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me/whatsnws
Nummer 35 | 30. August 2019

Die
letzte
Nummer
Im Gedenken an die Opfer
des Holocaust lässt sich ein
israelischer Künstler die letzte
Häf tlingsnummer tätowieren, die
im KZ Auschwitz gestochen wurde.

Er ahnt nicht, wer sie trug


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I N H A LT NR. 35 3 0. AU G UST 20 1 9

8 Vor 17 Jahren ließ sich Gal Wertman zum Gedenken an den


Holocaust die letzte Nummer tätowieren, die einem
Menschen im KZ Auschwitz gestochen wurde. Dann erfährt er,
wem sie gehörte.
16 Surfen ist ein großartiges Hobby. Allerdings ist es viel zu oft
mit Flugreisen verbunden. Gibt es einen Ausweg?
18 Unser Autor will die deutsch-französische Freundschaft
notfalls im Alleingang retten – indem er nach vielen Jahren
wieder Französisch-Vokabeln paukt.
28 Zu zweit zu wandern schafft eine besondere Nähe. Unterwegs Bonjour, voulez-vous ein Feierabendbier
trinken avec moi? Das scharfe S gibt alles,
auf den Spuren von Helmut Kohl und Franz Josef Strauß. aber das A überlegt noch.

4 Sagen Sie jetzt nichts 6 Gute Frage, Gefühlte Wahrheit, Gemischtes Doppel, Die drei großen Lügen 32 Kosmos 36 Das Koch-
quartett 38 Getränkemarkt 40 Hotel Europa, Gewinnen, Impressum 41 Das Kreuz mit den Worten 42 Das Beste aus aller Welt

A U F S Z- M A G A Z I N . D E

Wie viel »Negroni« trank


Graf Negroni?
Vor 100 Jahren soll der berühmte Cocktail
»Negroni« erfunden worden sein, aber die
Italiener diskutieren noch heute über seine Her-
kunft. Der Florenzer Barkeeper Luca Picchi hat
sich auf die Suche nach Belegen gemacht. Er fand
die Geschichte von Graf Camillo Negroni. Im
Interview erzählt Picchi, wie der Graf sich in New
York inspirieren ließ, selbst großer Fan seiner
Kreation wurde – und möglicherweise an einem
Fotos: Campari; Illustrationen: Fizzz Bzzzz!, QuickHoney

Leberschaden starb: sz-magazin.de/negroni

Z E I C H E N D E R Z E I T • Emojis für Erwachsene (101)

Wir müssen heute Abend noch die Wohnung aufräumen, die Putzfrau kommt morgen.

Titelfoto: Heather Sten SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN 3


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SAG E N S I E J E T Z T N I C H TS

Nora Tschirner
12. Juni 1981 in Ost-Berlin B E RU F Schauspielerin und Musikerin
GE B O R E N
AUS B I L DU N G Studium der Islamwissenschaften (abgebrochen)
STATUS Lautstark

Fotos: Axel Martens

Was sollte man als Tatort-Kommissarin nie tun?

4 SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN


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Nora Tschirner wurde als MTV­Moderatorin bekannt und re Leidenschaften querzufinanzieren. Und vielleicht liegt es
mit dem Til­Schweiger­Film Keinohrhasen berühmt. Trotz­ an ihrer Berliner Schnauze – Tschirner redet viel und meis­
dem tut man ihr Unrecht, wenn man sie in die Schublade tens lustiges Zeug –, aber irgendwie hat man das Gefühl,
»leichte Unterhaltung« bugsiert: Tschirner gehörte jahrelang als könnte man diese Frau jederzeit anrufen, wenn man sich
zur Band Prag, drehte einen Dokumentarfilm über Frauen einsam fühlt. Dabei könne sie »juristisch sehr bissig« wer­
in Äthiopien und produzierte den feministischen Film den, sie möge es nicht, »wie im Streichelzoo angefasst und
Embrace mit. »Wir werden mit Bildern von perfekten Men­ fotografiert« zu werden. Und so weiß man zwar, dass sie ein
schen regelrecht zugeballert«, hat sie damals gesagt. Und: Kind hat, aber nicht, ob es ein Junge oder Mädchen, ge­
»Frauen sollten keine Angst haben, dass der Wampomat mal schweige denn, wer der Vater ist. Im Kinofilm Gut gegen
rausguckt.« Da sie seit Jahren auch Tatort­Kommissarin ist, Nordwind (Start: 12. September) spielt sie, das ist belegt, an
lässt sich ihr Plan erahnen, mit Mainstream­Projekten ande­ der Seite ihres früheren Lebensgefährten Alexander Fehling.

Ihr Privatleben halten Sie sehr geheim. Was machen Sie, wenn Sie vergeblich Woran denken Sie zuerst, wenn Sie
Warum? auf eine lebenswichtige E-Mail warten? sich an Keinohrhasen erinnern?

Sie waren mal in einer Band, jetzt nicht Können Sie gut über sich selbst lachen? Und wenn andere über Sie lachen?
mehr. Für wen singen Sie?

Weitere Fragen und Bilder finden Sie in unserer App und ab 1. September auf sz.de/magazin/ssjn
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G E F Ü H LT E WA H R H E I T G U T E F R AG E

DER VERKEHRSMINISTER
UND ANDERE BRUCHPILOTEN
»Meine Frau ist Anfang des Jahres verstorben. Auf unse-
rem Anrufbeantworter haben wir vor Längerem zusam-
men eine Ansage aufgenommen – im Stile von Teufelchen
und Engelchen. Ich verwende sie heute noch. Müsste ich
fährt den Karren
garantiert an die Wand die Ansage nicht ändern? Sie erweckt doch den Eindruck,
als würde meine Frau noch leben. Mit dem Löschen der
Homer Tom-Tom-
Simpson Navi von
2005
Ansage geht andererseits die Stimme meiner Frau unwie-
ANDREAS
SCHEUER derbringlich verloren. Sie ist mir aber wichtig.«
redet sich hat seinen
regelmäßig Karriere- M A N F R E D Z., F Ü RST E NZ E L L
um Kopf Lothar Höhepunkt
und Kragen Matthäus wohl hinter
sich

DIE DREI GROSSEN LÜGEN

AUF DEM GARTENTRAMPOLIN

1. »Ja, es springt immer nur einer.«

2. »Nein, wir machen keine Saltos.«

I
3. »Okay, den Ball lassen wir draußen.« hre Frage hat mich so gerührt. Bitte hatten die gleiche Stimmlage: Bass. Wäh­
löschen Sie die Ansage nicht. Es ist rend des Gesprächs war es mir nicht auf­
doch völlig egal, was andere denken. gefallen, denn mir saß ja ganz deutlich
Es ist doch viel wichtiger, wie es Ihnen George Tabori gegenüber mit seinem
geht. Und wenn es Ihnen guttut, die Stim­ schönen weißen Schnurrbart, aber als ich

Fotos: dpa/picture alliance, ddp images; Illustration: Serge Bloch; alle Autoren-Illustrationen: Grafilu
me Ihrer Frau zu hören, dann ist das später das Band abspielte, hörte ich sie
Grund genug, niemals daran zu rühren, endlich wieder, nach so vielen Jahren, die
GEMISCHTES DOPPEL oder jedenfalls nicht, solange das eben Stimme meiner Großmutter. Und auf
von
so ist. einmal war alles wieder da. Ihr Geruch
PATRICK FISCHER
Es gibt keine Aufnahme der Stimme mei­ (»Jicky« von Guerlain und Zigaretten­
ner Großmutter. Sie ist seit bald dreißig rauch). Ihre eleganten langen Finger (eine
Jahren tot. Manchmal weht mich eine brennende Zigarette dazwischen). Ihr häu­
Erinnerung an, und ich weiß plötzlich figster Gesichtsausdruck (eine Mischung
wieder ganz genau, wie sie klang, und aus unendlich gelangweilt und genervt).
dann denke ich ganz schnell an etwas an­ Ich habe das Band aufbewahrt. Ganz
deres, aus Angst, wenn ich zu stark daran kostbar liegt es in einer Schublade, es ist
festhalte, löst sie sich auf und wird für eine Minikassette, zu der ich leider kein
immer verschwinden. Irgendwann mal Abspielgerät mehr habe, heute ist ja alles
habe ich ein Interview mit dem Regisseur digital. Und trotzdem.
George Tabori gemacht, der inzwischen Löschen Sie die Ansage nicht.
Baumkutter kaum Butter auch nicht mehr lebt. Er stammte aus Machen Sie eine Sicherheitskopie.
Budapest, wie meine Großmutter. Sein
Deutsch war perfekt, wie ihres, und hatte
den gleichen Akzent: leicht wiegend und JOHANNA ADORJÁN
Weitere Gemischte Doppel finden Sie
auf sz-magazin.de; um eigene Vorschläge
auf eine freundliche Weise ungeduldig,
einzureichen, schreiben Sie an wie Deutsch eben klingt, wenn man jedes Welches Problem treibt Sie um? Schreiben Sie an
gemischtesdoppel@sz-magazin.de Wort auf der ersten Silbe betont. Und sie gutefrage@sz-magazin.de

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Der israelische Künstler Gal Wertman ließ sich vor 17 Jahren die letzte Nummer auf

den Arm tätowieren, die je einem Menschen im Konzentrationslager

Auschwitz gestochen worden war – im Gedenken an alle Opfer des Holocaust.

Aber Wertman ahnte nicht, wessen Nummer er trägt

Text Fotos

ALEXANDRA ROJKOV H EAT H E R ST E N

8 SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN


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Viele aus Gal


Wertmans Familie
wurden von den Nazis
ermordet. Doch
seine Tätowierung
sollte auch für die
vielen anderen
Schicksale stehen.
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Wertman hatte sich die letzte Auschwitz­Nummer stechen lassen,

A
ohne zu wissen, wem sie gehörte. An Wertmans Stelle hätte ich
alles getan, um herauszufinden, wessen Nummer ich durch mein
Leben trage. Aber Wertman hatte sich bewusst nie danach erkun­
digt. Die Ziffern auf seiner Haut sollten ein Mahnmal für alle
Holocaust­Opfer sein, nicht für einen konkreten Menschen.
Der Holocaust ist ein Völkermord ohne historischen Ver­
gleich. Die Juden sollten ausgerottet werden: Das Ziel der Nazis
war, dass Gal Wertman und ich nie geboren werden. Es gelang
ihnen nicht, aber rund sechs Millionen Juden wurden zwischen
1933 und 1945 ermordet. Das entsprach damals einem Drittel der
jüdischen Weltbevölkerung.
Wie gedenkt man eines solchen Ereignisses? Wie kann man
verhindern, dass es sich wiederholt? Darüber herrscht Uneinig­
Als ich aufhöre zu sprechen, vergräbt Gal Wertman sein Gesicht keit, auch unter Juden. Einige plädieren dafür, sich möglichst viel
in den Händen. So sitzt er da, minutenlang. Als hätte der Schreck mit den Opfern zu beschäftigen. Andere stellen die Gründe und
ihn versteinert. Bedingungen, die zu Hitlers Aufstieg führten, in den Vorder­
»Hätte ich es dir nicht sagen sollen?«, frage ich. Wertman sieht grund. Wieder andere finden, dass es genug sei mit den Leidens­
auf. Sein Blick ist leer. Es wirkt, als hätte der 52­jährige Mann geschichten und dass wir endlich nach vorn blicken sollten.
vergessen, wer er ist. Mein Artikel über die Tätowierungen der Holocaust­Enkel
Ich kenne Gal Wertman seit sieben Jahren. Das heißt, eigent­ erschien 2013. Gal Wertman tauchte nicht darin auf. Ich verließ
lich kenne ich ihn nicht wirklich. Bevor wir uns im Juni 2019 Israel und zog nach Berlin. Ich hatte kaum jüdische Freunde, die
zum ersten Mal treffen, habe ich nur ein einziges Mal mit Wert­ Vergangenheit spielte für mich keine große Rolle. Sollten andere
man telefoniert. Ende 2012 rief ich ihn an, weil ich ihn inter­ die Erinnerung wachhalten, dachte ich.
viewen wollte. Wertman sagte Nein, und damit hätte unsere Aber das Telefonat mit Gal Wertman ließ mich nicht los.
Geschichte zu Ende sein können. Immer wieder kam mir die Nummer in den Sinn, die er auf
Ich lebte damals in Jerusalem und schrieb einen Artikel über seinem Arm trägt. »Man muss die Vergangenheit suchen, um sie
die Enkel von Holocaust­Überlebenden. Zu jener Zeit gab es in nie mehr zu vergessen«, schrieb ich als Jugendliche in den
Israel einen Trend: Junge Juden ließen sich die Nummern auf den Abschlussbericht meiner Studienfahrt. Wir hatten die Gedenk­
Arm tätowieren, die ihren Großeltern im Konzentrationslager stätte des ehemaligen KZs Auschwitz besucht. Ich beschloss, die
gestochen worden waren. So wollten sie sich daran erinnern, was Vergangenheit zu suchen.
die Nazis ihren Familien angetan hatten.
Ich fand das befremdlich. Doch je mehr Interviews ich führte, Im Juni 2017, fünf Jahre nach unserem ersten und bis dahin
desto besser verstand ich die Beweggründe der jungen Israelis. einzigen Gespräch, setze ich eine E­Mail an Wertman auf. Ich
Die Enkel wollten, dass das Leid ihrer Großeltern niemals ver­ schreibe, dass mich die Erinnerung an die Tätowierung verfolgt.
gessen wird. Die KZ­Nummern sind ein Symbol dafür, dass die Dass ich mich frage, wem sie damals, am 18. Januar 1945, in
Erinnerung an den Holocaust nicht sterben darf. Ich traf einige Auschwitz gestochen wurde.
der Enkel und einmal auch einen Großvater, der die gleiche Was wurde aus diesem Menschen? Ist er tot? Oder gibt es zwei
Nummer trug. Und ich stieß auf Gal Wertman. Personen, auf deren Armen die Zahl 202499 prangt – einen
Wertman war damals Kreativdirektor bei Haaretz, einer der Holocaust­Überlebenden und Wertman?
größten Tageszeitungen in Israel. Und er war Künstler, so wie er Ich schreibe Wertman: »Bitte lass mich wissen, falls du jemals
es heute noch ist. In einem Artikel über Wertman las ich, er sei den Wunsch verspürst herauszufinden, wem die Nummer ge­
der Sohn von Holocaust­Überlebenden und habe sich zum hörte.« Ich lese die Mail erneut. Dann drücke ich auf Senden.
Gedenken an seine Familie eine Ziffernfolge tätowieren lassen. Heute wünschte ich manchmal, ich hätte es nicht getan.
Aber Wertman wählte nicht die Registrierungsnummer seiner Gal Wertman ist ein Mensch, der stille Trauer ausstrahlt. Seine
Eltern oder Großeltern, sondern eine symbolische Zahl: Vor Stimme ist ruhig und tief, er lacht selten. Wertman spricht so
etwa 17 Jahren ließ er sich die letzte Nummer stechen, die im langsam, als müsse er über jedes Wort nachdenken, und trotzdem
Konzentrationslager Auschwitz tätowiert wurde. Die Zahl auf sagt er wenig.
Wertmans Arm lautet 202499. Sie wurde am 18. Januar 1945 Bis er ein Jugendlicher war, wusste Wertman nicht, dass seine
gestochen, neun Tage bevor die Rote Armee das Lager befreite. Familie den größten Massenmord der Menschheitsgeschichte
Fotos: SZ Photo, Bundesarchiv, privat

Als ich Wertman 2012 anrief, erzählte er, er habe mit der Num­ überlebt hatte. Er war etwa 14 Jahre alt, als er davon erfuhr. Seine
mer an alle ermordeten Juden erinnern wollen. Die Tätowierung Lehrerin in der Schule sprach über den Holocaust, doch Wert­
sollte ein Symbol sein für den Schmerz, den sein Volk erleiden man stellte noch keinen Bezug zu seinen Vorfahren her. Kurz
musste. Unser Volk. Ich bin Jüdin, genau wie Gal Wertman. darauf fragte ihn seine Großmutter Fania, was er gerade im
Doch Wertman wollte nicht öffentlich über seine Nummer Unterricht durchnahm. Als Wertman antwortete, liefen seiner
sprechen. Ein paar Tage nach unserem Telefonat sagte er mir ab. Oma Tränen über das Gesicht. Es war das erste und einzige Mal,
Die Tätowierung sei eine private Entscheidung gewesen und ge­ dass er sie weinen sah.
höre nicht in einen Artikel. Doch ich konnte Gal Wertman und Wertmans Großeltern, sein Vater und sein Onkel haben den
die Zahl auf seinem Arm nicht vergessen. Einmarsch der Nazis in Polen überlebt. Seine Oma, so erzählte

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sie es Wertman an jenem Tag, konnte sich nur retten, weil sie kurz
OSK AR
vor der Deportation in einen nahe gelegenen Wald floh. Sie und
DIRLEWANGER
ihre beiden kleinen Kinder – Wertmans Vater und sein Onkel –
Der Historiker Knut Stang schrieb hielten sich jahrelang in einem Erdloch versteckt, bis ihr Heimat­
über die SS-Größe Dirlewanger: »Bei
land befreit wurde. Der Rest der Familie wurde ermordet. Eine
ihm verbanden sich eine amorali-
sche Persönlichkeit, zusätzlich zer-
Aufzeichnung darüber gibt es nicht. Die Erinnerung der Über­
rüttet durch Alkoholismus und eine lebenden ist der einzige Beweis, dass sie jemals existierten.
sadistische sexuelle Veranlagung, Wertman sagt, er habe immer geahnt, dass mit seiner Familie
das Fronterlebnis des Ersten Welt- etwas nicht stimmt. Wenn er seine Großeltern besuchte, fiel ihm
krieges, rauschhafte Gewalt und
auf, dass sie einander niemals berührten. Sein Vater, ein Künstler
Barbarisierung.« Dirlewanger wird
bis heute von Neonazis verehr t.
wie Wertman selbst, malte Bilder, auf denen ihn dunkle Geister im
Schlaf heimsuchten. Wenn er sich die Gemälde anschaute, wurden
die Augen seines Vaters manchmal leer, als trete er heraus aus der
Welt und hinein in etwas, das Wertman nicht sah. »Ich hatte immer
das Gefühl, dass etwas Schreckliches passiert sein muss«, sagt Wert­
man. »Aber ich wusste nicht, was.«
GEFANGEN Als Wertmans Großmutter ihm an jenem Nachmittag gegen­
übersaß und weinte, bekam die Katastrophe einen Namen. Und in
Ein Maann mit dem Namen Wertman, so sagt er es, breitete sich eine Trauer aus. Das Gefühl,
Engelbbert M. kam im Mai 1945
etwas verloren zu haben, von dem er gar nicht wusste, dass er es
im Obe erallgäu in französische
Kriegssgefangenschaft. In besaß. »So blieb es, jahrelang«, sagt Wertman. »Bis ich mir die Num­
dieseem Dokument aus dem mer tätowieren ließ.«
Bunddesarchiv haben wir All das weiß ich nicht, als ich Wertman anbiete, den Ursprung
aus rechtlichen Gründen der Zahl zu recherchieren. Wertman weiß auch nichts über mich.
einig
ge persönliche Angaben
Er wird später sagen, er habe meine Nachricht als Zeichen gedeu­
gesc
chwärzt.
tet. Als Wink der Welt, die ihm etwas mitteilen wollte.
»Vielleicht«, schreibt er mir, »ist jetzt der Zeitpunkt, auf die Reise
zu gehen und nach der Person zu suchen, deren Nummer ich trage.«
Ich habe nicht geglaubt, dass Wertman zustimmt. Aber ich
denke mir: Das ist schnell gemacht. Ich stelle mir vor, dass ich
herausfinde, wessen Nummer sich Wertman hat tätowieren lassen,
und dass die Person noch am Leben ist. Vor meinem inneren Auge
entsteht ein Bild, wie Wertman und der Träger der Nummer sich
treffen und in die Arme fallen. Ich glaube, eine gute Tat zu voll­
bringen. Ich bin hoffnungsvoll und naiv.

