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Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 17

ABHANDLUNGEN ZU EHREN VON JOSEF SIMON


AUS ANLASS SEINES 80. GEBURTSTAGES

Günter Abel

ZEICHEN DER WAHRHEIT – WAHRHEIT DER ZEICHEN

Zusammenfassung: Der vorliegende Aufsatz diagnostiziert im Sinne Nietzsches eine Krise des tra-
ditionellen Wahrheitsbegriffs, in dem Wahrheit als metaphysische Wahrheit verstanden wurde,
die den Wahrheitsträgern zeitlos, zeichenunvermittelt und interpretationsunabhängig zukommt.
Die Kritik an diesem Verständnis bedient sich sowohl der Unterscheidung zwischen einem engen
und einem weiten Sinn als auch der Gegenüberstellung einer alten und einer neuen Rede von Wahr-
heit. Letztere wird mit Hilfe eines drei-stufigen Modells der Zeichen- und Interpretationsver-
hältnisse entfaltet. Dadurch gelingt es, Wahrheit als Funktion von Zeichen- und Interpretations-
prozessen zu konzipieren und in ihrer Rolle zur Geltung zu bringen. Dieses neue Modell der
Wahrheit erlaubt darüber hinaus einerseits eine Reformulierung älterer Aspekte der Wahrheits-
frage, andererseits aber auch die Neubestimmung der Wahrheit als zeichen- und interpretations-
prozessual, historisch, genealogisch und gradierbar.
Schlagwörter: Wahrheit, Zeichen, Interpretation, enger und weiter Sinn der Rede von Wahrheit, altes
und neues Schema der Wahrheit.

Abstract: The article starts from a Nietzschean inspired diagnosis of the crisis of the traditional con-
cept of truth, understood as timeless metaphysical truth, unmediated by signs and independent
of interpretations. The critique of this notion makes use of a distinction between a narrow and a
wide concept of truth as well as of contrasting two construals of truth: an old and a new one. The
latter is elaborated by means of a three-leveled model of signo-interpretational relations. This
enables us to bring to the fore a notion of truth as a function of signo-interpretational processes.
In addition, this new model of truth makes it possible to reformulate some of the old aspects of
truth, while at the same time allowing for a new conception of truth as signo-interpretational,
historical, genealogical, and gradable in character.
Keywords: Truth, Signs, Interpretation, Narrow and Wide Sense of the Notion of Truth, Old and
New Construal of Truth.
18 Günter Abel

1. Interpretation der Wahrheit

„Wahrheit“ ist das Königswort der abendländischen Philosophie, die im


Kern Metaphysik gewesen ist. Die Wahrheit zu erreichen ist ein Ziel, auf das
hohe intellektuelle, moralische, religiöse und metaphysische Prämien gesetzt
sind. Daher kann die Krise des Begriffs der Wahrheit als die Krise der Meta-
physik selbst angesehen werden. Um dieses Szenario zu verdeutlichen, sind zwei
Unterscheidungen hilfreich: erstens die Unterscheidung zwischen einem weiten
und einem engen Sinn der Rede von Wahrheit; zweitens die Unterscheidung zwi-
schen dem älteren und überlieferten Schema in Sachen Wahrheit und einem neuen Sinn
der Rede von Wahrheit. Beide Unterscheidungen möchte ich im Folgenden im
Rekurs auf den ihnen gemeinsamen Boden der Zeichen- und Interpretations-
prozesse erläutern, die für unser menschliches Welt-, Fremd- und Selbstver-
ständnis/-verhältnis grundcharakteristisch sind.

1.1. Der weite Sinn von Wahrheit

Auf der Ebene der überlieferten Frage nach der Wahrheit lassen sich drei ba-
sale Vorstellungen unterscheiden: (i) Wahrheit als Übereinstimmung und Adä-
quation zwischen dem Denken bzw. unseren Sätzen und der äußeren Realität; (ii)
Wahrheit als Auto-Manifestation bzw. Sich-Zeigen der reinen und wesentlichen
Natur der Sachen; und (iii) Wahrheit als die Tätigkeit solchen Erschließens. In al-
len drei Hinsichten wird zudem unterstellt, dass es nicht viele, sondern nur ‚Die
Eine Wahrheit‘ gibt.
Die Kritik dieser Auffassungen, mithin des Kerns der abendländischen Meta-
physik, wird vor allem bei Nietzsche radikal. In Nietzsches Denken geht es nicht
mehr bloß darum, an die Stelle der bisherigen Wahrheitsvorstellungen eine an-
dere zu setzen. Vielmehr wird die Architektur der Fragestellung selbst, d.h. der
Sinn und die Funktionsstelle von Wahrheit, um-interpretiert. Nicht nur eine be-
stimmte Konzeption, sondern das zugrunde liegende Schema selbst erfährt eine
Veränderung. Dies erfolgt nicht durch externe, sondern durch interne Kritik. Die
metaphysische Konzeption der Wahrheit läuft, so die Kritik, Gefahr, sich selbst
zu zerstören, sobald man sie konsequent zu Ende denkt. Wie ist das zu verstehen?
Wird mit der Rede von der Wahrheit die Aufforderung verbunden, Erkennt-
nis zu erlangen, so ist festzuhalten, dass es dann viele Weisen des Erkennens sowie
viele Erkenntnisse und mithin viele Wahrheiten gibt. Zum einen gibt es sehr unter-
schiedliche Wege des Erkennens (z.B. den alltäglichen, den wissenschaftlichen,
den künstlerischen, den religiösen Weg). Zum anderen kann es selbst innerhalb
ein und derselben Weise und/oder bezogen auf ein und denselben Sachverhalt
unterschiedliche und auch konfligierende Resultate des Erkennens geben. Weder
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 19

die unterschiedlichen Erkenntnisweisen noch deren unterschiedliche Resultate


lassen sich konfliktfrei auf eine allen gemeinsame Basis reduzieren.
Vermutlich gehen wir mit der Vorstellung eines einheitlichen und konvergen-
ten sowie an Übereinstimmung mit einer transzendenten äußeren Realität orien-
tierten Begriffs der Wahrheit vor allem unserer Sprache auf den Leim. Denn es
ist die Sprache, die aufgrund der „unbewussten Herrschaft und Führung durch
gleiche grammatische Funktionen“, aufgrund einer „gemeinsamen Philosophie
der Grammatik“ (JGB 20, KSA 5.34; Hervorhebung: G.A.), eine solche Einheit,
Konvergenz und Übereinstimmung suggeriert.1 Sind aber viele gleichermaßen le-
gitime Wahrheiten zu verzeichnen, dann ist nicht mehr von ‚Der Einen Und Ein-
zigen Wahrheit‘ auszugehen. Darüber hinaus ist jede der drei genannten basalen
Vorstellungen selbst-destruktiv.
Erstens (i): – Die Idee der Übereinstimmung und Adäquation zwischen Den-
ken und Gegenständen läßt sich strenggenommen nicht explizieren. Ein solcher
Versuch scheitert bereits beim ersten Schritt. Ohne die Verwendung von Zei-
chen und Interpretationen, mithin auch ohne Denken, lässt sich das, womit
übereingestimmt werden soll, nicht einmal angeben. Und jeder Versuch in diese
Richtung führt bestenfalls in einen unendlichen Regress. Nietzsche und Kant
zufolge ist bereits die Forderung nach Übereinstimmung „u n s i n n i g “ und
„w i d e r s i n n i g “ (Nachlass 1888, 14[122], KSA 13.303). Denn eine Relation
der Übereinstimmung bzw. der Adäquation zwischen Sprache/Zeichen und
sprach-/zeichentranszendenter Realität ließe sich überhaupt nur in Sprache und
Zeichen sowie unter einer bestimmten Interpretation durchführen. Darüber
hinaus müssten wir vorab bereits auch einen gänzlich zeichen- und interpreta-
tions-unabhängigen Begriff von Realität besitzen, den wir jedoch weder in ma-
terialer noch in formaler Hinsicht haben und unter sinnkritischem Vorzeichen
auch nicht haben können. Es lässt sich nicht denken, dass es eine vor-fabrizierte
Welt und einen vor-gefertigten Sinn gibt, die einfach fertig daliegen und bloß
noch auf ihre Repräsentation und Spiegelung in unserem Bewusstsein sowie in
unseren Sprachen, Zeichen und Interpretationen warten.

