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PERSPEKTIVEN Christine Hauskeller

Forschungsbeiträge zu Das p a r a d o x e S u b j e k t
Geschichtswissenschaft, Pädagogik, Philosophie
Psychologie, Psychotherapie und Soziologie Widerstand und Unterwerfung
bei Judith Butler und Michel Foucault
Band 16

edition diskord
Inhalt

I Einordnungen 7

Das Paradox des modernen Subjektdenkens 7


Michel Foucault 11
Kritische Subjekttheorie 18
Probleme des Wahrheitsrelativismus 23
Subjekt und Geschlecht 29
Judith Butler 31
Verortung Butlers im feministischen Diskurs 34
Butler und Foucault 39
Geteilte Ausgangsthesen Butlers und Foucaults 43
Philologische Sibliofhek
fll Berlin Körperliche Subjekte 49

II Butlers Subjekt: Produkt von Diskursen 53

Chronologischer Aufriß der Subjekttheorie 55


Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Subjects of Desire 55
Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei
Das Unbehagen der Geschlechter 58
Der Deutschen Bibliothek erhältlich
Körper von Gewicht 64
Haß spricht 68
© 2000 edition diskord, Tübingen The Psychic Life of Power 75
Alle Rechte vorbehalten Dekonstruktion des Subjekts Frauen 89
•<yyy.fditi""-d'skord.de Die diskursive Materialisierung des Körpers 97
Druck: Fuldaer Verlagsagentur Chromosomen, aber keine Substanz 100
Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier
Die performative Materialität der Körper 105
(holzfrei, clor- und säurefrei)
Butlers Widerstandskonzept 114
ISBN 3-89295-684-7
Subversive Sexualität /subversive Sprache ? 118
Entwicklung des Subversionsmodells 128 Einordnungen
Die Vervielfältigung der Geschlechter 133
Diese Abhandlung entwirft ein Verständnis des Subjekts, das
Probleme der Subjektkonzeption Butlers 139
sich nicht in den Paradoxien modernen Subjektdenkens ver-
Performative Sprechakte nur von Subjekten ? 142 fängt, vielmehr Handlungsfähigkeit beschreiben kann, ohne sie
Was motiviert zum Widerstand ? 147 auf transzendentale Prinzipien zurückzuführen oder Absoluta
zum Ausgangspunkt zu nehmen. Die gegenwärtigen Modi der
Butlers Subjekte sind nicht widerständig 149 Subjektwerdung und Weisen, Subjekt zu sein, werden so rekon-
struiert, daß sich eine angemessene subjekttheoretische Grund-
III Foucaults Genealogie und Machttheorie 153 lage praktisch-politischer Philosophie erschließt.

Der Wahrheitsrelativismus Butlers und Foucaults 155


Das Paradox des modernen Subjektdenkens
Die Genealogie des Ereignisses 162
Die Kritik am Ursprungsdenken 165 Das im Kern des modernen Denkens1 plazierte Subjekt ist die-
sem Denken immer schon ein Problem gewesen. Denn als Aus-
Foucaults Welt der Lüste f 169
gangspunkt allen Erkennens und aller Wahrnehmung von etwas
Herculine Barbin 171 kann sich der Mensch der Wahrheit seines Wissens nur verge-
wissern, indem er sich selbst als wahrnehmend und erkennend
Körper und Seele The Psychic Life of Power 178
thematisiert, d.h. reflexiv sich selbst zum Gegenstand seines
Genealogie, Macht, Ereignis. Konkrete Körper 198 Denkens macht. Schon Fichte analysiert dieses erkennende
Subjekt der Moderne als widersprüchliche Konstruktion, die in
Juridische Macht - produktive Kräfteverhältnisse 211
einen infiniten Regreß mündet; denn welches Bewußtsein sollte
Nicht-diskursive Praktiken der Macht 220 es sein, das das Bewußtsein des Selbst erkennen könnte? Das
Sexualität • ein Dispositiv der Macht 225 Reflexionsmodell, nach dem Bewußtsein Selbstbewußtsein vor-
aussetzt, in dem das Subjekt also in der paradoxen Position ist,
Sex(e) ? 232
zugleich Subjekt und Objekt seines Erkennens zu sein, stellt
eine erkenntnislogisch unhaltbare Rekonstruktion beider dar,
IV Machtgeformte Subjekte 249 des Selbstbewußtseins und des Subjekts. Darum bemüht sich
Fichte, Selbstbewußtsein anders denn als Reflexion von etwas
auf etwas anderes zu rekonstruieren. Seine Alternative, Bewußt- ,
Macht- und Subjektkonzeption und Widerstand 249
sein als unteilbar zu setzen2, bildet den Ausgangspunkt des j
Die Körper und die Lüste 258 deutschen Idealismus.3 Doch auch Fichte vermag sich vom ,
Denken in Subjekt-Objekt-Trennungen, wie sie dem Reflexi-
Subjekte einer politisch-praktischen Philosophie 272

1 Modernes Denken oder Moderne bezeichnen hier und im folgendem


Literaturverzeichnis 279 gemäß dem französischen Sprachgebrauch das neuzeitliche Denken seit
Descartes.
Fichte, Neue Wissenschaftslehre von 1794.
3 Vgl. Frank 1986, 33 f.

7
onsmodell zugrundeliegen, nicht zu lösen. Das Strukturmodell, „wenn diese Dispositionen [des modernen Denkens, C.H.] verschwän-
den, wie sie erschienen sind, [...] kann man wohl wetten, daß der
nach dem im Wahrnehmen und Erkennen Aktives auf Passives Mensch verschwindet, wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand" (462).
sich bezieht, ist in unseren sprachlichen Ausdrucksmöglichkei-
ten und damit in unser Vorstellungsvermögen so tief eingebet- Mensch steht hier für das transzendental reflektierende und re-
tet, daß andere Denkweisen kaum artikulierbar sind. Darum flektierte Subjekt, den Gegenstand der Humanwissenschaften.
verwickelt Fichte sich selbst in eben die Widersprüche, die er Foucault fordert gegen die transzendentalphilosophisch domi-
doch vermeiden will. Dieter Henrich entwickelt dies detail- nierte Moderne einen anderen Subjektbegriff ein, und seine auf
liert 4 , und weist auf die Schwierigkeit hin, andere Erkenntnis- Die Ordnung der Dinge folgenden Schriften sind auch Schritte,
konzepte überhaupt in Sprache zu fassen. Die „Begriffszwänge die Grundbegriffe eines solchen zu finden.
der Bewußtseinsphilosophie", die sich, so Habermas, „in der Neben dieser epistemologischen Kritik verfolgt Foucault
Tathandlung des [Fichteschen] absoluten Ich exemplarisch ver- einen zweiten Strang der Fundamentalkritik am Reflexionsmo-
dichten", bestehen darin, daß das Ich seiner nur habhaft wer- dell des Subjektdenkens. Nach Nietzsches Entlarvung der in-
den kann, indem es ein Nicht-Ich setzt und dieses dann einzu- strumentellen Funktion von Erkenntnismethoden und morali-
holen versucht. 5 Die epistemologischen Probleme dieses Refle- schen Uberzeugungen kann Erkenntnistheorie nicht mehr als
xionsmodells und seiner fundierenden Aktiv-Passiv-Trennung werfe u n d normenfrei gelten. Jedes Denken muß sich daher kri-
sind ein Kernthema der Philosophie der Moderne. tisch auf seine gesellschaftspolitischen Implikationen besinnen.
Eine konzeptionelle Neuorientierung, die, wie ich meine, Der Tod Gottes als Entdeckung der fundamentalen Bedeutung
anschlußfähig und vielversprechend in dieser Frage ist, findet von Weltinterpretationsweisen und ihrer Verschiedenheit, zer-
sich bei Michel Foucault. In Die Ordnung der Dinge greift er die brach den verbindlichen Rahmen, in dem einst die Vernünftig-
Subjektkritik in der Tradition Fichtes und Nietzsches auf und keit einer Theorie als Beweis ihrer Richtigkeit galt, der keiner
hinterfragt die idealistische Konstruktion des transzendentalen weiteren moral- oder gesellschaftstheoretischen Rechtfertigung
Subjekts, in der das Subjekt sich selbst als Erkenntnisgrund re- bedurfte. Im 20. Jahrhundert ist diese Selbstverständlichkeit
flektiert und dadurch alles nur von sich selbst her zu denken nicht mehr gegeben, und dadurch wird das subjektphilosophi-
und zu bestimmen vermag. Foucault kritisiert die Bewußtseins- sche Paradigma der Moderne auch aus praktisch-philosophi-
philosophie und die Humanwissenschaften, weil ihr Ausgangs- schen Gründen problematisch. Die Imagination einer transzen-
punkt, der zugleich ihr irreduzibler und einziger Gegenstand dental losgelösten, autonomen Position des Subjekts, deren
ist, der Mensch/das Subjekt als reflexive Selbstbezüglichkeitsfi- imaginärer Charakter im philosophischen Denken präsent
gur, Erkenntnis eigentlich ad absurdum führe, da nur Trans- blieb, hat sich dennoch als lebensweltlicher Bodensatz des mo-
zendentalität noch Gewißheit verspreche, wo die Außenwelt dernen Wissensverständnisses abgesetzt und unübersehbar nicht
zum Ding an sich werde. Um dieses Paradox zu vermeiden, nur ein theoretisches, sondern auch praktisch bedrohliches
müsse auf den vorsubjektiven, nicht transzendentalen sondern Problempotential entwickelt Der Mensch, der sich selbst als
materialen Charakter der Sprach- und Machtverhältnisse reflek- Subjekt in diesem vereinfachten Sinne entwirft, sieht sich als
tiert werden, die unser Wahrnehmen und Denken prägen. Dann setzenden und erkennenden Teil und stellt, was er erfährt, als
werde auch die Konstruktion konkreter Subjekte durch die Objekte sich entgegen, über die er zu verfügen meint.
Sprache und die Machtverhältnisse erkennbar. Das Buch endet Dieser Hybris der modernen Subjektkonzeption, die philo-
mit dem berühmt gewordenen Satz, daß sophisch kaum explizit und affirmativ 6 ausformuliert wurde

6 Bei Bacon z.B. finden sich viel Motive, die dieses Selbstbewußtsein der
4 Henrich, 1966 und 1970. neuzeitlichen Menschen als Täter beschreiben und affirmieren. Vgl.
5 Habermas 1988, 308. auch Fox Keller 1986 und Merchant 1987.

101
8
und doch das programmatische Selbstbild moderner Gesell- Übergänge zwischen Moral und Politik einerseits und den wirt-
schaften prägt, soll ein anderer Subjektbegriff entgegen gestellt schaftlichen und technischen Kalkülen andererseits sowohl
werden. Ich möchte dabei nicht an die folgenreichen Diskussio- schwer zu finden, als auch rational zu begründen und durchzu-
nen anschließen, wie sie seit den 70er Jahren geführt wurden. 7 setzen sind. So entsteht das Paradox, daß sich der moderne
Ich konzentriere mich hier nicht darauf, daß das moderne Sub- Mensch relativ unabhängig von den ihn umgebenden Verhält-
jekt sich seiner kulturellen Geschichte und der fatalen Folgen nissen wähnt, seine Freiheit des Denkens und der Phantasie be-
seines Selbstbildes für die es umgebende Natur zu wenig be- tont, und dabei wenig Widerstand gegen die Kräfteverhältnisse,
wußt ist; sondern darauf, die unangemessene Selbstvorstellung in denen er steht, zu leisten vermag, weil er diese unzutreffend
des Subjekts als solche zu thematisieren und ihre entpolitisie- konzeptualisiert. Der Ort des modernen Subjekts und was es
renden Konsequenzen zu zeigen und zu durchbrechen. Das Au- ist, läßt sich nur als Paradox beschreiben. Denn das konkrete
genmerk liegt besonders auf der inneren Gespaltenheit des Sub- Subjekt ist einerseits vielseitig heteronom bestimmt und kon-
jekts, die sich aus der Objektivierung seines Körpers ergibt. struiert und andererseits fähig, sich diesen Fremdbestimmungen
Sein Leib wird ihm zum passiven Außen, zur bloßen Körperma- zu widersetzen und eigenwillige Handlungen zu vollziehen.
schine, ein Objekt der Medizin und Physiologie. Diese Loslö-
sung des Subjekts von seiner Leiblichkeit erlaubt ihm, das Na-
tursein der eigenen Lebensgrundlagen in ökonomischen Ko-
Michel Foucault
sten-Nutzen-Kalkülen vage in Anschlag zu bringen, aber auch,
die Abhängigkeit zu unterschlagen, in der seine individuelle
In den Arbeiten Michel Foucaults finden sich Ausführungen
Erfahrung und Befindlichkeit von den jeweiligen epistemischen
und Motive, die eine Subjektkonzeption, wie ich sie suche, zu
und gesellschaftlichen Bedingungen stehen. Die Verdrängung
entwickeln erlauben. Diese Behauptung mag auf den ersten
der leibhaften Seite des Subjekts, das sich primär über sein Be-
Blick erstaunen - war es nicht Foucault, der ein „neues Zeital-
wußtsein definiert, das ihm allein Gewißheit verspricht, bedeu-
ter des Denkens erst in der Leere des verschwundenen Men-
tet, daß es sich der Fremdbestimmung seiner Lebensvollzüge
schen" heraufziehen sah, wie es in Die Ordnung der Dinge
unterwirft. Die Ausgrenzung des Leiblichen aus der Subjektvor-
heißt? Foucault kritisiert in diesem Buch und anderen frühen
stellung ist Teil von Machtverhältnissen, die die Unterwerfung
Texten jedoch nicht nur das Subjektdenken der Moderne als
des Subjekts durch und über seinen Leib und dessen Diszipli-
transzendentales, vielmehr ebenso den Zwang, als Subjekt mit
nierung vollziehen, und denen kein Widerstand von Seiten der
sich identisch zu werden und zu bleiben.
Bewußtseinssubjekte entgegensteht
Diese skizzierten Folgewirkungen sind freilich keine linea- „Wenn es aber einen Weg gibt, den ich ablehne, dann ist es der [...], der
ren Bedingungsverhältnisse. Die Umweltzerstörung ist keine di- dem beobachtenden Subjekt absolute Priorität einräumt, der einem
rekte Langzeitfolge der Meditationes Descartes' oder des Kanti- Handeln eine grundlegende Rolle zuschreibt, der seinen eigenen Stand-
punkt an den Ursprung aller Historizität stellt - kurz, der zu einem
schen kategorischen Imperativs. Doch bewirkt die radikale Ab- transzendentalen Bewußtsein führt" (15).
trennung des Bewußtseins und des Denkens vom Leib/Körper,
die für das westliche moderne Denken charakteristisch ist, daß Foucault verortet das Subjekt in engen Bezügen zu seiner Um-
welt und seinem Leib/Körper, ohne es als Marionette von
Strukturen oder Diskursen o. ä. zu sehen. Das moderne Subjekt
7 Die ersten Erfahrungen des Ausmaßes der Umweltzerstörung haben ist auch für ihn ein geteiltes. Die Teilungspraktiken der Macht-
frühe modernitätskritische Autoren wie Ludwig Klages wieder aktuell verhältnisse, die die moderne Subjekterzeugung leiten, spalten
werden lassen (siehe Großheim 1994) und neue Debatten über die
Verantwortung des Menschen für seine Lebensumwelt und sich selbst die Individuen in Selbstobjekt, Körper, Ich etc. auf.
als Natur angestoßen. Ich denke hier z.B. an Hans Jonas, Klaus Meyer- Diqse Geteiltheit des Subjekts wird nicht erst mit Foucault
Abich oder Gernot Böhme. ein Thema gesellschaftskritischer Philosophie, sondern ist es

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schon lange, weil sie die Ausbildung und Anwendung zweckra- macht werden. Meine Arbeit befaßte sich darum mit drei Weisen der
•tionaler Vernunft forciert Ich lese Foucaults Texte als produk- Objektivierung, die Menschen in Subjekte verwandeln. Zunächst wa-
tive Weiterentwicklung einiger Motive der frühen Kritischen ren da die Untersuchungsverfahren, die sich den Status von Wissen-
schaften zu geben versuchen; ich denke [...] an die Objektivierung des
(Theorie der Frankfurter Schule. Mit Adorno, Horkheimer und sprechenden Subjekts in der Allgemeinen Grammatik, in der Philologie
Marcuse teilt Foucault zum Beispiel die Ansichten, daß das, und in der Linguistik. Oder etwa die Objektivierung des produktiven
[was wir als Wirklichkeit erleben, durch die begrifflichen Zu- Subjekts, des Subjekts, das arbeitet, in der Analyse der Reichtümer
richtungen der Sprache de-/formiert wird und daß es eine Wi- und der Ökonomie. [...] Im zweiten Abschnitt meines Arbeitens habe
ich die Objektivierung des Subjekts durch das, was ich Teilungsprakti-
derständigkeit des Materiellen gibt, auf der die Fähigkeit der ken nennen werde, untersucht. Das Subjekt ist entweder in seinem In-
.Subjekte beruht, sich zu widersetzen. Doch ist Foucaults Theo- neren geteilt oder von den anderen abgeteilt. Dieser Vorgang macht
rie pragmatischer und zukunftsoffener als besonders Adornos aus ihm einen Gegenstand. Die Aufteilung in Verrückte und geistig
Theorem des totalen Verblendungszusammenhangs, auch, weil er Normale, in Kranke und Gesunde, in Kriminelle und anständige Jungs
illustriert das. Schließlich habe ich versucht, die Art und Weise, in der
nicht dialektisch sondern plural denkt. Er versteht die Macht- ein Mensch sich selber in ein Subjekt verwandelt, zu untersuchen. Als
verhältnisse als fragmentierte, nicht als einheitlichen, Block. Beispiel habe ich den Bereich der Sexualität gewählt: wie der Mensch
Auch baut er nicht auf die psychoanalytische Theorie des Un- gelernt hat, sich als Subjekt einer Sexualität zu erkennen. Nicht die,
bewußten - eine Theorie, die im folgenden noch als problema- Macht, sondern das Subjekt ist deshalb das allgemeine Thema meiner
Forschung. Aber die Analyse von Macht ist selbstverständlich unum-
tisch für eine Konzeption widerständiger Subjekte erwiesen gänglich. Denn wenn das menschliche Subjekt innerhalb von Produkti-
werden soll. Die Kritische Theorie rekonstruiert außerdem ons- und Sinnverhältnissen steht, dann steht es zugleich auch in sehr
auch das destruktive Potential westlichen Subjektdenkens, das komplexen Machtverhältnissen".
Foucault in vielen seiner Schriften betont, und sie stimmen in
Für Foucault ist das erkennende Subjekt der Moderne eine spe-
ihrer Kritik zweckrationaler Technizismen überein. Foucault
zifische Subjektkonstruktion: ausgestattet mit einem Leib, der
selbst äußert über diese Vorläuferschaft der Frankfurter Schule
ihm auch Körper ist, mit Gefühlen, Phantasien und Gedanken,
in puncto Vernunft- und Machtkritik:
auf die es stets reflexiv Bezug nehmen soll, und programma-
„Heute habe ich begriffen, daß die Repräsentanten dieser Schule - frü- tisch fähig, aus alternativen Handlungsmöglichkeiten zu wählen
her als ich - Thesen vertraten, die auch ich seit Jahren geltend zu ma- und seine Handlungen auch kontrolliert zu vollziehen. E)iese
chen suche. [...] Was mich betrifft, so glaube ich, daß die Philosophen moderne Bestimmung des Subjekts läßt den Prozeß der Subjekt-
dieser Schule Probleme gestellt haben, mit denen wir uns noch immer
abmühen: insbesondere das der Machteffekte in Verbindung mit einer werdung unbeachtet, da das Subjekt selbst Ausgangspunkt der
Rationalität, die sich historisch, geographisch, im Abendland vom sech- Reflexion, des Sprechens und Denkens ist.) Foucaults genealogi-
zehnten Jahrhundert an, definiert hat. [...] Wie wäre nun aber diese sche Perspektive betont dagegen, daß die Sprache und die ge-
Rationalität von den Mechanismen, den Prozeduren, den Techniken, sellschaftlichen Machtverhältnisse sich schon vor und unabhän-
den Effekten der Macht zu trennen, die mit ihr einhergehen und die
uns so unerträglich sind, daß wir sie als typische Form der Unterdrük- gig von konkreten Subjekten entwickeln, und deren konkrete
kung in den kapitalistischen und vielleicht auch in den sozialistischen
, Gesellschaften bezeichnen?" (Foucault 1996, 80 f.).

Vor diesem Hintergrund werden nun die zentralen Motive mei-


8 Foucault 1987 a, 243. Meyer-Kalkus (1985) bezeichnet diese späte
Selbstauslegung Foucaults, sein Denken sei kohärent am Subjektthema
nes Foucaults-Verständnisses vorgestellt, die im folgenden im- orientiert gewesen, als Teil einer Asthetisierung des eigenen Selbst, die
mer wieder thematisch werden. im Widerspruch zu Foucaults früherer Kritik des Autorprinzips stün-
Foucault selbst . nennt das Subjekt einen Fokus seines Den- de. Doch weil Foucault von Anfang an seinen Stil bestimmen will,
kens: auch wenn sich diese Bestimmungen inhaltlich verändert haben, und
weil im Nachhinein oft ein roter Faden zu sehen ist, wo vorher keine
„Meine Absicht war [...], eine Geschichte der verschiedenen Verfahren Kohärenz zu sein schien, bewerte ich diesen Oberflächenwiderspruch
zu entwerfen, durch die in unserer Kultur Menschen zu Subjekten ge- gering und nehme das Bemühen um Selbsterkenntnis und -kritik des ei-
genen Tuns und Denkens, das Foucault stets zeigte, ernst.

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Lebensweisen prägen. Das moderne Subjekt sei nicht eines, Ein anderes wichtiges Motiv in obigem langen Zitat ist Fou-
vielmehr in sich geteilt Die Trennlinien ziehen die histori- caults Überzeugung, daß es nicht eine Wahrheit über einen Ge-
schen Diskurs- und Machtverhältnisse ins Individuum ein, bzw. genstand, hier das Subjekt, gibt, sondern daß es von der Frage-
es wird an ihnen entlang als Individuum/Subjekt geformt Fou- stellung und Blickrichtung abhängt, wie etwas sich zeigt, wie es
cault stellt sich hier in die Tradition Nietzsches, der das allge- diskursiv gefaßt wird und was darüber gesagt werden kann. Er
meine Erkenntnissubjekt als Illusion bezeichnet, als sekundäre vertritt einen fundamentalen Pluralismus im Denken, gegen die
Bildung eines Machtwillens, der durch ein Denken in Identitä- Idee, Wissen könne Welt oder ihre Gegenstände absolut begrei-
ten Individuen stillstellt, um sie zu beherrschen. Subjekte sind fen oder sie widerspruchsfrei in ihrer Totalität erkennen. Auch
zu solchen immer geworden, es gibt kein sich selbst erzeugen- die Objekte des Wissens oder der Reflexion sind epistemenspe-
des Subjekt/ Die Reflexion auf die Möglichkeiten der Vernunft zifisch. Was überhaupt Gegenstand des Wissens sein kann und
durch Objektivierung zeigt sich aus dieser Perspektive als Ver- wie, gibt die Wissenskonfiguration der Episteme vor. Das gilt
leugnung der heteronomen Grundlagen individuellen Subjekt- für die Gegenstände der äußeren Natur wie der sozialen Welt
seins. Denn, so Foucault mit Nietzsche, das konkrete Indivi- Tiere können nach Gattungen und Arten unterschieden wer-
duum ist stets in eine von einer bestimmten Sprache und be- den, wie in der modernen Biologie, sie könnten aber auch ganz
stimmten Machtverhältnissen strukturierte Welt hineingestellt. anders eingeteilt werden, wie in jener fiktiven Chinesischen
Foucault erinnert an die ursprüngliche Bedeutung von Subjekt Enzyklopädie die sich bei Borges findet und die Foucault im
(von lat. subjicere = unterwerfen): \ Jede Subjektivierung ist eine Vorwort zu Die Ordnung der Dinge zitiert
bestimmte inhaltliche Zurichtung/Unterwerfung des Individu-
ums. 9 Statt ums epistemische geht es ihm ums ethische0 Subjekt, Die Tiere gruppieren sich nach dieser Enzyklopädie wie folgt: „a) Tie-
re die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d)
um dessen Möglichkeiten und Genealogie./ Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in
Dennoch bestimmt Foucault das Subjekt positiv als verän- diese Gruppe gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem
derliches Gefüge aus komplexen Welthaltungen und dem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, 1) und so weiter, m)
Selbstverständnis einzelner Individuen, ein Gefüge mit materi- die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen
aussehen. Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit
eller Basis, das in Bewegung gehalten wird von heteronomen einem Sprung, was in dieser Aufzählung als der exotische Zauber eines
Einflüssen wie auch von solchen, die aus ihm selbst kommen. anderen Denkens bezeichnet wird - die Grenze unseres Denkens: Die
Das ethische Subjekt ist ein konkretes, historisch verortetes. schiere Unmöglichkeit, das zu denken" (17).

Die Episteme und die konkrete Sprache und ihre Grammatik,


in die einzelne sich hineingeworfen finden, prägen deren Wahr-
9 Assujetissement bedeutet im Deutschen sowohl Subjektivierung als nehmen und Denken. Nicht das Individuum ist das Subjekt der
auch Unterwerfung. Diese spannungsvolle Einheit im Begriff wird im Sprache, sondern konkrete Menschen sind ihr immer unterwor-
Deutschen jedoch nicht wahrnehmbar. Foucault bezeichnet mit assuje- fen, von ihr geformt Doch ist diese Unterworfenheit der kon-
tissement die Gleichzeitigkeit von Subjektwerdung und Unterwerfung:
daß das Subjekt ineins Produkt heteronomer und eigener Gestaltungs- kreten Subjekte nicht durchgängig. Für Foucault ist die Sprache
kräfte ist. Dies läßt sich im Deutschen nur durch die Aneinanderrei- ein Medium der Machtbeziehungen und die Subjekte sind von
hung von Unterwerfung/Subjektivierung (auch in umgekehrter Rei- vielerlei Kräften hervorgebracht und beeinflußt und dabei
henfolge) nachbilden, die ich daher im weiteren gelegentlich verwende. selbstreflexiv und kritikfähig. Sie können sich den Herrschafts-
Diese Unterscheidung epistemisches-ethisches Subjekt führt Schmid
1991 ein, um Foucaults Hinwendung zur praktischen Frage nach der ansprüchen dieser vielfältigen Machtverhältnisse widersetzen.
konkreten, geschichtlichen Gewordenheit von Subjekten zu markie- Denn erstens formen nicht nur die jeweilige Episteme und
ren. Laut Schmid thematisiert Foucaults Ethik das ethische Subjekt.
Daran ist richtig, daß Foucault das Augenmerk auf das konkrete Sub-
jekt richtet; daß er jedoch eine Ethik formuliert habe, ist m. E. eine
Fehldeutung seiner Bezugnahmen auf antike Selbstbeziehungsweisen. 11 Foucault zitiert J. L. Borges, Die analytische Sprache John Wilkins'.

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Sprache die Individuen und ihre Weltsicht, vielmehr auch die DeteJ., nimmt diesen Satz zum Ausgangspunkt, um Foucault als
konkreten gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Zweitens kön- Nominalisten im angelsächsischen Sinne zu lesen, der als Ur-
nen sie sich als Reflexionsfähige die ihre Situation bestimmen- sprung aller Aktivität das Individuum einsetzt 1 6 Doch Fou-
den Kräfte bewußt machen und drittens sind sie mehr als das, caults Beschreibungen von Kräfteverhältnissen 17 im Plural und
was sie gedanklich wahrnehmen, sie sind körperliche Wesen, der performativen Kraft der Sprache lassen auch eine nominali-
deren Leiblichkeit Sprache und Disziplin nicht völlig unterwor- stische Interpretation in diesem Sinne nicht zu. So wenig die
fen werden kann, sondern von diesen auch verfehlt wird. Gesellschaft abstrakt für ihn eine sinnvolle Kategorie ist, weil
Foucaults Arbeiten über die Klinik, die Psychiatrie und das der Begriff kein Reales bezeichnet und von nationalstaatlichen,
Gefängnis als Einrichtungen, die ein bestimmtes historisches ethnischen oder anderen traditionalen Kategorien fundiert
Selbstverständnis einer der dominierenden Klassen einer Ge- wird, so wenig geht er vom Individuum als autonomem, einzi-
sellschaft (hier der Ärzte und Besitzenden) widerspiegeln und gem Ursprung seiner Handlungen aus.
absichern, zeigen, wie Diskurse und Machtverhältnisse zusam- Foucault erschließt die Pluralität der verschiedenen Kräfte,
menwirken, um Institutionen der Subjekterzeugung und Macht- die zu der komplexen Wirklichkeit beitragen, in der wir leben,
erhaltung hervorzubringen. Obwohl er von den subjektformie- und die nicht eine ist Zu diesen Kräften gehören die verschie-
renden Kräften her denkt, kann Foucault jedoch nicht soziolo- denen Diskurse der Episteme und die sozialen Kräfteverhältnis-
gisch gelesen werden, wie das z.B. Honneth 12 und Habermas 13 se, die zusammen Dispositive ausbilden können, ebenso wie
tun. Solche Lektüre verfehlt sein Denken ebenso wie die Inter- die Interessen und Handlungen von Subjekten und auch die
pretation Foucaults als normativem Theoretiker eines nominali- Widerständigkeit der Materie. Diese Aufzählung nennt vier Ka-
stischen Ethik-Programms 4 oder einer Ästhetik der Existenz}5
tegorien. Sie ergänzt Foucaults eigene Dreiteilung um die Di-
Zweifellos regen Foucaults späte Schriften dazu an, Moralphilo-
mension der Materialität. Foucaults Freund und Kollege Gilles
sophie verstärkt unter dem Gesichtspunkt der Ästhetik zu the-
Deleuze legt großen Wert darauf, die Materie als eine der Kräf-
matisieren, und es ist legitim, diese Aspekte separat fruchtbar
te, die zur Subjektivierung nach Foucault beitragen, aufzufüh-
zu machen, auch wenn das Foucaults Werk nicht ganz gerecht
ren. Mit Bezug auf die vier Modi der Konstitution von Moral-
wird. Foucaults Zurückweisung der Autorfunktion ist als Auf-
subjekten in Foucaults Der Gebrauch der Lüste*, spricht er da-
forderung gemeint, seine Texte auf vielfältige Weise produktiv
von, daß der materielle Teil unserer selbst ebenfalls in der Ge-
zu lesen. Doch ihn darum, weil er Macht thematisiert, als Ge-
schichte sehr different angesetzt wurde.
sellschaftstheoretiker zu interpretieren, ist als Charakterisie-
rung Foucaults dennoch unzutreffend. Er ist zumindest kein „Die Subjektivierung vollzieht sich durch Faltung. Allein, es gibt vier
Gesellschaftstheoretiker der die Gesellschaft oder die Macht als Faltungen, vier Falten der Subjektivierung wie die vier Ströme der
abstrakte, von konkreten historischen Bedingungen abgelöste
Allgemeinobjekte behandelt. Im Gegenteil:
16 Butler interpretiert diese Passage (in dies. 1997 b, 55 ff.) - im Unter-
„Zweifellos muß man Nominalist sein: die Macht ist nicht eine Institu- schied zu Detel - als Hinweis Foucaults auf die Problematik des Benen-
tion, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächti- nens selbst: „Macht ist eine Bewegung, eine Verkettung, die sich auf die
ger. Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situa- Beweglichkeiten stützt, aber zugleich in bestimmtem Sinne von ihnen
tion in einer Gesellschaft gibt" (Foucault 1976 a, 114). abgeleitet ist. Sie ist die von den Beweglichkeiten abgeleitete Verket-
tung, die sich gegen diese wendet und die Bewegung selbst stillzustellen
versucht. Ist der Name vielleicht eine Form, in der die Stillstellung
vollzogen wird? [...]Der Name trägt in sich die Bewegung einer Ge-
schichte, die er zum Stillstand bringt" (57). Diese Interpretation be-
12 Honneth 1985. tont die Nähe Foucaults zur Sprachkritik Adornos und Horkheimers
13 Habermas 1988. (siehe dies. 1947 und Adorno 1966).
14 Detel 1998. 17 Ausführlich in Foucault 1976 a, 113-118, und 1976 b.
15 Z.B. Schmid 1987 und 1991 a, Früchtl 1996. 18 Foucault 1986 a, 37-39.

17 101
Unterwelt. Die erste betrifft den materiellen Teil unserer selbst, der Selbstreflexion. Sie suchen sie daraufhin ab, welchen Katego-
von der Falte umschlossen und umfaßt wird: bei den Griechen war
dies der Körper und seine Lüste, die Aphrodisia, bei den Christen je- rien und Persönlichkeitsmustern sie entsprechen, um sich aktiv
doch wird es das Fleisch und sein Begehren sein, eine ganz andere sub- mit dem dazugehörigen Umfeld und den normalen Verhaltens-
stantielle Modalität" (Deleuze 1987,146). weisen dieser Gruppe zu identifizieren. So werden selbstidenti-
sche Subjekte durch die Aufforderung zu Authentizität, Freiheit
Die Materialität von Körpern spielt im folgenden eine zentrale
und Selbstverwirklichung erzeugt. Diese Gebote fordern auf
Rolle, da es um die Subjekte als auch leibliche geht
zur Erforschung des Inneren, der Seele und des Unbewußten
Foucault interessieren die konkreten Techniken der Erzeu- mit dem Ziel, sich selbst zu erkennen und zu wissen. Diese
gung identischer, angepaßter Subjekte und Individuen und wie
Selbstkategorisierungen sind auch Selbsterfindungen, mit denen
Subjekte diese beeinflussen können. Die Diskurse zur Institu-
einzelne durchaus gut leben können - vielen eindeutigen Persön-
tionalisierung von Krankenhäusern, Psychiatrien und Gefäng-
lichkeitswünschen stehen Märkte und Spielwiesen der Befriedi-
nissen im 18. und 19. Jahrhundert untersucht er auf die Macht-
gung offen. Foucault problematisiert solchen Druck, Subjekt zu
techniken der Selektion und Formation von Individuen. Diese
werden, die Zumutung, sich in ein Raster einpassen zu müssen.
Einrichtungen heften die Disziplinierungspraktiken an die Kör-
Lebensweisen fernab psychiatrischer, disziplinarischer und ju-
per und formen so Individuen. Es werden damit Menschen aus
ridischer Kategorien und Kontrolle sind nicht möglich, ohne
Gesellschaftsschichten Objekte subjektivierender Techniken,
daß das eigene Subjektsein riskiert wird. Das Prinzip der De-
die bis dahin nicht als einzelne Gegenstände von Wissen und
Macht waren. Überwachen und Strafen thematisiert, wie aus den zentralisierung, das Foucault in bezug auf die Diskursanalyse
einfachen Bürgern der unteren Klassen, aus den infamen Men- formuliert, ist auch auf die Subjekte anzuwenden. In der Viel-
schen 19 Individuen/Subjekte gemacht werden. Die Etablierung zahl von Machtverhältnissen, die auf die Subjekte einwirken
der Disziplinaranstalten ist für Foucault Motor und Ergebnis und sie innerlich zerteilen, ist die Selbstidentität ein selbstmiß-
jenes kulturellen Selbstverständnisses der aufgeklärten Moder- verständliches Konstrukt, das aufgegeben werden sollte.
ne, das von Diskursen über Humanität, Gerechtigkeit und Frei- „Es handelt sich darum, eine Dezentralisierung vorzunehmen, die kei-
heit geprägt ist und zugleich von solchen über Sicherheit, Stabi- ; nem Zentrum ein Privileg zugesteht" (Foucault 1969, 293).
lität, Systematik und Kohärenz des Denkens.
Konkrete Subjekte haben nicht einen fixen Ort, sind nicht mit
In diesem Gefüge von Macht und Wissen, Diskursen und
Praktiken, das die gegenwärtige Wirklichkeit formiert, muß der sich identisch, vielmehr im Gegenteil lebendig, vielfältig und
Platz der politisch-praktischen Subjekte als eigensinniger und immer wieder anders. In ,dieser.,,Nichtidejatilät20 liegt ihre Wi-
widerständiger bestimmt werden. derstandsmöglichkeit gegen die heteronomen Diskurs- und
Machtstrjtegieü. Sie können anders.., werden 21 und versuchen,
sich so dem Identitätszwang und der Festlegung zu entziehen.
Die Dezentrierung des identischen Subjekts schlägt jedoch
Kritische Subjekttheorie auf die praktisch-philosophische Konzeptualisierung des demo-
kratie- und moralfähigen, politisch verantwortlichen Bürgersub-
Die Subjektivierung/Unterwerfung erfolgt nicht nur fremdbe-
stimmt, sondern die Individuen arbeiten an ihrer identifizieren-
den Verortung selbst mit Sie machen ihre Wünsche, ihre un- 20 Dieses Wort wird hier verwendet, um die Nähe zu Adornos Rede
ausgesprochenen Träume und Phantasien zum Gegenstand der vom Nichtidentischen in Negative Dialektik zu betonen.
21 Mit stets wechselnden Standpunkten, dem Versuch, gegen den Strom zu
denken, und durch das anders Denken anders zu werden, hat Foucault
schon in den 60er Jahren gespielt - er vermochte es, diesen Anspruch
Den Begriff des infamen Menxhen führte Foucault selbst ein, vgl. ders an sich zumindest soweit einzulösen, daß er mit anderen Themen und
1977 und 1982. Blickwinkeln immer wieder verblüffte.

19 101
jekts zurück. Es droht theoretische Hilflosigkeit in bezug auf diesen selbst als internalisierte verfügbar, um an sich zu arbei- >
die Praxis. Darum muß zusammen mit der Demontage des klas- ten und sich gegen die vorgegebene Normalität zu stellen. Für j
sisch-modernen ein neues ethisches Subjektdenken entwickelt Foucault ist die Hauptfrage der Philosophie, was wir sind. An-
werden. Foucaults letzte Bücher zur Ethik sind Versuche, Mit- gesichts der Verschränkung von Subjektidentität, Sprache,
tel und Techniken zu finden, wie sich die Subjekte vom Diktat Macht- und Diskursverhältnissen, die er analysiert, bezeichnet
der Identifikation mit vorgegebenen Kategorien befreien kön- dieses wir unsere Gesellschaft und uns als Individuen. Es geht
nen und dabei doch mit sich selbst und ihrer Mitwelt im nor- ihm dabei um die Wahrheit, die den Machtverhältnissen jedoch
mativen Sinne gut umgehen können. Er fragt, welche Techni- nicht äußerlich ist und weder objektiv noch total erkannt wer-
ken zur Selbsterfindung andere Kulturen entwarfen, und findet den kann, sondern jeweils nur als konkret situierte.
im Rückgriff auf die griechisch-römische Antike andere Proble-
matisierungen des Selbst. Er greift den Ethos-Begriff wieder „Foucault ist in der Lage, unsere gegenwärtige Situation zu diagnosti-
auf, verstanden als kritische Haltung des Subjekts gegenüber zieren, weil auch er sie teilt. Seine pragmatisch orientierten Berichte
bieten Innenansichten [...] Wir können nicht zurückgreifen auf objekti-.
heteronomen Veieinnahmungen. Dabei zeigt er auch die dis- ve Gesetze, auf reine Subjektivität oder auf die Totalisierung der
kursiven Defizite auf, die es heute erschweren, ein kritisches Theorie. Wir haben nur die kulturellen Praktiken, die uns zu dem ge-
Selbst auszubilden. Eine Analyse der Modi, in denen Subjekte macht haben, was wir sind" (Dreyfus/Rabinow 1987, 236).
sich auf sich beziehen können, und ein Vergleich dieser Modi
in der Antike und der Gegenwart sind dabei Foucaults Methode In Foucaults Verständnis sind Subjekte durch die Diskurs- und
der Aufklärung, weil sich normative Vorgaben mit seinem Ver- Machtverhältnisse ihrer Zeit geformt und gleichwohl selbstre-
ständnis der Aufgabe der Intellektuellen und seinem Wider- flexiv und handlungsfähig und dadurch fähig, sich ihren hetero-
standsprogramm von selbstgeleiteter Kritik nicht vertrügen. Die nomen Konstitutionsbedingungen partiell zu entziehen. Wider-
Aufgabe der Intellektuellen kann nur sein, die Verhältnisse kri- standsfähigkeit ist eine Eigenschaft nur der ethischen, konkre-
tisch zu hinterfragen und gewohnte Denkweisen aufzubrechen. ten Individuen, nicht einer allgemeinen oder transzendentalen
Sie können keine inhaltlich richtungsweisende Funktion haben Subjektimagination; denn die ethischen Subjekte als Knoten-
da sie sich damit potentiell wiederum in den Dienst derer stell- punkt verschiedener Diskurs- und Machteffekte sind in der La-
ten, deren Machtinteressen diese Normen zupaß kommen. Die ge, auf diese Machtverhältnisse Einfluß zu nehmen. Dieses
werthaltige Vorstellung, mit der diese Auffassung sich verträgt, Konzept einer durch die Vorgaben erst möglichen und durch
sind die freiheitlich-demokratischen Grundwerte unserer mo- sje zugleich stark restringierten Handlungsfähigkeit soll im De-
dernen Kultur, was angesichts der epistemischen Selbstsituie- tail an Foucaults Machtbegriff entwickelt werden. Dabei ist be-
rung Foucaults nicht erstaunt sonders wichtig, daß er zwischen Macht und Gewalt unterschei-
det, und Macht gerade nicht als Zwangsverhältnis sieht. Er defi-
Die Weisen, in denen sich Foucault mit dem Subjekt und
niert, daß Macht Alternativen zuläßt, Gewalt hingegen nicht.
seiner Entstehung befaßt, sieht er selbst als gleichberechtigte
Perspektiven an, die nicht aufeinander reduzierbar sind und „Die der Macht eigene Verhältnisweise wäre somit weder auf Seiten
erst zusammen Subjekte beschreiben, wie wir sie kennen. Ein- der Gewalt und des Kampfes, noch auf Seiten des Vertrags und der
gebunden in die Episteme, in das Denkmuster und Rationali- Willensbande (die allenfalls ihre Instrumente sein können) zu suchen,
vielmehr auf Seiten dieser einzigartigen, weder kriegerischen noch juri-
tätsverständnis und in die Sprache seiner Kultur und Epoche,
dischen Weise des Handelns: des Gouvernement. [...] Macht wird nur
bestimmt durch die Machtverhältnisse und Möglichkeiten, die auf freie Subjekte ausgeübt und nur sofern diese frei sind. Hierunter
den sozialen Raum seiner Lebenswelt beherrschen, sind sie wollen wir individuelle oder kollektive Subjekte verstehen, vor denen
trotz und/oder wegen dieser verschiedenen konstituierenden ein Feld von Möglichkeiten liegt, in dem mehrere Führungen, mehrere
Reaktionen und verschiedene Verhaltensweisen statthaben können.
Faktoren fähig, sich selbst zu führen, Kritik zu üben und Wi-
Dort wo die Determinierung gesättigt ist, existiert kein Machtverhält-
derstand zu leisten. Die Disziplinartechniken, die zur Unter- nis; die Sklaverei ist kein Machtverhältnis." Freiheit ist die Existenzbe-
werfung und Erzeugung der Subjekte eingesetzt werden,, sind dingung von Macht: „sowohl als ihre Voraussetzung, da es der Freiheit

21 101
bedarf, damit Macht ausgeübt werden kann, wie auch als ihr ständiger
Probleme des Wahrheitsrelativismus
Träger, denn wenn sie sich völlig der Macht, die auf sie ausgeübt wird,
entzöge, würde auch diese verschwinden und dem schlichten und einfa-
chen Zwang der Gewalt weichen" (Foucault 1987 b, 255 f.). Foucault arbeitet an der Relativierung des tradierten Wahr-
heitsbegriffs, und darum ist es wichtig, sich über mögliche Be-
Die Art dieser Thematisierung von Macht zeigt schon, daß sein urteilungskriterien für wahrheitsrelativistische Theorien Ge-
Denken des Subjekts innerhalb der epistemischen Vorgaben der danken zu machen. Der Relativismus wird sehr kontrovers dis-
Moderne gehalten ist, weil es sich normativ an Selbstbestim- kutiert, mit Argumenten, die wohl zum Teil auf Mißverständ-
mung orientiert Allerdings wird diese Orientierung nicht be- nissen beruhen. Die historisierende Bezugnahme auf Wahrheit,
gründet und könnte es nach Foucaults Überlegungen zur Sub- die Foucault gepaart mit leidenschaftlicher Wahrheitensuche
jektkonstitution und der Historizität von Macht-Wissens- Kom- vertritt, ist m. E. einer der großen Vorzüge seines Denkens.
plexen und Wahrheitsmodellen auch nicht wirklich sondern
Wahrheitsrelativismus heißt, Wahrheit als Relation zwischen
nur scheinbar werden. Mögliche Begründungsstrategien, wie
dem jeweiligen Standpunkt der Erkennenden und seinem Er-
z.B. die Berufung auf Humanität und Gleichheit sind immer
kenntnisgegenstand zu verstehen. Objekte oder auch theoreti-
nur oberflächlich befriedigend, denn ihre Fundamente sind aus
sche Fragestellungen sind standortrelativ konstruiert. Sie sind
Sicht eines relativistischen Wahrheitsverständnisses bestimmte
weder absolut noch ungeschichtlich, vielmehr was als Objekt
Macht/Wissensformationen. So erweist sich der Vorwurf, Fou-
des Erkennens gefaßt und abgegrenzt wird, hängt ab von der
cault habe das Ende des Subjekts gefordert, als verfehlt und da-
Art wahrzunehmen und zu denken, die Sprache und Sozialisati-
mit zum Teil auch der, er sei ein postmoderner Denker.22 Falls
on uns lehren. Es werden moralphilosophische und epistemolo-
postmodern jedoch die Relativierung absoluter erkenntnistheo-
retischer und normativer Geltungsansprüchen meint, kann Fou- gische Einwände gegen den Wahrheitsrelativismus vorgetragen.
cault durchaus begründet mit diesem Attribut belegt werden. Erstere lauten vor allem, daß wenn das, was jeweils für
Wahrheit gehalten wird, nur epistemisch und sozial konstruiert
Kritische Subjekttheorie meint also, die paradoxale Figur ist, also relativ, dann wird letztlich der Anspruch auf mora-
des Subjekts, die Verhältnisse von Fremd- und Selbstbestim- lisch-praktische Orientierung preisgegeben. Mit einem relativen
mung, in denen das Subjekt steht, so zu fassen, daß Widerstand Wahrheitsverständnis können nämlich keine allgemein verbind-
gegen bestehende Einschränkungen und Machtwirkungen mög- lichen Normen ausgewiesen werden. Kritik diesen Typs haben
lich ist. Darin liegt die Aufgabe kritischer Philosophie und Ge- u. a. Jürgen Habermas, Charles Taylor, Seyla Benhabib und
sellschaftstheorie. Ohne die produktive Macht sprachlicher Nancy Fräser formuliert. 23 Um diesem Problem auszuweichen,
Strukturen und sozialer Verhältnisse für die Entwicklung kon-
hat z.B. Wolfgang Detel den Wahrheitsrelativismus aus dessen
kreter Subjekte zu unterschätzen, muß die Bedeutung des Sub-
Denken eliminiert 24 , was dazu führt, daß seine Foucaultdeu-1
jektseins der Individuen für die Veränderung gesellschaftlicher
tung dessen Denken in zentralen Motiven verfehlt Die histo-
Wirklichkeit angemessen rekonstruiert werden. Denn ohne die
risch-kritische Analyse des Wahrheitsverständnisses ist funda-
Unterstellung zumindest auch eigenständig handelnder Subjekte
mental für Foucaults Denkweise. Butler hat sich in diesem
läßt sich gesellschaftliche Veränderung nicht so beschreiben,
Punkt gegen Benhabibs Kritik verteidigt. 25 Die Argumente, die
daß politische Systeme der Bürgerbeteiligung Sinn machen.
sie und Foucault für den Wahrheitsrelativismus anführen, sol-
len begründen, warum diese Denkweise gerade zur Behandlung
praktisch-philosophischer Fragen angemessen ist.

Eine in Deutschland in den 80er Jahren verbreitete Lesart, gegen die 23 Habermas 1988, Taylor 1992, Fräser 1991, Benhabib 1993 a.
überzeugend argumentiert wird von Schmid 1991 a, Landwehr 1993 a 24 Detel 1998.
und 1993 b, Schäfer 1995, Ortega 1997. 25 Butler 1993 a und b.
23 101
Die erkenntnistheoretischen Einwände^ beziehen sich darauf, nisstandpunkt, der eingenommen werden könnte, treten persön-
welche Kriterien denn zur Beurteilung der Güte einer wahr- lich geprägte Uberzeugungen und politisch-strategische Überle-
heitsrelativistischen Theorie angelegt werden sollen. Mit dem gungen an die Stelle der Wahrheitsschau. Der Ausgangspunkt
Verweis auf ihren Wahrheitsgehalt oder ihr Verfehlen der des Denkens ist dann immer situiert 2 , bewußt oder unwissent-
Wahrheit können sie offensichtlich weder sinnvoll kritisiert lich. Vor dem aufgeklärten Wertehorizont der Moderne ist es
noch verteidigt werden. Die Gegenfrage lautet hier, ob unser wichtig, die Perspektive des eigenen Denkens, die Ziele und
gegenwärtiges Wissen um die Komplexität und Vermitteltheit deren politische Wirkung zu bedenken und zu explizieren. So
von Vorstellungen und Idealen es uns denn gestattet, eine be- können sich die Lesenden ihre eigene Meinung dazu bilden.
stimmte Sicht der Dinge als die einzig wahre auszuzeichnen. Die Berufung traditionell Wahrheitssuchender auf empirische
Wahrheitsrelativistische Einstellungen sind die Folge einer Ein- Tatsachen und logische Schlüsse, ihre Bezugnahme auf die da-
sicht, die das moderne Denken m. E. prägt und die von vie- her doch einzig mögliche eine Wahrheit, wird von denen, die
len 2 6 immer wieder herausgestellt wurde; Es gibt keine ideolo- Wissen und Erkennen als komplex vermittelte Prozesse auffas-
giefreie, unpolitische Theorie. Jedes Wissen und jeder metho- sen, als bewußte oder unbewußte Verleugnung gesehen. Sie im-
dische Lösungsansatz eines Problems ist von Prämissen getra- munisieren sich gegen die Historizität des Wissens und lassen
gen, die Ausfluß gesellschaftlicher und individueller Denkmu- die Vorteile jeder konkreten epistemischen Fixierung für die je-
ster und Machtverhältnisse sind. Das Wissen um historische weils herrschende Gruppen außer Acht. Die genealogische Kri-
und kulturelle Differenzen, darum, daß es nicht die eine Wahr- tik, wie sie sich nach Nietzsche als Form (ideologie)-kritischen
heit gibt, die bestimmten Menschen einer bestimmten Epoche Denkens entwickelt, will über die inhärenten Machtwirkungen
erkennbar wäre, sondern daß grammatische, soziale und epi- von Weltbildern aufklären. In diesem Sinne verweisen Fou-
stemische Konfigurationen herausmodellieren, was in einer be- caults Thesen zum Macht-Wissen-Komplex ebenso auf Nietz-
stimmten Epoche Kriterien für mögliche Wahrheiten sind, kann sche, wie Adornos Kritik an Positivismus und begrifflichem
kaum bestritten werden. Wahrheitsrelativistisches Denken geht Denken. Auch Butler knüpft an diese Traditionslinie an und
davon aus, daß verschiedene Wissenssysteme unterschiedlich führt ihren praktisch-politischen Ansatz, ihre wahrheitsrelativi-
auf das Wissens- und Wissenschaftsverständnis und die poli- stische Option und die Genealogie als Methode darauf zurück.
tisch-gesellschaftlichen Lebenszusammenhänge wirken. Ein Problem ist freilich, dem Anspruch an Offenlegung zu
Aus dieser Sicht treten pplji|iscjieJ^itejägn an die.Stelle der genügen. Wie weit ist es möglich, um die wahren Motive des ei-
verschiedenen aber jeweils absoluten . traditionellen Wahrheits- genen Denkens und die Orientierung der eigenen Einstellungen
kriterien. Die epistemischen, sozialen, und politischen Implika- zu wissen? Es gibt wohl keine umfassende Einsicht in das eige-
tionen einer Denkweise und eines Wissensbegriffes und ihre ne Denken und seine Motive. Völlige Selbstaufklärung ist gera-
Auswirkungen auf die Lebensrealität der Menschen werden de auch aus Sicht wahrheitsrelativistischen Denkens unmöglich.
zum Argument für oder gegen eine bestimmte Auffassung oder Doch ist diese auch nicht nötig. Wenn Foucault davon spricht,
Theorie. Die Wahl eines Standpunkts oder einer Denkstrategie sich durch die Philosophie als Aktivität von dem freimachen zu
wird begründet mit den voraussichtlichen theoretischen und/ wollen, was als wahr gilt, um andere Spielräume des Denkens
oder praktischen Konsequenzen, die sie haben könnte. Wenn zu eröffnen 28 , heißt das, daß er die Verstellungen und Scheu-
es keine absolute Wahrheit gibt und keinen neutralen Erkennt-

27 Haraways Aufsatz Situiertes Wissen (1988) führt diesen Terminus ein.


26 Auch feministische Wissenschaftstheoretikerinnen betonen dies: z.B.
Sjtuierte^ Wissen meint die Reflexion und Explikation der historischen
Merchant 1987 und Fox Keller 1986 und 1996. Fox Keller analysiert
und sozialen Positionierung der Theoretikerinnen, die allein vermei-
die historische Entwicklung patriarchaler und sexistischer Denkmuster den kann, ungewußt die gerade herrschenden politischen und epistemi-
in den Naturwissenschaften, und beschreibt, wie sie Denkblockaden, schen Optionen und Denkmuster zu übernehmen.
Irrtümer und bestimmte Lösungswege vorzeichnen. 28 Foucault 1984 a, 22, zitiert im vorigen Abschnitt.

24 101
klappen der jeweiligen Denkmodi hinterfragen will, um das chen und vielleicht Alternativen aufzuzeigen. Theoriestrategi-
Denken beweglich zu halten und andere Horizonte auch der sche Überlegungen, wie sie dabei eingesetzt werden, sind je-
Lebensformen zu erschließen. Die Kritik am Identitätsdenken doch mit einer hohen Irrtumswahrscheinlichkeit belastet und
als Stützkorsett für die angepaßte Lebensweise der Individuen entsprechend schwach sind die Geltungsansprüche.
steht auch im Zentrum der Kritik Butlers. Es geht also beiden Diese notwendige Schwäche der Argumentationen und Be-
mit der Relativierung des traditionellen Wahrheitsbegriffes weisführungen ist aber kein Grund, den Wahrheitsrelativismus
nicht darum, Wahrheit und Werte aufzulösen oder beliebig zu abzulehnen. Im Gegenteil ist die grundsätzlich gegebene Irr-
machen, vielmehr mit der Infragestellung des herrschenden
tumsmöglichkeit von Wissenschaft in der wahrheitsrelativisti-
Wahrheitsbegriffs Kritikpotentiale, Denk- und Lebensräume zu
schen Theorie wenigstens strukturell präsent, während die tra-
eröffnen. Die Leidenschaft, mit der beide quer denken und die
ditionelle Wahrheitstheorie, die sich dem Glauben an die uni-
Geschichte und Struktur scheinbar feststehender gesellschaftli-
verselle Wahrheit verschreibt, die notwendigen Selbstzweifel
cher Selbstverständnisse von neuen Seiten betrachten, tritt da-
ausklammert Das Wissen um die Unsicherheit und Unabge-'
her durchaus mit einem gewissen Wahrheitsanspruch auf, der
schlossenheit des Denkens kann und sollte - und das ist ein ty-
aber kein absoluter ist Sie wollen Gewißheiten in Frage stel-
pisches wahrheitsrelativistisches Argument - zu einer anderen
len, andere Deutungsmuster anbieten. Foucault belegt diese mit
Dynamik und Vehemenz im Streit um Argumente führen, als
viel Material, Butler versucht, sie erkenntnistheoretisch plausi-
bel zu machen. Das Ergebnis ist keine Verabschiedung des sie aus der Geschichte der Wahrheitssuche überliefert sind. Die
Wahrheitsbegriffs, vielmehr seine Relativierung, um die Denk- Unabgeschlossenheit allen Wissens präsent zu halten, das eige-
und Lebensgewohnheiten zu stören, in Unordnung zu bringen. ne Denken bewußt in Frage stellen zu lassen und auch neue, an
anderen Wahrheitsvorstellungen orientierte Argumente zur Gel-
Die Erklärungsansprüche wahrheitsrelativistischen Denkens tung kommen zu lassen, entspricht dem modernen, an Gleich-
sind schwächer als die derjenigen, die sich auf die eine Wahr- heit, Freiheit und Demokratie orientierten Denken. Auch wur-
heit berufen.; Denn zwischen Argumentations- und Diskurs- den um des Wissens der einen Wahrheit und der allgemeinen An-
strukturen und Machtverhältnissen bestehen keine notwendi- erkennung bestimmter Überzeugungen willen in der Geschichte
gen, sondern jeweils nur ungenau bestimmbare Verknüpfungen, der Wissenschaft Waffen aller Art und Schärfe eingesetzt Um
die annäherungsweise beschrieben werden sollen. Hypotheti- vermeintlich jeweils einziger Wahrheiten willen - die sich oft
sche Bezüge zwischen Diskursen und Machtverhältnissen, wie später als irrige Konstruktionen erweisen sollten - wurde ge-
z. B. im Diskurs über die Geisteskrankheit und ihre Asylie-
mordet und Krieg geführt Diese Erfahrungen mit der einen
rung 2 9 , können nicht bewiesen, sondern nur plausibel gemacht
Wahrheit und denen, die sie zu kennen behaupten, sprechen m.
werden. Es bedarf eines offensiven Umgangs mit Unbeweisbar-
E. dafür, auszuprobieren, ob die Suche nach Einsicht und
keit, der aus der epistemologischen Unmöglichkeit, etwas ob-
Wahrheit nicht friedlicher und erfolgreicher aus einem plurali-
jektiv zu erkennen, folgt. Die komplexen, vielschichtigen Ver-
stischen Vorverständnis heraus geführt werden kann.
schränkungen, die historisch-sozialen Prozessen zugrundelie-
Mit diesen Überlegungen ist der Einwand, daß auf der
gen, können nur verdeutlicht werden. Darum ist es unangemes-
Grundlage wahrheitsrelativistischen Denkens keine Begründung
sen, im Feld der Sozialwissenschaft und des praktischen Han-
allgemeinverbindlicher Normen mehr möglich ist, keineswegs
delns lineare und eindeutige Begründungen und Ursachenrela-
tionen feststellen und historisch-soziale Erklärungen mit star- außer Kraft gesetzt Er wird jedoch in dieser Form durch das
ken Begründungen versehen zu wollen. Es bleibt nur, die relativistische Denken selbst in Frage gestellt. Denn: Ist es
Machtverhältnisse und ihr Funktionieren kritisch zu untersu- denn sinnvoll, allgemeinverbindliche Normen begründen zu
wollen, und auf welcher Basis sollte das möglich sein? Was ha-
ben und wissen wir so zuverlässig und über die Zeit hinweg,
daß sich daraus universell gültige Normen ableiten ließen, de-
29 Dem Thema von Wahnsinn und Gesellschaft, Foucault 1961. ren Einhaltung stets und von allen erwartet werden kann? Wor-
27 101
um geht es uns, wenn wir zu Themen der Ethik oder Moralphi- kein muß, sondern daß dieser epistemologische Hintergrund
losophie arbeiten? Ist das Ziel, allgemeine Verhaltens- und größere Radikalität des Denkens und der Texte erlaubt, weil
Handlungsnormen zu formulieren, die dem Wechsel und der der Geltungs- und Erklärungsanspruch schwächer ist.
Komplexität gesellschaftlicher Lebensbedingungen standhalten? Dies gilt auch für meinen Text- Er präsentiert nicht die ein-
Antworten auf diese Fragen, die den Prämissen relativisti- zig angemessene Lesart Butlers und Foucaults, und es gibt an-
schen Denkens standhielten, stehen noch aus. In diesen Fragen dere Themen als das des Subjekts in ihren Arbeiten, die aus-
kristallisieren sich die Prinzipien der Orientierung an der Hi- führlich zu behandeln sich lohnte. Ich denke z.B. an Foucaults
storizität gesellschaftlicher Entwicklung und dem sich wandeln- Ansätze zu einer Ethik der Lebensformen. Meine Forderung,
den und kulturell differenten Begriff von Moral und dem Men- den Leib/Körper als Boden des modernen Subjekts anders in
schen, die relativistischem Denken zugrundeliegen. Daraus einer Subjektkonzeption zu fundieren, als Butler das tut und
folgt jedoch nicht, daß es keine normativen Gehalte und impli- stärker, als Foucault es andeutet, ist die Entwicklung einer be-
ziten oder expliziten ethischen Ideale in Butlers und Foucaults stimmten Perspektive auf das Verständnis des Subjekts, keine
Texten gibt Im Gegenteil, und beide betonen das des öfteren, vollständige Theorie. Doch will ich Argumente für eine dis-
basieren ihre praktisch-politischen Arbeiten auf einem be- kurs- und machtkritischen Konzeption des Subjekts mit dieser
stimmten, nämlich dem - nicht unkritisch aber doch program- ausführlichen Diskussion zu Butler und Foucault beibringen.
matisch affirmativ - übernommenen Gerüst auch positiver mo- Eine Verbindung der existentiell-leibhaften Basis des Lebens
ralischer Normen und Ideale der Gegenwart. Die Ideale von mit dem Paradox des Subjektseins scheint mir wichtig, um
Freiheit und Selbstbestimmung, Gleichheit der Lebenschancen durch ein angemesseneres Verständnis der Subjektposition in-
angesichts differenter Lebensbedingungen und -wünsche usw. nerhalb der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse die aktive Wi-
stehen ausdrücklich im Hintergrund ihrer Gesellschaftsanaly- derständigkeit der modernen Subjekte zu stärken.
sen, und geben ihrer Kritik die Richtung. Darum können sie
auch als aufklärerisch im modernen Sinne bezeichnet werden.
Diese Leitbegriffe der ethischen und politischen Diskurse se-
hen sie nicht als universelle, vielmehr als moderne Leitbilder Subjekt und Geschlecht
gesellschaftlicher Normen an, die erst noch einzuholen sind.
Im Streit zwischen westlichem Werte-Paternalismus versus Ein wichtiges Moment der Subjektvorstellung ist in unserer
einem Pluralismus vielfältiger Werthaltungen, inter- wie inner- Kulturtradition die enge Verschränkung von Geschlecht und
kulturell, vertreten beide pluralistische Standpunkte. Subjektsein. Dieser Zusammenhang wurde von männlichen Phi-
Der Wahrheitsrelativismus hat Folgen für die Geltungsan- losophen kritisch thematisiert, z.B. von Adorno und Horkhei-
sprüche, die Foucault und Butler in ihren Texten erheben. Der mer in Dialektik der Aufklärung und auch Foucault, wenn er das
Verzicht auf Allgemeingültigkeit bzw. die eine Wahrheit bedeu- Sexualitätsdispositiv oder die Selbstbeziehungsmodi der Antike
tet, die eigenen Texte als Anregungen zu verstehen, im Streit kritisiert. 30 Doch in den letzten Jahren wurden vor allem von
der Meinungen und Positionen bestimmte Standpunkte zu arti- Feministinnen wichtige Arbeiten zur Intensivierung dieser Kop-
kulieren und vielleicht eine neue Sichtweise einzubringen. Fou- pelung von Subjektsein und Männlichkeit in der Moderne gelei-
caults Aufforderung, seine Texte als Werkzeugkiste zur Selbst- stet Barbara Duden zeigt, daß die Ausdifferenzierung der kör-
bedienung zu gebrauchen, pointiert dieses Selbstverständnis. perlichen Geschlechtlichkeit zu der Form, in der wir heute
Nun stehen dieser programmatischen Bescheidung der eigenen männliche und weibliche Körper als physiologisch sehr ver-
Geltungsansprüche provozierende Thesen und der manchmal
großartige Gestus, mit dem Foucault wie Butler sprechen, auf 30 Foucault 1976 a, und 1986 a. Die Charakterisierungen des Subjekts
der ersten Blick entgegen. Ich denke jedoch, daß relativistisch bei Adorno/Horkheimer und Foucault werden kritisch herausgearbei-
fundiertes Denken nicht leidenschaftslos Standpunkte entwik- tet u.a. in Maihofer 1995 und Knapp 1996.
29 101
schieden wahrnehmen, sich erst im 18. Jh. vollzog. Vorher war Judith Butler
die Geschlechtlichkeit im Europa der Neuzeit weniger als kör-
perlich-physiologisch zu identifizierende Differenz von Mann Judith Butler spielt nicht nur in der kritischen feministischen
oder Frau signifiziert. 31 Auch Claudia Honnegger (1991) und Subjekttheorie eine wichtige Rolle, sie bezieht sich in ihren Ar-
Thomas Laqueur (1992) erforschen, wie sich die Trennung in beiten auch häufig explizit affirmativ auf zentrale Theoreme
binär geschlechtlich differenzierte Lebenswelten in dieser Zeit Foucaults und will dessen Motive zu einer Subjekttheorie ent-
intensiviert und verschärft hat Das Subjekt als geschlechtsneu- falten. Darum nimmt diese Rekonstruktion eines Modells der
trales, außer bzw. vor der sexuellen Markierung, ist darum heu- Unterwerfungs- und Subjektivierungsweisen ihre Arbeiten zum
te als männlich-patriarchale Fiktion erkennbar, die in verschie- Ausgangspunkt
denen Formationen so alt ist wie das patriarchale Geschlechter- Butler hat in Das Unbehagen der Geschlechter einen Topos fe-
verhältnis selbst Die Dominanz eines Geschlechts verbindet ministischer Theorie radikal in Frage gestellt, die Unterschei-
sich mit einem Wissenssystem, das die Differenzierung der
dung von sex und gender. Bis Anfang der 90er Jahre herrschte
zwei Geschlechter zu einer zentralen Kategorie der Wahrneh-
Einigkeit, daß der biologische34 Geschlechterunterschied, die
mung und des Denkens erhebt und sie über andere stellt Eine
biologische Zweigeschlechtlichkeit des Menschen als Säugetier,
bestimmte Qualifikation zu fordern, bedeutet auch, jene abzu-
zwar gegeben ist, aber nicht als Ursache für die gegenwärtige
weisen, die diese nicht haben. Darum gehört zur Kategorie des
soziale Stellung der Frauen und ihre typischen Geschlechtsei-
männlichen Subjekts, daß es sein Anderes geben muß. Die Lo-
genschaften gelten kann. Die biologische, scheinbar vom Men-
gik patriarchalen Denkens erfordert, daß es das Andere des
schen nicht verantwortete, binäre Geschlechtertrennung wird
Mannes, die Frau geben muß. Patriarchale Geschlechterbezie-
im patriarchalen Denken traditionell parallelisiert mit Zu-
hung und Geschlechterdimorphismus verweisen in solcher Be-
stimmung des einen durch sein Anderes aufeinander. Männer schreibungen von Stärke/Schwäche, Aktivität/Passivität, und
sind Subjekte und Subjekte sind männlich. In den Schriften fe- die neuzeitlichen epistemologischen Trennungen Geist/Körper,
ministischer Philosophinnen wird dieser Topos ausführlich be- Vernunft/Trieb, usw. werden dazu häufig in mehr oder weniger
arbeitet. 32 Für die Frauen als die Ausgeschlossenen aus dieser eindeutige Entsprechungsbeziehung gesetzt. 35 Wo Theorie und
geschlechtlich bestimmten Subjektposition hat dieses Motiv Praxis, Rationalität und Emotionalität, Selbstbestimmung und
eine besondere Brisanz, und so gewichten sie es anders. Beziehungsorientiertheit, Universalismus und Partikularismus
einander ausschließend gegenüberstehen und diesen Kategorien
Die scharfen Grenzen zwischen den zwei Geschlechtern auf- die Unterscheidung männlich/weiblich korrespondierend ge-
zuweichen, oder eine Vervielfältigung der Geschlechter13 sind fe- setzt wird, bestimmt das Geschlecht die individuelle und kol-
ministische Programme, die aus dieser Erkenntnis der Ver- lektive Lebensweise. Diese Verknüpfungen von sex und gender
schränkung von Macht, Diskurs und Wissenssystem mit den po- kritisch zu analysieren, ist daher Aufgabe feministischer Theo-
litischen Grundrechten unserer Kultur folgen. Die Geschlech- rie. Butler nimmt hier eine radikale Position ein. Sie weitet die-
terfrage und das Subjektthema hängen zusammen, weil letzteres se Kritik an patriarchalen Denkmustern zu einer am binären
mit Männlichkeit assoziiert ist. Denken überhaupt aus und hinterfragt die sex-gender- Unter-

3* Vgl. Duden 1991 a und 1991 b. 34 Die Verwendung des Wortes biologisch im feministischen Diskurs ist
32 Vgl. de Beauvoir 1968 oder Irigaray 1980 und 1991. Auch Fox Keller heikel. Biologisch wird in der Regel mit natürlich und naturgegeben
1986 und 1996 und Merchant 1987 gehen dieser Verbindung von Sub- gleichgesetzt, und es fehlt - nicht immer, aber bei Butler - die Reflexion
33 jekt und Männlichkeit in der Philosophiegeschichte nach. darauf, daß die Biologie als neuzeitliche Wissenschaft ein spezifisches
Beide Strategien werden in der feministischen Diskussion verfolgt, wo- Bild von Natur unterstellt, das naturphilosophisch kritisch hinterfragt
bei erstgenannte die ältere ist, da die Frauenbewegung ihren Anfang werden kann, vgl. Fox Keller 1986, Rehmann-Sutter 1996.
im Streit für gleiche Rechte nahm. Siehe Jaggar 1993. 35 Vgl. Fox-Keller 1986, Merchant 1987.

31 101
Scheidung als solche. Die Geschlechtertrennung stehe exempla- patriarchale Hegemonie durch ein plurales Denken zu unter-
risch für dualistisches Denken überhaupt. Wenn die Verbin- graben. Zwischen beiden Positionen gibt es zahlreiche Stand-
dung von sex und gender nicht zwingend ist, sei auch zu fragen, punkte. Butler vertritt jedoch letztere so klar, daß diese Grobs-
ob die Logik der Zweiteilung und Spezifik der Geschlechtscha- kizze vorerst ausreicht, ihren Ort anzugeben, der häufig mit
raktere überhaupt es ist Die Aufhebung der Geschlechterbina- dem Attribut differenztheoretisch bezeichnet wird.
rität und das Ende des binären Denkens hingen zusammen und Der Begriff Differenztheorie spielt in der feministischen
es gelte, das dualistische Denken als solches auszuhebein. Theorie eine leider unklare Rolle. Das Denken der differance,
Butlers Fundamentalkritik an der Unterscheidung von sex um das es Derrida geht, schließt an Überlegungen zu Identität
und gender stellt eine Marke im feministischen Diskurs dar. und Differenz an, wie sie Heidegger und später Adorno formu-
Wenn der Geschlechtscharakter nicht abhängig vom Geschlecht lieren. Differenzdenken bedeutet demnach, nicht etwas erken-
ist, vielmehr Frauen männliche Eigenschaften und Männer nen zu wollen, indem die Übereinstimmung des zu Erkennen-
weibliche tragen können, warum dann die sex-gentfer-Trennung den mit schon Bekanntem gesucht und es dann auf dessen Be-
aufrechterhalten? Diese Frage fordert dazu auf, die Bindungen griff gebracht wird. Erkennen sollte stattdessen im Wissen um
an (patriarchal-) dualistische Denkmuster zu lösen, die im wi- die Gefahr stehen, durch die Bezeichnung Ungleiches gleichzu-
derständig gemeinten feministischen Denken hausen und sei- setzen. Dem Nicht-identischen, Einzigartigen des Erkenntnis-
nem Ziel entgegenwirken, die Benachteiligung von Frauen (ent- objekts soll Aufmerksamkeit zuteil werden. 37 Im feministischen
weder Männern gegenüber oder auch in der Entfaltung nicht- Diskurs haben sich zwei verschiedene Formen von Differenzden-
stereotyper weiblicher Lebensformen) zu bekämpfen. Es geht ken entwickelt. Einerseits gelten die Mailänderinnen'8 als Diffe-
darum, wie patriarchale Denkmuster und Vorurteile inhaltlich renztheoretikerinnen, weil sie fordern, das Weibliche positiv
oder in der Form der Argumentation vermieden werden kön- zu denken, sich von ex negativo-Bestimmungen des Weiblichen
nen. In dieser Debatte plädieren manche Theoretikerinnen da- zu lösen und sich damit dem patriarchalen Denken zu verwei-
für, die geschlechtsbezogenen Parallelisierungen von Gegenbe- gern. 39 Andererseits gelten auch Feministinnen wie Judith But-
griffen wie Geist/Körper etc. als hegemoniale Zuschreibungen ler und Andrea Maihofer als Differenztheoretikerinnen, die
zu kritisieren. Sie denken, daß die Frage des sex mit den ande- keine positive Bestimmung des Weiblichen versuchen, sondern
ren Gegensatzpaaren nicht notwendig zu tun hat und separat die binären Raster der Zweigeschlechtlichkeit aushebeln und
betrachtet werden kann. Weibliche Subjektivierungs- und Le- das gleichmachende begriffliche Denken in Dualismen über-
bensweisen sind nicht durch die biologische Funktion des winden wollen. Für eine differenztheoretische Position in die-
weiblichen Körpers festgeschrieben, wenngleich auch nicht sem letzteren Sinn gibt es gute empirische und epistemologi-
ganz davon abzutrennen. 36 Andere sagen, das ganze binäre sche Gründe, die im Abschnitt zum wahrheitsrelativistischen
Denkmodell, das auf die cartesische Leib-Seele-Trennung zu-
rückgeht, trage patriarchalen Herrschaftscharakter. Die Verän-
derung der Geschlechterverhältnisse und der Denkweise hän- 37 Adorno/Horkheimer 1947 entwickeln diesen Gedanken als Sprach-
gen zusammen. Deren feministische Strategie besteht darin, die und Technik-Kritik. Adorno 1966 verfolgt ihn weiter und entfaltet
methodische Überlegungen zum Denken des Nicht-Identischen durch
die Negation begrifflicher Bestimmungen.
38 Die Donne di Milano, auch als Gruppe Diotima bekannt.
36 Moderne Empfängnisverhütungsmethoden und Reproduktionstechno- 39 Siehe dies., 1989. Solche Versuche, das Andere des Weiblichen gegen-
logien lassen die Abtrennung der körperlichen Funktionen von der Re- über dem Männlichen positiv festzulegen, affirmieren jene Zwänge des
produktion heute denkbar erscheinen, auch wenn die Freiheit, die da- gleichmachenden, identifizierenden Denkens, gegen die sich das Diffe-
durch möglich werden könnte, durch Abhängigkeit von Industrien renzdenken ursprünglich richtet. Zum Differenzdenken im beschriebe-
und Hochtechnologien erkauft wird, welche Feministinnen bisher nen Sinn gehört, die Differenz nicht als eine bestimmbare zu setzen,
eher wegen patriarchaler Denkweisen und Reflektionsmuster negativ sondern als prinzipiell sich entziehend oder plural. Der Ausdruck Dif-
auffallen. Siehe dazu Fox Keller 1986 und 1996 und Haraway 1996. ferenzdenken ist daher hier m. E. unpassend.

