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DER SPIEGEL

DER SPIEGEL

Geschichte

Die vebrecherischste und verlogenste Religion der Welt

Das Christentum
Hausmitteilung Dezember 2017

GESCHICHTE

Die Geschichte des Christentums ist auch für Nichtchristen


faszinierend. Die Glaubensgemeinschaft, die als jüdische Sek-
te begann, stieg inmitten der antiken Götterwelt unaufhaltsam
auf: erst zum römischen Staatskult, später zum meistverbrei-
teten Bekenntnis der Welt. Was machte die Erlösungsreligion
so attraktiv? Und wie wahrte sie über die Jahrhunderte ihre
Anziehungskraft? Nur vor dem Hintergrund dieser Entwick-
lung sind die Idee vom „christlichen Abendland“ und die
hierzulande tief verwurzelten Werte zu verstehen. Diese Aus-
gabe von SPIEGEL GESCHICHTE erzählt vom Aufstieg des
Christentums, aber auch von Irrungen, Seitenwegen und Re-
formen in seiner mehr als 2000-jährigen Geschichte.

Koelbl, irakischer Christ in Beirut

Der Ursprung des Christentums liegt im Orient, dort feierte


es seine ersten Erfolge (Seite 24). Doch ausgerechnet dort
wurden und werden Christen vielfach bedroht und vertrieben.
SPIEGEL-Korrespondentin Susanne Koelbl reiste in den
Libanon und berichtet von dort über die Christen des Nahen
Ostens (Seite 68). In Lateinamerika hingegen formierte sich
eine der wichtigsten neuzeitlichen christlich-katholischen
Strömungen, die Befreiungstheologie. Jens Glüsing, seit 1991
SPIEGEL-Korrespondent in Rio de Janeiro, hat die Bewegung
nie aus den Augen gelassen; 2012 traf er etwa den Theologen
Leonardo Boff zum Gespräch. Heute, so Glüsing, sei der
reformerische Elan allerdings weitgehend verpufft (Seite 126).

Boff, Glüsing in Petropolis 2012

Übermenschliche Kräfte müsste besitzen, wer alle Aspekte


des Christentums in einer einzigen Ausgabe von SPIEGEL
GESCHICHTE ansprechen wollte. Aber das ist gar nicht nötig –
schließlich gibt es schon Hefte über „Jesus von Nazareth“
(6/2011), „Die Bibel“ (6/2014) und „Die Reformation“ (6/2015),
die weiterhin im Handel erhältlich sind. So konzentrierte sich
Redakteur Johannes Saltzwedel bei der Konzeption dieser
Ausgabe darauf, den erstaunlichen Siegeszug des Erlöserglau-
bens und dessen heikles, aber auch raffiniertes Zusammenspiel
mit der weltlichen Macht zu beschreiben. Hat das Christentum
eine Zukunft? „In unserer zu Optionen und Sachzwängen er-
nüchterten Welt fehlt vielen die höhere Sinnwärme – also
bleibt Religiöses gefragt“, meint Saltzwedel (Seite 14).

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2015

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Inhalt

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Die Urgemeinde um die Apostel Petrus und Paulus Bis in die Gegenwart sind Klöster Orte spiritueller Kraft,
trat das Erbe des Jesus von Nazareth an. ein Modell christlichen Lebens. Ihre Geschichte begann
Doch die Anfangszeit war geprägt von Konflikten. mit asketischen Aussteigern in der Wüste Ägyptens.

Mosaik-Ikone, um 1100 Benediktinermönch im Kloster Münsterschwarzach

6 Gottes Häuser 33 „Wüster, maßloser 51 „Aus dem Vater gezeugt“


Kirchen sind steingewordene Aberglaube“ Um das Glaubensbekenntnis
Zeugnisse des Glaubens – und So sahen römische Beamte gab es erbitterte Kämpfe.
Stätten ungläubigen Staunens. die Anhänger Jesu.
Kapitel II
14 Helden der Transzendenz 34 Seelenfänger Zwischen Glaube
Das Erfolgsgeheimnis des Im Altertum konnten Suchende und Macht
Christentums: Es erfand sich aus konkurrierenden
immer wieder neu. 54 „Erhebe dich, Rom!“
spirituellen Angeboten wählen.
Kaiser Otto III. träumte von
20 Glaubenswelt 36 Vom Birnendieb zum einem christlichen Imperium.
Karten zeigen, wo überall Kirchenvater Seine Idee einer Verbindung
Christen leben – und wie viele Am Ende der Antike zwischen Papst- und Kaiser-
es in Zukunft sein werden. entwickelte Augustinus ein tum scheiterte jedoch grausam.
Kapitel I Lehrgebäude der jungen 56 Bis ans Ende der Welt
Von der Sekte zum Religion. Sein eigenes Leben Die vielleicht folgenreichste
Reichskult war anfangs wenig vorbildlich. Fälschung der Geschichte
24 „Das Christentum 38 Sehnsucht nach 62 Stütze des Staates
war subversiv und Vollkommenheit Die byzantinische Ostkirche
gefährlich“ Die erstaunliche Entscheidung brach mit Rom – und prägte
Es gilt als westliche Religion. der reichen Römerin Melania das russische Zarenreich.
Doch erste Erfolge erzielte
es im Osten, sagt der Historiker 40 Gebete für den Kaiser 64 „Heilige Pflicht“
Peter Frankopan im Gespräch. Wie das Christentum zum Warum Russlands Präsident
römischen Staatskult wurde Putin die Kirche braucht
30 Klarer Schnitt?
Die Urgemeinde stritt über 44 Askese 68 Vertreibung
Grundsätzliches: Durften sich im eisernen Hemd aus dem Paradies
nur Juden taufen lassen, Die ersten Mönche waren Jahrhundertelang lebten
oder konnten sich auch Heiden Außenseiter. Ihr Beispiel fand Christen im Irak. Dann kam
bekehren? allerdings schnell Nachahmer. der IS. Eine Reportage.

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Dass religiöse Inbrunst und Pragmatismus durchaus In fast allen westlichen Ländern ist das Christentum heute
zusammenpassen, zeigte Teresa von Avila (1515 bis 1582). im Niedergang – auch in den USA, obwohl evangelikale Mega-
Als erste Frau erhob der Papst sie zur Kirchenlehrerin. churches dort den Glauben für viele wieder attraktiv machen.

Gemälde „Sainte Thérèse“ von François Gérard, 1827 (Ausschnitt) Die „Shadow Hills Church“ in Las Vegas

78 Gott, logisch erklärt 100 Zuflucht der Seele 124 Dem Rad
Scholastiker wie Thomas Die mystische Innerlichkeit in die Speichen fallen
von Aquin näherten sich dem der Teresa von Avila Mit der „Bekennenden Kirche“
Glauben wissenschaftlich. widersetzte sich Dietrich
102 Giftige Schlange, Bonhoeffer dem Naziregime.
82 Im Verfolgungswahn schwaches Licht
Die Inquisition fahndete nach
In China warben Missionare 126 Adler und Huhn
Ketzern und Häretikern. Befreiungstheologen in Latein-
friedlich für den Glauben. Einer
Die Folgen spürt man bis heute. amerika wollten Sozialismus
wurde gar Berater des Kaisers.
86 „Verblüffende und Religion verbinden.
Doppelgesichtigkeit“ 106 Große Dinge geschehen 130 Klub für Aufsteiger
Wie veränderte sich das Die Pietisten bekämpften pro- Welche Zukunft hat das
Verhältnis zwischen weltlicher testantische Prinzipienreiterei. Christentum? Fragen an den
und kirchlicher Macht im Laufe Soziologen Detlef Pollack.
der Zeit? Der Kirchenhistoriker 112 „Sinn und Gefühl
Volker Leppin im Gespräch. für das Unendliche“
3 Hausmitteilung; 137 Buchtipps,
Der Berliner Theologe Friedrich
Kapitel III Impressum; 138 Vorschau, Bildcredits
Schleiermacher brachte Religion
Von Reformern und und Rationalität zusammen.
Missionaren
94 Auf Teufel komm raus 114 Stille Nacht
Nach der Reformation rangen So entstand das bürgerliche
die Konfessionen um die Weihnachtsfest.
Vormachtstellung. Durfte
man die „wahre Religion“
Kapitel IV
mit Gewalt durchsetzen?
Mit Gott oder ohne?

99 Wie frei ist der Mensch? 118 Der Antichrist


Ein Briefwechsel zwischen „Gott ist tot“, schrieb der Titelbild: ANDREAS SOLARO/AFP/Getty Images
Martin Luther und Erasmus Philosoph Friedrich Nietzsche –
von Rotterdam aber was meinte er? Kontakt: info@spiegel-geschichte.de

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Bildessay Sakralarchitektur

Die Grabeskirche in
Jerusalem zählt zu den
heiligen Orten des Christen-
tums. Sie steht an der Stelle,
an der die Überlieferung
das Grab Jesu verortet.
Die erste Basilika gab Kaiser
Konstantin in Auftrag, sie
wurde 335 geweiht und
nach der Zerstörung durch
Muslime im 12. Jahrhundert
wieder aufgebaut. Die
Grabkapelle in der Mitte der
Rotunde wurde 1810 in
ihrer heutigen Form errich-
tet. Die Kirche wird von
sechs christlichen Konfes-
sionen genutzt.

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Gottes Häuser
Kirchen sind steingewordene Zeugnisse des christlichen Glaubens. Sie sind weit
mehr als nur Versammlungsorte: Ihre Aura, mal mystisch, mal machtvoll,
versetzt nicht nur Gläubige ins Staunen – und lässt die Idee des Göttlichen ahnen.

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Bildessay Sakralarchitektur

St Paul’s Cathedral in London zählt zu den größten Kirchen für Zeremonien wie Begräbnisse (Lord Nelson) oder Hoch-
der Welt. Von 1666 an wurde sie im Auftrag der anglikanischen zeiten (Charles und Diana); oben sieht man die Queen (unter
Kirche im klassizistischen Barock errichtet. Die Kuppel wölbt dem türkisfarbenen Hut) im Mai 2017 beim Gottesdienst zu
sich 65 Meter über dem Kirchenboden, der Maler Sir James den Jubiläumsfeierlichkeiten für den britischen Verdienstorden
Thornhill schmückte sie mit acht Szenen aus dem Leben des „Order of the British Empire“, der vor 100 Jahren von König
Apostels Paulus. Die englischen Könige nutzen die Kirche Georg V. gestiftet wurde.

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Bildessay Sakralarchitektur

Die Hagia Sophia in Istanbul, einst Konstantinopel, war das manen 1453 wurde die Kirche in eine Moschee umgewandelt.
wichtigste Gotteshaus des Byzantinischen Reiches und der by- Heute ist sie ein Museum, die wenigen noch erhaltenen Mosai-
zantinischen Kirche: Hier wurden Kaiser gekrönt, und hier ken mit christlichen Motiven wurden wieder freigelegt. Die
hatte der Patriarch seinen Sitz. Im 6. Jahrhundert im Auftrag Hagia Sophia umwehen viele verschiedene Sagen und Legen-
Kaiser Justinians errichtet, ist ihre Kuppel bis heute mit 32 Me- den, unter anderem jene von der „Wunschsäule“, nach der
ter Spannweite die größte jemals auf nur vier Tragpunkten jeder einen Wunsch frei hat, der seine Hand um ein Loch in
erbaute. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Os- der Säule kreisen lässt (o.).

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Bildessay Sakralarchitektur

Der Petersdom in Rom, dessen Grundstein 1506 gelegt wurde, Unterstützt wird der Eindruck noch durch die vielen unter-
ist der Inbegriff sakraler Machtarchitektur. In der einschüch- schiedlichen Zeremonien, in deren Zentrum der Papst steht,
ternd riesigen Kirche – es ist die größte der Welt –, mit ihren etwa die Liturgie am Karfreitag, dem Tag, der an Jesu Kreuzi-
prächtig verzierten, goldglänzenden Gewölben und der gen gung erinnert: Papst Franziskus liegt dabei auf dem Boden,
Himmel strebenden Kuppel fühlt sich der Mensch winzig klein. ein Zeichen der Demut vor Gott.

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Auftakt Erfolgsfaktoren

Seit Langem ist das Christentum die führende Weltreligion – trotz


vieler Rangeleien um Konfessionen und Ketzer. Es liegt wohl an seiner inneren
Vielfalt und der Fähigkeit, sich unentwegt selbstkritisch neu zu erfinden.

HELDEN DER
TRANSZENDENZ
Von Johannes Saltzwedel

D er Angeklagte war gut vorbereitet. Man


bezichtige ihn also, er lehne die religiösen
Überzeugungen seiner Mitbürger ab? Da-
bei glaube er doch an dämonische Mäch-
In der hellenischen Welt des Sokrates wohnte
nach alter Ansicht jedem Stadtstaat ein übernatür-
liches Wesen inne, aber auch jeder Quelle und je-
dem Gewächs. So gut wie alles war irgendwie heilig
te. Geradezu spöttisch wies Sokrates, Athens be- oder göttlich. Glaube äußerte sich im Vollzug, im
rühmt-berüchtigter Fragekünstler, den Vorwurf der Ritual; alles Weitere blieb Einweihungswissen.
Gottlosigkeit zurück. Vergebens: Das Gericht ver- Zu Brunos Zeit dagegen war die kirchliche Lehre
urteilte ihn zum Tod. Die mögliche Flucht lehnte er genauestens festgeschrieben. Über Jahrhunderte
ab; kurz darauf trank er im Gefängnis den Schier- hatten Theologen die Prüfung dessen, was sich
lingsbecher. christlich nennen durfte, immer weiter verfeinert.
Das war 399 v. Chr. Ziemlich genau zwei Jahr- Mit jemandem, der zu dieser Lehre in Widerspruch
tausende später stand wieder ein angeblicher Got- geriet, verfuhren die Wächter des Glaubens nicht
teslästerer vor dem Tribunal. Giordano Bruno, ehe- zimperlich – gerade jetzt nicht: Nach erbitterten
mals Mönch, hatte gelehrt, das Universum sei un- Konfessionskriegen sah sich die römische Kirche in
endlich und beherberge zahllose Welten. Obendrein Abwehrstellung. Von 1545 bis 1563 hatte sie im Kon-
hatte er laut seinen Anklägern die Göttlichkeit Jesu, zil von Trient noch einmal ihren Anspruch bekräf-
Marias Jungfräulichkeit, die Wandlung von Brot tigt, allein selig machend zu sein, auch wenn die
und Wein in Leib und Blut Christi sowie die ewige Zweifel daran spätestens seit Luthers Reform nicht
Verdammnis geleugnet. Am 17. Februar 1600 wurde mehr verstummten.
Bruno auf dem Campo de’ Fiori in Rom Wie hatte es so weit kommen können? Hatte
Über verbrannt. nicht das Christentum in der spirituellen Vielfalt
Beide gingen aufrecht in den Tod: So- der Spätantike als Gemeinschaft der Nächstenliebe
Jahrhunderte krates verlangte beim Schlussplädoyer eine klare Alternative zu den eher moralfreien Göt-
verfeinerten gar, man solle ihn fortan wie einen Eh- terwelten der Römer und Griechen sein wollen?
Theologen renbürger im Rathaus beköstigen. Und Anfangs ein Ableger des Judentums, war die neue
Bruno, auch nach jahrelangen Gefäng- Religion als monotheistische Heilslehre aufgetreten,
die Kriterien nisqualen ungebrochen, drehte den Spieß die ein baldiges Endgericht Gottes erwartete und
für das wahre diagnostisch um: „Möglich, dass ihr mit ihren Anhängern nach der Mühsal des irdischen Da-
Christentum größerer Furcht das Urteil gegen mich seins Erlösung verhieß. Die „frohe Botschaft“ (so
sprecht, als ich es annehme.“ die Übersetzung von „Evangelium“) verkündete,
immer weiter. Etwas Entscheidendes allerdings die Jesus-Gläubigen seien durch den Opfertod und
trennt die beiden Ketzer. Sokrates sah die Auferstehung ihres Heilands von Sündenschuld
sich beschuldigt, „die Götter nicht zu glauben, wel- gereinigt. Warum hatte dies in engstirnigen Dogma-
che der Staat glaubt, sondern allerlei neues Dämo- tismus und Ketzerjagd umschlagen können?
nisches“ – Paragrafen aber konnten die Ankläger Wer das erklären will, muss die erstaunliche Ent-
nicht zitieren. Brunos Inquisitoren hingegen folgten wicklung des Christentums in Rechnung stellen.
haarklein den kirchen- und zivilrechtlichen Hand- Durch seinen Aufstieg zur Staatsreligion im Römi-
büchern. Während der Athener Denker durchaus schen Reich und seinen Provinzen 380 n. Chr. be-
Chancen gehabt hätte, freigesprochen zu werden, wirkte es eine der größten Umwälzungen in der
trieben die römischen Rechtskenner ihr Opfer im Menschheitsgeschichte – mit so vielen Aspekten,
Namen des dreieinigen Gottes nach allen Regeln dass man nur einige zu nennen braucht, um das
dogmatischer Kunst in die Enge. Maß des mentalen Wandels anschaulich zu machen.

14 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
In seiner „Göttlichen Komödie“
Da ist der völlige Umschwung im Weltverständ- wartung der nahen Wiederkunft schilderte der italienische
nis überhaupt: Zuvor hatten nur ein paar verspreng- Christi, dazu die Prophetenweis- Dichter Dante 1321 seine
te Sektierer das Leben als leidvolle Prüfung vor heit des aus dem Judentum über- Jenseitsreise, die bis ins
Paradies führt. Sandro Botti-
dem befreienden Übertritt ins Jenseits betrachtet; nommenen Alten Testaments. Hei- celli malte um 1495 einzelne
nun aber war die Lehre von der letztlich sündhaft- lige Schriften bürgten nun dafür, Szenen; hier ist Dante im
verfallenen irdischen Welt öffentliches Credo, das wie Göttliches und Menschliches obersten Himmel angekom-
Gebet an den Erlöser amtlicher Ritus. zusammenhing. Man opferte keine men, wo er zwischen Engeln
Da ist die tiefe Umgestaltung des Soziallebens: Tiere mehr, aber Altäre samt Ge- Gott als Lichtpunkt schaut.
Am Anfang der Kaiserzeit, inmitten einer faszinie- betshandlungen gab es weiterhin.
renden Glaubensvielfalt, galten Christen als bearg- Nach und nach wurde es gute Sitte, als Sünder Beich-
wöhnte Sekte mit anarchischen Neigungen, die man te abzulegen und Buße zu tun. Den Platz antiker
bändigen, ja bekämpfen musste. Seit dem römischen Kraftgestalten wie Herakles, die als göttlich verehrt
Kaiser Konstantin dem Großen wurde aus den einst worden waren, übernahmen Apostel, Märtyrer und
Verfolgten die neue Führungsschicht; im Zerfall des andere Vorbilder. Wo zuvor Göttinnen überirdische
Reiches übernahmen Bischöfe oft sogar die weltliche Macht ausgeübt hatten, wandte man sich jetzt an
Herrschaft ihrer Region. Maria und weibliche Heilige.
Die bunte Bilder- und Sagenwelt der polytheis-

S chon der Wechsel zur Buchreligion, die


Berufung auf heilige Schriften, die man
sammelte, übersetzte, auslegte und kom-
mentierte, veränderte einschneidend den
tischen Antike wurde durch schlichte Symbole er-
setzt, allen voran das Kreuz. In feindlicher Umge-
bung fanden Christen im Zeichen des Fisches zuein-
ander: Die Figur aus zwei Rundbogen signalisierte
Charakter der Spiritualität. Aber auch den Denk- das griechische Wort „Ichthys“ (Fisch) – unter Ein-
haushalt krempelte das Christentum radikal um. geweihten das Kürzel für „Iesous Christos Theou
Dass der allmächtige Gott wie schon bei den Juden Hyios Soter“ (Jesus Christus, Gottes Sohn, der Erlö-
kein Bildnis von sich dulden mochte, verstörte viele; ser). Aber auch das Bild von Jesus als gutem Hirten,
der als schmählich geltende Kreuzestod des Erlösers, der seine Schafe weiden lässt, war früh verbreitet.
die Geschichte von seiner Auferstehung und erst Zu dieser neuen Bildwelt – die auf kultivierte
recht die schwer verständliche Trinitätslehre von Griechen und Römer ziemlich einfältig wirkte –
der Einheit zwischen Gott Vater, Sohn Jesus und kam ein radikal anderer Umgang mit der Sprache.
dem Heiligen Geist befremdeten ebenso. Seit Jahrhunderten war Redekunst die Basis nicht
Und doch war die frühere Vielfalt von Mythen nur des politischen Umgangs, sondern der höheren
und Kulten erstaunlich rasch durch neue, christliche Bildung überhaupt gewesen. Nun sollten plötzlich
Konzepte überlagert. krude in griechischer Allerweltsprosa verfasste
An die Stelle von Orakelsprüchen, wie man sie Texte aus dem Vorderen Orient ehrwürdiger sein
zu Sokrates’ Zeiten in Dodona oder am Apollon- als alle Tragödien, Versepen und andere Wortkunst-
Heiligtum von Delphi erlangen konnte, trat die Er- werke zum Ruhm der olympischen Götterwelt, zu-

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Auftakt Erfolgsfaktoren

dem wahrer, nützlicher und trostreicher als die in sich auserwählt fühlte – buchstäblich als Elite –,
langen Schultraditionen ausgefeilte, meist auch für man rückte zunehmend auch sozial auf die Gewin-
Lebenskunst zuständige Philosophie. nerseite. Stolz verzeichneten christliche Annalen,
Christliche Intellektuelle, zum Beispiel der wohl wie „heidnische“ Herrscher sich taufen ließen und
in der Gelehrtenmetropole Athen geborene Cle- damit ihrem Volk ein Beispiel gaben. Region um
mens von Alexandria (um 150 bis um 215), bemüh- Region schwenkte die Kultur auf christliche Maß-
ten sich zwar um Vermittlung – so wurde Jesus bei stäbe ein; das war der eigentliche Durchbruch.
Clemens, wie schon im Johannesevangelium, reich-
lich abstrakt zum „Logos“ (Sinn) der Welt. Dennoch
klang der „sermo humilis“, die niedere Sprachform
der christlichen Texte, in den Ohren hellenistisch
kultivierter Menschen noch lange barbarisch simpel.
M öglich wurde er allerdings nur, weil Ri-
tus und Glaubensleben gut organisiert
waren und die Glaubensoberen weder
Bündnisse mit weltlichen Herrschern
Anhänger fand die Heilslehre in besseren Kreisen scheuten noch sich selbst allein auf den geistlichen
eher, weil sie die Werte des Lebens neu sortierte. Bereich beschränkten. Noch heute erinnert das Ge-
An die Stelle des Glücks im Hier und Jetzt trat das füge vor allem der katholischen Kirche in vielem
Versprechen künftiger Seligkeit, die man nur durch an die Würde des römischen Kaisertums. Nicht ein-
geistliche Sorge um sich selbst, Reinigung von Sün- mal die protestantische Ablehnung des Papstregi-
den und klares Bekenntnis erlangen konnte. War ments in der Reformationszeit hat etwas daran än-
bislang die Zukunft weitgehend ungewiss, so lief dern können, dass Gottes Bodenpersonal, wie Spöt-
die Geschichte nun – vor allem in der maßgeblichen ter den Klerus nennen, als weltliche Institution im
Sicht des Apostels Paulus – auf ein Finale zu, bei Konzert der Mächte eifrig mitspielt.
dem jeder seine moralische Bilanz empfing. Das Heilsaussicht und Machtfrage sind im Christen-
wirkungsvolle Buch des Kirchenvaters Augustinus tum enger aneinandergekoppelt als in den meisten
über den „Gottesstaat“ machte daraus sogar eine anderen Religionen. Auch wenn stets Wege zur
strikte Zwei-Reiche-Lehre. Weltflucht offenstanden, behielt das Denken in
Sobald dieser Rigorismus, von eifrigen Predigern Hierarchien und weltlichen Ord-
propagiert, nach über drei Jahrhunderten des Miss- nungen die Oberhand. Schon das Auf dieser Zeichnung,
wie alle in dieser Serie sehr
trauens und der Unterdrückung auch offiziell als griechische Wort für Gemeinde blass, trifft Dante im Fix-
Weltsicht anerkannt war, trat man durch das christ- und dann Kirche überhaupt, Ek- sternhimmel – der zweit-
liche Bekenntnis nicht nur in einen Kreis ein, der klesia, meinte ursprünglich die obersten Paradiesebene –
den Evangelisten Johannes.

16 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
städtische Volksversammlung. Und in der gewalti- der Schweizer Religionssoziologe Jörg Stolz. „Seit
gen Jenseitsreise von Dantes „Göttlicher Komödie“ rund 200 Jahren ist jede Generation weniger religiös
(1321) stellt sich nach den immer schrecklicheren als die vorherige.“ Er nimmt an, dass sich diese
Kreisen des Höllentrichters und den nicht minder „Auskühlung“ in Richtung Atheismus zunächst fort-
penibel definierten Sühne-Plateaus des Läuterungs- setzen wird.
berges heraus, dass auch das Himmelreich in Sphä- Global hingegen sieht die Sache anders aus. „In
ren wachsender Heiligkeit gestaffelt ist. den nächsten Jahrzehnten wird die Welt nicht sä-
Straffe Hierarchien und klares Machtbewusstsein kularer, sondern religiöser“, so Stolz, „weil ärmere
sind wichtige Gründe für die Engstirnigkeit der Kir- Länder religiöser sind als reiche und eine höhere
che im 16. Jahrhundert. Ihr fiel ein Giordano Bruno Geburtenrate aufweisen.“ Zwar macht der Islam
zum Opfer, und sie hatte zuvor schon Martin Luthers mit seinen 1,8 Milliarden Anhängern momentan die
Widerspruch ausgelöst, was nach 1517 zur Kirchen- meisten Schlagzeilen, leider vorwiegend dank laut-
spaltung führte. Dennoch: Lange schien diese von starker Fundamentalisten und mörderischer Gottes-
der Aura alter Ideologie umwobene Ordnung, die krieger. Aber das Christentum mit weltweit knapp
sich auch auf protestantischer Seite schnell mit welt- 2,5 Milliarden Anhängern legt ebenso zu.
lichen Mächten verbündete, sich selbst zu tragen. Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern
Aber welche Bindekraft haben die christlichen wachsen evangelikale Freikirchen seit Jahrzehnten,
Denkmuster noch angesichts der heute weitgehend die sich von überlieferten Traditionen abkehren und
vollzogenen Trennung von Kirche und Staat und neue, eigene Formen der Spiritualität auf christ-
vor allem der fast vollständig individualisierten Spi- licher Grundlage zelebrieren. Auch für Europa trifft
ritualität? Wie steht das Christentum mit seiner Heils- das in gemäßigterer Form zu – und fordert die eta-
botschaft und seinem Gebot der Feindesliebe da in blierten Kirchen heraus. Auf Kirchentagen oder in
einer Welt, die den „Kampf der Kulturen“ (Samuel Jugendgruppen öffnet sich ein Markt religiöser Mög-
Huntington) immer schwerer im Zaum halten kann? lichkeiten, von denen viele Spontaneität, Gemein-
Pessimisten innerhalb der Kirchen wie Kritiker schaftsgeist und kreativen Enthusiasmus jüngerer
außerhalb leiten aus dem konstant hohen Saldo von Christen eher ansprechen als das Althergebrachte.
Kirchenaustritten, dem Rückgang an Taufen oder Eines ist so gut wie sicher: Der
Beatrice, die Dante durch die
Trauungen und weiteren Indikatoren ab, dass es bis zum letzten Mausklick ver-
Paradieswelten führt, erklärt
bald mit dem Christentum vorbei sein könnte. „Eu- schalteten Gegenwart, naturwis- dem Dichter kurz vor dem
ropa wird in der Tat immer säkularer“, beobachtet senschaftlich durchleuchtet, mo- Ende seiner Reise die Erschaf-
fung und das Wesen der Engel.

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Auftakt Erfolgsfaktoren

dellhaft funktional, einschüchternd hektisch, dabei mystischen Funken der Verbindung von Gott und
weitgehend zu Optionen und Sachzwängen ernüch- Mensch besser als frühere Theologen zu erfassen
tert –, dieser Welt fehlt den meisten Menschen so versucht hatte, kirchenamtlich als dubios. Erst viel
offenkundig höhere Sinn-Wärme, dass Religiöses später wurde seine mutige Sprachkunst angemessen
gefragt bleibt. gewürdigt.
Auf christlicher Seite erzwingt das vor allem Eckhart inspirierte in den folgenden Jahrhunder-
einen Wandel im Selbstverständnis von Pfarrern, ten immer wieder Visionäre. Unter ihnen war auch
Bischöfen und ihresgleichen. Weniger Donnerwort ein weitblickender Kirchenrechtler von der Mosel,
und Zeigefinger, mehr Lebenshilfe; weniger Dog- der es bis zum Kardinal brachte. Nikolaus Cryfftz
menstrenge, mehr individuell seelsorgerische Ge- oder Krebs, nach seinem Geburtsort Kues meist Cu-
sprächskunst – so ließe sich in erster sanus genannt, erklärte, dass der Mensch die Rea-
Nach Näherung beschreiben, was von Glau- lität nur über „Konjekturen“ – postmodern gespro-
benshütern heute oft verlangt wird. Aller- chen: in Form gedanklicher Konstruktionen – be-
grausamen dings haben auch strenge, charismatische greift; den Grund des göttlichen Seins nannte er
Konfessions- Gurus Zulauf. versuchsweise das „Nicht-Andere“.
kämpfen hoff- Was also mag aus dem Christentum Cusanus beließ es nicht bei Theorien, die sich
werden? Angesichts der globalen Ge- bis zum Paradox vorwagten. Auf dem Basler Konzil
ten fromme mengelage ist es ratsam, sich bewusst zu seit 1431 diskutierte er eifrig mit den angeblich ket-
Geister auf machen, welch individualistische Kräfte zerischen Hussiten; als Kuriendiplomat begleitete
Erleuchtung in der alten Religion stecken; welch be- er den byzantinischen Kaiser 1438 zum Konzil nach
achtliche Freiräume den Gläubigen trotz Ferrara. Stets auf Verbesserung aus, entwickelte
aus der aller Dogmen und Traditionen innerhalb er 1459 den Plan einer „reformatio generalis“ der
Tradition. der christlichen Religion bleiben. In jeder römischen Kirche. Im Alter schrieb er eine „Durch-
Epoche hat die Suche nach dem persön- musterung des Korans“, die den Propheten der
lichen religiösen Erlebnis, das Bedürfnis Muslime nicht rundweg verteufelte, sondern respekt-
nach eigener, unmittelbarer Frömmigkeit die kirch- voll der „Unwissenheit“ zieh.
lichen Normen überschritten, oft sogar ausgehebelt. Nicht immer blickten Glaubenserneuerer nach
Martin Luther und die anderen Reformatoren vorn: Nach den grausamen Konfessionskämpfen des
sind nur besonders prominente Beispiele dieser Dy- 16. Jahrhunderts hofften viele fromme Geister auf
namik des Suchens und Hinterfragens. Selbst der Erleuchtung aus der Tradition. So sammelte der
Umgang mit Zweifeln gehört zur langen Geschichte Schlesier Christian Knorr von Rosenroth, ein hoch-
fortwährenden Erneuerungsdrangs. Am anschau- gebildeter Pfarrerssohn, wichtige Texte der jüdi-
lichsten wird das gewaltige Spektrum zwischen Mys- schen Mystik und brachte sie von 1677 an unter
tik und Aufklärertum, Kabbalistik und Existenzia- dem Titel „Kabbala denudata“ (Enthüllte Kabbala)
lismus an ein paar Beispielen. heraus. Knorr, der sich auch in Alchemie und Medi-
zin auskannte, wollte in den alten Geheimlehren

D a ist etwa Meister Eckhart, der heute als


Mystiker berühmt ist. Zu Lebzeiten je-
doch musste der Dominikanermönch sich
gegen den Vorwurf behaupten, den im
einen göttlichen Urgrund aufspüren helfen, gewis-
sermaßen die Quintessenz allen Glaubens.
Zur großen Glaubenseinigung beitragen wollte
ein Jahrhundert später auch Johann Joachim Spal-
Jahr 1325 zwei Mitbrüder beim Kölner Erzbischof ding. Allerdings ging der Lutheraner genau gegen-
gegen ihn erhoben: Er vertrete ketzerische Ansich- teilig zu Werk. In seiner „Betrachtung über die
ten. Der Beschuldigte war nicht irgendwer. Geboren Bestimmung des Menschen“ mied er 1748 jede Be-
nahe Gotha, zählte Eckhart von Hochheim zur Elite rufung auf christliche Dogmen, ja überhaupt auf
des europäischen Klerus. Er hatte bis 1311 die große Tradition; von Kreuz und Erlösung war keine Rede,
Ordensprovinz Saxonia geleitet und mehrfach in der Name Jesus fiel nicht. Stattdessen legte Spalding
Paris, der Hochburg theologischer Studien, als Do- in einem literarisch geradezu eleganten Selbst-
zent gewirkt. gespräch dar, „daß meine Natur mich innerlich an-
Was warf man ihm vor? Äußerungen wie die fol- treibet“, Weltvertrauen, Rechtlichkeit, den Glauben
gende: „Die nach nichts trachten, weder nach Ehren an einen Schöpfer und schließlich auch die Gewiss-
noch nach Nutzen noch nach innerer Hingabe noch heit zu entwickeln, dass der Mensch „für ein anderes
nach Heiligkeit noch nach Belohnung noch nach Leben gemacht“ sei.
dem Himmelreich … in solchen Menschen wird Konservative Orthodoxe waren empört. Auch
Gott geehrt.“ Für die Inquisitoren klang das blas- fromme Erweckte und Pietisten lehnten ab, wie hier
phemisch. Dabei ging der Gelehrte in seinen Pre- das Christentum zur Lesart aufgeklärter Vernunft
digten und Traktaten nur couragiert an die Grenzen heruntergedimmt wurde. War ein Gott, der als stets
des Sagbaren. So nannte er etwa „Abgeschieden- plausible „Stimme der ewigen Wahrheit … in mir
heit“ frommer als alle Barmherzigkeit, da sie vom redet“, nicht harmlos und belanglos? Erklärte man
Elend anderer ungetrübt bleibe. den Weltlauf weitgehend aus natürlichen Ursachen,
Der Fall kam bis vor den Papst, und das Verfah- wo blieben Sünde, Strafe und Erlösungsbedürfnis?
ren lief noch, als Eckhart Anfang 1328 starb. Seither Wurde Religion so nicht zur bloßen Gewissens-In-
galt der Mönch, der mit meditativer Inbrunst den stanz – und damit zur Privatsache?

18 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
In der siebten der neun
Preußens König Friedrich dem Großen kam die „Gott ist tot“ wäre ohne Feuerbach Himmelssphären sieht Dante
neue Sicht gelegen; er machte Spalding 1764 demon- kaum denkbar. die Jakobsleiter und das Licht
strativ zum Berliner Konsistorialrat. Der religiös Inmitten des anbrechenden In- der Seligen.
liberale Monarch sah in Predigern keine Stellver- dustriezeitalters wirkte der alte Er-
treter Christi mehr, sondern schlicht Moralapostel; lösungsglaube tatsächlich immer öfter wie ein
genau das dachte und schrieb auch Spalding. Saurier aus der Spätantike, der im Licht von Ver-
Die naheliegende Konsequenz zog der Aufklärer nunft und wissenschaftlichem Fortschritt ruhig aus-
freilich nicht. Sie blieb einem Mann vorbehalten, der sterben konnte. Eine verfrühte Diagnose: Anfang
in Spaldings Todesjahr 1804 erst geboren wurde. Seit des 20. Jahrhunderts wurde klar, dass das mensch-
1839 verfocht Ludwig Feuerbach vehement die Über- liche Wissen nicht aus sich selbst garantiert werden
zeugung, Religion sei bloß „der Traum des mensch- kann. Gegen den marxistischen Materialismus ge-
lichen Geistes“. Genauer: „Die Religion hat ihren wendet, ließ sich das auch so verstehen: Wo Gott
Ursprung, ihre wahre Stellung und Bedeutung nur fehlt, bleibt eine triste Leerstelle, „Transzendentale
in der Kindheitsperiode der Menschheit, aber die Pe- Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács).
riode der Kindheit ist auch die Periode der Unwis- Wieder gingen religiös Kundige daran, die christ-
senheit, Unerfahrenheit, Unbildung und Unkultur.“ liche Botschaft zu erneuern. Im Alleingang tat dies
Vor allem auf das etablierte Christentum hatte der reformierte Theologe Karl Barth aus Basel. Er
der selbst ernannte „geistige Naturforscher“ es ab- nannte 1922 mit existenzialistischem Pathos Gott
gesehen. Jesu Leiden, die Trinität, Sammlung im den „ganz Anderen“; dennoch oder gerade deshalb
Gebet oder die Verehrung der Mutter Gottes: Für schrieb er den Rest seines Lebens an einer riesigen
Feuerbach waren das Spiegelungen innerer Bedürf- „Kirchlichen Dogmatik“. Wahres Christentum, so
nisse des Menschen, Folgen eines letztlich infantilen Barth, sei „tätige Erkenntnis“.
„Abhängigkeitsgefühls“. Sein Fazit: „Die Gottheit Inzwischen gilt Barth schon als etwas angegrauter
des Menschen ist der Endzweck der Religion.“ Aber Klassiker. Jede Generation stellt die Glaubensfragen
wozu den Menschen vergöttlichen? Mitleid und neu, und bis heute eröffnet jede Bewegung auf dem
Nächstenliebe seien auch ohne christliche Grundie- bunten Markt der Spiritualität auch dem Christen-
rung machbar. tum – oder was eben dafür gehalten wird – die
Feuerbach betrieb die Entzauberung mit geradezu Chance einer kleinen Renaissance.
prophetischem Ernst und Eifer. Das ließ ihn seltsam Hartnäckige Verfechter der Vernunft mag das
vernunftfromm erscheinen – wie noch heute ähnlich stören; „religiös unmusikalische“ (Max Weber) Zeit-
missionarische Religionsgegner aus der Naturwis- genossen wird es kaltlassen. Aber wer dem Men-
senschaft, etwa Richard Dawkins („Der Gottes- schen auch nur irgendein Verlangen nach höherem
wahn“). Aber die Botschaft drang durch. Karl Marx Sinn zubilligen mag – und das ist global gesehen
und seine Adepten beriefen sich auf sie, weitere die große Mehrheit –, wird wohl auch in Zukunft
Christentumskritiker wie David Friedrich Strauß damit rechnen dürfen, dass das Christentum sich
schlossen sich an, und selbst Nietzsches Fanal-Satz immer wieder neu erfinden, ja entdecken lässt. 

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 19
Glaubenswelt
Innerhalb des Christentums gibt es vier Hauptrichtungen:
die römisch-katholische Kirche, die orthodoxen, die
protestantischen und die anglikanischen Kirchen.
Mit fast 2,5 Milliarden Anhängern ist das Christentum
vor dem Islam mit etwa 1,8 Milliarden Gläubigen die
derzeit am weitesten verbreitete Religion.
um 600
Christen

Die Ausbreitung
des Christentums
Gebiete mit christlicher
Bevölkerung

um 750
Christen

um 1450
Christen
orthodoxe
Christen

NORDAMERIKA

230
Mio.
2017

um 1650 LATEINAMERIKA
Katholiken
Protestanten
Orthodoxe
591 Mio.
2017

um 1900
Quellen: Ernst Pulsfort,
Katholiken „Herders neuer Atlas der Religionen“, 2010;
Protestanten World Christian Database
Orthodoxe
20002000 in Milliarden
in Milliarden 20252025 20002000 in Prozent
in Prozent 20252025
33,633,6
2,732,7332,432,4 Christen
Christen
Religionen
Religionen
weltweit
weltweit
Prognose
Prognose
20002000
bis 2025
bis 2025
Quelle:Quelle:
World Christian
World Christian
Database
Database
Christen
Christen 25,125,1
2,042,04 Muslime
Muslime
1,991,99
Muslime
Muslime 21,021,0

Anteil
Anteil
derder
Christen
Christen
in den
in den
einzelnen
einzelnen
Ländern
Ländern 1,291,29 Hindus
Hindus
13,413,4 13,613,6
20082008
in Prozent
in Prozent Hindus
Hindus 1,111,1112,912,9
nichtnicht
religiös
religiös
90 und
90 mehr
und mehr nichtnicht
religiös
religiös 10,610,6
0,820,82 0,840,84 10,310,3
80 bis
80unter
bis unter
90 90
0,790,79 8,4 8,4
70 bis70unter
bis unter
80 80 0,650,65 0,690,69 Volksreligionen
Volksreligionen
Volksreligionen
Volksreligionen 7,3 7,3 7,0 7,0
50 bis
50unter
bis unter
70 70 0,570,57 Buddhisten
Buddhisten
30 bis
30unter
bis unter
50 50 0,450,45 Buddhisten
Buddhisten
10 bis10unter
bis unter
30 30
5 bis5unter
bis unter
10 10 andere
andere andere
andere
unterunter
5 5 0,080,08 0,090,09 1,3 1,3 1,2 1,2
0,0140,014 0,0150,0150,2 0,2 0,2 0,2
JudenJuden JudenJuden

AUSTRALIEN
AUSTRALIEN
UND UND
OZEANIEN
OZEANIEN
25 Mio.
25 Mio.
2017 2017
ASIENASIEN

EUROPA
EUROPA
UND UND 389389
Mio.Mio.
RUSSLAND
RUSSLAND 2017 2017

AFRIKA
AFRIKA
554554
Mio.Mio.
2017 2017

582582
Mio.Mio.
2017 2017
22 SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17
K a p i te l

I
Vo n d e r S e k te
z u m Re i c h s k u l t

Im Zeichen der Fische findet man im Glau-


ben zueinander – zumindest anfangs. Chris-
ten sind im Römerreich oft genug Verfolgte,
müssen sich anpassen und leben ihren Glau-
ben im Privaten. Drei Jahrhunderte dauert
es, dann kippt die Lage: Aus Gedrückten
und Geduldeten werden Schritt für Schritt
Geachtete; schließlich verschreiben die Kai-
ser sich und ihr Imperium der Erlösungs-
religion. Ein Wunder? Auf jeden Fall ein
Paradefall an spiritueller Zähigkeit.

Oberteil einer Grabstele aus der römischen


Kaiserzeit mit dem christlichen Symbol der
Fische, griechisch und lateinisch beschriftet

SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17 23
Von der Sekte zum Reichskult Die ersten Anhänger

Der christliche Glaube gilt meist als westliches Phänomen. Doch anfangs breitete
sich die Lehre Jesu vor allem im Osten aus, sagt der Oxforder Historiker Peter Frankopan.
Sogar im heutigen Afghanistan gab es Bischöfe.

„Das Christentum
war subversiv und gefährlich“
SPIEGEL: Professor Frankopan, selten Es ist wahr, dass die Quellen oft ein gelang eben erstaunlich oft. Übrigens,
gab es so viel religiöse Vielfalt im einseitiges Bild zeichnen. So breitete rund um das Mittelmeer scheint sich das
Nahen Osten wie in der Antike: Grie- sich das Christentum am Mittelmeer kei- Christentum vornehmlich durch Frauen
chisch-römische Götterwelt, Ägyptische neswegs sehr rasch aus. Im Osten, in verbreitet zu haben, speziell Frauen von
Kulte, Judentum und vieles mehr. Dann Asien dagegen hatte es schneller Erfolg, hohem gesellschaftlichem Status. Sie
aber stieg von Palästina aus das Chris- bis nach Indien. Um das Jahr 600 findet fanden damit offenbar eine Stimme, ge-
tentum auf. Eine konsequente Entwick- man von Mesopotamien, zum Beispiel sellschaftlich wie spirituell. Im Mittleren
lung – oder staunt da auch der Fach- in Basra, bis ins heutige Afghanistan Osten spielte ein anderer Faktor mit:
mann? und in Kaschgar eine Menge Erzbischö- Hier war der Blick weiter, man handelte
Frankopan: Natürlich ist der Vorgang fe, also schon sehr gefestigte Strukturen. mit Kulturen in aller Welt, war neugie-
erstaunlich, aus mindestens zwei Grün- rig auf kluge Weltanschauung.
den: Das Christentum war weit bestän- So etwas wird in westlichen Kirchenge-
diger als andere Glaubensrichtungen, schichten kaum erwähnt. Warum ging Wollen Sie andeuten, es wurde auf
und es erstreckte sich bald auf ein ver- es im Osten schneller? einmal modisch, Christ zu sein?
blüffend großes Gebiet, vor allem nach Wir können fast nur spekulieren. Das ginge zu weit – schließlich ris-
Osten, sodass es schließlich eine Welt- Offenbar bildete sich gerade die richtige kierte man in den frühen Jahrhunderten
religion werden konnte. Mischung von Motivationen heraus, die einiges. Christen waren Verfolgungen
geeignete Atmosphäre für Bekehrungen. ausgesetzt, nicht nur im römischen Kai-
Aber wie ist das zu erklären? Erlösungs- Warum bin ich Historiker geworden? serreich, auch unter den Sassaniden, die
prediger gab es zur Zeit Jesu in Mengen, Aus Interesse, aber auch weil ich damit in Persien den Zarathustra-Glauben
das haben ja schon die britischen Film- Geld verdiene, weil Zufall und Glück recht gewaltsam durchsetzten. Aber tat-
satiriker der „Monty Python“-Truppe in mitgespielt haben, weil mir sinnvoll und sächlich machten „Heilige“, die ihren
ihrer frechen Evangelienparodie „Das nachhaltig erscheint, was ich tue, und so Glauben – auch und gerade als Askese –
Leben des Brian“ gezeigt. Ein Argument weiter. lebten, weithin Eindruck. Strenge und
klingt sogar plausibel: Jesus gewann Vor- Disziplin, gerade solche antiindividualis-
sprung gerade dadurch, dass man ihn Was heißt das, auf das Christentum tischen Merkmale genossen Achtung.
kreuzigte; so jemand meinte es offenbar übertragen? Ähnliches ist heute interessanterweise
ernst. Religionen, die ewiges Leben ver- am radikalen Islam zu beobachten.
Eine reichlich zynische Betrachtungs- sprachen, waren offenbar recht attraktiv.
weise. Ebenso wichtig scheint mir, dass Der christliche Lebensstil mit seiner Nun verlangte nicht nur das Christen-
sich sehr früh im Christentum Struk- Grundansicht, dass Tugenden belohnt tum Selbstzucht, auch Juden, Zoroas-
turen bildeten. Das geschieht normaler- werden, erschien plausibel. Nicht zu trier, Buddhisten und andere taten das.
weise nicht bei gesellschaftlichen stehlen, dem Nachbarn nichts anzutun Mag sein, aber von wem? Das Chris-
Außenseitern. Also: Jesus löste mit sei- und dergleichen war kein bloßer Rechts- tentum trat ausdrücklich als nicht-elitär
ner Botschaft echten Widerhall aus; die satz mehr, auch nicht an Belohnung auf. Dadurch stand es über den sozialen
Menschen, die ihm und seiner Lehre oder Profit geknüpft, sondern wurde Schranken, ja jenseits von ihnen. Es war
folgten, fühlten sich wirklich verwan- zur persönlichen Überzeugung aufge- subversiv und intern gemeinschaftsbil-
delt, und das beeindruckte immer mehr wertet. Christen, die es ernst meinten, dend zugleich, deshalb erschien es den
Menschen. erschienen als bessere Menschen, als
Menschen mit einem echten Lebens- Wie Religionen sich gegenseitig beeinflussen,
Gab es nicht anfangs eher kleine, ver- zweck. Natürlich ist auch Gruppen- zeigt der Heiligenschein. Nicht nur Christen
nutzen das Symbol seit der Antike, sondern
streute Gemeinden, wie das in den Brie- druck dabei, natürlich braucht es eine auch andere Glaubensrichtungen, etwa
fen des Paulus um das Jahr 55 steht, mit kritische Masse, um die Mehrheit der der Hinduismus beim Elefantengott Ganesha
oft verschiedenen Lehrschwerpunkten? Bevölkerung zu überzeugen. Aber das (Indien, 11. Jahrhundert).

24 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Kaisern ja als so gefährlich. Und ge-
wandt im Anpassen war es auch – zum
Beispiel kennen wir ein Dokument,
worin der Heilige Geist mit der Heilig-
keit eines Buddha parallelisiert wird.

Ganz zu schweigen von hellenistischen


Denkern wie Clemens von Alexandria
um das Jahr 200, die dem Christentum
mit seiner dem Volksglauben nahen Bild-
lichkeit philosophische Würde verliehen
und es so auch für die Gebildeten akzep-
tabel machten.
Wir sollten auch nicht vergessen,
dass das Christentum eine sehr mensch-
liche Religion ist, dass es den Gläubigen
auf seiner Lebensreise begleitet, dass es
Mitteltöne zulässt, während es bei Zara-
thustra und Buddha doch eher um ein
Schwarzweiß, um Reinigung vom irdi-
schen Ballast und Leiden geht.

Konstantin der Große, der Gründer


Konstantinopels und erste Imperator,
der das Christentum als Glaubensrich-
tung anerkannte, war selbst bis kurz
vor seinem Tod Verehrer des Sol invic-
tus, huldigte also der Sonne als oberster
Gottheit. War in solchen Kulten der
Monotheismus angelegt?
Ach, das ist eher eine Streitfrage für
Professoren. Sol invictus war eine von
vielen Gottheiten im erstaunlich rei-
chen, pluralen Spektrum antiker Religio-
sität. Wichtiger ist doch, dass die Evan-
gelien bezeugten, Christus sei der Sohn
Gottes. Und der wird hingerichtet! Und
er überwindet den Tod! Dieser Sieg in
der Niederlage rührt emotional an, er
verbindet die Menschen viel existenziel-
ler mit der Gottheit als der antike Glau-
be, wo Halbgötter, Dämonen und zahl-
lose andere Zwischenwesen agieren.
Alles in allem: Das Christentum scheint
einfach ein attraktives Gesamtkonzept
angeboten zu haben.

Spielten aber nicht auch säkulare Fak-


toren eine Rolle? In Ihrer Weltgeschich-
te erzählen Sie, wie im Kaukasus das
Christentum aufblühte, weil man sich
so von den verhassten Sassaniden noch
besser abgrenzte.
Man zeigte eben im Glauben seine
Identität. Auch später erweist sich die
armenische Christenheit dann als be-
sonders eigenwillig.

Was antworten Sie auf die alte Streit-


frage, ob das Christentum den Fall des
Römischen Reiches mit verschuldet hat?

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 25
Von der Sekte zum Reichskult Die ersten Anhänger

Der persische Zoroastrismus kannte den


Strahlenkranz ebenfalls; im Bild links
markiert er einen Gott, der eine Krönungs-
zeremonie schützt (Iran, 3. Jahrhundert).
__

Mit einem Nimbus dargestellt ist auch


diese Buddha-Figur aus dem Kloster von
Takht-i-Bahi (Pakistan, 2./3. Jahrhundert).

mals sicher geistig nicht beschränkter


als heute. Sie entschieden sich meist
sehr bewusst, einer Religion zu folgen.
Fragen wie: „Worin finde ich Seelen-
frieden, welcher Lehre vertraue ich?“
konnten existenziell sehr wichtig sein.

Aber es waren doch nicht alle tief


religiös?
Natürlich nicht. Die meisten im Per-
serreich werden das Glaubensproblem
etwa so betrachtet haben, wie wohl heu-
tige Europäer mehrheitlich denken: Es
kümmerte sie kaum. Immer aber gab
es lautstarke Minderheiten, die ihre Bot-
schaften verkündeten und unablässig
in Streit lagen.

Sie haben die Konkurrenz der Religio-


nen einen Wettlauf genannt …
Ja, es gab große Konkurrenz um
Anhängerschaft. Wenn zum Beispiel
der Schah die Christen schützte, war
das ein Durchbruch.

Gerade in den ersten Jahrhunderten


traten neue, oft dualistisch geprägte
Religionssysteme auf wie der Mani-
chäismus oder die Verehrung des
Stiertöter-Heilands Mithras. Musste
das Christentum inmitten solcher
Konkurrenz nicht unentwegt sein
Profil schärfen?
Wenn es um Erlösung und den richti-
Das bezweifle ich. Die Völkerwande- ten und Münzen aus dem Reich von gen Weg zu Gott geht, dann gibt es kein
rung war eine Kettenreaktion, sie wurde Kuschan, dessen Zentrum in Nord- Ungefähr. Alles muss stimmen: Was
durch Klimaveränderungen ausgelöst, westindien und im Hindukusch lag, sagte Jesus wirklich? Wie ist ein Bibel-
die zu einem kriegerischen Druck von die zeigen, dass der Herrscher, ob- spruch oder eine dogmatische Vorschrift
Steppenvölkern aus dem Nordosten wohl er prinzipiell den Buddhismus zu verstehen? Oder jenseits der heiligen
führten. Als das Imperium unter den förderte, sich als Erlöser, ja als Got- Schriften: Unter welchen Umständen
Angriffswellen in die Defensive geriet, tessohn darstellen ließ. Das mag poli- darf jemand wieder heiraten? Darf ich
war es im Inneren schon christlich; tisch ein kluger Schachzug gewesen meinen Sklaven auspeitschen? Wenn
die Kaiser hatten sich ja für das Christen- sein, aber natürlich ist es ebenso sehr ein Kind vor der Taufe stirbt, kann es
tum entschieden, gerade weil sie es als eine spirituelle Aussage, in der offen- dennoch in den Himmel kommen? So
stabilisierenden Faktor betrachteten. bar christliche Elemente aufgegriffen fingen die Bischöfe an, in Streitschriften
sind. und Konzilien über Fragen zu debattie-
Der Jesusglaube war in den frühen ren, die uns heute manchmal furchtbar
Jahrhunderten keineswegs normiert. Fanden Christenverfolgungen auch kleinkrämerisch vorkommen und selbst
Weiß man von Synkretisten, die im Osten statt? für Fachleute nicht leicht verständlich
mehreren Religionen zugleich oder Ja, es gibt eine Menge Märtyrerge- sind.
einem Mischmasch huldigten? schichten, überwiegend aus der Sassani-
Wenig – in der Regel achtete man denzeit. Wir müssen uns klarmachen, Riskierten sie damit nicht, viele Gläu-
auf Exklusivität. Aber es gibt Inschrif- was das heißt: Die Menschen waren da- bige zu verschrecken?

