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Seminar: Universalisierbarkeit als Prinzip der Ethik?

Dozent: PD Dr. Markus Rothhaar

Philosophen als Bergsteiger


Kritische Anmerkungen zu einer Debatte zwischen Derek
Parfit und Thomas Scanlon

Erich Reimann, An 44 Nr. 27, 76829 Landau; erich.reimann@gmx.net


Masterstudium Philosophie im europäischen Kontext Modul VII
Matrikelnummer: 8207755

Fernuniversität Hagen SS 2019


Institut für Philosophie, Lehrgebiet II
Inhaltsverzeichnis I

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis .............................................................................................................. I

1 Auf dem Weg zum Gipfel .............................................................................................. 1


2 Scanlon: What We Owe to Each Other ..........................................................................4
Wer ist We? .............................................................................................. 5
Warum wollen Menschen aber ein Schuldverhältnis eingehen? ........5
Was wird geschuldet? ..............................................................................6
Rational und reasonable ..........................................................................7
Aggregierungsverbot, Konstruktivismus und Relativismusgefahr .....8

3 Parfit: On What Matters .................................................................................................8


Kant – eine neue und verbesserte Version (Kant 2.0) .......................... 9
Parfit liest Scanlon und schreibt ihn weiter ........................................10
Scanlon will kein Kantianer sein .......................................................... 11
Die Triple Theory ................................................................................... 12

4 Hohe Gipfel – tiefe Täler .............................................................................................. 13


Menschen als Schöpfer und Meister der Moral ..................................13
Der Traum vom Paradies ......................................................................14
Problematische Gedankenexperimente oder Trouble with Trolleys 16
Normative Wahrheiten ..........................................................................17
Keine Ruhe zwischen den Gipfeln ........................................................ 18

5 Literaturverzeichnis ......................................................................................................19

Verzeichnis der Siglen:

OWM Parfit, Derek (2013-): On what matters. Volume One


OWM II Parfit, Derek (2013-): On what matters. Volume Two
WWO Scanlon, Thomas (2000): What we owe to each other
1 Auf dem Weg zum Gipfel 1

1 Auf dem Weg zum Gipfel

Ethik gehört zur praktischen Philosophie, beschäftigt sich also mit den Fragen men-
schlicher Praxis, insbesondere mit der moralischen Bewertung von Handlungen. Seit
mehr als zweieinhalbtausend Jahren versuchen Philosophen Fragen zu moralisch
richtigem oder falschem Handeln zu beantworten. Allerdings scheint die Anzahl
konkurrierender ethischer Theorien mit der Zahl der Philosophen zuzunehmen. Der
Verdacht könnte nahe liegen, dass es sich bei ethischen Auffassungen eher um mehr
oder weniger gut begründete Meinungen handelt. Diese können von Zeit, Kultur,
Religion oder individuellen Vorlieben abhängen und wären gerade keine intersubjek-
tiv verbindliche Form von Wissen, also eine Wissenschaft vom richtigen Handeln.
Wobei es in ethischen Debatten nicht an Versuchen mangelt, Theorien zu widerlegen
oder nachzuweisen, dass, recht verstanden, die Auffassungen des Diskussionspart-
ners identisch mit den eigenen wären.

Derek Parfit treibt die Sorge um, dass - wenn tatsächlich alle Versuche eine einheitli-
che ethische Theorie zu entwickeln zum Scheitern verurteilt wären – dies eine ver-
heerende Konsequenz hätte:

But if we cannot resolve our disagreements, that would give us reasons to doubt that there are
any true principles. There might be nothing that morality turns out to be, since morality
might be an illusion. (OWM II 155, Hervorh. i. O.)

Seiner Befürchtung nach bliebe dann nur noch ein moralischer Nihilismus als ethi-
sche Position verfügbar. Diese Konsequenz lehnt Parfit ab. Zum Ende von On What
Matters I vergleicht er die Bemühungen ethischer Theoriebildung mit dem Besteigen
eines Berges:

It has been widely believed that there are such deep disagreements between Kantians, Cont-
ractualists, and Consequentialists. That, I have argued, is not true. These people are climbing
the same mountain on different sides. (OWM 419)

Die Bergmetapher soll verdeutlichen, dass trotz scheinbar großer Differenzen zwi-
schen unterschiedlichen ethischen Theorien, es eigentlich um denselben Gegenstand
geht. Wenn, wie Parfit meint, es tatsächlich objektive moralische Wahrheiten gibt
1 Auf dem Weg zum Gipfel 2

und nicht nur Meinungen zu ethischen Sachverhalten, dann würde es sich in der Tat
um denselben Berg handeln.1

Parfit will daher nachweisen, dass es möglich ist, mehr oder weniger stark differie-
rende ethische Schulen zu vereinheitlichen. In seiner Triple Theory (OWM 412) ver-
sucht er die Auffassungen Immanuel Kants als Vertreter einer deontischen Ethik,
Henry Sidgewicks als Utilitarist und Thomas Scanlons als Kontraktualist zu einer
einheitlichen ethischen Theorie zu verbinden.2

Während insbesondere im angelsächsischen Sprachraum3 Parfits Arbeiten zu Prob-


lemen der personalen Identität, der Verantwortung gegenüber künftigen Menschen
und des Prioritarismus breite und fruchtbare Debatten angestoßen haben (Details s.
Hoesch/Muders/Rüther 2017), ist die Triple Theory eher zurückhaltend bis ableh-
nend diskutiert worden (so bspw. Singer 2016). Insbesondere die Auseinanderset-
zung zwischen Scanlon und Parfit fand vorwiegend zwischen den beiden Autoren
statt (OWM II 116-139; 213-243; Parfit 2003). In dieser Arbeit soll nun diese Debat-
te zwischen Parfit und Scanlon einmal genauer betrachtet werden.

Ein Kennzeichen der Arbeitsweise von Parfit ist, dass er oft zu einer Revision oder
kreativen Weiterentwicklung der jeweiligen Theorien greifen muss, um eine Synthe-
se der drei erwähnten ethischen Theorien zu bewerkstelligen. Im Falle von Scanlon
klingt das bspw. so: „Scanlon’s theory should, I believe, take the same form, […]

1
Hier drängt sich allerdings die Frage auf, was das eigentlich für ein Berg ist und wo dieser Berg
herkommt, den die Philosophen besteigen. Parfit lehnt die Vorstellung evolutionär entstandener mora-
lischer Werte ab. Für Details s. Evolutionary Forces (OWM II 534 – 542). Vgl. a.: Street, 2006: A
Darwinian Dilemma for realist Theories of Value oder Finneron-Burns: What’s wrong with human
extinction? ( 2016).