1 In dem Auftaktaufsatz des ersten Bandes der Nietzsche-Studien von 1972 hat Josef Simon rekon-
struiert, wie sehr die Einheit des Begriffs der Wahrheit und die Forderung der Übereinstimmung
zwischen Satz und Sache Anliegen der abendländischen Metaphysik war und in welchem Sinne
Nietzsches Denken über diese Tradition hinauszugehen versucht (Josef Simon, Grammatik und
Wahrheit. Über das Verhältnis Nietzsches zur spekulativen Satzgrammatik der metaphysischen
Tradition, in: Nietzsche-Studien 1 (1972), S. 1 – 26). Für Nietzsche ist Metaphysik vor allem
„Sprach-Metaphysik“ (GD, Die „Vernunft“ in der Philosophie 5, KSA 6.77). Entsprechend
muss auch Metaphysikkritik vor allem Sprachkritik sein, z. B. eine Kritik der Begriffe Substanz,
Wesen, Einheit. Dass die moderne Philosophie von Descartes über Kant zu Hegel und zu Nietz-
sche zunehmend auch die Grenzen einer vergegenständlichten Auffassung von Sprache und
Grammatik und entsprechend auch von Wahrheit beweglich zu machen versucht, hat Josef
Simon in der Monographie: Wahrheit als Freiheit. Zur Entwicklung der Wahrheitsfrage in der
neueren Philosophie, Berlin / New York 1978, rekonstruiert.
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Jeder Gedanke, jeder Satz und jedes Zeichen, das wahr oder falsch sein kön-
nen soll, muss trivialerweise zuvor in und kraft Sprache, Zeichen und Interpre-
tation gebildet worden sein. Infolgedessen kann Wahrheit nicht mehr (wie in der
metaphysischen Tradition behauptet) die Voraussetzung für die Bildung sinn-
voller Gedanken, Sätze, Urteile, Zeichen und Interpretationen sein. Suggeriert
wird, wir könnten die Bedeutung unserer sprachlichen wie nicht-sprachlichen
Zeichen aus ihren situativen, kontextuellen, zeit- und personen-gebundenen
Umgebungen und Einbettungen aseptisch herauslösen, dadurch die ‚Bedeutung‘
und die ‚Wahrheit‘ der Wörter und Zeichen isolieren und sie dann auf einen ein-
heitlichen Begriff der Wahrheit (und in Abhängigkeit von dieser auch auf einen
einheitlichen Begriff der Bedeutung) bringen. Doch genau diese metaphysische
Operation wäre – und zwar nach Maßgabe der Idee der Übereinstimmung bzw.
Adäquation selbst – „wid ers innig“. Sie riebe sich, wie Kant wohl sagen würde,
selbst auf, wäre selbstdestruktiv hoch angesetzt und mithin genuin unvernünftig.
Zweitens (ii): – Die Idee der Auto-Manifestation bzw. des Sich-Zeigens der
‚reinen und wesentlichen Natur der Sachen selbst‘ ist vor dem skizzierten Hin-
tergrund ebenfalls problematisch. Denn für finite und perspektivische mensch-
liche Geister der uns bislang bekannten Art kann etwas nur dann ein diskrimi-
niertes und individuiertes Objekt oder Ereignis sein, wenn es die Regularitäten
derjenigen Zeichen- und Interpretationsprozesse instantiiert, die wir als finite
und perspektivische Geister verwenden und verkörpern. Andernfalls droht My-
thologie der Sachen und Sachverhalte.
Drittens (iii): – Nietzsche hat betont, dass der überlieferte ‚Wille, zur Wahr-
heit zu kommen‘, bei näherer Betrachtung gerade nicht dazu führt, die charak-
teristischen Merkmale der Wirklichkeit zu erfassen (wie z. B. den fortwährenden
Wechsel und Wandel, die Vielheit und den Prozesscharakter dessen, was ge-
schieht). Der Wille-zur-Wahrheit erweist sich Nietzsche zufolge vielmehr als eine
Strategie des identifizierenden und reifizierenden Fest-Stellens, des „Fest-m a -
chens“, mithin der „Umdeutung“ des fortwährenden Flusses des Geschehens
„ins S eien d e“. Der Wille-zur-Wahrheit führt zur Produktion fiktiver wahrer,
wesentlicher, unbedingter und sich-gleich-bleibender Welten. Wahrheit ist in
diesem Sinne nicht an sich und nicht prä-etabliert gegeben. Sie wird vielmehr
in zeichen- und interpretations-bestimmten Prozessen geschaffen. Hier gehen
Entdecken und Herstellen Hand in Hand. Nietzsche zufolge ist ‚Wahrheit‘ der
Name für einen „Willen der Überwältigung, der an sich kein Ende hat“. Sie ist,
wie es heißt, ein „Wort für den „Willen zur Macht““ (Nachlass 1887, 9[91], KSA
12.384 f.).
Der metaphysische Begriff der Wahrheit möchte seine Genealogie aus Zei-
chen- und Interpretationsverhältnissen vergessen machen. Und das gelingt ihm
mit teils bemerkenswertem Erfolg. Denn dieser Wahrheitsbegriff scheint durch
jedes unserer Worte gestützt und gesichert zu werden. Die Subtilität des Erfol-
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 21

ges zeigt sich auch daran, dass wir zwar in kritischer Reflexion die reifizierende
und die adäquation-suggerierende Wirkung der Sprach- und Zeichenformen ge-
rade noch einsehen können, dass diese Einsicht jedoch keineswegs dazu führt,
uns von dem damit bezeichneten Würgegriff auch befreien zu können. Nietz-
sche hat diesen Punkt einmal im Horizont dessen, was er „tragische Erkennt-
niss“ (FW 370, KSA 5.619) nennt, in die treffliche Formulierung gebracht, „daß
man gefoppt wird und doch ohne Macht !ist", sich nicht foppen zu lassen.“
(Nachlass 1886/87, 5[71], KSA 12.213) Entsprechend hören wir im engen und
an die Grammatik des Urteils gebundenen Sinne auf zu denken, „we nn wir e s
nich t i n d e m s p rach l i chen Zwa n g e t h un wolle n“. Wir „langen ge-
rade noch bei dem Zweifel an, hier eine Grenze als Grenze zu sehn“ (Nachlass
1886/87, 5[22], KSA 12.193).
Darüber hinaus hat ein hypostasierter Wille-zur-Wahrheit in Nietzsches
Diagnose nihilistische Konsequenzen. Diese werden sichtbar, sobald die Perspek-
tivität und die grundbegriffliche Relativität des menschlichen Welt-, Fremd- und
Selbstverständnisses transzendiert oder gar eliminiert werden sollen. Perspek-
tivität und grundbegriffliche Relativität – die nicht mit einem Relativismus der
Beliebigkeit verwechselt werden dürfen – sind jedoch konditional für jedes
menschliche So-und-so-Verständnis der Welt, anderer Personen und unserer
selbst. Wer diese Dimension umwillen einer gänzlich zeichen- und interpreta-
tions-transzendenten Realität überspringen oder eliminieren möchte, der würde
exakt damit die Wirklichkeit der Welt aufheben. Er würde die Welt, auf die wir
uns verstehen, würde unsere Welt im Diffusen verschwinden lassen.
Konsequenterweise würde damit aber auch die Wahrheit zunichte. Denn
am Ende der strikten Durchführung solchen Willens-zur-Wahrheit stünde man
Nietzsche zufolge nicht vor ‚Dem Reinen Und Vollen Sein‘, sondern vielmehr
vor einem ‚Leeren Nichts‘. Die entsprechenden Operationen durchzuführen,
wäre vornehmlich auch nach Maßgabe des älteren und metaphysischen Wahr-
heitsverständnisses selbst widersinnig. Der Wille-zur-Wahrheit erscheint in Nietz-
sches Sicht daher als ein sich selbst nicht durchsichtiger Wille-zum-Nichts. Primär
aber haben wir es in unseren Erfahrungen nicht mit Nichts, sondern vielmehr
mit Etwas zu tun. Daher kann solcher Wille-zum-Nichts weder das erste noch
das letzte Wort sein.
Aber eine Reihe von metaphysisch lieb gewordenen Dichotomien kolla-
bieren. So unter anderem die Dichotomie zwischen einer ‚wahren‘ und einer
‚scheinbaren‘ Welt. Wenn sich die ‚wahre Welt‘ auflöst, dann verliert auch die
Rede von der ‚scheinbaren Welt‘ ihren Sinn.2 Auf diese Weise verliert die ganze

2 Vgl. GD, Wie die „wahre Welt“ endlich zur Fabel wurde, KSA 6.81. Vgl. dazu Günter Abel,
Nietzsche. Die Dynamik der Willen zur Macht und die ewige Wiederkehr, Berlin / New York
1998 (2. Aufl.), S. 324 – 341.
22 Günter Abel

Dichotomie von Wahrheit und Scheinbarkeit ihre Funktionsstelle. Die Frage ist
dann, wie ein Philosophieren jenseits dieser Dichotomie aussehen könnte. Da es
unter kritischem Vorzeichen für uns endliche Geister nicht um göttliche Wahr-
heiten, sondern einzig um Wahrheiten nach Menschenmaß gehen kann, muss
eine Antwort auf diese Frage mit der Wiedergewinnung der Genealogie der
Wahrheitsfrage und der jeweiligen Wahrheitsansprüche aus den menschlichen
Zeichen- und Interpretationsverhältnissen zu tun haben und sich von diesen her
sowie auf sie hin formulieren lassen.