26 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 27
Von der Sekte zum Reichskult Die ersten Anhänger

28 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Wie Jesus wurde der römische Sol invictus Aber wie schafften sie es, dass schließ-
mit Strahlenkranz gezeigt; wer das Symbol lich sogar der Kaiser von China im Jahr
erfand, ist unklar (Italien, 3. Jahrhundert).
635 seine Abgrenzung aufgab und den
christlichen Glauben als gleichberech-
tigt anerkannte?
Hartnäckigkeit, Zielbewusstheit? Ge-
Mag sein, aber in erster Linie rang nau weiß man es nicht. Aufseiten des
man tatsächlich um die richtigen Ant- Kaisers spielt vermutlich die Einsicht
worten. Nun weiß jeder, der mal in mit, dass es seine Stellung nicht schmä- Peter Frankopan
einem Komitee saß, dass da Kompro- lerte, sondern ihr zugutekam, wenn ist Professor für Welt-
misse nötig werden. Oft aber ver- Handelspartner aus dem fernen Westen geschichte in Oxford
und leitet dort das
heddert man sich auch in bizarren sich respektiert sahen. Zentrum für Byzanz-
Sonderfällen. Die Bischöfe haben die forschung. 2016 er-
Herausforderung insgesamt erstaunlich Schon früh ist das weit nach Osten schien sein Buch
gut bewältigt. Schon bald nach dem vorgedrungene Christentum von „Licht aus dem Osten.
Eine neue Geschichte
Jahr 300 war der Klerus so einflussreich, den theologischen Debatten im
der Welt“ (Verlag Ro-
dass man auf seine Beschlüsse achtete. Westen abgekoppelt: Am Konzil von wohlt Berlin).
Ketzerverfolgung wird ein wichtiger Nicäa 325 nehmen die persischen
Weg, Autorität zu behaupten. Das Christen nicht mehr teil. In vielen
zeigt sich noch Jahrhunderte später in Kirchengeschichten wird der Osten
den diversen Kirchenspaltungen, vom nicht mehr erwähnt. Was geschah
Großen Schisma 1054 bis zur Reforma- mit diesen Gemeinden? wieder Unterdrückung, aber nicht un-
tion und weiter. entwegt und überall. Weit im Osten,
etwa im zentralasiatischen Samarkand,
Ein entscheidender Schritt war die Aus- schauen Muslime interessiert auf den Er-
breitung des Christentums jenseits der „Bis etwa 1300 gab es folg des christlichen Glaubens. In Tatar-
dicht bevölkerten Zone von Gibraltar in Asien mehr Christen stan huldigt man nach der Eroberung
bis zum Ganges, etwa nach Norden. äußerlich dem Islam, aber wenn die
Steppenvölker, slawische Stämme, ger-
als in Europa.“ neuen Herren wegschauen, betet man
manische Stämme, selbst Nomaden wieder zum altvertrauten Sonnengott.
wurden missioniert. Warum gelang das Sie blühten weiter, und zwar erstaun- Solche Mischungen, solche Durchlässig-
den Christen besser als anderen Reli- lich lange. Als Ende des 15. Jahrhun- keit wird es vielfach gegeben haben.
gionen? derts die Portugiesen nach Indien vor-
Stadtbewohner neigen seit je dazu, drangen und etwas über Jesus und das Als Historiker scheinen Sie mehr an
auf Landbewohner herabzublicken, sie Christentum erzählen wollten, bekamen Ähnlichkeiten und Kulturbeziehungen
als dumme Bauern und wilde Barbaren sie zur Antwort: Hier steht doch unsere als am Schicksal einer Gruppe interes-
zu verachten. Auch vom Christentum Kirche. Bis etwa 1300 gab es in Asien siert zu sein.
gab es eine Metropolen-Version für In- mehr Christen als in Europa. Noch der Gewiss – alles andere wäre einseitig
tellektuelle, aber letztlich richtete sich frühe Islam ließ die Christen oft unbe- und führte zu falschen Schlüssen. Da-
seine Botschaft an alle Menschen. „Ge- helligt; der Kalif hat Synagogen und rum ist mir die Sache mit dem Heiligen-
het hin und lehret alle Völker“, hatte christliche Kirchen wiederherstellen, schein wichtig.
Jesus gesagt. Das trieb die Missionare teilweise sogar bauen lassen.
an – samt der Aussicht, ein heiliges Was meinen Sie?
Werk zu verrichten, die eigene Seele Weshalb? Wenige wissen, dass der Heiligen-
zu retten und schlimmstenfalls als Mär- Natürlich um der politischen Stabi- schein als Bildsymbol in erstaunlich vie-
tyrer zu enden. Um 550 ist sogar auf lität willen. Aber die sogenannten len Religionen existiert: im Hinduismus,
der Insel Ceylon, dem heutigen Sri Schriftreligionen werden im Koran – Buddhismus, Zoroastrismus und natür-
Lanka, eine christliche Gemeinde be- mit seinem komplizierten, oft in sich lich im Christentum. Da müssen gegen-
zeugt. widersprüchlichen Text – eben auch be- seitige Einflüsse am Werk sein. Genau
sonders behandelt. Den Glauben durch wird sich das nicht mehr aufklären las-
Aber war die christliche Lehre mit der Furcht zu verbreiten, erschien unweise; sen. Aber der Sachverhalt genügt ei-
Dreieinigkeit und anderen Formeln Jerusalem und Alexandria ließen sich gentlich. Wer so etwas weiß, dem wird
nicht schwieriger vermittelbar als etwa nicht einfach islamisch machen. klar, dass Religionen sich unentwegt
der Zarathustra-Glaube? gegenseitig anregen und die spirituelle
Im Prinzip ja. Dennoch hatten die Das klingt jetzt aber milde. Wurde Suche des Menschen immer neue For-
Missionare viel Erfolg. Es waren wohl der Glaube des Propheten nicht in men findet.
gute Prediger – eine bessere Erklärung raschen, brutalen Eroberungszügen ver-
habe ich auch nicht. Bisweilen pass- breitet? Professor Frankopan, wir danken Ihnen
ten sie ihre Lehre den örtlichen Be- Aus christlicher Sicht erschien das für dieses Gespräch.
dingungen an, griffen buddhistische sicher so, und muslimische Historiker
oder germanische Jenseitsvorstellun- erzählen verständlicherweise vom Tri- Das Gespräch führte der Redakteur Johannes
gen auf. umph des Islam. Natürlich gab es immer Saltzwedel.

29
Von der Sekte zum Reichskult Grundsatzfragen

Durften nur Juden Christen werden oder auch Heiden?


Um diese Frage entwickelte sich in der Urgemeinde um Petrus und Paulus
ein heftiger Streit. Der Erfolg der jungen Religion stand auf dem Spiel.

Klarer Schnitt?
Von Markus Deggerich

D
ie beiden Apostel Petrus und einig. Ihr Streit blieb kaum hinter alttes- ob der neue Glaube riskierte, als jüdische
Paulus werden oft in einem tamentlichen Zwisten wie jenen zwi- Sekte zu versanden, oder ob er seine Ei-
Atemzug genannt; noch heute schen Mose und Aaron, Kain und Abel genständigkeit betonen und damit seinen
feiert die katholische Kirche ih- oder Josef und seinen Brüdern zurück. Siegeszug antreten konnte.
ren Namenstag am selben Datum. Im Kern ging es um die richtige Aus- Auf der einen Seite des Konflikts stan-
Die beiden Männer gelten als die legung der Lehre Jesu. Genauer gesagt den Petrus und Jakobus, der leseunkun-
entscheidenden Figuren des frühen Chris- um die Frage, ob man nur Christ werden dige Menschenfischer und der Bruder
tentums nach Jesus: Petrus soll der erste könne, wenn man zuvor Jude – also als Jesu. Sie führten die christliche Urge-
Bischof von Rom gewesen sein; auf ihn Mann beschnitten – war oder ob es auch meinde in Jerusalem.
hat die Kirche später das Papsttum zu- ohne die Beschneidung gehe. Diese ersten Jesus-Gläubigen lehnten
rückgeführt. Paulus wirkte als erfolg- Für die weitere Entwicklung des Chris- sich noch stark an die jüdischen Riten an;
reicher Missionar, seine „Paulusbriefe“ tentums war dieses Problem elementar, sie missionierten nur unter Juden, pfleg-
an die entstehenden Gemeinden am wie man heute weiß: Hier entschied sich, ten das Abendmahl nur mit Gleichgesinn-
Mittelmeer wurden im Neuen Testament ten, hielten die Speisevorschriften des Al-
kanonisiert. ten Testaments ein – und pochten bei
Doch die historischen Figuren – Bibel- 360°-Foto: den Männern eben auf Beschneidung als
historiker sind inzwischen sicher, dass Pe- Die Grabeskirche Voraussetzung für die Taufe. Jesus war
trus und Paulus tatsächlich lebten – wa- spiegel.de/sg062017grabeskirche in ihren Augen nicht so sehr Begründer
ren sich in vielen Fragen alles andere als oder in der App DER SPIEGEL einer neuen Religion, sondern eigentlich

ca. 7 v. Chr. bis 30 n. Chr. 325 590 bis 604 etwa 730 bis 843

Christentum
bis 1500
In Byzanz mit seiner eigenen
Kirchentradition streiten
Schlüsselereignisse und Theologen um Verehrung
-gestalten aus der Der jüdische Prediger Jesus Das Konzil von Nicäa, ein- Mit seinen Bibelkommenta- von Ikonen. Lange behaup-
Geschichte des Glaubens von Nazaret versammelt bestellt von Konstantin dem ren, aber auch dank seines ten sich die Bilderstürmer.
Jünger und wird gekreuzigt. Großen, nennt Christus „ei- weisen Stadtregiments in
Die Urgemeinde verehrt ihn nes Wesens“ mit Gottvater, Rom stärkt Gregor der Große
als „Messias“ (Christus). also trinitarisch gleichrangig. nachhaltig das Papsttum.

300 v. Chr. bis 400 n. Chr. 27 v. Chr. bis 395 n. Chr. seit 622 800

Weltgeschichte
bis 1500
Einige politische und soziale
Koordinaten der Im kulturellen Schmelztiegel Von Kaisern regiert, sichert Auf der Arabischen Halbinsel Mit seiner Kaiserkrönung in
vormodernen Epoche der hellenistischen Welt das Römische Reich ver- begründet der Prophet Mo- Rom gibt Karl der Große
blühen neben Philosophie schiedensten Völkern rund hammed den Islam, der sich allen Nachfolgern ein Leitbild
zahlreiche Religionen, darun- um das Mittelmeer Verwal- bald nach Norden und Wes- des Zusammenspiels von
ter auch das Judentum. tungs- und Rechtsstandards. ten kriegerisch verbreitet. Kirche und weltlicher Macht.

30 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
nur ein attraktiver Deuter der Tradition. in der Reformation ihre volle Wirkung Resümee des Chefmissionars: „Sie er-
Das Ende der Welt war ihrer Ansicht entfaltete. kannten die Gnade, die mir gegeben
nach nah, aber sie als Elite Jesu waren Damals schickten die Fundamentalis- war.“
dabei gewiss auf der sicheren Seite. ten aus Jerusalem eine Abmahnung nach Seinen Gegnern aber reichte das nicht,
Das Lager der Beschneidungsgegner Antiochia: „Wenn ihr euch nicht beschnei- also musste Paulus inhaltlich nachbes-
führte Paulus von Tarsus an: hochgebil- den lasst nach der Ordnung des Mose“, sern. Seine Vorstellung vom Christentum
det und alles andere als bescheiden, wie zitiert die Apostelgeschichte, „dann könnt skizzierte er später in den Missionsbrie-
in seinen schriftlichen Selbstbeschreibun- ihr nicht selig werden.“ Paulus hingegen, fen als eine Abwendung von starren Re-
gen deutlich wird. Er wollte seine Sache wie so häufig nicht zimperlich, lästerte geln hin zu den Menschen, so wie Jesus
nach dem Seitenwechsel vom Christen- über die „falschen Brüder“, die „die Frei- es vorgelebt hatte. Nicht die Umsetzung
verfolger zum Missionar besonders gut heit, die wir in Jesus Christus haben, des jüdischen Gesetzes mache die Chris-
machen; so, wie es bis heute häufig bei auskundschaften und uns zu Knechten ten gerecht, sondern der Glaube an die
Konvertiten zu beobachten ist: Auf einer machen“. frohe Botschaft von Jesus Christus – das
Reise nach Damaskus, so erzählte er es Gleichwohl willigte er diplomatisch in Gebot der Liebe. Seine Theologie fasste
selbst, habe ihn Jesus persönlich bekehrt, eine Art runden Tisch ein und kehrte im Paulus in dem schönen Satz zusammen:
er änderte seinen Namen von Saulus zu Jahr 48 oder 49 nach Jerusalem zurück, „Denn der Buchstabe tötet, der Geist
Paulus. Nach diesem Erlebnis kannte er um bei einem Konvent der Apostel unter aber macht lebendig.“ Ob das reichte,
keine Grenzen mehr. Die Welt war nicht den Fundamentalisten für seine Refor- um die jüdischen Traditionen nicht mehr
genug, und dafür galt es, sich von alten men zu werben. Als Anschauungsmate- zur Bedingung zu machen für einen
Gewohnheiten zu trennen. rial nahm er sogar einen unbeschnittenen Übertritt ins Christentum?
Neuchristen mit. In der Apostelgeschichte ist die Sache
Zentrum der christlichen Gemeinde um Die ersten Christen pflegten zu dieser anders dargestellt als bei Paulus. Dort
Paulus war Antiochia am Orontes, wo so- Zeit noch ein basisdemokratisches Ritual: kommt Petrus besser weg: Als beim Gip-
genannte Heidenchristen wohnten. An- Männer und Frauen, Arme und Reiche feltreffen in Jerusalem „ein heftiger Streit
ders als die aramäisch geprägten Juden- trafen ihre Entscheidungen mehrheitlich entstand“, habe der vermittelt: Wenn
christen waren sie von der hellenistischen oder bestimmten Verhandlungsführer. Gott doch keinen Unterschied mache
Kultur geprägt und sprachen griechisch. Wie genau das frühkirchliche, relativ hier- zwischen Juden- und Heidenchristen –
Sie waren weniger dem Wort der alten archiefreie Konzil ablief, ist nur dünn be- warum sollten es dann die Menschen tun,
Schriften treu als den Bedürfnissen der legt, aber aus dem Ergebnis und den spä- so seine listige Frage. Eine Formulierung,
Menschen zugewandt. teren Berichten lässt sich einiges ablesen. die alles offenließ, sodass jeder nach sei-
Manche Forscher sehen in diesem Paulus behauptete, allein eine Rede ner Fasson selig werden konnte: In der
Zwiespalt unter den Urchristen die ers- aus seinem Mund habe gereicht, um alle Urgemeinde behielten die Judenchristen
ten Anzeichen jener Wegscheide von Zweifler zum Verstummen zu bringen. ihren Toraglauben und die bekehrten Hei-
Schrift- und Tatglauben, die viel später Denn, so das wie üblich selbstbewusste denchristen ihre Vorhaut.

1077 1122 1302 1378 bis 1417 1415

Der deutsche König Heinrich Kaiser Heinrich V. und Papst In seiner Bulle Unam Die politisch motivierte Wahl Die Verbrennung des refor-
IV. unterwirft sich im ober- Calixt II. legen im Wormser Sanctam beansprucht Papst von Gegenpäpsten löst das matorischen Predigers
italienischen Canossa dem Konkordat den Inves- Bonifaz VIII. die unum- Abendländische Schisma Jan Hus auf dem Konstan-
Papst Gregor VII. – ein titurstreit bei, zumindest schränkte Weltherrschaft der aus: Teilweise regieren zer Konzil wird zum Fanal
Triumph der Kirchenmacht. auf dem Pergament. katholischen Kirche. drei Päpste nebeneinander. erzwungener Kircheneinheit.

1096 bis 1270 1212 bis 1250 12. und 13. Jh. 1347 bis 1353 1453

Durch die Gründung von


Universitäten, zunächst
Begonnen zur Befreiung Der Stauferkaiser Friedrich meist kirchlich geprägt, wer- In einer Epidemiewelle tötet Nach jahrhundertelanger
des Heiligen Landes, entwi- II. regiert meist von Süd- den Wissen und Forschung die Pest in Europa etwa Gegenwehr fällt Konstan-
ckeln Kreuzzüge eine italien aus, interessiert sich in Europa neu organisiert. 25 Millionen Menschen, tinopel und mit ihm
Eigendynamik – sogar eigene für arabische Kultur und etwa ein Drittel aller Einwoh- das Oströmische Reich in
Ritterorden entstehen. sieht Religion als Politikfaktor. ner des Kontinents. die Hände der Osmanen.

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 31
Von der Sekte zum Reichskult Grundsatzfragen

Im einstigen Fischerdorf Kapernaum am See Genezareth


soll Jesus gelebt haben, der Apostel Petrus war hier Fischer
(Photochromdruck der Ruinen von Kapernaum, um 1900).

Weil auch damals schon Religion nicht Nächstenhilfe und Menschlichkeit äu- Urchristentum flammte immer wieder auf:
losgelöst von Politik und Geschäft exis- ßerst attraktiv für die Masse. etwa wenn Petrus, erneut wankelmütig,
tierte, wurden die Jerusalemer für ihre Paulus missionierte nach hellenisti- sich bei einem Besuch in Antiochia wei-
Kompromissbereitschaft entschädigt. Die scher Manier, ohne die Neuchristen noch gerte, mit sogenannten Unreinen an
jüdisch geprägte Urgemeinde bekam das auf das strenge jüdische Gesetz der Tora einem Tisch zu essen. Paulus heizte sol-
Versprechen von Paulus, dass die Missio- einzuschwören. Unterwegs sammelte er che Vorbehalte eher noch an; er kehrte
nare Geld sammeln wollten für die be- auch den Mediziner Lukas ein, der für Antiochia und Petrus den Rücken und
drängten Brüder in der Heimat. Paulus dann mit den ihm zugeschriebe- zog gen Westen, gründete erste europäi-
So einigte man sich auf eine Art fried- nen Schriften über das Leben Jesu und sche Ableger in Philippi und Thessaloniki
licher Koexistenz und Arbeitsteilung: In der Apostel zur Deutungshoheit beige- und feierte seine Heldentaten reichlich in
Jerusalem durfte weiter gefrömmelt wer- tragen haben soll. Missionsbriefen.
den; die Arbeit der Missionare um Paulus Fünfmal habe er die „vierzig Geißel-
aber sollte nicht unnötig durch Auflagen Weil die Exilgemeinden schneller wuch- hiebe weniger einen“ erhalten, die höchs-
erschwert werden. Jakobus, der die Füh- sen als die fundamentalistischen Grup- te Körperstrafe unter Juden; „dreimal
rung der Judenchristen von Petrus über- pen der Jerusalemer Urgemeinde – dort wurde ich mit Stöcken geschlagen, ein-
nommen hatte, fasste zusammen: „Darum konnte man ja praktisch nur unter Juden mal gesteinigt, dreimal habe ich Schiff-
meine ich, dass man die Heiden, die sich missionieren –, entfernte sich das Chris- bruch erlitten, eine Nacht und einen Tag
zu Gott bekehren, nicht beschweren soll.“ tentum immer stärker von seinen jüdi- trieb ich auf dem tiefen Meer“, schrieb
Paulus hatte nun freie Hand. Er mach- schen Wurzeln. Für das Jahr 40 schätzen er der christlichen Gemeinde in Korinth.
te davon auf seinen ausgedehnten Mis- Fachleute die Zahl der Christen noch auf Aufhalten konnte es ihn nicht. Seine Idee
sionsreisen reichlich Gebrauch – hatte er rund tausend. Erst nach dem Konvent ging um die Welt.
doch gewissermaßen an der Börse des und der offiziellen Erlaubnis, auch Nicht- So gegensätzlich die Ansichten von
Glaubens das Portfolio erweitert. Sein juden zu bekehren, begann das schnelle Petrus und Paulus zu Lebzeiten waren,
Christentum wurde zu einer Art Volks- Wachstum. so ähnlich scheint dann doch ihr Ende
aktie, ohne Zugangsbeschränkung und Doch der Konflikt zwischen jüdischen gewesen zu sein: Sie starben der Legende
durch die starke Betonung von Liebe, und hellenistischen Strömungen im nach beide in Rom als Märtyrer. 

32 SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17
Dokument

„ W ü s t e r, m a ß l o s e r
Aberglaube“
Ein Briefwechsel aus der Zeit der
Christenverfolgungen zeigt, wie römische Beamte mit
Anhängern der verbotenen Religion umgingen.

D er reiche Römer Gaius Plinius


Secundus, stil- und geschichts-
bewusster Kulturfreund, An-
ganze Schuld oder ihr ganzer Irrtum
habe darin bestanden, dass sie sich
an einem bestimmten Tage vor Son-
walt und erfahrener Verwaltungs- nenaufgang zu versammeln pfleg-
beamter, wurde um das Jahr 110 als ten, Christus als ihrem Gott einen
Sondergesandter nach Bithynien Wechselgesang zu singen und sich
im nordwestlichen Kleinasien ge- durch Eid nicht etwa zu irgendwel-
schickt. Dort bekam er es mit einer chen Verbrechen zu verpflichten,
eigenartigen Religionsgemeinschaft sondern keinen Diebstahl, Raub-
zu tun. Offen gesteht er dem Kaiser überfall oder Ehebruch zu begehen,
Trajan seine Unsicherheit. ein gegebenes Wort nicht zu brechen,
„Gerichtsverhandlungen gegen eine angemahnte Schuld nicht ab-
Christen habe ich noch nie beige- zuleugnen … Für um so notwendi-
wohnt; deshalb weiß ich nicht, was ger hielt ich es, von zwei Mägden,
und wieweit man zu strafen oder sogenannten Diakonissen, unter der
zu untersuchen pflegt … Folter ein Geständnis der Wahrheit
Vorerst habe ich bei denen, die zu erzwingen. Ich fand nichts an-
bei mir als Christen angezeigt wur- deres als einen wüsten, maßlosen
den, folgendes Verfahren ange- Aberglauben.
wandt. Ich habe sie gefragt, ob sie Wer sich standhaft weigerte, Kaiser Trajan zu Somit habe ich die weitere
Christen seien. Wer gestand, den huldigen, riskierte sein Leben (Statue, um 110). Untersuchung vertagt, um mir bei
habe ich unter Androhung der To- Dir Rat zu holen. Die Sache scheint
desstrafe ein zweites und drittes Mal gefragt; blieb er da- mir nämlich der Beratung zu bedürfen, vor allem wegen
bei, ließ ich ihn abführen … der großen Zahl der Angeklagten.“
Mir wurde eine anonyme Klageschrift mit zahlreichen
Namen eingereicht. Diejenigen, die leugneten, Christen Kaiser Trajan antwortete majestätisch:
zu sein oder gewesen zu sein, glaubte ich freilassen zu „Mein Secundus! Bei der Untersuchung der Fälle de-
müssen, da sie nach einer von mir vorgesprochenen For- rer, die bei Dir als Christen angezeigt worden sind, hast
mel unsere Götter anriefen und vor Deinem Bilde, das Du den rechten Weg eingeschlagen. Denn insgesamt lässt
ich zu diesem Zweck zusammen mit den Statuen der sich überhaupt nichts festlegen, was gleichsam als feste
Götter hatte bringen lassen, mit Weihrauch und Wein Norm dienen könnte. Nachspionieren soll man ihnen
opferten, außerdem Christus fluchten, lauter Dinge, zu nicht; werden sie angezeigt und überführt, sind sie zu
denen wirkliche Christen sich angeblich nicht zwingen bestrafen, so jedoch, dass, wer leugnet, Christ zu sein
lassen. und das durch die Tat, das heißt: durch Anrufung unsrer
Andere, die der Denunziant genannt hatte, gaben zu- Götter beweist, wenn er auch für die Vergangenheit
nächst zu, Christen zu sein, widerriefen es dann aber; sie verdächtig bleibt, aufgrund seiner Reue Verzeihung
seien es zwar gewesen, hätten es dann aber aufgegeben, erhält.
manche vor drei Jahren, manche vor noch längerer Zeit, Anonym eingereichte Klageschriften dürfen bei keiner
hin und wieder sogar vor zwanzig Jahren. Auch diese alle Straftat Berücksichtigung finden, denn das wäre ein
bezeugten Deinem Bilde und den Götterstatuen ihre Ver- schlimmes Beispiel und passt nicht in unsere Zeit.“
ehrung und fluchten Christus. Sie versicherten jedoch, ihre (Übersetzung: Helmut Kasten)

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 33
Von der Sekte zum Reichskult Antike Religionsvielfalt

Schon im Altertum hatten Gottsucher die Wahl zwischen verschiedenen


spirituellen Angeboten. Die frühen Christen konkurrierten nicht nur mit Judentum
und traditionellem Götterglauben, sondern auch mit ganz neuen Kulten.

Seelenfänger

Über Markion ist nur wenig bekannt; In einer Krypta in Neapel hing dieses Mithras- Die persischen Großkönige – hier Bahram I.
ein historisches Bild von ihm existiert nicht. Kultbild. Den Stier soll Mithras zur Erneue- (273 bis 276), wie ihn Zarathustra krönt –
rung der Welt geopfert haben (4. Jh.). machten den Zoroastrismus zur Staatsreligion.

Markionismus Mithraismus Zoroastrismus


Aus Kleinasien gebürtig, lebte Mar- Ein göttlicher Held mit phrygischer Anhänger des ersten bekannten Mono-
kion, möglicherweise Seehändler von Mütze tötet einen weißen Stier: Vor theismus gibt es bis heute, etwa die
Beruf, in Rom und machte zunächst dem geheimnisvollen Kultbild des einst vor dem Islam ausgewichenen Par-
der Kirche reiche Spenden. Doch bald Mithras versammelten sich in der sen in Indien. Schon um 500 v. Chr. war
soll die ihm sein Geld zurückgezahlt römischen Kaiserzeit zahlreiche Söld- die Lehre des nur noch in Legenden
haben, denn Markion zeigte sich als ner und Provinzbewohner in unter- fassbaren Religionsstifters Zerduscht –
dogmatischer Eigenbrötler. Er war irdischen Räumen zum rituellen Mahl. griechisch: Zoroaster, lateinisch: Zara-
überzeugt, die Schriften des Alten Da nur Eingeweihte die Symbole ken- thustra – im westlichen Persien hei-
Testaments seien mit der christlichen nenlernten und die Lehre nicht schrift- misch. Von dort verbreitete sich der
Heilsbotschaft unvereinbar. So sei der lich überliefert wurde, lässt sich kaum Glaube an das große Duell zwischen
Schöpfergott der Genesis höchstens ein noch erklären, was die Mysterien so Gut und Böse mit dem Zentralsymbol
Handlanger des Himmlischen Vaters attraktiv machte. Sogar ob sich der des reinigenden Feuers über weite Ge-
der Evangelien; Jesus habe allenfalls Kult auf den altpersischen Gott Mitra biete des Mittleren Ostens. Nach Jahr-
äußerlich Menschengestalt angenom- bezog, ist umstritten; vielleicht hat nur hunderten, als sich die Urlehre längst
men, sei aber nicht fleischlich geboren, ein cleverer Religionsstifter aus Rom zu einem schwer durchschaubaren heili-
gestorben und auferstanden. In einem Elemente etlicher Geheimlehren so gen Code mit Speisegesetzen, Bestat-
eigenen Evangelium auf der Grundlage gebündelt, dass sie wirkungsvoll die tungsriten und viel Liturgie verfestigt
des Lukas-Textes schrieb Markion Sehnsucht nach Erlösung vom irdi- hatte, machten die persischen Sassani-
seine Theologie fest. Die römische schen Dasein bedienten. Hunderte der den-Herrscher (3. bis 7. Jahrhundert
Kirche brach 144 mit ihm, doch bis ins unterirdischen Heiligtümer haben sich n. Chr.) sie mit Berufung auf altpersi-
4. Jahrhundert schrieben Kirchenväter erhalten, und zeitweise dürfte die sche Überlieferung – und in Absetzung
gegen diese erste christliche Ketzerei Mithras-Verehrung dem Christentum gegen Roms Glaubensvielfalt – zur kul-
an, die offenbar bis dahin vor allem in harte Konkurrenz gemacht haben. turellen Basis ihres Regimes. Sogar die
Kleinasien Zulauf gefunden hatte. Offenbar waren nur Männer zuge- bislang nur mündlich tradierten Texte
Danach verliert sich die Spur von lassen, nicht zuletzt deshalb erfasste der Feuerreligion wurden im heiligen
Markions Lehre. der Kult wohl nie alle Schichten der Buch „Avesta“ mit einer eigens ent-
Gesellschaft. Im Lauf des 4. Jahr- wickelten Schrift festgehalten; das
hunderts scheint er allmählich aus- half den Zoroastriern später, weil die
gestorben zu sein. islamischen Eroberer sie zumindest
als „Buchreligion“ respektierten.

34 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Der Manichäismus verbreitete sich über Die Anhänger Mazdaks wurden unterdrückt; Plotin lehrte in Rom; seine Ideen fanden
die Seidenstraße (Handschrift aus Gaochang, diese persische Miniatur zeigt die in der römischen Führungsschicht
China, 8./9. Jh.). Hinrichtung des Propheten (um 1630). viel Anklang (angebliches Porträt, 3. Jh.).

Manichäismus Mazdakismus Neuplatonismus


Wohl im April 216 wurde er unweit des Nicht nur die christliche Kirche sah Rund um das Mittelmeer verehrte man
heutigen Bagdad geboren, im Februar sich immer wieder genötigt, im Kampf zur Zeit Jesu keineswegs nur die Götter
276 oder 277 starb er als Häftling im gegen Ketzer die eigenen Lehren zu des griechisch-römischen Olymps –
heute iranischen Gundischapur – über präzisieren. Auch aus dem Zoroas- samt Neuzugängen aus Ägypten (etwa
das Leben des selbst ernannten Pro- trismus, der Staatsreligion im Reich der Serapis), Babylon und anderen Gegen-
pheten Mani weiß man einiges. Der Sassaniden, ist ein Fall bekannt. Zur den. Vor allem Intellektuelle hielten
Glaube ist dagegen nur schemenhaft Zeit von Großkönig Kavadh I. (gestor- von Opfern nicht mehr viel; sie suchten
bekannt. Es handelte sich um ein kom- ben 531) soll ein gewisser Mazdak auf philosophischem Weg eine mög-
plexes Erlösungssystem, das christliche, aufgetreten sein, der Erlösung durch lichst rationale Weltsicht im Dienst
zoroastrische und buddhistische Ele- den Verzicht auf Besitz versprach und einer glücklichen, tugendhaften und
mente verband, indem es vom kos- gleichsam kommunistische Zustände vernünftigen Existenz. Die enorm ein-
mischen Kampf zwischen Licht und forderte; später hieß es, er habe auch flussreiche Tradition des Ideenlehrers
Finsternis erzählte. Strenge Reinheits- verlangt, Frauen sollten Gemeingut Platon (427 bis 347 vor Christus) und
vorstellungen bis hin zum Zölibat der aller Männer sein. Die vagen Hinweise seines Schülers Aristoteles (384 bis 322
besonders Frommen bestimmten die lassen vermuten, dass Mazdak, sofern vor Christus) nahm im Lauf der Jahr-
religiöse Praxis. Mani predigte von es ihn überhaupt gegeben hat, sich von hunderte selbst beinahe religiöse Züge
Mesopotamien bis Armenien, hielt sei- verschiedenen früheren Glaubens- an. So lehrte der wohl aus Ägypten
ne Theologie in sieben Büchern fest richtungen inspirieren ließ und sich stammende Plotin (205 bis 270 nach
und gewann rasch Anhänger; seine speziell dafür einsetzte, die sozialen Christus) den konsequenten Aufstieg
Lehre verbreitete sich von Südeuropa Spannungen im Sassanidenreich mit der Seele zur Schau des „Einen“, in
bis China. Um 280 trat Manis Apostel religiöser Militanz zu reformieren – dem die Inbegriffe des Guten, Richtigen
Psattiq in Rom auf; im Jahr 312 gab es eine Art Thomas Müntzer seiner Epo- und Weisen zusammenträfen. Dieser
dort ein Kloster der Manichäer. Nach che. Klar, dass er den Hof und den bei aller logischen Strenge bis ins Medi-
heftigen Verfolgungen erlosch die reichen Adel gegen sich hatte. Von tative überhöhte „Neuplatonismus“
Lehre von etwa 400 an im Westen seiner Lehre ist nichts Genaues über- wirkte sich auch auf die christliche Dok-
recht rasch; in Westchina dagegen hielt liefert; nach 530 sind Mazdakiten an- trin und die Bibeldeutung aus; seine
sie sich bis ins 14. Jahrhundert. scheinend brutal unterdrückt worden. Spuren sind bis in die Renaissance und
länger nachweisbar.

Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 35
Von der Sekte zum Reichskult Ein Lehrgebäude entsteht

Augustinus war einer der einflussreichsten Theologen und Philosophen der Spätantike:
Seine Werke prägten das abendländische Denken und gaben einen entscheidenden Anstoß
für die Reformation. Sein Lebensweg aber war alles andere als geradlinig.

Vom Birnendieb zum Kirchenvater

Von Klaus Rosen

B
itte, lieber Gott, hilf mir, dass ich in der torikstudium ermöglichen zu können. Es war der
Schule keine Schläge bekomme!“ So be- Schlüssel zum sozialen Aufstieg, vor allem wenn
tete der Abc-Schütze Augustinus vor dem man in Karthago an der angesehensten Universität
Schlafen. Doch Gott half dem Faulpelz Nordafrikas studiert hatte.
nicht, der lieber herumtollte, als seine Hausaufgaben Nach dem Abschluss der Schule nabelte sich Au-
zu machen. Wütend musste er erfahren, dass ihn gustinus erstmals von den Eltern ab. Er zog in das
die Eltern auslachten, sooft er nach einer Tracht benachbarte Madauros, heute Madaourouch, um
Prügel weinend nach Hause kam. Vorlesungen zu besuchen. Nicht immer sah man
Den Erwachsenen war es ja nicht anders ergan- ihn im Hörsaal. Er hatte eine neue Liebe entdeckt,
gen: Schläge gehörten in der Antike zum Schulalltag. das Theater, in dem reisende Schauspielertruppen
Erst als der Grammatiklehrer mit den Schülern Ver- klassische Tragödien und Komödien als Pantomi-
gils „Aeneis“ las, platzte bei Augustinus der Knoten. men aufführten. Doch nach wenigen Monaten kam
Begeistert lernte er Szenen des Gedichts über die Augustinus ins Elternhaus zurück, um den Vater
Vorgeschichte Roms auswendig und durfte bei Klas- nicht zu arg zu schröpfen.
senfesten die klangvollen Hexameter deklamieren. Es dauerte noch eine Weile, bis Patricius das Geld
Es war der Zündfunke für die Karriere eines der für Karthago beisammen hatte. Für den Sohn war es
größten lateinischen Schriftsteller, der ein riesiges die Gelegenheit, in den Tag hinein zu leben, mit Sport
literarisches Werk schuf. Auf 5,2 Millionen Wörter am Nachmittag und Unfug wie dem Birnendiebstahl
hat man allein den überlieferten Teil seiner philoso- in der Nacht. Wer ihn auf dem Sportplatz erlebte,
phischen und theologischen Schriften, seiner Briefe dem fiel auf, dass er stets der Erste und Beste sein
und Predigten berechnet. Mit seinen Kommentaren wollte, schmutzige Tricks nicht scheute, aber lauthals
zu Schriften des Alten und Neuen Testaments fes- meckerte, wenn er selbst gefoult wurde. Wenn Au-
tigte er die Autorität der Bibel. In mehreren Mam- gustinus mit seinen Kameraden zusammenstand und
mutwerken begründete er ein christliches Ge- alle mit ihren tatsächlichen oder erfundenen eroti-
schichtsverständnis und vertiefte die katholische schen Erfahrungen prahlten, war er derjenige, der die
Trinitätslehre. pikantesten Abenteuer erlebt haben wollte.
Seine Schriften wurden fortan so wichtig für das Mit 17 Jahren ging Augustinus endlich nach Kar-
Selbstverständnis des Christentums, dass Augustinus thago. Die Großstadt mit ihren Schauspielen und
als einer der vier großen lateinischen Kirchenväter den Vergnügungen am Hafen überwältigte den jun-
gilt. Doch seine Entwicklung war alles andere als gen Mann aus der Provinz, der noch nie das Meer
geradlinig; seine anrührenden Worte „Unruhig ist gesehen hatte. Auch die Sexualität machte ihm zu
unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ entspringen schaffen. Bald fand er eine Frau, mit der er in aner-
unmittelbar eigener Lebenserfahrung. kannter formloser Verbindung, dem Konkubinat,
In seinem berühmtesten Buch, den „Bekenntnis- zusammenlebte. Nach einem Jahr gebar sie ihm den
sen“, erzählt er freimütig von seiner Jugend, etwa Sohn Adeodatus, den „von Gott Geschenkten“.
wie er eines Nachts mit Kameraden einen Birnbaum Den Namen gab ihm gewiss die fromme Konku-
plünderte und, satt geworden, die meisten Früchte bine. Denn Augustinus war alles andere als ein
den Schweinen vorwarf. glücklicher Vater. Wie die Frau hieß, hat er nie ver-
Geboren wurde Augustinus am 13. November raten; seine Freizeit verbrachte er statt mit der Fa-
354 im nordafrikanischen Städtchen Thagaste, dem milie lieber im Theater oder mit seinen neuen Freun-
heutigen Souk Ahras in Algerien. Der Vater Patri- den. Das Studium der Philosophie und Rhetorik ver-
cius gehörte zur städtischen Oberschicht, wenn auch nachlässigte er freilich nicht, und rasch bewies er
nicht zu ihren reichsten Mitgliedern. Er war Heide, seine Begabung auf beiden Feldern.
die Mutter Monnica Christin. Die Eltern mussten Zu seiner Lieblingslektüre wurde Ciceros „Hor-
sparen, um dem Ältesten von drei Kindern das Rhe- tensius“, ein Dialog über Jenseits und Ewigkeit.

36 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Seine erwachenden religiösen Bedürfnisse befrie- Ein Freund der Familie bot ihm Szenen aus dem
digte er im Manichäismus, der schärfsten Konkur- Unterschlupf. Die ersten Schüler sam- Leben des Augustinus
zeigen die Fresken in
renz des Christentums. Seit der aus dem Irak stam- melten sich um ihn, unter ihnen Aly- der Kirche Sant’Agosti-
mende Stifter Mani im 3. Jahrhundert die Lehre pius, mit dem den Älteren bald eine le- no im toskanischen
von Licht und Finsternis als den beiden Grundprin- benslange Freundschaft verband. Für San Gimignano; oben
zipien des Weltalls verkündet hatte, verbreitete sich das geistige Leben Thagastes wäre Au- seine Anfänge als
Lehrer für Philosophie
seine Lehre schnell bis nach Indien, Persien und gustinus ein Gewinn geworden. Doch
in Rom.
Nordafrika. der Tod eines befreundeten und Christ
Augustinus blieb allerdings ein kritischer Mani- gewordenen Altersgenossen erschütter-
chäer. Ihm stieß auf, dass die vegetarische Lebens- te ihn so stark, dass er nach Karthago zurückkehrte,
weise der sogenannten Auserwählten oft ebenso wo er eine Professur für Rhetorik erhielt.
vorgetäuscht war wie ihre Keuschheit. Sie verrieten Sechs Jahre lehrte er, immer mehr verärgert über
sich, wenn sie ihre Jünger über die unfruchtbaren die Rüpel in seinen Vorlesungen. Ob er seine Mutter
Tage der Frau aufklärten. freudig begrüßte, die ihn eines Tages überraschte
Sobald er das vierjährige Studium beendet hatte, und sich bei ihm einquartierte? Zweifel sind ange-
kehrte Augustinus 374 nach Thagaste zurück, um bracht. Sollte er nicht noch einmal etwas Neues pro-
eine Schule zu eröffnen. Als die Mutter, inzwischen bieren? Er beschloss, sein Glück in Rom zu versu-
Witwe geworden, erfuhr, er huldige dem Mani, ver- chen. An einem Sommerabend 382 bestieg er ein
bot die strenge Katholikin ihm ihr Haus. Schiff nach Italien.

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 37
Von der Sekte zum Reichskult Ein Lehrgebäude entsteht

Z
uvor beging er eine Sünde, die ihm später als ihrem Sohn, den mehr der glänzende Kanzel-
besonders naheging: Mit einer Notlüge redner interessierte. Auch ein Professor könne noch
schüttelte er seine Mutter ab, die gern mit- dazulernen, sagte er sich und ging in die Gottes-
gekommen wäre, um ihn nicht nur aus der dienste des Bischofs, um seine rhetorische Technik
Ferne mit Gebeten zu beschützen. In Rom musste zu studieren. Zunächst versuchte er, den Inhalt der
sich der Neuling als Privatlehrer durchschlagen, Predigten zu überhören. Doch bald begann er, sich
unterstützt nur von einem reichen Manichäer. Stu- mit den Themen des Predigers zu beschäftigen. Er
denten vergällten ihm auch hier das Leben: Sie prell- folgte Ambrosius’ Rat und vertiefte sich in die Bibel,
ten ihn um das Hörergeld, indem sie kurz vor Ab- über deren simplen Stil er früher
schluss des Schuljahres zu einem anderen Lehrer wie so mancher Intellektuelle die „Nimm und lies“,
überliefen. Die Misere endete nach einem Jahr. Au- Nase gerümpft hatte.
gustinus gewann die Konkurrenz um einen staat- Dabei entdeckte er zwischen befahl ihm eine
lichen Lehrstuhl für Rhetorik in Mailand, der Resi- Christentum und Philosophie man- Kinderstimme –
denz des weströmischen Herrschers. che Gemeinsamkeiten. Zur gleichen war das nicht
Nun war er wohlbestallter Professor in der kai- Zeit erfuhr er von mehreren promi-
serlichen Metropole mit Familie und großem Haus, nenten Konversionen, die ihn tief be- ein göttlicher
in dem sich bald Monnica und weitere Verwandte wegten. Um selbst diesen Schritt zu Wink?
und Freunde aus der Heimat einfanden. Augustinus wagen, bedurfte es nur noch eines
hätte also mit dem neuen Leben und der Lehrtätig- kleinen Anstoßes, denn vom Manichäismus hatte er
keit zufrieden sein können. Zudem wuchs sein öf- sich innerlich schon seit längerer Zeit verabschiedet.
fentliches Ansehen, seit er eine Geburtstagsrede auf Der Moment kam eines Tages im Garten seines
den minderjährigen Kaiser Valentinian II. gehalten Hauses, wo er in der Nachbarschaft eine Kinder-
und die Hofgesellschaft samt den hohen Beamten stimme hörte: „Nimm und lies, nimm und lies!“
mit seinem Können beeindruckt hatte. War das nicht ein göttlicher Wink? Er griff zur Bibel,
Doch zwei Herausforderungen trieben ihn um: die auf einem Gartentisch lag, schlug zufällig den
die neuplatonische Philosophie und der Bischof Am- Römerbrief des Paulus auf und las mitten in den
brosius. Der aus dem Hochadel stammende Inhaber Mahnungen des Apostels im 13. Kapitel: „… nicht
des Mailänder Bischofsstuhls war Stadtgespräch. Er in Schwelgerei und Trunkenheit, nicht im Bett und
mischte sich in die hohe Politik ein und war die ka- in Unzucht, nicht in Streit und Eifersucht, sondern
tholische Speerspitze gegen die Arianer und ihre zieht an den Herrn Jesus Christus, und macht euch
Gesinnungsgenossen in der kaiserlichen Familie. Für keine Sorgen um die Lüste des Fleisches!“
diese Häretiker war Jesus zwar Gottes Sohn, aber Der Würfel war gefallen – er würde ein christli-
nicht „gleichen Wesens mit dem Vater“, wie das ches Leben beginnen. Der Bekehrte zeigte die Stelle
Glaubensbekenntnis lehrte, das 325 auf dem Konzil dem anwesenden Alypius, der weiterlas bis zu den
von Nicäa verabschiedet worden war. Worten: „Den Schwachen aber im Glauben nehmt
An Ambrosius’ Sieg in diesem Konflikt war des- an!“ Der Befehl musste sich auf ihn selbst beziehen,
sen begeisterter Anhängerin Monnica mehr gelegen und auch der Freund bekehrte sich.

Die Enkelin eines Konsuls erfüllte


Sehnsucht nach die Erwartungen ihrer angesehenen
Vollkommenheit Familie, heiratete jung und standesge-
mäß. Doch das Schicksal traf sie hart.
Nach dem frühen Tod ihres Ehemanns
Der Auferstehungsglaube sprach in
und zweier ihrer Söhne änderte die
der Frühzeit vor allem auch Frauen an.
hochgebildete Aristokratin ihr Leben
Die römische Aristokratin Melania
radikal und verschrieb sich der Aske-
die Ältere wurde zum Vorbild weiblicher
se, die damals als Ideal christlichen
Askese – in der katholischen und
Lebens galt.
orthodoxen Kirche wird sie bis heute
Ihren dritten Sohn, den achtjähri-
als Heilige verehrt.
gen Publicola, stellte die gerade zwan-
zigjährige Witwe unter Vormundschaft,
Schön war sie und steinreich. Die Se- übertrug ihm den römischen Besitz
Die ersten Christen nutzten das ineinander-
natorentochter Melania, um 340 gebo- und machte sich auf den Weg der voll- stehende X und P – im Griechischen Chi
ren, wuchs in Rom auf. Ihre Welt war kommenen Christusnachfolge. und Rho, die Anfangsbuchstaben für Christus –
die Welt der ehrwürdigen Paläste, der Mit gleich gesinnten Frauen und als Symbol (Römische Grabinschrift, 5. Jh.).
aristokratischen Traditionen und ei- Sklaven – so viel Bequemlichkeit
nes Lebensstils, von dessen Luxus die musste sein – segelte sie nach Melania unter Eremiten in der Wüste.
meisten Zeitgenossen nur träumen Ägypten, das als Pflanzstätte des Um 378 ließ sich die fromme Dame
konnten. Mönchtums galt. Einige Zeit lebte in Jerusalem nieder und gründete

38 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
1465 stellte der
Renaissance-Maler
Benozzo Gozzoli die
insgesamt 17 Fresken
fertig, darunter
die Reise des Heiligen
von Rom nach Mailand.

auf dem Ölberg ein Kloster für 60 Theologenstreit zwischen Rufinus und Sohn verschloss sich der Mission –
Frauen, das sie bis zu ihrem Tod dem Kirchenvater Hieronymus, der in- wie auch die Mehrheit der Standesge-
leitete. zwischen in Betlehem lebte. Er hatte nossen: „Wegen ihres Verhaltens hatte
Unterstützt wurde die Liebhaberin dort zusammen mit seiner geistlichen sie gegen alle Senatoren und ihre Gat-
theologischer Schriften von ihrem Freundin Paula ein Doppelkloster ge- tinnen einen Kampf wie gegen wilde
geistlichen Wegbegleiter, dem Kirchen- gründet. Wie Melania stammte auch Tiere zu kämpfen“, stellte Palladius
schriftsteller Rufinus von Aquileia. Ihr diese Asketin aus der römischen später diplomatisch fest, „versuchten
Bewunderer Palladius, Mönch und Bi- Hocharistokratie. diese doch ihr Bemühen zu durchkreu-
schof von Helenopolis (dem heutigen Wenige Jahre vor ihrem Tod erfuhr zen, dass weitere Familien der Welt
Hersek nahe Istanbul) in Kleinasien, Melania, ihre gleichnamige Enkelin entsagten.“
setzte ihr in seiner „Historia Lausiaca“ wolle ihr nacheifern, doch behindere Die Greisin ließ sich nicht ein-
ein literarisches Denkmal: „Denn in die römische Familie den Plan. Die schüchtern. „Was verweilt ihr so gern
den 37 Jahren, da sie als Fremde in Großmutter reiste nach Rom. Auf dem bei den Eitelkeiten dieses Lebens?“,
der Welt lebte, half sie aus eigenen Weg traf sie ihren Verwandten Pauli- wetterte sie. „Könnten doch die Tage
Mitteln Kirchen, Klöstern, Fremden nus. Der künftige Bischof von Nola des Antichrists euch treffen, und ihr
und Gefängnissen, wobei ihre Ver- war von ihrer Ausstrahlung so beein- wärt nicht mehr in der Lage, euren
wandten, ihr Sohn und die Verwalter druckt, dass er ihre Tugenden mit de- Reichtum und die von den Vorfahren
das Geld beschafften.“ nen des heiligen Mönchsbischofs stammenden Güter zu genießen.“ Die
Einen düsteren Umstand, der das Martin von Tours verglich. Prophetin sollte recht behalten: 410
ideale Bild hätte trüben können, ver- In Rom bekehrte Melania fast ihre ließ der Westgotenherrscher Alarich
schwieg der Biograf: den erbitterten gesamte Familie zur Askese. Nur ihr Rom plündern. Judith Rosen

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 39
Von der Sekte zum Reichskult Ein Lehrgebäude entsteht

Das Bild rechts zeigt


das Bekehrungserleb-
nis des Augustinus im
Garten; erstmals las
er die Briefe des Apos-
tels Paulus.

Die Gartenszene, zentraler Abschnitt in den „Be-


kenntnissen“, wurde nicht selten als literarische Sti-
lisierung verworfen, fand aber ebenso oft bewegte
Leser, die ihre Historizität verteidigten. Für Augus-
tinus war damit auch die von seiner Mutter eingefä-
delte Verlobung mit einem minderjährigen Mädchen
geplatzt, derentwegen ihn seine langjährige Kon-
kubine enttäuscht verlassen hatte. In den „Bekennt-
nissen“ deutete allerdings der in seiner männlichen
Ehre verletzte Verfasser an, er sei es gewesen, der
ihr den Laufpass gegeben habe.
Auch seine Professur legte er nieder, weil ihn seit
einiger Zeit ein hartnäckiges Brustleiden quälte. Ein
Erholungsaufenthalt in Cassiciacum, einem Landgut
bei Mailand, bot ihm die Gelegenheit, mit den be-
gleitenden Angehörigen und Freunden tiefsinnige
Gespräche zu führen und ihnen ihr verborgenes
Wissen zu entlocken. In Platons Dialogen hatte So-
krates diese „Hebammenmethode“ vorgemacht.
Neu gestärkt begann er, mehrere philosophische
Schriften zu verfassen. Wieder in Mailand ließ er
sich an Ostern 387 zusammen mit seinem Sohn und
mit Alypius von Ambrosius taufen.
In Mailand sah Augustinus keine Zukunft mehr;
daher beschloss er, nach Thagaste zurückzukehren.
Nach dem Vorbild des blühenden Mönchtums in Sy-
rien und Ägypten wollte er in seinem Elternhaus
eine Klostergemeinschaft gleich gesinnter Freunde
gründen. Monnica hätte sich darüber gefreut, aber
sie war auf dem Rückweg gestorben.

rer Lactantius überliefert hat: Der Kai- von den Worten „In diesem Zeichen
Gebete für ser gab den Christen ihre konfiszierten siege“ umrahmt wurde.
den Kaiser Gotteshäuser zurück, und ihre Ge-
meinden erhielten wie andere religiö-
Der Sieger näherte sich daraufhin
persönlich dem Christentum. Als
se und berufliche Vereine einen recht- selbst ernannter „Bischof des Äuße-
Im 4. Jahrhundert gelang dem
lichen Status. Als Gegenleistung ver- ren“ lud er die Bischöfe in dieser Ei-
Christentum ein entscheidender
langte Galerius, die Christen sollten genschaft zu einem Konzil in Nicäa
Schritt: Aus der Untergrund-
„in Zukunft zu ihrem Gott für unser ein, das die Lehre des Arius als irrig
Religion wurde der offizielle Kult
Heil beten, für das Heil des Staates verurteilte. Im „Nicaenischen Glau-
des römischen Imperiums.
und für ihr eigenes Heil, damit der bensbekenntnis“ betete die Kirche fort-
Staat nach allen Seiten gewahrt bleibt an, Jesus Christus sei „gleichen We-
Der 1. April 311 war in der Geschichte und sie an ihren Wohnsitzen sicher sens“ mit Gottvater und dem Heiligen
des Christentums ein tiefer Einschnitt: leben können“. Geist, während Arius ihm nur ein „ähn-
Kaiser Galerius musste erkennen, dass Kaiser Konstantin der Große fuhr liches Wesen“ zubilligte. Mit mehreren
die schwere Verfolgung der Christen ge- hier fort, nachdem er am 28. Oktober Gesetzen wie dem zur Sonntagsheili-
scheitert war, die sein Vorgänger Diokle- 312 in der Schlacht an der Milvischen gung stärkte Konstantin die Stellung
tian 303 eröffnet hatte. Allen blutigen Brücke vor Rom die Herrschaft über die der katholischen Kirche, konnte aber
und unblutigen Maßnahmen zum Trotz Westhälfte des Römischen Reiches ge- den Graben zwischen ihr und den Aria-
wuchs die junge Religion immer weiter. wonnen hatte. Seinen Sieg schrieben nern nicht überwinden.
An jenem Tag erließ Galerius daher er und die Christen der Erscheinung ei- Sein Sohn Constantius II. (337 bis
ein Toleranzedikt, das der Kirchenleh- nes Kreuzes am Mittagshimmel zu, das 361) wurde sogar Arianer und billigte

40 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Die neue Klosterfamilie, zu der Alypius gehörte, Auch die Manichäer hatten in Hippo viele An-
lebte unter ihrem Leiter Augustinus von dem Besitz, hänger. Gegen deren renommierten Vorsteher trat
den jedes Mitglied einbrachte. Gemeinsames Gebet Augustinus zu einem öffentlichen religionspoliti-
und gemeinsame Mahlzeiten gehörten zum regel- schen Schlagabtausch in den Ring und blieb Sieger.
mäßigen Tagesablauf. Solange die Gemeinschaft klein Sein scharfer philosophischer und theologischer Ver-
war, brauchte es keine schriftlichen Festlegungen. Die stand sprach sich herum, und als 395 der amtierende
sogenannte Augustinusregel entstand erst später. Bischof von Hippo starb, musste man den Nachfol-
War es 391 Zufall oder ein weiterer Wink Gottes, ger nicht lange suchen.
dass er bei einem Besuch in Hippo Regius den Schon vorher hatte Augustinus mit Bischof Au-
dortigen Christen auffiel, weil er in der relius von Karthago, dem Metropoliten der nord-
Stadt ein zweites Kloster gründen woll- afrikanischen Diözesen, Freundschaft geschlossen.
Was hatte te? Sie suchten nämlich einen Helfer für Künftig kämpften die beiden gemeinsam gegen die
ihn nur ihren Bischof, einen Griechen, dessen inneren und äußeren Feinde der Kirche. Unermüd-
angetrieben? mühselige lateinische Predigten ihren lich schuf Augustinus dazu die theologischen Grund-
Ohren wehtaten. Belehrungen und mo- lagen. Oft schrieb er die Nächte durch und setzte
Hatte der ralische Ermahnungen wirkten schließ- bei Sonnenaufgang auf dem letzten ihm verbliebe-
Mensch eine lich besser, wenn man dem Redner mit nen Papyrusblatt noch den regen Briefwechsel fort,
angeborene Genuss zuhörte. Daher empfahlen sie den er mit christlichen Freunden und heidnischen
dem Bischof den ehemaligen Rhetorik- Gegnern führte.
Neigung professor. Zwischen 397 und 401 verfasste er die „Bekennt-
zum Bösen? Der zierte sich erst ein wenig, gab nisse“, seine Lebensbeichte in 13 Büchern. Eine sol-
dann aber nach und ließ sich vom Bischof che Autobiografie, die das Seelenleben ihres Ver-
zum Priester weihen. Während seiner fassers offenlegte, hatte es bisher nicht gegeben.
Mönchsgemeinschaft in Thagaste fortan Alypius vor- Reumütig erinnerte sich Augustinus im zweiten
stand, verwirklichte er seinen Plan und gründete Buch, wie er die Kameraden angestiftet hatte, den
neben der Bischofskirche ein neues Kloster. Birnbaum leer zu plündern, statt sich lediglich satt
Die Hafenstadt Hippo Regius, das heutige Anna- zu essen. Was trieb ihn damals an? Hat der Mensch
ba in Algerien, war allerdings ein hartes Pflaster. nicht neben seinen guten Eigenschaften eine Nei-
Neben Katholiken, Arianern und Heiden gab es gung zum Bösen?