33 101
Denken entwickelt sind. Das bedeutet aber nicht, daß Butlers Weibliche in Abgrenzung vom Männlichen, lesbische kritisie-
Ziel der Vervielfältigung der Geschlechter die richtige Option fe- ren eben diese weibliche Selbstbestimmung ex negativo. Man-
ministischer Arbeit ist che Lesbierinnen reklamieren den Status eines dritten Ge-
schlechts. 40 Auch mediale Repräsentationen lesbischen Begeh-
rens und lesbischer Subjektivität zeigen diese Tendenz. 41 Les-
Verortung Butlers im feministischen Diskurs bische Diskurse nehmen so eine weitere Differenzierung in der
Gruppe Frauen vor, weil sie die Subsumtion unter das kollekti-
Eine Theoretikerin, die so vehement in der feministischen De- ve Subjekt Frauen verweigern, während manche Feministinnen
batte Stellung bezogen hat, kann und sollte zumindest auch an Lesbierinnen einfach diesem Kollektivsubjekt zurechnen. Der
ihrer Position in dem Diskussionsraum, in den sie sich einord- lesbische Diskurs bildet gegenwärtig über seine medialen Re-
net, gesehen werden. Darum will ich die Debatte, in die Butler präsentationen stärker als der feministische eine subalterne Ge-
mit ihren Texten eingreift, über die obigen Erörterungen zur genöffentlichkeit*2 Er ist weniger auf gleichberechtigte Einord-
sex-gender-Unterscheidung hinaus kurz vorstellen. nung in die gesellschaftlichen Strukturen ausgerichtet.
Die Bedeutung des Subjektthemas ist für jene besonders Butler versteht ihre Arbeiten als feministische und lesbische
groß, die sich, auch im wissenschaftlich-universitären Kontext, Texte, deren Ziel ist, queer-politics zu befördern. 43 In Das Unbe-
von der Subjektposition ausgegrenzt sehen. Hier gilt, wie in
der Anmerkung zur Bedeutung der Homosexualität Foucaults 40 Der Ausdruck drittes Geschlecht findet sich bei Magnus Hirschfeld,
und Butlers für ihre Herangehensweise ans Thema der Aus- 1904. Er ist aber im Zweifel, ob der Ausdruck günstig ist, und spricht
schließungen, daß eigene Erfahrung und Themenwahl zusam- bevorzugt von sexuellen Zwischenstufen (ders. 1919). Er weist die Be-
mentreffen und sich zum Vorteil kritischer Gesellschaftstheorie griffe Mann und Frau als Fiktionen zurück, denn kein Mensch verkör-
verbinden können. Betroffenheit, reale wie virtuelle, weckt die pere eindeutig ein Geschlecht. Edgar Bauer schreibt dazu: „Wie eine
nähere Analyse der Texte Hirschfelds zeigt, führt diese fiktionale Po-
kritische Analyse über gesellschaftliche und diskursive Macht. stulierung einer dritten Sexualalternative nie zur Verleugnung seiner
Butler betont die enge Verknüpfung des Themas Subjekt mit grundlegenden Einsicht, daß „alle Menschen [...] intersexuelle Varianten
dem des Geschlechts im patriarchalen Denken. Dabei ist ihr sind" (Hirschfeld zitiert nach Bauer 1998).
wichtig, daß die Grenzen und Hierarchien, die die Geschlech-
41 Vgl. die Buch- und Filmbezüge in Butler 1993 oder de Lauretis 1996.
42 Fräser 1996 zeigt, welche Bedeutung subalternen Gegenöffentlichkei-
tertrennung einzieht, nicht nur eindeutige Positionen von ten in hierarchischen Gesellschaften mit demokratischem Selbstver-
Weiblichkeit und Männlichkeit, sondern auch unlebhare Körper ständnis zukommt. Deren Ideal der gleichberechtigten Teilnahme aller
hervorbringen, wie sie sagt Dualistische Kategorien wie die am öffentlichen Diskurs bleibt in der Realität unerreichbar, weil die
des Geschlechts ordnen nicht einfach das was da ist, sondern gleiche Teilhabe aller eine Ausblendung realer Statusungleichheiten ist,
die eine Benachteiligung von Randgruppen mit sich bringt. In subalter-
schreiben fest, was überhaupt sein kann. Zur Geschlechterdiffe- nen Gegenöffentlichkeiten können sich diese Gruppen formieren und
renz gehört die Heterosexualität als Bezug der antipodisch auf- eine eigene Identität ausbilden, mit der sie am Diskurs gleichberechtig-
gefaßten zwei Geschlechter. Diese Festlegung schließt die aus, ter teilnehmen können. Fräser nennt beispielhaft die Diskursräume
deren Körper oder Beziehungs- und Liebesformen nicht einem der Frauen, Arbeiter, Farbigen, Schwulen und Lesben, 159-164.
43 Vgl. Butler 1996 zum outing „ Als Lesbe zu schreiben oder zu sprechen
eindeutigen Geschlecht oder dem heterosexuellen Gesetz ent- scheint mir wie ein paradoxer Auftritt dieses Ich, der sich weder echt
sprechen. Homosexuelle sind durch das Gesetz auf andere Wei- noch unecht anfühlt. Denn es ist eine Inszenierung, sich [...] zu einer
se ausgeschlossen als die Frauen. Sie sind nicht nur vom Sub- Identität zu bekennen oder in ihrem Namen zu schreiben, eine Insze-
jektsein ausgegrenzt, auch ihre Bezogenheit darauf ist nicht nierung, die - ist sie erst einmal produziert - manchmal die Funktion ei-
nes politisch wirksamen Trugbildes erfüllt" (15). Daß sich Identitäts-
klar. Für sie ist in dieser Ordnung kein Platz. kategorien bezogen auf einen selbst weder „echt noch unecht" anfüh-
Zwischen lesbischem und feministischem Diskurs ist darum len, weil wir uns nur mittels ihrer „begreifen" können, und damit eine
zu unterscheiden. Feministische Texte bestimmten oft das Eindeutigkeit zeigen und herstellen, in der wir uns nicht vollständig ge-
troffen finden, ist auch ein Motiv in Butler 1997 b.

34 101
hagen der Geschlechter analysiert sie radikal konstruktivistisch „Die Dekonstruktion der Identität beinhaltet keine Dekonstruktion
die Wirkungsweise von Ausschließungsmechanismen und setzt der Politik; vielmehr stellt, sie gerade jene Termini, iij denen sich die
die Zweigeschlechtlichkeit als primäre Kategorie der modernen Identität artikuliert, als politisch dar. Damit stellt diese Kritik den fun-
damentalistischen Rahmen in Frage, in dem der Feminismus als Identi-
Subjekterzeugung ein. Diese Lesart wendet sie in Körper von tätspolitik artikuliert wurde. [...] Würden die Identitäten nicht länger
Gewicht auch auf das Verständnis der konkreten körperlichen als Prämissen eines politischen Syllogismus fixiert und die Politik nicht
Erscheinungsformen und der materiellen physischen Unter- mehr als Satz von Verfahren verstanden, die aus den angeblichen Inter-
schiede der Geschlechter an. Dort und in Haß spricht erweitert essen vorgefertigter Subjekte abgeleitet werden, so könnte aus dem
Niedergang der alten eine neue Konfiguration der Politik entstehen.
sie ihre Perspektive aber auch um andere Kategorien, denn Die kulturellen Konfigurationen von Geschlecht und Geschlechtsiden-
nicht nur Geschlecht und sexuelle Lebensweise prägen die tität könnten sich vermehren, oder besser formuliert: ihre gegenwärti-
Konstruktion von Subjekten, vielmehr z.B. auch Hautfarbe und ge Vervielfältigung könnte sich in den Diskursen, die das intelligible
Rassebegriff. Die Geschlechtertrennung funktioniert innerhalb Kulturleben stiften, artikulieren, indem man die Geschlechter-Binarität
in Verwirrung bringt und ihre grundlegende Unnatürlichkeit enthüllt."
der Rassegrenzen wie über sie hinweg als ein je spezifisches (Butler 1990, 218).
Unterdrückungsmuster. Und die Kritik nicht-weißer, nicht-bür-
gerlicher Frauen am klassischen Feminismus und seinem Frau- Deshalb gilt Butler vielen als die Philosophin, die besonders '
en- und Unterdrückungsbild, war es, die den pluralen Ansatz radikal das Subjekt dekonstruiert, und entsprechend umstritten
in die feministische Theorie brachte. Butler geht auf diese Dis- sind ihre Schriften auch unter feministischen Theoretikerinnen
kussion explizit nur kurz ein, versteht ihre Subjekttheorie aber in den USA und Europa. 44 Ihre provokante Theorie des wider-
als mögliche Lösung dieses Streits um die Relevanz verschiede- ständigen Subjekts und seiner diskursiven Konstruktion erntet
ner Kategorien und ihrer Ausschließungsfunktionen, weil sie in der gegenwärtigen Diskussion Zustimmung 45 , aber auch hef-
gegen jede Form kollektiver Subjektbildung argumentiert und tigen Widerstand. 46
deren Auflösung Anstrebt. Butlers Positionierung in der feministischen Theorie läßt
In Haß spricht nimmt sie eine Positionsbestimmung vor, die sich am besten von der Zielbestimmung feministischer Arbeit
nahe der Sandra Hardings ist, bei der es heißt: her bestimmen. Die Diskussion ist geprägt von Uneinigkeit dar-
über, ob die Gleichheit der Geschlechter angestrebt werden
„Aber wenn Feministinnen von Männern erwarten, sich diesen Pro-
grammen (der Auseinandersetzung mit Misogynie und Patriarchat aus
soll, was bedeuten würde, an der gesellschaftliche Annäherung
feministischer Sicht, C.H.) zu verpflichten, dann müssen wir Femini- der Positionen von Frauen und Männern zu arbeiten, mit dem
stinnen (Frauen und Männer) uns in der gleichen Auseinandersetzung Ziel, daß die Geschlechterdifferenz sozial bald keine Rolle
als Weiße gegen Rassismus, als Heterosexuelle gegen Heterosexismus, mehr spielt. Oder ob nicht eine solche Zielsetzung letztlich be- ;
ökonomisch Uberprivilegierte gegen Klassenunterdrückung, Menschen
im Westen gegen Imperialismus engagieren [...]. Wir müssen verräteri-
deutet, vom Geschlecht abzusehen, und damit am patriarchalen
sche Programme im Dienste dieser anderen Projekte entwickeln, so
daß wir besser verstehen, wie wir disloyal gegenüber der Zivilisation
auf all die Arten sein können, die so dringend nötig sind." (Harding
44 Vgl. Benhabib et al. (Hg.) 1993, die Debatte verschiedener nordameri-
1994, 309). kanischer Philosophinnen über Butlers Thesen, oder auch die Ausgabe
von Feministische Studien Heft 2/93. Auch einige Beiträgen zum 8.
Diese Disloyalität gegenüber der Zivilisation und ihren Katego- Symposium der Internationalen Assoziation der Philosophinnen 1998
in Boston spiegelten die ambivalente Rezeption der Arbeiten Butlers.
rien und Subjektkriterien ist auch das Ziel Butlers. Sie will das 45 Feministische Theoretikerinnen wie Maihofer (dies. 1995) oder Scott
moderne Subjektideal mit seiner starren Charakter- und Identi- (dies. 1992) arbeiten mit einem dekonstruierten Subjektbegriff.
tätsfixierung zugunsten einer Vielzahl wechselnder Identitäten, 46 Die Schwachpunkte der Theorie Butlers werden verschieden lokali-
die Individuen annehmen können, auflösen, ohne jedoch die siert und beurteilt. Manche loben die neuen Überlegungen, die sie aus-
gelöst hat, doch die meisten Interpretinnen üben auch mehr oder weni-
Politik selbst aufzulösen. ger fundamentale Kritik, wie etwa: Benhabib 1993 a und b, Cornell
1993 a und b, Fräser 1993 a und b, Harding 1994, Landweer 1993 a
und b, und auch Lorey 1993 und 1996 und Maihofer 1995.

36 101
Ideal der Einheitlichkeit, die sich stets am männlichen Vorbild ein, um in Rosenbergers Begriffen zu bleiben. Die Frage der
ausrichtet, festzuhalten. Geschlechtlichkeit als zentrale Katego- Funktionalisierbarkeit ihrer Widerstandskonzeption für die Er-
rie aufzulösen, könnte vielmehr eher erreicht werden, wenn haltung patriarchaler Strukturen wird sich im Zuge der Rekon-
Geschlechter nicht länger an überkommenen Differenzierungen struktion ihre Thesen im weiteren stellen.
und Zuschreibungen entlang thematisiert werden. Sieglinde Ro- Die feministische Kritik an Butler richtet sich vor allem ge-
senberger hat in Geschlechter, Gleichheiten, Differenzen*7 die gen ihren Konstruktivismus. Sie behauptet, daß die Geschlech-
Vorzüge und Probleme von Gleichheit und Differenz als Ziel terdifferenz auch als körperliche ein Produkt gesellschaftlicher
feministischer Politik herausgearbeitet und gezeigt, daß jede Zuschreibungen, eine diskursive Produktion ist Diese Sicht ist
dieser Strategien alleine Gefahr läuft, den Einverleibungstakti- vor allem mit dem Einwand konfrontiert, daß es doch reale,
ken patriarchaler Besitzstandswahrung zum Opfer zu fallen. 48 physische Geschlechterunterschiede gibt, und daß diese als ma-
Feministische Theorien untersuchen mit verschiedenen Heran- teriell-körperliche doch nicht Produkte des Denkens und Spre-
gehensweisen und aus unterschiedlichen Perspektiven die Funk- chens seien. 50 Mit der Bedeutung und Materialität des Körpers
tion, Herkunft und Bedeutung des Geschlechterdimorphismus, befaßt sich Butler in Körper von Gewicht Es geht ihr darin um
seine Prämissen, Bedingungen und Folgen. 49 Judith Butlers die diskursive Erzeugung von Körpern, mit Gewicht im doppel-
wahrheitsrelativistische Prämissen und ihre Kritik am Identi- ten Sinne von materieller Wirklichkeit und sozialem Ge-
tätsdenken führen sie dahin, eine Vielfalt geschlechtlicher Le- wicht 5 1 Sie entwickelt die These der performativen Produziert-
bensformen zu fordern. Sie nimmt also eine Differenzposition heit von Materialität und fordert die diskursive Vervielfältigung
der Geschlechter.

47 Rosenberger 19%.
Auf Gleichheit und Geschlechtsneutralität als typisch patriarchale
Denkmuster zu setzen, ist nach Rosenberger nur dann politisch aus- Butler und Foucault
sichtsreich, wenn dabei Frauen besonders gefördert werden, da sie
sonst als de facto nicht gleichermaßen Partizipierende benachteiligt Butler wirft Fragen neu auf, die Foucault als Konsequenz seiner
bleiben. Gleichheit ist deshalb nur in Verbindung mit einer Politik der kritischen Subjektthematisierungen in Die Ordnung der Dinge
Differenz, mit Quoten und Sondergesetzen, eine aussichtsreiche Op-
tion (170 ff.). Ausschließlich auf Differenz zu setzen, die besondere und Archäologie des Wissens offen läßt- Sie fragt, was Menschen
Lebenssituation und Erfahrung von Frauen zum Ausgangspunkt zu wissen können, und wie die Genese des Subjekts und seine Be-
machen und die gleiche öffentliche Wertschätzung dieser anderen Le- ziehung zur Macht abstrakt zu verstehen ist. Foucault erklärt
bensweisen zu fordern, birgt hingegen das Risiko, daß solche von den nicht, wie Macht Subjekte erzeugt, weil dies seines Erachtens
Frauen selbst vorgenommene Segregation ihre öffentliche Marginalisie-
rung und Ghettoisierung noch erleichtert. Partizipation von Frauen nur unter Rekurs auf metaphysische oder anthropologische Prä-
erfolgt so leicht in faktisch separierter Weise, z.B. in sogenannten missen möglich wäre und mit universellen Erklärungsansprü-
Frauenberufen (227 ff.). Das Differenzdenken dient den Frauen nur, chen verbunden, die er ablehnt Er analysiert das Phänomen
wenn es sich mit einer Umorientierung hin zu einer Gleichbewertung des modernen Subjekts und seiner Genealogie an spezifischen
verschiedener Tätigkeitsfelder, mit anderen Idealen gesellschaftlicher
Partizipation und Anerkennung verbindet. historischen Diskursen, wie jenem zur Geburt des Gefängnis-
Die Frage, ob Feminismus einen perspektivischen Standort erfordert, ses;52 Am überlieferten Textmaterial zeigt er, wie in den Macht-
ist umstritten. Theoretikerinnen, die zur Chancengleichheit als Ziel
des Feminismus tendieren und die Lösung der Geschlechterproblema-
tik als Gerechtigkeitsfrage verstehen, lehnen die Situiertheit als Aus- 50 Siehe z.B Landweer 1993 b. Aber selbst wenn auch das Leiberleben
gangspunkt häufig ab, siehe z.B. Benhabib 1993. Theoretikerinnen wie diskursiv und sozial konstruiert wäre, müßten die lebenden Frauen in
Haraway (siehe dies. 1988) oder Harding (siehe dies. 1993) halten die und mit diesen geschlechtlich konstruierten Körpern leben und sich
Situierung des Denkens und des Sprecherinnenortes für unverzichtbar politisch befreien, so Maihofer 1995.
für erfolgreiche feministische Theorie und Politik, gerade wenn und 51 Siehe Elise Kisslings Rezension zu Butler 1993, Kissling 1994.
weil es nicht einen Feminismus geben kann und soll. 32 So der Untertitel von Foucault 1975.

101
38
gefügen der modernen Disziplinardiskurse die Formierung des Butler definiert die Terme Individuum und Subjekt, die Fou-
modernen Subjekts thematisiert und gesellschaftlich wirksam cault gleichbedeutend gebraucht, in Abhängigkeit voneinander: j
wird. Auf dieser konkreten Ebene stellt sich der Prozeß der
Subjektivierung als Übernahme einer konkreten Fremdzuschrei- „The subject is sometimes bandied about as if it were interchangeable
with the person or the individual The genealogy of the subject as a cri-
bung dar: Die Gefangenen werden von den Aufsehern als Indi- tical category, however, suggests that the subject, rather than be identi-
viduen, die eine Seele, einen Charakter und ein Gewissen ha- fied strictly with the individual, ought to be designated as a linguistic
ben, gesehen und als solche kontrolliert Diese Beobachtungs- category, a placeholder, a structure in formation. Individuals come to
perspektive motiviert die Gefangenen, sich selbst aus dieser occupy the site of the subject (the subject simultaneously emerges as a
Perspektive ihrer Wärter zu sehn. Ihre Absicht mag dabei sein, site), and they enjoy intelligibility only to the extent that they are, as it
were, first established in language. The subject is the linguistic occasion
durch diese Perspektivenübernahme die Überwachungsabsich- for the individual to achieve and reproduce intelligibility, the linguistic
ten durchkreuzen zu können. Doch im Effekt führt diese Weise condition of its existence and agency. No individual becomes a subject
der Beobachtung der Gefangenen als Subjekte, weil sie sie stra- without first becoming subjected or undergoing subjectivation [...] It
tegisch übernehmen, dazu, daß sie sich reflexiv auf sich als makes little sense to treat the individual as an intelligible term if indivi-
duals are said to acquire their intelligibility by becoming subjects. Para-
Subjekte beziehen. Die bestimmte Fremd- und Selbstbetrach- doxically, no intelligible reference to individuals or their becoming can
tung erzeugt jene Form der Selbstbezugnahme als Subjekt, die take place without prior reference to their status as subjects. The sto-
für die Disziplinargeseilschaft typisch ist und in ihr weitergege- ry, by which subjection is told is, inevitably, circular, presupposing the
ben, verinnerlicht und gelebt wird. very subject for which it seeks to give an account" (Butler 1997 a, 10).

Eine solchermaßen konkrete Antwort ist Butler zu wenig all- Sie verwahrt sich gegen die undifferenzierte Verwendung der
gemein. Besonders nach der Kritik an ihren Büchern Das Unbe- Begriffe Individuum, Person und Subjekt und betont, daß die
hagen der Geschlechter und Körper von Gewicht will sie systema- Genealogie des Subjekts als kritischer Kategorie, mit Subjekt
tisch erklären, wodurch die Individuen als Subjekte der Macht, eine linguistische Kategorie, eine paradoxe Formationsstruktur
die sie hervorbringt und konstituiert, Widerstand leisten kön- bezeichnet. Denn es dürfe kein Subjekt unterstellt werden, das
nen. Dazu analysiert sie, wie sich die produktive Macht von die Internalisierung der Macht vollzieht, wenn die Erzeugung
außen nach innen und wieder nach außen zurückwendet. An dieses Subjekts selbst erst durch diese Internalisierung erklärt
Subjekten ist für sie konstitutiv, daß sie die sprachlich-kogniti- werden soll, und doch zwingt die Grammatik zu einer solch pa-
ven Barrieren, die die Vielfalt und Freiheit der individuellen radoxen Formulierung. Diese Figur der Subjektbeschreibung
Lebensmöglichkeiten begrenzen, dekonstruieren und neu be- entspricht jedoch der Struktur der Selbstreferentialität des Sub-
stimmen können. Die Kritik am Identitätsdenken, die sie in jekts und darum ist sie trotz ihrer scheinbaren Widersprüch-
Subjects of Desire philosophiehistorisch entwickelt, greift sie in lichkeit nicht sinnlos (4). Individuen können den Platz des un-
Das Unbehagen der Geschlechter auf, um die Fixierung der Indivi-
terworfenen und zugleich Sprech- und handlungsfähigen Sub-
duen auf eine stabile Identität zu kritisieren. Das bürgerliche
jekts einnehmen. Sie werden nur erkennbar und verständlich,
Ideal des konsistenten Ich und festgefügten Charakters ist eine
wenn sie in dieser Weise in die Welt sprachlicher Verstehbar-
Machtwirkung, jedoch keine totale. Die einzelnen können sich
keit eintreten. Der Begriff des Individuums soll den des Sub-
innerhalb des gesetzten Rahmens anders definieren und sich so
jekts überstagefL Er bezeichnet die Besonderheit und Einzigar-
den heteronomen Zwängen der Diskurs- und Machtstrukturen
tigkeit konkreter Individuen- Allerdings ist zugleich das Indivi-
widersetzen. In Butlers Texten Körper von Gewicht, Haß spricht
duum nur als Subjekt erkennbar, und diese Subjektposition faßt
und The Psychic Life of Power geht es darum, warum Subjekte
Butler als abstrakt linguistische Funktion.
diese Möglichkeit haben, wie sie sie umsetzen können, und daß
auch bei gelungener Selbstbestimmung kein Glückszustand stil- Wie Butler das Subjekt und seine Genese versteht, soll im /
ler Selbstzufriedenheit erreicht wird. Unterschied zu Foucaults Konzeption genau nachgezeichnet
werden, damit deutlich wird, ob die behauptete Differenz von ;

40 101
Subjekt und Individuum in ihrer Theorie mehr ist als ein ab- arbeitet Die m. E. interessantesten und einflußreichsten haben
strakt Imaginäres, eine unterstellte Einzigartigkeit, die begriff- Judith Butler und Wilhelm Schmid 33 vorgelegt Letzterer hat
lich prinzipiell nicht eingeholt werden kann. Denn in The Psy- jedoch die Frage von Unterwerfung und Widerstand nur am
chic Life of Power hängt an dieser begrifflichen Differenzierung Rande behandelt und stattdessen Foucaults späte Schriften von
Butlers Widerstandskonzept. Sie setzt etwas am Subjekt voraus, der Antike her gelesen und eine Ethik der Lebenskunst daraus
das die festgefügten Begriffe übersteigen und ihre Bedeutungs- entwickelt Wegen der damit verbundenen Abwertung der Be-
horizonte verändern kann, jenes Individuelle. Doch wenn das deutung heteronomer Strukturen für die Subjektwerdung halte
Individuum nur als konkrete Ausgestaltung der Subjektposition ich diese Lesart, so interessant sie ist, für unangemessen, was
verständlich ist, fragt sich, wie dieses Mehr sich zeigt Das Foucaults Subjektkonzeption angeht und befasse mich im fol-
Individuum kann nur begriffen werden, soweit Begriffe seine genden nicht näher damit Umso mehr setze ich mich mit But-
Eigenschaften und sein Sosein bezeichnen. Diese Begriffe aber lers Arbeiten auseinander, weil in der Spannung zu ihrem Mo-
sind notwendig allgemein und nicht individuell. Das, was das dell individueller Handlungsfähigkeit besonders deutlich wird,
Individuum ausmacht, können Begriffe nicht erfassen. Es , müßte wie das praktische, politische Subjekt nach Foucault konzipiert
also einen Rest geben - etwa das Nichtidentische des Subjekts, werden sollte.
wie Adorno dieses Moment nennt -, das in den Begriffen nicht
enthalten ist und daher auf der Sprachebene untergeht, von
^em aber deutlich werden müßte, wie es sich dennoch offen-
bart Diese skizzenhaften Überlegungen deuten schon an, daß Geteilte Ausgangsthesen Butlers und Foucaults
der Status des Begrifflich-Diskursiven in Butlers Theorie für
Es ist nicht nur die häufige Bezugnahme Butlers auf Foucault,
die Klärung ihrer Subjektkonzeption entscheidend ist Denn es
die es nahelegt, beider Arbeiten zum Subjekt zusammen zu le-
steht in Frage, ob es darin Raum für Nicht-Begriffliches gibt,
sen, vielmehr sie teilen einige zentrale Ausgangstheoreme, die
wovon die Widerständigkeit der Subjekte abhängt
auch für diese Arbeit zum Paradox der Subjekts wichtig sind.
Die genannten Probleme, die für diese Untersuchung zum
Beide gehen davon aus, daß Strukturen der Ein- und Aus-
Subjektbegriff sehr relevant sind, ergeben sich unter anderem
schließung die Subjektwerdung lenken. Bestimmtes wird dis-
daraus, daß Butler die Genese des Subjekts allgemein und ab-
kursiv konfiguriert, indem Kriterien und Grenzen des Vorstel-
strakt untersucht Foucaults Beschränkung auf konkrete histori-
lens und Benennens wirken, ohne daß es ein Subjekt gäbe, das
sche Diskurse enthebt ihn mancher dieser Probleme. Allerdings
sie gesetzt hat Solche Mechanismen der Ein- und Ausschlie-
hat er auch zentrale Begriffe zum Subjektkonzept nicht ausge-
ßung arbeitet Foucault in vielen materialen Untersuchungen
führt. Butler kritisiert ihn deshalb, wenn sie in The Psychic Life
heraus, z.B. in Wahnsinn und Gesellschaft. Darin zeigt er, wie
of Power sagt, sie verfolge das Ziel, Foucaults ungeordnete The-
die spezifisch moderne Abgrenzung der Normalität von Krank-
sen zur Genese des Subjekts systematisch auszuführen:
heit bzw. Wahnsinn die Beurteilungskriterien des Subjektseins
„Although Foucault identifies the ambivalence in this formulation, he prägt, die moderne Subjekte an sich selbst und andere anlegen.
does not elaborate on the specific mechanisms of how the subject is Butlers Theorie fußt auf der Evidenz der Diskurs- und
formed in submission. Not only does the entire domain of the psyche Machttheorie Foucaults, Theoremen zur Performativität der
remain largely unremarked in his theory, but power in this double va-
lence of subordinating and producing remains unexplored." (2) Sprache und Semiologie, die sie Derrida, Althusser und Austin
entlehnt, und der Freudschen Topografie der Psyche. Sie ver-
Foucaults Subjekttheorie ist nirgends systematisch ausgeführt bindet Foucaults These der Produktivität von Diskurs- und
Er selbst beläßt es in wichtigen Punkten bei Andeutungen. Machtverhältnissen mit der sprachphilosophischen Rekonstruk-
Doch haben einige Arbeiten anderer Philosophinnen und Philo-
sophen das aktuelle Subjektthema in Anschluß an Foucault be- 53 Schmid 1987 und 1991 a.

43 101
tion illokutionärer" und perlokutionärer • Sprachwirkungen. Die Zwänge problematisiert, sich als Individuum/Subjekt in vorge-
performative Kraft, die der Sprache innewohnt, ist demnach das fertigte Muster und Normen einzufügen oder nicht zum Kreis
fundamentale Konstruktionsprinzip von Wirklichkeit Sie will der Subjekte zu gehören. Butlers dekonstruktive Kritik des
diskursphilosophisch explizieren 54 , was Foucault meint, wenn Identitätsdenken ist, wie auch Foucaults Kritik des modernen
er sagt, daß Macht produktiv sei und von einer Vielfältigkeit von Subjektdenkens, mit epistemologischen und moralisch-prakti-
Kräfteverhältnissen spricht 5 5 Sie spitzt den Gedanken, daß schen Einwänden begründet.
Machtverhältnisse diskursiv erzeugt sind, so zu, daß im Ergeb- Diese Verknüpfung von theoretischer und praktischer Philo-
nis das Modell einer zwar brüchigen und nicht identitätslogisch sophie mit Politik hat mit Foucaults Philosophieverständnis zu
fixierten, aber juridisch-diskursiven Konstruktion des Subjekts tun. Er versteht Philosophieren als die Arbeit von Intellektuel-
steht Eine Figur, die Foucault gerade vermeiden wollte.
len, die einer Politik der Wahrheit verpflichtet sind.
Butler ist es wichtig, als theoretische Schwäche und repres-
sivsten Zug des klassisch-modernen Subjektdenkens die Idee „Das fundamentale politische Problem der Intellektuellen [...] besteht
der Identität des Subjekts aufzuweisen. Sie bearbeitet verschie- darin, herauszufinden, ob es möglich ist, eine neue Politik der Wahr-
heit zu konstituieren. Nicht die Veränderung des Bewußtseins der
dene Kritiker des identitätsorientierten Hegelianischen Subjekt- Menschen oder dessen, was in ihren Köpfen steckt, ist das Problem,
begriffs und formuliert dann ihre Überlegungen dazu praktisch- sondern die Veränderung des politischen, ökonomischen und institutio-
philosophisch als Patriarchatskritik aus. Sie stellt das moderne nellen Systems der Produktion von Wahrheit. Es ^elit nicht darum, die
Ideal der weder von außen noch von innen bedrohten Identität Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien - das wäre ein Hirn-
gespinst, denn die Wahrheit selbst ist Macht - sondern darum, die
des Subjekts, das alles mit sich gleichnamig macht, radikal in
Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher, ökonomischer und kultu-
Frage und schließt damit an Foucaults epistemologische Kritik reller Hegemonie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam
des transzendentalen Subjektdenkens in Die Ordnung der Dinge ist" (Foucault 1978 3,54). """
an. Seine Kritik bezieht sich auf die logische Unmöglichkeit,
sich reflexiv auf sich zu beziehen, weil das Ich der Bezugnahme Die politische Bedeutung theoretischer Arbeit liegt für Fou-
nicht das gleiche sein kann, wie das reflektierende. Butler refe- cault und für Butler darin, über die Historizität und Wirkungs-
riert dazu auf Derridas Begriff der strukturellen Verspätung. weise von Diskurs- und Machtpraktiken aufzuklären, und so
die Strategien der hegemonialen Machtverhältnisse zu stören
„Diese Begriffe des ursprünglichen Aufschubs [differance) und der und sich selbst und. andere...von deren Zwängen kognitiv freizu-
Verspätung, lassen sich unter der Autorität der Identitätslogik und so- setzen. Es geht also durchaus klassisch um Aufklärung und kri-
gar unter der des Zeitbegriffs nicht denken. Die Absurdität selbst, die
sich auf diese Weise in den Themen kundtut, veranlaßt, vorausgesetzt
tische "Perspektiven. Allerdings liegt beiden die Befreiung un-
sie organisiert sich in einer bestimmten Weise, das Jenseits dieser Logik terschiedlicher Personengruppen besonders am Herzen. D i e )
und dieses Begriffs zu denken" (Derrida 1976, 311). Ausgeschlossenen, Nicht-Repräsentierten, an die sie denken, sind /
für Foucault vor allem Geisteskranke, Straftäter und Perver-'
Sie beruft sich auf Foucault, wenn sie das Identitätsdenken aus se 5 6 , während Butler die Frauen, heterosexuelle und insbeson- )
praktisch-politischer Sicht kritisiert Denn er hat besonders die dere lesbische 37 , im Blick hat Beide wollen die Grenzen über- i

54 Besonders in Butler 1997 b, wo sie am Material konkreter performati- s6 Foucaults Interesse galt den infamen Menschen, die in der Regel nicht
ver Akte, exemplarisch an Gerichtsverhandlungen und dem Verständ- Gegenstand historischer, psychologischer und philosophischer Analy-
nis und Gebrauch des Konzepts Performativität, das sich dort zeigt, sen sind. Vgl. auch Fink-Eitel 1989,114 f.
die Performativität der Sprache illustriert. 57 Wobei Butler die Diagnose Geisteskrankheit oder Perversion im Falle
55 Foucault 1976 a, 113-118. „Die Machtbeziehungen bilden nicht den lesbischer Frauen zurückweist. Sie argumentiert, daß das Ab- und Be-
Uberbau, der nur eine hemmende oder aufrechterhaltende Rolle spielt grenzen die spezifische Wirkungsweise von Diskurs- und Machtver-
- wo sie eine Rolle spielen, wirken sie unmittelbar hervorbringend" hältnissen sei, die stets Ausschließungen nicht-lebbarer Körper zur Fol-
(ebd., 115). ge hätten, Butler 1993,16 f. und 1996,18 f.
45 101
schreitbar machen, die diesen Gruppen durch die gegenwärti- tung seines Willens bildet. Deshalb gibt es kein Ich, das hinter dem Dis-
gen Diskurs- und Machtverhältnisse gesetzt sind. 38 Sie wollen kurs steht und seine Volition oder seinen Willen durch den Diskurs
anders denken und anders leben können und verstehen philoso- vollstreckt. Das Ich entsteht vielmehr nur dadurch, indem es gerufen
phische Tätigkeit als praktisch-politische Aktivität: , wird, benannt wird, angerufen wird, um den Althusserschen Ausdruck
zu verwenden und diese diskursive Konstituierung erfolgt, bevor das
Ich da ist; es ist die transitive Ausführung des Ichs (Butler 1993, 298).
„Philosophie ist Aktivität. Denn Philosophie ist eine Bewegung, mit de-
ren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne
Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt, und nach Das identische Subjekt, das Ich von sich sagt, wird als Effekt
anderen Spielregeln sucht. [Sie, C.H.] ist jene Verschiebung und Trans- von Diskurs- und daran geknüpften Machtverhältnissen verstan-
formation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und den. Seine Vorstellung von sich als Ich, ihm mit den Zwängen
all der Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, um anderes zu
machen und anders zu werden als man ist" (Foucault 1984 a, 22). zur Subjektwerdung abgerungen und als Chance zur Selbster-
mächtigung angeboten, erklärt sich aus der Sprache, die diese
Befreiung für und durch Philosophie heißt, sich gedanklich zu Logik des Subjekts erzwingt und es im konkreten Sprechakt er-
den diskursiv und sozial vorgefertigten, hegemonialen Lebens- zeugt. Auch Foucault thematisiert die Objektivierung und Pro-
und Subjektivierungsweisen, welche die etablierten Machtver- duktion von modernen Subjekten durch Diskurse und Tei-
hältnisse aufzwingen, zu lösen. Diese konkreten Machtverhält- lungspraktiken 39 , doch setzt er als deren Konstitutionsfaktoren
nisse bilden deshalb auch beider Ausgangspunkt Machtverhält- nicht nur die Diskurs- und Machtverhältnisse an, sondern auch j
nisse existieren für die einzelnen stets in historisch geronnener das Selbst des Subjekts und seine materielle Körperlichkeit ;
Form, als gegebene sprachliche und gedankliche Strukturen. Der Status diskursiver Zwänge ist in beider Theorien unter-
Diese festgefügten Muster der Sprache und des Denkens struk- schiedlich, und darum beantworten sie die Frage anders, wie
turieren den diskursiven Prozeß jeder individuellen Subjekt- sich das Subjekt von den heteronomen Vorgaben, eine normge-
werdung und damit die Lebens- und Erfahrungsmöglichkeiten rechte, stabile Ichidentität zu entwickeln, befreien kann.
einer und eines jeden. Diese Uberzeugung teilen Butler und Butler übernimmt von Foucault die Vorstellung, daß Wissen
Foucault, obgleich diese sprachlichen Zwängen in ihren Theo- und Macht zusammenwirken, daß sie, wie Foucault in Der Wil-
rien nicht den gleichen Stellenwert besitzen. Butler bestimmt le zum Wissen schreibt, zum Komplex des Macht-Wissens ver-
das Verhältnis von Ich und diskursiven Prozessen wie folgt: schmelzen. Eine solche Form des Machtwissens ist nach Fou-
cault z.B. das Geständnis. Denn auf das Geständnis, als Bezie-
„Wo ein Ich vorhanden ist, das sich äußert oder spricht und damit eine hungsfigur der christlichen Beichtpraxis entlehnt, beziehen sich
Wirkung im Diskurs erzielt, da ist zuerst ein Diskurs, der dem Ich vor-
hergeht und es ermöglicht und in der Sprache die zwingende Stoßrich-
heute verschiedene einflußreiche Wissenspraktiken. Die Macht-
verteilung in der Beziehung zwischen Beichtvater und Beicht-
kind, Psychiaterin und Patient, Sozial- oder Sexualforscherin
38 Daß beide zumindest einem Teil der Gruppen angehören, denen ihr und untersuchter Personen-, bzw. Symptomgruppe, ist stets so,
Befreiungsinteresse gilt, also Foucault homosexuell war und sich dazu daß Subjekt der Beziehung die Person ist, die das Geständnis
auch ab den 70er Jahren öffentlich äußerte, und Judith Butler lesbisch anhört, während die Beichtkinder Sprachrohre sind, die die
ist, erklärt dies Parteinahmen. Es wäre jedoch ein in seiner Bedeutung Wahrheit über sich nur durch Vermittlung Wissenden sagen
für sozialkritische Theorie kaum zu überschätzendes Mißverständnis,
wegen dieser Betroffenheit die Bedeutung ihrer kritischen Auseinan- und erfahren können. Die Gegenwart und Filterung des Gesag-
dersetzungen mit Ausschließungsmechanismen abzuwerten. Betroffen- ten durch unbeteiligte Richter macht in diesen Szenarien Selbst-
heit ist, zumindest als Anfangsimpuls der Beschäftigung mit einem be- erkenntnis erst möglich. Wirkliches Wissen entsteht nur, wenn
stimmten Thema, wahrscheinlich die Voraussetzung dafür, es nicht di- die Distanz von Erleben und Wissen gewahrt bleibt, wenn die
stanziert und bloß konventionell fassen zu können. Und jene Distanz,
welche die Reflexion zwischen den Affekten persönlicher Betroffen-
heit und sozialkritischem Denken einzieht, ermöglichst überhaupt erst
die Bearbeitung konkreter Benachteiligungsstrukturen. 59 Siehe dazu die Ausführungen in der Einleitung zu Foucault 1987, 243.

46 101
wissende Person und das Objekt ihres Wissens zwei getrennte Körperliche Subjekte
Individuen sind. Nur die Macht, die sich als Trennung von
Subjekt und Objekt formiert, erlaubt in der Moderne die Er- Für Foucault ist der Körper Ausgangspunkt des Widerstandes
zeugung anerkannten Wissens. 60 Solches Wissen aus Distanzie- gegen die hegempnialen Machtstrategien der Moderne. Ohne
rung und Vermittlung problematisiert Foucault, ohne allerdings die Fähigkeit der Individuen zum Widerstand wäre nach But-
Alternativen außer der Beschränkung der kritischen Wissenser- lers, Foucaults und auch meiner Uberzeugung die Rede vom
zeugung auf konkrete, materiale Diskurse anzugeben. Eine Ein- Subjekt sinnlos und ebenso das _ Projekt einer Subjekttheorie.
schränkung, die Butler bezüglich der Konstitution von Subjek- Daß der Körper 62 dafür eine wichtige Rolle spielt, gestehen die
ten programmatisch nicht mitvollzieht. meisten Interpretinnen und Interpreten mehr qder weniger
Auch die Annahme, daß die Genealogie und Analyse der do- zu.**3 Diese genauer zu analysieren und in den Foucaultschen
minanten Diskurse ein wichtiges Instrument ist, um die herr- Begriffen auszubuchstabieren, hat bisher jedoch niemand unter-
schende Episteme und die Wissensobjekte, auf die sich Wissen nommen. Das liegt auch daran, daß Foucault selbst zu diesem
und Reflexion beziehen, zu erkennen, ..{eilen beide. Sie sehen Körperbegriff wenig ausführlich und konkret ist Er schreibt
darum die Installierung von Diskursen und ihre Kontrolle als zwar in Der Wille zum Wissen.
ein effektives Instrument der Macht und Gegenmacht, aller-
dings Butler als das einzige, Foucault als eines von mehreren. „Man muß sich von der Instanz des Sexes freimachen, will man die Me-
Butler nimmt wie Foucault an, daß es kein absolutes Wissen chanismen der Sexualität taktisch umkehren, um die Körper, die Lüste,
die Wissen in ihrer Vielfältigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen die
gibt, vielmehr daß das Wissen und die Wahrheiten einer Ge- Zugriffe der Macht auszuspielen. Gegen das, SexuaUtätsdispositiy. „kann
sellschaft machtgeleitete Konstrukte sind. 61 Um herauszufin- der Stützpunkt des Gegenangriffs nicht das Sex-Begehren sein, sondern
den, wie das Ideal des selbstidentischen Subjekts zustande die Körper und die Lüste" (187).
kommt und wie es Subjekte formt, hinterfragt sie die Formatio-
Doch über eine Nennung der Körper und Lüste als Ausgangs-
nen von Wahrheit und Wissen, die mit Subjektivierung/Unter-
punkt des individuellen Widerstandspotentials der Subjekte jge-
werfung verbunden sind, und erörtert die Implikationen be-
gen die Normierungszwänge kommt er weder an dieser noch an
stimmter Denk- und Begriffsmodi und -inhalte.
anderen Stellen wesentlich hinaus, so daß diese Sätze Floskeln
Foucaults Subjekttheorie über die Interpretation und die
zu bleiben drohen. 64 Die Widerstandsmöglichkeit, deren Cha-
Einschreibungen, die Butler daran vornimmt, darzulegen, be-
rakter, Wirkungsweise und Herkunft, bleiben unbestimmt
tont zwei Aspekte seines Subjektdenkens, die mir besonders
Weder Judith Butler noch Wilhelm Schmid setzen ihre Über- .
wichtig sind: { Das historisch-verortete Denken der Genealogie
legungen beim Körper und den Lüsten an, obgleich auch sie
und die zentrale Bedeutung des Leibes in seiner konstitutiven j
auf obiges Zitat und auf Foucaults Rede vom Körper als An-
Rolle für dic.Entwicklung des Subjekts als widerständigem. '
satzpunkt der Machttechniken Bezug nehmen. Das Problem,
den Körper als Widerstandspunkt zu setzen - und das läßt sich
an Butlers Theorie gut entwickeln - liegt darin, daß der Körper
Ausgeführt in Foucault 1976 a, Kapitel III.
Butler 1987, 218: „In a political elaboration of structuralist premises,
Foucault argues, that (a) language is always structured in a specific hi- 62 Im Französischen gibt es für beide Begriffe nur das Wort corps, so daß
storical form and is, therefore, always a kind of discourse, and (b) that die in der Phänomenologie eingeführte Unterscheidung von Leib und
this discourse invariably recapitulates and produces given historical re- Körper nicht nachgebildet werden kann. Die Übersetzerinnen und
lations of power, and (c) these power-laden discourses produce desire Übersetzer Foucaults gebrauchen im Deutschen beide Worte.
through their regulatory practices." Gegen diese Kennzeichnung als 63 Siehe z.B. Dreyfus/Rabinow 1987,198, Habermas 1988, 332.
Strukturalist hätte sich Foucault allerdings verwahrt, siehe Foucault 64 Die Ausnahme sind hier Deleuzes Notizen über Gespräche mit Fou- •
1974, 16 f, wo er sagt, daß er die Entgegensetzung von Struktur und
cault und seine Gedanken dazu: Lust und Begehren,, Deleuze 1996, gibt i
Geschichte für unfruchtbar hält.
einigen Aufschluß über die Bedeutung des Wortes Lust für Foucault.

49
aus Sicht der Diskurs- und Machttheorie immer nur eine Kon- von diesen Einschreibungen Butlers befreit Doch für dieses
struktion ist, ebenso wie das Subjekt selbst Es sind also zwei umständlich scheinende Verfahren der Rekonstruktion einer
Fragen gleicher Struktur zu behandeln: Wie können konkrete Subjekttheorie mit Foucault gibt es m. E. gute Gründe.
Subjekte als sozialisierte Produkte von Diskurs- und Machtver- Der eine ist, daß eine frontale Interpretation suggerieren
hältnissen ein kritisches Bewußtsein ihrer Situation entwickeln? würde, es könne eine geschlossene Subjekttheorie der Gegen-
Und wie kann der Körper, der doch so, wie er erfahren wird, wart nach Foucault geben, das würde einer wahrheitsrelativisti-
immer schon durch die Macht- und Diskursverhältnisse zuge- schen Grundeinstellung nicht gerecht Es gibt eben nicht die
richtet und diszipliniert ist, Ansatzpunkt des Widerstandes Subjekttheorie und das Subjekt, sondern nur vielfältige Annä-
sein? Außerdem ist die Bedeutung und der Status des Begriffs herungsversuche, Modelle. Ein solches Modell mit und nach
Lüste in bezug auf den Körper unklar. Denn die Lüste könnten Foucault zu entwickeln heißt darum, andere gegenwärtige Dis-
als elementare Triebkraft des Menschen gemeint sein, im Sinne kurse zu dieser Frage einzubeziehen. Eine solch indirekte me-
von Trieben, die nicht unterworfen und diszipliniert werden thodische Vorgehensweise, die quer liegt zu den rationalisti-
können. Das wäre eine psychoanalytisch orientierte Lesart der schen Methoden der modernen Philosophie, mit Klarheit, Di-
Formulierung Foucaults, die an Butlers Texten ausführlich dis- rektheit und Systematik des Zugriffs Eindeutigkeiten hervorzu-
kutiert werden muß, denn sie enthält zwar richtige Motive, ver- bringen, scheint mir daher angemessener. Foucault durch Dis-
fehlt aber den Kern der Widerständigkeit kurse über ihn hindurch zu lesen, das Entziffern und Rekon-
Butlers Formulierung eines widerständigen Subjekts, die sie struieren durch Falten und Hüllen, soll die Materialität von
in explizit engem Anschluß an Foucaults Theorie der Diskurs- Texten und die Genealogie von Themen, von denen das prak-
und Machtverhältnisse entwickelt, liegt deshalb nahe, um daran tisch-politische Subjekt eines ist, verdeutlichen. Die Konfronta-
diese Fragen zu erörtern, weil sie sich auf diese Probleme kon- tion und der Vergleich Foucaults und Butlers wird diesem Den-
zentriert und sie ausführlicher darlegt und entwickelt als Fou- ken gerechter, weil dabei die Subjektkonzeption aus der Inter-
cault selbst. Sie schlägt Antworten vor, die in der praktischen, aktion von Diskursen entwickelt wird. Denn Butler hat Fou-
vor allem feministischen Philosophie derzeit sehr einflußreich caults Kritik des modernen Subjektdenkens wesentlich verdeut-
und umstritten sind und mit denen auseinanderzusetzen sich licht Sie macht in vielen Punkten klarer, was damit gemeint
lohnt Butler entwickelt auf der Grundlage von Foucaults frü- sein könnte, wenn er Subjekte als Produkte der Diskurs- und
hen erkenntnis-, macht- und humanismuskritischen Schriften Machtverhältnisse bezeichnet. Sie schließt im Unbehagen der Ge-
ein radikal konstruktivistisches Modell der Subjektwerdung. schlechter an diese Theoreme an und zeigt mit ihrer Dekon-
Aus dieser Verbindung von Konstruktivismus und radikaldemo- struktion des modernen Subjekts, daß und inwiefern diese Pro-
kratischer, politisch-praktischer Orientierung formiert Butler dukte sprachlicher, diskursiver Konstruktionsprozesse sind. In-
Subjekte als Produkte diskursiv performativer Prozesse. Die dem sie die engen Grenzen absteckt, innerhalb derer sich die
subjektiven Widersundsmöglichkeit gegen die heteronomen individuelle Lebensgestaltung unter dem Druck des patriarcha-
Machtstrukturen sieht sie in der eigenwilligen Aneignung der len, sexuierten Subjektdenkens bewegen muß, verdeutlicht sie -
sprachlichen Performanz und ihres konstruktiven Potentials. an der feministischen Patriarchats- und Identitätskritik -, daß
Mit dieser eindimensionalen Verortung von Konstruktions- und und warum politische Ziele durch eine Genealogie des Subjekts
Veränderungsmöglichkeiten in der Sprache schlägt sie eine an- erreichbarer werden, die dieses dekonstruiert Butler schließt
dere Richtung ein, als Foucault sie anlegt, denn diese Konzep- insofern theoretisch und methodisch an die epistemologischen
tion erlaubt letztlich nicht, den Körper/Leib als produktives und machttheoretischen Prämissen Foucaults an, und ihre Ar-
Moment in die Suhjektkonzeption zu integrieren, was Foucault gumente für die Widerständigkeit des Individuums gegen die
doch . will. Sie schreibt darin Foucaults Texte um und unterwirft Macht basieren bis zu ihren neuesten Veröffentlichungen auf
sie einer eigenwilligen Interpretation. Deshalb ist ein Vergleich seinem Denken, auch wenn sie einige seiner Theoreme heftig
beider Subjektkonzeptionen wichtig, der Foucaults Aussagen kritisiert und durchstreicht Ihr konstruktivistisches Modell dg;

51 101
Subjektivierung und Körperwerdung kann, bleiben bestimmte Butlers Subjekt: Ein Produkt von Diskursen
Auslassungen und Umgewichtungen unberücksichtigt, als Wei-
terentwicklung Foucaultscher Thesen gelesen werden.
Um die Potentiale der Foucaultschen Subjekttheorie deutlich Ich beginne mit einer Gesamtdarstellung von Butlers Theorie
zu machen, halte ich es daher für eine angemessene Herange- des Subjekts und seiner Konstitution. Diese ist chronologisch
hensweise, die Präzisierungen und Interpretationen, die Judith an ihren Büchern orientiert, weil so deutlich wird, daß und in-
Butler daran vornimmt, und die Theorie eines praktischen, po- wiefern sich ihre Überlegungen zum Subjekt von Subjects of De-
litisch handlungsfähigen Subjekts, die sie daraus entwickelt, sire bis zu The Psychic Life of Power entwickelt haben.
darzustellen, um anschließend Foucaults Theoreme mit dieser In ihren frühen Schriften hinterfragt sie vor allem die Identi-
Weiterentwicklung seiner Thesen zu kontrastieren. Abschlie- tätslogik, die das moderne Subjektdenken dominiert, um sie zu
ßend werden die Potentiale und Konsequenzen von Grundent- dekonstruieren. Deswegen wird ihr vorgeworfen, ethische, poli-
scheidungen wie z.B. der für oder gegen eine Integration des tisch-praktisch handlungsfähige Individuen gar nicht konzeptio-
Körpers/Leibes als materiell Eigenständigem, Nichtdiskursi- nell fassen zu können. 1 Darum stellt sie diese Frage der Wider-
vem, in eine Subjekttheorie diskutiert. Dabei wird sich zeigen, ständigkeit von Körper von Gewicht bis The Psychic Life of Power
warum der Leib/Körper als Angriffspunkt der modernen ins Zentrum ihrer Arbeiten. Sie fragt immer wieder anders, wie
Machtbeziehungen auch der Stützpunkt des Widerstands der und wodurch widerständiges politisches Handeln gegen die
modernen Subjekte, gegen sie ist. Macht möglich ist Die an ihren Texten geübte Kritik regt sie
dazu an, unklar gebliebene Punkte anders und präziser zu ent-
wickeln und den Diskurs zu den Themen weiterzutreiben. Die
sich momentan abzeichnende Bewegung ihres Denkens kann als
eine von außen nach innen beschrieben werden: In Das Unbeha-
gen der Geschlechter und Körper von Gewicht hat sie sich mit den
äußeren Anforderungen und Modi der Erzeugung von Subjek-
ten befaßt und in The Psychic l i f e of Power beschreibt sie die in-
nere Dynamik der Entwicklung von Subjektsein. Ihre Denkbe-
wegung vollzieht sich damit ähnlich der Foucaults: vom Außen,
dem abstrakten Ermöglichungsraum, hin zum Inneren des Sub-

1 Diese Kritik entwickelt ausführlich Isabell Lorey 1993 und 1996. Sie
begründet ihre Kritik eines fehlenden Selbst bei Butler vor allem mit
deren Fixierung allein auf das Diskursive: „Die Theorie selbst [Butlers,
C.H.] ist durch den zentralen Prozeß der Performativität, der zwi-
schen Sprache und Praktik nicht unterscheidet, und der damit verbun-
denen (Re)Produktion des Hegemonialen sehr eingeschränkt und her-
metisch. Die Hermetik des einen Konstitutionsmodus ist Butlers spezi-
fischem Verständnis der These geschuldet, daß es kein Außerhalb ge-
sellschaftlicher Machtverhältnisse gibt. [...] Mit der Setzung des
sprachlich/politischen Repräsentationsmodus als Machtfeld hat sie sich
ihre eigenen hermetischen Grenzen gezogen. Folglich muß sie Konsti-
tutionsprozesse innerhalb dieses Rahmens erklären." (Lorey 1996,
142) Lorey irrt hier insofern, als das Problem des einen juridisch-dis-
kursiven Konstitutionsmodus und der Ausschluß eines Außerdiskursi-
ven nicht notwendig zusammenhängen.

53 101
jekts, konkreten Selbstbeziehungsmodalitäten. Butler wendet Butler ein Effekt von Diskursen, denn es sind vornehmlich Dis-
sich allerdings in The Psychic Life of Power nicht alternativen kurse, in denen sich Macht manifestiert Die diskursive Form
Modi der Selbstbeziehung und dem Ethos der Widerständigkeit ist die einzige, in der wir Macht, Subjektsein und überhaupt al-
zu. Ihr Thema ist die Gefühlsambivalenz des Subjekts gegen- les, wovon wir sprechen, erfahren und bearbeiten können. Im
über der Macht und sich selbst, seine melancholische Haltung zeitlich zwischen diesen Texten erschienenen Körper von Ge-
zu sich und seinem Begehren. Diese sieht sie als strukturelles wicht skizziert sie, wie Materialität des Körpers und Substantia-
Genese-Problem und fragt, wie Macht sich im Inneren des Sub- lität der Dinge zu verstehen sind, wenn es doch die performati-
jekts einnistet und zu Handlungsfähigkeit wird, auch einer ge- ve Kraft der Sprache ist, die unsere Wirklichkeit produziert
gen die konstituierende Macht gerichteten. Sie schlägt eine In- Diese Kurzbeschreibung ihrer Denkbewegung läßt schon
terpretation der Handlungsfähigkeit vor, die sie als erhellende erahnen, daß die genaue Rolle und Funktion, die dem Subjekt-
Explikation von Foucaults Kritik des identischen und seiner Af- thema in den Texten Butlers zukommt, stark wechselt Wenn
firmation des widerständigen Subjekts versteht. Ihre Ausführun- sie im Rahmen feministischer Patriarchatskritik das moderne
gen zu Foucault sind oft Verschiebungen seines Denkens. In Subjektdenken und seine heterosexuellen Normalitätszwänge
der Bezugnahme schreibt sie partiell um, schreibt ihr Denken dekonstruiert oder die sprachliche Ausdrucks- und Reaktions-
in seine Texte ein. Diese Umschreibungen werde ich in den fähigkeit von Subjekten thematisiert, die durch hate speech ange-
Abschnitten zur Subjektkonstruktion Butlers und zu Foucaults griffen werden, dann ist der Blick auf das Subjekt immer wie-
und Butlers Genealogie- und Machtkonzepten behandeln. der ein je anderer, und es stehen andere Aspekte von Subjekt-
Das Thema Subjekt durchzieht Butlers Texte wie ein roter sein im Zentrum der Betrachtung. Diese Verschiebungen des
Faden von Subjects of Desire bis zu Haß spricht und The Psychic Gegenstandes Subjekt, das sich bei unterschiedlichen Fragestel-
Life of Power. Mit letzterem Buch schließt sich insofern ein lungen jeweils anders zeigt, kann m. E. jedoch nicht als Vag-
Kreis in ihrem Arbeiten, als sie, wenn auch mit einer anderen heit und mangelnde Präzision im Subjektbegriff Butlers abgetan
Frageperspektive, wieder an die erste philosophisch theoreti- werden, vielmehr es zeigt sich darin, welch verschiedene Ak-
sche Arbeit zur Subjektproblematik anschließt. Auch diesmal zente und Implikationen ein so überdeterminierter Begriff wie
ausgehend von Hegel, aber nicht dem Herr-Knecht-Kapitel der der des Subjekts in der modernen Philosophie hat, und wie re-
Phänomenologie des Geistes, vielmehr von der direkt im An- levant darum der jeweilige Standpunkt der Denkenden für die
schluß daran entwickelten Theorie der Entstehung des unglück- jeweiligen Ergebnisse und Horizonte ihrer Arbeiten sind.
lichen Bewußtseins, entfaltet sie in The Psychic Life of Power ein
Modell widerständigen Subjektseins. Damit nimmt sie eine Fra-
gestellung wieder auf, die sie in Subjects of Desire und Das Unbe-
hagen der Geschlechter aufgeworfen hatte, die aber ein offenes Chronologischer Abriß der Subjekttheorie Butlers
Problem zurückließ. Die Auseinandersetzung mit Foucaults
These von der Produktivität der Macht, die eben auch die Pro- Subjects of Desire
duziertheit von Subjekten impliziert, zwingt zu fragen, wie den
Butlers erstes Buch zur Subjektthematik - das in der deutschen
übersubjektiven, vielfältigen Diskurs- und Machtverhältnissen Wi-
Rezeption bisher unbeachtet blieb - ist Subjects of Desire. Darin
derstand entgegensetzt werden könnte. Dieses Problem themati-
rekonstruiert sie die Bedeutung, die dem Begehren (desire) in
siert sie von Das Unbehagen der Geschlechter bis Haß spricht.
der Hegels Subjekttheorie zukommt, und wie seine französi-
Wenn das Subjekt mit all seine Eigenschaften, ja in seiner Sub-
sche Nachfolger und Kritiker das Begehren thematisieren. Sie
jekthaftigkeit selbst ein Produkt der Macht ist, wie soll es sich
ihr dann widersetzen können? In Das Unbehagen der Geschlechter
und Haß spricht behandelt sie dieses Thema im Feld praktisch-
politischer Diskurse als linguistisches. Das Subjekt ist hier für
55 101
widmet sich ausführlich den Hegel-Revisionisten2 Kojeve und successful, would signal the definitive closure of Hegels's narrative of
Hyppolite, den Metaphysikkritikern Sartre und Heidegger und desire" (235).
den Kritiker des Identitätsdenkens, Lacan, Deleuze und Fou-
cault 3 Im Fokus ihrer Untersuchung steht dabei, wie in deren Allerdings kann sie der alternativen Strategie Foucaults, die
Theorien das Begehren verhandelt wird, das doch dasjenige Körper und Lüste als Ansatzpunkte der Gegenmacht zu setzen,
Movens des Subjekts sein soll, das seine Identität übersteigt nicht zustimmen. Butler stellt diese vielmehr hier und ausführ-
Die Kritiker Hegels bemängeln demnach, daß dieser das Begeh- licher in Das Unbehagen der Geschlechter in Frage. 5 Foucault ha-
ren, das er anfänglich außerhalb des Subjekts verortet und des- be die Trennung des Subjekts von seinem Körper als zentrales
sen Negativität nennt, im Ergebnis seiner Theorie doch einver- Moment der Erzeugung von Subjekten als etwas Abstraktem,
leibt, wenn er es in der Phänomenologie des Geistes in die allum- verstanden. Dieses Verständnis impliziere, daß er nur eine Ur-
fassende Identität des Geistsubjekts mit sich selbst integriert sache der historischen Veränderung gesehen habe, die eben in
Butler fragt, ob und in welchem Maße es diesen Kritikern ge- der Beziehung der Macht auf die Körper und deren Konstruk-
lingt, das Begehren lebendig zu halten 4 , bzw. wie weit sie es tion, die auch eine Destruktion sei, liege.
selbst wieder metaphysisch in das Subjekt einschließen. Fou-
„The 'destruction' of the body is, thus, the occasion for the manufac-
caults Historisierung des begehrenden Subjekts und seine turing of values, the moment of the 'disassociation' which gives rise to
Theorie produktiver Macht stellt sie als eine Konzeption des abstraction and to the subject itself as an abstraction. [...] Foucault ap-
Subjekts und seines Begehrens dar, die das Begehren nicht als pears to subscribe a single locus of historical change, a single tension
notwendige affektive Bezugnahme auf ein Anderes erklärt, näm- between the body and strategies of domination which give rise to
lich als historische Diskurs- und Machtfigur. Foucault zeige, events and values alike. Here we can see that Foucault has elevated the
scene of bodily conflict to an invariant feature of historical change [...].
daß der Sex und das Begehren von der Macht konstruiert sind Rather than assume that all culture is predicated upon the denial of the
als die eine Wahrheit des Subjekts, und daß daher die Befrei- body, and that inscription is both a moment of regulation and of signi-
ung des Subjekts nicht im Sex oder im Begehren liegen könne. fication, it seems that a more thoroughly historicized consideration of
various bodies in concrete social contexts might illuminate 'inscription'
as a more internally complicated notion" (236).
„Moreover, Foucault remarks that the opposition to juridical forms of
sexuality ought not to operate within the terms of the discourse on de- Dagegen bringt sie vor, daß die Geschichte der Körper komple-
sire: 'the rallying point for the counterattack against the deployment of
sexuality ought not to be sex-desire, but bodies and pleasure.' This cri- xer sei und vielschichtiger rekonstruiert werden müsse, wie
tique of 'the desiring subject' and the proposal to write a history of bo- schon die Verschiedenheit der produzierten Körper zeige, die
dies in its place constitutes a major conceptual reorientation which, if eben sexuelle, rassische, ethnische usf. Merkmale tragen. 6 Ihre

2 Mit Bezug auf Derrida schreibt Butler: „Hegels revisionist followers 5 „What if Foucault were right, that the conceit of an immanently philo-
(Kojeve and Hyppolite) as well as his metaphyiscal critics (Sartre und sophical desire grounded the further conceits of the subject and its
Heidegger) are" (Butler 1987,14). truth? Then Hegel's narrative would have entered fully the domain of
3 „[...] desire increasingly becomes a principle of the ontological dis- the fantastic, and the phenomenology would require a genealogical ac-
placement of the human subject, and in its latest stages, in the work of count of the hidden historical conditions of its own structure. But
Lacan, Deleuze and Foucault, desire comes to signify the impossibility what justifies Foucault's turn to a history of bodies, and what are the
of the coherent subject itself" (ebd., 6). implications of forfeiting the inquiry into desire for an inquiry that ta-
4 „My task is to trace the latest stage of philosophy's quarrel with the li- kes the body as its primary theme?" (ebd., 236).
fe of impulse, the philosophical effort to domesticate desire as an in- 6 „How, for instance, are we to understand the body as the inscribed
stance of metaphysical place, the struggle to come to terms with desire surface of the history of gender relations, race relations, and ethnicity?
as a principle of metaphysical dislocation and psychic dissonance, and How does the aging body evince a history of aging, and how do va-
the effort to deploy desire to dislocate and defeat the metaphysics of rious bodies signify social positions and even social histories? And to
identity. [...] Indeed we will see the degree to which opposition keeps what extent can the body exhibit an innovative relation to the past
desire alive" (ebd., 15). which constitutes it?" (ebd., 237).
57 101
ironisch-emphatischen Abschlußsätze in Subjects of Desire drük- Butler stellt die These der natürlichen Zweigeschlechtlichkeit
ken dennoch eine habituelle Nahe zu Foucaults Denken aus: in Frage, indem sie Geschlecht als ein komplexes Erzeugnis re-
„Foucaults critique of the discourse on desire, on the figure of the 'sub-
gulierender Diskurse rekonstruiert. Gegen die sex-gender-Theo-
ject of desire', does well to remind us that desire is a name that not only retikerinnen behauptet sie, daß Subjekte auch in ihrer körper-
accounts for an experience, but determines that experience as well, that lich materiellen Geschlechtlichkeit durchgängig performativ
the subject of desire may well be a fiction useful to a variety of regulati- produziert sind und daß es gilt, die Konstruktionsbedingungen
ve strategies, and that the 'truth' of desire may well lie in a history of
bodies as yet unwritten. Foucault challenges us to make fun of oursel- und -faktoren dieser Produktion zu untersuchen. Sie verläßt da-
ves in our search for truth, in the relentless pursuit of the essence of mit die Folie des sex-gender-Diskurses. Diesen hinterfragt sie ar-
our selves in the various flashes of impulse that lure us with their meta- gumentationsstrategisch, was denn der Nutzen sei, den die Un-
physical promise. [...] From Hegel through Foucault, it appears that de-
sire makes us into strangely fictive beings. And the laugh of recognition
terstellung von sex bei dem Versuch haben könnte, den Denk-
appears to be the occasion of insight" (238). zwängen der Ontologie des sex bzw. der Natur zu entrinnen.
Sie formuliert zwei Einwände gegen die Natürlichkeit der Ge-
schlechterbinarität:
1. Nur im Rahmen eines Denkens, das metaphysischen Ur-
Das Unbehagen der Geschlechter sprungstheorien verhaftet ist, kann die Idee einer vordiskursi-
ven, körperlichen Sexuiertheit überhaupt plausibel erscheinen.
Obwohl im letzten Kapitel von Subjects of Desire schon die Ein solches Denken vom Ursprung her, das eine Metaphysik
Richtungen deutlich werden, in welche sich Butlers Denken der Substanz unterstellt, sei mit Rekurs auf Nietzsche, Foucault
entwickelt, sind in Das Unbehagen der Geschlechter erstmals die und Derrida radikal zurückzuweisen. 7
wesentlichen Grundlagen ihres weiteren Denkens ausgeführt, 2. Jede, auch die feministisch interessierte Übernahme des
auch wenn sie einzelne, durchaus zentrale Aspekte später über- substantialistischen Ursprungsdenkens - und eine solche steckt
arbeitet und anders konzipiert hat. hinter der Unterscheidung von sex und gender - bestätigt perfor-
Butler greift in Das Unbehagen der Geschlechter das Thema mativ die tradierte patriarchale Mann-Frau-Teilung und ist da-
der Produktion des Begehrens praktisch als Problem der er- her implizit gegen die bewußten feministischen Ziele gerichtet.
zwungenen heterosexuellen Begehrensorientierung und der da- In Auseinandersetzung mit de Beauvoir, Kristeva und Wittig
mit verbundenen Geschlechterkonstruktion auf. Ihre Bezugnah- entwickelt Butler ihre These, daß es schwierig ist, ohne Ur-
me auf Lacan und Foucault bleibt eng, doch richtet sie ihre sprungsannahme kritisch zu denken, daß aber jede derartige
Aufmerksamkeit sonst vor allem auf die feministischen Theore- Unterstellung begründungsstrategisch eine patriarchatserhalten-
tikerinnen Simone de Beauvoir, Julia Kristeva und Monique de Denkfigur ist und also aus kritischem Interesse abzulehnen.
Wittig. Die Kritik am Identitätsdenken wendet sie gegen die Denn, wie sie sagt: die Rede von Natur dient vor allem dazu,
dogmatische Vorstellung von zwei natürlichen differenten Ge- jene Zwänge, Disziplinierungstechniken und Diskursstrategien
schlechtern und behauptet, Geschlecht sei performativ erzeugt:
unkenntlich zu machen, die die alternativlose Unterwerfung
unter das Zweigeschlechtermodell in jeder konkreten Subjekt-
„Innerhalb des überlieferten Diskurses der Metaphysik der Substanz
erweist sich also die Geschlechtsidentität als performativ, d.h. sie selbst werdung erneut erzwingen. Der Zwang zur Einordnung in die
konstituiert die Identität, die sie angeblich ist. In diesem Sinne ist die
Geschlechtsidentität ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Subjekts,
von dem sich sagen ließe, daß es der Tat vorangeht. [...] Hinter den 7 Foucault kritisiert in Die Ordnung der Dinge das Ursprungsdenken
Äußerungen der Geschlechtsidentität (gender) liegt keine geschlecht-
mit einer von Nietzsche stammenden Argumentationsfigur, die die
lich bestimmte Identität (gender identity). Vielmehr wird diese Identi-
tät gerade performativ durch diese Äußerungen konstituiert, die angeb- Annahme, daß alles einen Ursprung habe, als grundlose, metaphysische
lich ihr Resultat sind." (49) Unterstellung deutet. Butler übernimmt diese Interpretation bereits in
einem Aufsatz von 1987, der 1995 ins Deutsche übersetzt wurde, sie-
he Butler 1995, 74.
59 101
hegemonialen Machtverhältnisse reproduziert sich in jeder Sub- len Basis-Ideologeme aufgegeben werden (59 f.), sondern auch,
jektwerdung erneut. Das Ergebnis solcher Unterwerfung sind weil es keine gelebte Wirklichkeit gibt, die den so konstruier-
zumeist eindeutig sexuierte, in ihrem Begehren und Lebensplan ten Idealen der Ichidentität entspräche. Nicht nur die Trans-
normierte, weiblich oder männlich identifizierte Subjekte, die und Homosexuellen verfehlen es, die geforderte Identität aus-
diese ihnen abgerungene Identität noch als Erfolg ihrer Ichwer- zubilden. Auch die normalen Heterosexuellen kämpfen ständig
dung feiern und sich mehr oder weniger glücklich mit ihrer na- damit, die rissige Fassade ihrer natürlichen Heterosexualität auf-
türlichen, heterosexuellen Geschlechtsidentität zurechtfinden recht zu halten. Genau besehen verfehlt jedes Subjekt die Nor-
(45). Doch die produktiven Mechanismen der Unterwerfung men, die mit dem Ideal Frau oder Mann gesetzt sind.
bringen unvermeidlich auch nicht angepaßte Körper und unnor-
male sexuelle Orientierungen, gleichsam Mängelprodukte, her- „Dieses beständige Verfehlen, sich ganz und ohne Inkohärenz mit die-
vor. Denn jeder Anpassungszwang und jede Ordnung erzeugt sen Positionen zu identifizieren, entlarvt die Heterosexualität selbst
nicht nur als Zwangsgesetz, sondern auch als unvermeidliche Komödie.
ihr Ausgeschlossenes, ihre spezifische Unordnung bzw. Unan- Diese Einsicht, daß die Heterosexualität gleichzeitig ein Zwangssystem
gepaßtheit. Solchermaßen fixierte, nichtkonforme Subjektiden- und eine Komödie, eine fortgesetzte Parodie ihrer selbst ist, möchte ich
titäten werden mit den Begriffen trans- oder homosexuell mar- als alternativ schwul/lesbische Perspektive vorschlagen" (181).
kiert, und ihre Trägerinnen und Träger sind durch ihren unkla-
ren sozialen Ort psychisch sehr belastet (58). An den Schwie- Butler erwähnt hier auch eine bisexuelle Anlage des Menschen. 9
rigkeiten der Homo- und Transsexuellen, im binär gerasterten Die Alternative zum sex-gentfer-Feminismus sieht Butler dar-
Raum gesellschaftlich akzeptierter Subjekte zu einer stabilen in, sich der kognitiven Leitvorstellungen und begrifflichen
Ich-Identität zu finden 8 , zeigt sich die Gewalt, mit der die Na- Strukturen zu bemächtigen, die die Zweigeschlechtlichkeit stüt-
tur des Geschlechts und die Natürlichkeit der heterosexuellen Be- zen, und diese so aufzuweichen, daß die Grenzen der Mann-
gehrensausrichtung im herrschenden Machtdispositiv und sei- Frau-Unterscheidung verflüssigt werden (211-215). Ihr Ideal ist
ner Diskurs- und Denkweise zusammengeschweißt sind. Diese eine Vervielfältigung der Geschlechter, keine Angleichung von
Verknüpfung muß gelöst werden, damit Geschlechtsidentitäten Frauen und Männern. Menschen sollten sich überhaupt nicht
außerhalb der hegemonialen Zwänge ausgebildet werden kön- mehr primär über ihr Geschlecht definieren, dann würde die
nen. D.h. auch der feministische Diskurs muß sich radikal vom Kategorie Geschlecht ihre identitätsbildende Macht verlieren.
Denken in Natürlichkeiten verabschieden, damit er die Macht-
"Ein Verlust der Geschlechter-Normen [...] hätte den Effekt, die Ge-
und Diskursstrategien durchkreuzen kann, die die herrschen- schlechter-Konfigurationen zu vervielfältigen, die substantivische Iden-
den Identitätszwänge stützen. tität zu stabilisieren und die naturalisierten Erzählungen der Zwangshe-
terosexualität ihrer zentralen Protagonisten: Mann und Frau, zu berau-
Doch nicht nur weil die Kategorie sex die patriarchate Hege- ben" (215).
monie im Denken stabilisiert (22-24, 31) sollen die patriarcha-

9 Eine bisexuelle Anlage des Menschen, wie sie etwa Freud unterstellt,
Melancholy Gender/Rejused Identification in Butler 1997 a nimmt die- steht im Widerspruch zu Butlers anthropologiekritischem Credo, daß
ses Thema erneut auf und beschreibt, wie die sexuelle Identifikation es keine Natur des Menschen gibt. Sie vermeidet diesen Widerspruch,
mit der Abwehr homosexueller Liebe verbunden ist. In Reply on Adam indem sie die Bedeutung der Rede von der bisexuellen Anlage offen in-
Phillips's Commentary on Melancholy Gender/Refused Identifications, terpretiert. Die Bisexualitätsthese wird so zur Behauptung, daß jede fi-
heißt es: „If I am a woman to the extent that I have never loved one, xierte Geschlechtsidentität das Produkt kultureller Machtprozesse sei.
both, aggression and shame are locked into that 'never', that 'no way', Freuds These der bisexuellen Triebanlage wird zur Annahme einer ei-
which suggests that whatever gender I am is threatened fundamentally gentlich richtungslosen libidinösen Energie, die erst in der Subjektwer-
by the return of the love rendered unthinkable by the defensive 'ne- dung auf passende Triebziele hin formiert wird. Daß Butler dabei nicht
ver'. Therefore what I act, indeed, what I 'choose' has something pro- nach der Herkunft des Begehrens fragt, zeigt m. E., daß sie hier dem
foundly unchoosen in it that runs through the course of that perfor- Denken in Kategorien des Sexualitätsdispositiv verhaftet bleibt, das
mance" (ebd., 162). Foucault so vehement kritisiert.