Ich stelle eine Anfrage an den International Tracing Service, ein


Dokumentationszentrum, das Originaldokumente aus dem Holo­
GEBORGEN caust verwaltet: Wer trug die Nummer 202499? Und ich lese alles,
Oma Fania, Vater Israel und was ich über das Thema finden kann. Ich erfahre, dass die Num­
Gal Wertman. Das Erdloch, mern zunächst auf die Brust der Häftlinge gestanzt, später auf ihre
in dem Fania Israel versteckt
Unterarme gestochen wurden. Dass nur ein kleiner Teil aller KZ­
hatte, war so schmal, dass
die sowjetischen Soldaten
Insassen eine Nummer erhielt. Die meisten gingen ins Gas, ohne
ihn nach Kriegsende nicht vorher irgendwo registriert zu werden.
herausholen konnten. Um Dieser Umstand führt dazu, dass Wertmans Nummer, die an den
den Jungen hervorzulocken, Holocaust erinnern soll, von manchen Menschen benutzt wird, um
streuten sie Zucker auf Brot.
den Massenmord der Nazis zu verharmlosen: Wenn die letzte ge­
stochene Nummer 202499 war – wie können in Auschwitz dann
mehr als eine Million Menschen umgebracht worden sein? Das
ist einer der Gründe, warum ich mich später entscheide, meine
DIE Recherche niederzuschreiben. Wertmans Nummer soll nicht dazu
KUNS T dienen, die Toten zu diffamieren.
Der International Tracing Service schickt mir eine E­Mail.
Wertman verarbeitet die »Vielen Dank für Ihre Anfrage. Eine Recherche hat ergeben, dass
Nummer, die er auf dem Arm die Häftlingsnummer 202499 Engelbert M. im KZ Auschwitz ein­
trägt, seit einigen Jahren
tätowiert wurde.«
künstlerisch. Er hat sie unter
anderem mit Tätowiertinte
M., erfahre ich, verbrachte mehr als vier Jahre in verschiedenen
auf Japanpapier gedruckt. Konzentrationslagern. Er war kein Jude, sondern ein sogenannter
Berufsverbrecher. So wurden Menschen genannt, die wiederholt

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gegen Gesetze verstießen und daher von den Nazis in »Vorbeu­ mentationen an. An den Wochenenden fuhr er nach Jerusalem
gungshaft« genommen wurden. in die Holocaust­Gedenkstätte Yad Vashem und streifte stunden­
Wie wird Wertman reagieren, wenn er erfährt, dass der Mann, lang durch die Flure. Wertman sah Bilder von Verfolgung und
dessen Nummer er trägt, gar kein Jude war? Ich schicke ihm alle Deportation, von Gemeinden, die ausgelöscht wurden. Trotz des
Dokumente, die mir der ITS zur Verfügung gestellt hat. Wertman Grauens spürte Wertman, wie er zur Ruhe kam. »Es war ein Ort,
schreibt, er wisse noch nicht, ob er sie öffnen will. Er werde sich an dem ich trauern konnte«, sagt er. Trauern um Menschen, die
melden, wenn er es getan habe. er nie gekannt hat und die er trotzdem schmerzlich vermisste.
Wochen vergehen. Wertman meldet sich nicht. Und ich frage Wertmans Großeltern haben nie um ihre toten Verwandten
mich: Hat jener Mann überlebt? Wofür war er im KZ? Und was getrauert. Als sie in den Fünfzigerjahren nach Israel emigrierten,
würde er sagen, wenn er wüsste, dass Wertman seine Nummer war das Land gerade gegründet worden. Israel war ergriffen von
auf dem Arm trägt? einer Aufbruchsstimmung. Damals wollte kaum jemand die
Ich bitte Wertman um Erlaubnis, weiter zu recherchieren. Er Geschichten der Überlebenden hören. Also schwiegen sie.
stimmt zu. Über die Jahre habe er oft über den Träger der letzten Erst in den vergangenen Jahrzehnten hat sich Israels Umgang
Nummer und dessen Familie nachgedacht, schreibt Wertman. mit dem Holocaust gewandelt. Aus Verdrängung wurde Allge­
»Bitte such weiter. Ich schreibe dir, wenn ich die Dokumente genwart. »Seit Beginn der Achtzigerjahre ist kaum ein Tag ver­
geöffnet habe.« Danach höre ich viele Wochen nichts von Wert­ gangen, an dem der Holocaust nicht in einer der Tageszeitungen
man. Vielleicht hat er Angst vor dem Ergebnis. Davor, dass das erwähnt wurde«, schreibt der israelische Historiker Tom Segev.
namenlose Symbol auf seinem Arm plötzlich für einen realen »Er ist das beherrschende Thema in Literatur und Dichtung,
Menschen steht. Theater, Kino und Fernsehen.« Es gibt Klassenfahrten nach
Auch ich habe Angst. Ich beginne mich vor der Antwort auf Auschwitz, Tausende Wehrdienstleistende besuchen jedes Jahr
meine eigene Frage zu fürchten: Wer war Engelbert M.? Die die Gedenkstätte. Ich kenne Israelis, die nicht in deutsche Züge
Papiere des ITS besagen, dass M. am 15. Januar 1945 in einem steigen. Sie sagen, es sei zu schmerzhaft.
Einzeltransport nach Auschwitz gebracht wurde. Drei Tage lang Mir, die in Deutschland aufwuchs, ist das oft zu viel. Ich bin
war er dorthin unterwegs. Als er am 18. Januar ankam und täto­ allergisch gegen Pathos. Aber ich habe niemanden im Holocaust
wiert wurde, löste sich das Lager bereits auf. Die Rote Armee verloren und deshalb nicht das Recht zu urteilen. Ich will nie­
rückte immer näher, die Todesmärsche hatten schon begonnen. mandem vorschreiben, wie er oder sie zu gedenken hat.
Warum bringt man einen Häftling zu diesem Zeitpunkt nach Gal Wertmans leise Art ist mir sympathisch. Monatelang grabe
Auschwitz? Die Nazis wussten, dass sie das KZ bald würden auf­ ich nach der Lebensgeschichte von Engelbert M., dem Mann, der
geben müssen. Wenn sie M. umbringen wollten, warum unbe­ die Nummer 202499 bekam. Ich hoffe immer noch, dass ich eine
dingt dort? Wofür wurde M. so kurz vor Kriegsende in Auschwitz versöhnliche Geschichte finde.
gebraucht? Ich frage Historiker, Archive und Gedenkstätten an. Ich finde
heraus, dass M. ein schwer erziehbarer Jugendlicher war, der
Wenn der Holocaust ein Erdbeben war, dann war Auschwitz sein wegen Diebstählen auffiel. Als Wiederholungstäter kam M. im
Epizentrum. Auf vierzig Quadratkilometern, der Fläche einer Oktober 1940 ins KZ Dachau, dann nach Buchenwald, Lublin
durchschnittlichen deutschen Kleinstadt, wurden binnen weni­ und Mauthausen. Zuletzt brachte man M. nach Auschwitz.
ger Jahre mehr als eine Million Menschen umgebracht. Es gab Eines Abends stoße ich bei meiner Suche auf das Gemeinde­
in Auschwitz Experimente an Menschen, Folter, Vergewalti­ blatt eines Dorfes. Dazu ein Geburtstagsgruß: Für Engelbert M.,
gung, Kannibalismus. Jakow Wintschenko, ein Soldat der Roten zum 90. Geburtstag. Der Mann, dessen KZ­Nummer Gal Wert­
Armee, der das Lager befreite, sprach beim Anblick von Ausch­ man trägt, hatte Auschwitz überlebt.
witz vom »Ende der Menschlichkeit«.
Wertmans Familie starb wohl nicht in Auschwitz, sondern Etwa 15 Jahre zuvor hatte Gal Wertman in Haifa seine Groß­
wahrscheinlich im Konzentrationslager Belzec. Seine Großeltern mutter begraben. Als sie Mitte der Neunzigerjahre starb, wurde
stammten aus der polnischen Stadt Łaszczów, einem Ort mit Wertmans Schmerz noch größer. Seine Familie schwand, schon
rund 2500 Einwohnern, die meisten waren Juden. Fast alle wur­ wieder.
den deportiert und kamen um. Wertman wollte etwas dagegen tun, aber er wusste nicht, was.
Wertmans Großmutter entkam dem Transport ins KZ. Im Er fühlte sich hilflos, weil er die Zeit nicht aufhalten konnte. Weil
Wald, in den sie mit ihren Söhnen geflohen war, aßen sie Gras die Vergangenheit sich nicht konservieren lässt. Weil Erinnerung
und tranken Tau, der sich auf den Blättern der Bäume gesammelt vergeht.
hatte. Sie überlebten, weil Partisanen und Anwohner sie ab und Irgendwann um die Jahrtausendwende wachte Wertman eines
zu mit Lebensmitteln versorgten. Morgens mit einem Gedanken auf: Ich will die letzte KZ­Num­
Das Bild verfolgte Wertman. Als Student stand er manchmal mer finden. Und ich will sie für immer bei mir tragen, auf
im Supermarkt und musste plötzlich an seine Großmutter den­ meinem Arm. Wertman fragte in Yad Vashem nach der letzten
ken. Er sah Fania vor sich, wie sie in einem Erdloch vege­ Zahl, die gestochen wurde. Die Archivare schickten ihm darauf­
tierte, und eine ziellose Wut stieg in Wertman auf. Das Gefühl hin die Nummer 202499. Es ist die Zahl, von der ich heute weiß,
verschwand nicht, als Wertman heiratete, und auch nicht, als sei­ dass Engelbert M. sie bei seiner Registrierung bekam.
ne Tochter geboren wurde. Wertman empfand einen Phantom­ Ich wende mich an die Verwaltung des Dorfs, das das Gemein­
schmerz, den er nicht zu lindern wusste. deblatt herausgibt. Dort sagt man mir, M. sei vor wenigen Jahren
Wertman begann, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen. gestorben. Er hat nie erfahren, dass ein Mann in Israel die gleiche
Er las jedes Buch, das er dazu fand, sah sich nächtelang Doku­ Nummer trägt wie er.

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Ich mache M.s Familie ausfindig. Ich schreibe ihnen mehrere Sie gingen davon aus, dass sie Wertmans Eltern oder Großeltern
Briefe, auf die nie eine Antwort kommt. Ich finde die Telefon­ gehört hatte.
nummer des Sohnes von M. heraus, doch er nimmt nie ab. Seine
Enkelin antwortet mir schließlich auf Facebook, dass die Familie »Dieser Häftling wird in das KL Auschwitz überstellt, um ihn in
meine Recherche nicht unterstützen will. Bis heute möchten sie die SS Sondereinheit Dirlewanger einzugliedern.« Als ich den
nicht mit mir oder Wertman sprechen. Hinweis auf Dirlewanger entdecke, ist es Ende 2018. Ich habe den
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich ahnen können, dass Namen noch nie gehört.
meine Suche kein schönes Ende nehmen wird. Dass die Nummer Oskar Dirlewanger war ein Steuerberater, der zu einer Nazi­
auf Wertmans Arm an etwas erinnert, das aus gutem Grund ver­ Größe aufstieg. Dirlewanger, ein verurteilter Kinderschänder,
gessen wurde. formierte ab 1940 eine Truppe, die schlimmste Kriegsverbrechen
Warum kam M. so spät ins KZ? Wie hat er überlebt? Ich frage beging. Die »SS­Sondereinheit Dirlewanger« plünderte unter an­
Fachleute, prüfe Datenbanken, in denen Kriegsgefangene ver­ derem das Ghetto von Lublin, erschoss Juden und Partisanen. Die
zeichnet sind. Ich finde – nichts. Kein Hinweis auf den letzten Brigade war maßgeblich an der Niederschlagung des Warschauer
Häftling und sein Schicksal. Aufstands beteiligt, bei dem 1944 200 000 Zivilisten starben.
Dann stoße ich auf das Kalendarium der Ereignisse im Konzen- Dirlewanger selbst soll mit Freunden Jüdinnen ausgepeitscht
trationslager Auschwitz-Birkenau, ein Buch der polnischen Histo­ haben, bis diese blutend zusammenbrachen. Die Einheit war so
rikerin Danuta Czech. Es umfasst mehr als tausend Seiten und brutal, dass sich selbst andere SS­Stellen über sie beschwerten.
beschreibt detailliert, was in Auschwitz an jedem Tag seiner Exis­ Anders als die regulären SS­Einheiten bestand die Dirlewan­
tenz geschah. Auf Seite 969 ist M.s Ankunft erwähnt. »Er erhält ger­Truppe nicht aus »elitären Nationalsozialisten«, sondern aus
die Nummer 202499. Es ist die letzte Kriminellen. Der SS­Chef Heinrich
Nummer, die im KL Auschwitz an Himmler ließ zunächst verurteilte
einen Häftling ausgegeben wird.« Wilderer für die Einheit rekrutie­
Zu diesem Satz gibt es eine Fuß­ Gal Wertman erinnert ren. Ab Juli 1942 kam eine neue
note. Fast übersehe ich die kleinen Kategorie hinzu: Aus den Kon­
Buchstaben am Ende der Seite. »Die­ sich, dass die Hand des zentrationslagern wurden Män­
ser Häftling wird in das KL Ausch­ Tätowierers zitterte, als er ner ausgesucht, um in der Ein­
witz überstellt, um ihn in die SS heit zu kämpfen. Darunter waren
Sondereinheit Dirlewanger einzu­ mit der Arbeit begann politische Häftlinge, aber auch
gliedern.« »Asoziale« und »Berufsverbrecher«.
Ich frage mich: Wer oder was ist So wie Engelbert M.
Dirlewanger? M., lese ich in den Original­
dokumenten, die ich aus Auschwitz angefordert habe, kam in das
202499. Gal Wertman hatte lange über die Zahl nachgedacht, KZ, um von dort an die Dirlewanger­Einheit überstellt zu wer­
bevor er sie sich tätowieren ließ. Er wollte nicht wie ein Verrückter den. Das sagte der Mann aus, der für die Registrierung der Häft­
erscheinen, der nicht mit der Vergangenheit abschließen kann. linge zuständig war. Ob M. sich für die Dirlewanger­Einheit frei­
»Aber die Vergangenheit ist Teil dessen, wer ich bin«, sagt er. willig meldete oder gezwungen wurde, ist unklar. Einige Häft­
Mehrere Wochen lang suchte er nach einem passenden Tattoo­ linge, die später für Dirlewanger kämpften, sagten aus, bei ihrer
Studio. Jeden Tag nach der Arbeit klapperte Wertman Läden in Überstellung nicht gewusst zu haben, dass sie Teil der SS werden
Jerusalem und Tel Aviv ab. Manche Tätowierer weigerten sich. sollten. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, warum M.
Dass ein Jude einem anderen Juden eine KZ­Nummer stechen dieser Einheit zugeteilt wurde. Nur dass er im Januar 1945 zu ihr
soll, schien ihnen makaber. stoßen sollte.
Doch in einem Shop im Zentrum von Tel Aviv wurde Wert­ Die Nummer 202499, die Gal Wertman auf seinem Arm trägt,
man fündig. Hinter dem Tresen stand ein junger Israeli, dunkel­ um seiner toten Familie zu gedenken – sie gehörte einem Mann,
haarig, gebräunt. Es werde anstrengend, sagte der Mann. Aber er der wohl Teil einer berüchtigten Einheit der SS war.
wolle es versuchen.
Wertman erinnert sich, dass die Hand des Tätowierers zitterte, Eine jüdische Weisheit besagt: »Vergessen verlängert das Exil. In
als er mit der Arbeit begann. Nach der zweiten oder dritten Ziffer der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.«
setzte der Mann die Nadel ab und fing an zu weinen. Gal Wertman wurde erlöst, als er sich die Tätowierung stechen
»Es war, als wären wir in eine Zeitmaschine gestiegen«, sagt ließ. Er fand einen Weg, den Verlust seiner Familie zu verarbeiten.
Wertman. »Wir konnten beide fühlen, was unsere Vorfahren ge­ Und nun soll ich ihm sagen, dass die Tätowierung einem mut­
fühlt hatten. Aber dieses Mal hatten wir die Kontrolle. Wir hatten maßlichen Angehörigen der SS gehörte? Einem Mann, der wahr­
es selbst so entschieden.« Als die Nummer fertig war, betrachtete scheinlich Teil einer Einheit wurde, die Tausende Unschuldige
Wertman sie und fühlte sich seiner Familie näher als je zuvor. – darunter Juden – ermordet hatte?
Wertman hatte die Tätowierung nur für sich stechen lassen, »Erzähl es ihm nicht«, sagt ein Freund. »Lass ihm seine Illu­
aber im Supermarkt oder an der Bushaltestelle erzählten Fremde sion.« – »Es ist deine Pflicht, es zu sagen«, meint ein anderer.
ihm nun von ihren toten Familien. Manche fielen ihm um »Wertman hat ein Recht darauf.«
den Hals. Eine alte Frau sah sich die Tätowierung lange an Ich versuche, mehr über die letzten Monate der SS­Einheit
und sagte: »Ich kenne Sie gar nicht aus Auschwitz.« Die Dirlewanger zu erfahren. Vielleicht stellt sich ja heraus, dass M.
wenigsten fragten Wertman nach dem Ursprung der Nummer: gar nicht an Verbrechen beteiligt war.