E
dort auch eine blühende Gemeinde von Donatisten.
Deren Vorfahren hatten sich mit der katholischen s muss eine Erbsünde geben, seit Adam
Kirche überworfen, weil sie ihnen in der letzten gro- und Eva im Garten Eden vom Baum der
ßen Christenverfolgung von 303 bis 311 nicht stand- Erkenntnis gegessen hatten und aus dem
haft genug geblieben war. Seitdem hatten sich vor Paradies vertrieben worden waren, erkann-
allem in Nordafrika die Fronten verhärtet, und do- te Augustinus: Allein göttliche Gnade konnte die ei-
natistische Schlägerbanden, die Circumcellionen, gentlich von Geburt an verlorenen Menschen retten.
prügelten manchen katholischen Bischof blutig. Darüber führte er später mit dem Mönch Pelagius

die Verfolgung katholischer Wortfüh- Erst Theodosius I. (379 bis 395) traf
rer. Konstantins Neffe Julian, 361 Al- die entscheidenden Maßnahmen ge-
leinherrscher des Reiches geworden, gen Heiden und Häretiker und ver-
wollte dann die Anerkennung des schaffte so der katholischen Kirche
Christentums rückgängig machen. endgültig den Vorrang, den sie nie
Das verhinderte aber der frühe Tod mehr verlieren sollte.
des „Abtrünnigen“, der 363 auf Doch der Aufstieg des Christentums
einem Feldzug gegen Persien fiel. zur Staatsreligion war nicht unumstrit-
Heidnische Kaiser gab es fortan ten: Schon seit Konstantin mahnten
nicht mehr. Der Katholik Valentinian I., manche, die Verbindung zwischen Kir-
Kaiser im Westen des Reiches che und Staat, zwischen Herrschern
(364 bis 375), war tolerant und befür- und Bischöfen führe ins Verhängnis.
wortete ein friedliches Nebeneinander „Hofbischöfe“ beeinflussten die Kaiser
zwischen den christlichen Konfes- und fanden zu viel Geschmack an den
sionen und den Verehrern der alten Verlockungen der Residenzstädte. Die
Götter. Nur wenn es zu Konflikten Kritiker plädierten für eine Rückkehr
kam, griff er ein. Valens dagegen, zum Urchristentum – eine Forderung,
sein Bruder und Herrscher im Osten die durch die Jahrhunderte hindurch
(364 bis 378), war Arianer und ging immer wieder aufkam. Doch das Rad
gegen missliebige Anhänger des der Geschichte ließ sich nicht mehr
Nicaenums vor. Konstantin der Große (Statue, 4. Jh., Replik) zurückdrehen. Klaus Rosen

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Von der Sekte zum Reichskult Ein Lehrgebäude entsteht

Ambrosius, Bischof
von Mailand,
taufte Augustinus
im Jahr 387.

worten. Auch viele Glaubensgenossen erwarteten


von ihm den Gegenangriff. Er führte ihn in den 22
Büchern „Vom Gottesstaat“, an denen er von 413
bis 427 arbeitete. Schon vorher skizzierte er seine
geistliche Marschroute in Predigten, die er in Hippo
und Karthago hielt, wo verängstigte Flüchtlinge aus
dem Norden Zuflucht gesucht hatten.
In den ersten zehn Büchern seines größten Wer-
kes wies er nach, dass der Christengott Rom ge-
schützt hatte, gegen die heidnischen Götter – weil
er das Imperium für seinen Weltplan brauchte. Au-
gustinus entwarf eine christliche Geschichtsphiloso-
phie, nach der jede historische Entwicklung eine
Offenbarung göttlichen Willens ist. Am Ende der
Weltgeschichte steht danach das Jüngste Gericht,
mit welchem die Zeit endet und in dem jeder seinen
Platz entweder bei Gott oder in der Hölle zugewie-
sen bekommt. Dieses Geschichtsgebäude war so ein-
drucksvoll, dass sich kommende Jahrhunderte darin
einrichten konnten.
Sein Strom frommer Publikationen versiegte da-
neben nicht. Ebenso wenig vernachlässigte er seine
Pflichten als Seelsorger, bei dem die Besucher
Schlange standen, als Prediger in Hippos und Kar-
thagos Kirchen, als Abt seines Klosters und als Wort-
führer auf den nordafrikanischen Konzilien.
Wurde er mit Missständen konfrontiert, stürzte
er sich in den Kampf: gegen Folter und Todesstrafe,
gegen Sklavenjäger und Menschenschinder, selbst
wenn sich ein Bischof schuldig gemacht hatte. Er
intervenierte bei hohen Beamten in der Hoffnung,
mit seinem guten Namen werde es ihm gelingen,
wenigstens in Einzelfällen das Elend in der Welt zu
lindern, allen Rückschlägen zum Trotz. Er schonte
und dessen Anhängern eine erbitterte Fehde. Neben sich nicht, obwohl der Raubbau an seiner Gesund-
dem Manichäismus blieben die Häresien Pelagia- heit ihn immer wieder für Tage lähmte. Klugerweise
nismus, Donatismus und Arianismus die Feinde, ge- sorgte er 426 für einen Nachfolger auf dem Bischofs-
gen die er seine Kirche bis zum Tod hartnäckig ver- stuhl.
teidigte, etwa mit seinem 15 Bücher umfassenden Drei Jahre später traf in Hippo eine Schreckens-
Werk „Über die Trinität“. Hilfreich dabei waren die botschaft ein: 80 000 Vandalen hatten die Meerenge
antihäretischen Religionsgesetze der katholischen theo- von Gibraltar überquert. Plündernd und mordend
dosianischen Kaiserdynastie (siehe Kasten Seite 40). wälzte sich der Heereszug die Küste entlang nach
Eine neue Herausforderung traf Augustinus im Osten. Im Juni 430 erreichte er Hippo, hinter dessen
Jahr 410, als der Gote Alarich Rom eroberte und Mauern sich Flüchtlinge und geschlagene römische
dem Römischen Reich einen Schock versetzte. Wo Soldaten drängten.
war der Gott der Christen geblieben, die ihm in der Verzweifelt richteten sich viele Augen auf Au-
Stadt so viele Kirchen errichtet und ihn um Rettung gustinus. Er half, wo er konnte. Aber für den 76-
angefleht hatten? Höhnisch hielten ihnen die Heiden Jährigen war die Anstrengung zu groß. Nach zwei
vor, dass ihre Götter 800 Jahre lang Rom vor frem- Monaten brach er zusammen. Als er, bis zuletzt bei
den Feinden bewahrt hätten. Das Unglück sei über klarem Verstand, sein Ende nahen spürte, ließ er
sie gekommen, als immer mehr Menschen von der seinem Bett gegenüber die Bußpsalmen an die Wand
Väterreligion abgefallen und zum Christentum über- heften und betete immer wieder. „Aus den Tiefen
gelaufen seien. rufe ich, Herr, zu dir, Herr, höre auf meine Stimme!“
Es war eine gefährliche Attacke, und sie erschien Augustinus starb am 28. August 430 im Kreis sei-
historisch kaum abweisbar. Augustinus musste ant- ner Mitbrüder. Unter den Trauernden war Possidius,

42 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Im Chor der Kirche von San Gimignano ist
zu sehen, wie Augustinus seinen Mitbrüdern
die erste Klosterregel vorliest.

ein Bischof und früheres Klostermitglied, der vor Christi und der Kirche teil, die ihm Gott geschenkt
den Barbaren geflohen war. Er schrieb wenige Jahre hat, auch ohne Ablassbrief.“
später die Biografie seines Freundes. Als sich die Gut 100 Orden lebten im Lauf der Jahrhunderte
Vandalen 431 vor einem römischen Entsatzheer zu- nach Augustinus’ Klosterregel. Derzeit gibt es
rückzogen, waren Hippos Christen überzeugt, Au- 5 Männer- und 13 Frauenorden, die sich nach ihm
gustinus habe im Himmel ein gutes Wort für sie ein- benennen. 13 Augustinus-Institute beschäftigen sich
gelegt und Gott habe seine Bitte erhört. mit seinem Werk und publizieren ihre Erkenntnisse
434 wurde Hippo doch Opfer der Vandalen. in ebenso vielen Zeitschriften, die seinen Namen
Die flüchtenden Christen überführten den Sarg mit im Titel führen. Eine neue zweisprachige Ausgabe
ihrem berühmtesten Mitbürger nach Sardinien. seiner Schriften soll am Ende 130 Bände umfassen.
Auch seine Bibliothek nahmen sie mit. Die letzte Und nicht zu zählen sind die Kirchen, deren Patron
Ruhestätte fand der Tote im 8. Jahrhundert in er ist. Keine andere Persönlichkeit der Antike,
Pavia. weder Alexander der Große noch Caesar, weder
Bis heute hält die Wirkung seiner Schriften an. Augustus noch Konstantin der Große, ist so lebendig
Nie war sie folgenreicher als im Jahr 1517, nachdem geblieben wie Augustinus. I
der Apostel Paulus und dessen Interpret Augustinus
den Augustinermönch Martin Luther endgültig von
Gottes unverdienter Gnadenfülle überzeugt hatten. Klaus Rosen war bis zu seiner Emeritierung Professor für
In der 37. These seines Klosterbruders Martinus hät- Alte Geschichte an der Universität Bonn. 2015 veröffentlichte
te sich Augustinus wohl wiedererkannt: „Jeder wah- er die Biografie „Augustinus. Genie und Heiliger“ (2. Auflage
re Christ, ob lebendig oder tot, hat an allen Gütern 2017, Zabern Verlag).

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 43
Von der Sekte zum Reichskult Klöster

Als frommes Außenseitertum begann es – doch rasch entwickelte sich das Mönchtum
zu einem der Grundmodelle christlichen Lebens im Abendland. Mit vorbildhaftem Leben,
Mission und Bildung warben die Ordensleute für ihren Glauben.

Askese im eisernen Hemd

Von Cord Aschenbrenner

Z
wölf Kilometer vor der Südwest- ten, Gott am besten fern menschlicher das ewige Leben zu gewinnen hofften.
küste Irlands ragen zwei Felsen Gesellschaft dienen zu können. In der Einsamkeit (griechisch: eremía)
aus dem Atlantik. Der größere Das nach dem Erzengel Michael be- versuchten sie, dem Vorbild Jesu zu fol-
der beiden, Skellig Michael nannte winzige Eiland vereinte für einige gen, indem sie die Askese als Lebensform
(„Michaels Felsen“), ist knapp 220 Meter Hundert Jahre – bis die Insel zu Beginn wählten.
hoch. An klaren Tagen hat man von hier des 13. Jahrhunderts verlassen wurde – Das aus dem Griechischen abgeleitete
einen wunderbaren Blick auf die Weite die beiden Arten des Mönchslebens: al- Wort Askese bedeutet Übung oder Ein-
des Atlantiks und auf die Felsformatio- lein und in Gemeinschaft. Das kleine übung und war ursprünglich nur auf
nen der irischen Küste. Kloster und die Einsiedelei auf der Insel handwerkliche Fertigkeiten oder auch auf
Wenn aber aus Nordwesten tagelang sind nur ein Beispiel für die zahlreichen sportliche Leistungen bezogen; philoso-
schwere Stürme heranrasen und sich Formen mönchischen Lebens, die seit der phische Schulen der Antike hatten den
nicht einmal die Seevögel in die Luft wa- Spätantike entstanden sind. Mönche wur- Begriff jedoch auch benutzt, um das Ideal
gen, kann man sich nicht vorstellen, dass den zu einem Beispiel für besonders vor- eines vollkommenen Menschen zu um-
hier einmal Menschen gelebt haben. bildhaftes christliches Leben. Und im schreiben: geprägt durch Verzicht und
Doch so war es. Ein paar bienenkorbför- Mittelalter entwickelten sich die Klöster durch bestimmte geistige und körperliche
mige Hütten aus Stein unterhalb des zu den wichtigsten Keimzellen für Bil- Übungen.
Nordgipfels der Insel sind der Beweis, ge- dung und Kultur und trugen damit ent- Aus einer dieser Schulen stammt der
nau wie sechshundert zum Teil in den scheidend zur Verbreitung christlichen Satz: „Der Leib ist das Grab der Seele.“
Fels gehauene Stufen, die hinab zu einer Denkens bei. Auch der griechische Philosoph Platon
kleinen Bucht führen. Als die frommen Männer auf Skellig spricht vom Gefängnis des Leibes, in dem
Es sollen zwölf Mönche gewesen sein, Michael ihre Behausungen errichteten, die Seele eingesperrt sei. Durch Platons
entsprechend der Zahl der Jünger Jesu, blickte das Mönchtum bereits auf meh- Lehre zieht sich ein Dualismus zwischen
und ihr Abt, die sich hier, an einem der rere Jahrhunderte Geschichte zurück. der vergänglichen materiellen Welt, in
menschenfeindlichsten Orte Westeuro- Seine Anfänge liegen dort, wo auch das welcher der menschliche Leib seinen
pas, im 6. oder 7. Jahrhundert ansiedel- Christentum entstand: im Vorderen Platz hat, und der unvergänglichen Welt
ten. Die aus unbehauenen Steinen zu- Orient. Hier, etwa in den Wüsten und der Ideen, in der die Seele ihre Heimat
sammengefügten Hütten dienten den Einöden Ägyptens, lebten im 3. nach- findet.
Männern als Schlafzellen; ein verwitter- christlichen Jahrhundert Männer, die Auch in der Philosophie der Stoa wie
tes steinernes Kreuz ragt auf, es gibt eine ganz bewusst von ihren Familien und in der kynischen Philosophie spielte die
Kapelle, einen kleinen Friedhof mit überhaupt vor allen Bindungen und Askese eine wichtige Rolle. Die Stoiker
schiefen Grabkreuzen darauf und eine menschlichen Gemeinschaften in die Ein- wollten ihre Triebe beherrschen, sogar
Zisterne. samkeit geflohen waren. frei von ihnen werden – um ihre innere
Und als wäre das Leben in der kleinen Nicht aus Menschenfeindlichkeit oder
Klosteranlage nicht schon entbehrungs- weil es ihnen in den Städten zu un-
reich genug gewesen, lag am schwer zu ruhig war, zogen diese ersten Mönche, Wie Mönche heute leben, fotografierte Kiên
erreichenden Südgipfel von Skellig die man Anachoreten nannte – griechisch Hoàng Lê 2013 in deutschen Klöstern. Die
Michael, dort, wo die Insel am höchsten „anachoreín“ bedeutet „sich zurückzie- Benediktinerabtei Münsterschwarzach ist
schon äußerlich ein Inbegriff der Tradition –
ist, auch noch eine kleine Einsiedelei, die hen“ –, in die Unwirtlichkeit der Sand- und ein Zentrum der alten gregorianischen
wohl seit dem 9. Jahrhundert von Eremi- und Steinwüsten, sondern weil sie durch Gesangskunst. Vor dem Mittagessen im
ten bewohnt wurde – Männern, die glaub- Verzicht und Enthaltsamkeit das wahre, Refektorium beten die Brüder gemeinsam.

44 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 45
Von der Sekte zum Reichskult Klöster

Freiheit zu finden. Ihre asketischen For- Christentums, vielmehr konkurrierten sie Das Vorbild aller Einsiedler der fol-
derungen gingen weit: wenig Essen, Be- und befruchteten einander in der Spät- genden Jahrhunderte war der aus Ägyp-
dürfnislosigkeit bei Kleidung, Wohnung antike. Die Christen sahen ihre Religion ten stammende Antonius, später der
und Besitz, Ertragen von Kälte und Hitze, als einzig wahre und wollten hinter den heilige Antonius. Er gilt als Vater der
Hinnahme des Beschwerlichen, Verzicht Askeseforderungen der Heiden nicht zu- Mönche, sein Leben diente Generatio-
auf die Ehe. rückstehen. Minucius Felix, ein kirch- nen von Nachfolgern als Modell mönchi-
Der römische Philosoph Seneca, eine licher Schriftsteller des 3. Jahrhunderts, schen Daseins. Das lag vor allem an der
Hauptfigur stoischen Denkens, schrieb schrieb spöttisch: „Man könnte meinen, Lebensbeschreibung, die der Patriarch
anerkennend: „Einige haben es fertigge- die Christen seien die Philosophen von von Alexandria, Bischof Athanasius, ver-
bracht, dass sie überhaupt nicht lachen; heute, oder die Philosophen seien schon fasst hatte; sie machte Antonius zu ei-
andere haben sich des Weines, andere damals Christen gewesen.“ nem Mythos der Spätantike.
der geschlechtlichen Liebe, andere des Antonius war ein Aussteiger, der ver-
Trinkens ganz enthalten; ein anderer hat Einer der ersten, die die christliche As- schenkte, was ihn an die Gesellschaft
sich mit kurzem Schlaf begnügt und sich kese theoretisch begründeten, war Ori- band – vor allem seinen Grundbesitz –,
unermüdlich gemacht.“ genes, ein Christ aus Alexandrien, der seine Familie verließ und in eine Gegen-
Auch die Kyniker strebten das Ideal selbst asketisch lebte und als einer der welt übersiedelte: erst in eine Grabkam-
der Bedürfnislosigkeit an. Mühe und Pla- Vorläufer des Mönchtums gilt. Das Wort mer nahe seinem Heimatdorf, dann für
ge zeichneten ein gelingendes Leben aus, Mönch kommt wieder aus dem Griechi- zwei Jahrzehnte in ein verlassenes Kas-
konventionellen Lebensformen begegne- schen: monachós ist der allein, der „ein- tell am Rande der Wüste, später dann
ten die Kyniker mit Gleichgültigkeit, fast zigartig“ Lebende. Origenes, der um das ganz in die Einöde. In der Abgeschieden-
überheblich. Großes Vorbild im Kynis- Jahr 254 starb, setzte sich mit dem „ein- heit beschäftigte er sich mit Beten, Lesen
mus, der im 2. Jahrhundert nach Christus zigartig“ Leben, dem „Zurückziehen“ in in heiligen Schriften und mit körperlicher
wieder in Mode war, war der in einem die Einsamkeit in seinen Schriften aus- Arbeit wie Korbflechterei – der Eremit
Fass lebende Diogenes von Sinope. einander; selbst tat er den Schritt nicht. musste von seiner Hände Arbeit leben.
Weder die Stoa noch der Kynismus Aber es dauerte nur wenige Jahre, bis Von Menschen blieb der Mönch in sei-
verschwanden mit dem Aufkommen des die ersten Mönche in die Wüste zogen. ner Zurückgezogenheit weitgehend ver-

Lachen erlaubt: Abt Rhabanus


und Pater Michael im Kreuzgang des
Klosters Münsterschwarzach

46 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
schont; dafür peinigten ihn, sicht kümmerliches Leben.
wie Athanasius berichtet, der So waren die Pachomius-
Teufel und Scharen von Dä- Klöster – schon bald folgten
monen. Aber der Einsiedler dem ersten weitere – auch ein
widerstand ihnen, so sein Bio- Schutzraum für Asketen, in
graf, durch Wachen, Fasten dem diese zwar getrennt von
und allerlei Listen. Als Anto- der Welt, aber nicht mehr auf
nius nach zwei Jahrzehnten sich allein gestellt ihren Ge-
das Kastell verließ, trat er, beten und Übungen nach-
schreibt Athanasius, „wie aus gehen konnten.
einem Heiligtum hervor, ein- Oft lebten mehrere Hun-
geweiht in tiefe Geheimnisse dert Mönche in den Klöstern,
und als ein von Gott Erfüllter“. die den Regeln des Pacho-
Athanasius verfasste die mius folgten; diese schrift-
Vita des Antonius kurz nach lichen Gebote legten nun ge-
dessen Tod im Jahr 356, der nau fest, wie das Leben der
ihn im sagenhaften Alter von Mönche auszusehen hatte: Pa-
105 Jahren ereilte. Das Buch chomius ordnete einen genau
wurde zu einem Bestseller der begrenzten Wohnraum der
Antike, der aus dem Griechi- Mönche an; eine einheitliche
schen rasch ins Lateinische Lebensweise bezogen auf Er-
übersetzt wurde, bald auch in nährung, Kleidung und Ar-
andere Sprachen des Mittel- beit; gemeinsamen Gottes-
meerraumes wie Koptisch und dienst selbstverständlich und
Syrisch und noch weit darüber nicht zuletzt die Unterord-
hinaus. Der Bischof wollte mit nung unter die Autorität
seiner Lebensbeschreibung eines Abtes, des Klosterobe-
des großen Mannes zur Nach- ren. Letztlich ging es jedoch
ahmung anregen, was ihm immer darum, christlich, das
auch gelang. Die Begeisterung heißt dem Evangelium gemäß
für das Mönchsleben in der zu leben. Die Bibel war die
Wüsteneinsamkeit verbreitete Norm, nach der sich die Mön-
sich rasch aus dem Orient bis che richten sollten.
in den lateinischen Westen des Dieses Modell war so an-
Römischen Reiches. In der Garderobe von Münsterschwarzach
ziehend, dass scharenweise
Auch in der Kunstgeschich- hängen unter den liturgischen Büchern die Novizen in die Klöster ström-
te taucht der Heilige immer Winterkutten bereit. ten. Nicht nur Männer. Auch
wieder auf, eine der berühm- Frauen lebten in – natürlich
testen Darstellungen findet sich auf Für die Menschen in der Umgebung eigenen – Gemeinschaften, die sich zum
einem der Flügel des Isenheimer Altars gab es einen erkennbaren Unterschied Ideal der Besitz- und Ehelosigkeit, zu Ge-
aus dem frühen 16. Jahrhundert. Hinter zwischen dem Leben in der Mönchs- bet, Schweigen, Demut und Gehorsam
Antonius lauert dort, halb verdeckt durch gemeinschaft und dem der Einsiedler- gegenüber einer Oberen bekannten.
ein Butzenfenster, ein teufelsartiges Un- mönche: Die Koinobiten waren durch Doch die Klöster des Pachomius wur-
geheuer: einer der legendären Dämonen. eine Mauer von der Außenwelt getrennt, den in ihrer Gesamtheit reich und mäch-
Fast gleichzeitig mit Antonius und den Zugang gab es nur durch eine Pforte. tig, was der ursprünglichen Idee, in Ar-
anderen christlichen Einsiedlern in Ägyp- Und anders als die Eremiten lebten die mut nach dem Evangelium zu leben,
ten entwickelte sich dort eine weitere Mitbrüder des Pachomius in Häusern. Sie nicht gut bekam. Beides, Reichtum und
Spielart des Mönchtums; sie sollte die bis arbeiteten – wie spätere Mönche auch – Macht, waren, wie ein Historiker es for-
heute folgenreichste werden. Pachomius, als Gärtner, Bäcker oder Weber; was sie muliert hat, die „unheimlichsten Toten-
ebenfalls ein Eremit, sammelte um das herstellten, verkauften sie, um das Klos- gräber“ des christlichen Mönchtums;
Jahr 325 Gleichgesinnte um sich, denen ter erhalten zu können. Oder sie gaben auch später würde noch mancher Orden
mehr Gemeinsamkeit wichtig war, und die Einnahmen als Almosen weiter. diese Entwicklung durchlaufen. Zum
schwor sie auf eine asketische Lebens- Das gemeinsame Wirtschaften wie Ende des 4. Jahrhunderts war die kurze
form unter seiner Führung ein. überhaupt die Gemeinschaft entsprach Blütezeit der Klöster ihres Gründervaters
dem Ideal der Jerusalemer Urgemeinde, Pachomius schon wieder zu Ende.
„Gemeinsames Leben“ (koinós bíos) lau- die Pachomius vor Augen hatte: Die Währenddessen blühte das Mönchtum
tete die Devise dieser Männer, die man Mönche sollten ein Herz und eine Seele in anderen Regionen rund um das Mittel-
daher Koinobiten (latinisiert: Zönobiten) sein, das Wenige, was sie brauchten, mit- meer und in unterschiedlichen Formen
nannte. Einen Ort für das gemeinsame einander teilen. Nicht zuletzt war dem auf; im 4. Jahrhundert war das Christen-
Leben fand Pachomius in dem verlasse- Klostergründer auch klar, dass nicht je- tum im Römischen Reich zur privilegier-
nen ägyptischen Dorf Tabennese; dort der sich zum Eremiten eignete; vielfach ten, schließlich zur Staatsreligion gewor-
gründete er das erste christliche Kloster. führten die Einsiedler ein in jeder Hin- den. Einmal selbst einem Eremiten be-

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 47
Von der Sekte zum Reichskult Klöster

gegnet zu sein, gehörte nun zum festen Berichtet wird von einem Mönch in Viel wichtiger wurden auch in Byzanz
Bestandteil der frühchristlichen Frömmig- Palästina, dem als Behausung eine kleine die Klöster. Die ersten entstanden in
keit; Damen der römischen Aristokratie Hütte diente, die aus Schutt, Töpferscher- Kleinasien, wo Bischof Basilius von Cae-
pilgerten in die ägyptische Wüste, um ben und ein paar Ziegeln errichtet war, sarea mit seinen Mönchsregeln prägend
fromme Einsiedler selbst in Augenschein und zwar so, dass er nur gebückt darin wurde; später dann, Anfang des 9. Jahr-
nehmen zu können. stehen konnte. Im Liegen musste er die hunderts, bildeten sich Gemeinschaften
Ungefähr zur selben Zeit wie in Ägyp- Füße anziehen. Barsauma, ein anderer auf dem vom Meer umgebenen Berg
ten entfalteten sich mönchische Lebens- Mönch, trieb den Kult der Askese noch Athos im nördlichen Griechenland und
formen in Palästina und in Syrien und weiter, indem er eine eiserne Tunika trug, darüber hinaus, die bis zum heutigen Tag
drangen bis nach Mesopotamien vor. In die ihn im Winter frieren ließ, im Som- bestehen.
Palästina entstand die Form der „Laura“ mer hingegen röstete. Wie der Historiker In der orthodoxen Kirche wurde Basi-
(griechisch für „enge Gasse, Hohlweg“) als Manfred Clauss schildert, aß Barsauma lius, der den Beinamen „der Große“ er-
ein besonderer Typus des Klosters. Auch nach alttestamentlichen Vorbildern nur hielt, zum Gründervater des Mönchtums.
hier stand ein Abt (das Wort stammt vom Früchte, die ohne menschliches Zutun Für die lateinisch geprägte Kirche des
aramäischen „abba“, „Vater“, ab) einer wuchsen. Er soll nie gesessen und im Ste- Abendlandes übernahm diese Rolle im
Gruppe von Mönchen vor, die als Anacho- hen geschlafen haben. 6. Jahrhundert Benedikt von Nursia mit
reten jeweils für sich an den Hängen eines Besonders streng war die Askese der seiner Regel. Er baute auf verschiedenen
engen Tales in Zellen und Höhlen lebten. Mönche in Syrien. Dort herrschte gera- Grundlagen auf, vor allem aber auf den
dezu eine religiöse Leistungssucht. So Traditionen von Augustinus von Hippo
Immer sonntags trafen sich die Mönche verbrachten „Styliten“ (Säulensteher) ihr und Johannes Cassianus.
und ihr Abt zum gemeinsamen Gebet Leben auf einer Säule, ohne Schutz Wind Augustinus (siehe Seite 36) gründete
und zur Eucharistiefeier. Der Abt einer und Wetter ausgesetzt, stehend oder auf zunächst an seinem nordafrikanischen
solchen Gemeinschaft war mehr als der den Knien betend. Der erste und berühm- Geburtsort Thagaste ein Kloster, später
Organisator eines mehr oder weniger teste war Symeon Stylites, der 30 Jahre wurde er Priester, dann Bischof; als sol-
losen Zusammenlebens; er war der geist- lang auf einer 20 Meter hohen Säule ver- cher gründete er ein weiteres Kloster –
liche Vater der Mönche, derjenige, der harrt haben soll, bestaunt von unzähligen und zwar für Kleriker. Auch als Bischof
ihre Seelen hütete und sie durch ihr spi- Pilgern, zu denen er zweimal am Tag pre- der Stadt Hippo Regius wollte er nämlich
rituelles Leben lotste. digte. Nicht wenige seiner Zuhörer soll sein mönchisches Leben fortsetzen und
Askese war auch in solchen Klöstern er erst zum Christentum bekehrt haben. sammelte andere Geistliche um sich, die
selbstverständlich; auch von Außen- Diese extravagante Art der Askese mit ihm in Askese hinter Klostermauern
stehenden wurden die Verzichts- und blieb allerdings fast ausschließlich auf die leben wollten.
Demutsleistungen der Mönche beifällig östlichen Kirchen und das Oströmische, Damit war neben dem Asketentum
aufgenommen, als handele es sich um das Byzantinische Reich beschränkt. Es und dem Klosterleben eine dritte Form
sportliche Höchstleistungen. war jedoch eher eine Randerscheinung. des Mönchtums entstanden. Nun wurde
auch von Priestern das mön-
chische Ideal eingefordert: un-
verheiratet, arm und gehor-
sam gegenüber ihrem Oberen.
Weitere Männer-, aber auch
Frauenklöster folgten bald.
In der Westkirche führte
Augustinus als erster Regeln
für das Leben der Mönche
ein. Durch seine Lebensbeich-
te, die „Confessiones“, för-
derte Augustinus die Wert-
schätzung des Mönchtums im
Abendland maßgeblich.
In Georg Schwaigers Le-
xikon der Mönchsgeschichte
finden sich Details: Nördlich
des Mittelmeers gewann das
Mönchtum im 5. Jahrhundert
an Boden; in Italien etwa för-
derte die römische Aristokra-
tie Klosterneugründungen.
Allerdings waren es hier eher
Nonnen und Mönche aus dem
Volk, die in die Klöster gin-
Das Kapuzinerkloster Stühlingen im Südschwarz-
gen und so Zugang zu einem
wald wirkt in Abendstunden geradezu idyllisch: gehobeneren sozialen Milieu
ein spiritueller Rückzugsort. gewannen.

48 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Altes Handwerk und modernste Technik
sind im Kloster Stühlingen kein Widerspruch.

Einen gewissen Schutz boten Klöster Jüngerer sollte das Bett eines älteren begründete: das Morgen- und Abendge-
in dieser Zeit der Völkerwanderung auch. Mönches stehen, so sah es später die Be- bet, bei dem ein Lektor je zwölf Psalmen
Besonders im Südosten Galliens blühte nediktsregel vor. las; nach jedem Psalm beteten die Mön-
das Mönchtum regelrecht auf. Von dem che still für sich.
Kloster auf der Insel Lerinum (Lérins) Weitere Vorbilder für das abendländische In den beiden folgenden Jahrhunder-
vor Cannes gingen zahlreiche Neugrün- Mönchtum lieferte Marseille, wo um das ten nahm das westliche Mönchtum dann
dungen aus; viele spätere Bischöfe übten Jahr 415 der Mönch und Priester Johan- die Gestalt an, welche weit über das frü-
sich dort zunächst als Eremiten. Für etwa nes Cassianus ein Kloster für Männer und he Mittelalter hinaus bis in die Neuzeit
hundert Jahre war das Inselkloster be- eines für Frauen gegründet hatte. Er be- bestimmend sein sollte. Ein Ire und ein
sonders beliebt bei Angehörigen der gal- gleitete sein Werk mit einer detaillierten Italiener waren dafür maßgeblich.
lischen Oberschicht. Schrift „Über die Einrichtung der Klöster Irland, als eines der ersten Länder
Lerinum wie überhaupt das ganze wei- und die acht hauptsächlichen Fehler“, die nördlich der Alpen bereits im 5. Jahr-
ter westlich entstehende Mönchtum an große Vorbildwirkung hatte. „So soll das hundert christianisiert, hatte ein stark
der Rhône waren wichtig für die weitere Kleid des Mönches sein“, heißt es da durch Mönche und Klöster geprägtes
Organisation des Klosterlebens, zum Bei- etwa. „Es soll den Körper nur bedecken, Kirchenwesen entwickelt. Die irischen
spiel für das Prinzip der „stabilitas loci“, beschämende Nacktheit verhindern und Mönche, die ihre Klöster bald auch in
der Ortsgebundenheit, also der dauerhaf- grimmige Kälte abhalten. Die Keime der Schottland und England errichteten, wa-
ten Bindung einer Nonne oder eines Eitelkeit und Überheblichkeit soll es ren besonders asketisch, ihr Tageslauf
Mönchs an ein Kloster, die auch Teil der nicht nähren.“ war streng durch Gebete eingeteilt, ihr
benediktinischen Regel werden sollte. In seinen „Unterredungen mit den Vä- Drang nach religiöser Leistung hätte
In den sogenannten Juraklöstern im tern“ gab Cassian die Prinzipien und orientalische Mitbrüder beeindrucken
Königreich Burgund nördlich des Genfer Weisheiten von Gestalten wie Antonius können. Aber ihre Klöster waren zu-
Sees wurde im 5. Jahrhundert eine für und Pachomius weiter, deren Wirkung gleich Zentren des geistigen Lebens, in
das Klosterleben wichtige Neuerung ein- er in Ägypten persönlich kennengelernt denen vom 6. bis zum 12. Jahrhundert
geführt: ein gemeinsamer Schlafraum, hatte. Von dort kam auch die Tradition Gelehrsamkeit und Künste gepflegt wur-
das Dormitorium anstelle einzelner Zel- des Stundengebets, die Cassianus für die den und wo kostbare Handschriften wie
len für die Mönche. Zwischen den Betten Ordensgemeinschaften des Abendlandes das legendäre „Book of Kells“ entstan-

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 49
Von der Sekte zum Reichskult Klöster

zigartig in weiser Mäßigung,


lichtvoll in der Darstellung.
Wer sein Leben und seinen
Wandel genauer kennenler-
nen will, der findet in den
Vorschriften dieser Regel al-
les, was er als Lehrmeister
vorgelebt hat.“
Weise und maßvoll, zu-
mindest nach den Maßstä-
ben der Zeit, dabei von gro-
ßer Einfachheit – all dies hat
dazu beigetragen, dass die
Regel Benedikts sich durch-
setzen konnte, etwa in den
Klöstern Columbans bald
nach dessen Tod 615 und
damit in vielen Tochterklös-
tern Luxeuils im Franken-
reich und im langobardi-
schen Italien.
Die Autorität und das
Ansehen Papst Gregors, der
den Beinamen „der Große“
trug, sorgten mit dafür, dass
Ferien genießen Nonnen wie alle anderen: die Benediktregel sich in
die Stühlinger Kapuzinerinnen Gertrud und Erika England, dann auch auf dem
auf der Blumeninsel Mainau im Bodensee. Festland ausbreitete. Durch
den Papst, der sie herausge-
den, vermutlich im Kloster Iona vor der galt der Satz eines Schülers von Augusti- hoben und gelobt hatte, galt sie als „rö-
schottischen Westküste. nus: dass sie sich auf das Werk des Glau- mische“ Regel.
Auf abgelegene Inseln wie Skellig bens beschränkten, auf die Tätigkeit in Im 9. Jahrhundert wurde die Regula
Michael, aber auch aufs europäische Fest- der Welt aber verzichteten. Benedicti schließlich verbindlich für alle
land setzten die irischen Mönche über – Klöster des Fränkischen Reiches. Und
die Wanderschaft um der Liebe Christi Zur alles überdauernden Regel aus dem noch etwas änderte sich: Aus Laienge-
Willen war Teil ihres Ideals; schon weil Frühmittelalter wurde jene des später hei- meinschaften, wie es ursprünglich auch
es sich kaum vermeiden ließ, waren sie liggesprochenen italienischen Mönchs die Benediktinerklöster gewesen waren
dabei auch missionarisch tätig. Am be- Benedikt. Der in Nursia in Umbrien ge- – Benedikt war, wie andere Äbte auch,
kanntesten wurde Columban der Jünge- borene Sohn einer begüterten Familie kein Priester –, wurden im 9. Jahrhundert
re, der 615 als Abt des Klosters Bobbio lebte zunächst als Einsiedler, dann grün- Klerikergemeinschaften, deren Mitglie-
bei Piacenza starb. Er war 590 mit zwölf dete er mehrere Klöster, darunter das bis der nicht nur ein Gelübde ablegten, son-
irischen Mönchen ins Frankenreich ge- heute berühmte am Monte Cassino. In dern die Priesterweihe erwarben.
kommen. Die Männer hatten den ge- seiner Regel verband er zwei ältere Re- In den Benediktinerklöstern erhielt
fährlichen Weg durch das oft nur dünn geln – die des Augustin und die soge- bald gelehrte Bildung ihren Platz, sogar
besiedelte Land gewagt. Westlich der nannte Magisterregel – miteinander. wenn sie wie das 744 von dem Missionar
Vogesen gründete Columban drei Klös- Gelebt hat Benedikt wohl von etwa Bonifatius in „ungeheurer Weltabge-
ter. Als Abt des einen, Luxeuil, verfasste 480 bis 547. Allerdings gibt es Historiker, schiedenheit“ gegründete Fulda fern der
Columban um 595 seine eigene „Regel darunter den deutschen Mediävisten Jo- Zivilisation lagen. Bibliotheken und
für Mönche“. hannes Fried, die bezweifeln, dass Bene- Skriptorien wurden eingerichtet, genauso
Die Äbte der gallischen und der ita- dikt wirklich existierte. Die Überliefe- wie – auf Anordnung Karls des Großen
lienischen Klöster hatten bei der Aufstel- rungsgeschichte der „Regula Benedicti“ – Schulen. Im vom Hunger, Seuchen und
lung ihrer Grundsätze reichlich Auswahl; lässt sich jedenfalls erst nach 600 klar ver- Kriegen geplagten Europa des 8. und
oft mischten sie ihre Ordnung nach Ge- folgen. Auch das Leben des Abtes von 9. Jahrhunderts waren Bildung und kul-
fallen und Bedarf mit Teilen anderer Re- Monte Cassino, beschrieben von Papst tureller Anspruch genau wie medizini-
geln sowie Auszügen aus asketischen Gregor I., wurde erst im 7. Jahrhundert sche Versorgung und Krankenpflege fast
Schriften. Rund 30 Regelwerke entstan- in Europa bekannt. nur in den Klöstern zu finden – weil Be-
den in den Jahren von 400 bis 700. Weil Gregor schrieb in seinen „Dialogen“: nedikts Regel dies als Aufgabe der Mön-
sie miteinander kombiniert wurden, „Inmitten der vielen Wunder, durch die che vorgesehen hatte. Immer stand über
nennt man diese Periode die der „Misch- der Mann Gottes in der Welt glänzte, allem das Lob Gottes. So sollte es für
regel“. Entsprechend war auch das leuchtete er auch ganz besonders durch Jahrhunderte bleiben, gleich, zu wel-
Mönchtum nicht aus einem Guss. Für alle das Wort seiner Lehre hervor. Denn er chem der später immer zahlreicher wer-
Mönche und Nonnen gleichermaßen aber hat eine Regel für Mönche verfasst, ein- denden Orden ein Kloster zählte. I

50 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Dokument

„ Aus dem Vater gezeugt“


Was sind die Kernsätze des christlichen Glaubens?
Um ein verbindliches Glaubensbekenntnis rangen die Bischöfe
lange und erbittert.

S obald die frühen Christen – mitunter drohend – ge-


fragt wurden, was sie glaubten, wurden verbindli-
che Formeln nötig. Paulus lieferte den Korinthern
erste Merksätze: „Christus ist für unsere Sünden gestor-
ben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist
am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift,
und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.“ Bald reichte
das nicht mehr. Um 340 gibt Marcellus, Bischof von An-
kyra, folgenden Wortlaut an:

„Ich glaube an Gott, den Allmächtigen; / Und an Jesus


Christus, seinen einzigen Sohn, unseren Herrn, / der ge-
boren wurde aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau
Maria, / der gekreuzigt wurde unter Pontius Pilatus und
begraben wurde, / und am dritten Tag auferstand von
Auf diesem Papyrusfragment
den Toten, / der aufstieg in den Himmel, / und zur Rech- aus dem 5. Jahrhundert findet sich
ten des Vaters sitzt, / von wo er kommen wird, die Le- die älteste Überlieferung des
benden und die Toten zu richten; / Und an den Heiligen Glaubensbekenntnisses von Nicäa.
Geist, / die heilige Kirche, / die Vergebung der Sünden, /
des Fleisches Auferstehung / und das ewige Leben.“
ren Gott, / gezeugt, nicht geschaffen, / eines Wesens mit
Andere nannten Gott zusätzlich „den Vater“; sie fügten dem Vater; / durch ihn ist alles geschaffen. / Für uns Men-
auch hinzu, Christus sei nach der Kreuzigung „in die schen und zu unserem Heil / ist er vom Himmel gekom-
Hölle hinabgestiegen“, und erweiterten die „heilige“ zur men, / hat Fleisch angenommen / durch den Heiligen
„heiligen katholischen (d. h. dem Anspruch nach all- Geist von der Jungfrau Maria / und ist Mensch geworden.
umfassenden) Kirche“ samt „der Gemeinschaft der Hei- / Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, / hat
ligen“. gelitten und ist begraben worden, / ist am dritten Tage
Auf dem Konzil von Nicaea schlug Bischof Eusebius auferstanden nach der Schrift / und aufgefahren in den
von Caesarea 325 einen dem von Marcellus ähnlichen, Himmel. / Er sitzt zur Rechten des Vaters / und wird
leicht erweiterten Text vor. Doch die Kollegen bemängel- wiederkommen in Herrlichkeit, / zu richten die Lebenden
ten, dass sich seine Version nicht deutlich genug von der und die Toten; / seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
arianischen Lehre zur Person Christi distanziere. Schließ-
lich verabschiedete man eine Fassung, in der Gottes Sohn, Wir glauben an den Heiligen Geist, / der Herr ist und
der Mensch wurde, „als Einziggeborener aus dem Vater lebendig macht, / der aus dem Vater und dem Sohn her-
gezeugt“ heißt und dann nochmals „gezeugt, nicht ge- vorgeht, / der mit dem Vater und dem Sohn angebetet
schaffen, eines Wesens mit dem Vater“ genannt wird. Als und verherrlicht wird, / der gesprochen hat durch die
dann noch Maria, die Taufe und einige andere Feinheiten Propheten, / und die eine, heilige, katholische und apos-
hinzukamen, war 451 das bis heute übliche „Apostolische tolische Kirche. / Wir bekennen die eine Taufe zur Ver-
Bekenntnis“ komplett. Sein Text lautet in neuer Über- gebung der Sünden. / Wir erwarten die Auferstehung der
setzung: Toten / und das Leben der kommenden Welt. / Amen.“

„Wir glauben an den einen Gott, / den Vater, den All- Selbst diese Fassung ist aber nicht durchgängig akzep-
mächtigen, / der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, tiert. Ostkirchen, Orthodoxe und Altkatholiken lassen
/ die sichtbare und die unsichtbare Welt. den Heiligen Geist nur aus dem Vater hervorgehen; Pro-
testanten sprechen nicht von der „katholischen“, sondern
Und an den einen Herrn Jesus Christus, / Gottes ein- der „allgemeinen“ Kirche. So spiegeln die Formeln bis
geborenen Sohn, / aus dem Vater geboren vor aller Zeit: / heute den Abgrenzungsdrang der Konfessionen.
Gott von Gott, / Licht vom Licht, / wahrer Gott vom wah- Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 51
52 SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17
K a p i te l

II
Zwischen Glaube
und Macht

Mit sorgenvollem Blick schaut im Mittelal-


ter so mancher Christ auf das immer heikler
werdende Verhältnis von geistlicher und
weltlicher Macht. Könige und Kaiser versu-
chen, den Papststuhl mit genehmen Kandi-
daten zu besetzen; Päpste legen die Hoheits-
rechte der römischen Kurie schließlich so
weit aus, dass sie Fürsten exkommunizieren.
Der jahrhundertelange Zwist schwächt bei-
de Seiten und ernüchtert die um ihr Seelen-
heil besorgten Gläubigen.

Ausschnitt einer Madonnen-Ikone aus der


orthodoxen Mönchsrepublik Athos.

SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17 53
Zwischen Glaube und Macht Das Heilige Römische Reich

Mit kühnen Hoffnungen auf ein christliches Imperium begann


der blutjunge Kaiser Otto III. seine Herrschaft. Er träumte davon, Papst- und
Kaisertum zu verbinden. Seine Pläne scheiterten grausam.

„Erhebe dich, Rom!“

Von Christoph Gunkel

E
s war ein „denkwürdiger Tri- so sehr verehrt wie er, niemand entwarf Otto und ehrgeizige Berater wie Bi-
umphzug“, notierte Thangmar, so visionäre Pläne für die Ewige Stadt, schof Leo von Vercelli aber wollten die
Priester und Notar aus Hildes- die er erneuern und zum Zentrum eines zerfallende Stadt wieder aufwerten. Noch
heim, beeindruckt. „Alle ange- christlichen Weltreichs machen wollte. kurz vor der Rebellion der Römer hatten
sehenen Bürger“ Tivolis seien „nur mit Otto, kulturell hochgebildet, war nicht sie in einer außergewöhnlichen Urkunde
einem Lendenschurz bekleidet“ zum Pa- wie viele andere Könige nur zum Papst Rom als „Haupt der Welt“ und „Mutter
last Ottos III. gepilgert, um sich dem Kai- gepilgert, um sich rasch zum Kaiser sal- aller Kirchen“ gepriesen: als geistliches
ser zu unterwerfen, ja ihm „das nackte ben und krönen zu lassen – und dann und weltliches Zentrum Europas.
Leben“ anzubieten. Otto, Herrscher über wieder gen Norden verschwunden. Er Großspurig kündeten auch Ottos Sie-
das ostfränkisch-sächsische Reich, das hatte in der Stadt die erste Kaiserpfalz gel von einer „Erneuerung des Römi-
man bald „deutsch“ nennen würde, hatte errichten lassen. Es gab Gerüchte, Otto schen Reiches“. Damit war sicher nicht
einen Aufstand in der Stadt in der Nähe plane gar, dauerhaft in Rom zu leben. gemeint, das antike Imperium in seiner
Roms siegreich beendet. Und wie es sich Das hatte keiner seiner Vorgänger ge- riesigen Ausdehnung auferstehen zu las-
für einen christlichen Herrscher im Mittel- wagt. Aus Angst vor den Ränkespielen sen; vielmehr ging es wohl um eine reli-
alter ziemte, demonstrierte er Milde. der machtbewussten römischen Adelsfa- giöse Erneuerung des Reiches – gerade
Das aber provozierte in Rom gleich milien. Aber auch, weil Rom als exklusi- jetzt, am Ende des ersten Millenniums:
die nächste Verschwörung – und die traf ver Machtbereich des Papstes galt: Keine Die Menschen erwarteten voller Angst
Otto Ende Januar 1001 völlig unvorberei- irdische Macht sollte über die Heilige die prophezeite Ankunft des Antichrists.
tet. „Nun aber verschlossen die Römer, Stadt herrschen dürfen. Otto aber stellte Zum Schutz galt es, das Christentum
unwillig, dass der Kaiser sich mit den Ein- Grundsätzliches infrage. Er wollte sich zu stärken. Fromm nannte Otto sich
wohnern Tivolis versöhnt hatte, die Tore wieder mit dem blühenden Byzanz mes- „Knecht Jesu Christi“, zusammen mit
ihrer Stadt“, schrieb Thangmar weiter, sen können, dem Rom des Ostens und dem Papst wollte er die Geschicke des
der seine Chronik für Bischof Bernward Erben des Imperium Romanum. Residier- Abendlands lenken. Wie „zwei Himmels-
von Hildesheim verfasste, einen treuen ten die byzantinischen Kaiser nicht auch lichter“, so Leo von Vercelli in einem
Wegbegleiter und einstigen Lehrer Ottos. in Byzanz, das Rom längst kulturell und Lobgesang, würden Papst und Kaiser
Demnach seien sogar Freunde des Kai- machtpolitisch überflügelt hatte? Rom und das Reich in neuem Glanz er-
sers „schmählich ermordet“ worden. Ein Rom nämlich befand sich in einem strahlen lassen: „Unter dem Schutz des
anderer Bericht weiß von einem „gehei- jämmerlichen Zustand: In der einstigen Kaisers läutert nun der Papst die Welt!“
men Hinterhalt“, dem Otto „gerade noch Millionenstadt lebten zu Ottos Zeiten Allein der Refrain glich einem Grund-
durch ein Tor entkommen“ konnte. Da- wohl nur ein paar Zehntausend Men- satzprogramm: „Christus, erhöre unsere
nach aber war er auf dem Palatin-Hügel schen. Von den Palästen der Patrizierfa- Bitten, blicke herab auf Dein Rom, er-
umzingelt: Der Kaiser saß in der Falle. milien abgesehen, hausten viele Römer neuere gütig die Römer, wecke die Kräfte
Der Aufstand kränkte Otto zutiefst: in einfachen, strohgedeckten Hütten.
Ausgerechnet die Bürger Roms wendeten Ehemals prächtige Säulen waren längst Otto III. als Weltherrscher – Buchmalerei
ihre Waffen gegen ihn! Dabei hatte kein zerbrochen, verlassene Tempel dienten aus einem Pracht-Evangeliar, das um 1000
anderer König jenseits der Alpen Rom als Steinbrüche. auf der Insel Reichenau entstand

54 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 55
Zwischen Glaube und Macht Das Heilige Römische Reich

Roms: Unter der Herrschaft des dritten


Otto erhebe sich Rom!“
Dieser Vision eines christlichen Welt-
reichs ordnete Otto alles unter. Umso
mehr bestürzte ihn nun die Rebellion der
Römer. Erregt wandte er sich an seine
Verfolger: „Seid ihr nicht meine Römer?“,
soll er von den Zinnen seiner belagerten
Burg gerufen haben. „Euretwegen habe
ich mein Vaterland und meine Verwand-
ten verlassen, aus Liebe zu euch habe
ich meine Sachsen und alle Deutschen
insgesamt, mein eigenes Blut, ver-
schmäht.“ Den Ruhm Roms habe er „bis
an die Grenzen der Welt ausbreiten“ wol-
len. Dafür habe er sich „verhasst“ ge-
macht, weil er die Römer „allen anderen
vorgezogen“ habe. Nun werde er, der sie
liebe wie ein Vater, verraten: „Das finde
ich einfach ungeheuerlich.“
Die Wutrede wirkte offenbar. „Zu Trä-
nen gerührt“ und aufgebracht hätten die
Römer zwei Aufrührer verprügelt und
dem Kaiser nackt und halb tot zu Füßen
geworfen, berichtet Thangmar. Und doch:
Otto und der Papst misstrauten dem Sin-
neswandel und zogen sich nach Ravenna
zurück.
Kaum eine andere Rede aus dem
Mittelalter, so dramatisiert sie auch sein
mag, ist in der Forschung kontroverser
diskutiert worden. Ist es glaubwürdig,
dass ein Kaiser so offen zugibt, seine Hei-
mat vernachlässigt zu haben? Oder ha-

Bis ans halten sind – von der aber nie ein wirk-
liches Original existierte: Silvester „und Der
Ende der Welt alle seine Nachfolger, die den Stuhl des
seligen Petrus bis ans Ende des Zeitalters
Kirchen- Patrimonium
staat Bologna Petri vor 756
Die Konstantinische Schenkung gab innehaben werden“, sowie „die heilige Pippinische
den Päpsten auch politische Macht, Römische Kirche“ wurden in diesem Do-
um 1000 Schenkung 756
es erhob sie zu weltlichen Herrschern kument, das als Konstantinische Schen- Florenz
im Kirchenstaat. Das Dokument kung berühmt wurde, umfassend be-
war eine der folgenreichsten Fälschun- dacht und geehrt. Zudem – und das war Assisi
gen der Weltgeschichte. das Entscheidende – setzte Konstantin
den Papst „für immer“ zum weltlichen Erwerbungen
757/774

D
er Dank des Regenten hätte Machthaber ein über „alle Teile der Stadt 781
kaum großzügiger ausfallen Rom und ganz Italiens, auch der Gebiete 787/817
Rom
962
können. In Rom war Kaiser im Westen, Provinzen, Städte und Ort-
Konstantin wundersam vom schaften“. All dies sollte „bis ans Ende Grenze des päpstlichen
Aussatz geheilt worden, angeblich unter der Welt unangefochten gelten“. Interessengebiets 754 und 774
Mitwirkung des damaligen Bischofs der Auf den ersten Blick enthielt die Ur-
Stadt, Silvester. Daraufhin trat der Impe- kunde alles, was ein amtliches Dokument Schon der gelehrte Kardinal Nikolaus
rator zum Christentum über – und soll brauchte. Das Datum jedoch war nicht von Kues (1401 bis 1464) hielt die Konstan-
zugunsten Silvesters folgenschwere Ver- klar, der 30. März konnte sich auf das tinische Schenkung für gefälscht; sein
fügungen getroffen haben. Jahr 315 oder 317 beziehen. Und je gründ- Zeitgenosse, der Humanist Lorenzo Valla
So jedenfalls steht es in einer Urkun- licher Fachleute den Text untersuchten, (um 1407 bis 1457), zeigte in einer eige-
de, von der mehr als 300 Abschriften er- desto mehr Bedenken tauchten auf. nen Studie, dass etliche der im Text ver-

56 SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17
Die vier Provinzen huldigen Kaiser Otto III. –
ße etwa hatte das Reich stabilisiert, in- an angesehenen Gelehrten: Philosophen,
eine weitere Illustration aus dem kostbaren dem er kirchliche Würdenträger zu Pfei- Mathematikern, Juristen, Poeten. Einige
Reichenauer Evangeliar lern seiner Politik machte: Er verlieh Bi- von Ottos Lehrern waren Griechen. Das
schöfen und Äbten vermehrt weltliche blieb nicht ohne Wirkung: Später, als
ben Ottos Gegner ihm diese Worte nur Macht, gab ihnen Land und Privilegien. mündiger Herrscher, wollte Otto schnell
in den Mund gelegt? Wer also war dieser Dafür erwartete er während seiner Rei- seine „sächsische Rohheit“ ablegen zu-
Herrscher? Ein „Wunder der Welt“, wie sen Unterkunft und in Krisenzeiten poli- gunsten der „feinsinnigen Gelehrsamkeit
es bald nach seinem frühen Tod heißen tische und militärische Hilfe. der Griechen“.
sollte, weil er trotz seines jungen Alters Doch selbst die klügste Machtpolitik Sein wichtigster Ratgeber wurde der
so wagemutig, so kultiviert, so religiös geriet ins Wanken, wenn die königliche rhetorisch brillante Theologe Gerbert
war? Oder ein jugendlicher Fantast, zu Erbfolge nicht gesichert war. Otto III. von Aurillac. Der Erzbischof von Reims,
dem ihn die deutschnationale Geschichts- wurde Weihnachten 983 deshalb schon dem Otto später zur Papstwürde verhalf,
schreibung im 19. Jahrhundert machte? im Alter von drei Jahren zum Mitkönig war der wohl größte Universalgelehrte
Der „reichbegabte Fürst“, wetterten His- geweiht. In diesem feierlichen Moment seiner Zeit. Wie der Sachsenkönig war
toriker dieser Epoche, sei ein Unglück ahnte keiner der Gäste, dass sein Vater auch er ein Byzanz-Bewunderer und be-
gewesen, weil er sich „mehr als Grieche schon 18 Tage zuvor in Italien gestorben fürwortete die Erneuerung des Reiches.
und Römer denn als Deutscher fühlte“. war. „Gleich nach Beendigung des Hoch- Oft diskutierten die beiden Männer näch-
Unbestritten regierte der Jüngling auf amts“, so ein Chronist, „traf der Bote telang. Euphorisch forderte Gerbert 997:
dem Kaiserthron äußerst unorthodox. mit der Trauerkunde ein und machte „Unser, unser ist das Römische Reich!“
Seine Herrschaft wirft zugleich Schlag- dem Freudenfest ein Ende.“ Gut drei Jahre zuvor hatte Otto be-
lichter auf zentrale Probleme des Mittel- Nun stand ein unmündiger Herrscher gonnen, diesen Traum umzusetzen. 994,
alters: Otto regierte von der Nordsee an der Spitze des Reiches. In dieser Not mit 14 Jahren, übernahm er die Regie-
über das Mittelmeer. Die Alpen trennten retteten zwei Frauen das Reich vor dem rung. Schon bald brach er mit 700 Rittern
die deutschen und die italienischen Ge- Chaos: Ottos Mutter Theophanu und sei- Richtung Rom auf. Sofort spürte er haut-
biete geografisch, kulturell, sprachlich. ne Großmutter Adelheid regierten klug nah, wie schwierig diese Stadt zu beherr-
Welcher Kitt aber hielt dieses Reich für den nur formal herrschenden Kind- schen war: Gerade erst hatte Crescentius
dann zusammen? Die Religion, die Fa- könig. Nomentanus, Oberhaupt einer mächti-
milienverbände, die Kaiserwürde? Wa- Besonders Kaiserin Theophanu dürfte gen Patrizierfamilie, Papst Johannes XV.
ren Papst und Kaiser Konkurrenten oder Ottos Bildung und seine Visionen von ei- aus der Stadt gejagt. Johannes bat Otto
Partner? nem christlichen Großreich gefördert ha- um Hilfe, starb aber, bevor der König ein-
Otto wuchs in eine unsichere Welt hi- ben. Gelobt für ihr „auserlesenes Auftre- greifen konnte.
nein, in der sich dieses komplizierte ten“, lehrte Theophanu ihren Sohn die In dieser Krise wagte Otto eine erste,
Machtgefüge zwischen geistlicher und antiken Wurzeln ihrer Kultur. Sie umgab sehr ungewöhnliche Entscheidung: Er be-
weltlicher Herrschaft unentwegt verschob. sich, wie sie es vom Hof in ihrer Heimat stimmte seinen nicht einmal 25-jährigen
Sein berühmter Großvater Otto der Gro- Byzanz kannte, mit einem großen Stab Cousin Brun von Kärnten zum neuen

wendeten Formeln zu Konstantins Zeit Wer sie einst ausgeheckt hat, ist nicht
gar nicht gebräuchlich waren. restlos geklärt, aber alle wesentlichen
Das Patrimonium Petri in Mittelitalien Spuren führen in die Zeit der Karolinger.
gab es da aber längst. Der Kirchenstaat Das neue Kaisertum Karls des Großen
war entstanden aus bischöflich-römi- gab seit 800 in Westeuropa der Lehre
schen Besitzungen und Erwerbungen so- vom Zusammenspiel des weltlichen und
wie etlichen fürstlichen Landschenkun- geistlichen Regiments neuen Rang. In
gen seit dem 4. Jahrhundert, darunter diesem Zusammenhang scheint das Do-
eine von Pippin III., dem Vater Karls des kument in Umlauf gebracht worden zu
Großen. Der Heilige Vater übte in die- sein; im langen, erbitterten Ringen zwi-
sem Gebiet neben dem geistlichen ein schen Päpsten und Kaisern war es ein
weltliches Regiment aus, er kassierte Faustpfand der Kurie.
Abgaben wie andere Landesfürsten, ja Wer die Urkunde heute als bloßes
er ließ sogar bisweilen Söldner für sich Kuriosum abtun wollte, muss sich nur
kämpfen. Dieser weltliche Herrschafts- an die noch immer existente Staatlich-
anspruch wurde jahrhundertelang mit keit des Vatikans samt Flagge, Wappen,
der gefälschten Urkunde legitimiert. Grenzkontrollen und eigener Post er-
Erst kurz bevor italienische Truppen innern. All diese sehr weltlichen Ho-
dem Kirchenstaat 1870 ein Ende setzten, heitsmerkmale gehen auf eines der
beugte sich der Vatikan der geballten Kri- erstaunlichsten Täuschungsmanöver in
tik von Philologen und Historikern und In seiner „Declamatio“ deckte der Humanist
der Rechts- und Kirchengeschichte
erkannte an, dass es die Konstantinische Lorenzo Valla 1440 die Fälschung philologisch zurück.
Schenkung nie gegeben hatte. auf (Manuskript, Vatikanische Bibliothek). Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17 57
Zwischen Glaube und Macht Das Heilige Römische Reich

Papst Gregor V. Ein radikaler Bruch,


denn so entstammte der neue Papst, an-
ders als Jahrhunderte üblich, nicht mehr
römischen Klerikerkreisen, sondern einer
fernen deutschen Adelsfamilie. Roms Pa-
trizier bangten um ihren Einfluss bei der
Papstwahl, von der sie sich Privilegien
versprachen. Schon bald schmiedeten sie
Verschwörungspläne.
Oberflächlich blieb alles ruhig, denn
die Armee Ottos war stark. So salbte im
Mai 996 ein 24-jähriger Papst seinen 16-
jährigen Cousin zum Kaiser. Zwei Nach-
fahren Ottos des Großen besetzten nun
die Schlüsselpositionen im Reich. Der
Kaiser unterzeichnete sogar päpstliche
Urkunden. Diese Machtfülle konnten die
Patrizier nicht tolerieren. Otto hatte Rom
kaum verlassen, da verjagte Crescentius
auch den neuen Amtsinhaber und ließ
einen Gegenpapst küren.
„Von göttlichem Zorn erregt“, ent-
schied sich der Kaiser zu einer grausamen
Strafaktion. Ende 997 zog er erneut nach
Rom. Der Gegenpapst wurde auf der
Flucht ergriffen, an Nase, Zunge und Oh-
ren verstümmelt und geblendet. So muss-
te er durch Rom reiten, rücklings auf
einem Esel sitzend. Derweil ließ Otto
„unablässig bei Tag und Nacht“ die En-
gelsburg brennen, in der sich Crescentius
verschanzt hatte. Nach der Erstürmung
köpfte man Crescentius „auf kaiserlichen
Das Evangeliar gehörte einst zum Bamberger Befehl“ und ließ ihn, an den Beinen auf-
Domschatz, heute wird es in der Bayerischen gehängt, von einer Zinne baumeln. Das
Staatsbibliothek aufbewahrt. habe „alle, die es sahen, in große Furcht“
versetzt, hieß es in einer Chronik.
Ottos Brutalität erklärt sich auch da-
durch, dass Crescentius gegen ungeschrie-
bene Regeln verstoßen hatte: Bereits ein-
mal hatte er die Gnade des Kaisers er-
Das Reich fahren; ein zweites Mal konnte er dies
nicht erwarten. Die Misshandlung des
Gnesen von Otto III. Gegenpapstes hingegen war politisch
Posen um das Jahr 1000 riskanter: So wie Otto sich des Gegen-
HEILIGES papstes nicht erbarmt habe, zürnte der
Reims RÖMISCHES 90-jährige hoch angesehene Eremit Nilus,
REICH „so wird auch Euch der himmlische Vater
niemals die Sünden vergeben“.
Das war mehr als der Fluch eines grei-
sen Gläubigen. Es zeigte ein Dilemma
im Herrschaftskonzept: Ohne Gewalt
Ravenna
konnte sich Otto kaum in Rom durch-
setzen. Gleichzeitig aber wollte er das
KIRCHEN- Byzanz Oberhaupt eines erneuerten, christlichen
STAAT Rom
Universalreichs sein und hatte eine Herr-
schaft der „allergrößten Milde“ verspro-
chen. Als weltlicher Herrscher musste er
Härte zeigen, als religiöser Kaiser Demut
300 km und Buße: Schließlich verdankte er sein
Amt allein dem Willen Gottes – und ließ
das auch pompös darstellen.