2
Parfit bezieht sich dabei insbesondere auf Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1999),
Sidgwicks The Methods of Ethics (1981) und Scanlons What We Owe to Each Other (1998).

3 Bislang wurde für den deutschen Sprachraum lediglich eine Auswahl von Aufsätzen Parfits
(Hoesch/Muders/Rüther 2017a) und ein Band mit Diskussionsbeiträgen zu verschiedenen Themen aus
OWM mit Entgegnungen Parfits (Hoesch/Muders/Rüther 2017b) vorgelegt. Im Fall von Scanlon ist
keines seiner Werke in deutscher Sprache verfügbar. Das mag zum Teil die geringe Resonanz in der
deutschsprachigen Diskussion erklären.
1 Auf dem Weg zum Gipfel 3

Scanlon’s claim should instead be, [….] Scanlon now accepts this view“ (OWM
369f.) Ob dieser Versuch einer Synthese daher als gelungen bezeichnet werden kann
soll im letzten Teil dieser Arbeit betrachtet werden.

Zuvor (Teil 2) sollen die Auffassungen Scanlons, der inhaltlich Parfit eigentlich viel
näher steht als Kant oder Sidgwick, dargestellt werden. In What we owe to each
other stellt Scanlon seine Version des Kontraktualismus dar, die sich formelhaft zu-
sammenfassen lässt: Everyone ought to follow the principles that no one could rea-
sonably reject . In einem kurzen Abriss soll insbes. auch auf den Unterschied zwi-
schen rationally und reasonably eingegangen werden. Auch Scanlons Fokus auf die
sozial-anthropologische Dimension von Moral (dass die Begründung von Handlun-
gen gegenüber anderen Menschen ein zutiefst menschliches Bedürfnis sei), soll dabei
thematisiert werden.

Im dritten Teil wird dann Parfits Entwicklung der Triple Theory mit besonderem
Fokus auf Scanlons Kontraktualismus nachgezeichnet werden. Insbesondere die da-
bei an Scanlons Ansatz vorgenommenen Änderungen werden dabei diskutiert.

Im abschließenden vierten Teil werden zusammenfassend die Positionen Scanlons


und Parfits gegenübergestellt. Auch die von Parfit als Beweise oder zur Plausibilisie-
rung häufig benutzten Gedankenexperimente – oft ein zentraler Bestandteil in seiner
Argumentation - sowie seine Vision von der Zukunft der Menschheit werden kritisch
beleuchtet. Als letztes erfolgt ein vorsichtiges Fazit: Es wäre in der Tat erstaunlich,
wenn es Parfit nach mehr als zweitausend Jahren philosophischer Auseinanderset-
zungen gelänge, eine allseits akzeptierbare ethische Theorie vorzulegen. Wenn es
Parfit mit dem ihm theoretisch eigentlich am nächsten stehenden Kontraktualisten
Scanlon nicht gelingt auf dem gleichen Berggipfel anzukommen, wäre es bei Kant
und Sidgwick vermutlich noch schwieriger. Sollten sich die beiden Philosophen auf
zwar nahen, aber doch getrennten Gipfeln wiederfinden, wäre Parfits Projekt erst
einmal gescheitert.
2 Scanlon: What We Owe to Each Other 4

2 Scanlon: What We Owe to Each Other

Im Unterschied zu Parfits ambitioniertem Unterfangen beschränkt sich Scanlon in


seinem kontraktualistischen Projekt auf einen Teilbereich der Ethik: „the morality of
right and wrong“ oder in anderen Worten „what we owe to each other“ (WWO 6f.).
In konzentrischen Kreisen angeordnet beschreibt Scanlon die normativen Domänen
Gründe, Werte und - in Ermangelung eines besseren Begriffs - was wir einander
schulden. Ein Grund ist für ihn eine elementare Vorstellung: „I will take the idea of a
reason as primitive“ (WWO 17). Ein Grund lässt sich als eine Überlegung fassen, die
für etwas spricht; allerdings einfach dadurch, indem sie einen Grund für eine Hand-
lung oder Einstellung liefert. Obwohl Gründe für Scanlon die zentrale Idee zum Ver-
ständnis von Verlangen, Motivation, Werten und Moral sind, sieht er sie nicht als
problematisch oder einer Erklärung bedürftig.
Werte liefern uns Gründe für Einstellungen, Haltungen oder Handlungen. Diese
Gründe bestehen nicht im Wertvollsein (being valuable) der Dinge, sondern in spezi-
fischen Eigenschaften der betreffenden Dinge. So besteht beispielsweise der Wert
menschlichen Lebens darin, dass es uns Gründe liefert, rationale Wesen nur entspre-
chend von Prinzipien zu behandeln, die sie nicht begründet zurückweisen können:

[…] respecting the value of human (rational) life requires us to treat rational creatures only in
ways that would be allowed by principles they could not reasonably reject insofar as they,
too, were seeking principles of mutual governance which other rational creatures could not
reasonably reject. (WWO 106)

Hier ist auch eine Verbindung der drei ethischen Domänen zu erkennen: Menschli-
ches Leben ist wertvoll und liefert uns daher Gründe Menschen in einer bestimmten
Weise zu behandeln, nach Prinzipien, die sie begründeterweise nicht zurückweisen
könnten. Auf die verschiedenen Einschränkungen (insofar s. o.) wird noch einzuge-
hen sein. Zuerst soll einmal genau geprüft werden, wer mit We gemeint ist, was ei-
gentlich geschuldet wird und warum es überhaupt ein Schuldverhältnis zwischen den
Beteiligten gibt.
2 Scanlon: What We Owe to Each Other 5

Wer ist We?