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Die Informationen sind dürftig. In den letzten Kriegsmonaten Im Mai 2019, fast sieben Jahre nach unserer ersten E­Mail und
herrschte Chaos in Deutschland. Es gibt kaum Aufzeichnungen, zwei Jahre nach dem Beginn meiner Recherche, schreibe ich
Papiere sind vernichtet oder wurden gar nicht erst erstellt. Be­ Wertman, dass ich etwas gefunden habe, das ich ihm nur persön­
kannt ist, dass die Truppe sich Anfang 1945 an der Zerschlagung lich mitteilen könne. Ich bitte ihn um ein Treffen.
eines Aufstands in der Slowakei beteiligte. Von dort schickte man Wertman ist inzwischen in die USA gezogen. Er lebt mit seiner
sie zurück nach Deutschland. Im April 1945 wurde der Rest der Familie in einer Kleinstadt eine Stunde außerhalb von New York.
Einheit in Brandenburg eingekesselt und von russischen Soldaten Dort arbeitet er als freischaffender Künstler und kümmert sich
gefangen genommen. um seine drei Söhne. Wertman antwortet, er freue sich, mich
Das wurde M. nicht. Stattdessen taucht sein Name in den kennenzulernen. Er sei gespannt, was ich ihm zu sagen habe.
Akten französischer Kriegsgefangener auf: Im Mai 1945 wurde in Im Juni 2019 buche ich einen Flug in die USA. Ich nehme die
Süddeutschland ein Mann namens Engelbert M. registriert. Das Dokumente mit, die ich gesammelt habe: KZ­Akten, Gerichts­
Geburtsdatum stimmt nicht mit dem von M. überein. Doch papiere, E­Mails von Historikern und Gedenkstätten. Am Ende
andere Informationen wie der Name seiner Mutter, der in den stecke ich ein Bild des SS­Kommandeurs Oskar Dirlewanger in
Papieren angegeben ist, deuten darauf hin, dass es sich tatsächlich die Mappe. Mein Rucksack, in dem ich die Papiere transportiere,
um M. handelt. In derselben Gegend war kurz zuvor ein anderer fühlt sich bleischwer an.
Mann aufgegriffen worden: Oskar Dirlewanger. Es kommt mir vor, als hätte ich ein unersetzliches Familien­
Und noch etwas ist auffällig. Laut den französischen Doku­ erbstück zerstört und müsste es Wertman nun beichten. Ich
menten gab M. bei der Gefangennahme an, Teil einer Wehr­ will nicht, dass er es erfährt – und kann es gleichzeitig nicht
machtseinheit zu sein. Ein Historiker, den ich um Rat frage, ver­ erwarten. Bald ist es vorbei, denke ich, während der Atlantik unter
mutet, dass ein Teil der Dirlewanger­Truppe sich vor Kriegsende meinem Fenster vorbeizieht, bald sind wir beide erlöst, Gal
absetzte, nach Süden durchschlug Wertman und ich.
und unterwegs in französische Ge­
fangenschaft geriet. Möglicherwei­ New Jersey sieht aus wie ein ameri­
se hätten die Männer vorgetäuscht, Ich ziehe das Bild des kanisches Schwaben. Die Straßen
Wehrmachtssoldaten zu sein, um Kommandeurs Dirlewanger sind gekehrt, die Bäume so grün, als
ihre Zugehörigkeit zur SS zu ver­ wären sie gefärbt. In den Einfahrten
schleiern. hervor. Wertmans Blick hängen Basketballkörbe. Tagelang
Nach dem Kriegsende wollte wird starr. »Dieser Mann ist war das Wetter herrlich, nun liegen
niemand mehr mit der SS­Einheit dunkle Wolken über der Stadt.
Dirlewanger in Verbindung ge­ der Grund, warum ich hier An Wertmans Türpfosten ist eine
bracht werden – so bekannt und bin«, sage ich Mesusa angebracht, eine Schriftkap­
verhasst war sie. Auch Dirlewanger sel, die ein jüdisches Gebet enthält.
selbst versuchte, die Vergangenheit Sie soll die Bewohner des Hauses vor
zu verheimlichen. Es gelang ihm Unheil bewahren. Ich berühre sie
nicht. Im Juni 1945 erkannten ihn wohl einige seiner Mitge­ kurz. Es dauert lange, bis ich mich entschließe zu klingeln.
fangenen. Dirlewanger wurde kurz darauf erschlagen, von wem, Wertman öffnet die Tür. »Schön, dass du da bist«, sagt er. Als
ist ungewiss. wären wir alte Bekannte, die sich nach Jahren wiederfinden.
M. wurde nach mehreren Monaten in Kriegsgefangenschaft Dabei treffen wir uns zum ersten Mal.
entlassen. Er kehrte in seine Heimat zurück und führte bis zu Er sieht älter aus als auf den Fotos, die ich im Internet von ihm
seinem Tod ein unbescholtenes Leben. Er heiratete zweimal, be­ gefunden habe. Sein Bart ist ergraut, sein Gang vorsichtig. Eine
kam zwei Kinder, arbeitete in einer Stahlfirma. In M.s Dorf weiß Schwere liegt auf ihm, man spürt sie sofort. Als Wertman mich
wohl niemand von seiner KZ­Vergangenheit: Offenbar hat er ins Haus führt, sehe ich sie, die Nummer: klein und unscheinbar,
Auschwitz oder Dirlewanger nie erwähnt. Aus Scham? Schuld? Ich wie ein merkwürdiger Makel. 202499.
weiß es nicht. Seine Verwandten wollen nicht mit mir sprechen. Wenn er mutlos ist, sagt Wertman, sieht er sich die Ziffern an
Man solle die Toten ruhen lassen, schreibt M.s Enkelin mir nur. und denkt dabei an seine Großmutter. Als Wertman klein war,
Am liebsten würde ich genau das tun. In jenen Monaten wün­ nahm Fania ihn oft an der Hand. Ihr Griff war so fest und be­
sche ich mir, ich hätte die Recherche nie begonnen. Ich wünsch­ stimmt, dass Wertman glaubte, er fliege hinter ihr her. Diese Kraft
te, ich müsste nicht entscheiden, ob ich Wertman die Wahrheit half seiner Großmutter, in Polens Wäldern zu überleben. Die Er­
sagen oder für immer schweigen soll. Papiere lassen sich verbren­ innerung an sie hilft Wertman heute, sein Leben zu meistern.
nen. Beweise lassen sich vernichten. Aber was man einmal gehört Doch die Vergangenheit gibt ihm nicht nur Halt, sie belastet
hat, kann man nicht absichtlich vergessen. Wenn ich Wertman ihn auch. Wertman sagt, es falle ihm schwer, Menschen zu ver­
erzähle, woher seine Tätowierung stammt, muss er mit diesem trauen. Selbst im friedlichen New Jersey überkomme ihn manch­
Wissen leben. Ich schlafe schlecht in jenen Wochen. mal ein Gefühl von Angst – davor, dass ihm oder seiner Familie
Irgendwann beschließe ich: Wertman wollte, dass ich heraus­ etwas zustoßen könnte. Der Holocaust könne sich jederzeit wie­
finde, wem die Zahl gehörte. Und was nutzt ihm die Täto­ derholen, glaubt Wertman. Die Furcht seiner Vorfahren ist auf
wierung, wenn sie nicht seiner Familie gilt, sondern einem ihn übergegangen. Ich kenne dieses Gefühl.
Mann, der gar kein Jude war? Und ein verurteilter Dieb, der in Als ich ein Kind war, standen in den Regalen meiner Eltern
den letzten Monaten wohl zu einer Truppe von Kriegsverbre­ mehrere Bücher über den Holocaust. Manchmal zeigte meine
chern gehörte? Mutter mir die Bilder aus den Lagern. Sie sagte, diese Menschen

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seien wie ich gewesen und hätten deshalb sterben müssen. In den Ich träume, wie Wertman sich die Tätowierung abkratzt. Als ich
Nächten darauf träumte ich, dass die Gestapo mich abholt. Von aus dem Schlaf aufschrecke, schreibe ich Wertman eine Nach­
jüdischen Freunden habe ich Ähnliches gehört. Eine israelische richt: »Ich fühle mich schuldig.« Er antwortet nicht.
Mutter erzählte mir einmal, ihre Kinder hätten in der Schule ein Am nächsten Morgen lese ich eine Nachricht von ihm. »Deine
Nazi­Verhör nachspielen sollen, um zu spüren, was ihren Vorfah­ Recherche zeigt, dass die Welt damals für jeden ein dunkler Ort
ren widerfahren war. war«, schreibt Wertman. »Ich bin froh, dass du es gemacht hast.«
Wertman sagt, dass es zu viel Erinnerung nicht geben kann. Ich möchte weinen vor Erleichterung.
Ich bin mir nach dieser Recherche nicht mehr sicher. Ich fahre noch einmal zu Wertmans Haus. Diesmal lächelt er.
Während Wertman Kaffee kocht, folge ich mit den Augen den Seine Stimme ist kräftiger als gestern, sein Blick klarer.
Ziffern auf seinem Arm. Warum hast du keine KZ­Nummer aus Nachdem ich fort war, sagt Wertman, lag er mehrere Stunden
deiner Familie gewählt?, denke ich. Warum musste es ausgerech­ auf dem Sofa seines Arbeitszimmers. Starrte an die Decke und
net die letzte Zahl sein? dachte über die Nummer nach. Und über Engelbert M., dem
An den Wänden hängen Kunstwerke von Wertmans Vater, der Mann, dem sie einmal gehörte.
den Holocaust als Kind überlebte. Nicht nur Wertmans Arm ist »Er war auch ein Opfer«, sagt Wertman. »Er kam unschul­
ein Mahnmal: Sein ganzes Haus, sein ganzes Leben ist es. dig ins KZ. Vielleicht ging er nur zur SS, um Auschwitz zu
»Fangen wir an?«, fragt Wertman. entkommen.«
Wir setzen uns in sein Atelier. Er hat einen kleinen Tisch Wertman erzählt, er wolle die Nummer behalten. Die Nazis
aufgestellt: Butterkekse, Kaffee. Vor dem Fenster tobt der haben ihm seine Familie genommen, nun sollen sie ihm nicht
Sturm. Ich hole meine Mappe aus dem Rucksack. Ich stocke, ein noch die Tätowierung nehmen. »Dann steht sie eben nicht nur
letztes Mal. für die ermordeten Juden, sondern für alle Opfer dieses Krieges«,
Dann beginne ich zu erzählen. Wie M. gelebt hat, dass er in sagt er. »Was du herausgefunden hast, ändert für mich nichts.«
einem Dorf geboren wurde. Dass seine Eltern sich scheiden Aber für mich ändert es etwas.
ließen, er ins Heim kam, klaute und schließlich im KZ landete. Erinnerung ist wichtig. Wir dürfen nicht vergessen, wir müs­
Nach und nach decke ich Papiere auf. Eine Kopie von M.s sen verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Aber wir
Ge­burtenbuch. Zeitungsausschnitte, in denen seine Diebstähle Juden erinnern nicht nur – wir geben ein Trauma weiter. Ein
erwähnt sind. Archivschreiben, in denen steht, dass M. verurteilt Trauma, das in den vergangenen Jahrzehnten immer größer
wurde und in Haft kam. Dokumente, die M.s KZ­Aufent­ wurde. Das sich loslöste von den Menschen, die es tatsächlich
halte belegen. erlebten, und das nun über uns allen schwebt.
Dann ziehe ich das Bild des Kommandeurs Oskar Dirlewanger Ich will keinen Schmerz, der mir nicht gehört. Und ich will
hervor. Auf dem Foto trägt er eine Uniform, er ist eindeutig als mich nicht vor etwas fürchten, das weit in der Vergangenheit
Nazi­Funktionär erkennbar. »Hast du diesen Mann schon mal liegt. Ich will mich an die Menschen erinnern, die der Holocaust
gesehen?«, frage ich. Wertman lehnt sich vor, schaut sich das Bild wirklich traf.
an. Sein Blick wird starr. »Dieser Mann ist der Grund, warum ich Bei meinem Besuch am Tag zuvor hat Wertman mir ein Bild
hier bin«, sage ich. gezeigt. Darauf ist eine junge Frau zu sehen: Sie trägt einen hellen
Ich zeige Wertman das Auschwitz­Papier, aus dem hervorgeht, Mantel und lehnt an einem Brückengeländer. Ihre dunklen Haare
dass M. zur SS­Einheit Dirlewanger wechseln sollte. Er erfährt, sind gewellt, sie lächelt in die Kamera. Die Frau ist eine Schwester
dass Dirlewangers Mannschaft schlimmste Verbrechen beging von Wertmans Großmutter Fania. Es ist das einzige Foto, das von
und dass M. ab Januar 1945 wahrscheinlich ein Teil dieser ihr existiert. Die einzige Spur, die sie hinterließ, bevor die Nazis
Gruppe war. sie umbrachten.
»Die Nummer auf deinem Arm gehörte jemandem, der wohl Wertman wollte mit seiner Tätowierung eigentlich an die Frau
bei der SS war«, sage ich. »Es tut mir leid.« auf dem Bild erinnern. An sie und an ihre Familie, die sterben
Wertman senkt den Kopf, ich höre ihn nach Luft ringen. mussten, weil sie Juden waren.
Minuten vergehen, ohne dass er sich rührt. Ich kenne die Nummern nicht, die sie von den Nazis vielleicht
»Wie lange war er in dieser Einheit?«, fragt Wertman schließ­ bekamen. Aber ich kenne ihre Namen. Sie hießen Elka. Liwsia.
lich. Gicia. Rachel. Zołda. Berek.
»Einige Monate«, sage ich.
»Was hat er dort getan?«
Ich schlucke. »Ich weiß es nicht.«
Wertman schließt die Augen. Senkt wieder den Blick. So sitzt
er da, die Hand auf die Stirn gestützt, und sagt kein Wort.
Irgendwann stehe ich auf und lasse Wertman allein. Als ich
auf das Taxi warte, stellt er sich neben mich ans Fenster und
schaut in den Regen. »Jetzt weiß ich wieder, warum ich nie wissen
wollte, wem die Zahl gehörte«, sagt Wertman. Er sieht müde aus, ALEXANDRA ROJKOV
seine Stimme klingt schwach. Seine Umarmung zum Abschied
fühlt sich an, als wolle er mich wegschieben.
hat eine intensive Beziehung zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.
Im Hotel werfe ich alle Dokumente in den Müll. Zerknülle Während ihres Aufenthalts in Jerusalem war der Park um das Museum einer
das Bild des SS­Manns Dirlewanger, das ich für Wertman ausge­ ihrer liebsten Orte. Dort sind mehrere Tausend Bäume gepflanzt – zum Ge-
druckt hatte. Was hast du angerichtet?, frage ich mich. denken an jene Menschen, die Juden retteten.

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MEER GEHT NICHT Text MARC BAUMANN

Surfer empfinden eine tiefe Verbundenheit zur Natur und kämpfen für den Schutz
der Ozeane. Aber leider erreicht man von Deutschland aus die besten Surfstrände nur im
Flugzeug. Kann man diesen Sport in Zeiten der Klimakrise noch ausüben?

E
s gibt einen magischen Ort, an dem Handymodell.« Zirlewagen ist es wichtig zu flieger zu den Wellen bei Lissabon koste ihn
Menschen zwischen Regenbögen mit sagen, dass er nur für sich spricht. Im Ver­ ein Zehntel der Autofahrt dahin. Solange
Delfinen spielen können. Um dorthin band werde das Fliegen oft diskutiert, »aber Fliegen lächerlich billig sei, werde sich nichts
zu gelangen, genügt ein Surfboard. wir finden keine Lösung«. ändern, sagt er.
Man paddelt hinaus, taucht unter den bre­ Ich wollte in diesem Sommer zu Rudolfo, Michael Zirlewagen hat mehr Hoffnung:
chenden Wellen hindurch, bis kurz hinter einem Bekannten, der in Portugal Ferienhäu­ »Die Debatte ums Fliegen erinnert mich an
die Brandung. Da draußen sitzend, sieht man ser hat. Im SZ-Magazin 37/2014 empfahl ich die Proteste gegen sexistische Surfwerbung
zauberhafte Dinge: Die Gischt hinterlässt im seine Unterkünfte für surfende Familien. vor einigen Jahren, da haben die Firmen ge­
Sonnenschein kleine Regenbögen, das fiel Fünf Jahre später versteckt sich die Gewiss­ merkt, um das Thema kommen wir nicht
mir in Portugal zum ersten Mal auf. In Costa heit, dass Fliegen verheerend für die Umwelt rum.« Der Weltverband »World Surf League«,
Rica sah ich Delfine zwischen Surfern in den ist, nicht mehr in einer hinteren Ecke des der in Wettkämpfen von Australien über
Wellen spielen, in Kalifornien trieb ein See­ Gehirns. 2019 habe ich den Begriff Flug­ Frankreich bis Hawaii seine Weltmeister­
otter neben mir, der auf dem Rücken liegend scham gelernt. Die Klimaforscherin Joëlle schaften ausrichtet, hat verkündet, den
Krebse knabberte. Gergis schrieb kürzlich in einem Essay, sie Kohlenstoffdioxid­Verbrauch aller Flüge mit
Die Harmonie des Surfers mit der Natur bekomme nach Konferenzen Weinkrämpfe Spenden für Umweltschutzprogramme aus­
stört nur eine Sache – das Fliegen. Wer als – weil die Fakten so klar seien, so ein verzwei­ zugleichen. Zur kleinen deutschen Surf­
Deutscher zu den Wellen von Malibu bei Los felter Ruf nach entschlossenem Handeln. meisterschaft in Frankreich werden Busse
Angeles möchte, wo Surfen in den Fünfziger­ Weltweit muss sofort massiv der Ausstoß von organisiert. Aber Profisport ganz ohne Flie­
jahren groß wurde, verursacht auf dem Flug klimaschädlichen Gasen reduziert werden. gen gehe nicht, sagt Zirlewagen. Nächstes
mehr als sechs Tonnen Kohlendioxid. Pro Weltweit heißt auch: Hey, Marc Baumann, Jahr ist Wellenreiten olympisch, in Tokio.
Person. Der nächstgelegene Surfstrand liegt ändere endlich deinen Lebensstil! Mein Le­ Und das Surfen in der Freizeit? Zirlewa­
von München aus – wo ich lebe – 700 Kilo­ bensstil bedeutet zu einem Teil aber: Surfen. gen war dieses Jahr in Sri Lanka, mit schlech­
meter entfernt in Ligurien. Dort bringt das Schon als Kind in Frankreich­Urlauben auf tem Gewissen, aber: »Die Wellen in Asien
Meer nur alle paar Wochen nach Stürmen kleinen Styropor­Brettern, auf jeden anderen sind signifikant besser als in Europa«. Zu­
ausreichend hohe Wellen hervor. Der erste Sport könnte ich verzichten. Und hat das mindest Surfer, die an Weltklassestränden
Ort mit halbwegs zuverlässigen Surfbedin­ Reisen an sich nicht einen Wert? »Mein Um­ leben – Australier, Südafrikaner, Hawaiianer
gungen ist die französische Atlantikküste weltbewusstsein kommt vom Surfen, da ist – könnten einfach an ihrem Heimatstrand
(1300 Kilometer), 14 Autostunden oder zwei mein Blick auf die Welt entstanden«, sagt bleiben. Aber immer derselbe Strand reicht
Flugstunden entfernt. Welche Schäden darf Michael Zirlewagen. ihnen nicht. Bis zur nächsten Welle brauche
ein Hobby verursachen? Viele Surfer sammeln Plastikmüll am ich vom SZ-Büro aus zehn Minuten mit dem
Die Frage betrifft nicht nur Surfer. Golfer Strand ein, kämpfen für den Schutz der Rad: zum Eisbach, einer stehenden Fluss­

