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Herbert Eimert

Der Sinus-Ton

Melos 6 (1954), S. 168–172

Veröffentlicht unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0


© Schott Music GmbH & Co. KG
Herbert Eimert: Der Sinus-Ton

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Herbert Eimert: Der Sinus-Ton

Elnrh::htung zur sukzessiven Auf-


nahme von Klängen. Eine Band-
schlel!en-Steuerung ermöglicht es,
in einem ununterbrochenen Arbeits-
gang Musikstrukturen bis zu 30 Se-
kunden Dauer ohne Bandschnitt
herzustellen.

in jedem Fall ein klärender


Vorgang-aber das ist längst
nicht alles. Denn man muß
sich klarmachen, was die so
natürlich erscheinende, aber
in der Geschichte kaum je-
mals ohne Rest geglückte
Wendung vom Akustischen
zum Musikalischen bedeutet.
In der Musik ist der Sinuston
etwas Neues. Es gibt ihn nur
in der elektronischen Musik;
er ist schiechthin ihrzentrales
Problem, ihr theoretischer
Grundbegriff, und dem ent-
spricht seine kompositorische
Bedeutung. Erst auf dieser
Grundlage kann mit klaren
musikalischen Begriffen und
Vorstellungengearbeitetwer-
den. Dem Komponisten ist mit noch so inter- traditionellen Musik nicht vorkommende
essanten elektro-akustischen Demonstratio- reine, einfache Ton oder Sinuston; der
nen wenig gedient; er steht ihnen meist "Klang" dagegen ist aus einer Folgevon Teil-
ziemlich hilflos gegenüber, und die Aufklä- tönen (Sinusschwingungen) zusammengesetzt.
rung darüber, wie es "gemacht" wird, ist Erst zwei gleichzeitige verschiedene Klänge
kompositorisch von geringem Anreiz. Auch ergeben einen "Zusammenklang". Spricht
wird er angesichts verwirrender technischer man vom Ton einer Geige, einer Klarinette,
Eindrücke im ersten Augenblick kaum im- so handelt es sich um einen zusammengesetz-
stande sein, das etwas unredliche Spiel mit ten Klang, dessen Einzelschwingungen im
dem doppelsinnigen Wort "komponieren" zu psychischen Akt nach ihrer Anzahl und ihrem
durchschauen und den Zusammensetzvorgang
Stärkeverhältnis als Klangfarbe registriert
des technischen "componere" vom ebenso
werden. Im Klang liegen die Frequenzen der
benannten geistig-musikalischen Akt zu
Teiltöne harmonisch zum Grundton; sie
unterscheiden, wozu Walter Dirks kürzlich
die hübsche ironiscqe Bemerkung gemacht bilden ganze Vielfache der Grund tonfrequenz.
hat, daß sich von demselben Wort auch Kom- Wo das nicht der Fall ist und die Frequenz-
pott und Kompost herleiten. Die Betrachtung lagen sich nicht durch ganze Zahlenverhält-
des reinen Tons erweist sich hier als ein wah- nisse ausdrücken lassen (bei Glocken, Platten,
res Wundermittel gegen verworrenes Gerede Stäben), spricht man von Tongemischen. Ge-
und unklare Spekulationen. räusche dagegen sind durch besonders dichte
Zunächst darf an zwei alte, unverändert Teiltonfolgen unharmonischer Lage definiert.
geltende Fundamentalsätze der Akustik Werden in der elektronischen Musik keine
erinnert werden: an den Ohmsehen Satz, daß Sinustöne, sondern komplexe Klänge ver-
das Ohr jeden Schallvorgang in sinusförmige wendet, so ist in diesem Zusammenhang noch
Schwingungen auflöst; und an den Satz von der folgende Satz wichtig: Akustisch defi-
Fourier, daß jede beliebige, regelmäßig perio- niert ist ein Klang, wenn sein Spektrum
dische Schwingungsform aus der Summe von definiert ist; musikalisch definiert ist er, wenn
einfachen Schwingungen zusammengesetzt seine Produktion beherrscht wird und er sich
werden kann. Ferner empfiehlt es sich, die jederzeit wiederherstellen läßt. Willkürliche
alte Helmholtzsche Unterscheidung von Ton, Klänge dagegen, auch wenn sie sich "Klang-
Klang und Zusammenklang beizubehalten. objekte" nennen, kann man getrost der Ku-
Demnach ist "Ton" der normalerweise in der lissenmusik überlassen.