Menschliches Leben (oder rationales Leben) hat für Scanlon großen Wert.4 Dabei
sind Menschen für ihn Wesen, die Gründe haben; Gründe zu leben und ihr Leben
zum Positiven zu verändern. Das ausschlaggebende Unterscheidungskriterium ist
allerdings nicht einfach das Vorhandensein von Gründen (Menschen können schließ-
lich eine unüberschaubare Vielzahl von Gründen haben), sondern Gründe dafür, et-
was praktisch werden zu lassen. Dazu gehören die Fähigkeiten Gründe und dazuge-
hörige Rechtfertigungen beurteilen zu können, eine Auswahl daraus treffen zu kön-
nen und Entscheidungen im praktischen Leben zu verwirklichen. Was Menschen
besonders macht ist vor allem die Fähigkeit Gründe gegenüber anderen Menschen
rechtfertigen zu können (WWO 105 - 106). Urteilssensible Haltungen einnehmen zu
können, insbes. moralische Urteile fällen zu können und ein Verhältnis wechselseiti-
ger Kooperation zu wollen sind weitere Kennzeichen dieser Wesen (WWO 179).
Menschen, die nicht über diese Fähigkeiten verfügen werden qua Menschsein einbe-
zogen. Tiere, Umwelt und andere Bereiche moralischen Handelns können vermittelt
über persönliche Gründe oder als Gegenstände einer Moral im weiten Sinne betrach-
tet werden (WWO 179 – 187).
Allerdings sind nicht alle Menschen zu einer Kooperation in wechselseitiger Aner-
kennung bereit. Dass diese dann nicht unter We eingeschlossen werden, macht Scan-
lon mit der Einschränkung insofar deutlich: Nur wenn Reziprozität gegeben ist,
wenn also die anderen Menschen auch ihre Handlungen begründen und rechtfertigen
wollen, erlangen sie den Status eines (fiktiven) Vertragspartners und es entsteht ein
Schuldverhältnis zwischen den Beteiligten.

Warum wollen Menschen aber ein Schuldverhältnis eingehen?

Gründe für moralisches Handeln im kontraktualistischen Verständnis ergeben sich


aus dem Wert und der Anziehungskraft die Beziehungen zu anderen Menschen auf
uns ausüben. Beziehungen unter wechselseitiger Anerkennung sind an sich wertvoll

4
„We all agree that human life is of great value“ (WWO 103). Diese Annahme wird nicht näher be-
gründet. Für Scanlon sind Gründe, welche Menschen haben, elementar und Menschen und menschli-
ches Leben per se wertvoll.
2 Scanlon: What We Owe to Each Other 6

und liefern gute Gründe für moralisches Handeln. Verhaltensweisen wie Lügen, Be-
trügen, andere Menschen schädigen oder sie ausbeuten werden daher nicht nur des-
halb abgelehnt weil diese Handlungen schlecht sind. Der positive Wert des Zusam-
menlebens mit anderen, nach Prinzipien die nicht begründet abgelehnt werden kön-
nen, liefert die Gründe für moralisch richtiges Verhalten. Wobei die Pflichten welche
sich aus dem Schuldverhältnis ergeben, nur eine Seite sind. Bei moralisch falschem
Verhalten wird ein Gefühl der Entfernung und Entfremdung entstehen, dessen Ver-
meidung angestrebt wird. Die andere Seite ist der positive motivierende Aspekt von
funktionierenden Beziehungen zu anderen Gesellschaftsmitgliedern. Durch mora-
lisch richtiges Verhalten können Beziehungen geknüpft oder gestärkt werden (WWO
162). Einem Amoralisten fehlen dagegen Gründe für moralisches Handeln etwa so,
wie einem Menschen, der keine Musik liebt, Gründe für den Genuss von Musik feh-
len. Allerdings könnte man mit einem nichtmusischen Menschen in vielen anderen
Lebensbereichen gute und bereichernde Beziehungen haben. Ein Amoralist sieht
allerdings nicht, dass er seine Handlungen gegenüber anderen begründen und rech-
tfertigen muss. Dies beeinflusst auf fundamentale Weise seine Beziehungen zu allen
anderen Menschen. Andere nicht als Person anzuerkennen und Handlungen nicht an
Prinzipien zu orientieren, die andere nicht begründeterweise ablehnen können, macht
ein Zusammenleben unmöglich. Eine funktionierende menschliche Gemeinschaft ist
nach Scanlon deshalb nur möglich, wenn ein gegenseitiges Schuldverhältnis aner-
kannt wird (WWO 159).

Was wird geschuldet?

Nach Scanlons eigener Definition

[…] an act is wrong if its performance under the circumstances would be disallowed by any
set of principles for the general regulation of behaviour that no one could reasonably reject as
a basis for informed, unforced general agreement. (WWO 153)

soll es eine allgemeine Übereinkunft zu einer Sammlung von Prinzipien geben. Diese
Übereinkunft ist ohne Zwang auf der Basis ausreichender Informationen zu errei-
chen. Menschen sollten bei ihren Entscheidungen allerdings nicht nur die Interessen
der direkt Betroffenen, sondern aller potentiell Betroffenen berücksichtigen; da
Prinzipien ja nicht nur für den Einzelfall, sondern für alle ähnlich gelagerten Fälle
gelten sollen. Bei dieser Entscheidung sind daher auch nicht alle möglichen indivi-
2 Scanlon: What We Owe to Each Other 7

duellen Gründe sondern generische Gründe einzubeziehen, die Menschen bekann-


termaßen haben: Wir gehen z. B. gemeinhin davon aus, dass Menschen starke Grün-
de für die Erhaltung ihrer körperlichen Unversehrtheit, an der Einhaltung gegebener
Versprechen oder der Kontrolle über den eigenen Körper haben. Das entscheidende
Kennzeichen der Prinzipien ist allerdings, dass niemand sie begründeterweise zu-
rückweisen kann. Das bedeutet, dass schon zu Beginn der Formulierung von Prinzi-
pien die Standpunkte und Sichtweisen anderer berücksichtigt werden müssen. Wenn
solche Prinzipien die Standpunkte und Gründe anderer Menschen ausreichend be-
rücksichtigt haben, könnten sie nicht begründeterweise zurückgewiesen werden.