Fotos: Axel Schmies/Picture Press/ddp, Getty Images


reisen im Winter gern nach Spanien, andere Meere, sind Veganer. Im Frühjahr hab ich mir welle. Da surfe ich seit Jahren, klimaneutral.
schnorcheln in Thailand oder fahren als die »Fernweh­Ausgabe« eines deutschen Surf­ Dass dort die Lösung meines Problems liegt,
Norddeutsche Ski in den Alpen. Aber blei­ magazins gekauft. In dem Heft wird gewor­ habe ich noch nie gedacht.
ben wir beim Surfen, weil man da alle ben für Kleidung und Surfzubehör aus recy­
Aspekte dieser Gewissensfrage sieht: das Ver­ celten Materialien – aber ein Artikel emp­
drängen, das Schönreden und den mög­ fiehlt neben einer Weltkarte die »Top Ten
lichen Verzicht. »Wenn man ehrlich ist, gibt Surfziele« für 2019 von Kanada bis Indone­ MARC BAUMANN
es keine Argumente für weite Surfreisen sien. »Das Thema Fliegen ist der Elefant im
mehr«, sagt Michael Zirlewagen, der Vizeprä­ Raum, über den keiner spricht«, sagt Bruce
hat ein überzeugendes Argument gegen Flugreisen
sident des Deutschen Wellenreitverbandes. Sutherland, Herausgeber des Stormrider Surf noch nicht genannt: Transportschäden. Die kennt
»Es gibt dann aber auch keine Argumente Guides, des bekanntesten Surfreiseführers. fast jeder Surfer, der schon mal ein Surfbrett, egal,
mehr für Fleisch, SUV oder das neueste Er lebt in London, ein Flug mit dem Billig­ wie gut verpackt, beim Sperrgepäck abgegeben hat.

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Kräftige Welle, warmes Wasser?


Das kann nicht in Deutschland sein.
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Mündliche
Prüfung
Text

PETER RICHTER
Illustrationen

F I ZZZ B ZZZZ !

Die Verständigung
zwischen Deutschen und
Franzosen ist zuweilen
von einem gewissen
Unwillen begleitet.

Unser Autor hat sich vorgenommen, die


deutsch-französische Freundschaft
zu retten – indem er durch eine Hölle geht,
der er längst entkommen war
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I
ch habe wieder mit Französisch anlagte Grammatikfetischisten. Ob zum der Hand nehmen. So anrührend ungelenk
angefangen. Beispiel »Ich habe mich verliebt« ein eher konnte Freundschaft einmal aussehen. Oder
In Deutschland wird immer abgeschlossen in der Vergangenheit begra­ so schick – um nicht zu sagen: chic – wie
weniger Französisch gelernt, benes Ereignis beschreibt oder ob es noch davor bei Schmidt und Giscard d’Estaing.
stand in der Zeitung, und dem Hoffnungen ins Heute treibt, halte ich für Wenn man dagegen heute Merkel und Ma­
will ich mich entgegenstem­ eine viel zu private, geradezu philoso­ cron zusammenstehen sieht, hat man immer
men. Gerade in Zeiten wie die­ phische Frage, um sie mit einem einzigen den Eindruck, dass das M noch die größte
sen, wie man so sagt. Bezie­ Verb zu entscheiden. Aber mein Lehrer Phi­ Gemeinsamkeit ist. Und mit den Vorgän­
hungsweise dans une période lippe will das gleich von vornherein wissen. gern war es nicht besser. Merkel stand da oft,
telle que la nôtre, wie mein Französischlehrer »Imparfait ou passé composé?«, fragt er im­ als könne sie die ihr vom französischen Wäh­
Philippe vermutlich wollen würde, dass ich mer. ler an die Seite gestellten Gockel nicht ganz
sage. Das Ganze hat jedenfalls absolut poli­ Ich möchte dann grundsätzlich antwor­ ernst nehmen. Die innigsten Bilder einer
tische Gründe. Um nicht zusagen: europa­ ten, dass die »allmähliche Verfertigung der deutsch­französischen Politikerfreundschaft
politische. Aber es gibt auch persönliche. Gedanken beim Reden«, wie Heinrich von entstanden zuletzt eher bei dem Treffen von
Neulich forderte die Pariser Autorin Anne Kleist sie gelehrt hat, so unmöglich funkti­ Frauke Petry, ehemals Alternative für
Berest in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung onieren könne. Aber Philippe sagt unerbitt­ Deutschland, mit Marine Le Pen vom ehe­
nämlich, um die Europamüdigkeit zu über­ lich entweder imparfait oder passé composé. maligen Front National. Aber wenn sich die
winden, müsse man sich mit Leidenschaft Und dass die Deutschen dazu neigten, Nationalisten beider Länder noch am bes­
auf die Sprache des Nachbarn einlassen. »compoßé« zu sagen, mit hartem S. Oft sagt ten zu verstehen scheinen, ist das kein ermu­
Nun bedeutet das französische Wort la lan- er mir übrigens auch, dass korrektes Franzö­ tigendes Zeichen.
gue nicht nur Sprache, sondern auch Zunge, sisch nicht dadurch zustande komme, dass Und das ist nur die Ebene der offiziellen
so wie umgekehrt das deutsche Wort Zunge man einfach spanische Vokabeln so aus­ Politik. Das Private ist aber nun einmal
manchmal als poetisches Synonym für Spra­ spricht, als hielte man sich dabei die Nase auch politisch, wie die Welt in den Sech­
che benutzt wird. Daher machte Anne zu. Trotzdem mag ich meinen Lehrer. Er ist zigerjahren von den Protestbewegungen
Berest kurzerhand ein Plädoyer für mehr ein feiner, geduldiger und kluger Mensch lernen durfte – wohlgemerkt zuerst auf
europäische Zungenküsse daraus. und mir inzwischen sehr ans Herz gewach­ Französisch: Le privé est politique. Und das
Der amouröse Unterton wird bei dem sen, womöglich fast noch mehr als die Spra­ schleichende Erkalten der Gefühle ließ sich
Thema manche überrascht haben, aber ich che, die er mir beibringen soll in zähen bei genauem Hinsehen auch auf der Ebene
fand ihn sehr sachangemessen. Denn wenn Doppelstunden stotternder, der Alltagsgewohnheiten
der Satz »Ich habe wieder mit Französisch haspelnder, oft genug schei­ beobachten: Bevor irgend­
angefangen« so klingt, als ob wir irgend­ ternder Konversation. wann alle in Deutschland
wann einmal Schluss gemacht hätten mitei­ Er muss das nämlich Sieht man die tiefe Italianità in sich
nander, das Französische und ich, dann ist jetzt ausbaden, dass ich vor entdeckten und nur noch
das leider korrekt. Und wenn das wiederum ein paar Monaten mit gro­ Merkel und Latte macchiato tranken,
so klingt, als ob es davor einmal eine leiden­ ßer Geste in das Institut hatte doch jeder, der etwas
schaftliche, wenn auch vielleicht ein wenig français in Berlin marschiert Macron auf seine kulturelle Verfei­
einseitige Liebesbeziehung gegeben habe:
Dann könnte man auch dies so sagen.
bin, um zur Not im Allein­
gang die deutsch­franzö­ zusammen, hat nerung hielt, ganz selbstver­
ständlich Café au lait be­
Ich allerdings nur auf Deutsch. Wie das
auf Französisch heißen würde – aucune idée.
sische Freundschaft zu ret­
ten. Die berühmte amitié
man den Ein- stellt – um dann beide Hän­
de fest an henkellose
Das ist es ja.
Es war damals in der Schule schon nicht
franco-allemande. Ein Begriff
mit einem Klang wie die
druck, das M sei Müslischalen zu pressen.
Und in den sogenannten
immer einfach zwischen uns, und jetzt ist es Eurovisionsfanfare. Hörte die größte Szenekneipen fast aller
nicht viel reibungsärmer geworden, obwohl man doch früher ständig. großen Städte wurden doch
ich mich wirklich bemühe. Seit wir es wie­ Hört man heute so gut wie Gemeinsamkeit früher vor allem Gauloises
der miteinander versuchen, habe ich zum gar nicht mehr. geraucht, rot oder blau,
Beispiel ins Vokabelheft geschrieben, dass Aber es gab nun einmal aber immer mit dem An­
»sich verlieben« auf Französisch tomber nicht nur die Meldungen, spruch des Werbespruchs
amoureux heißt. Ich übersetze mir das mit wonach immer weniger Schüler in Deutsch­ Liberté toujours. Und zwar oft genug von
deutscher Geradlinigkeit als »verliebt hin­ land Französisch lernen wollen, weil die Männern und Frauen, die dabei auszusehen
fallen« und finde, dass dadurch die Aspekte Sprache als schwierig, wenig nutzbringend, versuchten wie einst Andreas Baader und
von Missgeschick und Tragik bei der Sache nicht besonders cool gelte. Es gab auch die Gudrun Ensslin auf diesen berühmten
gut zum Ausdruck kommen. Es klingt ja Meldungen, wonach immer weniger Schü­ Café­Fotos aus Paris, auf denen das RAF­
auch nur so lange wie etwas, was mit Freu­ ler in Frankreich Deutsch lernen wollen, Paar seinerseits auszusehen versuchte, als
den verbunden sein könnte, bis man anfan­ weil die Sprache als schwierig, wenig nutz­ spiele es zwei Liebende auf der Flucht in
gen muss, es zu konjugieren. Gegen Ende bringend, nicht besonders cool gelte. Und einem Film von Truffaut oder Godard.
jeder einzelnen Unterrichtsstunde halte ich dann gab es natürlich immer auch die ent­ Jedenfalls ließ sich das einst in so gut wie
Leute, die hier ernsthaft von einer Sprache sprechenden Bilder. Früher: Kohl und Mit­ allen Großstädten der alten Bundesländer
der Liebe schwärmen, für masochistisch ver­ terrand. Zwei Männer, die sich spontan bei beobachten. Und jetzt irgendwie nicht

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mehr. Allerdings möchte ich betonen, dass Eisernen Vorhang geschickt hatten, jeweils auf die Geschichte einer spezifisch ostdeut­
auch eine Herkunft aus dem Osten damals damit bezwecken wollten: Die Effekte auf schen Frankreichsehnsucht hinweisen. Und
nicht davor schützte, von einem habituellen den Gemütshaushalt waren auf alle Fälle damit meine ich weniger die vergilbenden
Frankreichfimmel gepackt zu werden, ganz gigantisch. Ausgaben der kommunistischen Tageszei­
im Gegenteil. Da kann ich nun wirklich mit­ Mit hoher Wahrscheinlichkeit lässt sich tung L’Humanité an den Kiosken oder das
reden, denn ich komme da her. Und ich bin sagen, dass die Programmverantwortlichen Schulbuch Bonjour les amis, in denen die
deshalb auch sicher, dass selbst Angela Mer­ mit der historisch ausstaffierten Softporno­ Widrigkeiten des kapitalistischen Alltags
kel damals dauernd Filme mit Belmondo Reihe Série Rose, die sie dann in Erotisches der armen Franzosen in grauestmöglichen
geschaut und Alain Delon hinreißend ge­ zur Nacht umbenannten, große Teile der Farben geschildert wurden. Vielmehr war es
funden haben muss – so angenehm wort­ reiferen Jugend samstagnachts vor dem doch immerhin so, dass die Forderungen
nach Reisefreiheit im Herbst 1989 in aller
Regel mit »Einmal Paris sehen« begründet
Deutsch-
frranzösische
wurden. Um Hannover oder Wuppertal
Unterschiede ging es, bei allem Respekt, bei diesen Sehn­
finden sich süchten weniger. Und dass in den sogenann­
natürlich nicht ten neuen Bundesländern danach der
nur in
Renault 19 jahrelang zum meistgekauften
der Sprache.
Auto wurde, zeitweise deutlich vor dem
VW Golf: Das muss ja auch seine Gründe
gehabt haben. Selbst Erich Honecker hatte
sich ja schon am liebsten in einem Citroën
CX herumfahren lassen, Geschenk aus
Frankreich, dessen sagenhafte Hydraulik­
federung ihn ganz gut über die Rumpelig­
keit seiner Autobahnen hinweggetröstet
haben dürfte. Außerdem war das Tankstel­
lennetz Ostdeutschlands dann ohnehin
ganz schnell in französischer Hand. Wer
sich heute noch für die Hintergründe inte­
ressiert, googelt bitte unter den Stichworten
Minol und Leuna­Affäre. Ich kannte damals
jedenfalls viele im Osten, die lieber der Bre­
tagne oder der Bourgogne beigetreten wä­
ren als der Bundesrepublik.
karg wie der war, zumal für einen Franzosen. Fernseher festnagelten. Und mit absoluter Die Geschichtsschreibung wirkt manch­
Ich weiß natürlich nicht, ob auch sie ihn Sicherheit kann ich bestätigen, dass die jün­ mal ein bisschen uneinig in der Frage, wie
liebevoll Ellen Dellen genannt hat, wie so gere Jugend nach der Ausstrahlung von La begeistert François Mitterrand von der deut­
viele im Osten. Aber in meiner Erinnerung Boum – Die Fete und La Boum 2 – Die Fete schen Wiedervereinigung war. Heute liest
gab es im Fernsehen der DDR grundsätzlich geht weiter auch im Osten Deutschlands bru­ man mitunter, er sei immer ein glühender
entweder politische Propaganda oder Filme talst in Sophie Marceau verknallt war. Oder Befürworter gewesen. Damals wirkte es eher
mit Alain Delon. Oder Jean Gabin. Ent­ in Pierre Cosso. Oder in beide. so, als interessierte er sich mehr dafür, ob
weder finstere Blicke von Karl­Eduard von Philippe weiß das inzwischen alles. Er die Ostdeutschen sich nicht über die Jahre
Schnitzler oder von Lino Ventura. Ich habe muss es sich in unseren Doppelstunden oft zu einer ganz eigenen Kulturnation ent­
mir auf diesen Kanälen damals mit Sicher­ genug anhören, wie ein Therapeut. Außer­ wickelt hätten, die dann mit derjenigen der
heit insgesamt häufiger die Schauspiele­ dem trainiert es einen in der Verschieden­ Westdeutschen nicht ganz so zwingend zu­
rinnen Isabelle Huppert und Isabelle Adjani artigkeit der Vergangenheitsformen, wobei sammengelegt werden müsste. Jedenfalls
angesehen als Angelika Unterlauf, die Nach­ ich mich meistens für das imparfait ent­ bereiste Mitterrand kurz vor Weihnachten
richtensprecherin der Aktuellen Kamera. scheide, egal, was Philippe sagt, ganz einfach 1989 noch einmal ein paar Tage lang mit
Und dabei war ich damals womöglich ein aus Sympathie und aus Prinzip: Die Ge­ auffällig ethnologischem Interesse die zer­
bisschen jung für die Filme, in denen Isabel­ schichte dieser Beziehung ist nun einmal fallende DDR, und ein paar Wochen später
le Huppert und Isabelle Adjani damals ihre nicht perfekt. Das passé composé hingegen reiste ein Großteil der Kunstszene des Lan­
Künste und mitunter auch ganz schön viel können sie von mir aus auch in passé composté des zu einer Ausstellung in den ehemaligen
von ihren Körpern zeigten. Aber über Pierre umbenennen: Ich möchte einfach nicht, dass Pariser Schlachthof La Villette.
Richard war ich schon hinaus, und der hatte diese Dinge folgenlos im Gestern verrotten, Angeregt hatte das der Pariser Journalist
seine Späße ebenfalls andauernd in den ich finde vielmehr, dass sie noch von Rele­ Maurice Najman, den man in Filmaufnah­
Fernsehern und Kinos der DDR getrieben. vanz für Gegenwart und Zukunft sein sollten. men von damals hinter viel Zigarettenrauch
Was auch immer die Genossinnen und Ge­ Denn wenn es mit der deutsch­franzö­ das Programm verkünden sieht: »It is a cul­
nossen, die das eingekauft, sowie die Mes­ sischen Freundschaft schon nicht mehr so tural exhibition, but it is also a politique
dames und Messieurs, die es ihnen über den weit her ist, möchte ich umso dringlicher event«, sagt er da auf Englisch, was, bei allen