58 SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17
So erinnert Otto im prächti-
gen Evangeliar des Bamberger
Domschatzes frappierend an
Christus. Kein Kaiser zuvor hatte
so große Analogien zwischen
sich und Gottes Sohn gezogen:
Wie die Heiligen Drei Könige
huldigen Otto vier Frauengestal-
ten, die reiche Gaben bringen.
Das Evangeliar verdeutlicht, wie
sehr sich das Idealbild des Kai-
sers im 10. Jahrhundert wandelte:
Zwar hatten die Kaiser von jeher
ihre Herrschaft mit einem gött-
lichen Auftrag legitimiert, denn
sie schützten den Papst, der sie
dafür mit dem höchsten welt-
lichen Titel aufwertete. Doch
Otto orientierte sich sehr intensiv
an den Reformbewegungen der
Kirche: Die erwartete Apokalyp-
se zur Jahrtausendwende hatte
Mönche, Eremiten und Asketen
zu Vorbildern und einflussrei-
chen Persönlichkeiten gemacht.
Nur ihre aufrichtige Religiosität,
so glaubte man, könne das Un-
heil vielleicht noch abwenden.
Dennoch war es ungewöhn-
lich, dass ein Kaiser barfüßig zu
Wallfahrten aufbrach, exzessiv
fastete und unter seinem Kaiser-
mantel oft das raue Hemd des
Büßers trug. Mit „innigen Gebe-
ten“ und „Strömen von Tränen“
habe Otto versucht, seine Sün-
den zu sühnen, hieß es. Sein Ge-
müt habe sich mitunter „von
Weltverachtung erfüllt“, lobte
auch Missionar Brun von Quer-
furt. Im Kaiser habe mehr „Got-
tesliebe“ gelebt als in einem
Mönch.
Der Kaiser selbst verehrte be-
sonders einen Heiligen: Adalbert,
den Bischof von Prag. 997 war
Adalbert als Missionar in Prußen
den Märtyrertod gestorben; der
Kaiser hatte ihn zu dieser gefähr-
lichen Reise ermuntert. „De-
mütig barfuß“ sei Otto zu Adal-
berts Grabstätte nach Gnesen bei
Posen gepilgert, wo er „unter
Tränen“ die Gnade Gottes erbat.
Der Kaiser erhob Gnesen eigen-
mächtig zum ersten Erzbistum
des gerade christianisierten Polen.
Von dort brachte er Reliquien
Adalberts mit, die er überall ver-
teilen ließ. Ein kirchenpolitisch
kluger Zug: Der Kult um Adal-
bert wirkte „wie eine neue reli-

59
Zwischen Glaube und Macht Das Heilige Römische Reich

Apostel“ stilisierte, „keine Rede mehr


sein“, schreibt etwa Stefan Weinfurter.
„Der ,Apostelknecht‘ Otto III. war ein-
zigartig in der Welt.“
Genau darüber entbrannte nach Ottos
Tod ein zermürbender Streit. Sein Nach-
folger Heinrich II. wollte zwar lieber die
„Herrschaft der Franken“ erneuern, als
ein römisches Reich wiederzubeleben,
und nahm in Kauf, dass die deutschen
und italienischen Gebiete auseinander-
drifteten. Als er sich 1014 nach langem
Zögern aber doch in Rom zum Kaiser
salben ließ, verstand auch er sich als
christlicher Weltherrscher. Selbst Kir-
chenreformer redeten ihn nun mit „Gött-
licher Augustus“ an. Heinrich wollte bei
der Besetzung jedes wichtigen geistlichen
Postens mitentscheiden.
Das war der Ausgangspunkt des Kon-
flikts, der Jahrzehnte später im Investi-
turstreit zwischen Reformpapst Gregor
VII. und König Heinrich IV. gipfelte. Im
Kern ging es darum, wer größere Macht
ausüben sollte – Papst oder Kaiser – und
wie weltliche und geistliche Einflussbe-
reiche zu trennen waren. Gregor VII. ver-
dammte die verbreitete Simonie, den
Kauf von Kirchenämtern, und verbot den
weltlichen Herrschern die Investitur, die
Amtseinsetzung von Klerikern. Das woll-
te der König nicht dulden.
So spaltete sich das Reich, das Otto
Kreuzigung, Kreuzabnahme und Grablegung hatte einen wollen: Der König verlangte
Christi sind in dem Reichenauer Evangeliar die Abdankung des Papstes, dieses „fal-
reich mit Blattgold geschmückt. schen Mönchs“, der wiederum den König
exkommunizierte. Schließlich musste
giöse Klammer“, die das Reich zu- könne? Oder hatte die Witwe des Cres- Heinrich im Winter 1077 tagelang im Bü-
sammenhielt, urteilt der Mediävist Stefan centius den Kaiser schlicht vergiftet? ßerhemd vor der Burg Canossa aushar-
Weinfurter. Selbst sonst kaiserfreundliche Chro- ren, bis ihn der Papst hereinbat und vom
Doch im Januar 1002 verstarb Otto nisten fanden kritische Worte. Brun von Kirchenbann löste. Der Gedemütigte hat-
mit erst 21 Jahren, offiziell „mit heiterem Querfurt, begeistert von der Askese des te damit Zeit gewonnen – und konnte
Antlitz und stark im Glauben“. In Wahr- Kaisers, sprach von der „Sünde“ Ottos, den Machtkampf fortführen, der erst 1122
heit aber hatte er sich in den Monaten seine Heimat für die „buhlerische Schön- in einem Kompromiss endete.
vor seinem Tod in einer prekären Lage heit“ Roms vernachlässigt zu haben. Der In der Ferne hatte der byzantinische
befunden, zerrissen von Zweifeln: Wie „gute Kaiser“ sei auf Abwege geraten, als Kaiser Basileios II. lange von der Schwä-
sollte er sein christliches Imperium aus- er das heilige Rom gewaltsam erobern che des Reiches profitiert. 1042 stieg seine
bauen, ohne Rom mit unchristlicher Ge- wollte. Vernichtend urteilte Brun über Nichte Zoë zur Herrscherin auf. Damit
walt zu überziehen? Der Kaiser suchte Ottos Traum: „Wie ein alter Heidenkönig, lenkte, wenn auch nur kurz, jene Frau
Antworten bei den Einsiedlern im Sumpf- der sich in seinem Eigenwillen ver- die Geschicke Ostroms, die sich 40 Jahre
land von Ravenna, denen er angeblich krampft, mühte er sich zwecklos ab, den zuvor als junge Prinzessin auf den langen
versprach, bald Mönch zu werden. Hier erstorbenen Glanz des altersmorschen Weg über das Mittelmeer gemacht hatte,
infizierte er sich wahrscheinlich mit Ma- Rom aufs Neue zu beleben.“ um Otto III. zu heiraten.
laria, gerade als er sich dazu durchgerun- Der frühe Tod lässt auch Historiker Doch Zoë kam zu spät. Als ihr Schiff
gen hatte, noch einmal militärisch gegen bis heute über Ottos Pläne und das Aus- in Bari anlegte, transportierte das kaiser-
Rom vorzugehen. Ein so überraschender maß seiner Reformidee streiten. Manche liche Gefolge bereits den Leichnam Ottos
Tod, zumal auf dem Hoch der verbreite- vermuten gar, Otto III. habe auch seine über die Alpen. So starb mit Otto auch
ten Endzeitstimmung, verlangte nach Er- Position gegenüber dem Papst ausbauen die Idee, das Rom des Ostens und des
klärungen: Strafte Gott Otto für seine wollen. „Von der anfänglichen Gleich- Westens wieder stärker zusammenzufüh-
Sünden? War die Vorhersage des greisen rangigkeit zwischen Kaiser und Papst“ ren. Und nur zwei Jahrhunderte nach
Eremiten Nilus eingetreten, der zufolge könne von dem Moment an, als sich seinem Tod brandschatzten christliche
Otto kein göttliches Erbarmen erwarten Otto papstähnlich zum „Diener der Kreuzritter das christliche Byzanz. 

60 SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17
Zwischen Glaube und Macht Orthodoxie

Die byzantinische Ostkirche brach mit dem Papst und trug ihre Religion nach Russland.
Dort wurde das orthodoxe Christentum zum prägenden Glauben eines Imperiums.

Stütze des Staates

Von Uwe Klußmann

D
ie Machtfrage war rasch ge- der später das Russische Reich hervorge- phia Palaiologa. Er verwendete nun den
klärt. Im September 787 hatte hen sollte. Um 861 entsandte der byzan- Titel „Zar“ und nannte sich „Bewahrer
die byzantinische Kaiserin Ire- tinische Kaiser Michael III. die beiden des byzantinischen Throns“.
ne kirchliche Würdenträger Brüder Konstantin und Michael als Mis- Die Verbindung zur griechisch-byzan-
zum Zweiten Konzil von Nicäa geladen. sionare in die noch heidnische Gegend tinischen Kirchentradition hatten rus-
Protest kam vom Frankenkönig Karl dem zwischen Wolga und Dnjepr. Die beiden sische Mönche schon seit 1169 im Klos-
Großen, der sich im Westen Europas als Priester und Gelehrten brachten dem ter Athos auf dem Ostzipfel der griechi-
Schützer der Christenheit sah. Er mahnte, werdenden Russland das kyrillische Al- schen Halbinsel Chalkidiki gepflegt. Die
Kaiserin Irene solle sich als Frau in Glau- phabet und das orthodoxe Christentum; Mönchsgemeinde behielt selbst unter
bensfragen zurückhalten. Doch Irene noch heute verehrt die russisch-ortho- der Herrschaft des Osmanischen Reiches
setzte sich durch. Das Konzil fand statt doxe Kirche die beiden Sendboten von ihre Autonomie, die noch heute unter
und fasste folgenreiche Beschlüsse, ganz Byzanz als die Gründerheiligen Kyrill griechischer Souveränität fortbesteht.
im Sinne der Regentin. und Method. Auch von ihr kam die Anregung, Russ-
Die Kirchenversammlung in Nicäa, Großfürst Wladimir, Führer der Kie- land zum Erben der oströmischen Reichs-
südlich von Konstantinopel – heute das wer Rus, ließ sich laut Legende im Jahr idee zu erklären. Um 1510 brachte der
türkische Iznik –, erlaubte die Verehrung, 988 auf der Krim taufen. Seine Heirat Mönch Filofej aus einem Kloster bei
aber keine Anbetung von Ikonen. Sie ver- mit Anna, der Schwester des oströmi- Pskow im Nordwesten Russlands die by-
urteilte die Geldgier und die luxuriöse schen Kaisers Basileios II., knüpfte einen zantinische Tradition auf die Formel:
Lebensführung von Klerikern und die da- Bund zwischen Byzanz und den Russen, „Denn zwei Rom sind gefallen, das dritte
mals verbreitete Gemeinschaft weiblicher der sich noch festigte, nachdem das Mor- aber steht, und ein viertes wird es nicht
und männlicher Ordensleute. genländische Schisma 1054 West- und geben.“
Die Beschlüsse vertieften die längst Ostkirche dauerhaft voneinander ge- Als Wahrer der oströmischen Reichs-
fühlbare Spaltung zwischen römischer trennt hatte. Zwar schwächte die Abspal- idee präsentierte sich demonstrativ Iwan
Papstkirche und byzantinischer Ostkir- tung Byzanz, schuf aber zugleich die IV., „der Gestrenge“, im Westen „der
che. Es ging dabei aber nicht nur um fun- Grundlagen dafür, dass die orthodoxe Schreckliche“ genannt. Im Januar 1547
damentale theologische Fragen, etwa die, Kirche später eine zentrale Stütze des setzte ihm Metropolit Makarj in der Us-
ob Christus eher Opfer waren, wie es heranwachsenden Russischen Reiches penski-Kathedrale im Moskauer Kreml
Rom sah, oder Sieger, wie es Byzanz dar- werden konnte. Sie half der kommenden die mit Fell umkränzte Zarenkrone auf.
stellte. Es ging auch um weltliche Einfluss- Großmacht, sich vom katholischen und Von Byzanz übernahmen die Russen das
sphären. protestantischen Westen abzugrenzen. pompöse Krönungszeremoniell und den
In Rom gab es nur den Papst, der es Zunächst blieb die russische Kirche Doppeladler als Staatssymbol. So schuf
auf weltlicher Seite mit eher schwachen, unter dem Patriarchat Konstantinopels. der Zar in der Tradition der römischen
miteinander rivalisierenden Lokalfürsten Doch 1448 erklärten sich die Russisch- Reichsidee einen Vielvölkerstaat und sti-
zu tun hatte. Im Osten hingegen entwi- Orthodoxen für eigenständig. Fünf Jahre lisierte sich zugleich als Schutzherr der
ckelte sich das Verhältnis von Kirche und später stürmten die Truppen des Sultans orthodoxen Christenheit.
Staat völlig anders. Nachdem die Haupt- Mehmed II. Konstantinopel, machten aus Die orthodoxe Kirche wurde in Russ-
stadt des Römischen Reiches im Jahr 330 der prächtigen Hagia Sophia eine Mo- land „das Zentrum zur Bewahrung des
nach Konstantinopel verlegt worden war, schee und ließen das Reich von Byzanz nationalen Selbstbewusstseins“, so die
festigte sich die Instanz des Kaisers als untergehen. russische Historikerin Tatjana Schwez.
Machtzentrum. Die Kirche dort hatte Das russische Fürstentum hingegen Dazu trug auch bei, dass die russische or-
mehrere Patriarchen, die sich bemühten, blieb die einzige christlich-orthodoxe thodoxe Kirche 1589 den Moskauer Me-
mit dem Kaiser nicht in Konflikt zu gera- Großmacht, die sich nicht den islami- tropoliten zum Patriarchen erklärte. Er
ten, und sich unterordneten. schen Eroberern unterwarf. Um sich als
Besonders eng wurde die Bindung Erbe von Byzanz zu präsentieren, heira- Ikonen, meist auf Holz gemalte und geweihte
zwischen orthodoxer Kirche und welt- tete der Großfürst Iwan III. 1472 die Nich- Kultbilder, wurden typisch für die orthodoxen
licher Herrschaft in der Kiewer Rus, aus te des letzten byzantinischen Kaisers, So- Kirchen (Russische Ikone, 18. Jh.).

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SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 63
Zwischen Glaube und Macht Orthodoxie

unterstand nun keiner kirchlichen Auto- „Heiligster Dirigierender Synod“ hieß, Peters Reform war folgenreich, denn
rität außerhalb Russlands mehr. geführt von einem Oberprokuror, er- sie führte zu einer Quasi-Verstaatlichung
Doch der innere Zustand der Kirche nannt vom Zaren. Die Mitglieder dieses der Kirche. Diese hatte bis zum Ende der
wurde bald zum Problem. Die äußere Gremiums schworen, „ihrer Majestät ein Zarenzeit Bestand. Oberprokuror Kon-
Abgrenzung der Russisch-Orthodoxen guter, gehorsamer Knecht zu sein“. stantin Pobedonoszew stellte Ende des
zum als feindlich wahrgenommenen Der Oberprokuror war zugleich Auf- 19. Jahrhunderts die orthodoxe Religion
Westen führte zu geistiger Stagnation. seher und Zensor der Kirche. Auch das sogar als Schutzschild des Staates dar.
Zar Peter I. (1672 bis 1725), der Russland Leben in den Klöstern ordnete der Zar In einem 1896 veröffentlichten Buch do-
näher an das frühaufklärerische Europa neu. Er verpflichtete die Männer- und zierte er: „Der Staat ist umso stärker, je
heranführen wollte, sah die Kirche als Frauenklöster zu nutzbringender Arbeit klarer er Repräsentant des Geistigen ist.“
Modernisierungshindernis. Den „Bärti- wie Krankenpflege und Waisenerziehung. Das „Vertrauen der Masse des Volkes
gen“, dem Klerus und orthodoxen Alt- Was der Zar vom Klosterwesen hielt, zu den Regierenden“, so Pobedonoszew,
vordern, sagte er den Kampf an. Er zeigt seine Verordnung des „Geistlichen gründe sich „auf die einfache Gewissheit,
ließ Bärte zwangsweise abschneiden. Reglements“ von 1721. Darin heißt es dass die Regierung einen Glauben hat
Und er griff tief in die Machtstruktur der über die Mönche: „Viele Nichtsnutze, die und dem Glauben entsprechend han-
Kirche ein. vollständig gesund sind, sammeln aus delt“.
Peter ersetzte das Patriarchat durch Faulheit Almosen und gehen schamlos In der ihm unterstellten Kirche beob-
ein „Geistliches Kollegium“, das bald betteln.“ achtete der Oberprokuror jedoch „be-

„Heilige Pflicht“ zuschmieden“. Russland ist nach Arti- lichen ein wichtiger Faktor der Gesell-
kel 14 seiner Verfassung zwar ein welt- schaft. In jüngster Zeit bringen Russ-
Russland blieb trotz des Kommunis- licher Staat, der keine Religion ver- lands Orthodoxe bei Prozessionen wie
mus immer mehrheitlich christlich. ordnet. Dennoch zeigt sich der Kreml etwa am 12. September 2017 in Sankt
Die orthodoxe Kirche steht heute der russisch-orthodoxen Kirche be- Petersburg schon mal Zehntausende
treu an der Seite Wladimir Putins. sonders verbunden. Sie sei, so Putin Menschen zusammen. Dort wurden
Sie liefert den theologischen „die geistige Stütze unseres Volkes neben Ikonen und Bildern des letzten
Überbau für seine Abgrenzung und unserer Staatlichkeit“. Zaren auch Transparente gezeigt, die
gegenüber dem Westen. 75 Prozent der russischen Bürger ins Weltliche weisen: „Ehre des Herr-
bekennen sich zum russisch-orthodo- schers – Ehre des Volkes“.
Die Nähe der russisch-orthodoxen Kir- xen Glauben. Zwar gehen nur etwa Die Autorität der Kirche ist noch
che erlebte der neue Staatschef schon 10 Prozent regelmäßig in die Kirche. gewachsen, seit sich die nach der
zu Beginn seiner ersten Amtszeit. Nach Die meisten orthodoxen Russen pfle- Revolution entstandene orthodoxe
der Wahl Wladimir Putins zum Präsi- gen, so der Moskauer Historiker Wenia- Auslandskirche 2007 mit den Inlands-
denten ließ der Patriarch Alexij II. bei min Simonow, ein „individualistisches brüdern vereinte. Den Einigungsvertrag
der Amtseinführung am 7. Mai 2000 in Modell der persönlichen Religiosität“, unterzeichneten beide Kirchen in der
einer Kirche auf dem Kreml-Gelände mit Ikonen in fast jeder Wohnung. Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau –
für den Staatschef beten. Der hatte sich Zudem ist die russisch-orthodoxe im Beisein Putins. Er sah in der
zuvor zu seiner „heiligen Pflicht“ be- Kirche mit ihren mehr als 33 000 Gottes- „Wiedergeburt der kirchlichen Einheit“
kannt, „das Volk Russlands zusammen- häusern und mehr als 30 000 Geist- eine „äußerst wichtige Bedingung für

64 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
trübliche Erscheinungen“ wie „Trunk- umfassen.“ Der Romancier Fjodor Dos- Zwar hielten die Orthodoxen Ende
sucht, Streitsucht, Feindseligkeit, Zank tojewski fantasierte im Juni 1876 vor Be- Oktober/Anfang November 1917 in Mos-
und Konflikte“. Es kriselte in den Kirchen ginn des Russisch-Osmanischen Krieges: kau noch ein Konzil ab, während bewaff-
und Klöstern. Und es rumorte bei den „Konstantinopel soll früher oder später nete Bolschewiki auf Moskau vorrückten.
einflusslosen Gemeindemitgliedern. Der wieder unser werden“, als „Zargrad“, die Und die siegreichen Revolutionäre gestat-
Schriftsteller Nikolai Leskow, der in sei- Stadt der Zaren. Dies sei notwendig „für teten noch im November 1917 die Wahl
nen Werken den Niedergang des Klerus die gesamte östliche Christenheit und für des Metropoliten Tichon zum Patriar-
karikierte, brachte die Misere auf die For- das Schicksal der künftigen Orthodoxie chen. Der aber konnte nicht verhindern,
mel, Russland sei „getauft, aber nicht auf- auf der Welt“. dass rabiate Bolschewiki im beginnenden
geklärt“. Doch als die imperialen Träume des Bürgerkrieg zu Tausenden Priester er-
Manche russisch-orthodoxe Intellek- Zarenreiches im Ersten Weltkrieg platz- schossen und Kirchen plünderten.
tuelle des 19. Jahrhunderts stellten der ten, hatte die Symbiose von Staatsgewalt Zum Jahrestag der bolschewistischen
Krise der Kirche byzantinische All- und Geistlichkeit fatale Folgen. Als der Revolution schrieb Tichon der sowjeti-
machtsfantasien entgegen. So schrieb der Staat 1917 mit dem Sturz des Zaren seine schen Regierung Ende Oktober 1918
Dichter und Diplomat Fjodor Tjuttschew Autorität verlor, wurde auch das Amt einen Brief, in dem er „das in Strömen
im Jahr 1850: „Und die alten Gewölbe des Oberprokurors abgeschafft. Die Kir- vergossene Blut unserer Brüder“ beklag-
der Hagia Sophia / und das erneuerte By- che stand plötzlich ohne entscheidenden te. Doch der Terror des sowjetischen
zanz / werden erneut den Altar Christi Einfluss da. Regimes gegen orthodoxe Priester und

Auf den Ikonen finden sich biblische Szenen


wie die Kreuzigung (ganz links), die Ver-
kündung des Herrn (diese Seite links, beides
14. Jh.) oder die Mutter Gottes (ganz
rechts), aber auch orthodoxe Heilige wie
Chariton der Bekenner, Warlaam von Chutny
oder Sergius von Radonesch (linke
Seite Mitte und rechts, 15. Jh. / um 1600).

die Wiederherstellung der verlorenen „blinde Übertragung fremder welt-


Einheit der ganzen ,russischen Welt‘“. anschaulicher Modelle“ auf den
Für die von der Staatsführung ge- „russischen Boden“ nur zu „schweren
wünschte innere Abgrenzung Russlands Erschütterungen und Tragödien“
vom Westen lieferte die Kirche bereits führen. Folgerichtig warnt der
im Jahr 2000 eine theologische Begrün- Patriarch, gegenüber „manchen Inter-
dung: Der damalige Metropolit und net-Seiten“, die „gefährliche, pro-
jetzige Patriarch Kirill verkündete, die vokative Information“ enthielten, müs-
„liberale Doktrin“ beinhalte „die Idee se „der Staat Wachsamkeit zeigen“.
der Entfesselung des sündigen Indivi- Das hört man im Kreml gern. Zum
duums“ und damit „die Befreiung des 70. Geburtstag im November 2016 er-
Potenzials der Sünde im Menschen“. hielt Patriarch Kirill von Putin eine der
Daher sei „die liberale Idee kontra- höchsten Auszeichnungen des Landes,
diktorisch zum Christentum“. den Orden „für Verdienste gegenüber
16 Jahre später konstatierte der dem Vaterland“. Das Kirchenoberhaupt
Patriarch eine „Dechristianisierung bedankte sich mit dem Bekenntnis,
Europas und Amerikas“ und eine „Stein für Stein das Gebäude eines
„tiefe Identitätskrise, welche die west- symphonischen Zusammenwirkens
liche Gesellschaft erfasst hat“. Daher, Präsident Putin 2013 bei der Jubiläumsfeier zur von Kirche, gläubigem Volk und Staat
so das Kirchenoberhaupt könne eine Christianisierung Russlands vor 1025 Jahren. zu errichten“. Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 65
Zwischen Glaube und Macht Orthodoxie

Das Wort Ikone stammt vom griechischen Wort „Eikon“ – Bild – ab. 787 gestattete
das Zweite Konzil von Nicäa die Verehrung, nicht jedoch die Anbetung von Bildern
(Wurzel Jesse und Himmelfahrt Christi, Russland, 17. Jh.).

Laien ging weiter. Eine militante „Gott- die Aufsicht des sowjetischen Geheim- Sowjetregierung hingegen würdigte er als
losenbewegung“ wurde mobilisiert. Al- dienstes. „die gerechteste in der langen und verwor-
lein von August bis November 1937 ver- Auch die Byzanzkunde ließ Stalin auf- renen Geschichte ihres Landes“.
haftete die sowjetische Geheimpolizei leben, in der sowjetischen Akademie der Als 1991 mit dem Zerfall der Sowjet-
31 359 Gläubige und Geistliche. In diesen Wissenschaften. Noch während die Rote union Russland einmal mehr in Wirren
vier Monaten verurteilte das Regime Armee Anfang Mai 1944 die deutsche driftete, reagierte die Kirche in byzanti-
4629 Priester und 934 Mönche zum Tode. Wehrmacht vom Taufort des Heiligen nischer Tradition. Hatten Kirchenobere
Zu Beginn der Vierzigerjahre war die Wladimir auf der Krim vertrieb, tagten schon in der späten Sowjetzeit vom Staat
russisch-orthodoxe Kirche nahezu ver- russische Historiker an der Akademie mit Limousinen gegen Loyalität erhalten, de-
nichtet. Das Regime hatte Kirchen in La- wegweisenden Vorträgen wie „Byzanz monstrierte die Kirche dem ersten russi-
gerhallen und Kuhställe verwandelt. Von und der Westen“. Und im September schen Präsidenten Boris Jelzin noch die
den 80 000 Gemeinden des Jahres 1917 1946 intonierte die Zeitschrift des Mos- Treue, als dessen Popularität schon dra-
bestanden 1941 noch etwa 3000. kauer Patriarchats den weltanschaulichen matisch sank.
Ausgerechnet der Krieg gegen Hitlers Gleichklang von Kreml- und Kirchenglo- Jelzin wies der Kirche einen „beson-
Deutschland brachte eine Wende. Um cken mit der alten These: „Moskau ist deren Platz“ in der Gesellschaft zu. Er
den Kampf zu gewinnen, brauchte der das dritte Rom.“ bestand auch darin, dass der Präsident
Sowjetstaat auch die Unterstützung von Wie wirkungsvoll die staatliche Kon- der Kirche Zollprivilegien für den einträg-
Nichtkommunisten und Christen. Die trolle über die Kirche war und wie die lichen Handel mit Zigaretten gewährte.
Kirchenpolitik änderte sich grundlegend. Synthese aus Bolschewismus und Byzan- Weniger umstritten war der Wieder-
Der frühere orthodoxe Seminarschüler tinismus funktionierte, zeigte sich zu Be- aufbau der 1931 von den Kommunisten
Josef Stalin empfing im September 1943 ginn des Kalten Krieges. gesprengten Christ-Erlöser-Kathedrale
drei Metropoliten im Kreml und lobte Da verdammte der Metropolit Nikolai im Zentrum Moskaus. Dabei wandten
die „patriotische Tätigkeit der Kirche“. im August 1949 auf einer „Friedenskonfe- sich die Kirche und Staatsführung an rei-
Die Kirchenoberen hatten, wirkungsvoll renz“ in Moskau die „gierigen Fangarme che Sünder aus den Reihen dubioser „Bis-
eingefädelt, in den Gemeinden Geld für des transatlantischen Ungeheuers“ und nesmen“.
eine Panzerkolonne gesammelt. Nur das kapitalistische Amerika, „diese rasen- Die konnten durch großzügige Spen-
wenige Tage später ließ Stalin die Kir- de Hure eines neuen Babylon“. Den Papst den bis zur Fertigstellung des Baus 1999
chenoberen wieder einen Patriarchen bezeichnete der Metropolit als „Agenten ein gottgefälliges und staatsfrommes
wählen, stellte die Kirche jedoch unter des amerikanischen Imperialismus“, die Werk tun – steuerlich absetzbar. I

66 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Zwischen Glaube und Macht Die Kirchen des Orients

Über Jahrhunderte hinweg lebten Christen im Irak


zumeist in Frieden neben ihren muslimischen Nachbarn.
Seitdem der „Islamische Staat“ wütet,
müssen sie zu Hunderttausenden fliehen. Eine Reportage
aus Beirut, wo viele von ihnen stranden.

68 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Vertreibung
aus dem Paradies

Die Ninive-Ebene im Norden


des Irak war hauptsächlich
von Christen bewohnt.
2014 kamen IS-Kämpfer,
vertrieben die Menschen
und zerstörten die Kirchen
(Statue aus dem 13. Jh.
in der St. Jakobskirche
in Tal Kaif).

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 69
Zwischen Glaube und Macht Die Kirchen des Orients

Der Bauingenieur Nafea


Mayoma floh aus der
Ninive-Ebene nach Beirut.

Von seinem alten Leben sind


Mayoma nur Fotos geblieben.
Er besaß einen Spirituosenladen
in Bagdad (M.), auf den Isla-
misten ein Attentat verübten.

Von Susanne Koelbl

A
ls der Krieg die Ninive-Ebene erreicht, in Maroniten überlässt den chaldäischen Flüchtlingen
der die Christen leben, im August 2014, ihre Gebetsstätte nach dem eigenen Gottesdienst.
schlafen viele der Menschen unterm Ster- Der Libanon ist für sie zum Wartesaal geworden,
nenhimmel, auf den Dächern ihrer Häuser. wie für so viele Verzweifelte aus ganz Nahost. In
Die Mörder verwandeln den Himmel nordöstlich dem Ministaat, gerade einmal halb so groß wie Hes-
von Mossul in eine Hölle aus roten und orangen sen, machen Flüchtlinge – unter ihnen die Christen
Feuerbällen, Raketen und Bomben. aus dem Irak – rund ein Viertel der Bevölkerung aus.
Wer kann, springt auf, rennt zum Auto, im Schlaf- Die Messe beginnt. Und wenn es tatsächlich ei-
anzug, ein Baby im Arm. Das Leben gerettet, sonst nen Gott gibt, dann ist er in diesem Moment ganz
nichts – so fliehen die Bewohner Richtung Irakisch- sicher anwesend, so warm, so ergreifend ist die Stim-
Kurdistan. Wie eine Sense mäht der Terror des „Is- me, die jetzt die Kuppel der St. Josefskirche erfüllt.
lamischen Staats“ (IS) durch die grüne Ninive-Ebe- Farah, 21, hüftlange Locken, die Augen geschlossen
ne, Tag um Tag, Dorf um Dorf. Bis er schließlich und zum Himmel gerichtet, singt: „Jesus, allmäch-
die Ortschaft Batnaja, das Haus von Nafea Mayoma tiger Gott, Oase meines Lebens, wir versuchen auf-
erreicht. zustehen, aber wir können nicht, hilf uns.“ Auch
Jetzt steht der studierte Bauingenieur Farah ist vor zwei Jahren hierher geflüch-
Mayoma tausend Kilometer weiter west- Droht das tet, wie Hunderte irakische Christen
lich, vor der St. Josefskirche in Beirut. Er wohnt die Sängerin in Sad al-Buschria,
ist 53, hat grüne Augen, breite Wangen- Ende des in einer der kleinen Seitenstraßen um die
knochen, Bürstenschnitt; man sieht sei- christlichen St. Josefskirche.
nem Körper an, dass er früher viel trai- Lebens in Hier lebte auch Mayoma, der im Ge-
niert hat. Doch nun hängen die Schultern bet Trost findet. Doch auf Gott allein hat
schlaff herab, der Blick ist fahrig. „Es ist dem Land, er sich nie verlassen, er ist ein Pragmati-
ein langsamer Tod, wir atmen nur noch“, in dem der ker. Bis vor Kurzem hat er ein Haus be-
sagt Mayoma. Er sagt das ruhig, doch in Garten Eden sessen, ein Auto, ein gut gehendes Ge-
seiner Stimme ist die Bitterkeit zu spüren. schäft, er hatte eine glückliche Familie.
Die Glocken von St. Josef läuten. Weih- gelegen Heute arbeiten seine Söhne als Kisten-
rauch wabert aus dem offenen Kirchen- haben soll? schlepper in einer Fabrik. Zusammen ver-
portal. Männer und Frauen stehen in Trau- dienen sie 700 Dollar im Monat. Mayoma
ben zusammen, viele junge Menschen, in Jeans und nutzt jede Chance, sich irgendwie in dieser Misere
farbigem T-Shirt; die Mädchen haben die Lippen ge- zu behaupten, und sei es, dass er den Reportern
schminkt. Es sind Gestrandete, wie Mayoma. eine Lektion in Geschichte erteilt.
Sie sagen: Lieber hier in Beirut unter der Brücke Als die „Koalition der Willigen“ 2003 in sein
schlafen als zurück in die Hölle, in den Irak. Dort Land einmarschiert sei, um den Diktator Saddam
warteten die Halsabschneider. Und sie erzählen, Hussein zu stürzen, habe keine der westlichen Na-
dass auf einer Wand der Kirche von Batnaja jetzt tionen daran gedacht, in diesem Krieg auch die
gekritzelt steht: „Ihr scheiss Kreuzsklaven, wir Töten Christen zu schützen, klagt er. Damals hätten die
euch alle. Dieses Land ist Islamische land, Ihr Christen noch etwa fünf Prozent der Bevölkerung
Schmuzigen, Ihr gehört nicht da hier.“ Es gibt ein ausgemacht, heute seien sie weniger als ein Prozent
Foto davon. Die Zeilen, in falschem Deutsch ge- – von rund 1,5 Millionen sank ihre Zahl auf weniger
schrieben, wurden verfasst von einem IS-Kämpfer, als 300 000. „Wir verschwinden!“, sagt Mayoma.
der wohl auszog aus der Bundesrepublik in den Die Christen im Irak würden gejagt, entführt,
Dschihad. ihre Dörfer und Städte dem Erdboden gleichge-
Für Mayoma gibt es kein Zurück. Aber es geht macht. Wer von ihnen dem IS in die Hände falle,
auch nicht weiter. Die Wege in den Westen sind ab- könne konvertieren, vielleicht bezahlen, sonst wer-
geriegelt, für die allermeisten hier. Sie stecken fest de ihm der Kopf abgeschnitten. „Schreiben Sie das!“,
in Beirut. Selbst die Kirche hier sei geliehen, sagt fleht Mayoma. „Wenn uns der Westen schon nicht
der Bauingenieur. Die Gemeinde der libanesischen helfen kann, in unserer Heimat, im Irak zu bleiben,

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Auch in Karakosch in der Ninive- dann soll er uns wenigstens hel- christliche Glaubensgemeinschaft im Irak, berühren
Ebene wurde die Kirche von fen, dass wir von dort fliehen durch die hingebungsvolle Musik ihrer Messen. Die
IS-Kämpfern zerstört. Die Reste
können.“ Rum-Orthodoxen, eine weitere der zahlreichen
wirken wie ein Mahnmal.
Im Juli 2017 wurde die Ninive- christlichen Strömungen im Irak, zelebrieren ihren
Ebene vollständig vom IS befreit. Gottesdienst wie eine therapeutische Erlösungsfeier,
Doch die Christen aus Batnaja fühlen sich verraten in der die Teilnehmer eingehüllt werden in orienta-
von ihrer Regierung, weil die Armee sie im Stich ge- lischen Prunk aus rotem Samt und goldenen Ikonen,
lassen habe. Nicht nur ihre Schulen wurden zerstört heilsamen Düften und Chorgesängen. Gott diene
und das Teehaus, in dem sich die Männer jeden Sonn- hier dem Menschen, nicht andersherum, sagt einer
tag nach dem Gottesdienst trafen, nicht nur die Kir- ihrer Priester.
che und die große Marienstatue, deren Kopf brutal Mayoma erinnert sich genau an den Tag, an dem
abgeschlagen wurde. Zerbrochen ist auch das Ver- sein altes Leben vorbei war. Es war ein Donnerstag-
trauen, dass ein friedliches Zusammenleben von Mus- nachmittag im Juni 2004, erzählt er. ‚Zahle 20 000
limen und Christen im Irak möglich ist. Dollar, oder dein Geschäft geht in die Luft‘, habe
Droht das Ende des christlichen Lebens im Zwei- ein Mann am anderen Ende des Telefons zu Mayoma
stromland? In dem Land also, in dem sich nach einer gesagt. Weil Mayoma Alkohol verkaufe, werde er,
Lesart des Alten Testaments das Paradies befand ein „Mudschahid“, ihn im Namen Gottes strafen.
und in dem die Sippe Abrahams siedelte? Mayoma lebte damals in Bagdad. Sein
Vor über 1400 Jahren bildeten die Chris- Vater war schon in den Sechzigerjahren
ten die Mehrheit rund um Euphrat und Mit der Dikta- aus Batnaja in die Hauptstadt gekommen.
Tigris. Damals prägten sie das Zusammen- tur von Sad- Dort studierte Mayoma Bauingenieur-
leben und die Kultur. Viele der Traditio- dam Hussein wesen, er heiratete das schönste Mäd-
nen, die bis heute von den Kirchen des chen seiner Clique, besaß einen Spiri-
Orients gepflegt werden, haben ihren Ur- endete auch tuosenladen.
sprung in dieser Zeit – es sind teils uralte der schein-
Riten in alten Sprachen, die trotz Wirren bare Frieden Mayomas Stammkunden waren fast alle
und Anfeindungen über die Jahrhunderte Muslime, so erinnert er sich. Am liebsten
lebendig geblieben sind (siehe Kasten). zwischen den kauften sie Whisky, Marke Johnnie Wal-
Mit der Expansion des Islam ab dem Religionen. ker, Tuborg-Bier und Ouzo 7, den Anis-
7. Jahrhundert begann der Niedergang schnaps. Ausgewiesene Christenviertel
der christlichen Vorherrschaft im Orient. gab es nicht in Bagdad. Unter der Dikta-
Zwar blieben die Jesusanhänger vielerorts geduldet, tur Saddam Husseins konnten Christen und andere
durften ihren Glauben leben. Doch immer wieder Minderheiten meist friedlich leben. Das änderte sich
kam es auch zu dramatischen Verfolgungen. Als der mit dem Krieg und dem Sturz des Regimes, Mayoma
mächtige Perserkönig Nadir Schah die Ninive-Ebene bekam es zu spüren.
einnahm, vor 274 Jahren, ließ er die Christen er- Mayoma hatte Angst. Aber er wollte dem Erpres-
morden und zahlreiche Dörfer zerstören. Tief sitzt ser auch kein Schutzgeld bezahlen. Nur was, wenn
auch das Trauma der Christenpogrome während des der Mann ihn erneut erpresste und dann mit dem
Ersten Weltkriegs. Die chaldäisch-katholische Kir- Tod bedrohte? Mayoma verließ Bagdad gleich am
che, die auch in Syrien und der Türkei Anhänger folgenden Tag, so erzählt er es. Er packte die Familie
hat, verlor unzählige Gläubige. Die Christen in der ins Auto, sechs Kinder und seine Frau, und floh ins
Ninive-Ebene zählen zu den wenigen, die noch Ara- rund 400 Kilometer nördlich gelegene Batnaja, ein
mäisch sprechen, die Sprache Jesu. 6000-Seelen-Nest. Dort stand noch das alte Haus
Mit dem irakischen Christentum verschwanden des Vaters. Vier Wochen später explodierte sein Spi-
nicht nur die jahrhundertealten Traditionen, son- rituosengeschäft in Bagdad.
dern auch die reiche Vielfalt der gelebten orienta- Der Diktator Saddam Hussein war vermutlich
lischen Spiritualität. Die Chaldäer, denen auch der grausamste Herrscher seiner Zeit, ein Sadist,
Nafae Mayoma aus Batnaja angehört, die größte ein Machtmensch. Er folterte und tötete jeden, der

Das östliche Christentum nach dem Konzil von Chalkedon 451. und dem Libanon dem byzantinischen
Anhänger des heiligen Maron, der um Ritus verpflichtet. In der Nachfolge der
Neben der griechisch-orthodoxen Kir- 500 lehrte, sonderten sich im 7. Jahr- Apostel sieht sich die armenische
che, der Erbin des byzantinischen hundert in der maronitischen Kirche ab, gregorianische Kirche, die auch in der
Reichskultes, finden sich im Nahen und die ebenfalls dem syrischen Ritus folgt heutigen Türkei und Nachbarregionen
Mittleren Osten etliche christliche und ihre Gottesdienste auf Altsyrisch verbreitet ist. Mehrere Millionen Kopten,
Kirchen hohen Alters. Die ostsyrischen, oder Arabisch abhält, aber seit 1182 die meist in Ägypten ansässig sind,
darunter chaldäische und assyrische den römischen Papst anerkennt. Dage- folgen einem sehr ähnlichen Ritus wie
Kirche, spalteten sich 424 und 431 gen sind die orthodoxe Kirche von die syrisch-orthodoxe Kirche, aber in
nach dem Konzil von Ephesus ab, eben- Antiochien und die seit 1724 von ihr ab- ihrer eigenen Sprache und unter einem
so die Nestorianer; die westsyrischen gespaltene melkitische Kirche in Syrien eigenen Papst.

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Zwischen Glaube und Macht Die Kirchen des Orients

sich ihm entgegenstellte. Aber der Muslim Hussein pen befohlen habe, sofort aus der Ghanem Hermez Georgis lebte
hatte nichts gegen Alkohol, im Gegenteil, und auch Ninive-Ebene abzuziehen, aus al- als chaldäischer Christ im Irak.
nichts gegen Christen. Wer mitspielte nach seinen len zwölf Christendörfern. „Nicht Eine maronitisch-katholische
Gemeinde in Beirut gewährt den
Regeln, dem ging es vergleichsweise gut. eine Patrone haben sie verschos- Vertriebenen Zuflucht.
Es gab christliche Ärzte, Architekten, Offiziere. sen zu unserer Verteidigung“,
Der Präsident gewährte den Christen zwar keinen sagt Georgis, und sein dunkles Für Dalia (2. v. r.) sind die Proben
besonderen Schutz, doch sie muckten nicht auf, und Brummen lässt ahnen, dass dies im Kirchenchor die freudigsten
Momente der Woche.
Saddam Hussein ließ sie leben. nur das erste Detail einer Kette
Die politischen Arrangements zwischen den von Schicksalsschlägen ist.
Glaubensgruppen und Ethnien im Nahen Osten sind
bisweilen schwer verständlich. Nicht selten scheint Die IS-Kämpfer kamen in den Ort, riefen „Allahu
nur die Wahl zwischen Pest und Cholera offenzu- akbar“, Gott ist groß, schalteten den Strom ab, kapp-
stehen. So wie etwa auch in Syrien, wo Christen ten die Wasserleitungen, riegelten die Siedlung ab.
unter Assad relativ sicher leben konnten, aber durch 40 Menschen waren zurückgeblieben in Batnaja,
den IS akut bedroht wurden. Wer die Vertriebenen Witwen, Alleinstehende, Behinderte und Georgis
aus dem Irak heute fragt, im Libanon, in Jordanien, mit seiner Frau Messoun und den drei Kindern.
im Norden Syriens, erhält stets die gleiche Antwort: Einmal wagte sich Georgis hinaus. Er sah, wie
Sie sahen keine Alternative, als unter Saddam gute die schwarze Fahne des IS auf dem Glockenturm
Miene zum bösen Spiel zu machen. der Kirche wehte. Zwei junge IS-Milizionäre stopp-
Doch das meist friedliche Zusammenleben der ten ihn, sie trugen Gewehre in der Hand, Pistolen
Religionen hatte mit der Zerschlagung des iraki- in den Brustholstern. ‚Werde Muslim, oder wir töten
schen Regimes ein Ende: Nun töteten Sunniten Schi- dich‘, habe der eine gesagt, so erinnert sich Georgis.
iten und umgekehrt, und Muslime gingen auf Jesi- Er habe tief durchgeatmet, dann habe er zu sich
den und Christen los. Anders als die Schi- selbst gesagt, dass er als Christ geboren
iten oder die Sunniten des IS formten die sei und die Religion nicht wechseln wer-
Christen im Irak nie eine wirklich schlag- Im Libanon de, „innerlich erfüllt vom Heiligen Geist“,
kräftige Miliz. „Die Christen blieben leben die die Männer ließen ihn laufen.
friedlich, und sie werden dafür geschlach- Doch damit war es noch nicht vorbei:
tet wie die Schafe“, sagt Mayoma.
christlichen Ein alter Bekannter, nun ebenfalls mit
Er wollte sich nicht schlachten lassen. Flüchtlinge dem langen Bart der IS-Anhänger, zwang
In Batnaja fühlte er sich anfangs sicher. inoffiziell. die Familie ins Auto nach Mossul, erzählt
Mayomas Kinder genossen das Land- Georgis. Beim Versuch, von dort nach
leben, die Weiten der Felder und Wiesen.
Viele von Irakisch-Kurdistan weiterzufliehen, wur-
Sie fanden neue Freunde in der Kirchen- ihnen wollen de er in ein IS-Gefängnis verschleppt,
gemeinde. Das Gotteshaus war, neben in den Westen. wieder versuchte man, ihn zur Konver-
dem kleinen Hospital, der Stolz der Ge- sion zu drängen. Geld, Schmuck, persön-
meinde, gebaut vor 60 Jahren. Mayoma liche Gegenstände wurden den Flüchten-
allerdings vermisste das quirlige Leben von Bagdad, den abgenommen. Irgendwie schafften sie es am
die Cafés und Restaurants, den Esprit der Großstadt. Ende doch alle nach Kirkuk. Geblieben war ihnen
Er schlug sich durch mit Gelegenheitsarbeiten als die Kleidung am Leib und die Adresse der einzigen
Buchhalter. Doch all das nahm er in Kauf für die Kirche im Ort. Ein Neffe in Australien schickte etwas
Sicherheit der Familie. Geld. So gelangten sie schließlich in den Libanon.
Zehn Jahre lang ging es gut. Bis zum August 2014. Georgis und seine Familie sind Menschen, die
Die Gerüchte verbreiteten sich schnell, als die Män- keiner will, ebenso wie Mayoma aus Batnaja. Offi-
ner mit den langen Bärten und den Kalaschnikows ziell gibt es sie auch gar nicht in Beirut, denn der
die Ninive-Ebene erreichten. Wieder packte Mayo- Libanon kennt juristisch gesehen keine Flüchtlinge.
ma das Auto, rettete die Kinder, seine Frau, ein paar Offizielle Flüchtlingslager für Iraker oder Syrer gibt
Fotos. Andere hatten weniger Glück. es nicht, sie bewegen sich in einer rechtlichen Grau-
Einer von ihnen ist Ghanem Hermez Georgis, zone und können jederzeit des Landes verwiesen
ein großer Mann mit quadratischem Gesicht und werden.
buschigen Brauen, 62. Seine Hände sind fleischig, Die Erklärung dafür liegt in der Geschichte des
die Stimme ist tief. Er war Fahrer der christlichen Landes. Libanon war immer schon Drehkreuz für
Gemeinde in Batnaja. Selbst jedoch besaß Georgis die Gestrandeten der Kriege in Nahost. Früher ka-
nie ein Auto. Deshalb blieb er mit der Familie men die Palästinenser, jetzt die Syrer und die Iraker.
zurück. Eine Bürde für ein so kleines Land. Wohl auch des-
‚Warum haut ihr ab? Warum lasst ihr uns allein?‘, halb hat der Libanon die Genfer Flüchtlingskonven-
rief Georgis den eigentlich zu ihrem Schutz abge- tion bisher nicht unterzeichnet.
stellten Kämpfern der kurdischen Peschmerga zu in Für die christlichen Flüchtlinge aus dem Irak ist
der Nacht des 6. August, so erzählt er es heute in die Kirche der einzige Zufluchtsort. Im Gemeinde-
Beirut; doch erst seien die Wachen und dann auch haus der Chaldäer werden medizinische Untersu-
die Soldaten abgezogen. Später erfuhr er, dass der chungen gemacht, Neuankömmlinge beraten, Kon-
zuständige Peschmerga-Kommandeur seinen Trup- takte vermittelt. Aber mehr kann die Kirche für die

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Zwischen Glaube und Macht Die Kirchen des Orients

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Die rum-orthodoxe Kirche ist Menschen nicht tun. Wer von auch unter Muslimen. Der IS, sagt Dekan Georgi,
eine der vielen orientalischen hier fortwill, muss sich mithilfe sei „keine authentische Form des Islam“, er werde
christlichen Konfessionen, die
von Schleppern auf den Weg vergehen. Der Plan sei deshalb „hierzubleiben, in
in Beirut Gottesdienste feiert.
nach Europa machen oder sich diesem Teil der Welt“.
Im Libanon können auch die ge- beim Flüchtlingshilfswerk der Der Plan von Dalia al-Kashanna war, das Abitur
flohenen Christen ihre Rituale Vereinten Nationen bewerben. zu machen, Ärztin zu werden. Da ging sie noch zur
zelebrieren: Kreuze, Kerzen und Die Mitarbeiter versuchen, die Schule, in die 9. Klasse, und lebte im Dorf Tal Kaif,
Heiligenbilder sieht man oft.
Verzweifelten in andere Länder in der Ninive-Ebene. Jetzt arbeitet Dalia als Ver-
zu vermitteln. käuferin in einem Bekleidungsgeschäft in Beirut,
Aber die Chancen sind nicht besonders groß, die sie verkauft Pyjamas und Sportsachen, seit vier Jah-
Kontingente der offiziellen Aufnahmeprogramme ren. Mit der Familie kam sie, wie so viele aus der
sind begrenzt. Viele der christlichen Flüchtlinge wol- Ninive-Ebene, in Sad al-Buschria unter, in einer
len ohnehin nach Kanada, Australien oder in die kleinen Zweizimmerwohnung.
USA, weil sie schon ein bisschen Englisch sprechen
oder ein entfernter Verwandter dort lebt. Dalia ist 21, sehr schmal und blass, Jeans, pinkes
Georgis Frau Messoun sagt, sie weine jeden Poloshirt, pinke Fingernägel, das dunkle Haar hält
Abend, weil alles verloren ist. Es sei kein Leben sie am Hinterkopf mit einer pinken Spange zusam-
hier, sagt sie und zeigt auf die beiden abgeschabten men. Wenn Dalia spricht, bilden sich hübsche Grüb-
Sofas und das Plastiktischchen, auf dem sie Limo- chen in den Wangen. Aber ihr Lachen ist verzagt
nade serviert. Die 13-jährige Tochter hilft jetzt in geworden. Sie sagt, sie lebe jetzt von Tag zu Tag,
einem Kosmetiksalon, der 16-jährige Sohn schleppt warte darauf, hier rauszukommen. Als die Mitar-
Kisten bei einem Obstgeschäft. Die Flüchtlinge ar- beiterin des Uno-Flüchtlingshilfswerks fragte, wohin
beiten erheblich länger als die Libanesen, für viel sie auswandern wolle, antwortete Dalia: „Irgend-
weniger Geld. wohin wäre toll.“
Was die Asylsuchenden nicht wissen, Dalia betet nach dem Aufstehen, vor
ist, dass ausgerechnet ihre Kirchenoberen dem Essen, bevor sie schläft. Wenn sie
verhindern wollen, was sie so sehnlichst
Kirchen- singt, glaubt Dalia, ihrem Gott am näch-
wünschen: ihre Weiterreise in den West- politiker sten zu sein. Die zwei Chorproben für
en. Christliche Führer der orientalischen wollen die den Gottesdienst in der St. Josefskirche,
Kirchen wollten den Trend unbedingt donnerstags und sonntags, sind die freu-
stoppen, dass „das Heilige Land von
Christen digsten Momente ihrer Woche.
Christen geleert“ wird, sagt Porphyrios in der Region Auf dem Weg zur Kirche passiert man
Georgi, Dekan an der griechisch-ortho- halten. Sie in den schmalen Straßen von Sad al-Bu-
doxen Balamand-Universität im Nord- schria gleich mehrere Ikonen. Sie sind
westen Libanons. Deshalb forderten sie
hoffen auf dekorativ in Glaskästen eingerahmt, mit
Staat- und Regierungschefs in Europa bessere Zeiten. Lichtern geschmückt. Dargestellt sind
und Übersee auf, keine Visa an Christen meist der maronitische Heilige Scharbel
auszustellen, sagt der Dekan. Machluf und die Muttergottes. Die Chris-
Darf man das – den Beraubten, Gedemütigten ten hier tragen Kreuze um den Hals und am Schlüs-
auch noch den Weg verstellen in eine womöglich selbund, in ihren bescheidenen Wohnstuben sind
bessere Zukunft? Ist es Menschen wirklich zuzumu- Engel und Heiligenbilder häufig die einzige Deko-
ten, mit jenen leben zu müssen, die den Islamisten ration. Das Bekenntnis ist im Alltag überall präsent.
bei den Vertreibungen halfen? Dekan Georgi sitzt Im Libanon, wo im Parlament und in der Regierung
im Empfangsraum des Balamand-Klosters. Er ist ein strenger Proporz zwischen den Glaubensrich-
umgeben von prächtigen Ikonen. Die Fenster geben tungen gilt, können auch die irakischen Christen
den Blick frei über den Berg aufs Mittelmeer. Georgi ihre Überzeugungen wieder offen zeigen.
ist Ende fünfzig, schwarze Soutane, grauer Vollbart. Nafae Mayoma sitzt in seiner Wohnung im achten
Er vertritt hier den Patriarchen von Antiochien, der Stock auf dem Sofa. Er geht durch eine Reihe von
im syrischen Damaskus residiert und dessen Bruder, Fotos, die sein verlorenes Leben zeigen, auf einer
Erzbischof von Aleppo, vom IS verschleppt wurde. Party, in seinem Spirituosenladen in Bagdad, in Bat-
Georgi sagt, dass die Wunden der Bürgerkriege naja, dem Dorf seines Vaters. Dreimal sei er nun
tief sind, dass sie nie wirklich heilen und leicht wie- geflohen in den letzten 13 Jahren, sagt er, zuletzt
der aufreißen. Aber wie bei einem Kind, das aus Irakisch-Kurdistan in den Libanon, weil es dort
Schmerz erlebt habe und dem die Eltern wieder auf kein geordnetes Leben gab für ihn und die Familie.
die Füße helfen, sollten die Kirchenführer auch den Mayoma sagt, er wolle nicht mehr weglaufen. Er
Gläubigen erklären, „zweimal zu denken“, bevor will endlich wieder irgendwo ankommen. 
sie dem Orient den Rücken kehren.
Über die Jahrhunderte hatten die Ostkirchen eine
besondere Stellung innerhalb der muslimischen Video:
Mehrheitsgesellschaft. Ihre Schulen und Universitä- Christentum im Libanon
ten sind herausragend. Die Christen waren in dieser
spiegel.de/sg062017ostkirchen
explosiven Region der Welt gefragt als Vermittler oder in der App DER SPIEGEL

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 77
Zwischen Glaube und Macht Theologie

Passen Vernunft und Religion zusammen? Diese Frage tauchte massiv im Mittelalter auf.
Die großen Denker der Scholastik gingen dem Problem wissenschaftlich auf den Grund.

