mein Lehrer Liu Hung Chieh gab seine Übermittlung des Hsing-I und Ba Gua nur
noch an einen anderen Schüler außer mir weiter: Bai Hua. Dieser lehrte seiner-
zeit in Amoy (Xiamen, Provinz Kukien), und der folgende Fall betrifft einen seiner
Schüler.
Bai Hua lehrte diesen Schüler die elementare Hsing-I/Nei-Gung-Technik, Chi
in das untere Tantien sinken zu lassen. Nach etwa zweijähriger Praxis wurde der
Schüler außergewöhnlich stark. Zu diesem Zeitpunkt zog Bai Hua aus Amoy in
eine andere Stadt um. Sein Schüler suchte andere Hsing-I-Meister auf und wollte
von jedem geheime Techniken lernen. Er übte fleißig, denn er hatte bei der ersten
Technik erfahren, wie gut sie funktioniert hatte.
Leider hatte sein Ehrgeiz negative Konsequenzen. Nachdem er die neuen Tech-
niken, von denen eigentlich keine schädlich war, ein Jahr lang geübt hatte, ergaben
sich aus ihrer Kombination alle möglichen Probleme. In seinem Bemühen, das Chi
im unteren Tantien zu verstärken, zwang er seine Lebensenergie schließlich unter
dieses Tantien und in die Genitalien. Dadurch leerte er seinen mittleren Erwärmer

325
(jiao), der für die inneren Organe zuständig ist, und füllte den unteren Erwärmer.
Das Aufbrechen der natürlichen Energieversiegelung zwischen dem mittleren und
dem unteren Erwärmer brachte das Chi seines mittleren Erwärmers in völlige Un-
ordnung. Daraus ergaben sich mentale und physische Probleme, einschließlich
Halluzinationen und unwillkürlichem Samenerguss. Er verlor seine Arbeit, und seine
kurz bevorstehende Heirat musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden.
Es kostete einen Kräuterdoktor und Bai Hua drei Jahre, um den jungen Mann in
einen fast normalen Zustand zurückzuversetzen. Es braucht viel weniger Zeit, Ihr
Chi zu schädigen, als es wieder in Ordnung zu bringen. Stellen Sie sich vor, was es
bedeutet hätte, wenn dies im Westen passiert wäre: Die Chance, wirkliche Experten
für die Behandlung der Probleme dieses Schülers zu finden, wäre ausgesprochen
gering gewesen.

Fall 2: D i e möglichen G e f a h r e n von sexuellem Chi G u n g

Viele Menschen sind heutzutage von den Chi-Cung-Techniken zur Steigerung der
sexuellen Kraft fasziniert. Es gibt zum Beispiel ein System, in dem solche Techniken
praktiziert werden, wie die Energie gewaltsam in Anus und Wirbelsäule hochzuzie-
hen oder immer schwerere Gewichte an Hoden und Penis zu hängen.
Etwa 1970 warnte mich mein erster Lehrer Wang Shu-Jin, ein Mann, der für seine
taoistischen Sexualpraktiken bekannt war, vor diesen Techniken. Als ich meinen
nächsten Lehrer, H u n g l Hsiang, darauf ansprach, sagte mir auch dieser, es wäre eine
sehr schlechte Idee, solche Techniken zu praktizieren. In der Tat hielt er mir einen
einstündigen Vortrag und warnte mich davor, lächerliche Formen des esoterischen
sexuellen Chi Gung zu praktizieren.
Kleinere Probleme kommen dabei ausgesprochen häufig vor. Ich bin vielen Leuten
begegnet, die sich an solchen Techniken der sexuellen Kontrolle versucht und dabei
ihre Sexualorgane geschädigt haben. In diesen Fällen kommt es sehr schnell zu
einer Überforderung des Organismus, besonders dann, wenn die Sexualorgane von
Anfang an genetisch schwach sind. Zu einigen der verbreiteten Probleme gehören
Hodenschwel lungen und innere Blutungen. Während diese Techniken zu verlänger-
ter Erektionsfähigkeit verhelfen mögen, kann der verstärkte Druck das Bindegewebe
und die Gefäßwände schädigen. Auch Frauen können durch ungeeignete sexuelle
Chi-Gung-Methoden Schaden davontragen; so kann es zu Scheinschwangerschaft
und unregelmäßig einsetzenden Perioden kommen.
Eine andere Technik aus bestimmten Kampfkünsten und Chi-Gung-Systemen,
die Männer gesundheitlich gefährden kann, betrifft das Hochziehen der Hoderi in
die Leibeshöhle. In den Kampfkünsten wird diese Technik angewendet, um sich vor

326
Schlägen in die Leistengegend zu schützen. Wang Shu-Jin riet mir, diese Technik
nicht zu praktizieren, weil ich oft auf Reisen war und er mich nicht gründlich genug
überwachen konnte. Er sagte auch, dass selbst im Falle einer genauen Überwachung
ein bestimmter Prozentsatz von Praktizierenden Schaden davontragen, wenn die
Praxis erst nach der Pubertät begonnen wird.
Die strenge Überwachung durch einen Meister gehört unbedingt zum Erlernen der
sexuellen Chi-Gung-Methoden. Das sollte besonders im Westen beherzigt werden,
wo sich eine wahre Workshop-Kultur entwickelt hat und die kompliziertesten Dinge
in ein oder zwei Tagen oder sogar nur Stunden angeboten werden, die früher in
mehreren Monaten vermittelt wurden.
ImTaoismus ist es Tradition, potentiell gefährliche Inhalte nicht ohne alle vorstellba-
ren Sicherheitsmaßnahmen zu unterrichten. In anderen Traditionen glaubt man, wenn
der Mehrheit geholfen wird und nur eine verschwindende Minderheit Schaden davon-
tragen mag, dass insgesamt mehr Nutzen als Schaden bewirkt wird. Jeder, der solche
Techniken studiert, sollte sich aber dessen bewusst sein, dass er zu jener Minderheit
zählen kann und dass er das unter Umständen erst erfährt, wenn es schon zu spät ist.
Ich möchte öffentlich nur solche Chi-Gung-Techniken lehren, die praktisch risiko-
los sind. Nur im privaten Rahmen, wo ich für die entsprechende Supervision sorgen
kann, möchte ich risikoreichere Techniken lehren, die potentiell zu schnelleren
Ergebnissen als die gänzlich sicheren Techniken führen. Der Unterschied zwischen
beiden besteht gewissermaßen darin, dass Sie Ihr Geld in einem Geldgeschäft mit
langsamem, beständigem und sicherem Wachstum anlegen oder dass Sie mit Ihrem
Geld auf dem Aktienmarkt oder in finanziellen Transaktionen leichtsinnig umgehen.

Fall 3: D i e Kehrseite der Kompressionsatmung

Hung I Hsiangs Bruder praktizierte Weißer-Kranich-Chi-Gung. Eine gebräuchliche


Technik des Shaolin-Chi-Gung wie Weißer Kranich besteht darin, Energie in den
Körper hineinzuzwingen oder zu „packen" - vergleichbar mit dem Versuch, viele
Kleidungsstücke in einen Koffer hineinstopfen zu wollen. Zu dieser Technik gehö-
ren die Press- oder Kompressionsatmung, physische Kontraktionen und ein Gefühl
von körperlicher und energetischer Kraft. Durch übertriebenes Üben erlitt Hung I
Hsiangs Bruder eine Lungenblutung, an der er starb.
Im Westen habe ich die verschiedensten Arten dieser Energiekomprimierung beob-
achtet. Sie sind äußerst riskant, wenn sie nicht unter strikter Aufsicht geübt werden.
Die Kompressionsatmung kann potentiell innere Blutungen und eine Disharmonie
der gesamten Körperenergien verursachen, zu einer Schädigung des Lungengewebes
führen und für Atemwegserkrankungen empfänglich machen.

327
Eine Karate-Praktizierende Ende vierzig suchte mich in Boston auf. Sie hatte die
Kompressionsatmung auf einem Workshop gelernt und danach praktiziert; seitdem
hatte sie schon im vierten Winter in Folge an Lungenentzündung gelitten. Die Tech-
nik, die sie übte, war äußerst kraftvoll. Bevor sie mit dieser Technik begonnen hatte,
war sie kerngesund gewesen. Es stellte sich heraus, dass sie die ganze Zeit sehr
fleißig, aber völlig falsch geübt hatte. Nachdem ich mit ihr gearneitet hatte, bekam
sie im nächsten Winter keine Lungenentzündung mehr. Glücklicherweise konnte
ich in diesem Fall eine Korrektur vornehmen, aber das klappt nicht immer.
Ein weiterer Hilfesuchender, der Lehrassistent eines sehr bekannten Kampfkunst-
meisters von der amerikanischen Ostküste, hatte den Kleinen Himmlischen Energie-
kreislauf auf eine die Energie stark anregende Weise erlernt. Dabei benutzteer auch
die Umkehratmung, um im unteren Tantien Hitze zu erzeugen, die dann weiter im
Körper bewegt wurde. Außerdem wurde er angewiesen, den Anus zusammenzu-
pressen und beim Atmen die Energie mit aller Macht die Wirbelsäule hochzuziehen.
Je länger er das übte, um so intensiver und stärker spürte er seine Energie. Wie
auch bei anderen Chi-Gung-Techniken wird die dadurch erzeugte Erfahrung um so
stärker, je mehr Kraft dafür eingesetzt wird. Zu allem Unglück brannte er innerlich
langsam aus, besonders seine Nieren- und Herzenergie schwand rapide. Als er erste
Symptome wie Frösteln, kalten Schweiß, unwillkürliche Schüttelanfälle, extreme
Empfindlichkeit auf Kälte und Vitalitätsverlust erlebte, wurde er angewiesen, mit der
Praxis fortzufahren, um „die Blockade zu verbrennen". Selbst als er die Übungen
einstellte, dauerte es noch mehr als fünf Jahre, um an dem Problem zu arbeiten und
die Symptome loszuwerden.
Die Tatsache, dass diese Symptome auftraten, ist an sich nicht bedenklich, weil
man sie in einem frühen Stadium hätte beheben können. Der Lehrer hatte jedoch
versäumt, die Warnsignale zu beachten; statt dessen vermittelte er seinem Schüler
das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmte! Wenn also bei der Chi-Gung-Praxis
große körperliche oder mentale Probleme auftreten, brechen Sie die Übungen sofort
ab. Der Fehler muss nicht unbedingt bei Ihnen liegen, sondern er kann auch auf
falsche oder missverständliche Anleitungen zurückzuführen sein.