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französischen Einsprengseln, eine damals rand prie Monsieur Christian Lorenz de lui lands effektivster Beitrag zur Erfüllung des
durchaus nicht selbstverständliche Geste faire l’honneur de venir déjeuner au Palais Elysée­Vertrags, in dem sich beide Länder
war. »It will help the French people to under­ de l’Elysée«, stand in schwungvollen Lettern 1963 verpflichtet haben, »konkrete Maß­
stand what is GDR«, erklärt er seinen Inter­ auf der von Flake. Nämlich: »le Samedi 20 nahmen« zu ergreifen, um die Zahl der
viewern weiter. »And you know better than Janvier 1990 à 13 heures 15«. Schüler zu erhöhen, die die jeweils andere
me that the next future will be difficult for Was unter diesen Bedingungen an jenem Sprache lernen. Damit hapert es auf der
GDR people, and most of that difficult for 20. Januar 1990 um Viertel nach eins ge­ französischen Seite traditionell fast noch
those of the GDR people who don’t want schah, war entsprechend bizarr: »Die Butler, mehr als auf der deutschen.
GDR to be a colony of the Bundesrepublik.« die da rumstanden, haben sofort die Krise »Die starke Verbreitung des Franzö­
Jack Lang, der notorische Kulturminister gekriegt, die waren so angeekelt«, gab Paul sischen in der Welt überhob den Franzosen
von Mitterrand, hatte eingeladen, ein Mann Landers später zu Protokoll. »Dann kam die Notwendigkeit, Fremdsprachen zu erler­
mit exzellenten Deutschkenntnissen. Orga­ Mitterrand selbst, er sah schon wie einbal­ nen«, schrieb Artur Rosenberg, der dama­
nisiert hatte es dann der Ostberliner Ku­ samiert aus, und schüttelte allen noch mal lige Frankreichkorrespondent der Zeit, 1953
rator Christoph Tannert, der mehr oder die Hand. Selbst die här­ aus Paris: »Dadurch aber
weniger die komplette Untergrundszene testen Staatsfeinde hatten verkümmerten die Organe
vom Prenzlauer Berg einfliegen ließ, um plötzlich ein dümmliches Rammstein ist zur Aneignung fremder
den Franzosen vor Augen zu führen, dass Grinsen im Gesicht. Auch Sprachen ganz auffallend.«
diese ostdeutschen Kunstberserker tatsäch­ die, die immer ›Anarchie‹ vielleicht Ausgerechnet der verlorene
lich von einem völlig anderen Stern kamen und ›Nieder mit der Regie­ Krieg von 1870/71 habe die
als die bundesdeutschen Kulturati, die sich rung‹ riefen.« Deutschlands Bereitschaft, Deutsch zu ler­
zu dem Zeitpunkt in ihren Zweithäusern in
der Provence schon lange nichts mehr vor­
Die DDR wurde dann,
wie bekannt ist, trotzdem effektivster nen, dann gehörig angekur­
belt: »Von 1872 bis zum
machen ließen, was das savoir-vivre betrifft.
Auf den Filmaufnahmen von damals sieht
nicht an Frankreich ange­
schlossen, sondern an die
Beitrag zur Ausbruch des ersten Welt­
krieges stand das Deutsche
man jedenfalls den späteren Documenta­
Teilnehmer Via Lewandowsky sehr hager
BRD. Aber den Lauf der ge­
meinsamen Geschichte be­
Erfüllung des mit 58 bis 60 von Hundert
weitaus an erster Stelle der
und mit weitem Feldmantel in der Ausstel­ einflusst haben diese Ereig­ Elysée- Fremdsprachen in den
lung stehen, als wäre er eben zu Fuß aus nisse doch. Dadurch näm­ Gymnasien. Erst 1915 über­
einer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, lich, dass sich die erwähnten Vertrags nahm Englisch die führen­
und eine Dolmetscherin übersetzt dem Punkmusiker Landers und de Rolle.« Seitdem sind die
ernst dreinblickenden Meister verschreckte Lorenz damals die U­Bahn Zahlen so weit zurückge­
Journalistenfragen: »Viele ausgestellte Bil­ nicht leisten konnten, jede noch so weite gangen, dass man von Glück sagen kann,
der zeigen grausame Szenen. Sehr viel Blut. Strecke zu Fuß zurücklegten, darüber zu wenn zumindest hin und wieder ein Stadi­
Auch im Kino gibt es eine Menge sehr hoff­ großen Kennern des Pariser Stadtplans wur­ on voller Franzosen im Chor einfache, klare
nungsloser Szenen. Ist das repräsentativ für den, dabei wiederum befanden, dass die Aussagesätze wie »Ich tu dir weh« und »Tut
Ostdeutschland?« französische Hauptstadt zwar ganz schön mir nicht leid« aufsagt. Umgekehrt ist es
Es ist dabei wichtig, sich diese Frage in teuer war, aber auch ganz schön schön – schließlich so, dass die letzten Chansonniers
dem Akzent jener jungen Frau vorstellen, und dass es sich lohnen könnte, noch ein­ aus Frankreich, die in Deutschland einen
die einst in den Showpausen bei »’arald mal in anderer Verfassung wiederzukom­ ähnlich großen Erfolg hatten, Daft Punk
Schmidt« die Werbung mit dem Weizenbier men. hießen, und zwar vermutlich nur deshalb,
im Bauchnabel angesagt hat. Das taten sie dann auch. Ihre Band hieß weil die Discomusik machten, in deren Tex­
Es muss für beide Seiten eine zutiefst nun Rammstein und war sehr erfolgreich, ten nicht eine Silbe Französisch vorkommt.
irritierende Erfahrung gewesen sein. Das nicht zuletzt in Frankreich, und am liebsten Das also wäre, mal so ganz grob, der kul­
soignierte französische Kunstpublikum auf tritt sie nach einhelliger Auskunft der turgeschichtliche Rahmen, in den auch mei­
seinem feinen Schuhwerk dürfte den Ein­ Mitglieder bis heute wo auf? In Paris! Weil ne ganz private Liaison mit dem Franzö­
druck gehabt haben, dass da ein bisher das Pariser Publikum regelmäßig am eupho­ sischen eingebettet war, mitsamt den üb­
unentdeckter Stamm von besonders natur­ rischsten auf das spektakelhafte Teutonen­ lichen Erwartungen, Enttäuschungen,
belassenen Germanen über den Rhein ge­ Theater reagiere, das diese Band so berühmt Kommunikationsproblemen.
rudert ist. Und die Ostberliner Punkmusiker und so berüchtigt gemacht hat. Erst vor ein Die Revolution von 1989 hatte neben
Christian Lorenz, genannt Flake, und Paul paar Wochen haben wieder Zehntausende vielem anderen auch die starre Regelung
Landers berichteten nachher, dass sie dort offensichtlich sehr glückliche Menschen bei hinweggefegt, dass man an den Schulen der
dauernd von der Polizei angehalten wur­ ihrem Auftritt in der Pariser La Défense DDR immer nur entweder Englisch oder
den, weil ihr Aufzug nach Pariser Modevor­ Arena laut »Du ’ast« skandiert, dann »Du ’ast Französisch lernen konnte, aber nicht
stellungen mit Punk schon nichts mehr zu mich« und schließlich »Du ’ast mich gefragt«. beides. Das ging dann auf einmal, und zu­
tun hatte, sondern eher mit Landstreicherei. So kann man den Gleichklang der zwei­ mindest für die letzten zwei Jahre bekamen
Um der Verhaftung zu entgehen, mussten ten Person Singular bei den deutschen wir eine junge Französischlehrerin, die, wie
sie dann jedes Mal die Einladungskarte der Verben ’assen und ’aben natürlich auch un­ offenbar alle, die dieses Fach lehren, sehr
Präsidentengattin aus ihren modernden terrichten. Die Rockgruppe Rammstein ist hinreißend war und sehr engagiert, die es
Lumpen ziehen: »Madame Danielle Mitter­ so gesehen im Moment vielleicht Deutsch­ aber auch nicht einfach hatte. Immer mal

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terhaltsamen Grimassen von Louis de Funès


denken, und dieser ganze Fragesatz­Salat
aus Einbuchstaben­Worten, Apostrophen
und Bindestrichen begeisterte mich in dem
gleichen Maß, in dem er mich meistens
auch überforderte.
Mag sein, dass das nicht die seriösesten
Beweggründe für den Erwerb einer Fremd­
sprache sind. Man kann sich natürlich statt­
dessen auch aus der blutigen Geschichte der
deutsch­französischen Beziehungen von
Karl dem Großen bis hoch zu Schumachers
Foul an Battiston 1982 eine Art staats­
bürgerliche Pflicht zum Vokabellernen ab­
Von wegen typisch deutsch: leiten. Man kann sich vor Augen rufen, wie
Ein umfassendes Rauchverbot
viel Französisch nicht zuletzt durch den
haben die beiden Länder
inzwischen gemeinsam. Zuzug der Hugenotten eh schon im Deut­
schen steckt, angeblich sogar in Wörtern
wie Kuscheln, Kinkerlitzchen und dem Aus­
ruf »Ach, menno!« (Das erste kommt von
coucher, das zweite von quincaillerie – Eisen­
wieder versuchte jemand, sich das Lernen nen Wettbewerb zu ihrer Beantwortung aus waren – und das dritte, vermutlich, von mais
der französischen Vokabeln dadurch zu er­ – natürlich auf Französisch: »Qu’est­ce qui non, aber nein.)
sparen, dass er einfach welche aus dem Eng­ a fait de la Langue françoise (!) la Langue Ich könnte in der Hinsicht sogar mit
lischen oder dem Lateinischen so aussprach, universelle de l’Europe ?« und: »Par où einem Onkel aufwarten, der als dunkles Ge­
als ob er sich dabei die Nase zuhielte. mérite­t­elle cette prérogative ?« heimnis aus seiner Jugend einen Einsatz in
Manchmal, wenn bei uns die Konjugati­ Es würde die sogenannten Franzosen­ der französischen Fremdenlegion mit sich
onen nicht sitzen wollten, drohte sie auch, fresser unter Deutschlands Dichtern und herumtrug. Bis in die Sechzigerjahre hinein
den Unterricht einfach hinzuschmeißen Denkern jener Zeit nicht weniger schil­ soll Deutsch dort ja die meistverbreitete
und stattdessen in einer Modeboutique am lernd und nicht weniger problematisch Sprache gewesen sein. Seine Witwe bekam
nahe gelegenen Körnerplatz nach einem machen, wenn mal ein Historiker belegen später trotzdem immer noch Veteranen­
weniger quälenden Job zu fragen. Und das könnte, was ich heimlich vermute: dass ihr Zeitungen auf Französisch zugeschickt. Ein­
konnten wir natürlich schon deswegen teutonischer Furor auch daher rührte, dass mal zeigte ein Foto Söldner in Indochina
nicht zulassen, weil der Platz tatsächlich ganz einfach grammatische Konstruktionen einen Fluss überqueren: »Traversée sur une
nach jenem Theodor Körner benannt war, wie mérite-t-elle sie in den Wahnsinn trieben. rivière«. »Der Traversee« sagte die alte Dame
der als einer der großen Franzosenhasser Mich haben sie ja auch in den Wahnsinn wissend, »da waren sie immer schwimmen.«
aus der Zeit der Napoleonischen Kriege in getrieben, diese Bindestrich­Monster, tun Was auch immer der Mann ihr über seine
die Geschichte eingegangen ist. sie immer noch. Aber ich finde sie auch von Zeiten dort erzählt haben mochte, hier war
Nun war allerdings in der DDR trotz großer, geradezu exotischer Schönheit. In es vielleicht mal ganz gut, dass jemand die
aller Völkerfreundschaft mit der franzö­ meinen ersten Französischunterricht, da­ Sprache nicht verstand.
sischen Arbeiterklasse das Andenken mals in der Schule, ging ich deswegen noch Ich aber hatte mich explizit in das
solcher Leute nicht weniger hoch gehalten wie in einen Laden voller blühender Orchi­ Fremdartige daran verliebt. Es war, vermut­
worden als davor unter den Nazis. Selbst das deen. Alles war neu, und alles sah anders lich, ein klarer Fall von Exotismus. Aber das
von Ernst Moritz Arndt, der heute in der aus. Sogar die Anführungszeichen: keine ist immerhin ein wirksamer Antrieb. Nach
Regel als grimmiger Vordenker des Natio­ Gänsefüßchen, sondern kleine Dreiecke. zwei Jahren fühlte ich mich bereit, in der
nalismus verrufen ist. Die Genossen schätz­ Direkte Rede kam im Französischen daher fremden Sprache mit den fremden Men­
ten ihn damals aber noch als Vorkämpfer wie mit ausgestreckten Ellenbogen. Und schen im Sinne von Anne Berest Zungen­
gegen den Feudalismus und ganz allgemein der vornehme Abstand, den die Satzzeichen küsse auszutauschen, und fuhr in Tanzstun­
als Propagandisten von volkstümlichen zum Satzende hielten ! Gab es auch nur im denabschlussballstimmung der Jugend
Erhebungen gegen »die da oben«. Und zur Französischen. Jedes Ausrufe­ und jedes Fra­ Frankreichs entgegen. Cependant … Auch
Zeit von Arndt, Körner und den anderen gezeichen ein abgespreizter kleiner Finger. das Debakel ist ein französisches Lehnwort.
sprachen bekanntlich die da oben Fran­ Und die Akzente natürlich. Der Circonflexe Ebenso wie der Schock, der Chauvinismus
zösisch miteinander, und Deutsch allenfalls vor allem: eine hochgezogene Augenbraue und die Arroganz.
mit den Stallknechten und den Pferden. über dem Buchstaben. Das ô in Hôtel sah Es wäre einfacher gewesen, stattdessen
Wieso nun ausgerechnet Französisch zur nicht nur erstaunlich aus – das sah aus, als Altgriechisch zu lernen und mit den Statuen
Universalsprache in ganz Europa wurde, staunte dieses schöne Wort mit offenem im Louvre ins Gespräch zu kommen. Freun­
und ob es das auch verdient hatte: Das war Mund über sich selber. Worte, über denen den, die auf Englisch etwas fragten, wurde
eine gute Frage. Die Preußische Akademie alle drei Akzente zusammenkamen, der cir­ prinzipiell auf Französisch geantwortet. Mir
der Wissenschaften schrieb 1784 eigens ei­ conflexe, aigu und grave, ließen an die un­ hingegen, der ich es in der Landessprache

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versuchte, gleich gar nicht. Vermutlich wa­ bisschen viel ein auf die bröckelnde Welt­ kommunikativsten Länder Europas jeder­
ren meine Fragesatzkonstruktionen nicht geltung ihrer Sprache, und vielleicht war zeit mit jedem dicke Freundschaften schlie­
immer ganz korrekt, ziemlich sicher ich damals wirklich noch nicht reif genug ßen, sondern auch in Südamerika, in Mittel­
stimmte auch manchmal mit dem Subjonctif dafür. Aber wie das oft so ist, wenn über­ amerika und in Nordamerika. In Nord­
etwas nicht. Manchmal verzogen die Ange­ zogene Erwartungen auf kühle Zurück­ amerika übrigens nicht nur wegen Mexiko,
sprochenen das Gesicht, als würde ich gera­ weisung treffen: Dann ist erst die Stimmung sondern weil in den USA Spanisch dem
de mit einem Vorschlaghammer ihre schö­ getrübt, aber irgendwann taucht auf der Englischen als meistgesprochene Sprache
ne Sprache verbeulen. Was blieb, war die anderen Straßenseite jemand auf, der eben­ an vielen Orten schon den Rang abgelaufen
merkwürdige Mischung aus Bewunderung falls ganz attraktiv ist. hat. Französisch sprechen sie dort hingegen
und Enttäuschung, von der auch die Teil­ Wenn man nämlich an der Atlantikküste heute nicht mal mehr in Louisiana, wo zwar
nehmer des Ostkunst­Festivals im Schlacht­ einfach immer weiter hinunterfährt, kommt viele noch französische Nachnamen haben,
hof La Villette damals berichtet hatten. Es nach dem etwas steifbeinigen Biarritz aber meistens nicht mehr als das Wort
war im Prinzip die Gefühlslage, die jeder irgendwann die sehr aufregende Stadt San Entrée draufhaben, was für sie dann aller­
kennt, der von der berühmten franzö­ Sebastián, wo die Menschen in wüst schnat­ dings nicht Vorspeise heißt, sondern Haupt­
sischen Küche gehört hat und dann beim ternden Trauben vor den Lokalen stehen gang. Die paar Kanadier, die rund um Mon­
Centre Pompidou einen Croque­Monsieur und auch jemanden, der bisher kein ein­ treal Französisch reden, haben wiederum
vorgesetzt bekommt, der die Frage rechtfer­ ziges Wort Spanisch gesprochen hat, begeis­ offensichtlich einen Akzent dabei, der im
tigt, ob dies nicht eher das Land mit dem tert in ihre Mitte nehmen, bis es längst Mutterland zutiefst beargwöhnt wird.
schlimmsten Essen der Welt ist. Die einzig schon wieder hell ist. An exotischen Reizen Ansonsten konnte man mit der Sprache,
sinnvolle Antwort auf dieses im Grunde ja fehlte es auch ihrer Sprache nicht: Diese abgesehen von ein paar Ferieninseln für
ganz banale Touristenelend ist eigentlich Leute malten manchmal hübsche kleine schnorchelnde Milliardäre in der Karibik,
die, die Flake Lorenz und Paul Landers von Mittelmeerwellen über ihr N, und die vor allem Länder bereisen, die der franzö­
Rammstein gegeben haben: Heimfahren, Frage­ wie die Ausrufezeichen machten sische Kolonialismus in einem Zustand
an sich arbeiten, neuen Versuch wagen. Kopfstand vor den Sätzen. Dafür schrieben wirtschaftlicher Not und/oder endloser
Vielleicht waren die Neunziger schlicht sie aber alles so, wie es gesprochen wurde, Bürgerkriege hinterlassen hatte.
noch nicht der richtige Zeitpunkt, um wirk­ und umgedreht. Das Beste daran: Wer das Entonces … ¡Adiós, señoras y señores franceses!
lich zusammenzukommen. Vielleicht bil­ einmal gelernt hatte, konnte nicht nur in Die Rechnung war dermaßen einfach,
deten sich die Franzosen damals noch ein einem der faszinierendsten, schönsten und dass ich ungefähr zwei Jahrzehnte lang fast