Gott, logisch erklärt

Von Jan Puhl

S
o eine katholische Heiligspre- schaftlichen Weltbild des Mittelalters ar- ren. Er kommt aus einer hochadeligen
chung ist eine komplizierte Sa- beiteten. reichen Familie. Da Thomas noch etliche
che, sie kann Jahrhunderte Die Fachtheologen trafen sich an den ältere Brüder hat, die eine militärische
nach dem Ableben des Kandi- neu entstehenden Domschulen. Sie lasen oder weltliche Laufbahn einschlagen,
daten in Anspruch nehmen. Doch als Bibeltexte, Heiligengeschichten, die Wer- wird er bereits als Fünfjähriger in die Ob-
Thomas von Aquin am 18. Juli 1323 das ke der Kirchenväter und die dogmati- hut des Klosters Monte Cassino gegeben.
Prädikat „heilig“ verliehen wurde, war schen Handbücher. Und sie lasen auch Er erweist sich als gelehriger Schüler und
der „doctor angelicus“, der „engelsglei- die seit Kurzem wieder auf Latein zu- darf mit 14 Jahren an die Universität Nea-
che Doktor“, gerade einmal 50 Jahre ver- gänglichen griechischen Philosophen, al- pel wechseln, wo er ein Studium generale
blichen. len voran Aristoteles. Wer mitdiskutieren absolviert.
Und noch etwas war ungewöhnlich: wollte, musste strikten Regeln folgen. In der Stadt am Fuß des Vesuv ent-
Der Hochschullehrer und Denker Tho- „Die Scholastik entwand das Denken des deckt er seine Berufung: Thomas möchte
mas von Aquin wurde zu Lebzeiten nicht Mittelalters den Fesseln des magischen den Dominikanern, einem 1215 gegrün-
vom Volke verehrt, sondern war nur und symbolischen Weltbildes“, schreibt deten Bettelorden, beitreten. Seine Fa-
wenigen lateinkundigen Gebildeten be- der Historiker Johannes Fried. milie ist entsetzt und schickt die Brüder,
kannt. Anders als sonst von Heiligen ver- Doch diese neue Form des Denkens die den Abspenstigen festsetzen. Die al-
langt, sind von dem Gelehrten aus Mittel- barg auch große Gefahren, vor allem für lem weltlichen Besitz entsagenden Mön-
italien keine Wunder überliefert. Nicht die Stellung von Kirche und Klerus, konn- che sind damals eine Herausforderung
einmal mit einem Märtyrertod konnte te doch der Einzug der Rationalität in für die Kirchenhierarchie und den eng
Thomas aufwarten. Johannes XXII. fand den Glauben diesen auch demontieren. mit ihr verflochtenen Adel. Denn sie stel-
dennoch Gründe für die Heiligsprechung: Thomas von Aquin wird 1225 auf len Prunk und Macht infrage.
Thomas habe so viele Wunder vollbracht, Schloss Roccasecca in Oberitalien gebo-
wie er Quaestiones gelöst habe, entschied Ohnehin sind die Zeiten unruhig. Die
der Papst in Avignon. Mongolenstürme haben gezeigt, dass das
„Quaestiones“, Fragestellungen, wa- Christentum verletzlich ist. Und die
ren so etwas wie die intellektuelle Wäh- Kreuzzüge brachten Europa mit der isla-
rung des Hochmittelalters. Und Thomas mischen Hochkultur in Berührung – bis
war in dieser Hinsicht unbeschreiblich dahin waren es vor allem muslimische
reich. Wie keiner vor ihm wusste er Ant- Gelehrte, die die griechischen Denker
worten auf die zentrale theologische Fra- übersetzt und kommentiert hatten.
ge seiner Epoche: Wie ließen sich die Überall in Europa wachsen um die gro-
Worte der Bibel und die Lehren der Kir- ßen Kathedralen und Marktplätze herum
chenklassiker mit der Logik, dem ratio- Städte. Handwerker spezialisieren sich,
nalen Erkenntnisanspruch der antiken Baumeister suchen nach naturwissen-
Denker vereinbaren? schaftlich begründeten Regeln für Statik
Kürzer gesagt: Wie passten Augusti- und Architektur. Und den gelehrten
nus und Aristoteles zusammen? Blieb der Geistlichen zeigt sich immer klarer, dass
Glaube nur Glaube, oder ließ er sich wis- Wissen präziser wird, wenn man nicht
senschaftlich untermauern? nur Überlieferung ex cathedra vermittelt,
Thomas war nicht der Erste und nicht sondern Diskussionen zulässt. Argumen-
der Einzige, der sich diesen Fragen wid- te zählen plötzlich mehr als bloße Auto-
mete. Doch Thomas von Aquin war der rität.
Die dreiteilige „Summa theologica“
prominenteste unter diesen später Scho- des Thomas von Aquin gilt als Thomas spürt den Aufbruch. Selbst
lastiker genannten Experten, die wie eines der Hauptwerke der Scholastik der Arrest im Elternhaus lässt ihn nicht
Domsteinmetze am theologisch-wissen- (Manuskript, 15. Jh.). schwanken: Er will Dominikaner sein

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Thomas von Aquin, hier in einer
Initiale porträtiert, galt als Meister
scholastischen Denkens.

Geistige Anregung dazu kam aus der


islamischen Welt – zum Beispiel von Abu
al-Walid Mohammed Ibn Ruschd. Der an-
dalusische Muslim hatte fast alle Werke
des Aristoteles ausführlich kommentiert.
Ibn Ruschds Werke gelangten nach Paris,
Köln und in weitere intellektuelle Zen-
tren, wo sie enorme Wirkung entfalteten.
Fortan hieß Aristoteles oft einfach „der
Philosoph“ und Ibn Ruschd, besser be-
kannt unter dem Namen Averroës, „der
Kommentator“. Mit Aristoteles und des-
sen logisch-metaphysischer Welterklä-
rung öffneten sich die „Schleusen des
Wissens“, schreibt Johannes Fried.
Ganz auf dem geistig Trockenen hat-
ten die Theologen allerdings auch vor
der Wiederentdeckung der antiken Den-
ker nicht gearbeitet. „Die Vernunft muss
Herr und Richter sein über alles, was im
Menschen ist“, das hatte bereits Anselm
von Canterbury im ausgehenden 11. Jahr-
hundert gefordert.
Auch Anselm kam aus einer nord-
italienischen Adelsfamilie. Im nordfran-
zösischen Le Bec war er 1060 Benedik-
tiner geworden und später zum Erz-
bischof von Canterbury avanciert. Als
Denker arbeitete er daran, Glauben und
Ratio in Einklang zu bringen. Die Philo-
sophie, sagte er, solle „Magd der Theo-
logie“ sein, also durch treue Dienste den
Glauben stärken.
Berühmt ist sein Gottesbeweis, ein frü-
hes Beispiel für die logischen Künste der
und studieren. Schließlich lässt die Fami- Pedanterie und Blutleere und Verbohrt- Scholastik: Gott ist das vollkommenste
lie ihn gehen, nach Paris, wo er von 1245 heit, für endlose absurde Fragestellungen Wesen; Größeres ist nicht denkbar. Aber
bis 1248 bei Magister Albertus studiert. weltfremder Mönche. etwas, das nicht nur gedacht wird, son-
Albert, ein gebürtiger Schwabe, ist einer Doch im hohen Mittelalter ging es um dern auch real existiert, ist größer als et-
der führenden Köpfe der Scholastiker; theologische Grundlagenforschung, um was rein Geistiges. Gott muss also real
Thomas wird sein bester Schüler werden. „Glauben, der nach Einsicht sucht“. Die sein, sonst wäre er nicht das vollkom-
Wer heute von Scholastik spricht, gelehrten Gottesmänner hauchten dem menste Wesen – er muss einfach wirk-
muss den negativen Beiklang überhören, Glauben neue rationale Kraft ein, sie ver- licher sein als nur gedacht.
den das Wort in der Reformationszeit be- liehen der Theologie den Charakter einer Entscheidend für das Mittelalter war,
kam. Scholastik steht noch heute oft für Wissenschaft. wie offen man nun theologische Fragen

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Zwischen Glaube und Macht Theologie

mit Vernunftmitteln anging. Logik und „Indem wir nämlich zweifeln, gelan- Wissen ein Höchstmaß an begrifflicher
Metaphysik des Aristoteles trugen dazu gen wir zur Untersuchung, und durch die- Präzision und Sicherheit gewährleiste.
erheblich bei. Zwar gab es mehrfach Ver- se erfassen wir die Wahrheit“, heißt es Um 1248 gibt der gebürtige Schwabe
suche, Aristoteles als gotteslästerlich zu im Prolog zu „Sic et non“. Albert, schon zu Lebzeiten Albertus Mag-
untersagen, doch die Fachtheologen ließen Spätestens nach Abaelard bildete sich nus genannt, in dem international ver-
sich die Lektüre nicht mehr verbieten. Im an Domschulen und Universitäten eine netzten Grüppchen hochgebildeter Män-
Wettstreit von Beweis und Gegenbeweis feste Methode heraus, Probleme abzu- ner den Ton an. Sein Werk umfasst heute
schien man mehr an Wahrheit zu entde- handeln: Obenan steht die „Quaestio“, mehr als 22 000 Druckseiten zu fast allen
cken als im Nachbeten von Lehrsätzen. die Frage. Es folgen die sogenannten intellektuellen Fragen, von der Biologie
Obiectiones, Einwände. Der erste Ein- bis zum Bibelkommentar.
„Sic et non“ („Ja und Nein“) – dieser wand beginnt formelhaft mit der Wen- Ausführlich befasst er sich auch mit
Buchtitel war schon für Petrus Abaelar- dung „videtur“ – „es scheint“, dann wer- den Schriften anderer Religionen – den
dus, eine Generation jünger als Anselm, den die Argumente für diese Sicht auf- jüdischen Talmud etwa hält der Domini-
zum Programm geworden. Der streitbare gelistet. Nun folgt das „Sed contra“ – kaner für gotteslästerlich und will ihn
Pariser Theologe eckte nicht nur wegen „aber andererseits“, also das, was dage- deshalb verbrennen lassen.
der Liebesaffäre mit seiner Schülerin He- gen spricht. In der abschließenden Ant- Albert ist es, der entscheidend mitwirkt
loisa bei der konservativen Kirchen- wort werden alle Argumente gegenein- am Durchbruch des aristotelischen Den-
hierarchie an. In „Ja und Nein“ listete er ander abgewogen, teils auch begründet kens. In zahlreichen Kommentaren, aber
in 158 Abschnitten Widersprüche in den widerlegt. auch mit seiner schieren Autorität in der
Schriften der alten Kirchenlehrer und in Die Gelehrten waren zutiefst davon Kirchenhierarchie fördert er den griechi-
der Bibel auf – und wies gleichzeitig überzeugt, dass nach diesem Verfahren, schen Denker. 1255 werden die Schriften
Wege, wie sie mit den Mitteln der ver- durch methodisch saubere Anwendung des Aristoteles zur Pflichtlektüre der Stu-
nünftigen Erörterung auszuräumen seien. von Logik und Dialektik, hergeleitetes denten an der Sorbonne in Paris.
Es ist dann sein Schüler Thomas von
Aquin, der Aristoteles und die christliche
Überlieferung theologisch verschmilzt –
mit ungeheurer Nachwirkung: Noch 1879
erklärt Papst Leo XIII. das Denken des
Thomas per Enzyklika zur offiziellen
Philosophie der katholischen Kirche.
Um seine vielen Schriften überhaupt
zu Papier bringen zu können, soll Tho-
mas bis zu vier Sekretären gleichzeitig
diktiert haben. „Summa theologica“
heißt sein Hauptwerk, es umfasst drei
riesige Teile und wurde noch nicht einmal
vollendet.
Im ersten Teil geht es – Quaestio für
Quaestio, Unterfrage um Unterfrage –
darum, wie Gott und seine Schöpfung
durch Vernunft und Glauben erkannt
werden. Der zweite handelt von sitt-
lichen und ethischen Geboten, die dem
Menschen ein gottgefälliges Leben er-
möglichen sollen. Die „pars tertia“ ist un-
ter anderem der Kirche und ihren Sakra-
menten gewidmet.
Den Menschen sieht der Kirchenlehrer
als ein Wesen, das in der Schöpfung zwi-
schen den Engeln und Tieren angesiedelt
ist. Er ist ein Vernunftwesen, dessen See-
le auch nach dem Tod weiterbesteht.
Ethisch habe sich der Mensch an die gött-
liche und die vernunftmäßige Ordnung
zu halten, er möge sich in Mäßigung und
Tapferkeit üben. Er soll an Gott glauben,
auf Gott hoffen und Liebe zu Gott hegen.
Politisch plädiert Thomas für die Mo-
narchie als beste Regierungsform. Der
Albertus Magnus war Universalgelehrter.
König soll Vertreter Gottes im Staate,
In seiner „Summa theologiae“ breitete er seine aber den Priestern in Glaubensfragen
Theologie aus (Französisches Manuskript, 15. Jh.). untergeordnet sein. Ein Staat, der Reli-

80 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
lem als Ausdruck der Bewunderung ver-
standen werden: So groß war die geistige
Kraft, so gewaltig seine Ausstrahlung,
dass sogar Fürsten ihn fürchteten.
Auch in Theologenkreisen wurde Tho-
mas nicht nur bewundert; sein geballter
Intellekt stieß auf Widerstand von unter-
schiedlichen Seiten. Da gab es konserva-
tive Geistliche wie den wortgewaltigen
Bernhard von Clairvaux, die generell da-
gegen waren, sich Glaubensdingen mit
rationalem Handwerkszeug zu nähern.
Der Mensch sei zu gering, um Gottes Ord-
nung disputieren zu können. Die Anwen-
dung weltlicher Rationalität werde früher
oder später in Ketzerei münden.
Gelehrte wie Roger Bacon kritisierten
hingegen schon im 13. Jahrhundert, die
Scholastik sei theorielastig und neige dazu,
sich in absurden Gedankenwelten zu ver-
irren. Gerade in den Naturwissenschaften
sei Fortschritt nicht allein gedanklich zu
erreichen. Man müsse vielmehr Wissen
aus Experimenten, Erfahrungen und Be-
obachtungen mit einbeziehen.
Daneben meldeten sich Radikale, de-
nen Thomas in seiner Anwendung des
Aristoteles nicht weit genug ging. Wil-
helm von Ockham etwa, ein englischer
Theologe, kam beim Studium des Aris-
toteles zu der Erkenntnis, dass Vernunft-
wissenschaft, also Philosophie, und Of-
fenbarung eben nicht vereinbar seien.
Gottes Dasein könne nicht bewiesen, son-
dern bestenfalls durch Analogieschlüsse
plausibel gemacht werden. Argumente
wie dieses brachten Ockham in scharfen
Gegensatz zur Amtskirche.
Der Franziskaner gilt übrigens als das
historische Vorbild für Wilhelm von Bas-
kerville aus dem Roman „Der Name der
Rose“. Dort ist er ein tiefgläubiger Mann,
der sich nicht von hergebrachten Dog-
men und Autoritäten einschüchtern lässt.
Der Franziskanermönch Wilhelm
Leidenschaftlich diskutiert er die Frage,
von Ockham kritisierte Thomas von Aquin, ob Christus die Kleider, die er am Leib
weil ihm dessen Denken nicht trug, auch besaß. Solche sehr abseitig an-
radikal genug erschien (Manuskript, 14. Jh.). mutenden Fragestellungen waren es, wo-
für die Scholastiker später ausgelacht
gion und weltliche Herrschaft trennt, also Dominique Chenu; es sei geprägt von wurden.
auf rein säkularen Machtmitteln ruht, ist einem „Kraftstrom evangelischer Spiri- Der echte Wilhelm von Ockham be-
für den Universaltheologen wie für fast tualität“. zog im Streit darum, ob Mönche Besitz
alle Denker seiner Zeit unvorstellbar. haben dürfen, ebenfalls eine radikale
Und ebenfalls zeittypisch befürwortet der 1274 stirbt Thomas von Aquin auf der Position. Bis zu seinem Tod 1347 musste
Aquinat, wie man ihn später auch nannte, Reise zum Zweiten Konzil von Lyon, er er in München bei Ludwig dem Bayern
die Todesstrafe für verstockte Ketzer. ist nicht einmal 50 Jahre alt geworden. Schutz suchen – weil der Papst ihn wegen
Bei aller Anregung durch Aristoteles Es war wohl eine Krankheit, kein unge- unzähliger angeblich häretischer Lehr-
ist das Werk des Thomas schon in seinem wöhnlich früher Tod in der damaligen sätze hatte exkommunizieren lassen. Die
Aufbau zutiefst religiös inspiriert. Jedes Zeit. Dennoch raunen Chronisten, der höchste Kirchenstrafe kam von Johannes
Element seines Denkens sei „innerlich König oder einer seiner Gefolgsleute XXII., demselben Pontifex, der den Ober-
auf Gott und auf das Wort Gottes bezo- habe den Denker mit Gift beseitigen las- scholastiker Thomas von Aquin 1323
gen“, schreibt der Thomas-Biograf Marie- sen. Diese Gerüchte dürfen wohl vor al- heiliggesprochen hatte. 

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 81
Zwischen Glaube und Macht Ketzerprozesse

Glaubensabweichler galten seit dem Mittelalter als Häretiker.


Nach solchen Abtrünnigen fahndete die Inquisition. Zehntausende endeten auf
dem Scheiterhaufen. Die gesellschaftlichen Folgen wirken noch immer nach.

Im Verfolgungswahn

82 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Von Nils Klawitter

D
er Lehrer Cayetano Ripoll war
46 Jahre alt, als sie ihn verhaf-
teten. Zwei Jahre lang saß er
Die spanische Inquisition war
besonders grausam. Bei öffentlichen in einem Gefängnis in Valen-
„Autodafés“ (Glaubensgerichten) cia, am 31. Juli 1826 hängten sie ihn und
wurden Ketzer vor Publikum hingerich- verbrannten seine Leiche öffentlich.
tet (Gemälde von Francisco Rizi, 1683). Ripoll, so hält seine Todesakte fest,
sei warmherzig gewesen, ein Vorbild an
Bescheidenheit. Doch er schien auch
bedrohlich: Seine Schüler erzog er un-
dogmatisch. Weder mussten sie vor dem
Altar niederknien noch sich vor jedem
heiligen Symbol bekreuzigen.
Bald galt Ripoll als Freidenker und
Protestant. Im Spanien des 19. Jahrhun-
derts war das lebensgefährlich. Nachbarn
denunzierten ihn bei der Glaubenskon-
gregation der Stadt. Als er nicht wider-
rufen wollte, kam der Henker.
Cayetano Ripoll war der letzte Tote der
Inquisition. Das letzte Opfer eines christ-
lichen Gesinnungsterrors, der fast 600 Jah-
re lang eine Blutspur durch Europa zog.
Es ist die Angst vor Abweichlern in
den eigenen Reihen, die Papst und Bi-
schöfe Mitte des 13. Jahrhunderts eine
Hatz auf sogenannte Häretiker einläuten
ließ, auf Menschen also, die verdächtig
waren, nicht dem von Rom vorgegebe-
nen Glaubenskurs zu folgen. Die Kirchen-
oberen hätten die „Gleichmäßigkeit im
Glauben zu erzwingen“ versucht, schrieb
bereits der amerikanische Historiker Hen-
ry Charles Lea in seinem bahnbrechen-
den Werk über die Inquisition des Mittel-
alters, das 1887 erschien.
Über 100 000 Menschen wurden gefol-
tert oder als Ketzer oder Hexen ver-
brannt. Allein in Spanien gab es zwischen
1480 und 1530 bis zu 12 000 Todesopfer.
Jedem, vom Kaiser bis zum niederen
Bauern, legte die Kirche „die Pflicht zur
Verfolgung auf“, so Lea. Sogar Kinder
wurden Verhören unterzogen. Der Tra-
ditionskern der Spitzelei für KGB, Gesta-
po oder Stasi – für viele Historiker liegt
er in dieser jahrhundertelangen Erzie-
hung zur Denunziation.
Dabei war die Dialektik der Kirche
beachtlich: Man schärfte allen Christen
ein, die höchste Pflicht sei es, Ketzer aus-
zurotten – beharrte aber spitzfindig dar-
auf, sich selbst nicht die Hände blutig ge-
macht zu haben: Die Scheiterhaufen
anzuzünden, das überließ man den welt-
lichen Handlangern. Mehr noch: Kurz
vor den Zündeleien setzte man sich sogar
als Trostspender der Opfer in Szene.
Im Fadenkreuz der Glaubenswächter
standen Abweichler in den eigenen Rei-

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 83
Zwischen Glaube und Macht Ketzerprozesse

hen, denn nur Christen konnten abtrün- ten kooperierte und von der Bevölkerung beim Papst. Obwohl Minneke schon rela-
nig werden. Oft traf es die besonders unterstützt wurde. tiv früh im Kerker landete und später ver-
Eifrigen, Fundamentalisten wie die Wal- Regional war die Glaubensüberwa- brannt wurde, deutete sich – so absurd es
denser etwa, die Laien predigen ließen chung deshalb sehr unterschiedlich aus- wirken mag – eine gewisse formale Fair-
und in Askese lebten. Die mächtigste Hä- geprägt. Viele Teile Europas blieben von ness des Verfahrens an: Mehrfach wurde
retikerbewegung in Westeuropa war die der päpstlichen Inquisition verschont wie Minneke angehört, das Prozedere dauerte
der Katharer (griech. katharos bedeutet England, obgleich dort die Lollarden die Jahre und ging durch mehrere Instanzen.
„rein“), aus deren Namen der Sammel- Kirchenhierarchie infrage stellten. Knapp 200 Jahre später erlebten die
begriff Ketzer entstand. Sie selbst sahen Und während die katholische Kirche Menschen von Konstanz dann freilich
sich als besitzlose „Arme Christi“, ver- in Norditalien trotz heftiger Widerstände eine der hinterlistigsten Hinrichtungen
folgten eine radikale Bußethik und hin- sogar Ketzerverbrennungen in Arenen überhaupt: Während des dortigen Kon-
gen einer dualistischen Weltordnung an, wie der von Verona durchsetzen konnte, zils wurde der böhmische Reformator Jan
in der Gott und Satan in ständiger Kon-
kurrenz stehen. Albigenser wurde die Be-
wegung auch genannt, nach ihrer Hoch-
burg Albi im Süden Frankreichs.
Weltlichen und kirchlichen Herrschern
waren diese Überfrommen ein Dorn im
Auge. 1209 rief Papst Innozenz III. den
französischen König und die Bischöfe
zum Kreuzzug gegen die Albigenser auf.
Allein in Béziers massakrierten Kreuzrit-
ter 20 000 Männer, Frauen und Kinder,
praktisch die gesamte Bevölkerung. Auf
die Frage der Ritter, wie denn die Ketzer
zu erkennen seien, soll ihnen der päpst-
liche Gesandte geantwortet haben: „Tö-
tet sie! Gott kennt die Seinen schon.“
Im Jahr 1224 segnete Kaiser Friedrich
II. die Brutalität mit den ersten welt-
lichen Ketzergesetzen ab: Vom Bischof
verurteilte Ketzer sollten an die lokalen
Gewalten überstellt und mit kaiserlicher
Autorität verbrannt werden. Es war die
Blaupause für eine jahrhundertelange
Terrorkooperation zwischen Staat und
Kirche, die rasch institutionalisiert wurde:
1231 richtete Papst Gregor IX. die Inqui-
sition als päpstliche Behörde ein; 1252 ge-
stattete Innozenz IV. die Folter.
In jedem Ort sollten nun Suchtrupps
aus Priestern und Laien nach Ketzern
fahnden. Päpstliche Legaten schwirrten
bald durch halb Europa. Eine besondere
Rolle fiel den Dominikanern zu: Die 1498 wurde der Dominikaner Girolamo Savonarola in Florenz auf dem Scheiterhaufen
Mönche wurden zu Organisatoren der hingerichtet – er trat als Bußprediger auf und kritisierte den Lebenswandel des Klerus
flächendeckenden Schnüffelei, zu Ermitt- (Italienisches Gemälde, anonym, 16. Jh.).
lern und Sonderrichtern in einem.
Als „Versuchslabor der Inquisition“, spielte die Inquisition im deutschsprachi- Hus verbrannt. Das freie Geleit, das ihm
so nennt es der Historiker Gerd Schwer- gen Teil des Heiligen Römischen Reiches König Sigismund zunächst zugesichert
hoff, diente das vermeintliche Ketzer- nördlich der Alpen kaum eine Rolle. hatte, ignorierten die für den Schuld-
dreieck Albi, Carcassonne, Toulouse. Das lag auch an der territorialen Zer- spruch zuständigen Bischöfe und auch
Hier machten sich Dominikaner sogar splitterung des Reiches und der unter- der König selbst.
daran, angebliche Häretiker zu exhumie- schiedlich ausgeprägten Kirchenhörigkeit. Derartige Willkür blieb im Reich aller-
ren, um die Leichen rituell zu bestrafen. Wie zäh eine Verfolgung werden konnte, dings eine Ausnahme. Im Jahr 1509 ging
Doch nicht überall war die kirchliche zeigte sich bereits 1221. Damals versuchte der Kölner Inquisitor Jacob von Hoch-
Macht so erfolgreich. Gerade in der Früh- Bischof Konrad von Hildesheim, den straten zwar noch gegen den Humanisten
zeit der Inquisition trafen die Glaubens- schon länger häresieverdächtigen Gosla- Johannes Reuchlin vor. Der Bischof von
wächter in vielen Orten auf Widerstand, rer Probst Heinrich Minneke der Ketzerei Speyer sprach Reuchlin allerdings frei
mitunter wurden Emissäre verprügelt zu überführen. Der Angeschuldigte wehr- und legte dem Inquisitor die Kosten des
oder getötet. Erfolg hatte die Kirche nur te sich jedoch und erhob sogar, wie da- Verfahrens auf. Im Schatten des aufstre-
dort, wo sie mit den weltlichen Obrigkei- malige Chroniken festhalten, Einspruch benden Luthertums erreichten die Domi-

84 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
nikaner später zwar noch eine Verurtei- auch hier die Dominikaner als geistliche
lung, die aber wirkungslos blieb. Sturmabteilung der Inquisition.
Auch wegen der bald immer stärker Trotz zaghafter Widerstände aus Rom
formalisierten „Ketzerprozesse“ halten erlebt Spanien eine rasche Radikalierung.
einige Historiker wie Gerd Schwerhoff die Im Jahr 1488 wurde ein Generalinquisitor
Inquisition für ein mittelalterliches „Mo- für ganz Spanien zuständig. Er stand un-
dernisierungsphänomen“. Während zuvor ter Kontrolle der spanischen Könige, die
meist nur mündlich gesprochenes Recht auch die Inquisitoren ernannten.
galt, etablierten sich nun strafprozessuale Zum ersten öffentlichen „Autodafé“
Instrumente, die sich bis heute gehalten (Glaubensgericht) war es in Sevilla be-
haben: Die Untersuchung wurde ver- reits drei Jahre zuvor gekommen. Um
schriftlicht, es gab Zeugen und die – wenn möglichst große disziplinarische Wirkung
auch kleine – Chance des Freispruchs. zu erzielen, wurden solche Hinrichtun-
Es waren die von Martin Luther ange- gen öffentlich inszeniert. Bisweilen ka-
stoßene Reformation und ihre – dank des men mehrere Zehntausend Zuschauer, in
Buchdrucks – raschen Erfolge, die Papst Valladolid sollen es im Jahr 1559 sogar
Paul III. zum Umdenken zwangen: Nun 200 000 gewesen sein. Viele Hundert Ab-
war es kaum noch möglich, allen Abweich- weichler wurden in den Folgejahren Op-
lern den Prozess zu machen. Der Papst zen- fer dieser Schmähungsschauen.
„Index der verbotenen Bücher“ der
tralisierte die Inquisitionsbehörde ab 1542 Spanischen Inquisition, im Auftrag des Doch es gibt den Verdacht, dass es bei
in Rom. Statt auf Scheiterhaufen setzten Kardinals von Toledo, 1583. der Menschenjagd nicht allein um Glau-
die Glaubenswächter fortan auf Kommuni- bensfragen ging. Könnte es sein, dass die
kationskontrolle: Im Jahr 1559 veröffent- tes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet Inquisition sich durch Strafgelder selbst
lichten sie den „Index der verbotenen Bü- werden“, fand etwa Martin Luther. Noch alimentierte und deshalb ein starkes Ver-
cher“, also jener Schriften, deren Besitz 1775 wurde Anna Maria Schwegelin, eine folgungsinteresse besaß? Unter Historikern
Katholiken untersagt war. Bis ins 20. Jahr- Dienstmagd, in Kempten wegen Hexerei ist dieser Punkt strittig; der Inquisitions-
hundert wurde er regelmäßig aktualisiert. zum Tode verurteilt. spezialist Schwerhoff hält den Eindruck
Doch nicht nur die Reformation setzte Ein Sonderfall war Spanien, dort, wo zumindest für plausibel. Dafür spreche,
der römischen Kirche zu. Auch die auf- noch im 19. Jahrhundert das letzte Opfer dass es die Häscher oft auf reiche Familien
keimenden Naturwissenschaften ließen zu verzeichnen war. Hier zeigten sich die abgesehen hatten. Allerdings ging auch ein
ihre Autorität wanken; sie setzten dem Inquisitoren seit dem ausgehenden schwer zu bestimmender Anteil der Beute
Glauben eigene, wissenschaftliche Wahr- 15. Jahrhundert besonders grausam – und an das Königshaus.
heiten entgegen. Anfangs versuchte die die Spanische Inquisition blieb unabhän- Auch der lange andauernde Verfol-
Kirche noch, den Wandel abzuwehren: So gig von Rom. Ins Visier gerieten hier aller- gungswahn in Spanien stützt die These
musste der Astronom Galileo Galilei (1564 dings nicht Hexen oder Katharer, son- vom finanziellen Interesse. „Irgendwann
bis 1642) seine Feststellung widerrufen, dern einheimische Juden und Muslime, ging der Inquisition dann die Kundschaft
dass sich die Erde um die Sonne dreht. die zum Christentum konvertiert waren. aus“, sagt der Historiker Holzem, so
1633 wurde er unter Arrest gestellt. Auf ihnen lag der Verdacht, weiter der recht habe sich aber niemand durchrin-
Auch Todesurteile gegen Ketzer wurden alten Lehre anzuhängen. gen können, sie abzuschaffen.
nach der Reformation noch verhängt: Im So zynisch es klingt: Auch in Spanien Im Jahr 1813 hob das Parlament zwar
Februar 1600 wurde auf dem Campo de’ spielte die Inquisition eine Rolle im mo- die Inquisitionstribunale auf, doch bereits
Fiori in Rom Giordano Bruno verbrannt, dernen Staatsbildungsprozess. 1469 ver- ein Jahr später setzte König Ferdinand
der am christlichen Trinitätsglauben ge- einigte die Heirat Ferdinands von Aragón VII. sie wieder ein. Bis Papst Pius VIII.
zweifelt haben soll. Selbst auf dem Schei- mit Isabella von Kastilien die beiden bis- die unabhängige spanische Inquisition
terhaufen schien der Denker den Inquisi- her unabhängigen Königreiche Aragón 1829 beendete, bestand sie mancherorts
toren offenbar noch so gefährlich, dass ihm und Kastilien. „Die Religion fungierte da- als eine Art Sittenpolizei weiter. Jeder
die Zunge festgebunden worden sein soll, bei sowohl als ideologische Klammer des konnte seinen Nachbarn anschwärzen. Im
damit er nicht zum Volk sprechen konnte. katholischen Königtums als auch als Fall des Lehrers Cayetano Ripoll endete
Eine Grausamkeit ließen die von Rom Instrument zur brutalen Ausgrenzung“, das Petzen tödlich. Heute erinnert in Va-
aus agierenden Inquisitoren aus: Die He- sagt Andreas Holzem, Kirchenhistoriker lencia ein schmuckloser Platz zwischen
xenverfolgung. Vielerorts in Europa aller- an der Universität Tübingen. Nirgendwo Hochhäusern und einem Carrefour-Markt
dings wütete der Wahn: Etwa 50 000 Men- gab es mehr Gesinnungsterror und Glau- an ihn.
schen, die Hälfte davon in Deutschland, bensopfer als in Spanien. Es hat lange gedauert, bis sich die ka-
fielen in der Zeit zwischen dem 15. und Im Hintergrund stand ein Elitenstreit: tholische Kirche der brutalen Epoche der
18. Jahrhundert den Verfolgungen zum Am Königshof hatte sich eine neue Schicht Inquisition gestellt hat. Im Jahr 2000 legte
Opfer. Kirche und Glaubenswächter fand aus ehemals jüdischen und muslimischen Papst Johannes Paul II. ein öffentliches
man zwar oft an vorderster Front der Beamten etabliert, die die alten Eliten um Schuldbekenntnis ab für die von Kirchen-
Hetzer; weltliche Gerichte oder Fürsten Einfluss fürchten ließ. Wie in früheren vertretern verübte Gewalt.
kleiner Territorien jedoch waren es, die Pogromzeiten wurden die Neuen verleum- Spanien hingegen bleibt ein Sonder-
die Todesurteile sprachen. det: Wieder sollte die Reinheit des Blutes fall. Bis heute ist dort Andersgläubigen
Auch Protestanten wurden zu eifrigen entscheiden, wer ein wahrer Christ war. der „Respekt vor der katholischen Re-
Hexenjägern. Es sei ein „überaus gerech- Zentrale Rolle bei der Verfolgung spielen ligion“ gesetzlich vorgeschrieben. I

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 85
Zwischen Glaube und Macht Herrschaftsansprüche

Anfangs waren die Anhänger Jesu Staatsfeinde, später mischten die Päpste persönlich in
der Politik mit: Der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin erklärt, wie sich das Verhältnis
zwischen Christentum und weltlicher Obrigkeit über die Jahrhunderte hinweg veränderte.

„Verblüffende
Doppelgesichtigkeit“
SPIEGEL: Professor Leppin, wie mächtig rer fassbar. In Europa sehe ich frei- In jedem Vaterunser erklingt die
sind Christentum und Kirche heute? lich auch dort einen klaren Rückgang. Bitte: „Dein Reich komme“ – also kann
Leppin: Das ist weltweit sehr verschie- Zum Beispiel haben konfessionelle es nicht von dieser Welt sein. Es ist
den. In Europa haben katholische wie Bindungen praktisch keinen Einfluss immer gut, sich daran zu erinnern. Die
protestantische Kirche rapide an Einfluss mehr auf Wahlentscheidungen wie ersten Christen standen in doppelter
verloren. Anderswo, etwa in Lateinameri- kürzlich die Bundestagswahl. Und Weise den Eliten fern: sowohl den römi-
ka, wirkt die katholische Kirche nach wie auch die Kirchen selbst haben sich schen Machthabern wie den jüdischen
vor sehr bestimmend. Und das öffent- stark verändert. Eine „Ehe für alle“ Hohepriestern am Tempel. Insofern hielt
liche Leben in den USA ist stark christ- hätte in den Sechzigerjahren sicher sich die „Jesus-Bewegung“, wie der
lich-religiös geprägt – allerdings konfes- auch die evangelische Kirche ein- Neutestamentler Gerd Theißen sie nennt,
sionell erheblich bunter als hierzulande. deutig abgelehnt; die katholische zunächst abseits der Macht. Aber schon
sowieso.
360°-Foto:
Jesus erklärt: „Mein Reich ist nicht von Im Petersdom
Ja, von der institutionellen Macht. dieser Welt.“ Hat der Machtverlust der spiegel.de/sg062017petersdom
Der spirituell-mentale ist sicher schwe- Kirchen vielleicht sogar etwas Gutes? oder in der App DER SPIEGEL

86 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
bald gab es – durchaus notwendige – Hat sich mit Paulus das Verhältnis des philosophische Lehren aufgenommen,
erste Arrangements. Christentums zur Macht entscheidend das setzte das Christentum fort. Und
verändert? Oder justierte er nur Wei- dann bemühte man sich zu erklären,
Wo? chen auf einem Kurs, der feststand? warum man über das Judentum hinaus-
Es ist ein Indiz, wenn der Apostel Weder noch. Von der Denkweise, gehen musste, wie man schon an Lukas,
Paulus fordert, jeder solle sich der dass Paulus das Christentum quasi neu dem Autor der Apostelgeschichte, se-
Obrigkeit fügen. Die Ausbreitung des begründet haben soll, sind wir abge- hen kann. Er will zeigen, dass der Jude
Christentums rund um das Mittelmeer kommen. Er war nur einer von etlichen Paulus, weil er in der Synagoge unge-
wäre ohne die Infrastruktur des Römi- Repräsentanten des frühen Christen- hört blieb, weitergehen musste, also
schen Reiches nicht denkbar. tums – der, über den wir am meisten griechisch Gebildete zu bekehren ver-
wissen. In Korinth gab es offenbar auch suchte. Unter denen konnte das Chris-
Blieben die Christen nicht trotzdem Anhänger eines Apollos, von dem dann tentum dann gerade wegen seiner Nähe
Dissidenten? später keiner mehr sprach. Es gab tat- zum Judentum sehr erfolgreich missio-
Natürlich. Das Kernereignis ihres sächlich vielerlei Missionsströme. So nieren, weil diesen Gebildeten die über-
Glaubens war eine Hinrichtung durch kennen wir neuerdings aus Papyrusfun- kommene Vielgötterei oft schon selbst
die Obrigkeit. Sicher, es gibt auch die den ägyptische Christen, die häufig suspekt war.
Geschichte, wie Jesus ein Steuergro- gnostischer dachten als Paulus: Sie er-
schen gezeigt wird, und er sagt: „Gebt warteten kein baldiges Weltende, son- So zerstreut die Gemeinden waren:
dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Sie dern stellten ganz die individuelle Erlö- Es entstanden Netzwerke, die sich all-
zeigt, dass er nicht politischer Revolu- sung jetzt und hier in den Mittelpunkt. mählich zur Kirche formierten. War
tionär, sondern mehr sein wollte. Ein Die meisten Christengruppen verbindet, es diese Strukturierung, die dem Chris-
„Reich nicht von dieser Welt“ war dass sie ihren Frieden mit der Obrigkeit tentum zu überleben half?
aber ohnehin schon eminent politisch: durch den Rückzug ins Private machten. Es dauerte recht lange, bis sich ein
Christen lehnten es ab, den Kaiser an- überregionales Zusammengehörigkeits-
zubeten. Knüpften die Apostel an vorhandene gefühl bildete. Schon vor Ort war das
jüdische Glaubenstraditionen an? nicht einfach. Man muss es sich vorstel-
Die Grundlagen des Christentums la- len wie den Übergang von einer locke-
Auf der einen Seite die Päpste – auf der gen im Judentum – die Vorstellung ei- ren Interessengruppe oder Bürgerinitia-
anderen Seite die Kaiser und Könige; das
Zusammenspiel der beiden Machtblöcke, mal
nes Messias, eines Christus, war ohne tive zum Verein: Jemand beginnt die
verbündet, mal verfeindet, prägte die west- das Judentum ja gar nicht denkbar. Akten zu führen, jemand schreibt die
liche Kirchengeschichte über Jahrhunderte. Schon im Judentum wurden gängige wichtigen Briefe und so weiter. Am

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 87
Zwischen Glaube und Macht Herrschaftsansprüche

Ende des Römerbriefs zählt Paulus haupten ohne und gegen das Christen- Wurden antike Götter und Christus
in einer langen Liste sein Netzwerk auf. tum. Die Kirche hatte durchgehalten. auch parallel verehrt?
Bischöfe konnte es erst auf einer Die tiefere christliche Durchdringung Der Synkretismus ist Normalfall des
einigermaßen entwickelten Basis geben, des Reiches brauchte dann natürlich Christentums.
mächtige Bischöfe noch später. noch sehr lange.
Der Normalfall? Meinen Sie das ernst?
Entstand die kirchliche Hierarchie Gab es eine Wende, von der an es be- Allerdings, auch später. Als Kirchen-
parallel zum Staat? quemer, klüger und ehrenvoller war, historiker versuche ich doch, frühere
Eher im Konflikt mit ihm. Bischöfe Christ zu werden? Realitäten zu verstehen. Und es gibt
werden mächtig zur Zeit der Christen- Ein Datum ist nicht anzugeben. Die kein Christentum ohne Zeitkontext.
verfolgungen: Ihnen folgt man, sie Bedingungen wandelten sich sehr lang- Immer sucht man in der Bibel nach Hil-
gewähren Schutz – oft können sie das sam; nach und nach wurde es immer fe für die jeweilige Gegenwart, immer
deswegen, weil sie aus vermögenden selbstverständlicher, Christ zu sein. manifestiert sich im Christentum nur
Kreisen kommen. Manche brauchen zur ein Ausschnitt des spirituellen Lebens.
Gemeindeleitung gar nicht anwesend Aber wie traf man seine Entscheidung?
zu sein: Cyprian von Karthago etwa Wir haben ja die berühmten „Be- Hat die Kirche sich der Struktur des
lenkte 250/51 während der Verfolgung kenntnisse“ des Augustinus: Man staunt, Römischen Reiches angepasst?
die Gemeinde von seinem Landgut aus. was dieser hochgebildete Römer aus Sie hat sich parallel zu ihr entwickelt;
Nordafrika alles ausprobiert hat, bis er das kam ihr dann in der sogenannten
Die römische Obrigkeit sah das wohl beim Christentum seine Ruhe findet. Völkerwanderungszeit zugute. Als der
als ferngesteuerten Landesverrat? Selbst unter christlichen Vorzeichen Staat zerfiel, wurden manche Bischöfe
Der Vorwurf lautete fast immer: durchläuft er dann noch mehrere Denk- zu Garanten der Ordnung. Spannend
Leugnung der offiziellen Götter. Chris- stadien. Für Menschen seiner Stellung wird das außerhalb der Reichsgrenzen.
ten waren Widerständler. war die religiöse Haltung also wohl oft Ansgar, der im 9. Jahrhundert als Mis-
etwas sehr Individuelles. sionserzbischof im Norden auftrat und
Im 4. Jahrhundert aber kippte dieses zeitweise in der Hammaburg saß, be-
Urteil. Erst wurde das Christentum Und Ärmere, weniger Gebildete? fand sich ziemlich allein im dünn besie-
anerkannt, dann sogar Staatsreligion. Auf den Landgütern überlagerte und delten Land. Seine Lage war völlig an-
Was war da los? Knickte Rom ein? verdrängte das Christentum nach und ders als die eines Bischofs in Kleinasien
Zumindest merkte das mächtige Kai- nach den Kult der Hausgötter – darauf oder Mittelitalien, wo nach römischem
serreich: Wir können uns nicht mehr be- deuten jedenfalls archäologische Funde. Vorbild jede Stadt ihr Oberhaupt hatte.

88 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Bischöfe wurden zu regionalen Kirchen- mer auch als Widerhaken. Klöster Man könnte die Geschichte des
fürsten vor allem durch die Ausdehnung schützen gerade in Zeiten schwacher Mönchtums als permanente Kritik am
des Christentums über das Imperium Zentralmächte die Kultur – zum Bei- Mönchtum darstellen. Neue Orden ent-
hinaus. spiel im Merowingerreich des 7. Jahr- stehen ja vor allem, weil der Gründer
hunderts. Im Mönchtum – das muss mit den bisherigen unzufrieden ist. Clu-
Wie gingen die bischöflichen Missionare auch ich als evangelischer Theologe ny im 10. Jahrhundert, die Zisterzienser
vor? feststellen – beweist das Christentum im 11. und 12., Franz von Assisi und sein
Sie reisten mit einem Team an – oft immer wieder, wie unabhängig von neuer Bettelorden Anfang des 13. Jahr-
sollen es zwölf Getreue gewesen sein, einer weltlichen Obrigkeit es existieren hunderts: Jedes Mal protestiert man ge-
aber das sind natürlich Konstruktionen kann. gen die Verweltlichung der Kirche.
nach dem biblischen Vorbild der Jünger.
Sie wandten sich dann meist an die füh- Klösterliche Inseln des Glaubens in bar- Auch gegen den Staat?
renden Figuren vor Ort, lokale Fürsten barisch wilder Umwelt?
oder Machthaber. So wird es gern dargestellt. Bene-
dikts Ordensregel zählt erst einmal die
Etliche der mittelalterlichen Missionare schlimmen Zustände der Welt ringsum
kommen aus dem Mönchtum; es sind auf, ja. Aber im Frühmittelalter und
Klosterbrüder im Auftrag der Römi- noch lange später gab es eben weit we-
schen Kirche. Aber war das Mönchtum niger Kontrolle als heute. Wo niemand
nicht als asketische Reformbewegung herrschte, war Anarchie im wahrsten
gegen den allzu hierarchisierten Klerus Sinne des Wortes – als Herrschaftsfrei-
entstanden? heit, nicht unbedingt als Chaos –
Das Mönchtum zeigt sich tatsächlich der Normalfall. Klöster schufen also zivi-
zwischen der engen Bindung von poli- lisatorische Ordnung, ähnlich wie
tischer Macht und Kirchenmacht im- Landgüter. Und als dann später Orden Zu dieser Zeit, um 1200, fanden die
entstanden, schlugen diese Bindungen ersten großen Ketzerverfolgungen statt.
überregionale Brücken. Militärische Gewalt gegen Andersden-
1431 entstand im Rhein-Main-Gebiet kende – maßte sich die Kirche da welt-
der „Papst-Kaiser-Rotulus“, eine insgesamt
6,67 Meter lange Pergamentrolle, auf der
Bis sich schließlich regelrechte Ordens- liche Eingriffsrechte an?
alle Päpste und alle Kaiser und Könige auf- staaten bildeten – eine natürliche Ent- Ketzer zu verfolgen oder nicht ist
gezählt sind (Staatsbibliothek Berlin). wicklung? am Ende eine Machtentscheidung. Aber

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 89
Zwischen Glaube und Macht Herrschaftsansprüche

die mittelalterliche Kirche hat sich im geschah aber sicher auch aus Überzeu- Dass auch mit dem Augsburger Reli-
Einzelfall auch große Mühe gegeben gung. gionsfrieden noch keineswegs Ruhe ein-
herauszufinden, ob das Denken des Be- kehrte, zeigt sich dann ja drastisch im
schuldigten wirklich häretisch war – Wann beginnt denn für Sie die Frühe Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648,
zum Beispiel im Verfahren gegen den Neuzeit? in dem Protestanten gegen Katholiken
Theologen und Philosophen William Wenn ich es festlegen sollte: im Jahr kämpfen und umgekehrt. War das ein
von Ockham im 14. Jahrhundert. 1555. Religionskrieg – oder doch nicht?
Er war es auch – das ist die knappste
Dennoch: Ketzerverfolgung wurde im- So spät, gegen Ende der Reformations- Antwort. Natürlich wird ein Krieg der
mer systematischer und fand zuneh- zeit, mit dem Augsburger Religions- Großmächte daraus, aber die Frage, wel-
mend auch im staatlichen Interesse frieden? Zählt Luther noch zum Mittel- ches Territorium welcher Konfession an-
statt, bis hin zur Reformation und wei- alter? hängt, geht nie ganz verloren. Die zu-
ter. Woran liegt das? Na ja, 1555 ist natürlich ein Symbol- vor oft zerstrittenen Protestanten finden
Es zeigt den Wandel von mittelalter- datum. Niemand schläft im Mittelalter zusammen gegen den Kaiser und seine
licher zu frühneuzeitlicher Umgangs- ein und wacht in der Neuzeit auf – ge- katholische Allianz; Schwedens König
weise. Im Mittelalter gab es große Frei- meint ist: Schon das späte Mittelalter Gustav Adolf wird in der Publizistik,
räume; Verfolgung fand nur statt, wenn weist eine Fülle von Spannungen auf, aber auch von der Kanzel bisweilen wie
es irgendwie zu Störungen oder Konflik- etwa zwischen innerlicher und äußer- ein Messias gefeiert.
ten gekommen war. Der Stauferkaiser licher Frömmigkeit oder zwischen zen-
Friedrich II. galt selbst zeitweise als Ket- tralen, am Papst orientierten Modellen Welche Konfession steht dem Staat am
zer, hat aber auch in seinem Liber der Kirchenleitung und sehr viel dezen- nächsten?
Augustalis klare Vorschriften zur Ketzer- traleren, oder zwischen Laien und Das lässt sich so glatt nicht beantwor-
verfolgung gegeben. Klerikern. Luther kam aus der inner- ten, sondern sieht von Land zu Land
lichen Frömmigkeit und stärkte die unterschiedlich aus. So zeigt sich in
Was änderte sich dann? laikalen Kräfte ebenso wie die dezentra- Frankreich ein Modell hoher katho-
Wir finden später ein viel höheres len. Erst der Augsburger Religions- lischer Staatsnähe. Hier leiteten die Kar-
Maß an Verdichtung, auch an öffent- frieden hat 1555 daraus die rechtlichen dinäle Richelieu und Mazarin die Staats-
licher Kontrolle. Die Konfessionen und institutionellen Konsequenzen geschäfte. In Spanien ist der Katho-
schließen den eigenen Raum ab und be- gezogen, dass unterschiedliche Kirchen- lizismus bis zu General Franco erschre-
ginnen, Gesinnungen zu kontrollieren. strukturen im Reich nebeneinander ckend staatsnah. In England steht
Das stabilisierte die politische Macht, akzeptiert wurden. spätestens nach den schweren Bürger-

90 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
kriegen die Church of England selbstver- sprechen manche hier sogar von der ten skeptisch blieb oder auf Eigenorga-
ständlich loyal hinter ihrem Oberhaupt, „preußischen Staatsreligion“. nisation drang; ähnlich in den Nieder-
dem König. Im Wilhelminischen Kaiser- landen, die sich um 1600 auch aus zäher
reich zeigt aus preußischem Erbe das Man könnte die Perspektive auch ein- Glaubensgewissheit von Spanien lösten.
Luthertum große Staatsnähe, während mal umdrehen und fragen: Hat es Mo-
man den Katholiken vorwirft, sie seien mente gegeben, wo das Christentum in Trotz solcher weltlichen Erfolge scheint
„ultramontan“, also romtreu und damit bloßes Staatsmachtdenken überging? das Christentum immer einen Über-
insgeheim nationalstaatskritisch. Wir haben da das üble Beispiel der schuss an Utopie zu behalten, der in
Deutschen Christen im Dritten Reich. Macht und Staatlichkeit nie ganz
Wenn wir auf die andere Seite blicken: Dort wurden, so denke ich, um der aufgegangen ist.
Waren die spätmittelalterlichen Mysti- Staatsnähe willen entscheidende Grund- Als Theologe kann ich nur sagen: Das
ker und deren geistige Erben, die Pietis- lagen des Christentums aufgegeben. ist auch gut so. Komplett seinen Frieden
ten und andere Erweckte im 18. und Paulus sagte: Nicht Heide oder Jude – mit dem Diesseits kann ein Christ eigent-
19. Jahrhundert, eher staatskritisch ein- die Botschaft Jesu richtet sich an alle. lich nicht machen. Ohne Widerständig-
gestellt? Das wurde dort verleugnet. keit zum Pragmatismus der Welt, ohne
Zumindest eint ihre Urheber weitge- „Dein Reich komme“ wäre das Christen-
hend der Gedanke des Rückzugs aus Bisweilen hat man sogar versucht, tum nicht, was es sein sollte.
der politischen Arena. Aber Vorsicht: christliche Gottesstaaten zu errichten.
Ausgerechnet der Hallesche Pietismus Savonarolas Regiment in Florenz ist Professor Leppin, wir danken Ihnen
mit seiner erfolgreichen Lehrdisziplin ein berüchtigtes Beispiel. Welches Expe- für dieses Gespräch.
lieferte dann Preußens König Friedrich riment ist am wenigsten gescheitert?
Wilhelm I. am Anfang des 18. Jahrhun- Calvins Verfassung für Genf. Zugege- Das Gespräch führte der Redakteur Johannes
derts viele fähige Militärs und Ideale für ben, sie kann einem brutal gleichmache- Saltzwedel.
die Disziplin- und Leistungssteigerung risch und kontrollsüchtig erscheinen,
seines Beamtenstaates allgemein. Daher aber in ihrer Wirkung ist sie doch unge- Volker Leppin lehrt
heuer erfolgreich. Und sie hat weithin Kirchengeschichte an der
Der deutsche Text auf dem Rotulus ausgestrahlt, nach Frankreich und auf Universität Tübingen. Er
erläutert jeweils Name und Regierungszeit die Auswanderer nach Nordamerika. erforscht vor allem das Mittel-
der Herrscher. In der digitalen Sammlung alter und die Reformationszeit,
der Staatsbibliothek Berlin ist
Bis heute ist die Mentalität dort von ei- 2016 erschien „Die fremde
der Rotulus im Detail zu betrachten ner reformierten Frömmigkeit geprägt, Reformation. Luthers mysti-
(digital.staatsbibliothek-berlin.de). die oft gerade gegen weltliche Obrigkei- sche Wurzeln“ (C.H. Beck).

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 91
92 SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17
K a p i te l

III
Vo n Re fo r m e r n
u n d M i s s i o n a re n

Mitten im Wetterleuchten unablässiger irdi-


scher Konflikte muss sich das Christentum
in der Frühen Neuzeit behaupten: Die Kir-
chenkritik Martin Luthers führt zur Refor-
mation, die Einheit des Christentums zer-
bricht, mehrere Konfessionen halten fortan
ihre Auslegung des Evangeliums für die ein-
zig wahre. Trotzdem entstehen nun Formen
tiefer innerlicher Frömmigkeit. Missionare
tragen die Erlösungsbotschaft in ferne Konti-
nente und machen aus ihr eine Weltreligion.

„Die drei Kreuze“, Radierung von


Rembrandt van Rijn, 1653 (Ausschnitt)

SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17 93
Von Reformern und Missionaren Glaubenskriege

Erbittertes Ringen zwischen den Konfessionen in Europa, rasante Ausbreitung in


Übersee: Nach der Reformation begann für das Christentum eine Epoche der Widersprüche.
Die zentrale Frage war: Durfte man die „wahre Religion“ mit Gewalt durchsetzen?