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Sinustöne wurden früher an ungefähr ober- Faßt man den Sinuston als Element, als
tonfreien Stimmgabeln und Pfeiftönen de- ersten und letzten Baustein der Musik auf,
monstriert; heute dienen bequem zu hand- so befindet man sich wohl in einer ähnliChen
habende Generatoren zur Erzeugung ton- Lage wie der Mikrophysik~r mit seinen letz-
frequenter elektrischer Schwingungen von be- ten elementaren Einheiten: das vermeintlich
liebig regulierbarer Höhe, Dauer und Stärke. Letzte, einfach und unteilbar, wie es scheint,
Wie klingt nun ein Sinuston? Man kann ihn enthüllt sich als ein Ineinandergreifen von
zunächst beschreiben. Er klingt neutral und höchst komplizierten Vorgängen. Beim Sinus-
schon bei mittlerer Lautstärke ziemlich kräf- ton hat man es nicht nur mit der Tonquelle,
tig, also durchaus nicht blaß und wesenlos. dem Übertragungsweg durch die Luft und
Da ihm die charakteristischen Obertöne feh- dem aufnehmenden Nervensystem zu tun,
len, hat er keine ausgeprägte Klangfarbe. SOI'\dern vor allem mit dem dazwischen-
Sein Hauptmerkmal ist die hüllenloseDirekt- geschalteten Apparat des Ohres und den ver-
heit des Tönens. Daß er gleichförmig strö- wickelten Verhältnissen der Hörbahn. Was
mend und unmoduliert starr klingt, hängt auf diesem unendlich verästelten Weg vom
mit seiner elektrischen Natur zusammen. An- Ton zum Tonerlebnis geschieht, was dabei
statt nun auf diese allgemeine Eigenart elek- hinzukommt oder auch unterdrückt wird, das
trischer Klänge einzugehen und ihre in ganz kann nur ein Wissensgebiet erschließen, das
anderer Richtung liegenden Differenzierungs- bei der Physik des Schalls beginnt und
möglichkeiten zu ergründen, haben es die schließlich in die Neurologie mündet. Auf der
Erfinder von elektrischen Musikinstrumenten Mitte dieses Transportweges,.nämlich im ver-
eilig gehabt, ihre Klänge mit frequenzmodu- zerrenden, "nichtlinear" arbeitenden Ohr,
lierten Schwingungen zu versehen und ihren geschieht etwas Unerwartetes: der Sinuston
Konstruktionen die Vibratoseele einzubauen, befrachtet sich mit Obertönen, mit den so-
die elektrische Plüschseele, die Ausdruck, genannten "subjektiven", physiologisch im
Gemüt und 19. Jahrhundert simulieren soll. Ohr gebildeten Obertönen, und da es dem
Zu den weiteren Eigenarten des Sinustones Nervenapparat gleichgültig ist, wo die Ober-
gehört es, daß er, etwa im Gegensatz zum töne entstehen, ob im Klang oder im Ohr,
zeichnerisch scharf gezogenen Oboenton, ver- so folgt daraus, daß es den "reinen" Ton
hältnismäßig dick und breit klingt, und zwar überhaupt nicht gibt. Daß das Ohr in jedem
ist es eine unbestimmte, sich an den Rändern Fall mitmischt, bestätigen auch die bei zwei
gleichsam verlierende Breite, ohne die füllige zusammenklingenden Sinustönen auftreten-
Rundung etwa des Hornk~angs. Das hängt den Kombinationstöne. Das wirft nun keines-
wieder mit dem Fehlen der Obertöne zusam- wegs die musikalisch-praktische Brauchbar-
men, und diese eigentümliche Breite des neu- keit von Sinustönen in dem hier dargelegten
tralen Tonflusses ist es auch, die eine Ton- Sinne einer letzten elementaren Einheit über
höhenbestimmung durch das absolute Gehör den Haufen, denn die subjektiven Obertöne
ebenso erschwert, wie sie dem r elativen sind nur sehr schwach, und die dem Intervall-
Gehör bei der Intervallbestimmung von zwei charakter so förderlichen Kombinationstöne
Sinustönen einigen Widerstand entgegen- treten ohnehin erst in der musikalisch höhe-
setzt. Husmanns binaurale Konsonanz- r en Ordnung von Zusammenklängen auf.
versuche haben diesen Zusammenhang zwi- Außerdem ist es eine so bekannte wie be-
schen dem Obertongehalt und der Intervall- ruhigende Tatsache, daß die akustische Ein-
orientierung näher beleuchtet; gibt man zwei zelbeobachtung nicht als theoretisch Isolier-
Sinustöne eines Intervalls je einem Ohr ge- t es in die unendlich komplexe Dimension der
trennt, so vermag selbst "der gewiegteste Musik eingeht. In der elektronischen Musik
musikalische Künstler nicht einmal mehr eine kann jedenfalls mit der elementaren Realität
Quinte wiederzuerkennen". Auch im nor- der Sinustöne gerechnet werden.
malen Hören von Sinuston-Intervallen zei- Was kann nun der Musiker mit dem Sinus-
gen sich noch gewisse Unschärfe-Beziehun- ton anfangen? Nicht mehr und nicht weniger
gen, wenngleich das Ohr nach einiger Übung als dies: er kann sich seine eigene elektro-
jenes Korrektiv einschaltet, das Euler schon nische Instrumentalität schaffen, die unver-
vor zweihundert Jahren das "Zuiechthören" gleichlich variabler ist als das unveränderlich
nannte. Aber vielleicht ist es der tiefere Sinn gegebene Klangspektrum der Instrumente.
dieser Erscheinung, daß das traditionelle Zu- Er ist nicht mehr auf das starre, instrumen-
rechthören gar nicht dem Wesen elektrischer tale Naturtonschema angewiesen, er macht
Töne entspricht. sich den Klang selbst. Auch wo er ihn analog

