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Prof. Dr.

Matthias Perkams Institute für Altertumswissenschaften und Philosophie


VL Tod und Sterben in der antiken Philosophie FSU Jena SS 2019

11 DER NEUPLATONISMUS PLOTINS

– Gliederung –

I. Einführung

A. Zur historischen Stellung Plotins

B. Leben und Werk

II. Die mystische Dimension bei Plotin

III. Das Verhältnis von Seele und Geist

IV. Die Einheit des Menschen: Was ist das „Wir“?

V. Die Erklärung des Bösen

VI. Das Paradox einer nicht-individuellen Unsterblichkeit

VII. Fazit
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1. Porphyrios von Tyros (ca. 233-301/5), der Biograph Plotins, beschreibt


dessen selbstbewusste Haltung gegenüber den Göttern:
„Als [Plotins Schüler] Amelios opferfreudig geworden war, bei Neumond
sowie an den Festen dort [an den Opferstätten] herumging und Plotin
aufforderte, mit ihm teilzunehmen, sagte dieser: ,Jene müssen zu mir
kommen, nicht ich zu ihnen.‘ Aus welcher Einsicht heraus er so große
Reden führte, konnten wir weder verstehen, noch wagten wir danach zu
fragen“.
(Leben Plotins/Vita Plotini, § 10)
Φιλοθύτου δὲ γεγονότος τοῦ Ἀµελίου καὶ τὰ ἱερὰ κατὰ νουµηνίαν καὶ τὰς
ἑορτὰς ἐκπεριιόντος καί ποτε ἀξιοῦντος τὸν Πλωτῖνον σὺν αὐτῷ παραλαβεῖν
ἔφη·«ἐκείνους δεῖ πρὸς ἐµὲ ἔρχεσθαι, οὐκ ἐµὲ πρὸς ἐκείνους.»Τοῦτο δὲ ἐκ
ποίας διανοίας οὕτως ἐµεγαληγόρησεν, οὔτ’ αὐτοὶ συνεῖναι δεδυνήµεθα
οὔτ’ αὐτὸν ἐρέσθαι ἐτολµήσαµεν.
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2. Porphyrios schildert die Vereinigungen Plotins mit dem Einen, das hier
“Gott” genannt wird:
„Wenn er sich so durch dieses dämonische Licht besonders in den ersten und
jenseitigen Gott mit den Gedanken einführte, auf den von Platon im
Symposion gewiesenen Wegen, erschien ihm jener Gott, der weder eine
Gestalt noch eine Idee hat, der oberhalb des Geistes und alles Gedachten
sitzt. Ihm, sage ich, habe ich, Porphyrios, mich auch einmal angenähert und
mit ihm vereint, im 68. Lebensjahr. [...] [Plotin] aber erreichte wohl viermal,
während ich bei ihm war, dieses Ziel mit unsagbarer Aktivität“.
(Leben Plotins/Vita Plotini, § 23)
Οὕτως δὲ µάλιστα τούτῳ τῷ δαιµονίῳ φωτὶ πολλάκις ἐνάγοντι ἑαυτὸν εἰς
τὸν πρῶτον καὶ ἐπέκεινα θεὸν ταῖς ἐννοίαις καὶ κατὰ τὰς ἐν τῷ «Συµποσίῳ»
ὑφηγηµένας ὁδοὺς τῷ Πλάτωνι ἐφάνη ἐκεῖνος ὁ θεὸς ὁ µήτε µορφὴν µήτε
τινὰ ἰδέαν ἔχων, ὑπὲρ δὲ νοῦν καὶ πᾶν τὸ νοητὸν ἱδρυµένος. Ὧι δὴ καὶ ἐγὼ
Πορφύριος ἅπαξ λέγω πλησιάσαι καὶ ἑνωθῆναι ἔτος ἄγων ἑξηκοστόν τε καὶ
ὄγδοον.[...] Ἔτυχε δὲ τετράκις που, ὅτε αὐτῷ συνήµην, τοῦ σκοποῦ τούτου
ἐνεργείᾳ ἀρρήτῳ.
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3. Das System der Wirklichkeit nach Plotin:

Die 3 unkörperlichen, ewigen Hypostasen:

Das Eine (τὸ ἕν)

Der Geist (ὁ νοῦς)

Die Seele (ἡ ψυχή)

Unter den Hypostasen gibt es noch:

Die Körperwelt (τὰ σώµατα)

Die Materie (ἡ ὕλη)


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4. Auch Plotin selbst berichtet die Distanz von seinem Körper als eigene
Erfahrung:
„Immer wieder wenn ich aus dem Leib aufwache in mich selbst, bin ich
außerhalb des anderen, aber innerhalb von mir selbst, sehe eine wunderbar
gewaltige Schönheit [...], bin in eins mit dem Göttlichen und auf seinem
Fundament gegründet [...]: Nach diesem Stillestehen im Göttlichen, wenn
ich da aus dem Geist herniedersteige ins Überlegen – da frage ich mich: [...]
Wie ist einst die Seele in mir in den Leib geraten, die doch das ist, was sie
mir als ihr Sein an sich gezeigt hatte?“
(Enneade IV 8 [6], 1, 1-11, Übs. Harder, leicht geändert).
Πολλάκις ἐγειρόµενος εἰς ἐµαυτὸν ἐκ τοῦ σώµατος καὶ γινόµενος τῶν µὲν
ἄλλων ἔξω, ἐµαυτοῦ δὲ εἴσω, θαυµαστὸν ἡλίκον ὁρῶν κάλλος [...] καὶ τῷ
θείῳ εἰς ταὐτὸν γεγενηµένος καὶ ἐν αὐτῷ ἱδρυθεὶς [...] µετὰ ταύτην τὴν ἐν
τῷ θείῳ στάσιν εἰς λογισµὸν ἐκ νοῦ καταβὰς ἀπορῶ, [...] ὅπως ποτέ µοι
ἔνδον ἡ ψυχὴ γεγένηται τοῦ σώµατος τοῦτο οὖσα, οἷον ἐφάνη καθ᾿ ἑαυτήν.

5. Plotin stellt als erster ausdrücklich die Frage, was der Mensch ist:
„Was das Lebewesen, d.h. was der Mensch ist“
(Enneade I 1 [53], Titel)
Περὶ τοῦ τί τὸ ζῷον καὶ τίς ὁ ἄνθρωπος.
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6. Hierbei ist die Seele, auch diejenige eines einzelnen Menschen,