Auf Teufel komm raus


Von Volker Reinhardt

N
achdem die französischen schlägt, wird er in einer Nachtszene zu- „Glaube“ auch gegen „Ideologie“ oder
„Religionskriege“ ab 1562 sammen mit seinen Anhängern ermordet. einfach „Gesinnung“ austauschen kann.
zwei Jahrzehnte lang eine Pro- Diese haben allerdings kein menschliches Hinzu kommt, dass Glaube und Ver-
vinz nach der anderen ver- Antlitz mehr, sondern zeigen ihr wahres folgung Andersgläubiger seit den Anfän-
wüstet und entvölkert hatten, zog der Gesicht: Sie sind allesamt zu teuflischen gen des Christentums zusammengehör-
aus der Gegend von Bordeaux stammen- Kreaturen mutiert. Im dritten und letzten ten. In dieselbe Kerbe schlugen die Re-
de französische Philosoph Michel de Bild ist dann die Ketzerei ausgerottet und formatoren. Luther hoffte anfangs, dass
Montaigne ein für das Christentum und der Friede im Königreich Frankreich sich seine Lehre als einzig wahre Aus-
die Christen vernichtendes Fazit. „Es ist wiederhergestellt. legung der Bibel von selbst durchsetzen
kein Streit so unerbittlich wie der christ- Das war das offizielle Bild aufseiten würde. Als der Siegeszug ausblieb, war
liche. Wir vollbringen wahre Wunder, aller etablierten Kirchen und Konfessio- er schnell bei der Hand mit Aufrufen,
wenn sich unser Eifer mit unserer Nei- nen: Wer von den Rechtgläubigkeitsre- den Papst und die Kardinäle als Helfers-
gung zum Hass, zur Brutalität, zum Ehr- geln abweicht, ist der Hölle entsprungen helfer des Teufels zu ermorden. Wer in
geiz, zur Habgier, zur Verleumdung und und muss ausgerottet werden, sonst ver- wesentlichen Fragen der Religion ande-
zur Rebellion verquickt.“ Eigentlich – so breitet sich die teuflische Ansteckung wie rer Meinung war, musste von Grund auf
Montaigne weiter – sollte die himmlische eine Epidemie weiter. Zu den Ursachen böse, also eine Ausgeburt der Hölle sein,
Lehre des milden Jesus doch zur Näch- dieses christlichen Haders zog Montaigne gegen die alle, auch die härtesten Zwangs-
sten-, ja sogar zur Feindesliebe erziehen. das herbe Fazit: Wer eine Armee aus auf- maßnahmen gerechtfertigt waren – das
„Stattdessen hegt, pflegt und stärkt die rechten Streitern für den wahren Glau- sahen ab 1530 alle religiösen Kirchenfüh-
Religion die Laster.“ ben oder anderen lauteren Motiven zu- rer und Ideengeber so.
Was war falsch gelaufen? Montaigne sammenstellen wollte, würde nicht ein- Huldrych Zwingli in Zürich rechtfer-
hatte eine bis heute überzeugende Erklä- mal ein Fähnlein, die kleinste militärische tigte die Verfolgung und Ertränkung der
rung parat: Die Botschaft des Evangeli- Einheit, zusammenbringen. Täufer als Staatsverbrecher, weil sie
ums wurde in den Händen der Menschen Mit anderen Worten: Religionskriege durch die Verweigerung von Eid und Mi-
verunreinigt. Religionen – so eine weitere im eigentlichen Wortsinn gibt es gar litärdienst die öffentliche Ordnung unter-
Erkenntnis des Querdenkers – gehören nicht; die Religion ist nur die Oberfläche, gruben.
zur psychischen und kulturellen Grund- in der Tiefe entspringen solche Konflikte Jean Calvin in Genf zwang seine Geg-
ausstattung des Menschen. Je nach Ge- aus Machtgier, Lust an der Grausamkeit ner zu demütigender öffentlicher Abbitte
gend und Landsmannschaft wird man in und Hass in allen Variationen. im Büßerhemd, um sie bei Rückfälligkeit
den einen oder anderen Glauben hinein- Belege dafür gab es in den „Glaubens- mit theologischen Gutachten dem „welt-
geboren; Religion ist also ein wesent- kriegen“ des 16. und 17. Jahrhunderts lichen Arm“, also der staatlichen Ge-
licher Bestandteil individueller und kol- überreichlich – Fürsten und Generäle, die richtsbarkeit und damit dem Schafott zu
lektiver Identität. Damit eignet sie sich je nach Opportunität die Seiten und überantworten.
bestens zur Erzeugung von Feindbildern: manchmal sogar den Glauben wechsel- Besonders grauenhaft vollzog sich
Der Andersgläubige wird zum Monstrum, ten, Dörfer, Nachbarschaften, Familien, 1553 die Verbrennung des spanischen
zum Unmenschen. die sich im Namen der religiösen Wahr- Arztes Miguel Servet, der sich die Ge-
Bis heute empfängt der Papst hohe heit buchstäblich zerfleischten. Die Über- dankenfreiheit genommen hatte, die
Staatsgäste in der Vatikanischen Sala zeugung, im Namen Gottes zu töten, mit christliche Trinität zu leugnen und einen
Regia. Dort hat Giorgio Vasari 1573 ein Bluttaten ein gutes, heilswirksames Werk einzigen, unteilbaren Gott an deren Stel-
Fresken-Triptychon gemalt, das diesen zu verrichten, setzt die niedrigsten In- le zu setzen. Und natürlich loderten auch
Prozess der Entmenschlichung veran- stinkte des Menschen frei – diese Diagno- in Rom, wo 1542 eine neue Zentralinqui-
schaulicht. Im ersten Bild wird der Calvi- se Montaignes gilt bis heute, wobei man sition eingerichtet wurde, die Scheiter-
nistenführer Coligny durch einen Schuss haufen der „Uneinsichtigen“. Seit Mitte
aus heiterem Himmel an der Hand ver- Animation: Der Reformator des 16. Jahrhunderts wurde es also für
wundet; das ist eine letzte Warnung, Martin Luther Europäerinnen und Europäer fast überall
zum wahren, römisch-katholischen Glau- spiegel.de/sg062017luther – Zonen der Duldung wie Polen ausge-
ben überzutreten. Da er sie in den Wind oder in der App DER SPIEGEL nommen – lebensgefährlich, einen von

94 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
In der „Sala Regia“ im Vatikan malte Giorgio Vasari 1572 drei Szenen mit den Ereignissen rund um die Bartholomäusnacht in Frankreich, bei der viele
Tausend Hugenotten umgebracht wurden. Das Gemälde zeigt das Massaker (M.), das vorhergehende Attentat auf den Protestanten Coligny (l.) und das
Zusammentreffen des Parlaments vor dem König nach den Ereignissen (r.). Der Vatikan bekräftigte damit seinen Herrschaftsanspruch.

der jeweiligen Staatsreligion abweichen- vorschreiben ließen, und derjenigen, die vorhanden waren, während Zwingli und
den Glauben zu bekennen. das Verbindende stärker betonten – vor Calvin dieses Sakrament rein symbolisch
Das Zeitalter der streitenden Konfes- allem in Montaignes Frankreich, wo die beziehungsweise spirituell auslegten und
sionen, die sich alle verteufelten, war an- Spaltung der Kirchen und Konfessionen die katholische Kirche mit ihrer Lehre
gebrochen. „Konfession“ heißt eigentlich die politische Einheit des Landes akut der Transsubstantiation eine Verwand-
Bekenntnis, und zu immer präziser kodi- bedrohte. Für diese – bezeichnender- lung der Substanz während der Eucharis-
fizierten Rechtgläubigkeitskatalogen wa- weise „politiques“, Politiker, genannten tie bei unveränderter Form festlegte. Dar-
ren die „Das musst du glauben“-Kate- – „Versöhner“ waren die theologischen über hinaus lehrten die Reformatoren,
chismen der Kirchen bereits angeschwol- Differenzen eher nebensächlich. dass jeder Mensch vor seiner Geburt zu
len. Das Trennende war damit wichtiger Gewiss, Luther lehrte die Realpräsenz, Heil oder Verdammnis vorherbestimmt
geworden als das Gemeinsame. wonach Fleisch und Blut in Brot und sei, während Rom an einer Basisfreiheit
Weiterhin allerdings hielt sich die klei- Wein des Abendmahls auf geheimnisvolle des Willens und der individuellen Ent-
ne Minderheit derjenigen, die sich nichts Weise tatsächlich, doch ohne Wandlung, scheidung festhielt. Aber waren das nicht

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 95
Von Reformern und Missionaren Glaubenskriege

Spitzfindigkeiten, die kaum jemand ver- gleich geschaffen. Nach dem Prinzip reich von 1562 bis 1598, worum es in sol-
stand, und damit unwichtig gegenüber „cuius regio, eius religio“ (frei übersetzt: chen Konflikten wirklich ging: Ganz im
dem gemeinsamen Glauben an Christus? Wer das Land regiert, dessen Konfession Sinne Montaignes verquickte sich die re-
Sechs Jahre nach Montaignes Tod, im gilt) bestimmten die Fürsten der zahlrei- ligiöse Spaltung mit einer Vielzahl welt-
Frühjahr 1598, erließ König Heinrich IV., chen Einzelterritorien die Glaubensrich- licher Handlungsmotive und Antriebe.
der als Calvinist geboren worden war, tung. Wer nicht mitmachte, musste aus- In Böhmen, wo der Krieg 1618 aus-
1572 zwangsweise katholisch wurde, bald wandern. In der Eidgenossenschaft wa- brach, pochte der großteils reformierte
danach zum angestammten reformierten ren katholische und reformierte Kantone Adel auf ein Dekret, das ihm Religions-
Glauben zurückkehrte, um 1593/95 aus zu einem Minimalkonsens verdammt, da freiheit zusicherte, und versuchte so, die
reiner Staatsklugheit wieder das katholi- sie gemeinsame Eroberungen mit rotie- Geschicke des Landes zu bestimmen: ge-
sche Bekenntnis der großen Mehrheit sei- renden Landvögten zu verwalten hatten. gen den habsburgischen König, der reka-
ner Untertanen anzunehmen, in Nantes In beiden Fällen gestaltete sich die tholisieren und die Macht in seinen Hän-
ein Edikt, das die Existenz von zwei Kir- Koexistenz zweier Kirchen und Konfes- den bündeln wollte. Hier verschmolz das
chen und Konfessionen auf französi- sionen in einem politischen Rahmen alles kirchlich-religiöse Motiv also mit unver-
schem Boden tolerierte, und zwar auf andere als störungsfrei. In der Schweiz einbaren Machtansprüchen und politi-
der Grundlage der bürgerlichen Gleich- kam es 1531, 1656 und 1712 zu drei inne- schen Vorstellungen.
berechtigung. Die Hugenotten, wie man ren Kriegen, bei denen die Glaubensfrage Das war letztlich überall so. Wie hoch
die calvinistischen Einwohner Frank- eine ausschlaggebende Rolle spielte; der jeweilige Stellenwert der Konfession
reichs nannte, durften zwar in Paris und selbst der Sonderbundskrieg von 1847 und damit des Glaubens in all diesen
am Hofe nicht organisiert auftreten, dort, zwischen liberalen und konservativen Konflikten im Einzelnen war, ist heute
wo sie Gemeinschaften gebildet hatten, Kantonen war in vieler Hinsicht noch nicht mehr sicher zu ermessen. Das Spek-
aber unbehelligt Gottesdienste abhalten. vom Gegensatz der Kirchen und Konfes- trum reicht von tatsächlichen „Glaubens-
Lange hat dieses Experiment jedoch sionen bestimmt. tätern“ bis zu reinen Zynikern und Op-
nicht funktioniert. Im Oktober 1685 hob In Deutschland zeigte schon das hun- portunisten, wobei die Mehrheit in der
Ludwig XIV. die Bestimmungen seines dertjährige Reformationsjubiläum 1617, Mitte liegen dürfte: Eigeninteresse und
Großvaters auf, woraufhin Hunderttau- wie aufgeheizt das konfessionell-politi- Glauben gingen eine nützliche Union ein
sende der Zwangskonversion durch Aus- sche Klima und wie aufgepeitscht die – die Faustformel bis heute.
wanderung entgingen; wer blieb, war de Emotionen breiter Kreise waren; dass im Am Ende des Dreißigjährigen Krieges
facto rechtlos, und zwar bis kurz vor der Jahr darauf ein Krieg ausbrach, der sich standen Friedensschlüsse, die eine Neu-
Französischen Revolution. mit seinen Fortsetzungen dreißig Jahre auflage eines solchen Flächenbrands ver-
Im Heiligen Römischen Reich Deut- hinziehen sollte, überraschte daher nie- hindern sollten. Und in der Tat: Größere
scher Nation hatte der Augsburger Reli- manden. Dieser Dreißigjährige Krieg „Religionskriege“ hat es danach nicht
gionsfriede von 1555 einen prekären Aus- zeigte wie die „Religionskriege“ in Frank- mehr gegeben. Als König Friedrich II. in

1517 1555 ab 1600 1611

Christentum
1500 bis heute
Europäische Kolonien in
Übersee – Südostasien,
Konfessionen und Amerika, Afrika – tragen zur
Glaubenswandel seit dem Mit seinen 95 Thesen löst Im Augsburger Religions- weltweiten Verbreitung des Mit ihrem „amtlichen“ Text
Anbruch der Neuzeit Martin Luther die Refor- frieden einigen sich die Lan- Christentums bei. wird die King-James-Bibel
mation aus, die zur dauer- desherren auf gegenseitige zum Grundbuch des Eng-
haften Kirchenspaltung in Duldung ihrer konfessionel- lischen – wie zuvor Luthers
Europa führt. len Rechte. Übersetzung fürs Deutsche.

1519 bis 1556 1558 bis 1603 1618 bis 1648 um 1700

Unter dem
Regiment
von Königin
Elisabeth I.
Weltgeschichte erlebt Eng-
1500 bis heute land mit Wil-
liam Shakes-
peare und
Wichtige Rahmenbedingun- Der römisch-deutsche Herr- Francis Bacon eine intellek- Im Dreißigjährigen Krieg Kirchenskepsis und Ver-
gen und politisch-kulturelle scher Karl V. versucht, tuelle Blütezeit. verbinden sich Konfessions- nunft-Vertrauen stehen am
Schlüsselgestalten Habsburgs weltumspannen- gegensätze und macht- Anfang der Aufklärung,
de Macht auch gegen die politisches Kalkül zu einem die bald alle Bereiche des
Reformation zu behaupten. langen Zermürbungskampf. geistigen Lebens erfasst.

96 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Preußen 1740 Schlesien ohne gültigen geliums in die Welt hinaustrug, konnte Die Versklavung im Namen von Glau-
Rechtsanspruch überfiel, rechtfertigte er nach den Maßstäben der Zeit den An- ben und Zivilisation ließ denn auch nicht
sich mit religiösen Motiven, doch das spruch vertreten, die wahre Kirche zu lange auf sich warten. Die Einwohner der
nahm dem Vertreter der nackten Staats- sein. Auf diesem Gebiet hatte die katho- eroberten Gebiete wurden unter das Joch
räson niemand mehr ab. Um dieselbe lische Kirche uneinholbare Startvorteile: einer unmenschlichen Zwangsarbeit ge-
Zeit kämpften die Vordenker der Aufklä- Die Monarchen Spaniens und Portugals, drückt, vor allem in den großen Silber-
rung wie Voltaire mit allen Mitteln der die den Wettlauf in die ab 1492 neu ent- bergwerken wie Potosí im heutigen Boli-
Publizistik, der Ratio, des Spotts und der deckten Weltteile mit päpstlicher Schieds- vien. Doch dieses System von Zwangs-
Anklage für eine Zurückdrängung der gerichtsbarkeit unter sich ausmachten, katholisierung und Ausbeutung blieb
Religion in die Privatsphäre. waren und blieben „altgläubig“; größere nicht unwidersprochen.
Dieser Prozess ist bis heute nicht völlig Betätigungsfelder boten sich lutherischen Schon Montaigne, der sich nach außen
abgeschlossen, aber unter dem Strich und calvinistischen Missionaren erst im als guter Katholik gerierte, aber nicht
doch erfolgreich: Die Frage, welcher Re- 17. Jahrhundert, als England und die mehr als Christ dachte und fühlte, war
ligion man anhängen soll, ja ob über- Niederlande zu Kolonialmächten in der Meinung, dass die Kultur der neu ent-
haupt einer, ist dank der Aufklärung in Nordamerika und Asien aufstiegen. deckten Völker die menschlichere und
Europa inzwischen weitgehend indivi- Für die spanischen Konquistadoren, freiere sei; außerdem fand er es weniger
duelle Gewissens- und Überzeugungs- die nach Kolumbus Mittel- und Südame- schlimm, im Krieg gefallene Feinde auf-
sache – wahrscheinlich die größte Errun- rika eroberten, war die Missionierung zuessen, als Menschen wegen ihres Glau-
genschaft der europäischen Geschichte. der „Ungläubigen“ die alles entscheiden- bens zu verbrennen.
Der Kampf zwischen den Konfessio- de Rechtfertigung: Völker, die Götzen an- Ebenso radikale Ansichten trug der
nen tobte jahrhundertelang auf allen Ebe- beteten, diesen Menschenopfer darbrach- spanische Dominikanermönch und spä-
nen, auch unter Historikern. Sie sollten ten und Menschenfleisch verzehrten, tere Bischof von Chiapas, Bartolomé de
mit den „richtigen“ Quellen und Schluss- musste man notfalls mit Gewalt bekeh- Las Casas, vor. In jüngeren Jahren hatte
folgerungen beweisen, dass „ihre“ Kirche ren und auch politisch einer heilsamen er selbst vom „encomienda-System“, der
die einzige legitime Nachfolgerin der Ur- Vormundschaft unterwerfen – so die vor- Zwangsarbeit der Unterworfenen, profi-
christen war, während die anderen von herrschende Ideologie. Manche spani- tiert, das er nach seiner Bekehrung wie
dieser Wahrheit abgefallen waren. Dieses schen Gelehrten, wie der berühmte Hu- kein anderer anklagte. Ja, die ganze spa-
Bestreben ist auch 2017 noch in vielen manist Juan Ginés de Sepúlveda, gingen nische Eroberung erschien ihm jetzt ille-
Biografien Luthers und Darstellungen der sogar noch einen Schritt weiter und er- gitim; rechtmäßig wäre sie nur, wenn alle
Reformationszeit zu spüren. klärten die Indianer im Sinne des Aristo- Ureinwohner der spanischen Machtüber-
Heftig um die evangelische Wahrheit teles zu geborenen Sklaven und damit nahme ausnahmslos ihre Zustimmung er-
gerungen wurde seinerzeit auch in der für alle Zeit unfähig zu selbstverantwort- teilten, doch davon konnte angesichts der
Mission. Nur wer die Botschaft des Evan- licher Lebensführung oder gar Regierung. Brutalität der Eroberer keine Rede sein.

1694 bis 1778 1801 1870 1948 seit 1953

Frankreichs Konkordat mit In Amsterdam wird der Öku-


dem Vatikan bestätigt die menische Rat der Kirchen
Säkularisierung kirchlicher gegründet, in dem heute
Mit seiner wortmächtigen Einrichtungen, vor allem vie- Im Dogma von der Unfehl- knapp 350 christliche Be- Seit den Missionstourneen
Kirchenkritik gibt der franzö- ler Stiftungen und Klöster. barkeit des Papstes in Lehr- kenntnisse vertreten sind. des US-Predigers Billy Gra-
sische Publizist und Großin- sätzen bekräftigt der Katho- ham finden evangelikale
tellektuelle Voltaire seinem lizismus seinen geistlichen Gemeinden auch in Europa
Zeitalter die Tonlage vor. Hoheitsanspruch. größeren Zuspruch.

1789 1796 bis 1815 1871 1918 bis 1945 seit 1970

Die Französische Revolu- Mit seinen Feldzügen stürzt Zäh und zielstrebig gelingt Die beiden Weltkriege mit Umweltprobleme, schwin-
tion richtet sich nicht nur Napoleon Europa in Aufruhr. es Otto von Bismarck, Preu- vielen Millionen Toten und dende Energiereserven und
gegen Adel und Monarchie, Den Befreiungskriegen folgt ßens König zum Regenten Ermordeten werden zum die zunehmende Digitali-
sie weckt auch Hoffnungen eine Phase der politischen des neuen Deutschen Schock für die Menschheit sierung sind die Heraus-
auf eine Vernunftreligion. Restauration. Kaiserreichs auszurufen. und mahnen zum Frieden. forderungen der Epoche.

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 97
Von Reformern und Missionaren Glaubenskriege

allen Bewohnern waren feste Tätigkeiten


zugewiesen, deren Ausführung über-
wacht wurde. Gesetzgebung und Justiz
waren viel milder als zur selben Zeit in
Europa. So gab es keine Todesstrafe (die
in Europa erstmals 1786 in der Toskana
abgeschafft wurde); und während Ehe-
brecher in Genf ab 1560 auf dem Schafott
endeten, wurde dasselbe „Vergehen“ im
jesuitischen Paraguay mit 15 Tagen Haft
und einer Tracht Prügel bestraft.
Der Schutz, den die Indianer in diesen
sogenannten Jesuitenreduktionen vor Ab-
gaben an die spanische Krone genossen,
war stets ein Ärgernis der spanischen
Siedler und speziell der Sklavenjäger. Ge-
gen sie konnten sich die Guaraní unter
der Führung der Jesuiten lange Zeit er-
folgreich mit militärischen Mitteln weh-
Auch der Hugenotte François Dubois malte die Ereignisse der Bartholomäusnacht, der er selbst ren. Der Untergang war jedoch besiegelt,
entkommen war – hier wird das Bild zur Anklage an die Katholiken: Der Louvre im Hintergrund öffnet als die Siedlungen im 18. Jahrhundert den
seine Pforten, daraus dringen mörderische Massen ins Land (um 1573). Schutz der Krone verloren und der Jesu-
itenorden in eine Krise geriet, die 1773
zu seiner Aufhebung führte. Aus heutiger
Auch der angebliche Rechtstitel der vung ist also illegal, und ihre Bekehrung Sicht hatten es die Jesuiten zudem ver-
Missionierung wurde in Las Casas’ Schrif- hat friedlich zu erfolgen. säumt, ihre einheimischen Schützlinge zu
ten zu einer Waffe gegen Spanien. Die An den tatsächlich herrschenden Ver- Mündigkeit und Selbstverantwortung zu
Bekehrung der Indianer hätte seiner An- hältnissen änderte sich dennoch ziemlich erziehen. Außer Frage aber steht, dass
sicht nach ausschließlich mit friedlichen wenig. Dem Ziel einer „anderen“ Mis- deren Lebensbedingungen hier um ein
Mitteln, durch unermüdliche Überzeu- sionierung kamen die Jesuiten in Para- vielfaches humaner ausfielen als im übri-
gungsarbeit und gutes Beispiel der Mis- guay vom Anfang des 17. bis zur Mitte gen spanischen Kolonialreich.
sionare, geschehen müssen; stattdessen des 18. Jahrhunderts am nächsten. Hier Die Verquickung von Kolonialismus
hatten die Europäer das Kreuz mit Feuer entstanden 30 Mustersiedlungen mit ma- und Mission war damit nicht zu Ende; sie
und Schwert ausgebreitet. ximal 140 000 Einwohnern, deren räum- setzte sich im voll entfalteten Imperia-
Für eine Bekehrung auf rein geistli- liche, soziale und wirtschaftliche Ord- lismus des 19. Jahrhunderts sogar ver-
chem Weg waren die Indianer laut Las nung einheitlich geregelt wurde. So schar- stärkt fort. Auch der Streit der Konfes-
Casas durch natürliche Anlagen wie Mil- ten sich auf drei Seiten die Behausungen sionen kam nicht so bald zum Abschluss;
de und Sanftmut geradezu prädestiniert. der Guaraní-Indianer um einen Platz mit noch nach der Mitte des 18. Jahrhunderts
Auch ihr Glaube wies seiner Ansicht dem Standbild des Ortsheiligen; geschlos- wurden unter der habsburgischen Erb-
nach alle Merkmale eines guten Strebens sen wurde das Ortsbild von Kirche, Vor- herrscherin Maria Theresia Protestanten
auf, selbst wenn er sich in irrtümlichen rats- und Werkstätten. als Irrgläubige des Landes verwiesen. Da-
Formen manifestierte: Mit ihrem natür- Das Gemeinschaftsleben, das sich dar- nach setzte sich Toleranz für Angehörige
lichen Drang, den Weltenschöpfer zu ver- in entfaltete, ähnelte mit manchen Zügen anderer christlicher Konfessionen in den
ehren, tendierten sie bereits von selbst den Utopien eines Thomas Morus oder meisten europäischen Staaten mehr oder
in Richtung des Christentums, das sich Tommaso Campanella, ohne von diesen weniger konsequent durch; nur die Ju-
diese Regungen zunutze machen konnte. beeinflusst zu sein: So war der größte den, die am stärksten diskriminierte Min-
Stattdessen diskreditierten die Missionare Teil des Ackerlandes und Viehs Gemein- derheit überhaupt, mussten in der Regel
als Agenten der Großgrundbesitzer die besitz; Privateigentum war nicht verbo- sehr viel länger auf die volle rechtliche
christliche Religion von Grund auf – dass ten, aber reduziert, die Versorgung mit Gleichstellung und Emanzipation warten.
sich die zu Bekehrenden einer solchen lebensnotwendigen Gütern wurde daher Im „Luther-Gedächtnisjahr“ 2017 schei-
Konversion widersetzten, war verständ- von der Administration garantiert. An ih- nen die christlichen Konfessionen stärker
lich und voll und ganz gerechtfertigt. rer Spitze standen selbstverständlich die aufeinander zuzugehen als je zuvor. Das
Las Casas durfte seine Kritik 1550/51 Jesuiten, doch wurden nachgeordnete ist fraglos zu begrüßen, doch sollte im
in Valladolid auf einer öffentlichen Dis- Ämter bewusst an Ureinwohner verge- Zeichen dieser Annäherung nicht in Ver-
putation verteidigen. Er hatte Erfolg. Sei- ben. Die Patres strebten keine klassenlo- gessenheit geraten, dass die Vergangen-
ne Argumente fanden sogar Widerhall in se oder gar kommunistische Gesellschaft, heit ganz anders war. 
königlichen Gesetzen. Schon 1537 hatte sondern im Gegenteil die Herausbildung
sich Papst Paul III. in seiner Bulle „Sub- einer einheimischen Elite an, die aller-
limis Deus“ ähnliche Positionen zu eigen dings unter der Vormundschaft der euro- Der Historiker Volker Reinhardt ist Profes-
gemacht: Die Indianer sind Menschen päischen Ordenselite zu agieren hatte. sor an der Universität Fribourg. 2017 erschien
mit allen Menschenrechten, einschließ- Auf diese Weise wurde eine streng dis- sein Buch „Pontifex. Die Geschichte der Päpste“
lich Freiheit und Eigentum, ihre Verskla- ziplinierte Lebensordnung eingehalten; (C. H. Beck Verlag).

98 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17
Dokument

Wie frei ist der Mensch?


M a r t i n L u t h e r s a h d a s Ve r h ä l t n i s z w i s c h e n M e n s c h u n d G o t t
anders als Rom – und löste damit die Reformation aus.
Im Streit mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam schär fte
er seine Position.

L ange hatte sich Desiderius Erasmus von Rotterdam, Luther antwortete dem auf Vermittlung zielenden Ge-
der berühmte humanistische Gelehrte, gegen Mar- lehrten denkbar hart. Seine Schrift „De servo arbitrio“
tin Luther zurückgehalten. Doch 1524, sieben Jahre („Über den unfreien Willen“), Ende 1525 veröffentlicht,
nach den ersten aufsehenerregenden Thesen des ehe- dreht den Titel des Erasmus ins Gegenteil. Kompromisslos
maligen Mönchs aus Wittenberg, stellte er den Refor- stellt Luther die reformatorische Lehre klar, dass der sün-
mator zur Rede. In einer langen, mit Bibelzitaten ge- dige Mensch Gottes Gnade wie auch seinen Ratschluss
pfefferten Abhandlung „Über den freien Willen“ verfocht auf keine Weise beeinflussen könne – Gottes Gerechtig-
er die Wahlfreiheit des Men- keit stehe nun einmal unbe-
schen – was sollten die Mah- greiflich höher.
nungen der Heiligen Schrift, „Darum muss man bis zum
wenn ohnehin alles vorherbe- Äußersten gehen, sodass der
stimmt sei? ganze freie Wille bestritten und
„Worauf beziehen sich die alles auf Gott zurückgeführt
zahlreichen Lobpreisungen der wird. Dann werden die Schrift-
Heiligen … wenn unser Eifer aussagen einander nicht wider-
nicht verdienstlich ist? Was soll streiten, und die Unannehmlich-
der überall gelobte Gehorsam, keiten, wenn sie nicht aufgeho-
wenn wir für Gott zu den guten ben werden, werden zu tragen
und in gleicher Weise zu den sein …
bösen Werken nur ein solches Nimm mir dreierlei Licht an,
Werkzeug sind, wie die Axt für das Licht der Natur, das Licht
den Zimmermann? Aber ein sol- der Gnade und das Licht der
ches Werkzeug sind wir alle, Herrlichkeit, wie es eine ver-
wenn … wahr ist, dass alles so- breitete und gute Unterschei-
wohl vor als auch nach Emp- dung tut. Im Licht der Natur ist
fang der Gnade, Gutes in glei- es unlösbar, dass das gerecht
cher Weise wie Böses, und auch ist, dass der Gute heimgesucht
was dazwischenliegt, aus reiner wird und dass es dem Bösen
Notwendigkeit geschieht, eine wohlgeht. Doch dies löst das
Meinung, die Luther billigt … Licht der Gnade. Im Licht der
Diejenigen übrigens, die leug- Gnade ist es unlösbar, wie Gott
nen, dass es überhaupt einen den verdammen kann, der aus
freien Willen gebe, sondern be- seinen eigenen Kräften nichts
haupten, alles geschehe aus ab- anderes tun kann, als sündigen
Luthers Schrift „Über den unfreien Willen“
soluter Notwendigkeit, beken- erschien 1525 als Antwort an Erasmus. und schuldig werden. Hier sa-
nen, dass Gott in allen nicht nur gen sowohl das Licht der Natur
die guten Werke wirke, sondern auch die bösen, woraus zu wie das Licht der Gnade, dass die Schuld nicht des armen
folgen scheint, dass, wie der Mensch in keiner Hinsicht der Menschen, sondern des ungerechten Gottes sei. Denn sie
Urheber guter Werke genannt werden kann, er auch in keiner können nicht anders über Gott urteilen, der den gottlosen
Weise Urheber der bösen genannt werden kann. … Menschen umsonst ohne Verdienste krönt und einen ande-
Nachdem sie den freien Willen abgetan haben, lehren ren nicht krönt, sondern verdammt, der vielleicht weniger
sie, dass der Mensch dann vom Geist Christi getrieben oder wenigstens nicht mehr gottlos ist. Aber das Licht der
werde, dessen Natur keine Gemeinschaft mit der Sünde Herrlichkeit redet anders und wird alsdann zeigen, dass
duldet. Und doch sagen dieselben Leute, dass der Mensch Gott, dessen Gericht bisher eine unbegreifliche Gerechtig-
auch nach Empfang der Gnade nichts anderes tue als zu keit innewohnt, die gerechteste und offenkundigste Gerech-
sündigen.“ tigkeit zugehört.“ Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 99
Von Reformern und Missionaren Christliche Mystik

In den Wirren nach der Reformation fand Teresa von Ávila eine neue Innerlichkeit des
Glaubens. Die Spiritualität ihres Reformordens entwickelte eine enorme Anziehungskraft.

Zuflucht der Seele

Von Alexandra Gittermann

D
ie Nonnen erreichten ihr Ziel und Almosen gegründet. Teresa düpierte kurz zuvor sogar der Erzbischof von
mitten in der Nacht – und das mit ihren Plänen aber auch alle, deren Toledo unter dem Verdacht des Luthera-
auch noch, als man gerade die unverheiratete Töchter zwar als Nonnen nismus verhaftet worden war.
Stiere für die Corrida des näch- lebten, aber aufgrund großzügiger Zu- Es gehörte zu den vielen Talenten der
sten Tages durch die Straßen trieb. wendungen ihrer Familien auf keine kleinen und unwürdigen Frau, als die sich
Jemand erzählte später: Die Gruppe, Annehmlichkeit, noch nicht einmal auf Teresa zeitlebens stilisierte, sich mit den
die sich um eine Uhrzeit durch Medina den Besuch von Verehrern, verzichten richtigen Fürsprechern zu umgeben. Immer
del Campo bewegte, zu der sonst keine mussten. wieder machten diese ihr Mut, ihren Weg
ehrbaren Leute mehr auf der Straße an- So wie Teresa selbst bisher. niederzuschreiben, damit ihr
zutreffen waren, wirkte so, als habe sie Zwar hatte sie lange Jahre ver- „Da ich stilles Gebet und ihr Rückzug
gerade eine Kirche ausgeraubt. sucht, Gott näherzukommen. nach innen für sie selbst und
Nachdem sie das Haus erreicht hatten, Immer wieder hatte sie Bü-
unfähig bin, andere nachvollziehbar werde.
das ihnen fortan als Kloster dienen sollte, cher mit spirituellen Übungen Gott so zu die- Besonders eindrücklich ge-
begannen sie, es notdürftig für den ersten angefangen, doch immer wie- nen, wie ich lang ihr das mit dem Bild der
Gottesdienst herzurichten. Als sie im der hatte sie diese beiseite- „Inneren Burg“, das sie für ihre
Morgengrauen die Glocke läuteten und gelegt, weil es ihr nicht gelin-
es gern täte, Nonnen entwarf. Diese Burg
die überraschten Nachbarn herbeiström- gen wollte, sich von den welt- beschloss ich, war die eigene Seele, eine Re-
ten, wurde erst klar, was die Dunkelheit lichen Ablenkungen um sie das Wenige gion „ganz aus Diamant oder
bisher verborgen hatte: Das Gebäude, herum zu lösen. Nicht einmal sehr klarem Kristall“, ein pa-
das eine Dame ihnen überlassen hatte, eine schwere Krankheit, die
zu tun, was radiesischer Ort. Hier, so Tere-
war wenig mehr als eine Ruine. sie jahrelang ans Bett gefesselt ich konnte.“ sa, konnte der Mensch begrei-
Es sollte noch viele solcher Momente hatte – einmal wäre sie fast le- fen, dass Gott ihn nach seinem
geben, in denen Teresa de Ahumada y bendig begraben worden –, hatte daran Vorbild geschaffen hatte. Hier war die
Cepeda oder Teresa de Jesús, wie sie sich etwas geändert. mystische Union mit dem Schöpfer mög-
nun nannte, an den Umständen ihrer Mis- Dann aber, sie war schon über vier- lich. „Was wir sonst nur dem Glauben zu-
sion fast verzweifelte. Mitten in der Zeit zig, erlebte sie mystische Visionen, die schreiben“, so Teresa, könne die Seele in
der Reformation gründete sie in Spanien ihren Glauben neu entfachten. Anfangs dieser geistlichen Burg „durch eigene An-
kleine Klöster, in denen sich die Nonnen waren es bedrohliche Erscheinungen schauung verstehen“.
wieder auf die ursprünglichen Regeln eines strafenden Gottes: Teresa sah den Ins Zentrum dieser Festung gelangte
der Karmeliter verpflichteten. Gebet, Platz, der ihr in der Hölle zugedacht war. nur, wer viele Zimmer mit immer neuen
Buße und strenge Observanz sollten ihre Als sie mit aller Kraft ihre spirituellen Prüfungen und Entsagungen durchschritt.
Waffen sein im Kampf für den rechten Übungen wieder aufnahm, erschreckte Es war eine Gnade, all das erleben zu dür-
Glauben. Etwas anderes war ihnen als es sie kaum weniger, plötzlich Gottes fen, aber der Erfolg brachte auch die Ver-
Frauen verwehrt. Und schon dies ging wohlwollende Stimme in ihrem Inneren pflichtung zum Handeln mit sich: „Diese
vielen zu weit. zu hören. Was, wenn es der Teufel war, geistige Vermählung dient nur dazu, dass
Noch etliche Male würde Teresa mit- der sie in Versuchung führen wollte? aus ihr stets Werke entstehen, Werke.“
ten in der Nacht ihre neue Unterkunft Die Antwort konnten ihr nur Männer Allmählich begriff Teresa, was ihr ei-
beziehen, um Protesten zuvorzukom- geben. Nur sie verfügten über die nötige genes Werk in der Welt werden sollte.
men. Denn schon die Gründung des ers- Bildung, um Teresas Visionen bewerten Die blutigen Glaubenskriege, in denen
ten Klosters in Ávila im Jahr 1562 hatte und verteidigen zu können. Sich diesen Frankreich gerade versank, bereiteten ihr
erbitterten Widerstand hervorgerufen. Geistlichen anzuvertrauen verlangte großen Kummer: „Mir schien, ich würde
Den Oberen bereitete Sorge, dass es einiges an Entschlusskraft. Denn damals tausend Leben geben, um nur eine Seele
ohne jeglichen finanziellen Rückhalt war der Grat zwischen katholischer der vielen zu retten, die dort ins Verder-
bestehen sollte, allein auf Gottes Hilfe Orthodoxie und Häresie so schmal, dass ben stürzten. Und da ich eine unwürdige

100 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


Frau bin und unfähig, Gott so zu dienen,
wie ich es gern täte, beschloss ich, das
Wenige zu tun, was ich konnte, nämlich
den Ratschlägen der Evangelien mit aller
Vollkommenheit zu folgen, zu der ich fä-
hig war. Ich wollte dafür sorgen, dass die
Wenigen, die sich hier mit mir befanden,
das Gleiche taten, und dass alle zusam-
men im Gebet für diejenigen, die die Kir-
che verteidigen, Gott so gut helfen, wie
es uns möglich ist.“
Es war gerade dieser stille Glaube, der
in jener von Religionskriegen und bluti-
ger Unterdrückung Andersgläubiger zer-
rissenen Welt Teresas Anziehungskraft
ausmachte. Ihre Klöster waren Orte des
Rückzugs und der Kontemplation, die of-
fenbar viele mehr ansprachen als die re-
ligiösen Brandreden ihrer Zeit. Die wach-
sende Zahl an Bewunderern zeugt – bis
heute – von der Sehnsucht nach einem
inneren Glauben jenseits weltlicher Inter-
essen und Bedürfnisse. Es fiel Teresa
nicht schwer, Frauen zu finden, die bereit
waren, ihr in die Stille zu folgen, und
auch Männer taten es ihr nach.
Kaum jemand, der ihr persönlich be-
gegnete, konnte seine anfängliche Skep-
sis aufrechterhalten. Auch nicht der Or-
densgeneral in Rom, der ihr die Grün-
dung weiterer Klöster genehmigte. So
machte sich Teresa ans Werk: Sie be-
schaffte finanzielle Mittel; sie eignete sich
die nötigen Kenntnisse an, um die bei-
nahe unablässig notwendigen Renovie-
rungsarbeiten beaufsichtigen zu können.
Nicht zuletzt organisierte und begleitete
sie die beschwerlichen Reisen der Klau-
surnonnen, für die oft aufwendige Maß-
nahmen getroffen wurden, um sie vor
neugierigen Blicken abzuschirmen.
Fast 20 Jahre lang war Teresa auf diese
Weise in Kastilien unterwegs. Sie grün-
dete 17 Frauen- und zwei Männerklöster,
bis sie in einem von ihnen auf der Durch-
reise starb. Diejenigen, die dabei waren,
berichteten von so vielen wunderbaren
Erscheinungen zum Zeitpunkt ihres To-
des, dass kaum Zweifel an ihrer Heilig-
keit bleiben konnten. Zumindest die
geradezu übermenschliche Energie der
Visionärin ist nicht zu leugnen.
Noch heute wächst die Zahl an Biogra-
fien und Gesamtausgaben ihrer Werke
stetig an. Offenkundig dient diese Frau,
die so lange mit sich rang und schließlich
gegen alle Widerstände und Konventio-
nen ihrem Weg folgte, vielen weiterhin
als Leitbild – seien es Feministinnen, Kri-
In Ekstase entrückt – rund 70 Jahre nach ihrem Tod schuf Giovanni tiker des Laizismus unserer Gesellschaft
Lorenzo Bernini seine Skulptur „Die Verzückung der heiligen Teresa“ oder nicht zuletzt jene, die auf der Suche
(um 1650, Santa Maria della Vittoria, Rom). nach ihrer eigenen Spiritualität sind. I

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 101


Von Reformern und Missionaren Aufbruch nach Fernost

Dem Großreich China näherten sich westliche Missionare nicht mit Gewalt,
sondern mit Kultur und Wissenschaft. Ein Jesuit aus Köln brachte es auf diese Weise
sogar zum Berater des Kaisers.

Giftige Schlange,
schwaches Licht

Von Bettina Musall

A
nfang September des Jahres noch im Dreißigjährigen Krieg aufrieben, Mathematik, Logik, sogar Astronomie
1632 zog im Norden Chinas, in taumelte im Reich der Mitte seit 1627 die und natürlich Theologie am deutschen
Peking, der deutsche Missio- Ming-Dynastie unter einem schwachen, Jesuitenkolleg in Rom studiert. Er sprach
nar Johann Adam Schall von jungen Kaiser dem Untergang entgegen. Latein wie Deutsch; in seiner Freizeit
Bell seinen Priestermantel aus und stieg Der ehemals von Peking aus straff orga- kümmerte sich der Novize um Arme,
in ein paar Lumpen. Er schwärzte Ge- nisierte Hof- und Beamtenapparat verfiel Kranke und Gefangene.
sicht und Arme mit Ofenruß, warf sich unter der Herrschaft korrupter Eunuchen China oder Lateinamerika, damals
einen Kohlensack über die Schulter und und Offiziere. Hauptziele christlicher Mission, konnten
machte sich auf den Weg zum Kerker Seuchen und Missernten schwächten einem wissbegierigen Studenten so un-
der Stadt, wo zwei chinesische Christen die Bevölkerung, mandschurische Stäm- erreichbar wie faszinierend erscheinen.
auf die Vollstreckung ihrer Todesurteile me und Piraten bedrohten die Sicherheit Der päpstliche Auftrag, ein Volk von da-
warteten. des Landes. Bauern und Handwerker re- mals geschätzt 200 Millionen aus christ-
Der Pater wollte den Gefangenen die bellierten gegen unaufhörlich steigende licher Sicht ungläubigen Chinesen mit
Sterbesakramente bringen, was streng Steuern, es kam zu frühkolonialistischen der eigenen, für allein wahr erkannten
verboten war. Am Tor zum Gefängnis Auseinandersetzungen zwischen den Religion zu erleuchten, verlieh dem Fern-
murmelte er etwas von „Kohlen“ und Niederlanden und Portugal. weh einen Heiligenschein.
„Kommandant“, die Wächter ließen ihn Kaum vorstellbar, dass in derart unsi- „Guter Jesus“ hieß das Schiff mit vier
passieren, und der vermeintliche Kohlen- cheren Zeiten ein Grüppchen Jesuiten Decks, das 1618 von Lissabon aus Rich-
händler gelangte in die lichtlose Zelle zu unbeirrbar daran arbeitete, möglichst vie- tung Orient in See stach. An Bord waren
seinen Glaubensbrüdern. Anderthalb le Chinesen katholisch zu taufen. 22 für China bestimmte Glaubensbot-
Tage beteten sie mit ihrem Beichtvater, Welchen Einfluss die Missionare in schafter, zu denen noch nicht vorgedrun-
in Gesellschaft von Ungeziefer und Rat- China zeitweise ausübten und auf wel- gen war, dass der amtierende Kaiser ein
ten, dann verließ er die Todgeweihten. che Widerstände sie stießen, zeigt das Jahr zuvor befohlen hatte, katholische
Die Sträflinge wurden enthauptet. filmreife Leben und Wirken des Pater Missionare aus dem Land zu verbannen.
Tollkühn war es, was der deutsche Pa- Schall, der als Sohn des rheinischen Fast vier Jahre saßen sie am portugiesi-
ter da wagte – inmitten einer chaotischen Adelsgeschlechts von Schall zu Bell 1592 schen Stützpunkt Macau fest. Als die
Welt. Die politische und wirtschaftliche zur Welt gekommen und in Köln aufge- christenfeindliche Stimmung allmählich
Lage in China war um die Mitte des wachsen war. abflaute, erreichte Bruder Schall mit ei-
17. Jahrhunderts instabil. Während sich Als 15-Jähriger hatte der junge Adlige nigen Getreuen 1623 fast fünf Jahre nach
Protestanten und Katholiken in Europa beschlossen, Priester zu werden, hatte seiner Abreise die Hauptstadt Peking.

102 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


Den christlichen Kurieren kam zu-
gute, dass Kaiser, Hofbeamte und Volk
die wissenschaftlichen und technischen
Kenntnisse der Jesuiten gut gebrauchen
konnten. Der Herrscher auf dem Dra-
chenthron war unzufrieden mit seinen
Astronomen, die weder einen korrekten
Kalender zustande brachten, noch Son-
nen- oder Mondfinsternisse zutreffend
vorhersagen konnten. Die Landwirt-
schaft brauchte Dämme, Neuland musste
gewonnen, Anbaumethoden sollten ver-
bessert werden. Selbst das Kriegsminis-
terium verlangte nach dem Sachver-
stand der Europäer – Reiterheere
der Mandschu bedrohten die
Ming-Dynastie.
„Wir sind Männer Gottes, kei-
ne Kanoniere des Kaisers“,
konterten die Patres. Dennoch
erhielten sie unter dem Vor-
wand, Wehrexperten zu sein,
ihre Aufenthaltsbewilligung.
Pater Schall, bald schon
Tang (Adam) Ruowang (Jo-
hann) genannt, studierte zu-
nächst gründlich Chinesisch.
Entsprechend langsam verlief
die Missionstätigkeit: Gerade
mal 127 neue Schäfchen konn-
ten in vier Jahren hinzugewon-
nen werden.
„Geistige Begabung gut, Urteilsver-
mögen gut, diplomatisches Geschick
mittelmäßig, Erfahrung begrenzt“,
mäkelten Schalls Vorgesetzte, der
Mann sei „noch nicht für den Posten
eines Superiors geeignet“.
Seine einfühlsame und zugleich
raffinierte Vorgehensweise, sich zu-
erst die fremde Kultur und Sprache
zu erarbeiten, um sich die Gastge-
ber gewogen zu machen, beein-
druckt noch heute. Schall folgte
mit seiner respektvollen Annähe-
rung an das Fremde dem Beispiel
des Matteo Ricci, des eigentlichen
Begründers der neuzeitlichen
China-Mission.
Als erster Europäer der Neu-
zeit hatte der Italiener 1583 die
Der Jesuit Johann Adam Schall von Bell
passte sich für seine Mission der
kaiserliche Erlaubnis erhalten,
chinesischen Kultur an – seinerzeit war sich in China aufzuhalten. Er
das noch sehr umstritten. Einflussreich hielt es für klug, in der chine-
wurde er durch neue astronomische sischen Hochkultur erst „die
Berechnungen (Holzstich, 1897).
gebildeten Klassen durch
Vermittlung der westlichen
Wissenschaft und weitgehendes
Eingehen auf die vorgefundenen
Werte“ zu umwerben, so sein Bio-
graf, der Schweizer Jesuit Paul
Oberholzer.

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 103


Von Reformern und Missionaren Aufbruch nach Fernost

Diese sogenannte Akkomodationsme- nicht ungefährlich, mehrfach musste er


thode setzt auf kulturelle Anpassung, um seine Jesuiten-Niederlassung gegen An-
im Wege eines intellektuellen Austauschs griffe verteidigen. Einmal griff der Haus-
die eigene Glaubenslehre einzuschleusen. herr persönlich ein Samuraischwert, um
Ricci schrieb über 20 naturwissen- Banditen in die Flucht zu schlagen: „Der
schaftliche Bücher in chinesischer Spra- Bart“ – er meinte seinen eigenen – „hätte
che, führte Neuheiten ein wie Prismen für die ganze Meute gereicht“, notierte
aus Muranoglas, europäische Malerei und der Priester kokett.
Holzschnitte; er fand Freunde und Unter- Dennoch machte der Rheinländer sich
stützer in höchsten Kreisen. Sogar das selbst und seinen Orden trotz wechseln-
Wohlwollen des Kaisers, dem er mecha- der Machtverhältnisse unentbehrlich für
nische Uhren schenkte, gewann der Ita- Kaiser und Reich. Dabei half dem Or-
liener, und präsentierte um 1602 die erste densmann ein Teenager.
Weltkarte im Stil europäischer Karten, Noch nicht ganz 13 Jahre alt war der
auf der das Reich der Mitte – den Erwar- zur Mandschu-geführten Qing-Dynastie
tungen seiner Auftraggeber gemäß – gehörende Shunzhi, als er 1651 den Dra-
eben dort lag: in der Mitte der Welt. chenthron bestieg. Der frühreife Knabe
Effektiv verlief der frühe internatio- verhielt sich nach Auskunft von Chronis-
nale Kultur- und Wissenstransfer, weil ten wie die meisten Pubertierenden. Sein
beide Seiten davon profitierten. Hinter Sport, die Jagd, war ihm das Wichtigste,
sichtbaren Erfolgen, wie der Reform der am liebsten lebte er in den Tag hinein.
chinesischen Landwirtschaft, blieben die Er war reizbar, eigensinnig und tes-
geistlichen Erträge allerdings zurück. tosterongesteuert.
1585, kurz nach Riccis Ankunft, lebten Unumschränkt beherrschte
in ganz China insgesamt 18 Christen, bei dieser Junge ein riesiges Reich.
seinem Tod 25 Jahre später waren es ge- Durch Hören auf die falschen
rade mal 2500 – etwa 0,001 Prozent der Berater hätte er beträchtliches
Gesamtbevölkerung. Unheil anrichten können.
Insbesondere gelang den Missionaren Aber Shunzhi wählte sich
nicht, was sie sich vorgenommen hatten: Adam Schall als Lehrer und
möglichst viele Mitglieder der oberen Mentor in allen Fragen des
Zehntausend vom christlichen Glauben Lebens und der Politik.
zu überzeugen. Umfassend gebildete Je- Mafa nannte er ihn,
suiten wie Ricci wussten, warum in China was auf Mandschu-
eine Konversion breiter Bevölkerungs- risch „Großvater“
schichten allenfalls von oben gelingen heißt. Zu jeder Tages-
konnte: Wer hier Christus predigen woll- und Nachtzeit hatte Mafa
te, kam an Konfuzius nicht vorbei. Zutritt zum Kaiser. Er brauchte nicht wie
Da Schöpfergott und Dreifaltigkeit die anderen den Kotau zu machen, also
für die europäischen Glaubensboten dreimal niederzuknien und neunmal mit
unverhandelbar waren, bemühte sich der Stirn die Erde zu berühren.
der sendungsbewusste Italiener, ei- Mafa erwirkte Geld für Arme, die
nen Urkonfuzianismus freizulegen, Winterkleidung für die Mitarbeiter sei-
dessen Grundregeln – wie Näch- ner Sternwarte und die Renovierung
stenliebe, Aufrichtigkeit, Respekt des Missionshauses. Er verhinderte,
für Eltern und Vorfahren – dass sich der jugendliche Herrscher mit
durchaus mit dem Christentum marodierenden Banden schlug, bat um
vereinbar waren. Da er den Gnade für willkürlich Verurteilte, er-
Konfuzianismus nicht als Reli- reichte Straferlasse.
gion, sondern als Weltanschauung Der Pater durfte Wahrheiten ausspre-
ansah, war es nach Riccis Verständ- chen, die jeden anderen den Kopf gekos-
nis möglich, Konfuzianer zu sein tet hätten. Als der Kaiser ihn einmal frag-
und Christ zu werden, eine Auf- te, warum so viele Beamte ihre Pflichten
fassung, die aber offenbar wenig vernachlässigten, antwortete der schlag-
Gehör fand. fertige Kölner: „Sie richten sich nach Eu-
Riccis Nachfolger Schall schreckte des- rer Majestät.“ Der Herrscher errötete,
halb auch vor unkonventionellen Maß- nahm es aber nicht übel.
nahmen nicht zurück, wenn es darum Quasi beiläufig erzog der mittlerweile
ging, die euro-asiatische Kooperation aus- 59-jährige Missionar den unerfahrenen
zuweiten. In den Wirren am Übergang Der flämische Jesuit Ferdinand Verbiest
Monarchen, der sogar zu seinem väter-
zwischen den Herrscherdynastien der wurde Schalls Nachfolger im kaiserlichen lichen Freund nach Hause kam und mit
Ming und der Qing war seine Mission Kalenderamt (Holzstich, 1897). ihm über Gott und die Welt sprach. Der

104 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


Kaiser ließ sich den christlichen Gottes- ger im Astronomischen Amt, er werde
begriff, das Glaubensbekenntnis und die „ihr den Kopf zertreten. Der Kopf ist
Zehn Gebote erklären, hörte sich Ge- Tang Ruowang“.
schichten von Heiligen an und besuchte Der von einem Schlaganfall schwer
die barocke Kirche, die Schall nach eige- angeschlagene Jesuit und einige Mit-
nen Plänen in Peking hatte bauen lassen. streiter wurden des Hochverrats und der
Schalls Einfluss war beträchtlich: Verbreitung falscher astronomischer
„Rückblickend“, urteilte der Historiker Berechnungen angeklagt. Tatsächlich
Alfons Väth über die Amtszeit des jun- aber nutzen die Ankläger die Chance,
gen Herrschers, „möchte man fast be- die christliche Religion vor Gericht zu
haupten, dass Tang Ruowang der eigent- stellen. Sie sei der chinesischen Sitte
liche Regent Chinas war.“ feindlich gesinnt, widerspreche den tra-
Nur den Kaiser zum Christentum zu ditionellen Weltanschauungen, verderbe
bekehren, das gelang ihm nicht. und verführe zum Aufruhr.
Wie schon bei Ricci und seinen Brü- Zwar wurde der zum Tod durch Zer-
dern verlief auch unter Schall die Mission stückelung bei lebendigem Leibe ver-
ziemlich schleppend. Sicher trugen die urteilte Missionar später wieder freige-
innenpolitischen Verwerfungen dazu bei. sprochen – Naturkatastrophen nach
Kurz keimte unter den Europäern Hoff- dem Schuldspruch
nung auf, als der letzte in Südchina pro- schüchterten sei-
klamierte Ming-Kaiser etliche Christen ne schicksalsgläu-
an seinen Hof berief. bigen Richter ein.
Die Kaiserinmutter, getauft auf den Die Schrift, die
Namen Helena, bat in einem Brief Papst Schalls Mitbrüder zur
Innozenz X. um mehr Chinamissionare Verteidigung der Chris-
zur Unterstützung der Ming; leider traf ten vorgelegt hatten, ver-
die Antwort des Vatikans erst ein, als die rät jedoch eine koloniale
Absenderin tot und ihre Dynastie längst Heilsgewissheit, die es frag-
untergegangen war. würdig erscheinen lässt,
Der selbstbewusste Gottesdiener Schall wie ernst es den westlichen
stand seinem Erfolg vielleicht aber auch Gottesdienern mit dem Aus-
selbst im Weg. Denn ein wenig band den tausch auf Augenhöhe wirklich war.
kaiserlichen Günstling wohl auch die Das Christentum sei „die älteste und
Nähe zur Macht, sie hielt ihn von weiter- vollkommenste Religion“, heißt es da
gehenden Missionsbemühungen ab. etwa. Auch China sei ursprünglich christ-
Große Wertschätzung erfuhr der Ge- lich gewesen. Der erste Kaiser stamme
sandte von Kaiser wie Kirche für den von Adam ab und sei aus Judäa gekom-
fruchtbaren akademischen Austausch. So men. „Die Weisheit Chinas“, heißt es
konnten die Jesuiten dem Hof nach sie- einmal, „ist nur ein schwaches Licht
benjähriger Arbeit ein 150-bändiges, re- gegenüber dem Glanz der christlichen
formiertes Kalenderwerk vorlegen. Lehre.“
Bei seinen eigenen Leuten, den Or- Das dürften die Chinesen anders ge-
densoberen, kam dagegen nicht gut an, sehen haben. Um 1700 hatte die Kir-
dass Schall für seine wechselnden Thron- che etwa 200 000 Mitglieder; für lange
herren eigenhändig Kanonenkugeln Zeit war der Höchststand erreicht, bis
goss. Schall, der als erster Europäer heute bilden Christen eine kleine Min-
zum Direktor des Astronomischen Am- derheit.
tes und zum Mandarin der ersten Klas- Haupthindernis einer Christianisie-
se ernannt worden war, behauptete, rung Chinas, so Jesuit Oberholzer, sei
er habe als kaiserlicher Beamter kei- wohl der Umstand gewesen, dass „sich
ne Wahl gehabt. die Chinesen selbst als Repräsentanten
Die Vertrautheit Tang Ruowangs einer Hochkultur, wenn nicht sogar der
mit dem höchsten Mann im Staat Höchstkultur wähnten“.
provozierte auch weltlichen Neid und Johann Adam Schall von Bell starb
Hass. So wurde dem greisen Gottes- 1666 in Peking. Der Sohn des Kindkaisers
diener nach dem Tod seines erst 22-jäh- rehabilitierte ihn: „Du hinterlässt uns un-
rigen Schutzpatrons von Christengeg- sterblichen Ruhm und die Ehre deines
nern, Hofschranzen und wissenschaft- Namens.“
lichen Konkurrenten 1664 der Prozess 2014 wurde dem deutschen Mandarin
gemacht. Der Italiener Matteo Ricci traf 1582 als
sogar ein Denkmal errichtet – allerdings
Die Religion des Kreuzes sei „eine gif- Jesuit in Macau ein und begründete die in seiner alten Heimat, in Lüftelberg bei
tige Schlange“, wetterte Schalls Nachfol- neuzeitliche Chinamission (Holzstich, 1897). Köln. I

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 105


Von Reformern und Missionaren Evangelische Erneuerung

Die Pietisten stellten erstmals das freie Individuum in den Mittelpunkt des Glaubens.
Gegen orthodoxe Prinzipienreiterei setzten sie das religiöse Gefühl des Einzelnen. Damit
wurden sie zur wichtigsten protestantischen Reformbewegung.