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nur noch in Ländern unterwegs war, wo der wirklich durchgedrungen. »L’ignorance Frankreich stattgefunden. Das Englische ist
Subjonctif einfach Subjuntivo heißt und viel française«, schrieb er an die Tafel. Es wird auf einmal kein Problem mehr, sondern
regelmäßiger gebildet wird. Und die Folgen viel geseufzt in unserem Unterricht. ganz normal. In Bezug auf die Beziehung,
muss mein armer Lehrer Philippe jetzt aus­ Aber dann wird umso stoischer weiter­ die wir wieder anbahnen, das Französische
baden, wann immer ich in unserem Konver­ gemacht. Denn darum geht es ja. und ich, hat es ungefähr die Funktion eines
sationskurs am Institut français versuche, Nun gibt es tatsächlich erste, zaghafte Mediators. Man kann darauf bei Bedarf aus­
ihm spanische Vokabeln als französische Erfolge zu vermelden. Es ist nur nicht ganz weichen. Als ich neulich trotzdem stur wei­
unterzujubeln. klar, ob das an mir liegt, an Philippe oder ter das geredet habe, was ich für Französisch
Man musste einen kleinen Einstufungs­ an der Zeit, die vergangen ist. Wenn ich hielt, hat die Wirtin der kleinen südfranzö­
test machen dort, dessen Ergebnisse bei mir jetzt wieder nach Paris fahre, kommt mir sischen Pension mit genau den gleichen
nach all den Jahren des Ver­ die Stadt kleiner vor als da­ Accents aigus über den Augen zugehört, die
gessens wild zwischen Fort­ mals, die Leute dafür aber ich in solchen Fällen auch von meinem Leh­
geschritten und Totalanfän­ großmütiger. Irgendwann rer Philippe kenne. Es war eine Szene wie
ger oszillierten. Dann wur­ Musste man saß ich sogar mit der er­ aus einem der französischen Filme, die ich
de mir dieser junge, kluge wähnten Anne Berest zu­ mir einbilde, als Kind im DDR­Fernsehen
Mann aus Paris als Lehrer früher auf sammen im berühmten immer gesehen zu haben: Die Tafel stand
zugeteilt, den es nach Berlin
verschlagen hatte, weil er Englisch fragen, »Café Flore«. Sie hatte mit
ihrer Schwester zusammen
draußen vor dem Landhaus, das so tat, als
wäre es ein kleines Château. Rechts davon
sich für deutschsprachige
Denker interessiert. Er hat um eine Antwort ein Buch über ihre Groß­
mutter geschrieben, das al­
graste ein Schimmel. Links wuchs Gras aus
einem weißen Peugeot 205. Ein Monsieur
Soziologie studiert, und
entsprechend ist seine Sicht
auf Französisch lein Grund genug wäre, die
französische Sprache zu er­
mit sehr alten Tätowierungen auf den Un­
terarmen hatte ein Kaninchen gekocht,
auf das Problem. Spanisch,
sagt er, sei in Frankreich
zu bekommen, lernen. Denn unverständli­
cherweise hat es bisher kein
rauchte selber aber lieber Filterlose, statt zu
essen, denn es war wirklich ein bisschen
das, was die weniger ehrgei­ ist es jetzt deutscher Verlag übersetzt. heiß für Kaninchen an diesem Mittag. Des­
zigen Schüler lernen. Es Dabei geht es in Gabriële wegen bestand die Wirtin darauf, wenigs­
klang ein bisschen, als wol­ umgekehrt um die Frau, die Francis tens ausreichend zu trinken – allerdings
le er mir meine damalige Picabia geheiratet und Mar­ nicht nur Wasser, sondern vor allem Rosé
Wahl schlechtreden. Aber cel Duchamp geliebt hat, aus der Region. Ein paar durchreisende
er beteuerte, dass diejeni­ eine Frau, die hinter den Gäste aus Spanien wollten Kaninchen wie
gen, die zum Deutschunterricht geschickt Karrieren von gleich zwei der bedeutends­ Roséwein in hohen Tönen loben und baten
werden, oft den wohlhabenderen Eltern­ ten Künstler der Moderne steckte, nachdem mich zu übersetzen. Denn gemessen an
häusern und dem Bildungsbürgertum ent­ sie selbst als Pianistin und Komponistin deren Fremdsprachkenntnissen war sogar
stammten. »L’allemand comme matière à Furore gemacht hatte, unter anderem im mein Französisch exzellent. Dann schwärm­
l’école est un marqueur social« schrieb er an wilhelminischen Berlin. ten sie der Wirtin von Reisen in die ihrer
die Tafel. Und dann: »un marqueur des Wir sprachen über das Buch. Das heißt, Ansicht nach sehr exotische Stadt Berlin
élites«. Sollte heißen: Französische Schüler ich versuchte, über das Buch zu sprechen. vor. Diese hörte sich das auch alles mit gro­
müssten sich als zweite Fremdsprache nach Anne Berest hörte sich diese Versuche mit ßem Interesse an, warf gelegentlich Rück­
Englisch zwischen Spanisch und Deutsch rührender Langmut an. Irgendwann sagte fragen auf Englisch ein, von denen ich
entscheiden, und die Kinder der Ober­ sie auf Deutsch: Wir können auch Deutsch mich, wie gesagt, nicht abhalten ließ, es in
schichten wählten schon deshalb aus Prin­ reden. ihrer eigenen Sprache zu versuchen – und
zip Deutsch, weil es schwerer ist und weil Nun klingt es ungleich charmanter, dann passierte es: Sie nickte, als verstünde
die anderen es nicht nehmen. »On fait wenn jemand mit französischem Akzent sie mein Französisch zumindest teilweise
l’allemand« – Man macht Deutsch. Spreche Deutsch spricht, als umgekehrt. Allein die tatsächlich. Nur ganz beiläufig korrigierte
es dann aber für den Rest des Lebens eher Obsession, alle Wörter möglichst nahtlos sie hier mal ein falsch gesetztes Imparfait,
nie wieder. Mit Haushaltsgeräten oder Au­ miteinander zu verschmelzen, macht dann dort ein Passe composé.
tos muss man sich schließlich nicht unter­ selbst aus deutschen Sätzen kleine Lieder, Seitdem ist mir um das Futur nicht mehr
halten, und das seien nach wie vor die während sich unsere abgehackte Intonation bange.
Hauptattraktionen aus dem Nachbarland. für französische Ohren vermutlich immer
Die Bücher von Peter Sloterdijk – »un peu anhört wie das Morsealphabet oder ein
un rock star en France« – lägen in Über­ Schluckauf.
setzungen vor. Und viel mehr als das Umso bemerkenswerter ist die Geduld,
interessiere dort niemanden. Philippe die einem in Paris auf einmal auch von
klagt über eine Ex­Freundin, die nicht mit Leuten entgegengebracht wird, die kein PETER RICHTER
nach Deutschland ziehen wollte, weil: Deutsch können. Aber wenn man früher
»L’Allemagne n’est pas sexy.« Außer bei den­ auf Englisch fragen musste, um eine Ant­
Der Kulturkorrespondent der SZ in Berlin hat be-
jenigen Franzosen, die bereits auf Nimmer­ wort auf Französisch zu bekommen, ist es reits die nächste Sprache im Blick, die er dringend
wiedersehen darin versackt sind, sei auch jetzt umgekehrt. Die wahre Umwälzung mal wieder auffrischen möchte: Russischlehrer der
der Donnerruf des Berliner Nachtlebens nie durch das Internet hat offensichtlich in Stadt, es kommt harte Arbeit auf euch zu.

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Museumshighlights Museumshighlights
Der 178 Meter hohe Roche Turm 1
von Herzog & de Meuron zeigt beispielhaft, Medien wie Animationsfilm, Zeichnung,
wie in Basel Tradition und Moderne auf
spannende Weise zusammenfinden. Druck, Theater und Skulptur. Das Kunst-
Foto: Schweiz Tourismus
museum Basel | Gegenwart präsentiert eine
große Überblicksschau, gezeigt werden auch
Werke, die zum ersten Mal in Europa zu sehen
sind. Die in enger Zusammenarbeit mit dem
Künstler konzipierte Ausstellung beleuchtet
neben zeichnerischen und filmischen Arbeiten
aus den 1980er und 1990er Jahren besonders
Die Fondation Beyeler zählt zu den schönsten Museen weltweit. Ab
den Themenkomplex Migration, Flucht und
Oktober bespielen fünf international renommierte Künstlerinnen das
Haus mit «Resonating Spaces». Foto: Mark Niedermann
Prozession.
bis 13.10.2019 im Kunstmuseum Basel |
Resonating Spaces. Leonor Antunes, Gegenwart
Silvia Bächli, Toba Khedoori, Susan Das geschichtsträchtige «Grand Hotel Les
Philipsz, Rachel Whiteread Trois Rois» hat seine Gästelimousine in ein
Graffiti-Kunstwerk verwandeln lassen.

Fünf zeitgenössische Künstlerinnen beschäf-

Basel
tigen sich mit einer spezifischen Qualität von
Räumlichkeit – akustisch, als Skulptur oder
gezeichnet. In ihrem Aussehen und Auftreten
erscheinen die Arbeiten zurückhaltend und
unaufdringlich, ihre Wirkung allerdings ist
stark und kraftvoll. Diese Werke evozieren
Räume zwischen dem Erkennbaren und dem Pulsierende
Flüchtigen. Sie schaffen Orte und Ruhepau-
sen, in denen die Fähigkeit des Erinnerns
Schweizer Aktuell zu sehen im Museum Tinguely die weltgrösste Sammlung von
Werken Jean Tinguelys sowie die Einzelausstellung „Rebecca Horn.

Kunstmetropole
Körperphantasien“. Foto: Serge Haseboehler
ausgelöst wird und Bilder und Erinnerungen
lebendig werden. Rebecca Horn. Körperphantasien
Vom 6.10. bis zum 26.01.2020 in der
Fondation Beyeler Rebecca Horn hat in ihrem fünf Jahrzehnte
umspannenden Werk einen symbolischen
Basel lockt mit faszinierender zeitgenössischer Architektur, spannender Urban
des berühmten Hauses hat sich 2017 in ein viel an Tinguely Werken - mit seinem vielseitigem Kosmos geschaffen, der in seiner Offenheit
William Kentridge. Art und wichtigen Ausstellungen. Mit rund vierzig Museen weist die Stadt am beachtetes Graffiti-Kunstwerk verwandelt. Noch Programm ein interaktives, alle Sinne anspre- und Poesie tief berührt. Die Künstlerin cho-
A Poem That Is Not Our Own Rheinknie eine enorme Museumsdichte auf. ein Beispiel dafür, wie sehr Gegensätze sich anzie- chendes Museumserlebnis verspricht. reografiert in ihren Arbeiten Bewegungen
hen und eine mehr als 300 Jahre währende Ge- von Menschen und Maschinen. Sie thema-
Das Kunstmuseum Basel | Gegenwart zeigt schichte und lebendige Gegenwart aufs Schönste tisiert Emotionen, wie Liebe und Begehren,
eine Ausstellung von William Kentridge verbinden können. BaselCard aber auch Angst und Beklemmung. Die
(*1955); er gehört zu den international be- Die Basler Altstadt ist ein Besuchermagnet, denn Gegensätze ziehen sich an mechanische Motorik des Körpers und ein
deutendsten zeitgenössischen Künstlern. Seit sie zählt zu den schönsten und intaktesten in ganz 50 Prozent Rabatt phantastischer Tanz der Dinge werden zum
mehr als drei Jahrzehnten bewegt sich sein Europa. Zugleich gilt Basel als Zentrum zeitge- So hegt Basel die Schätze der Vergangenheit und Basel mit Muße auf den Museumseintritt Ausdruck der Bewegungen der Seele. Ihre Ak-
Schaffen in unterschiedlichen künstlerischen nössischer, wegweisender Baukultur. Architektur- integriert auf geradezu entspannte Weise neue, Wenn Sie in Basel übernachten, erhal- tionen und Instrumente aus Stoff und Federn
büros wie Herzog & de Meuron oder Diener & zukunftsträchtige Ideen in ein faszinierendes Basel ist keine Stadt, die auf die Schnelle ent- ten Sie kostenlos eine BaselCard. Mit der aus den 1970er Jahren den späteren, präzisi-
Diener sind in ihrer Heimatstadt maßgeblich an lebendiges «Gesamtkunstwerk Stadt», das mit deckt werden will. Architektur und urbane Kunst Gästekarte profitieren Sie unter anderem onsmechanischen Skulpturen gegenüber (ab
der Stadtentwicklung beteiligt. Ein in jeder Hin- immer neuen Entdeckungen überrascht. Her- erschließen sich erst, wenn man sie mit Zeit und von 50 Prozent Rabatt auf zahlreiche Kul- 1980). Höhepunkte bilden raumgreifende
sicht unübersehbares Zeichen hierfür ist der von ausragende Zeugnisse der Kreativität von Graffi- Muße erkundet. Das gilt auch für Basels wichti- tur- und Freizeitangebote. Installationen, die sich mit der Architektur
Herzog & de Meuron entworfene Roche Turm 1. ti- und Street Art-Künstlern lassen sich an vielen ge Museen und ihre spannenden Ausstellungen. Weitere Informationen unter des Museums verbinden. Die Ausstellung
Er wurde 2015 fertiggestellt und ist mit 178 Me- Ecken bestaunen. Bereits seit 2004 widmet sich Schließlich sind in der Stadt am Rheinknie al- basel.com/baselcard erzählt von der Entfaltung verschiedener Be-
tern aktuell das höchste Haus der Schweiz. Der Philipp Brogli in der Galerie «Art Stübli» die- leine drei weltberühmte Häuser beheimatet: Die wegungsformen im Schaffen der Künstlerin.
205 Meter hohe Roche Turm 2 soll 2021 eröffnet sen künstlerischen Interventionen. Und wer im von Renzo Piano entworfene Fondation Beyeler, Weitere Informationen Mit mehr als 50 Werken und herausragenden
werden. Aber auch auswärtige Architekten wie traditionsreichen «Grand Hotel Les Trois Rois» das Kunstmuseum Basel mit der ältesten öffentli- Leihgaben ist Rebecca Horns Kunst erstmals
Richard Meier, Frank Gehry oder Renzo Piano wohnt oder daran vorbeischlendert, kann einen chen Kunstsammlung der Welt und das Museum basel.com/de/Tourist-Services seit über 30 Jahren in einer grossen Einzel-
William Kentridge bespielt derzeit das Kunstmuseum Basel | Gegenwart
multimedial mit «A Poem That Is Not Our Own». Foto: Julian Salinas haben Akzente gesetzt und prägen das Stadtbild. seltenen Anblick genießen: Die Gästelimousine Tinguely, das - neben der weltgrößten Sammlung ausstellung in der Schweiz zu sehen.
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H
ier sollen die zwei sich entlang­
gehangelt haben, im Ernst? Der
Pfad ist dreißig Zentimeter breit, STIL LEBEN

links Felsen, rechts geht’s hun­

Weggenossen
dert Meter steil in die Tiefe, zum Festhalten
ein kümmerlicher Draht, mit fragwürdigen
Schrauben befestigt. Und da sind Franz Josef
Strauß und Helmut Kohl mit ihren durchaus
kapitalen Bäuchen rumgestiegen und haben
währenddessen die Grundpfeiler der deut­
schen Politik besprochen? Kann ja wohl
nicht sein. Oder eben doch: Wenn man Zeit­
zeugen glauben darf, fanden die beiden das
herrlich. Keine Leibwächter, keine Journa­ Text MAX FELLMANN und LARS REICHARDT
listen, nicht mal Staatssekretäre oder sonst
irgendwelche Mitarbeiter, einfach nur zwei
Männer, allein mit sich, ihren Konflikten
und ihren Bäuchen.
Strauß und Kohl sind in den Achtziger­
jahren regelmäßig zusammen im Wald ver­
schwunden, viele Große der Geschichte sind
gemeinsam wandern gegangen. Um unter
sich zu sein, um zu reden, um gemeinsam
Abstand zur Welt zu finden. Die Frage ist:
Kommt man tatsächlich auf andere Gedan­
ken, wenn man zusammen wandert? Dis­
kutiert man anders, wenn man es auf Berg­
pfaden versucht? Wir sind keine Großen
der Geschichte, nur zwei Redakteure des SZ-
Magazins, aber wir haben uns vorgenommen,
mal den Lieblingsweg von Strauß und Kohl
zu gehen, um das herauszufinden.
Also stehen wir sehr früh sehr müde an
einem sehr heißen Sommertag an der süd­
lichen Grenze Deutschlands, noch hinter
Rottach­Egern, in der Valepp, einem Gebirgs­
tal auf 878 Meter Höhe. Hinter uns ein Berg­
gasthof, der seit Jahren leer steht. Vor uns ein
Fußweg, der zwei Stunden lang durch dich­
ten Wald führt, an steilen Hängen entlang,
hinunter in eine Klamm, am Gebirgsbach
entlang zur Erzherzog­Johann­Klause, einer
Bergwirtschaft auf österreichischem Gebiet
– die auch seit Jahren leer steht. Erste
Erkenntnis: Von Geisterhaus zu Geisterhaus
auf den Spuren verstorbener Politiker, das
wird eine Geistertour. Zweite Erkenntnis:
weit und breit kein Handynetz, das heißt,
keine Ablenkung, keine Büromails, kei­
ne Fragen aus der Schlussredaktion. Nur
wir zwei, der Wald, der Fels, das Wasser.
Auf geht’s.
Der Weg beginnt sanft, noch ist es lang
hin bis zu den Pfaden, jetzt erst mal breite
Forststraßen, der Tau hängt in den Wiesen,
wir marschieren vor uns hin und reden.
Über den Alltag, über das Leben. Über
Kinder, Beruf, Träume, Sorgen, Hoffnungen.