Rational und reasonable

Scanlon legt großen Wert auf die Differenzierung von rational und reasonable.5 Ra-
tional wird meist verstanden als Nutzenmaximierung für den Handelnden. Die Inter-
essen anderer Beteiligter werden nur strategisch gesehen und es hängt von den konk-
reten Zielen des Handelnden ab, inwieweit diese berücksichtigt werden. Reasonable
versteht Scanlon als den moralischen Teil rationalen Vorgehens. Es ist eine inhaltli-
che Beurteilung notwendig ob bestimmte Prinzipien als Basis gegenseitiger Aner-
kennung und gütlicher Einigung dienen können (WWO 194). Am Beispiel des Land-
besitzers, der alle Wasserquellen auf seinem Grundbesitz hat, verdeutlicht Scanlon
den Unterschied: Rational für den Landbesitzer wäre es durchaus kein Wasser an
seine Nachbarn abzugeben, wenn seine Ziele Ernte- und Viehbestandsmaximierung
wären. Für seine Nachbarn wäre es gleichwohl reasonable eine angemessene Ver-
sorgung mit Wasser zu verlangen. Der Landbesitzer könnte zwar auch unter rein ra-
tionalen Gesichtspunkten zustimmen, wenn er beispielsweise einen andauernden
Konflikt vermeiden möchte. Dies wäre allerdings nur ein strategisches Eingehen auf
deren Forderungen, nicht die inhaltlich begründete Akzeptanz des Verlangens nach

5
Scanlon bezieht sich dabei auf Sibleys Aufsatz The Rational Versus the Reasonable (1953): Rationale Vorge-
hensweise bedeutet nach Sibley die möglichst effektive Verfolgung der eigenen Interessen. Die Interessen ande-
rer werden dabei als hinderliche oder fördernde Faktoren für die Realisierung der eigenen Interessen betrachtet,
mit denen entsprechend zu verfahren ist. Reasonable heißt dagegen die Interessen anderer als gleichberechtigt in
die eigenen Überlegungen einzubeziehen, derart, dass sie sich an allgemein akzeptierbaren Prinzipien orientieren:
„[…] I must justify my conduct in terms of some principle capable of being appealed to by all parties concerned“
(557).
3 Parfit: On What Matters 8

angemessener Wasserversorgung. Unterstellt ist bei Scanlon, dass alle Beteiligten


sich gegenseitig als Gleiche anerkennen und die Gründe der anderen im Sinne einer
fairen Abwägung in eine mögliche Lösung einfließen lassen.

Aggregierungsverbot, Konstruktivismus und Relativismusgefahr

Deutlich werden durch die deutliche Abgrenzung zwischen rational und reasonable
auch weitere Kernpunkte des Kontraktualismus nach Scanlon: Der unbedingt indivi-
dualistische Charakter ethischer Abwägungen bei dem eine Aggregierung nicht zu-
lässig ist. Der konstruktivistische Charakter – wichtig sind die Gründe aller Beteilig-
ten, die nicht mit der Unterscheidung rational/irrational diskreditiert werden können -
aber daraus auch entstehend die Gefahr des Relativismus. Es gibt keine übergeordne-
te Instanz oder absolute Wahrheit, um Fragen nach falsch oder richtig zu entschei-
den. Die Prinzipien, die niemand begründeterweise ablehnen kann, werden durch die
inhaltliche Abwägung der Handlungskonsequenzen erzeugt. (Mehr dazu im Ab-
schnitt 4).

3 Parfit: On What Matters

Bereits 1984 in Reasons and Persons formulierte Parfit den Plan für sein philosophi-
sches Projekt:

Moral Sceptics deny that a moral theory could be true. More broadly they deny that any theo-
ry could be objectively the best theory. One argument for this view is that, unlike Mathema-
tics, Ethics is not a subject on which all agree […] to undermine this argument, we must find
a theory that resolves our disagreements. (452)

Diese Theorie, die bestehende Differenzen zwischen den ethischen Hauptströmungen


beseitigen soll, wird in On What Matters vorgestellt. Einen moralischen Skeptizis-
mus oder auch Nihilismus fürchtet Parfit in hohem Maße. Wenn es keine morali-
schen Wahrheiten gäbe, sondern nur Meinungen, denen man je nach Geschmack
zustimmen oder eben nicht zustimmen könnte, dann wäre es schlecht bestellt um ein
Fundament für ethische Überlegungen und Entscheidungen. Parfit bezeichnet sich
selbst als nicht-realistischen Kognitivisten – vertritt also die Auffassung, dass es
ethische Wahrheiten (irreduzible normative Wahrheiten) gibt, vergleichbar mit ma-
3 Parfit: On What Matters 9

thematischen oder logischen Wahrheiten. Entsprechend eines solchen Typs von


Wahrheiten existieren auch ethische Wahrheiten in einem nicht-ontologischen Sinn
(OWM II, 481). Beim Erkennen ethischer Wahrheiten können wir allerdings auch in
einer idealen Reflektionssituation Fehler machen (auch Mathematiker tun dies gele-
gentlich), aber wenn die Bedingungen, die Parfit in einem Convergence Claim for-
muliert, erfüllt sind, sollten nahezu alle Beteiligten zu ausreichend übereinstimmen-
den normativen Auffassungen gelangen können:

If everyone knew all of the relevant non-normative facts, used the same normative concepts,
understood and carefully reflected on the relevant arguments, and was not affected by any
distorting influence, we and others would have similar normative beliefs. (OWM II 546)

Dass der Weg zum Berggipfel (resp. der Konvergenz ethischer Theorien) schwieriger
und weiter sein könnte, als Parfit hier glauben machen möchte, soll am Beispiel der
Auffassungen Scanlons dargestellt werden. Ausgangspunkt für Parfit ist ein reformu-
lierter Kantianismus. Nach der Integration kontraktualistischer Positionen Scanlons
und Hinzufügung konsequentialistischer Aussagen ergibt sich Parfits Triple Theory
als die Vereinigung bis dahin konträrer Theorien.

Kant – eine neue und verbesserte Version (Kant 2.0)

Ein großer Teil von OWM ist der Kritik und Weiterentwicklung von Kants kategori-
schem Imperativ gewidmet (S. 177 – 342). Parfit zeigt, dass die Ausrichtung von
Handlungen an Maximen oder die Orientierung an den Motiven und der Interessen-
lage des Akteurs zu moralisch inakzeptablen Ergebnissen führen kann.6 Unter Einbe-
ziehung einer geschärften Version der Goldenen Regel gelangt Parfit zu einer For-
mulierung die, seiner Ansicht nach, dem entspricht, was Kant eigentlich finden woll-
te, dem obersten Prinzip der Moral:

[…] the Kantian Contractualist Formula: Everyone ought to follow the principles whose uni-
versal acceptance everyone could rationally will. (OWM 342)

Mit dieser Formulierung wird sichergestellt, dass über Prinzipien moralisch relevante
Handlungen und nicht nur Maximen beurteilt werden können und dass die Interessen
aller Menschen, nicht nur die des Handelnden, berücksichtigt werden. Gleichzeitig