61 101
Doch auf welche Weise soll diese Vervielfältigung der Ge- und lehnt die Annahme ab, daß neben oder vor dem, was wahr-
schlechter erreicht werden? Sollen sich einzelne von dem hete- nehmbar und erkennbar sei, ein von diesem Erkenntnisakt un-
rosexuellen Gesetz befreien können, das Butler als so unhinter- abhängiges Objekt existiert, das von diesem Erkenntnisakt
gehbar und mächtig beschreibt, und das die Subjekte, die sich selbst unberührt bleibt und also sein passives Außen ist. 14
lösen können sollen, doch als solche erst erzeugt hat' Butlers Die Formation eines bestimmten Innen-Außenfeldes ist stets
Überlegungen bewegen sich hier durchgängig im Feld der Spra- eine diskursive Konstruktion. Die Beständigkeit solcher diskur-
che. Sie schlägt vor, die diskursiven Mittel und Symbole der siven Konstrukte hängt daran, daß sie laufend bestätigt werden.
Identitätsbestimmung anders einzusetzen, sich selbst anders zu Hier stützt sich Butler explizit auf Derridas Theorie der d i f f e -
zeigen und zu artikulieren. Um diesen Gedankengang zu erklä- rance. Sie geht davon aus, daß diskursive Konstruktionen nur
ren, ist es hilfreich, nochmals einige Überlegungen zum moder- Bestand haben, wenn sie permanent wiederholt werden, und
nen Denken einzubeziehen. Butler sagt, daß niemand weiß und daß dies also auch für das Modell der Zweigeschlechtlichkeit
wissen kann, was natürliches Körpererleben sei, da jede Be- gilt Die heterosexuelle Matrix der Geschlechterbinarität beste-
schreibung des Körpererlebens durch die Filter der kulturellen he fort, weil diskursiv der Zwang existiert, dieses Modell per-
Repräsentation strukturiert und sinnhaft gemacht wurde. Eine manent zu wiederholen und zu reinszenieren. Jede Person stellt
Annahme, die ich teile, und die durch viele aktuelle Arbeiten sich in jeder Lebenssituation als Vertreterin oder Vertreter ih-
bestätigt wird; ich verweise hier etwa auf Beschreibungen trans- res Geschlechts dar, als Mann oder Frau und hält so die eigene
sexueller Geschlechterinszenierung10 oder der kulturellen Aus- Identifikation in der Geschlechterdualität und damit auch diese
gestaltung subjektiver Körper- bzw. Leiberfahrung. 11 Solche re- selbst stabil. Durch diese Bekräftigung des binären Schemas
lativistischen Antworten auf die Frage nach dem Eigentlichen bleibt den einzelnen ontogenetisch innerhalb der herrschenden
und was darüber gewußt werden kann, kennzeichnen die kriti- Identitätsdiskurse nur, sich in ihrem Körper - und damit auch
sche Wissensreflexion der Moderne, nach der das Ding an sich - diesen Körper selbst - als Exemplar eines der beiden distinkten
und die natürliche Körper- und Geschlechtlichkeit ist ein sol- Geschlechter zu erleben und darzustellen, wollen sie als Sub-
ches - nur vermittelt erkannt werden kann. Butler bekräftigt jekte anerkannt sein.
dieses Wissensverständnis, das um seine eigene Beschränktheit Wenn alles, was das Subjekt formiert, diskursiv-kulturell
weiß, dehnt es aber mit Foucault auf die Kategorie eigentlich vermittelt ist, muß für eine erfolgversprechende Veränderung
und uneigentlich, auf die Dichotomien von Natur und Kultur dieser Wirklichkeit bei der Symbolisierungs- und Vermittlungs-
und Ding an sich und Für-uns aus, die ebenso diskursive Kon- weise selbst angesetzt werden. Erst eine andere diskursive (De-
struktionen seien. Butler geht über das moderne Denken hin- /Re-)konstruktion der Welt wird diese verändern. In Das Unbe-
aus, wenn sie den fundamentalen Dualismus ablehnt, der zwi- hagen der Geschlechter formuliert Butler die diskursiv-performa-
schen dem Seienden und den Versuchen, es zu erkennen, ge- tive Methode der Vervielfältigung der Geschlechter, um die es
setzt ist. Sie sagt dazu mit Derrida 12 daß es für ein vordiskur- ihr geht, allerdings nicht systematisch aus. Sie nennt die Paro-
sives Außen nicht einmal eine Bezeichnung geben könne 13 ,

14 Butler befindet sich mit dieser These programmatisch in der Nähe des
10 Vgl. Lindemann 1993. Denkens z.B. von Fox Keller und manchen Ökofeministinnen, ohne
11 Z.B. Foucault 1975 und 1976 a, Duden 1991 a, 1991 b, und 1993. sich aber auf diese zu beziehen. Butlers und deren Denkweisen unter-
In Butler 1987 wird diese These noch an Zitaten aus Foucault 1976 a scheiden sich darin, wie die Beziehung zwischen den Objekten und un-
entwickelt. In dies. 1990 wirft sie Foucault hingegen vor, dem Ur- serem Wissen über sie gefaßt wird: Während Fox Keller davon aus-
sprungsdenken verhaftet zu bleiben. Die Bezugnahme auf Derrida in geht, daß die Dinge sich uns zeigen, und darum Raum schaffen will für
diesem Punkt ist für sie darum angemessener, als eine auf Foucault, die Wahrnehmung dessen, was sich zeigt, läßt Butler nur die entgegen-
weil das Modell der rein diskursiven Erzeugung von Wirklichkeit, das gesetzte Richtung der Bezugnahme zu: diskursiv konstruierte Subjekte
Butler verfolgt, Derridas Denken näher steht als dem Foucaults. und Denkmodi erzeugen aktiv ihre Welt und die Dinge darin. Eine an-
13 Derrida 1986,127. dere Welt entsteht nur, wenn sich die Konstruktionsweise verändert.

63 101
die der Geschlechterinszenierung, die Travestie, als mögliche „viele durch die Psychoanalyse geprägte Feministinnen haben diese
Weise, Geschlechtlichkeit anders zu zeigen als Subversionsme- These [des heterosexuellen Gesetzes, C.H.] zum Ausgangspunkt ihrer
eigenen Arbeit gemacht. Sie haben auf ganz unterschiedliche Weise be-
thode gegen die patriarchale Geschlechterbinarität: hauptet, die sexuelle Differenz sei ebenso elementar wie die Sprache, es
gebe kein Sprechen, kein Schreiben, ohne die Zugrundelegung der se-
„Indem die Travestie die Geschlechtsidentität imitiert, offenbart sie xuellen Differenz. Und dies hat zu einer zweiten These geführt, die ich
implizit die Imitationsstruktur der Geschlechtsidentität als solcher - bestreiten möchte, nämlich, daß die sexuelle Differenz elementarer und
wie auch ihre Kontingenz." (202). „Die parodistische Vervielfältigung grundlegender sei als andere Arten von Differenzen einschließlich des
der Identitäten nimmt der hegemonialen Kultur und ihren Kritiken den Rassenunterschieds (240).
Anspruch auf naturalisierte oder wesenhafte geschlechtlich bestimmte
Identitäten" (203).
Butler kommt ab davon, das heterosexuelle Gesetz als primäre
Travestie und Parodie fördern das Bewußtsein der Konstruiert- Marke der Subjektkonstitution zu setzen. Vielmehr geht sie nun
heit von Geschlechtsidentität, weil die Zuschauer wissen, daß von einem Netz miteinander verwobener Subjektivierungskate-
es Verkleidung und Show ist, was sie auf der Bühne sehen. Ge- gorien aus. Sie fragt nach den Machtmechanismen, die bestim-
schlecht wird so als die Inszenierung, die es immer ist, sicht- men, welche Körper und Lebensformen in einer Gesellschaft
bar. Daß aber auch die dekonstruktiv gemeinte Parodie nicht von Gewicht sind, und wie diese materialisiert werden, sowie
dagegen gefeit ist, patriarchatstragend zu wirken, gerade weil danach, wie ihnen widerständig begegnet werden kann. Sie will
sie die Binarität des heterosexuellen Geschlechtersystems sich in Körper von Gewicht gegen den an Das Unbehagen der Ge-
reinszeniert und deren Idealfiguren pointiert werden, bedenkt schlechter gerichteten Vorwurf verteidigen, Körper nur als dis-
sie hier nicht. Doch das Programm ist klar: kursives Konstrukt anzusehen. Sie hatte dort geschrieben:

„Die Geschlechtsidentitäten können weder wahr noch falsch, weder „Diese im allgemeinen konstituierenden Akte, Gesten und Inszenierun-
wirklich noch scheinbar, weder ursprünglich noch abgeleitet sein. Als gen erweisen sich insofern als performativ, als das Wesen oder die
glaubwürdige Träger solcher Attribute können sie jedoch gründlich Identität, die sie angeblich zum Ausdruck bringen, vielmehr durch leib-
und radikal unglaubwürdig gemacht werden" (208). liche Zeichen und andere diskursive Mittel hergestellte und aufrechter-
haltene Fabrikationen/Empfindungen sind. Daß der geschlechtlich be-
Wie subversive Resignifikationen Geschlechtlichkeit so erzeu- stimmte Körper performativ ist, weist darauf hin, daß er keinen onto-
logischen Status über die verschiedenen Akte, die seine Realität bilden,
gen können, daß die Binarität und die Verbindung von Ge- hinaus besitzt" (Butler 1990, 200).
schlecht und Wahrheit erschüttert wird, führt sie in ihrem dar-
auf folgenden Buch Körper von Gewicht näher aus. Diese Lesart, daß nur die performativen Akte, die sich auf die
Oberfläche des Körpers abspielen, den Eindruck seiner Räum-
lichkeit erzeugen, daß also der Körper nur das ist, als was er
gezeigt wird, will sie zurückweisen. Darum expliziert sie eine
Körper von Gewicht Theorie der Materialität, des Gewichts von etwas, die auf den
epistemologischen Prämissen aus Das Unbehagen der Geschlechter
Im Rahmen der systematischen Frage nach einer praktisch-phi-
basiert Sie zeigt, warum nicht nur die Kategorisierungen und
losophischen Subjekttheorie ist Körper von Gewicht in zwei
Namen der Phänomene und ihre jeweilige Bedeutung diskursi-
Hinsichten wichtig: Einmal, weil Butler darin ihre Theorie der
ve Konstrukte sind, vielmehr auch die geschlechtlich signifi-
diskursiven, performativen Produktivität von Machtmechanis-
zierten Körper selbst in eben diesem Sinn nur als Produkte von
men und Gegenmacht ausarbeitet, zum zweiten, weil sie die ju-
ridisch-diskursive Idiosynkrasie, sich auf das eine Gesetz der Diskursen verstanden werden können. Daß das, was wir als un-
Heterosexualität als primär und ausschlaggebend für die Sub- seren physischen Körper wahrnehmen, in der besonderen Wei-
jektentwicklung zu beziehen, aufgibt: se seiner sinnlichen Erscheinung diskursiv erzeugt ist, und
eben auch anders sprachlich vergegenwärtigt werden könnte,
eröffnet die Möglichkeit der Veränderung von Subjektkatego-
65 101
rien und Geschlechternormen. Die Dekonstruktion der Ge- keit erzeugt Das, was für uns wirklich ist, ist es darum, weil es
schlechterbinarität setze mit dem parodistischen Spiel mit sexu- sprachlich als Wirkliches konstruiert und vermittelt wird.
ellen Identifikationen ein, und eben darin liege die Brücke zur Wirklichkeit und Natur sind Produkte des Sprechens und Den-
systematischen performativen Erzeugung einer anderen Wirk- kens in Kategorien von Wirklichkeit und Natur. Daß doch
lichkeit, weil Identifizierung und Begehrenssteuerung zusam- auch Sozialisationspraktiken, Kleidersitten, pädagogische Ein-
menhängen. stellungen zum Geschlecht wesentlich an der Erzeugung von
gender-ldentität beitragen, und nicht nur Sprache und Denken,
„Denn es gibt kein Ich vor der Annahme eines Geschlechts und es gibt
keine Annahme, die nicht zugleich eine unmögliche, doch notwendige ist nach Butler zwar richtig, doch sind diese Praktiken Folge-
Identifizierung ist. [...] Sich zu identifizieren heißt nicht, sich dem Be- wirkungen der diskursiven Konstruktion von Kategorien wie
gehren entgegenzustellen. (139). Identifizierungen können also be- Geschlecht, und mit der Auflösung der Geschlechterdualität
stimmte begehrliche Wünsche abwehren oder als das Vehikel für das würden sich auch diese Praktiken ändern.
Begehren fungieren; um sich bestimmte begehrliche Wünsche zu er-
leichtern, kann es nötig sein, andere abzuwehren: die Identifizierung ist Damit sich diskursive Konstrukte wie Frau oder Mann halten
der Ort, an dem dieses ambivalente Verbieten und Produzieren des Be- können, müssen sie möglichst häufig und unverändert bestätigt
gehrens vor sich geht" (140). werden. Dieser dem Macht/Wissens-System inhärente Wieder-
holungszwang bietet jedoch zugleich die Spielräume für die
Butler entwirft eine Theorie der diskursiven Performanz der
Umgestaltung dieses Systems, da die Wiederholung nie Identi-
Sprache, nach der Wirklichkeit deshalb als materielle erlebt
sches reproduziert, sondern eine zumindest minimale Differenz
wird, weil sie begrifflich als materielle konstruiert wird. (99)
zu früheren Sprechakten aufweisen. Schon die Besonderheiten
Diese Konstruktion des Materiellen ist Teil einer der vielen Bi-
der jeweiligen Sprechenden und der Sprechsituation bewirken,
naritäten, die das moderne Denken kennzeichnen. Sie soll wie
daß eine Wiederholung des Gleichen als Identischem ausge-
die anderen den Subjektstatus verbürgen, der darin besteht, daß
schlossen ist, daß sich dieses also - vielleicht erst unmerklich -
sich Subjekte als geistige Wesen von materiellen Zwängen lösen
transformiert Durch gezielte Verschiebungen in der semanti-
können. Diese Technik des modernen Denkens, den Körper
schen Zeichenkette kann Neues entstehen. Sie bringen Verän-
des Subjekts von seinem Begehren zu trennen, das als geistiges
derung. Butler kommt hier also von der Parodie als Inszenie-
konzipiert wird, hat sie schon in Subjects of Desire behandelt
rung der Geschlechterdifferenz ab und setzt stattdessen auf ge-
Es sei jedoch keineswegs die Sprache selbst, die die binäre
zielte diskursive Verschiebungen. Die Praktiken der Subversion
Struktur des Denkens vorgibt, sondern die Performativität des
sind fortan sprachliche, nicht mehr inszenatorische.
Sprechens ließe auch eine nicht-binäre Denkweise zu. Darum
Die diskursiven Zeichen und Stereotype sollen variiert wer-
liegt es in der Initiative von Subjekten, die Verschiebung der
den. Gezielte Dekontextualisierung, manipulative Umdeutung
Dualität zu einer Pluralität der Geschlechter und Lebensformen
und spielerisch-ironische Nachahmung sind die Mittel der dis-
zu entwickeln. Subjekte können aktiv an der diskursiven Kon-
kursiv erzeugten Subjekte im Kampf für gelebte Pluralität Die
struktion einer anders codierten Wirklichkeit arbeiten. Die
klassischen Rollenklischees in ihrer binären Codierung werden
Möglichkeit zur Veränderung liegt immanent in der Struktur
sukzessive ausgehöhlt, wenn sich Individuen in ihrer täglichen
der diskursiven Wiederholungszwänge und -mechanismen. Da-
Erscheinung als Männer oder Frauen bemühen, Selbstbeschrei-
zu muß die performative Kraft der Sprache gegen die patriar-
bungen jenseits dieser sexuierten Vorgaben zu leben. Jede
chalen Machtinteressen eingesetzt werden, anstatt diese zu sta-
Selbstdarstellung, die quer zum Normalen liegt, ist einen Schritt
bilisieren. Die Wiederholungen, mittels derer Denken und
weg von der Dualität hin zu einer Vielfalt der Geschlechter.
Sprache Wirklichkeit erzeugen, können ebenso gelingen wie
Doch die Frage der Materialität ist in Körper von Gewicht
mißlingen. Doch es ist immer die sprachliche Wiederholung,
keineswegs zur Zufriedenheit jener Kritikerinnen, die im Vor-
die die intersubjektive Verbindlichkeit unserer Realitätsvorstel-
wort angeführt werden, gelöst Butler versteht weiterhin Mate-
lungen und den Eindruck von Natur und materieller Wirklich-
rialität als Effekt des Sprechens von Materialität, obwohl sie
67 101
das explizit zurückweist Das Thema Materialität und Körper Butler analysiert im weiteren ausführlich Beispiele der poli-
wird wegen seiner systematischen Bedeutung separat behandelt tisch-praktischen Umsetzungen der Performativitätsthese in Ge-
Bisher ist aber auch die Funktion des Subjektbegriffs un- richten. Sie zeigt an Gerichtsurteilen, wie uneinheitlich und im
scharf. Zwar will Butler das moderne Subjektdenken dekonstru- Ergebnis reaktionär mit dieser Theorie Politik gemacht wird.
ieren, besonders die Subjektidentität hinsichtlich der Kategorie Ihre abschließenden Gedanken lauten deshalb, daß ihre diffe-
Geschlecht, aber es braucht doch wohl handlungsfähige Subjek- renzierte Betrachtung der Macht der Sprache sie dahin führt,
te, die diese Kategorien untergraben, indem sie anders spre- Forderungen nach einer Jurifizierung von political correctness
chen. Haß spricht gibt eine erste Erklärung dafür, wie Subjekte und affirmative action abzulehnen. Sie wirken nicht etwa befrei-
handlungsfähig und zugleich produziert sein können. The Psy- end für die Subjekte, sondern stärken die Macht der Gerichte
chic Life of Power konzentriert sich dann auf die Ausarbeitung und juridischer Denkmuster. Hier wird wieder ihr praktisch-
dieser Subjektfigur unter Einbeziehung auch des emotionalen politischer Anspruch deutlich: theoriestrategische Überlegun-
Bezuges der Subjekte zur Macht und ihren Vorgaben. gen bestimmen ihre Position, die in Körper von Gewicht hinter
der theoretischen Frage nach der Materialität zurücktreten.
Neben Althusser beruft sich Butler auf Austins Unterschei-
Haß spricht dung von illokutionären und perlokutionären Spracheffekten.
Sie will so begründen, warum nur wenige Sprechakte auch Ta-
In Haß spricht erweitert Butler systematisch ihre politische Per- ten sind, wie die political correctness-Beiürworterinnen16' unter-
spektive und thematisiert auch andere als patriarchale Unter- stellen. Das impliziert aber auch, daß sie selbst eine differen-
drückungsverhältnisse. Sie geht von einer Vielfalt verschiedener ziertere Position zum Verhältnis von Sprechen und diskursiver
Macht- und Diskurslinien aus, die eine komplexe Gesellschaft Konstruktion von Wirklichkeit einnimmt, als in Körper von Ge-
und ihre Hierarchien strukturieren. Das Buch trägt den Unter- wicht In Austins Untersuchung perlokutionärer Sprechakte
titel Zur Politik des Performativen, und dieser trifft das zentrale wird ein Riß, zeitlich, räumlich, situationeil und substantiell,
Thema: eine Theorie der performativen Kraft der Sprache. But- zwischen einer Aussage und einer Handlung angesetzt Dieser
ler geht aus von einem Sprachmodell, in dem eine strukturelle Riß - der mehr ist als die Differenz in der Wiederholung, an
Verbindung hergestellt wird zwischen Sprechenden und Ange- die Butler bisher die Widerstandsmöglichkeiten der Subjekte
rufenen durch den Sprechakt selbst Diese Verbindung wird zurückgebunden hat -, öffnet diskursive Systeme für Verände-
zwar erst durch die jeweilige Aktion und Reaktion beider Sei- rungen, eben weil sich Bedeutungen verschieben können. Am
ten qualifiziert, doch die Relation ist durch den Sprechakt Beispiel der Bedeutungsveränderung des Wortes queer hebt But-
selbst gesetzt. Sie greift Althussers Begriff der Anrufung5 auf. ler in Haß spricht noch einmal hervor, wie sich solche Verschie-
Althusser sagt, daß das Ich, das Subjekt als die Person, die gera- bungen entwickeln: queer sei vom Schimpfwort gegen Homose-
de gemeint ist, sich erst im und durch die sprachliche Anrufung xuelle erfolgreich zu einer affirmativen Selbstbeschreibung Ho-
formiert Butler definiert daran anschließend: mosexueller umgewertet worden. 17 Butler untersucht die politi-

„Die performative Äußerung ist keine einzelne Handlung eines schon


fertigen Subjekts, sondern eine mächtige und hinterhältige Form, in 16 Butler setzt sich besonders mit MacKinnons Nur Worte auseinander
der Subjekte aus zerstreuten sozialen Bereichen in ein gesellschaftliches und grenzt ihr Verständnis von Performativität explizit dagegen ab.
Leben gerufen werden, in der ihr gesellschaftliches Leben mit einer Die wiederholte Nennung dieses einen Beispiels, das Butler auch in
Vielzahl diffuser und mächtiger Anrufungen inauguriert wird" (225 f). dies. 1990 und 1993 nennt, provoziert die Frage, ob es auch andere
Beispiele für gelungene Resignifikationen gibt. Wenn es nur wenige an-
dere Beispiel gibt, deren allgemeine Durchsetzung zudem nicht weiter
belegt ist, stellte das die Effektivität der Subversionsmethode Butlers
infrage. Darum wäre es auch wichtig zu wissen, in welchem Umfang
15 Althusser, 1977. sich diese Umdeutung von queer gesellschaftlich durchgesetzt hat.

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sehe Forderung nach einer Jurifizierung von Sprechweisen und „Obgleich die Drohung die drohende Gewißheit einer anderen bevor-
kommt zu dem Ergebnis, daß die Juristen und Juristinnen die stehenden Handlung behauptet, kann sie diese nicht wie einen notwen-
digen Effekt produzieren. Das Scheitern, die Drohung auszuführen,
Resignifizierungmöglichkeiten der Sprechweise erheblich be- stellt jedoch nicht den Status des Sprechakts als Drohung in Frage, son-
schneiden. Deshalb fordert sie, die Sprache und das Sprechen dern nur dessen Wirksamkeit. Die Selbsttäuschung, die der Drohung
nicht zu einem Gegenstand der Gerichte zu machen. Reden sei ihre Macht verleiht, besteht darin, daß der Sprechakt der Drohung die
eben nicht gleich Handeln, und es gebe keine direkte und li- angedrohte Handlung vollständig verkörpern soll. Dagegen ist dieses
Sprechen [hate speech, C.H.] verwundbar, anfällig für ein Mißlingen -
neare Umsetzung von Sprache in Wirklichkeit Mit Austin be-
und genau diese Verletzlichkeit muß man ausnutzen, um der Drohung
harrt sie darauf, den Raum für Resignifizierungen offen zu las- entgegenzutreten" (23).
sen, weil Subjekte sich in der Antwort auf eine sprachliche Dif-
famierung aus der an sie herangetragenen Bedrohungssituation Wer vermag die Verletzlichkeit der Sprechsituation auszunut-
befreien können, wenn sie die Bedeutung des Gesagten umwen- zen? Anstelle der Dekonstruktion des Subjekts, die Thema in
den oder verschieben können. Sind die Bedeutungen von Be- Das Unbehagen der Geschlechter war, ist nun die Konstitution
griffen und Redewendungen gesetzlich verordnet, raubt dies von Subjekten, die subversiv handlungsfähig sein sollen, im
der Sprache ihre Beweglichkeit und Mehrdeutigkeit, auf der die Blick. Es ist daher zu fragen, ob das zu dekonstruierende und
Umdeutungsmöglichkeit beruht Butlers Politik des Performati- das subversiv resigpifizierende Subjekt dasselbe sind. Ich denke,
ven ist keine der political correctness, sondern liberal. wenn auch mit Einschränkungen, im Grunde schon. Butler hat
Die Möglichkeit, die diskursiven Unterwerfungsmechanis- in Das Unbehagen der Geschlechter das Leitbild des - männlich
men zu unterlaufen, besteht auch in Haß spricht in individuell identifizierten - autonomen und frei handlungsfähigen, sich
und konkret resignifizierenden Akten, die eine Umwertung von selbst setzenden Subjekts kritisiert Von dieser Kritik verab-
hate speech zur Folge haben sollen. Weil der Bedeutungshori- schiedet sie sich in Haß spricht Opfer von hate speech sollen
zont eines Begriffs nicht vom Subjekt abhängt, das die Wörter sich einfallsreich und originell wehren können, und mit dieser
ausspricht, plazieren sich umgekehrt Subjekte durch ihre Art, Fähigkeit sind sie Subjekte im vormals kritisierten Sinne des
Rede und Sprache anzuwenden, in einem bestehenden Bedeu- Wortes. Und doch werden die Subjekte nicht wie bei Austin
tungs- und Wertefeld, das mit bestimmten historisch gewachse- vorausgesetzt, sondern Butler denkt nach wie vor, daß Subjekte
nen Denk- und Moralvorstellungen assoziiert ist. Produkte bestimmter diskursiver Prozesse sind. Die Frage, die
sich hier stellt, greift sie in The Psychic Life of Power auf: Wenn
„Obgleich das Subjekt zweifellos spricht und es kein Sprechen ohne die Subjekte von den Machtverhältnissen in ihrem Sosein dis-
Subjekt gibt, übt das Subjekt nicht die souveräne Macht über das aus,
kursiv konstruiert sind, können sie dann gegen diese ankämp-
was es sagt. Nach der Diffusion der souveränen Macht liegt der letzte
Ursprung der Anrufung im Ungewissen. Denn von wem geht die An- fen - und warum sollen sie das wollen?
rede aus, und an wen wendet sie sich? Wenn derjenige, der die Anrede In Haß spricht klärt Butler, in einem ersten Anlauf, wie Sub-
aussendet, sie nicht als Autor verfaßt, und derjenige, den sie kennzeich- jekte überhaupt als freie, subversiv handlungsfähige produziert
net, nicht durch sie beschrieben wird, dann übersteigen die Funktions-
sein könnten, ohne daß eine Macht vorausgesetzt wird, die
weisen der anrufenden Macht das Subjekt, das durch sie konstituiert
ist, wie umgekehrt die solchermaßen konstituierten Subjekte die Anru- planmäßig solche Subjekte erzeugt, was sie ausschließt. Nur
fung übersteigen, durch die sie gleichsam ins Leben gerufen werden" Subjekte vermögen subversiv anders zu sprechen, Subjekte im
(55). starken Sinne des Wortes, die sich von den Vorgaben und Rah-
menbedingungen ihrer Konstitution als Subjekte zumindest par-
Es geht um die Subversion der Herrschaftsverhältnisse durch
tiell lösen können müssen, damit sie Widerstand gegen diese
Anders-Sprechen. Doch die Beschreibung der Drohung durch
setzende Macht denken und gegen sie aktiv werden können.
hate speech beinhaltet auch die Frage, wer denn die Resignifika-
tion ausführen soll und wie dieses anders sprechfähige Subjekt
durch die performative Kraft der Sprache erzeugt sein könnte.

71 101
Andere Philosophinnen haben die immanenten Widersprü- Sprechsituation im Prinzip erneut so, auch wenn der Charakter
che in Butlers Denken zum Subjekt schon formuliert 1 8 Dabei und die Rolle eines Individuums stets schon diskursiv konstitu-
steht jedoch meist nicht die Subjektfrage im Zentrum 19 , deren iert sind, noch ehe es sich dessen bewußt ist
Fokussierung auf Butlers Denken ein anderes Licht wirfL Die Kluft zwischen Austins nominalistischer Sprechakttheo-
Butler beschreibt in Haß spricht den Konstruktionsprozeß rie und Althussers Theorie der Konstitution des Subjekts als
von Subjekten als solchen, indem sie die Implikationen ihres performativem Produkt der Sprache versucht Butler zu über-
Subjektbegriffs untersucht und die Produktion nicht-determi- brücken, indem sie darstellt,
nierter, handlungsfähiger Subjekte mit ihrem diskursiv-kon-
struktivistischen Ansatz zu verbinden sucht Sie beschreibt den „wie das durch die Anrede des Anderen konstituierte Subjekt zu einem
Subjekt wird, das seinerseits andere ansprechen kann" (43).
Akt der Setzung von Subjekthaftigkeit mit Althusser durch das
Angesprochenwerden und zeigt Subjekthaftigkeit als der Die Subjektposition erscheint als labiler Zustand zwischen
Sprechsituation selbst innewohnende Position. In dieser Rekon- Macht und Verletzbarkeit, denn das Subjekt stellt
struktion des Subjekts als abstrakt-konkretem liegt auch eine
gewisse Ubereinstimmung mit Foucaults Begriff des ethischen „weder einen souveränen Handlungsträger dar, der ein bloß instru-
Subjekts, auf den sie nicht rekurriert Diese Hinwendung zum mentelles Verhältnis zur Sprache hat, noch einen bloßen Effekt, dessen
Handlungsmacht sich in reiner Komplizenschaft mit den vorgängigen
Konkreten steht außerdem in einer Spannung zu Butlers lang- Verfahren der Macht erschöpft. Keine Übernahme der Handlungs-
fristigen politisch-strategischen Absichten. Die Auflösung des macht kann die Verletzbarkeit durch den Anderen überwinden, die
Patriarchats und des binären Denkens haben eine geographi- durch die dem Subjekt vorausgehende Anrede bedingt ist" (43).
sche und historischen Dimension, die kaum durch zufällig
In dieser Verteidigung gegen den Einwand, daß das Subjekt
gleichlaufende widerständige Individualakte destruiert werden
eben weder einen Effekt der Sprache darstelle, noch außerhalb
dürfte. Solche Gegner zu besiegen, bedarf es der Koordination
der Sprache stehe und sich ihrer souverän bediene, nimmt But-
von Widerstandsaktionen, die organisiert sein müssen. Das Ziel
ler den Vorwurf der Paradoxie ihres diskursiv konstruierten
muß klar sein, Aktionspläne müssen aufgestellt und ihre
Subjektverständnisses auf. Weder ist das Subjekt durch Macht
Durchführung kontrolliert werden, um solche Ziel zu errei-
diskursiv konstruiert und daher nicht mehr widerständig gegen-
chen. Es stellt sich daher die Frage, ob Butler implizit in Haß
über Macht und Sprache, noch ist es widerständig in dem Sinn,
spricht diese Ziele aufgibt, wenn sie sich zum Konkreten hin
daß es die Sprache resignifizieren kann. Das Problem der hate
orientiert Butlers Subversionsmethode in Haß spricht setzt
speech eignet sich deshalb zur Bearbeitung diese Problems, weil
nicht abstrakt die Autonomie und Unabhängigkeit des Subjekts
im Streit um hate speech die Verletzbarkeit des Subjekts durch
voraus, sondern beruht auf der Möglichkeit einzelner, in kon-
Sprache thematisch ist, die Butler für ihre Subjekttheorie rekla-
kreten Situationen auf die jeweiligen Vorgaben, die diskursiv
miert Gerade dadurch, daß Subjekte diskursiv durch die Anru-
gemacht werden, affirmativ oder widerständig zu reagieren.
fung des Anderen ins Sein treten, so ihre These, sind sie stets
Das durch hate speech in die Opferposition gestellte Subjekt
und unaufhebbar verletzlich durch Sprache und Schimpfworte.
muß auf diese Rolle nicht in der vorgelegten Weise antworten.
Es kann sich der Zuschreibung widersetzen, weil seine Über- „Es gibt keinen möglichen Schutz vor der Verletzbarkeit und Empfäng-
nahme nötig ist, damit sie wirksam wird. Das ist in jeder lichkeit für den Anruf der Anerkennung, der gleichsam die Existenz
herbeiruft, oder vor der primären Abhängigkeit von einer Sprache, die
wir nicht selbst gemacht haben, damit wir einen zumindest vorläufigen
18 Dazu die Diskussionsbeiträge zu Butler in Feministische Studien 2/ ontologischen Status erhalten" (44).
1993, und in Benhabib et al. (Hg.) 1993, außerdem Harding 1994 und
Landweer 1993 a und 1994. Auf Althussers Modell der Anrufung beruft sie sich nur inso-
19 Außer bei Isabell Lorey 1996. Sie kritisiert, daß Butler ein Konzept fern, als er die performative Kraft der Sprache betont, daß die
des Selbst fehle, und bezieht sich dabei auch auf den späten Foucault. Angesprochene sich durch die Anrede getroffen und gemeint
73 101
weiß, und sich so als Objekt des sprechenden Anderen fühlt triarchale Metaphorisierung entziehen. Der Diskurs hat, im
Dies impliziert auch, daß die empfangene Anrede als angemes- Unterschied zur Stimme, kein Geschlecht und ist nicht außer-
sen akzeptiert wird und sich die Angesprochene durch sie be- halb dieser Welt angesiedelt, vielmehr in ihr - und gerade dar-
zeichnet und anerkannt findet - selbst wenn die konkreten Zu- in, so betont sie immer wieder, liegt das Widerstandspotential
schreibungen ihr vielleicht nicht angenehm sind: der Subjekte trotz ihrer Abhängigkeit vom Diskurs.
Diese Konzeption des verletzlichen Subjekts, das in Abhän-
„So halten wir manchmal an Ausdrücken fest, die uns weh tun, weil sie gigkeit von der Sprache doch zugleich durch sie ermächtigt ist,
uns wenigstens irgendeine Form der gesellschaftlichen und diskursiven
Existenz bieten" (44). sich ihrer anders bedienen zu können, als es sie erfahren hat,
ist eine andere Perspektive, als Butler sie in Körper von Gewicht
Gegen Althusser betont Butler, daß die diskursive gesellschaft- einschlägt. Sie wendet sich von der Frage der Materialisierung
liche Konstruktion einer Person durchaus statthaben kann, oh- von Körpern und Dingen als performativen Produkten ab und
ne daß diese selbst darum weiß und sich erst angeredet fühlen thematisiert das Subjekt nun als konkretes, das durch die Ei-
muß und sich umdreht gennamen und Bezeichnungen, mit denen es angerufen wird,
konstituiert wird. Doch wie in Körper von Gewicht ist das Sub-
„Tatsächlich kann man ein Selbstbild haben, das in einigen Zügen der
eigenen gesellschaftlichen Konstituierung diametral entgegengesetzt ist.
jekt in dem Sinne sprachlich erzeugt, daß es die Sprache ist,
Wir können diesem gesellschaftlichen Ich überraschend begegnen, mit deren Struktur und Benennung es hervorbringt. Nur ist diese
Schrecken oder Freude, oder sogar mit einem Schock. In einer solchen Erzeugung nicht in bezug auf das Materielle Thema, sondern in
Begegnung wird deutlich, daß der Name seine sprachliche Konstituti- bezug auf die partielle Machtaneignung, die dem Subjekt durch
onsmacht indifferent gegen den Träger des Namens ausübt. Wir müs-
sen nicht unbedingt erkennen oder bemerken, wie wir konstituiert die sprachliche Struktur selbst aufgenötigt ist. Die Körperlich-
werden, damit die Konstitution wirksam wird. Denn ihr Maß ist nicht keit dieses Subjekts wird dabei ebensowenig thematisiert wie
von ihrer reflexiven Aneignung bestimmt, sondern vielmehr von einer die Frage, ob die Subjektposition an ein Geschlecht geknüpft
Bezeichnungskette, die den Kreislauf der Selbsterkenntnis übersteigt.
Die Zeit des Diskurses ist nicht die Zeit des Subjekts" (50 f.).
ist - das Subjekt ist in Haß spricht etwas Imaginäres mit Wirk-
lichkeitseffekt, ein Bewußtseinsphänomen, um es traditionell
Hinzu kommt für Butler, daß Althusser die Stimme als Medium auszudrücken. Diese Blickrichtung der Diskussion des Subjekts
der Anrufung setzt, und damit implizit und in seinen Beispielen als kognitivem Phänomen behält Butler in The Psychic Life of
auf die göttliche Stimme referiert. Power aus einer nicht mehr politisch-praktischen vielmehr theo-
retisch philosophischen Perspektive bei.
„Man muß die Anrufung von der Figur der Stimme ablösen, damit sie
als Instrument und Mechanismus von Diskursen hervortritt, deren
Wirksamkeit sich nicht auf den Augenblick der Äußerung reduzieren
läßt. Man denke nur an die Kraft der geschriebenen oder reproduzier- The Psychic Life of Power
ten Sprache, gesellschaftliche Effekte hervorzubringen, und vor allem
Subjekte zu konstituieren" (52).
Kernthema dieses Buches ist die Figur der Umwendung. Die
Diese Kritik an Althusser zeigt, daß Butler von ihm vor allem Theories in Subjection, wie der Untertitel lautet, sind verschiede-
das bildhafte Motiv der Gebundenheit des Subjekts an die Spra- ne Aufsätze, in denen gezeigt wird, wie Unterwerfung und Sub-
che, die es erzeugt, übernimmt, aber die ursprungsorientierten jektsein zusammenhängen in jener Bewegung der Umwendung
Aspekte ausklammert. Subjekterzeugend ist die Sprache als auf sich selbst, in der dieses Selbst als bewußtes erst entsteht
grammatische Struktur und als performativer Machtkomplex, Es geht also erneut um die Frage, wie das Subjekt zugleich er-
sie bringt Subjekte hervor, die sich von diesen Konstitutionsbe- zeugt und widerständig sein kann, und Butler benutzt zur Er-
dingungen nicht gänzlich lösen können. Butler will die Autori- klärung die Metaphorik der Um- oder Rückwendung. Die Figur
tät der göttlichen Stimme anonymisieren und ihr damit die pa- der Umwendung behandelt sie in einzelnen Kapiteln von Hegel

75 101
über Nietzsche bis Althusser, die sie mit Freud und Foucault Herr-Knecht-Kapitel in der Phänomenologie des Geistes2° be-
gegenliest Anschließend setzt sie die Freudsche gegen Fou- ginnt Hegel geht anschließend zum unglücklichen Bewußtsein
caults Theorie der Subjektkonstitution durch die Unterwerfung über, und seine Reflexion darüber steht am Beginn von The Psy-
des Körpers. Das Buch schließt mit einer Betrachtung der psy- chic Life of Power. Subjects of Desire endet mit Ausführungen zu
chischen Mechanismen, die Freud in seinen Analysen der Me- Foucault, der als der nachhegelianische Denker vorgestellt
lancholie beschreibt Butler verbindet diese Philosophen in der wird, der das Begehren nicht wieder in ein identisches Subjekt
Figur der Umwendung, ohne ihre unterschiedlichen Ausgangs- einholt, sondern es als Produkt von Diskurs- und Machtbezie-
theoreme und Erkenntnisziele zu berücksichtigen. Dies erweist hungen versteht. Einleitend in The Psychic Life of Power kriti-
sich in der detaillierten Analyse als Problem, da sich die Paral- siert Butler nun Foucault, weil er die Mechanismen, in denen
lelen, die sie über die Umwendungsmetapher herstellt, auflö- Subjekte als unterworfene produziert werden, nicht herausar-
sen, wenn die Grundbegriffe, in denen sich Umwendung ereig- beite und der gesamte Bereich der Psyche bei ihm ungenannt
net - Geist, Ich, Körper, Bewußtsein, Verkörperung, Internali- bleibe. Diese Defizite will sie ausgleichen.
sierung, Gewissen, Unbewußtes -in den jeweiligen Theorierah- Butler versteht überraschenderweise dieses Buch nicht als
men zurück gestellt werden. Es geht ihr um diese Figur, mit der Beitrag zu der Debatte über das Subjekt und seine Handlungs-
sie die Subjektwerdung als Unterwerfung erklären kann, die fähigkeit bzw. Herrschaftsposition.
Widerstand hervorbringt
Eine Besonderheit oder Verschiebung zu ihren vorherigen „The notion of the subject has incited controversy within recent theo-
retical debate, being promoted by some as a necessary precondition of
Arbeiten liegt neben der Fokussierung auf die Figur der Um- agency and reviled by others as a sign of mastery to be refused. My
wendung darin, daß Butler über die Gefühle und affektiven purpose is neither to enumerate nor to resolve the contemporary in-
Bindungen spricht, die das Subjekt mit der Macht, durch die es stances of this debate. Rather I propose to take account of how a para-
konstituiert wurde, verbinden. Das Subjekt soll durch die dox recurrently structures the debate, leading it almost always to cul-
minate in ambivalence" (10).
Macht erzeugt und damit emotional an sie gebunden sein, und
zugleich selbst Macht haben. Es ist also affektiv ambivalent ge- Zu diesem Diskurs will sie nur beitragen, indem sie die parado-
genüber der Macht Butler zieht die Parallele zur Liebe des xe Struktur entfaltet, die dem Subjekt zugrundeliegt, und die
Kindes zu seinen Eltern, die aus Abhängigkeit entstanden und auch diese Debatte prägt: Jene Figur der reflexiven Abhängig-
eben darum ambivalent ist und später geleugnet werden muß. keit, die schon in Haß spricht mit Althusser entworfen wurde:
„there is no possibility of not loving, where love is bound up with the „How can it be that the subject, taken to be the condition for and the
requirements for life. The child does not know to what he/she atta- instrument of agency, is at the same time the effect of subordination,
ches; yet the infant as well as the child must attach in order to persist understood as the deprivation for agency? If subordination is the con-
in and as itself" (8). dition of possibility for agency, how might agency be thought in oppo-
sition to the forces of subordination?" (10).
Diese Argumentation zeigt die enge Bezugnahme Butlers auf
Freud. Der Uberlebenswille als Grund dafür, warum das Kind Diese defensive Selbsteinordnung rührt wohl daher, daß ihr
die Eltern lieben müsse, widerspricht ihrer sonstigen Ableh- bisheriges Widerstandskonzept in The Psychic Life of Power suk-
nung anthropologischer Unterstellungen. zessive zusammenschrumpft - wie ich noch ausführen werde.
Die praktisch-politische Orientierung Butlers tritt zurück Der Einführung des Paradoxes folgt Butlers Definition des
und über das Begehrensthema schließt sich thematisch ein Subjekts als linguistischer Kategorie, als Platz in der grammati-
Kreis zu Subjects of Desire, das mit einer Analyse zu Hegels schen Struktur, als Struktur im Werden. 21 Diese Definition und

20 Siehe Hegel 1970.


21 Butler 1997 a, 10 f., zitiert in Kapitel 1.

77 101
die anderen Merkmale dieses Buches machen deutlich, daß es „Es muß einerseits eine starke Fixierung an das Liebesobjekt vorhan-
von gegenläufigen Gedanken durchzogen ist, denn diese Defini- den sein, andererseits aber im Widerspruch dazu eine geringe Resistenz
tion liegt quer zu Foucaults wie zu Freuds Subjektverständnis. der Objektbesetzung. Dieser Widerspruch scheint [...] zu fordern, daß
die Objektwahl auf einer narzißtischen Grundlage erfolgt sei, so daß
Beide verhandeln das Subjekt als konkretes, körperliches, als die Objektbesetzung, wenn sich Schwierigkeiten gegen sie ergeben, auf
eines, von dem mit Sinn gesagt werden kann, daß es Gefühle den Narzißmus regredieren kann. Die narzißtische Identifizierung mit
habe. Butler jedoch spricht, wenn sie von den Gefühlen des dem Objekt wird dann zum Ersatz der Liebesbesetzung, was den Er-
Subjekts spricht, von der Ambivalenz, dem Begehren und der folg hat, daß die Liebesbeziehung trotz des Konflikts mit der geliebten
Person nicht aufgegeben werden muß" (ebd., 202 f.).
Liebe, die das Subjekt als linguistische Kategorie empfindet
• Diese Subjektdefinition indiziert, daß Butler, obwohl sie sich Nun wird die Besetzung des Objekts aufgegeben,
in Körper von Gewicht bemüht, das Körperliche in ihre diskur-
sorientierte Perspektive einzubinden, das Subjekt doch als dis- „durch den Einfluß einer realen Kränkung oder Enttäuschung von Seiten
s kursive Konstruktion, als linguistische Kategorie bzw. als gram- der geliebten Person [tritt] eine Erschütterung dieser Objektbeziehung
ein. [...] aber die freie Libido [wird] nicht auf ein anderes Objekt ver-
f matisches Phänomen betrachtet schoben, sondern ins Ich zurückgezogen. Dort [findet] sie aber nicht
Butler zeigt in The Psychic Life of Power, wie verschiedene eine beliebige Verwendung, sondern [dient] dazu, die Identifizierung
Philosophen das Paradox von Erzeugtheit und Widerständigkeit des Ich mit dem aufgegebenen Objekt herzustellen" (ebd., 202).
entwickeln. Sie beschreibt mit Hegel, Nietzsche, Freud, Aus-
führungen zu Althusser und immer wieder Foucault, wie Sub- Da die ambivalente Besetzung des Objekts unbewußt war, muß
jekte sich als bewußte konfigurieren, weil die produktiven auch sein Verlust unbewußt verarbeitet werden. Das Ich nimmt
Kräfte der Diskurs- und Machtbeziehungen sich im Subjekt auf die Libido in sich selbst zurück. Der folgende Schritt ist der
sich selbst zurückwenden. Die nun folgende Darstellung dieser für Butler wichtigste: Diese Umwendung der ambivalenten Li-
Argumentation ist die Grundlage für die anschließende Diskus- bido aufs Ich führt zur Teilung der Psyche in Ich und Uber-Ich.
sion einzelner Aspekte dieser Subjektkonzeption und konzen- „Wir sehen ihm [dem Melancholischen, C.H.], wie sich ein Teil des
triert sich auf die Umwendungsfigur in Butlers Freudrezeption. Ichs dem anderen gegenüberstellt, es kritisch wertet, es gleichsam zum
Denn diese prägt dieses Buch, und mit Freuds Theorie des Un- Objekt nimmt. Unser Verdacht, daß die hier vom Ich abgespaltene kri-
bewußten dekonstruiert bzw. ergänzt Butler Foucaults Theorie tische Instanz auch unter anderen Verhältnissen ihre Selbständigkeit er-
weisen könne, wird durch alle weiteren Beobachtungen bestätigt wer-
der Produktivität der Macht den. Wir werden wirklich Grund finden, diese Instanz vom übrigen
Butler zieht besonders Freuds Analyse in Trauer und Melan- Ich zu sondern. Was wir hier kennenlernen ist die gewöhnlich Gewis-
cholie und seine Theorie der Genese des Über-Ichs und der sen genannte Instanz; wir werden sie mit der Bewußtseinszensur und
der Realitätsprüfung zu den großen Ichinstitutionen rechnen" (ebd.,
Wirkung von Lebens- und Todestrieben in Das Ich und das Es
201).
heran. Freud beschreibt dort den Prozeß, in welchem sich das
Bewußtsein des Subjekts entwickelt Er definiert Trauer als Das Ich, das die Liebeswünsche des Es auf sich zurückrichtet,
und das Ich, das diese Liebe kritisiert, sind nicht identisch:
„die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre
Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal, etc. „But what is this self that takes itself as its own object' Is the one who
Unter den nämlichen Einwirkungen zeigt sich bei manchen Personen, takes itself and the one who is taken the same?" (Butler 1997 a, 168).
die wir darum unter den Verdacht einer krankhaften Disposition set-
zen, an der Stelle der Trauer eine Melancholie" (Freud 1917,197).
Durch die melancholische Reaktionsbildung auf den unbewuß-
Die Melancholiker zeichnet besonders aus, daß sie ein Objekt ten Verlust des ambivalenten Objekts bildet sich die psychi-
oder Ideal in ambivalenter Weise libidinös besetzt haben, nach sche Struktur Ich-Über-Ich aus.
dem Typus der narzißtischen Objektwahl:
„Ambivalence thus precedes the psychic topopgraphy of super-ego/
ego; its melancholic articulation is offered as the conditon of possibility

79 101
of that very topography. [...] The internal topography by which me- „So hat man den Schlüssel des Krankheitsbildes in der Hand, indem
lancholia is partially explained is itself the effect of that melancholia" man die Selbstvorwürfe [der Melancholischen, C.H.] als Vorwürfe ge-
(ebd., 174). gen ein Liebesobjekt erkennt, die von diesem weg auf das eigene Ich ge-
wälzt sind" (Freud 1917, 202).
Die paradoxe Figur, von der Butler schon in Körper von Ge-
wicht und Haß spricht ausgeht, wird mit Freuds Topografie der So erklärt Freud die symptomatische „Aufhebung des Interesses
Psyche ausformuliert Das selbstbezügliche Ich ist das Produkt für die Außenwelt" 22 , den Weltverlust der Melancholikerin,
von Internalisierung und Identifizierung. der mit Autoaggression als Ausdruck eines Ich-Verlusts23ge-
paart ist Dieser Verlust des Bezuges zur sozialen Welt ist für
„The price of such an identification, however, is that the ego splits into Butler die Fährte, die Beziehungen von Subjekt, Macht und
the critical agency and the ego as object of criticism and judgement.
Thus the relation to the object reappears in the ego, not merely as a Sprache zu entziffern. Um diese zu erklären, muß sie die Pro-
mental event or singular representation, but as a scene of self-berate- zesse, die nach Freud vom Subjekt ausgehen und in ihm enden,
ment that reconfigures the topography of the ego, a fantasy of internal als von Sprache und Macht dirigiert zeigen.
partition and judgement that comes to structure the representation of
psychic life tout court" (ebd., 180).
Eine Verbindung der Freudschen Theorie des Psychischen
Apparates, seiner Bildung, seines Aufbaus und seiner Wir-
So ergibt sich jene Parallele, die Butler von Freud zu Hegel, kungsweisen, mit Butlers Programm, die Konstruktion von Sub-
Nietzsche und Althusser zieht jekten durch die Macht der Sprache zu beschreiben, ist mög-
lich, wenn der Einfluß der Sprache und der Machtverhältnisse
„Melancholia thus returns us to the figure of the turn as a founding auf die Psyche und ihre Genese als dreigeteilte (in Unbewuß-
trope in the discourse of the psyche. In Hegel, turning back upon one-
self comes to signify the ascetic and skeptic modes of reflexivity that
tes, Ich und Über-Ich) gezeigt wird. Butler beschreibt die Me-
mark the unhappy consciousness; in Nietzsche, turning back upon one- lancholie als den psychischen Prozeß und Gefühlszustand, in
self suggest a retracting of what one has said or done, or a recoiling in dem sich das Subjekt konstituiert, und betont dabei, daß die
shame in the face of what one has done. In Althusser, the turn that the Melancholie eine notwendige Reaktion auf die Gesetze der
pedestrian makes toward the voice of the law is at once reflexive (the
moment of becoming a subject whose self-consciousness is mediated by Macht sei, die die Libido einschränken.
the law) and self-subjugation" (ebd., 168).
„If the melancholic turn is the mechanism by which the distinction bet-
ween internal and external worlds is instituted, then melancholia initia-
Durch die melancholische Rücknahme der Objektbeziehung tes a variable boundary between the psychic and the social, a bounda-
iins Ich, die vom Ich abgelehnt wird, spaltet sich das Ich in die ry, I hope to show, that distributes and regulates the psychic sphere in
•'kritische Instanz Uber-Ich und das Ich als Objekt. relation to prevailing norms of social regulation" (Butler 1997 a, 171).
Wie spielen nun die Diskurs- und Machtverhältnisse in diese
Umwendung der Libido ins Ich hinein? Die Mechanismen und Die Melancholie wird ausgelöst durch einen Objektverlust, der
Kräfte, mit denen Freud die Selbstbezüglichkeit und innere Ge- nicht betrauert werden kann, weil er dem Bewußtsein entzogen
spaltenheit des Subjekts erklärt, sind innerpsychisch, sie kom- ist, unaussprechlicher, unbewußter Verlust. Daß der Verlust
men nicht von Außen. Das Ich identifiziert sich mit dem verlo- unaussprechlich ist, liegt nach Butler daran, daß bestimmte Ge-
renen Objekt, indem es sich selbst mit den Eigenschaften des setze der Objektwahl gelten. Diese schreiben vor, welche Ob-
Objekts ausstattet. Weil die Beziehung zum Objekt ambivalent jektwahl erlaubt und daher bei Verlust des Objekts betrauerbar
war, entsteht aus dieser Identifikation ein innerer Konflikt zwi- ist, und welche Objektwahl unbewußt bleiben muß, weil sie
schen Ich und Über-Ich, denn das Über-Ich richtet die Aggres-
sionen gegen das frühere Objekt nun gegen das Ich, das sich an
dessen Stelle gesetzt hat. 22 Freud 1917,198.
23 Ebd., 200: „Der Melancholiker zeigt uns noch eines, was bei der Trau-
er entfällt, eine außerordentliche Herabsetzung seines Ichgefühls, ein
großartige Ich Verarmung."

81 101
verboten ist, bzw. mit den Ichanforderungen nicht in Einklang entwickelt es zugleich sein Ich- und Selbstbewußtsein, und lei-
zu bringen wäre. Und diese Gesetze liegen in den sozialen det melancholisch eben daran. 24 Die Macht des Gesetzes über
bzw. politischen Machtverhältnissen. die Objektwahl scheitert bei der Umsetzung des Gesetzes, und
zwar an den Zwängen der Subjektwerdung selbst Das Kind
„Although social power regulates what losses can be grieved, it is not
always as effective as it aims to be. The loss cannot fully be denied, but
muß seine Eltern lieben, um zu überleben - doch darf es sie lie-
neither does it appear in a way that can directly be affirmed. The ben, wenn es selbständig und ein identisches Ich werden will?
plaints of the melancholic are invariably misdirected, yet in this misdi- Das Gesetz, an das Butler hier denkt, ist das heterosexuelle.
rection resides a nascent political text. The prohibition on grief regi- Sie übernimmt Freuds Betonung der erlaubten bzw. verbotenen
sters as a loss of speech for its addressee. The pain of loss is credited to
the one who suffers it, at which point the loss is understood as a fault Libido-Orientierung, so daß die Verknüpfung zu ihrer Aus-
or injury deserving of redress; one seeks redress for harms done to zeichnung des heterosexuellen Gesetzes als erstem naheliegt.
oneself, but from no one except oneself" (ebd., 183 f.). Sie übernimmt auch Freuds Annahmen zur frühkindlichen Ob-
jektwahl und deren Sanktionierung, wo andere als geschlechtli-
Die Macht, die die Gesetze vorgibt, wird im Geschehen der che Kategorien des Verbotes der Objektwahl nicht konzipiert
Melancholie unsichtbar. Auch wenn diese soziale Macht zu be- sind und auch schwer integrierbar wären. Sie nimmt damit die
stimmen, wie die Objektwahl der einzelnen verläuft, nicht im- Erweiterung der Subjektivierungskategorien, die sie in Körper
mer funktioniert, so bewirkt sie doch, daß die Liebesbeziehung von Gewicht und Haß spricht betont, implizit wieder zurück.
zum verbotenen Objekt unbewußt bleibt. Diese Liebesbezie- Butler will für Freud reklamieren, daß er überzeugt ist von
hung kann darum weder völlig verleugnet noch offen eingestan- der sozialen Konstruktion der Regeln, nach denen sich der Psy-
den werden. Die melancholischen Klagen gegen das Ich sind chische Apparat ausbildet. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf
fehlgeleitet, und diese Verirrung ist Ausfluß bestimmter poli- die bereits angeführte Bemerkung Freuds, Melancholie sei
tisch-praktischer Machtverhältnisse. Das Trauerverbot schreibt
sich als Sprachverlust gegenüber dem verbotenen Objekt ein, „die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre
und der Verlustschmerz fällt auf die zurück, die den Verlust er- Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal etc."
(Freud 1917,197).
leiden. Sie suchen nach Abhilfe für Leiden, das ihnen angetan
wurde, doch scheinbar von niemand anderem als ihnen selbst. Weil Freud hier politische Ideen als Beispiele für Ideale nennt,
Butler bezieht sich hier auf Freuds Symptombeschreibung, daß folgert Butler, daß Ideale für ihn sozialer Natur sind:
Melancholikerinnen und Melancholiker ausdauernd über sich
selbst klagen und sich selbst beschimpfen. Sie liest diese Rede- „he makes clear by this examples that such ideals are social in charac-
freudigkeit gleichsam als Decksymptom, das das Schweigen ter" (Butler 1997 a, 185).
übertönt, mit dem der Verlust des verbotenen Objekts und sei-
Als soziale sind diese Ideen sozial konstruiert, und Freud be-
ne Unaussprechbarkeit unbewußt gemacht wurden.
stätigt diese Lesart, wenn er den Ödipuskomplex eine histori-
Diese ausführlichere Rekonstruktion des Freudschen Melan-
choliebegriffs hat gezeigt, daß zwei Momente daran für Butler
besonders wichtig sind: Daß die Entstehung des Bewußtseins,
des geteilten Ich, für Freud eine Reaktionsweise auf einen un-
aussprechlichen Objektverlust darstellt, und daß ein Zusam-
24 „To make of melancholia a simple refusal to grieve its losses conjures a
subject who might already be something without losses, that is, one
menhang besteht zwischen dem Gebot zur vergeschlechtlichten who voluntarily extends and retracts his or her will. Yet the subject
heterosexuellen Subjektidentität und der Melancholie. Das Sub- who might grieve is implicated in a loss of autonomy that is mandated
jekt soll sich als selbstbewußtes bilden im Konflikt zwischen by linguistic and social life; it can never produce itself autonomously.
seinen libidinösen Wünschen und den Anforderungen der Ge- From the start, this ego is other than itself; what melancholia shows is
that only by absorbing the other as oneself does one become something
sellschaft, ein identisches Ich zu werden. In diesem Konflikt at all" (196).

83 101
sehe, nicht mehr biologische Tatsache nennt 25 und überlegt, Staat sich in der Subjektwerdung niederschlägt, nämlich so, daß
wie sich bestimmte Inhalte und Strukturen der Trieborganisati- sein Einfluß dabei unsichtbar wird. Durch die Idealisierung des
on phylogenetisch vererbt haben könnten. 26 Butler vermutet, Objekts in der Liebesbesetzung wird die Macht des Gesetzes
daß die soziale Macht die psychischen Konstitutionsvorgänge gefestigt, das sich selbst als Liebesobjekt zu setzen versteht.
beeinflußt und daß das Ich die Aggression, die es gegen sich Denn diese Idealisierung übersteigt jede konkrete Realisierung
selbst ausagieren muß, weil es mit seinem Wunsch scheitert, eines Staates und seiner Gesetze, die daher als konkrete fehler-
seinen Idealen zu entsprechen, sich gegen diese fremdbestimm- haft, ja Verfehlungen sein können. Dieser Gedanke zeigt den
ten Ideale richten würde, wenn es das vermöchte. Die Gewalt Einfluß der Hegeischen Rede vom unglücklichen Bewußtsein auf
des Gewissens erklärt sie als umgewendete Anklage gegen die Butlers Subjektmodell, das sie an dieser Stelle in das Freudsche
sozialen Zwänge, die bestimmte Arten des Verlustes unbetrau- einschreibt Das Subjekt, das sich als wirkliches weiß, muß
erbar machen, indem sie bestimmte Objektwahlen vorgeben sich notwendig zugleich als Allgemeines, Unwandelbares ver-
und andere ausschließen - eine Gewalt, die durch Introversion fehlen, und vice versa. 27 Die Idealität übersteigt alle gegebenen
statt gegen das Gesetz gegen das Selbst gerichtet wird. Auch Realisationen, sie könnte stets auch auf ganz andere Weise ver-
liest sie Freuds Begriff der psychischen Institutionen, die das körpert werden (191). Die Melancholie wirkt sozial als Korrek-
Ich bilden, als politische Metaphorik, die zeige, daß er die Or- tiv, sie zügelt die für das Subjekt potentiell gefährliche Wut ge-
ganisation des Ich als in das Ich gekehrte Variante der äußeren
gen die Macht des Staates. Dieses Denken mit Hegel führt sie
Machtverhältnisse sehe, die dieses Ich erzeugten (178).
fort, wenn sie die Unmöglichkeit beschreibt, ein Selbst zu wer-
Die Melancholie erscheint ihr daher nicht als Rückzug des den, ohne dabei den Anderen in sich aufzunehmen:
Subjekts von der Welt, vielmehr als niedergeworfene Rebellion
gegen die Gesetze, die diese prägen (190). Da in der Melancho- „The social terms which make survival possible, which interpellate so-
cial existence, never reflect the autonomy of the one who comes to re-
lie das Individuum die Aggression, die es gegen die vormals ge-
cognize him- or herself in them and, thus, stands a chance to be within
liebte Person empfindet, gegen sich selbst auslebt, hat sie eine language. Indeed, by forfeiting that notion of autonomy survival be-
befriedende Wirkung nach außen. Das melancholische Ich hält comes possible; the ego is released from it melancholic foreclosure of
die Aggression gegen den Anderen und die Macht im Zaum. the social. The ego comes into being on the condition of the trace of the
other, who is, at the moment of emergence, already at a distance. To
„Figured within the workings of the psyche is the power of the state to accept the autonomy of the ego is to forget that trace; and to accept
preempt an insurrectionary rage" (ebd., 190). that trace is to embark upon a process of mourning that can never be
complete, for no final severance could take place without dissolving
the ego. [...] Contained within the psychic topography of ambivalence,
Diesen Gedanken führt sie weiter, indem sie die Freudsche
the faded social text requires a different sort of genealogy in the for-
Konzeption des dreigeteilten Ich als Weise versteht, wie der mation of the subject, one which takes account how what remains un-
speakably absent inhabits the psychic voice of the one who remains"
(ebd., 196).
25 „If we consider once more the origin of the super-ego as we have de-
scribed it, we shall recognize that it is the outcome of two highly im- Der Verlust der Rede von der Autonomie des Subjekts ermög-
portant factors, one of a biological and the other of a historical nature: licht das Überleben des Subjekts als konkretem. Das Subjekt
namely, the lengthy duration in man of his childhood helplessness and kommt ins Sein durch die Spur des Anderen. Die Autonomie
dependence, and the fact of his Oedipus complex, the repression of
which we have shown to be connected with the interruption of libidi-
des Ich akzeptieren heißt, diese Spur vergessen; diese Spur fest-
nal development by the latency period and so with the diphastic onset zuhalten umgekehrt, sich auf einen Prozeß der nicht endenden
of man's sexual life" (Freud 1923, 302, Anm. 1). Im deutschen Text Trauer einzulassen, weil kein abschließender Bruch mit der Al-
ist von zwei biologischen Faktoren, kindlicher Abhängigkeit und Ödi-
puskomplex, die Rede. Erst in der (später erfolgten) englischen Über-
setzung besteht Freud auf der Unterscheidung biologisch-historisch.
26 Siehe Freud 1923, 303-306. 27 Hegel 1970,174.

85 101
terität möglich ist, ohne das Ich aufzulösen. Aufgehoben in der „Mania marks a temporary suspension or mastery of the tyrant by the
psychischen Topografie der Ambivalenz fordert der unvergäng- ego, but the tyrant remains structurally ensconed for that psyche - and
liche soziale Text eine andere Genealogie des Subjekts, die be- unknowable. For a resolution of melancholia that is more thorough
than any mania can provide, Freud suggests that a verdict of reality
rücksichtigt, wie, was unaussprechlich abwesend bleibt, in der
must be accepted for melancholia to become mourning, and for the at-
psychischen Stimme derjenigen mitklingt, die bestehen bleiben. tachment to the lost object to be severed" (Butler 1997 a, 191 f.).
Während für Freud Melancholie eine Krankheit ist, die
überwunden wird und auch einen typischen Ausgang hat, da sie Es gibt demnach kein Ende der Melancholie, solange das Uber-
zumeist in eine manische Phase übergeht 28 , ist hier von der an- Ich wirksam ist, da in ihm stets die Stimme des Anderen prä-
dauernden Trauer die Rede. Nach Freud feiert in der mani- sent bleibt. So gesehen ist nur eine temporäre Vertreibung des
schen Euphorie nach einer Melancholie das Individuum das Tyrannen Über-Ich durch das Ich möglich.
Freiwerden seiner psychischen Energie:
„If ambivalence distinguishes melancholia from mourning, and if mour-
„Der Manische demonstriert uns auch unverkennbar seine Befreiung ning entails ambivalence as part of the process of working through,
von dem Objekt, an der er gelitten hatte, indem er wie ein Heißhungri- then there is no work of mourning that does not engage melancho-
ger auf neue Objektbesetzungen ausgeht" (Freud 1917, 208). lia" (ebd., 193).

Freud verweist zur Erklärung der Manie - die auf eine Melan- Die Melancholie muß Trauer werden, damit das Objekt über-
cholie folgt, nicht auf normale Trauer - darauf, daß für das wunden werden kann. Doch eine vollständige Überwindung der
Subjekt mit dem Ende der Melancholie die Energien freiwer- Verbundenheit mit den Mächten, die das Subjekt konstituier-
den, die der unbewußte Teil des melancholischen Ablösungs- ten, ist unmöglich. Freud spricht entsprechend davon, daß
prozesses benötigte. Er spekuliert, daß diese Energie wohl des- „der Charakter des Ichs ein Niederschlag der aufgegebenen Objektbe-
halb besonders hoch ist, weil die Libido ins Ich zurückgewen- setzungen ist, die Geschichte dieser Objektwahlen enthält" (Freud
det wird, daß also der narzißtische Anteil am Geschehen der 1923, 297). 3 °
Melancholie die Manie ermöglicht ( Freud 1917, 211). Mit die-
sen Spekulationen endet Trauer und Melancholie. In Das Ich und Der Triebkonflikt zwischen Es, Ich und Über-Ich gestaltet sich
das Es entwickelt Freud den Ambivalenzgedanken dahingehend für Freud so, daß das Ich auf der Seite des Todestriebes gegen
weiter, daß er sagt, in der Ambivalenz der Melancholie spiegele das Es und seine Libidobesetzungen kämpft Aus dieser Positio-
sich der Triebkonflikt zwischen Leben- und Sterbenwollen, Li- nierung folgert Butler: Wenn das Ich die Aggression gegen das
bido und Todestrieb. 29 Der ebenfalls in Das Ich und das Es for- verlorene Libido-Objekt beinhaltet, dann muß die Wiederent-
mulierte Gedanke, daß vielleicht alle Objektverluste vom Ich äußerung dieser Aggression das Ich entinhaltem
durch Identifikation mit dem Objekt bearbeitet werden, führt „if the ego contains aggression against the other who is gone, then it
dahin, die melancholische Introversion des Objekts ins Ich follows that reexternalizating that aggression uncontains the ego. The
nicht mehr als Krankheit sondern als Trauerreaktion zu sehen. desire to live is not the desire of the ego, but a desire that undoes the
ego in the course of its emergence. The mastery of the ego would then
be identified as the effect of the death drive, and life, in a Nietzschean
28 Freud deutet diese Manie ähnlich wie Gefühle von Freude, Jubel und sense, would break apart that mastery, initiating a lived mode of beco-
Triumph als Wirkung davon, daß „ein großer, lange unterhaltener ming that contests the stasis and defensive status of the ego" (Butler
oder gewohnheitsmäßig hergestellter psychischer Aufwand endlich 1997 a, 193 f.).
überflüssig wird, so daß er für mannigfache Verwendungen und Ab-
fuhrmöglichkeiten bereitsteht" (Freud 1917, 207 f.). Die Melancholie
endet demnach.
Die Todesangst der Melancholischen hängt, so meint er, damit zusam- 30 Dort sagt er über das Über-Ich auch, es behalte zeitlebens die Fähig-
men, daß ihr Ich den Kampf gegen das Über-Ich, das das Ich zu hassen keit, sich dem Ich entgegenzustellen und sei das Denkmal der einstigen
scheint, aufgibt, vgl. Freud 1923, 324. Schwächen und Abhängigkeiten des Ich (315).

86 101
Diese vitalistischen Phantasien Butlers in bezug auf die Unmög- chen Aspekte ausführlicher rekonstruiert Die Auswahl dieser
lichkeit, etwas zu beherrschen, klangen schon in früheren Tex- Aspekte ist von den Anschlüssen und Kritikpunkten Butlers ge-
ten an. Ich erinnere an ihr Ziel der Vervielfältigung der Ge- genüber Foucault bestimmt Ich werde die folgenden vier Ge-
schlechter in Das Unbehagen der Geschlechter, an die Macht der sichtspunkte behandeln:
Sprache, Materialität zu erzeugen in Körper von Gewicht und an - Butlers Dekonstruktion des Subjekts Frauen
die Beweglichkeit der Subjekte, die Situation umzuwenden, an- - Die Theorie der diskursiven Materialisierung von Körpern
ders zu sprechen, in Haß spricht Es verwundert daher nicht, - Das Konzept des performativ-diskursiven Widerstands
daß sie in The Psychic Life of Power etwas wie die Anarchie der - Die Mängel und Widersprüche dieser Subjekttheorie.
unbewußten Libido im Es heraufbeschwört, die die Herrschaft
des Ich und des Uber-Ich, in denen die sozialen Machtverhält-
nisse sich in die Psyche eingegraben haben, zersetzen könnten.
Butler endet in diesem Buch damit, daß sie ein sprachliches Le- Dekonstruktion des Subjekts Frauen
ben des Subjekts innerhalb der Sprache annimmt, die dessen
„MAN kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es."31
Voraussetzungen setzt, und das dennoch durch ihr Verfehlen
der Gleichzeitigkeit von Begreifen und Sein mehr als die Spra- Diesen plakativen Satz Simone de Beauvoirs, die lange vor But-
che ist, und also über sie hinausweist und sie verändern kann. ler den natürlichen Geschlechtscharakter der Frau in Frage
stellte, setzt Butler ihrem Buch Das Unbehagen der Geschlechter
„To persist in one's being means to be given over from the start to so-
cial terms that are never fully one's own. Those terms institute a lin- voran, er wird zu einem Leitmotiv. Mit de Beauvoirs Satz
guistic life for the one who speaks prior to any act of agency, and they kommt sie immer wieder auf ihr zentrales Anliegen zurück: die
remain both irreducible to the one who speaks and the necessary con- Dekonstruktion der „natürlichen Geschlechtsidentität". Sie un-
ditions of such speech. In this sense, interpellation works by failing,
that is, it institutes its subject as an agent precisely to the extent that it
tersucht die Theorien Freuds, Lacans und Kristevas nach ihrer
fails to determine such a subject exhaustively in time" (197). Theorie der Entstehung der Geschlechtsidentität und des Ver-
hältnisses von Patriarchat, Heterosexualität und Geschlechter-
Die Macht des Gesetzes wird mit der Melancholie im Innen- dualismus. Diese Bezugnahme auf die Psychoanalyse ist selbst
raum der Psyche verankert und bleibt dem Bewußtsein entzo- schon eine Positionierung im Subjektdiskurs, weil die psycho-
gen. Da sie darum nicht präsent ist, fungiert sie als verlorenes analytische Theorie des Unbewußten ein wichtiger Schritt der
Objekt, als Ideal-Verlust, wie Freud sagt Diese Wendung der Dekonstruktion des modernen, rational autonomen Subjektden-
Macht nach innen ist zugleich eine Umwendung der Sprache, kens war. In ihrem konkreten Sosein sind die Subjekte Produk-
die doch das Subjekt ins Sein rief, und die jetzt als vom Subjekt te des konstruktiven Signifikationsprozesses, der keinen Ur-
erzeugte erscheint. sprung oder Anfang hat, sondern in dem sie immer schon ste-
hen. Sie sind seine Produkte und durch ihre aktive Übernahme
„Rather, the subject is produced, paradoxically, through this withdra-
wal of power, its dissimulation and fabulation of the psyche as a spea-
der Inhalte und Signifizierungsmuster zugleich diejenigen, die
king topos. Social power vanishes, becoming the object lost, or social ihn tragen und erzeugen. Diese Subjektvorstellung findet Butler
power makes vanish, effecting a mandatory set of losses. Thus, it ef- in Foucaults epistemologischen Überlegungen zum Subjekt als
fects a melancholia that reproduces power as the psychic voice of jud- Objekt und auch in den genannten psychoanalytischen Theo-
gement addressed to (turned upon) oneself, thus modeling reflexivity
on subjection" (198). rien. Allerdings entdeckt sie bei der kritischen Auseinanderset-
zung mit diesen Texten in allen Relikte des Ursprungsdenkens
Nachdem Butlers Ausführungen zum Subjekt und seiner Kon- So kritisiert sie Lacan, weil er ein Erstes annehme, das Gesetz,
stitution chronologisch entwickelt wurden, werden nun die für
den Vergleich mit der Foucaultschen Subjekttheorie wesentli-
31 De Beau voir 1968, 265.