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der Naturklangreihe zusammensetzt, kann er den "Toncharakter" nennt. Wo Toncharak-


(was kein Instrument kann) die Lautstärke tere auf künstliche Zwischengeleise ver-
der Teiltöne varüeren und so schon den ein- schoben werden, hört das Ohr sie wieder
zelnen Klang in ein bewegtes, mit ihm selbst zurecht, weshalb denn Klaviermusik in
identisches Farbenspiel übergehen lassen. Viertel- oder Sechsteltönen nicht anders als
Und er wird sehr bald begreifen, daß es nicht "verstimmte" Klaviermusik klingen kann.
seine Aufgabe sein kann, aus dem Grund- Ganz anders aber verfährt die Zwölfton-
material der Sinustöne bekannte Musik- musik. Sie hat nicht den Ton gespalten, son-
inslrumentenklänge von mehr als 40 Teil- dern das System; sie abstrahiert die Ton-
tönen synthetisch herzustellen (was ohnehin glieder, hebt sie aus ihrer Systemfunktion
aus vielerlei Gründen nicht geht). Vielmehr heraus, ein geschichtlicher Ausstufungspro-
wird er sich mit wenigen Teiltönen begnügen zeß, den man gründlich mißverstehen würde,
und sie nach Maßgabe einer kompositorischen wollte man ihn ausschließlich (wie H. Pfrog-
Ordnung zum Klang und Tongemisch ver- ner) auf die Spannungsharmonik des 19. Jahr-
binden. Daß die elektronische Musik hier in hunderts beziehen. Jener historisch unauf-
einem höheren Sinne "richtig" verfährt, haltsame Ausstufungsvorgang führt folge-
ergibt sich auch daraus, daß Sinuston- richtig weiter zum isolierten Ton in Weberns
Gemische weit einheitlicher Klang werden, punktuellen Bezugssystemen. Stuft man ihn
weit intensiver verschmelzen können als in einem letzten Prozeß auch noch aus den
Instrumentalakkorde. Das Verhältnis von Obertönen aus, so hat man den zum Ton
Klang, Tongemisch und Zusammenklang bil- abgebauten Klang, den Sinuston - das ist
det den Kern des vielberedten "Klang- kein logischer Trick, sondern tatsächlich der
farben" -Problems. innere Gang der Dinge.
In ·der Instrumentalmusik, in der Klang
und Zusammenklang klar geschieden sind,
existiert ein Tongemisch nur mit den Merk-
malen des Einschwingvorgangs und der Hüll-
kurve (Anschlag und Verklingen); elektro-
nisch dagegen läßt sich etwas so Wider-
spruchsvolles wie etwa ein "stationärer
Glockenklang" mühelos realisieren. Um
solche neuartigen Verschmelzungsgrade der
Hörerfahrung zugänglich zu machen, bedarf
es keiner vagen Klangfarben-Spekulationen,
das einzig Verläßliche bleibt auch hier der
Sinuston. Elektronisch lassen sich Klänge und
Gemisch tatsächlich "komponieren", nicht
nach Maßgabe des Naturtonschemas oder der
Harmonielehre, sondern nach einer vorge-
gebenen kompositorischen Ordnung. Damit
kann zum erstenmal die Klangstruktur zu
einem Teil der Werkstruktur werden- das
ist der große, unverlierbare Gedanke, den
Anton Webern in die Musik getragen hat.
Manche Strukturen Weberns wirken wie ver-
frühte elektronische Fragmente. Seine Klang-
permutationen rühren unmittelbar an die in
der elektronischen Musik aktuell gewordene
Klanggestaltung durch Gruppierung von
Sinustönen. ·
Das wichtigste Kapitel des Sinustones ist
das der Sinustöne, gewissermaßen der Sinus-
tonalität. Es ist klar, daß Frequenzen, deren
das Ohr innerhalb einer mittleren Oktave
vielleicht 80 bis 100 verschiedene unterschei-
den kann, kein Tonsystem bilden können. K a the rine Dunharn
Sinustöne haben keinen tradi tionellenSystem- gastierte mit ihrer Tanzgruppe ln Frankfurt a. M.
ort; es fehlt ihnen das, was Handschin und Berlln. Foto: Blps