6
Bspw. führt Parfit folgende Einwände an: Rarity: selten vorkommende Fälle, z.B. lasse andere für Deine Ver-
brechen büßen), High stakes: es geht um Leben und Tod z.B. bei Lebensgefahr für mich selbst morde ich und
Non-Reversibility: ich bin von einer Maxime selbst nicht betroffen z. B. bezahle Frauen niedrigere Löhne (OWM
330 – 334).
3 Parfit: On What Matters 10

entsteht eine Verbindungsmöglichkeit zu kontraktualistischen Positionen wie etwa


die von Scanlon vertretenen.7

Parfit liest Scanlon und schreibt ihn weiter

Einen entscheidenden Unterschied zwischen Parfits Kant und Scanlons Formel (Eve-
ryone ought to follow the principles that no one could reasonably reject) benennt
Parfit deutlich: Obwohl reasonable auch vernünftig (rational) bedeuten kann, will
Scanlon die moralische Dimension von reasonable betonen; dass wir also bei unse-
ren Handlungsbegründungen das Wohlergehen anderer Menschen oder deren be-
gründete Interessen einbeziehen sollten. Parfit verteidigt Scanlon auch gegen Angrif-
fe, dass Scanlons Formel inhaltslos wäre und die moralischen Prinzipien für begrün-
dete Ablehnungen sich aus bereits vorhandenen moralischen Überzeugungen ergeben
würden (OWM 360f.). Um die intendierte Konvergenz von Parfits Kant und Scan-
lons Kontraktualismus zu erzeugen, werden die zuerst beschriebenen Unterschiede
aber ausgelöscht. In einem mehrstufigen Argument versucht Parfit die logische
Übereinstimmung von „principles that no one could reasonably reject“ mit „princip-
les that everyone could rationally will to be universal laws“ (OWM 412) nachzuwei-
sen. Dabei macht Parfit durchaus ein Zugeständnis: „this argument applies, not to
Scanlon‘s present theory, but to what I believe to be the best version of Scanlonian
Contractualism“ (OWM 412). Ohne hier näher auf die logische Schlüssigkeit der
Argumentationsfolge eingehen zu können, sollen einige inhaltliche Differenzen be-
leuchtet werden. Es ist ein erheblicher Unterschied, zwischen einem Prinzip, was ich
vernünftigerweise wollen kann und einem Prinzip, was ich begründeterweise ableh-
nen kann. Scanlon besteht vehement auf einer individualistischen Sichtweise, wo-
nach Gründe für Zurückweisung eines Prinzips persönliche Gründe zu sein haben,
unpersönliche oder unparteiische Gründe können nur vermittelt über persönliche
Gründe einfließen. Dagegen wird beim vernünftigen Wollen eines Prinzips intraper-
sonal abgewogen, ob die persönlichen oder die unparteiischen Gründe überwiegen.
Aus persönlicher Sicht und der eines imaginierten unparteiischen Beobachters wird
die Situation bewertet und nach rationalen Kriterien entschieden. Bei Scanlon wer-

7
Dass es sich bei der Kantian Contractualist Formula um keine Interpretation Kants mehr handelt, sondern um
eine Fortschreibung, gesteht Parfit offen ein. „It may be objected that, if we revise Kant’s formulas by dropping
the concept of a maxim, we are no longer discussing Kant’s view. That is true, but no objection. We are develo-
ping a Kantian moral theory, in a way that may make progress.“ (OWM 17)
3 Parfit: On What Matters 11

den aus der individuellen Sicht jedes einzelnen Beteiligten die jeweiligen Gründe
betrachtet und interpersonal abgewogen. Es wird gemeinsam versucht, ein Prinzip
zu entwickeln, was keiner begründeterweise ablehnen kann.
Im Rettungsbootbeispiel (was von Parfit und Scanlon verwendet wird), bei dem zu
entscheiden ist, ob ich fünf Fremde von einem Felsen oder mein eigenes Kind von
einem anderen Felsen retten soll, konzediert auch Parfit, dass die Rettung des eige-
nen Kindes Vorrang haben kann, da eine Welt in der persönliche Bindungen keine
Rolle spielen, keine sehr angenehme Welt wäre. Dies klingt allerdings durchaus kon-
sequentialistisch, da der beste Weltverlauf betrachtet wird. Scanlon kommt zwar zum
selben Schluss, aber nicht weil er den Fortgang der Welt im Ganzen betrachtet, son-
dern die Gründe analysiert, welche jedes Individuum geltend machen kann, um seine
Zwecke in der Welt zu realisieren (OWM 388f; OWM II 133).
In diesem Zusammenhang mag es auch erhellend sein, einen Blick auf Scanlons
Verständnis von Kant zu werfen, welches sich erheblich von dem Parfits unterschei-
det. Während Parfit aus Sedgwicks Utililitarismus und Kants konsequentialistisch
interpretierter und kreativ weiterentwickelter Pflichtenethik eine gemeinsame Positi-
on herstellt, lehnt Scanlon entscheidende Teile der Kantschen Ethik ab.8

Scanlon will kein Kantianer sein

Obwohl Kant und Parfit von Scanlon hochgeschätzt werden, gibt es erhebliche Diffe-
renzen sowohl zwischen Kant (im Original), als auch Kant (nach Parfit) und Scan-
lons Kontraktualismus.
Kant sieht die Einzigartigkeit des Menschen in seiner Vernunft begründet. Die Men-
schenwürde ergibt sich aus der Autonomie des Menschen welche ihn auch zum Bür-
ger im Reich der Zwecke macht. Autonomie duldet aber nur eigene Zwecke, weshalb