89 101
respektive die Beziehung zum Vater, die gleichsam der Ur- können keine andere, etwa geschlechtslose Subjektidentität
sprung der psychischen Konstitution sei, und Kristeva, weil bei wählen. Menschen kommen eben nicht als Subjekte zur Welt,
ihr an die Stelle dieses Lacanschen Gesetzes des Vaters das der vielmehr sie werden zu solchen, zu geschlechtlich bestimmten,
Mutter und ihres Körpers trete (121 und 128). Daß dem Subjekt erst im Prozeß ihrer Vergesellschaftung.
kein ursprüngliches, vordiskursives Substrat oder Wesen des Butler erweitert solchermaßen den Geltungsbereich des Sat-
Menschen vorausgeht, ist für ihre Subjektkonzeption zentral. zes von de Beauvoir und unterstreicht damit dessen sozialisati-
Das Subjekt wird mit Foucault in einem umfassenden und onstheoretischen bzw. in Butlers Relektüre konstruktivistischen
grundlegenden Sinn als Effekt diskursiver Prozesse aufgefaßt Grundzug. Einzelne werden zu Subjekten durch Unterwerfung
unter die Ordnungsraster der Sprache jener Gesellschaftsforma-
„Michel Foucault hat darauf hingewiesen, daß die juridischen Machtre-
gime die Subjekte, die sie schließlich repräsentieren, zuerst auch produ- tion, in die sie hineingeboren werden. Keine hat Erfahrungen
zieren. Die juridischen Machtbegriffe scheinen das politische Leben in oder Wissen über sich selbst als Subjekt, das nicht diskursiv
rein negativer Form zu regulieren, [...] Doch gerade weil die Subjekte vermittelt und damit durch die Sprache und ihre Objektbil-
diesen Strukturen unterworfen sind, die sie regulieren, werden sie
auch in Ubereinstimmung mit den Anforderungen dieser Strukturen
dungskategorien formiert wären. Die so konstruierten Subjekte
gebildet, definiert und reproduziert. Wenn diese Analyse richtig ist, ist erfahren die Wirklichkeit in der Weise, wie es die diskursiven
jene Rechtsformation von Sprache und Politik, die die Frauen als Sub- Ein- und Ausschließungen vorgeben, in denen sie wahrnehmen
jekt des Feminismus repräsentiert, selbst eine Diskursformation und und denken. Das eigene Subjektsein ist ihnen nur als bereits
der Effekt einer gegebenen Variante der Repräsentationspolitik. Das
feministische Subjekt erweist sich dann als genau durch dasjenige politi- subjektivierten Individuen präsent und ihr Sprechen ist von der
sche System diskursiv konstituiert, das seine Emanzipation ermöglichen Denkweise so subjektivierter Frauen oder Männer geprägt
soll" (16 f.). Hinzu kommt, daß die Begriffe Frau und Mann miteinander
verklammert sind, und daß daher die diskursive Bekräftigung
Butlers Konsequenz aus der Verschränkung von Repräsentation des einen zugleich eine Affirmation des anderen ist Wenn He-
und Produktion, Diskurs und Machtverhältnissen, wie Foucault terosexualität, Patriarchat und Geschlechterbinarität sich auf
sie analysiert, ist, daß es im Feminismus nicht etwa um die diese Weise gegenseitig stützen und verstärken, dann kann das
vollständigere Repräsentation eines Subjekts Frauen in Sprache feministische Kollektivsubjekt Frauen keine Kategorie sein, mit
und Politik gehen sollte, vielmehr darum, diese Kategorie des der das Patriarchat effektiv kritisiert oder gar erschüttert wer-
identischen Subjekts überhaupt aufzugeben. Der feministische den könnte. Welchen Status oder Wert hat dann aber das femi-
Versuch der gleichberechtigten gesellschaftlichen Partizipation nistische Kollektivsubjekt? Butler meint, daß die
von Frauen, wie er z.B in der Quotenforderung formuliert ist,
ist ein aussichtloses Unternehmen, wenn es die Frau doch nur „unterstellte Universalität und Integrität des feministischen Subjekts
innerhalb der Wahrheitsspiels und durch die Wirkung patriar- gerade von den Einschränkungen des Repräsentationsdiskurses unter-
miniert wird, in dem dieses Subjekt funktioniert. Tatsächlich ruft das
chal-juridischer Machtverhältnisse gibt. Butler unterscheidet in verfrühte Bestehen auf einem festen Subjekt des Feminismus - Frauen
bezug auf diese These nicht zwischen Frau als der einzelnen verstanden als bruchlose Kategorie - unweigerlich zahlreiche Ableh-
Frau und dem Kollektivsubjekt Frauen. Sie sagt, daß die indivi- nungen hervor. Die ausgeschlossenen Positionen enthüllen die zwang-
duelle Subjektwerdung als Frau voraussetzt, daß eine geteilte haften und regulierten Folgen einer solchen Konstruktion, selbst wenn
sie zu emanzipatorischen Zwecken ausgearbeitet wurden" (20).
gesellschaftliche Vorstellung, ein Modell- bzw. Idealbild von
Frauen existiert. Die Machtverhältnisse erzeugen Männer oder Sie bezweifelt daher, daß ein Subjekt des Feminismus konstru-
Frauen, und an diesen Modellen orientieren sich die Individuen iert werden muß.
in ihrer Subjektwerdung. Das Problem der Subsumtion aller
Frauen unter das Kollektivsubjekt Frauen besteht für Butler „Die Identität des feministischen Subjekts darf nicht die Grundlage fe-
nicht, weil sich Individuen an diesen Modellen orientieren. Sie ministischer Politik bilden, solange die Formation des Subjekts in
einem Machtfeld verortet ist, das regelmäßig durch die Setzung dieser
sind gezwungen, sich dem Idealbild möglichst anzunähern, und Grundlage verschleiert wird. Vielleicht stellt sich paradoxerweise her-

91 101
aus, daß die Repräsentation als Ziel des Feminismus nur dann sinnvoll Geschlechter, die auch im sex-gender-Y)cnken mit der biologi-
ist, wenn das Subjekt ir^/ew) nirgendwo vorausgesetzt wird" (22). schen Natur der Körper begründet wird, ist mit diesem Verweis
„MAN kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es."
auf die Natur des menschlichen Körpers nur scheinbar begrün-
det Der Körper wird von Geburt an als geschlechtlicher und
Butler arbeitet an der Bestätigung dieses Satzes in radikalerer mit den entsprechenden physischen Zeichen versehener wahr-
Auslegung, als de Beauvoir ihn meinte. Sie kritisiert, daß diese genommen. Schon das Ungeborene wird auf die Geschlechtszei-
die Vorstellung festhält, der biologische Körper und sein sex chen untersucht Das Individuum, das in ungeklärter Weise die-
seien die natürliche Basis der Zweigeschlechtlichkeit, anstatt ser sexuell signifizierte Körper ist, bzw. diesen hat, wird vom
auch diese Annahme von Natürlichkeit zu hinterfragen. De Be- Beginn seines Lebens an mit allen Eigenschaftszuschreibungen,
auvoir meint mit diesem Satz, daß der Geschlechtscharakter der die sein Geschlecht kennzeichnen, konfrontiert. Es entwickelt
Frau, der ihr Wesen als das andere, markierte Geschlecht be- sich mit dem Auftrag, dieses Geschlecht zu verwirklichen,
stimmt, ein Produkt des Patriarchats ist Ihr geht es um eine Be- Mann- oder Frau-Sein zu verkörpern. Doch wenn das Indivi-
freiung der Frau, aber nicht vom Frausein selbst, sondern von duum sein Geschlecht sozialisatorisch erst wird, dann binden
den repressiven Zwängen, denen Frauen im - hier bürgerlichen die Geschlechtszeichen des Neugeborenen es nicht an einen
- Patriarchat unterworfen sind. Butler hingegen versteht die bestimmten Geschlechtscharakter. Selbst wenn die biologische
ganze Konstruktion zweier antagonistischer Geschlechter als Zweigeschlechtlichkeit des Körpers anerkannt werden müßte -
Produkt des phallozentrischen Patriarchats, das in seiner binä- was für Butler nicht der Fall ist -, folgt daraus nichts für die
ren Denkstruktur die Männer radikal von den Frauen scheidet, Entwicklung von gender. Geschlechter könnten sich in verschie-
diese Grenzziehung ideologisch naturalisiert und die gesell- densten Kombinationen von sex und gender ausbilden. 32
schaftlichen Machtverhältnisse an die jeweilige Gruppenzuge- Doch, wie gesagt, Butler bestreitet die Gegebenheit der ma-
hörigkeit bindet Butler radikalisiert stufenweise de Beauvoirs nifest körperlichen Zweigeschlechtlichkeit des Menschen. Sie
Diktum, daß die Geschlechtsidentität erworben sei: liest de Beauvoirs Satz noch zugespitzter: Die Naturhaftigkeit
des sex ist ebenfalls eine diskursive Konstruktion, die bewirkt,
„Beauvoirs These, 'Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es!' daß wir menschliche Körper in der Dualität zweier Geschlech-
schließt eine radikale Schlußfolgerung ein, die sie selbst nicht gedacht
hat" (166). ter begreifen. Die Körper überhaupt im Entweder-Oder-Modus
wahrzunehmen, ist eine Wirkung der binären Ordnung des Ob-
Sie impliziere, daß sex und gender zwei ganz verschiedenen jektbereichs menschliche Körper.
Welten, Natur und Kultur, angehören. Selbst dann aber wäre
die angebliche Notwendigkeit der Verknüpfung eines weihli- „Es gibt keinen Grund, die menschlichen Körper in das männliche und
das weibliche Geschlecht aufzuteilen; außer diese Aufteilung paßt zu
chen Körpers mit einer weiblichen Geschlechtsidentität eigent- den ökonomischen Bedürfnissen der Heterosexualität und verleiht der
lich eine kulturelle Option. Institution der Heterosexualität einen naturalistischen Glanz" (167 f.).

„Wenn das anatomische Geschlecht und die Geschlechtsidentität radi- Von vordiskursiv weiblichen oder männlichen Körpern zu re-
kal verschieden sind, folgt daraus, [...] die Kategorie Frau muß nicht den, ist dem nach unsinnig, denn erst die kognitiven Denkkate-
unbedingt die kulturelle Konstruktion des weiblichen Körpers darstel-
len, und die Kategorie Mann interpretiert nicht notwendigerweise gorien erzeugen jenen als abgegrenzt erfahrenen, geschlechtli-
männliche Körper" (166 f.). chen Körper, den ein Subjekt als irgendwie es selbst wahr-
nimmt. Diese These verstärkt sie noch durch den Hinweis, daß
Die sexuell bestimmten Körper könnten selbst dann, wenn die die Geschlechtsidentität nichts sei, was einem Individuum sein
Natur-Kultur-Trennung aufrechterhalten wird, viele unter-
schiedliche Geschlechtsidentitäten zeigen, deren Anzahl kei-
neswegs auf zwei beschränkt sein müßte. Die Dualität der zwei 32 Siehe dazu auch Landweer 1994,155.

93 101
95
Leben lang statisch zugehöre. De Beauvoirs Satz enthalte auch Zweigeschlechtlichkeit in toto ist eine kulturelle Konstruktion
die Perspektive, daß die Geschlechtsidentität, die niemals fix und damit prinzipiell veränderbar. Die Einsicht in die Unmög-
sei sondern immer im Werden, wie andere kulturelle Konstruk- lichkeit, Vordiskursives diskursiv zu erfassen, schließt eine Er-
tionen auch. Als diskursives Produkt ist die Geschlechtsidenti- kenntnis von Natur prinzipiell aus, und darum sind Wahrneh-
tät nichts per se Dauerhaftes, vielmehr beweglich. mungs- und Denkkategorien diskursive Konstrukte und mit ih-
nen auch die Geschlechtlichkeit Die Biologie der Fortpflan-
„Wenn die Geschlechtsidentität etwas ist, was man wird - aber nie sein zung 33 , die die natürliche Heterosexualität als selbstverständ-
kann -, ist die Geschlechtsidentität selbst eine Art Werden oder Tätig-
keit, die nicht als Substanz oder als substantielles Ding oder als stati- lich unterstellt, ist die Basis, auf der geschlechtsspezifische
sche kulturelle Markierung aufgefaßt werden darf, sondern eher als körperliche Erscheinungen zum Grundraster der Geschlechter-
eine Art unablässig wiederholte Handlung" (167). codierung werden. Diese heterosexuelle Matrix ist zugleich das
Fundament des feministischen Kollektivsubjekts Frauen. Wenn
Stetes Werden, wie es die zeitliche Verzögerung der Fremd-
die natürliche Heterosexualität die Voraussetzung der kulturel-
und Selbstreflexion unaufhebbar mit sich bringt, erfordert Me-
len Produktion männlicher oder weiblicher Subjektidentität ist,
chanismen der ständigen Wiederholung als Gleichem, um die
sollte feministisches Denken auf das Kollektivsubjekt Frauen
Beständigkeit dessen, was wirklich sein soll, zu sichern. Auch
ebenso verzichten wie auf die naturalisierte Kategorie sex
wenn ein Individuum zur Frau oder zum Mann geworden ist,
In diesem Zusammenhang ist die produktive Wirkung von
heißt das nicht, daß es nicht anders werden kann. Der Zwang
Ein- und Ausschließungsstrukturen wichtig. Die Zumutung,
zur ständigen Bestätigung und Reinszenierung der Geschlechts-
eine stabile, angepaßte Geschlechtsidentität auszubilden, sollte
identität birgt die Gefahr und Chance, die Weise des Frau-
nicht nur repressiv verstanden werden, sondern sie stellt ein
oder Mannseins zu verändern. Das Subjekt muß seine diskur-
entwickeltes und bewährtes Individuierungs- und Subjektivie-
siv-performative Ich-Identität stets verifizieren, damit sie wahr
rungsangebot dar. Die Kategorie Geschlechtsidentität ist eine
bleibt. Die Einsicht, daß eine stabile Ichidentität nicht mit
kulturelle Folie, vor der sich Subjektivität und Identität entfal-
einem Male erkämpft und fortan da ist, sondern immer wieder
ten können. In einem unbestimmten, leeren Raum können sie
neu erzeugt und damit auch riskiert wird, ermöglicht, die Na-
nicht entstehen. Sie bilden sich durch Akzeptanz oder Ableh-
turalisierungsstrategie und die Beständigkeit ihrer Produkte
nung vorgefundener Möglichkeiten, Subjekt zu werden. In die-
einzuschätzen. Daß wir diese Fragilität der Geschlechtsidentität
sem Sinne wirkt das Modell der Zweigeschlechtlichkeit produk-
zumeist nicht wahrnehmen, bedeutet nicht etwa, daß dieser
tiv, so wie alle Dispositive und Abgrenzungen, in denen sich
doch etwas Substantielles zugrunde läge, vielmehr zeigt es, wie
die Machtverhältnisse ausprägen. Diese produktive Funktion ei-
wirksam und undurchschaut die patriarchale Macht arbeitet:
nes Orientierungsrahmens könnte auch eine andere Geschlech-
„Die These, daß die Geschlechtsidentität konstruiert ist, behauptet terkonzeption oder ein anderes Raster als das des Geschlechts
nicht deren Scheinhaftigkeit oder Künstlichkeit, denn diese Begriffe erfüllen, das nicht der patriarchalen Hegemonie so zuarbeitet.
sind Bestandteile eines binären Systems, in dem ihnen das Reale und
Authentische gegenüberstehen. Als Genealogie der Geschlechter [...]
versucht unsere Studie vielmehr zu begreifen, wie die Plausibilität die-
ser binären Beziehung diskursiv hervorgebracht wird. Ferner legt sie
dar, daß bestimmte kulturelle Konfigurationen der Geschlechtsidenti-
tät die Stelle des Wirklieben eingenommen haben und durch diese ge-
33 Eine unterstützende These dazu, die Butler aber nicht anführt, ist, daß
glückte Selbst-Naturalisierung ihre Hegemonie festigen und ausdeh- Feministinnen gegenüber Begriffen und Denkmustern des naturwissen-
nen" (60). schaftlich-biologistischen Typs, über den Menschen nachzudenken, und
dazu gehört sex, prinzipiell stutzig werden könnten. Die Dominanz sol-
chen Denkens in unserer Wissenskultur legt die Annahme nahe, daß sie
Diese Formulierung zeigt auch noch einmal, wie stark Butler im Dienste der herrschenden Machtverhältnisse wirkt. Doch Butler
ihre Thesen zur Geschlechterkonstruktion erkenntnistheore- stellt die Vorherrschaft des rationalistischen Wissenschaftsdiskurses
tisch und diskurstheoretisch fundiert. Die Binarität und ergo nur bezüglich seiner Binarität in Frage.

101
Nun sind die Fragen aufgeworfen, die im weiteren behandelt
Identität daran festmachen. Dennoch scheint uns die körperli-
werden: Wie könnte ein anderes Kategorienfeld aussehen?
che Geschlechtlichkeit des Menschen intuitiv so überzeugend
Kann feministische Theorie auf das Konzept natürliches Ge-
und kategorial unverzichtbar, daß es fremd anmutet, Ge-
schlechts verzichten? Was bedeutet die Rede von Geschlechtlich-
schlecht ausschließlich als Produkt diskursiver, kultureller Pro-
keit als etwas Vorsprachlichem? Ist gesellschaftskritisches Den-
zesse zu verstehen. Wie soll dann auch die physiologisch-orga-
ken ohne Rekurs auf Außergesellschaftliches möglich?
nische Materialität des Körpers verstanden werden? In Körper
Wie stark der Zwang ist, ein eindeutiges Geschlecht zu zei-
von Gewicht behandelt Butler diesen Punkt
gen, und wie groß der Spielraum für kulturelle Bedeutungsver-
änderungen sein könnte, zeigen Untersuchungen zur Geschich-
te der Körperwahrnehmung von Barbara Duden, Thomas La-
queur und Claudia Honnegger, wie auch Arbeiten über das Er- Die diskursive Materialisierung des Körpers
leben und die changierende Geschlechtsidentität von Transse-
xuellen. Gesa Lindemann etwa betont den Einfluß von Habi- Butlers Theorie ist Kant und Nietzsche ebenso verpflichtet wie
tualisierungen in der körperlichen Bewegungsweise und im mi- es Foucaults Theorie der Epistemai und Diskurse ist oder auch
mischen und sprachlichen Ausdruck darauf, ob eine Person als die Kritische Theorie, die von der Vermitteltheit allen Wissens
männlich oder weiblich wahrgenommen wird. 3 4 Sie bestätigt über die Welt ausgeht Natur und Körperlichkeit sind aus der
damit jedoch nicht, daß geschlechtlich signifikante Körperteile Sicht solcher Epistemologie, wenn überhaupt, dann nur negativ
beliebig resignifizierbar seien, sondern daß die Grenze der kul- benennbar, denn was sie bezeichnen, ist in diesen Begriffen
turellen Konstruktion gegenwärtig bei den primären Ge- stets sprachlich vermittelt, also Diskurs- und Denkzwängen un-
schlechtsmerkmalen verläuft. Penis oder Vulva können nicht terworfen. Butler jedoch gibt im Unterschied zu Foucault und
nur als eindeutige Zeichen für Männlichkeit oder Weiblichkeit der Kritischen Theorie die Begriffe Natur und natürlicher Kör-
in einem binären System der Geschlechter verstanden werden, per als Konsequenz dieser Überlegung gänzlich auf. Sie betont
doch scheint nicht möglich, daß sie ebensogut Zeichen des an- besonders den diskursiven Zwangscharakter und meint, auf das
deren Geschlechts sein könnten. Bewußt oder unbewußt einge- kritische Potential des Naturgedankens 36 verzichten zu kön-
übte Haltungen, Blicke, Bewegungen, Gesten usw. sind es, die nen. Sie analysiert die Rede vom natürlichen Geschlecht eines
über unsere geschlechtliche Erscheinung entscheiden. Auch natürlichen Körpers, die immer einen substantialistischen Zug
Hilge Landweer schreibt, hat, allein daraufhin, was die Denkmodi in Natürlichkeiten er-
zwingt und wem sie nützen. Ihre Argumentation soll zeigen,
„empirisch noch keine Kategorie gefunden worden [ist], die Nicht-Ge- daß Natur der durch diskursive Denkverbote geschützte Deck-
bärende (herkömmlich: Männer) und Noch-nicht-Gebärende (her- name für eine eigentlich ausschließlich gesellschaftlich erzeugte
kömmlich: Mädchen) zusammenfassen würde" (Landweer 1994,155).
Wirklichkeit ist Dieses Markenzeichen Natur sei strategisch im-
Diese Texte bestätigen, daß die gelebte Geschlechtsidentität als munisiert, um die Konstruiertheit des natürlich gemachten Phä-
Mann oder Frau zu einem wesentlichen, aber unbestimmbaren
Teil Inszenierung ist Sie vermitteln eine Vorstellung von den
diskursiven Zwängen, die bewirken, daß sich die Menschen 36 Daß von Natur aus alle Menschen gleich seien, und daher Sklaverei
einer konkreten Kultur diesem rigiden Bild genau zweier, ant- und Abhängigkeitsverhältnisse und hierarchische Regierungsformen le-
agonistischer Geschlechtscharaktere unterwerfen 3 , und ihre gitimiert werden müssen, stellt historisch die Grundlage des neuzeitli-
chen Gleichberechtigungs- und Demokratiegedankens dar. Diese Na-
turgleichheit liegt auch den modernen Wissenschaften vom Menschen
zugrunde, wie der Medizin. Butler verzichtet mit dem Konzept Natur
34 Lindemann 1993. also auf eine starke Diskursstrategie Unterdrückter im Kampf um glei-
33 Vgl. Haugl983 und Akashe-Böhme 1995. che Anerkennung und Rechte. Ihr naturfreier Konstruktivismus ent-
zieht Gerechtigkeitsforderungen ihre traditionelle Grundlage.

96 101
nomens zu verbergen. Eben weil Natur an sich, auch und gera- dem und durch den dieses Zugeständnis erfolgt - und zu diesem Zuge-
de die Natur unserer selbst, vorsprachlich nicht zugänglich sei, ständnis kommt es ja unweigerlich - selbst formierend für genau das
soll alles, was als Natur bezeichnet wird, eine diskursive Kon- Phänomen, das er einräumt' Die Behauptung, jener Diskurs sei formie-
struktion und damit Kultur sein. rend, ist nicht gleichbedeutend mit der Behauptung, er erschaffe, ver-
ursache oder mache erschöpfend aus, was er einräumt; wohl aber wird
Zwar schwankt Butler in einzelnen Formulierungen zwi- damit behauptet, daß es keine Bezugnahme auf einen reinen Körper
schen der konventionell modernen Hypothese, daß es etwas gibt, die nicht zugleich eine weitere Formierung dieses Körpers wäre.
Außerdiskursives gibt, das uns jedoch nur diskursiv zugänglich So verstanden, wird nicht die linguistische Fähigkeit verneint, auf sexu-
ist, und deren performativ-konstruktivistischer Verkehrung, ierte Körper zu referieren, sondern schon die Bedeutung von Referen-
tialität ist verändert. Die feststellende Aussage ist, philosophisch ge-
daß erst der Diskurs die Wirklichkeit erzeugt, die wir erleben. sprochen, in einem gewissen Grade immer performativ" (ebd., 32 f.).
Die Möglichkeit, beide Perspektiven nebeneinander beizube-
halten, wie Foucault es versucht, lehnt sie jedoch ab. Sie blen- Angesichts ihres drohenden Zugeständnisses, daß es doch eine
det jede Unterstellung eines Außerdiskursiven aus, um das dis- Materialität des Geschlechts gebe, weigert sich Butler mit dem
kursiv-konstruktive Moment radikal ausformulieren zu können. Verweis auf die performative Funktion der Sprache, die Frage
Nur die Annahme, daß die Wirklichkeit, die wir erleben, ganz nach den Chromosomen zu bejahen. Jede Anerkennung einer
und vollständig diskursiv konstruiert ist, erlaube es, die Mecha- nicht-diskursiven Körperlichkeit und Materialität bewirke eine
nismen der Erzeugung von Subjekten zu hinterfragen. Bestätigung und Verfestigung des Denkens und Wahrnehmens
in Kategorien von Substanz und Natur. Eben dagegen will sie
„Das Reale als das unmögliche Außen zum Diskurs einzufrieren ist in kritischer Absicht den konstruierten Charakter dieser eigent-
gleichbedeutend damit, einen auf Dauer nicht befriedigbaren Wunsch
nach einem stets ausweichenden Referenten zu instituieren: das sublime lich politischen Phänomene betonen und deshalb lehnt sie es
Objekt der Ideologie. Die Festgelegtheit und Universalität dieses Ver- ab, von Materialität ohne den Verweis auf ihre performative,
hältnisses zwischen der Sprache und dem Realen erzeugt jedoch ein politische Konstruiertheit zu sprechen. Butler faßt allein die
vorpolitisches Pathos, das die Art von Analyse ausschließt, die die Un-
terscheidung Reales/Realität als Instrument und Wirkung kontingenter
politische und theoriestrategische Funktion der Rede von Natur
Machtbeziehungen auffassen würde" (Butler 1993, 274). ins Auge. Zugleich nimmt sie in Anspruch, keine Praxis der
Entkörperung betreiben zu wollen, vielmehr eine Rückkehr
Die oben entwickelte wahrheitsrelativistische Ausgangspositi- zum Körper anzustreben (10 f.), die durch den Natur-Diskurs
on, die sich normalerweise auf die Konstruktion sozialer Phä- gerade verhindert werde. Der Körper wird hier jedoch nicht als
nomene bezieht, wird auf die Erzeugung von Materialität ausge- vordiskursiv materialisiertes Naturding affirmiert, vielmehr als
dehnt Durch die Verabsolutierung des Gedankens diskursiver Ort gelebter Möglichkeiten, als Seinsweise des Individuums, die
Konstruktion wird Materialität generell als performativ erzeugt nicht-patriarchal materialisiert werden könnte.
verstanden, woraus sich ein argumentatives Dilemma ergibt: Da nach Butler für feministische Theorie nur eine Position
aussichtsreich sein kann, die nicht mit den bestehenden Subjek-
„Der Kritiker verdächtigt die Konstruktivistin möglicherweise auch
einer gewissen Körperfeindlichkeit und will sich vergewissern, daß die-
terzeugungsstrukturen paktiert, fordert sie, diskursive Freiräu-
se abgehobene Theoretikerin zugesteht, daß zumindest minimale, nach me zum Experimentieren mit Lebens- und Selbstentwürfen in
Geschlecht differenzierte Körperteile, Tätigkeiten und Fähigkeiten, anderen Subjektivierungs- und Körperlichkeitsmodi als den pa-
und hormonelle sowie in den Chromosomen verankerte Unterschiede triarchalen zu erfinden. Die Subjekte wären dadurch nicht etwa
vorhanden sind, die ohne Bezugnahme auf eine Konstruktion einge-
räumt werden können. Obwohl ich meinem fragenden Gegenüber erst
schlagartig vom Zwang zur sexuierten Identitätsbildung befreit,
einmal eine uneingeschränkte Zustimmung in dieser Hinsicht geben doch die repressive Wirkung der kulturspezifischen Geschlech-
möchte, überwiegt doch eine gewisse Besorgnis. Die Unbestreitbarkeit terkonstruktion wäre sichtbarer. Damit wäre nicht die umge-
des biologischen Geschlechts oder seiner Materialität einzuräumen heißt hende Loslösung von allen diskursiven Zwängen zu erreichen,
stets, daß man irgendeine Version des biologischen Geschlechts, irgendei-
ne Ausformung von Materialität anerkennt. Ist nicht der Diskurs, in
denn es gibt keinen Ort Außerhalb, von dem aus ein Subjekt
(oder was immer das dann wäre) sich neu konstituieren könnte.

98 101
Aber die diskursive Gestaltung der eigenen Körperlichkeit wäre „Als ich begann, dieses Buch zu schreiben, habe ich versucht, über die
ins Verfügen des Individuums gestellt, und nicht länger einer Materialität des Körpers nachzudenken, mußte dann aber feststellen,
Natur angedichtet, die Diskurs- und Machtstrukturen verdeckt. daß mich der Gedanke der Materialität unablässig in andere Bereiche
hineinzog. Ich versuchte, mich so zu disziplinieren, daß ich beim Ge-
genstand blieb, entdeckte aber, daß ich die Körper nicht als einfache
Objekte des Denkens fixieren konnte. Die Körper tendieren nicht nur
dazu, eine Welt jenseits ihrer selbst anzudeuten, sondern diese Bewe-
Chromosomen, aber keine Substanz gung über ihre eigenen Grenzen hinaus, eine Bewegung der Grenze
selbst, schien von ganz zentraler Bedeutung für das zu sein, was Körper
Butler befaßt sich in Körper von Gewicht mit der Materialität sind Es blieb dabei - immer wieder verlor ich die Spur des Gegenstan-
des Körpers, weil ihr nach Das Unbehagen der Geschlechter vor- des. Ich erwies mich als resistent gegen Disziplinierung. Unweigerlich
geworfen wurde, sie verleugne den Körper. Ihre Kritik an der kam mir der Gedanke, daß diese hartnäckige Gegenwehr, mit der sich
der Gegenstand seiner Fixierung widersetzte, für die Sache, um die es
natürlichen Geschlechtlichkeit provozierte die Frage, ob sie in
ging, wesentlich sein könnte" (13).
Abrede stellen wolle, daß der Körper etwas Substantielles und
seine primären Geschlechtsmerkmale real, material vorhanden Diese Schwierigkeit, die Materialität des Körpers zu denken,
seien, und ob die Kritik der Kategorie sex als einer Naturalisie- scheint mir allerdings zwangsläufig, sie rührt daher, daß ver-
rung eigentlich kultureller Phänomene nicht zwangsläufig in sucht wird, Materialität an sich zu denken. Materialität als sol-
den reinen Idealismus führe. 37 che, frei von kulturellen Bedeutungen, Funktionen und Symbo-
Butler versteht Körper von Gewicht als Antwort auf die Fra- lismen, ist notwendig un-begreif-lich. Reine Materialität ist nur
ge: Und was ist mit dem Körper? 38 Für sie steht die Annahme ein Abstraktum, und Butlers Scheitern, das Substantielle eines
einer Natur des Körpers unter Metaphysikverdacht, weil nichts Abstraktums zu denken, sagt nichts darüber aus, ob die Mate-
die Gewißheit eines Außerdiskursivem verbürgen kann. Der rialität von etwas Konkretem denkend erfaßbar ist. Ich denke,
Körper, seine Festigkeit, seine organischen Formen, seine Be- daß es möglich ist, die Materialität eines konkreten Körpers in
ständigkeit, sind darum Konstruktion, Konstrukte, die für un- einer konkreten Situation, insbesondere des eigenen, denkend
ser Denken konstitutiv sind, aber nicht vordiskursiv wirklich. zu erfassen, und davon verständliche Beschreibungen zu geben.
Die Phänomenologie und die Literatur sind voller Zeugnisse
„Den Körper als konstruiert zu denken verlangt, die Bedeutung von
Konstruktion selbst neu zu denken. Und wenn bestimmte Konstruktio-
dafür - die freilich kultur- und zeitspezifisch, ja zumeist sogar
nen anscheinend konstitutiv sind, das heißt, dadurch gekennzeichnet sehr individuell sind, eben weil die Wahrnehmung von kultu-
sind, das zu sein, ohne das wir gar nicht denken können, können wir rellen Konstruktionen geprägt ist. Doch was sich begrifflich
vielleicht deutlich machen, daß Körper nur unter den produktiven nicht voll erfassen läßt, ist darum noch nicht undenkbar.
Zwängen bestimmter hochgradig geschlechtlich differenzierter regulie-
render Schemata auftreten, Bestand haben und leben" (16). Butler selbst schließt aus ihrem Scheitern, daß es nur denk-
strategische, kulturell bedingte Zwänge sein können, die uns an
Körper von Gewicht beginnt mit dem Eingeständnis, daß sie kei- der Materialität des biologischen Geschlechts festhalten lassen,
nen Ansatzpunkt habe finden können, die Frage, was denn die weil diese sich dem Denken abstrakt nicht offenbart So gelangt
Materialität des Körpers sei, zu lösen. sie scheinbar schlüssig dahin, daß die Substantialität des Kör-
pers Produkt einer diskursiven Materialisierung ist.
37 Landweer schreibt dazu 1994: „Wenn man sich noch darüber streiten „Die Kategorie des sex ist von Anfang an normativ; sie ist, was Fou-
kann, wie der Schritt von Gestaltwahrnehmungen von Körpern hin zu cault ein regulierendes Ideal genannt hat. [...] Das biologische Geschlecht
typisierten Gestalten, die geschlechtlich indiziert sind, beim animal ist demnach also ein regulierendes Ideal, dessen Materialisierung er-
symbolicum [...] organisiert ist, so muß man sich schon in einem reinen zwungen ist und zu dieser Materialisierung kommt es (oder kommt es
Ideenhimmel bewegen, um allein den Verweis auf Materialität als un- nicht) infolge bestimmter, höchst regulierter Praktiken. Anders gesagt,
zulässige Prämisse zu brandmarken" (164). das biologische Geschlecht ist ein ideales Konstrukt, das mit der Zeit
38 Siehe das Vorwort zu Butler 1993,13-14. zwangsweise materialisiert wird" (21).

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Anders als den Naturbegriff gibt Butler also den Begriff der Frage der Materialität systematisch und konsistent klären will
Materie in Körper von Gewicht nicht auf, sondern faßt ihn neu. und ihr mangelnde Reflexion oder unpräzise Argumentation
wirklich nicht vorgeworfen werden kann, wäre es voreilig, die-
„Was ich [...] vorschlagen möchte, ist eine Rückkehr zum Begriff der
Materie, jedoch nicht als Ort oder Oberfläche vorgestellt, sondern als sen Widerspruch einfach als solchen zu kritisieren. Vielmehr
ein Prozeß der Materialisierung, der im Laufe der Zeit stabil wird, so will Butler durch und in diesen manifest widersprüchlichen
daß sich die Wirkung von Begrenzung, Festigkeit und Oberfläche her- Aussagen, zu denen sie sich gezwungen sieht, auf das Problem
stellt, den wir Materie nennen. Daß Materie immer etwas zu Materie hinweisen, das in der Konstruktion des Materialitätsbegriffs an-
Gewordenes ist, muß meiner Meinung nach mit Bezug auf die produk-
tiven und eben auch materialisierenden Effekte von regulierender gelegt ist Ihr Hinweis in der Antwort auf die Chromosomenfra-
Macht im Foucaultschen Sinne gedacht werden" (31). ge, daß jede Referenz auf ein außerdiskursives Objekt die
schon vollzogene diskursive Konstitution dieses Vordiskursiven
Butler weist darauf hin, daß sie in Körper von Gewicht nicht bestätige und damit den Ausschluß performativ erneuere, weist
fragt, wie das soziale Geschlecht durch eine bestimmte Inter- m. E. den Weg für ein angemessenes Verständnis ihrer Thesen
pretation des biologischen konstituiert wird, denn diese Frage zur Materialität Die ihr abgerungenen Widersprüche zeigen,
setzt das biologische Geschlecht schon voraus. Sie fragt: daß jede Berufung auf die physisch-physiologische Differenz
von Mann und Frau die kulturell vorgegebenen Denkraster von
„Durch welche regulierenden Normen wird das biologische Geschlecht
selbst materialisiert?" (32). Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit bestätigt
Es ist diese Engführung der zugelassenen Argumente, die die
In den Kontext dieser Frage gehört auch die zitierte Äußerung, patriarchale Vorstellungswelt eindeutig sexuierter Körper und
daß sie dem Kritiker, der die Konstruktivistin danach fragt, ob körperlicher Existenzformen erzeugt und andere Möglichkeiten
sie nicht die Existenz von geschlechtlich differenzierten Kör- abschneidet, Körperlichkeit zu aktualisieren und zu leben. Wer
perteilen, Chromosomen, Hormonen usw. zugestehen müsse, von der Materialität des Körpers spricht, sitzt schon in dieser
ihre „uneingeschränkte Zustimmung" gibt. Das klingt auf den Falle:
ersten Blick nach einem Widerspruch in Butlers Position be-
züglich der Materialität. Wenn das Materielle das Ergebnis „Auf ein [...] solches außerdiskursives Objekt naiv oder direkt zu refe-
rieren, wird sogar immer die vorausgegangene Abgrenzung des Außer-
einer Materialisierung ist, was bzw. wie ist es dann vor diesem Diskursiven erfordern. Und insoweit das Außerdiskursive abgegrenzt
Prozeß gewesen? Bezieht sich Butlers These der sukzessiven wird, wurde es von dem gleichen Diskurs gebildet, von dem es sich
Materialisierung vielleicht doch nur auf die konkrete, wahr- freizumachen sucht. Diese Abgrenzung [...] markiert eine Grenze, die
nehmbare Gestalt, die Substantielles durch die diskursiven Ka- einschließt und ausschließt und sozusagen darüber entscheidet, was zu
dem Gegenstand gehören wird, von dem wir dann sprechen, und was
tegorien annimmt5 Dann würde ihre Rede von der diskursiv- nicht. Dieses Ausgrenzen wird eine beträchtliche normative Kraft und
performativen Erzeugtheit des sex nur die starken Interpretatio- sogar etwas Gewaltsames haben, denn es vermag nur zu konstituieren,
nen kritisieren, zu denen die biologische Differenz Anlaß zu indem es auslöscht; es kann eine Sache nur begrenzen, indem es ein be-
geben scheint, nämlich die kulturelle Signifizierung eines klei- stimmtes Kriterium durchsetzt, ein Selektionsprinzip" (34).
nen Unterschieds zur großen Geschlechterdifferenz. Sie würde Butler geht diesen Ausgrenzungen nach, um ihre Beschränkun-
dann keineswegs den körperlichen Unterschied als substantiel-
gen aufzuzeigen. Sie betont, daß der Naturalisierungsdiskurs
len leugnen. Doch diese Lesart ist angesichts ihrer heftigen Kri-
eine Reihe metaphysischer Gegensätze zwischen Materialismus
tik am Substanzdenken und der Naturalisierungsstrategie un-
und Idealismus produziert
plausibel. Wie ist diese Antwort auf die Chromosomenfrage
dann zu verstehen? Meint sie wirklich, daß der Diskurs, der die „die in die überkommene Grammatik eingelassen sind, und die, wie ich
materiale Differenz fordert, diese Materialität erst hervor- darlegen werde, von einer poststrukturalistischen Neuformulierung
bringt? Butler verwickelt sich hier auf der Ebene ihres manife- der diskursiven Performativität, wie sie bei der Materialisierung des
sten Textes in einen Widerspruch. Da sie jedoch gerade diese

103 101
biologischen Geschlechts wirksam ist, in kritischer Weise neu definiert Die performative Materialität der Körper
werden" (35).

Die „uneingeschränkte Zustimmung" Butlers auf die Frage nach Butler sucht in Körper von Gewicht eine neue Antwort auf die
Chromosomen etc. ist deshalb zu lesen als erzwungene Konzes- Frage nach der Materialität Sie meint, die Alternative zwischen
sion an den herrschenden Diskurs, der sich gegen Denkversu- Affirmation oder Selbstdiskreditierung vermeiden zu können,
che systematisch abschottet, die seine Strategien der Erhaltung indem sie die Aufmerksamkeit von den Inhalten weg auf die
in Frage stellen. Der Widerspruch ihrer Äußerungen zur Mate- Funktion des herrschenden Diskurses hin verlagert Die Lösung
rialität ist darum auf dem Boden der geltenden Argumentations- des Henne-Ei-Streits, ob das ontologisch Erste die wirklich-
regeln und der sprachlichen Möglichkeiten sich auszudrücken keitsgenerierende Sprache ist oder die Materialität dessen, was
zwangsläufig. Indem sie diesen Widerspruch ausformuliert, die Sprache bezeichnet, liegt in der faktischen Materialität der
zerrt sie die Wirkungsweise und Dominanz des herrschenden sprachlichen Signifikanten. Sie beruft sich in diesem Punkt auf
Wissensdiskurses ans Licht, auch wenn darüber der Schatten Derrida und behauptet die Gleichursprünglichkeit von Signifi-
der Unaussprechlichkeit eines anderen Denkens liegt, das den kat und Signifikant Die folgende Passage zeigt diese Denkbe-
Widerspruch erzeugt. Im Begriff Chromosom ist die epistemi- wegung Butlers. Sie geht aus von einem Faktum der bedeu-
sche Trennung von Materie und Denken enthalten, die Butler tungsgenerierenden Signifikationspraxis als Voraussetzung von
kritisiert Und doch kann auch sie auf die direkt gestellte Frage Bewußtsein und erschließt von da her die performative Kon-
nach konkreten Materialitäten wie Chromosomen nur mit Zuge- struiertheit des Körpers.
ständnissen reagieren, obwohl sie damit ihrer kritischen Posi- „Der als dem Zeichen vorgängig gesetzte Körper wird immer als vor-
tion die Schärfe nimmt. Denn würde sie die Existenz von Chro- gängig gesetzt oder sigiifiziert. Diese Signifikation produziert als Effekt
mosomen oder von substantiell vorhandenen Geschlechtsteilen ihrer eigenen Verfahrensweise den gleichen Körper, den sie nichtsde-
rundweg abstreiten, würde sie sich der Lächerlichkeit preisge- stoweniger zugleich als denjenigen vorzufinden beansprucht, der ihrer
eigenen Aktion vorhergeht Wenn der als der Signifikation vorgängig
ben, vielleicht für verrückt erklärt werden, und so ihren Anlie- bezeichnete Körper ein Effekt der Signifikation ist, dann ist der mime-
gen mehr schaden als nützen. Butler zeigt so, wie schwer es ist, tische oder darstellende Status der Sprache, demzufolge die Zeichen als
anders zu denken, als es die instituierten Denk- und Argumen- zwangsläufige Spiegelungen auf die Körper folgen, überhaupt nicht mi-
tationsmuster vorgeben. Sie sieht daher nur die unglückliche metisch. Der Status der Sprache ist dann vielmehr produktiv, konstitu-
tiv, man könnte sogar sagen performativ, insoweit dieser signifizierende
Alternative, auf solche Fragen entweder so zu antworten, daß Akt den Körper abgrenzt und konstruiert, von dem er dann behauptet,
sie sich durch ihre Antwort selbst aus dem vernünftigen Dis- er fände ihn vor aller und jeder Signifikation vor. Das soll nicht hei-
kurs ausschließt, oder so, daß zentrale Inhalte und Hypothe- ßen, daß die Materialität des Körpers einfach nur ein linguistischer Ef-
sen, wie die der Materialität und Natur, zugestanden werden. fekt ist, der auf eine Reihe von Signifikanten zurückführbar ist. Eine
solche Unterscheidung übersieht die Materialität der Signifikanten
Dieses strukturelle Dilemma so klar aufgezeigt zu haben, halte selbst. Einem derartigen Erklärungsansatz gelingt es nicht, Materialität
ich für ein Verdienst Butlers. So die Geschlossenheit des binä- als das zu verstehen, was von Anfang an eng mit Signifikation verbun-
ren Diskurses von Geist und Materie, Natur und Kultur, sex den ist - die Unablösbarkeit von Materialität und Signifikation gründ-
und gender aufzuweisen und sie damit auch zu dekonstruieren, lich zu durchdenken, ist keine einfache Sache. Vermittels der Sprache
eine Materialität außerhalb der Sprache zu setzen, heißt immer noch,
ist ein wichtiger Schritt für das feministisch kritische Denken, jene Materialität zu setzen, und die so gesetzte Materialität wird diese
weil deutlich wird, daß die Gefahr von Konzessionen ans Be- Setzung als ihre konstitutive Bedingung behalten. Derrida bewältigte
stehende nicht zu gering geschätzt werden darf. Hier deutet die Frage nach der von Grund auf anders gearteten Materie mit der
sich eine Perspektive negativen Denkens an, die im notwendig folgenden Behauptung: 'Ich bin nicht einmal sicher, daß es einen Begriff
für das absolute Draußen geben könnte'" (Butler 1993, 54 f.).
beschränkten Rahmen solchen Denkens erfolgreich sein könn-
te. Butler verfolgt diese Spur jedoch nicht weiter. Die These Derridas, daß es keinen Begriff für das absolut Au-
ßersprachliche geben könne, heißt, daß Sprache die Bedingung

105 101
ist, unter der Materialität erst erscheint Dies bedeutet nicht text verortete Figuration ist und also der Idee reiner Materiali-
mehr, als daß alle Erfahrung und alles Denken sprachlich ver- tät nicht gerecht werden kann. Ebenso richtig scheint mir, daß
faßt und vermittelt ist Jede Lesart, die das Sein der Materialität es, so verstehe ich Butlers Rede von der Materialität der Signifi-
von etwas vor der Sprache ansiedelt, übersieht demnach die Ma- kanten, keine Sprache gibt, die nicht materialisiert ist, in Klän-
terialität der Zeichen selbst Die Trennung von Materialität und gen, Lauten oder schriftlichen Zeichen.
Sprache, wie sie materialistische und idealistische Theorien Butler selbst äußert sich leider nur ungenau dazu, was sie unter
vornehmen, wenn sie Form und Inhalt oder Essenz und Exi- der Materialität der Signifikanten faßt:
stenz trennen, verkennt diese Gleichursprünglichkeit von Mate-
rie und Zeichen, von der Butler im folgenden ausgeht. Sie will „Wenn aber die Sprache der Materialität nicht entgegengesetzt ist,
den Körper nicht als linguistischen Effekt, als reine Bewußt- kann auch die Materialität nicht pauschal auf eine Identität mit der
Sprache zusammengezogen werden. Zum einen ist der Signifikations-
seinsimagination beschreiben, vielmehr als materielle Wirklich- prozeß stets materiell; Zeichen wirken, indem sie erscheinen (sichtbar,
keit, die sich verwirklicht, weil im Signifikanten Bedeutung hörbar), und zwar erscheinen sie mit materiellen Mitteln, obschon das,
und Materialität amalgamiert sind. was zur Erscheinung kommt, nur aufgrund der nicht-phänomenalen
Relationen signifiziert, das heißt aufgrund von Differenzierungsrelatio-
nen, die stillschweigend die Signifikation selbst strukturieren und an-
„Die Materialität der Sprache, im Grunde die des Zeichens, das ver-
treiben. Relationen, auch die Vorstellung von differance, instituieren
sucht, Materialität zu bezeichnen, verdeutlicht, daß es nicht der Fall
und benötigen Relata, Begriffe, phänomenale Signifikanten. Was aller-
ist, daß alles, einschließlich der Materialität, immer schon Sprache ist.
dings dem Signifikanten zu signifizieren erlaubt, wird niemals allein
Die Materialität des Signifikanten (eine Materialität, die sowohl Zei-
dessen Materialität sein, jene Materialität wird zugleich die Instrumen-
chen als auch deren signifikatorische Wirksamkeit umfaßt) impliziert
talität und der effektive Einsatz einer Anzahl umfassenderer linguisti-
vielmehr, daß es keine Bezugnahme auf reine Materialität geben kann,
scher Relationen sein" (ebd., 100).
außer auf dem Weg über Materialität. [...] So gesehen sind Sprache und
Materialität nicht entgegengesetzt, weil die Sprache sowohl das ist als
auch auf das verweist, was materiell ist, und was materiell ist, entgeht Es gibt keinen Begriff für das absolute Außen, da dieses als
niemals ganz dem Prozeß, durch den es signifiziert wird" (ebd., 99). Außen begrifflich nicht faßbar sein kann. Begriffe können dem-
nach nur dann auf Materie referieren, wenn diese nicht das An-
Dieses Argument soll den Vorwurf des Idealismus entkräften. dere der Sprache ist Beide müssen ein Gemeinsames haben -
Die Formel von der Materialität der Signifikanten wird zum Ga- und dieses äußert sich in der materiellen Erscheinung, die je-
ranten einer Wirklichkeit, in der Signifikation und Materialität dem Signifikanten notwendig eignet Butler bezieht sich in die-
unauflöslich miteinander verschränkt sind. Die Zeichen, Be- sem Kontext immer wieder auf Derrida, der meint, daß es gera-
wußtsein und Geist werden als untrennbar mit der materiellen de die Materialität der Schriftzeichen sei, die die differance si-
Wirklichkeit verschmolzen aufgefaßt Damit wäre die Dichoto- chere. Die Materialität der Schrift schiebt sich zwischen die
mie von Körper und Geist, Theorie und Praxis, das ganze binä- Schreibenden und das Geschriebene und verleiht letzterem jene
re Denken der Moderne ausgehebelt. Die weitere Argumentati- Zeitlichkeit und Realität, durch die es über den Akt des Schrei-
on Butlers hierzu unterstützt meinen Vorschlag, den manifesten bens selbst hinaus besteht Dieses Modell überträgt Butler auf
Widerspruch in der Frage nach den Chromosomen als dringen- den performativen Sprechakt, den einzelne nach ihren Umdeu-
de Aufforderung zu verstehen, die binären Dichotomien des tungswünschen ausführen können sollen. Nach Derrida sichert
modernen Denkens zu hinterfragen und zu versuchen, anders die Materialität der Zeichen die Wirklichkeit dessen, was sie
zu denken. In den zitierten Textpassagen bemüht sie sich genau bezeichnen. Diese performative Funktion der Materialität will
darum: Sie will die Dichotomien auflösen, indem sie die gegen- Butler zur Konstruktion einer anderen Wirklichkeit nutzen.
seitige Bedingtheit der scheinbar einander ausschließenden Dazu müssen jedoch die fixierten Bedeutungen der Signifikan-
Sichtweisen materieller und ideeller Wirklichkeitsbeschreibung ten durch ironische Verwendung und Dekontextualisierung erst
betont Es ist wohl richtig, daß jede Theorie der Materie eine einmal in Bewegung kommen. Butler unterscheidet dabei nicht
sprachliche, und damit im epistemischen und historischen Kon- explizit zwischen gesprochener und geschriebener Sprache; die

107 101
performativen Akte, die sie als Beispiele für ihr Konzept der Welterfahrung spiegeln, keinen relevanten Unterschied in der
diskursiven Konstruktion nennt, sind jedoch alle situative, Subjektkonstitution zur Folge haben? Dieser Umstand läßt
spontane Äußerungen bzw. Selbstinszenierungen. Die Materiali- mich vermuten, daß es für Butler doch nicht die Sprache als
tät der Signifikanten, die Derrida von der Schrift behauptet, konkret materielle ist, die performative Veränderungen erlaubt,
muß deshalb die sinnliche Eindrücklichkeit der Sprache mei- sondern daß es eigentlich die Differenzen in der Bedeutung der
nen, ihre Lauthaftigkeit, Klangqualität und Klangfarbe, wie die <7«eer-Akte für Sprechende und Hörende sind, die die subversi-
Klammerbemerkung „sichtbar, hörbar" auch nahelegt
ve Veränderung bewirken. Das hieße aber, daß Butler eine si-
An dieser Stelle trägt Butlers Argumentation nicht Sie kann tuationelle oder kommunikative Ebene der Sprache unterstellt,
nämlich über den sinnlichen Charakter der Sprache nur als die eine zentrale Sprachfunktion ist, und die sich nicht materi-
selbst schon diskursiv konstruierte Wirklichkeit der Bedeu- ell in den Zeichen niederschlägt. Wenn dem so ist, dann ist ihr
tungszuschreibung sprechen, da sie die Existenz eines Vordis- Materialitätsargument nicht tragfähig, sondern eher nachge-
kursiven, von den Diskursverhältnissen nicht erst erschaffenen schoben und verfälschend, da es verstellt, wie die heteronome
körperlichen Resonanzbodens für sinnliche Eindrücke nicht Erzeugungsweise von Subjekten von diesen umgestaltet werden
zugibt. Das heißt aber, daß sie die Erklärung schuldig bleibt, kann. In Haß spricht hat Butler denn auch eine solche andere
wie denn die andere, queer-Verwendung der Sprache und ihrer Funktion der Sprechsituation, nämlich das zweiseitige, kommu-
Materialität ihr Ziel der Verschiebung erreichen kann, wenn
nikative Moment herausgestellt, und die Zerstörung der Erwar-
doch die individuelle sinnliche Wahrnehmung und Verarbei-
tung des Ansprechenden durch den Angesprochenen als subver-
tung der diskursiven Zeichen sich stets im vorgefertigten Raster
sive Handlung der Bedeutungsveränderung konzipiert
der patriarchalen Diskursstrategien vollzieht Die Materialität
Butler will außerdem in Körper von Gewicht explizit den Pro-
der Zeichen wäre nur plausibel, wenn ein Sprung, ein Riß zwi-
zeß der Materialisierung verstehen. Eine Formulierung, die die
schen Bewußtsein und Leiblichkeit eingeschoben wäre; wenn
Materie wiederum dem Sprechen nachordnet Diese letzten Ar-
keine Synchronizität zwischen kognitivem Welterleben und
gumente sprechen dafür, daß die Materialität des Körpers für
körperlich-leiblicher Reaktion auf Sprache angenommen wird.
sie doch ein performativer Diskurseffekt ist, als materialisiere
Dann allerdings wäre der Körper nicht nur eine diskursive Ma-
terialisierung der Sprache, die er wahrnimmt und die ihn doch sich der Körper am heterosexuellen Geschlechtergesetz ent-
erst bildet. Nur wenn das Subjekt als eines verstanden wird, lang. 3 9 Was für die Kritische Theorie noch Vermitteltheit war,
das auf die Wahrnehmung von queer-Verwendungen der Spra- wird bei Butler letztlich doch diskursive Konstruktion. Die
che angemessen reagieren kann, das seine patriarchal vorgege- Existenz der materiellen Wirklichkeit muß unabhängig von der
benen Reaktions- und Wahrnehmungsraster verlassen kann,
funktioniert Butlers Programm der Verschiebung.
39 Diese Erweiterung des Gegenstandes diskursiver Performativität un-
Butler argumentiert in Körper von Gewicht so abstrakt und tersucht Maihofer 1995. Sie stellt fest, daß Butler erst in Das Unbeha-
generalisierend, daß die Rede von der Materialität der Zeichen gen der Geschlechter diese Position einnimmt. 1987 geht sie noch von
letztlich unklar bleibt Ihre Argumentation wird stellenweise der Diskursivität nur des angeblich natürlichen Geschlechtskörpers
unglaubwürdig, auch weil sie so unkonkret über Sprache aus, nicht des Körpers schlechthin (48). Butler begründet diese Aus-
weitung u.a. mit ihrer Kritik an Foucaults Theorie der Seele als Pro-
spricht - als wären alle Sprachen gleich, grammatisch wie dukt der Macht und Maihofer zeigt, daß diese Begründung auf einer
klanglich. Folgen denn alle Sprachen der gleichen abstrakten Fehllektüre Foucaults und einem Hang Butlers zur Ontologisierung
Logik, die wiederum überall ein patriarchales, heterosexuelles beruht. Dieser Hang zur Ontologisierung von Kategorien mit unkla-
Gesetz und binäres Denken hervorbringen? Wie denkt Butler rem Status ist konstruktivistischem Denken immanent, da es sich gera-
de gegen solche Kategorien abgrenzen will und dabei diese performativ
die Wirkungsweise parodistischer Sprachverwendungen, wenn immer wieder erzeugt, bzw. festigt. Das liegt in der Logik des kon-
die Differenzen der real gesprochenen Sprachen, die doch eine struktivistischen Denkansatzes, der die Bildung von Kategorien zum
große Variationsbreite des Ausdrucks und der Gestaltung von Thema wählt, nicht konkrete historische Prozesse.

109 101
Sprache vorausgesetzt werden, damit von Vermittlung sinnvoll
der Referenten. Butler arbeitet mit abstrakten Vorstellungen von
gesprochen werden kann.
Materie und Materialität Sie siedelt die Materialität gleicher-
„Die Idee eines vorgängigen Subjekts steht für Butler in der gleichen maßen im Zeichen wie außerhalb seiner an, damit der perfor-
Denktradition wie die Idee einer der sprachlichen Bedeutung vorgängi- mative Bezug von Sprache auf Materie gewährleistet bleibt
gen Materie oder eines vorgängigen Seins. Butler diskutiert die Konsti- Doch die Materialität, die sie so thematisieren kann, ist rein
tution von Subjekten anhand dieses repräsentationskritischen Argu-
mentationsmusters. In ihrem juridisch-linguistischen Rahmen setzt sie diskursive Materialität, nicht die Materialität, die wir erleben,
sprachliche und politische Repräsentation gleich. Dadurch kommt sie wenn unser Körper oder die Außenwelt unseren Plänen und
zu dem Schluß, daß sprachliche Modi Wirklichkeit konstruieren. Die Wünschen entgegenstehen. Es scheint mir zudem eine andere
Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse findet folglich innerhalb Erfahrung von Materialität zu sein, die Widerständigkeit des
der Sprache als Bedeutungssystem statt" (Lorey 1996, 80).
Leibes zu erleben, als sinnlich etwas anderes wahrzunehmen.
Dies sieht auch Butler stellenweise so: Butlers Text zeigt, daß sie Materie als diskursives Produkt
und damit auch als passive denkt, daß sie keine eigene Aktivi-
„Unabhängig von der Materialität des Signifikanten und gleichwohl mit tät des Körpers oder anderer Referenten konzipiert. Sie beläßt
ihr verbunden, wird über das Signifikat die Materialität des Signifikats der Welt und dem Körper keine nicht-diskursiven Eigenschaf-
ebenso wie der Referent annähernd erreicht, bleibt aber gegenüber
dem Signifikat irreduzibel. Diese grundlegende Differenz zwischen ten und Ansprüche. Zwar meint sie, Materialität im vollen Um-
dem Referenten und dem Signifikat ist die Stelle, an der die Materiali- fang des Begriffes in ihre Theorie hereinzuholen, doch sie läßt
tät der Sprache und die Materialität der Welt, die die Sprache zu signi- keine Eigenaktivität des Materiellen zu, die doch in der Frage
fizieren trachtet, andauernd vermittelt werden" (Butler 1993,100). nach der Materialität der Körper mitschwingt. Hier komme ich
darum noch einmal auf die These zurück, mit der sie an dieser
Auch diese Passage, die einzige, in der Butler Materialität nicht
Stelle argumentierte, nämlich daß es keinen Begriff für das „ab-
nur als Gerinnungsprodukt der permanenten Wiederholung
solute Draußen" geben kann. Diese These möchte ich bestrei-
performativer Prozesse versteht, drückt aus, wie schwer sie die
Materialität des Referenten gelten lassen kann. Der Referent ten. Das absolute Außen verbindet sich traditionell mit der
des Signifikationsprozesses soll reine Materialität sein, und an Vorstellung Gottes. Gott bezeichnete eben das, was jeden
dieser soll auch das Zeichen als sichtbares und hörbares Anteil menschlichen Begriff und Gedanken übersteigt In der Philoso-
haben, ohne den Referenten wirklich erfassen zu können. 40 phie z.B. Adornos steht anstelle Gottes das Nichtidentische. Das
Göttliche wird profanisiert und - um diese Säkularisierung mit
Butlers Versuch, Referenten der Sprache einzuführen, die
Foucaults Redewendung zu radikalisieren - das Infame, Alltägli-
reine Materialität sein sollen, an der die Sprachzeichen Anteil
che des Individuellen statt des Transzendenten am Außer-
haben, gibt m. E. Anlaß zu zwei Fragen:
sprachlichen betont Das alttestamentarische Bilderverbot und
1) Wenn Butler die Referenten nicht nur als diskursiv erzeugte
die in der Tradition der negativen Theologie vertretene Unbe-
Produkte verstanden wissen will, vielmehr doch die außerdis-
nennbarkeit des Göttlichen sind auch implizite Aufforderung
kursive Existenz von etwas, was aber nur reine Materialität sein
zur Bescheidenheit Sie fordern die Anerkennung und Berück-
kann, gelten läßt, welche Rolle kommt dieser Materialität der
sichtigung der Fehlbarkeit und Beschränktheit menschlichen
Referenten dann für die Signifikation zu? Hat der Referent eine
Wissens. Die Idee des Außen als etwas, was sich der Bezeich-
eigene Ekstase, die den Signifikationsprozeß beeinflußt und
nung und dem Begreifen entzieht, aufzugeben, heißt auch, die-
vielleicht motiviert, oder ist er nur passives Objekt?
se Bescheidung, die in den erkenntnistheoretischen Prämissen
2) Die Antwort auf die erste Frage kann darauf hinauslaufen,
relativistischen Denkens gefordert ist, aufzukündigen.
daß die Materialität der Sprache nicht die Gleiche ist wie die
Das bedeutet in bezug auf den zweiten Punkt, daß die Mate-
rialität, die sie zuläßt, nur eine innerdiskursive ist, deren
Strukturen und Erscheinungsweisen von der Sprache geprägt
40 Siehe auch Landweer 1993 b, 40.
sind. Materie als etwas, das sich der Formung durch den Dis-
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kurs widersetzt, kann sie nicht fassen. Sie schreibt in einer Pas- unglückliche, benachteiligte und unfreie konstruieren und in-
sage zu Beginn des Vorwortes von Körper von Gewicht auch: szenieren. Müßten die Frauen statt gegen das Patriarchat gegen
das eigene falsche Denken und ihre unglückliche Selbstkon-
„Die Körper tendierten nicht nur dazu, eine Welt jenseits ihrer selbst
anzudeuten, sondern diese Bewegung über ihre eigenen Grenzen hin- struktion andenken? Eine Sichtweise, die wohl auch Butler für
aus, eine Bewegung der Grenze selbst, schien von ganz zentraler Bedeu- völlig verfehlt hielte - klagt sie nicht vehement das Recht auch
tung für das zu sein, was Körper sind" (13). der verworfenen Körper und der verunmöglichten Identitäts-
und Lebensformen auf Anerkennung ein?
Diese Bewegung, das Sich-Entziehende, ist für Butler nicht
In Haß spricht entwickelt Butler diese Überlegungen zur Per-
mehr als die differance, da diese Körper in ihrer Materialität
formativität und Erzeugung von Körperlichkeit anders. Sie
erst diskursiv erzeugt und verfestigt wurden, und als solcher-
schiebt eine fundamentale Differenz zwischen körperlicher
maßen verfestigte nunmehr von den Signifikanten nicht mehr
Verletzung und sprachlicher Verletzung, zwischen Sprechen
vollkommen eingeholt werden können, auch wenn sie an der-
und Handeln, ein. Die Theorie der Entstehung von Körpern
selben Materialität partizipieren wie die Signifikanten. Daß
von Gewicht wird allerdings nicht revidiert Das Konzept der
Körper so sind, wie wir sie erfahren, ist die Folge unserer dis-
Materialisierung von Körpern in diskursiven Prozessen hat sie
kursiven Konstruktion von Körpern.
bisher nicht explizit in Frage gestellt, wie auch die Diskussion
Butler will die außerdiskursive Materialität loswerden, um
zu ihrer Foucault-Lektüre in The Psychic Life of Power zeigen
frei von den überkommenen Geschlechterzuschreibungen den
wird. Sie hat vielmehr die Perspektive geändert und den
Horizont der Körper und Geschlechter für andere Entwürfe zu
Sprechakt nicht mehr als abstrakte Äußerung analysiert, die
eröffnen. Daß andere Körper lebbar werden, hängt davon ab,
Welt erzeugt, sondern als Beziehungshandeln eines Subjekts ge-
daß andere Inszenierungen von Körper und Geschlecht diese
genüber einem anderen, das selbst durch einen Akt der Anru-
wirklich, gewichtig machen können. Und sie hat ja auch recht
fung als Subjekt gesetzt ist. Sie betrachtet in Haß spricht kom-
damit, daß es weder möglich ist, Materialität rein, unvermittelt
munikative Akte zwischen einzelnen und wie darin die Subjekt-
wahrzunehmen, noch zu sprechen und zu handeln, ohne dabei
position vergeben und eingenommen wird. Materialität und
performativ zu wirken. Doch ihr Programm kann aus mehreren
Körperlichkeit sind ausgeblendet Handlungen sind außerdem
Gründen nur akzeptiert werden, wenn die Existenz der außer-
mehr als perlokutionäre Sprechakte. Subjekte können nur da-
diskursiven Wirklichkeit materieller Körper aufgenommen wür-
durch, daß sie angesprochen werden, nicht verletzt werden. Ha-
de, was eine massive Umgestaltung bedeutete.
te speech ist darum keine Verletzung sondern eine gewaltsame
Diese Überlegungen zeigen auch, daß der Idealismusvorwurf
Aufforderung an die Angesprochenen, sich entweder als kom-
Butler trifft Dies hat auch unliebsame Konsequenzen für die
petente Subjekte der Drohung entgegenzustellen, oder sich der
feministische Theorie und Kritik, derer sich Butler durchaus
Anrede zu unterwerfen. Hate speech ist für Butler eine besonde-
bewußt ist: Den subjektiven Widerstand gegen die existierende
re Form der Anrede, gegen die anzugehen starke Subjekte vor-
Ordnung kann sie nur mit abstrakten Überlegungen und theo-
aussetzt, die einen klaren Selbstbehauptungswillen haben müs-
retischen Konzepten von Repressionsfreiheit begründen - nicht
sen. The Psychic Life of Power schließt insofern an Haß spricht
mit Erfahrungen. Gewalt, Ausbeutung oder Unterdrückung, die
an, als diese Frage des Überlebenswillens Thema wird. Die Ge-
zumindest auch als leibliche, als körperliche Entfremdung und
walt der Sprechsituation unterscheidet Butler jedoch strikt von
Überwältigung erfahren werden, sind dann keine Argumente,
körperlicher Gewalt, und letztere behandelt sie nicht
auf die sich die Forderung nach Veränderung der bestehenden
patriarchalen Verhältnisse stützen ließe. Es wäre sogar die m.
E. zutiefst zynische Frage erlaubt, ob, wenn Körper nur diskur-
sive Konstrukte sind, die leidenden Frauen nicht vielleicht vor
allem daran leiden, daß sie sich selbst und Frauen generell als

113 101
Butlers Widerstandskonzept Es gibt zwei alternative Entwürfe, wie dem Gesetz und den
vorgefertigten weiblichen oder männlichen Identitätsmustern zu
Butler schlägt in Das Unbehagen der Geschlechter und Körper von entkommen sei: Annäherung beider Geschlechter oder Verviel-
Gewicht vor, durch parodistische Selbstinszenierungen, bzw. fältigung von Identitäts- und Lebensformen. Viele Feministin-
einen anderen Gebrauch der Sprache die Wirklichkeit der Ge- nen bauen darauf, durch eine sukzessive Nivellierung der ma-
schlechter performativ zu verändern. So würden die bisherigen nifesten, gelebten Geschlechterdifferenzen im gesellschaftlichen
Modi von Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit aufgeweicht Alltagsleben die Bedeutung des sex abzubauen, und damit die
und das Gefüge von Machtverhältnissen, Identitätszwängen und Möglichkeiten, das eigene Leben und die eigene Identität zu ge-
Geschlecht gestört stalten, zu erweitern. Butler hält das für illusionär, weil solches
Denken an der Naturalisierung des Geschlechts festhält, was
„Der Vermutung, das symbolische Gesetz des Geschlechts profitiere
von einer gesonderten Ontologie, die seiner Annahme vorhergeht und
einer echten Gleichheit der Möglichkeiten beider Geschlechter
autonom ist, wird mit der Vorstellung widersprochen, daß das Zitieren grundsätzlich entgegensteht. Die Präferenz vieler Feministinnen
des Gesetzes der eigentliche Mechanismus seiner Herstellung und Arti- für Differenz und Pluralität statt Unisex hängt mit der histori-
kulation ist. Das Symbolische erzwing demnach ein Zitieren seines Ge- schen Erfahrung zusammen, in der Phasen der Annäherung bei-
setzes, das die List seiner eigenen Kraft wiederholt und festigt. Was
würde es bedeuten, das Gesetz zu zitieren, um es anders wiederherzu- der Geschlechter stets nur Episoden von kurzer Dauer waren -
stellen, das Gesetz zu zitieren, um seine Macht zu wiederholen und zu weil es etwa kurzfristig politisch opportun war. Das Bewußt-
kooptieren, um die heterosexuelle Matrix aufzudecken und den Effekt sein des natürlichen, kleinen Unterschieds war und blieb dabei
ihrer Notwendigkeit zu ersetzen? [...] In diesem Sinne wird die mit der
Performativität des Geschlechts (sex) bezeichnete Handlungsfähigkeit
immer präsent 4 1 Eine Pluralität von Lebensweisen dagegen
jeder Vorstellung von einem voluntaristischen Subjekt direkt wider- könnte andere Modi der Distinktion von Individuen evozieren,
sprechen, das ganz unabhängig von den regulierenden Normen exi- in denen die physiologische Geschlechterdifferenz unbedeu-
stiert, die es bekämpft" (Butler 1993, 38 f.). tend sein könnte. Ganz andere Differenzierungskriterien wür-
den freilich das Ende des Kollektivsubjekts Frauen bedeuten,
Die Widerstandsstrategien der diskursiv-machtformierten Sub- doch das wäre weniger als Verlust, vielmehr als Erfolg der fe-
jekte gegen die Macht- und Diskursverhältnisse bestehen darin, ministischen Bewegung im klassisch-revolutionären Sinne zu
im Zitieren des Gesetzes eben dieses Gesetz zu verändern. Ziel werten - das Verschwinden des Kollektivsubjekts der Opfer wä-
jeder subversiven Kritik und jedes Widerstandes gegen das Pa- re dann Ausdruck ihres politischen Erfolges. Die Pluralisierung
triarchat soll sein, die heterosexistischen Normen der ge- von Lebensweisen gilt daher vielen als das aussichtsreichere
schlechtlichen Subjektivierung zu verschieben und so die damit Ziel feministischer Theorie und Praxis. Doch die Verständi-
verbundenen Restriktionen aufzubrechen, um Körperlichkeit gung über das Ziel sollte mit einer über die Methode, es zu er-
und geschlechtliche Identität anders leben zu können. Das Ge- reichen, ergänzt werden.
setz der Heterosexualität bringt die binäre Geschlechterstruk- Butler läßt nur die Sprache als Mittel der Veränderung gel-
tur hervor, die jeder Person die dem jeweiligen sex und gender ten und bestreitet die Effektivität nicht-diskursiver Mittel. Auch
gemäße Identitätsstruktur und Lebensweise vorschreibt. Andere in Haß spricht entwickelt sie ihr Denken gegenüber Das Unbeha-
Identitäts- oder Körperformen können diskursiv nicht themati- gen der Geschlechter und Körper von Gewicht zwar dahingehend
siert und entworfen werden und werden so ausgeschlossen, un- weiter, daß sie sagt, daß beim Handeln noch etwas anderes mit
lebbar gemacht. Wofür es im Sprechen und Denken keinen Ort ins Spiel kommt, was über die Sprache hinausgeht, doch ihre
und keine Bezeichnungen gibt, das kann auch nicht imaginiert performative Wirksamkeit liegt in der Bedeutung, im Diskursi-
werden, eben weil es keinen Standort außerhalb der Sprache
gibt, und der strikte Geschlechterdimorphismus läßt andere
Körper oder Identitäten nicht zu.
41 Vgl. auch Pinl 1995, Rosenberger 1996.

