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Franz Kafka: Auf der Galerie

Textinterpretation

Die Texte von Franz Kafka bestehen aus zwei Bestandteilen. In seinen Werken gibt es
immer eine Botschaft, die er dem Leser geben will, er beschäftigt sich mit verschiedenen
Ideen. Die Erkenntnisebene steht aber nicht allein. Genauso wichtig ist die Erzählebene, eine
Geschichte, in der philosophische Fragen eingebaut sind. Man kann daraus erkennen, dass die
Texte nicht von einem Philosophen, sondern von einem Literaten geschrieben sind. In Kafkas
Werken fließen die Gedanken mit der Handlung oft zusammen; zwischen Sein und Schein,
Wahrheit und Täuschung gibt es oft eine zu kleine Distanz um sie zu unterscheiden.
Der erste Satz vom Text „Auf der Galerie“ beginnt mit dem Wort „wenn“ und er ist im
Konjunktiv geschrieben. Viele Erzählungen Kafkas beginnen so. Das lässt uns merken, dass
es nicht Wirklichkeit ist, sondern eine Überlegung, was würde passieren, wenn … Der Autor
denkt nach, was ein Galeriebesucher machen würde, wenn er in der Manege eine hinfällige,
schwache Reiterin sehen würde, die von ihrem grausamen Chef und dem unersättlichen
Publikum gezwungen wird, ewig und ohne Unterbrechung rundherum zu reiten und zu
springen. Der Zuschauer würde sich vielleicht des Mädchens erbarmen, wenn es so klar wäre,
dass es leidet. Er würde den Auftritt stoppen und die Reiterin von dem Leiden befreien. Die
Wirklichkeit ist aber anders. Die Kunstreiterin ist schön und geschickt, der Direktor ist ihr
gegenüber aufmerksam und fürsorglich, er bewundert ihre Geschicklichkeit. Er macht das
Publikum aufmerksam, dass die Sprünge lebensgefährlich sind. Natürlich ist sein Verhalten
nur Theater. Er bewundert laut das Mädchen, um danach den ganzen Ruhm für sich selbst zu
behalten. Er sieht in der Reiterin ein Mittel dazu, selbst berühmt und erfolgreich zu werden.
Die Reiterin bekommt ihre Belohnung, die Ovationen der Zuschauer, und sie scheint
glücklich zu sein. Sie ist es aber nicht, sie wird vom Direktor unterdrückt, er zwingt sie
monatelang zu üben und ohne Unterbrechung im Kreis rundum zu reiten. Und dann will er ihr
den Ruhm stehlen. Und sie macht, was er will, sie bemüht sich so gut wie möglich zu sein und
sie teilt das Glück nach dem Auftritt mit ihm. Der Galeriebesucher will die Wahrheit nicht
sehen, er sieht nur das, was sich jetzt im Zirkus abspielt, er sieht das Glück und die Freude des
Mädchens, er bewundert es und er ist gerührt und vielleicht hat er doch Mitleid mit ihm. Er
stürzt sich aber nicht in die Manege um es zu retten. Man kann das Unglück nicht gleich
sehen, es ist versteckt hinter dem Lachen, hinter den goldenen Vorhängen und dem lauten
Klatschen. Wenn man das Unglück und das Leiden nicht klar sehen kann, vielleicht gibt es
diese gar nicht. Das ist die Verteidigung des Galeriebesuchers, der zu feig ist, um das, was er
für richtig hält, zu tun.
Eines der typischen Themen Kafkas ist die Allmacht von Institutionen, die hier der
Zirkus darstellt. Typisch ist auch die Person des Direktors, der eine strenge, erbarmungslose
Autorität ist. Diese zwei Merkmale kann man in Kafkas Werken immer wieder erkennen und
haben ihren Ursprung in seinem Privatleben. Kafka hat einen sehr autoritären Vater gehabt,
dem er nie ein guter Sohn war, obwohl er sich sehr darum bemüht hat. Auf Wunsch des Vaters
hat Kafka Rechtswissenschaften studiert und dann in einer Versicherungsanstalt gearbeitet.
Diese Arbeit hat er gehasst, weil ihn diese Institution beschränkt und ihm die Zeit gestohlen
hat, die er für das Schreiben nutzen wollte. Kafka sieht sich selbst in der Position des Opfers,
das in diesem Text die Kunstreiterin – ganz außergewöhnlich eine Frau – darstellt. Sie arbeitet
bestens, sie kann und sie macht alles um dem Direktor Freude zu machen. Der
Galeriebesucher erinnert mich sehr an die Person der Mutter, sowohl aus der „Verwandlung“,
als auch aus Kafkas Leben. Diese Person hat zwar Mitleid mit dem Unterdrückten, sie hat
aber immer zu große Angst, um vor der Autorität für ihn einzutreten.
Der Text „Auf der Galerie“ ist eine Parabel, eine epische Kleinform, die aber auch als
Großform auftreten kann, und die immer eine Erkenntnis- und eine Erzählebene hat. Die
Parabel steht meistens nicht allein, sondern sie ist ein Teil eines anderen Werkes, wie zum
Beispiel „Die Ringparabel“ im Werk „Nathan der Weise“ von Lessing. Franz Kafka hat diese
literarische Form oft genutzt, weil seine Werke immer etwas zum Nachdenken enthalten.
Bekannt sind z.B. seine Parabeln „Vor dem Gesetz“ und „Eine kaiserliche Botschaft“. Fast
alle Werke Kafkas sind eigentlich Parabeln zu seinem Leben.

Monika Hagenhoferová, 6B