Fall 4: D i e unangenehme n N e b e n w i r k u n g e n
der Vibrationstechnik
In vielen Chi-Gung-Systemen, besonders im Shaolin-Stil und in den Tierformen (wie
z.B. Weißer Kranich), gibt es eine Technik, mit der man Chi bewusst im Körper zum
Vibrieren bringen kann. Der Atem schwingt schnell und Chi vibriert im Inneren der
Knochen, des Bindegewebes, des Gehirns usw.

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Diese Übungsmethode kann mit einer Reihe unangenehmer Nebenwirkungen
verbunden sein. Die Betreffenden können völlig gleichgültig und nachlässig werden;
wenn die Vibrationen stärker werden, kann dies zu einer Art Größenwahn oder
anderen geistigen Störungen führen. Es können auch physische Halluzinationen
auftreten, bei denen die erwähnten Vibrationen, das Öffnen und Schließen nach
Beendigung der Praxis noch weiter anhalten. Wenn diese Praktiken lange genug
fortgesetzt werden, können sie Probleme in den inneren Organen hervorrufen. Die
Lunge und die Leber sind am stärksten gefährdet, doch auch andere Organe sind
dafür anfällig.
Oft fließt Chi bei diesen Praktiken unvollständig oder unregelmäßig durch den
Organismus, anstatt vollständig erweckt durch alle Bahnen zu strömen. Als ich diese
Vibrationspraktiken zum ersten Mal in Beijing beobachtete, wurde mir klar, dass
diese Art der willkürlichen Chi-Bewegung den Effekt erzeugte, den man in Indien
als „unregelmäßig erweckte Kundalini" bezeichnet.
Meine Lehrerin für medizinisches Chi Gung in Beijing erklärte mir, dass diese
Vibrationstechniken traditionell in dem Ruf standen, viele Übende ins Unglück zu
stürzen. Sie hatte in ihrer Praxis mit Krebspatienten gearbeitet, die ihre Symptome
durch Chi Gung unter Kontrolle gebracht hatten. Dann hatten sie mit Vibrationstech-
niken begonnen, wodurch die Krebssymptome wieder auftraten und sie ins Kran-
kenhaus zurückkehrten, um dort zu sterben. Das intensive Energiegefühl macht die
Übenden süchtig, und wie bei Crack gibt es keine Chance mehr, wenn erst einmal
der Zusammenbruch kommt.
Als ich 21 Jahre alt war, lernte ich eine ähnliche „geheime" Technik. Es hieß,
dies sei das Chi Gung, das dem Tai Chi seine starke Kraft gebe. Ich übte jeden Tag
fleißig zwei Stunden, bis ich in der Lage war, Knochen mit einem leichten Schlag
nur durch die Vibration meiner Energie zu brechen. Zur gleichen Zeit stellte ich
aber auch ein unglaublich verführerisches Energiegefühl in meinem Kopf fest, und
mir wurde langsam klar, dass ich mich auf dem besten Wege zu einer Psychose be-
fand. Je stärker sich mein Chi entwickelte, um so sonderbarer wurde meine geistige
Verfassung und um so heißer fühlte sich mein Körper an.
Bei einem besonders gewalttätigen Kampf in Japan kam es so weit, dass ich nach
Belieben rechts und links von mir Knochen brechen konnte und kaum noch fähig
war, mich zu bremsen. Da erkannte ich, dass mich diese Technik zum Wahnsinn
führen würde und dass ich kein Mitgefühl mehr empfinden könnte. Augenblicklich
hörte ich damit auf. Ein paar Jahre später erfuhr ich in Taiwan, dass ich die Tsung-
He-Form aus dem Fukien-Weißer-Kranich-Stil gelernt hatte und dass etliche der
Übenden davon entweder versteckt oder offen geisteskrank geworden seien. Die

329
meisten der äußerst bescheiden wirkenden Chi-Gung-Meister dieses Systems sind im
Grunde genommen äußerst gefährlich. Gewalt tritt an die Stelle von Menschlichkeit
und Mitgefühl. O b w o h l sie ihre Kräfte zum Heilen nutzen könnten, würde es ihnen
nichts ausmachen, wenn dabei jemand zu Schaden käme.
Ein Tai-Chi-Schüler in San Diego (nennen wir ihn Mike) studierte bei einem
Lehrer, der eine Form unterrichtete, die Vibrationen von Geist, Körper und Atem
enthielt. Mike war noch nicht einmal zwanzig Jahre alt und hatte keine Erfahrung
in den Kampfkünsten. Er glaubte, traditionelles Tai Chi Chuan zu lernen. Im ersten
Jahr fühlte er sich gut und entspannt, aber dann wollte sein Lehrer das Tempo be-
schleunigen. Waffenformen und weitere Atemtechniken wurden hinzugefügt, um
die Vibrationen zu verstärken. Nach etwa zweieinhalb Jahren Training konnte er
schon Energie aussenden, allerdings noch etwas unkontrolliert. Er hatte das Gefühl,
tatsächlich gute Fortschritte zu machen. Leider begann er aber auch die folgenden
Nebeneffekte bei sich zu bemerken:
1. erschreckende Halluzinationen, bei denen sein Bewusstsein den Körper verließ
und unkontrollierbar davontrieb;
2. ein Gefühl, dass sich Gegenstände schneller bewegten, als sie es tatsächlich
taten (was besonders gefährlich beim Autofahren war);
3. das Gefühl, dass sein Körper innerlich zunehmend starr wurde;
4. es entstand Machthunger in ihm;
5. er fühlte sich permanent wie aufgedreht und konnte nicht zur Ruhe kommen;
6. sein Körper wurde von unwillkürlichen Krämpfen geschüttelt.

Diese Probleme traten auch bei einem seiner Freunde auf, der zufällig in eine
meiner Unterrichtsgruppen gekommen war. Als ich sah, wie er sich buchstäblich
selbst zerfetzte, lehrte ich ihn, die Vibrationsenergie abfließen zu lassen und in eine
neue Form zu lenken. Er berichtete seinem Freund Mike davon, der mich ebenfalls
aufsuchte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Mike schon seit drei Jahren nicht mehr praktiziert.
Trotzdem hatten seine Symptome nicht nachgelassen, und er fürchtete buchstäblich
um seine geistige und körperliche Gesundheit. Ich stellte fest, dass er das Chi in
seinem Körper verdichtet hatte. Mit Hilfe verschiedener Methoden formte ich seine
Energie um und zeigte ihm, wie er diesen Heilungsprozess zu Hause fortsetzen
konnte. Um das zerstörerische Chi aus seinem Körper zu entfernen, lehrte ich ihn
auch Techniken, die den in diesem Buch beschriebenen sehr ähnlich sind. Nach
weiteren zwei Jahren waren seine Probleme fast überwunden.

330
Das Ausstoßen von Energie
Viele andere Chi-Gung-Techniken, wie zum Beispiel Energie auf Entfernung aus-
stoßen, sind ihrer Natur nach nicht gefährlich. Sie setzen aber eine solide Beherr-
schung der Erdungstechniken voraus, die in diesem Buch beschrieben sind. Die
meisten Probleme beim Chi Gung entstehen, wenn die Energie sich staut und
deshalb nicht mehr ungehindert durch den Organismus fließt. Das Wissen darüber,
wie man Energie in den Boden ableitet, kann sich als Rettung in der Not erweisen.
Ich sollte hinzufügen, dass bei solchen Chi-Gung-Übungen auf Distanz sehr viel
Kooperation unter den Teilnehmern erforderlich ist. Wenn dieses Thema diskutiert
oder demonstriert wird, kommt es leicht zu einer gewissen Übertreibung. Die Übun-
gen dienen dazu, die Sensibilität für Chi zu entwickeln. Es ist praktisch unmöglich,
einen Menschen mit ausgeprägter Willenskraft gegen seinen Wille n sich bewegen
oder springen zu lassen, indem man Chi über eine gewisse Distanz aussendet, ohne
dass es zu einem Körperkontakt kommt.

Die Gefahren von übereiltem


und erzwungenem Üben
Chi-Gung-Übungen, die Ihnen sehr schnell das Gefühl größerer körperlicher oder
psychischer Kraft vermitteln, überfordern bisweilen das Zentralnervensystem.
Übungssysteme mit dem Ziel einer ruhigen und gleichmäßig nach oben verlaufen-
den Kurve der Chi-Entwicklung sind sicherer und in der Regel eher eine Garantie
für langfristige Erfolge. Extrem kraftvolle Techniken sind durchweg mit negativen
Nebeneffekten verbunden. Wenn Sie sich an solche riskanten Techniken wagen,
sollten Sie regelmäßig einmal pro Woche einen Lehrer aufsuchen, der Ihre Chi-
Entwicklung korrigieren kann, so dass eine potentiell gefährliche Übung trotzdem
eine beherrschbare Übung bleibt. Besonders bei Shaolin-Techniken, die sich als
gefährlich erwiesen haben, brauchen Sie einen Lehrer, der allen fachlichen und
ethischen Ansprüchen genügt.
Wenn Sie feststellen, dass sich seltsam veränderte oder schmerzhafte körperliche,
geistige, emotionale oder psychische Wahrnehmungen einstellen, brechen Sie die
Übungen sofort ab, bis Sie den Grund dafür herausgefunden haben. Unabhängig von
Ihrer individuellen Kraft oder Leistungsfähigkeit müssen Chi-Gung-Übungen immer
als angenehm empfunden werden. Wenn Sie sich mit Gewalt über Ihre Grenzen
hinwegsetzen, riskieren Sie gewöhnlich Schäden an den Nerven, Drüsen, inneren
Organen und dem Gehirn. Übertreibung bei den inneren Energiepraktiken kann

331
mit zu hoch gesteckten Trainingszielen bei Sportlern verglichen werden, die fast
immer zu körperlichen Schäden führen. Finden Sie vor allem einen integren und
kompetenten Lehrer, dem an Ihren persönlichen Interessen liegt.

Die meisten Chi-Gung-Übungen sind sicher


Trotz der vorangegangenen Warnungen können Sie darauf vertrauen, dass die meis-
ten Chi-Gung-Systeme völlig sicher und zuverlässig sind. Fürchten Sie sich nicht
davor, Chi Gung zu praktizieren, nur weil einige Techniken zu Komplikationen
führen können. Wahrscheinlich enthalten alle wertvollen Methoden irgendwelche
gefahrvollen Aspekte. Der Zweck dieses Kapitels ist, Sie lediglich auf negative Seiten
von Chi Gung aufmerksam zu machen, die wir in unserer Faszination für seltsame
und fremdartige Dinge allzu gern übersehen. Lassen Sie mich noch einmal darauf
hinweisen, dass die in diesem Buch und meinen anderen Büchern dargestellten
Übungen die sichersten und wirkungsvollsten sind, denen ich in Jahrzehnten des
Suchens und Forschens in Asien wie im Westen begegnet bin.