grundsätzlich ein Glied in der Kette der Entstehung der Wirklichkeit aus
dem Einen:
„Dies soll nun zuerst jede Seele bedenken, dass sie alle Lebewesen
herstellte, indem sie ihnen Leben einhauchte: die, welche die Erde nährt, und
die, welche das Meer, die in der Luft und die göttlichen Sterne am Himmel;
sie [schuf] die Sonne, sie diesen gewaltigen Himmel, und sie schmückte sie,
und sie leitet sie in Ordnung, das sie eine andere Natur ist als das, was sie
schmückt und was sie bewegt und was sie leben lässt. Notwendigerweise ist
sie auch edler als dies, da dies entsteht und vergeht, während die Seele das
Leben verlässt und anführt, da sie stets sie selbst, ,indem sie sich selbst nie
verlässt‘.
(Enneade V 1, 2, 1-9)
Ἐνθυµείσθω τοίνυν πρῶτον ἐκεῖνο πᾶσα ψυχή, ὡς αὐτὴ µὲν ζῷα ἐποίησε
πάντα ἐµπνεύσασα αὐτοῖς ζωήν, ἅ τε γῆ τρέφει ἅ τε θάλασσα ἅ τε ἐν ἀέρι ἅ
τε ἐν οὐρανῷ ἄστρα θεῖα, αὐτὴ δὲ ἥλιον, αὐτὴ δὲ τὸν µέγαν τοῦτον οὐρανόν,
καὶ αὐτὴ ἐκόσµησεν, αὐτὴ δὲ ἐν τάξει περιάγει φύσις οὖσα ἑτέρα ὧν κοσµεῖ
καὶ ὧν κινεῖ καὶ ἃ ζῆν ποιεῖ· καὶ τούτων ἀνάγκη εἶναι τιµιωτέραν,
γιγνοµένων τούτων καὶ φθειροµένων, ὅταν αὐτὰ ψυχὴ ἀπολείπῃ ἢ χορηγῇ τὸ
ζῆν, αὐτὴ δὲ οὖσα ἀεὶ τῷ µ ὴ ἀ π ο λ ε ί π ε ι ν ἑ α υ τ ή ν
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7. Somit ergibt sich ein komplexer Status des „Wir“, d.h. der Person, unter
der Bedingung einer Trennung von Seele und Körper, wie sie schon Platon
annahm:
„Denn auch von dem, was der Körper erleidet, sagen wir, dass wir es
erleiden. Das „Wir“ ist also etwas Zweifaches – entweder es wird das Tier
mit dazugerechnet, oder es ist nur das, was bereits über diesem steht. D.h.
das Tier ist der mit Leben versehene Körper; der wahre Mensch ist dagegen
etwas anderes“.
(Enneade I 1 [53], 10, 4-7. Übs. Tornau inkl. der Hervorhebung, geändert).
Ἐπεὶ καὶ ἃ πάσχει τὸ σῶµα ἡµῶν ἡµᾶς φαµεν πάσχειν. διττὸν οὖν τὸ ἡµεῖς,
ἢ συναριθµουµένου τοῦ θηρίου, ἢ τὸ ὑπὲρ τοῦτο ἤδη· θηρίον δὲ ζωωθὲν τὸ
σῶµα. ὁ δ᾿ ἀληθὴς ἄνθρωπος ἄλλος.
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8. Als nächsten Punkt fragt sich Plotin, wie das „Wir“ sich zum reinen,
überindividuellen Geist – dem Ort der platonischen Ideen – verhält:
„Und wie verhalten wir uns zum Geist? [...] Nun: Auch diesen haben wir,
und zwar oberhalb von uns. Wir haben ihn aber entweder gemeinsam oder
jeder für sich allein [...]: gemeinsam, weil er unteilbar und eins und überall
derselbe ist, für sich allein, weil ihn trotzdem jeder in seiner ersten Seele
ganz besitzt. Mithin besitzen wir auch die Formen auf zwei Arten, in der
Seele quasi entwickelt und quasi voneinander separat, im Geist dagegen alle
auf einmal. Und den Gott, inwiefern besitzen wir ihn? Nun: insofern er auf
der geistig erkennbaren Natur, d.h. auf dem wirklichen Sein, aufsitzt; und
wir sind von dort aus gesehen das dritte [nämlich hinter dem Gott und dem
Geist]“.
(Enneade I 1 [53], 8, 1-10. Übs. Tornau, leicht angepasst).
Πρὸς δὲ τὸν νοῦν πῶς; [...] ἢ ἔχοµεν καὶ τοῦτον ὑπεράνω ἡµῶν. ἔχοµεν δὲ ἢ
κοινὸν ἢ ἴδιον [...]· κοινὸν µέν, ὅτι ἀµέριστος καὶ εἷς καὶ πάνταχου ὁ αὐτός,
ἴδιον δέ, ὅτι ἔχει καὶ ἕκαστος αὐτὸν ὅλον ἐν ψυχῇ τῇ πρώτῇ. ἔχοµεν οὖν καὶ
τὰ εἴδη διχῶς, ἐν µὲν ψυχῇ οἷον ἀνειλιγµένα καὶ οἷον κεχωρισµένα, ἐν δὲ νῷ
ὁµοῦ τὰ πάντα. τὸν δὲ θεὸν πῶς; ἢ ὡς ἐποχούµενον τῇ νοητῇ φύσει καὶ τῇ
οὐσίᾳ τῇ ὄντως, ἡµᾶς δὲ ἐκεῖθεν τρίτους.
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9. Plotin bestimmt die Materie, das unterste Ende seiner hierarchischen