1.2. Der enge Sinn von Wahrheit

Wahrheit im engen Sinne meint eine Eigenschaft von Sätzen, des näheren von
Urteilen, in denen etwas über die Beschaffenheit von Objekten, Ereignissen,
Zuständen und Phänomenen ausgesagt bzw. behauptet wird. Hier spielt die
Frage eine zentrale Rolle, welche Wahrheitskriterien man ansetzen kann. Im Un-
terschied zu der soeben erörterten Wahrheitsfrage handelt es sich hier um das
Feld der Wahrheitstheorien in einem engeren Sinne (z. B. um die Korrespondenz-
theorie, die Kohärenztheorie oder die Redundanztheorie der Wahrheit).
Die am häufigsten vertretene und dominante Form der Wahrheitstheorie
ist die Korrespondenztheorie der Wahrheit. Sie kommt auch unserem Alltags-
verständnis am nächsten. Die Grundannahme der Korrespondenztheorie besteht
darin, dass ein Satz (ein Urteil, eine Vorstellung) dann und nur dann wahr ist, wenn
er (es bzw. sie) mit dem entsprechenden Ausschnitt der Wirklichkeit überein-
stimmt, wenn also Korrespondenz zwischen dem Satz (dem Urteil, der Vorstel-
lung) und der Welt besteht – noch unabhängig davon, ob diese Relation dann
als Isomorphie, als Abbild, als Mimesis oder als Wiedergabe anderer Art gedacht
wird.
Die Schwierigkeit der Korrespondenztheorie besteht nun aber nicht darin,
wie man ‚Die Eine Einzige Und Zutreffende Relation‘ zwischen Satz und Welt
bzw. zwischen Satz und satz-transzendenter äußerer Realität auffinden bzw. aus-
sortieren kann. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, dass es zu viele solcher
Relationen gibt, die alle gleichermaßen legitim als gut korrespondierende Rela-
tionen gelten können. Man müsste schon vorab und gänzlich zeichen- und
interpretations-unabhängig einen Zugang zur sprach- und geist-unabhängigen
Welt haben, um eine bestimmte Relation von außen als die metaphysisch ein-
zig zutreffende Relation aussortieren und präferenzieren zu können. Über einen
solchen Zugang zu einer gänzlich zeichenfreien und uninterpretierten Welt verfügen
endliche Geister jedoch offenkundig nicht.
In unseren Tagen wird dieser Punkt vor allem durch die Modell-Theo-
rie, insbesondere durch Argumente gestützt, die Hilary Putnam entwickelt
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 23

hat.3 Der Modell-Theorie zufolge kann ein Prädikat, vor allem ein vages Prädikat
(z. B. „bewölkt“), eine Relation zu mehr als nur einem einzigen Mitglied aus einer
definiten Gesamtheit von Sachverhalten unterhalten. Daher muss man zulassen,
dass das Prädikat dann, wenn einige dieser Sachverhalte bestehen, andere dage-
gen nicht, sowohl wahr als auch falsch ist. Dies aber bedeutet, dass die strenge
Bivalenz von ‚wahr‘ und ‚falsch‘ unterminiert ist. Das Konzept der Wahrheit im
engeren Sinne einer Korrespondenztheorie löst sich damit selbst auf. Es sollte da-
her nicht verfeinert, sondern preisgegeben werden.
Ein zusätzliches zeichen- und interpretationsphilosophisches Argument ver-
mag diesen Punkt an einer wichtigen Stelle zu präzisieren. Prädikate, Sätze,
Zeichen und Interpretationen (z. B. in Urteilssätzen oder diagrammatischen Zei-
chen oder andere nicht-sprachliche Zeichen sowie deren Interpretationen) spie-
len in Sachen Erkenntnis und Wahrheit eine kardinale Rolle. Denn ohne sie
könnte es erst gar nicht zu Erkenntnis- und Wahrheitsfragen kommen. Sätze
und Zeichen müssen nun aber ihrer eigenen Sinnlogik nach primär den Regeln
ihrer Bildung als Sätze und Zeichen und vor allem dem entsprechen, was wir mit
ihnen in der Kommunikation und in praktischen Handlungszusammenhängen
erreichen, herbeiführen wollen. Weder müssen noch sollen sie, um flüssig zu
funktionieren, einer zeichen- und interpretations-transzendenten äußeren Reali-
tät entsprechen. Sie müssen vielmehr und primär kommunikations- und praxis-
adäquat sein. Wollten wir die (in der Regel dann auf Ähnlichkeit oder eine an-
dere Variante von Isomorphie zielende) Forderung der Übereinstimmung mit der
sprach- und zeichen-äußeren Realität zur Kondition kommunikativ und hand-
lungsmäßig sinnvoller Wörter, Sätze und Zeichen machen, stünden wir genau
diesbezüglich auf aussichtslosem Posten. Die inter-individuelle Kommunikation
und Praxis könnten weder in Gang gesetzt noch flüssig fortgesetzt werden.

2. Wahrheit als Funktion des Zeichen- und Interpretationssinns

2.1. Das Modell der Zeichen- und Interpretationsverhältnisse

Die skizzierten Schwierigkeiten der metaphysischen Konzeption der Wahr-


heit lassen sich nicht durch eine bloße Modifikation auf der Ebene des Begriffs
der Wahrheit beheben. Geboten scheint vielmehr, dass in Sachen Wahrheit de-
ren älteres Schema insgesamt einer Um-Interpretation unterzogen wird. In der
Linie Nietzsches kann man den Versuch machen, Wahrheit nicht mehr als etwas

3 Vgl. Hilary Putnam, Realism and Reason, (= Philosophical Papers, Bd. 3), Cambridge / New
York 1983, S. 1 – 25; und Hilary Putnam, Reason, Truth and History, Cambridge / New York
1981, Kap. 2.
24 Günter Abel

aufzufassen, das von seinen Zeichen und Interpretationen unabhängig und prä-
existent gegeben ist. Vielmehr kann ‚Wahrheit‘ in dem bereits skizzierten Sinne
als Name für ein Hervorbringen in Zeichen- und Interpretations-Prozessen ver-
standen werden.
Mit diesen Prozessen kommen wir offenkundig nicht zu einem definitiven
und allgemein verbindlichen Ende. In ihnen entsteht Wahrheit, die dann dreh-
türartig und rekursiv sogleich auch zur Klassifikation von Sätzen (Urteilen, Vor-
stellungen) als wahr oder falsch dient. In diesem Sinne kann Wahrheit als eine
Funktion der Zeichen- und Interpretationsverhältnisse re-konzipiert werden.
In den primordialen Zeichen- und Interpretations-Prozessen geht es nicht
darum, eine vermeintlich prä-existente und fertige Wahrheit zu ent-decken,
aufzudecken. Nicht mehr sind die Zeichen und Interpretationen einfach von der
Wahrheit, sondern eher das, was überhaupt als Wahrheit will gelten können, von
Zeichen und Interpretationen abhängig. Wahrheit kann, so die These, als eine
Funktion des Zeichen- und Interpretationssinns verstanden werden, – nicht um-
gekehrt. Entsprechend sollten wir in der Philosophie auch nicht mehr so sehr
auf den ‚Sinn der Logik‘, sondern vielmehr auf die ‚Logik des Sinns‘, genauer:
auf die Logik des Zeichen- und Interpretationssinns fokussiert sein. Damit ist
der in puncto Wahrheitsfrage grundlegende Übergang in eine dem älteren meta-
physischen Schema gegenüber veränderte Architektur der ganzen Problemlage
selbst markiert. Die Funktionsstelle von Wahrheit ist damit eine andere ge-
worden.
Auf diese Weise verliert die Wahrheitsfrage ihre Schlüsselstellung zugunsten
des Zeichen- und Interpretationssinns. Doch heißt dies – und das ist ein überaus
wichtiger Punkt – weder, dass die Wahrheitsfrage obsolet wird, noch, dass sie
im Begriff des Zeichens und der Interpretation einfach verschwindet. Denn
schließlich machen wir die Unterscheidung zwischen ‚wahr‘ und ‚falsch‘ und ver-
stehen sie offenkundig auch. Es geht mithin nicht um Destruktion, sondern um
Re-Konzeption des Sinns der Rede von Wahrheit. Und diese Re-Konzeption
kann eben, so der Vorschlag, auf der Basis der gegenüber der Rede von Wahr-
heit vorgängigeren, umfänglicheren, basaleren und konditionalen Zeichen- und
Interpretationsprozessen erfolgen.
In solcher Rede von ‚Zeichen‘ und ‚Interpretation‘ wird ein bestimmter
Begriff von Zeichen und Interpretation verwendet.4 In puncto Interpretation geht
es hier nicht nur um das enge Verständnis von Interpretation im Sinne einer her-
meneutischen Auslegung und Deutung von etwas Vorgegebenem, z. B. einem
Text, einem Bild oder einer Handlung. In einem weiter gefassten Sinne möchte
ich all diejenigen Verhältnisse als Zeichen- und Interpretationsverhältnisse an-