D. Techniken zur Linderung von


Spannung und Unbehagen beim
Sitzen
Es folgen nun drei Techniken, wenn Sie bei der Chi-Gung-Praxis auf einem Stuhl
sitzen. Diese werden Ihnen dabei helfen, physische Spannung und Schmerz zu lin-
dern, damit Sie sich auf das Üben konzentrieren können und nicht unruhig hin- und
herrutschen oder von körperlichem Unbehagen abgelenkt werden. Diese Techniken
können genauso von Menschen, die Chi Gung im Sitzen und in der Meditation
praktizieren, angewendet werden w ie von solchen, die im Büro und besonders am
Computer arbeiten. Die nachfolgenden Übungen sind aus Kapitel 3 meines Buches
Die Große Stille übernommen worden.

1. Wenn Sie auf einem Stuhl sitzen, stellen Sie beide Füße flach auf den Boden und
mit den Außenseiten nicht weiter auseinander als Schulterbreite. Lassen Sie Ihre
Handflächen nach Möglichkeit auf Ihren Kniescheiben ruhen, wobei die Fingerspit-
zen gerade nach vorn weisen. Ihre Ellbogen sollten gebeugt und locker, die Arme
nicht steif sein; halten Sie Ihre Ellbogenspitzen in sanfter Bewegung nach unten zu

332
Ihren Oberschenkeln gerichtet. Wenn Sie Ihre Ellbogen heben, werden sich auch
Ihre Schultern heben, und dann wird Ihre Wirbelsäule rascher ermüden. Bewegen
Sie Ihre Ellbogen sanft zu den Seiten. Dadurch schaffen Sie Raum in Ihrem Körper,
in dem sich Ihre Wirbelsäule leichter aufrecht halten kann. Bei einer alternativen
Methode legen Sie Ihre Handflächen an die Mittellinie des Körpers direkt vor Ihr
unteres Tantien. Ihre Handflächen können sich dabei berühren, wobei die Hände
leicht aneinander gedrückt werden. Oder der Rücken der einen Hand ruht auf dem
Handteller der anderen, wobei die Handflächen nach oben weisen; die Hand, die
oben ist, kann während der Übung gewechselt werden. Berühren Sie nach Mög-
lichkeit nicht die Rückenlehne des Stuhls mit Ihrer Wirbelsäule. Ihr Körper sollte
sich wohl fühlen, besonders die Wirbelsäule sollte ganz entspannt und gerade sein.
Die korrekten Körperausrichtungen sind auf den Abbildungen 6-7 und 6-9 (siehe
S. 134/135) dargestellt.

2. Sie werden möglicherweise feststellen, dass all diese Positionen ohne Unterstüt-
zung allzu belastend oder schmerzhaft für Ihren Rücken oder Nacken sind. Wenn
dies der Fall ist, dann lehnen Sie sich auf dem Stuhl zurück, während Sie an der
Stuhllehne hinunter gleiten (Abb. 16-1a), und pressen Sie Ihre oberen Gesäßmuskeln
nach hinten und nach oben, um sich gegen die Rückenlehne des Stuhls anzuheben
(Abb. 76- la und 16-1b). Diese Bewegung ermöglicht es, dass sich Ihr Gesäß und
Ihre Rückenmuskeln lückenlos miteinander verbinden. Sie drückt Ihre Gesäßmuskeln

Das Gesäß stützt den unteren Rücken

Abbildung 16-1

333
nach oben gegen die Stuhllehne (Abb. 16-lc) und bietet Ihrem unteren Rücken
dadurch eine stabilisierende Stütze. Wenn Ihre Gesäßmuskeln dagegen nach unten
auf den Stuhlsitz gedrückt werden, können auch die Muskeln in Ihrem unteren Rü-
ckenbereich nach unten gezogen werden. Eine abwärts gerichtete Muskelbewegung
verstärkt die W ö l b u n g Ihres unteren Rückens, denn sie drückt Ihre Wirbel zusam-
men und belastet Ihre unteren Rückenmuskeln. Diese Aufeinanderfolge kann dann
Ihre Wirbel aus der Ausrichtung herausziehen. Halten Sie daher Ihre Wirbelsäule
ganz gerade, ohne dass sie sich irgendwie rundet oder zusammensackt. Halten Sie
Ihre Wirbelsäule davon ab, mit dem mittleren oder oberen Teil der Stuhllehne in
Berührung zu kommen (Abb. 16-ld). Nur Ihr Gesäß berührt die Stuhllehne, um
Ihre unteren Rückenmuskeln nach oben zu drücken und dadurch zur Stützung des
Rückens beizutragen.

3. Wenn Sie immer noch zu viel Belastung oder physische Schmerzen haben, dann
lassen Sie Ihren Rücken vollständig von der Rückenlehne des Stuhls gestützt werden.
Dies geschieht am besten in zwei Stufen: Zuerst sollten Sie beim Sitzen bewusst den
Druck des Stuhls gegen Ihren Rücken nutzen (Abb. 16-2a), um so viel Raum wie
möglich zwischen jedem Wirbel entlang der gesamten Wirbelsäule zu bewahren.
Sie können auch die Adhäsionskraft und Reibung der Faszien* Ihres Rückens dazu

Die Wirbelsäule wird durch die Stuhllehne gestützt

Abbildung 16-2

* Bei den Faszien handelt es sich um die Bindegewebe, die Ihre Muskeln zusammenbinden, damit
sie arbeiten können, ohne übermäßig straff, locker oder schlaff zu sein.

334
nutzen, um an der Stuhllehne haften zu bleiben - ähnlich wie ein nasses T-Shirt
an Ihrer Haut festklebt. Zweitens, wenn Sie vollständig durch die Stuhllehne ge-
stützt werden, sollten Sie darauf achten, in regelmäßigen Abständen alle Teile der
Wirbelsäule gleichmäßig anzuheben und zu verlängern (Abb. 16-2b), damit das
Rückenmark leicht gedehnt und nicht zusammengepresst wird. Eine ungleichmäßige
Kompression des Rückenmarks wird möglicherweise dazu führen, dass der Rücken
an irgendeiner Stelle in sich zusammenfällt, die Muskeln überlastet werden oder
die Wirbel sich falsch ausrichten. Durch richtiges Sitzen werden diese Probleme
abgemildert. Während des Sitzens sollten Sie die Zeit für Ihre Arbeit oder innere
Meditationstechniken nutzen, anstatt unruhig hin- und herzurutschen oder sich
durch körperliches Unbehagen ablenken zu lassen.

E. Herkunft und Quellen des


vorliegenden Materials
Das „Öffnen der Energietore des Körpers" ist meine eigene Methode, traditionelle
taoistische Praktiken zu lehren, die ich während einer mehr als zehnjährigen Schu-
lung in China umfassend studiert habe.
Im Jahre 1968 lernte ich die äußeren Formen - sozusagen das tragende Gerüst -
der meisten in diesem Buch gelehrten Übungen. Meine damaligen Lehrer waren
Wang Shu- Jin aus Taiwan und dessen Schüler Chang I Jung in Tokio. Anfangs übte
ich fünf Monate jeden Tag fünf Stunden lang. In den folgenden 18 Jahren erlernte
ich die inneren Komponenten bei verschiedenen anderen Lehrern und taoistischen
Meistern, unter ihnen Hung I Hsiang und Huang Hsi I.
Die Chi-Gung-Standform ist die elementarste Übungsposition im Chi Gung und
kommt in irgendeiner Form in allen Systemen und Traditionen vor. Es handelt sich
dabei um die taoistische Entsprechung zur Reiterstellung in den Kampfkünsten.
Die Wolkenhand-Übung ist die wichtigste Technik, um die Arme und Beine ener-
getisch mit der Wirbelsäule zu verbinden.
Die erste Schwungübung, welche die inneren Organe im unteren Drittel des
Rumpfes mit Energie versorgt, gibt es in fast allen Chi-Gung-Systemen. Die zweite
Schwungübung, welche die Beine an die Wirbelsäule anschließt und die inneren
Organe im mittleren Drittel des Rumpfes energetisiert, ist schon weniger verbreitet.
Die dritte Schwungübung, welche die inneren Organe des oberen Rumpfdrittels
und das Gehirn mit Energie versorgt, kommt noch seltener vor. Historisch gesehen

335
sollten sie jedoch gemeinsam geübt werden. Eine Schwungübung alleine wirkt
unter Umständen nicht konzentriert genug, um ein ernstes Problem zu beheben.
Wenn Sie die drei Schwungübungen jedoch gemeinsam und in der angegebenen
Reihenfolge ausführen, können Sie mit einem Synergieeffekt rechnen.
Die Wirbelsäulendehnung war die einzige Übung, die ich nicht von Wang Shu-Jin
gelernt habe. Sie ist in den vergangenen 3000 Jahren jedoch von einigen Schulen in
diese Chi-Gung-Sequenz aufgenommen worden. Diese Übung ist die Anfangsbewe-
gung des traditionellen Wirbelsäulen-Chi-Gung. Das gesamte System des Wirbel-
säulen-Chi-Gung lehrt, die Energie die Wirbelsäule hochzulenken, die Wirbelsäule
mit dem restlichen Körper zu verbinden, die Wirbelbewegungen vollständig zu
kontrollieren und Einfluss auf die Gehirn-Rückenmarks-Pumpe zu nehmen.
Einige der inneren Komponenten der Chi-Gung-Elementarübungen sind in diesem
Band beschrieben, weitere Einzelheiten finden sich in meinen anderen Büchern. Ein
Teil der inneren Energiearbeit - darauf sollte hingewiesen werden - kann nur unter
Aufsicht eines Meisters sicher und gefahrlos erlernt werden. Ich habe hier nur das
beschrieben, was der Öffentlichkeit risikolos mitgeteilt werden kann.
Bei meinen Recherchen konnte ich auf die Unterstützung vieler Meister bauen,
von denen ich einige wegen der politischen Situation in China nicht namentlich
erwähnen kann. Andere kann ich deshalb nicht erwähnen, weil es ihr ausdrückli-
cher Wunsch war, aus dieser Welt zu scheiden, „ohne irgendwelche Fußspuren zu
hinterlassen". Ich hätte jedoch niemals ein Verständnis für das Gesamtbild bekom-
men können, wenn ich nicht von Liu Hung Chieh formell adoptiert und als direk-
ter Schüler angenommen worden wäre. Liu füllte nicht nur die Lücken in meiner
Ausbildung, sondern lehrte mich auch weitaus weniger bekanntes Material, das
aus seiner zehnjährigen Schulung bei taoistischen Adepten in den heiligen Bergen
Westchinas und nicht aus seiner Erfahrung in den Kampfkünsten stammte.