28 SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN


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Erkenntnis drei: Ja, das geht hier anders als


mittags in der Kantine oder abends beim
Bier in der Kneipe. Wir wissen, zwei Stunden
Wenn die Mächtigen der Welt sich mal hin, zwei Stunden zurück, eine Stunde Pause,
wir werden viel Zeit miteinander verbrin­
richtig aussprechen wollen, gehen gen. Man atmet anders. Geht die Themen
sie wandern. Aber bringt’s das wirklich? aufgeräumter an: Warum haben wir uns vor
Jahren so wenig leiden können? Wovon
Eine Nachbegehung träumst du? Und wie um alles in der Welt
kann jemand solche Feierabendtreter zum
Wandern anziehen?
Der Dirigent Wilhelm Furtwängler wan­
derte gern mit dem Archäologen Ludwig
Foto RICHARD SCHULZE-VORBERG Curtius. Es heißt, als Curtius einmal sagte,
dass er Bachs h-Moll-Messe Beethovens Missa
Solemnis vorziehe, habe Furtwängler empört
erwidert: »Wenn du so denkst, dann können
wir nicht weiter zusammen wandern.« So
grundsätzlich wird es bei uns nicht. Trotz­
dem, jeder von uns erfährt Überraschendes
über das Leben des anderen. Erkenntnis vier:
Wer gemeinsam wandert, wird offener. Ich
hab schon immer davon geträumt, von einer
Brücke zu pinkeln. Was war der schreck­
lichste Moment in deinem Leben? Und die
Schuhe, ganz im Ernst?
Als der Philosoph Martin Heidegger 1966
nach langer Anbahnung endlich bereit war,
den Spiegel­Gründer Rudolf Augstein zum
Interview zu empfangen, wurde auch eine
gemeinsame Wanderung zu Heideggers Hüt­
te im Schwarzwald anberaumt. Gesagt, ge­
tan, es gibt hübsche Fotos von den beiden,
wie sie in Sakko und Krawatte weit ausschrei­
ten. Wir dagegen gönnen uns leichte Berg­
kleidung (nein, jetzt kein Wort mehr zu den
Schuhen).
Die Bäume rücken näher, der Weg wird
eng und anspruchsvoll. Mit dem gemüt­
lichen Nebeneinander ist es bald vorbei,
meistens müssen wir hintereinander herstei­
gen. Erkenntnis fünf: Wer zum Reden in die
Berge geht, unterwirft sich dem Rhythmus
der Berge. Da wird ein Argument nicht auf
der Stelle mit Widerrede beantwortet, man
muss warten, durchatmen und, ja, nachden­
ken. »Noch eine Bemerkung zu dem, was du
vorhin gesagt hast …« – »Ich hab nachge­
dacht, ich glaube, du hattest doch Recht …«
Der Weg zwingt der Kommunikation Pausen
auf. Tut gut.
Das wird damals auch den Hitzköpfen
Strauß und Kohl geholfen haben. Einmal, so
erzählt es ein früherer Strauß­Mitarbeiter,
haben sich die zwei vor lauter Palaver verlau­
fen. Als sie nicht mehr weiterwussten, ent­
deckte Kohl auf einer Wiese einen alten,
kleinen Bauern, der Holz schlug. Der Kanz­
Die »charakterlichen, geistigen und politischen Voraussetzungen« Helmut Kohls
beeindruckten Franz Josef Strauß nicht besonders. Aber immerhin waren die Voraussetzungen
für gemeinsame Wanderungen gegeben. SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN 29
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ler ging auf ihn zu, stellte sich mit seinen zeugt Klarheit in unseren Köpfen. Für einen schen sie. Guido Westerwelle und Friedrich
ganzen 1,93 Metern vor ihn, um nach dem Moment scheinen alle Probleme lösbar. Der Merz wanderten vor elf Jahren demonstrativ
Weg zu fragen – da drehte sich der Bauer Nahe Osten. Der Klimawandel. Die Trainer­ durch Merz’ Wahlkreis im Sauerland, es blieb
um und sprach die unsterblichen Worte: »Ja, frage beim FC Bayern. Leider vergessen wir, bei einer Geste für die Presse. Eher diskret
bist du’s oder bist du’s ned?« Kohl sagte, ja, alles aufzuschreiben, und gehen den rest­ läuft es bei den sogenannten Similaunern:
isch bins, und jetzt pass emol uff, wer da lichen Weg weiter zur Erzherzog­Johann­ Wirtschaftsgrößen wie Jürgen Schrempp,
hinne noch kommt. Der Bauer wies ihnen Klause. Die Weltrettung ist fürs Erste ver­ Klaus Zumwinkel, Wolfgang Reitzle und

Foto Seite 28/29: Richard Schulze-Vorberg/Presse- und Informationsamt der Bundesregierung


den Heimweg, und vermutlich bekamen sie schoben, wir setzen uns vor die kleine Holz­ viele wechselnde andere gehen seit Jahren
bald darauf eine schöne Brotzeit aufgetischt. kapelle, die wenige Meter vom verlassenen zusammen in die Berge, sozusagen zum
Die Möglichkeit haben wir nicht, ist ja Wirtshaus entfernt steht, und blinzeln in die Wirtschaftsgipfel in der Gipfelwirtschaft.
alles geschlossen. Hat den Vorteil, dass wir Sonne. Was die da oben so besprechen, bleibt top­
stundenlang niemandem begegnen. Gut so Erkenntnis sechs: Man wächst zusammen secret, immerhin weiß man, dass sie sich als
– je einsamer der Pfad, umso weniger Ablen­ auf so einer Wanderung. Früher waren wir Bergführer de luxe niemand Geringeren als
kung. Irgendwann erreichen wir zwei zusam­ nicht gerade Kollegen, die einander viel zu Reinhold Messner gönnen.
men eine fast buddhistische Ruhe, ab und zu sagen gehabt hätten. Jetzt, während wir da Wir machen selber den Messner, verlaufen
reden wir, ab und zu stapfen wir stumm hin­ erhitzt in der Sonne sitzen und auf den ge­ uns kein einziges Mal (na ja gut, so kompli­
tereinander her, und doch ist es etwas, was meinsam gegangenen Weg blicken, entsteht ziert ist der Weg nicht) und halten auf dem
wir zusammen tun. Um uns Stille. Solidarität. Teamgeist. Logisch. Auf einer der Rückweg noch mal die Füße ins Wasser. Dann
Der Weg führt hinunter an den Fluss. Valepp­Wanderungen vor 35 Jahren musste stapfen wir durch den Hochwald und kom­
Schroffe Felsen, unfassbar klares Gebirgs­ Kohl den älteren Strauß angeblich mal auf men nach insgesamt fünf Stunden wieder am
wasser, grün leuchtende Stromschnellen, ein dem Rücken aus dem Wald tragen. Würden Startpunkt an, müde und mit heißen Köpfen.
magischer Ort. Es würde einen nicht wun­ wir jetzt ohne Zweifel auch füreinander tun. Wir setzen uns ins Auto, drehen die Klimaan­
dern, wenn hier ein Einhorn aus dem Wald Nicht alle Wanderungen führen zur Ver­ lage voll auf wie die Idioten – und haben am
träte. Wir setzen uns in den Sand und halten brüderung. Als Gerhard Schröder und Oskar Tag drauf beide den gleichen Idiotenschnup­
die Füße ins Wasser. Eiskalt. Klingt nach Lafontaine zusammen an der Saarschleife fen. Erkenntnis sieben: Wer zusammen wan­
schlimmer Bergromantik, aber: Wir würden herumstiegen, gab das schöne Bilder, später dern geht, bleibt über den Tag hinaus verbun­
glatt behaupten, die Klarheit des Wassers er­ passten trotzdem ganze Papierfabriken zwi­ den. Im Guten wie im Schlechten.

© (Consemüller, Erich) Consemüller, Stephan


Stiftung Bauhaus Dessau (I 46144/1-2) / Klassik Stiftung Weimar, Bauhaus-Museum (Dauerleihgabe aus Privatbesitz)
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GENIESSERPFAD
PAYER-HÜTTE TURMSTEIGE WINTERBERG
Ortler, Vinschgau Todtnau, Schwarzwald Sauerland

Den Weg zur Payer­Hütte auf dem Grat geht Der Turmsteig verläuft im schönsten Gebiet Viele leichte, kurze Wanderungen möglich.
auch die Kanzlerin, im Sommer wandert des Südschwarzwalds zwischen Todtnau und Die Winterberger Hochtour allerdings ist
Angela Merkel gern mit ihrem Mann und Todtmoos. In der Gegend empfing der Phi­ eine Herausforderung an Kondition und
manchmal auch Reinhold Messner im losoph Martin Heidegger den Spiegel­Chef Willenskraft: ein 80 Kilometer weiter Rund­
Vinschgau. Messner wiederum ist schon mit Rudolf Augstein. Ist wider Erwarten ein weg, über vier Achthunderter­Berge, durch
Jürgen Schrempp, dem ehemaligen Daimler­ schwerer Weg: mehr als zwanzig Kilometer Täler und Heideflächen zurück zum Kahlen
Chef, hier hoch auf 3029 Meter. Einfacher beziehungsweise acht Stunden. Einkehrmög­ Asten – Guido Westerwelle und Friedrich
bis mittelschwerer Weg, unglaubliches Pano­ lichkeiten in den Berggasthäusern »Hasen­ Merz sind im Jahr 2008 ein Teilstück gegan­
rama. Weiter hoch zum Ortler auf 3905 Me­ horn«, »Gisiboden«, »Präger Böden« und im gen. Einkehr im »Hotel Gasthof zur Post«,
ter sollte man nur mit Bergführer. Messner »Hochkopfhaus zum Auerhahn«. seit 1850 eine Institution in Winterberg.
hat Thomas Gottschalk ganz nach oben ge­
führt. Wer keinen Messner zur Hand hat,
kehrt von der Payer­Hütte um. Entweder
zurück nach Sulden oder nach Trafoi über MAX FELLMANN und LARS REICHARDT
die Berglhütte. So macht es die Kanzlerin. In
Trafoi mitten im Nationalpark Stilfserjoch
ist weniger los. Was nicht heißt, dass es da
weniger schön wäre als auf der anderen Berg­
seite. Übernachten in Trafoi am besten bei sind dieses Thema so wie vieles in ihrem gemeinsamen Berufsleben der vergangenen zwölf Jahre angegangen:
einem Ski­Olympiasieger: im »Hotel Bella Der eine schlug die Wanderung vor, der andere fand die Idee erst mal blöd. Dann rauften sie sich zusammen.
Vista« von Gustav Thöni (bella­vista.it). Also alles ziemlich genau so, wie auch politische Arbeit abläuft, sei es zu Strauß’ und Kohls Zeiten oder heute.

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Lyonel Feininger: Der Dom in Halle, 1931, Öl auf Leinwand, 86,5 × 124,5 cm,
Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale),

Come
Feininger im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), 1931
Foto: Klaus E. Göltz, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019

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Der Mekong ist Südostasiens Lebensader und spektakulärste Reiseroute

Der Mekong entspringt in 5.000 m Höhe im In Südostasien, wo das Leben der Menschen
westchinesischen Hochland und mündet nach sich von dem der Europäer in so vielen Dimen-
einer 4.300 km langen Reise ins Südchinesi- sionen unterscheidet, endet eine Reise als blo-
sche Meer. Auf dem Weg stromabwärts durch- ßer Tourist oft als verfehlte Reise. Hier braucht
fließt er China, bildet er die Grenze zwischen man erfahrene Reiseleiter, die mit dem Leben
Laos und Thailand, durchquert Kambodscha vor Ort verschmolzen sind und wissen, wie die
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KO S M O S

Blüttransfusion
Seit einiger Zeit heißen urbane Wirtshäuser nicht mehr zu tun. Nein, man soll das fotografieren, und ja, man kann
Wirtshäuser, sondern zum Beispiel »Eatery«. Wenn sich die Blüten auch essen. Der aufgeklärte Stadtbewohner weiß
etwas Eatery nennt, kann man davon ausgehen, dass die das und wird nicht müde, es zögerlichen Umsitzenden zu
Speisekarte auf Klemmbrettern gereicht wird, dass man erklären. Trotzdem bleiben Ringelblumen und Stiefmütter­
nicht auf Stühlen, sondern auf Hockern sitzt und dass auf chen meistens auf dem Teller zurück. Irgendwie spürt man
Kreidetafeln steht, man könne für einen zweistelligen Betrag ja doch so eine kleinbürgerliche Beißhemmung. Das kann
ein Glas hausgemachte Limonade erwerben. Auf den Tellern man aber nicht zugeben, wäre ja unmodern. Routinierte
sind gern Blüten und Blütenblätter verstreut. Das sieht schön Urbanisten lassen die Blüten deshalb heimlich in extra mit­
aus, hat aber oft nichts mit der geschmacklichen Abrundung geführten Handtaschen verschwinden. MAX SCHARNIGG

Foto: Allyssa Heuze/Industry Art

34 S Ü D D EU T S C H E Z E ITU N G M AGA Z I N Gute Gesellschaft: Handtasche »Boxyz« von Salvatore Ferragamo. Foto: Allyssa Heuze
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KO C H Q U A R T E T T

Lachsforelle
M I T GU R K E N, M I S O U N D S E N F

Für 4 Personen

4 Tranchen Lachsforelle (ohne Haut und Gräten, jeweils ca. 100 g), Salz, 4 kleinere Gartengurken
(alternativ 1 Salatgurke), 1 EL süßer Senf, 1 EL helle Misopaste,
6 EL Reisessig, 1 TL Honig, 8 EL Rapsöl und Rapsöl zum Bestreichen (alternativ Olivenöl),
2 EL Sesamöl, Pfeffer, 1 Bund Pimpernell, 1 Bund Kerbel, ½ Bund Dill, 1 Bio-Limette

Zubereitungszeit: etwa 15 Minuten

T O H RU NA K A M U R A kocht im
Münchner Restaurant »Geisels
Werneckhof« und schreibt neben Lachsforelle leicht mit Salz würzen und nicht mehr in den Kühlschrank stellen, sodass
Elisabeth Grabmer, Maria Luisa der Fisch temperiert. Währenddessen die Gurken schälen, halbieren (ggf. die Kerne
Scolastra und Christian Jürgens entfernen) und in etwa 1 cm dicke Scheiben schneiden. In kochendem Salzwasser
für unser Kochquartett.
10–15 Sekunden blanchieren und danach sofort in Eiswasser abschrecken. In einem
Sieb abtropfen lassen. Für die Marinade Senf, Misopaste, Reisessig, Honig, Raps­ oder
Olivenöl und Sesamöl verrühren. Mit etwas Salz und Pfeffer abschmecken. Die Kräuter

»So stelle ich mir


fein schneiden, dabei ein paar Kräuterspitzen zum Garnieren aufbewahren. Die Lachs­
forellentranchen mit etwas Raps­ oder Olivenöl einstreichen und in einer Grillpfanne

eine Kombination
von beiden Seiten kurz scharf angrillen. Den angegrillten Fisch mit Limettensaft und
­zesten auffrischen. Blanchierte Gurken mit der Marinade und den geschnittenen Kräu­

aus bayerischer und


tern anmachen, auf Teller verteilen. Jeweils eine Lachsforellentranche daraufsetzen und
zum Schluss mit den Kräuterspitzen garnieren.

japanischer Küche
vor: eine Marinade
für die Gurken mit
Senf und Miso zu­
bereitet. Die Gurken
werden in diesem
Rezept ganz kurz
blanchiert. Der Auf­

Foto: Reinhard Hunger; Styling: Christoph Himmel; Porträt: Frank Bauer


wand lohnt sich, da
die Gurken danach
knackiger und ge­
schmackvoller sind.«

Nächste Woche: Risotto nero mit


Sommergemüse und Tinten-
fischragout, von M A R I A LU I SA
S C O L A ST R A

36 S Ü D D EU T S C H E Z E ITU N G M AGA Z I N Alle Rezepte finden Sie unter dasreze.pt


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GETRÄNKEMARKT

Hafermilch
Im Supermarkt muss sich das Milchersatzgetränk noch einige Meter bewegen –
und in der Gesellschaft noch wesentlich weiter

lionen Euro 2018 gesteigert. Man kann den Aufstieg aber


auch daran erkennen, wo dieser Getreidedrink steht. In
Schweden etwa ist Hafermilch schon am Wahrnehmungs­
ziel angekommen: Sie steht im Kühlregal, neben der Milch,
obwohl sie vor allem aus Haferfasern und Wasser besteht,
pasteurisiert wurde und gar nicht gekühlt werden muss.
In Deutschland ist es noch nicht so weit, man findet sie
oft in den Supermarktgängen in den Ecken mit den Reis­
waffeln, bei den veganen Brotaufstrichen oder braunen
Mehlen. In den drei Supermärkten, in die ich regelmäßig
gehe, stehen sie in dem Gang mit der Säule. Das ist der Weg,
den ein Produkt zurücklegen muss: von der Ökoecke in
Hocktiefe in die Kühltheke auf Augenhöhe – im Laden, aber
auch in der Gesellschaft.
Und von der Gesellschaft anerkannt zu werden ist un­
gleich schwieriger, als von Mitarbeitern die paar Meter vom
Säulengang ins Kühlregal geräumt zu werden. Denn in die­
sem hochnervösen Land kommt manchmal leichte Panik
auf, wenn sich am Horizont höchst schemenhaft abzeichnet,
dass womöglich in vierzig Jahren, also für die meisten nach
dem eigenen Ableben, ein neuer Standard etabliert werden
könnte. Dann ist Futterfuror. Und es wird angenommen, dass
das, was einige Menschen – aka Tugendkonsumisten – nett
und höflich auf ihr Supermarktband legen und von ihrem
selbst verdienten und versteuerten Geld in ihrer Freizeit kau­
fen, schon morgen zur Zwangsernährung mutiert.
Um mit seiner Hafermilch gar nicht erst zum Symbol zu
werden, bevor man Geld gemacht hat, schaltet Oatly in
Deutschland Anzeigen auf Englisch, vor allem in Großstäd­

W
enn man ein neues Produkt in den Markt ein­ ten und europaweit auf selbstironisch (»If we had hired a
führt, setzt man sich Ziele, an denen man den food stylist, a photographer and an ad agency, this poster
Erfolg später misst. Verkaufszahlen sind so ein would probably have been more successful«). Ganz so, als
Ziel. Wie dynamisch die Verkaufszahlen steigen. Umsatz, wolle man ausschließen, dass diejenigen, die man nicht zur
klar. Für Hafermilch, die mit Milch im Grunde überhaupt potenziellen Käuferschaft rechnet, das Produkt überhaupt
nichts zu tun hat, diese aber ersetzen will, gibt es noch ein verstehen. Ich finde spalterische Distinktionswerbung un­
scheinbar gefühliges Ziel: von den Menschen wie Milch be­ sympathisch, aber das kann man sicher auch lockerer sehen.
handelt und gesehen zu werden. Das ist witzig, denn im Die härteste Kühlschranktür hat übrigens meine Mutter,
Grunde basiert der Erfolg von Milchersatzgetränken ja da­ und die sagte neulich sehr schön zu meiner kleinen Schwes­
rauf, dass sie gerade keine Milch sind. Dass sie mit alledem ter: »Ich habe dir diese Hafermilch gekauft, die du jetzt
nicht assoziert werden, mit dem Milch inzwischen von eini­ trinkst. Dein Vater kann sie dir morgen früh auch schäumen.
gen Menschen assoziiert wird: mit unglücklichen Kühen, Aber nimm sie bitte mit, wenn du wieder fährst.«
die Antibiotika bekommen, um auszuhalten, was man mit
ihnen macht, damit sie noch mehr Milch geben. Mit Treib­
hausgasen, die bei der Tierhaltung entstehen, mit eigenen
Foto: Maurizio Di Iorio

Gasen, die entstehen, weil man keine Laktose verträgt.


Hafermilch will keine Milch sein, aber genauso ernst ge­ LARA FRITZSCHE
nommen werden. Und das funktioniert. Allein der Welt­
marktführer Oatly hat den Umsatz nach eigenen Angaben schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Verena Mayer und
von rund 60 Millionen Euro im Jahr 2017 auf etwa 97 Mil­ Tobias Haberl über Getränke, die es verdient haben.