4 Zu dessen näherer Bestimmung vgl. im einzelnen Günter Abel, Zeichen der Wirklichkeit, Frank-
furt am Main 2004, Einleitung, S. 20 ff.
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 25

sehen, kraft deren wir phänomenal und begrifflich diskriminieren, identifizieren,


re-identifizieren, sortieren, perspektivieren, schematisieren, konstruieren, pro-
jizieren, klassifizieren, explizieren und erklären und in Bezug auf die so-formierten
Welten und Sinn-Gebilde dann Meinungen, Überzeugungen und pragmatisches
Wissen haben. Interpretation meint darin also nicht nur eine zusätzliche Proze-
dur des Deutens und Erkennens, nicht bloß eine ars interpretandi. Vielmehr kön-
nen die Prozesse des menschlichen Wahrnehmens, Sprechens, Denkens, Erken-
nens und Handelns in ihren Vollzügen selbst als zeichenverfasst und interpretativ
charakterisiert werden. Wichtig ist mir dabei insbesondere der prädikative, der
adjektivische und der adverbiale Sinn von „interpretativ“ im Hinblick auf die
Kennzeichnung dieser jeweils involvierten Prozesse selbst.
Unter Zeichen im engen Sinne seien diejenigen sinnlich wahrnehmbaren
Gebilde (z. B. Wörter oder Bilder) verstanden, die, wie man gern sagt, ‚für etwas
anderes stehen‘: das Wort „Kastanie“ für Kastanien oder „r“ für den Radius des
Kreises. Hier geht es um Zeichen, die etwas symbolisieren und darin durch ihre
semantischen Merkmale (Bedeutung, Referenz, Wahrheits- oder Erfüllungs-
bedingungen) charakterisiert sind. Demgegenüber seien unter Zeichen im weiten
Sinne Gebilde verstanden, die zunächst einfach irgendwie auffallen, in den
Fokus der Aufmerksamkeit geraten, dann als bedeutungstragend und als etwas
angesehen werden, an denen und in Bezug auf die es etwas zu verstehen gibt.5
So fragen wir etwa, was denn diese Handbewegung Onkel Pauls, was diese rote
Fläche, was dieses Licht am Himmel und dieser Streifen auf dem Computer-
bildschirm bedeutet. Dieser weite Sinn von Zeichen ist offenkundig nicht auf
sprachliche oder bildliche (etwa diagrammatische) Zeichen begrenzt. Er kann
von jedem Objekt und Ereignis realisiert werden, sobald dieses Aufmerksam-
keit auf sich zieht, sobald es zum Übergang vom bloßen unbewussten Sinnes-
eindruck zum auffälligen Zeichen kommt. Nach dessen Bedeutung kann gefragt
werden und wird zumeist dann gefragt, wenn wir das Zeichen nicht mehr fraglos
verstehen, mithin einen semantischen (oder auch einen syntaktischen oder prag-
matischen) Störfall konstatieren und dann (in theoretischer wie praktischer Ein-
stellung und mit Hilfe anderer und zur Zeit in ihrem Sinn und ihrer Bedeutung
nicht fraglichen Zeichen) an der Beseitigung des Störfalls arbeiten.6
Hervorzuheben ist nachdrücklich, dass Zeichen und Interpretationen intern,
nicht erst extern ineinander verstrickt sind. Die einen können nicht ohne die je-

5 Diese Sichtweise trifft sich mit derjenigen, die Josef Simon, Philosophie des Zeichens, Berlin /
New York 1989, S. 39, zur Grundlage seiner Überlegungen zum Zeichen gemacht hat: „Ein Zei-
chen ist das, was wir verstehen.“
6 Angemerkt sei, dass die ‚Störfälle‘ nicht zuletzt deshalb besonders aufschlussreich sind, da so-
wohl im Blick auf ihr Auftreten als auch hinsichtlich ihrer erfolgreichen Beseitigung vieles
von den tiefer liegenden Mechanismen des flüssigen Funktionierens der Sprach-, Zeichen- und
Interpretationspraxis verdeutlicht werden kann.
26 Günter Abel

weils anderen sein. Zeichen ohne Interpretation wären tote bzw. leere Zeichen.
Interpretationen ohne Zeichen wären stumme bzw. gar nicht erst zur Artikulation
kommende Interpretationen, mithin strenggenommen gar keine Interpretatio-
nen. Alles andere wäre Magie der Zeichen und Interpretationen.
Freilich geht es hier nicht einfach um Symmetrie zwischen Zeichen und
Interpretation. So folgt aus der Beziehung zwischen einem Zeichen X (sagen
wir: dem Wort „Rotkehlchen“) und seiner Interpretation Y (sagen wir: „Sing-
vogel mit rostroter Brust“) nicht, dass dieselbe Beziehung zwischen der Inter-
pretation Y und dem Zeichen X besteht. Darüber hinaus ist innerhalb des skiz-
ziert drehtürartigen Ineinandergreifens von Zeichen und Interpretation der
wichtige Aspekt zu betonen, dass jedes nicht-leere bzw. jedes funktionale und
gehaltvolle, mithin jedes mit semantischen Merkmalen versehene Zeichen ein
interpretatives Fundament stets bereits haben muss, sofern es denn überhaupt eine
Funktion als Zeichen üben, mithin überhaupt lebendiges Zeichen sein können
will. Die semantischen Merkmale eines Zeichens bestehen in seiner angemesse-
nen Interpretation.7 Funktioniert die Praxis der Interpretation eines Zeichens so
fraglos und selbstverständlich, dass es keines weiteren Interpretationsschlüssels
bedarf, haben wir es mit direktem Zeichenverstehen zu tun, wie z. B. dann, wenn wir
ein Wort, eine Geste, ein Bild oder einen Klang ohne weitere deutende Interpre-
tation verstehen.
Vor diesem ganzen Hintergrund lassen sich Typen bzw. Stufen der Zeichen-
und Interpretationsverhältnisse unterscheiden. Die folgenden drei Stufen seien
stenogrammartig genannt und charakterisiert. Zunächst (a) ist die bereits er-
wähnte Stufe der Interpretationen im Sinne von Aneignungen und Deutungen,
kurz (und mit einem Index versehen) die Ebene der „Interpretationen3“ ge-
nannt, anzuführen (wie z. B. die Explikation eines Wortes, aber auch das Bilden
von Hypothesen und Theorien). Die mit den Interpretationen3 intern verknüpf-
ten Zeichen (z. B. die im Sprechen verwendeten Wörter oder die in der For-
mulierung einer Theorie verwendeten formalen, z. B. mathematischen Zeichen)
seien als „Zeichen3“ apostrophiert. Von diesen Interpretationen3 und Zeichen3
können wir heuristisch sodann (b) diejenigen zeichenverfassten und interpre-
tativen Muster unterscheiden, die in unseren Gewohnheiten und Formen des
Verhaltens verankert sind (wie z. B. die etablierten Konventionen und unsere
kulturellen Praktiken), kurz „Interpretationen2“ und intern korreliert (und z. B.
in Verhaltenszeichen manifest) „Zeichen2“ genannt. Und von beiden Ebenen
wiederum lassen sich heuristisch diejenigen interpretativen und zeichenfunk-
tionalen Komponenten unterscheiden, die bereits in den kategorialisierenden
Funktionen unserer Sprach- und Zeichensysteme sowie unseres „In-der-Welt-

7 Vgl. dazu Günter Abel, Sprache, Zeichen, Interpretation, Frankfurt am Main 1999, Kap. 3, ins-
besondere S. 72 – 77.
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 27

seins“ (Heidegger) selbst wirksam sind, kurz „Interpretationen1“ und „Zei-


chen1“ genannt. Zu dieser letzten Ebene zählen z. B. die Verwendung der Be-
griffe ‚Existenz‘ und ‚Person‘, die Prozesse und Prinzipien der phänomenalen
und begrifflichen Diskrimination sowie der raum-zeitlichen Lokalisation und
der Individuation.8

2.2. Re-Konzeption der Wahrheitsfrage

Im Hinblick auf das Verhältnis von Wahrheit, Zeichen und Interpretation er-
laubt das Stufenmodell der Zeichen- und Interpretationsverhältnisse eine nuan-
cierte Beschreibung.9 Mit Hilfe dieses Modells kann die Grundthese präzisiert
werden, der zufolge nicht der Zeichen- und Interpretationssinn von der Wahr-
heit, sondern Wahrheit von dem im dargelegten Verständnis basal und umfäng-
lich verstandenen Zeichen- und Interpretationssinn abhängig ist. Diese Abhän-
gigkeit ist explizierbar für den engen Sinn der Konzeption von Wahrheit, d. h. für
die diskursive Aussagenwahrheit und im Hinblick auf Wahrheitstheorien (was an
dieser Stelle nicht näher entfaltet werden soll). Und die Abhängigkeit ist expli-
zierbar für den weiten Sinn der Konzeption von Wahrheit (d. h. in Bezug auf die
Frage nach dem, was, wie es dann in metaphysischer Einstellung heißt, ‚in Wahr-
heit ist‘).
Den Ausgangspunkt bilden die folgenden beiden Aspekte: (i) auf der funda-
mentalen Ebene der Zeichen1-und-Interpretation1-Verhältnisse sind Faktizität,
Semiotizität und Interpretativität noch nicht aufgetrennt, sondern liegen fusio-
niert ineinander; (ii) die Zeichen1-und-Interpretation1-Verhältnisse sind sinn-
logisch früher als die diskursive Wahrheit, die ihren Sitz auf der Ebene der Zei-
chen3- und-Interpretation3-Verhältnisse hat.
Im Lichte der skizzierten Zeichen- und Interpretationsverhältnisse kann jede
diskriminierte und individuierte Welt, jede So-und-so-Welt, als eine Zeichen- und
Interpretations-Welt angesehen werden. Ohne die vorausliegenden Zeichen1-und-
Interpretation1-Prozesse und deren Resultate gäbe es gar nichts Bestimmtes zu