Liu Hung Chiehs Ausbildung als taoistischer Meister


Liu Hung Chieh begann im Alter von zwölf Jahren mit dem Studium der Kampfküns-
te. Nach dreijährigem Training im Shaolin-Kungfu wurde er als jüngster formeller
Schüler von der Ba-Gua-Schule in Beijing aufgenommen. Zu dieser Zeit lernte er
auch Hsing-I von Mitgliedern dieser Schule und anderen Lehrern. Im Jahre 1928
vertrat er die Ba-Gua-Schule bei Chinas erstem modernen Nationalen Wettbewerb
der Kampfkünste, der wegen zu vieler Verletzungen abgebrochen werden musste.
In der Mitte der 1930er-Jahre war Liu leitender Ausbilder am Zentralen Natio-
nalinstitut für Kampfkünste in Hunan. Zwei seiner Assistenzlehrer zu dieser Zeit
waren die Söhne von Wu Jien Chuan, von denen er den Wu-Stil des Tai Chi lernte.

336
Später wurde er selbst Wu Jien Chuans formeller Schüler und lebte in dessen Haus
in Hongkong. Weil Liu eine fundierte Basis in den inneren Kampfkünsten besaß,
konnte Wu ihn die tiefgründigsten Ebenen des Wu-Stils lehren.
Als Liu auf das chinesische Festland zurückkehrte, studierte er bei dem Abt Tan
Hsu Fa Shi und wurde nach den Lehren der buddhistischen Tientai-Schule formell
als erleuchtet erklärt. Er verbrachte weitere zehn Jahre des Studiums bei taoistischen
Meistern in der Provinz Szechuan in Westchina und vollendete damit die Praxis,
eins mit dem Tao zu werden.
Mit dem Aufstieg des Kommunismus in China kehrte er nach Beijing zurück,
wo er den Rest seines Lebens in Zurückgezogenheit verbrachte, nur ganz wenige
Schüler unterrichtete und seine Praxis vervollkommnete.

F. Zur Romanisierung
der chinesischen Begriffe
in diesem Buch
Jeder Versuch, die Laute von chinesischen Wörtern in einer westlichen Sprache
wiederzugeben, wird über kurz oder lang scheitern. Das kommt nicht nur daher,
weil das Chinesische Laute hat, die wir nicht kennen, sondern weil es außerdem ein
System von „Vokaltönen" benutzt, die es bei uns nicht gibt. Dasselbe gilt natürlich
auch umgekehrt. Wenn daher jemand aus dem Westen versucht, chinesische Wörter
auszusprechen, wird er häufig Laute aus seiner eigenen Sprache hinzufügen, welche
die chinesische Aussprache verzerren.
Keines der Hauptsysteme für die Romanisierung der chinesischen Wörter ist ganz
genau. Schriftchinesisch besteht aus Bildbegriffszeichen, von denen jedes einen
Begriff oder mehrere zusammengesetzte Begriffe vermitteln kann. In den verschie-
denen chinesischen Sprachen werden diese Schriftzeichen unterschiedlich ausge-
sprochen. Für das Ohr eines Ausländers können diese Sprachen sich manchmal so
unterschiedlich wie Deutsch und Französisch anhören. Zum Beispiel lautet das Wort
für „Familie" jia in Mandarin-Chinesisch, der hochchinesischen Nationalsprache;
aber es heißt gar in Kanton-Chinesisch, einem Regionaldialekt, der in der Provinz
Kanton [Guangzhou] und in Hongkong von über 60 Millionen Menschen gespro-
chen wird. Es gibt noch weitere Regionalsprachen mit wieder anderen Lauten für
dasselbe Schriftzeichen, wie beispielsweise Szechuanesisch (das mehr Menschen

337
als Kantonesisch sprechen) und Minnanhua in der Provinz Fukien (das älter als
Kantonesisch ist). Um alles noch schlimmer zu machen, gibt es in jedem Haupt-
dialekt weitere Unterdialekte. Im Alten China konnten in manchen Fällen Menschen
aus derselben Provinz, die nur ein- oder zweihundert Meilen voneinander entfernt
lebten, sich kaum untereinander verständigen.
Diese Sprachverwirrung hat die Kommunikation in ganz China jahrtausendelang
blockiert, wobei die Schriftsprache (bei einer Nation von größtenteils Analphabeten)
das einzige gemeinsame Kommunikationsmittel war. Da im Alten China alle Macht
vom Kaiser und seinem Beamtenstaat ausging, wurde im Laufe der Zeit die in Beijing
gesprochene Sprache in ganz China zum gebräuchlichen Kommunikationsmittel für
die Gebildeten. Nach dem Sturz des Kaisers machten die nationalistische Regierung
und später die kommunistische Regierung die Sprache von Beijing, das immer noch
Regierungssitz war, zur Nationalsprache Chinas und nannten sie die Sprache des
gewöhnlichen Volkes. Wir verwenden dafür die Bezeichnung Mandarin-Chinesisch,
die noch aus der Kaiserzeit stammt. Mandarin, die offizielle Sprache von ganz
China, ist nun das, was wirklich Chinesisch genannt werden kann und was jeder
Chinese sprechen lernt. Alle in diesem Buch verwendeten chinesischen Begriffe
sind in Mandarin und nicht in einem der Regionaldialekte.
Jemand aus dem Westen, der keine Ahnung hat, wie er Chinesisch aussprechen
soll (und vermutlich kaum Interesse daran, es zu lernen), wird nun mit vielfälti-
gen Transkriptionssystemen für genau denselben Laut bombardiert, darunter das
Pinyin-System, das Wade-Giles-System und das Yale-System. Sowohl nach dem
Wade-Giles-System (das von deutschen Mönchen erfunden und früher von Über-
setzern verwendet wurde, die Chinesisch zumeist nur lesen, aber nicht sprechen
konnten, und das heute im nationalchinesischen Taiwan benutzt wird) als auch nach
dem Pinyin-System (das von den Chinesen für den Gebrauch innerhalb von China
entwickelt wurde, als die kommunistische Regierung den Versuch unternahm, das
Bildungsniveau in China zu erhöhen) haben viele Transkriptionen in phonetischer
Umschrift, wenn sie in einer westlichen Sprache ausgesprochen werden, keinerlei
Ähnlichkeit mit den chinesischen Lauten. Das einzige Romanisierungssystem, das
geschaffen wurde, um die chinesische Sprache so genau wie möglich nachzuah-
men und dazu das englische phonetische System benutzte, war das Yale-System; es
entstand an derYale-Universität und war speziell dafür gedacht, englischsprachigen
Menschen beizubringen, w ie Chinesisch auszusprechen ist.
Chi Gung heißt zum Beispiel im Yale-System Chi Gung, im Pinyin Qi Gong und im
Wade-GilesChi Kung. Tatsächlich kommt ihm die chinesische Aussprache „Chi Gung"
am nächsten; weder das Qi des Pinyin noch das Kung nach Wade-Giles ist korrekt.

338
Diese Sprachlektion mag einigen vielleicht akademisch erscheinen. Es gibt jedoch
über eine Milliarde Chinesen auf der Welt; durch eine missverständliche Kommuni-
kation kann eine Menge Zeit und Energie vergeudet werden. In diesem Buch werden
diejenigen Transkriptionen verwendet, die es dem englisch- und deutschsprachigen
Leseram besten ermöglichen, die chinesische Ausspracheso nachzuahmen, wie sie
sich tatsächlich anhört. Ich habe mich daher nicht streng an irgendein bestimmtes
vorgeschriebenes Transkriptionssystem gehalten.

G. Die LivingTaoism Collection


und die B. K. Frantzis Energy
Arts Lehren
Viele Traditionen, die sich auf alten Philosophien und Religionen gründen, haben
sich kraftvoll bis in die moderne Zeit erhalten. Weil sie sich auch heute noch in
unserem Leben manifestieren, werden sie als lebendige Traditionen bezeichnet.
Dazu gehören das Christentum, der Islam, das Judentum, der Buddhismus, der
Vedanta und derTaoismus. In den drei Letzteren werden aktiv Körperübungen und
Energiearbeit praktiziert.
Von den lebendigen Traditionen ist der Taoismus die am wenigsten bekannte.
Obwohl seine wichtigsten literarischen W e r k e - d a s I Ging, die Schriften von Chuang
Tseund das Taotekingvon LaoTse-sehr bekannt sind und in vielen Übersetzungen
vorliegen, sind die praktischen Methoden und Techniken für die Umsetzung der
taoistischen Philosophie in das Alltagsleben im Westen kaum dokumentiert.
Bei einem Zweig der lebendigen taoistischen Philosophie geht es darum, das
persönliche Chi oder die Energie der Lebenskraft zu entwickeln und zu nutzen,
um sich selbst und andere zu stärken und zu heilen. Dieser Zweig umfasst zwei
große Traditionen: die Wasser- und die Feuer-Methode. Die Wasser-Methode, die
auf dem philosophischen Gedankengut von Lao Tse beruht, betont das Bemühen
ohne Kraftanstrengung, die Entspannung und das Loslassen, so w ie strömendes
Wasser langsam den Stein auswäscht. Die Feuer-Methode, die 1500 Jahre später
entwickelt wurde, betont die Kraftanstrengung, das Vorwärtsstoßen und das Durch-
brechen von Grenzen.
Die taoistischen Übermittlungslinien, die Bruce K. Frantzis hält, gehören zur
Wasser-Tradition, die im Westen wenig bekannt ist. Ein Teil dieser Übermittlung

339
beauftragt ihn damit, die in dieser Tradition begründeten Praktiken an westliche
Schüler weiterzugeben. Er hat die chinesische Sprache erlernt und sich während
seiner Schulung in China intensiv mit den dortigen Traditionen beschäftigt. Dies
hat ihn dazu befähigt, die Kluft zwischen chinesischer und westlicher Kultur zu
überbrücken und westlichen Menschen den lebendigen Taoismus auf eine Weise
zu vermitteln, dass sie ihn verstehen und lernen können.