Große Dinge geschehen

Von Uwe Klußmann

S
ehr christlich ging es nicht zu Doch auch mit der lutherischen Amts- Als Pfarrer im Halleschen Vorort Glau-
in Deutschland nach dem Drei- kirche geriet er aneinander. Spener be- chau sah Francke das Elend vieler Kinder
ßigjährigen Krieg. Viele Män- klagte seit 1675 in seinem grundlegenden und Jugendlicher, die ihre Eltern verloren
ner hatten ihren Lebensunter- Werk „Pia Desideria“ (Fromme Wün- hatten und obdachlos geworden waren.
halt über Jahre in Söldnertruppen und sche) das „Elend der christlichen Kir- Viele von ihnen empfand der Theologe
Räuberbanden verdient und waren ver- chen“. Viele lutherische Geistliche seien als „rohe, wüst und wilde“ und als „frech
roht. Bildungsferne Rabauken waren vie- der „Fleischeslust, Augenlust und hof- in allen Lüsten“, wie er es in Schriften
lerorts zahlreicher als bibelfeste Kirch- färtigem Leben“ verfallen. Dies sei ver- formulierte. Oft sprach er über die Sün-
gänger. hängnisvoll in der gegenwärtigen Lage, digkeit des natürlichen Menschen. Fran-
Dem Protestantismus war vom ur- in welcher man die wahre Kirche nicht cke nahm sich vor, die geistige und sitt-
sprünglichen Schwung zur Erneuerung mehr erkenne, sie zudem bedroht sei liche Not zu bekämpfen. Er setzte auf
der Gesellschaft kaum noch etwas anzu- durch die katholische Irrlehre und die Erziehung durch den Geist Gottes, wie
merken. Die orthodoxen Lutheraner hat- „schwere türkische Tyrannei“ in den vom er ihn verstand, in Abkehr von weltlichen
ten sich zunehmend unter der Fürsten- Osmanischen Reich besetzten Gebieten Genüssen und dem „bösen Samen des
macht eingerichtet. Südosteuropas. menschlichen Herzens“.
Zudem habe die „traumatische Erfah- Der Amtskirche mit ihren Gebrechen Seit 1695 begann er, elternlose Kinder
rung des Dreißigjährigen Krieges“, so die setzte Spener ganz lutherisch-orthodox zu unterrichten. 1698 legte er in Halle
Historikerin Barbara Hoffmann, „ein Be- die Heilige Schrift entgegen. Daraus den Grundstein für ein neues Waisen-
dürfnis nach Reinigung und Vergewisse- schöpfte er die „Hoffnung auf einen bes- haus. Mithilfe großzügiger Spender er-
rung“ geweckt. In dieser Lage trat im seren Zustand der Kirche hier auf Erden“. richteten Francke-Freunde innerhalb von
Protestantismus eine innerkirchliche Re- Spener erinnerte an die Urchristen und drei Jahrzehnten Schul- und Wohnein-
formbewegung auf: die Pietisten. Sie rief dazu auf, „das Werk der Heiligung richtungen, Werkstätten und Gärten. So
wandten sich ab von den lutherischen in uns zu verrichten“. Mit dem „allge- entstanden die bis heute existierenden
Kirchen und propagierten eine indivi- meinen Priestertum aller Gläubigen“ Franckeschen Stiftungen in Halle.
dualisierte, mehr vom Gefühl als vom wollte er die Mitarbeit von Laien in der
Verstand geprägte Frömmigkeit. Ihnen Kirche fördern, setzte auf die fromme Seine Zöglinge unterwarf Francke ei-
ging es darum, die Herzen der Gläubigen Tat und die Praxis des Glaubens. Predig- nem strengen Reglement. Sie mussten im
zu berühren. Nicht mehr äußere Normen ten sollten vor allem der inneren Erbau- Sommer um fünf Uhr, im Winter um
sollten die religiöse Praxis leiten; jeder ung der Menschen dienen. Vage stellte sechs aufstehen und hatten täglich sieben
Einzelne sollte christliche Tugenden Spener seinen Lesern und Zuhörern eine Stunden Unterricht. Freizeit gab es kaum.
wie Selbstbeherrschung, Mäßigung und Wiedergeburt als neue christliche Exis- Francke ging es darum, „den Willen un-
Geduld aus dem Glauben heraus ent- tenz in der Ordnung Gottes in Aussicht. ter den Gehorsam zu bringen“. Wer sich
wickeln. Bei vielen Lutheranern traf Spener da- widersetzte, bekam, wie es damals üblich
Führender Kopf war der Elsässer Phi- mit einen Nerv. An ganz unterschied- war, auch körperliche Gewalt zu spüren;
lipp Jakob Spener, geboren 1635. Mit lichen Orten fand der Erneuerer Gleich- eingeschränkt jedoch durch Franckes
28 Jahren war er Prediger am Straßbur- gesinnte und Schüler. Der bekannteste Mahnung, man solle in der Disziplin Maß
ger Münster, mit 31 bereits Senior der lu- von ihnen war der Theologe und Päda- halten und die Knaben nicht „braun und
therischen Pfarrerschaft in Frankfurt am goge August Hermann Francke, rund drei blau schlagen“.
Main und mit 51 kursächsischer Oberhof- Jahrzehnte jünger als Spener. Er griff Spe- Verboten war den Jugendlichen „das
prediger in Dresden am Hofe Johann Ge- ners Ideen auf und verband die geistliche weltübliche Tanzen“, das „Toback-Rau-
orgs III. Als sich der asketische Theologe Reform mit höchst praktischem Wirken chen“ und selbst der Besuch von „Komö-
mit dem genussfreudig barocken Fürsten in der Welt: Streben nach sozialer Ver-
überwarf, zog er 1691 nach Berlin und antwortung dank innerem Erleben des August Hermann Francke verbreitete den Pietismus
wurde Propst und Konsistorialrat an der Glaubens – so lässt sich Franckes pietis- in den von ihm gegründeten Waisenhäusern (Gemälde
Nikolaikirche. tische Überzeugung zusammenfassen. von Antoine Pesne, um 1725).

106 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 107
Von Reformern und Missionaren Evangelische Erneuerung

dien, Opern und öffentlichen Narren-


Spielen“. Für Waisenkinder und junge
Obdachlose war Franckes Anstalt den-
noch attraktiv, viele von ihnen hatte er,
wie er sich rühmte, „von der Straße und
aus der Gosse“ geholt. Sie bekamen re-
gelmäßig zu essen, lernten lesen und
schreiben. Die Bildung befähigte sie, spä-
ter als Handwerker, Knecht oder Magd
zu arbeiten.
Das pietistische Konzept der „christ-
lichen Unterweisung“ zielte auf Haltung
und Lebensgestaltung. Seine am Gemein-
wohl orientierte Praxis passte zum 1701
begründeten Königreich Preußen. Dies
erkannte der preußische König Friedrich
I., der Francke 1702 Steuerprivilegien be-
stätigte und verfügte, nur Francke selbst
solle das Hallenser Stiftungswerk leiten.
Doch Franckes Bildungs- und Erzie-
hungsarbeit war nicht national be-
schränkt. Francke pflegte Kontakte nach
Holland und Frankreich, seine Schulen
zogen auch Schweizer, Engländer, Tsche-
chen, Slowaken, Ungarn und Russen an.
Zar Peter der Große, interessiert an euro-
päischer Bildung, schickte 1719 einen Ge-
sandten zu Francke. Der Russe diskutierte
mit ihm über die Gründung von Schulen
in Russland nach dem Hallenser Vorbild.
Wie eng der geistige Kontakt zwischen
den Hallensern und dem Zarenhof war,
zeigte sich, als der Francke-Schüler Lau-
rentius Blumentrost der Jüngere 1724 auf
Wunsch von Zar Peter die Russische Aka-
demie der Wissenschaften gründete und
deren erster Präsident wurde.
Der Pädagoge hatte hochgesteckte Zie-
le: Was im Waisenhaus begann, sollte
eine Weltreform der Bildung werden.
Dazu gehörte auch Bildung für den weib-
lichen Teil der Christenheit. In Halle
gründete Francke die erste deutsche hö-
here Mädchenschule, das Gynaeceum.
Dabei sollten die „Waisen-Mägdelein“,
so Francke, „zu aller Zucht und Ehrbar-
keit“ und zu „anständigen Sitten“ erzo-
gen werden.

Francke war überzeugt: Glaubenserleb-


nisse konnte man üben. Den Weg dahin
erklärte er zum Beispiel in seinem Auf-
satz „Kurzer Unterricht, wie man die Hei-
lige Schrift zu seiner wahren Erbauung
lesen sollte“: Die Gläubigen sollten ihre
Bibellektüre mit einem Gebet an Gott
beginnen und ihm „genugsam danken,
dass Du uns Deinen heiligen Willen in

Die 1698 gegründeten Franckeschen Stiftun-


gen in Halle waren eine soziale Musterstadt
mit Waisenhaus, Schulen und Werkstätten.

108 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


Deinem Wort so gnädig geoffenbaret äußerten. Eine von ihnen war Johanna te“. Ganz dem Pietismus verschrieben
hast.“ Weiter riet Francke zu „lauter Ge- Eleonora Petersen (1644 bis 1724). Die aber habe sie sich erst im Zuge des Brief-
bet und Seufzen“; beenden solle man das Tochter verarmter Adeliger war zunächst kontakts zu den „zwey rechten Gottes-
regelmäßige Bibellesen stets mit dem bei einer Herzogsfamilie in Sachsen als Männern“ Spener und Schütz.
Dank „für diese große Gnade, dass Du Hofjungfer und Kammerfräulein tätig
mich mit dem edlen Manna Deines gött- und von Jugend an sehr fromm. Zum Pie- Sie habe, so Petersen weiter, als Kind
lichen Worts an meiner Seele gelabet, ge- tismus stieß sie durch eine Bekanntschaft stets „einen Greuel an unkeuschen Reden
stärket und erquicket hast“. mit Spener und seinem Mitstreiter Jo- und Geberden gehabt“ und sei „in keiner
Mit seinem empfindsamen Ansatz, der hann Jakob Schütz, die sie auf einer Rei- Gesellschaft geblieben, wo es nicht
auf Gefühl und innere Haltung setzte, se kennenlernte. keusch und ehrbar zugegangen“. Der
sprach der Pietismus gerade auch Frauen Ihre Autobiografie („Leben, von ihr Welt zudringlicher Zotenreißer stellte sie
aus dem protestantischen Bildungsbür- selbst mit eigener Hand aufgesetzet“, „Selbst-Erkänntniß“ und „wahre Hert-
gertum an. Ihnen standen im 18. Jahr- 1718) dokumentiert umfassend das Le- zens-Demuth“ gegenüber. Sie bekannte,
hundert sonst wenige Möglichkeiten zur bensgefühl einer Frau, die ihr Leben dem „alle vergängliche Lust, wodurch nur das
Selbstentfaltung offen. Schon der Begrün- Pietismus widmete. Selbstvergewisse- Fleisch und nicht der Geist erquicket“
der der Bewegung, Spener, hatte ab 1670 rung und Selbstanalyse durch das Schrei- werde, habe sie „abgelehnet“. Vielmehr
für kurze Zeit in Frankfurt am Main pri- ben standen dabei obenan: Briefe und wolle sie, dass Gott „das Wort in meinem
vate „Erbauungsstunden“ mit Bibellek- Tagebücher wurden zu Vehikeln from- Herzen lebendig machte“. So könne sie
türe organisiert, an denen Frauen teilneh- mer Übung. Geistiger Austausch im „göttlicher Natur theilhafftig“ werden.
men durften. Um den Anstand zu wah- Schriftlichen festigte das Gefühl der Zu- Besonders wichtig war ihr, dass im Glau-
ren, waren bei diesen Versammlungen sammengehörigkeit. Er half, Unsicherhei- ben „die Thätigkeit dabei ist“ – darin lie-
weibliche Teilnehmer von männlichen ten in der Lebensführung zu überwinden ge „mehr Segen und Gnade als in tau-
durch eine bewegliche Wand getrennt. und sich über das religiöse Selbstver- send Worten ohne Tat“.
Sie mussten den diskutierenden Männern ständnis klar zu werden. Beunruhigungen und Verdächtigungen
schweigend zuhören. In ihrem Lebensbericht schilderte Pe- wie die, eine von ihr erzogene Tochter
In der Folge jedoch meldeten sich ver- tersen, dass sie schon in jungen Jahren einer Schwester sei ein uneheliches Kind,
stärkt Pietistinnen zu Wort, die ihre Ge- „gerne lase und betete“ und „offt die Pre- sah Petersen als Angriffe des Teufels. Sol-
danken und Emotionen auch öffentlich digt in allen Puncten wiedererzählen kun- che Deutungen waren unter Pietisten
Die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen
Stiftungen, ab 1698 für den Unterricht an Franckes Schulen
angelegt, gilt als ältester deutscher Museumsraum.

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 109


Von Reformern und Missionaren Evangelische Erneuerung

Das Bibliotheksgebäude der Stiftungen wurde 1728 errichtet,


die Sammlung umfasst historische Drucke des
15. bis 18. Jahrhunderts, zum Beispiel über die Inquisition.

nicht selten: Unliebsame Zeitgenossen sittenstreng und tugendhaft. Doch es gab Die Sektierer erklärten Appenfeller
wurden schnell zu Werkzeugen des Bösen unter den religiös entflammten jungen zu „Christus“ und Eva von Buttlar zur
gestempelt. Auch die Juden sah Petersen Damen auch einige, die Abkehr von äu- Verlobten des Heiligen Geistes. Es ging
dem Zeitgeist entsprechend negativ. Sie ßeren Normen auf radikale Weise ernst in der Truppe nicht nur theologisch frei-
akzeptierte sie nicht als Anhänger einer nahmen. zügig zu. 1705 kam es nach der Verhaf-
eigenständigen Religion, sondern als Ver- Die bekannteste von ihnen war Eva tung mehrerer Gruppenmitglieder zu
irrte, die es zu missionieren galt. Die Margareta von Buttlar, um 1670 im mittel- einem Gerichtsverfahren. Die Anklage
„künfftige Bekehrung der Juden und Hey- deutschen Barchfeld geboren. Sie verließ lautete auf Unzucht, Blasphemie, Abtrei-
den“ sah sie als wichtiges Ziel. Dies habe ihren Ehemann und gab ihre Stellung als bung und zweifachen Säuglingsmord.
ihr „der treue Gott im Jahre 1664 ver- Hoffräulein in Eisenach auf, um sich Eva von Buttlar wurde beschuldigt, sie
mittels eines Traumes eröffnet“. radikalen Pietisten anzuschließen. Mit habe einen „Bund mit dem Teufel“ ge-
Überhaupt spielten geradezu mysti- 32 Jahren gründete sie mit Studenten in schlossen und im „Ehebruch mit mehr
sche Erfahrungen in der verinnerlichten Allendorf nordwestlich von Marburg die als 60 Personen gelebt“.
Religionspraxis eine große Rolle. Johan- „Christliche und Philadelphische Sozie- Einstimmen konnte sich das Gericht
na Eleonora Petersen behauptete, sie tät“, die bald 70 Mitglieder zählte. Sie durch die Schilderung einer Reise des
habe schon im 18. Lebensjahr im Traum waren davon überzeugt, dass das Tau- Landgrafen von Hessen-Darmstadt zu den
die Stimme eines Mannes sagen hören: sendjährige Reich der biblischen Apoka- Sektierern. Darin wird Buttlar als „ziem-
„Siehe, zu der Zeit werden anfangen gro- lypse bald anbrechen werde. lich lässig, frech und geil“ beschrieben –
ße Dinge zu geschehen und Dir soll etwas zumindest nicht so unterwürfig, wie man
eröffnet werden.“ Später beschäftigte Als der hessische Landgraf ihre Ver- sich Frauen wünschte. Ein Zeuge der An-
sie sich intensiv – wie auch andere Glau- sammlungen verbot, zog die Truppe auf klage behauptete sogar, die angebliche
bensschwestern – mit den Endzeitvisio- einen Hof in der Grafschaft Wittgenstein Verlobte des Heiligen Geistes habe „ihme
nen. Sie sprach vom „tausendjährigen in Saßmannshausen. Zu den Führern der seine Schamm ergriffen, undt selbst damitt
Reich in der heiligen Offenbarung Jesu Buttlar-Sekte gehörten auch der Medizin- handthieret“, ohne dass er dadurch „von
Christi“. student Justus Georg Appenfeller und der fleischlichen lust befreyet“ worden sei.
Trotz Apokalypse und Mystik: Die der Theologiestudent Johann Gottfried Buttlar selbst räumte nur eine Bezie-
meisten Pietistinnen waren wie Petersen Winter. hung ein und sagte, sie sei „mit dem Win-

110 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


ter verbunden in Gott, nach Leib, Seel zu zeugen. Mit dieser Botschaft sammelte Rocke“, 1736 zunächst anonym veröffent-
und Geist“. Doch auch diese enge Ver- sie einen festen Kreis von Anhängern um licht von der Schriftstellerin Luise Gott-
bindung Winters zu der noch verheirate- sich, der rund 50 Haushalte umfasste. sched.
ten Eva von Buttlar war eine ungeheure Für diese Gläubigen war Anna von Das Stück spielt im Hause einer Fami-
Provokation. Buchel bald nur noch „Mutter Zion“. lie Glaubeleicht. Ein Magister Schein-
In der Geschichte des Pietismus gelten Weil ihnen Elberfeld als das Babel der fromm versucht, die naive Frau Glaube-
die Radikalen um Buttlar fast immer als Gegenwart erschien, begannen die Zio- leichtin für eine Ehe ihrer jüngsten
extreme Separatisten. Jedoch betont die niten 1737 mit dem Bau einer eigenen Tochter mit seinem Verwandten Herrn
Historikerin Barbara Hoffmann, „die Siedlung namens Ronsdorf. Dort sollte Muckersdorff zu gewinnen. In Dialogen
Ernsthaftigkeit der religiösen Erfahrung“ das „neue Jerusalem“ entstehen. Zu den parodiert die Komödie die pietistische
sei der Gruppe nicht abzusprechen: Er- Anhängern der Gruppe gehörte auch der Sprache samt ihrer permanenten War-
haltene Briefe von Buttlars Geliebtem Prediger Daniel Schleyermacher, Groß- nungen vor „Lüsten des verderbten Flei-
Winter zeigen deutlich, dass es ihm nicht vater des Theologen Friedrich Daniel sches“. Die Pietisten erscheinen als
um theologisch legitimierte Ausschwei- Ernst Schleiermacher. Heuchler, Betrüger und ebenso lebens-
fungen ging, sondern um ein von Obrig- Solche radikalen Zirkel blieben auch fremde wie streitsüchtige Sektierer. Sie
keit und Amtskirche befreites Leben. Eva im Pietismus die Ausnahme. Die Mehr- werden durch Figuren wie Frau Seuffzer
von Buttlar und ihre Mitstreiter rebellier- heit der Pietisten lehnte die traditionelle und Frau Zanckenheimin vertreten. Am
ten gegen die vorherrschende Moral. Moral nicht ab, sondern verinnerlichte Ende des Stückes entlarvt ein Herr Wa-
Zu einer ähnlich eigenwilligen Inter- sie im Gegenteil sehr stark. Dadurch er- ckermann die „falsche Liebe zu den ab-
pretation der neuen Frömmigkeit fand schienen die Pietisten oft sogar moralin- geschmackten Schrifften“ der Pietisten
auch Anna von Buchel (1702 bis 1743). saurer als die Amtskirche. Je stärker die und warnt vor „Leichtgläubigkeit und
Das Dienstmädchen hatte in Elberfeld Impulse der Aufklärung wirkten, desto Blindheit“.
bei Wuppertal in pietistischen Erbauungs- häufiger wurde solche steife Frömmigkeit Doch viele pietistische Gemeinden
stunden ihren späteren Mann kennen- von liberalen Bildungsbürgern verspottet. überstanden die Blütezeit der Aufklä-
gelernt. Bald verkündete sie, dass sie be- Ein herausragendes Beispiel dafür ist die rung, auch im 19. Jahrhundert existierten
rufen sei, mit ihm einen neuen Heiland Komödie „Die Pietisterey im Fischbein- sie weiter. Einer, der unter den Frommen
aufgewachsen war, machte sich 1839 in
einem Zeitschriftenbeitrag Luft. In seinen
anonym erschienenen „Briefen aus dem
Wuppertal“ schrieb der damals 18-jährige
Friedrich Engels, Sohn eines pietistischen
Textilfabrikanten, spöttisch von „unse-
rem Muckerthale“.
Erbarmungslos verurteilte der junge
Mann die geistige Welt seiner Herkunft.
Pietisten, so Engels, seien Leute, die „zur
schroffsten Intoleranz“ neigten, die
„komplette Ketzergerichte in den Ver-
sammlungen“ abhielten und „die kaum
wissen, ob die Bibel chinesisch oder he-
bräisch oder griechisch geschrieben“ sei.
Zudem, so Engels, sei „ausgemacht, dass
unter den Fabrikanten die Pietisten am
schlechtesten mit ihren Arbeitern umge-
hen“. Ließen sie „ein Kind mehr oder
weniger verkommen“, brächte dies „kei-
ne Pietistenseele in die Hölle“.
Der junge Engels versprach, er werde
„mit dem Pietismus und dem Buchsta-
benglauben kämpfen, so lange ich kann“.
Zu dieser Zeit konnte er nicht ahnen,
dass auch die kommunistische Bewegung,
die er wenige Jahre später gemeinsam
mit Karl Marx begründete, Buchstaben-
gläubige, Eiferer und „schroffste Intole-
ranz“ hervorbringen sollte – „Ketzer-
gerichte“ inklusive. I

Heute beherbergen die Franckeschen Stiftungen


wieder zahlreiche Bildungseinrichtungen. Die
historische Bibliothek kann man besichtigen.

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 111


Von Reformern und Missionaren Bürgerliche Spiritualität

Nach der Aufklärung glaubten viele Gebildete mehr an die Vernunft als an Gott.
Der Berliner Theologe Friedrich Schleiermacher versuchte, Religion und Rationalität
zu versöhnen. Damit schuf er die Grundlagen des modernen Protestantismus.

„Sinn und Gefühl


für das Unendliche“
Von Joachim Mohr

„Nicht der hat Religion, der an eine hunderts nicht nur in die zwei Konfessio- Kants, des großen Denkers der Spätauf-
heilige Schrift glaubt, sondern der, nen der Lutheraner und der Reformier- klärung. Schleiermacher geriet in eine
welcher keiner bedarf und wohl selbst ten, sondern wies auch innerhalb der bei- Glaubenskrise; an seinen Vater schrieb
eine machen könnte.“ den großen Blöcke verschiedene Richtun- er zweifelnd: „Gott kann die Menschen,
gen auf. die er offenbar nicht zur Vollkommen-
Friedrich Schleiermacher („Über die Religion. Reden Neben den Orthodoxen, die an der al- heit, sondern nur zum Streben nach der-
an die Gebildeten unter ihren Verächtern“, 1799)
ten Ordnung und der überlieferten Dog- selben geschaffen hat, unmöglich darum
matik festhielten, gab es die Pietisten, ewig strafen wollen, weil sie nicht voll-

I
n Johann Wolfgang von Goethes die den Kern des Glaubens nicht in Lehr- kommen geworden sind.“
Tragödie „Faust“ will Gretchen sätzen, sondern in der individuellen Er- Seinen Glauben verlor er dennoch
von ihrem Liebhaber wissen: weckung sahen (siehe Seite 106). Dane- nicht. Nach dem Studium und einigen
„Nun sag, wie hast du’s mit der ben standen die Anhänger des theolo- Jahren als Hauslehrer wurde er mit 28
Religion? Du bist ein herzlich guter gischen Rationalismus, die versuchten, Jahren Prediger am Berliner Kranken-
Mann, allein ich glaub, du hältst nicht die Vernunft der Aufklärung mit der bi- haus Charité. In der Metropole öffnete
viel davon.“ Es ist die berühmte Gret- blischen Offenbarung zu vereinen. sich ihm eine völlig neue Welt: Im be-
chenfrage. Den Protestantismus mit der Moderne rühmten Salon der Jüdin Henriette Herz
Der schon ältere Gelehrte Heinrich zu versöhnen wurde zur Lebensaufgabe lernte er Adlige, Intellektuelle und Schön-
Faust weicht einer klaren Antwort aus: des Berliner Theologen Friedrich Daniel geister kennen; er freundete sich mit dem
„Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich Ernst Schleiermacher. Er setzte alles da- Kritiker Friedrich Schlegel an, traf die
habe keinen Namen dafür. Gefühl ist al- ran, das evangelische Christentum mit Brüder Wilhelm und Alexander von
les, Name Schall und Rauch.“ Vernunft und Humanität zu verbinden, Humboldt – der eine Staatsmann, der an-
Die Mehrheit des deutschen Bürger- ohne das innerliche Erlebnis des Glau- dere Naturforscher –, er begegnete den
tums am Ende des 18. Jahrhunderts – der bens preiszugeben. Schleiermacher, der Dichtern Ludwig Tieck und Jean Paul.
erste Teil von Goethes „Faust“ erschien „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“, gilt Friedrich Schlegel, der zeitweise mit
als Fragment 1790 – hätte wohl ähnlich vielen bis heute als wichtigster protes- Schleiermacher zusammenwohnte, urteil-
antworten können. Unter den Gebildeten tantischer Theologe nach Martin Luther. te respektvoll: „Schleiermacher ist ein
verloren Kirche und Religion ihre Über- Mensch, in dem der Mensch gebildet ist,
zeugungskraft; im Sog der Aufklärung Seine ersten religiösen Erfahrungen wa- und darum gehört er freilich für mich in
des 18. Jahrhunderts glaubte man weit ren die schlichter Frömmigkeit. Geboren eine höhere Kaste.“ Und: „Sein ganzes
eher an die Kraft der reinen Vernunft. 1768 in Breslau, schickte ihn der Vater, Wesen ist moralisch.“
Der sonntägliche Kirchgang galt nicht ein Militärgeistlicher, mit 14 Jahren zur Nach der Abkehr von der pietisti-
mehr als Pflicht, die Sorge um das See- pietistischen Herrnhuter Brüdergemeine, schen Frömmigkeit seiner Jugend hatte
lenheil begann sich von den Dogmen der um den Jungen gegen moderne theolo- Schleiermacher nach dem Vorbild Kants
Kirche zu lösen. Der Theologe Karl Gott- gische Versuchungen zu immunisieren. die Religion fast nur noch auf Moralleh-
lieb Bretschneider, seit 1816 General- Doch schon nach ein paar Jahren spürte ren reduziert. Doch nun, unter dem Ein-
superintendent in Gotha und keineswegs Schleiermacher die Widersprüche zwi- fluss seines schwärmerisch-romantischen
ein Vernunftgegner, klagte „über die Un- schen pietistisch strenger Lebensführung Bekanntenkreises in Berlin, erschloss er
kirchlichkeit dieser Zeit im protestan- und jugendlichem Freiheitsdrang, zwi- sich ein neues Verständnis der Religion
tischen Deutschland“. schen christlichem Dogma und kri- jenseits sowohl der theologischen Dog-
Wie der Katholizismus reagierte auch tischem Denken. matik als auch der rationalen Wissen-
der Protestantismus auf die Anforderun- Er begann, an der Universität Halle schaft.
gen der modernen Zeit mit dem Versuch, Theologie zu studieren, beschäftigte sich 1798 begann Schleiermacher an einem
sich zu erneuern. Die protestantische dort aber auch intensiv mit Philosophie, Manuskript zu arbeiten, das im Sommer
Glaubenswelt zerfiel Anfang des 19. Jahr- vor allem mit den Schriften Immanuel darauf erstmals erscheinen sollte, ihn be-

112 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


Im Jahr 1800 war Friedrich Schleiermacher
32 Jahre alt – und durch seine Schrift „Über
die Religion“ bereits als theologischer
Vordenker bekannt (Porträtzeichnung von
Johann Heinrich Lips, 1800).

rühmt machte und seinen Ruf als bedeu-


tender Theologe begründete: „Über die
Religion. Reden an die Gebildeten unter
ihren Verächtern“.
In seinem Plädoyer erklärte Schleier-
macher, was Religion für ihn in ihrem
Kern war: „Sinn und Geschmack fürs Un-
endliche“. Der Glaube besteht seiner An-
sicht nach unabhängig von Moral und
Metaphysik. Vielmehr sei die Religiosität
genauso fundamental human wie Den-
ken und Handeln: „Der Mensch wird mit
der religiösen Anlage geboren, wie mit
jeder anderen.“ In einem späteren Werk
spricht er vom „Bewusstsein schlechthin-
niger Abhängigkeit“ des Menschen vom
Universum.
Schleiermacher stellte also der reinen
Vernunft das religiöse Gefühl gegenüber.
Dieses Gefühl ist nicht gefangen in den
kirchlichen Dogmen, sondern für jeden
individuell erfahrbar. So muss auch jede
Epoche ihre eigenen theologischen Er-
klärungen finden. Heute urteilt Rüdiger
Safranski, der seit 2012 an der Freien
Universität Berlin Honorarprofessor ist:
„Wenngleich Schleiermacher die Religion
als Gefühl der schlechthinnigen Abhän-
gigkeit bezeichnet, so leugnet er keines-
falls die Freiheit.“ Schleiermacher rufe
zur Autonomie im Glauben auf.
Schleiermachers engagiert geschriebe-
nes Buch wurde in Berlin von vielen Ro-
mantikern begeistert aufgenommen; Fried-
rich Schlegel verfasste gar ein Sonett auf
die „Reden“. Dem damals schon berühm-
ten Goethe war das Ganze allerdings viel
zu christlich, wenngleich er Schleierma-
cher wegen seiner Bildung lobte. Begegnet
sind sich Schleiermacher und Goethe zwei-
mal, im Juli und August 1805 auf Gesell-
schaften in Halle, allerdings nur flüchtig.
In einem Brief an Henriette Herz schreibt
Schleiermacher: „Er war gleich das erste
Mal sehr freundlich zu mir, aber freilich
ins rechte Sprechen bin ich noch nicht mit
ihm gekommen.“
In Berlin fand sich Schleiermacher per-
sönlich in einer sehr angespannten Lage.
In der Salonière Henriette Herz hatte er
eine Seelenverwandte gefunden, „wobei
von Mann und Frau aber gar nicht die
Rede ist“, wie er schrieb. Seine häufigen
Treffen mit der verheirateten Intellektuel-

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 113


Von Reformern und Missionaren Bürgerliche Spiritualität

len, darunter Spaziergänge in trauter Zwei- versität bis zu seinem Lebensende einen Gottesfurcht und kritisches Denken,
samkeit, gaben Anlass zu delikaten Ge- Lehrstuhl für Theologie innehaben sollte. religiöser Glaube und aufklärerische
rüchten. Henriette Herz vermerkte in ih- 1809 heiratete er, inzwischen 40 Jahre alt, Vernunft waren bei Schleiermacher
ren Erinnerungen: „Es fehlte auch nicht die 20 Jahre jüngere Henriette von Wil- keine Gegensätze mehr. In seinen
an Leuten, welche, die Innigkeit unseres lich, die Frau eines früh verstorbenen Schriften legte er die Grundlagen
Verhältnisses kennend, ein anderes Gefühl Freundes. Henriette brachte aus ihrer für einen liberalen Protestantismus
als das der Freundschaft in uns voraussetz- ersten Ehe zwei Kinder mit; Schleier- und ermöglicht so den bürgerlichen
ten. Sie waren im Irrtum.“ Die Beziehung macher und sie bekamen noch vier eige- Schichten, „Wissenschaft und Philo-
sollte bis zu Schleiermachers Tod halten. ne. Nach außen präsentierten die beiden sophie guten Gewissens mit dem evan-
Daneben war Schleiermacher von ein harmonisches Familienglück. Intern gelischen Glauben zu vereinbaren“,
1798 an sieben Jahre gefangen in tiefer, kriselte es jedoch schnell und schwer. wie der Historiker Thomas Nipperdey
aber unerfüllter Liebe zu Eleonore Gru- Schleiermachers Produktivität jedoch schrieb.
now, der Frau eines ebenfalls protestan- litt unter den privaten Miseren nicht. An Am 12. Februar 1834 starb Friedrich
tischen Predigers. In einem Brief an der Berliner Universität wurde er zu Schleiermacher, 65 Jahre alt, in Berlin
einen Freund schrieb er: „Ich weiß nicht, einer bedeutenden Größe, im deutsch- im Kreis seiner Familie an einer Lungen-
ob sich irgendjemand meinen Zustand sprachigen Raum als einer der wichtigs- entzündung. Dem Leichenzug zum Fried-
denken kann; es ist das tiefste ungeheu- ten Intellektuellen der Zeit wahrgenom- hof der Dreifaltigkeitsgemeinde schlos-
erste Unglück – der Schmerz wird mich men. Neben der Theologie dozierte er sen sich etwa 30 000 Menschen an. Ein
nicht verlassen.“ auch über Philosophie, Staatslehre, Her- Augenzeuge notierte: „Vielleicht sah Ber-
Im Jahr 1804 wurde Schleiermacher meneutik und Pädagogik. Jahre verwen- lin nie solches Trauerbegräbnis. Der Zug
Professor für Theologie und Philosophie dete er an die Übersetzung der Werke ging endlos durch die Straßen. Es war
in Halle. 1807 kehrte er nach Berlin zu- Platons – es ist bis heute die wichtigste eine Anerkennung des Geistes, wie sie
rück, wo er an der neu gegründeten Uni- deutschsprachige Übertragung. selten gesehen wird.“ 

In seiner Erzählung „Die Weihnachtsfeier“ beschreibt Schleiermacher ein bürgerliches


Christfest um 1800 – nicht mehr in der Kirche, sondern im heimischen Wohnzimmer.

Stille Nacht
Anfang Dezember 1805 begann Friedrich und auch nicht gebetet. Weihnachten ist Kind nur lächeln und jauchzen.“ Für den
Schleiermacher, seine Schrift „Die Weih- zu einem Fest der Geschenke geworden; Glauben bedeute das: „Dass ich das
nachtsfeier. Ein Gespräch“ zu verfassen. gereicht werden „niedliches Kinderzeug“, Schöne der Religiosität ehre und liebe;
Eigentlich wollte der Theologe das dünne „Reisegerät“, „Schulbücher“, Noten und aber sie muss ein Innerliches sein und
Bändchen am 24. Dezember auf dem Ga- Stickereien. Selbst gebastelte Geschenke bleiben.“
bentisch sehen, doch am Heiligen Abend stehen, wie heute, hoch im Kurs. Zur Er- Diese Vorstellung entsprach der Erfah-
saß er noch über den letzten Passagen. bauung wird ein wenig musiziert. rungstheologie, der Schleiermacher si-
So erschien es erst im Januar 1806. Im Laufe des Abends diskutieren die cher nahestand. Die gemeinsame Feier
Schleiermacher schildert in der Ge- anwesenden Männer über Sinn und Be- des Freundeskreises, der für den Theolo-
sprächsnovelle detailliert, wie ein Weih- deutung von Weihnachten. Einer bezwei- gen die eigentliche Kirche bildete, stellte
nachtsabend in einer gebildeten Bürger- felt den Wahrheitsgehalt der Überliefe- für ihn den Kern des Festes dar.
familie ablief – in einer Zeit, in der sich rung und stellt zur Diskussion, ob „die Andere Theologen warfen Schleier-
das Fest, wie wir es heute kennen, erst heilige Geschichte“ nur „etwas wie ein macher vor, er entwürdige die Geburt
herausbildete. Schon vor der Wende zum Märchen“ sei. Er steht für die aufkläre- Jesu und leiste der Säkularisierung Vor-
19. Jahrhundert hatte sich die Feier der rische Kritik am Christentum und sieht schub. Der Geistliche beschrieb indes nur
Christnacht aus den Kirchen ins heimelig sich in der gemeinsamen Feier mehr an verbreitete Ansichten zum Weihnachts-
hergerichtete Wohnzimmer verlagert, Jesus erinnert als durch die Bibel und die fest, und seine Erzählung trifft wohl noch
war quasi privatisiert worden. „Der Liturgie. „So müssen wir auch glauben, heute vielfach die bürgerliche Lebens-
freundliche Saal war festlich aufge- das Andenken an Christum werde in grö- wirklichkeit.
schmückt …“, heißt es zu Anfang von ßerem Umfang durch das Fest erhalten Ein festlich geschmückter Weihnachts-
Schleiermachers Novelle, die im Haus als durch die Schrift.“ baum stand allerdings wohl noch nicht
eines Professors spielt, dessen Familie In einem anderen löst die Geburt Jesu in Schleiermachers Haus in Halle, als er
mit Freunden Weihnachten verbringt. ein Gefühl von Heil aus sich selbst heraus seine Erzählung verfasste; erst in der
Niemand in Schleiermachers Erzäh- aus: „Der sprachlose Gegenstand ver- zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollte
lung besucht eine Christmette oder -ves- langt oder erzeugt auch mir eine sprach- sich dieser Brauch von Deutschland aus
per, es wird nicht aus der Bibel vorgelesen lose Freude; die meinige kann wie ein in die Welt verbreiten. Joachim Mohr

114 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


Schleiermacher war auch einer der Weg-
bereiter für das bürgerliche Weihnachtsfest,
wie wir es heute kennen: Mit Christkindl-
markt (links, Lithografie um 1850), Christ-
baum (rechts, Holzstich 1847) und einem
Heiligen Abend als Fest der Geschenke
im Kreis der Familie (unten, Radierung von
Johann Michael Voltz, 1823).

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 115


116 SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17
K a p i te l

IV
Mit Gott
oder ohne?

Erleuchtung im Zeichen des alten Dreifal-


tigkeitsglaubens kann ganz verschiedene
Formen annehmen: Das ist nur eine von
manchen Lehren, die man aus dem erbit-
terten Streit um religiöses Denken in der
Moderne ziehen kann. Wogendes Gemein-
schaftserlebnis oder philosophische Skepsis,
Widerstandsmotiv oder Basis für Mit-
menschlichkeit – das Christentum zeigt sei-
ne Stärke vor allem in der Vielgestaltigkeit.

1930 gestaltete der Architekt Wilhelm Ulrich die


Kirche „Zur Heiligsten Dreieinigkeit“ (hier die Decke)
in Halle (Saale) als modernes Trinitätssymbol.

SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17 117


Mit Gott oder ohne? Nihilismus

„Gott ist tot“, schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche und gab damit den Ton
vor für die Auseinandersetzung der Moderne mit der Religion. Doch so radikal wie er
brach kaum jemand mit der christlichen Tradition.

Der Antichrist
Von Andreas Urs Sommer

Todkrieg gegen das Laster: das Laster ist


das Christenthum.
ERSTER SATZ. – Lasterhaft ist jede Art
Widernatur. Die lasterhafteste Art Mensch
ist der Priester: er LEHRT die Widernatur.
Gegen den Priester hat man nicht Grün-
de, man hat das Zuchthaus.
ZWEITER SATZ. – Jede Theilnahme an
einem Gottesdienste ist ein Attentat auf
die öffentliche Sittlichkeit. Man soll här-
ter gegen Protestanten als gegen Katho-
liken sein, härter gegen liberale Protes-
tanten als gegen strenggläubige. Das Ver-
brecherische im Christ-sein nimmt in
dem Maasse zu, als man sich der Wissen-
schaft nähert. Der Verbrecher der Ver-
brecher ist folglich der PHILOSOPH.
DRITTER SATZ. – Die fluchwürdige Stät-
te, auf der das Christenthum seine Basi-
lisken-Eier gebrütet hat, soll dem Erd-
boden gleich gemacht werden und als
VERRUCHTE Stelle der Erde der Schrecken
aller Nachwelt sein. Man soll giftige
Schlangen auf ihr züchten.
VIERTER SATZ. – Die Predigt der
Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung
zur Widernatur. Jede Verachtung des ge-
schlechtlichen Lebens, jede Verunreini-
gung desselben durch den Begriff „un-
rein“ ist die eigentliche Sünde wider den
heiligen Geist des Lebens.
FÜNFTER SATZ. – Mit einem Priester an
Einem Tisch essen stößt aus: man excom-
municirt sich damit aus der rechtschaff-
nen Gesellschaft. Der Priester ist UNSER
Tschandala, – man soll ihn verfehmen,
aushungern, in jede Art Wüste treiben.
SECHSTER SATZ. – Man soll die „heilige“
Geschichte mit dem Namen nennen, den
sie verdient, als VERFLUCHTE Geschichte;
man soll die Worte „Gott“, „Heiland“,
Nietzsches Denken stand für eine neue Freiheit, für die Auflösung des
„Erlöser“, „Heiliger“ zu Schimpfworten, traditionellen Wertesystems – damit beeinflusste er auch viele Künstler
zu Verbrecher-Abzeichen benutzen. um die Jahrhundertwende, etwa den Expressionisten Edvard Munch,
SIEBENTER SATZ. – Der Rest folgt da- der Nietzsche bewunderte und 1906 malte.
raus.

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Die Zerstörung des Alten ist ein Thema, das bei dem deutschen Maler
Ludwig Meidner wiederholt auftaucht („Apokalyptische Stadt“, 1913).

G
egeben am Tage des Heils, am Nietzsches Antichristentum ist ein Kernland des lutherischen Protestan-
ersten Tage des Jahres Eins Wendepunkt hin zur Moderne. Vor und tismus, stammte Nietzsche väter- wie
(– am 30. September 1888 der nach ihm gab es zwar zahlreiche lautstar- mütterlicherseits aus Pastorenfamilien.
falschen Zeitrechnung)“, unter- ke Kritiker des Christentums. Aber kei- Der Vater, Pfarrer in der kleinen Gemein-
zeichnet mit „Der Antichrist“, hat der ner hat mit solcher Konsequenz wie de, predigte anlässlich seiner Taufe über
Philosoph Friedrich Nietzsche in den letz- Nietzsche die christliche Fundierung un- die Worte aus dem Lukas-Evangelium:
ten Wochen vor seinem geistigen Zu- serer moralischen Überzeugungen so- „Was, meinest du, will aus dem Kindlein
sammenbruch dieses „Gesetz wider das wohl herausgestellt als auch verdammt. werden?“
Christenthum“ zu Papier gebracht. Selbst die meisten heutigen Atheisten Für die Familie stellte sich diese Frage
Seiner Mitwelt hat er den ungeheuer- würden mit ihren moralischen Überzeu- auch nach dem frühen Tod des Vaters im
lichen Text allerdings noch nicht zu- gungen bei Nietzsche keine Gnade fin- Grunde nicht: Schon als Volksschüler galt
gemutet: Von ihm mit einem anderen den. Und überdies hat keiner mit solcher der ernsthaft-altkluge Junge, der anhand
Blatt überklebt, wurde das „Gesetz“ erst Konsequenz wie Nietzsche über eine der lutherischen Bibelübersetzung Lesen
später im Nachlass entdeckt. In der kri- Welt nachgedacht, in der das religiöse und Schreiben gelernt hatte, als „kleiner
tischen Ausgabe seiner Werke steht es Bedürfnis aufhört, eine Selbstverständ- Pastor“. Als er in das Eliteinternat Schul-
jetzt am Ende jenes Buches, mit dem lichkeit zu sein. pforta eintrat, schien sein beruflicher
Nietzsche die „Umwerthung aller Wer- Wie war der strebsame Philologe und Weg zur Kanzel vorgezeichnet.
the“ zu vollziehen hoffte: „Der Anti- kühne Moralanalytiker zu solchen Posi- Seine Neigungen allerdings waren
christ. Fluch auf das Christenthum“. tionen gelangt? Der Weg zum Antichris- eher künstlerischer, philologischer und
Noch heute jagt dessen Titel allen From- tentum war Friedrich Nietzsche jeden- philosophischer Natur. Er übte sich
men und Halbfrommen eisigen Schre- falls nicht vorgezeichnet. Geboren 1844 in den Methoden der historischen Text-
cken ein. in Röcken nahe Lützen und damit im kritik, die im Unterricht zunächst an

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Mit Gott oder ohne? Nihilismus

Um Erneuerung durch die Kunst ging es Jugendstil-Malern wie dem


Schweizer Ferdinand Hodler; auch für diese Bewegung gilt Nietzsche
als einer der geistigen Urheber („Die Lebensmüden“, 1892).

griechischen und lateinischen Klassikern kam, weigerte er sich, am Abendmahl Zunft unmöglich machte, ist Christliches
Anwendung fanden. Im nominell christ- teilzunehmen. oder Antichristliches auf der Textober-
lichen Pforta blieben auch das Alte und Damit hätte, wie bei so vielen Wissen- fläche kaum zu erkennen. Rückblickend
das Neue Testament vor diesem Zugriff schaftlern seines Jahrhunderts, Nietz- meinte er, in diesem Werk dem Christen-
auf Dauer nicht verschont. Obwohl der sches Auseinandersetzung mit dem Chris- tum gegenüber „behutsames und feind-
Halbwüchsige damals mit dem Christen- tentum schon zu Ende sein können. Die seliges Schweigen“ gewahrt zu haben.
tum noch nicht offen brach, entfremdete bange und zugleich hoffnungsfrohe Frage In Basel hatte sich Nietzsche inzwi-
er sich doch von dessen enger, bibli- des Vaters, „Was will aus dem Kindlein schen mit dem Theologieprofessor Franz
zistisch-orthodoxer Auslegung, die in werden?“, hätte eine epochentypische Overbeck angefreundet. Dieser hatte
seiner Familie vorherrschte. Der Reli- Antwort gefunden: ein agnostischer Ge- zwar angehenden Pfarrern Neues Testa-
gionsunterricht festigte seinen Glauben lehrter, der zur christlichen Überlieferung ment und Kirchengeschichte nahezubrin-
ebenso wenig. ironische Distanz hält, ohne sie direkt gen, war jedoch zutiefst skeptisch ange-
Um den familiären Erwartungen zu anzugreifen und ohne sich weiter um sie sichts des christlichen Anspruchs, die
genügen, begann Nietzsche nach dem zu scheren. Welt erklären und dem Menschen Halt
Abitur an der Universität Bonn zunächst Tatsächlich weisen die ersten Schritte geben zu können.
neben der Philologie auch Theologie von Nietzsches intellektueller Karriere Für Overbeck war das Christentum
zu studieren. Unter dem Eindruck theo- genau in diese Richtung: Für den klassi- ein antikes Relikt, dessen frühe Reprä-
logiekritischer Werke wie dem epoche- schen Philologen, der blutjung auf eine sentanten, die Kirchenväter, bereits den
machenden „Leben Jesu“ (1835/64) von Professur in Basel berufen wurde, war ursprünglich kompromisslos weltabge-
David Friedrich Strauß, das die neutesta- das Christentum zunächst kein Thema. wandten und weltflüchtigen Charakter
mentliche Überlieferung als reine Mytho- Und auch in seinem 1872 veröffentlichten dieser Religion verraten hätten. Das neu-
logie verstand, gab er die Theologie frei- philosophischen Erstling, „Die Geburt zeitliche Christentum erschien ihm nur
lich bald ernüchtert auf. Als er in seinen der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, mehr als Gespenst, als verwesender
ersten Ostersemesterferien nach Hause mit dem er sich in der philologischen Leichnam ohne jede Bindungskraft.

