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Alle Welt meint keine Zeit zu haben. Und warum nicht?

Weil noch so
Seelenheil viel zu erledigen ist. Selbst im Ruhestand kommen längst nicht alle zur
Predigt zu Matthäus 16,26 am 21. September 2014 von Pfarrer Hans-Jürgen Kopkow Ruhe. Nicht umsonst spricht man augenzwinkernd immer wieder vom
Unruhestand. Was die Sache, um die eigentlich geht, aber nicht besser
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und macht.
verlöre sich selbst und nähme Schaden an seiner Seele?“ So hat Martin Es stellt sich also die Frage, was das Leben ist und wie man es so
Luther die Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium übersetzt. gestaltet, dass es nicht nur Stress und Ausbeutung, sondern Erfüllung
Vermutlich kennen Sie diese Worte ja? Oder? und Freude ist. Wie also lebt man die Tage richtig, die einem bestimmt
Aber haben Sie schon einmal eine Predigt darüber gehört? Wohl sind, die man noch zu leben hat?
kaum. Denn dieser Text kommt offiziell als Predigttext nicht vor. Das hängt natürlich von der Beantwortung der Frage ab, ob ich selbst
Schade eigentlich. bestimmen kann, was ich mache und was ich lasse. Klar, wer nur noch
Denn auch wenn diese Worte in der Lutherübersetzung ein wenig macht, was andere von ihm erwarten, lebt nicht mehr selbst. Das ist
altertümlich klingen, so bringen uns doch etwas zu Bewusstsein, was nicht gut. Es mag Zeiten geben, in denen es nicht anders geht.
inhaltlich heutzutage aktueller denn je zuvor ist. Aber wenn das zum Dauerzustand wird, wird man krank, innen drin,
Sicher wird das besser deutlich, wenn ich die gleiche Stelle mal in gemütskrank, seelisch krank, manchmal in Verbindung mit äußeren
einer modernen Übersetzung vorlese: „Was nützt es einem Menschen, Symptomen, also psychosomatisch krank. Und dann braucht man Hilfe,
wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sich selbst und sein Leben dabei von einem Seelsorger oder – wem das zu altmodisch ist – von einem
verliert?“ Psychiater oder Psychologen.
Wir sehen: Jesus legte mit seiner Frage den Finger auf den wunden
„Stimmt, Jesus hat Recht …“ werden Sie spontan denken. Was nützt Punkt: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne
es einem? Nichts. Wer wollte schon sich selbst verlieren? Wer wäre und verlöre sich selbst und nähme Schaden an seiner Seele?“
bereit, einen Schaden, womöglich einen Totalschaden in Kauf zu
nehmen? Wohl niemand. Ganz im Gegenteil: Wir wollen leben. Richtig Nun ist mit der Feststellung, dass die Frage durchaus berechtigt ist,
leben. Wir wollen nicht verlieren, sondern gewinnen. das Problem ja noch nicht aus der Welt.
Wir merken: Jesus war ein guter Beobachter. Er hat an den Menschen Denn dann stellt sich ja erst die eigentliche Frage: Wie kommt man
seiner Zeit etwas beobachtet, was heute noch viel offensichtlicher zu aus der Nummer raus? Wie gelingt es, so zu leben, dass man sich nicht
Tage tritt. verliert, dass man keinen Schaden an der Seele nimmt?
Was nämlich? Na, dass Menschen so sehr damit beschäftigt sind, Sicher ist man die Probleme, um die es geht, nicht los, indem man die
Karriere zu machen und Geld zu verdienen, dass sie selbst dabei auf der Existenz von so etwas wie einer Seele leugnet? Und auch die kommen
Strecke bleiben und mit ihnen alles, was zu ihrem Leben gehört. in der Sache nicht weiter, bei denen die Seele so sehr in Vergessenheit
Ist doch so: In einem atemberaubenden, geradezu mörderischen geraten ist, dass nicht einmal mehr das Wort vorkommt. Ganz im
Tempo versuchen viele rauszuholen, was rauszuholen ist. Und das Gegenteil: Wo das Wissen um die Seele und ihre Bedürfnisse
Schrecklichste: Sie sind offensichtlich bereit, dafür über Leichen zu abhandenkommt, da wird es erst richtig schwierig.
gehen.
Zu viele haben zu sehr im Blick, die Welt zu gewinnen, und verlieren Unter Pfarrern gibt es zuweilen, wenn wieder mal einer von uns etwas
sich dabei in Nebensächlichkeiten und verlieren dabei den Blick fürs eher Unwichtiges zu wichtig nimmt, einen das Ganze relativierenden
Wesentliche. Ich denke da nur an den allabendlichen Blick auf die Spruch: „Das ist nicht heilsnotwendig.“ Damit ist gemeint, dass sich
Börsenkurse. Unwichtiges und Nebensächliches vor das Wesentliche schiebt und
damit aus dem Blick gerät, was wirklich wichtig und für das Seelenheil Psalm 42 (Gemeinde steht)
eines Menschen notwendig ist. Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
Und darum sollte es gehen: Ums Seelenheil, das eigene und das der so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
anderen. Das Seelenheil sollte uns nicht unwichtig sein. Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
So weit. So gut. Was aber ist das eigentlich, das Seelenheil? Meiner Wann werde ich dahin kommen,
Meinung nach beschreibt das Wort Seelenheil einen Zustand, wo alles dass ich Gottes Angesicht schaue?
gut ist in meinem Leben, wo alles gut ist zwischen mir und den Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Menschen, mit denen ich lebe, wo alles gut ist zwischen mir und
Daran will ich denken
meinem Gott. und ausschütten mein Herz bei mir selbst:
So beschreibt das Wort Seelenheil für manche oder manchmal den wie ich einherzog in großer Schar,
glückseligen Moment, in dem alles gut ist, und für andere eher das Ziel, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes
nach dem sie sich sehnen. mit Frohlocken und Danken
Und gleichzeitig deckt das Wort so etwas wie ein Defizit auf. Es macht in der Schar derer, die da feiern.
uns aufmerksam auf etwas, was vielen Menschen womöglich fehlt. Wo Was betrübst du dich, meine Seele,
das Seelenheil fehlt, das fühlt sich die Seele da drinnen krank, eben nicht und bist so unruhig in mir?
heil, sondern seltsam wund. Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
Ich gehe sicher nicht falsch in der Annahme, dass viele Seelen dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Seelsorge bräuchten, um wieder ins Reine zu kommen mit sich, mit den Am Tage sendet der Herr seine Güte,
und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.
anderen, mit Gott.
Ich sage zu Gott, meinem Fels:
warum hast du mich vergessen?
Wir sehen: Man kann das Wort Jesu gar nicht oft genug wiederholen. Warum muss ich so traurig gehen,
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und wenn mein Feind mich dränget?
verlöre sich selbst und nähme Schaden an seiner Seele?“ Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen
Was also hat man davon, wenn man fast alles hat bzw. erreicht hat, und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?
aber über alledem sich selbst verliert und Schaden nimmt? Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Was könnte uns helfen, keinen Schaden an der Seele zu nehmen und Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
uns nicht zu verlieren? Meiner Meinung nach nur eins: Um es mit den dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Worten des Psalms zu sagen, den wir eingangs gebetet haben:
„Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre
auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts
Hilfe und mein Gott ist. Und deshalb: Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.“
Wenn die Seele diesen Durst stillen kann, bleibt sie gesund. Wenn
nicht, wird sie krank. Die Seele wird also heil und gesund in der
Ausrichtung auf Gott. Diese Weisheit drückt sich auch im Psalm 62 aus,
wo es heißt: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ Amen.