Das B. K. Frantzis Energy Arts® Programm


Bruce K. Frantzis, der auf eine 16-jährige Ausbildung in Asien zurückgreifen kann,
hat ein praktisches und verständliches System von Übungsprogrammen entwickelt,
die Menschen aller Altersklassen und Qualifikationsstufen die Möglichkeit gibt, ihre
Grundenergie zu erhöhen und kraftvolle Gesundheit zu erlangen.

D i e Chi-Gung-Elementarübungen

Das B. K. Frantzis Energy Arts Programm umfasst sechs Chi-Gung-Grundkurse, die


in Verbindung mit dem Programm der Langlebensatmung stufenweise und sicher
alle Aspekte des Nei Gung integrieren. O b w o h l die Chi-Gung-Techniken sehr alt
sind, ist das System von Bruce K. Frantzis, sie zu lehren, einzigartig. Es ist speziell
auf westliche Menschen und die Erfordernisse des modernen Lebens zugeschnitten.
Ein guter Vergleich damit ist, dass Frantzis den Kelch - das B. K. Frantzis Energy
Arts Programm - dafür geschaffen hat, um den Wein - die alten taoistischen Übun-
gen - aufzunehmen.
Dieses Programm besteht aus den folgenden Elementarübungen:
Langlebensatmung
Drachen-und Tiger-Chi-Gung
Die Energietore des Körpers öffnen
Die Hochzeit von Himmel und Erde
Den Bogen spannen (Wirbelsäulen-Chi-Gung)
Der Spiral-Energiekörper
Die Götter spielen in den Wolken

Diese Chi-Gung-Elementarprogramme sind bewusst ausgewählt worden, weil es


sich bei ihnen um die ältesten, wirksamsten und am höchsten geschätzten taoisti-
schen Energiepraktiken handelt. Sie sind ideal dafür geeignet, um stufenweise die
Grundkomponenten des Nei Gung auf eine Art und Weise zu integrieren, die für

340
westliche Menschen zu begreifen und zu verstehen ist. Sie bieten dem Schüler die
notwendige Grundlage, um klar und systematisch zu lernen und Fortschritte in
seiner Praxis der taoistischen Energiekünste zu machen.

Die Langlebensatmung

In diesem Programm wird systematisch und stufenweise die authentische taoistische


Atmung gelehrt. Das Atmen mit dem ganzen Körper ist seit Jahrtausenden dazu
genutzt worden, um die Fähigkeit zu verstärken, Energieblockaden in Körper/Geist
zu klären und aufzulösen, wodurch sich das Wohlbefinden und spirituelles Ge-
wahrsein verbessern. Werden diese Atemmethoden in irgendeine andere taoisti-
sche Energiepraxis integriert, tragen sie dazu bei, dass diese ihr gesamtes Potential
entfalten kann.

Drachen- und Tiger-Chi-Gung

Dies ist eine der direktesten und am leichtesten zugänglichen schonenden Heilme-
thoden des Chi Gung, die China hervorgebracht hat. Diese 1500 Jahre alte Form des
medizinischen Chi Gung wirkt auf den menschlichen Körper auf ähnliche Weise wie
die Akupunktur ein. Diese aus sieben einfachen Bewegungen bestehende Übung
kann praktisch von jedem unabhängig von seiner gesundheitlichen Verfassung
ausgeführt werden.

D i e Energietore des Körpers öffnen

Dieses Programm bietet eine Einführung in 3000 Jahre alte Chi-Gung-Techniken,


die wesentlich dafür sind, um in jeder Praxis der Energiekünste Fortschritte zu ma-
chen. Elementarübungen lehren die grundlegenden Körperausrichtungen. Man lernt
außerdem, wie das innere bewusste Gewahrsein des Chi im Körper zu erhöhen ist
und blockiertes Chi aufgelöst werden kann.

Die Hochzeit von H i m m e l und Erde

Diese Form des Chi Gung umfasst in China häufig genutzte Techniken, die dabei
helfen, Probleme mit Rücken, Nacken, Wirbelsäule und Gelenken zu beheben. Sie
ist besonders wirksam, um wiederholt auftretende Belastungsschäden und Proble-
me mit dem Karpaltunnelsyndrom zu lindern. In diesem Programm werden einige
wichtige Komponenten des Nei Gung gelehrt, darunter das Öffnen und Schließen
(Pulsieren), komplexere Atemtechniken und die Lenkung von Chi durch die Aku-
punkturmeridiane.

341
D e n Bogen spannen
Das Wirbelsäulen-Chi-Gung „Den Bogen spannen" setzt die Arbeit der Kräftigung
und Regeneration der Wirbelsäule fort, die beim Chi G u n g „ D i e Hochzeit von Him-
mel und Erde" erlernt wird. Dieses Programm enthält Komponenten des Nei Cung,
um die Energien der Wirbelsäule erwecken und beherrschen zu lernen.

D e r Spiral-Energiekörper

Dieses fortgeschrittene Programm lehrt, das Energieniveau im Körper erheblich zu


steigern und Energie in Kreis- und Spiralformen durch den ganzen Körper fließen
zu lassen. Es umfasst Komponenten des Nei Gung, um den aufwärts gerichteten
Energiefluss im Körper zu lenken; das Chi entlang spiralförmig gewundener Bahnen
zu senden; Energie willentlich zu jeder beliebigen Körperstelle zu lenken oder von
dort auszusenden; den rechten, linken und zentralen Energiekanal des Körpers zu
öffnen und den Kleinen Energiekreislauf zu aktivieren.

D i e G ö t t e r spielen in den W o l k e n

Dieses Chi Gung schließt einige der ältesten und kraftvollsten taoistischen Verjün-
gungsmethoden ein. Dieses Programm erweitert alle sich auf den Körper, die Atmung
und die Energie beziehenden Komponenten, die in früheren Chi-Gung-Programmen
erlernt wurden, und schließt den Prozess ab, sämtliche Komponenten des Nei Gung
zu integrieren. Es ist auch die abschließende Stufe, um zu lernen, wie die Energien
der dreiTantien, des zentralen Energiekanals und der Wirbelsäule zu stärken und zu
stabilisieren sind. Diese Form des Chi Gung dient als spirituelles Verbindungsglied
zur taoistischen Meditation.

Tai Chi und Ba G u a im Dienste der Gesundheit

Wenn Tai Chi und Ba Gua im Dienste der Gesundheit praktiziert werden, dann
verstärken sie den Nutzen aus den Chi-Gung-Elementarübungen.
Im Westen erlernen die meisten Tai Chi ausschließlich als eine der Gesund-
heit dienende Übung und nicht als Kampfkunst. Wie alle Chi-Gung-Programme
entspannt und reguliert Tai Chi das Zentralnervensystem, baut körperlichen und
emotionalen Stress ab und fördert das geistige und emotionale Wohlbefinden. Die
sanften und harmonischen Bewegungen des Tai Chi sind ideal für Menschen jeden
Alters und Körpertyps geeignet und können ihnen ein hohes Maß an Entspannung,
Gleichgewicht und physischer Koordination schenken.

342
Ba Gua ist sogar noch älter als Tai Chi, denn seine Techniken von Schrittfolgen
im Kreis wurden bereits vor mehr 4000 Jahren in taoistischen Klöstern als eine der
Gesundheit und Meditation dienende Kunst entwickelt. Diese Methoden erschlie-
ßen die Möglichkeiten des Geistes, Stille und Klarheit zu erlangen; einen kräftigen,
gesunden und von Krankheit freien Körper zu entwickeln; und, was vielleicht noch
wichtiger ist, das innere Gleichgewicht zu bewahren, während sich entweder die
innere Welt oder das Geschehen in der äußeren Welt rasch verändert.

Andere heilen
Ein Teil der taoistischen Schulung von B. K. Frantzis bestand darin, ein chinesischer
Arzt zu werden. Dafür nutzte er hauptsächlich die Chi-Gung-Techniken, die als
Chi-Gung-Tuina bezeichnet werden. Während dieser Ausbildungsphase arbeitete
er mit mehr als 10 000 Patienten. Heute arbeitet er jedoch weder privat noch in
Kliniken als Chi-Gung-Arzt, damit er die Zeit hat, Bücher zu schreiben, Seminare
und Retreats zu veranstalten und Lehrer auszubilden. Gelegentlich bietet er die
Ausbildung in therapeutischen Heilmethoden an.

Chi-Gung-Tuina
Chi-Gung-Tuina ist ein spezieller Zweig der chinesischen Medizin, der dazu be-
stimmt ist, Energieblockaden bei anderen aufzulösen und das Chi ins Gleichge-
wicht zu bringen. Sie lernen, Energie mit den Händen, der Stimme und den Augen
auszusenden, um die Heilung zu erleichtern. Sie lernen auch, wie Sie selbst ein
Burn-out-Syndrom aus Ihrer therapeutischen Praxis vermeiden. Um andere heilen
zu lernen, müssen Sie zuerst lernen, Ihr eigenes Chi von Blockaden zu befreien und
die besonderen Bahnen zu beherrschen, durch die es fließt. Deshalb ist es wichtig,
die elementaren und fortgeschrittenen Übungen nach dem B. K. Frantzis Energy
Arts Programm zu erlernen, bevor Sie Chi-Gung-Tuina studieren.

Chi-Gung-Therapie
Hier lernen Sie, spezielle Standpositionen sowie auch Chi-Gung-Übungen im Sit-
zen, Liegen und in der Bewegung dafür zu nutzen, um Energieströme umzulenken
oder Energieblockaden aufzulösen, die zu bestimmten physischen und emotionalen
Problemen beitragen.

343
Innere Kampfkünste
Durch die inneren Kampfkünste lernen Sie, Entspannung, Chi und geistige Stille dafür
zu nutzen, um das pragmatische Ziel zu erreichen, in einer heftigen Konfrontation
zu gewinnen, ohne Muskelanspannung oder Wut für die Kampfkraft einzusetzen.

Tai Chi C h u a n

Tai Chi ist eine sehr wirksame Kampfkunst. Bruce K. Frantzis hat sich umfassend im
traditionellen Wu-, Yang- und Chen-Stil des Tai Chi Chuan geschult, darunter auch
in der Lang- und der Kurzform, „Push Hands", Selbstverteidigungstechniken und
traditionellen Waffenformen wie Stöcken und Schwertern.

Ba G u a

Ba Gua war dazu bestimmt, um gegen bis zu acht Angreifer gleichzeitig zu kämp-
fen. Praktisch kein anderes System der inneren oder äußeren Kampfkünste hat die
gesamten Kampfkunsttechniken so effektiv miteinander verbunden und nahtlos in
ein Ganzes integriert wie Ba Gua.
Ba Gua ist zuallererst eine Kunst der inneren Energiebewegung, in der sich die acht
Urenergien verkörpern, die in den achtTrigrammen des I Ging enthalten sind. Die
Grundschulung in dieser inneren Kraft besteht darin, acht verschiedene Handstel-
lungen zu erlernen und sie mit kreisförmigen Schrittfolgen, spiralförmig drehenden
Armbewegungen und ständigen Richtungsänderungen zu kombinieren.