115 101
ven der Handlung. Obwohl Butler sich in Haß spricht auf Elai- stellt wurde. In der Aneignung der Normen, die sich gegen deren ge-
ne Scarry's Der Körper im Schmerz bezieht schichtlich sedimentierten Wirkungen richtet, liegt das Moment des
Widerstands dieser Geschichte, das Zukunft durch den Bruch mit der
„Scarry begreift den Körper nicht nur als der Sprache vorgängig, son- Vergangenheit [tradierter Begriffsverwendung, C.H.] begründet"
dern legt überzeugend dar, daß der körperliche Schmerz sprachlich (ebd., 224 f.).
nicht auszudrücken ist, daß er die Sprache zersetzt, und daß zugleich
die Sprache dem Schmerz entgegentreten kann, wenn sie ihn auch nicht Butler billigt nur der Sprache und dem diskursiven Geschehen,
zu fassen vermag. [...] Nach Scarry besteht eine der verletzenden Fol- das symbolische Vermittlung leistet, Performativität zu. Da die
gen der Folter darin, daß der Gefolterte die Fähigkeit einbüßt, das Ge- Sprache das einzige Medium der Erfahrung und Erfassung von
schehen der Folter sprachlich zu bezeugen. Die Folter hat also den Ef-
fekt, das eigene Zeugnis auszulöschen" (Butler 1997 b, 15 f.). Wirklichkeit sei, und deshalb am Anfang jeder Wirklichkeit ih-
re begrifflich-diskursive Formulierung stehe, könne auch nur
vermeidet sie es, die Frage nach nicht-diskursiven Machtprakti- die Sprache performativ wirksam sein.
ken ernsthaft aufzuwerfen, sondern fragt Im letzten Kapitel von Das Unbehagen der Geschlechter behan-
delt Butler subversive Körperpraktiken. Sie diskutiert die Kon-
„Wenn bestimmte Formen der Gewalt die Sprache gleichsam außer zepte von Kristeva, Foucault und Wittig, um an letztere an-
Kraft setzen, wie läßt sich dann die spezifische Form von Verletzungen
erklären, die Sprache selbst ausübt?" (ebd., 16). schließend ihre eigene Idee einer Subversion durch kontrollier-
te Parodie und performative, subversive Wiederholung zu um-
Diese Verleugnung der außerdiskursiven Machttechniken macht reißen. Auf die Auseinandersetzung mit Kristeva und Foucault,
die Schwäche ihrer liberalen Position gegen gesetzliche Verbote die wenig gemeinsam haben außer ihrer Kritik am Identitäts-
von hate speech in Haß spricht aus. Weil sie die performative Ei- denken, gehe ich hier nicht näher ein, denn Butlers Ausführun-
genmächtigkeit von nicht-diskursiven Machttechniken nicht zu- gen zu Kristevas Konzept der poetischen Sprache tragen zum
läßt, kann sie konzeptionell nicht einbinden, daß Individuen in Verständnis ihrer Subjektkonzeption nicht viel bei, und ihre
ihrer Subjektwerdung so gestört werden können, daß sie die Kritik ist etwas bemüht, denn Kristevas Vorschlag einer poeti-
konkrete Bedrohungssituation einer sprachlichen Diskriminie- schen, kreativen Sprachverwendung ist im Grunde nicht sehr
rung oder Bedrohung nicht zu ihren Gunsten umzudrehen ver- weit von Butlers Konzept einer Resignifikation der Zeichen
mögen, vielmehr immer wieder Opfer sind. Butler fordert, daß entfernt Auf ihre Foucault-Kritik komme ich im nächsten Ka-
die Subjekte gegen den Kontext der hate speech antreten und pitel zu sprechen. Wittigs Projekt, andere Körperpraktiken und
sich neue Kontexte des Sprachgebrauchs und der Politik eröff- eine andere Sexualität zu leben, steht jedoch in einem auf-
nen (228). Auch in Haß spricht fällt der Körper eigentümlich mit schlußreichen Spannungsverhältnis zu Butlers Subversionsmo-
dem Subjekt als widerständigem zusammen. Butler denkt Kör- dell; denn Wittig hält durch eine lesbische Lebenspraxis die
per und Subjekt durch dieselbe paradoxe Erzeugungsfigur pro- Befreiung der Frauen aus den patriarchalen, heterosexuellen
duziert In Körper von Gewicht als Materialität durch die Mate- Identitätszwängen für möglich. Butlers Kritik an Wittig enthält
rialität der Signifikanten, in Haß spricht als handlungsmächtig ihre Motive, die nicht-diskursive Performativität von Handlun-
durch die Internalisierung autonom gedachter, produktiver gen auszuschließen und macht die Probleme deutlich, die sich
Macht: für ihre Subjekttheorie aus dieser strikten Ablehnung ergeben.
„Performative Äußerungen reflektieren nicht nur vorgängige gesell-
schaftliche Bedingungen, sondern haben auch eine Reihe gesellschaftli-
cher Wirkungen; und auch wenn sie nicht immer Effekte des ö f f e n t l i -
chen Diskurses sind, steuern sie mit ihrer gesellschaftlichen Macht nicht
nur die Körper, sondern bilden sie auch. [...] So vermag der Körper
diese kulturellen Bedeutungen auch in dem Moment zu verunsichern,
in dem er die diskursiven Mittel enteignet, mit denen er selbst herge-

116 101
Subversive Sexualität/subversive Sprache? schlechtliches erzeugt haben, befreit. 42 Da die normativen
Strukturen der Heterosexualität nicht nur repressiv, sondern
Wenn das heterosexuelle Gesetz sich dadurch erhält, daß es auch produktiv wirken, und die konkreten Subjekte erst her-
ständig wiederholt und reinszeniert wird, dann könnte doch für vorbringen, sind diese an jene Strukturen gebunden und kön-
eine Lebenspraxis, die sich dieser Reinszenierung verweigert, nen als heterosexuell strukturierte nicht einfach eine andere Se-
dieses Gesetz schwächer oder vielleicht gar nicht mehr gelten.
xualität leben. Macht und Sexualität sind zusammengeschweißt,
Wirkt das patriarchale Gesetz auf Frauen, die sich in ihren Be-
und daher ist die Idee subversiver Sexualität illusionär. Diese
ziehungen der heterosexuellen Doktrin verweigern, weniger
Illusion ist sogar gefährlich, denn sie verdeckt die realen Chan-
streng? Der Ausstieg aus der heterosexuellen Normalität könnte
cen zur Transformation der Machtbeziehungen, die im Bereich
dann der Anfang der Befreiung von dem Zwang sein, sich in
der Macht selbst liegen und nicht der imaginären Konstruktion
der Selbstwahrnehmung und -darstellung immer am Klischee-
eines Außerhalb bedürfen. Die Transformation der Macht setzt
bild von Weiblichkeit zu orientieren. Eine sexuelle Praxis, die
die binären Raster nicht reproduziert, wäre ein Anfang zur „natürlich voraus, daß es nicht dasselbe ist, ob man innerhalb der Ma-
praktisch-politischen Veränderung der patriarchalen Machtver- trix der Macht operiert oder unkritisch die Herrschaftsverhältnisse re-
hältnisse. Butler diskutiert diese Frage in Das Unbehagen der Ge- produziert. Vielmehr bietet sie die Möglichkeit, das Gesetz zu wieder-
schlechter sowohl im Kapitel Sprache, Macht und die Strategien der holen und es dabei nicht zu festigen, sondern zu verschieben. [...] Da es
keine radikale Zurückweisung einer kulturell konstruierten Sexualität
Verschiebung als auch in der Auseinandersetzung mit Wittig. geben kann, bleibt die Frage, wie man die Konstruktion, in der wir un-
Sie begründet zuerst abstrakt, warum homosexuelle Praxis kein weigerlich gefangen sind, erkennen und inszenieren kann" (ebd., 57).
erfolgversprechendes Vorgehen gegen das patriarchale Gesetz
sein kann und wehrt die Aufforderung ab, Feministinnen soll- Butler will transformieren und verschieben, nicht aussteigen.
ten lesbisch lieben: Dazu sollen die Möglichkeiten genutzt werden, die der diskur-
siv konstruierte Charakter von sex und gender bietet Das sind
„Die utopische Vorstellung einer von heterosexuellen Konstrukten be- jedoch nur diskursive Verschiebungen, keinesfalls das Agieren
freiten Sexualität, bzw. einer Sexualität jenseits des Geschlechts ver- eines Anderen, das sich letztlich doch nur als im Gesetz der
kennt, in welcher Form die Machtverhältnisse auch noch unter den Be- Heterosexualität Befangenes, als Gleiches entpuppen könnte.
dingungen einer befreiten Heterosexualität oder lesbischen Sexualität
die Sexualität für Frauen konstruieren. Diese Kritik trifft auch die Butlers findet bei Wittig den Gedanken einer befreienden,
Vorstellung von einer spezifisch weiblichen Lust, die sich radikal von nicht-diskursiven Praxis mit dem des performativen Sprachge-
der phallischen Sexualität abheben soll" (Butler 1990, 55). brauchs verschränkt Sie stützt sich auf Wittig, weil diese die
Sprache performativ nutzt, um eine andere Wirklichkeit zu er-
In den gegenwärtigen Strukturen ist es demnach generell un- zeugen, und sie kritisiert sie, weil für sie solch subversiver
möglich, Sexualität frei vom Gesetz zu leben; denn Macht und Sprachgebrauch eine andere Praxis voraussetzt Die Befreiung
Sexualität seien miteinander untrennbar verschränkt: vom Gesetz wird zwar durch einen performativen Sprechakt,
„An dieser Stelle scheint es angebracht, zu Foucault zurückzukehren, den des Ichsagens, erreicht, doch erlaubt diesen Sprechakt erst
der behauptet, daß Sexualität und Macht stets deckungsgleich sind, und
so implizit das Postulat einer subversiven oder emanzipatorischen, vom
Gesetz befreiten Sexualität zurückweist" (ebd., 55).
42 Foucaults Position ist in dieser Frage komplexer als sie in Butlers Ar-
gumentation erscheint. Sie bezieht sich nur auf erkenntnis- und macht-
Was wir heute unter Sexualität verstehen, sei das Produkt spezi-
theoretische Argumente Foucaults und läßt den Gedanken über die Se-
fischer Diskurs- und Machtverhältnisse, und halte als solches xualität als „historisch besondere Erfahrung" (Fink-Eitel 1989, 14) un-
keinen Weg in einen machtfreien Raum offen. Es kann in die- beachtet. Foucaults intensive Beschäftigung mit dem Verhältnis von Se-
sem spezifischen Macht- und Diskursgefüge keine Sexualität ge- xualität und Wahrheit und seine Affinität zu Bataille lassen schließen,
ben, die das Individuum aus den Machtstrukturen, die es als ge- daß er zu diesem Thema nicht nur erkenntnistheoretischen Überlegun-
gen angestellt hat. Ich komme darauf zurück.

119 101
die vorherige Lösung aus der patriarchal bestimmten Frauenrol- nicht jedoch das klassische Subjektdenken, wenn sie glaubt,
le durch das Lesbentum. Wittigs Widerstandskonzept steht auf daß das Subjekt, das Ich von sich sagt, ein identisches Seiendes
zwei Beinen: Der Praxis lesbischen Lebens und dem illokutio- vor, ja außerhalb jeder geschlechtlichen Spezifizierung sei. Die
nären Spracheffekt des Ichsagens. Das Subjekt, das Ich von sich Geschlechtertrennung ist für Wittig eine diskursive Konstruk-
sagt, besetzt die unmarkierte Position des Subjekts. tion, die die Frauen als das andere, das markierte Geschlecht,
Butlers Kritik an Wittig macht zwei Unterschiede zwischen von der Subjektposition ausschließt - was aber reversibel sei.
beider Ansätzen deutlich, die sich im weiteren als Schwach- Denn dadurch, daß Frauen sich über die Neudefinition als Les-
punkte der Argumentation Butlers erweisen: Ihre ausschließli- bierinnen der Weiblichkeitskategorie partiell entziehen kön-
che Fixierung auf die Sprache als einzige performative Kraft nen, können sie Subjekte sein. Wittig fordert auf, die Subjekt-
und ihre Verleugnung des Zusammenhanges von Subjekthaftig- position, die das Patriarchat den Frauen vorenthält, zu beset-
keit und der Fähigkeit, Widerstand zu leisten - letzteren Punkt zen. Für Butler ist das keine Option. Sie meint, daß die Posi-
korrigiert sie allerdings in Haß spricht Gerade wegen der an- tion des Subjekts nicht außerhalb des Geltungsbereichs des he-
sonsten großen Nähe zu Wittig, die Butler selbst betont, ver- terosexuellen Gesetzes stehe und darum auch nicht geschlechts-
deutlicht ihre Kritik die Schwächen ihrer eigenen Vorschläge. neutral sei. Die sexuelle Signifikation sei gerade der erste
Schritt in der diskursiven Subjektkonstruktion. Deshalb hält sie
„Anders als Beauvoir betrachtet Wittig die Natur nicht als widerstän-
dige Materie, Medium, Oberfläche oder als Objekt. Vielmehr ist die
Wittigs Modell der Aneignung patriarchaler Macht durch die
Natur eine Idee, die zum Zwecke der gesellschaftlichen Kontrolle er- Inanspruchnahme der Subjektposition im Sprechen für fehlge-
zeugt und aufrechterhalten wird. Ihre Schrift Le corps lesbien zeigt ge- leitet und nicht subversiv. In Wahrheit festige dieses Verständ-
rade diese elastische Formbarkeit der angeblichen Materialität des Kör- nis und Vorgehen die bestehenden Machtverhältnisse, denn es
pers, indem die Sprache die Körperteile in radikal neue gesellschaftli-
che Konstellationen der Form (und Antiform) figuriert und refigu-
geht doch darum, das Gesetz so zu wiederholen, daß es dabei
riert. [...] Ihr Ziel ist es, die Idee des natürlichen Körpers als Konstruk- verschoben wird, und dazu muß die patriarchale Idee des iden-
tion zu entlarven und ein Ensemble von dekonstruktiven/rekonstrukti- tischen, neutralen Subjekts zurückgewiesen werden.
ven Strategien zur Konfiguration des Körpers anzubieten, die die Butler sagt, Frauen könnten auch durch eine lesbische Le-
Macht der Heterosexualität anfechten" (ebd., 185).
benspraxis den Geltungsbereich des heterosexuellen Gesetzes
Butler und Wittig gehen von der „plastischen Formbarkeit des nicht verlassen. Weder gibt es ein nicht-diskursives Außen, die
Realen durch die Sprache" aus 43 , mit differenten Folgen. homosexuelle Liebe, noch besteht eine fundamentale Differenz
Wie Wittig mit der „Formbarkeit des Realen" arbeitet, zeigt zwischen der hetero- und der homosexuellen Lebensweise.
ihre Affirmation sprachlicher Situationen als feministische Pra- Während es im heterosexuellen System den Frauen nicht er-
xis. Sie geht davon aus, daß das Subjekt sich im Ichsagen die laubt sein soll, als Frauen illokutionäre Sprechakte zu vollzie-
ganze universalisierende Sprache und auch die damit verbunde- hen, soll dieses Verbot für Homosexuelle nicht mehr gelten, so
ne Macht aneignet, weil die Sprache illokutionär Wirklichkeit als wäre die lesbische Frau keine Frau. Wittig sagt dagegen,
schafft. Ich von sich zu sagen, sei deshalb der erste Akt der daß Frauen, die sich nicht bruchlos als weiblich im Gegensatz
Selbstsetzung als Subjekt und zugleich die Befreiung vom Ge- zu männlich und damit als abhängig, heteronom markiert erfah-
schlecht, da der Standpunkt des Subjekts universal und ge- ren, die Fesseln patriarchaler Signifikation abstreifen können.
schlechtslos ist Butler sagt dazu, daß Wittig zwar den Zwang Diese selbständige Subjektivierung, die das Gesetz verschiebt,
zur Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität kritisiert, ist der Akt des Sprechens eines weiblichen, homosexuellen Sub-
jekts von sich als Ich. Vor dem illokutionären Sprechakt als
Praxis der Verschiebung des Gesetzes liegt ein nicht-diskursi-
43 „Es gibt eine plastische Formbarkeit des Realen durch die Sprache; die ver, körperlicher Akt, die lesbische Liebe, die das Sprechen in
Sprache hat eine plastische Wirkung auf das Reale" (Wittig 1985, zi- der Ichform erst möglich mache. Wittig will in ihren Texten
tiert nach Butler 1990,173). mit der Sprache das Feld der Körper außerhalb der repressiven

121 101
Matrix der Geschlechterkategorien de- und rekonstruieren. In dig, aber sie wirkt nicht, weil sie an ihr vorgelagerte, nicht-dis-
Les Guerillb'es44 setzt sie die Desintegration der zwanghaft ver- kursive Gefühle appelliert 4 6 Zwar denkt Butler den diskursi-
geschlechtlichten Körper in Szene und demontiert so die klassi- ven Machtzusammenhang total, doch der repressiven Gewalt,
schen Identifizierungen weiblicher oder männlicher Körper. Sie die das heterosexuelle Gesetz ihrer Darstellung nach ausübt,
schildert lesbische Sexualität als Gewalt, als Gewalt, die Kör- setzt sie nicht Gewalt, vielmehr Spiel und Parodie entgegen.
per zerreißt und ihre weibliche Zwangsidentität aufbricht Die Für sie liegt der Graben zwischen dem identifizierenden, patri-
Auflösung der heterosexuellen Klischeevorstellung weiblicher archalen Machtzusammenhang und der erstrebenswerten Welt
Sexualität, die diese Gewaltsamkeit der Sprache bewirkt, könn- pluraler Lebensformen und wechselnder Identitäten. Sie unter-
te ein Beispiel für neue Formulierungen des Selbstverständnis- scheidet nicht systematisch zwischen Gewalt und Macht 47 , viel-
ses und der Körperlichkeit von Frauen oder Lesben sein. Doch mehr schlägt sie beide der gleichen Seite zu.
Butlers Urteil über diese Texte changiert zwischen Zustimmung Deshalb irritiert sie Wittigs Affirmation einer körperlich
und Ablehnung. Sie verteidigt Wittig gegen Vorwürfe, durch spürbaren Gegengewalt gegen die Gewalteffekte des Patriar-
die Gewalt ihrer Texte implizit Männlichkeit zu verherrlichen: chats. Sie kann die literarische Desintegration der Zwangsiden-
tität, die konfrontative Rede von körperlicher Gewalt mit emo-
„Im Gegensatz zu einer Strategie, die die Identität der Frauen durch
einen ausschließenden Differenzierungsprozeß festigt, bietet Wittig tionsgeladenen Begriffen und Stilelementen, die ans Erleben ap-
eine Strategie der Wiederaneignung und subversiven Wieder-Einset- pellieren, nicht mit ihrem Denken vereinbaren. Sie fordert dar-
zung gerade jener Werte an, die ursprünglich scheinbar zum männli- um die emotionale, körperliche Reaktion der Leserinnen und
chen Gebiet gehörten. [...] In Wittigs Texten werden Gewalt und
Kampf in signifikanter Form re-kontextualisiert, so daß sie nicht mehr
Leser auf Wittigs literarisch gewaltsame Dekonstruktion von
dieselbe Bedeutung stützen wie ehemals in repressiven Kontexten. Es Weiblichkeit heraus, verleugnet sie:
geht weder um einen einfachen Stellenwechsel, in dem nun die Frauen
Gewalt gegen die Männer ausüben, noch um eine einfache Verinnerli- „Der zerrissene Körper, die Kriege der Frauen sind daher textuelle Ge-
chung der männlichen Normen, als würden die Frauen Gewalt gegen walt bzw. als Dekonstruktion von Konstrukten zu verstehen, die im-
sich selbst ausüben. Vielmehr zielt die Gewalt dieser Texte auf die mer schon eine Gewalt gegen die Möglichkeiten des Körpers darstel-
Identität und Kohärenz der Kategorie Geschlecht, ein lebloses Kon- len" (ebd., 187).
strukt, ein Konstrukt, das den Körper abtötet" (ebd., 186 f.).
Da Wittigs Texte Texte sind, ist die Kennzeichnung der darin
Doch mit der Emotionsgeladenheit der Texte hat Butler selbst vorkommenden Gewalt als „textueller" trivial. Diese Triviali-
Probleme. Wittigs aggressive Sprache geht über die Grenzen ih- sierung bedeutet aber auch, Wittigs Intentionen zu verharmlo-
res diskursiv-konstruktivistischen Machtmodells hinaus. Sie sen und zu entemotionalisieren:
schreibt nicht-distanziert, emotional, während Butler Emotio-
nalität, außer in diesem Abschnitt zu Wittig, sowohl thematisch „Die Stärke von Wittigs Fiktion, ihre sprachliche Herausforderung be-
steht darin, daß sie eine Erfahrung jenseits der Identitätskategorie an-
als auch in ihrer Sprache meidet. Gefühle sind für Butler von bietet, nämlich einen erotischen Kampf, um aus dem Niedergang der al-
Das Unbehagen der Geschlechter bis Haß spricht der Sprache
nachgeordnet, Ergebnisse der diskursiven Weltkonstruktion.
Die Sprache ist eine Machtstrategie, affirmativ wie widerstän- 46 Deshalb können auch Gefühle wie spontane Sympathie und Antipa-
thie, die stark mit unbewußten und nicht diskursivierbaren körperli-
chen Ausdrucksformen und -signalen zusammenhängen, mit Butlers
Konstruktivismus nicht thematisiert werden.
44 Wittig 1969. 47 Ich erinnere hier an Foucaults Unterscheidung von Macht und Ge-
Auch in Subjects of Desire thematisiert sie nicht Gefühle, sondern die walt. Macht ist ein Kräfteverhältnis, in welchem die Handlungen der
Funktion, die das Begehren, in verschiedenen Theorien des Subjekts Anderen beeinflußt werden sollen - was handlungsfähige Andere vor-
hat. In The Psychic Life of Power wird erstmals die Gefühlsambivalenz aussetzt, die Handlungsoptionen haben. „Charakteristisch für ein
des Subjekts entscheidend für seine Unterwerfung unter die Macht Machtverhältnis ist [...], daß es eine Weise des Einwirkens auf Hand-
und seinen Widerstand gegen sie. lungen ist" (Foucault 1987, 257).

123 101
ten Kategorien neue zu schaffen, neue Wege innerhalb des kulturellen wendet Butler ein, daß die Kategorie Lesbierin zwar recht un-
Feldes, ein Körper zu sein, und ganz neue Sprachen der Beschreibung" bestimmt sei, aber ein neues Zwangskorsett der individuellen
(ebd., 188).
Identitätsentwicklung werden könnte, wie es die Heterosexuali-
Wittig will die Gewalt, die Thema des Texts ist, auch sprach- tät ist:
lich vermitteln. Was sie beschreibt, ist die gewaltsame Verflüs- „Doch selbst wenn sie [die Entscheidung, Lesbierin zu werden, CH.]
sigung geronnener und erstarrter Körper- und Ichgrenzen im politisch wünschenswert wäre, bleibt die Frage, anhand welcher Krite-
Erleben lesbischer Sexualität und sie verwendet dazu eine ge- rien man die Frage der sexuellen Identität entscheiden soll. Wenn eine
waltsame Sprache. Butler lenkt das Augenmerk allein auf die Lesbierin werden ein Akt, eine Verabschiedung der Heterosexualität,
eine Selbst-Benennung, ist, [...] was verhindert dann, daß der Name
Textförmigkeit Sie weigert sich, die Ebene analytischer Refle- Lesbierin eine ebenso zwanghafte Kategorie wird?" (ebd., 188).
xion zu verlassen, und läßt das Erleben der Gewalt, das der
Text ausstrahlt, nur in seiner diskursivierten, rationalisierten Damit es möglich ist, Lesbierin werden zu können, muß es die
Form gelten. Diese Haltung findet sich wieder in ihrer Nei- Zwangsheterosexualität als Gegenposition geben und das be-
gung, als Beispiele für subversive Verschiebungen nicht emotio- deutet, daß diese implizit gefestigt wird und nicht außer Kraft
nal gefärbte, spontane Aktionen anzuführen, sondern ausge- gesetzt Insofern kann die Affirmation der lesbischen Liebe
wählte, eingeübte Inszenierungen. Butler räumt aufgrund ihrer kein Weg zur Veränderung sein. Andererseits gesteht sie zu,
epistemologischen Position dem Gefühl und der Erfahrung kei- daß Wittig eine Desintegration leistet, die ein größeres Feld
nen Erkenntniswert ein. Gefühle sind systemkonforme Reakti- von Möglichkeiten eröffnet, sich körperlich zu materialisieren:
onsbildungen der diskursiv konstruierten Subjekte, und die Re-
de von spontanen Regungen assoziiert sie mit dem Rekurs auf „Wittigs Text dekonstruiert nicht nur das Geschlecht und bietet nicht
nur. einen Weg an, die durch das Geschlecht gekennzeichnete, falsche
ein Denken in Kategorien von Natur und objektiver Wahrheit Einheit zu des-integrieren. Vielmehr inszeniert sie zudem eine Art dif-
über den Menschen. Fruchtbare Kritik und eine kritische Praxis fuser Körper-Tätigkeit, die von einer ganzen Reihe unterschiedlicher
kann nur aus der emotional distanzierten Betrachtung der Ver- Machtzentren erzeugt wird. Tatsächlich entspringt die persönliche und
hältnisse resultieren. Der bereits formulierte Einwand, daß die- politische Aktivität nicht im Individuum, sondern in und durch den
vielschichtigen kulturellen Austausch zwischen den Körpern, in denen
se Leugnung des Vordiskursiven und die Abwertung der Gefüh- sich Identität ständig verschiebt, d.h in denen Identität selbst konstru-
le der Kritik am Patriarchat eine wichtige Grundlage entzieht, iert, des-integriert und nur im Kontext eines dynamischen Feldes kultu-
wird in diesem Zusammenhang noch einmal wichtig. reller Beziehungen wieder in Umlauf gebracht wird" (ebd., 187 f.).
Während Wittig dieses Außerdiskursive, das es für Butler
nicht gibt und nicht geben darf, bewußt ins Spiel bringt und in Auffallend ist an diesem Zitat, daß Butler Wittigs Körperbe-
ihren Formulierungen auch auf Gefühlsreaktionen abzielt, setzt schreibung aus der sexuellen Situation herausstellt und von
Butler die Reflexion auf der bzw. über die nicht-diskursive einer „diffusen Körper-Tätigkeit", die von „unterschiedlichen
Ebene aus. Die bewußt plazierte Resignifikation bleibt das ein- Machtzentren" erzeugt werde, spricht. Durch diese Entgren-
zig mögliche Mittel, die Auflösung der Geschlechtskategorie zu zung der sexuellen Situation zu einer allgemeinen Struktur von
erreichen. Das liegt auch daran, daß für Butler mit der Auflö- Körperlichkeit vereinnahmt sie Wittigs Texte für ihr eigenes
sung der Geschlechtskategorie das Ziel erreicht ist - der Kör- Konzept vom Individuum und seiner, scheinbar an die Identität
per, der einmal als konventionell weiblicher auseinander gefal- und das Selbst gebundenen, persönlichen und politischen Akti-
len ist, muß für sie keine neue, integrierte Form und Identität vität Diese Aktivität des Ich sei keine individuelle Leistung ei-
annehmen (187 f.). Wittig setzt hingegen auf eine andere Identi- nes Subjekts mit einem integrierten Körper, sondern entspringe
tät, die der lesbischen Frau, die Ich von sich sagt. Gegen diese im „vielschichtigen, kulturellen Austausch zwischen den Kör-
Aufforderung, daß jede Frau doch wählen könnte, Lesbierin zu pern", die keine fixe, vielmehr eine sich stetig verändernde
sein, um der Abhängigkeit vom Minnlichen zu entkommen, Identität haben. Butler klammert aus, daß die sexuelle Situa-
tion, das affektgeladene Erleben des eigenen Körpers in der Be-

125 101
gegnung mit einem anderen, eine besondere sein könnte, eine entsprechen vermag. Die Heterosexualität ist ein Fetisch, nicht
von vielen Weisen, sich selbst und seine Grenzen zu erleben. die erfahrene und gelebte Wirklichkeit der Subjekte.
Sie bestreitet das sexuelle Erleben als prototypische Situation
„Die Produktion weicht stets von ihren ursprünglichen Zielen ab und
des Selbsterlebens und der Selbstkonstitution. Obwohl Butler mobilisiert ungewollt mögliche Subjekte, die nicht bloß die Schranken
ansonsten vehement die diskursive Produziertheit des Phäno- der kulturellen Intelligibilität überschreiten, sondern tatsächlich die
mens Sexualität betont, läßt sie dessen Status als besondere Er- Grenzen dessen, was wirklich kulturell intelligibel ist, ausdehnen"
fahrung hier außer Acht Wittigs Beschreibung des sexuellen (ebd., 55).
Aktes zwischen Frauen läßt die Kategorie Geschlecht irrelevant
Gerade weil jede Praxis die volle Identifikation mit dem Gesetz
werden, und zerreißt die Einheit des Körpererlebens. Bei But-
verfehlt, besteht die Chance das Gesetz zu transformieren. Wit-
ler wird daraus, daß bei ihr der Körper generell auseinander
tig setzt die Widerstandsstrategie gegen die Zwangsheterosexua-
gefallen und chaotisch geworden sei. Sie impliziert damit auch,
lität zu unmittelbar an, wenn nur diejenigen die Kategorie des
daß nur das Geschlecht dem Körper Kohärenz verleiht, und
Geschlechts effektiv anfechten können,
sieht sich darin von ihr unterstützt, weil sie, was Wittig als
Körpererfahrung im sexuellen Erleben beschreibt, verallgemei- „die keine heterosexuellen Beziehungen im Rahmen der Familie, die die
nert Die Augenblickserfahrung im sexuellen Erleben wird für Fortpflanzung als Zweck und Telos der Sexualität begreift, unterhal-
Butler zum Vorbild für eine andere Selbst- und Körperkon- ten" (ebd., 181).
struktion, weil sie das Spezifische der Situation unterschlägt
Weil die heterosexuelle Geschlechtsidentität ein fetischisiertes
Andernfalls geriete ihre Affirmation der Desintegration des
Ideal ist, ist jede gelebte Sexualität auch eine verfehlte Realisie-
Körpers bei Wittig in Widerspruch zu ihrer Ablehnung subver-
rung und Wiederholung des heterosexuellen Gesetzes oder sei-
siver Sexualität
ner Identitätsökonomie. Diese - wie The Psychic l i f e of Power
Die Vorstellung Butlers, daß der integrierte, identische Kör- zeigt, hegelianische - Kluft zwischen Realität und Ideal ist die
per eine diskursive Konstruktion ist, die allein durch das hete- Voraussetzung für Butlers Subversionskonzept. Wittig verkenne
rosexuelle Gesetz der Zweigeschlechtlichkeit entsteht, ist m. E. dagegen den Charakter der Veränderungspraktiken, die in der
Folge einer Uberbewertung des Geschlechts und seiner Bedeu- schwul-lesbischen Lebenspraxis bereits gelebt werden, weil sie
tung für die Subjektidentität Denn aus der Tatsache, daß alle diese gegenüber der Heterosexualität exterritorialisiert Es ist
lebbaren Körper als männlich oder weiblich signifiziert wer- gerade diese Spannung zwischen Integriertheit und Andersheit
den, folgt keineswegs, daß allein das heterosexuelle Gesetz die- der Homosexuellen, die sie vom Zwang zur direkten Unterwer-
se Körper in ihrer materiellen Wirklichkeit hervorbringt Doch fung unter das Ideal der männlichen oder weiblichen Ge-
Butler hält an dieser Uberdeterminierung der heterosexuellen schlechtsidentität partiell freisetzt und ihnen Spielräume der
Zweigeschlechtlichkeit auch in Körper von Gewicht fest, was parodistischen Verschiebung eröffnet.
einen Reduktionismus ihrer Programmatik einer performativen
Butler faßt das Subjekt schon in Das Unbehagen der Geschlech-
Subversion gesellschaftlicher Zwangsverhältnisse zur Folge hat
ter als paradox zwischen Abhängigkeit und Souveränität chan-
Butler formuliert noch einen weiteren Einwand gegen Wit-
gierend und legt das Gesetz der Heterosexualität als Entwick-
tigs Annahme, daß die lesbische Liebe die Frauen aus dem
lungsstruktur zugrunde. Die Position, zugleich drinnen und
Zwangssystem des heterosexuellen Denkens freizusetzen ver-
draußen zu stehen, die sie den ^«eer-Individuen zuschreibt, oh-
möchte. Sie kritisiert, daß Wittig in ihrer Auszeichnung der
ne diesen damit eine körperlich-psychische Identität verleihen
weiblichen Homosexualität als einer dem Gesetz entzogenen
zu wollen, und ihre Ablehung eines körperlichen Vordiskursi-
Lebensform die Heterosexualität in ihrem Charakter als regula-
ven prägen einen idealistischen Grundzug ihres Denkens, den
tive Idee verkenne. Es gibt keine ungebrochene Praxis der hete-
sie bis heute nicht aufgegeben hat In Haß spricht macht Butler
rosexuellen Lebensform und kann sie auch nicht geben, da die-
zwar einige implizite Konzessionen an Wittigs Subversionskon-
se ein Ideal ist, dem kein konkretes Individuum vollends zu

127 101
zept, indem sie eindeutig von widerständigen Subjekten spricht, ist die Bedingung der Stabilität der Machtverhältnisse und des
doch sie läßt weiterhin das Körperliche nur als diskursives Gesetzes, und ebenso der subjektiven Identität
Konstrukt, als abgeleitete Funktion gelten. Auch die widerstän-
„Sagt man, daß das Subjekt konstituiert ist, so bedeutet dies einfach,
digen Subjekte in The Psychic Life of Power sind nicht an Körper
daß das Subjekt eine Folgeerscheinung bestimmter regelgeleiteter Dis-
gebunden, und konstituieren sich dementsprechend nicht in kurse ist, die die intelligible Anrufung der Identität einleiten. [...] In be-
Machtbeziehungen, die ein Widerstreit von politischen Machtz- stimmter Hinsicht steht jede Bezeichnung im Horizont des Wiederho-
wängen und körperlichen Erfahrungen und Gefühlen wären, lungszwanges; daher ist die Handlungsmöglichkeit in der Möglichkeit
anzusiedeln, diese Wiederholung zu variieren" (ebd., 213).
vielmehr im Widerstreit psychischer Kräfte, die wiederum von
der Macht des Gesetzes abgeleitet sind. Das Geschlecht und das Reale sind phantasmatische Konstruk-
In dieser Diskussion um subversive Körperpraktiken blieb tionen, und derart diskursiv erzeugte Wirklichkeiten können
die Differenz zwischen Butler und Wittig in bezug auf die zu- durch Variationen in der Wiederholung immer auch verändert
mindest partielle Autonomie des Subjekts vom Bestehenden werden. Butler schlägt daher in Das Unbehagen der Geschlechter
und seine Fähigkeit, das Seiende kognitiv zu transzendieren, zur performativen Veränderung die gezielte Parodie vor. Wie
unberücksichtigt. Dazu muß Butlers Programm der Subversion Lesben und Schwule, Transsexuelle und Transvestiten die hete-
noch schärfer herausgearbeitet werden. rosexuellen Geschlechterkategorien zur Selbstinszenierung ge-
brauchen und austauschen, gibt das Beispiel ab dafür, wie sol-
che Parodien aussehen könnten.
Entwicklung des Subversionsmodells Nun ist freilich nicht jede Parodie schlechthin subversiv.
Was unterscheidet aber eine affirmative von einer die Macht
Der Ansatzpunkt zur produktiven Umgestaltung der diskursi- zersetzenden Parodie? Butler gibt als Kriterium an, daß die Pa-
ven Zwänge liegt schon in Das Unbehagen der Geschlechter für rodie die Performanz der Geschlechtlichkeit und die Konstru-
Butler darin, daß die konstruierten Phänomene immer wieder iertheit der Identität zeigen muß. Während die alltägliche Per-
diskursiv expliziert werden müssen. formanz der körperlichen Geschlechtsidentitäten öffentlich mit
dem Ziel aufgeführt werde, die
„Denn wenn die Geschlechtsidentität bezeichnenderweise durch in sich
diskontinuierliche Akte institutiert wird, erweist sich der Anschein „Geschlechtsidentität in ihrem binären Rahmen zu halten - ein Ziel, das
der Substanz als eine konstruierte Identität oder als eine performative sich keinem Subjekt zusprechen läßt, sondern eher umgekehrt das Sub-
Leistung" (Butler 1990, 207). jekt begründet und festigt" (ebd., 206)

Selbst- und Fremdbestimmung müssen beständig erneuert wer- macht die subversive Parodie aus, daß sie die geglückte Wie-
den, um über die Zeit bestehen zu bleiben, da das Wissen der derholung verfehlt und so den phantasmatischen Charakter der
Individuen über sie selbst als bestimmte Person mit bestimmten angeblich substantiellen Geschlechtsidentität hervorhebt Als
Eigenschaften dieser bestätigenden Vergewisserung bedarf. performative ist die Geschlechtsidentität durch ihre Attribute
Weil Geschlechtsidentitäten und selbstidentische Subjekthaftig- konstituiert Die jeweiligen Charakteristika eines Geschlechts
keit Konstruktionen der Diskurs- und Machtverhältnisse sind, sind seiner Darstellung/Inszenierung darum nicht äußerlich
denen keine vordiskursive Materialität zugrunde liegt, kann nur und also austauschbar, sondern sie sind seine inszenatorische
die performative Wiederholung und Bestätigung ihnen Stabilität Substanz. Deshalb macht die ironische, parodistische Verwen-
und den Wirklichkeitseffekt verleihen. Performativ wirksam ist dung dieser Attribute den performativen Charakter der ganzen
nur die Sprache. Sie ist zugleich Medium der Repräsentation kulturellen Geschlechtsinszenierung deutlich. Butler erklärt
und Mittel der Produktion (186). Die diskursive Wiederholung nicht systematisch oder an Beispielen, was die subversive von
der affirmativen Parodie und Inszenierung unterscheidet, und

128 101
sie nennt auch keine Strategien, wie sich die subversive Parodie die Binarität zersetzt und so einen Raum unbestimmter Identi-
gegen ihre Vereinnahmung durch das Gesetz schützen kann. tätsmöglichkeiten eröffnet, in dem Vielfalt realisierbar wird.
Aber sie beschreibt die Wirkung, auf die es ihr ankommt: Butlers Argument gegen die Vorstellung widerständiger Homo-
sexualität bei Wittig muß jedoch hier gegen sie selbst gewendet
„Sie [die Parodie, C.H.] ist eine Produktion, die effektiv - d.h. in ihrem
werden. Festigt und reproduziert nicht die Travestie die Ge-
Effekt - als Imitation auftritt. Diese fortwährende Verschiebung ruft
eine fließende Ungewißheit der Identitäten hervor, die ein Gefühl der schlechterdichotomie gerade dadurch, daß sie sie übertrieben
Offenheit für die Re-Signifizierung und Re-Kontextualisierung vermit- inszeniert5 Auch ist fraglich, warum - angenommen Butlers Ein-
telt. Die parodistische Vervielfältigung der Identitäten nimmt der hege- schätzung ihres Effekt träfe zu - aus der Erkenntnis der Kon-
monialen Kultur und ihren Kritiken den Anspruch auf naturalisierte struiertheit der Zweigeschlechtlichkeit nicht ebensogut die Auf-
oder wesenhaft geschlechtlich bestimmte Identitäten" (ebd. 203).
lösung der Geschlechterdichotomie als Annäherung der Ge-
Butler denkt an eine Travestie, die das andere Geschlecht in schlechter folgen kann, so daß das Geschlecht als Unterschei-
der Darstellung vollendet zur Erscheinung bringt, und zugleich dungskategorie an Bedeutung verlöre. Butler erklärt das damit,
das Wissen der Zuschauer betont, daß diese Darstellung von daß das Gesetz der Heterosexualität unter patriarchalen Ver-
Weiblichkeit oder Männlichkeit nichts als Inszenierung ist, und hältnissen ja aller Signifikation vorgeschaltet sei.
der Transvestit eigentlich zum anderen Geschlecht gehört In
dieser Situation werde die Idee des natürlichen Geschlechts er- „Wenn Subversion möglich ist, dann nur eine, die von den Bedingungen
des Gesetzes ausgeht, das heißt den Möglichkeiten, die zutage treten,
folgreich ad absurdum geführt Die vielen Hinweise auf die sobald sich das Gesetz gegen sich selbst wendet und unerwartet Permu-
Travestie und die homosexuellen Geschlechterinszenierungen tationen seiner selbst erzeugt. Dann wird der kulturell konstruierte
von butch und femme stützten diese Lesart subversiver Parodie. Körper befreit sein, [...] für eine offene Zukunft kultureller Möglich-
keiten" (ebd., 141 f.).
„Die Geschlechtsidentitäten können weder wahr noch falsch, weder
wirklich noch scheinbar, weder ursprünglich noch abgeleitet sein. Als Butler gibt nach Das Unbehagen der Geschlechter die Fixierung
glaubwürdige Träger solcher Attribute können sie jedoch gründlich auf das eine Gesetz auf und faßt entsprechend auch ihr Wider-
und radikal unglaubwürdiggemacht werden" (ebd., 208). standskonzept anders. Das Motiv der Widerständigkeit von
Subjekten wird je nach Fragestellung unterschiedlich themati-
Die Frage ist daher nicht, ob wir ein Geschlecht darstellen und
siert. Die Betonung des Subversiven am Widerstand wird in
Vorgaben wiederholen, sondern wie, ob affirmativ oder dekon-
Körper von Gewicht weniger wichtig, sie behandelt hier vor al-
struktiv. Die parodistische Verschiebung ist Politik, feministi-
lem die Produktivität von Inszenierungen und Sprachen. Im 6.
sche und <7«eer-Politik.
Kapitel über die Schriftstellerin Nella Larson etwa geht es um
„Die kulturellen Konfigurationen von Geschlecht und Geschlechtsiden- die Selbstinszenierung von Mulattinnen als Weißen und wie
tität könnten sich vermehren, oder besser formuliert: ihre gegenwärti- sich die Grenzen des Weißseins durch die permanente Abgren-
ge Vervielfältigung könnte sich in den Diskursen, die das intelligible zung vom Schwarzsein stabilisieren, wie also das Weißsein sich
Kulturleben stiften, artikulieren, indem man die Geschlechter-Binarität
in Verwirrung bringt und ihre grundlegende Unnatürlichkeit enthüllt" als Kategorie durch die dauernde Bezugnahme auf sein Anderes
(ebd., 218). erhält Doch es geht auch darum, wie der Eindruck, den eine
der Protagonistinnen erfolgreich aufbauen konnte, daß sie eine
Doch was sind die Effekte dieser Subversionsmethode? Kann es Weiße sei, dadurch, daß sie vor einem anderen Hintergrund ge-
nicht bestenfalls ein Anfang zur Auflösung des heterosexuellen sehen wird, nämlich in der Gesellschaft von Schwarzen, plötz-
Gesetzes sein, seine kulturelle Konstruiertheit deutlich zu ma- lich aufbricht und ihr Schwarzsein hervortritt Butler zeigt an
chen? Vermag die Travestie das wirklich? Butler meint, daß die Larsons Erzählung Passing8, wie Rasse inszeniert wird, und
Infragestellung der natürlichen Zweigeschlechtlichkeit eine Art
Mechanismus der Dekonstruktion des Geschlechts auslöst, der
48 Passing in: Charles Larson (Hg.) 1992.

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wie sich Rasse und Geschlechterinszenierung verschränken. antwortung dafür sich zu wehren bürdet sie zudem nur den In-
Der Erfolg der Mulattin, nicht als solche erkannt zu werden, dividuen selbst auf. Sie führt aus, daß die Gewalt und Bedro-
beruht darauf, daß sie durchgängig ihr Weißsein darstellt Al- hung sprachlicher Diskriminierung nicht von denen ausgeht,
lerdings wäre es gewagt, und Butler tut das auch nicht, dieses die sie äußern, vielmehr: Wer Haß spricht, nimmt den gesell-
passing als Widerstand darzustellen, der die Aufhebung der re- schafts- und sprachgeschichtlich bereitgestellten Platz der Ras-
pressiven Kategorien nach sich zöge. Eher schon wird mit dem sistin oder des Rassisten, der Sexistin oder des Sexisten usw.
Tod einer der Protagonistinnen im Zusammenhang damit, daß ein. Sie diskutiert nicht die Frage, welche Diskriminierungen in
ihr weißer, rassistischer Ehemann sie als Schwarze erkennt, die welcher historischen Tradition wie gefährlich und existenzbe-
Bedrohung, die Tödlichkeit dieser Kategorien deutlich, und drohend sein können, als gäbe es keine Differenz.
welche Einengung der Lebensmöglichkeiten sie bedeuten. But- Die Resignifizierung selbst soll in Haß spricht genauso ver-
ler illustriert das Potential der Resignifizierung als Widerstand laufen wie in Körper von Gewicht Eine andere Sprachverwen-
in Körper von Gewicht durch textförmige, mediatisierte Beispie- dung, die Verschiebung in der Wiederholung, erlaubt die Um-
le wie den Text Larsons mehr, als daß sie es systematisch als wertung von Kategorien und löst sie vielleicht auf.
politisches Konzept entwickelt. Insofern ist Körper von Gewicht Wenn der Widerstand der Subjekte in Haß spricht jedoch zu-
auch eher ein theoretischer denn ein politisch-praktischer Text. dem eine politische und subversive Dimension haben sollte,
Anders Haß spricht Zentral ist hier ebenfalls der Widerstand dann müßte er sehr reflektiert und überlegt und nicht nur in
gegen hegemoniale oder repressive Zuschreibungen, die das bezug auf das eigene Ich, das seinen Kopf aus der Schlinge zie-
Individuum verletzen und dieser Widerstand ist auch diskursiv- hen will, eingesetzt werden. Eine Frage, die Butler nicht thema-
performativ konzipiert Die Subjekte, die sich durch die bezie- tisiert, die ich jedoch im Abschnitt über die immanenten
hungsstiftende Funktion der Anrede in der Situation des Ange- Schwächen der Subjekttheorie Butlers diskutiere.
redetseins in der Subjektposition befinden, sollen sich gegen
unerwünschte Zuschreibungen und Beziehungsangebote zur
Wehr setzen können, indem sie das erhaltene Beziehungsange-
bot verändern. Diese Definitionsmacht über die Situation Die Vervielfältigung der Geschlechter
kommt ihnen strukturell immer zu; fraglich ist nur, ob und wie
Butler formuliert in Das Unbehagen der Geschlechter und Körper
sie sie nutzen können. Hate speech und ihr bedrohliches, aggres-
von Gewicht, daß das Ziel politisch-bewußter Subjekte die Ver-
sives Potential kann so verpuffen, Schimpfwörter können umge-
vielfältigung der Geschlechter sei. Der Körper soll befreit wer-
wertet und in der Folge anders benutzt werden, wie etwa queer,
den,
etc. Doch diese Struktur der Subjektformation qua Sprechposi-
tion in der Kommunikationssituation ist völlig abstrakt. Zwar „allerdings weder für seine natürliche Vergangenheit noch für seine ur-
wendet Butler sie auf die für sie politisch zentralen Gruppen sprünglichen Lüste, sondern für eine offene Zukunft kultureller Mög-
Frauen, Schwarze und Homosexuelle an, doch ebenso träfe dies lichkeiten" (Butler 1990,142).
für die Beschimpfung von armen, arbeitslosen, körperlich oder
Die „offene Zukunft kultureller Möglichkeiten" ist Butlers Visi-
geistig behinderten, psychisch kranken, jüdischen oder musli-
on. Doch steht nicht die Vorstellung, anstelle des kulturell
mischen, straffällig gewordenen usf. Mitbürgerinnen zu. Jedes
konstruierten Körpers beliebige Körperlichkeiten leben zu kön-
Kind, das von anderen dumm geheißen wird, ist prinzipiell in
nen, in Widerspruch zu ihrer Behauptung, daß die Möglichkei-
eben dieser Lage, die Zuschreibung widerständig umkehren
ten, anders zu leben, durch die Ein- und Ausschließungen, die
oder sich ihr unterwerfen zu können. Ich halte es für eine
jede Formation von Intelligibilität erzeugt, eng begrenzt seien?
Schwäche der Argumentation in Haß spricht, daß Butler keine
Wie ist Befreiung gemeint? Wie denkt Butler Freiheit, wenn
Kriterien angibt dafür, ob und wenn ja welcher hate speech viel-
nicht im Sinne einer unbegrenzten Auswahl von Möglichkeiten?
leicht eine besondere Bedrohungsgewalt innewohnt. Die Ver-

132 130 132


In einem Aufsatz aus dem Jahr 1987 49 verwirft Butler zwei Rückfall in vor-subjektivierte Stadien der Ich-Entwicklung be-
Einwände gegen ihre Zielvorstellung der Vervielfältigung und deute, schreckt Butler auch nicht, vielmehr spricht sie häufig
Neukonzeptualisierung dessen, was lustvolle Körper sein könn- von der Dekonstruktion und Abschaffung des modernen Hand-
ten: Das marxistische Argument, das die unverzichtbare Bedeu- lungssubjekts. Wie groß veranschlagt sie aber den Spielraum
tung des anderen und seiner Sicht auf mich hervorhebt und be- für andere Körper von Gewicht und flexiblere Identitätskonzep-
tont, daß der Raum für Vervielfältigung nicht durch die eigene te? Die Möglichkeiten, sich überhaupt andere Körper, Identitä-
Vorstellungskraft begrenzt werde, sondern ein kollektiver sei, ten und Lebensweisen auszudenken, sind jeweils begrenzt
und den psychoanalytischen Einwand, der für die weitere Ent- durch bestimmte Diskursverhältnisse und die konkrete Sprache,
wicklung ihres Denkens der wichtigere ist. Er lautet, daß die die das Feld des Denkbaren festlegen. Was nicht imaginiert,
Auflösung des Subjekts und die Vervielfältigung seiner körper- nicht gedacht und nicht ausgedrückt werden kann, kann jedoch
lichen Begrenzungen und Markierungen innerpsychisch einem auch nicht performativ in Szene gesetzt werden. Die Imaginati-
Rückfall in den Polymorphismus, in die präödipale Ambiguität, onsfähigkeit der konkreten Individuen ist an die Thematisie-
in einen nicht-subjektivierten Zustand gleichkäme. rungshorizonte der hegemonialen Diskurse und Machtverhält-
nisse gebunden. Die performative Handlung, die die Befreiung
„Der psychoanalytischen Argumentation zufolge wäre das normative vom Gesetz leisten soll, kann also keine von diesem Gesetz
Ideal vielfältiger Geschlechter immer eine eigenartige Mischung von gänzlich unbeeinflußte sein, sondern sie steht selbst in Bezie-
Erinnerung und Phantasie, die im Kontext eines ödipal konditionierten hung zum Gesetz, kann aber seine Verschiebung bewirken:
Subjekts als affektiver Streit mit dem Inzesttabu aufgefaßt werden
müßte. [...] Von diesem Standpunkt aus betrachtet wäre das, was ich
hier vorgetragen habe, eine präödipale Phantasie, die nur interessant „Das soll nicht heißen, daß jedes beliebige Handeln auf der Grundlage
und sinnvoll ist für ein Subjekt, das diese Phantasie niemals realisieren einer diskursiven Wirkung möglich ist. Vielmehr sind bestimmte, sich
kann. So gesehen würden beide, die hypothetischen marxistischen und dauernd wiederholende Ketten der diskursiven Erzeugung kaum als
die hypothetischen psychoanalytischen Einwände geltend machen, daß laufende Wiederholungen entzifferbar, weil die Wirkungen, die sie ma-
die von mir dargestellte Theorie des Realitätsprinzips entbehre" (But- terialisiert haben, jene Wirkungen sind, ohne die im Diskurs keine Ori-
ler 1987, 72 f.). entierung gewonnen werden kann. Die Macht des Diskurses, seine Wir-
kungen zu materialisieren, stimmt somit überein mit der Macht des
Der Vorwurf lautet, solche Destruktion des Subjekts würde Diskurses, den Bereich der Intelligibilität einzugrenzen. Demzufolge
verfehlt eine Lesart von Performativität als willentliche und willkürli-
„uns wahrscheinlich aus der Kultur, wie wir sie kennen, entfernen" che Wahl den Punkt, daß die Geschichtlichkeit des Diskurses und ins-
(ebd., 72). besondere die Geschichtlichkeit der Normen, [...] die Macht des Dis-
kurses ausmachen, das zu inszenieren, was er benennt" (Butler 1993,
Diesen Einwand, daß die reife Anpassung an das Realitätsprin- 249).
zip auch bedeute, sich mit der Logik der binären Geschlechts- Die historisch entstandenen Sachverhalte und Materialitäten
identität abzufinden, versucht Butler in Das Unbehagen der Ge- stellen die Sach- und Denkzwänge dar, die den Spielraum des
schlechter, Körper von Gewicht und auch in The Psychic Life of Andersdenkens begrenzen, und sind zugleich die Bedingungen
Power zu entkräften, indem sie die Kulturabhängigkeit der Sub- dafür, daß überhaupt bewußt wahrgenommen und gedacht wer-
jektwerdung und des Subjektseins betont. Butler will die patri- den kann. Die Beschränkungen, denen die konkreten Individu-
archale Kultur stören und das ihr zugrundeliegende Gesetz au- en in ihrer Möglichkeit die Verhältnisse zu ändern unterworfen
ßer Kraft setzen, damit sich andere, nicht binär signifizierte sind, konzipiert Butler analog zu Foucaults Epistemai-Theorie.
Körper und Lebensweisen entfalten können. Es geht ihr um die Die bestehenden Kategorienraster und Grenzen können poten-
Befreiung von jenen gesellschaftlichen Zwängen, die der Begriff tiell verschoben, aber nicht einfach umgangen oder ignoriert
Realitätsprinzip bündelt Der Einwand, daß diese Befreiung ein werden. Das Feld möglicher neuer Lebensformen ist mit dem
hegemonialen Diskurs patriarchaler, binär sexuierter Identitäts-
49 In deutscher Sprache erschienen vgl. Butler 1995. formen verbunden. Auch hier prägt sich die Figur der Freiheit

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in und wegen der Abhängigkeit aus, die Butlers Macht- und demokratischen Bewußtseins und erfolgversprechender politi-
Subjekttheorie charakterisiert und die in The Psychic Life of scher Aktionen. Darum will Butler auch die Kategorie des inte-
Power ausführlich entwickelt wird. Vor diesem Hintergrund grierten, selbstidentischen Subjekts verflüssigen und nicht mehr
sinkt aber das in Das Unbehagen der Geschlechter so groß ent- zum Verschwinden bringen. Denn ohne gezielt handelnde Sub-
worfene Ziel, das binäre Denken mit der Geschlechterdifferenz jekte gibt es keine performative Subversion der diskursiven
auszuhebein, etwas zusammen. Es geht Butler auch in Körper Verschiebung. Butlers Rede von „wechselnden Positionali täten
von Gewicht nicht nur um eine bloße Vermehrung der zugelas- des politischen Feldes" bezeichnet darum eher den Wechsel der
senen Möglichkeiten, Identität auszubilden - als Selbstzweck Selbstidentifizierung des Subjekts anhand verschiedener Kate-
oder um Vervielfältigung um ihrer selbst willen. Darin sieht sie gorien wie etwa Geschlecht, Ethnie und Klasse.
sogar eine Gefahr für die Subversion: Butler meint mit Vervielfältigung oder der „offenen Zukunft
kultureller Möglichkeiten" letztlich eine reflektierte und be-
„Die Vervielfachung von Subjektpositionen auf einer pluralistischen wußte Öffnung der Subjektivierungsprozesse, die die Individu-
Achse hätte die Vervielfachung ausschließender und erniedrigender
Schritte zur Folge, die lediglich noch größere Fraktionierung herstellen en heteronom in eine Identität und Lebensweise in immerglei-
könnte, eine verstärkte Zunahme von Differenzen ohne irgendeine chen patriarchalen, kolonialen etc. Kategorien zwingen. Die
Möglichkeit, zwischen ihnen zu vermitteln. Zur Zeit lautet die politi- Subjekte - und nach Butlers Aufhebung der Dekonstruktion des
sche Forderung an das Denken, die Wechselbeziehungen in allen Einzel- Handlungssubjekts in Haß spricht ist hier keine Einschränkung
heiten zu erfassen, die eine Vielfalt dynamischer und relationaler Posi-
tionalitäten innerhalb des politischen Feldes verbinden, ohne sie allzu des Typs „oder was immer das dann wäre" mehr erforderlich -
simpel zu vereinigen" (Butler 1993,157). sollen sich vom statischen Identitätsdenken befreien, sich ihrer
Möglichkeiten bewußt werden und daran arbeiten, ihre Identifi-
Soll das politisch-philosophisch gesteckte Ziel wirklich zur zierungen zu verändern.
Verbesserung der Lebensverhältnisse taugen, ist es wichtig, die
Beziehung zwischen Lebensformen oder Identitätsmodi und ge- „Daß Identifizierungen wechseln, bedeutet nicht notwendigerweise,
sellschaftlichen Machtverhältnissen im Blick zu behalten. Die daß eine Identifizierung zu Lasten einer anderen verworfen wird. Die-
ser Wechsel kann durchaus Hoffnungszeichen sein für die Möglichkeit,
bloße Vervielfältigung könnte zu einer unübersichtlichen Zahl eine erweiterungsfähige Anzahl von Verbindungen anzuerkennen"
von Lebensweisen führen, die der Verschiedenheit ihre subver- (Butler 1993,162).
sive Kraft nimmt Nur die kontrollierte und kontrollierbare
Subversion hat überhaupt eine Chance, die Machtverhältnisse Weil es in Körper von Gewicht nicht mehr nur eine Kategorie
sukzessive zu verändern. Die kritiklose und unkontrollierte der Subjektivierung gibt, ist auch aufgehoben, daß jede konkre-
Vermehrung der Identitätsmodi könnte zu einer banalen Plura- te Identifizierung und Fixierung einer Identität im Sprechakt
lität ohne subversives Potential führen. Butler weist andeu- bedeutet, die antagonistische zu verwerfen. Die engen Verbin-
tungsweise auch auf die Gefahr der kulturindustriellen Okku- dungen zwischen der Macht und den Subjektivierungsmodi wer-
pation und Verwaltung der Vielfältigkeit hin. Diese birgt das den betont, um zu zeigen, daß Subjekte neue Übergänge aus-
Risiko, daß eine nur scheinbare Vielfalt entsteht, deren Diffe- probieren und leben können, gerade weil jede konkrete Identi-
renzen den Unterworfenen als so bedeutend suggeriert werden, fizierung für sich mangelhaft ist und ihr Ziel verfehlt, denn:
daß sie keine gemeinsamen kritischen Strategien gegen die
„Kein Signifikant kann radikal repräsentativ sein, denn jeder Signifi-
Machtverhältnisse mehr entwickeln. Solche Vielfalt ließe sich kant ist der Ort einer andauernden meconnaissance [Verkennung]. Er
von der Medien- und Konsumgüterindustrie wiederum problem- produziert die Erwartung einer Einheit, eines vollständigen letzten
los auf einige gemeinsame Nenner bringen und marktfördernd Wiedererkennens, das niemals zustande gebracht werden kann. Parado-
einsetzen. Solche Heterogenität wäre letztlich eine Stabilisie- xerweise ist das Versagen solcher Signifikanten, den konstitutiven Per-
sonenkreis vollständig zu beschreiben, den sie benennen - Frauen fällt
rung der alten Machtverhältnisse. Die bloße Vervielfältigung einem hierbei ein -, genau das, was diese Signifikanten zu Orten phan-
erfüllt also nicht Butlers Vorstellung. Dazu bedarf es politisch- tasmatischer Investition und diskursiver Neuartikulation macht. Dies

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hält die Signifikanten für neue Bedeutungen und neue Möglichkeiten auch <7«eer-Politik mobilisiert wird. Solche kollektiven Desidentifizie-
politischer Resignifikation offen. Diese offenhaltende und performati- rungen können eine Neukonzeptualisierung dessen begünstigen, welche
ve Funktion des Signifikanten scheint mir ganz wesentlich zu sein für Körper von Gewicht sind, und welche Körper erst noch als entschei-
einen radikal demokratischen Begriff von Zukünftigkeit" (ebd., 254). dende Gegenstände der Reflexion auftreten müssen" (ebd., 24).

Der radikal-demokratische Begriff von Zukünftigkeit, den But- Zu Veränderungen, wie Butler sie anstrebt, bedarf es der Kon-
ler hier in Anspruch nimmt, bezeichnet was möglich wird, trolle und des Überblicks der Ausführenden. Daß sie im Kon-
wenn die Subjekte individuell und kollektiv begreifen, daß Sub- text ihrer Methode der Verschiebung so oft von Inszenierung
jektidentitäten, wie immer sie ausgerichtet sind, Konstrukte spricht, bestätigt nicht nur, daß sie jede Authentizität oder
miteinander verflochtene Mechanismen der machtbündelnden Eigentlichkeit des Seins und der Identität eines Individuums be-
Diskurse sind. Diese Erkenntnis bringt die individuelle Wie- streitet, sondern auch, daß sie sich die Verschiebung als sehr
derholung positiver Signifizierungen in Bewegung und eröffnet bewußt im Moment in Szene gesetzte Destabilisierung der be-
andere Optionen. Um diese anderen Optionen zu zeigen, de- stehenden binären Geschlechtsidentitäten denkt Die absichts-
konstruiert Butler Vorstellungskomplexe wie Natur, Körper volle und kontrollierte Art dieses Vorgehens erfordert Subjek-
und das identische Subjekt Doch welche wechselnden Identitä- te; Subjekte, die zumindest einige der charakteristischen Eigen-
ten sind wünschenswert? schaften des verpönten modernen Subjekts tragen.
In Haß spricht und The Psychic Life of Power nimmt Butler
„Selbst dann, wenn jede diskursive Formation durch Ausschluß er- diese Inkonsistenz ihres Widerstandskonzepts in Das Unbehagen
zeugt wird, heißt das nicht zu behaupten, daß alle Ausschlüsse gleich-
wertig sind: wir brauchen eine Methode, politisch beurteilen zu kön-
der Geschlechter partiell zurück. Ihre Vision eines vom patriar-
nen, wie die Herstellung von kultureller Nicht-Intelligibilität unter- chalen Gesetz und Ichidentitätszwang befreiten Individuums
schiedlich mobilisiert wird, um das politische Feld zu regulieren - wer und Körpers verträgt sich offenbar nicht mit ihrer kritisch dis-
wird also als ein Subjekt gelten und wem wird abverlangt werden, kursiven Dekonstruktion des Subjekts. In Haß spricht und The
nicht als Subjekt zu gelten" (ebd., 273).
Psychic Life of Power zieht sie daraus die Konsequenz, die radi-
Es geht schon in Körper von Gewicht nicht um einen Raum un- kalen Momente ihrer Kritik am Identitätsdenken und ihre De-
begrenzter Möglichkeiten der Subjektwerdung. Stattdessen zeigt konstruktion des Subjekts aufzugeben. Sie opfert damit aber
die genauere Analyse von Butlers Zielvorstellungen, daß sie mit nicht die praktisch-politischen Motive ihrer Arbeit, im Gegen-
diesem Anspruch, das Subjekt aufzulösen, ihre eigenen gesell- teil kann Haß spricht als ihr bisher politischstes Buch gelten. 50
schaftskritischen Überlegungen und Ziele verriete. Ihr Insistie- Ich stelle die Aspekte und die Umschlagspunkte der inneren
ren auf der Konstruiertheit und Veränderlichkeit der Ge- Entwicklung der Subjekttheorie Butlers im folgenden kritisch
schlechtsidentität und anderer Identifizierungen soll aufklären. zusammen - denn ihre Texte sind recht heterogen, so daß sich
Es soll den Individuen ermöglichen, sich kritisch mit den poli- nur wenige subjekttheoretische Motive wirklich durchhalten
tischen Regulierungen der Diskurse und ihrer Macht zur Mate- und als charakteristisch bezeichnet werden können.
rialisierung neuer Selbstentwürfe auseinanderzusetzen. Denn
die Individuen verfügen prinzipiell über die Möglichkeit, per-
formativ diskursive Konstruktion zu verschieben, andere Identi- Probleme der Subjektkonzeption Butlers
täten durch den produktiven und subversiven Gebrauch der
Sprache auszubilden und die fixierten Subjektidentifizierungen In Das Unbehagen der Geschlechter betont Butler die Bedeutung
zu destabilisieren. der unerwarteten Permutationen des Gesetzes für den Wider-
stand gegen das Gesetz - und argumentiert dennoch gegen Wit-
„Ja, es wäre möglich, daß gerade mit Hilfe von Praktiken, die Desiden-
tifizierung mit jenen regulierenden Normen hervorheben, durch die
die sexuelle Differenz materialisiert wird, sowohl feministische als 50 Siehe Lorey 1998.

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tigs Verortung des Widerstandspotentials bei den Lesbierinnen. setzt wird, die Zielgerichtetheit selbst setzt jemanden oder ein
Sie sagt, daß Subversion möglich ist, „sobald sich das Gesetz Kollektiv voraus, das den Platz des reflektierenden, bewußt
gegen sich selbst wendet und unerwartet Permutationen seiner agierenden Subjekts einnimmt. Die Subjekte müssen bewußt
selbst erzeugt". Doch sind im Grunde alle Subjekte auch solche eine Absicht über längere Zeit hinweg verfolgen und Maßnah-
Permutationen: vom Gesetz geformt, stehen sie doch auch quer men zu ihrer Umsetzung ergreifen können.
zu diesem, so sie es nicht erfüllen können. So wie den homo- Dieser Widerspruch zwischen Butlers Anspruch, das Subjekt
und transsexuellen Lebensformen kommt daher eigentlich auch zu dekonstruieren, und ihrem Konzept von Widerständigkeit
den heterosexuellen, um an Butlers Materialisierungsthese in gegen die Macht, nach dem dieser Widerstand von Subjekten
Körper von Gewicht anzuschließen, eine Halbwirklichkeit zu; al- ausgehen muß, kann auf zweierlei Weise aufgelöst werden: Ent-
le formierten Körper sind nur eingeschränkt lebbar. Die einen weder, indem das Problem ähnlich betrachtet wird wie die
stehen sozusagen unglücklichen Bewußtseins innerhalb der Chromosomenfrage, was aber wenig sinnvoll ist, da diese Posi-
Macht und die anderen vielleicht noch unglücklicher draußen. tion zwar erkenntnistheoretisch interessant ist, aber für die
Dennoch sollen Homo- und Transsexuelle in Das Unbehagen der praktischen Möglichkeiten, Identitätszwänge zu kritisieren,
Geschlechter einen privilegierten Zugang zu den subversiven Me- nicht weit führt. Oder indem zumindest partiell integrierte
thoden der Verschiebung haben, da sie nicht positiv mit dem Subjekte akzeptiert werden, die kompetent sind, das Bestehen-
Gesetz identifiziert sind. Widerstand gegen das Gesetz liegt ih- de zu verändern und in der Lage, gezielt die Grundlagen ihrer
nen näher, weil sie zwar vom Gesetz zu Subjekten gemacht Zwangssubjektiviertheit zu untergraben und sich als fixierte
worden sind und also über die psychischen Strukturen verfü- Subjekte selbst zu ironisieren. Denkbar wäre, daß zwar am Be-
gen, ein Subversionsprogramm zu entwerfen, das auf Langzeit- ginn des Subversionsprogrammes integrierte Subjekte stehen,
wirkung und sukzessive Veränderung angelegt ist; andererseits daß diese sich jedoch im Prozeß der Verschiebung und Auflö-
sind sie jedoch nicht positiv vielmehr negativ an das Gesetz ge- sung von Identitätskategorien in wesentlichen Merkmalen ver-
bunden, es bedeutet für sie keine affirmierte Identifikations- ändern, so daß ihre Identität sich langsam verflüssigt. So wie
grundlage. Diese affirmative Bezugnahme auf Freuds Theorie der Erfolg der Frauenbewegung für Pluralistlnnen darin beste-
des Ödipuskomplexes wird allerdings in The Psychic Life of hen kann, daß das Kollektivsubjekt Frauen verschwindet, könn-
Power abschwächt, weil die Unterscheidung zwischen negativer te der Erfolg der Dekonstruktion des Subjekts und der Identi-
und positiver Beziehung zum Gesetz verschwindet. Nach Freud tätskategorien sich darin zeigen, daß mit dem Erfolg der Sub-
kann die Internalisierung des ambivalenten Objekts, der Macht, version die Zwangsmechanismen der Subjektivierung gelockert
im Ödipuskomplex ebensogut positiv wie negativ verlaufen und werden. Am Ende des Dekonstruktionsprozesses könnten dann
jeweils mehr oder weniger glücklich. Das zentrale Motiv in die Identitätszwänge wie auch die widerständigen, fixierten
Butlers Schriften zur Subjektkonstitution ist, daß das Indivi- Subjekte verschwunden sein. Fazit ist, daß Butler das Subjekt-
duum, das den inszenierten Charakter der Geschlechtlichkeit konzept der Moderne ablehnen und, ohne sich in eine Wider-
und anderer Markierungen erkannt hat, in ironischer Distanz spruch zu verstricken, meinen kann, daß es mit der richtigen
zum Gesetz das subversive Spiel mit den Geschlechter- und Technik im Laufe der Zeit abgelöst werden könnte.
Identitätskategorien aufnehmen kann. Ein echter Widerspruch läge vor, wenn der performative Re-
Weil sich Butler in Das Unbehagen der Geschlechter über den signifikationsakt Subjekthaftigkeit voraussetzte und, wie sie ja
notwendige Subjektstatus derer, die mit ihrer Subversionstech- in Haß spricht und The Psychic Life of Power sagt, auch notwen-
nik widerständig sein können, unklar ist, bleibt auch ihre Sub- dig erzeugt, und zwar wegen der Struktur der Sprechakte selbst
jektkonzeption unklar. Die politische Absicht Butlers, das pa-
triarchale Denken in Dichotomien aufzulösen, fordert von den
Individuen die typischen Züge moderner Subjekte. Denn wel-
che Methode auch zur gesellschaftlichen Veränderung einge-

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Performative Sprechakte nur von Subjekten? das nach sich zieht Im illokutionären Sprechakt ist das Spre-
chen die Handlung, und im performativen Sprechen, wie Butler
Entscheidend für die Konsistenz der Position Butlers ist, wel- es in Körper von Gewicht versteht, sichert die Materialität der
che Position jene innehaben, die performative Sprechakte voll- Signifikanten, daß diese - wie wird allerdings nicht klar heraus-
ziehen. Denn wenn die Methode der Verschiebung und Dekon- gearbeitet -, vorhersehbare Konsequenzen der Bestätigung oder
struktion selbst, die performative Sprechhandlung, Subjekte Verschiebung zeitigen, sonst wäre die subversive Resignifikati-
voraussetzt und erzeugt, stehen das konstruktivistisch-sprach- on nicht gezielt möglich.
orientierte Modell Butlers und ihre Kritik am modernen Sub- Diese Nähe des Butlerschen Performativitätskonzept zum il-
jektdenken unvereinbar gegeneinander. lokutionären Sprechakt bestätigt auch Lorey:
In Das Unbehagen der Geschlechter und Körper von Gewicht
hebt Butler auf die differance als Widerstandsmethode ab, die „Wenn Butler davon ausgeht, daß Sprache immer performativ ist, und
sie ihr Performativitätskonzept mit klassischen performativen
zwangsläufige Bedeutungsverschiebung zwischen verschiedenen Sprechakten wie Ich verspreche untermauert, legt sie nahe, daß nur Tat-
Signifikationsakten des nur scheinbar Gleichen. Weil jede Wie- äußerungen möglich sind, d.h. daß jedes Sprechen performativ ist. Das
derholung das Wiederholte zumindest geringfügig variiert, Subjekt als vorgängiges wird durch performative Sprechakte konstru-
müßte es doch möglich sein, diesen Variationen eine bestimmte iert. [...] Doch wählt sie damit eine Form des Sprechens und erklärt
diejenige, in der das autonome Subjekt sich am eindeutigsten konstitu-
Tendenz zu geben, nämlich die, die Muster binärer Ge- iert, zum alleinigen, universal gültigen Modus. [...] Die Universalisie-
schlechtlichkeit langsam aufzulösen. In welchem Sinne müssen rung performativer Akte als alleiniger Modus von Subjektkonstitution
jene, die solche performative Sprechhandlungen ausführen, [...] zeigt auf, in welchen Zirkelschluß Butler mit ihre Subjektkritik ge-
Subjekte sein? Butler kritisiert an Wittig, daß sie die illokutio- rät: In der Weise, in der Butler den Konstitutionsprozeß eines intentio-
nalen, vorgängigen Subjekts problematisiert, autorisiert sie immer wie-
nären Sprechakte als patriarchatskritisches Potential nutzen der den hegemonialen Diskurs eines Täters hinter der Tat (Lorey
will. Diese meint, daß sich die Subjektposition selbst ver- 1996,115).
schiebt, wenn Individuen, die bisher von der Subjektposition
ausgeschlossen waren, im Ichsagen diese Position besetzen. Sie hält diesen Subjekteffekt der Sprache für unvermeidlich 51
Butler lehnt Wittigs Akzeptanz der zumindest partiell autonom und klagt deshalb ein, daß Butler auf einen Begriff des Selbst
gedachten Subjektposition als Verkennung der konstitutiven, rekurrieren müsse, damit ihre kritische Konzeption als femini-
patriarchalen Voraussetzungen des Subjektseins ab. Statt des il- stische Technik erfolgreich sein könnte. Ich denke hingegen,
lokutionären Sprechaktes affirmiert sie die Performativität der daß Butlers Konzept in Das Unbehagen der Geschlechter und Kör-
Sprache. Die Ausführungen zu Körper von Gewicht haben je- per von Gewicht identische Subjekte als widerständige zuläßt
doch schon gezeigt, daß ihre dort entwickelte These von der Für Butler könnte die Autorität des sprechenden Subjekts
Materialität der Signifikanten und deren wirklichkeitserzeugen- als eine Als-ob-KxiXorVä.t erscheinen, denn das Subjekt wird
der Macht nicht sehr different zum Modell des illokutionären eben selbst von der Sprache erzeugt, und nicht umgekehrt
Sprechens ist Die Sprechakttheorie, aus der der Begriff des il- Wenn jedoch nur die Sprache performativ wirkt und deshalb
lokutionären Sprechens stammt, untersucht zwar die Funktio- nur sie performativ Subjekte erzeugt, diese Subjekte aber als
nen der verschiedenen Sprechakttypen für diejenigen, die sie gewordene sich reflexiv diese performative Funktion der Spra-
aussprechen, und setzt dabei letztere schon voraus, während che zunutze machen können sollen, dann müssen Sprache und
die Performativitätsthese keine starken Vorannahmen bezüglich Subjekte ebenso zusammengedacht werden wie Zeichen und
des Subjektstatus der Sprechenden macht Doch letzten Endes
gibt es in beiden Modellen eine eigentümliche Synchronizität
51 „Wenn Wörter Handlungen sind, entsteht immer der Effekt, als ob das
zwischen dem, was gesagt wird, und den Folgen dieses Sagens. sprechende Subjekt Urheberin des Geschehens wäre. Daraus läßt sich
Beide Modelle gehen von der Identität bzw. einer zwingenden schließen, daß Performativität der Grund für die Hegemonie der Idee
Verbindung aus zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was eines autonomen Subjekts ist" (Lorey 1996,116).