8 Dieses Stufenmodell und die damit verbundenen Grundzüge einer Allgemeinen Zeichen- und Inter-
pretationsphilosophie habe ich im einzelnen dargelegt in Günter Abel, Interpretationswelten. Ge-
genwartsphilosophie jenseits von Essentialismus und Relativismus, Frankfurt am Main 1995
(2. Aufl.); Sprache, Zeichen, Interpretation; und: Zeichen der Wirklichkeit; sowie (mit detaillier-
ter Tiefenstaffelung) in Günter Abel, Interpretations-Welten, in: Philosophisches Jahrbuch 96
(1989), S. 1 – 19; und in Günter Abel, Was ist Interpretationsphilosophie?, in: Josef Simon (Hg.),
Zeichen und Interpretation I, Frankfurt am Main 1994, S. 16 – 35. Wichtig ist im vorliegenden
Zusammenhang nur, dass es sich um ein 3-stufiges (heuristisches) Modell der Zeichen- und In-
terpretationsprozesse handelt, und dass dieses Modell auch fruchtbar gemacht werden kann, um
das Verhältnis von Wahrheit, Zeichen und Interpretation zu charakterisieren.
9 Zum Folgenden vgl. ausführlicher Abel: Sprache, Zeichen, Interpretation, Kap. 12.
28 Günter Abel

beschreiben, zu erklären, zu begründen, zu deuten, zu erkennen und zu verste-


hen, mithin auch gar kein Erfordernis für semantische Zeichen3 und deutende
Interpretationen3 bzw. Explikationen auf der dritten Ebene. In den Prozessen
der Zeichen1- und Interpretation1-Ebene wird überhaupt erst umgrenzt, was
als seiend oder als nicht-seiend und was als wahr oder als falsch gelten und
dann auch Objekt deutender und aneignender Zeichen3 und Interpretation3 sein
kann.
Die Frage der Wahrheit im engen und diskursiven Sinne des Begriffs stellt
sich demnach überhaupt erst, nachdem (i) diejenigen Referenzobjekte, auf die die
Sätze (Urteile, Vorstellungen) Bezug nehmen, in den Zeichen1-und-Interpreta-
tion1-Prozessen formiert worden sind; und sie stellt sich auch überhaupt erst,
nachdem (ii) jemand explizit nach der Wahrheit oder Falschheit eines Satzes (eines
Urteils, einer Vorstellung) oder eines Zeichens nicht-sprachlicher Art (z. B. eines
Diagramms) fragt. Der jeweilige Satz (das Urteil, die Vorstellung) ebenso wie
die jeweilige Frage nach dessen Wahrheit oder Falschheit bewegen sich ihrerseits
nicht auf der ersten, sondern auf der dritten Ebene der Zeichen- und Interpre-
tationsverhältnisse.
Innerhalb des 3-stufigen Modells der Zeichen und Interpretationen besteht
die Frage nach der diskursiven Wahrheit also in der Frage nach dem Verhältnis zwi-
schen: (a) den Urteilen auf der dritten Ebene der Zeichen und Interpretationen,
(b) anderen Urteilen, die auf derselben Ebene sowie, gleichsam verhaltens-sedi-
mentiert, auf der Ebene zwei bereits für wahr gehalten werden, und (c) den Ob-
jekten und Ereignissen, die in den basal diskriminierenden, individuierenden,
raumzeitlich lokalisierenden und kategorialisierenden Zeichen1-und-Interpreta-
tion1-Prozessen auf der Ebene-1 überhaupt erst ihre So-und-so-Formatierungen,
ihre Form erhalten haben.
Dieses gestufte und komplexe Geflecht der Zeichen- und Interpretations-
Verhältnisse macht übrigens auch verständlich, dass und in welchem Sinne die
diskursive Wahrheit, also Wahrheit im engeren und auf die Grammatik des Urteils
bezogenen Sinne, bei weitem nicht ausreicht, das menschliche Welt-, Fremd-
und Selbstverständnis/-verhältnis zu charakterisieren. Die drei Ebenen der Zei-
chen- und Interpretationsverhältnisse enthalten eine Fülle lebenscharakteristi-
scher Komponenten (wie z. B. auf der Ebene-1 die Leiblichkeit, auf der Ebene-2
die Verhaltensgewohnheiten und auf der Ebene-3 neben dem konstativen etwa
auch den expressiven Wort- und Zeichengebrauch), in deren Zentrum keines-
wegs die Wahrheitsfrage, sondern vielmehr die Frage der gelingenden und sinn-
orientierten Lebensvollzüge steht.
Betrachten wir nun die Konzeption der Wahrheit im weiten (und oftmals auch
essentialistischen) Sinne dieses Begriffs, so führt auch hier die skizzierte Abhängig-
keit der Wahrheit vom Zeichen- und Interpretationssinn dazu, Wahrheit als eine
Zeichen- und Interpretationsfunktion zu fassen. Letztlich bleibt, so könnte man
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 29

sagen, der älteren Konzeption von Wahrheit gar nichts anderes übrig, als die
vielfältigen und ihrerseits nicht-reduzierbaren Zeichen- und Interpretationspro-
zesse als dasjenige anzusehen, was, wie es in metaphysisch-essentialistischer
Einstellung heißt, ‚in Wahrheit ist‘. Dies gilt umso mehr, als sich die ältere Kon-
zeption von Wahrheit nach eigener Maßgabe der Wahrhaftigkeit als ihrem mo-
ralischen Gesetz verpflichtet hat. In Konsequenz dieses Zusammenhangs pro-
voziert vornehmlich die eifrige Suche nach der Wahrheit schlussendlich die
Auflösung des älteren Schemas der Wahrheitsfrage selbst.
Der Zeichen- und Interpretationscharakter der menschlichen Welt-, Fremd-
und Selbstverhältnisse sowie der Lebensprozesse selbst und letztlich all dessen,
was geschieht, schneidet den Weg in einen erneuten Essentialismus ‚hinter‘ den
Zeichen- und Interpretations-Prozessen ab. Dies ist nicht nur kontingenter-
weise, sondern systematisch der Fall. Nietzsche zufolge hat „das Interpretiren
selbst […] Dasein“, aber „nicht als ein „Sein“, sondern als ein P r oze ß“ (Nach-
lass 1885/86, 2[151], KSA 12.140). Diesen Aspekt zu betonen ist wichtig, da so-
wohl der enge als auch der weite Sinn von Wahrheit nur dann als Modi der Inter-
pretativität und der Semiotizität, des näheren als Funktion des Zeichen- und
Interpretationssinns angesehen und behandelt werden können, wenn die Zei-
chen- und Interpretations-Prozesse in diese primordiale und ihrerseits nicht
weiter reduzierbare Stellung rücken.
Übrigens ist es dieser interpretative und zeichenverfasste Charakter der Prozesse,
der auch dazu führt, dass Wahrheiten geboren, wachsen und stark werden, aber
auch altern und sterben können. Die Lebendigkeit ebenso wie die Sterblichkeit
von Wahrheiten, einschließlich ihrer Geschichtlichkeit, sind Konsequenz ihres
Zeichen- und Interpretationscharakters.
Mit den Zeichen und Interpretationen bricht zugleich die Zeit in die Wahrheit
ein. Die klassische Metaphysik hatte, überspitzt formuliert, außer den Zeichen
und Interpretationen auch Zeit und Geschichte vergessen. Jedenfalls hatte
sie beide nicht in ihrer radikalen Stellung und Herausforderung angemessen
ins Zentrum gerückt. Provokant formuliert ist in der älteren Metaphysik mit
ihrem Drang zum Überzeitlichen auch eine gehörige Portion Chronophobia
am Werke. Einzig eine magische Auffassung der Zeichen und Interpretationen
gäbe sich der Hoffnung auf eternalistische semantische Merkmale und damit
auch der Hoffnung auf ewige Wahrheiten hin. Jeder Wahrheitsanspruch muss
jetzt dagegen – so können wir jetzt zeichen- und interpretationsphilosophisch
sagen – im Prinzip kritisierbar und revidierbar sein, wenn er denn überhaupt ver-
nünftiger Wahrheitsanspruch im Sinne einer Funktion des Zeichen- und Interpre-
tationssinns sein und, bis auf weiteres, auch bleiben können will.
Die skizzierte zentrale Stellung der Zeichen- und Interpretationsprozesse
führt jedoch keineswegs in einen Relativismus im Sinne der These, dass jedes
Zeichen und jede Interpretation für einen jeden von uns einen beliebigen Sinn
30 Günter Abel

hätte. Es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen der zeichen- und inter-
pretationsbegrifflichen, des näheren der grundbegrifflichen Relativität (die unentbehrlich
und nicht-eliminierbar ist) und einem Relativismus der Beliebigkeit (der nicht
kohärent expliziert werden kann). Außerdem können wir die Struktur der
Zeichen1-und-Interpretation1-Prozesse nicht willentlich abändern oder sie gar
gegen eine gänzlich andere austauschen. So stoßen wir z. B. schnell auf sehr lang-
lebige und über Generationen hinweg sich kaum verändernde Zeichen1-und-In-
terpretation1-Strukturen (z. B. die Mechanismen der Diskrimination, der Indivi-
duation und der raumzeitlichen Lokalisierung). In diesem Sinne ist mit den realen
Zeichen1-und-Interpretation1-Prozessen Notwendigkeit verbunden. Bis auf
weiteres können diese Prozesse nicht nicht sein (was eine gute Paraphrase von
‚notwendig sein‘ ist). Sofern unsere Lebensprozesse selbst als Zeichen-und-In-
terpretationsprozesse charakterisiert werden können, hat unser tatsächliches Le-
ben den Relativismus immer schon unterlaufen. Terminaler Relativismus wäre
lebenspraktisch widersinnig und sinnlogisch selbst-destruktiv.