38 SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN


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Von Cochem bis zum Calmont


Die Mosel aus neuen Perspektiven erleben

Die Moselschleife bei Bremm mit der Klosterruine Stuben.

Die Stadt Cochem liegt am linken Ufer der Mosel, die kaum 45 Kilometer weiter nordöstlich
am Deutschen Eck in Koblenz in den Rhein mündet. Mit knapp 5000 Einwohnern ist sie die Veranstaltungstipps
zweitkleinste Kreisstadt Deutschlands. Die geschichtsträchtige Stadt hat mit der Reichsburg 13. bis 15. September 2019
ihr unverwechselbares Wahrzeichen und war schon zu Zeiten der Kelten und Römer besie- Winzerhoffest Pommern
delt. Im Jahr 1332 erhielt Cochem die Stadtrechte. Wenig später wurden die heute noch vor-
handenen Stadtbefestigungen erbaut. 14. bis 15. September 2019
Erntemarkt des MoselWeinbergPfirsich
In der Region um Cochem liegt der Calmont, der steilste Weinberg Europas. Ihm gegenüber
in Cochem
befindet sich das ehemalige Augustinerstift Stuben, das heute insbesondere für kulturelle
Veranstaltungen genutzt wird. 20. bis 22. September 2019
Weinkenner genießen Weinproben und Weinkellereibesichtigungen, Traditionen rund um Winzerhoffest in Ellenz-Poltersdorf
Wein und Weinbau werden gerne gepflegt. Ganz gleich ob man Ruhe, Kultur-, Natur- oder Ak- 03. bis. 06. Oktober 2019
tivurlaub sucht: Man kann am Fluss entlang Fahrrad fahren oder auf kilometerlangen Wein-
Straßenweinfest „Wein & Mehr“
bergpfaden wandern und dabei die Aussichten auf Ruinen, Burgen und die Mosel genießen.
in Ediger-Eller
Regionale und saisonale Produkte
08. - 10. und 15. - 16. November 2019
Ein Projekt, das wahrhaft Früchte trägt, ist die Rekultivierung des Moselweinbergpfirsichs an
Federweißenfest Cochem
der Mosel. In der Region zwischen Bremm am Calmont, Cochem und Moselkern wurden vor
über 20 Jahren hunderte von Bäumen angepflanzt. Sie stehen jetzt voller Früchte und ver- 09. November 2019
zaubern die Flusslandschaft. Katharinenmarkt Treis-Karden
Am Samstag, 14. September und Sonntag, 15. September 2019 findet in Cochem der Pfirsich- 29. November – 22. Dezember 2019
Erntemarkt statt. Neben Informationen zur Pflanzung und der richtigen Pflege erhält man Weihnachtsmarkt in Cochem
Anregungen zu den vielfältigen Nutzungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten. Die verschie-
28. bis 29. März 2020
denen Produkte dieser regionaltypischen Frucht können vor Ort verkostet werden. Ostermarkt in Cochem
18. bis 19. April 2020
Blütenmarkt des MoselWeinbergPfirsich
in Cochem
15. – 17. Mai 2020
Weinlagenfest in Senheim-Senhals/
Mesenich

Weitere Informationen:
Tourist-Information
Ferienland Cochem
Telefon 02671/60040
info@ferienland-cochem.de
www.ferienland-cochem.de
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H O T E L E U R O PA IMPRESSUM
» AU TO R RO O M S «
Chefredakteure Geschäftsführer Stefan Hilscher

Warschau
Michael Ebert und Timm Klotzek Verlag Magazin Verlagsgesellschaft
Stellvertretende Chefredakteurin Süddeutsche Zeitung mbH,
Lara Fritzsche Hultschiner Straße 8,
Artdirector 81677 München, Tel. 089/21 83 95 40,
Thomas Kartsolis Fax 089/21 83 95 70, E­Mail:
szmagazin@sz­magazin.de
POLEN Chef/in vom Dienst
Dirk Schönlebe, Julia Wagner Anzeigen Jürgen Maukner
Textchef (Gesamtanzeigenleitung), verant­
Marc Schürmann wortlich für den Inhalt der
Anzeigen; Tel. 089/21 83 9553, Preis­
Redaktion
liste Nr. 19 – gültig ab 1. 1. 2019
Susanne Schneider (Autorin);
Thomas Bärnthaler, Caroline Kaufmännischer Bereich
Die Badezimmer der »Autor Rooms« sind Marianne Igl
Bucholtz, Max Fellmann, Samira
mit Pflegeprodukten der Marke Tołpa Fricke (Modeleitung), Kerstin Greiner Repro Compumedia GmbH,
ausgestattet – in Sachen Naturkosmetik ein (Stil leben), Gabriela Herpell, Elsenheimerstraße 59,
Dr. Till Krause, Mareike Nieberding, 80687 München
Geheimtipp. Bisher kann man sie nur Lars Reichardt, Rainer Stadler, Herstellung
in Polen kaufen. Johannes Waechter, Lorenz Wagner Hermann Weixler (Leitung)
Mitarbeit: Patrick Bauer,
Druck Burda Druck GmbH,
Christoph Cadenbach, Tobias
Hauptstraße 130, 77652 Offenburg
Haberl
Digitales SZ-Magazin Verantwortlich für den redaktio-
Wolfgang Luef (Leitung); nellen Inhalt Michael Ebert und
Marc Baumann, Annabel Dillig, Timm Klotzek, Anschrift wie Verlag
Daniela Gassmann, Julia Hägele, Der Verlag übernimmt für unverlangt
Sara Peschke, Dorothea Wagner; Mit­ eingesandte Unterlagen keine Haf­
arbeit: Katarina Lukač (Das Rezept) tung. Das Papier des Süddeutsche
Autorinnen und Autoren Zeitung Magazins wird aus chlorfrei
Johanna Adorján, CUS, Elisabeth gebleichtem Zellstoff hergestellt.
Grabmer, Axel Hacke, Christian Bei Nichterscheinen durch höhere
Jürgens, Tobias Kniebe, Gewalt oder Streik kein Entschädi­
Tohru Nakamura, Roland Schulz, gungsanspruch. Eine Verwertung
Maria Luisa Scolastra der urheberrechtlich geschützten
Zeitschrift und aller in ihr ent­
Schlussredaktion
haltenen Beiträge und Abbildungen,
Dr. Daniela Ptok, Angelika Rauch
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directorin), David Henne, unzulässig und strafbar, soweit sich
Jonas Natterer, Michaela Rogalli,
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Anna Sullivan
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Jakob Feigl, Ralf Zimmermann der auch in elektronischer Form
Assistenz vertriebenen Zeitschrift in Daten­
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Nuri Almak Verlages unzulässig.

Autor Rooms, Lwowska 17/7,


00-660 Warschau, Polen,

Fotos: Basia Kuligowska/Przemek Nieciecki (2), Getty Images/Lonely Planet Images; Illustration: Lorena Thunn
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W
enn Sie in Warschau einen den, besser zu sein als die kapitalistische
Fuß auf die Straße setzen: Werbung im Westen, kann man sich im
Obacht! Selbst in der Lwows­ Neon­Museum im Szenebezirk Praga
ka, einer Wohnstraße im Zentrum, in anschauen.
der das Hotel »Autor Rooms« liegt, Wer dann am Abend, den Bauch voller
um die Ecke von der sozialistischen Pierogi (lecker und günstig findet man
Marszałkowska­Prachtstraße und der die in den noch existierenden Milch­
schicken Mokotowska, laufen Sie Ge­ bars wie der »Mleczarnia Jerozolims­ Wandern in den Dolomiten ist toll, aber die ent­
fahr, aus einem knapp vorbeirauschen­ ka«), ins Hotel »Autor Rooms« kommt, spannendere Route liegt vor der Hotelzimmertür:
den Auto angehupt zu werden. Seien merkt schnell, dass man es auch hier Der »Lüsnerhof« bei Brixen verfügt über einen
Sie ansonsten sorglos. ernst meint mit der Bequemlichkeit: Saunapfad. Los geht es mit der Bergkristallgrotte
Außerhalb ihrer Autos sind die War­ vier Zimmer auf 200 Altbau­Quadrat­ und Wasseroase, weiter zur Panoramasauna, dem
schauer außerordentlich bemüht, es metern, eine Küche wie zu Hause, ein Naturbadeteich, dem Kräutergarten und dann
Besuchern bequem zu machen. Auch großes Esszimmer mit randvollem Bü­ zum Gipfel: der Schwitzhöhle am Waldrand, wo
gegen Wintergrau haben sie ein Mittel: cherregal. Kaum ist man eingetreten, eine Schamanin ein Reinigungsritual durchführt.
Neonreklamen auf Dächern oder an hat einen Schluck Schwarztee genom­ Auf sz­magazin.de/gewinnen verlosen wir zwei
Geschäften, die nicht nur Licht und men, auf dem Plattenspieler dreht sich Nächte im Doppelzimmer mit Halbpension,
Farbe, sondern auch Kunst ins Stadtbild 1976: A Space Odyssey, Siebzigerjahre­ Anfahrtspauschale und Wellnessbehandlung.
holen. Die ganze Bandbreite von Rekla­ Sci­Fi­Pop von Zbigniew Wodecki, füh­
Teilnahmeschluss ist der 4. September 2019. Mitarbeiter der
men seit den Fünfzigerjahren, die da­ len sich die hupenden Autos wie Licht­ beteiligten Firmen dürfen nicht mitmachen. Der Rechtsweg
mals mit dem Auftrag angefertigt wur­ jahre entfernt an. JULIA CHRISTIAN sowie eine Barauszahlung des Gewinns sind ausgeschlossen.

40 SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN


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VON CUS

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Fragola für Dracula

RÜBER 1 Vom Grundstück zu Grund­ RUNTER 1 Lassen Autos stehen 2 Uns harmonie zu hören 36 Hundertzwölf
stücken 9 Heiraten konnte man einst, aber mangelt’s an Einstellungen 3 Sich gegen­ hätt’s auch getan 38 Der Schlaf als Vater
müssen tut man sich immer noch 14 Waf­ seitig beweisen, dass der andere einem und Mutter von allen 40 Unbeschränkte
fengang kontra Waffengang 16 Wenn nicht schnuppe 4 Worauf ist eigentlich Auswahl lieben
Wild zornig ist 17 Wie leben wir? Wie postw? 5 So beschaffen wie die, die Hun­
sterben wir? 18 Spielt in Tokios Premier­ de Gassi führen 6 Mit 40 wird Garten erst Die Auflösung dieses Rätsels finden Sie im nächsten
Liga 19 ? x Auge = ? x Daumen 20 Boden richtig schön! 7 Der Bach mit Geldfluss Heft – oder Sie lösen es gleich digital: In den Apps
der SZ können Sie sogar sofort prüfen, ob Ihre Ant-
oder Batterie oder gar kein Dach – wie im Überfluss 8 Sprangen als Erste in Tita- worten richtig sind.
willst du gehalten werden? 21 Bayers Rock nics Rettungsboote? 10 Krimihilds Dreh­
22 Wie es immer wärmer wird 25 Fleisch­ buch führte Achilles im Schilde 11 Wicht AUFLÖSUNG RÄTSEL 34
liche Transparenz für Schlachtteile 28 Bis wäre lieber wichtiger 12 Auf Wiesnlatrine Rüber 1 Abseitsregel 10 Brandenburg
wohin kann Bayern gehen? Weiter jeden­ besser unterdrücken 13 Panorama­Termi­ 14 satt 15 Adalbert 17 ct 18 Aera 20 cui
falls nicht! 32 Mozzar­Kugel­Zutat nator 15 Liegt ausgerechnet an der Ems, 21 nö 23 Hennen 24 Kto 25 Zen 26 Ini­
33 Klingt nach Pax für Hammer und ist das nicht die phure Augenwischerei? tiativen 30 essen 31 Logen 32 le 33 bot
Amboss 34 Abgabeverfügung als Erzie­ 18 Bringt als Bar junges Glück 23 Mobile 34 Ray 36 Rita 39 ab 41 User 42 LSD
hungsratschlag an Geschwister 35 Golden Grundlage analoger Wirtschaft 24 Möge 44 nonno 45 Snob 46 E.on 47 aid 48 Geh­
muss was rausspringen? 37 Wohin Titanic es der kleine Verbrecher in uns bleiben rungen 49 São
nie fuhr 38 Charlene auf Alberts Vor­ 26 Unterfertigungsberechtigungsübertra­ Runter 1 Abschiebung 2 Bratensoße
schlag: Rien ne va plus! 39 Finden, dass gungsanzeige 27 Verlieh Käfern Flügel 3 Satanisten 4 Enten 5 Ted 6 Snack 7 EU
England alleine besser dasteht 41 Der 29 Merkmal von Fragola reizt Dracula 8 Grenzen 9 Lot 11 darein 12 blutig
Verkäufer macht bald blubber 42 Diverse 30 Setzen wir uns doch mal, bevor wir 13 Grönland 16 Bio 19 Analysen 22 Enge
Denkzettel 43 Eine Betrachtungsweise loslegen – denn ohne stimmen alle Rich­ 27 Terror 28 Tor 29 Veto 35 Alb 37 inne
wie ein Energiesparhaus! tungen 31 Drauf tutet, was bis in die Phil­ 38 Anis 40 Bono 43 dog 47 an

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Das Beste aus aller Welt


Über taktische Weiterbildungen und sprachliche Finessen hungriger Möwen – und die Frage,
wie man ihnen als Mensch gegenübertreten soll

D
ie Internetseite Spiegel online befass­ Möwe scheint nichts gewachsen zu sein, ab­ wollten, ein Messer über die Mütze gehalten,
te sich mit dem Menschheitsthema gesehen von Samsung­Handys, Sonnenbril­ »auf welches sich die herabstoßenden Alten
»Essensdiebstahl durch Möwen«. len und Stehrollern. Ihre Schläue ließ Fach­ spießen«. Damals aß man aber noch die Eier
In verschiedenen Küstenorten, namentlich leute stets sowohl staunen als auch fast der Möwen und auch das Fleisch junger Tie­
Warnemünde, scheint das ein größeres Pro­ schaudern, vor Jahren schon, als die Tiere re, »wirklich ein erträgliches Gericht«, so
blem zu sein. Offensichtlich können Touris­ noch mit traditioneller Nahrung auskamen Brehm. Christian Morgenstern schrieb hin­
ten dort nur unter größten Vorsichtsmaß­ und in größeren Gruppen so lange mit gegen:
nahmen an der Strandpromenade ihren ihren Füßchen auf einem Acker herumtrap­ Ich schieße keine Möwe tot,
Proviant verzehren, in Gruppen dicht über pelten, bis die Würmer das für Regen hielten ich laß sie lieber leben –
ihre Fischsemmeln gebeugt, gehetzte, schlin­ und hervorkrochen, praktisch direkt in die und füttre sie mit Roggenbrot
gende Gestalten. Fischkutterkapitän Tilo Möwenschnäbel. und rötlichen Zibeben.
Rössler: »Man hat das Gefühl, dass die sich Was tun? Madeleine Goumas von der Univer­ Zibeben? Rosinen. Dergleichen wird in War­
taktisch weitergebildet haben und jetzt zu­ sity of Exeter berichtet in den Biology Letters nemünde mit bis zu 5000 Euro Bußgeld be­
sammenarbeiten.« Eine Möwe schreie einen von einem Experiment: Nutze man an einem straft, Füttern der Tiere ist untersagt, wäre ja
Fischsemmelinhaber an und lenke ihn ab, Strand Pommes frites als Köder, näherten noch schöner.
andere flögen aus anderer Richtung herbei sich von den anwesenden Möwen 36 Prozent Seit eh und je ist diese Kolumne, wie lang­
und griffen die Beute. dem Fraß, wenn sie sich unbeobachtet wähn­ jährige Leser wissen, dem tieferen gegensei­
Kenner der Materie erinnert das an einen ten. Blicke hingegen jemand den Tieren tap­ tigen Verständnis von Möwe und Mensch
Bericht von Dr. Ommo Hüppop, Leiter der fer ins Antlitz, wagten sich nur 26 Prozent verpflichtet. Daher hier nun – Brehm fol­
Vogelwarte Helgoland, der eine Möwe beob­ herbei. Außerdem ließen sie sich in diesem gend – ein kleines möwensprachliches Wör­
achtete, wie sie ein Geschäft betrat, mit dem Fall mehr Zeit. Der Schluss: Es hilft, Möwen terbuch.
Schnabel eine Tüte Haribo­Konfekt schnapp­ mutig zu fixieren, wenn man in Meeresnähe Sie hören ein Djau, kau – achachachach? Das
te und verschwand, ohne zu zahlen, wohl­ zu essen beabsichtigt, und tatsächlich sieht ist der Laut der Mantelmöwe, die versucht,
gemerkt. man seit diesem Sommer an unseren Küsten Sie vom Nest abzulenken.
Nun ist die Intelligenz, ja, die Gerissenheit viele Männer, die auf Möwen starren. Sie vernehmen ein Kerreckeckeck oder ein
der Möwe ebenso Legende wie ihr Appetit, Brehm berichtet übrigens, die Bewohner der heiseres Girr – Kriah? Eine wütende Lach­
der sich auf alles Verschluckbare zu richten Färöer­Inseln hätten sich einst, wenn sie sich möwe.
scheint, ja, dem Verdauungsapparat einer aus der Luft attackierender Möwen erwehren Ka ka toi oder Häiä oder Dack, dack, das
»bald wie das Schreien eines weinenden Kin­
des, bald wie der Klang einer Kindertrompe­
te« klingt? Unverkennbar eine Stummel­
möwe zur Fortpflanzungszeit. Je, je aber,
verschieden betont, das ist die Schmarotzer­
raubmöwe im Liebesrausch.
Ein tiefes Hoh? Eine angreifende Riesenraub­
möwe.
Und was bedeutet Schleichts eich!, liebe Mö­
wen? Das ist ein Bayer, der in Ruhe essen
will. Dieser Anweisung ist unbedingt Folge
zu leisten.

AXEL HACKE
Illustration: Dirk Schmidt

will bei seinem nächsten Besuch der Färöer-Inseln


besser die Möwensprache erlernen. Augenblicklich
beherrscht er nur das tiefe Hoh der angreifenden
Riesenraubmöwe. Nach diesem Studienaufenthalt
soll spätestens 2020 eine erste Kolumne nur auf
Möwisch erscheinen.

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