Hsing-I

Im Hsing-I (auch xing yi) liegt die Betonung auf allen Aspekten des Geistes, um sei-
ne Formen und Kampfbewegungen hervorzubringen. Es ist eine ebenso wirksame
Heilübung, weil es die Menschen gesund und dann sehr kräftig macht.
Seine fünf Grundbewegungen sind mit den fünf Elementen oder Energiephasen
verbunden: Metall, Wasser, Holz, Feuer und Erde. Auf diesen basiert auch die chi-
nesische Medizin und alle sichtbaren Phänomene sind aus ihnen erschaffen. Die
Schulung in Hsing-I beruht auf einer sozusagen „militärischen" Vorgehensweise:
Man marschiert in geraden Linien, und eine starke Betonung am Ende jeder Technik
liegt darauf, einen Feind mental oder physisch zu überwältigen.

344
Meditation
Bruce K. Frantzis lehrt die traditionelle Wasser-Methode der taoistischen Meditation,
die sich aus den Lehren von Lao Tse ableitet. Sich alle Mühe zu geben und doch
keine Kraft anzuwenden, damit Sie vermeiden, die tatsächlichen Grenzen von
Körper, Geist und Seele zu überschreiten, entspricht dem sanften Weg von Lao Tse,
einem der größten taoistischen Weisen.

Taoistische M e d i t a t i o n

In der taoistischen Meditationsüberlieferung bedeutet der Weg zur Spiritualität mehr,


als eine gute Gesundheit, Gemütsruhe und einen stabilen, friedvollen Gest zu haben.
Dies sind nur die notwendigen Voraussetzungen, die durch Chi Gung, die Langle-
bensatmung, Tai Chi und andere taoistische Übungssysteme erreicht werden.
Die Wasser-Methode der taoistischen Meditation setzt die Arbeit fort, Ihre inneren
Konflikte zu klären und aufzulösen. Dieser Prozess hat mit den äußeren Auflösungs-
methoden begonnen, die Sie beim „Öffnen der Energietore des Körpers" gelernt
haben, und geht damit weiter, einen inneren Auflösungsprozess zu erlernen. Dies
ist eine Hauptübung aus der Tradition von Lao Tse, die Ihnen dabei hilft, sich von
den übrig gebliebenen Konditionierungen, Spannungen und Blockaden, die Sie
binden und daran hindern, Ihr volles spirituelles Potential zu erreichen, gänzlich
zu befreien.
Wenn sich Ihre Praxis vertieft, kommt das 16-teilige Nei-Gung-Programm hinzu,
um den spirituellen Entwicklungsprozess zu beschleunigen.

Tai Chi als M e d i t a t i o n

Im Allgemeinen wird Tai Chi als eine Meditation in Bewegung bezeichnet. Seine
langsamen und anmutigen Bewegungen bieten einen zwanglosen Fokus, bringen
Ihren inneren Dialog zur Ruhe und erzeugen ein tiefes Gefühl von Entspannung,
das innere Spannungen abbauen hilft.
Nur wenige Tai-Chi-Meister wissen, wie die Praxis des Tai Chi in eine vollständige
taoistische Bewegungsmeditation umgewandelt werden kann. Liu HungChieh lehrte
B. K. Frantzis diese Tradition und ermächtigte ihn dazu, sie weiterzugeben.

345
LivingTaoism™ Collection
Die Zielsetzung der LivingTaoism Collection von Bruce K, Frantzis liegt nicht darin,
alte Texte nachzudrucken oder zu interpretieren, sondern vielmehr zu zeigen, dass
die taoistischen Praktiken lebendig und von höchster Relevanz für das moderne
Leben sind. Als Übungssysteme für Ihre persönliche Gesundheit und Energie können
sie von großem Nutzen für Sie sein.

Bücher

Die Energietore des Körpers öffnen war Bruce K. Frantzis' erstes Buch, das ursprüng-
lich 1993 in den USA erschienen ist. Zu seinen weiteren Veröffentlichungen in
deutscher Sprache gehören:

Tao-Meditation
Vollkommen im Sein entspannen
Die Wasser-Methode der taoistischen Meditation - Buch I
Windpferd Verlag 2. Überarb. Auflage 2008

Die große Stille


Körperbewusstsein, Bewegungsmeditation und sexuelles Qi Gong
Die Wasser-Methode in der taoistischen Meditation - Buch 2
Windpferd Verlag 2007

Die Kraft der inneren Kampfkünste


Kampf- und Energietechniken im Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I
Windpferd Verlag 2. Aufl. 2010

Die Chi-Revolution
Bauen Sie auf die Heilkraft Ihrer eigenen Lebensenergie!
Windpferd Verlag 2009

Als langjähriger Praktizierender der taoistischen Künste lehrt Bruce K. Frantzis und
schreibt seine Bücher mit großer Dankbarkeit gegenüber seinem Hauptlehrer, dem
verstorbenen taoistischen Meister und Linienhalter Liu HungChieh aus Beijing, der
ihm sein Wissen über dasTao so großzügig vermittelte.

346
CDs, Videos und D V D s

DieThemen reichen von einer allgemeinen Einführung in die taoistischen Praktiken


bis zu speziellen Themen, wie „Öffnen der Energietore" Chi Cung, Selbstverteidi-
gungstechniken des Tai Chi und Langlebensatmung.

Seminar- und Ausbildungsangebote

Bruce K. Frantzis ist der Begründer von Energy Arts in Kalifornien. Energy Arts bietet
Schulungsprogramme für zertifizierte Ausbilder, Retreats, Seminare und Vorträge
(beides öffentlich und für Firmen) in Nordamerika und Europa an. B. K. Frantzis lehrt
laufende Kurse in Chi Cung, der Langlebensatmung, den inneren Kampfkünsten Ba
Gua, Hsing-I und Tai Chi, den Heilmethoden von Chi-Gung-Tuina und der Wasser-
Methode der taoistischen Meditation.
Für die meisten Ausbilderkurse ist die vorherige Schulung in den B. K. Frantzis
Energy Arts Programmen Vorbedingung. Der Zertifizierungsprozess ist streng, um zu
gewährleisten, dass die Ausbilder die in diesen Künsten enthaltenen authentischen
Traditionen unterrichten.

Kontakt/I nformation
Energy Arts, Inc.
P. O. Box 99
Fairfax, CA 94978-0099, USA
Tel. (001) 415-4545243, Fax (001) 415-4540907

Informationen in englischer Sprache über Veranstaltungen, Übungsmaterialien und


zertifizierte Ausbilder weltweit finden Sie aufwww.energyarts.com.

347
Register
A
Ältere Menschen - in den Rücken, 114-118
- Anzahl von, 43 - in das untere Tantien, 297
- und Chi Cung, 42 - taoistische, 101
- in China, 45-46 - vorgeburtliche. Siehe Umkehratmung
- und die medizinische Krise - yogische. Siehe Pranayama
im Westen, 43-44 Auflösen, 154-160, 181, 185, 278, 280-282,
Aerobic, 47, 48, 83 303. Siehe auch Energietore
Ätherkörper, 156, 305. Augen
Siehe auch Energiekörper - Energietore der, 165
Affengeist, 154 - offen oder geschlossen, 127, 162, 190
Aikido, 17, 18-19 Aura, 156, 305
Akupunktur Ausbildungsangebote, 347
- und blockierte Energie, 60
Akupunkturbahnen, 67-68, 303, 308 B
Akupunkturpunkte (Akupunkte), 161, 163, Ba bei, 130
303, 308 Ba Gua
Anatomie des Körpers, energetische, 290-291 - Definition von, 15
Arme - Geschichte von, 73
- Energietore der, 168-170 - für die Gesundheit, 342
- Öffnen der, 182 - als Kampfkunst, 72-73, 344
Arthritis, 44, 55 Bänder
Asthma, 44 - Elastizität der, 56
Atem -Vorbeugung von Verletzung der, 49-50
- Bedeutung des, 87 Bai Hua, 16, 28, 325-326
- physischer, 69 Baihui, 164
- subtiler, 69 Bauchatmung, 101 -102, 111 -114, 116, 296
-Verlängerung des, 295-296 Becken, Energietore des, 174-175
Atmung. Siehe auch Langlebensatmung, Beine
Schildkrötenatmung, Umkehratmung und - Energietore der, 175-178
Wirbelsäulenatmung. - Öffnen der, 182
- Bedeutung der, 87-99 Bewegungskünstler, Empfehlungen für, 183,
- und Chi sinken lassen, 147 313
- Chi-Gung-Bewegungen und, 120 Biomechanik, 85-87
- mit dem Bauch, 101 -102, 111 -114, 116 Blut
- und Emotionen, 104, 119, 186-187 - Chi und, 297
- aus den Fersen, 298 - Sauerstoffspiegel im, 102-103
- flache, 99, 104 Blutdruck, 44
- in die Genitalien, 110 Blutzirkulation, 53
- und innere Organfunktionen, 104, 109 Brüste, Energietore der, 170
- kreisförmige, 295, 298-300 Brustkorb, Ausrichtung des, 127-129
- und Nei Gung, 294-300 Buddhismus
- in die Nieren, 114-115 - tantrischer, 69