Auf die im vorliegenden Aufsatz entwickelten ersten beiden Schritte der Ar-
gumentation (Interpretation der Wahrheit; Wahrheit als Funktion des Zeichen-
und Interpretationssinns) soll nun ein dritter folgen: Wahrheit der Zeichen und
Interpretationen. Freilich kann es jetzt nicht mehr darum gehen, sich erneut
‚hinter‘ den primordialen Zeichen- und Interpretationsprozessen aufstellen zu
wollen. Bereits ein solches Ansinnen wäre, wie betont, widersinnig. Die Frage
nach der Wahrheit der Zeichen und Interpretationen ist mithin so zu entfalten,
dass ihre Beantwortung nicht erneut in den älteren Bezirk einer Metaphysik des
‚Wesens‘ fällt.

3. Wahrheit der Zeichen und Interpretationen

3.1. Irrtum und Wahrheit

Auf dem Boden der skizzierten Verhältnisse stehen einige der älteren Ant-
worten auf die Frage nach der Wahrheit der Zeichen und Interpretationen nicht
mehr zu Gebote. Zu ihnen gehört auch der Rekurs auf die traditionelle Ver-
sion der Wahr-Falsch-Opposition, vor allem im Sinne der erörterten Korres-
pondenz-Relation zwischen Satz/Urteil und äußerer transzendenter Realität. Im
Sprechen, Denken und Vorstellen vergleichen wir unsere Zeichen3 und Interpre-
tationen3 (Wörter, Urteile, Vorstellungen) nicht mit zeichen- und interpretations-
transzendenten ‚reinen Sachen‘. Wir können sie stets nur innerhalb unseres Zei-
chen- und Interpretationen-Corpus mit anderen und bereits für wahr gehaltenen
Zeichen und Interpretationen vergleichen. Dabei geht es weder um das Verhält-
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 31

nis von ‚Interpretation‘ und ‚reiner Sache‘ noch um das Verhältnis von ‚Zeichen‘
und ‚Sachen‘. Vielmehr geht es um die Beziehungen zwischen Zeichen sowie In-
terpretationen untereinander, des näheren um Zeichen/Interpretationen-über-
Zeichen/Interpretationen-Bildungen, einschließlich der Verdichtungen, Neu-
organisationen, Koalitionen, Adoptionen, Reduktionen und Abkürzungen von
Zeichen/Interpretationen durch andere Zeichen/Interpretationen.
Nietzsche hebt insbesondere den letztgenannten Aspekt hervor. Er betont,
dass die Repräsentationsfunktion der Zeichen zurückzuführen sei auf die „Er-
findung von Zeichen für ganze Arten von Zeichen“, vor allem auf die „Ab -
kürzung en“ vieler Zeichen durch gezielte andere Zeichen (Nachlass 1885/86,
1[28], KSA 12.17). Dieses Verfahren ist uns nicht nur aus den Wissenschaften,
sondern auch alltäglich sowie aus den Künsten bestens vertraut. So kann man
in den Wissenschaften z. B. das gesamte Geflecht der kausalen Bedingungen, die
zum Eintreten eines Ereignisses X führen, in das Zeichen, sagen wir: ‚μ‘ abkür-
zen und unter Verwendung dieses abkürzenden Zeichens dann weiter Wissen-
schaft treiben. Alltäglich kann man z. B. die Fülle der gestikulierenden Zeichen
Onkel Pauls, die er angesichts einer freudigen Nachricht zeigt, in ein einziges
Wort oder in eine einzige Handbewegung oder die Fülle seiner Affekte in einen
einzigen musikalischen Klang abkürzen und kommunizieren. In diesen Prozes-
sen geht es nicht mehr um den überlieferten Gegensatz von ‚wahr‘ und ‚falsch‘.
Es geht vielmehr um praktisch und kommunikativ relevante Abkürzungspro-
zesse, die sich dadurch auszeichnen, dass sie das herbeiführen, was wir mit ihnen
erreichen, herbeiführen oder ausdrücken wollen.
Solche Zeichen- und Interpretationsprozesse sind Nietzsche zufolge bereits
auf der Ebene des Organischen anzutreffen. In den Prozessen des Organischen
und insbesondere des menschlichen Organismus handelt es sich um hochgradig
ausdifferenzierte Funktionen und zugleich um höchste Komplexität des Zusam-
menspiels vieler Teilsysteme. Mit zunehmender Komplexität und Spezifität der
Funktionen wächst emergent auch die Perspektivität.10 Diese manifestiert sich
unter anderem in den perspizierenden, fest-stellenden, taxierenden, fixierenden,
vereinfachenden und re-präsentierenden Aktivitäten und Konstruktbildungen
unterschiedlichster Art. Und in genau diesen zeichen-interpretativ verfassten
Prozessen entsteht (noch im älteren Schema gesprochen) zugleich auch der ‚Irr-
tum‘. Der Irrtum ist, so möchte ich sagen, gleichsam der siamesische Bruder
der Wahrheit, beide aufgefasst als Funktionen des Zeichen- und Interpretations-
sinns.
Trifft diese Beschreibung zu, dann wird zugleich deutlich, dass und in wel-
chem Sinne auch die Irrtümer, paradoxerweise, für die Art des Lebens, das wir

10 Vgl. dazu Abel, Nietzsche, Kap. V („Vom Organismus-Modell zum Konzept der Kräfte-Orga-
nisation“).
32 Günter Abel

verkörpern, unentbehrlich und nicht-eliminierbar sind. Ohne die Irrtümer z. B.


des Gleich- und Dauerhaft-Machens (im Sinne etwa der Setzung ‚identischer
Fälle‘) und des abkürzenden Ver-Einfachens hoch komplexer Verhältnisse
könnten wir uns, wie Nietzsche betont, gar nicht im Dasein halten. Wir würden
vielmehr in den indiskreten Fluss aller Dinge diffundieren. In diesem Sinne fin-
den wir uns – sofern wir es überhaupt mit So-und-so-Welten zu tun haben und uns
in diesen als unseren Welten bewegen – „verstrickt in den Irrthum“, geradezu
„n e c e s s i t i r t zum Irrthum“ (GD, Die „Vernunft“ in der Philosophie 5, KSA
6.77).
„Wahrheit“, so Nietzsches berühmt-berüchtigte Formulierung, „ist die
Ar t von Ir r thum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen
nicht leben könnte.“ Die philosophische Pointe dieser Formulierung liegt darin,
dass der Irrtum hier als Gattung (Genus), die Wahrheit als Art (Species) genommen
wird, – nicht umgekehrt. Und die Differentia Specifica besteht in der Beziehung auf
die Bedingungen des Lebens: „Der Werth für das Leben entscheidet zuletzt.“
(Nachlass 1885, 34[253], KSA 11.506 korr.)
Auch im Zuge der Frage nach dem „Werthe der Wahrheit“ für das Leben
(JGB 1, KSA 5.15) lässt sich die Auffassung verdeutlichen, dass Wahrheit sowie
korrelativ Irrtum als Funktionen des Zeichen- und Interpretationssinns kon-
zipiert werden können. Zu diesem Schritt benötigen wir lediglich die Zusatz-
annahme, dass unser Leben selbst als Prozess komplexer Zeichen- und Interpre-
tationsvollzüge aufgefasst werden kann. Mit Akzent auf dem Irrtum stehen
wir damit Nietzsche zufolge sogleich vor der provokanten Frage, ob wir die
„Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn“ können oder nicht (JGB 4, KSA
5.18). Wahrheit und Irrtum bzw. Falschheit erscheinen so nicht mehr als meta-
physische Gegensätze mit je eigenen, separaten und voneinander gänzlich unab-
hängigen Ursprüngen. Nietzsche stellt einmal die Frage, ob es nicht genügt,
anstelle der vormaligen essentialistischen Dichotomie von Wahrheit und Falsch-
heit nur „Stufen der Scheinbarkeit“ (JGB 34, KSA 5.53) anzunehmen. Geht man
jedoch vom Kollaps des ganzen Gegensatzes von ‚Wahrheit und Scheinbarkeit‘
selbst aus, dann muss man, so möchte ich betonen, noch einen Schritt weiter
gehen. Und dies ist der Schritt, der uns auf den Boden der adualistischen und
adichotomischen Zeichen- und Interpretationsprozesse stellt, um dort dann
Grade der Verankertheit der Zeichen- und Interpretationsfunktionen zu unter-
scheiden.
Angemerkt sei hier noch, dass die jedem Metaphysiker und Ontologen der
Wahrheit unerhört klingende Frage nach dem ‚Wert der Wahrheit‘ so im älteren
Schema der Wahrheitsfrage unter Tabu stand. Denn es sollte die Wahrheit sein,
die über den Wert aller anderen Dinge ebenso wie über die Bedeutung aller an-
deren Wörter und Zeichen entscheidet. Jetzt dagegen wird nach dem Wert der
Wahrheit sowie nach der Bedeutung der Wörter ‚wahr‘ und ‚Wahrheit‘ gefragt.
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 33