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Die Zwölftontechnik ist die erste .,ab- darf man wohl die einzigartige Chance der
strakte" Methode des Komponierens. Da sie elektronischen Musik und im weitesten Sinne
die ihres .,Charakters" entkleideten Töne ihren .,Stil" sehen. Ihr Ordnungsprinzip
unter die abstrakte Form zwingt, muß sie in erfaßt nun auch die bisher ordnungsfreien
ihrem kompositorischen Dennoch und Trotz- Schichten der Musik; das ist die historische
dem ständig erfahren, daß Abstraktion im Verbindung zu Anton Webern, der immer
Reich der Toncharaktere nicht möglich ist. mehr weg~assen mußte, bis er dem Ton be-
Erst der elementar ausgestufte Ton, der gegnen konnte.
Sinuston, kann Ernst mit der Abstraktion Jahrzehnte der abstrakt en, .,atonalen " Mu-
machen. Das sinusoide Tonsystem kann dem- sik haben versucht, den Widerstand des Ton-
nach nichts anderes sein als ein virtuelles charakters zu brechen; der Sinuston braucht
Bezugssystem, aus dem der Komponist, nicht sich damit nicht abzugeben, denn er beruht
der dem Chaos ausgelieferte Kulissenillu- nicht aufintervallteilung, sondern aufKlang-
strator, sondern der planende, präzis in abbau - und nun erst lassen sich die omni-
Reihen, Verhältnissen, Serien und Ordnungen präsenten Ordnungen in schockfreien Klang
denkende (und also auch zu exakter graphi- umsetzen, nun erst und zum erstenmal ist
scher Fixierung verpflichtete) Komponist die echte serielle Komposition möglich. Daß da-
musikalischen Baugrundrisse herauszieht. In mit die Frequenzmusik bleibt, was Musik
diesem aufs äußerste gespannten Nebenein- immer war, nämlich der gegebene und auf-
ander von Elementarem und Abstraktem, gegebene Bereich der künstlerischen Gestal-
von Entfesselung und Präzision, von Traum tung und geistigen Verantwortung, das ver-
und Bewußtheit, von naturalistischem Allton- dankt sie ihrem unscheinbaren kleinsten und
Klangstoff und reiner, strenger Form- darin letzten Element, dem Sinuston.

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