8
In dem Interview Kant on the Cheap (Scanlon/Voorhoeve, 2001) meint Scanlon zwar, dass Rationa-
lität die Quelle für Wert und Würde des Menschen ist, gleichzeitig lehnt er aber Kants Konzept der
Autonomie und Freiheit ab. Die Idee einer moralischen Gemeinschaft der Menschen (Reich der Zwe-
cke) findet er gleichwohl attraktiv und diese könne auch ohne die schwierigen Teile Kantscher Philo-
sophie realisiert werden. Man könne ihn (Scanlon) daher auch als Kant für Arme (Kant on the cheap)
bezeichnen (30).
3 Parfit: On What Matters 12

der Kategorische Imperativ als ein formales, inhaltlich nicht näher bestimmbares
Gesetz formuliert werden muss (vgl. Kant 1999).
Für Scanlon ist Heteronomie nicht verwerflich. Moralische Prinzipien aus der Ratio-
nalität abzuleiten verengt seiner Ansicht nach aber die moralische Perspektive ent-
scheidend (OWM II 124). Parfit sieht wie Scanlon Gründe als entscheidend für mo-
ralische Erwägungen; diese Gründe ergeben sich aber aus den Zielen, Einstellungen
und Handlungen der Akteure in moralisch relevanten Situationen. Auch diese, nach
Scanlon atomistische Auffassung, wird von Scanlon als unzureichend erachtet. Erst
durch eine holistische Sichtweise, bei der Akteure in sozialen Kontexten interagie-
ren, gibt es Gründe für Einstellungen und Handlungen, die aber durch die Gründe der
anderen Akteure zurückgewiesen, vermindert oder anerkannt werden können. Durch
die Notwendigkeit der Rechtfertigung meiner Handlungen gegenüber anderen und
die prinzipielle Anerkennung der Gründe anderer Menschen werden moralisch rele-
vante Entscheidungen erst durch einen (wenn auch manchmal nur imaginierten) so-
zialen Austausch getroffen. So ist auch die Befürwortung von Heteronomie bei mo-
ralischen Fragen für Scanlon kein Nachteil, sondern notwendiger und zentraler Be-
standteil seines Kontraktualismus.
Parfit sieht diese Unterschiede, hält sie aber nicht für entscheidende Hindernisse auf
dem Weg zum Gipfel des Berges. Mit der Integration regelutilitaristischer Vorstel-
lungen zur Triple Theory scheint die Synthese von Kant, Scanlon und Konsequentia-
lismus erreicht

Die Triple Theory

Nachdem Parfit gezeigt hat, dass Kant (2.0) mit kontraktualistischen Vorstellungen
(OWM 342) als auch konsequentialistischen Theorien (OWM 401f.) in Übereins-
timmung gebracht werden kann, weist Parfit in einer mehrstufigen Argumentations-
kette die Konvergenz aller drei Theorien nach. Dabei ergeben sich aus kontraktualis-
tischen und kantianischen Prämissen konsequentialistische Konklusionen. Zusam-
menfassend formuliert Parfit:

An act is wrong if and only if, or just when, such acts are disallowed by some principle that is
(1) one oft the principles whose being universal laws would make things go best, (2) one of
the only principles whose being universal laws everyone could rationally will, and (3) a prin-
ciple that no one could reasonably reject. (OWM 413)
4 Hohe Gipfel – tiefe Täler 13

Es soll also Prinzipien zur Beurteilung von Handlungen geben, die gleichzeitig opti-
mific9 sind, rational gewollt werden können und nicht begründeterweise abgelehnt
werden können. Damit sollen Eigenschaften von falschen Handlungen auf einer Me-
taebene, also als allgemeine Eigenschaft falscher Handlungen beschrieben werden.
Mit diesem Ziel weiß Parfit sich auch wieder einig mit Scanlon, der mit seiner kont-
raktualistischen Theorie „a general criterion of wrongness“ formulieren will um klar-
zumachen „what reasons wrongness provides“ (WWO 11). Auch wenn beide Auto-
ren in diesem Punkt übereinzustimmen scheinen, finden sie sich nicht auf demselben
Berggipfel wieder. Dies wird im abschließenden Teil näher erläutert.

4 Hohe Gipfel – tiefe Täler

Ein Ausgangspunkt dieser Untersuchung war die Nähe der Positionen Parfits und
Scanlons und ob diese die von Parfit angestrebte Konvergenz ethischer Theorien
ermöglichen würde. Beide wollen eine Ethik begründen, welche kein religiöses Fun-
dament benötigt, beide vertreten die Auffassung, dass es normative Wahrheiten ver-
gleichbar logischen oder mathematischen Wahrheiten gibt und beide behaupten, dass
Gründe und nicht etwa Begierden Menschen zu Auffassungen, Einstellungen oder
Handlungen veranlassen. Von dieser Ausgangsposition begeben sie sich in Verfol-
gung ihrer jeweiligen Projekte an die Besteigung eines Berges, aber wie sich gezeigt
hat, handelt es sich nicht um denselben Berg. Einige fundamentale Unterschiede sol-
len im Folgenden kurz dargestellt werden.

Menschen als Schöpfer und Meister der Moral

Scanlon besteht auf dem absoluten Vorrang des einzelnen Menschen; es müssen per-
sönliche Gründe sein - nicht notwendigerweise moralische – welche Einstellungen
und Handlungen rechtfertigbar gegenüber anderen Menschen machen. Solange diese
Gründe nachvollziehbar sind und gegenüber anderen kommuniziert werden können
sind sie eine ausrechende Basis um übergeordnete Prinzipien ablehnen zu können.

9
Optimific ist eine Wortschöpfung von W. D. Ross, die mit optimal nur unzureichend übersetzt wer-
den kann. Der eigentlichen Bedeutung kommt den besten Weltverlauf hervorbringend wohl am näch-
sten.
4 Hohe Gipfel – tiefe Täler 14

Durch das Prinzip der Begründbarkeit, der Rechtfertigbarkeit gegenüber anderen


Menschen, bekommen auch rein persönliche Gründe moralisches Gewicht. Diese
Konstruktion der Moral aus der Interaktion der Menschen – nicht aus einem göttli-
chen Gebot – ist ein entscheidendes Kennzeichen von Scanlons ethischer Theorie.
Nicht der beste Weltverlauf für die nächsten Jahrmilliarden (s.u.) ist entscheidend für
die moralische Praxis, sondern die Aufrechterhaltung der sozialen Struktur menschli-
cher Gesellschaften. Sollen diese funktionieren, ist die Begründung unserer Hand-
lungen, die Rechtfertigbarkeit gegenüber anderen Gesellschaftsmitgliedern, unbe-
dingt notwendig.
Damit setzt sich Scanlon allerdings stark dem Verdacht aus, dass es mit der von
Menschen unabhängigen Existenz moralischer Wahrheiten nicht sehr weit her sein
könne. Er konzediert selbst, dass Gebräuche und Traditionen in unterschiedlichen
Gesellschaften zu unterschiedlichen Ausprägungen moralischer Normen führen kön-
nen (Prinzip der etablierten Gebräuche), und verwendet ein ganzes Kapitel (WWO
328-361) darauf, eine Verbindung zwischen einem einzigen, universell anwendbaren
moralischen Prinzip (der begründeten Zurückweisbarkeit) und vielfältigen, variablen
Praktiken in unterschiedlichen Gesellschaften zu schaffen. Er bezeichnet diesen An-
satz als parametrischen Universalismus. Eine moralische Forderung (bspw. nach
Privatsphäre) kann in unterschiedlichen Gesellschaften sehr verschiedene Ausprä-
gungen annehmen. Die moralische Kraft und Verbindlichkeit der jeweiligen Form
verdankt sich jedoch der Rückführbarkeit auf das höchste moralische Prinzip der
begründeten Zurückweisbarkeit. Ob diese Argumentation letztendlich überzeugen
kann oder ein kreativer, aber erfolgloser Rettungsversuch ist, muss hier ungeklärt
bleiben.