3.2. Wahrheit als Eigenschaft

Die Wahrheit der Zeichen und Interpretationen kann auch nicht mehr als
eine zeitlose Eigenschaft konzipiert werden, die ein Zeichen (z. B. ein Theorem)
und eine Interpretation (z. B. eine bestimmte Deutung physikalischer oder
anderer Vorkommnisse) nicht verlieren kann. Eine solche Sicht würde dem Zei-
chen- und Interpretationscharakter als solchem ebenso zuwiderlaufen wie der
Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit eines jeden menschlichen Welt-, Fremd- und
Selbstverständnisses.
Verwendete und verstandene Zeichen sowie Interpretationen besitzen seman-
tische Merkmale (Bedeutung, Referenz, Wahrheits- oder Erfüllungsbedingungen)
und sie besitzen pragmatische Merkmale (Bezüge auf Zeit, Situation, Kontext,
Einstellungen und Personen). Diese Merkmale können jedoch nicht als über-
zeitliche Eigenschaften der Zeichen und Interpretationen konzipiert werden. Sie
hängen, mit Wittgenstein gesprochen,11 von der Praxis des Gebrauchs der Zei-
chen und Interpretationen ab. Sind die semantischen und pragmatischen Merk-
male aber keine überzeitlichen Eigenschaften, wie sollte dann ‚Wahrheit‘ eine
überzeitliche Eigenschaft eines Zeichens und einer Interpretation sein können?
Letzteres wäre eben nur dann möglich, wenn die Semantik und Pragmatik
der Zeichen und Interpretationen im Sinne heute etwa Donald Davidsons von
objektiven Wahrheitsbedingungen her konzipiert werden könnten.12 Ein solcher
Nachweis scheitert jedoch aus zumindest zwei Gründen. Erstens (i) hätte er
einen Realismus ohne zeichen- und interpretationsbegriffliche, ohne grundbe-
griffliche Relativität zu explizieren. Diese Beweislast einlösen zu wollen, liefe
aber auf den widersinnigen Versuch hinaus, dass wir aus unserer Zeichen- und
Interpretationspraxis selbst herausspringen wollen, – was nach Maßgabe des ge-
forderten Nachweises selbst gerade nicht der Fall der sein soll. Zweitens (ii)
müsste gezeigt werden, dass ein Ausdruck dann und nur dann Bedeutung und
Sinn hat, wenn und weil er wahr ist, so dass verifikationistisch in jedem bedeu-
tungsvollen Zeichen- und Interpretationengebrauch dessen objektive Wahrheit
als gesichert unterstellt werden könnte. Doch auch diese vermeintliche Struk-
tur lässt sich unter kritischem Vorzeichen offenkundig nicht explizieren. Vieles
spricht dafür, Wahrheit auf die dargelegte Weise als eine Funktion des Zeichen-
und Interpretationssinns zu konzipieren, – nicht jedoch diesen von jener abhän-
gig zu denken. Letzteres setzte ein platonistisch-essentialistisches Konzept der
Wahrheit voraus, das uns als endlichen Geistern zeichen- und interpretationskri-
tisch letztlich nicht zu Gebote steht. Darüber hinaus sind auch weder gänzlich

11 Vgl. Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Nr. 1 – 64 (Bedeutung) und


Nr. 198 – 242 (Regelfolgen).
12 Vgl. Donald Davidson, Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford 1984, Essays 1 – 5.
34 Günter Abel

zeichen- und interpretations-unabhängige Kriterien noch gänzlich zeichen- und


interpretations-interne Präsuppositionen in Sicht, die es gestatten würden, die
Wahrheit der Zeichen und Interpretationen als eine den Zeichen und Interpre-
tationen vorab eingebaute zeitlose und objektive Eigenschaft aufzufassen.

3.3. Zeit und Wahrheit

Zu beachten ist, dass die zeichen- und interpretations-philosophische Frage


nach der Wahrheit der Zeichen und Interpretationen nicht ihrerseits erneut auf
einen Essentialismus verpflichtet ist. In diesen Zusammenhang gehört unter an-
derem der Übergang von der Frage „Was ist Wahrheit?“ zu der Frage „Wann ist
Wahrheit?“. Auch auf diese Weise werden Praktizität und Zeitlichkeit grundlegend
für die Wahrheitsfrage. Beide sind an der Neubestimmung der Funktionsstelle
Wahrheit wesentlich beteiligt. Wahrheit selbst wird damit praktisch und zeitlich.
Einer solchen Verschränkung von ‚Zeit und Wahrheit‘ liegt die innere Zu-
sammengehörigkeit von ‚Zeichen, Interpretation und Zeit‘ bereits im Rücken.
Hier lässt sich, stenogrammartig, der folgende Drehtür-Effekt markieren: Die
Zeit wird durch die in ihr manifesten Zeichen und Interpretationen bestimmt;
und mit Hilfe der Zeitmodi (Dauer; Folge; Zugleichsein) dient die Zeit ihrerseits
zur Bestimmung der Zeichen und Interpretationen in der Zeit. Die Zeit ist, so
könnte man in Kantischem Duktus sagen, Form der Zeichen und Interpretatio-
nen. Unter kritischem Aspekt ist die Zeit nicht etwas, das für sich allein und au-
ßerhalb der Zeichen und Interpretationen bestünde. Sie bliebe nicht etwa übrig,
wenn man alle Zeichen und Interpretationen aus ihr entfernte oder von diesen
abstrahierte.

3.4. Projizierbarkeit und Kompatibilität

Die Wahrheit der Zeichen und Interpretationen kann, wie eingangs bereits
betont, nicht mehr in der Adäquation mit einer zeichen- und interpretations-
transzendenten Realität und den ‚Sachen selbst‘ bestehen. Sie betrifft vielmehr
auch die Projizierbarkeit der Zeichen/Interpretationen und deren wechselseitige
Kompatibilität bzw. Koalitionsfähigkeit. Sie ist abhängig mithin auch von der Sen-
sitivität und Applikabilität der Zeichen/Interpretationen in veränderten Situa-
tionen sowie von der Anschlussfähigkeit und Kombinierbarkeit der Zeichen/In-
terpretationen untereinander sowie deren Stellung zu dem System, das in einer
gegebenen Praxis zur Zeit als die Norm gilt. So werden z. B. manche Prädikate
und/oder nicht-sprachliche Etiketten (z. B. bestimmte Gesten) in bestimmten
Situationen und Kontexten fraglos für projizierbar und untereinander kompati-
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 35

bel gehalten, andere dagegen nicht (oder nur nach zusätzlichen Erläuterungen).
In diesem Sinne hängt ‚Wahrheit der Zeichen und Interpretationen‘ mit den ein-
gespielten Beziehungen der Zeichen/Interpretationen zu anderen, zur Zeit frag-
los funktionierenden und bereits für wahr gehaltenen Zeichen/Interpretationen
innerhalb eines Netzwerks zusammen. Sie kann dann im Sinne einer Verankert-
heits- und Kohärenzfunktion dieser Zeichen-und-Interpretationen-Praxis kon-
zipiert werden.
Dabei umgrenzen die mit der Zeichen- und Interpretations-Praxis intern ver-
knüpften Regeln und Normen allererst, ob und wann ein Zeichen- und Interpre-
tationskonstrukt als wahr oder falsch gelten kann. Die hier involvierten Regeln
und Normen sind jedoch nicht durch eine ahistorische und fixe Menge von
Prinzipien vorab gegeben oder definierbar. Freilich heißt dies keineswegs, dass
die Zeichen- und Interpretationsprozesse ungeregelt und anormativ verlaufen.
Wohl aber heißt es, dass die Regeln und Normen einer Zeichen- und Interpre-
tations-Praxis stets erst im nachhinein rekonstruiert werden können, nicht jedoch
vorab fertig feststehen und dann die tatsächlichen sowie die zukünftigen Zeichen-
und Interpretationen-Vollzüge determinieren. Erfolgreiche Zeichen- und Inter-
pretations-Praxen, mithin auch erfolgreiches Sprechen-, Denken- und Handeln-
können setzen in ihrem flüssigen Funktionieren weder ein Vorab-Regelwissen
noch ein Vorab-Normenwissen voraus. Regel- und Normenfolgen ist hier viel-
mehr ein ganz und gar praxis-interner Vorgang (in dessen Vollzug sogar auch
neue Regeln allererst hervorgebracht werden können).