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nach einem neuen Mythos, einem neuen genröthe“, herrscht gegenüber dem Chris-
weltanschaulichen Rückgrat. tentum zwar noch immer der Gestus
Er fand es zunächst in der griechischen distanzierter Überlegenheit vor. Aber
Antike und im Gesamtkunstwerk Ri- Nietzsches Analysen wurden schärfer,
chard Wagners, dem er auch persönlich und das Vertrauen in die Zersetzungs-
nahegetreten war. In der „Geburt der Tra- kraft rein historischer Betrachtung
gödie“ beschrieb er die Tragödiendich- schwand.
tungen von Aischylos und Sophokles als Das im Frühwerk noch großzügig
beispielhafte Verbindung des Dionysi- beiseitegeschobene Christentum gewann
schen und des Apollinischen, also der zunehmend bedrohliches Potenzial: We-
beiden bestimmenden Kulturprinzipien niger als Ansammlung von überlebten
des Rauschhaft-Entgrenzenden und des Glaubenssätzen und Mythen wurde es
Geordnet-Maßhaltenden. In Richard jetzt begriffen, vielmehr als dicht ge-
Wagners Werk sah er diese Synthese wobenes Netz von weltbildbestimmen-
ebenso verwirklicht, sodass enthusiasti- den Urteilen und Überzeugungen, die
sche Hoffnungen auf die Wiedergeburt ihre prägende Kraft längst nicht einge-
deutscher Kultur begründet schienen. büßt hatten – mochten sich die modernen
Der junge Nietzsche machte sich zum Menschen noch so sehr von ihm emanzi-
Apostel der wagnerschen Kunstreligion. piert wähnen.
Das Christentum hingegen sei unter dem Die Gegenwart ist nach Nietzsches
Zugriff „einer historisirenden Behand- Diagnose viel stärker vom Christentum
lung blasirt und unnatürlich geworden bestimmt, als es die bequemen Freigeis-
(...), bis endlich eine vollkommen histori- ter und Ungläubigen wahrhaben wollen.
sche, das heisst gerechte Behandlung es Christentum steht in Nietzsches Werk
in reines Wissen um das Christenthum fortan für Lebensfeindlichkeit, die sich
auflöst und dadurch vernichtet“ habe – noch lange fortpflanzt, während die
so heißt es in der zweiten „Unzeitgemä- christlichen Dogmen ihre Glaubwürdig-
ßen Betrachtung“ mit dem Titel „Ueber keit verloren haben.
Nutzen und Nachtheil der Historie für Auch Schopenhauer (und mit ihm
das Leben“. Es klingt, als hätte sich das Freund Overbeck) hatte im Christentum
Christentum im Laufe der Weltgeschichte eine ursprünglich welt- und lebensentsa-
von selbst erledigt. gende Bewegung gesehen, die allerdings
In der zweiten Hälfte der 1870er-Jahre ihren starken Zug zur Willensverneinung
aber veränderten sich Ton und Stimmung nach und nach verlernt habe. Nietzsche
von Nietzsches Philosophie. Die pessi- hingegen hielt diesen Zug trotz aller Tar-
mistische Präferenz, die von Arthur Scho- nung für unvermindert dominant, selbst
penhauer her sein Schreiben bislang be- noch in den zeitgenössischen Schwund-
stimmt hatte, verflüchtigte sich ebenso stufen. Als Religion mochte das Christen-
Im Gespräch mit dem unerbittlich wie die Begeisterung für Wagner, dessen tum verblichen sein, als Moral blieb es
scharfsichtigen Overbeck verstärkte sich Bayreuther Festspielzirkus Nietzsche ab- für ihn gespenstisch lebendig.
bei Nietzsche die Einsicht in die Desil- stieß. Das Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ Ein eindringliches Beispiel dafür gibt
lusionsmacht historischer Kritik, die alle kam dem Philosophen jetzt wie ein Knie- der Aphorismus 125 in der 1882 erschie-
Geltungsansprüche als geschichtlich ge- fall vor den christlichen Tugenden der nenen „Fröhlichen Wissenschaft“. Dort
worden, als geschichtlich bedingt und Demut und des Mitleidens vor – ein Knie- findet sich das berühmte Wort: „Gott ist
als geschichtlich hinfällig herausstellt: fall, den er als „tödtliche Beleidigung“ tot.“ Es handelt sich hierbei nicht um das
Die Bibel ist nichts weiter als ein Buch empfand: Die Kunstreligion war offen- persönliche Bekenntnis Nietzsches. Viel-
unter zahllosen anderen Büchern, ge- sichtlich nicht lebenskräftig genug, um mehr schreibt Nietzsche die Losung
schrieben von Menschen für Menschen dem Christlichen mit Eigenem Paroli bie- einem „tollen Menschen“ zu, von dem
aus einer völlig anderen Zeit in völlig ten zu können. erzählt wird, wie er am helllichten Tag
anderer Umgebung – Menschen, die uns Unterdessen hatte Nietzsche die Bas- mit einer Laterne auf den Marktplatz
nichts mehr zu sagen haben, was uns ler Professur und mit ihr die Philologie kommt und den dort versammelten Leu-
für unser eigenes Leben noch etwas be- als Beruf aufgegeben. Mit Mitte dreißig ten verkündet, Gott sei tot, und alle hät-
deuten könnte. Unter dem historisch- entschied er sich für das Dasein als frei- ten ihn getötet.
philologischen Zugriff zersetzt sich das schaffender Philosoph ohne festen Wohn- Der „tolle Mensch“ erntet nur Spott
Christentum als lebensbestimmende sitz (aber mit guter Basler Rente). Seine und Gelächter, denn die Umstehenden
Macht. neue Philosophie fand zum Schrecken haben ausdrücklich auch schon vorher
Overbeck verharrte auf dem Stand- Wagners ihre Vorbilder in der radikalen nicht mehr an Gott geglaubt. Was ihnen
punkt wissenschaftlicher Kritik; ihm lag französischen Aufklärung und wählte als aber nicht klar ist und was der merkwür-
nicht daran, der Menschheit neue Sinn- Form den geschliffenen Aphorismus. So dige Geselle ihnen nahebringen will, sind
horizonte zu erschließen. Nietzsche aber schaffte Nietzsche sich Luft zum Atmen. die Konsequenzen dieser Ermordung
empfand diese heroische Leere als unge- In den Werken dieser Zeit, in „Mensch- Gottes. Denn sie glauben, auch ohne
nügend, ja unerträglich. Er sehnte sich liches, Allzumenschliches“ und der „Mor- Gott weiter so vor sich hin leben zu kön-

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Mit Gott oder ohne? Nihilismus

nen wie immer. Der „tolle Mensch“ ver- werden wollen, bleibt im Ungefähren. scheaner in parachristlicher Sinnsucht. In
sucht hingegen, ihnen zu vermitteln, dass Entsprechend buntscheckig und wider- „Also sprach Zarathustra“ werden zwar
mit Gott ihr gesamtes Weltbild hinfällig sprüchlich sind die politischen Folgerun- die alten Tafeln der Moral zerbrochen,
geworden sei, dass sie nichts mehr hätten, gen, die die Nachwelt aus Nietzsches At- die neuen jedoch bleiben, entgegen an-
woran sie sich halten können. tacken meinte ziehen zu müssen. derslautenden Bekundungen, weitge-
Die Leute auf dem Markt sind sich der „Also sprach Zarathustra“ (1883/85) hend unbeschrieben.
fatalen Konsequenzen einer Tötung Got- wollte Nietzsche als weltgeschichtlichen So scharf die „Genealogie der Moral“
tes nicht bewusst. Sie glauben, die christ- Paukenschlag verstanden wissen, auch von 1887 mit der sklavenmoralischen,
lich inspirierte Moral weiter aufrecht- wenn oder gerade weil sich damals kaum christlichen Umwertung der Werte ins
erhalten zu können, während sie doch ein Leser um dieses neue, so rätselhafte Gericht ging, so deutlich arbeitete Nietz-
deren transzendenter Grundlage längst Werk scherte. Der Philosoph ließ darin sche darin heraus, wie sehr sich emanzi-
beraubt sind. Mit seiner gottlosen Predigt unter dem Namen des altpersischen Pro- piert dünkende, frei gewordene Geister
dringt der aufrührerische Marktschreier pheten Zarathustra eine Figur auftreten, im Kern noch christlich moralisiert sind.
allerdings nicht durch; man hält ihn ein- die man fälschlich immer wieder mit Er schilderte, wie das dem Christentum
fach für verrückt. Dass ihre Welt ohne Nietzsche identifiziert hat. durchaus innewohnende Redlichkeits-
Gott entleert ist, merken die Leute auf Dieser Zarathustra geht zu den Men- streben zunächst Grundfesten der christ-
dem Markt nicht einmal. schen und versucht, ihnen philosophische lichen Dogmatik und dann den Gott
Mit der philosophischen Anekdote Lehren nahezubringen, spricht vom selbst preisgibt, um endlich die christlich
vom „tollen Menschen“ eröffnete Nietz- Übermenschen, vom Willen zur Macht kontaminierte Moral mit dem ihr inne-
sche einen Problemhorizont, in den er und von der ewigen Wiederkunft des wohnenden „Willen zur Wahrheit“ aufs
seine weitere Auseinandersetzung mit Gleichen. Er bedient sich des hohen To- Korn zu nehmen.
dem Christentum stellte: Offensicht- nes religiöser Verkündigung, suhlt sich Die philosophische Befreiungsbemü-
lich ließ es sich weder mit bloßer philo- in einer Metaphernflut und macht Ri- hung wurzelt also selbst im christlichen
logischer Textkritik noch mit beißen- chard Wagner Konkurrenz beim Versuch Feld, mag sie dieses Feld noch so sehr
dem atheistischem Witz aus der Welt der Publikumsüberwältigung. Oft hat umpflügen. Nietzsche kalkulierte minu-
schaffen. man Nietzsches „Also sprach Zarathus- tiös die enormen Folgekosten der christ-
Was der Philosoph stattdessen entwi- tra“ als Bemühen um eine atheistische lich geprägten Moral, die einengt und ver-
ckelte, ist ein moralgenealogisches Ver- Religionsgründung verstanden wissen gewaltigt, und die gleichermaßen enor-
fahren. Es sollte zeigen, dass alle Moral wollen. men Folgekosten der Ermordung Gottes,
geschichtlich entstanden ist, dass wir uns Dabei wurde allerdings übersehen, die die Menschen völliger Sinnleere über-
somit nicht auf unverrückbare moralische dass Nietzsche die Zarathustra-Figur in antwortet und sie dazu zwingt, ihren ei-
Intuitionen verlassen können. Die vom ihrem missionarischen Bemühen ebenso genen Sinn zu schaffen.
Christentum in Geltung gebrachte Moral scheitern lässt wie den „tollen Menschen“ Es mutet wie ein Rätsel an, dass Nietz-
sei erfunden worden von den Schwachen, der „Fröhlichen Wissenschaft“. Eine sä- sche im letzten Schaffensjahr 1888 seine
den Unterlegenen, den Zu-kurz-Gekom- kulare Zarathustra-Religion als Christen- Kritik am Christentum zum schrillen For-
menen, die sich ihrer bedient hätten und tumsersatz ist nicht Nietzsches Angebot, tissimo steigerte, zugleich aber sein eige-
nach wie vor bedienten, um obenauf zu sondern das Produkt entfesselter Nietz- nes Dasein in christlich-heilsgeschicht-
kommen. liche Kategorien einpasste. Die Genealo-
In Nietzsches späten Werken, nament- gie seiner selbst, in der er sich und sein
lich in der „Genealogie der Moral“ von noch sehr spärliches Publikum über sich
1887 und in der „Götzen-Dämmerung“ selbst aufklären wollte, heißt „Ecce
von 1888, gilt die christliche Kirche daher homo“ und spielt damit auf das von Pila-
als eine Institution, deren Ziel die Zäh- tus auf Jesus gemünzte Wort an: „Sehet,
mung der ungeschlachten und wilden welch ein Mensch!“
Menschennatur ist. „Sie wird geschwächt, Im „Antichrist“ hingegen führt scho-
sie wird weniger schädlich gemacht, sie nungslose Polemik das Wort. Nietzsche
wird durch den depressiven Affekt der bot das ganze Arsenal historisch-philo-
Furcht, durch Schmerz, durch Wunden, logischer Gelehrsamkeit auf, ebenso
durch Hunger zur krankhaften Bestie.“ psychologisches und physiologisches
Es sollen die von Natur Starken und Ge- Wissen; er reicherte das Gemisch an mit
sunden gewesen sein, deren Willen die Einsichten aus den Werken von Fjodor
christliche Domestizierung gebrochen Dostojewski und Leo Tolstoi. Und all
habe, um sie moralisch gefügig, sozial dies nur um nachzuweisen, dass das aus
verträglich zu machen. dem Judentum emporgewachsene Chris-
Der von „Priestern“ verwalteten tentum eine weltgeschichtliche Katastro-
„Sklaven-Moral“ hält Nietzsche in seinen phe sei.
philosophischen Denkexperimenten eine Ressentiment und schlechtes Gewis-
„Herren-Moral“ entgegen. Ob dies aber sen seien systematisch dazu benutzt wor-
eine neue Gewaltherrschaft von physisch den, den Menschen kleinzumachen. De-
Überlegenen in Aussicht stellt, die mit Bereits mit 55 Jahren starb Nietzsche an
mokratie und Gleichberechtigung in der
der Abschüttelung des christlich-morali- einer seltenen Demenzform; der Maler Curt Gegenwart seien nichts anderes als ver-
schen Jochs selbst wieder Unterjochende Stoeving nahm seine Totenmaske ab (1900). kapptes Christentum mit anderen Mit-

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Nietzsche fand das neue weltanschauliche Rückgrat, nach dem
er suchte, anfangs im Gesamtkunstwerk Richard Wagners
(Bühnenmalerei für Wagners „Parsifal“ von Max Brückner, 1882).

teln. Nietzsche wollte seine eigene „Um- lich-eschatologischen Selbstdeutung also ner Nacheiferer waren und sind in ih-
werthung aller Werthe“ auf die Tages- vielleicht doch nicht so groß: Weder rem Atheismus nicht weniger dogma-
ordnung setzen, die mit dem „Antichrist“ agnostischer Wissenschaftlerdünkel noch tisch als ihre christlichen Kontrahenten.
schriftstellerisch endlich vollzogen wer- die Reden Zarathustras haben die christ- Nietzsches Warnung, Überzeugungen
den sollte. liche Moral aus der Welt zu schaffen ver- statt als Gefängnisse als Mittel zu ver-
Dabei wies er Jesus eine Sonderstel- mocht. Entsprechend scheinen sehr star- stehen, haben sie oft in den Wind ge-
lung zu: Dieser zu jedem Widerstand un- ke polemisch-rhetorische Mittel erforder- schlagen.
fähige Symbolist war jetzt ganz aus der lich, um jene allgemeine Mobilisierung Wer die Macht des Christentums neu-
jüdisch-christlichen Verfallsgeschichte zu erreichen, die Nietzsche als Umwer- tralisieren will, wäre womöglich noch im-
herausgenommen, während Paulus als tung aller Werte für seine Gegenwart und mer besser beraten, es auf Eis zu legen,
„Genie im Hass“ die eigentliche Grün- die Zukunft erhoffte. anstatt es mit Flüchen zu überziehen.
dergestalt des institutionalisierten Chris- Dazu waren dann alle Mittel recht: Eine Anfrage Nietzsches pflegen die
tentums verkörperte. Aber der späte „Überzeugungen“ sollten nach einer me- frommen Atheisten ohnehin zu überhö-
Nietzsche entwickelte keine private Je- thodischen Selbstreflexion im Antichrist ren: dass es womöglich auch mit unserer
sus-Frömmigkeit, sondern charakteri- nicht „Gefängnisse“ sein, in die man sich Moral nichts sei, weil auch diese zu sehr
sierte den sogenannten Erlöser als patho- einschließt, sondern „Mittel“, Kampf- in der christlichen Tradition verwurzelt
logischen Fall des Nicht-widerstehen- mittel, um das Christentum als Moral zu ist. Wer aber würde es wagen, auch sie
Könnens, der bloß sich selbst von seinem beseitigen. Nietzsche ging es darum, den auf Eis zu legen? 
Leiden zu erlösen verstanden habe. Jesus Menschen freizustellen. Frei auch im Sin-
ist im „Antichrist“ eine Spielfigur, er- ne von unbehaust, obdachlos. Andreas Urs Sommer lehrt Philosophie
dacht, um die Christen ihrer eigenen Leit- Der Atheismus des 20. und 21. Jahr- an der Universität Freiburg i. Br. und leitet die
figur zu berauben. hunderts hat Nietzsche immer wieder Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Hei-
Näher besehen ist das Rätsel von als Leitbild bemüht. Für plakative delberger Akademie der Wissenschaften. 2017
Nietzsches spätem Antichristentum und Thesen gab sein Werk einen gern ge- erschien sein Buch „Nietzsche und die Folgen“
seiner eigenen, ironisch gefärbten, christ- nutzten Steinbruch ab. Aber viele sei (J. B. Metzler).

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Mit Gott oder ohne? Bekennende Kirche

Die Nationalsozialisten wollten ihre Ideologie auch in den Kirchen durchsetzen.


Der Theologe Dietrich Bonhoeffer konnte das mit seinem Glauben nicht vereinbaren;
er schloss sich dem Widerstand gegen Hitler an.

Dem Rad in die Speichen fallen


Von Michael Sontheimer

S
ein Tod war es, der ihn unsterb- einem schwarzen Kollegen an; er erlebte
lich machte. Am 8. April 1945, die Rassentrennung und die Diskrimi-
einen Monat vor dem Ende des nierung der Afroamerikaner.
Zweiten Weltkriegs, verurteilte Bonhoeffer, der sein erstes Pfarramt
ein SS-Standgericht im oberpfälzischen als Studentenpfarrer in Berlin antrat,
Konzentrationslager Flossenbürg Diet- war also in puncto Rassismus sensi-
rich Bonhoeffer zum Tode. Im Morgen- bilisiert, für die Ökumene interessiert,
grauen des nächsten Tages wurde der 39 und er bewegte sich auf eine pazifisti-
Jahre alte evangelische Theologe mit vier sche Position zu. Auf einer internatio-
weiteren Widerstandskämpfern auf den nalen Jugend-Friedenskonferenz in der
Richtplatz geführt. Die Häftlinge mussten Tschechoslowakei 1932 forderte er: „Die
sich nackt ausziehen, dann wurden sie Ordnung des internationalen Friedens
gehängt. ist heute Gottes Gebot für uns.“
Die Ermordung durch die SS-Scher-
gen hat Dietrich Bonhoeffer zu einem Die Bewährungsprobe für seine Über-
Helden und Märtyrer gemacht, zu einer zeugungen kam, nachdem Adolf Hitler
Art evangelischem Heiligen. Die Mehr- Ende Januar 1933 Reichskanzler gewor-
heit der Kirchenleute passte sich im Na- den war. Im Kreis von Vertrauten ver-
tionalsozialismus den Machthabern an, hehlte der Nationalsozialist seinen Ab-
so wie es die meisten Deutschen taten. scheu gegenüber der Religion nicht: „Der
Der Theologe Bonhoeffer aber schloss schwerste Schlag, der die Menschheit ge-
sich den Verschwörern an, die die Deut- troffen hat, ist das Christentum; der Bol-
schen von Hitler befreien wollten, nahm schewismus ist der uneheliche Sohn des
für seine Überzeugung schließlich sogar Christentums; beide sind Ausgeburt des
den Tod in Kauf. Juden.“ Hitler wünschte sich, „dass auf
Geboren war er 1906 in Breslau als der Kanzel nur noch lauter Deppen ste-
sechstes von acht Kindern des Psychia- hen und vor ihnen alte Weiblein sitzen“.
trieprofessors Karl Bonhoeffer, der bald Da aber etwa 95 Prozent der Deut-
an der Charité in Berlin lehrte. Mit sei- schen Mitglied der evangelischen oder
nem Wunsch, Theologie zu studieren, der katholischen Kirche waren, hielten
stieß der vielseitig begabte und hochin- sich die Nazis taktisch zurück. Schon
tellektuelle Dietrich in seiner Familie 1932 hatten sie die „Glaubensbewegung
eher auf Verwunderung als auf Begei- Deutsche Christen“ begründet; ihre Flag-
sterung. Bereits mit 21 Jahren schloss er ge enthielt ein Hakenkreuz.
sein Studium der evangelischen Theo- Mitte November 1933 erklärte ihr Ber-
logie in Tübingen und Berlin mit der liner Gauobmann Reinhold Krause auf
Promotion ab. einer Kundgebung im Sportpalast, man
Dietrich Bonhoeffer als Leiter eines Prediger-
Schon als Student reiste er viel und seminars der „Bekennenden Kirche“ (1935). müsse sich nun „vom Alten Testament
weit – nach Rom, Barcelona und im Sep- Als Gefangener der SS schrieb er später mit seiner jüdischen Lohnmoral, von die-
tember 1930 für ein Jahr nach New York. Verse mit dem Titel „Neujahr 1945“, aus sen Viehhändler- und Zuhältergeschich-
„Eine Theologie gibt es hier nicht“, denen eines der beliebtesten christlichen ten“ frei machen und „auf die ganze Sün-
Lieder wurde. Der Schluss lautet: „Von
schrieb er in die Heimat. „Es wird das guten Mächten wunderbar geborgen,
denbock- und Minderwertigkeitstheolo-
Blaue vom Himmel heruntergeschwatzt erwarten wir getrost, was kommen mag. gie des Rabbiners Paulus“ verzichten.
ohne die geringste sachliche Begrün- Gott ist bei uns am Abend und am Morgen Bonhoeffer hingegen hatte bereits im
dung.“ Bonhoeffer freundete sich mit und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Juli 1933 in seinem Aufsatz „Die Kirche

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Die Nazis versuchten, die evangelische Kirche mit der
„Glaubensbewegung Deutsche Christen“ zu unterwandern
(Kundgebung im Berliner Sportpalast, Ende 1933).

vor der Judenfrage“ klargemacht, dass dere führten sie heimlich weiter, bis die man erst in der vollen Diesseitigkeit des
die Kirche auch die Möglichkeit habe, Gestapo sie 1940 endgültig auflöste. Bon- Lebens glauben lernt.“
„nicht nur die Opfer unter dem Rad zu hoeffer wurde mit einem Rede- und Ver- Seinen Weg zu Gott beschrieb er so:
verbinden, sondern dem Rad selbst in öffentlichungsverbot belegt. „Wenn man völlig darauf verzichtet hat,
die Speichen zu fallen“. Der Konflikt In dieser Zeit vollzog der Theologe aus sich selbst etwas zu machen – sei es
mit dem Regime war absehbar. den Schritt vom Pazifismus zum bewaff- einen Heiligen oder einen bekehrten
Vielleicht auch deshalb ging Bonhoef- neten Widerstand gegen Hitler. Er kann- Sünder oder einen Kirchenmann, einen
fer zunächst als Auslandspfarrer nach te natürlich das Bibelwort „Wer das Gerechten oder einen Ungerechten, ei-
London und kümmerte sich um die ers- Schwert nimmt, der soll durchs Schwert nen Kranken oder einen Gesunden –,
ten deutschen Emigranten. In Deutsch- umkommen“, aber er kam zu der Über- dann wirft man sich Gott ganz in die
land formierte sich in dieser Zeit ab zeugung, dass der Tyrannenmord im Fal- Arme.“ Seine letzten theologischen Aus-
Frühjahr 1934 die „Bekennende Kirche“ le Hitlers gerechtfertigt sei. führungen kreisen um „ein christliches
als Gegenbewegung zu den „Deutschen Leben in einer religionslosen Welt“, die
Christen“. Die hier Engagierten wollten Bonhoeffers Schwager Hans von Doh- Ausarbeitung einer konsistenten Lehre
keinen Arierparagrafen einführen, stell- nanyi brachte Bonhoeffer in Kontakt mit gelang ihm nicht mehr.
ten sich gegen die „Gleichschaltung“ anderen Verschwörern gegen Hitler und Nachdem das Reichssicherheitshaupt-
der evangelischen Kirche. Nach seiner sorgte dafür, dass er als Verbindungs- amt durch Bomben schwer beschädigt
Rückkehr übernahm Bonhoeffer die mann ins Ausland reisen konnte. Doch worden war, verlegte die SS Bonhoeffer
Leitung eines Predigerseminars der die Gruppe flog auf; Dohnanyi und Bon- ins KZ Buchenwald und schließlich
Bekennenden Kirche in Pommern. Auf hoeffer wurden Anfang April 1943 ver- in das Lager Flossenbürg in der Ober-
einem einsamen Gut bei Stettin bildete haftet und drei Monate später wegen pfalz.
er angehende Pfarrer aus. Die Kirche, „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt. „Er war fröhlich und aufgelegt, jeden
davon war er überzeugt, müsse sich an Im Untersuchungsgefängnis der Wehr- Scherz zu erwidern“, erinnerte sich ein
die Seite der Verfolgten stellen. Bon- macht in Berlin-Tegel rekapitulierte Bon- englischer Mithäftling in Buchenwald.
hoeffer setzte sich deshalb als einer der hoeffer in Briefen die Genese seines „Bonhoeffer war ganz Bescheidenheit
ersten christlichen Theologen auch für Glaubens. „Ich dachte, ich könnte glau- und Freundlichkeit. Er war einer der
die Juden ein. ben lernen, indem ich selbst so etwas ganz wenigen Männer, die ich je getrof-
Der Reichsführer SS Heinrich Himm- wie ein heiliges Leben zu führen ver- fen habe, denen ihr Gott immer nahe
ler ließ im August 1937 die Prediger- suchte“, schrieb er. „Später erfuhr ich und wirklich war.“
seminare verbieten; Bonhoeffer und an- und ich erfahre es bis zur Stunde, dass michael.sontheimer@spiegel.de

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Mit Gott oder ohne? Glaube und Politik

Die Befreiungstheologie in Lateinamerika wollte ein besseres Leben für die Armen
im Hier und Jetzt – sie verband die Religion mit sozialistischen Idealen.
Was ist unter dem argentinischen Papst Franziskus aus der Bewegung geworden?

Adler und Huhn

Von Jens Glüsing

D
as Haus des Dichters Ernesto Religion zusammenbringen wollte und gung, unter dem schwarzen Barett fun-
Cardenal auf der Insel Mancar- damit weltweit Widerhall fand? keln dunkle Augen. Die Regierung ver-
rón im Nicaragua-See ist ein Auf der Insel im Nicaragua-See ist die folgt ihn, vorübergehend hatte er sogar
Ort zum Träumen. Vom Bal- religiöse Revolution nur noch eine ferne erwogen, ins Exil zu gehen. Schriftstel-
kon schweift der Blick über eine liebliche Erinnerung. Am Bootsanleger verkaufen lerkollegen aus aller Welt haben sich mit
Tropenlandschaft. Dampfender Urwald einheimische Künstler naive Malerei, aus ihm solidarisiert.
liegt dem Besucher zu Füßen, am Hori- dem Gemeindesaal wurde ein kleines Seinen Traum von einem religiös be-
zont erstreckt sich wie ein riesiger silbri- Museum. Cardenal, heute 92, war seit gründeten, revolutionären Weg aus Ar-
ger Teller der See. Kleine Boote tanzen Jahren nicht in Solentiname, er lebt in mut und Unterdrückung hat Cardenal
auf den Wellen. der Hauptstadt Managua. An gesundheit- dennoch nicht aufgegeben. Er glaubt
Hier, auf der größten Insel des So- lichen Problemen liegt es nicht: Ein Ge- allerdings nicht mehr, dass die Befreiung
lentiname-Archipels, starteten Fischer, richtsstreit um seine Liegenschaften im von einer wie auch immer motivierten
Bauern und Geistliche vor mehr als Archipel vergällt ihm die Rückkehr. Guerilla ausgeht. Seine Hoffnung gilt
50 Jahren ein religiöses Experiment, das Cardenals Prozessgegner stehen Prä- jetzt dem Mann im Vatikan: „Papst Fran-
jahrzehntelang engagierte Christen in sident Daniel Ortega nahe. Der war einst ziskus macht die Revolution.“
Lateinamerika und Europa faszinierte. Anführer der sandinistischen Guerilla-
Unter Leitung des früheren Trappisten- kämpfer. Wie die Befreiungstheologen Ein Papst war es auch, der einst die Hoff-
mönchs Cardenal schlossen sich die Bau- setzten die Sandinisten sich für ein sozia- nungen auf ein politisches Christentum
ern zu einer christlichen Basisgemeinde listisches Nicaragua ein, gegen den ver- an der Seite der Armen beflügelte. „Die
zusammen. In der klosterähnlichen Ge- hassten Despoten Anastasio Somoza. Kirche kann kein ehrwürdiges Museum
meinschaft lebten sie nach den Regeln Doch inzwischen ist Cardenal verbittert sein, sie muss das Haus aller sein, luftig
der Befreiungstheologie, die sich damals über den einstigen Genossen: „Daniel und angenehm zum Leben“, verkündete
in ganz Lateinamerika ausbreitete. Ortega ist ein Diktator“, sagt Cardenal. der betagte Papst Johannes XXIII.; er be-
Es gab keine Hierarchie wie in ei- Sein schlohweißer Bart zittert vor Erre- rief 1962 das Zweite Vatikanische Konzil
ner herkömmlichen Pfarrei, die Bauern ein, das bis 1965 tagte.
selbst organisierten die Gottesdienste. In Ziel der Kirchenversammlung war das
Bibelkreisen diskutierten sie Gewalt und „aggiornamento“, eine Aktualisierung des
Ungleichheit und suchten nach Wegen Selbstverständnisses der katholischen Kir-
aus der Armut. In seinem Buch „Das che. In der lateinamerikanischen Periphe-
Evangelium der Bauern von Solenti- rie war sie bis dahin als elitäre Macht
name“ beschrieb Cardenal seine Erfah- wahrgenommen worden, denn die Staats-
rungen. kirchen sahen sich als Spiegel Roms. Mit
Die Theologie der Befreiung war der dem Vatikanum aber ließ die Kirche „fri-
Versuch, das Christentum politisch wirk- schen Wind“ in die Gemeinden, so be-
sam zu machen. Katholische Priester und schreibt es der brasilianische Befreiungs-
Ordensleute in Lateinamerika stellten theologe Leonardo Boff.
sich an die Seite der Armen, nahmen In Lateinamerika führten die vatika-
eine dezidiert linke Haltung ein – und nischen Reformen dazu, dass die Kirche
gerieten dadurch in Konflikt mit den Kir- ihre soziale Rolle neu definierte. Sie
chenoberen in Rom und mit den Militär- müsse vor allem eine „Kirche der Ar-
diktaturen in ihrer Heimat. Einige von men“ sein, hatte Johannes XXIII. vor
Rom sah die Befreiungstheologie kritisch:
ihnen zogen für ihre Ideale sogar in den 1983 musste sich Ernesto Cardenal dem Konzil gefordert. Junge Theologen
bewaffneten Kampf. Was ist aus der Be- in Managua von Papst Johannes Paul II. in Lateinamerika interpretierten das
wegung geworden, die Sozialismus und öffentlich tadeln lassen. als einen Aufruf, die bestehenden sozia-

126 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


Der Erzbischof von San Salvador, Oscar Romero, wurde 1980 von einem rechts-
gerichteten Attentäter erschossen. 2005 wurde sein Porträt an der Kathedrale
von San Salvador aufgehängt – viele hoffen auf seine Heiligsprechung.

len Verhältnisse umzuwälzen. Die Worte den Appell zur Rebellion wörtlich: In hilfe der USA an die Macht gekommen
Boffs waren unmissverständlich: „Wenn Kolumbien schlossen sich Camilo Torres waren. Sie bekämpften die linken Theo-
die Unterdrückung regiert, muss die und Manuel Pérez der Guerilla an und logen auch mit Gewalt. Im März 1980 er-
Rolle der Kirche die Befreiung und Ver- gingen in den Untergrund, sie folgten schoss der Anführer einer rechtsgerich-
änderung sein.“ dem Beispiel Fidel Castros und der ku- teten Todesschwadron den Erzbischof
Auf der lateinamerikanischen Bi- banischen Revolution. von San Salvador, Oscar Romero, wäh-
schofskonferenz in Medellín 1968 pran- Ihre Radikalisierung ist nur zu ver- rend dieser die Messe las. Neun Jahre
gerten einige Bischöfe erstmals die so- stehen vor dem Hintergrund des Kalten später ermordeten Auftragskiller sechs
ziale Ungerechtigkeit an. In Brasilien rief Krieges, der Lateinamerika ideologisch Jesuiten, die an der Zentralamerikani-
der „rote Bischof“ Dom Hélder Câmara gespalten hatte. In vielen Ländern herrsch- schen Universität in San Salvador lehrten.
zum Aufstand gegen die bestehenden ten in den Siebziger- und Achtzigerjah- Manche Befreiungstheologen, unter
Verhältnisse auf. Einige Priester nahmen ren Militärdiktaturen, die teilweise mit- ihnen auch der Nicaraguaner Ernesto

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 127


Mit Gott oder ohne? Glaube und Politik

Cardenal, pflegten eine ambivalente Hal- Mario Bergoglio hieß, regelmäßig die Seite der Armen. Theologie der Befrei-
tung zur Gewalt, das war eine der Kon- Elendsviertel der argentinischen Haupt- ung“ heraus. Sie schlugen damit eine
fliktlinien mit Rom. Sie traten für einen stadt. Und tatsächlich mehren sich schon Brücke der Versöhnung und versuchten
radikalen sozialen Wandel ein, darin sa- seit einigen Jahren die Anzeichen einer zugleich, die Befreiungstheologie zu ak-
hen ihre Gegner eine ideologische Ab- Entspannung zwischen dem Heiligen tualisieren: In dem Werk geht es um
weichung von der katholischen Sozial- Stuhl und den Rebellen. Globalisierung, Informationstechnologie
doktrin. Der Mix aus Sozialismus und Ausgerechnet der eher konservative und andere Herausforderungen der Post-
Christentum, den die Befreiungstheolo- deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Mül- moderne.
gen propagierten, kam im Vatikan nicht ler, den Benedikt im Juli 2012 zum Prä- Unter dem argentinischen Papst Fran-
gut an. fekten der Glaubenskongregation er- ziskus hat sich das Verhältnis zu den
nannt hatte, leistete dazu einen Beitrag. linken Kirchenkritikern endgültig ent-
Bei seinem Besuch in Nicaragua 1983 Müller pflegte enge Kontakte zu dem krampft. Franziskus ist durch und durch
tadelte Johannes Paul II., der durch die peruanischen Dominikaner Gustavo Gu- Pragmatiker, er hat die Diskussion ent-
kommunistische Diktatur in seinem Hei- tiérrez, der 1971 in einem Standardwerk ideologisiert, mit den einst geächteten
matland Polen geprägt war, öffentlich die theoretischen Grundlagen für die Be- Theologen hat er Nachsicht: Er sieht ihre
den Revolutionspriester Ernesto Carde- freiungstheologie gelegt hatte. Irrungen und Wirrungen als Folge der
nal. Das Foto des Papstes, der auf dem Schon im Jahr 2004 gaben Müller und schreienden sozialen Ungerechtigkeit auf
Flughafen von Managua mit erhobenem Gutiérrez gemeinsam das Buch „An der dem lateinamerikanischen Kontinent.
Zeigefinger den vor ihm knienden Car-
denal zurechtwies, ging um die Welt.
Den Franziskaner Boff, der die Hie-
rarchie der Amtskirche in einer flam-
menden Streitschrift kritisiert hatte, lud
im Jahr 1984 Kardinal Joseph Ratzinger,
der damals die Glaubenskongregation
leitete, zur Zurechtweisung nach Rom
vor. Boff musste auf dem Sessel Platz
nehmen, auf dem schon der als Ketzer
verfemte Galileo Galilei gesessen hatte.
Die Kurie verurteilte ihn zu einem ein-
jährigen Rede- und Lehrverbot, dem
sogenannten Bußschweigen. Auch Car-
denal wurde 1985 von seinem Amt als
Priester suspendiert.
Der Streit mit der Amtskirche sorgte
auf der ganzen Welt für Schlagzeilen.
Doch den Basisgemeinden in Lateiname-
rika brachte er keinen Zulauf. Viele Gläu-
bige klagten über die Politisierung durch
übereifrige Priester.
Das größte Problem der Befreiungs-
theologie seien nicht so sehr die theolo-
gischen Irrtümer gewesen, sondern die
mangelnde Seelsorge, meint der spani-
sche Kirchenhistoriker Alberto Royo Me-
jía. Sie habe auf „unerbittliche Weise die
Kirchen geleert“. Vielleicht auch deshalb
liefen in den vergangenen Jahren Mil-
lionen Katholiken zu den evangelikalen
Kirchen über.
Seit 2013 aber gibt es eine neue Hoff-
nung für Befreiungstheologen wie Ernes-
to Cardenal: Mit Franziskus steht der
erste Lateinamerikaner an der Spitze der
katholischen Kirche. Nach dem streng
antikommunistischen Johannes Paul II.
und dem volksfernen Traditionalisten Be-
nedikt XVI. ist jetzt ein Papst an der
Macht, der die „Kirche der Armen“ aus
eigener Erfahrung kennt. Papst Franziskus bei einer Freiluftmesse im kolumbianischen Ort Medellín,
Als Erzbischof von Buenos Aires be- einer Hochburg der Befreiungstheologie, am 9. September 2017
suchte Franziskus, der damals noch Jorge

128 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


Einige der wichtigsten Vertreter der kutschieren und verzichtet die enorme Bedeutung der
Befreiungstheologie, die unter seinen auf päpstlichen Pomp. Vie-
Papst Franziskus Frauen für die Kirche be-
Vorgängern in Ungnade gefallen waren, le linke Christen glaubten tritt für eine tont. In einigen Basisge-
hat Franziskus bereits rehabilitiert. daher, dass die Befreiungs- „Befreiungstheo- meinden lesen Frauen so-
So sprach der Papst 2015 Oscar Rome- theologie mit dem volks- gar die Messe.
ro selig, den ermordeten Erzbischof von tümlichen Franziskus eine
logie light“ ein: Das passt zu der Ent-
San Salvador. Er hob vor dessen Tod die Renaissance erleben wür- sozialer Wandel wicklung, die die Befrei-
Strafmaßnahmen gegen den nicaraguani- de. Doch das ist ein Miss- ja, aber ohne ungstheologie in den ver-
schen Geistlichen und Politiker Miguel verständnis. gangenen Jahren genom-
d’Escoto auf, der unter Johannes Paul II. Er selbst sei nicht mehr
Marxismus. men hat. Die noch existie-
vom Priesteramt suspendiert worden war. übermäßig an der Befrei- renden Basisgemeinden in
Mit Leonardo Boff führt Franziskus einen ungstheologie interessiert, bekannte der Lateinamerika sind längst nicht mehr so
regen Briefwechsel. Und bei den Frie- mittlerweile verstorbene Peruaner Gus- ideologisch wie in den Siebziger- und
densverhandlungen der kolumbianischen tavo Gutiérrez, einst einer der Vorden- Achtzigerjahren.
Regierung mit der marxistischen Guerilla ker der Befreiungstheologie, nach einem „Die Zeiten, als in den Kirchenge-
Farc auf Kuba stand der Papst Pate. Besuch beim Pontifex 2013. Die „Option meinden der soziale Kampf ausgerufen
Franziskus tritt bescheiden auf, er für die Armen“ sei eine zentrale Bot- wurde, sind vorbei“, sagte Anuar Bat-
lässt sich gern in einem Kleinwagen schaft des Evangeliums, und Franziskus tisti, Erzbischof der Diözese Maringá im
sei ein Mann des Evangeliums. Eine Süden Brasiliens, vor zwei Jahren in ei-
weitergehende ideologische Ausdeutung nem Interview. „Der Begriff Befreiungs-
war für Gutiérrez damit überflüssig. Und theologie wird nicht mehr benutzt, die
auch Franziskus tritt eher für eine „Be- Bewegung ist in der Anonymität ver-
freiungstheologie light“ ein – sozialer schwunden.“
Wandel ja, aber ohne Marxismus. Auch die Anführer der Bewegung,
Tatsächlich zählte Franziskus nie zu einst heftige Kirchenkritiker, haben sich
den Befreiungstheologen – auch wenn mit den neuen Zeiten arrangiert. Viel-
ihn viele linke Kirchenanhänger gern als schreiber Leonardo Boff widmet sich in
solchen vereinnahmen. Als junger Jesui- seinen Spätwerken vor allem ökologi-
tenpriester in Argentinien „suchte Ber- schen Fragen. In seinen Büchern erteilt
goglio seine eigene Antwort auf den Ruf der umtriebige Theologe praktische An-
des Evangeliums nach einer Option für leitung zur Selbsthilfe: Wie man „vom
die Armen“, schrieb der konservative Kir- Huhn zum Adler“ werde, beschreibt ei-
chenkritiker Giuseppe Nardi 2013. Der nes seiner Werke.
spätere Papst sei von der „Volkstheolo- Der einstige Revolutionspriester Er-
gie“ inspiriert gewesen. Der zentrale nesto Cardenal tritt heute für ein Papst-
Unterschied zur Befreiungstheologie lie- tum auf Zeit ein, er will das Priestertum
ge darin, „dass der bewaffnete Kampf für Frauen öffnen und fordert die Ab-
durch eine praktizierte Armut ersetzt schaffung der Zölibatspflicht.
wurde“. Im September reiste Papst Franziskus
Vor allem jedoch lehnte Bergoglio die nach Kolumbien, wo die Befreiungs-
sozialistischen Ideen ab, die viele Befrei- theologie mit der lateinamerikanischen
ungstheologen und Ordensleute in La- Bischofskonferenz von Medellín vor
teinamerika inspirierten. „Er wurde fast 50 Jahren ihren Ausgangspunkt ge-
deshalb jahrzehntelang bis zu seiner nommen hatte. In kaum einem anderen
Papstwahl von Teilen seines Jesuiten- Land wurden so viele Priester ermordet
ordens isoliert und gemieden“, so Nar- und Kirchen niedergebrannt wie in Ko-
di, der seinerseits versucht, Franziskus’ lumbien.
Positionen auf der Seite der Konserva- Vor den versammelten Bischöfen hielt
tiven zu verorten. Franziskus in der Kathedrale von Bogotá
Mehrere Jahre lang war der von dem eine wichtige programmatische Rede.
Orden in die Provinz verbannt worden. Viele hatten einen starken politischen
Nardi: „Diese Haltung Bergoglios war Unterton erwartet. Stattdessen rüffelte
mit ausschlaggebend, dass er 1992 von Franziskus die Kirchenmänner, weil sie
Johannes Paul II. zum Weihbischof von die Seelsorge vernachlässigten. „Ihr seid
Buenos Aires ernannt wurde.“ keine Politiker, ihr seid Hirten!“, rief er
Die Basisgemeinden, die wohl wich- ihnen zu.
tigste Errungenschaft der Befreiungs- Die Kritik war vor allem an Kolum-
theologie, weiß Franziskus jedoch durch- biens konservativen Klerus adressiert,
aus zu schätzen: Er sieht in ihnen ei- der dem Friedensabkommen mit der
nen Weg, um dem grassierenden Pries- Guerilla Farc skeptisch gegenübersteht.
termangel zu begegnen. Franziskus hat Aber sie richtete sich wohl auch an die
die Rolle der Laien aufgewertet und Befreiungstheologen. I

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 129


Mit Gott oder ohne? Der Weg in die Zukunft

Christlich-evangelikale „Megachurches“
ziehen in den USA viele Gläubige an –
auch ihre oft ekstatischen Gottesdienste
machen sie für viele attraktiv.

130
Säkularisierung heißt die Abkehr vom Glauben, die fast
alle modernen Gesellschaften trifft. Der Religionssoziologe
Detlef Pollack erklärt, wie es dazu kommt –
und wo das Christentum nach wie vor erfolgreich ist.

Klub für Aufsteiger

131
Mit Gott oder ohne? Der Weg in die Zukunft

SPIEGEL: Fast 2000 Jahre lang war das Den Menschen geht es auf Erden so für das Leiden in der Welt, für Krank-
Christentum, global betrachtet, gut, dass die Notwendigkeit, auf ein heit, für Tod, für Pest und für Hunger,
ziemlich erfolgreich. Nun ist es im Jenseits oder eine Erlösung zu hoffen, verliert demgegenüber zunehmend an
Niedergang, zumindest in den west- weggefallen ist? Bedeutung. Die Frage ist in modernen
lichen Ländern. Wie kommt das? Ja, das ist ein entscheidender Punkt. Gesellschaften nicht mehr: Wie kann
Detlef Pollack: Tatsächlich geht in fast Veränderungen im Menschen- und im ich Gerechtigkeit vor Gott finden, son-
allen westlichen Ländern die Bindung Gottesbild setzen in der Zeit der Auf- dern wie kann ich die Welt so verän-
an die Kirche zurück. Und auch an klärung im 18. Jahrhundert ein: Der dern, dass sie meinen Wünschen und
Gott glauben immer weniger Menschen, Mensch wird nicht mehr vor allem als Bedürfnissen entspricht.
selbst in einst hoch religiösen Ländern ein verderbtes und sündiges Wesen ge-
wie Irland, Spanien oder Italien. Spiri- sehen, sondern als zur Tugend und Sie sagten, der Rückgang betreffe alle
tuelle Fragen, die früher existenziell Vervollkommnung begabt. Der Mensch westlichen Länder. Aber spielt nicht in
waren – erlange ich ewiges Leben, fin- traut sich nun zu, sein Leben und die den USA Religion immer noch eine sehr
de ich sündiger Mensch vor Gottes Au- Welt selbst zu gestalten. Die Funktion viel stärkere Rolle, sowohl im Alltag als
gen Gnade –, verlieren an Bedeutung. des Glaubens, Erklärungen zu liefern auch in der Politik?

Der Fotograf Mark Peterson fotografierte


Gläubige der evangelikalen Kirchen, etwa
der International Church of Las Vegas
(oben und vorherige Seite), die etwa 10 000
Mitglieder hat.

In Las Vegas gibt es die größte Dichte


von Megachurches in den USA –
zur Canyon Rich Christian Church gehören
6000 Gläubige (r.).

132 SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17


In der Showstadt Las Vegas hätten auch
die Gottesdienste oft Showcharakter, sagt
der Fotograf über seine Erfahrungen in den
Gemeinden. Die Gebäude der Kirchen, wie
das der Shadow Hill Church (l.), sind modern.

Manchmal besuchen die Gläubigen


Obdachlose, um sie mit einer „Heilenden
Berührung“ zu stärken (u.).

Auch in den USA sind tief greifende Es gibt also keine Rückkehr der Religio- die Vermischung etwa von religiösen
Prozesse der Säkularisierung und sität in den USA? und sexualethischen oder politischen
Entkirchlichung zu beobachten. Aller- Nein. Richtig ist aber, dass die Mobi- Fragen nicht länger gutheißen.
dings ist das religiöse Ausgangsniveau lisierungskraft des Christentums in den
höher. In den USA bekennen sich USA deutlich höher ist als in Europa. In Afrika oder Lateinamerika sind sol-
trotz rückläufiger Entwicklungen noch Die evangelikalen Bewegungen dort che Säkularisierungsprozesse nicht zu
immer 90 Prozent der Menschen zum nehmen oft sehr lautstark Stellung zu beobachten, dort hat der Niedergang
Glauben an Gott. Aber der Anteil Fragen von Moral oder Politik, etwa zu des Christentums noch nicht begonnen.
derer, die von sich sagen, sie hätten Abtreibung, Homosexualität oder auch Hat die Religion für die Menschen dort
keine religiöse Bindung, ist inzwischen zur freiheitlichen Mission der USA in eine andere Funktion?
genauso hoch wie in Westdeutschland. der Welt, damit gewinnen sie immer Das ungebrochene Wachstum der
Er liegt heute bei etwa 25 Prozent. neue Anhänger. Die wechseln zum Teil christlichen Gemeinden in diesen Ge-
Und diese Abschwächung der kirch- von liberaleren kirchlichen Gruppen in genden erklärt sich vor allem damit,
lichen Bindungen erfolgt ebenso das moralisch eindeutigere Lager. Aber dass Christen – aber auch Anhänger an-
wie in Westeuropa: von Generation zu gleichzeitig verlieren diese lauten Ge- derer Religionen – schlichtweg mehr
Generation. meinden auch ständig Mitglieder, die Kinder haben als Menschen, die nicht

SPIEGEL GESCHICHTE 6 /2 0 17 135


WIE EIN Mit Gott oder ohne? Der Weg in die Zukunft

LAND IN DIE
religiös gebunden sind. Aber das
Christentum spielt in diesen Gesell-
schaften auch tatsächlich oft eine
andere Rolle als in höher entwickel-
ten Gegenden. Wir beobachten zum
In westlichen Ländern wird ja nicht
nur die Gesellschaft moderner;
auch die christlichen Kirchen verän-
dern sich, werden liberaler. Ist das
ein Weg, dem Rückgang der Religio-
Beispiel in Lateinamerika, dass der sität zu begegnen?

DIKTATUR Glaube stabilisierend wirkt in einem


Umfeld, das durch Korruption, zer-
fallende Familien oder ein schwa-
Dass die Kirchen die gesellschaft-
lichen Veränderungsprozesse mitge-
hen, sichert ihnen ihren gesellschaft-
ches Arbeitsethos geprägt ist. Hier lichen Einfluss und verhindert, dass
DRIFTET sind es oft die Frauen, die stärker re- Menschen, die noch eine lose Bin-
ligiös engagiert sind. Sie binden ihre dung an die Kirche haben, sich ganz
Männer über den Glauben und die lösen. Der Prozess ist allerdings pa-
Gemeinde wieder an ihre Familie radox: Denn ausgerechnet diejeni-
und stabilisieren so deren ökonomi- gen, die stark religiös sind, sind ent-
sche Situation. täuscht von einer Kirche, die sich
anpasst, keine klaren Moralvorstel-
In Südkorea ist das Christentum so- lungen mehr vertritt und die Bibel
gar zu einer Religion des sozialen nicht wortwörtlich nimmt. Die Kir-
Aufstiegs geworden. chen finden insgesamt eben doch
1949 waren dort etwa vier Pro- eine höhere Resonanz in Schichten,
zent der Menschen Christen, heute die geprägt sind durch konservative
sind es mehr als ein Drittel – ein Werte, die sich Ordnung und sozia-
beachtliches Kirchenwachstum trotz len Zusammenhalt wünschen.
eines gleichzeitig anstei-
genden Wohlstands- „Verliert das Also könnten sie eher
niveaus. Der Buddhismus wieder mehr Anhänger
war in dem Land durch Christentum gewinnen, wenn sie kon-
die japanische Besetzung noch mehr servativer werden?
während des Zweiten Rückhalt, Nein, wenn sie mehr
Weltkriegs diskreditiert, auf diese Gruppen zugin-
der Konfuzianismus wird sich in gen, würden sie die große
ebenso, weil er die der Gesell- Mehrheit der liberal Ein-
Fremdherrschaft nicht schaft nicht gestellten verschrecken.
verhindern konnte. Das
Christentum hingegen viel ändern.“ Was passiert, wenn das
256 Seiten · Gebunden · A 20,00 (D) besaß nach dem Krieg Christentum noch mehr
Auch als E-Book erhältlich einen guten Ruf, es galt als Reprä- an Rückhalt in der Gesellschaft
sentant des Modernisierungsprozes- verliert?
ses, den Südkorea so rasant wie Gar nicht so sehr viel. Die kultu-
SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent kaum ein anderes Land im 20. Jahr- relle Prägekraft des Christentums
Hasnain Kazim hat miterlebt, hundert hingelegt hat. Die protes- ist enorm, es hat unsere Kultur tief
tantischen Missionare errichteten beeinflusst. Christliche Werte wie
wie die Türkei sich in den vergangenen Schulen, bauten die medizinische Solidarität, Fairness, Gerechtigkeit
Jahren radikalisierte. In seinem Buch Versorgung auf, gründeten Verlags- sind hoch akzeptiert, ebenso dass
zeigt er, wie explosiv die Situation häuser; und die Menschen, die sich die Menschen zuvorkommend mit-
im Land ist und was das Ende der in den Kirchen engagierten, waren einander umgehen, sich selbst zu-
zum Großteil zudem wirtschaftlich rücknehmen, dem anderen sein
Demokratie am Bosporus bedeutet – erfolgreich. So entstanden Netzwer- Recht lassen, sich selbst reflektie-
für die Türkei, für die Region ke: Wer aufsteigen wollte, wurde ren. In Westdeutschland sagen rund
und für Europa. eben auch Christ, die Religion wur- zwei Drittel der Menschen, dass das
de dafür zielgerichtet eingesetzt. Christentum das Fundament unse-
rer Kultur sei. Und sogar in Ost-
»Es ist die jüngste Geschichte Als eine Art Klub für Aufstiegs- deutschland, wo die Entkirchli-
der Türkei, und es ist meine willige? chung ja noch viel weiter fortge-
Ja. Wir können derzeit beobach- schritten ist, stimmt dem mehr als
Geschichte in der Türkei.« ten, dass die am höchsten Gebilde- die Hälfte zu. Das Christentum hat
HASNAIN KAZIM ten auch diejenigen sind, die sich als die Gesellschaft in vielerlei Hin-
Erste wieder vom Christentum ab- sicht so sehr durchdrungen, dass
wenden. Es ist in Südkorea bei vie- diese die kirchlichen Lehren gar
len offenbar nicht zu einer Verinner- nicht mehr unbedingt braucht.
lichung des Glaubens gekommen. Interview: Eva-Maria Schnurr

136 SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17


www.dva.de
Buchempfehlungen

Überblick christlichen Bekehrung, sein


Volker Leppin: Geschichte der Ringen mit den Zweifeln und
christlichen Kirchen. C. H. Beck; sein theologischer Weitblick
128 Seiten; 8,95 Euro. werden ausführlich gewürdigt,
Knapp und höchst informativ aber auch die Spätzeit als Bi-
erläutert der Tübinger Kirchen- schof in seiner Heimat.
historiker die schon früh einset-
zende Spaltung der Jesus-Jün- Katalog
ger in konkurrierende Glau- Alfred Wieczorek, Stefan Weinfur-
benslehren. Er schildert ter (Hg.): Die Päpste und die Ein-
Jahrhunderte von Konfessions- heit der lateinischen Welt.
hader und sektiererischen Be- Schnell + Steiner; 544 Seiten;
wegungen – bis hin zur kaum 39,95 Euro.
noch überschaubaren globalen Die Ausstellung des Mannhei-
Kirchenvielfalt heute. mer Reiss-Engelhorn-Museums
würdigte 15 Jahrhunderte der
Grundkurs Papstgeschichte bis zur Refor-
Bernd Möller: Geschichte des mation – von der allmählichen
Christentums in Grundzügen. Durchsetzung Roms als Spitze
Vandenhoeck & Ruprecht; der klerikalen Hierarchie bis
420 Seiten; 24,99 Euro. zum Kampf um die Hoheit
Das seit Langem bewährte innerhalb wie außerhalb der
Buch, entstanden für Studen- Kirche. Der reich bebilderte
ten, ist keine öde Datensamm- Katalog stellt Analyse über
lung, sondern will Verständnis Verklärung.
wecken. Souverän beschreibt
Möller die Rolle des Glaubens Lesestoff
in der jeweiligen kulturellen Jörg Lauster: Die Verzauberung
Umwelt. Kaum ein wichtiges der Welt. Eine Geschichte des
Detail ist weggelassen; aller- Christentums. C. H. Beck;
dings ist der gut lesbare 734 Seiten; 34 Euro.
Grundkurs deutlich protestan- Flüssig geschrieben, auch von
tisch geprägt. Fachleuten anerkannt – das
sind die entscheidenden Plus-
Epochenbild punkte dieses Buchs, in dem
Christoph Markschies: Das anti- die vielen, oft bizarren Wen-
ke Christentum. Frömmigkeit, Le- dungen der Glaubensgeschich-
bensformen, Institutionen. C. H. te übersichtlich, ja häufig fes-
Beck; 272 Seiten; 14,95 Euro. selnd dargestellt sind. Ein
Kaum jemand unter den deut- reichhaltiger Schmöker, der
schen Kirchenhistorikern sein beinahe uferloses Thema
kennt sich in der religiösen mit kulturhistorischem Weit-
Vielfalt der Spätantike so gut blick und fundamentalem
aus wie der in Berlin lehrende Wohlwollen meistert.
Christoph Markschies. Sein
jargonfrei geschriebenes Buch Atlas
glänzt vor allem durch die Hubert Jedin u. a.: Atlas zur Kir-
quellentreue Schilderung chengeschichte. Herder;
christlicher Lebensformen wie 152 Seiten; 20,44 Euro.
Gebet, Wallfahrt, Eheleben Oft sagt eine Karte mehr als
oder Mönchtum. viele Worte. Dieser Atlas, von
anerkannten Fachleuten be-
Porträt treut, kommt zwar aus dem ka-
Robin Lane Fox: Augustinus. tholischen Lager, hält sich aber
Klett-Cotta; 752 Seiten; 38 Euro. mit Parteilichkeit zurück. Wis-
In seinem jüngsten Buch por- senschaftlich akkurat zeigt er,
trätiert der berühmte Oxforder wo welche Konfessionen flo-
Geschichtserzähler den fes- rierten; umfangreiches Daten-
selndsten und wirkungsmäch- material, das als Statistik ab-
tigsten unter den Kirchenvä- schrecken würde, ist in den
tern. Der lange Weg des Nord- grafischen Übersichten präg-
afrikaners Augustinus zur nant aufbereitet.

SPIEGEL GESCHICHTE 6 / 2 0 17 137


Bildnachweise Vorschau

Titelbild: ANDREAS SOLARO/AFP/GETTY IMAGES


Seite 3: DIEGO IBARRA SANCHEZ / FÜR SPIEGEL
GESCHICHTE, RAFAEL SANCHEZ FABRÉS
Deutschland nach dem Krieg
Seiten 4 – 5: SKULPTURENSAMMLUNG UND MUSEUM
FÜR BYZANTINISCHE KUNST, SMB / JÖRG P. ANDERS / Offiziell herrschte 1945 Frieden, aber was hieß das im Alltag? Wie sollten
BPK, KIEN HOANG LE / AGENTUR FOCUS, AKG, MARK die Städte wieder aufgebaut werden? Und von wem? In den Jahren
PETERSON / REDUX / LAIF
Seiten 6 – 13: XINHUA / IMAGO, TC / HUBER IMAGES, bis 1949 entschied sich die Zukunft des Landes – mit Folgen bis heute.
AFP, ANDY SPYRA / LAIF, FRANCO PAGETTI / VII / REDUX /
LAIF, ZUMA PRESS / ACTION PRESS, RENE TRAUT /
IMAGO
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PHILIPP ALLARD (4)
Seiten 22 – 23: AKG / DE AGOSTINI PICTURE
Seiten 24 – 29: BPK / MUSEUM FÜR ASIATISCHE KUNST,
SMB / JÜRGEN LIEPE, IMAGO, BPK / MUSEUM FÜR
ASIATISCHE KUNST, SMB / IRIS PAPADOPOULOS,
PICTURE-ALLIANCE / DPA / BILDARCHIV HANSMANN /
ARTCOLOR, GERAINT LEWIS / INTERTOPICS
Seiten 30 – 32: PACIFIC PRESS / DDP IMAGES, ART
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ELECTA, ALAMY / MAURITIUS IMAGES (2), BPK /
MÜNZKABINETT, SMB, BRIDGEMAN IMAGES (2), AKG (2),
PHOTOAISA / INTERFOTO, UNITED ARCHIVES /
MAURITIUS IMAGES, UNITED ARCHIVES / DDP IMAGES,
ALAMY / MAURITIUS IMAGES, PICTURE-ALLIANCE / DPA,
AKG / BRITISH LIBRARY, MARY EVANS / INTERFOTO
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MUSEUM
Seiten 34 – 35: ALAMY / MAURITIUS IMAGES, IMAGO /
LEEMAGE, INTERFOTO, BPK / MUSEUM FÜR ASIATISCHE
KUNST, SMB / JÜRGEN LIEPE, AKG / BRITISH LIBRARY,
AKG / FOTOTECA GILARDI
Seiten 36 – 43: UNITED ARCHIVES / MAURITIUS IMAGES
(5), DE AGOSTINI / GETTY IMAGES, TORSTEN SILZ / Leben in Trümmern Mehr als 30 deutsche Großstädte waren fast vollständig zer-
DDP IMAGES stört, mehr als ein Viertel aller Wohnungen lagen in Schutt, 13 Millionen Menschen
Seiten 44 – 50: KIEN HOANG LE / AGENTUR FOCUS (7)
Seite 51 : COURTESY OF THE EGYPT EXPLORATION waren obdachlos, Zehntausende Flüchtlinge strömten ins Land. Für viele Menschen
SOCIETY AND IMAGING PAPYRI PROJECT, OXFORD brachte das Ende des Zweiten Weltkriegs dramatische Umbrüche mit sich, das Gefühl
Seiten 52 – 53: GAMMA-RAPHO / GETTY IMAGES
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einer „Stunde null“ war weit verbreitet. Doch nicht nur den Alltag galt es nach dem
Seite 61: LIBRARY OF CONGRESS Zusammenbruch des NS-Regimes neu zu organisieren. Die Fragen, welche Werte
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künftig gelten und wie Staat und Wirtschaft gestaltet sein sollten, wurden im Osten
ARCHIVE / FOTOFINDER.COM (2), CULTURE-IMAGES /
FAI (2), AFP, BPK / THE TRUSTEES OF THE BRITISH jedoch deutlich anders beantwortet als im Westen: Schritt für Schritt begann die
MUSEUM, AKG / RABATTI & DOMINGIE Spaltung Deutschlands.
Seiten 68 – 77: DIEGO IBARRA SANCHEZ / FÜR SPIEGEL
GESCHICHTE (8)
Seiten 78 – 81: INTERFOTO, AKG, BRIDGEMAN IMAGES,
GRANGER, NYC / INTERFOTO
Seiten 82 – 85: AKG / PICTURES FROM HISTORY,
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Seiten 86 – 91: BPK / STAATSBIBLIOTHEK ZU BERLIN (6),
DANIEL PETER
Seiten 92 – 93: ART IMAGES / GETTY IMAGES
Seiten 94 – 98: BPK / SCALA (2), SCALA, BRIDGEMAN
IMAGES (2), BPK / BAYERISCHE STAATSBIBLIOTHEK, AKG,
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COLLECTION, CHRISTOPHEL / ACTION PRESS, AKG /
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GAMMA / STUDIO X, BPK / LUTZ BRAUN, ARCHIV FELTZ,
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Seite 99: BPK
Besatzungsmächte Die Parteien Die politische Hunger Die ersten drei
Seiten 100 – 101: BETTMANN / GETTY IMAGES Alliierten versuchten, Landschaft bildete sich Jahre nach dem Krieg wa-
Seiten 102 – 105: AKG (3) die Deutschen für sich zu nur langsam heraus, ob- ren von Mangel geprägt:
Seiten 106 – 111: STEFFEN SCHELLHORN / EPD, ROLF
ZÖLLNER / EPD, IMAGO / EPD, ROLF ZÖLLNER / IMAGO, gewinnen: mit Nahrungs- wohl viele Parteien an Es gab zu wenig zu essen,
ALAMY / MAURITIUS IMAGES mitteln und Bonbons, Kul- Traditionen von vor 1933 kaum Arbeit; eine Kälte-
Seiten 112 – 115: AKG, BPK / MUSEUM EUROPÄISCHER
KULTUREN, STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN / UTE
turangeboten und Medien. anknüpfen konnten. Ganz welle im Winter 1946/47
FRANZ, BPK, BPK / KUNSTBIBLIOTHEK, KNUD PETERSEN / Doch die Ziele der Besat- neu ging die CDU an den forderte Tausende Opfer.
SMB zungspolitik veränderten Start: Die überkonfessio- Das Elend führte vieler-
Seiten 116 – 117: AKG
Seiten 118 – 123: BRIDGEMAN IMAGES (2), BPK / sich rasch – Pragmatismus nelle christliche Partei trat orts zu Protesten; erst
BAYERISCHE STAATSGEMÄLDESAMMLUNGEN, IMAGO, ergänzte die ideologische im Westen unter Konrad die Währungsreform 1948
AKG
Seiten 124 – 125: BPK / STAATSBIBLIOTHEK ZU BERLIN,
Umerziehung. Adenauer an. stabilisierte die Lage.
BPK
Seiten 126 – 129: FELICI / GAMMA / STUDIO X, PIET DEN
BLANKEN / HOLLANDSE HOOGT / LAIF, OSSERVATORE
ROMANO
Seiten 130 – 136: MARK PETERSON / REDUX / LAIF (5)
Die nächste Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE erscheint
Seite 138: ULLSTEIN BILD, BPK, PULFER / INTERFOTO, am Dienstag, dem 30. Januar 2018.
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