Der Traum vom Paradies

Parfit ist es an etwas ganz anderem gelegen. Die Synthese von drei unterschiedlichen
ethischen Theorien soll zu einem einzigen verbindlichen moralischen Ansatz führen;
einer normativen Wahrheit, der sich niemand mehr entziehen kann. In der Einleitung
wurde dargestellt, dass es für Parfit eine Tragödie wäre, wenn sich eine solche Syn-
these nicht realisieren lassen würde. Parfit will einen Fortschritt der ethischen Theo-
riebildung erreichen, dafür entwickelt er die Positionen Kants und Scanlons weiter
und verbindet sie mit konsequentialistischen Positionen. Dass weder ausgewiesene
4 Hohe Gipfel – tiefe Täler 15

Kantkenner noch Scanlon dieser Synthese zustimmen,10 ficht Parfit nicht an. Der
Gipfel des Berges ist ja nahe. Man kann die Triple Theory durchaus als interessanten
eigenständigen Ansatz begreifen, für den insbesondere die stark konsequentialisti-
sche Ausrichtung kennzeichnend ist. Der weitere Verlauf der Welt ist das, worauf es
ankommt (what matters). Für Parfit liegt die Tragödie mehrerer unvereinbarer ethi-
scher Theorien nicht nur in dem sich daraus zwangsläufig ergebenden Relativismus
moralischer Positionen, er sieht einen ganz anderen Plan gefährdet:

What now matters is that we […] taking care of this planet […] that it continues to support in-
telligent life. If we are the only rational animals in the Universe, it matters even more whe-
ther we shall have descendants during the billions of years in which that would be possible.
Some of our descendants might live lives and create worlds that, though failing to justify
past suffering, would give us all, including those who suffered, reasons to be glad that the
Universe exists. (OWM 419 Hervorhebungen ER)

Das zukünftige Paradies, was zwar nicht ewig, aber immerhin Milliarden Jahre
dauern soll; in dem Menschen ein glückseliges Leben führen und phantastische Wel-
ten erschaffen; diese Verwirklichung von Parfits Träumen soll alles vergangene Leid
rechtfertigen und vergessen machen. Diese Vision kommt einem bekannt vor. Nicht
nur im Christentum oder Kommunismus wurde der Durchgang durch ein irdisches
Jammertal als Voraussetzung der kommenden Glückseligkeit oder der klassenlosen
Gesellschaft beschrieben. Der künftige Verlauf der Welt lässt sich mit einer einheit-
lichen, verbindlichen ethischen Theorie anders beeinflussen, als mit mehreren einan-
der widerstreitenden Ansätzen. Opfer sind für die zukünftigen paradiesischen Zu-
stände notwendig und die Opfer werden in Ansehung des zukünftigen Paradieses
Verständnis für ihr Leiden haben. Zum Beweis, dass Menschen solch rational über-
parteilichen Gründen zustimmen können, auch wenn sie völlig entgegengesetzte per-
sönliche Gründe haben, dienen extensiv ausgeführte Gedankenexperimente. Dazu
einige Anmerkungen.

10
Vgl. auch die Beiträge von Susan Wolf, Allen Wood, Barbara Herman und Thomas Scanlon (OWM
II 33-139).
4 Hohe Gipfel – tiefe Täler 16

Problematische Gedankenexperimente oder Trouble with Trolleys11

Die von Parfit angeführten Gedankenexperimente weisen eine ganze Reihe von
Problemen auf. Es soll hier nur auf die inhaltliche, die quantitative und die zeitliche
Dimension eingegangen werden.
Inhaltlich sind die meisten Fragestellungen oft hanebüchen. Menschen befinden sich
auf Bahngleisen oder in Tunnels, auf von der steigenden Flut bedrohten Felsen etc.
Wie diese Menschen dahin gekommen sind, dass sie sich selbst vermutlich mutwillig
in Gefahr gebracht haben, Regeln missachtet oder einfach nur eine Erfindung eines
phantasiebegabten Philosophen sind, wird ausgeblendet. Scanlons Vorwurf einer
atomistischen Ethikauffassung trifft hier zu. Die Komplexität ethischer Situationen,
die handelnden Menschen, der gesamte Kontext werden nicht betrachtet, nur um
scheinbar reine, von der Empirie unkontaminierte ethische Prinzipien gewinnen zu
können.
Bei der quantitativen Dimension wird der Philosoph zum Mathematiker. Beim Bei-
spiel einer Organtransplantation wird errechnet wie viele verlorene Lebensjahre des
Spenders durch wie viele gewonnene Lebensjahre des Empfängers aufgewogen wer-
den. Dass es in der Mathematik nur um qualitätslose Einheiten geht, also gerade
nicht um die unterschiedliche inkommensurable Qualität menschlichen Lebens gehen
kann, wird nur von Utilitaristen begrüßt werden können. Scanlon verwendet zwar
auch solche Gedankenspiele, kommt aber beim Fall des verletzten Fernsehtechnikers
zu dem Schluss, dass das ungestörte Vergnügen auch von Millionen Fernsehzus-
chauern nicht das zeitlich begrenzte Leiden des Verletzten aufwiegen kann (WWO
235).
Völlig absurd werden die Berechnungen dann, wenn sie Jahrzehnte in die Zukunft
reichen und die positiven Effekte auf die Lebenserwartung mehrerer Menschen fass-
bar und vergleichbar machen sollen. Die Zukunft ist vor allem eines: Ungewiss! Die
Hybris, mit der Philosophen den besten Weltverlauf auch für die kommenden Jahr-