3.5. Komplexität und Individualität

Wie erwähnt formuliert Nietzsche die Auffassung, dass die Zeichen- und
Interpretationsprozesse bereits im Organischen anzutreffen sind, ihren Sitz in
der Leib-Organisation haben, die wir nicht optional erst wählen, sondern die in-
dividuell sind. Dabei kann die Leib-Organisation ihrerseits als ein hochkomple-
xes System von unterschiedlichen Zeichen- und Interpretations-Prozessen ver-
standen werden.13
Trifft diese Kennzeichnung zu, dann kann letztlich jeder Einzelne von uns
als die Leib-Organisation, die er individuell ist, als der interpretative sowie zei-
chenhafte Grund der Wahrheit seiner Zeichen und Interpretationen angesehen
werden. Entsprechend ist die Frage nach der Wahrheit der Zeichen und Inter-
pretationen letztlich so kompliziert, wie es der Mensch selbst als Zeichen-und-
Interpretationen-Komplex ist. Unterhalb dieser Komplexität und Individualität

13 Vgl. dazu Günter Abel, Interpretatorische Vernunft und menschlicher Leib, in: Mihailo Djurić
(Hg.), Nietzsches Begriff der Philosophie, Würzburg 1990, S. 100 – 130.
36 Günter Abel

ist Wahrheit nicht mehr zu haben. Sie ist also z. B. nicht etwas, das übrig bliebe,
wenn wir unsere Sätze nach Art von Goldwäschern auf das Sieb der logischen
Syntax der Sprache legen und das Sieb dann so lange schütteln, bis die unwah-
ren Sätze durchgefallen und die wahren Sätze als Nuggets übrig geblieben sind.
Letztlich geht es in der Frage der Wahrheit der Zeichen und Interpretationen
auch um die Stellung, die wir als zeichen-interpretative Systeme, die wir sind, zu
dem im Ganzen nicht überschaubaren und im Fluss befindlichen Zeichen-und-
Interpretations-Geschehen selbst einnehmen.

3.6. Gradus der Wahrheit

Wahrheit als Funktion des Zeichen- und Interpretationssinns zu konzipie-


ren, heisst auch sagen, dass Wahrheit einen Gradus hat. An die Stelle von ‚Der
Einen Wahrheit‘ eines Zeichen- und Interpretationskonstrukts treten Grade von
Wahrheit. Auch diese Konsequenz – und ich bin versucht zu sagen: auch diese
Wahrheit – klingt im Ohr eines Metaphysikers und Ontologen geradezu uner-
hört. Der Grad der Wahrheit eines Zeichens und einer Interpretation bemisst
sich (im Zeichen- und Interpretations-Modell gesprochen) vornehmlich an der
Nähe oder Distanz zwischen den Zeichen3/Interpretationen3 (in denen in Form
eines Urteils ein Wahrheitsanspruch erhoben wird) und den Zeichen1/Interpre-
tationen1 (denen sich diejenigen Referenzobjekte in ihrer Formiertheit verdan-
ken, auf die die Wahrheitsansprüche der Urteile gerichtet sind).
Der Gradus der Wahrheit eines Zeichens und einer Interpretation hängt ab:
(i) von der Relevanz des Zeichens und der Interpretation für das Individuum;
(ii) von der Verankerung und Festigkeit der Zeichen/Interpretation innerhalb des
Zeichen- und Interpretationen-Corpus; (iii) von der Koalitionsfähigkeit mit ande-
ren Zeichen und Interpretationen; (iv) von der Eignung, in das bestehende Netz-
werk der Zeichen und Interpretationen adoptiert werden zu können; (v) von der
Fähigkeit, unsere Erfahrung umfänglicher und einfacher als bisher organisieren zu
können; (vi) von der Kraft, zur Intensivierung von Erlebnissen und Erfahrungen
beitragen zu können; (vii) von der Freigabe unterschiedlicher und auch konfligie-
render Perspektiven; und (viii) vom Überschreiten engerer und der Fähigkeit zum
Öffnen neuer Horizonte von Zeichen und Interpretationen, einschließlich des Er-
findens neuer Zeichen und Interpretationen. Vor allem in letzterer Hinsicht wird
hier zugleich der enge Bezug zwischen Wahrheit und Kreativität deutlich.14

14 Vgl. dazu Günter Abel, Wahrheit und Kreativität, in: Günter Abel / Mario Ruggenini (Hg.),
Wahrheit, Freiheit, Existenz, erscheint Berlin 2010/11, und Günter Abel, Die Kunst des Neuen.
Kreativität als Problem der Philosophie, in: Günter Abel (Hg.), Kreativität. Kolloquiums-Vor-
träge des XX. Deutschen Kongresses für Philosophie, Hamburg 2006, S. 1 – 21.
Zeichen der Wahrheit – Wahrheit der Zeichen 37

Die ersten fünf dieser Aspekte können zugleich dazu dienen, das Konzept
der Wahrheit im Sinne des älteren Schemas (d. h. der Wahrheit im Sinne des Fest-
und Dauerhaft-Machens) zu reformulieren. Dagegen betreffen die drei letztge-
nannten Aspekte eher einen veränderten, einen neuen Sinn der Rede von Wahr-
heit der Zeichen und Interpretationen. Dieser neue Sinn bezieht sich vor allem
auf den Prozesscharakter der Zeichen- und Interpretationsverhältnisse, die
fortwährend in Bewegung, Wechsel und Wandel sind und als dynamische, nicht-
lineare sowie nicht-stationäre Zustände und Systeme angesehen werden müssen.
Der neue Sinn ist auf den letztlich nicht-fixierbaren fortwährenden Fluss aller
Dinge der Welt und des Lebens bezogen und sucht diesem zu entsprechen so-
wie ihn kraft dynamischer Zeichen und Interpretationen in seiner Prozessualität
selbst zur Darstellung zu bringen. Zeichen- und interpretationsphilosophisch
stellt dies vor allem deshalb eine enorme Herausforderung dar, weil die darstel-
lenden Zeichen und Interpretationen ihrerseits selbst nicht mehr voll in genau
derjenigen Prozessualität situiert sind, die sie darstellen sollen. Mithin stellt sich
die bohrende Frage, wieviel von der Prozessualität durch Zeichen und Interpre-
tationen außerhalb der Prozessualität selbst überhaupt repräsentiert und darüber
hinaus handlungsorientierend gemacht werden kann.
Wird die zu einer Zeit gelebte Zeichen- und Interpretations-Praxis intensi-
viert und erweitert, ohne dass dabei die organisierende Kraft, mithin die Lebens-
fähigkeit des Systems15 selbst gefährdet wird, dann haben wir es mit einer Stei-
gerung zugleich der Mächtigkeit und im neuen Sinne auch der Wahrheit zu tun.
Wer als Person und innerhalb seiner Zeichen- und Interpretations-Praxis zum
Beispiel Abweichungen, Modifikationen, Revisionen, Widersprüche oder Nicht-
Identitäten zulassen kann, anstatt sie in einer Art Wahrheitsphobie abzuweh-
ren oder reflexartig gleich-zu-machen, der wäre eben dadurch mächtig und frei zu
nennen und im neuen Sinne ‚in der Wahrheit als Freiheit‘.
Diese Möglichkeiten sind für gewöhnlich in den Künsten stärker ausgebildet
als im Felde der Grammatik der (digitalisierenden und finitisierenden) Urteile
und Begriffe. Nietzsche hat diesen Punkt einmal in die provokante Formulie-
rung gebracht, dass „die Kunst meh r wer t h ist als die Wahrheit“ (Nachlass
1888, 17[3], KSA 13.522). Wir könnten jetzt auch sagen, dass sie mehr wert ist
als das ältere Schema der Wahrheit. Zeichen- und interpretationsphilosophisch
lässt sich dieser Punkt wie folgt formulieren: In den Künsten ist das Streben
in besonderer Weise darauf gerichtet, den prozessualen, den offenen und noch-
nicht-fixierten Charakter der unser Welt-, Fremd- und Selbstverhältnis aus-
machenden Zeichen- und Interpretations-Prozesse kreativ in Form und Gestalt,
zur Darstellung und zur Expression zu bringen. Dieses Bemühen und Streben,

15 Den Ausdruck ‚System‘ verwende ich hier im weiten Sinne von ‚Organisation‘ und ‚Zusammen-
spiel von Komponenten in einem Ganzen‘.
38 Günter Abel

dieser Conatus, ist in den Künsten stärker ausgeprägt als im Bereich der auf fest-
stellende Wahrheiten gerichteten Grammatik der Sätze, Urteile und Begriffe.
Und sofern unser Leben sich als ein Geflecht dynamischer Zeichen- und Inter-
pretationsprozesse vollzieht und darin der Wert für das Leben auch noch über
die Wahrheit eines Zeichen- und Interpretationskonstrukts entscheidet, ist die
Kunst eben „mehr wert“ als die urteilsgrammatische Wahrheit.
Für Nietzsche ist die „letzte Wahrheit vom Fluß der Dinge“ (Nachlass 1881,
11[162], KSA 9.504) ambivalent und durchaus riskant für das Fortleben und
Überleben des Typus, für das Individuum ebenso wie für die Spezies. Hier setzen
die für Nietzsche nun zentralen Fragen in Bezug auf den neuen Sinn von Wahrheit
an: „Wie viel Wahrheit er t rä gt , wie viel Wahrheit wa g t ein Geist?“ (EH, Vor-
wort 3, KSA 6.259) und „Inwieweit verträgt die Wahrheit die Einverleibung? –
das ist die Frage, das ist das Experiment.“ (FW 110, KSA 3.471) Wahrheit ist ge-
fährlich.