Ordnung des Seienden, als das eigentlich Böse, das letztlich notwendig aus
dem Einen entstehe:
„Nun ist aber das, was auf das Erste folgt, mit Notwendigkeit vorhanden;
folglich auch das Letzte; dies ist die Materie, die nichts mehr von jenem an
sich hat. Und dies ist die Notwendigkeit des Bösen. Wenn aber jemand
behaupten will, dass wir nicht durch die Materie böse werden – denn weder
die Unwissen gehe aus der Materie hervor noch die schlechten Begierden
[...] – so wird auch er dennoch gezwungen sein zuzugestehen, dass die
Materie das Böse ist. [...] So ist die Schlechtigkeit, die eine Unwissenheit
und Ungemessenheit in der Seele ist, nur ein zweites Böses und nicht das
Böse selbst.“
(Enneade I 8 [51], 7, 21-8, 1-3. 10f. 37-42, Übs. Harder, leicht geändert)
ἐξ ἀνάγκης δὲ εἶναι τὸ µετὰ τὸ πρῶτον, ὥστε καὶ τὸ ἔσχατον· τοῦτο δὲ ἡ ὕλη
µηδὲν ἔτι ἔχουσα αὐτοῦ. καὶ αὕτη ἡ ανάγκη τοῦ κακοῦ. Εἰ δὲ τις λέγοι µὴ
διὰ τὴν ὕλην ἡµᾶς γενέσθαι κακούς - µήτε γὰρ τὴν ἄγνοιαν διὰ τὴν ὕλην
εἶναι µήτε τὰς ἐπιθυµίας τὰς πονηράς [...] καὶ οὗτος οὐδὲν ἧττον τὴν ὕλην
συγχωρεῖν ἀναγκασθήσεται τὸ κακὸν εἶναι. [...] κακία δὴ ἄγνοια οὖσα καὶ
ἀµετρία περὶ ψυχὴν δευτέρως κακὸν καὶ οὐκ αὐτοκακόν.
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10. Folglich erwägt Plotin, ob der Fall der Seele, d.h. ihrer Verstrickung in
die Körperwelt, überhaupt auf eine freie Entscheidung zurückgeht:
„Die Lebewesen, welche aus sich selber über eine selbstbestimmte
Bewegung verfügen, schlagen bald zum Besseren, bald zum Schlechteren
aus. Vielleicht lohnt es nicht, die Wendung zum Schlechteren bei jemandem
selbst zu suchen. Denn eine kleine Wendung, die zu Beginn geschieht,
macht, wenn sie in der Richtung fortgeht, die Verfehlung immer mehr und
größer; der Leib ist ja da und notwendigerweise die Begierde. Wurde das
Erste und Plötzliche einmal übersehen und nicht wettgemacht, ist sofort eine
Wahl dessen zustandegekommen, wohin jemand abgefallen ist. Hierauf folgt
gewiss die Vergeltung“.
(Enneade III 2, 4, 36-44)
τὰ δὲ δι᾿ αὐτὰ ἔχοντα κίνησιν αὐτεξούσιον ζῷα ῥέποι ἂν ὁτὲ µὲν πρὸς τὰ
βελτίω, ὁτὲ δὲ πρὸς τὰ χείρω. τὴν δὲ πρὸς τὰ χείρω τροπὴν παρ᾿ αὐτοῦ
ζητεῖν ἴσως οὐκ ἄξιον· ὀλίγη γὰρ τροπὴ κατ᾿ ἀρχὰς γενοµένη προιοῦσα
ταύτῃ πλέον καὶ µεῖζον τὸ ἁµαρτανόµενον ἀεὶ ποιεῖ· καὶ σῶµα δὲ σύνεστι
καὶ ἐξ ἀνάγκης ἐπιθυµία· καὶ παροφθὲν τὸ πρῶτον καὶ τὸ ἐξαίφνης καὶ µὴ
ἀναληφθὲν αὐτίκα καὶ αἵρεσιν εἰς ὅ τις ἐξέπεσεν εἰργάσατο. ἕπεταί γε µὴν
δίκη.