11
Gedankenexperimente die moralische Dilemmata beschreiben sollen wurden durch eine Arbeit von
Phillippa Foot (1967) wieder populär. Weder bei Foot noch Parfit werden zwar Straßenbahnen (trol-
leys) thematisiert, trotzdem ist das Beispiel der führerlosen Straßenbahn, welche entweder fünf Men-
schen oder durch eine andere Weichenstellung nur einen Menschen überrollt paradigmatisch für die-
sen Typ von Gedankenexperimenten.
4 Hohe Gipfel – tiefe Täler 17

zehnte voraussehen wollen, ist erstaunlich und speist sich vermutlich vor allem aus
einer konsequentialistischen Sicht der Dinge.12
Ethik berechenbar machen, die Zukunft voraussehen zu können, das wäre in den Au-
gen mancher Philosophen vermutlich echter Fortschritt. Bei der Komplexität men-
schlicher Praxis, der Vielfalt an moralischen Entscheidungssituationen, welche von
unterschiedlichen Personen, Hintergründen und Kontexten beeinflusst werden, kann
Ethik aber nur mit Methoden betrieben werden, die diesem Gegenstand angemessen
sind. Dies kann für die Ethik als Wissenschaft vom praktischen Handeln der Men-
schen aber nur bedeuten, dass sie eben gerade keine mathematisch exakten Methoden
sinnvoll verwenden kann.13

Normative Wahrheiten

Als Gegenposition zu dem von ihm abgelehnten Nihilismus, verteidigt Parfit die
Existenz normativer Wahrheiten. Diese sollen zwar ontologisch leichtgewichtig sein,
aber durch ihre intuitive Erkennbarkeit – vergleichbar mathematischen oder logi-
schen Wahrheiten – Menschen intuitiv zugänglich sein.14 Weder die behauptete Ana-
logie zur Mathematik (warum sollten moralische und mathematische Wahrheiten
Gemeinsamkeiten haben?) noch die angeführten Beispiele vermögen zu überzeugen.
Eine Aussage wie „slavery is wrong“ (OWM 367), mag heute möglicherweise all-
gemein akzeptiert werden; das macht sie aber nicht unbedingt wahr. Wenn die Ver-
sklavung besiegter Kriegsgegner die einzige Alternative zur Tötung dieser Gegner ist

12
Ein Beispiel zur Illustration möge hier genügen: Beim Vergleich zweier medizinischer Screening-
programme werden verschiedene Weltverläufe abgewogen: „If we cancel Program B, the people who
would be conceived would live for only 40 years, so this program would give to a thousand general
people the greater benefit not of 20 but of 30 extra years of life“ (OWM II, 223).

13Vgl. auch Aristoteles, der in seiner Nikomachischen Ethik diese Äquivalenz von Gegenstand und
Methodik verteidigt und Ethik als Umrisswissenschaft (typō) charakterisiert (1094b).

14
Sowohl Parfits Position, als auch die Kritik daran können hier nur unzureichend angerissen werden.
Da es sich aber um eine zentralen Überzeugung Parfits handelt, soll dieser Punkt nicht unerwähnt
bleiben.
4 Hohe Gipfel – tiefe Täler 18

(wie bspw. in der griech. Antike), können ggf. sogar die Versklavten ihr Schicksal
akzeptieren.15
Scanlon vermeidet diese problematische Diskussion und beschränkt sich auf die Be-
hauptung, dass es Gründe für unsere Einstellungen und Handlungen gibt. Gründe
sind gegeben durch die spezifischen Eigenschaften der Dinge und können deshalb
nicht weiter hinterfragt oder problematisiert werden.

Keine Ruhe zwischen den Gipfeln

Wie sich gezeigt hat, verdankt sich die nach Parfits Auffassung erreichte Konvergenz
zwischen den drei ethischen Theorien einer bestimmten Technik: Der Fortschrei-
bung, Weiterentwicklung oder Revision der betreffenden Auffassungen, was dann
wenig überraschend zur Übereinstimmung zuvor konträrer Ansichten führt. Die Trip-
le Theory von Parfit ist also weniger eine Synthese verschiedener Theorien als eine
eigene, selbständige ethische Theorie. Dabei sind allerdings gerade kennzeichnende
Besonderheiten von Scanlon oder Kant verloren gegangen. Am Beispiel von Scan-
lons Kontraktualismus wurde gezeigt, dass trotz relativ naher Ausgangspunkte der
Autoren (z. B. Gründe als nicht näher zu erläuternde Ursachen für Einstellungen und
Handlungen, Existenz normativer Wahrheiten etc.) verschiedene Berge bestiegen
werden. Scanlon geht es um die sich aus dem sozialen Charakter der Menschen erge-
bende Notwendigkeit, Handlungen gegenüber anderen Menschen rechtfertigen zu
können. Menschen erschaffen den Kernbereich der Moral aus sozialen Interaktionen
und können so das, was wir einander schulden, erkennen und festlegen. Parfit geht es
um den besten Weltverlauf, die Sicherung der Existenz rationalen Lebens für die
nächsten Milliarden Jahre. Dafür entwickelt er seine Triple Theory und vereinnahmt
Kantianismus, Kontraktualismus und Konsequentialismus. Nach erfolgter Gipfelbe-
steigung findet er sich dann auf dem Gipfel seines Berges alleine wieder und kann
nur hoffen, dass die geologischen Prozesse kommender Jahrmillionen das Gebirge
ethischer Theorien in eine Ebene verwandeln werden.

15 Dass man sich bei einer solchen Wahlmöglichkeit auch anders entscheiden kann, drückt der friesi-
sche Kampfspruch Lever dood as Slav aus, was aber nur zeigt, dass es hier vermutlich nicht um eine
intuitiv einsehbare, normative Wahrheit handelt.
5 Literaturverzeichnis 19

5 Literaturverzeichnis

Bei den häufiger zitierten Arbeiten werden die folgenden Siglen verwendet;
OWM Parfit, Derek (2013-): On what matters. Volume One
OWM II Parfit, Derek (2013-): On what matters. Volume Two
WWO Scanlon, Thomas (2000): What we owe to each other

Aristoteles (2015): Nikomachische Ethik, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschen-


buch Verlag.
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Personen, Normativität, Moral. Ausgewählte Aufsätze, Berlin: Suhrkamp.
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