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Materie. Nur ein solchermaßen enges Verhältnis von Performa- Prozessen spielen, liegt allerdings durchaus in der Verantwor-
tivität der Sprache und sprechenden Subjekten erlaubt den dis- tung der Individuen, die diese Positionen entweder einnehmen
kursiv konstruierten Subjekten, die Fundamente dieser Spra- oder eben nicht Die Subjekte sind nicht mit sich und ihrem
che, der sie sich verdanken, zu verschieben. Körper und all ihnen je zugesprochenen Eigenschaften ausge-
Das Dilemma, das sich hier erneut auftut, konnte Butler stattete Individuen, sondern Subjektsein ist eine Funktion, die
schon in bezug auf die Chromosomenfrage zwar deutlich her- von verschiedenen wechselweise eingenommen werden kann.
ausstellen, ihm jedoch nicht entrinnen. Ihr Versuch, Materie Das impliziert nicht, daß nicht die jeweiligen Subjektpositio-
und Zeichen gleichursprünglich zu setzen, scheitert, weil sie nen, die ein Individuum einnimmt, dieses prägen können, da ja
der Sprache selbst das Gesetz der Heterosexualität implemen- auch das eigene Reden performativ auf das Individuum zurück-
tieren will. Ihre Subjektkritik scheitert daran, daß Butler die wirkt Auch der resignifizierende Sprechakt wird in Haß spricht
Sprache an den Anfang setzt, und kein Außerhalb der Sprache situativer verstanden. Alle Subjekte sind potentiell fähig, sich
gelten läßt; denn nur als den diskursiven produktiven Kräften zu widersetzen, und das unterwerfende Beziehungsangebot ei-
gegenüber Passives, das nicht kreativ und gezielt verändernd nes hate speecb-AngriHs zurückzuweisen. Diese Beschreibung
auf sie einwirken könnte, wäre das Subjekt reines Produkt und des Subjekts als Position erklärt, warum Butler die politische
Objekt der Sprache. Regulierung von Diskriminierungsproblemen so vehement ab-
Um dieses Problem zu lösen, geht Butler den Weg von Haß lehnt Doch ihre Kritik ist nur vor dem Hintergrund schlüssig,
spricht zu The Psychic Life of Power, wo sie die paradoxe Struk- daß tatsächlich jedes Individuum sich auch zu wehren vermag,
tur der Subjekthaftigkeit rekonstruiert In Haß spricht wird das was nur gelten würde, wären Individuen nicht als Besondere an
Subjekt als grammatische Funktion aufgefaßt, die nicht aus der ihren Körper und ihre Geschichte gebunden, wären die Sub-
Sprache, vielmehr aus dem Sprechen eines Anderen folgt So jektpositionen frei und von jedem besetzbar. Feministische und
soll die Identität bestimmter Individuen mit bestimmten Sub- andere Arbeiten mit Stigmatisierten zeigen jedoch, daß Gewalt
jektpositionen vermieden werden und damit die Subjektkritik und Zerstörungen, verletzende Übergriffe auf die individuelle
trotz der Performativitätstheorie aufrechterhalten werden. But- Integrität, das Subjektsein eines Menschen fundamental zerstö-
ler arbeitet hierzu mit Austins Unterscheidung von illokutionä- ren können - zumindest gilt das für nicht rein verbale Angriffe,
ren und perlokutionären Sprechakten und hebt die größere Be- die Butler allerdings nicht thematisiert und nicht thematisieren
deutung der perlokutionären hervor, die ebenso performativ kann. Sie klammert in Haß spricht aus, was für die politischen
wirken wie die illokutionären, in denen jedoch Sprechen und Fragen, die sie aufwirft, zentral ist das Leiden und die manch-
Handeln nicht zusammenfallen, vielmehr das Handeln situativ mal den Lebenswillen zerstörende Verletztheit der Opfer. So
und zeitlich vom Sprechen getrennt ist. Butler betont in Haß betrachtet ist die Charakterisierung von Haß spricht als Butlers
spricht, daß das, was gesagt wird, nicht automatisch dazu führt, bisher politischstem Buch fragwürdig.
daß sich das Gesagte realisiert Die angesprochene Person wird Die Widerständigkeit des Subjekts gegen die Macht, kann
durch die Anrede in die Subjektposition gestellt und kann das aber nicht nur mit seinem Leiden an ihr sinnvoll erklärt wer-
Beziehungsangebot aufnehmen, verwerfen, verschieben etc. Die den. Butler behauptet in The Psychic Life of Power, die Macht
Subjektposition hängt damit weder allein vom sprechenden verberge die Herkunft der Souveränität des Subjekts. Das ein-
oder vom angesprochenen Subjekt ab, noch verfügen über die mal zur Handlungsfähigkeit ermächtigte Subjekt weigert sich,
Bedrohlichkeit von hate speech jene, die andere verbal diskrimi- die Bedingtheit seiner Produziertheit anzuerkennen und greift
nieren. Die Bedeutung der Schimpfwörter und Diskriminierun- die Macht an, die es hervorbrachte. Butler vermeidet mit dieser
gen reichen hinter den konkreten Akt der Beschimpfung zu- Strukturlogik die Konsequenz aus Haß spricht, daß das diskur-
rück. Rassistisches oder sexistisches etc. Sprechen ist historisch siv konstruierte Subjekt entweder eine Leerstelle bleibt, die be-
gewachsen, steht als Modus zur Verfügung. Die Bedeutung, die liebig besetzbar ist, dann aber nicht wirklich widerständig,
solche Beziehungsmodi in gegenwärtigen gesellschaftlichen oder daß ein individuelles Subjekt diesen Platz einnehmen

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muß. The Psychic Life of Power ist widersprüchlich, insofern messen wäre zu hoffen, daß seine Aktivität an der Geltung des
Butler sich einerseits auf Freuds Psychoanalyse stützt, die um Gesetzes und den Machtverhältnissen etwas ändern könnte.
das konkrete Individuum zentriert ist und in der die Subjekte Diese Rekonstruktion zeigt eine unliebsame Konsequenz
an ihre Körper und Lüste gebunden sind, und andererseits be- von Butlers Erweiterung und konstruktivistischen Umdeutung
hauptet, die Subjektfunktion sei eine rein linguistische. Mit ih- der Freudschen Melancholietheorie. Das melancholische Indivi-
rem Versuch, das psychische Leben der Macht zu analysieren, gibt duums ist nämlich zugleich das widerständige Subjekt
sie die Unterscheidung von Individuum und Subjekt, die sie in
der Einleitung von The Psychic Life of Power programmatisch
fordert, wieder auf. Zumindest als Objekte und Produkte der
Macht fallen Individuum und Subjekt zusammen, weil Subjekt- Was motiviert zum Widerstand?
sein eine Formation der Individuen ist, deren Struktur ihr Be-
wußtsein und ihre Existenzweise prägt Das Subjekt als lingui- Die Ausklammerung der Erfahrung, die zustande kommt, weil
stische Kategorie, die vom Triebschicksal der individuellen die Individuen als konkrete von der Subjektposition abgetrennt
Subjektivierung/Unterwerfung losgelöst ist, geht dabei unter. werden, führt zu der unerwünschten Konsequenz, daß der ge-
Mit dem Projekt, das Paradox der Subjektivierung verstehen forderte Widerstand gegen die Macht der Begründung in der
und rekonstruieren zu wollen, indem sie sich auf Freud stützt, Erfahrung und im Urteil der Subjekte entbehrt.
dessen Subjekte zwar auch Produkte/Konstrukte sind, aller- Was könnte ein im Rahmen der Gesetze konkret jeweils
dings nicht der Sprache, verliert Butler das Politisch-Program- mehr oder weniger integriertes und in seiner Geschlechts- und
matische aus dem Blick. Die Melancholie als Normalzustand Subjektidentität gefestigtes Subjekt dazu bewegen, anders wer-
des Subjekts, als introvertierter Widerstand gegen die Macht den zu wollen? Die naheliegenden Motive für politisch-gesell-
und das Gesetz, ist keine Haltung aggressiver Widerständig- schaftliches Engagement, wie etwa der Wunsch, anders leben
keit Die Identifikation mit der Macht, die erklärt, warum das zu können und nicht mehr an den Zwangsstrukturen der binä-
Subjekt sich selbst die Potenz zuschreibt, die es von Außen er- ren Geschlechteridentität oder an Gewalt gegenüber Frauen zu
fahren hat, teilt die Psyche. Die Kämpfe um die Macht finden leiden, haben in Butlers Theorie nicht wirklich Platz. Dement-
nun zwischen inneren Instanzen statt, und dabei verliert das sprechend kommt Leiden an Gewalt oder Unterdrückung in ih-
melancholische Subjekt/Individuum merklich das Interesse an ren Texten auch kaum vor, vielmehr nur vage Vorstellungen
der Außenwelt. Der melancholische Konflikt ist ein innerer. davon, daß andere Körper lebbar, wirklich sein könnten als
Doch im Unterschied zu Freud, für den die Melancholie ein die, die von Gewicht sind. Diesem Motiv für Widerstand liegen
Krankheitszustand ist, auch wenn er in der Trauer und der abstrakte Überlegungen zur Ausschließung von Unbestimmtem
Über-Ich-Entwicklung melancholische Züge erkennt, ist für durch die positive Konstruktion eines Bestimmten zugrunde,
Butler die Melancholie ein dauerhafter Gemütszustand. Sie be- keine Leidenserfahrungen. Butler kann konkrete Erfahrungen
streitet, daß die manische Phase, die auf die Melancholie folgt, und Gefühle nur als diskursive Konstrukte fassen. Das Erleben
mehr als eine kurze Gegenreaktion ist, ein Aufflackern einer der Individuen wird in ihrer Theorie zum sekundären Effekt
anderen Verfassung, die den basal gelegten Seelenzustand auf- der epistemischen Wirklichkeitskonstruktion und besitzt als
zuheben vermag. Für Butler entwickelt sich die Melancholie im Motiv weder treibende, richtungsweisende Macht noch realen
Seelenleben zwangsläufig und sie begleitet das Subjekt fortan. Einfluß. Wenn aber die Erfahrungen und Gefühle nichts gelten,
Damit bleibt aber auch das reduzierte Interesse an der Außen- weil sie nur zwangsläufige Effekte des Gesetzes sind - und auch
welt bestehen. Die Entwicklung des reflexiven Bewußtseins in die Melancholie als Gefühlszustand ist ein solcher - besitzen
der Melancholie geht einher mit der Einsicht des Uber-Ich, daß sie auch keine Kraft, dieses Gesetz zu kritisieren oder zu än-
es aufgrund der Minderwertigkeit und Kleinheit seines Ich ver- dern. Was also motiviert den Widerstand gesetzeskonform er-
zeugter Individuen, die ein anderes Subjekt- und Körpersein als

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das ihre weder kennen noch phantasieren könnten, ihre eigene Butlers Subjekte sind nicht widerständig
Dissoziation anzustreben und sich verändern wollen? Reicht
dafür die abstrakte Einsicht in ihre patriarchate Unterdrücktheit Das grundlegende Problem der Theorie der Subjektkonstitution
- die ja ebenfalls eine diskursive Konstruktion ist - aus? Aus Butlers ergibt sich daraus, daß sie nichts vor oder außerhalb
der Erfahrung von Unglück und Gewalt kann nach Butler keine der diskursiven Konstruktion bestehen läßt. Wenn das Subjekt
Erkenntnis über die Verhältnisse gewonnen werden, noch kann reines Produkt der Diskurs- und Machtverhältnisse ist, wie
sie Veränderungen konkret anstoßen, da sie nur abgeleitet ist. kann es widerständig sein, sich selbst anders entwerfen, anders
Diese Entwertung der Erfahrung zusammen mit Butlers linearer
von sich sprechen? Die differance ist hier nur eine Scheinant-
Vorstellung der Wirklichkeitskonstruktion qua Diskurs und ih-
wort, da sie keine intentionale Äußerung des Anderssein eines
rer Verkoppelung von Materialität und Bedeutung läßt keine
selbstbestimmten Subjekts, sondern das empirisch-praktische
Motivation für den Widerstand plausibel erscheinen. Entweder
Individuelle markiert, wenn sie keine Metaphysik sein soll.
sind die Subjekte Produkte diskursiver Konstruktionen, dann
Wie aber kann ein durchgängig heteronom bestimmtes Subjekt
fragt sich, warum diese Konstruktionen so viel Unglück und
durch parodistische Verwendung der performativen Sprache be-
Leid enthalten, und nicht andere Wertungen gelten. Oder die
wußt Neues hervorbringen?
konkrete Subjektwerdung erfolgt qua Frustration durch die Au-
Es gibt nach allem Bisherigen nur noch eine konsistente Lö-
ßenwelt und Melancholie, dann ist die Motivation zum Wider-
stand durch die innere Verfassung des Subjekts gebrochen. sung, echte Widerständigkeit der Subjekte gegenüber dem Be-
stehenden mit Butlers Ansatz zu verbinden: Die Widerständig-
Eine klassische Antwort stellt noch der Vorschlag dar, daß keit des selbstidentischen Subjekts wird als zentraler Bestand-
der Widerstand ideologiekritisch motiviert sein könnte. Doch teil des Subjektbegriffs selbst gefaßt Widerständigkeit wäre
Butler kann eine solche Motivation ihren rational bestimmten dann eine schon mitgedachte konstitutive Eigenschaft des Sub-
Subjekten nicht zugestehen, da das Konzept der Ideologiekritik jekts, der Subjektposition selbst Die Kritik und Widerstandsfä-
eine Kluft, einen Widerspruch zwischen Diskurs und erlebter, higkeit gegenüber den jeweiligen Verhältnissen würde dann
erfahrener Realität voraussetzt, den Butler überhaupt nicht ebenso zum Begriff von Subjekt gehören, wie Selbstbewußtsein
konzeptualisieren kann, da für sie Realität nur ein Produkt der oder Identität. Für das Subjekt als linguistische Funktion ver-
diskursiven und kognitiven Einstellungen und Sprechakte ist
standen hieße das, ein Moment der Widerständigkeit gegen das
Foucault nennt als einen Grund, warum der Begriff der Ideolo-
Vorgegebene in dieser Konstruktion selbst anzusetzen, das
gie schwierig zu verwenden sei, daß
struktureller Natur ist - und das ohne eine metaphysische Prä-
„er immer, ob man will oder nicht, in einem potentiellen Gegensatz zu
misse nicht begründet werden könnte.
etwas [steht, C.H.], was Wahrheit wäre" (Foucault 1978 a, 34). Das würde bedeuten, daß die Diskurs- und Machtverhältnis-
se den Individuen nicht nur die Ausbildung einer konformen
Foucault stört die Verwendungsweise des Ideologiebegriffs, die Subjektivität zumuten, sondern daß zu dieser Subjektivität der
immer impliziere, daß es eben doch eine Wahrheit gebe, und Widerstand der so Subjektivierten gegen diese Macht gehört.
daß Ideologien diese verschleierten, Irrtümer und Illusionen er- Die Widerständigkeit wäre dann Teil der Aufgabe, Subjekt zu
zeugten. 52 Das Konzept von Ideologie läßt sich in seiner bishe- sein. So kann unser klassisch-modernes Subjektverständnis
rigen Form mit dieser konstruktivistischen Weltsicht generell auch durchaus treffend beschrieben werden, denn wir sehen
nicht verbinden, da es eine scharfe Differenz zwischen dem Ge- Subjekte nicht als gänzlich unterworfene, vielmehr als eigenwil-
dachten und Diskursiven einerseits und der materiellen, eigent- lige Entitäten, wie sich im Protest moderner Denker gegen die
lichen, erlebten Wirklichkeit andererseits beinhaltet postmoderne Dekonstruktion des Subjekts zeigt Auch wenn wir
von Subjektkonzepten absehen, die das Subjekt als weit- und
bedeutungsgenerierend fassen, so bezeichnet Subjekt jedenfalls
52 Vgl. Foucault 1978 a, 188.

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nicht etwas nur passiv Unterworfenes, sondern etwas, das zu-
rung um jeden Preis, die Entstehung von Gegenkulturen, die
mindest auch aktiv und eigenwillig zu handeln vermag.
wiederum kulturindustriell aufgesogen werden usf. In diesem
Wenn das Subjekt eine linguistische Struktur ist, die Indivi-
Räderwerk geht Widerstand im Gleichschritt mit den Grundbe-
duen beliebig einnehmen können und die an und für sich kei-
dingungen des Wachstums und der Veränderung, wie sie die
neswegs an bestimmte Individuen oder Charaktere gebunden
kapitalistische Ökonomie fordert. Die Wachstumsgesellschaft
ist, würde die Eigenwilligkeit und Macht der Subjektposition
und die notwendige Widerständigkeit der Subjekte gehören inso-
nur durch ein strukturelles Moment innerhalb der diskursiven
fern zusammen und stehen in gewisser Weise miteinander auf
Erzeugung erklärbar, sozusagen eine affektfreie Umwendung,
dem Spiel. So gesehen ist die programmatische Vervielfältigung
entsprechend der Introversion der Zurückweisung in der Me-
der Geschlechter auch ein neuer Markt und Anreiz - selbst wenn
lancholie, doch ohne eine andere Motivation als die, daß diese
dadurch die Natur des Geschlechts in Frage gestellt würde. Ob
empfangenen Impulse eben umgelenkt werden. Eine solche An-
jedoch im Rahmen der rein diskursiven Konzeption Butlers
nahme ist für eine nachmetaphysische Denkerin wie Butler ei-
dies möglich bleibt, wenn das Subjekt nur eine diskursive Kon-
gentlich nicht akzeptabel, vielmehr strikt abzulehnen. Butlers
struktion ist und nicht auch eine körperlich substantielle Kon-
Rede vom Subjekt als linguistischer, diskursiver Funktion kann
stitution in seine Existenz einbringt, fragt sich.
nicht meinen, daß keine Individuen hinter diesen Positionen
Diese Lesart des konstruierten Subjekts, die seine Wider-
stehen, bzw. daß die Individuen, die sie jeweils ausfüllen, völ-
ständigkeit in seinen Konstruktionsplan mit aufnimmt, zeigt das
lig austauschbar sind, und daß dennoch planmäßiger Wider-
autonome, kritische Subjekt als Objekt und Instrument der
stand in einer solchen Subjektposition implementiert wäre.
Machtverhältnisse. Die modernen Ideologeme von Freiheit, Au-
Das Subjekt als aktive, selbstbestimmte Entität scheint also
tonomie und Selbstbestimmung bilden so verstanden zwar die
weiterhin der innere Motor der gesellschaftlichen Entwicklung
Bedingung dafür, daß sich ein Netz von diskursiven Machtbe-
und Bewegung. Es wäre naiv zu glauben, daß die Fortschritts-,
ziehungen überhaupt entfalten und stabilisieren kann, doch
Wachstums- und Veränderungsorientierung und -hörigkeit un-
zwingt dieses Netz mit seinen Dispositiven und Disziplinie-
serer Gesellschaft nur ganz zufällig ideal mit diesem Modell
rungstechniken die Körper und Bewußtseine der Individuen zu
des widerständigen, selbstbestimmten Subjekts zusammenpaßt
geschlossenen Identitäten zusammen, so daß sich einzelne stets
Aus einer kritischen und wahrheitsrelativistischen Position her-
schon in dieses Netz eingesponnen finden. Eine solch kritische
aus ist es deshalb naheliegend, zwischen der jeweiligen Kon-
Sicht moderner Gesellschaft eröffnet allerdings nur begrenzte
zeption des Subjekts und der gesellschaftlichen Wahrnehmung
Erfolgsaussichten für den Feminismus und gweer-Politik. So li-
ökonomisch-kultureller Bedingungen und Verhältnisse enge Be-
mitiert wären sie im erkenntnistheoretischen Rahmen der
ziehungen zu vermuten. Dann aber muß gegenüber dem moder-
Theorie Butlers konsistent, da so die heteronomen Konstrukti-
nen Subjektdenken der Verdacht aufkeimen, daß die Widerstän-
onsfaktoren für Subjekte hinreichend berücksichtigt sind; auch
digkeit des Subjekts nicht etwas diesem Inhärentes ist, das an
wäre das Subjekt als identisches und widerständiges ernsthaft in
seinem Wesen als autonomer Entität hängt, die sich in Opposi-
Frage gestellt Diese Subjektkonzeption, die eine Erweiterung
tion zur Macht entfaltet Sondern die Widerständigkeit erfüllt
Butlers ist, erlaubte, von den Macht- und Diskursverhältnissen
im modernen Geflecht der Diskurs- und Machtstrategien eine
ausgehend den Subjektbegriff mit dem Verweis auf die ökono-
wichtige Funktion und wird darum so hoch geschätzt. Das Indi-
mische Opportunität des Strebens nach Vielfalt und Einzigar-
viduum ist dann Subjekt, wenn es - freilich jeweils begrenzte -
tigkeit radikal zu dekonstruieren. Die Macht der konstruierten
Widerstände gegen die Machtverhältnisse zeigt. Widerständig-
Subjekte, auch als Kollektiv, erscheint so als sehr begrenzt und
keit wäre dann eine diskursiv vorgegebene Grundbedingung des
von der Gefahr der Vereinnahmung bedroht - nicht abzulösen
Subjektseins, die zu erfüllen selbst noch Unterwerfung wäre.
vom Gesetz, das sie hervorgebracht hat In dieser pessimisti-
Es bleibt die Frage cui bono: Wozu dient, wem nützt diese
schen Subjektauffassung verkommt die Widerständigkeit des
Widerständigkeit Widerstand bedeutet auch Neues, Verände-
Subjekts zum Auftrag im Dienste der Machtverhältnisse. Butler
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hingegen will heteronome Bestimmung und Selbstbestimmungs- Foucaults Genealogie und Machttheorie
fähigkeit zusammenbringen, indem sie die Sprache als erstes,
subjektkonstituierendes Prinzip setzt und Subjekte annimmt,
die dasjenige Gesetz, das sie konstituiert hat, aushebeln wollen Von Subjects of Desire bis The Psychic Life of Power bezieht sich
und können. Ein Paradox, für das es keine Lösung gibt Die Butler immer wieder positiv auf Foucault. Während er jedoch
hypothetische Lösung, daß Butler ihre Veränderungsstrategie in Subjects of Desire affirmativ als der französische Nachhegelia-
mit den nun einmal vorhandenen, diskursiv-konstruierten, wi- ner genannt wird, der das Begehren des Subjekts nicht wieder
derständigen Subjekten beginnen läßt, die sich dann im Lauf in dieses hineinnimmt, sondern es als Uberstieg der Identität
des Verschiebungsprozesses auflösen, so daß an dessen Ende gelten läßt, kritisiert Butler in Das Unbehagen der Geschlechter
keine integrierten, sexuierten Subjekte mehr stehen, ist aus Foucaults Ursprungsdenken. Diesen Vorwurf, er nehme ein Vor-
zweierlei Gründen unvollständig: Weil diese Subjekte keine bzw. Außerdiskursives an, das wesentlich zur Subjektkonstituti-
Motivation haben, die Grundlage ihrer Subjekthaftigkeit zu un- on beitrage, formuliert sie, im jeweiligen Kontext ihrer Thema-
tergraben, und weil, selbst wenn sie dies wollten, die kapitali- tisierungen des Subjekts, öfters neu. Butlers Kritik Foucaults in
stischen Diskurs- und Machtverhältnisse stets Strategien der diesem Punkt muß ausführlich behandelt werden, da die Rolle
Umklammerung und des Einschlusses dieser anderen, neuen des Körpers, bzw. des Vordiskursiven einer der Hauptunter-
Subjekte finden würden, da beide mit den gleichen Mitteln ope- schiede in Butlers und Foucaults Subjektverständnis ist
rieren. Radikale Veränderung der bestehenden Machtverhält-
nisse und Unterwanderung ihrer Strategien ist mit Butlers Kon- „Manchmal scheint für Foucault der Körper eine Materialität zu ha-
zept kaum möglich, weil sie das subversive Potential in der per- ben, die ontologisch von den Machtbeziehungen unterschieden ist, die
jenen Körper als einen Ort verwenden, an dem sie sich produktiv ver-
formativen Sprache ansiedelt, die die widerständigen Subjekte ausgaben" (Butler 1993, 58).
erzeugt, die dann diese Technik anwenden sollen. Die lineare,
monokausale Struktur ihres Denkens bringt Butlers Subjekt- Abgesehen von dieser Äußerung, die sich auf Foucaults Der
theorie als Subversionsprogramm zum Scheitern. Wille zum Wissen bezieht, expliziert sie unter Berufung auf sei-
Die ausführliche Auseinandersetzung mit Butlers Konzep- ne Theorie der Macht in diesem Buch und in Uberwachen und
tion des diskursiv-konstruierten Subjekts hat gezeigt, daß dieses Strafen die Gleichzeitigkeit der Erschaffung des Körpers und
nicht für kritische, politisch-praktisch orientierte Theorie hin- des Subjekts, was ihrer eigenen Konzeption bis zu The Psychic
reicht Foucaults Subjekttheorie hingegen, auf die Butler zu- Life of Power entspräche. In Uberwachen und Strafen werde
rückgreift, soll hier bessere Ansätze bieten, weil sie nicht im
„die Seele als ein Machtinstrument aufgefaßt, mit dem der Körper kul-
diskursiven Raum verbleibt und dadurch auch Widerstand an- tiviert und geformt wird. In gewisser Hinsicht fungiert sie als ein
ders erklären kann. An Butler sind verschiedene Momente machtgeladenes Schema, das den Körper selbst produziert und aktuali-
einer modernitätskritischen Subjekttheorie erörtert worden, die siert. [...] Die Seele verschafft [dem Gefangenen] eine Existenz, und [...]
anhand der Texte Foucaults, in denen die Subjektfrage nicht so wie bei Aristoteles bildet und gestaltet die von Foucault als Machtin-
strument beschriebene Seele den Körper, prägt ihn - und indem sie ihn
explizit und vielfältig behandelt wird wie bei Butler, so detail- prägt, verhilft sie ihm zum Sein. Hier gehört Sein in Anführungsstri-
liert kaum zu entwickeln gewesen wären. Angesichts der Defi- che, denn ontologisches Gewicht wird nicht vorausgesetzt, sondern
zite, die dabei deutlich wurden, zeigt sich die Brisanz des Sub- wird immer verliehen. Für Foucault kann die Verleihung nur in einer
jektthemas und eine Reihe der Schwierigkeiten, es erkenntnis- und durch eine Operation der Macht stattfinden. [...] Macht ist für
Foucault schon bei der Konstituierung der Materialität des Subjekts in
theoretisch und methodisch angemessen zu behandeln. Ich wen- dem Prinzip wirksam, das das Subjekt der Subjektivierung gleichzeitig
de mich vor dem bisher erarbeiteten Horizont der Problemstel- bildet und reguliert" (ebd., 58 f.).
lungen nun Foucault zu und vergleiche seine Texte mit der Per-
spektive Butlers darauf. In Haß spricht stellt sie Verbindungen zu Foucault her, wenn sie
z.B. im Zusammenhang mit ihrer Kritik an MacKinnon auf sei-

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ne Theorie des Verhältnisses von Sprechen und Sexualität in sieht, die sie in ihrer Konzeption ausgeräumt haben will. Auch
Der Wille zum Wissen verweist, die besage, daß das Reden über kritisiert sie, daß Foucault in seiner Theorie der Sexualität als
Sexuelles stets einen sexualisierenden Effekt habe. Machtdispositiv die Bedeutung der heterosexuellen Zwangsver-
„Bei Foucault wie in der Pornographie werden eben die Begriffe, mit
geschlechtlichung und des heterosexuellen Gesetzes gegenüber
denen angeblich Sexualität negiert wird, unversehens aber unvermeid- dem der Identität unterschätze. Was für Butler den Kern der
lich zum Ort und Instrument neuer Sexualisierung. Die angebliche Re- patriarchalen Subjektivierung ausmacht, vernachlässige Fou-
pression von Sexualität wird zur Sexualisierung von Repression" (But- cault bzw. rechne es einfach der Normalisierungsmacht zu. Wie
ler 1997 b, 135).
diese Absetzungen sich in der Subjektkonzeption auswirken,
Auch an anderer Stelle geht sie so vor, wenn sie ihre Position werden die folgenden Abschnitte zeigen.
politischer Liberalität gegen Regeln der political correctness mit
Bezug auf Foucaults Vorstellung von Politik begründet

„Wenn es eine Moderne ohne letzte Grundsätze geben kann (und viel-
Der Wahrheitsrelativismus Butlers und Foucaults
leicht ist es das, was mit der Postmoderne gemeint ist), dann werden
ihre Schlüsselfunktionen nicht von vornherein gesichert sein, dann Butlers Überlegungen, daß eine andere Wirklichkeit und Wahr-
wird sie der Politik eine offene Form geben, die nicht vollständig anti- heit des Geschlechts und des Subjekts möglich wäre, wenn die
zipiert werden kann - eine Politik der Hoffnung und der Angst, die Gesetze des Sprechens und die Sprache selbst verändert werden
Foucault eine Politik der Unruhe genannt hat" (ebd., 228).
könnten, leitet sie u.a. von Foucaults wahrheitskritischen Über-
Sie nimmt ihn als Gewährsmann für ihre erkenntnis-, diskurs- legungen her. Sie zieht daraus den Schluß, daß die geltenden
und machttheoretischen Positionen in Anspruch. Sowohl seine Wahrheiten Produkte der patriarchalen Machtverhältnisse sind
zeitdiagnostischen Befunde zum Thema Sexualität und ihrer und für diese machterhaltende Funktion haben. Wenn und weil
Funktion und Bedeutung für die moderne Subjektwerdung sind Wahrheit eine Konstruktion ist, ist es auch möglich, sie anders
dabei maßgebend, als auch seine erkenntnistheoretischen und zu konstruieren und damit andere Wirklichkeiten des Mensch-
methodischen Überlegungen - sofern sie sich diskurstheoretisch seins, als Subjekt/Individuum zu etablieren. Wenn es die eine
reformulieren lassen. Sie bezieht sich affirmativ auf seine Theo- Wahrheit und Natur nicht gibt, gibt es auch keine natürlichen,
reme: daß es nicht die eine Wahrheit zu erkennen gibt, daß die wahren Grenzen und Formen der Identitätsbildung, und andere
Genealogie und Analyse der gegenwärtigen Diskurse wichtige Identitätsmodi könnten gebildet und verwirklicht werden. Die
Instrumente sind, um die herrschende Episteme und die Wis- Berufung Butlers auf Foucault ist hier durchaus berechtigt, aber
sensobjekte, die sie hervorbringen, erkennen zu können, daß die Differenzen in beider Reflexion auf Geschichte begründen
die Installierung von Diskursen und ihre Kontrolle ein Instru- doch ein unterschiedliches Verhältnis beider zur Wahrheit.
ment der Macht ist, und daß Macht nicht repressiv sondern Foucault hält nämlich Wissen und Wahrheit weder für so
produktiv gedacht werden muß. Diese vier Momente werden in beliebig umkonstruierbar wie Butler, noch ist er bereit, auf die
den drei folgenden Abschnitten über den Wahrheitsrelativis- Kategorie der Wahrheit zu verzichten, obgleich Butler ihn rich-
mus, über die Genealogie und über die Konzeption von Macht tig liest, wenn sie sich auf seine Relativierung der modernen
bei Butler versus Foucault ausführlich behandelt Sie über- Wahrheitsvorstellung beruft Nach der Politik der Wahrheit ge-
nimmt nämlich in keinem Fall Foucaults Position, Modell oder fragt antwortete Foucault
Methode, sondern sie verschiebt diese in bezeichnender Weise.
„Ich glaube zu sehr an die Wahrheit, um nicht anzunehmen, daß es ver-
In anderen Fragen setzt sie aber auch erhebliche Unterschiede schiedene Wahrheiten und verschiedene Weisen gibt, sie auszuspre-
zu Foucault, die subjekttheoretisch relevant sind. Dazu gehört, chen" (Foucault 1984 a, 139).
daß sie in Foucaults Körperbegriff einen Naturrest, die außer-
und prädiskursive Setzung einer Vielfalt der leiblichen Lüste,

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Diese Formulierung verblüfft, widerstrebt es uns doch zumeist, sehe Metapher, daß in ihr der Kopf des Königs noch nicht ge-
von Wahrheiten im Plural zu sprechen. Foucault ist überzeugt, rollt sei. Er sagt, was wir brauchen,
daß es die Wahrheit nicht gibt, sondern nur Wahrheiten, und
daß diese immer Konstruktionen sind. Die Idee der einen „ist eine politische Philosophie, die nicht um das Problem der Souverä-
nität, also des Gesetzes, des Verbots herum konstruiert ist. Man muß
Wahrheit ist unter diesen Konstruktionen eine besondere. Sie
den Kopf des Königs abschlagen: das hat man in der politischen Theorie
entstammt als Denkmodell dem Piatonismus und dem mo- noch nicht getan" (Foucault 1978 a, 38).
notheistisch-religiösen Denken und wurde in der Neuzeit radi-
kal säkularisiert Die Orientierung an einer objektiven Wahr- „Im politischen Denken ist der Kopf des Königs noch immer nicht ge-
heit als Idee zu bezeichnen, betont diese Verbindung zu Piaton, rollt. Daher rührt die Bedeutung, die man in der Theorie der Macht
immer noch dem Problem des Rechts und der Gewalt beimißt, dem
auf den sich Foucault und andere, die sich mit der Genealogie Problem des Gesetzes und der Gesetzeswidrigkeit, des Willens und der
des objektivistisch-patriarchalen Denkens in der europäisch- Freiheit und vor allem dem Problem des Staates und der Souveränität
westlichen Kulturgeschichte auseinandersetzen, immer wieder (auch wenn diese nicht mehr in der Person des Königs, sondern in ei-
kritisch beziehen.1 nem kollektiven Wesen gesucht wird)" (Foucault 1976 a, 110).
Foucaults Wahrheitsverständnis ist in enger Verbindung zu „Es geht also darum [...], den Sex ohne das Gesetz und die Macht ohne
seiner Philosophie als praktisch-politischer zu sehen. Es han- den König zu denken" (ebd., 112).
delt sich weniger um epistemologische Äußerungen bezüglich
der Möglichkeiten von Erkenntnis überhaupt, als um erkennt- Diese Zitate zeigen, wie Foucault über Gesetze und besonders
nistheoretische Überlegungen für eine verortete, praktisch ori- über die Vorrangstellung eines Gesetzes denkt.
entierte Philosophie. Auch obige Äußerung steht im Kontext Zwar bezieht sich Butlers These der Konstruiertheit von
der Frage nach der Politik, dem Verhältnis Regierte-Regierende Wahrheiten zurecht auf Foucault, doch läßt sie die Situierung
und dem Recht der Untertanen, die Überlegungen und Ziele seiner Überlegungen in der praktischen Philosophie unbeach-
der Regierenden zu erfahren. Foucault schränkt den Wahrheits- tet. Sie erhebt selbst praktisch-philosophische Ansprüche: Sie
relativismus und die Standortbezogenheit des Denkens aus- will die bestehenden Verhältnisse verändern. Doch die Gründe,
drücklich auf die Wissenschafren vom Menschen und die prakti- warum diese geändert werden sollten, und die Mittel und Ziele
sche Philosophie ein. In Die Ordnung der Dinge nimmt er ande- dieser Veränderung sind abstrakt Sie beruft sich auf Reflexio-
re Wissensformen und Wissenschaften von dieser Wahrheitskri- nen zur Zwangssubjektivierung unter dem Gesetz und auf das
tik explizit aus. 2 Die Konstruiertheit von Wahrheit und ihre Funktionieren der Sprache - Gründe, die weder in den beste-
machtstrategische Funktion sind ein Element praxisbezogener henden gesellschaftlichen Verhältnissen noch in den Erfahrun-
Philosophie. Um auszudrücken, was er an der modernen politi- gen konkreter Subjekte liegen. Foucault hingegen fundiert seine
schen Theorie kritisiert, benutzt er mehrfach die sehr französi- Theorie der Konstruiertheit von Wahrheit in seiner Machttheo-
rie. 1977 sagt er in einem Interview auch, daß es die eine Wahr-
heit nicht geben könne, weil
1 Ich denke dabei z.B. an die Schriften Nietzsches und die Kritik Ador-
„Wahrheitswirkungen im Inneren von Diskursen entstehen, die in sich
no/Horkheimers in der Dialektik der Aufklärung (vgl. dazu auch
Maihofer 1995), an Fox Keller 1986 und Merchant 1987. weder wahr noch falsch sind" (Foucault 1978 a, 34).
Siehe das Trieder des Wissens, in Foucault 1966, 413 f. Weil er in sei-
nen Schriften der 70er und 80er Jahre der praktischen, auf Gesell- „Wichtig ist, so glaube ich, daß die Wahrheit weder außerhalb der
schaft bezogenen Philosophie den Primat vor der theoretischen zu- Macht steht noch ohne Macht ist [...]. Die Wahrheit ist von dieser
spricht, da die Wahrheitsvorstellungen letzterer von den Diskurs- und Welt; in dieser wird sie aufgrund vielfältiger Zwänge produziert, ver-
Machtverhältnissen abhängen, sind aus dieser späteren Sicht jedoch fügt sie über geregelte Machtwirkungen. Jede Gesellschaft hat ihre eige-
auch Logik und Linguistik und die strukturalistischen Wissenschaften, ne Ordnung der Wahrheit, ihr[e] allgemeine Politik der Wahrheit; d.h.
die im Trieder des Wissens von den Humanwissenschaften abgegrenzt sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse funktio-
werden, der historisierenden Wahrheitskritik zu unterwerfen. nieren läßt; es gibt Mechanismen und Instanzen, die eine Unterschei-

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dung von wahren und falschen Aussagen ermöglichen und den Modus ist für ihn ein Befund seiner Analysen historischer diskursiver
festlegen, in dem die einen oder anderen sanktioniert werden; es gibt Ereignisse. Butler hingegen beginnt ihre Dekonstruktion des bi-
bevorzugte Techniken und Verfahren zur Wahrheitsfindung; es gibt ei-
nen Status für jene, die darüber zu befinden haben, was wahr ist und nären, sexuellen Identitätsdenkens mit der Konstruiertheitsthe-
was nicht" (ebd., 51). se und der Unterstellung eines Patriarchats, das sie als repres-
siv, Geschlechtsidentitäten erzwingend voraussetzt Was sie mit
Er sieht das Wissen der Wahrheit als eines der wichtigsten Kri- Patriarchat meint, auf welche Gesellschaft, Epoche, Zeit und
terien zur Verteilung von Einfluß, Gratifikationen und Posten Episteme sie sich bezieht, bestimmt sie weder historisch noch
in einer Wissensgesellschaft, und eine solche ist für ihn unsere anhand von Literatur näher. Stattdessen bezieht sie sich auf die
moderne Zivilisation. Er untersucht die Wahrheit als taktische Psychoanalyse. Eine Theorie, mit der Foucault sich intensiv
Funktion und hinterfragt das in der neuzeitlichen Wissensge- befaßt hat, zu der er aber wegen ihrer idealistischen anthropo-
sellschaft vorherrschende Pathos der Wahrheit, indem er darauf logischen Ausgangstheoreme immer kritische Distanz hielt 5
verweist, daß Wissende und Wahrheitsproduzenten Machtposi- Butlers Verzicht auf eine Verortung ihrer Prämissen ist ein ent-
tionen innehaben. Von seinen frühen Arbeiten Die Geburt der scheidender Unterschied zu Foucaults Herangehensweise.
Klinik und Wahnsinn und Gesellschaft bis zu seinen letzten Vor- Aus Foucaults Sicht ist Butlers Changieren zwischen der
lesungen zur Parresia3 hält sich dieses Thema durch. Diese Kri- Preisgabe aller Inhalte der gegenwärtigen Wahrheitsvorstellung,
tik am System der Wahrheitsproduktion bedeutet jedoch nicht, die ihre Fundamentalkritik am Naturbegriff zeigt, und ihr Be-
daß er auf Wahrheit im Sinne eines Strebens nach besserer Er- harren auf der Vorgängigkeit des heterosexuellen Gesetzes als
kenntnis verzichtete. Er läßt das Pathos der einen Wahrheit, dem einen Prinzip aller Identitätsbildung und Subjektivierung
über die irgendwelche Gruppen einer Gesellschaft verfügen zweifach problematisch. Zum einen würde die historische Ver-
sollten, nicht gelten, aber das heißt nicht, daß er der These zu- ortung ihres Dekonstruktionsprogrammes diesem zwangsläufig
stimmen würde, beliebige Standpunkte und Aussagen seien glei- Grenzen setzen; die Grenzen dessen, was überhaupt vorstellbar
chermaßen wahr oder könnten durch diskursive oder performa- ist, wären dann präsent und müßten diskutiert werden und da-
tive Techniken wahr gemacht werden. Seine Betonung von mit auch die Grenzen dessen, was z.B. an Körpern uns konkret
Wahrheiten im Plural ist eine Zurückweisung linearer und ahi- veränderbar erscheint Die Verbindlichkeit solcher Grenzen
storischer, dekontextualisierter Modelle von Wahrheit bestreitet Butler wegen der vorausgesetzten Prädiskursivität von
Butler vertritt eine andere Konzeption der vielfältigen etwas Bestimmtem, die damit unterstellt sei. Zum zweiten lehnt
Wahrheiten. Sie gibt ein Prinzip und ein Gesetz als Ursache Foucault intellektuellen Dirigismus und lineare, auf einfache
des binären Systems der Geschlechterdifferenz und der beste- Prinzipien zurückgeführte. Analysen ab, ebenso wie die abstrakt
henden Macht- und Subjektivierungsweisen an, und sie denkt theoriestrategisch begründete Durchsetzung einer konformen
juridisch, hält an diesem Gesetz und seiner Wiederholung als Welterklärungsweise. Sein baldiger Wiederaustritt aus der KPF
Ursache fest Das heißt, daß auch in ihrem Denken der „Kopf gründete in der Ablehnung des uniformen Denkzwanges inner-
des Königs noch nicht gerollt" i s t 4 Foucault arbeitet an der halb der KP, der sich auch in einer tendenziösen, die wirkli-
Zerstörung der Hoffnung auf und des Glaubens an die eine chen Verhältnisse und Ereignisse entstellenden Informations-
Wahrheit in den Kulturwissenschaften, und verabschiedet doch
Wahrheit nicht als qualifizierendes Kriterium und Denkprin-
zip. Er will die Weisen der Wahrheitsproduktion verstehen.
Die abstrakte These von der Erzeugtheit sozialer Phänomene Foucaults erste Professur war eine für Psychologie. Er widmete sich
in dieser Zeit besonders der Analyse von Rohrschachtests, psychoana-
lytischen Assoziationstests. Daß er ein Freudkenner war und in psy-
* Vgl. Foucault 1988 und 1999. choanalytischen Figuren zu denken verstand, zeigen seine Ausführun-
Genau herausgearbeitet wird diese Differenz zwischen Butlers und gen in Wahnsinn und Gesellschaft, in den Bänden von Sexualität und
Foucaults Denken von Isabell Lorey 1996. Wahrheit, sowie z.B. in dem Aufsatz zu de Sade in Foucault 1984 a.

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und auch Wissenschaftspolitik äußerte. 6 Die politische Durch- Philosophie darin, das jeweilige Verhältnis der Individuen zur
setzung eines einzigen Welterklärungsmodells - welches auch Wahrheit zu reflektieren und das eigene Verhalten aufgrund
immer, - ist für ihn historisch problematisch und wahrheits- von Einsichten in die Wirkungsmechanismen des jeweiligen
feindlich. Denn die Durchsetzung einer linearen Denkweise be- Wahrheitsdiskurses zu ändern.
deutet immer, daß sich die, die sie vertreten, mit dem herr-
schenden Machtapparat verbünden und diesem zuarbeiten, und „Die Philosophie, was ist sie, wenn nicht eine Weise, nicht so sehr über
das was wahr und falsch ist zu reflektieren als über unser Verhältnis
daß anderes Denken unterdrückt wird. Jede Theorie und Herr- zur Wahrheit. [...] Philosophie ist jene Verschiebung und Transforma-
schaftsform mit umfassendem Geltungsanspruch birgt dieses tion der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all der
Problem. Darum versucht Foucault, den jeweils herrschenden Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, um anderes zu ma-
Meinungen und Theorien entgegen, agonal zu denken, ohne chen und anders zu werden, als man ist. Unter diesem Gesichtspunkt
waren die letzten dreißig Jahre eine Zeit intensiver philosophischer
selbst starke Geltungsansprüche zu erheben. 7 Butlers Konstruk- Aktivität. [...] sie, [Philosophie, C.H.] ist eine Weise sich folgendes zu
tivismus entspricht keiner solch schwachen Begründungsweise. fragen: wenn dies das Verhältnis ist, das wir zur Wahrheit haben, wie
Die situierte und differenzierte Idee der Vielfalt theoreti- müssen wir uns verhalten? Ich glaube, daß gegenwärtig und von jeher
scher Positionen und Wahrheitsgesichtspunkte bei Foucault eine bemerkenswerte und vielfältige Arbeit geleistet wird, die gleich-
zeitig unser Verhältnis zur Wahrheit und unsere Verhaltensweisen än-
paßt demnach nicht gut mit Butlers Zugriff auf das Problem der dert" (Foucault 1984 a, 24).
Geschlechtertrennung zusammen. Sie läßt einzig ihre konstruk-
tivistische Lesart gelten, die für sie generell gegen die Macht- Foucaults philosophische Tätigkeit ist prinzipiell wahrheitskri-
verhältnisse im Patriarchat gerichtet wirkt, ohne Patriarchat nä- tisch und will andere mögliche Wahrheiten aufzeigen. Maurice
her zu bestimmen. Foucault will gegen das jeweils dominante Pinguet beschreibt in Die Lehrjahre Foucaults Verhältnis zur
Denkmuster philosophieren, während Butler ein Denken als Wahrheit folgendermaßen:
patriarchal und ein anderes als antipatriarchal ausweist; es gibt
keine Hinweise, daß sie nicht für die Vervielfältigung der Ge- „Nie vergaß er, daß das Denken bei der Suche nach Wahrheit sich
schließlich selbst aufs Spiel setzen muß. Die Wahrheit jedes Seienden
schlechter eintreten würde, wenn so zu denken üblich wäre. dient als Fingerzeig, der auf die Frage des Wahren selbst verweist. Die-
Auch in der Diskussion um political correctness versucht sie se Frage umriß den Horizont seines Denkens. Interpret der Vergangen-
nicht, eine Position quer zum herrschenden Diskurs zu finden, heit oder Diagnostiker der Gegenwart, er wußte jede besondere Wahr-
sondern stellt sich wegen diskurstheoretischer Überlegungen heit bis zu jenem Glühpunkt zu bringen, am dem jenseits des bereits
Gedachten die unerwartete Kontur des Denkbaren als eine Möglichkeit
und weil sie gegen eine Machterweiterung der Justiz ist, auf die aufzuleuchten beginnt, die die schmale Kontingenz des schon erwiese-
liberale Seite, da nur die situative Selbsthilfe der Umdeutung nen Seins überschreitet" (Schmid 1991, 48).
der Gesprächssituation den Opfern helfe, sich zu behaupten.
Für Foucault ist Wahrheit zwar ein je historisch spezifisches Er setzt daher keine einzelne Einsicht und Erkenntnismethode
Produkt der Diskurs- und Machtverhältnisse, die unseren Kul- absolut - wie Butler das mit dem Gesetz und dem Konstrukti-
turkreis an der Idee der einen Wahrheit orientieren und vorge- vismus tut. Sein Denken ist modern darin, daß er es verortet
ben, diese jeweils zu verkünden. Er sieht aber die Aufgabe der und seine Gegenstände historisiert.8 Die Epistemaitheorie in
Die Ordnung der Dinge, die lautet, daß es unmöglich sei, die
Kategorien der eigenen Episteme zu transzendieren und einen
neutralen Beobachterstandpunkt einzunehmen, erklärt, warum
6 Diese Phase beschreibt Maurice Pinguet (1991) in Die Lehrjahre
Dies belegt z.B. Foucaults Kritik an der Repressionshypothese in Der er auch gar nicht anders kann. Diese Argumentation, die sich
Wille zum Wissen. Er will damit nicht behaupten, daß es keine Repres- in Butlers Bezug auf Derridas „daß es keinen Namen für das
sion des Sexuellen gebe, sondern deutlich machen, daß es auch eine
produktive gesellschaftliche Erzeugung der Sexualität, gebe. Diese zu
sehen ermögliche erst, den Normalisierungszwängen der Machtver-
hältnisse zu widerstehen (22). 8 Siehe Foucault 1984 b.

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absolute Draußen" geben könne, strukturähnlich findet - be- kunft und Entwicklung als die entscheidenden Faktoren der
deutet bei ihr doch etwas anderes, da ihr Außen nicht das einer Moralgeschichte. Nietzsches und Foucaults Genealogie ist Kri-
bestimmten Episteme, sondern das des Diskursiven ist Hinge- tik am Ursprungsdenken in dem Sinn, daß sie Kategorien wie
gen gibt es für Foucault ebensowenig die Sprache wie die die einer moralischen Natur des Menschen als diskursive Strategie
Wahrheit gibt, aber konkrete Formulierungen davon, was Spre- entlarvt. Der fundamentale Zweifel an der Existenz und Er-
chen, Sprache und Wahrheit heißt kennbarkeit einer Natur des Menschen prägt ihre Analysen der
Diskurse, Motive und Machtgefüge, die zur Herausbildung von
Phänomenen wie Moral oder Sexualität in ihrer gegenwärtigen
Die Genealogie des Ereignisses Form geführt haben. So schreibt Nietzsche die Genealogie der
Moral, und Foucault schließt explizit daran an, wenn er die Ge-
„Die genealogische Kritik lehnt es ab, nach den Ursprüngen der Ge- nealogie des Sexualitätsdispositivs behandelt und Nietzsche, die
schlechtsidentität, der inneren Wahrheit des weiblichen Geschlechts Genealogie, die Historie verfaßt. Charakteristisch für die materi-
oder einer genuinen, authentischen Sexualität zu suchen, die durch die alreichen Genealogien Foucaults ist, daß er die Gewordenheit
Repression der Sicht entzogen wurde. Vielmehr erforscht die Genealo-
gie die politischen Einsätze, die auf dem Spiel stehen, wenn die Identi-
eines im Alltagsverständnis zur menschlichen Natur gehörigen
tätskategorien als Ursprung und Ursache bezeichnet werden, obgleich Phänomens wie Sexualität aufzeigt Sexualität ist für ihn eine
sie in Wirklichkeit Effekte von Institutionen, Verfahrensweisen und bestimmte Art und Weise, wie eine Kultur sexuelle Lüste ver-
Diskursen mit vielfältigen und diffusen Ursprungsorten sind. Die Auf- steht, interpretiert und dadurch auch formiert. In der Differenz
gabe der vorliegenden Untersuchung ist, sich auf solche definierenden
Institutionen: den Phallogozentrismus und die Zwangsheterosexualität
zur antiken ars erotica wird der zeit- und kulturspezifische Cha-
zu zentrieren - und sie zu dezentrieren" (Butler 1990, 9). rakter der Sexualität erkennbar. ( Die Formation von Diskurs-
und Machtverhältnissen, die die Sexualität erzeugen, ist nach
Butler parallelisiert ihre Art, Phallogozentrismus und Zwangs- Foucault typisch für die moderne Figuration von Machtverhält-
heterosexualität zu analysieren, mit Nietzsches Genealogie der nissen, in denen Macht und theoretisches, abstraktes Wissen
Moral und Foucaults Genealogie von Diskursen und Dispositi- verknüpft sind. Die Moderne bringt die Sexualität als Gegen-
ven. Auf den ersten Blick ist die methodische Vorgehensweise stand von Wissenschaften wie Medizin, Psychologie und Politik
auch gleich insofern, als alle drei diskursive Naturalisierungs- hervor. Sie entwickelt um das Sexuelle herum nicht eine Kunst
strategien grundsätzlich hinterfragen und vermuten, daß diese des Liebens zur Steigerung der Sinnesfreuden, sondern einen Ap-
nur dazu dienen, etwas gesellschaftlich Gewordenes zur Stabili- parat theoretischer Erkenntnisse^ | Wie Nietzsches Genealogie
sierung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse unter dem der Moral will Foucaults Genealogie der Sexualität die naive
Decknamen Natur der Reflexion zu entziehen. Doch ist es die- Zustimmung zur dominanten Moralität und ihrem Menschen-
ser Aspekt ihres Vorgehens, den Nietzsche und Foucault als bild auflösen, Distanz erzeugen, die neue Perspektiven und
das Genealogische an ihren Arbeiten bezeichnen? Sichtweisen eröffnet
Genealogie heißt in der ersten Bedeutung Ahnenforschung,
sie ist die „Wissenschaft von Ursprung, Folge und Verwandt- „als Genealogie bezeichnen wir also jene Verbindung zwischen gelehr-
ten Kenntnissen und lokalen Erinnerungen, die die Konstituierung eines
schaft der Geschlechter".9 Nietzsche hat diesen Begriff in die historischen Wissens der Kämpfe ermöglicht sowie die Verwendung
Philosophie eingeführt, um seine historisch-kritische Analyse dieses Wissens in den gegenwärtigen Taktiken" (Foucault 1978 a, 62).
der Genese der christlich geprägten, abendländischen Moral zu
bezeichnen. Er erklärt die normativen Inhalte dieser Moral aus Für Butler bedeutet Genealogie nicht das gleiche, obgleich
ihrer komplexen Entwicklungsgeschichte und nennt so Her- auch sie zeigen will, daß die Bedeutungsgehalte, die wir be-
stimmten Vorstellungen und Denkvoraussetzungen zuschreiben,
ihren Grund nicht in deren Ubereinstimmung mit der Wirklich-
9 Duden Fremdwörterbuch, Mannheim 1974. keit haben, sondern daß die diskursive Signifikationspraxis die

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bedeutungstragenden Effekte und Erfahrungen von Wirklichkeit sprungsdenken und die Genealogie als Methode einer histori-
erzeugt Diese Dezentrierung unterscheidet sich von genealogi- schen Analytik der Entstehung sozialer Phänomene durch
scher Kritik, weil die konstruktive Potenz gesellschaftlicher Machtpraktiken zusammen und bezieht sich dann selbst nur auf
Verhältnisse nur auf der Ebene der Sprache/Schrift und ihrer erstere. Um jedoch nur die Kritik am Ursprungsdenken zu be-
Signifikationspraxis angesiedelt wird. Für Nietzsche und Fou- zeichnen, scheint mir der Genealogiebegriff unangemessen. In
cault sind hingegen auch Machtstrategien und Selbstbehaup- Anbetracht seiner konventionellen Bedeutung ist diese Resigni-
tungstechniken Quellen der Konstruktion konkreter gesell- fikation weder treffend noch bringt sie in der Sache weiter.
schaftlicher Verhältnisse. Sie fassen weder die Macht noch die
Diese Überlegungen zum Genealogiebegriff zeigen auch,
Phänomene selbst, Moral oder Sexualität, primär sprachlich. In
daß sich Butler, was die Kritik am Ursprungsdenken angeht, le-
Butlers Formulierung von Genealogie ist die Verschiebung auf
gitimerweise auf Nietzsche und Foucault bezieht
die Sprache angelegt und dies ist ein erster Unterschied zu dem
Genealogiebegriff Nietzsches und Foucaults. Ein zweiter ist,
daß sie sich nicht um die materiale Genealogie ihrer Grundbe-
griffe bemüht. Weder das heterosexuelle Gesetz noch das Patri- Die Kritik am Ursprungsdenken
archat oder der Zwang zur binären Geschlechtsidentität sind
als historisch jeweils besondere Konfigurationen der Subjekti- Butler kritisiert in Das Unbehagen der Geschlechter das Ur-
vierung beschrieben, sondern als fundamentale Strukturen vor- sprungsdenken und dieses Kritikmotiv zieht sich wie ein roter
ausgesetzt. Unter Genealogie versteht sie eine argumentations- Faden durch das Buch. Der Nachweis, daß eine Theoretikerin
strategische Befragung der gängigen hegemonialen und schein- oder ein Theoretiker dem Ursprungsdenkens verhaftet ist, ist
bar kritischen Diskursproduktion. Für Nietzsche und Foucault jedesmal der Beweis, daß die entsprechende Theorie eine Iden-
aber ist die Genealogie eine historisch-kritische Methode zur titätstheorie ist und also nicht kritisch. Sie entlarvt so Lacans
Analyse der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Diese kon- Theorie als dem hegemonialen Denkmuster verhaftet. Sein Ur-
krete Machtkritik interessiert Butler gar nicht Für sie gehen sprungsdenken liege darin, daß er das Gesetz des Vaters, das
Machtstrategien in Diskursstrategien auf. Schon wegen dieser unerfüllte Begehren, als letzte und erste Größe voraussetze, die
Verschiebung auf die dekonstruktive Sprachkritik könnte ihre das menschliche Begehren und Selbstbewußtsein unverfügbar
Inanspruchnahme des Methodenbegriffes Genealogie als nicht präfiguriere (92 f.). Ebenso kritisiert sie Kristevas Begriff des
passend oder zumindest einengend bezeichnet werden. Ihre mütterlichen Gesetzes und ihre Theorie der poetischen Sprache
Weise der Gesellschaftsanalytik und Diskurstheorie Genealogie (129). Butler führt diese Kritiken durch, indem sie erst die kri-
zu nennen, scheint mir aber wegen ihres Verzichts auf die ma- tischen Ambitionen der Autorinnen und Autoren anführt und
teriale, historische Rechtfertigung und Analyse ihre Grundbe- dann den Zirkel aufweist, der sich ergibt, weil sie ihre Kritik
griffe wirklich unangebracht 10 Butler bindet in ihrer Genealo- mit der Angabe eines Ursprungs der menschlichen Libido ver-
giedefinition die Kritik Nietzsches und Foucaults am Ur- binden. Diese Kritikweise leitet sie von Foucault her.
Die Vorwürfe gedanklicher Unproduktivität und der Reakti-
on, die Butler mit dem Ursprungsdenken verbindet, beziehen
sich auf die Kreisbewegung um einen statischen Ausgangs-
10 Diese Kritik der mangelnden Rückbindung an die historische Situation punkt, die solches Denken kennzeichnet Foucault entwickelt
formulieren auch andere gegen Butler. Irmgard Schulz 1996 schreibt
z.B. über Irigaray und Butler: „Der Diskurs über eine anthropologi- diese Kritikfigur in Die Ordnung der Dinge als erkenntnistheo-
sche oder - wie bei Butler - gar nur begriffshistorisch zurückgebundene retische Infragestellung der Humanwissenschaften, welche er
Analyse der Geschlechterdifferenz bekommt den Charakter des bezichtigt, unvermeidlich zirkulär zu denken, weil ihr Gegen-
schwebenden Aneinandervorbeiredens, weil eine Uberprüfung an hi- stand die reflexiven Selbstthematisierungen des Menschen sind.
storisch situierbaren Gesellschaftsentwicklungen vom Ansatz her nicht
vorgesehen ist" (186). Für ihn ist das unwissenschaftlich. Unwissenschaftlich meint

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dabei nicht unproduktiv, denn zweifelsohne verändert sich der fragegestellt, so auch von Nietzsche, Foucault und hier But-
Mensch durch die humanwissenschaftlichen Forschungen und ler. 1 4 Doch diese Kritik hat bei diesen Kritikern außer bei But-
ihre Befunde dank seiner Selbstreflexivität Doch gerade diese ler ihre Verankerung in der Uberzeugung, daß eben nicht alles
unkontrollierbaren Rückkoppelungseffekte machen die Wissen- Vorstellung ist, sondern es auch andere Zugangsweisen zur
schaftlichkeit dieses Forschens zweifelhaft Welt gibt, etwa die des Willens, um Schopenhauers Begriff zu
Mit dieser Denkfigur kritisiert Butler Lacans Theorie als ur- nennen. Butler aber läßt nur die kognitiv-diskursive Zugangs-
sprungsfixiert, da er sich auf die puissance, die menschliche oder Seinsweise in ihrer Theorie zu, um alle Phänomene als
Sehnsucht nach unbegrenzter Fülle beziehe. Die genauere Be- durchgängig sprachliche Konstrukte beschreiben zu können. Es
trachtung dieses Vorwurfs läßt jedoch fragen, ob die puissance gibt bei ihr keine Weltwahrnehmungsebene des Menschen, die
wirklich so gemeint und also dieser Vorwurf begründet ist der diskursiven nicht nach- und untergeordnet wäre, und keine
andere Wirkungsbeziehung als die, daß sprachliches Bewußt-
Butler referiert, ehe sie ihren Einwand formuliert, Jaqueline
sein und Sprachpraxis Wirklichkeit und Materialität erzeugen.
Roses Äußerung, daß es „für Lacan keine vordiskursive Reali-
tät" gibt. 11 Daran möchte ich anknüpfen und fragen, ob denn Butler beruft sich in ihrer Kritik am Ursprungsdenken auf
die Sehnsucht nach puissance nur so verstanden werden kann, Foucaults Argumentation in Die Ordnung der Dinge Foucault
daß ein erfüllter, vorsprachlicher, verlorener, aber wirklicher stellt dort fest, daß jeder Versuch, den Ursprung des Menschen
Glückszustand gesucht wird? Das ist m. E. nicht so. Jouissance oder seine Essenz zu erklären, scheitern muß, weil der Mensch
kann auch das nie erlebte und doch ersehnte Glück sein, das immer schon von etwas hervorgebracht ist, das ihm selbst lange
keiner Erinnerung bedarf 12 . Sehnsucht nach Erfüllung, wie sie voraus liegt und also über ihn hinausreicht:
uns heute die Medienwerbung ohne Erfahrung implantiert Sol-
„Wenn er versucht, sich als arbeitendes Wesen zu erfassen, bringt er
ches Verständnis der Jouissance als narzißtischer Phantasie ent- die rudimentärsten Formen davon nur an den Tag innerhalb einer
zieht Butlers Kritik des Ursprungsdenkens den Boden und läßt menschlichen Zeit und eines menschlichen Raumes, die bereits institu-
dabei Raum für eine existentielle Ausrichtung der individuellen tionalisiert, bereits von Gesellschaft beherrscht sind. Wenn er seine Es-
Gefühlswelt Vertraut ist uns diese Vorstellung von Erfüllung senz als die eines sprechenden Subjekts zu erfassen versucht, diesseits
jeder effektiv konstitutierten Sprache, findet er stets nur die Möglich-
in der vergangenheitsbezogenen Form des Ursprungsdenkens,
keit der bereits entfalteten Sprache und nicht das Gestammel, das erste
wie sie die Mythen unserer Kulturgeschichte, die Schöpfungsge- Wort, von dem aus alle Sprachen und Sprache selbst möglich geworden
schichten, aber auch philosophische und psychologische Theo- sind" (398).
rien der Moderne transportieren. Der Denkfehler in deren
Struktur ist die Anwendung des Kausalitätsprinzips auf Phäno- Die Sehnsucht nach Erfüllung scheidet für Foucault aus den
mene, die nicht in den Bereich der Vorstellung gehören. In der gleichen Gründen als Ursprung oder Essenz des Menschen aus
Tradition Schopenhauers 13 wurde dieser Denkfehler häufig in- wie die Sprache. Das Wesen der Erfüllung könnte nur die

11 Rose 1996.
14 Damit ist nicht gemeint, daß nicht kulturhistorisch gesehen das Ur-
12 Die Motiv der Sehnsucht, die keiner Erinnerung bedarf, findet sich sprungsdenken z.B. als naturmagisches, dem wissenschaftlichen Kausa-
z.B. in den letzten Sätzen von Blochs Das Prinzip Hoffnung (1985), wo litätsdenken vorausgeht. Die Trennung von Kausalitätsdenken und
aber das Subjekt anders konzipiert ist als bei Lacan und Butler: „Die Denken in magischen Bedingungsverhältnissen jedoch ist nur möglich,
Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gege- wenn nicht alles innere Erleben und persönliche Geschehen als von äu-
benheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt ßeren Mächten hervorgerufen betrachtet wird. Die bei Sokrates anset-
und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokra- zende Umdrehung dieses Verhältnisses, die Introjektion der Seele
tie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit (Schmitz 1981) oder die Entstehung der modernen Seele (Foucault
scheint und worin noch niemand war: Heimat." 1977), macht es erforderlich, das Verhältnis von Innen und Außen
13 Vgl. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung und Über die und die verschiedenen Relationsbeziehungen scharf zu unterscheiden,
vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. um komplexere Geneseprozesse erklären zu können.

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amorphe Auflösung des Subjekts sein, entfernen wir alle kultu- Foucault könnte daher sagen, daß sich Butler selbst im Zir-
rell spezifischen Bestimmungen von Erfüllung aus dieser Vor- kel des Ursprungsdenkens verliert, weil sie auch nur einen
stellung. Und diese Auflösung wiederum, die in der Psychoana- Ausgangspunkt setzt, das heterosexuelle Gesetz, und nur eine
lyse als Symbiose-Vorstellung thematisiert und gerne der Exi- Konstruktionsweise von Welt zuläßt, die diskursive. Dies ent-
stenzweise des Säuglings zugeschrieben wird 1 5 , ist offenbar ei- spricht dem, was auch als juridisches Denken Butlers kritisiert
ne Variante der herkömmlichen Ursprungsphantasie neben der wird. Sie selbst hingegen will das dualistische Denken hinter
biologischen und der religiösen. Diese Kritik am Ursprungs- sich lassen, indem sie Bedeutung und Materie, Vorstellung und
denken kann Butler jedoch gar nicht mitmachen, eben weil sie Willen zusammenfallen läßt, und kritisiert Foucault als Ur-
von der rein diskursiven Konstruiertheit von Identität ausgeht sprungsdenker, weil er ontologisch eine Materialität des Kör-
Sie kritisiert das Ursprungsdenken eigentlich als epistemologi- pers annehme. Diese Kritik Butlers an Foucault ist jedoch kei-
sche Voraussetzung eines Bestimmten, einer Qualität oder Es- ne nur methodische Frage, sondern sie ist vor allem eine inhalt-
senz. Butler denkt, daß jede Theorie, die einen sexuell qualifi- liche, weil sich durch dieses Festhalten am Körper ein anderes
zierten Ursprung wie Am Anfang waren Mann und/oder Frau als Gefüge der Machtverhältnisse in seiner Theorie ergibt
unhinterfragte und nicht hinterfragbare Basis annimmt, sich
ausweglos in der Schlinge des Dualitätsdenkens verfängt, da sie
die Dualität in den Ursprung verlegt. Die Ausweglosigkeit sei
der Logik dieses Denkens immanent; denn wird ein Gesetz als Foucaults Welt der Lüste?
Ursprung der Weise menschlichen In-der-Welt-Seins angenom-
men, gibt es immer ein Innen und Außen dieses Gesetzesrah- Anhand der Gründe Butlers, Foucault als Ursprungsdenker zu
mens. Werden das Gesetz des Vaters oder der mütterliche Kör- kritisieren, wird im folgenden seine Konzeption der Lüste und
per als geschlechtlich bestimmte Ausgangspunkte gesetzt, kann Körper „als Stützpunkten des Gegenangriffs gegen die Macht"
die demgemäße Identitätsentwicklung sich nur in entweder aus Der Wille zum Wissen (187) entwickelt Diese Referenz auf
Gleichheit oder Differenz zu diesem binär sexuierten Vorbild Körper und Lüste ist für Butler der Beweis des Ursprungsden-
vollziehen. Durch die Setzung eines geschlechtlich Bestimmten kens. Denn als Stützpunkte gegen die Dispositive der Macht
an den Ausgangspunkt der Subjektentwicklung ist die Zweiheit müssen der Körper und die Lüste doch zumindest einen vordis-
der Geschlechter je schon präfiguriert. Die Wiederkehr des Ur- kursiven, nicht-konstruierten Anteil haben, eine Essentialität,
sprungs in einem Zirkel der Denkbewegung, die Foucault be- die es erlaubte, sich von ihnen her bzw. mittels ihrer gegen die
schreibt, wird bei Butler zu einer unhintergehbaren Fixierung Macht zur Wehr zu setzen. Butler belegt daher von Das Unbeha-
des Denkens auf ein bestimmtes Muster, nämlich das der Duali- gen der Geschlechter bis The Psychic Life of Power Foucaults Ur-
tät sprungsdenken stets mit dieser Passage aus Der Wille zum Wis-
sen In Das Unbehagen der Geschlechter behandelt sie die Frage
ausführlich, ob es eine vordiskursive Vielfalt der Lüste geben
könne, die nicht dem Sexualitätsdispositiv unterworfen sei:
15 Siehe der in Butler 1987 diskutierte psychoanalytische Einwand gegen
„Indem Foucault einen Körper unterstellt, der seinen kulturellen Ein-
das Programm der Vervielfältigung der Geschlechter. Neuere Ergeb-
schreibungen vorgängig ist, scheint er eine der Bedeutung und Form
nisse der Säuglingsforschung, die in der Psychoanalyse weitgehend an-
vorgängige Materialität vorauszusetzen" (Butler 1990,193).
erkannt sind, stellen die Hypothese, daß sich das Neugeborene unge-
trennt von der Mutter, mit dieser verschmolzen erlebt, infrage. Sie
schwächen damit indirekt diesen Einwand, weil es die Symbiose als Die Kritik an Foucaults Körperbegriff geht davon aus, daß der
reale auch in der Psychoanalyse nicht gäbe, verfügte das Neugeborene Körper in der Philosophie der Gegenwart generell, auch bei
von Anfang an über eine differenzierte Fähigkeiten zur Wahrnehmung Foucault und de Beauvoir, als:
seiner Umwelt und über eigene Kompetenz für eigensinnige Interak-
tion. Vgl. Stern 1983 und 1985; Lichtenberg, 1991; Domes 1993.

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„stumme Faktizität dargestellt wird, die gleichsam auf eine Bedeutung klären sein wird. Dennoch trifft ihn Butlers Kritik vordiskursi-
wartet, die ihr nur ein Bewußtsein, das cartesianisch als grundsätzlich ve Subjektanteile anzunehmen nicht zu Unrecht Doch fraglich
immateriell verstanden wird, verleihen kann. [...] Sogar in Foucaults ist die Bedeutung dieser Annahme und ihre innertheoretischen
Aufsatz zur Genealogie erscheint der Körper als Oberfläche und Büh-
ne einer kulturellen Einschreibung: Dem Leib prägen sich die Ereignisse Konsequenzen sie für die Subjekttheorie.
ein Die Aufgabe der Genealogie sei es zu zeigen, wie der Leib von der
Geschichte durchdrungen ist Und in der Fortsetzung dieses Satzes be- „Die kritische Untersuchung, die die Regulierungsverfahren nachzeich-
stimmt Foucault das Ziel der Geschichte [...] dahingehend, daß die Ge- net, mit denen die Körperumrisse konstruiert werden, stellt gerade die
schichte am Leib nagt. [...] wenn Foucault schreibt: Nichts am Menschen Genealogie des Körpers in seiner diskreten Bestimmtheit bereit, die
- auch nicht sein Leib - ist so fest, um auch die anderen Menschen verste- Foucaults Theorie weiter radikalisieren könnte" (ebd., 196).
hen und sich in ihnen wiedererkennen zu können, weist er auf die Be-
ständigkeit der kulturellen Einschreibung hin, die als ein und dasselbe Butler meint, eine solche Radikalisierung der Theorie Foucaults
Drama auf den Körper einwirkt" (ebd., 192). vorzunehmen. Und eine solche wäre in der Tat wünschenswert,
wenn seine Konzeption des Körpers und Subjekts im Kampf um
Diese der Bedeutung und Form vorgängige Materialität wäre un- die Verschiebung der Machtmechanismen weniger erfolgreich
abhängig von Genealogie als Herkunftsanalyse und darum kein zu sein verspräche als ihre Methode und Denkweise, nach der
Untersuchungsgegensund der historischen Analyse, so Butler. die Trennung von Materie und Form aufgehoben sein soll. Sie
Diese Struktur der Argumentation nennt sie Ursprungsdenken. diskutiert die Vordiskursivität einer Welt der Lüste in Das Un-
Sie sammelt Argumente dafür, daß Foucaults Rede vom Körper behagen der Geschlechter an Foucaults Vorwort zu Herculine
und den Lüste essentialistisch sei und findet solche vor allem Barbin. In The Psychic l i f e of Power beruft sie sich, was die Vor-
im Vorwort zu den Memoiren Herculine Barbins: diskursivität des Körpers als materielle Essenz und Ausgangs-
„Bei seiner Analyse von Herculine schließt sich Foucault der Vorstel-
punkt der kulturellen Formung durch die Diskurs- und Macht-
lung von einer vordiskursiven Mannigfaltigkeit der Körperkräfte an, beziehungen angeht, auf Überwachen und Strafen und Der Wille
die die Oberfläche des Körpers durchbrechen und die Regulierungsver- zum Wissen. Ich werde diese beiden Kritiken detailliert durch-
fahren der kulturellen Kohärenz stören, die dem Körper durch ein gehen, um zu zeigen, ob und inwiefern sie zutreffen und ob der
Machtregime, das durch die sogenannten Wechselfälle der Geschichte
dargestellt wird, auferlegt ist. Damit stellt sich die Frage, ob man die
Anspruch, Foucaults Theorie zu radikalisieren, mit den Ver-
Demarkation des Körpers als solchen auch dann noch genealogisch als schiebungen, die Butler vornimmt, eingelöst werden kann.
Bezeichnungspraxis darstellen kann, wenn man die Voraussetzung einer
vorkategorialen Störquelle ablehnt?" (ebd., 193).