348
- tibetischer, 173 -
innere Mechanik von, 53-56
-
als innere Übung, 68
-
Praxis von, 81-82, 181 -185, 311 -317
C
-
und Religion, 39-40
Chan-Buddhismus, 52, 139
-
für Schwerkranke, 49
Chang I Jung, 336
-
sexuelles, 326-327
Cheng Man Ching, 292
-
Sicherheit von, 41-42, 320-321, 322-323,
Chi
332
- und Atem, 69-70
- und Spiritualität, 37-38, 87-88, 324
- auf- und absteigende Ströme des, 78-80
- Systeme des, 43, 66-67, 324-331
-Auflösen von, 154-160, 162, 277-282, 303
- und Umgang mit Stress, 315-316
- Aufnehmen und Aussenden von, 306
- und Tai Chi, 40-41
- Bewegen von, 301
- als vollständiges System der Energiearbeit,
- Blut und, 297
39
- Definition von, 35
- und Unterschiede zu Nei Gung, 66-71
- direkte und indirekte Erfahrung von, 293-
-Vorteile von, 10-11, 32-33, 36-37, 47-52,
294
89-90
- als einer der drei Schätze, 37
- im Westen, 31, 63, 66
- und Emotionen, 186-187
- und Yoga, 84, 96-98, 322-323
- entspanntes, 154
Chi-Gung-Lehrer, 317-319
- Erwecken von, 57-58
Chi-Gung-Tuina. Siehe Tuina
- als Geburtsrecht, 309
Chinesische Begriffe, Romanisierung der,
- und innere Übungen, 88
337-339
- und Körpersynergie, 74-75
ChuangTse, 10, 339
- und Kompressionsatmung, 327-328
Crosstraining, 84, 90-96
- langsame Kultivierung von, 62, 82, 331
- und Lenkung des Geistes, 40, 69
- als Mitgift, 309 D
- sinkendes, 141-151 Dai Mai, 173, 301
- steigendes, 143 Depression, 44, 187
- Übermaß an, 325-326 Ding, 126
- und Vibrationstechnik, 328-330 Drachen- und Tiger-Chi-Gung, 84, 341
Chi-Fluss. 68, 308 Drei Schätze, 37-38
Chi Gung (siehe auch unter den einzelnen Dritte Schwungübung, 34, 246-261
Systemen und Übungen) - Armbewegungen für die, 254-260
- und Alter, 42 - Beinbewegungen für die, 247-252
- u n d Atmung, 120, 185-186 - Herkunft der, 335
- als Aufwärmübung, 89-90 - Leitlinien für die, 259-261
- in China, 45-46, 89-90 - vorbereitende Armbewegungen für die,
- Crosstraining mit, 84, 90 253-255
- Definition von, 13, 36, 63 - Ziel der, 247
- drei Ebenen des, 74-77 Drittes Auge, 165
- und Energieblockaden, 38-39
- fehlerhafte Praxis von, 325 E
- als Grundlage von Shen Gung, 307-308 Einhüllen, 301
- Grundprinzip von, 77 Ellbogen
- Gruppenübung von, 41 - Energietore der, 168-169

349
- Entspannung von, 231 Erde (Di)
Emotionen - und Chi-Ströme, 77-80
- Abbau von, 58-61 - als chinesisches Grundkonzept, 77
- u n d Atmung, 104-105, 119, 186-187 Erste Schwungübung, 222-231
- Ausgleich von, 51 - Armbewegungen für die, 227-231
- u n d Chi, 150-151 - Bein- und Hüftbewegungen für die, 224-226
- Freisetzung von, 58-61 - Herkunft der, 335
- kathartisches Modell der, 59-60 - und zentraler Energiekanal, 226
- negative, 186-187 - Ziel der, 223, 224
- als Sinnesempfindungen, 61 Erwärmer, drei. Siehe liao
- und Stress, 51-52
Energie
F
- Ausstoßen von, auf Entfernung, 331
Finger, Energietore der, 169-170
- und innere Übungen, 88
Frauen, Hinweis für, 316
Energieblockaden, 38-39, 57, 79, 122, 146-
Füße, Energietore der, 176-178
147, 151-160, 185
Fukien Weißer Kranich, 329
Energiekanal, linker
Fußknöchel
- Diagramm des, 290
-Ausrichtung der, 199-200
- und Nei Gung, 307
- Energietore der, 176-177
Energiekanal, rechter
- Diagramm des, 290 G
- und Nei Gung, 307 Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, 55
Energiekanal, zentraler Gehirn-Rückenmarks-Pumpe, 55
- Definition des, 226 Geist
- Diagramm des, 291 - Beziehung zwischen Körper und, 89
- und Nei Gung, 307 - und die Lenkung von Chi, 40. 69
- und Schwungübungen, 226 -stabiler, 153-154
Energiekörper. Siehe auch Ätherkörper Gelber Kaiser, Medizinklassiker des, 149
- Ausdehnung und Zusammenziehung des, Gelenke
159, 1 78 - der Fußknöchel, 199-200
- und Körpergrenzen, 178 -der Knie, 197-200
- und Nei Gung, 70 - Mechanik der, 196
- Scannen des, 151-152, 153 - Probleme in den, 196-197
Energiereserven, 76-77 - Schmerzen in den, 312-313
Energieströme, von Himmel und Erde, 78-81 - Vorbeugung von Schäden in den, 49-50
Energietore Gelenkschmiere, 50
- und Akupunkturpunkte, 161 Genitalien
- Definition von, 161 - Atmung in die, 110
- Lokalisierung der, 161,163-178 - Energietore der, 175
- Ö f f n e n der, 179-181 Gesundheit
- Spüren der, 161, 163 - in China, 45-46
Energy Arts Programm, 340-342 - Verantwortung für die, 45
Entgiftung, 316 - im Westen, 43-44
Entspannung Gleichgewicht, 49-50
- u n d Atmung, 103-104 Götter spielen in den Wolken (Chi Gung),
- der Muskeln, 47, 90-91 288, 342

350
Golf, 95 Kampfkunstformen)
Großer (Himmlischer) Energiekreislauf, 261 - äußere, 21
Guru-Verehrung, 24 -innere, 21, 71-73, 344
- Kraft in den, 51
H Kampfkünstler, Empfehlungen für, 184, 313-
Hände, Energietore der, 169-170 314, 315
Hakuin, 173 Karate, 19, 22
Hals Katharsis, 59-60
- Energietore des, 164-165 Kehlengrube, 166
- Haltung des, bei der Standform, 126-127 Kiefer, Energietore des, 166
Handflächen, Energietore der, 169 Klarheit, geistige, 36
Handgelenke, Energietore der, 169 Kleiner (Himmlischer) Energiekreislauf, 132
Hatha-Yoga. Siehe Yoga Knie
Heilung, von anderen, 343. Siehe auch - Ausrichtung der, 197-200
Selbstheilung - Energietore der, 176
Herz - Öffnen der Rückseite der, 199
- Erkrankungen des, 44 -Schmerzen in den, 249. 312-313
- Massage des, 117 Körper/Geist, Verbindung von, 89
- Rolle des, in der chinesischen Medizin, Körperausrichtungen
117 - und Chi sinken lassen, 148
Herz-Lungen-Tätigkeit, 47-48 - v o n Knien und Fußgelenken, 197-200
Himmel (Tien) - und Nei Gung, 302
- und Chi-Ströme, 77-80 - im Sitzen, 133-138
- als chinesisches Grundkonzept, 77 - i m Stand, 123-132
Hochzeit von Himmel und Erde (Chi Gung), 341 -Vorteile von, 121, 123
Hsing-I, 16, 20-21, 72, 73, 325, 344 Kohlendioxid, Ausscheidung von, 103
Huang Hsi I, 335 Knochen, Schonung der, 49-50
Hung I Hsiang, 25, 326, 327, 335 Knochenmark, 56
Koordination, 89
Kopf
I
- Energietore des, 164-166, 181
I Ging, 10, 15, 72, 87, 339
- Haltung des, bei der Standform, 126-127
Innere Organe
Kraft
- und Atmung, 104, 108-109, 296-297
- entspannte, 47
- Lokalisierung von, 57
- in den Kampfkünsten, 51
- Massage der, 129-130, 214
Krafttraining, 94-95
- Stärkung der, 47
Krankenversicherung, 44-45
Integration, 307
Krankheiten, chronische, 44
Kriya, 59
i Kundalini-Praxis, 59
Jan Juang, 123
Kungfu, 25
Jiao, 223-224
Kwa
Jing, 37
- Anheben des, 137
- Beugen des, 266-268, 279-280
K - Dehnen des, 137-138
Kampfkünste (siehe auch unter den einzelnen - Drehen aus dem, 233-234

351
- Komponenten des, 200-201 Muskeln
-Lokalisierung des, 133-135 - Anspannen der, 90-91
- Öffnen und Schließen des, 200-204 - und Chi sinken lassen, 148
- Dehnung der, 303-304
L - Elastizität der, 55-56
Langlebensatmung - Entspannung der, 47, 90-91
-Anatomie der, 108-109 - des Kwa, 201
- Definition der, 101-102, 341 Mutterschoßatmung. Siehe Umkehratmung
- Leitlinien für die, 107, 109-111,118-119
- Markierungspunkte für die, 107-108 N
- Phasen der, 294-295 Nackenschmerzen, 263
- Übungen für die, 111-118 Nei Gung
- Z i e l e der, 102-105 - und Ätherkörper, 305
LaoTse, 10, 87, 298, 339 - und Atmung, 305
Lebensenergie. Siehe Chi - Aufnehmen und Aussenden im, 306
Lebensenergie-Kapital, Bewahren des, 75-76 - Beugen und Dehnen im, 303-304
Leerheit, 37, 38 - und Chi Gung, 66-70, 88
Lehrer - und Energiekörper, 70
- Bedeutung von, 292 - Erlernen von, 286, 292-293
- in China, 323-324 - Grundkomponenten des, 288-308
-finden, 317-320 - und Integration, 307
- und Sprachbarrieren, 65 - Kreisform des, 301
- zertifizierte, 347 - und Körperausrichtungen, 302
Lin Du Ying, 28 - und die Lenkung von Chi, 301
Liu Hung Chieh, 12, 14, 15-1 7, 27-30, 325, - und linker, rechter und zentraler
336-337 Energiekanal, 307
LivingTaoism Collection, 339, 346 - Öffnen und Schließen im, 304-305
Loslassen, 144 - und Shen Gung, 307-308
Lymphe, 53, 55, 201 - Spiralbewegungen im, 305
- und dieTantien, 307
M -Vorteile von, 70-71, 88
Männer, Hinweis für, 317 - und die Wirbelsäule, 306
Mäßigung, Regel der. Siehe 70-Prozent-Regel -Wissen über, 283, 289
Mantras, 22, 23 Nei-Gung-Lehrer, 319-320
Meditation Nerven
- und Atmung, 104-105 - und Chi, 48, 321
- und Chi Gung, 52 - Stärkung der, 48
- und Tai Chi, 345 - und Stress, 321
- taoistische, 25, 29, 38, 104-105, 345 Nieren
- im Zen, 17 - Atmung in die, 114-115
Medizin, Krise der - Rolle der, in der chinesischen Medizin,
- in China, 45-46 114
- im Westen, 43-45
Menstruation, 316 O
Mingmen, 171-172, 182 Öffnen, 304-305
Mudras, 22, 23 Ohren, Energietore der, 165