Die Angemessenheit und den Stellenwert dieser Kritik Butlers Herculine Barbin
an Foucault will ich nun überprüfen. Foucault denkt, wie ge-
sagt, nicht nur in bezug auf das, was werden soll, pluralistisch, Die Textgrundlage der folgenden Diskussion ist Foucaults Ein-
sondern auch bezüglich der Ursachen und Machtmechanismen, leitung zu Herculine Barbin, der Butler eine längere Auseinan-
die erzeugt haben, was ist Während Butler gegenüber Freud dersetzung in dem Kapitel subversive Körperakte in Das Unbeha-
ihr Verdikt „Ursprungsdenken" zurecht ausspricht, muß Lacan gen der Geschlechter widmet. Herculine Barbin ist der Name ei-
nicht so gelesen werden und für Foucaults Rede von Lüsten gilt ner jungen Hermaphroditin, die ihre Memoiren schrieb, nach-
das ebenso. Foucault nimmt nicht wie Freud eine dem Men- dem sie unter starkem öffentlichen Druck statt des weiblichen
schen als Gattungswesen inhärente Triebausstattung an, er Geschlechts und Vornamens Alexina, die sie bis zu ihrem 22.
spricht von Körpern und Lüsten nicht als einer objektiv gege- Lebensjahr trug, eine männliche Geschlechtsidentität und den
benen, anthropologischen Grundausstattung des Menschen mit Namen Herculine annehmen mußte. Alexina/Herculine war
Trieben und Gefühlen, die per se vordiskursiv sind. Sondern er mit ihrem/seinem neuen Leben so unglücklich, daß sie/er sich
denkt Körper und Lüste historisch, als je spezifisch konstruier- wenige Jahre nach dieser Änderung des Personenstandes um-
te, die aber einen vordiskursiven Bezug haben, der noch zu

130 170
brachte. Foucault hat einen Teil dieser Tagebücher wohl wäh- mehrte. Ebensowenig fällt sie/er aus der Bezeichnungs-Ökonomie der
rend seiner Arbeit an der Geschichte der Sexualität gefunden Männlichkeit heraus. [...] Herculine verkörpert das Gesetz nicht, so-
und zusammen mit dem Text Ein skandalöser Fall von Oskar Pa- fern er ein rechtmäßiges Subjekt ist, sondern sofern er Zeugnis für das
unheimliche Vermögen des Gesetzes ablegt, nur solche Rebellionen zu
nizza, in welchem dieser sich auf diesen Fall bezieht, in Frank- produzieren, die sich - out of fidelity - garantiert selbst widersprechen,
reich 1978 publiziert Das umstrittene Vorwort hat er erst für und nur solche Subjekte hervorzubringen, die, vollkommen subjekti-
die englische Ausgabe 1980 geschrieben. In Deutschland ist viert/unterworfen keine andere Wahl haben, als das Gesetz ihrer Ge-
1998 eine Dokumentation zu Herculine Barbin erschienen, in nese zu reproduzieren" (ebd., 158 f.).
der Vorwort, Tagebücher, Panizzas Text und andere Unterla-
Gegenüber dieser machtkritischen Lesart interpretiere Foucault
gen zur medizinischen Geschlechtsuntersuchung versammelt
in den Text hinein, daß Alexina vor ihrer öffentlichen ge-
sind. 16 Foucaults Vorwort ist ein knapp elfseitiger Text, den
schlechtlichen Festlegung als Mann in einer Welt der Unschuld
Butler eine „radikale Fehllektüre" (148) nennt Er habe die Ge-
gelebt habe, in der sie Lüste unbeeinträchtigt vom Gesetz ge-
schichte romantisiert und behauptet, daß Herculine nur unter
nossen habe. Erst die neue Identität als Mann habe sie aus die-
dem Diktat der modernen binären Zwangsvergeschlechtlichung
ser Welt des Grinsens ohne die Katze gerissen. Butler sieht sich
verzweifelt sei.
darum in ihrem Verdacht bestätigt, daß Foucaults Formulierung
„Da Foucault der Ansicht ist, daß die Kategorie Sexus Körperfunktio- von den Körpern und Lüsten als Stützpunkten zum Gegenan-
nen und -bedeutungen vereinigt, die nicht unbedingt miteinander in Be- griff gegen das Sexualitätsdispositiv ursprungsfixiert sei. Eine
ziehung stehen, wird das Verschwinden dieser Kategorie, nach seiner genaue Gegenlektüre des Vorwortes Foucaults wird erlauben,
Voraussage, zu einer fröhlichen Streuung dieser verschiedenen Funk- Butlers Kritik der „radikalen Fehllektüre" zu beurteilen.
tionen, Bedeutungen, Organe, somatischen und physiologischen Prozes-
se sowie zu einer Vermehrung der Lüste außerhalb jenes Rahmens der Foucault äußert sich auf ganzen drei Seiten seines Vorwor-
Intelligibilität führen" (Butler 1990,145). tes zu den Memoiren Alexinas/Herculines. Zuvor spricht er
darüber, wie sich im Zuge der Installierung des Sexualitätsdis-
Butler unterstellt Foucault, er habe die Lebenssituation Alexi- positivs das Verhältnis der Gesellschaft zu Hermaphroditen ge-
nas 17 , bevor sie entdeckt, daß sie keine Frau ist, als ändert hat, und wie damit der Zwang zur Vereindeutigung des
Geschlechts für alle Individuen zunahm. Nach der Thematisie-
„eine Welt, in der die Körperlüste nicht unmittelbar auf den Sexus als
erste Ursache und letzte Bedeutung verweisen, gesehen, und findet diese rung von Herculine/Alexinas Biographie führt er kurz in Paniz-
Lesart durch die Formulierung bestätigt: daß in Alexinas Welt das zas Text ein. Er stellt Herculine/Alexinas Text ausdrücklich in
Grinsen ohne die Katze herumlungert (145). den Kontext seiner Analysen zum Sexualitätsdispositiv und geht
davon aus, daß in den letzten beiden Jahrhunderten der Zwang
Die radikale Fehllektüre Foucaults, die in krassem Gegensatz
stärker wurde, eine eindeutig männliche oder weibliche Identi-
zum Text der Memoiren selbst stehe, liege in dieser Annahme
tät zu entwickeln. Damit einher ging eine Ausgrenzung und
einer Welt der Lüste. Butler schreibt über Barbin:
Verleugnung des Hermaphroditismus, die sich im 19. Jahrhun-
„Jedenfalls können wir anstelle der Einfalt keine Vielfalt entdecken, dert dahin steigerte, daß Mediziner behaupteten, alle Menschen
wie Foucault uns einzureden versucht. Stattdessen stehen wir vor ei- hätten von Natur aus ein wahres Geschlecht, und Hermaphrodi-
ner fatalen Ambivalenz, die durch das prohibitive Gesetz hervorgeru- ten gäbe es nicht, sie seien immer Pseudo. Den Zeitgeist und
fen wird, das, ungeachtet der Effekte fröhlicher Streuung, nichtsdesto- den sozialen Druck einer Geschlechtsidentität auszubilden, so-
weniger in Herculines Selbstmord gipfelt" (150). „Herculines Lüste
und Begehren verkörpern keineswegs jene bukolische Unschuld, wie wie die neuen Subjektivierungskriterien im Dispositiv der Se-
sie vor der Auferlegung des juridischen Gesetzes blühte und sich ver- xualität benennt Foucault mit den Worten (Ich zitiere in eng-
lisch, weil Foucault diesen Text in Englisch publiziert hat, in
Butlers Muttersprache, was Ubersetzungsirrtümer ausschließt):
16 Siehe Schäffner/Vogel (Hg.) 1998.
Alexina ist der weibliche Vorname des Mannes Herculine Barbin.

172 130 172


„Wake up, young people, from your illusory pleasures; strip off your
disguises and recall that every one of you has a sex, a true sex. And
mungen und Haltungen in bezug auf die Frage des Sexuellen
then we also admit that it is in the area of sex that we must search for und der Geschlechtlichkeit, die sich darin finden. Auffallend
the most secret and profound truths about the individual, that it is the- findet er, daß die Frauen in Alexinas Umfeld, Mitschülerinnen,
re that we can best discover what he is and what determines him. And Lehrerinnen usw., offenbar blind sind für deren Anderssein,
if it was believed for centuries that it was necessary to hide sexual mat-
ters because they were shameful, we now know that it is sex itself das Alexina selbst als geheimnisvolle Ausstrahlung auf ihre Mit-
which hides the most secret parts of the individual: the structure of his schülerinnen und Lehrerinnen wahrnimmt Er fragt, ob wohl
fantasies, the roots of his ego, the forms of his relationship to reality. das definitive Geschlecht Alexinas für ihre Umgebung kein
At the bottom of sex, there is truth" (Foucault 1980 a, X f.).
Thema war, und darum kein Grund bestand, danach zu fragen:
Die Verbindung zu Foucaults These vom Sexualitätsdispositiv „It seems that nobody who looked at it was aware of his somewhat
ist unübersehbar. Diese Formulierungen zwingen jedoch nicht, awkward, graceless body, which became more and more abnormal in
wie Butler suggeriert, anzunehmen, daß es für Foucault eine the company of those girls among whom he grew up. [...] Falsely naive
girls, old teachers who thought they were shrewd - they were all alike
Wahrheit über das Geschlecht gibt, daß das Geschlecht die re-
as blind as characters in a Greek fable when, uncomprehendingly, they
pressive Institution dieses Machtdispositivs sei, und daß er saw this puny Achilles hidden in their boarding school. One has the im-
meint, ohne die Zwangsvergeschlechtlichung könnte eine fröh- pression, at least if one gives credence to Alexina's story, that eve-
liche Streuung der verschiedenen Körperfunktionen, der soma- rything took place in a world of feelings - enthusiasm, pleasure, sor-
row, warmth, sweetness, bitterness - where the identity of the part-
tischen und physiologischen Prozesse und eine Vermehrung der
ners and above all the enigmatic character around whom everything
Lüste gelebt werden. Er sagt nur, wie er sich die Einsetzung centered, had no importance. It was a world in which grins hung about
des Sexualitätsdispositivs und seine Wirkungsmechanismen without the cat" (ebd., XII f.).
denkt, ohne vorher die Freiheit der Lüste zu unterstellen. Die
Entwicklung eines neuen Machtdispositivs bedeutet, daß andere Hier steht auch jener Satz, an dem Butler Foucaults Idealisie-
Felder der Selbstbeziehung, neue Kategorien der Unterschei- rung der Lebenssituation Alexinas vor der Entdeckung ihrer
dung und Mechanismen der Subjektivierung relevant werden: Männlichkeit festmacht Er soll belegen, daß Foucault der Fik-
Aspekte des Subjektseins, die vorher nicht so wichtig waren. tion einer Welt der unrestringierten Lüste und Empfindungen
Das heißt nicht, daß sie vorher irrelevant waren, aber vielleicht vor dem Sexualitätsdispositiv anhängt Der Kontext zeigt je-
tabu und schambesetzt, wie das Feld der Geschlechtlichkeit. doch, daß Butler etwas in Foucaults Text hineinliest Foucault
Uber den Inhalt der Memoiren selbst sagt Foucault nicht bezieht sich direkt auf Alexinas Text und sagt, daß dieser den
viel. Er gibt seinen Eindruck von der Selbstwahrnehmung Ale- Eindruck erwecke, daß das „Grinsen ohne die Katze" herumge-
xinas und dem Verhalten ihrer Umgebung wieder, ohne eine hangen habe. Er spricht nur über die Wirkung von Alexinas
tiefere hermeneutische Interpretation des Textes, den er offen- Text und nicht darüber, wie sich die Welt der Lüste wohl vor
bar für sich selbst sprechen lassen will. 1 8 Die Memoiren selbst und nach dem Sexualitätsdispositiv gestaltete. 19 Butler ver-
bringt Alexinas/Herculines Not und Unsicherheit deutlich zum weist, um ihre Argumentation zu bekräftigen, darauf, daß Ale-
Ausdruck. Foucault beschreibt mit wenigen Sätzen die Stim-

19 Foucault selbst, wie auch z.B. Fink-Eitel 1989 und Schmid 1992 beto-
18 Wie in den Lettres de cachet (Foucault 1989 zus. mit Arlette Farget), nen, daß er früher an die Repressivität der Macht und damit auch an
wo das Material unkommentiert präsentiert wird. Die Homologie der eine Welt der Lüste vor der Macht glaubte. „Die Geschichte der Se-
in den ausgewählten Briefen beschriebenen Fälle und ihre Unterschie- xualität [...] nimmt ein sujet wieder auf, das er bereits 1961 in der Ein-
de erzeugen Eindrücke davon, wozu diese Briefe dienten und wie das leitung zu Wahnsinn und Gesellschaft nannte, damals jedoch als Ge-
Machtinstrument der Inhaftierung von der Bevölkerung benutzt wur- schichte der sexuellen Verbote plante, ausgehend von der tragischen
de. Die Briefe spiegeln ein dramatisiertes Bild der familiären Konflikte Teilung der Welt des Begehrens. Er träumt nun nicht mehr von der
im Alltagsleben dieser einfachen Menschen und wie sie diese mit der glücklichen Welt und schreibt nicht mehr die Geschichte der Repressi-
Internierung der „schlechten" Familienmitglieder lösen wollten. on des Begehrens, sondern die seiner Anreizung" (Schmid 1992, 57).

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xina/Herculine beim Verfassen der Memoiren kurz vor ihrem/ einem ganzen Komplex von Persönlichkeitseigenschaften ge-
seinem später vollzogenen Selbstmord gestanden habe und daß schuldet, nicht nur der neuen Geschlechtsidentität als Mann.
es in einer solchen Lebenssituation doch abwegig sei, eine Welt Butlers Interpretation legt nahe, daß dieser Wechsel, der dem
der unreglementierten Lüste zu affirmieren. Dazu ist jedoch zu Changieren Alexinas zwischen gleich und nicht-gleich ein defi-
sagen, daß Foucault ebenfalls Herculines unglückliche Lebens- nitives Ende setzt, von ihr nicht bewältigt werden kann, und
situation erwähnt und daß er außerdem, und ich finde das psy- das ist auch ein wichtiger Aspekt Doch weist Alexinas Bezie-
chologisch plausibler als Butlers Zurückweisung der Glücks- hung zu Sarah und ihren früheren Geliebten öfters Züge unange-
phantasien, gerade in Alexinas/Herculines unglücklichen Le- paßter Affektlagen und Bindungsprobleme auf, die ihr/ihm erst
benslage als Mann einen Hang zur Idealisierung der nicht- auffallen, als sich die Möglichkeit einer legitimen Beziehung
männlichen Lebensphase bei ihr/ihm heraushört überhaupt eröffnet, welche er dann flieht Daß alle diese Ge-
fühlslagen und Konflikte, die nach dem Wechsel der Ge-
„When Alexina composed her memoirs, she was not far from suicide;
for herself, she was still without a definite sex, but she was deprived of schlechtsidentität akut werden, nur aus der Zwangsverge-
the delights she experienced in not having one, or in not entirely ha- schlechtlichung rühren, scheint mir darum eine zu undifferen-
ving the same sex as the girls among whom she lived and whom she zierte Deutung. Butler setzt hier die Dominanz und Repression
loved and desired so much. And what she evokes in her past is the hap-
py limbo of a non-identity, which was paradoxically protected by the
der binären Zwangsvergeschlechtlichung, die ihr Ausgangs-
life of those closed, narrow, and intimate societies where one has a punkt und Hauptanliegen ist, voraus und findet sich entspre-
strange happiness, which is at the same time obligatory and forbidden, chend durch Alexinas/Herculines Selbstbild bestätigt Sie ist je-
of being acquainted with only one sex" (ebd., XIII). doch - anders als Foucault - deren Selbstsicht gegenüber recht
unkritisch, wenn sie die Memoiren als Indiziensammlung für
Auch die Formulierung „the happy limbo of non-identity" wer-
ihre These der Vorgängigkeit des juridischen Gesetzes der He-
tet Butler, genau wie die Anspielung auf die Cheshire Katze aus
terosexualität liest
Alice in Wonderland, als Indiz, für Foucaults Ideal einer vordis-
kursiven Welt vielfältigster Lüste. Doch auch hier zeigt der „Wenn Herculine nicht aktiv von den anderen verdammt wird, dann
Kontext, daß es sich um eine foucaulttypisch expressive Formu- verurteilt sie sich selbst [•••] und offenbart damit, daß das juridische
lierung dafür handelt, daß er meint - die Wendung „And what Gesetz tatsächlich umfassender als das empirische Gesetz ist, das ihre/
seine Geschlechtsumwandlung bewirkt hat. Allerdings kann Herculine
she evokes in her past" drückt das aus - daß Herculine, der sei- das Gesetz niemals verkörpern, weil sie ihm keine Gelegenheit bietet,
nem derzeitigen Leben keinen Sinn und keine Freude mehr ab- sich in den symbolischen Strukturen der Anatomie zu realisieren. An-
gewinnen kann, die Erinnerung an die Zeit vor der Geschlecht- ders formuliert: das Gesetz ist nicht einfach eine kulturelle Konventi-
sänderung idealisiert, jene Zeit, in der er mit der Geliebten on, die einer sonst natürlichen Heterogenität auferlegt wird. Vielmehr
verlangt es Übereinstimmung mit seinem eigenen Naturbegriff und ge-
vereint war, die Zeit ihrer geschlechtlichen Nichtidentität. Für winnt seine Legitimität durch die binäre und asymmetrische Naturali-
sie/ihn verbindet sich Liebesglück mit Lebensglück und beides sierung der Körper, in denen der Phallus den Penis, der zwar offen-
mit dem diffusen Halbbewußtsein geschlechtlicher Identitätslo- kundig nicht mit diesem identisch ist, als sein naturalisiertes Instrument
sigkeit Ob diese Lesart der Memoiren treffend ist, kann letz- und Zeichen einsetzt" (Butler 1990,158).
lich nur eine Lektüre des Textes selbst bestätigen. Doch auch
Daß Herculine sich selbst verdammt, wo sie nicht die anderen
Alexina/Herculines Äußerungen in distanzierteren Momenten,
verdammen, beweist nicht, daß das juridische Gesetz umfassen-
daß sie/er selbst am Ende des Lebensberichts meint, sie hätte
der als das empirische ist Die psychoanalytische Deutungsfi-
Sarah vielleicht sogar als Mann und Ehegatte lieben können -
gur der Introjektion, die keines überzeitlichen, naturalisierten,
jene Phantasie war das Motiv, die Änderung des geschlechtli-
juridischen Gesetzes bedarf, sondern nur empirisch geltender
chen Personenstatus zu vollziehen -, bestätigt Foucaults Inter-
oder projizierter Regeln, würde Herculines Verhalten hinrei-
pretation. Daß Herculine nicht wagt, Sarah als Mann zu begeg-
chend erklären. Butler ist Barbins Text gegenüber zu unkri-
nen und stattdessen die vertraute soziale Umgebung meidet, ist
tisch, um hier diese kritischen Überlegungen anzustellen.

130 176
Foucaults Vorwort zu Herculine Barbin bietet demnach kei- ten und ihn so intelligibilisierL Sie bezieht sich auf Freuds
ne Anhaltspunkte für Butlers vehemente Kritik. Er unterstellt Theorie der ausdifferenzierten Psyche und ersetzt Begriffe Fou-
darin keine Vielfalt der Lüste. Doch die Kritik des Ursprungs- caults durch Freudsche in ihrer Lesart. Diese Einschreibung
denkens ist damit nicht ausgeräumt Foucault hat die Körper Foucaults in die selbst schon diskurstheoretisch modifizierte
und die Lüste als Stützpunkte zum Gegenangriff gegen die Theorie Freuds ist, wie sich zeigen wird, eine unpassende Zu-
Macht genannt Die Unterschiede in Butlers und Foucaults Po- richtung der Theorien beider.
sition zur Nichtdiskursivität der Materie müssen darum weiter In Foucaults Überwachen und Strafen sei der Körper der Ge-
aufgeklärt werden. Butlers Kritik könnte zutreffen, auch wenn fangenen nicht nur Zeichen der Schuld und Überschreitung,
sie sie nicht gut belegt hat Da für meine Lesart der Subjekt- sondern geformt durch die diskursive Matrix eines juridischen
konzeption Foucaults der Satz, daß die Körper und die Lüste Subjekts.
der Stützpunkt zum Gegenangriff gegen die Macht sind, ganz
zentral ist, muß ich dieser Frage im weiteren ausführlich nach- „In Discipline and Punish the prisoner's body not only appears as a sign
gehen. Ich werde Butlers Foucaultkritik in The Psychic Life of of guilt and transgression, as the embodiment of prohibition and the
sanction for rituals of normalization, but is framed and formed th-
Power rekonstruieren und zeigen, wie sie darin ihre Denkweise rough the discursive matrix of a juridical subject" (ebd., 83 f.).
in Foucaults Texte einschreibt, und dann entwickeln, daß und
warum Foucault tatsächlich in Butlers Sinne ursprungsphiloso- Sie betont, daß hier mit formen weder verursachen oder determi-
phisch denkt, wenn er vom Körper eben nicht als einem Kon- nieren gemeint sei, noch Körper nur diskursiv erzeugt seien.
strukt der Sprache, vielmehr als einer wirklichen Substanz Allerdings zeigt die Formulierung „framed and formed through
spricht, der sich die Ereignisse einschreiben. Die Bedeutung sei- the discursive matrix of a juridical subject", daß sie etwas in
ner Formulierung die Körper und Lüste seien Widerstandsstütz- Foucaults Text liest, was er selbst nicht so gemeint hat Zwar
punkte, wird dabei schrittweise entwickelt sagt er, daß durch die Aufklärung und die Entwicklung der Pä-
dagogik sich eine neue Weise des Umgangs mit Delinquenten
entwickelte, die nun als Individuen betrachtet und behandelt
wurden, doch von einer diskursiven Matrix gar eines juridi-
Körper und Seele - The Psychic Life of Power schen Subjekts ist dabei keine Rede. Die Veränderungen des
Strafsystems werden vielmehr als Folgen des komplexen Zusam-
Unter dem Titel Subjection, Resistance, Resignification. Between menspiels unterschiedlicher Diskurse beschrieben, in denen
Freud and Foucault entwickelt Butler in The Psychic Life of Power verschiedene Interessen, Gesichtspunkte und Menschenbilder
den Vorzug ihrer Rekonstruktion der psychischen Mechanis- zusammentreffen und sich überschneiden. Die Diskurse der
men der Unterwerfung und Subjektivierung: die Widerständig-
zeitgenössischen Justiz über Techniken der Bestrafung, beson-
keit der Subjekte. Sie beginnt mit der Feststellung, daß assujetis-
ders bezüglich der abschreckenden Wirkung der Strafe trifft auf
sement (Butlers Kunstwort hierfür: „ 5 u b j e c t i v a t i o n d a s Paradox
den entstehenden pädagogischen Diskurs, der die Verbrecher
der Autonomie durch die und in der Abhängigkeit von der sub-
auch als Opfer sieht und in ihrer Erziehung die Chance auf
jektivierenden Macht bezeichnet, und daß sich für Foucault
Besserung ihres Charakters.
Subjektivierung zentral über den Körper vollziehe.
„Um auf das Problem der gesetzlichen Strafen zurückzukommen: das
„For Foucault, this process of subjectivation takes place centrally th- Gefängnis mit seiner ganzen Besserungstechnik hat hier seinen Platz,
rough the body" (Butler 1997 a, 83). wo sich die kodifizierte Strafgewalt in eine Disziplinargewalt der
Überwachung verbiegt; wo die allgemeingültigen Gesetzesstrafen selek-
Darin liegt die entscheidende Differenz und Butler versucht tiv auf bestimmte Individuen und immer auf dieselben treffen; wo die
nun, Foucault diskurstheoretisch kompatibel zu machen, indem Wiedereinbürgerung des Rechtssubjekts durch die Strafe zu einer nutz-
sie seinen Körperbegriff ersetzt durch den Begriff des Unbewuß- bringenden Abrichtung des Kriminellen wird; wo das Recht in sein Ge-
genteil umschlägt, indem es sich zu einer bloßen Form veräußert, deren

130 178
tatsächlicher und institutionalisierter Inhalt das Gegenrecht wird" viduell erst zu Subjekten gemacht, also mit Ichbewußtsein und
(Foucault 1975, 287).
der Möglichkeit, sich bewußt gegen die Gesetze zu verhalten,
Gegenrecht meint das Recht der Individuen auf angemessene ausgestattet Ichbewußtsein und die Fähigkeit zu widerständi-
Berücksichtigung ihrer vitalen Interessen, das öffentliche Be- gem Handeln gehen der Disziplinierung voraus - bei Verbre-
rücksichtigung findet und in dieser Zeit gegen das Recht des chern ist klar, daß ihre Handlungsfähigkeit nicht erst aus ihrer
souveränen Staates steht, Vergehen gegen seine Gesetze zu be- Individuierung und Disziplinierung im Gefängnis entspringt
strafen. Der psychische Prozeß der Subjektivierung, der Ausdifferenzie-
rung der Psyche und der Entwicklung des Selbstbewußtseins,
„Die Gesetzesübertretung setzt in der Tat ein Individuum dem gesam- aus der Perspektive, die Butler mit Freud einnimmt, als einem
ten Gesellschaftskörper entgegen. Die Gesellschaft hat das Recht, sich
in ihrer Gesamtheit zur Bestrafung des Individuums zu rüsten. Ein un-
Geschehen, das sich in der frühen Kindheit abspielt, kann
gleicher Kampf: auf der eine Seite alle Kräfte, alle Macht, alle Rechte" schon wegen dieser lebensgeschichtlichen Datierung nicht iden-
(ebd., 114.). tisch sein mit dem Prozeß, den Foucault in Überwachen und
Strafen als Unterwerfung des einzelnen unter die Disziplinie-
Mit der Individualisierung setzt das humanitäre Denken diesem rungstechniken der Macht beschreibt Foucault wendet sich
Machtgefälle Grenzen: stets gegen die Idee, daß die Formierung des modernen Sub-
„Das Mindestmaß der Strafe wird von der Menschlichkeit befohlen
jekts/Individuums ein Prozeß sei, der sich zwangsläufig und
und von der Politik empfohlen."20 unabänderlich in der frühen Kindheit in immer gleicher Weise
abspielt und in dem ursprüngliche Triebe des Kindes durch
Von einem juridischen Subjekt zu sprechen, das diese agonalen psychische Mechanismen domestiziert würden. In Der Wille
Diskurse initiiert, ist daher unzutreffend aber bezeichnend für zum Wissen beschreibt er als Teil der Genese des Sexualitäts-
Butlers Uminterpretation. dispositivs die Pädagogisierung:
Anschließend parallelisiert Butler die Formierung des Kör-
pers in Überwachen und Strafen mit der des Individuums. Wie „Die Pädagogisierung des kindlichen Sexes geht von der zweifachen Be-
hauptung aus, daß sich so gut wie alle Kinder sexueller Aktivität hinge-
diese, wird auch jenes nicht vorausgesetzt:
ben oder hingeben können, und daß diese ungehörige (sowohl natürli-
che wie auch widernatürliche) sexuelle Betätigung physische und mora-
„On the contrary, the individual is formed or, rather, formulated th-
lische, kollektive und individuelle Gefahren birgt" (Foucault 1976 a,
rough his discoursively constituted identity as prisoner" (84).
126).
Allerdings versteht sie den Begriff Individuum abstrakt und Die Disziplinen in Überwachen und Strafen sind konkret gesell-
nicht konkret wie Foucault Die gesellschaftliche Disziplinie- schaftliche Techniken der Erzeugung einer bestimmten Art von
rung und Subjektivierung von bis dahin von der Macht nicht in- Bezugnahme des Subjekts auf sich selbst und auf andere, die
dividuiert betrachteter Bevölkerungsgruppen vollzieht sich über diese Epoche kennzeichnen und in denen die verschiedenen
ihre Individualisierung. Sowohl die Verbrecherinnen und Ver- Diskurse und Interessen sich kreuzen und zusammenlaufen.
brecher des 18. und 19. Jahrhunderts als auch die Schülerinnen Der abstrakt allgemeinen Erklärung Butlers mit Freud steht al-
und Schüler, Arbeiterinnen und Arbeiter werden von den sich so eine konkret historisch verortete Foucaults gegenüber, die
entwickelnden Disziplinarsystemen erfaßt und unterworfen, be- anthropologische Unterstellungen so wenig in Anspruch neh-
obachtet als Individuen und kontrolliert über die Disziplinie- men muß wie allgemeine Hypothesen über strukturelle in-
rung ihrer Körper. Dadurch werden sie jedoch nicht etwa indi- nerpsychische Verläufe. Den Gewinn an Konkretisierung und
Beschreibbarkeit ohne metaphysische Prämissen, den Foucault
durch seinen historischen Textbezug erhält, kann Butler nicht
Duport, Discourse a la Constituante (22.12.1789), zitiert nach Foucault
1975,117. positiv werten. Sie stützt sich auf den Verlauf des Unterwer-

130 180
fungsgeschehens selbst, da dieser für ihre Bezugnahme auf Fou-
Individualisierung von Verbrechern als Gefangenen und Krimi-
caults Konzept der Produktivität der Diskurs- und Machtver-
nellen nicht nur, daß und wie diese über die Zuschreibung von
hältnisse der entscheidende Punkt ist Subjektivierung ist bei
Seele vor sich geht, sondern daß dabei Bevölkerungsgruppen
Foucault als Bewegung gedacht, in der sich durch die Begren-
individualisiert werden, die vorher von der Staatsmacht und Ju-
zung der Möglichkeiten, durch die Vorgabe von Orientierun-
stiz nicht als Individuen angesehen wurden. Die kaum auszu-
gen oder Idealbildern, Konkretes herauskristallisiert
haltende Sichtbarkeit des Monarchen weicht der unerbittlichen
„Hence, subjection is [...] a certain kind of restriction in production, a Beobachtung der Individuen, wie es in Überwachen und Strafen
restriction without which the production of the subject cannot take heißt (243). Die Kontrollfunktion des Staates breitet sich in der
place" (84). Zeit, in der das Gefängnis entsteht, dramatisch aus - über die
systematische Erfassung und Beobachtung der einzelnen.
Diese Beschreibung Butlers trifft, wenn auch abstrahiert von
deren konkreten Themen, Foucaults Intuition. „Diese Individualisierung unterscheidet sich wesentlich von den Straf-
Die Unterschiede zwischen Butlers und Foucaults Denken Abstufungen der alten Rechtsprechung. Diese benutzte [...] zur Bemes-
bestehen (a) in der Historisierung und Verortung von Thesen sung der Züchtigung zwei Variablen: die Umstände und die Intention,
d.h. Elemente, die zur Qualifizierung der Tat selber beitrugen. [...]
und (b) darin, daß Foucault einen außerdiskursiven, materiel- Was sich aber jetzt abzuzeichnen beginnt, ist eine Modulierung, die sich
len Körper des Subjekts annimmt, während Butler Subjektivie- auf den Täter selber bezieht: auf seine Natur, seine Lebens- und Denk-
rung als allgemeinen psychischen Prozeß mit materiellen Neben- weise, seine Vergangenheit, die Qualität und nicht mehr die Intention
wirkungen begreift. Ich will nun Butler folgend, Foucaults Kon- seines Willen" (Foucault 1975,127).
zept der Subjektivierung rekonstruieren, um diese Unterschiede
Dieser neue Ort des Individuums im Licht der öffentlichen
genau herauszuarbeiten. Die Referenztexte dafür sind Überwa-
Kontrolle führt zu einer Introversion der Regeln der Gesell-
chen und Strafen und Der Wille zum Wissen.
schaft, die eine wesentlich diszipliniertere und geordnetere Ge-
Wie geschieht die Subjektivierung in der Moderne nach
sellschaft hervorbringt, als sie vor der Kontrolle der Seßhaftig-
Foucault' Im ersten 1. Kapitel wurde gesagt, daß Foucault die
keit, der Arbeitstätigkeit, etc. existierte. 21
beiden Begriffe Individuum und Subjekt nicht differenziert und,
daß er das Phänomen, das Butler zu erklären versucht, nämlich „Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß,
die Entstehung des Bewußtseins von sich als Subjekt, abstrakt übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber
nach Die Ordnung der Dinge nicht mehr behandelt In den Vor- aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig
beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung"
dergrund tritt für ihn die Frage, was die historisch besondere (ebd., 260).
Art und Weise ausmacht, sich auf sich selbst als Subjekt oder
Individuum zu beziehen, und wie sie jeweils gesellschaftlich Die körperliche Bestrafung von Verbrechern weicht der Kon-
vermittelt ist. Die Produktivität der Diskurs- und Machtbezie- trolle. Wenn die Strafe davon abhängt, was für eine Seele und
hungen bei Foucault hat also andere Objekte als die Produkti- was für einen Charakter bezüglich Lern- und Disziplinierungs-
vität des Diskurses und das Gesetz. Es werden konkrete Sub-
jekte erzeugt, die eine bestimmte Weise der Selbst- und Fremd-
beziehung leben, nicht allgemeine Bewußtseinsstruktur des 21 „Die Aufrichtung der Barriere zwischen den Delinquenten und den
Menschen als innerpsychischer Teilungsprozeß beschrieben. Volksschichten, aus denen sie hervorgegangen sind und mit denen sie
verbunden blieben, war vor allem in den Städten eine schwierige Auf-
Für Foucault wirken vom Lebensanfang an Machtbeziehun-
gabe, an der man lange und hartnäckig gearbeitet hat. Bei der Morali-
gen auf die einzelnen ein - und so wie ihre jeweilige Situation sierung der armen Klassen, die sowohl vom ökonomischen wie vom
und Verfassung eine andere ist, wirken diese in verschiedener politischen Standpunkt aus so wichtig war, hat man verschiedene Ver-
Weise. Je ausdifferenzierter eine Gesellschaft, desto subtiler fahren eingesetzt: Das Eintrichtern einer Grundgesetzlichkeit, [...] das
Beibringen der Grundregeln des Eigentums und des Sparens; das Ab-
sind auch diese Unterschiede. Deshalb ist das Besondere an der
richten zum Arbeitsgehorsam, zur Seßhaftigkeit usw" (ebd., 368).

130 183
fähigkeit die einzelnen in der Haft zeigen oder entwickeln, be- fängnis des Körpers" (42), heißt es bei Foucault, geschrieben
ginnen die Häftlinge, mit diesen Maßstäben ihr eigenes Verhal- auch im Original mit Doppelpunkt Sie zitiert
ten zu bewerten und sich entsprechend zu geben. Zwei Macht-
diskurse bewirken die Subjektivierung: die Idee der Seele und „the man described for us, whom we are invited to free, is already in
die Techniken der Disziplinierung des Körpers. Darum ist himself the effect of a subjection [assujettissement] much more pro-
found than himself [...] the soul is the prison of the body" (58).
»die Geschichte der Mikrophysik der Strafgewalt: ein Stück der Genea-
logie der modernen Seele" (ebd., 41). Die Übersetzung des Doppelpunktes mit is suggeriert eine
Gleichsetzung von Seele und Gefängnis des Körpers, die der
Doch der Angriffspunkt der Disziplinierung der Subjekte sind Doppelpunkt nicht bedeutet Der Doppelpunkt legt vielmehr
die Körper. Die körperliche Übung und Routine wird zum er- nahe, daß die Seele unter anderem auch als Gefängnis des Kör-
sten Mittel der Unterwerfung. pers bezeichnet werden könne. Dies umso mehr, als die Auslas-
sung in Butlers Text die Sätze betrifft
„Die Übung ist [...] jene Technik, mit der man den Körpern Aufgaben
stellt, die sich durch Wiederholung, Unterschiedlichkeit und Abstufung „Eine Seele wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber ein
auszeichnen. Indem sie das Verhalten auf einen Endzustand hin ausrich- Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt.
tet, ermöglicht die Übung eine ständige Charakterisierung des Individu- Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die See-
ums: entweder in bezug auf das Ziel oder in Bezug auf die anderen In- le: Gefängnis des Körpers" (Foucault 1975, 42).
dividuen oder in Bezug auf eine bestimmte Gangart" (ebd., 207 f.).
Die Seele als Gefängnis des Körpers ist also selbst ein Effekt,
Erst die Übung erzeugt das moderne, selbstkontrollierte und das Produkt einer politischen Anatomie. Die Seele des Verurteil-
selbstreflexionsfähige Subjekt. Wie wirken Seele und Körper
ten entsteht als Verdoppelung seiner selbst.
nach Foucaults Verständnis aufeinander ein? Butler wirft ihm
schon in Körper von Gewicht vor, das Verhältnis der Seele zum „Das Mehr an Macht auf Seiten des Königs führt zur Verdoppelung sei-
Körper letztlich aristotelisch zu konzeptualisieren, nach dem nes Körpers - hat nicht die Übermacht, die sich am unterworfenen
Modell der Beziehung von morphe und hyle, also so, daß die Körper des Verurteilten ausläßt, eine andere Verdoppelung hervorge-
rufen? Die Verdoppelung durch ein Unkörperliches - eine Seele [...] In
Seele den Körper formt, der vorher nur als amorphe Rohmasse dieser Seele wäre also nicht ein wiederbelebtes Relikt einer Ideologie
existiert Dies übernimmt sie in The Psychic Life of Power. zu erblicken, sondern der aktuelle Bezugspunkt einer bestimmten
Technologie der Macht über den Körper. Man sage nicht, die Seele sei
„The prison thus acts on the prisoner's body, but it does so by forcing eine Illusion oder ein ideologischer Begriff. Sie existiert, sie hat eine
the prisoner to approximate an ideal, a norm of behavior, a model of Wirklichkeit, sie wird ständig produziert - um den Körper, am Körper,
obedience. [...] This normative ideal, inculcated, as it were, into the im Körper - durch Machtausübung an jenen, die man bestraft, und in
prisoner is a kind of psychic identity, or what Foucault will call a soul" einem allgemeineren Sinne an jenen, die man überwacht, dressiert und
(85). korrigiert, an den Wahnsinnigen, den Kindern, den Schülern, den Kolo-
nisierten, an denen, die man an einen Produktionsapparat bindet und
Foucault bezeichnet die Seele als das Gefängnis des Körpers, ein Leben lang kontrolliert" (ebd., 41).
und dies belegt für sie, daß die Art und Weise, wie sich Körper
Wie funktioniert diese politische Anatomie, und wer besser was
materialisieren, für ihn davon abhängt, wie die Ideale, die psy-
setzt sie in Kraft5 Foucault vermutet kein Subjekt und keine in-
chische Phänomene sind, ihn formen. 22 Der Satz in Überwachen
tendierte Systematik hinter den gesellschaftlichen Umbrüchen,
und Strafen, auf den Butler sich zum Beleg bezieht, wird jedoch
die in der ersten Phase der Industrialisierung und im Kontext
mit einer Auslassung und einer kleinen aber sinnverändernden
der Aufklärungsmoral die Entwicklung des Gefängnisses als
Modifikation der Satzzeichen wiedergegeben. „Die Seele: Ge-
Form des Strafvollzuges hervorbringen. Das Verhältnis von See-
le und Körper und die nichtmaterielle Wirklichkeit der erste-
22 Siehe dazu Butler 1993, 58 und 1997 a, 85.
ren hat Andrea Maihofer beschrieben:

130 185
„Historisch einmal entstanden, haben die Menschen eine Seele, ein Ge-
wissen oder eine Subjektivität. Die Seele ist daher auch nicht bloß auf scheinen. Daß dieser Begriff eine Anlehnung an politische Öko-
den Körper eingeschrieben sie ist in ihm. [...] Sie hat vom Körper Be- nomie ist, unterstreicht, daß Foucault in Der Wille zum Wissen
sitz ergriffen und ihn zu einem Körper mit einer Seele gemacht. Ande- im Kontext des Sexualitätsdispositivs auch vom Körper als
rerseits wird der Körper in diesem Vorgang überhaupt erst zu einem
Körper mit einem Innenraum: Die Seele spaltet den Körper. [...] Aus wichtigster Relaisstation zwischen Sex und Ökonomie
diesem Grunde auch dreht Foucault das christlich-theologische Bild spricht 4
vom Körper als Gefängnis der Seele um. [...] Doch wird diese Umkeh- Maihofer kennzeichnet die Differenz im Verständnis der
rung für das Ganze genommen, [wie bei Butler, C.H.] gerät aus dem
Blick, daß sich für Foucault die moderne Seele (das moderne Subjekt Körper-Seele-Beziehung bei Butler und Foucault wie folgt
oder das Gewissen) historisch selbst wiederum durch einen bestimmten
Zugriff auf den Körper entwickelt - [...] durch historisch bestimmte „Während bei Foucault [...] die Seele einen Körper bekommt, bzw. in
Formen des Strafens, des Disziplinierens, des Arbeitens sowie inner- gewisser Weise zu einer materiellen Realität wird, verflüchtigt sich bei
halb sozialer Praktiken wie der Praxis des Geständnisses" (Maihofer Butler [...] der Körper ganz allmählich zur Seele, zu etwas Immateriel-
1995, 50). lem, Intelligiblem, Fiktivem" (Maihofer 1995, 50).

Die Seele ist auch bei Foucault immateriell gedacht, doch sie
Maihofer hat recht, wenn sie Butlers Engführung kritisiert
entsteht und wirkt über den Körper und dessen Unterwerfung.
Doch auch sie trifft m. E. nicht genau, was politische Anatomie
meint, sonst würde sie nicht sagen, daß erst mit dieser histori- „Diese wirkliche und unkörperliche Seele ist keine Substanz; sie ist das
schen Entwicklung der Körper zu einem „mit einem Innen- Element, in welchem sich die Wirkungen einer bestimmten Macht und
raum" wurde, j" Foucault spricht von politischer Anatomie vor der Gegenstandsbezug eines Wissens miteinanders verschränken; sie ist
das Zahnradgetriebe, mittels dessen die Machtbeziehungen ein Wissen
dem Hintergrund seiner Beschäftigung mit der Anatomie und ermöglichen und das Wissen die Machtwirkungen erneuert und ver-
ihrer Bedeutung für die mechanische Körpervorstellung in der stärkt" (Foucault 1975, 41 f.).
Gehurt der Klinik Der Nutzbarmachung, technische Indienst-
nahme und Bildung des Körpers durch Übung in der Disziplin Die paradoxe Bewegung der Subjektivierung, die Butler in The
setzt diese Anatomie und die zu ihr gehörige Pathologie vor- Psychic Life of Power mit Freud rekonstruiert, ist jedoch nach
aus. Daß sich der Körper als „mit einem Innenraum" versehen Butlers Modell der Subjektivierung bei Foucault gebildet Und
und als Oberfläche in dieser Epoche konfigurierte, ist, wie da setzt in diesem Buch auch ihre Auseinandersetzung mit Fou-
Foucaults Geburt der Klinik zeigt, medizingeschichtlich nicht cault an. Sie ersetzt seinen Begriff Seele (franz. äme, engl, soul)
richtig. 23 Daß dieser Innenraum allerdings als organisch-mate- durch Psyche und betont, daß Psyche als dreigeteilte nicht mit
rieller erforscht wird, und vom Seelenleben beeinflußt gedacht dem Subjekt zusammenfalle:
wird, das ist das Neue.j Die Texte, die Foucault in Überwachen
„Thus the psyche, which includes the unconscious, is very different
und Strafen referiert, die Pläne zur umfassenden Kontrolle und from the subject: the psyche is precisely what exceeds the imprisoning
Überwachung der Bevölkerung durch die Disziplinierung ihrer effects of the discursive demand to inhabit a coherent identity, to be-
Lebensweise, lassen die Bezeichnung dieser Diskurse als politi- come a coherent subject. [...] The psyche is what resists the regulariza-
sche Anatomie der Bevölkerung in diesem Sinne passend er- tion that Foucault ascribes to normalizing discourses" (Butler 1997 a,
86).
Doch die Psyche widersteht der Normalisierung nicht, weil das
23 Ich erinnere auch an Dudens Arbeit über Johann Storch und dessen Subjektsein der einzelnen vor ihrer Ausstattung mit einer Seele
merkwürdige Vorstellungen vom physiologischen Innenleben seiner Pa- läge, wie ich in bezug auf die Verbrecher und ihre Handlungs-
tientinnen, das mit nicht seelischen sondern realen Alltagserlebnissen
verschränkt gedacht wird, wenn uns harmlos erscheinende Tätigkei-
ten, zu ungewohnter Zeit verrichtet, Krankheiten auslösen sollen. Der
Zufall ist nach Storch die häufigste Ursache von Frauenkrankheiten
24 Foucault 1976 a, 129. In Singer 1999 werden diese Ansätze in interes-
(vgl. Duden 1991 a, 163 ff.). santer Weise aufgegriffen und weitergeführt zu einer Kritik der politi-
schen Ökonomie des Sex in der Gegenwart.
130 187
fähigkeit sagte; sondern weil das Subjekt mit der Gegenmacht resistance to normalization and to subject formation, a resistance that
des Unbewußten in seiner Psyche konfrontiert sei, die seine emerges precisely from the incommensurability between psyche and
Identität mit sich verhindere. Butler kritisiert, daß Foucault die subject?" (ebd., 87).
Seele als eindimensionalen Effekt des Gesetzes denkt, und da-
Wie kann Foucault psychischen Widerstand fassen, wenn er die
mit die Körper als einseitige Effekte der Disziplinarmacht
Psyche als Gefängniseffekt der Normalisierungsmacht versteht'
Denn wenn die Macht die Seele erzeugt und diese wiederum
Zusammen mit dieser Frage behandelt Butler auch die Gegen-
die Körper formt, dann sind Seele und Körper durchgängig von
frage: Ob die Vertreterinnen und Vertreter der Psychoanalyse,
der sie erzeugenden Macht bestimmt Butlers Foucault-Kritik
endet daher damit, daß sie einklagt, er müsse die Verfehlungen die im Unbewußten den Garanten des Widerstandes gegen die
in der Produktion der Macht anerkennen, die Ausschlüsse, das Normalisierung des Subjekts ansetzen, sich dabei nicht eines
Unbewußte und das widerständige Potential darin. Sie bemüht Taschenspielertricks bedienen. Das Unbewußte sei eben der
sich dann, Foucault so umzuschreiben, daß er mit dieser Kon- Ort, an welchem sich die Kosten der sozialen Unterwerfung
zeption verträglich wird. Dazu begründet sie ihre Affirmation des Individuums niederschlagen. Das Unbewußte ist:
der Psychoanalyse gegen Foucaults Psychoanalyse-Kritik: 25 „a certain unharnessed and unsocialized remainder. This psychic rema-
inder signifies the limits of normalization" (ebd., 88).
„I think that one cannot account for subjectivation and, in particular,
becoming the principle of one's own subjection without recourse to a Doch selbst wenn das Unbewußte den Widerstand des Subjekts
psychoanalytic account of the formative or generative effects of re- gegen seine totale Unterwerfung garantieren würde, heißt das
striction or prohibition. Moreover, the formation of the subject can-
not fully be thought - if it ever can be - without recourse to a paradoxi- nicht, daß es das Subjekt befähigt, nicht nur im Rahmen der
cally enabling set of grounding constraints" (ebd., 87). geltenden Regeln gegen diese aufzubegehren, sondern sie auch
umzuschreiben. Sein Widerstand wäre dann systemkonform
Nun würde Foucault sicher zustimmen, daß ein Verständnis und nicht radikal.
der formierenden Kraft produktiver Verbote sowie der funda- Mit dieser Argumentation geht Butler auch die Frage der Be-
mentalen Abhängigkeiten, in denen sich das Subjekt immer
deutung der Körper in Foucaults Rede von den Disziplinarregi-
schon befindet, nötig ist, seine Entwicklung zu begreifen. Doch
men an, die diese Körper formen.
braucht diese Erklärung den psychoanalytischen Kategorien-
rahmen? Die Frage des Widerstands wird in der Folge zum Zen- „Although Foucault wants on occasion to refute the possibility of a bo-
trum der Auseinandersetzung Butlers mit Foucault. dy which is not produced through power relations, sometimes his ex-
planations require a body to maintain a materiality ontologically di-
stinct from the power relations that take it as a site of investment"
„The question of a suppressed psychoanalysis in Foucault [...] might be
(ebd., 89 f.).
raised more precisely as the problem of locating or accounting for resi-
stance. Where does resistance to or in disciplinary subject formation
take place? Does the reduction of the psychoanalytically rich notion of In Uberwachen und Strafen sieht sie die Seele als „powerladen
the psyche to that of the imprisoning soul eliminate the possibility of schema that produces and actualizes the body" (90) konzipiert.
Daß das Verhältnis von Seele und Körper bei Foucault anders
gelesen werden muß, als Butler das tut, wurde in bezug auf die
25 Siehe dazu Wahnsinn und Gesellschaft und Der Wille zum Wissen. Fou- früheren Texte bereits ausgeführt Butler versteht in The Psychic
cault begreift dort Psychologie und Psychoanalyse als Machtstrate- Life of Power Foucault anders als in Das Unbehagen der Ge-
gien, als Macht-Wissens-Diskurse, die im Dienst der Macht die Nor- schlechter und Körper von Gewicht, auch wenn sie von derselben
malisierung als Subjektivierungsprinzip durchsetzen, indem sie 1) be- Interpretation ausgeht Sie hebt hervor, daß Foucault davon
stimmte Normalitätskriterien formulieren, 2) deren Einhaltung und die
Observation der Nichtangepaßten kontrollieren und 3) die Dispositive spricht, daß die Formierung des Subjekts durch die Unterwer-
durch die stete Wiederholung der Regeln im Zwang, die Übertretung fung und Destruktion des Körpers vor sich gehe, und paralleli-
zu gestehen, festigen.

130 189
siert den Körper bei Foucault mit der Psyche, bzw. der Funkti- Auch wenn es gelingt, die Zeichenkette zu verschieben und
on des Unbewußten in der Freudschen Theorie der Psyche. darum die Bedeutung der Homosexualität sich verändert haben
sollte. Doch der stigmatisierende Gehalt kann jederzeit wieder
„If the body is subordinated and to some extend destroyed as the dis- in den Begriff hineingelegt werden. Mit dem Gegendiskurs als
sociated self emerges, and if that emergence might be read as the subli-
mation of the body and the self be read as the body's ghostly form, Resignifikation in Butlers Sinne wäre daher nicht die Befreiung
then is there some part of the body that is not preserved in sublimati- von der früheren Bedeutung verbunden. Sie zitiert dazu Roses
on, some part of the body which remains unsublimated?" (ebd., 92). Betonung der konstitutiven Widerständigkeit des Unbewußten:
„If according to psychoanalysis, the subject is not the same as the psy- „there is a resistance to identity at the very heart of psychic life" (Rose
che from which it emerges and if, for Foucault, the subject is not the 1987, 90 f., zitiert nach Butler 1997 a, 97).
same as the body from which it emerges, then perhaps the body has
come to substitute for the psyche in Foucault - that is, as that which Dieser Widerstand ist keiner von außen, der die Macht umzu-
exceeds and confounds the injunctions of normalization" (ebd., 94). drehen vermag, sondern jene sukzessive Verschiebung der Zei-
Sie fragt, ob dieser Prozeß der Unterwerfung des Körpers nicht chenkette, die Veränderungen bringt, ohne daß es einen Ort
ein gleichsam körperliches Unbewußtes entstehen laß:. oder ein Subjekt außerhalb der Macht gäbe. Butler sieht bei
Foucault kein Außen der Macht, weder in Überwachen und Stra-
„This bodily remainder, I would suggest, survives for such a subject in fen noch in Der Wille zum Wissen, wo das Verhältnis von Macht
the mode of already, if not always, having been destroyed, in a kind of und Widerstand als unlösbare Verbindung konzipiert ist
constitutive loss. The body is not a site on which a construction takes
place; it is a destruction on the occasion of which the subject is for- „Resistance is thus located in a domain that is virtually powerless to al-
med" (ebd., 92).
ter the law that it opposes. Hence, psychic resistance presumes the
continuation of the law in its anterior, symbolic form and, in that sen-
Ist für Foucault der Körper als unterworfener widerständig? se, contributes to its status quo. In such a view, resistance appears doo-
med to perpetual defeat" (ebd., 98).
„One might expect the body to return in a non-normalizable wildness,
and there are of course moments in Foucault when something like that Butler wiederholt hier die Formulierung, mit der ihr zuvor an-
happens. But more often than not, in Foucault the possibility of sub-
version or resistance appears (a) in the course of a subjectivation that
geführtes Zitat aus Der Wille zum Wissen 6 endet:
exceeds the normalizing aims by which it is mobilized, for example in
reverse-discourse, or (b) through convergence with other discursive re- „But that does not mean that they are only a reaction or rebound, for-
gimes, whereby inadvertently produced discursive complexity under- ming with respect to the basic domination an underside that is in the
mines the teleological aims of normalization" (ebd., 92 f.). end always passive, doomed to perpetual defeat" (ebd., 98).

Welche Art von Widerstand ist so möglich? Steht Foucault vor


der gleichen Schranke wie die psychoanalytische Theorie, die
auf das Unbewußte setzt, nämlich daß er zwar Widerstand,
aber keine Resignifikation der Machtbeziehungen, keine echte 26 Die deutsche Übersetzung lautet: „Es gibt im Verhältnis zur Macht
Subversion konzeptualisiert? Am Beispiel der Homosexualität nicht den einen Ort der Großen Weigerung - die Seele der Revolte,
den Brennpunkt aller Rebellion, das reine Gesetz des Revolutionärs.
zeigt Butler, warum die Methode (a) des Gegendiskurses schwach Sondern es gibt einzelne Widerstände: mögliche, notwendige, un-
ist Das Subjekt steht ständig im Prozeß seines Werdens durch wahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecheri-
Kategorien, die es bezeichnen und formieren. Die Resignifizie- sche, gewalttätige, unversöhnliche, kompromißbereite, interessierte
rung der Kategorie Homosexualität kann vor diesem Hinter- und opferbereite Widerstände, die nur im strategischen Feld der
Machtbeziehungen existieren können. Aber das heißt nicht, daß sie
grund zwar gelingen, was die Pathologisierung der Homosexu- gegenüber der eigentlichen Herrschaft eine Folgewirkung, eine Ne-
ellen angeht, doch auf der Homosexualität insistieren heißt zu- gativform darstellen, die letzten Endes immer nur die passive und un-
gleich, die Normalität der Heterosexualität bestätigen (93). terlegene Seite sein wird" (Foucault 1976 a, 117).

130 190
Das Imaginäre, den Widerstand, der sich nicht auf das Gesetz Als Beispiele für progressiven Gebrauch der Sprache führt sie
selbst zurückwenden kann, bezeichnet sie in dieser Foucault- verschiedene Bedeutungen von Frau und Frau, queer und queer
kritik als zum Scheitern verurteilt und beharrt doch selbst auf an, die je nach Kontext etwas anderes bedeuten. Daran zeige
dieser paradoxen Figur gegenseitiger Bedingung, die Wider- sich, daß progressiver Gebrauch der Sprache möglich ist, und
stand ermöglichen soll, den repressiven in der Wiederholung für die Subversion reterri-
p Nach Foucaults Der Wille zum Wissen kann es Macht nicht torialisiert Genau dieses Ideal findet Butler auch bei Foucault
ohne Widerstand geben und ebensowenig Widerstand ohne die Wendung des Gesetzes gegen sich selbst, die dessen Ziele
Macht Jede widerständige Verschiebung und Veränderung der unterwandert (100). Foucaults Verständnis des Verhältnisses
Machtbeziehungen kommt aus den Konstellationen der Macht- von Macht und Subjektivierung, einer Subjektivierung, die nie-
beziehungen selbst heraus, nicht von außen. Da jedoch die mals total sein kann, führe dazu, daß er in Der Wille zum Wis-
Macht nach Foucault eben nicht eine ist und auch nicht ein Ge- sen die Befreiung von juridischen Individualisierungsmechanis-
setz ihr zugrundeliegt, ist diese Transformation der Machtver- men fordern kann (100 f.). Butler meint, Foucault könne in
hältnisse durch Widerstandsaktionen kein Scheitern. I Die gegen- Überwachen und Strafen Widerstand gegen die Disziplinierungs-
seitigen Wirkungen von Macht und Widerstand sind die Verän- mächte nicht konzeptualisieren, in Der Wille zum Wissen hinge-
derungen und Bewegungen in der Geschichte - der einzelnen gen schon, und fragt, ob es etwas Spezifisches im Verhältnis
wie der Gesellschaft Dies sieht auch Butler so, wenn sie aner- von Sexualität und Macht ist, das bedingt, daß Widerstand in
kennt, daß Foucault das Lacansche juridische Denksystem ver- Überwachen und Strafen, wo Sexualität keine Rolle spielt, nicht
läßt, wenn er den Widerstand als Effekt der Macht versteht möglich ist Die Raffinesse dieser Interpretation liegt in ihrer
Antwort auf diese Frage. Sie sagt, der Unterschied könnte sein,
„For Foucault, the symbolic produces the possibility of its own subver-
sions and these subversions are unanticipated effects of symbolic inter-
daß in Der Wille zum Wissen die repressive Funktion des Geset-
pellations" (ebd., 99). zes unterlaufen werde, weil das Gesetz selbst Objekt erotischer
Bezugnahme und Anreizung ist.
Sie ersetzt Foucaults Theorie des Körpers als Durchgangspunkt
und Stützpunkt der Macht und des Widerstandes durch die „Disciplinary apparatus fails to repress sexuality precisely because the
apparatus is itself eroticized, becoming the occasion for the incitement
symbolische Ordnung, die die Bedingungen ihrer eigenen Sub-
of sexuality and, therefore, undoing its own repressive aims" (ebd.,
version hervorbringen soll, und diese Umschreibung wird auch 101).
offensiv markiert
Butler plaziert Foucaults Körperbegriff da, wo in Freuds Topo-
„The notion of the symbolic does not address the multiplicitiy of logie der Psyche das Unbewußte steht, und parallelisiert so die
power vectors upon which Foucault insists, [...] In this sense, discipli-
nary discourse does not uniliterally constitute a subject in Foucault, or
Relation Körper - Seele mit der Ich - Unbewußtes. Widerstand
rather, if it does, it simultaneously constitutes the condition for the ist nur von innerhalb des Systems möglich, weil es kein Außer-
subject's de-constitution" (99). halb gibt. Das Potential zur Veränderung seiner Situation liegt
im Subjekt/der Psyche selbst, weil Konflikte sich innerpsy-
Butler liest fortan diese Figur diskurstheoretisch, wenn sie das chisch abspielen. Das letzte offene Problem ist nun, wie sich
durch Anrufung erzeugte Subjekt nicht ein fixiertes nennt, son- der Widerstand äußern kann. Der bodily remainder ist für But-
dern eines, das ständig im Werden ist Wieder spricht sie, wie ler eine defizitäre Konstruktion gegenüber dem Unbewußten,
in den früheren Texten, von Wiederholung und Verschiebung da letzteres eine intelligible Instanz ist, die sich in den diskur-
als Schlüssel der Subversion: siven Akten des Subjekts ausdrückt, während unklar bleibt, wie
„This repetition or, better, iterability thus becomes the non-place of
der Körper sich widerständig einbringen kann. Der Körper als
subversion, the possibility of a re-embodying of the subjectivating durch die Macht erzeugter kann das nicht und diese Argumen-
norm that can redirect its normativity" (ebd., 99).

192 130 192


tation bestätigt, daß Butler auch hier Körper vollständig macht- Sie nimmt in The Psychic l i f e of Power Umschreibungen sowohl
produziert denkt. Foucaults als auch Freuds vor. Denn Freuds Konzeption der
Butler geht von der Gleichursprünglichkeit von verbieten- Psyche ist keine rein ideelle, wie sie sagt. Die Prozesse, die
dem Gesetz und Widerstand aus. So wie nach Freud das Unbe- sich in ihr abspielen, sind für Freud physiologische Vorgänge,
wußte eine Wirkung des Begehrens, der Zurückweisung und die er nur nicht erklären kann.
der Identifikation ist - und dabei sind Begehren und Reflexivi- Eine andere Umdeutung ist ihre Lesart des Körperbegriffs.
tät gleichursprünglich gesetzt (102 f.) -, ist der Begriff sexuelle Sie schreibt Freuds Rede vom Ich als körperlichem und Fou-
Identität ein Widerspruch in sich, in dem Machtformung und caults Körperbegriff um, z.B. indem sie sich affirmativ auf
Widerstand zusammengeschlossen sind: Freuds Satz in Das Ich und das Es bezieht:
„For Foucault the subject is formed and then invested with a sexuality „das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächen-
by a regime of power. [...] a subject is formed through the prohibition
wesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche" (Freud 1923,
of a sexuality, a prohibition that at the same time forms this sexuality -
294).
and the subject who is said to bear it. [...] In this sense a sexual identity
is a productive contradiction in terms, for identity is formed through a
prohibition on some dimension of the very sexuality it is said to bear Dazu existiert in der englischen Übersetzung des Freud-Textes
and sexuality, when it is tied to identity, is always in some sense unter- eine Fußnote, die das näher ausführt:
cutting itself" (ebd., 103 f.).
„Le. the ego is ultimately derived from bodily sensations, chiefly from
Butler führt diese innere Logik des Dispositivs der Sexualität those springing from the surface of the body. It may thus be regarded
as a mental projection of the surface ot the body, besides, as we have
auch in Haß spricht an als Grund dafür, warum die gerichtliche
seen above, representing the superficies of the mental apparatus"
Beschwerde einer Frau über sexistische Diffamierungen erfolg- (ebd.,).
los bleiben muß: Weil der Versuch, über Sexuelles zu reden -
auch und gerade über das Verbotene - wiederum den Diskurs Butler bezieht sich auf diese Fußnote zur Beschreibung der
über das Sexuelle anreizt und erhält und die Rolle der Frau in imaginären Morphologie des Körpers, die - wie sie meint nach
diesem Diskurs bestätigt. In The Psychic Life of Power hält sie Freud - kein vorsprachlicher und vorsozialer Prozeß ist, son-
Foucault vor, daß er keine Strategie der Resignifikation der dern selbst durch regulierende Schemata orchestriert wird, die
Sprache entwickelt, die diese Logik unterläuft.
„intelligible morphologische Möglichkeiten hervorbringen. Diese regu-
lierenden Schemata sind keine zeitlosen Strukturen, sondern historisch
„If Foucault could argue that a sign could be taken up, used for purpo-
ses counter to those for which it was designed, then he understood that revidierbare Kriterien der Intelligibilität - Kriterien, die Körper produ-
even the most noxious terms could be owned, that the most injurious zieren und unterwerfen, die von Gewicht sind" (Butler 1993, 37).
interpellations could also be the site of radical reoccupation and resi-
gnification" (ebd., 104). Doch die Passage direkt vor der zitierten, stellt diese Interpre-
tation Butlers in Frage. Freud sagt, daß äußere Wahrnehmun-
Butler schließt mit der Berufung darauf, daß die ungerechte Be- gen und Empfindungen immer bewußt sind, im Gegensatz zu
nennung dennoch das Ich als soziales Subjekt erzeugt, das sich unbewußten Vorstellungen und Gedanken. Letztere können
als Subjekt der Benennung zu widersetzen vermag. Diese Trope dann bewußt werden, wenn sie sich mit Wortvorstellungen ver-
der paradoxen Wende bringt zwar nicht das Unbewußte außer- binden, welche im Vorbewußten vorhanden sind, weil sie sich
halb der Macht, aber sozusagen das Unbewußte der Macht als Erinnerungsspuren, Markierungen aus früheren Erfahrun-
selbst (104) hervor. gen, eingeprägt haben. Das Ich ist der durch
Die eigentümliche Weise, in der Butler Foucaults Thesen
zur Übung als Unterwerfung der Körper und dem Mechanismus „den direkten Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von Wortbe-
wußtsein veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine Fortsetzung der
der Subjektivierung umwendet, ist damit deutlich geworden.

130 195
Oberflächendifferenzierung. [...] Die Wahrnehmung spielt für das Ich nen einschreiben, setzt diesen Einschreibungen auch Wider-
die Rolle, welche im Es dem Trieb zufällt" (Freud 1923, 293). stand entgegen, und sei es als letzte Waffe im Tod. 2 9 Der indi-
Ich heißen der bewußte und vorbewußte Anteil des psychischen viduelle, eigene Körper, seine Grenzen und seine Form, muß
Apparates, der unbewußte heißt Es. Der Zusammenhang der als materielle Grundlage des Bewußtseins und vor allem der
Freudschen Überlegungen zeigt die Entstehung des Ich: Identität gesehen werden. Wie fließend und brüchig diese Iden-
tität ist, wird uns aus Erscheinungen wie Schizophrenie, Akten
„Auf die Entstehung des Ichs und seine Absonderungen vom Es scheint der Selbstverstümmelung, der individuellen Suche nach Auflö-
noch ein anderes Moment als der Einfluß des Systems W [Wortbe- sung der Ichgrenzen, etc. deutlich. Der Körper kann nur zum
wußtsein, C.H.] hingewirkt zu haben. Der eigene Körper und vor al- Ausgangspunkt von Widerstand werden, wenn der erfahrene
lem die Oberfläche desselben ist ein Ort, von dem gleichzeitig äußere
und innere Wahrnehmungen ausgehen können. Er wird wie ein anderes Leib als gezwungener erlebt werden kann. Dieses Motiv ist in
Objekt gesehen, ergibt aber dem Getast zweierlei Empfindungen, von Butlers nicht-lebbaren Körpern implizit auch angelegt, ohne daß
denen die eine einer inneren Wahrnehmung gleichkommen kann. Es ist sie selbst aber ein Erleben leiblicher Identität theoretisch zulas-
in der Psychologie hinreichend erörtert worden, auf welche Weise sich sen kann. Sie kann daher die Psyche nicht als Reales, Physiolo-
der Körper aus der Wahrnehmungswelt heraushebt. Auch der
Schmerz scheint dabei eine Rolle zu spielen, und die Art, wie man bei gisches im Sinne Freuds meinen - gerade angesichts der Immate-
schmerzhaften Erkrankungen eine neue Erkenntnis seiner Organe er- rialität, die der Körper in ihrem Denken annimmt -, sondern
wirbt, ist vielleicht vorbildlich für die Art, wie man überhaupt zur die Psyche muß eine grammatische Figur sein, wie das Subjekt
Vorstellung seines eigenen Körpers kommt. Das Ich ist vor allem ein selbst Doch dann entsteht wieder das Problem der Affekte und
körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die
Projektion einer Oberfläche" (ebd., 294). der Widerstandsmotive. Die Affekte selbst ebenfalls als Bezie-
hungsfiguren zu begreifen, nämlich als Verbindungen von ei-
Hier steht Butlers Referenzsatz im Kontext der Freudschen nem grammatischen Ort zu einem anderen, scheint mir zwar
Überlegungen. Die Existenz unbewußter Schuldgefühle und Ge- konsequent, aber abwegig. Butlers Vorstellung würde eher mit
wissensnöte in der klinischen Praxis ist für Freud der Beweis einem Wechsel in die physikalische Sprache ausdrückbar, wenn
dafür, daß das Ich vor allem ein „Körper-Ich"2 ist, denn die die Emotionen als positive oder negative elektrische oder ma-
erlebte Einheit des bewußten Ich scheint nicht in den seeli- gnetische Ladungen bezeichnet würden, die innerhalb des dis-
schen und kognitiven Funktionen zu entstehen, sondern in der kursiven Netzes wirksam sind. Diese Metaphorik soll das Pro-
körperlich-sinnlichen Erfahrung von mir als Ich. Das heißt blem deutlicher zeigen, das in Butlers Reduktionismus des Sub-
aber, nicht das vorbewußte Wortbewußtsein ist der Angelpunkt jekts als grammatischer Figur liegt und in ihrer diskurstheoreti-
des Ich, sondern die leibliche Erfahrung als körperliches Ich. schen Grundausrichtung. Sie bewegt sich damit auf einer Ebene
Der Körper ist demnach bei Freud als empirische, leibliche der Reflexion, die gesellschaftliche Zustände als physikalische
Entität ebenso die Ausgangsbasis der Entstehung des Ich wie zu beschreiben erlaubt, aber von allem konkret Erlebten ab-
bei Foucault Ort und Angelpunkt des Subjekts. 28 sieht, sowohl vom Leiden an der Macht als auch von der Moti-
Der Körper als Ort, als subjektiv erlebbare, materielle Ein- vation zum Widerstand gegen sie, die darin liegt
heit des Ichs, in die sich die Machtverhältnisse über Diszipli- Das bedeutet für eine praktisch-politische Theorie des Sub-
jekts, daß Foucault, der an einer außerdiskursiven Materialität

27 Ebd., 295.
28 Die Verschränkung von leiblichem Spüren und beobachtendem Erle- 29 Die Nichtverfügbarkeit des Leibes/Körpers, die dem gewaltsamen
ben des Körpers klingt in Freuds Sätzen an, ist aber nicht ausgear- Zugriff der Macht ein Ende setzt, indem sie ihr das Objekt entzieht,
beitet. Die Wechselseitigkeit der Innen-Außen-Beziehung von Gefühl kann auch als Natur des Leibes/Körpers bezeichnet werden (Thomas
und Bewußtsein des Subjekts auf seinen Leib/Körper erzeugt die 1996). Die Grenzen zwischen Kultur und Natur in diesem Sinne sind
Vielfältigkeit der Bezüge, in denen es zu sich und der Außenwelt zwar historisch, kulturell und individuell verschiebbar, aber nicht auf-
steht. hebbar.

130 196
des Leibes festhält, ein kritisches Potential reklamieren kann, nichts, auch nicht auf ihren Leib als stabile Erfahrungsquelle
das Butler aufgibt, weil sie kohärent und systematisch denken verlassen können:
will, ohne die Tendenz zur idealistischen Metaphysik, die in
„Alles, woran man sich anlehnt, um sich der Geschichte zuzuwenden
diesem Bestreben liegt, wichtig zu nehmen. Das soll an Fou- und sie in ihrer Totalität zu erfassen, alles, was sie als eine geduldige
caults Körperbegriff weiter ausgeführt werden, wozu sich der und kontinuierliche Bewegung erscheinen läßt, muß systematisch zer-
Kontext seines Genealogieverständnisses anbietet brochen werden. [...] Die Historie wird wirklich in dem Maße sein, in
dem sie das Diskontinuierliche in unser eigenes Sein einführen wird.
Sie wird unsere Gefühle zerteilen; sie wird unsere Instinkte dramatisie-
ren; sie wird unseren Leib vervielfältigen und ihn ihm selbst entgegen-
setzen. [...] Die wirkliche Historie läßt das Ereignis in seiner einschnei-
Genealoge, Macht, Ereignis. Konkrete Körper denden Einzigartigkeit hervortreten" (ebd., 97 f.).

Ich sagte, daß Foucault eine zwar nicht bestimmbare, aber sub- Dieses Geschichtsverständnis ist wichtig, um Foucaults Dis-
stantielle Existenz von Körpern vor ihrer diskurs- und macht- kurs- und Machttheorie zu verstehen, denn es fließt in diese ein
theoretischen Formung ansetzt, etwa wenn er von der „instru- und begründet seine Erklärungsansprüche für die Geschichte
menteilen Codierung des Körpers" (Überwachen und Strafen, des Gefängnisses und seine Kritik der modernen Subjektwer-
197) spricht. Butler bezieht sich diesbezüglich vor allem auf dung qua Sexualitätsdispositiv. Wichtig ist dabei auch sich klar
seinen Text Nietzsche, die Genealogie, die Historie. Dort schreibt zu machen, daß der Begriff des Ereignisses in Foucaults Sinn
er: nicht metaphysisch überhöht verstanden werden darf. Foucault
bezeichnet sich wegen seines Ereignisbegriffs auch selbst als
„Dem Leib prägen sich die Ereignisse ein (während die Sprache sie no-
tiert und die Ideen sie auflösen). Am Leib löst sich das Ich auf (das sich Antistrukturalist:
eine substantielle Einheit vorgaukeln möchte). Es ist eine Masse, die
ständig abbröckelt [...] Als Analyse der Herkunft steht die Genealogie „Wenn man davon ausgeht, daß der Strukturalismus das systematisch-
also dort, wo sich Leib und Geschichte verschränken. Sie muß zeigen, ste Bemühen darstellte, den Begriff des Ereignisses nicht nur aus der
wie der Leib von der Geschichte durchdrungen ist und wie die Ge- Ethnologie, sondern aus einer ganzen Reihe anderer Wissenschaften
schichte am Leib nagt" (Foucault 1974, 91 f.). und letztendlich aus der Geschichte selbst zu entfernen, dann kann ich
mir niemanden vorstellen, der mehr Antistrukturalist wäre als ich. Es
Foucaults Verständnis von Genealogie unterscheidet sich deut- geht nicht darum, alles auf eine bestimmte Ebene, nämlich die des Er-
eignisses zu verlagern, sondern zu bedenken, daß es eine Anordnung
lich von dem Butlers. Er kann ein historisch und kulturell kon- verschiedener Arten von Ereignissen auf verschiedenen Ebenen gibt,
struiertes Objekt wie den Leib als Gegenstand der Genealogie die weder die gleiche Bedeutung noch die gleiche zeitliche Ausdehnung
nehmen, während ihre Verknüpfung von Genealogie und theo- noch die gleiche Fähigkeit besitzen, Wirkungen zu erzeugen" (Foucault
riestrategischer Hinterfragung jedes Konstrukts sie zwingt, die 1978 a, 28).
Komplexität der Wirklichkeit bis auf die Strukturen des Den- Was Butler Foucault vorwirft und was ich als Vorzug seiner
kens/Sprechens zu reduzieren, und dabei alles Konkrete mit Theorie stark machen möchte ist, daß er den Körper als materi-
diesem abstrakten Gesetz gleichzumachen. ellen voraussetzt Butler belegt ihre Kritik mit folgenden Sätzen
Was Foucault in Nietzsche, die Genealoge, die Historie thema- aus dem angeführten Kontext:
tisiert, ist jedoch weniger sein Verständnis des unterworfenen
Körpers, als das von Genealogie und Geschichte. Er betont mit „Als Masse, die ständig abbröckelt, Geschichte befindet sich der Leib
Nietzsche vor allem die Veränderbarkeit des Körpers, daß es gleichsam stets im Belagerungszustand, indem er gerade durch die Be-
dingungen der Geschichte der Zerstörung ausgeliefert ist. Und die ih-
nichts an diesem gibt, das so fest wäre, daß davon ausgehend
rerseits ist die Schaffung von Werten und Bedeutungen durch eine Be-
umfassendes Wissen möglich wäre. Es geht ihm um den Stand- zeichnungspraxis, die die Unterwerfung des Körpers fordert. [...]
punkt der Historikerin bzw. des Historikers, die sich auf Selbst wenn Foucault schreibt: Nichts am Menschen - auch nicht sein
Leib - ist so fest, um auch die anderen Menschen verstehen und sich in ih-

130 198
nen wiedererkennen zu können, weist er auf die Beständigkeit der kultu-
rellen Einschreibung hin, die als ein und dasselbe Drama auf den Kör- könnten. Aber was ist er dann? Aus der These der Produziert-
per einwirkt" (Butler 1990,191 f.). heit des Subjekts folgt für dessen Körperlichkeit nach Butler,
daß auch diese ein Konstrukt ohne substantielle Grundlage ist
„Indem Foucault einen Körper unterstellt, der seinen kulturellen Ein- Maihofer kommentiert diesen Schluß folgendermaßen:
schreibungen vorgängig ist, scheint er eine der Bedeutung und Form
vorgängige Materialität vorauszusetzen. Da diese Unterscheidung für
„Butler beläßt es nicht bei der Einsicht, daß der Körper eine diskursiv
die Aufgabe der Genealogie, wie Foucault sie definiert, wesentlich ist,
hergestellte Illusion oder Fiktion ist und daß wir genaugenommen nicht
bleibt sie selbst als Forschungsgegenstand aus der genealogischen Unter-
wissen, was der Körper eigendicb ist jenseits unseres imaginären Selbst-
suchung ausgeschlossen" (ebd., 193).
verhältnisses. Sie neigt vielmehr dazu, diese Einsicht zu ontologisieren:
ihr zufolge ist der Körper wirklich nichts anderes als eine Qberfläcbe
Sie kritisiert, daß Foucault Materialität voraussetzt und diese oder eine Fiktion" (Maihofer 1995, 51).
damit der genealogischen Analyse entzieht; während sie den
Körper für eine konstruierte Oberfläche hält, die dekonstruiert Für Foucault hingegen ist der Körper nur in der konkreten
und damit aufgelöst werden kann und sollte, weil nur so die Form produziert, in der er für euipirische Subjekte erfahrbar
Geschlechterkategorie sex auch ausgehebelt werden kann, ver- wird. Das konkrete Individuum ist immer schon ein körperli-
rät Foucault diesen Plan, wenn er einen Körper als materielles ches, die bewußte Realisierung und Ausgestaltung, das konkre-
Substrat annimmt: te, diskursivierbare Leben dieses Körpers jedoch ist das Pro-
dukt epistemischer und gesellschaftlicher Konstruktionen und
„Einerseits gehen die kulturellen Werte für Foucault wie für Nietzsche Praktiken. Während Butler Bedeutung und Materie zusammen-
in bestimmter Hinsicht aus einer Einschreibung auf den Körper her- denken will, trennt Foucault Körperlichkeit und Materialität
vor, der seinerseits als Medium, ja gleichsam als leere weiße Seite ver-
standen wird. Andererseits muß dieses Medium selbst zerstört werden, offensichtlich von Diskursivierbarkeit. Der zitierte Satz, daß
d.h. vollständig in ein sublimiertes Gebiet der Werte umgewertet wer- sich dem Leib die Ereignisse einschreiben, während die Spra-
den, damit diese Einschreibung bezeichnet werden kann" (Ebd., 192). che sie notiert und die Ideen sie auflösen, zeigt die Schärfe die-
ser Differenz. Vom Ereignis her gedacht ist der Leib der Ort,
Diese Formulierung zeigt, daß Butler von Körper in einem an dem es stattfindet, sich ausdrückt, eingräbt, während die
ganz, anderen Sinn spricht als Foucault Er geht ebenso wie Sprache einen mittelbareren Zugriff darauf hat, sie notiert das
vom konkreten Subjekt auch von dessen konkretem, historisch Ereignis nachträglich und distanziert Deshalb wendet sich die
und kulturell immer schon geformtem Körper aus. Er fordert wirkliche Historie auch anderen Objekten aus einer anderen
eine Historie, die sich nicht von den Ideen her versteht, son- Perspektive zu als die traditionelle:
dern die der Diskontinuität und Ereignishaftigkeit der Ge-
schichte gerecht wird. Und er versteht unter kritischer Philoso- „Die wirkliche Historie hingegen richtet ihre Blicke auf das Nächste -
phie, daß sie nicht die Frage nach dem Wissen, sondern die den Leib, das Nervensystem, die Ernährung und Verdauung, die Ener-
nach der Transformation stellt. Diese wird die, ebenfalls nach gien" (Foucault 1974, 91).
dem Bild umfassender Ideen konstruierte, Identität des Leibes
Foucault charakterisiert den Unterschied zwischen der wirkli-
zerstören, sie wird ihn „vervielfältigen und ihn ihm selbst ent-
chen Historie und Butlers Versuchen einer angemessenen Posi-
gegensetzen". Der Leib und Standort der traditionellen Histori-
tionierung im Feld des Wissens:
kerin, des Historikers, die sich aus ihren Gefühlen und Per-
spektiven die Geschichte als eine einheitliche konstruieren, „Das letzte Kennzeichen der wirklichen Historie ist schließlich, daß sie
soll zerstört werden, vervielfältigt im Sinne von pluralisiert. sich nicht fürchtet, ein perspektivisches Wissen zu sein" (ebd., 100).
Dieser konkrete Leib, um den es Foucault mit Nietzsche hier
geht, ist keine „leere, weiße Seite", keine black box, in die sich Die Frage des Perspektivischen klammert Butler aus, ihre An-
Diskursformationen nach- und nebeneinander einschreiben sprüche sind total. Die erkenntnistheoretische Trennung von
Materie und Form, von Körper und Seele, Signifikat und Signi-

200 201
fikant scheint ihr die Wurzel des dualistischen Problems. Mate- deren Möglichkeiten infolge der Disziplinierung ausgedörrt
rie und Form seien nicht trennbar, da jeder Signifikant beides sind. Dieser Kuhhandel würde noch Sinn haben, wenn das Indi-
ist - geformte Materie, materialisierte Bedeutung. Die These viduum tatsächlich erst dadurch selbstbestimmungsfähig würde,
der ontologischen Kluft sei selbst eine Konstruktion: Es gibt daß es sich den Disziplinen unterworfen hat Das ist die Lesart,
keine Materie ohne Form und keine Form ohne Materie. Die- die Butlers vorschlägt Doch waren die Individuen auch zuvor
sem Satz würde Foucault zustimmen. Doch würde er daraus zu eigenwilligem, absichtsvollem Handeln in der Lage - wie ih-
den Schluß ziehen, daß es gelte, sich konkreten Gegenständen re Gesetzesbrüche zeigen, während sie nun angepaßte, normali-
zuzuwenden und deren Genealogie zu schreiben. sierte Subjekte werden, die ihre Selbstreflexion entwickeln, um
Formulierungen wie „dem Leib prägen sich die Ereignisse selbst die Bewachungsaufgaben der öffentlichen Kontrollinstan-
ein", zeigen, daß Foucault eine nichtsprachliche Existenz der zen über ihr Tun zu übernehmen. Die konkrete historische
Materie annimmt und dieser sogar eigene Aktivität, ein Eigenle- Form der Subjektivierung, die Foucault in Überwachen und Stra-
ben zuschreibt, das die Symbolisierungs- und Reflexionstätig- fen und Der Wille zum Wissen beschreibt, ist eine Überwa-
keit des Subjekts wiederum beeinflußt Denn so wie sich die chung, die raffinierterweise die Person nun selbst über sich
Macht in die Körper einschreibt, können z.B. die Übungen des ausübt; die Internalisierung und masochistische Umwendung
Körpers eine andere Art des Denkens und der Diskursivierung der äußeren Gewalt gegen das eigene Selbst. Nach Butlers The
des Subjekts bewirken. In Überwachen und. Strafen werden die Psychic Life of Power muß Subjektivierung notwendig so und
Wechselbeziehung von Körper und Seele beidseitig angesetzt. nicht anders ablaufen, während Foucault gerade den historisch
Statt des Körpers wird die Seele zum Objekt der Strafe, und besonderen Charakter dieser Subjektivierung/Unterwerfung
Seele ist das Korrelat einer Machttechnik (192). Unterm Diktat sichtbar macht
der Seele wird der Körper der Disziplin unterworfen. Zugleich Foucault setzt in seiner Genealogie auf die nicht-diskursiven
formiert die körperliche Übung, die Disziplinierung des Kör- Praktiken der Disziplinierung und Erzeugung von Individuen
pers, den bestimmten Charakter, das Wesen des Individuums. mit einer Seele Fink-Eitel sieht darin die Differenz zwischen
Nietzsches und Foucaults Genealogieverständnis:
„Die einsame Arbeit wird dann ebensosehr zu einer Konversionsübung
wie zu einer Handwerksübung; sie wird nicht nur das dem homo oeco- „Zwar ist es Foucaults Absicht, im Sinne Nietzsches eine Korrelations-
nomicus eigene Interessensystem reformieren, sondern auch die Impe- geschichte der modernen Seele und einer neuen Richtgewalt zu schreiben.
rative des moralischen Subjekts" (Foucault 1975,158). Doch offenbar hat Nietzsche die tatsächliche soziale Bedeutung der
modernen Seele und der in ihr inkorporierten Moral überschätzt. Fou-
Foucault vergleicht die Disziplinarprozeduren mit der „Tech- caults eigentliches Thema ist die neue Richtgewalt, wie die Gewalt kör-
nik der Inquisition" (288). Die physische Macht ist hier eine, perlicher Abrichtung in den moralischen Diskursen und der diskursi-
ven Rechtsmacht Bedeutung gewann. Foucault löst sich hier von Nietz-
die das Individuum in die Selbstbeobachtung zwingt, weil die sches Plazierung der Genealogie in der Moraltheorie und entwickelt sie
anderen ihm das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung nicht zur Ethnologie der eigenen Kultur. An die Stelle einer Analyse mora-
einräumen, solange es sich nicht diszipliniert, subjektiviert lisch-diskursiver Wertinkorporierung tritt die der nicht-diskursiven
zeigt; Rechte, die die Gegenmacht installiert. Praktiken körperlicher Disziplinierung" (Fink Eitel 1994, 251).

„Die wirklichen und körperlichen Disziplinen bildeten die Basis und Die Machtverhältnisse schreiben sich in die Körper ein und
das Untergeschoß zu den formellen und rechtlichen Freiheiten" (ebd., darum sagt Foucault:
285).
„Gegen das Sexualitätsdispositiv kann der Stützpunkt des Gegenan-
Diese Machtsituation könnte auch so verstanden werden, daß griffs nicht das Sex-Begehren sein, sondern die Körper und die Lüste"
das Individuum gleichsam als Lohn seiner Unterwerfung und (Foucault 1976 a, 187).
körperlichen Disziplinierung das (dann illusionäre) Recht auf
Selbstbestimmung zuerkannt bekommt, eine Selbstbestimmung,

130 202
Die Formulierung beinhaltet keine Antwort darauf, von woher hältnisse und Lebensweise mit bestimmten Eigenschaften ausge-
allgemein der Widerstand gegen die Macht generell geführt stattet werden. Letzteres hieße, daß Körper, die in einer spezi-
werden müßte oder könnte, denn er spricht nur über eine be- fischen Form figuriert wurden, vermögen, sich dieser Ord-
stimmte Machtkonfiguration, das Sexualitätsdispositiv. Da die nungsmacht und Formierung, der sie unterworfen wurden, auch
Gegenwartsgesellschaft nicht von einer zentralen Macht be- kritisch zu bedienen. In dieser Konzeption würde das Modell
herrscht wird, sondern Macht diversifiziert von allen Seiten her der Bewußtseinsentwicklung, das Butler in The Psychic Life of
wirkt, kann es auch nur spezifische Widerstandsmöglichkeiten Power skizziert, auf die Körper angewandt Bei Foucault sind
gegen einzelne Dispositivgestalten der Machtverhältnisse geben. für beide Lesarten Belege zu finden.
Die Bedeutung des Dispositivbegriffs wird im folgenden noch Eindeutig scheint mir, daß Butler Foucaults Körperbegriff
genauer ausgeführt; wichtig ist in diesem Zusammenhang, daß unangemessen abstrakt faßt, wenn sie einfach Materialität als
es sich um eine historisch konkrete Form innerhalb der Macht- vorgängig gesetzte unterstellt Denn wenn Foucault Körper als
komplexe moderner westlicher Gesellschaften handelt, die die widerständige in sein Machtkonzept integriert, dann auf alle
Subjekte und die Machttechniken auf die Körper und die Lüste Fälle Körper im Plural. Diesen kommt Materialität zu, sie sind
hin zurichtet Genau darum sollen die Körper und die Lüste als materielle nicht nur Machtkonstrukte, darin liegt ihre Po-
die Stützpunkte für den Gegenangriff sein. Das heißt, daß Fou- tenz zum Widerstand. Denn es ist nicht die Materialität an
cault hier nicht etwa einen vorgeschichtlichen Körper voraus- sich, die in den Körpern wirkt, sondern mit den Körpern steht
setzt oder ein Reich der Lüste außerhalb der Macht, wie Butler auch Materialität im Plural.
meint, sondern daß er auffordert, die machtformierten, vom Se- Doch beide Unterstellungen, sowohl daß Körper von sich
xualitätsdispositiv okkupierten Körper und Lüste gegen ihre aus widerständig weil materiell sind, als auch, daß sie als be-
Besetzung zu mobilisieren. Und eine solche Mobilisierung der stimmte erzeugt und gerade dadurch, daß sie so bestimmt wer-
Körper gegen die Macht ist nur möglich, wenn sie mehr als nur den, diese Bestimmungen einsetzen können, sind nach dem bis-
Produkte der Macht sind. Es impliziert, daß sich belebte Kör- her Gesagten plausibel. In beiden Fällen können Körper auf
per als Ausgangspunkte der Kraft und damit auch des Wider- das Machtgefüge einwirken, so wie dieses umgekehrt auf sie.
standes ausmachen lassen, und daß diese auch eingesetzt wer- Auch können diese Wirkungen vielfältig sein, so daß ein Kör-
den können. Foucault setzt damit im Denken der herrschenden per bestimmte Machtbeziehungen bestätigt, verfestigt und auf-
Episteme als Ort des Widerstandes an, die ihre bestimmte Ord- recht erhält und andere stört und zu ihrer Umgestaltung bei-
nung von Körpern und Lüsten entwickelt hat, jene Ordnung, trägt Am Beispiel Geschlecht will ich das verdeutlichen: Eine
die Butler stürzen möchte. Frau, die von ihrem Äußeren her sehr weiblich wirkt, begehrt
Als Stützpunkte des Gegenangriffs können die Körper auf männlich, fühlt sich sexuell zu Frauen hingezogen. Allein da-
zweierlei Weise im Netz der Machtbeziehungen plaziert wer- durch unterwandert sie das patriarchale Zwangssystem der He-
den - entweder als reine Objekte und Durchgangsorte der terosexualität nicht Sie kann in ihrem Berufs- und Lebensalltag
Macht oder als selbst mächtig. Butler hat diese Frage in The durchaus die gängigen Geschlechterklischees bestätigen, und
Psychic Life of Power diskutiert, und sich, anders als in Das Un- im Extremfall könnte ihre äußere Erscheinung das selbst dann,
behagen der Geschlechter, dafür entschieden, Foucault letzteres wenn sie mit einem Schild Ich bin lesbisch auf der Brust herum-
zu unterstellen. Die Körper sind selbst aktiv. Wenn die Körper liefe. Der Körper kann im jeweils konventionellen Bedeutungs-
leere weiße Seiten wären, auf denen die Macht sich nieder- system durch seine physische Gestalt und Präsenz eine be-
schreibt, dann wären sie keine tauglichen Stützpunkte des Ge- stimmte Wirklichkeit vermitteln und bestätigen, die im Wider-
genangriffs. spruch zur psychischen und beabsichtigten Außenwirkung des
Körper können entweder als an sich, generell mit bestimm- Subjekts stehen kann, das in und mit diesem Körper lebt und
ten Ausdrucksfähigkeiten und Möglichkeiten, sich aktiv einzu- dieser Körper ist. Allerdings bringt sich in diesem Beispiel
bringen, gesehen werden oder als Körper, durch die Machtver- zwar der Körper unabhängig vom Willen derjenigen, die ihn

130 205
hat und die er ist zur Wirkung; diese Wirkung selbst jedoch be- pen ausprägen, weil sich dort Machtlinien überkreuzen, schnei-
stimmt nicht der Körper, sondern sie liegt im geltenden Bedeu- den, vereinigen und bekämpfen. Doch ist denn erkennbar, was
tungsgefüge bereit Er entspricht darin bestimmten Vorstellun- an konkreten, historisch kulturell gewordenen Subjekten Natur
gen, nimmt einen Platz ein. Daß dieser wie im Falle lesbischen und was kulturell formiert ist' Ist konkret unterscheidbar, ob
Begehrens auch ein Nichtort sein kann, ist ein wichtiges The- Körper schon mit bestimmten Eigenschaften ins Machtgefüge
ma Butlers, das sie löst, indem sie auf die diskursiven Möglich- eintreten, oder ob sie in ihm an bestimmten Positionen plaziert
keiten der außerhalb und zugleich innerhalb stehenden Indivi- werden, weil sich in ihnen spezifische Machtlinien und Interes-
duen verweist, sich doch zur Geltung zu bringen. Doch es gibt sen in einer je besonderen Weise kreuzen?
eben nicht nur die sprachlichen Möglichkeiten des Subjekts, Nach Foucault sind Differenzierungen zwischen Natürli-
Zuweisungen abzulehnen und umzudefinieren, sondern es gibt chem und Kulturellem unmöglich, weil sich das Wissen histo-
auch die nicht-diskursiven. risch in verschiedenen Epistemai formiert, zwischen denen kei-
Wie ist solche nichtdiskursive Machtausübung des Körpers ne notwendigen Übergänge und Beziehungen bestehen. Die
zu verstehen? Als Produkt der sozialen Lebensbedingungen Ordnung der Dinge ist eine lokale Geschichte der Wissensfor-
oder als zumindest auch eigene Macht des Körpers? Die Weib- men bzw. der Objektivierungsweisen. 32 Sie zeigt zweierlei: daß
lichkeit, die der Körper der lesbischen Frau ausdrückt, könnte die Epistemai eine Eigendynamik und von innen heraus nicht
eine ihr aufgezwungene Inszenierung, mühsam lebensgeschicht- intentional auflösbare Logik der Weltkonstitution besitzen, daß
lich eingeübt, sein oder in den Formen und Bewegungsmustern also einzelne, die sich Welt immer im Denken einer spezifi-
des Körpers selbst liegen, die aber kulturspezifisch als beson- schen Episteme aneignen, aus diesem Denken nicht herausstel-
ders weiblich gedeutet werden. Gibt es körperliche Ausdrucks- len können und einfach ganz anders denken. 33 Und diese Ge-
gestalten, Formen und Körperteile, die einen Bedeutungshof an schichte des neuzeitlichen Denkens zeigt, daß verschiedene
Wirkung in das soziale Gefüge einbringen, der darin je spezi- Weisen der Welterschließung möglich sind, die sich bezüglich
fisch zugerichtet wird und dementsprechend wirkt? Diese Frage der Relation von Sprache auf Wirklichkeit, der Beziehung von
zu bejahen bedeutet, die sex-gender-Theoretikerinnen bestäti- Wissenssubjekt und -objekt, aber auch der Selbstbeziehung der
gen und die These der Konstruiertheit des Geschlechts als ma- Subjekte unterscheiden. Das Wissen um die Relativität der ei-
terieller Körperwirkung einzuschränken, nämlich auf die durch genen Weltsicht, die zum modernen, historischen Denkens ge-
Übung erworbenen, kulturellen Schemata von Geschlecht, zu hört, setzt jedoch die ontologische Trennung von Gegenstand
denen auch die Binarität des Geschlechtersystems gehört! Es und Begriff, Materie und Form voraus, denn erst sie macht es
ist, wie auch Hilge Landweer gegen Butler einwendet, 30 mög- möglich, ein anderes Denken und Erkennen zu denken als das,
lich, an der körperlichen Wirklichkeit von Geschlechtszeichen
als nicht-diskursiver festzuhalten und dennoch die kulturellen
binären Geschlechterschemata fundamental 31 zu kritisieren.
32 Foucault beschreibt die Verschiebungen in der wissenschaftlichen An-
eignung von Welt in Frankreich und Westeuropa vom 16. bis Anfang
Die Entscheidung dieser Frage hat Konsequenzen für die des 19. Jahrhunderts. Auch hier ist seine Perspektive eine praktische.
Subjekttheorie. Denn wenn das Subjekt, das auf unklare Weise Er betrachtet die Formen, in denen sich das konkret wissenschaftliche
mit seinem Körper verbunden ist und dieser Körper ist, durch Wissen Welt aneignet und kategorisiert, ohne dabei epistemologische
ihn mit bestimmten Fähigkeiten, Eigenschaften und Ansprüchen Kriterien von außen anzulegen. Vgl. Foucault 1966,14.
33 Dabei ist gerade die spezifische Bestimmung der Beziehung von Signifi-
in das Machtgefüge eintritt, dann ist das doch etwas anderes, kat und Signifikant, Materie und Form jeweils besonders in den Peri-
als wenn sich an bestimmten Positionen bestimmte Subjektty- oden, die Foucault nachzeichnet: Die Epoche der Ähnlichkeit (bis En-
de 16. Jh.), die Epoche der Repräsentation (Klassik) und die Grenzen
dieser Epoche, die zum geschichtlichen Denken der Moderne überlei-
tet. Foucault stellt sich nicht außerhalb dieser Epoche, sondern charak-
30 Landweer 1994,156. terisiert das moderne Denken als historisches, und diesem Historisie-
Und, wie Landweer zurecht sagt, mit Foucault! Ebd., 163. ren bleibt er verpflichtet.

130 207
das herrscht Wenn Zeichen und Materie wie bei Butler zusam- „diskursiven Konstruktionen [was C.H.] für sich genommen eine Re-
menfallen, ist eine geschichtliche Denkweise ausgeschlossen. In duktion ist" (Maihofer 1995, 52).
verschiedenen kulturellen und epistemischen Kontexten kann
dasselbe Bild, die gleiche Erzählung ganz anders erscheinen Foucaults Genealogie der Körper, die Butler als Ursprungsden-
und es ist fraglich, wie weit es sinnvoll ist, angesichts dieser ken bezeichnet, ist demnach keinesfalls eine allgemeine Ge-
Bedeutungsdifferenzen zu sagen, daß es dennoch aber dasselbe schichte des biologischen Körpers des Menschen. Um die histo-
Bild sei; denn für die Wahrnehmung, Erfahrung und Reflexion rische Entwicklung konkreter Bemächtigungen der Körper und
zeigt es sich nicht als dasselbe. 34 Um im Beispiel der lesbi- spezifische Unterschiede darin herauszuarbeiten, muß keine
schen femininen Frau zu bleiben: Eine Vagina zu haben ist universelle Geschichte des Körpers unterstellt werden. Gerade
kein eindeutiges Geschlechtszeichen mehr, wenn durch die gegen solche Totalitäten und die Idee einer universellen Ge-
Verschränkung verschiedener Kriterien zur Geschlechtsbestim- schichte, wie sie Butler unterstellt, hat sich Foucault explizit
mung, wie Fortpflanzungsorgane, Begehrensorientierung, Le- ausgesprochen. In Butler Überlegungen fehlt die Unterschei-
bensweise etc. eine Vielfalt von Geschlechtern anstelle der Bi- dung zwischen der Notwendigkeit, etwas materiell konkret Ge-
narität gilt Dann ist sie nur eines von verschiedenen Merkma- gebenes anzunehmen, um Entwicklungen aufzeigen zu können,
len der Geschlechtsbestimmung und nicht das primäre. Nun ist und Ungeschichtlichkeit bzw. Universalität, wie sie die Annah-
die Geschlechterfrage auch in unserer Gesellschaft derzeit viel- me eines natürlichen Körpers implizierte. Ersteres ist die den-
schichtig. Fragen der Physiologie, der Habitualisierung, der klogische Voraussetzung der Genealogie, letzteres gilt es dabei
Begehrensorientierung gehen darin ein, und doch wird sie zen- unbedingt zu vermeiden. Gerade darin liegt der Unterschied
tral vom körperlichen Geschlecht und dem Ideal der Heterose- zwischen einer transzendentalen und einer kritisch historischen
xualität bestimmt Mit Foucaults Begriffen des Sexualitätsdispo- Philosophie wie der Foucaults oder Nietzsches. Butler streicht
sitivs und der Biomacht lassen sich brauchbare und mit seinen durch diesen Differenzierungsmangel den produktiven Kern der
Analysen in Überwachen und Strafen konforme Thesen dazu for- Foucaultschen genealogischen Methode aus ihrem Denken her-
mulieren, warum das so ist Denn die sexuell-biologische Mar- aus und fällt dadurch in eine Variante der von ihr so vehement
kierung ist auch der Ansatzpunkt der Bevölkerungsregulierung, kritisierten Ursprungsphilosophie zurück, wenn sie eine einzi-
die in der Moderne ein bestimmendes politisches Moment ge- ge Weise der Konstruktion und nur eine Herkunftsart alles Sei-
worden ist. Butlers feministische Kritik an der Zwangsheterose- enden unterstellt Das Materiezeichen ist eine ungeschichtliche,
xualität fügt sich gut zu der Foucaults am Sexualitätsdispositiv transzendentalphilosophische Unterstellung. Butler stellt die
in Der Wille zum Wissen. Leider bedenkt sie selbst die materiel- Frage nach den Grenzen des Wissens und akzeptiert die einzige
len Aspekte der Heterosexualität nicht, sondern entziffert nur Antwort, die wir auf diese Frage geben können: Außerhalb un-
ihren ideellen Text, die Binarität des Denkens. Maihofer serer Erkenntnisprozesse, die als reflektierte diskursiv vermit-
spricht darum über Butlers Verständnis von Geschlecht und telt sind, können wir nichts wissen. Diese epistemologische
Geschlechtskörpern als von Frage aber meidet Foucault, weil sie notwendig zu solch ab-
schließenden Antworten wie der Butlers führt, die das Individu-
um und sein Denken in die moderne Episteme einschließen.
34 Vgl. Veyne 1992. Er behandelt diese Frage im Zusammenhang mit sei- Diese Rekonstruktion des Genealogiebegriffs sollte deutlich
ner Aussage, daß der Wahnsinn nicht existiere. „Der Satz bestreitet machen, daß Genealogie bei Butler und Foucault etwas Unter-
auch nicht, daß der Wahnsinn eine behavioristische oder vielleicht kör-
perliche Materie haben könnte. Aber selbst wenn der Wahnsinn eine schiedliches meint, und daß Butler ihre Methode - gerade auch
solche Materie hätte, wäre diese noch nicht Wahnsinn. Ein Stein wird in bezug auf Nietzsches Theorie der wirklichen Historie und
Schlußstein oder Binderstein erst in dem Moment, wo er seinen Platz den Ereignisbegriff - besser nicht so bezeichnen würde. Es ist
in einer Struktur einnimmt. Die Negation des Wahnsinns liegt nicht auch erkennbar, daß Foucaults Machtbegriff Butlers Konzept
auf der Ebene der Einstellungen gegenüber dem Objekt, sondern auf
der Ebene seiner Objektivierung" (51). der Performativität übersteigt, und nicht sprachlich verfaßte

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Macht einschließt Denn die Art und Weise, wie nicht-diskursi- ihr Modell des rein diskursiven Handelns auf, ohne näher zu
ve Körper im Machtgefüge mitmischen und durch Übung, erläutern, wie diese Eigenmacht der Körperkommunikation
nicht-kognitive Einsicht und signifizierendes Sprechen, diszipli- funktioniert Und sie nimmt diese Perspektive auch explizit
niert werden, verweist auf nichtsprachliche Weisen der For- wieder zurück, wenn sie schreibt
mung und Beeinflussung. In Haß spricht finden sich die deut-
lichsten Passagen bei Butler selbst, in denen sie die Differenz „Wenn der Sprecher seinen oder ihren Körper an den Adressaten rich-
tet, dann bringt er nicht nur den eigenen Körper, sondern ebenso den
zwischen sprachlichem und körperlichem Handeln anerkennt -
des Adressaten ins Spiel. Der Sprecher spricht nicht nur, sondern wen-
ohne allerdings letztere näher zu beschreiben. Sie sagt nur, daß det den eigenen Körper an den anderen und enthüllt damit, daß der
Handeln, körperliche Übergriffe etc. von sprachlicher Diskri- Körper des anderen durch die Anrede verletzbar ist. Als Instrument ei-
minierung zu unterscheiden seien, ohne aber darauf näher ein- ner gewaltsamen Rhetorik übersteigt der Körper des Sprechers die aus-
zugehen. Sie denkt das Sprechen selbst als körperlichen Akt gesprochenen Worte und enthüllt den angesprochenen Körper, als
nicht mehr (und niemals ganz) von sich selbst beherrscht" (ebd., 25,
und erweitert damit die Bedeutung des Gesprochenen nicht nur Neuübersetzung des letzten Satzes von mir, C.H.).
zeitlich in die Vergangenheit, wenn sie die Bedeutung der
Schimpfworte an ihrem historischen und nicht nur aktualen Ge- Hier scheint eine andere Konzeption der Kommunikation und
brauch festmacht; sondern sie dehnt den Sprechakt auch auf die Beziehung von Subjekten auf, die Butler aber wieder in den
materielle Ebene aus, wenn sie die Körperlichkeit des Spre- diskursiven Rahmen zurückdrängt Daß der Körper der ande-
chens betont Sie will zwar die physische Kraft, die drohende ren verletzbar ist, ist nichts, was sich durch die Anrede allein
Macht der Haß Sprechenden integrieren, wagt sich jedoch über enthüllt Dennoch suggeriert Butler hier, daß es erst die aggres-
Formulierungen wie die folgenden nicht hinaus: sive Anrede ist, die die Unverfügbarkeit und Verletzbarkeit des
Körpers eines Menschen erzeugt und daß es auch nur die Spra-
„So ist eine Äußerung denkbar, die auf der Basis einer rein grammati- che ist, durch die er verletzt werden könnte. Es ist die Rede-
kalischen Analyse nicht als Drohung erscheint. Die Drohung tritt erst weise vom Verletztwerden durch Sprache, die Butler veranlaßt,
genau durch die Handlung in Erscheinung, die der Körper ausführt, in-
dem er den Sprechakt spricht. [...] Die Drohung kündigt nicht nur eine die Körperfrage und die Differenz von Sprechen und körperli-
körperliche Handlung an oder verspricht sie, sondern ist selbst bereits chem Handeln in Haß spricht zu thematisieren. Leider hat sie
ein körperlicher Akt, der in seiner Gestik die Umrisse der kommenden diesen Gedanken der Körperlichkeit und der nichtdiskursiven,
Handlung entwirft" (Butler 1997 a, 23).
leiblichen Kommunikation weder hier noch anderswo verfolgt,
„Wenn sich die Handlungsmacht nicht von der Souveränität des Spre-
sonst wären die Trennlinien zwischen ihrer Machttheorie und
chers herleitet, ist die Kraft des Sprechakts nicht souverän. Vielmehr der Foucaults, denen ich mich nun zuwende, weniger scharf.
verbindet sich diese Kraft - wie inkongruent auch immer - mit dem
Körper, dessen Kraft durch das Sprechen gleichsam abgelenkt und wei-
tergeleitet wird. Das erregte, unzurechnungsfähige Sprechen ist der zu-
gleich gewollte wie ungewollte Effekt eines Sprechers" (ebd., 61). Juridische Macht - produktive Kräfteverhältnisse
Butler will die Körperlichkeit des Sprechakts einbeziehen, weil Foucault spricht von der Macht als einer Relation von Kräften
dadurch die Intentionalität der Sprecherin, sich im Sprechakt
und von der Allgegenwart der Macht
bewußt auszudrücken, doppelt gefährdet erscheint Die
Schimpfrede kann sowohl sprachlich als auch an der möglichen „Unter Macht [...] ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von
Widersprüchlichkeit von sprachlichem und körperlichem Aus- Kraftverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren. [...] All-
gegenwart der Macht: nicht weil sie das Privileg hat, unter ihrer uner-
druck scheitern. Je mehr Möglichkeiten des Scheiterns der In-
schütterlichen Einheit alles zu versammeln, sondern weil sie sich in je-
tention der Sprechenden bestehen, desto größer der Raum für dem Augenblick und an jedem Punkt - oder vielmehr zwischen Punkt
Resignifikationen. Mit der Bezugnahme auf den Körper als ei- und Punkt - erzeugt. Nicht weil sie alles umfaßt, sondern weil sie von
nem eigenen Kommunikationsfeld bricht Butler in Haß spricht überall kommt, ist die Macht überall. Und die Macht mit ihrer Bestän-

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digkeit, Wiederholung, Trägheit und Selbsterzeugung ist nur der Ge-
samteffekt all dieser Beweglichkeiten, die Verkettung, die sich auf die tet Butler nicht die Existenz nicht-diskursiver Machtpraktiken,
Beweglichkeiten stützt und sie wiederum festzumachen sucht. Zweifel- ebensowenig daß Gewalt und Unterdrückung Leiden verursa-
los muß man Nominalist sein: die Macht ist nicht eine Institution, ist chen, das real ist Doch Nichtsprachliches ist immer sekundär,
nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächtiger. Macht vom Diskursiven abgeleitet, so auch Machtpraktiken und Ge-
ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in ei-
ner Gesellschaft gibt" (Foucault 1976 a, 113 f.). fühle. Deshalb müssen Veränderungen bei den diskursiven
Machtpraktiken ansetzen. Diese sind für eine fundamentale
Diese vielfältigen, institutionalisierten wie privaten, verrecht- Kritik und Verschiebung der Macht entscheidend. Doch nicht
lichten wie informellen Kräfteverhältnisse bilden zusammen ein nur die theoretische Auseinandersetzung mit Butlers Konzepti-
komplexes und durch verschiedene Strategien abgesichertes on offenbart letztlich ein juridisch-diskursives Machtmodell,
Netz, das durch Verschiebungen in einzelnen Machtbeziehun- sondern ein solches suggeriert auch ihr Sprachstil, der die klas-
gen seine Balance der Kräfteverhältnisse neu orientiert, aber sische, vertikale Machtkonzeption bestätigt Butler übernimmt
nicht komplett auseinanderfällt. Dieses nicht zentrierte sondern zwar explizit affirmativ Foucaults Machtmodell, modifiziert es
lokal und zeitlich ausgedehnte, bewegliche Geflecht gesell- dabei jedoch stark, wie ich nun zeigen werde.
schaftlicher Beziehungen, für das Foucault den Namen Macht
„Michel Foucault hat darauf hingewiesen, daß die juridischen Machtre-
verwendet, ist das Innovative seiner Theorie dadurch unter-
gime die Subjekte, die sie schließlich repräsentieren, zuerst auch produ-
scheidet sie sich von herkömmlichen Konzepten dessen, was zieren" (Butler 1990,16).
Macht in einer Gesellschaft sei und wie sie wirke. Dieser
Machtbegriff wird nun entlang der von Butler gezeichneten In- In dieser Formulierung legt sie eine zeitliche Reihenfolge in
terpretationslinien gegen den juridisch-diskursiven abgegrenzt. den Produktionsvorgang hinein. Das Subjekt wird von der
Die Machtkonzeptionen sind in wahrheitsrelativistischen Kon- Macht zuerst produziert und später repräsentiert Auch in der
zeptionen, die Subjekte gesellschaftlich bzw. diskursiv vermit- Theorie der Anrede, wie sie sie formuliert, ist diese Zeitstruk-
telt denken, entscheidend für die Theorie des Subjekts und des- tur gegeben, denn die Sprechenden, die ein Individuum anspre-
sen Widerstandspotential. chen und dieses dadurch an die Subjektposition setzen, sind
In Butlers Theorie bezeichnet Macht einen Typus von Herr- die Voraussetzung für dessen diskursive Machtrepräsentation.
schaft, die Herrschaft der strukturellen, anonymen Macht per- Ohne Ansprache keine Macht, da letztere erst durch Ansprache
formativer Sprachpraktiken, die immer zugleich repressiv und entsteht Es gibt also zwischen denen, die die Subjektposition
produktiv auf das Individuum einwirken. Zwar hat sich dieser einnehmen, keine räumliche Beziehung der Gleichzeitigkeit
Machtbegriff immer wieder leicht verschoben, in Das Unbehagen und Gegenseitigkeit, sondern die Macht wird von einer Partei
der Geschlechter und The Psychic Life of Power tritt der juridisch- an die andere weitergegeben. Subjekt ist eine Machtposition,
repressive Zug der Macht wesentlich deutlicher hervor als in die nicht etwa überall und von allen Seiten her auf jemanden
Körper von Gewicht und Haß spricht, wo sie versucht, die Sub- oder etwas einwirkt und von ihm zugleich ausgeht, sondern ei-
jektivierung durch die Materialität der Signifikanten bzw. die ne genau bezeichenbare Funktion, die immer wieder - zeitlich -
performative Kraft der Anrede zu konzeptualisieren. Aber letzt- andere einnehmen. Wenn die Produktion des Subjekts seiner
lich bleibt diese Macht stets in der Sprache verortet, die die Repräsentation vorhergeht, ist es immer schon von der Macht
Strukturen der Subjektivierung vorgibt, weil die Position des erzeugt, das heißt, dem Druck zur Subjektivierung in den nor-
Subjekts eine innerhalb der Sprache und der sie tragenden mativen Modi der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit un-
Grammatik ist Die erste Macht, der alle Individuen unweiger- terworfen, wie Butler sagt Für das Subjekt selbst ist dieser zeit-
lich ausgesetzt sind, sind die sprachlichen Konstruktionsregeln liche Ablauf aber nicht erlebbar, da es sich ja erst als fertiges
der physischen und kognitiven Existenz, denen das patriarchale Produkt selbst aktiv auf die Macht beziehen kann und sich dann
Gesetz der Zwangsheterosexualität zugrundeliegt Nun bestrei- eben von ihr repräsentiert findet Es nimmt daher die juridi-
sche Macht nur in ihrer repräsentativen Wirkung wahr. Butler

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konzipiert das Subjekt solchermaßen als Effekt einer nicht er-
aufgezwungen werden, denen es sich aber auch selbst unter-
lebbaren Wirksamkeit der Sprache auch noch in The Psychic Li-
wirft und sich so erzieht - hier liegt die große Bedeutung der
f e of Poweri wo sie den Ödipuskomplex und seine Auflösung
Disziplinarmächte, die die moderne Subjektwerdung leiten.
ins Zentrum der Subjektivierung stellt. Die Produktivität der
Das Subjekt ist nicht bis zu seiner psychischen Erschaffung
Macht wirkt im Verborgenen, doch ihrer subjektkonstituieren-
durch die Macht des Verbots bzw. der Sprache deren passives
den Kraft entkommt keiner.
Objekt, abgeleitet, sondern es ist auch eigen, insofern es ein
In Foucaults Machtkonzeption sind Produktivität, Repräsen- Körper ist, der mit eigener Kraft und eigenen Motiven sich aus-
tation und Repression verschiedene Momente desselben Ge- drückt und so auf andere einwirkt Diesen Anteil des einzelnen
schehens. Machtbeziehungen wirken auf Subjekte ein, indem am Prozeß seiner Subjektivierung, die Selbstbeziehung, läßt
sie sie repräsentieren. Sie wirken nicht in zwei aufeinander fol- Butler zugunsten der Produktivität überindividueller Macht-
genden Schritten, nämlich erst Produktion der Subjektposition, strukturen außer Acht, wie auch Lorey sagt 3 5
auf der dieses dann repräsentiert wird, sondern beides ge-
Folge dieser fehlenden Selbstbeziehung der Subjekte ist, daß
schieht gleichzeitig. Machtbeziehungen bestehen immer schon
die Subjektkonstitution nur als fremdbestimmter Herrschafts-
und verlaufen zwischen den Subjekten, die selbst ein Teil von
prozeß erscheint und nicht als Produkt der jeweiligen Bezie-
ihnen sind. Weder geht die Macht von souveränen Subjekten hung zwischen den gegebenen Machtkonstellationen, in die das
aus, noch sind die Subjekte amorph, bis sie die Macht des juri- Individuum hineingestellt ist, und seiner eigenen Aktivität
dischen Gesetzes trifft bzw. ermöglicht Jeder einzelne wird Während Foucault Subjektwerdung als komplexes Zusammen-
von zahlreichen Machtlinien getroffen, durchschnitten, geprägt wirken von Machtmechanismen begreift, die von allen Seiten,
und unterdrückt Individuen haben einen Körper und sind doch auch vom Individuum selbst, herkommen und in deren Interak-
weder stets mit sich identisch noch in diesen eingeschlossen, so tion sich kontinuierlich Subjektidentität formt, fällt bei Butler
wenig wie sie ihn beherrschen. der Eigenanteil des Individuums an seiner Subjektbildung weg.
Die Diskurs- und Machtverhältnisse einer Epoche und Ge- Sie läßt keine eigenständige Aktivität des Individuums zu. Die
sellschaft prägen die bestimmte Weise des Subjektseins, die wir Spaltung der Psyche in Ich und Über-Ich könnte als Eigenakti-
in der Moderne leben, die Raster der Selbstbeziehung und der vität des Subjekts gefaßt werden, doch da sie diese nur auf äu-
Fremdurteile - und außerhalb dieser Raster scheint uns Subjek- ßere und allgemeine psychostrukturelle Mechanismen zurück-
tivierung schwer vorstellbar. Machtbeziehungen wirken ineins führt, ist auch bei Butler nicht entsprechend konzipiert Sie wä-
produktiv und repressiv. Sie geben jeweils bestimmte Möglich- re auch sonst nicht im gleichen Sinne Aktivität wie z.B. die
keiten vor bzw. lassen nur diese zu, sich zum Subjekt zu ma- kreativen Antworten auf Beschimpfungen, die Butler in Haß
chen und schränken dadurch die Möglichkeiten des Individu- spricht den Subjekten abverlangt Butlers Subjekte sind an ihrer
ums beträchtlich ein, - das ist das repressive Zug. Zugleich je- Subjektwerdung selbst unbeteiligt - unschuldig -, müssen sie
doch sind solche Orientierungen und Vorgaben, Erfahrungen aber auf sich nehmen und zu ihrem Besten wenden, wollen sie
mit Außenwelt, unabdingbar dafür, zum Subjekt, zu einer Per- nicht nur Opfer der anderen sein. Sie verlagert damit implizit
son, die Ich von sich sagen kann, zu werden - das ist der pro- das Gewicht eindeutig vom produktiven auf den repressiven
duktive Moment Es gibt aus diesem Verständnis heraus keinen Zug von Machtverhältnissen, und ihre häufige Rede von der
machtfreien Zustand, Zeitraum etc. Daß einzelne Individuen im Macht und mehr noch dem Gesetz unterstreicht das. In diesen
Zuge ihrer stabiler werdenden Ichidentität feststellen, daß ih- Formulierungen ist die Macht eine quasi-ontologische Größe,
nen andere Lebensweisen nur begrenzt überhaupt noch offen- stete potentielle Bedrohung und zugleich Chance, deren Will-
stehen, illustriert diesen Prozeß der sukzessiven Formung kür die einzelnen in ihrem Subjektsein oder Nicht-Subjektsein
durch Begrenzung. Subjektidentität ist eine komplexe Anord-
nung von durchgehaltenen Eigenschaften, körperlichen und ko-
gnitiven Selbstbeherrschungsleistungen, die dem Individuum 35 Lorey 1996.

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ausgeliefert sind. Da für Butler Macht immer diskursiv ist und Vielzahl von Kräfteverhältnissen. Diese sind das Resultat sozia-
alles, was ist, Produkt diskursiver Erzeugungsprozesse, spricht ler Interaktion auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Organi-
Landweer kritisch von Butlers „Diskursontologie". 36 sation. Sie sind keine einheitliche Größe, kein durchgängig be-
Foucault versucht, sich von diesem traditionellen, juridisch- stimmtes, sondern ein heterogenes, sich fortwährend neu aktua-
diskursiven Denken der Macht radikal zu lösen, eben weil lisierendes, bewegliches Feld von Kräften, die das praktische
Macht nicht nach dem Modell der Repräsentation wirke und und stets in Handlungskontexte eingebundene Individuum mit
verstanden werden könne. Hierarchische Modelle beschreiben ihrem je spezifischen Druck in bestimmte Richtungen zu drän-
die Prozesse gesellschaftlicher Veränderung und Kontrolle gen versuchen. Es kann sich ihnen aber widersetzen.
nicht zutreffend, denn es sind weder die politische Führung
noch das Kapital etc. alleine, die Entwicklungen und Verände- „Sie [die Widerstände, C.H.] sind in den Machtbeziehungen die andere
Seite, das nicht wegzudenkende Gegenüber" (ebd., 117).
rungsprozesse unserer Gesellschaften in Gang setzen und diri-
gieren. Foucault denkt Macht als verzweigtes Netz von Knoten- Foucault führt in Wie wird, Macht ausgeübt sein Verständnis des
punkten gegenseitiger Beeinflussung und entlarvt das Insistieren Verhältnisses von Macht und Widerstand aus, und unterschei-
auf hierarchischen Machtmodellen als Strategie der Machterhal- det Macht von Gewalt Letztere ziele darauf, Handlungen alter-
tung, damit die einzelnen ihren Anteil an der Macht nicht nativlos zu erzwingen - Sklaverei ist ein Gewaltverhältnis.
wahrnehmen. Bürgerinitiativen und lokale Aktionsgruppen wie Macht hingegen setze die Freiheit des anderen voraus:
die Gruppe Gefängnis-Information37, in der Foucault sehr en-
gagiert war, sind Gegeninitiativen zu den klassischen Macht- „Wenn man Machtausübung als eine Weise der Einwirkung auf die
zentren der Politik, des Kapitals und der Medien, die im Netz- Handlungen anderer definiert, [...] nimmt man ein wichtiges Element
modell eigene Kompetenz und Möglichkeit zur Veränderung mit hinein: das der Freiheit. Macht wird nur auf freie Subjekte ausgeübt
und nur sofern diese frei sind. Hierunter wollen wir individuelle oder
der gesellschaftlichen Moral und des öffentlichen Bewußtseins kollektive Subjekte verstehen, vor denen ein Feld von Möglichkeiten
besitzen. Foucault meint, daß die juridische Repräsentation der liegt, in dem mehrere Führungen, mehrere Reaktionen und verschiede-
Macht, die nur jene Fragen zuläßt, um die auch Butlers Diskurs ne Verhaltensweisen statthaben können" (Foucault 1987 b, 255).
kreist, die wichtigen Fragen und Probleme verstellt:
Insofern wird die Erzeugung sexuierter Subjektidentität als
Machteffekt verstanden, da die Vorgaben eine Bandbreite von
„Das Problem ist aber nicht, ob das Begehren der Macht fremd ist, ob
es [...], dem Gesetz vorausgeht oder ob es nicht vielmehr durch das Ge- Reaktionen erlauben und auch dem Gesetz nicht entsprechende
setz begründet wird. Hier liegt nicht der Punkt. Ob es nun mit dem Subjekte möglich machen, wie Homo- oder Transsexuelle.
Begehren so steht oder anders - auf jeden Fall begreift man es weiter- Lois McNay kritisiert im Kontext der Frage, welche femini-
hin im Verhältnis zu einer Macht, die immer noch juridisch und diskur-
siv ist und ihren Mittelpunkt in der Verkündigung des Gesetzes findet. stische Strategie sich politisch anbietet, lineare Identitätskon-
[...] Man muß eine Analytik der Macht bauen, die nicht mehr das zepte wie das der Mütterlichkeit und verweist affirmativ auf
Recht als Modell und als Code nimmt" (Foucault 1976 a, 110). Foucaults Theorem der Vielfalt von Kräfteverhältnissen:

Diese Sätzen enthalten die zentralen Thesen der Butlerkritik Is- „For Foucault, power works through a myriad of social relations, and
abell Loreys, und weil Foucault Macht nicht hierarchisch und therefore an ethics of resistance must also be diffuse and varied"
juridisch denkt, gibt es bei ihm Macht auch nur im Plural, als (McNay 1992,109).

McNay erinnert an Sawicki 38 , die schon gezeigt hat, daß eine


Parallele zwischen den Theorien der Mütterlichkeit und der
36 Landweer 1994, 148. Maihofer unterstützt diese Interpretation: „Sie
[Butler, C.H.], neigt vielmehr dazu, diese Einsicht zu ontologisieren: Foucaults darin bestehe, daß beide relationale Modelle der
Ihr zufolge ist der Körper wirklich nichts anderes als eine Oberfläche
oder eine Fiktion" (Maihofer 1995, 51).
37 Siehe Foucault 1976,16 ff. 38 Sawicki 1988.

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Identität verträten. Diese Relationalität ist einer der wichtigsten gemein das Denken in linearen Wirkungszusammenhängen, das
Züge der Subjekttheorie Foucaults. ursprungsorientierte Denken, kritisiert, bezieht sich Butler vor
„Foucault guards against privileging any one form of identity as inhe- allem auf die Vorstellung des Subjekts, das eben nicht selbst
rently radical through an insistence on an understanding of personal seine Situation verursacht. Dieser Aspekt ist zwar in Foucaults
identity as constituted by a myriad of social relationships and practices Schriften zur Diskurs- und Machttheorie, in denen er das Sub-
in which the individual is engaged. These relationships may be contra- jekt als Objekt der Sprache und der gesellschaftlichen Macht-
dictory and unstable, and therefore the identity is fragmented and dy-
namic, always open to change and contestation" (ebd, 109). beziehungen thematisiert, ebenfalls wichtig, doch er will die
Selbstbeziehung des Subjekts und auch seine Freiheitsräume
In Das Unbehagen der Geschlechter ist Butler von diesen Konzep- nicht zerschlagen und zersetzen. Butler versteht das Subjekt zu-
ten der Identität und der dahinterstehenden Machttheorie weit meist in dem Sinne, in welchem Foucault es in der Archäologe
entfernt Sie anonymisiert Macht, versteht sie repressiv und ver- des Wissens bestimmte. 40 Eine Perspektive, die er selbst später
lagert sie aus den Subjekten heraus. In Körper von Gewicht ver- nicht mehr einnimmt, da es, wenn nicht unmöglich so zumin-
teidigt sie aber Foucaults Machtkonzeption mit den richtigen dest unproduktiv ist, die Sprache nur von ihrer grammatischen
Argumenten gegen die Unterstellung, er habe eine Machtmeta- Funktion her, also radikal bedeutungsentleert, zu verstehen.
physik oder Personifizierung der Macht entwickelt, eine häufig Die gesellschaftlich-praktischen Kontexte, in denen diese Funk-
vorgetragene Kritik von traditionell modernen Philosophen und tion des sprechenden Subjekts sehr relevant ist - nämlich etwa
Philosophinnen 39 : bei Gerichtsurteilen, bestreitet er dabei nicht In z.B. gerichtli-
chen Urteilen überschneidet sich der illokutionäre Spracheffekt
„Wenn Macht als ein grammatisches und metaphysisches Subjekt fehlin- damit, daß es nicht um individuelle Versprechen o.ä. geht, son-
terpretiert wird und wenn dieser metaphysische Ort innerhalb des hu-
manistischen Diskurses der privilegierte Ort des Menschen gewesen ist, dern um repräsentative Sprechakte, in denen einzelne nicht für
dann scheint die Macht den Menschen als Ursprung von Tätigkeit er- sich, sondern idealiter für die Rechtsstaatlichkeit der verfaßten
setzt zu haben. Wenn Foucaults Auffassung von Macht jedoch als eine Gemeinschaft sprechen und so diese verkörpern. Wie diese Pra-
Zerschlagung und Zersetzung dieser Grammatik und Machtmetaphysik
des Subjekts verstanden wird, wenn die Macht die Bildung und Erhal- xis vom Ideal abweicht und wie bedeutungsgeladen jeder dieser
tung der Subjekte orchestriert, dann läßt sich Macht nicht darstellen, Sprechakte ist, hat Butler in Haß spricht gezeigt. Die Abstrakti-
als wäre sie von den Bestimmungen her das Subjekt, das ja ihre Wir- onsstufe, die Foucault in der Archäologe des Wissens im Blick
kung ist. [...] Es gibt da keine Macht, die handelt, sondern nur ein dau- hat, geht aber über die materialhaltige sprachstrukturelle Un-
ernd wiederholtes Handeln, das Macht in ihrer Beständigkeit und In-
stabilität ist" (Butler 1993, 31). tersuchung Butlers hinaus. Bezüglich der Subjektkonstitution
und des Verhältnisses von Diskurs, Macht und Subjekt diver-
Diese Sätze betonen eine abstrakte Ubereinstimmung zwischen gieren Foucaults und Butlers Vorstellungen, und Butlers Fixie-
Butler und Foucault im Machtbegriff und ihrer Zielorientie- rung auf die Macht der Sprache vergrößert diese Differenzen.
rung, soweit es um die Zerschlagung der Grammatik und Meta-
physik des selbstidentischen Subjekts geht. Doch diese abstrak-
te Gemeinsamkeit tritt neben den verschiedenen Zielen und In- 40 „Bei der Untersuchung der Aussage haben wir eine Funktion gefunden
[die diskursive Formation, C.H.], die Zeichenmengen betrifft, die
halten, die sie damit verbinden, schnell zurück. Während Fou-
nicht mit der grammatischen Akzeptabilität oder der logischen Berich-
cault mit der Grammatik und Metaphysik des Subjekts ganz all- tigung identisch ist und für ihre Wirksamkeit einen Bezug [..] verlangt,
ein Subjekt (nicht das sprechende Bewußtsein, nicht den Autor der
Formulierung, sondern eine Position, die unter bestimmten Bedingun-
gen mit differenten Individuen gefüllt werden kann), ein angeschlosse-
39 Ich denke an Kritiken wie die von Honneth 1985 und Habermas nes Feld [...], eine Materialität (die nicht nur die Substanz oder der
1988, aber auch von Fink-Eitel 1994, der Foucaults Machttheorie in Träger der Artikulation, sondern ein Statut, Transkripitionsregeln,
Der Wille zum Wissen als monistisch bezeichnet (254 und 268), aber
Verwendungs- und Wiederverwendungsmöglichkeiten ist)" (Foucault
zubilligt, daß Foucault dies später korrigiert habe.
1969,167).

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Hilge Landweer urteilt über Butlers Machtkonzeption ver- idealer Grundriß für alle Disziplinaranstalten erkannt. Es wird
glichen mit Foucaults: das Vorbild für Erziehungsanstalten und Kasernen. Die Diszi-
plinarmacht, die Form der Machtausübung im historischen Zu-
„Die theoretische Operation, die Butler an Foucault vornimmt, indem
sammenspiel von Industrialisierung und Verwaltungskontrolle,
sie die Kategorie des Körpers auslöscht (ausmerzt?), zieht [...] Foucaults
zweite zentrale Kategorie, nämlich Macht in Mitleidenschaft: Wenn die auf Disziplinierung und in Selbstbeherrschung verwandelte
Macht nur noch im Diskurs verortet ist und auf nichts anderes mehr Fremdbeherrschung zielt, findet im Panoptikon ihren idealen
verweist, ununterscheidbar von den in ihm getroffenen Unterscheidun- architektonischen Bau. Es installiert die Allgegenwart der
gen, und keinen Verankerungspunkt mehr in den Körpern hat [...], so
haben wir es mit einem klassischen monolithischen Machtmodell zu tun: Macht und ist so bestens geeignet, selbstkontrollierte Subjekte
Die Macht ist homogen, sie schließt aus" (Landweer, 1993, 15). zu erzeugen. Die allseitige und zeitlich unbegrenzte Beobach-
tungsmöglichkeit, die diese säkulare Architektur erlaubt, fun-
giert als Motor der Verinnerlichung heteronomer Normierungs-
zwänge und verschärft die Trennung von privat und öffentlich.
Nicht-diskursive Praktiken der Macht Alle Erziehungsbedürftigen: Kinder, junge Soldaten, Verrückte,
Kriminelle, Perverse, etc., werden beobachtbar und ihr Wissen,
Butler setzt die Performativität der Sprache als Ausgang allen dem Blick der Macht stets ausgeliefert zu sein, veranlaßt sie zu
Seins und Denkens und kann darum keinen Widerstand der In- möglichst perfekter Selbstkontrolle der Außenwirkung. Diese
dividuen/Subjekte gegen die Macht der Sprache konzipieren. auf das äußerlich Sichtbare gerichtete Selbstbeherrschung wirkt
Foucault läßt dagegen außer den diskursiven auch nicht-diskur- sich zweifach auf die Bildung der Seele aus: Sie erzeugt sie in
sive Machtpraktiken gelten und spricht diesen mindestens eben- spezifischer Weise, insofern die visuelle Kontrolle die Seele als
solche Wirkung bei der Strukturierung konkret erlebter Wirk- Rückzugsort des Individuums, als seinen Privatbereich, seine
lichkeit zu. Im folgenden werden diese nicht-diskursiven Intimsphäre wichtig macht Das Subjekt kultiviert die, hetero-
Machtpraktiken vorgestellt und auch die Verschränkung von nom an es herangetragene, Vorstellung von der Seele als seinem
Diskurs und Macht, die als Technik der Wahrheitserzeugung in persönlichen, uneinsehbaren Privatbereich. Doch auch diese
einer Wissensgesellschaft wie der unseren eine besondere Stel- Seele, der als Gegenpol zur äußeren Disziplinierung liebgewor-
lung einnimmt. dene und gehegte Kleingarten der Individualität, ist kein Privat-
Nicht-diskursive Machttechniken, die Foucault behandelt, besitz, sondern selbst Objekt anderer Machttechnologien. Wäh-
sind z.B. Erziehungs- und Strafrituale oder architektonische rend ihre Reinheit vormals in die Zuständigkeit des Klerus fiel,
Neuerungen in der Bauweise von Gebäuden, deren Funktion werden nun im Rahmen der Disziplinarmächte Psychologen mit
mit der Ausübung der Disziplinar- und Kontrollmacht zusam- der normalen Funktionsweise und den gesunden Inhalten und
menhängt Besonders intensiv geht er auf nicht-diskursive Phantasien der Seelen befaßt Körper und Seele als Angriffs-
Machtpraktiken in Überwachen und Strafen ein, aber auch die punkte und Effekte der Disziplinarmächte existieren also nicht
Forschung am toten menschlichen Körper, die Pathologie, die unabhängig voneinander, und die Spaltung von Seele und Kör-
für Die Geburt der Klinik entscheidende Technik, ist nicht-dis- per ist keine anthropologische Konstante, sondern das Ergebnis
kursiv. In Überwachen und Strafen thematisiert Foucault u.a. die eines Wechselspiels von Machttechniken, durch das sich das In-
vielfältige Anwendbarkeit der architektonischen Machttechnik dividuum als mit einer Seele und einem davon abgetrennten,
des Panoptikons. Sobald das Panoptikon - ein Gefängnis, das so objektivierbaren Körper ausgestattet bestimmt
gebaut ist, daß von seinem Zentrum aus alle Insassen lückenlos Nicht-diskursive wie diskursive Machtpraktiken müßte es
sichtbar sind und die unsichtbaren Wachleute das gesamte Tun im Prinzip, da Menschen körperliche und sprechende Wesen
ihrer Schützlinge kontrollieren können - wird das panoptische sind, in jeder Wissensformation geben. Dennoch ist auch diese
Modell zur Metapher, mit der sich auch die Machtausübung in Definition des Menschen epistemenabhängig und sind Sätze wie
anderen Bereichen beschreiben läßt. Das Panoptikon wird als der vorhergehende grundsätzlich fragwürdig und hypothetisch.

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Denn welchen objektiven Status diese beiden Merkmale der ren Körper, die Butler in Das Unbehagen der Geschlechter und
Körperlichkeit und Sprachfähigkeit haben, ist nicht erkennbar. Körper von Gewicht als Ausgangspunkte und Motivation ihrer
Was gewinnt Foucault durch die nicht-diskursiven Macht- Kritik nennt, die möglich und lebbar wären, wenn das Gesetz
praktiken gegenüber Butlers juridischem Machtmodell? Lorey nicht gälte, sind denknotwendige Konstruktionen, keine wider-
sieht einen Vorteil darin, daß Foucault in seinem Machtbegriff ständige Wirklichkeit Und auch ihre Bezugnahme auf Transse-
andere produktive Momente betont xuelle klammert deren Leiden am falschen Geschlecht aus, das
sich vor allem am falschen Körper festmacht. Die Parodie geht
„Während Butler die hervorbringenden Wirkungen juridischer Struk- für Darstellende und Zuschauende mit Emotionen einher, sie
turen analysiert, wendet sich Foucault gänzlich ab von produktiven ist aufklärerisch, indem sie irritiert, aber sie zielt weniger auf
Verboten und koppelt Produktivität an die Allgegenwart von Macht-
beziehungen. Dies wiederum bedeutet, daß interaktive Praktiken der die Körper und die Lüste, als auf die Köpfe. Nur deshalb kann
Motor für Produktivität sind. Das heißt, die Konstitution von Subjek- Butler Travestie und Parodie behandeln, als wären sie beliebig
ten findet durch Praktiken statt, die nicht unmittelbar an die erzwun- einsetzbare Methoden. Die Verwirrungen der eigenen Lüste
gene Wiederholung hegemonialer Normen gebunden sind, wie das in
Butlers Überlegungen der Fall ist. Produktivität, und damit der Modus und des eigenen Begehrens, die Zuschauer der Travestie
und das Feld von Veränderungsmöglichkeiten, bleibt so nicht auf struk- manchmal erleben, wenn sie die Erotik der Situation zulassen
turelle Mechanismen beschränkt, sondern kann unmittelbar mit der und ihr identifiziertes sexuelles Begehren darin verstört finden,
Selbst-Konstitution von Subjekten verbunden werden" (Lorey 1996, entsteht aus dem Konflikt zwischen leiblichem Angesprochen-
68.).
sein und dem Wissen darum, daß das aber jetzt hier nach den
Foucaults Theorie der Produktivität koppelt die Subjekte nicht eigenen Selbstbestimmungen gar nicht sein kann/darf/soll. Daß
an Verbot und Gesetz und erlaubt deshalb, den Anteil der Sub- Butler den Körper vom Denken her konzipiert, bedeutet, daß
jekte an der Entwicklung ihrer Identität und damit ihre Mög- sie die Sprengkraft leiblicher Empfindung, die in einer solchen
lichkeiten zum Widerstand gegen die Machtverhältnisse nicht Situation liegt, gerade durchstreicht und sich dadurch der Wi-
nur strukturell zu fassen. derständigkeit, die sie selbst dafür reklamiert, beraubt
Butlers Konzept läßt Widerstand nur zu, weil die Macht der „Foucault [spannt] durch die drei Eckpunkte Macht, Diskurs und Kör-
Anrede, die die Angeredeten beherrschen und definieren will, per ein Theoriefeld in der Weise auf, daß damit keine Hierarchisierung
strukturell versagt Dieses Versagen ist notwendig unvorherseh- in dem Sinne impliziert ist, daß der Diskurs die machtbesetzten Körper
bar - hier kann die Freudsche Vorstellung vom Versagen der hervorbrächte" (Landweer 1993 a, 9).
Zensur, die dazu führt, daß sich Verdrängtes Ausdruck ver-
Die performative Wirkung von Sprechakten ist für ihn nur eine
schafft, helfen, Butlers Gedanken zu verdeutlichen. Das Motiv
der möglichen Konstruktionsweisen der Beziehung von Spre-
der Ereignishaftigkeit des Widerstands paßt gut zu Foucaults
chen und Wirklichkeitserzeugung. In Sexualität und Einsamkeit
Konzeption, doch eigentlich kaum zu Butlers Vorstellung einer
behandelt er die widersprechende Überzeugung, daß das Aus-
systematischen Zerrüttung des Patriarchats und des binären
sprechen eines bestimmten Sachverhaltes seine Wirklichkeit
Denkens. Das Versagen der Bezeichnungsfunktion ist auch bei
aufhebt. Er stellt die Theorie des Psychiaters Louren dar, der
Foucault der Grund für die Widerstandsmöglichkeit der Sub-
seine psychologische Kur darauf gründet, daß der Wahnsinnige
jekte. Bei Butler krankt dieses Modell daran, daß unklar ist,
einsehen und aussprechen müsse, daß er wahnsinnig sei.
wie die Verschiebungen, die das Versagen auslösen, in die
Sprache hineinkommen, wenn doch Sprache und Materie zu- „Lourens Annahme ist, daß der Wahnsinn als Wirklichkeit verschwin-
sammengeschlossen sind. Bei Foucault ist das Versagen zu er- det, wenn der Patient die Wahrheit ausspricht und sagt, er ist wahnsin-
klären, weil Subjekte schon vor ihrer Subjektivierung/Unter- nig. Wir haben hier das Gegenteil des performativen Sprechaktes: die
Behauptung zerstört im sprechenden Subjekt die Wirklichkeit, die eben
werfung etwas sind, Macht haben, die sie schon in ihrer Sub- diese Behauptung wahr gemacht hat" (Foucault 1984 a, 33).
jektivierung/Unterwerfung zur Geltung bringen. Die un-lebba-

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Foucault zeigt damit, daß das Verhältnis von Wirklichkeit und „Es reicht also nicht, zu sagen, daß das Subjekt in einem symbolischen
Sprechakt auf verschiedene Weise plausibel gedacht werden System gebildet wird. Das Subjekt bildet sich nicht einfach im Spiel der
könnte. Am Umgang von Menschen mit Liebeserklärungen las- Symbole. Es bildet sich nach realen und historisch analysierbaren Prak-
sen sich auch beide Phantasien über die Beziehung von Sprache tiken. Es gibt eine Technologie der Selbstkonstitution, die symbolische
und Wirklichkeit illustrieren. Manche vertrauen darauf, daß Systeme durchschneidet, während sie sie gebraucht" (Foucault 1987 c,
289).
sich das Gefühl festigt, wenn es in Worte gefaßt wird, andere
hingegen glauben, daß die verbale oder gar schriftliche Fixie- Dieser letzte Satz klingt wieder nach Butlers Umschreibungs-
rung die Innerlichkeit und Tiefe der intimen Gefühle zerstört - theorem, doch im Kontext des anderen Machtverständnisses be-
vielleicht weil sie sie gemein macht mit allem, was sonst noch deutet er eben auch etwas anders, nämlich daß konkrete, auch
in ebendiese Worte gefaßt wird. Nun ist die Frage nicht, was körperliche Praxen die Subjektkonstitution prägen.
wirklich mit den Gefühlen oder Phantasien passiert, wenn sie Am Begriff des Dispositivs und Foucaults These, daß die
ausgesprochen werden. Vielleicht ist beides zugleich der Fall moderne Subjektivierung sich in einem Dispositiv der Sexualität
und hat miteinander nicht direkt zu tun. Es geht darum, daß bewege, will ich Foucaults Widerstandsfigur vollständig entwik-
die Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit, die Butler keln. Dabei wird deutlich, wie wichtig Foucaults Kritik am ab-
eng, linear und eindimensional auffaßt, auch anders gedacht strakten, epistemologischen Denken ist Ohne diesen Grundge-
werden kann. An Louren zeigt Foucault, daß er bezüglich der danken werden viele seiner Äußerungen leicht mißverstanden.
diskursiven Konstruiertheit von Phänomenen auf keinen Fall so
verstanden werden will, als nehme er ein magisches Verhältnis
von Sprache und Wirklichkeit an. Das tut er schon darum
nicht, weil er als produktive Machtmechanismen auch nicht- Sexualität - ein Dispositiv der Macht
diskursive Praktiken und Ereignisse im Blick hat
Foucaults Machtkonzeption formuliert einige in den 70er Jah-
Butlers diskursiver Konstruktivismus hingegen zeigt in ihren
ren neue Perspektiven und Gedanken dazu, was Macht in der
frühen Texten Züge magischen Denkens, sowohl strukturell we-
modernen Gegenwart ausmacht Macht ist demnach produktiv
gen der Linearität ihres Ansatzes, als auch inhaltlich, weil sie
und nicht einfach repressiv, breitet sich von kleineren zu grö-
meint, daß das Andere, die Vielfalt, durch begriffliche oder
ßeren Machtzentren und -trägersubjekten hin aus und findet
symbolische Inszenierung gezielt erzeugt werden könne. Haß
sich in sehr verschiedenen Äußerungen und Strukturen. Beson-
spricht ist diesbezüglich der Umbruchpunkt, weil sie dort diese
ders wichtig ist, daß Machtbeziehungen zwar beweglich sind
Linearität der Beziehung von Sprache und Wirklichkeit explizit
und sich als einzelne stets neu aktualisieren, daß sich aber in
aufgibt - auch wenn sie nur das Versagen der Intentionalität als
Grund anführt Eine komplexere Theorie des Verhältnisses von einer konkreten Gesellschaft stets auch verfestigte und spezifi-
Sprache und Wirklichkeit, die eine Subjekttheorie ergäbe, die sche Macht-Konfigurationen - sogenannte Dispositive - ausbil-
zu ihren praktisch-politischen Zielen paßt, hat sie jedoch bis- den. Ein Dispositiv ist eine komplexe Anordnungen von Dis-
her nicht entworfen. kursen, Disziplinen und Mechanismen, die in ihrer Gesamtheit
nicht chaotisch sind, sondern sich so organisieren, daß sie das
Foucault verwahrt sich im Gespräch dagegen, das Subjekt
gesellschaftliche Feld in einer bestimmten Dimension und Wei-
als symbolisches zu konstituieren. Er antwortet auf die Frage,
se gestalten. Foucault zeigt in Der Wille zum Wissen, wie sich
welche Rolle der Diskurs bei der Subjektkonstitution spiele,
historisch im 18. und 19. Jahrhundert aus dem traditionellen
daß das Schreiben zur Selbsterzählung eine in der Moderne ge-
Allianzdispositiv als einer sehr alten Form der familialen Orga-
pflegte, aber schon sehr viel ältere Anwendungsform des
nisation das moderne Sexualitätsdispositiv entwickelt Im Gel-
Schreibens sei, und schließt:
tungsraum des Sexualitätsdispositivs werden Subjekte auf eine
andere Art erzeugt, werden andere Lebenspraktiken und Wert-
maßstäbe ins Zentrum der Selbst- und Fremdbeziehung gerückt
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als im Allianzdispositiv. 41 Die Subjekte des Sexualitätsdisposi- selben Weise wirkt, muß Macht auch nicht immer Dispositive
tivs haben eine Sexualität und definieren sich über diese, und ausbilden - auch wenn er den Begriff des Allianzdispositivs als
weniger über den gesellschaftlichen Stand ihrer Familie und ih- Gegenbegriff zum Sexualitätsdispositiv prägt, das noch zu Be-
ren innerfamiliären Status. Die Liebe als romantische Liebe, ginn der Moderne die familialen und Ehebeziehungen prägte.
getragen von sexueller Anziehung, gibt im neuen Dispositiv die Butler totalisiert eine bestimmte Machtkonzeption. Land-
Grundlage für ein Ehebündnis ab, nicht mehr ökonomische, ge- weer schreibt, sie befinde sich mit ihrem linearen diskursiven
sellschaftliche oder andere pragmatische Überlegungen. Unter Denken der Macht letztlich
der Herrschaft des Sexualitätsdispositivs kristallisieren sich die
modernen Machtverhältnisse und die sie tragenden strategi- „in einem Repressionsmodell der Macht, denn das, was in totalitärer
Weise alles andere organisiert, ist der Diskurs als abstraktes Subjekt.
schen Diskurse und Themenfelder heraus. Es ist m. E. einer Foucaults Anliegen ist dagegen eine prinzipielle Historisierung von Ge-
der entscheidenden Befunde der Genealogie Foucaults, eine genwartskategorien. So produziert nicht der Diskurs das Geschlecht,
solche gemeinsame Orientierung der modernen Machtbeziehun- sondern es sind historisch spezifizierbare Diskurse, die Geschlecht in
gen gefunden zu haben, die die gesellschaftlich heterogenen seiner jeweiligen Bedeutung konstituieren" (Landweer 1993 a, 14).
Muster der Selbst- und Fremdbeziehungen wie ein roter Faden
Die fehlende Situierung ihrer Begriffe Diskurs, Sprache, Patri-
trägt und sich in verschiedensten Bereichen niederschlägt bzw.
archat und Gesetz ist hier das Problem. Damit gibt sie Fou-
in diese hinein verlängert wird, wenn sich die entsprechenden
caults These von der Produktivität vielfältiger Machtkonstella-
Leitbilder gesellschaftlich durchgesetzt haben. Zwar sind die
tionen und Beziehungen auf für eine Theorie über die Möglich-
Begriffe Sexualitätsdispositiv und Biomacht erklärungsbedürf-
keit, durch Sprechen Subjektivität als psychische Struktur auf-
tig, doch lassen sich damit wesentliche Aspekte der gesell-
zubauen. Nun ist diese Mißdeutung Butlers produktive insofern
schaftlichen Entwicklung und der Diskursivierungen in der Ge-
sie sie herausfordert, verschiedene Vorstellungen auszuprobie-
genwart auf kritische Weise verstehen und analysieren. Das
ren, wie die Produktivität der Macht auf der diskursiven Ebene
Konzept des Dispositivs als systematischer Organisationsform
funktionieren könnte. Damit hat sie einen Horizont abgesteckt,
vieler Machtbeziehungen in einer Gesellschaft, die kein Subjekt
was Foucaults These in ihrem begrenzten Diskursfeld meint,
entwirft geschweige denn installiert, ist - obwohl sie der Plura-
die lokal über seine eigenen Bestimmungen hinausreicht. Daß
lität von Machtbeziehungen auf den ersten Blick entgegenzuste-
sie dabei die nicht-diskursiven Machtpraktiken ebensowenig
hen scheint - für eine praktisch-politische Philosophie sehr
beachtet hat wie die historische Situierung der Thesen von der
wichtig. Die Entstehung einer solchen Systematik in den Dis-
Produktivität und Allgegenwart der Macht, muß korrigiert wer-
kursen und Machtbeziehungen paßt damit zusammen, daß die
den, damit ein vollständiges Bild entsteht Butlers Schwanken
moderne Macht identische Subjekte fordert und erzeugt, diese
zwischen Foucault, Freud und Derrida, das zugunsten Derridas
aber Konsistenz ihrer Handlungsweisen und Prinzipien brau-
bzw. neuerdings Freuds ausgeht, zeigt deutlich die Defizite ei-
chen und herstellen. Da Foucault selbst sich in seinen nachfol-
nes rein diskurstheoretischen Konstruktivismus, der mit Fou-
genden Texten darauf beschränkt, die Gegenwart und von die-
caults materialistisch und praktisch orientierter Philosophie
ser her die antiken Selbst- und Wahrhei