352
Om-Tirth, Curu Shiv, 23 - Entspannung der, 231
Operationen, Beschleunigung der Sehnen, 56
Regeneration von, 50 Selbstheilung, 27-28, 36
Sexuelles Chi Cung, 326-327
Shaolin-Chi-Gung, 327, 328
p
Shen, 37
Ratanjali, 87
Shen Gung, 307-308
Pinyin-System, 338
Shiatsu, 17
Position
Shr, 286
- Definition von, 286
Sicherheitsfragen, 43, 332
- im Sitzen, 133-138
Sicherheitsvorkehrungen, 320-322
- im Stand, 64, 123-137, 190, 286-288, 335
70-Prozent-Regel, 41-42, 50, 110, 193-194,
Pranayama-Yoga, 105-106, 322-323
257
Praxis
Sinkenlassen, von Chi, 141, 143, 145-150,
- Bedeutung der, 309-310
155-156, 278, 280-282
- beste Übungszeit für die, 314
Sitzen
-Häufigkeit der, 314-315
- Ausrichtungen für das, 133-138
- Leitlinien für die Praxis, 81 -82, 311-317
- Spannung und Schmerzen vom, 332-335
- Schmerzen während der, 311-312
Sitzende Tätigkeit, 52
Psychische Kräfte, 308
Solarplexus, 171
Psychotherapie, westliche, 59. 61
Spiral-Energiekörper (Chi Gung), 288, 343
Spiralbewegung, 216-221
R Spiritualität, 37-38, 87-88, 324
Religion, 39-40 Sprachbarrieren, 65
Rücken
Sprudelnde Quelle, 178
- Atmung in den, 114-118 Stärke, Gefühle von, 151-152, 154
- Energietore des, 174 Standform
Rückenschmerzen, 263 - Komponenten der, 77-81
Rumpf, Energietore des, 170-174 - Leitlinien für die, 181-185
- Positionen der, 64, 123-132, 190, 284,
S 286-288, 335
Sauerstoffspiegel, 102-103 - z u r Ruhe kommen in der, 139-140
Sawai, Kenichi, 21 - Techniken der, 141 -160
Scannen, 151-152, 153 Stress
Schädelbasis, 165 -Abbauen von, 51-52, 315-316
Schädelplatten, 271 - und Emotionen, 51-52
Schildkrötenatmung, 296 - und Nerven, 321
Schließen, 304 - und Übungen, 93-94
Schmerzen Sung, 143-144, 146-147, 148, 150-151
- in den Fußknöcheln, 312-313 Synergie, 74-75
- in den Knien, 249, 312-313
- während der Praxis, 311-312
T
- in Rücken und Nacken, 263
Tai Chi
- beim Sitzen, 332-335
- und Chi Gung, 40, 41
Schultern
- in China, 45-46
- Energietore der, 167-168 - Definition von, 13

353
- als der Gesundheit dienende Kunst, 71, 342 - und Stress, 93-94
- als Kampfkunst, 344 Umkehratmung, 295, 297-298
- als Meditation, 345
- Push Hands, 15, 26 V
- Wu-Stil, 15 Verletzungen
- Yang-Stil, 28, 29 - und Atmung, 119
- und Yoga, 22, 23 - Beschleunigung der Regeneration
Tan Hsu Fa Shi, 337 von, 50
Tantien - Schutz von alten, 195
- Atmung in das untere, 297 - Vorbeugung von, 49-50, 185
- Entwicklung von Energie im, 1 71 -1 73, 182 Vipassana, 69
- Lokalisierung des, 171, 223-224, 290-291
- und Nei Gung, 307 Vorgeburtliche Atmung. Siehe Umkehratmung
Tantrische Kundalini-Meditation, 23
Taoismus W
- u n d Chi Gung, 10-11,37-38 Wade-Giles-System, 338
- drei Schätze des, 37 Wang Shu-Jin, 19-22, 325, 326-327, 335
- Feuer-Methode des, 339 Weißer Kranich (Chi Gung), 327, 328
- literarische Werke des, 339 Wirbelsäule. Siehe auch Taoistische
- praktische Seite des, 10 Wirbelsäulendehnung
- Wasser-Methode des, 339-340 -Aufrichten der, 130-131
Taoistische Meditation, 25, 28-29, 38-39, 345 - Aufwärmübungen für die, 266-268
Taoistische Meister, 24 - Energietore der, 172, 174
Taoistische Wirbelsäulendehnung, 262-281 - Funktionen der, 272
- Aufwärmübungen für die, 266-268, 275- - Haltung der, bei der Standform, 125-126
276 - hintere und vordere Seite der, 265
- Bedeutung der, 263 - Komponenten der, 306
- erste Hälfte der, 268-271, 276 - und Nei Gung, 306
- fortgeschrittene, 277, 279-280 - Spüren der, 266, 279
- Herkunft der, 336 Wirbelsäulenatmung, 298
- Leitlinien für die, 274-275 Wirbelsäulendehnung. Siehe Taoistische
- im Sitzen, 275-277 Wirbelsäulendehnung
- zweite Hälfte der, 272-273, 277 Wissen
Taoistischer Yoga, 97 - intellektuelles, 383
- und Hatha-Yoga, 97-98 - konkretes, 383
Taoteking, 339 Wolkenhände, 188-221
Tien Jau Ling, 28 - und Auflösung, 190
Tigermaul, 132 - Augen offen für die, 190
- Bedeutung der, 189-190, 206
Tor des Lebens. Siehe Mingmen
- Endstellung der, 188
Tuina, 18, 21, 22, 184, 343
- Funktion der, 201
- Grundhaltungen der, 216-217
U - Herkunft der, 335
Ueshiba, Morihei, 18-19 - und Oberkörper, 205-209
Übungen - und Unterkörper, 191-204
- äußere, 83 -vollständige Bewegung für die, 216-221
- innere, 85-89 Wu, 37

354
Wu Hui Chuan, 28
W u j i e n Chuan, 15,336
Wut, 58, 186-187

Y
Yale-System, 338
Yang Lu-Chan, 28
Yang Ban Hou, 28
Yang Shao Jung, 28
Yin und Yang, 91-93, 304
Yoga. Siehe auch Pranayama-Yoga und
Taoistischer Yoga
- und Atmung, 105-106
- und Chi Gung, 84, 96-98. 322-323
- und psychische Kräfte, 308
- Sicherheit von, 322-323
- und Spiritualität, 87-88
- und Tai Chi, 23
Yoga-Sutras, 87
Yuan Chi, 301
Yun Chi, 148

Z
Zen-Buddhismus, 17, 52
Zirkulation
- und Chi Gung, 53
- Verbesserung der, 49
Zunge, Position der, 127
Zweite Schwungübung, 232-245
- Armbewegungen für die, 242-245
- Herkunft der, 335-336
- Hüft- und Beinbewegungen für die, 234-
243
- Körperausrichtungen der, 54
- Ziel der, 233
Zwerchfell, 108-109, 119, 296-297
Bruce Frantzis
Die Kraft der inneren Kampfkünste und des Chi
Kampf- und Energietechniken im Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I
Dieses Buch ist ein Klassiker der K a m p f k ü n s t e . Es zeigt, wie die inneren Kampf-
künste - Ba G u a , Tai C h i u n d Hsing-I - mittels Strategie u n d Chi-Verstärkung
deutliche Vorteile gegenüber den äußeren K a m p f t e c h n i k e n wie Judo, Taekwondo,
Karate u n d Kung-Fu zeigen. Niemals zuvor hat ein Linienhalter der inneren Kampf-
künste so weitgehende I n f o r m a t i o n e n über das hoch entwickelte taoistische System
des N e i G u n g veröffentlicht. Das Buch zeigt, wie Chi-Energie Schnelligkeit, Ausdauer u n d Stärke in
den K a m p f k ü n s t e n fördert, die G e s u n d h e it aktiviert u n d Stress vermindert. Geschichten von großen
Meistern der inneren u n d äußeren K a m p f k ü n s t e , mit welchen Bruce Frantzis trainieren konnte, geben
h a u t n a h e n Einblick in die faszinierende Welt der Chi-Künste.

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Bruce Frantzis
Tao-Meditation
Vollkommen im Sein entspannen
Die Wasser-Methode der taoistischen Meditation — Buch 1 —
Dies ist ein umfassendes Anleitungs- u n d Ü b u n g s b u c h f ü r die taoistische Meditation
nach Lao Tses Schule der Wasser-Methode. Diese wird hier erstmals von einem
Linienhalter der Tradition in einer Form zugänglich gemacht, die es ermöglicht, die
G r u n d l a g e n fiir eine effektive u n d erfolgreiche Meditationsarbeit zu entwickeln. Dieser Band gibt eine
umfassende O r i e n t i e r u n g über das Themengebiet u n d präsentiert die Wasser-Methode im historischen
Kontext sowie in Beziehung zu d e n Feuer-Methoden . Im M i t t e l p u n k t steht der innere Auflösungspro-
zess u n d die dieser Technik z u g r u n d e liegende taoistische Theorie der acht Energiekörper. Ü b u n g e n
im Sitzen wie in Bewegung bilden das F u n d a m e n t f ü r a u f b a u e n d e Techniken wie das Auflösen von
T r a u m e n u n d inneren Konflikten, die es ermöglichen, das individuelle Sein zu akzeptieren u n d zu
lernen, mit d e m stetigen W a n d e l des Universums umzugehen.

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Bruce Frantzis
Die große Stille
Körperbewusstsein, Bewegungsmeditation und sexuelles Qi Gong
Die Wasser-Methode der taoistischen Meditation - Buch 2 —
D i e große Stille ist ein Anleitungs- u n d Ü b u n g s b u c h fiir die Wasser-Methode der
taoistischen Meditation. Erstmals wird sie hier in dieser Form von einem Linien-
halter der Tradition zugänglich gemacht u n d ermöglicht ein Verständnis von der
spirituellen Bedeutung, den Körper u n d seine Energien zu kultivieren. Die zentrale
Technik der Wasser-Methode ist der innere Auflösungsprozess: das Lösen psychischer Hindernisse u n d
Zerstreuungen. Ziel der Techniken ist eine z u n e h m e n d e spirituelle Bewusstheit u n d eine intensivierte
Vertrautheit, H a r m o n i e u n d Zufriedenhei t in Beziehungen. Körperbewusstsein, Bewegungsmeditation
u n d sexuelles Qi G o n g sind die Techniken, dieses Ziel zu erreichen. D a r ü b e r hinaus ist die Wasserme-
t h o d e eine optimale Ergänzung zu Tai C h i , Q i g o n g u n d K a m p f k u n s t .

2 8 8 Seiten • I S B N 9 7 8 - 3 - 8 9 3 8 5 - 5 4 6 - 9 • www.windpferd.de

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